Erscheint wöchentlich.— Preis vicrtcljarlich 1 Mark 50 Pfennig.— In Heften ä 35 Pfennig. Zn beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. 1882. Im Kampf wider alle. Rcmian von Ferdinand Stiller. (10..Fortsez»ng.) Fräulein Elfricde Specht fast oder lag vielmehr auf einer mit dunkelblauem Plüsch überzogenen Chaiselongue und rauchte eine Cigarette. Die Dame langweilte sich entsezlich. Eiiicu funkelnagelneuen Romanband warf sie gähnend weit von sich, so das; er einem kleinen blüteuweißen Seidenspiz, der mitten im Zimmer auf einem behaglich warmen Bärenfelle, alle Viere von sich gestreckt, Mittagsruhe hielt, heftig auf den Ropf schlug. Das Hündchen für eine Weile wie besessen schreiend und quitschend im Zimmer um- her, seine Herrin aber kümmerte sich wenig um seineu Schrecken und seine Schmerzen; sie gähnte immer noch und rief: ..Still, Fox kusch dich— wer wird sich von so einem langweiligen Roman so aufregen lassen." Sie ivarf auch die Cigarette ins Zimmer und richtete sich ein»venig auf. „Alle Welt heiratet— abscheulich, warhaft abscheulich.-v>e,es Prosaische Heiraten! Dieser alberne Roman ließ sich gerade so an, als»venn er mit einer sck> rillen Dissonanz schließen»vollte. Fch dachte, er würde sich»venigstens erschießen und sie— nun sie—»vürdc ein Jar lang ctiva in unverbrüchlichster Treue— übrigens eine lächerliche Verirrnng die Treue— dahinvegetircn, »in dann mit all' der nnversieglichen Spankraft eines echten, leidenschaftcrfülltcn Weiberherzens ein neues Liebesleben zu beginnen. Da»väre aus dem Schlüsse des ersten Romans, genau so wie es in der Wirklichkeit ist, ganz von selbst der Ansang eines neuen heranSgelvachst», wie die junge Rose ans dem Grabes- Hügel: so verläuft alles glatt und schal im Sande: er»vird Pastor und sie Pastorin und»vas später kommt, ist nichts weniger als ein Roman: er hält alle Woche» ein oder zwei geschmacklose Predigten, sie bekomt alle Jarc ein oder zwei.Cinder—- im ganzen zwischen zwölf und viernndzivaiizig, und die Pausen werden mit Strümpfe stopfen. Hosen flicken, Mehl>uppc� kochen und dergleichen reizende Beschäftigunge» mehr ausgefüllt, ochaiide über solch' ein Leben— das heißt doch bei Gott sich selbst 1 le Pielt zum Zuchthaus und Hospital zugleich machen!" Sie ließ sich wieder langsam auf die Chaise longue nieder, nippte aus einem Ligueurgläschen, das mit tausendfältig flim- uierndcni würzigen Goldwasser— ihrem Lleblingsliqueur gkfüllt war und philosophirte weiter:. „Aber ist die Welt denn mehr? Erblut wirklich»»wer ein Roinan auf den Trümmern des anderen? Nun für die Generationen schon— aber für die einzelnen? Einst freilich— hu, es ist schon lange her, eine Ewigkeit,"— sie strich mit der Hand über die zart und mit großer Kunst geschminkte Stirn und Wangen, um zn prüfen, ob sich da in leisen Falten und Furchen etwa der verderbliche Einfluß der Zeit verraten,—„eine ganze, lange i»id doch wie eine einzige rauscherfüllte Rächt vcrpflogene Ewigkeit." Sie sczte das noch zu dreiviertel gefüllte Gläschen an die Lippen, nippte aber nicht wieder, sondern stürzte den Inhalt bis auf die Nagelprobe in cineni Zuge hinunter. „Einst glaubte ich, die Kette der Romane meines Lebens könte nicht enden, dürfte nicht enden. Wer war es doch, der mir vor Jaren mitten im süßesten Lebens- und Liebesgennsse alle Schauer eines liebeleeren, genußberanbten Lebens vormalte? Wer? O— ich werde ihn nicht vergessen— ich hasse ihn oder —— sie drückte die Hand aufs Herz und biß die blendend- weißen Zähne fest ans die roten Lippen,—„oder— bei Gott, ich weiß nicht, wie ich diesem Menschen gegenüber süle, er war der erste,— nicht der erste, den ich zu lieben glaubte, sondern der erste und einzige, für den mein Herz wirklich heiß und voll, nicht nur in ivilder, sondern mich in inniger Leidenschaft gc- schlagen hat,--- er, dieser Jude, dieser David— er fragte mich, ob ich mich für fähig hielte, jemals ein Jammerleben one Liebe nnd Genuß dahinzuschleppen oder ob ich mich stark genug glaubte, de» bis auf die Neige geleerten Becher des Lebens ans { eigener Kraft von mir zu schleudern, mit der Wollust sreiivilliger Selbstvcrnichtung ein nur der Lust— dem Höchsten, was Men- schenbrnst zu bewegen vermag— geweihtes Lebeil abzuschließen nnd zn krönen? Ich weiß es noch, als»venn es in diesem Augen- blicke erst geschehen wäre! Ich schloß ihn laut anfjauchzend in meine Arme nnd bedeckte sein Antliz mit den heißesten Küsse», die je ein Weib geküßt nnd rief: ich werde lieben, lieben und genießen nnd in Liebe nnd Genuß sterben, wie du, mein Ge- liebter, mein Herr nnd Meister es als eines echten und gerechten Menschenkindes einzig würdig mich gelehrt hast. Er sah mich damals an und lächelte, so grausam kalt und spöttisch und sprach sein abscheuliches skeptisches„noug verrons, raon enfaiit"*). Aber— 0 es ist eine Schmach— er hat recht gehabt mit seinen Zweifeln in meine Kraft. Liebe ich denn und genieße ich denn noch? Und»vic lange schon ist es her, daß ich mich in beidcm nur gewaltsam, mit aller, oft vergeblicher Mühe täusche? Und *) Wir werden sehen, mein Nind. f hi.A m.. iubi. später— wenn ich wirklich— der Gedanke ist elend, nichts- würdig— wenn ich diesen Kretin, diesen Haßler— heirate? Nun— ich habe die Wal, die srcicste aller freien Walen— solch ein Gläschen voll des Todestränkleins, dessen Rezept nur dieser David auf nicin heißes Flehen damals gegeben hat, oder — die Ehe als Frau Gabriel Häßler. Ein drittes gibt es frei- lich nicht, denn wenn ich mich des Kindes irgendwie und one daß die Welt davon erfärt, entledigen tönte, so bin ich doch nicht mehr jung genug, um als Atädchen weiter zu leben, alle Künste sind er- schöpft— es ist hohe Zeit— als Frau vermag man in meinem Alter noch zu fesseln, als Unverheiratete verfällt man der für ein Weib, wie ich, tätlichen Lächerlichkeit des Altjnngferntums. Seit einem halben Duzend von Jarcn schon habe ich meine Ncze nach einem, meinen Gefülen und ästetischen Bedürfnissen cnt- sprechenden Manne ausgeworfen und mehr als einer blieb fest darin hängen. Aber entweder war ich viel zu wälerisch oder zu unvorsichtig— die Toren verlangten Treue und immer wieder Treue, die die Männer nur deshalb so ängstlich bei uns Weibern suchen, weil sie selbst alle mit einander kein Quentchen davon besizen,— und war der eine auch so blind in seiner Verliebt- heit, daß er selbst nicht Augen hatte, um zu sehen, wie es mit meiner Treue stand, so stießen ihn gefälligst die anderen mit der Nase darauf, und so ging mir einer nach dem anderen schließ- lich immer wieder aus dem Garne, bis dieser— dieser Haßler, dieser Spott auf alles, was Mann heißt, uuablöslich fest darin hängen blieb. Aber es ist unter aller Würde, diesen grade zu heiraten, sicherlich, sicherlich— und in dieser Ehe leben, in der weder von Liebe noch Genuß jemals die Rede sein kann, nein, gewiß nicht; aber sterben, jezt schon, heute, morgen, übermorgen, in diesem oder im nächsten Jare schon sterben— vielleicht ist das doch schlimmer, wenigstens kostet es mich noch mehr Ueber- Windung und alle, alle Hoffnung. Unter der Erde winkt das ewige Nichts, in dieser Ehe mag die Liebe für mich erstorben sein, außer und neben ihr kann ich noch eine Reihe von Jaren genießen. Und dann ist ja auch solch' eine Ehe eine Art von Genuß an und für sich! Solch' einen Jammermenschen am Rar- renseil zu füren, den phlegmatischen Hansnarren mit allem Rafft- nement der Koketterie eifersüchtig zu machen— langsam aber sicher— bis zum Wahnsinn, dann ihm durch das dicke Fell seines Gemüts hindurch mit Nadeisticheu und Keulenschlägen— je nach Zeit und Bedürfnis— zu peinigen, das— das ist auch ein Genuß, das ist Wollust und vielleicht nicht die kleinste und qe- meinste Lust." Sie sprang auf und griff nach einer fcinziselirteu silbernen Schelle, die ans dem kleinen Tischchen vor der Chaiselongue stand. Ter helle Ton der Glocke rief ein junges, hübsches, nur gar zu keck dreinschauendes Mädchen herbei. „Toni," rief ihr Fräulein Elfriede im befehlendem Tone ent- gegen,„ich wünsche Herrn Haßler zu sehen— sogleich!" Toni schien es nicht so eilig zu haben. „Herrn Häßler?" fragte sie gedehnt.„Ich glaube, wenn sie den Grafen wieder einmal zu sich bitten lassen, gnädiges Fräulein, so——" Das gnädige Fräulein unterbrach sie unwillig. „Was geht es dich an, wen ich zu sehen wünsche. Du wirst überhaupt in neuester Zeit sehr keck— das verbitte ich mir, Toni. Die kleinen Extravaganzen von früher haben ausgehört, verstehst du, für immer aufgehört, und ich kann dich fernerhin nur brauchen, wenn du den Respekt, welchen eine Zofe ihrer Gebieterin schuldig ist, niemals außer Acht läßt" Toni rümpfte die Nase, drehte sich auf den Absäzen um und ging zur Tür, ziemlich vernemlich vor sich hinbrummend: „Kleine Extravaganzen, ich danke. Na, wenn ich reden wollte! Und aufgehört solle» sie haben für immer— wer das glaubt, zalt einen Taler." Damit verschwand sie hinter der Tür. Fräulein Elsriede schaute ihr entrüstet nach: „Die Unverschämte! Eigentlich sollte ich sie auf der Stelle zum Hause hinausjagen, aber sie weiß zuviel, und vor der Hoch- zeit kann ich es aus keinen Skandal ankommen lassen." Auch die Zofe hatte hinter der Tür noch etwas zu murmeln. „Den dicken Haßler," sprach sie mit einer Art Schadenfreude' „gönn' ich ihr übrigens. Bei dem werd' ich ihr keine Konkurrenz machen. Ich habe sie manchmal beneidet um ihr Glück bei den Männern, jezt tut sie mir aber beinah leid. Aber freilich soll das auch ein reelles Verhältnis sein, du meine Güte— die und heiraten— na, der wird sich seinen Schaden besehen." Mit diesen Worten war sie über den Vorsal hinweggetänzelt und hatte sich dabei in einem großen Goldrahinspiegel beguckt, der au einer der Vorsalwände zwischen zivei Oelgemälden an- gebracht war und bis zur Erde reichte. Kaum war sie zum Hause hinaus, so trat Herr Specht in dasselbe ein. Er ging schnurstracks nach dem Zimmer seiner Tochter, klopfte aber, che er eintrat, laut an die Tür. Das Fräulein Tochter rief: „Entrez!"*) Sic lag jezt in ausgesucht koketter Stellung ans der Chaise longue. Die langen schivarzcn falschen Flechten hingen aufgelöst über ihre Schultern. Ter rechte Fuß stüzte sich auf ein Tabouret und das hellgraue, schwere Stoffkleid ivar so drapirt, daß nicht nur die hohen, eleganten Stiefelchen, sondern auch ein par Finger breit von dem wei'gen, in zarten Mustern gewebten Strumpfe und darüber der kostbare Spizensaz eines Unterkleides sichtbar war. Herr Specht kannte seine Elsriede genau, aus ihrer Pose sah er, daß sie Besuch erwartete und zwar nicht den seinen. „Fünf Minuten hast du wol mal für mich, Friede?" fragte er. „Wenn» sein muß, meinetwegen. Was gibts?" „Du wirst ein Ende machen mit dem Haßler, sage ich dir." „Ein Ende?" fragte die Tochter erstaunt. „Ja freilich, dn mußt den dummen»erl so schnell als mög- lich heiraten. Ich brauche Geld, ziemlich viel Geld und von meinem Schiviegersohn und seinem Vater kann ich's schon raus- schlagen." „Du brauchst Geld? Ich denke, du hast grade genug." „Tu nicht so, Friede; du weißt, daß ich verdamt viel in der lezten Zeit verspekulirt habe. Und deine Kasse ist für mich seit zwölf Jaren ein Brunnen, der keinen Grund hat, das weißt du am besteu— Unsummen hast du mich gekostet!"