Im Kamps wider alle. Rwimii von Serdinand Stiller. (14. Fortsejung.) Von Liebe wurde so wenig später als früher zwischen ihnen gesprochen. Häßler begnügte sich mit der stillen Ueberzeugung, daß eine grundgelehrte Dame ihm von Herzen geneigt und eigentlich von der Vorsehung für ihn allein bestirnt gewesen sei; und Thiodosia Krause war stolz in dem Bewußtsein, daß es wenigstens einen Menschen gebe, der sie Ivirklich geliebt hatte und bis an sein Ende lieben und verehren würde. Diese zarten Gefüle iu's Praktische z» übersezen, erlaubte dem„Spezcristeir der Gedanke an die verzivcifelte Energie seiner Susanne nicht, und der guten Theodosia verwehrte es ihr sich an der Seite des alten und körperlich gebrechlichen Gatten bis zur Uebertreibung steigerndes Anstandst und Pflichtgefül. Als der Gatte gestorben war, gründete sie das Unterrichts- Institut und war in ihrer neuen Würde fast noch mehr als vorher der Gegenstand höchster Verehrung für den alles Gelehrte mit unbündigem Respekt anstaunenden Traugott Wilhelm Haßler. Man wirb begreiflich finden, daß ihr der Besuch dieses Mannes stets willkommen war, und es hätte sie wirklich schmerzlich de- rührt, wenn sie ihn diesmal nicht hätte empfangen können. Daher war sie dem ihrerseits so hoch verehrten Konsistorialrat für seine Aufforderung, sie möge den Besuch annehmen und für die Freundlichkeit, mit der er von Haßler sprach, von Herzen dankbar— es war ein herrlicher Mann— dieser geistvolle Diener des Herrn. Herr Haßler war etwas verduzt, als er sich grade mit diesem Manne bei der Freundin seines alten Herzens zusammenfand. Er kannte ihn nicht persönlich, aber dem Namen nach— den Konsistorialrat Kölle, den größten und besonders bei allen Frauen ganz außerordentlich beliebten Kanzelredner in B. Seit er nicht mit Unrecht ein reicher Mann genant wurde und in Gabriel einen der vorzüglichsten Menschen erzeugt und erzogen zu haben meinte, hatte sich Haßler Vater das Sichgeniren eigentlich abgewöhnt, aber der ihm eigentümliche blinde Respekt vor allem, was sich ihm als gelehrt präsentirte, machte sich an- gesichts des Konsistorialrats, dem selbst seine Feinde ein bedcu- tendes Wissen nicht absprechen konnten, doch m störender Weise geltend. Der Konsistorialrat schien nun aber einmal heute seinen liebenswürdig-leutseligen Tag zu haben, er enviderte die un- geschickte devote Verbeugung Haßlers mit gewinnender Liebenswürdigkeit und sprach seine Freude aus, Herrn Haßler kennen zu lernen, von dessen ehrenfester Religiosität und kernigem Patriotismus er öfters gehört habe. Frau Theodosia bestärkte den geistlichen Herrn in seiner guten Meinung nach Möglichkeit und erzälte, daß ihr alter Freund Herr Trangott Wilhelm Haßler einen Sohn habe, der ihm an Biederkeit und Frömmigkeit nachgeartet sei, und als Herr Haßler unter vielen Hä-häs, deren Ton man anhörte, wie sehr sich der gute Mann geschmeichelt fülte, alle die Lobeserhebungen bescheiden ablehnen wollte— es wäre das alles nicht so schlimm, sagte er, wenigstens was ihn anbeträfe, sein Gabriel allerdings wäre ein Kerl, wie er im Buche stände,— da entgegnete ihm Frau Theodosia Krause sehr eifrig und mit ivarmer, obgleich würdevoller Bestimt- heit, seine Bescheidenheit sowol als sein wolberechtigter Vaterstolz sprächen besser für ihn, als ihr Ainnd es könnte, aber von Herrn Gabriel Haßler fühle sie sich doch gedrungen, dem verehrten Herrn Konsistorialrat mitzuteilen, dost dieser ausgezeichnete junge Mann schon deshalb ein Muster für die anderen jungen Herren sei, weil er ein eifriger Besucher der Kirche wäre- was ja heutzutage von der jungen Männerwelt— dem Himmel sei es geklagt— sonst fast garnicht mehr gerühmt tverden könne. Der Konsistorialrat stimmte bei, auch den exemplarischen Gabriel kannte er. Er hatte ihn selbst schon mehrmals beim Abendmal gesehen, welches Häßler junior auch tunlichst oft zu nehmen pflegte. Die Religion scheine dem jungen Manne eine Herzenssache im besten Sinne des Wortes zu sein, vermeinte der terr Konsistorialrat, und damit traf er den Nagel auf den opf,- denn Gabriel Haßler freqnentirte die Kirche ausschließlich der vielen jungen Damen wegen, welche allsontäglich in de» Gotteshäusern ihren Staat zur Schau stellten und ihre mehr oder minder hübschen Gesichter, und welche nirgends zalreicher, andächtiger und angeregter, so recht aufgeschlossenen Herzens anzutreffen waren, als wenn der Konsistoralrat Kölle von der Kanzel oder dem Altar seine steinerweichenden Ermahnungs- und Aufrüttlungs- reden herabdonnerte. Jezt schien es dem alten Haßler ersprießlich, auf die Ursache seines Besuches zu kommen. Nachdem er sich die Sache einiger- maßen überlegt hatte, schien es ihm, als ob die Anwesenheit des geistlichen Herrn— dessen Eigenschaft als Schulinspektor er kannte— nur von Vorteil sein könne. Darum sagte er seufzend, er würde wirklich einer der glück- lichsten Menschen sein, wenn ihm alle Mitglieder seiner Familie soviel Freude machten, als sein Gabriel, aber leider, leider— Erscheint wöchentlich.— Preis viertesiärlich 1 Mark 50 Pfennig.— In Heften ä 35 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. doch ha, hä!— er wolle die Herrschaften nicht mit Familien- angelegenheiten langweilen, er müsse eben sein Päckchen Kummer hübsch allein tragen— hä, hä!— obgleich ihm das manchmal — der liebe Gott wisse es— recht schwer falle. Er bekräf- tigte das noch durch einige kräftige Hä-Häs und nahm dann ver- stöhlen und wehmutsvoll eine Prise. Der Herr Konsistorialrat war aber ein sehr teilnemender Mann, daher konnte er sich nicht cntbrechen, Herrn Haßler freund- lich mild aufzumuntern, er möge nur sein Herz ausschütten. Das sei ja grade die schöne Aufgabe der Knechte Gottes, ihren Brüdern in Christo all' ihr Weh und Leid tragen zu Helsen und mit Gottes Hilfe zu erleichtern. Seine ÜNichte, begann Herr Haßler auf diese Aufmunterung hin, die, die hier im Institute bei der verehrungswerten Frau Krause eine so vorzügliche Stellung gefunden, sei— er könne es einmal nicht ändern und auch nicht verschweigen,— auf arge Umwege geraten. Sie wolle mit aller Gewalt einen Ungläubigen heiraten— einen Kezer— einen Menschen, der— es schauere einem Christenmenschen schon die Haut, wenn er so was blos sagen müsse— an nichts, an gar nichts glaube. Er, der Onkel und Vormund, habe sich natürlich gegen so eine Sünde mit Händen und Füßen gesträubt, ja, er und vor allen Dingen sein Sohn, sein guter, wirklich herzensguter Gabriel— hätten sich förmlich aufgeopfert— wären dem Mädel wirklich so liebevoll entgegengekommen— so, na, er möchte es gar nicht sagen, wie. Aber es habe halt alles nichts genüzt, die Friederike sei nun einmal ein furchtbarer Trozkopf— wie die Weiber alle seien— hier lächelte der Konsistorialrat und hustete ein wenig; Vater Haßler merkte, daß er im Eifer der Erzälung einen Bock ge- schössen, hustete auch und hä-häte kräftig dazu und für fort:, wie manche Männer auch. So wäre denn ihm, dem Onkel und Vormund, zum Possen die Verlobung öffentlich angezeigt worden und, wenn nicht ein Wunder geschäh', käm' auch in nächster Zeit schon die unglückselige Heirat zu Stande. Da wäre aber die arme Friederike, seines leiblichen Bruders einziges Mädel, ver- loren, rein weg, für immer und ewig, denn dieser Mensch, Stein heiße er, sei nicht nur gottlos, sondern auch einer von denen, die noch tvärcnd ihrer Bräutigamschaft andern Mädeln nachlausen. Ah dieser Stelle der Berichterstattung konnte sich die Instituts- Vorsteherin nicht eines Ausrufes enthalten, der halb Verwunderung und Entrüstung, halb Befriedigung verriet. „Ist es möglich?" rief sie.„Jagen Sic, lieber, bester Freund. täuschen, Sie Sich da nicht? Dieser Herr Stein sollte es auch mit andern Mädchen halten, jezt, wo er mit dem armen, unersarenen Kinde, Ihrer Nichte, verlobt ist?" Herr Haßler hatte die Pause, welche ihm gcgönt war, dazu benuzt, von neuem eine Prise zu nehmen. Da er sich nun bei diesem wichtigen Geschäft mit Kleinigkeiten nicht gern abgab, sondern vielmehr ganz enorme Ouantitäten eines starkgewürzten Tabakpulvers seinem Riechorganc einverleibte, so standen ihm gewöhnlich und auch diesmal die Tränen in den Augen nach solcher Operation. Er sah daher außerordentlich schmcrzbewegt darein, als er antwortete: „Hä, hä, wenn ich» nicht ganz genau wüßte— ich sagt' es gewiß nicht, hochgeschäzte und liebe Frau Krause— hä, hü ich gewiß nicht." Frau�Krause nickte gleichfalls gerührt, sie wußte ja, daß die treueste Seele von der Welt ihr gegenüber saß. „So z. B.— hä, hä— hat gestern der Stein einer jungen Mamsell fast, hä, hä! die Bude eingelaufen und hat nicht eher geruht, bis sie sich von ihm hat sprechen lassen und ist dann stundenlang bei ihr gewesen." Die Frau Jnstitutsvorsteherin war sehr wißbegierig geworden und zeigte das unverholen, wärend der Konsistorialrat sich nicht rührte und regte, obgleich er von der weitschweifigen Erzälung, die Personen und Verhältnisse berührte, welche ihm völlig gleich- gültig seui konnten, auch kein Wörtchen verlor.— „Unerhört— unerhört— das muß Friederikchen erfarcn," ereiferte sich die würdige Frau Krause.„Aber was muß das auch in aller Welt für ein Mädchen sein, welches die— die Huldigungen eines verlobten Mannes entgegennimt?" „Das Mädchen— hä, hä!— die junge Dame kann ivar- scheinlich garnicht dafür— das, hä, hä! das weiß ich aus allererster Quelle— aber er— der Stein— hä, hä! er läuft ihr nach, er— hä, hä!— er belagert sie förmlich in ihrer Woh- nung und— hä, hä— geht ihr dann nicht vom Leibe- hä, hä!" „Sie kennen den Namen dieser Dame, werter Herr Häßler?" fragte der Konsistorialrat. „Na ob ich den kenn', hochverehrter Herr Konsistorialrat, hä, hä! Ein Fräulein Specht ist's— hä, hä, Fräulein Elfriede Specht." Fräulein Elfriede war stadtbekant und, wie wir wissen, nicht grade von der vorteilhaftesten Seite. Sie war mehr als einmal der Gegeiistand sittlich entrüsteter Unterhaltung in dem Damen- kränzchen gewesen, dessen Präsidentin zu sein die würdige Frau Krause seit langen Zaren sich rühmen durste. Die wackre Dame schlug daher die Hände über dem Kopfe zusammen ob dieser entsezlichen Nachricht. „Fräulein Specht?" sagte sie.„Fräulein Specht— nein, das übersteigt allerdings alle Begriffe. Dieses Fräulein Specht, ver- ehrter Herr Konsistorialrat," die gute Frau war in ihrer Auf- regung ganz außer Atem gekommen und schnappte daher erst ein parmal nach Luft, ehe sie den begonnenen Saz vollendete,— „dieses Fräulein Specht ist eine leichtfertige Person, die zu einem Gottesleugner, wie der Herr Stein, allerdings vortrefflich passen mag, aber-- Frieda— dieses arme Kind, meine gute, kleine Haßler— ja, so ist es, wenn ein Mensch nur einen Schritt vom Pfade des Rechten und Guten abweicht— er kann von Glück sagen, wenn er nicht für Zeit und Ewigkeit in dein unergründ- lichen Abgrunde des Bösen verschwindet."