Erscheint wöchentlich.— Preis vicrtcljärlich 1 Mark 50 Pfennig.— In Heften ä 35 Pfennig. - Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Im Kamps wider alle. Roman von Kerdinand Stisser. (19. Fortsczmig.) Sie war durchaus nicht duinni, die Kainmerkaze der Königin Elfridc, und sie begnügte sich nicht damit, bei den deutungs- vollcn Worten des interessanten Gastes sich das ihrige zu denken, sondern sie mußte auch etwas sagen, was ihm ihr Verständnis- reiches Gemüt verriet. .»An ein par Funken wird die Welt nicht zugrunde gehen!" sagte sie und sprang geschwind von derVorsaltnr zu der, welche w das Bureau des Herrn Specht fürte. »Bitte, treten Sie nur näher!" „Trefflich bemerkt!" lachte nun Guido von Frank.„Jni Gegenteil sogar: Funken und Flammen sind das Lebenselcment, d>e Lebenserregungcn in der Welt— die einzigen, die es gibt." Dabei schritt er an ihr vorüber in das Bureau und streifte ße wieder— diesmal aber nicht ganz so leise als vorher. Sie war im Begriff, gleichfalls einzutreten und die Tür hinter nch zuzuziehen, da ertönte der Silberklang eines Glöckchens. Die jtiche stampfte mit den elegantbeschnhtcn Füßen zornig den Boden. Glocke rief sie zu ihrer Herrin— und sie mußte dem Rufe wlgen, wenn sie nicht riskiren wollte, daß sich Fräulein Elfriede ausmachte, sie zu suchen, und das wollte sie unbedingt vermeiden, — was brauchte die auch den reizenden jungen Herrn zu sehen, lagte sie sich. „O bitte verzeihen Sie— ich habe einen Augenblick zu tun nur einen Augenblick!" . Sie knixte zierlich und mit rafsinirter Koketterie, und warf chm dabei einen Blick zu, aus dem die Funken und Flammen, ?clche. wie Frank gesagt, das Lebcnselement der Welt sind, in chpig vollen Garben zu ihm hinüberflogen. �cr Student erwiderte den Blick fast nicht minder flammend. r. Tann, als die Tür sich hinter ihr geschlossen hatte, warf er wnicn Hut ungenirt auf einen kleinen Tisch, der neben der Tür "0 und nahm selbst auf einem Lehnsessel in der Nähe des °'ncn 8«,�� plaz. c«Meinetwegen darf dieser Specht ausbleiben, solange er will," �"'wte er vor sich hin.„Mit dem Pump hat es keine Eile. {ß"*. aber meine Forschungen über den Herrn Stein anlangt, � eyare ich von dem koketten Dinge, der Kainmerkaze, jedenfalls wJL al.ä von dem Alten. Hier allein zu sizcn, ist allerdings heilig und fruchtlos.". Gr schaute sich im Zimmer um. Es tvar mit plumper Ele- J~ wenn man so sagen darf— eingerichtet. Jedes der velstücke war sicherlich teuer— sehr teuer, aber sie erschienen wie auf cineui Duzend verschiedener Auktionen kunterbunt zu- sammengelesen. Der Schreibtisch z. B. war aus Ebenholz und geziert mit kostbaren Schnizereien im Reiiaissaiieegcschiiiack— der davorstehende mit rotem Plüschpolster versehene Schreibsesscl war dagegen ein aus dem edlen Holze des Nußbaums angefertigtes Muster allcrmodcrnster Geschinacklosigkeit. Spuren fleißigerArbeit waren nirgends zu entdecken; der Schreib- tisch sah aus, als wäre er noch nie benuzt worden, und ein par Glasschränke an der Wand, die so aussahen, als enthielten sie Bücher, waren fest verschlossen und verbargen hinter dunkelgrünen Vorhängen sorglich ihren Inhalt. „Wirklich langweiligste Geistesöde gähnt einem von allen Wänden her entgegen," sur Guido von Frank in seinem Selbst- gespräche fort. „Abscheuliche Schmarozcrpslanze— solch' ein Mensch— daß aus der Tochter eines solchen Kerls nichts Honnettes tvcrden kann, ist selbstverständlich. Wie soll ein Karakter da gedeihen, wo außer dem kategorischen Imperativ des Profitmachens auch nicht die leiseste Spur eines Grundsazes vorhanden ist!" Er kam nicht weiter in seinen Betrachtungen. Es ging eine Tür und er hörte leichten Schrittes jemanden über den Borsal huschen. Die Zofe der Königin Elfriede kehrte zurück. Diese hatte vorhin die Türglocke läuten hören und gemeint, es komme der, den sie heut infolge der Mitteilungen ihres Vaters zum zweiten- male in ihrer Wohnung zu sehen hoffte. Sie harrte auf Franz Stein mit ungestümer Leidenschaft— obgleich sie ihn nicht wieder gesehen, hatte sie doch täglich— fast stündlich an ihn gedacht und sich dabei immer mehr in eine wild- sinnliche Neigung für ihn hineinphantasirt. Heute sollte er komnien, und das Glück wollte, daß ihren Vater ganz unerwartet ein nicht aufzuschiebendes Geschäft ver- hinderte, ihn zuhause zu erwarten. Sie hatte also Aussicht, mit ihm allein zu sein und war entschlossen, diese Gelegenheit mit allen Kräften, die so überaus erfarenen und geübten Koketten zur Verfügung stehen, zu nüzen. „Wer ist soeben gekommen?" fragte sie das durch die silberne Tafelschelle herbeigerufene Kammermädchen. Dieses machte ein höchst verächtliches Gesicht, als es ant- wortete:. „Ach— weiter niemand. Ein Herr oder ein Mann, der so— so— na, wie soll ich mir sagen, so schäbig, so ignoble aussieht, als könte er beim Herrn nichts weiter wollen, als ihn anborgen." „Ach so— ein älterer Mann also--" „Und wie— alt und unappetitlich——" „Ist er wieder fort?" „Nein, er wollte durchaus warten— da Hab' ich ihn ins Bureau gelassen— so einer komt natürlich nicht in den Salon — und werd' ich mir im Bureau verschiedenes zu tun machen, um dem Menschen ans die Finger zu sehen. Besser ist besser!" Fräulein Elsriede war heut viel zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, um die Meldung ihrer mit der Warheit wie mit allem in der Welt verzweifelt leichtfertigen Dienerin und besonders die sonst garnicht in deren Wesen liegende Borsicht verdächtig zu finden. Sie warf sich wieder in die Chaiselongue zurück und sagte: „Es ist gut. Wenn Herr Stein komt— du kenst ihn wol noch von seinem ersten Besuche— so fürst du ihn sofort in den Salon und gibst mir Nachricht." „Tie hat» ängstlich um den Stein!" dachte sich die Zofe, als sie über den Vorsal nach dem Bureau zurückhüpfte.„Das sagt sie mir heut nun schon zum drilten oder vicrtenmale. Sie muß mit dem ganz bcstimt schon außer dem Hause zusammengetroffen sein— denn wenn er sich die ganze Zeil nicht um sie gekümmert hätte, dann hätte sie gewiß die Besuche von den alten intimen— na und wie intimen Bekanten angenommen, die sie in der lczten Woche besuchen wollten. Denn daß die sich mit dem waschlap- pigcn jinirps, dem Haßler, zufrieden gibt— das redet mir mein Lebtag keiner ein. Na— mir ist's egal— ich lache sie sogar aus, wenn mir's mit dem dadrin glückt— so'n Liebsten hat die doch noch nicht gehabt." Sie war vor der Tür des Bureaus stehen geblieben und zupfte sich geschwind ihre Frisur, die sehr viel Kunst und Sorg- salt verriet, znrecht. Als sie mit diesem wichtigen Geschäfte nach Wunsch fertig war, trat sie ein. „Es ist hübsch von Ihnen, daß sie mich hier nicht all' zu lange der Einsamkeit überlassen, mein schönes Kind," redete sie Guido von Frank sofort an.„Es ist noch viel langweiliger, allein zu sein, wenn man weiß, daß gute— oder sogar hübsche Gesellschaft in der Nähe ist. Der gute Herr Specht ist übrigens ein Glückpilz— solch' ein Mädchen wie Sie, meine llleine, würde sich Muhamed, der Prophet, in seinem Paradiese zur Bedienung gefallen lassen." „Aber ich bitte," antwortete sie, indem sie sich Mühe gab, beleidigt zu tun,„ich bitte, mein Herr— ein anständiges Mädchen wird doch nicht zur Bedienung bei einem Herrn engagirt sein." „Pardon"— lachte der Student;„ich dachte beim Zeus an nichts, was ein anständiges Mädchen, wie Sie, reizender Schelm, sicherlich sind, auch nur im entferntesten an ihrer Ehre und Tugend hätte verlezen können, aber ich wußte nicht, daß Herr Specht eine Frau hat'——" „Eine Frau hat er auch nicht— wenigstens nicht mehr. Dafür aber eine Tochter!" „Eine Tochter— so?" Guido von Frank tat erstaunt und so, als ob ihm plözlich ein Licht aufging.„Da kann ich mir erklären, warum bei Herrn Specht, wie ich gehört habe, soviel jüngere Herren ans- und eingehen." „Ja," sagte die Zofe schnippisch,„das ist schon war, oder eigentlich: es war früher so— denn in den lezten Jarcn geben sich doch nicht mehr soviel junge Herren Blühe um mein Fräulein, und das ist auch ganz natürlich—- wenn man einmal ein gutes Recht hat, zu singen: Schier dreißig Jare bin ich alt— dann vergessen einen die bösen Männer allmälich." Guido von Frank drote ihr höchlich belustigt mit dem Finger. „Eine kleine Berlczung des Amtsgeheiininsses— nun mir gegenüber hat das nichts zu sagen. Also Ihr Fräulein ist, wie ein echter Bursch sagen würde, schon ein klein wenig aus dem Schneider, und da lassen die ungetreuen Berehrcr die einstige Hcrzenskönigin allgemach im Stich— abscheulich! Aber ganz verlassen kann die Dame doch wol noch nicht sein— ich ivenig- ftens habe gehört, daß ein Herr, den ich vor einiger Zeit auf einer Reise kennen lernte, gegenwärtig eine Schwäche für Ihr Fräulein haben sollte— ein Herr— nun, wie heißt er doch?" „Ach!" sagte die Zofe achselzuckend,„doch nicht etwa der dicke Posaunenengel, der Herr Gabriel Haßler?" „Herr Gabriel Häßler?' sagte Guido von Frank aufmerkend und das Mädchen prüfend anschauend,„nein, den meine ich nicht— der Name liegt mir auf der Zunge, Fels oder so etwas — ich weiß nicht--" „Ach so, den meinen Sie— den Herrn Stein, na ja, der liegt, unter uns gesagt, meinem Fräulein gründlich am Herzen und, weiß der Himmel, er muß in sie auch schmählich verliebt sein——" Guido von Frank sah dem Mädchen in die Augen, als wollte er ihre geheimsten Gedanken erforschen. Sie bemerkte es wol, blieb aber unbefangen, wie vorher. Sie sagt, was sie selbst glaubt, dachte sich Frank. „Das ist mir interessant, sehr interessant— es würde mir unendlichen Spaß machen, könte ich diesen meinen Bekanten ans solch' einer kleinen Herzensschwäche ertappen— ihn, wissen Sie, mein schönes Kind, der eigentlich aus der Zeit der— nun Sie sagen es Ihrer Herrin wol nicht wieder— der Jugendeseleien längst schon heraus sein sollte und der auch immer so überlegen vernünftig und tugendhaft tut." Wärend er so sprach, war der junge Mann an des Mädchens Seite getreten— bei dem Worte„tugendhaft" legte er seinen rechten Arm um ihre Taille und trat gleichzeitig einen Schritt zurück,— sie mit sich nach dem Sessel ziehend und sich wieder darauf niederlassend. Jin selben Augenblicke hatte er sie auch auf seinen Schoß niedergezogen: „So plauderts sich besser, mein Schaz," sagte er sehr ruhig, fast kül, also, daß der Klang der Stimme in seltsamster Weise mit der Sprache kontrastirte, welche seine in solchen Augenblicken fast dämonisch schönen Augen redeten. „Ich werde dir dankbar sein— hörst du, Kind, dankbar, wenn du mir zu der Ueberzeugung verhilsst, daß Stein mit deinem Fräulein in zärtlichen Beziehungen steht." Er hatte sein Gesicht dem ihren so genähert, daß sein heißer Atem ihre Wangen berürte, dabei borten sich seine Augen funken- und flammensprühend in die ihren-- über ihr Antliz ver- breitete sich heiße Röte— nicht die Röte der Schüchternheit oder Schamhaftigkeit— von ihr ward die Zofe des Fraulein Elsriede Specht schon lange nicht mehr behelligt, ivol aber die Glut wilder, kaum noch zu bändigender Leidenschaft. In einem Momente, wie dieser war, und in solcher Erregung hätte sie Vater und Mutter, Himmel und Erde