Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. M 30.-- 1882 Erscheint wöchentlich.— Preis vicrteljärlich 1 Mark 50 Pfennig.— In Heften ä 35 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Werschltmgene Lebenswege. Roman von Iran; Carion. (3. Fortseznng.) Ucbcr das ihr so unbegreiflich Scheinende erhielt sie jedoch bald die vollständigste Aufklärung. Ter Reiter blieb eine kurze �lveile mitten auf der Strastc halten, richtete sich in den Bügeln •chf, blickte unverwandt nach ihr, schwenkte dann plözlich seinen Hut ihr entgegen und im Nu flog auch sein Rappe dem Garten 'V1... sein Reitknecht folgte sofort seinem Beispiele und Parirtc Uuu Tier in demselben Augenblicke, als sein Herr aus dem Sattel sprang und ihm den Zügel zuwarf. Dann eilte der junge Cavalicr nach der Gartenmauer und rief der über diese .'nde! Mistreß Lncie! Welches Mein Himmel, kennen Sie hinab Sehenden zu:„Mistreß Glück, ich finde Sie wieder!. '"'ch nicht mehr? Richard Clinton. Tie Erinnening an die Heide bleibt mir civig teuer!" � Eine so freudevolle Ueberraschung bemächtigte sich der jungen Iran, daß sie sich derselben nicht entreißen konnte. Sie war von einem Rausche umnebelt, dessen Glück sie um desto �khr empfand, als sie sich desselben, alle andere Empfindung �schließend, bewußt fühlte. Cb sie ahnte, daß dies so uncr- kartete Wiedersehen von einem ihr Denken und Tun bestim uiciiben Einflüsse begleitet sein könnte? lliicht nur das Unglück, ""ch das Glück macht die Denkfähigkeit in den ersten Momenten laute» oder geheimen Acnßcrnngen unfähig, die Freude jedoch ksjzt den Vorzug, schneller die Herrschaft über die befangene "�svnnenheit zn erringe» und Frau Lucie erfreute sich desselben. Wie prächtig sich das traf! Hier wußte sie sich allein. Ihr uutte konnte, selbst wenn er auch dazu entschlossen gewesen heute in den Garten zu kommen, dies mit dem besten Hillen nicht tun, er hatte den Besuch zweier fremder Aerzte Absangen, welche er als seine Gäste einigen seiner Hildesheimer chllegen vorstellen mußte. Tic Zeit dieser Herren war jedoch chinesse», am Abend schon reisten sie mit der Post nach Göt- ''bleu, weshalb es undenkbar war, daß er, um ihnen seine botanische '"Pflanzung z» zeigen, sie noch hier heraus führen könne. m.. Besonders günstig zeigte sich der Umstand, daß der alte Partner, wenn er ihr beim Äommen das Gittertor aufgeschlossen, �Schlüssel in der Regel im Schlosse stecken ließ. Diese kleine urch den Zufall bewirkte Begiinstigung machte es der jungen m' möglich. Sir Clinton in den Garten einzulassen und von diesem Tage an fanden daselbst geheime Zusammenkünfte zwischen ihnen statt. Es war in der Tat ein recht wohl behütetes Ge- heimnis. Wer hätte es ahnen können! Am allerwenigsten Doktor Philipp, in dessen Herz sich so leicht kein Argwohn einnistete. Obwohl es ihm nicht entging, daß Frau Lncie eine Unsicher- hcit in ihrem Wesen ihm zn verbergen strebe, welche er bisher nicht an ihr bemerkt hatte, so hielt er doch die Annahme als vollkommen gerechtfertigt, ihr Brnstleiden sei die Ursache dieser Acußerilng einer ihr immer empfindlicher werdenden Beäng- stigung, die sie ihm nicht gestehen wolle, aus Furcht ihn zu er- schrecken. Bollkommcn überzeugt, daß er durchaus nicht im Jrrtnmc sei, hatte ihn ein Borgang, welcher ihn tief ergriffen und dessen unbemerkter Zeuge er geworden. In der Regel die Pünktlichkeit in Person, hatte Doktor Philipp für alles, was zn seinem gewöhnlichen Tun gehörte, seine bestimmte Zeiteinteilung, und es überraschte nichts mehr, als wenn er von seiner Gewohnheit abwich. So kam er eines Vormittags ans der Apotekc in seine Wohnung hinauf. CS machte ihm Freude, sein liebliches Gretche» spielend auf einem Teppich am Boden sizen zu sehen. In der Wohnung war es still, aber wie er an das Zimmer trat, in welchem das Kind für gewöhnlich seinen Aufenthalt hatte, öffnete er leise die Tür. Er hörte Frau Luciens Stimme und glaubte sich nicht zu täuschen, daß sie unter Tränen zn dem auf ihrem Schöße sizenden und von ihrem Arm gcstüztcn Gret chcn sprach, das seine Händchen nach ihrem niedergebeugten Gesicht cmporstrcckte. „Ja, das trifft mein Herz, daß du bald keine Mutter mehr haben sollst," hörte er sie sagen.„Und was werden sie dir einst von mir erzählen? Nichts anderes als: Sie ist gestorben, wie du noch ein ganz kleines Kind warst... das wird alles sein. Tu wirst keine Träne um mich weinen... niemand... niemand..." Doktor Philipp fühlte sich von dem Gehörten, dessen Sinn er nicht verstand, tief erschüttert. Er glaubte darin den ans tiefstem Herzen kommenden Ausdruck des Schmerzes einer Mutter zn höre», welche von ihrem Tode sicher sich überzeugt hält und der Hvffmmgslosigkeit und drin Wchc des«Scheidens Vv» ihrem geliebten Glinde Worte leiht. „Lueic!" rief er. Tic Gerufene fuhr mit einem Schreckensschrei auf und da sie ihren Mann an der Tiir stehend erblickte, sank sie, vom Stuhl herabgleitend, in die Kniee, auch das Mint), vom Auf schrei der Mutter erschrocken und deren es bisher festhaltenden Armes plözlich entbehrend, fiel zu Boden, schrie und verfiel in heftiges Weinen. Zum Glück horte es die eben ins Neben ziinmer eintretende Amme und kam eilig herbei, blieb aber wie erstarrt stehen, da sie ihren Herrn im Begriffe, die Frau vom Bode» aufzuheben, erblickte.„Beruhigen Sic draußen das M ind!" rief er ihr zu.„Tic Frau ist ohnmächtig geworden, ich werde ihr die nötige Hilfe leisten." In dieser Stunde[hatte Frau Lucic die vollständigste Gc- legenheit, ihres Gatten edles, tcilnahmvollcs Herz zu erkennen. Nachdem er sie mittels einer aromatischen Essenz wieder zur Besinnung gebracht und ihr Erholung gegönnt hatte, sprach er tröstend zu ihr: „Gib dich nicht solchen dich nur ängstigenden Gedanken hin, als stünde der leibhafte Tod schon neben dir. Teinc Krankheit ist freilich ein Nebel, welches unserm ärztlichen Wirken zuweilen eine sehr hartnäckige Opposition entgegenstellt, zumal wenn die Kranken schon vorher vielen Anwandlungen von entkräftenden Fiebern unterworfen waren, das aber ist bei dir nicht der Fall gewesen, wie du mir sagtest und darum hast du nicht Ursache, dich über de» Verlans deines Gesundheitszustandes so sehr zu besorgen. Wir werden diesen bösen Feind schon bezwingen. Kommenden Montag bringe ich dich nach Renndvrf." „So bald?" „Ist denn etwas Erschreckendes dabei?" fragte Doktor Phi- lipp lächelnd.„Nein nein, meine gute Lucie. Man darf nicht warten, bis der Sommer vorüber ist, jezt ist die beste Zeit. Ich null dich meinem nenndorfer Herrn Kollegen persönlich cm- pfehleu, das wird von sehr guter Wirkung sein, glaube mir." „Du willst mich nach Neiiudorf bringen?" fragte Lucie. „Ja, Kind, das will ich. Wenn ich für dich sorge, dann weiß ich, daß du wohl versorgt bist," antwortete der Doktor und scztc scherzend hinzu:„Was würde tvohl unser herzliebes Gret che» sagen, wenn ich dich so allein in die Welt hinein gehen ließe? Das Kind hat ja nicht geringeren Anspruch auf dich alo ich. Wer könnte uns mehr lieben als du?" Frau Lucic stand vor ihm mit nicdergesenkten Blicke», dann faßte sie mit leidenschaftlicher Heftigkeit seine Hand, hob ihre feuchtschiininernden Augen zu ihm auf und stammelte wie von einem Berdammungsurteile durchschauert:„Ich bin eurer nicht wert." „Närrchen, was du dir für Mühe gibst, dich selbst zu quälen!" entgegnete Doktor Philipp lachend.„Gehe in dein Zimmer, meine gute Lucie, ruhe, daß die Aufregung in dir sich lege. Tu bist wirklich recht angegriffen." Er führte sie in ihr Schlafzimmer, das er erst dann wieder verließ, als er glaubte, sie werde, das Gesicht in die weichen Kissen gedrückt, sich nun bald beruhigen. Die Tage gingen rasch vorüber. Am Montag stand der nach Ncnndorf für den Doktor und seine Frau bestimmte Wagen vor der Apoteke. Ter Abschied Frau Lucicns von ihrem Gretchen war ein schwerer, tränen reicher. Als ob die Kleine es wisse, daß es einer Abschied nahnre gelte, klammerte sie sich fest mit ihren Händchen an deren Hals an und es kostete Mühe, sie los zu bringen.„Komm!" sagte der Doktor... weinend stieg die Frau iu das bequeme Fuhrwerk, das bald aus den Augen der demselben Nachgaffendcn cutschwand. Tic erste Hälfte der Tour nach Ncnndorf wurde unter dem bedrückenden Schweigen beider Gatten zurückgelegt, erst später schien es, als erhöben die ihr fremden Eindrücke bei der jungen Frau die tief niedergedrückte Stimmung, ihr oftmaliges Hinaus- blicken auf die ländliche ihr unbekannte Gegend, die sie durch- fuhren, erschien dein Doktor als ein günstig auf sie einwirkendes Verändcrungszeichen, und er täuschte sich nicht, ihre Nieder geschlagenhcit zerstiebte allmälich, wie ein vor durchbrechende»! Sonnenschein sich lösender Nebel. Tie ihr erzeigte Aufnicrksam- keit, eine gut eingerichtete Wohnung im Hause des Badearztes zu finden, schien ihr große Freude zu machen und hätte der Ab schied ihres Mannes nicht abermals einen störenden Einfluß auf ihr sich wieder erhellendes Gemüt ausgeübt, sie würde jeden- falls einen neuen Reiz für die Freuden des Daseins cnipsiindcn haben. Doktor Philipp meinte, die bei seiner Reise so sichtbar sie beherrschende Trauer entspringe ihrer aufrichtigen Zuneigung zu ihm. Er ahnte nicht, daß sein Weib unter schwerer Gewissens- angst leide und ein Geheimnis vor ihm barg, welches die volle Uuwürdigkcit, deren sie vor ihm sich schuldig fühlte, ihr >vic ein erschreckendes Gespenst vor Augen führte. Sic hoffte auf den Nachtschlummer, daß er Ruhe uud Vergessen in die sie peinigende Aufregung bringen werde; aber diese Erwartung täuschte sie. Nacht und Einsamkeit sind entschiedene Feinde des von Gewiffensvorwürfen Gepeinigten, und>vie Geisterspuk tobte der Zwiespalt zwischen ihrer Leidenschaft zu Sir Richard Clinton und dem Entschluß, derselben zu cutsagcu. Jenes zufällige Wie- derschen beider im philippschcn Garten gab ihrer Neigung zu dem schönen jungen Cavalier die Steigerung zum Verbrechen und diese bäumte mächtig gegen die Mutterliebe in ihrem Herzen