� Den alten Herrn Haßler brachten diese Worte einigerinaßen in Verlegenheit— er wollte was sagen, wußte nur nicht recht was. Da erhob der Konsistorialrat wieder seine Stimme und sie klang ruhig und schlicht, wie man sie nicht oft hörte: „O, meine Verehrte, wir sind allzumal Sünder— urteilen wir nicht zu hart über die Schwäche eines Mädchenherzens— greifen wir vielmehr mit starker hülfreicher Hand zu, um die Strauchelnde vor dem Falle zu bewaren." Herr Haßler Vater nickte äußerst befriedigt. „Ja ivol— hä, hä! deswegen grade bin ich zu meiner ver- ehrten Frau Direktor Krause gekommen— aus mich, ihren Vormund, gibt das Mädel sowieso nichts mehr, dafür hat der»ichts- nuzige Kerl, der Stein, wolweislich gesorgt. Aber— hä, hä! ivenn unsre Frau Krause ihr so recht ins Gewissen— hä, hä! Gewissen redte und ihr klar machte, was das für ein Kerl ist, dieser Stein und daß sie mit dem im Leben nicht in dev Himmel komt, wenn hä, hä! wenn--" Es fiel ihm plözlich ein, daß ihm da wieder eine recht un- glückliche Redensart über die Lippen gepurzelt war, dieweil man im Leben überhaupt nicht so eigentlich in den Himmel komt, er blieb daher stecken und suchte sich durch eine ungewönlich große Dosis Hü-Häs und eine Prise Schnupftabak über die Ver- legenhcit hinwegzuhelfen. Frau Krause erklärte, sie hätte der kleinen Haßler schon öfter warhast mütterlich zu Gemüte gesprochen, hätte ihr all' die furchtbaren Gefaren einer Verbindung, ja selbst einer Bekantschaft mit einem Antireligiösen, eiiieni Freigeist und Heiden so beweglich als nur möglich vor Augen gefürt, sie hätte sogar darauf hin gewiesen, daß sich für Friederike leicht eine andre, viel bessre Partie finden würde. Herr Haßler stinite sehr energisch zu. Eine ganz verdaint viel bessere Partie hätte sie machen können, bestätigte er. Aber wen der liebe Gott strafen wolle, den schlage er eben mit Blind- heit, das wär' nun mal nicht anders. „Wenn man einen soliden und gottesfürchtigen jungen Manu wüßte, der dem Mädchen geneigt wäre," sagte der Konsistorialrat langsam, sein großes Haupt wie in tiefstem Nachdenken hin- und herbewegend. „O, da weiß ich einen, eigentlich mehrere," erwiderte die alte Dame lebhaft,„llnd merkwürdigerweise, hochverehrter Herr und Gönner, ist es grade Ihr Zchüzling, der Herr Kandidat Schmelz, ivelcher eine Neigung zu der kleinen Haßler gefaßt zu haben scheint." „Schmelz— ah— er," schien sich der Konsistorialrat Z» verwundern.„Die junge Dame könte unserin Herrn und Heiland garnicht dankbar genug sein, wenn er ihr diesen Jüngling als Eheherrn zufürte. Eine edle, duldsame, in Warheit gottgefällige Natur, mir einer der liebsten meiner Schüler." Der alte Herr Haßler schien sich in dem Gedanken, daß seine Nichte einen andern als Stein heiraten sollte, riesig zu gefallen. Das wäre das Richtige, sagte er, wenn einer sie dem Stein weg- fischte, und da die Weiber alle wankelmütig ivären--"j Diesmal traf den biedern Haßler ein so vorwurfsvoller, für 183 strafcndcr Blick aus den grauen Augen seiner alten Freundin, daß er sofort wieder stumni wurde. Dafür ergriff die Tarne selber das Wort. Sie sei ganz und gar dieser Meinung, aber leider hätte sie gefunden, daß ihrer lieben Friederike bislang auch so nicht zu raten und zu helfen gewesen sei, sie hätte mit ihr wie eine Mutter mit ihrer Tochter gesprochen, sie zu rüren und zu erschüttern versucht, und ihr dann die lockendsten Aussichten eröffnet; mehr als einmal habe das arme Äind auch die bittersten Tränen vergossen, aber die warhast dämonische Gewalt dieses Stein über das unglückliche kindliche Btädchenherz sei doch so groß, daß troz allcdeni— dem Himmel sei es geklagt!— garnichts mehr auszurichten gewesen sei. Da erhob sich der Herr Konsistorialrat von seinem Size und legte der Jnstitutsvorstcherin, welche sich in die größesle Er- reguiig hineingeredet hatte, seine weiße Hand, die nicht klein, aber so weiß und in Fleisch und Haut beinahe durchscheinend zart war, wie die Hand einer Wachsfigur, auf die Schulter. „Seien Sie getrost, meine würdige Frau, und auch Sie, geehrter und lieber Herr Haßler, der Himmel wird auch hier helfen und die Verirrte auf den richtigen Weg zurückfüren. Der heilige Geist gibt es mir ein, daß ich dazu berufen bin, Ihnen beizu- stehen in Ihren guter Christeuseclen würdigen Bemühungen. Wir werden diese arme Seele retten vom ewigen Verderben. Der Herr wird mich erleuchten und stärken zu diesem Werk— des bin ich gewiß." Tie JnstitutSvorsteherin war so gerürt von diesen Worten, daß sie dem Konsistorialrat fast die Hand geküßt hätte. Herrn Haßler verblüffte und entzückte diese Wendung der Dinge zugleich. Der Herr Äonsistorialrat wollte die Rieke „retten." Das war zwar sehr merkwürdig, aber auch sehr schön. Insonderheit gönte der gute Onkel und Vormund diese Rettung seiner Nichte von ihrem Verlobten beiden von Herzen. Wie der Kousistorialrat dieses gute Werk zustande bringen wollte, darüber machte er sich keine Kopfschmerzen. So'u schwer gelehrter Manu, der am Ende noch viel mehr weiß als Jung-Gabriel, kann alles, wenn er nur will, dachte er sich. Also ivarte nur, Rieke! brumtc er höchst befriedigt, aber ganz leise vor sich hin und nahm noch eine Prise, um sein Behagen hinter seinem roten, großgcblümteu Taschentuche verbergen zu können. Frau Krause glaubte, ihr gemütvoller Freund suche zu ver- berge», daß auch ihm die Weihe der Situation helle Zaren in die Augen getrieben hätte. Sie suchte ihn daher zu beruhigen: das arme Friederikchcn stehe jezt in guter Hand, der Himmel werde ihm, dem gewissenhaften und zärtlichen Bormund, an seiner Nichte„och Freude gewären und Äwhn für seine väterliche Sorge und Mühe. Herr Haßler versuchte nun seiner Freude über die„koloffale Güte" des Konsistorialrats möglichst warmen Ausdruck zu geben; aber dieser ließ sich auf lauge Redensarten und Komplimente nicht mehr ein und lehnte alle Huldigungen entschieden ab. Da- gegen ließ er sich von der JnstitutSvorsteherin genaue Auskunft über die Lebensverhältnisse und die verwantschastlichen und freund- fchaftlichcn Beziehungen Friederikens geben. Als er hörte, daß sie einen Bruder habe, der Student sei und, wie Haßler hinzu- fügte, eine bunte Müzc trüge wie viele von den grünschnäbligen Hausnarren, nickte er befriedigt und stellte die Herrn Haßler auf's höchste verwundernde Frage, welche Farben der Deckel und Rand der Müze zeigten. Herr Haßler wußte nur, daß die Müze blau sei; Frau Krause aber erinnerte sich von einem Besuöye her, den Ernst Haßler vor nicht lauger Zeit seiner Schwester in der Anstalt abgestattet hatte, daß der Rand blau rot-wciß sei; ebensowie das Band, welches der junge Mann über der Brust getragen habe. Diese Mitteilung befriedigte den Herrn Konsistorialrat ganz auffällig. „Das trifft sich gut." sagte er sogar.„Ich möchte Ihnen vorläufig nun raten, Ihre eignen Bemühungen gänzlich einzu- stellen und Fräulein Haßler so wie eine Verirrte, nicht verlezend, aber mit möglichst zurückhaltender Würde zu behandeln. Es handelt sich mir darum, daß dem unglücklichen Mädchen auf diese sehr eindringlich einzurichtende Weise ihr Unrecht zum Be- wußtsein gebracht werde." Die Justitntsvorsteherin fragte, ob sie ihr auch nicht von der Flatterhaftigkeit und Untreue ihres Geliebten Mitteilung machen solle. Auch das hielt der Konsistorialrat nicht für ersprießlich; er habe es anfangs gleichfalls für richtig erachtet, indessen ge- denke er selbst zunächst Nachforschungen nach dem gesamten Lebens- Wandel jenes Herrn Stein anzustellen, ehe er das Gemüt des zu bemitleidenden Mädchens durch eine solche Nachricht beunruhigt sehen möchte. Sei Stein nicht znm Guten zu beeinflussen und sei er eines ursprünglich so gut angelegten Mädchens, wie Friederike Haßler, in der Tat durchaus unwürdig, so sei es Christeupflicht, rasch wirkende, energische Mittel zur Heilung dieses krankhaften Liebesgefüls auzuwende». „Das alles wollen Sie vertrauensvoll meiner Fürsorge über- lassen, Sie nieine verehrte Frau und Sie werter Herr Haßler." So schloß der hochwürdige Herr, indem er beiden Angeredeten seine Hände reichte und sich ihnen empfal. Als Frau Krause zurückkehrte— sie hatte es sich nicht nehmen lassen, den Konsistorialrat bis an die Treppe zu geleiten— so floß ihr Mund schier über von Lob und Bewunderung für den außerordentlichen Mann. Wie herlich hätte er sich heute wieder in der unendlichen Fülle seiner christlichen Nächstenliebe und Hülfs- bcrcitschaft gezeigt für alles, was da leide oder zu sündigen im Begriff stehe! Es sei eben ein einziger Mann— nicht nur ein edler, nein ein warhast großer Mann! Herr Haßler sc», koute das nur bestätigen, umsomehr als er auch' nicht die leiseste Ahnung hatte, was der Konsistorialrat eigentlich nun beginnen und weshalb er sich auf die ganze, ihm doch eigentlich recht fern liegende Angelegenheit überhaupt ein- gelassen haben könte. Christliche iltächsteuliebc— nun ja— hä, hä— das mußte der Grund eigentlich sein und zwar ganz kolossale christliche Nächstenliebe, erklärte der biedere Herr denn auch so recht treuherzig seiner alten Freundin— einen andern vernünftigen Grund säh er in der weiten Gotteswelt einfach nicht für so was. Er, Haßler, hä, hä, liebe seinen Nächsten zwar auch auf christlich wie sich's schicke, aber so total die Angelegenheit eines im Grunde wildfremden Menschen, wie er dem Konsi- storialrat gegenüber sei, zu seiner eignen zu machen, das habe er doch eigentlich noch nicht fertig gebracht, und dabei fei der Konsi- storialrat doch ivarscheinlich noch mehr beschäftigt und in Anspruch genommen, hä, hä, als er. (Fortskzung solgt.) Die deutschen Frauen im Zeitalter der Minnepoefie. Von Manfred Wittich. (2. Fortsetzung.) (Siit �lehung gehörte für die Frauen namentlich Zucht und nie nach höfischen Formen, was jene Zeit moralitag nante. iiTrff'rei!lt'C11 Cannes Hand berührt hatte, durfte die edle Frau cht anfassen. Streng verboten war es, Mannesgewand zu nirh™l Fwst und Scham bestimmen die Wäsche spülende Gudrun wt, den ihr von ihrem Erlöser angebotenen Mantel anzunehmen: »tsS;oll»jemand sehen, daß ich je Mannes Kleider trug!" Das ragen von Hosen war in Irland genügender Schcidungsgrund. . ronner lange anzustarren war natürlich verboten, aber unerläßlich " ooheude» Mann zu grüßen, selbst Kaiserinnen