Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für daS Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljärlich 1 Mark 50 Pfennig.— In Heften a 35 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Im Kampf wider alle. Roman von Aerdinand Stiller. (21. Fortsczung.) . Franz Stein war nicht in das spechtsche Haus gekommen, um >0 ernste Gespräche zu füren, er war auch so von seinen Geschäfts- wteresscn in Anspruch genommen, daß er sich nur sehr schlecht |?ZU disponirt fnlte— er unterlag daher eineni Mangel an «chlagfertigkcit, über den er sonst keineswegs zu klagen brauchte. �-r schwieg also ejncn Augenblick, weil er nicht gleich die rechte Antwort ans die mit so schneidendem Hohne gestellte Frage fand. Indessen fülte er, wie ihm heißer und heißer wurde unter �ib�iutblicken des in solcher Situativ» bezaubcnid schönen .»Sie wollen mir nicht antworten und Sie können es nicht, Perr Stein," snr sie triumphircnd fort,„fein Mensch kann es. 11..........- r v-_'..___ INI wenn sie dreimal unglücklich ist es, denn es gibt keine, die, wenn Heid? W zu sehen, nicht die Liebe, die einzig wäre, die h JL' Je|deiischaftliche, die allein schöpferische, die erhaltende und »wemn" Liebe, rascher oder langsanier, in jedem Falle aber damit Mc: in dem Herzen ihres Gatten erlöschen sähe und aiinif'"T"*. vv*av"?—-------, ,w die(!im uundesten denselben Oualen überantwortet würde, wie Ta'n.., Zu gut oder zu schlecht war, um einen Mann auf die de»,, w»- �lu. Z» gut oder zu schlecht, selten zu schlecht, der i>, � die Rose dafür, daß es ein Schmetterling ist, ihr m>.U)reni Blütenstäube geschwelgt hat. Und daß ihr uns, die o..n hoher Blüte stand. Damals war die Bildung der Adelskaste schon soweit vor sich geschritten, daß kein Bürger mehr, gleich- giltig welcher Konfession er auch war, Ländereien erwerben durfte, um darauf Landwirtschaft zu treiben, die zur ausschließ- lichen Domäne des Adels geworden war. Und umgekehrt durfte bei Verlust des Adels kein Adliger mehr in den Städten irgend eines der den Privilegirten verächtlichen bürgerlichen Gewerbe ausüben. Es gab damals viele Adlige, die von Not getrieben in die Städte zogen, Kausleute und Industrielle, ja sogar Schank- Wirte wurden. Diese Schmach für die Ehre der Adelskaste sollte in Zukunft aufhören; durch die Adelsgesezgebung wurden alle Adlige in bürgerlichen Berufsstellungen aus dem Adelsstande ausgestoßen und in die Kategorie der Bürgerlichen versezt, von denen keiner mehr eine Ehe mit Adligen eingehen durfte. „Indem der Ritterstand vermied", schreibt Lelewel,„Ehen mit isnadligen zu schließen, isolirte er sich und rundete in seinen so- zialen Verhältnissen zur Kaste sich ab, welche nicht niehr zu dul- den vermochte, daß andere Einwohnerklassen ihr glichen. Von dieser Zeit an gelvahrt man auch, daß man zu den kleinlichsten Verordnungen herabstieg, um zu verhindern, daß die anderen Klaffen den Adligen glichen. Da die Juden sich ebenso kleideten wie die Adligen, die Kette um den Hals und den Degen an der Schärpe trugen, befahl man ihnen, ein gelbes Käppchen zu tragen, uni sie von den Adligen zu unterscheiden. Diese klägliche Ver- stigung wurde zuerst im Jare 1454 auf Anstiften des aus dein Auslände(!) gekommenen Johannes Capristanns er- lassen, blieb lange Zeit one die geringste Wirksamkeit, wurde vernachlässigt und vergessen. Aber da diese Idee, wie so viele andere vom Westen her stammt, blieb sie haften und wurde von der Gesezgebnng später wieder hervorgeholt, dennoch hatte sie fast gar keine Wirkung. Die von Jo- Hannes Capristanus inspirirte Adels-Gesezgebung behandelte die Israeliten als„Ungläubige", als herrührend von einem knechti- ichen, der Nation fremden Stamme. Sie fand zwischen den Christen und den Israeliten einen durchaus trennenden Unterschied, der fflbst durch die Gleichheit der Tracht nicht verschwand, folglich wnte er keine Folgen in Betreff auf diese haben, weil sie das fremdartige Wesen zu oberflächlich verhüllte." So die polnische udels-Gesezgebung und ihr Kritiker Lelewel.— „ Man beachte dies wol. Aus Lelewels Mitteilungen geht Kar hervor, daß die eigentliche Bürgerschaft den gehässigen schritten des Adels durchaus fremd stand und daß der Adel selbst oft durch fremde Anregung dahin gebracht wurde, in den �uden„Ungläubige" und Landesfrcmde, Abkömmlinge eines wechtischeii Stammes zu erblicken. Das friedliche und freund- lchastliche Verhältnis zwischen den christlichen und jüdischen Bür- Zern wurde durch das gehässige Vorgehen des Adels in kemerlel A-cise getrübt, darauf deutet schon die Unmöglichkeit hin, das Ge- über die Kleidung der Juden durchzufüren. Erst in viel späterer Zeit, als das Bürgertum vom Adel swllig niedergetreten, das deutsche Recht in den polnischen Städten Polnisch-aristokratischen gewichen war und die katolische ftche mit den Jesuiten an der Spize in Polen ihre Orgien I,°wrte. da schlug auch für die Juden die Stunde der Erniedrigung. r" jedem Rechte, das den Bürgern im allgemeinen entrissen •wde, verschlimmerte sich die Lage der Juden, gegen die schließ- lich als Ungläubige auch viel härter und rücksichtsloser vorge- gangen werden konte als gegen die christlichen Bürger selbst. Im Effekt hat die Konsession jedoch kaum einen Unterschied ausgeübt. Auch das christliche Bürgertum fehlt heute noch fast vollständig in Polen und in seinen alten an Rußland gefallenen Provinzen. Das hat der Adel eben mit dem jüdischen zugleich in frevelhafter Weise mit Stumpf und Stiel ausgerottet one irgendwie nach der Konfession oder gar nach den politischen und wirtschaftlichen Folgen' eines solchen Schrittes zu fragen. Er untergrub damit eine der wichtigste» Lebcnsgnellen des Staates, und daß Polen so rasch zerbröckelte, das verdankt es nicht zum kleinsten Teile der Ver- nichtung seines christlich-jüdischen Bürgertums. Wenn wir heute mit Abscheu von den polnischen Juden, ihrer lächerlichen Tracht, ihrem Judendeutsch, ihrem Schmuz u. s. w. sprechen, dann dürfen wir doch nicht vergessen, daß die Väter dieser Juden zu den geachtetsten Bürgern zälten, in kostbaren Gewändern einherschritien, goldene Ketten und Degen an den Schärpen trugen, daß sie den Angehörigen der herschenden Ge- schlechter einst durchaus gleichberechtigt waren. Was die pol- nischen Juden heute sind, das sind sie erst infolge des Klassen- dünkels der polnischen Aristokratie und des Fanatismus der christlichen Kirche geworden. Vom Unglück wol tief gebeugt, aber nicht gebrochen,— zäh und elastisch haben sie nach ihrer Niederwerfung sich wieder erhoben und das dem Adel verhaßte Handwerk und allerlei Gewerbe ergriffen, auch dem Handel sich ivieder zugewant und in lezter Zeit sogar Landwirtschaft betrieben. An die Stelle des alten jüdischen Bürzertnms ist die große Klasse der jüdischen Parias getreten, aus deren Mitte sich nur ein kleiner Bruchteil begüterter Menschen erhebt, die jedoch wie ihre ärmeren Schicksalsgenossen politisch durchaus rechtlos sind. Mit warem Bienenfleiß ivird in dieser Pariaklasse gearbeitet und alles er- griffen und ein jedes betrieben, was halbwegs ausreicht, die Existenz zu fristen. Wenn unter diesen Juden sich auch solche finden, die Schacher und Wucher treiben, jene Gewerbe, denen sie sich in der deutschen Heimat durch die Flucht entzogen hatten, dann ist das nur ein Beweis dafür, daß das Elend demoralisirt und die Menschen herabwürdigt. Und im sonnigen Süden, an den Gestaden des kaspischen und schwarzen Meeres, in den fruchtbaren Steppenländern des heutigen Südrußland— die unlängst noch vom Hezgcschrei roher Horden wiederhallten, welch' wunderbares Kulturbild lieferte dort das Judentum zu einer Zeit, wo Deutschland noch tief in den Kinder- schuhen steckte und von einer kuiturellen Entivicklung desselben kaum die Rede war. Von Asien her ivar im Gefolge der Hunnen das kriegerische Chazarenvolk in die unermeßlich weiten Ebenen gedrungen, welche das südliche Rußland ausfüllen. In der Mitte des siebenten Jarhunderts wurde Taurien von ihnen überflutet, wo sich zal- reiche jüdische Kolonien befanden. Die Heerfürer, die Chakane, der Chazarcn besaßen auf einer Wolgainsel ihre Residenz, von wo ans sie das mächtige Reich beherschten, das sie hier zum Schrecken ihrer Nachbarn errichteten. Sie verheerten Armenien und Persien und bedroten die griechische Kaiserstadt. Angstvoll schickte der Hof von Byzanz Gesantc an den Chakan der Cha- zaren ab und ließ ihn um Frieden und Freundschaft und um die Hand seiner Tochter für den griechischen Prinzen Leo bitten. Man gewärte ihm beides. Und dieses mächtige Chazarenvolk nam die jüdische Religion an, und zwar nach Eroberung der arabischen Festung Ardebit(731), wo der kriegerische(ihakan Bulan, mit allen seinen Großen, deren Zal über 4000 betrug, öffentlich zum Judentum übertrat, obwol Araber und Griechen eifrig für die Annaine ihrer Religion gewirkt hatten. Bald folgten die Städte des Reiches dem Beispiel Bulans und ein Nachfolger desselben, Namens Obadjah, machte auch das übrige Volk mit der jüdischen Reli- gion bekant, indem er jüdische Gelehrte in sein Reich zog, sie königlich be- lohnte, Bet- hänser und Lehrstätten gründete und sich und sein Volk in der Bibel und im Talmud unter- richten ließ. Ein Staatsgrund- gesez gebot, daß nur Juden den Königstron be- steigen durften, und tatsächlich kennen wir eine lange Reihe jü- discher Könige: Chiskijah, Ma- nassel., Chanu- kah(Obadjah Bruder), Jsaac, Zebulon, Ma- nasse kl.. Nissi, Menahem.Ben- jamin, Aaron, Joseph, lieber zwei Jarhun- derte hindurch behauptete sich das jüdische Chazareureich in glänzender, geachteter und gcfnrchteter Stellung, und nie war es in dieser langen Zeit eine Stätte konfessioneller Streitigkeiten, obwol es in seinen Grenzen neben den Ju- den noch Mo- hanlinedaner, griechische Christen, ruf- fische und bul- garische Heiden gab. Zur Auf- rechterhaltung der religiösen Gleichberechtigung war ein oberster Gerichtshof eingesezt, in dem alle Religionen nach dem Prinzipe der Gleichberechtigung ihre Vertretung gefunden hatten. Der Gerichtshof bestand ans sieben •-cnt' üon teilen zwei Juden, zwei Mohammedaner, zwei Christen und einer, den geringen Bruchteil der heidnischen Be- völkerung andeutend, Heide war. Jede Konfession besaß ihren eigenen Richter. Unter den jüdischen Herschern entwickelte sich das ursprünglich rohe und barbarische Chazarenvolk zu höherer Sittlichkeit. Die Landwirtschaft, der ein Teil der Chazaren zugetan war, ersur einen großen Anfschwung, die Industrie blute und mit den Staaten r■ -•••• mm ■. Grabmal Theodorichs zu Kavenna. tstite 278.) des Orients entstand ein lebhafter Handelsverkehr, dessen Aus- furprodukte besonders in Purpur, feinen Stoffen, gestickten Tüchern, Hermelinen-, Lcopardenfellen, Pelzwerk aller Art und allen mög- lichen Spezereien bestanden.