7� r M 24. Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljärlich 1 Mark 5U Pfennig.— In Heften ä 35 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Im Kampf wider alle. Roman von Ferdinand Stiller. (23. Fortsczniig.) Und auch in ihrer Schule>var Friederike Haßler mehr und % m eine peinliche Lage gekommen. ine« �t hatte sich die Jnstitutsvorstcherin ihr gegenüber kühl, mst wie ganz fremd benommen; allgemach jedoch war diese der tten Tame ziemlich schwer fallende Haltung gewichen, sie tvar angiam wieder wärmer in ihren Worten und entgegenkommender ihren Friederike angehenden Werken geworden, dabei war aber . knie niehr oder minder deuiliche Andeumng»lituntcrgeflossen, welch' schlimmem Wege Friederike sei, welch' schrecklichem alt entgegengehe und dgl. Allerjüngstens hatte die gute . k Tame sogar gelegentlich einmal gesagt, der Himmel werde � llenilich noch zu lechter Zeit ein Einsehen haben und ihr, inn« bezüglich der Frage, wie sie ihre Zukunft gestalten i'vn«- ��'ndheit geschlagen sei, die Augen öffnen, che es zu .T" K',, und als Frieda mehr verlczt als erschreckt, um nähere n,>, nnst bat, hinzugefügt, sie möge nur erst einmal selbst die ocJfc" öffnen und zusehen, ob der Mann ihrer Wal, auch ab- lieb bM seiner Religionslosigkeit, ihrer würdig sei, ob er sie oej C' bue sie es verdiene, ob er sie auch allein liebe und, wie es sich ojjwnie. auch um andere Mädchen oder Frauen sich nicht kümmere, stf l&» he danach forsche, wer weiß, was sie da entdecke» werde, lick/Ü mau Krause ihre geheimnisvolle, und für Frieda schließ- illt.s« einem Quell schwerer Beängstigung werdende Rede. sick,« brachte sie aus der alten Tame nicht heraus; dieselbe ver- seibft bete täglich zu Gott, daß er Frieda erleuchte, sie Her- r � stark genug, ihr ein Schwert in das junge ein V" st°hrn, vielleicht sei das, was sie zu wissen meine, auch �rrtum, obgleich das kauni möglich erscheine. FralT als einmal hatte sich Friederike vorgenommen, ihrem teilu/ 1,0,1 b'cscn für ihn so beleidigenden Andeutungen Mit- öerlk-� wache», aber einesteils hatte sie sich gescheut ihn zu bor«. andernteils war er das cinemal, als sie es sich bestimt Gkmij!s"'N.ikn hatte, weil sie diese Beängstigung ihres liebenden vbsd,� nicht länger ertragen zu können meinte, nicht gekommen, 'sl" erwartet hätte. lriibip 0?uch das Bcncmcn ihres Franz selbst schmerzte und be- sie g�..mieda mehr und mehr. Seine Geschäfte hatten ihn, wie ex sj. langbch gern angelionimcn, so in Anspruch genommeii, daß blejg.'"cht s° häufig besuchen, mit ihr nicht so lange beisanimen aus J.ate, als sie wünschte und ersehnte; ja es war ihr auch fik bei �""de recht erklärlich vorgckcmmcn, daß er. wenn k'nander waren, nicht immer jene Ansmcrksainkeit und Zärt-, lichkeit zeigte, wie sie ein liebendes Mädchenherz erhofft und so sehr beglückt. Aber daß er einmal ganz verhindert sein könte, sie auch nur aus eine Viertelstunde auszusuchen, wenn er in der Stadt war, daß er wieder abreiste, one sie auch nur für eineii flüchtigen Augenblick in seine Arme geschlossen zu haben, daß dann auch zuweilen seine Brise so kurz, so geschäfflich, so er- kältend nüchtern waren, das hatte ihr öfter schon bitteren Schmerz verursacht und mit der Zeit den Zweifel in ihr wachgerufen, ob er sie wirklich nur halb so heiß, so innig, so unauslöschlich liebe, wie sie ihn. Und dazu waren nun noch die tauienderlei Bedenken gekommen, wie sie im Herzen jedes anspruchslosen, des eignen Wertes nicht bewußten Mädchens auskeimen-- die schmerzlich-schämigen Fragen, ob sie seiner auch an Leib und Geist wert sei, sie, das schwache, nur mangelhaft unterrichtete, ver- mögensarme Mädchen des ihr so über alle andern stark und klug, kentnis- und geistreich erscheinenden Mannes, der zu alledem noch mit den Gütern irdischen Glückes nach ihren bescheidenen Be- griffen verschwenderisch ausgestattet war. Ties alles hatte Frieda die lezten Wochen hindurch bedrückt und gequält— da war sein lezter Bris eingetroffen, aus der ihr wieder seine Liebe in all' ihrer Fülle und-Tiefe entgegenwehte— mit einem Schlage waren all' ihre Sorgen und Zweifel gelöst, sie war sicher gewesen, ans seinem Anblick, seinen Versen, seiner Umarmung sich wieder Trost und Stärkung zu schöpfen, Ver- trauen ans ihn und Zuversicht, daß ihrer an seiner Seite eine schöne, glückliche, beseligende Zukunft harre. Aber— sie hatte gemeint, spätestens um sechs Uhr werde er zu jener Tür hereintreten, nach der sie seit gestern Nachmittag viel niehr als hundertnial ausgeschaut, wenn sich da draußen ein Geräusch, auf Treppe oder Flur ein Schritt oder eine Stimme verneinen ließ. Aber die Uhr hatte auf sieben, auf acht, auf neun gewiesen— endlich war die zehnte Stunde dahingegangen, aber der, den sie heute so sehnsüchtig erwartet, wie noch niemals zuvor, er war ausgeblieben— ausgeblieben one ihr auch nur eine Nachricht zugehen zu lassen, weshalb er nicht kommen könne. Sic hatte nicht zu Abend gegessen vor Erwartung und Auf- regung, aber sie achtete des Hungers nicht, sie sülte ihn kaum, sie hängte und bangte nur und peinigte sich mit der Frage, ob ihm wol ein Unglück zugestoßen sei oder ob, fast wollte ihr das noch schlimmer scheinen, so sehr sie sich auch darob selber böser Selbstsucht anklagte, ob er sie wirklich nicht liebe, ob er wieder einem Geschäft zuliebe, sie vernachlässige und dein harten Schmerze der Ungewißheit und des Zweifels überantworte. Kanin war sie anfgestandcn von dein tränenreichen Lager dieser Stacht, da hatte es an der Tür gepocht und— fatal wie immer, wenn nicht grade heute ungelegener und unangenenier noch, als irgend sonst— kam die Stachbarin zn Besuch. Friederike wollte der geschwäzigeii Frau bemerklich machen, daß sie gar keine Zeit habe, da sie sich noch vorbereiten müsse auf eine Lektion, welche sie heut Vormittag zn erteilen habe, da ward sie schon von dem Redestrom der Frau Zampel so über- flutet, daß sie garnicht zu Worte kam. „Nein, sehen Sie heute angegriffen ans, mein liebstes Frän- lein Fricderikchen— das ist ja wirklich ganz erschrecklich. Ja, das konit davon, wenn man immerfort, Tag und Stacht über den Büchern sizt oder über den feinen Handarbeiten und sich gar keine Erholung gönt. Na, so etwas sollte mir fehlen. Ich bin doch gegen Sie, mein gutes Fräulein Friederikchen, eine ältere Frau, wenn ich auch sonst noch in meinen besten Jaren bin und einer Jungen was nachgebe— das weiß der liebe Gott, sag' ich Ihnen, Fräulein Friederikchen, aber ich muß mich amüsiren, wenn ich fülen will, daß ich lebe und'n Mensch bin, und wie i Hab' ich mich gestern wieder amüsirt im Cirkns, na, ich sage Ihnen blos, herzallerliebstes Fräulein Friederikchen, da hätten Sie dabei sein sollen, wie die Mamsell Elena— Miß läßt sie sich schimpfen, na, mir sollte jemand kommen und mich Miß nennen, dem wollt' ich heimgeigen— also wie die Elena mit dem Pferde die große Treppe hinauf und hinunterritt. Na, und wie da die Herren weg ivaren— ich sag' Ihnen wie verrückt ivaren sie in die Elena, die nämlich schlechtweg Lene heißt. Lenc Müller aus Pasewalk und'ne Barbierstochter ist, aber'n forsches Mädel, das muß war sein— ich kenne nämlich die ganze Kunstreiter- | gesellschast bis auf's Tüpfelchen über i— mir macht keiner was weiß mit den verdrehten ausländischen Namen und Titulaturen — wie sie ihr Blumen geschmissen haben, Bouquets, wie die Wagenräder so groß, und dann gar das furchtbar, warhastig furchtbar schöne goldne Armband mit den Diamanten und Sma- ragden und Brillanten und Gott lveiß was sonst noch drin— na das brauch' ich Ihnen nicht erst zu schildern, das kann Ihr Herr Bräutigam, der vorncme, das muß man wirklich sagen, sehr vorneme Herr Stein besser als ich— der tvird auch genau wissen, was das Armband gekostet hat, sehen Sie, liebstes Frän- lein Friederikchcn, das möcht' ich für mein Leben gern wissen, denn darüber haben wir uns gestern noch die halbe Nacht gezankt, denn ein par von den Cirkusdamen— Damen sollte man eigciit- lich garnicht sagen bei denen, ivissen Sie, liebstes Fräulein— die natürtich ganz kolossal neidisch ivaren ans die Mamsell Elena, 'n par sag' ich, meinten,'s lvnt wol'n par hundert Mark kosten, ivenn's echt wär, aber mein Bruder, der'n Kenner ist und selber schon die allerfcinsten Sachen gekauft hat, der behauptet, das koste wenigstens'n par tausend Mark, und nun bin ich, wie Sie Sich ja denken können, allerliebstes Fräulein, neugierig, wer recht hat——" Die Frau hatte so rasch gesprochen, daß sie schließlich vollständig außer Atem gekonimen ivar und— sie mochte sich an- strenge», wie sie wollte, nicht mehr weiter konte. Sie schnappte ivic ein Fisch, der seinen Kopf aus dein Wasser hervorstreckt, um sich den auch ihm nötigen Vorrat von Sauerstoff aus der Atmosphäre zu holen, nach Luft und ließ sich schiver und plump auf einen Stul niederfallen. Frieda hatte anfangs mehrfach Zeichen ihrer Ungeduld ge- geben, aber als Frau Zampel ihren Franz erwänte und ihn mit den Vorkomnisscn im Kunstreitcrcirkus in Verbindung brachte, da wurde sie nicht nur aufmerksamer, sondern es legte sich ihr auch eine schwere Last auf das onchin bedrückte Gemüt— Franz, ihr Franz Stein— sollte er one ihr Wissen, hinter ihrem Rücken mit dein Cirkns und seinen Damen irgendetivas zu schaffen haben—— nein, nein— nein, es war ja garnicht möglich— und völlig undenkbar. Aber sie brachte es doch nicht anders übers Herz— sie mußte fragen, mußte hören, was Frau Zampel wol gemeint haben könte. „Mein Bräutigam, Frau Zampel", sagte sie und ihr armes Herz pochte dabei, als wolle es zerspringen,„mein Bräutigam wird wol kaum etwas vom Cirkus wissen— ich glaube nicht— nein, ich glaube bestimt nicht, daß er ihn, solange dieser Cirkus jezt hier ist, auch nur einmal besucht hat--" „So?" ricktelc sich Frau Zampel auf, ganz indignirt, daß Frieda nur in den kleinsten Teil ihrer Mitteilungen Zweifel sezen könne,„so— meincii Sie, liebstes Fräulein Friederikchen? Nun, ich hoffe, Sie werden mich nicht für eine Lügnerin halten und Sie werden auch glauben, daß ich ein par gesunde Augen im Kopfe habe— was meinen Sie, Fricderikchen? Ich sage Ihnen 'also, Ihr Herr Bräutigam, der ja wirklich ein ganz charmanter Herr ist, in den sich nicht blos so unerfarene junge Mädchen ver- lieben können, wie Sie sind, nemen Sie niir's nicht übel, aber 'ne Schande ist's ja am Ende doch nicht für'n unverheiratetes Frauenzimmer, unerfaren zu sein— Ihr Herr Bräutigam also war gestern mit seinem guten Freunde, dem Herrn David, dem tollsten Lebemann in der ganzen Stadt, im Cirkus und stand neben ihm in der Fremdeuloge, als der das wunderschöne Arm- band der Elena in die Hände schmiß— das Hab' ich gesehn mit meinen eignen Augen, Fräulein, und ich Hab' auch noch viel- mehr gesehen oder eigentlich gehört, wenn sie's denn wissen wollen, ich Hab' auch'n par Ohren, auf die ich mich verlassen kann und wenn Sie's intcressirt, mein liebstes Fräulein Fricderik- chen, dann kann ich Ihnen auch ganz genau mitteilen, wo Ihr Herr Bräutigam vorher gewesen ist, ehe er in den Cirkus ge- kommen— in sehr, wirklich und ivarhaftig sehr interessanter Ge- sellschaft, das kann ich