er at, t t B № 25. Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Bolk. Erscheint wöchentlich. Preis vierteljährlich 1 Mark 50 Pfennig. 1882. In Heften à 35 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Im Kampf wider alle. Roman von Ferdinand Stiffer. " Ernst, Ernst," rief Frieda furchtbar erschreckt, quäle mich , quäle mich nicht lange ich ahne das Schlimste, ich bin auf alles gefaßt, sage mir nur rasch, rasch- ich bitte dich, Ernst, was du mir zu sagen hast-" Er war selber so erregt, so erbittert und so überzeugt, daß er recht unterrichtet sei und recht tue, daß er one weiteres Besinnen dicht an sie herantretend leise, aber für sie sehr vernemlich Sprach: " Du mußt deine Verlobung sofort rückgängig machen. Franz Stein ist deiner unwürdig. Er unterhält, wärend er mit dir verlobt ist, ein Verhältnis mit einer Dirne--" Mit einem lauten Aufschrei taumelte Frieda zurück und wäre niedergefallen, wenn nicht dicht hinter ihr das Fensterbrett und die Wand gewesen wäre, an die sie mit dem Kopfe anschlug. Ernst sprang ihr zu Hülfe. Um Gotteswillen, was habe ich getan. Riekchen, liebstes Riekchen, komme zu dir- Riekchen!" " Was ist meiner armen kleinen Haßler?" rief die Stimme der Frau Krause dazwischen, welche in ihrem Direktorialzimmer, wo sie socben den Besuch des Konsistorialrats empfangen, Frieda's Ausschrei gehört hatte und nun teils aus Neugierde, teils aus Mitgefül herbeieilte. Meine Schwester ist erschrocken ich habe ihr eine schlimme Nachricht gebracht- ich konte nicht anders- helfen Sie mir, ich konte nicht anders helfen Sie mir, verehrte Frau Krause sie ist onmächtig." Frau Krause nam Frieda in ihre Arme und mit ihrer Hülfe und der des Konsistorialrats, welcher gleichfalls anscheinend tief ergriffen herankam, brachte Ernst die Schwester nach dem Zimmer der Direktorin. Im buchenfelser Kreise regte sich's im öffentlichen Leben so laut und lustig, wie faum im tollen Jar 1848, da die Buchen felſer ihre eigene Stadtrevolution gemacht, das Rathaus gestürmt und eine selbsteingesezte provisorische Regirung genossen hatten bolligen Mangels an Widerstand total unblutig verlaufenen Rathaussturme an bis zur Ankunft der Nachricht, daß zwei Kompagnien Soldaten von der nächsten Garnisonstadt im Anzuge jeien. Da hatte die provisorische Regirung ihre„ permanenten" Sizungen mit erstaunlicher Beschleunigung ganz heimlich in einen VII. Stuttgart, 18. März 1882. ( 24. Fortsezung.) tiefen Keller der von dem Stadttore, wo die Soldaten einmarschiren sollten, entferntesten Vorstadt verlegt und war nie wieder an's Sonnenlicht gekommen Sonnenlicht gekommen dafür aber vollzälig, d. h. drei Mann start Tierarzt, Apoteker und Ratschreiber bei Nacht und startTierarzt, Nebel ausgefniffen, um als politische Flüchtlinge und Märtyrer ihrer Ueberzeugung sich in der freien Schweiz anstaunen zu lassen und von da aus ihre Regirung mit dem schweren Geschüz ihrer Entrüstungsreden niederzubombardiren. Noch ärger, noch lärmender und viel größere Bevölkerungsfreise in politische Erregung versezend war das Leben und Treiben, welches die diesmalige Reichstagswal gezeitigt hatte, als der kurzlebige Rausch von 1848. Wenn man die Buchenfelser hörte, so mußte man glauben, daß es sich diesmal auch um feinen Pappenstiel handle- im Gegenteil um die höchsten Güter der Menschheit. Und das stand so fest, daß alle Parteien, so sehr sie sich auch sonst befehdeten, darin einig waren. Sechs Parteien standen sich bis an die Zähne gerüstet gegenüber jede mit den schneidigen Waffen fulminanter Walaufrufe und donnernden Walversamlungsreden wuchtig auf die fünf andern dreinschlagend. Die altkonservative Partei hatte den steinalten, streng protestantisch ortodoxen Majoratsherrn Grafen von Finsterburg zu ihrem Kandidaten erkiest, Kandidaten erkiest, sie vertrat mit tapfrem Gepolter das bigott fromme, starr absolutistische Urpreußentum, one das, wie das vorneme Walkomitee kühnlich behauptete, über ein kleines nicht nur Preußen und Deutschland, sondern ganz Europa und die Welt elend in Anarchie und Nihilismus untergehen müſſe. Die freikonservative Partei hatte, wie lange vorher angekündigt, den Fürsten Waldkirch- Buchenfels auf den Schild erhoben, der das erleuchtete, mit dem geistigen Inhalte der neuen Zeit flug rechnende, und mit der Kirche als seiner Dienerin Reformversuche machende Königtum zu vertreten behauptete, dabei den wolberechtigten Interessen aller Großbesizenden, im Gegensaze zu der altkonservativen Partei, der vorzüglich das Wol und Wehe der Großgrundbesizer am Herzen lag, energische Förderung angedeihen lassen wollte und überall im Kreise seiner durch viel jarzehnte lange Erfarungen und mit eindringenden staatswissenschaftlichen Studien erworbene Ueberzeugung verbreiten ließ, daß die Erhaltung des Vaterlandes, die Wolfart des Bürgers und Bauern nur von der Durchfürung der freifonservativen Grundsäze zu erwarten sei. Die liberale Partei, welche den, merkwürdig lange Zeit Kreisgerichtsassessor gebliebenen Juristen Niedersiz zu ihrem parlamentarischen Vorkämpfer auserwält hatte, geberdete sich ihrer seits als die verbriste und privilegirte Vorfämpferin für alles, was Recht und Freiheit, Nationalwolstand und Bürgerglück genant zu werden verdiene. Rechtsstaat und Volksfreiheit war ihr Feldgeschrei und gemäßigter, allen politischen und wirtschaftlichen Hindernissen Rechnung tragender Fortschritt ihre Parole. 306 Gegen diesen Fortschritt ging mit ihreni Kandidaten, dem Rektor Jänisch, die Fortschrittspartei grimmig ins Feld, obgleich sie sich sonst gern als mit der liberalen im wesentlichen einer Meinung bezeichnen ließ. Parlamentarismus hieß ihre Losung Regirung des Volks durch die aus ihm selbst hervorgegangenen Vertreter. Die Minister der Volksvertretung verantwortlich, der König der erste Diener des Staates und nichts weiter Rede freiheit, Versamlungsfreiheit, Preßfreiheit und von Freiheiten sonst noch eine ganze Schachtel voll verlangten sie kühn vor allem Volk und für alles Volt, und für sich, die Fortschrittspartei, selbst waren sie allen Ernstes gewillt, all' diese schönen politischen Nippsachen zu erringen und kräftigst nuzbar zu machen. Als Partei der entschiedensten Opposition spielten sich die Ultramontanen auf, deren frommer Kandidat seinen Wälern neben irdischer Freiheit und Wolfart die ewige Seligkeit als Dreingabe zuzusichern in der glücklichen Lage war. Der sechste Kandidat für die Reichstagswal war der Schuhmacher Schwarz in Buchenfels und seine Partei sezte sich zu sammen aus dem größten Teile der Fabrik- und sonstigen Handarbeiter des Kreises, den Hungerleidern, wie sie der Domherr von Lysen in jener Unterhaltung mit dem Konsistorialrat Kölle am Whistabende des Generals von Pommer genant hatte. Der beredte Schuhmacher hatte in den meisten Orten des Walkreises in zalreich besuchten Volksversamlungen und in von ihm selbst verfaßten Flugblättern sein Programm auseinandergesezt ein Programm, das es sowol an Energie des Ausdrucks wie an Zuversichtlichkeit bezüglich der volksbeglückenden Kraft seines Inhalts mit jedem andern aufnam und das sich grade so ingrimmig gegen die übrigen Parteien wante, wie jede von diesen wider jede andre von den fünfen. Und nun erwäge man, daß die Walagitation schon ein par Wochen lang wärte, daß keine der Parteien sich auch nur im geringsten des Sieges sicher halten konte, daß die Anstrengungen der einen immer intensivere Anspannung der Kräfte aller anderen erzeugte erwäge man ferner, welch' heftig ansteckende Krankheit die politische Aufregung in unsren Tagen ist, so wird man sich vorstellen können, daß es in und um Buchenfels wie in einem Herenkessel gährte und brodelte, und man wird begreifen, wie selbst aus sonst unzerstörlich ruhigen, für das öffentliche Leben anscheinend ganz abgestorbenen oder niemals lebendig gewesenen Leuten im Handumdrehen eifrigste Politiker, ja Parteifanatiker werden konten, die an ihrem Nachbar, mit dem sie seit einem Menschenalter tagtäglich an demselben Stamtische ihr Bier getrunken hatten, nun one Gruß vorübergingen, weil er liberal gesint war, statt fortschrittlich, ultramontan statt freikonservativ oder sonstwie politisch seinen eigenen Kopf aufgesezt hatte. Man haßte und verachtete sich gegenseitig, man ärgerte und schifanirte, beleidigte und beschimpfte sich um Programmstreitigkeiten, von denen man vor vier Wochen noch keine Ahnung gehabt hatte man sah in den Angehörigen aller Parteien Verfürer oder Verfürte, Lumpen oder Tummköpfe, mit einziger Ausname der eigenen Parteifreunde, die man in liebenswürdigster und tolerantester Weise sämtlich für ungemein erleuchtete und durch und durch kreuzbrave Männer anerkante und, wo es nötig war, öffentlich anpries. Es war fast kein Mensch im Kreise, der nicht Partei ergriffen hätte, die Weiber politisirten beim Kaffeeklatsche und gerieten einander grimmig in die Coiffüren, weil die eine behauptete, der Kaffee- dieses unentbehrliche Lebens- und Narungsmittel schöner Seelen würde unerschwinglich teuer und abscheulich schlecht werden, wenn nicht der Assessor Niedersiz gewält würde, wärend die andre, bei allem was ihr heilig war, schwor, daß Sr. Durch laucht der Fürst Waldkirch gewält werden müsse, weil der so vielen Leuten im Kreise Brot gebe und schon dafür sorgen würde, daß sie ihren Kaffee bekämen und die nicht minder unentbehrliche Cichorie obendrein. Und die Dienstmägde am Brunnen schwärmten für den Rektor Jänisch, den prächtigen Mann, der als Dirigent eines großen Gesangvereins und Inhaber einer urfräftigen Baßstimme sie oft unbändig entzückt und begeistert hatte. Selbst die Kinder in der Schule hatten in dieser drangvollen Zeit politische Motive für ihre ewig gleichen Kazbalgereien- hie Rektor Jänisch, hie Schuhmacher Schwarz lautete der Kampfruf in den Zwischenstunden und auf dem Wege nach und von der Schule. Alle Einwohner des Kreises Buchenfels hatten sich also um die verschiedenen Parteifahnen geschart, alle fast waren zu Walagitatoren im großen oder kleinen geworden, die möglichst viele von den Menschen, auf welche sie mittelbar oder unmittel bar mit moralischen oder materiellen Mitteln Einfluß auszuüben vermochten, für ihre Partei und deren Walkandidaten zu gewinnen suchten, suchten, nur einer fülte sich garnicht berürt von all' dem Lärm und all' der Leidenschaft und war fest entschlossen, sich nicht in das Gewirr der Meinungen, in das tolle Gestöber der meist leichtfertigen Behauptungen und oft noch leichtfertigeren Beschuldigungen hineinreißen zu lassen und dieser eine war der Fabrikant Franz Stein. " Ich habe in politischer Beziehung Sympatie und Antipatie gegen Parteien und Programme, gegen Staatsformen und gesellschaftliche Verhältnisse, gegen politische Einrichtungen und wirtschaftliche Zustände, aber ich kann mich vorläufig noch staatswissenschaftlich weder unterrichtet noch scharfsichtig genng erkennen, um mit voller Ueberzeugung die bei mir eben eine wissenschaftliche Ueberzeugung sein müßte, einer Partei offen beitreten zu können. Mitläufer oder Nachzügler zu sein- ist nicht meine Art, wo ich stehe will ich wirken, und wo ich wirke, bedarf ich des fest gegründeten Glaubens, daß aus meiner Wirksamkeit für mich und die Welt Gedeihliches und Gutes ersprießt -soweit ein Einzelner in meinen Verhältnissen überhaupt der Welt zu nüzen vermag", also hatte Stein mehr als einmal seine politische Zurückhaltung motivirt, zulezt hatte er es sogar im Anzeiger für den Kreis Buchenfels" getan, weil im redaktionellen Teile desselben die Beschuldigung ausgesprochen worden war gegen ihn, den man mit Namen zu nennen sich nicht gescheut hatte, er sei ein Feind des Bestehenden, insbesondere des Reichs, der sich nur nicht getraue, mit seiner gefärlichen Gesinnung unverholen auf den Markt zu treten. Seine Erklärung im„ Anzeiger" war allgemeiner Mißbilligung begegnet. In solchen Tagen sich politischer Parteiname zu ent halten, sei zum mindeſten ein arger Fehler, wenn nicht ein Verbrechen, meinten die meisten. Und gradezu Unsinn sei das, was er von seinem Mangel an staatswissenschaftlichen Kentnissen und von wissenschaftlicher Ueberzeugung sagte, behaupteten übereinstimmend die Angehörigen aller Parteien. Die Konservativen, Freikonservativen und Ultramontanen waren der Ansicht, daß die Treue gegen König oder Papst und die Ehrfurcht vor den historisch gewordenen Staats- und Gesellschaftsverhältnissen für jeden braven Untertanen und guten Menschen die Grundlage sein müsse, auf der der politische Glaube des einzelnen erwachsen müsse, und die drei anderen Parteien waren so ziemlich darin einig, daß jeder vernünftige Mensch eigentlich schon als Angehöriger einer bestimten Partei auf die Welt komme oder wenigstens schon in früher Jugend empfinden lernen müßte, in welche politische Strömung er hineingehöre Strömung er hineingehöre das sei Sache des gesunden und natürlichen Menschenverstandes, des materiellen Interesses und der Liebe zur Freiheit und zur allgemeinen Wolfart. Wenn Franz Stein vermeint hatte, seine öffentliche Erklärung im Verein mit der abweisenden Haltung, welche er schon lange vor Beginn der Walkampagne eingenommen hatte gegenüber allen Versuchen, ihn irgend einer Partei dienstbar zu machen, werde genügen, ihn jezt vor weiterer Behelligung zu bewaren, so hatte er sich gründlich getäuscht. Ungefär acht Tage vor der Wal erschien einer der Dekonomieinspektoren des Bischofs bei ihm und ersuchte ihn um die Er laubnis, an der Fabrik die Walaufrufe der ultramontanen Partei ankleben und dieselben auch in der Fabrik verteilen zu dürfen. Stein war gerade sehr beschäftigt und, da er mit Specht bezüg lich der dauernden Benüzung des Wegs nach der Eisenbahn noch immer keinen bindenden Vertrag hatte schließen können, so hatte er die triftigsten Gründe, die Gutsbeamten des Bischofs, über dessen Terrain für ihn allein noch ein leidlich benuzbarer Weg nach der Bahnstation zu legen war, nicht vor den Kopf zu stoßen. Er erteilte daher die Erlaubnis, one sogleich an die etwa möglichen Folgen zu denken. der Fabrik und durch einige Arbeitslokale machte, sollte er sie Als er einige Stunden darauf einen Gang durch den Hof bereits zu merken bekommen. Wo er hinblickte, klebten große Plakate, aber feines war t e a ة 4323 2 a b δι 9479= 11 unversehrt, die meisten sogar so zerrissen, daß man one Mühe feinen einzigen ganzen Saz mehr zusammenbuchstabiren konte. Er fragte einen Werkmeister, woher die Beschädigung der Plakate rüre. Dieser zuckte etwas verlegen die Achseln und antwortete, das wisse er eigentlich auch nicht, er vermute nur, daß die Arbeiter die Walaufrufe der ihnen tiefverhaßten ultramontanen Partei nicht immer vor Augen haben wollten. Es wäre onehin beinahe schon zu großem Skandale gekommen, als etwa vor einer Stunde ein Zettelträger der Ultramontanen die Walaufrufe in der Fabrik verteilt habe. Die weitaus größte 3al derselben sei ihm sofort zerrissen vor die Füße geflogen kurz für die Ultramontanen seien die Leute einmal nicht zu fangen, die hätten ihre eigene Meinung. Der Werkmeister betonte die lezten Worte so eigentümlich und schaute Franz Stein so sonderbar beobachtend und augenscheinlich mißtrauisch an, daß dieser auf den Gedanken kam, der Mann und vielleicht auch seine Arbeiter könten ihn im Verdacht der besonderen Begünstigung der ultramontanen Partei haben. 