Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljärlich 1 Mark 50 Pfennig.— In Heften a 35 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Im Kamps wider alle. Roman von Kerdinand Stiller. (13. Lodsczmig.) Nachdem die Herren noch über manche andere ihnen am Herzen liegende Frage, die im öffentlichen Leben eine hervorragende Rolle spielte, ibre Meinung ausgetauscht hatten, kamen sie auch auf die vor der Tür stehende Rcichstagswal zu sprechen.__ Der Domherr war voller Zuversicht auf einen großen Erfolg seiner Partei in ganz Deutschland. Ter Äonsistorialrat dagegen gab seinem Unbehagen über die fatale Stellung, in welcher lich die protestantische Geistlichkeit befinde, unverholenen Ausdruck. ..Unser Herz," sagte er,„zieht uns an die Seite des kato> fychen Klerus. Wenn es irgendwo in der Welt natürliche Bundes- genossen gibt, so sind wir es. Leider ist nur zil offcnci» Bund- ins die Zeit noch nicht gekomnien." Ter Domherr lächelte. �.... .Freilich nicht. Würden keine Hcercsfolge finden, die dereinst hrotestantischen Priester, welche tapfer genug ivärcn, in den scholl �er römischen Ltirchc zurückzukehren. Äöntc auch ruhig sortbe- Wf", das Gebäude der evangelischen Kirche, verwaltet durch östliche, deren Öcn," er lächelte wieder— der Konslstorialrat bemerkte es und warf dazwischen:„Fagon de parier sagen toit: deren Kopf!" Ter Domherr nickte:„Eh dien! deren Kops ?lso römisch katolisch ist, wärend ihr Ornat Protestant, sch gebUeben ist. Wenn nur nicht die Nüchternheit des proteltantischen RihU' w'e d>e Einfachheit und Verständlichkeit der protestantischeii Tra- d'tioneu die Macht der evangelischen Kirche über die Gemüter meinte.' Der Konsistorialrat zuckte die Achseln. ,,, vj»Geschehne Dinge sind nicht ungeschehen zu machen, ueber- °'es hat die Reforniation der katolischen Kirche den unermeßlich Sroßen Dienst erwiesen, sie aufzurütteln und zu zw.ngen all % ungeheure Kraft, welche in ihren den Verstand der stupiden »»» in dessen Schatten und Schuz vielleicht schon über ein kleines alle zurückkehren werden,'welche nicht alles verlieren wollen, was überhaupt Religion heißt." „Wird Ihre Partei in dem buchenfelscr Walkrcise einen eigenen Kandidaten aufstellen?" fragte der Domherr, indem er zu dem Tema zurückkehrte, dessen praktische Wichtigkeit ihn weit mehr fesselte, als die Zukunftsmusik der lczteu Rede des Konsistorialrats. „Sie wissen, daß mci» Rat entscheidet. Ich tverde raten, was wir gemeinschaftlich für gut befinden. Sie sind über die Stimmung in jenem Walkrcise weitaus besser unterrichtet als ich. Hat Ihr Kandidat Chancen?" „Unser Kandidat muß siegen, gleichviel ob er von vornherein Chancen hat oder nicht. Tic katolische Bevölkerung ist, wie Sie wissen, in jenem Walbezirke ziemlich zalreich. Allein aber kann sie uns den Sieg umsoweniger sichern, als ein Teil aus Beamten besteht, die von der Regirung und aus Handwerkern und Ar- bcitcrn, die vom Fürsten Waldkirch abhängen und der wie sie wissen, selber kandidirt. Hätte unsre Kandidatur im ersten Wal- gange nur einen Gegner, so wäre nnsre Niederlage zweifellos. selbst wenn dieser eine Gegner der Kandidat der Arbeiterpartei wäre." „Der Arbeiterpartei?" fragte der Konsistorialrat.„Sind die Arbeiter im Kreise Buchenfcls wirklich verwegen genug, einen eignen Kandidaten aufzustellen?" „Sicherlich. Einen Schuhmacher, der sich seit einem Jare in Buchenfels niedergelassen hat. Ein Mensch, der sich als Hand- wcrksbursche und Agitator durch die halbe Kulturwelt geschlagen und unterwegs allen Respekt vor geistlicher und weltlicher Her- schaft verloren hat. Und diese Kandidatur ist keineswegs die nngefärlichste. Alle Hungerleider im Bezirk sind ihre offnen oder heimlichen Gönner. Daß die Arbeiterpartei die Partei der Hung- rigcn und die der Arbeitnehmer ist, daraus läßt sich ein respek- tables Kapital schlagen. Der Bauer, der sich mit Brot und i Kartoffeln den Bauch füllt, zält sich niit Stolz zu den Satten, der Handwerker, der Lehrlinge oder Gesellen für sich frohneu läßt, fült sich als Arbeitgeber und erträumt sich eine Fabrikantenzu- kunft. Wenn man darum sagt, daß sie zu der reaktionären Masse gehören, welche die sozial-politisch radikalen Arbeiter befeinden, so schlagen sie an ihre Brust und danken dem Himmel, daß sie nicht sind, wie jene Zöllner. Das Kapitalisiren dieses Dünkels ist das Geschäft der Kapitalistenpartei— der Liberalen. Deren Kandidat im buchenfelscr Kreise ist ein Jurist— ein Kreisgerichts- 230 r Assessor— der Mann ist, was man gemäßigt-liberal nent, dabei ein enragirter Freihändler aus der Schule von Faucher und A!ax Wirth. Ter Mann hat im Grunde die meisten Chancen — in den Städten erhielte er sicher die meisten Stimmen, aus dem Lande stimmen Fabrikanten und Gutsbesizer mit ihrem An- hange gleichfalls in großer Zal für ihn. Um ihn ungefärlich zu machen, haben wir ihn in unsrer Presse sckvn seit langem als brave», in seines Herzens Grunde religiösen und königstreuen Mann gepriesen, den wir als ehrlichen und achtungswerten Gegner hochschäzen. Das hat bereits die linksliberalen Elemente jener Partei ftuzig gemacht, und es begint sich die Meinung Bahn zu brechen, die Partei brauche als Neichstagskandidaten einen Mann, der ein echter Fortschrittsmann und von der Negirung ganz nnabhängig sei. Tiefe Bewegung muß unterstüzt werden, so daß an Stelle des Assessors entweder ein Fortschrittler oder, was noch besser wäre, ein solcher neben jenem für die Reichstagswal ans- gestellt würde. Wenn Ihr Einfluß in die bezüglichen Kreise reichte, Herr Bruder--" Ter Domherr hielt inne und schaute dem Koiisistorialrat ins Gesicht. Ter Koiisistorialrat lächelte. „Es soll also vermieden werden, daß der Assessor in eine Stichwal foiitt?" „Gewiß. Wir brauchen eine Stichwal zwischen uns und einem Fortschrittler oder dem Fürsten. In beiden Fällen ist der Sieg unser. Ten Fortschrittler lvälen außer den Seinen höchstens noch die Arbeiter, aber auch von diesen nur ein Teil. Ein andrer enthält sich in unversöhnlichem Ingrimm über die reaktionäre Masse der Abstimmung, und ein dritter und lcztcr Teil ftimt lieber für den Ultramontancn. Daß die Frcikonservativen zehn- mal eher einem katolischcn Priester als einem Epigonen der Demokratie von 48 ihre Stimmen geben, bedarf keines Wortes. Die Rcchtsliberalen denken und handeln ähnlich, und sie sind auch die einzigen, welche im Falle der Wal zwischen dem Fürsten und unsrem Kandidaten den ersteren wälcn. Ucberhaupt ist der Fürst derjenige Kandidat, welcher nur im ersten Walgange siegen kann und in jedem folgenden nnfclbar durchfallen muß. Seinen Sieg bei der ersten Wal würbe nun die Ausstellung eines alt- konservativen Kandidaten gänzlich unmöglich machen. Wenn Sie uiisrcr im Grunde doch gemeinsamen Sache also einen großen Dienst leisten wollen, so sorgen Sie für eine hochkonservative Kandidatur und eine fortschrittliche." Ter 5ionsislorialrat neigte lächelnden Antlizes sein Haupt. „Tic konservative Kandidatur kann ich Ihnen zusichern, Herr Bruder. Für die fortschrittliche will ich mich bemühen--" Er hielt tief nachdenkend inne. „In B. hat die fortschrittliche Bewegung ihren Hauptquell in den Bereinigungen der jüngeren Handelswelt. Außerdem regt sich gegenwärtig auch wieder politisches Leben in studentischen und Privatdvzentenkreisen. Mit beiden habe ich direkt und in- dipelt Fülung--" Ter Tom Herr nickte sichtlich bcsriedigt. „Wo Sie Fülnng haben, Herr Bruder," sagte er,„herscht auch Ihr überlegner Geist." Ter Koiisistorialrat lehnte das Kompliment nicht ab. „Es ist eine Aufgabe, die weit außerhalb des Bereiches meiner gewollten Tätigkeit liegt. Indessen— sie reizt mich. Und ich sehe ein, daß ihre Lösung für den Ausfall der Wal im duchenfelser Kreise von entscheidender Bedeutung werden kann--" „Werden muß." „Gut! Ich übernehme sie. Gebieten Sie über direkte oder heimliche Verbindungen in fortschrittlichen Kreisen?" „Unser Anwalt hat in jenem Bezirke Kollegen und Klienten, die sich Fortschrittler nennen——" »Ihr Anwalt? Ah-- Wenn mir recht ist, hatte ich ihn im Verkehre mit einein gewissen Specht gesehen, der sich ncucstens in der Nähe von Bnchenfels niedergelassen hat." „Specht— in der Tat— der Bauspekulant, vorläufig vcr- mntllch von Vcrichivindend geringem Einflüsse dort und politisch indifferent." „Alle politisch Indifferenten metamorphosiren sich leicht in Liberale mit mäßig oppositionellen Velleltäten und sind dabei am ehesten geeignet, Einfluß zu gewinnen bei der selbst beständig schwankenden, im tiefsten Grunde allezeit gesinnungslosen Menge. Wenn Ihr Anwalt seiner sicher wäre, so könte man ihn für den liberalen Brei im bnchcnfelscr Kreise als Gärungserreger nüzen." „Ließe sich vielleicht dazu an. Will sehen." Ter Domherr schien ans weitere Auseinandersezungen des Konsistorialrats über denselben Unterhandlungsgcgenstand zu rechnen. Ter Koiisistorialrat sah nachsinnend wie vorher vor sich hin. Tann begann er: � „Sie werden mich verbinden und nnsre gemeinsame Sache fördern, wenn Sie Ihren Anwalt veranlassen, mich morgen Bor- mittag zn besuchen." „Nichts leichter als das. Ter mehr als gewönlich schlaue Jurist ist übrigens ein Epituräer in des Wortes sybaritischster Bedeutung. Er ist unser Freund, weil er dabei seine Rechnung findet, besser als irgendwo sonst." „Anstern und Champagner bilden also den Schlüssel zu seiner Seele?" „Wenn er nicht Ursache hat, seine Seele unter einem Extra- Verschluß zn halten— gewiß." „Nun, Herr Bruder— Sie deuten dem Herrn Anwalt viel- leicht an, daß mein Keller und meine Vorralskammer zu seiner Verfügung stehen und daß es mir gegenüber keines Extraver- schlusses seiner Juristenseele bedarf." „Mit Vergnügen, Herr Bruder. Ich schreibe ihm sofort ein Billet, das ihn, was er auch sonst vorhaben mag, morgen Vor- mittag zu Ihnen füren wird. Tie Zeit bis zn den Walen ist nicht lang, ivir haben nichts mehr zu versännicn." Der General war eben anfgeivacht. Er hatte die lezten Worte verstanden und tat nun, als wenn er der ganzen Unter- Haltung, von der er keine Ahnung hatte, aufmerksamst gefolgt wäre. „Ganz recht, meine werten Freunde— garnichts haben wir zn versänuien— rein garnichts. Morgen früh um 8 Uhr wollt' ich zwar dem Regimentsexerziren des Füsilierregiments beiwohnen, aber ich süle mich— hol es ncunnndneunzigmal der Teufel— so krank noch, daß ich morgen früh ganz bestimt tvcrde das Bett hüten müssen bis um Mittag herum. Da kann man, straf mich Gott, nichts Gescheiteres tun, als noch eine Buttel Rotspoh» draufsezen. Na, Sie trinken von meinem steinalten Bordeaux noch einen Tropfen mit." Die intime Unterhaltung der beiden Geistlichen war damit beendet. Ter Domherr gab noch einige kleine Skandalgeschichtcn zum besten, dann trenten sich die Herren unter der Versicherung des Generals, daß er sich den ganzen Abend vorzüglich unter- halten habe.-- Am nächsten Tage gegen Mittag gab der Rcchtsbcistand deS Bischofs Heinrich bei dem Konsistorialrath Kölle seine Karte ab und fragte, ob dieser zu sprechen wäre. Der Geistliche empfing den Juristen in seinem uns schon be- kanten Studirzimmer, in dessen einer Ecke ein kleines Sopha niit ein par Fauteuils zu behaglicher Ruhe einlud. Die Herren begrüßten sich auf das verbindlichste, und ehe eine Viertelstunde verging, saßen sie in vertrautem Gespräche hin- ter reichbescztem FrühstückStischc beieinander. Ter Rechtsanwalt gab Auskunft über die politische Lage«»f buchenfclser Walkrcise. Eine links-liberale oder fortschrittliche Kandidatur habe bestimmte Aussicht, 1500 bis 2500 Stinnne» auf sich zn vereinige» und fast um diese volle Summe die natio- nallibcrale Partei zu schwächen. Ter Gedanke, eine solche zweite liberale Kandidatur aufzustellen, sei angeregt worden und zwar bei einem Feste, welches der kaufmännische Verein von B. kurzem in der Umgegend von Scifersdorf gefeiert habe. 2� kaufmännische Verein habe den Kronprinzen zu seinem irdisclifij Schnzpatron erkoren und geberde sich um so entschiedener al- liberal, weil er den Kronprinzen für liberal halte. Im kreise selbst neigten besonders die Lehrer, die der Mittelschulen]"' wol wie die der Volks- und Elementarschulen, zu fortschrittlichen A»' schauungen, freilich ohne daß sie sich recht damit vor die Lcfst"' lichkeit herauskauten. Tann»ante der Rechtsanwalt einige R«' wen von Kauflenten und Lehrern, die dem Koiisistorialrat zu"' Teil bekant waren. Dieser erfaßte init raschem Verständnisse, was da für ihn tun sei. Einerseits mußte der kaufmännische Verein veranlag werden, durch einzelne seiner Mitglieder zuerit eine sortschritllw Agitation im buchenfelscr Walkeise zu beginnen. Andererfen' mußten die Lehrer im Kreise ermutigt werden, sich an bür Agitation zu beteiligen. I Das in nicht aussälliger und unanfechtbarer Weise zu h1?' war schon deswegen schwer, weil der hochkonservative Koiisistoru» rat am allerwenigsten in der Lage war, direkt und offen für fortschrittliche Propaganda cinzutreten. Aber war das o"' 231 schwer, so war es doch keineswegs unmöglich. Und der Konsi- stvrialrat dachte zunächst gar nicht daran, sich wegen der Mittel den Kopf zu zerbrechen- erst galt es ihm, den Plan im gro- ßcn und ganzen zu entwerfen. Was den fortschrittlichen Elementen des buchenfelser Wal- kreises hauptsächlich fehlte, war, wie der Rechtsanwalt weiter bc- richtete, ein geeigneter Kandidat. Der Konsistorialrat wußte sogleich zu helfen.