Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 50 Pfennig.— In Heften a 35 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Werschtungene Lebenswege. Roman von Iranz ßarion. In der Keide. Sand, überall Sand, meilenweit, meilenbreit. In vorgeschichtlicher Zeit rollte das Meer seine Wogen über das deutsche Tiefland und als das flutende Element es verließ, blieb der Sand zurück, die Sonne trocknete ihn und rief eine Vegetation iws Leben, welche heutzutage noch der Ungeheuern Einöde einen Schmuck verleiht. Im Augustmonat trägt die deutsche, auch die lüneburger Heide genannt, für wenige Wochen ihr Galaklcid. Ter Blick des Wanderers ruht mit Vergnügen auf dem Uch nach allen Richtungen bis zur weit entlegensten Grenze des Sandterritoriums hinziehenden buntfarbigen Teppich. Millionen um Millionen zarte, lila oder rötlich schimmernde Blüten- Söckchen spenden der Heide jenen wunderbaren Anhauch duftigen Morgen- oder Abendrots gleich einem Verklärungsschimmer, Welcher das Auge entzückt. Und wie lebendig ist es in dieser Naturpracht! Hier ist die Heimat zahllosen Kleinlebens. Am (tfühend heißen sandigen Boden bewegt sich eine Tierwelt von wunderbarer Schönheit. Glänzende Käser und Insekten aller �rt beleben das bunte Heidekraut, unter dem in lustigem Spiele smaragdgrün strahlende Eidechsen hinhuschend sich jagen, schwir- bende Grillen und summende Bienen, süße Tropfen aus den hinundher vom leisesten Lüftchen schwankenden Blütenglockcn uaschend und dann die kleinen zierlichen Heideschmctterlinge, in bichten Schwärmen wolkenartig aufstäubend und vermöge des �tlasglanzes ihrer blendend weißen oder feucrfarbenen Flügel- JJecken im Sonnenlichte wie Schneeflocken und glühende Funken durcheinander wirbelnd; aber allen zuvor tun es mit ihren dünnen zwitschernden Stimmen die Heidelerchen als stattliche Erandscigneurs der unbeschränktesten Freiheit... ja, cS ist einc wundervolle Klcinwclt. die da lebt und webt. Auf der unabsehbaren Sandfläche, die so einsam und öde sich ausbreitet, ruht die Stille eines Friedhofs und die Heide hat das beste Necht dazu, diese Bezeichnung in Anspruch zu nehmen. Aus der in graublauen, Ferneduft sich verlierenden Sand- rdene und aus den schwachen nach deren Grenzen sich hin- gehenden hügeligen Sandwellcn ragen hier nnd da Erhöhungen auf, welche gleich alten Merkzeichen sich von ihrer eintönig gelbgrauen Umgebung tief dunkel abheben. Und in der That sind es Merkzeichen.... uralte Merk- zeichen, Grabstätten aus einer Zeit, von der keine Sage auf uns gekommen ist. Diese Grabhügel sind wachholderbewachsene kunstlose Bauten für Tote, welche jedenfalls in vorrömischer Zeit gelebt haben, und deshalb Denkmale an ein unbekanntes Volk, das wegen öftern Wechsels seiner Wohnpläze seine Toten verbrante und durch Errichtung dieser Grabkanunern der Nachwelt das Zeugnis hinterließ, wie sehr es seine Dahin- geschiedenen ehrte und liebte, um deren Ueberreste vor Feind- seligkeiten von Menschen und Tieren zu sichern. Um ein solches Hünengrab oder auch Hüncnbett, wie die Leute dortiger Gegend diese in der Heide in nicht geringer Zahl verstreuten Gräber nennen, hatten an dem Tage, dessen Ereignis in diesem Kapitel geschildert ist. sich einige Wagen mit Eingeladenen eingefunden, denn es galt der Ocffnung einer solchen Grabstätte, um vornehmen vom londoner Hofe zu Be- such an den Hof zu Hannover gekommenen englischen Herrn einen Begriff von deren Innerem zu geben. Die zur Aufbrechung eines derartigen Hügels bestellten Leute aus einem Heidedorse mit ihrem Arbeitsgerät, Hacken und Schaufeln warteten bereits der Ankunft der hochgeborenen Gesellschaft. Dies Warten würde höchst langweilig gewesen sein, wenn nicht die der Heide allein eigentümliche Type von Schafen mit dem sie führenden Master einige Unterhaltung gewährt hätten. Der Master(Schafhirt) hatte seine Pfleglinge in den breiten Schatten des Hügels gcfürt und stand mitten unter ihnen wie ein Familienvater, eine lauge, hagere Figur in seinen weiß- wollenen, innen rot ausgekleideten Mantelrock gehüllt, unablässig an einem unförmlich großen, grauschwarzcn Strumpf breidelnd (strickend), wie diese Arbeit dort genant wird. Mit seinen lichtblauen Augen die ihn verwundert betrachtenden Fremden anblickend und one jede andere Bewegung als die seiner Hände mit den dicken Nadeln, bot er, umgeben von seinen kleinen Pfleglingen, den Heidschnucken, jenen Liliputs von Schafen, die hange Wolle und Hörner tragen und ganz verschieden von der großen Schafart sind, welche durch anderes Futter fast andere Vp. '«wliga«, l.«vril 18»2. Tiere zu sein scheinen, ein sehr hübsches Bild, das den Frcm- den ungemein wolgcfiek. Die kleinen schwarzgrauen Heidschnncken sind die lustigste Gesellschaft, welche der in diese Ocde gleichsam gebannte Aiastcr sich nur wünschen kann. Wie Federbälle emporschnellend, mit possierlichen Sprüngen, frischen Augen, leichtgliederig und behend, sich neckend und jagend, tummeln sich diese harmlosen Vierfüßler um ihren schweigsamen Hüter. Sie sind seine Familie, die mit harten Gräsern vorlicb nimt und wegen ihres alle lichte Färbung entbehrenden Naturkleidcs auch als Negerstamm unter den Schafen bezeichnet wird, von dem kein Forscher sagen kann: wann und woher, mit welchem Volke derselbe in dies Reich der Stille gekommen sein mag? Die Eingeladenen gehörten zum größten Teile dem ärzt- lichcn Stande an. Sie hielten zufällig eine Versamlung aller Hannöver scheu Kollegen in der Residenz Hannover und um den englischen, am Hofe des Vicckönigs, des Herzogs von Cam- bridge, zu Besuch erschienenen Lords einen Beweis der Hoch- achtung zu geben, fand es die Ncgirung wünschenswert, die Männer der Wissenschaft dahin zu bestimmen, die fremden Herren in die Heide zu begleiten, um dem Aufbruch eines Hünen- grabes beizuwohnen. Wenige Frauen der Aerzte hatten sich diesem Ausfluge in Gesellschaft ihrer Gatten angeschlossen, wären aber die kleinen lustigen Heidschnuetcn nicht zufällig am Plaze gewesen, so würden sich die Damen verzweifelt gclangwcilt haben, die Possierlichkeit der kleinen Vierfüßler entschädigte indes einiger- maßen die Getäuschten, welche sich große Uebcrraschnngcn ein- gebildet haben mochten. „Kollege Philipp, ich mache Euch mein Kompliment", sagte einer der Aerzte, an den Genanten herantretend. „Mir? Warum?" fragte der Angeredete. „Hm, habt in einen Glückstopf gegriffen, eine hübsche junge Frau gekapert. Unsereiner fällt bei solchen Gelegen- heitcn lvic regenfaul gewordenes Obst ab." Doktor Philipp lachte. „Habt gut lachen, das kizelt Euch," redete der andere. „Wenn an Euch Wunder geschehen können, sollte ich meinen, 's wäre auch an mir möglich... Nicht?" „Wollt Ihr heiraten, Kollege Giersdorf?" „Je nun, warum nicht? Wir beide... Ihr und ich... sind fast in gleichem Alter, da wird's von meiner Seite wol nicht voreilig gehandelt sein, denke ich. Wenn ich nicht ganz ine, so seid Ihr noch um ein Järchcn älter als ich... ich bin'n Vierziger." „Versucht's" antwortete jener und in dem Tone der kurz hingeworfenen Aufforderung markirte sich der Acrger über diesen Altersvergleich. Nach einer Pause äußerte Doktor Giersdorf:„Ja, das hat den Teufel gesehen. Weiß man denn, ob man eine recht- schasfcne treue Frau kriegt!? Bei unserm Alter ist das eine Frage mit himmelhohen Fragezeichen. Je hübscher die Frau, um desto mehr hat man zu fürchten, daß ein junges Männer- gesicht ihr besser gefällt und übrigens..." „Ach, laßt diese Rederei! ich habe keine Lust an derlei," schnitt sein Kollege verdrießlich ihm die Weiterrcde ab. „Nur nicht gleich grollig", entgegnete jener mit einem imper- tinenten Lächeln.„Eine Alte mag ich nicht und eine Junge ... puh! werde ich mir wol aus dem Sinne schlagen müssen, denn ich bin nicht vermögend genug, um dadurch zu verblenden und dann... aber lacht mich nicht aus, Kollege... ich habe eine Untugend an mir, die ich nicht bemcistern kann, ich bin zu schüchtern." „Ihr, Giersdorf?" „Ja, leider ich! Ich habe eine große Abneigung vor allen Ungleichheiten. Eure Frau beispielsweise kann höchstens zwanzig Jare alt sein, das scheint mir zu ungleich gegen einen Mann in den vierziger Jarcn, da ist immer zu fürchten und..." In diesem Momente ließ sich ein schmetternder Trompeten- stoß vernemcn. Ein auf dem wachholderbewachsenen Hünen- grabe in die Ferne spähender Arbeiter war der Urheber dieser plözlichcn Lufterschütterung. Er hatte die Aufgabe, das Heran- kommen der englischen Hcrschaften zu signalisiren; aber auch der wie zerbrochen sich kundgebende Ton einer Blechglocke mischte sich als Parodie mit dem Trompetensignal. Die gutmütigen kleinen Heidschnncken waren dadurch dermaßen in Schreck ver- sezt worden, daß sie ihrem in höchster Verwirrung flüchtig mit der immerfort klappernden Glocke am Halse in die Heide vor- anjagenden Leithammel wie toll geworden sich nachstürzten. Ihr Master verließ um keinen Fuß breit seinen innegehabten Stand, aber er schickte ihnen einen durch die Finger bewirkten gellenden Pfiff nach und die aus Rand und Band gekommenen Ausreißer kehrten demutsvoll zu ihm zurück. Ihr Leithammel befand sich jczt, als sei er von der Schmach seines flüchtigen Heldentums niedergedrückt, im lcztcn Gliede seiner zur Ordnung rückkehrenden Schaar. Die Umstehenden lachten herzlich über dies kleine Intermezzo. „Das war sehr spaßhaft", sagte Frau Lucie, des Doktors Philipps Gattin.„Hat es dir auch Vergnügen gemacht, lieber Philipp?" „O gewiß, meine gute Lucie", antwortete der Gefragte. „Und da es Dich so heiter gestimmt hat, bin ich doppelt davon erfreut. Die englischen Herschaften werden bald hier sein und leider kann ich nicht bei Dir bleiben, was mir sehr unangenehm ist. Schließe Dich an diese Damen hier an... sie werden gewiß so gefällig sein, sich Deiner freundlich anzunehmen." „O, da haben Sie keine Sorge, Herr Doktor Philipp", nahm eine ältliche Dame das Wort..... wenn auch Ihre hübsche junge Frau mit unsrer Unterhaltung unzufrieden ist." „Meine Lucie nicht zufrieden? Sie verkennen sie. Wenn sie wirklich etwas zurückhaltend ist, so deuten Sie ihr das nicht übel aus, sie ist unter Ihnen noch zu fremd, das ist die ein- zige Ursache." „Nimm mich mit Dir, Philipp... es gefällt mir unter dieser Frauengesellschaft nicht", flüsterte die junge Frau ihrem Gatten zu. „Das geht nicht, Lucie, das würde auffallen. Bleibe und füge Dich in's Unvermeidliche", bat jener. „Wenn ich muß, dann freilich; aber es ist mir sehr zu- wider", lautete Lnciens Antwort, und von ihrem hübschen Ge- ficht schwand jeder Ausdruck der Heiterkeit, den die tolle Flucht der zierlichen Heideschnucken bei ihr hervorgerufen, ein trüber Ernst überbreitcte ihre Züge. Dem Doktor, ihrem Gatten, cnt- ging diese Veränderung nicht, indes er äußerte nichts darüber. In der kurzen Zeit seiner Vcrehelichung mit ihr hatte er schon öfter plözlich von ihr besiznehmende Mißstimmungen ken- neu gelernt und sie one weitere Bemerkungen vorüber gehen lassen. Er war nicht ungerecht gegen sie und brachte es in Rechnung, daß ihr beiderseitiges Lebensalter um volle zwanzig Jare auseinander stand. Seine Jugend hatte keine Freude kennen gelernt, nur Bücher. Sein Vater, einer der tüchtigsten Chemiker und Apotcker in Hildeshcim, gehörte jener heillosen Erziehungsteorie an, welche es nicht für nötig findet, daß Jugend mit Heiterkeit gepart sein muß, und wäre das geistige Teil seines Sohnes nicht so kerngesund gewesen, es würde unter dem Drucke dieser Freudelosigkeit verdorben sein. Erst nach seines Vaters Ableben drängte sich ihm die Ver- ödung, in der er sich nun befand, wie ein nicht von ihm ab- lassen wollender Schauer auf, und er entschloß sich, die Heirat mit der Tochter eines seiner weitläufigen, aber durch fehl- geschlagene Spekulation tief herunter gekommenen Verwanten ein- zugchen. Sein gutes Herz trieb ihn einesteils zu dieser Ver- bindung, andernteils war Lucie ihm keine ganz Fremde, deren Bekantschast er erst hätte anbahnen müssen. Es tat ihm leid, dies junge Mädchen, welches nach ihres Vaters Tode so ver- lassen im Leben stand, auf den geringen Ertrag seiner weiblichen Arbeiten angewiesen zu sehen, und das Bewußtsein, daß ihm so manches niangclte, was ihn in Fraucnaugen an- genehm machen konnte, ließ ihn jede andere Werbung um Töchter bemittelter Familien im voraus vergeblich erscheinen. Er ist ein Sonderling, sagte man, als seine Vcrchclichung r 339 ! vali t mit dein vennögenslvse» Müdchcn bckant>vurdc. Indes diese Ehe war eine nur scheinbar zufriedene, da niemand ahnen konnte, daß auf dem Gemüt der jungen Frau ein Druck lastete, welchen sie sorgsam vor ihrem Gatten verbarg. Obwol nun Frau, stand sie vereinzelt da, wie sie als ein von ihrer Hände- arbeit lebendes Mädchen da gestanden hatte, und doch war die schwere Sorge um Erwerb ihres Lebensunterhalts die zwingende Veranlassung zu ihrer Vcrehelichung mit Doktor Philipp ge- Wesen. Ihm mangelte geistige Elastizität, sein ruhiges nach- denkliches Wesen ließ ihn kühl im Umgange mit seiner Gattin erscheinen, sein Laboratorium zog ihn weit stärker an... er verstand es nicht, seiner jungen hübschen Frau sich liebenswürdig zu zeigen. Trozdcm sie seinen Namen fürte, sah sie sich einer Verlassenheit anheimgegeben, für welche es in ihren Augen keine Besserung gab. Ihr Leben war so zu sagen an's Hans gefesselt, allen jenen gesellschaftlichen Vergnügungen, wie sie in wolhabenden Städten eingebürgert sind, war Doktor Philipp aus Gewonheit abhold, sein verstorbener Vater hatte ihn davon zurückgehalten und diesen