307 Das war ihm unangenem, weil er von solcher Absicht weit entfernt war und weil er auch den Schein jeglicher Parteilichkeit vermeiden wollte. " Sagen Sie den Leuten", entgegnete er dem Werkmeister, „ daß mir die Zerstörung jener Plakate garnicht gefällt. In meiner Fabrik soll die Freiheit der Meinungsäußerung in jeder anständigen Form und für jeden herschen. Ich werde jede Beeinträchtigung solch freier Meinungsäußerung in Wort oder Schrift zu verhindern suchen. Diese Plakate werde nunmehr ich, der ich bor her mit der Sache garnichts zu tun hatte, wieder ankleben lassen und ihre Beseitigung nicht dulden." Der Werkmeister machte ein sehr finsteres Gesicht, aber er antwortete nicht. Als Franz Stein zehn Minuten nach dieser Unterredung wieder in denselben Arbeitsraum eintrat, sah er den Werkmeister im Gespräch mit ein par Arbeitern, von denen der eine rief: " Nun, wir werden's probiren, ob hier wirklich freie Meinungsäußerung herscht in Schrift und Wort und wenn's so ist, dann tönnen unsertwegen die Dinger da an allen Ecken und Kanten kleben bis an den jüngsten Tag." Stein durchschritt rasch das Lokal und gab sich den Anschein, als ob er nichts gesehen und gehört hätte. Aber als die Mittagsstunde schlug, begab er sich an das Fenster seines im Parterregeschoß des ehemaligen Herschaftshauses befindlichen Comptoirs, um von da die Gesichter der die Fabrik verlassenden Arbeiter zu beobachten und womöglich aus diesen zu erkennen, was für eine Stimmung bei den Leuten vorhersche. Zu seiner Verwunderung zeigten sich alle bei außergewönlich guter Laune, alle hatten Zettel in den Händen, die wie Walaufrufe aussahen und alle lachten und viele machten allerlei lustige Bemerkungen, die bei den Hörern immer neue Heiterkeit hervorriefen. Die Ursache dieser aufgeräumten Stimmung bei den Arbeitern wurde ihm klar, als er bald nachher wieder den Fabrikhof betrat. Jezt klebte überall, wohin sein Auge reichte, nicht nur je ein Plakat, sondern diese fanden sich immer parweise beieinander, und bei näherem Zusehen fand er, daß das eine je eines von den auf sein Geheiß nun angehefteten Plakaten der ultramontanen Partei war, wärend das andre einen Walaufruf für den Schuhmacher Schwarz brachte, worin in leidenschaftlichen Worten über alle andern Parteien und Kandidaten und ganz besonders auch über die ultramontane Partei der Stab gebrochen wurde. Franz Stein wußte, daß der Werkmeister Seitz, mit dem er vorhin gesprochen, über Mittag die Fabrik nicht zu verlassen pflegte. Er ging daher ihn aufzusuchen nach der Werkstatt, wo jener arbeitete und auch sein Mittagessen zu verzehren pflegte. Aber er fand ihn nicht vor. Als er darauf durch die fast ganz verlassenen Arbeitsräume eilig dahinschritt, sah er in einem der lezten plözlich den Werkruhigt;" daraus werden sich unsere Leute garnichts machen tausend Walaufrufe können da kleben wenn nur der eine darunter ist." ,, Der eine wie die andern ich messe nicht mit zweierlei Maß." Er nickte dem Werkmeister freundlich zu und ging wieder " Er seines Wegs. Er begab sich jedoch diesmal nicht in sein Comtoir zurück, sondern stieg hinauf nach seinen Privatzimmern, wo er um diese Stunde eine Art zweiten Frühstücks aus einem Glase Wein und etwas kalter Küche bestehend zu sich zu nemen gewont war. Seine Hauptmalzeit fiel auf die fünfte Nachmittags= stunde. Er hatte diese Einrichtung im Auslande schäzen gelernt und war ihr treugeblieben in der Heimat, wo noch allgemein' die Spießbürgergewonheit beibehalten ist, um 12 Mittags am meisten zu essen und sich damit seine Arbeitsfähigkeit für den Nachmittag um ein beträchtliches zu vermindern. Er aß äußerst wenig und nippte am Glase wie ein zimperliches Mädchen. Es litt ihn auch nicht auf seinem Sessel am gedeckten Tische-er trat an's Fenster und preßte die Stirn an die Scheiben. Gar vielerlei bewegte sein Herz und beschäftigte seinen Verstand. In seinen Fabrikangelegenheiten zunächst war keineswegs alles so, wie es sein sollte. Einerseits hatte er viel mehr Anlagetapital verbraucht, als er ursprünglich zu diesem Zwecke bestimt hatte, andererseits machte ihm die Konkurrenz gewaltig zu schaffen. Anfänglich war es ihm ziemlich leicht gefallen, für seine Fabrikate den nötigen Absaz zu finden; kaum hatte er aber geglaubt, die für das Gedeihen seiner Fabrik unbedingt erforderliche Zal von Abnemern gefunden zu haben, da mußte er vernemen, daß eine ganze Herde von Reisenden von einem seiner Kunden zum andern zog und die gleiche Ware, wie er sie produzirte, zu billigerem Breise feilbot und oft um ein wares Spottgeld losschlug. Die betreffenden Konkurrenzfabriken hatten jarelang vorher auf Lager produzirt und auf hohe Preise gehalten. Jezt da Franz Stein auf dem Markte erschienen war mit seinen Preisen, die er angemessen den günstigen Bedingungen, unter welchen er zu fabriziren begonnen hatte, verhältnismäßig billig stellen konte, überschwemten sie ihrerseits den Markt mit ihren Waren und namen dafür, was fie eben bekamen; selbst unter die Fabrikationskosten gingen sie mit ihren Preisen weit hinab. So sah er sich sehr bald der weitaus meisten seiner Abnemer beraubt und mußte wol oder übel auch Reisende hinausschicken und, um überhaupt etwas zu verkaufen, den Engroskaufleuten, welche seine Fabrikate brauchen konten, so überaus günstige Bedingungen bewilligen, daß er augenblicklich fast ganz one Vorteil arbeitete. Indessen war er entschlossen, um die Konkurrenz allgemach aus dem Felde zu schlagen, in den ersten Jaren auf eine Berzinsung der großen Kapitalien, mit denen er sein Etablissement begründet hatte, zu verzichten, dabei mußte er sich aber mit seinem ganzen Vermögen bis zu dessen leztem Heller bei seinem Unternemen engagiren und sah sich gezwungen, künftighin viel wolfeiler, als er anfänglich beabsichtigt hatte, zu produziren. Dazu gehörte, daß er die notwendigen Rohprodukte, um sie zu dem möglichst mäßigen Preise zu bekommen, in erheblich größeren Massen kaufte, als er sofort verwenden konte, und daß er ferner die vollkommensten Maschinen anschaffte und an den Arbeitslöhnen soviel als nur möglich sparte. Bisher hatte er die höchsten Löhne gezalt, welche in der Gegend um Buchenfels herum und im ganzen Gebirge überhaupt vorkamen, Löhne, die an sich freilich feineswegs bedeutend waren, aber die an eine ganz außerordentlich bescheidene Existenz gewönte Weberbevölkerung völlig befriedigten. Nun sah er ein, daß er die Löhne auf die Durchschnittshöhe des im buchenfelser Kreise zu erarbeitenden Geldverdienstes herabsezen müsse, wollte er nicht mit erheblichem Schaden produziren und dem sichern Ruin entgegengehen. In den nächsten Tagen wollte er durch seine Beamten den meister Seit sich in einen Winkel drücken, offenbar in der Ab- sehe, die Löhne herabzusezen, lassen, daß er sich gezwungen er hatte damit gezögert, solange nicht mehr leisten konte und zu deren rascher Erledigung er sich einer hohen Konventionalstrafe verpflichtet hatte. sicht, sich nicht sehen zu lassen. Aber Stein fümmerte sich nicht es nur anging, nun hatte er aber mehrere große Aufträge zu darum, ging auf ihn zu und redete ihn ruhig und freundlich an: das Ankleben des zweiten Plakats geradesowenig einzuwenden den Auftraggebern gegenüber vertragsmäßig und bei Balung " Sie können ihren Arbeitskollegen sagen, Seiß, daß ich wider habe, als gegen das des ersten. Nur sollen sich alle darauf ge faßt machen, daß die beiden jezt affichirten Aufrufe noch mehr Gesellschaft bekommen. Die andern Parteien werden vermutlich nicht zögern, dem gegebenen Beispiele nachzuahmen." " Schon recht, Herr", sagte der Werkmeister Seitz, sichtlich beUnd zu den geschäftlichen Unannemlichkeiten und Sorgen war nun die ihm immer noch unbegreifliche Attake seitens des Studenten Guido v. Frank gekommen! Zwar hatte er bald kälter über diese sonderbare Affäre zu denken begonnen, nachdem die Aufregung jenes Nachmittags verraucht war, und von dem Gedanken sich der vornemlich in Offiziers- und Stu dentenkreisen herschenden Sitte folgend, mit seinem Beleidiger zu duelliren, wenn dieser nicht zu bewegen sein sollte, ihn um Verzeihung zu bitten, war er längst zurückgekommen. Nur aufge klärt wollte er den Fall sollte der sehen Student nicht einsehen wollen, daß er sich schwer vergangen habe, so gedachte ihm Stein schriftlich seine Verachtung auszusprechen und ihm, falls er ja wahnwizig genug sein sollte, seiner Drohung gemäß gar zu Tätlichkeiten überzugehen, eine derbe Züchtigung zuteil werden zu lassen. Er hatte in diesem Sinne an David geschrieben nnd dieser hatte geantwortet, er brauche sich darum feine Sorge zu machen- den Herrn von Frank werde er ihm schon vom Halse halten- er, Stein, fönte sein Leben besser gebrauchen, als es in einem sogenanten Ehrenhandel mit einem Raufbolde auf's Spiel zu sezen. Wenn nun aber diese Angelegenheit auch feine schlimme Wendung zu nemen drote, so be= unruhigte ihn doch das Bewußtsein auf das empfindlichste, daß ihm, dergleichen grobe Ehrenfränkungen überhaupt zustoßen konten, ihm, der sich sagen durfte, daß er nie jemandem absichtlich die geringste Beleidigung, das leiseste Unrecht zugefügt hatte. Zu alledem trat noch eines hinzu, daß ihn täglich mehr bekümmerte. Er hatte, seit er neulich' in der Stadt gewesen, teine Silbe von Frieda bernommen. Jenem Brife, welcher sein Fernbleiben von ihr wärend seiner Anwesenheit in B. entschuldigen sollte, hatte er einen zweiten folgen lassen, aber er wartete bis heute vergeblich auf eine Antwort. Er konte sich das garnicht erklären und wäre schon längst wieder nach der Hauptstadt gereist, um selber zu sehen und zu hören, wie es ihr er308 Ave Caesar, morituri te salutant.( Gette 818.) gehe und weshalb sie sich so wenig um ihn fümmre, so wenig seinen Wunsch recht oft von ihr Nachricht zu erhalten berücksichtige jedoch litt grade jezt sein Geschäft nicht, daß er sich auch nur auf einen halben Tag entfernte. Von früh morgens bis spät in die Nacht hinein hatte er zu arbeiten, zu beaufsichtigen, zu forrespondiren und zu kalkuliren, er mußte an seinem Posten bleiben, und er wollte jezt auch nicht gern vor sie hintreten, weil er seine Frieda gnau genug kante, um zu wissen, daß sie ihm sofort seine Sorge ansehen und darin eine Quelle tiefer Bekümmernis und lebhafter Be ängstigung für sich selber finden werde. Nun wollte er aber nur noch bis morgen auf Nachricht von Frieda warten und falls sie nicht eintraf, Nachmittags nach B. faren, um sich Gewißheit zu verschaffen, wie es ihr ergehe. Er war eben zu diesem Beschlusse ge langt, als sein alter Diener eintrat und ihm zwei Brife überreichte. Auf dem einen war als Absender„ Specht, Bauunternemer und Guts besizer" genant, der an dre trug das große Siegel des königlichen Landratsamtes. Stein erbrach das spechtsche Schreiben zu erst. Dasselbe lautete kurz: Herrn F. Stein Fabrikbefizer in Seifersdorf Ihre gefällige Of ferte behuss Wegpach tung oder Ankauf nad reiflicher Ueberlegung nicht acceptiren könnend, erlaube mir anbei meine Forderung für bisherige Benüzung des zu meinem Gute gehörigen Privat weges zu gefälligst bal bigster Begleichung vors zulegen. Hochachtend D. H. W. Specht Bauunternemer und Gutsbesizer B.... und Seifersdorf. P. S. Von dem mor gigen Tage an fan weitere Benuzung meis nes Eigentums unter feiner Bedingung mehr gestatten. D. D. Die beiliegende Forderung beanspruchte nicht weniger als die Summe von 2200 Mark. Mit einer Motivirung des unverschämten Verlangens hatte sich Herr Specht keine Mühe gegeben. Franz Stein's erster Gedanke war, Specht müsse verrückt geworden sein. Er sagte sich aber auch sogleich, an der Tatsache Andre das garnichts, daß dem Furwerke seiner Fabrik der für ihn one Schaden einzig brauchbare Weg von heut an geschlossen sei. Ehe er sich überlegte, was er nun zu tun habe, öffnete er den zweiten Brif. Dieser war zwar etwas länger, aber doch auch kurz und bündig genug. Herrn Franz Stein, Wolgeboren, Ew. Wolgeboren Fabrikant, Seifersdorf. werden andurch seitens des königlichen Landratamtes darauf auf merksam gemacht, daß sich in Ew. Wolgeboren Etablissement ein Hauptherd der staatsfeindlichen Arbeiteragitation gebildet hat, 309 warnenden Erempels entlassen eine strafrichterliche Funktion, drittens alle fernere Beteiligung an gewissen politischen Bestrebungen bei harter Strafe untersagen einen Akt der Gesezgebung das alles mutet mir dieser Herr Landrat zu. Nun ich danke für soviel Ehre. Doch der Herr hat eine Antwort zu beanspruchen und er soll eine erhalten, aus der er ersehen wird, daß sein Schreiben keineswegs umsonst war. Er klingelte der alte Diener erschien sogleich. „ Ich lasse die Herren im Bureau und die Werkmeister bitten, um zwei Uhr im Comptoir zu erscheinen." Der Diener neigte seinen grauen Kopf und ging weiter, jedoch nicht one einen verwunderten und besorgten Blick auf das gerötete Antliz seines Herrn geworfen zu haben. Wenige Minuten nach zwei Uhr waren die Gerufenen vollzälig im Comptoir erschienen. Franz Stein ließ nicht auf sich warten und begann sogleich: " Meine Herren, ich habe sie rufen lassen, um Ihnen zwei باشدایه M RBOG.X.A PERLIN Eine berliner Landpartie aus dem vorigen Jarhundert.( Seite 319.) von dem aus Flugschriften äußerst gefärlichen Karakters im ganzen Kreise verbreitet und eine weitverzweigte mündliche Agitation unterhalten wird. In der Voraussezung, daß Ew. Wolgeboren persönlich diesen Umtrieben fern stehen und dieselben mißbilligen, fordert Sie das königl. Landratsamt pflichtgemäß auf, der Behörde in der Ermittlung der Schuldigen an die Hand gehen, dieselben zur Statuirung eines warnenden Erempels entlassen und alle fernere Beteiligung an derartigen Recht und Gesez trozenden Bestrebungen ihren Arbeitern bei Strafe sofortiger Entlassung untersagen zu wollen. Das Königliche Landratsamt. gez. v. Leder. Franz Stein schwoll die Zornader auf der Stirn und eine dunkle Röte lagerte sich über sein Gesicht. „ Wirklich " " In der Voraussezung", las er noch einmal und diesmal laut und mit spöttisch bitterer Betonung, daß Ew. Wolgeboren persönlich diesen Umtrieben fern stehen sezt das der Herr Landrat voraus. Der Maun ist ja sehr freundlich er könte ja annemen, ich sei der Urheber und Mittelpunkt dieser Umtriebe-- warum nicht?" Und was wünscht er nun von mir: erstens die Schuldigen ermitteln helfen so eine Art Polizeidienst, zweitens dieselben zur Statuirung eines Mitteilungen zu machen. Zuvörderst hat mir der Landrat unseres Kreises die offizielle Anzeige gemacht, daß meine Fabrit ein Hauptherd staatsfeindlicher Agitation sei und mich aufgefordert, mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln dagegen einzuschreiten. Teilen Sie mir freundlichst mit, was Sie zur etwaigen Begründung dieser Behauptung des Landrats anzufüren wissen." Die Beamten sahen einander ganz verdugt an und schüttelten die Köpfe. Alle erklärten, davon nichts zu wissen. Die Leute hätten allerdings meistens ihre eigne politische Meinung, auf der sie hartnäckig beständen und im Wirtshause möchte wol mancher gelegentlich ein derbes Wort fallen lassen, auch in der Fabrik würde wärend der Eßpausen zuweilen lebhaft politisirt, aber daß die Fabrik ein Herd, oder gar ein Hauptherd irgendwelcher Umtriebe sei, davon könne garnicht die Rede sein. " Gut, ich danke Ihnen", sagte Stein. Ich war von vornherein derselben Meinung und sehe nicht, woher ich die Berech tigung nemen sollte, gegen irgendjemanden einzuschreiten oder ein Verbot zu erlassen in diesem Sinne werde ich dem Herrn Landrat von Leder antworten. Es wäre mir lieb, wenn Sie sich allesamt mitunterzeichneten, damit die Behörde sieht, daß ich mich mit allen meinen Beamten in voller Uebereinstimmung befinde." ( Schluß folgt.) - 310 Die Fliederzweige. Eine einfache Geschichte von E. Dreßler. Am andern Tage schien die Sonne so hell, wie sie uns nur nach Regentagen erscheint. Hinter dem Hause, in dem die beiden jungen Mädchen wohnten, befand sich ein kleiner Garten, den sich der Wirt, ein eifriger Blumenliebhaber, ausschließlich zu eigner Benuzung vorbehalten hatte. Nur Hedwig Born bekam die Erlaubnis, sich die Modelle zu ihren Malereien dorther zu holen, denn als Freund ihres verstorbenen Vaters, und da er außerdem ihren Fleiß wie ihre Tätigkeit sehr hoch schäzte, gestattete er ihr, was er sonst feinem erlaubte. Ja, er zog die schönsten Exemplare, um der jungen strebsamen Malerin ein Geschenk damit zu machen. Hedwig wußte diese Freigebigkeit wol zu würdigen, denn nicht alle Blumen, die sie zu ihrer Arbeit wünschte, waren in ihrem kleinen schwebenden Garten oben vor den Mansardenfenstern zu finden und solche, wie sie sie brauchen fonte, waren selten in Berlin, und wenn zu haben, sehr teuer. Der gestrige Regen zitterte noch in millionen Tropfen auf Blättern und Blüten, die im Sonnenscheine wie eben so viele Diamanten funkelten. Es lag ein eigener Reiz in den von Regen und Sonne beglänzten Blumen, die wie Kinder unter Tränen zu lächeln schienen. Diesen Zauber empfand Hedwig wol auch, als sie eben auf merksam die schimmernden Blütenkelche betrachtete, hier und da ein gesenktes Köpfchen aufrichtend, um die Tropfen aus den holden Blumenaugen zu wischen. Heute schwebte das Verhängnis des Gebrochenwerdens über einigen Fliederzweigen, die einer Verewigung auf der Leinwand entgegensahen; doch hingen die schönsten leider zu hoch am Strauch, so daß Hedwig auf eine Bank steigen mußte, um sie erreichen zu können. Doch auch jezt noch wollte er sie nicht hergeben, und schüttelte nun einen waren Regenschauer auf die grausame kleine Hand, die sich vergebens bemüte, das tötliche Instrument, in diesem Falle eine Scheere, an den Stamm zu sezen, und die Dolden hingen noch oben in der blauen Luft. Erlauben Sie, mein Fräulein, ich bin ein wenig größer," sagte plözlich eine klangvolle Stimme hinter ihr, und sich umwendend, sah sie in das geistvolle Gesicht eines hochgewachsenen Mannes, das durch seinen freundlichen Ausdruck sehr gewinnend erschien. Errötend sprang sie von der Bank. Sie sind sehr gütig, mein Herr, jene beiden Zweige dort oben, ich bitte! Und nun noch einen weißen Fliederzweig, wollen Sie so freundlich sein? Er hängt für mich ebenfalls zu hoch." " Sehr gern. Sie müssen in besonderer Gunst bei Herrn Stern stehen, daß er Ihnen solchen Vandalismus gestattet, mein Fräulein," scherzte der Fremde. Ich erinnere mich, daß er sogar für sich selbst keine Blumen abpflückt und nur selten jemandem den Eintritt in das Allerheiligste erlaubt. Ich genieße dieses Vorrecht daher als eine ganz besondere Ehre. Habe ich vielleicht das Vergnügen, seine Tochter in Ihnen kennen zu lernen?" " nein, ich stehe in keinem verwantschaftlichen Verhältnisse zu jenem Herrn. Er war ein Freund meines verstorbenen Vaters und gestattet mir wol deshalb den Raub seiner Lieblinge. Und dann male ich sie," sezte sie leise hinzu, zu welchem Zwecke der Veredlung, wie Herr Stern sagt, er sie gern hergibt. Ich bin sehr glücklich darüber, Blumen sind hier so teuer und ich könte auch weit suchen, ehe ich so schöne Exemplare fände." " Ah, Sie sind Künstlerin! Dann erlauben Sie mir, mich Ihnen als großen Verehrer der malenden Kunst vorzustellen. Professor Harms!