— Ein rede- gcwanter, viclbelicbtcr Hanptlehrcr, Ramens Jänisch— war sicherlich der geeignete Mann. Im Jare 1848 hatte derselbe als Student an der politischen Bewegung Anteil genommen, onc sich jedoch so zu kompromittiren, daß ihm in der Reaktionszeit hätte der Prozeß gemacht werden können. Dennoch hatte man es ver- standen, ihm den Staatsdienst an höheren Unterrichtsanstalten, zu dem er sich auf der Universität vorbereitet, gründlich zu ver- leiden. Lange Jare hatte der Mann als Zeitungsschreiber ein küm- merliches Leben gcsürt, endlich— in der sogenanten neuen Aera — hatte ihn eine Kommunalverwallung wieder zu Gnaden auf- nehmen und ihm ein Lehramt in der Volksschule tibertragen können, nachdem er sich noch dem dazu nötigen Examen nntcr- zvgcn hatte. Aus dieser Stelle lvar Jänisch in die erste Lehrer- stelle der Elementarschule in Buchenfels berufen worden, die ihm den Titel Hanptlehrcr und ein leidliches Gehalt brachte. Ter Hanptlchrer Jänisch war, wie der Konsistorialrat wußte, seine sreisinnigen Neigungen und die Lust am öffentlichen Leben nicht losgeworden und hatte sie öfter zutage treten lassen, als seiner onehin spät angetretenen Carriere gut war. � Kam ihm von obenher ein Wink, daß er auf seine alten Tage ungestraft noch einmal von der kostbaren Frucht selbständiger politischer Tätigkeit naschen dürfe, one sich um Amt und Brot bringen, so ergriff er die günstige Gelegenheit gewißlich mit beiden Händen. Für diesen Wink von oben konte der Konsistorialrat sorgen. �vie— darüber gab er seinem weidlich schmausenden und poku- Menden Gaste keinen Bescheid. Er hätte von seinem mächtigen �eelsorgcrcinslusse bei de» Damen sprechen müssen, der sich bis auf die Gattin des Rcgirungspräsidentcn und die alte Schiocster ocs unverheirateten Lberpräsidenten erstreckte. Insbesondere die »zlcre Tanic genoß eines zwar verborgenen, aber vorwiegenden Zuflusses. Sic sollte sich einst der lcidcnschafllichcn Neigung «ner sehr hohen Person am Hose erfreut haben, und weit der Gegenstand ihrer Liebe zu dauernder Verbindung für sie, die �»gehörige des niederen Adels, nicht erreichbar gewesen, sich chchl vermalt haben. Man munkelte, daß der jczige Oberpräsi- dcnt sein rasches Avancement wenigstens zum Teile den Gcfülcn zu danken hätte, welche die Schönheit seiner Schwester an ein- stußreicher Stelle entfacht hatte, und daß daraus auch die Her- �n'i. zu erklären sei, welche sie über ihn stets ausgeübt hatte. dem nun, wie ihm wolle,— soviel stand fest, wenn der Konsistorialrat vor beiden erwänten Damen das Lob des alten Hauptlehrcrs Jänisch erschallen ließ und beiläufig bemerkte, der °ste ehrenwerte Mann habe die kleine Schwäche, eine polit»che Rolle spielen zu wollen, und zwar als Mitglied einer höchst uugcsärlichen Opposition, worin man einen so vervienten Bcaniten "> christlicher Milde und Nächstenliebe am besten nicht störe, so onte Jänisch ganz one Zweifel sich zehnmal als Kandidat der liorchchrittspartei ansstellen lassen, onc daß ihm jezt, zu einer Zeit, n der selbst die Regirung ans verschiedenen Gebieten des ostent- uchcn Lebens liberale Anwandlungen zeigte, auch nur ein Härchen gekrümt würde. War nian in den höheren Sphären der Provinzialrcgirniig 0 üuf das politische Austreten des Hauptlehrers vorbeieltet, 10 onte ihm m dem kaufmännischen Klub in der allerunverfang- uhsten Weise ein Wink gegeben werden, der ihn der auskeimende» �tichrittlichni Bewegung in die Arme zu treiben geeignet war. Sehr bequem ließ ich das machen bei Gelegenheit des Koni- .'orses, welchen die Berbindunq Suevia in den allernächsten �.agen "n buchenfelser Kreise abhalten wollte. Tie Anläufe und den Sutc» Willen zu politischer Tätigkeit, wie ihn die burschikosen �ueven neuerlich betätigten, waren dem Konsistorialrat keines. entgangen- stets hatte er sich von seinem Pflegesohne �richt erstatten lassen und war nicht zum kleinsten Teile daran chuld, daß dieser, über die politische Toleranz seines hochlvnscr- vatlven Erziehers entzückt, sich der liberalen Strömung, welcher e reformirte Burschenschaft folgte, nicht entgegengestemt hatte Nun war dem Konsistorialrat auch bckant, daß der Hanptlehrcr Jänisch alter Herr der Burschenschaft aus deren politisch- radikaler Zeit war, und daraus durfte er schließen, daß dieser die Reform der Verbindung mit günstigen Augen betrachten und, wenn nian ihn dazu aufforderte, nicht versagen würde, an dem ersten sojennen Kommerse der verjüngten Burschenschaft teilzu- nehmen. Dabei mußte der Mann dann, wenn anders es noch notwendig sein sollte, vollends zur Annahme der Kandidatur bewogen werden. Soweit war der Konsistorialrat mit seinen Plänen im reinen, und er hätte die Unterhaltung mit dem Rechtsanwalt leicht be- enden können, wenn ihm derselbe nicht grade als Werkzeug in privater Angelegenheit besonders willkommen gewesen wäre. Anscheinend blieb der geistliche Herr völlig beim Tema, indem er auf Specht zu sprechen kam, der ihm als politischer Vertrauensmann ivol verwendbar erschien. Allmälich ging er aber ans die privaten Verhältnisse des Spekulanten über, von denen der Rechtsamvalt viel zu erzälen wußte. Nachdem der Konsistorialrat alles erfarcn hatte, was ihn zu wissen interessirte, u. a. auch in welchen Verhältnissen er zu Gabriel Haßler soivol, als zu Franz Stein stände, von dessen hauptsächlich geschäftlichen Beziehungen zu Specht er sich übrigens schon ans anderm Wege Kunde verschasst hatte, kam er wieder ans den ursprünglichen Gegenstand der Unterhaltung zurück. Specht habe Einfluß auf einen nicht nnbeträchlichen Teil der liberal gesinten Kaufmannschaft— und müsse deshalb in der Walangelegcnheit benüzt werden. Specht werde sich ja jedenfalls zu allem gebrauchen lassen, Ivcnn ihm reelle Vorteile in Aussicht gestellt würden. Er, der Konsistorialrat, habe eine ganz bestirnte Art der Benüzung Spechts im Auge, zu der der Rechtsanwalt ihn gewinnen möge. Wenn dieser mit ihm einverstanden sei, so könne er bald— morgen z. B.— mit Specht konfcriren und diesen zu seiner Aufgabe präpariren. Dem Juristen kam die Sache zwar etwas sonderbar vor, aber er dachte nicht daran, seinen liebenswürdigen Wirt davon etwas merken zck lassen. Viel- mehr erklärte er sich, wie in allen übrigen Dingen, auch darin mit ihm völlig einverstanden und bereit, zu tun wie jener ivünsche. Er träfe des Abends Specht fast immer in der Weinhandlung von Hübner und Sohn, da werde er ihn schon entsprechend be- arbeiten, wenn der Konsistorialrat mir die Güte hätte, ihm genau anzugeben, welche Tätigkeit er dem Specht zugedacht habe. Bezüglich dieses lcztercn Punktes wollte aber der Konsistorial- rat nicht recht mit der Sprache heraus. Er erwarte heute noch Mitteilungen, welche geeignet seien, seine Entschließungen nach dieser Richtung hin zu modisiziren; am besten sei es, wenn der Rechtsanwalt morgen Nachmittags, nni 3 Uhr etwa, seinen Besuch pi wiederholen die Freundlichkeit habe, dann werde er schlüssig ein. Darauf könte lezterer ja etwa auf fünf Uhr Specht zu einer Konferenz in des Rechtsamvalts Bureau berufen— er halte es für gut, daß die Angelegenheit offiziell und one Rückhalt be- sprochen werde und die Unterhaltung das ihr gebürcnde Gewicht erhalte, was bei einem gelegentlichen Gespräche in einem öffcnt- lichen Lokale nicht leicht geschehen könne. Und damit so schleunig als möglich gehandelt tverden könne, möge der Rechtsamvalt dann dcsselbigen Abends noch zu einem kleinen Souper unter vier Augen bei ihm vorsprechen, bei dem dann die gesamten ans die poli- tischen Angelegenheiten bezüglichen Maßnamen endgültig zwischen ihnen ausgemacht werden tönten. Der allen Borkomnissen des gcwönlichen Lebens gegenüber äußerlich immer unbeivegte Jurist mußte sich diesmal Mühe geben, weder verwundert noch neugierig drcinznschancn. Einem harmlosen Menschen wären die Auscinandersezungen und Vorschläge des Konsistorialrats warscheinlich gleichfalls harmlos erschienen, aber der Rechtsanwalt war nichts weiiiger als ein harmloser Mensch,— im Gegenteil— er war einet von den Tallcyrands des gewönlichen Lebens, welche die Sprache, wie der berüchtigte..große" Diplomat, viel lieber zur Maskirung als zum Ausdruck ihrer Gedanken gebrauchen und stets nach links schauen, wenn sie nach rechts hauen wollen. Er war also nicht im mindesten zweifelhaft, daß der Konsi- siorialrat etwas ganz anderes mit Specht vorhabe, als er soeben mitzuteilen für gut besundcn und daß er serner ein besonderes Interesse daran haben mußte, den Spekulanten morgen um fünf Uhr zu beschäftigen, also von irgendwo fern oder von irgend etwas abzuhalten. Ihm dabei behülflich zu sein, war er gern bereit, er lvar f. 232 Nachdem Guido von Frank eine Beratung gehabt hatte mit seinen Bundesbrüdern über den von dem klugen Bruder Fah vor- geschlagenen großen Bär, der die vielen kleinen, abscheulich lästige» Bären auffressen sollte, und nachdem er auch noch eine Unter- rcdung mit Schleiermacher gepflogen, begab er sich des Sonnabend Nachmittags auf den Weg zu Specht. Er war entschlossen zu erkunden, ob es wirklich war sei, daß der Berlobte von Friederike Häßler in intimen Beziehungen zu der berüchtigten Elfriede stünde. Zwar wußte er noch nicht, ans welchem Wege er sich darüber Gewißheit verschaffen könte, aber er hegte zu seiner eigenen Findigkeit ein so scisenfestes Vertrauen, daß er ganz sicher war, im geeigneten Momente mit genialer Sicherheit das richtige Mittel zu ergreifen. Herr Specht war nicht zuhause, aber er hatte hinterlassen, daß er bald zurückkommen werde. Diese Eröffnung wurde Guido von Frank durch den Mund der Zofe, die regelmäßig, wenn die Glocke einen Besuch ankündete, an die Tür rante, um zu schauen, wer da sei und zu öffnen, wenn ihr der Traußenstehendc des Empfanges durch ihre eigene werte Persönlichkeit würdig schien. War das nicht der Fall, so überließ sie dem Stubenmädchen oder der Köchin- Herr Specht hielt, den Wünschen seiner Tochter gehorchend, nicht weniger als drei weibliche Dienstboten— die Mühe, die Vorsaltür zu öffnen und nach dem Begehr des Einlaß- begehrenden zu fragen. Guido von Frank hatte kaum geschellt, so war ihm auch schon anfgetan worden. Mit möglichst einschmeichelndem Lächeln, schmelzender Stimme und sprechenden Augen ward ihm die Ant- wort aus seine Frage nach dem Hausherrn. Ter stattliche Student schaute die Zofe prüfend an— von dieser Kaze, dachte er sich, muß mancherlei zu erfaren sein. aber auch entschlossen, zu erforsche», was der geistliche Herr eigent- lich im Schilde füre. Dieser hatte seinen Besuch scharf beobachtet— denn er ver- hehlte sich nicht, daß ein scharfsinniger Kopf auf die Vermutung kommen könte, es bandle sich ihm nicht blos um Wal«ngclegcn- heiten und Walschliche. Aber so tief er sonst den Menschen in Herz und Hirn zu sehen gewönt war, an dem behaglich freund- liehen Antliz seines Gastes vermochte er doch keine Bewegung miß- tranischen Anfmerkens warznnemen; es war eben— so dachte er— ein kluger Mensch, aber ein Bonvivant, der die Waffen seines Geistes nirgend lieber ruhen läßt, als bei der Tafel und beim Weine. i' t-* Klissaken- Leben,(sme m.) „Ich möchte Herrn Specht'erwarten!" wollte er sagen. Abtt das Mädchen kam ihm mit der Einladung zuvor, er möge W die Liebenswürdigkeit haben, einzutreten. Guido von Frank neigte fein stolzes Haupt leicht, aber keiiic* Wegs unfreundlich. Und er schritt so dicht an der Zofe voriil'fb I daß sein Arm ihren Busen leise streifte. „Pardon, inein schönes Kind", sagte er lächelnd.„Ich sol� vorsichtiger sein— es gibt Funke», wenn sich Stal und Feutt stein berüren". J Die Zofe war entzückt. Einen so bildhübschen, kraft- i'"1 lebcnsluststrozcnden Jungen glaubte sie noch nie gesehen zu hab� — und wie gescheit er war! Stal und Feuerstein— stälcrn d'- Muskeln seiner Arme, wie seines ganzen Körpers— das F man an jeder Bewegung, und Feuer, unendlich viel Feuer ihrem Busen, nur beileibe kein Stein, nicht die Spur von eintl' Stein. (Forgejunz s»lgt.) 234- Die Religion der Vergangenheit und der Zukunft. Lvn Dr. K. Isract. (Schluß.) Zu der bereits bezeichneten Aufgabe wird sich darum die>vei- tcre gesellen müssen, die Läuterung der bestellenden Religionen und ihre Fortentwicklung in einem der Wissenschast und der nio- dcrneii Weltanschauung freundlichen Sinne kräftigst zu förder». Die drei großen Religionen der zivilisirten Welt mit allen ihren Sektionen und Sekten(einige freireligiöse Vereine ausge- »ommen, die aber bis jezt keine sonderlichen Erfolge zu verzcich- ncn haben und deren Existenz nur auf den Schultern genialer und energischer Leiter zu beruhen scheint, so daß ihre fernere Le- bensfähigkeit keineswegs gesichert ist): Judentum, Katolizismus und Protestantismus, beruhen ganz und gar auf supranaturaler Grundlage. Von diesen dreien steht der katolizismus dem Mo- nismus am fernsten, so daß die Umgestaltung desselben zur mo- nistischen Religion selbst in fernen Zeiten wol in den Bereich der Unmöglichkeit verwiesen werden muß. Eher könte man diese Er- Wartung vom Judentum hegen, sofern es in seiner reforniatori- scheu Partei das Prinzip der Forteniwicklung vollständig und nach allen Richtungen anerkennt und betont, daß es eine Religion der Humanität sein will. Allein, ivollte man auch optimistisch genug sein, zu hoffen, daß das nur sehr wenige Anhänger zälende ausgesprochene Reformjudentum, das überdies erst im Werden begriffen ist, sich ans dem niosaisch-rabbinischcn Ceremonialismus unter schweren Kämpfen erst ins Dasein zu ringen hat, seine mächtige Gegnerin, die Orthodoxie in ihren verschiedenen Schal- tirungen schließlich doch bewältigen wird; will man ferner auch -von der Minorität der Angehörigen der jüdischen Konfession ab- sehen, so bildet der Monotcismus das Fundament des ganzen jüdischen Religionssystems, dermaßen, daß eine allmäliche Umbil- dung desselben im Sinne des Monismus kaum denkbar ist. Zwar hat eine neuere Schrift mit Glück den Nachweis zu liefern gc- sucht, daß der Schwerpunkt der alttestamentlichen Literatur nicht eigentlich im Monoteismus als in der Anerkenntnis des Sitten- gesezes liegt*). Allein diese Abstraktion mag wol von dem einen und andern festgehalten werden, die Mehrheit der Laien und der Rabbiner wird jederzeit an dem Monoteismus, mit dem das elische Prinzip nun einmal in jener Literatur eng verwachsen scheint und der im historischen Juden um eine so bedeutende Rolle spielte und mit dem Nimbus des Märlyriums behaftet ist, als der einzigen unantastbaren Grundlage des Judentnnis, festhalten. Wenn man nebenher noch betrachtet, wie die Reform gegenwärtig noch mit den äußersten Vorposten des überkommenen Glanbens, z. V. mit Speiscgcsezen, einen hartnäckigen Ringkampf auszu- lochten hat, so wird man sich der Hoffnung, daß eine so kühne Reform, wie sie die zitirte Schrift im Auge hat, in nicht allzu- ferner Zeit die Vorwerke und schließlich die Festung selbst ein nehmen wird, cntschlagen müssen. 25. Kapitel. Der Protestantismus. Eine Religion/ welche nicht blos den kirchlichen Formalismus bis auf ein Minimum ausgestoßen hat, sondern auch die dogma- tischen Fesseln mehr und mehr abstreift, mit der Wissenschast und dem Leben sich stets in Einklang zu sezen sucht und weiß und den Kern der Sittlichkeit und Humanität immer mehr ins Auge saßt, ist der Protestantismus.(Wir denken hier natürlich nicht an die muckcrisch-pietistische Richtung.) Was sie nun ganz bc- sonders dasür eignet, auch einer monistischen Weltanschauung in ihren Hatten Raum zu geben, ist gerade dasjenige Element. Ivel- cheS den Monotcistcn am Christentum von jeher am anstößigsten war: die Gottessohnschaft. Das protestantische Christentum, in- dem es einen weisen und edlen Menschen, ein Intelligenz- und Karaktergenie, als Centrum und Träger seiner Religion hat, ist nicht ausschließlich an den supranaturalen Monoteismus gebun- den. Es wird, one sich seines Hauptfundaments entäußern zu müssen, mit einer monistischen Weltanschanung sich vertragen kön- neu. Ein protestantisches Christentum ist immer noch ein solches, wenn es Jesus den Menschensohn als Lehrer und Vorbild ancr- kennt. Sehr zu statten- der freieren Regung komt auch im Pro. *) Molchow, E. Jesus, ein Resormalor des Judentunis,(Zürich, 1680 Verlagsmagazin) S. 22 ff. testantismus der Umstand, daß den Hauptakt des Kultus nicht liturgische Formeln bilden, sondern die freie Rede des Geistliche», ivelche dem Subjektivismus einen sehr freien Spielrauni läßt. Die reiche aus dem alten und neuen Testament sich zusanimen- sezende religiöse Literatur bietet auch für die vom Supranatura lismns einanzipirtcn religiösen Ideen passende Anknüpfung und angemessenen poetischen Ausdruck und die religiösen Mythen und Sagen lassen sich one besondere Mühe rationell(was uns nicht gleichbedeutend mit rationalistisch ist) behandeln. Eine kräftige liberale Ausbildung des Protestantismus ivud daher dem Ziele, das wir im Auge haben, immer näher rücken. Die Kirche wird allmälich dahin gelangen, daß sie sich nicht mehr lediglich an das alt- und ncutestamcntliche Schrifttum anlehnt, sondern auch andere klassische Dichtungen und Schriften in ihrer Sphäre zuläßt und das Volk niit ihnen bekannt macht; ja sie wird vielleicht auch zuweilen populär-wissenschastliche Vorträge mit Predigten abwechseln lassen. Das Gebet wird sich in seiner Fassung mehr und mehr als lyrischer Ausdruck der Empsindnngen oder der Gesinnungen und Vorsäze kennzeichnen und die Lieder werden mit geringen Abänderungen ihres superstitiösen Amalgams entledigt werden können. Tie Kirchen werden alsdann die Stätten ernster Sammlung und idealistischer Volksbildung im schöllften Sinne des Wortes sein und ihre gotischen Formen werden keinen prinzipiell architektonischen Gegensaz mehr bilden zu dein heiteren Stil der Antike und der Renaissance*); beide werden zwei steh er- gänzcndc und mit einander harmonirende Seiten des Menschen daseins ausdrücken. Die Religion, statt den Menschen für ein fabelhaftes Dasein nach dem Tode würdig zu machen, wird ihn vielmehr im idealistischen Sinne vervollkommnen und veredel», zum Waren, Schönen und Guten erziehen. 