Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volt. № 18. 1882. Erscheint wöchentlich. Preis vierteljärlich 1 Mark 50 Pfennig. In Heften à 35 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Im Kampf wider alle. Roman von Ferdinand Stiller. Bei dem General von Bommer war an diesem Abende eine sehr kleine, aber äußerlich recht sonderbar zusammengesezte Gesellschaft beieinander. bei dem Ein Mann des Krieges und zwei des Friedens General der katolische Domherr von Lysen und der protestantische Konsistorialrat Kölle. Und wie die Herren durch ihren Beruf und ihr Religionsbekentnis von einander anscheinend streng geschieden waren, so waren sie es anscheinend auch durch ihr politisches Glaubensbekentnis. Der General hatte sich öffentlich mit vielem Stolz und Geräusch unter die Kulturkämpfer gemischt und nante sich freikonser vativ; der Domherr von Lysen war, wenn auch nicht vor der Welt, so doch in der Tat einer der streitbarsten Kämpfer für die aller irdischen Gerechtigkeit vorangehenden Rechte der ultramontanen Kirche; der Konsistorialrat Kölle bekante sich dagegen zu ber altkonservativen Partei und verehrte in der Kreuzzeitung das einzige von echt christlichem Geiste durchdrungene und getragene Preßorgan. Troz aller dieser anscheinend unvereinbaren Gegensäze waren die drei Herren, wenn sie sich im stillen Kämmerlein bei einem Glaje echten Rebensaftes vereint fanden, ein Herz und eine Seele. Und das wäre für jeden, der die Ehre und das Vergnügen gehabt hätte, sie genau zu kennen, sehr erklärlich gewesen. Der General zuvörderſt huldigte der Ansicht, daß politische ind religiöse Ueberzeugungen zwar sehr nüzliche und notwendige, ja unerläßliche Dinge ſeien, so nüzlich, so notwendig, so unerläßlich, wie der Waffenrock, die Montur des Monarchen für den Soldaten. Aber im Soldaten steckt doch der Mensch und dieser war, selbst für solch einen alten Haudegen, wie der Ge( 17. Fortsezung.) Zu diesen Gründen kam bei dem General noch das Gefül, daß Kirche und Staat mit ihren Vertretern und Anhängern eigentlich zusammengehörten und sich nicht bis zur entschiedenen Feind seligkeit oder etwa gar bis zur Unversöhnlichkeit befehden dürften. Natürliche Bundesgenossen zu Schuz und Truz wären und blieben sie troz allem Hader um politische und religiöse Detailfragen wie um die allerdings wichtigere Frage des Vorrangs und der Hegemonie. - Was der General fülte das wußten die beiden Gottesmänner genau. Sie wußten das, und wußten, daß der aus den politischen Gemeinschaften des Mittelalters hervorgegangene Staat, wußten nicht weniger gut, daß die beiden christlichen Hauptreligionsgemeinschaften sich selbst am schlimsten schädigen würden, wenn sie heute noch wie zur Zeit der Reformation gegeneinander Krieg fürten und wüteten. die Kirche und die Kirche den Staat nicht entbehren kann. Und sie Daß eine die materielle Welt umspannende, durchdringende und beherschende immaterielle, übersinliche Welt bestehe, die mit jener von einem über alles Sinliche und Außersinliche schrankenlos von Ewigkeit zu Ewigkeit gebietenden Weltgeist vom Größten bis zum Kleinsten regiert wird, war den beiden hervorragenden Vertretern der christlichen Konfessionen der erste der Glaubensartikel, welchen um jeden Preis wach zu erhalten im Herzen des Volkes die höchste Aufgabe aller christlichen Priesterschaft sei. Und zu diesem einen Glaubensartikel gesellte sich noch der andere an Wert und Wichtigkeit ihm um nichts nachstehende hinzu, daß Vermittler zwischen der sinlichen und übersinlichen Welt, zwischen Gott und den Menschen unerläßlich nötig seien, wenn die Menschheit nicht zeitlich und ewiglich verderben solle, und daß zu diesem erhabensten auch one Waffenrod zu denken nämlich wenn er sich nicht Priester. Zuhause beim Weine und beim Male liebte es der im Dienste befände. niemand anders berufen und befähigt sei, als die Es liegt auf der Hand, daß diese Quintessenz religiösen Glaubens sowol von den Dienern der katolischen als von denen General, in einem dünnen Alpaccajaquetchen dazuſizen. Dichtere der evangelischen Kirche vertreten und verbreitet werden muß, Kleidung wurde ihm schon nach dem ersten Gange und der tischen und religiösen Ansichten nicht minder lästig; wenn er solche besessen hätte, so wäre er oft in Diskussion und Streit darüber gekommen, und da er weder ein Mann der Feder noch des Wortes war, so vermied er allen Streit gern da und mit solchen Leuten, und es ist nicht minder offenbar, daß neben diesen Angeln des Kirchenglaubens alle Stonfessionsstreitigkeiten und bogmatiſchen Sinn und Wortklaubereien Nebendinge sind und für erleuchtete Streiter der Kirche als unwesentlich zurücktreten müssen. Das war der geistige Boden, auf dem sich der Domherr und der Konsistorialrat längst begegnet waren. Und da das Haus welchen er nicht im Notfalle durch ein derbes Machtwort seine des Generals von Pommer ein Sammelplaz der vornehmen Welt Meinung einfach als die einzig richtige oftroyiren konte. II. Stuttgart, 28. Januar 1882. und infolge der ungemein ostensiblen Frömmigkeit der Generalin 218 vorzugsweise des glaubensfreundlichen Teils der aristokratischen Gesellschaft beider Konfessionen war, so hatten sich die beiden geistlichen Herren als die priesterlichen Lieblinge der geburtsnoblen Bekennerschaft der einen und der andern ganz zwangslos in diesem Hause zusammengefunden. Und der Kulturfampf hatte sie einander nicht nur nicht entfremdet, sondern vielmehr genähert. Sie hatten alsogleich die Gefar enfant, welche aus ihm für allen Autoritätsglauben weltlicher wie geistlicher Art- erwachsen fonte, wenn nicht erwachsen mußte. Sie hatten mit scharfen Augen beobachtet, wie die liberalen Parteien diesen Kulturkampf für ihre, der Religion vielfach feindlichen, oder zum mindesten hinderlichen Zwecke zu fruftifiziren suchten, und sie hatten den Kulturkampf schon um seines die Kulturmission der Kirche verdächtigenden und die Religion selbst beleidigenden Namens willen von vornherein mit scheelen Augen angesehen beide: der protestantische, wie der katolische Priester. Diese in ihrem ganzen Umfange und in allen ihren Konsequenzen gemeinsame Anschauung hatten sie bei einem Gespräche unter vier Augen gelegentlich ausgetauscht, und seit der Zeit waren sie heimliche Bundesgenossen geworden, die das Bedürfnis empfanden, sich nicht nur von Zeit zu Zeit über die Fragen der Zeit in akademischer Auseinandersezung zu unterhalten, sondern auch ernste Verabredungen zu gemeinsamem Handeln zu treffen. Aus einleuchtenden Gründen mußte es überflüssig, selbst ge= färlich erscheinen, die dazu erforderlichen Zusammenkünfte frei und offen, oder auch nur in den vielbesuchten Salons des Generals stattfinden zu lassen. Aber was in den Salons und in großer Gesellschaft nicht gut möglich war, machte sich vortrefflich und höchst harmlos im Rauchzimmer des Generals, wo derselbe des Abends öfter eine Partie Whist oder L'hombre machte und eine Ileine Anzal ihm nahestehender Männer der sogenant besten Gesellschaft stets mit Vergnügen empfing. Mit der Zeit hatte sich nun ein Whistkränzchen gebildet, welches allein aus dem General und den beiden Geistlichen bestand und allwöchentlich an einem von Fall zu Fall zu bestimmenden Tage abgehalten wurde. Der General liebte neben feiner Küche, gutem Wein und einem andächtigen Whist ganz insbesondere noch eine Unterhaltung, welche sich in möglichst pikanter Schärfe über die Vorkomnisse des öffentlichen und privaten Lebens erging, und darin war jeder der frommen Herren Meister. Niemals in seinem Leben hatte sich der General besser amüsirt, wie er seinen frommen Freunden duzendmale schon versichert hatte, als wenn sie ihm erzälten, was in der außermilitärischen Welt vorging. zimmer des Generals, neben oder vielmehr vor und nach dem Whistspiel. Er war wie fein anderer eingeweiht in alle jene kleinen skandalösen Vorkomnisse des geselligen und familiären Lebens der guten Gesellschaft und wußte in trocken- humoristischer, oft aber auch ganz außerordentlich malitiöser Weise davon zu erzälen. Das war es, was den Domherrn dem Herzen des Generals auch noch näher brachte, als der Konsistorialrat zu stehen sich rühmen durfte troz allen Kulturkampfes. Heute erledigten die Herren, wie üblich, ihre Tages- oder besser: Abendordnung. Der Konsistorialrat ward einer langen politischen Rede ledig, der Domherr gab mehrere Duzend kleiner pifanter Geschichten zum besten, der General fluchte und wetterte über die verfluchten Kerle, die Liberalen", welche sich jezt bei der Regierung so recht einschmeicheln wollten, und wollte fast bersten vor Lachen über die Erzälungen des Domherrn; dann wurde die übliche Zal von Robbern Whist gespielt, und endlich ging man wieder zur zwanglosen Unterhaltung über, welche stets die Zusammenkünfte abschloß. Früher als gewönlich nickte der General, wie man zu sagen pflegt, ein. Häufig genug zwar gewärte er seinen beiden Gästen den Genuß eines kleinen Schnarchkonzerts, wofür er nicht den mindesten Dank beanspruchte im Gegenteil: er wäre sogar recht böse geworden, wenn einer einmal eine Andeutung gemacht hätte, daß er, der General, eingeschlummert gewesen sei. Er be hauptete immer nur ein wenig nachzudenken und dabei seine an gegriffenen Augen ausruhen zu lassen. Gemeinhin jedoch trat dieser Zustand des Ausruhens erst spät ein; heute jedoch war der lezte Robber kaum ausgespielt, als der General die Augen schloß und jene karakteristischen Töne des Schlafröchelns durch das Gemach zu vibriren begannen. Der General hatte heut besonders energisch dem Bordeaux wein zugesprochen: er tat das von Gesundheitswegen. Sein ohnehin mächtiger Körper nam in lezter Zeit fast beängstigend an Umfang und Gewicht zu, keiner seiner Uniformsröcke wollte mehr passen. Kaum konnte er noch ohne Hilfe das Pferd bestei gen. Alle vierzehn Tage konsultirte er mit größter Regelmäßig feit seinen Hausarzt, der ihm unermüdlich von neuem größte Mäßig feit im Essen und Trinken, viel Bewegung und kalte Abreibungen des ganzen Körpers anempfal, ein vortrefflicher Rat, der lei der nur das Pech hatte, von dem General für unsinnig und un verschämt gehalten und niemals befolgt zu werden. Dafür fing der General gleichfalls ganz regelmäßig alle vierzehn Tage eine neue Kur auf eigene Faust an. In diesem Momente war er bei der Rotweinkur angelangt. Seine allgemeinwissenschaftliche Bil dung reichte u. a. bis zu der Kentnis, daß im Rotwein Gerb säure enthalten sei. Darauf gestüzt war er auf den Einfall ge kommen, die Gerbsäure, in möglichst großen Quantitäten genossen müsse dazu beitragen, das Fett aus dem Körper hinauszugerben und so war er denn energisch, wie sich's für einen schneidigen Soldaten geziemt, an dieses hygienische Experiment gegangen, dem er für's erste nur das frühere Entschlummern zu danken hatte. Der Konsistorialrat speziell vertrat beim General die Stelle einer Zeitung oder vielmehr einer sozial- politischen Wochenrundschau. Am Zeitungslesen lag dem hochgestellten Kriegsmann nichts. Er war einer von den vornehmen Militärs aus der alten Schule, welche alles Schriftwesen und Gelehrtentum gründlich hassen und auf die Strömungen und Geistesregungen der Zeit nur soweit eingehen, als es ihnen mit dem Interesse ihres obersten Kriegsherrn übereinstimmend plausibel gemacht wird.