1 Illnstrirtes Unterhaltungeblatt für dar Äolk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 50 Pfennig.- In Heften k 35 Pfennig. Zu beziehen durch alle Viichliandlungen und Postämter. Werschl'ungene Levenswege. Roman von Kran; Karion. (4. Fortfezung.) Breisig erzählte: Er fei aus einein ein par Stunden von Ncnndors entfernten Dorfe und habe mit seinem Nachbar, der Pferd nnd Wagen habe, hierher in's Bad fahren wollen, wo derselbe vor einigen Wochen ein krankes Geschwisterkind in die Shir gebracht. Als sie beim Wirtshaus ihres heimatlichen Dorfes voriibergewollt, hätte da ein prächtiger Reisewagen gestanden, an dem ei» Rad gefehlt. Sein Nachbar sei viel zn neugierig gewesen, die vor nehmen Leute, die in solchen schönen Rcisewagcn fahren können. von Angesicht zu Angesicht zu sehen, und habe ihn aufgefordert, n>it ihm in die Gaststube einzutreten, wohin sich die fremde Henschaft vor den Gaffcni vor'm Hause zurückgezogen hatte. ünd da, erzälte Breisig weiter, habe die Dame so leibhaftig, fvie sie auf dem Dosenbilde gemalt sei, bei einem schlanken, iungen Herrn gesessen, der vergoldetes Har gehabt, wenigstens habe es im dnrch's Fenster fallenden Sonnenschein so ausgesehen, im Schatten sei es nur gelb mit einem Seidenglanze gewesen. „Ten Namen dieses goldharigen Herrn hat er nicht nennen hören?" fragte der Doktor nnd die ihn Umstehenden bemerkten als ein Zeichen seiner großen Erregung ein Zittern seine hagere Gestalt durchschleichen. „O doch... nnd das ging komisch genug zn", antwortete der Gefragte.„Beim Besichtigen des schönen Wagens trat auch der kleine rotjäckige Bediente des Fremden in unsere Nähe, auch der Büttel-Claus, der die Polizei in unserem Dorfe vorstellt, kam an uns heran. Möchte wissen, wie der vornehme, junge Herr heißt, dem der schöne Wagen gehört, äußerte mein neu- gieriger Nachbar. Das hatte der Büttel-Claus gehört und meinte feixend: Zahlt der Heinzler-Bauer einen Halbbittern? Ich versteh's Englische, war ja bei den Wellingtoncm... ich frage die Rotjacke da.— Sollst zwei Halbbittere haben... frage!— Das war ein kluger Gedanke vom Büttel- Claus; die Rotjacke, ein Bursche von sechzehn oder siebzehn Jahren, der kein Wort deutsch verstand und sich wie ein Schneekönig freute, daß ihn eine Menschenseele in seiner Muttersprache anredete, berichtete mehr, als er gefragt wurde. Der junge Herr heiße Sir Richard Clinton und wolle mit der Madame heute Nach- mittag in einem für sie in Hamburg bereitliegenden Schiffe nach London abfahre». „Was die reichen Leute mit ihrem Gelde doch alles machen können!" sagte einer der Zuhörer. Doktor Philipp stand ohne Bewegung wie eingewurzelt im Boden, sein Gesicht sah so fahl aus, als hätte der Tod ihm die LtnochenHaiid an's Herz gelegt, nnd alles Blut in seinen Adern sei zum Stillstand gekommen. „Seht nur, wie der Herr aussieht!" flüsterten die Leute erschrocken einander zu.„Just, als ivollte er auf der Stelle sterben," bemerkte einer unter ihnen. Daß es aber noch lange nicht so weit n.it dem Sterben sei, davon gab Doktor Philipp sofort ein sehr glaubwürdiges Zeichen, indem er einen Laut ausstieß, so grell, als empfinde er einen entsczlichen Schmerz in der Brust. Seine lange Gestalt streckte sich aufwärts, seine Arme fuhren wie drohend gegen den Himmel empor, und dann schweiften seine Blicke im Kreise umher, als suche er Hilfe bei den ihm fremden Leuten.„Steht mir bei, Männer, steht mir bei," schrie er.„Ich muß ihnen nach, sie einholen! Die wir hier in diesem Tümpel gesucht haben... die, welche das Brustbild hier vorstellt, dessen lebendes Original dieser Mann in Gesellschaft des Engländers gesehen hat, ist mein Weib, das mich und ihr Kind schändlich verlassen hat... O welcher abscheuliche Betrug!" Er schlug die Hände vor die Stirn nnd verharrte eine Weile lang in dieser Stellung des unseligsten Denkens an das an ihm begangene und ihn um seine Seeleuruhe bringende Verbrechen, dann erst stieg ein Gedanke in seinem Hirn auf, dem er sofort einen Ausdruck lieh.„Ist es möglich, daß ich hier in Nenndorf eine Fahrgelegenheit finde, mittels deren ich sie einholen könnte?" fragte er. „O gewiß Herr, unser Posthaltcr, Herr Brendcmaun, hat ein großes Fuhrgeschäft. Er ist der Schwiegervater unseres Herrn Badearztes, Doktor Schellen Die Badegäste bringen unserem Pvsthalter ein schönes Geld ein. Er läßt keinen Vcr- dienst von der Hand und ist einmal Not nni Kutscher, sezt er sich selbst auf den Bock. Bis Hamburg hin kennt ihn jede �*0. Stuttgart, 29.«ftil 1992. Menschenseele, nnd das ist'was wert für Reisende, die rasch an Ort nnd Stelle sein wallen." Einen besseren Bescheid hätte Doktor Philipp nicht hoffen dürfen nnd eben so wenig eine schnellere Abmachung des Ge- schäfts mit dem Posch alter, wobei dessen Schwiegersohn, der Badearzt, ein sehr lebhaftes Interesse für seinen Kollegen ge- äußert hatte. Ehe noch eine Stunde verflossen war, rollte ein von kräftigen, flüchtig auftretenden Senner Pferden gezogener leichter Wagen, in dem Doktor Philipp sich befand, aus Renn- dorf. Für die Badcgesellschast konnte es keine interessantere Metamorphose dieses Liebesromanes geben, als die eben be- ginnende Verfolgung des flüchtigen Pares. Einen solchen Uni- schwung des Ereignisses von heute Morgen hatte niemand geahnt, man hatte sich mit der Gewißheit der Annahme vertraut gemacht, daß Frau Lncie in dem schlammigen Dümpel gefunden werden würde, was sicher ein höchst trauriger Abschluß gewesen wäre. Jezt freilich stand die Sache ganz anders, jczt hing natürlich alles davon ab, ob Doktor Philipp sein treuloses Weib und dessen Entführer rechtzeitig ereilen werde oder nicht. Wie die Pferde gingen, das war ja gerade wie mit Windes- flügeln gewesen, immerfort im Sturm! Eine volle Glockenstunde kamen sie in Hamburg zu früh an. Ter„Simsvn" lag aller- Vings zur Abfahrt bereit; aber das hatte noch Zeit. Doktor- Philipp nnd der Posthalter waren an den Hafen gegangen, sich das Schiff anzusehen. „Ein prächtiger Bursche, der Simson, wie es nicht viele bessere gicbt," sagte der Hafenpolizei-Jnspektor, ein Bekannter des Posthalters.„Ich hoffe nicht, daß ihr mit wollt, Brendemann?" „Ich? fällt mir nicht ein. Was sollte ich bei den Eng- ländeni drüben? Sind überhaupt nicht mein Schlag Leute... großbrodige Gesellschaft," entgegnete der Gefragte.„Nein, hier den Henri Doktor Philipp aus Hildesheim habe ich hergefahren." Während der eben Genannte voll Staunen die vielen Schisse betrachtete, deren Masten wie ein Wald aus dem Hafen empor- ragten, erzählte der Posthalter leise dem Hafenpolizei-Jnspektor, was seinen Fahrgast eigentlich hergeführt habe. „Hm, hat euer Hen Doktor jemand hier, der ihn kennt, für ihn bürgt?" war Jenes Frage. „Weiß ich nicht,'s kann wohl sein... werde ihn fragen." Der Posthalter fand es ganz in der Ordnung, daß er sich dieser Angelegenheit annähme, denn er betrachtete den in solchen üblen Handel schuldlos geratenen Doktor als einen ihm zur Obhut Uebergebenen. „Kenne den Herrn Senator Krelinger; sein jüngster Sohn, der Justus, ist noch im vorigen Jahre, ehe er nach Wien ging, Provisor in meiner Apoteke gewesen und sein Herr Papa einige- mal bei mir zu Besuch." „Und wenn man den Wolf nennt, kommt er gerannt," meinte der Polizei-Inspektor lachend.„Sehen sie sich mal um... nach rechts, Herr Doktor. Na, eins ist jezt schon richtig... der Englischman läuft schmachvoll ab." An der genauen Bekanntschaft zwischen dem Herrn Senator und Doktor Philipp war durchaus nicht zu zweifeln. Zwischen ihnen gab sich große Herzlichkeit kund und selbstverständlich er- fuhr der erstere die Ursache des Hierseins seines Hildesheimer- Bekannten. Ein Wink des hochgestellten Ratsherrn rief den Hafcnbeamten zu sich, und dieser empfing die nötige Ordre hinsichtlich der vorzunehmenden Verhinderung der Abreise Frau Luciens. Unter Vortritt eines Matrosen, der einen kleinen Koffer auf der Schulter trug, schritt der Kapitän des„Simson" auf sein Schiff. Ihm folgte Sir Richard Clinton, Frau Lucie am Arme führend. Plözlich legte sich eine schwere Hand auf die Schulter des jungen Engländers, und der Hasenpolizei-Inspektor sprach in englischer Sprache halblaut zu ihm:„Sir, Lady Lucie darf Ihnen nicht auf's Schiff folge», Sie haben kein Recht sie mit- zunehmen. Vermeiden Sie jeden Wider-stand, Sic sind hier auf deutschem Grund und Boden... es ist das Klügste, was Sie tun können." Für den hochblonden Sir war diese Ueberraschung so ge- waltig, daß er den Sprechenden mit weitgeöffiieten Augen anstarrte, er schien ihn gar nicht verstanden zu habe», indeß die Erklärung, wie diese Warnung zu nehmen sei, ließ nicht aus sich warten. Ter Anblick Luciens, deren Gesicht der Schreck bleich und regungslos gemacht hatte, überzeugte ihn, daß sein Entführnngspla» entdeckt sei. Neben ihr stand der von ihr ver- lassene Gatte.