auf. Ter Gedanke, ihr liebliches Gretchen mutterlos zu machen, jagte ihr Entsczen in die Seele. Aber nicht allein das war es, was sie geistig verwirrte, sondern die in ihrer erhiztcn Einbildung sich gewaltsam ein drängende Erinnerung an den von ihr schamlos betrogenen Manu, der so edel an ihr gehandelt hatte, vervollständigte ihre Qual... Schauer um Schauer durchrasten das treulose Weib. Im lieber- maß ihrer Getviffcnsfoltcr bedeckte sie das Gesicht mit den Händen... ermattet vergrub sie sich iu die Kissen... ein toten- ähnlicher Schlaf begrub endlich ihre wilde Aufregung in Ber- geffen. Jahre vorher wie nachher hatten die nenndorfer Quellen keine solche große Anziehungskraft auf Heilbedürftigc ausgeübt, als zu der Zeit, in welcher Doktor Philipp seine Gattin dahin brachte. Nenndorf ist kein Luzusbad, und deshalb sieht nia» meist wirkliche Kranke in dem sauber gehaltenen, freundlichen Orte,>vas für Leidende jedenfalls ein Trost ist, denn sie sehen in diesen Leidensgefährten das Vertrauen auf die Heilkraft der Quellen so zu sagen verkörpert. Unter der großen Zahl Frauen, welche auf den gutgepflegten Promenaden die wohltuende Er quickuug der ozonreichen Lust genossen, hatten sich bald kleine Gesellschaften gebildet, welche das möglichste für gegenseitige Unterhaltung aufboten. Der Hauptgegenstand derselben war die bereits bald au zwei Wochen sich in Nenndorf befindende Gattin Doktor's Philipp- der den meisten Badegästen wenigstens dem Namen nach bekanch war. Frau Lucie hatte gewiffermaßcn Sensation erregt, wcü sie jeder Annäherung der ihr Unbekannten auswich.„Das , Hochmut", meinten einige, andere urteilten milder. Vom Bade arzt, in dessen Gartenhaus sie wohnte, hatte man endlich fahren, daß sie nicht nur körperlich, auch geistig leidend i* und sowohl ihr Mann als auch der Badearzt die feste Zuve� ficht hegten, daß, wenn ihr körperliches Uebcl durch den Gebrauch der Quellen allmählich beseitigt würde, auch ihre Schwenuut da»" abnehmen werde. Diese Erklärung verschaffte Frau Lucie» d»' vollkommenste Verschon ung von zudringlicher Teilnahme. grüßte sie im Vorbeigehen stumm, was sie ebenso erwiderte, li'" näheres gegenseitiges Herantreten fand nicht statt... man � spektirtc das Unglück. Spazierengehen durch die waldreiche Umgebung war i''1' Lieblingsbeschäftigung, stets aber allein, sie schloß sich an niema»° an, obwohl sie nicht unfreundlich jedem sie Begegnenden z»»'�'f Tasj sie aber auch zur Spätabendszcit diesem Hange sich ließ, Wer hätte das ahnen sollen! Tie Fenster ihres sch|� gemachs waren sehr zeitig dunkel; der Badearzt, der diese � merkung machte, fand in dieser Tatsache die ihm von � 37!» Dieiistfrau gcschchciidc Meldung bestätigt, das; die Fian Toktorin sehr zeitig, kurz»ach dem Abendessen, sie ihres Dienstes für den abgelaufenen Tag zn entlassen pflege.„Das; sie an's zeitige Niederlegen sich gewöhnt hat, ist jedenfalls von günstigem Einfluß auf ihren Gesundheitszustand", äußerte Doktor Schellcr und unter den Badegästinncn erfuhr man bald diese ärztliche Mcinnngs- abgäbe.__ 3.'Vereitelt. Schon tvie die Tage des Sommers waren auch die Nächte, wenngleich der Mond nicht schien; aber weiche, lane Lnftwrllcn umkostcn den einsamen Wanderer, der des Weges lautlos dahin- zog, die Blicke hinaufgerichtet zn der dunklen Kuppel, von welcher der Stcrnenschimmer niedersank auf die tranmbefangene Erde. Langsam schritt Frau Lucie die stillen Promenadenwegc dahin, tiefe Ruhe lagerte in den Gebüschen... zuweilen blieb sie stehen, um zu lauschen; doch es regte sich nichts, kein Laut wurde hörbar. Müde ließ sie sich auf eine Bank nieder, mit dem Rücken an die Lehne gesunken. Ein Vorübergehender würde geglaubt haben, sie sei in der sie umgebenden Stille eingeschlummert, was gar nicht zu verwundern gewesen wäre; aber dem war nicht so... nur ein schwer sie belastendes Denken, das sie so regungslos gefesselt hielt, drückte sie in sich selbst zusammen. Morgen sollte der lezte Tag ihres Bleibens in Ncnndvrf sei», heute Abend noch dies besprochen werden und deshalb wartete sie hier. Tic Glocke schlug zehn Uhr und fast mit dem leztcn Schlage machten sich rasche Schritte ans östlicher Richtung vernehmbar. Ihre Müdigkeit war verschtvundcu, sie sprang von der Bank auf. ,,Er ist's! Ja, er ist's!" rief sie halblaut vor sich hin. „Lucie!" hörte sie ihn rufen. „Richard! Mein Richard!" antwortete die ihm bekannte Stimme.„Ach, wie lange habe ich dich erwartet!.. es war so schaurig einsam hier". Ohne auf diese Klage einzugehen, sagte er sie in die Arme schließend:„Das ist nun alles überwunden und alles besorgt. Morgen Abend zehn Uhr hält der Wagen für uns bei de» drei Eichen, die Relais-Pferde sind bestellt, wir kommen zeitig nach Hamburg, und am Nachmittag fährt das gute Schiff der „Simson" nach London, und wir werden alle Ursache haben, mit dem Spaße zufrieden zu sein". Ter Sprechende lachte holblaut vor sich hin und verschwand mit ihr in die dunkle Banmnacht, durch welche sich die verschlungenen Promenaden- Eangc in die Rahe ihrer Wohnung hinzogen. Tic Nacht hüllte somit ein Geheimnis ein, das erst nach zwei vorübergegangenen Nächten drin nenndorfrr Publikum bc- kannt werden sollte, und so flog denn am Morgen des zweiten Tages die Kunde unter de» Badegästen, namentlich unter dem weiblichen Teile, von Mund zu Munde: Frau Lucie Philipp habe über Nacht ihre Wohnung verlassen. Tie erste Meinung hinsichtlich der Ursache dieses ungewöhnlichen Ereignisses bestand der allgemeinen Annahme, daß die Bcrschwundenc von einem l'lvzlichcn Wahnsinns- lleberfall ergriffen, ihrem Logis entflohen sti und vielleicht Hand an sich selbst gelegt habe. Ein dreiviertel Stunde von Ncnndorf entfernter Tümpel, zu dcni, wie man sich "'zählte, sie oft ihren Weg genommen, sei jedenfalls ihr Grab geworden. Tiefem grauslichen Wahn gesellte sich bald die überraschende Nachricht bei: Doktor Philipp sei ganz unenvartet zum Besuch skiner Frau angekommen. Anfänglich hielt man diese Knude für "» vages Gerücht, indes die Wahrheit desselben stellte sich sehr l'ald heraus. In welcher schrecklichen Bestürzung der Mann w" mußte, ergab sich daraus, daß er LucienS selbstgesuchten Tod in dem Tümpel, von den; man ihm vorgesprochen hatte, für eine unbezwcifclbarc Tatsache hielt und in Begleitung einiger mit Stange» und Haken ansgcrüsteten Männer diesem in schlechtem Rufe stehenden Orte zueilte. Ans uralter Zeit lag auf dorn selben die Sage, er sei der Sainmelplaz böser Geister und seine schlammige Tiefe habe keinen Grund. Man suchte mit den Hake» und Stangen in dem dunklen Wasscrpfuhl. ohne auf andere Gegenstände zu stoßen, als in dem Schlamme hin und wieder versunkene Steine. Während dieser fruchtlosen Nach- forschnngen kam ein Bauer ans dem nahe vorbeiführenden Fuß steige rüstig einher geschritten und blieb verwundert stehen, als er die vergeblichen Arbeiten sah. „'s ist wohl einer hineingefallen und ihr kriegt'» nicht heraus?" fragte er.„Ja, hier hat's sein Wesen. Das haben unsere Alten schon vor vielen Jahren gewußt". Tie Leute in der Umgegend von Dörfern oder kleinen Ort- schasten kennen einander so ziemlich, das war auch so zwischen den ncnndorfer Männer» und dem Bauer. Einer erzählte ihm, warum sie hier im Tümpel suchten. „Ter arme Herr!" äußerte der Landmann mitleidig.„Wenn sie in der schmnzigen Tunke liegt, ist's gerade so viel, als wäre er von ihr auf Lcbcnlang geschieden." „Halt's Maul, er kommt bei uns vorüber", rannte ihm einer zu.„Sich nur, wie trübselig er aussieht? So recht hrrzenstranrig". Doktor Philipp hielt seine Schnupftabaksdose in der Hand, aus der er, sichtbar im Vergessen seiner selbst, mehrere Prisen rasch hintereinander nahm, ohne zu wissen,>vas er tat. Seine stieren Blicke ruhten auf dem ihm fremden Bauer, dem er in seiner Verwirrung die Tose präscntirte, welcher sich auch nicht lange bitten ließ, sondern, nachdem er einen Krazfuß als Tank abgestattet, einer Prise sich bediente. Jedenfalls bemerkte Doktor Philipp jezt erst, daß er sich in einem Irrtum befand und nn angenehm davon berührt, ließ er unachtsam die Dose seinen Fingern entgleiten und zu Boden fallen. Ter Bauer hob sie rasch aus und mischte sie sorgsam an seinem Rocke ab. Eben im Begriffe, sie dem höflichen Herrn zu übergeben, blickte er höchst verwundert auf deren Teckel, in welchem das in einem Goldrahmcn eingezogene Brustbild einer Tarne sich befand. „Nun, hol mich Gott, das ist kurios! die Mamsell hier oder was sie sonst ist, habe ich erst vor ein par Stunden in meinem Dorfe gesehen, mit diesen meinen leibhaften Augen!" rief der Bauer auf das Toscn-Porträt mit dem Finger deutend. „Mann! er redet im Fieber", sagte Doktor Philipp, ihn an den Schultern fassend.„Das Bild da stellt meine Frau vor". „Und wenn's zehnmal des Herrn Frau ist. bleibt's doch dabei, was ich gesagt habe... es ist dieselbe, die ich vor ein par Stunden gesehen habe", entgegnete jener entschieden. Tie Umstehenden starrten ihn ungläubig an und Doktor- Philipp hob»ach einer Weile an:„Mann, ich erwarte, daß er sich darüber ausspricht, klar und deutlich wic's solche Sache verlangt. Wir suchten sie hier in diesem abscheulichen Wasser- loche, und er sagt, daß er sie vor ein par Stunden gesehen habe... wie reimt sich das?" „Nun Herr, was ich sage, kann ich beschwören und Zeugen habe ich auch dazu. Uebrigens kennen mich die Ncnndorfer als reputirlichcn Mann, der keine Faxen ausspielt... ich heiße Breisig. Ist's anders, dann sagt's offen'raus, ihr Leute, daß die Sache klar wird. Der gute Herr muß doch erfahren, woran er ist". Das war so vernünftig gesprochen, daß niemand etwas da gegen einwenden konnte. Ter Doktor forderte ihn auf, die Sache nach bestem Wissen zu entwirren. (Jortsczung fotflt.) K»rneb»lskest im fSeilc 387.) 