Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. .V? 28.- 1882. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljarlich 1 Mark 50 Pfennig.— In Heften 5 35 Pfennig. Zn beziehen durch alle Buchhandlungen und Postänitcr. MersdHimgene Lebenswege. Roman von Kranz Larion. (l. Fortfezuug.) . Seit jenem Tage in der Heide, wo Sucre von ihrem Gatten auf der Spur des Wohlgefallens an einer Untreue gegen ihn überrascht worden war, fühlte sie sich in einen Zwiespalt mit sich Kwft geraten, für den sie keine Lösung zu finden wußte. Ihr Gatte hatte sie der Armut entrissen, die harte Sorge »in den Erwerb des täglichen Brots von ihr genommen, sie q1!1. H�rnn eines Hausstandes gemacht, der die meisten ihrer Wünsche unnötig machte; aber alles das verlor in ihren Augen � Wert, denn sie fühlte sich einsam. Im Besize der kostbarsten «Huer, die alles Glück des Lebens verbürgen, ist der Mangel �» Gemütsruhe ein rastlos andrängender tfciuö, welcher nie 1 cv doch nur selten zn bewältigen ist. Lude war demselben an heinigefallen. Doktor Philipp war nicht an Aeußerung seiner innersten �Hpfindungcn gewöhnt, ebenso verschloß er das in sich,>vas er »chte, und diese herzlos scheinende Zurückhaltung war es, welche ,e junge Frau von ihm abstieß... sie schienen nicht zusammen llehören. Bon seiner Seite war kein Vorwurf über ihr tadelnswertes �nehmen bei dem Ausbruch des Hünengrabes gegen Lncie aus- hslprochen worden. Es wäre vielleicht bester gewesen, wenn er .'es getan hätte, sie würde dann überzeugt gewesen sein, das er •efer Empfindung fähig sei, so aber schien ihr sein Schweigen vie ein Ausdruck der Verachtung gegen sie und... empörte Was war denn eigentlich ihr Verbreche», daß er darum ln't Verachtung zu strafen sich berechtigt glauben konnte? Richard Clinton war, ohne von ihr beachtet zn werden, ,n''c herangetreten, und sie gab sich dem Vergnügen einer Un- �Haltung mit ihm gern hin. Es war für sie ein weit reicherer «nuß. als das Anstaunen der mit Asche und verkohlten Knochen- �«n gefüllte» Urnen. � �»ch langem Nachdenken gelangte Doktor Philipp zn der �«nutnis, daß der Vorgang eigentlich von keiner Bedeutung /nescn, da ihm alle Absichtlichkeit fehlte. Lncie hatte den lu/�" englischen Kavalier vorher nie gesehen, und diese gewisse icl q �ugung stimmte il>» zur mildesten Veurteiliing des Ge �jeiien, doch er sprach sich hieriiber nicht im*, weil er es für Ii"""tig hielt. Es entstand zwischen den beiden Gatten ein stilles Neben- cinandergehcn, welches nach außen täuschte, sie selbst aber in die Lage von Schiffern versezte, deren Fahrzeug unter dem Drucke einer Windstille fest gebannt ans den es nmflutenden Wellen liegt, die eine fröhliche Weitersart unmöglich macht. Und doch lebten sie im Frühling ihrer Ehe.... wo aber war der hingeschwunden? Es war herbstlich um sie geworden, ehe noch der Frühling und der Sommer ihnen nur einen die Herzen erquickenden Anhauch von Liebeslust gebracht hatten. Wie zuweilen im Beginne eines schönen Herbstes ein plözlich über Nacht niederfallender Rauhfrost alle Blnmenpracht Venvelken macht, so auch schien eine solche Wandlung über die beiden Gatten gekonime»,— es gab kein inniges Verständnis zwischen ihnen. Diese triste gegenseitige Stellung beider Eheleute schien durch ein in Aussicht stehendes Ereignis von größter Bedeutung seine Endschaft finden zn sollen... Lncie fülte sich Mutter werden. Dies heilige Mysterium, das der Frauenwelt so viele Segnungen bringt, brachte ihr keine, im Gegenteil Beängstigung vor der Zukunft an ihres Gatten Seite. Er blieb kühl, als er an der Bestätigung dieser Hoffnung nicht mehr zweifeln durfte. „Halte dich nur gut," sagte er ruhig. Weiteres äußerte er nicht, in den wenigen Worten hatte er alles eingeschlossen, was in einem solchen Falle von einem seine Gattin liebenden Manne ausgesprochen werden kann, und diese scheinbare-Gleichgiltigkeit erschreckte Lncie dermaßen, daß es ihr war, als gefröre das ihr Herz durchströmende Blut zu Eis. Bisher hatte sie das Unglück ihrer Ehe noch nicht in solchem Grade empfunden als jezt, sie fand nicht einmal Tränen dafür, sie wünschte sich den Tod. um von der Gemeinschaft mit einem so herzlosen Manne sich erlöst zu wissen. Endlich kam ihre schwere Stunde... sie genas eines Töch- terchcns. Doktor Philipp zeigte sich in den ersten Tagen nach des Kindes Geburt sehr heiter, doch bald verfiel er wieder in sein schweigsames, nachdenkliches Wesen, und zwischen ihnen waltete ganz wie früher derselbe kalte Unigangston. Tie junge Mutter konnte den Gram nicht überwinden, sie erkrankte, und die nötige Folge dieses Zustandes bestand in der Annahme einer Amme 354 fiiv das Slinö. l'ucic wurde aufs sorgsamste verpflegt, sie genas allmählich. Als das somieureichc Friihliugswetter gestattete, das unter der Aufincrksamkeit der Amurc gedeihende llind ins Freie zu tragen, war auch Frau Lucieus Gesundheitszustand so weit vor- geschritten, das; sie edeusalls im Freien sich erholen sollte. Tazu >var der sehr umfaugreichc Garten Doktor Philipps am Ende der Vorstadt ganz geeignet. Der größte Teil desselben diente zur Erzeugung medizinischer Pflanzen, weswegen die in der Philipp'schen Offizin bereiteten Mcdicincn auS Vegetabilieu schon deshalb in den Augen vieler Krauken den Vorzug sicherer Wirk- samkeit hatten, weil sie unter Obhut und Pflege des Doktor ApotekerS gewachsen waren. Ein kleines Ztikk, als Ziergarten verwendet, zeigte einen in den lebhaftesten Farben prangenden Blumenflor. Ein einfaches Sandsteinbecken fing den ihm mittels einer eisernen Röhre zu- geleiteten schwachen Wasserstrahl auf und trug dadurch zur Kuh- lung der von der Sonne durchwärmten Luft bei. Eine Partie edler Obstbäume, deren reichtragende Aestc kühlenden Schatten boten und ein Rondel»m das leise plätschernde Bassin bildeten, machten das Angenehme dieses mit zwei bequemen Lehnbänkcn ausgestatteten Plazes ans. In Mitte des Gartens stand ein kleiner Pavillon, in seinem Aenßern und Innern ein Muster möglichster Einfachheit. In seinem Aenßeren grau, im Innern ebenso, nur in jüngster Zeit von einem Manrerpinsel durch Beihilfe einer beivunderungs- iviirdig geschmacklosen Schablone angestrichen, und ein bunt farbiger Stern an der Decke, geivärtc diese niedrige Ränin- I ichfeit das Aussehen des Innern einer Jahrmarktsbude, in der ein Taschenspieler sein ländliches Publikum versammelt. Wer feineren Kunstsinn mitbrachte, dein kam wohl die Ahnung, daß diese malerische Schönheit nicht zu dem genannten profanen Zwecke geschaffen worden; aber zu welchem, wäre schwer zu erklügeln gewesen. Ein par an der Wand befestigte Bretter mit Büchern in verschiedener Größe, zwei Polsterlehnstiihle mit Arinftnzen, ein brannangestrichener Tisch, und eine altertümliche bei den Büchern stehende Lampe machte die Einrichtung dieses Raumes ans, und sie trug das Kennzeichen größter Bescheidenheit. Es war das von allen Berührungen mit der Außenwelt gesicherte Sanctnarium der beiden Apoteker Philipp Vater und Sohn. Hier saß der erstere an manchem langen Abend vor übergegangener Jahre dem Studium der Pflanzenknndc sich hin gebend, das diesen stillen Mann für die Freuden und Genüsse des Lebens entschädigte. Daß er ein Sonderling sei, wußte die ganze Stadtbevölkerung; aber man schäzte ihn wegen seiner Freundlichkeit und milden Gesinnungen für Arme und Rotlei dende. Tie PhilipPsche Apoteke gewährte kranken Familien des Arbeiterstandes»»entgeltlich Medikamente. Und als der Sohn des alten Herrn nach seines Vaters Willen es in Göttingen zum ausübenden Arzt gebracht hatte, ward auch er den Armen und Bedürftigen ein Helfer in bittrer Lebensnot. Man nannte ihn den Toktor-Apotrkrr, als sein Vater gestorben und er der Erbe der viel in Anspruch genommenen Apoteke getvorden war. Alle Gebildeten waren der übereinstiinnienden Ueberzengnng, ! daß er die vielen Kenntnisse, welche er als Apoteker, Arzt und Ehcniiker sich erworben, mit seinen Jngendsrenden bezahlt habe. Und dies war auch die volle Wahrheit. Sein Leben>var ein meist auf sich selbst und auf seinen großen Wirkungskreis be- schränktes, man sah ihn selten in Gesellschaften, er hatte das stille, wortkarge, nachdenkliche Wesen seines Vaters, doch auch dessen milde Gcsinnnngsweisc geerbt. Für seine junge Frau war ersteres ein Hindernis, ihn zu liebe», sie verstand ihn nicht, und hielt seine Weise, sich zu geben, für Verdrossenheit, zuweilen tvohl auch für eine sich hinter Schweigen verbergende Reue, ihr seine Hand geboten zu haben. Von seines Vaters Gewohnheit, die Abende in Einsamkeit über dem Studium der Pflanzenkunde in dem Gartenpavillon zuzubringen, mar er bald abgekommen. Er sah sich dazu ge- zwangen, weil er eines Abends spät ans dem Nachhausewege in die Stadt von einigen Strolchen überfallen, seiner Uhr, seines Geldbeutels, seines Mantels und Rockes beraubt worden war, und er sich einem solchen Attentate, das im Wiederholungsfälle noch viel übler ablaufen konnte, nicht anssrzen wollte. Während der Tagszeit konnte dergleichen natürlich nicht vor kommen, die am Garten vorllberfiihrende Landstraße war immer belebt und Doktor Philipp wählte, wenn seine Zeit es gestattete, die Nachmittagsstunden zu seinen Besuche», und schaffte zun, Schnze des Gartens und des alten mit seiner Familie ein kleines Hans an der hintern Gartenmauer bewohnenden Gärtners zwei gewaltige Bullenbeißer an, welche vom Abenddunkel bis zum Morgen von ihren Ketten ledig, jeden etwaigen Eindring ling durch ihr Gebell zurückschreckten, denn von diesen Mark und Bein erschütternden Lauten lies sich leicht aus das ans gezeichnete Gebiß dieser nächtlichen Gartenrevisoren schließen. Auch ein Paradies verliert seine Reize für seinen Bewohner, wenn die Last der Langeweile ihn zu Boden drückt. Lucic empfand diese im hohen Grade. Wenn das Kind im Schatten deS Rondels auf dem Schöße der Amme eingeschlummert war, begab sie sich gewöhnlich in den Pavillon. Hier fand sie allerdings eine Unterhaltung, welche ihrer Natur nach zwar nicht mit der gewöhnlichen Heiterkeit weiblicher Gemüter übereinstimmte und nur für ernste Denker taugte, aber doch die Zeit ihr kürzte. Sie las in den alten botanischen Werken, von denen, sie beliebig einen oder den andern Band von den Brettern hernnternahm; aber diese Durchschau ließ sie gleichgiltig. Eines Tages jedoch fand sie beim Umblättern in einem der lezten Bände einen Abschnitt, welcher die Ueberschrist:„Bon den Giftpflanzen" trug. Gift! In dieser Bezeichnung liegt für manche» Menschen eine geheimnisvoller Reiz. Gift ist Herr über Leben und Tod. Kein König, und zitterte die größte Ration der Erde vor seiner Tyrann, vor seinen Todesurteilen, hat mehr Macht als ein Giftpulver oder ei» Gisttrnnk. Lude fand sich unwiderstehlich von dieser