Ihnen versichern, Fräulein Friederikchcn, und daß die Gesellschaft ihm sehr interessant ivar, daS hat er selber gesagt und Sie können's ihm wiedersagen, wenn Sic ivollen, denn ich bin eine ehrliche Frau und, na ich wollte davon eigent- lich kein Wort zu Ihnen sagen, aber die Galle läuft einem schließlich über, wenn man sieht, wie's die Männer mit uns armen Frauenzimmern treiben, wie sie schlecht sind und alle zu- sammen nicht wert, daß ein rechtschaffenes Mädchen ihnen auch nur'n lumpigen Kuß gibt, geschweige denn Ivas andres. Na mir soll heute auch keiner mehr kommen, ich kenne sie alle, alle, sage ich Ihnen!" „Aber sagen Sie mir um Gotteswillcn, Frau Zampel, lvas hat das alles mit meinem Bräutigam zu tun! Wenn er auch im Cirkns war— ich kann es mir freilich nicht erklären, es ist mir fast ganz unmöglich, es zu glauben, aber wenn auch— er mag seine Gründe dazu gehabt haben— deswegen ist er doch ganz gewiß noch nicht schlecht— er ist nicht schlecht, Frau Zampel, mein Franz——" Sie konte nicht weiter— Tränen erstickten ihre Stimme und sie verbarg ihr Gesicht in ihren Händen. „So— er ist nicht schlecht, nun, mir soll's gewiß nur lieb sein uin ihrethalben, denn so'n junges Mädchen, das ihr ganzes Herz au einen Manu gehängt hat, tut mir immer in der Seele weh, darauf können Sie's Abendmal nemen, so war ist es. Aber lvas er für honnete Gründe gehabt haben kann, allein, one sie und mit dem Herrn David in den Cirkus zu gehen und vor- her ganz mutterseelenallein bei der Specht in ihrer Wohnung eine furchtbar interessante und aufregende Stunde zu verleben, wie er selber gesagt hat—'s werden wol'n par Stunden ge- wesen sein, denk' ich mir— was das für Geschäfte gewesen sein müssen, kann ich mir freilich nicht denken, oder, wenn ich ehrlich sein soll, ich bin ja'ne Frau, also nicht mehr so erschrecklich un- erfaren, das kann ich mir also eigentlich ganz gut denken-- — kennen Sie die Specht, liebstes Fräulein Friederikchen?" Frieda hatte sich gewaltsam gefaßt— es mochte kommen, was da wollte, diese Frau sollte nicht merken, wie unsäglich tief sie schmerze, was ihr da in so unzarter Weise eröffnet wurde. „Nein— ich kenne niemanden dieses Namens", entgegnete sie möglichst ruhig. „Nun, da können Sie Gott danken— ich kenne sie leider schon seit Jaren, diese Elfriede Specht, und die ganze Stadt kennt sie fast so gut, als ich. Das ist so eine, wissen Sie, liebstes Fräulein, so eine, na, wie soll ich sagen, die heute dem seine Liebste ist und morgen dem anderil seine. Unsere Offiziere wisse» davon was zu erzälcn, das können Sie mir glauben, na und Ihr Herr Bräutigam ja auch, fragen Sie ihn, liebstes Friedenkche» — leugnen wird er ivol nicht und wissen Sie, wenn er leugne» sollte— da sagen Sie nur, die Repräsentationsdame vom R(' staurant Zampel im Cirkus hätte's gesagt und rufen können s>e mich, wenn Sie wollen, da will ich's ihm sagen, dem sauber» Herrn, daß er gestern den ganzen geschlagenen Nachmittag hei der,»a ich will's nur nicht so grade heraussagen, was das eine ist, ihretwegen nicht, Fräulein Friedrikchcn, bei der Elfrieis Specht gewesen ist, statt bei seinem armen unglücklichen Ti»3C von Braut, na, ich wüßte was ich mit so einem Bräutigam a»' singe--" 295 Wieder pochte es cin die Tür und ehe noch jemand„hereinrief, öffnete sich die Tür und der Brifträger reichte ein Schreiben herein: „Für Fräulein Häßler-, sagte er. Friederike war blaß und zitterte, als, sie den Bris dem Post- boten abnam. Aber sie hatte noch Kraft genug, sich an Frau Zainpcl zu wenden und ihr fast beleidigend kül für ihre Mit« teilungen zu danke». Frau Zampel möge nicht übelnemen, daß Frieda jezt an ihre Arbeit müsse, sie habe noch zu studiren, ehe sie zur Schule gehe. Frau Zampel sah sie höchlichst oerduzt an. Die Klätscherin hatte sicher geglaubt, mit ihrem Geschwäz das junge Mädchen bis ins tiefste Herz hinein zii rüren und aufzuregen, und nun konte sie so kalt reden, als wenn sie das alles garnichls anginge. und konte an ihr Studiren denken. Frau Zampel wußte absolut nicht, was sie davon halten sollte, sie fültc nur, daß ihr Frieda garnicht, wie sie's für recht und billig hielt, dankbar dafür sei, daß sie ihr über ihren säubern Herrn Bräutigam reinen Wein eingeschenkt hatte. Das erzürnte sie und sie ging von dannen mit den höhnischen Worten: „Na, so studiren Sie»nr— ich»verde das Fräulein nicht »veiter stören. Und wenn ich geivußt hätte, daß Sie sich so»venig ans dem machen, waS Ihr Bräutigam treibt, so Hütt' ich meinen Mund hübsch gehalten. Sie müssen freilich»vissen,»vas Sie zu tun und zu lassen haben; jeder ist eben seines Glückes Schinied, na ich»vünsche'n guten Morgen." Sie»varf die Tür ziemlich heftig hinter sich ins Schloß. Aber Frieda achtete nicht daraus, Frau Zampel hätte tun und sagen können,»vas sie geloollt, sie hätte»veiter keinen Gindruck bei ihr erzielt. Sie studirte auch nicht und vermochte die erzlvuugene Ruhe nicht einen Moment mehr zu bewaren. Schluchzend sank sie auf ihr Sopha und barg ihr Gesicht in den Kissen,— doch nicht lange— sie mußte ja den Bris lesen, den er— er ihr geschrieben, den Entschuldigungsbrif, ivarum er nicht gekoininci» »var. Mit bebenden Händen riß sie das Convert auf— der Bris»var kurz: „Geliebtes Kind. Eine Reihe seltsamer Zufälle hielt mich heute»vicdcr von Dir fern— sei mir ja nicht böse darum und halte Dich versichert, daß ich ebenso darunter leide, als Du, wenn mich fatale Um- stände zivingen, andersivo als bei Dir zu sein. Wenn»vir vcr- heiratet sein werden,»vill ich Dir gelvisienhast Rechenschaft geben von alledem, was niir heut begegnet— bis dahin bitte ich Dich, es mir zu erlassen. Sei tausendmal gegrüßt und geküßt. So- bald meine Geschäfte es mir irgend erlauben, bin ich bei Dir. Dein und für immer dein Franz." Frieda hatte den Bris so langsam gelesen, als suche sie hinter jedein Worte und zwischen allen Buchstaben»ach verborgenen Zeichen,»velche ihr mehr Kunde bringen könten, als jene selbst, . von dem.»vas sie sv gern geivußt hätte, aber die Buchstaben und Worte blieben vcrschiviegen und sagten ihr im Grunde nichts, garnichts, als daß ihr der sv heiß Geliebte nicht sagen»volle, weshalb er sie so sehr, so schincrzlich vernachlässigte. Doch,»vas wollte sie noch mehr— sie wußte es ja, Frau Zampel hatte es ihr ja gesagt, mit einer Sicherheit gesagt, die kaum an einen Irrtum glaube», kaiim einen Zweifel anfkoniincn ließ—— ihr Franz hatte sie allein— in Tränen und Schmerz seiner harren lassen, um sich mit einem leichtlebigen Freunde im Kunstreitcrcirkns zu ainüsiren. Und vorher: o! es »var gar zu schrecklich— vorher sollte er stuitdenlang bei einen» Mädchen, einem Weibe geivese» sein, das des übelsten Rufes genoß, und deshalb sollte er nicht zu ihr gekominen sein, die ein heiliges Recht auf ihn hatte durch die Schwüre eiviger Liebe und Treue,»velche sie ausgetauscht. Ihr Herz»Vehrte sich mit aller Macht dagegen, das zu glauben, und sie»vollte sich Geivißheit verschaffen, sie mußte Gelvißheit -haben, aber»vic, durch»ven? Sie hatte keinen Menschen, dem sie sich in so zarter Angelegenheit hätte anvertrauen können. Ihr Bruder Ernst schien ihr viel zu jung dazu, sie hätte sich vor ihm geschämt, ihn in dieser Sache zum Vertrauten zu mache» und— sagte sie sich,—»vas könte er ihr auch raten und helfen? Es blieb ihr nicht viel Zeit zu solchen schmerzersüllten Grü- beleien. Die Uhr mahnte sie an ihre Pflicht. Sie hätte sich am liebsten niedergelvorfen und in ihrem Kämmerlein weinend den ganze» Tag verbracht, aber sie durfte nicht. Sie hatte heute Vormittag zivei Stunden zu erteilen, um zehn Uhr»var sie»vieder frei. Sie sülte im voraus, daß ihr diese beiden Stunden zu einer Ewigkeit werden Ivürden, sie empfand auch, daß sie all' ihre Seelenkraft»verde aufwenden müssen, um fähig zu bleiben zum llnterricht,— aber sie»var entschlossen, ihre Pflicht zu tun. Und sie machte sich ziemlich rasch zum Ausgehen fertig und eilte dann, one sich auf der Straße nmzuschaue», so schnell als sie gehen konte. one allzusehr auszufallen, nach dem Institute. Die zivei Stunden von acht bis zehn Uhr gingen vorüber, »venu sie für Frieda Haßler auch voit nicht endendem und sich nicht mildernde» Schmerz begleitet lvaren,— sie seufzte auf, als die Schnlglocke zehn Uhr schlug und sie ihre Schülerinnen zur großen Zwischenpause entlassen durfte. Für heute»var sie von »veitercm Unterrichte befreit— nun konte sie in ihr einsames Stübchen zurückkehren und sich ihren Gedanken lind ihrem Schmerz »venigstens ungestört und von niemandem gesehen, hingeben. Eben trat sie auf den Corridor— da fand sie ihren Bruder Ernst auf sie»vartcn. Als sie ihm ins Gesicht sah, erschrak sie, — heute trug er völlig iin Gegcusaze zu sonst, seineu Namen mit der Tat. Er sah so ernst, ja finster drein, daß er ihr fast um einige Jare älter erschien als früher. „Was ist dir, Ernst,»vas hast du?" rief sie ihm entgegen. Auch Ernst hatte die Schwester prüfend betrachtet und auch er hatte sie verändert gefunden. „Ich gebe dir die Frage zurück, mein Riekchen," sagte er „du siehst blaß aus und erschöpft— fülst du dich krank?" »Ich—»ein Ernst, ich bin nicht krank, mir fehlt garnichts — vielleicht bin ich gestern cin»venig zu lange ans gelvesen, das ist alles. Aber nun sage du mir,»vas dir die Falten ans die Stirn gezeichnet hat. Du bist sonst immer lustig, lieber, guter Ernst——" „Ich bringe dir eine schlimme Nachricht, Riekchen, das macht mich ernst und traurig. Aber ich kaun nicht dafür und ich»väre cin schlechter Bruder, wenn ich dir so ctivas auch nur einen Augenblick verschlveigen»vollte. Du bist stark, Riekchen, nicht »var? Ich habe dich immer beivundert»vegen deines Mutes, mit dem du alle» Unannemlichkeiten des Lebens ins Gesicht geschau hast, du wirst auch jezt stark sein,»venu es auch ein harter Schlag ist, der dich trifft--" o.rK, f.iai.) Die tffvufiitiituihfit der Juden in Dentl'chlnnd und Rußland. Bon«5. Lübeck. (Schluß.) aller politiichen Koufessioueu nimt daran eifrig teil und die Regirung steht der mächtigen Beivegung, die alle Dämme überflutet und nicht mehr durch den Vorwurf der liberalen Ge- sinnung verdächtigt und zur Ruhe verwiesen»verde» kann, vn« mächtig gegenüber. Sie muß es sich gefallen lassen, daß man, indem man die Folgen der Brantweinpest rückhaltlos aufdeckt und in harter Weise über dein Brantiveingeschäftc zu Gericht sizt, direkt und indirekt ihr und ihrer Vorgänger Verhalten im Braiiliveiugeschäst brandmarkt und es mit für das lliiglück, die Temoralisatio» und Barbarei verantivortlich macht, die sich tat- sächlich im Gefolge des Brantiveinmvnopols befundeu habe». - 8Ü6 Durch vernünftiges Entgegenkomnien kvnte die Regirung viel Und wo sie in Großrußland zugelassen worden, da sind sie dazu beitragen, den drohenden Sturm zu beschwichtigen— aber durchweg gleichfalls Handwerker oder treiben einen Wissenschaft- zweihundert Millionen Rubel järlicher Einnamen— das wiegt liehen Berns. leicht alle sittlichen Bedenken und selbst die Rücksicht auf die eigene Existenz auf! Wir haben ge- zeigt, daß die Juden in Ruß- land und Polen durchaus nicht sc schlimm sind als der Ruf, den ihre Gegner ihnen ge- schaffen haben. Und weit» sie es wären,— wenn sie wirklich nur Handelsgeschäfte betrieben, nur Brantwein ver- kauften und Wu- chergeschäfte machten, wären sie dafür ver- antwortlich zu machen? Wären deshalb nicht in erster Reihe die Verhältnisse an- zuklagen, unter denen sie zu leben gezwungen Iva- reit? Haben nicht die christlichen Kaufleute ihren Ausschluß von allen kaufmän- nischen Gewerben gefordert und in vielen Städten auch durchgesezt? Hat die Regirung sie nicht ausdrück- lich zum Braut- weinverkaufe er- muntert?