26. Kapitel. Der Rcligionsunterricht in der Schule. Es erübrigt noch, von dem Religionsunterricht in der Schule zu sprechen. Hier ist bcdanerlicherweise auch der Protestantismus noch ziemlich tief im Ueberkommenen befangen und es kann daher nicht Wunder nehmen, daß in Volkskreiscn der krasse Aber- glaube noch eine starke Macht entfaltet, da der Geist der Jugend mit superstitiösen Substanzen durch den Religionsunterricht gesät- tigt wird. Eine Reform des Katechismus ist schon gegenwärtig ein dringliches Bedürfnis. Auch eine andere AnSwal des Me- inorirstosss ist sehr zu wünschen. Was sodann den Unterricht in der biblischen Geschichte betrifft, so möchten wir diese keineswegs ans der Schule verbannt wissen. Wir schließen uns vielmehr der Ausführung eines neueren Schriftstellers an, die wir nach dem Wortlaut anführen wollen**):„Aber ebensokräftig erklären wir nns gegen das Ansinnen, die biblische Geschichte vom Lehr- plan der Volksschule zu streichen; das hieße die Schule ihres kostbarsten Schazes von Sagenpoesie berauben. Diese naiven Erzälnngen sind ein warer Kindergarten voll der anmutigsten Pflanzen, Blumen und Blüten und ihr Wert ist um so größer, weil sie meistens nicht wie das Mährchen und die Fabel dein Gebiet des Unmöglichen, rein Phantastischen, angehören, sondern auf dem Boden der Wirklichkeit sich bewegen. Dabei spielen sie *) Ich fasse den golhischen Stil keineswegs als architektonischen Ausdruck ccs supraiiaturalen Spiritualismus, sondern als Ausdruck luuerer Sammlung, sittliche» Ernstes, des Abgezogenseins von. Sin»' liche», der geistigen Erhebung auf. Darum entsproß er dem deutschen Wc- sen ganz besonders. Auch die Sstetische Wirkung des Kreuzes ist eine ähnliche und die,c leine ästetische Wirkung verleiht ihm unseres Erach- tens weit mehr Bedeutung, als die mit ihm vcrknüpsle christologisch� memimöcenjj. Diejenigen, welche es absurd finden mögen, von einer astelischea Wirkung des Kreuzes zu sprechen, verweilen wir aus die ,chr richtige Bemerkung Oesers in seinen„Aestetischen Brise»" über den goldenen«chn.lt. S. 133.) Tie abfällige Aeußerung Goethes über dasselbe ist, sosern von ihm blos die symbolische Bedeutung ii'«- Auge gesaßt wurde, erklärlich. Wie sehr„der Heide" Goclhe sich si� den gothiichen«Iii luteressiren und erwärmen konte, beweisen seine de- kanten Aeußerungen über den Straßburger Münster. ) f- Molchow, Egypten und Palästina(Zürich 1881. Verlags- Schule Jlnha"3: Die Vehandlung der biblischen Geschichte in der 235 nicht im engen Bezirk des Privatlebens, sondern auf dem weit sich ausdehnenden Gefilde der Geschichte. Es sind überaus an- ziehende Lebens- und Fainilieiibildcr ans geschichtlichein Hinter- grnnd. Das erhöht nicht blos ihren poetischen Gehalt, sondern verleiht ihnen die Fähigkeit, den kindlichen Horizont zn erweitern, seinen Blick für das Allgemeine zu öffnen und sie bilden gewis- sermaßcn die llebergangsbrücke zum Unterricht in der Weltge- schichte. Sodann ist auch die religiös moralische Bedeutung der biblischen Geschichte nicht zu untcrschäzen. Die Moral ist hier in Fleisch und Blut, in plastisch grcifbar-cr Gestalt verkörpert. Das abstrakte Wort ist Mensch geworden, stellt sich dar in Per- soncn und lebendigen Borgängen und die Lehren der Moral lassen sich an denselben in anschaulicher, faßlicher Weise entwickeln. Endlich entfalten sie einen so großen Szenenreichtuin, daß sich eine Fülle gelegentlicher Belehrung über allerlei Wissenszweige dabei passend anknüpfen läßt.— Wir werden uns somit für eine rationelle Behandlung des biblischen Geschichtsunterrichts entschci den müssen. Das meinen wir jedoch nicht so, daß alles irratio- »ale Beiwerk auszuscheiden wäre und die Geschichten so crzält werden sollten, wie sie möglicherweise sich zugetragen haben tönten. Damit würden die meisten ihren poetischen Duft einbüßen und zu nüchternen, unschmackhaften, teilweise faden Geschichten vertrocknen. Um wie viel poesieloser wäre z. B. die Erzälung von Jsaks Opferung, wenn der Engel fehlen würde, der vom Himmel herabruft:„Strecke deine Hand nicht aus nach dem stnaben;c." Wer möchte die liebliche Erzälung von den drei Königen aus dem Morgenlande vermissen, die den Stern des neugeborenen Jesuskindes erblicken, zu ihm pilgern und ihm Gold, Myrrhen und Weihranch schenken.— So wenig ich eine Odyssee ohne ftirke„nd Äalypso, ohne die Höllenfahrt des Helden und die Geleitschaft der blauäugigen Göttin wünschen möchte, ebensowenig möchte ich die biblischen Geschichten und Gestalten gleichen Varaktors dem Volke und der Jugend vorenthalten wissen. Da- mit würden wir in die törichten Fußstapfcn des seligen Ztikolai treten, den die deutschen Dichterdioskuren mit so köstlichem Spott verewigt haben.— Die soeben gezogene Parallele mit Homer fuhrt uns jedoch auf die Spur der richtigen BeHandlungsweise. Wir lesen die Dichtungen des Homer mit dem Bewußtsein, daß es eben Dichtungen sind und dieses Bewußtsein, das den Leser gegen jedes superstitiöse Kontagium feit, beeinträchtigt den poetischen Genuß derselben nicht im geringsten, steigert ihn vielmehr be- trächtlich. Warum sollte die biblische Geschichte nicht nach der- selben Mewde in der Schule gelehrt(und, fügen wir hinzu, in der Kirche behandelt) werden können? Warum sollte der Lehrer dem Kinde nicht durch häufige Wiedcrholuikg das Bewußtsein beibringen können, daß und wo man es mit Sage und Mytus zu tun hat und daß überhaupt dem biblischen Sagenkreis, auch wo der Bericht mit der modernen Weltanschauung nicht im Wider- sprach steht, die historische Zuverlässigkeit gebricht? Wird doch auch, wer den Kindern Märchen und Fabeln erzält, es nicht versäumen, sie auf das Illusorische derselben aufmerksam zu ma- che». Zugleich kann und soll der Lehrer, wo es möglich ist, nachdem er die Erzälung in ihrer tradirten Form eingeprägt hat, die rationelle Auffassung hinzufügen. Wie leicht ist es z. B. bei der Erzälung von Jsaks Opferung den Kindern verständlich zu machen, daß von dem biblischen Erzälcr der innere fromme Drang als göttlicher Befehl, die natürliche geistige Erleuchtung als göttliche Offenbarung dargestellt wird; daß Abrahams Ver- nunft, die bessere Einsicht, die er auf dem Wege nach Moriah erlangt hat(die Einsicht, daß es kein frommes Werk, sondern ein Gräucl sei, sein Kind zu opfern), der Engel war, der ihm zu- rief:„Strecke deine Hand nicht aus nach dem Knaben:c." Bei dem Durchzug durch das Schilfmeer kann nebenbei erklärt wer- den, daß man es hier entweder mit einer bloßen Dichtung zu tun hat, oder daß öer Uebcrgang zur Zeit der Ebbe stattfand. Bei andern wird sich eine symbolische Deutung empfehlen. Die Speisung der Tausend durch Jesus läßt sich, one dem kindlichen Verstand zuviel zuzumuten, dahin wenden, daß Jesus mit dem geistigen Brod der Erkenntnis und Warheit Tausende gesättigt habe; die Heilung der Blinden, daß er die geistig Blinden sehend gemacht.— Auf diese Weise empfängt das Kind den Leib der biblischen Geschichten ungeschmälert und dazu den vernünftigen Geist derselben, der es vor einer abergläubischen Säftebildung bewahrt.— Man glaube ja nicht, daß eine solche Behandlungs- weise die kindliche Fassungskraft übersteigt, oder den Geist des Kindes verwirrt. Wir haben uns im Gegenteil erfahrnngsge- niüß überzeugt, daß selbst mittelmäßig begabte Kinder an dieser Behandlnngsweise den größten Gefallen haben und volles Jnter- esse und Verständnis dafür an den Tag legen. Es wird sogar dieser Behandlung ein hoher formalbildender Wert zugestanden werden müsse»; denn sie weckt das Aachdenke», das Prüfen, übt den analytischen Verstand schon frühzeitig und schärft die Intel- ligenz, one die Phantasie zu beeinträchtigen und das poetische Bedürfnis zu verkürzen. Sie läßt jeder der beiden psychischen Sphären das ihrige zuteil werden." Auf diese Weise könte allmälich die snpranaturalistische Religion sich zur monistischen metamorphosiren. Die Religion, eine Kultur- pflanze, welche in supranaturalem Boden großgezogen wurde, braucht nicht frisch ausgesät, sondern darf nur in die Atmosphäre und den ! Boden der modern philosophischen Weltanschauung versezt werden. Gelier den Einfluß flnfliger Getränke, besonders des Brnntmeins aus den menschlichen Brganismus. Aach Johnston von Dr. My. . 3n einer Zeit, wo man durch Zölle und Steuern das Äicr, Wein und den Brantwein immer mehr zu verteuern sucht, i"*/ gewiß angezeigt, an der Hand einer großen Antontat die Wirkungen dieser Getränke kurz zu erörtern, und so auch dw 'frage zu entscheide». ob der menschliche Organismus wirklich derselben bedürfe? Hört man uicht oft. der gemeuie Mann habe w» Gläschen Brantwein gar nicht notwendig; er könne dessen gut entbehren, falls ihm der Genuß allzusehr verteuert i erden sollte. Prüfen wir daher die Sache etwas naher. , Ter reine Brantwein ist bekantlich ein Gemisch aus-llkohol (reineni Weingeist) und Waffer, mit einem geringen Zusaz fluch- j gcr Oele, deren Wirkungen auf den Körper aver bis iezt noch mch b k?nt si„d. Da der Alkohol nun nur aus.gleichen Te le, daher im allgemeinen nur als ein Reiz- und Erwärmungs- mittel anzusehen, ebenso wie der Wein und selbst das Bier, dessen Inhalt an Narungsstoff viel zu gering ist, um als Ursache seines Verbrauchs maßgebend zu sein. Indessen folgt hieraus immer noch nicht, daß der Brantwein durchaus keinen Nuzen für den menschlichen Organismus habe. Im Gegenteil läßt sich als bestimmt annehmen, daß geringe Mengen davon erstlich den Körper unmittelbar erwärmen, und durch die Verände- rungen, welche durch sie in dem Blute vorgehen, einen Teil der Kolensäure und des Wasserdampfes ersezen, welche als eine notwendige Lebensbedingung von den Lungen unaufhörlich wie- der ausgeatmet tverden. In diesem Sinne kann man allerdings sagen, daß der Brantwein die Stelle einer Narung, z. B. von Fett oder Stärke— vertritt, zweitens, daß der Brant- ivein allerdings die absolute Verlustmenge an durch die Lunge und die Ricren ausgeschiedenen Stoffen zu ver- r i n g e r n vermag. Der mäßige Genuß von Brant- ivein vermindert, ebenso wie Tee und Kaffee, den natür- lichen Verlust von Fett und Gewebestoff, und damit in gleichem Grade die gewönliche Narungsmittelmenge, welche zur Erhaltung des gesammten Körpergewichts notwendig ist. Mit andern Worten: er befähigt eine gegebene Narungsmenge zu besserer Er- Haltung der Stärke nnd der Masse des Körpers. Und außer der hierdurch bewirkten Ersparnis an Stoffen befördert und er- leichtert er auch die Arbeit der Verdaunngsorgane, was bei einem schwachen Magen oft schon von höchster Wichtigkeit ist. lind so sind auch die geistigen Getränke im allgemeinen, wenn nur anderweitig die Körpcrbeschaffenheit sie vertragen kann, be- sonders für ältere Leute nicht ungeeignet, und für schwächliche Personen, deren Fett- nnd Gewebestoffe abzunehmen beginnen, d. h. bei denen der Berdauungsvorgang den natürlichen Verlust der Gcwebcstoffe nicht mehr rasch genug zu ersezen vermag, sogar wol- tätig. Dieser Verlust an Gewicht oder Stoff ist eine der ge- wönlichen Folgen des herannahenden Alters nnd ein allgemeines R cnnzeichen, daß das Leben zur Neige geht. Entweder nimmt der Magen nicht mehr genug Naning auf, oder er verdaut nicht genug, um das zu ersezen, was von denLörperbestandteilen täg- lich verschwindet. Geistige, d. i. alkoholhaltige Getränke von nicht zu großer Stärke verhindern oder verzögern und ver- ringern die tägliche Menge des Stoffverlustes. Zu gleicher Zeit regen sie die Verdaunngsorgane an, nnd befähigen dieselben, ihrer Verrichtung kräftig und vollständig obzuliegen; und auf diese Weise wird der Körper ans eine längere Lebensdauer hin erhal- ten. 4 Daher haben die Dichter den Wein die Milch der Alten genant, und die wissenschaftliche Forschung erkennt die Richtig- kcit dieser Bezeichnung an. Denn wenn der Wein den Greis auch nicht so unmittelbar nährt, wie die Milch den Säugling, so uuterstüzt er ihn doch jedenfalls durch Erhaltung hinsinkender Kräfte und durch Verzögerung des Körperverlustes. Aber alles das rechtfertigt keineswegs den übermäßigen Genuß geistiger Getränke. Jene angesürtcn guten Wirkungen stellen sich, wolverstanden, nur bei ganz mäßigem Genüsse derselben ein. Leider aber sind alle dergleichen geistigen Getränke so außerordentlich verfürerisch, und gewöncn sich so furchtbar rasch nnd unablegbar an, daß eine bestimte Grenze ihres Genusses fast gar nicht gezogen zu werden vermag. Wo die Gewonheit des übermäßigen Geuuffes geistiger Getränke einmal eingerissen ist, da sind sie auch die Quelle und der Ursprung jeder Not, jeder Uusittlichkeit, aller Laster nnd Verbrechen. Am gefärlichsten ist jedoch der Genuß des Brantiveins, nnd es sind darüber so viele irrigen Meinungen verbreitet, daß es Pflicht ist, denselben auf jede Weise entgegenzutreten. Engel sagt darüber in seinem Werkchcn über„die Brantiveinbrennerei": „In vielen Ländern und namentlich im Norden Europa's hat die Eigenschaft des Brautmeins als Reizmittel ihm gewissermaßen einen Plaz unter den Narungsniitteln angewiesen. Als solches steht er neben deni Wein und dem Bier. Doch aber hat jedes von den drei Getränken eine ihm eigentümliche Wirkung und einen karakteristischen Einfluß auf den Organismus, der mächtig in das geistige Leben ciugreist und beweist, daß die geistigen Getränke mehr sind, als bloße Gemische von Alkohol und Waffer. Wo ein Getränk volkstümlich ist, trägt die Bevölkerung den Stein- pel davon. Wein pnd Bier haben, wenigstens in Deutschland, eine bestimte Heimat. Der Brantwcin ist Kosmopolit; er sucht sich überall heiniisch zu machen, da aber am meisten, wo eine weniger aufgeklärte und eine ärmere Bevölkerung lebt." Der Wein hebt nnd iveckt die intellektuellen Fähigkeiten, one daß er, wenn mäßig genossen, ungünstig auf die'körperlichen Funktionen einwirkt. Das Bier aller Qualitäten nnd Spielarten steht ihm darin weit nach. Bei mäßigem Gebranch verhält es sich fast indifferent auf Geist nnd Körper; es ist dann ein angenehmes, zugleich närendes Erfrischungsniittel und als solches verdient dessen Bereitung und Verbreitung die größte Aufmerk- samkeit. Im Uebermaße und gcwonheitsmäßig genossen, erzeugt es cbensowol jene geistige Indolenz und Schwerfälligkeit, die sich so häufig durch Gleichgiltigkeit gegen höhere geistige Interessen knndgiebt, als auch die bekante ausgedunsene Körperbeschaffenheit der Biertrinker. Auf der untersten Stufe steht in seinen Wirkungen der Brantmein. Unleugbar verhilft ein mäßiger