„Komm!" befahl er ihr mit gedämpfter Stimme� „Wenn noch ein Funke von Ehrgefühl in dir ist, gehorchst du schweigend. In diesem Falle schüze ich dich... bei Wider- sczlichkeit jedoch überlasse ich dich der Polizei. Sie führt dich in's Gewahrsam, nnd du wirst nicht nur hier zum Volksspvtt, sondern auch auf deinem Transport nach Hildesheim." „Und warum willst du so großmütig gegen mich sein?" fragte sie leise. „Weil du bis zur Scheidung meine Gattin bist." Ein sichtbares Zusammenfahren Luciens deutete an, daß sic jezt erst ihre entehrende Stellung begriff, sie blickte zu Boden. Ihre Leidenschaft zu Sir Richard hatte sie derart verblendet, daß sie nicht an die Biöglichkeit einer Entdeckung ihres Ver- brcchens an Gatten nnd Kind gedacht zu haben schien. Der Gedanke war ein verspäteter... ein sie niederschmetternder Bliz- strahl, der ihr auch den lezten Rest des Mutes nahm. „Ans Wiedersehen, Lady Lucie! Auf baldiges Wiedersehen!" rief Sir Richard Clinton, der unterdeß zu der Erkenntnis ge- kommen war, daß sein Spiel ein verlorenes sei und er seiner Familie, seines Namens wegen sich in das Unvermeidliche fügeu müsse. In wilder Hast stürmte er unaufgehalten dem Schiffe zu, auf dessen Deck die Ueberfahrenden sich zu sammeln begannen, um der Abfahrt des„Simson" beizuwohnen und mit ihren bis dahin am Strande weilenden Freunden und Bekannten Abschieds- grüße auszutauschen. „Das Geschäft ging glatt von statten, wie lange Zeit[eingegangen ist, gelt Herr Inspektor?" lachte einer der Polizei- Chargirten. � „Hm, der englische Windhund hat's beste Teil erwühlt,' lautete die Antwort.„Aber daß sich der Doktor freuen kann, sein entflogenes Vöglein wieder eingefangen zu haben, will mir nicht recht in den Kopf. Na, jeder muß wissen, was ihm an- genehm ist." »* ♦ Doktor Philipp hatte seine ungetreue Gattin nach Hildes- heim zurückgebracht und die Scheidung eingeleitet. Es war eint kurze, aber traurige Reise gewesen. Zwischen ihnen herrscht Schweigen, was in der Tat nicht anders sein konnte, denn i" ihren Gemütern war es ebenso düster wie in der Nachtstunde, als ihr Fuhrwerk vor der Apoteke hielt. Nur spärlicher Licht schein war in Frau Luciens bisherigem Wohnzimmer hinter den herabgelassenen Rouleaux zu bemerken, die übrigen Fenster de-' Hauses waren finster. Der Doktor hatte nicht nur die Ankunl im Nachtdunkel angeordnet, sondern auch den Empfang, wie stattfand. Die Amme nnd ein Stößer, der schon zu Lebzeiten des verstorbenen Herrn in seiner Funktion diente und im Vc>. laufe der Zeit schwerhörig geworden war, harrten ihrer. ÄR beide Personen war Verlaß, das wußte der Doktor und deshalb hatte er sie bestellt. Es wurde seinem Befehle gemäß kein Bc grüßungswort geäußert. Schweigend begaben sich der Toktc't und Frau Lucie in ihre Zimmer hinauf. Wie gebrochen sank der gleichsam ins Herz getroffene Man" in seinen Lehnsessel. Eve hatte die für ihn angezündete Lampe tief herunter schraubt, ihre Flamme brannte düster wie das erloschen wollende Licht in einem weiten nnd tiefen Keller. Sein Vorsichhinbrüte" stimmte genau mit diesem dürftigen Lichtschimmer übercin, st"| Denken war ein trauriges... er hatte den Glauben an da-- Gute und Edle im Menschcnherzcn verloren. Und ivas ist dau" das Menschenleben noch wert? Nichts, garuichts! Diese Antwort, die er sich selbst zu geben gezwungen sah, durchschauert' ihn wie Fieber. Ein wertloses Leben leben zu müssen, ist ci" cntsezlichcr Gedanke. Erst nach einer langen Weile durchzuckte ihn ein Gegendenkcn mit der erschütternden Wirkung eines Blizes. der ein tieses Dunkel zerreißt. Das Berlorensein geistiger Kraft wich von dem übermächtigen Aufschwünge, den ihm das Denke» an sein Kind, an sein Gretchen gab. Er brannte eine Kerze an und ging damit nach dem Zimmer, in welchem die Kleine unter Obhut der Amme schlief. Als er die nur angelehnte Türe öffnete, nachdem er das brennende Licht außen im Gange ans einen kleinen Tisch gestellt hatte, erkannte er sogleich, daß Evc noch bei Frau Lncie sein miisse, die nicht ganz zugemachte Türe verriet es ihm. Eine außerordentlich schwache Hellung von der Gegend des Ofens her, in dessen offener Röhre ein in einem Glase voll Wasser mit Ocl bren- »cndcs Nachtlichtchen schwamm, ließ ihn erkennen, daß das kleine Bett des Kindes neben dem noch unberührten der Wärterin ßand. Tiefer Friede waltete in dem Räume, die regelmäßigen Atemzüge Gretchens wurden ihm, so leise sie auch waren, hörbar. Gr trat geräuschlos näher, der weiche Teppich ließ seinen Tritt unwahrnehmbar bleiben... Gretchen schlummerte sanft, ihre kleinen Hände lagen übereinander auf ihrer leise sich hebenden Brust. Sein Vaterherz fühlte sich von diesem Anblicke heiligen Friedens tief ergriffen, er wendete sich zum Fortgehen, nachdem or mit der Hand über die Augen hinfuhr, als fühle er da etwas zu verwischen. Als er schon in sein Zimmer zurückgekehrt war, hörte er das Schlürfen der im Gange zu dem Kinde zurückkehrenden Amme. Er hatte den Lampendocht ein wenig in die Höhe ge- schraubt, das Düster erschien ihm unheimlich. Daß ihm kein Schlaf für den übrigen Teil der Nacht noch komnien Iverde, dessen glaubte er sich überzeugt... er hatte zu viel zu denken. machte ihm keine Freude, das treulose Weib, das sein häus- Jichcs Glück, seinen Frieden, seine Mannesehre so schamlos mit 6üßen getreten und zerstört hatte, der Schande und der Ver- urtcilung anHeim zu geben; aber er mußte, er fühlte sich dazu gkzwungen... man würbe ihn verachtet haben, hätte er anders gehandelt, er tvar es seinem ehrlichen Namen schuldig. Das Gerücht ihrer Flucht von Nenndorf und ihre Ergreifung in Hamburg konnte niclt Geheimnis bleiben, zu viele Mitwisser gob es, welche die Erzählung von diesen beiden Ereignissen weit und breit herumbrachten. Es war ja so angenehm, mit bei gleichen Abenteuern andere zu unterhalten und dabei zugleich fein eigenes Urteil mit unterzuschieben. Die Hochachtung, die man für Doktor Philipp hegte, würbe ffur dadurch erschüttert worden sein, wenn er brutal gegen fw Verfahren wäre, das aber blieb ihm fern, im Gegenteil beobachtete er eine Mäßigung in seinem gerechten Zorne gegen ük, die an seinem aufrichtigen Herzen, an seiner Mannesehre W abscheulich gefrevelt hatte, sodaß man ihn darum bewundectc und ihn desto höher schnzte..„( Der konsistoriale Prozeß wickelte sich ungemein schnell ab, wkil Frau Lucie demselben kein Hindernis bereitete, sie bekanntc jede sie treffende Beschuldigung als wahr, und als man ihr das �chlußerkenntnis verkündete, äußerte sie ihre Zustimmung mit den Worten:„Es ist gerecht... ich habe schwer an ihm ge- sündigt." Aber ihre Stimme wankte, wie gebrochen... der Eindruck, den sie dadurch auf die Hörer bewirkte, war e.n er- greifender. Doktor Philipp mußte, heftig davon berührt, da>.' Zimmer verlassen, die Herren vom Konsistorio beobachteten tiefen Schweigen. , Ehe noch eine Woche nach diesem Entscheidungstage abge- b'ufkn war. hielt an einem erst aus dem Dämmergrau ertvachenden Morgen ein Wagen vor der Apotekc. Das war nicht annallend. Jus den Dörfern der Umgegend kamen zuweilen in lmhefter Mvrgenstunde ländliche Fuhrwerke, wenn irgendwo eine plözliche Mwere Erkrankung in der Nacht Hülfe nötig machte. In der �kgel waren diese Wagen zur Abholung des Doktor Philipp bestimmt. Derjenige, welcher an diesem erst heraufdämmernden lungen vor der Apoteke hielt, tvar jedoch zu anderem Zweck bestimmt, der Doktor hatte ihn selbst bestellt. Er trat in das von seiner geschiedenen Gattin bewohnte Zimmer ein, welches, seitdem sie von Haneburg zurückgekehrt war, nur von der Amme betreten worden, die die Hilfeleistungen einer Dienerin bei ihr versah. War das Härte, daß der Doktor Frau Lucie von allem Verkehr mit der Außenwelt abgeschlossen hielt? Nein, er erzeigte ihr im Gegenteil eine Wohltat, er de- hütete sie vor dem Ausdruck der Verachtung und des Spottes, dem sie jedenfalls ausgesezt gewesen wäre, wenn sie öffentlich erschienen sein würde. So traurig diese Einzelhaft auch war, sie erlitt sie schweigend, sie wußte, warum er sie über sie vcr- hängt hatte. Der wortkarge Mann wollte sie schonen, ohne Dank von ihr zu verlangen. Jezt war diese Haftzeit bis zu den lezten Minuten ihrer Dauer gediehen. Sie stand im Reisemantel am Tische, auf welchem zwei Kerzen brannten. Ein schwarzer Schleier hing ihr vom Hut auf die linke Schulter herab. Ihr Gesicht war sehr bleich und Doktor Philipp bemerkte, daß sie unter der Herrschaft eines leisen Zittern stand. „Der Wagen ist da," sagte er halblaut. „Ich habe ihn anfahren hören." Doktor Philipp übersah nicht, daß ein Gedanke sie lebhaft beschäftigte, den auszusprechen ihr der Mut zu fehlen schien, er kam ihr zu Hilfe, um die große in ihren Zügen sich kundgebende Unruhe zu mindern.„Fehlt dir noch etwas?" fragte er. „Ja... ich wollte eine Bitte aussprechen," antwortete sie zögernd. „Welche?" „Ich möchte... von Gretchen Abschied nehmen." Eine kurze Pause folgte, dann entgegnete der Doktor hart: „Nein! Ein Weib, das Mann und Kind um eines schnöden Verbrechens willen verlassen konnte, hat jeden Anspruch auf Mit- leid verwirkt." Die Frau neigte das Haupt, sie antwortete nicht und schritt, von ihm gefolgt, aus dem Zimmer. Ohne seine Beihilfe eingestiegen, harrte sie seines Befehls an den Kutscher, fortzufahren. Statt desselben zog er einen ver- siegelten Brief ans seiner Rocktasche und ihr ihn auf den Schoß werfend, sagte er kurz:„Wirst es brauchen können." Unmittel- bar nach dieser Anweisung, warf er die Wagentüre ins Schloß und rief dem Kutscher„fort!" zu. Nach wenigen Minuten tvar der Wagen aus der Straße verschwunden und somit die Scheidung des Doktors eine fürs ganze Leben vollzogene Tatsache. 