verraten und verkauft— dem Manne zu gefalle», der ihre Sinnlichkeit so zu entfachen vermochte. Franz Stein stand ihrem leichtentzündlichen Herzen keineswegs nahe— sie hatte, als sie ihn neulich in der Wohnung ihrer Herschast ge- sehen und ihm später ein parmal zufällig ans der Straße wieder begegnet, sofort empfunden, daß das kein Mann sei, der für Mädchen gleich ihr unmöglich zu erobern wäre. Und desto niehr ärgerte sie das vermeintliche Verhältnis zwischen Stein und Elsriede, die sie onehin viel eher haßte als liebte. „Ich tue, was Sie wollen— alles tue ich," flüsterte sie. „Dieser Stein komt warscheinlich heut noch zum Fräulein— sie erwartet ihn schon sehnsüchtig in: Salon." „Das ist schon etwas— es ist sogar ziemlich viel. Aber es ist noch nicht alles--" „Neben dem Salon befindet sich ein dunkles Kümmcrchen, die Gardrobenkammer des Fräuleins— dahinein komt jaraus jarein niemand als ich und man hört von dort leicht, was im Salon gesprochen wird--" „Ich danke, Kind— horchen ist nicht meine Sache!" „Dann— ah— ich hab's! Wollen Sie ein Gedicht lesen, daß der Herr Stein auf mein Fräulein gemacht hat?" „Ein Gedicht? Bist du sicher, daß es von Stein ist?" „Ja, tver sollte es denn sonst gemacht haben? der dicke Herr Haßler kann doch gewiß nicht dichten. Und andre Herren kümmern sich jczt garnicht mehr um's Fräulein. Ich Ivill's Ihnen holen, aber sie müssen mir versprechen, daß Sie's blos durchlesen und mir dann wiedergeben— ich muß es dann wieder hinlegen, wo's gelegen hat." „Gut— nun rasch, mein Kind— die Sache wird immer spaßhafter." Sie schlüpfte zur Tür hinaus und noch in derselben Minute kehrte sie zurück. Sie hielt ein Blatt feinsten weißen Papiers, das nach kostbarem Parfüm duftete, in der Hand. Auf demselben standen in zierlicher Schönschrift die uns bekanten Verse Franz Steins. Guido von Frank überflog sie. „Etwas steif und hölzern," kritisirte er,„aber doch weder ganz dumm noch ganz one Geschick vcrsifizirt. Ein ordinärer Handlungsschwengel hat sie sicher nicht gemacht.„O gib den 247 Frieden, Frieda, mir zurück!-' Es wäre eigentlich zum Totlachen, wenn es nicht gar so schmachvoll wäre--" Tie Zofe sah ihm einigermaßen verblüfft ins Gesicht: „Gar so schmachvoll?" fragte sie. Frank lachte. „Nimm's nicht übel, Kind— aber findest du's nicht auch schmachvoll, daß sich ein noch junger Mann in eine schier dreißig- järige Weilandschönheit verliebt, wo so hübsche Zwanzigjärige, wie du, ganz in der 3kähe zu haben sind." „Für jeden bin ich aber nicht zu haben— ich gewiß nicht!" sagte sie etwas mißtrauisch und trozig. „Sehr brav— Tugend ist auch eine Zier,"— von der leisen Ironie im Tone merkte das Mädchen diesmal umsoweniger, als er sie mit einem kräftigen Drucke seines Armes rasch an sich zog und küßte,„ich denke sogar für keinen als..." Er schaute ihr wieder in die Augen mit einem Blicke, wie ihr vorhin einer die heiße Röte in die Wangen getrieben hatte. Er vollendete den Zaz nicht— sondern ließ sie los und sah nach der Uhr. „Teufel— nieine Zeit ist um. Ich habe einen notwendigen, unaufschiebbaren Gang. Wenn möglich, komme ich heut noch wieder. Gib deinem Herrn diese Karte und da hast du das Gedicht— doch nein— laß es mich noch einmal lesen--" Er überflog die Verse von neuem. „Sie wollen schon gehen?" sagte die Zofe sehr enttäuscht. Er gab ihr das Blatt mit dem Gedichte zurück. „Wir sehn uns wieder— verlaß dich darauf, Schaz. Und ich wünsche dich nicht nur hier wieder zu sehen— trinkst du Champagner? Ja! Ich habe noch ein duzend Flaschen auf meiner Bude— du wirst von mir hören!" Ehe die sonst so Mundfertige noch geantwortet hatte, war er zur Tür hinaus und fort. Guido von Frank blieb an der Haustür einen Moment stehen; aber nur einen Moment. Dann wante er sich nach der rechten Seite, indem er vor sich hin sprach: „Er wird aus dem Fechtboden sein, der Fuchs. Wenn er nicht Bescheid weiß, gehe ich direkt zu seiner Schwester— da, war- haftig, beinahe hätte ich nicht daran gedacht, sie heißt ja Frie- derike, also auch Frieda— vielleicht richtet dieser Stein des Anstoßes und Aergeruisses seine dichlerischen Ergüsse an beide zugleich— das wäre erst der Gipfel der Niedertracht." Seine Augen flamten drohend. Er beschleunigte seine Schritte. (Forlsezinig folgt.) Die Emsünmg der warmen Getränke in Europa. Kulturgeschichtliche Skizze von K. S. Tie Sitte, durch den Genuß gewisser narkotischer und ähn- licher Stoffe das Wolbesinden des Individuums zu fördern und anregend auf seine Lebenstätigkeit einzuwirken, ist so weit und bei so vielen verschiedenen Völkern der Erde verbreitet, daß wir tvol annehmen müssen, daß es sich hierbei nicht blos um eine Angewönung, sondern vielmehr um ein physiologisches Bedürfnis handelt; ein Bedürfnis, welches befriedigt werden muß, wenn das Wolbesinden der Menschen nicht darunter leiden soll. In der Tat würde man denn auch irren, wollte man z. B. annehmen, daß vor der Einsürung von Tabak, Kaffee, Tee und dergleichen in Europa derartige Stoffe nicht in Gebrauch waren. In Teutschland wurden z. B? Stechapfel, Mohn, Hopfen und ähnliche Giftpflanzen zur Anregung der Lebcnstätigkeit allgemein benuzt. Da die neu eiugefürten Pflanzen, besonders der Tabak, ihrem Zwecke bedeutend besser entsprachen, als die eben genanten Stoffe, so erklärte sich auch hieraus die überaus rasche Ver- breitung desselben, und wenn Kaffee und Tee sich bei weitem langsamer ihr Gebiet eroberten, so ist das wol zumteil der Tatsache zuzuschreiben, daß die Menschen au kräftiger wirkende Anreguiigsmittel gewönt ivaren. Merkwürdig ist, daß die Menschen in verschiedenen, so weit auseinander liegenden Teilen der Erde die Entdeckung machten, daß die Blätter des Teestrauchs, die Beeren der Kaffeepflanze, wie auch die Blätter der„Ierva Matte", des Paraguay Tee, alle einen reizenden und uäreuden Bestandteil enthalten, welcher, wie wir heute wissen, chemisch derselbe ist. Es mag wol eine sehr lauge Zeit vergangen sein, ehe die Menschen sich so weit entwickelten, daß sie außer den Närpflanzen, wie Getreide, Obst und dergleichen auch anfingen, Pflanzen zu benuzen, die ihnen nicht eigentlich zur Narung, sondern zum Genuß dienten. Noch heutigen Tages versuchen und probiren wilde Völkerschaften die Pflanzen ihrer Heimat zu arzneilicheu Zwecken, und wir gehen wol nicht fehl, wenn wir annehmen, daß auf diese Weise auch die Beschaffenheit des Kaffee, Tee und der Kakaobohne, welch leztere einen ähnlichen Stoff, tote, die erstgenante enthält, bekaut wurde. Der Kakao und das aus ihm bereitete Präparat, die Choko- lade, sind es, welche die Europäer von den modernen Aufguß- geträuken zuerst kennen lernten. Tie Spanier fanden die Choko- lade bei den Mexikanern allgemein in Gebrauch und im Jare 1520 brachten sie die ersten Kakaobohnen nach ihrer Heimat, ivorauf auch bald die Chokolade daselbst hergestellt wurde. Die Fabri- katiou wurde lange Zeit geheim gehalten. Von Spanien wurde das neue Getränk zunächst nach Teutschland gebracht, ivclchcs ja durch seine Höfe und Dynastien damals in vielfacher Beziehung zu Spanien stand. Erst am Jare 1661 kam die Chokolade in Frankreich durch die Gemalin Ludwig XIV., Maria Teresia von Spanien, allgemeiner in Gebrauch, nachdem 8 Jare vorher der Kardinal Richelieu, der Bruder des bekantcn Ministers— die Franzosen zuerst mit derselben betaut gemacht hatte. Auch hier wurde anfänglich die Herstellung der Chokolade als Geheimnis bewart, was natürlich ihrer raschen Verbreitung hinderlich war. Doch finden wir bald darauf derselben schon als eines beliebten Frühstücktrankes ertväut, natürlich nur bei den Vornehmen, denn die Aermeren mußten sich schon des hohen Preises halber diesen Genuß versagen; kostete doch noch im Jare 1692 das Pfund Chokolade 6 Livres, was nach heutigem Geldivert wol etwa 30 Mark entsprechen mag. Ein allgemeines Geuußmittel ist die Chokolade wol nur in Spanien und Portugal geivordcn, wo dieselbe zu den täglichen Narnngsmitteln gehört und darum in größeren Mengen konsumirt wird als irgendwo sonst. In zweiter Reihe folgt Frankreich, wärend bei den übrigen Völkern der Genuß der Chokolade noch immer als ein Luxus betrachtet wird. Die erste Erwänung des in China schon seit dem 3. Jar- hundert unserer Zeitrechnung in Gebrauch stehenden Tee's findet sich in einer Reisebeschreibung Marko Polo's aus dem 13. Jckr- yundert. Aber erst zu Ende des 16. Jarhunderts ward derselbe von den Jesuitenmissionären, die damals in China ihr Bekehrungs- werk trieben, zuerst nach Europa gebracht, und die holländisch- ostindische Kompagnie fürte ihn batd darauf— 1610— in stärkerem Maße nach Holland ein. Kurz nachdem auf dem Seewege das chinesische Getränk nach Europa gekommen tvar, begann er auch zu Lande seine Wan- deruug über uusern Erdteil. Im Jare 1638 halten russische Reisende den ersten Tee gegen Zobelfelle im nördlichen China eingetauscht und ihn in Moskau eiugefürt, woselbst er sich bald allgemeiner Beliebtheit erfreute. Hiermit begann der russisch- sibirische Teehaudel, der noch heute lebhaft betrieben wird, und der wol als Ursache zu betrachten ist, daß dieses Getränk sich in Rußland der weitesten Verbreitung erfreut, so daß die Russen nächst den Engländern an der Spize der Tee konsumirenden Nationen stehen. Es ivird erzält, daß, als die Königin Elisabct von England einige Pfund Tee zum Geschenk erhalten, sie denselben ihren Köchen zur Begutachtung übergeben habe. Der große Rat der Küchenmeister gab seine Ansicht dahin kund, daß der Tee ein getrocknetes Kraut sei, welches man am zweckinäßigsteii ivie Spinat zurichte. Doch ivird man bald darauf den wirkuchen Gebrauch des„getrockneien Krautes" kenuen gelernt haben, denn eS wird Jare berichtet, daß die Hofsräu- lein neben ge- salzenen He- ringen und Bier, welches ans großen trügen ge- trunken wurde, auch Tee zum Frühstück ein- nahmen. Als Handels- artikel wird des Tee's in England zu- erst in den Parlaments- alten vom 1660 gedacht. Durch das der ostindischcn Kompagnie erteilte Mo- nopol ward der Tee spä- ter außeror- deutlich verteuert, da hierdurch die- ser Handels- gcsellschaft das Recht gesichert wurde, allein dieses Gewächs in England und seinen Kolo- nie« einzufü- ren, ein Pri- vilegium, das sie weidlich ausbeutete, indem sie nickt iveniger als 100 Prozent Verdienst in die Tasche steckte. Die Ausdehnung dieses Bor- rechtes auch auf die da- maligen Nordamerika- »ischcn Kolonien, jezigen Vereinigten Staaten fürte bckantlich zu der Teekata- strophe inBo- ston, wodurch der nmerika- nische Unab- hängigkeits- krieg eingelei- tet wurde. In Frank- reich finden wir den Tee im Jare 1563 in Gebranch, Der MsrkiM 249 lSeite 255.) »eben dem Aderlaß auch den heißen Getränken einen über- triebenen Wert beilegte. Daher waren es auch hauptsächlich Aerzte, die in einer großen Anzal von Schriften auf den Wert des Tee hinwiesen und dadurch seine Perbrei- tung förder- ten. Auch Deutschland verdankte diesem Aber- glauben die erste Bekant- schaft mit dem Tee. Hier wurde der- selbe durch den branden- burgiscken Hofarzt Bou- tekoe einge- fürt. Derselbe war ein so eifriger Per- ehrer des