- obgleich nicht ausübend tätig, bin ich doch einer ihrer wärmsten Anhänger und habe Kunstgeschichte zu meinem besonderen Studium gemacht." Hedwig fante seinen Namen recht gut: er stand bei aller Welt in hohem Ansehn. Des Professors Kritiken waren ebenso geachtet, wie gefürchtet, denn er verteilte Lob und Tadel nur der strengsten Warheit gemäß und seine wissenschaftlichen Werke hatten seinen Ruf als bedeutender Gelehrter weit und breit verkündet. Dieser Leuchte der Wissenschaft stand sie unbedeutendes Wesen also gegenüber und ein Gemisch von freudigem Stolz, ihn kennen zu lernen und der Beschämung über das Unvermögen ihrer eigenen Leistungen erfüllte sie. " Ihren Namen habe ich gehört, Herr Professor," entgegnete sie ( 2. Fortsezung.) ein wenig verlegen, wer sollte ihn nicht kennen! Auch einige Ihrer Schriften las ich mit großer Genugtuung und freue mich, den berühmten Verfasser nun persönlich fennen zu lernen. Ich heiße Hedwig Born, bin aber leider nichts weniger als eine Künstlerin. Einst hoffte ich es zu werden, doch die Verhältnisse gestatteten mir nicht, mein Talent genügend auszubilden wenn ich überhaupt eins besize," sezte sie ein wenig bitter und mit zuckender Lippe hinzu. „ Hinter wen das goldene Tor der Jugend noch nicht ge= schlossen ist, der sollte nicht an irgend welchem Gelingen zweifeln, das von dem Vermögen seiner geistigen Kräfte abhängt, die ja oft nur der Gelegenheit der Entfaltung harren," versezte der Professor begütigend. " Sie dürfen den Glauben an Ihr Talent nicht verlieren, denn ich kann Ihnen entschieden versichern, daß Sie ein nicht geringes Talent haben. Ich erinnere mich, in der lezten Kunstausstellung ein Blumenstück wie eine Landschaft unter ihrer Namenschiffre gesehen zu haben, die mich durch ihren klaren, leuchtenden Farbenton, die zarte Behandlung wie vortreffliche Zeichnung überraschten, ich glaube dies auch in meiner Kritik bemerkt zu haben. Es freut mich nun, Ihnen persönlich Mut zusprechen zu dürfen, denn es ist meine aufrichtige Ueberzeugung, wenn ich sage, Sie werden bei einigem Fleiß viel, vielleicht großes erreichen. Jedes wirkliche Talent findet doch endlich Anerkennung und bahnt sich den Weg zum Ruhm." Mit leuchtenden Augen sah Hedwig zu ihm auf.„ Ihre Kritik war allerdings sehr nachsichtig, sie tröstete mich in meiner großen Enttäuschung über den Nichtverkauf meiner Bilder und ermutigte mich zu neuem Schaffen. Wenn Sie wüßten, wie dankbar ich Ihnen war, troz meiner Verzweiflung," sezte sie freimütig hinzu. Dann aber flog ein Schatten über ihre eben so sonnenhellen Augen und sie sagte düster: " Doch kann ich nicht mit Ihnen glauben, daß ein Talent sich Bahn brechen muß, wer so freundlos ist wie ich, wird immer im Schatten stehen." Von einem plözlichen Impulse getrieben, ergriff er die kleine Hand des schönen ernsten Mädchens, das troz aller Anmut und Lieblichkeit einen herben Zug von Entsagung um den feinen Mund trug, der sein Herz wunderbar rürte, und er sagte warm: Lassen Sie mich versuchen, Ihnen ein Freund zu werden, ihr Streben interessirt mich und vielleicht kann Ihnen der Rat eines schlichten aber erfarenen Mannes von Nuzen sein, ich kann es nicht one Mitgefül sehen, wenn die Jugend verzagt und besonders bei Ihnen darf ich es nicht leiden." Einen Augenblick sah sie mit großen, überraschten Augen in sein ernstes Gesicht, das aber in seiner kräftigen Männlichkeit, dem bestechend treuherzigen Blick der klugen Augen so vertrauenerweckend erschien, daß sie nur einfach, aber mit dem Klange leiser Innigkeit und einem warmen Druck der Hand antworten fonte: " Ich danke Ihnen; aber seien Sie ein warer Freund und tadeln sie auch, wo es Ihnen nötig scheint." „ Versteht sich!" erwiderte er launig und sezte ernster hinzu: jede gerechte Kritik hat ihren Segen; sie ist ein Fördernis der Kunst bei den Künstlern, des Verständnisses bei dem Publikum. Sie müssen aber wirklich nicht denken, daß der Wert eines Bildes vom Verkauf desselben abhängt, im Gegenteil finden oft die mittelmäßigen Bilder die ersten Käufer, weil sie auch gewönlich am niedrigsten im Preise, denn leider sind zwei Drittel der Besucher solcher Ausstellungen nicht zu den Kunstkennern zu rechnen. Größtenteils ist daher der Verkauf Glückssache, und die besten Bilder gehen wieder zu ihrem Schöpfer zurüd. Ein junges Talent fann heutzutage nicht so schnell Erfolge haben. Unser praktisches, nüchternes Jarhundert ist wenig dazu angelegt, die Kunst zu fördern und ihre Jünger zu unterſtüzen." " Sie sind sehr gütig, Herr Professor, mir so freundlich Mut zuzusprechen, ich werde Ihrer Worte in Augenblicken des Zweifels gedenken. Sie scheinen überall ein Helfer zu sein; gestern waren Sie so freundlich, meine Nichte in Ihren Schuz zu nemen, ich bin Ihnen doppelt verpflichtet." Mit lebhaftem Interesse sah der Professor in Hedwigs zartes, junges Gesicht. . 311 " So wären Sie die Tante der jungen Dame, von der sie| mit der Herzensmilde des Vaters ihrer kleinen Person einen mir erzälte?" sagte er mit leichter Betroffenheit, ich hätte die- unwiderstehlichen Reiz verlieh. selbe mir nicht so jung vermutet." " Und doch bin ich es und Gertas einzige Angehörige. Das Verhältnis zwischen uns ist freilich mehr ein schwesterliches, als das einer Tante zur Nichte." " Nun, da war ich in einem großen Irrtum. Sie werden es mir wol nicht verzeihen, daß ich in Gedanken Ihnen ein par Duzend Jare mehr gegeben habe." Ueber eine solche Eitelkeit bin ich hinaus, denn eigentlich war ich niemals jung, wenigstens nicht im Sinne anderer junger Mädchen. Das Leben hat mich früh auf einen ernsten Plaz ge= stellt, mir zeitig Pflichten zu erfüllen gegeben, daher komt es wol, daß ich mir stets so alt vorkam und nie bewußt wurde, daß auch ich zur Jugend gehörte," entgegnete Hedwig einfach. Dann, als sie seine Augen so merkwürdig teilnamvoll auf sich gerichtet sah, griff sie hastig nach ihren Blumen und wante sich zum Gehen mit den lächelnden Worten:„ Adieu, Herr Professor, noch einmal herzlichen Dank in doppelter Beziehung." Eine graziöse Verbeugung und sie war gegangen. Mit augenscheinlichem Interesse sah der Professor der verschwindenden schlanken Gestalt nach. So jung und schon so ernst," murmelte er, das Leben scheint fie in eine ernste Schule genommen zu haben, ich möchte wol ihren Karakter näher kennen lernen. Ich glaube, die kleine Sylphide, die gestern so lustig plaudernd an meinem Arm schwebte, würde sich im Kampf mit dem Leben nicht so bewären." Flüchtig eilte Hedwig in ihr stilles Mansardenstübchen hinauf und mit warer Begeisterung ging sie heute an ihre Arbeit, die ihr mehr als je gelang. Wie wenig gehört doch dazu, den Mut der Jugend neu zu beleben. Waren des Professors Worte eine Zauberformel gewesen, daß sie so freudig schaffte und es hin und wieder wie Sonnenschein über das blasse zarte Antlig flog? Der Begegnung im Garten folgten öftere zufällige Zusammen treffen im Museum. Die Kunst bot den nie versiegenden Stoff zur Unterhaltung zwischen dem Professor und Hedwig und be festigte ihren jungen Freundschaftsbund mehr und mehr. Und welch ein Genuß war es für Hedwig, mit einem so fentnisreichen Fürer die Kunstschäze zu betrachten, stundenlang hätte sie seinen erklärenden Worten lauschen mögen. Und wie geduldig er ihre vielen Fragen beantwortete; hin und wieder glitt wol ein flüchtiges Lächeln über seine ernsten Züge, wenn in Hedwigs sonst so merkwürdig gereiste Ansichten eine ihrer Jugend entsprechende, unerfarene, fast findliche Bemerkung fiel, das ihr aber unendlich zutrauenerweckend schien. Den freundlichen Belehrungen eines to wissenschaftlich gebildeten Mannes gegenüber kam sie sich recht klein und unbedeutend vor, und doch jagte ihr ein still freudiges Gefül, daß er sich gern mit ihr unterhalte. Mit ungeteilter Bewunderung las sie auch seine Schriften, die Sensation in der gebildeten Welt erregt, lernte in ihnen seinen ernsten, gefestigten Karakter bis in seine Tiefen kennen und war stolz, ihn Freund nennen zu dürfen. Auch in ihrem bescheidenen Arbeitszimmer, Atelier durfte man es wol nicht nennen, suchte der Professor sie auf, erschien auch hier belebend und lehrend, sie zu neuem, freudigen Schaffen aufmunternd. So wirkte er in jeder Beziehung anregend auf sie, die bisher allen Mut, jede Lebenskraft aus sich selbst hatte schöpfen müssen und in den drückenden Verhältnissen schwer damit ausgekommen war. Jezt aber glaubte sie wieder an ihr Talent und tat ihr Möglichstes, den Beifall des Freundes und Kunstkenners zu erreichen. Freilich nicht immer lobte er, sondern sprach unum= wunden auch einen Tadel aus, wo es geboten, aber diese_unberlegte sie weniger, als es oft die faden Schmeicheleien von Ignoranten getan. so So ernst und gehalten der Professor nun mit Hedwig sprach, lich besaß weniger Verständnis für Kunst und Wissenschaft, wenn ungezwungen nedte und plauderte er mit Gerta. Diese freione sich um das Wie und Woher zu fümmern, wie sie sich auch en Bild lieber als etwas fertig Abgeschlossenes auf sich wirken, fie Hedwig fand es daher natürlich, daß der ernste Gelehrte selbst von Gertas bestrickender Anmut überrascht und gefesselt schien, hatte diese doch eine so eigene einschmeichelnde Weise, sich jedem in das Herz zu stehlen, mit allen zwanglos zu verkehren, wohingegen Hedwig mehr eine reservirte Natur war und es nur einem ernsten Forscher gelingen konte, diesen Schaz von tiefer Empfindung und Seelenhoheit zu heben. Auch Gerta fand den Professor anziehend und interessant, aber wärend Hedwig sonderbarer Weise seinen Namen ihr gegenüber selten erwänte, versicherte sie ganz offen, daß er ihr ausnemend gefalle, und er auch ihre Leiden, ihre Freuden kenne und für sie eine freundliche Teilname zeige. Dann aber kam plözlich sein Name nicht mehr über Gertas Lippen und doch traf sie oft one Hedwigs Beisein mit ihm zusammen. Was sie sonst selten getan, sie betrat jezt oft den kleinen Garten hinter dem Hause. Früher hatte sie mit komischem Seufzer geäußert, das viele Treppensteigen verkümmere ihr den Naturgenuß da unten, sie fände einen kleinen grünen Fleck in dem Häusermeere Berlins zwar sehr hübsch und angenem, doch nur wenn man parterre wohne und höchstens eine fleine Verandatreppe hinunter zu gehen habe; nun jedoch scheute sie nicht die vielen Stufen hinunter und wieder hinauf und auch der Professor schien gerade zur selben Zeit das Bedürfnis einer Promenade zu empfinden, denn Hedwig erblickte von ihrem Fenster aus häufig beide im Garten auf- und abgehend und wie es schien, in sehr eifrigem Gespräch. Einst sogar bemerkte sie, wie Gerta jenem in ihrer Lebhaftigkeit beide Hände und hocherglühend reichte, und er sie dann lächelnd an die Lippen fürte. Da durchzuckte sie ein eigentümliches Gefül, heiß strömte ihr das Blut zum Herzen und eine heftige, zornige Empfindung wallte in ihr auf, als möchte sie Gerta von seiner Seite entfernen. Und da riß plözlich der Schleier, der so lange Jare um ihre Seele gelegen, sie fülte, daß sie jenen Mann, der ihrem einsamen Leben eine neue Weihe gegeben, liebe mit ganzer voller Seele, wie sie nichts vorher geliebt. Wie erblaßte vor diesem mächtigen Gefül jene Kinderneigung, die sie vor langer Zeit für jenen Maler empfunden. Dies so lang verschlossene, schlummernde Frauenherz war wachgefüßt vom Stral einer echten, waren Liebe. Wunderbar belebte und verjüngte diese Empfindung ihre edlen, bleichen Züge, wie steter Sonnenschein leuchtete es jezt auf dem feinen Antliz. Selbst jene momentane Eifersucht auf Gerta fonte dieses Glücksgefül nicht trüben; sie lächelte nur, daß sie einen Augenblick geglaubt, Gerta, das Kind, könne dem ernsten gereiften Manne etwas sein, ihn so lieben, wie sie es tat. Und tief im Herzen sagte ihr eine Stimme, leise, aber mit beseligender Bestätigung:„ Er gehört nur dir, haben seine lieben Augen es doch so oft leuchtend verkündet, und sie vermögen nicht zu täuschen." Wie leicht ertrug sie nun Mühen und Sorgen, über allem erhaben schwebte ihre Liebe zu dem Manne, dessen hehrer Geist und edler Karakter ihre Seele auf ewig gefangen nam. Sie fragte aber nicht, was soll die Zukunft bringen, sie war nur selig in diesem neuen, alles verklärenden Gefül. Doch auch Gerta schien verändert. Ihre sonstige fröliche Lebhaftigkeit, mit der sie jubilirend wie eine Lerche die Mansarde mit Scherzen und heiteren Liedern erfüllte, war plözlich ganz von ihr gewichen und eine Ruhe beherschte sie, welche sie mit der größten Unlust und fast nervöser Reizbarkeit ihre Arbeit, das Binmenmachen verrichten ließ. Ihre kleinen zierlichen Finger warsen die hübschen Blumengewinde jezt häufig ungeduldiger als je durcheinander, oder sie ruhten auch müßig im Schoß, wärend die dunklen Augen, weit über die Blumen fort, leuchtend in die Ferne sahen, und es war augenscheinlich, daß ihr zierliches Köpfchen mit ganz anderen Gedanken als der unschuldigen Ursache ihrer Ungeduld beschäftigt war- vielleicht mit rosigen Zukunftsträumen? nach Hut und Dann geschah es wol, daß sie mitten in der Arbeit oder dem süßen Nichtstun hastig aufſprang, mit einem Gemurmel von Kopfweh Krankwerden frische LuftHandschuhen griff und eilig hinausstürmte, one Hedwigs ängstliche Fragen zu beantworten. Diese, welche von dem Gefül ihrer Liebe so völlig durchunendlich viel mehr für ein leichtes lyrisches Gedicht begeisterte, drungen, jezt gar keine andern Bedürfnisse zu empfinden schien als eine zum Nachdenken anregende wissenschaftliche Abhandlung. Mit äußerer Lieblichkeit der schönen Mutter schien sie auch deren nedische Oberflächlichkeit geerbt zu haben, die doch wieder vereint und von einer süßen Zufriedenheit mit der ganzen Welt erfüllt war, bemerkte mit innerer Pein das unruhige zerfarene Wesen Gertas. Es schmerzte sie tief, ihrem fleinen Liebling nicht ein rölicheres Leben bereiten zu können, und doch schien es ihr auch wieder, als wenn die beschränkten freudlosen Verhältnisse es nicht allein wären, die ihre Frölichkeit so völlig niedergedrückt und ihrem sonst so plauderhaften kleinen Mund so tiefes Schweigen auferlegte. Hinter Gertas rätselhaftem Wesen barg sich offenbar ein Geheimnis, schon ihr häufiges Ausgehen, bei dem sie sich mit augenscheinlicher Hast Hedwigs Begleitung entzog, bestätigte es. " Sollte doch der Professor damit zusammenhängen?" fragte sich leztere nun doch mit heimlicher Unruhe, dies