Jllustrirtes UnterhaltungSblatt für das Volk Im Kampf wider alle. Roma» von Ierdinand Süsser. (20. Fortsczung.) fins r befand sich in der Tat auf dem Fccht- en. Tje reformirte Burschenschast Suevia war zwar im den unter der Bezeichnung der Schlägcrmensuren wol- hpn"zf" �"bentifchen Dueltspielcreien abhold, aber wenn sie nicht ims rr 11 un� �fr Verachtung seitens der landsmannschaftlichen lifi;< auf der Universität beständig in pcin- li*l ausgesezt und voraussichtlich nach nicht grade rühm- wi>'"f r'ams)fe a.m �"be erliegen wollte, mußte sie sich so gut eini die andern konlcurtragcnden akademischen Ber- Haut mit dem blanken Schläger oder in ernstere» wehren � � bem gesärlichercn krummen Säbel in der Faust 2" bcn Jüchsen der Suevia legte Ernst Häßler das meiste dei™ Zum kunstgerccktcn Gebrauch der schneidigen Waffen an bn»» ia�r � ,l'Qr z'kmlich kräftig und ungewönlich gewant und % c, außerdem das Glück, in seinem Leibburschen Guido von IlmÜ r geschicktesten und gefärlichsten Schläger der ganzen �U»ät zum Borbilde und Einpauker zu besizen. oiiff j �'eser sein Leibbursche ihn heute auf dem Fechtboden (inn x �a'tc er geade mit zwei der übrigen Füchse hinter- bcio svutrageschlagcn und beide gründlich verhauen. Er bch daher in ungemein guter und ziemlich erregter Stim- aus a'� Sronf Plözlich hinter ihm stand und, ihm die Hand itm � Schulter legend, one sich uni die andern zu kümmern, »ut den Worten anredete: di?»'�chs, ich habe mit dir zureden, wirf das Zeug da von wel'ff~I er �'ks auf die gewaltige dratgcflochtcne Fechthanbe, des(r: Ä" ihrer Uebung„paukenden" Studenten zum Schuze Zvn,, 0■ zu tragen pflegen und auf den dicken ledcrübcrge- der un das Schnltcrgelenk reichenden Polsterhandschuh, ähnlichen Zwecke zu dienen hatte. fron.�v' � lnit dir kommen ehe der Fcchtboden geschlossen wird?" e�der woldisziplinirte Fuchs. »«vfort— zieh dir deinen Rock an— rasch, ich habe Eile!" anderen„Sucven" fragten verwundert, was es gäbe. swi, fer,'9te sie kurz ab: »"chtch mag xuch anginge." fejn*"ne üne Wort weiter zu verlieren und auch one sich nach u? Heibfuchse umzuschauen, verließ er den Fechtboden. über I i seilte sich ihm nachzukommen. Auf der Straße, schon Ferfifs.>! ri Schritt entfernt von dem Hause, in dem sich der »den befand, holte er ihn ein. „Run was gibt's Thor?" „Macht jener Stein, der dein Schwager werden will, Verse?" Ernst Haßler verblüffte diese Frage auf das allerhöchste. Daß Thor, sein Leibbursche, vor dem er einen riesigen Respekt hatte und der ihm stets ernst und bewunderungswürdig überlegt er- schienen war, ihn vom Fcchtboden fortgeholt haben sollte, um solch' eine Auskunft zu erhalten, kam ihm ung.aublich vor. „Was— willst du von mir wissen, Thor? Ich verstehe diesen Scherz wirklich nicht, sei mir nicht böse, Alter, interessirt es dich wirklich, ob Franz Stein Verse macht oder nicht?" „Ich habe dich gefragt und du sollst mir antworten: weißt du etwas davon, ob Franz Stein jemals Verse gemacht hat?" Der Fuchs Häßler konte sich zwar von seinem Erstaunen immer noch nicht erholen, aber er gab doch one fernere Umschweife die verlangte Antwort: „Ich kenne Franz Stein überhaupt noch sehr wenig, wüßte also nicht——" Er unterbrach sich und legte den runden Hornknopf seines Spazierstöckchens nachdenklich an die Nase. „Halt," für er fort.„Er macht Verse!"— „Woher weißt du das?" „Nun— vor ein par Wochen trat ich einmal in das Zimmer meiner Schwester, als sie es eben auf einen kurzen Augenblick verlassen hatte und entdeckte auf ihrem Nähtischchen ein Blatt Papier, auf dem, offenbar im ersten Entwurf, ein halbes Duzend oder ein Duzend Verse geschrieben waren. Meine Schwester sah mich die Verse lesen, als sie zurückkam, und schalt mich erst tüchtig wegen meiner Indiskretion, dann aber gestand sie, daß sie sie wärend ihres Besuches in Seifcrsdors bei ihrem Verlobten entdeckt habe, der sie zwar angesungen, aber das Kind seiner Muse nicht wolgeraten genug gefunden habe, um es ihr anzn- vertrauen. Schnurriger Kauz— dieser mein Schwager in spe — ein wenig sentimental und verschämt troz all' der kräftigen Männlichkeit, die ihm im Gcstcht geschrieben steht." Der bei Guido von Frank so häufig zu beobachtende Zug der Verachtung hatte sich bei dieser Mitteilung seines Leibfuchses wieder scharf und drohend um seinen Mund gelegt. „Wie lauteten die Verse?" fragte er in seiner kurzen, mit- wortbefehlenden Weise. „Na, ich glaube gar, Thor," erlaubte sich der Fuchs zu er- widern,„du verlangst noch, daß ich mir aus lauter Begeisterung für die schönen Talente meines Zukunftsverwanten dessen poetische gebruar 1S82. Erscheint wöchentlich.— Preis vicrteljärlich 1 Mark 50 Pfennig.— In Heften ä 35 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Licbesergüssc auswendig ferne. Ich habe keine Ahnung mehr davon." „vielleicht kenne ich sie auswendig! Höre: „Nicht lang mehr, Liebe, will ich dein culbchren, „Tic du mir Zukunft bist und Glück--" „Nun hast du imiuer noch keine Ahnung?" „Na, da steht mir aber der Berstand still, Leibafter," rics der Fuchs;„bist du ein Hexenmeistcr? Ich mußte mich nämlich wirklich vcrdamt täuschen, wenn die Strophe nicht genau so anfing." „Höre weiter: Kann mich der Sehnsucht sürder nicht erwehren, O gib den Frieden, Frieda, mir zurück!" „Ich lasse mich totschlagen, Thor, wenn du das Poem meiucs verliebten Schwagers Stein nicht auswendig kaust. S' gibt keine Spur eines Zweifels mehr; grade das: O gib den Frieden, Frieda, mir zurück! siel mir aus mehr als einem Grunde auf. Und jezt fällt mir auch wenigstens so ungefär der Sinn des übrigen ein— er sprach von streben und kämpfen, und von des Lebens Mühe und Not oder so etwas ähnlichem, lvovon er an sich selbst meines Wissens nie etwas erfaren hat, und schloß mit der Hoffnung, glaube ich, daß er erst ein geistig gesunder Kerl werden würbe, wenn mein Riekchcn seine Frau geworden." „Also die Sache ist genau so, wie ich sie mir gedacht habe," sagte Guido von Frank.„Gut, Fuchs, trolle dich auf den Fecht- boden zurück." „Aber, Thor, du wirst mir doch zum mindesten sagen, wie das alles zusammenhängt und warum du— grade du, Thor, unser Gott des Donners und des Kampfes— dich um solche Lappalien wie die Verse Franz Steins kümmerst!" Frank schüttelte den Kopf. „Später einmal, mein Junge. Jezt habe ich weder Zeit noch Lust zu solchen Auseinandcrsezungcn. Ich gehe schnurstracks auf die Jagd und du weißt, das Wild wartet nicht auf den Jäger. Morgen, Fuchs! Tori geht der Weg nach dem Fechtboden--" Mit waren Niesenschrilten ging er von bannen.—-- Kurz nachdem Guido von Frank die sskechtsche Wohnung ver- lassen hatte, war Franz Stein da augelangt. C�s war ihm sehr fatal gewesen, als er vernommen halle, daß Specht nicht zuhause sei, obgleich er auf eine mehrere Tage vorher erfolgte Aufrage die Antwort erhalten hatte, Specht würbe sich freuen, ihn des Sonnabends gegen Abend empfangen zu können. Freilich wurde ihm versichert, Herr Specht ließe sehr um Entschuldigung bitten, er würde baldigst wieder nachhause kommen, es wäre ihm unmöglich- gewesen, ein dringendes und unvorher� gesehener Weise notwendig gewordenes Geschäft aufzuschieben. Herr Stein sollte ja die Güte haben ihn zu erwarten, dafür würde ihm Herr Specht dankbar sein. Franz Stein cutschloß sich nur ungern zu warten. Er überlegte einen Augenblick vor der Vorsaltür, ob er nicht lieber gehen und nach einer Stunde wiederkehren solle. Aber dieser Augenblick genügte, um Elfriede Specht zur Dazwischeukunft zu veranlassen. Sie öfsnetc die Tür des Salons, tat sehr überrascht, Herrn Stein wiederzusehen und lud ihn in der liebenswürdigsten Weise ein, näher zu treten. Stein war in der allerlezten Zeit fast noch mehr als vorher von seinen Geschäften in Anspruch genommen gewesen. Zuweiten einen Moment lang war Elfriede in seinem Gedächtnisse auf- getaucht,— er hatte sich auch vorgenommen, einmal genauere Erkundigungen über sie einzuziehen, aber noch hatte er mit keinem Menschen mehr von ihr gesprochen und sich auch nicht mit kri- tischem Sinne auf eine lleberlegung ihres Wesens und Gebarens vor seinen Augen eingelassen. So suchte er denn augenblicklich auch keine Ursache, ihr auszuweichen-- er folgte ihr also, one auf die unverschämt kecke und spöttische Miene der seitabstehenden und scharf beobachtenden Zofe zu achten, in den Salon. Nur mit einer verbindlichen Handbewegung und Kopsneigung nötigte ihn Elfriede Plaz zu nehmen. Sie selbst ließ sich, soweit von ihm entfernt, als es die Höflichkeit eben gestattete- an der cutgegengcsczlcn Seite des allerdings nicht großen ovalen Salontisches— nieder. Sic schaute heute wiederum sehr ernst, fast schwermütig darein, und es schien Franz Stein, als wenn sie nur mit größester Anstrengung ihrer trüben Stimmung soiveit Herr würde, um au harmloser Unterhaltung teilzunehmen. Und sie gab sich angenschciulich Mühe, eine harmlose Unter» Haltung zu beginnen. Warum sie mit ihrem Vater noch nicht nach Sciscrsdorf übergesiedelt sei, erzälte sie; ihr Vater habe nämlich in den jüngsten Tagen ungcivönlich viel zu tun gehabt und sie habe doch vor der ländlichen Einsamkeit, je mehr sie sich mit dem Gedanken der Uebersiedlung hätte vertraut machen wollen, desto mehr Scheu cmpsunden. Franz Stein hatte sie, wärcud sie sprach, prüfend betrachtet. T>e in eine äußerst einfach garnirte, aber außerordentlich kost- bare schwarze Samtrobe gehüllte Gestalt und das bei der mäßig gedämpften Beleuchtung und dank allen denkbaren Tockettenküniten keine Spur des Vcrblütseius zeigende Antliz machten den Ein- druck vollendeter Schönheit. Dabei erklang ihre Stimme in so weichen melodischen Accorden, daß sie dem immerhin noch von einer tüchtigen Dosis Mißtrauen beseelten Hörer sehr wider Wunsch und Willen zu Herzen drang. Er mußte sich einige Mühe geben, die von neuem leise aufkeimende Sympatie für dieses ihm rätsei- hafte Weib nicht zu verraten, als er, um die Unterhaltuiig nicht ins Stocken gerate» zu lassen, notgedrungen auch ein par Worte sprach. Aber es gelang ihm völlig, sehr kül zu erscheinen, indem er sagte, es sei allerdings ja vorauszusehen gewesen und durchaus gerechtfertigt, daß der vollständige Verzicht auf die Genüsse und Anregungen des Großstadilebens einer jungen Dame sehr schwer werden müsse. Elsricde erwiderte ruhig, von diesen Anregungen und Genüssen zu scheiden, falle ihr keineswegs schwer,— im Gegenteil. Vielmehr sei ihr allgemach der Gedanke aufgedämmert, daß in ländlicher Ruhe und Abgeichiedeuheit die Einsicht nur um so stärker und allzustark sich geltend machen werde, wie nichtig jene doch wol großenteils nur vermeintlichen Genüsse seien. Davor fürchte sie sich, indessen werde sie diese Furcht zu überwinden wissen, au den Wirkungen dieser Erkcntnis zu leiden, sei schließlich auch ein Genuß,— was heiße denn einsehen, erkennen lernen