„ Diese verdamten Wische, die Zeitungen", wie er die Organe der öffentlichen Meinung titulirte, waren ihm bis in die Seele hinein verhaßt,- sie sind bekantlich so himmelschreiend naseweis, sich selbst über militärische Dinge ein Urteil anzumaßen und da hörte beim General von Bommer aller Spaß und alle Nachsicht auf. Daher hielt er nur eine Zeitung, die er als das offizielle Organ der Regirung Sr. Majestät nicht verächtlich links liegen lassen konte und mochte, aber er las doch auch diese nicht; aber dieweil sich nun doch das politische Leben und Treiben nicht dadurch, daß man es ignorirt, aus der Welt schaffen läßt, so war ihm der Konsistorialrat, welcher alles, was geschah, nicht nur bis auf das Tüpfelchen auf dem i wußte, sondern sich dank seinem durchdringenden Verstande auch sonst das Ansehen zu geben vermochte, als ob er die Dinge stets sofort bis in die geheimsten Triebfedern ihres Werdens und Vergehens durchschaue, als mit wünschenswertester Regelmäßigkeit sich einstellender Berichterstatter hochwillkommen. Der Domherr liebte lange, ausfürliche Berichte nicht. Er sprach auch nur, wenn es ihm vorteilhaft schien, von politischen Dingen. Die Zeitungen las er angeblich ebensowenig, als der General; merkwürdigerweise brauchte er aber auch keine politischen Berichte, um stets mit dem, was geschehen war und geschehen sollte, vertraut zu sein. So ergänzte er denn oft mit kurzen, scharfen, tiefste Sachkentnis verratenden Bemerkungen das poli tische Resumé des Konsistorialrats. Das war aber nicht seine Haupttätigkeit bei den abendlichen Zusammenkünften im RauchDie beiden geistlichen Herren nahmen ihrem jovialen Wi diesen seinen Rückzug ins Unbewußtsein nicht übel; derselbe fam ihnen vielmehr stets gelegen. Sie hatten gar manches besprechen, was dem General langweilig gewesen wäre, manches auch, was der derbe, mit Worten und Gedanken allzu unbe fangen und unvorsichtig umspringende Kriegsmann besser nich hörte und wußte. 11 11 b 111 R 111 B le K p a R in கு கு I un de To be da an fich der au mi bei In zu ein Au ga Jen Da wü uni flü bei me def Fri schi ber ive tay geg der hat Re der di ab ſtü der daj Das erste Tema der Unterhaltung unter vier Augen war da alte und doch ewig junge das des Kulturkampfs. Am politischen Horizonte waren just in der jüngsten Ze schwärzeste Gewitterwolfen aufgezogen, insbesondere auch für d Diözese des Bischofs Heinrich. Der Bischof gehörte zu den bei der Regierung beliebteste Mitgliedern des hohen Klerus im Lande; man hatte geglaub daß an ihm die Jare des Kulturkampfs spurlos vorübergehe würden, zumal er so mild und nachgebend war, wie kein andre seiner Genossen auf den Bischofsstühlen. Aber der Bischof Hein geben können; als es galt, zwischen Rom und der Regierung rich hatte doch nur in äußerlichen unwesentlichen Sachen nach schiedenheit auf Seite der klerikalen Opposition. wälen, trat er ohne alles Geräusch, aber dennoch mit aller Ent Бе Nun konte die Regierung nicht mehr gut anders- sie muß järlich betragenden Gehalts, das er von staatswegen bisher b auch gegen ihn einschreiten, mit Sperrung des über 20,000 Tal jezung und Gefängnis. zogen hatte, mit hohen Geldstrafen und schließlich mit Amtsent ( Fortfezung folgt) hei un ala haj we def ( na και leil 219 Der gegenwärtige Stand der Impffrage. Von Friedrich Nauert. Vom 9.- 12. Oftober 1881 tagte in Köln der zweite internationale Kongreß der Impf- und Impfzwanggegner, um sich mit dem Stand und der Entwicklung des Impfwesens in den verschiedensten Ländern zu beschäftigen und zum Schluß eine Petition an den Reichstag zu entwerfen, welche verlangt, derselbe möge den Reichskanzler ersuchen, 1) die ursprünglichen Motive des Reichsimpfgesezes vom 8. April 1874 durch eine gemischte Kommission, bestehend aus Aerzten, Statistikern und Juristen, unter Berücksichtigung aller seit 1874 beigebrachten Tatsachen und Belege einer streng wissenschaftlichen Prüfung zu unterziehen, 2) dieser Kommission durch Vermittelung der Bundesregierungen die Urpockenlisten der deutschen Städte und Gemeinden von den Polizeiämtern und den städtischen Verwaltungen zuzustellen, 3) dem Reichstage von dem Ergebnis dieser Beratungen und Beschlüsse Mitteilung zu machen und 4) inzwischen die Strafbestimmungen in dem Geseze vom 8. April 1874 aufheben zu lassen. Als Gründe werden aufgefürt, daß die Unterlagen zu dem erwänten Geseze sich nach vielseitiger Prüfung von Aerzten, Statistikern und Juristen nicht als maßgebend und unanfechtbar erwiesen hätten und nachgewiesenermaßen auf falschem Grunde beruhen. Zum Schluß wird dann noch auf das von der Petitionskommission der Impfgegner beim lezten Reichstage eingereichte, die Haltlosigkeit der Impfteorie beweisende Material hingewiesen. " Die„ N. W." hat sich nun früher des öfteren mit dieser Frage beschäftigt und es ist daher angesichts des allgemeinen Interesses, das derselben im deutschen Publikum entgegengebracht wird, wol am Plaze, kurz ihr dermaliges Stadium hier zu skizziren. Hat sich doch die Repräsentation des deutschen Volkes, seitdem sie zu den mancherlei Segnungen, welche ihr das Reich zu danken hat, auch noch die des Impfzwanges gefügt, in jeder ihrer Sizungen mit einer von tausenden von Unterschriften bedeckten Petition zu beschäftigen, die energisch verlangt, den gesezlichen Zivang zum Impfen wieder aufzuheben. Es geht aber dem Reichstage wie's oft schwachen Menschen zu gehen pflegt: er mag ein voreilig begangenes Unrecht nicht einsehen oder will doch nicht so mir nichts dir nichts durch eine Aufhebung des Impfgesezes den Beweis liefern, daß er sich vor garnicht so langer Zeit bei Annahme desselben geirrt und daß jene Leute, die schon damals dagegen opponirten, recht hatten. Da sich nun obendrein noch ein beträchtlicher Teil dieser ehrwürdigen Versamlung jener wichtigen Frage gegenüber damals und bis zum Schluß der lezten Legislaturperiode in höchst überflüssiger Bescheidenheit für„ Laien" hielt und blindgläubig dem beistimte, was von den par„ Fachmännern" für heilsam und gemeinnüzig dargestellt wurde und zwar one auch nur im mindesten daran zu denken, daß sich bei Beurteilung von so wichtigen Fragen, die speziell in das Gebiet der Fachmänner gehören, die schwache Leiblichkeit und Sündhaftigkeit des menschlichen Geschlechts bemerkbar machen kann, so waren auch immer nur einige wenige Veranlassung, daß im Reichstag über die Bitten von tausenden von Staatsbürgern einfach zur Tagesordnung" übergegangen wurde, oder daß womöglich die Petitionen bereits in der Kommission in den Papierkorb wanderten. In diesem Falle hatte nun aber der engagirte Interessent, das Volk, sehr wenig Respekt vor der„ Tagesordnung" des Parlaments und so wurde denn, nachdem die eine Petition verworfen war, flugs eine neue abgefaßt, die womöglich noch lebhaftere und zalreichere Unterstüzung fand, und schließlich schwoll die Zal der Protestirenden derart an, wurde deren Sprache eine so eindringliche und lebhafte, untersuchen. beweise konten gegenüber dieser Beredtsamkeit kaum aus dem Dunkel hervortreten und mußten verstummen, weil es meist ,, Laien" waren, welche sie vertraten. Die Balen bewiesen" auch in diesem Falle, bis ein Mann und diesmal wirklich ein Mann vom Fach!- der wolbekante Statistiker Kolb die von beiden Parteien als Beweismaterial vorgefürten Tabellen einer kritischen Betrachtung unterzog und zu dem Ergebnis kam, daß die Impfstatistik unzuverlässig sei und daß namentlich die, auf welcher die Impffreunde ihr Gesez gebaut, total verkehrt sei. Zu dem kam noch die für die Impffanatiker so fatale Tatsache, daß mehrere schwere Fälle von Impfvergiftung troz aller Vertuschungsversuche amtlich konstatirt wurden, wodurch die Behauptung der Impfgegner, daß durch das Impfen, andere, viel gefärlichere Krankheiten als die Pocken, verpflanzt und übertragen würden, Bestätigung fand und der Opposition zu dem angehäuften Beweismaterial noch neues, wichtiges zugefürt murde. Wie man aber die Zalen bei Aufstellung der statistischen Tabellen handhabte, dafür mögen hier einige Beispiele Zeugnis ablegen. Der Chefarzt der k. k. österreichischen Staatseisenbahngesellschaft, Dr. L. Jos. Keller, früher Verfechter des Impfens, hatte in den Pockenepidemien 1872, 1873 und 1874 durch 63 Bahnärzte genaue statistische Erhebungen über die Erkrankungen und Sterbefälle an den Blattern angeordnet und ließ die von ihm veröffentlichten Berichte von seinen Berichterstattern kontrolieren. Es fand sich*), daß 3385 Bodenfranke behandelt wurden, davon genasen 2760 und starben 625. Nach der üblichen Weise gerechnet ergab dies folgende statistische Aufstellung: von 2069 Geimpften starben 317= 15,32 Proz. 1095 Ungeimpften 24,74 271 " " " 1 92 Revaccinirten " " 1 16= 17,39 " 1 19 Geblatterten 5 26,31 " " " " 110 Zweifelhaften 16= 14,54 " " Kolb läßt nun die drei lezten Kategorien weg und stellt folgende Tabelle auf, in der Geimpfte und Nichtgeimpfte gegenüber stehen, aber die Erkrankten nach Altersklassen gesondert sind. Nichtgeimpfte Geimpfte erkrankt gestorben Proz erkrankt gestorben Proz. 36 48,65 Alter. unter 1 Jar 74 bis 2 Jare 293 134 45,73 56 26 46,43 107 44 44,12 3 64 20 " " 1 31,25 90 17 18,89 4 91 20 21,98 101 17 16,83 " 11 5 70 14 " " 1 20,00 91 13 14,29 10 276 52 18,84 146 13 8,90 " " 1 15 233 14 6,28 58 7 12,07 " " 20 332 19 5,72 62 4 6,45 " " 30 447 31 6,93 75 7 9,07 " 17 40 270 38 14,07 44 6 13,64 " " 1 50 104 19 18,27 10 " 1 " 60 46 17 36,96 10 " 70 15 10 66,67 8 " " 80 1 1 100,00 0 20,00 40,00 37,50 0,00 " " 1 Zusammen 2169 317( 15,32) 1095 02430 271( 24,74) Unser Gewärsmann läßt den einen Achtzigjärigen zu Gunsten der Geimpften weg und trozdem bleiben noch acht Fälle übrig, in denen die Sterblichkeit unter diesen einen höheren Prozentsaz aufweist, wie unter den Nichtgeimpften. Nach seiner Berechnung ergibt die Durchschnittssterblichkeit der geimpften Bockenkranken 24,43%, der ungeimpften nur 20,320. Dr. Keller, der die Nüzlichkeit des Impfens durch seine Erhebungen nachweisen wollte, wurde, wie leicht erklärlich, zum Impfgegner. Der um die Bekämpfung des Impfens verdienstvolle Dr. H. Didtmann in Linnich bringt aber noch einen drastischeren Fall. In dem Dorfe Lövenich, Kreis Erkelenz, erkrankten 82 Personen an den Bocken, wovon 16 starben. Unter den Erkrankten waren 4 nicht geimpft und starben sämtlich; 39 waren 1 mal geimpft, davon starben 11, und 39 waren revaccinirt, davon starben drei. Die amtliche Zusamheiten gewönlich nicht durch besondere Feinhörigkeit auszeichnen, Miene machen mußten, diese Angelegenheit etwas gründlicher zu Die Statistik, diese von allen Parteien in der Beweisfürung als ausschlaggebend angefürte, aber in ihrer heutigen Mangelwelche bei der Diskussion des Impfzwanggesezes den Streit zu haftigkeit nur zu oft unzureichende Wissenschaft, war es auch, deffen Gunsten entschied, indem einige impffreundliche Aerzte menstellung ist nun wie folgt: ( namentlich der Abgeordnete Löwe Kalbe) mit Zalen harscharf nachwiesen, welchen großen Nuzen das Impfgeschäft der pockenleidenden Menschheit bereits erwiesen. Die gegnerischen Zalen*) Ich zitire nach der Schrift von Kolb Zur Impffrage". Der Verfasser. 