neuen Tran- kcs, daß er in einer im Jarel667er- schiciicnen Schritt die Behauptung aufstellte, daß man, um recht gesund zu sein, täglich 100—200 Tassen Tee trinken müsse. Als die Urheimat des dritten und wichtigsten Aufguß- getränkes.des Kaffee. wird Abyssinien genant, auf dessen Bergen noch heute der Kaffeestrauch wildvorkomt. Pon hier soll er nach Per- sien übcrfürt sein, wo der lieber- lieferung zu- folge das Trinken des Kaffee bereits im Jare 875 Sitte war. lauf«*'e"le rasche Verbreitung. Die Entdcckiiug des Blutum-- Anfangs des 15. Jarhuudert erst wurden die Araber mit dem i* hatte nämlich zur Folge, daß man in ärztlichen Kreisen aromatischen Trunk bekant und im Jare 1511 war in Mekka, der„heiligen Stadt", die Sitte des Äaffeetrinkens allgemein üci'bvsitct. In Mekka war es auch, wo der Kaffee sein erstes Märtyrer- tum zu bestehen hatte. Dem dortigen Statthalter erschien nämlich die neue Sitte deshalb bedenklich, weil der Kaffee ein auf- regendes Getränk war, und als solches gegen die Sazungen des Koran verstoße. Er sezte einen Gerichtshof ein, der cnt- scheiden sollte, ob der Kaffee unter das Verbot des Koran falle, und die Folge war, daß der Genuß desselben verpönt und der gläubigen Menschheit erzält wurde, daß„die Gesichter der Kaffee- trinker einst am Tage des Gerichts noch schwärzer erscheinen würden, als der Ka'ffcetopf, aus dem sie das Gift getrunken." Außer dieser„ewigen Strafe" wurden die heimlichen Trinker noch mit der Bastonade, wie auch damit bedrot, daß sie, verkehrt ans einem Esel sizcnd. zur Schande durch die Straßen der Stadt gefürt werden sollten. Gleichzeitig wurden die Kaffeehäuser geschlossen; einige Kaffee- vereine, wol die ältesten Vorgänger unseres modernen„Kaffee- klatsch" wurden aufgelöst und die Vorräte der Kaufleute den Flammen übergeben. Der Sultan von Kairo, dem dieses Verbot zur Bestätigung zu unterbreiten war, verweigerte indes, da er selbst den braunen Trank bereits liebgewonnen, seine Unterschrift, und die Bewohner der„heiligen Stadt" durften one Furcht vor dem schwarzen Ge- ficht am„jüngsten Tage" den verbotenen Trank weiter genießen. Auch in Kairo eroberte sich der Kaffee rasch allgemeine Beliebt- heit und im Jare 1632 zülte diese Stadt über 1000 Kaffeehäuser. In Europa war es naturgemäß zuerst die Türkei, welche die neue Sitte von Kairo aus übernahm. Im Jare 1530 wurde der Kaffee in Konstantinopel bereits allgemein getrunken, und das erste Kaffeehaus daselbst wurde im Jare 1551 errichtet. Hier hatte auch der Kaffee seine erste politische Verfolgung zu er- dulden, nachdem, wie wir gesehen, er ans der ersten religiösen Verfolgung siegreich hervorgegangen. Unter Sultan Mnrad II. wurden nämlich alle Kaffeehäuser geschlossen, weil dieselben als Mittelpunkte der Gesellschaft und als Sammelorte der Anhänger des Propheten diesen die Gelegenheit boten, sich mit der Politik zu befassen, und weil diese Gelegenheit nach der Ansicht des Sultans von den Muselmannen in zu hohem Grade bennzt worden war. Die erste Erwännng des Getränkes im westlichen Europa findet sich in einem Buche des deutschen Arztes und Reisenden Ranwolf aus dem Jare 1582. Die Eigeiychasten der Kaffee- bohne wurden im Jare 1591 von dem vcnetianischen Arzte Alpinus, und bald darauf von Baco in seiner„Raturgeschichte" beschrieben. Weiter wird der Kaffee vor seiner Einfürung in Europa erwänt von dem Reisenden Adam Olearius, der in der Beschreibung seiner Reise nach Persien vom Chan von Ardebil folgendes meldet:„Den Tabak liebte er sehr, und sog den Rauch durch lange Röhren, die durch ein Wasserglas laufen, an sich; dazu trank er heißes, schwarzes Wasser, Kahowä genant." In England wurde der Kaffee zuerst zur Zeit der Republik eingefürt, und zwar durch einen Kaufmann Ramcns Edwards, der Handelsverbindungen mit der Levante unterhielt und dort das Getränk kennen gelernt hatte. Ein Grieche, Namens Pasqua, errichtete zur selben Zeit— 1652— unter dem Namen„Vir ginia Caffeebonse" die erste, noch heute bestehende Kaffeeschenke im westlichen Europa, und fürte hiermit ein Institut in England ein, welches eine wichtige politische Bedeutung erlangen sollte. In Frankreich wurde die neue Sitte zuerst in Marseille, war- scheinlich durch Einfürung aus Italien, wo seit dem Jare 1645 das Kaffeetrinken Mode geworden, bekant, und hier entstand 1664, nach anderen 1671— das erste französische Kaffeehaus. Nach Paris kam die Sitte durch den Gesanten des Sultan Mahomed IV., Soliman Aga, der derselben am Hose Ludwig XIV. rasche Verbreitung verschaffte. Da damals noch mehr, als späterhin, die Sitten des pariser Hofes für Frankreich und andere Länder maß- gebend waren, so ward auch die Mode des Kaffeetrinkens, als derselbe sich einmal am Hose eingebürgert hatte, rasch verallge- meinert, obgleich das Pfund Kaffee im Jare 1672 noch 140 Franc kostete. Trozdcm wurde im selben Jare schon das erste pariser Kaffeehaus durch den Armenier Paskal eröffnet. Der bald sinkende Preis schaffte ihm auch eine raschere Verbreitung, und es wird in Schriften damaliger Zeit bemerkt, daß das neue Getränk der Trunkenheit, welche in Frankreich sehr vorherschend gewesen war, einen ernsten und fast unmittelbaren Einhalt tat. Ludwig XIV., der zu seiner Mätressen- und Kriegswirtschaft ungeheure Summen verbrauchte, entdeckte bald, daß dem neuen Getränk nicht nur anregende und belebende, sondern auch finan- zielle Kräfte innewohnten. Die allgemeine Verbreitung des Kaffee machte diesen aufs schönste zur Bestenrung geeignet, und so er- klärte denn der König den Kaffee für königliches Regal. Die Verkäufer wurden zu Beamten ernant, mußten aber ihre Stellung von ihm kaufen, und natürlich namhafte Summen zalen. Selbst- verständlich schlugen die Beamten diese Summen ans den Preis ihres Kaffee, der dadurch im Jare 1692 wieder auf 4 Livres— 20 Mark nach heutigem Geldwert— stieg, nachdem er schon früher bedeutend billiger verkauft worden war. Die Kaffeehäuser nahmen in Frankreich eine» raschen Auf- schwung. Sie entwickelten sich zu den wichtigsten Mittelpunkten des gesellschaftlichen Lebens und sie waren gewissermaßen die Vorläufer der Klubs des 18. Jarhnnderts, in denen die Ideen der Encyklopädisten, die Ideen Rousseau's und Voltaire's eine so allgemeine Verbreitung erlangten und welche dadurch die heran- nahende große Revolution so mächtig förderten. Wärend sich in Frankreich das Kaffeehausleben bis auf den heutigen Tag erhalten und weiter ausgebildet hat, vermochte das- selbe in England nicht Wurzel zu schlagen und erst in neuerer Zeit gewint es dort wieder etwas mehr Boden. Und doch war das Kaffeehaus einst in England noch populärer als in Frank- reich, und nicht nur eine der glänzendsten Literatnrepochen Eng- lands, sondern auch eine äußerst wichtige Periode der englischen politischen Geschichte ist mit dem Kaffechauswesen eng verknüpft. Die allgemeinere Verbreitung des Kaffee wie der übrigen warmen Getränke fiel in England in die Zeit zwischen den beiden Revolutionen, deren eine einem König den Kopf, und deren zweite einem solchen die Krone kostete. Der leztere dieser beiden Fürsten, Jakob IL, nnbelehrt durch das Schicksal seines Vaters, hatte das möglichste getan, das Volk gegen sich aufzubringen, indem er die alten englischen Freiheiten und die dieselben garantirenden Geseze mißachtete und vcrlezte. Die Opposition, vereint in der Partei der Whigs, der Partei des aufstrebenden und nach politischer Herschaft ringenden Großbürgertums, wurde auf's grau- samste verfolgt. Das Jntereffe an der Politik und am öffent- liehen Leben überhaupt war durch all biefe Umstände allgemein geworden. Oeffentliche Bersammlunge» n. dgl. gab es noch nicht. Das Zeitungswescn lag noch in seiner Kindheit und die wenigen Journale, die erschienen, durften nur mit Erlaubnis des Hofes herauskommen, brachten also auch nur Nachrichten, die diesem genehm waren. Die ganze politische Lage drängte aber auf Ver- einigung, auf Verbindung, und da boten denn die Kaffeehäuser eine äußerst günstige Gelegenheit, sich gegenseitig zu treffen und auszusprechen. Diese nahmen denn auch eine ungeahnte Verbreitung an. Sie vertraten, wenigstens in London, die Stelle der so Mangel» haften Zeitungen. Hier sammelten die Ncuigkeitsschreiber, die allwöchentlich für irgend eine Stadt oder Grasschaft die wichtigsten Nachrichten zusammenstellten, ihre Stoffe, und der Aufenthalt im Kaffeehause ward so allgemein, daß in den höheren und mittleren Klaffen jeder Mann täglich in sein Kaffeehaus ging. Wir dürfen auch wol annehmen, daß aus diesem Grunde im Jare 1674 die Frauen von London eine Petition gegen den Kaffee einreichten.— Von besonderer Anziehung; für die Kaffeehäuser waren die öffentlichen Redner, von denen jedes derartige Institut einen oder mehrere hatte. Diese Kaffeehausredner erlangten durch ihre Ausfürungen einen solchen Einfluß, und das Leben im Kaffee- haus ward für die öffentliche Meinung in London so wichtig, daß ein englischer Schriststeller die Kaffeehäuser damaliger Zeil eine„politische Institution" nennt, und daß die Regirung bc> schloß, gegen diese neue Macht im Staate mit Verboten vorzu- gehen. Im Jare 1675 beschloß der Hof. alle Kaffeehäuser in London schließen zu laffen. Diese Maßregel brachte aber soviel Unruhe und Widerspruch bei allen Parteien hervor, daß die Regirung doch nicht ivagte, ihre Anordnung durchzusezen. Sie ivagte es um so weniger, als ein solches Verbot den englischen Gesezen zuwider lies. (Schlub folgt.) 251 Die Ueberzeugung. Von Dr. Michard Ernst. I Tie Warhcit ist eine spröde Tome, sie schenkt ihre Gunst nicht jedem, der um sie wirbt. Oft glaubt der Mensch, sich ihres Bcsizcs zu erfreuen und es ist nur ein Trugbild, das er um- armt, wie es einst Paris nach des Euripides Tragödie mit der schönen Tyndaridin erging*). Sowol über rein teoreti sche wie über praktische Fragen gab es zu allen Zeiten verschiedene Meinungen und Ansichten, über diese wie über jene haderten und bekriegten sich die Menschen. Besonders heftig pflegt der Kampf der Meinungen zu entbrennen über Fragen, welche für das all- gemeine Kulturleben von großer Bedeutung sind, welche das ma- terielle oder geistige Wol der Gesammtheit betreffen. Wärcnd rohe lliaturvölker keinen andern casus belli kennen, als das Mein und Tein, entzweien sich gesittete Kulturmenschen— leider häusig nicht minder über Mein und Dein wie ihre stierfellbekleideten Ahnen, aber auch über Wissenschaft, Kunst, Religion, Politik, mitunter freilich auch über minder wichtige Dinge, z. B. über die Güte des Biers, oder die Tugend einer Primadonna. Die Gewißheit, womit eine Ansicht als richtig erkant wird, nennen wir Ueberzeugung. Ein problematisches Urteil wird stlm apodiktischen, die Meinung wird zur Ueberzeugung, wenn ie sich aus Gründe stüzt, welche für unumstößlich gehalten wer- den und jeder Einwand gegen sie beseitigt scheint. Würde der nienschliche Geist in seiner Operation sich immer bon den Gesezen der Logik leiten lasse),, so daß er„nicht etwa die Kreuz und Quer irrlichtelire hin und her", so gäbe es, wenig- stens über rein teoretische Fragen, keinen Streit der Meinungen und Uebcrzcugungen. Sehr häufig aber achtet der Geist nicht oder zu wenig auf diesen Kompaß, oder er läßt sich von der Sirene Phantasie abseits locken und hält die Fata Morgana, welche sie ihm vorzaubert, für greisbare Wirklichkeit. Besonders das leztere ist die Ursache, daß dieselben Ideen, Tcoricu und Systeme den Einen als Weisheit, den Andern als Torheit er- scheine», daß man hier verhöhnt, Ivas dort als vortrefflich und ehrwürdig gefeiert wird, denn Phantasie sich halben Leibs zum Himmel hob, Einen Stern, �, Faßte sie und schwang ihn, daß es Funken stob Nah und fern. Fiel der Wiz Wie ein Bliz Trüber her und faßt den Schein In die kleinen Taschen ein. Phantasie zur Wolke, die vorüberflog, Streckt die Hand, Sich die Wolke purpurn um die Schulter zog, Als Gewand. Wiz versleckt Drunter steckt; Wo sich nur ein Fältchen ruckt Wiz hervor mit Lachen guckt. Phantasie mit Donnersturm tut aus den Mund, Wiz verstummt; Schweigt die Riesin, tut sogleich der Zwerg sich kund Pfeift und sumt.