— Es ist eine unwtir- dige Heuchelei, wenn die maß- gebenden Kreise und die christliche Gesellschaft in Rußland heute über die Juden klagen. Sie baben sie ja zu dem ge- macht, was sie geworden sind. Halten wir fest, daß die Juden vermöge der ihnen innewoh- nenden Elastizi» tat, die sich im Unglücke tausend- fach erprobt und befestigt hat. troz alledem nicht untergegangen sind, daß sie viel- Wo den Juden nur ein wenig Freiheit gewärt wird, da er« inehr, nachdem Kirche und Adel ihren Ausschluß aus der bür- wacht in ihnen ein mächtiger Trieb, sich wissenschaftlich zu betä- gcrlichen Gesellschaft herbeigefürt haben, zu jenen Gewerben tigen. Es schlummern im jüdischen Elemente zalreiche wertvolle griffen, welche den privilegirten Klassen verhaßt und verachtet Keime, die nur der richtigen Pflege und Anleitung bedürfen, ui» waren, und daß sie überall in Polen und Rußland, in den ihnen sich in ftuchtbarster Weise für das gesellschaftliche Leben zu ent- allein noch offen stehenden Gebieten, fast die einzigen Inhaber wickeln. Wie wir in Preußen und Deutschland die Juden in aller Handwerke und Gewerbe geworden sind. ganz hervorragender Weise an, geistigen Leben des Volkes k - 297- tcitigt sehen und unter den geseiertsten Kroßen der Wissenschast, Juden im Osten erschlossen ist, doch nur ein sehr beschränkter der Literatur u. s. w. in stattlicher Zal die Juden antreffen, so und die Möglichkeit, sich wissenschastlich zu betätigen, nur ein begegnen wir auf die,eni Gebiete auch in Rußland und Polen äußerst geringer Indem wir aus die zalreichen wissenschaftlichen Keime im jüdi- sehen Volkselemente verwiesen, lag es uns fern, dies auf Kosten der christlichen tun. Auch in diesen finden sie sich zalreich vor, doch nur wenigen gelingt die Eut- Wickelung und die meisten werden von den Rädern des Wirtschaft- lichen Gesell- schaftswagens zermalmt und vernichtet, ein Schicksal, das die Juden gleichfalls ereilt, wenn auch die ihnen eigene Solidarität, eine der Früchte der endlosen Verfol- gungen, denen sie ausgesezt gewe- sen sind, so manche hervor- ragende Kraft, so manches Talent zu retten vermag. Vielleicht wen- det man noch ein, daß die Juden in Polen und Rußland, wenn sie auch Hand- werker und Ge- werbetreibende seien, doch ver- möge ihrer Kör- perschwäche und Ungeschicklichkeit schlechte Arbeiter ivärcn. Mit Vor- liebe beschäftigt jedoch die ruf- fische Regirung in den Staats- Werkstätten, in Arsenalen u. s.>v. Juden, die ihrer Kraft und In- telligenz wegen sogar sehr häufig vor russischen Ar- beitcrn den Vor- zug erhalten. Dies ist wol ein �erreich und das„bischen Herzegowina", Seite 303.) we�dcffür, daß die Juden zur �deutenden jüdischen Kräften: wir erinnern an den berühmten Ausübung des schweren Berufs nicht untauglich geworden sind. Bildhauer Antopolski von Wilna und an die zalreichen hervor- Wir haben bisher eine Berufsbetätigung der Juden in Ruß- Agenden Gelehrten an den verschiedenen Universitäten, die fteilich �?ud und Polen uncrörtert gelassen.— die landwirtschaft- �ank der herschenden Unduldsamkeit meist zeitlebens Privatdo- liche. Im Jare 1838 befand sich in Polen eine ackerbautrei- Ritten bleiben— Freilich ist die Zal der jüdischen Gelehrten bende jüdische Bevölkerung von 28 391(männlichen) Personen. ' 1111 Verhältnis ru derjenigen in Preußen und Deutschland weit Im neurussischen Gebiete gab es im Jar 1839 nicht weniger als Zurück: ist der Kreis der wissenschaftlichen Tätigkeit, der den 35 jüdische Ackerbaukolonicn im Umfange von 203 003 Deßiatinen 298 und einer Bevölkerung von 26 396 Personen. Nach den Arbeiten der etnogrnphisch-statistischen Expedition Bd. 7. pag. 186—188 existirten in Kiew, Volhynien und Podolien im Jare 1869 nicht weniger als 56 von Juden bearbeitete Kolonien mit einer männ- lichen Bevölkerung von 20 665 Personen. In Kleinrußland und Weißrußland besizen die Juden große Ansiedlnngen mit Ader Wirtschaft, da�u kommt noch die ackerbautreibende jüdische Be- völkerung in Kaukaficn und Transkankasien. Alles zusammenge nominen— darf die jüdische(männliche) Bevölkerung, die sich der Landwirtschaft zugewendet hat, auf hunderttausend Köpfe vcr anschlagt werden. Es würde dies etwa den sechsten oder siebenten TEl der gesamten arbeitsfähigen(männlichen) jüdischen Bevölke- rung ausmachen. Wir dürfen für heute auf die Schicksale und die Lage dieser jüdischen Kolonien nicht näher eingehen. Eins sei nur konstatirt, daß die ackerbautreibende jüdische Bevölkerung durchaus den bäuerlichen Karakter angenommen hat. Biete der Angesiedelten, namentlich der zwangsweise Angesiedelten sind den schweren Anforderungen des bäuerlichen Berufs nicht gewachsen gewesen, andere haben dabei troz bescheidenster Lebensansprüche die Möglichkeit zur Erhaltung ihrer Existenz nicht gesunden und sind in die Städte zurückgekehrt. Tas ließ sich von vornherein erwarten, und stets werden große Bruchteile einer Gesellschaftsklasse verloren gehen oder sich als absolut un- tauglich erweisen, wenn man sie one Berücksichtigung der speziellen Anlagen der einzelnen gewaltsam einem Berufswechsel unter- werfen wollte. Man hat aus unserer Tarstellung ersehen, daß die Juden in Preußen in der Berufstätigkeit sich eben nur darin von ihren christlichen Mitbürgern unterscheiden, daß sie mehr als diese im Handelsstande und weniger als sie im schweren Gewerbe und namentlich in der Landwirtschast vertreten sind. In Rußland und Polen liegen die Verhältnisse ähnlich, die Juden sind in den ihnen erschlossenen Gebieten stärker als die Christen im Handel, aber auch weit stärker im Handwerk und nur schwächer als sie in der Landwirtschaft. Wir haben für beide Erscheinungen die natürliche Ursache angegeben. Von denjenigen Berufsarten, in denen sie heute Oer hältnismäßig schwach vertreten sind, waren sie gesezlich, syste inatisch ausgeschlossen und dieser Ausschluß hat, eine gewisse Ein- seitigkeit vererbend, Jarhunderte hindurch gedauert. Tie Berufs- tätigkeit der Juden hat sich tatsächlich genau nach den Wünschen und Interessen der Christen gestaltet, denen sie in Teutschland am liebsten als Wucherer und Schacherer und in Polen und Rußland am liebsten als Handwerker und Händler waren, von der großen, würdigen Periode abgesehen, in der in diesen Staaten auch ihre anderen Fähigkeiten vollauf zur Geltung kamen. Die .den Juden gegenüber angewendete Gewalt hat hier wie dort keine 'guten Früchte getragen. Man versuche es jczt auf anderem Wege und zwar ans dem der Anziehung und Emporhebung und nicht auf dem der Abstoßung und Ausschließung. Dabei wird man besser saren als vorher, und will man ein übriges tun, dann spüre man den Krebsschäden in der allgemeinen Gesellschaft nach und suche sie zu heilen. Bei ehrlichem Forschen nach der Warheit wird man sie finden und zugleich auch die Mittel zu einem harmonischeren Leben als das unserer Tage, welches die Judenheze geboren hat. Bei unserer Umschau nach den eigentlichen Ausbeutern des russischen Volkes und besonders der russischen Bauern haben wir andere Schuldige als die Juden gefunden, und wenn troz alledem noch auf die Rasfinirtheit derselben, ihr großes Talent zur Aus- beutung verwiese» werden sollte, so sei an ein russisches Sprüch- wort erinnert, das uns leider nicht ganz genau in der Erinnerung ist, das aber besagt, daß schlau und raffinirt Griechen und Ar» menier, schlauer als diese aber die Juden, jedoch noch schlauer und geriebener als die Juden die Russen selbst seien.— Diese Karakteristik der Russen stamt eigentlich von Peter dem Großen her. Wir sind natürlich weit entfernt, die allen anderen Volks- elementeu überlegene Schlauheit der Russen, welche sich tatsäch- lich in der Uebervorteilnng der mit ihnen in Berürung kommenden Personen zu äußern pflegt, als etwas Angeborenes, als eine Rasseneigentümlichkeit hinzustellen. Wie das Schachern und Wu- chern der Juden keine Rassenerscheinung, sondern etwas durch gbausamc Verhältnisse anerzogenes ist, das unter besseren, gc- sunderen Verhältnissen wieder abgelegt werden kann, so verhält es sich auch mit der russischen Schlauheit. Sic ist nur ein Pro- dukl des ungeheueren Drucks, und der schrecklichen Ausbeutung, unter der das Volk bis dahin seufzte und die nach den verschie- densten Richtungen hin demoralisirend wirkte. Schlauheit, Bosheit, kriechendes, tückisches Wesen, Unehrlichkeit hat sich stets im Gefolge der Leibeigenschaft befunden, und wenn einzelnen Juden gleichfalls derartige häßliche Eigenschaften anhaften, dann wissen wir, woher sie stammen, ans der Periode der tierischen Knecht- fchaft, zu der sie verurteilt waren. Bei günstigerer Gestaltung der allgemeinen gesellschaftlichen Verhältnisse in Rußland wird sicher sowvl die Korruption des russischen Beamtentums als auch die verrufene Schlauheit der russischen Bevölkerung samt den meisten der fatalen Eigenschaften der jüdischen Bevölkerung beseitigt werden. Meine erste GlNlhardfart. Reiseskizze von Gart Stichler. (Schluß.) Das eigentliche Hospiz befindet sich in dem alten massiven und an Umfang nicht bedeutenden ehemaligen Zollhause. Das- selbe steht am Lago grande, hat im Erdgeschoß eine von soliden Steinsäulen getragene Vorhalle, die mit ihren fünf Bogenöfs- nnngen nach der Straße mündet, wärend an der cutgegengesezten Rückwand des Gebäudes, den Abhängen der 2742 Meter Meeres- höhe erreichenden Fibbia zugekehrt, das Mauerwerk gleich einem massiven Festnngswalle verstärkt und geformt, mit schräger Fläche dem Anpralle heranstürmender Lawinen ausgesezt ist. Tie zur Zeit benuzten Räumlichkeiten des Hospizes verteilen sich ans das Innere des Erdgeschosses, auf die erste Etage und ans den um- fangreichen Tachranm. Als Seume, der„Spaziergänger von Syrakus", am 18. Juni 1802 diesem Gebäude einen Besuch abstattete, fand er es ver- wüstet und zerstört; die kahlen Mauern des ZusluchtsgebändeS berichteten damals von den Äräueln des Alpcnkrieges. Seume berichtet-:)„ES war nach dem Gewitter sehr schlechtes Wetter, kalt und windig, und in den oberen Schluchten konte man vor dem Nebel und noch weiter hinauf vor dem Schneegestöber durchaus nichts sehen; links und rechts blickten die beschneiten Gipfel aus der Dunkelheit des Sturmes drohend herunter. Nach zwei starken Stunden hatten wir uns ans die obere Fläche hinauf- *) Prosaische und poetische Wecke von I. G. Seume. III. Teil. Seite 114—115. Gustav Hempcl. gearbeitet, Ivo das Kloster und das Wirtshaus steht und>vo man im vorigen Kriege geschlagen hat. Tas erste liegt jezt noch wüst und der Schnee ist von innen hochaufgeschichtet; das Wirtshaus ist ziemlich wieder