Zllustrirtes Unterhaltunqsblatt für das Volk Erscheint>vöchentlich.— Preis vierteljärlich 1 Mark 5o Pfennig.— In Hefte» ii 35 Pfennig, Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Im Kamps wider alle. Roman von Zerdinand Stisser. iAortsezung statt Schluß.) q» �"Samten und besonders die Werkmeister snlten sich durch diesen «vunsch geschmeichelt und erklärten sich mit Vergnügen dazu bereit. - �»"nd nun zum andern Punkte meiner Mitteilungen", fnr 6ranz Stein fort.„Tie geschäftlichen Konjunkturen sind gegen- vartig für mein Etablissement sehr lingünstig. Ich sehe mich aycr genötigt, von nächster Woche an eine zivanzig�prozentige �oynreduktloii eintreten zu lassen. Ich gebe Ihnen asten die kiÄrung. ich absolut nicht anders handeln kann»nd tte Sic, das allen nnsern Arbeitern ausdrücklich zu sage». Tic wit dieser Reduktion noch nicht ganz ans den Stand Tnrchschnjttslohnes in den Fabriken des buchenfelscr Kreises unnb und sie werden, sobald sich die Konjunkturen bessern und tciii Geschäft einen entsprechend großen, festen Kreis von Ab- temerii erworben hat, wieder ansgebessert werden. Vorläufig �a"." mir und meinen Arbeitern die sehr unangenemc Notwendigkeit der Lohnbeschränkung nicht ersparen." Er schwieg. Tie Beamten sahen wieder einer den ander» an diesmal noch betroffener als vorher. m �ird böses Blut machen, Herr!" jagte endlich ein aller Werkmeister,—„die Leute sind von de» politischen Geschichten aufgeregt— sie werden es sich nicht gefallen lasse» ivollcn--" (tranz Steins ernstes Gesicht verdüsterte sich zusehends. »Ich kann nicht helfen", erlvidcrte er.„Tie Fabrik besteht i°rt, wenn ich diese Reduktion dnrchfüre, sie würde, kanm begründet— den schioersten Sorgen entgegengehe», wenn ich es "cht täte. Einen bescheidenen Lohn zu bekommen, ist besser als gur keine». Wer mehr verdienen kann, dem iverde ich es nicht rrdeiikeii, wenn er mir den Rülke» kehrt." ,.Ta hatte der Schwarz also doch recht," sagte der alte Werk "cistcr, indem er sich im Aerger und in der Aufregung mit K'inec Müze auf den Schenkel klopfte. .»Welcher Schwarz und womit hatte er recht?" fragte Stein. »dem er sich in rascher Viertelswciidung zu dem Alte» kehrte. .»Run der Schwarz eben, der Kandidat von den Arbeitern— pr sagte neulich in der Versammlung, die Löhne wären grade "> unsrem Kreise hnndsmäßig schlecht, und da rief einer von '"lern Arbeitern ans der Versammlung 1 Bei uns nicht— uns mag's gehen, bei Stein nämlich. Und darauf lachte der schwarz und sagte: Wart» nur ab, wie lange der Spaß dauert. eue Besen kehren gut und——" Der Werkmeister stockte, er hielt offenbar für nicht rätlich, "ehr zu sagen. WÜkf „Sprechen Sie nur weiter, Wistmers. Sie sind ja doch nicht verantwortlich für das, was der Herr Schwarz sagt." „Na, und wenn Sie erst so'n richtiger—— ," er suchte einen Augenblick nach einem milderen Ausdruck, als ihn der in seiner Redeweise meist sehr derbe Schwarz selbst gebraucht hatte,—„so'n richtiger Fabrikant geworden wären, da würd's-- ," wieder stockte er, dann aber faßte er sich ein Herz und stieß die folgenden Worte rasch und rauh heraus,„da würd's mit den Lohnrcduktionen losgehen, daß uns asten die Augen übergehen würden." Die meisten andern von den Beamten und Werkmeistern zeigten sich über die Kühnheit des Alten bestürzt, sie schüttelten die Köpfe und brnmtc» verdrießlich oder verlegen vor sich hin. Ein Tech- niker, der bei mehreren von den übrigen schon lange in dem Ber- dachte stand, daß er sich bei dem Fabrikherrn möglichst einzn- schmeicheln gesucht, rief sogar: „Das ist eine Unverschämtheit von dem Schwarz und von dem Wistmers auch, daß er» hier wiedersagt." Aber es war kein freundlicher Blick, mit dem ihn Stein für diese seine Meinungsäußerung betrachtete und auch die Antwort klang sehr kül und abweisend: „Ich hatte Herrn Wistmers zn seiner Mitteilung aufgefordert, und ich danke Ihnen dafür, Wistmers, ich bin ein Freund der Offenheit und Gradhcit. Was den Herrn Schwarz betrifft, so hatte er ja vollkommen recht, wenn er meint, daß mich die Be- dingunge», unter denen wir gegenwärtig in unsrem Lande, insbesondere in imsrer Provinz produziren, sehr bald zwingen würden, an den Löhnen zu sparen, aber er hatte Unrecht, er urteilte leichtfertig und gehässig, falls er meinte, ich würde ans egoistischen Rücksichten, ans dem Grunde der Gewinnsucht etwa, meinen Arbeitern die Löhne kürzen. Das wird bei mir niemals geschehen,—— ich werde mich Ihnen verpflichtet fülen, meine Herren, wenn sie das den Arbeitern sagen wollen. Und nun wollen wir wieder an nnsre Arbeit gehen." Er grüßte sie insgesamt mit freundlicher Kopsneigung und die Beamten und Werkmeister gingen. In der Fabrik geschah es, wie der alte Wistmers gesagt hatte. Wie mit tclegraphischcr Geschwindigkeit lief die Nachricht von der Lohnrednktion von Arbeitssal zu Arbeitssal, überall Be- stürzung, Zorn, Erbitterung erregend. Kein Mensch wollte glauben, daß Stein gezwungen sei z» dieser so äußerst unliebsamen Maßregel. „Ter und nicht anders können!" so oder ähnlich dachten und sagte» die meisten von den Arbeitern.«So'» riesig reicher Mann, wie der! Wir wissen ja, daß er allein für das prachtvolle Ritter- g»t mehrere hunderttausende gekriegt hat, und bei der Errichtung der Fabrik, der Anschaffung der Ätaschrnen u. dgl., da wurde nicht gespart, aber an uns möcht' er jezt, was er hineingesteckt hat, gleich wieder doppelt und dreifach'rausschlagen." So redeten sich die Arbeiter immer mehr hinein in den Grimm über ihren Fabrikanten, dem sie bisher zum größten Teil durchaus freundlich gesint gewesen waren. Und noch am selben Tage wurden Stimmen laut: „Wir dürfen's uns nicht gefallen lassen." „Aber was sollen wir tun?" fragten andre. „Das fragen wir den Schwarz, der wird's uns schon sagen." Damit waren alle einverstanden. Drei Btann wurden gcwält, den Schuhmacher und Reichstagskandidaten Schwarz aufzufordern, heut Abend noch auf eine Stunde in ein Wirtshaus zu kommen, wo sich die Arbeiter der steinschen Fabrik gewvnlich von der Arbeit zu erholen suchten. Schwarz hatte an diesem Abende grade keine Bersamnilnng, freilich aber vor lauter Walvorbereitungen eigentlich keine Minute Zeit übrig; dennoch kam er,— es handelte sich um das Wol- wollen von wenigstens ein par hundert Wälern, das zu ver- scherzen ihm nicht einfiel. Die Bier- und Brantweinschenke gegenüber von Steins Fabrik war noch nie so kolossal überfüllt gewesen, als an diesem Abende. Schon lange war kein Stnl mehr zu habe», als der Schuhmacher Schwarz ankam, geleitet von den Arbeitern, welche den Auftrag ausgefiirt hatten, ihn einzuladen. Doch für ihn fand sich soforl Plaz— mehrere wollten ihm bereitwillig ihre Size einräumen. „Ich Hab schon Plaz," sagte er und sezlc sich höchst ungenirt auf eine Tischkante. „Zinn, was gibt's also?" für er laut über das ganze Schenk- zirnmer zu reden fort.„Lohnreduktion? Hab's euch ja gesagt. Ihr seid wütend darüber? Pah, es wird noch viel schlimmer kommen, bis ihr alle gründlich aufgerüttelt seid aus eurer ver- trakten politischen Gleichgültigkeit. So'n bischen Lohnreduktion hilft noch nicht viel, deswegen geht die Hälfte von euch immer noch nicht zur Wal." „Oho!" riefen die Arbeiter von allen Seiten,„diesmal gehen wir zur Wal. Keiner bleibt zuhause und keiner darf zuhause bleiben." Der Schuhmacher Schwarz nickte befriedigt. „So ist es recht— fiirts nur auch aus." „Ja, aber was sollen wir tun?" riefen wieder mehrere von den steinschen Arbeitern.„Sollen wir uns wirklich soviel von unsrem Lohn abziehen lassen?" Schwarz zuckte die Achseln. „Da ist wenig zu tun, jezt grade. Arbeiter kriegt der Stein leicht genug wieder, wenn ihr streiken wolltet; wenigstens hätte er in ein par Wochen ganz bestirnt wieder, soviel er braucht." „Das wäre aber auch garnicht schön," ertönte jezt eine beinahe salbungsvolle Stimme,„jezt grade die Arbeit einzustellen, wo der HerrZvviel und so notwendig zu arbeiten hat." Der Schuhmacher Schwarz sah sich nach dem Sprecher um. Als er bemerkte, daß derselbe kein geivönlicher Handarbeiter sein könne, verfinsterte sich sein Gesicht. „Das glaub' ich nicht," sagte er.„Wenn der Stein jezt viel und notwendig zu tun hätte, würde er doch wol nicht die Löhne zurückschrauben wollen. Das tun die meisten denn doch blos,wenn's zu hapern anfängt mit der Arbeit." „Ich weiß es aber," antwortete dieselbe Stimme. „Es ist der Techniker Faber aus unsrer Fabrik," riefen die Arbeiter.„Der wird es schon wissen." (£•;- war derselbe Techniker, der heut Rachmittag im steinscheu Koinptoir sich so entrüstet über den alten Willmers geäußert hatte. ..Der Schuhmacher Schwarz betrachtete ihn aufmerksam und mißtrauisch. „so? Und was wissen Sie also, Herr?" fragte er. .„.Ich weiß, daß Herr Stein Beiträge mit Grossisten abge- ichlossen hat, wonach er bedenteiide Ouantitüten von Waren binnen kurzem zu liefern hat und Konventionalstrafen zu zalen hat, wenn er nicht liefert. Und da mir das Wol der ganzen Fabrik, des Fabrikherru sowol als der Arbeiter, am Herzen liegt, sag' ich euch, Leute, halt ich's für ein schnödes Unrecht, wenn jezt die Arbeit eingestellt werden sollte— das würde unfern Herrn Stein warscheinlich in die ärgste Verlegenheit bringen nnd er würde das euch Arbeitern gewiß nie verzeihen." „Ach was, er soll uns nicht verzeihen— er soll uns nur, wie sich» gehört, bezalcn," riefen viele. Um den Mund des Schuhmacher Schwarz hatte sich ei» spöt- tisches Lächeln gelegt. „Wenn es der Kerl wirklich mit seinem Fabrikhcrrn gut meint, so hat. er sich als der größte Esel auf Gottes Erdboden gezeigt, als er uns das verriet," sagte er leise zu einem der Arbeiter, die mit ihm gekommen waren. Und daß es alle hören kontcn, sprach er dann: „Sie mögen es mit ihrem Fabrikherrn gut meinen und mit wem sie sonst wollen, der Fabrikherr aber meint es nicht gut mit seinen Arbeitern, sonst würde er ihnen das bischen Lohn gönnen. Daß er grade jezt, Ivo das Geschäft Ihrer Behauptung nach vollauf Arbeit hat, die Löhne'rnntcrdrücken will, das kennzeichnet den Herrn zur genüge. Nicht Ihr Leute?" „Und wie!— S'ist abscheulich! So einer kann aber nie genug kriegen!" riefen die Arbeiter aufgebracht durcheinander. „Erst will unser Herr Stein eben was Tüchtiges verdienen warscheinlich," schrie der Techniker in den Tumult hinein,„damit er dann, wenn er ein ordentliches Vermögen hat und seine Fabrik die schlechten Zeiten nicht mehr zu fürchten braucht, seinen Arbeitern einen anständigen Lohn geben kann— so was glaub' ich gewiß von unferm Herrn!" „Das kennen wir!" entgegnete der Schuhmacher Schwarz trocken. Dann wante er sich zu den Arbeitern.„Wenn das ganz sicher ist mit den großen Austrügen und der Konventionalstrafe, so dächte ich, steckt ihr euer gutes Herz einmal ein bischen beiseite und seht zu, ob der Herr Stein nicht vielleicht seine ganze Fabrikarbeit allein fertig kriegt. Der Herr hier könte ihm i» mit seiner riesigen Liebe und Anhänglichkeit dabei helfen. So'n bischen Streik meine ich— was sagt ihr dazu?" „Bravo!" erschallte es aus hundert Kehlen,„ja, das wollen wir! Wir wären Narren, wenn wir die gute Gelegenheit nicht beniizten." Ter Techniker wollte reden. Aber man ließ ihn nicht zu Worte komme». Tie Arbeiter riefen ihm zu, er solle lieber mache», daß er fortkomme. Solche Leute brauchten sie nicht. Er könne ja arbeiten. Es hätte nicht viel gefehlt, so wäre er ans dem Lokal hinausgeworfen worden, da er mit seinen Bemühungen, sich Gehör zu verschaffen, nicht aufhörte. Ueber die Unvernunft und Schlechtigkeit der Arbeiter räsonnirend ging endlich� der Techniker von bannen. Er begab sich schnurstracks nach Franz Steins Privatwohnung und ließ diesen durch den alten Diener bitten, ihm in einer sehr wichtigen Geschäftsangelegenheit noch so spät Gehör zu schenken. Stein arbeitete. Um eine kurze Mitteilung oder Anfrage in Empfang zu nernen, dazu habe er Zeit, ließ er dem so spät er- scheinenden Besuche sagen. Es sei auch nur eine kurze, aber inhaltschwere Mitteilung, die er bringe, sagte der Techniker, nach dem überhösliche» und unterwürfigen Gruße, mit dem er in Steins Arbeitszimmer ein- getreten war. „Ich komme direkt von einer Besprechung, welche die Arbeiter unsrer Fabrik in der Lohnrednktionsangelegenheit gehabt haben." Er hielt einen Moment inne, wie um die Wirkung zu bco dachten, welche diese Einleitung auf Stein hervorbringen möchte. „Run und?" fragte dieser sehr ruhig. „lind— s'ist wirklich abscheulich undankbar— aber ich habe sie nicht davon abbringen können, trozdem ich mir die größte Mühe gegeben habe,— geprügelt hätten sie mich beinahe— l'C wollen sich's nicht gefallen lassen." „Nicht gefallen laffen? Was wollen sie dagegen tun?" „Die Arbeit einstellen. Keiner will auch nur eine Stunde zu dem herabgesezten Lohne arbeiten." „Glauben Sic, daß die Leute ihr Vorhaben einmütig oder auch nur zum größten Teile ausfüren werden?" „Das glaub ich ganz gewiß. Denn die sind von dem infame» Kerl, dem Schwarz, anfgchezt— der hat die ganze Geschichte' arrangirt, nnd— weil ich dem öffentlich widersprach und che Leute aufforderte, vernünftig zu fein und zu glauben, daß Sie, hochgeehrter Herr, ihre guten Gründe zu der Lohnreduktion haben müßten und sicher später wieder die alten Löhne einfüren würden, sobald die Geschäftslage es Ihnen erlaube, deswegen haben)lC mich beschimpft und gestoßen und am Ende zur Wirtschaft hinaus- gedrängt?" Franz Stein sah dem Sprecher prüfend ins Gesicht. „Wenn Sie das Interesse meiner Fabrik wargenommen haben Herr Faber, so danke ich Ihnen," sagte er— aber one alle Äärme im Ton.„Was ich angesichts der drohenden Arbeits- cinstellung zu tun habe, werde ich mir überlegen." Er griff nach der Feder. Aber Faber hatte noch etwas zu sagen: „Dürste ich mir noch eine Bemerkung erlauben?" „Bitte." „Vermöge meiner Ersarungen in meinen früheren Stellungen wäre ich warscheinlich imstande, binnen sehr kurzem auszuforschen, wo für uns brauchbare Arbeitskräfte zu haben wären, und ich würde gern bereit sein, sie rechtzeitig zur Stelle zu schaffen--" „So?" Wieder schaute Franz Stein den Techniker prüfend an.„Sehr freundlich. Ich werde Ihre Hülfe nach dieser Richtung hin selbstverständlich nicht zurückweisen, wenn ich derselben be- dürfen sollte. Also bis morgen, Herr Faber, und nochmals meinen Dank!" Der Techniker ninßte nun wol oder übel sich verabschieden. Aber er tat es nicht sehr zustieden niit dem Erfolge seiner Dienst- Willigkeit, und als der alte Diener die Vorsaltür hinter ihm geschlossen hatte, brnmte jener in den Bart:„Unausstehlicher zugeknöpfter Kerl— der,— na, mir kann's egal sein, kann ich bei dem nichts ordentliches verdienen, so müssen die Pfaffen her« halten. Dem Domherrn muß ich so wie so gleich berichten, wic's hier steht." ** * Franz Stein arbeitete, bis der Morgen graute. Dann legte er sich zu kaum zwei Stunden unruhigen Schlafes nieder. Er träumte von seiner Frieda einen schreckensvollen Traum. Er ah sie im Brautschmucke vor sich stehen— ganz in weiße Seide gehüllt, über deni weißen Kleide den langen, weit über die Füße hinabwallenden duftig zarten Brautschmuck. Sie trug den Myrten- kränz im Har und in der Hand die Knospe einer weißen Rose. Langsam und wie feierlich ernst beugte sie sich über ihn und küßte ihn auf die Stirn. Da, als er sie mit beiden Armen um- schlingen wollte, sank sie zu Boden, one daß er sie aufrecht zu erhalten vermochte und— o Grauen! als er nach ihr hinab- schaute, da sah er, daß dicht neben seinem Bette ein schwarzer Sarg stand, indem sie jezt ausgestreckt, so, als ob sie sorgsam hincingebettet worden sei, lag— leichenhast starr— das liebe Auge gebrochen, keine Spur von Lebensröte aus den eben noch so frischen Wangen, den Myrtenkranz von einem Cypressenzweig verdeckt. Dieser Traum ergriff ihn furchtbar— er erwachte jählings mit dem lauten Schrei: Frieda, Frieda! gleichzeitig sprang er auf und sah tiefentsczt und verstört ringsum. Er vermochte sich nur schwer zu beruhigen, und sich von neuem zum Schlafe niederzulegen, war ihm völlig uiimöglich. So sezte er sich wieder zur Arbeit, nachdem er beschlossen hatte, mit dem nächsten Eisenbahnzuge zur Stadt zu faren. Und er tat, wie er beschlossen hatte. Doch hatte er nicht versäumt, sich Gewißheit zu verschaffen über die Absichten seiner Arbeiter. Die Werkmeister bestätigten, was der Techniker Faber ihm be- richtet hatte.. � Schweren Herzens reiste Franz Stein nach der Hauptstadt. Eine Droschke fürte ihn nach der Wohnung seiner Braut. Sie konte bereits wieder zuhause angekommen sei», denn Franz Stein wußte, daß sie an diesem Tage stets um elf Uhr des Vormittags ihre Unterrichtsstunden beendet hatte. Aber er fand ihre Tür fest verschlossen. Zinn ivollte er stch nach deni Institut der Frau Krause begeben. Als er jedoch die Treppe hinabzusteigen begann, öffnete sich eine Tür und eine Frauenstimme rief:_.