— Unter jüdischer Fürung nam der ganze Chazarenstaat einen mächtigen Aufschwung und die grie- chisch-christlichen Byzantiner respektirten ihn als eine Großmacht. Wärend die by- zantinischen Kaper die diplomatischen Sendschreiben an den Papst und die frän- tischen Kaiser mit einer gol- denen Bulle von geringem Ge- wicht(2 Solidi) zu siegeln pfleg- ten, namen sie dieselben, wenn sie an die cha- zarischen Cha- kane schrieben, um ein Drittel schwerer, als Ausdruck ganz besonder Wert- schäzung. Was ist aus dem stolzen Chazarenreiche geworden, was aus den Cr- rnngenschaften seiner kulturellen Tätigkeit? Die christlichen Russen haben es zertrümmert, andere Völker- wellen ergossen sich überdie südrussischen Cbe- nen, den Cha- zaren folgten die Pctschene- gen und diese fanden in Tau- rien oder Cha- zarien eine solche Kultur vor, daß sie die alten chaza- rischen Hau- delsverbin- düngen mit dein Orient wieder aufnemen kon- ten. Ter Name der Chazaren, die Erinnerung an das jüdische Königreich ging im Laufe der Jarhunderte fast spurlos verloren, und erst in neucrerZeit wurde durch unwiderlegbare historische Urkunden das Gedächtnis jenes Volkes wieder wachg� rufen und seine einstige ruhmreiche Existenz unzweifelhaft nachgewiciei Wer aber heute den Süden Rußlands bereist und nach irgei welchen Denkmälern der Chazarenzcit forscht, der findet nicht da- Geringste mehr vor. In der Sage nur lebt das goldene ZO artige Königsschloß der jüdischen Herscher auf der Wolgaini' um welche das engere Chazarentum sich gruppirte. Kein La sonst mehr in Dichtung und Sage von den heiteren, gerauiab vollen Tagen der ruhmreichen Vergangenheit auf allen Gebim des jüdisch-chazarischen Lebens. Juden sind allerdings noch zalreich in diesen Gebieten vor- Händen, aber was sind das im allgemeinen für traurige Gc- stalten, denen der Blick hier begegnet. Was ist doch aus dem stolzen tatkräftigen Volke geworden, das diese Gebiete einst be- herschte!— Den Geschichtsknndigen beschleicht eine gewisse Weh- mut, ivenn er das Einst mit dem Jezt vergleicht und die süd- russischen Juden der Gegenwart, die nur zu oft zu menschlichen Karrikaturen herabgewürdigt sind, den stolzen würdigen Juden der Vergangenheit gegenüberstellt. Ein berühmter Reisender, Javier Hommaire de Hell, schildert in stiiicm von der königlichen geographischen Gesellschaft Frank- reichs mit dem großen Preise gekrönten Reisewerke„Lea Steppaa de la rner caspienne, le Caucase, la Crirnöe et la Ruasie rneri- dionale."(Parte und Straßburg bei Bertrand und bei Levrault) die Juden im Zustande der„ticssten Erniedrigung".„In welchem Kontrast", bemerkt er,„stehen diese bleichen Menschen mit dem christliche» Barte, den ungleichen auf die Schultern fallenden Locken, der schmuzigen Kleidung, der stumpfen Physiognomie, der kriechenden Demut— mit der Wolhabenheit, der Würde, der Schönheit, den edlen Zügen und der eleganten Tracht der Juden 5?onstantinopels. Es fällt schwer zu glauben, daß die Juden in Cherson und diejenigen Konstantinopls zur gleichen Rasse ge- Iancho Pansa und hören, wie sie auch mit ihnen die gleiche Sprache reden und die gleiche Religion besizen. Die Ursachen der erstaunlichen Differenz Zwischen den beiden Zweigen eines und desselben Volkes sind in politischer und philosophischer Hinsicht von zu großer Bedeutsanikeit, als daß es uns erlaubt wäre, hier davon zu sprechen. Das was wir allein sage» können, das besteht in einem Hinweis dar- auf. bis zu welchem Grade die Rcgirungen und Jnsti- tutionen die menschliche Rasse herabwürdigen können, Tos ist ein treffliches Wort, welches dem Verfasser zur Ehre gereicht und welches in der Tat den Schlüssel des Rätsels liefert. xsustitutionen und Regierungen, wir haben dies bereits in Polen gesehen, haben die Juden zu dem gemacht, was sie geworden s'nd. Und was sind sie heute in Südrußland!„Die Straßen I Chersons sind bedeckt von diesen elenden Israeliten", schreibt Hell.„Sie betreiben alle Arten Industrie und schrecken vor keinem Geschäfte zurück, vorausgesezt, daß es einträglich (c. Ihr Elend ist so groß, daß sie, um einige Kopeken zu oerdienen, von einem Ende der Stadt bis zum andern laufen, und in dieser Beziehung sind sie dem Fremden sehr nüzlich, der stark in Verlegenheit geraten würde, wenn sie nicht bei der Hand Guikote.(Seite 279.) wären, ihm alle möglichen Dienste zu leisten. Auch wenn der Fremde in eine Herberge Neu-Rnßlands tritt, wird er unaufhör- lich von den aufdringlichen Händlern verfolgt, welche ihm ihre Waaren, ihre Person, alles ivas sie haben und nicht haben, an- bieten. Es ist vergeblich, sie zu bedrohen, sie hundertmal zu ver- jagen; Mißhandlungen bewirken garnichts. Sie bleiben, auf der Erde kauernd, im Angesichte der Tür mit unerschütterlichem Phlegma, des günstigen Augenblicks harrend, der es ihnen ge- stattet, nocheinmal zurückzukehren und ihre Offerten zu erneuern. Manchmal haben wir so Juden vier bis fünf Stunden wartend gesehen, one daß sie im geringsten den Humor verloren oder eine Regung des Bedauerns über die verlorene Zeit gezeigt hätten. Mit einigen Kopeken gingen sie endlich befriedigt davon." Das ist ein sprechendes Bild, das auch jezt noch zum guten Teil zutrifft und kaum der Erläuterung bedarf. Wo es nur irgend etwas zu produziren gibt, da tun es die Juden, die mit unermüdlichem Fleiße jeder Arbeit obliegen, mag der Vorteil, den sie bietet, auch noch so gering und die Demütigung, die für sie damit verknüpft ist, auch noch so groß sein. Sie sind es nach all' den Verfolgungen und Mißhandlungen, die über sie im __ 274 Laufe der Jarhunderte ergangen sind, nachgerade gewönt gewor- den, als Parias beschimpft und verhöhnt, gemißhandelt zu Iver- den. Sie murren nicht, sie verlieren nicht die Geduld, die gute Laune, sie kehren immer wieder zurück, so oft man sie auch von sich weisen mag. Und warum tun sie das, warum regt sich keine menschliche Würde, kein Gefül der Empörung in ihnen? Ist das eine Rasseneigentümlichkeit, wie unsere Antisemiten behaupten?— Es ist das Elend in seiner rauhcsten und unbarmherzigsten Ge- stalt, die Not und Verzweiflung, die sie so gemacht wie sie sind. Und daß sie diesem Elende, dieser sittlichen Verwilderung und Entartung verfallen sind, das verdanken sie den Institutionen und Menschen, unter denen zu leben sie gezwungen waren. Sic sind natürlich nicht überall in Rußland so elend lvie hier, auf der andern Seite auch noch nicht einmal die elendesten der russischen Juden. Kräftigen, schönen Gestalten, einer gewissen Würde und Wolhabenheit begegnet man unter den Juden immer noch in Kleinrußland, in Polen u. s.>v., entsezlichem Elende dagegen unter den Juden der Ostseeprovinzen. Diese Unter- schiede deuten auf eine ungleichmäßige Behandlung, Dünstigere oder herbere Schicksale hin, und diese sind überall historisch nach- weisbar. Wir wollen die Juden nicht reinwaschen, nicht leugnen, daß ein Teil von ihnen mit zu den Ausbeutern gehört. Ja, sie treiben auch Wucher, sie sind auch Brantweiuhäudler und beuten ans, soviel sie nur können. Wer aber beutet in Rußland nicht , ans? Wer darf es in den herschenden Klassen Rußlands wagen, sich zum Richter der Juden auszuwerfen und als Nichtausbeuter den Stein gegen sie zu erheben? Versczeu wir uns einen Augenblick in die Mitte unseres Jar- hunderts, in die Zeit zurück, wo die Leibeigenschaft, die bekant- lich erst vor zwanzig Jaren aufgehoben wurde, noch bestand. Eine amtliche Statistik aus dem Jare 1836, die uns zufällig in die Hände fällt, gibt die Gesamtbevölkerung Rußlands auf 60 Millionen an, wovon auf den Geburtsadel 538 260 Köpfe fallen. Zur Erhaltung und Ernärung dieser Privilegirtcn dienten nicht weniger als 23 362 595 Leibeigene, die ganz schuzlos der Willkür und der Ausbeutung ihrer Herren preisgegeben waren. Die Ausbeutung von 21 436 994 Leibeigenen hatte die„Krone" für sich in Beschlag genommen, die bei der Ausbeutung der Bauern zwar etwas rationeller verfur, aber doch auch nach Möglichkeit ausbeutete. Durch Peter den Großen ist der sogenante Verdienst- oder Bcamtenadel geschaffen worden, um dcu dem Despotismus unzu- verlässigen Feudaladel zu brechen. Dieser Bcamtenadel, heute eine wäre Pestbeule im russischen Staatsorganismus, zälte 152 195 Köpfe. Er besaß und besizt heute noch keinen Grundbcsiz, war im allgemeinen arm und meist auf Betrügereien und Erpressungen angewiesen, um seine oft hochgesteigertcu Bedürfnisse zu befrie- digen. Er fällt in die Klasse der raffinirtesten Ausbeuter.— Es folgte ihm die in den dünn gesäten Städten wohnende Bür- gerschaft, in welcher die privilegirte K aufmannschaft obenan steht, der jedoch nur ca. 250000 Personen angehörten, wärend die nicht privilegirte Bürger- und Kaufmannschaft in Alt- und Neurußland und Bessarabieu etwa 3 Millionen zälte. Diese Zaleu werden im allgemeinen niedrig erscheinen. Sie umfassen auch nicht die Gesauitbevölkerung und berücksichtigen weder die über 4 Millionen zälende polnische, noch die etwa ein und ein halbe Million betragende finnläudische Bevölkerung und ebensowenig die nomadisireuden Stämme, die Kalmüken, Kirgisen, Tataren, Turkomenen und diejenigen der transkaukasischen Pro- vinzen, deren Gesanitzal etwa auf 2 Millionen zu veranschlagen sein dürfte. Gruppireu wir nun diese Bevölkerung nach der Aus- beutung, so finden wir einer kleinen Gruppe von Ausbeutern ein ungeheures Heer Ausgebeuteter gegenüber. 