hergestellt und hat man schon wieder leidliche Beguemlichkeit. Es muß eine herkulische Arbeit gewesen sein, hier nur kleine Artilleriestücke herauszubringen, und cs war wol nur in den wärmsten-) Sommermonaten möglich. Der Schnee liegt jezt noch(18. Juni 1802) auf dem Wege sehr hoch und ich fiel einigemale bis an die Brust durch. Den höchsten Gipfel des Berges zu ersteigen, würde mir zu nichts gefrcmt haben, da man in dem Nebel kaum zwanzig Schritte sehen konte. Es ist vielleickn in den Annale» der Menschheit aus diesem Kriege ein neues Phänomen, daß man ihn hier zuerst über Wolken und Ungewitter herauf trug." Die Franzosen hatten im September 1799 nach mehrere Monate wärender militärischer Besezung der Paßhöhe und der Zu- sluchtsgebüude das Hospiz und sie Nebenbaute» bis auf das massive Mauerwerk zerstört. Dem unter Suwarow's Fürung hier vben vordringenden russischen Heere, wollte man dadurch alle Stüz punkte entziehen, und so geschah es. daß alles„Holzwerk" aus den damals hier vorhandenen Gebäuden entfernt und vernichtet wurde. -) Geschah im Herbste! Tic damaligen Gebäude waren keineswegs alte, verwettcrte Bauwerke; im Gegenteil, es waren ziemlich schmucke und den An- forderungen der Zeit und der Lokalität entsprechende Häuser. In der Nacht vom 10. April 1775 hatten gelegentlich eines kolossalen Lawinensturzes sämtliche hier früher vorhandenen Gebäude urplöz- lich das Zeitliche gesegnet. Das Wohnhaus, die Kapelle, das Zollhaus und das nahe Stallgebäude waren augenblicklich in wüste Trümmerhaufen verwandelt worden. Als ein eigentümliches Wunder erscheint die Tatsache, daß ein Postknecht und vier Reisende, die hier übernachtet hatten, un- verlezt dem külcn Schncegrabe, das die Schreckensstätle bedeckte, entstiegen. Wenige Jare später erhoben sich dann, dem dringenden Bedürfnisie entsprechend, neue umfangreichere und mit vortrcff- lichcn Einrichtungen versehene Gebäude an Stelle der Vernich- tcten Bauwerke, und nun war es den Menschen vorbehalten, das Werk der Zerstimmg zu verüben. Nach flüchtiger Besichtigung des Hospizes besuchten wir das gegenüber und etwas höher gelegene Berghütel du Moni Prosa, dessen Besizer zugleich für das Hospiz als Wirt und Helbergs- Vater zu sorgen hat. Tausende im Norden und Süden erinnern sich dankbar vielleicht noch jczt und später des Felix Lombardi und seiner Gattin, die hier oben aufopfernd und mildtätig Elend und Not nach Kräften linderten, und one Aussicht auf ehrende öffentliche Aner- kennung und Belonung. Das Hütel du Moni Prosa, bis in die neueste Zeit mit Post- und Telegraphenbureau verschen, hatte eine nicht geringe Bedeutung als Verkehrsstation. Die centrale Lage an einem zwischen der Schweiz, Deutschland und Italien vielbenuzten Ver- kehrswcge, brachte es mit sich, daß, wenn es die Witterung nur einigermaßen erlaubte, täglich die zwischen Nord und Süd hier verkehrenden Posttrains vor dem Gebäude vorsuren und wärcnd der hier oben stattfindenden Reisepause die Pferde wechselten. Daß die Post hier sehr häufig einige Tage verweilen mußte, war ein Ucbelstand, der den Eigentümlichkeiten der landschaft- lichcn Umgebung entsprang. Dann wagte zuweilen ein kühner und verwegener Postbote die gefarvolle Fnßreise, um das Bris- felleisen weiter zu befördern. Mancher Brave fand dabei seinen Untergang, indem er von Schneestürzen im Abgrund zum lezte» Schlummer eingebettet Ivnrde. Im Monat Januar 1803. nach ungeheuren Schneefällen, in der Zeit vom ß. bis 14. des erwänten Monats, mußten hier ca. tvO Personen im Hotel und im Hospiz verpflegt werden, weil uord- und südwärts alle Wege und Pfade gänzlich gesperrt waren! Troz alledem und alledem war schon vor einem Jarhundert, �ls man annähernd sieben Tage gebrauchte, um mit Lasten vom Logo Maggiore zum Vierivaldstättcrsec zu gelangen und für eine Kutschenfart hier die horrende Summe von 547 Franken entrichtet werden mußte, der Weg über den St. Gotthard recht belebt. Laut den amtlichen Zollberichten passirten damals alljärlich ca. 16,000 Mensche» und 9000 Lasttiere die Uebergangshöhe des Herges. Das erste hier oben erscheinende und spez. der Per wnenbeförderung dienende Furwerk, war die Kutsche des englischen Mineralogen Greville, die am 25. Juli 1775 über den Hvchpaß für. Die Neuzeit ermäßigte nach erfolgtem Ausbau der Popstraße und nach Eröffnung der Postkurse die Beförderungspreise erheb- 'ch; die eidgenössische Postvcrwaltung begnügte sich mit der ver- haltnisinäßig geringen Taxe von 25 Franken pro Passagier. Endlich sezte sich unsere Wagenreihc wieder in Bewegung, um nun fortwärend bergabwärts farend, wieder direkt den Kurs nach Süden zu nemen. Bald lag das Hochplateau mit seinen Zufluchtsgebäuden hinter uns, und nun ging es in das schlucht- artige Val Tremola(Tal des Zitterns) hinein. Von den ab- 'wussigen Berghalden rauschten gewaltige Wassermassen nieder, in Gestalt gigantischer Caskaden zur Tiefe eilend die Ab- nuhe der hochgelegenen Gotthardseen und gleichzeitig die ersten crglbigen Zuflüsse des Tessins bilden., Das Val Tremola bildet mit seinen steten Lawliieil im Verbs, e und Früjar eine noch verrufenere und gefärlichere strecke als die Höllenschlucht der Schöllinen. �, rp Den besten Beweis, wie außerordentlich steil sich das Va tremola in die Tiefe senkt, liefert die Tatsache, dast der Teil °cs Tessins. der sich hier zu den, aus dem Bedrettotale stam- . enden Flußarme hinabsenkt, auf die Distanz von einer Weg- ude nicht weniger als 2800 Fuß fällt. Dementsprechend windet sich auch die Poststraße über den Abgründen und an den jähen Abhängen entlang in uniinterbro- chencm Zickzack zur Tiefe hinab. Auch in diesen Schluchten wurde seiner Zeit hartnäckig gekämpft; eine in den Felsen einge- nicißeltc, jezt ziemlich verwitterte Inschrift:„Snwarow Victor", erinnert den Passirenden an den hier am 25. Sept. 1799 er- fochtenen Sieg der Russen über die Franzosen. Es war ein italienisches Herbstwettcr in des Wortes schlimster Bedeutung, welches sich hier an jenem Nachmittage zur Geltung brachte. Regenmengen strömten unaufhörlich nieder, und hin und wieder war es auch ein intensiv feuchtkalter Luftzug, der in das Innere der Wagen dringend, den Passagieren eine Gänse- haut über die andere verursachte. Zwei Znfluchtshäuser mit italienischen Benennungen: San Antonio und San Ginseppe erinnerten uns hinlänglich daran, wo wir uns befanden. Nach dem Passiren des lezteren verließen wir die engere, obere Talschlucht, und nun konte man vom Wagenfenster aus das nächste Reiseziel, tief unten im Tale, das Dorf Airolo, erblicken. In zalreichen Windungen mit scharf hervortretenden Ecken senkt sich die Poststraße an der steilen Bergwand hinab. Jnteres- sant war diese Fart insofern besonders, als die Postpferdc wegen der Länge des Gespanns und der Kutsche bei den Biegungen und hervorspringenden Ecken der Straße gewönlich bis zum Rande des Abgrundes vorschritten und dann selbstverständlich auch die Postkutsche bis zu dieser in der Regel eine recht weite Aussicht über die Tiefe gewärenden Position hinausrollen mußte. Anfangs glaubt jeder, der in dieser Richtung zum erstenmale auf dieser Strecke und in dieser Weise befördert wird, daß un- fehlbar das ganze Gespann mit der Postkutsche direkt in den Abgrund hinausstürzen muß, bald gewönt man sich aber bei der oftmaligen Wiederkehr dieser Täuschung an den interessanten Niedcrblick und gewinnt eine erhöhte Achtung für die Wagen- lenkcr und ihre Geschicklichkeit, die hier das scheinbar llnaus- bleibliche verhindert. Der Nachmittag des 18. Oktober(78.) war schon weit vor- gerückt, als jwir bei dem Postgebäude des Dorfes Airolo(3629 Fuß Meereshöhe, 2880 Fuß unterhalb der Uebergangshöhe des St. Gotthard), anlangten. Wie in Göschenen, so belebten auch hier zalreiche Tunnel- arbeiter die Dorfgassen, und wie dort, so konte man auch hier großartige Werkgebäude warnemen, in denen die Hülfsapparate und Werkzeuge für die unterirdische Arbeit hergestellt, rcparirt und ergänzt wurden. Diverse„Fratelti ticinesi" mit zierlich geknoteten, grellfarbigen Halsbinden, mit schräganfgcseztcn breitkrämpigen Spizhüten und zumeist mit recht vernachlässigter Fußbekleidung, lungerten hier bei der Station herum, musterten die Passagirc des Posttrains und bildeten in Summa den grellsten Gegensaz wider die wort- kargen, fleißigen und ernsten Bewohner Uri's, denen wir am Vormittage begegnet waren. Das Wetter gestaltete sich im Tale nach kurzer Regenpause wieder etwas schlechter, bald goß es sozusagen in strömen, unter denen sich unser Posttrain wieder in Bewegung sezte. Stalvedro, die wildromantische und höchst malerische Felsen- enge, durch deren Felsgallerien wir in der Abenddämmerung füren, gewärte uns einen Blick in den in der Tiefe schäumenden ��Oben auf dem verödeten Felsplateau erheben sich die Ueber- reste des angeblich vom Longobardentönig Desiderius anno 774 erbauten Turmes, an die sich auch die Erinnerung knüpft, daß 1799 im Monat September ca. 600 Franzosen hier die örtlichen Vorteile derartig benuzten, daß 4000 Russen eine unliebsame zwölfstündige Verzögerung ihres Vormarsches erlebten. Durch Hochtäler und Felsenengen rollten unsere Furwcrke auf der Poststraße, den Fluten des Tessins das Geleit gebend, dahin. In den Riesenkaskaden die sich seitwärts von den hie und da sehr nahen Felswänden hinabsenken, spiegelten sich ebenso wie an den feuchten Partien der glatten Felsflächen, die Lichter unserer Wagenlaternen in zalreichen, mehr oder weniger bewegten Re- flexe», wärend die feuchte Spende, die etwas allzureichlich von oben auf unsere Wagen niederträufelte, im lärmenden Geräusche sich an stilleren Partien der Straße bemerkbar machte. Unser Posttrain eilte an diesem Abend abwechselnd an öden Geröllhalden, an bebauten Berggeländen, an den imposanten Trümmcrstälten gewaltiger Berg- und Felsstürze vorbei und durch Dörfer und kleinere Ansiedlungen hindurch. Hie und da wurde vor einer ländlichen Poststation kurzer Halt gemacht und nach Austausch der Sendungen die Reise sortgesezt. Endlich war das Torf Biasca mit seiner Eisenbahnstatio» erreicht und somit hatte die Postfart vorläufig ein Ende, dieweil von hier gen Süden bis zum Lago Maggiore die Eisenbahn schon seit Jaren im Betriebe war. Die Restauration des Stationsgebäudes öffnete den frösteln- den und mürbegerüttelten Ankömlingen ihre gastlichen Räume und offerirte ihre dekorativ aufgestellten und mannigfach ange priesenen Ersrischungen. Ein spähender Blick entdeckte ein far venreichcs Plakat, das pralerisch verkündete, hier sei„Birra di Yienna" nach der„metodo di Bilsen" gebraut, zu haben! Vertrauensvoll erwarb ich eine Flasche dieser ersehnten Labung und ahnte nicht, daß ich hier unvermutet den ersten unbjjeut- lichsten Begriff von deni bekommen sollte, was man im Süden der Alpen„birra" nent. Heiliger Gambrinus! Troz des rasen- den Durstes versagte meine Gurgel den Dienst, denn eine solche Beleidigung des Gaumens und des guten Geschmackes war mir bis dato noch nicht begegnet. In tiefster Resignation ließ id> Bier und Flasche stehen und hatte noch den zweifelhaften Genuß, zuzuschauen, wie ein dienstbares