382 Dcr Unfng der Deposition und des pennalismus auf den deutfchtn AniverliMtn. Ein Sittenbild nns dem 17. Jahrhundert, von A. M. In seiner phantastischen Erzählnng„die Glücksritter" gibt Eichendorff eine ganz kurze Schilderung studentischen Trci- bens ans der«damals noch garnicht bestehenden) Universität Halle kurz nach dem dreißigjährigen Kriege, die der Einbildnngskrast des Dichters entsprungen, nicht durchaus mit der nackten Wirk- lichkeit harmonirt. Es war eine traurige Zeit vor, während und nach jenem verderblichen Kriege: Armut, Elend und Ber- kommcnheit ans der einen Seite, Luxus, Verschwendung, rohe Genußsucht aus der anderen, Aberglaube und Unwiffenhcit aus beiden, Haß, Unduldsamkeit, Versolgungssucht überall. Tie Erbitterung zwischen Protestanten und Katoliken, die traurigen und unwürdigen Streitigkeiten und Hezereicn protestantischer mehr, als katolischer Tcvlogcn, das gegenseitige Mißtrauen der Fürsten beider Konfessionen und die dadurch herbeigeführten Rüstungen ließen die zur Förderung der Industrie, des Hau- dels und der Wissenschaften nötige Ruhe nicht anskomme», und hatten auf die Sitten, schon lange vor dem entsezlichen Kriege, den ungünstigsten Einfluß. Und wenn auch gegenüber der Ber- sunkenheit, der Rot und dem Elend aus dem platten Laude, in den Städten Luxus und Verfeinerung herrschten, so war dies doch blos eine Uebertünchnng der inneren Roheit und niederen Genußsucht, die einen sehr großen Teil der höheren Stände bcberrschte. Daß davon dir Träger der Wissenschaften nicht aus- geschlossen waren, lehrt uns deutlich die Geschichte der Univcrsi- täten der damaligen Zeit. Das Uebel, welches den größten Teil der deutschen— und zwar der protestantischen Universitäten vom Ansang des 17. Jarhunderts an bis weit in dessen lezte Hälfte hinein gleich- wie eine Krankheit durchdrang, wissenschaftliches Leben und Streben ertötete, Verwilderung und Roheit beförderte, und cnd- lich den Untergang der Hochschulen selbst herbeizuführen schien,' warder sogenannte Pennal ismns. Man versteht darunter die Unbilden und die unwürdige und grausame Behandlung der jüngeren, eben auf die Universität kommenden Studenten durch die älteren, d. l>. diejenigen, welche schon über 1 Jahr die Universität besuchten. Aber nicht verwechseln darf man mit dem Pennalismns die sogenannte Dcposition der Studenten, d. h die Ecremouien bei der Aufnahme auf die Universität, obgleich sie, namentlich in ihrer Ausartung, mit dem Pennalismus entfernte Aehnlichkeit und vielleicht aus die Entstehung des leztcren einigen Einfluß gehabt haben. Schon auf der Sophistcnschule zu Athen im 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung war eine Studentenweihc üblich, wie sie Gregor von Nazianz uns schildert.„Das Treiben der damaligen Studenten in Athen" sagt O. Schade in den Weimar. Jahrbüchern," bietet so mannigfache Uebcrrinstinimungcn, selbst noch mit unserm heutigen deutschen Stndrntenwescn, daß eine Parallele zu ziehen garnicht abenteuerlich ist. Tie athenischen Studenten lvarcn in Verbindungen geteilt, meist nach dem Lande aus dem sie kamen, also in eigentliche Landsmannschaften, die mit einem Vorsteher an der Spizc und fester Organisation ein förmliches Werbe, mit dem heutigen studentischen Ausdruck zu reden: Kcilsystein ausgebildet hatten, das geradezu in ein Pressen der Ankömmlinge ausgeartet war. Auf Straßen. Höhen und in Höfen hatten sie ihre Kundschafter, die den Ankonimenden mit Beschlag belegten und ihn nicht eher losließen, bis er durch eine Stndentenwcihe(gewissermaßen eine Fuchstaufe), einer der ihrigen geworden war." lieber die Art der Weihe oder die Aufiiahmcccremonien selbst schreibt der schon genannte Gregor von Nazianz:„Sobald ein junger Mensch Studien halber nach Athen kommt, muß er von denen, in deren Hände er zuerst fällt, er wolle oder wolle nicht, sich gastfreundlich aufnehmen lassen, es seien nun Ver- wandte, Freunde, Landsleute oder Studenten überhaupt. Da ivird er denn von allen geneckt nnd gehänselt, bald feiner, bald derber, je nachdem er selber mehr oder weniger Lebensart besizt. Man will ihm damit die Selbstgefälligkeit in ctlvas bc- nehmen und ihn zum Gehorsani gewöhnen. Wer das nicht näher kennt, dem scheint es zu arg, eigentlich aber ist es nicht böse gemeint: es sieht schlimmer ans, als es wirklich ist. Hierauf findet die eigentliche Aufnahme in die Verbindung statt. In feierlichem Zuge partvcise hinter einander nnd in bestimmter Ordnung begeben sich die Mitglieder mit dem Ankömmlinge über den Markt nach dem öffentlichen Bade. Kommen sie davor an, so erheben die vordersten ein wildes Geschrei wie Besessene und gebieten dem Zuge halt, als ob ihnen der Zutritt verwehrt würde. Dann stürzen sie aus die Tür los und erzwingen scheinbar den Eingang, tun hierauf endlich alles, um dem Ren- linge bange zu machen, lassen ihn ins Bad hinein, und geben ihm da die Freiheit. Kommt er wieder heraus, so empfangen sie ihn auf's freundlichste und halten ihn wie jeden andern ihresgleichen. Und das ist(so schließt Gregor seine Bcschrci- bnng) noch das angenehmste an der ganzen Ecrcmonie, daß sie nicht lange dauert und man die Plage bald los wird. Allein nicht nur in Athen, auch in den Rechtsschulcn zu Konstantinopcl nnd Bcrytns scheint ein ähnlicher Gebrauch üblich gewesen zu sein, der allmälich zu Ausschreitungen und zur Vergewaltigung der Jüngeren geführt haben mag, so daß der byzantinische Kaiser Justinian II. im Jahre 533». Ehr. eine strenge Verordnung ergehen ließ,„daß sich niemand unterstehen solle, solche nmvür- dige, schändliche, ja oft sklavische nnd kränkende Behandlung und Quälerei auszuüben, noch andere Vergehen, weder gegen die Professoren, noch die Kameraden, am wenigsten aber gegen neue Studenten sich zu Schulden kommen zu lassen." Daß auch auf der rhetorischen Schule zu Karthago, wo die Exccdrnten „Stürmer"(cversurcs) genannt wurden, derartiger Unfug vor- kam, meldet uns der heilige Augnstin. Und noch im 8. Jahr- hnndert eifert eine Kirchenvcrsammlung gegen solche Ansschrci- tungc». Leicht denkbar ist es nun, daß sich derartige Gebräuche bei der Aufnahme Neuer unter die Zal der Besucher einer Uni- versität durch das ganze Mittelalter hindurch im Morgcnlandc erhalten nnd sich auch nach dem Abcndlande Verpflanzt habe», namentlich, wenn man sich vergegenwärtigt, wie leicht sich Gebräuche, insonderheit auch Mißbräuche, nnd Einrichtungen fortpflanzen, und wie zähe sie sich durch Jahrhunderte erhalten. Zwar läßt sich geschichtlich nicht nachweisen, daß auf den ältesten abend- ländischen Universitäten zu Bologna, Salerno und Paris ähn- lichc Gebräuche bei der Ausnahme stattgefunden haben, aus dem Rainen der Neulinge aber, den diese bis zum Ansang des 18. Jahrhunderts auf den deutschen Universitäten führe», läßt sich mit einiger Sicherheit annchnicn, daß in Paris wenigstens, wo vier sogenannte Nationalitäten unter den Studierenden bestanden— die französische, die englische oder deutsche, die pikar- dischc und die normännische— irgend welche Aufnahmccere- nivnien üblich gewesen sind. Ter Raine Bean(beanus) iläin- lich, welchen die Neulinge(juniores) auf allen deutschen Universitäten führten, stammt von dem frauzösischcn bejjaunc, das man von bec jaune(Gelbschnabel) ableitet, und bcjauniuin hieß i» Paris das Geld, welches die Neulinge bei der Ausnahme zu entrichten hatten. Tie Aufnahmeceremonicn aus der pariser Universität, nach deren Muster die deutschen Universitäten eingerichtet lvarcn, standen gewiß unter Aufsicht der akademischen Borgesezten, oder wurde» von ihnen geleitet, und daher finden wir auch, daß ans sämmtlichcn deutschen Universitäten die Handhabung der Auf- nahmcfeicrlichkeiten, die sogenannte Dcposition, in den Händen der �akademischen Lehrer sich befand.„Tic Tcpvsition," sagt r.. Schade a. a. O.„bestand in einer Reihe tragikomischer Vera- tione», durch die symbolisch das Abtun des tierischen, groben, ..----p 383 vorstudentischen Menschen mit all seinen Unarten und Unge- schlifscnheiten dargestellt werden sollte, auf die znlezt eine Weihe für den neuen Stand der Sittlichkeit und Weisheit folgte. Von einem besonderen tllkte dabei, dein Abstehen oder Abhauen auf- geseztcr Horner(eoniuum depositio) erhielt die Cercmvnie ihren Ätamen. Ter neue Ankvinmling, der sogenannte Bcan oder Bachant, tvard angesehen als ein pocus eampi, cui cornua iloponenda esscnt(ein Stück Vieh, dem die Horner abgenommen werden müßten), der erst enthörnt und so gewissermaßen cnttiert werden, als ein grober j>Uvz, der durch allerhand Instrumente erst behauen und zurecht gemacht Iverden mußte." Auf sämmtlichcn deutschen Universitäten war die Depositio» gradezu gefordert, und niemand konnte das akademische Bürger- recht und später einen akademischen Grad erlangen, der sich ihr nicht nntcrtvorfen hatte. Tie Handlung ward vollzogen im Beisein des Dekans der philosophischen Fakultät und geschah, wie aus einer Dissertation des Magister Sahmens hervorgeht, in der Mitte des 17. Jahrhunderts etwa auf folgende Weise: Wer von den Ncuankvmmcudcn deponirt sein wollte— man konnte sich später auch mit Geld loskaufen— mußte sich bei dem Dekane der philosophischen Fakultät melde». War dann eine passende Anzahl Brauen zusammen, so bestimmte der Dekan Tag und Stunde der Feierlichkeit und berief den Depositor mit seinen Instrumenten und dem Diener an den festgescztcn Versamm- lnngsort. Derselbe erschien, breitete seine Werkzeuge der Reihe nach aus und zog ein Gewand an, wie es herumziehende Schauspieler zu tragen pflegen. Dann puzte er auch die Beanen mit solchen lächerlichen Kleidern auf, färbte ihnen den Bart mit Schuh- schwärze, verteilte unter sie seine Instrumente: eine Axt, Beil, Zange, Hammer, Säge, ein Becken, Stuhl, hölzernes Schcer- Messer, Spiegel, Horn, hölzerne Gabel, Bohrer, Kamm u. dgl. und stellte sie der Ordnung nach in bestimmter Reihe ans. War dies geschehen, so zog er als Führer an der Spize mit ihnen vor den Dekan und die versammelten Zuschauer, hielt eine An- s�dc und begann dann den Akt in folgender Weise. Eine mit «and oder Kleien gefüllte Wurst in der Hand, ließ er die Beanen bald hierhin bald dorthin laufen, legte ihnen verfäng- l'che Fragen