über- Haupt anders, als um einen Irrtum, eine Täuschung, eine Illusion ärmer werden, und jeder Irrtum sei ein reelles Bcsiztum, das zu verlieren eben Schmerz bereiten müsse, wärend erkennen und wissen nichts sei, als die leere Verneinung der Täuschung— leer und one alle» Ersaz für die meist aus dem tiefinnerlichen Bedürfnisse des Meuschen hcrausgcivachseue, mit dem Herzblut des Menschen gesäugte Täuschung. Ihre Warle delüeltcn bis zum lezten den ruhigen, von aller Affektation freien Klang— sie sprach, als ob sie etwas ganz gcwönliches, fast selbstverständliches sage, etwas was jeder andre Mensch auch meinen und empfinden müsse. Franz Stein mochte wollen oder nicht, was sie da sagte, in- interessirte ihn; das was sie sprach und die Sicherheit, mit der sie redete, bewiesen nicht nur eine nicht gewöuliche Bildung, son- der» auch, daß sie viel, und das konte er sich nicht verhehlen, mit erstaunlichem philosophischen Erfolg nachgedacht hatte. „Ihre Anschauungsweise ist interessant, ob sie aber nicht auch eine Täuschung ist und zwar eine Täuschung, deren Verlust ein positiver Gewinn wäre, scheint mir doch noch sehr fraglich, mein Fräulein. Was Sie meinen, läuft auf die Behauptung hinaus, nur der Irrtum sei das Leben und das Wissen sei der Tod, wie irgendwo auch einer unserer größten Dichter sich ausdrückt. Mir aber erscheint eben das Gegenteil richtig: irren ist ein geistiges Träumen, nicht mehr; die Welt um den Menschen her, wie sei» eigenes Sein und Wesen, seine körperlichen und geistigen Zu- stände und Beziehungen erkennen, heißt aufwachen vom Träumen und troz jenes Tichtcrivortcs ist Wissen erst wares, geistiges Le- bcn für den Menschen. Lder ist es kein reeller Profit, mci» Fräulein, wenn man z. B. philosophisch einsehen lernt, daß alles Genießen one Schassen, durch das man sich den Genuß gewisser- maßen erst redlich verdient, notwendig umschlagen muß in llu' befriedigung und Widerwillen? Von den positiven Errungen- schaften uusrer realen Wissenschaften will ich dabei ganz schweige?- es springt da doch wol in die Augen, daß die Mittel, welche)l{ uns zur Erleichterung des Kampfes um's Dasein, zur Erring»»? einer mehr und mehr sittlich und gemütlich befriedigenden Existe»? gcwären, auch reale, zum Teil sehr greifbare Besiztümer si»& welche wol unwidcrsprechlich beweisen, daß ihre geistreiche W" hauptung jedenfalls in ihrer Uneingeschränklheit nicht bcrech'� Elfride hatte ihren weißen, klassisch schön geformten Ar»» der, bis zum Ellenbogcngelcnk entblößt, von duftig zartem, durck» sichtigen Spizengewebc sich voll und rund abhob, auf den TiH gestuzt und das Haupt wie ermüdet in die Hand gelegt. „£ ihr Männer," sagte sie leise, gleichsam als wenn sie»»' zu sich selbst spräche,„wie seid ihr so weise! Alles Geniestcn one Schassen muß notwendig umschlagen in Unbesriedigmig und Widerwillen--- das habt ihr erkant und das ist gut, denn so wißt ihr doch wenigstens, weshalb wir armen Weiber, denen ihr alle Möglichkeit wirklich geistig erhebenden Zchasfens von der Wiege bis zum Grabe abschneidet, alle ernste Anerkennung syste- matisch und mit seltner Einmütigkeit versagt, weshalb wir not- wendig untergehen, umkommen müssen in Unbefriedigung und Widerwillen." Jezt richtete sie ihr schönes Haupt empor und wante ihren Blick durchbohrend und in leidenschaftlicher, aber fast feindselig funkelnder Glut auf Franz Stein. „Halten Sie ernstlich dafür, mein Herr Stein, daß diese Erkcnlnis ein— reeller Profit— sie betonte diese und die folgenden Worte mit schwindendem Hohne,„für die sogenante bessere Hälfte des Menschengeschlechtes ist?" (Forgezung folgt.) Die Emsiinmg der warmen Getränke in Europa. Lkulturgeschichtliche Skizze von K. S. (Schlich.) Ein englischer Historiker gibt eine Beschreibung des Kaffee- bauslebens in London aus dem Jare 1685, die den Einfluß und die Bedeutung desselben uns lebhaft vor Augen fürt. Es heißt da, daß Fremde, die nach London kamen, bemerkten, daß das Kaffeehaus dasjenige sei, was diese Stadt besonders von allen übrigen Orten unterscheide. Tas Kaffeehaus war der Londoner Heimat._ Wer jemanden besuchen wollte, fragte nicht, wo er wohne, sondern welches Kaffeehaus er zu beftichen pflege. Wenn auch üjemand von den einzelnen Kaffeehäusern ausgeschloffen dar, so sonderten sich doch die verschiedenen Stände und Parteien »i verschiedene Hauptquartiere. Es gab Häuser, wo sich Gecken veriammelten, deren ganzer Anzug, von der großen, schwarzen ocr flachsharigen Perücke bis herunter auf die feinen Stiefel, ii� Paris bezogen war. Tie Atmosphäre war wie im Laden wv ParfümeriehändlerS. Tabak in irgend einer andern Form » in der eines kostbar duftenden Schnupftabaks ward verab- m c!!.' �dun irgend ein Tölpel, mit den Gebräuchen des Hauses ttlfr*' nnt� kiner Pfeife rief, so ward er durch das Hohn- cheln der Anwesenden und durch die kurzen Antworten der � upvarter bald überzeugt, daß er besser täte, anderswo hinzu- gehen. Auch hätte er in der Tat nicht weit zu gehen gehabt. ! m allgemeinen rochen die Kaffeehäuser nach Tabak wie a»'- T�tube' linb Sl'embe drückten zuweilen ihre Verwunderung i».'' daß so viele Leute ihren eigenen Herd verließen, um in der e, ü011 ewigem Nebel und Gestank zu sizcn. Es gab ein »vi- ��ches besonders den schönen Wissenschaften gewidmet im»': drehte sich das Gespräch um poetische Gerechtigkeit .- i JKe Einheit von Raum und Zeit. Hier war eine Fakrion die»Ii�rrault lind die Modernen, eine andere für Boileau und »io r �'"e Gruppe debaltirte, ob das„Verlorne Paradies" »?.. hätte gereimt sein solle». Einer andern dcmvilstrirte ein difcher Dichterling, daß das„Gerettete Venedig" hätte von der di- gezischt werden sollen. Am meisten drängte man sich, in (ein». Siuls zu kommen, wo John Tryden, der durch �/.«assischen Satyren bckant gewordene Dichter, saß. Sich y?hch zu bücken und seine Meinung über Racine's neueste agvdie oder über Bossu's Abhandlung über epische Dichtkunst tablrtfn' 9Q" ss'r ein Vorrecht. Eine Prise aus seiner Schnupf- stai, se war eine Ehre, welche hinreichte, einem jungen Entu- 1J'CU den Kopf zu verdrehen. Es gab Kaffeehäuser, wo die cli'sf weedizincr konsnltirt werden kontcn. Doktor Johann Rad- crhnt.' �er"" Jare 1685 sich zu der größten Praxis in London l, kani täglich zur bestirnten Stunde in sein Kaffeehaus, Ivo �umgeben von Apvtckern und Tierärzten, an einem bestimten kei» � � �tiden ivar. Es gab puritanische Kaffeehäuser, Ivo man wo schwur hörte und wo kurzharige Männer über Gnaden- und Verwerfung im Nasenton vcrhaiidelten; jüdische Kaffee- A»ifc 11,0 schwarzäugige Geldwechsler von Venedig und von �t..°. am einander begrüßten, und papistischc Kaffeehäuser, wo > üen ihre Pläne schmiedeten. »lots°'"Ce die Bedeutung der Londoner Kaffeehäuser von da- E»m' doch hat, wie schon bemerkt, dieses Institut sich in d,»."'cht zu halten vermocht. Ist nun auch die Bedeutung da- a�we» Gelränke, und was mit diesen ziisammenhängt, für qröd° ntliche Leben verschwunden, so ist ihr Einfluß ein desto °"s das häusliche Leben Englands gewesen. Der b-d'�h'ltoriker Lecky meint, daß dieser Einfluß in England ein die„- größerer gewesen sei, als auf dem Kontinent. Indem gerauschvollen Zechgelage, die vordem allgemein Sitte waren, beseitigt, und der Schivcrpunkt des Lebens mehr in den häus- lichen Kreis verlegt wurde, ward auch die Frau auf eine höhere Stufe gehoben. Auf diese Weise trugen die warmen Getränke wesentlich zur Berfeinerung der Sitten bei, gaben sie dem Ge- schmack eine neue Richtung und milderten und verbesserten sie den Karakter der Menschen.— In Deutschland verbreitete sich die Sitte des Kaffeetrinkcns von England, Frankreich und Holland aus, und von den welt- handelvertretcnden Holländern wurden auch in erster Zeit die Kaffee- bonen, und zivar in gebrantem Zustande, bezogen. Am brau- denbllrgkr Hose fand das neue Getränk um 1670 Eingang und von hier verbreitete es sich bald weiter m den vornehmen Kreisen. Von den ärmeren Klaffen konte es des hohen Preises halber zu- nächst nicht genossen werden, und wie langsam hier die Aus- breitnng des Kaffee ging, zeigt die Tatsache, daß, wie der Knl- turhistoriker Joh. Schcrr berichtet, im schwäbischen Alpdorfe Gen- kingen erst im Jare 1817 der erste Kaffee getrunken wurde. Daß dieses Jar ein Hungerjar war, beweist deutlich, daß der Kaffee aus einem Luxusgetränk ein Narungsmittel geworden war; ein Umstand beiläufig, den wir nicht freudig begrüßen können, da das neue Getränk Anregunsmittel, aber nicht Narnngsiiiittel sein kann, und der Kaffee bei iveitem nicht im Stande ist, den Narlingswert der von ihm verdrängten Milchspeisen zu ersezen. Wenn in Paris und London, ivie wir sahen, die Kaffeehäuser eine große politische Bedeutung erlangten, so ist dieses von den dentschen Kaffeehäusern nicht zu berichten. Das deutsche Volk des 17. und 18. JarhundcrtS kümmerte sich wenig um das öffentliche Leben, und daher bedurfte es keiner Klubs, keiner Zu- sammentunftsorte, an denen cS öffentliche Gegenstände zur Er- örterunz bringen konte. Wir sehen denn auch, daß, obgleich sich Ende des 17. und anfangs des 18. Jarhunderts die Kaffeehäuser rasch einbürgerten, dieselben doch von llntergeordncter Be- deutung waren. Zum großen Teil verschwanden sie auch bald ans manchen Städten, um dort erst in unserer Zeit wieder ihren Einzug zu halten. Dieses gilt besonders vom deutschen Norden. In einigen süddeutschen Städten dagegen, und besonders in Wien, haben sich die Kaffeehäuser besser erhalten, und hat ja diese Stadt durch ihr Kaffeehausleben eine Art Berühmtheit er- langt. In Wien lvilrde das erste Kaffeehaus nach der leztcn Be- lagerung durch die Türken errichtet. Ein Pole, Namens Kol- schitzky, der Wärend des Krieges der Regirung als Spion und Dcpeschenträger Dienste geleistet hatte, erhielt zur Belonung die Konzession zur Errichtung eines Kaffeeschanks, und dein Inhaber dieses ersten Vorläufers der Wiener Kaffeehäuser zu Ehren ist eine wiener Straße„Kolschitzkygaffe" getauft. Im Jare 1686 wurde Nürnberg und Regensbnrg, im Jare darauf Hamburg mit dem neuen Institut betaut; in Srutigart ivard 1712 und in Augsburg 1713 das erste Kaffeehaus er- richtet. Wie in England so war auch in Deutschland die Einfürung der Aufgußgetränke von großer Wichtigkeit für das häusliche Leben. Das gesellige Leben in Dentschland um die Mitte des 17. Jarhunderts zeigt sich uns als ein durchaus rohes und verwil- dertcs, wie das nach den Verivüstungen des 30järigen Krieges wol kaum anders sein konte. Bei den geselligen Zusammenkünften wurden geistige Getränke, und besonders Bier, in geradezu un- geheuerlichen Quantitäten getrilnken. Als Beispiel hierfür, und als Bcleg, was selbst Frauen in dieser Beziehung zu leisten vermochten, sei hier nur auf einen Abschnitt aus einer„Hoftrink- 1 ordnung" des Herzogs Ernst von Sachsen-Koburg vom Jare 1648 hingewiesen, wo es folgendermaßen heißt:„Zum Frühstück und Vespertrunk vor unserer Gemalin soll an Bier und Wein, soviel dieselbe begehren wird, gefolget werden; vors gräfflichc und adelige Frauenzimmer aber 4 Maß Bier und des Abends zum Abschenken 3 Maß Bier; vor die Frau Hofmeisterin und zwo Jungsem wird gegeben von Ostern bis Michaelis, Vormittags um 9 Uhr auf jede Person 1 Maß Bier und Nachmittags um 4 Uhr ebensoviel." Das war für Frauen! Was die Männer im Trinken zu leisten vermochten, geht daraus hervor, daß der brandenbnrgische Oberkamnierer Knut von Burgsdorf wärend einer Malzeit 18 Maß Wein zu trinken pflegte. Ans derselben Zeit ist uns ein Aktenstück erhalten, welches über die Mittel und Wege Aufschluß gibt, wie man dem allzu rohen Treiben Einhalt zu tun suchte. Diese Mittel sind aber gleichfalls so bezeichnend für den gesellschaftlichen Ton danialiger Zeit, daß wir das Schriftstück hier folgen lassen. Es ist ein Revers, unterschrieben von einem Wolf Dietrich von Branden- Nach der Verurteilung.