-- „Tröste dich," antwortete die Tochter kühl,„dich nicht allein und am meisten." „Na, Gott steh' mir bei, wenn ich auch nur den zehnten Teil von dem hätte bezalen sollen, was die andern bluten mußten. Du bist der leibhaftige Satan, Friede, unter uns gesagt, wen du einmal beim Kragen gehabt Haft, konte zehn gegen eins wetten, daß er elend zugrunde ging." „Ich verbitte mir diese Uebertreibungen, eher pere. Ich habe die Männer nur so behandelt, wie sie es oerdienen. Wenn sich ein Schwächling für ein Weib ruinirt oder gar erschießt, so hat die Welt gewiß nichts an ihm verloren. Uebrigens sind gerade die, mit denen ich am engsten liirt war, keineswegs elend zu- gründe gegangen, wie du weißt!" „Lassen wir das jezt, Friede. Antworte mir kurz und klar, willst du in den nächsten Tagen Ernst machen mit dem Haßler?" „Ich war eben im Begriff und werde es bestirnt heut noch tun. Es ist ein saurer Apfel, in den ich da beiße--" Herr Specht erhob sich von dem Fauteuil, auf den er sich eben niedergelassen: „?ta gut— ich neme dich beim Wort und ich sage dir soviel, Friede, wenn ich nicht mit Hilfe des Haßler das famose Geschäft mache, welches ich schon lange im Auge habe, so bin ich mindestens— mindesten» sage ich dir— nahe dem Ruin— danach magst du dich richten!" Fräulein Elsriede hatte ihren Vater scharf beobachtet. Was er sagte, mußte ihr keineswegs scherzhaft vorkommen. „Also, soweit ist es mit dir!" sagte sie.„Nun, du wirst mit mir zufrieden sein. Sage mir nur, was das für ein.famoses Geschäft' ist, daß du nun schon längere Zeit vorzubereiten scheinst?" „Na, ihr Weiber versteht zwar den Teufel von Geschäften, aber du kaust ivenigstens's Maul halten, Friede. Weißt du, da hat der Stein, du kenst ihn ja wol, in Seifersdorf seine Fabrik und dicht an sein Etablissement stößt ein großes Bauerngut, das der Stein schon wegen der zu dem Gute gehörigen Verbindungs- ivege mit der Eisenbahn verdamt gut gebrauchen kann. Ich ivollte ihm nun schon vor Wochen dieses Gut vor der Nase weg- kaufen, um ihn dann gründlich zwicken zu können mit dem Preise. für den Fall, daß er'S kaufen wollte, oder ihm eine järliche Ent- schädigung für die Benuzung der Wege abzuquetschen von ein par tausend Tälerchen, aber anfänglich wollte der störrische Bauer nicht an die Kreide, jezt aber hat ihn der Rechtsanwalt, dn weißt schon, in die Scheere genommen und da sind wir denn so ziem- lich soweit. Freilich werde ich dem psissigcn Hallunken von Bauern mehr zalen müssen als ich gedacht hatte,'und fast alles Treten Sie ein! bar, aber das schlag ich dann bei dem Stein schon'raus. Der soll mir bluten, der dumme Kerl, ua warte!" „Das Geschäft ist deiner würdig," sagte die Tochter, die auf- merksam zugehört hatte.„Verrechne dich nur nicht— dieser Herr Stein soll nichts weniger als ein Dummkopf sein, und er hat kluge, sehr kluge Freunde, wenn mir recht ist!" Herr Specht zuckte die Achseln. „Das ist meine Sache, Friede," sagte er. Dabei griff er nach Hut und Stock und ging, wie er gekommen war, one Gruß von bannen. Fräulein Frieda langte nach der Bonbonniere, die auf einer, über der Chaiselongue angebrachten Etagvre stand, und schob drei oder vier mit süßduftender Essenz gefüllte Chokoladenbonbons zwischen die Lippen. „Papa's würdiges Geschäft," so nam sie ihr Selbstgespräch wieder auf,„richtet sich gegen den Herrn Stein. Hm! Dieser Herr Stein ist ein schöner SUfmm, iuib was mehr ist, ein intercs- sanier Mann! Seine edlen, energischen Züge haben sich mir fest eingeprägt. Das wäre ein Wild, auf das sich noch eine Jagd lohnte. Er muß auch ein bedeutender Mann sein, das beweist schon die komische Wut, in die mein Jammermann Haßler stets gerät, wenn von ihm die Rede ist. Der, den solch ein pomnia-- diger Wicht zu hassen vermag, muß hoch über dem Gesindel än- lichen Kalibers, wie mein Gabriel selbst, stehen. Das wäre eine Entschädigung, ein herlicher Hochsommer des Herzens, nach dessen Vollgenuß ich den Stürmen des Herbstes und der Kälte des Winters trozen würde." Sie stüzte den Kopf auf die Hand, ihr voller Busen hob und senkte sich rasch. „Lieben," für sie fort,„lieben— nur noch ein zwcitesmal lieben— ihn grade, den mein Zukünftiger— o, der Gedanke an diese Zukunft ist zu niederdrückend, als daß ich mich nicht über ihn durch einen tollen Traum von komnender, wenn auch »och so kurzer Seligkeit hinwegtäuschen sollte— ihn liebe», den dieser Lächerlich-Erbärmliche haßt, ja, ich will ihn lieben und ich will, ich muß, wenn es nur einen Tag, nur eine Stunde wäre, mich wiedergeliebt fühlen oder-- iviedergeliebt wähnen, wähnen nur——, aber zu diesem Wahne mir die reelle, die fühlbar-süße Ursache erkämpfen, erobern." Sie hatte sich halb erhoben und war völlig aus der studirten Stellung herausgekommen, die sie vorhin eingenommen hatte. In diesem Augenblick hatte es zart und leise an die Tür gepocht; sie hörte es zuerst nicht; als sich das Klopfen wieder- holte, stöhnte sie förmlich laut auf bei dem„Herein!", mit dem sie den Pochenden zum Eintritt aufforderte. Diesmal war es Herr Gabriel Haßler. � Er war mehr als je gebügelt und geschniegelt. Zwanzig Schritte weit duftete er wie ein wandelnder Rosengarten und seine Stimme klang so süß wie Syrup, als er flötete: „O, wie beglückt bin ich, meine himlische Freundin, arnica rnea coelestis, wie der Lateiner sagen würde, hi, hi,— wie beglückt bin ich, daß ich sie doch allein treffe. Ich glaubte schon, es ge- nieße jemand das Glück, in diesem trauten Boudoir an Ihrer Seite zu weilen—" „Wie kommen Sic auf diesen Gedanken?" fragte Fräulein Elfriede beinahe barsch. „Ich— verzeihen Sie— ich, ich hörte meine hochverehrte, ich weiß nicht, ob ich es sagen darf, meine geliebte Freundin, arnica arnata," er hatte sich ihr genähert und und beugte sich jezt fast bis zum Umfallen tief auf ihre Hand nieder, uin diese zu küssen,„ich hörte Sie sprechen—" _„Sic behorchten mich doch nicht, Herr Haßler? Was haben Sie gehört?" fragte sie in demselben fast feindseligen Tone wie vorher. „O verzeihen Sie mir nur, meine allersüßeste Gnädige, ich hörte eben nur in dem Momente, als ich dort anzuklopfen wagte, zwei Wörtchen, und ich weiß nicht einmal, ob mich meine erregte Phantasie— o wenn Sie wüßten, durch was meine Phantasie angeregt ist, hi, hi!— ob sie mich nicht getäuscht hat." (Zorgezung folgt.) p. P. Rv segger, ein echter und rechter Votksdichter. Von Manfred ZSittich. (Schluß.) Aber noch eine weitere Seite ist zu betrachte», seine Dich- lungen sind keine mondscheinseligcn Elegien im Stile Biatthisons, keine blassen Landschaftsbildcr, denen es an warmem Leben und an Bewegung felt; er ist auch Gcnrebildermaler im großen SUl euies Kraus und Defrcggcr. Sticht nur„Land", sondern auch »Leute" versteht er urkräftig und eigenartig vor uns hinzustellen, namentlich seine Landslente. In der Kunst, Volk und«olks- leben zu schildern, wissen wir ihm wenige zur Seite zu stellen. Goethe, Riehl, Zriz Reuter, das sind Leute seinesgleichen in der Kunst des Volksschilderns. .„Das Volksleben in Steiermark",„die Aclpler",„sonder- '»ge," sind drei Werke, bei deren Lesung einem das Herz im >eiiie lacht, jawol zuweilen so gewaltig, daß einem die tränen w die Augen treten, die hellen Freudentränen. Wer das Volk verstehen und lieben lernen will, der trete ein '» den Bildersal, welchen jene drei obengelianten Bücher uns er- offnen. Und wie klar ist sich unser Künstler über seine schwere ,.»Es ist etwas Heiliges, Unbegreifliches, was da nn Volke "M,— xj,, wandlungsvolles, allgestaltiges und sich doch ewig Gleich bleibendes Wesen, ein mysteriöser Zug, in dein wir den �tktgeist ivol spüren, aber nicht verstehen." m»Richts ist daher so schwer, als die richtige Beurteilung des Kolkes, besonders der bäuerlichen Charaktere, die im Abgeichlvi- ü»en, in den verlorenen Bergtälern und tiefen Einöden leben. �ludircn kann nian sie nicht, man muß sie mit erleben mil feinem �eiicii Fleisch und Blut. Man muß Tag für Tag. stunde sur Stunde mit den Leuten umgehen, um sie ganz zu verstehen. .. Und so trefflich ausgerüstet, trat Rosegger an die stastelei, J." seine Steiermärkcr zu malen, darin ganz gleich Defregger. � müßten die ganze herlich- Vorrede zu seinen..Aelplern Mrsezen. wollten wir das feste und klare Bewußtsein de- 'chters über seinen Gegenstand, sein Wesen 11» großen Ganzen und im kleinsten Einzelnen genügend kennen lehren. Was Riehl, wenn auch vom stark konservativen Standpniikt ausgehend, vom Bolksdichter fordert: hier ist es geleistet. Alle sind sie lcbenswar und echt, der Troddel(Kretin), der Haltebub und der Großbauer, der Winkeldoktor und der Wurzelgraber, der Schnlmeister und der Pochcr, der Senner und der Wildschüz, der Großknecht und die Zuchtdirn: alles sprudelt Leben nnd Kraft und Warheit! Und was lernen wir nicht alles vom Volk! „Wer sollte es glauben, daß der Mann ans dem Volk ein so großer Lehrmeister ist! Rur er versteht es, sein Leben ohne zu klagen in Armut und Mangel hinzuschleppen; nur er vermag das Schweigen der Vergessenheit zu tragen, unr der Mann ans dem Volk wird den Ernst des Lebens gewar, er kent die Hand- arbeit, die nimmer ruhen darf, soll er nicht hungern. Er kent die Entsagung, er weiß, daß die Welt nichts für ihn hat nnd haben wird, als Arbeit und immer Arbeit, und wenn diese nicht, so Not und Elend. „Und dennoch ist er lebensfreudig! /„Gelehrte Philosophen sagen es, Naturmenschen üben es. „Ein großer, wenn auch roher und ungeläuterter sittlicher Schaz ist in der Bolksnatnr aufgespeichert, ein unerschöpflicher Vorrat der Urkraft, die de» Ungeschulten in ihrem rohen, den Geschulten in ihrem raffinirten Zustande als Lebenskraft dient." „Dem Bauersmann, insbesondere dem Aelpler, mangelt oft jegliche Erziehung und Schulung, und er wird doch kein Tauge- nichts! Bildung ist ihm verdächtig, weil sie nur allzuoft nach- teilig auf seinen Stand wirkt. Bildung hat dem Bauernstande schon so manche Kraft entfremdet." Köntc das nicht alles von den besten auf dem Bauerntag zu Linz gesagt worden sein? Dann handelt er weiter von der fast elementaren Abneigung gegen Schule und Welt, von der Heimatsliebe, dem Heimiveh, dem Hang zu den Ueberlicferuugen, zum Religiösen überhaupt 136- -um Äonservative». pne sich zu dessen unbedingtem Verteidiger körniger Wiz einher, Seiten der Bolksnatur, die sich sowol in oder gar Vorkämpfer zu machen. den Volksliedern, G'sezeln oder Basteln oder Schnaderhnpfeln oder Solche Keutnis und solche Gabe der Darstellung, mit solcher wie sie sonst heißen, als auch in Sprüchwort und sprüchwörtlicher Liebe zum Stoff vereinigt mußte Meisteriverke erstehen lassen. Redensart klar und scharf genug aussprechen. In der Dat. diese Volkippen und Sittcnschilderungeu sind nicht Aus diesem unendlich reiche» und tiefen Vorn der Volkse mit der Hand und Tiutenfeder geschrieben, sondern mit Herzblut, spräche hat denn auch Rosegger geschöpft, seine Sprache ist echt I Reben dem strengen Lebeusernst und der nüchternen Zweckmäsiigkeit! und recht volkstümlich, auch da, wo er nicht die Mundart seiner geht beim Volke aber liebenswürdige Schalkhcit und ein oft grob-, Landsleute redet, sondern das schristüblichc Hochdeutsch. Tritt Heinnd) Kleist.