45 Millionen Bauern leben unter dem Hochdrucke der Ausbeutung einer halben Million Adliger und unter der Schraube eines Willkürregiments. Ihnen verbleibt nach Abzug aller Leistungen kaum das zum Leben Nötige. Zur Zeit Katharina II., welche bckantlich den Ungeheuern Bauernaufstand Pugetschews niederwarf, las mau in den russischen Blättern, wie Schaschkow in einem vorzüglichen Aufsaze in der russischen Revue„Stcwo" erzält, Inserate folgen- den Inhalts:„Es sind zu verkaufen: gute Servietten, ein aus- gebildetes Mädchen und ein Mann", oder:„es sind zu verkaufen: ein zwanzigjäriger Mann, Perrückenmacher und eine Kuh bester Race", oder:„es verkauft jemand ein eilfjäriges Mädchen, einen fünfzehnjärigcn Perrückenmacher, 4 Bettstellen, ein Federbett und allerlei Hausgeräte", oder:„es sind zu verkaufen gesalzene Fische, 7 graue Merinoschafe, ein Mann und eine Frau".— Diese grauenhafte Illustration der Lage der leibeigenen Bauern, die zur Ware herabgesunken waren, könte noch viel weiter ausgedehnt und durch harsträubende Mitteilungen vermehrt werden. Wir verzichten für heute darauf, die Brutalitäten und Bestialitäten zu skizziren, denen der rechtlose Bauer in Rußland preisgegeben war. Keine Familienbande wurden geachtet, der Vater, das Kind, das Weib besonders verkauft und verschenkt, verspielt und der alt und zur Arbeit unbrauchbar gcivordeue Sklave erbarmungs- los aus seiner Familie und seiner Gemeinde gerisicn und aus dem Dorfe vertrieben oder nach Sibirien verkauft. Katharina II., die sogenautc„Mutter ihres Volkes", schenkte gleich bei ihrer Tronbesteigung 18 000„Seeleu" d. h. fteie Bauern, ihren Liebhabern. Dieses Verschenken, diese Ertveiterung des KnechtschaftskreiseS zieht sich troz aller humanen Gesinnung, wie sie einzelne russische Fürsten zeigten, bis in die neueste Zeit hinein. Die Art der Leibeigenschaft hatte seit Katharina II. bis zu ihrer Aushebung in einigen Punften eine Milderung er- sareu und manches der empörendsten Herrenrechte war einge- schränkt worden. Doch im allgemeinen Schicksale des Bauern war keine wesentliche Aenderung eingetreten; er war dasselbe rechtlose, geplagte und geschundene Geschöpf geblieben. Daß auch die Städter, und namentlich die jüdische Bevölkerung, zur Verschlimmerung der Lage der Bauern beitrugen, ist selbstvcr- ständlich; die Uebervorteilung jedoch, welche im beiderseitigen Ber- kehr stattfand, war jedenfalls eine gegenseitige. Jeder Teil vcr- teuerte seine Ware und suchte aus derselben den denkbar höchsten Preis herauszuschlagen. Biel zu gewinnen war bei dem Hau- delsvcrkehr mit den Bauern nicht, da sie bereits in so hohem Maße geschwächt und so sehr ausgesogen waren, daß die jüdischen Händler im Berkehre mit ihnen meist kaum soviel erübrigten, als zur kümmerlichen Erhaltung ihrer Existenz ausreichte. Wer außer den Adligen und der„Krone" an den Bauern am meisten Profi- Urse, das waren jedenfalls die Beamten, unter deren geschickte» Händen die Steuern und Lasten sich verdoppelten und verzehw sachten, das war auch der Klerus, der zum größten Teile i» ihrer Arbeit die Ouelle der eigenen Erhaltung fand. (Fortjezung folgt.) Meine erste Gotthardsarl. Rciseskizze von Carl Stichler. (1. Fortsczmig) Die Gvtthardpost, von Flueleu nach erfolgter Ankunft des ersten von Luzern abgegangenen Morgendampfers nahend, erschien erst um 8 Uhr Morgens und war vollständig besezt. Eine hohe etwas schwerfällige Postkutsche, vor der sechs kräftige Rosse ein- gespant waren, bildete an der Spize der Wageureihc das Haupt- furiverk. Auf dem geräumigen Verdecke dieses vorzugsweise zur Passagirbeförderung benuzten enorm hohen Wagens war das Passagirgut neben Paketsendungen unter schüzendem Teertuche aufgetürmt. Kleinere Beiwagen mit Kistchen, kleinen Fäßchen, Paketen u. s. w. reichlich beladen, bewiesen hinlänglich, welchen Wert diese zentrale Verbindungslinie zwischen Nord' und Süd besaß, wenn auch hier nur die tierische Muskelkraft als Beför- deriingsmittel zur Veriveudung gelangte. Einige offene Kutschen füren jezt heran, um in den Posttrai» eingereiht zii werben. Hocherfreut, unter diesen Umständen i»> offenen Wagen bequem und angenem die Gegend durchreisen z» können, pries ich voreilig diese Gunst des Schicksals. In längerer Unterhaltung mit einem Kapuzinerpater begriffen, der als Mit- passaglr seinen Plaz schon angewiesen erhalten, hatte ich versäumt, nilt dem Kondukteur Rücksprache wegen eines guten Plazes zü nemen— dies sollte sich bitter rächen. Mein Name ertönte, ich folgte dem Rufe und befand mW) i- 275 gleid) darauf auf einem Farplaze, den mit besonderer Scheu und Sorgfalt jeder andere bis dahin vermieden hatte. Auf dem Rücksize einer offene» Kutsche wurde ich plazirt und kam— erschrecklich zu sagen: neben dem Landjäger zu sizen, der am Abend vorher beim„goldenen Schlüssel- auf Posten ge- standen und drinnen auf Ermunterung seiner Oberen als Zecher redlich das Seinigc geleistet hatte. Damit noch nicht genug. Die anderen Pläze wurden von höheren urner Regirnngsbcamten eingenommen, die zumeist In- rillen und in der Gegend natürlich allgemein bekant waren. Tie Peitschen knallten, die Pferde zogen an, und nun gings südwärts ans ebener Straße den Alpen entgegen. Ich für mein Teil erlebte schon hier gar Merkwürdiges. Die Leute in den Straßen Altdorfs wiesen mit den Fingern ans unsere Karosse, manch mitleidiger Blick, aber auch manche hämische Grimasse, wurden speziell meiner Wenigkeit gewidmet. Hie und da ranten wol auch mit seltener Ausdauer einige handfeste Buben im Trab neben deni Furwerk einher, um, wie es schien, meinen Anblick etwas länger zu genießen. Ein alter Herr, an dem wir etwas gemächlicher vorübersnren, beeilte sich durch ausdrucksvolles Räuspern etwas wie Abscheu vor mir an den Tag zu legen, und in einem nahen Baumgarten lief eine noch ältere Frau mit etwas gellender Stimme die am deren weiblichen Wesen herbei, damit diese meinen Anblick nicht versäumen sollten! Das Berständnis der Situation dämmerte mir plözlich ans und das Gleiche mochte auch bei den anderen Insassen des Be- hikels der Fall sein, denn schließlich lachten wir alle zusammen über de» Irrtum der Leute. Tie Herren waren zumeist höhere Gerichtsbcamte, ich saß uls Frenider mit ihnen in einem Wagen, neben mir der bewaff- uete und nniformirte Diener der heiligen Hcrmandad, kein Zweifel, ich war ein schwerer Verbrecher, der zum Schauplazc irgend einer Schreckenstat, vielleicht Brandstiftung oder Mord, unter hinrei- chender Begleitung und per Post, warscheinlich weil die Untersuchung Eile hatte, befördert wurde! Inzwischen waren wir den Gcbirgsriesen nahe gekommen, die das Tal einengen und die Gotthardstraße mit dem Reußfluß näher aneinander drängen. Droben an den zumteil von dunklem Etbüsch und Nadelholz eingerahmten und von Felskolossen oder Firn- und Gletschermassen überragten Bergniatten, zeigten sich bft und da in winziger Form die Sennhütten und hin und wieder ließ dort oben ein frohgcstimter Küher seinen langge- Zogen?« Jodler erschallen oder sante seinen Gruß mit den dröh- uenden, dumpfen Klängen des Kuhhorns ins Tal hernieder. Diese Töne in dieser Landschaft vernommen, erregen und bewegen mächtig. Sie errinnern an die glorreiche Vorzeit des schweizerischen Volkes, als es, mangelhaft ausgerüstet und rnt geschult im Waffendienste, selbst in den Ebenen den übermächtigen Schoren seiner Gegner siegreich entgegentrat und dieselben ver- ächtete oder verjagte. Bor den Klängen des Stiers von Uri, jenes großen Hornes, erbebte der gefürchlctste Hecrfürer seiner Epoche, Herzog Karl der «uhne von Burgund, der Zerstörer Lütticks. bei Granson und Kurten. Auch andere Kriegshelden und Gewalthaber lernten Zu ihrem Schaden die zähe Ansdaucr und Tapferkeit des Berg- Volkes kennen, bis endlich die Macht des Goldes auch in diesen Talern triumphi,''"""' �elheit in Qcföata .ercit mit der Waffe in der Faust für Freiheit und Selbständig- FreiiA lnumphirte und die Wächter der llnabhängigkeit und bei-«!*■ llvfügige Kriegskncchte verwandelte. Ehemals stets keit h kcr Waste in der Faust für Freiheit und Selbständig- llri-.�..urvachbarten Stämme Gut und Blut zu wagen, wurde wima �arai|f Z1"" grimmigsten Tyrannen und etablirte süd- Zfon» Gotthard bis zu de» oberitalischen Seen seine harte Amso- erschaft, die Jarhunderte hindurch den alten Glanz des tieV» �"frbun feite, seine Tatkraft lähmte und schließlich seinen % �all im Jare 1799 beschleunigte. Herbkih �"ud links zeigte» sich aber bei der herliche», klaren a» hl, terulig nicht bloß imposante Gebirgsszenen, sondern auch unteren Gelände» und in der Talniedening manche ge- lerii�. ��vchintercssante und zugleich höchst anmutige und ma- �*****'''•----- OZk Orte. Silenen mit seinen prächtigen sstnßbaumgruppen, sl'l-......