öftere Begegnen mit ihm ist gewiß mehr als Zufall." Sie empfand schmerzlich und gekränkt Gertas Verschlossenheit, und doch wieder mußte sie sich desselben Fehlers zeihen. Barg nicht auch ihr Herz ein Geheimnis? Aber unmöglich wäre es ihr gewesen, diese scheue, heilige Empfindung an's Licht zu ziehen, vermochte sie es doch nicht, durch das leiseste Wort sie auch nur anzudeuten. Nur ihr Schaffen und Wirken in der Kunst konte davon erzälen, und die Schwingen ihres schönen Talentes wuchsen mit dem Gefül ihrer Liebe. Daß aber Gott Amor auch in Gertas Herzchen eine Fackel angezündet hatte, dies eine wenigstens wurde Hedwig klar, als fie eines Tages zufällig ein beschriebenes weißes Blättchen fand, das Gerta in ihrer nachlässigen Zerstreutheit offen liegen gelassen, und sie erstaunt folgende Worte las: Mein holder Engel! Die alte Dame ist gewonnen; es wird heute alles festgesezt werden, und bist Du erst im Hause, wird sie Dir kleinen Bauberin eben so wenig widerstehen können, als ich es vermochte. Also nur Mut, bald werden wir unsere Liebe offen bekennen fönnen. Dein Herbert." Als wäre das unschuldige weiße Blatt plözlich zur Schlange gewor den, so hastig ließ Hedwig es fallen und " Herbert" murmelte sie mit erblaßten Lippen; 312 dir eine Neuigkeit mitteilen," tönte Gertas klare Stimme vom anderen Fenster, wo sie ebenfalls mit ihren Blumen beschäftigt gewesen, zu der anderen hinüber. " Nun, was ist's Kleine? Ich bin bereit zu hören. Seit Wochen komst du mir schon so geheimnisvoll vor und hast mich in der Tat neugierig gemacht." " Ich kann dir auch nur die eine Hälfte meines Geheimnisses mitteilen, die zweite liegt noch in der Zukunft dunklem Schoß," erwiderte Gerta leise seufzend." Zuerst aber wollen wir diesen Kranz begraben, denn es ist der lezte, holde Tante, den deine glückliche Nichte verfertigt hat," fur sie lächelnd fort. Und sie nam das eben beendete Maiblumengewinde, legte es in eine dazu passende Schachtel und diese in einen großen Karton, den sie dann unter Hedwigs erstaunten Augen mit sämtlichen Utensilien und allem Material zu weiteren Arbeiten füllte. Darauf schloß sie den Deckel mit einem tiefen Atemzuge und sagte feierlich: " Meine Hand hat euch begraben, möge eine andere euch auferwecken," nnd zu Hedwig eilend, sezte sie lachend hinzu: " Ja Liebste, du kanst es glauben, die Misere mit dem Blumenmachen hat ein Ende, von der nächsten Woche ab bin ich wolbestalltes Gesellschaftsfräulein der reichen Kommerzienrätin Lindner. " Gerta, du scherzest! Unmöglich kontest du ein solches Projekt vor mir verheimlichen. Es zeigt wenig Liebe und Rücksicht Leguan, einen Fluß überschreitend.( Seite 319.) seine Name, hatte sie ihn doch so oft leise und wie liebkosend vor sich hingesprochen, wenn er ihr auf dem Titelblatte vor des Professors Werken begegnet. Doch gleich darauf hob sie lächelnd das schmerzgebeugte Haupt, wärend sie wie beruhigt flüsterte:„ Aber fann es denn sein, hätten seine treuen ernsten Augen gelogen? Und ich glaube ihnen ja so gern. Gibt es denn nicht noch andere dieses Namens, wenn er auch für mich der einzige ist." Daß sie jedoch Gertas geheimnisvolles Treiben, ihr öfteres Brisschreiben und alleiniges Ausgehen, das sie durch eine direkte Frage nicht enträtseln mochte, nun mit größerer Unruhe noch betrachtete, war wol natürlich. Soeben tat Hedwig den lezten Pinselstrich an dem Bilde, welches sie im nächsten Monat auf die Kunstausstellung zu schicken beabsichtigte. Prüfend glitt ihr Blick noch einmal darüber hin und leise murmelte sie:" Ich hoffe, er wird zufrieden sein." Es war ein reizendes Blumenstück; die Fliederzweige, welche Professor Harms für die junge Malerin gepflückt, in sinreichem Arrangement mit einigen dunklen Rosen und zarten Gräsern geordnet, von blauen Faltern umgaukelt, so duftig frisch auf die Leinewand gehaucht, so unendlich natürlich in ihrem tauigen Hauch, daß Hedwig wirklich auf ihr Werk stolz sein konte. „ Es soll one meinen Namen gehen, ich will seine Kritik nicht von persönlichen Rücksichten beeinflußt sehen, und wenn es gefällt, dann ist die Ueberraschung doppelt groß," flüsterte sie mit stillem Lächeln. " Bist du mit deinem Bilde fertig, Hedwig? Dann will ich deinerseits, daß du auf Verbindungen eingehst, one mich auch nur zu fragen," wante sich Hedwig gekränktab. „ Süße Hedwig, sei mir nicht böse," schmeichelte Gerta, ihr rosiges, freudig erregtes Gesichts chen zu ihr neigend; ,, ich gebe dir vollkommen Recht und habe mir oft genug Vorwürfe über mein heimliches Handeln gemacht. Aber Profeffor Harms meinte, ich salle dich nicht mit meinen Plänen be unruhigen, ehe fie nicht eine Garantie für mein Glüd böten, und so habe ich geschwiegen. Gelt, Schaz, du verzeihst mir? sonst muß ich den Professor zu dir schicken, daß er für mich spricht." zusammen. Also wußte er von deinen Plänen, Gerta?" ents In plözlichem, tiefem Weh zog sich Hedwigs Herz schmerzlich gegnete sie mit merkwürdig klangloser Stimme und geiſterhaft erblaßtem Antliz,„ dann muß ich mich wol beruhigen; der Professor wird dich zu feinem törichten Schritte verleitet haben." Stellung bei der alten Kommerzienrätin erhalten," erwiderte jene " O, nein! Durch seine gütige Fürsprache habe ich die günstige eifrig und wie eine Granatblüte erglühend.„ Sie ist eine Ber wante von ihm und ich werde in ihrem Hause sehr gut auf gehoben sein. Aber sage mir Hedwig, daß du gern einwilligst, daß du dich mit mir freust," bat sie, ihre Arme um Hedwigs Hals schlingend, sonst kann ich doch nicht glücklich sein." Mit zitternder Hand und doch inniger Zärtlichkeit strich diese das Har aus Gertas glühender Stirn, aber ihr Gesicht war marmorbleich, als sich mühsam die Worte von ihren Lippen rangen:" Dein Glück, Gerta, ist meine einzige Aufgabe, darum geh mit Gott, mein Liebling; wohin Professor Harms dich fürt, da wirst du keinen Schaden leiden, ich weiß es." Jezt erst bemerkte Gerta Hedwigs tiefe Blässe, ihre erloschenen Augen. Um Gotteswillen, was ist dir?" rief sie erschrocken. " Nichts, Kind! Nur ein plözlicher Schwindel, warscheinlich habe ich zu viel gearbeitet. Nichts fehlt mir als Ruhe," und wankend ging sie in ihr kleines Schlafgemach. ( Schluß folgt.) 313 Die Urkunden des Menschengeschlechtes. Von Paul Schäfer. Der Wert der Darwinschen Teorie geht weit über den einer naturwissenschaftlichen Hypotese hinaus. Im Zusammenhange mit andern, in den philosophischen und geschichtlichen Disziplinen sich Bahn brechenden Teorieen bildet sie die Grundlage einer neuen Weltanschauung, welche für die Zukunft nicht nur auf das menschliche Erkennen, sondern auf das gesamite menschliche Leben bestim mend wirkt. Es wird one weiteres zugestanden, daß es heute schwer sein dürfte, diese Behauptung in ihrem vollen Umfange zu erweisen; wir stehen jezt noch inmitten der Bewegung, welche jener Weltanschauung zum Durchbruch helfen soll, und erst am Schlusse wird man sie voll überschauen können; die Beweisfähig feit unseres Sazes wird dadurch jedenfalls nicht angetastet. Die Darwinsche Teorie trat als eine naturwissenschaftliche Teorie auf und befreite die gesamten Naturwissenschaften von dem Drucke einer Philosophie, welche zwar angeblich Naturphilosophie var, aber doch nichts zur Erkentnis der Natur beitrug, sondern durch Regirungen und Consistorien geschüzt auf hohen und niederen Schulen mit ihren teologischen und philosophischen Systemen sich breit machte und die Natur in diese Systeme einzuzwängen suchte. Es hat jederzeit Männer gegeben, welche gegen solches gewalttätiges Benemen sich auflehnten, und der Kampf der Naturforschung gegen die Philosophie währt ja noch, wenn auch sieglos für die leztere, in der Gegenwart. Der Naturforscher soll keine Geseze geben, sondern finden, ist der Grundsaz der neueren For schung; will er aber die Geseze finden, so muß er beobachten, suchen. Deshalb ist die Arbeit der Naturforschung heut ein Suchen, Sammeln von Tatsachen, und jeder ware Naturforscher soll sich heute wol hüten, voreilig Schlüsse zu ziehen und Systeme aufzubauen; ein Standpunkt, welcher dem noch vor vierzig Jaren fast allgemein gültigen gerade entgegengesezt ist. Aber das Publifum und das ist sehr natürlich interessirt sich nicht sowol für die Forschung, als vielmehr für die Resultate, und diese Resultate faßt es zusammen als seine Naturanschauung. Wenn daher der Naturforscher sich heut dazu herbeiläßt, Resultate zu geben, so geschieht dies stets mit dem Bewußtsein, daß dieselben verbessert werden können und müssen, und es geschieht ebensowol in Rücksicht auf das Publikum als aus dem natürlichen Bedürfnis des Forschers selbst, wenn er seine Beobachtungen übersichtlich zusammenfaßt. Dies würde aber wesentlich ein negativer Einfluß sein zur Feststellung des Standpunktes sür die Forschung; auf alle Zweige der sogenanten beschreibenden Naturwissenschaften hat der Grundjaz befruchtend gewirkt: kein organisches Geschöpf, weder Pflanze noch Tier ist auf der Erde durch einen willkürlichen Schöpfungsaft entstanden, sondern die vorhandenen Arten haben sich aus weniger vollkommenen zu vollkommneren entwidelt; ein willkürlicher Schöpfungsatt könte daher nur noch für die ersten organi schen Wesen angenommen werden in dem Falle, daß man die bisher allerdings nicht erklärte Entstehung derselben aus den anorganischen Stoffen oder eine Einwanderung von anderen Weltförpern her unter feinen Umständen für möglich halten will. Die ganze Tätigkeit der Forschung auf diesen Gebieten erstreckt sich heut darauf, den vollständigen Beweis für den als zweiten angefürten Grundsaz beizubringen. Es hat zu allen Zeiten die Ansicht Vertreter gefunden, daß der Mensch ein innerhalb der Natur stehendes Wesen sei und von derselben nicht losgelöst werden könne, gegenüber der anderen, daß der Mensch eine eigene Kategorie bilde, ein zwischen Gottheit und Natur in der Mitte stehendes Wesen sei. Die Stellung aber, welche nun den Menschen angewiesen wurde, scheint der Würde desselben sowenig angemessen, daß sie bisher noch den lebhaftesten Widerspruch erfärt. Die Frage nach der ältesten Vergangenheit des Menschen, welche mehr Licht über seine Herfunft verbreiten sollte, ist seitdem zu viel größerer Bedeutung gelangt, als ihr noch vor dreißig Jaren beigelegt wurde, und die Urgeschichte der Menschheit ist zu einem besonderen Zweige der Kulturgeschichte und der Paläontologie herangewachsen. Die folgende Betrachtung will sich mit Ausschluß alles Philosophirens über diesen Gegenstand nur mit den auf und in der Erde vorgefundenen ältesten Ueberresten des Menschen und seiner Tätig feit beschäftigen. Wann sind die Menschen zuerst auf der Erde aufgetreten? Diese Frage ist heut noch ein Problem; sie fällt zusammen mit der andern: In welchen Schichten der Erde finden sich die ältesten Reste der Menschen oder der von ihnen angefertigten Gegenstände? Stellt man die Frage in dieser Form, so fällt ihre Beantwortung der Geologie und Paläontologie anheim, obwol diese Wissenschaften es nicht allein sind, welche Interesse an der bestimten Beantwortung der Frage nach dem Alter des Menschengeschlechts haben. Die Antwort lautet in allgemeinſter Fassung: Der Mensch trat erst auf, nachdem die weniger hoch organisirten Wesen, die Schädellosen, Fische, Reptilien, Vögel, Säugetiere ihre vollkommensten Formen hervorgebracht hatten. Diese gehören früheren Perioden der Entwicklung der Erdoberfläche an, und erst am Schlusse der lezten derselben, der Tertiärzeit trat der Mensch auf. Die Erdschichten, welche in jener Zeit gebildet wurden und durch die in ihnen enthaltenen Reste und Abdrücke or= ganischer Wesen uns über die damals lebende Tier- und Pflanzenwelt Aufschluß geben, sind bisher nur im westlichen und mittleren Europa, Frankreich, England, Deutschland, dem Alpengebiet, ferner in Nordamerika und in Indien am Südabhange des Himalajagebirges untersucht worden. In Europa sind es das Pariser, das Londoner Becken, die Auvergne, das Rhonetal, das Elsaß, bei Mainz und Worms, der bairische Jura, das Wiener Becken und die Bergwerke bei Athen, welche bereits eine reiche Ausbeute gewärt haben. Westeuropa sah am Schlusse der Tertiärzeit anders aus als heut; die norddeutsche Tiefebene war noch vom Meere bedeckt und ein breiter Arm überflutete das westliche sarmatische Tiefland, indem er Skandinavien mit Finnland zur Injel machte. Dichte Urwälder zogen sich über Süddeutschland, die Schweiz und Frankreich, das Rheintal war eine jumpfige Niederung. Die große Bal und Mannichfaltigkeit der Pflanzenfresser deuten auf eine üppige Vegetation; auch war das Klima vermutlich wärmer als das gegenwärtige. Die Formen der Säugetiere waren größer als diejenigen, welche heut die Erde bewohnen. Die Dickhäuter, jezt auf die tropische Zone der alten Welt beschränkt, waren da mals auch in Europa verbreitet. Es wurden mehrere Elephantenarten gefunden, unter ihnen das Mammut, größer als der indische Elephant, mit langem Rüssel und großen, nach dem Kopfe zu freisförmig zurückgebogenen Stoßzänen und mit einem langharigen Pelz ausgerüstet; im sibirischen Eise wurde 1790 ein Gremplar eingefroren gefunden, und ein Bild dieses Tieres auf einem Stoßzan eingerigt in einer belgischen Höhle. Neben den großen Arten lebten in der Mittelmeerregion zwei kleine, welche die Größe eines Pferdes nicht überschritten. Die plumpen Flußpferde hausten in den Sümpfen des Rheintales, Baierns und der Schweiz; eine Form( Dinotherium giganteum) erregt besonders Interesse. Der Kopf ist doppelt so groß als der des Elephanten. Der Schädel, mit kurzem Rüssel versehen, wurde 110 cm lang und 65 cm breit gefunden; die Augen liegen hoch in der flachen Schädelwölbung, so daß der Ausdruck dieses Tierkopfs ein sehr dummer gewesen sein muß; die Stoßzäne stehen im Unterfiefer und sind nach unten gerichtet, das Tier kann sie nur benuzt haben, um sich mit denselben aus dem Wasser auf das feste Land herauf zu helfen und etwa den Boden nach Wurzeln zu durchwülen; seine Länge wird der Größe des Kopjes entsprechend auf fünfundzwanzig Fuß geschäzt. Ein anderer Didhäuter( Mastodon, Warzenzan) zeigt Walzäne mit eigentümlichen Höckern versehen, wie sie heut nicht mehr bei lebenden Tierenvorkommen. Unter den Wiederkäuern waren besonders zalreich die Hirsche vertreten, daneben die Antilopen, Rinder, Bisams; Einhufer in unserem Sinne gab es noch nicht; bei den bisher aufgefundenen Pferdearten der jüngeren Tertiärzeit ist neben dem Mittelfinger, dem sogenanten Lauffnochen, welchen die jezt lebenden Arten allein noch besizen, der zweite und vierte Finger erhalten, wenn auch nur verkümmert; bei früheren Arten sind beide noch so groß, daß sie beim Stehen dem Tier zur Stüze dienen fonten; bei noch älteren ist auch der fünfte Finger vorhanden, so daß die Entwicklung der Art sich an diesen Beispielen deutlich zeigt. Ueberhaupt sind unsere jezt lebenden Arten in älteren tertiären Schichten durch solche Sammelfarattere verbunden, so daß es manchmal nicht möglich ist, sie einer bestimten Art einzureihen; so finden sich der Karakter des Pferdes und Schweins, des Wiederkäuers und Tapirs, von Wiederkäuer und Schwein, Affen und Halbaffen verbunden. An fleineren Tieren, wie den Nagern, war zur Tertiärzeit kein Mangel. Diese Pflanzenfresser gaben vielen Fleischfressern die Narung. Der furchtbare Herscher jener Zeit mag ein löwenähnliches Raubtier gewesen sein, Machärodon( Messerzan). Sein furchtbares Gebiß läßt es wilder und gefräßiger erscheinen, als unsere gegen wärtigen Kazenarten; einige Löwenarten bewohnten Deutschland, ebenso Bären und die hundeartigen Raubtiere; der damalige Vertreter war größer und stärker als alle heutigen Hunde, und da er jedenfalls, wie diese, die Gewonheit hatte in Rudeln zu jagen, so mag er wol auch größeren Gegnern gefärlich geworden sein. Erwänt sei noch, daß auch die Affen durch mehrere Arten in Deutschland vertreten waren; unter ihnen befanden sich zwei große schmalnajige Affen, welche dem Menschen noch ähnlicher waren als die heutigen Antropoiden. 