(Seite 143.) nun in dem Schriststellerrcigen einer auf, der unmittelbar aus und nun einmal richtiges Hausbackens Banerbrot zu schmecke der Volkssprache schöpft, der wie Luther wollte, den Leuten im bekomt. Volk auf das Maul schaut, wie sie reden, und wieder so redet,| War da am Rußeusee bei Ischl ein kleines Wirtshaus ge- um vom Volk verstanden zu werden, so fürt er dem Vorrat an baut worden und am ersten Sontag ging es in Scharen hinaus Handwerkszeug, ivic es die Literatur braucht, neue kräftige Hülfs- zum Ginweih»; Kurgäste waren, dem Himmel Dank, nicht viel mittel z», die nicht zu verachten, sondern uot>vendtg sind, um bei da. In einem Sal, den nur wol aber nur eine»läßige Sinbe der stets wachsenden Abstraktheit der Schriftsprache zu schüren, nennen würden, gabs Tanz. Eine Geige und eine Zither bil> gegen gänzliche Berdustung. Reue greisbare konkrete Begriffs- deten die Kapelle. Da schaut ich dann dem„Schuplaltlu" zu. zeichen, derb körperliche Bilder werden zugesürt und laben den Grst gings in laugsaincm Umgang einher parweis, dann trenten Leser wie einen, der allzeit Semmel und Weißbrot gegessen hat, sich Mäulein und Weiblein, fanden sich wieder, der Bua faßte - 137 seine Tänzerin nti der Rechten imb inachte Schritte, wie bei Die Buben knien auf ein Knie nieder in der Mitte, klatschen in unsere»! sogenanten Tirolerwalzer, dann tanzen sie ein parmale> die Hände und machen gemeinsam untaktmägig allerlei Gesten herum, umgefaßt wie bei unseren Rundtänzen. Nene Trennung! mit den Händen, rnren und kneten, wie bei Wirtschastsgeschäften hobenen Arme und läßt sie durchkriechen; dann hält er den Arm lwch ivie seine Tänzerin und diese bcivegt sich ivie ein Kreisel sich schnell drehend vorwärts, wie er sie taktmäßig vorschreitend 138 und schuhklappernd fürt. Das alles wird mit.Chorgesängen von Gstanzeln und Volksliedern begleitet, teils überlieferte, teils auch eben erfundene mit gegenwärtiger Beziehung, die dann allemal laut belacht und jubelnd wiederholt werden. Eine schmucke Dirn drängt sich zu mir, faßt meine Rechte: „Du, komm!" und zieht mich fort.„Ja, ich kann nicht platteln, Mirzl oder wie du heißt!"„Du dalketer Aua!" Keine Wider- rede hilft und fast Hütt ich am selben Tag die edle Kunst des Ländlers noch gelernt. Ob mein Tanzen den kunstgeübtcn Kennern gefallen, das>veiß ich nicht, aber die ganze Sache, das Mirzl und der ganze Sontagnachmittag gefiel mir gar wol. Ja es war prächtig! Wo waren dcnn die plumpen Bewegungen, die sonst als unumgängliches Attribut des Dörflers galten? Diese naturwüchsige Anmut mit Behendigkeit gepart hatte ich bis dahin noch nie>o gesehen. Und die Lieder, Worte wie Weisen! Wie griffen sie mir ans Herz! Rosegger hat in seinen Werken vielfach volksliedcrmäßigcu Stoff eingewebt. Dem wissenschaftlichen Fachmann, der sich schon umgetan hat, wenn auch nicht überall, so doch in den Herbarien der gedruckten Volksliedersamlungen, wird manche liebe Bekante begegnen, aber bei dem Dichter sind es frische Blumensträuße, die er uns gepflückt mit vollkommener Erdkraft und lieblichem Duft und bunter Farbe, nicht arme Blumenleichen, die im Her- barium zwischen die Blätter jederart gequetscht Duft und Farbe des Lebens doch verlieren. Am wirksamsten aber sind diese Lieder, wenn man sie in der Natur und auf dem Boden, wo sie erwachsen sind, von dem Volk selbst hört, am besten wenn man mit Plattelt. Wem aber das nicht zu Teil wird, der hak den bestmöglichen Ersaz dafür, in unseres Dichters Schriften, der von sich selbst sagt, daß er mit seinem Volke„gebetet, gescherzt, gejauchzt, gestritten, gelitten, gesündigt" hat, mit ihm aufwuchs, und eben der rechte Mann war, mit seinem dichterischen Gestaltungsvermögen uns es zu zeichnen. Da diese Zeilen nur den Zweck haben, unsere lieben Leser auf den Dichter R. aufmerksam zu machen, sofern er ihnen nicht schon längst ein lieber Freund ist, und da billige Rücksicht ans an- dere Arbeitsgenossen zu nehmen ist, die auch in diesen Blättern zum Worte kommen sollen, versage ich mir, wenn auch schweren Herzens, ein genaueres Eingehen, ja sogar das Aufzälen aller roseggerschen Werke*), deren wir hoffentlich noch viele zu er- warten haben. Der Mann ist gesund, wo man ihn packt, dieses ehrendste Zeugnis, was man in einer vielfach kranken Zeit je- mandem ausstellen kann, verdient er voll und ganz. *) Erscheinen in Wien im Verlage von Hartleben in einer Lie- ferungsausgabe. Geschichtliche Gespenster. Streifereien im alten und neuen Athen. Von Karl Kassau. (Schluß.) Schließlich kamen wir auch auf das politische Gebiet. Johu lobte sein freies England und meinte, darnach stände es wol am besten in Deutschland, worauf der liebenswürdige Doktor noch- mals das Wort nam: „Bei uns haben sich die Beziehungen noch nicht befestigt; das Volk ist neucrungssüchtig und flüchtig, wie die Perlen dort im Weinglase. Bon König Otto ist hier nichts mehr übrig als der der Name des Plazes, der nach ihm benant ist; König Georgios sizt fester, aber schwerlich für immer: das Volk ist gar zu sehr für eine Republik; hoffen wir das Beste!— Mit König Otto tonten wir wol zufrieden sein, mit Georgios erst recht. Aber die Neu-Gricchen geben ihren Bätern nichts nach; sie wollen täg- lich etwas Neues hören. Voilä tout!" Wir namen Abschied und kehrten im Mondenschein nach der Hermesstraße zurück, um im Senatorhause sogleich unser Lager aufzusuchen. Es war schon ziemlich lichter Tag, als ich von einem höchst interessanten Traume erwachte.— Mir träumte nämlich, ich wan- delte auf der Agora umher und traf dort mit Sokrates und seinen Schülern zusammen, die hier bei einem Grobschmied stehen blieben, dort in das Atelier eines Bildhauers eintraten, hier die Kunst eines Schusters, dort der Behendigkeit der Ringkämpfer im Gymnasium zusahen. Plözlich winkte mir Sokrates: „Fremdling", sagte er ernst,„komme mit mir ins Teater, du kanst dort eine ergözliche Komödie schauen, iu der Ritter Aristvphanes gegen mich mit den Waffen des Wizcs kämpft!" Ich ging natürlich mit, und so kamen wir in einen mit Leinen umspanten halbrunden Plaz, an dessen Langseite eine Holzbüne errichtet war. Born am Fuße derselben, in der Orchestra, saßen Flötenbläser, die das sich im Halbkreise auf Holzbänken sammelnde Publikum unterhielten. Einen Vorhang hatte die Büne nicht; kurz, sie war�ganz eingerichtet, wie es in der ältesten Zeit in Griechenland Sitte war. Nun traten Chöre und einzelne Schau- spieler auf; man machte Sokrates arg herunter, indem man ihn so lächerlich als möglich darstellte. Und er selbst?— Er lachte tapfer mit. Dann änderte sich plözlich die Szene: wir sahen uns plözlich auf dem Pnyx, und Lhkou, der gerbende Volksmann, hezte den Pöbel gegen Sokrates aus. als lehre er andere Götter und verderbe die Jugend. Dann aber stand ich mit Sokrates, Lenophon, Platon, ilviton, Stitobolu», Äpoilodou uub ciubercii Schülern des Meisters zusammen, und Sokrates sagte:„Er wird noch den Mond vom Himmel herunter reden; laßt uns, meine Freunde, nach dem Kephissos gehen, ein Bad zu nemen!" Und wir gingen. In diesem Moment erwachte ich durch die Berürung einer eiskalten Hand. Vor mir stand ein Mann mit kalem Kopf, auf- gestülpter Nase und großem Munde, kurz der leibhaftige Sokrates, so daß ich noch zu träumen vermeinte. Das Gespenst aber er- griff mich beim Arm und deutete gebieterisch auf meine Kleider. Ich legte sie an und folgte ihm dann durch die menschenleeren Straßen bis nach der Altstadt, Ivo es mich nicht one energischen Protest meinerseits in eine Ruine hineintrieb. „Höre nun", begann das Gespenst mit holer Stimme zu deklamiren,„Volk von Athen meine Verteidigung: erkenne dich selbst!— Das ist immer mein Walspruch gewesen. Ich habe vierzig Jare dazu auch deine Jugend angeleitet und sie gelehrt, die Götter zu ehren, de» Gesezen zu gehorchen, den Eltern zu folgen, die Alten zu achten, Treu und Glanben zu halten. Fragt sie doch, die von mir gebildet sind, wozu ich sie angeleitet! Wo sind die fremden Götter, die ich gelehrt haben soll? Wenn ich die Nichtigkeit mancher Götterfabeln nachgewiesen, so habe ich damit den ewigen Göttern, die unsichtbar und unerfaßlich sind, einen Dienst erwiesen. Mein Schuzengel, der Dämon in mir, sagt: die einzige Strafe, welche ich mir auferlegen tönte, ist die, lebenslang im Prytaneion auf Staatskosten versorgt zu werden!" Ich sah betroffen den Sprecher an, der jczt aufNeugriechisch schrie: „Mein Herr, applaudiren Sie doch, applaudiren Sie!" Dann ergriff mich der Unbekante aberiitäls bei der Hand und fürte mich in eine andere Ruine. „Ich danke dir, Kerkermeister," begann er nun wieder im hohlen Tone eines modernen Tragöden,„ich danke dir, daß du mir den Giftbecher gebracht hast. Wie muß ich ihn trinken?" Als ich schwieg, fragte er gereizt: „Wissen Sic wieder Ihr Stichwort nicht? Man wird Sie kassiren, Herr, total kassiren!" Dann beruhigte er sich, trat zu mir, streichelte mein Har und sagte: „Liebster Apollodor, ich genese nun für imner; opfere dem Aeskulap einen Hahn!" Dann legte er sich in einem Winkel nieder und sagte noch: „Begrabt mich ganz, Freunde, wie Ihr wollt; dieses ist doch das geringste Teil von mir, das hier bleibt; der eigentliche So- kratcs geht ein zu den Wohnungen der ewigen Götter!"— Und bald hörte ich die Laute eines Schnarchende». Ei» Frösteln überlief mich; ich wußte nun. daß ich nicht mehr träumte, daß ich es mit einem— Wahnsinnigen zu tun hatte. Da tauchte Ali Behls Kopf neben mir ans: „Moming Sir!" sagte er gelassen,„Low cko vou du Lere?— Is Lere a mad.•"'♦) sinniger �er? mor9e" �ecr- geht's euch hier?— Ist ein Wahn- Ich zeigte auf de» Winkel. Ali aber zog eine Blendlaterne hervor, entziiiidcte sie nnd murmelte:„Er ift'd— Where vid von moet liim, SirV"*) „In Mr. Knenrosphyllos' housc; two hours ngo, he came into my bed-room and invited nie to go with bim into tbe city. 1 could not resist bim!" „AU riglit!'T is tbe celebrated actor Dimittri, wlio bas gone ont of Iiis wits last night!'' „Dimittri?" fragte ich cntfezt,„wlio always visited Mr. Knenrosphyllos?" „Tbe samel I m to obscrve bim!" Erschüttert folgte ich dem Pare, denn Ali hatte den Unglücklichen >vie �eine Feder schnell emporgehoben und mit sich sortgefürt. Als die Sonne hinter dem Orangeniväldchcn de» königlichen Schlosses hervorkam, erreichte ich eben unsere Wohnung und legte mich wieder auf's Ohr, um die erlebte Szene sortzuträninen. Da sah ich Sokratcs im Kerker und seine Jünger um ihn her, auch sein Weib Tantippe mit dem Kindchen aus dem Arm. Tann Plözlich. war es mir, als flöge ein schneeweißer Schwan vom Lager des Sokrates ans. Als ich später durch John geweckt ward, um den Kaffee mit »nserem Wirt cinzunemen, crzälte ich die Erlebniffe der Ziacht. Ter Senator brach sogleich aus, um nach dem unglücklichen Freunde zu sehen. Derselbe war für seine Tarstellung des So- krates warscheinlich nicht genug gelobt worden. Es stellte sich auch heraus, daß er selbst der Verfasser des Stückes war; das alles erklärte den Vorfall genügend. Als unser Wirt zurückkam, meinte er: „Traurig, traurig! Ein reicher Geist ist hier zugrunde ge- gangen; er ist vollständig und unheilbar wahnsinnig. Sehen Sie, lieber Freund— ivoiitc er sich an mich— so spuken hier die historischen Gespenster selbst am hellen Tage herum. Sizeu Sie erst wieder in Ihrer lünc— nun wie heißt es— lüneburger Haide, so können Sie mit mehr Gemütsruhe über das Erlebte »achdenken. Jczt seien Sic nur vergnügt, jenem Helsen wir doch nicht durch unsere Traurigkeit! Und wissen Sie, was Ihr Schwan bedeutet?