Lektüre angezogen, um so mehr als nicht nur die Bereitnngsweise, sondern auch die verschiedenartigen Wirkungen des ans den Pflanzen gezogenen Giftes sehr ausführlich geschildert waren. Das Studium des lczteren schien aus den ehemaligen Besizer dieses umfangreichen Werkes große Anziehungskraft gehabt zu haben, am Rande der Blätter fanden sich jeweilig Notizen. Die steile Handschrift, in der sie niedergeschrieben, zeigte die vollkommenste Uebereinstinininng mit der jedem Bande vorstehenden Bemerkung: Eigentümer dieses Werkes ist Erasmus Philipp, Apoteker. Lneie nahm den lezten Band herunter. Sie fand ein auf beiden Seiten beschriebenes Blatt darin. Tie Handschrift war die nämliche, die Unterschrist lautete: Anctor: Erasmus Philipp. Es war nun wirklich Neugierde, als sie den Anfang des Geschriebenen gelesen, der sie antrieb, sich mit dem Inhalt des selben bekannt zu machen. Sie las: „Durch Nachfolgendes notire ich dir, mein Sohn Christian, eine von mir gemachte Entdeckung, welche das lange Register der Giftpflanzen um eine bereichert, welche ich, wäre ich Dichter, mit einer verlockenden schöne» Sünderin vergleichen würde, die jedoch durch und durch verpestet ist, und jeden, der sie berührt, mit schiverein Unheil schlägt, ja selbst dessen Untergang herbei führt. Da ich nicht zweifle, daß du nach meinem Tode meine dir verbleibenden schriftlichen Aufsäze über die Pharinakochemie (arzneilicht Scheideknnft) veröffentlichen wirst, so schalte diesen Anleitungen auch, so weit es dir»üzlich erscheint, die Resultate meines Studiums der Giftpflanzen ein, weil die Kenntnis der selben zum allgemeinen Besten der Menschheit dient. Vor allein nimm folgendes auf: „In Ziergärten und auf Kirchhöfen leuchtet ein meist hoch aufgeschossener baumartiger Strauch, über und über mit gelben Blüten prangend, so daß es bei einigermaßen stark bewegter Luft, wenn sich seine schwanken Ruten hin und her neige», das Aussehen hat, als stiebe Gold umher, weshalb Gärtner und Landleute ihn Goldregen nennen, ein schöner aber nicht zutreffen der Name, der nichts als eine Tänschnng ist. In allen seinen 355 Teile», Blüten, BliUteni, Schvteii, Rinde und Wurzel», ist er sehr giftig. „Ein Ttiick Rinde in eine Suppe getvorscn, vergiftet diese, und schtviichliche Leute, welche davvn genvsscn haben, können Vvn Elück sagen, wenn sie überhaupt mit dem Leben davvn kommen. Tsch sah ein jgind nach dein Genüsse von zehn kleinen Bohnchen des Goldregens, die es spielend verschluckt hatte, hilflos sterben, ohne ein Mittel zu seiner Rettung auffinden zu können*). Und doch muß es eine Hilfe gegen dies Gift geben. Spare keine Mühe, Christian, sie auszufinden, es ist ein scgcnvolles Bestreben. Ein Gift wie dies, das keine Spur im entseelten U in per hinterläßt, ist furchtbar." Im Geiste der jungen Frau überstürzten sich die seltsamsten Gedanken. Fi» Bcfize dieses Giftes war der Mensch Herr über Leben und Tod seines Feindes... die Rache liegt in seiner Hand. Wer kann ihn eines Mordes zeihen, wenn sich kein Verrat desselben entdecken läßt? Lucic sann vor sich hin, dieser Gegen stand ließ sie alles andere vergessen. Nichts übte einen so großen Reiz auf ihr Denken als dieses Geheimnis, welches auf so seltsame Weise in ihre Hand gekominen war. Sic vcr- gaß, daß sie überrascht werden konnte, fühlte sich tvirr in ihren Sinnen. Wie konnte ihr der Fund überhaupt Niizen? Nur zu einem Verbrechen. Bei diesem Gedanken ging ein Schauer durch ihre Seele, sie zitterte im Schreck, daß ein solches Tente» in ihr hatte wach werden können. Und es hatte doch so viel Nnzichnngs- kraft für sie, daß sie es nicht von sich abzuwehren lvußtc... es beherrschte sie übermächtig. „Tas Slind muß krank sein, Frau Doktor...'s ist sehr »»ruhig...'s schwizt," ließ sich die rauhe Stimme der Rininc an der offnen Pavillontür vernehmen. *j F in Jahre IS4% wurde man auf die giftigen Wirkungen des Goldregens aufmertsain, als jemand ein Stück Rinde desselben zum Scherz in eine Schüssel Suppe geworfen. Christison wies nach, dich die mcdicinische Literatur mehr als 10U derartige Bergiflungen seitdem vi verzeichnen habe. Husemann und Maronic entdeckten 1864 im Goldregen das Cytisin. Eine Dosis von 0,03 Gran davon unter die Haut Aesprizt, tötete sofort Hunde und Kazcn. Die Folgen der Verwechslung der zum Tee gesammelten Akazienblüten mit Goldrege» waren stets 'ehr schlimme und endeten mit baldigem Verfall der Kräfte. In den Körpern daran Gestorbener fanden sich keine Spuren dieses Giftes. Lncie fuhr auf, sie starrte die junge bäuerisch gekleidete Frau, welche in ihrem Aenßcren den calenbergischen Menschenschlag auf's vollständigste repräsentirte und ohne erst eine Aeußcrung ihrer Herrin abzuwarten, entschieden sagte:„Ich bring's Kind nach Hause zum Herrn, der wird wissen, was zu tun ist." „Ja," stimmte Frau Lucic bei. Sie wußte im Augenblick nichts Besseres zu sagen. Tic Amme ging den Weg nach dem Gartentor zu. Wie betäubt sah ihr die Frau nach, während sie unbewußt dessen, was sie tat, das eilig zusammengebrochene Blatt, das sie vor kurzem erst gelesen hatte, unter ihr Busen- tnch schob. Das Buch, dem sie die Schrift entnommen, ließ sie auf dem Tisch liegen»nd eilte, so schnell sie konnte, der Amme nach. Hielt auch das Zuschließen des Gartentorcs sie ein wenig aus, so erreichte sie doch bald die Vorangegangene, welche etwas schwerfällig ausschritt.„Ans mein Zimmer, Eve____ ich werde ineincu Mann rufen!" Mit dieser Weisung verschwand Frau Lucic in's Rezeptur- zimincr der Apoteke: die Amine trug das Kind in die Wohnung hinauf. Zum Glücke stellte es sich schon am nächsten Tage heraus, daß es nur ein vorübergehendes Frieselfieber war, und die lieber- zengnng, daß Gretchen sich bald davvn erholen würde, stimmte Toktor Philipp sehr heiter. Tie Wahrnehmung, wie sehr er das Kind liebte, wie sehr der ernste, nachdenkliche Mann sich glücklich zeigte, da er sah, daß die Besserung bei demselben mit jedem Tage mehr hervortrat, konnte Lucie nicht entgehen und doch fühlte sie sich empfindlich in ihrem mütterlichrn Gefühle ver lczt, da sie zu der Bemerkung sich gedrängt sah, daß er hin- sichtlich der nötigen Pflege der Kleinen fast immer nur au die Amme sich wendete, als traue er derselben mehr Sorgfalt und Pünktlichkeit zu, als ihr, der eigenen Mutter. Tie schnelle Genesung Grctchcns schloß förmlich das Herz des in der Regel so schweigsamen Maiines auf. An der kleinen Patientin Bettchen kniecnd, spielte er mit ihr und war überaus glücklich, wenn ihre Fingerchen ihn am Backenbarte zupften. Er konnte darüber lachen... wer hätte ihm das zugetraut! Er war wie verwandelt, aber es war eine Verwandlung, die Aehnlichkeit mit dem Sonnenlicht hat, das aus dem Grau einer Wetterwolke bricht»nd das Düstre verscheucht. tSorlsejUNg solgl.) Zur Entdcckungggeschichte kirs Galvanismu! Von Z>. Kronen. Schluß.) Tie Körper dreier Menschen, die man zu Turin hingerichtet hatte, dienten dem ersten dieser Versuche, mit Hilfe der Volta- sche» Teorie so eine Art des Steines der Weisen zu entdecken. %» begann damit, daß man in den geöffneten Kanal der Wirbel- >ä»le eine Platte vvn Blei einsenkte, um das Rückenmark in keiner ursprünglichen Lage festzuhalten. Hierauf seztc man die Pole der Volta'schen Säule am Rückenmark und am Herzen M und ließ den Strom in Wirksamkeit treten. Mau beob- achtete ganz deutlich, daß das Herz durch die Einwirkung des �ektrischcn Stromes sich zusammenzog und ausdehnte, daß aber 'esc Bewegungen etwa vier Minuten nach dem Tode aufhörten. Ter Erfolg dieses Versuches stellte eine so bedeutende Er- Weiterung der bisherigen Ansichten über die Dauer der Lebens- '"st in Aussicht, daß begeisterte Wissenschafter jezt das Jölut- mt als den Ort ansahen, wo eine der interessantesten Fragen sZ Wissenschast ihre endliche Erledigung finden würde. Jede "segeiiheit, die angestellten Versuche zu wiederholen und zu '""eitern, wurde begierig ergriffen. Im Jare 1803 bot sich Mainzer Acrzten diese Gelegenheit in einem Umfange, der 'kbst de» regsten wissenschaftlichen Eifer befriedigen mußte. Am November dieses Jares erfolgte die Hinrichtung des de rüchtigten Räuberhauptmanns Schinderhannes nebst 19 seiner Gesellen. Man wußte die Behörden für die wissenschaftlichen Zwecke der an den Körpern der Hinzurichtenden anzustellenden Versuche zu intcressircn, und so wurden dieselben denn auch bereitwilligst gestattet. Außer der Wiederholung der bereits in Italien angestellten Versuche hoffte man zugleich noch die Frage zur Entscheidung zu bringen: iinvicfern die Wirkung der Vvl ta'schen Säule von der durch Reibungselektrizität hervorgebrachten verschieden sei. Am Mvrgen der Hinrichtung erblickte man denn in einer Entfernung von 15 Schritten vom Schaffen eine Hütte, in welcher die versuchenden Aerzte die Körper der Hingerich- tcten erwarteten, um sie der Einwirkung beider Elektrizitäten zu unterwerfen, zu welchem Zwecke iu der Hütte eine Anzahl der vorzüglichsten Apparate aufgestellt waren. Jezt trug man die erste Leiche herein, die etwa vor'vier Minuten enthauptet war. Der graucnhaste Anblick konnte die Männer der Wissenschaft nicht abhalten, sofort die Operationen zu beginnen. Der Hingerichtete>var ein noch junger, kräftiger Mann gewesen, und seine Leiche hatte noch ihre volle Lebens- wärme. Die Muskeln zogen sich unaufhörlich zusammen, die Bewegung der Schlagadern am Halse war ganz deutlich ficht 356 Dar, und das Blut sprang nach mit jedem Pulsschlage aus den durchschnittenen Gefäßen. Tie zweite Leiche, welche man 22 Minuten nach der Exekutum hereintrug, zeigte noch einen deutlich wahrnehmbaren Rest von Lebenswärme. Bei Wiederholung der bereits in Turin angestellten Versuche ergab sich fast das- selbe Resultat. Tie Znsammenziehnng der Muskeln, welche man vermittelst der Volta'schen Säule an den Körpern der enthaupteten Verbrecher hervorrief, waren denjenigen ähnlich, die sich während des Lebens zeigen. Tie stärksten Znsammenziehnngen wurden bei den Muskeln des Gesichts, der Brust, der Glieder und des Zwerchfelles beobachtet; überhaupt zeigten sich alle die Muskeln leichter erregbar, welche im Dienste des Willens stehen, als diejenigen, welche diesem Einflüsse entzogen sind. Tie an gewandten Apparate wirkten übrigens auf ei» und dieselbe Weise, gleichgiltig, ob man die Beriihrungs- oder Reibungs- Elektrizität in Ainvendung brachte, nur wirkte die leztere im allgemeinen ans weniger energische Weise als die Beriihrungs- Elektrizität. In Frankreich schienen die Behörden eine Art von Ab neignng gegen derartige Versuche zu hegen, die allerdings durch die grauenerregende Weise, ans die sie angestellt, diese Abneigung einigermaßen rechtfertigen. Indes; siegte auch hier die Beharrlichkeit und der Eifer der für das große