Widerwillen hatte er mit in sein eheliches Leben hinüber genommen und sah sich darin bestärkt, da Lucie es nicht wagte, sich darüber zu beklagen, sie fürchtete sich, den nachdenklichen, schweigsamen Mann zu erzürnen. Sie war da- her nicht wenig überrascht, als er ihr eines Tages sagte, daß er sie mit nach Hannover nehmen werde, wohin eine Zusamcn- kunft der Aerzte des Landes ausgeschrieben worden sei. Sic glaubte in der schönen Residenzstadt der Wclfenkvnige viel Freude zu finden, besonders da sie erfur, daß auch mehrere Doktor- Gattinnen an diesem Ausflug teilncmcn würden. Da mußte es ja gesellschaftliche Freuden geben und der Gedanke schon er- heiterte sie. Daß dabei eine Enttäuschung möglich sei, daran dachte sie mit keiner Silbe, und doch war es so. Die Zusammenkünfte der Aerzte namen in den ersten Tagen schon eine Menge Stunden in Anspruch und obwol Lucie weiblichen Umgang genoß, so fand sie sich doch nicht erheitert dadurch. Sic paßte nicht recht zu den Damen, diese nicht zu ihr... sie war nicht ein- gcbürgert in der Umgangsweise dieser Frauen, die von Dingen zu sprechen wußten, die sie nicht verstand. Niedergedrückt von dem Bewußtsein, die Geringste an Wissen unter ihnen zu sein, schwieg sie, es war eine Demütigung für sie, die sich nur so ertragen ließ. Erst als die kleinen Heidschnuckcn durch ihr possir- liches, neckisches Wesen sie ergöztcn, gab sie sich so, wie sie war, sie lachte herzlich über die lustigen Vierfüßler und ihren Master, der wie aus Stein gehauen, unbeweglich unter ihnen stand. Die englischen Herren kamen in vier Wagen an. Sic waren sehr zugeknöpft, mit einem kurzen Nieten erwiderten sie den höflichen Gruß der ihrer Harrenden, welche die Hüte vor ihnen zogen. Es waren meist ältliche Herren, welche das oder die Geheimnisse einer mehr als tansendjärigcn Totengruft sehen wollten, nur ein einziger junger Mann befand sich unter ihnen, aber kaum war er dem Wagen entschlüpft, mischte er sich niiter die Aerzte, von denen er einige ans Hannover zu kennen schien. Ein chrivürdiger, mit ansehnlicher Leibesfülle gesegneter Herr, den mehrere der Aerzte und Arbeiter„Herr Professor" titulirtcn, leitete die Bloslegnng der alten Grabstätte mit einer längeren Rede in englischer Sprache ein und erklärte, daß deutsche Schrift- steller keck mit der Behauptung aufgetreten wären, die in der Heide befindlichen Gräber, wachholdcrbcwachsenc hohe Hügel, rührten ans der Zeit der blutigen Kämpfe zwischen Kaiser slarl dem Großen und dem tapfern Sachscnhcrzog Wittckind her, was aber der größte Irrtum sei, denn nicht einmal eine dafür sprechende Sage wäre den Nachlebenden davon verblieben. Dergleichen gehöre doch sicher nicht in die Rubrik jener Dinge, die man eben so flüchtig vergesse, wie man sie flüchtig habe er- zählen hören. Zufällig wendete sich Doktor Philipp ein wenig zur Seite und über sein hageres Gesicht lief ein düsteres Roth. Er be- merkte seine Lucie im Gespräch mit dem jungen englischen Ka- valicr... eine schlanke Jünglingsgcstalt. deren jugendliches Aenßere durch goldblonden Harreichtnin und eine frische gesunde Gesichtsfarbe, besonders aber durch eine edle Haltung angen- gefällig gehoben wurde. War es doch in dicseni Momente, als empfände Doktor Philipp einen Stich ins Herz, als er das Antliz seiner Gattin von einem Ausdruck der Freude überglänzt sah, und diese War- nehmung trieb gewaltsam die Röte zorniger llcbcrraschnng ans sein Gesicht. Der Zufall behütete ihn jedoch vor einem Selbst- verrate seiner Entrüstung. Tie Arbeiter waren mit ihren spizen Hacken in den Hügel eingebrochen und die ohne alle Mörtelvcrbindnng übereinander- gelegten Granitsteine der Hügelwand brachen, haltlos geworden, da mich die sie äußerlich zusammenhaltende Erdwand herabfiel, zusammen. Hinein durfte jedoch noch niemand treten, der Herr Professor erließ eine sehr verständliche Warnung, weil erst die durch ihre eigene Schwere sich gegenseitig haltenden und noch Zusammenbruch drohenden Granitsteine abgehoben und entfernt werden mußten, ehe der Zugang gestattet werden konnte. Troz der heißen Luft, die über der Heide lag, drang ans dem aufgebrochenen inncrn Raum ein feuchter, kalter Hauch den Anwesenden entgegen. In dcr länglich-runden Grabkammer standen Urnen von gclblich-grauer Farbe bis an den Rand herauf mit Asche und halbverbranten Kuochen gefüllt, daneben am Boden lagen Wafsenstückc, Steitäxte, Spieße, auch einige plumpe Schmuck- fachen aus Stein und Eisen. Der erste Eindruck dieses kalten, feuchten Behältnisses hatte etwas Schaucrerwcckendes, das sich jedoch allmälich verlor. Tie in den Tongefäßcn befindliche Asche war bröcklich zusammengeballt, die Gefäße selbst so sehr von Feuchtigkeit durchzogen, daß ihre Handhabung nur mit größter Vorsicht geschehen durfte, weil sie sonst in Stücken auscinanderfielcn. Die ärmeren Heidedorfbcwoner pflegen dieselben, die an der Luft sehr bald erhärten, nachdem sie sie ihres Inhalts ent- lcrt und ihn in eine Grube verscharrt haben, als Koch- oder Trinkgcschirr zu benuzcn, was allerdings Gcschmacksache ist. DaS Herandrängen der Anwesenden an die aufgebrochene Hügclwand, durch deren Oeffnung jezt zum erstenmal nach vielen hundert Jahren das helle Tageslicht fiel, hatte auch Doktor Philipp mit fortgeschobcn, so daß er mitten zwischen seinen Kollegen stand. Sich ihrer Gesellschaft zu entziehen, ließ sich nicht gut ausführen, dafür aber glaubte er durch öfteres Um- blicken sich von Luciens Verhalten überzeugen zu können, indes dies Umschauen war fast eben so auffällig, als hätte er sich ohne Rücksichtname nach rückwärts durchgedrängt. Der neben ihm Stehende fand sich durch diese Unruhe bc- lästigt und fragte ihn lachend:„Aber guter Kollege. Ihr habt wol Angst um Eure junge Frau? Das ist hier unnötig. In der Heide gehören Entfürungen zu den nnbckantcn Dingen und übrigens habt Ihr von dem jungen englischen Herrn mich nicht das mindeste zu befürchten... dem fehlt's nicht an Damen- bekantschaftcn. Sehen Sie da etwas seitwärts rechts den alten dicken Herrn, der fürchterlich nach Luft schnappt, als läge er zehn Fuß tief unter Wasser und müßte ersticken? Das ist sein Oheim, der reiche Lord Clinton, dessen Vermögen Sir Richard Clinton, eben dieser junge Herr, einmal erbt." „Verschont mich mit diesen Geschichten, was kümmern sie mich? sie intcressiren mich ganz und gar nicht", entgegnete Doktor Philipp ärgerlich, weil er in dem ihn Belehrenden seinen Kol- legen Giersdorf erkantc, der ihn schon vorhin in Zorn gebracht hatte. Jezt gestattete der gelehrte Professor das Nähertreten der Anwesenden, vorausgesezt eine gebärend höfliche Rücksichtname gegen die englischen Lordschaften. So war denn die lcztc Behausung einer ehemals gewiß sehr vornehmen und zahlreichen Familie, nach der Zahl der Urnen und deren Größe zu urteilen, ihrer Vernichtung anheimgefallen. Und wenn eine lange, lauge Reihe von Jarcn vorübergegangen sein wird, gibt es keine Hünengräber, auch keine Heide mehr. Man macht nämlich järlich große Strecken der leztercn urbar, und bei diesen Arbeiten ist es natürlich, daß die uralten Grab- stättcn mit zerstört werden, im Verlaufe der Zeit existirt dann kein Ständchen von den Hüncnbettcn und von dem in ihrem Schöße i» feiner Asche ruhenden Volke mehr. Es ist spurlos ver- schwunden, wie zahlreiche Völker vor ihm. Von den anwesenden Engländern hatte sich jedenfalls Sir- Richard Clinton, welcher sich sehr angenehm mit Lneie unterhalten. am besten befunden, obwol sein Dentschsprechen eben nicht von besonders fließender Art war. Sein würdiger Oheim. welcher unter denr Aufbruche eines so alten Heidengrabes sich etwas außerordentliches, eine Ueberraschung vorgestellt haben mochte, sah sich aufs ärgerlichste enttäuscht, und sein fleischiges von Schweißtropfen perlendes Gesicht verriet großen Verdruß, der mir vermehrt wurde, da er seinen Neffen in so cisriger Unterhaltung mit Lucie bemerkte. „Vorfaren!" brumte seine Lordschaft dem Lakai zu, und als auf dessen Wink der Wagen vorfur, erhielt John, der seinem wvlgeuärten Lord beim Einsteigen behiflich war, den Befehl, Sir- Richard zu fragen, ob er sich vielleicht in der Heide häuslich niederzulassen gedenke. „O heute und morgen noch nicht, teurer Oheim," ant- ivortete der junge elegante Sir, der unbemerkt zu dem Wagen Zur Entdeckungsgesch! Bou Z». Wo ist die„gute, alte Zeit," geblieben? Jene Zeit, in der man freilich nicht versäumte, sein Testament zu machen, wenn man von Berlin nach Königsberg oder Hamburg reiste; in der aber auch dem Klang des Posthorns die unseren Vätern sehr wol bekantc poetische Färbung inne wohnte, welche den roman- tischen Dichtern jener Zeit zur Belebung ihrer Lieder diente— von den zarten Geheimnissen der altehrwürdigen Postkutsche ganz zu schweigen;— jene Zeit, in der die Gefängnisse doch noch wenigstens die für ihre Insassen tröstliche Eigenschaft besaßen, daß man aus ihnen ausbrechen konte, one befürchten zu müssen, in einigen Tagen sich genötigt zu sehen, ihre Gastfreundschaft aufs neue in Anspruch zu nemen, einen leiblichen Vorsprung und gute Beine vorausgesezt;— ja, wo ist diese Zeit geblieben? sie ist unwiederbringlich dahingeschwunden seit jenem Augenblicke, da dcr grclle Pfiff der Lokomotive den weichen Ton des Posthornes ver- drängte und seitdem der Telegraph sein weitmaschiges, eisernes Nez über die Erde gespaut hat. Mau hat den Telegraphen die glänzendste, wissenschaftliche Eroberung der Neuzeit genant. Mit Recht; denn erst in den lczten Jarzehnten vermochte sich die Naturwissenschaft zu der bis dahin fast ungeahnten Höhe zu erheben, auf der ihr die geist- volle Benuzung einer seit Jartausendcn bekanten Naturkraft mög- lich wurde, als deren Frucht wir den Telegraphen anzusehen haben. In der Tat, wie unzäligemale hat man von Alters her durch Reibung eines Stückchens Bernstein oder Siegellack die geheim- uisvolle Kraft der Elektrizität geweckt, one je auf den Gedanken zu geraten, die rätselhafte Zu- und Abneigung der Körper zum allezeit dienstbereiten Diener sich zu untenversen, der den Aus- tausch unserer Gedanken mit Blizcsschnclle vermittelt. Die rohe, ungebäudigte Kraft war von Ansang alles Seins an vorhanden, das machtvolle Zauberwort, dem sie gehorcht, aufzufinden, war unserer Zeit vorbehalten. In der Naturwissenschaft gilt fast noch mehr, als sonstwo das Wort: Kleine Ursachen, große Wirkungen. Die Geschichte dieser Wissenschaft weist zahlreiche Beispiele nach, in denen irgend eine vereinzelt dastehende, zusammenhangslose Entdeckung urplözlich ein helles Licht warf auf ganze Gebiete des Wissens, aus der sich ein wichtiger Zweig der Wissenschaft entfaltete, wie der mächtige Baum aus dem unscheinbaren Samenkorn. So hatte gewiß der italienische Arzt Aloisius Galvani zu Bo- logna, der sich vorzugsweise damit beschäftigte, die Einwirkungen zu erforschen, welche die Elektrizität auf das tierische Nervenleben ausübt, keine Ahnung von der hohen Bedeutung, welche die von ihm untersuchten Froschschenkel für die Wissenschaft gewinnen wür- getreten war, lachend und schwang- sich auf den Siz, den er beim Kommen eingenommen hatte. Mit vornehmer Handbewegung grüßte Lord Clinton den sich tief vor ihm verbeugenden Hern: Professor; Sir Richard aber mit freundlichem Kopfnicken die junge Frau, welche diesen Abschied nicht unerwidert ließ. Fast im gleichen Moment färbte ein tiefes Erröten ihre Wangen, sie bemerkte erschreckend, daß mehrerer Blicke sich vcnvunderungs- voll auf sie richteten. Bestürzt trat sie zurück, um sich dem Bereiche dieser sie beängstigenden Geschoße zu entziehen. Bei der von ihr gemachten Wendung glaubte sie vor Ent- sezeu in die Knie sinken zu müssen. Doktor Philipp, ihr Gatte, stand mit zornbleichem Gesicht neben ihr. „Komm!" sagte er leise. Bald wurde es öde um das zerstörte Hünengrab, nur der Master in seinem weißen, rotgekleideten Mantelrock und an dem sackweiten schwarzgranen Strumpfe fortbreidelnd, stand als un- vergängliche Type in der einsamen Heide unter seinen Keinrn lustigen Heidschnucken! tFortsezung s-tzl.) cht? dks GäUirnnsmuff. Kronen. den. Und doch haben sie unmittelbar den Anstoß gegeben zu einer Reihe glänzender Entdeckungen, one die wir heute den Tele- graphen möglicherweise noch nicht kennen würden. Es war im Jare 1786, als Galvani eines Abends eine An- zal abgeschnittener Froschschenkel in seinem Laboratorium in der Nähe der Elektrisirmaschine liegen ließ. Dieselben waren nur teilweise vom Rumpfe getrennt und hingen noch vermittelst des blosgestellteu Hüftnerven nnt demselben zusammen. Ter Zufall — und dieser spielt auch in der streng aufbauenden Wissenschaft eine keineswegs bedeutungslose Rolle,— wollte es, daß einer der Gehilfen mit einem Messer den blosgelcgten Nerv bcrürte, und zum größten Erstaunen desselben wurde dadurch der Schenkel selbst in lebhaft zuckende Bewegung vcrsczt. Galvanis Frau, welche gerade gegenwärtig war, kam sofort auf den Gedanken, daß diese Zuckungen mit elektrischen Funken im Zusammenhange stehen möchten, die ein anderer Gehilfe dem Leiter der Elektrisirmaschine entlockte. Galvani, von der auffallenden Erscheinung in Kcnt- nis gesezt, wiederholte und erweiterte diese Versuche. Einst hängte er Froschschenkel vermittelst eines kupfernen Hakens an einem eisernen Gitter aus, und so oft der Wind die Froschschenkel mit dem Eisengitter in Berürung brachte, gerieten sie in dieselben Zuckungen, die er schon beim ersten Versuche wargenommen hatte. Diese lezterc Entdeckung nun war es, der er seinen unvergänglichen. wisseuschastlicheu