erheben sich ■"j �kssel, tritt ein Mann grüßend in ihre Nähe. In Frank- >,iÄ �rn sogar Damen die Haube ab. Nicht zu groß und i" klein sollen die Schritte sein, leise soll die Frau dahin wandeln, nicht die Augen hin und her flankircn lasse», Geschwäzig- keit und vorlaut Wesen war verboten, bei Tische nebst vielem andern mäßig zu sein in Speis und Trank strenge Borschrift. Nun können wir uns eingehender zu dem eigentlichen Kern und Stein mittelalterlicher höfischer Kultur, zum Frauen- oder Minnedienst wenden. Das Wort Minne, frühe schon einer Wurzel entsprossen, welche eine geistige Tätigkeit ausdrückt, heißt eigentlich lebhaftes Angedenken an den mit Liebe umfaßten Gegenstand. Recht- lich hieß es soviel wie Bündnis;„nach Minne durch Minne" ward stehende Formel für einen Austrag einer Streitsache auf gütlichem Wege. Bei Ankunft von Gästen trank man des Will- komms Minne, beim Gehen derselben des Abschieds Minne. _______-— �■-— 184 Da»» bebeutet dieses Kronjuwel unseres deutsche» Wörterschazes nanientlich das, was wir beute Liebe neiineu, welch lezteres Wort da mals wehr woltuende Freundlichkeit und Ein- pfindnng derselben be- beutet. So hoch stand das Wort Minne im Werte bis 311111 15. Jarhnndert; später wird es sprachlicher Proletarier und kowt nur vor von— Zucht- stieren und ihrer vieh- znchterischenBedentung! Der Franendienst und die Minnepoesie haben ihre Verächter und Feinde. Nicht erst der Fraiienfeind Scho- penhaner erfand das Wort von der„abge- schmackten christlich-ger- manischen Weiberver- ehrung." Grillparzer vergleicht diese Dichter- bliite mit Wasser in Pf ii je 11 und Wagen- spnreu der Landstraße. Aber das viel angefürte Wort Schillers über diesen Gegenstand be- darf einer Richtigstes- lung. Tieck hatte Ueber- sezungeu von Minne- liedern herausgegeben, Über die Schiller fol- genderinaßen urteilt: „Wenn'die Sperlinge aus dem Dache je aus den Einfall kommen sollten, zu schreiben oder einen Almanach siir Liebe und Freundschaft herauszugeben, so läßt sich zehn gegen eins wetten, er wurde ebenso aussehen. Welch eine Armut an Ideen! Ein Garten, ein Banm, eine Hecke, ein Wald und ein Liebehen! Und die Blu mcit, die duften und die Fruchte, die reifen und ein Zweig, worauf ein Bogel im Sonnen schein sizt und singt, und der Frühling, der komt und der Winter, der geht und nichts, was da b eibt— als die lange Weile!" Da- gegen halte ich ein: Tieck versuchte das schwierige Stück Arbeit, die mittelhochdeutschen Lieder iu's Neuhochdeutsche umzuarbeiten als einer der ersten, er der Romantiker; und von den Romantikern hatte Schiller sowie Göthc eben feine war. Wichtiger ist für uns das Urteil Schillers über die ganze sonderlich hohe Meinung, namentlich fürchtete elfterer die reli höfische Kultur aus einem Bris an Freund Wolzoqen nach der giöse Reaktion, die ja in zalreichen Uebertritten zum Katholi- Lektüre des Ariost:„ich habe den angehenden rasenden Roland zisiiius seitens verschiedener Romantiker klar an den Tag gelegt gelesen." Oder eine andere Brifstelle:„Gebt mir Märchen und -- 1«5 Zs Ul c 3*0 Rittergeschichten" Oder vom 7. Juli 1788:„er habe die Ruine mittel aller Art kennte! Schiller Halle man also lieber den Blankenburg gesehen und ivolle einen ganzen Tag, sich in die Freunden mittelalterlicher Äunst und Poesie nicht mehr entgegen; Ritterzeiten hineiinuträumen. Wie würde er sich jezt gern hinein- den unheilbaren Frauenhassern können wir freilich nicht helfen, träumen, wenn er unsere heutigen Verösfentlichungen und Hilft- sondern sie nur mitleidig bedanern, denn literarische Grunde würden da doch nicht Helsen, wo das Leben und die fünf ge- funden Sinne nicht zu helfen vermögen. Die Minne zwischen Ritter und Frauen war der Glanzpunkt der Höfischheit, hier konnte der Ritter als Mannesidcal, hier die edle Frau als Frauenideal glänzend zur Geltung kommen. Es komt auch zum Ausdruck bei den Dichtern, daß die Minne der Brennpunkt alles Schönen und Edlen sein sollte, was die Zeit kannte, das höchste Heil, was dem Menschen widerfaren kann. Walther von der Vogelweidc singt: „Minne ist ein gewönlich Wort Und in der Tat doch nicht gewönlich: das ist so: Minne ist aller Tugend Hort Liebelos wird nimmer mehr ein Herze sroh Seit ich diesen Glauben habe, Frau Minne, Freuen sich meine Sinne Sollt mein Trost vergehen, das war' schlimme Gabel" Als mächtig waltende Göttin wird die Minne von demselben Sänger auch gefeiert in dem Vers: „Wer gab dir, Minne, die Gewalt, Daß du doch so gewaltig bist? Du zwingest beide, jung und alt Dagegen rettet keine List." „Die Minne ist ein so seliges Ding," singt Gottfried, der Dichter des Hohenlieds der Liebe: Tristan und Isolde, „Daß niemand ohne ihre Lehre Weder Tugend hat noch Ehre." Reimar von Zweier nennt Minne das beste Wort, eine Ver- goldung des Unedlen, einen Schaz über alle Tugend, ein Schloß des Geistes, das gute Werke hütet und verschließt, sie ist Lehrerin reiner Sitten, der Keuschheit und Treue Hansgcnoß, den Thoren flieht sie und gesellt sich zu den Weisen, Ehre, Treue und Scham stärkt die Minne, sie ist das edelste in der Welt, dem nur das Weib sich vergleichen läßt. Dem entsprechend wird denn auch die Frau als der Schöpfung Ärone vielfältig gefeiert. Am hellsten und vollsten singt ihr Lob der Nachtigallen Meisterin, Walthcr von der Vogelweide: „Durchsüßet und geblümct sind die reinen Frauen; Es ward nie nichts so wonnigliches anzuschauen In Lüsten, aus Erde», noch auf allen grünen Auen; Lilien, Rosenblumen, wo die leuchten Im Maientraum durch das Gras und kleiner Vöglein Saug, Das ist gegen solche wonncreiche Freude krank. Wo man eine schöne Franc sieht, das kann finstern Mut erleuchten Und löschen alles Trauern zu derselbe» Stund. So lieblich lachet in Liebe ihr süßer roter Mund, Und Strahlen aus spielnden Augen schießen in Mannes Herzens Grund." Und an einer andern Stelle: „Gott hat gehöhrt und gehehret reine Frauen, Daß man ihnen wohl soll sprechen»nd dienen zu aller Zeit. Des Welte» Hort mit wonniglichen Freude» lest(liegt) An ihnen. Ihr Lob ist lauter und klar. Man soll sie schauen; Für Trauer und für Ungeinüte(Unmut) ist nichts so gnt Als anzusehen eine schöne Frauen, wohlgemut, Wann sie aus Herzensgründe ihrem Freund ein lieblich Lachen Ihm." Oder ferner: Wer verhohlne Sorge trage, Der gedenk' an ein gutes Weib, er wird erlöst Und gedenke an lichte Tage, Ter Gedanke war von je mein bester Trost. Wir würden die Geduld unserer Leser allzustark in Anspruch nehmen, wenn wir den Reichtum unserer Frauenlob singenden Richtung veranschaulichen wollten durch eine Blumenlese ein- schlagender Stellen. Höchst erfinderisch waren die Sänger in Kosenamen ihrer Geliebten. Sie nennen sie: Lieb, Herzenslieb, Königin über Leib und Gut, Herzenskönigin, meiner Freude Oster- tag, süße Rose, Lindendolde, Maienblüte, meines Herzens Klee, mein Znckerkräutlein, mein Gold, mein Hort und Edelstein meiner Augen Spiegelglas, mein Herzblatt und wie die holden' Worte des Lexikons alle lauten. Durch gesellige Aufmerksamkeiten im Palast, auf der Haide, bei der Jagd suchte der Minnende zunächst die Gunst seiner Dame zu erobern, nachdem er hicdnrch oder durch tapfere Taten schon ihre Aufmerksamkeit zu erregen gesucht hatte. Gelang ihm dies, so trat er zu ihr in ein Ver- hältnis änlich dein des Vasallen zu seinem Lehnsherrn, trug ihre Farben und versprach ihr, immer„treu, hold und gewärtig" zu fein. Ihr zu Ehren tat er seine tapften Taten, verstach er seine Speere, verschenkte er sein Geld an das Volk und an die faren- den Sänger, Spielleute und Gaukler, nahm er das Kreuz zur heiligen Kricgsfart in's gelobte Land.- Ünd anspruchsvoll waren die mittelalterlichen Schönen! Von den sonderbaren Launen seiner Herrin weiß namentlich der Tann- hänser ein Lied zu singen. Er soll ihr den Salamander bringen, die Rhone bei Nürnberg fließen lassen, die Donau über den Rhein schwingen. Wenn der Mäuseberg wie Schnee zerrint, will sie ihm seine Treue lohnen, er soll ihr ein Haus aus Elfenbein auf einen See bauen, aus Galiläa(!) den Berg bringen,»vorauf Herr Adam saß, sie will den heiligen Gral, die Arche Noahs, und mehr dergleichen Unmöglichkeiten. Kein Wunder, daß manch solch armes Minnerlein abmagerte und wirklich zu einem Ritter von der traurigen Gestalt ward. Der verrückteste unter diesen wunderbaren Heiligen ist Ulrich von Lichtenstein. In früher Jugend nähert er sich einer Dame und begeht ihr zu Liebe und Ehren tausend alberne Streiche. Seine zu dicke Oberlippe läßt er sich abschneiden, weil sie ihr nicht gefällt, er trinkt ihr bei Tafel gebrauchtes Waschwasser, läßt sich einen zerstochenen Finger abhauen und schenkt ihn ihr, da vorher die Wunde nicht erheblich genug erschienen, ja, ekelhaft zu be- richten, er mischt sich unter die Aussäzigen, um sie— vergeblich zu erwarten, wenn sie diesen Gaben spendet. Ein anderer ebenso vollständiger Narr ließ sich einen Finger- nagel abreißen, um ihn seiner Dame zu verehren. Ein dritter wieder umnähte sich, da seine Dame Loba hieß, mit einem WolsS- balg und ließ sich zu Ehren derselben beinahe von den Hunden ihres Hofes in Stücke reißen. Diese Minnetoren hätten den Spruch Sir Watther Raleighs beherzigen sollen: Gib nie dein Herz verloren Wo sich keins wieder gibt; Ter Mann zält zu den Toren, Der unerwidert liebt. Wir schmücken und verschönern Der Mädchen Herz und Haupt, Doch nianches Herz klingt tönern, Das wir von Gold geglaubt. Vernünftiger, meint Herr Steinmar, es sei eine alte Mähr, daß ein Minner ein Märtyrer sei, dazu verspürt er aber keine Lust noch Anlage und besinge von nun an lieber den Herbst, der ihm dafür zehnerlei Fische, Hühner, Gänse, Schweine und Wurst schenken solle. Der Minner war vor allem zur Verschwiegenheit verpflichtet und durste sein etwaiges Glück nicht merken lassen, daher richtet sich der ganze Zorn der alten Dichter gegen die Aufpasser, die Merker, welche ihre Damen in strenger Hut hielten. Damit hängt die Geheimhaltung der Besuche zusammen, welche der Liebende seiner Herzkönigin macht. War doch die Minne nicht immer die Einleitung zur Ehe, sondern oft ward der Dienst einer verheirateten Frau gewidmet. Und so war die Scheu vor den Merkern nicht immer die jeder zarten Liebe eigene jugendliche Schüchternheit der ersten Neigung, sondern die Furcht der Sünde! Und das ist der Wurm, der in dieser Rose der Romantik sizt. Andrerseits freilich war das ganze Spiel oft auch nur äußerliche Cercmonic und Modesache, zu der nicht selten die Gatten der verehrten Frau dem Minncdiener ihre förmliche Einwilligung gaben.