Ge- nuß geistiger Getränke und am schnellsten der des Brantweins einem starken Körper, dessen Kräfte nur augenblicklich unter außer- ordentlicher Anstrengung ermatten, zu derjenigen neuen Belebung lezterer, welche sonst nur ein längeres Ausruhen verschafft. Allein die Gewönung an solchen Genuß verleitet unwiderstehlich zur Fortsezung desselben, auch wenn jene Bedingungen, d. h. die : eines gesunden Körpers und anstrengender Arbeit, nicht mehr vorhanden sind. Als Gewonheitsgetränk erzeugt aber der Brantwein geistige Stumpsheit mit einer Richtung zur Roheit, er untergräbt Körpcrkraft und Wolbefinden rasch und nachdrück- lich, sobald diese aufhören, durch rationelle Ernärung gehörig uuterstüzt zu werden. Kraftlosigkeit kenzeichnet die hageren Ge- stalten der Brantweintrinkcr. Niemals ist die Wechselwirkung von Ursache und Folge des Brantweintrinkers einfacher und schöner aufgehellt worden, als von Liebig, wenn er sagt:„Man hat die Verarmung und das Elend in vielen Gegenden dem überhand nehmenden Genuß von Brantwein zugeschrieben; dies ist ein Irrtum. Der Brantwcingenuß ist nicht die Ursache, son- eine Folge der Not. Es ist eine Ausuame von der Regel, wenn ein gut gcnärter Mann zum Brantweintrinker wird. Wenn hin- gegen der Arbeiter durch seine Arbeit iveniger verdient, als er zur Erwerbung der ihm notwendigen Menge an Speise bedarf, durch welche seine Arbeitskraft völlig wieder hergestellt wird, so zwingt ihn eine starre, unerbittliche Notwendigkeit, zum Brantwein u. dgl. seine Zuflucht zu nehmen; er soll arbeiten, aber es fehlt ihm ivegen der unzureichenden Äiarung täglich ein großes Qua»- tum von seiner Arbeitskraft. Der Brantwein, durch seine Wir- kung auf die Nerven, gestattet ihm, die fehlende Kraft aus Kosten seines Körpers zu ergänzen, diejenige Menge heute zu verwen- den, welche naturgemäß erst den Tag darauf hätte zur Verwen- dung kommen dürfen; er ist ein Wechsel, ausgestellt auf die Ge- sundheit, welcher immer prolongirt werden muß, weil er aus Mangel an Mitteln nicht eingelöst werden kann. Der Arbeiter verzehrt das Kapital anstatt der Zinsen; daher denn der unver- meidliche Bankerott seines Körpers." Vielfach hält man den mäßigen Genuß des Brantweins für Handwerker für unentbehrlich. Gutgcnärte und dem Bedürfnis der Jareszeiten gemäß gekleidete Arbeiter bedürfen weder eines Reiz-, noch eines Erwärniungsmittels und ihnen ist der Braut- wein daher völlig entbehrlich. Leider sind aber unsere Arbeiter weder so gut gcnärt, noch so zweckmäßig gekleidet, um allen An- strengungen und jeglicher Unbill der Witterung erfolgreich wider- stehen zu können. Sie bedürfen daher eines Reiz- und eines Erwärniungsmittels, und solche finden sie nicht ivolseiler, wirk- sanier, und in kleineren Mengen zusammengedrängt, als>>» Brantwein. Gewönlich will man durch gutes Bier den lezte» ersezen, allein die Erfarung hat gelehrt, daß dies nicht, oder nur schwer, angeht. Das Bier, wenn auch noch so gut, verlangt iveit größere Massen, um zu reizen und zu erwärmen, und ist dann stets verhältnismäßig viel teurer als der Brantivein. Das ReichsgesundheUsamt und die Wissenschaft der ZuKunst. Von Aruno Heiser. Alle Leser der„Neuen Welt" haben schon von dem„Kaiser-' welche die Tätigkeit desselben produzirt, so ist doch von„Geschrei" lichen Gesundheltsamte" gehört und gelesen, jenem von der Reichs- jedenfalls schier garnichts zu spüren. regirung berufenen Kollegium von Medizinern, welches die Auf- Eine Institution, wie das Reichsqesundheitsamt, soll aber gäbe hat, ,n einer der allergrößten Zal unsrer Mitbürger sehr nicht sein wie ein Veilchen, das im Verborgenen— sei es im unklaren Weise über die Geiundheitsverhältnisse im Reiche zu Waldesdunkel oder in einer Kleiderfalte am Mädchenbusen— am 'vachen.„ � �. besten aufgehoben ist. Das Reichsgesundheitsamt gehört an eine Mit dem Verdikt„Viel Geschrei und wenig Wolle" kann Stätte im Staat, wo es vom vollen Lichte der Oeffentlichke't man das Zieichsgesundheitsamt nicht abfertigen, denn so wenig bestralt, von jedermänniglich gesehen, ja ich möchte sagen, gefü" man auch im deutschen Volke von der„Wolle" merken mag, wird. � Wie weit und wie sehr ich mit dieser Behauphmg recht habe, werden die Leser beurteilen können, wenn ich ihnen so kurz als es die Fülle des Stoffes erlaubt, die Aufgabe darlege, die sich das ReichsgesuudHeitsamt selbst gestellt hat. Am 14. April des Jares 1877 war im deutschen Reichstage ein Antrag des Abgeordneten Mendel angenomnien worden, wonach der Reichstag beschloß» die Rcichsrcgiruug zu ersuchen, dem Reichstage in der nächsten Session in einer Dcnkschrist die ! Ausgaben und Ziele, die das ReichsgesuudHeitsamt sich gestellt, und die Wege, ans denen sie jene zu erreichen hofft, darzulegen. Am V. Februar des folgenden Jares kani die Regirung dieseni Wunsche des Reichstages nach, indem der Stellvertreter des Reichskanzlers eine solche Denkschrift dem Reichstage unterbreitete. Diese Denkschrift ging zunächst auf die Gründe ein, denen das Reichsgcsundheitsamr sein Dasein zu danken hat. Tie� exaktereu Forschungsweisen in der medizinischen Wissen- Ichast, sagt sie, hätten die Vertreter derselben nachgerade davon »bcrzeugt,„daß es nicht mehr genügen könne, den Ärankheitcu von Fall zu Fall gegenüber zu treten," daß vielmehr de» t5»t- >>ehuugs-' und Verbreitungsursachen der tlrankheiten möglichst genau nachgeforscht und diese in möglichst wirksamer Weise be- lampft werden müßten. Tiese Ueberzeuguug habe in den Kreisen der Mediziner, wie auch in den für die öffentliche Gesundheitspflege sich intercssirenden Kreisen des Laieupublikums den Wunsch laut werden lassen, das Reich möge sich dieser wichtigen Frage annehmen; und zwar habe wan dies deshalb vom Reiche verlangt, weil zu einer Erfolg bcrsprcchkuden Bolksgcsiindheitspflcge„eine Reihe von Erniitt- Iniigc» größeren Maßstabes gehören, welche auszufüren den Einzel- taaten und selbst größeren wissenschaftlichen Verbänden nicht ge- langen sei." . �as deutsche Reich war nun in der Tat unisomehr ge- eignet, solchem Wunsche zur Ausfürung zu verhelfen, als der urukel 4, welcher der Kompetenz der Reichsregirung ihre Grenzen j>eht, in seinem Punkte 15 ausdrücklich die Medizinal- und Veterinär- Polizei der Veaufsichtigung und Gesezgebung des Reiches unterstellt. -rie Reichsregirung schuf denn auch im Jare 1875 im Ein- versiäudnis mit den übrigen Faktoren der Gesezgebung im Reichs- geluiidheitsanit die nur mit der Befugnis der Beratung ausge- uatiete medizinisch- wissenschaftliche Ccutralbehörde, welche die seien von einander mehr oder weniger unabhängigen, wo nicht einander widerstrebenden und aushebenden Bestrebungen auf dem Gebiete der öffentlichen Gesundheitspflege zu gedeihlichem Zu- wmenwirken und Fortgänge einen und ordnen sollte. i ReichsgesundheitSamt sah nun sofort ei», daß die Gebiete kr Medizinal- und Veterinärpolizei mit allen Mitteln der Wissen- a- 0, ö'l erweitern seien und daß vielleicht von den bisher verfolgten v>>elen und Wegen dieser Zweige der Wolfartsfürsorge des Staates zu besseren, zweckentsprechenderen, wissenschaftlich mehr gerecht- ''gwii werde übergegangen werden müssen. Zunächst machte sich das Bedürfnis fülbar, die öffentliche chudheitspflege jnm Range einer Wissenschaft zu erheben. Dabei u" regend, systemschaficnd und evculuell auch wissenschaftlich pro- �rcmd mitzuwirken erkante das Reichsgesundheitsamt als seine Ganz von selbst ergab sich als weitere Obliegenheit„die chkichregirung von den'Fortschritten der Gesundheitswisseuschaft w Keutnis zu sezen" und in Verbesskrungsvorschlägeu medizinal- "no oeterinär-polizeilichcr Maßnamen jene gesundheitswissen- �chtlichen Fortschritte samt und sonders nach Möglichkeit zum Volkes zu verwerten._. ii„x!5!e �kiden Obliegenheiten umfassen nun, richtig verstanden < rrfüllt, einen imposanten und ungemein crgibigen Tätigkeits- �.!"r die medizinische Centralbehörde. c." beste Grundlage für eine ihren Namen mit der Tat '"""de GesiindheitSivisseuschaft erkante das Reichsgesundheitsamt Recht die sogenantc Medizinalstatistik. Von dieser will es, daß sie„die Beziehungen der Menschen ni« einander, ihre Gcburts-, Entwicklnngs- und Arbcrtsverhalt- ''ste. ihr Alter, ihre Umgebung, ihre Verteilung in territorialer .jung, den Boden, auf dem sie leben, das Waffer, das ste ihren Wolstand. ihre Ernärnng u. s. w." i» zalcnmaßige �.Ziehung bringe zu den bei den Volksangchörigen„auftretenden ».�"kungen. zu idrer Lebensdauer und zu ihrer Sterblichkeit". so gedenkt das Gesundheitsamt den Ursachen für die„Ab- .°wc der Kraft und Gesundheit der Bevölkerung und der Vcr- ezung ihrer Lebensdauer" auf die Spur zu kommen. Dabei verhelt sich das Reichsgesundheitsamt nicht, daß auch das Reich mit seinen 45 Millionen Einwohnern keineswegs ein Gebiet ist— groß genug, um wünschenswert sichere Auffchlüsse über Erkrankungs-, Siechtums- und Sterblichkeitsursachen zu geben; und es hält für geboten, die Erfarungen in Deutschland durch die sonst in der Welt gemachten zu ergänzen. Aus diesen beiden Momenten ihrer Erkentnis ist dem Gesundheitsamte das Streben erflossen, die Fürsorge für die öffentliche Gesundheitspflege dem Ramen der nationalen Beschränkung zu entheben und ihr zur Verkörperung in einer internationalen Institution zu verhelfen. In Deutschland selbst trat dem Rcichsgesundheitsamt zuvörderst die Aufgabe entgegen,'alle die öffentliche Gesundheitspflege an- gehenden Institutionen und Anordnungen einem und demselben Systeme unterzuordnen und anzupassen. Zu diesen Einrichtungen, respektive Anordnungen gehören be- sonders die Erhebungen über die Geburten und Sterbefälle, bei welch' lezteren sich das Bedürfnis eines Leichenschaugesezes heraus- gestellt hat. Im Anschluß daran hat sich ferner auch die lltot- wendigkeit genauer Erforschung und Vergleichung der Kinder- sterblichkeitsverhältnisse im Reich, insbesondere der Ursachen für die Mehrung der Kindersterblichkeit in den größern Städten er- geben. Diese Ermittlungen gedenkt das Gesundheitsamt in größtem Maße zu betreiben, indem es sich nicht damit begnügt, sich von den Magistraten aller deutschen Städte über 15 000 Einwohner regelmäßige Berichte über sämtliche Geburts- und Sterbefälle einzuholen, sondern auch durch die Vermittlung des ausivärtigcn Amts alle kaiserlichen Konsulate im gesa inten Auslande(im ganzen schon Ende 1879 nicht weniger als 736) dazu auhält, über in ihrem Konsulatsbezirke herschenden Erkrankungs- iiud Sterblichkeitsverhältnisse, mit besonderer Rücksicht auf die gefärlichereu Epidemieen, und vorzugsweise die Cholera und die Pest, regel- mäßige Nachricht zu geben. Ferner hat sich die Aufmerksamkeit des Reichsgesuudheitsamtes auf die Einfürung einer Statistik der Erkrankungen in den deutschen Krankenhäusern, in der Armee und Marine, bei der Reichspost und den deutschen Eisenbahnverwaltunge», bei den Knappschaften und anderen Gewerbsgenossenschasten gerichtet, spe- ziell zu dem Zwecke, zuverlässige Aufschlüsse über den„Einfluß der verschiedeueu Berufs- und Beschästigungsiveiseu auf die Ge- sundheit der betreffenden Bcvölkerungsgruppeii" zu erlangen. lieber die Erkrankungen derjenigen Bewohner des Reiches, welche Armenunterstüzuug empfangen, will das Gesundheits- amt Bericht erstattet haben, sobald einmal für die öffentliche Armenpflege in ganz Teutschland gcmcinsame Grundsäze gesezlich bestimt worden sind. Des weiteren beabsichtigt das Amt Untersuchungen über die allgemeinen Kraft- und Gcsundheitsverhältuisse anzustellen und meint zu diesem Ziele am besten durch eine Reform der Rekrutiruugsstatistik zu gelangen. Um endlich einnial die Eutstehungs- und Vcrbreitungsbe- dingungcn der lebenSgefärlichen Epidemieen, der„großen Volks- und Wanderscuchcn" zu ergründen, erstrebt das Rcichsgesundheitsamt im Einvernehmen mit der Cholerakomniission eine Organisation des bezüglichen Erniittlungswesens über das ganze Reich hin— derart, daß jeder einzelne Fall von Cholera oder dergleichen sofort direkt an das Amt selbst zu melden wäre. Auch inbezug auf diese seine Aufgabe hält es die Ausdehnung des Erniittlungsver- farens über die gesamte Erde durch Gründung einer ständigen internationalen Seuchenkommission für geboten. Tic großen Wauderseuchen haben mit vielen sonstigen Krank- heitcn eine Reihe prädisponireuder, d. h. die Meuscheukörper zu ihrer Aufnahme vorbereitender, Uebel stände gemein, z. B. Mangelhaftigkeit oder Verdorbenheit des Trinkwassers, Feuchtig- keit oder Uureinigkeit des Bodens an den Orten, wo Menschen wohnen, schlechte Wohnungen, Verunreinigungen der Flüsse u. s. w. Auch in dieser Richtung umfassen die Erhebungen in erster Linie die Städte von über 15 000 Einwohnern, damit ihre Ergebnisse in Vergleich gebracht werde» können mit der dort im Gange be- findlichen Todcsursachcnstatistik. An die Nachforschungen wegen der Ursachen der Verunreinigung des Bodens, des Trinkwassers und der Wasserläufe reihen sich die hochwichtigen Untersuchungen über die beste Metode für die Entfernung der Abfallstoffe, insonderlich der menschlichen Ex- kremente aus der Nähe der Menschenlvohnuugen. Zu den notwendigen Forschungsarbeiten nach den Ursachen der menschlichen Krankheiten zält das Gesundheitsamt mit gutem Recht auch die Feststellung, wie die Viehseuchen, auch die wandernden, die, im Gegensaz zu den Epidemieen bei den Menschen, sogenanten Epizoo tien— entstehen und sich verbreiten, da diese zu mannigfachen Erkrankungen der Menschen die Vorbedingungen liefern. Wiederum handelt es sich hier zuerst um allseitige stati- stische Ermittlungen, mit denen die Ueberwachung der angeord- neten Tilgungsmaßregeln Hand in Hand zu gehen hat. Da man zur Bekämpfung der Epidemieen wie der Epizootien unter andern prophylaktischen(vorbeugenden) Maßregeln die Des- infektion angewendet, d. h. versucht hat, die die menschliche Ge- sundheit bedrohenden Schädlichkeiten in der Luft, im Boden und im Wasser durch Chemikalien zu beseitigen, diese Desinfektion die auf sie gesezten Hoffnungen aber nur zum geringen Teil gerecht- fertigt hat, so erachtet es das Reichsgesundheitsamt auch für einen Teil seiner Aufgabe,„den Beziehungen der Desinfektionsmittel zu den Jnfektionsstoffen im Speziellen" nachzuforschen. Der Einfluß, welchen die Witterung auf Entwicklung und Ausbreitung der endemischen(eingebürgerten) und epidemischen Krankheiten hat, schuf dem Reichsgesundheitsamte ein weiteres Gebiet für seine Forschungen; demgemäß stellt es allwöchentlich die meteorologischen Beobachtungen aus acht klimatischen Bezirken Deutschlands mit den Sterblichkeitsberichten aus 149 deutschen Städten vergleichend zusammen. Neben all' den angcfürten umfangreichen und schwierigen Unter- suchungsarbeiten hält sich das Gesundheitsamt für verpflichtet, jeden Zweig der Gesundheitspflege im Auge zu behalten, allen Fortschritten der Gesundheitswisscnschaft wie auch der Sozial- Ökonomie zu folgen und sich auf das genaueste über die Medi- zinal- und Veterinärgesezgebung zu unterrichten. Dies alles gedenkt es zur technischen Vorbereitung der auf dem Gebiete der öffentlichen Gesundheitspflege zu erlassenden Ge- seze und Verordnungen, wie zur Abänderung oder Erweiterung bestehender diesbezüglicher Geseze auszunüzen. Aber nicht nur der Regirung beabsichtigt das Reichsgcsund- heitsamt mit den Resultaten