Ruhm verdankt. Wir sagten oben, daß die Untersuchungen Galvanis ursprüng- lich auf Erforschung der Einwirkung hinausliefen, welche die Elektri- zität auf die tierischen Nerven ausübt. Demgemäß meinte er denn auch in den eigentümlichen Zuckungen der Froschschenkel Aeußerungen einer in den Nerven selbst liegenden elektrischen Kraft vor sich zu haben, die er natürlich für etwas bisher noch Un- bekantes und also von ihm Entdecktes ausgab. Ja, er ging in dem Eifer und dem Feuer, das in der Regel glückliche Entdecker beseelt, so weit, zu vermuten, daß er hier der eigentlichen Lebens- kraft auf der Spur sei, welche sich selbst nach dem Tode durch elektrische Einwirkungen noch erregen lasse. Was der begeisterte Mann als Vermutung aussprach, wurde von vielen phantastischen und unklaren Köpfen bereits als unumstößliche Warheit der staunen- den Welt verkündet. Hätte man diesen karakteristischcn Ueber- treibungen Glauben schenken wollen, so mußte man annehmen, daß man auf dem besten Wege sei. dem garstigen Tode vollständig den Garaus zu machen, und daß der Gaivanismus— diese» Namen hatte man der angeblich neu entdeckten Naturkraft bei- gelegt— es sei, der das Unmögliche möglich machen werde. so ungefähr war der Stand der Meinungen, als ein anderer 342 italienischer Gelehrter, Alexander Valta in Pavia, mit einer Er- llcirnng des sonderbaren Phänomens hervortrat, die nicht allein die allzu überschwänglichcn Hossnungen auf eine Erregung und Stärkung der Lebenskraft vernichtete, sondern auch den Entdecker- rühm Galvanis sehr in Frage stellte— wenigstens für die da- malige Zeit. Volta behauptete nämlich, daß die angebliche Entdeckung einer bisher uns unbekanten Naturkraft durch Galvani weiter nichts fei, als eine bloße Selbsttäuschung des lezteren. Die von ihm beobachteten Erscheinungen hätten nämlich ihren Grund in der schon seit den ältesten Zeiten bekanten Elektrizität, nur daß die- selben nicht, wie gewöhnlich, durch Reibung, sondern durch Be- rürung erzengt sei. Ncberall, wo zwei verschiedene Stoffe sich berüren, behauptete Volta, entsteht Elektrizität. Eine so nüchterne Erklärung, die allen bisher gesponnenen Phantasien den Boden raubte, rief selbstverständlich einen heftigen Kampf in der Gc- lehrtcnwelt hervor, und mehr als eine Lanze wurde gebrochen zur Unterstüzung der Galvanischen Hypotese. Das ging so fort, bis endlich Volta jeden Zweifel dadurch überwand, daß er seine be- rühmte, nach ihm benannte Säule konstrnirte und seine hierauf gegründete Teorie der königlichen Socictät zur Beförderung der Wissenschaften in London zur Entscheidung vorlegte. Hiermit war der Sieg Voltas entschieden, und Galvani verfiel leider dem Lose, das noch stets den Entdecker erivartete, dessen Verdienste man nicht ancrkante. Politische Wandelungen, denen sich der starre Sinn des Mannes zu fügen verschmähte, zogen ihm den Vcr- last seines Amtes zu; Armut und Trübsinn rieben seinen sonst so spannkräftigen Geist auf. und er starb schon 1798 als menschenscheuer. kummerbeladencr Greis. Den vollständigen Sieg seines wissenschaftlichen Gegners erleben zu müssen, ersparte ihm das Schicksal. Worin liegt denn nun aber eigentlich das Wesen der Voltasche» Säule? Wir werden dies erkennen, wenn wir dem Physiker bei der Anfertigung einer solchen zusehen. Zu diesem Zwecke bedarf er einer Anzahl mäßig großer Metallplatten, die aber mit einander abwechseln und daher von verschiedenem Metall sein müssen. Gc- wohnlich wählt man Platten ans Kupfer und Zink. Legt man auf eine Kupferplattc eine dazu passende Zinkplattc, so erhält man ein Plattcnpaar. Der Physiker baut nun die Säule in der Art auf, daß er zuerst ein Plattcnpaar hinlegt, die Kupferplattc nach unten, und dann über dasselbe noch eine Platte ans Fließpapier oder Tuch bringt, das aber vor dem Gebrauche längere Zeit in einer starken Salzlösung gelegen haben muß. Dann folgt aber- mals ein Plattcnpaar in der angenommenen Reihenfolge, hierauf wieder die Papier- oder Tuchplattc, und so sczt sichS fort, bis er die Säule zu der gewünschten Höhe ausgebaut hat. Ein Platten- paar macht den Abschluß und endet natürlich mit der Zinkplattc. Hiermit ist aber die Säule noch nicht fertig. Der Physiker, dessen Arbeit wir bisher beobachtet haben, lötet nun noch an die Kupfer- platte, die den Anfang der Säule bildet, einen Drat und ebenso an die Zinkplatte, welche die Säule schließt. Hiermit ist der gewünschte Apparat zur Erregung der Elektrizität her- gestellt. Besehen wir indes die angefertigte Säule so lange und so aufmerksam, als wir wollen, so werden wir doch nirgends eine Spur von Elektrizität warnehmcn, wenn sich nicht der Physiker unserer annimmt und uns dieselbe zu fühlen gibt.„Nemen Sie diesen Drat in die Hand— so!" Wir gehorchen schweigend, onc etwas zu fühlen oder zu sehen, und bereits fängt ein ungläubiges Lächeln an, uns um die Mundwinkeln zu spielen.„Jezt fassen sie den zweiten Drat mit der andern Hand!" crmahnt der freund- lichc Mann.... Ter gewaltige Schlag, der unfern Körper mit Blizesschnclle durchzuckt, vcnvandclt das Lächeln alsbald in eine Gebcrde, die eine schnell vorübergehende Erschütterung anzeigt. Wollten wir, erschreckt von der unerivartctcn, gewaltigen Wirkung der Säule, die Dräte fahren lassen, so würde uns dies einen Schlag von gleicher Stärke zuziehen. Behalten wir sie jedoch mannhaft in der Hand, so fühlen wir nicht das Geringste mehr von der Einwirkung der Elektrizität. Aber selbst wenn wir die Geduld hätten, stundenlang die Dritte zu halten, so würde uns -■> dies doch keineswegs den Biß in den sauren Apfel ersparen. Der Schlag, den wir für das Loslassen in petto haben, ist uns sicher. Angesichts dieser Erscheinung drängt sich uns die Frage auf: Worin liegt der Grund dieser gewaltigen Kraftentwickelung? Die meisten unserer freundlichen Leser kennen den eigentümlichen Apparat, den man Elcktrisirmaschine nennt, und mancher von ihnen hat mit Lächeln den warhaft ergözlichen Schwindeleien zugesehen, zu denen sie in den Händen verschlagener Gaukler auf Jarmärkten dienen muß. Bei der Elektrisirmaschine, wie bei der Voltaischen Säule derselbe erschüttenide Schlag, und daher ist auch die Vcr- mutung berechtigt, daß die Wirksamkeit der beiden Apparate auf gleichem Grunde beruhen muß. Diese Vermutung ist, wie wir schon andeuteten, eine zutreffende. Nur müssen wir auf den eigen- tümlichcn Unterschied zwischen den beiden Elektrizitäten aufmcrk- sam machen, der inbezug auf Erzeugung derselbAi zutage tritt. Jeder weiß, daß die elektrische Ladung der Elcktrisirmaschine durch vorhergegangene Reibung zweier ungleichartiger Körper(in der Regel einer Glasscheibe und zweier mit Metallmasse zu- bereiteten Kissen) bewirkt wird, ebenso, wie man durch Reibung einer Siegellackstange mit einem wollenen Lappen die elektrische Kraft der ersten weckt. Bon einer Reibung ist nun bei der Volta- scheu Säule nichts zu bemerken, und schon Volta sprach es be- stimmt anS, daß man die Elektrizität seiner Säule lediglich als durch Berürung entstanden sich zu denken habe. In den Kupfer- und Zinkplattc» haben wir nun die gleichartigen Körper, deren innige Berürung als Elcktrizitätsquclle angesehen werden muß. Bis auf diesen Punkt stimmen die Naturforscher in ihren An- sichten überein; sie gehen aber in ihren Meinungen sehr aus- einander, wenn man sie fragt, wie denn nun in den Platten durch Berürung die elektrische Kraft erzeugt werde. Die meisten sind der Ansicht, daß sowol in der Kupfer- als in der Zinkplatte von Natur Elektrizität vorhanden sei, und sogar zwei Arten der- selben— solche, die auf kleine Körpcrchcu, welche in den Bereich ihrer Wirkung kommen, abstoßend wirkt und solche, die diese Körper anzieht. Aber gerade das Vorhandensein beider Elektrizitäten sei schuld, daß keine derselben zur Wirkung komme. Man denkt sich die Sache etwa in folgender Weise: Zwei gleichstarke Männer würden, wenn sie ihre Kraftäußerungen ans einen außer ihnen liegenden Gegenstand richteten, einen höchst bedeutenden Effekt hervorbringen. Anders aber, wenn sie ihre Kraft gegen sich selbst in Anwendung brächten— wenn sie miteinander rängen. In diesem Falle würde ihre Kraft für alle Gegenstände außer ihnen vollständig wirkungslos sein. Dasselbe ist nach den Vorstellungen der Naturforscher der Fall mit den beiden Elektrizitäten in den Platten. Sie wirken gegeneinander, und da keine ein lieber- gewicht über die andere erlangt, so heben sich ihre Wirkungen auf und erscheinen als vollständig gebunden— wie man sagt. Wie nun die Entbindung dieser bisher gebundenen Elektrizität durch die Berürung der Platten bewirkt wird, das ist, wie wir schon anführten, eine Frage, die man füglich als eine ungelöste betrachten muß und hinsichtlich deren wir die Leser auch mit Aus- führung der aufgestellten Hypotesen nicht langweilen wollen. Doch müssen wir ihre Aufmerksamkeit noch auf die mit Salzwasser ge- tränkten Tuch- oder Papierplattcn richten, da diese bei der Bildung der Voltaischen Säule einen wesentlichen Anteil haben, und weil one deren Mitwirkung die Kraft derselben eine sehr geringe sein würde. Wollte man nämlich zum Aufbau der Säule ausschließ- lich Kupfer- und Ziukplattcn benüzcn, so köntc man dieselben berghoch anstürmen, one einen stärkeren Effekt zu erzielen, als wenn man ein einzelnes Plattcnpaar herstellt. Diese ausfallende Erscheinung findet darin ihre Erklärung, daß jedes neu hinzu- gefügte Plattcnpaar die in den vorhergehenden wirksamen Elek- trizitätcn wieder bindet und also stets nur die unterste nebst der obersten der Platten in Wirksamkeit ist. Dieser Ucbelstand wird durch Einschicbnng der mit Salzwasser getränkten Tuchplattcn verhindert, die, statt die elektrischen Wirkungen der Plattcnpaarc aufzuheben, vielmehr die elektrischen Ströme ungcschwächt von dem einen zum andern leiten. Demnach konzcntrirt sich in einer aus hundert Plattenpaarcn bestehenden Säule in der unteren cren 343 Kupferplatte, ebenso wie in der oberen Zinkplatte, die gesamte elektrische Kraft sämtlicher Plattenpaare. Endlich müssen wir uns noch über den Zweck der beiden Träte klar zu werden suchen, die der Physiker an die unterste und oberste Platte anlötete. Ihnen ist die Rolle eines Ver- Mittlers zugewiesen. Die beiden grundverschiedenen Elektrizitäten sind nämlich darin entgegengesezten Naturen ähnlich, daß sie sich mit großer Leidenschaft zu vereinigen streben. Die Träte sind nun die Brücke, auf der die Vereinigung stattfindet. Man wird darüber klar, wenn man die Enden derselben bis auf ganz kurze Entfernung einander nahe bringt. Die kleinen hcllleuchtcnden Funken, die mit großer Schnelligkeit von einem Dratende bis zum andern springen, erregen sicher schon die Vermutung, daß hier etwas ganz besonderes im Werke ist. Noch überzeugender aber ist für uns der ge- waltige Schlag den wir bei Berürung beider Träte empfangen. In dem Augenblick nämlich, in dcni diese Berürung stattfindet, ist für die Elektrizität eine Kette geschlossen, die aus der Säule, den Träten und unserem Körper be- steht, durch welchen jezt der ununterbrochen krei- sende elektrische Strom sei- neu Weg nimmt. Kommt ein frenidcr Körper einer geschlossenen Kette zu nahe, so unterbricht er durch seine Berürung dieselbe und empfängt natürlich den elek- irischen Schlag, der da- durch herbeigesürt wird. Man begreift, daß die in ihren Wirkungen furcht- bare Kraft großer Elek- trisirmaschinen oder Volta- scher Säulen unter Um- ständen in den Händen boshafter Menschen eine Waffe werden kann, deren Verderblichkeit um so grö- ßer ist, als ihre Wirkungen so blizschnell und so un- aufhaltsam eintreten. Im Schillerschen„Geisterscher" bildet die Elektrisirmaschinc bekantlich da? Hanptmittel einer sehr ge- "Fieineke Juchs.(Seite 351.) schickt angelegten Mystifikation, die auf ein Bubenstück hinaus- läuft.„Sehen Sie in der Voltaschen Säule das Bild des Lebens!" hatte Napoleon zu seinem Leibarzt Corvisart gesagt, als er von den wunderbaren Wirkungen des neuerfundenen physikalischen Apparates Kentnis erhielt. Es zeigt uns dies Wort eines geistig so bedeutenden Mannes, wie Napoleon, von welcher Art die Hoffnungen waren, die durch Voltas Säule in den Köpfen der Zeitgenossen wach gerufen wurden. Hier hatte man ja die Herrschaft über eine Naturkraft errungen, die es vermochte, die Muskeln des Körpers in derselben energischen Weise zum Zu- sammenziehen und Ausstrecken zu zwingen, als ob dieselben unter der unbeschränkten Herrschaft des Willens stünden. Wer ver- mochte abzusehen, ob es nicht einer Reihe der glänzendsten Entdeckungen gelingen würde, das Wesen der geheimnisvollen Lebens- kraft, an die man in da- iA; maligcr Zeit noch fest glaubte, zu enthüllen, und diese selbst durch einen physikalischen Prozeß, wenn nicht neu zu crzeu- gen, so doch möglichst lange in Wirksamkeit zu erhal- ten? Ja, es machte sich bereits die Ansicht geltend, daß die Lebenskraft kurze Zeit nach dem erfolgten Tode dem Körper noch innewohne, und daß es nur eines zweckniaßig geleiteten physikalischen Prozesses be- dürfe, um dieselbe wieder in Tätigkeit zu sczcn. Diese Voraussezung konte nach den Ansichten vieler der damaligen Gelehrten nur dann eine zutreffende sein, wenn man diese Versuche an Körpern anstellen könte, über die der Tod in der Fülle der Lebenskraft her- eingebrochen sei, also vor- zugsweise an Körpern von Hingerichteten. In Italien, wo sich ja Volta's Theorie zuerst Boden errungen hatte, kam man auch zuerst auf den Gedanken, einschlagende Versuche an- zustellen.