(Ruckert.)| ...Bei Ansichten, welche sich nicht lediglich innerhalb des Teore- Aschen bewegen, sondern die Gestaltung des praktischen Leben» zu», Gegenstand haben, wo es sich darum handelt, ob eine Hand- lungZweise als heilsam zu cinpfehlen sei, wie die eine m er andere Einrichtung am zweckmäßigsten gestaltet werden, ein Miß- 't°nd beseitigt, einem Bedürfnis entsprochen werden könne, komt t der Umstand inbetracht, daß der menschliche Geist, auck ÄSlÄSSMAz NWLLSSM' scheint dem als ausfürbar, was jener für unmöglich halt, dunll � vktäsrJT'&ssriVs ss&z» ' s- dein einen ein Sandkorn lvas dem andern als Berg erscheint, hält der für Gift, was jener als Balsam Preist, heißt dem Ver- schlechtem und Zerstören, was jener Verbessern und Veredeln nent. Ter Kampf der Ueberzcugungen gehört zu den interessantesten Episoden der� Kulturgeschichte; nicht nur deshalb, weil in diesem Kampfe die Ichlachten des Geistes in zallosen Gesechten geschlagen werden, das Wachstum und die Gestallung der Zivilisation durch ihn entschieden wird, sondern auch wegen der mannigfaltigen teils edlen teils verwerflichen Eigenschaften, die er in der Person der Kämpfer zutage treten läßt, und wegen der tiefen Tragik in dem Schicksal derer, die für ihre Ueberzeugung eingetreten sind. Denn nicht nur nachteilig, sondern gefärlich war es häufig, seine Ueberzeugung zu bekennen, zu vertreten, für sie-einzustehen, für sie zu kämpfen und ganz besonders hicvon gilt das Wort Mirza Schaffy's: Wer die Warhcit liebt, der muß Schon sein Pferd am Zügel haben— Wer die Warhcit denkt, der muß Schon den Fuß im Bügel haben— Wer die Warhcit spricht, der muß Statt der Arme Flügel haben! (Und doch singt Mirza Schafft): Wer da lügt, muß Prügel haben!) Jede Ueberzeugung ringt nach Anerkennung und Verallgemeinerung. Wer von einer Idee erfüllt ist, der will, daß auch Andere ihr huldigen. Würde sich nun dieses Streben auf der Arena des Gedankens allein betätigen, würde nur mit Gründen und Gegengründen gestritten werden, so wäre es ganz gut. Allein gewönlich ist dem nicht so. Die Vertreter einer Ueberzeugung bemühen sich nicht blos, der entgcgcngesczten mit Argumenten zu Leibe zu rücken, sie gehen auch häufig darauf aus, die Vertreter der Gegenüberzeugung an deren Ausbreitung gewaltsam zu ver» hindern. Das leztere geschieht in der Regel da am meisten, wo das Unvermögen, die gegnerische Meinung mit Beweisgründen zu entkräfteu, lebhaft gcfült wird. Da wird denn der Kreis ge- danklichcr Auseinandersezung, logischer Erörterung verlassen und der Weg persönlicher Anfeindung und Verfolgung beschritten. Diese wird häusig dadurch eine erbitterte, daß die Vertreter einer Ueberzeugung sich in die Anschauungsweise der andern nicht zu versezen vermögen und darum dem Gegner die bona fides*) aberkennen. Man wäut, derGegncr beharre bei seiner Ansicht nicht aus logischen, sondern aus verwerflichen Motiven, aus Hals- starrigkeil, Böswilligkeit, persönlichem Interesse. So gesellt sich denn die Leidenschaft hinzu, welche den Gegner verdächtigt und in der Achtung der Mitbürger herabsczt. Der Kampf der Ueber- zeuguugen wird darum häusig zur Machtfragc, die Minoritäten werden von den Majoritäten gehaßt und verfolgt. Am gefärlichsten ist dieser Kampf der Ueberzeugungen für die Minoritäten, wenn es sich darum handelt, längst bestehende Einrichtungen zu erschüttern und umzugestalten, Vorstellungen und Formen abzuändern oder zu beseitigen, welche im grauen Altertum wurzeln und sich Jarhundertc lang unangefochten er- halten haben. Das Bestehende ist vielen auch dann noch unantastbar, ivenn der Grund seines Daseins längst geschwunden, sein Geist ent- flohen und es nur noch eine Mumie ist. Denn aus Gemeinem ist der Mensch gemacht, Und die Gewonheit nent er seine Amme. Weh dem, der an den würdig alten Hausrat Ihm rürt, das teure Erbstück seiner Ahnen! Das Jar übt eine heiligende Kraft; Was grau für Alter ist, das ist ihm göttlich. Das Denken ist nicht jedernianns Sache. Nur wenige haben ihren Geist gewönt, überall dem Gesez der Kausalität nachzu- spüren, die Gründe des Bestehenden aufzusuchen und die Berech- tigung seiner Fortexistenz danach zu bemessen. Die Meisten hul- digen dem Kanon der Stabilität: *) Gute Absicht. Es ziemt sich nicht für uns, den heiligen Gebranch niit leicht beweglicher Vernunft Nach unserm Sinn zu deuten und zu leiiken— (Thoas in Goelhe's Iphigenie) und sehen nicht ein, daß es ein falscher Konservatismus ist, wenn man die überkommene Form itni allen Preis waren will. Denn wenn die Ideen bestehen, d. h. wenn der Zweck einer Institution erreicht werden soll, so muß die Form derselben wandelbar sein, mit der Zeit und den Verhältnissen sich verjüngen. Will man aber die Form unter allen Umständen konserviren, so verkümmert der Geist, verknorpelt und versldnt der Inhalt und stirbt ab. Die waren Konservativen sind daher diejenigen, welche den Wechsel der Formen fordern, wogegen diejenigen die Destruktiven sind, welche die zeitgeniäße Umgestaltung verhindern.— Dieses Rai- sonnement ist so einlcuchlend und greifbar, daß dessen B.rkennung kaum eine glimpflichere Bezeichnung verdient, als die des Abde- ritismus*)— Mag dieses an einem Beispiel aus der Geschichte illustrirt werden.?lls die Macht der Athener im peloponnesischen Krieg gebrochen Ivar und die siegreichen Spartaner Athen zer- stören wollten, da unternahm es der Athener Theramenes, mit den Siegern zu unterhandeln und er unterschrieb mit fester Hand die Bedingung, daß die Mauern Athens niedergerissen werden müssen. Aber das erregte den höchsten Unwillen der Athener. ..Warum", riefen sie ihm zu,„handelst du auf eine den Grund- säzen des Themistokles so entgegengcsezte Art? Jener erbaute die Mauern zum Schuz Athens und du willigst ein, sie zu zerstören?" Theramenes aber erwiderte:„Ich lasse des Themistokles Absicht nicht aus den Augen. Er erbaute diese Mauern zur Rettung der Stadt und ich wünsche sie ans demselben Grunde zer- stört zu sehen." Hiezu komt noch, daß durch das Rütteln am Fundament be- stehender Einrichtungen die Interessen derer gefärdet werden, welchen diese Einrichtungen nuzbringend sind.„Wer hat", schreibt Schiller, „über Reformatoren mehr geschrien, als der Haufe der Brodge- lehrten? Wer hält den Fortgang nüzlichcr Revolutionen im Reich des Wissens mehr auf, als eben diese? Jedes Licht, das durch ein glückliches Genie, in welcher Wissenschaft es sei, angezündet wird, macht ihre Dürftigkeit sichtbar; sie fechten mit Erbitterung, mit Heimtücke, mit Verzweiflung, weil sie bei dem Schulsystem, daß sie verteidigen, zugleich fiir ihr ganzes Dasein fechten. Darum kein unversöhnlicherer Feind, kein neidischerer Amtsgehilfe, kein bereitwilligerer Kezermacher, als der Brodgclehrte."(In seiner akademischen Antrittsrede.) Für die Ueberzeugung mannhaft einzutreten, erfordert daher vor allem diejenige Eigenschaft, welche den Alten als erste und höchste Tugend galt, weshalb sie auch beide mit demselben Wort bezeichnet haben. Ich meine den Mut, virtus. Mehr noch als der Krieger in der Schlacht muß der Kämpfer aus dem Schlacht- feld der Ueberzeugung von Mut beseelt sein, von Unerschrocken- heit, Beherztheit, Verachtung des Schmerzes und selbst des Todes. Wol muß der Soldat im Getümmel der Schlacht dem Tot un- verzagt ins Angesicht blicken, darf er nicht beben, wenn feindliche Kugeln uni sein Haupt sausen, wenn Schwerter blizen und Lanzen starren und die Gefar aus tausend Feuerschlünden Tot und Ver- derben speit. Aber nach geschlossenem Frieden kehrt er wieder zurück zum häuslichen Herd, in den traulichen Hafen der Sicher- heit.— Das Feuer des Muts aber in der Brust des Kämpfers für die Ueberzeugung darf nimmermehr verlöschen, das ganze Leben hindurch muß es in heller Lohe flammen. Denn auch sie, die Kämpfer für ihre Ueberzeugung, Die töricht g'nug ihr volles Herz nicht warten, De», Pöbel ihr Gefül, ihr Schauen offenbarten, Hat man von je verkezert und verbra»!. Aber auch nachdem mildere Zeiten die Scheiterhaufen ausgelöscht hatten, mußten sie mit dem Panzer des Muts gewappnet sein gegen Berläumdung, Verachtung, Gefangenschaft, Armut und Elend, welchen sie ihr Leben lang ausgesezt waren. Jean Paul sagt einmal:„Wie reißende Tiere leichter übermannt werden, als Jnsektenschwärme, so ist der Sieg, nicht über die seltnen und großen, sondern über die kleinen und täglichen Versuchungen besser und schwerer".'Räch einem verwanten psychologischen Gesez ist auch ein höherer Mut dazu erforderlich, sich zeitlebens durch Verkennung, Anfechtung und Rot hindurchzuwindeu, als in offener Feldschlacht oder im Zweikampf das Leben einzusezen. *) Die Stadt Abdera spielte im alten Griechenland eine ähnliche Rolle wie bei uns z. B. Schildburg. Der menschliche Fortschritt, das Wachstum der Zivilisation verdankt sein Gedeihen vorzugsweise solchem mutigen, mannhaften Einstehen der Minoritäten für ihre Ueberzeugungen. Denn jede neue Offenbarung erleuchtet zuerst den Geist einzelner und weniger und nur durch die Begeisterung, den todesverachtenden Mut, womit diese um das Banner ihrer Ueberzeugung sich scharten, wurde sie Gemeingut der Völker. Auf diese Weise siegte der hebräische Monoteismns über den asiatischen Baal- und Moloch- kultus, das junge Christentum über das Heidentum, die Refor- mation über das Mittelalter, der moderne Konstitutionalismus über den Feudalstaat. Auch einzelne Individualitäten, die in der Kulturgeschichte als glänzende Sterne neuer Offenbarungen leuchten, stralen zu- gleich durch ihre Ueberzeugungstrcue, welche sie willig das Mar- tyrium ertragen ließ, womit sie ihre Lehre besiegelten. So So- krates, Bruno, Huß, Spinoza und viele ihrer Genossen; nicht zu j vergessen an die herlichste Gestalt unter allen, an den Weisen von Razaret. Auch andere minder epochemachende Namen nent die Geschichte, die durch ihr kühnes, karaktervolles Einstehen für ihre Ueber- zeugung das Gute und Edle förderten, der Wolfart ihres Landes dienten, in Zeiten der Korruption durch sittliche Lauterkeit und Mannhaftigkeit sich auszeichneten, Persönlichkeiten, von welchen j das horazh'che Wort gilt: Den fest am Vorsaz haltenden Biedermann Erschüttert niemals Arges gebietender Mitbürger Troz im Felsensinne Nicht des Tyrannen ergrimte Miene, Noch auch der Süd, der Hadria's Stürme schafft, Noch Zeus, des Blize schleudernden starker Arm; Ja wenn der Himmel krachend stürzte, Träfen die Trümmer ihn unerschrocken*). Solche Menschen nennen wir Menschen von Karakter.