220 Zwergpalme auf Madagaskar.( Seite 227. Geimpft: Ungeinipfte: erkrankt gestorben Prozent 78 4 18 23 4 100 Das Ungereimte einer solchen Statistik springt in die Augen und Dr. Didtmann berichtigt dieselbe unzweifelhaft korrekt, wenn er die Zalen so gruppirt: gestorben Prozent Lebensalter erkrankt geimpft unter 4 4 100 nicht geimpft 1 Jar 4 4 100 geimpft( 74 13 nicht geimpft 0 0 19 0 1-70 Jare Nun waren die in dieser Tabelle aufgefürten vier ungeimpften Bockentoten ein neugebornes, ein 6 Wochen, ein acht Wochen und 221 ein sechs Monate altes Kind. Damit sind wir auch dem Fehler dieser Statistik für die wir aus dem vorliegenden Material noch mehrere Beispiele anfüren könten auf der Spur. Man hat gänzlich außer Acht gelassen, daß die Sterblichkeit unter den Kindern im zartesten Alter, wo der Körper den geringsten schädlichen Einflüssen leicht unterliegt, überhaupt eine viel größere ist, als bei den älteren und widerstandsfähigeren Menschen. Ganz natürlich müssen auch die kleinen Kinder dann bei Ausbruch einer Pockenepidemie in größerer Zal erliegen. Da nun Säuglinge unter 6 Monaten noch nicht geimpft sind, und die Kinder, die in einem Alter von 6-9 Monaten geimpft werden, auch ganz vereinzelt vorkommen, ja sogar die im Alter von 9-12 Monaten vaccinirt werden, noch selten sind, so liegt das Verkehrte dieses ,, Donner und Doria!"( Seite 227.) Sperrer Monchen 1880 außer Auge lassen konten, daß die Sterblichkeit in den ersten 18 Systems, nach welchem die verstorbenen ungeimpften Kinder den Ungeimpften überhaupt zugezält werden, klar zutage. Die Tren nung in Altersklassen, wie schon durch Beispiele angefürt, ist deshalb Vorbedingung für eine gewissenhafte Statistit. Die Hauptschuld an der Mangelhaftigkeit der Balenzusammenstellungen hat nun das Königlich preußische Ministerium für Medizinalwesen, welches in den Jaren 1871 und 1872 Fragebogen an die Regierungen und Landrosteien versante, nach deren Rubriken angegeben werden sollte 1) wie hoch das Sterbeprozent der an den Pocken erkrankten Wickelkindchen( also der ungeimpften Individuen) und 2) wie hoch das Sterbeprozent der an den Bocken erkrankten größeren Kinder und Erwachsenen( also der Geimpften) in Durchschnitt sei. Diese mangelhafte Fragestellung läßt es nur zu natürlich erscheinen, daß man ein statistisches Material zutage förderte, wie oben gezeigt wurde. Aber das Schönste bei der Sache ist, daß die Kgl. wissenschaftliche Deputation für das Medizinalwesen in Preußen gestüzt auf das durch diese Fragebogen erhaltene Material ein Gutachten ausarbeitete, welches für die Annahme des Impfgeſezes maßgebend war. Man muß als„ Laie“ falls diese so wichtige Körperschaft bilden, gänzlich die Tatsache allerdings staunen, wie Männer vom Fach", welche doch jeden sein kann. Lebensmonaten des Menschen und zwar hervorgerufen durch Darm- und Luftröhrkatarrhen, Gehirnleiden 2c. von den Erkrankten eine Höhe von 50-800, erreicht, daß diese Sterblichkeit mit den fortschreitenden Lebensmonaten abnimt und daß sie bei denselben Strankheiten bei größeren Kindern und Erwachsenen ungefär 10-15%, beträgt. Sollte man nicht ein Recht zu der Vermutung haben, daß Männer, die die medizinische Fachwissenschaft studirt haben und denen das Vertrauen zu ihrer Befähigung, an wissenschaftliche Untersuchungen, bei denen es sich um das Wol von millionen handelt, vorurteilsfrei herantreten zu können, auf diesen verantwortungsvollen Posten berief, zum mindesten hätten auf den Gedanken kommen müssen, daß das Verhältnis zwischen den gestorbenen Erwachsenen und Wickelkindern auch bei Pockenepidemieen ein dem unter normalen Verhältnissen ähnliches sein müsse, zumal ja die eingegangenen Balen mit Leichtigkeit darauf hinwiesen! Genug, die Herren vom Medizinalkollegium sahen diese auffallende Tatsache nicht und bewiesen zurgenüge, wie un zuverlässig selbst ein ärztliches Urteil in Sachen der Impffrage Die Vertreter des Impfens behaupteten nun bisher immer daß die Ungeimpften eine stete Gefar für die Geimpften wären, weil sie zuerst von der Seuche ergriffen, auch die lezteren ansteckten. Die Schuzlosigkeit der Geimpften gegenüber den Blattern hatte man dadurch bereits zugegeben. Nun fürt der mehrerwänte Kolb in einem Artikel über die Impffrage( Frankf. 8tg. 1881) gegen diese Behauptung Tatsachen aus Baiern ins Feld. Baiern ist nämlich der von den deutschen Impfärzten anerkante Musterstaat der Impfung und doch erkrankten bei der Blattern- Epidemie 1871 nicht weniger als 30 742 Menschen an denselben, wovon 29 429 geimpft und nur 1313 ungeimpft, also 95,7% geschüzt" und 4,3% ungeschüzt" waren. Daß die Blattern in einem Lande, wo der weitausgrößte Teil geimpft wurde, überhaupt in der Weise um sich greifen konten, spricht durchaus nicht für die Impfteorie. In England, dem Geburtsland der Impfung und ihrer Fanatiker, haben sich in den drei Jarzehnten, wo man die Impfgeseze immer mehr verschärfte, die Sterbefälle an Pocken gesteigert und zwar derart, daß in der Epidemie von 1857-59 14 244, in der von 1863-65 20 059 und in der von 1870-72 44 840 an den Blattern starben. So auch in London. Dort gab es 1851-60 bei einer mittleren Bevölkerung von 2 570 489 7150, 1861-70 bei einer mittleren Bevölkerung von 3018 193 8347 und 1871-80 bei einer mittleren Bevölkerung von 3 466 486 15 543 Pockentote. Dabei stellte der Abgeordnete Taylor im Parlament die auf Untersuchungen sich stüzende Behauptung auf, daß bei Ausbruch einer Pockenepidemie immer zu erst die Geimpften davon betroffen wurden. Um den Vorwurf, daß die Ungeimpften( also meist die Säuglinge) die Blattern gewissermaßen einschleppten, hat nun der rüh rige Dr. Didtmann sich an die verschiedensten Ortsbehörden gewant und um Zusendung der Urpockenlisten gebeten. Zumt Schaden für das Gemeinwol ist er zwar bei den meisten abschläglich beschieden worden, aber die verhältnißmäßig wenigen Listen gewären doch einen interessanten Einblick in die Genesis und die Entwicklung der Blatternepidemien. 222 Diese Urpockenlisten sind nun schon insofern für den schwebenden Streit farakteristisch als in den meisten Korrekturen angebracht sind, die gewönlich bei Gestorbenen das bereits in der Rubrik eingeschaltete geimpft" in ein„ nicht geimpft"„ verbesserten". So sollen sich in den Urpockenlisten der Stadt Elberfeld weit über 100 Korrekturen vorgefunden haben, die, soweit sie nicht indifferenter Natur sind( ich zitire nach Didimann), in fast allen Fällen bei Gestorbenen die bereits angefürte vorgenommene Metamorphose beweisen und außerdem zeigen, wie bei Genesenen hingegen das nichtgeimpft" wieder in„ geimpft" verwandelt wurde. In einer solchen in photographischer Reproduktion vorliegenden Liste der Stadt Trier befindet sich auch ein solcher Fall der ersteren Gattung. Dr. Jos. Didtmann, der die Fakta der Urpockenliste von Elberfeld verarbeitete, nimt gelinde an, daß das Vorurteil zu Gunsten der Impfung diese Aenderungen verschulde und die Idee, als seien geimpft" und" genesen" und nichtgeimpft" und ,, gestorben" unzertrennliche Begriffe, meist nur da gründliche Untersuchungen anstellen ließen, wo bei einem Todesfalle nicht durch Attest die Impfung nachgewiesen werden könne, und, wenn dieser Nachweis unterbliebe, so würde eben das nichtgeimpft" als das richtigere angesehen. Dagegen würde bei Genesenden schon der Mitteilung des Betreffenden, daß er an eine bei ihm vorgenommene erfolgreiche Impfung glaube, zugestimmt. Wenn ein Impfgegner angesichts solcher Tatsachen aber weniger tolerant denkt als Dr. J. Didtmann, so hat dies wol seine Begründung. Wichtiger als dies alles ist aber folgender Umstand: Aus allen den Dr. Didtmann zugesandten Urpockenlisten geht unzweifelhaft hervor, daß es nicht die Ungeimpften sind, welche von der Seuche zuerst betroffen wurden und die Vaccinirten ansteckten, sondern umgekehrt. So berichtet der Bürgermeister aus Elberfeld an die kgl. Regierung zu Düsseldorf am 10. Febr. 1871 über den Ausbruch der Pocken und zeigt die zwei ersten Erfrankungsfälle an: Der erste Fall betrifft ein 14 Jare altes Kind, welches kurz vor seiner Erkrankung geimpft wurde und bei welchem hiernach die echten Pocken ansgebrochen sind." Ferner:" Im zweiten Falle ist die Krankheit eingeschleppt. Der Erkrankte, 17 Jare alt, geimpft und vor 3 Jaren revaccinirt, ist vor 14 Tagen aus Wesel, wo seine Mutter an den Pocken gestorben, hier angekommen." Bei der kleinen Epidemie in Elberfeld, die vom 10. Mai bis 29. Juni 1880 andauerte, erkrankten 22, darunter 2 nicht geimpfte Individuen, die aber in der Reihenfolge die Nummern 6 und 14 aufweisen. In Stolberg bei Aachen kamen vom 25. Dezember 1879 bis 3. Juli 1880 Erkrankungen an Pocken vor. Die von dem genanten Tage an bis zum 26. Mai 1880 Erkrankten waren geimpft. Erst als Nr. 11 der Liste ward am 7. Juni ein ungeimpftes Kind davon befallen; dann wieder 2 Geimpfte und und unterm 25. Juni und 2. Juli sind wieder 2 nicht geimpfte Individuen als erfrankt aufgefürt und den Schluß bilden 3 Vaccinirte. Die drei erkrankten Nichtgeimpften waren Kinder im am wenigst widerstandsfähigen Alter von 10 Monaten und 1 Jar, kamen aber alle mit dem Leben davon. Nach der amtlich gefürten Liste über die vom 18. Januar bis 6. April 1881 an den Pocken in Lübeck Erkrankten wurden Die ersten in Summa 48 Personen von der Seuche ergriffen. 16 waren geimpft, erst am 16. Februar erkrankte ein Ungeimpfter, ein 42 Monate altes Kind, das aber genas. Die übrigen weiter davon ergriffenen Individuen waren nach der amtlichen Aufzälung geimpft. Von den erkrankten Geimpften starben 7. Nach den genanten amtlichen Aktenstücken( vom Medizinalamt, Physikus Dr. Türk) gab es in Lübeck bei Ausbruch der Epidemie 1427 ungeimpfte Kinder, wovon also 1426 verschont blieben.- Am 23. Mai 1881 wurde aus Gogolin in Schlesien gemeldet, daß bis zu diesem Tage 47 Pockenerkrankungen vorgekommen seien. Darunter befanden sich 40 Kinder zwischen 7 und 12 Jaren, sämtlich geimpft; außerdem 4 Erwachsene. Die von den Blattern heimgesuchten Ungeimpften waren 3 Kinder im Alter von 6 und 12 Monaten. In drei kleinen Nachbarorten waren 15 Kinder, In Meiderich bei die sämtlich geimpft waren, pockenfrant. Ruhrort gab es am 22. Mai desselben Jares 10 Pockenkranke; alle geimpft. Doch diese Beispiele sind nur Vorfällen entnommen, die nur wenige Erkrankungen aufweisen und wir bringen daher Belege aus einer uns vorliegenden amtlichen Statistik, der Urpockenliste der Stadt Bonn über die an den Blattern erkrankten Versonen in den Bodenjaren 1870/72. Bonn hatte damals 25,000 Einwohner, darunter über 1000 Nichtgeimpfte. Die Seuche begann 9. Dez. 1870 und endete 19. Juli 1872; betroffen wurden davon im Ganzen 116 Personen. Vom 9. Dezbr. 