— Sie haben viel an Platon gedacht, er ist der Singe- schwau der Griechen. Kennen Sie denn nicht die hübsche Sage von Eokrates Traum in der Nacht vor seiner Bekantschast mit Platon?" Wir verneinten: „Also, um kurz zu sein: Sokrates träumte, er sähe einen Schwan mit ivoniiigcui Gesänge aus seinem Schoß gen Himmel aussteigen. Am andern Tage crkantc er in Platon den Vogel des Apoll wieder." „Hübsch!" meinte John, ich aber konte mich nicht enthalten, begeistert hinzuzusezen: „Ja, ich würde mit dem göttlichen Platon meinem Geschick ge- i dankt haben, wenn er mich hätte zur Zeit des Sokrates geboren lverden lassen, nicht als Barbar, sondern als Hellenen!" „Ja, da haben Sie auch Recht!" meinte der Senator,„doch ich muß zur Sizung!" Leider sollte mein Aufenthalt im Lande der Schlachten und Gesänge, wie Byron sagt, nicht mehr lange dauern. Im Zcnscasö und in den Ruinen des Olympions mar ich an diesem Tage zum leztenmale. Ich machte dort die Bekantschast ewiger Studenten, besah mir»och in ihrer Begleitung die Uuiver- wätsgebäude, in denen man den Heroen der Wissenschaft durch Bildsäulen nnd Büsten gerecht worden ist, und ließ mich dann bvn meinen neuen Freunden nach den Ruinen des„Turmes der Winde" in der Altstadt füren. Dieser Turm war der lebendige Kalender des alten Athen. Nicht nur, daß man von hieraus die Jeit abrief, der Turm gab auch Windrichtung und Wetterver- hältniffe an. Wichtige physikalische Ereignisse wurden von hier �»ä annoncirt. An dem Gebäude mar in Lebensgröße die �.ar- tellung des Raubes der schönen Nymphe Oreithyia. Tochter des Fechtens, durch Bvreas, den Nordwind, angebracht. Bei un- «er Rückkunft sahen wir uns die Parade der strammen könig- 'chen Truppen aus dem Schloßplaz an, dann fürte uns ein *)„Wo traft Ihr ihn, Herr-"'., »«ää? ws®» wtä'jä: � tonte ihm nicht widerstehen!".. ..„Schon gut! Es ist der berühmte Schauspieler Dimittri, der »eitern Abend verrückt geworden ist!",„_,, „Dimittri, welcher immer Herrn Knenrosphyllos besuchte/ „Derselbe! Ich muß ihn bewachen!" L Wagen nochmals zum Hyinettos, dem früher so honigreichen, in das Kloster St. Siriani, das jezt auf dessen Gipfel erbaut ist. Unsere Studenten hatten dort Verbindungen, und wirklich zeigte man uns das reich dotirte Kloster in allen Einzelnheiten nnd be- ivirtete uns schließlich im Refektorium aus das reichlichste.— Und weiter fürte uns das Gefärt in das Land hinein, bis auf den Pentelikon, zum Dorfe nnd Kloster Pentelike, die sich beide an Abhang und Rücken lagern. In einem ziemlich reinlichen Wirtshause namen wir unser Mittagsmahl ein: Schöpsenfleisch, Rüben und Brod, als Nachtisch Melonen, Orangen, Trauben. Wir bezalten dafür pro Person eine Drachme, was ich billig fand. Aber die schon ausgesprochene Ansicht über die traurige Lage einer nicht rationell betriebenen Ackerwirtschaft fand ich auf dieser Tour überall bestätigt. Erst gegen Abend kehrte ich heim. Beim Eintritt in's Haus kam mir John ganz verstört entgegen: „Wo steckst du denn, dear Charles?" „Erschrick nicht, es ist eine Depesche von deiner Gattin für dich eingelaufen!" „Gib, bitte!" Ich las; sofort mußte ich ausbrechen: mein jüngstes Söhnchen lag schiver krank. In Eile ward also Abschied genommen. Nur ungern trentc ich mich von dem lieben, dicken Senator und der liebenswürdigen Familie. Schon legten die Diener mein Gepäck in den Wagen und fort rollte er, dem Bahnhofe zu. Schnell waren Billets gelöst nnd Abends acht Uhr standen wir schon am Quai des Piraeus. John sah indessen»ach dem Schiffe. „Vergessen Sie uns nicht!" bat mein liebenswürdiger Wirt, „lassen Sie einmal von sich hören!" Ich versprachs.(Was werden die Guten sagen, wenn sie dieses lesen? Natürlich habe ich die Namen geändert.) Da kam auch John schon wieder angekeucht. „Iii zehn Minuten fährt die„Sappho", ein flinker Schrauben- dampscr, nach Trieft. Du mußt diese Linie wählen! Wir haben heute Freitag, warscheinlich bist du Montag siüh in Trieft und am Mittwoch Abend in der Heimat!" Dann drückte er mir das Reisegeld verstohlen in die Hand. Als ich es ablehnte, meinte er: „Laß doch, laß, ich habe genug davon! Du reisest laut Ver- abredung aus meine Kosten.— Es tut mir nur leid, daß du nicht mehr von dem klassischen Boden Griechenlands genießen kantest! Doch eile!" Wir gingen zum Haltcplaz. Mein Gepäck ward über die Brücke geschafft, ich nam eine Karte, dann stiegen wir die Kajüten- treppe hinab, um vor dem Büffet den lezten gemeinschaftlichen Trunk zu tun. Wärend nun Herr Knenrosphyllos mit einem Athenienser, den er traf, ein kurzes Gespräch fürte, flüsterte mir John zu: „Ich habe mit ihr gesprochen!" „Mit wem?" „Mit Cyane!" „Aha! Und-?" „Habe Hoffnung!" „Bravo! Also bald habe ich die Aussicht—!" „Bitte, leise, dear Charles!" Jezt ein Pfiff aus der Maschine! Noch ein Händedruck von John und dem lieben Senator, dann eilten beide Arm in Arm vom Schiffe, dessen Schlot zu dampfen anfing. Jezt noch ein Winken mit dem Taschentuche, wir waren in der See. „Ade, Land der Kunst und Grazien!" Es fing an zu dunkeln und ich ging unter Deck. Für diesmal ließ mich die ekelhafte Seekrankheit in Ruhe, und ich konte andern Morgens, wenn auch nur mit sorgendem Herzen, die Schönheiten der Umgebung bewundern. Am Sonn- abendmorgen begrüßten wir die hellleuchtenden Gipfel Kandia's, am Sontag füren wir in die Straße von Otranto ein und waren am Montag Nachmittag drei Uhr im Hafen von Trieft. Hier brachte mir eine Depesche Beruhigung über das Befinden des kleinen Patienten. Donnerstag früh endlich begrüßte ich sroh die Türme meiner Heimat. Von John liefen bald Briefe ein voll Sonnenschein nnd Abend- rotgold: er ist jezt glücklicher Bräutigam von Cyanen und näch- stens deren glücklicher Gatte. Er gedenkt im nächsten Jare mit mir in Paris zusammzutreffen.„Vielleicht," schreibt er,„dear Charles", findest du auch in dem alten Lutetia Parisiorum Stoff für deine geschichtlichen Gespenster. Also an revoir!" 140 Im Dorf) Eine Geschichte aus dem Und daneben betvegtc eine andere, seltsame Empfindung ihr Herz,— dasselbe weiche, wehmütige Gcfiil, das sich darin ge- rürt, als er an jenem Slachmittage mit ihr zusammengesefien und von sich und seinen Verhältnissen gesprochen und von den Wunden, die der Krieg auch ihm und den Seinigen geschlagen, und sie hörte dabei wieder den sanften, herzlichen Ton seiner Stimme und sah, wie seine dunklen, glänzenden Augen in einiger Rührung, so ehrlichen, treuen Ausdrucks, zu ihr hinblickte»,— war es doch vielleicht eine leise, stille Teilname, die er ihr abnötigte, eine unmerklich und sacht auskeimende Ucberzeugung von der Ehrlich- keit und Lauterkeit seines Wesens, zum Verzeihen und Vergessen. Wenigstens sand sie sich jezt manchmal, wenn sie so still vor sich hinsann, Plözlich vor der Frage, ivas sie ihm denn eigentlich zu verzeihen, zu vergessen habe, was er ihr denn persönlich so herbes zugefügt, daß sie ihm so lange gezürnt, und es wurde ihr nach und nach warm um's Herz, und sie wußte nicht recht, ivas sie sich selbst darauf sagen sollte; das Rächste war immer, daß sie sich von ihren Gedanken loszumachen suchte, eine andere, sie mehr beschäftigende Arbeit aufnam,— wie um einem Geständnis auszuweichen, das sie sich um alles, und wer's auch im Ver- borgensten, still vor ihrer eigenen Seele, nicht ablegen mochte.... Eine warme Fürsprecherin hatte Jakob Varlhold an Helenens jüngerer Schwester Aannette. Sie hatte ihn schon sonst, da alle andern noch so kalt und gleichgültig gegen ihn gewesen, immer freundlich angesehen und seinen Gruß init fröhlicher Munterkeit erwidert,— wenn er eingetreten, ihm stets heiter und zutraulich seine Flasche und das Glas gebracht, und nicht selten war's gewesen, daß sie mit einein traurigen, sragenben Vlick nach ihm hin geschaut, wenn er slundenlang still und stnmm für sich auf seinem Plaze gesessen. Und gerade jezt tat sie das leztere gar oft, wenn er so trüb wie in heimlichem Schmerz vor sich niederblickte, wärend niemand ein Wort zu ihm redete, und sie hätte weinen können, sobald sie daran dachte, wie er unschuldig im Gefängnis gesessen und doch die Leute, manche wenigstens von ihnen, noch immer so hart und schlecht von ihm sprechen. ,, Macht' wissen, ivas sie nur immer gegen ihn haben," sagte sie dann ivol manchmal zur Schwester,„« ist so still und fricd- sam und tut keiner Scel''was zu leid"____ Wie tief und son- dcrbar diese Worte Helene'» in's Herz trafen,— dieselben Worte, die er so ehrlich und warm zu ihr gesprochen! „Ich kenn' es am besten, daß er gut ist," für Nanette bei einer solchen Gelegenheit einmal fort,„denn ich bin mit ihm zu- sammengewesen, als ich»och eine kleine Dirn' war und zur Schule ging. Was er nur kont', hat er mir zu Gefallen getan, und mir ip's wie heut, als er mir im Herbst drüben in des Schmieds Garten die Gotdäpfel vom Vauni g'schüttelt, und g'wiß sobald ich ihn wiederseh, ich jrag ihn, ob cr's»och weiß!"____ Und da ging eine brennende Röte über Helenen ganzes Ge. ficht, und ihr flirrten die Augen, und es war ein halb freudiger halb ängstlicher und unruhig forschender Blick, mit dem sie»u Nanette aufsah. «Ja du kaust iiiir's schon glauben, Helene ," rief diese dann wieder heftiger,„und ich mein, der Vater müßt's noch wissen, wie ich damals häufig hinübergegangen und in's blizende Feuer geschaut, wenn der Meister Elsinger mit seinem Gesellen vor'm Ambos stand und den Hammer schwang!—'s hat manches harte Wort gesezt, bis ich» ließ, iveil der Vater meint','s könt' mir'was Uebles ividerfaren beim Gluteisen und dem Blasbalg,— freilich du warst damals schon in dem großen Paris und bist voriirin worden, seitdem daß dir's töricht ist, was ich schwäz'!" «ne Kzte die lezten Worte fast unmutig und verlezt hinzu, l®18'ICJ. 6, V�ne zu lächeln begann und es spöttisch uin ihren Mund spielte� freilich war sie eben so schnell wieder be- ruhigt, wenn die-achivefler darauf ihm herzlich die Hand ent- gegenftrcckte und zutraulich sagte: „Mußt nicht gleich so mißtrauisch sein, Nanette.— mich lockt's blos zum Lachen, wenn ich mir denk', was du damals, als die Mutter fortging, für ein kleines Ding warst, und jezt eine so große Dirn',- just so groß und lang wie ich!" Und sie lachte gutmütig und die Schwestern waren wieder ausgesöhnt und jede ging ihrer eigenen Arbeit nach. Aber die er Schmied. Zlsaß von Mar Vogler.