-----,...... � � echw,, amantischtn und karakteristischen Bauernhäusern, die den �buno», n/'/�lil repräsentircn und der landschaftlichen Um- es j», vvUständig entsprechen, war bald passirt und nun ging ifitter lsvt.lkn Trabe am Fuße des Hügels voriiber, der auf �o»ervp,-( 3 umfangreiche» Gipselfläche noch heute die lezten 1« und Trümmer von Zwing llri aufiveist. „Mit diesem Häuslein wollt ihr llri zwinge»? Laßt sehn, wie viel man solcher Maulwurfshaufen Muß über' n'ander sezen, bis ein Berg Draus wird, wie der geringste nur in Uri!" schrieb der Sänger Tells. Unsere Wagenreihe rollte an der engen Aiismiiiidiing eines Alpcntals vorüber und Amstäg war erreicht. Nun gings über eine Brücke bergauf, welche die schäumende und tosende Reuß überwölbt und jezt erst befuren wir die eigent- (ich?, von 182G bis 1832 erbaute Gotthardstraße. In Gneisfelsen, die sich zur rechten Seite schroff erheben, links dagegen in wildzerklüfteten Massen zur jähen Tiefe hinab- senken, ist die Straße hier mit einer Steigung von 5 bis 7 Fuß auf hundert eingesprengt. Unten in der tiefen unheimlichen Schlucht rauscht die Reuß zu Tale, drüben am Bergabhange zeigen sich, an gigantische Felsmassen gelehnt, alte verwitterte Alnihüttcn und parallel mit dem in der Schlucht abwärts eilenden Flusse, erblickt man die Reste der alten, ehemals ebenfalls viel- benuztcn Gotthardstraße am jenseitigen Berggelände. Zuweilen präsentirt sich an der Straße, wo das Wiescngelände neben Waldung und Felsmasien größere Ausdehnung gewint, eine kleine ländliche Besizung, die im Winter den Lawinenstürzen aus- gesezt sein mag. Munteres Hornvieh drängt sich manchmal bis zur Poststraßc hervor und wird in der Regel erst durch das Sausen der Postillionspeitsche über die eigentliche Bedeutung des Verkehrsweges belehrt. Endlich erscheint der Weiler Jntschi, die Felscnmaffen rücken näher zusammen und bieten in ihrer Großartigkeit und mit ihren zerklüfteten Flächen, Blöcken und Geschieben neue imposante Ge- birgsszenerien, die voll und effektreich auf die weiteren Partien einigermaßen vorbereiten. Hie und da stürzt in schäumenden Kaskaden, aus engen Ge- birgsschluchteu und Waldtälcrn hervorstürmend, ein Bach zur Tiefe, und seine Wogen erschüttern die beweglicheren Teile seiner Schranken. Je weiter die Straße aufwärts fürt, desto häufiger schaut man ans den Abhängen und an den grünen Matten kolossale Felstrüinmer und Geschiebe, die von den Höhen im donnernden und verheerenden Sturze sich einst niedcrsenkten, dann aber, durch irgend ein Hindernis im weiteren Falle gehemt, zuweilen inmitten einer grünenden Bergmatte bis auf den heutigen Tag Halt machte». Viele dieser gigantischen Blöcke, zu groß um gesprengt oder sonst beseitigt zu werden, neigen sich drohend über die Straße und sind dann zumteil mit solider Untermauerung in ihrer Lage gesichert worden. Flechten und Moose überziehen einzelne Flächen dieser Steinniassen und hie und da erzengte der Unver- stand und blinde Aberglaube früherer Zeiten romantische Volks- sagen, deren tragikomischer Held dann gelvönlich, der Gewonheit des Mittelalters entsprechend, entweder der überlistete Teufel oder ein Mönch sein muß. Von hochaufragender Felsbastion winkt das Alpendörfchen Gurtnellen ins Tal, dessen anmutiger Hintergrund von den griinen Matten des Geisberges gebildet wird. Ein Chaos von zerstreut liegenden Felstrümmcrn bedeckt die Berggelände. Alte Wcttertannen beschatten stellenweise zu dich- terer Waldung vereinigt einen bedeutenden Teil dieser Gebirgs- trünimer, und die niedere Vegetation der Flechten, Moose und Gebirgskräuter breitet ihren Teppich über die starren Gestein- maffen aus. Ein roter Staubflechtenüberzug auf diesen Felsüberresten, das sogenante Veilchenmoos(Kissn-, irlithus), wird hier von arnien Leuten gesammelt und als ergibiger Farbestoff dann unten im Tale verkauft und in die weite Welt hinaus verhandelt. Endlich schwindet die Waldung an den Abhängen des Tales, die nackten Gesteiiiflächcn vermehren sich, und bald darauf bewegt sich unsere Wagenreihe über die wildromantische Pffaffensprung- brücke, von der aus talwärts sich eine weite Fernsicht bietet. In unheimlicher Tiefe, in der Dämmerung einer halbdnnklen engen Felsschlucht tost in wilder Brandung die Reuß. In der Vorzeit soll hier ein Mönch, der ein Mädchen gewaltsam entfürt hatte, und vom Volke verfolgt wurde, mit seiner Beute de» Sprung über diese Schlucht gewagt und glücklich ansgcfürt haben, daher der eigentümliche Name der Brücke. Wir befinden uns nun auf einem Gcbirgsterrain, das, zumeist aus Granit bestehend, die Bebauung und Ausnuzung des Bodens erheblich erschwert. Kleine und mühsam angelegte Kartoffel- - 2' gartchcn zeugen von der Energie und zähen Ausdauer der Tal- dcwohner, denen keine Mühe und Last zu groß ist, wenn nur irgend ein Erfolg zu erwarten ist. Tas Tors Wasen, in einer Meereshöhe von 2823 Fuß, ist erreicht, unser Posttrain hält, und wer war froher als ich, da ich zezt von meinen Fargeuossen befreit wurde. Einmal und nie wieder, wenn es irgend möglich ist, dachte ich in meinem Inner», als die Herren sich freundlichst verabschiedeten und über das Aus scheu, welches wir bei den Talbewohnern erregt hatten, noch einige Scherze äußerten. Bald begann die Weiterfart. Wieder wechselte über einige Brücken hinweg die Straße die Ufer der Reuß, und wilder und drohender gestaltete sich jezt der Äarakter der Gegend. Tie Brücken sind mit starken, schmiedeeisernen Stäben und Klamniern hier besonders gegen den Anprall niedersausender Lawinen gefestigt, denn häufig genug schleudern die gewaltigen Massen, wenn der Sturz jäh und heftig erfolgt, große Fels- trümmer an den Abhängen empor. Tie lezten Gerßenfelder zeigen sich jezt inmitten steriler Gc- röllhaldcn und mehr und mehr tritt das Mineralreich mit seinen starren Felsdekorationeu nackt und schroff in den Bordergrund der Landschaft. Nahe der Straße steht ausrecht ein hausgroßer Felsblock, der seit Jarhundertcn in dieser eigentümlichen Stellung ani AbHange sich behauptete. Seine mächtigen, fast spiegelglatten Flächen be- künden hinreichend die Härte des Gesteins. In der Vorzeit entstand hier eine Volkssage, die noch heute bei der biederen Talbcvölkcrung in Auschen steht. Des Felsens pikante Benenung gipfelt i» der Bezeichnung: der Teufelsstein. Ter im frommen Mittelalter viel und oft erwähnte angebliche Anstifter alles Unheils soll sich hier s. Zt. recht einfältig benommen haben. Im Begriff,- den wuchtigen Felskoloß zu transportiren, soll er durch den landesüblichen Grnß eines Bauern, der ihm ein sröliches„Grüß Gott!" zurief, derartig aus der Fassung ge- bracht worden sein, daß er den Stein hier abseztc, schleunigst das Weite suchte und bis heute den Stein auf diesem Plaze ließ. Viel Kopfzerbrechen wird die Erfindung dieser Mähr nicht verursacht haben, weniger jedenfalls als die Bemühungen kompe- tcnter Forscher, den Heimatsort und die einstige Bewegung des gewaltigen Blockes zu ermitteln. Endlich ist Göschenen mit seiner wildzerklüfteten und höchst malerischen Talenge erreicht. Der hier bei der Poststation er- folgende Austausch der Sendungen, sowie der Pferdewechsel, ver- anlaßte wieder einen längeren Aufenthalt, wärend dessen die Passagire m t halbsteifen Gliedern sich aus der drangvollen Enge der Postkutschen retteten, um frische Luft und etwas Aus- ficht zu genießen. Da die Poststation dieses Torfes einen weiten und freien Ucberblick über das Tal und die Reußschlucht in der Tiefe ge- währt, fönte man sich keineswegs über Langeweile und Unter- Haltungsinangel beklagen; im Gegenteil, es gab sehr viel zu schauen, und noch mehr zu denken bei dieser überreichen Aussicht. Ticht�an der Straße senkt sich das Terrain in Gestalt schroffer, nackter Steinwände zur Tiefe hinab, in deren unterster Kluft die schaumbedeckten Wasser der Reuß in ununterbrochener Brandung zwischen Felstrüininern und Klippen dahingleiten. Trüben an, Talrande erheben sich steil und in gigantischer Ausdehnung die Flächen imposanter Granitfelscn, über deren hie und da mit dunklem Nat elgehölz bestandenen Höhenpartien die mit„ewigem" Schnee und Eis bedeckten Kuppen der Hochgebirge emporragen. Jenseits der Schlucht, wo in außergewönlich reichen Mengen massenhaste Kolcn- und Roeiscnvorräte lagerten und wo das zu Tage geförderte, im Innern des Berges gebrochene Gestein eure imposante Rampe über dem AbHange bildete, durchbrachen die Felswand zwei niiifangrciche, gcivölbte Portale, deren Anblick uns niehr denn alles Andere fesselte. Tie nahen, langgestreckten Maschinenhäuser mit dem iiiodernen Ranch und L.ualm, mit mannigfachem Geräusch und Lärm, er- regten weniger unsere Beachtung als jene grabesstillen Gewölbe- Pforten, durch die Schienenpfade zum geheimnisvollen Kerne des Urgebirges füren. Bleiche, dürftig gekleidete Männer, mit Grubenlampen und Arbeit- geräten versehen, schritten an uns vorüber, um später jene Portale passirend, zu ihren unterirdischen Arbeitsställen zu wan- der». Es waren jene Helden der Arbeit, die bei harter, schwerer Tätigkeit und für kargen Lohn den Gesarcn der Bergestiefe trozten und tagtäglich auf's neue ihr Leben auf's Spiel sezten. Ein Z6- trauriges Loos im monotonen Kampfe um» Dasein bietet jeden- falls diese Tunnelarbeit der Gegenwart; namentlich dort, wo mit der gigantischen Ausdehnung des Unternemens die Beschwerden sich häufen und die Gefaren sich steigern. Gewaltige Rörenleitunge», deren Umfang stellenweise den Dimensionen mäßig großer Dampfkessel glich, waren ebenfalls warzunemen. Sie bekundeten, daß da drinnen im Schöße des Gebirges nicht blos menschliche und tierische Muskelkräfte Ber- Wendung fanden, sondern daß auch die Elemente, wenn dieser physikalische veraltete Ausdruck hier gestattet ist, zur ergibigen Dienstleistung herangezogen und benuzt wurden. Seitdem der genfer Professor Collason vorgeschlagen hatte, die in den Tunnels zur Verwendung gelangenden Bormaschincn nicht mehr durch Muskelkraft, sondern durch komprimirte Luft in Betrieb zu sezen, war man imstande, die erwänte bewegende Kraft mit unerheblichem Verluste über weite Strecken hin bis zu den Arbeitsstätten zu leiten. Daher die umfangreichen Rören am Bergabhange, in denen die atmosphärische Lust, auf den zwanzigsten Teil ihrer gewön- lichen Raumausdehnung durch die Wasserkräfte der Reuß zusam- mengepreßt, zu den Bormaschinen geleitet wurde, um dort einer- seits die Bohrer und Meißel ins Gestein zu treiben und um andrerseits gleichzeitig den Arbeitern und Tieren im Tunnel die dringend nötige Atemerfrischung zu spenden. Und wenn man hier stundenlang verweilt hätte, es hätte immer wieder des Neuen und Anregenden gar viel zu sehen ge- geben, aber darum kümmerte sich der Leiter unseres Posttrains selbstverständlich nicht; ihn rief die Pflicht und uns die Not- wendigkeit, rechtzeitig wieder fortzukommen. Meine Wenigkeit war nun im Vordercoup�e auf dem Mittel- plaze untergebracht worden und ich pries wieder einmal die Gunst des Schicksals, die mich auf diese Weise in das Hauptfur- werk an der Spize des Zuges auf einen aussichtsreichen Siz gefürt hatte. Geradeaus und rechts und links konte man hier in die Welt hinausschauen, und das war nicht übel. Born boten sich zu- nächst, in zwei Fronten rangirt, sechs kräftige Pferderücke», die sich, je nachdem es im kurzen Trab oder im langsamen Berg- schritt vorwärts ging, mehr oder weniger senkten und hoben. Die Häuser und Häuschen deS Dorfes Göschenen boten da- mals in ihrer äußeren und inneren Beschaffenheit des Besonderen genug. Fast jedes war zu einer Arbeiterkaserne von spekulativen Unternehmern umgewandelt worden, die hier den armen italieni- scheu Arbeitern auf verschiedene Manir die Beutel, zu erleichtern suchten. Uebcrall gewarte man Vcrkaussläden, in denen leichte Ware ausgelegt war oder auch mitunter zu den Fenstern und Türen der betreffenden Lokalitäten heraushing.