� Freilich ging die Sache manchmal auch höchst tragisch aus. So ließ Raimond von Roussillon dem Verehrer seiner Frau den Köpf abhauen, das Herz ausreißen und sezte dieses gebraten seiner� Gattin vor. Nach diesem gräßlichen Mahl zeigte er ihr das Haupt ihres Galans und sagte ihr, was sie eben für eine Speise genossen habe. Darauf erklärt jene, daß dieses Gericht so lieblich geschmeckt habe, daß fortan keine andere Speise ihre Lippen berüren werde. Wütend ergreift der Graf sein Schwert, aber seine Frau eilt auf den Balkon und stürzt sich in die Tiefe. Alle Liebenden der Gegend aber wassnen sich auf die Kunde von dem schrecklichen Ereignis und zerstören die Burg deS Grafen, dessen Lehnsherr Alfons von Aragon cntsezt ihn seiner Besiz- tümcr und läßt ihn im Gefängnis sterben. Kenzeichnend ist, daß der Rächer semer Ehre das unsittliche Verhältnis, welches seine Schwägerin unterhielt, unterstüzte, wie denn schon damals ebenso wie heute Moral mehr von den Frauen gefordert als von den Männern geübt wurde. Die Notwendigkeit von nächtlichem Besuch vor Tagesgrauen zu scheiden schuf eine eigene Liedergattung, die sogenanten Tage- lieber, in denen mit heißer Glut des Abschieds bittres Weh be- Inngen wird. Wie in Shakespeares Romeo und Julie die le�tere klagt, als der Geliebte der Vögel Singen hört: 187 Willst du schon geNi? Ter Tag ist ja noch fern; Es war die Nachtigall und nicht die Lerche, so wehklagt die Dame bei Wolfram von Eschenbach: „Weh!" begann sie„Tag! Wild und Zahm erfreut sich dein Und sieht dich gerne: Ich nur nicht! Wie soll es mir ergchn? Nun mag nicht länger hier bei mir bestehn Mein Freund, ihn jagt von mir dein Schein! Der Tag gewaltig durch die Fenster drang Die Läden sie verschlossen, Doch half es nichts, groß Not ward ihnen kund. Ter Freund die Freundin fester an sich zwang, Viel Tränen ihr entflossen. Aus beide Wangen. Also sprach ihr Mund: „Zwei Herzen und ein Leib sind wir Gar unzertrenlich. Unsre Treue wandert Hand in Hand. Wie schnell dies große Heil uns auch entschwand: Du kinnst zu mir zurück und ich zu dir!" (Schluß solgt.) Im Vors 1 Eine Geschichte aus dem Der Hochzeitsschmaus fand in der„goldenen Traube" statt. Neben dem alten Hegmar saßen Jakob Barthold's Eltern, und die hüben stießen mit denen von jenseits des Rheins auf gute Freundschaft an. Helene aber drückte das Gesicht von Jakob's greiser Mutter zärtlich gegen ihre Wangen und versprach, ihr eine gute Tochter zu sein,— es ivar war, das Har der Alten hatten Silberfäden reichlich durchbogen, und auch ihre stillen, srenndlichcn Züge zeigten noch die Spuren von Kummer und Harm,— aber auch aus ihren Augen lachte jezt das Glück. Noch sehlte Marei. Auch sie hatte zu der Festlichkeit herüber- kommen sollen; aber schon war nian über eine Stunde aus der Kirche heimgekehrt, und sie blieb noch immer aus. Als der Meister gegangen war, um die Braut zur Trauung abzuholen, und aus dem silbernen Weihkessel neben der Tür zur Weihe für den ernsten, bedeutungsvollen Gang sich die Stirn besprengt hatte, da ivar sie still am Tisch in der Mitte des Zimmers gestanden und hatte ihn mit feuchten Augen angesehen. Als er jezt herüberkam, um sich nach ihr umzuschauen und sie ins Hochzeitshaus zu holen, fand er sie in der Küche, über den Herd geneigt, das Haupt in beide Hände gestüzt und tränennbcrströmten Gesichts vor sich hin- starrend. Er wußte nicht, was ihre Traurigkeit bedeuten sollte, und konte nur annemen, daß sie etwa fürchte, nun, da er sich verheiratet, das Haus verlassen und sich einen anderen Dienst suchen zu müssen. In dieser Meinung sprach er ihr, selbst in- Witten seiner Freude fast wehmütig gestimt, sie so fassungslos zu sehen, Trost zu, indem er ihr sagte, daß sie an ein Verlassen der schmiede nicht zu denken brauche, vielmehr so lange in seinem Hause bleiben könne und solle, wie sie nur Lust dazu hätte. Bis !>e es ihm nachtun und auch zu zweien leben möchte,— sezte er scherzhaft, um sie aufzuheitern, hinzu. O, er aänte mcht, wie tief er ihr mit diesen Worten ins Herz schnitt!... Nun hatte er endlich davon gesprochen, was sie so lange still bei sich bedacht, was sie jeden Tag von ihm zu hören gehofft, nun hatte er ihr heimliches Sinnen und Empfinden gestreift,— freilich in ganz anderer Art, als sie es erwartet. Und nun nam er endlich auch wre Hand, um sie unter dringenden Worten aufzufordern— zum ®an9 zur Hochzeitsfeier, die er hielt mit einer anderen. Und bA er nicht nachließ, sie zu bitten und sie immer wieder seiner srenndlichen Gesinnungen gegen sie zu versichern, trocknete sie endlich ihr Gesicht und folgte ihm ins Haus der Braut hinüber. 6reilich ftoh auszuschauen und sich mit dem Meister zu freuen. vermochte sie nicht. Aber sie dankte ihm doch im Stillen, daß he bleiben durfte und sagte sich, daß er sie so bald nicht los- werden würde,— nein, nie, nie,— daß sie in der Schmiede, in lewem Hause bleiben wollte, bleiben bis zun, lezten Atemzuge, weil sie's nicht anders vermocht hätte, weil sie's mußte:— •die Liebe hört nimmer auf"........ Em parmal hatte sich das Jar seitdem gewendet. In der «chmiede herschte ein trantes Familienleben; die greisen Eltern des Meisters hatten hüben im Masgau bei dein Sohne dauernd Wohnung genommen, und die brave Marei, die nun voll zu- vieden war, das Glück des jungen Pares beobachten zn können, >wgte längst Helenens ersten Buben, der Großmutter höchste �ude. auf dem Arm.„ p � r.. Es war wider ein Sontag. diesmal im August.—Derselbe an welchem sie vor dem Altar ein Par geworden. Sonnen- Zein und Blumendufl und Bogclgesang lockte auch heute hinau» "es in Jakob Barthold schucU den Wunsch wach, diesem Tag Wickler Eriunerung mit seiner jungen Frau durch einen gemein- er Schmied. Elsaß von Mar �ogker.(Schluß) schaftlichen Lustgang noch eine besondere Weihe zu verleihen. Die leztere stimte sogleich herzlich bei, und am Nachmittage wanderten sie, Marei und der Großmutter die Sorge um den Kleinen über- lassend, hinaus. In den sonnigen Gärten dufteten die Magnolien und Oleander, und an den traubenschimmernden Rebhängen, über den grauge- fiigten Mauern, nickte der rote Mohn, zwischen dem niederen Gesträuch am Wiesenrand leuchteten blühende Heckenrose», und dunkle Brombeer und volle, glänzende Hagebutten neigten sich über den Bach, darin die glatten, schnellen Forellen schlüpften und spielten, kein Hauch, kein Lüftchen regte die Tannenzweige und Buchenkronen,— die Welt war still und lag wie in seligem Traum. Die beiden gingen denselben Weg bergauf, den der eine von ihnen einst eines blauen Oktobertags, tiefstes Weh im Herzen, einsam gewandelt; es war auch heut so ruhig und wonnesam im Wald, wie damals, nur lag jezt die Luft heißer und schwül darüber, und sie mußten oft stehen bleiben, um tief aufzuatmen und sich den Schweiß von der Stirn zu trocknen. Sie redeten mancherlei zusammen,— vom Jezt, vom Einst. Wie hätte es nicht vor allem die Gedanken des Meisters in vergangene Tage zurückziehen sollen, da er hier über die knorrigen Baumwurzeln, zwischen den epheuüberrankten grauen Steinen hinschritt,— ivie dort wieder die Lichtung sich öffnete und der schmale Pfad auf den umwaldeten Bergvorsprung hinausfürte, wo er damals im hohen, braunen Haidekraut gesessen, ins tiefe Tal hinuntergesehen und in Duft und Sonnenglanz so Wundersames vor sich hinge- träumt?— Er fürte Helene den schmalen Weg empor; aber die heiteren Sonnenlichter hatten mit einemmale aufgehört, zwischen das grüne Laubwerk hereinzublizen, und als sie aus dem Walde hinaus- traten, sahen sie, daß sich am Himmel graue, gewitterdrohende Wolken zusammengezogen. Und schon klang ans der Ferne dumpfes Rollen und leuchtete es ani Horizont in schnellen Zuckungen grellen Lichtscheins auf,— die Luft war auch gar zu schwül ge- wesen und das Unwetter jezt allem Vermuten nach in raschem Anzug. Es wärte nicht lange, als schwere Tropfe» fielen, die sich in immer schnellerem Fall vermehrten und verstärkten und sehr bald einen dichten Regen einleiteten. Mit einem kurzen Blick zur Seite zog Jakob Barthold die junge, schöne Frau noch fester an sich und fürte sie durch das halbzerfallene Tor der alten Trümmerburg, die in ernstem Schweigen hier oben lag, hinein. Ueber den Schutt und das zerbröckelnde Gestein des ersten Hofs eilte er mit ihr in jenen zweiten, weniger wüsten Raum hinüber, wo jezt der strömende Regen in den tiefen Brunnen neben der Linde nicderrauschte und laut auf die breiten Simse der Rund- bogenfenster zur Seite ausschlug. Und nun hatte er sie, vor dem Unwetter geborgen, schon in die stille, noch wolerhaltene Kapelle hineingezogen, wo er an jenem leid- und freudvollen Tag vor dem Bildnis des Erlösers in Sehnen und Bangen gekniet und — geweint. Und wie nun draußen der Regen plätschert und rauscht, er- zält er ihr, was an dieser Stätte sein Herz durchbebt und durch- ivogt. Sie hebt die dunklen, glutvollen Angen zu ihm empor und hat schon wiederholt die Lippen halb geöffnet, um zu sprechen, — aber er läßt es nicht geschehen und redet, ihre Rechte fest umklammert haltend, von lebendiger Erinnerung gedrängt, weiter, bis er alles gesagt, was sein Herz in dieser Stunde zum Aus- druck zu bringen verlangt. Endlich hat er geendet, und nun schlingt sie im zärtlichen Drang ihres Gefüls die Arme um ihn 188 und neigt, süßen, bittenden Blick in den schönen, großen Augen- sternen, ihren Mund zu dem seinen, so stehen sie an ihrem Hoch- zeitstage in seligem Umarmen vor demselben verwitterten Stein- bild, das in jenen Augenblicken, von denen er ihr soeben Kunde gegeben, aus ihn herniedcrgeschaut, und draußen fallen die lezten, schweren Tropfen des ausströmenden Regens mit metallenem Klang auf das Gestein und in den Brunnen im Hofe hinab, daß es in die stille, einsame Kapelle hereinhallt Ivie leises, geheimnisvolles Glockengeläut.... Der Ziegen hatte nur kurze Zeit angehalten, und zu deni gefürchteten Gewitter war es nicht gekommen. Als die beiden hinaustraten, lachte wieder blauer Himmel über ihnen und die Sonne schien hell und glizernd daraus hervor. Nur drüben über'm Tal, an den übereinanderanssteigenden Bergen, hing es noch wie ein grauer Schleier dunkler Wolken, selten noch zuckte es flüchtig darin auf, und ein leises, gedämpftes Rollen des Donners verhallte fern hinüber. Im Walde aber begann es berauschend zu duften, silberne Perltropfen glänzten im blizenden Sonnenlicht an den erfrischten Blättern, fröliches Vögelgeflatter rürte die Zweige, und schallender Reigen munterer Lieder brach unter allen Wipfeln los. Helene hatte das Kleid geschürzt und den Stroh- Hut vom Haupte genom- inen, als sie nun über den feuchten Waldboden langsam weiter zur Höhe stiegen; auch in ihrem Herzen regte sich's immer fteudiger und seliger, und heiteren Auges in die glänzenden Laubkronen aufsehend, tönte es plöz- lich frölich aus ihrer Brust herauf. „Mein Liebster ist im Dorf der Schmied, Und ich bin seine Frau"— begann ihr Lied, und er hatte kaum die ersten Töne vernommen, da für er in seligem Entzücken zusam- mcu und sah sie mit ver- klärtcm Schimmer im glän- zenden Auge au und drückte das herliche Weib laut aufjubelnd leidenschaftlich Btelodie, die er selbst so bei munterer Arbeit am Indische NSuber.