314 Aus der Vogelwelt sind uns nicht so reichliche Reste erhalten. Dies war die Umgebung, in welcher der Mensch zuerst auftrat. Am Schluß der Tertiärzeit erfolgte jene allgemeine Erniedrigung der Temperatur, welche die völlige Vergletscherung Europas bis zu den Alpen herbeifürte. Die Sommerwärme wirkte entweder so kurz oder so gering, daß sie die im Winter gebildete Eisdecke nicht wieder zu schmelzen vermochte, und so nam diese dann stetig zu; an manchen Stellen muß sie drei bis viertausend Fuß mächtig gewesen sein. Die Spuren dieser Gletschermassen sind bis zu den Alpenseen Italiens, den Karpaten, Frankreich und England nachgewiesen. Daß die Eiszeit im nordwestlichen und mittleren Europa geherscht hat, ist eine wissenschaftlich feststehende Tatsache; nach dem, was wir jezt auf der Erde sehen, würde eine Erniedrigung der Durchschnitts temperatur um 40 C. schon genügen, eine neue Eiszeit hervor zurufen; feit etwa tausend Jaren hat sich eine solche im arktischen Amerika, den nördlich gelegenen Inseln, Grönland, Jsland ent wickelt; Grönland wurde von seinen normännischen Entdeckern so benant, das grüne Land, es gestattete das Klima den Gartenund Ackerbau, die Bevölkerung war zalreich genug, die Entsen dung eines Bischofs dorthin zu rechtfertigen, die Reihe der Ortschaften des Sprengels ist uns aufgezält worden. Jezt ist das ganze Land von einem einzigen Hochlandsgletscher überdeckt, und nur da, wo auf der Westküste der südlichen Spize ein Arm des Golfstroms das Klima wenig mäßigt, haben sich die Eskimos angesiedelt, welche nur soweit südwärts gehen, als es ihnen nicht zu warm wird; mit aller Mühe in Beeten unter Glasscheiben wird die Kartoffel gehegt, aber sie treibt trozdem nur weiße Schößlinge. An Getreide- und Obstbau ist nicht zu denken. Früher war es das Meer allein, welches reichlichen Unterhalt gewärte, jezt ergänzt die Zufur aus Dänemark alljärlich das Fehlende. Auch auf Jsland hatte sich ein reiches Leben entfaltet, Gartenkultur, Ackerbau, Viehzucht standen in hoher Blüte, die Waldbäume brachten nuzbares Holz, das isländische Holz war zum Häuser- und Schiffsbau ganz vorzüglich zu verwenden; auf den Wiesengründen des nördlichen Abhanges lebten über 100 000 Menschen. Zwar hatten die Normannen um 900 n. Chr. der Insel auch schon den Namen des Eislandes gegeben, wenn der= selbe nicht als Eiland zu erklären ist, aber jezt erst verdient sie den Namen; Naturereignisse, Hungersnot, Seuchen, die erniedrigte Temperatur haben das organische Leben zumteil vernichtet. Die ganze große Insel ernärt nur noch 70 000 Einwohuer, statt der Wälder findet sich nur Busch- und Krüppelholz, welches zur Verarbeitung nicht gebraucht werden kann, wenig Gemüse bringen die Gärten der Hauptstadt Reikiavik hervor, Getreide kann nicht mehr gebaut werden. Die ehemals fruchtbaren Wiesen sind von Lavamassen und Gletschern überdeckt. Diese Eiszeit ist noch im Entstehen; wir sehen aber daraus, daß wir überhaupt die Eiszeiten keineswegs zu den ungewönlichen Naturereignissen zu rechnen brauchen. Die Gründe der Entstehung sind freilich noch nicht flargelegt, auch nicht, ob wir sie uns als lokal, oder auf der nördlichen Halbkugel allgemein, oder auf beiden Halbkugeln gleichzeitig oder abwechselnd, als wiederholt eingetreten zu denken haben. Die wichtige Folge der Eiszeit war geologisch die Bildung der norddeutschen Tiefebene. Als bei der wieder zunemenden Wärme die Eismassen zu schmelzen begannen und das Land allmälich wieder hervortrat, da brachen von dem uralten skandinavischen Gebirge herunter gewaltige Eisberge von der Gletscherdecke ab, glitten von den Abhängen herab und gerieten in jenen östlichen Meeresarm, welcher das weiße Meer mit der Ost- und Nordsee verband. Dadurch geschah jene gewaltige Zertrümmerung des Gebirges, welche sich noch heut deutlich erkennen läßt. Steinblöcke von oft 500 Kubikmeter Rauminhalt, desgleichen ungeheure Schuttmassen fürten die Eisberge mit sich, und wenn sie in die wärmeren südlichen Meeresströmungen gerieten, schmolzen sie, der Schutt und die Blöcke, jezt erratische, d. i. verirrte Blöcke oder Findlingsblöcke genant, fielen zu Boden, und so wurde das schwedische, ein Teil des russischen und das norddeutsche Tiefland aufgeschüttet. Man nent diese Periode die Diluvialzeit; seitdem haben sich Hebungen und Senkungen des Festlandes fortgesezt, in unablässiger, aber weniger gewaltsamer Arbeit haben die Flüsse die Verwitterungsprodukte, den Schutt der Berge in die Ebenen gefürt und dort abgelagert; sie sind es, welche die Tiefebenen immer weiter ausbauen und von neuem befruchten; diese Ablagerungen der Flüsse und des Meeres sind die Alluvionen, die Bildungszeit des Alluvium Notwendig mußte die Tier- und Pflanzenwelt völlig verändert werden. Wenn wir uns auch nicht vorzustellen brauchen, daß die Eisdecke ununterbrochen das ganze Land bedeckt habe, so konten doch am wenigsten die Pflanzen eine so niedrige Temperatur ertragen; die Vegetation zeigte nach den Funden in der Schieferkole im ganzen den Karakter der heutigen, die Pflanzen der polaren Gegenden und höheren Gebirge hatten eine weit größere Verbreitung. Von den Säugetieren treten noch einige Löwen, Bären und Hyänen nach der Eiszeit auf, sowie mit zottigem Pelz bekleidete Dickhäuter, das Mammut und wollharige Nashorn*); fünf Hirscharten, unter ihnen der gewaltige Riesenhirsch finden sich; neben einer ausgestorbenen Pferdeart lebte die heutige. Manche Gattungen, welche heut nicht zu den ausgestorbenen sondern den aus unseren Gegenden verdrängten zälen, weisen darauf hin, daß auch das westliche Europa weite Steppen besaß; so haben die Saigaantilope und der Springhaje jezt ihren Verbreitungsbezirk bis zum südlichen Rußland und Kleinasien; beide sind ausgesprochene Steppentiere; das Rentier, jezt ein Bewohner polarer Regionen, war bis über Schwaben und Frankreich verbreitet, wie auch nordische Nagetiere und der Moschusochs. Mit den Resten dieser Tiere zusammen fanden sich die ersten Spuren menschlicher Tätigkeit. Dem brüsseler Kongreß der Altertumsforscher( 1872) lag eine Samlung von Aerten und Messern vor, welche in Frankreich aus Schichten der Tertiärzeit gehoben waren; doch entschieden sich die besten Kenner solcher Fundstücke gegen die künstliche Herstellung derselben mit dem Hinweis auf das Verhalten der Feuersteinknollen. Diese springen nämlich unter dem wechselnden Einfluß der Feuchtigkeit und Trockenheit, der Wärme und Abkülung in Splitter von mannichfaltigen Gestaltungen, welche die Formen von Messern, Lanzenspizen, Aerten u. s. w zeigen fönnen. Man kann solche Sprengstücke überall in sandreichen Gegenden sammeln, wo sich auch Feuersteine vor finden. So wurden in der libyschen Wüste Lager solcher Waffen gefunden, und die Phantasie voreiliger Altertumsforscher bevölkerte dieselbe schon mit Stämmen in alter Zeit, welche sich dieser Steingerätschaften bedient haben sollten. Doch fiel die Sache in Nichts zusammen. Jedenfalls aber geben uns solche Funde Aufklärung darüber, wie die ältesten Menschen darauf verfallen sein mögen, sich der Steinwerkzeuge zu bedienen. Als Kulturperiode nent man die älteste Zeit wegen der Benuzung steinerner Waffen und Geräte die Steinzeit; an sie schließt sich später die Metallzeit an. Eine künstliche Herstellung muß man mit höchster Warschein lichkeit den Kieselgeräten zuschreiben, welche zuerst von Boucher de Perthes 1847 im nördlichen Frankreich im Tale der Somme zwischen Abbeville und Amiens gefunden wurden, vermischt mit Knochen des wollharigen Nashorn, des Mammut, des europäi schen Flußpferdes, einer ausgestorbenen Pferdeart und anderer ausgestorbener Tiere der Diluvialzeit. Sie zeigen eine so sorg wollharigen Nashorn, 1790 ein Mammut im sibirischen Eise gefunden; *) In den Jaren 1770 und 1877 wurden zwei Exemplare des das Skelet des lezteren ist im Museum zu Petersburg aufgestellt. Als 1877 das Nashorn an der Lena gefunden wurde, war leider keine kundige Persönlichkeit zugegen; es wurde der Kopf und eine Borderpfote abgeschnitten und der übrige Teil des Körpers dem Fluß überlassen; jene beiden Glieder gelangten nach Petersburg; sie waren vortrefflich erhalten; das Tier war, wie die weit geöffneten Nüftern schließen ließen, in einer Schneewehe erstickt und dann, als dieselbe zu wärend unsere gegenwärtig lebenden Dickhäuter der tropischen Zone Eis wurde, eingefroren. Der Kopf zeigte eine rostbraune Beharung, nadte Haut bejizen. fältige Rundung und genaue Zuschärfung, daß sie nicht wol als ein Spiel des Zufalls bezeichnet zu werden vermögen. Menschliche Ueberreste sind bisher vergeblich dort gesucht worden, wenn auch die Fundstätten von den bedeutendsten Geologen der Gegenwart durchforscht wurden. Doch darf, wie Peschel bemerkt, dieser Umstand nicht als ein Gegenbeweis gegen die Alechtheit der Funde angefürt werden, denn auch nach Austrocknung des Haarlemer Meers wurden wol zalreiche Schiffstrümmer, doch keine mensch lichen Ueberreste gefunden, und doch waren Farzeuge auf dem Golfe verunglückt und waren Seeschlachten geschlagen worden. Eine hinreichende Erklärung dieses Umstandes würde auch die scharfsinnige Vermutung von Prestwich gewären, nach welcher jene alten Bewohner der Pikardie auf dem Eise der Somme harpunirten, und die Steinklingen, welche nach einem verunglückten Wurfe ins Wasser fielen, sind es, welche uns von ihren Verfertigern Kunde bringen. Dadurch wird der Mensch als ein Zeitgenosse der Eiszeit hingestellt. Dies wird durch eine Reihe anderer Zeugnisse bestätigt. Schon früher waren menschliche Ueberreste zusammen mit den Knochen diluvialer Säugetiere in belgischen Höhlen gefunden worden, zumteil wurden menschliche Knochen aus Schichten hervorgezogen, welche tiefer lagen als die Knochenreste von ausgestorbenen Säugetieren enthaltenden. In Deutschland wurde gleichfalls der Beweis geliefert, daß der Mensch Schwaben bewohnte, als die Gletscher noch das Rheintal und den Bodensee ausfüllten. Bei Schussenried deckte man bei Gelegenheit von Erdarbeiten an der Quelle des Schussen, eines Baches, welcher bei Langenargen in den Bodensee mündet, eine ungestörte Schicht von Gletscherlehm auf, in welcher sich bearbeitete Rentiergeweihe, Pfriemen mit ausgeschliztem Dehr, eine hölzerne glattgeschabte Nadel, Angelhaken, Lanzett- und sägeblattartige Feuersteine, rote Farbenknollen zur Hautmalerei, Aschenund Stolenreſte vereinigt fanden. Die Bearbeitung des Hornes deutet schon auf einen Kulturfortschritt. Interessant sind aber 315 die weiteren Beweise, welche uns einen Schluß auf das damalige Klima Schwabens gestatten. Es lagen diese Reste menschlicher Tätigkeit zusammen mit solchen des Eisfuchses, im Bau übereinstimmend mit einer Art, welche jezt nur in Labrador haust, des Fjällfraßes, eines Bewohners der polaren Gebirge Europas; noch zwingender ist das Vorkommen von drei Moosarten, welche heute nur in den sumpfigen Wiesen der höheren Alpenregionen, der Sudeten, in Skandinavien, Grönland und dem arktischen Amerika wachsen. Hieraus folgt mit Notwendigkeit, daß Europa eine niedrige Temperatur besessen und daß der Mensch schon zur Eiszeit unser Vaterland bewohnte. Bei Blaubeuren lagerten menschliche Reste zusammen mit Scherben von Tongeschirren, welche ihrer flachen Form wegen zum Rösten oder Braten gedient haben mögen; zu den damaligen Tieren im Tale der Blau gehörten neben dem Mammut und Elephanten auch ein stattlicher Löwe, drei ausgestorbene Bärenarten, das Ren, dessen Geweih auch hier zu Geräten verarbeitet ward. Viele Höhlen Westfalens, des Harzes, so die bekante Baumannshöhle, und der Rhein bergen Reste der diluvialen Höhlenfauna und des Menschen. Erwänt sei aus Deutschland noch der berüchtigte Schädel aus dem Neandertale bei Düsseldorf, welcher mit seiner flachen Wölbung und den gewaltigen Knochenrändern an den Augenbrauen den Beweis liefern sollte für das Heraufsteigen des Menschen aus dem Tierreich. Er ist ein Bruchstück, der Stirnteil ist nur erhalten, das Hinterhaupt fehlt. Charles Darwin nante ihn geräumig und gut entwickelt; er faßt im gegenwärtigen Zustande 63 Kubikzoll, und würde nach Schäzungen im vollständigen Zustande 75 Kubikzoll messen. Da nun europäische Schädel zwischen 55 und 114 Kubifzoll als den äußersten beobachteten Grenzen schwanken, so konte Virchow äußern, daß er in seinen Größenverhält nissen zwischen ganz erträglichen Grenzen sich halte; außerdem rüre er von einem alten, mit Rhachitis behafteten Manne her, einer Krankheit, welche Knochenauftreibungen mit sich bringt. ( Schluß folgt.) Allerhand Kein Staat der Welt krankt so sehr an den Sünden der Regirung und der Regenten wie Rußland. Alle die entsezlichen Zustände, wie sie das ungeheure Czarenreich zeigt, sind die naturgemäße Folge der Verhältnisse, die durch den Einfluß höherer Staatslenker geschaffen wurden. Wir teilen hier in bunter Reihe einiges von den Ursachen und Wirkungen mit. Die haarsträubendsten Maßregeln hat die Geschichte aus der Willkürherrschaft des Kaiser Nikolaus zu verzeichnen. Nach seinem polnischen Feldzuge befahl dieser die vom Flügeladjutanten Levoff in der dritten Abteilung seiner höchsteigenen Kanzlei komponirte nationale Hymne müsse in allen größeren Konzerten und Bünenauffürungen gesungen werden, was den Kaiser jedoch nicht verhindert haben soll, nachher zu verbieten, russische Opern zu schreirussisches. einer Uniform zwanzig solcher Ehrenzeichen beisammen sehen. Karakteristisch ist die Anekdote, daß sich um das Jahr 1830 ein lichkeit einen niedrigeren Siz anwies, als ihm nach der hierarchischen Rangordnung zukam. Hofbeamter den Hals abschnitt, weil man ihm bei einer FeierNoch im Jahre 1859 wurden Zirkulare erlassen, welche bestimten, es sei jedermann verboten, in Rußland zu reisen, um statistische oder ethnographische Erkundigungen einzuziehen, es sei denn mit spezieller Autorisation der Regirung. Das Zensurkomitee in Moskau erhielt in den lezten Wionaten des genannten Jares Weisung, ja nicht von Diebstälen und Erpressungen berichten zu lassen, wofern die juristischen Beweise erbracht seien, und das betreffende ministerielle Schreiben bemerkte bei diesem Anlaß besonders, daß die Regirung die Oeffentlichkeit vollständig oberſten komponirten herausgefunden hatte. Von der politischen unnüz finde und ihrer Würde etwas zu vergeben glauben würde, wenn sie den durch die Presse zum Ausdruck gebrachten Klagen über Mißbräuche oder ihren Erzälungen von solchen die geringste Altertumsgesellschaft wurden suspendirt, die„ Zeitschrift für Ethnographie" verboten. Der Jensor Krassowski," Geheimrat, Inhaber vieler hoher Orden, Vertrauter dreier Unterrichtsminister, GrenzBildung des russischen Volkes zur Zeit des Regirungsantritts des Nikolaus gibt folgende Tatsache einen Beweis. Eine kleine Anzal von Männern aus den ersten Familien des Reichs, zum größten den Striegen gegen Napoleon mitgekämpft hatten, waren zusammengetreten, um größere politische Freiheit anzustreben. Am Morgen des 26. hüter über die Literatur des Auslandes, lezte Instanz über die denzſchloſſes und riefen nach einer Stonſtitution. Das Volt Beschwerden aller Zensoren und Mitglied der Akademie der stimmte nun zwar sofort in diesen Ruf mit ein," Hurrah Kon- Wissenschaften, veranlaßte im Jare 1849 ein Dekret, welches alle stitution," schrie es in einem fort, wer aber möchte sich des Lachens erwehren, wenn er erfärt, daß diese Leute„ Konstitution" alles Ernstes für die Gemalin Konstantins, des legitimen Nachfolgers Alerander I., der aber seinen Rechten auf die Krone entjagt hatte, hielten, und daß andere, denen man von Republik unjittliche Ausdrücke mit aufgezält seien. Was mag dieser Mann sprach, ganz treuherzig erwiderten:" Gut Republik, aber wer wird dann unser Kaiser sein, wenn es nicht mehr Nikolaus ist?" schiedenen Arten und Abarten mit Einrechnung ihrer Klassen und Zalreich sind die russischen Orden; es gibt deren in den ver der kaiserlichen Namenszeichen, sowie der die Bal der Dienstjare tragenden Schnallen, ungefär sechzig. Man kann zuweilen auf bildlichen Darstellungen beanstandete, wenn sie Frauen vorfürten, die nicht vollständig, d. h. vom Kinn bis zu den Füßen, bekleidet waren. Er ließ den Druck des russich- deutsch- französischen Wörterbuchs von Reiff einstellen, weil in demselben unpassende und für Begriffe von den ersten Lebensbedingungen der bildenden Kunst, vom Zweck der Sprachwissenschaften gehabt haben! Und dabei war das„ vorneme Rußland" lüstern bis zum Ekel! " Die Räuber,"" Fiesko,"" Tell,"" Emilia Galotti,"" Egmont" standen völlig unter dem Bann eines strengen Verbots; die