(Seite-er.) stein, und enthält das Versprechen, sich in einem Zeitraum von 6 Wochen nicht betrinken zu wollen. Es heißt da:„Demnach ich Endes Verzeichneter wegen gestrigen übertriebenen Trunkes, wodurch ich leicht um Leib und Leben, meinem armen Weib und Kind zum größten Schaden hätte kommen können, auch nun mehr resolvirt habe, zwischen hier und Jakoby mich mit dergleichen Laster niemals zu überladen, auch zu steifer und fester Haltung derselben, da ich mich etwa binnen dieser Zeit dazu veranlassen dürste, verpflichte ich mich zu allen Malen, ein Paar gute Maulschellen von meinem gnädigen Herrn, oder wem es Jhro fürstliche Gnaden Jemandes von dem Ihrigen anbefehlen wollte, zu erhalten, oder mich sonsten mit einer ungewöhnlichen adeligen Strafe belegen zu lassen. Zu warer Bekräftigung habe ich solches eigenhändig unterschrieben. Altenburg am 9. Juni 1652. Nachschrift: Dabei ist zu gedenken, daß, wenn auch es anderweit geschehen sollte, ich auch gleichfalls zu ebenmäßiger Strafe be- kenne." Zur Milderung solch rohen Wesens trug die Einfürung der Aufgußgetränke wesentlich bei. Der Konsum von Bier und Brantwein nahm bedeutend ab, je schneller die neuen Getränke an Boden gewannen. Hiermit aber stellte sich auch ein Hindernis der raschen Verbreitung derselben ein. Durch die Abnahme des Konsums spirituöser Getränke wurden die landesherrlichen Kasse» in Mitleidenschaft gezogen, da die auf Bier und Brantwein ge' legten Stenern einen wesentlichen Teil der Einnahme der Fürst«» ausmacht. Da ihr Interesse in Frage kam, fanden die viele» Regirungen bald heraus, woran die Abnahme ihrer Steuere!»' künste lag, und um diesem abzuhelfen, belegten sie den Kaffes gleichfalls mit einer Steuer. Bald aber fand sich, daß hierdurch der Ausfall nicht gedeckt wurde. Kaffee war kein Getränk, welch»* man in solchen Masse», auch über den Durst, zu sich nehm«» konte, wie es bei Bier und Wein der Fall war. Dem m»Bte abgeholfen werden, und so verbot man, also hier aus iv irt' schaftlichen Gründen, das neue Getränk. Diese Verbote war«» so zalreich, daß beinahe kein einziges der vielen deutschen Land' che» davon verschont blieb. Eines der lezten dieser Verb� spielt in Hessen-Kassel, wo noch im lezten Viertel des vorige? Jarhunderts das Kaffeetrinken verpönt wurde. Der Landgr»! Friedrich II. ließ sämtliche Kaffeeschenken in seinem Lande schließe" und wante sich„freundnachbarlich" an die übrigen deutsche" Fürsten mit dem Wunsche, sie möchten seinem Beispiele folget Der Herr Landgraf scheint init seiner Kaffeeverfolgung Niger Gluck gehabt zu haben, als mit dem Verkauf seiner Units' tauen, die er als Kanonenfutter an England verkaufte. S«'' Borschlag wurde nämlich größtenteils abgelehnt. Es ist uns ein Bericht erhalten, welcher über diesen Gegenstand im geheimen Kabinet zu Dresden erstattet wurde, und worin die Ablehnung eingehend inotivirt wird. Dieselbe stüzt sich daraus, daß ein Verbot des Kaffee„in hiesigen kommerzirenden Landen und in den Gegenden derselben, wo eben bei Gelegenheit der stärkeren Handlung der mehrste Kaffee konsumirt wird, niemals zu einer völligen Wirksamkeit gebracht werden könne." Interessant und sür die wirtschaftlichen Grnndsäze damaliger Zeit bezeichnend ist der weitere Teil des Berichts, der von den Einkünften des Staats vom Kaffee handelt, und in welchem darauf hingewiesen wird, daß der Kaffee bereits ein billiges Narungsmittel geworden sei, welcher es den Frauen ermögliche, für„wolfcile Preise" zu ar- bcilen. Es Hecht da:„Vermutlich dürfte in den meisten Orten das Verbot nur die Wirkung hervorbringen, daß der Kaffee heimlich eingebracht, gekauft und genossen, dadurch aber eines- teils die nicht unbeträchtlichen Einkünfte von Kaffee in die lan- desherrlichen Kassen mit nnterschlagen, andernteils der Handel mit solchem und der Gewinn auf diesen Handel den Aachbarn angewiesen würde. Demnächst ist sehr unalisgeinacht, ob ein solches Verbot im ganzen genominen fürträglich seh. Denn wenn auch dadurch der Konsum von Bier und Brantivein in etivas vermehrt würde, so ist doch lcztcrer der Gesundheit nicht weniger nachteilig als der Kaffee(!) Ueberdein würde die Vermehrung des Abgangs von beydcn mit der Verininderung der Koilsumption des Kaffee in keinem Verhältnis stehen. Denn bei den Acrineren vertrilt der Kaffee öfters zugleich die Stelle der Ätahlzcit und würde, wenn es nicht erlaubt wäre, mit einer Suppe ersezt wer- den. Folglich würde, soviel den Einfluß auf die landesherrlichen Revenuen anbetrifft, schwerlich bei den Abgaben von Bier und Brantivein soviel zuwachsen, als beim Kaffee abginge. Der hauptsächlichste Vorteil wäre eigentlich in der Erhaltung des Landesvermögcns zu suchen, von welchem weniger außer Landes gehen würde. Doch auch dieser Vorteil würde zninteil in hie- stgen Landen durch die inländischen Waaren, so im Wechsel des Kaffee ausgesendet werden, und durch die wohlfeilen Preise er- sezet, welche manche Fabrikanten, absonderlich Frauenzimmer zum- teil auch deswegen mit ihrer Arbeit machen können, weil sie den Kaffee als ein wohlfeiles Nahrungsmittel betrachten." Tie Suppe, die keine Steuer brachte, ist in Sachsen denn ja auch glücklich durch den zu den„landesherrlichen Kassen" bei- tragenden Kaffee verdrängt worden, und die„billigen Preise", die„absonderlich die Frauenzimmer mit ihrer Arbeit machen können, weil sie den Kaffee als ein wolfeilcs Narungsmittel be- trachten" hat ein gut Teil zu der sprüchwörtlichen Armut des sächsischen Erzgebirges beigetragen.— Nach dem Beispiel Ludwig XlV. hatte auch Friedrich II. von Preußen in seinen Staaten eine große Anzal von Waren,— gegen 50U— monopolisirt. Unter diesen befand sich auch der Kaffee, so daß auch dieser nur für Rechnung des Staates einge- fürt und verkauft wurde. Ja, selbst das Brennen des Kaffee nam Friedrich als Regal für sich in Anspruch, und es macht einen einigermaßen seltsamen Eindruck, wenn man hört, daß eigene Kaffeeriecher angestellt waren, die auf den Straßen herum- schnüffeln mußten, ob sich nicht der Geruch gebrauten Kaffee» irgendwo zeige, und die dann die Uebcrtreter zur Anzeige zu bringen hatten. Wärcnd der napoleonischen Kriege ward eine Zeitlang der Verbrauch von Kaffee in Deutschland dadurch beinahe aufgehoben, daß Napoleon durch die Kontinentalsperre die Einfürung aller englischen Waren nahezu unmöglich machte. Als Volksgetränk verschwand der Kaffee damals vollständig, weil der hohe Preis der wenigen Ware, die nach Deutschland hereinkam, ein so enormer war, daß nur vermögende Leute ihn zu zalen vermochten. Später hob sich indeß der Verbrauch dieses Getränkes in Deutsch- laud derart, daß dieses jezt von größeren Ländern im Konsum des Kaffee die erste Stelle einnimmt, und überhaupt nur von Belgien und der Schweiz übertroffen wird. Die warmen Getränke sind in ihrer Bedeutung als Volksgc- tränke— wolvcrstanden nicht als Narungsmittel— noch bei weitem nicht genügend gewürdigt worden, und sie verdienen als mächtigste Gegenmittel gegen die Verbreitung der Spirituosen in jeder Weise unterstüzt und gefördert zu werden. Mehr als alle Trunlsuchtsgescze würde die Aufhebung de» Zolles ans Kaffee und Tee der um sich greifenden Trunksucht entgegenwirken, da der Zoll eine Bertcurung dieser Artikel bewirkt und sie daher in geringerem Maße dem Volke zugänglich macht. Daß zwischen der Verbreitung der warmen Getränke und der Verbreitung des Genusses von Spirituosen ein bestirntes Verhältnis besteht, ist all- scitig anerkant, und es ist z. B. mehrfach darauf hingewiesen worden, daß der Verbranch berauschender Getränke in Wien bei weitem nicht so bedeutend sei, als in andern Weltstädten, und bekantlich ist in dieser Stadt das Kaffeehauswesen in stärkerem Maße entwickelt, als anderswo. Aber nicht allein, daß durch den Zoll der Kaffee und Tee verteuert wird, er wird dadurch auch verschlechtert. Ist durch den Zoll doch gewissermaßen eine Prämie auf die Fälschung dieser Gennßmittel gesezt, da es klar ist, daß, je teurer ein Gegenstand ist, desto vorteilhafter und da- durch verbreiteter muß seine Verfälschung werden. Natürlich wird durch die wertlosen, ja schädlichen Stoffe, die zum Berfäl- scheu gebraucht werden, auch der Wert des Kaffee und Tee als Anregungsmittel vermindert, und dadurch wiederum» da der Mensch solcher Anregungsniittel zum Leben bedarf, indirekt die Verbreitung von Spirituosen gefördert. Je billiger die Aufgußgetränke sind, desto weniger wird Trunk- sucht mit ihren Folgen verbreitet fein!— Die Berufstätigkeit der Juden in Deutschland und Rukland. Von<£. Lüveckl. Durch lange Gewönung sind wir im allgemeinen der Ansicht geworden, daß die jüdische Bevölkerung zu jeder schwereren Arbeit untauglich und nur noch zum leichten Handel und zum Geld- gcschäste verwendbar sei. Daß die Inden auch Handwerker ja sogar Landwirte sind und wie die Christen im Schweiße ihres Angesichts ihr Brod erwerben, das klingt der Mehrzal der Menschen so neu und unfaßbar, daß man die energischsten Zweifel zu ge- wältigen hat, wenn man derartige Kezereien zu äußern wagt. Und doch ist es so; die Juden unterscheiden sich bezüglich ihrer Berufsarbeit nur unwesentlich von den Christen; sie treiven Handel und Handwerk wie diese und in großen Prozcntsäzeu auch Landwirtschaft, mit dem Unterschiede allerdings, daß die Juden ein ungleich stärkeres Kontingent zum Handelsstandc stellen als die Christen, Wärend diese wiederum in ihrer großen Majorität der landwirtschaftlichen Beschäftigung zugewendet sind. In Preußen z. B. betrug im Jare 1849 bei einer erwerbsfähigen(männlichen jüdischen) Bevölkerung von 69610 Personen die Zal der jüdischen Landwirte 940; sie stieg 1852 auf 1043, sank 1855 auf 987, 1858 auf 943 und stieg 1861 wieder ans 971. Hiebci sind jüdische Tagelöhner und Gesinde in der Landwirtschaft nicht mit gerechnet; ebensowenig die jüdischen Krug- besizer, die wol ausnainslos auch Ackerbau treiben.