4.'N tntrieb e. Tatsachen, wie die oben geschilderte, lösen das lczte Band der Gemeinschaft zwischen Gatten, für beide beginnen neue Lebens- abschnitte; Doktor Philipp unterlag dem Eindruck einer solchen Veränderung, die in sein stilles, nachdenkliches Gemüt eine Tran- rigkeit einsenkte, welche er anfänglich kaum zu beherrschen ver- mochte. Nur angestrengte Tätigkeit half ihm den Kummer be- wältigen, der sich wie nie vergänglich in seine Seele eingenistet hatte. Er fühlte sich vereinsamt und lebte für sich auf seine Häus- lichkeit beschränkt. Allmälich gab es aber doch etwas, das eine freudige Stimmung in ihm wach rief... sein Gretchen, welches wie ein Blümchen aufschoß in kindlicher Lebensfrische.„Ihr Kind liebt mich," sprach er zuweilen zu sich, wenn die Kleine sich an seine Hand hing und in ihrer Kinderlust von ihm ver- langte, er solle mit ihr spielen. Das hätte er dem kleinen Dinge, das ihn mit so lieben, freundlichen Augen anschaute, unter keinen Umständen abschlagen können... es war ja einzig und allein an ihn gewiesen... die Mutter fehlte ihm ja. Und wenn er diesem Gedanken sich hingab, wurde es unruhig in seiner Seele, er machte sich Vorwürfe, daß er zu hart gegen Frau Lucie ge- wesen, als sie die Bitte aussprach, Abschied von ihrem Kinde nehmen zu dürfen. Wer kann, sprach er zu sich, die Mutter- liebe selbst einer Verbrecherin so hart strafen, daß er ihr den Abschied von ihrem Kinde verweigert'? Bei solcher Umtvandlung von Reue stieg dann noch ein anderer Vorwurf in ihm ach. Sie war jung und er noch einmal so alt als sie, er zog sie nicht an sich heran, sie befand sich neben ihm wie an der Seite eines stockfremdcn Menschen, von seinem gelehrten Denken ver- stand sie nichts, von Vergnügen war er kein Freund, er war ein einsamer Mensch,— das hatte sie von ihm abwendig gemacht, ihre Jugend, die so Bitteres schon erfahren, che sie die Seine wurde, suhlte den Schauer der Ocdc um sich. Nur in der Liebe zu ihrem ftinde konnte er, was er gefehlt, wieder gut machen, und er tat es nach besten Kräften. t!r hatte nicht unrecht, wenn er Grctchcn seinen Hausengel nannte. Sie war ein heiteres liebenswürdiges Kind, und der Umgang mit ihr schloß ihm das verdüsterte Herz immer weiter auf, er wurde für manches empfänglich, was ihn früher ganz kalt ge- lassen. Hildesheim hatte nicht zu Hannover gehört und deshalb war j es frei von den staatlichen Wirrnissen geblieben, die so viele jähre- lang über dies Land Unsegen zuwege brachten. Die englische Regierung hatte schon lange nach dem Fürstentume Hildesheim gestrebt, erst der wiener Kongreß(1814) erfüllte diesen Wunsch des stolzen, habsüchtigen Englands und schlug diesen Zuwachs zu dem vom Kurfürstentum zum Königreich erhobenen Hannover. Die Bevölkerung Hildesheims geriet darüber in keinen Glückselig- keitsrausch. Man kannte die Begehrlichkeit der englischen Krone aus den Beispielen im nachbarlich hannoverschen Lande, und es war nur folgerecht, daß die Hildesheimer als nunmehrige Hanno- vcraner dasselbe fürchteten. An wenig Gutem reich, aber über- reich an Verkehrtheiten bietet Hannovers Geschichte eine Samm- lung erheiternder Schilderungen, die ihren Eindruck sicher nie verfehlen. (Zortstjung folgt.) Der Unfug der Deposition und des Peni Ein Sittenbild aus dem l Während aber auf allen älteren europäischen Universitäten (Bologna, Salerno, Paris ic. rc.) eine Gleichheit in den Rechten aller der Nation Angehörigen bestand, herrschte in den Lands- Mannschaften des 16. und 17. Jahrhunders eine Rangordnung, welche den älteren Studenten eine gewisse Herrschaft über die jüngeren einräumte. Dieses Verhältnis der Aelteren zu den Jüngeren, sagt Keil in der Geschichte des jenaischen Studenten- lebens, hatte dadurch mißbräuchlich sich gebildet, daß die neu- ankommenden Studenten, welche nach den bestehenden Gesezcn ihre Aufseher haben sollten, in Ermangelnng hierzu geeigneter graduirtcr(mit einer akademischen Würde versehener) Personen ältere Kommilitonen sich zu solchen erwählten, oder auch diese von Universitätswegcn zugeteilt erhielten. Statt aber den ihnen ob- liegenden Jnspektur- und Lehrerpflichten nachzukommen, fingen die älteren Studenten gar bald an, sich als die unbeschränkten Herren, die ihnen empfohlenen jüngeren Kommilitonen als ihre Bedienten und Untergebenen zu betrachten und hiernach die lcztercn zu behandeln. Daß schon gegen Ende des 16. Jahrhunderts dieser Uebel- stand zu Tage getreten sein mag, läßt sich aus einer Verord- nung der Universität Rostock vom Jahre 1619 schließen, und in einem jcnaischen Programm vom Jahre 1661 heißt es:„als vor nunmehr 50 und mehr Jahren dieses schädliche Gift«.des Pcnnalismus) von benachbarten Orlen hierher gebracht worden w." Man belegte die Neulinge mit den verschiedensten Namen: Quasimodvgeniti, Neovisti, Rapschnäbel, Haushähne, Mutter- kälbcr und Säuglinge, Innocentes(Unschuldige), Hals-Papen, Beani, Bachanten, Spulwürmer, Pech, Feix, Oelberger, vor- ncmlich aber Pennälc, von welchem Spottnamen die ganze Ein- richtung mit dem Namen Pennalismus bezeichnet ward. Ueber die Entstehung des Namens Pennal, schreibt Schöttger in seiner Historie des Pcnnalwesens:„Ter gelehrte Rivinus meint, es wäre dasselbe pönalizein, einen sehr plagen. Allein diese Her- leitung ist allzugelehrt und hat weiter nichts für sich, als die Gleichheit des Wortes. Tie andere Meinung ist derjenigen, welche den Namen von dem Pennal oder Federbüchse herführen. Denn es hielten die Studenten vordem und noch heutigen Tages den Gebrauch, daß sie Feder und Tinte bei sich trugen und ihrer Professoren Worte fleißig nachschrieben, und wurden des- wegen mit diesem Namen lletitult. Es war also dieses anfäng- Uch fem Schimpf- sondern ein Ehrcntitul, dessen sich niemand zu schämen hatte, weil die Feder einem Studenten ebenso nötig, als einem Soldaten sein Gewehr. Es sind nachgehends etliche junge Herren auf Universitäten gekommen, welche aus dem Stu- diren nicht viel gemacht, sondern nur Pflaster treten gegangen und die anderen, welche so nicht mit gemacht verächtlich gehalten und also dem an sich guten Namen eine schinipfliche Bedeutung lllismus auf den deutschen Univerfltäteu. . Jahrhundert, Von A. M.(1. Fortsezung.) gegeben haben. Es bekräftiget dieselbe auch ein damals berühmter Jurist, Abdias Jonas von Kocher, der den Vers gemacht hat: A pemia pennale trabunt ignobile nomen. (Von der Feder leidet man den Schimpfnamen Pennal ab.) Wie im Altertum die Studenten zu Athen—(und wie wohl heute auf den Universitäten noch üblich)— auf Ncuankommcnde fahndeten, gerade so machten es die älteren Studenten in Bezug auf die Ankommenden damals:„Sobald man merkte," sagt Schöttgen a. a. O.,„daß ein neuer Pennal von der Schule, oder von einer freniden Universität, aus Frankreich, Holland, Dänemark u. s. w., wo dergleichen nicht war, ankam, reiseten ihm die alten Bengel entgegen und empfingen ihn mit vielen Höhnereien i das erste war ein Acceßschmaus, da der Pennal eingeweiht ward." Und weiter erzählt Magister Georg Schröder in seiner„Friedens- Posaune":„Wenn junge Leute auf Akademien kommen, kaum, daß sie einen Fuß ins Thor, oder Haus, oder Stadt gesetzet, so sind diese National-Brüder vorhanden. Wollen jene zum Magnifico und sich verpflichten, in billigen Sachen ihm zu ge- horsamen, so sagen sie:„Was Magnificus(Rektor)? Du Haft keinen freundlichen Mann an ihm, er wird dein nicht achten. Wir wollen Dir rathen, wie Tu Deine Sachen sollt ausstelle, daß Du uns Dein Leben lang sollt danke»; folge unserem Rathe mit gute, dem Du sonst mit Unmuthc mußt folgen; begicb Dich in die Nation, es gehet ein Jahr bald hin;" da sie doch hemach mit ihnen so umspringen, daß sie ihr Leben lang ihnen mögen fluchen. Hierzu brauchen sie sowohl List, als Gewalt.".... Von dem Augenblicke des Eintritts in die Nation beginnt nun für den Neuling aus 1 Jahr 6 Wochen, 6 Tage 6 Stunden und 6 Minuten(so lange dauerte die Pcnnalzeit) ein Leben der traurigsten Art; er unterwirft sich einer Behandlung, die alle Menschenwürde mit Füßen tritt, ihn zum Tiere erniedrigt, seine Gesundheit schädigt, seine Sittlichkeit vernichtet. Sein Geld, seine Bücher, seine von zuhause mitgebrachten guten Kleider mußte er den Schönsten ausliefern und erhielt dafür elende Lumpen, statt des Mantels einen elenden Fezen, den er am Arme tragen mußte, statt der Schuhe garstige Pantoffeln und einen alten durchlöcherten Hut. Wehe dem armen Pennale, der nicht willig den lezten Heller des von seinen Eltern oft sauer verdienten Geldes hergab! Das wurde von den Schönsten in Schmausereien verpraßt, zu denen die Pennälc aufwarten mußten. Einer jenaer Verordnung vom 11. März 1638 gegen dieses Unwesen, ent- nehmen wir folgendes:„In ihren Wohnungen werden sie(die Pennale) ausgesucht, bei den Schmausercicn zu erscheinen werden