1870 bis 16. Februar 1871 erkrankten 41, alle geimpft, 27 davon sogar revaccinirt. Am 16. Febr. 1871 erkrankte der erste Nichtgeimpfte, ein 5 Monate altes Kind. Dann wurden von den Pocken befallen vom 16. Febr. bis 25. März 27 Geimpfte, 18 darunter revaccinirt. Am 26. März erkrankte das zweite nicht geimpfte Individuum, 1 Kind von 12 Jaren. Dann werden von der Seuche betroffen vom 28. März bis 23. Mai 21 Personen, sämmtlich geimpft, 12 darunter wieder revaccinirt. Den 27. Mai wird der dritte Ungeimpfte frant: ein 4 Monate altes Kind. An demselben Tage trifft einen Geimpften und Revaccinirten das gleiche Schicksal und den 5. Juni erkrankt ein 1½jähriges Kind, das noch nicht den Segen der Impfung genossen. Die lezten 22, welche vom 5. Juni 1871 bis 19. Juli 1872 von den Boden heimgesucht wurden, waren sämmtlich geimpft und 11 sogar revaccinirt. Unter den 116 an den Blattern in Bonn erkrankten Personen befinden sich also nur 4, schreibe vier, die nicht geimpft waren, aber der zartesten Altersklasse angehörten. Würde man nun hier die bekante amtliche Metode der Salengruppirung anwenden, so ergäbe sich folgendes Bild: Geimpfte: Nichtgeimpfte: erkrankt. 114 4 Prozent. gestorben. 14 2 12 50 Die sehr geringe Erkrankungszal der Nichtgeimpften, denn deren dem Tode günstiges Alter wird nicht inbetracht gezogen und - der Vorteil der Impfung liegt auf der Hand.Noch ein Beispiel: Bei einer Bevölkerungszal von 23134 Menschen wurden vom 26. Jan. 1871 bis 1. Nov. 1872 in Liegni 893 Personen von den Pocken auf's Krankenbett geworfen. Bis zum 23. März 1871 wurden 24 Geimpfte, am 24. März der erste Ungeimpfte davon betroffen; dann wieder 9 Geimpfte; am 13. April ein Ungeimpfter, dann bis zum 6. Juli 109 Geimpfte. Bis zu Ende des Jares erkrankten dann neben mehreren Geimpften noch 8 Nichtgeimpfte. Da im Ganzen in diesem Jare 494 Blatternerkrankungen vorkamen, so betrug die inbegriffene Zal der Nichtgeimpften nur 10! Die ersten 137 im Jare 1872 von dem Uebel heimgesuchten waren alle geimpft, mit Ausnahme von sieben, die in größeren Zwischenpausen erkrankten. Diese Angaben beweisen doch wol sehr deutlich, daß die Bes hauptung, die Ungeimpften seien eine beständige Gefar für die Geimpften, nichts als eine Phrase ist. Wenn man aber vielleicht einwenden sollte, daß die wenigen Beispiele nicht für die Allgemeinheit maßgebend sein könten, so wende man sich mit seinem Vorwurf an die richtige Adresse: an die Behörden, welche die Einsicht in die Urpodenlisten verweigerten. Wäre durch diese unbeschränkte Einsicht ein für die Impffreunde günstigeres Resultat zutage gekommen, so hätte dies den Impfern ja nur lieb sein könen, hätten sie dann doch wenigstens einmal treffend sichere Beweise für ihr Impfdogma bekommen. Die Impfgegner haben daher ein Recht, von der Regierung neue statistische Aufnahmen auf Grund der Urpockenlisten zu fordern. Aber die amtlichen Zalen der Stadt Bonn zeigen uns auch, daß die Revaccination, dieses einzige Mittel, welches erst den dauernden Schuz geben soll, ebensowenig schüzt, wie die Impfung selbst. Noch ein eklatanter Fall von Impfvergiftung sei angefürt und zwar gleichfalls nach der neuesten Arbeit von Kolb über diese Frage. Der„ Le Réveil médical" berichtete nämlich am 4. Juli 1881 aus Algier: Die Rekruten des dortigen 4. Suavenregiments waren am 30. Dezbr. 1880 in der Kaserne mit der Lymphe von 4 Kindern geimpft. 58 dieser jungen Soldaten war die Lymphe des Kindes einer Spanierin eingeimpft worden und erkrankten sämtlich an der Syphilis. Leztere Krankheit entwickelte sich in so furchtbarer Form, daß alle Vertuschungsunternehmungen nicht den Ursprung des Uebels zu verdecken imstande waren. Auch der Versuch, den jungen Leuten Ausschweifung vorzuwerfen, konte den Impffrevel nicht beseitigen. Ferner hat auch noch zum Ende der Herr Medizinal- Rat Dr. Flinzer nachgewiesen, daß die schwedische Pockenstatistik auf die sich bisher der Referent der Impfpetitions- Kommission im Reichstage, Herr Sanitätsrat Dr. Thilenius u. a so gern gestüzt- von viel zu geringem Wert sei, um die Nüzlichkeit des Impfens damit zu bewirken. Die Jmpffreunde sind daher schlimm daran, denn es ist erwiesen 1) daß durch die Impfung viel gefärlichere Krankheiten 223 als die Pocken verbreitet werden, 2) daß ein einmaliges Impfen nicht vor Erkrankung an den Blattern schützt, 3) daß auch eine Wiederholung des Impfens keinen Schuz verleiht, 4) ist der ganze Apparat ihrer Statistik als etwas total unhaltbares und unzuverlässiges blosgestellt worden, 5) zeigen die amtlichen Urpockenlisten, daß die Geimpften viel mehr Gefar laufen von den Pocken befallen zu werden wie die Ungeimpften. Das wären ja nun der Beweise gerade übergenug, um die Unhaltbarkeit der Lehre Jenners zu zeigen, aber da bringt 6) der Herr Dr. Didtmann, Linnich, noch einen, der allein dazu ausreichte. Der genannte Arzt behauptet nämlich, daß das Impfen ein Vertrocknen der weiblichen Milchdrüsen im Gefolge habe und daß daher auch die Milcharmut vieler Mütter herrühre. Dr. Didtmann wurde auf diesen Umstand aufmerksam durch Beobachtun gen, die er an den Schafen machte und soll diese Behauptung auch von anderen Aerzten auf Grund von Beobachtungen für sehr wahrscheinlich hingestellt worden sein. Ohne darüber ein Urteil fällen zu können, halten wir doch diesen einen Einwand für wichtig genug, als daß sich nicht die ärztliche Wissenschaft gründlich damit beschäftigen solle. Betrachten wir nun das hier kurz sfizzirte Material gegen den Impfzwang wie das Impfen überhaupt, so werden wir die eingangs mitgeteilte Petition nicht nur für berechtigt halten, sondern es sogar für die Pflicht eines jeden Mannes, der Liebe für seine und seiner Mitmenschen Kinder empfindet, bezeichnen müssen, dieselbe zu unterstüzen. Vielleicht läßt sich der Reichstag endlich herbei, diese wichtige Angelegenheit im Plenum zu be handeln und vielleicht auch seine früheren Fehler gut zu machen und beseitigt das Gesez. Wenn man inbetracht zieht, daß das Impfen der Schafe aus Gründen des Schafs- Gemeinwols gesezlich verboten wurde, dann dürfen wir armen Menschenkinder wol bald der frohen Hoffnung leben, daß uns schließlich auch das gleiche Recht wie den Schafen zuteil werde. Die Religion der Vergangenheit und der Zukunft. Von Dr. A. Israel. Wir wollen das Bisherige abschließen mit den Worten Spinozas im Anhang vom 4. Buche der Ethik:„ Es ist für das Leben hauptsächlich von Nuzen, den Verstand oder die Vernunft so viel als möglich zu vervollkommnen und hierin allein besteht das höchste Glück oder die Glückseligkeit des Menschen; denn die Glückseligkeit ist nichts anderes, als eben die Zufriedenheit der Deßhalb ist der lezte Zweck des von der Vernunft geleiteten Menschen, d. h. die höchste Begierde, nach welcher er ⚫alle übrigen zu lenten trachtet, diejenige, die in den Bereich seiner Intelligenz fallen können, adäquat zu begreifen. Es gibt daher kein vernünftiges Leben ohne Erkentniß.(§§ 4. 5.)*) 22. Kapitel. Monistische Heilslehre. Wir wenden uns nun zu der anderen Untersuchung, die wir uns vorgesezt haben, nämlich: ob und wie der Monismus in Unglück, in Bedrängnis und ernsten Lebenslagen für das, was ehemals der Supranaturalismus dem Menschen leistete, Ersaz gewären kann. Wir werden im Allgemeinen sagen dürfen, daß die Wirkung der supranaturalen Illusionen vielfach überschäzt, beziehungsweise fälschlich ihrem eigentlichen Inhalt zugeschrieben wird. Fassen wir einmal beispielsweise den Trost ins Auge, den der Supranaturalismus bei Todesfällen gewären soll. Die Idee des Wiedersehens und Wiederfindens ist eine so vage, nebelhafte Borstellung, daß sie im Grunde mehr als retorische Figur wirkt, als durch ihren eigentlichen Inhalt. Sie ist eine homiletische Blume, bei der es nicht auf den eigentlichen Gehalt ankommt, deren Eindruck vielmehr als ästhetischer aufgefaßt werden muß. Jeder Affekt wird gemildert, wenn der Geist durch einen Gedanken, die Phantasie durch eine angemessene Vorstellung von dem bildung des Verstandes. *) Vgl. auch den herrlichen Anfang der Abhandlung über die Aus| ( 6 Fortsezung.) Gegenstand des Affekts abgezogen wird und darauf beruht in den meisten Fällen das Geheimnis der Wirkung gewisser kirchlicher Lehren. Daraus erklärt es sich auch, daß Vorstellungen wie die erwänte nur vorübergehend wirken, wenn sie der Geistliche an der Bahre in wolgesezter Rede vorbringt, oder wenn sie aus dem Munde eines Tröstenden kommen, daß ihnen aber die Fähigkeit abgeht, einen nachhaltigen Trost zu gewären, wovon man sich erfarungsgemäß täglich überzeugen kann. Der Monismus wird daher zum mindesten nicht weniger fähig sein, lindernden Balsam in das erregte Gemüt zu gießen, wenn er entspre chende Gedanken in anmutige Form zu bringen weiß. Gewiß wird die beruhigende Kraft, die z. B. der Vers:„ Aber deine Toten werden leben und mit dem Leichnam auferstehen. Wacht auf und rühmet, die ihr liegt unter der Erde; denn dein Tau ist ein Tau des grünen Feldes. Aber das Land des Tctes wirst du stürzen" ausströmt, auch den folgenden Versen innewohnen: Wie Wolken durch der Lüfte Raum Wir alle gehn vorüber; Wie Blüten an des Lebens Baum Wir alle gehn vorüber. Genug, wenn wir den Wolken gleich Als Regen niederfallen Und schwindend nicht als luft'ger Traum Wir alle gehn vorüber. Genug, wenn wir den Blüten gleich Erglühn, die Früchte bringen, Und welkend nicht, erschlossen kaum Wir alle gehn vorüber. Beglückt vielleicht, wer blind sich wiegt In holder Täuschung Truge, Nicht faßt, daß wie des Abends Saum Wir alle gehn vorüber; Den Wissenden doch schreckt auch nicht Der scharfe Schluß der Wahrheit: Daß wie der Wölkchen leichter Flaum Wir alle gehn vorüber. Der starke Geist blickt heiter drein, Bedenkt er, daß auf ewig, Berrinnend wie der Woge Schaum Wir alle gehn vorüber. ( Hermann Rollet.) 