— Die jüdischen Handwerker und Gehilfen bezifferten sich im Jare 1849 auf 12 054, im Jare 1852 auf 12 626, 185 j auf 11556, 1856 auf 1 1 347 und 1861 auf 11 445, wobei die jüdischen Tage- löhner und Lehrlinge nicht mitgerechnet sind. Zum Handels- stände gehörten im Jare 1849 inkl. der Gehilfen 27 166 Juden, 1852 stieg diese Zal auf 30 399, 1355 auf 32 301, 1858 auf 35 654, 1861 auf 38 683 Personen. Der Handelsstand machte im Jare 1861 von den arbeitsfähigen(männlichen) preußische» Juden 55,57»„ aus, der Handwerkerstand mit Hinzurechnung der Gehilfen und 4.aglohner 18« 0, der Kontingent der Landwirte 7"o'— Es fielen hienach dem leichten Erwerbe 55,57«„ und dem schwereren 25« 0 der arbeitsfähigen(männlichen) jüdischen Bevöl- kerung zu. Die leztere Zal erhöht sich jedoch, wenn man die Handelsgeschäfte in leichtere und schwerere teilt, zum höheren und leichteren Banquiers, Großhändler, Kommiffionsgeschäfte one offne» Lade», Kauflente mit offenem Laden, Liferanten, Agenten, Kommissionäre und deren Gehilsen»nd zum niederen und im allgemeinen schwereren Handel die umherziehenden Handelsleute, Pferdehändler u. s. w. rechnet. Man könte mit Fug und Recht auch das offene Ladengeschäft des Spezerci- oder Schnittwaren- kausmanns tum schwerere» Gewerbe zurechnen. Indes es sei daransjjerzichtet und nach der landläufigen Anname das Gegenteil zugelassen und der sicher mühselige, mit den größten Entbehrungen verknüpfte Hausirhandel allein den schweren Bcrnfsarten znge- sellt. Im Jare 1861 beschäfligte er in Preußen 5298 Personen oder 7,61«% der gesamten jüdischen(männlichen) Bevölkerung, und dieser Zal steht der leichtere Handel mit 22,062 Personen oder 47,96° o der erwerbsfähigen männlichen Bevölkerung gegenüber. Wir hätten nun folgendes Bild: Den leichteren Bcrufsartcn ge- hören 47,96% den schweren 32,61° g an.— Das sind bcmerkens- werte Zalen, welche uns klaren Aufschluß über die Berufstätig- kcit der Juden geben. Hielten wir ihnen diejenigen der christlichen Berufstätigkeit entgegen, dann würden wir finden, daß die Christen alle diejenigen Geschäfte betreiben, welche die Juden ausüben, Landwirtschaft, Handivcrk und Handel, den lezteren im Verhältnis zur gesamten erwerbsfähigen christlichen Bevölkerung warscheinlich in geringerem Maße als die Juden, dafür jedoch den leichteren und leichtesten viel mehr als den schwereren. Im übrigen würden wir ivarnehmcn, daß, umgekehrt wie bei den Juden, der land- wirtschaftliche und handwerksmäßige Beruf ungleich höhere Pro- zentfäze der arbeitsfähigen Bevölkerung ausweist als der Handel*). D>c Ursache dieser Erscheinung liegt vorwiegend, nian könte sage» ausschließlich in historischen Verhältnissen, in deni Umstände, daß das Gros der Juden, ivol richtiger die Gesamtheit derselben, in Mittel- und Westeuropa, von allen Berufszweigen ausgeschlossen wurde, die als ehrlich galten, von allen Handwerken, von der Landwirtschaft und dein höheren Handel. Landivirtschaft betrieb »>it Hilfe der Leibeignen der Adel, das Handwerk, die christliche Innung, den Handel die christliche Gilde; für den Inden ver- blieben gewisseruiaßen nur der Abfall der Berufsgeschäfte, das, was den Christen gemein und unehrenhaft dünkte, der Wucher»nd der niedrige, mühselige Handel. Darauf sind sie eingelebt, ihn haben sie Jarhunderle hindurch treiben müssen, und da im Jare k«6l nur noch 7,6i(i/0 der arbeitsfähigen männlichen jüdischen Bevölkerung an diesem Handel betätigt sind, so ist das erstaunlich »nd sicher ein Beweis dafür, daß die Inden wol befähigt sind, zu anderen Berufszweigen zu greifen. Die Zeil der Knechtichaji gab den jüdischen Volkselementen ihr eigenartiges Gepräge. Tie Juden gcwönten sich, auf den ihnen allein ofscn gebliebenen Gebieten ihre Existenz zu erringen, und K schwieriger das leziere war, um so mehr mußte das Wesen Inden ein eigcnariigcs werden. Das Elend demoralisirt und dasjenige der Juden war eui unbeschreiblich großes! Da wun- bere man sich nicht, wenn sie schließlich durch eine breite und befe Kluft von den Christen gctrcnt waren. Wie die Juden bei der ihnen oktroyirten Beschäftigung verknöcherten, so geschah es bekanilich auch mit der ungeheueren Mehrzal der Christen im Zustande der Leibeigenschaft. Sie erstarrten gleichfalls in der Knechlschast und blieben in der kulturellen Entivicklung niit hinter den privilcgirtcn Klassen zurück. Daß der Bauer im allgc- uwinen selbst heute noch weit von den sogenanten„gebildeten" Bolksklassen gctrenl ist, das findet seine hauptsächlichste Erklärung "> der Leibeigenschaft, deren Fesseln ihm erst im Anfange unseres �arhuiiderts abgeiiommen wurden. Allerdings gesellt sich hiezu auch die Vernachlässigung der Bauern nach ihrer Emaiizipalion durch die Gcsellschafi und ihre Organe, die sich nicht mehr son- oerlich um sie kümmerten und sie einfach ihrem Schicksale über- "eßen. In„och viel höherem Maße wurden von dieser Ver- uachläjsjgung die Juden betroffen, die in Preußen heule noch zu am liebtosesten behandelten Stiefkindern der Gesellschaft ge- gdreii und die jezt noch nicht im Vollbesize der bürgerlichen fechte sich befinden, wenn formell auch die konfessionellen Schranke» aWischen Juden und Christen gefallen sind. % Mit der Emanzipation der Juden und Bauern hat sich bei jlluden und Christen ein Berufswechsel eingestellt; der noch heute wrtdaucrt und durch die allgemeinen sozialen Verhältnisse beein- llußt wird. Wie bedeutend dieser Wechsel bei den Juden ein- *) Wer sich über die Berusslätigkeit der Juden, ihre Schicksale .'Nd ihre Zukunft unlerrichle» will, den verweisen wir auf die von uns M. 2(j d. Bl. besprochene, im Verlage von L. Morgenstern in d'�'g erschienene„Rechtjertigniig der Juden«nd wäre Lösung Judenfrage" von Hr. C. L. Beck.-i->e Redaknon. getreten, das haben unsere Zalen gezeigt. Groß ist auch die Anzal der Bauern, welche seit der Emanzipation der Landwirt- schaft den Rücken gekehrt und in den Städten eine bessere Exi- stanz gesucht, als der ursprüngliche Beruf sie ihnen zu geivären vermochte. Der Berufswechsel hier wie dort wird zumteil auch durch die höhere Achtung beeinflußt, die der sogenante geistige Berns sich erworben. Mit der Bildung erwacht in den unteren Schichten der Bevölkerung das berechtigte Verlangen, sie so fru btbar als niöglich zu verwerten, mit ihrer Hilfe eine bessere Existenz als die der eigenen Kaste sich zu erwerben. Dieses Streben ivird ein brennendes durch die ruinirende Einwirkung jenes gewaltigen wirtschaftlichen Prozesses, der alljärlich viele tanseude kleiner Handiverker und Bauern an den Bettelstab bringt, wärend er ans der anderen Seite den Großbetrieb der Industrie und Land- lvirtschaft begünstigt. Beim kleinen Handwerk und der zersplit- terten Banernwirtschast ist eben keine Seide mehr zu spinnen, ivie man zu sagen pflegt. Bei dieser Sachlage ist es keinem Menschen zu verdenken, wenn er lohnenderen Beschäftigungen sich znivendet. Ans der anderen Seite erscheint es auch unbillig, an die Inden die Forderung zu stellen, sich auf ein sinkendes Schiff zu begeben, d. h. partout Berufszweigen sich zuzuwenden, die nur noch in seltenen Fällen ein halbivegs auSkoniliches Dasein ermöglichen. Indem eine solche Forderung geltend gemacht ivird, fällt es übrigens niemandem ein, nach der Befähigung des Individuums zu fragen. Man sezt bei den Juden einfach Arbeitsscheu voraus und glaubt dafür die Verurteilung derselben zu scchiverer Arbeit aussprechen zu müssen. Es liegt auf der Hand, daß ein in dieser Richtung gegen die Juden geübter Zwang in wirtschaftlicher und und allgemein rechtlicher Beziehung geradezu ein Verbrechen iväre. Jeder denkende Mensch würde es sicher freudig begrüßen, wenn der Staat sich darum küinmertt, daß der einzelne, seinen Talenten und Fähigkeiten entsprechend, in der Gesellschaft seine denkbar beste Verivendung fände. Wir wünschen, daß er es machte wie vernünftige Eltern es tun, die bemüt sind, ihren Kindern eine ihren Neigungen und Fähigkeiten entsprechende Be- rnfsrichtung zu geben, sie das werden zu lassen, ivozu sie sich am meisten und besten eignen. Was die einzelnen im Kleinen üben, das sollte der Staat, der zum Wole des einzelnen geschaffene Organismus, nicht unbeachtet lassen. Hebend, veredelnd, er- zieherisch auf die Volksmassen einzuwirken, das müßte eine seiner elementarsten, zugleich aber auch wichtigsten Aufgaben sein, die nicht nur vom volksivirtschaftlicheu, sondern auch vom Stand- punkte der Volksgesundheitspflege aufzufassen iväre. Die Ner- vosität wäre im deutschen Reiche sicher nicht eine so große, ivie sie es heute tatsächlich ist, wenn sür einen gehörigen Ausgleich zwischen geistiger und körperlicher Arbeit gesorgt iväre uno die Einseitigkeit in der Berufstätigkeit verhütet werden könte. Es würde gewiß den heute vorwiegend und einseitig geistig Tätigen körperlich und geistig nüzen, wenn sie täglich 2 Stunden sich mit körperlicher Arbeit in der Landwirtschast oder in sonst einem Fache beschäftigten. Und umgekehrt wäre es den ausschließlich an die schwere Arbeit geketteten Menschen äußerst heilsam, wenn sie sich täglich auch ein par Stunden geistig beschäftigen tönten. Das Resultat würde sein, daß die lächerlichen Vorurteile gegen die schwere Arbeit schwinden, die schroffen Gegensäze zwischen geistiger und körperlicher Tätigkeit sich ausgleichen wurden. Wir iviffen gar wol, daß in dieser Richtung noch mehr geschehen müßte, daß noch ganz andere Faktoren dabei in Betracht fallen; an der schweren, an der niedrigen Arbeit haftet ja der Fluch und das Elend, das in bedenklichster und vermirrendster Weise die Gegensäze zwischen der geistigen und der physischen Arbeit er- weitert. Doch es ist hier nicht der Ort, anssürlicher auf diesen Punkt einzugehen. Der Staat ist erst zum kleinsten Teile seiner wich- tigen Aufgabe inne geworden, und im allgemeinen erscheint er, seinen verfehlten Beruf als Erzieher bezeichnend, gewissermaßen als Prügelpädagoge, und dazu nur in den Zuchthäusern! jsLaS wir als heilsam andeuteten, das wird noch lange frommer Wunsch bleiben. Wie der wäre Pädagoge niemals durch Prügel erzieht, so sollte jeder Staat sich hüten, one iveiteres, d. h. vne gründliche Prüfung und Unterscheidung, durch Zwangs- oder Gewaltmaß- regeln die Berufstätigkeit einer Volksklasse umgestalten zu wollen. Er würde dabei mehr verderben als verbessern. Und nun vollends gar, wenn der einzige Vorzug des neuen Berufs im Auf- wände großer körperlicher Anstrengungen bestünde, dem nicht ein jeder gewachsen wäre, und wenn durch den Berufswechsel der Uebelstand selbst, gegen den man angeblich ankämpft, der Wucher, auch nicht im mindesten gehoben wird. Man komme uns nicht mit der„an sich ehrenhasten christ- lichen