sie befehligt, bei denen auf das ärgste gepraßt, gezecht, gclärws und getobt wird. Dabei hat man die armen Jünglinge, au! deren Kosten gezecht wird, zum Besten, sie erhalten nicht nur bcibc Nasenstüber, ja Schlage nnd Ohrfeigen, es wird sogar aus Wurst, Brod, Salz, Ziegelmchl, Slot ein Gericht angefertigt und den Novizen in den Mund gestopft, so daß, wie es kürzlich vor- gekomme», das Blut aus dein Munde strömt...... Bücher und Schriften nehmen sie ihnen weg, mit Füßen und Sporen treten und zerfleischen sie dieselben. Diese Behandlung müssen dein N 0�"C �ulTen Mallen lassen und werden außerdem zu zu s Drechen gezwungen, zu allen späteren Diensten bereit niemals der Obrigkeit etwas zu hinterbringen....." %an'\ �"un die Partikular-Schoristereien anlangen tut," erzählt oder® 4) rüder in seiner„Friedens-Posaune,"„da zwei, drei "'�hr zu einem jungen Menschen des Morgens, Mittags, Abends und auch bei tiefer Nacht kommen, oder anders wohin, da es ihnen beliebt, fordern lassen, da muß er an Sausten und Fressen die Hülle und Fülle schaffen, und da er gleich alles tut, was er tun konnte, sich fast auf gleiche Art wie in den Kon- venten(allgemeinen Schmausereien) tribuliren und martern lassen.... Hiervon könnte ich nun umständlich Bericht tun, wie man hätte mit jungen Leuten hmisirct, mit(Mseni inS Gesicht geste'szcn, den Bart und Haar auf dem Haupt verderbet und geschändet, die Haut geschunden, und ungöttlich mit Fäusten Nasen und Mund beleidigt, und auf andere Art n»d Weise so zugerichtet, daß sie entweder ihre Gesundheit und Leben verloren, oder ihnen selbst Hand anzulegen oder den Studien zu valcdiciren sind bewogen..."— Manchmal kam es vor, daß sich der Neuling durch Zahlung einer größeren Geldsumme— für einige Zeit wenigstens— von derartiger Behandlung befreien konnte, oder daß er unter den Schönsten einen Beschiizer fand, der ihm durch- half. So erzählt Schuppius ini„wohlunterrichteten Studenten" aus seiner eigenen Pennalzcit, es wären solche„Pcnnalbnzer" zu ihm auf die Stube gekommen, eben da er in Cameraiii horis subseeiviis gelesen; da habe einer gesagt:„Sehet, was das für ein hoffärtiger Pennal ist, daß er als bald in den großen Büchern lesen will. Tu kleiner Pennal, verstehest Du, was Tu liesest?"„Ich," sagt Schuppius,„verstummte und machte eine tiefe Reverenz. Endlich kam einer zu mir und sagte mir in ein Ohr: Habt ihr Geld? Ich sagte: nein. Da antwortete er: So schickt den Camcrarium auf den Weinkeller und lasset ein paar Viertel Wein hohlen, ich will euch gnädig davon helsfen." — Das war ein glückliches Ungefähr in dem allgemeinen Gräul! Aus einer Schrift der Universität Gießen entnehmen wir noch folgendes:„Gelüstet einen solchen Maleferiatum und Pen- nal- Schinder etwas abschreiben zu lassen, so muß der Junior sich zu seinen Diensten gebrauchen lassen, hat er etwan etliche Gäste und Freunde bei sich, so muß der junge Mensch herbei und Aufwärter sein, hat er etwas zu bestellen, zu verrichten, oder auch wohl theils aus den umliegenden Torfschaftcn hohlen zu lassen, das junge Blut muß ihm zur Hand gehen und sein Diener, Bote und Bacillus sein, hat er Lust zu spatzieren, der Junior muß ihm Nachtreten und sein Trabant sein, ist er voll und toll, so darf der Novitius von ihm nicht weichen noch Wanken, sondern muß beständig bei ihm verbleiben...., ist er krank, die Juniores müssen per circulum(der Reihe nach) bei ihm aufwarten, daß er ja nie allein sei, ivill er eine Musik hören, und der Junior ist darinnen grübet, so muß er sich einstellen und ein Spielmann sein, und sollte es auch eine ganze Nacht wehren, fället ihm sonsten etwas für, so läßt er den neuen Ankömmling herzufordern und sollte er auch krank darnieder und im Bett liegen, wäre es auch schon zu Mitternacht, ninß er doch er- scheinen, balget oder raufet er sich, dieser muß ihm den Degen nachtragen...... hat er Lust sein boßhafftigcs Gemüth mit Schlagen zu crlustrircn, so muß nach seinem verfluchten und durchteufelten Muthwillen der Junior die Schläge und Backen- streiche aussaugen mit den allerschinipslichsten exagitationibus (wörtlichen Beleidigungen) vorlieb nehmen und sich wie den aller- geringsten Hunds- Buben traktiren lassen...... und welches noch mehr: wann solche Plag-Hanscn die allerunchrlichstcn Stücke mit solchen jungen Leuten angetrieben haben, so müssen sie ihnen ein perpetuum silentium(ewiges Stillschweigen) darüber geloben und dürsten keinem Menschen, auch nicht der Academischen Obrig- keit davon eröffnen, oder klagen, sonsten werden sie hieruächst nicht absvlvirt, noch zu Studenten gemacht, und für solchem terriculamento(Schreckbild) erzittern sie also, daß sie ihnen eher die allerärgste und unbilligste Schmach und Qual noch zehen mahl mehr anthun(testen, als daß sie etwas davon sollen offen bahren." Wie es zu damaliger Zeit bei den allgemeinen Schmausereicn und Zechgelagen der Rationen hergegangen, beschreibt uns der ehrliche Philander v. Sittewald i Mosch eroscb), der die Gräuel des dreißigjährigen Krieges nnd des Stndentenlebcns in Straß bürg selbst erfahren, in seinen satyrischen Geschichten folgender- maßen(Phil. v. Sittewald VI. Geschichte...Höllenkinder"): „Indessen ersähe ich ein großes Zimmer, ein Contubernium, Musarum Studiolum, Bierstube, Weinschenke, Hurenhauß In Wahrheit kann ich nicht eigentlich sagen, waß es gewesen, denn alle diese Tinge sähe ich darinnen. Es wimmelte voller Studenten, die voruembste saßen an einer Taffcl und soffen einander zu, daß sie die Augen verkehrten als gestochene Kälber.... Einer bracht dem andern eines zu aus einer Schüssel, aus einem Schuh; der eine fraß Gläser, der ander trank auß einem ver- deckten Geschirr, darin» allerhand Speisten waren. Einer gab dem andern die Hand, fragten sich unter einander nach ihren Namen und versprachen sich ewige Freunde nnd Brüder zu sein, mit angehenkter dieser gewöhnlichen Clausel:„Ich thne was dir lieb ist, ich meyde, was dir zuwider ist"; band je einer dem andern einen Nestel von seinen Ledderhoscn an des; andern zcr- fetztes Wammes... Der aber, dem ein anderer nicht Bescheyd thun wollte, stellte sich theils als unsinnig, nnd als ein Teuffel, sprang vor Zorn in alle Höhe nnd rauffte aus Begierte solchen Schimpf zu rechen sich die Haare miß, stießen einander die Gläser in das Gesichte, mit den Degen heraus; und anff die Haut, biß hie und da einer niderfiele und ligen blibe......" Andere waren da, die mußten ausswartcn, einschenken, Stein- knuppcn, haarropsfen außhalten, neben andern vielen caercmonicn, da die andern ausf diese saßen als Pferde oder Esel nnd eine Schüssel mit Wein ans ihnen außsoffen, etliche Bacchusliedlein dazu sangen, Bacchusmeßlasen: 0 vitrum gloriosum! Recipc mihi gratissimum!— Solche Ausfwartcr wurden von den an- deren genand Bacchanten, Pcnnäl.Hanßhanen.Spulwürme, Mutter- kälber, Säuglinge, quasimodogeuiti, Junge Herren; welchen sie endlich bey Beschließen selber Caeremonien und Gesängs das Haar abschoren, als den Nonnen, so Rrofess thun wollen: Daunen- hero diese Schönsten, Agirer, Pennalisirer heissen, die sich aber unter einander fröliche, freye, redliche, dapfere nnd hertzhastc Studenten tituliren. Andere sähe ich blintzelnd heraus schwärmen als ob es im finsteren were, trugen jeder einen blossen Degen in der Faust, hieben in die Steine, das; rs.sunckelte, schryen in die Lusft, daß es wehe in den Ohren thäte, stürmten mit Steinen, Brügeln und Knütteln nach dem Fenster, nnd:„Heraus; Pennal! herauß Feix! heraus; Bech! heraus; Oelberger!" Da es dann bald an ein reisten und schmcisscn, an ein rennen und lausten, an ein Hamen nnd stechen gienge, das; mir darob die Haare gen Berg stunden. Andere soffen einander zu aufs Stuhl und Bänken, auf Tisch nnd Boden, durch den Arm, ein Bein, den Kopff under sich, hinder sich und für sich. Andere lagen auff dem Boden nnd liessen sich einschütten als durch einen Trächter. Bald ging es über Thür nnd Offen, über Trinkgeschirr und Becher, und mit denselben zum Fenster hinaus;, mit solcher Unsinnigkeit, das; mir grausete. Andere lagen da speyeten und kotzten als die Hunde ic.:c." Welch traurigen Einfluß der dreißigjährige Krieg auf die Wissenschaften und deren Pflanzstätten, die deutschen Universitäten ausübte, ist bekannt. Dieselben venvilderten nnd verödeten, sie glichen oft mehr einem Kriegslager, als einer Hochschule, Pro- fessorcn nnd Studenten nahmen selbst Kriegsdienste; militärische Gewohnheiten, Zügellosigkeit nnd Roheit rissen überall ein. Dies zeigte sich auch in der Kleidung der Schoristen— denn der Pennal durfte sich, wie wir oben sahen, blos in den schlechtesten Lumpen zeigen—, die nach damaliger Mode echt soldatisch war. Troz der ausdrücklichsten Verbote gegen das Waffentragcn(die schon auf der Pariser Universität bestanden), führten sie einen Degen an der Seite, Feder auf dem Hute, Stiefeln und Sporen, Kragen, Schärpen und Koller; in der Hand trugen sie Stäbe nnd Spizhämmer, hinter den Ohren einen gekräuselten Zopf, am Leibe ein geschliztes Wamms. Es war natürlich, das; die den übermütigen Schoristen an und für sich innewohnende Rauflust durch das Beispiel, welches der Krieg bot, und durch die Ohnmacht der akademischen Bc- Hörden immer mehr Nahrung erhielt. Zwischen den Schoristen nnd den Soldaten der Besaznngen sowie den Sicherheitswächtern waren Händel und Raufereien, nachts sogar förmliche Kämpfe nichts Seltenes, selbst noch lange nach dem llvjährigen Kriege. So sieht sich im Jahre 1670 der Rektor'der Wittenberger Uni- vcrsität genötigt, ein Mandat gegen die nächtlichen Unruhen und Aufläufe, sowie die Angriffe auf die Besazung zu erlassen und die Teilnehmer mit dauernder Relegation(Entfernung) zu bc- drohen. 