Problem der Lebenskraft begeisterten Naturforscher. Ten angestellten Versuchen gegenüber lag ja der Gedanke nicht fern, daß in dem getöteten Körper ein Teil der Lebenskraft noch so lange zu- rückbleibe, als die Lebenswärme denselben noch nicht verlassen habe. Und was von dem Körper im allgemeinen galt, übertrug man bald auf den Kopf, bei dem man, als Siz der gei- stigen Kräfte, ein durch den Tod nicht sofort unterbrochenes Fortbestehen des Bewußtseins und verschiedener Sinnestätig- leiten, z. B. des Hörens und Sehens, vermutete. Zwei junge Mediziner nnternamen es, über dieses Geheimnis des Menschen- körpers ins Klare zu kommen. Ihren dringenden Vorstellungen. verschlossen sich die Behörden nicht, und so postirten sich denn die beiden Jünger der Wissenschaft unter dem Schafsot, auf dem— damals nichts seltenes— eine Massenhinrichtung statt fand. Sobald der erste Kopf unter dem Messer der Guillotine gefallen war, ergriff ihn der eine, und der andere betrachtete ilm einige Augenblicke mit größter Aufmerksamkeit, ob er nicht eine ungewöhnliche Bewegung auf dem Gesicht, ein durch Schmerz hervorgerufenes Zusammenziehen der Muskeln wahrnehmen könne. Indes war das Gesicht starr und unbeweglich, und die halb geschlossenen Augen zeigten sich vollkommen unbeseelt. Der Beobachter schrie hierauf bald in das eine, bald in das andere Ohr:„Hörst Tn mich?" wärend sein Gefärte, welcher das Haupt hielt, aufmerksam den Eindruck beobachtete, welchen der wiederholte Schrei hervorbringen würde. Aber das Gesicht zeigte nicht die mindeste Bewegung. Fünf Köpfe wurden dein grauenhaften Versuche untertvorfen und beständig blieben die Resultate dieselben; weder die Gesichtszüge noch die Augen der abgeschlagenen Kopfe zeigten die mindeste Bewegung, sondern blieben starr und unbeweglich. Vielleicht wendet manch eine unserer zartfühlenden Leserinnen sich mit Schauder ab von den Versuchen, bei denen die Wissen schaff mit scheinbar grenzenloser Frivolität den menschlichen Körper zum Gegenstand ihrer Forschungen macht, dieser For schnngen, in deren Interesse sie sich nicht scheut, den Körper eines Verbrechers zwar— aber doch immerhin eines Menschen— zu benuzen um, wenn man will, zu entweihen in grausen- erregender Art. Wir ehren dieses Gefühl, das den edelsten Gefühlen des Menschenherzens entstammt, aber wir können es nicht teilen. Uns jammern selbst die nnzäligen Frösche. Kaninchen, Hunde u. s. w., die lediglich zu wiffenschaftlichen Zwecken unter den größten Schmerzen hingeopfert wurden und noch werden, aber wir vermögen nicht jene Männer zu verdammen, welche mit dem zündenden Geistesfunken, dem Triebe nach wissen' schaftlicher Erkentnis in der Brust, der Stimme des Mitleides in ihrem Busen für kurze Zeit Schweigen auferlegen, wo eS sich um Entscheidung der höchsten und folgenschwersten Fragen der Wissenschast handelt. Wir wissen von dem edel» Alexander von Humboldt, daß er die Tier- und Pflanzenwelt in gleicher Weise mit einer Liebe und sinnigen Hingebung umfaßte, die fast etwas Rührendes an sich hat, und trozdem fand er sich in seinem Gewissen nicht darüber beschwert, daß auch er einst das Leben von Fröschen und Kaninchen der Eriveiterung der Wissen schaff zum Opfer gebracht hatte. Indes ist man in neuerer Zeit bestrebt gewesen, jenen Ver suchen ihren gräßlichen Charakter zu nehme». Mit recht; denn die Lebenskraft, von deren Vorhandensein man früher alle Vor gänge im menschlichen Körper abhängig machte, ist von den Raturforschern längst in das Gebiet der Fabel verwiesen, und damit fällt die Frage von selbst: wie lange Zeit nach dein ge- waltsam herbeigeführten Tode sie in dem Körper des Menschen noch ihr Wesen treibt. Man ist längst klar darüber, daß eS für die Wissenschast denselben Wert hat, wen» man die Ver- suche, die man früher an eben getöteten Körpern anstellte, au lebenden zur Ausführung bringt, da auch in diesem Falle die Volta'sche Säule selbst gegen den Willen des Menschen die Zusamnieuziehnngen und Ausdehnungen der Muskeln bewirkt, über die man früher so erstaunte. Schon oben Wüteten wir an, daß der wissenschastliche Ruhm Galvani's durch Volta S Forschungen in Zweifel gestellt sei,— allerdings nur für jene Zeit, in der die glänzenden Resultate der Volta'schen Säule die wissenschastliche Welt eine Zeit laug vollständig blendeten und die Augen von dem verkannten, kummcrbeladenen Greise abzogen. Erst unserer Zeit blieb es vorbehalten, das wissenschaff- liche Gedächtnis des verdienten bologneser Arztes wieder zu Ehren zu bringen. In seinen ersten Versuchen hatte allerdings Galvani nichts Neues entdeckt, wie er glaubte; er hielt irrtümlich die durch Berührung entstandene Elektrizität, die in den als Leiter dienenden Reimen der Froschschenkel zur Wirksamkeit gelangte, für eine ganz neu entdeckte tierische Elektrizität, ja, wie wir gesehen haben, für eine Aeußernng der geheimnisvollen Lebenskraft selbst. Was er aber hier irrtümlich entdeckt zu haben glaubte, entdeckte er später in Wirklichkeit. Er wies nach, daß, wenn man die Muskeln eines Froschschenkels mit den Nerven desselben in Berürnng bringe, dieser Muskel in Zuckungen gerate, auch ohne die Einwirkung der in Metallen erzeugten Beriihrungs- elektrizität. lind diese eigentümlichen Zuckungen erklärte er durch die Annahme, daß wirklich ein elektrischer Strom zwischen Muskel und Nerven hervorgerufen sei. Diesen äußerst wichtigen Ver such Galvani's übersah man jedoch in jener Zeit der Aufregung ganz und gar, und wenn auch kurze Zeit darauf die Versuche durch A. v. Humboldt wiederholt und ihre Resultate bestätigt wurden, so ruhte doch die Sache bis in die neueste Zeit hinein. Da war es der in Berlin lebende Naturforscher Du Bois Repmond, der die Versuche wieder aufnahm und diesem Zweige der Wissenschast eine Ausdehnung und sichere Begründung verlieh- die das Staunen der Sachverständigen erregte. Wir niüiK» es uns leider versagen, den Versuchen, die Tu Bois-Reymo»� anstellte, im einzelnen zu folgen, und wollen daher hier»>>r einige der allgemeinen Resultate mitteilen, die er daraus zW Tarnach ist unbestreitbar nachgewiesen, daß durch das Nerven gcwebe der Tiere sowol als der Menschen fortwährend elektrische Ströme kreisen, die nicht erst durch die Volta'sche Säule bei vorgerufen werden müssen; ebenso ist festgestellt, daß jcd� Muskel eines lebenden Wesens während des Lebens und auch kurze Zeit nach dem Tode der Siz einer elektrischen Strömung"t'| Hierdurch ist uns ein tiefer Einblick eröffnet in das Weß* der Muskeltätigkeit und in ihr Verhältnis zum menschlich� Willen. Dieses Verhältnis gewinnt hiernach ganz und gar de Wesen eines physikalischen Prozesses. Bekanntlich laufen d>! zarten Nervenfäden, welche unsere Muskeln durchziehen, Z i stärkeren Nervensträngen zusammen, und finden ihren Bereif j gungspunkt im Rückenmark, durch das sie dem Gehirn, df| Siz aller geistigen Kräfte, zugeführt werden. Tas Gehirn ad l besteht aus zwei verschiedenen Massen, deren Ungleichartig�! 1 sich schon durch die weiße Farbe der einen, sowie durckl 357 rotgrciue Färbung bcv niibcru kunbgibt. Sollten nicht, so vermutet man, in biesen verschiebenen Hirnmafsen, bie sich innig berüren, bie Elemente zur Erregung eines elektrischen Stromes gegeben sein, ber bnrch bcit Körper kreist? Sollten wir hier nicht ben getvaltigen Apparat vor uns haben, ber, vom Willen in Bewegung gesezt, bie Befehle besselben ben Muskeln übermittelt, etwa in berselben Weise, wie ein Telegraph bas ihm anvertraute Wort? Ter Vergleich liegt nahe genug unb finbet noch barin eine Unterstiiznng, baß bie Nerven auch sonst noch in manchen Bezieh- ungen ben Telegra- phenbräten gleichen. Wie biese fest unb un- beweglich ans ihrem hohen Gestelle ruhen nnb man ihnen nichts ansieht von ber Botschaft, bie sie eben nntBlizesschnellc ba- hintragen, so liegen auch bie Nerven fest >n ihrer Einbettung. Kein Nucken ober Zucken berselben ist es, bas ben trägen Muskel plözlich inBe- wcgung vcrsczt, son- dem berselbe verrich- let seine Arbeit wie auf einen unmittelbar vom Gehirn cmpfan- flciicn Befehl. Auf dieselbe ruhige, be- wcgungslose Art lei- ten bie Nerven bie Einbrücke, bie sie von außen empfangen, bem Gehirn zu, bas sie dann in einer un- skrcr Kenntnis cnt- zvgenen Weise zu An- ichauungen unb Bor- stellungen, zu Ur- keilen unb Schlüssen verarbeitet. Tas große Geheimnis ber Gei- llcstätigkcit ist also »och keineswegs ge- käst; aber es beginnt vvch wenigstens an dieser unb jener Stelle des bunkeln Gebietes su tagen, unb biese* JU immerhin schon ein "'civinn! Apollofalter unb schwarzer Ter burch Tu vis-Reymonb nach- gewiesene Umstanb, �aß burch bie Muskeln unb Nerven bes menschlichen Körpers elek- irische Ströme kreisen, hat bie Grunblage für ein Heilverfahren gcbilbet, bas bei ber teilweise noch so uusichcrcn Begrünbung er Lehre von ber tierischen Elektrizität selbstverstänblich noch 'ehr in den Winbeln liegt unb unsicheres Tasten unb Tappen die Stelle klarbewußter Erkentnis gesezt hat. Tas hat s'e"" auch zur Folge gehabt, baß ber schnell ausgcblühtc Rnhm vesselbrn i» neuester Zeit ziemlich wicbcr erbleicht ist, und "ektro. magnetische RhcuinatiSmuskctten bilbcn heutzutage kernen Artikel mehr, burch ben ein gewissenloser Spekulant zum reichen Mann werben kann. Hat man bei ber fast burchgängigen Ab- neigung gegen elektrische Kuren vielleicht auch bas Kinb mit bem Babe ausgeschüttet, unb ist man veranlaßt, burch eine Anzahl Unternehmungen, bie zum mcbizinischcn Schwinbel im weitesten Sinne zälen, dahin gekommen, auch bie Richtigkeit bes Gebankens anzuzweifeln, ber biesem Heilverfahren zu Grunbc liegt, so ist bies lebiglich beni enipfinblichen Rückschläge beizumessen, ben übcrspanntc�Hoffnungen burch plumpe Täuschungen erlitten haben. Den- noch sei hier ausge- sproche», baß bie An- nähme nichts Wiber- sinniges in sich trägt: bie gesunkene elektri- sche Reizbarkeit ber Nerven unb Muskeln könne burch zweckmä- ßig geleitete Opera- tionen von außen her wieber gehoben, unb baburch gewisse Krank- heitserscheinungen, welche in bieser ge- störten Reizbarkeit ber Nerven ihren Gninb haben, beseitigt wer- ben. Doch verspricht, wir wjeberholen es, ber jezige Stanb dieses Heilverfahrens noch kein irgendwie neu- nenswertes Resultat. Dagegen hat mau bie galvanische Hize, bie sich, wie schon er- wähnt, bann cnt- wickelt, wenn man bie Enden der Leitungs brüte einer Volta'- scheu Säule einan- ber sehr nähert, in mannigfacher Weise sich dienstbar gemacht. Umfangreiche Sprengungen von Fclsmassen sind, wenn man sich dabei des ge- ivöhnlichen Versah- rens mit Zündfäden bedient, nicht selten gefährlich, häufig aber, besonders wenn die zu sprengenden Mas- Salamander.