(Tchl»b soigi i Wie es in Brasilien anssieht. Mrief eines Ausgervnnöerten. Euritiba, Brasilien, Provinz Parana, Ende November 1881. Geehrte Redaktion! Seit einiger Zeit erhalte ich von mehreren mir unbekanten Personen aus Denischland brisliche Anfragen über die Verhält- nisse Brasiliens und welche Aussichten sich deutschen Auswanderern hier eröffnen. Ich glaube allen den Fragestellern und vielleicht vielen anderen Auswanderungslustigen nicht besser dienen zu kön- neu. als wenn ich meine sowie meiner hiesigen Freunde Ersah- rungen in dieser Angelegenheit einem so weit verbreiteten Blatte wie die„Neue Welt" darlege und im Interesse der Warheit "m Abdruck bitte. Zuerst will ich in allgemeinen Umrissen über Brasilien berichten, dann speziell über die Verhältnisse der Pro- vinz Parana. Wir wollen weder zur Auswanderung raten "och gar dazu verleiten. Allein hat sich jemand zur Answan- dcrung entschlossen, so hat er auch gewiß seine triftigen Gründe dazu; und ist der Entschluß auszuwandern einmal unumstößlich gefaßt, dann gilt das Sprichwort: Frisch gewagt ist halb ge- Wonnen! und fort nach Nord- oder Südamerika, nach Australien oder Südafrika, oder was man sich sonst als Reiseziel gemalt! Vielen, die da auswandern, bangt vor der Seereise, vor allem aber vor der„Seekrankheit", die jedoch gar nicht schlim, im Ge- genteil nur nüzlich ist. Sic besteht in Erbrechen und dauert drei bis vier Tage, mitunter auch länger, starke Naturen bleiben meist verschont; und jedem ist zu raten, kein Mittel dagegen anzuwcn- den. Diejenigen, welche nach Brasilien wollen, mögen keinen andern Dampfer als einen der„Hamburg- Südamerikanischen Dampferlinie"*) benüzen, weil damit die kürzeste Fart geniacht *) Hnuplagcnt: O. R. Lobedanz, Baumwall 10, Hamburg. 344 wird, welche gewönlich von Hamburg bis Nio de Janeiro 24— 25 Tage dauert. Die Verpflegung auf diesen Schissen ist gut, wenigstens bedeutend bester als auf den englischen Dampfern, und jedes Schiff hat einen Arzt am Bord, der jedem Pastagicr im Krankheitsfalle unentgeltlich zur Verfügung steht. Wem es seine Mittel erlauben, versäume ja nicht, Listabon zu be- suchen, es ist eine prachtvoll gelegene Stadt und die lezte, die man von Europa sieht. Ter Dampfer hält hier gewönlich 24 Stunden, ladet und löscht, und dann geht's hinaus in die weite Wasicnvüste, an den kanarischen Inseln vorüber, wo der Pik von Teneriffa von weitem sichtbar ist, dann weiter nach Sankt Vinccnta, einem afrikanischen Felscnnest, wo mitunter Kolen geladen werden. Auf hoher See ist die Seekrankheit fast immer vorbei nnd alles amiisirt sich nach Belieben. Unter dem Acquator werden vom Schiffsvolk die tollsten Sachen anfgefürt, nnd mancher Passagier erhält die„Taufe", d. h. er wird mit Waffer begossen, zum Andenken an den Ueber- tritt auf eine andere Erdhälfte. Der erste brasilianische Hafen ist Bahia. Hier hat das Schiff nur aus- und einzuladen. Auch diese Stadt ist sehenswert. Das ungebundene Treiben der Be- völkerung, die Bauart der Häuser und Straßen, die Neger und Mulatten, die in nahezu adamitischcm Kostüm herumlaufen, die Straßenbahnen von Mauleseln gezogen, hier schlechtweg„Mule" genant— alles zusammen macht auf den Europäer einen son- dcrbarcn Eindruck. Wir raten jedem Auswanderer, sich hier nicht niederzulassen, zumal keinem Landarbeiter, trozdcm der Ver- dienst gut ist; es ist hier sehr warm, selbst wärcnd den Winter- monatcn Mai, Juni, Juli, August und September, und der Deutsche ist mancher gefärlichcn Krankheit ausgesezt, weil das Klima von dem europäischen gar zu verschieden ist. Nicht minder ist es die Lebensweise. Das Klima ist in allen Nordprovinzen, wie: Bahia, Pcrnambuko, Amazonas u. s. w. das gleiche, d. h. kein für den Deutschen zuträgliches, dagegen wird sich der Deutsche gar bald in den Südprovinzen wie: Saö Paulo, St. Caterina, Parana und Rio Grande do Snl heimisch sülcn, besonders aber auf den Hochebenen dieser Provinzen, vorausgesczt daß der Aus- gewanderte kein Heimweh hat. Wer das zu fürchten hat, der bleibe überhaupt lieber zu Hause, das ist für ihn viel bester! Wer einmal den Wanderstab ergriffen hat, der muß den festen Vorsaz haben, auszuharren und allen Borkomniffen zu trozen. Doch jezt noch einmal zurück zur Reise! Von Bahia geht es immer an der brasilianischen Küste entlang bis nach Rio de Janeiro, der Haupt- und Residenzstadt dieses großen Reiches. Hier hält der Dampfer abermals gewönlich 2 Tage. Wir sind nicht in der Lage, eine Beschreibung Rio de Janeiros zu geben, eS genüge die Bemerkung, daß es allen Anforderungen entspricht, welche man an eine Großstadt stellt. Dem Auswanderer ist zu raten, jezt schon sich zu entschließen, nach welcher der Süd- Provinzen er gehen will. Der Hamburger Dampfer geht von hier nach zwei Tagen weiter bis nach der Hafenstadt Santos in der Provinz Sllo Paulo, will man nach dieser Provinz, so bleibe man auf dem Schiffe nnd fare mit bis Santos. Santos ist eine mittlere, schmuzige Stadt, welche oft vom gelben Fieber heimgesucht wird, trozdem gibt es hier ziemlich viel Deutsche, die bereitwilligst Auskunft erteilen. Für Handwerker ist an diesem Orte der Verdienst gut zu nennen, doch würden wir raten, sich auf den Bahnhof zu begeben und nach der Stadt St. Paulo, das ist die Hauptstadt der Provinz Säo Paulo, zu faren; hier ist das Klima ein sehr ge- sundes und den Deutschen zuträglich; jeder geschickte Arbeiter findet hier sein Brod, denn diese Provinz hat einen der bedeu- t.ndsten Ausfurartikcl: den Kaffee. Wer Landwirtschaft be- treiben will, erhält jederzeit Land, natürlich in weiter Entser- nung von der Stadt. Deutsche gibt es in dieser Stadt sehr viele, die allerhand Geschäfte betreiben und ihre Rechnung finden. Außer Kaffee wird noch manche andere Rnzpflanze gebaut, be- sonders aber Wein, wovon alljärlich mehr und mehr erzeugt wird und in Handel komt. Alle europäischen Gctreidesorten kommen hier nicht fort, wärcnd Baumwolle ausgezeichnet gc- dciht, außerdem hat die Stadt St. Paulo schon zwei Spinne- reien und Webereien. Nach St. Paulo sei noch die regelmäßig schön gebaute Stadt Campinas hervorgehoben, die große Aehn- lichkeit mit Mannheim hat. Weiter in das Innere des Landes hinein gibt es.sehr große Kaff'ceplantagen(Fazendas), wo oft 200 und noch mehr Neger arbeiten, die noch Sklaven sind; auch sehr viele freie Arbeiter sind hier beschäftigt und auf manchen dieser Plantagen werden bis 500 000 Sack Kaffee erzeugt. Ter Kaffeebau ist ziemlich mühsam. Zuerst wird der Urwald umgehauen, nach ca. 3 Monaten dann vcrbrant, dann ausgeniautct, und die jungen Bäumchen schön reihenweise gepflanzt. Diese Bäume müssen sehr reinlich gehalten werden, ebenso der Boden. Im dritten Jare ist die erste ausgiebige Ernte zu hoffen. Soläi eine Kaffcepflanzung gewährt einen sehr hübschen Anblick mit ihren weißen Blüten und den großen roten Kirschen, wovon jede zwei Bohnen enthält. Wenn der Kaffee ausgereift ist, werden die Kirschen gepflückt, dann auf einen Haufen gebracht und so- lange liegen gelassen, bis die rote Schale wcggcfault ist, daraus wird er in der Sonne getrocknet, in Säcke gefüllt und verkauft. Kaffee wird in allen nördlichen Provinzen gebaut. Hat der An- siedlcr die drei ersten Jare glücklich überstanden, dann kann er auf ein rasches Vorwärtskommen unbedingt rechnen. Freilich sind die ersten Jare schwere entbehrungsreiche Jare, die manchen Zaghaften mutlos machen, jedoch sind sie es nicht allein hier in Brasilien, sondern überall, wo sich der Europa- müde niederläßt, zumal auf neu angelegten Kolonien, wo es weder Weg und Steg gibt und alles erst angelegt werden muß. So sehr auch Brasilien verschrieen ist, so besizt es doch einen sehr bedeutenden Vorzug vor manchem anderen Land in seinem Ungeheuern Holzreichtum! Solche Uebelstände, wie sie vorigen Winter im Staate Minesota(Nordamerika) vorkamen, daß näm- lich die Ansiedler in der Prairie ihre Blockhäuser verbrennen mußten, um nur Feuerholz zu haben, sind hier geradezu undenk- bar! Die meisten deutschen Kolonien, wovon mehrere sehr blühend sind, befinden sich in den Provinzen Rio Grande do Sul und St. Caterina und ziehen sich meistens an der Küste hin oder höchstens 2— 3'Tagereisen ins Innere. Auf diesen Kolonien werden besonders viel Kartoffeln gebaut d. h. brasilianische, als: Bataten(süße), Uams u. s. w., europäische Kartoffeln ge- deihen wenig. Daneben wird viel Zuckerrohr und Tabak gebaut, aus ersterem wird Zucker verschiedener Qualitäten, sowie Caschasa (Schnaps) erzeugt, beides läßt sich gut vcnverten. Die bedeu- tendsten deutschen Kolonien sind wol Blumenau und Dona Fran- ziska in St. Caterina und San Lcopoldo, St, Cruz, Teutonia jc. in der Provinz Rio Grande. Nimt sich jemand auf irgend einer Kolonie Land, so muß er sich auf manche Entbehrung und auf harte Arbeit gefaßt machen, die meist dem eingewanderten Fabrik- poletariat äußerst schwer fällt; allein Schreiber dieser Zeilen kennt viele böhmische und sächsische Fabrikarbeiter, die nach Ucbenvin- dung aller Schwierigkeiten tüchtige Kolonisten geworden sind und um keinen Preis mehr in das Joch der Fabrikarbeit zurück möchten! Nun will ich eine kleine Schilderung entwerfen von einer ersten Niederlassung im Urwald. Hat man sein Grundstück zugemessen erhalten, was durch die Ingenieure der Koloniedirektion geschieht, so baut man sich eine Hütte der allcrprimitivsten Art, daß man nicht unmittelbar der Witterung ausgesezt ist. In dieser ,,Rancho", wie der Brasilianer es nent, schlägt man mit Sack und Pack sein Quartier auf, macht daneben im Freien die Feuer- stelle und kocht da seine Malzeiten. Der Auswanderer wird daher gut tun, sich eisernes Kochgeschirr mitzubringen, was hier ziem- lich teuer ist. Ist das alles in Ordnung gebracht, dann schleife man seine Axt und gehe ans Holzschlagen im Urwald, wol die schwerste von allen Arbeiten. Hat man eine beliebige Anzahl von Morgen Wald niedergehauen, so muß der Wald 2—3 Monate liegen bleiben, bis er recht trocken ist, dann macht man Feuer darunter und verbrennt, was verbrennen will. Tie zurückbleibende Asche gilt zugleich als Dünger, obwol Waldbodcn wenig oder gar keinen Dünger braucht. Wärcnd der niedergeschlagene Wald trocknet, sucht sich der Kolonist einen passenden Plaz zum Haus- bau aus, wo er gut tun wird, darauf zn sehen, daß fließendes Waffcr in der Nähe ist. Das Hans wird ganz aus dem Holz - 345- der Palme(Palmiben) hergestellt, mit Ausname der Eckständer, j Tropfen Regen durchgeht. Die Türen werden aus Brettern die aus festem Holz gemacht werden, an welchem kein Mangel' gefügt, Fenster mit Glas gibt es im Anfange nicht, da wer- ist. Tie Siachbarn sind alle gerne unentgeltlich behülflich. Die den Läden vorgemacht, Fußboden und Decke fehlen meistens, Palmide läßt sich sehr gut spalten und alles wird mit einer sind auch nicht gar notwendig, denn ist der Kolonist nicht von Schlingpflanze, Cipo genannt, festgebunden, so daß sich auch kein besondern Unglücksfällen heimgesucht, so baut er sich in wenigen eiserner Nagel im ganzen Haus befindet! Das Dach wird von i Jaren ein neues feuerfestes Haus. Blättern gemacht, die so geschickt angebunden werden, daß kein,(i5»«it|«ni(»lyto Gustav Graben- Hoffmann. Eine Künstlerbiographie von Arvvisch. Im Talmud findet sich die tiessinnige Behauptung, daß von den Söhnen der Armen die Lehre ausgehe.— In allgemeiner Anwendung ist diese Behauptung eine Parodie, in tausend Fällen aber eine un- anfechtbare Warheit, die sich namentlich auf den Mann an- wenden läßt, den wir hier im Bild anschauen. An seiner Wiege und an seinem Taufstein sah man durchaus nicht die Göttin des Glückes stehen, wol aber einen unsichtbaren Genius, der ihm stillfreudig einen Kirchcntaler einband, dessen Helles Gepräge die Musen des Gesanges und der Tonkunst darstellten.— Der kleine Täufling, geboren W 7. März 1820, war der Sohn des Kantors zu Bnin, einem kleinen polnischen Städtchen, vier Stunden von Po- !en entfernt. Als das sechste von den zwölf K indem des Bater- Hauses, empfing er daselbst den ersten Unterricht, und nebenbei durfte er sich musi- kalisch üben auf einem Kla- vier, das von dem Verdacht, ein wiener Flügel zu sein, vollkommen freigesprochen werden konnte. Da wollte es das Verhängnis, daß derBater schwer erkrankte und ein Stell- Vertreter an der Orgel wärend Gustav Graben'Hoffmann. (Nach einer Photographie für die„Neue Welt" in Holz geschnitten.) als zu ihm der Stadtprcdiger sagte:„Gustav, du hast heute die Orgel nicht blos mit den Händen, du hast sie auch mit dem Herzen gespielt!" da glänzte sein Auge so freudig und hell wie die vergoldeten Engel an dem Taufstcin.— Bon diesem Augenblick an fühlte er sich ermutigt, auch die Lei- tung der Schule zu überneh- men, denn der Spruch des Vaters:„Wenn der Junge will, dann kann er es auch!" hatte bei ihm tiefe Wurzel gefaßt und diente ihm fortan als Leitstern auf allen seinen Bcrufswegen.— Schon am anderen Tag war der„Prä- zeptor" fertig, wenn auch nicht nach der Form eines Pestalozzi, Salzmann oder Dinter. Der Gustav aber war stark von Körperbau, so zu sagen ein ramassirtcs Kcrlchen, das der Jugend seines Ortes Respekt einzuflößen wußte. Wo der Respekt nicht ausreichte, half der Haselstock nach, welcher damals in den Volksschulen noch eine wichtige und oft sehr heilsame Rolle spielte. Nur zu bald aber wurde ihm klar, daß sein Wissen hier nicht ausreiche und es an Ver- messenheit grenze, sich eine Stellung angemaßt zu haben, der er nicht gewachsen war. Da vks sonntägigen Gottesdienstes für ihn gesucht werden mußte., starb sein Vater und ein neuer Lehrer trat in dessen Amt. Jnfolge der kärglichen Besoldung gestaltete sich dieser Punkt zu Den Kleinen beseelte die Hoffnung, daß durch den Neuerwählten einer brennenden Frage, deren Lösung der dreizehn Jare alte e''----- w--- v-- mi r-* �antorssohn unternahm, indem er sich als Ersazmann für seinen �ater anbot. Als der leztere diesen Entschluß hörte, sagte er: "B)cnn der Junge will, dann kann er es auch!" fügte �ber für selbigen noch die Mahnung hinzu:„Schmeiß nicht "w!"