396 Welche Dimensionen die studentischen Tumulte annahmen und durch welche Ursachen sie herbeigeführt wurden, zeigt uns eine am 2. Febr. 1644 in Jena ausgekrochener Aufstand, den wir nach Kcil's Geschichte des jenaischen Universitätslebens mitteilen: „Zwei neuangekomniene Studenten, Lorenz Niske aus Leipzig, und Christoph Rose aus Rudolstadt, tapfere Fechter, hatten auf ihre Kraft sich stützend, eine Anzahl andere Pennale vermocht, Degen und Büchsen zu tragen, überhaupt der Schoristerei sich nicht mehr in bisheriger Weise zu fügen. Infolge dessen er- schien am 31. Januar 1644 am sogenannten schwarzen Bret ein gegen die Genannten gerichtetes Pasquill mit der Unter- schrift:„Studiosi Jenenses". Am folgenden Tage hielten die Schönsten auf dem Burgkcller eine Versammlung, zu welcher sie auch die Pennale bcschieden hatten. Bei dieser Gelegenheit kam es zwischen genannten Niske und zwei andern Studenten, namens Schubart und Nagel zu heftigem Streite, an welchem sich die Schönsten zu Gunsten der letzteren betheiligten. Niske flüchtete in das fürstliche Schloß zu dem dort wohnenden Amtmann. Die übrigen Studenten, welche sofort Straßen und Plätze mit Ge- schrei und Lärmen bewaffnet besetzt hatten, verfolgte» den Eni- flohenen, rückten in den Schloßhof, begehrten die Herausgabe des Niske, und warfen, als derselbe nicht erschien, dem Amt- mann die Fenster ein, auch fielen einige Schüsse in das Schloß. Herzog Wilhelm IV. von Weimar sandte zur Dämpfung dieses Tumults schon am 2. Febr. seinen Land- Rittmeister Christian Cngcl mit Reiterei und zwei Stück Geschüzen nach Jena, wohin auch einige hundert Mann Landvolk aufgeboten wurden. Er selbst begab sich am folgenden Tage in eigener Person nach Jena, besetzte den Markt und die Straßen, ließ die Studenten durch Trommelschlag ins Collegium fordern, und redete sie daselbst mit harten Worten an, ließ auch sofort eine Untersuchung ein- leiten, infolge derer fünf der Gravirtesten gefangen nach Weimar geführt wurden, während zwei andere Studenten am 5. Febr. durch die Reiter Spießruthcn laufen mußten. Im Jahre 1630 wird von einem Tumulte in Jena erzählt, bei welchem von den Studenten der Bnrgkeller gestürmt und ein Spiclmann erstochen ward. Bedeutender aber war ein Auf- stand im Jahre 1660, dessen die aufgebotene Bürgerwehr, an 400 Mann stark, nicht Herr werden konnte, so daß endlich, nach- dem bei einem Zusammenstoße 4 Studenten erschossen worden waren, von Weimar aus eine Militärmacht von 2000 Mann Reiter und Fußvolk entsendet werden mußte. iSchluß solgt.) Eine Säkular- Erinnerung an Schiller. Bon Dr. A. Israel. (1. Fortsezung.) Doch daran mag nun wahr sein was wolle, gegenwärtiger Almanach ist immerhin nicht der schlechteste in Deutschland. Mir sind schon Kameraden von ihm zu Gesicht gekommen, die nur die Namen großer Dichter bei sich führten, unfruchtbar und arm, wie sie etwa auf ihren Grabmälern stehen dürften. Wenn also ein Musenalmanach der Maßstab der Provinzial- kultur ist, so mag Schwaben sich immerhin getrost an die Sachsen und Rheinländer anreihen— aber der Heerführer der schwäbi- scheu Musen, Herr Stäudlin, gürtet sein Schwert um, dem ganzen unschwäbischen Deutschland ei» Gencraltrcssen zu liefern, und dieses soll kein Haar weniger als das Genie der Provinz entscheiden. Audaces fortuna juvat!(frei übersezt: den Tapferen lächelt das Glück.) Mag sich der Ausländer verschanzen, so gut er kann— heißkvpfige Nordländer sind gefährliche Leute. — Es beliebt dem Herausgeber, seine eigene heroische Person einem Gärtner zu vergleichen, der einen Versuch in seinem nordischen Klima wagt, ob die herrliche Pflanze des Genius nicht auch hier gedeihe? Wahr ist's, viel tut hiebe! die Milde der Zone— viel, sehr viel Begießen und Sonnen; viel ein wohl angebrachter Schnitt.— Aber der Gärtner muß die Ananas von keinem— Holzapfelkern ertvarten!" Nun folgen einige kurze kritische Bemerkungen über die ein- zelnen Autoren des Almanachs; sodann fährt die Rezension fort:„Dem Almanach ist ein Titelkupfer vorgesezt! es stellt den Aufgang der Sonne überm Schwabenland vor. Poz! was wir Zeitgenossen des 178stcn Jahrzehntes nicht er- leben! Der Stäudlin'sche Almanach die Epoche des Vaterlands! Wenn diese Erscheinung nicht zum Unstern ein Nordlicht ist, das, wie die Wetterverständigen behaupten, Kälte prophezeiht— so sehe doch der Epochemachcr zu, daß ihr roter, feuriger Morgen strahl ihm die Augen nicht verblenden und er— in der Fin- fferniß taumelnd— an den Schwcrtspizen der Kritik sich spieße." Noch schlimmer kommt der Almanach weg in einem „die Rache der Musen" betitelte» Gedicht, das mit der be- zeichnenden Strophe schließt: Die Göttin abortirt hernach; Kam'raus ein neuer Almanach. Dasselbe findet sich in der Antologie auf das Jahr 1782. Schiller faßte nämlich den Gedanken, selbst einen poetischen Almanach herauszugeben. Er durchstöberte den Vorrat von Gedichten, welche sich allmälich in seinem Schreibpulte— vor- ausgesczt, daß er ein solches besaß— aufgehäuft hatte und bot auch die Kontingente seiner dichtenden und reimenden Freunde auf. Scharfsenstcin, Petersen, Hang, Hoven, vielleicht auch ein Graf Zuccato, ein F. F. Pfeiffer, waren als akademische Ge- uossen seiner Trommel gefolgt. So entstand die„Antologie auf das Jahr 1782", welche, da der Verfasser der Räuber keinen Verleger fand, wie für die Räuber, auf eigene Rechnung zwar nicht wie das Titelblatt besagte,„in der Buchdruckcrei zu Tobolsko" aber bei I. B. Mczlcr in Stuttgart gedruckt wurde, wodurch der Passivstand seiner Finanzen nicht nnbe- deutend vermehrt wurde. Stäudlin hatte für seinen Musen- almanach einen Louisd'or pro Bogen bekommen. Schiller's Fahne, sagt General Scharffenstein im Morgenblatt 1837, hatte etwas Unheimliches, Energisches, das sentimentale, weichherzige, poetische Rekruten eher abschreckte, als anzog und der junge Dichter fand darum auch wenig Anhang. In der Tat unheimlich genug. Die neue Blumenlese war, allerdings nicht sehr geschmackvoll, vom Herausgeber dem Tod gewidmet.„Zueignung an meinen Prinzipal, als einem Jünger Aeskulaps, den Tod" ist sie über- schrieben und der Eingang lautet: Großmächligster Herr alles Fleische?, Allezeit Verminderer deS Reichs, Unergründlicher Nimmersatt in der ganzen Natur! Mit untertänigstem Hautschauern unterfange ich mich, deiner gefräßigen Majestät klappernde Phalanges zu küssen, und dieses Büchlein vor deinem dünen Calcaneus in Demut niederzulegen. Meine Vorgänger haben immer die Weise gehabt, ihre Sächlein und Päcklcin dir gleichsam recht vorsäzlich zum Aerger, hart an deiner Nase vorbei, ins Archiv der Ewigkeit transportiren zu laffeu, und nicht gedacht, daß sie dir eben dadurch um so mehr das Maul darnach wässern machten; denn auch an dir wird das Sprüchwort nicht zum Lügner:„Gestohlen Brod schmeckt gut." Nein, dediciren will ich dir's lieber, so bin ich doch ge- wiß, daß du's weit weglegen werdest.— Doch Spaß bei Seite! — Ich denke, wir zwei kennen uns genauer, denn nur vom Hörensagen. Einverleibt dem Aeskulap'schen Orden, dem Erst- geborenen aus der Büchse der Pandvra, der so alt ist als der Sündcnfall, bin ich gestanden an deinem Altare, habe, wie der Sohn Hamilkars den sieben Hügeln, geschworen unsterbliche Fehde deiner Erbfeindin Natur, sie zu belagern mit einer Medikamenteicheereskrast, eine Wagenburg zu schlagen u. s. m." In diesem Tone geht es fort. Ter Widmung folgt ein nicht minder schwülstiges Lorwort, datirt ans Tobolsk den 2. Febr. „Tum primnm radiis gelidi incaluere Tnones." Blumen in Sibirien? Dahinter steckt eine Schelmerei, oder die Sonne muß Front gegen Mitternacht machen.— Und doch— wenn Ihr Euch ans den Kopf stelltet! Es ist nicht anders,— wir haben lange genug Zobel gefangen, laßt's uns einmal auch mit Blumen versuchen. Sind nicht schon Europäer genug zu uns Stiefsöhnen der Sonne gekommen und durch nnsern hundert- jährigen Schnee gewatet, irgend ein bescheidenes Blümchen zu pflücken? Schande nnsern Ahnen— wir wollen sie selbst sam mein und einen ganzen Korb voll nach Europa frankiren.