„Ter Unbcmit- teile kaust am Teuersten!" mochte sich auch hier bewären; und Professor Reuleaux viclzitirtcs, seiner Zeit speziell der deutschen Industrie gewidmetes Stachelwort mochte hier besser als irgendwo seine Anwendung finden. Jezt rollten unsere Karoffen und Beiwagen über die kühn- gewölbte Steinbrücke von Göschenen, um oben am jenseitige» Bergabhange, den Abgrund entlang, in die Schöllincnschluckst den Einzug zu halten. Tie Brücke gewärt eine genußreiche Aussicht bei hellem Welter. Stundenweit Überblick! man von hier au» das einsame und mit gigantischen Gebirgstrümmern übcrsäete Göschenental; und wärend hoch oben, die Vorberge überragend, blendendweiße Hoch' gebirgskämme und Gipfel sich erheben, gähnt in der Tiefe der Reußschlund, aus dem das forlwärende Brausen stürzender Wassermassen emportönt. Die Häderlibrücke fürte uns wieder zum rechten Reußuftr hinüber und die im Winter wegen ihrer Lawinenstürze verrufene und berüchtigte Schöllincnschlucht mit ihrem schroffen, fast vo» jeder- Vegetation entblößten Felstcrrain hatte uns aufgenommen- In mannigfachen Windungen schlängelt sich die Poststraße an den Felswänden empor, auf der einen Seite starre Felswände oder schmale, unheimlich öde und abschüssige Geröllhalden,»»d auf der anderen Seite der jähe Abgrund des grausigen Fel'-' schluudes, in dessen untersten Klüften die Reuß zu Tale eilt. Ein fast unaufhörlich diese Felsencnge durchbrausender L»st »ug gibt Kunde von der immensen Gewalt, mit der die schiedenartig erwärinten und bewegten Luftschichten der obett" und der niedrigeren Talgegeudcn die Ausgleichung ihrer � wlchtsmaffen anstreben. i�onl-zunz folgt.) Die Entdeckung des SauerlMs nnd des Wesens der Derbrenunng. Naturwissenschaftliche Zkizze von Z». chn. Tie Wage ist das Symbol der heutige» Naturwissenschaft. Ter �Naturforscher, der einen neuen Saz aufstellt, muß ihn be- gründen durch Maß und Gelvicht. Erst, nachdem man dem Züngelchen an der Wage die Macht gegeben, eine Teorie als zulässig zu erklären oder sie für immer aus der Wissenschaft zu verbannen, wurde eine richtigere Ansicht über den Verbrcnnungs- Prozeß ermöglicht. Es entspricht der Anschauung eines Kindes, daß das Feuer die verbrennenden Stoffe auflöse; wie der Zucker unter dem Ein- sluß des Wassers, so verschwindet das Holz, wenn die leckende Flamme es berürt.„Das Feuer verzehrt das Holz" ist noch heute ein allgemein gebrauchter Ausdruck. Diese Ansicht fürte zu der Annanie eines besonderen Feuerstoffes, welcher die wäg- bare Materie zerstöre. Bald aber wurde ein großer Fortschritt gemacht. Man sing an, die bei der Verbrennung auftretenden Körper zu beachten und nichts schien naturgemäßer als die An- »ame, daß die Vcrbrennungsprodnkte aus dem verbrennenden Stoff abgeschieden seien. Ein eigentümliches verbrenliches Prinzip sei in allen brenbaren Körpern enthalten und bedinge die Per- brcnlichkeit. Das beim brennenden Schtvesel austretende stechend riechende Gas, die schweflige Säure, ist nur ans dem Schwefel abgeschieden. Schwefel besteht aus schwefliger Säure und dem brenbaren Prinzip. Aus diesem und Eisenoxyd ist das Eisen zusammengcsezt. Diese Ansicht, die von Becher(1635—1682) namentlich vereidigt wurde, fand eine noch größere Verbreitung, nachdem Stahl (1660— 1734) mit großem Eifer sich ihrer angenommen. Stahl faßte sehr richtig alle Verbrcnnnngserscheinuiigen aus demselben Gesichtspunkte aus und wante auf alle dieselbe Teorie an. Bechers »crbrenliches Prinzip nante er„Phlogiston". Ein Körper ver- brent, indem er sein Phlogiston abgibt, und um so brenbarer ftt ein Körper, je mehr Phlogiston er enthält. Bei dieser Teorie, >hrer Verteidigung und allgemeinen Aufname herscht ein höchst sucrkivürdigcr Karaklerzug des ganzen Zeitalters vor, auf den uh gleich näher eingehen werde. Tic ganze Forschung hatte bisher nur das eine Ziel gekaut, festzustellen, welche Stoffe in bwscm oder jenem Körper enthalten seien, welche Veränderungen bie verschiedenen Stoffe auf einander ausübe» und wie sich aus Zweien ein ganz anderer, neuer, dritter herstellen läßt. Niemand hatte danach gefragt, in welchem Verhältnis die Stoffe mit s»>ander sich verbinden, wie viel von diesem oder jenem Stoffe ch die Verbindung eingehe, wie viel von diesem oder jenem in k'nem Körper enlhalte» sei, und was der neue Körper wiege, fvenn zwei Stoffe von bekantem Gewicht mit einander sich ver- b>nden. Kurz: man hatte nur qualitativ geforscht, one um quan- titaiive Verhältnisse sich zu kümmern. Daraus, daß diese Ideen bw durchaus leitenden waren, ist allein erklärlich, wie ein Geist gleich Stahl es ganz unbeachtet lassen und für unwesentlich halten wntc, daß ein verbrennender Körper, der nach seiner Teorie ctivas 'das Phlogiston) verliert,„dennoch" leichter wird, daß z. B. Eisen b/steht aus Eisenkalk und Phlogiston und„dessenungeachtet" leichter fst, als die bei seinem Verbrennen entstehende Menge Eisenkalk. Tatsache war ihm sehr wol bekant. aber sie wurde als zu- 'bst'g, als unwesentlich betrachtet. .. Aach und nach wurde der Zeitgeist ein anderer. Immer be- ! Wer machte man der Phlogistonteorie diesen Einwand, die ych bch'v mit de» abenteuerlichsten Erklärungen zu Helsen suchte. H'erher gehört z. B. die Annamc, das Phlogiston'verde von 'Nein andern Weltkörper stärker angezogen als von der Erde, r strebe von der Erde sich zu entfernen, und indem es nun mit "steni Stoffe sich verbinde, teile es demselben von diesem Strebe» '".mache ihn also leichter._.. L Tie Unhallbarkeit dieser Zdecn bewies schon, dag die Zeit /, bb»>iahe, wo man die Phlogistonteorie zu Grabe tragen iverde. ,'"b in der Tat waren allmälich so viele Tatsachen bekant gc- vrden, daß es nur des ordnenden unifassendcn Geistes bedurfte, das Zeitalter, das der Herschast der qualitativen Anichau- >«sswe,se entwachsen war. vollends davon zu befreien und die Mung auf andere Bahnen zu lenke», leichter wurde dies vieles dadurch daß Priestley im Jare 1774 den sauer, loy entdeckte, one aber daran die so nötige und erwünschte Reform der Wissenschast selbst zu knüpfen. Der Ruhm dieser Tat gebürt Lavoisier(1743—1794), der es zuerst überzeugend und klar aussprach, daß die quantitative lliitersuchungsmetode die allein berechtigte sei. Lavoisier brachte eine gewogene Menge Zinn in ein geivogenes Glasgefäß und verschloß dies luftdicht.'Nach längerem Erhizen hatte alles Zinn sich in Zinnasche(Zinnoxyd) verwandelt. Als er daraus das Gefäß öffnete, drang Luft ein und nun wog das Gefäß mit dem Zinn mehr als vor dem Erhizen und zwar um so viel, als das Zinn an Gewicht zugenommen hatte. Ans diesem Versuch durfte er schließen, daß das Zinn bei seiner Ver- brennung mit einem Bestandteil der Atmosphäre sich verbunden habe, nnd es ivar nach Priestley's Entdeckung des Sauerstoffs nicht schwer, zu wissen, welcher Bestandteil der Atmosphäre dies gewesen. Verlassen wir nun den geschichtlichen Boden und wenden wir uns Tatsachen z», die mit den einfachsten Hilfsmitteln von jeder- mann können beobachtet werden. Es ist eine uns allen bekante Erscheinung, daß in einem ab- geschlossenen Raum ein brennender Körper sehr bald erlischt. Aber was geht dabei vor? Ich bitte meine Leser und Leserinnen durch folgenden leicht anzustellenden Versuch dies zu untersuchen. Eine größere Medizinflasche, deren Boden gleichmäßig abgesprengt ist, kann man leicht von jedem Apvteker erhalten. Dazu auch einen gut schließenden Pfropfen für den Hals der nunmehr zur Glocke gewordenen Flasche. Ein Stückchen Drat und ein kleiner Fingerhut, der sich bequem durch den Hals der Glocke stecken läßt, ist bei der Hand. Nun winde man den dünnen Drat etwa zweinial um den Fingerhut, biege ihn dann gerade in die Höhe und stecke das Ende in den Pfropf, so daß, wenn man leztcren auf die Glocke sezt, der Trat senkrecht in dieselbe hineinragt und die Oeffnung des Fingerhuts nach oben gekehrt ist. Der leztere befinde sich in der halben Höhe der Glocke. Diese stelle man in eine Schüssel und gieße so viel Wasser ein, daß die Glocke bis unter den Fingerhut angefüllt ist. Der Pfropf ist entfernt und das Wasser steht in der Schüssel und in der Glocke gleich hoch. Nun bringe man ein erbsengroßes Stückchen Schwefel in den Fingerhut, zünde es an, senke es schnell in die Glocke nnd seze den Pfropf fest auf, so daß er luftdicht schließt. Der Schwefel brent ruhig fort, die Glocke füllt sich mit dichten Dämpfen und das Wasser tritt, weil die Luft ausgedehnt wird, etwas zurück. Aber bald erlischt der Schwefel, allmälich verschwinden die Dämpfe, die Lust erkaltet wieder und das Wasser— steigt in der Glocke um ein Bedeutendes höher, als es im Anfang des Versuches stand und als es»i der Schüssel noch steht. Es wird also ganz klar, daß der verbrennende Schwefel mit einem Teil der Luft in der Glocke sich verbunden hat. Das Verbrennungsprodukt, die bekante schwesliche Säure löste sich in dem Wasser und dies trat an die Stelle der vom Schwefel aufgenommenen Luft. Priestley kochte gewogenes Quecksilber sehr lange im ver- schlossenen gewogenen Gesäß. Nach dem Erkalten wog das wiedcrgeöffncte Gesäß mit dein Quecksilber mehr als beim Beginn des Versuches. Dabei hatte sich ein hochroter Körper gebildet. Priestley sammelte diesen roten Körper und erhizte ihn in einem solchen Apparate, der das Auffangen von Gasen gestattete. Der rote Körper hatte sich, wie wir wissen, durch Erhizen des Queck- silbers gebildet, nun, bei stärkerem Erhizen bräunte er sich und verschwand allmälich. An den kälteren Teilen des Apparates aber sammelte sich erst ein schwacher grauer Anflug, der stärker und stärker wurde, endlich in kleine glänzende Kugeln zusammen- floß nnd als metallisches Quecksilber sich kund gab. Dabei hatte sich ein farbloses, geruchloses und geschmackloses Gas entwickelt, welches genau so viel wog, als bei dem ersten Versuch das Queck- silber schwerer geworden war. Hier war also der bei der Ver- brennung verschwindende Teil der Luft rein dargestellt und es fönten nun seine Eigenschaften, die ihm den Namen Sauerstoff (Oxygen) verschafften, genau studirt werden. Der bei der Ver- brennung zurückbleibende Teil der Luft, den wir in unserm ersten Versuch erhielten, ist unfähig die Verbrennung zu unterhalten. So wie der Schwefel darin erlosch, so erlischt ein brennender Holzspahn, ein Licht, kurz jeder brennende Körper, so wie man ihn in das Gas einfürt. Ein Tier erstickt alsbald darin und dies verschaffte ihm den Namen Stickstoff. Aus Stickstoff und Sauerstoff besteht also unsere Atmosphäre, und haben wir den Grabmal Theodorichs zu Ravenna.