224 vergebliches Bemühen und Verwantes, zn begleiten pflegen. Aber um die strenge, stumme, eherne Göttin Notwendigkeit spielen auch beredete, freundliche, anmutige Genien, welche dem Gemüt Trost spenden, das gepreßte Herz erleichtern, leichten Sinn und Heiterkeit in die Seele zaubern und die Wolken der Trübsal mit dem rosigen Schimmer der Hoffnung umsäumen. Ermahnt ihn die eine: Du tröste dich in allen Wehen, Gieb dich zur Ruh! Wenn jene nicht vorübergehen, So gehst doch du. oder ( Hammer- Burgstall.) Klage nicht, daß dir im Leben Ward vereitelt manches Hoffen, Hat, was du gefürchtet eben, Doch auch meist dich nicht betroffen. ( Rückert.) Willst du dir ein hübsch Leben zimmern, Mußt um's Vergangene dich nicht kümmern Und wäre dir auch was verloren, Mußt immer tun, wie neu geboren. ( Goethe*). Eine dritte ruft ihm ermunternd zu: Rosen auf den Weg gestreut Und des Harms vergessen! Wir dürfen uns weiter nicht verhelen, daß das Illusorische der kirchlichen Ideen den Gläubigen selbst häufig genug sich aufdrängt und in jenen Zweifeln und Anfechtungen sich offenbart, so belehrt ihn die andere von denen die Geschichte der Heiligen und Nichtheiligen so viel zu erzälen weiß. Endlich aber darf nicht vergessen werden, daß die fraglichen Vorstellungen der Kirche sich häufig als eine Narkose karakterisiren, die sie den Kranken als Krücken, die sie den Schwachen gewärt. Nicht die Heilung der Kranken, nicht die Stärkung der Schwachen zu erzielen sind sie fähig. Und überdies sind es oft Krankheiten und Schwächen, die der Suprana turalismus selbst erzeugt hat. Wenn sich der Gläubige bei schlimmen Begegnissen mit der Erwägung tröstet:„ Was Gott tut, das ist wolgetan", so will er damit den Affekt beschwichtigen, der aus der Vorstellung einer planmäßig waltenden Vorsehung entspringt, die Aufregung, welche die Einbildung, es hätte nicht so geschehen müssen, es hätte anders werden können, erzeugt. Hätte er sich aber gewönt, überall den Gesichtspunkt der Kausalität festzuhalten, so würde er zwar immer das Schmerzliche seiner Lage empfinden und diese empfindet er auch troz des Spruches:" Was Gott tut 2c."- aber er wäre von dem schmerzlichen Affekt des Empörtseins über das Geschehene garnicht befallen worden und müßte nicht erst durch den angefürten Spruch oder ähnliche eine künstliche Resignation erzwingen. Das unan genehme Begegnis würde ihn ebensowenig veranlassen, mit dem Schicksal zu hadern, wie der Schmerz, den er empfindet, wenn er mutwillig den Finger in die Flamme streckt. Er würde es als etwas unabänderliches, Notwendiges hinnehmen. Aber wird man auf monistischem Standpunkt auch ebenso lebhaft hoffen, ebenso kräftig gegen das Unangenehme reagiren und aus schlimmen Verhältnissen sich herausarbeiten können, wenn man das Bewußtsein nicht hat, daß man auf eine schüzende, stärkende Allmacht zälen kann? Wir glauben, diese Frage nicht nur bejahen zu können, sondern wollen noch daran erinnern, daß häufig genug jenes vielgepriesene Vertrauen und Hoffen auf himlische Faktoren einen schädlichen Quietismus oder doch eine Schlaffheit der Selbsttätigkeit erzeugt. Man verläßt sich auf den Himmel, oder stellt sich wenigstens vor, alles sei von der Vorsehung voraus geordnet und der Mensch könne nichts oder wenig daran ändern; wie es z. B. sogar schon als Sünde bezeichnet wurde, sein Haus mit einem Blizableiter zu versehen, weil Gott, wenn er das Haus gegen den Bliz schüzen wolle, dasselbe one Blizableiter beschüzen werde. Oder man verlegt sich auf das Beten und andere fromme Uebungen, statt alle Kräfte des Geistes und des Körpers einzusezen. Wir meinen, daß der Vers:„ Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wirds wol machen" vielleicht dem Gemüt auf Augenblicke mit süßer Hoffnung schmeicheln mag( wobei wiederum nicht übersehen werden darf, daß der Gläubige dabei immer im Zweifel ist, ob ihn auch der Grad seiner Frömmigkeit berechtigt, die göttliche Hülfe zu erwarten; da bekantlich kein Mensch auf Erden ist, der nur Gutes tue und nie sündige"), daß aber weit mehr Anregung zu kräftigem Aufraffen und vernünftiger Tätigkeit in dem goetheschen Vers liegt: Feiger Gedanken Bängliches Schwanken, Weibisches Zagen, Aengstliches Klagen Wendet kein Elend, Macht dich nicht frei. Allen Gewalten Zum Troz sich erhalten, Nimmer sich beugen, Kräftig sich zeigen, Rufet die Arme Der Götter herbei. In der konsequenten Betrachtung alles Geschehenen unter dem Gesichtspunkt der Kausalität wird der Monismus, wie bemerkt, gefeit sein gegen jene Aufregungen, welche schwere Schicksalsschläge aller Art, getäuschte Erwartungen, vereitelte Hoffnungen, Eine kurze Spanne Zeit Ist uns zugemessen. Gebt den Harm und Grillenfang, Gebet ihn den Winden! Ruht bei frohem Becherklang Unter grünen Linden! Andere erinnern an die heilende Kraft der Zeit: Was verschmerzte nicht der Mensch! Vom Höchsten Wie vom Gemeinsten lernt er sich entwönen, Denn ihn besiegen die gewaltgen Stunden. und versichern ihn, daß ( Hölty.) ( Schiller.) Sieh, nicht wütet der Sturm durch sämmtliche Tage des Jares! Dir auch, glaube mir, wird lachen noch freundlicher Lenz**). In der Tat quillt ein föstlicher Balsam aus dem Bewußtsein, daß das Schicksal rasch wie das Wetter wechselt und nach noch so trüben Tagen plözlich wieder heller Sonnenschein eintreffen kann an unserem Lebenshimmel. Lust weckt Lust und Schmerz weckt Schmerzen, Nacht zeugt Dunkel, Licht zeugt Helle. Nimm dir nichts so sehr zu Herzen, Denn es wechselt wie die Welle. Gesellt sich hiezu noch die Erwägung, daß ( Bodenstedt.) Das Schlimmste wendet sich zum Besten oft; Ein tiefer Fall führt oft zu hohem Glück. ( Shakespeare) die Leiden dem Menschen häufig vorteilhaft sind, weil sie seine Kräfte herausfordern, seine Fähigkeiten entwickeln, indem sie ihn zum Widerstand reizen, in welchem Sinne der Vers angewendet werden kann: Des Menschen Tätigkeit kann allzuleicht erschlaffen, Er liebt sich bald die unbedingte Ruh, Drum giebt der Herr ihm den Gesellen zu Der reizt und wirkt und muß als Teufel schaffen. und daß auch dem Menschen im tiefsten Unglück noch vieles bleibt, woran er sein Herz erquiden kann: so wird auch der unphilosophische Kopf die Wucht der Leiden abschütteln und sich Heiterkeit einflößen können mit Sprüchen wie Herz, mein Herz sei nicht beklommen Und ertrage dein Geschick: Neuer Frühling giebt zurück, Was der Winter dir genommen. Und wie viel ist dir geblieben Und wie schön ist noch die Welt, Und mein Herz, was dir gefällt, Alles, alles darfst du lieben. *) Vgl. hiezu Horaz Od. III, 29. ( Heine***). **) Ovid läßt diese Worte dem Evander von seiner Mutter zurufeu: ( Fast. I, 485-486.) ***) Die Dichtungen des Horaz sind besonders reich an solchen weisen prägnanten Sentenzen, die wie Tau das Gemüt erfrischen: Quid sit futurum, cras, fuge quaerere et Quem sors dierum cunque dabit lucro Appone ( Od. I, 9.) oder: Laetus in praesens animus quod ultra est, Oderit eurare, et amare lento. Temperat risu. Nihil est ab omni Parte beatum. ( Od. II, 16.) 225 Wir halten vielmehr die auf dem Boden der Wirklichkeit sich bewegende Historie für weit wirkungsvoller. Auch halten wir solche Erzälungen für eindrucksfähiger, die wirklich historisch sind oder doch an anziehende historische Personen und Fakta sich anlehnen. Eine unfehlbare Panacée aber ist die Tätigkeit, die Arbeit. Wie ohne sie kein wares Glück bestehen kann, wie sie das Sal; des Lebens ist und es vor Fäulnis schüzt, das Glück bewart, daß es nicht schal und abgestanden wird, das Schiff des Lebens als nüzlicher Ballast im Gleichgewicht hält, daß es nicht ein Spiel der Wellen und Winde, ein Raub gefärlicher Affekte wird, welche aus der Brust des Glücklichen aufsteigen, so ist sie die beste Medizin für alle Leiden der Seele. Das schlimme Geschick mag noch so grimmig toben, ihn, der einer edlen Tätigkeiten dürften sich z. B. populäre und anziehend abgefaßte Lebensfeit mit Fleiß, Ernst und Eifer obliegt, wird es nicht brechen, nicht beugen fönnen. Tätig will ich sein und handeln, sonst verzehrt Verzweiflung mich singt Tennyson und Jean Paul sagt mit Recht:„ Ernste Tätigfeit söhnt zulegt immer mit dem Leben aus." . Dritter Abschnitt. Der Monismus als Volksreligion. 23. Kapitel. Poesie und Kunst die Vermittler der Ideen. Baumaterial allein ist noch kein Tempel, und eine Weltanschauung ist noch keine Religion. Will sie zur solchen werden, will sie zur Pulsader des individuellen und sozialen Lebens sich erweitern, so muß sie nach allen Richtungen ausgearbeitet und durchgebildet werden. Sie muß von geschickter Hand schematisch geordnet, prägnant und doch lichtvoll, mit populärer Faßlichkeit formulirt und in ihren vielfachen Beziehungen auf die einzelnen Lebensverhältnisse beleuchtet werden. Aber auch dann noch wird sie des poetischen Ausdrucks bedürfen; denn Nur durch das Morgentor des Schönen Dringst du in der Erkentnis Land. oder mit Goethe zu sprechen Gott sante seinen rohen Kindern Gesez und Ordnung, Wissenschaft und Kunst, Begabte die mit aller Himmelsgunst, Der Erde grasses Loos zu mindern. Sie tamen nackt vom Himmel an Und wußten sich nicht zu benehmen; Die Poesie zog ihnen Kleider an Und keine hatte sich zu schämen. ( Schiller.) „ Nur der Gedanke, der in poetischer Gewandung erscheint, und die einfache, leicht faßliche Sprache des Volkes spricht, kann die Massen anziehen." Diese poetische Behandlung wird eine mehrfache sein müssen. Die Ideen werden zunächst nach didaktischer und lyrischer Darstellung drängen. Unter ersteren verstehen wir ihre Darstellung in fuapp geschürzten Gnomen, mit epigrammatischem Lakonismus, welcher die Pointen scharf hervortreten läßt; unter dem andern ihre Behandlung in sangbaren, zur Komposition sich eignenden Liedern im leichten Volkston sowol wie in der höher stilisirten Kunstlyrik. Anderseits aber und noch mehr bedürfen sie der epischen Einkleidung. Der abstrakte Gedanke will in Personen und Vorgängen sich inkarniren, in typischen Gestalten sich veranschaulichen. Richtig sagt E. Geibel: Willst du den Unsinn überwinden, Lern ein Symbol der Warheit finden. Die Welt wird nie das Abgeschmackie Aufgeben für das blos Abstrafte. Sämtliche Religionen verdanken ihre Ausbreitung weit mehr ihrer Mytologie und Sagengeschichte als ihren Lehren, und mit den Fasern jener wurzeln sie im Herzen des Volkes*). Damit boten auch die Religionen der bildenden Kunst reichlichen Stoff, welche leztere wiederum das Kapital mit reichlichen Zinsen vergilt, indem sie ihrerseits nicht wenig dazu beitrug, die Völker für die Religion zu gewinnen. Wir glauben indessen nicht, daß in den religiösen Geschichten das märchenhafte, phantastische Element erforderlich ist. *) In den neuen Blättern aus Süddeutschland, Jargang 1880, finden sich folgende sehr beherzigenswerte Säze aus den Schriften eines sehr kirchlich gesinten Autors( A. Vinet): Was ist in der Moral ein System? Ein wol zusammengefügtes Ensemble von Begriffen, dessen Busammenhang wol dem Geiste gefallen kann, das aber für sich selbst teine Eroberung an den Willen macht. Wer uns zu irgend einer Handlung bringen will, wer insbesondere unser ganzes Leben einer Regel unterwerfen will, muß zum voraus in unserer Seele eine ihren Geboten entsprechende Neigung vorfinden, oder sie darin schaffen. One einen solchen Einfürer wird niemals ein System von Geist in die Seele dringen. Uns unsere Pflichten lehren ist nichts, wenn man sie uns Sollte nun die Literatur- und Kulturgeschichte nicht genügenden Stoff hierfür bieten? Wir meinen, daß dieselbe wicht weniger reich ist an