vor, und wenn sie sie nach seinem Gcschmackc nicht deantworten konnten, prügelte er mit der Wurst heftig auf sie las. Hatte ein jeder sein Teil, so hieß er sie die Instrumente weglegen und sich der Länge lang an die Erde strecken dcrge- statt, daß die Kopse zusammen kamen und sie so mit ihren Kör- Peru einen Kreis bildeten. Dann machte er sich daran und be- arbeitete sie mit den einzelnen Werkzeugen; er behicb ihre Schul- tcrn mit der Axt wie Bretter, bohrte mit dem Bohrer an den Knöcheln, bis er sie gehörig zugerichtet wieder aufstehen hieß. Dan» sezte er ihnen Hörn er auf und hieb sie mit dem Beile wieder ab, sezte jedem einen ungeheuer großen Zahn ein, den logenannten Bachantcnzahn, und zog ihn mit der Zange>vie- der aus. Darauf mußten sie sich der Reihe nach aus einen einbeinigen Stuhl sczen,»nd er rasirte sie, wobei er statt der Seife einen Ziegelstein, dazu ein hölzernes Messer und statt einer Serviette zum Abwischen die gröbste Sackleinwand anwendete; er vollzog über Haupt dieses Geschäft mit solcher Zartheit, daß das anfängliche Lachen auch der Stärksten sich häufig ins Gegenteil verkehrte. Dann kämmte er ihnen die Hare»ud warf Hobelspäne hinein. Zulezt prügelte er sie mit der Wurst ans dem Zimmer hinaus und lief selber hinterdrein. Draußen machten sich die Beanen wieder zurecht, brachten ihre Kleider wieder in Ordnung, auch der Depositor zog sich wieder anständig an und führte sie ins Zimmer zurück. Da empfahl er in lateinischer Rede die Kandidaten dem Dekan und bat ihn in ihrem Rainen um das Zeugnis der Depositio». Der Dekan antwortete ebenfalls lateinisch, empfahl den Brauch und erklärte die symbolische Bedeutung der Ceremonien nicht ohne väterliche Ermahnungen. Sodann gab er ihnen Salz zu kosten, als Symbol der Weisheit. Wie das Salz alles vor Verderben und Fäulnis bewahre und die beste Würze der Speisen sei, so sei mich das einzige Mittel, das menschliche Gemüt vor dem Verderben und der Fäulnis der Laster zu bewahren, die Weisheit, der sie von nun an emsig nachtrachten müßten. Endlich goß er ihnen Wein auf's Haupt, als Wahrzeichen der Freude; denn wie der Wein des Menschen Herz erfreue, so würden sie eine besondere Freude empfinden, wenn sie der Weisheit nach allen Kräften oblägen:e.:e. War dies alles vorüber, so stellte der Dekan den Kandidaten das Zeugnis über die ausgehaltene Depositio» ans, und sie waren nun wirkliche Studenten. Von den Fragen, welche der Depositor den Neulingen z. B. zu Marburg vorlegte, wollen wir nur einige von Schuppius mitgeteilte anführen: Der Depositor gibt dem Jungen eine Ohrfeige und fragt:„Hast du mich eine Mutter gehabt?" Der Junge antwortet:„Ja!" Der Depositor gibt ihm noch eine Ohrfeige:„Rein, Schelm, sie hat dich gehabt." Er fragt weiter: „Wie ist die Erbse auf die Welt gekommen?" Der Junior sagt: er wisse das nicht; da muß er abermahlen eine Ohrfeige haben, und der Depositor sagt:„Du Schelm, sie ist rund auf die Welt gekommen." Sage mir ferner:„Wie viel Flöhe gehen in einen Scheffel?" Der Knabe antwortet mit Zittern und Beben:„Ach, das hat mich mein Präzeptor nicht gelehrt, ich habe nur die Grammatik und ein Compencliuiu Logicae et llhetoricae gelernt."„Was" sagt der tyrannische Pedell,„du mußt mehr wissen, wenn du nicht mehr ein Bachant seyn wilt; lerne das heute von mir, daß die Flöhe nicht in den Scheffel gehen, sie hüpfen hinein.":c. k.*) *) Außer auf den deutschen Universitäten findet man die Depositivn noch auf der Universität zu Upsaln(Schweden), wo sie mit dem in Deutschland geübten Gebrauche im wesentlichen übereinstimmt, sich dem PennalismuS aber insofern nähert, als die jungen Studenten nach der Depositivn noch G Monate lang schwarze Mäntel tragen und sich mancherlei Lerhvhnnngen gefallen lassen müssen. Nach Verlauf dieser Frist lösen sie sich durch einen Schmaus. (Zortjeiiciig sotgl.) Eine Sskular- Erinnerung an Schiller*). Von Dr. A. Israel. Es ist ebenso interessant als lehrreich, das Werden und der dem unbedeutendsten biographischen Zug bedeutender Menschen Wachst» de-- Genius von seinen frühesten Regungen an zu ver- mit ängstlicher Sorgfalt»achspionirt, über die gerinfügigste Va- folge», dem Stammeln seiner Kinderjahre zu lauschen, den Win- riante in ihren Werken lange Abhandlungen schreibt, während düngen und Krümmunacu nachzuspüren, die der Quell seines man den ächten Kultus des Genius, die Verbreitung seiner Werke. Geistes einschlug, bis er zum breiten, majestätisch dahinflutcndcn vernachlässigt; über welchen Gözendienst Paul Heyse mit Recht Strom anschwoll. Selbst wo er in jugendlichem Ungestüm wild klagt: "oerschäumt,>vie der tosende Waldbach im Frühling, offenbart_ £ ione schaffende Kraft, die. durch Regel»nd Maß geziM t. � Beuüzt: Eduard Boas, Nachträge zu Schillers sämmtlichen '0 Fluren ergnickt und unsterbliche Fruchte treibt, welche.Nil- Stuttgart, 1839. I. Schere, Schiller und seine Zeit. New ""d Nachwelt ersreuen— Damit soll keineswegs jenem litcrar-.& Häuser. E. Palleske, Schillers Leben und Werke. Stull Astorischc» Kultus der Acußcrlichkeit das Wort geredet werden.: gart, 1877. Wo ist dic Zeit, da Oberon entzückte, Und Hyon's Horn mit heit'rem Wunderklang Grauköpfe selbst der Wirklichkeit entrückte? Die Zeit, da ihren Schiller sehnsuchtbang Die zarte Jungfrau an den Busen drückte, Der Jüngling seinen Goethe noch verschlang In Wohllust schwelgend elv'ger Melodien? Statt ihn zu lesen, liest man über ihn.— Das Wort Goethes:„Und wenn sich auch der Most noch so absurd geberdct, es gibt znlezt doch guten Wein" ist ganz besonders bei seinem kongenialen Bruder in Apoll, bei Schiller, zutreffend. Denn absurd genug geberdct sich allerdings der Most der schiller'schen Poesie in seinen Erstlingswerken. Welch ein immenser Abstand zwischen diesen und den vol- lcndetcn Dramen und Dichtungen der späteren Zeit. Ter kraftgcnialische Titanismus, welcher jene literarische Epoche karaktcrisirt, der„Sturm und Drang, welcher alle Fesseln, auch die Rosenketten des Maßes und der Schönheit sprengte und im Ueberschwenglichen, Ungeheuerlichen, in Schwulst und Bombast sich gefiel, fand in Schiller einen seiner gewaltigsten Rcpräscn- tauten und in den Räubern, dieser vulkanischen Eruption, dic wild unbändig und prächtig wie mächtige Lavaströme daherschießt, hat die Feuerseele des jugendlichen Dichters, welche unter dem Druck äußerer Verhältnisse sich noch ungestümer aufbäumte, diesen Titanismus in voller Energie ausgesprudelt. In den Räuber», sagt H. Heine treffend, gleicht Schiller einem kleinen Titanen, der aus der Schule gelaufen ist und Schnaps getrunken hat und dem Jupiter die Fenster einwirft. Troz der großartigen Schön- hciten, die das Drama unleugbar besizt, ist es einem geläuterten, reifen Geschmack künstlerisch nicht recht genießbar und zwar nicht blos hinsichtlich der Sprache, sondern auch hinsichtlich der Ka rattere, wie auch der ganzen Tendenz, die das Stück beseelt. Dic Freiheit,— wir geben hier einem hervorragenden Kritiker das Wort— die darin verlangt und angestrebt wird, ist im Grund eine so inhalt- und ziellose, daß sie aus der Lust rouffeau'- scher Abstraktionen mit Notwendigkeit in den Schmuz des Räuber- lcbeus herabfallen muß. Abstrakt sind auch die Personen, obgleich Schiller in den Figuren seiner Bande verschiedene seiner Mitzöglinge zu portraitircu versucht hat. Lebenswirklichkcit muß man in dem Stücke nicht suchen: was für eine Schcmcngestalt ist z. B. Amalia! Aber freilich, was wußte der Karlsschüler, als er die Räuber schrieb, von den Frauen? Nichts. Was von der Welt überhaupt? Nur was im Plutarch und Rousseau stand, denn den Shakespeare hat er selbstgeständlich erst viel später verstanden. Tie Karaktere in den Räubem sind daher keine Menschen, sondern Abstraktionen himmelhoher Tugenden und höllentiefer Laster, wie eben der ins Ungeheuerliche vcrgrö- ßerndc und zugleich verzerrende Hohlspiegel sie zeigt, in Ivel- chem eine geniale und«nerfahnie Jugend die Welt zu sehen sich leicht verführen läßt. Ans Schiller, den Verfasser der Räuber, paßt vortrefflich, was Jean Paul von einem seiner Jünglinge sagt:„Dieser Heros, in der Kartanse und mehr unter der Vorwelt als Mitwelt ausgewachsen, legte an alles antedilu- Vianische Riesenelleu." Wie man weiß, hat der Dichter in spä- tercr Zeit keineswegs mit väterlicher Zärtlichkeit aus seinen wilden Erstling zurückgesehen, ja er hat die Räubertragödie schon vier Jahre nach ihrer Vollendung als ein„Ungeheuer" verdainmt. Er ist dabei mit jener ganzen Strenge gegen sich selbst ver fahren, welche nicht der geringste Vorzug eines Mannes ge- Wesen ist, dessen Muse das Gewissen war.(La conscience est sa muse sagt Frau von Staäl von Schiller in ihrem Buche De 1 Allcmagne.) Indessen abgesehen davon, daß die Räuber ein unvergängliches Dokument der Stimmung ihrer Entstehungs- zeit sind und abgesehen von der ungeheuren Wirkung, die sie getan, weist diese Tragödie Züge einer ursprünglichen Kraft und Größe auf, wie sie der Dichter später kaum übertrosfen hat. Wer jemals aus dem Munde eines bedeutenden Darstellers den Traum Franz Moors vom Weltgericht vernommen hat, der wird gestehen müssen, daß hier eine Region des Erhabenen erreicht ist, welche selbst ein Äeschylos, ein Tante und Shakespeare nur in glücklichsten Momenten erreichen.