(Jllustr. S. 272.) Zwei inhaltsschwere Namen, an die sich manches großartige historische Ereignis knüpft! Ravenna, die Stadt, in die sich die lezten Herschcr des Versal- lenden alten Römerreichs teils schuzsuchend flüchteten, wo sie ihre Resi- denz anfschlugen, wo der große Dante, aus seiner Vaterstadt Florenz verbant, sein ruhmvolles Dichterleben beschloß und einer der größten Dichter des 19. Jarhunderts, Byron, in den Armen der schönen Gräfin Guiccioli in Liebe schwelgte,— hier stand auch der Königstron des Gotenkönigs Theodorich des Großen, von dem aus dieser seine Her- (chaft über Rom sürte und hier steht noch,— wie unser Bild zeigt, das Denkmal, welches er sich selbst errichtete. Man sagt immer: „Wo es ein Aas gibt, da sammeln sich die Adler". Dies Sprüchwort hat sich auch an dem durch innerliche Fäulnis zugrunde gegangenen alten Rom bewarheitct. Nach allen Wcltrichtungen hatte es zur Zeit seines Glanzes und Weltruhms seine Adler seinen Legionen siegreich vorantragen lassen und von allen Seiten brache» denn auch die srüher unterjochten oder sonst beutelustigen Völkerschaften über seine Grenzen und juchten sich in den herlichen italischen Landschaften festzusezeu, nach- dem sie dem dahinsiechenden Staatskörper noch vollends den Garaus gemacht hatten. Ein solcher gegenüber der alten im Niedergang be- grisfencn Römcrherschaft siegreicher Aar war auch Theodorich, König der Ostgoten. Er war, wie man heutzutage sagen würde, der„natür- liche" Sohn von dem mit Walamir und Widiniir die Oftgoten beher- schenden Theodomir und dessen Geliebten Ereliva und wurde 454, ein Jar nach dem Tode des gesürchteten Hunneusürers Attila, geboren. Ungesär sieben Jare alt wurde er an den Kaiscrhos zu Koustantinevel gesant, um mit seinem Leben für die Ausrcchlerhaltuug eines Friedens- Vertrages zu bürgen, der zwischen dem Kaiser des oströmischen Reiches, Leo I., Macella oder der Mezger genant, und den drei genanten Brü- den, geschlossen worden. Zehn Jare verweilte er dort, und in dieser Gesellschaft mag er sich wol manche Lebenserfarung angeeignet und seine geistige Bildung gefördert haben. Gelehrte Kcntnisse blieben ihm jedoch fremd und auch nicht einmal die Kunst des Schreibens erlernte er, so daß er noch im späteren Alter die vier Aiifangsbuchstaben seines Nanieus vermittelst einer Blcchschablone„malte" oder„schrieb". Jean Paul hat an irgend einer Stelle seiner Werke einmal die Ansicht aus- gesprochen, ein Fürst— natürlich hatte er die des vorigen Jarhunderts dabei im Auge— brauche weiter nichts zu können als seinen Namen zu schreiben und auch da ließe sich allenfalls ein Stempel oder sonst eine mechanische Aushilfe schaffen. Wir erinnern hier daran, lediglich »in zu verhüten, daß unsere Leser gegen Theodorich, der ja ca. 1400 Jare srüher lebte, wegen seiner mangelnden Schulkentnisse von vorn- herein eingenommen werden. Für die Ausbildung seiner ihm von Natur gegebenen Körperkräfte scheint er außerdcn, doch eisrig gesorgt zu haben, wenigstens erwarb er sich nach seiner Rückkehr in die Heimat, die 472 erfolgte, in einem Kricgszuge großen militärischen Ruhm und die Gunst der Ostgotcn. Sein Onkel Walamir siel in einer Schlacht, sei» andrer Oheim war mit Kricgsvolk zu den Westgoten gezogen, und so wurde er denn, noch jung, als auch sein Vater gestorben, 475 durch einstimmige Wal auf den erbliche» Tron der Amaler— so hieß sein Geschlecht— berufen. Zugleich hatte aber auch in Koustautinopel ein Trönwechsel statigcfundeu, der böse Kämpfe und Streitigkeiten zwischen Zeno und Basitiskus im Gefolge hatte. Mit Hilfe Theodorichs behielt der elftere die Oberhand, der gotische Helfer ward mit Titeln und Ehren über- häuft und lebte in einer hervorragenden Stellung in Konstan- tinopel, wo ihm Zeno sogar eine Rciterstatue errichtete. Aber der Einfluß, de» Thevdorich allmälich gewann, mochte die Eisersucht des Byzantiners schüren und außerdem mochten auch die Uuzuträglichkeiten, welche aus der Anwesenheil der rohen gotischen Kriegsmänner hervor- gingen, den lezteren bestinimen, bereitwilligst seine Zustimmung zu geben, als der Gotenkönig einen Kriegszug gegen das weströmische Reich zu unterncmen beabsichtigte. Vielleicht dachte auch der feige und uuwür- dige Zeno auf diese Weise in den Besiz des gesamten römische» Reiches zu komlucn. Sei dem wie ihm wolle, mit Winters Ansang 488 rückte Theodorich mit seinen Goten gegen Italien aus und sein Zug soll sich nach einer Meldung auf 200 000, nach einer andern auf 300 ODO Köpfe beziffert haben. Im Ganzen waren es an die 00000 bewaffnete Männer, die den kriegerischen Angriff wagten und sich nebst Weib und Kind obendrein noch durch verschiedene feindliche Völkerschaften mit den Waffen den Weg bahnen mußten. Teils fanden sie nun noch Verstär- kuugen in einigen germanischen Stämmen, teils war ihnen das Land jenseits der Berge als so wunderbar geschildert worden, daß die Begei- sterung, der Drang, dorthin zu kommen, die Kräfte verdoppelte. Im Früjar 433 stieg der Zug über die julischen Alpen und am 28. August desselben Jares schlug bereits Theodorich seinen Gegner Odoaker, der damals König von Italien war. Die Schlacht fand am Jsonzo in der Nähe der Ruinen von Aqnieji statt und ihr folgte eme zweite am 30. September, unter den Mauern von Verona, die gleichfalls für das beschriebenen Versuch nur einigermaßen sorgfältig angestellt, so sehen wir, daß etwa'/g der Lust verschwunden, also Sauerstoff gewesen ist. Genaue Untersuchungen ergaben als überall gleiche, beständige Zusammensezung der Atmosphäre in 100 Raumteilen, 12 Raumteile Sauerstoff und 79 Raumteile Stickstoff. Gotenheer sieg: ich war. Nach einer dritten großen Niederlage flüchtete sich Odoaker mit seinem Heere nach Ravenna, wo er sich schließlich nach mehrjäriger Belagerung Theodorich ergeben mußte. Am 27. Februar 493 ward die Kapitulation unterzeichnet und am 5. März genanten Jares wurde Odoaker auf einem Gastmale, das Theodorich veranstaltet, von lezterem ermordet. Den Sohn des Getöteten wie dessen Gesolge traf das nämliche Schicksal. In seiner Eigenschaft als König von Italien soll sich Theodorich durch Gerechtigkeit und Milde ausgezeichnet haben. Die Verfassung und die Gerichtsordnung ließ er un- angetastet bestehen, die Verwaltung und Rechtspflege gleichfalls, die er fast ausschließlich von den Eingebornen ausüben ließ. Dagegen traf er im Kriegswesen seine eigenen Maßnamen, war selbst Kriegsherr und duldete nicht, daß ein Römer unter seinen Fahnen diente. Durch den langen Frieden märend seiner Regirung mehrten sich dann auch Wol- stand und Glück, wie es denn auch um die Sicherheit des Eigentums und der Person im Reiche gut bestellt war. Legte er an den Landes- grenzen Besestigungen an, so errichtete er auch im Innern Bauten, als Wasserleitungen, Bäder, Amphiteater, Monumente, und förderte die öffentlichen Lehranstalten. Bei seinen Besuchen in Rom lohnte er den feierlichen Empfang durch Gaben und Getreidespenden und suchte auch die Volksmassen zu gewinnen, indem er die früher üblichen Volksbe- lustigungen init Ausname der rohen Gladiatorenkämpfe in Szene sezen ließ. War es sonst sei» Streben, eine Einheil unter den verschiedene» germanischen Stämmen herzustellen, so hatte er in Italien speziell wol die Absicht, die Römer niit seinen Goten zu verschmelzen, was ihm je- doch troz seines toleranten Vorgehens nicht gelang. Haupthindernis war, daß er und die Goten Ariancr waren, Wärend in Roni und Italien die strenggläubigen katolischen Christen weitaus die Mehrheit bildeten. Trozdem er die lezteren vollständig gewären ließ, entstand doch allmälich eine große Klust zwischen den beiden Konfessionen, und als schließlich in Konstantinopel Justinius I. den Tron bestiegen hatte und mit Versolgungeu gegen dieArianer begann, ward der Bruch offenbar. Theodorich hatte durch eine Gesautschaft der höchsten Ver- treter der Geistlichkeit von Rom am Hofe z» Byzanz um Milde für seine Glaubensgenossen gebeten, aber erfolglos. Als er nun erfur, wie hochgestellte, von ihm sehr begünstigte römische Beamte gegen ihn konspi- rirten, entbrante sein Zorn und er ließ sie hinrichten. Dadurch wurde der Haß gegen ihn größer und wenn man ihm auch nicht bei Lebzeiten beikommen koute, so ließ man doch die Wut an seiner Asche aus, die von seiner Tochter Amalajuntha nach seinem am 20. Aug. 520 erfolgten Tode in einer Porphyrurne ausbewart worden, indem man sie in alle Winde zerstreute. Damit hat man nun das wirkliche Verdienst des „fluchwürdigen Kezers" nicht im mindesten schmälern können. Er ist geblieben, der er war und man geht wol nicht fehl, wenn man selbst alle Tugenden, welche die Geschichte ihm nacherzält, für historische War- heit hält, und demnach annimt, daß er beim besten Willen nicht mehr leisten konte. Die Formen des alten Römerreichs mußten eben zer- fallen, das war historische Notwendigkeit, und die Goten waren ein viel zu barbarisches Volk, um der römischen Gesellschaft neues Leben einzuhauchen. Dieses Unfertige und Unklare, das besonders Geschichts- epochen kenzcichnet, in denen sich mehr das Vergehen wie das Werden äußert, sprach sich denn auch in seinem Tun im allgemeinen aus, und ein Geschichtsschreiber hat dies vollkommen richtig bezeichnet, wenn er sagt:„Seine Kunst war klein im Großen und groß im Kleinen, im Kräftigen übermäßig und geziert im Zierlichen". Dies prägt sich auch aus an deni durch unsere Illustration wiedergegebeuen, svon ihm selbst warscheinlich unter dem Eindruck der gewaltigen römischen Kaisergrab- mäler erbauten Mausoleum. Man sieht, wie hier die römisch-antike Bauweise mit der uordisch-germanischen Derbheit verbunden ist und wie gerade die lcztere vorhcrscht. Ein bcstimter, selbständiger Karakter fehlt ganz— ebenso wie im gesellschaftlichen und politischen Lebe» des damaligen Italien— das Werk verliert daher als sojches das Jnter- esse. Sein Karakter ist die Karakterlosigkcit. Die Renaissance schuf ihre Werke gleichfalls, in dem sie mit den antiken Bauformen begann und sie bcnuzte. Aber ihre Zeit hatte selbständige Ideen und Formen und so entstand denn auch ein neuer Stil, eine neue, selbständige Karakteristik in den Künsten.