(Seite svy.) iCU miter Wasser lie- gen, fast ganz unmöglich. Diesem Uebel- stände hilft man durch Anwendung der galvanischen Hize auf die erfolgreichste Weise ab. Die in Bohrlöcher gebrachten Pulverpatronen werden mit Lei tungsdräten einer Volta'schcu Säule in Verbindung und da durch in ein und demselben Augenblicke zum Glühen gebracht, wodurch der Effekt der Sprengung selbstverständlich verstärkt wird. Selbst zu tief unter dem Wasser verborgenen Felsen leitet man den geheimnisvollen Funken durch Träte, welche man durch einen Guttaperchaübcrzug gegen das Wasser ge schüzt hat. 358 Gustav Graben- Hoffmaun. (Jiitc Kü nstlerbiographie von Lheodor Droöisch.(Schluß.) Als er die Türme der Residenz erblickte, da war ihm zu Mute, als läge» sie ihm alle der Reihe nach auf der Herz grübe. Er wallte sich, seines Rita* schau 28 Jahre, als Säuger für die iOper ausbilden und härte schon im Geiste seinen Namen neben Ziesche, Bader oder Mantius nennen. Ter Unter- rieht begann bei deut pcnsianirten und als Gesangslehrer rühm liehst bekannten Hafapernsäuger Heinrich St inner, der ein Schüler Righinis war. Bald aber gelangte er zu der Selbsterkenntnis, daß seine Stimme, welche im Salvn alle Herzen bewegte, dach nicht ganz ausgiebig für die Räume eines Teaters sei und ihm somit der vorzüglichste Teil der ausübenden Kunst ver- schlössen bleiben müsse. Außerdem hatte er sich bei seinem Gc- saugsstndinm in der Komposition versucht und war der Meinung, daß er in diesem Fach eine größere Selbstbefriedigung finden werde als in der Stellung eines Opernsängers. So ging denn sein ganzes Streben dahin, sich in Berlin eine Existenz als Konzertsäuger und Gesangslehrer zu gründen, was denn auch nach so manchen herben Erfahrungen geschah, denn nach kurzer Zeit zählte er zu den beliebtesten Konzert- sängcrn Berlins und hatte da* Glück, schon mit dem fünften Werke seiner Kompositivueu, mit dem Licde:„Fünfnialhundert- tausend Teufel" einen durchschlagenden Erfolg zu erringen. Jedenfalls dürfte es von Interesse sein, die näheren Um- stünde zu erfahren, wie das lr'ied entstand, wo es zuerst gesungen und mit so kolossalem Beifall ausgenommen wurde. Zu den vielfachen geselligen Vereinen Berlins in der Mitte der Vierziger Jahre zählte der sogenannte ,, Hutverein", zu dessen Mitgliedern auch Graben Hvssmanii gehörte. Ter Verein bestand ans intelligenten, lebenssrohen jungen Leuten, die bei ihren Versammlungen zu harmloser Unterhaltung sich das Recht vorbehalten, bedeckten Hauptes zu bleiben, wenn einem der Mitglieder diese Bequemlichkeit beliebte, was um so eher gebilligt wurde, als die Gesellschaft ans lauter Herren bestand. Deshalb der Raine„Hntverein". Tie Versammlungen geschahen wöchentlich Abends einmal im Saale des früheren Urania- Teaters, welcher im ehemaligen Sparwaldhof zwischen dem Spittelmarkt und der Kommandanten Straße lag. Tie hier dargebotenen musikalischen und detlama- tvrischen Unterhaltungen fanden mit der Zeit solche» Anklang, daß aus vielfachen Wunsch auch Tamen den geselligen Kreis durch ihre Gegenwart crtveitcrten und verschönte». So tvurde denn alle vier Wochen ein sogenannter„Tamenabend" arrangirt, an dem der Artikel von der Berechtigung des Hntausbehaltens allerdings in Wegfall kam, ja sogar der schwarze Frack Heimatsrechte empfing. Bei den Unterhaltungen wirkten jezt hervorragende Künstler und Künstlerinnen, oft selbst Mitglieder des königl. Hosteaters in ge- eigneten Vorträgen freiwillig mit. Graben-Hosfinann war nicht der lezte in dieser Reihe, nur selten fehlte sein Name aus dem Programm, und er hatte ini Vortrag von Liedern stets das ganze rührselige Publikum für sich. Ihm blieb nicht unbemerkt, daß bei dem Vortrag eines gemütvollen Liedes sich in so manches Frauenaugc eine Träne stahl und sichtbares Ergrisfensein eigentlich mehr Wert habe als rauschend ausbrechender Beifall, der nicht selten sehr wohlseil zu haben ist, namentlich bei Gesangslücken, die aus den Effekt berechnet sind. Dennoch waren Ovationen obiger Art dem jungen Sänger nicht so recht genügsam; er sehnte sich auch einmal nach rauschendem Beifall, wie ihn andere oft mit weit weniger künstlerischen Mitteln errangen, weil sie es verstanden, das Publikum zu erheitern. Da beschloß er, sich im heiteren Genre zu versuchen. Aber der Text! Hier war so zu sagen Holland in Röten, denn die wenigen guten Sachen im Bereich des Humors waren zu bekannt, NM sich davon Erfolg zu versprechen. So wußte er auch ans Erfahrung, daß der Reiz der Neuheit bei solchen Sachen immer großen Anteil am Erfolge hat. In dieser Sturm- und Drang- ""-''■" 1" 1■.-!""" Periode erinnerte er sich eines humoristischen Gedichtes von Settinger, das sich unter seinen Papieren befinden mußte und ihn schon vor einigen Jahren ganz besonders angesprochen hatte. Er sucht die komische Dichtung hervor und sie gefällt ihm noch besser als bei der ersten Bekanntschaft derselben, er findet sie für seinen Zweck wie geschaffen. In diesem seligen Moment aber fällt es ihm ein, daß dies Lied bereits schon zwei Komponisten gefunden, deren Tonlveise aber so gut nne gar nicht cxistircn uitd bei denen jedenfalls große Mängel in der Komposition Schuld an ihrer Verbreitung ge- tragen. Er tvurde unschlüssig, gedachte aber zu seiner Tröstung der goetheschen Worte:„Alles Gescheite ist schon gedacht war den, man muß nur versuchen, es noch einmal zu denken." Also noch einmal denken und zwar auf die Art und Weise, wie Carl Zöllner seinen bekannten„Speisezettel" oder die „deutschen Kleinstaaten" behandelt und so großes Aufsehen in den Qnartcttvereins Gesellschaften gemacht hatte. Der Er- folg dieser Bagatellen, wie sie von blasirtcn Kritikern genannt wurden, munterte ihn auf und ganz besonders stärkte ein Spruch von Grillparzer seine Konrage, worin es unter Anderem hieß: „Kraft und Mut ist Heldenbranch.— Was ein anderer i kann aus Erden,— ei, bei Gott! dies kann ich auch." Vorwärts! flüsterte er sich zu, laß die Kritiker, welche nur in Mendelssohn-Bartholdy oder Robert Schumann ihre Seligkeit finden; das Sinnlich-Schöne hat in der Kunst auch Berech- tiguug.— Nach mehreren Wochen des Sinnens und Dichtens war Graben-Hosfinann mit seinen 500 000 Teufeln zu Rande, sie konnten losgelassen werden und dazu war der nächstfolgende „Damenabend" im Hntverein bestimmt. „Mit Eleganz und Liebereiz überladen; die Waschfrau hat mich etwas Erkleckliches gekostet", wie Doktor Bartolo sagt, betrat der Komponist den Konzertsaal, welcher heute von Hörern wahrhaft überfüllt war. Das Programm versprach Hochgenüsse besonderer Art, denn da fanden sich Namen wie Rudolf Löwen- stein, der spätere„Gelehrte des Kladderadatsch", welcher nicht nur ein trefflicher Dichter, sondern auch ein vorzüglicher Tekla mator war. Es folgten Fräulein Paul ine Marx, die damalige Primadonna des königlichen Cpenthauses; der Hoffchanspicler Franz, der königl. Kammermusikus Tuzck u. s.>v. Ten Reigen beschloß Graben-Hossmann mit eigener Kam- Position—— neu, zum ersten Mal. Obgleich er den Saal mit einem Gefühl betreten, das an„Willkommen, o seliger 'Abend!" erinnerte, wurde ihm von einer Programm Nummer zur andern doch etwas bänglich zu Mute. Sein Vordermann war der Hvfschauspielcr Franz, der sich zur Teklainativn ein hochtragisches Gedicht gewählt hatte. Schon nach Verlauf der ersten Worte herrschte im Saale wahre Kirchenstille. Immer mehr ließ der Deklamator sein mächtiges Organ anschwellen, bald lispelnd, wie in Geistertönen, bald donnernd wie ein Bcrg- stront und sein Vortrag wirkte so erschütternd, daß keiner in der lauschenden Menge auszuatmen wagte, bis das Gedicht, dunipstöncnd wie eine Grabesglvckc, leise und immer leiser verhallte. Tie Genugtuung für den ergreifenden Vortrag konnte, nach- dem sich das Publikum einigermaßen gefaßt hatte, nicht aus- bleiben, und jezt, nach so ernsten Momenten sollte Graben-Hoff- mann austreten, der. wie er selbst erzählte, durch den Vortrag so bewegt und erschüttert war, daß er an allen Gliedern bebte. lind in dieser Verfassung sollte er jezt heiter und lustig sein. 'Ans dem schmalen Wege nach dem Podium mußte er dem Künstler begegnen und die eintretende Konzert pause benuzte er, um selbigem seine Bewunderung für die treffliche Leistung aus- zusprechen. Hierbei konnte er jedoch nicht die Meinung ver hehlen, daß Herr Franz ihm dadurch wohl keinen guten Dienst geleistet habe, er sei im Innern aufgeregt worden wie noch nie. ■■;■'..''■■■-........- 35« „Jimgkr Ma»»!" rntgkgnetc iliin Zranz,„es wird vielleicht Komposition hören mußte. To hieß eö denn oftmals:„Tie desto besser gehen. Ein wahrer Künstler»ins; sich beherrschen haben dem Anschein nach da» üied nur so aus dem Acrmel und nicht beherrschen lassen. Tie sind ein wahrer Künstcr, geschüttelt!" oder:„Sie müssen eine glückliche Stunde gehabt also— Mut!" haben, als Ihre Teufel cnt- Tic übliche Kon�crtpanse war vorüber; über dem Publikum lag hier und da noch der Tust der Weihe, während andere sichtbar einen Gcgcnsaz zu dem Ernste cnvartetcn, womöglich etwas Kerniges und Kräftiges, um das Gleichgewicht in Seele und Gemüt wieder herzustellen. Sic hatten sich in dieser Er Wartung nicht getäuscht. Ter Komponist hatte sich resignirt zum Vortrag seiner fünfmalhundert- tausend Teufel an das Piano- forte gcsczt. Im Vertrauen ans die Nachsicht des Publikums, das er ja so oft erfreut, eingedenk der väterlichen Worte:„Schmeiß nicht um!" begann er„loszu- legen", wie der Mnsikantcnaus- druck lautet. Tic Sache gelang wider alles Ertvarten, denn schon »ach den ersten Accorden hatte der Sängcrkvmponist sich und das Publikum so vergesse», daß er von dem Lärm, welcher nach den Worten ausbrach:„Alle, alle, olle, alle durch das Schlüssel loch" ganz betäubt ivar. Es bedurfte Augenblicke der Fassung, um zu erkennen, daß dieser Lärm lianz energischer Applaus war. Ha! pfeift der Wind aus dem Loch? flüsterte er sich zu, dann weiter. Jubelnd wurde da» bleich daraus folgende„Hurrah!" von ihm ausgerufen, und das �ied, das gerade von da ab sich wusikalisch steigert, glänzend zu Ende geführt. Wahre Aequinoctialftürme Applauses durchbrausten den -ol; das Tekapvrusen wollte l�in Ende nehmen, Hofsmann 'ah sich gezwungen, das ganze j-wb noch einmal zu geben, so °a»n noch einmal auf stürmisches Erlange» und zur Beschwich' l'gung eines wahre» Aufruhrs 'vlezt zum vicrtcumale noch die zweite Hälfte desselben. Von alle» Seiten wurde der Glückliche umringt, er hatte mit "» Vortrag seiner Komposition °u jenem Abend sozusagen den � /'gel abgeschossen. Von jezt an vs den ganzen Winter hindurch ""Vfing der Komponist Einla- °ungen zu Konzerten oder in �.ksangvercine, wo man sein �d zu,» Bortrag brachte oder .ach wo es von ihm selbst gc- ""gen wurde. .. Nach einigen Monaten zählte Graben Hopman» z» Bergfahrt im Rege».