(10- Forsezung.) Jüngere ahnte nicht, wie sie durch ihre Worte auf Helenen ge- ivirkt, und daß diese oft noch stiindenlang an nichts anderes dachte, als was sie ihr gesagt---- Das Tauwetter, welches im Februar eingetreten war, hatte längere Zeit hindurch angedauert und allmälich alle Spuren des Winters von der Erde verwischt. Dann waren die Märzwinde gekommen, scharf und brausend und hatten Schmuz und Kot hin-, weggetrocknet, und nun, in der Mitte des Aprilmonds, sah es überall glatt und sauber aus, würdig zu seinem Empfang gerüstet, schien die Erde still zu harren auf den nahenden Lenz. Hatte er doch schon seine froh willkommenen Vorboten vorausgesandt: die kleinen Sänger, die lustig in den Gärten und um die Häuser flatterten und sich gleichmäßig von ihrer Reise crzältcn, und dann die bescheideneren, löblichen Geister, die iin lichten Gewand der Marienblümchen und Himmelschlüssel sich den froh verwunderten i| Menschenkindern in den Weg stellten und ihre selig aufatmenden Herzen weich und hold und süß ansprachen in der Veilchen zartem Duft. Und die Weiden im Tal schmückten sich schon mit ihren silbernen Blütcnkäzchen, und die Spinnen webten über� dem-rür- gesims und an der Hofmauer luftigen, durchsichtigen Schleier zu- sammen und heiter schwärmende Mücken hielten über warmen, sonnenbeschienen Steinen inunteren Tanz. So rürtc und regte sich alles in frohem Erwachen und spann in beglückender,� spie- lender Arbeit die ersten losen Fäden ineinander zu einer stillen, reizvollen, wundersamen Geschichte, die das Menschenherz alle Jar' erlebt, und die es aufhellt und erwärmt und erhöht, auch wenn's vorher noch so trüb und traurig und öd' darin gewesen: „Wenn der Lenz komt,"— ist sie überschrieben, und wer Augen, dafür hat, mag diese Ueberschrift ivol finden in den hellen, grünen Streifen, die sich durch den Wald ziehe», am lichten Morgen und in geheimnisvoll dämmernder Abendstunde, oder sie lesen im seligen Blau des Himmels und in den weißen, duftigen Wölklein, die lautlos langsam dahinziehen um stille Mittagszeit. Mutter Elsinger, die immer noch Tag um Tag an dem Fenster saß, das auf den einsamen Hof mit den mächtigen Rlißbännieii hinausgeht, hoffte nicht viel von des Frühlings frohem, leuch- tenden Einzug; sah' sie doch nichts von all' den tausend süßen Wundern draußen, und wenn sie die Schwalben am Fensler vor- beischwirren hörte und anderes loses Vogelvolk an die Scheiben pickte, so wünschte sie immer wieder still bei sich selber, daß es der Engel wäre, der gekommen, sie abzurufen und fortzutragen, ihren Leib zur Ruhe und ihre Seele zur Seligkeit. Des Holzhauern Schicksal hatte auch sie tces erschüttert und trüb gestirnt, und als sie den Jobbi fortgcfürt, war's ihr ge- wesen, als neme man ihr von dieser Welt vollends alles, was sie noch besaß. Nun freilich hämmerte und schweißte und schmie- dete er wieder draußen; aber sie wußte ihn traurig und nieder-| gedrückt, und sie trug sein Leid, als wär's ihr eigenes. Endlich ließ der Himmel die Ruhe auf sie niedersinken, die sie so lange begehrt. Es war in den lezten Apriltage», als ein schwarzer Trauerzug das Haus des Schmieds verließ und in den stillen Fried- hos, welcher der Herberge zur„gold'nen Traube" fast gegenüber- liegt, einbog, und es war Meister Elsinqer's blinde Wittib, die|! man zu Grabe trug. Der Tranbenwirt und seine jüngere Tochter hatten ihr das Ehrengeleit gegeben aus diesem lezten, stillen Weg! Helene hütete derweilen das Hans und sah, wärend drüben a»l dem alten, grauen Kirchturm ernst und feierlich die Glocke» gingen, vom Fenster aus dem reichlich mit Blumen geschmückte» Sarge nach. Das herbe Geschick, in ihrem Alter noch das Augenlicht zu verlieren, hatte allenthalben das Mitleid mit ihr erregt; drum war man auch überall besorgt gewesen, ihr leztes Ruhe bett schön zu zieren, und das halbe Dorf war dem Sarge gefolgt, und jeder hatte ihr eine Hand voll frischer Erde zu»> Lebewohl ins Grab hinabgestrcuet. Freilich hinderte das nicht, daß man gleich nachher anders von ihr redete, als es im Trauerhause und vor ihrer Gruft est' schehen; denn sie hatte vielen nicht recht getan mit ihrem lezten Willen, und einigen wenigen erschien es gar als wirkliche Sünde, was sie darin bestimt.„Das hat sie dem falschen Fremden, dein heimlichen Spion, der das Land mit hat verwüsten und unsere Kinder hat mit morden helfen, getan,— das ist eine Ungerechtig- keit, ein sündhafter Frevel, der zum Himmel schreit!" riefen diese, und„Gnade ihrer armen Zeel'!" sezten sie hinzu; denn hatten 's ja beim Beginn des Kampfs in den Aufrufen des obersten Kriegsherrn gelesen, daß nur ihre Jache, die Jache, die sie mit ihrem Blute verteidigten, die allein rechte und gerechte und die, gegen die sie im Feld? standen, elende Frevler und Pralhänse seien, und es war ihnen nachher oft genug durch den Prediger von der Kanzel und von Vornemen gescheidten Herren gesagt worden, daß Iatan mit ihnen im Bunde gewesen, der ihnen zum Siege verholfen, daß niemand Umgang haben dürfe mit einem von ihnen und daß man sie verachten müsse und auf Rache denken, so lang»och ein Blutstropfen durch die Adern rinne.... Und nun hatte Mutter Elsinger der Schlimstcn einem, den Jakob Barthold, in ihrem lezten Willen zum Erben ihres ganzen hinterlassenen Bermögens eingesez, der Schmiede, von Feld und Garten mit allem, ivas dann und darauf,— es war unerhört, und es war klar ersichtlich, daß sie ihre Seele nicht schwerer be- lasten konte, als indem sie das tat. Jakob Barthold selbst war durch das ihm zugewante Ver- mächtnis kaum weniger überrascht als seine Neider. Mit beson- derer Genugtuung empfand er es, daß ihm dasselbe— wie in dem Testament gesagt war— auch auf den ausdrücklichen Wunsch semes Heimgegangenen Meisters zugefallen. War' das nicht der Fall gewesen, so hält' er's fast für eine Sünde gehalten, all' da» Gut, das er sich nicht nut seiner eigenen Hände Arbeit ver- dient, anzunehmen. Stur einem Menschen schien alles, so wie es gekommen, in aller Ordnung zu sein und so. als hätte es schier gar nicht an- ders sein könne»— diese eine war Marei. Und jezt war sie überzeugt, daß der Meister gar bald vor sie hintreten w x, sie zu fragen, ob sie sein Weib sein ivolle und die Herrin da, wo !_ sie so lange m stiller Emsigkeit geschafft hatte, just als wär' längst alles ihr eigen gewesen oder vielmehr dessen, dem sie mit all' ihrem Sei» und Trachten angehörte seit langem. Wenn das geschah, was sie ersehnte, dann wollte sie ihm sagen, wie sie dieses tausend- mal still bei sich ausgedacht, daß sie immer nur ihn lieb gehabt, ihm und keinem andern je hätte angehören können. Aber das geschah noch nicht, und sie wußte sich zu trösten. Er werde erst reiflich bei sich überlegen, wie er alles mit ihr ein- zurich en gedachte, er werde die Trauerzeit um Mutter Elsinger vorbeiziehen lassen,— dann aber würde es sicher geschehen. Hatte sich ihr doch schon die eine stille Hoffnung erfüllt,— war doch nun Jakob Barthold der wirkliche Meister im Haus, gehörte ihm doch jezt alles darin zu eigen,— sie wußte es gewiß: auch ihre andere, schönste Zuversicht würde sie nicht täuschen können. Nur eine kleine Weile noch galt's zu hoffen und zu harren— und sie konte warten in Geduld...... Die Unteisuchung gegen die in Haft befindlichen beiden Kolin dauerte immer noch fort. Die Richter freilich waren längst von ihrer Schuld überzeugt,— wie konte es auch anders sein? Zu allen anderen, schon vorhandenen Berdachtsgründen hatte sich noch ein weiterer, für Die Gefangenen außerordentlich belastender und verhängnisvoller gesellt. Es mar nämlich von einem Holzfäller vor isericht die Mitteilung gemacht worden, daß er in der Sil- vesternacht, als er von seiner Arbeit heimgekehrt, den beiden im Waide begegnet sei. dicht an dem Wege, auf dein Jakob Barthold ji seiner Aussage nach den Holzbauer ins Gebirge hinauf begteitet hatte. Es mar um dieselbe Zeil gewesen, da der junge Schmied von dem leztercn an der Wegbiegung Abschied genonimen. Ter Holzfäller, der dies gegen die Berhasteten vorbrachte, hatte die Warheit gesagt..„...__ Aufgeregt, außer sich vor Zorn war Friz Kolin vn jenem Nachmittage, da er einen so unliebsamen Beweis von der Korper- kraft des Holzbauern erhalten, heimgekommen. Gleicherweife aber wie die Wut über den von dem lezteren erfarenen.--chimps hatte sich seiner die Furcht bemächtigt, daß der Holzbauer jez keinen weiteren Anstand nemen werde, die Umstände, unter denen sie in jener Noveinbernacht bei ihm um Schuz vor der rauhen Witterung angeklopft, überall zu erzälen und sie so als die Ur- Heber des damals unternonimenen, aber von den Grenzaiifseheri gestörten Schmuggels zu verraten D>e,e Befürchtung mußte auch der alte Kolin als höchst berechtigt anerkennen. Er genet. als ihni der Sohn, bebend vor Aufregung, erzalte, was, ich zu- Und ihn in der empsindlichsten Weise zu züchtigen. Als sie beide wieder zu ruhigerer Uebcrlegung gekommen, bedachten sie ihren Plan. Daß sie, ganz abgesehen von ihrer kaum bezähmbaren Begier, den Holzbauer ihre Rache spüren zu lassen, da» Aeußerste tun mußten, um die ihnen drohende Gefar abzuwenden, war ihnen von vornherein klar. Und daß es so schnell wie möglich geschehen mußte, um ihm nicht Zeit zu ivei- teren, für sie verhängnisvollen Mitteilungen zu lassen, darüber bestand ihnen ebenfalls kein Ziveifel. Nachdem sie daher in Er- farung zu bringen gewußt hatten, daß der Verhaßte von seiner ferneren Reise, die er in die Rheinebene hinab unternam, am lezten Tage des Jarcs zurückkehren werde, stand ihr Entschluß feit, ihre Absicht um diese Zeit auszufüren. Ueber das Frevel- hafte ihres Borhabens sich Rechenschaft zu geben, fiel ihnen in ihrem Zorn und in ihrer Angst nicht bei, und der alte Kolin vor allein war nicht der Mann, vor einer Tat, wie sie eine zur Aussürung zu bringen gedachten, zurückzuschrecken,— ja, er hatte manchem armen, totwunden Kriegsinann, ver auf blutigem Schlacht- ' selbe nach bestandenem heißen Kampf in seinem Schmerze hülflos lag,„den Mund gestopft, daß er sich nicht mehr heiser zu schreien gebraucht," wie der Holzbauer sich ausgedrückt, und es war ihm dabei auf ein par derbe Schläge mit der Axt und einige kräftige Schnitte mit dem Dolchmesser mehr oder weniger nicht ange- kommen. Den ganzen Silvestertag über hatten sie dann alle Aufmerk- samkeil aufgeivant, um sich die Znrückkunft des Holzbauern nicht entgehen zu lassen. In der Tat auch hatten sie dann beobachtet, ivie dieser mit dem Ichinicd das Dorfgasthaus aufsuchte, und mit großem Verdruß mar es iveiter von ihnen bemerkt worden, daß Jakob Barthold auch dann, als er wieder heraustrat, mit ihm ging und ihn auf dem Wege, den er, je.c Heimat zu, einschlug, begleitete. Aber auch oas konte sie von i�rer Absicht nicht zurückbringen; es kam ihnen vielmehr sogleich der Gedanke, daß ihnen dieser Umstand äußerst günstig werden köute, wenn die Tat etwa entdeckt wurde und man nach dem Urheber forschte. Es würde dann leicht iverden, den Verdacht auf den Schmied zu lenken,— meinten sie— und so fürten sie zugleich auch gegen diesen ihnen unangeneineu Menschen einen Streich. Daß diese Meinung nicht one Berechtigung war und sich die boshafte Erwartung der beiden beinahe erfüllte, wurde in der Tat durch dae, was nachher dem armen Jakob Barthold widerfur, bestätigt. Daß man ihnen selbst nicht auf die Spur zu koinmen vermochle, dafür wollten>ie jufon Sorge tragen. Sie hatten es, als sie dies teis mit einanoec be- sproche», ihrer Anficht nach bereits in vollem Maße gerau. Denn sie schritten in tiefem Waide dahin, den sie aus eiiiem andere.i Wege, als ihn der Hotzbauer mit dem Schmied ei.igescheagen, zu erreichen geivußt haiteitt Drunten, etwa hundert Schritt rlesec, am Rande d.eses Waldes, Mae der Pfad, den dieselben be- schritten haben mußten, um der Heimal des Hoizbauern näher zu kommen. Es galt ihnen gleich, ob dieser die teziere noch m dieser Stacht zu erreichen oder unterwegs, was ihnen allerdings warscheiulicher, Einkehr zu halten beabsichtigte; jedenfalls aber waren sie überzeugt, da» ihn der andere nur ein Stück oiS Weges begleiten und dann wieder zurückgehen würde. Sie eilten darum, um womöglich eher als der Holzvauer an die Stelle zu gelangen, die ihnen für die Ausfürung ihres Vorhabens am günstigsten schien und in deren Stühe sie, unbesorgt, von jemand gesehen zu iverden, warten konten, bis derselbe voniverkam. Nachdem sie wol über dreivirtel Stunden im Walde immer in gerader Richtung fortgegangen, begannen sie sich bergab zu wenden. Die außerordentlich jähe Senkung des Bodens machte das Nie- versteigen sehr schivierig und gefarvoll, so daß sie froh ivaren, hier und da abgeschälte Baumstämme und von den Holzfällern zur Sicherung des eigenen Tritts rmgsuinher verstreute Tannen- ziveige auf dein glatten Wege zu ftnden und sich an dem von den Buchen Herabhängenden Ephen zuiveilen festhalten zu können. Dann trafen sie auf eine enge Talschlucht, die eben nach dem Pfade, auf welchem der Holzbauer heraufkommen mußte, aus- mündete. Wie sie, da, wo ein ganz enger Weg vom Walde herablies, mitten zwischen den verwitterten FelSstücken ein großes, von den Unbilden des Wetters arg zugerichtetes Ehristaskind be- merkten, sah der alte Kolin rasch an demselben vorüber und dann mit einem eigentümlichen Blicke zu dem Sohne auf,— wollte er sich vergewissern, daß sich dieser durch nichts, was ihnen auch weiter in den Weg trete, in der unheimlichen Absicht, mit der sie in diesen Augenblicken beschäftig ivaren, irre machen lassen werde?