Gesellschaft." Nicht in der Konfession liegt das Uebel, sondern in den wirtschaftlichen Verhältnissen, wie in dem Bildungs- zustand des Geistes der Gesellschaft, die mächtiger sind als alle Einwirkung der Religion und der sie verkündenden Kirchen. Im Handels- und gewerblichen Verkehr der Christen ist ebenso wie im jüdischen die Ehrlichkeit nicht immer oder gar selten zu finden, das wird jeder Unbefangene zugeben. Bei Beurteilung der Berusswal der Juden ist wol der allgemeine Saz festzuhalten, daß niemand freiwillig ein elendes, verächtliches Gewerbe erwält, wenn irgend eine Möglichkeit sich bietet, eine anständigere und auskömlichere Existenz zu erlangen. Die Juden werden ebensowenig wie die Christen zögern, das niedrige Gewerbe mit dem höheren zu vertauschen, wenn dies im Bereiche der Möglichkeit liegt. Diese Möglichkeit ist aber nur in den allersetteusten Fällen gegeben, und meist muß der christ- liche und jüdische Handwerker in dem Berufe, der ihm selber durch seine Einseitigkeit und Unfruchtbarkeit zur Qual wird, um- kommen, da die Gelegenheit zur Rettung nirgends sich bietet. Man hat aus unseren Zalen ersehen, wie groß der Einfluß der Emanzipation auf die Juden gewesen ist, wie sich ein ge- waltiger Strom von ihnen den Berufszweigen zugewendet hat, die ihnen bisher verschlossen geblieben waren. So wird es auch in Zukunft weiter gehen, doch gebe man sich keinen Illusionen hin, die armen Juden werden ebensowenig wie die reichen ver- schwinden und die Ehrlosigkeit wird noch lange vergeblich in unserem Verkehre zu suchen sein, wenn dieser selbst nicht eine ehrlichere Organisation erhält. Run, wie mit den Juden in Preußen so verhält es sich auch mit den Juden in Rußland und Polen. Freilich, wenn man sich die Geschichte der Judenverfolgungen in Rußland ver- gegenwärtigt, dann könte man meinen, die Juden dort seien nur Schnapshäudlcr, Schacherer, Schmuggler und ErzWucherer, ein völlig unbrauchbares Volkselemeut in der russischen Gesellschaft, dessen Ausstoßung je ftüher je besser zu erfolgen hätte. Die Tinge liegen aber doch wesentlich anders als die fana- tischen Gegner der Juden sie Hinstelleu. Die Juden sind in den Gebieten, die ihnen erschlossen sind, der Bevölkerung alles. Jedes nur deukbare�Handwerk wird von ihnen getrieben; sie sind Schuh- macher und Schneider, Tischler, Drechsler, Schlosser und Schmiede. Sie betreiben Mühlen, Fabriken aller Art, sie sind Schornstein- seger, Straßenreiniger, Furleute, Maler, kurz alles, was das Bedürfnis der Bevölkerung erfordert. Es gibt keinen Beruf, kein Gewerbe, das ihnen zu niedrig, zu schlecht wäre. Sie ergreisen mit unermüdlichem Fteiße jede Beschäftigung, von der sie hoffen, daß sie die Erhaltung ihrer Existenz ermöglicht, und vor keiner derselben schrecken sie zurück, sie mag noch so mühselig und ver- ächtlich sein. Und doch hat man die Juden aus Großrußland vertrieben, schreckliche Verfolgungen gegen sie in Szene gesezt!— Das gibt zu denken und könte zu der Anname verleiten, sie seien im Grunde genommen doch nur ein Abschaum der Menschheit und sie verdienten die Behandlung, die sie gefunden haben. Es sind blutgettänkte Blätter, die uns die Schicksale der russisch-poluischen Juden erzälen, und die wir aufschlagen wollen, um dieser Meinung entgegen zu treten. Sie beginnen in fteund- lichen, lebcnsfrischen Farben und schildern uns die Juden Jar- hunderte hindurch als fleißige geachtete Bürger, die ihrem Lande von größtem iiiuzen sind. Daun kommen die religiösen Ver- solgungen, die im Herschaftsgebiete des russisch-griechischen Christen- tums mit der grausigen unmanschen Schlächterei ihren Anfang uamen, die nach der polnischen Stadt Unman in der japarogschen Kosaken-Republik Sitsch ihren Namen erhielt. Der Schlag, welcher hier gegen die Juden gefürt wurde, kam nicht ganz un- vorbereitet, ischon vorher war es öfter zu Reibungen zwischen den als Polen noch speziell verhaßten Juden und den mos- kowittsch gesinnten, griechlich-katolischen Kosaken gekommen. Am schrecklichsten zedoch äußerte sich der von den griechisch-christlichen Priestern emsig genärte und gesteigerte Antagonismus rwischen Kosaken und Juden zur Zeit Kasimirs des Großen und zwar in dem genanten furchtbaren Massenmorde der Juden durch die -....1 Kosaken. Diese wüteten in erbarmungsloser Barbarei; zwanzig- tausend, vielleicht dreißigtausend Juden, Männer, Frane», Greise und Kinder wurden umgebracht und sielen dem religiösen Fana- tismus und politischen Rücksichten zniu Opfer. Tie Kosaken zogen verheerend— mit Mord und Brand durch das Land, sie ließen keine Stadt, keinen Ort verschont, wo Juden sich niedergelassen hatten, und nichts Jüdisches und den Juden Gehörendes entging der Vernichtung. Das war etwa um 1650, noch in den Frülingstagen des zur russischen Staatskirche erhobenen griechischen Christentums. Die Polen nahmen sich ihrer Angehörigen an, sie fürten Kriegs- züge gegen die barbarischen Nachbarn und fügten ihnen vielen Schaden zu. In der jüdischen Geschichte aber hat sich die Erin- nerung an diese entsezliche Schlächterei unter dem Namen „Geseiess Tach"— die Gottesstrase vom Jare 408— bis auf heute verewigt. Es illustrirt dieses Ereignis die Stellung der Juden unter der Herschaft des griechischen Christentums überhaupt und damit auch im eigentlichen Rußland selbst. Man weiß, daß die Aus- treibungen der Juden aus Groß-Rußland in der ersten Hälfte des vorigen Jarhunderts ihren Anfang namen. Zu verwundern bleibt, daß bei der feindseligen Haltung der griechischen Kirche gegenüber dem Judentum diese Austreibungen so lange aus sich warten ließen; Verfolgungen allerlei Art sind ihnen allerdings vorausgegangen, alle jedoch hatten sie in religiösen Hezereien oder in dem Umstände ihren Ursprung gehabt, daß die Juden als Polen aufgefaßt wurden. Wärend das griechische Christentum den Juden den unversöhnlichsten Haß entgegentrug, regten sich gegen sie im katolischen Polen viele Jarhunderte hindurch keinerlei Feindseligkeiten. Die Polen waren intelligenter und edler und bei ihnen konte die christliche Kirche nur sehr schwer zu einer dominirenden Stellung gelangen. Unsere Leser wissen, daß es Zeiten gegeben hat, in denen es in Polen anders mit den Juden bestellt gewesen ist als heute, daß sie sonnige, freundliche Tage im Osten Europas erlebt, wo sie in der Gesellschaft eine hoch- geachtete Stellung einnahmen, gleichberechtigte Volksgenoffen, Menschen unter Menschen, Bürger unter Bürgern waren. In Nord und Süd, im Osten und Westen des damals mäch- tigen Polens hatte der Name der Juden einen guten Klang. Das im Westen Europas zu Tode gehezte Wild fanatisirter christlicher Priester, der verachtete, tief herabgewürdigte und i» den Staub getretene jüdische Paria galt bei den gastfreundlichen Slaven, welche den Wert eines Menschen nicht nach seiner Kon- fession sondern nach seinem gesellschaftlichen Nuzen bemaßen, als Kulturträger, als Vertreter der Intelligenz. Die Juden erwiesen sich damals gleich wertvoll auf dem Gebiete des Handels, der Industrie, der Landwirtschaft und der Wissenschaft. Sie galten als tüchtige und durchaus zuverlässige Beamte, denen unbedingt zu trauen war. „Man findet noch in diesen Provinzen(Rußland und Polen), sagt Gratiani im„Leben des Cardinal Commendon- � Bd. 15,„eine Menge Juden, die nicht verachtet werden, wie in andern Ländern. Sie leben dort nicht elend von dem schmälichen Profit des Wuchers und ihrer Gelegenheitsdienste, obwol sie aus diese Art von Gewinn nicht verzichten, sie besizen Grund und Boden, widmen sich dem Handel, ja selbst de» W'p senschaften, insbesondere der Medizin und Astrologie Sie haben fast überall das Amt, die Eingangs- und Durch' fuhrzölle zu erheben. Sie besizen beträchtliches Vermöge" und stehen nicht nur im Range ehrenwerter Leute, sondern ge' bieten solchen sogar zuweilen. Sie haben keine Zeichen, das pe von den Christen unterscheidet; es ist ihnen sogar erlaubt, Dege" zu tragen und bewaffnet zu gehen; kurz sie genießen allc Rechte der übrigen Statsbürger." Das ist ein unverdächtiges Zeugniß, an das Lelewel bei legenheit einer kritischen Betrachtung der polnischen Adelsrepubw erinnert. Er selbst bemerkt, die besseren Zeiten dieser RepubH' im Auge habend:„Die talmudistischen Juden, reich mit Privilegien ausgestattet, bevölkerten auf allen Punkten die Unering liche Ausdehnung der Republik; stolz auf ihre Spekulationen � ihre Industrie lebten sie troz einiger Plackereien, denen sie � terworfen waren, in Wolhabenheit und betrachteten Polen als irdisches Paradies." (SoHf'Jung folgt.) 265 Meine erste Gotthardsart. Reiseskiz�e von«Lars Stichker. Im Monat Lktober 1878 sah ich mich gonötigt, über die Alpen nach dem Süden hin zu gehen. Der Ausgangspunkt der Reise war die Universitätsstadt Zürich, das Reiseziel bildete zn- nächst das Städtchen Lugano, und somit bedingte die direkte Richtung dieser Tour eine Fahrt über den St. Gotthard. Von jeher hatte ich eine Reise in dieser Richtung geplant. Namentlich wenn beim Föhnwinde die Alpenkctte recht deutlich und niarkirt ihre zackigen und karakteristischen Riesencontouren am Himmel auf tiellblanem Hintergrunde in voller Klarheit zeigte, hatte sich meine bis dahin ungestillte Sehnsucht nach dein Süden stets auf's neue mit Mächtigkeit geregt. Jezt war die Notwendigkeit einer solchen Alpenreise an mich Plözlich herangetreten und nun galt es, in aller Eile die notwendigsten Vor- bercitungen für diese eigenartige Tonr zn treffen. In der vorgerückten Iarcszeit stand eine stundenweite Fahrt durch öde, unbewohnte und zudem etwas gefärliche Gegenden in Aussicht. Hatte doch schon einen Monat vorher(im Septbr. 