> „Ter Herr wünschen wol zum Aräulei» Häßler. „Zu meiner Braut," antwortete er.„Mein Name ist crraiiz Stein." „Ah, sehr erfreut, die werte Bekantschast zu machen," Jagte Frau Zampel, indem sie auf die Treppenflur trat.„Das Frau- lein ist aber nicht zuhause— muß wol verreist sein— denk ich »lir. denn sie komt auch in der Nacht nicht mehr nachhause. Ein jäher furchtbarer Schreck durchzuckte Franz steinS Brust "ud geivaltsam mußte er sich fassen, um seine Bestürzung nicht deutlich zutage treten zu lassen. „Sie wissen nichts Näheres über den Ausenthalt meiner Braut.- sie ivar doch nicht etwa krank?"_,., „Nein- krank wird sie wol nicht grade gewesen sein, och weiß übrigens wirklich nichts, rein garnichts von deni Fräulein— nur das weiß ich, daß sie sich in der lezten Zeit sehr gegrämt hat, daß sie nicht glücklich war— sonst iveiß ich wirklich gar- nichts, denn s'ist eben nicht meine Manier, mich um die Ange- legenheiten meiner Mitmenschen zu kümmern—2 ganz gewiß nicht." Franz Stein betrachtete die Frau mit weitgeöffneten starren Augen. „Sie hat sich gegrämt, sie war unglücklich-- weshalb?" „Weshalb— ja weshalb!? Sie wird sich wol gar zu einsam gefült haben— sie hat doch gar keine Abwechslung, auch kein bischen Zerstreuung gehabt, immer hat sie so allein gesessen, immer hat sie gearbeitet— und— das kann ich Ihnen sagen, mein Herr, so etwas hätt' ich auch nicht ausgehalten, wär ich so ein junges Blut, und das hält ehen kein Mensch aus— da soll mir mal einer, der» versteht, sagen, ob man da nicht rein tiefsinnig werden muß— ja tiefsinnig sag ich Ihnen, mein Herr." In Franz Steins Gesicht hatte, Wärend die Frau spizen, malitiösen Tones diese Worte herausstieß, keine Muskel gezuckt— nur die Lippen hatte er fest aufeinandergepreßt und keinen Blick von dem aller karakteristischen,' scharfen Züge baren schwaminigen Gesichte der Frau abgewant. Als sie geendet, griff er an den Hut, wante sich und ging eiligen Schrittes die Treppe hinunter. Die Frau Zampel war sehr befriedigt. „Da Hab' ich's einem mal ordentlich gegeben— wie er's verdient hat-- genau so. Na, ich wünschte blos, sie wär' ihm durchgebrant,— ob er sich was daraus machen möchte, ist frei- lich sehr fraglich.", Für die Frau Zampel mußte das fraglich sein, für den vorurteilsfreien und scharfsinnigen Menschenkenner aber, der Franz Stein jezt beobachtet, wie er in großen, gewaltsam beschleunigten Schritten dahinstürmte, wie sich seine breite Brust in raschen, kurzen Atemzügen hob und senkte, wie er so düster und bleich dareinschaute,-- für einen Menschenkenner wäre es, selbst wenn er Franz Steins Beziehungen zu Frieda Haßler nicht minder oberflächlich gekaut hätte, als Frau Zampel, fürwar keine Frage gewesen, ob es Stein zu Herzen gegangen wäre, wenn er sein Mädchen hätte verlieren müssen. In kurzer Zeit war er an dem Institute der Frau Krause angelangt. Im Erdgeschoß wohnte der Schuldiener. Bei diesem erkundigte er sich zunächst»ach Frieda. Der Mann sah ihn ernst und verwundert an und erwiderte, was mit dem Fräulein eigentlich geschehen sei, wisse er nicht, aber sie müsse wol krank sein, denn sie käme seit niehrcren Tagen nicht mehr zur Schule. „Krank!" schrie Franz Stein auf und wieder sah er den Sarg neben seinem Bett stehen und die bräutlich geschmückte Leiche darin, bei der der Eypressenzweig die jungfräuliche Myrte bedeckte. „Wissen Sie das gewiß— ist sie etwa gar schon tot? Reden Sie, Mann— sagen Sie mir die Warheit— ich will Ihnen reichlich lohnen— reden Sie nur!" Ter Schuldiener schüttelte den Kopf—— „Nein, nein", sagte er,„tot— das ist ja unmöglich, dann hätte doch irgend ein Mensch im Institute ivas davon erfaren Also regen Sie Sich nicht so ans und ängstigen Sie Sich nicht, Herr— sie war ja so jung und kräftig und so gut—, aber ich kann Ihnen warhaftig nichts weiter sagen, weil ich auch kein Sterbenswörtchen weiß, aber gehen Sie doch zu unserer Frau Direktorin, die wird Ihnen Auskunst geben können." Franz Stein griff hastig in die Tasche und drückte dann dem Schuldiener ein Geldstück in die Hand, über dessen Betrag der mit den Sorgen der Existenz stets in hartem Kampfe liegende Mann in augenscheinliches Entzücken geriet. Diensteifrig begleitete er Franz Stein zum Dircktorialzimmer hinauf und meldete ihn an. Die Frau Direktorin hörte kaum den Name» Stein, als sie sehr eilfertig und vernenilich entgegnete, sie müsse bedauern, sie sei sehr beschäftigt., Franz Stein hatte sehr wol gehört, was sie sagte, und er hatte auch ans dem Tone, in welchem die Abweisung«geschah, sofort entnommen, daß die alte Dame gegen ihn eingenommen sein müsse. Aber er war nicht in der Stimmung, sich abweisen zu lassen— er wollte und mußte erfaren, wie es mit Frieda stand— und sei es zehnmal auf die Gefar hin, ungezogen und ausdringlich zu erscheinen. Er trat daher in die Tür des Dirck- torialzimmers, welche der Schuldiener zu schließen zögerte, ver- — 324 neigte sich eilig, aber sehr höflich und begann mit mühsam unter- Wvhin— daran dachte er erst im Vor>värtseilen. drückter Bewegung: Wohin anders zunächst, als nach der Wohnung von Frieda „Hochgeehrte Frau, ich bitte Sie auf das allerdringendste um Haßlers Bruder. Emen kurzen Augenblick hemte er seinen Schritt. eine ganz kurze Auskunft. Ich bin der Verlobte Frieda Haßlers,— hatte er nicht eine arge Torheit begangen, daß er dem Schul- von der ich seit beunruhigend langer Zeit keine Nachrieht mehr diener gegenüber eine so beträchtliche Belohnung auSsezte für eine erhalten. Heut komme ich mit schmerer Sorge um das Wol meiner geliebten Braut in die Stadt und in ihre Wohnung— ich finde sie nicht vor— ich erhalte weder eine Auskunft, wie es ihr geht, noch wo sie ist, auch Ihr Schuldiener kvnte mir nichts weiter sagen, als daß meine Braut ihre Lektionen seit mehreren Tagen eingestellt habe— wol wegen Krankheit. Ich hoffe, daß meine gewiß sehr natürliche Erregung mir bei Ihnen zur Entschuldigung dient—, und haben Sie nur die große Güte, hochgeehrte Frau Direktor, mir zu sagen, wo meine Frieda ist und wie es ihr geht--" Mit höchster Spannung schaute er der Frau Kraute in die Augen und aus die Lippen. Diese hatte sich, Wärend er sprach, erhoben und maß ihn mit so beleidigend kalten Blicken, wie ein unerbittlicher Richter einen todeswnrdigen Verbrecher. Langsam Hub sie zu sprechen an, so langsam, als wenn sie wirklich bewußt wäre, ein Todesurteil auszusprechen. „Ich habe dem Herrn Fabrikanten Franz Stein garnichts weiter mitzuteilen, als daß Fräulein Haßler für ihn niemals wieder— sichtbar sein wird. Und auch ich bitte damit diese Unterredung beendet sein zu lassen." Dabei kehrte die alte Dame im Bewußtsein ihrer unendlichen sittlichen Erhabenheit über einen so verächtlichen Sünder, wie ihr Franz Stein einer zu sein schien, den Rücken und ging so ge- schwind es ihre Korpulenz erlaubte, zu der dem Eingang in ihr Direktorialzimmer gegenüberliegenden Tür hinaus. Franz Stein bebte am ganzen Leibe vor Aufregung und Em- Püning. So mußte er sich behandeln lassen— er faßte sich an die Stirn— war er denn ein Verbrecher, ein verächtliches Sub- sekt,— aber sofort raffte er sich zornfunkelnden Auges auf, nein, rief es in ihm,— du hast all' diesen Menschen, die dich in lezter Zeit verlezen und beleidigen, nichts, absolut garnichts getan,— ihre Torheit und Blindheit, ihre fanatische Unduldsamkeit, viel- leicht im Verein mit einer Kette unbegreiflicher Mißnerständnisse ist es, die dir so schmachvolle Auftritte bereitet. Er kehrte sich entschlossen und energisch um und ging zur Tür hinaus, zur Treppe hinab. Ter Schuldiener hatte teils aus Neugierde, teils ans auf- richtigem Mitgeftil kein Wort von dem verloren, was zwischen seiner Direktorin und dem ihm schon wegen des unerhört noblen Trinkgeldes äußerst sympatischen fremden Herrn verhandelt worden war. Als stein sich zum Gehen gewendet, war er beiseite getreten und ihm dann zur Treppe hinunter nachgefolgt. Im Momente als jener durch die große Eingangspforte auf die Straße hinaustreten wollte, trat er ihm, unterwürfig die Aiüze ziehend, zur Seite. „Entschuldigen der Herr— ich will mich gewiß nicht auf- drängen," sagte er,„aber vielleicht tönt' ich dem Herr noch nüz- lich sein■——" Franz Stein blieb stehen und kehrte dem Manne sein geister- bleiches Gesicht zu. „Möglich," stieß er hervor,„und Sie sollen fürstlich— hören Sie! fürstlich belohnt werden, wenn Sie mir nitzlich sind. Ich muß.unter allen Umständen so schnell als nur irgend möglich genaue Kunde über den Ausenchalt und das Befinden meiner Braut haben,— verschaffen Sie mir diese Kunde und es soll mir auf hundert Taler nicht ankommen!" Dem armen Teufel von Schuldiener blieb der Mund weit offen stehen. „Hu— hundert Taler?" stotterte er.„Das— das ist ja garnicht möglich!" „Hundert Taler, Mann, ich bin der Fabrikant Franz Stein auf Seifersdorf, und ich verspreche Ihnen auf Manneswort 100 Taler Belohnung, wenn Sie mir heute noch die Kunde von meiner Braut bringe». Im Hotel zum weißen Adler werde ich den ganzen Tag über zu erfragen tein. Sie suchen mich auf, wo ick? auch sei und melden mir persönlich, was sie erfaren. Abgemacht— wie?" „Gewiß, Herr— abgemacht- abgemacht. Ich gehe für Sie durchs Feuer und ich bring Ihnen die Nachricht, wenn ich - w-**■***" im Btumiidmtt 00,1 tarn,„i. Er lad,,, bin,, IM Cl,t-n», - 325- wenn er nicht ettva auch wider ihn im Bunde war. Wäre sichtslosigkeit obwaltete. Aber mochte auch die Ursache sein, welche es nicht seine Pflicht gewesen, ihm, dem Verlobten seiner Schwester, sie wollte,— in jedem Falle mußte Ernst Auskunft geben können, jene Kunde längst unaufgefordert zugehen zu lassen? Taß mit und Franz Stein war entschlossen alle Mittel anzuwenden, ihn Frieda etwas ganz außergewönliches vorgegangen, stand über im äußersten Notfalle zum Sprechen zu zwingen. alleni Zweifel— tvarum hatte auch Ernst Häßler ihn und sein Der Weg nach Ernst.Haßlers Wohnung war nicht weit. RSSSSKSKW kaum anznnenieii, daß da nichts weiter Binnen wenigen Minuten sprang Stein die drei Treppen zu dem kleinen Gar?onlogis hinauf, das er bewohnte. (Fortsezung folgt.! 326 Die Urkunden des Menschengeschlechtes. Von"Paul Schäf«r. (Schluß� Ein etwas vollständigeres Bild gewären uns Höhlenfunde, welche im Innern Frankreichs gemacht wurden. Bei dem Bau der Eisenbahn von Orleans nach Agen im Perigord deckte man nach und nach sechs Knochenhöhlen auf, welche künstlich bearbeitete Rengewcihe und Steingcrälschaften enthielten. In einein dieser Schlupfwinkel bei Erv-Biagnon fand man die Schädel und Skelette von zwei Männern und zwei Frauen; diese Menschen lebten von der Jagd. Als Wild waren Pferde sehr beliebt; die Knochen derselben zeigen keine Brandspuren, das Fleisch wurde daher entweder roh gegessen oder gekocht, vielleicht in wasserdicht geflochtenen Körben, wie es auch heut bei einigen Jndiancrstämmen Nordamerikas gebräuchlich ist: sie bringen das Wasser in hölzernen Gefäßen dadurch zuni Kochen, daß sie heiße Steine hineinschütten; in der Tat finden sich bei den Aschenresten der Cro-Magnonhöhle Geschiebe, welche einen derartigen Gebrauch erraten lassen. Tic häufigeren Funde von Alen, Pfeilspizen mit und one Widerhaken, Schnizereien in Horn wurden auch hier gemacht. Tie Puzsucht der alten Bewohner der Tordogne präsentirt sich in einem weichen roten Ocker, welcher zum Bemalen der Haut diente, in Hals- bändern von Tierzänen und Muscheln, welche vom atlantischen Strande stammen, in Stücken von Bergkrystall, welcher erst in den Alpen wieder vorkomt, den Hörnern Oer Saigaantilope, welche erst in Polen ihr nächstes Verbreitungsgebiet hat. Diese Gegen- stände können kaum anders als durch Tauschhandel an den Fundort gelangt sein. Eine gewisse künstlerische Tätigkeit zeigt sich in den auf Zänen eingeriztcn naturgetreuen Abbildungen und Schnizereien in Horn von Fische», Renen, Menschen mit großer Deutlichkeit und Lebensbewcgung; ein Mammut in schrei- tender Stellung niit langzottigem Pelz, auf einem Mammutzan cingerizt, wurde erst für betrügerisch und untergeschoben erklärt, aber von den Altertumsforschern für alt und echt anerkant. Mit den aufgefundenen Nadeln näte man one Zweifel, wie hcnt die Eskimos, Ticrfelle zusammen. Die Jäger der Tordogne waren von stattlicher Größe und gewaltigem Körperbau, der Sckädel länglich, das knöcherne Antliz, abgesehen von den etwas kräftig ausgebildeten Kiefern, überrascht durch die Schönheit seiner ovalen Umrisse. Der geräumige Schädel, von 1590 Kubikcenti- meter bei der männlichen, 1450 Kubikcentimeter bei der.weiblichen Gehirnkapsel*) deutet, wenn der Schluß erlaubt ist, auf eine hohe Begabung. Die Schädel der belgischen Höhlen zeigen eine mehr rund- lickie Form; man fand dort neben den Resten des Rentiers auch Knochen des Schafes und der Ziege, so daß die dortigen Be- wohner anscheinend friedliche Hirten waren. Der Mensch trat also im westlichen Europa nachweislich auf, noch wärend die Gletscher eine bedeutend größere Ausdehnung hatten; zugleich sind die Beweise seiner Kultur, da wir gering entwickelte Verkehrs- und Handelsverhältnisse. Bekantschast mit dem Feuer, Waffen, den Geräten, Puzgegenständen vorfinden, so hoch zu stellen, daß wir schon eine vorhergegangene Entwicklung voraussezen müssen. Ernst Höckel sagte daher, der tertiäre Mensch sei nur noch ein Problem, d. h. er spricht seine wisffnschastliche Ueberzcugung dahin ans, daß sich die Spuren des Menschen auch»och aus Schichten nachweisen lassen würden, welche vor der Eiszeit entstanden sind. Die darwinistische Anschauung ver- langt, daß sich in jenen Schichten der Tertiär- und Eiszeit auch die Ueberreste jener Affenarten vorfinden, welche den allmälichen Uebergang zwischen dem Menschen und den menschenähnlichen Affen vermitteln. Solche Reste sind bisher nicht gefunden; die vorhandenen Schädel und Skelette beweisen, daß die ältesten Menschen, sowie alle gegenwärtigen Rassen|fich untereinander viel näher stehen, als dem höchsten Affen, daß sie also neben dem Affen eine selbständige Stellung im Tierreich einnemen. Dies ist aber nicht als eine Widerlegung der Descendenzteorie anzusehen, denn einerseits ivird dieselbe durch eine Reihe anderer Ericheinungcn genügend gcstüzt, andrerseits leben die Geologen der Hoffnung, daß auch jene oft verlangten Bindeglieder zwischen *> Vergleichsweise sei angefürt, das; der Kubikinhalt'cines Schädels heul beträgt beim Manne 1450 cbcm, Weibe, 1300 cbcm; der größte normale Schädel enthielt 1800� cbcm, beim Mikroccphalc» mißt er 700 cbcm, beim Zlffcn 400 500 cbcm; 1000 cbcm= 1 liter. Menschen und Affen sich noch werden nachweisen lassen, wie die Bindeglieder zwischen anderen