Opern Tell"( von Rossini), Die Hugenotten,"" Czar und Zimmer mann" durften nur mit den lächerlichsten Um- und Unbildungen in Art, Zeit, Titel und Personen aufgefürt werden. Das Loos der meisten Schriftsteller unter diesen Umständen war natürlich ein ungemein trauriges. Der junge Dichter Polejayew wurde wegen eines in seinen Universitätsjaren verfaßten satirischen Gedichtes unter das Militär gesteckt und nach dem Kaukasus geschickt. Aus Verzweiflung darüber gab er sich dem Trunke hin und starb an der Schwindsucht in einem Soldatenspital in Moskau. In einem anderen Falle verlangte der Generalgouverneur einer Provinz die Unterdrückung eines Journals und die Gefangensezung seines Redakteurs, weil dieser einen von jeder politischen Anspielung freigehaltenen archäologischen Artikel veröffentlicht hatte, gedruckt mit dem Vermerk der Zensur, aber herrürend aus der Feder eines Hauptes der polnischen Emigration, des berühmten Lelewel. Unterdrückung und Gefangensezung erfolgten auch sie, das geschah noch in den fünfziger Jaren. Gogol, der geniale Humorist, verhungerte und starb in unheilbarer Schwermut, 44 Jare alt. Der große Sittenmaler Gribojedow, erst verbannt und verdächtigt, kam im Alter von 34 Jaren bei einem Volksaufstand in Persien durch Meuchelmord um. Kolzow, der ausgezeichnete Volksdichter, unterlag der Verzweiflung über eine unausstehliche Lebensstellung; er ist nur 33 Jare alt geworden. Bestuschew, erst zum Tode verurteilt, dann verbannt, fiel 41 Jare alt im kaukasischen Kriege. Nur der eine oder der andere hat das vierzigste Lebensjar überschritten. Das Lebensende der meisten hervorragenden russischen Schriftsteller glich dem Ende einer Tragödie, zu der die russischen Zustände die Dekorationen lieferten. Sie fielen entweder im Duell oder durch Meuchelmord, starben in der Verbannung oder gingen an der Erbärmlichkeit der sie umgebenden Verhältnisse zugrunde oder verloren aus Verzweiflung über dieselben den Verstand. Wie viele weniger berühmte Autoren aber mag es geben, die als Verbannte in irgend einem Winkel des Kaukasus oder Sibiriens endeten, wie viele die auf andere Weise der Verfolgung unterlagen? Die Geschichte unserer Literatur ist ein Verzeichnis von Märtyrern oder ein Register von Sträflingen," bemerkte Alexander Herzen angesichts solcher Tatsachen mit vollem recht... Die Regirung hatte zwar durch eine Verordnung vom 6. April 1865 eine etwas größere Freiheit der Presse schaffen wollen, indes wurde das bald bereut, und es traten stufenweis neue Beschränkungen ein: erläuternde ministerielle Erlasse, Ausnamemaßregeln, das Verbot des Detailverkaufs, Warnungen, Beschlagname von Zeitungen und Journalen, endlich im Mai 1872 die Anordnung, derzufolge das Ministerium des Innern das Recht erhielt, one gerichtlichen Spruch und nur unter der Bestätigung des Ministerkomitee's Bücher und Journale zu verbieten oder der Verbrennung zu überliefern. So haben wir" sagt Herzen ,, in dem nicht aufgehobenen Gesez vom 6. April 1865 das Recht, von beinahe allem zu sprechen, dürfen aber tatsächlich von beinahe nichts sprechen. Die Ausnamen, die Erläuterungen haben das Gesetz überwuchert, und die Art ihrer Ausfürung verwandelte es vollends in einen toten Buchstaben." So steht es aber auch mit der anscheinend aus humanerem Geiste hervor gegangenen Gesezgebung auf allen anderen Gebieten. 316 Das Rechtswesen überhaupt weist die ungeheuerlichsten Erscheinungen auf, und zwar heutzutage noch. Das Karakteristische dabei ist das Durcheinanderwerfen und die Verquickung des richterlichen und Verwaltungsgebietes, so, daß die dem lezteren verliehene Gewalt durchweg über der des ersteren steht und dieselbe illusorisch macht. So haben die Gouverneure der Provinzen das Recht, die Distriktstribunale zu revidiren, die Richter und Assessoren derselben in den Anklagezustand zu versezen, ihre Meinung abzu geben über die vom Kriminalgerichte der Provinz abgeurteilten Gegenstände, welche Meinung dann zusammen mit dem ganzen bezüglichen Aktenstoß an den Senat wandert. Aber jedem Generaladjutanten des Kaisers steht das Recht zu, auf seine Verant wortung hin die Ausfürung von Strafurteilen zu suspendiren.... Das Gerichtsverfaren weist nicht weniger als elf Instanzen auf, und wenn man nach jarelangem Streit, der reichliches Del" fordert, die zehn ersten überwunden hat, so läuft man in der elften Gefar, durch den willkürlichen Entscheid des Kaisers, bez. seines obersten Rats, den ganzen Erfolg vernichtet zu sehen. Die ergözlichsten Dinge kamen unter dem eisernen Regiment des Czaren Nikolaus an den Universitäten vor, die dieser überhaupt ganz aufzuheben und an ihre Stelle militärisch zugeschnit tene und zerstreut auseinanderliegende Fachschulen zu sezen beabsichtigte. Die Kuratoren der Universitäten wurden mit Vorliebe dem Militärstande entnommen. Die Maßregeln, welche sie bisweilen trafen, überboten denn auch an Tollheit und Albernheit alles, was sich ein normales Hirn zu denken vermag. Einer derselben, Magnißki, ließ z. B. die in der Universität Kasan befindlichen, dem medizinischen Studium dienenden anatomischen Präparate feierlich bestatten, weil es ordnungswidrig und lästerlich sei, daß menschliche Körper oder Körperteile, die zur Auferstehung bestimmt seien, unbestattet bleiben. Nach einer Anordnung eines anderen Kurators, des Fürsten Sergei Galizin in Moskau sollten, um gar keine Vorlesungen ausfallen zu lassen, für erkrankte oder sonst verhinderte Professoren der Tour nach" ihre Kollegen ohne Unterschied der Fakultät eintreten, wie Herzen mit karakteristischem Spott illustrirt: der Geistliche, der für Logik angestellt war, sollte gelegentlich die geburtshülfliche Klinik leiten und der Geburtshelfer die Lehre von der Empfängnis durch den heiligen Geist behandeln. Die Geistlichkeit, die von altersher einen besondern Stand bildete, litt besonders unter der Bestimmung, wonach die Würde sozusagen erblich war und die Kinder eines Geistlichen keinen anderen Beruf ergreifen durften. Es geschah daher häufig, daß eine Stelle an den Nachfolger unter der Bedingung vergeben wurde, daß dieser eine von den Töchtern des Vorgängers heiratete. Dadurch entstand eine Abhängigkeit der Popen von ihren Weibern und deren Angehörigen, die von den schlechtesten moralischen Folgen sein mußte. Durch das Gesez von 1869 erst wurde den Kindern der Geistlichen freie Wal hinsichtlich des Berufs gestattet. Der Klerus ist noch unglaublich unwissend; die Nationalübel der Trägheit und Trunksucht sind in diesem Stande in widerlichster Weise anzutreffen. Für die Aermlichkeit ihrer Pfründen wissen sich namentlich die Dorf- Popen durch möglichste Aussaugung der Bauern zu entschädigen. So nemen sie für eine Trauung 25 Rubel, und im Falle die Braut aus einem fremden Sprengel stamt, noch 15 Rubel für den Taufschein. Für eine Beerdigung beanspruchen sie 10 Rubel und erhöhen jezt unter dem Vorwande der Teurung noch mit jedem Tage ihre Forderungen. . Neben den Rechtgläubigen( ,, Ortodoxen") gibt es, über das ganze Land verstreut, eine Menge der merkwürdigsten Sekten. Jenen galten die Neuerungen Peter's des Großen als Werke des Satans, er selber als dessen Stellvertreter. So z. B. die Einfürung des Kalenders, der den Jaresanfang vom September auf den Januar verlegte, das sei eine Verkehrung des Jares des Herrn in ein Jar des Teufels; die Welt habe ja nicht im Januar erschaffen werden können, weil zu dieser Jareszeit die Aepfel nicht reif sind, die Eva also nicht auf dem Wege, von dem die Bibel erzält, in Versuchung habe gefürt werden können. Von den Sekten erklärt beispielsweise eine der unduldsamsten, der Teufel habe sich in Gestalt einer Schlange auf den Altar niedergelassen, mit seinem Schweife denselben umschlungen und sich darauf ein Nest gebaut. Folglich sei also auch die Abendmalfeier am Altar etwas für das Seelenheil gefärliches. Die Angehörigen dieser Sekte, die keine Priester haben, genießen daher das Abendmal in rein geistiger Weise und wenden die Wiedertaufe an. Die Ehe sei ein Vergehen gegen die Keuschheit, sagen sie weiter, am besten sei's, die Kinder schon im Mutterleibe oder gleich nach der Geburt zu töten; daher trifft man bei ihnen auch die unmenschlichste Grausamkeit in der Behandlung der Kinder an. Anderen Setten gilt es als Sünde, Geld in die Hand zu nemen, wieder andere kasteien sich, beten und tanzen nackt, ents halten sich aller geistlichen Getränke u. s. f. Als Kuriosum sei erwänt, daß eine dieser Sekten, die„ Napoleontschini", selbst Napoleon den ersten als Heiligen verehren Um den Volksschulunterricht ist es, troz Ansäzen zur Besserung, noch gegenwärtig traurig bestellt. In vielen Orten mangeln die Lehrer; an zalreichen Schulen sind die lezteren kaum des Lesens und Schreibens fundig. Bei einer Rekrutenaushebung in der neuesten Zeit haben von 130 150 jungen Leuten nur 14 478 leſen können, also genau 19. In Rußland gibt es durchschnittlich 9 bis 10 Prozent, die lesen und schreiben können, in Desterreich, daß selbst noch soweit zurück ist, 29, in Frankreich 77 Prozent. Wenn immerhin die Anzal der järlich durch die Post beför derten Brife von 1825 bis 1866, hauptsächlich infolge des inzwischen eingefürten Normalportos für den einfachen Brif, von ca. 5 auf 40 Millionen gestiegen ist, so gibt doch die Tatsache, daß selbst in der lezten Zeit auf hundert Individuen järlich blos 123 Brife tamen, den besten Beweis für den noch so außer ordentlich niedrigen Bildungsstand des Volkes. 317 Ueber Rußland und die Bevölkerung des Czarenreichs über-| haupt urteilt kein anderer als der Generalfeldmarschall Graf Moltke so: Eine kleine 3al französisch erzogener, in Luxus aufgewachsener, elegant gebildeter, uniformirter und besternter Russen tritt one jede Vermittlung neben der an Zal hundertfach überlegenen Masse der bärtigen, unwissenden, kräftigen, frommen und dabei gelehrigen Bevölkerung auf.... Die Unterschiede stehen schroff nebeneinander: Paläste neben Hütten, prachtvolle Städte in öder Gegend, eine hundert Meilen lange Eisenbahn, die zwischen Anfangs- und Endpunkt keine Stadt berürt, Ananashäuser, wo fein Korn wächst, Ueberfeinerung neben Roheit." Das Reichsgesundheitsamt und die Wissenschaft der Zukunft. Von Bruno Geiser. Die Wissenschaft befand sich bisher in Deutschland inbezug auf die Ziele, zu denen sie hinstrebte, und die Wege, welche sie einschlug, in dem Stande weitreichender Freiheit. Wie schon jeder sich der Wissenschaft widmen konte, der Lust und das nötige Geld dazu hatte, so war auch niemand in der Wal des speziellen Wissenschaftsgebietes beschränkt, auf dem er seinen Drang gelehrter Betätigung seiner Geisteskräfte tummeln lassen wollte. Und nicht minder stand es im freien Belieben des Einzelnen, die Temata seines Studirens und Produzirens, die Metode seiner Untersuchungen und Schlußfolgerungen, die Art und Weise seiner Darstellung, zu bestimmen und zu entscheiden, ob er ganz auf eigne Faust oder im Verein mit oder in Anlehnung an andere arbeiten wollte. Diese Freiheit der Wissenschaft hat wie alle anderen Spezialfreiheiten ihre gute und besonders für die unmittelbar Beteiligten ihre angeneme Seite. Die nur für sehr geordnete, geistig hoch entwickelte Naturen in keiner Weise lästige Rücksichtname auf andre ist unter diesen Verhältnissen kein Gebot der Pflicht; wer sich um seine wissenschaftlichen Mitstreber und die Resultate ihres Forschens nicht fümmern will, braucht es nicht. Wenn ich z. B. eines Tages Lust bekomme, Nachforschungen anzustellen über die Art, wie sich aus dem sogenant Anorganischen das Organische entwickelt, so habe ich nicht nötig, mich dadurch in meinem Beginnen stören zu lassen, daß etwa Darwin und Hurley, Häckel und Karl Vogt u. a. m. zu derselben Zeit und schon lange vorher mit ganz denselben Untersuchungen sich beschäftigten. Ob ich dabei meine Zeit nuzlos vergeude, indem ich auf einem Gebiete, auf dem ich weniger zuhause bin als andre Forscher, gar keine der Rede werten Erfolge erziele, oder ob ich stets erst morgen oder übermorgen entdede, was Darwin oder Häckel schon gestern oder vorgestern erkant haben, bleibt der wissenschaftlichen wie der andern Welt völlig gleichgültig. Und selbst darum läßt man sich teine grauen Hare wachsen, daß bei der absoluten Freiheit des wissenschaftlichen Arbeitens nicht nur auf manchen Forschungsgebieten zehnmal mehr Arbeiter in den Bergwerken der Wissenschaft mit ihren Geistesfackeln umherleuchten, als nötig wären, sondern daß auch an manchem Drte, wo reiche Ausbeute zu machen wäre und woher das Edelmetall der Erkentnis zu gewinnen sich ein Volksbedürfnis längst geltend gemacht wird, gar niemand Hacke und Spaten einsezt. ( 1. Fortsezung.) one ge= menschheit verhindern will, daß in den ungeheuren Urwald des wissenschaftlich unerforschten auf gut Glück hier ein Pionier des Gedankens und da und dort wieder einer vordringt meinsamen Arbeitsplan, one die Kräfte verdoppelnde Kombination der Tätigkeit, one gehörige Kentnis aller bereits geschehenen Vorarbeit so wird meine und der Gesamtheit erste Aufgabe sein, zu erkennen, daß in der Wissenschaft an die Stelle regelloser Freiheit die alle Arbeiter umfassende, alle Arbeit durchdringende und erleuchtende streng metodische Organisation zu treten hat. Ware Freiheit wie rascheste Kulturentwicklung ist überhaupt nur in der Organisation zu finden. Anarchie aber und Organisation schließen sich aus und bekämpfen sich wie Feuer und Wasser. Was für eine Organisation wie sie gegründet und gegliedert ist und in welchem Geiste sie geleitet wird, welchen Zwecken sie dient das ist jedoch die Frage und eine ganz überaus wichtige Frage. Die preußisch- deutsche Armee ist auch eine Organisation und als Organisation sogar musterhaft und in hohem Grade nachahmungswert, aber daß in ihr die ware Freiheit blüte, hat meines Wissens selbst der Herr von Kleist- Rezow noch nicht behauptet, und plausibel zu machen, daß sie zu rascheſter Kulturentwicklung die denkbar am besten geeignete Grundlage bildete, hat sich nicht einmal der mit seinem großen Scharfsinn und seinen mächtigen Kentnissen mitunter ein gar waghalsiges Spiel treibende Professor Jäger bemüt obgleich er in besagter Riesenorganisafton wirklich schon manches Kleinod von Kulturdungstoff seelenriechend herausgeschnüffelt zu haben meint. Zweck der Wissenschaft ist Erforschung der Natur und des Verhältnisses des Menschen zum Menschen und zur Natur. In diesem Zwecke wäre eine Organisation der Wissenschaft jeder andern Organisation, auch der deutschen Armee weit überlegen, er schließt einfach das höchste aller Ziele ein, denen Menschen nachstreben können. Wie wäre die Organisation der Wissenschaft diesem Zwecke entsprechend nun am besten zu gründen, zu regiren? Aehnlich wie die Armee des deutschen Reiches? Auf Anordnung von oben her in Abhängigkeit von der Regirung, die ihre Beamten ein- und absezen, belohnen und befördern, zurücksezen und sonstwie maßregeln kann, wenn sie ihren Zwecken denen der Regirung sich nicht ergebungsvoll unterordnen? Soll und darf eine Organisation der Wissenschaft eine Maschinerie sein, die durch einen Wink leitender Staatsmänner oder kommandirender Generäle zu rasender Arbeitsenergie angespornt oder zu gemütlichem Bewegungsschlendrian, respektive zu völligem Stillstande verurteilt werden kann? Ich denke: Nein eine Organisation der wissenschaftlichen Arbeit soll und darf solch eine Maschinerie unter feinen Umständen sein. Der Freiheit der wissenschaftlichen Arbeit, wie sie gegenwärtig herscht, ergeht es eben genau so, wie den anderen Freiheiten, die uns die Gegenwart so hübsch bruchstückweise zu fosten gibt, sie hat auch ihre bedenkenerregenden Schattenseiten, sie hat vor allem ein Stück Anarchie im Leibe- ein Element jener Gesezund Regellosigkeit, die für Räuber und Narren erstrebenswert, für den auf der Bahn der Kulturentwicklung rüftig fortschreitenden großen Teil der Gesamtmenschheit ebensowenig als für alle Menschen bon Karakter und Vernunft im einzelnen zu gebrauchen ist. Für die Menschheit wie für das Individuum handelt es sich kluger Aus drei gewichtigen Gründen nicht: einmal weil keine RegiWeise hauptsächlich darum, mit den vorhandenen Kräften fein rung- sei sie auch aus den fentnisvollsten, geistig hervorragendsten haushälterisch