seiner Erforschungen und Erfarungcn belehrend zur Seite zu stehen, sondern es hat ganz richtig crkant, daß durch Veröffentlichung umfassender medizinal-statistischer Berichte mit eingehenden Erläuterungen die gesundheitswiffen- schaftliche Erkentnis im Volke zu fördern in seinem Interesse und seiner Pflicht liegt. Außer den bis hierher bezeichneten Aufgaben, welche sich das Reichsgesundheitsamt gestellt hat, sült es sich ferner noch berufen, an der Beaufsichtigung des Geheimmittclhandels und der Unter- drückung des Geheimmittelhandels zu arbeiten; dann durch den Entwurf einer neuen Prüfungsordnung für die ärztlichen und tierärztlichen Examina diesen wichtigen Berufsgebieten noch solidere allgemein- und fachwiffeuschaftliche Fundamente zu schaffen; drittens auch den Genieindebehörden jederzeit zu wissenschaftlichem Rat und wissenschastlicher Auskunft zur Verfügung zu stehen. Jedoch auch damit ist die Fülle der Aufgaben des Reichs- gesuudheitsamt noch nicht erschöpft: es hat vielmehr noch eine Anzal von Fragen bezeichnet, zu deren gesundheitswissenschaftlicher Bearbeitung und Beantwortung es sich one weitläufige statistische Erhebungen für genügend vorbereitet hält. Es sind dies die Fragen 1) des Gesundheitsschuzes der Kinder; 2) des Schuzes der Irren; 3) der Hygiene der Fabrikarbeiter; 4) eines Reichs» gesezes, betreffend Maßregeln zum Schuze gegen Jnfektionskrank- heilen des Menschen; 5) eines Reichsviehseuchengesezes; 6) der Bearbeitung des Materials für fortlaufende Verordnungen zum Schuz gegen die Fälschung von Narungs- und Genußmitteln. Das Gesundheitsamt ist der Ansicht, daß der Fälschung von Narungs- und Genußmitteln nur wirksam entgegengetreten werden kann durch Errichtung einer größeren Zal technischer Unter- suchungsstationen mit amtlichem Karafter und vereidigten Beamten, deren Tätigkeit nicht ans die Untersuchung der Narungs- und Genußmittel beschränkt sein darf. Diese Untersuchungsstationen wünscht das Reichsgesundheits- amt zusammengesezt zu sehen ans einem Cheniiker, einem Arzte und einem Tierärzte, und die Aufgabe derselbe formulirt es also: 1) Untersuchung der der Station zur Untersuchung übergebenen Narungs- und Genußmittel inbezug auf ihre Zusammensezung und gesundheitliche Beschaffenheit, so namentlich der Milch; 2) gleiche Untersuchung von Gebrauchsgegenständen; 3) Nachuntersuchnng des Fleisches und seiner Fabrikate, insbesondere ans Trichinen,— wo Zweifel über die Richtigkeit einer ersten Untersuchung geltend gemacht werden; 4) fortgesezte Untersuchungen der hauptsächlichsten zum Verkaufe ausgestellten Narungs- und Genußmittel; 5) fortgesezte Untersuchungen der Trink- und Nuzwässer, der öffentlichen Wasserläufe und der Grundwasserverhältnisse; 6) fortgesezte Unter- suchungen der Luft in öffentlichen Lokalen, zunächst in den Schulen. Daneben sollen die Untersuchungsstationen eine Art von Unter- richtsanstalten für Polizeibeamte sein, indem sie diese mit ein- fachen Metoden der vorläufigen Prüfung von Konsumtibilien ver- traut machen sollen. Beaufsichtigt sollen die Untersuchungsstationen werden durch eine zweckentsprechende Anzal von Kontrolstationen, die mit„einem tech- nisch-wissenschastlichen Hülfsapparate sowol, wie mit Personal wol auszustatten sind." Beiden, den Untersuchungs- und Kontrolstationen, gegenüber würde es dem Gesundhcitsamte obliegen, in hygienisch-technischen oder wissenschaftlichen Fragen, soweit es der jeweilige Stand der Wissenschaft erlaubt, Unterstüzung jederart zu gewären, vornem- lich auch„eine Zusammenstellung derjenigen Metoden zu ver- öffentlichen, welche bei dem gegenwärtigen Stande der Wissen- schaften für jezt am meisten zu empfelen sind." Als„oberste, technisch-beratende und beaufsichtigende Instanz für die Orgaue der öffentlichen Gesundheitspflege im Reich" sült sich das Reichsgesundheitsamt auch berufen, den Erlaß von Ver- Ordnungen anzuregen, welche sich erstrecken auf die Art der Her- stellung, Ausbewarung, Beschaffenheit und Bezeichnung verkauf- licher Narungs- und Genußmittel, Herstellung und Beschaffenheit von Gebrauchsgegenständen, auf die Ueberwachung des Verkaufs von Vieh und Fleisch, des Schlachtsgeschäfts, auf die Reinlich- keit auf Märkten, in Schlachthäusern, Wirtschaften, Werkstätten zur Narungs- und Genußmittelbereitung uud den Aufbewarungs- arten derselben. Die Erkentnis, daß zur praktischen Ausübung der Gesund- heitspflege es im Reich noch fast gänzlich an geeigneten Exekutiv- organen mangelt, veranlaßte das Gesundheitsamt zur Zusanimen- stellung folgender Grundsäze für die Organisation der öffentlichen Hygiene in ga»z Deutschland: 1) Die Hanvhabung der Gesundheitspolizei, als eines inte- grirenden(nicht von ihr zu trennenden) Teils der Polizeigewalt überhaupt, steht der Ortspolizei zu. In kleineren Gemeinden und Verbänden obliegt nach Maßgabe der bestehenden Verfassung die Gesundheitspolizei teils der Ortspolizei, teils der Polizei des größeren Kommunalverbandes; 2) für jede größere Stadt, sowie für jeden größeren Kommunalverband, ist ein Ge- sundheitsausschuß einzusezen; 3) für jeden Bezirk eines Ge- sundheitsausschuffes ist ein ärztlicher Gesundheitsbeamter(Kreis- arzt, Physikus u. s. f.) anzustellen, der seinen Wohnsiz womöglich am Wohnorte des Vorstehers der Polizeiverwaltung des belref- senden Verbandes hat; 4) Der Vorsiz im Gesundheitsausschusse steht dem Vorsteher der Polizeiverwaltung(Bürgermeister, Amts» Vorsteher, Landrat:c.) in dem Verbände des Wirkungskreises des Gesundheitsausschuffes zu. Der Gesundheitsausschuß besteht, außer dem Vorsteher der Polizeiverwaltung und dem ärztlichen Gesundheitsbeamten, aus folgenden, von der Vertretung des Ver- bandes zu wälenden Mitgliedern: a) einem Chemiker, b) einem Tierarzt, c) einem Bauverständigen, d) mehreren Mitgliedern, deren Zal von der Vertretung des Verbandes bestimt wird.— In denjenigen Einzelstaaten, in welchen zur Zeit eine Vertretung des Verbandes nicht vorhanden ist, bestimt die Landesregierung die weitere Zusammensezung des Gesundheitsausschuffes. Wo zur Zeit die Gesundheitspolizei noch nicht in den Händen der Gemeinde liegt, ist der Bürgermeister oder ein von demselben zu delegirendes Mitglied des Magistrats Mitglied des Gesundheils- ausschusses; 5) Der Gesundheitsausschuß ist bei allen wichtigen Anordnungen und Maßregeln im Interesse der Gesundheitspolizei zu hören. Er ist auch berechtigt, selbständig den kompetenten Be- Hörden Vorschläge zu erteilen. Ter Gesundheitsausschuß ist ver- pflichtet, den Venvaltungs-, sowie auch den Gerichtsbehörden aus Verlangen Gutachten abzugeben. Die Uebertragung weitergehen- der Befugnisse, sowie der Erlaß von Vorschriften über die Aus- Übung derselben kann im Wege der Reichs- und Landesgesezge- bung, sowie der landesgesezlich zulässigen Autonomie der Städte und größeren Verbände stattfinden; 6) Vorschriften über die Behandlung und die Verteilung der Geschäfte, insbesondere auch über die Bildung von Abteilungen für einzelne Zweige der Ge- sundheitspolizei in größeren Städten werden von den OrganeU des betreffenden Verbandes, wo die Polizeiverwaltung dem Staate zusteht, von lezterem mit Zustimmung der erwänten Organe er- tosten. Diese Vorschriften sollen zugleich feststellen, in welcheu regelmäßigen Zwischenräumen Sizungen abzuhalten sind. 239 Dies die Grundsaze des Gesundheitsamts für eine über das ganze deutsche Reich ausgedehnte Organisation der öffentlichen Gesundheitspflege! Wir sind damit zum Schlüsse der über 17 Druckspalten in Groß-Ouart umfassenden Denkschrift gelangt. In diesem Schlusie wiederholt das Gei'undheitsamt u. a. die Versicherung, daß es sich um die Ausbildung der Hygiene zu einer wirklichen Wissenschaft durch Zentralisation des gewonnenen wissenschaftlichen und Erfarungsmaterials und Verarbeitung des- selben zu einem Ganzen besonders bemühen werde. Außerdem erklärt es sich für verbunden, das ärztliche Ver- einswesen zu fördern und„gewälte Vertreter des ärztlichen Stan- des als außerordentliche Mitglieder des Gesundheitsamtes" zur Mitarbeiterschaft heranzuziehen. Ueberhaupt brauche es eine erhebliche Verstärkung, um mit seinen Arbeiten in zweckentsprechender Weise auf dem Lausenden zu bleiben, und zwar nicht nur durch Spezialärzte verschiedener Fächer, sondern auch durch höhere Verwaltungs- oder Polizeibeamte, dann einem Chemiker, einen Baubeamten und einen Fachgelehrten für das Apotekertvesen, insgesamt 10 Personen. Auch Laboratorien zu chemischen, physikalischen, physiologischen und patologischen Versuchen, ebenso wie zu Untersuchungen inbe- treff Vertreibung und Borbeugung der Viehseuchen seien ihm einzureichen. Im Vorstehenden ist all' das zusamniengefaßt, was das Kai- serliche Gesundheitsamt leisten will und es sind darin gleichzeitig im großen und ganzen die Mittel angegeben, welche es bei seinen Arbeiten zu benüzen gedenkt. Ehe wir zu der Untersuchung vorschreiten, wie weit das ge- lehrte Amt der selbstgestellten gewaltigen Aufgabe in den vier Jaren seit Abfassung seiner Denkschrift gerecht gewordeu ist, wollen wir uns in einer der nächsten Nummern über die Stellung klar zu werden suchen, welche dieses kaiserliche Gesundheitsamt mit seinen Zielen und Wegen zur Wissenschaft, wie sie bisher sich entwickelt hat und betrieben wurde, einnimt. (Zottl-jung solgt.) Die Katastrophe im wiener Ringteater und deren Folgen. Bon Iriedrich Zlauert. Das durch verbrecherischen Leichtsinn im Dezember vorigen Fares im wiener Ringteater hervorgerufene Unglück, dem hun- derte von Menschenleben zum Opfer fielen, hat nicht nur das �-ntsezen und die Teilname der gesammten zivilisirten Welt her- vorgerufen, sondern auch eine Menge Vorschläge zutage gefördert, um solchen schauerlichen Ereignissen vorzubeugen. Auch hat man vereits in fast allen größeren Orten die Teater untersucht und oa, wo es noch an den nötigen Vorsichtsmaßregeln fehlte, diese angeordnet. Ob die Ausführung derselben gesichert ist, könte svan mit Recht bezweifeln. Leider hat man im Ernst nur �?or solange an solche verhütende Maßregeln gedacht, als der schmerz über ein großes Unglück noch in den Herzen des Pu- oiifums nachzitterte; mit dem Verschwinden dieser Gefülsregungen waren gewönlich auch die guten Grundsäze und berechtigten Maßregeln vergessen. So erschien noch im vorigen Jare nach ,lm-öoanbe des Teaters zu Nizza, der einer großen Zal Men- Wen das Leben raubte, in der„Oesterr. Verbands-Feuerwehr- eine Serie von Artikeln, die mit großer Sachkenntnis geschrieben, unter dem Titel„Teaterbrände und deren Verhütung" m«eparatabdruck vorliegen. Diese Schrift ist für den geringen i-iiM 110,1 �9 Pfg- zu haben, also jedermann zugänglich. Sie v»' gerade die Uebelstände, welche wesentlich, wenn nicht ganz s schreckliche Unglück im Ringteater noch in demselben Jare ocranlaßten. _ �er noch lauter spricht für endliche gewissenhafte Durchfü- Teoterl)� �'cherheitsvorrichtungen in Teatern die Statistik der ein � Foelsch, der in einem größeren Buche dieses trau- -.9� Kapitel behandelt, darüber folgende Zalen: Teaterbrände landen statt im lö.Jarhundcrt 2. im 17.Jarh. 16, im 18.Jarh. 5"» 19. Jarh. von 1800-1810 16, von 1810—20 14, von 30 31' von 1830-40 33, von 1840- 50 44, von 1850 fiJL« 4' von 1860-70 98 und von 1870-1880 118. Man nn» a''0' kyfe in demselben Grade, wie die Teater an Zal zuge- oMi"x die Teatergebäude selbst an glänzender und groß- tonJLet �usfürung und räumlicher und ästetischer Hinsicht ge- tß-tIen und in demselben Grade, wie sich die technischen Wissen- bü>., Phöben haben, sich also unser Können inbezug auf Ver- x"hg von Unglücksfällen gesteigert hat, auch die Gefar gewachsen Ut kmem Teater zu verbrenne», zu ersticken, zerquetscht, zer- vder sonst in einer Weise um sein Leben gebracht zu wer- fl??o\ tau�e der Brand des Schomburgteaters zu Amsterdam {\T:a 19 wuschen das Leben, der des Coliseo zu Saragossa Ly 137» der des Opernhauses im Palais Royal(1781) 21, W Teaters in Capo d'Jstri(1794) 1000, der des Grand- St 10 öv Nantes(1796) 7, der des Teaters zu Richmond(Ler. llftto) der des Lehmann-Teater in St. Petersburg Ä)800' und der des städtischen Teaters zu Sinigaglia(Ancona in?r. Menschen das Leben. Dagegen zälte man, als 1845 »ikko" das chinesische Teater ein Raub der Flammen wurde. � weniger als 1670 Tote und 1700 Verwundete; beim 1844 stattgehabten Brande des Royal-Teater zu Quebec in Canada gab es 200 Tote; 1847 beim Brand des Hofteaters in Karls- ruhe 63 Tote und 200 Verwundete, bei dem des kaiserlichen Opernhauses zu Moskau 1853 11 Tote. 1867 brannte das Teater deli Eguidolli in Livorno ab und das Resultat war 100 Tote und 200 Verwundete; in demselben Jare wurde das AmericaN'Teater zu Philadelphia von dem gleichen Schicksale betroffen, wobei 13 Personen umkamen und 16 verwundet wurden. Der Brand des Teaters zu Tientsin in China(1872) forderte 600 Menschenopfer; der zu Broklyn(Ver. St. 1876) 283 und eine noch größere Zal Verwundeter und beim Brand des Teatre des Variötös zu Montpellier kamen 400 Menschen in den Flamnien um. Das sind in ca. 100 Jaren 5404 Tote und 2516 Verwundete. Die Toten von Nizza und vom wiener Ring- teater sind nicht mit inbegriffen; man kann sie jedoch ganz ruhig auf 1000 veranschlagen. Damit erhält man eine Summe ver- nichteter Menschenleben, die doch hinreicht, um so dringlich wie möglich zur Vorsicht zu mahnen. Aber der Leichtsinn, welcher leider noch eine viel zu große Herschast in den manigfaltigsten Verhältnissen des Menschenlebens besizt, ist es auch hier, und zwar in noch viel höherem Grade als sonstwo, der die größten Unglücksfälle verschuldet. Man faßt das Teater als eine Vergnügungsanstalt auf und stürzt sich mit demselben Leichtsinn hinein wie z. B. in ein Tanzvergnügen aus freiem, gefarlosen Rasenplaz. Leichtsinn bei der Gebäude- anlage, Leichtsinn bei den Schuzmaßregeln, Leichtsinn in der Be- dienung derselbe» bei einem ausgcbrochenen Brande, Leichtsinn von Seiten der Behörden bei Ueberwachung derselben, kurz Leicht- sinn an allen Ecken. Der ganze Plunder des modernen Teaters, das hauptsächlich auf den Sinnenreiz, den materialistischen Sinnen- kizel spekulirt, ist davon durchweht, das Publikum jauchzt ihm ebenso leichtsinnig zu— ist es denn da ein Wunder, wenn ein Fünkchen des realen Elements diesen fast-, kraft- und gehaltlosen Zunder streift, ihn entzündet und die ganze Budike inklusive Zu- schauer vernichtet! Bricht dann über diese Gesellschaft das Unglück herein, dann ist es die Kopflosigkeit, welche das ganze System so schlagend karakterisirt, und das Malheur noch im höchsten Grade verschlimmert. Wo soll aber Kopf im Unglück herkommen, wenn unter normalen Verhältnissen keiner vorhanden ist? Und sprechen nicht gerade die vielen Teaterbrände mit ihren Hekatom- ben von geopferten Menschenleben— geopfert troz aller War- nungen, troz aller Vorschläge der Fachmänner zu Gegenmaß- regeln, für die permanente Kopflosigkeit der Herren, die sich als Repräsentanten und Schüzer des Teaters so gern oft öffentlich geberden?!