Gattungen der Wirbeltiere bereits gefunden sind. Auch die andere Frage entsteht, ob sich die seitdem verflossene Zeit annähernd nach Jartausenden oder Jarmillionen ausdrücken lasse. Man hat den Versuch gemacht, sich teilweise! scheinbar tvidersprechende Tatsachen zu vereinigen. Für das Verschivinden oder Aussterben einzelner Arten darf man nicht zu hohe Zeit- räume in Anspruch nemen. Als die europäischen Entdecker nach dem indischen Ocean kamen, fanden sie noch den zwischen Gans und Ente stehenden Todo auf Mauritius vor, auf Madagaskar und Neuguinea bestätigten aufgefundene Knochen und Eier die Sagen und Erzälungen der Eingeborenen von den alten Riesen- vögeln; sie konten erst seit kurzem verschwunden sein. Noch im vorigen Jarhnndert lebte im Beringsmecr das Borkentier, ein an den Küsten lebendes, pflanzenfressendes Mecrtier; binnen kurzer Zeit verschwand der flügellose Alk aus Nordeiiropa. Daß andere Arten noch um den Anfang unserer Zeitrechnung eine allgemeine Verbreitung hatten in Deutschland, jezt auf eng um- grenzte Bezirke beschränkt sind, wie die großen Rinderarten(Auer- ochs oder Wisent) ist bekant; ebenso, daß selbst Menschenrassen sich anderen gegenüber nicht halten können, die Indianer ver- schwinden mit dem Büffel, die Hottentotten und Buschmänner vor den andringenden Negern und Europäern in erstaunlich kurzer Zeit. Tie Geologie gibt eine andere Antwort. Die seit der Eiszeit Wärend des Diluviums und Alluviums gebildeten Schichten haben eine Mächtigkeit von 500 bis höchstens 700 Fuß. Die Beobachtungen des Wachstums der Schuttkegel an den Gießbächen der Gebirge, der Torfmoore, des Schwemmlandes der Flüsse n. s. w. sollten einen Maßstab ergeben; der Mississippi, welcher doch starke Alluvioncn ablagert, würde erst in 100 000 Jaren eine 600 Fuß hohe Schicht anschwemmen. Auch die Beobachtungen am lltil haben kein sicheres Resultat ergeben; es wurden 96 Borlöcher in vier Reihen vom Nil bis zu 2 deutschen Meilen Entfernung abgeteuft: die meisten dieser Ausgrabungen lieferten aus ver- schiedenen Tiefen Reste von Haustieren, Trümmer von Backsteinen und Geschirren. Nicht immer verstattetcn solche Reliquien eine befriedigende Zeitbestimmung, da die Schichten des Nilschlaiiimes von Sandlagern durchsezt waren. In unmittelbarer Nähe jedoch des Steinbildes Ramses II. bei Memphis wurde unter Schichten reinen Nilschlammes, welche nicht vom Wüstensande überweht waren, aus 39 engl. Fuß Tiefe ein rot gebranter Tonscherben hervorgezogen, um welchen viel gestritten worden ist. Die an der Statue des Ramses abgelagerte Nilschicht beträgt 9 Fuß 4 Zoll, ungerechnet eine Sandschicht von 8 Zoll, das Ramsesbild wurde 1361 v. Chr. errichtet, die Schichten würden dann im Jarhundert 37, Zoll mächtig werden, und jener Scherben müßte danach 11646 Jare vor Christi Geburt gebraut worden sein. Ein so hohes Alter erscheint den Historikern unglaublich, trozdem müßte der Scherben nach Peschel mindestens um 4000 Jare älter sein, als die Statue des großen Ramses. Um schließlich noch ein Urteil anzusüren: die Anden Südamerikas sind Ablagerungen der Tertiärzeit, sind aber seitdem bis zu 18— 19000 Fuß Höhe gehoben worden. Wenn hiermit die säcularen Hebungen ver- glichen werden, so würde diese Hebung 70 000 Jare Zeit beanspruchen; nun ist sie aber weder stetig noch gleichmäßig gewesen, die Anden sind seit ihrer Entstehung wiederholt vom Wasser wieder überflutet worden, die Hebung wurde durch Perioden der Senkung unterbrochen, jene Zeit würde also»ocki um vieles zu kurz gemessen sein. Es haben mehrere Wissenschaften Interesse daran, diese Frage genau beantwortet zu sehen. Die ältesten Völker, welche uns die Gcschichte»kenncil lehrt, die Semiten. Vorderasiens treten bereits mit einer so hohen Kultursauf, daß'sie bereits eine lange Eni- Wicklung durchgemacht haben müssen; sie wissen die Metalle zu gewinnen, zu»fischen und künstlich zu bearbeiten, sie haben die Wcbindustrie zultBlüte gebracht, sind erfaren in allen Zweigen des Jngenieurfaches, das Geld als Wertmaß ist eingefürt, die Knnsttätigkcit eine bedeutende, Ackerbau und Viehzucht sind längst bekant. Und doch wollen die Geschichtsforscher die zu einer solchen Entwicklung nötige Zeit nicht, ans mehr als Jartausende, höch- stens wenige Jarzehntausende schäzen. Es ist hiergegen einge- wendet worden, daß der Knlturfortschritt gegen jene älteste Zeil, also seit 4tXX) Jaren, heut garnicht so bedeutend sei, die vorher- liegende Entwicklung also auch aus eine höhere Zal von Jar- taufenden angenommen werde» müsse. Bemerkenswert ist, daß die geologischen Erscheinungen einstimmig auf eine sehr lange Entwicklung deuten. Im Ganzen aber sehen wir hieran, daß eine Beantwortung der Frage nach dem Alter der Erde und des Atenschengeschlechtes noch sehr wol zu erwarten ist, zumal wenn wir die Resultate der modernen Astronomie werden mit in Betracht ziehen können. Bedeutend jünger als die angefürten, aber immer noch einer Zeit angehörend, welche sich der historischen Betrachtung völlig entziet, sind die folgenden Ueberrestc der alten Bewohner Europas. In Dänemark findet man am Mecresstrande langgestreckte Hügel bis zu 3 Meter Höhe, G Meter Breite und 30 bis 500 Meter Länge, welche in der Hauptsache aus Muschelschalen bestehen; sie liegen meist unmittelbar am Meere, einzelne finden sich noch in zwei geographischen Meilen Entfernung von demselben. Früher hielt man sie für Reste von Muschelbänken; seit 1847 aber wurde durch die dänischen Altertnmsforschcr Steenstrup, Forchhammer und Worsaae festgestellt, daß sie einem Bolkc der Steinzeit ihre Entstehung verdanken, welches an jenen Küsten von Fischfang und Jagd lebte und die Ueberbleibsel seiner Malzeiten zu großen Schutthaufen zusammenwarf. Seitdem hat mau auch in anderen Gegenden solche Lüchenabfälle, Kjökkenmöddinger(Kücheumoder) untersucht. Sie finden sich noch in England und Schottland, in Rorwegen bei Drontheim, in Lappland, am Kanal, dann aber auch am Mittelmeer an der Rhonemündung, in Südamerika an der Ostküste von Brasilien, in Ziordamerika, Grönland, am stillen Ozean. Die Schalen, welche die Küchenabfälle bilden, sind die der Auster und in geringerer Menge anderer eßbarer Muscheln, der Herzmuschel, Miesmuschel, Uferschnecke, zweier Arten der Krull- schnecke, der Bcnusmuschel. Bon Krustentieren sind Reste von Krabben vorhanden und in größter Menge Fischgräten des Hörings, Dorsches, Aales und der Scholle. Bon Wild finden wir Knochen der wilden Enten, Gänse, Schwäne, des Tauchers, Auerhahns; von Säugetieren Skelctteile von Hirschen, Rehen, Auerochsen, Wildschweinen, Bibern und Seehunden, seltener von Raubtieren, wie Wölfen, Füchsen, Luchsen, Wildkazcn, Mardern und Fisch- ottern. Bon Hasen finden wir keine Spur, welcher vielleicht für unrein galt, wie heut noch bei einigen Völkern, z. B. den Lappen, ebensowenig von Schwalben, Sperlinge», Störchen, welche doch an anderen Orten aus derselben Zeit vertreten sind. Die augefürtcn Tatsachen sind im Zusammenhange mit an- deren einer sehr klaren Deutung fähig. Der Kreideboden Dänemarks ist ein Gebild der jüngeren Tertiärzcit. Nach der Eiszeit war jenes Jnselgebiet zunächst Steppenlandschaft, dann erst brachte es Wälder hervor und zwar wechselte» dieselben insofern, als zunächst Zitterpappeln, dann Fichten, später Eichen und in jüngster Zeit Buchen den Bestand bildeten. Die dänischen Torsmoore weisen diesen Wechsel nach. Run ist der Auerhahn an die Fichten- Waldungen gebunden, welche ihm durch die jungen Triebe dieser Bäume Narung gewären. In jene Zeit also, in welcher die Fichte den herschenden Waldbanm bildete, ist die Entstehung der Kjökkcnmöddiugs zu versezen. Damit stimt einerseits das Bor- kommen des Tauchers überein, welcher schon längst nicht mehr in jenen Breiten heimisch ist, andrerseits das Borkommen der Auster. Diese lebt nur im Salzwasser. In der Zeit, in welcher die Ostsee erst jüngst durch die Erhebung des sarmatischen Tief- landes vom weißen Meer getrent ivard, enthielt sie sowol wie die�Mecresarme, welche sie mit der Nordsee verbinden, Salz Wasser, Ivärend der Salzgehalt seitdem nach und nach durch das Süßwasser der in sie einmündenden Flüsse und die Absperrung vom Ozean immer mehr vermindert worden ist; daher kann die Auster heut nicht mehr an den dänischen Inseln leben. Auch war jcnes Bolk in gewisser Weise seßhaft, denn der Schumi, ziet im Sommer nordwärts und hält sich nur im Winter in diese» Ge- wässern auf, so daß also die Bewohner auch im Winter im Lande blieben. Die Muscheln wurden nicht mit Instrumenten geöffnet, sondern durch Erhizcn über dem Feuer; Aschen- und Koleurestc finden >ich gleichfalls in den Abfällen. Die Röhrenknochen sind auf- gebrochen; dies tun nur die Menschen, wenn sie zum Mark ge- wngen wollen, wärend Tiere die Knochen zerbeißen und die Splitter mit verschlingen. Bon Haustieren sind nur die Reste einer kleinen, dem Wachtelhund ähnlichen Hundeart enthalten, derselbe war der Begleiter der Menschen, und dies erklärt, daß die weichen Knochen, eine Lieblingsspeise des Hundes, ganz fehlen, auch diente er selbst zur Narung. Getreidereste waren nicht zu ermitteln, somit wurde Ackerbau jedenfalls nicht getrieben, oder die Körner wilden Getreides gesammelt. Dagegen wurde Salz aus den Meerespflanzen gewonnen, von denen Asche und Reste sich reichlich vorfinden. Hier und da wurden auch Herd- steine zn Feuerftellen zusammengelegt. In großer Menge sind Scherben grober, mit der Hand gefertigter Töpferwaren erhalten, ferner Geräte und Waffen aus Knochen, Horn und Feuerstein, wie Pfriemen, Alen, Meißel, Pfeilspizen, Aexte, Angelhaken, Messer, Schabinstrumente, Schleudern, Nezbeschwerer, auch Feuer- steinknollen, von denen jene Instrumente abgeschlagen wurden. Die Steingerätschaften sind nicht sehr sorgfältig bearbeitet, nicht geschliffen und abgerundet. Metall findet sich nirgends; diese Reste menschlicher Tätigkeit gehören also noch ganz der Steinzeit an, und ihnen ist mit Rückficht auf die oben mitgeteilten Tatsachen ein hohes Alter zuzuschreiben. Schon auf der Wende jener beiden großen Kulturepochen, welche durch die Verwendung der Steine und des Metalls zu Geräten und Waffen karakterisirt und als Steinzeit und Metall- zeit bezeichnet werden, steht eine Reihe von Denkmälern, die Pfalbaulen, die Hünengräber, die Runensteine und die Heiden- schanzen. Dieselben stammen aus verschiedenen Zeilen,— wärend die älteren noch wärend der Steinzeit errichtet wurden, liegen in den jüngeren Stein- und Metallmerkzeugc neben einander. Es ist leicht einzusehen, daß die Einfürung metallener Geräte nicht plözlich geschehen koute, sondern dieselben fanden zuerst bei den Reichen und Vornemen Eingang, und neben ihnen waren steinerne bei dem Bolke im Gebrauch, welche erst nach einer laugen Reihe von Jarzehnten verdrängt werden konten. Diese Zeit nähert sich schon soweit der geschichtlich bekanteu, daß hier die Frage auf- geworfen werden muß: ivoher stamten die metallenen Geräte und welches Bolk bewohnte zur Zeit der Einfürung derselben das westliche Europa? Die Germanen sind erst von Osten her nach Deutschland ein- gewandert. Die vergleichende Sprachforschung lehrt, daß sie mit de» Indern, den Mcdern und Persern, den Griechen und Jtalikern, den Celten und den Slaven zusammen eine große Bölkerfamilie bildeten, die arische. Sie bewohnten anfänglich als ein Bolk die Gegend des südlichen Sibiriens, östlich vom kaspischen Meere. Bon hier aus wanderten zuerst die Inder und Perser nach den jezt nach ihnen bcnanten Ländern, wärend die späteren Griechen und Jtaliker das südöstliche Europa besuchten, dann erst drangen die Celten westwärts bis an den atlantischen Ozean. Am längsten blieben die Germanen und Slaven beisammen. Professor Felix Dahn in Königsberg nimt an, daß die Celten schon 200 Jare vor Christi Geburt den Ozean erreichten, ihnen folgten 1200 Jare später die Germanen und drängten sie über den Rhein, wärend erst zur Zeit der sogenanten Völkerwanderung die Slaven bis an die Elbe gelangten. Allen diesen Völkern war der Ge- brauch des Eisens und der Bronze bekant; von ihnen können also die ältesten Pfalbauten und solche überhaupt nicht errichtet sei». Vor der Zeit ihrer Einwanderung waren die Finnen über Europa verbreitet, welche jezt nordwärts verdrängt worden sind; außer ihnen waren die Basken, die Jllyrier und Albanesen weiter verbreitet, von denen die ersteren, welche auch jezt noch eine eigentümliche Stellung in der Völkerkunde einnemen, jezt auf die Küsten des biskaischen Golfes in Spanien und Frankreich be- schränkt sind, die leztcren die Westküste der Balkanhalbinsel bc- wohnen. Zu jener Zeit aber, vor vier Jartausenden und früher, hatten die semitischen Völker Vorderasiens schon eine hoch ent- wickelte Kultur und trieben einen ausgedehnten Handel. Die uralte, stets betretene Handelsstraße des Dnieper, der Beresina und Weichsel bis zur Ostsee ward auch von den Phöniziern be- nuzt; außerdem war das Volk der Etrusker in Italien ein Träger der Kultur. Daß diese Handel trieben bis nach der Ostsee, geht daraus hervor, daß sie den Bernstein hoch schäzten und zu einem wertvollen Handelsartikel machten. Die Phönizier holten sich sogar selbst das Zinn aus England. Auch zeigen die Ver- zierungcn der Bronzegegenstände, die Radfiguren und gewundenen Mäanderlinieu die karakteristischeu Merkmale phönizischer und etruskischer Kunst. Die kurzen Griffe der Schwerter, welche zu dem gewaltigen Körperbau der Germanen nicht passen würden, deuten darauf hin, daß sie von einem Volke mit schmalen Händen und schwächlichem Körperbau oder für ein solches angefertigt wurden: beides paßt auf Semiten und Finnen. Die chemische Uiitersuchiiii� dcs Metalls hat ergebe», das; das Kupfer als silberhaltig aus deni Ural stammt, anderes, durch Zusäze von Blei, Antimon und Nickel verunreinigt, einheimisch sei. In spä- terer Zeit wurden d e Waffen im Lande selbst gefertigt, und es ist eine Gußform gefunden worden, aus zwei Steinen bestehend, in welche die Forme» eines Schwertes entsprechend eingemeißelt fuß(b. i. etwa 250 Schritt lang und 200 Schritt breit) umfaßte. An eiiizelnen Stellen, wo vermutlich der Boden zu sumpfig war, wurden floßartige Balkenlager, deren Zwischenräume mit Saud und Steinen ausgefüllt waren, übereinander �gebaut, so daß sie einsanken, bis die oberste Lage über den Spiegel des sind. Eiserne Waffen wurden in den salzburgischen Gräbern ge- Sees hervorragte. Bisweilen wurden auch Steinberge als Unter funden. Es darf nicht Wunder»einen, daß eine Metalllegirung läge im Wasser aufgeschüttet. Bei der zuerst angefürten Art des so frühe eine so große Verbreitung finden fönte; denn einerseits wurden diejenigen Metalle jedenfalls zuerst entdeckt und verwendet, welche gediegen vorkom- men, wie Gold, Silber, Kupfer, andrerseits können sich eiserne Geräte nicht so lange hal- len, wie bronzene, da das Eisen rostet, und wie Friedrich von Hellwald erin- nert, der Eisenge- halt in der nmge- b'enden Erde nach- gewiesen werden müsse, um zu ent- scheiden, ob Eisen- waffen vorhanden gewesen sind oder nicht. Jedenfalls müssen wir den Schluß ziehen, daß die Steinzeit nicht eine gleichzeitig über die ganze alte Welt verbreitete Kulturepoche war, sondern wärend sie in Westeuropa noch bestand, ivar im Orient längst die Metallzeit ange- brochen, und die Pfalbantenwnrden von einem Volke der Steinzeit, war- scheinlich den Fi»- nen, vor der Einwanderung der Germanen errich- tet. Noch heut gibt es Völker in Süd- nmercka, Südasien, den Sundainseln, Neuguinea, Neu- sceland, das Hero- dot erzält von den Päoniern in Asien, welche mitten im Wasser ans Pfälen Balkenlager errichten nnd ans diesen ihre Hütten bauen. In Enropa wurden Uebcrrcstc solcher