— Mit Gcringschäzung nent dagegen die Nachwelt jene Schwäch- linge, die ihre Ueberzeugung verläuguet, unter dem Mantel der Klugheit verhüllt haben; mit Verachtung nent sie jene, ivelche gegen ihr besseres Wissen gewirkt haben und sie sind gebrandmarkt mit der schimpflichen Bezeichnung Apostaten. Die Apostasie ist selten ein Resultat des Drucks und der Verfolgung. Erfarung und Geschichte zeigen, daß die Metode, Ueberzeugungen durch Gewaltmaßregeln zu bekämpfen, eine durchaus verfehlte ist; daß Ideen durch Druck und Verfolgung nur um so widerstandsfähiger werden, wie das Eisen, das unter den Hammerschlägen zu Stähl erhärtet und wie das Schicßpulver, dessen Explosionskraft wächst, je mehr man es zusammenpreßt. Der Geist lächelt der materiellen Waffen, die sich gegen ihn kehren und selbst die Nebel des Wahns und Irrtums verdichten sich im Sturm der Verfolgung zu gewitterschwangeren Wolken. �Eine oft angewendete äsop'sche Fabel lautet: Einst, stritten sich Sonne und Nordwind, wer von ihnen der stärkere sei. Als Bedingung sezten sie fest, daß derjenige dafür gelten sollte, welcher den nächsten besten Wanderer nötigen würde, sein Kleid auszuziehen. Der 'Nordwind stürmte zuerst scharf und heftig auf einen volbeieilenden Pilger los; aber immer dichter hüllte sich dieser in seinen Mantel ei». Nun war die Reihe an der Sonne. Senkrecht sendete sie ihre brennenden Stralen auf den Pilger, der bald die Hize nicht mehr ertragen konte. Er knöpfte den Mantel auf, zog ihn aus, breitete ihn als Kissen unter seinen Kopf und legte sich ii» Schatten eines Baumes nieder. Tie Sonne hatte gesiegt.— Weit mehr als Druck und Verfolgung pflegt freundliches Eni- gcgenkommen, vermögen gebotene Vorteile den Stahl der Ueber- zeugungstreue zu biegen, den Widerstand zu brechen, den Mann der Ueberzeugung zum Abtrünnigen zu machen. Wie manchen demokratischen Löwen hat schon das leutselige Lächeln einer Ex- zellenz zum sanften Lamm verwandelt; wie mancher wühlerische' Krakehler ist ein Konservativer geworden, nachdem er in de» Gemeindcrat gewält wurde und sich überzeugt hat, daß es„anf dem Rathause viel ehrlicher zugeht, als er früher wußte". *} Justurn ac tenacera propositi virura Non civiurn ardor prava jubeutiurn, Xon vultas instantia tyranni Mente quatit solida, neque Auster, Dus inquieti turbidus Hadriae, Xec tulmiuantis magna manus Jovis. Si tractus illabatur orbis, Impavidum l'erient ruinae. 253 Ganz besonders aber der Vorteil, Geld, Verdienst, Ansehen, ist der Kuppler der Apostasie. Größere Standhaftigkeit und Karakter- sestigkeit gehört dazu, die gebotenen Vorteile auszuschlagen, als der fanatischen Verfolgung zu trozein Das Evangelium(Matth. 4, 8—10} berichtet:„Wiederum fürte ihn(Jesum) der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herlichkeit. Und sprach zu ihm: Dies alles will ich dir geben, so du niederfällst und nnch anbetest. Da sprach Jesus zu ihm: Hebe dich weg von mir, Satan; denn es stehet geschrieben: Du sollst anbeten Gott, deine» Herrn, und ihm allein dienen." Hier sehen wir in mytologischer Einkleidung den Sieg des überzcngungstrenen Karakters über die Lockungen des In- teresses. Mit vollem klaren Bewußtsein verschmät er alle die Herlichkeiten, die er durch Vcrläugnung seiner Ueberzeugung er- langen köntc und wält den dornenvollen Pfad, der zum Mär- tyrium fürt. Dürfen wir alle, die von ihrer Ueberzeugung abfallen, der Apostasie beschuldigen? Gewiß nicht. Rieht" immer sind egoistische Beweggründe die Ursachen der Schwenkung. Der Wechsel der Verhältnisse einerseits, reichere Erfarung anderseits bc- gründen und rechtfertigen mitunter die veränderte Gesinnung. Gilt vom ersten Fall, wo der Wechsel der Verhältnisse die ver- änderte Haltung begründet, das Dichterwort: Was ich gewesen, bin ich noch. Die Lage Der Dinge nur hat seitdem sich verwandelt so kann hinsichtlich des lezteren das Wort eines berühmten Staats- manns angefürt lverden. Einem Oppositionsmann im Parla- nient, welcher nachwies, daß der Staatsmann vor 20 Jaren dieselbe Gesinnung gehabt habe, welche der Oppositionsmann vertrete, antwortete jener: Das beweist, daß ich vor 20 Jaren so gescheit gewesen bin, wie Sie heute. Nicht selten freilich müssen diese Gründe der Gesinnungslosig- keit, Schwäche, Niedertracht zum Deckmantel dienen und wenn man das auch nicht immer beweisen kann, so kann man das Auf- fällige nicht übersehen, daß in der Regel die Wetterfahne nach dem Wind des persönlichen Vorteils sich dreht. Man wird dabei an jenen Schlaumaier erinnert, welcher die Frage aufwarf, wie os komme, daß die großen Flüsse gewönlich an großen Städten vorbcifließen. Indessen wird inan den Abfall von der Ueberzeugung, auch wo er von egoistischen Motiven herrürt, doch nur in den seltensten Fällen als beivnßte Apostasie be- und verurteilen dürfen. Die wenigsten Menschen prägen ihr Urteil aus dem reinen Golde des objektiven Gedankens. Die meiste» mischen das Amalgam ihres Wünschens und Wollens hinzu und gestalten ihre Ansichten ganz unbewußt nach ihren Neigungen. Diese Beeinflussung des Denkens von Seiten des Wollens, diese Suprematie des Willens über den Intellekt hat besonders Arthur Schopenhauer hervorgehoben. Er sagt u. a.(Die Welt als Wille und Vorstellung, II):„Daß der Wille das Reale und Esscntialc im Menschen, der Intellekt aber nur das Sekundäre, Bedingte, Hervorgebrachte sei, wird auch daran ersichtlich, daß dieser seine Funktionen nur so lange ganz kein und richtig vollziehen kann, als der Wille schweigt und pausirt; hingegen durch jede merkliche Erregung desselben die Fnnklionen des Intellekts gestört und durch seine Einmischung ihr Resultat verfälscht wird..... Liebe und Haß verfälschen unser Urteil gänzlich: an unfern Feinden sehen wir nichts als Fehler, an uiisern Lieblingen lauter Vorzüge und selbst ihre Fehler scheinen uns liebenswürdig. Eine ähnliche geheime Macht übt unser Vorteil, welcher Art er auch sei, über unser Urteil aus: was ihm gemäß ist, erscheint uns alsbald billig, gerecht, vernünftig; was ihm zuwider- läuft, stellt sich uns, im vollen Ernst, als ungerecht und abscheulich, oder ziveckwidrig und absurd dar. Daher so viele Vorurteile des Standes, des Gewerbes, der Nation, der Sekte, der Religion. Eine gefaßte Hypotese gibt uns Luchsaugen für alles sie Bestätigende und macht uns blind für alles ihr Widersprechende. Was unserer Partei, unserem Plane, unserem Wunsche, unserer Hoffnung entgegensteht, können wir oft gar nicht fassen iliid begreifen, wärend es allen Andern klar vorliegt, das jenen Günstige hingegen springt uns von ferne in die Augen. Was dem Herzen widerstrebt, läßt der Kopf nicht ein. Manche Irrtümer halten wir unser Leben hindurch fest und hüten uns, jemals ihren Gruiid zu prüfen, blos aus einer uns selbst mibe- wußten Furcht, die Entdeckung machen zu können, daß wir so lange und so oft das Falsche geglaubt und behauptet haben.— So wird dann täglich unser Intellekt durch die Gaukeleien der Neigung betört und bestochen."— Ferner wollen wir an ein Wort von H. Heine erinnern:„Die Zeit übt einen mildernden Einfluß auf unsre Gesinnung, durch beständige Beschäftigung mit dem Gegensaz. Der Gardeniunizipal, welcher den Kankan über- wacht, findet denselben am Ende garnicht mehr so unanständig und möchte wol gar mittanzen. Der Protestant sieht nach langer Polemik mit dem Katolizisnius ihn nicht mehr für so greuelhaft an, und hört vielleicht nicht ungern eine Messe." Freilich gibt es auch eine Dreistigkeit, welche bewußt die greisbarsten Warhciten in Abrede stellt. Hat doch Hobbes voraus- gesagt, daß es Leute geben würde, welche die Axiome Euklids leugneten, wenn es ihr Interesse mit sich brächte.— Es wird daher in vielen Fällen nicht leicht zu bestimmen sein, wo die Selbst- Verblendung aufhört und die Apostasie bcgint und ein ethischer Optimismus wird unschwer für die erstere plädiren können. Gehen wir indessen nicht zu weit in der Jndulgenz gegen die Apostasie und ihre Vettern und Basen. Es ist das Recht und die Pflicht der Gesinnungstüchtigen, Ueberzeugungstreuen, denen mit Geringschäzung und Verachtung zu begegnen, die ihre Ideale uni ein Linsengericht verschachern, die,„wo auf Weltver- besserung kühn sich Wünsche lenken, nur allein auf Wässerung ihres Wicschens denken" und dem Triebrad der Kultur Hemnisse bereiten, anstatt es zu rascherem Schwünge zu beflügeln. Seien wir stets eingedenk des schönen Dichterworts: Die Ueberzeugung ist des Mannes Ehre, Ein golden Vließ, das keines Fürsten Hand Und kein Kapitel um die Brust ihm hängt. Die Ueberzeugung ist des Kriegers Fahne, Mit der er fallend nie unrühmlich fällt. Ter Aermste selbst, verloren in der Masse, Erwirbt durch Ueberzeugung sich den Adel, Ein Wappen, das er selbst zerbricht und schändet, Wenn er zum Lügner seiner Meinung wird. (Gutzkow.) Auch ei« Erziehungöiilskitut. Eine Münchner Planderei von W. Wer wüßte nicht, daß in dem irdische» Futterale unseres mensch- len Leibes viele träge und zur Gedankenlosigkeit geneigte Elemente ("W zeigen, so daß eine energische geistige Aufftischnng häufig genug ?.°twendig ist? Wie jeder Andere, so verspüre auch ich diese angestamte Uwäche des alten Adams und pflege mich deshalb, sowie ich eine HOT"'"'" Ii* i wo �bname" nwiner LebeiisUäfte warnehme, von der Arbeit zu erheben, 2 Omnibus zu besteigen und aus der stillen, abgelegenen Gegend, **>lumUU9 All üt Iii l Ut 11 UHU MUV V\ K,' p.