— Man geht wol nicht fehl, wenn man hierin und in dem Ka- rakter des niodernen Teaters den Hauptgrund für die grauen- haften Unglücksfälle sieht. Die Zeitgenossen Sophokles und Shakc- speares gaben sich noch mit dem Genuß des Dichterwerks one all und jeden Bünenaufwand zufrieden und es mag dahingestellt sein, ob sie nicht schließlich einen höheren Genuß an den Kunst- 240 werken dieser Genies empfanden, wie unser heutiges Tcaterpnbli- kum, das sich ebenso, der Mode folgend, auf jnne Teaterloge abonnirt, wie es sich eine Hutsa�on wält, eine Schleife auf eine bestinite Stelle des Äleides näht, oder die Haare borstenartig ins Gesicht kämt. Heute gehen die meisten nicht mehr ins Teatcr, um den Alltagsstaub abzuschütteln und den widerlichen Zwist im profanen Leben auf Momente zu vergessen, sich für das Ware, Gute und Schöne zu begeistern und sich zu ihrer Tätigkeit als Mensch zu stärken— heute will man sich„erholen"— richtiger gesagt,„amüsiren*. Lachen will man und im Gelächter �das Elend des Tages ersticken, oder doch da wo dies nicht der Fall, durch hohlen Pomp und Flitter seine Sinne derartig berauschen, daß man die Misöre des Lebens vergißt. Derartige Stücke nun, „Ausstattungsstücke" werden sie wol auch genannt, ziehen das meiste Publikum an, füllen den Herrn Direktoren die Kasse—, lassen die Herrn Schauspieler in recht üppigem Glänze erscheine», der die eigene Kunst ersezen muß, häufen aber auf der Büue und in deren unmittelbaren?tähe eine Masse von leicht verbrenn- lichen Stoffen auf, die, wenn sie einmal entzündet und nicht so- fort gelöscht werden, im Nu das Feuer so mächtig nären, daß binnen wenigen Minuten an keine Rettung mehr zu denken ist. Bei den meisten Teaterbränden ist aber gerade unter den Requi- fiten auf der Büne und dem Schnürboden der Heerd des Feuers gewesen. Es fällt uns nun gar nicht ein zu verlangen, man solle zu jener Einfachheit der Dekorationen zurückkehren, wie sie zur Zeit Sophokles und auch zur Zeit Shakespeares herschte. Wir machen mit Recht Ansprüche darauf, daß die Täuschung, die sich vor unfern Augen auf der Büne vollzieht, eine vollkommene sei und daß die Szenerie ebenso war wie die Handlung sei und mit dieser im Einklang stehe. Aber man halte sich in die zu- lässigen Grenzen und hüte sich vor jeder Uebcrtrcibung, welche die Sinne des Zuschauers ja so wie so von dem eigentlichen Stück abziehen muß. Tann ist schon so oft der Vorschlag gemacht worden, man möge alle Tekorationsstoffe auf der Bühne mit einem Stoff im- prägniren, wodurch sie unverbrennlich gemacht werden. Vorziig- (ich eignen sich dazu Wasserglas, Alaun und Bittersalz. Aus- fürlich haben wir schon in einem kurzen Artikel,„Flammenschuz- mittel" überschrieben, in Nro. �9 Seite 360 d. Bl. vom vorigen Jare, die schüzende Kraft des Wasserglases und des wolfraiü- sauren Natron beschriebe». Es wundert uns nur, daß inan, nachdem diese Mittel schon häufig verwant wurden, um Holz- iverk auf Bodenräumen von Privatwohnungen gegen das Ver- brennen zu schüzen, sie noch nicht zum Jmprägniren der Teater- dekorationcn, wie aller sich auf und in unmittelbarem Bereich der Büne befindlichen Requisiten verwant hat. Wasserglas, das sich auch als Bindemittel der Farben venvcnden läßt, könte bei allen Malereien benüzt werden, ebenso könte man die in Leinwand ausgefürten Dekorationen, wie das gesamte Holzwerk damit tränken. Die Gegenstände würden dann, selbst wenn sie in unmittelbare Nähe eines intensiven Feuers kämen, uur ver- kolen und nie das gefärliche Element weiter verbreiten. Verschie- dene Proben, die man damit angestellt, haben dies bestätigt. Dieselbe Prozedur könte auch den leichten Garderoben, nament- lich der Damen vom„Corps de Ballet" nichts schaden, da die- ser Zunder sich mit Leichtigkeit an einer Lampe entzündet und die Flamme im ersten Schrecken anderen Gegenständen und Per- soneu mitgeteilt wird. Die Herren Teaterdirektoren sollen sich nun, wie man sagt, gegen die Anwendung dieses Mittels gesträubt haben, wenigstens ist sie bei den lezten großen Teaterbränden, wie auch iu Wien schmerzlich vermißt worden. Vielleicht fürchten die Herren, es möchten die Stoffe dadurch so erhärtet werden, daß der Falten- wurf nicht nach den Regeln der Kuust herzustellen ist. Aber die Polizei, die, wie namentlich aus Wien berichtet wurde, mit Ar- gusaugen darüber wacht, daß ja nicht ein Wort, ein Wiz oder wnst etwas auf der Bühne gesprochen wird, welches den Ohren der� allerhöchsten Herschafteu unangenehm klingt, hätte doch die ernsteste Pflicht, darüber zu wachen, daß nicht die Gesundheit und das Leben von taufenden auf's Spiel gesezt wird. Hier sollte sie eine durch das Gemeinwol gerechtfertigte Strenge un- nachsichtlich walten lassen und sie würde sich m diesem Falle auch den Dank des hartnäckigsten Oppositionsmannes verdienen. Aber nicht allein hier, auch betreffs der ganzen Anlage und der Ausfürung eines Teaterbaues sind die gewissenhaftesten Vor- schriften und die strengste Durchfürung derselben nötig. Einer der größten Architekten der Neuzeit, der erst vor einigen Jaren verstorbene Semper, sagte einst, das moderne Teater sei ein Guckkasten, aus dem man wie aus einem Trichter herauskomme, und hat wol damit trefflich die Kunst-Leistungen desselben wie auch gerade einen großen, sich bei ausbrechenden Unglücksfällen schwer rächenden Fehler, den der geringen Zal und drangvollen Enge der Ausgänge gekennzeichnet. Möglichst viele und be- queme Ausgänge— am besten aus jedem Rang direkt auf die Straße fürend— breite Treppen, große Vestibulcs sind wol die ersten Forderungen, die gestellt werden müssen, um ein möglichst schnelles und gefarloses Verlassen eines Teaters zu ermöglichen. Dringendst notwendig ist dann noch, daß sämtliche nach den Gängen fürende Türen sich nach außen öffnen, damit es nicht vorkommen kann, daß sich, wie im wiener Ringteater, die den Ausgang suchende und dorthin drängende Menge vor der zugedrückten Türe staute und die vordersten infolge des Drucks, der in Todesangst schwebende» hinteren Massen die Tür nicht öffnen konten. Die für Notfälle angelegten separaten Ausgänge müssen durch weit sichtbare Ueberschriften mit den auch im Dunkeln leuchtenden Farben versehen sein. Auch die Wände der Korri- dore und Treppenhäuser könte man am besten init dieser im Finstern eine Mondhelle ausstralenden Farbe überziehen. Ueberall im ganzen Hintergebäude sollte außerdem eine genügende Zal Oellampen, wärend der Vorstellung brennend, angebracht sein, damit, wenn bei einem Unglücksfall ei» kopfloses Individuum, wie in Wien, den Gashahn schließt, das im Teater befindliche Publi- kum nicht noch der Gefar und deni Graus der Finsternis über- antwortet wird. Empfehlenswert ist jedenfalls, diese Oellampen in Laternen aufzuhängen, welche die nötige atmosphärische Luft durch Kanäle von außen erhalten, ivodurch verhindert wird, daß der schnell überhandnehmende Rauch sie nicht auslöscht. Die Treppe», sowie die Ausgänge überhaupt sollten ganz aus Stein und so massiv hergestellt werden, daß sie der übermäßig großen Last, welcher sie bei einer plözlich hereinbrechenden Katastrophe ausgesezt sind, genügend Widerstand leiste». Holz sollte überhaupt möglichst wenig zum Teaterbau verwant werden; das jezt mehr und mehr zum Häuserbau in Ver- Wendung kommende Eisen würde viel besser seine Schuldigkeit tun. Das Bekleben der Plafonds und der Wände mit Leinwand oder Papier sollte verboten werden und ivomöglich auch der Lack- anstrich auf dem Holzwcrk unterbleiben. Wo lezterer dennoch angewant wird, müßte eine genügende Fläche in unmittelbarer Nähe der beleuchtenden Flammen durch einen Blechüberzug vor dem Entzünden geschüzt werden. Im übrigen hat die Farben- chemie solche Fortschritte gemacht, daß ein vollständiger, feuersichrer Ersaz für die Oel- und Lackfarben vorhanden ist. Dann wären die Räumlichkeiten, welche zur Aufbewarung der leichtvcrbrenn- lichen Materialien dienen, durch scuerfeste eiserne Türen zu ver- schließen und durch so starke massive Wände zu isoliren, daß bei einer etwaigen Entzündung ihres Inhalts das Feuer auf diesen Raum beschränkt bliebe. Namentlich sollte aber der Bünenraum so angelegt werden, daß derselbe bei Ausbruch eines Brandes vollständig abgeschlossen werden kann. So machte der berühmte wiener Architekt Hasen- auer in einem kürzlich abgegebenen Gutachten den Vorschlag, den Bünenraum nach den hintern drei Seiten gänzlich durch starke massive Mauern zu umgeben, deren notwendige als Ei» gänge K. dienende Oeffnungen mit eisernen Türen verschließbar sind. Die Vorderseite der Büne, das Proszenium, hingegen wäre mit einem eisernen Vorhang abzusperren, so daß die Büne ähn- lich wie ein Kalkofcn ausbrennen könne, one daß die übrige» Teaterräumlichkeiten dadurch in Gefar käme». Zur Sicherheit für das Bünenpersonal empfiehlt der genannte die für sich massiv ausgefürte Büne gleichfalls mit ringsum laufenden, massiven Gängen z» versehen; außerdem noch in die festen Mauern der Büne feuerfest verschließbare Oeffnungen anzubringen, durch welche die Feuermehr die das Feuer dämpfenden Wassermasscn dirigire» könne. Von eisernen Vorhängen hat man bis jezt, da wo sie über- l Haupt zur Verwendung kamen, die Dratkourtine angebracht. Ma»> hat nun behauptet, diese sei nicht hinreichend, da sie gleichfalls: die Gase wie den erstickenden Rauch durchlasse. Prof. Dr.: Meidinger bestreitet dies nun in einem, den Schlizvorrichtungcn m Teatern gewidmeten Vortrage.(Bad. Gewerbeztg. Nro. b) 1881).-trat lasse sich so dicht weben, daß keine sichtbaren Zwi schenräume vorhanden sind iind selbst bei geringerer Dichtigkeit gestattet er nur einen sehr schwachen Durchgang von Luft»"* Ranch, Mag dem sein ivie ihm wolle, jedenfalls wird unsere iL. 241 Technik auch einen Vorhang aus starkem Eisenblech oder einen sich rollenden Vorhang ans Stalplatten konstruiren können, der durch eine mechanische Vorrichtung sich leicht dirigiren lösch Jedenfalls muß dann dieser Vorhang außer bei den Proben und der Vor- stellung stets geschlossen sein, damit nicht wiederum der Fall ein- trete wie in Wien, wo er stets oben blieb und dann so einrostete, daß er in dem Augenblick, als er seinen Schuz spenden sollte, den Dienst versagte. Daß ein Teater niit der nötigen die Räum- lichkeiten genau kennenden Feuerwehr versehen, wie im Besiz der Löschapparate sein muß, halten wir für selbstverständlich. Da wo die städtische Wasserleitung nicht das feuchte Element bis in die höchsten Räume mit ausreichender Kraft treibt, müssen große Re- servoire angelegt werden, die stets, entweder durch die im Teater etwa verwante Maschinenkraft oder durch Menschenhand mit Wasser gespeist werden und dauernd angefüllt sein müssen. Vorrichtungen, welche die Löschmannschaften in den Stand sezen, die brennende Büne von allen Seiten unter Wasser zn sezen, gehören gleich- falls zu den Notwendigkeiten. Man hat da, wo genügend Wasser vorhanden, auf dem oberen Teil der Büne, am besten über dem Schnürboden, Röhren angebracht, die, sein durchlöchert und durch einen Druck am Hahn, den ganzen bedrohten Raum mit einem Sprühregen überschwcnnnen. Die Gasleitung ist in den neueren Teatern wol überall für Büne nnd Zuschauerraum getrennt, so daß bei Gefar das Gas der Büne abgestellt werden kann, ivürend der Zuschauerraum beleuchtet bleibt. Wie dringend eine solche Einrichtung am Plaze ist, beweist wiederum der Ringteaterbrand, bei welchem die plözlich eintre- tende Dunkelheit die große Verwirrung und das schreckliche Ende von Hunderten mit verschuldet hat. Hier war nun dieselbe Tei- lung der Beleuchtung vorhanden und nur die ärgste Kopflosigkeit verlöschte auch die Flammen im Zuschauerraum. Um sicher zu sein, daß alle Vorsichtsmaßregeln im entschei- denden Momente ausgenüzt werden, müßten zu dem Sichcrheits- dienst in den Teatern die zuverlässigsten, gewissenhaftesten und mit den Einrichtungen in Teatern vertrautesten Männer gewält werden, die stets eine Stunde vor und nach der Borstellung voll- Mig am Plaze zn sein hätten und über die ein Beamter, der den Dienst gleichzeitig mitanzutretcn hat, die Kontrole fürt. Die zum -t.eaterdienst verwanten Mamischaften müssen vom Borgesezten dis zum untersten für jeden Schaden verantwortliche Angestellte Win und entsprechend ihrer wichtigen Stellung besoldet werden, damit sie ihre freie Zeit nicht zu anderer Tätigkeit zu ver- wenden brauchen. Die Hauptverantwortlichkeit trüge natürlich der den Dienst kontrollirende und anordnende Bcainte. Keiner von den Mamischaften dürfte Wärend der Dienstzeit seinen Posten ?mch nur ans eine Sekunde verlassen. Freilich wären die Strafen für die Unterlassung der polizeilichen Anordnungen wich hier wie sonst nicht allein imstande, für das Pslichtgc- zu garantiren, wenn nicht dieses selbst gewillt und nicht in jeder einzelnen der am Teater beschäftigten Personen das Bewußtsein der ernsten und schönen Aufgabe, der das Institut vient, wachgerufen würde. Der Direktor wie der Kulissenschieber, der darstellende Klinstler wie der Statist, der überwachende Poli- jeibeamle wie der Lampenanzünder und Fcnerwehrmann müssen Ich) vollständig bewußt sein, daß das Institut, in dessen Dienst >e stehen, den edelsten und schönsten Leistungen des menschlichen Geistes in den Herzen des Volkes Eingang zu schaffen hat. Jemand, der Raine ist mir entfallen, es tut auch nichts zur �ache, hat nun eine antomatisck>e Einrichtung empfohlen, welche alle die Vorsichtsmaßregeln auf der Büne selbsttätig in Gang Iw. Mau solle nämlich oben über dem Bünenraum überall 'Wrizontale Fäden ziehen, die an den Seiten herunterhangend mt Gewichten beschwert sind. Bricht ein Feuer auf der Büne vs, so salwn die Gewichte, da die Flamme die Fäden sofort r.. rennt, herunter und auf Knöpfe, die mit einer elektrischen �Uung in Verbindung stehen. Der elektrische Apparat wird durch mese Berührung in Tätigkeit gcsezt, dieser öffnet an de» Wasser- Reservoirs die Hähne, und das Wasser strömt durch die oben be- Ichriebenen Röhren au die Büne. In derselben Weise wird die °eii eisernen Vorhang niederlassende Vorrichtung in Bewegung und dieser läßt sich herab. Ist keine eiserne Kurtine vor- )"den, so empfiehlt der Betreffende über dem gewönlichen Teater- Vorhang eine eiserne Röhre anzubringen, die mit Wasser gespeist ""d kleinen Löchern versehen, denselben so durchnäßt, daß an ein Abrennen vorläufig nicht zu denken ist. Dieser Vorschlag ist nssaHs der Diskussion wert.. Prof. Dr. Meidinger weist außerdem in seinem bereits gc- nanten Vortrage darauf hin, daß im wiener Ringteater weniger die durch das voreilige Gasausdrehen erzeugte Finsternis, son- der» vornemlich der Mangel an Ventilation schuld an dem kolos- salen Verlust von Menschenleben gewesen sei. Der auf der Büne riesig angehäufte entzündete Brennstoff habe einen surchtbaren Qualm erzeugt,. der keinen Abzug fand und binnen weniger als einer Minute nicht nur den oberen Raum des ganzen Teaters erfüllte, sondern auch sämtliche offen brennenden Flammen hätte auslöschen müssen. Daß selbst mehrere Teaterdiener, welche die Billete abgenommen, mit umgekommen sind, liefert den besten Beweis dafür, denn diese hätten doch die Räumlichkeiten so genau gekaut, daß sie auch im Dunkeln ihre Rettung hätten bewerkstelligen können. Man hat nun zwar von dem verivirrten Benehmen des Teaterpersonals so viel gehört, daß die Verunglückung einzelner Glieder desselben nicht als Beweis für die obige Behauptung gelten kann, aber die übereinstinimendeli Angaben, daß bevor der Dachstul nicht durchgebrannt, fast alle Pechsackeln im Innern des Teaters, und zwar selbst in den Gängen verlöschten, spricht nur zu deutlich für de» gänzlichen Mangel an Ventilation. Dr. Meidinger will daher im Dach über dem Bünenraum Abzugsöff- nnngen angebracht wissen, deren Größe in Einklang mit den Oeffiiungen zn bringen ist, welche unten dem Tealer frische Luft zufüren, nnd nimt an, daß bei Teatern mittlerer Größe die ver- schiedeuen Oeffiiungen im Dach ilisgesamt 30— 40 Quadratmeter betragen müssen. Diese Luken sind mit Eisenblechtafeln vermit- telst einer von einem Gelvicht beschwerten Schnnr zn schließen, welche leztere durch den Brand erreicht, das Gewicht fallen läßt, worauf der Verschluß herunterfällt und die Oeffnung frei wird. Andererseits köniien auch durch, einen Mechanismus sämtliche Ventilationslöcher auf einmal geöffnet werden. Dieser Vorschlag ist ebenso einfach wie empfehlenswert und dürfte sich sehr gut vereinigen lassen mit dem hasenaner'scheu Borschlag, zu dem wir blos noch hinzufügen, daß die Jsolirung des Bünenraums da- durch am wirksamsten werden kann, daß die denselben abschließen- den Mauern mehrere Meter über das Teaterdach emporragen, ivas bei den meisten neuen Teater auch der Fall ist. Daß ein Teater gänzlich frei stehen muß, halten wir für selbstver- ständlich. Das Hauptübel unseres modernen Teaterivesens und damit der Grund zn den hänfigen Unglücksfällen liegt aber gerade in der Profitsucht. Das wiener Ringteater hat dies auf das ekla- tanteste gezeigt. Verschievene Unternehmer waren in diesem so prächtig ansgefürten und eingerichteten Tempel Thaiiens schon Bankerott geworden, man mußte also die geschäftlichen Kniffe, alle Ersparnisse auch ani nnrechlen Ort anwenden, um zu reussiren. Das Teater wird aber, wenn solche Maximen plazgreifen, aus einem Tempel der Kunst zu einem Hause des Geldverdienens prostituirt. Der die riesig hohe Pacht zalende Direktor muß dann alle jene Spektakelstücke auffüren, die ihm das Haus wo möglich überfüllen, damit er seine Rechnung findet und schließlich zum Millionär wird.