Bauten zuerst von Ferdinand Keller in Zürich im Winter von 1853 ans 54 im züricher See nachgewiesen, als derselbe ungcwönlich weit ausgetrocknet war. Psälc von Eichen, Buchen und Tannen wurden durch Abbrennen oder durch Steinbeile zngespizt und reihenweis in den Boden des Sees getrieben. Im Untersee finden sich bei Wangen 30 bis 40 000 Psälc zu einem Pfaldorf vereinigt. Die äußeren Pfal- reihen waren durch Flechtwerf mit einander verbunden, um den Wellenschlag zu mildern, und znr Befestigung des ganzen Baues wurden Steine zwischen den Pfälen aufgeschüttet. Die Form dcs Unterbaues war stets die eines länglichen Rechtecks, welches bisweilen nur wenige hundert Qnadratsuß, in einzelnen Fällen aber auch, wie bei Morges im genfer See, 180 000 Quadrat- Baues, welche die bei weitem häufigste ist, ragten für jede Hütte sechs Pfäle über den Unterbau her- vor als Träger des Daches. Die Wände der Hütten, welche sich noch völlig erhallen vor- finden, �bestanden aus Flechtwerk und wurden innen und außen durch eine Lehmschicht dicht gemacht; auch der Boden der Hütte wurde mit einem Estrich versehen- In einer Ecke be fand sich die Feuer- stelle, denn nir- gends fehlt die rot- gebraute Sand steinplatte und der rauchgeschwärzte, mit Ruß über- zogene Beschlag der Wände und des Bodens. Die Pfalbauer waren mit dem Wasser wol vertraut, zalreiche Bote gehörten zu jedem Dorfe, welche aus großen aus- gehöhlten Baum- itämmen bestan- den; sie trieben Ackerbau. Die Pflanzcnrcste haben sich in ihrem halbverkolten Zu stände— denn die meisten Pfaldörser gingen durch Fen- crsbrnnft zugrunde — vortrefflich er- halten. Man baute vornemlich Gerste, Roggen fehlt ganz- lich;dagcgen scheint Hirse sehr beliebt gewesen zu sein. Die Körner wur- den zwischen stei- nernen Platten zerguctscht und zu ungesäuertem Brot� verpackt, von welchem, der Form nach flache Fladen, sich ebenfalls noch Proben gefunden haben. Als Gemüsepflanzen zog man Pasti- nak, Erbsen, Linsen, Möhren; in de» Wäldern sammelten die Pfalbauer Schlehen, Trauben- und Alkirschen, Bucheckern, in den Seen die Wassernuß, und sie verzehrten all' das in großer Menge. An Obst boten die Waldungen Holzäpfel nnd Gold- birnen, eine sehr kleine Art, welche zerschnitten, getrocknet und in diesem Znstande lange aufbewart wurde. An Haustieren besaßen die Bewohner eine kleine Rinderart, die Torskuh, drei Arten Schiveine, unter denen sich neben dem kleinen Torsschwcine auch unser heut gezüchtetes Borstenvieh schon befindet, Zeltener Hund, Ziege nnd Schaf. Ein lebhafter Betrieb der Fischerei muß bei der Beschaffenheit der Wohnungen nnd der trefflichen — 329 Ausrüstungen der Bote angenommen werden. Ter Jagd lag man fleißig ob. An Wild waren die Alpenländer reich, wilde Rinderarten, wie Auerochs und Wiesent, den Steinbock, Damm- Hirsch, das Elen, den Biber, den großen braunen Bär beherbergten sie und lieferten so Fleisch und Mark zur Rarung, Knochen und Horn zu Geräten, Felle zur Kleidung. Zehnen als Fäden zum Nähen. Reste von Menschen finden sich außerordentlich selten; meistens sind es Knochen von Kindern, welche im Wasser verunglückt sein mochten. Es geht daraus hervor, erstens daß die Psalbauer ihre Begräbnispläze am Lande hatten oder die Toten völlig verbranten, zweitens daß die Pfaldörfer nicht von Feinden zerstört, sondern freiwillig von den Bewohnern verlassen und angezündet wurden, lieber die physische Beschaffenheit derselben ist infolge dessen auch nichts bekant. Die Verbreitung der Bauten ist bedeutend, so daß dieselben wol kaum von nur einem Volke herrüren können. Man findet sie im ganzen Alpengebiet, den schweizer, den oberitalischen, den österreichffchen, den salzbnrger Seen, in Norddeutschland, den Sümpfen und Torfmooren Mecklen- burgs, PommernS, der Mark, und in Frankreich. Tie älteren Pfalbauten gehörten noch durchaus der Steinzeit an. Die Geräte sind aus Stein, Holz, Knochen. Horn und Ton gefertigt, doch ist bemerkensivert, daß die Beile aus Nephrit, einem grünen jaspisartigen Stein, häusig vorkommen. Derselbe findet sich aber nur in Asien, und man hyt aus diesem Umstände auf die Herkunst des Volkes aus Asien geschlossen; der Nephrit läßt sich nicht spalten, wie der Feuerstein, sondern nur schleifen; er ist daher zur Anfertigung von schneidenden Werkzeugen auch besser geeignet. Eine Einteilung der Steinzeit in die der be- hauenen Steine und die der geschliffenen, welche man hierauf gründen ivollte, ist hinfällig. Es finden sich Messer, Meißel, Stricknadeln, Harnadeln aus Horn u. f. w. Zu einer gewissen Industrie brachten es die Pfalbaner in der Töpferei und Weberei. Allerdings sehen die ältesten Tongefäße noch sehr plump aus, sie sind mit der Hand one Anwendung der Töpferscheibe gearbeitet, und als Verzierungen sind Eindrücke mit dem Finger gemacht. Mit der Zeit vervollkomnet sich der Geschmack, die Kruge und Töpfe werden mit Graphit geschwärzt, erhalten Schnäbel und Griffe, Verzierungen in der Form von Hirschgeivcihen und Blättern. Die Gestalten der Gefäße werden inanuichfaltiger, es finden sich Wassergefäße, Teller, Becher. Besondere Aufmerksam- ! keit namen Krüge in Anspruch, in deren parallelen Strichverzie- rungen schräg aussteigend Löcher angebracht ivaren, welche durch die Wand des Gefässes hindurchgehen. Es hat sich ergeben, daß noch heut in Baiern solche Gefäße in Gebrauch sind bei der Käsebereitunq, indem die Molken durch die Löcher abfließen und den Käfestoff zurücklassen. Bringt man damit die vielen aufge- fundenen Quirle in Beziehung, so muß mau annemen, daß die Psalbauer sich sehr wol auf die Butter- und Käsebereitung verstauben haben. Sehr kunstreich sind die Gewebe; schon die ältesten Seile, Matten. Neze, sind aus Bast zierlich geflochten. Flachs findet sich in allen Stadien der Verarbeitung, als Stengel, in zusammengebnndeucn Büscheln, zu Fäden versponnen, init Weiden- bast zu Geflechten vereinigt, und dies oft in großen Mengen. Schnüre, Neze, Matten, Tücher, sogar eine auf ein Geflecht auf- geheftete leinene Tasche fand sich. Die Schmucksachen sind ein- fach, Ketten von durchbortm Steinchen, Tierzäneu, Nadeln und Kämme von Holz und Horn. Erst in späterer Zeit kamen Bronze- und Eiscngeräte in Ge- brauch. Interesse erweckt eine Art von Messern one Griff, mit breitem Rucken und ansehnlicher Breite der Klinge, welche als Rasirinesser erklärt wurde; Scheeren sind in der Weise konstruirt, daß man zivei Messerklingen au den Enden eines elastischen Bügels beseitigte. Die Zieraten werden kostbarer, die Harnadeln. Kämme, Armbänder, Spangen bestehen aus Bronze und sind kunstvoll gearbeitet, Schmucksachen von buntem Glas und Bernstein sind eingefürt. Die Banten iverden mit den verbesserten Jnstru- menten fester und sicherer, ferner vom Lande aufgeiürt, die Töpferwaren feiner gearbeitet. Auch neue Getreidearten, besonders derHafer, treten auf, auch andere Arten von Haustieren wurden eingefürt. Die Errichtung der ersten Pfalbanten fällt jedenfalls in eine sehr alte Zeit; wenn auch in anderen südlicheren Ländern schon damals ein reges, der Geschichtsforschung zugängliches Leben herschte, so bieten die Pfalbauten dem Altertumsforscher heut noch unlösliche Rätsel. Der erste Römer, welcher iin lezten Jar- hundert vor Christi Geburt in die Alpengegeuden eindrang, war Cäsar; er fand die Bauten und das Volk nicht mehr vor; denn die Helvetier, keltischen Stammes, waren nicht die Erbauer. Wenn aber in einigen Pfalbauten römische Altertümer gefunden wurden, so mochten diese stehen geblieben und in späterer Zeit von den Grenzposten als Castelle benuzt worden sein. Die Miedeymeige. Eine einfache Geschichte von H. Dreßfer. (Schluß.) Zur selben Zeit, als Hedwig die überraschende Neuigkeit von Gerta vernam und auch den Rest des Geheimnisses schmerzlich gelöst zu haben glaubte, saß Professor Harms in seiner schönen, aber wie es ihm heute vorkam, troz aller soliden Bequemlichkeit düstereu, einsamen Junggesellenwohnung. Er war garnicht recht ' mit sich zufrieden, ganz aus dem gewollten Gleichgewicht seiner .sonst harinonischen Seelenstimmung, und doch hatte vor kaum einer Stunde ein stralendes dunkles Augcnpar mit dankbarem Blick zu ihm aufgeschaut und zwei kleine weiße Hände innig seine Ziechtc gedrückt.— Ein junges Menschenkind hatte er glück- lich, sehr glücklich gemacht, wie ihm Gertas rosige Lippen ver- sichert, und doch war er nicht recht erfreut von dieser humanen Tat, dieses Glück schien ihm so zweifelhaft, so unscheinbar, daß er sich einen Augenblick versucht gefült, Mitleid mit der beschei- Ebenen Genügsamkeit des jungen Mädchens zu empfinden— denn war es ein Glück, seine Unabhängigkeit aufzugeben? Und doch hatte Gerta so slraleud ausgesehen, als er ihr ver- kündet, daß seine Tante, die Äoininerzienrätin Lindner, sie defi- nitiv als Gesellschafterin engagirt habe. So reizend war sie in ihrer stürmischen Freude gewesen, so jugendübermütig und lebens- vcll stand sie dort im Garten unter dem dnnklen Kastanienbaum, warhaft leuchtend in ihrer stralenden Lieblichkeit, daß der Ge- lehrte, als er dann später in seine stille Wohnung zurückkehrte, sich von dem plözlichen Gedanken überrascht fand, daß Gerta wie ein Sonnenstral oder wie ein lustiges Singvögelchen die düsteren Räume beleben würde. L Doch nur vorübergehend war diese Nachwirkung ihrer reizenden Persönlichkeit; denn so lieblich und jugendsrisch, so an- ziehend sie in ihrer naiven Kindlichkeit auch war, so wenig ent- sprach sie doch seinem Ideal, das noch tmmer einer Verwirklichung harrte. War ihm in der Tat noch die eine nicht begegnet, nach der sich heimlich sein Herz gesehnt, welche die Leere in seinem Leben. die Wissenschaft und Bücher stets so eifersüchtig zu füllen gemeint, beseitigt hätte? Wollte er ganz aufrichtig sein, dann mußte er sich gestehen, daß er das Ideal, von dem er als Jüngling ge- träumt und in der Wirklichkeit nicht gesunden, dann wie mancher gleich ihm im Drange des Lebens vergessen, oder der tote Bücher- staub ihm die Augen getrübt und er es im rechten Augenblick unerkant hatte vorübergehen lassen. Das Wort Ideal war ihm nur in der Kunst noch verständlich geivesen, und doch, als vor wenigen Wochen nach all den Jaren der Vergessenheit zwei ernste blaue Augen mit stillem Dankeslächeln zu ihm emporgeschaut und später mit atemloser Aufmerksamkeit an seinein beleyreuden Munde gehangen, da schien es ihm, als wenn alle Jare des Studiums, der Bücherweisheit plözlich in nichts versänken und er wieder der Jüngling wäre mit seinen Idealen und Träumen von Frauenanmut und Würde. Und so flogen auch jezt seine Gedanken zu ihr, der Waise, die, obmol ein schwaches Weib, so mutig sich eine wenn auch bescheidene Existenz erkäinpst, in ernster Arbeit Genüge fand, und nie gegen ihn, der ihr doch Freund geworden, eine Klage über ihr sreudeleeres Los laut werden ließ, ivärend jene kleine lachende Schönheit ihn, in anmutig kindlicher Weife zwar, sehr bald zum Vertrauten ihrer Leiden machte und iinnier mit dem Schicksal haderte, das ihr so unverdient alles versagte, was sie -- 330- Leben nante. Daß die verfürerische Elfengestalt mit ihrer lachenden, vielen Gesellschaften, ihrer reichen Garderobe und der großen Anmut ungekant unter Mühen und Arbeit in einer Dachstube Freigebigkeit ihrer Prinzipalin, deren Liebling sie natürlich bald verwelken sollte, schien ihm selbst ungerecht, und er versprach seine durch ihr munteres einschmeichelndes Wesen geworden, fanden Hülfe, sie in eine andere Atmosphäre zu bringen, gern, umsomehr keine sehr aufmerksame ZuHörerin an Hedwig. Sie sehnte sich als er sich einer alten kinderlosen Tante erinnerte, die in ihrem nur, einen geliebten Namen von Gertas plauderhaften Lippen zu reichen prächtigen Hause solch einen lustigen kleinen Irrwisch wol hören, und wenn diese erwänten, daß der Professor häufig im brauchen konte, um ihr die Grillen zu vertreiben und jene zal- lindnerschen Hause erschien, bebte ihr Herz vor Ichmerz, daß sie reichen Gefälligkeiten zu leisten, die man nicht gern befiehlt und seinen Anblick so lange hatte entbehren müssen, wenn auch hauptt eine Dienerin doch nicht aus freien Stücken verrichtet. sächlich wol durch eigene Schuld. Zufälliger Weise äußerte auch ein junger Better seinerseits und Inzwischen war die alljärliche Kunstausstellung eröffnet; auch mutmaßlicher Erbe der alten Dame eines Tages gegen ihn, die Hedwig war unter den Beschickern derselben durch zwei tressliche Tante werde von Tag zu Tag grillenhafter, sie müsse eine jüngere, Blumenstücke vertreten, und wartete mit klopfendem Herzen aus heitere Perion um sich habe», die sie auf andere Gedanken bringe, das Urteil aus der Feder des heimlich geliebten Mannes. Mit Lebhaftigkeit war er auf die Idee eingegangen und hatte So faß sie an einem stürmischen Herbsttage fröstelnd und Berta, welche auf ihren Gartenpromenaden jenen Better durch melancholisch in der öden Mansarde. Ein rauher Wind schüttelte ihn kennen lernte, der Kommerz, enrätin empfolen. Und das mit unbarmherzig die lezten Astern draußen auf dem Gesims und in Erfolg; die Kleine war glücklich und die Tante zufrieden. dem schon rot gefärbtes Weinlaub, das die Fenster umrankte, Nur er, der Vermittler, konte nicht recht froh werden, wenn er riß er so große Lücken, daß die blasse Herbstsonne ungehemt durch an die ernste junge Malerin dachte, die nach dem Fortgange die kleinen Scheiben auf die einsame Mädchengestalt blicken konte. ihrer kleinen Nichte w einsamer sein würde. Doch sie saute ihr keinen warmen Stral in das traurige, ver- Voller Plane und Hoffnungen war seine-eele, da fiel sei» zagte Herz, sondern brachte nur müde, trostlose Herbstgedanken. Blick zufällig auf ein angefangenes Manuskript, und erschreck. Ein Klopfen an der Tür schreckte Hedwig aus ihrem Sinnen mit der Hand über die Stirn farend, wie um die fremden Ge- auf. Ter Postbote brachte einen Bris für sie, welcher mit dem danken zu verscheuchen, die seine gewonte Tätigkeit unterbrochen, Siegel des Kilnstvereins geschlossen war. Hastig ihn erbrechend ließ er sich hastig am Schreibtisch nieder, um wärend der nächsten las sie freudig bewegt die Anzeige des vorteilhasien Verkaufs Stunden wieder nur der ernste und kaltblüiige Gelehrte zu sein, ihrer Bilder. Doch nur sekundenlang hing ihr Blick an der und jene träumerischen blauen Augen verschwanden bald hinter freudigen Botschaft, sie erspähte ein noch beigesügtes Blatt, welches dem Nebel der Bücherweisheit.