® ich meinen Wohnsiz ausgeschlagen, mich in die lebhafteren Teile der �°i>t z., begeben, wo ein tüchtiger Wirt außer einigen trefflichen M'len ein kräftiges Anziehungsmiltel kredenzt, das ihm unter den "vertanen des Königs Gambrinus einen guten Ruf gesichert hat. d!. A" solchen Orten der Gastfreundschaft verkehren bekantl.ch auch den Tag über gedankenvoll bei ihrer Handarbeit sizen, einen Ge- dankenvorrat hiebe! aufspeichern und ihn Abends, wenn dann der Geist oder die Laune über sie komt, beim Glase und unter Tabakswolken auslun, um ihre gespanten Zeitgenossen damit zu beglücken. Hier habe ich mehr in Politik, als aus Leitartikeln und Broschüren gelernt, hier sind ost meine Gedanken über dunkle Probleme des Statslebens ausgeklärt worden und hieher begebe ich mich, um über Ucbelstände, so sich in der Oeffentlichkeit breit zu machen suchen, nähere Ausklärungen mir zu holen. Meistenteils finde ich einen begabten Mann, der, auf- geregt durch das gute Gebräu des Wirtes, in die Tiefen der Geschichte und der Gesellschaft greift, eine gute Idee nach der andern heraus bringt und mir eine nicht zu nnlerschäzende Belehrung dadurch zu- teil werden läßt. Die alten Griechen gingen in ihren Geistesnöten nach Delphi; ich, als Sohn eines modernen Staates, fahre zu den Philistern, denn so werden ja meine ehrwürdigen Freunde von der maulferligen Jugend unserer Tage gar zu gerne genant. So begab ich mich denn vor noch nicht so langer Zeit in tiefer Verstimmung über eine Kammerdebatte in der bayerischen Hauptstadt in meinen durstigen Rat der Alten. Das Gerassel der Omnibusräder, nicht geistreicher als die Bcredtsamkeit gar mancher Abgeordneten, be- täubte meinen Kops, die Gaslaterncn vermochten kaum den dichten, abcndlichcn Nebel zu durchdringen; ich starrte durch die Wagenfcuster aus das Trottoir, Ivo zalreiche dicht vermumte Gestalten schweigend aneinander vorüberschössen. Da klopste der Kondukteur auf nieine Achsel, ich war am Ziele, stolperte über den Tritt aus das Straßen- Pflaster und taumelte, vom Sizen steif geworden, in das hell erleuch- tete Lokal. Es war wie immer gut gefüllt und nur in einer einzigen ziemlich ungemütlichen Fenstcrecke stand noch ein Stnl leer, den ich rasch einnahm. Ein dichtes Gewölk von Tabaksqualm füllte die Zimmer und eS gehörte schon eine ungemein seine Nase dazu, um die Gaben des Abeudtischcs aus diesen« nikotinreichen Aroma herauszuriechcn; eine schwere Anstrengung, zu der man aber genötigt war, da der Wirt, ein Mann der alten Schule, keine Speisekarte niederschrieb und die beiden dienstbaren Geister so beschäftigt waren, daß man ost geraume Zeit warten mußte, che man von ihnen genaue Auskunst erhalten koute. Nachdem ich also mein Anregungsmittel vor mir stehen und den erwünschten Braten endlich auch erhalten hatte, suchte ich in der Ge- sellschast nach einem meiner Bekanten. Leider hatte sich an diesem Abend keiner eingefunden und mir blieb nichts anderes übrig, als mit meinem unbckanteu Tischnachbar eine Unterhaltung anzuknüpfen. Mir gegenüber saß nämlich ein Herr, der nicht zu den Stamgästen ge- hörte und von diesen deshalb nicht aufs freundlichste angesehen wurde. Diesem Umstände nur hatte ich den leeren Plaz und Stul an dem Tische zu verdanken. Der Fremde stand im reiscrcn Lebensalter und sein Antliz trug Spuren geistiger Arbeit, das Borherschen da in dem- selben war aber doch ein starker Zug von Uuzusriedcnheit. Nach meiner unmaßgeblichen Meinung gehörte er zu jener Klasse von Statsange- hörigen, welche Schiller in seinem Fiesko„Mißvergnügte" nent. Das Gesicht zeigte eine düstere, leberkranke Farbe; die Lippen hatte der Mann fest zusammengeknifsen. Man kante ihn für einen Rektor oder Gymnasiallehrer halten, der wegen mißliebiger politischer Ansichten vom Ministerium hart getreten, in der Beförderung übergangen und noch nicht wieder in Gnaden angenommen worden ivar. Nebenbei Zeigte sich ettvas von einem provinzialcn Anstrich in seiner ganzen Garderobe. Der Manu koute sich vielleicht Jarc lang abgemühi haben, Schulrat zu werden und nun genoß er»«it dem lczten abschlägigen Bescheide in der Tasche seine Henkersmalzeit. Ich sollte nicht länger müßige Hypotescn ausstellen. Der Herr lvarf mir einen durchdringenden Blick zu und sagte:„Entschuldigen Sie, mein Herr, man hat inir gesagt, daß dieses Lokal eines der be- suchtesteu in München sei." „Da hat mau ihnen nur die Warheit gesagt!" antwortete ich dem uubckanteu Mißvergnügten. „Und in einem solchen Lokale findet man keine Abgeordneten?" fragte er mit grimmigem Tone und Stirnrunzelu. „Nein, mein Herr," bemerkte ich lächelnd,„hier versammeln sich nur Bürger und svgcnante kleinere Leute, für den Stand der Abgevrd- neteii ist dieser Ort zu gcwönlich; die Herren Landtagsboten müssen Sie in den Fraktionsweinhäusern aussuchen." „Aber grade hierher, wo sie von der Stimmung und den Ansichten des Volkes sich unterrichten können, sollen sie gehen, gerade hier er- warte ich den lernbegierigen Abgeordneten," rief der Mann mit einer Heftigkeit, die mich an seinem Verstände etwas irre machte. Ich schwieg wirklich und sah ihn nur fragend an, denn jezt mußte es zu einer Er- klärung kommen. „Ich bin ein alter Pädagoge und Inhaber einer Erziehitugsanstalt," sagte der Herr und nahm einen reichlichen- Schluck Bier zu sich,„aber ich beschränke meine Erziehung nicht nur ans die heranwachsende Gene ratio», ich suche überall einzugreisen, wo ich bemerke, daß die Mensch- hrit einen Anlauf nimt, neue Bildungsstoffe zu verarbeiten, neue Fächer der Wissenschaft, neue Stände der Gesellschaft zu bilden. Sie werden nicht leugnen, denn Sie sehen wie ein gebildeter Mann aus, daß sich augenblicklich in München zwei Korporationen besiuden, die beide«, Kammern, die der Rcichsräte und die der Abgeordneten, mit denen sieh ein Pädagog sehr stark beschäftigen kann. Elftere haben freilich in meinen Augen keine sonderliche Zukunft; ich will also ilur von den Abgeordneten reden, aus denen etwas werden kann, etwas wer- den muß. „Sie scheinen Ihrer Rede nach mit unser» Abgeordneten nicht sonderlich zusrieden zu sein," sraglc ich mit einiger Vorsicht. „Um des Himniels willen, kann ein Pädagog, der in jüngern Jarcn auf seine Beredsamkeit sieh etwas zu gute tun durfte, mit ihnen zufriedcu sein?" rief der Herr und schlug heftig aus den Tisch;„ich verfolge die Kammerverhandlungen aufmerksam, habe auch schon früher und auch bei meinem diesmaligen Besuche den Sizungen beigewohnt, aber zufrieden bin ich mit den Herren nicht." „Nun, ich sollte meinen, gerade in der Hauptsache, in der poli- tischen Gesinnung, zeigte sich doch ein allmälicher wesentlicher Fortschritt?" „Ich rede nicht von der volitischen Gesinnung, ich bin Pädagog und nicht Staatsmann, aber ich sag' Ihnen, mein Herr, es sehlr««och sehr viel, ehe ich mit diesen alten Knaben, den Abgeordneten, zusrieden sein kann, wie mit meinen Jungen." „Sie stellen einen ganz neuen Gesichtspunkt auf!" bemerkte ich; „bitte erklären Sie sich etwas näher, in welche» Punkten sind Sic be- sonders mit den Abgeordneten unzusricden?" „In welchen Punkten? in allen sage ich Ihnen, nehme» Sie ja nicht diese Herreu in Schuz! Aber ich ivill Ihnen die Sache aus- sürlicher erzälcii. Zuerst bin ich als Schulmann im Punkte Ihres häufigen Schwänzeus sehr unzusriedeu. Wann ist die Kammer jemals vollzälig? Wie oft komt es nicht vor, daß nicht dieser oder jener, wie hinter die Schule, hinter die Sizinig geht. Sobald ein Abgeordneter sich durch seine Abstimmung mißliebig bei seinen Wälern zu machen fürchtet, überfällt ihn das Sizungsficber; er legt sich zu Belle, schreibt einen Entjchi«Idigungszettel an den Präsidenten und bleibt, wenn der Fall bedenklich ist und die Wächter zuhause ihn schon im Verdacht haben, 8—]4 Tage aus dem Sopha liegen." „Was ist aber dagegen zu tun?" „Nichts leichler als das, mein Lieber. Mau braucht nur, gleich dem ersten besten vereideten Teaterarzt, einen Kainmerarzt, cinc» alten Praktikus, zu halten, der über alle kleinlichen Finten und Bestechungen durch Schmeichelei erhaben ist. Meldet sich ein Abgeordneter krank, so stattet er ihm einen Besuch und dem Präsidenten ein Gutachten ab. Verstellt sich aber der Abgeordnete, so werden ihm für jeden Tag der fingirte» Krankheiten die Diäte» abgezogen. Das Hilst in den allermeisten Fällen, ich kenne meine Pappenheimer." „Das hieße ja aber, unsere Abgeordneten wie Schulknaben be- handeln!" sagte ich, ettvas entlüftet über den strengen Schulmann. „Sind denn gar vieledcrselbcn dcnJaren nach nicht etwa Schulknaben? Sie werden doch nicht leugnen wollen, daß ein ordentlicher Parlaments- kursus etwas mehr bedeuten will als ein Gymnasialknrsns, zu welcheni ein Junge von mäßigen Fähigkeiten eine stattliche Reihe von Jareu braucht. Gehen Sie doch nur in die Kammer und hören Sie auf- merksam und streng kritisch zu, dann wollen wir uns wieder sprechen." „Es sind doch einige tüchtige Redner vorhanden, einige schlag- scrtige Meister in Angriffen und Entgegnungen, einige wizige Köpfe____" „Einige— einige" rief mein Mann,„sie sollen sich aber alle aus- zeichnen, jeder nach seinen Fähigkeiten; in einem Staate von dem Um- sänge Bayerns dürste sich doch die nötige Anzal talentvoller und rede- fertiger, mit Sizfleisch versehener, kentnisreichcr und gesinnungsvoller Männer für eine Kammer auftreiben lassen. Das Zeug zu solchen Leuten ist im Volke schon vorhanden, aber die Pädagogik muß es erst gehörig krampsen und dekarlircn. J«ch gehe in allen« Ernste damit um, eine Schule der Abgeordneten zu stiften." „Eine Schule für Abgeordnete?" fragte ich verwundert. „Ja, mein Herr, die Stummen in der Kamincr haben mich schon längst auf diesen Gedanken gebracht. Diese armen, abgeordneten Mcnslhen, die vor lauter Vertrauen ihrer Wälcr mit dem schweren und verantwortliche» Anite der Volksvertretung belastet worden sind, sizen in den Verhandlungen fast so kläglich da, wie gewisse Zuschauer bei Gastvorstellungen französischer Schauspieler; auch sie verstehen die parla- mentarische Sprache nicht. Sic sind eigentlich nur in der Liste, an der Kasse und im Namcusverzeichnisse der Abgeordneten vorhanden, sonst reden sie weder, noch arbeiten sie für das Volk. Die Zeitungen nennen sie niemals; selbst über die traurige Notdurft einer persönlichen Be- merkung sind sie erhaben. Von den parlamentarischen Spottvögelu iverden sie in Ruhe gelassen, höchstens nimt sie ein Minister aus einer Soiree hinter einen dichten Fcnstervvrhang und versichert sich mit einigen Schmcichelwortcn und Händedrücken ihrer Stimme für eine seiner Vorlagen." „Allerdings sind diese Herren nicht die erfreulichsten Exemplare der Volksvertretung," sagte ich mit lachende«» Munde. „Die St«in« in ei« iverden»«eine Schüler, wenn ich mich aus den in jedem Menschen schlafenden heimlichen Ehrgeiz verstehe. Haben Sie erst einmal den Honig des Beifalls ihrer Kollegen gekostet, so steht mein Institut aus sesten Füßen, denn ich trete in der nächsten Session ulit einem Institut für parlamentarische Redeübuiigen zum Besten fchüchterner Adgeordneteu aus!" Der Mann sprach mit einer solchen Zuversicht, daß er mir wirklich imponirte. Ich gab dem Kellner einen Wink, zlvei frische Gläser zu bringen und bat den Pädagogen, mir de» Plan seines Unternehmens ein wenig genauer mitzuteilen, da ich er- bötig sei, ihm im Wege der Journalistik beizustehen. Der Pädagog leerte niit einer Getvantheit, die ihm noch von seinen Studieujarc» geblieben sein mochte, das frische Seidel bis ans einen winzigen Rest, räusperte sich und jagte:„Die Sache ist sehr einfach; ich bilde aus Abgeordnete», die sich in meine Zucht und Lehre begeben haben, solchen, die ihr Volk dereinst vertreten wollen, jungen, politisch begabten Leuten und staatsmännisch hoffnungsvollen Knaben ei» kleines Aslcrparlaincnt. Vor jeder Siznng arbeiten«vir in bester Form die nächste Tagesordnung in den später» Abendstunde» durch. Mein Parlamentchen«vird auch in Fraktionen geteilt,«vic das große, und es soll mir nicht daraus ankommen, einen Extremen- oder einen Sozial- demokrateu für hohes Honorar zu einer parlanientarische» Gastrolle zun« Besten meiner Zöglinge zu gewinnen, nur damit sie ihn rednerisch gründlich abinucken." „Ganz vortrefflich!" rief ich und drückte dem seltenen Manne die Hand,„die Idee eines solchen Probirparlamcnts für Anfänger und Stümper unter den Reichs- und Laudtagsabgeordncten ist unVergleich- lich. Schon der Titel, der so einen geistreichen Gegeusaz zu der Be- zeichnung„Rumpfparlament" bildet, versezt mich in Entzücken. Lade» Sie mich doch ja ein,«venn der Eine oder der Andere aus Gastrollen bei Ihnen ist, denn ich glaube ivirklich, daß in Folge sortgesezter red- nerischer Uebungen die parlamentarische feinere Redekunst sehr zunehmen und namentlich den Gegnern der Ausklärung die Warheil weit schärfer und geistreicher gesagt werde» könte. Wie aber gedenken Sie es mit den Parteien zu halten?" „Mit bon Parteien?" entgegnete leise mein vis-ä-vis,„ich habe lange genug die moderne» Statsmiasmen eingeatmet, nm zu wissen, dah ein Abgeordneter sich so gut auf die äußerste Rechte wie ans die Linke verstehen muß. Ich könte Ihnen eine ganze Reihe von Leuten nennen, die sich in beiden Fächern versucht haben. Nach meinem Prinzip sangen meine Schüler mit Redeübungen für die äußerste Linke an und hören mit Reden für die äußerste Rechte aus. Wenn Sie auf eine Menge Männer blicken, die sämtlich eine schöne Carriere gemacht haben, so werden Sie inir einräumen, daß ich denselben Weg mit meinen Zöglingen einschlagen muß." „Die Schule der Jugend", sagte ich ziemlich unwillig,„wird nach reineren Grundsäzen geleitet; in ihr wirkt der Lehrer nicht weniger auf die Ausbildung der Fähigkeiten, als auf die Erhaltung einer morali scheu Gesinnung ein." Mein Mann lächelte boshaft.