— Das Grabmal Theodorichs nun— jezt S. Murin della Rotonda— ist ein einfaches Zehneck, war srüher von einem Ar- kadengang umgeben und ist mit einer Kuppelwölbung bedeckt, die 34 Fuß im Durchmesser hat, und aus einem einzigen Felsblock gehauen wurde. Aber sie ist nicht das einzige Denkmal, das die Taten des mächtigen Gotenkönigs bescheiden, aber mächtig verkündet; ein andres hat die Sage und Dichtung ihm gesezt in dcm.Heldcnliede„Dietrich von Bern", das de» Sieger von Verona vcrherlicht. So lebt denn alles Große sort im Munde der Völker durch die Jartausende und selbst die größten und plözlichsten Wandlungen sind nicht imstande, die Frische und Macht des ursprünglichen Eindrucks zu vertvischcn. urt. Sancho Pansa und Don Q«ixote>(Jllustr. S. 273.) Ton Ouijote und Sancho Pansa müßte es eigentlich heißen, wenn man den, solange es Ritter und Stallmeister gibt, geltenden Gesezcn von der Herschaft der ersteren über die leztcre» gerecht werden will. Aber zwischen de» beiden von der Phantasie eines genialen Dichters geschah sencn Figuren ivird einem die Wal schwer, wenn es sich darum hau- delt, einem den Vorrang zu geben. Beide sind in ihrer Art großartige Gestaltungen, die ihren Beobachtern Interesse abgewinnen werden, so- lange es Menschen gibt, die sich nicht über die schale Prosa des mate- rialistischen Lebens zu erheben vermögen oder unter Nichtachtung des realen Seins in den phantastischen„höheren" Regionen ihre geistige Existenz süren und das heißt wol, solange als es überhaupt Menschen geben wird. Man sehe sich die beiden Helden aus unserem Bilde nur an— da hinten rechts im Lehnstnle der Edle aus der Mancha, die „Blume der irrenden Ritterschaft", Don Quixote(sprich: Don Kichote), „der Ritter von der traurigen Gestalt" und vorn neben ihm, uns die Kehrseile seines stallmeisterlichcn Ichs zeigend, der nicht minder berühmte Sancho(sprich: Sanischo), der durch Haltung und Körperge- staltung uns sowvl Physisch wie geistig als der Gegensaz zu scinein edlen Herrn vor Augen tritt. Beide sind auf ihren abenteuerlichen Farten an den Hof eines Herzogs gekommen, wo ihre Streiche bereits durch den ersten Band des unsterblichen Werkes, das sie crzält, bckant waren, und wo man (ich darauf freut, zu erfaren, ob der Chronist die Warhcit gesprochen, und deshalb die ersolgreichsten Experimente anstellt. Eben gibt Sancho unter einer Flut von begleitenden, dem Sinn nach bunt unter einander gemischten Sprüchwörtern verschiedene Auskünste, Wärend sein Herr in Angst ist wegen der Dumheiten, welche ersterer begehen wird; der Herzog und seine Gemalin spielen mit erkünsteltem Ernst eifrige Zu- Hörer, das übrige weibliche Element im Auditorium kichert, flüstert, zupft und rupft sich, nach echter Wciberart entzückt über die Situation — nur der feiste Pfaff im Hintergründe blickt entrüstet zu den beiden herüber und, indem er durch gewissenhaftes befestigen der Serviette die (orgsältigsten Vorbereitungen zu seiner liebsten irdischen Tätigkeit trifft, „steigt ihm die Galle ins Blut", so daß er entrüstet die ihm sonst eben wegen der Genüsse so werten Räume, dieweil sie von den Abeu- . teurern seiner Meinung nach entweiht wurden, verlassen muß. Aber diese von der Entrüstung veranlaßte Flucht schafft durchaus kein Hin- dernis, im Gegenteil ist es wol die Beseitigung des lezteu, das alle die ebenso ergözlichc» wie belehrenden Handlungen, welche das Par aus der Mancha an dieser Stätte verübt, verhüten könte.— Der Mann, dein die Menschheit diese Perle der Dichtkunst verdankt, Miguel de Eervantes Saavedra, wurde am 8. oder ö. Oktober 1547 zn Alcala de Henares geboren. Seine wenig bemittelten Eltern gaben ihm jedoch sine gute Erziehung und zwar zunächst in seinem Heimatsort, später »l Madrid und Salamanka, in welch lezterem Orte er die berühmte Uinversität bezog. Auf der Schule zeichnete er sich schon durch seine Wißbegierde wie durch sein dichterisches Talent aus. Doch sind die bon ihm in dieser Zeit gedichteten Sachen verloren gegangen. Zlber (eine materiell dürstige Lage zwang den jungen Poeten, sich nach einer brotbringenden Stellung unizusehen und so trat er denn in die Dienste des päpstlichen Legaten Aquaviva und begleitete diesen durch Catalonien und die Provence nach Rom. 1571 war er aber bereits wieder als Soldat in die spanische Armee eingetreten und machte am 7. Oktober bes genanten Jares, fieberkrank, die berühmte Seeschlacht bei Lepanto mit, an der er sich derart beteiligte, daß er zwei Kugeln in die Brust und eine in die linke Hand erhielt, wodurch er diese und ein Stück des Armes einbüßte. 1575 nam er seinen Abschied, erhielt von seinen Vorgesezten die ehrendsten Empselungsbrife an Philipp IL, die »der schließlich insosern sür ihn verhängnisvoll wurden, als die algeri- scheu Korsaren, welche ihn nebst dem Schiffe, das ihn von Neapel nach Spanien bringen sollte, wegname», ihn für eine sehr wichtige Persön- lichlcit hielten und ein großes Lösegeld zu erschwingen hofften. Sinte- malen aber er und seine Angehörigen arme Schlucker waren, so hatte es mit dem Lösegeld gute Weile, er mußte im Gegenteil eine sünfjärige harte Gefangenschast dulden, aus der er sich auch nicht durch mehrere Beftciungsversuche erretten konte. In einer seinem Ton Quixote ein- verleibten Novelle sind die Erlebnisse seiner Gefangenschaft, allerdings dichterisch gestaltet, wiedergegeben. Erst 1580 erhielt er durch Loskaus seine Freiheit wieder. So sehr er sich über die Wiedergewinnung dieses edlen Gutes auch freute, lange konte er sie doch nicht ungeschmälert genießen,' indem er durch seine und seiner Familie dürftigen Verhält- Visse gezwungen wurde, nochmals Soldat zu werden und eine weitere militärische Expedition, die nach Lissabon und gegen die azorischen Inseln, mitzumachen. Ende 1584 entsagte er jedoch der Soldatenlausbahn und verheiratete sich mit einem treuen und liebevollen Weibe. Ilm ihr und sich den Lebensunterhalt zu schaffen, schrieb er jezt Schauspiele, die aber sast alle verloren gegangen sind. Auch haben sie ihm wol nicht die gewünschten und nötigen Einkünfte gebracht, denn er ging bald nach Sevilla, wo er als Beamter am Sleueramt ein spärliches Einkommen erhielt. Wie die meisten Genies, so begleitete ihn jedoch der Mangel »nd die Sorge um die leibliche Existenz von der Geburt bis zu seinem Tode, der am 23. April 1010 erfolgte.— Von seinen zalreichen Dich- tungen iiimt sein Don Quixote nicht nur den ersten Rang ein, er hat auch seinen Weltruf begründet und wird seinen Namen solange mit Ruhm bekränzen, als es Menschen und eine menschliche Sprache gibt. Schon beim Tode des Dichters waren— was damals unerhört— davon an 30 000 Exemplare verkaust, das Buch wurde in alle Sprachen übersezt und ist so zum Gemeingut der gesamten Menschheit geworden. Als Cervantes leinen Don Quixote begann, hatte er wol nur die Absicht, damit die tolle Ritterromantik, welche in den riesigen Massen von Romanen spukte und sich von da in die Köpfe der Men- scheu fortpflanzte, zu verspotten und zu bekämpfen. Aber indem er den gleichfalls durch diese Lektüre närrisch gewordenen und nun nur noch sür die irrende Ritlerschaft schwärmenden Don Quixote seine Rozinante satteln und seine edle Dulzinea von Tobose erfinden ließ, da gewannen die Hauptfiguren unter seinen schöpferischen Händen solche Kraft und solches Leben, daß sie sür ewige Zeiten zum Typus und zum Gattungs- begriff werden tonten. Man lacht gewiß, wenn man nur die Schilde- rung der beiden Helden liest und unsere Heiterkeit wird noch mehr er- regt, wen» wir sehen, wie der farcnde Ritter jede gemeine Schenke für ein Kastell und ganz gcwönliche Frauenzimmer sür Ritterfräuleins an- sieht, wie er den Kampf mit den Windmülen in der Meinung, es seieir Riesen oder mit einer Herde Schafe aufnimmt in dem festen Glauben, er bekämpfe die gefärlichsten feindlichen Heere, und wenn er, der die Schwachen und Hilflosen nnterstüzcn will, deren Uebel meist noch schlimmer macht oder wenn er die Galeerensträflinge befreit, dafür von der Polizei verfolgt und von den Strolchen gemißhandelt und bestolen wird; ebenso komisch ivirktcn auch die Szenen, wie die in der Nacht, wo das Gepolter der Walkmüle den ganzen Mut des Ritters und die Höllenangst Sanchos herausfordert und viele andere mehr. Betrachtet man aber die mannigfachen Reden Don Onixotes und bemerkt, wie in der phantastischen Hülle ein halbwegs vernünftiger Kerl steckt, der nur längst abgestorbenes erhalten und aussrischen will, dabei aber stets mit der davon nichts niehr wissen wollenden Mitwelt in Konflikt gerät, so gewint dieser Roman tiefere Bedeutung. Der Held wird dadurch nicht nur der Repräsentant der von romantisch übcrspantcr Lektüre konfus und an ihrem wirklichen Beruf irre gewordenen Menschheit, er wird zum Typus einer gewissen Menschengattung, die stets gelebt hat und ihren Beruf darin sieht, sich dem neu ausstrebenden Menschengeist mit altem Formelkram entgegenzustellen.