Individuum, anscheinend mit ziemlichem Wolbehagen, dieses Schauergetränk hinunterschlürfte. Es war nicht die lezte bittere Täuschung, die ich in dieser und ähnlicher Beziehung noch vor Beendigung meiner Weiterreise erleben sollte. Kurze Zeit später befand ich mich im Eisenbahnwaggon, um Bellinzona noch an diesem Abende zu erreichen. Da ich mich mit der wolklingenden italienischen Sprache noch auf gespantem Fuße befand, hier ini Waggon die Unterhaltung aber nur i» dieser Sprache gefürt wurde, war ich wieder mit meinen Gedanke» allein, inmitten einer schivazenden, lärmenden und lachenden Ge- sellschaft, die in Tabaksrauch gehüllt, bei der unzureichenden Bc leuchtung des geräumigen Waggons durchaus nicht besonders anmutig erschien. Mit souveräner Verachtung musterte mich ein„Vollblutitaliano" vom Scheitel bis zur Zehe, denn sein spürender Blick hatte de» „Tedeeco" und somit seiner Meinung nach den Halbbarbaren in mir entdeckt. Ein nettes Vermächtnis der„glänzenden Römer- zeit", dachte ich in meinem Jdecngange', als ich Plözlich durch eine unterwürfig schmeichelnde Anrede aus meinen Betrachtungen aufgestört wurde. Mit einem verwegen kosmopolitischen Gemisch von deutschen, französischen und italienischen Sazteilen und Wortverbindungen, stellte sich mir ein Furwerksbesizer vor, der vom Postkondukteur in Biasca vernommen haben wollte, mit anderen sei ei» Deut- scher im Zuge, der warscheinlich anderen Tages nach Lugano Weiterreisen werde. Biit beivcglichen Worten schilderte mir dieser Mann, daß er von Lugano nach Bellinzona Tags zuvor einige Signori per „carozza" gefürt habe, daß er nun am folgenden Morgen nach Lugano mit seiner„Karosse" �zurückkehren wolle und daß er es als besonderes Glück betrachten würde, mich zu demselben Preise, den der dort verkehrende Posttrain erforderte, befördern zu können. Tie aussichtsreiche Tour über den Monte Cenere(im Patois: Muntschendring), die in Aussicht stehende Bequemlichkeit ic. w, wurde natürlich grell und übertrieben herausgestrichen, und ich willigte ein; denn daß man auch als Postpassagir bei bester Gelegenheit Widerwärtiges genug erleben könne, hatte ich am Vormittage dieses Tages bei der Postfart durch's untere Reuß- tal hinlänglich erfaren. Die Eisenbahnstation Bellinzona und das gleichnamige Städt- chen mit seinen romantischen, dem Mittelalter entstammenden Kastelle» war erreicht. Da ich die bei der Weiterreise zu durch- farende Gegend bei Tageslicht kennen lernen wollte, übernachtete ich in einem Hotel, das ein stattliches deutsches Jagdtier zu semem Merkzeichen ertvält hatte. In einem geräumigen, mit Ziegelsteinen gepflasterten Zimmer, und m einem Bette, dessen dürstige Steppdecke mehr als nötig und.erspneßhch die Körperwärme entrinnen ließ, verbrachte ich JuKljt, uni mit Itcifcjcfvorciicit©ticbmcifjcu am aiibcrcu Novaen mich vom Lager zu erheben. Ein Versuch. Fenster und Jalousien zu öffne», scheiterte vollständig, indem die eingerosteten Sperr- riegel hartnäckigen Widerstand leisteten und eine event. kostspielige „vorsazliche Beschädigung" dieses Inventars keinesivegs in meiner Absicht lag. Die Padrona des Hauses hatte meine Rechnung schon aus- gefüllt, als ich mit meinem Handgepäck belastet mich verabschie- den wollte. Die Preise waren nicht gerade allzu niedrig be- messen und zum Uebersluß hatte die Dame in der Totalsumme einen Franken mehr aufgesürt, als die einzelnen Posten ergaben. Auf meine deutsch-französischen Hinweise erfolgte als Gegenantwort das Verlangen nach der Rechnung, indem die Dame das Versehen verbessern wollte. Dergleichen Kunstgriffe jedoch hin- reichend kennend, behielt ich das interessante Dokument, bcrich- tigte„one Versehen" mein Conto und fiel gleich darauf dem schon mit heißer Sehnsucht mich erwartenden„Karosscnbesizer" in die Hände. Von jeher mehr Gefallen an selbstbewußter Derbheit, ja selbst Grob- heit findend, als an kriechender Freundlichkeit und Schmeichelei, befriedigte mich die Unterwürfigkeit des Furmannes keineswegs, ich witterte jezt schon wieder Unangenemes und sollte mich leider nicht getäuscht sehen. Es wärte nicht lange, so befand ich mich vor der„Karosse", deren Anblick meine Reiselust um ein merkliches dämpfte. Drei leidliche Gäule befanden sich vor diesem der Personenbeförderung geweihtem Vehikel, Wärend eine Anzal Personen das Gefärt umstanden und sich an meinein Anblick weideten. Eine alte, dürftig gekleidete Frau, die unablässig schnupfte und mit diversem kleineren Hausgeräte belastet war, stieg zunächst mit mir in den Wagen hinein, dann folgten einige Erdarbeiter, denen besondere Sauberkeit in der äußeren Erscheinung nicht gerade nachgerühmt werden konte, und den Beschluß bildeten einige Viehhändler, die mit gen„Lauis"(deutscher Name für Lugano) faren wollten. Troz der geöffneten Wagenfenster verschlechterte sich schon nach kurzer Fart die Luft im Inneren unserer Equipage der- artig, daß die Geruchsnerven in unangenemster Weise bcrürt wurden; unvorsichtig genug zog ich Cigarren hervor und glaubte nach dem Anzünden der einen, den schlimmsten„Duft" über- standen zu habe». Mit nichten, ich hatte den spekulativen Sinn meiner neuen Gefärten außer acht gelassen. Der mir gegenüber seinen Plaz genommen, stopfte seinen Pfeifenstummel und sante mir die erste Probe des entsezlichen Qualmes ins Gesicht, daß mir der Atem schier verging und ich bereitwilligst meine Cigarren offerirte, um dieser Sorte von„Luft- Verbesserung" zu entrinnen. Mittlerweile war unsere„Karosse" am Ende der ebenen Land- straße angelangt, es ging nun im Schritt auf den Straßen- ivindungen am„Muntschendring" empor, und ich stieg aus, um neben der Kutsche daherschreitend die herliche Aussicht über das weite Tal in der Tiefe zu genießen. Der obere Teil des Lago Maggiore mit seinen romantischen Gebirgsnfern lag südwärts ausgebreitet, nordwärts zeigte sich Bellinzona in der Niederung zwischen den gewaltigen Bergmassen. Die zinnengekrönten Mauern, die mittelalterlichen Burgen und Wachttürme des Städtchens bildeten einen malerischen Gegensaz u den modernen Warzeichen der hier seit Jaren im Betriebe efindlichen Eisenbahnstrecke. Hie und da zeigte sich eine isolirt gelegene Bergkapelle an Gelände» oder auf den trozigen Felscnkuppen, und schrilles, dünn- tönendes Glockengebimmel tönte als lärmendes Andachtssigual von den �Glockentürmen zuweilen in das stille Tal hinaus. Die Straße am Monte Cenere windet sich zwischen interessante» Felsenstufeu und Bergterrassen hinaus, deren rötlichgraues Kolorit sich angenem von dem tiefgesättigten Grün der südlich üppigen j Vegetation abhob. Die dichten Waldungen der umgebenden Ge- birgspartien erhöhten die hohe Romantik dieser Strecke und er-| innerten mit ihren dichteren Parzellen an jene Zeiten, wo diese j Straße noch von verwegenen Banditen unsicher gemacht wurde. Als das strenge Regiment eidgenössischer Landvögte diese j Gegend Jarhunderte hindurch als ergibiges„Untcrtanenland" betrachtete und behandelte, war man von Zeit zu Zeit genötigt, die abgeschnittenen Hände und Köpfe gerichteter Wegelagerer a»' dieser Straße entlang als Abschreckungsdekoration anzubringe». Das barbarische Mittel bewirkte in dieser Beziehung nicht das Geringste, der„Brigantaggio" steigerte sich von Jar zu Jar i»; bedenklichster Weise. Die Neuzeit mit ihren gewaltigen Umwälzungs- und Er- schütterungsperioden befreite dann im Beginne des neunzehnten Jarhunderts diese Gegend von der Tyrannei auswärtiger Ge- l ivalthaber, die Gelegenheit zur Bildung eines eigenen Stoats- wesens im Bunde der Eidgenossenschaft wurde weise benuzt, und das Räuberunwesen verschwand gänzlich, so daß die abgelegenste» und romantischsten Partien dieser Straße in der Gegenwart one Zagen von vereinzelten Wanderern begangen werden könne» 801 Ehe noch die Uebergangshöhe des Monte Cenere von unserm Gesärt erreicht wurde, begann es zu regnen, und als wir uns endlich oben befanden schüttete Jupiter pluvius wieder in ver- schwenderischcr Weise seine feucht? Spende herab. Unser Karossenbesizer war in der besten Laune wegen dieses Unwetters. Wo sein spähender Blick die Zalungsfähigkeit irgend eines in gleicher Richtung per pect es npostolorum wandernden Individuums vermutete, erschallte seine Aufforderung zum Mit- faren, und in der Regel begann dann ein längeres von lebhaften Teklainationen und Gesten begleitetes Feilschen. So konte es natürlich nicht fehlen, daß schließlich unsere„Karosse" außen und innen an gewaltsamster Ucberfüllung laborirte, und wäre viel- leicht wieder zufällig eine uniforinirte obrigkeitliche Standesperson in oder bei unserer Kutsche gewesen, so hätte man dem ober- flächlichen Augenscheine nach mit Fug und Recht glauben können, unsere buntzusammengewürfelte Gesellschaft stelle einen Polizei- liehen Schubtransport vor. Mitrag war es, als wir oberhalb Lugano's eintrafen und von dem Zwölfuhrgeläute� der hier sehr zalreichcn„campaniles" - Glockentürme) begrüßt wurden. Der überraschend großartige Anblick des in jeder Beziehung imposanten und wundervollen Gebirgs- und Seepanoramas ließ wie mit einem Zauberschlage die Beschwerden und Unannehmlichkeiten der Reise vergessen, meine Fart hatte somit ihr glückliches Ende erreicht. Dir M'dmmrigr. Eine einfache Geschichte von H. Prefjfer. (1. Fortsezung. Tie schöne Schwägerin, eines jener Wesen, die nur aus Sonnen- schein gcivebt scheinen, alles um sich her verklären, und das Leben nur wie einen langen Frülingstag genießen, belebte mit übersprudelnder Heiterkeit den Kreis leichtherziger, srölicher Mensche», meistens ans Künstlern bestehend, der sich gern im gastfreien Hause des Bruders versammelte. Er freilich saß oft düster wie eine Geivittcrwolke unter der heitern Gesellschaft nnd mit leiden- schastlicher Angst glitt sein Auge über die ätcrisch zarte Gestalt seines Weibes, über das lächelnde Gesicht, in denen auch kein Zug verriet, daß es Sorgen kenne, kennen wolle. Nein, die überließ sie ihm, dem Manne. Jene stralende», schwarzen Augen sahen wol noch niemals ängstlich in die Zukunft, sondern leuch- seien in fast kindlicher Sorglosigkeit nur für die Gcgenwart, Wärend l ir Gatte ein Zusammenstürzen des glänzenden Scheinglücks täg- llch, stündlich erwartete. Und doch hatte er nicht die Kraft, die reizende junge Frau mit dem Gespenst der Äiot bekant zu machen, denn würde sie es ertragen, die geträumte Herlichkeit in das hole Nichts versinken zu sehen? � Bemerkte sie je, wie er mit umwölkter Stirn im heitern 'trenndeskreis verweilte, dann trat sie wol zu ihm heran, und siüchtig mit der weißen Hand über seine Stirn farend, sagte sie »ur scherzend: .