__ �Nun, Vater!" entgegnete ihm das Söhnchcn.„ich Eiweiße nicht um!" und schon am nächsten Sonntag hieß es im Städtchen:„Kantors Gustav spielt heute in der Kirche die Orgel!" Noch ehe die Kirchenglocken die Gläubigen zur Andacht in w>s Gotteshaus riefen, stand der Knabe oben auf dem hohen �hor. den Blick nach jenem erhabenen Instrument gerichtet, das ww religiösen Leben mit aller Pracht und Fülle der Harmonien -Wldigt. G�z in der Stille und von niemand belauscht, kniete � an der Orgclbank nieder und betete zum Schöpser aller �wge. an den sein kindlich frommes Gemüt glaubte, daß er 'M sein Vorhaben gelingen lasse und ihm dazu seinen Segen Leihen möge Er spielte zur allgemeinen Erbauung der Gemeinde, und sein Wissensdrang gefördert und ein Fortschritt in der Musik ihm möglich werde. So trat er gleichsam als Lehrling in die Dienste des neuen Schulmonarchcn, welcher in dem jungen, kräftigen Burschen sich einen Ausseher über die Schuljugend zu erziehen gedachte. Nebenbei konte er den Gustav ja auch zum Stiefelpuzen und sonstigen häuslichen Arbeiten verwenden, was sehr bald in ausgedehntem Maße geschah. Entrüstet über solche Benvendung, teilte der Sohn seinen Kummer der Mutter mit. welche gegen ihn den Wunsch äußerte, daß er ein Handwerk lernen möge. Ein Handwerk? vielleicht ein Schlosser? Nein, die Harmonie von Hammer und Ambos war nicht nach seinem Geschmack. Hinweg, fort, in eine große Stadt, um dort etwas zu lernen, eine Kunst, eine geistige Be- schästigung.— Es war dies alles recht gut. recht schön, wenn die Armut der Kantorswittwe der Ausführung nicht einen Hemm- schuh angelegt hätte. Woher, sagte sie zu ihrem Sohn, soll für dich Nahrung und Kleidung herkommen?— Da erinnerte sich derselbe, einmal von einem Studenten das Trostwort„Frei- 346 tische" vernommen zu habe». Er dachte: sollten sich solche nicht auch für dich finden lassen? Auf nach Posen! dort gibt es gewiß Freitische und Gelegenheit zu geistiger Ausbildung.— lleberhaupt, flüsterte er sich zu, lebt ja in Posen der Herr Superintendent, welcher Mich einmal zur Kirchen- und Schul- Visitation nach Bnin kam und sich immer freundlich gegen den Kantor Hoffmann gezeigt. Jedenfalls mußte sich der geistliche Herr doch noch auf den Gustav besinnen, den er in der Schule immer als den besten Schüler erkannt hatte. Dies Vorhaben wurde der guten Mutter anvertraut. Sic willigte ein, und schon den andern Morgen trat ihr Sohn die Fußreise nach Posen an, um hier vorläufig zu spüren und zu hören. Die Ausrüstung hinsichtlich der Garderobe war bald gemacht. Es hieß: ein Rock und ein Gott. In der hintern Rocktasche einige in Papier gewickelte Butterschnitten, in der Westentasche ein paar Silbergroschcn und in der Brust ein Herz voller Hoffnungen und Entwürfe, so verließ er das Baterhaus. Durch düstere Wälder wanderte er dahin, bis er iu der Stadt anlangte, die ihm gänzlich fremd war. Welche Ueber- raschung.— Auf den belebten Straßen schössen die Menschen eilig vorüber, achteten gar nicht ans seinen Gruß. Bald wäre er unter die Räder einer dahinsausendcu Equipage gekommen, und zu Mute war ihm, als sollten alle die hohen Häuser ihm auf den Kopf fallen.— Lauter fremde Gesichter. Unter den taufenden nicht einer, der auf ihn zueilte und ausrief:„Ja. Gustav, was machst denn du hier, wo willst du denn hin?" Gesenkten Hauptes wanderte der müde Bursche durch die Straße», indem er sich fragte: was soll nun aus mir werden? Müde und matt, mit brennenden Füßen, befand er sich jezt iu einem Stadtteil,„der Graben" genant, wo er sich auf die Steintrcppc eines Hauses niedcrseztc.— Wie sich später ergab, bildete„Graben" den Zusaz zu dem Namen des hier Einge- wanderten, von dem niemand eine Ahnung hatte, daß er der- einst der Komponist so vieler Lieder werde, die bald rührend oder in toller Lustigkeit sich Heimatsrechte in der Gesangeswelt errangen oder gar, wie seine allbcriihmte Piece„500000 Teufel" einen Gang um die Erde machten. Wie er nun so recht betrübt und hungrig aus den Stufen saß, seine Gedanken auf einen Löffel Suppe gerichtet, da fiel ihm ein, daß sich in Posen ein Mädchen aus seinem Orte als Kellnerin in einer Restanration befinde, deren Adreffc ihm bc- kannt war, indem er solche einmal auf einen Brief hatte schreiben müssen. Er erkundigte sich nach dem Lokal, ging hin und— wurde mit Freuden von der Landsmännin begrüßt. Beider Herzen stimmten eine Jubclhymne an; er wurde ausgefragt über das und jenes, dann von dem Schänkmädchen auf die Ofen- dank plazirt und— was die Hauptsache,— gründlich ausgc- füttert. Wenn man sich sattgegessen, wenn der Hunger, dieser uner- sättliche Tyrann des Magens, gebändigt und zur Ruhe gebracht worden ist, dann ist dem Menschen wolig zu Mute, dann hat er Kouragc. So auch der Kantorssohn, welcher jezt das Haus aufsuchte, wo der Herr Superintendent wohnte. In selbiges ein- getreten, wurde ihm ein Zimmer bezeichnet, wo er den geistlichen Herrn treffen werde. Er fand solchen, aber nicht allein, er war umgeben von einer Anzal junger Mädchen, Konfirmandinnen, deren rosige Gesichter mit den blizenden Augen sich dem frischen, stämmigen Burschen zuwendete». Ter Superintendent envartete die Ansprache, das Begehr des Fremdlings, den jezt der Anblick der jungen Mädchen etwas verblüfft gemacht hatte. Sein Herz pochte, er war im Begriff zu sprechen und mehr als je gedachte er der Mahnung des Vaters:„Schmeiß nicht um!" Laut und vcrncmlich. ja, mit ganzer Kraft seiner Stimme begann er jezt:„Ich bin der Sohn des verstorbenen Kantors aus Bnin, der Gustav. Sie wisse» ja noch, Herr Superintendent, ich möchte gern recht viel lernen, aber ich bin ganz arm, und möchte nun gern von Ihnen er- fahren, wie ich das anfangen soll." Der Superintendent rieb sich die Stirn, betrachtete sich den kecken Besucher und entgegnete ihm. daß die Sache schwieriger sei, als er vielleicht denke. Freier Unterricht ließe sich wol verschaffen, man könne aber nicht von der Lust leben.— Er gab dem Gustav schließlich den Rat, sich zu dem Seminar- direktor zu verfügen, vielleicht wisse dieser Aushilfe u. s. w. Mit diesem Bescheid rückwärtste er zur Tür hinaus und zwar unter dem verstohlenen Kichern des jungen Mädchenvolkes.— Da stand er denn auf der Straße. Alle seine rosigen Hoff- uungen vernichtet. In das Seminar, vielleicht dercinftens nur Dvrfschnllehrer werden? Nein, er wollte mehr lernen.— Schon wollte er wieder zu seiner Landsmännin gehen, um solcher sein Herz auszuschütten, sich von ihr Tröstung zu erholen, als er auf der Straße unter den auf- und abgehenden Menschen ein ihm bekanntes Gesicht erblickte. Gleichsam elektrisch berührt, blieb er wie festgebannt stehen und sprach für sich:„I, das ist ja wol der Herr Lehrer Vogt, der zuweilen deinen Vater besuchte." Eilig lief er zu ihm hin, zog seine Miize, gab sich zu erkennen und klagte ihm seine Not. Vertrauen enveckt wieder Vertrauen. Mit voller Teilnanic hieß ihn der freundliche Mann guten Mutes sein, die nötigen Freitische würden sich finden, er wolle selbst dafür sorgen, den ersten solle er bei ihm haben. Gustav mußte ihni in die Wohnung folgen, wo er das schöne Klavier sah, Ivclches sein neuer Beschüzer ihm zu seinen musi- kalischen Studien stellte.— Freitische und ein Piano; er solle nur baldigst nach Posen kommen.— Ach, diese Worte klangen ihm wie Harfentöne der Elohim. Fast atemlos und freudig erregt kam der Knabe nach der Restauration zurück, um dort der Freundin sein Glück zu verkünden. Sie jubelten beide hoch- auf. Ein Imbiß und ein Glas Bier verabreichte die Kellnerin aus ihren eigenen, geringen Mitteln, was den Beweis gab, daß die Armut der Armut oft eher zu Hilfe komnit, als es der Reich- tum tut. Noch am selbigen Tage mußte die frohe Kunde der guten Mutter heimgebracht werden, was natürlich erst in später Abend- stunde geschah.— So war denn Ostern herangekommen, und als die Feiertage vorüber waren, rüstete sich Gustav zum zweiten- mal zur völligen Uebersiedlung nach Posen.— Jnbctrcff seiner Garderobe und sonstiger Reiscutensilien hieß es:„Federleicht ist mein Gepäcke!" Ein Hemd auf dem Leibe und zwei im Ränzchen. Auf dem Rücken trug er sein gesammtes väterliches Erbteil: eine Klarinette, eine Trompete und die fünf Welt- teile— auf großen Landkarten dargestellt. Begleitet vom Segen seiner Mutter wanderte er nach Posen, wo der Herr Superin- tendent bereits von dem Prediger in Bnin Kunde von dem Eintreffen erhalten hatte. Er schritt leicht in die Morgensonne hinein und dennoch sollte sein Weg troz der Fürsprache ein rauher sein. In Posen fand der Ankömmling zwar notdürftigen Lebensunterhalt, doch mißlich sah es mit dem Eintritt in die höhere Bürgerschule aus. Tort sollte er, troz der Aussicht, die ihm der Herr Supcrintcn- dcnt gemacht, nur unter der Bedingung Aufnahme erhalte», wen» er das Schulgeld auf das erste halbe Jahr erlege. Nach Ab- lauf dieser Zeit werde eine Vakanz auf eine Freistelle eintreten. Das Schulgeld iu Voransbczalung auf ein halbes Jahr! Wenn dies nicht geschah, hieß es: marsch wieder»ach Hause! In dieser Not galt es, sein väterliches Erbteil zu opfern. Er bot dem Seminar seine Landkarten, die Trompete und die Klari- nette zum Kauf an. Auf diese Offerte ging das Seminar nicht ein, man wies ihm aber Weg und Steg, die Instrumente a» den Mann zu bringen. Noch am selbigen Tage hieß es: die -sachc macht sich! und am andern Morgen hatte der Bedrängte den ersehnten Plaz in einer höheren Schule inne, wo der drei- zehnjärige Bursche allerdings neben weit jüngeren Knaben sah. Mit eisernem Fleiß kam er rasch vonvärts, so daß er sich scho» »ach anderthalb Jaren in die erste Klaffe hinaufgearbeitet. Aber die musikalische Ausbildung! Wer sollte ihm hier zu Hilfe kvmmcn? Zwei der vielgeplagten Lehrer gaben infolge ihres schmalen Ei»" kommens allerdings in den Nebenstunden Musikunterricht, dieser aber mußte bezalt werden, was dem jungen Menschen bei seiner Armut ein Ding der Unmöglichkeit war. So blieb ihm denn nichts anderes übrig, als die Lehre durchs 347- Lehrer ein Stipendium bestehe, um diesen im königlichen Musik- institute in Berlin das höhere Studium der Musik zu ermöglichen. Ein Stipendium? königliches Musikinstitut zu Berlin? das war Wasser aus seine Mühle.— Vorwärts!„Schicksal, gehe deinen Gang", das heißt: geh in das Seminar, sort auf die Brücke zur Erreichung des ersehnten Zieles. Mit dein Zeugnis Numiner 1 und dem„Ausgezeichnet" für seine musikalische Befähigung trat er in die Welt, um— offen gesagt,� ein Pyramidcnleben als Lehrer und Kantor in der kleinen Posenschen Stadt Schubin anzutreten. Alexander Humboldt sagte einmal in einem befreundeten Kreise, wo sich der Schreiber dieser Zeilen zu befinden die Ehre hatte:„Ich beklage immer einen geistig befähigten Menschen, den das Schicksal verdammt hat, in einer kleinen Stadt zu leben. Man kann dies warhaft als ein Unglück bezeichnen, denn ein großer Geist wird unter kleinen Geistern klein." Diese Warhcit mußte Hoffmann doppelt empfinden, er war gebeugt und atmete ans, als er nach anderthalb Jahren wieder aus zu einem Schulmeister erziehe» wollten, Ivozu er. wie sie nach Posen in eine Elemcutarklasse der höheren Bürgerschule ver- meinten, das rechte Zeug mitbringe. Er dachte allerdings ganz sezt wurde und sich kurz darauf die Gunst als Liedersängcr in anders, denn seine Stimme, zu einem tiefen Bariton heran- geachteten Kreisen, namentlich der Frauen, errang. gereift, hatte ihm bereits lebendigen Beifall erworben. Immer heftiger aber gestaltete sich in ihm der Drang»ach Also Sänger werden, Musik studire», das war sein Wunsch, gründlich musikalischer Ausbildung und er bewarb sich erneuert das war Tag und Nacht sein kühnster Traum. Mit sieben um das Stipendium. Tie Resolution lautete:„wegen mangeln- Talmi in der Tasche, die er sich gespart, die er sich am Munde der Vakanz abschläglich beschicdeu." abgedarbt, beschloß er nach Berlin zu gehen. Seinem ersten In dieser kritischen Lage nahmen die Frauen des„Grabens" Woltätcr wurde das Vorhaben vertrauensvoll nutgcteilt. die Aendcrung seines Schicksals in ihre Hand. Durch Zeichnung Dieser blickte ihn scharf an und sagte: Junger Mann, monatlich zu zalender kleiner Beiträge wurden die nötigsten Sic sind verrückt!