— Er schien in dieser Hinsicht keinen Zweifel nötig gehabt zu haben; beim der leztere schritt gleich ihm entschlossen, wenn auch fast unvorsichtig, weiter. Es war eine tiefe Stille rings, nur das dumpfe, immer gleiche Rauschen und Plätschern eines Gieß- bachs konte man hören, der drüben, aus dem Tannengeheg weiß hervorblizend und hier und da morsche Steinhöhlung durch- brechend, von steiler, felsiger Höhe herabsiel. Die Kälte hatte seinen blizschnellen Fall nicht aufhalten, ihn in keine starre Eis- kruste zusammenzwängen können; nur hier und da hing es in seltsam geformten, silbernen Zacken um das Gestein herum. Dann erweiterte sich plözlich die Schlucht, aus der es feuchtkühl zu den beiden herauswehte. Das Mondlicht spielte und webte seltsam über den in wilder Unordnung zur Seite umherliegenden, teils von dichtem Schnee, teils, wo sich dieser nicht hatte hinlegen können, von hohen Nadelschichten bedeckten Granit- und Sand- steinblöcken, auf die von den steilen Felswänden her schwarze Schlagschatten gespenstig herabfielen. Es war heute der Abend „Aankee Doodle" in der Stadt. (Mit gllustiation Srite 187.) Yankee Doodle came to Iowa Upon a pretty pony, Hie coat— tails stuck atraight out beehlud, Hls legs were long and bony. Dbft zu deutsch etwa! Hankee Doodle ritt zur Stadt «uj ietnent kleinen Pferde, Die Rodfduoänz ftanden dinten ab, Sein Dünnbetn streift die Erde. Was ei»„Yankee" bedeutet, weiß wol ein jeder. Man bezeichnet damit die Bewohner der Neu-England-Staaten, soweit sie englischer Abkunft waren, später ist„Yankee" ein bestimter Typus, dessen ebenso puritanisch-srommen als rürksichtslos egoistischen Allüren Spott und Unwillen hcraussordcrn. Vielleicht hat zu diesem Sündenfall des Be griffs das alte volkstümliche Lied vom„Yankee Doodle" etwas bei- gelragen.„Doodle" ist ein Faullenzer, Tunichtgut, Taugenichts— „yaukco doodle" also eigentlich ein amerikanischer Schlingel, der sein Leben laut der oben zitirtrn ersten Strophe des Gedichts damit be- gint, daß er von seiner väterlichen Farm in die Stadt reitet. Aber dieser amerikanische Schlingel ist aus einem andern Holze geschnizt als die Schlingel der alten Welt. Er ist Kolonist, Staat- und Siädte- gründer, verdrängt die zivtlisationsunsähigen Indianer und endlich, als John Bull ihn mit dem Segen von Monopolen, Stempclabgaben und Einfurzöllen allzu glücklich macht, greist er entschlossen zur Flinte und bringt eS in wenigen Jaren dahin, daß der britische Löwe knurrend europawärts sich davonschleicht. Alles dieses und noch mehr schildern die— wenn ich nicht irre— zweiundsünszig Strophen des Liedes vom „Yankee Doodle" in der originellen Volksmelodie, die wol in der ganzen Welt bekant ist. Es kann nicht ausbleiben, daß wir einen gewissen Respekt bekoinmen vor der Kulturarbeit dieses Schlingels und ihm gerne nachsehen, wenn er zur Abwechslung auch einmal eine mehr oder minder harmlose Unterhaltung sich aussucht. Der Amerikaner ist fchr schaulustig und liebt die Musik, wenn er auch meist mit einer nach Geschmack und Borsürung recht primitiven Musikleistung sich zufrieden gibt. Daraus spckulirt der dollarsüchtige „Saloon"-Jnhaber, wie sich die Schenkwirte hier stolz zu betiteln pflegen. Zu einer amerikanischen Kolonie gehören vor allem: eine Zeitung, ein Schul- und Beihaus und, zulezt der Reibe, aber nicht dem Range nach, der„Saloon" oder sagen wir dafür mit dem deutschen Kraftwort die „Kneipe." Aber Städte gibt es wte Sand am Meere; sind sie doch in Amerika eben so flüchtig wie das Sandkorn, werde» ebenso schnell ge- gründet und wieder verlasse», ja komt es doch häufig genug vor, daß eine Niederlassung in einem Jarc je nach dem Bedürfnisse eines Bahn- arbeiterwegs zum Beispiel, von Relais zu Relais verlegt wird und so nach und nach verschiedene Staaten durchwandert. Will der ameri- konische Kneipwirt also seine Konkurrenten überflügeln und eine»ach- i: haltige Anziehungskrajt ausüben, wird er aus außerordentliche Zug- mittel sinnen müssen. Was liegt da näher, als das ewig Weibliche herbeizurusen und von den Brettern, die die Welt bedeuten, seinen Zauber.nisaltcn zu lassen? Eine solche Szene aus einem„Saloon" des Westens führt unsere Illustration dem Leser vor die Auge». Mr. Snilh, der„Saloonk.eper' sd. i. Kneipwirt) hat einen Teil des öden Hosräums, der an seine „Bar"(d. i. �cyanklisch) stößt, in einen Sal umgewandelt, natürlich nur cineoi Holzbau, dessen Dekoration lediglich in einem phantastischen Anstrich und einer Garnitur Gardinen und Vorhänge zweifelhajteu Allers und Ursprungs besteht. Nichtsdestoweniger hat er angekündigt, daß er an dtciem Abende sein grandios erleuchtetes— man sieht die süns Pelroleumlaiupen in der Mitte des Bildes!— nach maurischem Geschmack prachtvoll dekorirtes Olympic-Teater eröffnen und einem vcr- ehrten Publikum von city zur Bersüguug zu stellen die Ehre haben werde. Sämtliche Mitwirkende werden Kräfte ersten Ranges sein, die von St. Silvestertag, und der Volksmund erzälte sich allerlei Seltsames und Abenteuerliches, was sich in dieser Nacht draußen zutragen sollte,— gerade zwischen diesen großen, unförmigen Steinen, die der Böse selbst hier hereingeworfen, und die manch- mal von selbst sich zu drehen beginnen, Wärend sie häßliche, ge- färliche Unholdinnen im wilden, fliegenden Tanz umschweben und den nächtlichen Wanderer in ihren Reigen hineinziehen, in dä- monischer Luft mit ihm auf und niederwogen, bis er zum Tode ermattet hinsinkt und sie, ihn einsam sterben lassend, unter gel- lendem Hohngelächter auseinanderstieben und sich in der Lust verlieren,— die beiden dachten kaum daran, nichts konte in ihre Sinne eindringen, nichts sie erfüllen, als nur immer der Gedanke, dessen Ausfürung sie bei jedem Schritte, den ihr Fuß tat, näher kamen. (gortfezung folgt.) in allen Hauptstädten der Welt mit einem noch nie dagewesenen Erfolge debütirt haben. Da ist vor allem die in allen ihren Leistungen uner- reicht dastehende pariser Koryphäe, Mademoiselle Finette, welche mit ihren Chansonette-Vorträgen und Soloscherzen bereits das Publikum aller europäischen Residenzen zum höchsten Entusiasmus begeisterte und nur für wenige Monate sich hat gewinnen lassen, eine„Tournöe"(Kunst- reise) durch die Berciniglen Staaten anzutreten. Nach ihren beispiel- losen Sncces in den Metropolen des Ostens, wie namentlich in New- York, Boston, Baltimore und Philadelphia werden die Bewohner von X— cit>> gewiß one Ausname zu der Eröffnungsvorstellung eilen, zu der die„ticke»"(Entreebillets) zu dem unerhört billigen Preise von einem Dollar für den Logenplaz und 50 Cents sür den Salraum zu haben sind jc. Begnügen wir uns mit dem Pröbchen amerikanischen Reklame- styls und werfen wir einmal einen Blick ans die gewiß warm empfohlene Primadonna.„Mademoiselle Finette" ist die Tochter eines kleinen Bauern und Grünkramhändlcrs aus der Umgegend von Metz, dessen Obst- und Gemüseverkäufe sie in der Festung zu einer Zeit versah, als an eine Beendigung des napoleonschen Regimes borten die kühnsten Propheten noch nicht zu denken wagten. Diese Geschäftsgänge wurden ihr Unglück, denn sie lernte bei dieser Gelegenheit den jungen Lieute- nant, Mr. de L....... kennen, der ihr anfangs nur als häufiger Abnemer kleiner Obstquantitäten entgegentrat, später aber ihr regel- mäßig morgens den ganzen Borrat bis zum lezicn Strunck bar ab- kaufte und sie dann zu bestimmen wußte, den freien Tag mit ihm in einer sie sehr gut kleidenden eleganten städtischen Tracht in Nancy zu verbringen. Schließlich behagtc ihr die Rückkehr in die ländliche Puppen hülle und langweilige häusliche Umgebung nicht mehr, eines schönen Tages flatterte der damals noch schönere Schmetterling unter der be- warten militärischen Eskorte nach dem Eldorado aller Leichtsinnigen, nach Paris. Die Dinge namen den üblichen Verlauf. Mr. de L....... wurde nach sehr kurzer Zeit zu den Chasseurs d' Asrique»ach Algier kommandirt und auch sein Jugendfreund und Kamerad de P., dem er die Sorge sür seine verzweisclt weinende Geliebte bei der Abreise über- trug, hielt nicht viel länger bei der armen Verlassenen aus. Finette suchte sich in Seine-Babel auf anständige Art über Wasser zu erhalten, vergeblich— die Wogen schlugen unerbittlich über ihr zu'ammen und nach einigen wenigen Jaren ist sie soweit, daß sie in Anbeiracht eines ihr drohenden ernsthafteren Konflikts mit der pariser Polizei für gut befindet, ihr Domizil nach London zu verlege». Wenn in Paris hundert- taufende und Millionen von Franks in den Sphären der Halbwelt ver- geudet werden, so fällt in London die gleiche oder höhere Summe von Sovereigns, deren einer bekantlich volle 2ö Franke» gilt, dem gleichen Zweck zum Opfer. Was Wunder, daß Finette gleich so vielen in Lon- don ihr Glück macht nnd jeden Nachmittag mit eigenem Geschirr und geschmackvoll gekleideten„groorn"(Jockey) im Hydepark spazieren färt. Allein—„das Glück aus einer Kugel steht." sie ist noch nicht schlecht genug, um das Laster kaltblütig sür sich ausbeuten zu können. Ein iunger deutscher Kommis, Sohn eines reichen rheinischen Fabrikanten, begegnet ihr und entflamt ihr Herz durch seilte Aehnlichkeit mit deni Geliebten ihrer Jugend in Metz. In Vertretung des väterlichen Ge- jchästs geht dieser nach New-York. Finette folgt ihm und betritt auf diese Weise die neue Welt, in welcher ihr die bittersten Enttäuschungeil, der tieffte Fall vorbehalten blieben. Das gefärliche Klima wirst sie aus's Krankenlager und damit in die Hände einer jener scheußlichen Megären, welche die Schlechtigkeiten, die man ihnen selbst einst zuge- fügt, der menschlichen Gejellschasi mit Zins und Zinseszins wieder heim- zahlen. Die Verzweiflung über ihre Existenz in einem der dunkelsten Häuser der an dunklen Punkten so reichen amerikanischen Metropole stachelt sie aus zu einer Entfaltung aller ihrer Fähigkeilen. Wir finden sie wieder als Sängerin in einem der zahllosen„Tingel-Tangel", welche der Bowerq mit ihren Nachbarstraßcn— dem amerikanischen„Harn- burger Berg"— die Signatur geben. Was ihr an Stimmitteln ab- geht, ers-zt sie reichlich durch ihre Weitläufigkeit und den Schaz von Beobachtuage», die sie an der Bestie„Mensch" im Lause ihres be- wegten Lebens gesammelt hat. Sie versteht jene Gassenhauer, deren Quintessenz eigentlich nichts anderes ist als die Geißelung der faunenhast- blasirten Lüsternheit in den korrumpirten Schichten unserer„Gesellscfinst", mit einem Realismus vorzutragen, der ihr