-- die Recension der diesjärigen Ausstellung aus des Professors ____ Feder enthielt. Auch ihrer Bilder, die nur mit dem Anfangsbuchstaben ihres Namens gegangen, war mit vollster Anerkennung Wenige Tage später trat Gerta in ihren neuen Wirkungskreis gedacht und mit freudeglänzenden Augen las sie: und mit ihr schien auch aller Frohsinn aus der Mansarde ge-„Besondere Aufmerksamkeit erregen zivei sehr schön gemalte wichen zu sein. Blumenstücke unter der Ehiffre: H. b., welche von warhast Hedwig saß wieder blaß und still an ihrer Staffelei; ihre poetischem Zauber und frappantex Wirkung sind. Die Blumen Augen blickten oft, als hätten sie heimlich geweint, der sonst so schauen uns mit dem ganzen Zauber der Natürlichkeil an, und fleißigen Hand entfiel häufig der Pinsel und stundenlang konte was sie noch reizvoller erscheinen läßt, eine Seele blickt uns aus sie niüßig sein, gedankenlos vor sich hinstarrend. ihnen entgegen. Diese Rosen sind das Ideal der Rose, sie können Sie hatte die bitterste Erfarung gemacht, die ein Weib machen nicht schöner gedacht und gemalt sein, und so vertritt jede Blume, konte— sie glaubte sich nicht geliebt von dem Manne ihrer Liebe, man möchte sagen, einen individuellen Gedanken. Tie Künst- So lange sie wußte, daß keine andere den ersten Plaz in seinem lerin, man darf in der zarten Ansfüruug eine Damenhand ver- Herzen behauptete, hatte sie ihn kaum für sich ersehnt; seine muten, kann sich mit diesen Arbeiten getrost alten Meistern zur Freundschaft schien ihr ein so köstliches Geschenk, daß sie sich über- Seite stellen. Wir bedauern mit jedem Jare mehr, daß die reich dachte. Nun aber ahnte sie, es gebe noch Höheres als Blumenmalerei bei weitem nicht mit der Borliebe früherer Zeiten diese, doch sie konte es nicht erreichen,— es gehörte Gerta. betrieben wird, gleichsam eine Stiefschwester der Genre- und War jene dieser Liebe denn so viel mehr wert? konte sie Landschaftsmalerei geworden ist; was aber ein sein empfundenes, dieselbe überhaupt würdigen, verstehen? gut gemaltes Blumenstück für ergreifende Wirkung üben kann, Stein! nein! schrie ihre Seele in tausend Qualen auf; Gerta das sehen wir an diesen beiden Bildern, und wir können nur zu ist gut, aber nur eine oberflächliche Natur, sie kann und wird es reger Nacheiferung anraten." nie. Ihr Geist ist unfähig, dem seinen zu folgen, nach dem Das war ein stolzes Lob und dieser Ausspruch für Hedwig ersten Rausch werden sie beide elend sein. seit langer Zeit die erste ungemischte Freude. Und doch erfüllte Und sie sollte Zeuge dieses Glückes werden, sehen, wie er sie es auch mit größerer Sehnsucht nach dem Klang der Stimme des Gerta als kostbarstes Kleinod hütete? Das wäre zu viel für ihre Freundes, den sie so lange nicht vernommen; wie gern möchte Kräfte. sie ihm sagen: O Gott, nur das nicht— das nicht! Ich gönne ihr das„Ich habe die Blumen gemalt, laß mich dein freundliches höchste Glück, nur unter meinen Augen mög' es nicht erblühe» Urteil noch einmal von deinen lieben Lippen hören." Draußen — nimm mir eher das Lebe», das mir so zur Qual würde," ertönten Schritte— sollte er es sein? Nein, Gertas zierliche bat sie immer wieder mit gerungenen Händen. Gestalt kani hereingepflogen und Hedwig stürmisch umarmend, Seit Gertas Fortgange mied sie ängstlich jedes Begegnen mit rief sie unter Lachen und Tränen: dem Professor und ließ sich sogar, als er eines Tages, wie schon„Ich bin verlobt, Herzens-Hedwig, und o so glücklich!" oft, einen Besuch machen wollte, durch ihre Wirtin verleugnen. Lange hatte sie es ja geahnt, und doch, als sie es nun mit Nur als sie ihn einst zufällig auf der Treppe des Hauses traf, Worten hörte, da wurde sie so überwältigt, daß ihr fast die Sinne konte sie ihm nicht ausweichen und war daher zu einem flüchtigen schwanden. Aber sie beherschte sich gewaltsam— Gerta durste Gespräch gezwungen. Er befürwortete Gertas Schritt, indem er von ihrem Schmerz nichts ahnen. Und sie beugte sich hernieder sich günstig über die Kommerzienrätin aussprach, welche jene wie zu dem glückstralenden reizenden Antliz, es mit eiskalten Lippen eine Tochter betrachten würde. Da Hedwig aber nur sehr ein- küssend. wblg antwortete und in ihrer scheuen Haltung sich eine halbe„Ich wußte es lauge, Gerta,— er— er wird dich glücklich Flucht erkeniien ließ, sie auch wirklich so bald als tunlich mit machen. Gott erhalte dir dein Glück und laffe es dich voll ver- fluchtigem Gruß zu ihrer Wohnung hinaufcilte. zog auch er sich stehen." erstaunt und fast beleidigt über ihre Kälte zurück, und da er„Siehst du Hedwig, das war der andere Teil meines Ge- einige Tage spater eine Rene antreten, mußte, sahen sie sich in heimnisses; hier im Garten, wo ich öfters Herbert traf, fing es 11 U'.... an, aber ich durfte dir damals noch nichts davon erzälen. mmmmmm Schwesterherz! Die längste Zeit bist du allein gewesen, nach meiner Verheiratung kamst du zu mir,— dann hat die Arbeit ein Ende und das Vergnügen begint. Nicbt war, du bist mir nicht bäse, daß ich schon wieder gehe, aber ich muß jezt überall sein." Und mit einem flüchtigen Kusse stürmte sie wie ein Wirbel- wind hinaus. Wie gebrochen sank Hedwig zurück: „Nun gehört er ihr," murmelte sie dunipf und heiße Tränen tropften aus ihre verschlungenen Hände. Da wieder ein Klopsen an der Tür. Erschreckt wischte sie die Tränenspuren aus dem blassen Gesicht und ans ihr schivaches �Herein" sah sie verstört Professor Harms hohe Gestalt eintreten. Sie erhob sich, aber unfähig, ihm nur einen Schritt entgegen zu gehen, mußte sie sich zitternd auf einen kleinen Tisch, der ihr zur Seite stand, stüzen. Ter Professor, sich ihr nähernd, hielt ihr die Hand zur Be- grüßung hin, aber sie schien es nicht zu bemerken, sondern sagte mit nervöser Hast, und doch mühsam: „Gcrta ist nicht mehr hier, sondern ging vor einigen Mi- nuten fort." „Ich weiß es; auch wollte ich nicht zu Gerta, sondern zu Ihnen. Sie verriet mir, daß jene herlichen Blumenstücke, wie ich freilich schon halb vermutet, von Ihrer Hand seien, und so eilte ich her, um Ihnen noch einmal mündlich meine innigste Freude und Bewundening auszuspreche», die Blumen sind einzig schön. Der Flieder ist bereits in meinem Besiz; ich erwarb ihn, »och ehe ich wußte, daß Sie ihn gemalt, denn er enveckte in »iir auch Erinnerungen an jene Fliederzweige, durch deren Ver- Mittelung ich eine gewisse junge Dame kennen lernte, die, als ich sie ihr pflückte, damals freundlicher gegen mich war, als in den lezten zwei Monaten," sezte er mit leisem Vorwurf und ikiser Trauer in der Stimme hinzu. Röte und Blässe jagten sich auf Hedivigs Antliz; dieser so nierkwürdig verschleierte Ton, den sie bisher noch nie von ihm vernommen und welcher in ihrer tiefsten Seele nachhallte in Angst und doch Entzücken, steigerte ihre schon so große Aufregung aufs höchste. Ihrer Sinne kaum mächtig, unfähig sich länger aufrecht zu erhalten, sank sie auf einen Stul, wärend sie ihm »tcchanisch andeutete, Plaz zu nemen. . Ihre tötliche Blässe bemerkend, rief der Professor heftig er- Ichrocken: „Mein Gott, wie leidend Sie aussehen, ist Ihnen nicht wol? �ie haben Sich überanstrengt!" Gewaltsam zwang sie die rebellische Natur zur Ruhe. Nur keine Schwäche vor ihm, um keinen Preis durste er ahnen, wie I>e in Warheit litt, und mit Selbstbeherschnng entgegnete sie: „Ja, das wird es sein; meine Gesundheit hat ein wenig ge- illteii in den lezten Wochen, doch ist es nichts von Bedeutung— "»gegriffene Nerven, die sich in der Muße leicht wieder stärken." Mit zitternder Hand glitt sie über die wirre Stirn, wie um die fezte Zchwäche zu bannen. Dann sah sie voll und gefaßt ihm >»» Auge:—„Erlauben Sie mir jezt,—— Ihnen zu Ihrer Verlobung herzlichst zu gratulire»; Gerta teilt mir ihr Glück soeben mit. Sie wird Ihrem Leben ein steter Sonnenstral sein, und— ich weiß, Sie werden sie lieb und wert halten, ich darf s'o Ihnen ruhig anvertrauen," und sie reichte ihm die bebende, "tarmorkalte Haud. Er ergriff sie heftig und rief mit wehmütiger Bestürzung: „Ich verlobt!— und Sie wünschen mir Glück? O Hedivig, wenn Sie es so ruhig zu tun vermögen zu einer Verlobung mit einer andern— dann war meine stille, selige Hoffnung ein leerer Traum!" Und auch ihre andere Hand erfassend, ihr beschwörend und voller Liebe in die Augen blickend, flüsterte er in tiefer Be- wegung: �„Wissen Sie es denn nicht, daß ich in der weiten Welt nur Sie liebe? daß ich namenlos unglücklich war, als Sie so plözlich gegen mich erkalteten! War es ein Irrtum, Hedwig, als ich glaiibte, Ihrer wert zu sein?" Traumverwirrt sahen ihre tränenfeuchten Augen sekundenlang zu ihm auf, aber als sie einem Blick unaussprechlicher Liebe und Zärtlichkeit in den seinen begegneten, da stralten sie in seliger Verklärung, tvärend ihr holder Mund halb zweifelnd, halb jauch- zend stammelte: „Barmherziger Gott, ist es denn war, so komt das Glück nun doch endlich, endlich zu mir?... Ich litt ja unsäglich in dem Gedanke», daß Sie Gerta gehörten und erlag fast in all dem Weh." „So liebst du mich, Hedwig!" jubelte er, sie an sich ziehend, „o Lieb, was für ein unselig-seliges Mißverständnis!" Durch Tränen lächelte sie glücklich zu ihm auf. „Gcrta nante in ihrer Eile und Flüchtigkeit nur den Bornameu ihres Verlobten, aber er war ja auch der deine, und ich glaubte nur dich darunter zu verstehen, so daß ich sie nicht weiter fragte. Es war eine furchtbare Zeit für mich, diese zwei Monate, und ich namenlos unglücklich," sezte sie leise hinzu, sich in scheuer Hingabe inniger an ihn schmiegend.—„Aber nun ist alles gut! Weißt du, daß ich dich unsäglich liebe, und hast du mich auch wirklich so von Herzen lieb, genügt mein unbedeutendes Ich deinem reichen Geist?" „Du Liebstes mir ans Erden," antivortete er innig und seine Lippen legten sich heiß auf ihre schöne Stirn. „Alles, ivas ich je zu träumen gewagt, habe ich vollendeter noch in dir gefunden. Was gäbe es für mich Schöneres, Besseres, Edleres in der Welt als dich!!" „Mein Herbert!" Sic sagte nichts weiter, aber ihre ganze Seele lag in dem unsagbar süßen Ton dieser Worte. Ergriffen neigte er seine Stirn aus ihre Hände, aber nicht aussprechen, nur fülen konte er das Glück, so geliebt zu werden. „Und Gerta?" fragte Hedivig nach einer seligen Pause, denn unwillkürlich drängte sich ihr der Gedanke auf,„ob sie wol so glücklich sein mag, als ich?" „Ist die Braut meines Vetters, eines reichen Banquiers, des Neffen der Kommerzienrätin. Ihre künfiige Stellung wird sie befriedigen und sie ganz am rechten Plaze sein mit ihrer Anmut und ihrem lebhaften Geist. Ihr Verlobter betet sie an. Ob sie aber so glücklich sein werden, wie wir, mein Lieb, wage ich nicht zu behaupten. Ich fürchte, Gerta ist hauptsächlich durch Reichtum gefesselt worden, dich aber haben Kunst und Liebe mir zugefürt. Jene Fliederziveige sollen mir stets geheiligt sein." „Und darf ich meiner Kunst treu bleiben, auch wenn ich dir gehöre?" „Sobald du sie nicht über mich stellst, Geliebte, und du, als Genie, mich armen Staubgebornen nicht zu sehr vernacblässigst!" drote er scherzend. Sie aber antwortete hingebend: „Nur in dem Reich der Liebe ist das Weib ein Genie— ich verlange nach keinem andern Ruhm, als nur dich ewig lieben zu dürfen." Aus dem Bereiche der Wolken. Naturwissenschaftliche Betrachtung. Von D.«Kronen. Eilende Wolken, Segler der Lüste, Wer mit euch wanderte, wer mit euch schiffte. SchiUer, Moria Stuart. Wer hätte nicht schon einmal ähnlich wie Maria Stuart �'Pfunden, wenn er hock in den Lüften die Wolkenscharen in °mem oberen Luftstrom dahintreiben sah, wie von eigener innerer bewegt, wärend unten um ihn vollkonimene Windstille w,chie. dachten wir. oder riefen es wol aus: wer mit euch "»derte, wer mit euch schiffte! Die Wissenschaft hat sich erst spät in den Bereich der Wolken gewagt; wandelreich in der Form, wie sie sind, sind sie auch in ihrem Entstehen, in ihrem Sein und Wesen nur erst der fort- geschrittenen Wissenschaft begreiflich geworden. Phantasie und Wissenschaft schließen einander gcwönlich aus; und da die unfaß- bare Zal der Wolkengestaltungen anse' einend nicht die mindesten AnHaltepunkte für die, oft nur zu flhr».ich starren Gestaltungs- gesezen suchende Wissenschaft darzubieten schien, so war es kein Wunder, wenn Luke Howard's Versuch, die Wolkenformen dennoch auf gewisse Grundgestalten zurückzusüren, auf Goethe einen fast sonderbar zu nennenden tiefen Eindruck machte. Der„Dichter- fürst", wie viele es lieben, Goethe zu nennen, fülle sich durch Howard's Wolkengestalten zu einer dichterischen Verherlichung des Meisters und seiner Werke begeistert, ja es verlangte ihn,„wo- möglich etwas, und wären es auch nur die einfachsten Linien, von Hoivard's Lebenswegen" zu erfaren,„damit er erkenne, wie ein solcher Geist sich ausgebildet.' Erinnern wir uns aber, daß Goethe als Naturforscher, auf welche Seite seines Wesens er stets einen nachdrücklichen Wert gelegt hat, mit besonderer Vorliebe auch die Farbenlehre und die Lehre von der Metamorphose der Pflanzen betrieb, so finden wir seine Begeisterung für Howard's Wolkenwissenschaft ganz natürlich, denn alle diese drei Seiten der Naturivissenschaft ge- hören ebensosehr in die Welt des Dichters wie des Forschers. Goethe gesteht es auch ausdrücklich, welche Seite der Naturfor- schung ihm zusage und welche nicht, indem er bei dieser Gelegen- heit von sich selbst sagt:„Den ganzen Komplex der Witternngs- künde, wie er tabellarisch durch Zalen und Zeichen aufgestellt wird, zu erfassen oder daran auf irgend eine Weise teil zu nenien, ivar meiner Natur unmöglich; ich freute mich daher, einen integrirenden Teil derselben meiner Neigung und Lebensiveise angem.ssen zu finden." Wer weiß, ob one Goethe's eifrigen Hinweis auf Howard's Wolkeuarbeit, auf welche ihn selbst übrigens erst Herzog Carl August aufmerksam gemacht hatte, jene nicht noch lange Zeit der ösfentlichen Beachtung entzogen geblieben sein würde. Howard ging in einem allsfürlichen Schreiben vom 21. Februar 1822 auf Goethe's Wunsch ein, diesem zu erzälen,„wie sich sein Geist ausgebildet habe", und man lernt daraus in dem Ordner des Wolkenhimmels einen gläubigen und doch auf das Praktische ge- r chteten Verehrer des Kirchenhimmels, einen Quäker, kennen und achten. Durch Goethe's Befünvortung fand Hoivard's kurze und klare Einteilung der Wolken in drei Grundgestalten schneck eine allge- meine Anerkennung und Befolgung, und auch heute noch erkennt sie die Wissenscheft als geltend an. Wie des Dichters, so sind die Wolken auch des Malers Eigen- tum. Sie bilden ein sehr wesentliches Mittel für diesen, seinen Bildern, vorzugsweise natürlich den Landschaften und den sich im Freien bewegenden Historien- und Genrebildern, dazu zu ver- helfen, daß sie in dem Beschauer einen solchen Eindruck zu Stande koinmen lassen, wie derselbe dem Hauptgedanken des Bildes an- gemessen ist. Es kann gar wich und leider sieht man dies ziem- lich oft, der Himmel e>nes Bildes den Wert des>elben— selbst wenn dieser in allen übrigen Punkten ein großer ist— wesentlich beeinträchtigen. An einem Landschaftsbilde ist der Himmel gewissermaßen der geistige Hauch, der einigend und zum Einklänge verbindend aus dem Bilde erst ein Bild, ein Ganzes macht. Wenn es sich um Wiedergabe einer bestirnten Gegend handelt, die man nicht anders machen kann, als man sie vor sich sieht. entiveder als sormenreiches Berggelände oder als eintönige Ebene, so liegt in der Wal des darüber zu malenden Himmels, worin glücklicheriveise der Maler fast vollkommene Freiheit hat, eine außerordentlich große Unterstüzung; freilich auch eine nicht min- der große Verlockung, das eigene Werk geistig zu zerstören, wenn der Künstler— der er dann freilich nicht ist— tu den Wolken weiter nichts sieht, als stets bereite Lückenbüßer, um das lang- weilige Blau über einer langweiligen Ebene auszufüllen oder zu unterbrechen. Wenn der unglückliche Maler den unliebsamen Auftrag hat, für guten Ehrensold den unschönen, ans getreidewallenden Fluren gelegenen Rittersiz samt umliegenden Besizstücken zu konterfeien, so kann er daraus ein Meisteriverk mache», wenn er das am Himmel sucht, was ihm die Erde versagt. Doch lernen wir zu- itächst die Howardschen Wolkenformen keunen, bevor wir es ver- suchen, der Kunst noch einige Fingerzeige zu geben. Die Haufenwvlke(cumulus) ist gewissermaßen der Ausdruck des ruhigen Beharrens großer, scharf umgrenzter Massen von Wasserdamps m der Luft. Dies Beharren darf aber nur in ver- hältnismaßigem Sinne gelten, denn wir lernen die Wolke nicht a s etwas Fertiges, Beharrendes kennen, sondern erkennen in ihr einen wandelvollen Vorgang der Verdichtung von Wassergas zu sichtbarem Dampf. Im Kleinen gibt uns nicht nur ein sehr an- schauliches Bild davon, sondern eine vollkommen gleiche Erschei- nung der aus dem Schlot einer Lokomotive ausquellende blendend weiße Wasserdampf, naineutlich wenn dieser ihn in einzelnen Bällen fauchend ausstößt. Jeder solche Ball ist eine kleine Haufcnwolke. Diese ist also die Grundform der Wolkenbildung, die aber Klos dann sich behaupten kann, wenn kein Luftzug statt- findet. Sobald die Lokomotive im brausenden Laufe ist, sehen wir den laugen Dampfstreif sich zerfaren, und znlezt sich in Nichts, d. h. in unsichtbares Wussergas auflösen.