„Vergessen Sie nicht, mein Lieber, daß wir in der Politik mit den Wölse» heulen niüssen", sagte er. Die widerspruchsvollen Redensarten des Mannes wurden mir nun elwas unheimlich, ich stand aus und wollte mich cnipfelen; er hielt mich aber am Rockschöße fest. „Erlauben Sie", murmelte der Manu und zog ein Blait Papier aus seiner etwas unreinlichen Tasche,„daß ich Ihnen wenigstens einen Prospekt meiner Anstalt mitgebe. Im nächsten Jare eröffne ich die- selbe; das nionatliche Honorar beträgt üO Mark, Abgeordnete über SO Jare zalen 20 Mark niehr." So lrenten wir uns, und ich begab mich, lebhast angeregt durch die neuen Ideen des zweideutigen Mannes nach Hause,»m unsere Unterhaltung so getreu als möglich niederzuschreiben. Im Ganzen war mir doch ein Stein vom Herzen gefallen; ich wußte jezt, wo Hilfe zu finden war, wenn ans der Tribüne ein Greis, der seine Rede ablesen wollte, oder ein hilsloscr Stamler vom Präsidenten getadelt werde. Der Marktplaz von Mvrida.(Jllustr. S. 248 u. 249.) Die Cor dilleras, welche als ununterbrochenes.tletteugebirge sich an der Westküste von Südamerika in einer Länge von 980 Meilen hinziehen, zweigen sich in nordöstlicher Richtung als das Gebirge von Venezuela ab und erreiche» ihren höchsten Punkt in der Sierra Nevada de Mvrida, deren mächtige Gipfel im Hintergründe unseres Bildes aussteigen. Hier, wo die schneebedeckte» Berggipfel eine Höhe von 14592 Fuß erreichen, gründete 1558 Juan Rodriguez Suarez die Stadt, deren bedeutendsten Plaz unsere Abbildung zeigt. Sie hat ca. 0000 Einwohner, einen Bischofssiz, ein geistliches Seminar, ein Kollegium, ein Kloster, verschiedene Schulen und lebhaften Handel, der seinen Bewohnern zur Wolhabenheit verholfen. 1812 wurde Mörida von einem Erdbeben zerstört, welches Venezuela schon öfter uud manchmal schrecklich heimgesucht, aber einigeJare daraus war es wieder aufgebaut. Einzelne Ruinen legen noch sprechendes Zeugnis von der verderblichen Macht der vulkanischen Erschütterungen ab. Baumwolle, Wollstoffe, namentlich schöngefärbte Teppiche und eine gute Sorte Kaffee werden als Hauptartikel von der Bevölkerung in den Handel gebracht.— Wäre es nicht schon sowieso für uns hinlänglich seststehcnd, daß es die Zivilisation der alten Welt, namentlich aber die Europas ist, welche in den neuen Weltteilen ihre Triumphe feiert, so würde uns gewiß das im Mittelpunkte unserer Illustration stehende Kirchcngcbäude diese Tatsache andeute». Prägt sich in ihr auch der einfache Karakter aus. den die wenigen anderen Häuser zeigen, so sagen uns ihre Formen doch nur zu deutlich, daß die Hand, welche die Pläne dazu entwarf, der Bautätigkeit kundiger war wie die der Eingeborenen, ja daß der Mann, dessen Kops der Plan entsprungen, Architekturwerke der„alten Welt" geschaut oder doch mindestens von deren Entstehung und Wirkung eine Ahnung empfunden hat. Der Unterschied zwischen diesem Bauwerk und deni vom demokratischen Gemeinwesen der alten Athener errichteten Parthenon ist nun freilich fast so groß wie der zwischen einer pommerschen Dorskirche und dem straßburger Münster, aber sein primitives Aussehen zeigt uns wol auch nur zu deutlich, wie hier Verhältnisse, von der ungezämten Natur beherscht, maßgebend waren und dies wol auch für alle Lebensäußerungcn noch sind. Und urwüchsig-schön, romantisch zeigt sich die Natur in der Republik Vene- zuela, von der die mit unserer Stadt gleichnamige Provinz nur einen und zwar den in der schönsten Gebirgsromantik belegcnsten Teil bildet. Schon die Partien an der Meeresküste, wo die brandende See die mäch- tige« Korallenrisfe allmälich durchlöchert und wo dann das Meerwasser durch die selbst gebohrten Oeffnungen mit Gewalt durchdringend tau- sende von Fontänen und Kaskaden bildet, welche rauschend und brau- send herabstürzen, gewären einen großartigen Anblick. Nicht minder die Kaktus- und Mimosenhecken, die Haine von Kokuspalmen, die her- lichen Bananen, die Kaffee- und Kakaoplantagen, wie der Urwald mit seinen mächtigen Baumstämmen, an denen sich Lianen und andere Schmarozerpslanzen, Orchideen und Bromelien tausendfach emporranken und von deren wild verschlungenem Geäst und Gezweig des Nachts beim hellen Mondcnschein die häßlichen Brüllaffen heerdenweise ihr ohrzerreißendes Konzert zum besten geben.— Von dem ca. 18 000 Quadratmeilen betragenden Flächeninhalt Venezuelas ist ungcsär ein viertel gutes Acker- und ein viertel Weideland, der Rest Urwald. Erstcres hat den Europäern gute Ausbeute in den bereits genanten Kakao- und Kasfeepflanzungen gegeben, außerdem reiche Erträgnisse an Weizen, 1 Baumwolle, Indigo, Zucker, Tabak, Mais, Kartoffeln». s. w. Aus' den Weiden gingen schon Ende der sünsziger Jare 2 Millionen Stück Rindvieh. Pserde, Maultiere, Schafe, Schweine und Ziegen werden noch außerdem gezüchtet. Auch die einheimische Tierwelt weist vielerlei nüzliche und schädliche Arten auf. Die Urwälder liefern vortreffliche Bau- und Nuzhölzer, sowie Vanille, Kautschuk, Tonkabohnen, Fieber- rinde, Gummi- und Harzarten, Farbstoffe n. dgl.— Von den l'/j Millionen Einwohnern sind nur ei» Prozent Weiße, die übrigen sind Mischlinge(Mulatten, Sambos) Indianer und Neger. In Nro. 14 d. I. haben wir bereits einen Jndianerstamm, die Wapischianna, er- wänt. Einen der wildesten und dem Namen nach bekantesten Indianer- stamm, welcher in den Urwäldern Venezuelas lebt, wollen wir hier noch anfüren, den der Botokude», dessen Name sich vom portugisische» botoque— Spund, Holzstöpsel herleiten soll.— Die meisten dieses Stammes tragen nämlich als sonderbaren Schmuck an den Lippen und Ohren eingeklemtc Holzstöpsel.— Aussicht aus dauernde Fortexistenz haben diese ein wildes Nomadenleben fürenden Waldsöhne wol nicht. Der Kamps gegen sie»ud ihre Lebensweise ist nun seit 400 Jaren von den Europäern mit Bibel und Gesangbuch, mehr aber noch mit Säbel, Flinten uud Schnaps gesürt worden und es ist ja nur zu bekant, daß diesen Waffen nur der widerstehen kann, welcher sich vollständig mit den Waffen des Geistes ausgerüstet hat, die uns die neuere Kultur zur Vcrsüguug gestellt. Das können nun die armen Indianer leider nicht. — Auch die Deutschen haben schon im IG. Jarhnndcrt unter den Ein- geborncn Venezuelas mit Feuer und Schwert gewütet, zu dem einzigen Zweck, den die Europäer damals— und auch heute?— dort verfolgten, d. h. sich mit Gold und Silber zu bereichern. Dem angsburger Hau- delshause der Weelser übergab nämlich 1527 der arg verschuldete Kaiser- Karl V. das Land als Lehen»ud schloß mit zwei Gcschäststrägcrn der genanten Firma, Ambrosius Delfiugcr und Hyronimus Sailler einen Vertrag, welcher dem genanten Hanse 12 Quadratmeilen Land zum Eigentum gab mit dem Rechte, jeden Eingebornen, der sich nicht frei- willig unterwarf, zum Sklaven zu machen. Sie mußten zwar unver- richteter Dinge wieder heinikehren, hatten aber auch für die Zivilisation in dem gesuchte» Eldorado nichts getan, als sich in de» Ruf brutalster Grausamkeit zu sezen. Die Spanier haben es natürlich nicht beffer gemacht, seitdem 1499 Ojedo an der Nordküste Südamerikas, an einem indianischen Küstendors gelandet, dem er den Namen Venezuela, d. h. Klein- Venedig, gab. Nicht die Künste des Friedens, der Pflug, waren die kultur- sördernde Waffe, sondern das Schwert, und so konte es denn vorkommen, daß von der 4900 Quadratmeilen großen Zone Ackerland, die im Norden das herliche Land umsäumt, erst 280 der itultur auhcimgegebeu waren, wärcnd sich davon in neuester Zeit nur 28 Quadratmeilen kultivirt vorfanden. Kein Wunder, daß dann dort Demoralisation in der Rechts- pflege und im State finanzielle Zerrüttiingen herschen. So zeigte der Rechnungsabschluß von 1852— 5,'I 8 248 031 Pesos(Peso— 4 Frks.) Bedarf, dagegen nur 2 705 055 Einnahme. Weil der Stat seinen Verpflichtiingcn gegenüber seinen Gläubigern nicht nachgekomnien war, hatte er auch allen Kredit eingebüßt. Zinsen wurden längst nicht mehr bezalt und evcnt. auch die(Gehälter der Beamten nicht mehr verab- folgt. Was jedoch vor 3'/, Jarhundert deutsche Kaufleute an Vene- zuela gesündigt, das scheinen ihre Kollegen von heute gut machen zu wolle». Wenigstens sind es vornehmlich Deutsche, welche dort lebend und wirkend den Handel mit dem Mutterlande beleben. Namentlich sind es dann auch die Dampfer von bremer und Hamburger Gesellschaften, die den Verkehr mit der südamerikanischen Republik und Eu- ropa vermitteln und die dortigen Erzeugnisse der Heimat zufüreu. Hauptartikel der Ausfur bilden Kaffee, Kakao, Baumwolle, Indigo, Häu'e und eine geringe Sorte PanamahiUe. Aber wie könte sich der Handel und Wolstand heben, wenn der sehr sruchtbare Boden ra- tionell bebaut und wenn die Hauptaufgabe der dort sich ansiedelnden Europäer in der Arbeit und nicht, wie seit langen«, nur in der mühe- losen Eroberung gesucht würde! Bildungsiustitute hatten zwar die Je- suiten bereits unter der spanischen Herschast begründet und zivar in Maracaibo, Mörida und Caracas, doch konten diese bei den dabei not- wendig maßgebenden Absichten dieser schwarzen Herren jedenfalls nicht die Wirkung erzielen, welche im Interesse des Landes und seiner Ein- wohncr zu wünschen ist. Nach Errichtung der Republik sind nun all- mälig 10 Nationalkollegien entstanden und 2 Universitäten, zu Caracas und Merida, errichtet worden; ebenso auch im crsteren Orte, der Lau- deshanptstadt, eine höhere medizinische Schule und eine Zeichen- und Malerakadeinie. Die Volksschule ist der Provinzialverwaltung unter-> geordnet, doch soll dafür nicht viel geschehen sein. Erzbistum Caracas und die Bistümer Merida und Guyana bilden die kirchliche Organisation. Toleranz soll zwischen den gleichfalls anwesenden Protestanten und Katoliken herschen.