— Der also Angeredete stand da, wie ein Existenzmittel für die Studienzeit des jungen Mannes in Berlin Färber, dem die Jndigoküpc übergelaufen. Der edle und dem aufgebracht. Von diesem Augenblick an, wo man ihn als musi- Anschein nach etwas barsche Ratgeber wurde im Verlauf des kalisches Kind des„Grabens" betrachtete, fügte er aus Dank- Gespräches milder gestimmt und machte dem Niedergeschmetterten barkeit den Namen des Stadtteils seinem eigenen Namen bei; die tröstliche Mitteilung, daß fiir musikalisch besonders begabte er gab sein Lehramt ans und— wanderte nach Berlin. (Lchlub solaU Schlüstelloch, das heißt: er horchte von außen zu, wenn ein anderer, vom Glück begünstigter Schüler Untenücht am Instrument empfing. Nach Beendigung der Stunde machte er sich an das- selbe Musikstück, das noch in seinem Chr forttönte, bei welchen Studien ihn einmal einer der Lehrer überraschte und ganz er- i staunt war, da er ihn eine Mozartsche Sonate ganz fehlerfrei vortragen hörte. Sofort empfing der Unbemittelte die nötige Anweisung, welche sich allerdings nicht allzuweit erstreckte, denn das Piano galt für Gustav nur als das Mittel, die Musik in ihm zur äußeren Tarstellung zu bringen und der Melodie die rechte Hannoniefärbung zu geben. Der Gesang war ihm alles. — Tic Rcgimentsmusik ans der Wachtparadc war damals die Lluclle, aus der er seine gesanitc musikalische Befriedigung schöpfte und später schmuggelte ihn ein Hautboist in das Teaterorchester ein. wo in ihm die Idee cnvachte, daß er wol einmal ein Bühnen- sänger werden könne. So kam die Zeit heran, wo er aus das Seminar kommen sollte, waS der Wunsch seiner Woltäter war, Ivelchc i Der Eltern Sünde. Eine Skizze nach dem Leben von 5 L Sie war schön, reich und zudem von vornehmer Geburt. 2hre natürlichen Anlagen hatten eine treffliche Ausbildung er- halten, so daß sie mit Recht für klug und geistreich gehalten wurde; denn sie besaß eine Bildung des Geistes und des Herzens, wie man sie in Pensionsanstaltcn nach französischem Muster nicht kmpfangt- sie hatte sich mancherlei tüchtige Kcntnissc angeeignet, bie über das Bedürfnis des Salons hinaus gingen und hatte Erstand genug, sich leicht ein sicheres und oft richtiges Urteil ju bilden, und, was nicht weniger wert war, die Gabe, ohne chrer Weiblichkeit zu schaden, ihre verhältnismäßig hohe Bildung ,n einer für sie höchst vorteilhaften Weise an den Tag zu legen. � Sie war schön, sagte ich, und ich verstehe unter ihrer Schönheit nicht jene Regelmäßigkeit des Gesichtes und der Figur, w'e sie der Geschmack des griechischen Idealismus verlangt, also "'cht jene kalte klassische Schönheit, sondern diejenige, die sich gerne Abschweifungen von der strengen Regelmäßigkeit erlaubt und dafür durch eine gewisse Wärme und Innigkeit des Ausdrucks ""b einen sprechenden, anmutenden Reiz der Figur reich cnt- schädigt. Sie hatte also auch nicht jene vielgerühmte„griechische" 'chk, nein, die ihrige war wirklich ein bischen stark gebogen,— was ihr jedoch ein recht interessantes Air kecken Uebcrmuts ""d anmutiger Schelmerei gab; ihr Auge hätte jedoch einer Juno Thören können, wenn es nicht eben einen so reizvollen Schmelz Schabt höttc. wie wir ihn uns an einer Juno niemals vor- Ncllcii können;— ihre Gestalt war ebenfalls nicht nach gric- "Mein Modell geschaffen, sonst hätte ihre Erscheinung gewip ""ht dies duftioe und zugleich unnahbare Etwas gehabt.— "nl«ut zu vergleichen ist mit dem aromatischen Blütenstaub, der "« Kelche einer Nelke und dem Goldstaub, der auf den Kugeln eines jungen Schmetterlings ruht, der sich zum erstenmale in den Strahle» der Frühjahrssonne wiegt.— Wenn du von dem Schmetterlinge den Schiller, der auf seinen Farben liegt, von den Blumen den goldigen Blütenstaub nimmst, so bleibt dir ein entstelltes Nichts— und ein eben solches Nichts ist das Weib, von deni dieser unendlich zarte Duft, den nur die Unschuld, die reizende Unbefangenheit des Geistes verleiht, ge- nommen ist.— Auf ihr aber lag das duftende Geheimnis der Unschuld— sie war so rein, wie ein Kind, anmutig wie die aufknospende Rose, die die laue Frühlingssonue bestralt;—— aber die zarten Finger an den weißen Händen jener vornehmen Frauen, die in ihren Boudoirs nur auf Seide und Samt ruhen, können auch so unzart sein in ihren nervösen Anwandlungen, daß sie eine unschuldige Knospe mitleidlos zwischen ihren Lilienfingeni zerdrücken,— wenn sie nach ihrer Meinung ohne Berechtigung in dem Sonnenlicht der„guten Gesellschaft" sich freuend ans- blüht zur Vollpracht der Blumenkönigin.— Hüte dich, du kleine, unbesorgte Blüte du!— Wenn Adrienne von V.... in Gesellschaft war, so war sie der mächtigste Anziehungspunkt sowol für die Damen als auch für die Herrenwelt.— Konte jene doch versichert sein, neben der außerordentlichen Anmut ihres Wesens, die kaum den Neid selbst aufkommen ließ, immer eine neue originelle und schöne Idee zu einem Kleidcrschnitt, zu einer Schmuckfassung oder zu einer Frisur bei ihr zu finden,— denn Adrienne verstand es mehr als alle anderen, ihre schönen Glieder in eine immer neue, überraschend geschmackvolle Hülle zu bergen, so daß sie, wenn sie von den hundert und aber hundert Kerzen- US lichten» des Salons umstralt war, wirklich feenhaft schön er- schien; mochte sie in Weiß, in Lila, Blau oder in was auch immer für eine Farbe gekleidet sein, mochte ihr glänzend schwarzes Har in Locken ihr Haupt umflattern oder in wallender Flut bis auf die schlanke Taille herabwogen— immer war sie schön, schöner als alle andern;— darum war sie für die Herren eine viel umworbene Erscheinung, die erobert zu haben ein jeder sich nicht genug gerühmt hätte; wußte ja auch der Neuling, der zum erstenmale die Schöne sah, daß sie nicht weniger reich, als mit geistigen und leiblichen Vorzügen verschwenderisch ausgestattet war. Adrienne hatte denn auch viele Anträge bekommen, aber sie lachte meist über die Bemühungen der Herren, die ihr in ihrer Oberflächlichkeit oder Geziertheit alle nicht zusagen konnten;— da war der Baron von der am liebsten von seinen Pferden, Hunden und Wetten sprach; dann ein Graf A-, der sich in formellster Etiquctte hielt, was zu seiner steifen Figur allerdings recht gut paßte, für Adrienne aber unausstehlich war; und unter den vielen anderen Bewerbern schließlich noch der Lieutenant von Z., der nur von„kolossalen Ausgaben", Duellen und„reicher Partie" sprach.— Es war nur ein einziger unter allen, der in ihr einige Sympatie enveckt hatte, aber bald ihr ebenso zuwider wurde, als er ihr anfänglich angenehm war, nachdem sie gehört hatte, daß nicht Liebe, sondern eine gemeine Spekulation auf ihr Vermögen ihn zu ihr gefürt.— Albert von G..... war der Sohn eines früheren Offiziers, der nach seinem Aus- treten aus der Armee ein hervorragender Börsianer geworden und sich in kurzer Zeit ein beträchtliches Vermögen„erarbeitet", jezt aber durch bedeutende Verluste den größeren Teil desselben eingebüßt hatte und kaum noch in der Lage war, den gewohnten Glanz seines Hauses aufrecht zu erhalten. Eine Geldheirat seines Sohnes sollte dem Mißstände abhelfen und Adrienne sollte das Opfer dieser Spekulation werden.— Sie war oft und gerne in dem Kreise, den der Finanzmann in seinen Salons ver- sammelte, wo man sie stets mit der ausgesuchtesten Artigkeit und Zuvorkommenheit empfing; als sie sich aber mehr und mehr von der Familie zurückzog, konnte Frau von G., selbst mit den raffinirtesten Bemühungen, dem Auge Adriennens die Umwand- lung ihrer Gefüle, die früher so warme waren, in eine gewisse Kälte, die für Adrienne etwas Unheimliches hatte, nicht ver- bergen; indessen unterließ Albert seine Bewerbungen keineswegs. Unter allen diesen Menschen sehnte sich Adrienne nach einem Manne, der so viel edle Männlichkeit bcsizen müßte, daß sie mit Achtung zu ihm aufsehen, an den sie sich in aller Not und Gefahr getrost und guten Mutes anschmiegen könnte, in dem sicheren Bewußtsein, daß er sie beschüzen wolle und könne; es schien ihr, als ob sie über ihre Umgebung weit, weit erhaben wäre; es kam ihr das Leben in den Salons, das sich immer nur um so oberflächliche, allen tieferen Interesses bare Dinge drehte, allmälich so langweilig vor, daß sie endlich das Be- dürfnis hatte, einen Mann zu finden, der sie aus dieser stag- nirenden Atmosphäre des gesellschaftlichen Lebens erheben möchte in den Bereich seines Geistes, in dem sie mit allen ihren Vor- zügen ausgehen und ausleben könne. Aber wo in diesen Kreisen, in denen sie ausschließlich verkehrte, einen solchen Geist finden? Adrienne war zwanzig Jahre alt geworden, und ihre Freun- dinnen fürchteten, sie würde, wie es so oft geschieht, zwar als eine gefeierte, aber auch wegen der vielen von ihr abschlägig beantworteten Heiratsanträge gefürchtete Schönheit betrachtet werden, von der man glaube, sie mache es sich zum Vergnügen, die Freier triumphirend abzuweisen, und schließlich troz all' ihrer Schönheit und Liebenswürdigkeit mehr gemieden als gesucht werden. In der ihr eigenen Sorglosigkeit dachte sie selbst nie- mals an diese Möglichkeit, und als einst eine ihrer Freundinnen es wagte, ihr diese vorzuhalten, lächelte sie so kindlich unbe- fangenen Sinnes, daß jene von dem Zauber ihres Wesens ent- zückt, alle Besorgnisse schwinden ließ.„Ich weiß", sagte Adrienne, „daß ich zu lieben und in der Liebe mein Glück zu finden ge- boren bin, gleich euch andern! Welches Weib ist denn nicht zur Liebe geschaffen? Aber ich weiß ebenso gut, daß ich einen Mann umviderstehljch anziehen werde, den ich lieb gewonnen; glaubst du, daß einem Weibe der widersteht, den es mit aller Innigkeit und Glut erster Leidenschaft liebt? Und kann man überhaupt lieben, ohne geliebt zu werden? Liebe um Liebe I Das Mädchen darf nicht dem Manne mit seiner Liebe entgegen- kommen, es muß sich suchen und erobern lassen, wenn es nicht alle Weiblichkeit verleugnen will. Allerdings mag es in unserer extravagirenden Zeit Mädchen genug geben, die anders denken und handeln, das ist mir aber gewiß kein nachahmungs- wertes Beispiel; ich will warten bis ein Mann kommt, der mein Herz in Liebe auflodern läßt und der mir ein Herz, das zu besizen Glück und Ehre zugleich ist, dafür entgegenbringt, ich selbst aber kann und will mich nicht bemühen, geliebt zu werden, am wenigsten den Herren gegenüber, die sich selbst für die Zierden unserer Gesellschaft halten. Ich würde mich ver- achten, wenn ich sie nicht abwiese. Kannst du mich schelten, daß ich so denke?" Adriennens Mutter berürte nie diesen Punkt; sie war eine viel zu schlichte Frau, die ihre Tochter, — wie sie sagte, aus Trauer über den Tod ihres Gcmals— auch nie in Gesellschaften begleitete und überhaupt nur selten ihre einsame Villa verließ. Und wenn Adrienne einmal selbst Gelegenheit nahm, von ihrer etwaigen Zukunft zu sprechen, antwortete sie stets mit denselben Worten:„Kind, tu wie'S dein Herz dir sagt!" Inniger und herzlicher als die beiden sich liebten, konnte keine Mutter ein Kind, und kein Kind eine Mutter lieben;>vo sie sich auch nur die einfachste Freude machen konnten, scheuten sie keine Mühe; aber dennoch lag stete Trauer auf der Mutter Adriennens. Seit dem Tode ihres Gatten hatte die Wittive beständig so zurückgezogen in ihrer Villa gelebt, wo sie sich allein dem Glücke ihrer Tochter widmete, des einzigen, was ihr immer neue Lust zu leben und Trost in den Stunden trübseliger Erinnerung gab. Etwas Fremdartiges in ihrem Wesen,— obschon sie eine Einheimische war— durchgeistigt von einem festen, nie weichenden melancholischen Zug, war sie für den Beobachter eine geheimnisvolle Erscheinung. Obschon sie die dreißiger Jare zu Verlasien sich anschickte, war sie doch noch von einer wunderbaren, reizvollen Schönheit, die neben der Adriennens wie die Pracht der vollentwickelten Rose neben der aufbrechenden Knospe gar nicht beeinträchtigt wurde. Aber wie ein Reif lag jener nie weichende melancholische Zug auf ihr. Ihre Melancholie galt ihrem Gatten, den ein jäher Tod von ihrer Seite gerisien. Es waren noch nicht drei Wochen, daß sie verheiratet waren, als Herr von V..... höchst verstört nach Hause kam;- er sezte sich nicht, wie er es sonst tat, an die Seite seines jugendlichen Weibes, wie stumpfsinnig vor sich hinblickend, beantwortete er nicht einmal die bangen Fragen, die sie in ihrer Herzensangst an ihn stellte, und als sie mit einem innigen Blicke ihn an ihre Brust zu drücken suchte, war alles,»vomit er ihre Zärtlich' feit beantworten konnte, ein gepreßtes:„Mein armes Weib!" Nichts konnte sie dem bleichen Munde entlocken, wgs ihr über sein beängstigendes Wesen hätte Aufschluß geben können. Sie ging hinaus, um der zweifelersüllten Brust durch Tränen Er- leichterung zu schaffen. Die ganze Nacht blieb ihr Mann in Brüten versunken. Da alles vergeblich war, ihn zum Sprechen zu bewegen, überließ sie ihn endlich seinen traurigen Gedanken, obschon ihr das Herz vor Angst springen wollte; als sie ihn am anderen Morgen aufsuchte, war er schon ausgeritten. Draußen regnete es, er mußte bald wiederkommen— aber er kam nicht- Es wurde Mittag, Nachmittag; ihre Angst stieg von Stunde zu Stunde, und als sich der Abend mit seiner unheimlichen Dämmrung in die halbdunklen Zimmer schlich, da lag sie in dem höchsten Grade von Ausregung auf den Knien und betete in ihrer Herzenseinfalt für ihn und für sich. Da hörte fic Schritte, Türen gingen auf und zu, Stimmen flüsterten bald laut, bald leise, unsaßliche Angst schnürte ihre Brust ein, sie ahnte ein furchtbares Unglück. Warum dachte sie jezt gerade an eine» Selbstmord ihres Gatten? Ja. Selbstmord— er hatte fiä> getötet— die Türe ging auf— sie wagte nicht hinzusehen wer eintrat.