(Seite IM.) an seine Brust. War's doch eine jift auf frölicher Wanderschaft oder Schmiedseuer gesungen, ein trautes, liebgewonnenes Lied, das zu manchen Stunden über seine eigenen Lippen geströmt. „Siehst du, Helen', du hast die deutschen Lieder nicht ver- gcsseu können, und nicht war, du magst sie leiden?"— sagte er in freudiger Rürung, nachdem sie dann mit einer hellen, reinen Stimme, die weit, weit in den grünen, duftigen Wald hinein- schallte, das Lied zu Ende gesungen und er von seinem seligen Ueberraschtsein einigermaßen wieder zu sich selbst gekommen ivar. Sic antwortete nichts; aber über ihre Wangen flog ein jähes Rot, sie zog seinen Arm dichter au sich heran und nickte ihm beredt in dw Auge». Run waren sie ans die freie Berghöhe hinaufgekommen. Es breitet sich ein weites Plateau droben; wellige Pflanzendecke zieht sich ulit kurzen, dünnen Halmen drüber hin, weißblühendes Erica-Gcstrüpp und rotes Haidekraut wieder dazwischen, da und dort schaut die gelbe Gentiana, die Bergarnica und die schwarze Lonicera draus hervor. Der warme Sonnenschein und leis streichende Luft hatten den Boden schon fast abgetrocknet, noch mehr aber die kahlen, schwarzen Steinblöcke, deren auch auf dieser Höhe einige zu finden sind. Drunten dehnt sich, nach dem warmen Regen von webendem Duft, der ans allen Talspalten heraufquillt, überwallt, das weite Land.— in der Tiefe die große, glänzende Ebene des Rheins, zur Linken die dunklen Rücken des französischen Vogesengebirgs, die sich immer höher und höher übereinander emporzütürmen scheinen und wie die Luft sich allenthalben inälig zu klären be- gint, da leuchten aus dem Süden auch die weißen Spizen der Schweizeralpen auf und drüben über dem Rheinstrom in tiefem Blau die breiten Berge des Schwarzwalds. Es spante sich just ein herlicher vollglänzender Regenbogen hinüber, als wolle er das Land diesseits und jenseits mit farbenschimmerndem Band zusammenhalten, und in Jakob Barthold's Augen blizte es, wie er» sah, freudig auf. Sie saßen beide nebeneinander auf einem der Steinblöcke, und der Meister hatte unverwant über die weite Ebene nach dem majestätischen Ausbau seiner heimischen Berge binübergeschaut. Jezt legte er hastig seinen Arm um Helenens Nacken und wies auf die fernen Höhen und den Regenbogen, der sich auf sie niedersenkte, hinaus. „Schau, schau, Helen'!" rief er froh und feierlich zugleich. „Der Friedensbogen,— wie schön er leuchtet und sich von uns htnüberspant!... Ja, ja, der Herrgott will's,— wär's nicht gut, wenn die hüben und die drüben sich alle in einander schicken möchten, daß kein Groll und kein Zank,— kein Kampf und Krieg je mehr zwischen ihnen?" ?luch Helencns Augen blizten, wie sie auf das herliche Farben- spiel hinsahen. Auch sie war tief von dem überraschend schnell sich darbietenden, wundervollen Anblick ergriffen, und minutenlang vermochte sie nichts zu sagen. „Ja, ja," kam es dann ernst und bedachtsam von ihren Lippen,„ich hab's oft still bei mir überlegt, was der Holzbauer— weißt du, damals, kurz nach Weih- nacht, da dich der Kolin so hart anging- gesagt: daß wir alle Menschen- kinder sind, über denen dieselben Sterne ihren Gang halten, und über die sich ein Himmel spant, — wollt» Gott, daß man's allorts bedächt?" Sie sagte es so mild und weich, und es ivar kein Zweifel, der Wunsch kam ihr aus innerster Seele lierans. Jakob Barthold sah sie wieder selig an und bog, auch jezt noch den Arm um ihre Schultern gelegt, sein freudig aufleuchtendes Antliz tiefer zu dem ihren hinab. „Hast Recht, Herzenslieb," sprach er zärtlich nnd wieder mit einer gewissen Feierlichkeit. Wollt's Gott, daß es war werd': — Friede auf Erden und den Menschen ein Wolge- fallen!" Da hob das junge, schöne Weib plözlich das Haupt und blickte mit fast schalkhaften Ausdruck ihres blühenden Gesichts kurze Weile zu ihm empor. „Weißt, Jobbi, mein Schaz," sagte sie innig,„ich Hab' heut Morgen'was g'funden in Meister Elsinger's Kleiderspind— ein Buch,— ich fand's im Rock, der von ihm noch droben hängt,— „Gedichte von A. von Lamartine, ins Deutsche übertragen", stand auf dem Titelblatt. Und da blätterte ich im Büchlein und fand ein seiden Band dazwischen, das wies auf ein Gedicht, das mir zu Herzen sprach und sehr vernünftig schien. Willst» hören?" Und er sah sie neugierig an und nickte. Da für ihre zierliche Hand rasch in die linke Tasche ihres Kleids und zog ein schmales, hübsch gebundenes Buch hervor. Das grünseidene Band zeigte ihr rasch, wo sie ihr Gedicht zu suchen hätte— sein Arm war zärtlich um ihren Nacken gebogen, er sah niedergebückt m>t ihr in das von blizenden Sonnenlichtern umspielte Buch, das sn' auf ihrem Schoß hielt, hinein, und immer heller nnd freudiger leuchtete es ans seinen Zügen, ivärend sie mit ihrer wolklingendc» Stimme laut und ernst, fast andächtig las: „O rolle stolz und frei, zieh' deines Wegs gelassen. Du Nil des Occidenls, Nationenbecher Rhein, Und schwemnie mit dir fort den Ehrgeiz und das Hassen Der Völker, die geschart sich deiner Woge sreu'n! Roll hin, frei und beglückt! Der Gott, der deine Wellen .voch im Gebirge schlug aus Gletscher und Gestein, Lieg deinen Tropfen nicht zum mächt'gen Strome schwellen, Dag er entzweie,— nein, daß er verbinde, Rhein!".... � i 189 Die Religion der Vergangenheit und der Zukunft. Von Dr. A. Israel. (3. Fortsezung.) 11. Kapitel. Heidnisches und Christliches in Goethe. Ein weiterer damit zusaminenhängender Zug der Goetheschen Muse ist die gesunde, feigenblattlose Sinnlichkeit, wie sie sich z. B. mit klassischer Pracht in den romischen Elegien osseubart. Man könte geneigt sein, diesen Zug mit der spinozistischen Etik unvereinbar zu finden. Mit Unrecht! den» die spinozistische Etik predigt keines- Wegs die Verachtung der Sinneulust; sie lehrt blos die Herr- schaft der Vernunft über die Affekte, die Zügelung der Sinnlich- keit, daß sie nicht ausarte und die Glückseligkeit gefärde. Die Entsagung, welche der Spinozismus fordert, ist nicht die ab- solute Abkehr von den sinnlichen Freuden, es ist nicht die weit- feindliche schopenhauersche Abstinenz, sondern die sokratische Frei- heit und Unabhängigkeit des Geistes von der Despotie der Sinn- lichkeit, die des Sokrates Schüler, der Cyrenaiker Aristipp, treffend »>it dem weisen Bonmot kennzeichnete:„ich habe, aber ich werde nicht gehabt.* Wer aber aus dem Leben des Philosophen, das ein Muster von Mäßigkeit im Lebensgenuß war, den Schluß ziehen wollte, daß sich Sinneufreude mit dem Spinozismus nicht verträgt, den wollen wir auf folgende Stelle der Etik verweisen: »Der Weise genießt daher die Dinge und erfreut sich an ihnen soviel als möglich(nicht zwar bis zum Ekel, denn das heißt nicht sich er'reuen.) Der Weise, sage ich, erfrischt sich an mäßiger und angenehmer Speise und Trank, sowie an Geruch und Lieb- lichkeit der Pflanzen, an Kleiderschmuck, Musik, Fechterspiclen, Teater und andern dergleichen, welche jeder one irgend eines andern Schaden haben kann.*(Aach Auerbachs Ucbersezung.) »Warlich, nur ein düsterer und trübseliger Aberglaube verbietet, nch zu erfreuen." � Goethes Leben zeigt am schönsten, wie man Sinnlichkeit mit Sittlichkeit harmonisch vereinigen, ja die Vollkonimenheit des Geistes durch die leiblichen Freuden fördern, die Flamme des Genius mit sinnlichen Libationen nähren kann. Diese sinnenfreundliche, genußsteudigc Seite der Goelheffche» Dichtung ist vorzugsweise das, was man das Antike oder Heid- uische an derselben genant hat. In der Tat hebt sich die antike Aichtuug dadurch ganz besonders vorteilhaft von der Mittelalter- lichen ab, daß sie das Fleisch nicht perhorrescirte, sondern in der Sinnlichkeit ebensosehr die Bestimmung des Menschen erblicfte, wie in der geistigen Veredlung; wenn sie ihr auch mitunter zu großen Spielraum einräumte. Darum ist auch der antiken Sinn- lschkeit die Frivolität sremd, welche erst mit der Zwietracht, die eine spatere Zeit zwischen ihr und der Sittlichkeit stiftete, sich ihr an die Ferse heftete. Die antike Sinnlichkeit ist unbefangen naiv, wusch, ja heilig(bildete sie doch da und dort einen Teil des Gotterkultus). Aus diesem Grund.' kante die antike Richtung auch nicht jene sittlich sein sollende Scheu vor den, backte», welche späteren Zeiten den Sinn für die Schönheit des Menschen- leibes, die herlichste ästetische Manisestation des Universums, ab- gestumpft hat und den Rytmus der Glieder, den Schmelz der Haut ängstlich zu verhüllen gebot*), so daß Goethe in seiner schweizerreise init Recht sich beklagt:„Wie! sagte ich zu mir fftbst, in welchem besonderen Falle sinden wir uns, mir bürger- uch eingeschränkten Menschen? Ein bemoster Fels, ein Wasserfall meinen Blick so lange gefesselt, ich kann ihn auswendig; seine Höhen und Tiefen, seine Lichter und Schatten, seine Farben, Halbfarben und Widerscheine, alles stellt sich mir im Geiste dar, r'ft ich nur will, alles kvmt mir aus einer glücklichen Nach oildung ebenso lebhaft wieder entgegen; und vom Aceisterstucke ukr Natur, vom menschlichen Körper, von dem Zusammenhang, n istisainmenstimnlung seines Gliederbaues, habe ich nur einen allgemeinen Begriff, der eigentlich gar kein Begriff ist. Meine Einbildungskraft stellt mir diesen herlichen Bau nicht lebhast vor, »nd wenn mir ihn die Kunst darbietet, bin ich nicht lnistande, c:' 0"ichi einmal diese spärliche Erquickung an der natürlichen Plastik '°ll de... Auge gegönt sein! I weder etwas dabei zu fülen, noch das Bild zu beurteilen."