„Warum so verdrießlich, bin ich dir zu heiter? Tu wirst zu früh alt, lieber Mann! Laß mich mein Leben genießen! Und er vermochte es nicht, ihre stralende» Augen zu trüben, aber sein sorgenvoller Blick glitt wie bittend zu Hedwig hinüber, zu ihr, oeni jungen siebenzehnjärigen Mädchen, deren ernster Sinn sich m'r lustigen Umgebung ihrer schönen Schwägerin fern hielt und me an einem entlegenen Pläzchen der kleinen Gerta, seinem ein- Z'üeu Kinde, halbleise Märchen erzälte, die zuweilen auch ein !""gtr Maler, als dritter im Bunde, eifrig mit dem Bleistift mnstrirte. Wänte er sein kleines Mädchen in der Obhut seiner jungen �ante geborgen und wollte er stillschweigend ihren beständigen �ch"z für das Kind erflehen? Ach, wie bald sollten Hedwig jene stummen, bittenden Blicke, damals noch so verständnislos, klar werden. Turch holdselige An, mit wie reiche Geistesgabcn ausgestattet und besonders ein' bedeutendes Talent für die Malerei entfaltend. war sie ge�de im Begriff, in geeigneter Begleitung nach Italien ö" gehe», um es dort weiter auszubilden, als jene Kataltrophe dem Hause ihres Bruders hereinbrach, deren Kommen er schon w lange vorhergesehen, und die nun durch die erschöpfte Gediild �r durch Bersprechnngen bislang Hingehalienen, aber unbefriedigt gcvliebene» Gläubiger herbeigesürt, Wolbehagen und Luxus fast 111 äußerste Entbehrung verwandelte. n,«einen Augenblick zögerte Hedwig, dem Bruder ihr Erbe zur Verfügung zu stellen, was sie um so leichter konte, als er aus Ausdrückliche!, Wunsch der Mutter ihr zum Bormund bestimt worden, und gab die Studienreise willig, wenn auch nicht leichten 'Verzens auf. . Mit siebzehn Jaren, die Seele voller Ideale und Liebe- s er junge talentvolle Maler, der mit dem Stift ihren Märchen "TJ und nur allzugern folgte, ein Italiener, mit schwärnierischen d»klen Augen und beredtein Munde, hatte u»t seinen flehenden blicke» voll südlicher Glut die erste Liebe ihres jungen Herzens geweckt, und init ihm vereint wollte sie später unter dem blauen Himmel Italiens der Kunst nnd Liebe leben— was ist einem jungen Menschenkinde da gleichgültiger als der Mammon! Mehr als je dachte sie damals:„Geld ist Chimäre." So gah sie ihr Erbe dahin, natürlich nur für einige Zeit, wie der Bruder heilig versicherte, und jener junge Maler zog allein nach Italien, mit den Schwüren ewiger Liebe, aber mit dem geheimen Hintergedanken, daß, wo die Not einziehe. Kunst und Liebe fliehe,— und er mußte doch nun einmal von und in seiner Kunst leben. Und Hedwig glaubte nnd vertraute, wie man es mit siebzehn Jaren tut, bis einige Monate später statt des spärlichen Bris blättchens eine kleine weiße Karte in ihre zitternde Hand gelegt wurde. Nur zivei Namen standen darauf, die ihres Verlobten und einer jungen Engländerin, welche sie im lezten Winter in ge- sellschaftlichen Kreisen kennen gelernt und deren Familie sie sich ans ihrer Knnstreise hatte anschließen wollen.— Da glaubte sie nicht mehr. Es war eben das Schicksal einer ersten Liebe, die ja so selten ihre» holden Traum in Erfüllung gehen läßt; wie manches Herz aber findet beim Erwachen das Leben öde und leer auf ewig. Hedwig jedoch war eine gesunde, starke Natur. Schweigend ivarf sie die Karte ins Feuer,»am in echtem Mäd- chenstolze ihr schmerzzuckendes Herz zusamuie» und weiiite dem treulosen Manne keine Träne nach. Auch trat das Leben mit ernsterer Mahnung noch an sie heran, ihr keine Zeit zu eitler Trauer lassend. Die schöne Frau ihres Bruders, nur geschaffen für Freude und Sonnenschein, vermochte in den jezt gebotenen beschränkten Verhältnissen nicht zu existiren. Vielleicht auch, daß ihre sehr zarte Gesundheit infolge der endlosen Aufregungen mannichsaltiger Vergnügungen, dem rastlosen Jagen nach Zerstreuungen unterlag: genug, sie kränkelte fortan beständig, dem gebeugten Manne das Leben schwerer noch machend mit ihren Launen, bis der Tod sie wenige Monate nach dem Zusammenbrechen des luxuriösen Lebens erlöste. Hedwig nam sich nun ans das liebreichste der kleinen Gerta an. die zwar schon bei Lebzeiten der Mutter, welche nicht die Zeit fand, ihr einziges Kind zu erziehen, ihr eigentlich allein überlassen gcivesen, und deren Anblick der Bater jezt fast zu meiden schien, obwol er sein Töchterchen stets mit voller Baterliebe um- faßt. Die kleine Gerta aber hatte überraschende Aehnlichteit mit der vergötterten Frau, nnd es war ein Gemisch voll Vorwürfe und qualvoller Sehnsucht, das dieselbe in ihm erregte, so daß ihm die Gegenwart des Kindes eher eine Pein, als zum Glück wurde. Doch noch hatte sich das Unglück nicht erschöpft. Ein Jar später ivnrdc Hedwig auch ihres einzigen Beschüzers beraubt; der Bruder fiel im Duell, das er in einer stets gereizten Stimmung ivol mit Absicht herbeigesürt, one in seinem gewonten Leichtsinn an die traurigen Folgen zu denken, die es für seine Familie haben konte. Seinem zehnjärigen Kinde blieb als einzige Stüze und Berivante nur die achtzehnjärige Hedwig, die nun auch völlig mittellos,- der Bruder war bisher nicht in der Lage geivesen, die vorgestreckte Summe auch nur teilweise zurückzuerstatten, auch die Sorge für die Kleine mit auf ihre Schultern nemen mußte, >vie sie es dem sterbenden Bruder versprochen. Das war ein harter Schlag, doch Hedwig, ein mutiges, energisches Mädchen, über ihr Alter verständig, deren ernster tüchtiger Karakter sich in den kommenden Jaren der Prüfung bewärte wie das Gold im Feuer, und doch wie schwer sollte ihr der Kampf ums Dasein werden! Ihre liebsten Wünsche und Hoffnungen hatte sie dem Bruder geopfert und nun blieb ihr nicht einmal mehr der schwache Trost, sie später verwirklicht zu sehen, wußte sie doch nicht, wie sie die Mittel für die notwendigste» Lebensbedürfnisse beschaffen sollte, und sie wäre kein Mensch gewesen, hätte ihr dies Entsagen und Entbehren nicht manche heimliche Träne gekostet. Nach längeren vergeblichen Bemühungen gelang es ihr, eine I Stelle als Lehrerin in einem Pensionate zu erhalten, in welches | Gerta gleichzeitig als Zögling eintrat. Auf diese Weise bekam sie nur so viel Gehalt, um für sie beide gerade die notwendigste Kleidung beschaffen zu können. Tie wenige freie Zeit, die ihr blieb, benuzte sie, um Privatstnnde zu geben und selbst noch einigen Unterricht zu nehmen. So blieb sie fünf Iarc im Institut, zu ivelcher Zeit Gertas Ausbildung beendet war. Dann suchte sie mit ihr ein Unterkomnien i» einer einfachen, rechtlichen Familie, i»id lebte nun teilweise vom Ertrage der Privatstnnde», die ihr die Güte ihrer bisherigen Prinzipalin verschaffte, teils von dem Honorar, das ihr Illustrationen für Zeitschriften, Gedichtwcrke u. s. w. einbrachten. Obgleich vom Morgen bis Abend»ncruiüdlich tätig, um nur die nötigen Existenzmittel zu erschwingen, kamen doch recht häufig. Augenblicke, wo sie den Wert des Geldes gar schmerzlich fnltc, zumal sie es nicht hatte. Ihre schönsten Jugendjare verslogen so in Mühe und Arbeit, im«ampfe ums tägliche Brod. Alles, was in ihrer Seele von Idealen und Hoffnungen atmete, mußte sie verschließen, die Sehn- sucht, ihrerKunst ausschließlich lebe» zu können, energisch unterdrücken. Es war gewiß ein schweres Dasei» für diese junge, vom Genius geküßte Menschenseele, und fast ein Wunder, daß sie nicht in all dem Elend ganz erlahmte. Gerta versuchte min zwar nach ihrer Koiifirination, ihrer jungen Tante die Sorge für ihren beiderseitigen Unterhalt zu erleichtern. Sie besaß, was man einen offenen Kopf iieut, aber sonst kein ausgesprochenes Talent. Erzieherin wollte sie nicht werden, um mit der �Nähmaschine zu arbeiten oder Stickereien anzufertigen, Ivar ihre Gesundheit zu zart, eine Stelle in irgend einem Geschäfte anznneine», sie zu jung, so verfiel sie auf die leichtere Beschäftigung des Blumeiiniachens und tat dies auch mit Grazie und Geschick, wenn auch nicht mit großer Borliebe. Manchen Groschen lieferte sie in die kleine Haushaltskasse und ermöglichte es Hedwig, in den lezten Jaren etivas mehr für ihre Kunst zu tun. Die Ausbildung in Italien freilich mußte für immer aufge- geben werden, doch erstrebte sie eine Forlsezung ihrer Studieii bei einem tüchtigen Professor der Residenz. Manches gute Bild von ihrer Hand war in der Kunstausstelluug erschienen, gelobt und bewundert, aber— nie gekauft worden. Es gab dort viele gute Bilder, es waren schlechte Zeiten, und wurden Gemälde ge- kauft, dann nur die berühmter Künstler,— von Hedwig Born wußte kein Mensch etwas, und sie hatte nieniand, der für sie Reklaine machte. So lebten die beiden jungen Mädchen still und arbeitsam in dem großen Berlin wie in einer kleinen Welt für sich. Die Natur hatte beide so reich bedacht, aber in der großen Stadt beachtete sie kaum jemand, und doch wären sie in günstigeren Verhält- nissen die Zierde des elegantesten Hauses gewesen.— Hedwigs Träumen im Tämnierlicht wurde durch Gertas hastiges Eintreten»nterbrochen, die atemlos auf einen Stnl sank. „Mein Gott, was ist dir?" rief jene erschrocken,„und wie erhizt du aussiehst!" Poetische Aelnenlese. Einst und Jezt. „Möchte ivieder in die Gegend, Wo ich eiust so selig war, Wo ich lebte, wo ich träumte Meiner Jugend schönstes Jar!" Also sehnt' ich i» der Ferne 'Nach der Heimat mich zurück, Wähnend, in der alte» Gegend Fände sich das alte Glück. „Ich habe so etwas wie ein Abenteuer erlebt, Angst und schnelles Gehen brachten mich außer Atem." Doch auf Hedwigs besorgt fragenden Blick für sie lachend fort: „Sei ruhig, Herz, es war nicht so schrecklich, ich bin nur solch ein Hasenfuß und schließlich endete es sogar gut. Nämlich als ich Madame Dürards Haus verließ, tvurde ich von zwei Herren verfolgt. Ich ging so rasch, wie möglich, hörte aber ihre Schritte immer gleich nahe hinter mir. Bei einer Wendung der Straße hielt der eine den andern zurück und ich vernam, wie er sagte: „Laß sie doch gehen, du siehst ja, daß du dich geirrt hast." Worauf dieser erwiderte:„Nun, ihr Gesicht wenigstens muß ich erst sehen." Schon war er dicht an meiner Seite und versuchte, mir den Schleier anfznheben, den ich krampfhaft festhielt. Mir schwanden fast die Sinne vor Angst und Zorn. Die Straße war völlig menschenleer, da es stark regnete und ich sah vergeblich nach Hilfe umher. Da zum Glück bog ein Herr in die Straße ein,»nd meine Angst bemerkend, bot er mir mit einer Berbeugnng seinen Jchuz an, und bei seinem Erscheinen zogen sich meine Verfolger schleunigst zurück. Da er ein vornem aussehender, nicht mehr so junger Herr war, vertraute ich ihm und bat ihn, mich zu einer Droschke zu füren. Nun komt das gute Ende von der Geschichte; iveißt du, wer mein Retter war? Der Professor unten in der Beletage, welcher neulich einzog und dessen Gemälde und sonstige Kunstwerke du von hier aus der Vogelperspektive bewundertest. Bei Nennung seines Namens vollständig beruhigt, ließ ich mich dankbar von ihm nach Hause begleiten, als keine Droschke auf zutreiben war. Er nam sich meiner ganz väterlich an, und wir haben uns sehr gemütlich unterhalten, denn er ist durchaus nicht so griesgrämig, wie ich mir einen gelehrten Professor vorgestellt habe, obschon er augenscheinlich die Jugend hinter sich hat." „Also schon ältlich?" warf Hedwig ein.