- Jeve andere Wolkenform, mit vielleicht alleiniger Ausname der ersten Schicht- wölke, erhält ihre Umrisse durch den Zug der Luft.�und ihre Stellung zu anderen gleichen(wie z. B. die bekanten Schäfchen- wölken) vielleicht dnrcht elektrische Spannung. Ueberhaupt ist die Elektrizität, namentlich bei der Biltuing und dem oft auffallend andauernden Beharren der Haufenwolken one Zweifel stark beteiligt. Die Farbe der Haufenwolke sowie aller Wolken ist stets von dem auf sie fallenden Lichte abhängig; dies gilt jedoch bei den Wolken insofern in buchstäblicherem Sinne, als die Wolken nicht in der Verschiedenarligkeit ihrer Masse den Grund zu den verschiedenen Farben in sich tragen. Vielleicht bewirken elektrische Spannungen eine verschiedene Lagerung der Wasserbläschen, aus denen die Wolke besteht, und diese verschiedene Lagerung bedingt dann die Farbe, d. h. die Reflektirung des Lichtstrals. Dies scheint jedoch nie lebhafte Farben hervorbringen zu können. Die rote, orange- gelbe und gelbe Färbung der Wolken sehen wir deshalb nur bei Sonnenauf- und Untergang, weil dann die Straten der tief stehenden Sonne durch die Wasserdämpfe der unteren Luftschichten gebrochen werden und nur die genanten drei Farbstralen, die Grenzfarben des optischen Farbenspektrnms, auf die Wolken fallen. Die unbeleuchteten Flächen der Wolken erscheinen uns grau, um so dunkler, je dichter sie sind. Die Federwolken(cinus) sind die graziösen Schöne» des Himmels, oft von aiißerordeiitlicher Lockerheit und Duftigkeit. Ihre zallosen Mannichsaltigkeilen der Gestaltung kennen wir alle. Daß namentlich sie unter der Botmäßigkeit des Luftzuges stehen, zeigt ihre Gestalt auf das bestimteste, namentlich wenn sie als Wetter- oder Windbäume recht eigentlich die Bahn des Luft- zuges zu verkörpern scheinen. Nicht selten sieht mau die Wetter- bäume in Mehrzal ziemlich gleichgestaltet und gleichlaufend neben einander, was aus parallele Luftströmungen zu deuten scheint. Bald ändern die Federwolken bei längerem aufmerksamen Beob- achten derselben unaufhaltsam, wenn auch nur in allinälichem Wandel, ihre Fori», bald stehen sie auffallend lange in unver- änderter Gestalt am Himmel. Sie sind ebenso oft die ersten Anfänger einer sich bildenden, wie sie die Ucberreste einer sich auflösenden Haufenwolke sind. Die Federwolken stehen meist hoch über dein Horizonte und nicht selten unmittelbar über uuserei» Scheitel, wohin sich die Haufenwolkeii seltner versteigen. Am iveiiigsten tun dies der Natur der Sache nach die Schichtwolken(sti-stusi, welche sich fast immer an der unteren Partie des Himmels lagern und nicht selten unmittelbar auf dem Gesichtskreise aufliegen. Für die leztere Form, namentlich wenn sie breit und dicht ist und oben mit einer scharfen Lmie ab- schneidet, glaubte Goethe die Bezeichnung paries, Wand, einsüren zu müssen, was mit dem VolksauSdruck Wetterwand oder Wolkenwand übereinstimt. Die Schichtwolken, die wol keiner weiteren Beschreibung bedürfe», zeigen sich am häufigsten am Morgen- und Abeudhimmel, und stehen wol mit der Nebelbildung, der durch schnellen Temperaturwechsel, wie ihn das Komineu und Icheiden der Sonne mit sich bringt, bedingt ist, in nahem Zu- sammenhang. In dem Chaos von Gestaltungen, welches zwischen diesen drei Hauptformen liegt, hat Howard drei Ruhepunkle festgestellt, welche aus der Verschmelzung von je zweien von jenen hervorgehen. Auch sie sind uns allen bekant und beweisen den glücklichen Griff, den Howard in diese scheinbar so unbestimte Formenwelt getan hat. Die Haufen-Schichtwolke(eumulostratu-i) ist eine der gewön- lichsten Himmelsericheinungen. Die meisten Haufenwolken haben eine mehr oder weniger ausgedehnte ebene Grundfläche, als wenn sie auf einer unsichtbaren festen lluterlage aufruhten. Zwischen einer solchen Haufenwolke und einer Ichichttvolke, deren oberer Saum init nur flachen gerundeten Buckeln bedeckt ist, liegen ei»r große Menge von Uebergängen und Zwischensormen. Eigentlich ist der echte CumulostratuS diejenige Wolke, welchr dem bei ruhiger Lust von einem Eisenbahn ,ug auf einige Augen- blicke hinter sich gelassenen Dampsstre sen gleicht, wie wir sie in vielfacher Wiederholung übereinauder namentlich am März- u»h Aprilhiminel sehen. Dann zeigt sich oft der ganze Himmel mit grauen Haufwolken verhüllt, in denen eine geschichtete Gliederung in horizontalen Lagen herschend ist. 333 Zeigt sich diese Anordnung an vielen dicht beisammenstehenden einander ähnlichen Federwolken, so erhalten wir die Feder- Schichtwolke(cirroätratus), welche zu den seltneren Erschei- nungen gehört. Eine ziemlich oft vorkommende Wolkenform, welche der die Dinge niit dem Gemüt anschauende und benennende Naturfreund besonders liebt, ist die F e d e r- H a u fe n w o l ke(cii rocumulus), welche das Volk so bezeichnend Schäfchenwolken genant hat. Ei» Cirrocnmulus besteht aus einer Menge meist sehr kleiner, bald sehr dichter, bald durchsichtiger und lockerer Haufenwolken, welche fast immer regelmäßig rechenweise, seltner unregelmäßig heerden- weise zusammeugruppirt sind. Zulezt haben wir noch eine siebente Wolkenform zn unterscheiden, gewissermaßen die praktische Nuzanwendung der Himmels- dekoratiou, welche die vorhergehenden sechs Formen bilden, für das organische Leben: die Regenwolke(»imbus). Wenn die dichte Haufenwolke ihr woltätiges Naß snicht mehr festzuhalten ver- mag, indem die mikroskopisch kleine» Wasserbläschen zusammen- fließen zu immer größeren Tröpfchen und Tropfen, so senkt sich die immer dunkler werdende Wolke nach unten nieder, schickt gc- wissermaßen ein breites Fußhestell erdwärts, und aus der Ferne sehen wir dann genau durch eine meist etwas schräg gerichtete geradlinige Schärfung, daß der Regen aus ihr sich entladet. Stand die Wolke unserem Scheitelpunkte nahe, so sehen wir sie namentlich bei einem Gewitter, oft mit überraschender Schncllig- keit an Größe zunemeu, bis sie, schnell vollends in unser» Scheitel- Punkt getrieben, den ganzen Himmel zu bedecken scheint und unsere nächste Umgebung mit Regen überschüttet. Wir sagten scheint, denn aus der Ferne gesehen würde unsere Wolke vielleicht nur einen kleinen Teil des Gesichtskreises einnemen. Sie ist uns das, was der aufgespante Regenschirm für uns ist, der auch wegen seiner Tiefe unmittelbar über unserem Haupte uns den ganzen Himmel verdeckt. Das schnelle Größerwerden der Regenwolken, namentlich der Gewitterwolken, ist in vielen Fällen vielleicht blos ein hastiges Näherkommen, ineist aber wol ein wirkliches Zunemen der Dampf- menge in der Wolke durch Zufürung von neuem Dampf oder durch stärkere Verdichtung des bereits vorhandenen in Folge von Einströme» kälterer Luft. So haben wir denn am Wolkenhiinmel, unbeschadet uiisercr Freude an seinen ewig neuen Dekorationen, dennoch eine geivisse immer wiederkehrende Gesczmäßigkeit und Festigkeit seiner Ge- staltungen kennen gelernt. Wir ahnen nun, und auch die Ahnung eines gesczlichen Naturwaltens ist ein Gewinn, daß dort oben i»> einfachen Himmelsblau sormbedingende Einflüsse herschen, welche der Wissenschaft zum Teil noch Rätsel sind._ Denken wir daran, daß die Wolke nichts weiter als Wasserdampf, verdichtetes Wassergas ist, und daß der Grad der Verdichtung auf Wärme derschiedenheilen, welche Luftströmungen bedingen und auf elektn- scheu Zuständen berut— so müssen wir staune» über die auf- lallende örtliche Umgrenzung(Lokalisirnng) dieser Vorgä»geji»i derhältnismäßig kleine Räume der Atmosphäre. Jede abgeschlopene Wolke ist der Siz, ist die Werkstatt für jenes von uns erst zum Teil erkante Walten, dessen Erzeugnis die Wolke ist. Nöllner macht darauf aufmerksam, daß bei der zunemenden Wolke die Kugelforin, bei der sich auflösenden die Zackeusorm dorherscht. wie man das an den Dampfwolken der Lokomotiven deutlich sehen kann. Der kundige Beobachter vermag oft einer Unentschiedenen Wolkenform anzusehen, ob es eine mit der Aus- dildung noch nicht fertige oder eine in der Auflöiung begrissene s«. obgleich für beide Fälle das Aussehen der Wolken oft ganz dns nämliche ist. Der Spaziergänger übersieht oft die drohende Bedeutung kleiner Haufenivöllchen, welche sich harnilos über dem fernen Gesichtskreise zu bilden beginnen, aber schnell zu Gewitter- wölken angeschwollen sind und den Sorglosen ereilen, noch ehe er die nicht ferne Wohnung erlangen konte. Oft aber auch ist es umgekehrt. Der Juli dörrt den bersten- den Boden aus und trinkt mit lechzender Zunge alle Gräben und Sümpfe bis aus den lezten Tropfen leer. Der Landmann sieht um die Mittagsstunde täglich mit flehendem Blicke zn den sich bildenden Wolken empor, daß sie doch das entsürte Naß zu- rückgeben möchten der schmachtenden Erde. Seine Hoffnung ivächst, denn die sich ballenden Haufenwolken rücken näher aneinander und verheißen ein Gewitter. Aber es war nur neckender Hohn. In ihrer blendenden Schöne brüsten sich die Eitlen bis in die späten Nachmittagsstundeii. Da aber geht eine nach der anderen wieder heim in das Nichts der Unsichtbarkeit, und Abends ist der Himmel blau und leer, und die glühende Abendsonne kann sich in keiner Wolke spiegeln.— So kehrt es oft lange Zeit täg- lich wieder, und der Mensch beugt sich bangenden Herzens vor dem Gesez der Natur, auf welches seine Bitte, seine Not keinen Einfluß hat. JTer Rohe kann sich bis zu frazenhaften Wutaus- brüchen vergessen. Nur wenigen sind solche Tage eine Mahnung, daß. denn doch selbst die Witterung nicht so ganz frei von dem Einfluß des menschlichen Tuns ist, wie die große Menge glaubt und damit eine große Tat der Selbsterkentnis ihrer Ohnmacht zu tun meint. Diese Wenigen, ivenn sie sich von nolreifen Äe- treidesluren und versengten Kleefeldern umgeben sehen, denken, sie zagen nicht blos— sie denken an den Wald; sie erinnern sich, daß über ihm auf seinem Gebirgssize die Wolke sich so gern niederläßt und in schneller Wiedergeburt seinem Schöße wieder entsteigt, wenn sie eben erst über seinen Wipfeln in Regen sich aufgelöst hatte. DcrGedaukean denWald fürt uns zur Landschaft zurück, als deren oft nur zu wichtige Hälfte wir vorhin die Wolken begreifen lernten. Selten sieht man in eines jungen Malers Studienmappe Wolkenstudieu, und wenn es dann zum Himmelmalen komt, so ist oft der große oder der geringe Umfang des Hinimelteils der Landschaft der alleinige Grund, ob Wolken darauf kommen sollen oder nicht. Und doch ist gerade der Wolkenhiinmel, den man ja nie one eine Landschaft darunter sieht, eine so wichtige Bildungs- schule für de» Geschmack und für das feine Kunsturteil. Es scheint etwas für die Landschaftsmalerei eine gefärliche Klippe zn sein, was als eine Erleichterung gelten könte: die schrankenlos scheinende Ungebundenheit der Wolkengestaltung. Abgesehen da- von, daß wir(was freilich keinem Malerlehrling etwas unbe- kantes isti gesehen haben, daß dem doch nicht so ist, so liegt ge- rade in dieser Freiheit der Gestaltung eine um so größere Aufforderung, darin das ästelisch Schöne, das zu dein gegebenen Bilde im Einklang Stehende herauszufinden. Das scheint von manchen übersehen zu lverden oder ihnen leicht zn sein. Ich hebe zum Schlüsse noch hervor, daß man nicht selten Bilder sieht, welche unten eine formenreiche, von Felsen und Baumgruppen erfüllte Landschaft und darüber einen ebenso formenreichen Wolkenhiinmel haben, Ivo dann das Auge nirgends Ruhe findet. Sticht minder groß wie dieser ist der Fehler derjenigen Bilder, wo die ebene, an Abwechslung arme Landschaft von einem bunt- gestaltig bewölkten Himmel vollends ganz totgeschlagen wird, wärend ein ganz wolkenloser Himmel eine>olche Landschaft doch ebenso wenig zu hebe» vermögen würde. Vom Himmel herab, vom schönen Wolkenhimmel, holt Euch die Palme des Ruhmes, Ihr Landschaftsmaler! Und wir andern, die wir Maler one Pinsel und Farbe, die wir blos fülende Menschenkinder sind, kehren wir oft zu diesem Himmel zurück, er wird uns und will uns stets eine Quelle und Aufforderung zur Bildung unseres Geschmackes sein. Fruckt und Sunt. mm» 4 beständig erneuern. 3»*' 3*"�' Jeglichen Schwärmer schlagt mir anS Kreuz im 30. Jare Kennt er nur einmal die Welt wird der Betrogne zum Schelm. Goethe. Wer Großes will muß sich zusammenraffen; In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister. Und das Geffz nur kann uns Freiheit geben. Goethe. Ultimatum. Und so sag ich zum leztenmale Natur hat weder Kern Noch Schale; Du prüse dich nur allermeist Ob du Kern oder Schale seist! Goethe. Zu Goethes fünfzigjärigem Todestage. (Ziehe die Illustration aus Seite S34 u. 25.** „Mehr Licht!"— so hauchte der sich dann für immer schließende Mund eines der bedeutendsten Menschen und größten Dichters am 22. März vor nunmehr sünsz'g Jaren— gleichsam als wolle der Dahin- scheidende, der ein langes Leben hindurch nach Licht gerungen und mit der Leuchte der Wissenschast und Kunst Tageshelle in de» Herzen und Kopsen seiner Mitmenschen zu verbreiten gesucht, damit den nachfolgenden Ge- schlechtern ans Herz legen, daß weder er noch seine Mitstreiter auf dem Felde des Geistes die Finsternis endgiltig verscheucht und daß daher sie an diesem seinen schönsten Vermächtnis festhalten und in der be- gonnenen Kulturarbeit fortsaren möchten. Dieser lezte Appell an das entweichende Lebe» ist denn auch in unserer Zeit von taujenden, die meist den Kindern des dichterischen Genius teiluamslos gegenüberstan- den, gehört und beachtet worden, und so lebt denn der Drang nach Er Weiterung des menschlichen Wissens, dieses Streben nach mehr Licht nicht mehr einzig und allein in den Herzen der hervorragendsten und edelsten Geistern, nein, er tönt von den Lippen lausender und abertau- sender wieder und lebt in dem Herzen eines großen Teiles des gesamten Volkes. Ja im Volke, dem auch das l-benslängliche Mühen und Schaffen des Gestorbenen galt, und ihm gehörte er schließlich voll und ganz an, der „Aristokrat", der Geheimrat, Excellenz Wolsgang von Goethe. Von der Natur in der reichsten Weise mit Gaben des Geistes ausgestatter, hatte ihm auch das Gluck die materiellen Schäze gegeben, welche ihn vor der Not und denl Elend, die zumeist die treuesten Begleiter hervorragender Geister sind, zeitlebens bewarten. Diese Gaben aber waren wol auch in Verbindung mit der el'erlichen Erziehung der Grund zu der Heiter- keit des Gemüts, die ihn bis in sein Alter erfüllte und der harmoni- scheu Bildung seines inneren Selbsts, die ihn so hervorragend aus- gezeichnet und ihm mit vollem Rechte die Bezeichnung des„lezten Griechen" eingetragen hat. Aber dieser Umstand mag wesentlich beige- tragen haben, daß ihm das tosende Getriebe des große» politischen Lebens wenig zujagte, und er sich vor ihm am liebsten ins Reich der schönen Künste wie der wissenschaftlichen Forschung flüchtete. Aber die Figuren in seinen schönsten poetischen Schöpfungen, wie in Hermann und Dorothea und in vielen andern sind dem Volke entnommen und sind troz ihrer idealen Durchbildung Glieder der großen Volksgemein- schast geblieben; in seinem Faust ist es die gesellschaftlich nüzliche Arbeit, welche als Erlöser der Menschheil gefeiert wird und in seinem Wilhelm Meister sind es die Ideen der sozialen Gleichberechtigung, welche von ihm zur Darstellung gelangen und in der pädagogischen Provinz den Ausdruck und die Form erhalten, die ihrer künftigen Durchsürung ent- sprechen. Goethes Arbeiten gelten nicht nur einer Klasse oder einem Stande der menschlichen Gesellschaft, sie gelten der gesamte» Menschheit, und somit war er der echte, wirkliche