(Brise aus der Schweiz, 1. Abteilung*). Mit den antiken Elementen niischen sich aber in Goethe's Dichtungen diejenigen, womit die christliche(beziehungsweise jüdisch- christliche) Bildung die Weltkultur bereichert hat, das gute Korn in seiner Strohmasse: die aus- und durchgebildete, gefülsinnige sittliche Gesinnung und Empfindung, insbesondere die universelle Humanität, das zarte Gewissen, die Würdigung des Weibes, der versöhuliche und milde Sinn gegen den Widersacher, die Hoch- schäzung der Arbeit, die Kraft der Entsagung und Resignation, die mit Seelenruhe, ja niit Heiterkeit den Umständen oder dem Sitteugesez sich beugt, namentlich auch die möglichste Unabhängig- keit von äußerlichen Glücksgütern und das Ausfüllen des Daseins mit Idealem. Das liebliche Antliz der goethelcheu Muse wird besonders in der Iphigenie von der zartesten sittlichen Reinheit und Hoheit verklärt; aber nicht nur in diesem aus antiken und modernen Goldfäden gewobenem Drama, sondern überall ver- bindet sie höchsten sittlichen Ernst und Adel mit edler Grazie, auch in den„Wahlverwantschaften", die nur Beschränktheit un- sittlich finden kann**). Grade diese Verbindung des Heidnischen mit dem Christlichen auf dem neuen Fundament monistischer Weltanschauung macht das Wesen der modernen Kultur aus, und deshalb ist Goethe, der diese geschichtlich getrenten Elemente so anmutig zu verschmelzen und in Einklang zu bringen wußte, der poetische Leitstern des Zeit- alters geworden und wird es in Zukunft noch mehr sein als bisher***). *) Die Zucht verlangt, daß das Tierische beschränkt werde; die sinnliche Leidenschaft muß durch Bernunst gebändigt erscheinen; sie wird veredelt. Ein strengeres Verhältnis pflegt diese Reflexion zu begleiten. Wo aber die wäre Veredlung eingetreten ist, wo die Sinnlichkeit in jeder Beziehung schön erscheint, natürlich ist und doch geistig geläutert, geistig und doch natürlich, da gibt es keine Scham im gewönlichen Sinne, die Verhüllungen braucht, um nicht den Eindruck der Sinnlich- keit oder die unwillige Abwehr gegen dieselbe zu erwecken. Da ist Nacktheit keuscher als ein Verstecken, das mehr daraus hinweist, daß etwas verborgen ist, als das Verborgene vergessen läßt.(Lemcke, Aesthetik III, V.) **) Eine Seite der goethe'schen Poesie ist meines Wissens bisher nicht beachtet worden, ich meine die Tiersrcundlichkeit derselben. Mehrere tiersrenndliche Züge begegnen uns im Faust. Welches Wolwollen gegen das Tier spricht aus den Worten, die Faust an den Pudel in seinem Studirzimmer richtet; welches Berwantjchaftsgefül mit allen lebenden Wesen aus dem Monolog in Wald und Höle, wo er die sämtlichen Geschöpfe„seine Brüder im stilleu Busch, in Luft und Wasser" nenl Auch in der herlichen Ballade„der Fischer" offenbart sich in dem„kühl bis ans Herz hinan" und in den Worten der Nymphe:„Ach wühlest du, wie's Fischlein ist so wolig aus dem Grund" eine innige Gesllls- regung. So findet sich auch im Westöstlichen Divan der schöne Bers: Als ich einmal eine Spinne erschlagen, Dacht' ich, ob ich das wol gesollt? Hat Gott ihr doch wie mir gewollt Einen Anteil an diesen Tagen. So auch in dem Bers: Der Schöpfer sprach: Es sei!— Es werde! Und rings lebendig ward die Erde Voll reifer Frucht: du neust dich Kern, Betracht'st das Tier als Schale gern. Allein erinn're dich daran Was daraus sagt ein weiser Mann: „Natur hat weder Kern noch Schale, Alles ist sie mit eiiiemmale." Trum achte die Schale auch nicht gering, Denn alles ist ja ein göttlich Ding. ***) Wir bemerken, daß wir damit keineswegs der Größe und Be- deutung Schillers irgendwie zu nahe treten wollen. Steht derselbe auch Goethe in dem einen nach, so ist er ihm doch wieder in dem andern kongenial und die Dichtungen Goethe's finden in den Schiller'schen ihre Ergänzung. Schön und war jagt D. Strauß(der alte und der neue Glaube. Erste Zugabe. Nr. 91):„Jezt sind wir ihm(Goethe) schon so ferne gerückt(zeitlich), daß wir bestimt ermessen können, wie selbst der ansehnlichste Gipfel neben ihm, nämlich Schiller, Iroz seiner an sich beträchtlichen Höhe, die seinige bei weitem nicht erreicht. Er tritt uns jezt entgegen als das Urgebirg, das unser» Horizont beherscht und durch die ihm entströmenden Quellen und Bäche weithin unsere Fluren tränkt." 190 12. Kapitel. Goethe der Naturforscher. Eine Konsequenz des Spinozismus Goethe's war nicht blos sein Interesse für die Natnrforschniig überhaupt, sondern ganz besonders seine Ueberzengung, daß nicht blos die verschiedenen Pflanzen- und Tierformen aus eine Grundform des pflanzlichen und des tierischen Organismus, sondern auch daß das Tier- und Pflanzenreich auf eine gemeinschaftliche Grundform zurückzufüren sei; weshalb wir ihn stets nach dem. einheitlichen Typus der Organismen suchen und tasten sehen,(welches wissenschaftliche Strebe» bckantlich nicht unfruchtbar blieb, sondern durch die Auf- findnug des Zwischeuknochens und die Ideen über Pflanzen- Metamorphose die Wissenschaft bereicherte und die späteren groß artigen Fortschritte auf dem Gebiete der Ontogenese mit an- bahnen hals). Natürlich; denn ist die Substanz und ihre Kräfte das Absolute, in dem alle Erscheinuugssornien ihren lezten Grund habe», erfolgen alle Erscheinungen onc Ausnahme nach einem und demselben große» Eausalgeseze, von denen die physikalischen und chemischen Naturgeseze gleichsam blos die einzelnen Para- grapheu sind, so muß notwendig die Entstehung der Organismen auf andere Weise als früher erklärt werden, und der Denker mußte sich daher, um dem Geheimnis auf die Spur zu komme», die Ausgabe stellen, für die Nlaunichfaltigkeit der Formen die einfache Grundform zu finde». War diese einmal gefunden, so stand zu hoffe», daß oie Forschung auch den lezten Schleier lüften werde, welcher den llebergang vom Anorganischen zuin Orga- »ischen auf natürlichem Wege bis dahin verhüllt hatte. 13. Kapitel. Der Darwinismus und seine Anhänger. Was Goethe dämmernd ahnte, das hat Darwin und seine Schule zu klarer Erkentnis gebracht. Äiit dem Darwinismus bereitete die exakte Naturforschung der philosophischen Spekulation einen seltenen Triumph; denn durch ihn erhält die spinozistische Weltanschauung ihre glänzende enipirische Bestätigung, sie bildet den Schlußstein des großartigen Systems. So lange die Eni- stehung der Organismen ein unlösbares Rätsel schien, war es natürlich, daß der hausbackene Bcrstaud an den Argumenten der Philosophie, deren Nerv zu spüren er onehin unfähig war, sich nicht kehrte und in dem bekanten asylmn ignorantiae, dem Krea- tismus, seine Zuflucht suchte. Ueberdies stand der Philosophie der teleologische Beweis für den Deismus entgegen, der einzige, dessen Hornhaut die kritischen Pfeile leicht abschüttelte. Erst der Darwinismus gab ihm den Todesstoß. Denn hat derselbe auch die innersten Schlüssel des Transformismus noch nicht gefunden, so ist er in demselben doch schon so weit eingedrungen, daß er mit froher Zuversicht der Zeit entgegen sehen darf, wo der lezte Borhang sich ihm öffnen wird. Das Gesez der Bererbung im Bunde mit dem Gesez der natürlichen Zuchtwahl im Kampf um's Dasein erschließt unserm Berständnis den früher geheimnisvollen Prozeß des Werdens und der Entwicklung vollendeter Wesen aus einfachen, rohen Bildungen. Es ist das geivönlichc Schicksal neuer Theorien, daß sie schwere Kämpfe zu bestehen haben, bis sie zur allgemeinen Anerkennung gelangen und im Olynip der ewigen Ideen einen Plaz erringen. Schwer besonders sind die Kämpfe derjenigen jungen Ideen, welche Grundsteine erschüttern im Fundamente ganzer Systeme. die der Menschheit lange Obdach und Schuz gewährt haben gegen die Stürme des Lebens und der Leidenschaften, gegen äußere uiid innere Gesaren nud Feinde. Diese haben nicht nur gegen die regulären Truppen der Logik sich zu wehren, sondern auch gegen die erbitterten Franktireurs der Berdächligungen; der Ber- dachtigungen nämlich, daß sie die Menschheit in Unglück und Laster stürzen, weil sie unfähig seien, jene eubiotischen und etischen Wotraten zu gewähren, welche die durch sie gefärdeten Systeme gewährt haben sollen, beziehungsweise wirklich gewährt haben.— Lehr viele Menschen sehen ja auch die Ideen nicht nach ihrem inner.! Warheitsgehalt an, sondern nach ihrer Wirkung auf Herz und Leben. Sie spauneu auch den Gedanken in das materia- listische �och der Utilität und schließen die Augeu vor dem Sonnen- licht der Warheit, wenn das Irr- oder Dämmerlicht des Irrtum» sie eher anspricht, sie wissen nicht, daß jeder Zrrtum den geistigen Organ, smus mit gefärlichem Gifte infizin. daß er, dem Morphium gleich, hie und da wol den psychischen Schmerz stillen, die Leidenschaft beruhigen mag, aber dabei die Gesundheit zerrüttet und daß er nur bei gewissen Krankbeiten als Heilmittel verwendet werden darf. Schädliche Warheit, ich ziehe dich vor dem»üzlichen Irrtum. Warheit heilet den Schmerz, den sie vielleicht uns erregt sagt der Dichter(Goethe). Von Voltaire berichtet ein Biograph: „Daß Wahn und falsche Vorstellung eine Bedingung des Glücks sein, daß die Erlösung vom Irrtum Unglück zur Folge haben könne, das ivar für Voltaire etwas so Undenkbares, daß er sich entrüstet und persönlich verlezt von einer solchen Ansicht abwen- dete. Als Casanova einmal Voltaire-, als er schon hoch bejart war, auf mehrere Tage besuchte nud gegen ihn bemerkte: er glaube nicht, daß die Menschen glücklicher würden, wenn man ihnen ihren Aberglauben»ähine, da war es aus mit der Freundlichkeit seines Wirts."(Gartenlaube 1878. Nr. 23 f.) Alle starken Geister haben eingesehen, daß der Irrtum der gefärlichstc Fettid der Menschheit, der eigentliche Baum der Erkentnis ist, dessen Frucht zwar manchmal lieblich aussieht und süß schmeckt, aber Tod und Verderben bringt; wogegen die Warheit der Baum des Lebens ist.„Sich vor der Warheit fürchten," sagt Arnold Rüge,„ist Roheit; sich vor dem Aberglauben nicht fürchten, ist ein großer Mangel an Einsicht. Denn sein Werk sind unzälige, Land und Leute verderbende Gräuel der Geschichte. Gelangt der Aberglaube zur Gewalt, so unterwirft er sich die Vernunft und Wissenschaft und dadurch auch den Willen und die Freiheit." (Reden über Religion, fünfte Rede.)—„Ist es der Geist," schreibt Ä. Schopenhauer,„ist es die Erkentnis, welche den Menschen zum Herrn der Erde macht, so gibt es keine unschädlichen Irrtümer, noch weniger ehrwürdige, heilige Irrtümer"(Die Welt als Wille und Vorstellung I.) und wiederum:„Es kann nicht zu oft wieder- holt werden, daß jeder Irrtum, wo man ihn auch antreffe, als ein Feind der Menschheit zu verfolgen und auszurotten ist und daß es keine privilegirte oder gar sanktionirte Irrtümer geben kann. Der Denker soll sie angreifen, wenn auch die Menschheit, gleich einem Kranken, dessen Geschwür der Arzt berührt, laut dabei aufschrie."(ibid. II.)