„Ich sah ihn einige male aus dem Hause gehen, aber sein Gang kam mir»och recht elastisch und seine Gestalt jugendlich vor." „Nun, er hat auch noch keine grauen Haare und trägt ebenso- wenig eine Brille, aber er scheint mir 30—40 Jar alt zu sein, das nenne ich nicht mehr jung." „Nun ja, im Vergleich zu deinen siebzehn gebe ich es zu. In meinen Augen gibt es vor dreißig Jaren keine» rechten Mann." „Bitte, bist du denn so viel älter als ich?" „Ja, Kleine, volle sieben Jare. Ich bin jezt 24. Das beste Stück meiner Jugend liegt hinter mir." „O Hedwig, nein! Du bist ja tausendmal hübscher als ich und viel klüger und besser. Du wirst deine Jugend noch ge- nießen und recht glücklich iverde», sonst gäbe es ja keine Gerechtig- keit," erwiderte Gerta eifrig mit einer zärtlichen Umarmung. „Uebrigens," für sie schelmisch fort,„wenn du den Professor noch für jung hältst, so denkt er warscheinlich, du wärest eine Matrone. Er machte mir nämlich einen leisen Borwurf wegen meines Ausgehens allein in der Abendstunde und meinte, meine Angehörigen sollten das nicht leiden. Worauf ich ihm dann sagte, daß ich nur eine Tante in der Iveiten Welt besäße, die nicht immer die Zeit habe, mich zu begleiten;»nd gerade wollte ich hinzufügen, daß sie mir erst recht keinen Schnz böte, da sie selbst jung und viel hübscher wäre als ich, da waren wir schon am Hanse ange- langt, und ich hielt eS für schicklich, mich nun schnell dankend zu empfelen." „Das war gut," versezte Hedwig.„Die Welt, one Kentnis der Verhältnisse, denkt leicht Nachteiliges von zwei asteinstehenden Mädchen, so unbegründet es auch inbezug auf»ns ist. Wie bin ich dem freundlichen Professor dankbar, daß er sich deiner mumm; dn sollst auch nicht wieder allein um diese Zeit ausgehen, mein Liebling," sezte sie mit einem Blick zärtlicher Zorge hinzu. (ZorMzcmg solgt.» Endlich war mir nun beschieden Wiederkehr ins irauie Tal; Tpch es ist dem Hemigekehrlen Nicht znimit wie dazumal. Wie man grüßet alte Freunde, Grüß' ich manchen liebe» Crt; Doch im Herzen wird so schwer mir, Denn mein Liebstes ist ja sort. Immer schleicht sich noch der Pfad hin Durch das dunkle Waldrevier: Doch er sürt dir Mutter abends Nimmermehr entgegen mir, IL 303 Mögen deine Grüße rauschen Vom Gestein, du trauter Bach; Doch der Freund ist mir verloren, Ter in dein Gemurmel sprach. Blumen fort und Nachtigallen, Und das gute Mädchen auch! Meine Jugend fort mit ihnen, Alles wie ein Frühlingshaiich! Baum, wo sind die Nachtigallen, Die hier sangen einst so süß? Und wo, Wiese, deine Blumen, Tie niir Rosa sinnend wies?— Aifolnuv Scnnu, Ltsterreich und das„bischen Herzegowina". tLaj» die Jllusiration Festung Wrandul in Boinien) Von manchem Strauß tönte sie uns erzälen die alte, ans unserm Bilde sichtbare Festung Wrandut, der hier gegen die europäische Türlen herschast ausgesochte» wurde und von manchem Ansturm, den sie unerschütterlich ziilülkgeschlagen. Jezt freilich sind ihre Mauern zer- sallen, zerbröckelt allmälich— wie auch die Herschaft des Halbmonds in Europa. Aber immer noch umgibt sie die alte Gebirgsromantik, rauschen an ihr vorbei die Wogen der der Save zueilenden Bosna und immer noch ist der alte jiainps zwischen den Völkern nicht erlo- scheu, der seit Jarhunderten um den Besiz dieser Landschaften, wie end- gillig um den„Schlüssel" zu Asien, dem schönen und gewaltigen Kon- slantinoprl, entbrant ist. War es nun früher vornenilich Teutschland, das die Türkei in ihrem Vormarsch gen Europa aushielt, so hat in »kuerer und nenestcr Zeil Rußland diese„Kulturmission" übernommen, und der lezte russische türkische Krieg, der lediglich, d. h. wie man vor� gab, von dem nordischen Bären gesürt wurde, um„die armen unter- drültten Ehristen von der grausamen mithamedanischen Herschast zu be- sreien", ist noch zu lebhast in aller Gedächtnis, als daß man darob viel Worte zu verlieren nötig hätte. Damals hat denn die Tiplomatie der europäischen Großmächte aus dem Berliner Kongreß die orien- lalischc Frage, auch wie niau der Welt glauben machte, zu aller, d. h. der Ehristen Zusriedenheit gelöst und das„bischen Herzegowina" des tonangebenden europäische» StaatsnianneS mit noch verschiedenen an- der» den Frieden Europas störenden Faktoren zur Ruhe gebracht. Skeptiker und die ewig Unzufriedenen behaupteten zwar demgegen- über das Gegenteil, indem sie meinte», die orientalische Frage sei uur vertagt worden, um über kurz oder lang der Diplomatie wie den Völkern ivieder arges Kopfzerbrechen zu verursachen, aber sie waren '» der Minderheit und was noch schwerer wiegt, nicht touaugebend. Und so wurde denn die„Selbständigkeit" der Balkanvölkcr anerkant, das Fürstentum Bulgarien installirt und dem zerbröckelnden Kaiser- staate an der Donau, jedenfalls wider den Willen Rußlands, die Pflegschast— wie sich der mit mehr Eifer als Geschick neuerdings die Kriegstrompete tutende russische General Skobeleff ausdrückt— über Bosnien und die Herzegowina übertragen. In leztere» Landschaften sollte der mehr fidelen Sinn als Kentnisse von diese» zeigende Gras "ndrassh mit einer Kompagnie Soldaten und einer Musikbande einziehen jjnd damit sich die Herzen aller„besreiten Brüder" im Sturme erobern. �>e Flintenschüsse der leztere» waren die vorläufige Antwort.— Tie Bulgaren haben ihren Staatsslreich und werden wol auch >°nst Gelegenheit genug gehabt haben, um Vergleiche zwischen der lrüheren türkischen und der jezigen Wirtschast des von Rußland ge- üüzien Fürsten Alexander Battenberg anzustellen. Das interessanteste 'st jedensalls, daß das„bischen Herzegowina" seit leztem Herbst wiederum °us der europäischen Dagesordnung steht und daß die österreichische Blission, Kultur nach dem Osten zu tragen, aus dem Punkt angekommen 'st, um von den hartköpfigen, für dergleichen Kultivirung wenig Ber- ständnis zeigenden Bosniakeu und Herzegowzen vereitelt zu werde». �enn wiederum ist ein Ausstand unter diesen wilden Söhnen der Berge ausgebrochen, der solche Dimensionen angenommen hat, daß man in Wien nicht nur deshalb die Delegationen zur Bewilligung einer außer- ordentlichen Kriegsausgabe von 8 Millionen Gulden znsammenberufen, fordern auch eiiie ganz bedeutende Truppenniacht nach den insurgirten �'strikten senden mußte. Ter Aufftand nai» seinen Ansang in der Krivoscie, einem zn Tal- '»atien gehörige», an den Meerbusen von Eattaro, im Osten an Mon- 'onegro grenzenden Bergland, das 5000 Seelen zält. Nicht lange ooiierte es, so hatte» sich auch die Bewohner des BerglandeS der an- grenzenden Herzegowina den Ausständischen angeschlossen und schließlich wsglen auch einige Gegenden von Bosnien nach. Anfangs hieß es ostiziöz, die Ausständischen seien Räuber, die ihre Vieh- und sonstigen �'ebstäle aussürten, und man suchte niit dieser Ausflucht die mißgesttmlen ""üter zu beschwichtige». Als man jedoch nicht mehr längnen konlc, daß die ganze Gebirgs- gkgcnd von der montenegrinischen Grenze bis Fotscha und unweit "'ostot rcbellirte, rückten denn auch verschiedene Leute mit der Sprache grraus über die Ausübung der Kulturmission der Oesterreicher in den 0''upirten Provinzen..Höheren" Orts meinte man nun, das neue /fkkrutirungsgesez sei schuld. Andererseits ist man jedoch der Ansicht, °'o gesamte Art der Verwaltung und der Regirung habe den Ausstand "»gezettelt. v Tie hier in Frage komnienden Provinzen werden als ein schon »� ihren Wasserreichtum besonders sich für den Ackerbau eignendes i und fruchtbares Land geschildert. Außerdem sind sie reich an Natur- schönheilen. Es wären also schon Bedingungen vorhanden,»m den Wolstand und daniit geordnete Verhältnisse zu fördern. Die türkische Verwaltung soll dies nun nicht nur nicht getan haben, sie soll durch ihre Mißivirtschast im Gegenteil noch mehr den wirtschastlichen Ruin gefördert habe». Deswegen jagte man die Moslems hinaus und be- traute die Oesterreicher mit der wichtigen Ausgabe, diese Länderstriche zu pflegen. Oesterreichs politische und wirtschaftliche Verfassung wäre nun aber schon Grund genug gewesen, um seine leitenden Kreise von solch einer Mission fern zu halten, und so gewint es fast den Anschein, als hätten die Weisen vom Berliner Kongreß den Teusel mit Beelzebub austreiben wollen. Genug, 1) laugte die andrassysche eine Kompagnie mit der Musik- bände nicht und die Besizergreisung resp. Okkupation kostete l50 Millionen Gulden; 2) blieben die Agrarverhältnisse, welche früher zur Rebellion gegen die türkische Herschast gezwungen, dieselben; 8) war die Rechtspflege sehr»langelhaft; 4> vermehrten sich die Steuern derart, daß sie für die unglücklichen Bewohner unerschwinglich wurden; 5) überschritt mit dem Wehrgesez die österreichische Regirung die ihr vom Berliner Kongreß eingeräumien Rechte». s. w. Summa summarurn war es eben unter der„Pflege" der Madame Anstria in diesen Ländern eher schlechter wie besser geworden. Das wird von vielen nachgewiesen und selbst österreichische Minister gestanden ihre i» diesem Punkte ver- übten Sünden. So bestand die„Ag rar-Reform" darin, daß man ein türkisches Agrargesez wieder cinsürte. Dabei wurden die türkischen Grundbesizer in jeder Weise bevorzugt und gerade denjenigen unter ihnen, welche selbst von der mohamedanischen Bevölkerung verachtet wurden, großer Einfluß aus die Regirung gestattet. Das dritteil oder vierteil, das der Bauer an den.Herren" zu bezalen hatte, ivnrde mit größerer Strenge wie früher, oft selbst durch Militärgewalt eingetrieben. Die Last für den Bauern wurde auch noch dadurch vergrößert, daß der Zehent für den Staat in 27 Kreisen des Landes in barem Gelde und nur in 20 in natura eingezogen wurde und zwar i» einer Zeit, wo das Getreide schwer oder doch nur mit Verlust verkauft werden konte. Ebenso wurden durch die Regulirung der Einkommensteuer vom Werte der Grundstücke und Häuser, der Hauszinssteuer und anderer Abgaben, wie beispiels- weise der schon unter der Herschaft der Türken verhaßtesten Steuer auf Kleinvieh— von jedem Schaf oder Ziege 2, von jedem Schwein 4 Piaster— die bäuerlichen Pächter noch mehr belastet, weil die Grund Herren diese Abgaben von den leztere» bezalen ließen. Dazu kommen noch die städtischen Steuern, welche zur Zeit der Türken gar nicht exi- flirten, die Viehlaxen, Weginauthen, Erwerbstener, Verzehrsteuer für Zucker und Getränke, das Salz- und Tabaksmonopol nach österreichi- sehen Normen. Die Verwaltung der Landesleile kostete eben 0 Millionen und diese sollten durch Stenern gedeckt werden. Man trieb daher die Steuern streng ein, one Rücksicht aus die durch die frühere»langelhafte Verwaltung und durch Ausstände und Kriege zerrütteten Verhältnisse. Konte» die Leute nicht zalen, so trieb man ihnen das Vieh weg und versteigerte die Häuser. So sollen jezt allein im Kreise Mvstar 150 Lizitaiionen ausgeschrieben sein. Daß unter solchen Verhältnissen von einem Wolbefiuden unter den Einwohnern der Herzegowina und Bosnien keine Rede sein kann, ist klar. Wer daher konte, wanderte a»S, wer dazu nicht fähig war, schloß sich den Räuberbanden im Gebirge an. In Mostar, der Haupt- stadt der Herzegowina, sollen fast allein 000 Auswanderungsgesuche vor- liegen. Die von der sozialen Misöre betroffenen, ganz gleich ob Mo- hamedancr oder Ehristen, sehnen sich nach dem türkischen Regiment zu- rück und wandern auch nach der Türkei aus, wenn irgend möglich. Hätte sich daher Oesterreich die Sympathien der Bevölkerung erwerbe» wollen, so hätte es den Wolstand heben, das Verkehrswesen fördern müssen. Dazu wäre aber eine Zusürung von Geldmitteln nötig ge- wesen, die dort nicht vorhanden sind und die aber leider— z» solchen Zwecken— auch in dem nach außen