umzugehen, Kraft- und Arbeitszeitverschwendung Menschen zusammengesezt, welche die Erde je getragen hat über und-Verläpperung tunlichst zu verhüten, denn das Leben ist kurz, die das ganze menschliche Wissen umfassende Erkentnis gebieten die Kräfte sind nicht unerschöpflich, die wissenschaftlichen Aufgaben fann, welche zur zweddienlichen Leitung einer solchen Organiaber riesengroß, die Schwierigkeiten, welche ihrer Lösung entgegen- sation unbedingt nötig wäre, da die Leitung ja das Centrum der stehen, oft gradezu erschreckend und abschreckend, und, wenn man geistigen Bewegung sein würde, von dem alle Organe abhingen es sich recht überlegt, wurzelt aller edle Lebensgenuß, alle ware und ihre Impulse empfingen; zum zweiten weil, solange es dauernde Lebensfreude die ganze irdische Glückseligkeit Regirungen gibt, alle, auch die besten, zum mindesten neben reinnichts andrem, als in dem Hochgefüle segenbringenden Kultur- wissenschaftlichen Zielen andre außerhalb des Bereiches ausschließfortschrittes der Gesamtheit und nuzenschaffender Geistesentwicklich allgemeinnüziger Wissenschaft liegende Spezialinteressen gelung des Individuums. Wenn ich aber meine Geistesanlagen nicht an Aufgaben ver= geuden will, welche andre schon gelöst haben, und wenn die Kulturhegt haben, hegen mußten und immer hegen werden, mit denen der Wissenschaft niemals erspart bleiben wird, in Collisionen zu geraten, bei denen sie, die allgemeinnüzige, gegenüber den in so Frage kommenden Sonderinteressen stets den kürzeren ziehen würde; und zum dritten, weil eine derartige, von oben herab und von außen her geleitete Organisation sehr bald des ihr innewohnenden und nur aus ihr selbst neuzugebärenden Geistes verlustig gehen, entgeistet werden und verknöchern müßte etwa wie die Staatswissenschaft in China entgeistet und vertnöchert ist, obgleich vor 500 Jaren noch die chinesische Wissenschaft der europäischen höchst warscheinlich sehr weit vorausgewesen ist. Zur Leitung einer Organisation der wissenschaftlichen Gesamtarbeit so außerordentlich wünschenswert und ersprießlich eine solche auch ist kann also keine Regirung als geeignet betrachtet werden, darin denke ich werden die Leser der N. W. mit mir gern übereinstimmen. Frucht und Saat. Es ist wol angenehm, sich mit sich selbst Beschäft'gen, wenn es nur so nüzlich wär. Inwendig lernt kein Mensch sein Innerstes Erkennen, denn er mißt nach eig'nem Maß Sich bald zu klein und leider oft zu groß. Der Mensch erkennt sich nur im Menschen, nur Das Leben lehret jeden, was er sei. Shakespeare( Othello). Noch Seelen gibts, mit Worten unerreichbar, Mit siebenfachem Leder überzogen, Dem Schild des Ajax in Homer vergleichbar. Platen. Das Naturgesez. So war's immer, mein Freund, und so wirds bleiben: die Ohnmacht Hat die Regel für sich, aber die Kraft den Erfolg. Schiller. Mit Botanik gibst du dich ab? mit Optif? was tust du? Ist es nicht schönrer Gewinn, rühren ein zärtliches Herz? Ach die zärtlichen Herzen! Ein Pfuscher vermag sie zu rühren; Sei es mein einziges Glück, dich zu berühren Natur! Aus stillem Denken keimt ein wachsend Leben, Das wird die Welt aus ihren Angeln heben: Und wär' es auch nach hunderten von Jahren Ein Tag erscheint dem ausgesprochnen Wahren. Goethe. 2. Schefer( Laienevangelium). In der Tat ist es eine große Gabe des Himmels, einen geraden oder, wie man es neuerlich benant hat, schlichten, Menschenverstand zu befizen. Aber man muß ihn durch Taten beweisen, durch das Ueberlegte und Vernünftige, was man denkt und sagt, nicht aber dadurch, daß, wenn man nichts Kluges zu seiner Rechtfertigung vorzubringen weiß, man sich auf ihn als ein Orakel beruft. Wenn Einsicht und Wissenschaft auf die Neige gehen, alsdann und nicht eher sich auf den gemeinen Menschenverstand zu berufen, das ist eine von den subtilen Erfindungen neuerer Zeiten, dabei es der schalste Schwäzer mit dem gründlichsten Kopfe getrost aufnehmen, und es mit ihm aushalten kann. So lange aber noch ein kleiner Rest von Einsicht da ist, wird man sich wol hüten, diese Nothülfe zu ergreifen. Und beim Lichte besehen ist diese Berufung nichts anderes, als eine Berufung an das Urteil der Menge, ein Zuflatschen, über das der Philosoph errötet, der populäre Wizling aber triumphirt und trozig tut. Kant.( Prolegomena, S. 11. 12.) 318 Was geht das aber das Reichsgesundheitsamt und dessen gewiß fördersame wissenschaftliche Arbeit an wird mancher kopfschüttelnd fragen. Viel sehr viel- habe ich darauf zu antworten. Das Reichsgesundheitsamt ist die deutsche Reichsregirung mag es wissen und wollen oder nicht der Embryo zu einer Orga= nisation der wissenschaftlichen Gesamtarbeit, wie sie mun und nimmer dauernd zur Disposition einer nichtreinwissenschaftlichen Körperschaft stehen darf. Darüber im Schlußartikel, den die nächste Nummer bringen wird, ein Mehreres. ( Schluß folgt.) Der Weg der Philosophie ist der aller anderen Wissenschaften; man muß zuerst die Tatsachen sammeln und die Dinge kennen lernen, an denen sich die Tatsachen ereignen; nicht die Masse der Tatsachen auf einmal, sondern eine jede einzeln für sich soll man zuerst betrachten und daran die Schlüsse knüpfen; haben wir die Tatsachen, so ist es nachher unsere Sache ihre Verbindung herzustellen. Diese Tatsachen werden durch Sinneswarnehmungen erworben; wenn diese unvollständig sind, so würde es auch die darauf gebaute Erkentnis sein. Wir können feine allgemeinen teoretischen Säze außer durch Induktion haben, und Induktion fönnen wir nur durch Sinnes warnehmungen machen, denn diese haben es mit dem Einzelnen zu tun. Aristoteles. Unsere Erleuchtung ist nicht blos als Bedingung, sondern als Ingredienz zur Seligkeit notwendig; in unserer Erleuchtung besteht am Ende unsere ganze Seligkeit. Lessing. Sie wird kommen, sie wird gewiß kommen, die Zeit der Voll endung( die Zeit eines neuen ewigen Evangeliums), da der Mensch, je überzeugter sein Verstand einer immer besseren Zukunft sich fült, von dieser Zukunft gleichwol Beweggründe zu seinen Handlungen zu erborgen nicht nötig haben wird; da er das Gute tun wird, weil es das Gute ist, nicht weil willkürliche Belohnungen darauf gesezt sind, die seinen flatterhaften Blick ehedem blos heften und stärken sollten, die inneren, besseren Belohnungen desselben zu erkennen. Lessing. Nicht felsenfeste Burg, noch eh'rne Mauern, Noch dumpfe Kerker, noch der Ketten Last, Sind Hindernisse für des Geistes Stärke. Das Leben, dieser Erdenschranken satt, Hat stets die Macht, sich selber zu entlassen. Cassius in Shakespeares Julius Cäsar. Darauf Casca: Das kann auch ich. So trägt ein jeder Sklave in eigner Hand Gewalt, zu brechen die Gefangenschaft. Und Cassius: Warum denn wäre Cäsar ein Tyrann? Der arme Mann! Ich weiß, er wär kein Wolf, Wenn er nicht säh', die Römer sind nur Schafe. Er wär kein Leu, wenn sie nicht Rehe wären. Der Frühling komt, ihr fönt es nicht verwehren; Die Luft erquickt, ihr fönt sie nicht verschließen; Der Bogel singt, ihr könt ihn nicht belehren; Die Rose blüht, es darf euch nicht verdrießen; Und wagt ein Dichter eure Lust zu mehren, So lernt ihn auch in vollem Maß genießen, Anstatt sein Tun beständig zu verneinen: Was soll der Mond denn anders tun, als scheinen? Blaten. Ave Caesar, morituri te salutant!- Heil dir Kaiser, die Totgeweihten begrüßen dich! S. 308. In einem früheren Jargange sind in furzer Stizze die grauenvollen und scheußlichen Gladiatorenfämpfe geschildert worden, wie sie im alten Rom beliebt waren und von den Wüstlingen und Tyrannen unter den römischen Kaisern bis zum Ent Sezen Ausbildung erhielten. Die unglücklichen Opfer dieses grausamen Spiels, die Gladiatoren selbst, wurden bekantlich jare, oft lebenslang in großen Kasernen zu diesen mörderischen Kämpfen einegerzirt, um dann vor den Augen des im Cirkus versammelten, überreizten und sittlich verkommenen Volkes, wie vor den Cäsaren selbst auf Tod und Leben zu kämpfen. Nur sehr wenigen, die die Arena betraten, war es beschieden, dieselbe gesund und lebend zu verlassen und so war der unheimliche Gruß, den die armen vertierten Opfer ihrem kaiserlichen Herrn richtiger ihrem Henker zuriefen und der an der Spize dieser Zeilen steht, nur zu begründet. Ob dieser Gruß aus einem dem Begrüßten alles Wol wünschenden Herzen gekommen, kann man sicher mit Recht bezweifeln, vielmehr dürfte sich gerade in dem Verhältnis des Cäsar zu den Gladiatoren die totale Unhaltbarkeit des alten römischen Reichs widergespiegelt, und in dem erzwungenen Gruß des Gepeinigten gegen seinen Beiniger seinen sprechendsten und unheimlich sten Ausdruck gefunden haben. Genug, ein junger Künstler, Pius Veloušti, hat einen solchen Kämpfer in Bronze dargestellt, welche Figur wir in dieser Nummer den Lesern der N. W. im Holzschnitt vorfüren. Er hat den Moment festgehalten, wo die Hühnengestalt mit mächtiger und weithin schallender Stimme und die muskulöse Rechte erhebend, den grausigen Gruß ausruft. In der Linken den Dreizad, das kurze, aber breite Streit schwert hängt noch unblutig an der rechten Seite. Der schüzende Gürtel und die Beinschinen sind wie zum Hohn künstlerisch verziert. Jebe Muskel der herkulischen Gestalt atmet Leben, und so steht denn die Figur vor uns wie eine Verkörperung physischer Kraft, die freilich im zweck- und nuzlosen Kampfe hingemordet, vernichtet werden soll. Aber wenn dann aus diesem Munde der vielsagende Gruß ertönte, ob es da manchem der Cäsaren Roms nicht aufgedämmert ist, wie er und seine wurmstichige Macht zu Spreu zerbröckeln müßte, wenn es der Kraft dieser Sklaven eines Tages einfallen sollte, die wuchtige Faust nach ihm auszustrecken, um ihn mit samt seiner Herlichkeit mit einem wuchtigen Schlage für immer in den Sand zu strecken?! Mit nichten, die Cäsaren haben sich, herzlos und von der Wollust abgeſtumpft, weiter an dem grausamen Spiel ergözt, bis das Gewitter hereinbrach und die Rachegeister der Totgeweihten sich den Scharen der urwüchsigen nordischen Völkerscharen, die den Todeskampf gegen das alte Rom aufgenommen, zugesellten, um mit diesen vereint das Reich der Cäsaren in Trümmer zu schlagen. Und dann, als der lezte Cäsar endete, flang es ihm von allen Seiten noch einmal unheimlich düster entgegen: Ave, Caesar, morituri te salutant! Der Schöpfer dieses Werkes ist in Warschau geboren und machte vor einiger Zeit durch einen in Stein gemeißelten Christuskopf die Kenner auf sich aufmerksam. Er studirte dann auf der Akademie in St. Petersburg weiter und konte, nachdem er die silberne und goldene Preismedaille erhalten, auf Kosten des Staats 1880 nach Rom gehen, um dort die Antike zu studiren. Vorliegende Bronzestatue ist die Frucht seines römischen Aufenthalts, und man kann wol bei der ausgezeichneten Ausfürung mit Recht erwarten, daß dieser Künstler noch bedeutendes leisten wird. nrt. 319 Eine berliner Landpartie aus dem vorigen Jarhundert. Eigentlich ist es eine berliner Landpartie in Gänsefüßchen, die unser Bild auf Seite 309 dem Leser vergegenwärtigt, denn der große Künstler, deffen launiger Stift sie der Nachwelt aufbewart, hat bei aller Liebe zur Warheit und bei aller Treue, mit der er die Szene geschildert, denn doch bedeutend karrikirt. Noch heute flüchten sich ja die Berliner im Sommer an den Sonntagen scharenweise aus dem Gewül der Straßen, allerdings auch meist durch dicken Staub nach den umliegenden Ortschaften, wo schon dem Fremden die häufig sichtbaren Schilder mit ihrem ,, Hier können Familien Kaffe( berlinisch statt Kaffee) kochen" andeuten, in welcher Weise diese Ausflüge gefeiert werden. Diese Familienwanderungen waren nun in jener Zeit, in der unser Bild entstand, noch wesentlich anders, denn die Bewirtung, die heute spefulative Restaurateure oft mit viel Glück für ihren Geldbeutel übernemen, lag den Ausziehenden selbst ob, und so pilgerten sie denn ihrem Vergnügen und dem Erholungsort entgegen mit Körben beladen, in denen all die dazu nötigen magenstärkenden und erfrischenden Genußmittel geborgen waren. Einen solchen Ausflug hatte für einen Sontag im Jare 1775 der berühmte Maler und Kupferstecher Chodowiecki seiner Familie versprochen, aber der nur allzuhäufige Störer derartiger Bartien, ein derber Regenguß, hatte auch diese vereitelt, und so schilderte denn der Künstler der in ihren schönen Hoffnungen betrogenen Gesellschaft die verunglückte Partie in einer Zeichnung, die uns hier vorliegt. Nach Angaben, von denen wir jedoch nicht wissen, ob ihre warheit verbürgt ist, soll die mit dem bepackten Handkorb wie mit den auf der Ofengabel aufgespießten Würsten und der mächtigen Brezel gravitätisch dem Zuge voranschreitende Figur des Künstlers Tochter Susanne vorstellen, der vorn auf dem melancholisch dahin marschirenden Grauchen" Reitende ist sein Sohn Wilhelm, die hinter ihm funstvoll verpadten Passagire sind sein Sohn Heinrich und seine Tochter Henriette, wärend der allem Anschein nach in der Reitkunst wenig erfarene Inhaber des Rücksizes Daniel Chodowiecki, seinen Neffen, vorstellt. Seine Tochter Henriette trägt den für solche Reisen höchst wich tigen Flaschenkorb, seine Schwester Manette die mächtige Torte und ein Freund des Hauses,„ Better Kolbe", beschließt, die Geige spielend, den interessanten Zug und sorgt somit dafür, daß die Gesellschaft nicht ganz im gewönlichen Materialismus zugrunde geht und das ideale Element auch in ihr zu seinem Rechte komt. Troz der Karrikatur sind doch derartige Ereignisse in dieser Zeichnung mit vieler Warhaftigkeit geschildert und dabei beherscht die Gruppe der köstlichste Humor. Etwas steif gravitätisch find sämtliche Teilnemer dieser Reisegesellschaft ganz bei der Sache, namentlich sind die vom Esel geduldig getragenen nur von einem Gedanken beseelt, der in den anziehenden Gegenständen auf der mächtigen Dfengabel seinen Ursprung gefunden. Der gemütliche Humor aber, der sich im Ganzen offenbart, war der Grundzug Chodo" Geboren wurde dieser Künstler, mit den vollen Namen Daniel Nikolaus Chodowiecki, am 16. Oktober 1726 zu Danzig, wo er auch von seinem Vater, der Kaufmann und begeisterter Kunstliebhaber war, den ersten Unterricht in der Miniatur- Malerei erhielt. Zugleich mußte er dann auch in die Geheimnisse des Kaufmannsstandes eindringen, zuerst in Danzig, dann in Berlin. Jede freie Stunde benüzte er aber, um sich empfand und in welcher sein Geist eher Befriedigung finden konte, als Nachdem er dann bedeutende Fortschritte im Zeichnen und Komponiren gemacht, gab er den Handelsstand ganz auf, beschäftigte sich neben seinen Studien hauptsächlich mit der Miniatur- Malerei, versuchte sich aber 1756 im Radiren und lenkte durch seine Leistungen in dieser Technik die Aufmerksamkeit der berliner Akademie auf sich, für die er dann die Bilder zu ihrem Kalender fertigte. Durch die Erfolge in diesem Genre ermutigt, gab er die Miniatur- Malerei ganz auf und leistete dann auf dem Gebiete der Radirung und des Kupferstichs das bedeutendste Längere Zeit hatte er schon das Amt eines Vize- Direktors an der berliner Akademie der schönen Künste bekleidet, als er 1793 ordentlicher Direktor dieses Instituts wurde. Er starb am 7. Februar 1801. Chodowiecki war ebenso originell als Künstler wie als Mensch. In einer Zeit, als die Kunst nur vom Fremden lebte und sich nur mit Fremdem und Falschen schmückte, stand er vollkommen selbständig da, und er ges hört deswegen zu den Geistern, die, wenn sie auch keine durchgreifenden Reformen durchfürten, sie doch anbahnten und eine neue Zeit ankün digten. Seine Zeitgenossen famen ihm auch allerwegen entgegen und brachten ihm den reichsten Beifall dar. Wesentlich mag gerade seine Kunstgattung dazu beigetragen haben, denn dadurch, daß er die hervorragendsten und am liebsten gelesenen Werke der Literatur mit seinen Kupfern schmückte, drang er viel leichter ins Volf, als wenn er die schönsten Gemälde für die Fürsten und Reichen gemalt hätte, die nur ein kleiner Bruchteil zu Gesicht bekam. Es gibt auch kein bedeutendes Werk aus jener Zeit, das er nicht künstlerisch ausgestattet oder doch wenigstens dazu eine Vignette geliefert hätte. So illustrirte er Minna von Barnhelm, Don Quixote, Lavaters Physiognomik, den Landprediger von Wakefield, Gellerts Fabeln, Bürgers Gedichte, Lichtenbergs Satyren, Nikolais Leben und Meinungen des Magister Sebaldus Notanker, Schillers