„Gnädige Frau", hörte sie den alten, getreuen Diener ihres Gemals sprechen,„sasien Sic Sich, es ist ein Un- 349 gluck, ein großes Unglück geschehen, fassen Sie Sich, der gnädige Herr ist— tot, Man brachte ihn eben m'S Haus— er hatte ein Duell!" Da war sie mit dem Aufschrei zusammengebrochen: ,,O, er ist gestorben um meinetwillen— ich weiß es— es kann nicht anders sein, um der Schuld willen— der Schuld———" Und eine tiefe Ohnmacht umnachtete ihre Sinne. lS-ttsejun, f-Izt.) )um Namtnsfkstt. Humoreske. Der Namenstag des Professors war im Anzug. Seit mehr als 14 Tagen beriet man, wie die Feier diesmal verlaufen sollte. Ueber oic Kränze, Kuchen und dergleichen, sowie über die zum Opfer fallende >Lans waren Mutter und Töchter schon in der ersten Stunde der Be- einig geworden. Auch über die gehäkelten Teppiche, das ge- liickte Uhrpantöffelchen, die verschiedensten Packete Tabak und dergl. war man bald im Reinen. Aber daS Hauptpräsent, die Hauptsache— darob wollten die Iran Professor stimmt Töchtern fast verzweifeln; sie sonnten eben nichts finden, was der Herr Professor brauche, oder was 'hm besondere Freude gemacht hätte. Es waren nur noch 4 Tage bis zum Feste und noch wußten sie "'cht, was dem Papa verehren. Um Gottes willen, Kinder, sagte die Frau Professor fast weinerlich Zu ihren Töchtern, helft mir raten, ich bin ganz erschöpft. Aber die Mädchen wußten eben auch nichts Gescheites. . Man begann sich wieder und wieder zu besinnen. Die Jüngste [f-wute sinnend in das Tageblatt mit seinen zallosen Anzeigen. Plöz- machte sie einen Saz WS Zimmer und rief: Ich hab'S Mama, ich o,,.Und triumphirend zeigte sie auf eine Stelle, wo es hieß:„Große Auktion alter Bücher, Kunstgegenstände und Möbel!" Unter dieser «Umschrift standen die hauptsächlichsten Gegenstände aufgezält; dabei Inno auch folgendes Buch:„Thtliemii J. Opera historica, frauco- 'Urti 1601". .'"ußt du kaufen, Mama, rief das Mädchen hastig und eilig, cJi-km Pnpn verehren, eine größere Freude kannst du ihm nicht machen. X? Swbe kürzlich gehört, wie der Papa dem Professor Goldstock sein kid geklagt hat, daß er dieses Buch nicht zu eigen besize. Er brauche " notwendig und doch könne er es nur entlehnen aus der Bibliotek hüi stdcn Augenblick mit einem anderen sich teilen. Der Papa ?. den Namen so oft genannt, daß ich ihn nie vergessen werde; eS ist * j[5"uch, das heute Nachmittag noch versteigert wird. Nun zieh' dich nii a"n kauf es; wir haben damit ein Namenslaggeschenk, welches «�überbietet, was wir bisher dem Papa gegeben haben. n,..»iufstürinen, den Shwal um sich werfen, den Hut aussezen, den ein �el füllen und den Namen des zum Ueberfluß noch groß aus r.;..Zettel geschriebenen Werkes einige duzendmale rezitiren, war die wrtige Tätigkeit der von dieser Idee entzückten Mama. Ii» i, jeden Preis muß dieser Tritbernius erstanden werden, murmelte ' stll eine rechte Freude haben. m tj* war noch eine Stunde bis zum Beginn der Auktion. Die Frau di. f bekam den vordersten Plaz, aber bald füllte sich der Sal; begann � fwuden noch vor der Türe draußen. Die Versteigerung Inn, A Aef der Ausbieter mit lauter Stimme. Ein altes interes. furti i6o{ i1 1""n 3arc 1601:"Tritheniii Opera historica franco- gW Frau Professor wurde rot und weiß vor Erregung. Zehn Mark Ausgebot, sagte der Auktionator. Zehn Mark, sagte die Frau Professor. Iii». b" ,m nämlichen Augenblicke rief eine hohe quikende Männer- "'Mine zwölf Mark zur Türe hinein. -tllein die Frau Professor lächelte und sagte: fünfzehn! Zwanzig! hieß eS draußen vor der Türe. »w»!" ungalanler Mensch, brummte die Frau Professor und lagte: �. zwanzig Mark!. unx?'üensinniges Weib, sagte der Mann draußen zu seiner Umgebung Jst vierundzwanzig. Hundert Mark ruft die Mäniierstiuime von außen herein imd eine allgemeine Stille entsteht. Die Frau Professor besinnt sich noch eine Sekunde. Nein, es ist Ehrensache— Namensfest des Gemals— 110 Mark! sagte sie gelassen. Von draußen kein Gebot mehr. Hundertundzehn Mark zum drittenmal! Tie Frau Professor zalt, nimmt den teuern Folianten(großen Band) in Schweinsleder aus den Arm und bahnt sich den Weg zur Türe hinaus. Bald ist sie auch glücklich daheim angelangt. Das Namenssest ist erschienen und der seit den lezten Tagen höchst launische und merklich verstimmte Herr Professor hat heute ein gnädigeres Gesicht aufgesezt, indem er die Gratulationen entgegennimmt und die Geschenke ansieht. Wie er aber auf das große Buch stößt, das in der Mitte tront und den Titel ansieht:„Tnthemii opera historica", da schüttelt er | sich ganz vor Verwunderung und Staunen und der Schreckensruf ent- sän seinen Lippen: Camilla, sag' mir um des HimmelSwillen, wo hast du denn das Buch her? Bei einer Auktion für dich erstanden, ist die Antwort, da dieses Buch dein Lieblingswunsch war, aber es ging heiß her, o ich hätte es um 10 Mark erhalten können, wenn nicht ein solches Ungeheuer von einem Menschen vor der Türe draußen mich wie toll hinausgesteigert ' hätte! Und wo saßest du Camilla? fragte mit bebenden Lippen der Professor. Ganz vorn im Sal, ist die Antwort, und ich konnte den unver- schämten Menschen natürlich nicht sehen. Der Herr Professor hatte noch die Kraft herauszustoßen: Camilla, jener Mensch— war ich... Und in den Armen liegen sich beide und weinen vor Schmerzen und Freude, sagt Schiller, und so endet die Ge- schichte von dem Geschenke zum Namensfeste. K. Proben drutschrr Wksporsik drr Gkgrnlvart. Unter vorstehendem Titel werden wir eine Reihe von poetischen Originalprodukten veröffentlichen, deren Verfasser nur die gewöhnliche Volksschulbildung genossen haben, die also dem was man gemeinhin unter dem Begriff Volk zusammenfaßt, nicht nur entsprossen sind, sondern in ihrer Anschauungs- und Denkweise auch noch ganz angehören. Wir sind der Ueberzeugung, daß die Poesie, welche sich für die Nicht- achtung und den Verständnismangel aus Seite der sogenannt Gebildeten unserer nüchternen Zeit dadurch rächt, daß sie ihnen hartnäckig den Rücken kehrt, Heule noch wie ehedem— wenn auch vielfach unbeachtet und ungekannt bei manchen der sogenannt Ungebildeten lebt— mit ihnen fühlt und denkt, und gar nicht so selten spricht und handelt. Zu dem für die Zukunft unseres Volkes gewiß sehr wichtigen Beweise, daß dem wirklich so ist, tragen wir im Folgenden anspruchslos unser Schees- lein bei. Daß das, was wir zur deutschen Volkspoesie der Gegenwart zu zählen uns erlauben, in Form und Gehalt vielfach abweicht von dem, was die Literaturgeschichte unter Volkspoesie begreift, wissen wir wol, glauben aber durch die Entstehungsart der von uns seit Jahren gesammelten Dichtungen zu der Wal unseres Titels vollauf berechtigt zu sein. bas innr, u Profestor erhob sich, um ihren Rivalen zu sehen, aber &öbf»""möglich, denn alles drängte sich um sie und über all' die st- nicht bis zur Türe in der ro»il9 �nt'! sagte sie ruhig, ihre gespickte Börse hervorziehend, S»�., 5. das vierfache war. ffii»r'"i'Big Mark! lautete die Antwort von draußen. 'amen ent9e9nete die Frau Professor. Ihr Zorn und Ehrgeiz Äiino mit.'"'s Spiel. "doterzig! war daS Echo von der Türe weg. Fünfzig i mu" ein �nrr sein, murmelte die Frau Professor und rief: �Athem;""öckfte, nur daS Weibsbild sehen, das mit solcher Wut den loll„nx US ,"ufe" will, sagte der Mann draußen, sicher ist sie halb .. Ah" seufzend sunf weiter. Unk m,,."'Jort kommt die Diskantstimme mit der Antwort: SechSzig! 1*0, 85„LehtS wie im Duell, Schlag auf Schlag: 80, 63, 68, 70, 75, 90.- Drang. Bald prangt die Eiche neu in grünen Blättern, Schon singt die Lerche ewigjunge Lieder, Die Wolke rüstet sich zu neuen Wettern, Und ich?— gibt mir kein Gott Verjüngung wieder? Als Antwort schwebt mir vor in düstern Lettern: DaS Schicksal drückte tief in Staub dich nieder; Kein Heiland bringt dir, keiner von den Rettern, Zu kühnem Flug die erzbeschwerten Glieder! Herz, dennoch willst du dich vom Staub erheben, Willst, gleich dem Aar, in freien Lüsten schweben; Hoch über Menschenkleinmut, Haß und Tand! Der Elemente Walten willst du lauschen, Und an der Liebe Allmacht dich berauschen BiS stumm du niedersinkest in den Sand! Sufta« Schmidt, Jftdrtkardetter tu Ottensen. 350 / Ein verkommenes Henie. Wenn er sein Tagewert beendet, Wenn leiS die Nacht herniedersintt. Tie Sonne keinen Strahl mehr sendet, Des Mondes Silberschimmer blinkt, Sizt er im kleinen Erkerzimmer Ani Schreibepult, vom Wurm zeniagt, Indes des LämpchcnS bleicher Schimmer Ihm leuchtet, bis es wieder tagt. WaS hat er alles schon geschneben!- Was ihn in tiefster Brust beivegt, Er hat sein Hassen und sein Lieben In seinen Werken dargelegt; Was mit der Warheit mächtigem Feuer Tie jugendliche Brust durchdrang, Aas seinem Herzen lieb und teuer, Tas tat er kund in dem Gesang. Einsam, allein hat er gestanden Inmitten der Genossen Schar; Sich keine Herzen zu ihnr fanden, Weil kein's dem seinen ähnlich war. Zmveilen fallen seine Blicke Aus einen tvelken Lorbeerkranz, Er denkt an schön're Zeit zurücke, lind seine Augen sprühn im Glanz. In einem kleinen Schranke stehen Die Bücher, sorgsam aufgestellt; Schon oft hat er sie durchgesehen, Sie bilden seine ganze Welt. Sic schließen ihm des Wissens Schnze, Ter Dichtung Lebensbronnen aus, Der Schöpfung ew'ge Weltgeseze lind der Gestirne Bahn und Lauf. Ter Weltgeschichte ernste Lehren Führt' er im Spiel dem Volke vor, Doch ach! es wollte ihn nicht hören, Und höhnisch klang es ihm in'S Ehr: WaS willst du unser Handeln meistern? Nur einmal blüt des Lebens Lust! Bleib' du bei deinen großen Geistern: Sie ssnd zu groß für uns're Brust! Er hat als Preis ihn einst errungen, Er hat in seinem Schmuck geglänzt; Die Lehrer hatten ihn geschlungen lind seine Stirn damit bekränzt. Als künft'gen Ruhmes glücklich Zeichen «galt ihm der schöne Ehrenpreis; Noch andern Kranz wollt er erreichen Unsterblichkeit, dies Lorbeerrcis. Sie trösten ihn in schweren Stunden, Wenn er des Schicksals ganze Macht, Des Lebens Nichtigkeit empfunden, Wenn ihm kein Sonnenstrahl mehr lacht. Und wenn des Glückes heitrer Schimmer Sich auch einmal zu ihm verlor, Dann flieht er in sein kleines Zimmer Und holt die Bücher rasch hervor. Und ob des Spottes herbe Pfeile Ihn auch im Innersten verlezt, Er hat doch sonder Rast und Weile Sein eifrig Streben fortgesezt. Er wollt' das Schicksal mächtig zwingen, Den Lorbeer sezen auf sein Haar, Doch ach! es wollt ihm nicht gelinge», Und eS blieb alles, wie es tvar. Doch der ward nicht für ihn gewunden, Eb auch die Seele darnach lechzt, Trum kann sein Herze nicht gesunden, Das unter tausend Qualen ächzt; Kein Balsam seine Wunden heilet Und mildert all' sein schweres Leid. Die Feder nur geschwinder eilet In der Erinnrung jener Zeit.— Doch nicht empfinden und empfangen Nur will dcS Armen sehnend Herz; Es trägt ein mächtiges Verlangen Ihm die Gedanken himmelwärts. Auch er, auch er fühlt sich berufen, Dem Hohen seine Kraft zu weih'»; Er knieet vor des Tempels Stufe», Doch keine Gottheit läßt ihn ein. Nur ärmer noch, als all' die Bielen, Die wolig leben tief im Staub, Fühlt er den Gram im Busen wühlen, Und wird er der Verzweiflung Raub. Was ließ er nicht am Wege liege»!— Der Jugend heitres Lebensglück Floh er, daS rauschende Vergnügen,— Und stieß die Liebe rauh zurück. Laß' doch das Schreiben; greis zum Spaten llnd grab' damit ein tiefes Grab. Du bist für diese Welt mißraten, So zaud're nicht und steig' hinab! Du kommst ja doch nicht zu dem Ziele, Dein Ideal erreichst du nie, Gehst uuter in dem Weltgewühle, Armes, verkommenes Genie! Die jez'gc Zeit will andre Söhne! Sie will kein schwärmend Angesicht, Als Luxus achtet sie das Schöne, Als eitel Torheit das Gedicht! Erring', erschaffe und eriverbe Und mach' zn deinem Gott das Geld, Dann bist du ein glücksel'ger Erbe Der neuen Zeit, der Heu«'gen Welt! «ruft Ll»ar, Schrtfrsezer tn Kappel bct Chemnly �kintkt Fuchs. Eine litcrar-historische Skizze von Fr. Nauert. ve), woraus Kurz(Gesch. d. deutsch. Literatur) schließt, daß die Tier- wge und namentlich„Reineke Fuchs" auf deutschem Boden entstanden l- r der zu ihrer EntstehungSzcit sicher fremdländische Löwe erst zu »wser hervorragenden Stellung in derselben in Frankreich gelangte. Da kleine Tiere in ihrer gesamten LcbcnSbetätigung für die Alten zu unbedeutend waren— heute ist man durch fleißiges Beobachten G zu einem anderen Resultat gelangt— so kontcn sie keinen Plaz»l «r Sage finden oder wurden doch nur zu Nebenrollen venvant. Aber M dem Pferde, dem Hunde, dem Ochsen wurde, weil sie durch ihre Tienstbarkeit dem Menschen gegenüber diesen viel zu wenig mterestant fnren. keine hervorragende Stellung angewiesen. Dagegen sind Haus- wie die Kaze und der Hahn, infolge ihrer Unabhäng.gkc.t 'her und des öfteren dazu berufen. WaS von der menschlichen Phantasie Heldenhaft und groß dargestellt werden soll, muß sich auch durch seine ' gene Natur, durch heworstechende körperliche und geistige Eigenschaften �zeichne» und mit Hilfe dieser vor allem imstande lein, sich eine trete, MaÄ'A' Stellung zu sichern-, es muß also der Betätigung de» chMen Triebes wert sein. Ist dieser Wctt vorhanden, s?'! die N'enschliche Phantasie sehr freigebig und stattet ,hre Helden bereitwilligst t übermäßiger Kraft, Gewanthcit und Schlauheit aus und vertczt„e Östlich aus dm OlympoS, speist sie dort mit Nektar und Ambrosia und. indem der Mensch sich an dem heiteren, dem mmschlichen durchaus rrwante» Treiben crgözt, erfreut oder erstaunt er ob der titanenhatten «KW "'Urs tätigen Individuen.(SWKst) Soinmernacht am Polilipp. (Mit IliustriUio». E. Seile 341.) Fremdling komm in das große Neapel, ilnd sieh's,»nd stirb! Schlürfe Liebe, geneuß des beweglichen Augenblicks Reichsten Traum, deS Gemütes vereitelten Wunsch vergiß. Und was Quälendes sonst in das Leben ein Dämon wob: Ja, hier lerne genießen, und dann, o Beglückter, stirb!