78), wieder einmal ein äußerst verheerender Schneesturm auf der Uebergangshöhe und in den Hochtälern des ofterwähnten und bis in die neueste Zeit vielbegangenen Gebirgsstockes getobt. Bei dieser Gelegenheit hatten ganz instruktionswidrig, zalreiche cid- genössijche Telegraphenstangen und Dräte das Zeitliche gesegnet, die lokalen Postverbindungen hatten mannigfache Störungen und Unterbrechungen erleiden müssen und mehrfach waren, wie stets bei derartigen Ereignissen, Menschenleben aufs höchste gefärdet worden. Da diese zum mindesten recht unerwünschte Verkehrsromantik sich in der Regel mit dein Eintritt und mit dem Fortschreiten der rauhen Iarcszeit steigerte, war eine ziemlich beschwerliche �kije zu erwarten. Vom hcrlichsten Herbstwettcr begünstigt trat ich meine Reise indem ich meine Wenigkeit nebst diversem Handgepäck zu- nächst der schweizerischen Nordostbahn zur Beförderung anver- traute und nun mit dem modernen, dampfenden und rauchenden �ohikel auf glattem Eisenpfade gen Süden für. Durch anmutige Täler eilte die lange Waggonreihe der Zen- tralschweiz zu. Bald war der kleinste Kanton der Eidgenossen- Ichasr, der Kanton Zug mit seinem glcichbcnaniten malerisch ge- wgencm Hauptstädtchc» erreicht. Lezteres noch vor einigen Jar- zohiiten der Siz einer berüchtigten und verrufenen mittelalterlich barbarischen Rechtspflege, konte mich weder durch seine historisch edeiiteiiden Altertümer noch durch sein iveltberühnites spirituöses 'Uchwasser zu längerem Verweilen reizen. /Räch kurzein Halt danipftc der Train wieder in die wunder- olle Landschaft hinaus. Links bot sich der Ausblick über den Uten, leisbewegten Spiegel des Zugcrsee, dessen unheiinliche 7,"sie durch das dunlle Kolorit seiner kühlen Flut hinreichend "'»sirirt wurde. * Weit drüben jenseits der Wasserfläche zeigte sich die breite �erg, nasse des Rigi und weiter im Süden begrenzten und krönten ich- jhr m V" siblten in demselben Eoupö Plaz genommen als oinei, �"bondes Acußere und ihre inunlere Redseligkeit bildeten kleidunn ln �bgensaz wider die schlichte und düstere Kloster- und sw alt uiochten diese jungen, sonst durch strengen Zwang HerbV Formelwesen beengten Gemüther an diesem prächtigen V �oiselust in vollen Zügen genießen! fafn Mi, fV-, berkündete nach kurzer Fahrt und nach dem Pas- bukit** UiHlen Tnnnels, plözlich die rauhe Stimme des Eon- Schwei,«'.schönstgelegene Stadt am schönsten See der djx eli'i,,, Luzern in den Reisebüchern genannt. Am See -Nif den H"telbauten, Fremdei.pensionen, Villen w.:c., und tische Vh" Hähen mittelalterliche Festungsmauern und roman- arch,.„s?bch.U"rme. Dazwischen hie und da manche hervorragende Ztück bsiiohe Erscheiiinng, die in bemerkenswerter Weise ein scher �bnonaler Kulturgeschichte repräsentirt oder, oft in drasti- siiinftV'e 011 eine entfernte Entivicklungsperiode der heimischen "«gungen errinnert. siurs« x. Quf de» See steuerte jezt der Dampfer, um seinen bch den klassischen Stätten der Urkantone zu nehmen. Die Reisesaison mit ihrem Massenstrome lärmender und schau- lustiger Vergnügungszügler war schon zu Ende; blasirte Modetouristen und jene barocken Typen der„Saison", die Alt-Eng- land in auffallender Weise vertreten oder nachäffen, fehlten gänz- lich auf dein Dampfer, und es bot sich eine ziemlich ungenirte und genußreiche Fahrt. 1 Einige schweizerische Soldaten, zumeist Leute von Schwyz und Uri, die von Waffeninusterungen oder Uebnngskursen in voller Uniform und mit Wehr und Waffen zurückkehrten, bildeten die ' bemerkenswertesten Erscheinungen auf dem Dampfer. Die Schweiz ist bekantlich das einzige curopäischc Land, welches an Stelle des stehenden Heere» eine allgemeine Volksbewaffnnng zu sezen gc- wagt hat. Auf dem Vorderdeck des Schiffes erinnerte ein ziemlich um- fangrcicher Postpaketwagen an das Ziel der Reise. Das genante Fahrzeug gehörte dem Hauptpostanite Luzern und enthielt die Pakete, Wertsendungen». s. w., die mit diesem Posttrain über den St. Gotthard hinweg zum sonnigen Süden befördert werden sollten. Ter Viertvaldstättersce mit seinen vielen Ausbuchtungen nach allen Richtungen hin und der überraschend vielseitige und bunte Wechsel der zumeist schroffen und großartigen Gebirgspartien an den Ufern bieten in ihrem allinälich zur Wirkung gelangenden Gesaniteindrnck einen unvergeßlichen Genuß. Und wie mannigfach tauchen die historischen Erinnerungen an den Gestaden dieses See» auf. Wenn an den der Pietät- vollen Erinnerung geiveihtcn klassischen Stätten die unverwüst- liehe nationalbegeisterte Volkssage sich behauptet und die Grün- dungsepoche des schweizerischen Staatenbnndes mit ihren her- vorragenden Helden feiert, so gibt es dagegen an den Ufer- gelän-en des See's auch Ortschaften und Lokalitäten genug, die an die Schreckenspcrioden des Jares 1798 und an den Unter- gang der alten Eidgenossenschaft erinnern. Damit aber dem Erhabenen das Groteske und Komische nicht fehle, drängt sich hier auch jene winzige Ortschaft ins Gedächtnis, die Jarhunderte hindurch eine eigentümliche und abgesonderte Stellung behauptete. Schon in früher Zeit erkaufte das am südlichen AbHange des Rigi, unmittelbar am schmalen Ufer gelegene Dörfchen Gersau sich die Selbständigkeit und anno 1359 wurde es in den„einigen ! Bund" der Eidgenossen aufgenommen, in dein es über ein halbes I Jartausend verblieb und wärend circa vier Jarhnnderten ein autonomes Staatswesen bildete. Dann kam die„Franzosenzcit" und vernichtete neben manchem anderen Kurivsuin auch dieses eigentümliche Staatswesen; die größte Merkwürdigkeit dieser Ortichast überdauerte jedoch noch Jarzehnte hindurch die alten Zustände und gewährte noch in den zwanziger Jaren dieses Jarhnnderts eine eigentümliche Er- scheinung. Nach Schluß der Gersauer Ortskirchwcih fanden sich nämlich in althergebrachter Weise von weit und breit herbeigeströmte Scharen ein, denen an anderen Orten ein öffentliches, fröhliches Beisammensein untersagt war. Gersau feierte seine„Ganner-Kilbi" t'Kirchweih). Das zalreich vertretene und vielfach gestaltete Kontingent der Vagabunden, Professionsbettler, Straßenräuber und Schelme, fand sich mit Kind und Kegel am Schluß der Ortskirchweih ein, um seine eigene„Kirchweih" in Saus und Braus, mit Lärm und Geräusch, Wärend dreier Tage ungestört feiern zu können. Am vierten Tage durfte kein derartiges Individuum im Orte oder in dessen nächster Umgebung sich noch erblicken lassen, daher war die eigentümliche„Feier" insofern ebenfalls hochinteressant, weil ihre Teilnehmer sich in der Regel zur rechten Zeit und in geschickter Weise entfernen mußten, um nicht den Schergen der heiligen Hermandad in die damals bedeutend unsanfteren Hände zu fallen. Weiter rauschte der Dampfer auf dem von hohen Gebirgs- wänden eingefaßten See, leichte Dunstschleier legten sich um die bis dahin deutlich sichtbar gewesenen Kuppen der Hochgebirge und ein mehr und mehr sich verstärkender Wind brauste durch das Seetal, um erst die Wasserfläche leicht kräuselnd, schließlich im brausenden Fortissimo recht ansehnliche Wasserhügel an den steileren Partien der Uferfelsen emporzujagen. Wir näherten uns dem Teile des See's, an dessen Gestaden die nationale Ueberlieferung sich am reichsten entfaltet und auch zugleich sich auf's zäheste, troz der Widerlegungen und Vernich- tendcn Kritiken der kompetentesten Forscher, behauptet. Die stürmische Witterung erschien mir als eine angenehme Beigabe zum Uarakter dieser Hochintercssanten Gegend. Wenn Dnnstgebilde und sturmgejagtes Gewölk die hochge- legen en, eleganten und imposanten Hotel- und Pensionsbauten verbergen, wenn der Herbststnrm die Fluten dieses See's auf- wült und den Bergen und Felswänden eigentümliches Getön zu entlocken scheint, wird unbedingt der romantische Effekt der Land- schaft wesentlich erhöht werden. Der Herbststurm mit seinem Zubehör verscheucht zumeist den bunten Trost der Modetonristen von den Ufergeländen dieses See's und ermöglicht somit in der Regel einen ungestörten und stimmungsvollen Genust, wie ihn die Fart oder der Ausenthalt bei gewönlichen Verhältnissen und Umständen nicht immer gewärt. Brunnen, der Hasen von Schwyz und hoffnungsvolle Knoten- Punkt der damals noch in Aussicht stehenden Gotthardbahn, war erreicht und veranlaßte einen längeren Halt des Danipfers, der hier Waren und Passagiere landete, dagegen aber für die Weiter- fart auch eine Bereicherung seiner Deckstasfage erhielt. Nahe am Landungsplaze zeigte sich das alte Zollhaus mit seinen grellen, kunstlosen Fresken, die nur in etwas allzu markt- schrcicrischcr Weise an die lokale Vorgeschichte erinnern. Suit und Sweno, die angeblichen Begründer eines ersten Gemeinwesens in dieser Gegend sind kämpfend dargestellt und die unvermeidliche Darstellung des Rütlischwurcs bildet die gc- suchte Ergänzung. Drüben jenseits der Sccfläche, in der Nähe stcilaufragcndcr, gigantischer Felswände, ragt aus der Flut ein isolirter Felsen empor, der gleich einem von Menschenhänden gebildeten Monu- m.ente eine weithin sichtbare Inschrift in goldenen Lettern zeigt. „Dem Sänger Tclls, Friedrich Schiller, die Urkantone IWüO, melden die hier angebrachten Worte in schlichter Weise: kost- spicligere Denkmäler wurden dem Denker und Dichter ivol hie und da errichtet und mit mehr oder weniger salbungsvollen „Gelegenheitsreden" enthüllt, keines dürste auf den Beschauer den mächtig ergreifenden und unvergeßlichen Eindruck hervorbringen, wie der rauhe Fels niit der einfachen Inschrift an dieser erinne- rungsreichen Stätte.. Weiter südwärts zeigt sich in idyllisch-romantischer Lage die Gründungsstätte der schweizerischen Unabhängigkeit, das Rütli. Wenn auch kein imposantes Kunstwerk diese Lokalität schmückt und ziert, das Volk hält diesen Lrt hoch in Ehren und nicht one Grund. Ter Bnndesschwur, der hier von einer entschlossenen, an Zal geringen Männerschar in der Nacht vom 7.-8. Nov. 1307 geleistet wurde, bildete das Fundament, auf dem der schweizerische Statenbund sich erhob und nahezu Wärend eines halben Jartau- sends allen Stürmen und Erschütterungen trozte. Ter Dampfer sezte sich wieder in Bewegung, und jezt seinen Kurs südwärts nehmend, steuerte er mit voller Kraft gegen den mächtig aus dem Rcußtale heranstürmenden Föhnwind, der nach und nach wieder zu einem heftigen Sturm ausartete. Wellen und Wogen mit weißen, schaumbedeckten Kämmen zerschellten in unaufhörlicher Ergänzung an den felsigen Ufern, und das lärmende Geräusch, das diese Erscheinungen begleitete, sand eine Verstärkung durch das mächtige Brausen in den Lüsten. Aus allen Gebirgsschlünden rnid Hochgebirgsklüsten schienen die Lustmassen mit Gewalt hinauszustürmen, um schließlich im vcr hältnismäßig engen Seetale mit den aufgeregten Fluten ein wechselndes Spiel zu treiben. Der imposante Axenstein mit seiner durch Tunnels und Fels gallerien sich hinziehenden Bergstraße bildete, vom Dampfer ans gesehen, eine gigantische Felswand, deren mannigfach durch einander gerüttelte und umgestülpte Gesteinsschichten die deutlichsten Be- weise von dereinstigen heftigen Erderschütterungen und Umwäl- zungen liefern. Weiterhin zeigte sich endlich am selben Ufer und noch auf dem alten Flecke die Tellskapelle. Jezt in neuer Herstellung und mit etwas verändertem Hintergründe wieder errichtet, wird das schlichte, voni Volke mit Pietät, von den Touristen mit zu- dringlicher Neugierde betrachtete Bauwerk ivol schwerlich noch den Effekt machen wie früher. Wenn in stimmungsvoller Betrachtung romantisch und pöetisch angehauchte Besucher hier in Zukunft verweilen werden, um sich mit ihreu Ideen der histori- scheu Vergangenheit, oder vielmehr der Volkssage zuzuwenden, werden sie mitunter unliebsam durch den grellen Pfiff einer oben am Bergabhange dahineilenden Lokomotive und durch das Ras- seln und Poltern langgestreckter Waggonreihen in ihren Träume- reien gestört werden. Ter Nachmittag war bedeutend vorgerückt als der Dampfer endlich beim Landungsplaze in Flüelen anlegte und seine Passa- giere sozusagen an der Schwelle