— Zertretet sie nicht, ihr Söhne des mildern Himmels. Aber im Ernst zu reden— das eiserne Gewicht des Vorurteils, das schwer über dem Norden brütet, von der Stelle zu räumen, fordert einen stärkern Hebel, als den Entusiasmns einiger wenigen, und auch ein festeres Hhpomvchlion�) als die Schultern von zwei oder drei Patrioten. Tod), wenn schon auch diese Antolvgie Euch leckerhaste Europäer so wenig als— wenn ich den Fall seze— unser Musenalmanach, den wir— wenn ich den Fall sezen wollte,— hätten können geschrieben haben, mit uns Schneemännern ver söhnen wird, so bleibt ihr doch wenigstens das Verdienst, Hand in Hand mit ihren Kameradinnen im weit entlegenen Deutschland dem ausröchelnden Geschmacke den Genickfang geben zu Helsen, wie wir Tobolskianer zu sprechen belieben. Wenn Eure Homere im Schlafe reden, und Eure Herkules Mücken mit ihren Keulen erschlagen— wenn Jeder, der seinen bezahlten Schmerz in Leichen Alexandriner anszutropfen ver- steht, das für eine Lokation auf den Helikon auslegt, wird man uns Nordländern verdenken, mitunter auch in den Leier- klang der Musen zu klimpern?— Eure Matadore wolle» Silbergcld gemünzt haben;— und zu Tobolsk»verde» die Falschmünzer aufgefangen. Zwar wöget ihr oft auch bei uns Papiergeld statt russischer Rubel finden; aber der Krieg und teure Zeit entschuldigen Alles. So gehe denn hin, sibirische Antolvgie!— Gehe— du wirst manchen Süssting beseeligen, wirst von ihm ans den Nacht- lisch seiner Herzeinzigen gelegt»verdcit, und zum Tank ihre alabasterne Lilienschneehand(!) seinem zärtlichen Kuß verraten.— Gehe— du wirst in den Assembleen und Stadt- Visiten manchen gähnenden Schlund der Langelveile ausfüllen und vielleicht eine Circassienne ablösen, die sich im Plazrcgeii der Lästerung müde gestanden hat.— Gehe— du wirst die Küche mancher Kritiker beraten; sie»Verden dein Lidst fliehen und sich llleich den Käuzlein in deinen Sdjatten zurückziehen.— Hu! hu! hu!— Schon höre ich das ohrzersezende Geheul im un wirtbare» Forste und hülle»nich angstvoll in meinen Zobel." Tie Antolvgie darf für die Sammlung der jugendlichen Lyrik Tchillcrs angesehen»verden; denn es ist festgestellt, daß»veit- aus die Mehrzahl dieser Gedichte von ihm herrührt, obgleich er später nur eine kleine Minderzahl derselben der Aufnahme >» seine Gedichtsammlung Iviirdigte. Tics konnte bei seinen geläuterten Schönheitsbegrifsen nicht anders sein, da das Gold der Poesie i» der Antolvgie mit den Schlacken kraftgenialischen kleberschivangs nock) allznstark behaftet ist und nickst selten die Grenzlinie berührt oder überschritten ist, Ivo die Poesie aufhört und die patologische Rhetorik, ja der physiologische Cynisnius anfängt. Tie Antologie enthält alle Flammengeburten seiner glühenden Seele, aber troz ihrer kraftstrozenden Wildheit fehlt � nicht an echt Schiller'schen Wendungen, an reinen Klängen voll Zartheit. Innigkeit und Wohllaut, und die Mannigfaltigkeit �cr Tonarten,»velche seine Leier anzuschlagen»veiß, lassen den länger nicht verkennen, der den Kuß der Muse empfangen hat und von dem seine eigenen Worte gelten: Wie mit dem Stab des Götterbote», Beherrscht er das belvegte Herz! Er taucht eS in das Reich der Toten, Er hebt es staunend himmelioäits. *) Stii�puutt des Hebels. Wie schon bemerkt, hat Schiller viele Gedichte der Antologie in seine spätere Gedichtsammlung nicht aufgenommen. Andere hat er zwar aufgenommen, aber gekürzt oder uingeändert. Als eine Probe der lezteren sei das Gedicht: An einen Moralisten angeführt. In der kritischen Ausgabe ist dasselbe auf 6 Strophen eingeschrumpft. Iii der Antologie lautet es»vie folgt: Beklagter Renegat der lächelnden Dirne!- s Du lehrst, daß Lieben Tändeln sei, Blickst von des Alters Winterwolkentrone lind schmälest auf den goldnen Mai. Erkennt Natur auch Schreibepultgeseze? Für eine warme Welt— taugt ein ersrorner Sin»? Die Armut ist, nach dem Aefop, der Schäze Verdächtige Verächterin. Einst, als du noch das Nlimphenbolk belriegtest, Ein Fürst des Karnevals den deutschen Wirbel flogst Ein Himmelreich in beiden Armen»viegtcst,. lind Nektnrdnst von Mädchenlippen zogst; .Ha Seladou!»venu damals aus den Achsen welvichen ivär' so Erd' als Sonnenball: Im Wirbelschwung mit Julien verwachsen, Du hättest überhört den Fall. llicd»venn,»cach manchen sehlgesprengten Minen, Ihr eig'neS Blut, von»vilder Lust geglüht, Die stolze Tugend deiner Schönen Zulezt an deine Brust verriet? Wie? oder»venu romantisch im Gehölze Ein leiser Laut zu deinen Ohren drang, llnd in der Wellen silbernem Gctvälze Ein Mädchen Sammetglieder schivang? Wie schlug dein Herz!»vie stürmete,»vie kochte Aufrührerisch das scharfgejagte Blut! Zuckt' jede Sehn'— und jeder Muskel pochte Wollüstig in die Flut! Wenn dann, gelvahr des Diebs, der sie belauschte, Purpurisch angehaucht von jüngferlicher Scham, Jn's blaue Bett die Schöne niederrauschte, llnd'Hintennach»nein strenger Zeno— schwamm. Ja hintennach— und sei's auch nur zu baden! Mit Stock und Kamisol und Strumpf! Leist flöteten die lüsternen Najaden Der Grazien Triumph! O denk zurück nach deinen Rosentagen, llnd lerne: die Philosophie Schlägt um,»vie unsere Pulse anders schlagen; Zu Göttern schaffst du Menschen nie. Wohl!»venn in's Eis des klügelnden Verstandes Das Ivarme Blut ein bischen»nunt'rer springt! Laß den Belvohnern eines besseren Landes Was ewig nie dem Erdensohn gelingt. Zwingt doch der tierische Gefährte Ten gottgebor'ncn Geist in Sklaveninauern ein— Er wehrt mir, daß ich Engel»verde; Ich»vill ihm folgen, Mensch zu sein. Die gesunde Sinnlichkeit,»velche bei allen geistig bedeuteilden Menschen stark ausgeprägt zu sein pflegt,— denn wie Schiller selbst in der Antologie sich ausdrückt: Aus eben diesem Schöpierfluß, Woraus»vir Menschen fprudeln, Quillt Götterkraft und Genius. Rur leere Pfeifen dudeln— macht hier ihrer Indignation Luft gegen jene Astermoral,»velche dein holdesten aller Götter, deni Gölte der Liebe, Eros, den Krieg erklärt, und die in» mittelalterlichen Christentum zu jener Berirrung ausartete, welche das Fleisck) als teuflisch verschrie und die Kreuzigung des Fleisches als Verdienst verherrlichte. Daß indes Schiller nicht der Lüsternheit das Wort reden wollte, ») Bellas. - 398 zeigt das Gedicht Kastraten und Männer, welches in ge- knrzter Form in die Gedichtsammlung überging unter der lieber- schrift: MänneNviirde. Tas bürger'sche Thema: Wem Wollust nie den Nacken bog lind der Gesundheit Mark entsog, Dem steht das Heldenwort wohl an, Das Heldenwort: ich bin ein Manu! lvird darin mit einer Derbheit ohne gleichen geschichtlich und physiologisch durchgeführt. Eines der besten Gedichte der Antologie ist:„Rousseau", von dem nur zwei Strophen in die Werke übergingen: eine grimmbittere Verklärung des Freiheitsmärtyrers und eine Ver- iviinschnng seiner Feinde. Einige Strophen davon seien hier lviedergegeben: Monument von unsrer Zeiten Schande, Elv'ge Schandschrift deinem Mutterlaudc, Nousseau's Grab, gegrüßet seyst du mir! Fried' und Ruh' den Trümmern deines Lebens! Fried' und Ruhe suchtest du vergebens, Fried' und Rühe fand'st du hier! Wann wird doch die alte Wunde narben? Einst war's finster— und die Weisen starben, Nun ist's lichter— und der Weise stirbt. SokrateS ging unter durch Sophisten, Rousseau leidet— Rousseau fällt durch Christen, Rousseau— der aus Christen Menschen wirbt. Mag es, Rousseau! mag das Ungeheuer, Vorurteil, ein türmendes Gemäuer Gegen kühne Reformanten stehn; Nacht und Dummheit boshaft sich versammeln, Deinem Licht die Pfade zu verrammeln, Himmelstürmcnd dir entgegcngehn; Mag die hundertrachige Hyäne, Eigennuz, die gelben Zackenzähne Hungerglühend in die Armut hau'n, Erzumpanzert gegen Waisenträne, Turmnmrammelt gegen Janunertöne Goldne Schlösser ans Ruinen bau'». Geh', du Opfer dieses Drillingsdrachen, Hüpfe freudig in den Todesnachcn, Großer Dulder! frank und frei. Geh', erzähl' dort in der Geister Kreise Diesen Traum vom Krieg der Frosch' und Mäuse, Dieses Lebens Jahrmarktsdudclei. Nicht für diese Welt warst du— zu bieder Warst du ihr, zu hoch— vielleicht zu nieder Rousseau, doch du warst ein Christ. Mag der Wahnwiz diese Erde gängeln, Geh' du heim zu deinen Brüdern Engeln— Denen du entlaufen bist. (Schluß folgt.? Im Kampf Roman von Kei „Kommen Sie heut Nachmittag 5 Uhr zu mir, lieber Häßler," sagte David lustig schmunzelnd,„da werde ich Sie instruiren. Sie wissen doch, Ivo ich wohne?" „Habe die Ehre— hi hi, habe die Ehre. Werde mich ganz pünktlich einfinden. Aber— hi, hi— ich weiß nicht, ob ich fragen darf, hi, hi, wie Sic zu einer so verzweifelten Geschichte gekommen sind, verehrter Freund— hi, hi?" „Verzweifelte Geschichte— pah, ich bitte Sie, Haßler. Sehr unbedeutende harmlose Sache. Da knallt's einmal ein wenig— wir schießen nämlich atempo, und da ist's auch schon vorbei--" „Ja, ja, hi, hi— aber sprachen Sie denn nicht vorhin von einer Leiche— hei, hii, Leiche,— ich dachte, Sie hätten allen Ernstes die Absicht, ihren Gegner ins Jenseits zu bc- fördern?" „So— sprach ich von einer Leiche? Na, wissen Sie, Haßler, ich werde mir das noch überlegen. Außerdem werden wir ja allemal Leichen sein, lieber Haßler, Sic auch sogar— schade zwar um Ihr Embvnpoint, Leckerbissen für die Würmer—" „ Ha, hü," dem guten Gabriel lief es eiskalt den feisten Rücken hinunter und es wurde ihm wieder ganz unheimlich in Davids Gesellschaft,„hii, hii, sehr wahr, aber so ein unnatür- licher, gewaltsamer Tod, wenn einem— hii, hii, hi hi— sozusagen das Leben noch wonnevoll winkt——" Es legte sich wieder ein Zug diabolischen Hohnes um Davids Lippen. „Sie haben recht, Haßler, aber es haben nicht alle Menschen soviel Glück in der Liebe als Sie. Indessen ich will Sic jezt nicht langer aufhalten,— ich werde hier nur einen Brief an Specht schreiben, mit dem ich unbedingt heute noch etwas ab- zumachen habe— also um fünf Uhr in meiner Wohnung." Häßler ging und zwar ungewöhnlich rasch. Er war froh, fortzukommen— er hatte das Bedürfnis, frische Luft zu schöpfen, kaum jemals so lebhaft gefühlt, als in diesem Augenblicke. Draußen brachte er es aber doch nicht übers Herz, fort zugehen, ohne sich nach seiner Hcrzenskönigin von neuem er- kündigt zu haben. Leider war Elfriede immer noch nicht zu sprechen, sie war wider alle. linand Stiller.