— Mit diesen Versen beginnt Plate» sein Jdhll„Bilder Neapels" und deutet damit die unvergleichliche Schönheit dieser Stadt wie der sie um- gebenden Landschaft an. Hierin steht er nun mit diesem seinem Urteil nicht allein, denn die Zal derer, denen das Glück zuteil wurde, mit eigenen Augen die wundervolle Natur, welche hier unter dem tiefblauen Himmel Italiens alles umgibt und durchdringt, zu schauen und dann die wargenommene Herlichkeit ihren weniger glücklichen Mitmenschen durch Schrift und Wort mitzuteilen, ist ziemlich groß, wenn sie auch nicht alle in der glücklichen Lage waren, die empfangenen Eindrücke in so schöner gebundener Rede iviederzugebcn, wie unser Dichter. Mit nicht geringerer Meisterschaft hat es aber der Künstler verstanden, dem unser herrliches Bild sein Dasein verdankt, die Schönheit der»eapoli- lanischen Natur wiederzugeben. Die hie und da nur durch einen Ruder- schlag unterbrochene nächtliche Stille, die heilige Ruhe, welche sieb ans den Golf, auf die ganze Landschaft gelagert, ist meisterhaft zur Dar- stellung gelangt, ja man glaubt sogar hin und wieder die bleichen Stralen des Mondes durch die ruhige Luft erzittern zu sehen. Da» ticfdunkle Firmament, die hochanstrebenden Burgen und Gebäude Neapels, das satte, tiefe Grün der Vegetation bestralt und erglänzend vom intensiven Mondlicht, das gibt eine Stimmung und muß eine Wirkung auf das menschliche Gemüt ausüben, die allerdings nicht oft ihresgleichen findet. Dazu komt noch, daß der Beschauer an Ort und Stelle das weite Meer und den finster grollenden Vesuv vor sich hat, wärend andererseits die rebengcschmiickten Höhen desgleichen zur Hebung deS schönen Gesamtbildes ein gut Teil beitragen. Zu diesen funkelnden Feucrwcin spendenden Bergen gehört nun auch der Posilipp, der sich im Westen von Neapel hinzieht. Der sorgcnverschcuchcndc Göttertrank reichte sicher allein schon hin, um ihm im Gedächtnis der Menschen einen daueniden Plaz zu bewarcn, aber die Grotte, oder vielmehr der Tunnel, der durch seine Eingeweide hindurch führt und der vor mehr als dreitausend Iaren gebaut wurde, wird nicht minder beitragen, um das Gedächtnis von Mitwelt und Nachwelt an dieses schöne Fleckchen Erde zu feffcln. Um aber vollends dem menschlichen Geschlecht für alle Zeiten die Erinnerung hieran zu erhalten, ließ der römische Dichter Virgil liier seine Asche zur ewigen Ruhe bestatten. Inmitten der von saftigen Trauben beschwerten Reben wird dem Wanderer heute noch sein Grab gezeigt. Und so ist cS denn neben der üppigen Schönheit der Natur, die hier ihren Reiz auf den Wanderer ausübt, auch ei» Hauch aus dem klassischen Altertum, der zugleich in seine Seele zieht imd mit jenem in harmonischen Akkorden sein Inneres durchklingt. Das stralt auch aus unserem Bilde wider, ein Geist, wie der von der Antike gehegte und gezogene weht unS aus dem Ganzen entgegen, und ivie dieser von den alten Griechen hierher verpflanzte Geist heute noch wenigstens in der Anmut und Grazie der Haltung und Bewegungen der Neapolitaner fortlebt, so wird auch der kalte Nordländer davon ergriffen und ge- hoben. Geben wir zum. Schluß nochmals unserem Dichter das Wort: O balsamische Nächte Neapels! Erläßlich scheint's, Wenn auf kurze Minuten daS schwelgende Herz nun auch Selbst Sankt Peter vergißt und das göttliche Pantcon, Monte Mario selbst, und o Villa Pamfili, dich, Deiner Brunnen und Lorbecrumschattungen kühlsten Siz!— _ nrt. Literarische Umschau. Deutsche Sagen. Der deutschen Jugend und unserem Volke wieder- erzält von Heinrich Pfeil. Zweite verbesserte und vmnchrtc Auflage. Mit 45 Text-JUnslrationen, zalreichen Anfangs- und Schlußvignctte» und einem Titelbilde. Leipzig und Berlin, Verlag von Otto Spanier. Ein Büchlein wie dieses, daS unS alle die Riesen, Hexen, Berggeister und Kobolde vorführt, welche in unserer Kindheit eine so große Rolle spielten und an den langen Winterabenden unsere kindlichePhantasie belebten, wird »ach Brauch und Sitte von den Zeitungen gewöhnlich für den„Weih- nachtSttsch" besprochen. Wenn wir nun gegen diesen Brauch verstoßen, so geschieht es, weil wir meinen, daß ein gutes Buch wie das vor- liegende immer gelesen und gekauft werden sollte. Recht gut und freund- (ich ausgestattet bringt es auf 326 Seiten neunundneunzig Sagen, unter deren Gestalten wir viele alte Bekannte finden, die sich in der ihnen vom Verfaffer mit inniger Liebe gewidmeten Behandlung recht vorteilhaft ausnehmen. Möchte nur Jung und Alt von dieser Lektüre recht viel profittren! nrt. Preisräthscl. Unsere Preisrätsel sind bereits einmal durch de» im Verlage der „Neuen Welt" erscheinenden Omnibuskalender veröffentlicht worden. Es erging ihnen jedoch nicht wie den Preisrätseln des„Omnibus" vom vorhergehenden Jahre, welche mehrere hundert Löser fanden und viel- seitig als zwar sehr gut, aber doch zu leicht lösbar befunden wurden. 352 Die hier wiederholt abgedruckten Rätsel haben zwar auch eine Reihe von Zusendungen an die Redaktion deS„OmnibuS" veranlaßt, die aber nur einige wenige halbrichtige Lösungen brachten und keine einzige ganz richtige. Wir präsentircn diese etwas harten Russe nunmehr den lieben Lesern der„Reuen Welt" zum gefälligen Aufknacken und fügen hinzu, daß die Verlagshandlung als ersten Preis eine Anzal beliebig zu wählender Bücher im Werte von 30 Mark, als zweiten desgleichen Bücher zu 20 Mark, als dritten Bücher im Werte von 10 Mark und als vierten einen elegant gebundenen Jahrgang der„Reuen Welt" aus- sezt. AlS lezter Termin für die Einsendung der Lösungen ist der erste September dieses Jahres festgesezt. Wer sich also eine tüchtige Portion von Scharfsinn und Kombinationsgabe zutraut, möge darauf und darangehen! I. Sitberrrätset. Aus folgenden 22 Silben: ger, lin, i, stcl, po, trie, e. land, mo, di, o, v, ber, lo, UP, sa, ro, che», In, sa, ne, nek— sezc 7 Worte zusammen, von denen das eine eine besonders eingerichtete Schnur be- zeichnet, während zwei andere die Namen zweier Flüsse sind, von welchen einer in einem europäischen Hochgebirgslande, der andere 1000 deutsche Meilen von ihm entfernt zu suchen ist; das vierte nennt eine nordische Landschaft, das fünfte eine deutsche Stadt, das sechste eine vor 2>/» Jahrhunderten ihrer politischen Selbständigkeit beraubte, heute noch unkultivirte Völkerschaft; da? siebente besteht in der fremdwort- lichen Bezeichnung für einen hohen Grad des Eingebildetsein. Diese sieben Worte in bestimmter Reihenfolge nennen ein geistiges Jndivi- duum, das mit einer durch einen der größten Dichter allbekannt ge- wordene Sagengestalt verschiedenes sehr Wesentliche gemein hat. II. FkSfseksprurrg> Das Erste zu besingen Möcht' leicht mir gelingen. Doch besänge ich selbst mich, Drum lieber schtveig ich. Böt' sich das Zweite euch dar III. f&ßara&e. Fändet Ihr's sicher nicht rar. Und wer an den Beiden Muß schnizeln und schneiden Und mühsam schanzen, Hat wenig vom Ganzen. Sprechsal fiir jedermanu. Wer kann Auskunst geben, wo der auS Bayern stammende, jezt nahezu 50 Jahre alte Tischler Franz Josef Ettinger sich befindet, oder, falls er tot sein sollte, sich vor seinem Ableben zulezt befunden hat? Derselbe ist im Jahre 1854 nach Nordamerika ausgewandert, hat lange Zeit als Goldgräber in Kalifornien gelebt, schrieb unfangs der siebenziger Jahre an seine Verwanten in Deutschland, daß er in den Besiz eines großen Vennögens gelangt sei und binnen Jahresfrist über Rem-Aork und London nach seiner Heimat zurückkehren werde, hat jedoch seitdem garnichts mehr von sich hören lasten. Etwaige Mitteilungen wolle man freundlichst unter der Chiffre X. H. an die Redaktion der„Reuen Welt" gelangen lassen. Ratgeber für Gesundheitspflege. Berlia. M. B. Nach Ihren Angaben, die wir künstig der Ein- sachheit wegen lieber in Metern statt in Fuß gemacht sehen möchte», ist Ihre Wohnung allerdings viel zu klein für Ihre aus 9 Köpfen be- stehende Familie. Das ungefähr 4 Meter lange und 3 Meter breite Wohnzimmer, dessen Decke ein zicnilich großer Mann beinahe mit den Fingerspizen berühren kann, das also jedenfalls nicht über 3 Meter hoch sein wird, enthält ca. 36.Kubikmeter Lust, d. h. genau so viel als neun Menschen in einer einzigen Stunde zum Atmen brauchen. Wenn Sie mit Ihrer ganzen Familie jeden Winterabend darin mehrere Stunden lang Hausen, ohne die Fenster zu öffnen, so atmen sie alle eine ent- schieden gesundheitsgefärlichc Lust ein und dürfen Sich nicht wundern, daß„immer wenigstens zwei" Familienmitglieder krank oder unwot sind. Fenster und Tür auf, auch im Winter und gleichviel bei welcher Temperatur! Die Kälte schadet lange nicht so viel, wenn sie auch für den Augenblick unbehaglicher erscheinen mag, als die an Kohlensäure und alle möglichen sonstigen Verunreinigungen überreiche Stubenluft. Bor dem viel, und oft zu viel, gefürchtcten„Zug" können Sie Sich jedenfalls, solange die Lufterneuerung wähn, schüzen. Im übrigen sollten Sie allerdings'Sich schleunigst nach einer besseren Wohnung umtun, da Sie selbst zugeben, daß Sie es„im Notfall" können. Dieser Notsall ist ganz gewiß vorhanden! Für Ihre zahlreiche Familie bedürfen Sie ein wenigstens drei- bis viermal größeres Wohnzimmer, und müssen auch dann noch beständig aus tüchtige Ventilation halten. Brandenburg. Alter Freund der„Neuen Welt." Leukerbad im Kanton Wallis ist allerdings hochberllhmt wegen seiner Wirksamkeit bei besonders hartnäckigen Hautausschlägen, woran Sie aber nach Ihrer Angabe gar nicht leiden. Wenn Ihnen daher Leukerbad zu weit und zu teuer ist, so brauchen Sie dem berliner Professor, welcher Sie bei der Untersuchung nicht einmal ordentlich angesehen hat, nicht zu folgen, sondern können es ebenso gut mit dem erdigen Mineralwasser von Frcienwaldc im Regierungsbezirk Potsdam versuchen. Lüttich. Frau C. F. Ein vielangewendetes Gurgelwasser bei Rachenentzündung besteht aus 5,0 Alaun, 300,0 Salbeitee und 30,0 Rosenhonig. Rcdaktions• Korrespondenz. ftötn. Gärtner H. Das den Verlchr mit NabrungSmitleln, Seiluli- Mitteln und Gebrauchsgegenständen betreffende RcichSgesctz vom x. Mai 187» bestimmt u. a.: Wer»um Zweck der Täuschung im Handel und Äerkehr Nahrung»' oder Genußmittel nachmacht oder vcrsälscht, wird mir Gefängnis bis»u« Monalcff oder mit Geldstrafe bis»u 1500 Marl oder mit Geld- und Gesängnisstrafe bestraft. Ebenso wird derjenige bestraft, der willentlich verdorbene, nach g emachte oder verfälschte Narungi- oder Gcnußmittel unter«crschwdgung diese» Umstand» verlaust oder unter einer zur Täuschung geeigneten Bezeichnung seilhält. Wird eine solche Handlung au» Fahrlässiglcit begangen, so tritt Gcldstrase bis zu 150 Marl oder Haslftrasc bli zu sechs Woche» ein. Ferner soll Gefängnis bis zu 5 Jahren, wobei aus Ehrverlust crlannt werden dars, denjenigen treffen, der Gegenstände, die bestimmt sind, andern ali Rarung»- oder Genußmittel zu dienen, oder BelleidungSstücke, Spielwaren. Tavctcn, Eb-, Trinl- oder Kochgeschirre, oder Petroleum vorsäzlich oder wisicntlich herstellt, verlaust, feilhält oder sonst in Verkehr bringt, die beim Genuß oder Gebrauch geeignet find, die mensch- liche Gesundheit zu schädigen. In all' diesen Fällen ist auch der Versuch strasbar. War der Genuß oder Gebrauch de» Gegenstände» aber aar geeignet, die menschliche Gesundheit zu zerstören, so tritt Zuchthausftrasc bi» zu l0 Jaren, und wen« durch die Handlung der Tod eine» Menschen verursacht worden ist, Zuchthausstrafe nicht unter 10 Jaren bis zu lebenslänglicher Zuchtbauistrasc ein. Eine derartige Verurteilung hat auch noch die Folge, daß die Polizei bei den Verurteilten vom Ein- tritt der SiechtSlrast de» Urteils dtS zum Abiaus von drei Jaren nach Bcrdlißun», Bersärung oder Erlassung der Freiheitsstrafen in den Räumlichlcltcn. in welchen Nah- rung»- und Scnußmitlel, Spielwaren. Tapeten ic. feilgehalten oder aufdcwahn wer- den, stets Revisionen vornehmen lann. Stettin. Fräulein P. W. Sie wünschen, daß die.Neue Welt- techt bald ein Gedicht bringen möge, worin»so recht rührend gesagt wird, wie schrecklich und dSIe e» ist, wenn Eltern ihr einziges Kind zwingen wollen, eine unlieb» Heirat zu machen?! Run, wir fordern hiermit scierlich alle der»Neuen Welt- verschwisierlen, vernanteN und bclanlcn Dichter aus, diesem Wunsche eines wol recht schwer bedrückten Mädchen- herzen» nachzulommcn. Aber nicht wahr, liebste» Fräulein P., Sic nehmen'» nicht übel, wenn die verschiedenen Dichter in ihre poetische Fürbitte auch die nicht einjt- gen Kinder einschließen? «önlgSderä. Stud. D. Daß wir, die Redaltion der»Neuen Welt.- Ihne« zur Uebcrsezung Ihrer Arbeiten au» dem Polnischen in» Deutsche ganz ergebcnft i"' Verfügung stehen.»ersteht sich von selbst. Nur müffcn Sie gütigst gestatten, da« wir vorher die polnische Sprache erlernen. Verzeihen Sie freundlichst die bei diese» Gelegenheit leider nicht zu verbergende Lücke in unscrn Sprachlcnninillen! Serstßtuugene Lebenswege. Roman von Franz Canon.— Zur Entdeckungsgeschichte deS Galvanismus. Von D. Gronen sinv.« esni Brasilien aussieht. Bris eines AusgewandeNen.— Gustav Graben-Hoffmann. Eine Künstlerbiographie von Theodor Drobisch sMit PoNratZ— Der Eltern Sünde. Eine Skizze auS dem Leben von M.. B____— Zum NamenSfeste. Humoreske von K.— Probei deutscher Volkspocsie: Drang. Ein verkommenes Genie.— Reineke Fuchs. Eine literar-historischc Skizze von Fr. Nauen.(Mit Illustration- — Sommernacht am Posil pp.(Mit Illustration.)— Literansche Umschau: Deutsche Sagen.— Preisrätsel.— Sprechsal für jedermann." Ratgeber für Gesundheitspflege.— Redaktions- Korrespondenz. Mit dieser Nummer beginnt das dritte Quartal des 7. Jahrganges der allen Buchhandlungen und Postanstalten entgegengenommen. „Reuen Welt." Abonnements werden Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart.(Neue Weinsteine 23.)- Expedition: Ludwigstraß- 26 in Stuttgart. Druck und Verlag von I. H. W. Diep in Stuttgart.