glänzenden Kaiserstaate fehlen. Da eine absolute Beaintenherschafl sämtliche Angelegenheiten re- gelte, so konte» etwaige Beschwerden und Klagen nicht zum Ausdruck kommen und so wurden denn auch höchstens Huldigungs-Teputationen nach Wie» erlaubt. An Stelle der wenu auch nicht besonders guten, aber doch schnellen türkischen Rechtspflege war eine endlose Vielschreiberei getreten. Ordentliche Advokaten gab oder duldete man nicht, nur in Sera- jewo wurde ein abgebranter serbischer Teatcrdirektor als Advokat ein- gesürt. Kurz, in allen möglichen Einrichtungen wurden die größten Fehler gemacht»nd auf die Verhältnisse und Äewonheiten des Landes gar keine Rücksicht genommen. Und als nun schließlich noch im Oktober 301 vorige» Jares das österreichische Wehrgesez publizirt wurde, welches zu den vielen Steuern noch dem armen, besizlosen Bauern seine zur Existenz nötigen Hände zum Zweck des Waffendienstes wegnemen wollte, brach der Ausstand los. Dazu bestimte dieses Gesez nicht nur die Schaffung einer Landesverteidigung, sondern eine Aushebung von Manschasten zur Verteidigung des gesamten Kaiserstaals. Hatten nun dies schon die Bewohner insofern als einen Eingrist in ihre vom „Berliner Vertrag" garanlirten Rechte bezeichnet, indem die militärische Aushebung erst dieses Fristar statifinden durste, so hatte ein Zeitungs- korrespoudent auch andererseits nicht unrecht, wenn er sagte, daß sich Oesterreich einer„staats- und völkerrechtlichen Erschleichung" schuldig mache, wenn es für sich dort Soldaten aushebe, indem es dort nicht souverän, sondern nur interimistischer Besizer sei. Nu», die an Kampf gewönten Söhne der Berge haben in ihrer Art aus all dies geant- wortet und sollen— die Angaben sind verschieden— über 6000 Be waffnete verfügen. Um sie zu bezwingen wird nach Angabe von mit de» dortigen Verhältnissen vertrauten Männern eine Armee von 60 000 Soldaten mit Flinte» und Kanonen nötig sein.-!6 000 Mann mit 56 .üanonen waren schon vor 11 Tagen dorr, Gefechte finden hie und da statt und ist auch, falls sich nicht andere Mächte hineinmischen, die jchließliche Unterwerfung sicher, so wird doch der Kamps in den schwierigen Gebirgsgegenden immerhin verhältnismäßig langwierig und blutig sein. Aber gerade die Einmischung anderer Faktoren ist eben das wichtigste und unter Uinständen für das alte Oesterreich verhängnisvollste. Man fürt, troz der Ablengnungsverjuche seitens des österreichischen Ministeriums doch soviel Symptome an, die es nur allzu warscheinlich erscheinen lassen, daß Rußland seine unsaubre Hand mit im Spiele hat. Dieses ist, wie nur zu bekant, seit langem daraus ausgegangen, sich durch den Besiz von Konstantiiiopel die Weltherschast zu erschließen und ist jezt im Innern durch den Nihilismus so zerfressen und unter- wült, daß es sich nur dmch große Triumphe nach außen hin seine faule Existenz noch ans eine Galgenfrist retten kann. Es wird also >reis daraus bedacht sein, sich die Herschast über Gebiete anzueignen, nach denen es schon im Icztrn Kriege gegen die Türkei lechzte, die es aber schließlich infolge der Beschlüsse des„Berliner Kongresses" nicht erhielt. Daß dem so ist, tönte man schon mit Sicherheit annemen, auch wenn der Bramarbas Stobeleff seine deutschen- hezerischen Reden »encrdings nicht gehalten hätte. Nun komt aber noch hinzu, daß Führer der Aufständischen mit viel Geld versehen sind, daß man kürz- lich nach einem für die Insurgenten mit einer Niederlage endenden Gefecht deren Kasse mit 0000 Gulden erbeutete, unter welchen sich neben 14 Jnipcrials 195 LO-Frks.-Stücke und gegen 1000 Rubel vorfanden. Außerdem treiben sich in den Balkanländcrii soviele russische Agenten herum und äußern diese ihre russensreuudliche Meinung so nngenirt, als ob sie schon den ganzen Landstrich in die weiten Taschen der russische» Regirnng gesteckt hätte». Nur ein Beispiel. In Montenegro hatte ein Serbe, der Redakteur des Amtsblattes ist, für den I.Jan, d. I. das Erscheinen eines„unabhängigen" Blattes angekündigt und auch die erste Nr. davon herausgegeben. Diese wiin- melte von Angriffen gegen Oesterreich und deshalb wurde denn das ganze Unternemen aus Jnlerveiition Oesterreichs dadurch unmöglich gemacht, daß der Regirungsdruckerei zu Eettiuje, der einzigen die es dort gibt, der Druck desselben verboten wurde. Der Redatleur bleibt aber in seiner aintsblättlichen Stellung, und man behauptet, daß er dieses Uuternemcn nur hätte mit russischem Gelde fertig bringen können. Mag dem nun sein wie ihm wolle, jedenfalls komt Rußland diese ganze Asfaire sehr gelegen und es wird schließlich ebenso bereitwillig die„unterdrückten Länder" vom österreichischen wie einst vom türkischen Joche„besreien". Tie„Orientsrage" ist mit dieser Insurrektion wie-- der aus der Tagesordnung und die Dinge zeigen dem Unbefangenen nur zu deutlich, daß Säbel und Kanonen nicht die einzigen Instrumente zu ihrer Lösung sind. Komisch inuß es aber ans alle Fälle wirke», iveiiil das gegen den Moslem von sittlicher Entrüstung übertriesendc Europa jezt noch eine schlimmere Mißwirtschast auf der Balkanhalbiusel eingesürl hat wie die Türkei, über die es vor kurzem noch zu Gericht saß. Und damit das Maß der Ironie voll werde, hat die leztere noch eine» Grenz-Kordon aufgestellt, um Zuzüge zu den Insurgenten aus Albanien und Novibazar zu verhüten. Türkischer Schnz für das arme bedrängte Oesterreich, so»iuß es kommen!— Angesichts der Wichtigkeit dieser Frage werden»usere Leser wol verzeihen, daß wir gelegentlich der Besprechung unserer Illustration diesen Streiszug vorgenommen. Das Bild selbst wie die Geschichte, die sich an den aus ihm dargestellten Stoff knüpft, drängt aber dazu. Bor- züglich ansgesürt, mag es auch ungesär einen Begriff geben von den oben kurz erwänten Naturjchönheiten Bosniens. Der Maler, Karl Ebert, ist ein Slutigarter, am 28. März 1621 geboren, und hat sich namentlich durch Darstellung von Szenerien ans dem deutschen Walde ] ausgezeichnet. Er lebt in München und ist mit einem Gemälde be- , schästigt, das gleichfalls eine Szene aus Bosnien darstellt. Eine Reise in dieses interessante Ländchen ist die Veranlassung zu diesen Arbeiten.— Fr. Nrt. �sus otfen OSlnfuln der Zeilttteralur. Elektrische Beleuchtung in Berlin und in Kleinstädten. Ter Potsdamer Plaz in Berlin und ein Teil der Leipzigerstraße bis zur Wilhelmstraße werden mit elektrischer Beleuchtung ausgestattet. Ob dieselbe binnen kurzer Zeit in großen Städten ganz die Gasbeleuchtung von den Straßen verdrängen wird, bleibt fraglich, weil dadurch die gewalt'ge» Kapitalien, welche in Gasanstalten, Gasleitungen und was sonst noch dazu gehört, stecken, zum allergrößten Teile einfach und init einem Hiebe totgeschlagen würden— eine Grausamkeit, die man wol nicht so leicht erlauben wird; in allen Kleinstädten aber, die es bisher noch nicht einmal zur Gasbeleuchtung gebracht haben, würden die lichtfreundlichen Gemcindemänncr gut tun, sich die Frage vorzu- legen, ob es nicht für ihr Städtchen ehrenvoll und praktisch zugleich wäre, wenn statt der mehr und mehr auf überwundenem Standpunkte zurückbleibenden Gasbeleuchtung das zukunstsichere elektrische Licht die des lezten Drittels vom erfinderischen Jarhundert unwürdige Oelfunzel schleunigst ablöste— zumal die elektrische Beleuchtung nicht nur»n- verglcichlich besser, sondern auch billiger zu unterhalten und desgleichen einzurichten ist, als Gasbeleuchtung.%z. Samariterschulen richtet der berühmte Chirurg Geh. Medizinal- rat Pros. Dr. Esmarch in Kiel ein. Prof. Esmarch tut das,»m seiner Pflicht als Mitglied des Vereins vom roten Kreuze und als Ehren- Mitglied der englischen Johanniterritter zu genügen, welche leztere» seit 1877 unter dem Beistände der angejehensten englische» Aerzte überall in England solche Samariterschulen eingerichtet und bereits 30 000 Männer und Frauen zu der jezt sogenanlen samaritischen Hilseleistnng ausgebildet haben. Zweck derselben ist, bei Fällen plözlicher Verwundung und Körperbeschädignng die nötige, dem jeweiligen Stande der Heilwissenschaft entsprechende Hilfe zu leiste», bis der Arzt zu er- scheinen imstande ist, eine Hilsc, die nicht nur inmitten des Masse»- jainmers ans Schlachtfeldern, sondern auch gegenüber den zalreiche» Unglücksfällen des gewönlichen Lebens überreichen Erfolg und Tank zu erzielen vermag.\z, OUlgeGer für Sesundheitspffege. Sinicna». B. M. Gegen den Siockschnupfen genantc» chronische» Nasen- tatarrh werde» Einsvrijungeii von«launtösimg oder Gichenrindcuabtochang angewendet. I» der zur«bsondermig gelangende Zchieini lehr übelriechend, so sprizi man Cblortall- llsnng(60.0:300,0 Walser) ein. Bier mit glühendem Ürifeii zu e r w ü r I» t n>u zwar an sich nicht gcsundheitoschädlich. aber an» Reinlichteitegrnnden»nd. weil der Ge< schmack des Biercd darnnlcr leiden Mull, nicht zu emplelen. Großenhain. N. Schreite» Sie gegen Ihren Bandwurm, wenn Sic Sio sonst gesnno und lrästig sülc», solgendermabcn ein: acht Tage lang trinlen Sie jede» Morgen 1—2 Gläser srtedrichihaller Bitterwasser, nach Verlaus dieser acht Tag- newe« Sie nüchtern viermal»ach je einer halbstündigen Pause 2—4 Gramm der in jebek «gotele läuslichen Bamala in etioae tütronenlimonade.«eivirlen die Pulver b» i spätestens eine Stunde nach dem«inncme» des lezten leinen Stul, so müsicn Sie ooäl einige Gläser Bilierwasier trinlen. Sine andre gleichialls zu empselcndc Nur bestes I darin, daß Sie Sich einen Tag lang nur an ftarl gesalzne Narnng halten und am so>'! gcnde» Tage 3 Gramm gepulverte Schildsarrnwnrzel mit 60 Gramm Granalivnrzrlrnit-t in> z Liter Wäger abgekocht und zwar so, daß sie»mal'3 dieser«blochung in beliebigen. nur nicht zu kurzen Zwischenräumen und dazwischen sowol, als danach einige I Lössel RicinuSöl einnemen. Geht der Bandwurm in Stülken und nicht in»lumpen ab.' so dürjen die Stücke nicht abgerigen werden, sonder» müssen durch Pressen des Bauche- in möglichster Länge hcransspedirt werden. Um de» Bandwurm» ledig z» sein, mos man den sogenanten«ovi desselben losgeworden sein, d-r sich in der Ticke-ine» Ste» nadelkopses an sadcndünnem Gliede hängend praseatirt. itomt dieser«ops Nicht i"* Vorschein, so muß noch durch lauwarme Milchllystiere Nachgeholsen werden. Von W Berlaus der Kur wollen«je nn» Nachricht geben. QfWiaRtionsRomfpoiuVn;, Berlin. Amicus C— nanu— nierauß. Unser Kompliment ob de» schönen Natneol' b?» Ete Sich getvält haben, zuvor! Sie schreiben:„Meine liebe Raie Welt"! Gott m -zn. Seift I Und zwar ein guterGeist! Und-in guter Geist ist ein liebender«eist, etn ltebend-r Geist ist ein-eeligleitSgeist. und ein geistlicher Leib ist ein leiblicher% mh ein geistlicher Leib Ist ein leib- ober lieblicher Geist! Gott ist die Weltseelk! lt>«' Seele ist ein geistlicher Leib oder ein leiblichter Geist oder ein lieblichter Sei»! 3* |«ut mich herz, uner lich über die Belehrung.Israels- in der.Naien Welt- nur mit£ »MÄlÄSK-tS«ftSPt St ÄMÄ«? l, Z t~il r 9 U Juden in Teutfchland iind RnB''". Berontwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart.(Rene«einsteige 23�_«xpkd.tion-'Lndn.igs.rabe 26 in S.nt.aar5 Druck imd Verlag von I. H. W. Dietz in Stn-tgart.