der Gotthardsstraße absezte. In Flüelen hätte ich eigentlich übernachten können, mich zog es aber mächtig gen Altdorf, zum Hauptorte und Regierungssize von Uri. Auf klassischem Boden wollte ich an diesem Abende mein Haupt zur Ruhe legen, um womöglich von der Vergangen- heit und ihren mitunter freilich etwas recht zweifelhaften Vorzügen zu träumen. Einige Herren, deren gespreiztes Benehmen und Niedern auf- fällige Garderobe meine Beobachtungslust anregte und deren mühsani affektirte englische Aussprache eine rücksichtslose Nicht- achtung der elementarsten Ollendorfschen Sprachregeln bemerken ließ, stiegen in den nach Altdorf fahrenden Hütelomnibus ein, und ich beeilte mich, ihrem Beispiele zu folgen. Die guten Leute waren sehr gebildet. Ihr Gespräch betraf die hohe Aristokratie im Norden, ferner die Koryphäen der Wissen- schaft und Kunst, mit denen sie wärcnd der diesjärigen Saison in Vernrung gekommen waren, und schließlich verirrten sie sich auf die Beurteilung von kochkünstlerischen Leistungen und edleren Spirittiosen. Dann kamen Pferderennen, exaltirte Wetten, müßige Projekte und schließlich einige Hütel und Gasthausanekdoten in Erwänung, und ich war mit meinen Zchlußfolgernngcn über die gesellschaftliche Stellung meiner Gefährten bald im Reinen. Diese Herren waren reisende Kellner, hatten Wärend der Saison selbstverständlich nur in„ersten Häusern" scrvirt und eilten nun, mit den„seinsten Referenzen" versehen, infolge der Vermittlung eines Plazirungsbürean nach dem Süden, um dort wieder in den größten und glänzendsten Etablissements ihre Bc- rufspflickten zu erfüllen. Altdorf mit seiner aus Gpps geformten und mit Wasserglas überzogenen Tellsstatue, mit seinem Tcllsturm zc. k., war bald erreicht, der Omnibus hielt, und die Herren Passagiere beeilten sich der drangvollen Enge dieses Wagens zu entrinnen. In herablassender Weise erteilten die eben erwähnten Reise- genossen dem Kondukteur die notwendigen Weisungen bezüglich der weiteren Unterbringung ihres Gepäckes, und entfernten sich dann in einer Haltung, in der ein hohes Selbstbewußtsein neben etwas steifen Bewegungen zu Tage trat. Da diese reisenden Fremdlinge gleich den gcncderten Sängern des Waldes mit dem Schluß oder mit dem Beginn der Saison vom Norden nach dem Süden oder auch umgekehrt alljärlich eilte», kanten sie die Lokalität hinlänglich und mochten schon wissen, wo sie den langen Herbstabend nach ihrer Weise am besten verleben kanten. Ich lenkte auf gut Glück meine Schritte nach dem Hütel zum Adler, um dort für mein bares Geld Speise, Trank und Logis zu begehren. Man schrieb den 17. Oktbr.(78.); nicht blos die Jareszeit, sondern auch der Spätnachmittag war derartig vorgerückt, daß ich mich beeilte, noch bei dem Reste des Tageslichtes die stillen Gassen des Dorfes zu durchwandern. Tie wenigen und zudem unscheinbaren öffentlichen Gebäude des Ortes waren bald besichtigt; die Fensterladen und Pforten dieser Bauten, mit schwarz-gelb geflaniten Anstriche, erinnerten, daß hier Uri das Hauptsächliche des MachtbesizeS ausübe und daß seine ehemals gefürchtete» Banner hier aufbewahrt seien. Südlich wante ich mich ins freiere Terrain hinaus, um die Bergriesen der Umgegend besser bewundern zu können. Ter Sturm hatte gänzlich aufgehört, eine laue, milde Lust fächelte von Süden her und als sicherstes Anzeichen baldigen Regen- Wetters erschien die Lust derartig klar und durchsichtig, daß selbst die entfernteren Hochgebirgskuppen, Gipfel und Kämme bedeu- tend nähergerückt erschienen und ihre sonst weniger warnehmbaren Details jezt schärfer hervortraten. Im Süden präsentirte sich als mächtige Talsperre die impo sante Pyramide des Bristenstockes(94GU Fuß Meereshöhe). Die unteren Gelände dieses Kolosses zeigten sich noch im dunklere» Kolorite des Mattengrüns, wärend die oberen Partien gleich dem Gipfel eine blendend weiße Schneedecke aufwiesen. Leichte Nebelschleier bildeten sich in der Talniederung als die Abenddämmerung mit ihren Schütten hereinbrach. Hie und da ertönte als Andachtssignal von den bewaldeten Vorbergen oder auch aus der Tiefe des Tales das Glöckchen einer Dorf- kirche oder Waldkapelle, und Herden mit ihrem Schellengeläute heimkehrend vollendeten das Ensemble dieser interessanten Abend- landschast. Auch meine Wenigkeit schritt endlich ins Tors zurück, um das schüzende Obdach ohne Verirrung zu erreichen. Durch eine Neben- gasse meine Schritte lenkend, stand ich bald vor dem ersten Eta- blissement des Ortes, vor dem Hotel zum„goldenen Schlüssel." Drinnen saßen beim splendiden Atale und bei gefüllten Pokalen die Herren, die als erwalte Regenten die Geschicke Uri's lenkten. An jenem Tage hatten diese braven Funktionäre sich hier im Hauptorte des Kantons versammelt und nun beschloß eine ge- meinsame Malzeit die Feierlichkeit. Daß in Un noch ei» gut Teil des patriarchalischen Regiments herscht, zeigte der Umstand, daß der vor dem Etablissement sich be- findende Landjäger und uniformirte Polizeidicncr gar oft hinein- gerufen wurde, um mit den Herren da drinnen anzustoßen. Mochte nun der oftmalige Luftwechsel, die Quantität des Genossenen, oder irgend eine ähnliche Bedingung auf den bewaffneten Ver- trcter der Obrigkeit eingewirkt haben— eines stand fest, daß er mehr und mehr, mit dem jedesmaligen Eintreten und Verlassen der gastlichen Räume, etwas von der Sicherheit seines Auftretens einbüßte und bald genug in bedenklicher Weise ins Schwanken geriet. O, dieser Landjäger! Am anderen Tage führte uns die Tücke des Schickials und meine Naivität bezüglich der passenden Aus- ü'al eines günstigen Farplazcs für einige Stunden zusammen. Im„Adler" hatte man mir im zweiten Stock ein kleines Nach der Verurteilung.(Jllustr. S. 2G0.) Ein inhaltS- und wlgeiischweres Urteil ist soeben gefällt worden: Zwanzigjärige Zucht- yausstrase hat es über den Verbrecher verhängt, dessen großes Vergehen gkgen die Ladungen menschlicher Gerechtigkeit schon aus den Fesseln hervorgeht, die man ihm anlegt, wie aus der ihm gewidmeten Polizei- Uchen Ueberwachung. Wer einmal einer Gerichissizung beigewohnt, die über einen so wichtigen Fall, wie den vorliegenden zu entscheiden hat, rein sind auch die verschiedensten und vielfach widersprechendsten Mei- Nungen des zuschauenden Publikums bekant. Würend die einen schon »on vornherein bereits in der Anklage die Verurteilung begründet finden, hlbt es doch viele, welche Sympatien für den Angeklagten empfinden und deshalb sür milde Beuiteilung, wenn nicht gar sür Freisprechung bmdiren. Und vollends in dem Falle, der hier soeben seinen verhäng- uisvollen Abschluß gesunden Ter Angeklagte, wenn auch schon von 'Vaus aus ein armer, so doch im übrigen kein schlechler Mciisch, ist ruglich durch seinen Jäzorn ins Verderben gekommen. Schon mehrere- u>ale hat er sjch durch Ausbrüche ungezügelter Wut bedenkliche Unan- "khinlichkeiten bereitet, aber imincr ist er noch so„mit cineni blaue» f uge" davon gekommen. Diesmal jedoch hat er, von der Leidenschajt °"gerisscn, eine» Todschlag verübt und zwar, was um so erschwerender we ihn, qh eiiiein jener Sicherheilsorgane, die wir unter den vcrschie- Niste» Beziehungen als Sicherheits Wachtinann, Schuzmann, Gens darin >»>v. kennen, sie gemeinhin aber mit dem einsachen Namen Polizisten "ezeichm'». Tie Tat geschah, wie gesagt, nicht mit Ueberlegnng, ja ■ach den Uegriffen mancher Leute war sie sogar ein Akt der Notwehr. dem nunmthr loten Sicherheitswächtcr wegen Ruhestörung bei u, �schlafender Zeit arretirt, wurde er von diesem untcr allerhand �"lse»„„d Stößen nach der Wache gefürt, sezte sich aber unterwegs gegen diese Behandlung zur Wehre, der Beamte„zieht blank", ein , eb»ach ihm und schon sinkt crstercr von einem Messerstich getrosten r Boden. Das war»och etwas mehr als eine Auslehnung gegen °!e Ctaatsgkwalt, an mildernde Umstände war daher bel de» Richtern öu denken; der Staatsanwalt hat sogar in langer und glänzende? im f"schlagend" nachgewiesen, wie nötig es sei, einmal ein Exempel i" slaluiren. Dem haben nun auch die würdigen Herren Richter ent- Puchen und das schwerste Strasmaß verhängt. Wie dies Urteil vom bl'lu», aufgenonlme» wurde, zeigt unser Bild nur zu deutlich. Der gleise$Qi([ mie das Weib des Verurteilten sind hart getroffen und si, zu sehr von der Schande überzeugt, die dadurch zeitlebcns�uber g�vinmen, denn der Ausspruch, der bloße Gedanke, daß der«oh», der Vater im Zuchlhause sizt, genügt in ihrcni Heimatsorte b.,. Umgebung, um auch sie dauernd als von einem Makel belastet zu buchte». Tas zeigt so recht klar links der verächtliche Blick des be- ja U'en behäbigen Schuhmachcrmeisters, aus dem unleugbar zu lesen s g,"dieses Pack ist doch von vornherein zu nichts Gutem in der Ge- T.�den Arbeitsgenossc» des Verbrechers, da vorn an der Barr.ere 6'%%% en.__ Tiese verschiedenen Stimmungen hat auch der Künstler s>hr Zimmer angewiesen, dessen Fenster gerade die Aussicht auf den in geringer Distanz vor dem Gebäude sich erhebenden Tellsturni bot. Bald war das einfache Nachtmal beendet und meiil gewön- licher Abendgenuß auf allen Wanderfarten, eine regelrecht ge- stopfte Pfeife, kam nun an die Reihe, uni als letztes Labsal mich zu erquicken. Die stille, verkehrslose Ortschaft stimmte mich an jenem Abend etwas melancholisch. Zudem hatte mich der Abschied von guten Freunden am Tage vorher, das Ungewisse und Unbehagliche einer zweifelhaften Zukunft und damals recht unsicheren Lebens- stelluug ein wenig niedergedrückt. Es war kein Wunder, daß ich unruhige Träume und einen durchaus schlechten Schlaf hatte. Zechende Kantoiisregenten, altertümlich gekleidete und ärmlich ausstaffirte Volkshelden wurden in meinen Träumen in wechselnder Reihenfolge von eleganten, hüpfenden und springenden saisonkellnern abgelöst, denen sich schließlich mehr oder weniger benebelte Landjäger im bunten Reigen beigesellten. Zulezt glaubte ich mich auf der„Gaunerkilbi" und Vagabun- denkirchweih von Gersau zu befinden, nur hatten alle Teilnehmer dieser geträuinteu Feierlichkeit verteufelte Aehnlichkeit mit diesem oder jenem angeseheneu Manne, und dergleichen tolles Zeug häufte sich schließlich in ganz unveranworttich respektswidriger Weise derartig an, daß ich endlich darüber erwachte und für den Rest der Nacht des Schlafes entbehrte. Mit etwas bleichem, übernächtigen Gesicht begrüßte ich den folgenden Morgen und hoffte nun einen sofortigen reichen Genuß während der Fahrt über den St. Gotthard zu erleben. (Zortsrjung sotgU scharf karakterisirt und inan braucht mir die Mienen der hintenstehen- den Personen zu betrachten, um die Gesllle, welche sich hier pro oder couira. regen, zu erkennen. Julius Geertz, ihm verdanken wir das Werk, wurde am 21. April 1837 in Hamburg geboren, und erhielt dort, in Karlsruhe und in Düsseldorf, wo er sich schließlich ganz nie derließ, seinen Unterricht in der Malerei. In Paris und in Holland, wo er die Meister des 17. Jarhnnderts stndirte, hielt er sich 1884 aus. Seine Stärke ist das Genre, und seine Bilder zeigen, daß er das Leben scharf beobachtet und kennen gelernt. Dafür dürste denn auch das Bild, welches wir heute nnscrn Lesern vorgesürt, sprechen.»rt. Der Uhu als Lockvogel.