Volksdichter Als solcher wird er erst dann voll und ganz erkant und gewürdigt werden, wenn das Volk sich seine Werke zueigen gemacht, wenn es die Kulturstufe erstiegen haben wird, die er ihm in seinen Berken angewiesen. Wenn nun aber die„Neue Welt" die fünfzigste Wiederkehr seines Todestages dadurch ehrt, daß sie eine Szene aus seinem früheren Leben bildlich vorsürt, so tut sie wol daran, denn eine Handlung im kräsiigstcn und beste» Mannesalter eines Menschen wird diesen uns auch in seiner ganzen Fülle und Kraft erscheinen lassen. Ist es auch nur ein einfacher Vorgang, an den wir erinnern, so läßt er uns trozdem seine hervorragende Persönlichkeit erkennen und zeigt uns, wie gut sich der Dichter, der eben seine Iphigenie vollendet, aus die Kentnis des Menschen verstand und wie er im Notsalle selbst willens ist, die auf geregtesten Herzen zur Ruhe zurückzusüren. Im September 1786 hatte Goethe seine italienische Reise ange- treten und war nach einem mehr oder weniger langen Aufenthalt in verschiedenen italienischen Städten im März 1787 mit dem ihm von seinem Freunde Tischbein cinpsolenen jungen Maler Kniep nach Sizilien abgereist. Aus einem französischen Schiffe, dessen Flagge den Seeräubern Respekt einflößte-, kehrte er mit seinei» Gefärten im Mai nach Neapel zurück. Ein ungünstiger Wind verhinderte jedoch die Einsort in den Gols von Neapel, und so entsernte sich das Farzeug immer mehr von der Küste und trieb gegen die Insel Capri, deren Felieu rechts aus unierei» Bilde steil emporragen und an denen sie mit dem Schisse zugrunde gehe» mußten, wenn es kein Mittel gab, ihnen zu entgehen. Goethe, der von der Seekrankheit geplagt wurde, hielt sich mit Mühe dem Verdeck und war mit seinem Begleiter durch den herlichen Anblick begeistert, den Capri, der Vesuv wie die ganze Küste gewärte. Er hatte auf die nahende Gesar nicht geachtet, bis die lobende und lärmende Menge der andern Passagiere ihn darauf aufmerksam machte. Man hatte m Erfarung gebracht, daß der Kapitän wie der Steuer- maim ihrer.lufgabe nicht gewachsen seien und man suchte sich nun durch Vorwurfe jur die drohende Gesar zu entschädigen. Hören wir nun, wie Goethe die Situation selbst schildert: .Aufmerksam--- betrachteten wir nun unser Schicksal mit Graucu; denn obgleich die Nacht die zunemeiide Gesar nicht unterscheiden ließ, so bemerkten wir doch, daß das Schiff schwankend und schwer gend sich den Felsen(der Jnses Capri) näherte, die immer finsterer vor uns standen, wärend über das Meer hin noch ein leichter Abend- schimmer verbreitet lag. Nicht die geringste Bewegung war in der Luft zu bemerken. Schnupftücher und leichte Bänder wurden von jedem in die Höhe und ins Freie gehalten, aber keine Andeutung eines erwünschten Hauches zeigte sich. Die Menge ward immer lauter und wilder. Nicht etwa betend knieten die Weiber mit ihren Kindern auf dem Verdeck, sondern weil der Raum zu eng war, sich daraus zu be- wegen, lagen sie gedrängt an einander. Sie noch mehr als die Männer, welche besonnen auf Hilfe und Rettung dachten, schalten nnd tobten gegen den Kapitän. Nun ward ihm alles vorgeworfen, was man auf der ganzen Reise schweigend zu erinnern gehabt: für teueres Geld einen schlechten Schiffsraum, geringe Kost, ein zwar nicht unfreundliches, aber doch stummes Betragen. Er hatte niemand von seinen Handlungen Rechenschast gegeben, ja selbst noch den lezten Abend ein hartnäckiges Stillschweigen über seine Manövers beobachtet. Nun hießen er und der Steuermann hergelaufene Krämer, die one Kentnis der Schissskuust sich aus bloßem Eigennuz den Besiz eines Fahrzeuges zu verschaffen gewußt und nun durch Unfähigkeit und Ungeschicklichkeit alle, die sich ihnen anvertraut, zugrunde richteten. Der Hauptmann schwieg und schien immer noch auf Rettung zu sinnen; mir aber, dem von Jugend aus Anarchie verdrießlicher gewesen als der Tod selbst, war es unmöglich, länger zu schweigen. Ich trat vor sie hin und redete ihnen zu, mit ungefähr ebensoviel Gemütsruhe als den Vögeln von Malcösine. Ich stellte ihnen vor, daß gerade in diesem Augenblick ihr Lärmen und Schreien denen, von welchen noch allein Rettung zu hoffen sei, Ohr und Kopf verwirrten, so daß sie weder denkeg noch sich unter einander verständigen kanten.„Was Euch betrifft", rief ich aus,„kehrt in Euch selbst zurück und dann wendet Euer brünstiges Gebet zur Mutter Gottes, auf die es ganz allein ankamt, ob sie sich bei ihrem Sozne verwenden mag, daß er für Euch tue, was er damals für seine Apostel getan, als aus dem stürnienden See Tiberias die Wellen schon in das Schiff schlugen, der Herr aber schlief, der jedoch, als ihn die Trost- und Hüsslosen ausweckten, sogleich dem Winde zu ruhen gebot, wie er jezt der Lust gebieten kann, sich zu regen, wenn es anders sein heiliger Wille ist." Diese Worte taten die beste Wirkung. Eine unter den Frauen, mit der ich mich schon früher über sittliche und geistliche Gegenstände unterhalten hatte, rief aus:„Ah! il Barlame! Beuedetto il Barlame!" Und wirkUch finge» sie, da sie onehin schon auf den Knien lagen, ihre Litaneien mit mehr als herkömlicher Inbrunst leiden- schastlich zu beten an. Sie konten dies mit desto größerer Beruhigung tu», als die Schiffsleule noch ein Rettungsmittel versuchten, das wenig- stens in die Augen fallend war: sie ließen das Boot hinunter, das freilich nur sechs bis acht Männer faffen konte, besestigten es durch ein langes Seil an das Schiff, welches die Matrosen durch Ruderschläge nach sich zu ziehen kräftig bemüht waren." Dieses Mittel jedoch wie auch andere waren außerstande, Rettung zu bringen und so ging denn Goethe, den die Seekrankheit durch die Unruhe des Schiffes noch mehr packte, hinunter in die Kajüte, aber durchaus beruhigt. Aus einem Halbschlummer weckte ihn das Rasseln der Taue, mit denen man die Segel ausjpante, die bald ein leiser, als Retter»och rechtzeitig sich einstellender Lustzug bläte und damit das Schiff von den gefärlichen Felsen forttrieb. So hatte denn Goethe dadurch, daß er aus das Denken und Fülen der erregten Passagire einging, und diese beruhigte, indirekt das meiste zur Rettung beigetragen. Denn wie leicht hätte es nicht passiren können, daß die Verwirrung und womöglich schließlich Empörung den Untergang herbeigesürt hätte, ehe noch der reitende Windeshauch sich eingestellt. Er beweist durch diesen Akt aber, daß er ebensowol imstande war, direkt ordnend und beruhigend aus die Menschen eiiizuwirken, wie auch andere sich allerdings leichter behandelnde Objekte iu schönre Ordnung umzuformen. Und so bewärt sich an ihm in diesem Falle das Poeta propheta in recht treffender Weise. Erhaben und wie von einer höheren Inspiration beeinflußt und durchdrungen, steht er da und schon seine ganze Erscheinung ist geeignet, Ruhe und Andacht unter die un- gefüge Masse zu bringen. Und als er dann erst zu ihnen spricht, ge- wim der Glaube an eine sichere Rettung Eingang und erfüllt die ge- ängstigten Gemüter mit froher Zuversicht. In derselben Weise hat denn auch der Künstler, Hermann Junker, diese Situation aufgefaßt, und man kann mit Sicherheit sagen, daß ihm die treue Wiedergabe geglückt ist. Zornesausbrüche zucken noch hie und da auf, aber schon fehlt dem Sturm die ungestüme treibende Kraft. Und wie der Mensch Goethe hier die verzehrenden und zer« störenden Leidenschaften beschwört und das entsesselte Element in die rich ige Bahn leitet, so hat es der Dichter immer getan, indem er dem Volke in feinen großartigen poelifchen Schöpfungen die echte schöne Menschlichkeit gelehrt und gesungen, und damit hat er sich den Dank aller lebenden und künstigen Geschlechter verdient. Fr. Nauert. Diner& pari. Unser Bild auf Seite 328 zeigt uns wiederum eine Szene in der Kinderstube, aus der die ganze Naivetät des kind- lichen spiels hervorleuchtet. Elsa und Bertha haben ein großes Fest- essen veranstaltet, bei dem natürlich ihre besten Freunde, der Phlegma- tische und plumpe Elephant. die Puppe, Mieze und Bello nicht fehlen dürfen. An Leckerbiffen ist kein Mangel, ja sogar der Champagner war berufen, sein Mögliches zur Feststimmung beizutragen. Der Mieze komt dies sehr gelegen, sie hat sich denn auch eiligst über einen Teller voll Mandelmilch hergemacht. Mürrischer schon ist Bello, dem die Vorbereitungen und Umstände, die man mit ihm macht, viel zu lang- »eilig sind, als daß die Tinge, welche da kommen sollen, ihm Aus ficht auf vollen Ersaz geben könnten. Außerdem fült er sich auch mit vollem Recht tötlich beleidigt, daß er mit seiner Todseindin an einem Tisch sizen muß. Anders die Puppe. Sie macht ein Gesicht— noch süßer als es die Süßigkeiten ans dem Tische da sind. Aber trozdem verschließt sie den leztern beharrlich den Mund, ebenso beharrlich wie ihr Nachbar der Elephant, welcher sich all die schönen Sachen mit einer Gleichgiltigkeit und GeringschSzung ansieht, die für die freundliche» Gastgeberinnen garnicht angenein sind. Aus allen diesen Gründen ist daher die Stimmung bei Tasel eine gedrückte und als gar noch Mieze und Bello ihre uns sehr bekaiilen Töne hören lassen, die einen tätlichen Ausbruch ihrer Feindschaft ankündige», löst sich die Tafelgesellschafi i» völliger Tisharmonie auf. Tie streitsüchtigen Rierfüßler werden hin- ansgesteckl, der mürrische Elephant wandert zur Strafe in einen Winkel und die kokette und spröde Puppe in ihren Puppenschrank. Tort mögen sie warten, bis es den beiden gastfreundlichen Schwestern gesollt, sie einer erneuten Einladung würdig zu finden. Lange wird diese jedoch nicht aus sich warten lassen, da Elsa und Bertha versöhnliche tuten und die übrige Gesellschaft ihre so alte» und guten Spiel- genossen sind, daß sich ihre kleinen Schwächen schon leicht vergessen lassen. Für uns aber ist dieser scheinbar sehr unbedeuleiide Vorgang von größerem Interesse, als mancher nach dem ersten Blick glauben möchte, denn er zeigt uns den kaum erwachten und sich entwickelnden geselligen Trieb im Menschen, one dessen Pflege unsere ganze heutige Kultur unmöglich wäre.— Der Künstler, der das Bildchen erzeugt, heißt Fritz Sinderland und ist 1836 zu Düsseldorf als der Sohn eines Manien Genremalers geboren. Anfangs Ingenieur besuchte er später die dortige Akademie und ist nun gleichfalls im Genre tätig. Tie Probe, welche wir von seiner Kunst hier gegeben, mag genüge», um sich ein Urteil über sein Können zu bilden. ort. eAus äffen Q?infiefn der �eiMleratur. Die Anteilname mancher Dichter an den Geschöpfen ihrer Phantasie ka» sich bis zu Zuständen leidenschastlichec, krankhafter Erregtheit steigern. Tasür folgende Beispiele. Diderot agirle mit Händen und Füßen, wenil er arbeitete, keuchte, rante im Zimmec aus und ab, warf seine Perrücke in die Lust, fing sie auf, sezte sie wieder aus den Kopf, um sie gleich nachher wieder in die Luft zu schleudern und stieß dabei halb unlerdrückte schreiende Laute aus oder geriet in Zuckungen. Einer seiner Kollegen fand ihn eines Tages in Tränen schwimmend.„Mein Gott," rief dieser,„was fehlt Ihnen?"—„Ich tlueiiie über eine Erzälung, die ich mir eben ausdenke," versezte Diderot. abezug auf Schiller wird das nachstehende erzält. Bon einem paziergange zurückkehrend fand ein Bekanter des Dichters, durch ein Parlerreseuster von Schillers Wohnung in Gohlis sehend, diesen lang °us den Boden hingestreckt, wobei sein Körper in heftigster Bewegung war. Bestürzt trat jener ein und srug, ob ihm etwas zugestoßen sei. «chiller aber rief nur aus:»Lassen Sie mich!" Nach einiger Zeit kam der Dichter erschöpft zu dem nämlichen Freunde und teilte ihm w», daß er soeben den Plan zu einer Szene des Ton Carlos gefaßt habe. Ter Gewährsniann für diese Mitteilung, Endner, sagte, sich lpaler wieder dieses Auftrittes erinnernd, daß es sich um die Szene iwischeu der Eboli und Ton Carlos gehandelt habe, nur wisse er nicht w'hr mit Bestimtheit zu behaupten, ob Schiller die Idee zu dieser �Zkne in erwänter Weise gesaßt oder die schon entworsene im Detail ausgefürt habe.— Am karakteristischsten und ergreisendsten aber ist, was Adolf Wilbrandt von Heinrich von Kleist berichtet, als dieser 1807 in Dresden an seiner Tragödie„Peniesilea"'arbeitete. Selten hat wol ein Dichter mit dem Geschöpf seiner Muse so innig und leiden» lchastlich mitempfunden, wie Kleist mit seiner Amazonenkönigin, in der kr sich selbst verklärt und gerichtet hatte. Als er das Stück zu Ende ichrieb, pflegte Pfuel, sein damaliger Freund, am Abend zu ihm zu wmmen und bei Tee oder Milchsuppe die neuesten Verse zu hören. Eines Abends, als er wieder bei dem Dichter eintritt, findet er ihn, den Kops aufgestüzt und in einem Strom von Tränen.„Was hast du, was ist dir?"„Nun ist sie tot," war alles, was Kleist unter tränen enviderte. Er meinte die Peniesilea. Dr. M. V. Gemälde- Preise. Folgende von einem unserer bedeutendsten �ansthändler herrührenden Angaben über den gegenwärtigen Stand 2® deutschen GemäldebandelS dürsten von allgemeinem Interesse sein. Wsakart bewegte sich mit seinen bekunten größere» Kompositionen zwischen 1 1—70000 Mark, Ludwig Knaus zwischen 30— 40 r00 Mark, doch soll {""e„heilige Fämilie", welche er für die verstorbene Kaiserin von diußland malte. 73 000 Mark gekostet haben. Annähernd gleiche Preise "hielten Ad. Menzel, G. Max, Wilh. Diez, Defregger, Leibi, Siemi ,kdzki, Bautier, Kurzbauer, Piloty, Lembach. Zwischen 8, 10 und 1° OrO R. schwankten die Preise für Gemälde von Grützner, E. Zimmer» wann, Lossow, und wie rasch die Leistungen einzelner Künstler im Preiie Aporschnellen, beweisen Fritz Aug. Kaulbach's zierliche und geistvolle �iudienköpse, für welche vor sechs Jaren 130— 300 süddeutsche Gulden ll'jolt wurden, und die jezt aus der Hand des schnell berüml gewordenen �"sters nicht unier 3500—4000 Mark zu haben sind. Für das Genre {2? ba® historische Fach, welche aus nationalem Bode» wurzeln, werden .höhere Preise gezahlt als sür Landschaften. Die ersten Landschafter »wc» Wenglein, Baisch, Schönleber, Millraider, Andreas und Oswald Achenbach ,c. bewegen sich zwischen 6—10000 Mark, die Tiermaler Braith, Ziezel, Voltz, Mayerheim zwischen 2—4000 Mark. Etwa in gleichem Verhältnis stehen die Preise für Handzeichnungen, wobei aber zu bemerken ist, daß viele der tüchtigsten Künstler absolut keine Zeich- nungen machen könen. Defregger hat niemals einen Bleistift in die Hand genommen, die Genialität sizt eben in dem Pinsel, und manchen, denen eine gute Federzeichnung wol gelingen könte, haben weder Mut noch Lust dazu; eine Ausname machen Diez, Fc. Aug. Kaulbach, Menzel, Passini. deren Originalzeichuuiigen zu erlangen schon ein kleines Kapital erfordert. Ein einfach getuschtes Blatt von Menzel,— der in seiner Nüchternheit lieber häßlich als unwahr erscheinen will, und dessen dem Werktagsleben entnommene Figuren uns oft in sehr natura- listischer Weise den Rücken zukehren— drei Figuren in ihrem Arbeits- anzug, mit der niedrigsten Straßenarbeit beschäftigt, kostete z. B. 2000 Mark; Aquarellen desselben Malers, deren Gegenstand oft nur äußerst wenig Sympatie in einem ideal gestimlen Gemüt erwecken kann, werden in Paris und London mit 5—6000 Franken bezalt.— r. Wallenstein'S Prachiliebe und Berschwendung überstieg be- kantlich alle Grenzen Wir besizen darüber einen im Dresdener Archiv ausgefundenen Bericht des kursürstlichen Geschäftsträgers Lebzelter, der 162* in da- Hauptquartier Wallenstein'S nach Halberstadt gesaut worden war. Zu des Herzogs Hofstaat gehörte» 46 Heerwagen zu je 6 Pferden, 46 Kaleschen je zu 4 Pferden, 7 Leibkutschen je z» 6 Pferden, im Ganze» also 502 Wagenpserde, und dazu noch 120 Reitpferde, öhne die Maul- tiere und Sänftenpserde; ferner die oberen Hoschargen mit 110 Pferden, die anderen Hosadeligen mit ebenfalls 110 Pferden; die zur Tafel- bedienung gehörigen oberen Beamten mit Lsfiziersrang mit 117 Pferden, die übrige höhere Hosdienerschaft mit 32 Pferden, endlich 16 Edelknaben. Tann erst kam die untergeordnete Dienerschaft: Kammerdiener, Zal- meister, Garderobenmeister, Kammer-Fouriere, Kanzliste», Kammerheizer, Portiers, Musikanten, Hosmeister, Fecht-, Tanz-, Voltigiermeister für die Edelknabe», Bereiter, Silberdiener, Schirrmeister, Wagen- und andere Handwerksmeister, 13 Köche, Kellner, Lakaien u. s. s., zusammen wieder über 100 Personen, ohne die 50 Trabanten und 100 Leibiroaten. Ter Auswand durch Speise und Trank überstieg gleichfalls alles erdenkliche Maß.