den Beifall ihres Publikums stets sichert. Sie wagt sich an die Soloscene und selbst an die eigent- liche teatralische Leistung, die bei der sonderbaren Beschaffenheit der amerikanischen Schaubühne von jenen Gebieten durchaus nicht so fern liegt, wie bei uns. Das amerikanische Volksstück, das auch dem Ge- schmack des armen Paddy*) sehr zu entsprechen scheint, hat sich aus den alt englischen Burlesken und Sensationsstücken eulw-ckelt� Naturgemäß hobeit sich die feineren Nüancen verwischt und hat das Pluinp-Groteske. die Klownsspäße und die groben Effekte, überwuchert. Mord und Todt- schlag in jedem Akt ist selbst bei den modernen londoner Produkten dieser Art nichts ungewöhnliches, echt amerikanisch ist aber z. B. eine v I n Heldin des Stücks lebendig begraben werden und durch Leichenräuber, welche in einer Kirchhofs-Scene erscheinen, aus- graben und so der weiteren Handlung wiedergeben läßt. Ein anderes sprechendes Beispiel ist. wie dasselbe Stück„die Straßen von London" in London und wie es in Amerika inszcnirt wird. Im Original sucht ein verbrechenscher Banquier einen fatalen Mitwisser, den er in der Person eines früheren Konimis hat, durch Einschüchterung loszuwerden, indem er ihn zunächst verhasten läßt und ihn dann, als er trozdem wieder Erpressungsversuche bei ihm macht, mit einem Revolver bedroht. In der amenkanischen Bearbeitung aber dingt der Banguier zwei Des- peosrad, welche die Beseitigung ihres Klienten in der Weise zu bemerk. stelligen suchen, daß sie ihn beim Herannahe» eines Eisenbahnzuges auf die Schienen festbinden! Ein großer Teil des Publikums ist natürlich entzückt über den Eisenbahnzug und die Schreckensszene, die das Ovfcr durchmachen muß. und Übersicht alles Bedenkliche in der ftostigen Dar- stellung. Auch findet das Publikum es in der Ordnung, wenn die Heldin des Stücks gelegentlich ein echtes Tingeltangel-Licd vorträgt, oder aber frei nach der derühmten Stelle in Schillers„Tnrandot": - Kopsen hat ein Ende. Auf Leid folgt Freud Man gebe sich die Hände", die sämtlichen Akteure und Aktricen sich anfassen und zum Abschlug ein gemeinsames Kauplet vortragen. In Amerika liegt also ein llebergang vom Tingcl-Tangel zum Tespiskarren viel näher w,e sonst eine Berufsveränderung. Tie amerikanische Kunst steht vor- laufig auf k.inem höheren Niveau wie der amerikanische Wein, sie hat inoeifcn cmc so sichere Zukunft, wie die Ungar-» und Vurgundertraube am Erisee, dem Ohio oder den Küsteiitälern des Pazifik. Kehren wir indessen»och einmal zu Mademoiselle zurück, die in- zwischen ihre Wirksamkeit einige fünfzehnhundert Meilen westwärts von ihrem ursprünglichen Wirkungskreise an der Bowerst verlegt hat. Es gibt i» Amerika ein geflügeltes Wort, welches namentlich für gewisse Kategorien der Einwandernng seinen tiefen Sin» hat. das da lautet: „go«est, young mau!"(Wende dich westwärts, junger Mann!") ES ist weltbekant, wie sehr dieser Rat von den Männern befolgt wird und gewiß ist es nicht immer die Schuld derer, die ih» nicht befolge», sondern einfach Mangel an Mittel», der die koloiiisationssähigen Kläste im Osten brachlegte. Wenn aber die Männer auswandern, bleibt den Mädchen nichts anderes übrig, als ihnen zu folgen bei Bermeidung ' des Zwangscölibats, zu dem bckantlich ein stets wachsender Bruchteil der europäischen Frauenwelt schon verurteilt ist und es so lange bleiben wird, bis man anfangen wird, den Massenexport heiratsfähiger weib- licher Elemente als eine Pflicht der Humanität zu betrachte». Für ein einigerniaßen spekulatives Frauenzimmer, das eine Untersuchung ihrer Vergangenheit zu scheuen hat, gibt es jedenfalls keinen rationelleren Entschluß, als den, ihre Zelte im Osten abzubrechen und nach dem Lande zu gehen, dessen Bevölkerungsgesez sich ungefär so formuliren läßt: Ter Prozentsaz der weiblichen Bevölkerung in dem riesigen Gebiete zwischen Felsengebirge und Mississippi steht in umgekehrtem Verhält nisse zu der Entfernung des betreffenden Gebiets von den relativ über- völkerten östlichen Landteilen. Man braucht nur die Gesichter verschiedener Farmer auf uusereui Bilde zu beobachten, um warzunehmen, wie tief sie von den unzüch- tigen Geberden unserer Heldin entzückt sind, und wenn Mademoiselle Finette einverstauden ist, wird sie vielleicht morgen schon den Kopula- iionsschein mit einem dieser Halbwilden in der Tasche habe»! Da» Heiraten drüben geht ebenso gschwind wie das ganze bewegte amerika- »ische Leben! Wenn„Pankee Doodle" in die Stadt komt, kann ihm allerlei passiren und was das wunderbarste ist, derartige sonderbare Kreuzungen, wie sie eine Ehe von Mademoi'elle Finette mit eineui westlichen Schweine- und Rindviehzüchter priinitivster Art vorstellen würde, sie mißglücken seltener, wie man glauben sollte, und trage» scblimsteiisalles dazu bei, die Humus-Schicht zu verstärke», welche in allen Fällen erforderlich ist als Basis einer jungen und hoffnungsreichen Civilisation. Noch eine Bemerkung über das Publikum unserer Borstellung. Wie wan sieht, raucht, plaudert und bewegt sich alles in der ungezwungensten Wesse. Der Amerikaner macht es lussnlich, wie in vielen Dingen, so auch hier umgekehrt wie der-Beulschc. Er raucht, trinkt im Teater, wäreud in einer pptstischeu Bersamlung derartige Genüsse strengstens verpönt sind. DaVbciveist doch wol, daß der.Humbug" drüben deimocr nicht in der Weise vorhcrscht, ivie wir europäischen Pharisäer uns selbst einzureden versuchen. Sivv»"- f»**'--- K*) Spiznaine für die Jrländer. t—- Heinrich von Kleist.(Mit Porträt auf Seite 136) ,Lch nenne nämlich Glück nur die vollen lud überschwänqlichen Genüsse, die in dem erfreulichen Anschauen der moraliscken Schönheit unseres eigenen Wesens liegen. Diese Genüsse, die Zufriedenheit unserer selbst, das Bewußtsein guter Handlungen, das Gesül unserer durch alle Augenblicke unseres Lebens, vielleicht gegen tausend Anfechtungen und Verfürungen standhast behaupteten Würde sind sähig, unter allen äußeren Umständen des Lebens, selbst unter de» scheinbar traurigsten, ein sicheres, tief- gefültes, unzerstörbares Glück zu gründen. Und verdienen wol bei diesen Begriffen von Glück, Reichtum, Güter, Würden und alle die zerbrechlichen Geschenke des Zufalls diesen Namen ebenfalls?"— One langes Besinnen beantworten wir diese Frage mit nein! und befinden uns hierin ganz im Einverständnis mit dem Verfasser dieser Definition des Glücks, dem eben so reich beanlagten wie unglücklichen H. v. Kleist, der sein Leben lang dieses Glück gesucht und trozdem an seinem Un- glücke zugrunde ging. So wenig das Glück sich suchen läßt und so launenhaft es sich oft dem Menschen zeigt, so sicher ist andererseits, daß der Mensch selbst sehr viel dazu beitragen kann, um dieses schöne Gut sich zu. erwerben und zu erhalten. Naturen freilich, deren Feuergeist schwer zu bändigen, die mit dem Errungenen nie zufrieden, deren Phantasie in so kühnem Fluge dahin eilt, daß ihre wen» auch noch so bedeutende Schaffenskraft nicht zu folgen vermag und die deswegen schließlich an ihrer Bestimmung zu zweifeln beginnen, werden, selbst wenn sie von dem Bewußtsein erfüllt find, das Gute gewollt und»ach Kräften gefördert zu haben, doch nie- mals voll und ganz in den Besiz des Glücks gelangen können. Zu diesen Naturen kann man nun wol auch H. Kleist rechnen, denn in so hohem Grade er auch alle die von ihm selbst für den Zustand menschlicher Glückseligkeit als notwendig bezeichneten Bedingungen sein eigen nennen konte, den Fond von Zufriedenheit über sich und seine Umgebung, der dazu benötigt ist. besaß er nicht. Und so trieb es ihn denn unltät umher, bis eine kalte, mitleidige Kugel seinem stürmischen Herzen im besten und schönsten Mannesalter die Ruhe brachte.— Nach den meisten vorliegende» Nachrichte» wurde Kleist am 10. Oktober 1776— nach einer gelegentlich der Säkularseier des Dichters geltend gemachten Angabe soll er am 16. Oktober 1777 geboren sein und mit den Vornamen Heinrich Bernt Wilhelm geheißen haben; ob dies richtig ist, konte ich nicht ermitteln— zu Frankfurt a. O. geboren, als ein Glied jener preußischen Adelssamilie, die bereits ihrem Vaterlande eine ganze Anzal tüchtiger Soldaten und einige nicht minder tüchtige Poeten geschenkt hatte. Besondere Anregung zur Poesie hat aber der junge Heinrich in dem damals recht unbedeutenden Frankfurt schwerlich erhalten, höchstens mag das einfache sich dort befindliche Denkmal des an seinen bei Kunersdorf erhaltenen Wunden in Frankfurt verstorbenen Dichters Ewald v. Kleist ihn frühzeitig schon an die Dichtkunst gemahnt haben. Seine Fugend soll ihm im Kreise seiner Geschwister heiter dahingegangen sein. In Geineinschast mit einem Better, der als schwermütig geschil- dert wird, erhielt er von einem Hauslehrer die erste Erziehung und wird von seinem Lehrer als ein mit bewundernngswürdiger AusaffungS- gäbe und warmem Trieb zum Wisse» ausgestatteier junger Mensch ge- schildert, der dabei offen und fleißig, wegen der geringfügigstell Angelegen- heiten aber in Exaltation verfiel. Inwieweit der genante Trübsinn des Betters auf das Gemüt unseres Dichters verderblichen Einfluß geübt, ist wol schwer zu bestimmen, aber interessant genug, um augesürt zu werden, ist unstreitig der Umstand, daß beide einmal später brislich— persöulich sahen sie sich nie wieder— den Entschluß gesaßt haben, eines! freiwilligen Todes zu sterben, welchen Entschluß der Better auch früh- zeitig ausfürte. Beide sollen ihrem von der kleist'schen Familie geschähen Jugendlehrer mit Liebe zugetan gewesen sei». Der Tod seiner Eltern war jedenfalls die Beraiilassnng, daß er im elften Jare nach Berlin kani, wo er dem Prediger Catel zur Er- ziehung übergeben wurde. Aller Warscheinlichkeit nach sollte er den Traditionen der Familie gemäß Soldat werden und so war er denn 1792 in die Armee eingetreten; 1795 wenigstens war er beim Regiment Garde zu Fuß. In dieser Stellung wird er als ein eleganter, lebens- frischer junger Mann geschildert, der sich durch ein nicht unbedeutendes, wenn auch unausgebildeteS, musikalisches' Talent ausgezeichnet habe, oiie Noten zu kennen, Tänze komponirte und in einer aus Offizieren gebildeten Musikbande die Klarinette spielte. Bei dieser Gelegenheit sei auch ein abeiiteuerliches Unternehmen aus seiner Jugend erzält: Eines Tages wird bei einem Berwanten zwischen ihm, einer Schwester und zwei Freunden die Frage ausgeworfen, wie lange sie wol one einen Pfennig Geld in der Welt fortkonimen könten. Flugs ist das über- mütige Völkchen daran und macht den Versuch, indem eS als arme' Leute verkleidet, jeder darunter mit einem Instrumente versehe», aber one einen Groschen Geld, acht bis vierzehn Tage herumzog und sich durch mnsiziren in Dorsschenken und Bauernhöfen seinen Lebensunter- halt verdiente. In dieser Zeit soll auch seine erste Liebe zu einem adligen Fräulein erwacht sein, die aber— man weiß nicht warum— plöz- lich unterbrochen wurde. Wie sehr er von dem unglücklichen Aus- gang ergriffen war. beweist der Umstand, daß er sein Aeußeres ver- uachlässigte, sich von de» Menschen zurückzo und fleißig Philosophie studirte. Kleist hatte uberha upt wärend seiner Miliiärzeit sich ernsthast mit den Wissenschaften besch iftigt und sich zum Studium auf der Universität vorbereitet; er war„immer niehr Student als Soldat" gewesen, wie er in|| einem Brise selbst sagt. Freilich zum Entsezen seines Chefs, deS Ge- 144 nerals von Nüchel. 