(Seite 364.) standen!" Welcher Irrtum, nicht nur von Dilettanten, sondern selbst von Künstler'».— Als ich den Komponisten über diesen Punkt befragte, entgegnete er mir weh- wütig lächelnd:„Nein, nicht Stunden, nicht Wochen, soviel ich mich erinnere, habe ich gc- braucht, che das Lied die Ge stall gewonnen hatte, in welcher es später zu Gehör kam. Beim ersten Anlauf hatte ich, ohne alle Fignrationcn. nichts als die Melodie zur ersten Strophe, ivelche mir allerdings in einigen Mi nuten gekommen war; doch dann wuchs es von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, wie Doktor Zaust's hinter dem Ose» gc banntcr Pudel." Nach den hier geschilderten Erfolgen konnte es nicht fehlen. daß die Musikalienhändler auf das Lied fahndeten, und solches zu Anfang des Jahres 1847 im Trurf erschien und mit Adler schwingen die Reise nm die Erde machte. Gleich nach dem Erscheinen schrieb der damals in Leipzig lebende Dichter des Liedes: E M. Octtinger in seinem „Charivari":„Tie Komposition, 11 Seiten stark, ist ein Spring giicll des umfassendsten Humors, ein Fenenverk der zündendsten Melodicen. Champagnerschanni in Musik gcsczt." Offen gestanden hatte der Komponist zur Zeit dieses Schaf fens durchaus keine Beranlassnug zur Ausgelassenheit. Er befand sich vielmehr in der drückendsten Lage seines Lebens. Täglich warm ,z» speisen oder sich an einem Seidel Bier zu laben, gehörte zu den frommen, unerfüllte» Wünschen.- Was war es also, das ihm einen so hohen Schwung verlieh, der seinen Tönen eine so hinreißende Kraft und Bcselignng verlieh, die in tausend und aber- tausend Herzen ein srcndetrun- kencs Echo fand?— Es' war der göttliche Funke, die Freudigkeit am Schaffen selbst, es war, wie Plato im„Phädrus" sagt. »jener unverwüstliche Trieb der Seele, zu dichten und zu gestalten, der selbst von dem Miß klang und Widerstreit des Welt lanfs nicht überwunden wird." Um seine mißliche pekuniäre Lage zu verbessern, faßte er den Entschluß, einen Eyclus von drei Konzerten ins Leben zu rufen und zwar für den Winter von 1847 auf 48. Das lln- 360 tcrnehmen versprach Gewinn, indem der König Friedrich Wil- Helm IV. zur Erreichung dieses Zweckes sämmtlichcn Mitgliedern der königl. Oper die Genehmigung zur Mitwirkung erteilt hatte. Durch widrige Umstände aller Art verzögerte sich das erste Konzert bis zum Monat Februar. Der ersehnte Dag erschien, doch mit ihm zugleich die ganz Berlin alarmirende Nachricht: daß zu Paris Revolution ausgebrochen sei. Bald darauf folgten in Berlin die bekannten Märztage— mit de» Konzerten war es vorüber. Zu diese» Widerwärtigkeiten gesellte sich eine schwere Krank hcit, welche den Schöpfer so heiterer Lieder im März des Jahres 1848 überfiel und ihn ein volles Jahr lang an das Bett fesselte. Das nächste Jahr verbrachte er zur Rekonvalcs- cenz bei seinem Jugendfreund Robert Baarth, der ein Ritter- gut im Posenscheu besaß.— So war sein Dasein troz aller Anerkennung dennoch ein recht getrübtes. Sein zündendes Lied, zur Polonaise arrangirt, erklang mit Trompeten und Pauken auf fast allen europäischen Hosbällen, erbrauste und cnthusias- mirte in hellerleuchtetcn Prunksäle» die freudig erregten Tänzer- parc, während Herz und Gemüt des Tondichters sich immer mehr verdunkelten. Erst im Jahr 1830, als er sich in Potsdam als Gesang lehrer niederließ und seine Lieder immer mehr Anerkennung sowie Verbreitung fanden, änderte sich seine künimerlichc Lage. Man zog ihn in die höchsten Familien und namentlich in die Familie der Grafen und Fürsten von Schönburg, ein Umstand, der seinem bisher vielfach verkümmerten Leben eine glückliche Wendung gab. Veranlassung hierzu war sein Schüler, Graf Clemens, der jezt rcgircndc Gras von Schönburg- Glauchau. Ter Großmut dieses Kunstmäcens verdankte er im Jahr 1837 die Mittel, welche ihn in den Stand sezte», sich unabhängig von jeder Beschäftigung den Studien unter der Leitung von Moritz Hauptmann in Leipzig zu ergeben. Ihm, dem trefflichen Manne verdankte er später die Mittel zum Reisen und längerem Aufenthalt in Steycrmark, in der Schweiz und am Rhein, zu denen sich noch ein zeitweilig glänzender Aufenthalt in den verschiedenen Burgen und Schlosser» dieses seines Gönners und dessen Verwandten gesellte. Im Jahr 18G8 wurde er als Gesanglehrcr für die Groß- Herzogin Marie von Mecklenburg an den Schweriner Hof be- rufen und vom Großherzog Friedrich Franz zum Professor ernannt. Nach Beendigung seiner Funktion privatisirtc er in den Jahren 1870 bis 1873 in Berlin, wo er sich ganz der Muse und den musikalischen Kimstgenüssen ergab, bis er dann wieder in das ihm liebgcwordenc Dresden zurückkehrte. Hier genießt er in dem fürstlich Schönburger Palais eine Freistatt und erfreut sich als geschäztcr Gesangslehrer eines angenehmen Wirkungskreises. Unter seinen neueren Werken zeichnet sich besonders seine, bei Fr. Kistner in Leipzig erschienene ,, Gesangsschule" aus. Ebenso die..Kinderlieder". Von seinen vielen Liedern, die ein tiefes Gemüt, reiche Empfindung und die seltene Begabung bekunden, die Intentionen des Dichters musikalisch wiederzu- geben, haben„Der schönste Engel" und:„Wir saßen still am Fenster", den meisten Anklang gesunde». Seine ächte Liebenswürdigkeit als Mensch dürste am beste» aus dem Porträt sprechen, das wir dieser biographischen Skizze beigegeben haben. Die freundlichen, wohlwollenden Züge eines Tondichters, an dem sich in Folge seiner Kämpfe mit den Widerwärtigkeiten des Lebens so recht das Bibelwort bewährt hat, welches lautet:„Wir müsse» niedersahren zur Hölle, um ans zufahren gen Himmel!" Wie es in Brasilien aussieht. TJärief eines Musgo»r>nn3evten. (Schlufi.) Ist der abgetriebene Wald gut durchgebrannt, so kann das Pflanzen beginne», und in schon 3 Monaten kann man von seinem Lande die erste Frucht essen: die Battaten. Von diesen wird ein Stück Kraut in die Erde gesteckt und, ivie schon bemerkt, »ach drei Monaten hat das Kraut große schöne Früchte gezeitigt. Ist der Kolonist in der Lage, ein par Schweine anschaffen zu können, so ist er den größten Nahrungssorgcn überhoben; gebaut wird auf allen Küstenkolonie»: Mais, Reis, Battatcu, Aipini, Momdioka— welches zu Mehl bereitet und unter dem Namen: Farina de Mandioca bekannt ist—, allerhand Bohnen, Kartoffeln, Tabak, Zuckerrohr, auch Kaffee, aber»idst überall, weil hier m den Südprovinzen genannte Frucht durch starke Fröste zu leiden hat. Europäisches Getreide und Lbst gedeihen hier nid)t, dagegen sehr wohlschmeckende Apfelsinen(Orange») iil Menge, die sehr nahrhaften Bananen, von denen jeder ei» zelne Stengel eine Traube trägt, Ivo oft 80— 100 Bananen daran sind: Kujaben, ferner die brasilianische Kirsche n. s. w. Das erste Vieh, das sich der Kolonist zieht, sind Hühner, die äußerst billig sind und sicki schnell vermehren, fast ebenso die Enten, die sogenannten türkisdien*) und die anderen ge wöhnlichcn. Hat der Kolonist Weide genug, so versäume er nicht, sid) eine Kuh anzuschaffen, was auch in der Regel bald geschieht; dann geht es immer, wenn auch langsam, vorwärts. Wa» aber in jeder Kolonie am meisten mangelt, sind gute fahrbare Wege, ebenso Komunikationswegc zu Märkten! Ein- zelne haben allerdings gute Straßen, andere inüssen alle Pro dnkte auf Maultieren oder auf Flüssen in cauoes(kleine Boote» weiter schaffen. Dies gilt durchschnittlich von allen Provinzen, die kolonisirt werden. Eine rühmliche Ausnahme inadst die Provinz Parana. Herr Amand Goegg, der vor kurzem hier *j Hier Patten vorn brasilianischen Patos so genannt. weilte, sagte in einem öffentlichen Vortrage, den er bei uns hielt, daß er in ganz Süd-Brasilirn keine so gute macadamisirtc Straße getroffen habe, als die von der Hasenstadt Antonia bis nadi Curitiba(102 Km) und von Joinville bis St. Bentv. And) in dieser Provinz sind die Kolonisten, die sid> nicht weit von der Meeresküste niedergelassen haben, nicht viel besser dara» als anderswo. Es herrschen dieselben Krankheiten, zumeist das kalte oder Wcchselfieber, auch die sogenannte„brasilianische Krankheit", welche nichts anders ist als Blutarmut. Will der Auswanderer nad, dieser Provinz, so gehe oder besser fahre er die vier Tagereisen bis Nack) Curitiba, das ist die Haupt stadt, die gegenwärtig gegen 12 000 Einwohner zählt, darnnier 3 000 Deutsche aus allen deutsthtii Vaterländern. Tie a"; dern nichteingebvrnen Bewohner Curitibas stammen aus ia» allen europäischen Staaten. Hat der Einwanderer einmal dir 8ierra idcn Gebirgszug) überstiegen, so wird ihm sofort vieles bedeutend anders erscheinen: die reine frische Luft, das!l11"' Wasser und der gesunde kräftige Menschenschlag, den er>>»'' antrifft. Tic Krankheiten, die unter der Sierra— wie ob"' angedeutet— vorkommen, kennt inan hier nidst. Eine ep'�' uusche Krankheit hat die Hodicbcnc von Parana uoch nie he'"' gcsud)t, und was den Einwanderer besonders freudig berühre" wird, zumal was cr während seiner Anwesenheit in Brasil''" schmerzlich vermißt hat, das findet er hier wieder, nämli-b- alle europäischen Gctreidesortcn. Roggen, Gerste, W#"; auch Hafer, Mais und Buchweizen, alle Sorten Bohne», Fl". «derselbe gedeiht jährlich dreimal). Auch alle europäische» CW svrten, selbst Kirschen, sind vorhanden. Allel in allem genommen glauben wir der Provinz Pars" o �'____ fill* 'eine günstige Zukunft prophczeihen zu können. Schon" � 5f( etliche neunzig Kilometer lange Eisenbahn im Bau, ch» Hafenstadt Paranagua über Morettes nach Curitiba, du> 361 projcktirt, weiter ins Innere durch für Kolonisation geeignetes Land gebaut werden! Welche Vorteile da dem Ackerbau und der Viehzucht envachsen, brauche ich nicht zu schildern. Neben dem Getreide wachsen hier auch alle Kartoffelsorten, deutsche wie brasilianische. Bis vor kurzem bezogen die hiesigen süns deutschen Brauereien ihr Malz von auswärts. Gegenwärtig wird alles Bier von hier erzeugter Gerste hergestellt, doch wird noch viel Weizenmehl aus Chili und der argentinischen Kon- söderation eingeführt. Wird der Landbau einmal rationell be- trieben, so wird das aufhören und ein bedeutendes Stück Geld im Lande bleiben. Tagegen hat das Hochplateau einen sehr bedeuten- den Ausfuhrartikel: die Ilerva de Matte, eine Tecsorte, die meistens nach den südamerikanischen Republiken geht, in neuester Zeit aber auch bei der französischen Armee eingeführt worden ist. In der Umgegend von Curitiba sind mehr als 20 Matte- wühlcn fortwährend beschäftigt, die den rohen Tee zerstampfen, worauf er dann in Fässer, mitunter auch in Tierhäuten vcr- packt und in den Handel gebracht wird. Will sich der Ein- gewanderte hier mit der Landwirtschast abgeben, so wird er g»t tun. in der Nähe des Waldes sein Grundstück zu wählen, weil dort der Boden besser ist, als auf den ebenen Campos. die blos als Viehweide sehr nüzlich sind. Hier auf der Hoch- ebene ist der Wald nicht so dicht wie an der Küste, es befin- den sich darin ausgezeichnete Hölzer, vor allem das der Arau- earie, die mit den Tannen große Aehnlichkeit hat. Ter Kolonist baut sich davon sein Haus, weil es sich sehr gut spalten läßt, auch werden davon Tach- und Faßschindcln gemacht, gleichwie e® zu allen Tischler- und Schrcincrarbcitcn vcnvendct wird. Hier oben muß der Kolonist den Pflug verwenden, das Land beackern und dann säen und zu Weihnachten, wenn Deutsch- land von Eis und Schnee erstarrt ist, seine Ernte einheimsen. Ta cm Mühlen kein Mangel ist, so kann der Ansiedler bald Brod von seinem eigenen Lande effen. Rindvieh hat jeder Kolonist ohne Ausnahme; die Haupt b'chzucht jedoch liegt in den Händen der brasilianischen Groß- grundbcsizer. die oft 10 000 bis 12 000 Stück Rindvieh und Pferde und Maulesel besizen. Nur beurteile man die brasi- manische Viehzucht ja nicht nach europäischen Begriffen; jeder bwser Fazendeirvs hat eine sehr große Strecke Land, größer als manches deutsche Fürstentum, auf welchem das Vieh Jahr aus Jahr srfi herumläuft, niemand kümmert sich um das- lclbe, denn sein Futter findet es im Freien das ganze Jahr,| muß es alle par Monate einige Sack Salz bekommen. �as Vieh wird nach größeren Städten verkauft und ein fetter kostet durchschnittlich 35— 40 Milreis(7()— 80 Marli. Butter und Käse ist kein Mangel, weil es Kühe in Masse ?,. Tieselbe Pflege— wenn von einer solchen die Rede a kann— wie bei dem Rindvieh ist auch bei den Schweinen Gebräuchlich. Schafe wurden erst in den lczten Jahren einge- uhrt und versprechen eine gute Zukunft.