(30. Fortsezungs von einer heftigen Migräne geplagt, wie ihm die Zofe jezt verriet und mußte durchaus allein sein— vielleicht heut den ganzen Tag. Gabriel seufzte tief auf, ließ herzlichst gute Besserung wiin- scheu und ging. Kaum hatte sich die Tür des Vorsals hinter ihm geschlossen, so tat sich die von Herrn Spechts sogenanntem Arbeitszimmer aus. „Ihre Herrin erwartet mich?" fragte David die Zofe so als ob es garnicht anders sein könnte. Und er hatte sich nicht ge- täuscht. Tas Mädchen lvarf ihm einen schelmischen frivolen Blick z», knizte und sagte: „Gewiß, Herr David— mein Fräulein wird sich sehr fvciicn——" Er nahm von der Kammerkaze nicht weiter Notiz, ging rasch an ihr vorüber und öffnete, ohne anzuklopfen, die Tür zu El- friedens üppig ausgestattetem Boudoir. Elfriede war zum Empfange in gewohnter raffinirter Eleganz angekleidet; sie ruhte behaglich hingestreckt ans einem langsam hin- und herschwingendcn Schaukelstuhle und schien von ihrer heftigen Migräne nicht im mindesten angegriffen oder genirt. „Guten Tag, Ella," sagte David, als er die Tür hinter sich ins Schloß geworfen und sie auch sofort verriegelt hatte. „Freut es dich, mich hier zu sehen?" Ein schwerer Seufzer hob ihre volle Brust. „Es würde mich unsäglich freuen, Willi, dich— dich allein — bei mir zu sehen, wenn ich nur für einen Augenblick»och in meinem Leben die Erinnerung verwischen könnte, daß h'i jahrelang an mir vorübergehen konntest, als hätten wir uns stü gekannt,— als wäre ich, Willi, nicht deiner Sklavinnen trenestc gewesen——" David ließ sich ihr gegenüber ans eines der kleinen Fam tenils nieder, schlug die Beine übereinander nnd entgegnete: „Du beliebst zu scherzen, mein Kind. Meiner Sklavinnc» treueste durfte mich an keinen Kürassier verraten——" „Willi— Willi— du wußtest, welche wahnsinnige Leide»- schaft mich beseelte und du gingst nach wenigen Monaten selig r 399 uuscligrn Gc»ieße»s von mir, ohne mir zu sagen, was dich van mir trieb und ohne mich mit der Zusichrnng, daß dn wieder- kommen würdest, zu trösten. Als dn nicht zurückkehrtest in meine Anne, als ein Tag um den andern verging, ohne daß ich von dir Nachricht erhielt oder daß ich dich auszufinden vermocht hätte, obschon ich nicht zweifeln konnte, daß dn lebtest und daß dn absichtlich mich verlassen hattest und absichtlich mich in Angst und Sorge verzehren ließest, da erfaßte mich Empörung und Erbittrung, ich glaubte mich verachtet und verschmäht, ich wähnte mich reichen zu müssen, ich wollte deine Verachtung nunmehr mir auch verdienen——" „Und das, Ella, gelang dir! Ich war gegangen, um deine Liebe einer schweren, entscheidenden Probe zu unterziehen und ich fand: dn hattest mich nicht geliebt mit jener edlen Leidenschaft, die nicht anders kann als treu sein, Iveil fic ihre ganze Welt findet in ihrem teuren Gegenstande,— du vermochtest überhaupt nicht so zu lieben, dn bist nicht besser als die andern,— wenn du nicht schlechter bist, als sie alte— Ella." Er hatte langsam und mit großem Nachdruck gesprochen— (Mist, finster, drohend nihte sein Blick aus ihr, wie der eines Richters und Rächers. Ihre Augen blizten zu ihm empor. „Du lügst," rief sie.„Tu kennst die Welt wie kein andrer, du weißt, daß ich nicht schlechter bin, als sie alle." „Nun denn— erbärmlicher,- als sie alle. Die schwach- Halle Komödie mit Stein hätte ich dir noch verziehen— er trägt Kineu Namen mit Recht,— für solche Künste ist er troz seines lächerlich guten Glanbens an die Menschheit ein Fels, von dem sie apprallen machtlos und ohne Eindruck. Und grade an solchen Männern können Weiber deinesgleichen nicht vorüber, ohne nach ihnen in wüster Begierde die Arme auszustrecken. Aber daß hu diesem Häßler dich liirt— diesem Kretin mit dem Aussahen des Frosches, diesem Jammergeschöpf, das weder Mann iü»och Mensch— das ist mich für dich eine unauslöschliche Schmach——" .. Elfriedens Gesicht war glutrot geworden bei diesen Worten, he hatte beide Hände fest auf ihre Brust gepreßt,— jezt sprang !le auf und trat dicht an David heran, der sie mit überge- schkagenen Annen envartete und verächtlich entgegenschante. »Tu hättest recht, wenn ich diesem Jämmerlichen jemals auch nur einen Moment anders angehört, als in seiner Einbildung. Frage meinen Vater, wenn dn mir nicht glaubst,— seit Mo- mUeii lebe ich mit ihm im Streite, weil ich mich sträube, 1 u'sei» Menschen meine Hand zu reichen, und ich werde es nicht niemals und wenn mein Vater auch dabei zugrunde geht,— a* will ich dir schwören, Willi, hörst du?!" «Schwüre!" David zuckte mit den Schultern.„Wenn du 1,0ch Karakter genug übrig hättest, Ella, mir den Beweis zn !Kbe», nicht Schwüre." »Den Beweis,— jeden, den es gibt." Er maß sie mit langem, durchdringenden Blick, dem sie ohne mit den Wimpern zu zucken, begegnete. v- Tik Mcjje}u Aischni Nowgorod.(Illustration S. 393.) Schon e Wechsler im salomonischen Tempel liefern den Beweis, das; sich der 'Pandel und Schacher mit großer Vorliebe an Ställen niederläßt, welche Winz besonders der religiösen Bcrehnmg geweiht sind. Der Ort, nach veni der Orientale wallfahrtet, ist deshalb auch zugleich HandelSPlaz, " e üarnwanen der nach Mekka ziehenden sromnien Pilger verfolgen zu- WMch sehr weltliche Zwecke, indem sie nicht nur am Grabe des Pro- Wen zu beten beabsichtigen, sondern auch jene Waren einzutauichen Ustd mit ihnen zn handeln gedenken, die hier aus allen Gegenden her- "('geschafft werden. So haben auch unsere großen Jahrmärkte, die unter dein----,— i-'-— lichen Messen bekannt sind, meist ihren Ursprung großen kirch- "»eil«r1 chki'e'i J" danken, bei denen Scharen von Menschen aus arnnJ�-nden AngSum zusammenströmen, um der kirchlichen Messe »u>.'Km» und Ablaß zu empfangen. Pfiffige Menschenkinder bc- zu bei, K günstige Gelegenheit, um ihre Handelsartikel an den Mann es S»". der Handel bildete sich allmälich mehr und mehr aus, bis den.„ miirlic, die regelmäßige Wiederkehr dcS kirchlichen Festes mit heute Markt zu verbinden. Das Ein- und Ausläuten der Messe. eij» nuch, so wie schon der Name, die an den Tagen von Heiligen ("'den Spezialbezeichmingen u. s. w. zeigen de» kirchlichen Ilr- Tann sagte er langsam; „Jeden? Gut! Ich nehme dich beim Wort und gebe dir sogar Gelegenheit zu beweisen, daß du lvenigstens einen Schwur in deinem Leben geschworen hast, der kein falscher war,— du schworst mir einst, daß es dir unsäglich süßer sein würde, mit mir zu sterben, als mit irgend einem andern Menschen zu leben--, verstehst du mich?" Sie trat rückwärts, ihm unausgesezt ins Gesicht schauend, bis zu der kleinen tief dunkelrot bezogenen Kanseuse und ließ sich langsam darauf nieder. »Ich Khe Willi, daß du keinen Scherz treibst und ich wußte schon, als mir mein Mädchen deinen Namen nannte, daß ein großes Unglück oder ein großes Glück mit dir über meine Schwelle geschritten war,— daß du um einer Kleinigkeit willen mir nicht mehr nahen würdest, war ja gewiß. Tu willst sterben, Willi, das weiß ich, und was du willst, das geschieht,— ist eS wirklich wahr, Willi, daß du mit mir sterben wolltest?--" Er sprach im Flüstertone, als er antwortete: „Du wirst in meinen Armen sterben, Ella, wenn dich dieses erbärmliche Leben noch nicht ganz zu seiner Sklavin entwür- digt hat." Wie ein Jubclschrei klang der Ton, der sich jezt ungestüm und laut ihrer Brust entrang,— wieder sprang sie auf, dies- mal aber, um sich ihm zu Füßen zu werfen. „In deinen Annen— au deiner Brust, Willi? Ist es möglich, sollte ich noch einmal dein sein, einmal und dann für ewig— denn mit solchem Tode würde ich dich erkaufen für das ewige Leben oder das ewige Nichts— mag uns jenseits des Grabes erwarten, was da will." Er hob sie auf und seine eisig kalten Lippen drückten einen Kuß auf ihre Stirn. „Du wirst mein sein im Tode,— heut Nacht, wenn die zwölfte Stunde schlägt, werde ich jene Tür öffnen,— gib mir die Schlüssel,— in einigen Stunden ist dann alles vorüber— halte Champagner bereit, Ella, solch' ein Fest muß würdig ge- feiert werden——" „Also nicht sogleich? Hast du von der Welt Abschied zu nehmen, Willi? Ich nicht." „So lebe wohl und erwarte mich— laß dir die Zeit nicht lang werden." „Ich werde in deinen Briefen lesen, Willi, und mich mit den Andenken aus den Jahren unserer jungen Liebe schmücken, — es wird kein schlechtes Weib sein, daß dich heut Nacht ein- pfängt,— Willi, mein Willi." Alles Feindselige, alles Drohende und Verächtliche war ans seinen Blicken