1798 kam ihm denn schon der Gedanke, seinen Abschied zu fordern, den er dann schließlich 1799 erhielt. Sein Vor- mund und seine Angehörigen waren natürlich ob dieses Schrittes un- gehalten, hielten ihn für zu alt zum Studiren und malten seine Zu- fünft in den schwärzesten Farben. Die guten Leute hatten ebensowenig für ihre gährende Zeit ein Verständnis wie sie es begrei en kanten, daß ein Junker sich einer Gchirnanstrengung unterWersen könne. Sie waren daher auch nicht imstande, den Abtrünnigen von allen Familientradi- tionen durck ihre Schicksalsmalereien von seinem Vorhaben abzubringen. .Nicht aus Unzufriedenheit mit meiner Lage, nicht aus Mangel an Brot, nicht aus Spekulation aus Brot;— sondern ans Neigung zu den Wissenschaften, aus dem eifrigsten Bestreben nach einer Bildung, welche, nach i»einer Ueberzeugung, nicht in dem Militärstande zu erlange» ist. verlasse ich denselben/' So jchxieb er dem einzigen Freund, dem er sich in dieser wichltgen Frage ganz vertrauen konte, seinem Jugend- lehrer, der in seiner Vaterstadt als Geistlicher angestellt war. Glück- lich wollte er werden, sagt er in demselben Brise, dem wir auch den dieie» Artikel einleitenden Passus«ntnomincn haben. Interessant ist in demselben Schriftstück seine Beurteilung des Militarstandes. Er schreibt, nachdem er seinen Lehrer aus einen Bris verwiesen, der ursprünglich für den König bestirnt war, um seine Ent- lassung zu erwirken:„Durch diese Betrachtungen wurde mir der Sol- datenstand, dem ich nie von Herzen zugetan gewesen bin, weil er etwas durchaus Ungleichartiges mit meinem ganzen Wesen in sich trägt, so verhaßt, daß es mir nach und»ach lästig wurde, zu seinem Zwecke mit- wirken zu müssen. Die größten Wunder militärischer Disziplin, die der Gegenstand des Eistannens aller Kenner waren, wurden der Gegen- stand meiner herzlichsten Verachtung; die Oifiziere hielt ich für so viele Exerziermeister, die Soldaten für so viele Sklaven, und wenn das ganze Regiment seine Künste machte, schien es mir als ein lebendiges Monument der Tyrannei. Dazu kam noch, daß ich den üblen Ein- druck, den meine Lage aus meinen Siarattcr machte, lebhast zu sülen anfing. Ich war oft gezwungen zu strafen, wo ich gern verziehen hätte, oder verzieh, wo ich hätte strafen sollen, und in beiden Fällen hielt ich mich selbst für strafbar. In solchen Augenblicken mußte na- türlich der Wunsch in mir entstehen, einen Stand zu verlassen, in welchem ich von zwei durchaus entgegengesezten Prinzipien unaufhörlich gemart.rt wurde, immer zweifelhaft war, ob ich als Mensch oder als Olfizier Handel» mußte; denn die Pflichten beider zu vereinen, halte ich bei dem jezigen Zustande der Armeen- für unmöglich. Und doch hielt ich meine moralische Ausbildung für eine meiner heiligsten Pflichten, eben weil sie, wie ich eben gezeigt habe, mein Glück gründen sollte, und so kuüpjt sich an meine namrliche Abneigung gegen den Soldaten- stand noch die Pflicht, ihn zu verlassen." (Fortsezung folgt.) -flchs äffen OBinfiefn der Zeillileralur. Eine ganz neue Entdeckung hat nach Zeitnngsberichten ein belgischer Lehrer, Herr Cailleux, gemacht, nämlich die, daß Homer— in Brüssel geboren sei. In dem dicken Buche, welches er zum Zweck des Beweises seiner scharssinnigen Entdeckung geschrieben, sürt er auch den Nachweis, daß Troja in England gelegen habe und zwar ungcsär an der Stelle, wo sich heute Cambridge befindet. Nach derfelben Quelle hat Homer seine Jlias und Odyssee nur deshalb in griechischer Sprache übersezt, damit dieselben auch von den abendländischen Völkern gelesen werden kanten, die damals allgemein griechisch gesprochen hätten.— Da hätte sich Schliemann seine vielen Ausgrabungen und der berliner Magistrat sein Ehrenfest nebst Ehrenbürgerdiplom für ersteren ersparen können! y als jede andere die Manung zu beherzigen ist: Prüfet alles und be- haltet das Beste. Man versorgt I> heutzutage mit Gedanten wie mit gären, mit Phraien wie mit Locken: je mehr die Civi isanon steigt, um so gröyer wird die Zal der Leute, mc ihrtn Geist mit fertigen Ideen möbliren, mit erlernten Phrasen. Die Origma nät'lmt ad. die Mittelmäb.gkeit nimt zu. � Charlev Toltfuv. Einen bemitleidenswerten Anblick bie'en oft Künstler und Gelehrte, wenn sie mit den Jaren so derümt wnrden, daß auch die Groüen sie auszeichnen. Wir tennen von ihnen einige, die, wenn sie zu Hoi verlangt werden. stundenlang in kindischer Aufregung zu- br nqe» können mit der Befestigung ihrer Orden und dem Brechen des Auoteus ihrer weißen Halsbinde.,.,_„,..„ Gutzkow, Warnemungen in den„Unterhaltungen am häuslichen Herd. Erziehen heißt: aufwecken vom Schlafe, mit Schnee reiben was erfroren ist, abkülen wo's brent. In gewisier Art lernen wir m hr von den Kindern, als die Kinder von uns Wer ein Auge hat, lernt hier den Me fchen. Wenn die Sonne aufgedl, kann sie der Blick umfasien. Wer kann in sie sehen, wenn's Hochgnvitter ist. Hippel, Lebenslaufe. Niemand spricht von uns in unsrer Gegenwart, wie er von uns in unsrer An- Wesenheit spricht. � Pascal. -- Ack. die Minister sollten die Geburtshelfer de« allgemeinen Woles sein, ab-r leider drücken sie gleich manchen Hebammen den armen Neugedornen zuweilen den Kopf ein oder wenigstens platt. Minister Graf von Benzel-sternau. *** Dem Manne stet es an, zu tun soviel er kann: Was zutun mag das Glück, das liegt nicht an dem Mann. Wenn er das Glück besiegt, wird feinem Mut gehuldigt. Und wenn er untei liegt, so ist er wol entschuldigt. Rückert, Weisirnt des Brahmanen. Lao» tze sagt:„Die Natur des Mens den gleicht fließendem Wasier.®enbe eS gegen Osten, so rinnt es gegen Osten, gib ihm die Richtung nach Westen, so flirtzt es gegen Westen. Die menschliche Natur unterscheidet Gut und Böse ebensowenig, ww das Wasier den Ost n vom Westen unterscheidet." Mencius antwort t:„Wahr! das Walltt unterscheidet nicht zwischen Ost- und West, aber kent es nicht deu Untersch ed von voch und Tief? Tie Menschennatur ist ursprünglich gut. wie daS Wasier von �utur n eder- ivärts rint. Aber wenn du den Lauf des Wasier« hemft. kaust du bewirten, daß es dir bis zur Stirn emporschwillt. Stelle ihm Hindernisie in den Weg. so wird es zu seiuec Quelle zurückstießen, ja. selbst über Berge kamst du es damit füren. Aber ist dies die Natur d-S Wasier«? Nein, es ist Zwang. Uid so kann der Mensch troi semer Natur- anlage zum Bösen gebracht werden Wenn wir etwas Böses begehn, ist eS nicht, weil uns die Fähigkeit zum Guten abgeht. Alle Menschen Häven das Gefül von Da ik und Pietät, alle empfinden Scham und Scheu vor dem Laster. Alle hiben das Geful von Ehrerbietu«g und Respekt, alle den Sinn für Lob und T»del. Dankbarkeit und Lietat sind Menschlichkeit, die Scheu vor dem Bösen ist Rechtlichkeit: Ehrerbietung und Rc pett sind die beste Act der Höflichkeit, daS Gefül für Lob und Tadel ist W isheit. Ehinesische Weisheit. Frucht und Sunt. Targeboten vo» B. Geiser. Unter dieser Rubrik gedenke ich sortan hin und wieder den Lesern der„Neuen Welt" eine Reihe von Lescsrüchten, so wie sie mir dereinst und jezi bei der Lektüre als beachtens- und bewarenswert ausgefallen sind, one besondere Auswal und Ordnung, darzubieten. Es sind Früchte dej Nachdenkens vo» allerlei Schriftstellern— Früchte, welche an dieser Stelle die Ausgabe haben, als Gedankensaal zu dienen. Mögen die Leser eingedenk sei», daß alle Warheit bedingte Warhcit ist, daß man keine Sentenz ans guten Glauben himiemen»»d ansnemen darf in den Schaz seines Wissens und seiner Ueberzeugungen, sondern daß auch hier mehr QWgeGer für SesundheUspffege. Darmstadt, ft. L. Ihr Uebel ist sicherlich ein eingebildeies. Mut ist warscheinlich das einzige, wa« Ihnrn seit.... Breslau. T schier 0. Tie Blaiisüßc mniien Sie Sich Ichon geia'ten lasten; in früherer Jagend hätte mit Gipäverbä den oder Schieneaapparaie» dagegen eingeschritlen werden tönncn. Gegen di»chmerzen tönnen Sie Aasterung von Seniteig oder Blaien- vstaiter»"wenden. Den Senfteig oereilen Sre Sich, indem Sie Senimehi mit derieiben Gewlchltmenge warm-m jBa!er od r ttistg zn einem Brei zusammenrüheen, den Sie al»- dann dick aus ein Stück Leinwand streichen. Wien. Sch— t. Bei unbedeutendeu Berbren nungen genügen talte Umichlage, die diS zum Aushören deö Schmelzest sortzns zen sind. B deutende, ab t nicht we» aust- gedehnte Branowanden behanveit man am beitea durch Auilegang einer Miich mg von Leinöl und Kaikwasser, der man ipäter ginlialbe iotgen lägt. Bei Berbrennunge» von sehr ausgedehriter Wundstäche sind lauwarme Bäder besonders zu empfehlen. QiiedafUjonsKomfponöen;. Hamburg. Frau St. Tie Sitte, da» Har zu pudern, ist nicht so jung, alst Sie annemen. Schon ans der niederüen SuNur iuse findet sie sich in verichiede ler Er« icheinungoiorm vor. Tie Australier und viele Stämme oft- nnd westairitanischer«eger z«.»eben ihr Har mit Harz in«lümpche» zulammen und bestreuen est mit rotem Ocker. Die Südinsulaner puderten sich mit pniverisirlem, gebrautem«alt. der da» Har astmälich hell beizt. Einzelne weslasrilanische Negeruämnie. instbeiondere die stönige der Goldtnfte, benuzten zuerst Goldstaub alst Puder, den sie zuweilen nicht allein m ihr dickest ölgetränltest Har, sonder» auch über de» ganzen mit Talg eingesalbten Körper 1«raffen. L. A. Ter Paragraphder Gewerbeordnung Deutichiandi. welcher allein ans Ihren Fall Anwendung finden tönte, ist der si m. der da lautet:..Bor Ab- lauf der oerlragstmäsiigen Arbeitszeit und one vorherige Auitüudignng tönnen Geiellen und Gehülfen enilaste» werden: 1) weim sie einest Diebstalst, einer Berunireunng oder einest liederlichen Lebenswandels sich schuldig machen; st) wenn siede» in»emäsiheit dest Arbeitsvertragest ihnen obliegenden Verpflichtungen nachziikommen beharlich verweigern; 3) wenn sie, der Perwarnwig ungeachtet, mit Feuer und Licht unvorsichtig umgehen; 4 1 wenn sie sich läliichteiten oder grooe Ehrveriezunge» gegen den Arbeitgeber oder die Mitglieder seiner Familie zu schulden komme» laste»; i) wenn sie mit den Mitgliedern der Familie de« Arbeilgeberst verbotenen Umgang pflegen, oder Mitarbeiter zu Hand- lungen verleiten, welche wider die Geieze oder die guten Sitten Versionen; 8) wem sie zur Fortsezung der Albeit unsähig geworden oder mit einer ansteckenden Krankheit de« hastet sind.— Jnwiesern in den zu 6 aedachte» Fällen dem Entlaffenen ein Anspruch ani Entschädigung zusiehe, ist nach dem Inhalt des Beitragest und nach den allgemeinen geseziiche» Borjchriiien z» deurleilen. Freidura. U. G. Sie sinden die belreffenden Schachpartien in dem bei Weber in Leipzig erschieuene»„Kalechistmust der Schachlpieitunst" von Poniu«. cm- X cR>%lt eil", 5?'"� Ioman von Ferd. Stiller.(Forts.)- P.*. Rosegger. ein echter und rechter Bolksdichter. Volt Manfred Äittich.�(�.chluß.)— Geschichtliche Gespenster, �trelserelen im alten und neuen Athen. Bon K. Kassau. iSchluk.)— Im Dorf \__ 41 TN.» w._ sem. V-. d» Schmied. Eine Geschichte ans dem Elsaß von Dr. Max Vogler.(Forts)- Yankee Toodle in der Stadt. Heinrich v. Kleist. lMil Porträt.)— Aus allen Winkeln der ZciUiteratur: Eine ganz neue Entdeckuna.— Frucht von B. Geiser.— Ratgeber snr Gcsundheitspflege.— Redaktionskorrespondenz. (Mit Jllustralion.) und Saal. Dargeboten Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart.(Neue Weinsteige 23.)- Expedition; Lndwigstraße 26 in Stuttgart. Druck und Verlag von Franz Goldhausen in Stuttgart.