„Billig und schlecht" ist deshalb die Devise für die Leute, die meist auf der Büne prunken, an deren Tätig- keit aber die Sicherheit und das Leben des teaterbcsuchenden. Publikums hängt. Dagegen ist„teuer nnd schlecht" die Losung für die künstlerischen Leistungen selbst, und das Resultat für die- jenigen Direktoren, die nicht Millionär werden, sondern„Pech" j haben, eine Katastrophe wie in Wien oder doch zum mindesten ' ein widerlicher„Teaterskandal"(wie in Leipzig). Leztere Stadt ist das bezeichnendste Muster für linser heutiges Teater. Jaraus, jarein schimpft mail über die habsüchtigen Teater- direktoren und doch lenen die biedern Stadtvätcr jeden Antrag des Rats, der kommunale Verwaltung dieses Instituts fordert, ab, weil die leztere Einrichtnng der Gemeinde nicht so viel ein- bringt, wie die Pacht. Man steigert also den Pachtzins auf das Höchste und läßt den Pächter dann ruhig geivähren, wenn er seine Geschäftskunststücke macht, um Auslagen und Profit ans dem Teater herauszuschlagen. Die Unterlassungssünden„hinter den Kulissen," die aus diesem System hervorgehen, sieht man aber erst, wenn auf dem Altare der Prvfitivnt die üblichen Menschenopfer dargebracht sind. Dann rürt man die Bettel- trommel und brüstet sich mit den tausenden, die die„woltätige Stadt" gespendet. Hätte man die„milden Gäben" zum Nnzen der dramatischen Kunst vorher gespendet, so würden nicht nur gräßliche Unglncksfälle verhütet werden, sondern es hätte auch wäre Kunst von der Büne der versainmelten Gemeinde zn Herzen prechen können. �... c. Wie die Museen meist längst schon Genieineigentum sind, 242 so müssen auch die Teater der Gesellschaft, des Staates Eigen- tum werden. Die Kunst, hervorgezaubert durch den Genius der Menschheit, soll in unfern Teatern kein Mittel der niedersten Spekulation mehr sein. Sie soll vielmehr Geist und Gemüt derer, die des Tags über in schwerer Arbeit tätig sind, beleben und befruchten, sie laben und stärken zu neuem Tun. Aber gerade im Interesse jener Bevölkerungsschichten, welche nach des Tages Last und Mühen hie und da sich im Teater Erholung suchen und aus Mangel an schnödem Mammon den höchsten und den lezten unter diesem System lebensgefärlichen Rang besuchen muffen, verlangen wir die Beseitigung dieses Systems des Leichtsinns und der Frivolität. Hinweg mit der drohenden Todesgefahr aus dem Reich der reinen, hehren Muse. Raum für den Flügelschlag der Kunst, jener Kunst, die uns von den Genien des Sophokles und des Shakespeare, Moliäres und Lessings, Goethes und Schillers nahegeführt ivorden ist. Die Wanduhr. Eine wiener Weihnachtsgeschichte von K. von Baden. Behaglich in seinem Lehnst»! lag Dr. Vollbach, eine Pfeife schmauchend, aus der er so kräftige Dampswolken entsante, daß die ganze Stube in Rauch gehüllt erschien. Alles war still, nur die schwarzwälder Uhr an der Wand tickte hin und her und der Doktor träumte, wie man offnen Auges gar manchmal zu träumen pflegt. Es war ihm als ob ihm die Uhr mit ihrem Tick-tack zu- flüsterte:„Heut ist Weihnachten, heut ist das lezte Weihnachtsfcst, das wir beide allein feiern. Morgen nimst du dir ein junges, schmuckes Frauchen, dann wird es lustig hergehen, dann werde ich mich nicht mehr den ganzen Tag allein zu unterhalten brauchen, während du bei deinen Kranken bist. Da steht schon der neue Flügel, mit dem will ich um die Wette Musik machen und dazu singt dein Frauchen. Das soll e.ine Freude werden!" Ter junge Arzt hörte willig dem Geplauder der Uhr zu; manchmal seufzte er, dann aber erhellten sich seine schönen, männ- lichen Züge wieder und es glänzte aus ihnen wie lauter Freude und Sonnenschein. Plözlich schwieg die alte Uhr und ließ durch eine kleine Thür einen Kukuk heraus, der sechsmal hellrufend dem Doktor zuwinkte. Dieser sprang mit einem Ruf des Er- staunens auf. Da trat schon die alte Wirtschafterin hüstelnd ein: „Herr Doktor, es ist Zeit; der Friedrich ist vorgefaren." Und seine Hand ergreifend fuhr sie fort:„es ist heut der lezte Tag, Herr Vollbach, Sie sind mir stets ein guter Herr gewesen und ich habe immer meine Pflicht getan und morgen, da hat's ein End', da ist die alte Hanne überflüssig." „Nicht doch, Hanne, lassen Sie das Weinen; von morgen ab haben Sie auch noch für mein junges Weib zu sorgen!" Schluchzend reichte die Alte ihrem Herrn den Pelz.„Und in einer Stunde kommen Sie mir nach, Hanne, dann verleben wir unfern lezten Junggesellen-Weihnachten bei meiner lieben Braut! Nicht war?" One eine Antwort abzuwarten eilte er die breite marmorne Treppe hinab und wollte eben die Hanstüre schließen, als ein kleines, dürftig gekleidetes Mädchen sich schüchtern ihm näherte. „Wohnt hier Dr. Vollbach?" frug sie zögernd. „Gewiß mein Kind, was willst du von ihm?" „Ach, mein Bruder ist so krank, so sehr krank!" schluchzte das Mädchen. „Und da soll ich zu ihm und ihn gesund machen? Ich selbst bin Dr. Vollbach; komm, ich will deinem Bruder helfen. Wo wohnst du denn?" Das Kind»ante eine entfernte in der Vorstadt liegende Straße. Ter Doktor strich verlegen seinen stattlichen Schnurrbart, — mit der Weihnachtsfreude war es nun vorläufig nichts. Doch sein Beruf und seine Pflichterfüllung waren ihm heilig und so hob er one Zaudern das schüchtern widerstrebende Mädchen sanft in den Wagen. Das arme Kind drückte sich in eine Ecke und weinte still vor sich hin one die tröstenden Worte ihres Begleiters zu beachten. Und als er frug, wer ihre Eltern wären, da rangen sich krampf- hafte Ächmerzcnstöne aus der jungen Brust. Draußen prangten die Läden in reichem Weihnachtsschmucke und ergossen ein Lichtmeer auf die Straßen; hastig eilten die Leute yin und her mit Packeten beladen, um ihre Lieben zu beschenken und zu erfreuen, und da drinnen im Wagen saß das blasse. zitternde Mädchen und weinte bitterlich! Jezt eilte der Wagen an einem großen Plaze vorbei, auf dem verkohlte Balken und schwarze Trümmerhaufen eine Brand- stätte kenzeichneten. Das Kind sah einen Augenblick mit den verweinten Augen durch die Fenster und für entsezt zusanimen, um dann noch leidenschaftlicher seinem Schmerze Ausdruck zn verleihen. Dr. Vollbach hing mit seinen. Blicke an der zarten, schönen Gestalt. War es Trauer um den kranken Bruder und Furcht, daß er sterben werde, die so heiße Tränen hervorpreßten? Mit- leidig strich er die schönen blonden Haare des Mädchens.„Heute ist ja Weihnachten, liebes Kiud, da freut sich Alles und da sollst du auch nicht so traurig sein. Vertraue mir, ich werde deinem lieben Bruder helfen. So, nun beruhige dich, sieh da draußen die vielen Lichter; gelt, nun hörst auf zu weinen?" Allmälich versiegten die Tränen, stumm und in sich gekehrt saß die Kleine, nur zuweilen noch krampfhaft aufschluchzend. Endlich hielt der Wagen. Das Mädchen eilte mit fieber- hafter Ungeduld voraus, um den Weg zu zeigen, der über einen schmalen Hof fürte. Dann tapte sie lauilos eine dunkle, steile Treppe hinauf, immer höher und höher, bis sie vor einer Türe i halt machte, aus deren Rizen Lichtschimmer hervordrangen. Einen . Augenblick lauschte sie— alles still, nur ihr schneller Atem war ver- nehmbar. Vorsichtig öffnete sie die leicht angelehnte Tür. Der matte Schein einer Lampe ließ eine dürftig, aber sauber einge- richtete Stube erkennen. Von unten drang der Jubel fröhlicher 5linder herauf und bildete einen traurigen Kontrast mit dem wehen Stöhnen des kranken Knaben, der fieberglühend dort in seinem kleinen Belte lag. „Muß er sterben?" flüsterte das Mädchen angsterfüllt. Der Arzt überzeugte sich nach kurzer Prüfung, daß das Kind von einem schweren Necvenfieber heimgesucht war. Das Mädchen war mit gespanter Aufmerksamkeit der Unter- suchung gefolgt und als der Arzt jezt besorgt den Kopf schüttelte jammerte es:„Gelt, Walter stirbt?" Dr. Vollbach ergriff ihre kleine zarte Hand.„Mein gute? Kind, ich hoffe, daß er leben bleibt. Und nun sage mir, wo sind deine Eltern?" Das Mädchen sah ihn starr an, als habe sie die Frage nicht verstanden. Dann schrie sie mit einem Tone voll des furchtbarsten Schmerzes:„Verbrant!" Der starke Mann fuhr zurück, es schnitt ihm dieser Ton durch Leib und Sele. „Verbrant? Armes bedauernswertes Kind, im Ringteater verbrant? O Gott, nun verstehe ich!" Wie eine Zentnerlast legte es sich plözlich auf seine Brust, sein Atem stockte und ein ner- vöses Zittern befiel ihn. Das Mädchen hatte ihm ihre Hand entzogen und bedeckte ihr Antliz. Plözlich fuhr sie auf, umklammerte den Arzt, als ob sie ihn nicht wieder loslassen wollte und sagte innig schluchzend: „Nicht war? Walter wird nicht sterben— Walter ist so gut!" Der starke Mann hielt mit Mühe die Tränen zurück, die sich ihm in die Augen drängten.„Vertraue mir, mein Lieb, und . hoffe du auch, daß er dir erhalten bleibt! Und nun sage mir, i wer hat denn in den lezten vierzehn Tagen für euch gesorgt?" I»Ich, Herr Doktor, ich habe mich der armen Würmer ange- nommen," sagte plözlich im Hintergrunde eine Stimme, die einer soeben eingetretenen wohlbeleibten Dame angehörte.„Die Eltern sind im Ringteater umgekommen und da war es doch meine Pflicht, die armen Dinger nicht unversorgt zu lassen. Das war ein schweres Stück Arbeit. Tag und Stacht weinen Sie und der Bube hat so lange lamentirt, bis er krank geworden ist. „Recht, liebe Frau..." „Frau Schmidt ist mein Name." „Recht, Frau Schmidt; Sie haben eine schwere Pflicht über- nommen. Der Knabe muß sehr gute und sorgsame Verpflegung I haben— können Sie ihm die gewären?" „Je nun. ich habe meine Wirtschaft und so viel ich da los- kommen kann—" „Das genügt nicht. Der Kranke muß stets einen Wärter um sich haben. Seine Verpflegung ist theuer, können Sie die- selbe bestreiten?" „Ich bin keine reiche Frau, Herr Doktor, und bevor das Vor- mundschaftsgericht-" „Gut, Frau Schmidt. Wir dürfen keine Zeit mit Reden der- lieren. Der Kranke muß fort von hier, er muß ins Hospital!" Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als das kleine Mädchen mit einem Aufschrei sich auf das Bett ihres Bruders warf uud denselben mit beiden Händen umklammerte. „Nein, nicht fort von mir, er soll bei mir bleiben!" rief sie entsezt,„ich will ihn ja auch Pflegen, will den ganzen Tag bei ihm sizen.—" „Marie," lispelte Plözlich der Kranke mit matter Stimnie „Marie, wir gehen beide zu den Eltern— wir gehen zu Vater und Mutter— der Vater will den Christbaum anzünden— Marie— Marie— weshalb komst du nicht?" „So geht es schon seit gestern," sagte die dicke Dame„der Bube Phantasirt immer von Vater und Mutter— das ist ein Elend!" Dr. Vollbach stand mit abgewantcm Gesicht, auf deni eine helle Röte seine Erregung verriet. Dann traf er schnell seine Anordnungen; er schrieb ein Rezept, gab Geld, um dasselbe an- fertigen zu lassen und stellte dem Boten seinen Wagen zur Ver- fügung. Frau Schmidt versprach alles aufs schnellste besorgen zu lassen und ließ den Arzt mit den beiden Kindern allein. Eine Flut von Gedanken drängte auf diesen ein— da saß er am heiligen Weihnachtsfeste bei namenlos Unglücklichen, wärend seine Lieben sich jezt freudig um den stralenden Baum schaarten — da lag der kranke Knabe mit dem lieblichen Kindergesicht und hielt seine zitternde Schwester fest umschlungen. Die kleine Lampe braute trübe und flackerte nur zuweilen auf und dort— bort an der Wand hing eine alte Uhr, die traurig hin- und hcrtackte. Dr. Vollbach saß, den schweren Kopf aus die Hand gestüzt. Tick-tack, tick-tack, tick-tack. Die Uhr hatte ganz denselben Schlag luie die Schwarzwälder, nur viel trauriger klang ihre Mnsik. '.Da sind zwei arme Kinver," sagte sie,„elend und von aller Welt verlassen. O wärest du früher hier gewesen und hättest das Glück gesehen, das in diesen Räumen wohnte. Der Vater war so fleißig und die Mutter so lieb und treu— und ich war chr ganz besonderer Liebling— ja das kann ich behaupten!" Träumerisch wie in der Erinnerung verloren tickte die Uhr. Dann Ihr sie fort:„Neulich Abends gingen sie beide ans, nachdem ste ihre Kinder geküßt hatten. Sie blieben sehr lange fort. Schließ- Frucht und Sunt. Für die Philister. Der Klang, der durch die Lüfte bebt, Kommt von dem Jammervoll, geweiht dem Spotte, Das ohne Schimpf und ohne Lob gelebt. Sie sind gemischt mit jener schlechten Rotte Von Engeln, die für sich nur blieb im Strauß, Nicht Meuterer, und treu nicht ihrem Gotte. Die Himmel trieben sie als Mißzier aus,_ Und da durch sie der Sünder Stolz entstünde, Nimmt sie nicht ein der tiefen Hölle Graus. Dante, Göttliche Komödie. Könnt Ihr doch leichter wol der See verbieten Dem Monde zu gehorchen, als durch Schwur Ihr wegschiebt oder durch Vernunft erschüttert Das Bauwerk ihrer Torheit, dessen Grund Auf ihrem Glauben ruht und dauern wird So lang ihr Leib besteht. Shakespeare. „ Flissakcu Leben.