— Neben den Pro- °>lkten der Landwirtschaft erwarten noch viele Mineralien ihre �erwertung. wie Braunkohle. Eisen- und andere Metallcrze. % das viel gehoffte und gesuchte Gold und die Tiamanten ° en sich nicht finden lassen. . Was das Klima anlangt, so kann man im allgemeinen mit .7'olben nur sehr zufrieden sein. Niemand braucht hier den alten Winter zu fürchten; kein Eis und Schnee, keine gefrornc »Nisterscheiben und kalten Stuben gibt es wie in nigsten Wintermonate sind: Juni, Juli und 1 en mitunter starke Nachtfröste ein. was die Kolonisten sehr sehen, weil danach auf ein gutes Jahr zu schließen ist. Europa. Tic und August, da >ie Kolonisten •Oer aeinii'''""" vu.iua»"»I"» zu schließen W,. stiWe.. ne Reif bleibt gewöhnlich bis in die 10. Vormittags von uGCn, öim wo an Frau Soiine das ihrige tut. Tic ist hj°"chen für geradezu unerträglich gehaltene Sommcrhize äuß�r,� bedeutend geringer als an der Küste, nnd wohl Tag w Größer als während der Erntezeit in Teutschland. schied,,, Milien vielfach in Verruf gekommen, daran sind vcr- resp»aktorcn schuld. Eine Hauptschuld trifft die Regierung, Beamten, die in Sachen der Einwanderung arge gemacht haben. Insbesondere wurden beträchtliche Gelder, welche die Regierung in generösester Weise Kolonisations- zwecken widmen wollte, veruntreut. Nebenbei glauben wir aber, daß die Verhältnisse in der KolonieTonna Franziska das meiste dazu beitragen, Brasilien in den Augen der Auswanderungslustigen zu diskreditircn. Diese Kolonie liegt in der Provinz St. Catcrina und gehört dem„berühmten" Hamburger Kolonisationsverein von 1849. Sie ist also eine Privatkolonie, welche mit der Regierung sonst garnichts zu tun hat, als daß sie von derselben eine Sub- vention von 85 Conto de Reis(ä 1000 Milreis= 2000 Mark) einheimst. Kommt ein Kolonist dort an— nnd für genannte Subvention ist der Verein verpflichtet, jährlich eine bestimmte Anzahl Kolonisten einzuführen— so wird er in einem„Em- pfangshaus", das einem deutschen Schafstall alle Ehre macht, untergebracht, und erhält sammt seiner Familie zwei, schreibe: zwei Tage vollständige Verpflegung, nachher aber ist die gute Zeit vorbei, von Stund an muß sich der Einwanderer selbst ernähren, darf aber solange im„Empfangshause" wohnen, bis ihm sein Grundstück zugemessen ist. Hat man etwas zu- zusczcn, oder auch nur einen vollen Koffer, da finden sich sofort „Freunde" ein, deren Freundschaft jedoch schnell wieder erlischt, wenn sie merken, daß der Eingewanderte ein armer Teufel ist. Weil niemand von den Angekommenen auch nur das geringste als Unterstüzung von der Koloniedirektion empfängt, so sind die meisten gezwungen, alles entbehrliche oder auch unentbehrliche zu verkaufen und manchen Tag gibt's in dem Empfangsschuppen ein Handeln und Feilschen, daß derjenige, der jemals die prager Jndengasse besucht hat, lebhast daran erinnert wird. Ich selbst weilte 7 Monate in dieser Kolonie und zwar in dem Garten- städtchcn Joinville und hörte dort sehr oft von den Bewohnern die Worte:„Wenn nur bald wieder ein Einwandercrschiff käme— ich brauche dies und jenes— da bekommt man's doch recht billig." Fast jeder Tagarbeiter, der hier m Curitiba getroffen wird, ist aus Donna Franziska, und hat die achttägige beschwer- lichc Reise hieher nicht gescheut, um nur Geld zu verdienen, während sein Weib mühselig auf ihrem Lande in der Kolonie weiter arbeitet. Ja wir kennen hier Kolonisten aus Donna Franziska, die 12— 15 Monate in Curitiba auf Arbeit sind, während ihre Familien im tiefsten Urwald und ebenso tiefen Elende sizen. So traurig das ist, so wahr ist es! Da darf sich niemand wundern, wenn dann Briefe nach Teutschland ge- langen, in welchen über brasilianische Zustände Zetcr geschrieen wird. Aber Donna Franziska ist noch lange nicht Brasilien. Nach dieser Privatkolonie zu gehen, widerraten wir jedem. Eine Anzahl Käuflcute, die würdig sind,„Merkur" zu ihrem Gotte zu haben, beherrschen im Verein mit der Direktion will- kürlich wie Paschas die Kolonie, in der ich übrigens auch die meisten Blutarmen und Fieberkranken getroffen habe, beides auf den Hochebenen von Parana unbekannte Tinge. Hier in der Hauptstadt der Provinz sind alle Geschäfte wie alle Nationen vertreten; der Deutsche, falls er mit einer bc- scheidcnen Existenz zufrieden ist, wird hier sehr wenig von seiner Heimat vermissen, höchstens die drückende Not- nnd die Bevor- mundung von allen Seiten. Wir haben hier zwei deutsche Vereine mit guten Bibliotheken. Krankenkasse, Gesangs- und Tcaterabteilungcn u. s.w. Tie Vereine sowie die Presse sind hierzulande vollständig frei, Vereins- und Preßgcseze kennt man nicht. Auch die Schulverhältnisse sind nicht schlechte; vor allem ist zu bemerken, daß alle öffentlichen Volksschulen von den Pro- vinzialvcrwaltungen in Gemeinschaft niit der Staatsregicrung er- halten werden. An Schulgeld braucht niemand auch nur einen Pfennig zu zahlen. Ein arger Uebclstand ist, daß auch in im streu Schulen dem katolischen Pfaffentum noch ein warmes Ziest gebaut ist. was aber ja überall zu beklagen ist, wo der Staat nicht konfessionslos ist. Außerdem sind in Brasilien ge- rechte Hoffnungen vorhanden, daß bald in dieser Beziehung be- deutende Fortschritte gemacht werden, denn die meisten Provinzen verwenden mehr als ein Sechstel ihrer sämmtlichen Einnahmen zu Schulzwcckcn und die Regierung gewährt allen schulen, gleichviel welcher konfessionellen Richtung sie angehören, pekuniäre Unterstüzung. Jede Religion, wie sie auch heißen mag. kann hier ungehindert ihren Kultus üben, denn das muß man dem ungebildetsten Brasilianer lassen: Er ist sehr tvlerant gegen jeden, der sich als Mensch beträgt. Auch ist der hiesige Klerus lange nicht so fanatisch wie in manchen katolischcn Ländern Europas; allsonutäglich eine Predigt zu halten, stillt keinem ein: wollen die frominen Lämmer durchaus aus solche Weise erbaut sein, so müssen sie blechen, gewöhnlich 30 Milreis— 100 Mark — dann predigt der Diener des Himmels— sonst nicht. A. Schneider. Im Kampf ander alle. Roman von Jerdinand Stiller. (21. Fortsezung.) Auch oii Emsts Tür klopfte Franz Stein vergeblich an. Das etwas ältliche Mädchen, welches ihm öffnete, vermochte ihm nur zu sagen, daß der Herr Studiosus Häßler verreist sei,— ans wie lange Zeit und wohin, wisse sie selbst nicht und gewundert hätten sie und ihre Mutter sich auch sehr über die ganz un- erwartete Abreise ihres Mieters mitten im Semester. „Können Sie mir sagen, an welchem Tage Herr Häßler verreist ist?" fragte er. Das Mädchen hielt die gewünschte Mitteilung nicht zurück. Tie Abreise Ernst Haßlers war erfolgt am Tage nach der lczten Anwesenheit Franz Steins in B. Den vorhergehenden Abend war Ernst, wie des Sonnabends immer, sehr spät nachhause gekommen. Er hatte aber nicht solange geschlafen, als sonst des Sonntags, und sei auch nicht gleich, nachdem er sein Bett verlassen und gefrühstückt hatte, wie er das sonst zu tun pflegte, ausgegangen; vielmehr sei er stunden- lang im Zimmer hin- und hergelaufen, habe meist unvcrständ- lichc Worte vor sich hingemurmelt und kurz vor zehn Uhr sei er fortgegangen, ohne ein Wort zu sagen, daß er zu verreisen beabsichtige. Gegen Abend aber sei ein andrer Student, ein Bundesbruder von ihm, gekommen und habe mitgeteilt, daß Haßler aus imbestimmte Zeit verreist sei und ihn beauftragt habe, aus seiner Bude die nötigen Wäsche- und Kleidungsstücke zusammenzupacken, damit sie ihm nachgeschickt werden könnten. „Haben Sie garnichts von dem verstanden, was Haßler vor sich hinrcdcte, als er an jcneiu Morgen in seinem Zimmer auf- und abging." „Nur sehr wenige Worte, die er öfter wiederholte: das arme, unglückliche Mädchen— wie wird sie's treffen! und: dieser elende Kerl— wer hätte dem Menschen so etwas zu- getraut! Aber das war lange nicht alles— von dem andern war aber nichts zu verstehen— aber ich und meine Mutter— ich weiß nicht, ob ich's sagen soll, aber Sic sind doch gewiß ein Freund vom Herrn Häßler——" Sie zauderte, als fürchte sie, schon zu viel verraten zu haben. „Ernst Häßler steht mir sehr nahe;— ich bin gekommen aus Besorgnis, es könnte etwas Schlimmes geschehen sein." „Ach ja— was Schlimmes— das glauben wir auch. Wissen Sie, mein Herr, es bat gewiß ein Duell gegeben und zwar nicht eins von der geivöhnlichcn Sorte, bei der sich die Herren blos ein bischen krazcn oder, wenn's arg kommt, mit cinein halben Duzend Radeln wieder zusammengeflickt werden müssen, sondern eins ans Säbel oder gar Pistolen, und da wird der Herr Haßler abgeführt worden sein, denken wir. Zuerst glaubten wir sogar, er wär' tot, aber das kann doch nicht sein, denn dann hält' er sich doch nicht drei Oberhemden und ein ganzes Duzend Taschentücher und das andre alles holen lassen, und dann sagte auch der Bundesbruder, daß er fuchsmunter wär, soweit fuchsinunter! sagte er, und wie wir, ich und meine Mutter das.soweit' hörten— da wußten wir genug, llnd was meinen Tic, mein Herr, haben wir nicht recht?" „Hieß der Bundesbruder etwa von Frank?" „Von Frank? Rein, so hieß der, der hier war, nicht, wie er hieß weiß ich überhaupt nicht, aber den Herrn von Frank kenne ich, das ist ein