— Bedeutsam ist folgende Stelle in einem 1784 im deutschen Museum II 365 abgedruckten Aufsaze Schillers:„Früh verlor ich mein Vaterland, um es gegen die große Welt auszutauschen, die ich nur eben durch dic Fernröhre kannte. Ein seltsamer Mißverstand der Natur hat mich in meinem Geburtsorte zum Dichter verurteilt(!). Neigung für Poesie beleidigte die Geseze des Instituts, worin ich erzogen ward, und widersprach dem Plan seines Stifters. Acht Jahre lang rang mein Entusiasmus mit der militärischen Regel. Aber Leidenschaft für die Dichtkunst ist stark wie die erste Liebe: was sie ersticken sollte, sachte sie an. Verhältnissen zu entfliehen, die mir zur Folter waren, schweifte mein Herz in eine Ideal- welt aus. Aber unbekannt mit der wirklichen, von welcher mich eiscnic Stäbe trennen, unbekannt mit den Menschen— denn die vierhundert, dic mich umgaben, waren ein einzig Geschöpf, der getreue Abguß ein und desselben Modells, von welchem die plastische Natur sich feierlich lossagte,— unbekannt mit den Neigungen freier, sich selbst übcrlassener Wesen, denn hier kam nur eine zur Reife, die ich jezt nicht nennen will: jede übrige Kraft des Willens erschlaffte, indem eine einzige sich konvulsivisch spannte; jede Eigenheit, jede Ausgelassenheit der tausendfach spielenden Natur ging in dem regelmäßigen Tempo der Herr- schcndcn Ordnung verloren;— unbekannt mit dem schönen Gc- schlecht— die Tore dieses Instituts öffnen sich, wie man wissen wird, Frauenzimmern nur, che sie anfangen, interessant zu werden, und wenn sie aufgehört haben, es zu sein;— unbekannt mit Menschen und Mcnschcnschicksal, mußte mein Pinsel notwendig die mittlere Linie zwischen Engel und Teufel verfehlen, mußte er ein Ungeheuer hervorbringen, das zum Glück in der Welt nicht vorhanden war und dem ich nur darum Unsterblichkeit wünschen möchte, um das Beispiel einer Geburt zu verewigen, welche die naturtvidrigc Ehe der Subordination und des Genius in die Welt sezte. Ich meine dic Räuber."— Freier noch als in den Räubern, wo dic Rücksicht auf das Tcaterpublikum eine gewisse Reserve gebot, läßt der jugendliche Stürmer und Drängcr seinem kraftgenialischen Pegasus in einer Sammlung von Gedichten den Zügel schießen, welche bald nach den Räubern unter dem Titel:„Antologie auf das Jahr 1782, Gedruckt in der Buchdruckerei zu Tobolsko," erschien. Folgendes war der Anlaß hierzu. Im Jahre 1781 hatte ein Landsmann Schillers, der Dichterling G. F. Stäudliu, die schwäbischen Dichter unter seiner Fahne gesammelt und eine schwäbische Blumenlese unter dem Titet: Schwäbischer Musenalmanach (Tübingen, I. G. Cotta) herausgegeben, welche jedoch, einige wenige gute Gedichte abgerechnet, besser eine Tistclnlesc genannt werden dürfte. Als Vignette trug sie eine über Schwaben aus gehende Sonne. Schiller, der zur Beisteuer aufgefordert worden war, sendete dem Herausgeber mehrere Oden und Gedichte. Dieser nahm aber nur ein einziges Gedicht auf, die Entzückung au Laura, und dieses mit Verstümmelungen. Dadurch persönlich verlczt, schrieb Schiller, dem ohnehin dic Bedeutung, welche der Almanach mit der Titelvignette sich anmaßte, mißfallen mußte, eine beißende Rezension, worin er sich besonders über die aus gehende Sonne lustig machte. Sie ist nach Inhalt und Aus- druck karakteristisch, zeigt ganz dic Physiognomie des jugendlichen Schiller, und verdient um so mehr aus dem Dunkel der Biblio- tcken ans Licht gezogen zu werden, als manche Stelle darin auch auf gewisse Erscheinungen der Gegenwart Auwendung sindet. „Bei der gegenwärtigen Mode" beginnt dieselbe,„Kalender z» machen,(Seuche darf ich sie doch nicht nennen, denn man streitet, ob Krankheiten aufkommen, dic die Alten nicht schon gehabt haben, und Musenalmanache hatten sie doch wohl nicht) bei der so empfindsamen Witterung in ganz Teutschland ist eine württcm bergische Blumenlese kein Phänomen mehr. Man beschuldigt sonst dic Schwaben, daß sie erst anfangen, wenn ihre Nachbach Feierabend machen, und in dieser Hinsicht— gesegnet sey da endliche prophetische Ankunft des schwäbischen Musenalmanachs'- Bücher dieser Art lassen sich nur von drei Seite» ansehch- Entweder sie sind die Frcistadt angehender schüchterner Schrift steller, die hinter dieser Tapete Ruf oder Abschreckung vo>» Publikum erwarten. Man billigt sie in dieser Rücksicht Muß lezterer Gkhorsmil geleistet und jener nicht vorausgesezt werden......— Cbcr im Almancich ist der unflätige Kanal, der die Indigestionen der Musen durch die Nasen des Publi- kums flößet? Pfui ihm! wenn er das wäre— vielleicht die Bude verlegener �Waaren, und da lobte ich mir unsere pfiffigen Schöngeister, die ihren abgestumpften Wiz gelegcnheitlich bei dieser leztcn Instanz noch umtreiben, gleichwie man veraltete Meubles und abgetragene Kleider nach Auktionen schickt, um ihrer mit Vortheil noch los zu werden?— Oder endlich, will man dem schönen Geschlecht ein Präsent damit machen? Iln- nötiger Aufwand, eben das tut ein bischen Seife, im Wasser aufgelöst; hübsch durch ein Strohhälmchcn drein geblasen, treibt Bläschen auf, blau, grün, rot, violct und— ei! da freuen sich die Kinder! ßorw fotjt.) Im Kampf Roman von Ie> „Nun ist es wahrhaftig Zeit, diesem Hengott der dummen Jungen coram publica mit gleichem Maße zu messe», als er Stein gemessen hat," sprach David vor sich hin. Tann rief er laut und mit schneidender Stimme durch den Sal: „Student von Frank!" Diese drei Worte fuhren wie ein Bliz aus wolkenlosem Himmel in das Lärmen der Studenten. Alle schauten erstaunt, entrüstet, fast entsezt nach dem hin, der in so wenig respekt- voller, forniloser Weise den zu rufen wagte, zu dem sie be- wundernd— die meisten im Innersten ihres Herzens auch ein wenig neidisch— aufschauten. „Wer ist das? Was will der? Unverschämt! Ans Ehre unvcrschänit!" riefen sie durcheinander. „Ter Mephisto— da gibt's ein Unglück!" rief der Tevloge Becker ernstlich erschrocken. Guido von Frank selbst blieb äußerlich ganz ruhig, obgleich ihm die Zornader ans der Stirn angeschwollen war, als der impertinente Ruf an sein Ohr geschlagen. Er seztc sich den goldnen Klemmer auf die Nase und wendete sich langsam um, ohne sich zu erheben und ohne ein Wort zu sagen. Tann maß er den, der ihn gerufen hatte, kalt und ver- ächtlich von Kopf bis Fuß. David hatte anscheinend mit vielem Vergnügen den Effekt beobachtet, den seine Worte erzielt hatten. Jezt erhob er sich und schritt gemütlich langsam, als wenn er spazieren schlenderte, flraden Weges auf den Tisch der Studenten und auf Frank zu, ber ihn immer noch unverwandt und regungslos fixirte. Nur wenig über einen Schritt von ihm entfernt blieb er stehen, legte die Hände auf den Rücken und begann: „Student von Frank. Sie haben meinen Freund Franz Stein öffentlich beschimpft. Franz Stein ist ein Ehrenmann und steht im Banne von Verhältnissen, welche ihm absolut unmöglich wache», sich mit der Waffe in der Hand Genugtuung zu ver- schaffen. Das wußten Sic. Student von Frank, und deswegen allein wagten Sie die Beschimpfung. Sie sind ein elender Feig- liug, Student von Frank." Ter Lärm, der nach diesen Worten ausbrach, spottet aller Beschreibung. Alle sprangen von ihren Sizen auf, schrieen in wildem Zorn durcheinander und wollten auf Tavid mit geschwungenen Stöcken �'dcr hocherhobcnem Bierseidel einstürmen. Auch der riesige Leon- erger wurde von der allgemeinen Aufregung angesteckt und bellte w't wahrer Donnerstimme grimmig dazwischen. Frank hatte sich gleichfalls erhoben, aber er bewahrte immer noch, wenn auch nur wit größter Mühe, seine Kaltblütigkeit. Er wehrte die andern belgisch ah und unbedingten Gehorsam heischenden Tones rief rr in das Getöse hinein: .Zurück! Wer diesen da berührt, beleidigt mich. Ter Mann grhört mir!" Seine Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Alle blieben, "w sie waren, auch das Lärmen legte sich mehr und mehr, und Wch das biedre Faß konnte seiner ungeheuren Wut über die °wem lieben Thor zugefügte unerhörte Beleidigung nicht recht- Zügel anlegen.-'in großem Bogen schleuderte er sein wh halbgefülltes Glas nach Davids Kopf. -i.avid aber hatte troz seiner scheinbaren llnbewegUchkat und wider alle. dinand Stiller.(29. Fortsezung.) Gleichgültigkeit alles genau beobachtet, was um ihn her vorging, und war auf alles gesaßt gewesen. Blizschncll und mit erstaun- licher Sicherheit fing er das Glas, dessen Inhalt sich schon zum- teil entleert hatte, auf und stieß es kräftig zurück, so daß es krachend aus den Tisch ausschlug und in tausend Scherben zer- splitterte, von denen ein par dem wackeren Sucven Faß ins Gesicht und in den Bart sprangen, so daß dieser erschrocken zurückfuhr. „Ruhe— ich verlange unbedingt völlige Ruhe— meine Ehrenhändel fechte ich allein aus— mein Feind ist, der mir beistehen will," rief Frank wieder und jezt war es ihm kaum noch möglich, seine Erregung niederzukämpfen. Dann kehrte er sich zu David. Er trat dicht an ihn heran und sprach mit gedämpfter Stimme, so daß es nur die Studenten, die inzwischen einen Kreis um die beiden geschlossen hatten, zu hören ver- mochten: „Binnen einer Stunde wird mein Kartellträger bei Ihnen sein— binnen spätestens vicrundzwanzig Stunden sehen wir uns mit den Waffen in der Hand ins Auge-- nicht zum Scherz." David lächelte in wahrhaft diabolischem Hohn. „Warum so gemächlich? Ihr Kartellträger begleitet mich in meinem Wagen fünf Minuten weit und stellt mit mir pcrsön- lich die Bedingungen fest. Wenn der Morgen graut,— treffen wir uns— gewiß nicht zum Scherz." Tie Studenten murrten,— es zuckte ihnen in allen Gliedern, diesem über alle ihre Begriffe unverschämten und herausfordernden Menschen sogleich handgreiflich an den Kragen zu gehen, aber der Respekt vor Frank hielt sie dennoch alle im Zaume. Und Frank sagte:„Gut. Je rascher, desto besser. Faß, du wärst mein Sekundant, wenn du dich jezt hättest im Zaume halten können. Dazu braucht man kaltblütige Leute.