— Wie verkehrt jedoch die Europäer auch dort ihre zivilisatorische Ausgabe angefaßt, beweist, daß man auch die Klöster einbürgerte, also eine Institution, welche doch das Beten als erstes Prinzip i ausstellt. Fertigen auch die Nonnen von Merida schöne Handarbeiten nebenbei, so«väre es doch der Kultur des Landes zuträglicher, wenn anstatt des„Bete und arbeite" als Devise genommen würde:„Arbeite, und wer darin seine Pflicht erfüllt, der bete so viel er Lust hat." Vielleicht fänden dann auch die Indianer an dem weißen Mann inehr Spaß und Lust zur Nachahmung. Jedenfalls ivürde sich der schöne Plaz aus unserem Bilde an Werktagen bald mehr von Menschen belebt zeigen als wie dies heute der Fall ist.— ort. 256 Littrarische Umschau. I. SteiningerS neuester und vcrbcsierter Baucrnkalender für das Jar nach Christi Geburt 1882 für den gesamten deutsch-öster- reichischen Bauernstand mit einer ganz neuen, für jeden einfachen Land- Wirt leicht faßlichen Buchsürung, mit Einschreibe-, Wirtlchafts-, Rechen- und Gedeukbuch um die notwendige Haus- und Wirtschaftsrechnung füren zu könne», nebst gemeinnüzige», lehrreiche» und nnterhaltenden Aussäzen, Jarmärkte und Tabellen. Ein unentbehrliches und lehrreiches Hilfsbuch für jeden Oekonomcn. Herausgegeben von Joses Steininger, Wirtschastsbesizer in Gobelsburg, Post Hadersdorf am itamp, Nieder- Oesterreich. Preis 45 Kreuzer, per Post 50 Kreuzer. Gobelsburg, Verlag des Herausgebers.— Der Kalender ist für den Bauern, wie allbckaut, neben Bibel, Gesang- und Predigtbuch fast durchgängig die einzige Lektüre. Ihn liest er jaraiis jarein und ihm vertraut er nicht nur inbezug auf die Richtigkeit der darin angegebenen Markt- und Fest- tage und Wellcrprophczeiungen, auch die dort gebotene» Abhandlungen haben für ihn zweifellosen Wert. Welches Unheil demnach unsere Kalenderliteralur, die Millionen von Exemplaren unter der Landbevöl- kerung absezt, bei ihrer durchschnittlichen Beschaffenheit von heute anrichten muß, liegt, da diese Kalender meist nur Bibel, Gesang- und Predigtbuch würdig ergänzen, aus der Hand. Es ist daher mit Freuden zu begrüßen, wenn dem mit allem Ernst entgegengearbeitet und dem bildungsbedürstigcn Bauern, der im Schweiße seines Angesichts sein und der Städtebwohner Brot baut, auch von den Wissensschäzen der neueren Zeit eine Spende in der allgemein aus dem Lande beliebten Form des Kalenders als kleines Entgeld für seine Mühen gereicht wird. Ist man doch längst zu der Ueberzengung gekommen, daß die Interessen von Stadt und Land solidarisch sind und daß deshalb der zwischen beiden bestehende Gegensaz nur zum Schade» für das Gemeiuwol exi- stirt. Gefördert können diese gemeinsamen Interessen aber nur wer- den, wenn der Landmaun in den Kreis der geistigen Regungen der Städte hereingezogen wird und dazu wird— wir wiederholen es— immer nur die Lektüre, welche fast die einzige des Bauern bildet, der Kalender, hervorragendes beitragen können. Daß nun der uns hier vorliegende seine Ausgabe richtig ersaßt und anstatt der oberflächlichen Antklodcn, wie sonstigem verdummeuden Inhalt seiner Konkurrenten eine gesunde, kräftige, das Wissen wie das praktische Können des Bauer» fördernde geistige Kost bietet, geht schon aus dem oben ganz angesürten Titel hervor. Möchte er sich recht viele Freunde und Leser erwerben und dadurch sein Teil zu dem Werke der Bildung und des Fortschrittes beitragen. ort. Eine Rechtfertigung der Juden und wahre Lösung der Juden- frage. Bon Dr. C. L. Beck, Leipzig, Verlag von E. L. Morgenstern, Preis 2 Mark. Zu den verschiedene» Fragen, die so schon seit Jbrcn in Deutschland das öffentliche Interesse in Anspruch nehmen, haben wir bekantlich in der lezten Zeit noch eine bekommen, die aber nicht wie man von gewisser Seite immer und gern behauptet, aus einem allgemeine» Bolksbedürsnis entstanden, sondern mehr wie sonst etwas das Machwerk einzelner Personen ist, die entweder geistig so beschränkt, daß sie wirklich an die Berechtigung ihres Treibens glauben oder so schlau sind, um den zwischen den verschiedensten Bolkselementen ange- sachten Haß zu irgend welchem selbstischen Zwecke zu benüzen. Jedenfalls ist es eine Schmach für ein Volk, das im lezten Jarhundert so viele große für den Humanismus kämpfende Geistesheroen erzeugt und gepflegt, dessen Statslenker gerade in»euerer Zeit so viel von der Verwirklichung des„praktischen Christentums" reden, wenn inmitten dieses Volkes ein wüster Kampf ausbricht, wie er sich gerade in dem Treiben der Judenhezcr so oft offenbart hat. Wir sind nun der selsen- festen Ueberzeugung, daß diese traurige Bewegung an dem gesunden Sinn, der in den Massen des deutschen Volkes vorhanden, zerschellen muß und daß die wenigen Hauptschreicr bald dem Fluche der Lächer- lichkeit anheimfallen werden; aber gerade der Umstand, daß sich doch tausende von den wilden Hezercien gegen unscre Mitbürger mit fort- reißen ließen, läßt es notwendig erscheinen, hier die fehlende Klarheit und Einsicht zu verbreiten. Die Unwissenheit oder doch einseitige Bil- dung dürste wol in erster Linie der Grund des Fanatismus sein, der sich auch in der Hoz gegen die Juden bemerkbar macht. Denn Un- wissenheit oder blasser Neid kann nur die Beranlaffnng sein, gegen Leute zu Verfolgungen aufzufordern, die neben einem anderen Glauben auch große Schäze schnöden Mammons aufgesammelt haben. Das ungereimte eines solchen Versahrens springt aber erst in die Augen, wenn man bedenkt, wie einzelne Glaubensgenossen der Angefeindeten, die von den herschenden Machthaber» zu den höchsten gesellschaftliche» Stellungen emporgezogen wurden, trozdem ihr Lebensberuf lediglich im Anhäufen dieses schnöden Mammons bestand, gleich wie andererseits tau- sende der Glaubensgenossen der„Antisemiten" in punkto des Geldansammelns keineswegs hinter den Juden zurückgeblieben sind, one daß sie von der ob dieses unmoralischen Tuns entrüsteten Hezer auch nur erwähnt, geschweige denn verurteilt wurden. Dr. Beck wendet sich nun mit seinem über 100 Seiten starken, fesselnd geschriebenen Büchlein an diejenigen Bürger, welche sich in diesem Streite einen kühlen Kopf und volle Unabhängigkeit gewahrt haben, sodann noch an die, welche von Not und Elend heimgesucht, gern hezenden verbrecherischen Einfliiste- rungen Glauben schenken und für ihre materielle Bedrängnis die Juden als solche verantwortlich zu machen geneigt sind. Geschichtlich weist er nach, wie die Israeliten einst ein fleißiges Volk gewesen, das allerorts wolgelitten, überall Wolstand verbreitet habe und nur durch Jarhun- derte lange, scheußliche Verfolgungeu unterdrückt und schließlich aus die Bahn des Handels und Schachers gedrängt worden sei. Wir bitten nur das Kapitel„Im tausendjärigcu Reiche des Priestertunis" aufmerk- sam zu lesen. Unserer Meinung nach spricht gerade der Umstand, daß die Juden troz dieser Verfolgungen nicht nur nicht untergingen, son- der» sogar zu ihrer heutigen Machtstellung gelangten und uns so her- vorragende Gcisteskämpscr wie Spinoza, Mendelssohn, Börne, Jakoby n. a. geschenkt, am deutlichsten für das Kulturclement, das in ihnen steckt. Dieses Element zum Wole der menschlichen Gesellschaft nüzlich und dem Wucher, d. h. der von Juden und Christen geübten, das Ge- meinwol schädigenden Ausbeutung der gesellschaftlichen Kräfte durch staatliche und kommunale Organisationen unmöglich zu machen, dafür plaidirt schließlich der Verfasser.— Allen Freunden der Toleranz und des Humanismus können wir daher nur die recht gut ausgestattete Schrift zum fleißigen Studium empselen. ort. Kprechsal für jedermann. Bitte um Auskunft. In einer Nummer dieses Jargangcs las ich die freundliche Zuschrift eines Herrn I. Mark, aus Chicago, über: „Ein Haus in Bewegung". Da ich nun annehme, daß Herr Mark die amerikanischen Verhältnisse überhaupt genau kennt, so möchte ich anfragen, ob er so freundlich sein würde, in der N. W. über die dortigen Verhältnisse im Bausach, speziell für Maler Auskunft zu geben*). Ich habe Lust, nach Amerika überzusiedeln; es ist mir jedoch in lezter Zeit von verschiedenen Seiten erzält worden, daß es für meinen Berus dort fast schlechter stände als hier. C. Günther. AlgemeinwissenschaMche Auskunft. Berlin. H.W. TaS, was Tie lür törichte B er ftümlung der Bäume halten, deren Berpllanzung Sie mit angelehen haben, ist waricheinlich die notwendige Bor- bedingung sür den iärsolg de» Berrslanzens gewesen. Fast bei jedem Bersezen von Pslanze» ik eine Lcrlezung der Wurzeln, durch welche die Pflanze au« dem Boden ihre Narung zieh«, nicht zu vermeiden, und beim Bersezen erwachsener Bäume geht e« nicht ab one ein Abhauen oder Abreiben starler Wurzelteile. Ter so verflümmelte Wurzel- lörper lau» alidann längere Zcit nicht in genügendem Mabe seine Echuldigleit als »arung- insbesondere wasserzusürendes Organ tun und ftörll sich nur aflmälich dann zu der alte» Bolltätigleit, wenn die Wnrzclsvizen wieder neue mit Wurzelharen versehene Tlüile gebildet haben oder wenn Seilenwurzeln entstanden sind. Man trägt nun der mit Sicherheit»orauszusezende» Bermindcrung der Wurzeltätigleit dadurch Rechnung, dab man dem zu vcrsczenden Baume einen Teil seiner Aesle und damit einen entsprechen- den Teil seines Rarungsbedürinisse» nimt. In demselben Maße, in dem sich der Wurzel- lörper wieder zur alten»rast entwickelt, entwickeln sich dann au« einzelnen ttnospc» neue Zweige, welche die der verlorenen Aeste ersezen.; Barmen. Alter Abonnent S. In der Tat befleht iu Berlin eine technische Hochschule, deren Bildung durch Bereinigung der Äewerbealademie und Baualademie bereit« l«7V beschlossene Sache war. wärend die Aussürung dieses Beschlusie« dis in den April lS?» ans sich warten ließ. Tic technische Hochschule ist pollstäudig alademisch ein- gerichtet. Tie Leitung liegt in den Händen des Senates, der aus den süns Borsteher» der Abteilungen sdiese den„Aalnltäten" der Universitäten entsprechend), dem Spn- dilu«, süns au« dem Lchrpersonal gewälten Senatoren und endlich dem Rcltor de« Borjari besteht. Ter ein Jar lang an der Epize de« Senat« und der Hochschute stehende Reltor wird von der tilesamtheit der ordentlichen Lehrer gelvält. Tie süns Ab« teilnngen sind 1) Architeltur, 2) Bauingenicurwelen, 3) Maschineningenieurwesen, vor«, ; läufig mit läinschlub de« Schiffsbaus, 4) Chemie und Heilkunde, 5) allgemeine Wissen- i | schasten lbesonders Matcmatik und Raturwiflenschasten). Für Teutsche ist die Ausnahmt-; bedingung der Bcsiz eine« Rcisezeugnissc» seitens eine» deutschen tjlymnafiums oder einer preußische» Real- oder Gewerbeschule mit neunsärigem Nursui und wenigsten« zw» fremden Sprache». Auch die ehemals polytechnischen Schulen in Hannover und Aachr" sind in den Rang technischer Hochschulen erhoben worden. *) selbstverständlich wird sich auch jeder andere mit den beziig' lichcn Verhältnissen in Amerika Vertraute, wie unsere Leser zu Tai" verpflichten, wenn er uns darüber seine Meinung mitteilt. D. Red. Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart.(Neue Weinsteig- 23.)__ Expedition: Ludwigstraße 26 in Stuttaart Druck und Verlag von I. H. W. Dieh in Stuttgart.