Räuber, Shakespeares Werke, Voltaires Schriften, die von Voß gedichtete Luise, und außerdem viele andere literarisch- historische Arbeiten. Besonders ist der Stich nach seinem eigenen Gemälde, den Abschied des Jean Calas von seiner an Calas wurde in Frankreich ein Justizmord verübt, wie später von Voltaire nachgewiesen worden hervorzuheben. Im Ganzen zält man 2012 solcher Blätter, nach einer andern Angabe sogar über 3000. Mag auch leztere Zal übertrieben sein, die erstere bürgt schon für den großen Fleiß des Künstlers und für den Einfluß, den er auf seine Zeitgenossen übte. Dieser Einfluß mußte um so größer und wirksamer sein, weil er zu seinen vorzüglichsten Darstellungen den Stoff aus dem bürgerlichen Leben entnam und dann das Laster mit grellen Farben schilderte und die Torheiten seiner Zeit verspottet darstellte. Selbst unser Bild, das doch einem sehr einfachen Familienvorgang seine Entstehung verdankt, übt heute noch seine Wirfung, und das beweist somit am besten, daß die Leistungen Chodowieckis dauernden, also wirklich künstlerischen Wert befizen. ff. Leguan, einen Fluß überschreitend. Der häßliche, Furcht einflößende Bursche, welcher auf unserm Bilde auf S. 312 mit Riesenschritten über die spiegelglatte Fläche eines Flusses dahinschreitet, gehört zur Repitiliengattung aus der Ordnung der Eidechsen, karakterisirt sich durch seinen Kehlsack, den aus spizigen Hornplatten bestehenden, auf seinem Rücken dahinlaufenden Kamm und einen sehr langen Schwanz. Seine Heimat ist Amerika, wo er meist auf Bäumen oder in Felsenlöchern lebt und sich von Samen, Früchten und Insekten närt. Die Farbe der Gattung, zu der unser Exemplar gehört, ist oben gelblichgrün, grün marmorirt mit braun geringeltem Schwanze. An der Schnauze hat es flache Schilder, eine große runde Platte unter dem Ohrfell und gezänten Vorderrand am Kehlsack. Es ist eine der größten Eidechsen des tropischen Amerika und wird vier bis fünf Fuß lang. Troz seines schreckhaften Aussehens ist es ein sehr harmloses Tier, das ungereizt keinem etwas zu leide tut, aber angegriffen sich wehrt und dann auch mit seinen stumpfen Zänen den gepackten Gegenstand festhält. Gewant und schnell wird es wegen seines schmackhaften Fleisches selbst mit den Händen, am sichersten und leichtesten jedoch mit Striden und Hunden eingefangen. Auch seine im Sieden sich nicht erhärtenden, ganz aus Dotter bestehenden Eier, deren es 12-24 legt, sollen sich durch seinen Geschmack auszeichnen. Ueber dieses Tier schreibt nun ein Reisender: Als ich mich dem Flusse( dem Chagres unweit des Panamafanals) näherte, stieß ich plözlich auf einen Leguan, der über meine Erscheinung derart erschrak, daß er ins Wasser sprang. Zu meinem größten Erstaunen begann er aber nicht zu schwimmen, sondern bewegte fich mit unglaublicher Geschwindigkeit auf der Oberfläche des Wassers vorwärts, wobei er nur eine seiner Klauen tiefer ins Wasser tauchte und fast den ganzen Leib über Wasser hielt. Mit großer Schnelligkeit hatte dieses originelle Wesen seine ebenso originelle Reise zu Wasser zurückgelegt und war verschwunden. Im allgemeinen hat man über dasselbe noch wenig Beobachtungen angestellt, und so fügen wir nur noch hinzu, daß sein Körpergewicht bis zu zehn Pfund beträgt. Aus allen Winkeln der Zeitliferatur. nrt. Verschiedene Geschwindigkeiten. Den ,, uneingeweihten" Ilingt es sicher fabelhaft, zu hören, daß man vermittelst unserer Kurirzüge 55 Kilometer, in England 75 Kilometer und in Amerifa sogar 97 Kilom. per Stunde zurücklegen kann. Aber was will diese Geschwindigkeit übrigens besagen gegen den Flug einer Granate, deren Schnelligkeit die höchstgradige mechanische, welche der Mensch hervorzubringen vermag beim Abfeuern des Schusses 500 Meter in der Sekunde beträgt! Werden dadurch die diesbezüglichen Leistungen der Schnellzüge um das 20-25fache übertroffen, so sind dieselben kaum zu vergleichen mit der Geschwindigkeit der Vorwärtsbewegungen der Himm elskörper 320 So macht unsere Erde in ihrem Dauerlauf um die Sonne einen regelmäßigen Fortschritt von 30450 Meter, die Sonne dagegen einen dito im Weltenraum von 55 000 Meter per Sekunde. Demnach ist die Erdbewegung 61 mal, die Sonnenbewegung 110 mal schneller als die Anfangsgeschwindigkeit einer Granate und leztere würde um die 128 millionen Meilen lange Bahn, welche die Erde in einem Jare durchmißt, zurückzulegen, bei fortwärender Anfangsgeschwindigkeit 61 Jare gebrauchen. Ein Kurirzug würde bei einer dauernden Schnelligkeit von 90 Kilom. in der Stunde oder 2160 Kilom. den Tag mehr als 1200 Jare nötig haben, um dieselbe Aufgabe zu lösen. Aber wie verschwinden die Bewegungsgeschwindigkeiten der Himmelskörper gegen die des Lichts und gar der Elektrizität! So würde die Erde 5 millionen Sefunden oder 58 Tage brauchen, um die 20 millionen Meilen zurückzulegen, welche sie selbst von der Sonne entfernt ist. Die Sonne brauchte dazu 2 728 000 Sekunden oder 3112 Tage, eine Granate aus schwerem Geschüz 92 Jare, ein Schnellzug, der ununterbrochen mit oben ange gebener Geschwindigkeit fährt, 190 Jare, das Licht hingegen 8 und die Elektrizität nur 513 Minuten. Wollte man die Entfernung der Erde vom Monde vermittels der Eisenbahn zurücklegen, so würde man bei unausgesezter Fahrt 173 Tage, eine Kanonenkugel dagegen nur zehn Tage brauchen. Ein Fußgänger, der jeden Tag 50 Kilom. zurücklegt, legte diese Reise in 7500 Tagen oder ca. 2034 Jaren zurück. Ein Backetdampfer hat eine Fahrgeschwindigkeit von 30, im günstigsten Falle 37 Kilometer per Stunde. Der elektrische Strom legt in einem 4 mm. starken Eisendrat 13000 Meilen, in einem 22 mm. dicken Kupferdrat 24 000 Meilen in der Sekunde zurück, wärend man für die Geschwindigkeit eines elektrischen Funkens 62 000 Meilen per Sekunde annimt. Abhängig ist die Geschwindigkeit von der Leitungsgüte des betreffenden Drates. Der Schall dringt in der Luft pro Sefunde 332 Meter vor, im Wasser 1494, im Zint 3220, im Kupfer 3685, im Stal 4080 Meter in einer Sekunde. Unterseeische Kabel arbeiten langsamer wie überseeische; so soll der elektrische Strom 21/ 2-3 Minuten brochen, um das transatlantische Kabel zu passiren. Die Geschwindigkeit eines Orkans steigt bis auf 40 Meter, die eines Sturmes auf 20 und die eines mäßigen Windes auf 3-4 Meter in der Sekunde. Die Brieftaube fliegt 39, der Adler 32 Meter per Sekunde, wärend der Windhund und das englische Rennpferd in derselben Zeit 25 Meter zurücklegen. ff. Berthold Auerbach, der hauptsächlich durch seine Schwarzwälder Dorfgeschichten" zu einer großen, vielleicht nicht ganz verdienten Berühmtheit gelangte Schriftsteller ist am 8. Februar kurz nach der Feier seines sechzigsten Geburtstages in dem Kurort Cannes im südlichen Frankreich gestorben. Auerbach wurde zu Nordstetten im Schwarzwald von jüdischen Eltern geboren, besuchte in Hechingen die Talmudschule, wante sich dann in Karlsruhe auch den klassischen Studien zu, absolvirte in Stuttgart das Gymnasium und studirte in Tübingen, München und Heidelberg anfänglich die Rechte, später Geschichte und Philosophie. Gleichzeitig gehörte er der Burschenschaft an, was ihm schließlich eine mehrmonatliche Festungshaft auf dem Hohenasperg eintrug. 1836 trat er mit seinem ersten schriftstellerischen Versuch ,,, Das Judentum und die neueste Literatur" vor die Oeffentlichkeit. Bald nachher gab er unter dem Titel„ Das Ghetto" eine Reihe von Romanen aus dem jüdischen Leben heraus. Die Fortsezung seiner philosophischen Studien trug eine Uebersezung der Werke Spinozas und die fritische Lebensgeschichte dieses großen Denkers ein. In Roman und Novelle versuchte er sich mit wechselndem Erfolg, wärend er nacheinander in Weimar, Leipzig, Breslau, Wien, Dresden, Berlin und Stuttgart wohnte, zumeist bestrebt, als Volksschriftsteller im besseren Sinne des Wortes zu wirken. Den tagespolitischen Ereignissen und Bestrebungen der lezten vier Jarzehnte hat er niemals nahegestanden. xz. Luftschiff nicht nur wie bis jezt bei Windstille oder schwachem Luftzuge, sondern auch bei stärkerem Winde nach menschlichem Wollen fortbewegt und regirt werden kann. Algemeinwissenschaftliche Auskunft. XZ. Brüffel. Treuer Abonnent. Die Negerrepublik Liberia liegt allerdings im Biefferland, d. h. an der sogenanten Pfefferküste von Oberguinea in Westafrika; fie umfaßt ziemlich 25 000 Quadratkilometer und zält 718 000 Einwohner, unter denen sich 18 000 zivilifirte Neger befinden. Hauptstadt ist Monrovia mit ungefär 3000 Einw. Die Republik ging aus einer Regerkolonie hervor, welche 1866 von einem in Washington entstandenen ,, Kolonisationsverein zur Ansiedlung freier Farbigen der Vereinigten Staaten" gegründet wurde. Am 26. Juli 1847 erklärte sich die Kolonie von dem Kolonisations berein unabhängig. Die Verfassung ist der der Vereinigten Staaten von Nordamerika nachgebildet und legt wie hier die Executivgewalt in die Hände eines Präsidenten. Acht auf vier Jare gewälte Männer bilden den gefezgebenden Senat, dem der Bizepräsident präsidirt, daneben besteht ein Repräsentantenhaus, bessen 13 Mitglieder auf zwei Jare gewält werden. Sklaverei und Seeräuberei sind in diesem Negerfreistaate streng verboten, ein stehendes Heer gibt es nicht, dafür ist jeder Bürger wärend des Alters vom 16. bis 50. Lebensjare zum Kriegsdienst verpflichtet. Weiße können in dieser Republik das Bürgerrecht nicht erlangen. Den Gedanken, dorthin auszuwandern schlagen Sie Sich lieber aus dem Kopfe. Wien. U. Die meisten Rübenzuderfabriken im deutschen Zollgebiet befinden sich in der preußischen Provinz Sachsen, nämlich( im Kampagnejare 1878/79) 137, dann in Schlesien 47, in Anhalt 33, in Braunschweig 29 und in Hannover 27. Bayern, Würtemberg, Baden haben zusammen nur acht derartige Fabriken. Von den Fabriken der Provinz Sachsen wurden im genanten Jare 2 140 653 Tonnen grüne Rüben ver arbeitet, in Schlesien 556 333 Tonnen, in Anhalt 443 307, in Braunschweig 384 639, in Hannover 416 296 Tonnen. Der weitaus größte Teil davon wurde von den Fabriken auf eignem Grund und Boden gewonnen. Ratgeber für Gesundheitspflege. Breslau. Frau Bauline 8. Bei der Wal eines Bruchbandes ist aller bings vielerlei zu berücksichtigen: erstens der Umfang des Beckens rund um den Körper herum gemessen einen Zoll unterhalb der vorderen Ede des Haftknochens; zweitens zur Bestimmung der Länge des Halses der Bruchbandfeder die Entferntung der Bruchpforte von der Stelle, wo sich die Feber um das Becken greifend zu främmen hat; brittens die spezielle Beschaffenheit des Beckens und des Rüdens ob sie nicht vielleicht schief find, ob die hintere Rückwand beleibt oder mager ist, ob seitlich am Becken Fetthügel vor handen sind und deswegen das Bruchband, welches auf solchem Hügel nicht haften würde, zweckmäßig oberhalb oder unterhalb der Hügel angebracht werden muß; viertens die Größe der Bruchpforte und ob er mehr oder minder leicht heraustritt; fünftens die Lebensweise, die Beschäftigung, ob Patient Neigung zu Husten, Hartleibigkeit oder Durchfall hat oder schwanger ist; sechstens ob schon längere Zeit ein Bruchband getragen wurde, siebentens ob insbesondere bei linksseitigem Bruche nicht am besten statt des einfachen ein doppeltes Bruchband zu wälen ist. Sie sehen also, daß der Arzt, von dem Sie uns schreiben, vollkommen recht hatte, als er Ihnen von der selbständigen Wal des Bruchbandes abriet. Wenden Sie sich also ja an einen als sachverständig und gewissenhaft bekanten Arzt, auch auf die Gefar hin, daß derselbe das einmal anges schaffte Bruchband für unbrauchbar oder verbesserungsbedürftig erklären sollte. 1 Gotha. M. B. Die von Ihnen sehr oberflächlich erwähnten Krankheitssymptome Tönnen von Lungenentzündung, Brustwassersucht, Brustmuskelrheumatismus und noch verschiedenen anderen Krankheiten herrüren, Wir sind daher gänzlich außer Stande, Ihnen einen Rat zu geben. Redaktionskorrespondenz. Leipzig. H. C. Die Bestimmung, auf welche der Rechtsanwalt in Ihrer Rechtss streitigkeit Bezug genommen hat, findet sich allerdings nicht da, wo Sie sie überall gesucht haben, sondern in der sächsischen Ausfürungsverordnung zu dem Genossenschaftsgeiez vom 4. Juli 1868 für das Reich und dem sächsischen Gesez bie juristischen Personen betreffend vom 15. Juni 1868, und zwar im§ 25 dieser Ausfürungsverordnung, der da lautet: Wird eine Prokura, die Bestellung eines Liquidators, welcher nicht zu den bisherigen Gesellschaftern gehört( Art. 133 des Handelsgejezbuch), oder die Bestellung von Mits gliedern des Vorstandes einer Aktiengesellschaft von Bersonen, welche hierzu berechtigt find, widerrufen, oder ein Liquidator, welcher nicht zu den bisherigen Gesellschaftern gehört, durch den Richter abberufen( Art. 134 des Handelsgesezbuches), so ist ein gegen Eintragung dieses Widerrufs oder dieser Abberufung in das Handelsregister erhobener Widerspruch auch dann nicht zu beachten, wenn derselbe mit einem Rechtsmittel vers bunden wird. Es ist jedoch auf das etwa eingewendete Rechtsmittel längstens binnen acht Tagen Bericht zu erstatten. Durch die Bestimmungen dieses Paragraphen werden etwaige Entschädigungsansprüche aus bestehenden Verträgen nicht berürt." Frankfurt a. M. Fräulein A. T. Ihr Verdacht, daß der Herr, welcher Ihnen die schönen und zu diesem Zwecke sehr passenden Verse auf die erste Seite Ihres ,, Erinnerungsbuches" geschrieben hat, soviel Boesie nicht aus sich selbst geschöpft hat, ift nur zu berechtigt. Dieselben sind ein in verschiednen Buntten nur etwas verschlechterter Abklatsch folgender zwei ,, In ein Album" überschriebener Strophen von Adolf Böttger: In zarten Seelen liegt ein Sehnen, Bergangne Zeiten frisch und jung In ferne Zukunft auszudehnen Durch Zeichen der Erinnerung, Ein dürres Blatt, ein Stein der Duelle, Moos von Ruinen, Lock' und Band Ruft neu empor die Zeit und Stelle, Wo man entzückt es brach und fand. So mag auch für die künftigen Zeiten Dies Buch voll Züge deter Hand Zurüderinnernd dich geleiten Zur Stunde, die sich dir entwant: Daß du dich bei den eignen Sprüchen Ja Tage, wo du jene schriebst, Wie in ein Beet von Wolgerüchen Erinnernd zu versenken liebst. Das Problem, lenkbare Luftschiffe herzustellen, ist einer Nachricht aus Berlin zufolge im Stadium der Lösung angelangt. Am 9. Februar fürten der Oberförster Baumgarten und der Buchhändler Dr. Wölfert aus Leipzig in der charlottenburger Flora ihren lenkbaren Ballon vor im Beisein des Dezernenten für das Ballonwesen im preußischen Kriegsministerium General Schulz und anderer Generalstabsoffiziere, neben denen Ingenieure, Techniker, Mitglieder des deutschen Vereins zur Förderung der Luftschiffart und andre Eingeladne an wesend waren. Das überraschend günstige Resultat faßte General Schulz in die Aeußerung zusammen, das baumgarten- wölfertsche Luftschiff scheine das Problem der Lenkbarkeit von Fortbewegungsapparaten in der Luft im Prinzip gelöst zu haben. Sache weiterer Studien und Experimente, insbesondere der Herstellung arbeitskräftiger und leichttransportabler maschineller Vorrichtungen wird nun sein, die bislang vielfach für unmöglich gehaltene Erfindung so zu vervollkommnen, daß das Inhalt. Im Kampf wider alle. Roman von Ferd. Stiller.( Forts.)- Die Fliederzweige. Eine einfache Geschichte von C. Dreßler. ( Forts.) Die Urkunden des Menschengeschlechtes. Von Paul Schäfer.- Allerhand russisches. Das Reichsgesundheitsamt und die Wissen schaft der Zukunft. Von Bruno Geiser.( Forts.) Frucht und Saat. Ave Caesar, morituri te salutant!( Mit Jllustration.) liner Landpartie aus dem vorigen Jarhundert.( Mit Jllustration.)- Leguan, einen Fluß überschreitend.( Mit Jllustration.) Winkeln der Zeitliteratur: Verschiedene Geschwindigkeiten. Berthold Auerbach. Das Problem, lenkbare Luftschiffe herzustellen. wissenschaftliche Auskunft. Ratgeber für Gesundheitspflege. Redaktionskorrespondenz. Nemen Sie dem Herrn Abschreiber übrigens nicht weiter übel, liebes Fräulein, daß er sich gegen den Schein ein bedeutender Dichter zu sein, in diesem Falle nicht zur Behr gesezt hat, bedenken Sie, daß Sie die Bekantschaft mit Böttgers tiefsinniger Boefie ja doch jenem Herrn verdanken. Eine ber Aus allen Allgemein Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart.( Neue Weinsteige 23.) Expedition: Ludwigstraße 26 in Stuttgart. Druck und Verlag von J. H. W. Diez in Stuttgart.