charmanter Studio—" „Ist Herr von Frank auch ein Vcrbiudungsgenosse Ernst Haßlers."' „Ein Bundesbruder von ihm ist er freilich— sein Leib- alter ist er sogar, mein Herr, ich weiß nicht, ob Sie wissen. was das heißt,— Leibalter--" fügte das augenscheinlich aus seine Vertrautheit mit studentischen Ausdrücken und Ge- bräuchen etwas eingebildete Mädchen hinzu. „Ich weiß und ich danke Ihnen bestens für Ihre Mit- teilungen— adieu!" Er ging höflich, aber doch sehr eilig zur Tür hinaus, die das Mädchen, über das kurzangcbundene Wesen des Herrn er- staunt und wenig davon erbaut, nur laugsam hinter ihm schloß. Franz Stein fühlte sich von dem, was er gehört hatte, einigermaßen beruhigt. Frieda, so dünkte ihm jezt, war nicht nur nicht tot, sondern nicht einmal schwer erkrankt. Sie sowol, als er selbst, waren das Opfer einer Jntrigue, deren Urheber Guido von Frank zu sein schien. Dieser hatte ihn öffentlich beschimpft,— er hatte sicherlich Ernst Haßler, seinen Leibfnchs, von irgend einer vcr- meintlichen oder erlogenen Schuld, die ihn, Franz Stein, be- lasten sollte, zu überzeugen gewußt und von Ernst war— vielleicht oder wahrscheinlich— der Glaube au jene seine er- dichtete Verschuldung auf Frieda übergegangen. Ja, ja— so rief es in ihm— also mußte es sein;— aber wie in aller Welt war das lcztere nur möglich? Wie konnte Frieda an eine Schuld ihres Verlobten glauben, wie konnte sie ihn so grausam verurteilen, indem sie ihn ohne Abschied floh,— ohne ihn gehört, ohne ihn auch nur noch einmal gesehen zu haben? War angesichts der Tatsache dieser Flucht die Annahme noch fernerhin möglich, daß sie ihn so heiß, so unaussprechlich innig und treu geliebt hatte, wie er sie lieble — und, das fühlte er jezt mehr als je zuvor, immer lieben würde? Er sagte sich, daß dieser Zweifel sicherlich volle Berech- tigung habe, und doch behauptete sich unerschüttert in seinem Innersten die Ueberzeugung, daß sie ihn wahr und treu und heiß geliebt habe und noch lieben müsse. Etwas ganz Selt- samcs müsse geschehen sein, dem er doch noch nicht auf den Grund sehen konnte— etwas überwältigendes, dessen Bann er so schnell, als es die Umstände nur irgend gestatteten, lösen mußte--- Er hatte die Wirtstochter Ernst Haßlers zu fragen vergessen, wo die Kneipe der Verbindung sich befinde, welcher Ernst Haßler angehörte. Tort mußte er hin, dort sich die Auskunst suchen, wo Ernst sich befände. Wieder umkehren mochte er nicht. Er konnte erfahren, was ihni zu wissen not tat, bei Willibald David, von dessen Wohnung er nicht weit entfernt war. Torthin lenkte er die raschen Schritte. David war früh am Morgen heimgekommen und lag noch zu Bette. Stein ließ sich dennoch melden und wurde in ein mit raffi- nirtem Luxus ausgestattetes Rauchzimmer geführt, wo David binnen wenigen Minuten erscheinen wollte. Tie fünf Minuten, welche Stein in dem zu behaglich sorg losem Nichtstun reizenden Gemache zubrachte, wurden ihm sehr lang. Schon war er im Begriff zu versuchen, ob er nicht i» seines Freundes Schlafzimmer eindringen könnte, als dieser er- schien. „Hübsch, daß Sie Sich wieder bei mir sehen lassen, Stein," lächelte David, dessen fahles Antliz die Spuren einer in wildem zügellosen Genüsse vergeudeten Rächt offen zur Schau trug. „Sie passen zwar zu mir wie die Jungfrau Marie der christ- lichcn Legende zu Ton Juan, oder wie Ormuzd zu Ahriman, 363 aber von Zeit zu Zeit seh' ich Euch wirklich gern und es ge- währt mir einige Befriedigung, immer wieder zu empfinden, daß es in der Welt, dieser widerlichen Komposition von Zuchthaus und Narrcnhaus, etliche wenige Menschen gibt, die nicht blos gescheit sondern auch ehrlich, nicht nur tatenlustig sondern auch zu handeln fähig sind—— Ausnahmen, die, um gleich andern hirnarmcn Menschenkindern mit der schmuzigcn Scheidemünze der Gemeinpläze zu klappern, meine Regel nur bestätigen. Aber, Teufel, wie schauen Sic wieder drein, Mensch, Ihnen ist— bei allem, was mir abscheulich ist— wiederum etwas absonderlich Nichtswürdiges zugestoßen— sagen Sie nur rasch — was?" Er warf sich in einen der griinsammtcncn Lehnsessel und sczte seine mit goldgestickten Pantoffeln bekleideten Füße aus einen gleichfalls mit grünem Sammet überzogenen Schaukelstuhl, der mitten im Zimmer stand. Franz Steins Gesicht war allerdings sehr finster und drohend anzuschauen, als er erwiderte: „Ich würde Ihre gute Laune zu stören fürchten, wenn ich nicht wüßte, daß Sie Sich von den Sorgen, welche unscreincm das Leben schwer machen, schon lange nicht mehr anfechten lassen. «Also kurz: mir ist meine Braut, an der ich mehr, viel mehr hänge, als an meinem Leben, in den lezten Tagen spurlos vcr- schwundcn——" Um Davids Mundwinkel zuckte es— man konnte nicht er- kennen, ob von Spott oder Mitgefühl. „ Sic sind über mein Mitleid erhaben, Stein," sagte er dann. »Also kurz, wie Tie selbst, frage ich: was werden Sie tun?" „Ich werde nicht eher rasten, bis ich den Aufenthalt meiner Braut entdeckt und all' die Mißverständnisse aufgeklärt habe, welche sie mir entführt haben. Ich war soeben in der Wohnung des Bruders meinet Frieda, der Student ist und der Berbin- düng Sucvia angehört—— „Suevia," unterbrach ihn Tavid.„Frank ist auch Sueve." „Ich weiß das. Und ich komme Sic zu fragen, ob Tic die Uncipc dieser Verbindung kennen, damit ich dort den Aufcut- hall des gleichfalls verschwundenen Ernst erfragen kann." „Da laufen Sie ja graden Wegs dem tollen Frank wieder in den Weg und sczcn sich von neuem allen möglichen Brutali- täten ans——" „Das ist mir in diesem Augenblick völlig gleich. Untersteht Uch dieser junge Herr von Frank wirklich, mich im geringsten zu behelligen, so empfängt er die verdiente Züchtigung gleich für die ncnlichcn Beleidigungen mit. Ich bin nicht aufgelegt zu zögern oder zu schonen, sage ich Ihnen, Tavid— ich habe nur einen Gedanken und eine Sorge, mein Mädchen, das Weib meiner Zukunft, wen» ich überhaupt eine habe, wiederzufinden, mir wiedcrzuerobern, und ich werde alles unbarmherzig zu Boden Wersen, was sich mir in den Weg stellt——" Er stand hochaufgerichtet da, als er diese Worte sprach, seine rechte Hand lag festgeballt auf dem Tische, seine Augen ffamnitcn unheimlich ans der Umrahmung des bleichen Gesichts hervor und seine breite Brust hob und senkte sich rasch. Tavid beobachtete ihn mit sichtlichem Wohlgefallen. „Bravo!" sagte er.„Aber der Bonnittagsspazirgang nach "er Snevenkneipe wird Sic nichts nüzen. Tic Suevcn trinken 'hrcn täglichen Frühschoppen in irgend einem Gartenlokal, das ich nicht kenne, aber leicht erkunden kann. Ich werde auch eher imstande sein zu erfahren, wohin sich der kleine Häßler vcr- krochen hat. Uebcrlassen Sie mir diese Mission." „Gut, aber Ahre Auskunft darf nicht mehr als ein par Stunden aus sich warten lassen und— nehmen Sic es mir nicht übel, David— muß befriedigender sein, als das, was Sie bislang in meiner Sache gegen den von Frank ausgerichtet haben." Aus Tavid machte dieser Vorwurf keinen Eindruck. „Ich habe erfaren, was unter den gegebenen Umständen zu erfaren war— ich wollte Sie nur nicht behelligen. Frank verweigert jede Auskunft. Er erklärt, Tic könnten nicht im Zweifel sein, worauf sich sein Urteil über Sie gründe. Bon Zurücknahme seiner Beleidigung verbittet er sich zu reden. Was sollte ich weiter tun, bester Stein? Ich habe nur die eine Bitte zu wiederholen: überlassen Sie mir diesen Frank ganz,— ich werde ihn züchtigen, darauf mein Wort und Ihnen wird Genugtuung geschehen— sehr bald schon, widmen Sic Sich dagegen vollständig Ihrer Braut!— Was kann der Freund vom Freunde mehr verlangen?" Franz Stein neigte sein Haupt. „Ich bin damit nicht ganz zufrieden— Sie dürfen Sich meinetwegen keine Unannehmlichkeiten machen— das darf ich nicht dulden. Versprechen Sie mir, David——" Tavid unterbrach ihn. „Außer dem, was ich Ihnen schon versprochen habe, ver- spreche ich Ihnen nichts. Es Iväre mir unerträglich, mich mit einer ganzen Serie von Versprechungen zu belasten. Sic wissen, ich lebe in den Tag hinein und—— auch in die Nacht." Er betonte die lezten Worte so, daß es Franz Stein wohl auf- gefallen wäre, wenn dieser nicht allzusehr von seinen eigenen Gedanken in Anspruch genommen gewesen wäre. „Vieles von dem, was andre Leute Unannehmlichkeiten nennen, ist für mich wenigstens so eine Art oder ein Surrogat von Zerstreuung", fuhr er fort.„Meine Anschauungen sind von den Ihrigen so verschieden, daß für mich das einzige Etwas, das mich intercssirt, für das ich mich gelegentlich er- wärmen kann, das Nichts ist. Doch Sie haben nicht Zeit und Lust, dergleichen Tiradcn anzuhören— sagen Tic mir, wo Tie nnmittelbar nach Tisch zn treffen sei» werden und gehen Sie, Stein— ich sehe Ihnen an, daß'Sie darauf brennen, irgend etwas zu tun, zu handeln, um Ihrem Ziele, Ihre Braut wiederzufinden, näher zu kommen." Stein dachte nicht daran, das zu bestreiten. Er hatte, während Tavid sprach, schon an nichts weiteres gedacht, als was er nun wohl zunächst tun könnte und müßte. Eben war ihm ein Gedanke gekommen, an dessen sofortige Ausführung zu gehen ihn drängte. „Also die Suevcn überlasse ich vorläufig Ihnen", sagte er, indem er Tavid die Hand drückte. „Ich werde um Punkt drei Uhr im Weißen Adler sein oder Ihnen da Nachricht zurückgelassen haben." „Ed dien, Punkt drei", entgegnete Tavid und geleitete ihn zur Tür. *** (Zortskzung folgt.) Apollofalter und schwarzer Salamander.(3. 357.) Tiefes Bild ""mmt gleich dem andern aus 3. 359 aus der Alpenwelt; es gewährt einen ungleich heiterer» Anblick, als die auf ihrer Bergfahrt vom T�gcn malträtine Gesellschaft. Hoch droben, taufende von Fuß über "ein Meeresspiegel, flattert der anmutige Falter luftig dahin von Luer Alpenblume zur andern, den Tonristen auf der beschwerlichen j�chteisc erheiternd und ermunternd. Ja selbst in den Höhen, wo nur 0cr Mensch mit den größten Anstrengungen seinen Fuß hinzusczen vcr- wo alle Vegetation von dem kalten Gletschereis ertötet ist— % dem Finfteraarhorn, 9000 Fuß über dem Meere, oder dem mehr ö* Mooo Fuß hohen Monte Rosa, ja sogar auf der Höhe des Mout- I; ,n,,C flogen die»I unteren Bergsaltcr an den kühnen Bergsteigern vor- Und so hat einer der schönsten Bcrgschmetterlinge eS denn wirklich verdient, daß ihm die Forscher den Namen des Sonnengottes Apollo» gegeben: Parnassius Apollo— der parnassische Apoll— heißt er, den der Tichter wie folgt besingt: Wohl muß dein Sommer rasch verglüh'», Tu froh beschwingter Alpcnfalter, Wie Blumen knospen und verblüh'», Welkt deine Jugend hin zmn Alter. Toch ward dir auch Ein Tag allein, Drängt sich dein Tascin in ein Heute, Magst dennoch ohne Klage sein: 's war eines voller Götterfreude! 364 Wer in der Gletscher Pracht geschaut, Wem Edelweiß und Alpenrose Den Tisch gedeckt, daS Zelt gebaut, Ter klage nicht ob seinem Lose.