geeignetem Material als die Mytologie und Sage der Kirche. Außer hervorragenden weltgeschichtlichen Persönlichbilder eines Spinoza, eines Goethe und Schiller nach Lewes und Palleske, mit Ausscheidung alles kritischen und literarhistorischen Materials, hierfür ganz vortrefflich eignen. Das Leben der Heroen unserer Kultur und Literatur bietet warlich des Interessanten und Fesselnden ebensoviel dar, ist an edlen zur Nacheiferung anspornenden Zügen ebenso reich, als das der antiken und biblischen Heroen. Man hört so manchmal darüber klagen, daß die moderne Kunst gegen die antike und mittelalterliche im Nachteil sei, weil es uns an geeigneten Sujets fehlt, in welchen die Zeitideale sich verkörpern und die zugleich allen Kreisen der Nation ehrwürdig und heilig sind. Diese Klage scheint uns nicht gerechtfertigt. Die Gallerie der Kultur und Literatur ist warlich nicht arm, und die Kunst dürfte nur ins volle Leben derselben hineingreifen, um hinlänglich Stoff für das zu finden, was die Gegenwart bewußt oder ahnungsvoll erfüllt und bewegt. Wie viele Ausbeute für die Kunst bieten nur die goethe'schen und schiller'schen Dramen, Balladen und Erzälungen! Bis jezt freilich stehen die breiten Volksmassen diesen Sujets noch mehr oder weniger fern; denn die Stätte, wo die unteren Klassen ideale Bildung empfangen, die Kirche, ist diesen Gegenständen noch verschlossen, dieselbe ist lediglich der Tummelplaz der biblischen Figuren und Sagen. Aber ist es nicht zugleich die Aufgabe der Kunst, für die neuen Götter, wenn ich so sagen darf, das Volk zu erobern, sie aus dem geschlossenen Kreis der Gebildeten in die weite Deffentlichfeit zu verpflanzen? Ich glaube nicht, daß der Demos in Athen einen sonderlichen religiösen Entusiasmus für Pallas Athene empfand, bevor Phidias das Partenon geschaffen hatte; erst durch dieses nationale Kunstwerk wurde die jungfräuliche Göttin vom Volk ins Herz geschlossen und dasselbe wird man vielleicht auch von den raphael'schen Madonnen behaupten dürfen. Die popu läre Literatur freilich wird der Kunst den Weg bahnen, beziehungsweise Hand in Hand mit ihr gehen müssen. Der Monismus kann, wir sind dessen sest überzeugt, nicht blos zur Religion der Gebildeten, sondern auch mit der Zeit zur Volksreligion werden, wenn er einmal literarisch und poetisch in unserem Sinne ausgestattet sein wird*); wenn wir auch nicht verkennen, daß er erst dann zur Volksreligion werden kann, wenn die Volksbildung überhaupt bei verbesserten politischen und sozialen Zuständen sich beträchtlich gehoben haben wird. 24. Kapitel. Entwicklung aus den bestehenden Religionen. Katolizismus und Judentum. Mit dem Vorstehenden wäre die Richtung angedeutet, in welcher diejenigen, die für die Ausbreitung des Monismus tätig zu sein bestrebt sind, vorzugsweise wirken sollten. Es wäre indes, wie wir glauben, eine Täuschung, wenn man die Ausbreitung des Monismus zur Volksreligion von seiner literarischen und künstlerischen Ausbildung allein erwarten wollte. Logische und historische Gründe machen es warscheinlich, daß dieses Ziel erst allmälich auf dem Wege der Entwicklung aus den herschenden Religionen oder aus einer derselben erreicht werden fann; ein Prozeß, der dem Monismus onehin in vielen Beziehungen zu statten kommen wird. nicht lieben lehrt. In der Moral wie in der Politik wird eine Nation nur durch Tatsachen erneuert. Man erwartet gegenwärtig alles von Teorien und das ist ein Fehler. Die Gesellschaft hat niemals auf dauerhafte Weise als eben nur zwei Antrieben gehorcht: der Notwendig. keit und der Neigung.... Wollt ihr, daß die Moral eine lebendige Kraft werde, verlangt sie vom Herzen selbst des Menschen, aber begint damit, diesem Herzen einen andern Grund zu liefern, um sich hinzugeben, als Abstraktionen und Syllogismen. Gebt der Seele eine Tatsache, die sie bewegt, die sie gefangen nimt und sie unterwirft. Das ist das Fundament der Moral. *) Als einen in mancher Richtung gelungenen Versuch eines kurzeu Lehrbuchs der Vernunftreligion können wir das unter diesem Titel vor mehreren Jaren im Verlagsmagazin in Zürich erschienen von P. Am( Schluß folgt.) brosius bezeichnen. 226 Poetische Aehrenlese. Du rühmst die Zeit, in welcher deine Kaste Genoß ein ruhig Glück? Was aber, außer einer Puderquaste, Ließ jene goldne Zeit zurück? Kann blos Vergangnes dein Gemüt ergözen, Nicht frische, warme Tat? An einen Altra( 1831). Was blickst du rückwärts nach den alten Gözen, Wie Julian, der Apostat? Es fürt die Freiheit ihren goldnen Morgen Jm Stralenglanz herbei! Im Finstern, sagst du, schlich sie lang verborgen: Das war die Schuld der Tyrannei! Wer spräche laut, wenn's ein Despot verwehret, Der allen schließt den Mund? Selbst Christi Wort, das alle Welt verehret, War lang nur ein geheimer Bund. Nicht Böse blos verbergen ihre Taten, Auch Tugend hüllt sich ein: Das Vaterland, auf offnem Markt verraten, Weint seine Träne ganz allein! Den Herscher, sagst du, soll ein Zepter zieren, Das unumschränkt befielt? Als stünd ein Mensch er zwischen wilden Tieren, Nach denen seine Flinte zielt! Du willst der Rede sezen ihre Schranke, Einkerkern Schrift und Wort? Umsonst! Es wälzt sich jeder Glutgedanke Bacchantisch und unsterblich fort! Umsonst, Verstockter, tadelst du das Neue, Allmächtig herscht die Zeit: Zwar eine schöne Tugend ist die Treue, Doch schöner ist Gerechtigkeit! Und ist es neu, was einst der Weltgemeinde Freiheit verliehn und Glanz, Vor jenem fünften Karl und seinem Feinde, Dem schnöden Unterdrücker Franz? Und sollt' ich sterben einst wie Ulrich Hutten, Verlassen und allein, Abziehn den Heuchlern will ich ihre Kutten: Nicht lohnt's der Mühe, schlecht zu sein! August Graf v. Blaten- Hallermundt. Ein seltenes Experiment. Eine absichtlich herbeigefürte Dampftessel- Explosion im Dienste der Wissenschaft fand vor kurzem in Murnhall- Farm, am Monongahelfluß, 15 Kilometer oberhalb Pittsburg in der nordamerikanischen Union statt. Wie die„ Assecuranz" darüber berichtet, wurde das Experiment von einem Herrn Lawson von Pittsburg veranstaltet und entsprach in seinem Ausgange den Erwartungen vollkommen. Es kamen dabei dieselben Ofen- und Fundamentmauerungen, Speisungseinrichtungen und bombenfesten Gewölbe in Anwendung, welche einem ähnlichen Bersuche gedient hatten, den vor einigen Jaren Ingenieure der amerikanischen Regierung one Erfolg anstellten. Der Kessel des Herrn Lawson war von bestem Eisenblech gefertigt, hatte eine Länge von 1 Meter 83 Centimeter und einen Durchmesser von 76 Centimeter und war vor dem Experiment einer Wasserdruckprobe von 42 Atmosphären( 42 Kilogramm Druck pro 1 Quadratcentimeter Fläche) unterworfen worden; eine Spannung, die für Dampfkessel des gewönlichen Durchschnittes ungefär die Bruch beanspruchung darstellt. Der Kessel wurde mit dem Cylinder einer alten Schiffsmaschine durch ein Rohr von 5 Centimeter Durchmesser verbunden, de Zutritt des Dampfes zum Innern des Cylinders jedoch durch ein rschnell zu öffnendes Ventil so lange verhindert, bis man die beabsichtigte Spannung im Kessel erzeugt hatte. Der Plan, die Zersprengung des Kessels einzuleiten, ging dahin, den Dampf bei gehöriger Spannung aus dem Kessel schnell in den sehr weiten Cylinder expandiren zu lassen. Der dabei zu erwartende Stoß, die Reaktion desselben auf den Kessel und die bei der Expansion durch Entlastung der Wassermasse notwendig hervorgerufene plözliche Dampfbildung, was nach physikalischen Erfarungen die Gesamt Spannung der Dämpfe momentan um ein Bedeutendes steigern mußte, sollte die Explosion herbeifüren. Zur Heizung wurde u. a. Petroleum verwendet. Als der Dampfdruck nahezu 22 Atmosphären betrug, machte man den ersten Versuch. Der Dampf drang rasch in den Cylinder ein, one jedoch eine bemerkbare Wirkung zu erzeugen, außer einem Stoße, den die in den bombenfesten Gewölben Befindlichen deutlich warnamen. Der zweite Versuch fand bei einem Dampfdruck von etwas über 23 Atmosphären( 351 engl. Pfund pro 1 Quadratzoll engl.) statt. Der Kessel war zu dieser Zeit etwa zu dreiviertel mit Wasser gefüllt. Kaum war das Ventil gehoben und der Dampf in den Cylinder eingedrungen, so wurde wieder ein gelinder Stoß verspürt und auf denselben, folgte sofort ein lauter Knall. Alles war im Augenblick in dicken Dampf eingehüllt, von heißem Wasser aber war keine Spur mehr vorhanden; dasselbe ward in dem Augenblick, als es dem Kessel entwichen, vollständig in Dampf verwandelt. Unmittelbar darauf begann ein warer Plazregen von kondensirtem Dampf, gemengt mit Bruchstücken von Eisen, Backsteinen, Dampfrören und andern Trümmern. Der Kessel und die Kesselmauerung war spurlos verschwunden, der erstere war nicht an einer einzigen Stelle zerplazt, sondern buchstäblich in Stücke zerrissen worden. Eines der größten Stücke, ungefär 45 Centimeter lang und 30 Centimeter breit, war auf beinahe 1 Kilometer Entfernung fortgeschleudert worden. Einer der beiden Kesselböden wurde zirka 800 Meter von der Versuchsstätte aufgefunden. Den andern Boden hat man, wie es scheint, gar nicht wieder entdeckt. Mancher Leser wird vielleicht bei der Bezeichnung, absichtlich her beigefürte Kesselexplosion" gedacht haben: Nun, das ist doch weiter nichts! Man feuert einen Kessel einfach so lange, bis er zerplazt." Eine solche Explosion hätte allerdings kaum einen weiteren wissenschaftlichen Wert, als den einer Festigkeitsprobe, welche man mittels Wasserdruckes viel billiger haben kann. Darauf war es aber hier nicht abgesehen. Es handelte sich vielmehr darum, eine Explosion mit denjenigen Mitteln zu veranstalten, die im wirklichen, bekautlich nicht auf Bersprengen der Kessel berechneten, Betriebe vorkommen, insbesondere also, one den Kesseldruck bis zur Bruchbeanspruchung zu steigern, ja noch möglichst tief unter der eigentlichen Bruchgrenze zu bleiben was auch gelungen ist. Man erinnert sich bei Betrachtung dieses Versuchsresultates des Faktums, daß auffallend viel Kesselexplosionen bald nach Betriebspausen bei Wiederaufnahme des Betriebes eingetreten sind, und in der Tat läßt sich eine Aehnlichkeit in der Ursache und Wirkung bei dieser beabsichtigten Explosion und jenen unbeabsichtigten leicht erkennen. Die ja nach Umständen lebhafte Bewegung, in welche der gespante Dampf in Dampffesseln bei plözlicher Dampfentname gerät, ist nur graduell verschieden von der bei gedachtem Experiment hervorgerufenen plözlichen Dampfschwankung, bezw. Oscillation der Dampfmassen. Die Zertrümmerung der Kesselwandung erscheint indessen noch nicht völlig erklärlich, sobald man die durch momentane Druckentlastung des Wassers die Nachwirkung des Saugens der pfeilschnell entweichenden Dampfmassen verursachte Bildung neuer Dämpfe nicht genügend berücksichtigt. Es ist wol anzunehmen, daß nur das Zusammen wirken dieser neuentstandenen Dämpfe mit dem Rückstoß der anfäng lich fortgerissenen jenen hohen Druck, wenn auch nur auf einen einzigen Moment, erzeugen