(Jllustr. S. 232.) Dag materieller Reichtum mir!."'cht immer glücklich macht, das zeigt uns recht deutlich die Fa- -nszene aus unserem Bilde. Diese armselige Hütte, der pr.n.tl.ve »euerherd— in dem darüber brodelnden Kessel jedenfalls auch nur o.,''hr wenig leckerhastes Mal— dabei das Muttcrglück, welches da " feurige» Augen hervorstralt über den kleinen Buben, den die, lau"'"ach den für uns krächzende» Tönen der Geige emporhup, en ei,,„ ist dies Bild nicht schön? Ist es nicht schöner als die Siesta "l'ne nnd mürrische Gesichter aber nichts weniger andeuten als leneu lich war ich nur noch allein auf, Wärend die Kinder schon schliefen. Es wurde später und immer später, die Sonne ging auf— und da— da brachte nian verkolte Massen herein— und das war der Vater und die Mutter! Die armen Kinder! Sie riefen und schrieen zu Gott und waren so unglücklich, o so furchtbar un- glücklich. Ich kann dirs nicht beschreiben. Dort liegen sie nun — allein, verlassen. Wenn du ihnen nicht hilfst, wenn du den Kranken nicht rettest und dem Mariechen den Bruder nicht wieder gibst— dann ist ihr Lebensglück dahin, dahin für immer. Hörst du, wie der Kranke nach seinen Eltern ruft— und du kanst sie ihm doch nicht wiedergeben— und wenn nun auch noch der Bruder stirbt— nein, er soll nicht sterben, rette ihn, rette die beiden Kinder... und werde ihr Vater!" So sprach die Uhr und der Arzt verstand, was sie sagte. Er trat zum Bette und zog die Kleine zu sich heran.„Mariechen," sagte er.„bist du ein braves Kind? Du hast so schöne blaue Augen und solch Engelsgesicht, nicht war, Marie, du hast auch etil braves Herz? Und dein Bruder ist auch gut und lieb? Schau, deine Eltern sind jezt bei dem Christkind und sehen auf uus herab! Und das Christkind hat mir gesagt, daß ich von nun an dein Vater und Walters Vater sein soll. Mariechen, willst du nur eine gute Tochter sein?" Das Mädchen blickte ihn ungläubig an niit den Tränengc- röteten Augen.„Gelt, der Walter komt nicht ins Hospital und bleibt bei mir und ich bleib bei dir und der Walter wird ge- sund?" Der Arzt nickte und zog das heiße Haupt des Mädchens an seine Brust. Und wieder saß er in seinem Lehnstule und blies gewaltige Wolken aus seiner Pfeife. An der Wand hing eine alte Uhr, sie sah so blank und gepuzt aus und schaute so ftölich drei», als ob sie sagen wollte, heute ist Feiertag. Sie schlug so kräftig nnd lustig tick-tack, als ob sie heut ganz besondere Gedanken habe. „Da sizt er nun," sagte sie,„und neben ihn, sein hübsches Frauchen, und beide sind so glücklich!" „Die Uhr hat einen so sonderbaren Schlag," meinte die junge Frau. Ihr Mann lächelte:„Die Uhr ist klug: sie hat mir meine besten Gedanken eingegeben!" „Vater!" rief es plözlich und an der Hand der alten Wirt- schafterin eilte ein kleines Mädchen herein,„lieber, guter Vater, Walter hat kein Fieber mehr! O wie froh bin ich!" Die Uhr sagte zu allem nur„tick-tack"— aber im Stillen dachte sie: wenn ich nicht wäre, dann hätte es mit eurem Glucke gute Wege. Für Manchen der modernen Schriftsteller. Er schmierte, wie man Stieseln schmiert, vergebt mir diese Trope, Und war ein Held an Fruchtbarkeit, wie Calderon und Lope. In Versen schrieb er selten zwar, dies konnte wenig stören— Ihr seid ja Menschen, wollt ihr denn der Götter Sprache hören? Er sprach wie ihr; euch war das recht; er nahm, um euch zu schonen, Aus eurem eigenen Kreise sich die fadesten Personen. Plate», Verhängnißvolle Gabel. Natur und Kunst. Traurig hcrscht der Begriff, aus tausendfach wechselnden Forme» Bringt er dürstig und leer ewig nur einen hervor; Aber von Leben rauscht es und Lust, wo bildend die Schönheit Herschet; das ewige Eins wandelt hier tausendfach neu. Schiller. Hast du nicht gute Gesellschaft geseh'n? Es zeigt uns dein Büchlein Fast nur Gaukler und Volk, ja, was noch niedriger ist. Gute Gesellschaft Hab' ich gesehen: man nennt sie die gute, Wenn sie zum kleinsten Gedicht keine Gelegenheit gibt. Goethe. Zustand der Menschenseele, der das Fundament allen Glückes ist. Gc- wiß, one alle materielle Güter kein Menschenglück, aber mögen diese auch noch soviel dazu beitragen— one das Bewußtsein getreuer Pflicht- erfüllung und der inneren Zufriedenheit mit sich selbst, gibt es kein wirkliches Glück für uns Menschen. Und diese innere Harmonie spie- gelt sich so recht wieder in der einfachen, ja sogar einen äußerlich ärm- lichen Eindruck machenden Gruppe im Bordergrunde unserer Illustration. Die Szene wird dadurch zum Idyll, zum Gedicht, das in dem Herzen des Beschauers wiederklingt, und die Strohhülle steigt an Wert über manchem Palast, der im prunkenden Scheine des Goldes glänzt, hinter dessen kunstvollen Türen und seiner reichen Architektur aber das Grauen 244 wohnt, weil der reiche unglückliche Insasse nicht jenes Kleinod im Herzen birgt, was ihm wie unseren einfachen Bewohnern der Weichselniederung in die Seele gepflanzt wurde, das aber sich nur die leztcren in ihrer Naivität, in ihrer kindlichen Einfachheit bewahrt habe».— Das unge� mein lebenswahre Bild verdankt sein Dasein— wie wir zur Genug- tuung der Anhänger der Franenemanzipation verraten wollen— einer Danzigerin: Ernestine Fricdrichsen, die am 2S. Juni 1824 in der alten Oftfeestadt geboren, ihre künstlerischen Studien in Düsseldorf bei Frau Marie Wiegmann, bei Jordan und Wilhelm Sohn genoß. Reisen machte sie in England, Belgien, Holland, Jlalien, Holstein, Bayern und Masuren. Mit Vorliebe führt sie in den Bildern Majoren, Polen und Juden vor. Hauptbeschäftigung der Flisseu oder Flissaken ist auf der Weichsel in Kähnen Getreide, Holz u. f. f. nach Tanzig zu bringen. Musikalisch sind sie fast wie die Zigeuner, wenigstens führen sie in ihrem Nomadenleben immer die Fidel mit, nach der sie ihre vergnüglichen Tänze ausführen. Mit Anbruch des Herbstes ziehen sie zurück nach der Heimat, um in ihren einfachen Hütten Winterquartier zu nehmen. Die Tracht der gebräunten, hageren Gestalten besteht ans einer weilen, unten mit Schnüren und Stricken zusammengebundenen Hose, einem weiten lang darüber herabfallenden hemdartigen Kleidungsstück, das mit einem Gürtel aus Bast um den Leib befestigt ist. Bei kühlerem Weiterziehen sie einen ähnlich geformten, grobwollcnen Ileberrock über. Sandalenartige, gleichfalls mit Schnüren u. dgl. befestigte Holzschnhe geben die Fußbekleidung und ein Strohhut oder die viereckige polnische Müze ihre Kopfbedeckung. Die Frauen tragen ebenfalls meist ein hemdartiges Leineiigewand, das gleichfalls über der Hüfte mit einem Gurt zusammengehalten wird. Meist gehen sie barfuß, tragen jedoch auch ähnliche Fußbekleidung wie die Männer, wie unser Bild zeigt. Eine Schnur von Glasperleu, oder von Rechenpfennigen behängt, fehlt als Halsschmuck nie. Als Kopftracht tragen sie weiße Tücher, die recht anmutig geschlungen werde», osl auch ein Käppchen. Doch werden ja auch Abweichungen vorkomiuen. Sorglos und vergnügt lebt dieses Völkchen jaraus, jarcin. Diesen Zug hat denn auch unsere Künstlerin in echt künstlerischer Weise zur Darstellung gebrach!. urt. Erste Künstlerleiden.(Abbildung S. 233.) Wärend die Menschen, welche übertrieben einseitige Elternliebe schon in früher Jugend für Genies hielt, meist mit ihren geistigen Fähigkeiten nicht das Niveau des Durchschnitts überragen, werden die weiblichen Genies nur zu oft in der Jugend verkant. Wenn sich die Wünsche der gewiß zärtlich be- sorgten Eltern unseres Goethe erfüllt Hütten, io wäre der Dichter von Hermann und Dorothea ei» knifstger und trockener Jurist geworden; Schiller, dessen Phantasie in kühnstem Fluge die Ideale der Menschheit erfaßt und in greifbarer Gestalt in seinen Meisterwerken niedergelegt, wäre, eingeschnürt in den militärischen Fesseln, zum Schade» der Menschen vertrocknet; Lessing, der kritische Geist, hätte als Geistlicher zeitlebens Psalmen gesungen, und so wäre wol schließlich jeder genial beanlagte Mensch alles geworden, nur das nicht, worin er mit Leichtigkeit Großes zu leisten vermochte. Irren wir nicht, so galt auch Raphael als Schüler für unfähig zur Malerei, Hans Makart, heute das größte Genie im Kolorit, wurde von der Akademie desselben Wien, wo man ihm 4869 auf Staatskosten ein prachtvolles Atelier einrichtete, als unfähig cnt- lasscn; und so ist auch das Genie unseres hervorragende» Malers Des- regger erst.entdeckt" worden, nachdem dieser bis zu seinem 22. Jare die Herde» seines VaterS gehütet und er sich selbst»ach dem Tode desselben als total unsähig zu der bäuerlichen Hantierung erwiesen, für die er doch seit langem bestimmt und möglichst präparirt worden war. Aus alledem geht hervor, daß die Jugeudbildncr nicht immer den Scharf- sinn besizen, den mau doch billig bei ihnen voraussezen kann und der auch mehr oder weniger notwendig ist für diejenigen, welche den jungen Menschen für den späteren Berns als Staatsbürger vorzubereiten und demselben die Richtung des späteren Lebensweges vorzuzeichnen haben. Aus unserem Bilde können wir nun einen Austritt beobachten, der uns einen solchen Widerspruch zwischen dem sich äußernden Genie eines noch jungen Menschenkindes und den pädagogischen Grundsäzen eines pedantischen Schulmeisters zeigt. Der hier vor Gericht stehende kleine„Verbrecher" Karl, der Sohn armer aber wegen ihres Fleißes und sonstiger Tugenden allgemein geachteter Eltern, gilt allgemein als ein„heller Kops" und deshalb soll er denn auch„etwas tüchtige»" werden, um mit seinen crkante» Talenten nicht der Misere anheimzufallen, von der seine Eltern wie die meisten Bewohner seines kleinen, laudstädtischen Heimatsortes Heiingesucht sind. Er soll daher fleißig rechnen, schreiben und auch so- gar in Privatstunden, die ihm das gestrenge Oberhaupt der Schule unentgeltlich erteilt, lateinische Sprachstudien treibe», französisch parlire» und dergleichen. Aber gerade an allrdeur ihm wvltätig Gespendeten empfindet er wenig Vergnügen. Er schneidet Figuren aus Papier, schnizt Frazen in die Schulbank und„malt" daheim mit einem aus seinem eigenen Kopfhaar selbstvcrfertigten Pinsel allerhand kurioses Zeug auf Papier und an den Wänden. Seine Eltern, die außer dem neuruppiner Bilderbogen höchstens einmal ein sogenantes Heiligenbild von sehr zweiselhastem Kunstwert zu Gesicht bekamen und bereu ganze Kentuis der Malerei damit ihr Ende erreicht hat, schütteln wol manch mal den Kops zu den primitiven Kunstübungen ihres Sprößlings, sind aber doch schon stolz auf den kleinen Maler. Dagegen ist sein Klassen- lehrer über diese„Dummheiten" immer baß ergrimt, wenn er den kleinen Schlingel darüber ertapt, wie er anstatt Bibelverse zu erlernen Eselsköpse aus den Buchraud zeichnet oder anstatt Recheuaufgaben zu lösen aus Brotkrumen Figuren modellirt, die eine frappante Aehn- lickkeit mit ihm selbst haben. Sieht er doch in diesem Tun seine Autorität gar arg verlezt. Heute hat der böse Karl nun gar wärend der Viertelstunde, wo der gestrenge Pädagog sein Frühstück in seiner Familienwonung eingenommen, eine Figur gezeichnet, deren ganze Er- scheiming eine lebende Karrikatur ist. Dafür soll nun am Schluß der Schulstunde der Herr Rektor dem schwer beleidigten Herrn Genugtuung verschaffe», und so ivird denn nun vor dem versammelten Schnlvölkchen Gericht gehalten. Die Anklage ist vom Kläger selbst einfach durch eine stumme Pantomime, die darin besteht, daß dieser den kleinen Sünder mit der einen Hand fest beim Kragen der Jacke saßt und mit der andern ans die erwänte.Kreidezeichnung" zeigt, erhoben worden. Seine Mitschüler stehen still zur Seite und blicken teils besorgt aus ihren bei ihnen allgemein beliebten Kameraden, teils lächeln sie schadensroh, daß au dem Schulpascha für die vielen pädagogischen Versuche, welche der- selbe vermittelst Haselstöcken auf ihren Rücken u. s. w. angestellt, eine kleine, nach ihrer Meinung wohlverdiente Rache geübt wurde.— Wie wird der Urteilsspruch lauten?— Ich glaube nicht besonders streng, denn die wolwollenden Mienen des Rektors belehren uns deutlich genug, daß er mit Macht das Lachen zurückhalten muß. Und wenn er nun noch das Gesicht und die Haltung seines pedantischen Kollegen betrachtet und dessen sprechende Uebereinstimmung mit dem Konterfei auf der schwarzen Tasel wargenommen haben wird, so endet nach diesem Ver- gleich wol sicher die ganze peinliche Situation mit einer ermahnenden Strafpredigt und mit einer Strafarbeit, welche der junge Künstler aber nachmittags— in der Privatstunde beim Rektor zu vollbringe» haben wird.—»rt. cKus allen GKiniuln der Leitlilcratur. Der vierte internationale Kongreß für Gesnndheitslehre soll vom 4. bis 9. September dieses JareS in Gens abgehalten werden. Präsident des genfer Organisationskomitees ist Dr. Lombard, Sekretär Dr. Demant. Der erste derartige Kongreß fand in Brüssel, der zweite iti Paris und der dritte in Turin statt. An dem dicsjärigeu wird eine demographische Sektion teilnehmen, und eine vom I. bis 30. September dauernde Ausstellung von auf Gesundheitslehre und Demographie be- züglichen Schriften, Werken, Plänen, Zeichnungen zc. aus allen Ländern wird sich ihm anschließen.___ Daß Krankheiten durch dir Milch hervorgerufen werden können, ist unser» Lesern bekant. Die meiste» werden aber doch wol überrascht sein, daß allein in England, dem Lande der umfassendsten Beobachtungen einschlägiger Art, nach Mitteilungen in der„Gesund- heil" schon 71 durch die Milch hervorgerusene ztrankheitsepidemieeu ivissenschastlich zuverlässig nachgewiesen worden sind. Unter diesen 71 Epidemiecn bcsanden sich 50 Typhu», 14 Scharlach- und 7 Diphiheritis- epidemiee». Das Typhusgist gelangt meist durch Sonderling aus Typhusexkrementen in Brunnenwasser, welches angeblich zur„Spülung" der Milchkannen, wahrscheinlich aber zur Verdünnung der Milch ver- wendet wurde. Das Scharlachgist wurde oft durch Persouen in die Milch gebracht, die gleichzeitig in der Milchwirtschast und bei der Pflege Scharlachkranker tätig waren. Der Weg, aus welchem das Diphtheritiskontagium in die Milch kam, konte jedoch nicht nachgewiesen werden, obgleich lein Zweisel bestehen blieb, daß die Milch in der Tat der Krankheitsverbreiler war. Außer diesen drei.Nrankheilen findeu sicherlich noch andere durch die Milch Verbreitung, so ist das z. B. bei der Maul- und Klauenseuche der Rinder, bei der so ungeheuer verbreiteten Perljucht, welche bei den Menschen in Tuberkulose über- gehl und andern mehr der Fall. Meistens erkrankten Individuen, welche viel und hauptsächlich eingekochte Milch zu sich genommen hatten, vor- züglich kleine Kinder, die sonst vom Typhus wenig zu fürchten haben? und Dienstboten. Die von den betreffenden Epidemieen heimgejuchlen Familien gehörten größtenteils den vermöglicheren Gesellschaftskreisen a», weil in diesen mehr Milch und diese öfter unvermischt konsumirt wird, als bei d m ärmere» Volke. Tie Krankheiten hielten genau den Weg, welche die gesundhcitsgesärliche vcruureiuigtc Milch durch die Straßen und Häuser gemacht hatte. Xz. Inhalt. Im Kamps wider alle. Roman von Ferd. Stiller.(Forts.)— Die Religion der Vergangenheit und der Zukunft. Vo» r.«. Israel.(Schluß.)— Neber den Einsluß geistiger Gerränke, desonders des Brantwlins aus den menschlichen Organismus. Nach JohnstoN »i Dr. My.— Das Reichsgesundheitsamt und die Wissenschast der Zukunft. Von Bruno Geiser.— Die Kataftrovbe im wiener Rinateatel Dr. von Di. My.— Das Reichsgesundheitsamt und"dfe Wissenschast der Zukunft. Bon Bruno Geiser.— Die Katastrophe im wiener Riiigteater und ihre Folge». Bon Friedrich Nauerr.— Die Wanduhr. Eine wiencr Weihnachtsgeschichte vo» K. von Baden.— Flissaken-Leben.(Mit Illustration.)— Erste Künstlerleide».(Mit Jllustralion.)— Aus allen Winkeln der Zeitliteratur: Ter vierte internationale Kongreß sür Ge sundheitslehre. Krankheiten, durch Milch hervorgerusen. Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart.(Neue Weiiistcigc 23.)— Ezpeoiliou: Druck und Verlag von I. H. W. Tietz in Stuttgart. Ludwigstraßc 2(3 in Stuttgart.