— Schleiermachcr — begleite diesen— diesen Herrn als mein Kartellträger." Faß sowol, als Schleiermacher wurden im ganzen Gesichte feuerrot— Faß vor Scham und Aerger— Schleiermachcr, weil er sich außerordenlich geehrt fühlte. Aber diese Regung wich bald wieder dem Entsezen, welches ihm der ganze Vorgang eingeflößt hatte,— und er war blaß und mußte sich gewaltsam zusammennehmen, um nicht niedergeschlagen zu erscheinen, als er nach kurzem Gruß an seine Verbindungsbrüdcr und nach ein par eiligen Worten, die er mit Frank gewechselt hatte, David nachschritt, der rasch und elastisch quer durch den Sal dem Aus- gange zueilte. Sie brauchten in der Tat noch lange nicht fünf Minuten zu ihrer Verabredung. Frank hatte den Teologen instruirt, er solle ans die schärfsten Bedingungen dringen. So ungern dieser auch gehorchte, so blieb ihm doch nichts übrig, als zu acceptiren, was Tavid vorschlug. „Also morgen früh G Uhr— im peterwiher Wäldchen au der großen Eiche dicht am Flusse,— gezogne Pistolen— Schüsse i tempo, solange bis einer fällt— beliebige Distanz." Das waren Davids erste Worte gewesen. „Sie haben mir über Ihre rätselhaste Provokation sonst nichts zu sagen, Herr Tavid?" fragte Schleicrmacher nur. Tavid hielt mit einem Rucke seinen leicht dahingleitenden Wagen an und entgegnete: „Wenn Sic meine Bedingungen neecptiicn, ist unsre Unterredung zu Ende, Herr Student, wenn nicht— auch!" Diesmal stieg dem Teologen die Zornesröte ins Gesicht, er erhob sich und sprang behender, als sonst seine Art�war, ans dem Wage». „Aeeeptirt— morgen früh 6 Uhr an der Eiche— auf Tod und Leben denn!" „Ganz recht!" nickte David gemütlich und fast freundlich. „Guten Morgen also, mein Herr Student." Er berührte sein Pferd ganz leise mit der Peitsche, und diese Berührung genügte, um das edle Tier in pfeilgeschwindem Trabe da hinsausen zu lassen. „Nun die andre Rechnung zum Abschluß fertig gemacht, und dann wäre ich glücklich so weit— und soweit glücklich— ah, es ist mir, als würde mir schon leicht und frei um Kopf und Herz und doch noch über 17 Stunde», bis es endlich vorbei ist— endlich!"— Nachdem er sieben bis acht Minuten gefahren, hielt er a» einem jener elegante», großen Miethäuser an, wie sie während der lezten Jahrzehnte modern geworden sind. Es war das Haus, in dessen Beletage Herr Specht wohnte. Fräulein Elfriede hatte sich erst vor einer Stunde von ihrem Lager erhoben und war noch bei der Toilette. Besuche zu ein pfangen hielt sie noch nicht für augemessen,— selbst ihr Bräutigam, Herr Gabriel Haßler, war eben znm zweiteumale an diesem Morgen bedeutet worden, daß das Fräulein noch nie- manden, rein gar niemanden empfangen könne, so leid ihr das auch tue. Der oute Gabriel war völlig in Verzweiflung, als er grade, in dem Augenblicke, da David die Treppe anscheinend in ruhigem Behagen hinaufschritt, aus der'Vorsaltür trat. Tie Herren grüßten sich— Gabriel hätte sich am liebsten möglichst unbeachtet vorübergeschlichen, er schämte sich fast und war so von seinem Schmerze ergriffen, daß er sich keine Gedanken darüber machte, was der ihm wegen seiner berüchtigten Spötter zunge sehr fatale David in der Wohnung seiner Herzenskönigin wohl zu suchen haben könnte. Aber David blieb plözlich stehen— es war ihm ein Gedanke gekommen, der sehr heiterer Natur sein mußte, denn er vermochte sich kaum das Lachen zu verbeißen. „Lieber Haßler— Sie suchte ich eben!" sagte er. „Ah, ah— Sic suchten mich— sehr schmeichelhaft— hei, ha." sei» gewöhnliches Hi— Hi brachte er nicht heraus, so war er alterirt,„mit was— hä, hä— kann ich dienen?" Er fühlte sich wirklich sehr geschmeichelt, der dicke Gabriel, denn so wenig er auch David leiden konnte, so gut wußte er doch, daß David überall als das Muster eines Elegants und Lebemanns, als ein Rouv reinsten, nobelsten Wassers galt und mindestens eben so sehr zu fürchten, als zu hassen war für alle die, welche ihm nnbequem wurden. Vor seinem grausamen, unerbittlichen Spott zitterte der ganze kaufmännische Klub; Gabriel Haßler freilich hatte dieser Spott immer verschont— last immer war David mit stillschweigender Verachtung an dem kleinen, sich für gewöhnlich so ungemein wichtig dünkenden Mann vorübergegangen. Heute suchte ihn dieser vornehme und all- gefürchtete David nun auf, ihn, Gabriel Haßler, und sagte ihm das in einem so ganz merktvürdig freundlichen Tone-- das tat wohl, wahrhaftig ganz ungemein wohl— Gabriels Herz sehnte sich in diesem Augenblicke mehr als jemals sonst in seinem Leben nach Freundlichkeit. vriurkk Fuchs. Eine literar-historische Ltizze von Fr.«auert. tgorlsciung.) Von Alters her sind als Hervorstechendsie Eigenschaften der beiden Haupthelden der Tierfabel, Fuchs und Wolf, bezeichnet und wie folgt von Grimm zusammengestellt worden— bei ersterein:„rot, frisch, jung, junger Gevatter, Reffe, schlank, glatt, schwach, sein, schlau, durchtriebe», listig, ränkevoll, Schleicher, Schmeichler, Schalk, Betrüger, Dieb, böse, „Wir müssen einige Worte im Vertrauen miteinander sprechen, mein lieber Haßler." Darauf wandte er sich nach der Tür, hinter welcher Elfriedens Zofe neugierig lauschte und fragte: „Ist Herr Specht zuhause?" Das Mädchen trat heran, schaute David mit einem sonder- bar erstaunten Gesichte an und entgegnete langsam: „Nein— Herr Specht nicht,"— dann hielt sie inne und sah nach Gabriel hinüber, als hinderte sie dessen Anwesenheit mehr zu sagen. „Run— das tat nichts. So kann ich Herrn Specht schriftlich mitteilen, was mich zu ihm geführt hat. Geleiten Sie uns in sein Bureau. Komme» Sic nur mit, liebster Haßler." Er ging voran und Haßler folgte gehorsam und sehr neu- gierig, was er da hören werde, nach. Noch neugieriger als Gabriel war die Zofe. Aber David entledigte sich ihrer mit den jeden Widerspruch ausschließenden Worten: „Melden Sie sogleich Ihrem Fräulein, daß ich— Willibald David— um ihre Erlaubnis bitte, mit Herrn Haßler hier in dem Bureau Ihres Vaters zu konferiren— sogleich, mein Kind." Tann drückte er die Tür hinter ihr ins Schloß. „Kommen Sie hier an's Fenster, Haßler, was ich Ihnen zu sagen habe, darf kein Mensch sonst in der Welt wissen,— ich muß also auch leise sprechen." „Hi, hi,"— Gabriel kam allmälich wieder ins seelische Gleichgewicht, die Sache schien wirklich sehr interessant und ganz ungeheuer schmeichelhaft für ihn zu werden,„hi hi— auf mich tönnnen Sie Sich verlassen, wie auf das Grab, hi hi!— so kann ich schweigen." „Ich verlasse mich auf Sie und auf das Grab.— Hören Sie: Ich habe morgen früh sechs Uhr einen kleinen Ehren- Handel,— dazu brauche ich einen Zeugen,— einen Sekundanten,— dieser Sekundant muß ein ganzer Mann sein, der dem Tode ohne weibisches Zagen ins Auge zu sehen vermag,— sind Sie der Manu zu so etwas, Haßler?" Gabriels Mund blieb zunächst angelweit offenstehen. „Ich, Sekundant— Ihr Sekundant— Sic belieben Scherz zu treiben— hi, hi, auf Taille einen famosen Scherz, bester Herr David, hi, hi!" David legte ihm seine Hand auf die Schulter mit einem Drucke, daß der kleine Mann beinahe umgefallen wäre und sah ihm mit einem so durchbohrenden und so drohend finsteren Blicke in die kleinen, zusammengekniffnen Aeuglein, daß ihn ernstlich Furcht befiel. Und dabei sagte er: „Tie Sache ist blutiger Ernst. Morgen früh wenige Minuten nach sechs Uhr werden Sic vor einer Leiche stehen, Haßler, — Sie müssen mein Sekundant sein oder— ich schieße mich um fünf Uhr mit Ihnen." Bei dem lezten Wort war der erschreckende Ernst wieder aus Davids Zügen gewichen. Er lächelte sogar lustig. Aber Gabriel Haßler blieb es doch sehr schwül um's Herz und er wurde immer abwechselnd rot und blaß, als er sagte: „Um Gotteswillen, zweifeln Sie nicht an meiner Freund- schuft, ich weiß die große Ehre zu schäzen, die Sie mir er weisen und Sie können— hä, hä, hi, hi— über mich gebieten,— sagen Sic mir nur, was ich tun soll, ich war noch nie an einer solchen Angelegenheit— hi, hi,— beteiligt ich——" (Zortsezuilg solgl.) boshaft, treulos, gottlos, teuflisch, lecker, Taugenichts, Ehebrecher, ver« schlagen, vorsichtig, erfahren, beredt, Ratgeber, Meister, Sieger," ft»' Widerpart der Wolf ist:„alt, grau. Greis, alter Gevatter, Sheim, star'. ungeschlacht, dick, plump, beschränkt, gierig, gefrästig, unersättlich, ireib- schamlos, stolz, neidisch, grausam, wütig, Räuber, Mörder, nngetre»- alter, verstockter Bösewicht, Teufel, Hahnrei, angeführt, besiegt." 3% Bezeichnungen Gevatter, Lhcim und Reste spielen überhaupt eine groiis Rolle, und namentlich»lacht der schlaue Reinecke ausgiebigsten Gebraus davon, wenn er nach seinen losen Streichen durch solche sreundschastliä� r 387 Titcl günstigere Stimmung für sich erzeugen will. Besonders erheiternd wirkt das zlveideutige Verhältnis des jungen leichtfertigen Glessen(Fuchs) zur schönen Gattin des alten griesgrämigen Lheims(Wols). Dieser Gegensnz spricht sich auch in der Färbung aus. Stimmt das Grau zu der alten und grämlichen Stimmung des Wolfes, so da» Rot zu dem boshaften, listigen und untreuen Wesen des Fuchses. In unserer Sprache hat sich diese Beziehung der roten Farbe zum Fuchs so eingebürgert, dast wir heute noch die roten Goldstücke„Füchse," wie auch das rotharige Pferd Fuchs nennen. � Eigenschaften wie die oben angeführten,— daß auch den übrigen Tieren in der Tiersagc ähnliche beigelegt wurden, liegt auf der Hand— waren und sind nun in der Natur dieser Tiere begründet, und eben diese Natur machte ihre Träger besonders zu Akteurs in der Fabel gc- eignet. Lessing, der große Gesezgcber im Reiche der Kunst, hat denn auch in diesem Falle wieder das richtige in seiner klassischen Weise aus- gesprochen, wenn er„die allgemein bekannte Bestandhcit der Karaktere" als die Ursache für den Fabulisten ansieht, die Tiere als handelnde Personen in der Fabel zu verwenden, anstatt der Menschen. Ein Mensch und selbst ein in der Geschichte durch seinen Karaktcr und glänzende Talente sich auszeichnender Mensch, ist viel zu wenig in seinen Eigenschaften der großen Menge des Volkes bekannt und verständlich, während Fuchs, Wolf und andere seit langem allgemein als Personi- fikationen einer Summe bestimmter Karaktcreigenschasten gelten. Lessing demonstrirt dies in seiner scharfsinnigen Abhandlung über die Fabel folgendermaßen: Man hört Britannicus und Nero. Wie viele wissen, was sie hören? Wer war dieser? Wer jener? In welchem Verhältnisse stehen sie gegen einander?