— Von jeher hat man aber, so oft eine neue, die bisherigen Anschauungen in der Wurzel angreifende Warheit entdeckt wurde, auf die praktischen Waltaten hingewiesen, welche der alte Irrtum Jarhunderte lang gewährt hat, und man hat die junge Warheit für unfähig erklärt, der Menschheit das- selbe zu leisten, man hat, one reifliche Untersuchung, das Ver- dammungsurteil über sie ausgesprochen, weil sie die Menschen entsittliche und unglücklich mache. Der Spinozismus seiner Zeit und der Darwinismus in der Gegenwart entgingen diesem Schicksal nicht. Da aber jede neue Warheit aus dem Kampfe, den die Unvernunft ihr aufzwittzt, gekräftigt und geläutert hervorzugehen pflegt und auch wenn es lezterer gelingen sollte, sie eine Zeit lang zu verdrängen und einzuschüchtern, doch im Stillen sich ausbreitet, die Geister erobert und durch die P.'rsönlichkeit ihrer Vertreter die Kalumuien der Unvernunft Lugen straft, so legt sich gewönlich, nachdem Jarzehnte dahin gegangen sind, der Sturm, inan fängt an, die neue Idee zu toleriren, einsehend, daß sie doch nicht so gefärlich ist, als sie zuerst schien, ja man zollt ihr all- mälig Achtung und nach und nach läßt inan es geschehen, daß sie sich in den alten Systemen einnistet, dankt es ihr auch ivol gar, daß sie dem siechen Organismus der überkommenen Lehren neue gesunde Säfte einflößt und sie vor Fäulnis und Zerfall bewart. Der Spinozismus, vor dem seiner Zeit jeder Gläubige sich bekreuzigte, gegen den die gesamte Schar frommer Philosophie Sturm lief, wird heutzutage selbst von der Ortodoxie mit Respekt behandelt, was er zum Teil seiner deistischen Ausdrucksweise, vielleicht auch dem beriimten Worte eines angesehenen Teologen*) *) In jeiiieil Reden über Religion äußert sich Schleierniacher: „Opfert mir ehrerbietig eine Locke den Manen des heiligen, verstoßenen Spinoza! Ihn durchdrang der hohe Weltgeist, das Universum war sein Anfang und fein Ende, das Universum seine einzige und ewige Liebe, und darum steht er auch da, allein und unerreicht, Meister in seiner Kunst, aber erhaben über die profane Zunft, one Jünger und one Bürgerrecht."— Selbst Jakobi, der eifrigste Gegner des Spinozismus, konte sich nicht enthalten, auszurufen:„Sei du mir gesegnet, großer, ja heiliger B-nediktus! Wie du auch über die Natur des höchüen Wesens philosophiren und in Worten dich verirren kontest, seine Warheit war in deiner Seele und seine Liebe war dein Leben."— Schön sagt H. Heine: „Bei der Lektüre des Spinoza ergreist uns ein Geflll wie beim Anblick der großen Natur in ihrer lebendigsten Ruhe. Ein Wald von Himmel- hohen Gedanken, deren blühende Wipfel in wogender Bewegung sind. wärend die unerschütterlichen Baumstämme in der ewigen Erde wurzeln- Es ist ein gewisser Hauch in den Schriften des Spinoza, der unerklärlich ist- Man wird angeweht wie von den Lüsten der Zukunft. Der Geist»er hebräischen Propheten ruhte vielleicht noch aus ihrem späten Enkel." � Uebrigens scheint die heutige Indulgenz gegen den Spinozismus vielleicht zum Teil auch darin begründet zu sein, daß die Zunstphilosophie den' selben als veraltet und durch den sogenanten Kritizismus verdrängt glaubt- 191 verdanken mag. Der Darwinismus dagegen ist heute noch im ersten Stadium seines Bestehens, die konservative Richtung hat sich von der Verblüffung noch nicht erholt und man komt gegen ihn angerant mit Schwert, Spieß und Lanze. Indessen„wiewol ihn die Schiizen erzürnen und ividcr ihn kriegen und ihn ver- solgen, so bleibt doch sein Bogen fest." Tie Angst vor dem Monismus erinnert an jenen Mann, der schwach in den Züßeii war und sich daher eine Zeitlang der Krücken bediente. Als er nun vollständig geheilt war, wollte er doch nicht one Krücken laufen, weil er sich einbildete, es sei ihm anders nicht möglich, zu gehen. Tie Versicherung des Arztes, das Zureden seiner Freunde, alles half nichts, er tat keinen Schritt, bis er von der Grundlosigkeit seiner Meinung überfürt wurde. 14. Kapitel. Supranaturalismus und Monismus. Was wir am Schluß des vorigen Abschnitts behauptet haben, wird vielleicht der Leser einwenden, läßt sich leicht sagen; allein es ist schlechterdings nicht einzusehe», ans welche Weise der Mo- nisnins die Lücken, ausfüllen kann, welche die Negation des Su- Pranaturalismus im Menschenleben entstehen läßt.— So spricht vielleicht der Leser und wir müssen gestehen, mit allgemeinen Phrasen läßt sich hierüber nicht hinweggleiten und so lange nicht greifbar nachgewiesen wird, daß der Monismus Unglücklichen und Bedrängten nicht weniger Mut einflößt, Hoffnung und Trost spendet, als der von ihm verdrängte Dualismus und daß die Moral in seiner Atmosphäre ebensogut gedeiht, wird er immer nur das Bekentnis weniger Auserwälter sein, nicht aber weit- erobernd auftreten können. Denn das läßt sich einmal nicht hin- wegdisputiren, daß die Vorstellung, ein gütiger Gott lenke die Geschicke der Menschen und stehe denen, die zu ihm aufblicken und beten, in ihrer Not bei, helfe denen, die auf ihn hoffen und vertrauen, in die Wunden des Herzens Balsam träufelt, das ge- beugte Gemüt aufrichtet und die Hoffnung Blüten treiben läßt, deren Duft und Anblick die Seele erquickt, auch wenn sie keine Früchte zeitigen. Ebensoivenig läßt es sich verkennen, daß in dem Glauben, die menschlichen Gesinnungen und Handlungen stehen unter der Kontrole des allwissenden Gottes, der die Tugend mit Wolergehen belohnt, das Laster mit Leid heimsucht, ein sehr kräftiges etliches Motiv liegt. Freilich darf nicht vergessen werden, daß die Borstellungen von der Erfarung häufig genug ividerlcgt werden, weshalb es eine der wichtigsten Aufgaben der Teologie aller Zeiten war, den Widerspruch des Lebens gegen die Lehre hinwegzuraisonnircn, den Glanben gegen die Stürme des Zweifels zu stüzen. Anderseits können wir ans dem Leben und den Werken zalreicher dem Supranaturalismus abgewendeter Persönlichkeiten, die zu den besten aller Zeiten gehören, die lleberzeugung schöpfen, daß es der Monismus mit dem Supranaturalismus in jeder Beziehung aufnimt. Im folgenden wollen wir zu zeigen versuchen, daß der Monismus für das, was der Supranaturalismus der Menschheit einst leistete, vollen Ersaz bietet. Wir beginnen niit der Moral und wollen zunächst das Gebiet derselben abgrenzen und ihre Grundbegriffe feststellen. Ind heranbraust der ganze Jammerchor der nnglück- de», ndchen, die vor den Kirchentüren knieen, den Strohkranz aus brerf- J�pte,. n>eil sie das Verbrechen begingen— Opfer eines Ver- llndf—'brfn' Herzen, ihrem Älauben, ihrer Liebe zu sein..... .„„�•nnch. der Vüßer von Canossa, wankt heran an der Spize der unh!>!""k tfl"ffnd durch die Kirche und die Inquisition Gerichtelen W-n,, n'dfitlf»....„Wem grollt nicht greinend das Herzblul?" idiln» �dsl's nicht grimmig die Faust, heul noch in das Gesindel zu x' f™'. das im Namen eines erfundenen Gottes die Leiber brach und vernichtete, den herlichen menschliche» Geist? «irchenbuße! nirfit däpst an das Wort sich gewiß der Begriff von Tod und Ver ist•lmb n,cr auch nur Halbweg für düstere Romantik empfänglich de«&< c tn hohen, hallenden Klostergängen, in dem öden Einerlei beri,» teJ'f.bfn9 a"1 seinen manuigsachen, streng behütete», nie recht die t-xr"f'nfn und großen Geheimnissen überreichlichen Stoff finden, S-br?. und düsterslen Szenen sich aiiszumalen; echot doch jeder holt � den kalten Steinfliesen einen Ton, wie ans dem Grab ge cv* U"b•f*'9 doch nicht gar so schrecklich um die Kirchenbuße. bliitt» wenigstens lvetß eine Geschichte davon zu erzälen, die wenig, enibs,."� dou Tod und Tortur, dagegen viel, sehr viel heiteres Moment ' und den, sie pajsirt, der hält sich heule noch den Bauch dabei verein.' Mfnn uns ein Glas Prälalenweins in„seinem" Psarrhanse ein» wir der Geschichte gcdetiken. Nur schlägt er gleich drauf cx�u�, denn Frau Karoline....... Doch, daß ich erzäle. Ttud C-.. war ein zwar tüchtiger aber blutarmer Teufel von fleorfift"'' ber"ach ärmer wurde, da wir unsere Humaniora„durch aesali""b deim Abiturienten Examen bestanden hatten oder durch der n- warfn' denn da flatterte der ganze schöne Kreis auseinander, D„.»ueinander und L..., seinen Lustigmacher, ausgehalte» hatte. Frenlx!» dahin, der andre ging dorthin und die gelobte„ewige Unterst" in Brüche, insoweit zumindest, als darunter die pekuniäre sto>x�"iung.... von Seile der günstiger gestellten Schulgenosien ver das Kurz entschlossen ging er ins Kloster. Nur suchte er sich reichste aus. Er hatte kaum die Weihen hinter sich, als sich die Notwendigkeit einer Aushilfe für den alternden Pfarrer aus einer der zalrcichen von dem Kloster zu vergebenden Pfarreien herausstellte, und er dazu ansersehen wurde. Pater Julius hals also aus: dem Pfarrer im Messelesen, dem Lehrer in der Schule und dienstbereit wie er war, auch dem sechzehn- järigen Karolinchen, der schmucken Lehrerstochter, wo sie gerade Hilfe brauchte, im Garten und üu Hauswesen. lind das ging ziemlich lange Zeit so. Wenigstens an die sechs Monate. Aber dann kam's wie in der Novelle. Er wurde träumerisch, kopfhängerisch, mondscheinschwärmcnd und er suchte„sie"— und„sie" wurde träumerisch, kopfhängerisch, mondscheinschwärmend und sie— wich„ihm" aus..... Und„er" fand„sie" und sprach von Glück und seliger Zeit und— Liebe und„sie" cutwickelte Gruudsäze. Er wurde melancholijch und sie still verschlossen, lind die Welt, soweit sie wenigstens in jener Psarre lebte und liebte, aß und trank, und schlief und— tratschte, schüttelte den Kopf dazu. Eines Morgens'aber, da kam sie aus dem Schütteln garnicht heraus. Tie SechSuhrmesse las der„alte Pfarrer", die Predigt hielt der„alte Pfarrer", in der Schule blieb der„Katechismus" aus und im Wirtshaus der— Meßner. Er rante wie besessen herum und fragte nach dem Pater Julius. Dafür aber kam der Lehrer, der dort ungewohnteste Gast, ins Gasthaus und fragte nach Karolinchen. Sie war wärend der Zeit verschwunden. Der„alte Pfarrer" berichtete ein scamlaluni ans Kloster: Pater Julius ist mit der Lehrerstochter durchgegangen. Pater Julius ist mit der Lehrerstochter durchgegangen. So war's. lind's blieb dabei. Es kam ein»euer Aushilsspriester und des Lehrers Hauswesen besorgte seine jüngere Tochter. Pater Julius und Linchen ivare» vergessen. Da lies eines Tages im Kloster ein Bris aus Berlin ein, in dem Pater Julius meldete, daß er mit seiner erwälten Braut glücklich und wolbehalten in Berlin angekommen; daß man ihn, der seinen Glauben ablegen werde, um seine geliebte Karoline heiraten zu können, dort mit offenen Armen aufgenommen; und daß er jezt um gefällige Zu sendung seiner Zeugnisse bitte, die er notwendig brauche, um eine Stelle erlangeu zu könne». Großes Köpfe Zusanimenstecken im Kloster und— Schweigen. Und das Schweigen bedeutete Elend für das junge Pärchen, das sich zu rosig die protestantische Well gemalt, denn so schlecht man in Berlin zu leben gewont, man lebt dort doch auch nicht von der Lust, und alles andere kostet Geld, welches das Liebespärchen nicht halte. Es überlegte just, ob es nicht besser wäre, daß Julius ins Kloster zurückkehrte und Linchen zu den Kartoffeltöpsen des Baters, troz Kirchen- büße und Schande, als ein sehr wolgenärrer, sehr glatt rasirter und sehr wolwollend dareinblickender Herr in einem der ersten berliner Hotels abstieg und am nächsten Morgen die fünf Treppen zu Julius kärglicher Dachkammer emporkeuchte. Julius war allein. Und er verkehrte sehr lange mit dem sehr wol genärten, sehr glatt rasirlen, sehr wolwollend dareinblickenden Herrn, bevor dieser noch wolwollender dareinblickend endlich den jungen Mann verließ. 