„Jede Uebergangszeit, in welcher alte und neue Anschauungen in Konflikt geraten, jeder geschichtliche Gärungsprozeß, in welchem Anhänger und Verfechter veralteter Lebens- formen und Gedankenkreise sich der überwältigenden Macht des Neuen enlgegensteinmen nnd die Vorstellungen, Sitten und Gewonheiten der Vergangenheit in der veränderten Gegenwart festzuhalten suchen, liefert ähnliche Erscheinungen."(Dr. Georg Weber in seiner„Allgem. Welt- geschichte" über denselben Gegenstand.) Zu den Figuren, die als Be- griffsivesen die Menschheit durch die Jarhundcrte geleiten, gehört auch der Don Quixote. Und nun»eine man dazu den trocken- sinnlichen Stallknecht Sancho Pansa mit seinem liebsten Gesärten, dem Esel, seinem Schlauch nnd Schnapssack, der nur von der Insel träumt, aus der er als Statthalter zum Lohn für seine der irrenden Nitteischaft geleisteten Dienste seine Tage beschließen soll. Wie prosaisch und nüchtern ist dieser und wie oft warnt er nicht seinen Herrn vor unüberlegten Strci- chcn, bei welcher Gelegenheit er dann seine Weisheit in der Form von Sprüchwörtern bündelweis vor ihm ausschüttet. Bald hält er in seiner einfachen Denknngsart seinen Herrn für komplet närrisch, bald, wenn dieser seine guten Lehren über Tugend, Frömmigkeit und gute Sitten erteilt, schaut er mit Bewunderung zu ihm ans und empfielt ihm dann, seine Ritterschaft mit der Kanzel zu vertanscheu. In Anschaminge», Ton und Sprache hat der Dichter in Sancho das nüchterne praktische Volk dem Ton Quixote entgegengestellt. Das zeigt uns auch unser Bild recht scharf. Wir unterlassen es daher auch hier, aussürlicher daraus einzugehen und empfelen unfern Lesern die sehr ergözliche Ge- schichte des Edlen von La Mancha selbst nachzulesen, sie ist in jeder Bibliotck zu haben und auch in den Volksansgaben der Klassiker für sehr niedrigen Preis käuslich. Der Maler aber, der mit Farbe nnd Pinsel dem Cervantes sein unsterbliches Werk nachgedichtet, heißt William Power Frith und ist, wie der Name schon sagt, ein Engländer. Er ist einer der ersten und populärsten Genremaler seines Heimats- landes, wurde 1810 zu Stndley bei Ripon(Uortshire) geboren und in London auf der Akademie ausgebildet. Nanc er anfangs seine Stoffe nur aus englischen Dichtern, so später auch aus französischen nnd wie Figura zeigt ans spanischen; später behandelte er aber mit Vorliebe Szenen aus dem englischen Leben der niederen nnd höhere» Stände. Besonders zeichnen sich seine Bilder durch große Warheit in Ausdruck und durch scharfe Karakteristik aus und daS läßt sich auch von dem von uns in Holzschnitt reproduzirten sagen. ü. «Jflis ailen QSftnflefn der ZeiMlemlur. Ländlich-sittlich. Im„Ausland" gibt Dr. Max Buch seine Beobachtungen zum besten, die er in seiner mehrjärigen Tätigkeit als Arzt inmitten der Woljäkcndörser im östlichen Teil des wyätkäschen Gouvernement am Kamastrome über„Wochenbett und Kindererziehung bei den Wotjäken" gemacht hat. Leztere, ein Zweig der finnisch-ugri- scheu Völkerfamilie, sind ungefähr 3lO 000 Köpfe stark und bewohnen neben der bezeichneten Gegend auch noch teilwcis die Gouvernements Perm und Kasan. Unser Gewährsmann erzält nun, wie er einst ei» solches Dorf besucht, um, wie auch sonst des öfteren, eine wotjäkische Hochzeit mitzufeiern nnd sein Pserd bei einem bekanten Bauern abgc- 280 geben hätte, sei er erstaunt gewesen, diesen nebst sämtlichen Bewohnern des Bauernhofes im Hofe, aus dem Boden zc. fest schlafend zu findem In der Meinung, die bei der stattfindenden Hochzeil genossenen Getränke seien die Ursache, begab er sich in die Stube und fand die Haus- srau beim Abräumen der Reste eines Schmauses, der zu Ehren der Tause eines Kindes derselben stattgefunden hatte. Der Berichterstatter, welcher die Frau noch abends vorher beim Kochen und Backen ange- troffen, war erstaunt»nd erhielt auf seine Fragen zur Antwort:„Je nun, in der Nacht gebar ich, am Morgen wurde das Kind in die Kirche gebracht und getaust, daraus kanicn die Tausgäste, da mußte ich kochen und backen, denn wer hätte das sonst besorgen sollen?" Hierbei ersuhr der Fragesteller denn auch, daß dies bei diesem Volksstamm allgemein so geübt werde. Die Frau kam schließlich noch mit aus die genanie Hochzeit, aß und trank und befand sich wol dabei. Sie hatte schon 6 solcher„Wochenbetten" durchgemacht und erfreute sich einer ausgezeich- neteu Gesundheit. Hut ab! vor der Körpcrkonstitution dieser Frauen. „Nerven", wie sie unsere Mütter in den zivilisirten Städten be- sizen, kennen diese sicher nicht. Man sorgt aber auch schon von Jugend auf für die nötige Abhärtung, wie folgendes beweist: der Gcburtsakt findet unter Assistenz eines darin erfahrenen Weibes im Badehause statt. Die Hilfsperson begnügt sich in ihrem Beistande jedoch mit der Zuführung von Luft und Darreichung des Wassers. An dem neugeborenen Kinde wird als erster Akt in„dieser Well" eine Einrei buiig des Kopses mit Asche vollzogen,„damit die bösen Geister keinen Einfluß auf dasselbe haben."(Der Glaube an untergeordnete Gölter, namentlich au einen bösen, aus das meiischliche Leben großen Einfluß übenden Geist, ist bei den Wotjäkcn allgemein.) Nach dieser stärkenden Prozedur wird der neue Wellenbürger in warmem Salzwafier gebadet und mit Seife gewaschen. Bald darauf, schon am ersten oder zweiten Tage wird dann in der Kirche die Tause vollzogen, die auch wesentlich zur Abhärtung des zarten Körpers beitragen dürste. Man taucht den Täufling nämlich ganz und zwar in kaltem Wasser unter und läßt ihn daraus eine zeitlang nackt und sriercud liegen. Bemittelte Leute zalen allerdings und bekommen warmes Wasser zu diesem Zweck, für die Kinder armer Leute wird jedoch das Wasser frisch geholt, so daß oft noch die Eisstücke darin herumschwimmen und dasselbe häufig eine Temperatur von ü— 11) Grad. R. hat. Das kalte Wasser soll aber wie Aerztc beobachtet haben, der Körperentwicklung viel dienlicher sein wie das warme, indem schwache wie kräftige Kinder nach dem Eintauchen in kaltes Wasser, das eine Temperatur von 8—10 Grd. R. hat, bei diesem Akt wol aufschreien, sich aber bald beruhigen, denn die Haut rötet sich sofort und dampft, indem sie sich bald erwärmt, förmlich beim nackte» Daliegen. Sie sind dabei ruhig und munter, saugen, wenn ihnen die Brust geboten wird, kräftig, schlafen ein und sind, wenn bei der Ge- burt schwächlich, nach 3—6 Woche» gesund und mobil. Gegenteilige Symptome treten ein beim Eintauchen im warmen Wafier Und so hat man beobachtet, wie von L2 Kindern, die im warmen Wasser ge- taust wurden, im Laus von 6 Wochen 9, also 40 Prozent starben, wärend von 42 in kaltem Wasser getauften in derselben Zeit nur ein einziges, also 2,4 Prozent vom Tode ereilt wurden. Genährt wird das Kind nur wärend der ersten 2—3 Monate lediglich an der Mutter- brüst und erhält dann bald Brot, Fleisch zc. als Narung. An Braut- wein— das Lieblingsgetränk der Wotjäkcn— wird es schon früh ge- wöhnt. So sah unser Gewährsmann, wie eine Mutter ihrem 3 Monate alten Kinde wärend einer Stunde einen Eßlöffel 30prozeiitigen Brant- roeiii gab, der ihm gut mundete. Ein anderes zweijäriges Kind griff, sobald es nur die Schnapsflasche erblickte, schreiend danach, und schlürfte den Inhalt derselbe», wenn er ihm gereicht wurde, gierig ein. Dabei wird den Kleinen in den eisten 2—3 Jaren von der Multerbrust Na- rung gespendet. Jnbezug aus Kleidung verfährt man nicht minder spartanisch. Kleine Kinder werden in grobe, selbstgewirkte Linnen gepackt, in Wollcnzeug eingehüllt und in einem Kasten aus Linden- rinde, der als Wiege dient und vermittelst einer Bastschnur an eine lange an der Decke befestigten elastischen Stange aufgehängt ist, gebettet. Im Sommer bei der Arbeit oder sonst bei Vergnügungen wird es von der Mutter in eine Art Tragkorb aus Birkenrinde gepackt und von dieser wärend ihrer Arbeit auf dem Rücken getragen; manchmal auch in diesem Korbe an einen Baumast aufgehängt. Im Alter von 2—6 Jaren bildet die einzige Bekleidung ein Hemd für den Sommer, die aber auch im Winter für den Aufenthalt in der Stube genügt und in der sie nicht selten, barfuß, auch im Schnee herumspringen. Sollen sie sich länger in der Kälte aushalten, so wird ihnen die Jacke oder der Halbpelz des Vaters oder der Mutter angezogen. Von 8—10 Jaren erhalten sie Kleider, welche denen der Erwachsenen gleich sind. Mäd- chen von 10—12 Jaren tragen schon Silbermünzen als Halsschmuck; Ohrringe schon von 3—4 Jaren an. Die Jungen helfen vom 12.-13. Jare an tüchtig bei der Feldarbeit mit. Wie leicht erklärlich, werden die Kinder mit Schulbesuch nicht überbürdet; es soll überhaupt nur wenige Schulen geben und die vorhandenen stehen meist leer. Man sieht aus dieser kurzen Schilderung, daß es sich bei diesem Vvlksstamm um eine nichr tierische Abhärtung handelt. Leider hat Dr. Buch von der Entwicklung des Intellekts bei den Wotjäkcn nichts erwähnt. One jedoch ein Fanatiker der„Wasserheilkunde" zu sein, könte mau doch eine Anwendung des Wassers in ähnlicher, nur einer unscrn Gewohn- heilen entsprechenden Weise, auch für die zirilisirtercn Menschen empfelen. Denn es ist sehr fraglich, ob nicht die Behandlung des Körpers und Geistes der Menschen von Jugend auf die bei uns herschende Verweichlichung verschuldet und somit auch die überreizten Nerven erzeugt vder doch die Hauptveranlaffung dazu wird. urt. Literarische Qtmschatt. „Gesundheit", Zeilschrist für öffentliche und Private Hygieine in Frankfurt a. M.(Redaktion Pros. Dr. C. Reklam m Leipzig). Abonnementspreis pro>/« Jar Mk. 4.—. Inhaltsverzeichnis der Nr. 1: Originalarbeiten: lieber Küsten- und Höhenklima von Pros. Dr. Henrici. — Hygicinische Bedeutung einer Bleiweißfabrik von Prof. Dr. Reklam.— Ueb'ersichten: Das einzige wirksame Mittel zur Verhütung von Teatcr- bräuden.— Neues Straßenpflaster.— Ohrenkrankheiten der Lokomotiv- sürcr und Heizer.— Zuschrislen und Berichte: Aus Hamburg;— auS Darmstadt;— aus Heidelberg;— aus München;— aus London;— Aus Bädern und Kurorten: Bericht über die Winterkolonie zu Nor- derney.— Merau als Winterkurort.— Entscheidungen des Reichsgerichtes.— Besprechungen neuer Schriften: Das kleine Kind, vom Tragebett bis zum ersten Schritt, von Ploß.(Mit Abbildungen.)— Feuilleton: Verbesserung der Zimmerlust.(Mit Abbildung.)— Verschiedenes.— Anzeigen.—