kann, der die Wände zu zerreißen imstande ist. Ein sehr wichtiges Resultat jenes Versuches ist auch die Feststellung, daß sich das heiße Wasser( Temperatur desselben bei der Explosion war ungefär 220 Grad Celsius) nach dem Freiwerden sofort in Dampf verwandelte. Es gibt in Deutschland noch heute Professoren, welche die Möglichkeit gänzlicher Umwandlung einer über den gewönlichen Siede punkt erhizten Wassermenge in Dampf bei Verminderung des Druckes auf eine Atmosphäre in Abrede stellen, obwol bisher noch fast alle Kesselexplosionen durch das Verschwinden des Wassers dagegen ge sprochen haben. Demgegenüber würde dieses Experiment in der be obachteten Erscheinung einen neuen Beitrag zu dem Beweise des Sazes liefern, daß der menschliche Verstand auch der der Professoren nur gar zu leicht auf Ferwege geraten kann, wenn er sich nicht Schritt für Schritt leiten läßt durch die Erfarung. P. K. 227 Zwergpalme auf Madagaskar. Die Illustration auf S. 220 zeigt uns im Vordergrunde eine von den vielen tausenden von Palmenarten, die zu der üppigen Flora der 11,000 Quadratmeilen großen afrikanischen Insel Madagaskar gehört, zugleich aber auch den Reichtum der Vegetation, den dort die Mutter Natur den Menschen spendet. Schon vom Meere aus gesehen soll diese Insel einen prächtigen Anblick gewären, indem sie terrassenförmig aufsteigt und so den Eindruck eines gewaltigen Amphitheaters macht. Aber erst in den dichten, kaum durchdringlichen Urwäldern entfaltet sich ein wild- schönes, romantisches Leben. Wärend von den Bergen die höchsten Gipfel ragen bis zu 10,000 Fuß empor die Ströme rauschen und sich in der hier immer reichlich Wärme spendenden Sonne die Krokodile langhingestreckt erwärmen, tummeln sich in den schönsten Farben prangende Kolibris und Schmetterlinge, und üben die von uns kürzlich hier beschriebenen prächtigen Orchideen in übergroßer Zal auf das Auge des glücklichen Beschauers ihren mächtigen Zauber. Um schließlich durch den Kontrast recht zu wirken hat die Natur die Wälder zugleich auch mit wilden Schweinen bevölkert, woher Madagaskar auch den Namen ,,, Land der wilden Schweine", bei den Eingebornen ,, Nossindambo" erhalten hat. Dazu das Nilpferd, der Strauß, wilde und zahme Affen und Hunde, große Schlangen, Füchse, Eichhörnchen, Lemuren und verschiedene andere bilden die Fauna, wärend sonderbarer Weise Löwen, Tiger, Elephanten, Giraffen, Rhinozerosse nicht vorkommen, die das gegenüber liegende Afrika, das von Madagaskar nur durch den breiten Kanal von Mozambique getrennt ist, bevölkern. Die Flora zeigt 15 verschiedene Reisarten 12 verschiedene Baumarten geben Del, andere Gewürze, außerdem werden Tabak, Zucker, Baumwolle, Indigo, Kokosnüsse, Ananas, Bananen, Brotfrucht, Orangen, Pfirsiche und eine große Menge anderer Früchte gebaut und erzogen. Besondere Beachtung verdient eine Palmenart, der sogenannte Baum der Reisenden" oder Ravinalbaum. Au der Basis der Blattstengel, welche die rippige Blattkrone bilden, befindet sich eine Hölung, in der das Wasser von der breiten Oberfläche der Blätter fließt, dem Baume Narung zufürt und auch dem Reisenden Erfrischung gewärt. Sein Holz dient zum Häuserbauen, seine Blätter zum Bedachen derfelben, als Emballage, Tischtücher oder sie werden, indem man den Stil herauszieht, als Teller benüzt. Mit den Stilen baut man die Wände, die Rinde gibt Fußbodendecken. Seine Blätter sind 20-30 Fuß lang und 1½ Fuß breit. Außerdem hat Madagaskar noch andere nüzliche Bäume; so einer, der die einheimische Seidenraupe närt, den Bambus und einen von dem die Tamarinde entnommen wird. Das Klima ist im Innern gemäßigt und gesund. Auf den höchsten Berggipfeln findet sich hie und da Eis; die Küstenebenen sind dagegen sehr heiß. Auf seinen Hochebenen steigt die Temperatur jedoch selten und zwar im Januar und Februar über 23 Grad Réaumur Wärend wir also unsere tälteste Jaresperiode durchmachen, herscht dort der Hochsommer. Große schöne Seen und Ströme zeichnen noch diese Insel aus, die Küstenebenen sollen sehr ungesund, namentlich soll die Nordostseite für den Europäer gänzlich unbewohnbar sein. ff. ,, Donner und Doria!"( Illustration Seite 221.) Eigentlich fönte man auch sagen: fleine Ursachen, große Wirkungen, denn die Veranlassung zu dem großen Krach da auf unserem Bilde ist eine so unscheinbare, wie das daraus entstandene Gepolter groß ist. Wir wollen die drollige Geschichte erzälen. Zopfschmid, ein alter Junggeselle" wohnt nun schon seit zwanzig Jaren mit seinem Bello zusammen und verzehrt die Zinsen, welche ihm ein nicht gerade großes Kapital einbringt, das er einst von einer alten Tante geerbt. Daß ihn also besonders Sorgen bedrückten, können wir nicht behaupten. Er schläft gemütlich bis 9 Uhr, braut sich dann seinen Kaffee und läßt sich das neueste Tageblatt, Organ für Philister und die es werden wollen", bringen und fängt, gewissenhaft wie er ist, oben beim Titel zum so und sovielſten male zu lesen an und hört, nachdem er alle Heiratsanzeigen, Annoncen und sonstigen Blüten der„ Eselswieſe" mit Muße und Behagen gepflückt, beim„ verantwortlichen Redakteur" hinten auf. Sein Treiben wärend der übrigen Tageszeit ist dem ähnlich, wenigstens bringt es der menschlichen Gesellschaft ebenso großen Vorteil und so können wir uns eine specielle Aufzälung schenken. gar feinen d. h. Daß der Held der ganzen Geschichte, Zopfschmid, ſelbſt ſich für ein sehr wichtiges und garnicht so unschönes Individuum hält, steht fest und wir verraten dies denen gern, die noch nicht davon unterrichtet sein follten. Er hat deshalb auch die Hoffnung noch nicht aufgegeben, daß ihm einst ein ebenso schönes, wie reiches Glied des„ schwächeren" Geschlechts die Hand zum dauernden Lebensbunde reichen wird. Liest er doch und denkt er doch garnicht daran, daß sich die schalkhaften Evastöchter gern mit ihm ein Späßchen erlauben. Seit einiger Zeit liest er nun ben einen Teil seines Leib- und Magenblattes mit ganz besonderem Eifer, den nämlich, der sich durch ganz besonders fett gedruckte Stichworte auszeichnet, wie ,, Ein junges, sehr schönes, ordentliches Mädchen, ber " Eine noch gut erhaltene tinderlose Wittwe mit 10000 Mark Bermögen" und wie die Reklamen alle heißen, vermittelst deren man beabsichtigt in den Bund fürs Leben zu treten, den man dann pharisäerhaft einen heiligen" nent. Und auch heute hat er mit besonderer Aufmerksamkeit mit der Lektüre eines Inserats begonnen, in dessen Mitte sich sogar Zwanzigtausend Mark" recht fett auszeichnen, dawie er schon ausrechnet, um wie viel sich seine Rente erhöhen würde, wenn dieser Goldfisch" bei ihm anbisse springt mit einemmale ein Mäuslein, für das diese interessante gedruckte Tatsache warscheinlich auch ein starker Anziehungspunkt war, auf das Zeitungsblatt. ,, Donner und Doria!" brichts aus dem Munde des aus seinen Himmeln aufgeschreckten alten Junggesellen" hervor ein Schlag mit der Faust Bello eifrigst hinterher ein noch furchtbareres Krachen und Zopfschmid selbst komt, das Gleichgewicht verlierend, in eine Lage, die man kennen muß, um sie voll und ganz würdigen zu können und die ihn wol oder übel zwingt, seine Träumereien diesmal aufzugeben. Denn da er abergläubisch ist, so nimmt er den Zusam menbruch der Stätte, welche das Fundament seiner gewonheitsmäßigen Ruhe bildet, symbolisch und glaubt darin inbezug auf die 20000 M. ein böses Omen zu erblicken. Ist er nun auch noch nicht kurirt, so wird er doch vorläufig seiner Einbildung gewisse Schranken sezen. nart. Frauenrecht der Vorzeit. Jn Anschluß an meinen Aufsaz ,, Die deutschen Frauen im Zeitalter der Minnepoesie" trage ich folgendes Kuriosum aus dem Rechtsleben nach. Wenn ein gerichtlicher Zweikampf bei Männern oft die endliche rechtliche Entscheidung herbeifürte, so trat bei Klagkämpfen zwischen Mann und Frau für leztere gewönlich ein Mann ein, der für sie focht; aber interessant ist die Tatsache, daß in Mangel eines Ritters auch die Frau selbst als Kämpfer sich stellte. Darüber findet sich im Apollonius ron Heinrich von Neustadt folgende lehrreiche Stelle: Wenn ein Weib kämpfen soll Mit einem starken Manne, Man sieht es gleich dann. Ein Weib ist ein halber Mann Herr, bei dem Amte, das ich habe, Sage ich dir wie es soll sein Ich las es in den Büchern mein. Es soll ein jeglicher Mann In einer engen Grube stahn, Daß er zur Hälfte drinnen sei. Scharfer Waffen sei er frei: Das ist recht im ganzen Land. Ihm soll auch die rechte Hand Auf den Rücken gebunden sein: Das ist das rechte Urteil mein. Man soll ihm einen Stecken geben, Damit verteidige er sein Leben, Nicht zu groß und nicht zu schwank( dünn) Er soll sein eine Elle lang, Den gibt man ihm in die linke Hand. Damit ist seine Wehr bekant. Ein bloßer Rock ist sein Kleid, Ueber ein Hemde angelegt. Die Frau soll außen herumgehn Einen Stein in einem Aermel heben, Mit drei Riemen gebunden, Schwer bei drei Pfunden. Der Aermel soll von Leinwand Sein zwei Ellen lang*). Wenn sie ihn nicht besiegen mag Vom Morgen zum Mittag, So soll der Mann davonkommen Und von der Frau ledig sein. Literarische Umschau. M. W. Karakterbilder bedeutender Künstler. Heft I. Filippo Bruneleschi von F. Holzhausen, Leipzig, E. L. Morgenstern. Preis 1 Mark Unter dem an die Spize gestellten Haupttitel beabsichtigt die genante Verlagsbuchhandlung eine Anzal von Biographien hervorragender Künstler, namentlich aus der Zeit der Renaissance herauszugeben, deren Lektüre vor allem in den breiten Volksschichten den Sinn für das Schöne wecken und zum eifrigen Studium der Kunstleistungen der alten Meister anregen soll. Daß durch ein solches Beginnen gerade unseren aufstrebenden Kunstgewerben ein großer Dienst geleistet wird, liegt auf der Hand. Haben doch unsere mit dem und für das Kunsthandwerk schaffenden Künstler, als sie zu der jezigen Reform den Impuls gaben, zunächst auf die Meister der Renaissance hingewiesen und diese als Vorbilder empfolen. Es geht uns im Gewerbsleben wie im politischen. Wie es hier die großen historischen Taten, die hervorragenden Geistes heroen der Menschheit sind, welche in Zeiten politischer Stagnation die wenigen vorwärtsstrebenden Männer erheben und zu frischer Tat anspornen, so auch dort. Und so darf es wol als ein glücklicher Griff bezeichnet werden, daß im ersten Heft die *) Damit ist so ein Prachtärmel gemeint, von dem oben die Rede gewesen ist bei Erwänung der Frauentracht. Biographie des Mannes gegeben wurde, der mit den gewaltigen Anstoß zum Vorwärtsdringen, zu neuem künstlerischen Schaffen gegeben, und dessen großes Monument, die florentiner Domkuppel, gewissermaßen den Denk- und Markstein auf der Grenze zwischen Mittelalter und Neuzeit bildet. Dazu hat der Verfasser es vortrefflich verstanden, das Leben und Wirken dieses genialen Mannes zu zeichnen. Man fült es in jedem Saze, daß ihm die Begeisterung für die Werke Brunesleschis, die wahre Hingebung und das klare Verständnis dieses Mannes