(Jllustr. S. 2G1.) Wie der Fürst- Reichskanzler unter den Politikern der„bestgehaßte" Mann zu sein be- hauptet, so ist der Uhu, der Schuh», Buhn, Buhua, Auf, Gauch oder wie der wilde Gesell nun heißt, der am meisten gehaßte unter den Vögeln und zwar wird ihm nicht nur Haß entgegengebracht von den Schwächeren, die oft seine Kampflust suhlen müsse», auch die Vertvanten seines Stammes sind erbost über ihn und suchen ihm hie und da etwas am Zeuge zu flicken. Dieser Umstand mag nun Veranlassung gewesen sein, daß sich bei der stürmischsten der neuesten Reichstagsdebatten der Leiter der deutsche» Politik mit einem„Aus" verglich, ob mit Glück wollen wir hier nicht untersuchen. Für uns genügt es zu wissen, daß der Bursch da, dem diese Ehre zuteil wurde, von den Jägern eingc- fangen»nd angcscsselt wird, und die auf ihn wütenden andern Vögel heranlockt, welche der schlaue Jäger nun mit Leichtigkeit erlegen kann. Anstatt ihren Haß und ihre Rache an dem gefärlichen Räuber auslassen zu können, werden sie einfach die Beute eines dritten Stärkeren und gehen elend zugrunde. Man sieht, boshafte Menschen könten leicht ans dem oben genanten fürstltch-bismarckschen Vergleich malitiösc Schlüsse ziehen oder gar noch bedenklichere Nnzanwendungen machen.— Genug, unser Uhu ist die größte aller Eulen, wird über 2 Fuß lang und 5 Fuß breit. Der Filiig mißt IG, der Schwanz über Ii) Zoll. Sein ebenso reiches wie dichtes Gefieder ist aus der oberen Fläche dunkelrost- gelb und schwarz geslamt, ans der Unterfläche rdstgelb und schwarz ge- streift. Die hier durch die eigentümliche Stellung wenig sichtbaren Federohren sind schwarz, auf ihrer Jnuenscite gelb eingefaßt. Die Kehle ist heller gcsärbt; die Schwung- und Schwanzfedern sind abwcch- selnd mit gelblichen und braunen Punkten gezeichnet. Jede Feder hat schwarze» Schaft und ist mit schwarzen Qucrstreifen versehen. Der scharfe Schnabel ist dunkelblaugrau, das Auge von prachtvoller gold- gelber Farbe und am äußern Rande rötlich. Männlein und Weiblein sind nur in der Größe verschieden. Verbreitet ist seine Familie wol über die ganze Erde, namentlich komt er in Europa überall vor, wo sich sein Lieblingsterrain, Felsen»nd große Waldungen, vorfinden. Am liebsten hält er sich an Felswänden in großen Wäldern auf. Den Menschen als seinen gcfärlichsten Feind, fürchtet er; auf Tiere und selbst große, wie Rehe und Hirsche, macht er Angriffe oder verteidigt sich doch gegen etwaige Angriffe ihrerseits mutig und erfolgreich. Des Nachts, wo er erst so recht auslebt, ist er gegen seine Feinde immer vorsichtig, aber auch des Tags, wo er selten sichtbar ist. Seine den 268 Felsen und der Baumrinde sehr ähnliche Farbe koint ihm hierbei treff- lieh zustatte». Wenn er aber doch von diesem oder jenem Sing- vogel wargenommen wird, sängt dieser einen mächtigen Skandal an, der seine Genossen wie alle übrigen befiederten Feinde dieses Nacht- Vogels herbeilockt,»m sich an der Verfolgung desselben zu beteiligen. Am Tage schläft er mit halboffenen Augen, doch weckt ihn das leiseste Geräusch. Mit Einbruch der Nacht begint seine Jagd, wobei ihm seine sehr scharfen Augen, sein scharfes Gehör und leiser Flug treff- lich unterstiizen. Durch Beobachtungen ist festgestellt worden, daß er Kaninchen, Hasen, Enten, Auer-, Birk- und Rebhühner und Gänse an- greift, sie tötet und verzehrt; selbst die spizen Stacheln des Igels ver- mögen ihn nicht zu schrecken. Mäuse und Ratten bilden aber seine Hauptnarung und dadurch wird er für den Menschen zu einem der nüzlichsten Geschöpfe. Das ist aber auch mit seinen Verwanten der Fall. So wird von kundigen Beobachtmi behauptet, daß ein einziger Steinkauz in einem Jare mindestens 1500 Stück Mäuse vertilge. Wie gefräßig die Eulen sind, dasür einige Beispiele. Zunächst fressen oder würgen sie vielmehr ihre Beule buchstäblich»lit Haut und Haare» hin- unter und verschlucken auch die Klauen mit. Knochen, Haut, Hare und Federn ballen sich nach der Verdauung im Magen zu Kugeln zu- sammcn und werden unter den sonderbarsten Bewegungen ausgespien. So fand ein Forscher bei der Untersuchung von 706 solcher von der Schleiereule ausgespicncn Bälle Ueberreste von 16 Fledermäusen, 240 Mäusen, 693 Wülmäusen, 1580 Spizmäusen, 1 Maulwurf und 22 kleinen Vögeln; in 210 solcher Gewölle des Waldkauzes fand er Reste von 1 Hermelin, 48 Mäusen, 296 Wülmäusen, I Eichhörnchen, 33 Spizmäusen, 48 Maulwürfen, 18 kleinen Vögeln, 48 Käsern one die»nzäl baren Maikäfer. In 25 solcher ausgespienen Bälle der Waldohreule fanden sich Reste von 6 Mäusen, 35 Wülmäusen und 2 Vögeln; in 10 Gewöllen des Käuzchcns 10 Waldmäuse, 1 Spizmaus und 11 Käfer. Unser Uhu verzehrt nun noch, wie oben schon bemerkt, mit großer Vor- liebe Hasen und so wird denn berichtet, wie man einst im Röhricht einen Uhuhorst gesunden habe, um den herum die Reste von Hasen, Enten, Rcb- und Blcßhühnern, Ratten, Mäusen, Igeln u. s. s. gelegen hätten und zwar sei von den Alten für ihre Jungen von dem Gelier soviel herbeigeschafft worden, daß eine Bauernsamilic auch noch davon wochenlang Fleisch zu essen gehabt hätte. Das Bäuerlein war täglich hingegangen und hatte sich einen Teil der frischen Beute des Uhu an- geeignet.— Die Paarungszeit ist in den ersten Monaten des Jares, meist im März, wo die Alten sich durch besonders großen Skandal de- merkbar machen. Das Männchen soll ein ebenso liebevoller und zärt- licher Gatte, wie das Weibchen eine besorgte Mutter sein. Erstcres verteidigt leztcre wie die Jungen auf das mutvollste und sorgt wärend dem Brutgeschäst für reichliche Azung. Tie Jungen werden förmlich überfüttert. Der Horst ist sehr einfach, am liebsten nemen sie das fertige und verlassene Nest eines Rabe« oder schwarzen Storches. Auch gegen gefangene Genossen ist der Uhu ein geselliger Kamerad, der reichliche Unterstüzung spendet, wie folgende Geschichte beweist. Ein Lbersörster hatte einen Uhu gefangen und merkte eines Tages, wie sich in der Nähe seiner.Wohnung ein andrer wilder einstellte. Er sezt den gc zäniten gefesselt ins Freie, der wilde gesellt sich hinzu und füttert von Stunde an jede Nacht seinen gefangenen Kollegen»nd bringt ihm innerhalb 4 Wochen 3 Hasen, i Wasserratte, unzälige andre Ratten und Mäuse, 1 Elster, 2 Drosseln, 1 Wiedehopf, 2 Rebhühner, 1 Kiebitz, 2 Wasserhühner und eine Wildente. Und so werden noch ähnliche Fälle von verschiedenen Seiten erzält. Man hat auch junge Exemplare in der Gesangcnschast ausgezogen. Besonders zahn» und gesellig wer- den sie in diesem Zustande aber nicht, und sie sind auch gegen den, der ihnen täglich das Futter bringt, ebenso wütend wie gegen jeden an- der», der sich dem Käsig naht. Seinesgleichen läßt er jedoch in Frie- den, wärend schwächere Vögel von ihm unbarmherzig ausgesrcssen werden. Was sie überhaupt mit ihren Kralle» gepackt, entweicht ihnen, wenn es nicht stärker ist, nicht wieder und ist unrettbar verloren.— Was das gesamte Eulengcschlecht für eine Rolle in der Sage gespielt, was ihm »amentlich der Aberglaube angedichtet, ist sehr interessant, kann jedoch hier nicht erörtert werden und gibt vielmehr Stoff zu einer andern in- tercssantcn Arbeil. Tasi dieser„bestgehaßte" und vielfach verabscheute Geselle auch seine guten Seiten hat, wird vorstehende Skizze aber schon deutlich genug zeigen. urt. Gesellschaften mit Kapital beteiligten Unternehmer resp. deren Wort- sührer dem neuen Beleuchtungsshstem durch Elektrizität keine günstige Zukunft prophezeit haben. Man verteidigte auch hier, was man in seinem eigenen Interesse gern erhalten möchte. Doch scheint der neue Konkurrent sich»m diese schönen Wünsche nicht besonders zu kümmern, wie folgende Nachricht zeigt. Die amerikanische„Brush Electric Light Company" hat nämlich den städtischen Behörden von Cincinnati das Anerbieten gemacht, die elektrische Beleuchtung der Straßen und Pläze zu einem Preise zu übernehmen, der 250/0 niedriger ist, wie der für die Gasbeleuchtung gezalte Betrag. Tie genante Gesellschaft will Türme errichten, die 60 Meter hoch, in ähnlicher Weise wie Leucht- türme durch elektrische Lampen ein Licht von 16000 Kerzenstärken aus- senden. Um aber eine gleichmäßige Beleuchtung zu erzielen, sollen außerdem noch in den Straßen aus 23 Meter hohen Psosten elektrische Lampen angebracht werden, welche je ein Licht von 2000 bis 4000 Kerzenstärkcn verbreiten und die zu diesem Zwecke projektirten dynamo- elektrischen Maschinen sollen eine Leistungsfähigkeit von 200 000 Kerzenstärken besizen. Geradlinige Straßen, wie die in amerikanischen Städten sind der Aussürung eines solchen Unternehmens günstig. Welche Bor- teile das elektrische Beleuchtungssystem für Fabrikjäle besizt, ist bekannt, ebenso für Teater und Unterhaltungsiäle. In einer Spinnerei zu New- Jersey sind 578 Gasbrenner durch 71 edisonsche Lampen ersezt worden. Neuerdings versucht man nun bereits die elektrische Beleuchtung beim Bergbau einzusühren. Welche Fortschritte dies gerade hier, wo durch die Oelbeleuchtung beständige Explosionsgesahr vorhanden ist, zeitigen würde, liegt klar zu tage. Auch zur Beleuchtung der Schiffe sängt man an die neue Beleuchlungsweise anzuwenden, und in Frankreich will man Versuche damit im großartigen Maßstabe zur Beleuchtung der Küsten anstellen. ff. seine Häuser zu transportiren. So wurde vor kurzem ein, einer Eise»' bahnkompagnie gehöriges Haus, das 1'/, Stockwerk hoch ist und 35 Fud j im Quadrat aus folgende Art transportirt: Das Haus wurde an de» � 4 Ecken mit Schrauben ungesär 5 Fuß lies hinansgeschraubt, dann vo«1: Eisenbahngcleise nach dem Hause der Grund in schräger Richtung i" tief abgetragen, daß, nachdem man in diesen Einschnitt die Schienen gelegt hatte, ein Eisenbahnwaggon unter das Haus saren kante. Tann I wurden die Schrauben heruntergedreht, so daß das Haus aus de»! Waggon zu stehen kam, eine Lokomotive wurde davorgespant, und ii"" j ging es mit seinen Insassen dem etwa 2 Stunden entfernten Best ins' mungsorte zu, und dort wurde das Haus wieder ausgestellt.| 1 ganze Arbeit halte etwa 12 Stunden gedauert. �.... Im Kamps wider alle. Roman von Ferd. Stiller.(Forts.)— Die Einsürung der warmen Getränke in Europa. KuIWj' geschichtliche cktzze von H. S.(Schluß.)— Die Berufstätigkeit der Juden in Deutschland und Rußland. Bon C Lübeck— Meine«0%; M&SÄXfÄteÄ L■SÄTSf ÄW3Ö» 1 Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart.(Neue Weinsteige 23.)- Expedition: Ludwigstraße 26 in Stuttgart. Druck und Verlag von I. H. W. Dietz in Stuttgart.