— Sein Prager Palast erhielt die kunstvollsten Ausschmückungen; an der Decke des Festsaals hatte er sich als Triuniphator malen lassen „aus einem mit vier Sonnenrossen bespanten Wagen und einen Stern über seinem lorbeerbekränzten Haupte." Eine eigene Leibwache diente zu seinem Schuz, 60 in Gold und blaue Seide gekleidete Edelknabe», 4 Jlammerherren und>2 Ritter bildeten seine nächste Umgebung; 3o0 Rosse in seinem Marstall fraßen aus marmornen Krippen. Diesem Auf- wände einsprach sein ungeheurer Reichium, der sich durch den Krieg in's Unglaubliche gemehrt hatte._ Dr. JI. V. Chinesische Besonderheiten. Dem europäischen Reisenden, der zum erstenmale seinen Fuß auf den Boden des„Reichs der Mitte" sezt, fallen soviel Widersprüche mit de» Bräuchen seiner Heimat in's Auge, daß er wol unwillkürlich an das Märchen von der„verkehrten Welt" erinnert wird. So z. B. lassen die Chinesen ihre Schiffe und Dschunken seitwärts vom Stapel. Ter Reiler steigt an der rechten Seite aufs Pserd. Ter Schüler, der seine Lektion hersagt, kehrt seinem Lehrer den Rücken. Wenn der chinesiiche Tandy zu einem Gesellschastsball geht, zieht er nicht etwa leichte Tanzschuhe an, sondern er bekleidet seine unteren Extremitäten mit so dickein solidem Schuhwerk, als er es erhalten kann. Blei weiß wird zum Stiefelpuzen gebraucht. Bei Besuchen erfordert es die Höflichkeit, de» Hut aufzubehalten, und wenn man seinen Wirt begrüßt, hat man die eigene» Hände zu falten und sich so gewissermaßen selbst die Hand zu geben. Malzeiten beginneil mit Zucker- werk und Früchten und enden mit Fischen und Suppen. Beim Essen darf nicht gesprochen werden. Die Tafel darf weder durch den Körper, noch durch die Kleidung des Essenden berürt werden. Gestaltet ist es, beim Essen mit den Lippe» zu schmazen und kurze, lobende Bemerkungen über die Speisen zu äußern. Weiß ist die Trauersarbe. Man kann sehen, wie der Erwachsene auss ernsthasteste mit dem Steigenlassen seines Drachens beschäftigt ist, wärend die Jugend die Geschicklichkeit des Alten bei dieser Tätigkeit bewundert. Bücher fangen am Ende an. Das Seiten- Verzeichnis ist unten und man hat von rechls nach links zu lesen. Der Zuname geht dem Tausnamen vorher und Die Mutter, die ihr kleines «ind liebkost, hält dasselbe, anstatt es zu küssen, an die Nase und riecht es an, so etwa, wie man a» einer Rose riecht. In Ermangelung eines Stockes peitscht der Lehrer seine Schüler wol mit seinem Zopfe.— Schi. Begrüßungen. Sehr häufig drückt sich in den Grüßen der Karakter des Volkes und des Landes aus. So grüßt der vielreisende Holländer mit der Frage: wie reifet Ihr? und in dem bekamen: Low do you do?(wie tust Du) der Engländer zeigt sich ganz das ge- schäftige Wesen dieser Notion. Auch der vielhandelnde Neugrieche grüßt mit: was tust Tu? wärend das: srene Dich! der alten Griechen die ganze Lebenslust des heiteren Hellas atmet. Auch in dem: salve!(fei gesund und stark; der ersten Römerzeit zeigt sich der Zug jener Periode: gesunde, kräftige Staatsbürger zu erziehen, die in den ewigen Kriegen den Strapazen des Schlachtfeldes gewachsen sind. Das: Yuid agis dulcissima verum?(was tust Du, süßestes der Dinge?) des römischen Kaiserreichs dagegen zeigt schon den verseinelten Ton und die weichere Lebensart, die jene Zeit karakierisirt und auch der Gegengrug auf diese Phrase: Suaviter(angenein) zeigt das Bestreben, das Leben sorglos und heiter zu genießen. Ter lebhafte Franzose grüßt mit: Donjour, fgiitfn, Comment ca va?(lutc befinden äi«))» wnrend der 336 Spanier mit einem: mögest Tu lange Iare leben, dem Freunde die Hand drückt. Bekant ist das arabisch-hebraische: satem t Friedet, welches im slavischen: wir, was gleich olls Frieden bedeutet, sein Seitensiück findet. Tas deutsche: gehab dich wol! finden wir in entlegenen Teilen Rußlands in dem: Zdrawstwo(seid wol) wieder, Wärend das deutsche: guten Morgen! bei den Türken in dem Gruße: möge Dein Morgen gut sein, wiederkehrt. Ter Gruß der Aegyvter: schwizel Ihr viel? zeigt auf das Klima des Landes hin, und der Perser, der den Freund durch ein: möge Dein Schatten sich nie verringern! begrüßt, deutet dadurch an, daß es ihm als großes Unglück erscheiucn würde, wenn sein Körper sich verringere. Kärakteristisch ist auch der Gruß der Chinesen: habt Ihr Euren Reis gegessen? wodurch auch dem Nichtkundigen klar wird, welch wichtige Rolle der Reis auf der Insel des Bewohners des Reichs der Mitte spielt. Taß die Chinesen überhaupt Respekt vor der wichtigen Rolle haben, die die Speisen und was damit zusammenhängt im Leben spielen, zeigt ein weiterer Gruß, der bei ihnen im Gebrauch steht und der da lautet: Seid Ihr mit Eurem Magen zufrieden? Unzälig sind die besonderen Begrüßungen unter Körperschasten, Gewerben u dergl. Wir erinnern i ur an das: Glück aus! der Bergleute und an das weniger sinnvolle: Gut Heil! der Turner. Im allgemeinen sinken im gewön- liehen Gebrauche alle Grüße zu leerem Gerede hinab, bei welchem sich weder der Grüßende noch der Begrüßte irgend etwas denkt.— gehl. Freien und Hochzeil bei den Wotjäken. Unter Ländlich— sittlich brachten wir in Nr. 22 über verschiedene seltsame Gebräuche der Wot- jäken einige Mitteilungen. Heute sind wir in der Lage, über diesen Volksstamm noch einige Notizen zum besten zu geben, welchen wiederum eine längere Abhandlung des Dr. M. Buch im„Auslande" zugrunde liegt. Tie Moral, welche bei diesem von Geburt an schon an eine ganz besondere Abhärtung gewöhnten Völkchen in geschlechtlicher Beziehung herrscht, ist nun von der unsern gerade so verschiede» wie die Behandlung der Säuglinge dort von der bei uns. Mädchen und Bursch verkehren durchaus zwanglos, und es ist sogar schimpslich für ein Mädchen, von keinem Burschen ausgesucht zu werden.„Lieb* der Bauer ein Mädchin nicht, liebt auch Gott es nicht", lautet dort ein Sprüchwort, welches dieses Verhältnis am besten karakterisirt. Ehren- voll ist es daher auch für ein Mädchen, Kinder zu haben, sie bekamt in diesem Falle eher einen reichen Mann und ihr Vater einen höh ren Käuf'chilling. Kinderlosigkeit gilt überhaupt als Schimpf, und es soll vorgekommen fem, daß ein Mann seine Frau verstieß, weil sie ihm keine Rinder geboren. Tas verheiratete Weib ist aber dem Manne sehr treu, wie sie auch als fleißige und tüchtige Haussra» geschildert wird. Da das edlere und höhere Gesül der Liebe den Wotjäkensrauen fremd ist, so mag sllr sie auch kein Grund vorhanden sein, die Treue zu brechen. Nach der Logik, die bei diesen Menschen herrscht, widerspricht die Eitle, einem besonders werten Gast die F>au zu allen möglichen Tienstleistuugen zu überlassen, der ehelichen Treue durchaus nicht, ja man soll es sogar demjenigen stark übelnemen, der die Hingebung der Frau oder Tochier des gastlichen Hauses zurückweist. Vor dem 2(1. oder 23. Iare tritt kein Mädchen in die Ehe, wärend die Männer nicht nach dem 20. Iare heiraten, meist aber schon mit dem 1W. Es ist sogar schon vorgekommen, daß von so einem Pare der Bräutigam 13, die Braut 26 Iare alt war. Tie Eltern des Bräutigams zalen den Eltern der Braut einen Kausschilling, der meist 30—60 Rubel, unter Umständen auch mehr oder weniger, beträgt. Tie Braut, die immer aus einem andern Torfe geholt wird, bekomt als Entgelt eine Auesteuer von gleichem Werte. Die Einleitung zum Freien ist ebenso originell. Der Bursch, welcher ein ihm passendes Mädchen gesunden, geht abends in ihr Haus und bietet ihr mit den Worten:„Wir bringe» Tabak zum schnupfen" eine Prise Schnupftabak an, der sonst selten gebraucht wird. Nimt sie die Prise au, so reicht er die Tose auch den andern Familien« gliedern, plaudert einige Worte und geht fort, um an den nächsten beiden Abenden diese originelle Brautwerbung zu wiederholen. Erst dann komt der Vater oder Brautwerber des Burschen, um wegen des Kaufschillings zu uiilcrhandeln. Tie Braut geht, nachdem man sich geeinigt, soiort ins Haus des Bräutigams und bleibt dort eine Zeitlang. Ihr Vater nebst Verwanlen komt gleichfalls auf eine Woche, doch dars sich der provisorische junge Ehemann vor dem ersteren nicht sehen lasten oder, wenn dies dennoch geschiet, nicht merken lassen, daß er ihn kent. Die Hotzeit dauert eine ganze Woche und das ganze Torf nimt au den Schmausereien Anteil. Danach kehrt die Braut wieder in Mädchen- Neidern ins Elternhaus zurück, von wo sie dann vom Brautwerber und den Berwanten des Bräutigams abgeholt wird, die dann auch den Kaufschilling bezalen Aus festlich geschmücktem Gespann mit Schellen- gek ingel rückt der Hochzeitszug ein und dann beginnen die nunmehr drei Tage dauernden Hochzeitsfeierlichk iten von neuem. Tie Feierlich- leiten selbst bestehen in langweiligen sich wiederholenden Zeremonien. Schnapstrinken. Tabakrauchen, Schwizen, programmäßigem Heulen seitens der ganzen Hochzeitsgesellschaft u. s. f., und daß am Schluß die ganze Gcsellschuft stark bezecht ist, ist klar. Die Trauung der getauslen Wot- jäke» seitens des Popen findet erst später, unter Umständen auch sogar erst nach Monaten statt. ort. Aür Laus und Löf. Eine sehr nüzliche Knchengartenvflanze ist die viel zu wenig beachtete Pastinake. Ihre Brauchbarkeit ist eine sehr mannigfaltige. Tie Wurzel ist süß und verleiht der Suppe einen angenem gewürz- hasten Geschmack. So wie die gelben Rüben als Gemüse bereitet, ist sie ebensalls gesund und wolschmeckend. Außerdem kann die Pastinake zur Bereitung eines guten Branlweins und mit etwas Hopse» versezt selbst zur Herstellung eines vortrefflichen weinartigen Getränkes ver- wendet werden. Auch wenn man die Wurzeln fein zerschneidet und zerquetscht, dann mit Wasser übergießt und Zucker sowie eine Kleinig- zeit Weinsäure zusezt, erhält man ein dem Traubenweine ähnliches, mundendes Getränk. Ter Landwirt kann Blätter und Wurzeln der Pastinake sowol als vorzügliches Mastsutier, wie als gutes Milchsutter nüzen. Schuhwerk kann man wasserdicht machen und konserviren, wenn man 3 Gewichtsteile Harz, 125 gelbes Wachs, 125 Hammelsett und 500 Gewichtsteile Mohnöl über einem kolenleuer schmilzt(um das Anbrennen zu vermeiden), sie dann gut untereinanderrürt und mit einer Bürste noch warm auf Oberleder und Sole aufträgt. Stärke wird voizüglich glänzend und steif gemacht, wenn man beim Bügeln ein wenig Borax und Stea.in zusezt. QWgeßer für Sesundhcilspffege. Hannover. 9!. 91. Tab Ihr vier Iare alttr Sehttovs- und Rackienkatarrh nickt leicht zu heben isi, iähi stck beprriien. Ader warum baden Sie tun io alt werden lassen und definden Sich erst seit 8 r Jaren in tut Behandlung eine» Spezialarzte»? T'e Atzungen und Inhalationen, vermutlich warme Wafierdämpie mit Tannin oder Lvium, mit denen der Arzt gegen Ihr Leiden zu F-lde riebt, entsprechen dem gegenwärtigen Stande der Heillunde, bietin abir nur dann mäglichft fictre Aussicht aus Erso g. wenn Sie defiändig Tag und Aackt in g-Iunber und zwar reiner und warm r, brinndcre feucht- warwrr Lust atmen, aus der Straße sich gewönen nur durch die Siase zu aimen und bei raueer Lust eile Tuch vor den Mund zu halten— die früher und von manchen Berzte» auch heule noch viel empsolewn..Rcspiraroren" find lieber z» vermeiden—, wenn Sie lerner Ihr Sl mmorgan durch Eingen und laute» Sprechen nicht annrengen. endlich nur reizlose, am denen weiche wd schleim ge Spellen genießen und Gewürze, sowie Spiri- iuosen und lalle Gelräute tüllig beileiie lassen. Erlauben Ihnen Ihre Miliei durchau» nicht, in är.tlicher«edandlung zu bleiben, so verzichten Sie ans tue Aezungen aanz und beschränten Eick ans JnHaltionen reiner Waficrdämpse mit ttochsalz, die man loiienlo» in sedii Häuülichtcit haben tann: im übrigen beachten Sie genau alle die oben angegebenen Borstcht»- und Schonungsmaßregeln. Speyer.«.«ire. Ta» Höllenstein aenante salpetersaure Sllberoxyd, gewonnen au» tu Sulp tersäure gelöstem tuvserhalvgen Silber wird nur zu obirstächlicheu Aezungen bei EesNwürcn. Bißwunden. War>en rc. verwendet. Die durch Berürung der.> inger- baut mit Höllenstein entstehenden schwarzen Flecken entfernt man am schnellsten mit Jod- lölung. Gclena». Strumpswirler L M. Da Sie Ursache haben, mit dem Gelbe sparsam umzugchen, so lausen Sie leine» von den beiden ivüchern, deretwege» Sie ausragen, sondern„da» Buch sür Gesunde und üranle", von llr I. Bürli, welche» zu Bern im Berlage von Hcuberger ei schienen ist. E» lostet uur vier Mark und wird für Ih e Zw.cke genigen. Taß übrigen» gar lein Buch in schn ere firanlheiigsällen einen arwisten hasten und voruririlslosen, aus der Höhe der Wissenschast stehenden Arzt er« sezen lau», werden Sie wol auch meinen. QR.edaKiionsKorrespönden). Grimma. H. S. Derartige physilalische Apparate lönnen Sie bequem und verh Itni»mäßlg billig au» Leipzig von Ernst Heilmann» Ledrmiitelhandlung de- ziehen. Ein Aiparat zur Erllärung der Hebel losler 6 bis 8 Marl, dagegen freilich ein Arparai zur Temomiratlon der Hebelgefeze 21 Marl, ein Apparat zur Lehre vom Neil 12 Marl, ein Flaschenzug mit 4 Rollen 5 Marl 50 Ps., ein Apparat zum W egeu der Luit 9 Mail u. f. w. Sie urteilen sehr riwlig. wenn Gw meinen, daß solche Apparate a>» Spielzeug und Beschäitiaungömittel für die heranwachsende Jugend vor» lrefilia, zu gebiaucken stich. Rur wä-e zu wünschen, daß dieselben doch noch ganz er» bebiick woiseiler zum Be-kaus gebraucht würden, damit sie sür recht weite Bollsireise zugänglich würden und so einen großen Teil vnir>r sunaen Welt spielend mit den Grundlagen untrer Raturwifienschalten veriraut machen lünten. Slerschlau. St Sie baden recht. Jude» ist solch' ein Drucklebler nicht gesärlich, da jeder versiändiae und Halbweg« unierrichiete Leser leinen Augindlick»Weiseln lann, daß an der delrefienden Slille aus S. 161 der R. W. v. d. I.»ur die Franzosen von 1789 gemeint sein lönnen und nicht die von 1879 Mit dieser Nummer schließt das II. Quartal des 7. Jargangs der,.Neuen Welt". Die geehrten Abonnenten werden ersucht, die Bestellungen aus das III. Quartal ungesäumt aufzugeben, damit keine Unterbrechung in der Zustellung des Blattes eintritt. Die Expedition der„Neuen Welt". InhaU. Im Kamps wider alle. Roman von Ferd. Stiller.(Fortsezuug statt Schluß.)— Die Urkunde» des Menschengeschlechtes. Von Paul Schäfer,(«chluß.)— Die Fliederzweige. Eine einsackie Geschichte von C. Dreßler.(Schluß.)— Aus dem Bereiche der Wolken. Namr- wissenschastliche Betrachtung. Bo» D. Gronen.— Frucht und Saat.— Zu Goethes sünszigjärigem Todestage. lMit Jllustratlou)— Diner ii pari. iMit Illustration.)— Aus allen Winkeln der Zeitliteratur: Die Anleiluame mancher Dichter an den Geschöpsen ihrer Phantasie.— Gemälde-Preise.— Wallenstein's Prachltiebe und Verschwendung. Chinesische Besonderheiten.— Begrüßungen— Freien und Hochzeit bei den Wotjäken.— Für Haus und Hos: Eine sehr nuzliche Küchengartenpflanze.— Schuhwerk kann man wasserdicht machen und konserviren.— Slärke wird vorzüglich glänzend und steif gemacht.— Ratgeber sür Gesundheitspslege.— Redaklioustorrejpondellz. Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Slut gart.(Neue Wellisteige 23.)— Expedition: Ludwigstraße 26 in Stullgarl. Druck und Verlag von I. H. W. Dietz in Stuttgart. 1- T T