die Feder leitete, und so steigen denn auch beim Lesen dieses Büchleins die Werke des großen Florentiners allmälich vor uns auf, wir folgen ihm in die Werkstatt, sehen sein Wirken und sind mit vollem Recht hingerissen von seinem uns heute so noch nüzenden Tun. Daraus ist aber schon ersichtlich, daß wir nicht nur die Lebensgeschichte eines großen Mannes erfaren: es ist die Kultur, der gewaltige Schaffens trieb, der damals in der Menschheit schlummerte und teilweise zum Ausdruck kam, welche uns hier in großen Zügen stizzirt vorgefürt wird. Möge die Schrift deshalb viele Leser finden, wir sind der Ueber= zeugung, daß jeder Leser auch ihr Freund wird. Ueber die folgenden ähnlichen Hefte werden wir gern berichten. ff. 228 Uhr sieht, sich dann mit Seife wäscht, zum Frühstück seine Semme! verzehrt, dann aus dem Schrein die Stiefeln nimt, die ihm der Schuster gebracht hat, sich zu Mittag vom Koch Speise bereiten läßt, die er mit Essig oder Zwiebel würzt, und dazu sein Seidel Bier oder seine Flasche Wein trinkt, der hantirt mit Dingen, deren eines eine ursprünglich deutsche Bezeichnung hat." Seife ist herzuleiten vom lateinischen sapo, Semmel vom lateinischen simila, das frisches Weizenmehl heißt, Stiefeln vom lateinischen aestivales, später stivales, d. h. die sommerlichen zu ergänzen Fußbekleidungen; Schrein ist das lateinische scrinium, Schuster war ursprünglich schuochsutor, von schuoch, Schuh, deutsch, und sutor, Näther, wiederum lateinisch. Koch ist nicht minder lateinisch, nämlich coquus, Wein ist vinum u. 1. w. Die alte lateinische Sprache war für uns Deutsche, schon weil sie bis in die neueste Zeit die allgemein herschende Gelehrtensprache war, die hauptsächlichste Fundgrube sprachlicher Bereicherung, aber die lateinische Sprache selbst hat in sehr vielen Fällen die griechische nach Kräften ausgebeutet, und diese dankte ihren Reichtum wiederum zum guten Teil den uralten orientalischen Sprachen. Auch aus andern als der lateinischen Sprache hat unsere biderbe deutsche Muttersprache im Vorbeigehen geraubt und geborgt, was sie eben erwischen fonte, freilich ist da wie hie manche Errungenschaft mitten darunter, welche zum besten unseres Sprachganzen getrost hätte unterbleiben können. XZ. Amerikanischer Turnerkalender für das Jar 1882. Dritter Jargang. Herausgegeben von Derfflinger, Book& Publishing Co. Milwaukee. Wis. Wenn die amerikanische Turnerschaft das ,, Bahn frei!" und das Frisch, frei, Stark und treu", die auf dem Titelblatt dieses Kalenders als Motto prangen, auch in der Praxis beherzigt, so sind wir überzeugt, daß in Amerika die Turnerei eine etwas andere Bedeutung hat wie in gewissen Staaten Europas, wo ja schon der befante Turnerwahispruch von Anfang an andeutete, wohin sich die edle Turnerei verlaufen würde. Doch das geht uns hier nichts an. Jeden falls verdient der genante Kalender einen großen Freundes- und Leser- reits überholt. Wärend in Amerika nämlich früher nur Fremdgeborene freis in der ,, alten" und ,, neuen Welt". Aus allen Winkeln der Zeitfiteratur. ff. Zur Beachtung für die Fremdwortverfolger. Die ,, Neue Welt hat vor einiger Zeit in einem größeren Aufjaze darauf hingewiesen, daß das Herüberwandern von Fremdworten in die deutsche Sprache ein ganz naturgemäßer Vorgang ist, der überall da austritt, wo zwei oder mehr Sprachen mit einander mündlich oder schriftlich in Berührung und Verbindung treten. Jedes Volt schaut seiner besonderen geistigen Entwicklung gemäß Erscheinungen, Zustände und Vorkomnisse aller Art in eigentümlicher Weise an, gewint den Dingen mehr oder minder neue Seiten ab und belegt sie mit dieser ihrer Anschauungsweise entsprechenden Bezeichnungen. Komt nun ein Volt mit dem andern in Verkehr, so ist nichts natürlicher, als daß ein jedes vom andern diejenigen Worte und Redeweisen herübernimt, welche Dinge oder Verhältnisse bezeichnen, die ihm bisher fern lagen. Daß dieje Eroberungen des Sprachgeistes anfänglich vielen Angehörigen des fraglichen Volkes absonderlich vorkommen und unverständlich sind, ist gleichfalls sehr natürlich und bedarf keiner Entschuldigung, dafür aber beweist es entschieden Mangel an Verständnis, wenn diejenigen, welche ein Fremdwort entweder gar nicht oder nur so ungefär verstehen, dasselbe sofort für höchst überflüssig und verwerflich erklären und über jeden, der es zu gebrauchen wagt, wie über einen Bösewicht herfallen, der ihnen persönlich oder ihrer unbefleckten Muttersprache eine Beleidigung zugefügt hat. Wie wenig von solcher Unbeflecktheit zu halten ist, zeigen vorzüglich diejenigen Worte in der deutschen Sprache, welche das Aeußere des Fremdwortes allmälich verloren haben und sich so der deutschen Art anzupassen vermochten, daß sie gemeinhin für Ausdrücke urdeutscher Abstammung gelten. Es sind dies die in großer Anzal vorhandenen, von den Sprachgelehrten sogenanten Lehnworte. Wer z. B. ist nicht der Ueberzeugung, daß Vielfraß ein echt deutsches Wort ist? Das ist aber nur ein schöner Wahn. Vielfraß bezeichnet das in den hochnordischen Gebirgen lebende Raubtier aus der Marderfamilie, welches gut finnisch fiäll- frass, d. i. zu deutsch Felsenkletterer bedeutet, und hat mit unserm deutschen ,, Vielfressen" nicht das mindeste zu tun. Ebenso stet es mit Armbrust, das weder von Arm noch Brust komt, sondern von arcuballista, zusammengesezt aus dem lateinischen arcus, Bogen, und ballista( von dem griechischen ballein), Wurfmaschine. Diese Beispiele entstammen der Arbeit des Dr. Konrad Roßberg ,, Deutsche Lehnwörter in alphabetischer Anordnung." Die Rezension über dieses Buch in den Grenzboten" enthält folgenden für die Rolle, welchen die Lehnwörter in der deutschen Sprache spielen, besonders karakteristischen Passus: ,, Wer des morgens nach der " Zigarrettenkonsum in Amerika. Frankreich, das im Jahre 90 0000 Pfund oder 300 millionen Zigarretten verbraucht, wurde bisher in diesem Falle der erste Preis zuerkannt, aber die junge transatlantische Republik, die Europa auf allen praktischen Gebieten den Vorrang streitig macht, hat auch auf diesem den liebenswürdigen Franzmann beZigarretten rauchten und beispielsweise 1870 nur 13 881 417 Zigarretten versteuert wurden, sind im Jare 1881 schon 408 708365 Stüd der Steuer unterworfen, also 394 826 948 mehr. Die Steigerung ist in den 11 Fis kaljaren folgende: Es wurden 1870 13 881 417, 1871 18 930 753, 1872 20 691 050, 1873 27088056, 1874 28718200, 1875 41297883, 1876 77 420 586, 1877 149 069 217, 1878 165 180 257, 1879 238 276 817 und 1880 408 708 365 Stüd Zigarretten versteuert Die von den Rauchern selbst gewickelten sind nicht mit inbegriffen. Der größte Teil der hier angefürten soll aber von Jungen im Alter von 12 bis 18 und 20 Jaren geraucht werden, was unbedingt für einen Mißbrauch der republikanischen Freiheit und zwar zu Ungunsten des leiblichen und geistigen Wolbefindens angesehen werden muß. Ratgeber für Gesundheitspflege. ff. Hamburg. Frau L. K. Die Epilepsie oder Fallsucht ist allerdings eine ebenso bedenkliche als weitverbreitete Nervenkrankheit. Man schäzt die Anzal der Epis leptischen in Deutschland auf über 10 000. Dabei verläuft sie fast immer chronisch, iit selten in wenigen Monaten zu beseitigen und überdauert, wenn man ihr nicht bald heilfundig entgegentritt, leicht Jare, ja sie spottet auch allen Heilversuchen durch Jarzehnte, selbst bis ans Lebensende des Kranken. Ein Gefül wie triechende Ameisen in Armen ober Beinen, eine Empfindung, wie von einem plözlich aufsteigenden warmen oder falten Lufthauch, gleichzeitig mit Beklemmungen und Schwindel leiten gewönlich den Anfall ein. Der Verlauf des Paroxysmus besteht meist darin, daß der Kranke mit einem eigen tümlichen Schrei bewußtios umsintt, für einen Augenblid steif wird, insbesondere am Nacken, dann schäumt, teucht, sich die Zunge zerbeißt, an allen Gliedern zudt und Stöße, Stiche, Schläge, überhaupt Reize aller Art, selbst die schmerzhaftesten nicht mehr empfin det. Nach Beendigung des Paroxysmus kehrt das Bewußtsein zurück, der Stranke weiß nichts mehr von dem, was aber mit ihm vorgegangen, empfindet meist noch tagelang Eingenommensein seines Kopfes, Abgeschlagenheit der Glieder und allgemeine Erschöpfung. Zuweilen tritt Genesung ein, indem die Anfälle one bemerkbare krisis seltener werden und allmälich ausbleiben; zuweilen geht die Epilepsie in eine andere Krankheit über, wie Typhus, Tuberkulose, eine Herzkrankheit zc.; häufig, besonders bei Vererbung oder wenn fie mit Abnormitäten der Gehirnkonstitution oder der Schädelbildung zusammenhängt, ist auf die Genesung kaum oder gar nicht zu rechnen. Bei feiner andern Krankheit haben Aerzte und Laien so übereifrig nach einem unter allen Umständen heilkräftigen Mittel gesucht, als bei der Epilepsie. Und was man mit aller Gewalt finden will, bildet man sich leicht ein, gefunden zu haben. Terpentin, Ambra, Zint, Wismut, Gold, Haus tenöl und Indigo, Krähenaugen und Ignatiusbohnen, Glüheisen, finnbetäubende Gifte und äzende Metalle, dies und vieles andere mehr wurde eine zeitlang mit warem Feuereifer angewant und angepriesen und erwies sich schließlich ausnamslos als wertlos, wenn nicht schädlich. In neuester Zeit sorgt man am besten für möglichste Ruhe und Schonung des Stranken und wendet recht oft talte Waschungen des Körpers an. Daneben wird innerlich Baldriantinktur, 3mal täglich 15 bis 20 Tropfen auf Buder, oder Bromfalium, 4,0: 300,0, 4mal täglich ein Eslöffel, mitunter auch reines Atropin zu 0,003-0,005 1-2mal täglich gegeben oder der galvanische Strom angewandt. Warm empfielt der in der N. W. oft erwante verdienstvolle Prof. Reclam allernenestens ein Wittet, welches er selbst schon wärend eines ganzen Menschenalters mit anerkennenswerten Erfolgen an gewendet zu haben versichert, nämlich) Ossa calcinata( Knochenasche), die in der Kin derpragis, vorzüglich bei der Strophulose als Zusaz zur Narung, einen großen Ruf genießt. Die Borschrift für die Anwendung bei Epilepsie lautet: Oss. calcin 100,0 Sach. alb. 500;- F. pnlf. M. S.: täglich 3 bis 5mal einen angestrichenen Tee löffel voll. Inhalt. Im Kampf wider alle. Roman von Ferd. Stiller.( Forts.)- Der gegenwärtige Stand der Impffrage. Von Friedrich Nauert. Die Religion der Vergangenheit und der Zukunft. Von Dr. A. Jsrael.( Forts.)- Poetische Aehrenlese. An einen Ultra( 1831). Ein seltenes Experiment. Die Zwergpalme auf Madagaskar.( Mit Illustration.) Donner und Doria!"( Mit Jllustration.) Donner und Doria!"( Mit Jllustration.)- Frauenrecht der Vorzeit. Literarische Umschau: Karakterbilder bedeutender Künstler. Amerikanischer Turnerkalender. literatur: Zur Beachtung für die Fremdwortverfolger. Zigarrenkonsum in Amerika. Ratgeber für Gesundheitspflege. Aus allen Winkeln der Zeit Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart.( Neue Weinsteige 23.) Expedition: Ludwigstraße 26 in Stuttgart. Druck und Verlag von J. H. W. Diez in Stuttgart. VII.