-- Die abgerundeten Flügel dieses glücklich gepriesenen Tierchens sind gelblichweiß, durchsichtig und geädert wie das Gletschereis; die oberen sind einfach mit tiesschwarzen Flecken geschmückt, die unteren haben zwei rote schwarz eingefaßte Augenflecken(deswegen wird er wohl nudi roter Augenspiegel genannt). Ter mit seinen ausgebreiteten Flügeln gl,,— 10 Ctm. breite Schmetterling ist in Teutschland zuhause, komml jedoch selten vor und liebt die sonnigen Bergeshöhen als Aufenthalts ort, von da an, wo sie in einer Höhe von drei bis viertausend Fuß über das Meer aufragen. Wie so manchen Alpenblumen, die in unmittcl barer Nähe des rauhen Eises ihr liebliches Dasein durchträumen, hal die Natur auch diesem Gesellschafter der Blume eine dichtere Beharung des Körpers wie seinen Flügeln eine größere Festigkeit als ander» seinesgleichen verliehen, damit er Sturm und Wetter während seines kurzen Lebens zu trozcn vermöge.— Doch diese mächtige Gönnerin liebt nun einmal die Extreme, die grellen Kontraste, lind wie sie oft den heitern Himmel mit düster« Regenwolken überzieht, die durch mühsame Arbeit erzeugten Gebilde von Menschenhand durch ihre Elemente im Nu zerstört, allüberall neben dem grellsten Licht den tiefsten Schatten erzeugt, so hat sie auch hier oben in den lichten Regionen der Alpen neben den zierlichen und be- liebten Apollofalter den schmuzigen und widerlichen Burschen, den schwarzen Salamander angesiedelt, der, während der Falter behend im Sonnenschein dahingaukelt, sein Dasein in irgend einem Sumpfe fristet. Ganz den Traditionen seiner Gattung, der Reptilien gemäß, scheut er das offene Tageslicht und lebt am liebsten in seinem Versteck. Die Art, welcher der unsere angehört, hat eine schwarze, warzige Haut, ohne jede farbige Auszeichnung und lebt meist in den Alpen, hie und da auch in Norddeutschland. Seine Gestalt wie seine Gewohnheiten habe» jedenfalls das meiste dazu beigetragen, daß er wie die verschiedensten Arten seiner Gattung in dem Aberglauben der Menschen eine große Rolle spielte, und daß man ihnen die ungeheuerlichsten Dinge und Fähigkeiten andichtete. Heutzutage mag wohl manches zartbesaitete Wesen, das in den Bergeshöhen der Alpen schmachtend die herrliche Natur bewundert, über den trägen Gesellen erschrecken, wenn er plöz- lich durch seine Erscheinung die Harmonie der schönen Seele stört— Furcht hat aber schwerlich noch jemand vor ihm. Die boshaften Gegner der vorausbestimmten Zweckmäßigkeit in der Schöpfung mögen sich wohl sogar darüber lustig machen, daß ein so plumpes Tier gerade an der Stelle seine Heimat genommen, wo sich die Erhabenheit der Natur mit ihren zierlichsten und schönsten Bildungeil in Tier- und Pflanzen- welt paart, um den glücklich gestimmten Beschauer aus all seinen Seligkeiten zu reißen. Dem ruhigen und nüchternen Freunde und Beobachter zeigt dieser Kontrast jedoch nur die unverwüstliche Krast und die schöpferische Phantasie der Allmutter Natur, die in der Er zeugung ihrer Einzelwerke sich durchaus nicht um die von den Menschen aufgestellten ästetischen Prinzipien kümmert, deren Gesammtschöpfung aber immer erhaben und großartig schön ist.— ort. Bergfahrt im Regen.(Seite 359.) Wer je Gelegenheit hatte, der schönen Schweiz und ihren Bergen einen Besuch abzustatten, der sage von Glück, wenn er die dort sich oft auf Wochen einstellenden dicken Nebel nicht kennen gelernt hat. Die schönsten Partien und kühnsten Projekte, die er betreffs des Bergkletten, s gemacht, werden dann zu Wasser. Mit den besten Hoffnungen unternimmt er wohl eine Bergfahrt(durch die Bergbahnen von heute ist dieser Ausdruck glänzend gerechtfertigt) I in der Meinung, der Nebel werde wenigstens mittags von der Sonne niedergekämpft werden, aber immer wieder muß er es erleben, daß sich dieser unangenehme Gast kein Nachgeben abtrozcn läßt. Noch schlimmer ist aber der dran, welcher das Pech hat, eine schweizer Reise zu macheu und dort anstatt die in der Sonne glänzenden Gebirgshöhen bewun- dem zu können, nichts sieht als die öde graue vom Regen erfüllte Atmosphäre, die nur hie und da über einem kleinen Teil der prächtigen Landschaft ihren nassen Schleier lüpft, das gigantisch-imposnnte Bild der Alpenlandschast aber unbarmherzig den sehnsüchtigen Augen ver- hüllt. Wochen über Wochen gehen dann oft hin, ohne daß an ein dauernd schönes Wetter zu denken ist. und wenn man je an einem Morgen ermutigt durch ein jeweiliges Aufhören des Regengusses sich ausgemacht und die ersten Anhöhen erklommen hat— dann sizt man wieder fest, denn nun stellt er sich ein, der feuchte Gast, und von neuem gilt es, sich bescheiden in Geduld üben. So ging es auch der Gesell- schaft, die aus unserem Bilde ihre Gebirgspartie unternommen und zwar in dem ,e,ten Glauben, heute mehr Glück zu haben als bei früheren Versuchen. Wie Figura zeigt, sind die Teilnehmer aber auch heute wieder die Geprellten, denn in Strömen fließt es herab, das nasse i Element aus die unschuldigen Häupter der Söhne und Töchter Albions oder wo sie sonst her sind. Parapluies, Plaids und dergleichen Schutz- mittel werden bald durchweicht sein und so ziehen sie denn wieder unbe- | friedigt zurück zu dem gastlichen Herde des nächsten Alpenwirths- Hauses, um dort ihrem betrogenen Herzen durch allerhand Kurzweil wenigstens etwas zu bieten und sich zu vertrösten aus einen schönen | sonnigen Tag, der dann allerdings allein genügt, um für die erlittene Trübsal voll und ganz zu entschädigen. ort. Wegweiser für Lernbegierige. In einer der bereits im v. I. erschienenen Nr. der N. W. bittet ein Leser um Auskunft über eine für das Volk brauchbare Literaturgeschichte. Da ich in diesem Fache Privatunterricht erteile, habe ich mir alle die ! verschiedenen Handbücher vorlegen lasse» und kann für jemanden, der nicht gerade literarische Studien machen will, am besten die Literatur- geschichte von llr. Hermann Menge empfehlen. Dieselbe ist Übersicht- lich leicht gefaßt und kostet nur 3 Mark gebunden; enthält allerdings ; keine Proben. Wer mehr Mittel anwende» kann, für den ist immer | das große Werk in 4 Quartbänden von Heinrich Kurz zu empfehlen, I daS in zugleich sehr interessante Proben wie Illustrationen enthält, aber j 54 Mark kostet. R. Allgemeinwiffenschaftliche Auskunft. Oderberg. L. Eh. Birkensaft, welchen man im Frühjahr, ehe die Blätter der Birke sich entwickeln, durch ein bis zwei Zoll tiefes An- bohren des Stammes gewinnt, liefert durch Gährung und Zusaz von Mandelmilch(30 Gramm auf 40 Liter) und Traubenzucker Birken wein; 4 bis 5 Kilo Zucker, wen» man leichten, 7 bis 11 Kilo ans 40 Liter Saft, wenn man schweren und feurigen Wein erhalten will. Sezt man auf 40 Kilo Saft etwa 11 Kilo Zucker, 50 Gramm Mandelmilch und 220 Gramm Weinsteinsäure zu, so kann man den Birken- champagner herstellen. Beide, der gewöhnliche Birkemvein und der Bir- kenchnnipagner, sind angenehme, erfrischende und durstlöschende Ge- tränke, welche dem Traubeinvein ähnlich schmecken und auch dessen Aroma ausweisen. Auch Birkenshrup und Birkenessig kann aus dem Saft bereitet werden. Dagegen ist es nicht der Birkensaft, der so vielfache Anwendung als Heilmittel bei Krankheiten gefunden hat und noch findet, vielmehr ist es eine Abkochung der, ätherisches Oel, Bitter stoff und Gerbstoff enthaltenden, Birkenblätter, die als wurmwirkendeS oder auch harnbeförderndes Mittel gegen Gicht, Rothlauf zc. csebraucht werden, während frische Blätter heut noch in Rußland und Schweden bei Rheumatismus, Gicht, Wassersucht als schweiberregendes Mittel gebraucht werden. Ferner wurde ein Abguß der Harz, Bitterstoff, Gerbstoff und Gallussäure enthaltenden Rinde gegen Wechselfieber ange- wendet.-| Verviers. R. L. Der König Amadeus von Spanien hat am 12. Februar 1873 die Krone niedergelegt, mit der Motivirung, daß er seine Hoffnung getäuscht sähe, die Sympatieen der Spanier würden ihm bei der Regierung des so tief aufgeregten Landes zu Hülse kommen. „Spanien lebt in beständigem Kampfe," heißt es in der Abdankungs- Urkunde,„und sieht die Zeit des Friedens und Glückes, welches ich so inbrünstig ersehne, von Tag zu Tag weiter hinausgerückt. Wenn die Feinde seines Glückes Fremde wären, so würde ich an der Spitze dieser ebenso tapsern als ausdauernden Soldaten der erste sein, sie zu be- kämpfen. So aber sind alle, die mit dem Schwerte, der Feder oder dem Worte die Leiden der Nation verlängern, Spanier und inmitten des tosenden Kampfes, der verworrenen, betäubenden und sich widersprechen den Rufe der Parteien, der zahlreichen und einander entgegengesetzten Aeußerungen der öffentlichen Meinung ist es unmöglich, zu erkennen, wo sich die Wahrheit befindet, und noch unmöglicher ein Heilmittel für so viele große Uebel zu finden. Ich habe eifrig nach demselben gesucht innerhalb des Gesezes und habe es nicht gesunde». Außerhalb de» Gesetzes darf es der nicht suchen, der geschworen hat, das Gesez zu beachten--". Redaktions' ttorrespondenz. Berti«. E. L. Ihr Gedicht»Lcztc Wacht" ceugl»on poetischem Gefühl, Ge dankenauedruck und Ryimik find aber noch so unvollkommen, daß an eine Bcröffeni lichung nicht gedacht werden kann. Gedichte und andere Manuskriplc gerinacren Umsangb werden von uns grundsäzlich nicht zurülkgciant. Wer derlei Geiftcskinder vor dem ewigen Todesschlase in unserem Papierkorbe bewahren will, braucht sie nur einer Ad I schrist zu würdigen, ehe er fic einsendet. SIcichenbach i. B. Ä. S. Tcrartigc Berichte von sogenannten Besuchs komitees, wie eines den.Zustand der Ansiedelungen im Tüdc»»on Nebraska' schildert, sind in den meisten Fällen nicht zuverlässig und sollten bei Auswandcrungs I planen nicht berüilsichtigl werden Barmstedt. I. S. Um konfirmirt zu werden sollen die Kinder im allgemeinen I das 14. Iledensjahr zurückgelegt habe». Brandenburg. P. S. Sic wünschen in der.Neuen Welt" fortan.lauter bunte I Bilder zu finden?! Run, das ist ein srvmmer Wunsch,— zu erfüllen ist er leider I nicht, weil das für eine illustrirtc Wochenjchrist gleich un>crem Blatte viel zu umstäld I lich und lostspiclig wäre. Inhalt: Verschlungene Lebenswege. Roman von Franz Carion.(Forts.)— Zur Entdeckungsgeschichte des Galvanismus. Von D. Grone»,(cchlull.)— Gustav Graben-Hoffmann. Eine Künstlerbiographie von Theodor Trobisch.(Schluß.)— Wie es in Brasilien aus- sieht. Brief eines Ausgewanderten.(Schluß.)— Im Kamps wider alle. Roman von Ferdinand Stiller.(Forts.)— Apollofalter und schwarzer Salamander.(Mit Jllustr.) Bergfahrt im Regen.(Mit Illustration.)— Allgemeinwissenschastliche Auskunft.— Redaktionskorrespondenz. Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart.(Neue Weinsteige 23.)— Expedition: Ludwigstraße 26 in Stuttgart. Druck und Verlag von I. H. W. Dietz in Stuttgart.