— Aber man hört: der Wolf und das Lamm; sogleich weiß jeder was er hört, und weiß wie sich das eine zu dem andern verhält. Diese Wörter, welche stracks ihre gc- wissen Bilder in uns erwecken, befördern die anscheinende Erkenntnis, die durch jene Namen, bei welchen auch die, denen sie nicht unbekannt sind, gewig nicht alle vollkommen eben dasselbe denken, verhindert wird. Wenn daher der Fabulist keine vernünftigen Individuen austreiben kann, die sich durch ihre bloscn Benennungen in unsere Einbildungskraft schildem, so ist es ihm erlaubt, und er hat Fug und Recht, dergleichen unter den Tieren, oder unler noch geringeren Geschöpfen zu suchen. Man seze in der Fabel von dem Wolse und dem Lamme anstatt des Golfes den Nero, anstatt des Lammes den Britanniens, und die Fabel hat auf einmal alles verloren, was sie zu einer Fabel für das ganze menschliche Geschlecht macht.?lber man seze anstatt des Lammes und des Wolfes den Riesen und den Zwerg, und sie verliert schon weniger; denn auch der Riese und der Zwerg sind Individuen, deren «arakter ohne weitere Hinzutuung ziemlich aus der Benennung erhellt! Hessing erzählt als weiteres Beispiel noch die Fabel von dem Priester, °er dem armen Manne, uuter der Vorspiegelung, die Götter verlangten |j- fein einziges Lamm*) wegnahm, und fügt hinzu:„Und wenn in °>e>er Verwandlung die Fabel noch weniger verloren hat, so kommt es vios daher, weil man mit dem Worte Priester den Karaktcr der Hab luchtigkeit beider»och geschwinder verbindet, als den Karaktcr der Blut Dürftigkeit mit dem Worte Riese, und durch den armen Mann des Prophete,, die Idee der unterdrückten Unschuld noch leichter erregt wird, "w durch den Zwerg." Besser und klarer läßt sich ivvhl das Wesen er Fabel, welche moralisch belehren soll, nicht desiniren, als in diesen jworlen, und es wird sich nun später»och darum handeln, zu unter- 'Uchen, ob die Fabel überhaupt die Bestimmung der Belehrung hat. . Aus allen diesen Gründen bleibt der Fabeldichter aber nicht dabe- 'khen, seinen Tieren nur die augcsührtc», in ihrer Natur begründeten „'geftschaften beizulegen, er geht weiter und verleiht ihnen noch andere ■eiiichiichj. Gaben, läßt sie lachen, weinen, schluchzen, lächeln, sie küssen »"ander, haben Hände und Füße u. dgl. Daß sie das Vermögen der Sprache besizen. ist selbstverständlich; teilwcis sind sie auch bekleidet. grüßen und bewillkommnen sich und nehmen dabei den Hut ab. Schließ- l'i'd es denn auch menschliche Handluuge», die ihnen zugesprochen "'erden. Auch die Nachahmung der königlichen Herrschast, zu welcher hervorragendste und sich besonders auszeichnende Tier, alw eilt- '"«er das größte, stärkste und kühnste(Löwe) oder das zierlichste und "«»ste(Zaunkönig, auch die Lerche ist hie und da als Herrin. Königin °e->elchiiet) erwählt wird, gehört hierher. Am frühesten taucht"»Alter- ram die königliche Herrschaft deS Adlers auf, erst später die des Löwen; . der deutschen Ticrsage erst der Bär als König auftritt, ist de- 1.7- Sesagt worden. Nach' Grimin dauerte diese hervorragende«te- 'ung des Bären bis zu», 10. Jahrhundert. Der schon so oft genannte Foycher ist imi) der Meinung, daß die Stellung des Löwen etwas Palten worden sei, wodurch er für diesen Zweck cinn.al genügend be- Iu,n•""dcrerseits aber gerade vermöge seines We,ens irnd ferner Stel* "'"liegender und Richter), sind die Hauptftguren in der Tiersabel »et an""ihen sich die übrigen mehr oder wen.ge�untergeord- *2. Äflp. 1-4. Karncvalssest im Togenpalast zu Venedig.(Jllustr. Seite 480 und 481.) Das einzig in seiner Art dastehende, großartig schöne Gc- bände, der Wvhnsiz der alten Dogen der Republik Venedig, widerhallt in seinem Innern von allerhand Scherzspiel— der Karneval, dessen grotesk buntes und ausgelassenes Treiben die Straßen durchtvbt, wird auch in diesen pninkvollen Räumen in Lust und Liebesrausch begangen. Soeben tritt der Doge, seine schöne Gemahlin am Arm, in den Saat, mit vollen Gläsern begrüßt, seine Begleiterin von vielen bewundert. Die possenreißenden Harlekins begnügen sich jedoch nicht, diese Bc- wunderung still darzubringen,— unter den Klängen des Tambourins versichern sie abwechselnd der Herrin des Hauses ihre eivige Berehrung. Es ist eben Karneval, die Zeit von einigen Tagen, in der der Mensch seine das ganze Jahr unterdrückte Ausgelassenheit und Narrheit öffent- lich ungestrast zur Schau tragen kann, und da kann es denn nicht Wunder nehmen, wenn der strenge Herr fröhlich dreinschaut und die schöne Venetianerin an seinem Arm die Huldigungen des kecksten Bur- schen mit einem verliebten Blicke erwidert. Aber der Maler hat uns von dem Feste in diesen Räumen nur eine Szene vorgeführt, die übri- gen Säle sind nicht minder angefüllt von der bnnt verkleideten Menge, die sich teils nach den Klängen der Musik auf dem Parket dahin be- wegt, teils auch unter der Verkleidung auf galante Abenteuer ausgeht oder sich plaudemd oder das Treiben beobachtend bei Seite hält. Ueberall aber ertönt fröhliches Lachen und zwischeu hindurch das Klingen der gefüllten Gläser,— all' das Uebcl und Weh, daS diese Menschen sonst bedrückt, ist der Karnevalsstiiniiluiig gewichen oder doch unter der bunten Maske versteckt, und es hat ganz den Anschein, als wären sie dauernd von aller Widerwärtigkeit völlig besreit. So auch in den Straßen, wo das Volk seinen Karneval feiert, nur daß dort noch viel mehr Ausgelassenheit zu finden ist und oft sogar recht derbe, drastisch wirkende Scherze mit alledem getrieben werden, das sonst nur ein Gegenstand der Verehrung sein darf. Aber heute ist selbst unter dem grausamsten Pfaffenregiment vollständige Freiheit und zwar nicht nur des Denkens, sondern des Redens— in Wort und Bild kann man sich über gewisse, sonst sehr empfindliche Personen und Tinge lustig machen, ja sie sogar bitter verspotten. Morgen, wenn der Rausch verflogen, stellt sich dann wol bei manchem ein geringer Kazenjammer ein, wenn ihm die prosaische Alltäglichkeit wieder überall entgegentritt und ihm völlig zum Bewußtsein kommt, daß der Hochge- miß der freien Bewegung nichts als ein Traum war. Vielleicht ahnt man heute schon diese unangenehme Erfahrung und ist deshalb umso ausgelassen närrischer. Karneval wird abgeleitet von caro vale, d. h. Fleisch, lebe wohl, und man vermutet, daß diese Festlichkeit ihren Ursprung in den alt- latinischen Festen, den Saturnalien hätte. Diese nach der Sage von Janus, nach andern Behauptungen 507 v. Chr. zum Gedächtnis des glücklichen, von Freiheit und Gleichheit geschaffenen Zustandes der Menschen unter der Regierung des lKöttervater Saturnus eingeführt, dauerten anfangs nur einen Tag im Dezember, wurden jedoch unter AugustuS drei Tage lang gefeiert. Unter Tiberins fügte man noch einen vierte» und unter Cnligula noch einen fünften Tag hinzu. Wäh- rend man sich an diesen Festtagen dem ungezügelten Vergnügen hin- gab, ruhten alle Arbeiten und herrschte überall uneingeschränkte Frei- heit. Selbst die Sklaven wurden ihrer abhängigen Stellung entkleidet, durften mit ihren Herren an einem Tische sizen und empfingen auch von jenen Dienstleistungen. Oeffentliche Spiele, Gladiatorenkämpsc und Wettrennen im Zirkus wurden an diesen Festtagen abgehalten, desgleichen öffentliche Schmausereien von Wohlhabenden veranstaltet, bei denen sich die Teilnehmer mit Myrtenlaub bekränzten. Das eigent- liche Land des Karnevals ist denn auch Italien geblieben, namentlich spielte er im Mittelalter in Venedig eine große Rolle, und während er sonst meist nur an den Tagen statthatte, die dem Aschermittwoch vor- angehen, begann er hier schon am 26. Dezeniber. Maskenaufzüge, Tiergcfechte, Feuerwerke und allerlei belustigende Veranstaltungen wur- den geboten. Mit dem Niedergang der Größe und Machtstellung Venedigs wanderte aber auch der Glanz des Karnevals nach Rom aus, Ivo er seine höchste Blüte entfaltete und von Goethe in seinem „Das Karneval in Rom" nach eigner Anschauung ausgezeichnet be- schrieben wurde. Wer sich über das bunte närrische Treiben der Volks- menge in den Straßen, die bunte und oft kostbare Pracht des Korso und dergleichen andere Belustigungen während der 8 Festtage eingehend unterrichten will, der lese die betreffende Abhandlung. Wenn man die ausgelassene Freude, den sinnlichen Genuß in den bunten Bildern au sich vorüberziehen sieht, so erscheint es, als wolle man sich allgemein schon von vornherein für die kommende, von der Religion vorgeschriebene nüch- lerne und klanglose Zeit des Fastens und BetenS entschädigen. So kam es denn auch, daß man bei dieser Gelegenheit einen fetten Ochsen, der mit vergoldeten Hörnern und Bandwerk geschmückt war, durch die Straßen zur Schlachtbank führte, wodurch das zeitweilige Aufhören deS Fleisch» csscns simbolisch angedeutet wurde. Ein dem italienischen Karneval ähnliches Fest bildete sich in Deutsch- land seit dem Mittelalter im Fasching aus; von der Reformation und dem dreißigjährigen Kriege fast verdrängt, wurde es zu Anfang dieses Jahrhunderts aber durch die Franzosen wieder eingeführt und fand auch in den rheinischen Städten Ausnahme, wo es sich namentlich in Köln und Mainz noch am besten erhalten hat. Die Fastnacht und die Mas- kenbälle mit ihrem Mummenschanz in Deutschland sind wohl dem all- gemeinen Hange zu diesem närrischen Treiben entsprungen und gewähren 388 Icifc Anktänge an die großartigen, närrischen Veranstaltungen der Jta- licncr. Der lcichtbcwe'glichc Karakter dieseS Volkes, sotvic die heitere Natur ihres Landes sind freilich natürliche Vorbedingungen, die den Deutschen gänzlich fehlen, weshalb auch bei uns dergleichen Belnsti- gnngen dieses Uriviichstgc und Ursprüngliche abgehen wird. Die Ber- gniigungen des Karnevals, die in Italien selbst Goethe, der dieselben zum erstenmale absprechend beurteilte, schließlich doch anzogen, arte» bei uns leicht aus und werden albern und unausstehlich. Zudem gehört dazu ein leichter Sinn und eine in der Natur oder in den Verhältnissen begründete Sorglosigkeit, die namentlich uns in der jczigen Zeit durch- aus mangelt. Ob der Karneval daher für die Zukunft Aussicht ans Bestand hat, ist eine Frage, die hier nnerörtcrt bleiben mag. Jeden- falls wird er seine bisherige Form abstreifen müssen und findet dann vielleicht in den Maskeraden und große» Fcstzügen des düsseldorser Mal- kastens, des berühmten von Makart geleiteten Festzuges der Stadt Wien 1879, des