192 Was sie verhandelt blieb ei» Geheimnis, aber jedenfalls waren es keine uiiangcnenien Dinge, den» auch Julius schien sehr zufrieden zu ein, als sein Besucher schied. Freilich ijs die Frage: Ob mit sich, oder mit seinem Besucher— aber so viel steht fest, daß Julius und seine kleine„Frau"— obzwar diese mit verweinten Äugen— zum erste»' male damals in einer der besten berliner Restaurationen speisten; daß sie ihre Dachkammer kündeten und sich in einem Hotel einmieteten und daß Julius»ach einigen Tagen aus Berlin— verschwand. Fast gleichzeitig mit seinem Verschwinden aber tauchte im Kloster und in den Kreisen, mit denen Julius Wärend seiner Priesterschast in Verbindung getreten, die Nachricht aus,„der durchgegangene Pater Julius hat sich deh, weh- und reumütig seinen geistlichen Gerichten gestellt und tut Buße."—— lind es mußte eine schwere Buße gewesen sein, die ihm„von seinen geistlichen Gerichten" auferlegt worden war, denn als er»ach fünf Monaten seine Bußzelle verließ, um als Pfarrer auf einer der reichsten Pfarreien installirt zu werden, hatte er seine Farbe, hatte er die Ge- lenkigkeit seiner Glieder verloren— er war nicht mehr bleich, Hunger- bleich, und hatte Fett angesezt. Karoline aber blieb verschollen. Ist sie verdorben? Ist sie gestorben? Niemand weiß es; niemand spricht davon. Ihr Vater ist aber ein ostgesehener Gast in Julius' Pfarrhause und Frau Karoline, die Haushälterin des„Herrn Pfarrers" nent ihn — Vater, warschcinlich um dem alten Manne leichter über den Verlust seiner Tochter hinwegzuhelfen, denn Lehrers„Linchen" kann sie ja doch nicht sein, da Linchen liebenswürdig war und Frau Karoline, heut eine stattliche Dreißigerin, ein— Hauptdrache ist, vor dem der Herr Pfarrer, den sie respektwidrig genug, wie er selber gestanden, unter vier Augen nur„Julius" ruft, regelmäßig ein Kreuz schlägt,»amenllich wen» er „seiner" Kirchenbuße gedenkt. Der ulmer Münster.(Illustration Seite 184 u. 185>.) Schon als die Kreuzblumen aus dem kölner Toni ihren hohen Plaz einge- nommen und damit die Vollendung dieses stattlichen Riesenbaues ver kündeten, wurde für die endliche Fertigstellung eines anderen gotischen Bauwerkes in der Presse Propaganda gemacht: für den Münster zu Ulm. Anfangs waren zwar die Meinungen geteilt, indem die eine» zuerst dem straßburger Münster seinen zweiten Turm aufsezen wollte», aber schließlich hat doch die erstere Richtung den Sieg davon getragen und das kühn begonnene Werk Schwabens soll durch Unterstüzung Gesamtdeutschlands endlich seiner Bollendung entgegengesürt werde». Es wird aber auch Zeit! Denn just am 30. Juni 1377 war es, als Ludwig �rast, Bürgermeister der freien Reichsstadt Ulm, unter reger Beteilignng von Jung und Alt aus der Bürgerschaft den Grundstein zu diesem Gebäude legte. Wer die damals den Bau leitenden Meister waren, oder wie der Mann hieß, der den ersten Plan dazu angefertigt — die Anregung mag wol ans der Bürgerschaft selbst hervorgegangen sein— ist nicht bekant, und es ist nur die Rede von den Baumeistern Michael und Heinrich, es wird aber nicht gesagt, von wo sie gekomme» und welcher Schule sie entwachsen und angehörten. Bon 1330—1480 waren mehrere Generationen aus dem Geschlecht der Ensinger als bau- leitende Meister tälig und von 1474 ab wurde der Bau unter Leitung des Matthäus Böblinger aus Eßlingen weitergefürt. Der Meister sollte den Turm vollenden, ergriff aber vor dem erschreckten und aufgeregten Volke die Flucht, als derselbe zu sinken drote. 1471 wurde das Gewölbe des Mittelschiffes und 1478 das der beiden Seitenschisse geschlossen; die Ausstattung des Turmes crsolgte warscheinlich erst im 13. Jar- hundert. Um 1403 war bereits die Kirche feierlich eingeweiht worden. Schon bei der Grundsteinlegung hatte sich die Opsersrcudigkeit der Bürger Ulms— der Bürgermeister vornan— für das begonnene Werk gezeigt; wer Geld und Geldeswert darbringen konte, brachte es, und so wurde es möglich, daß man 900 000 Gulden bar zum Bau ver- wenden konte. Aber die biedern Ulmer hatten auch nichts geringeres vor, als eine Kirche zu bauen, in der sich der straßburger Münster verstecken könte. So soll Matthäus Böblinger die Absicht gehabt habe», den Turm 133 Meter hoch aufzufürcn— bis zu 77 Meter brachte man es aber bis heute erst fertig— und mißt doch die Fläche, welche der gewallige Bau bedeckt, 1473 Quadratmeter. Ursprünglich waren für das Innere nur ein Mittel- und zwei Seilenschiffe projektirt, die an Breite fast gleich waren, wärend das Hauptschiff in doppelter Höhe über das Seitengewölbe emporragte. Aber im ansang des 10. Jar- hunderts mußte man aus Sicherheitsrücksichlen für den Bau, welcher one Slrebepseiler errichtet war, die Seilenschiffe durch eine Säulenreihe teilen und stellte somit ein sünsschissiges Inneres her, das sich, da nun die Seitengewölbe quadratisch sind, viel schöner ansnimt. In neuester Zeit erst wurden auch die aus unserem Bilde sichtbaren reichen Strebe Pfeiler ausgesürt. Die parallel laufenden fünf Schiffe sind nicht, wie sonst meist bei gotischen Domen, durch ein Querschiff unler- brochen— wodurch der Grundriß die Form des Kreuzes erhält— an ihrem obern Ende schließt sich unmittelbar in der Breite des Mittelschiffes der Chorraum an, der am Ende durch die fünf Seiten eines Zehnecks seinen Abschluß findet. Die lichte Höhe des Haupt- schiffes ist ähnlich wie beim kölner Dom 133 Fuß, die lichte Breite 34 Fuß; die Seitenschiffe, welche sich als Stüze an diese riesige Wöl bung anlehnen, sind im lichten 00 Fuß hoch. Die ganze äußere Länge des Bauwerks beträgt übrigens 430, im lichten 332, die Breite 170 rheinische Fuß. Das Innere ist bis zur Dürftigkeit schmucklos. Aber gerade diese Einfachheit wirkt ganz bedeutend, indem dadurch die Höhen- dimensionen bedeutend vergrößert werden. Früher waren auch die Wände reich bemalt, Heiligenbilder lehnten an den Pfeilern, allerhand reiches Schnizwerk schmückte den Raum— so sollen sich allein 31 Altäre teilweise sogar bis an die Wölbung erhoben haben— die hohen Fenster waren mit prächtigen Glasmalereien versehen. Aber mit der Reformation erkaltete in der Bürgerschaft nicht nur die Liebe für die Fortsezung des Gebäudes— die Schnizereien gingen samt den bunten Glasscheiben der Fenster in Trümmer, die Malereien aus den Wänden wurden übertüncht und machten jener nun die Herschast antretenden Poesie- und Farblosigkeit Plaz, bis sich in den lezten vierziger Jaren der Sinn für dies alte Baudenkmal wieder zu regen begann und nun auch mit Erfolg wieder daran gegangen wurde, das von den Vätern begonnene zu vollende». Unsere Illustration zeigt das Werk mit den beiden Türmen am Chorende nach ihrer Aussürnng. Der mächtige viereckige Unterbau überragt die Kirche bedeutend und hat one Achteck und Helm mit seiner provisorisch ausgesezten Spize schon die respektable Höhe von 307 Fuß. Er besteht aus drei Stock werken, von denen das untere die uns mit drei gotischen Tpizbogen gegenüberstehende Vorhalle, welche zum Hauptportal fürt, bildet. Das zweite sezt das Motiv der Säulen und Bögen des erste» Stocks fort, nur in seinerer und zarterer Gliederung. Das obere zeigt endlich eine reichere Vergitterung und feineres Stabwerk. Man denke sich nun aus diesem kolossalen Bau das Achteck, mit de» ihn umgebenden Fialen und sonstigen reichen Formen, darauf der zart durchbrochene und seinge- gliederte Helm hoch in seiner Kreuzblume abgeschlossen in den Lüsten emporragend, und man kann sich ein Bilv von der gewaltigen Wirkung machen, den dieses Werk auf den Beschauer üben muß.— nrt. Indische Räuber.(Illustration Seite 188.) Räuber und Spiz- bnben gibt es leider noch überall, also auch in Indien und zwar sind sie dort ebenso schlau, wenn nicht noch ausgefeimter als im zivilisirten Europa, wo oft die Handlanger der Gerechtigkeit mit den Spizbuben ersten Ranges Brüderschaft machen und mit stelen Helsen müsse», um diese der Madame Justizia in die Hände zu liesern. Unser Bild zeigt uns nun in einer Szene, mit welchem Raffinement die indischen Fach- genossen unserer Roßa Szandors und Schinderhannes zu Werke gehen, um ihren Feinden ein X für ein U zu machen. Aus einem ihrer Schleich wege von den Sicherheitsmannschaften aufgespürt in der weiten wenig bewachsenen Fläche, die keinen Schlupswinkel bietet, ergreisen sie ein Mittel, das ebenso einfach ist, wie es ihre Verschlagenheit karakterisirt. Sie werfen sich nämlich in dem kahlen Gestrüpp teils auf den Boden, strecken die Glieder steif von sich, oder stellen sich derart und erfassen die trockenen Zweige, daß man in der wenig vom trüben Mondschein erleuchteten Nacht sie aus der Ferne von den Baumstämmen nicht zu unterscheiden vermag und wol auch oft in den, Wahne, sie seien nichts anderes als Baumstrttnke, vorüber geht oder reitet. Ob ihnen auch diesmal ihr schlaues Spiel gelingen wird, können wir freilich noch nicht sagen. nrt. OlUdaKtimKamsponden). »affel. L. SB. Ihre«erse sind zur BerSffentlich»»« keinezwegd aeeignet, sie sind ichwnch und rnlorrekt in Gedanken und«uidruck. Ihren guten Willen erkennen nur gerne au, aber nur raten ihnen, wie schon vielen andern zuvor, Sie möchien sich zunächn »emnhen, in prolaischer Daritellung die deutlche Zvrachc beherschen zu lernen. poelilchen Werken emvsedle» wir Ihnen die Sammlung„«delfteine deutscher Dichtung", welche durch die Expedition der„Reuen Welt" zu beziehe» ist. Frankfurt a. H. O. P. Ihr Wunsch, wir möchten uns„heimlich" erkundigen, � unter welchen Umständen die zwanzigjarige L. aus Luckau gegenwärtig i ss SLTZ s» schwer losbaren gehören durfte, wir haben aber vorläufig doch noch einige» dringendere, das zugleich bessere Resultate verspricht, zu tun. Nehmen Sie'» nicht übel. Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart.(Neue Weinsteige 23.)- Expedition: Ludwigstraße 20 in Stuttgart Druck und Verlag von I. H. W. Dietz in Stuttgart.