Festzuges zu Köln zu Ehren der Donwollendung u. a. gute Vorbilder. Historische und allegorische Darstellungen von berufner Künst- Icrhand entworfen und ausgeführt und in großen Festzügcn dem Volke vorgeführt, wobei auch dem Vergnügen unbehindert sein Recht zuteil werden könnte, würden für die Volkserziehung von großem Werte sein und wesentlich beitragen, die auch bei solche» Festlichkeiten bis heute noch beliebten rohen Ausartungen zu beseitigen. So würde man denn auch den Worten des Dichters gerecht, der da singt: Löblich wird ein tolles Streben, Wenn es kurz ist und mit Sin»; teiterkeit zum Erdeleben ei den« flüchtigen Rausch Gewinn! Gemalt ist unser Bild von Karl Becker, der am 18. Dezember 1820 zu Berlin geboren, in München studirle, dann bei der Ausführung der Fresken von Cornelius in der Vorhalle des berliner Museums mittätig war und später durch Reisen in Italien und Frankreich seine Studien sortsezte. Außer vielen Oelbildcrn schuf er eine Anzahl Wandmalereien im neuen Museum zu Berlin. Er ist Mitglied und Professor der berliner Akademie. nrt. Aus allen Winkeln der Zeitliteratur. Allerlei Statistisches. Einwohner(Ende 1881): London 3489428; Paris 2 225 910; Amsterdam 336 000; Algier 64 714; Bnenos-Aires 180 752. Volksschulen in Japan 28 025 und andere Unterrichts-- anstallen 1321; insgesammt Schüler beider Geschlechter 2 315 052. Bevölkerung von Ungarn 1880 im ganzen: 15 642 178 bei dem geringen Zuwachs von 1,46 pCt. innerhalb zehn Jahren. Davon sprechen ungarisch als Muttersprache 6 165 088, deutsch 1 798 379, slowakisch I 790476, walachisch 2323 788, kroatisch und serbisch 605 725, ruthenisch 342 351, andere Sprachen 203 767, des Sprechens überhaupt noch unkundig sind 499 054. In finanzieller Beziehung steht Ungarn außerordentlich schlecht, die jährlich zu zahlenden Zinsen seiner Staats- schulden sind während der letzten 7 Jahre um über 72 Millionen Mark gestiegen und betragen 214471076 M., d.i. nicht viel weniger als die Hälfte der für 1882 auf 598 Millionen Mark veranschlagten Einnah- inen; dabei ist auch für dieses Jahr wieder ein Defizit von 60 Millionen Mark vorausgesehen,— eine Finanzlage, welche das Land der stolzen Magyaren mit Riescnschriftcn aus dem Wege zum Staatsbankrott vor- schreitend erkennen läßt. Bevölkerung von Bulgarien insgc- sammt 1 998 983(Januar 1881), davon 1007105 männliche Civilisten, 975 253 Frauen, 16 625 Soldaten. G e s a m m t e Einwanderung in die Vereinigten Staaten während deS Jahres 1881 716 868 Menschen, davon verhältnismäßig die meisten aus Skandinavien 82 089, d. h. 1,8 pCt. seiner Bevölkerung, dann aus Irland 70 869, 1,3 pCt., ans Deutschland 248 323, 0,6 pEt., aus Schottland 16,441, 0,5 pCt., aus England 77 750, 0,3 pCt., aus Oesterreich 19 667, 0,05 pCt. der Bevölkerung des Vaterlandes. Die Anzahl der Schiffsverluste umfaßte 1881 auf allen Meeren und größeren Binnenseen 2030 Dampf- und Segelschiffe gegen 1671 Fahrzeuge 1880, von welchen ersteren über die Hälfte, 1048, Großbritannien angehörten. Ter Gcsammtverlust wird an Geldwert, anscheinend sehr hoch, auf 5l/j— 53 s Milliarden Mark geschäzt, Menschenleben sind dabei verloren 4134 gegen 3980 im Vorjahr. xz. Ratgeber für GtsuMeitspflege. Glauchau. B. Kn. Bezüglich der Verunreinigungen deS Mehls und bez. der Frage, wie derselben begegnet werden sollte, sind aus der im September v. I. zu Wien abgehaltenen 9. Versammlung des deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege eine Reihe Thesen ausgestellt worden, die dem heutigen Stande der Wissenschast gemäß Ihre Fragen beantwoNen. Dieselben lauten 1. Die neueren Fort- ichnlte auf dem Gebiet der Mühlentechnik haben zur Erhöhung der Qualität des Mehls wesentlich beigetragen und die Herstellung einer möglichst großen Quantität Hochseiner weißer Mehle ermöglicht. 2. Ins besondere ist es der Hochmiillerei gelungen, die im Getreide voikom- Menden wertlosen oder gcsundheitsgefährlichcn Verunreinigungen nahezu vollständig zu verhüten und die Scheidung der Schalentcilchen von dem Innern des Korns auf das möglichste zu bewirken. 3. Mit Rück- ficht auf diesen Stand der Mühlenindustrie ist vom sanitären Stand- Punkt zu forden«, daß das Mehl des Handels möglichst kleicnsrei sei und jedenfalls nur solche Bestandteile enthalte, welche die Gelreidefrucht zusammcnsezeir. Fremde Substanzen dürfen darin so gut wie gar nicht vorhanden sein. 4. In dem Mehl, wie es im Handel vorkommt, sind wiederholt mannigfache, nicht dazu gehörige und die Qualität beein- trächtigende, ja sogar gesundheitsschädliche Beiinischlingen beobachtet worden. Von den mineralischen Substanzen sind es namentlich Gyps, Schwerspat und Kreide, ferner Alaun, Kupfer- und Zinkvitriol, von den vegetabilischen hauptsächlich das Mehl der Unkrautsamen(sog. Ausreuter) oder dasjenige billigerer Mehlsorten, welche zum Ziveck der GewichtSvcrmehrung in belrügerischcr Weise zugesetzt iverZen. 5. Diese Verunreinigungen sind teils solche, welche den Nährwert des Mehls herabsezen und die Verdaulichkeit des Gebäcks verinindern(Gyps, Kreide, Alaun«c.), teils solche, welche den Geschmack des Brotes und die Back- sähigkeit des Mehls nachteilig ändern(ausgewachsenes Koni, Unkrautsamen, Ausreuter der Mühle), endlich auch solche, welche giftige, gesund- heitsschädlichc Wirkungen hervorrufen(Samen von Agrostemiiia Githago, Mutterkorn, L oleum).— Soweit diese Thesen. Es leuchtet ein, daß nur eine regelmäßige, tieseindringende Kontrole seitens sachverständiger Kommissionen jeder Schädigung des Publikums wird wirksam entgegen- zutreten vermögen. Hanau. Max S. Die Sie belästigenden Geschwürchen sind sog. Aphtcn, welche bei Erivachsenen ivie bei Kinden« an den Rändern der Zunge, der Mundschleimhaut, an den Lippe» und dem Zahnfleisch häufig zu finden, aber nirgends gefährlich sind, wenn auch bei Be- rührung oder Bewegung der betreffenden Teile ziemlich schmerzhast und unbequem. Die Heilung erfolgt innerhalb 5 bis 6 Tagen meist ohne weiteres Zutun. Jedenfalls ist aber möglichste Reinhaltung deS Mundes, bei Erwachsenen durch Gurgeln mit lauwarmem Wasser, an- zuraten. Die verschiedenen Zusätze zu dem Gurgelivasser, welche ärzt- licherscitS der Medikamentensucht der Patienten zuliebe öfters ange- wendet ivcrden, sind fast immer überflüssig. Der Ursachen hat die Aphtenbildung sehr verschiedene auszuweisen; sehr häufig hängen sie mit Verdailungsstörungcn, insbesondere auch allzureichlicher Ernährung zu- sammcn, oder bilden eine der Folgen überinäßigen Tabaksgcnusses. Rcdaktions- Korrespondenz. München. Joses H. I. So beträchtlich, als Sie Meinen, ist der GebietSverlnst nicht gewesen, den Bayer»»ach dem Sricge von 1866 erlitten hat. Er betrug im ganzen 10'%, Quadratmcilen mit 32 976 Bewohnern und bestand au« dem über die Linzig in htsslichcs Bediel htnüberragenden Teile des Landgerichts Orb, 3,48 QuadratineUcn mit 9109 Ein««., ferner dem Bczirlsamt BcrSscld in der hohen Rhön mit der guldaaucllc, 6,52 Quadratmellen mit 23 36 1 Einw. und der oberhalb Saalscld gelegenen Eullave Baulsdors, die nur> ,o Quadratmcile groß war und 56l Ein», zählte. 2. Die de« bayrischen Volke durch die Verfassung zugesicherten Rechte bestehen nach den»an König Maximilian Joseph seftgesezten Grundzugcn der Versassung in»Frei- heit der Bcwihen, und gewissenhafic Scheidung und Zchaznna dessen, n-aS deS Staate« und der«irche ist! Freiheit der Meinungen, mit gcseztichcn Beschränkungen gegen den Mißbrauch', gleiches Recht der Eingeborncn zu allen Braden des Staalsdieiuies und zu allen Bezeichnungen des Verdienstes: gleiche Berusung zur Pflicht und zur Ehre der Waffen; Gleichheit der Gcscze und vor dem Gcsezc; Unpartcilichleit und tlnauk- halldarkeit der Rechtspflege! Gleichheit der Belegung und der Pstiämglcit ihrer Leistungen i Ordnung durch alle Teile des Staatshaushaltes, rechtlicher Schuz des Staats- lrcdit». und gesicherte Vcrivendung der dasiir bestimmten Mittel; Wiederbelebung der Gcmeindclörpcr durch die Wiedergabe der Vcrivaltung der ihr Wohl zunächst berühren- den Angelegenheiten: eine Standschast— hervorgehend au» alle» Llassen der iin Staate ansässige» Staatsbürger— mit den Rechte» des Beirat», der Zustimmung, der Willigung, der Wunsche und der Bcschiverdefuhrung wegen vcriczter vcrsaffungsmaßtger Rechte,— beruhen, um in öffentlichen Versammlungen die Weisheit der Beratung zu verstärke», ohne die Sraft der Regierung zu schwächen! endlich eine Bewähr, sichernd gegen will- füclichen Wechsel, aber nicht hindernd das Fortschreiten zum Besseren nach angewandte» Erfahrungen."— Für eine im Jahre 1818 gegebene Versassung«var da» garnicht übel. Kolberg. Alter Mcnschcnlcniicr. Sie sind der Ansicht, die Menschen wären i« schlecht und dumm, daß sie allesammt das bischen Blück und politische Freiheit, welche« sie hier auf Erden genössen, noch lange nicht verdienten..Tiese» ewige Bcwtnsel und Gcnörgcl Uber Armut und Rot, politische Abhängigkeit und sonstige» Ungemach" kommt Ihnen nur.lächerlich und unverschämt" vor. wenn das.Menschcngcfindel nicht selbst so elend, so gedankensaul und so träge im Schaffen und Handeln" wäre, dann wäre die Welt längst anders. Run— abgesehen von der etwas sehr krästigen Ausdruck«- weise, habe»«sie nicht so ganz unrecht ivenigstens i soweit Sie aber tun. als wenn die Menschen im Grunde doch dem Himmel nur dankbar sein können, daß es ihnen nicht schon viel schlechter geht, als es der Fall ist. so erinnert Ihre Geniigsamkeit uns doch gar zu sehr an die ebenso wahre als rührende Bescheidenheit jene» Lirchenlicdcrdichtcr«, der da sang: Ich bin ein echtes Rabenaas, Ein wahrer Sündcnkrüppcl. Ter alle Sünden in sich sraß, Als wie ein Raff' die Zwibbcl. Herr Jesu, nimm mich Hund beim Ohr, Wirf mir den Gnadentnochen vor Und schmeiß mich Sündenlümmel In deinen Gnadeuhiinnicl. UZWMWMMÄMWWM Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgan.(Neue Weinsteige 23.)- Expedition: Ludwigstraße 26 in Stuttgart. Druck und Verlag von I. H. W. Dietz in Stuttgart.