geschwunden, er drückte sie fast zärtlich an seine Brust. „Hast du die Kraft dich der Schmach der Welt zu entreißen, so bist du besser als sie. Aus Wiedersehen, Ella, nun wieder meine Ella. **...vo neue Moden durch eine große Zahl von Journalen allen zu- gänglich gemacht werden, wo der Commis voyageur mit seinem Muster- koffer von Haus zu Haus, von Land zu Land im! fast beneidenswerter Schnelligkeit dahineilt, da muß natürlich die Messe, ivelchc einst groß- artige Schaustellung und Gelegenheit zum Kaufen und Verkaufen zu- gleich war, diese ihre Bedeutung verlieren. Wesentlich sind es heute die Ausstellungen, seien sie nun Welt-, Landes- oder ProvinzinlauSstel- lungen, ivelchc uns die Fortschritte von Kunst und Industrie zeigen und zluii Kaufen einladen; die Vermittlung dieses Geschäfts selbst besorgen unsere Kommunikationsmittel, welche uns eine lange und langweilige Reise»ach einem großen Weltjahrmarkt ersparen. Haben wir doch zu leztercm Unternehmen auch heute sowieso keine Zeit. Wenn einst die weiten russischen Gefilde von Eisenschienen durchzogen sind, und wenn mit diesen ein höherer Kulturzustand eingekehrt ist, dann wird es der Messe zu Niichm-Reivgorod genau so ergehen wie der unsrigen. Vor- läufig hat es dazu wohl aber noch lange Zeit.»rt. Rebhühner. Von allen den geflügelten Bewohnern unserer Felder gehört die muntere Gesellschaft, welche unsere Illustration auf Seite 395 vergegenwärtigt, unstreitig mit zu unseren Lieblingen. Und sind es auch für die meisten Menschen nicht die diesem Vogel eigentümlichen an- ziehenden Eigenschaften, die das Interesse für ihn erwecken, so doch mindestens Jagdlicbhaberei oder das Verlangen»ach dem guten Braten, den diese Tiere ihren menschlichen Verfolgern bieten.— Die Kenntnis der Färbung des Gesieders des Rebhuhns dürfen wir wohl bei unseren Leser» vorauSsezen; wir begnügen uns daher bezüglich seines Aeußercn zu bemerken, daß deS Rebhuhns Länge 12 Zoll, seine Breite, die je 0 Zoll langen Flügel inbegriffen, 20 Zoll, die Länge des Schwanzes 3 Zoll beträgt. Das kleinere Weibchen ist, unbedeutende Abweichungen abgerechnet, dem Männchen gleich. Ihr Vaterland ist Mitteleuropa und ein Teil Mittelasiens. Im Süden sind diese Vögel nur hie und da anzutreffen, im Norden hat man sie erst eingeführt. Vor allem leben sie in Teutschland, Dänemark, Großbritannien, Holland, Belgien, Rordsrankreich, Ungarn, in der Türkei und einem Teile Griechenlands, Norditalicu, ebenso in Asturieu, Hvchkatalonien, einigen Gegenden von Aragonien; häufig sind sie in der Mitte von Südrußland, in der Krim iind Kleiuasicn. Sic geben den Ebenen vor den Gebirgen den Vorzug, sind aber in der niederen Schweiz in den Bergen auch 3000 Fuß über dem Meer anzutreffen. Zum Aufenthalt beansprucht das Rebhuhn an- gebaute und abwechslungsreiche Gegenden und siedelt sich, wie bei uns, auch im Felde an. Zu seiner Sicherheit gebraucht es nur Buschdickicht und ist deshalb auch da am meiste» zu treffen, Ivo es hie und da Wäld- che« oder von Bujchlverk bewachsene Hügel gibt. Größere Waldungen meidet es sonst und hält sich nur am Rande derselbe» aus. Es ver- schmäht aber auch den Ausenthalt an nasse» llnd sumpfigen Orten nicht, 'ß wenn nur das gewünschte Buschwerk in der Nähe ist und einige Jnsclchcn aus dem Wasser oder Sumpf hervorragen. Sobald der Schnee zu schmelzen beginnt, lösen sich die Scharen, in denen die Rebhühner den Winter über gelebt haben, auf, und die einzelnen Pare ziehen sich zu ehelicher Gemeinschaft zurück. Kommt noch hie und da Kälte, so sammeln sie sich wohl wieder in größerer Anzahl an, gehen aber parweis wieder auseinander. Bei der Bewerbung der Männchen um die Weibchen geht es ohne Streit und Kampf unter den crslcrcn nicht ab, und der Sieger kehrt dann freudig zu dem geliebten Huhn zurück. Man behauptet sogar, daß die einmal geschlossene Ehe unauflöslich sei, doch ist dies nicht ganz sicher. Ende April oder Ansang Mai fängt die Henne an Eier zu legen. Das Nest ist eine einfache Vertiefung im Boden mit weichen Halmen gefüttert und mitunter auch von Buschwerk beschüzt. Meist wird es auch in frühausschießendem Getreide, Weizen, Erbsen, Rübsen, Klee, auch in hohem Grase auf der Wiese u. s. w. augelegt. ' Die 9—17 Eier, welche ein Rebhuhn legt, sind birnsörmig, haben glatte schale, glänzen wenig und sind blaßgrünlich und brauugrau gefärbt. Tic Henne brütet ungefähr 3 Wochen und zwar sehr anhaltend und verläßt dabei das Nest nur im äußersten Notfälle. Das Männchen ist dabei immer in der Nähe, warnt, wenn sich Gefahr zeigt, und gibt sich derselben lieber preis, als daß es dem nahenden Feinde gestattet, sein Weibchen anzugreifen. Wird es gctödct, so steht auch der Henne meist der Untergang bevor. Allerliebst sind die Jungen. Sie bewegen sich schon vom ersten Tage ihres Daseins an mit vielem Geschick, verlassen oft schon das Nest noch ganz naß und mit den ihnen anklebenden Eierschalen. Die Eltern nehmen sich jedoch ihrer mit vieler Liebe au und unterrichten sie in den Künsten deS Futtersuchens und des Cichschüzcns vor den Feinden, worin sie es erstaunlich weit bringen. In der Jugend leben sie fast nur von Kerbtieren, später jedoch viel und oft ausschließ- lich von Pstanzenstosien. Bis zur Ernte halten sie sich auf in Getreide- seldern, später in Kartoffel- und Krautäckern, im Spätherbst in de» Stoppeln und auf Sturzäckern, sie besuchen die augreuzendeu Wiesen und machen Jagd aus Heuschrecken, und durchforschen das Gehölz, um Ameisenpuppen als Nahrung zu finden. Ihre Nachtruhe halten sie immer auf freiem Felde. Mit dein Winter beginnt jedoch ihre traurige Zeit und zwar weniger wegen Kälte als wegen des Schnees, der ihnen das Nahrungsuchen gänzlich unmöglich macht, wenn die weiße Decke so fest gefroren ist, daß die armen Tierchen nicht imstande sind, sie zu durchscharren. Außer dem Winter haben aber diese anmutigen Vögel noch viele Feinde, und man hat mit Recht dafür plädirt, ihnen Tckiuz zu gewähren durch Anlagen von Buschwerk im freien Felde, in das sie sich flüchten können; sowie durch Fütterung im Winter. Man sagt ihnen nach, sie seien klug, vorsichtig, scheu, gesellig, friedliebend, treu, aus- opferungsfähig und sehr zärtlich gegen Gatten und Kinder. So zeigen sie sich denn auch gezähmt, und ihr Betragen in menschlicher Gesangen- lehnst allein rechtfertigt den oben verlangten Schuz. Man erzählt, wie einzelne gezähmte Exemplare nicht nur im Zimmer zu bleibe» ver- schmähteil, wenn alle menschlichen Bewohner fortgingen, sondern wie sie in's Freie nachgeholt keineswegs davonflogen. Ein Hahn, der be- sonders einem Knaben zugetan war, war untröstlich, wenn dieser von ihm ging und freute sich unbändig, sobald er den Tritt des Zurück- kehrenden vernahm. Und als einst sein Liebling weinte, kam er sporn- streichs herzugelaufen, sezte sich auf dessen Achsel, schaute ihn mit seinen nußbraunen Augen an und gab sich unter Zurufen augenscheinlich große Mühe, ihn zu beruhigen. Aehuliche Fälle werden mehrere von zuverlässigen Forschem berichtet; sie liefern einen schönen Beweis für das hochentwickelte Seelenleben vieler Tierarten. int. Nedaktions- Korrespondenz. Nürnberg. E. W. Tic scheinen cm» Kritltcr im Sinne»nsrcr Zeit wirtlich geboren zu sein, d. Ii. zum Krititcr, wie sie eben gegenwärtig zu sein Pflegen. Sie kritisiren iusiig in» Vloue hinein, ob Sic Grund dazu haben oder nicht, ob recht oder unrecht. Z. B. will es Ihnen nicht gefallen, daß— wie ans T. 243 dieses Jahrganges der N. W.— ein am Ncrocnflcbcr trauter Knabe seine Schwester fest umschlungen llalt. Warum nicht, bester Herr? Ferner«eriangcn Sie, dast in der N. W. fühlen immer ohne h, also fülen, geschrieben werde, weit das nach»neupreustischcr Mctodc llicr cbcnso gehalten werden müsse, wie bei wälcn. zölcn, steten" u. s. tv. Die ossiziclte neue sogenannte Ortographie den» aber garnicht daran, sele», Witten, Säten, steten n. s. w. zu schreiben, sondern schreibt im Gegenteil, wie Sie z. B. in„Tndens ortographischem Wörterbuch für die Schule" sehen lonuc», ganz gcmnlttch alle diese Zeitwörter mit dem alten h. Wäre es nicht Itng, wenn derjenige, weicher sich jiir bernsen hält, andere in hochsahrcndem Tone zu beiehren, sich über die Grenzen seiner eigenen Irrtümer einige Slarhcit zu schassen suchte? ütraunschweig. I. L. Bezüglich des Piercr'sche» Konversationslexikons bon 1967 hat Ihr Buchhändter entschieden recht,— es ist völlig veraltet. Tic neueste Ans- tage deS ttciucn Meyer" scheu Lexitons würde sich Ihnen dagegen recht niijlich erweise», indessen werden Sie es so teuer nicht zu bezahlen brauche», da Tie es bei den Ami anaren in Brannschwcig sedensalls in loohierhalicnen Exemplaren zu wescnilich herab gesezlei» Preise erhalten lönncn. Hamburg. Frau E. T. Es freut im?, Ihnen mitteilen zu können, das, sie bis jezt die erste und einzige Löjerin dieses einen unsrer drei Preisrätsel sind. Sie werden doch min wol auch den beide» andern tapfer und scharssinnig wie jenen j» ücibc gehen? Trcsdc». SS. P. Wir sollen.die Liebe an? den Romanen weglassen?" Mit Vergnüge», wenn Sic dafür sorgen, dast die Liebe aufhört, alles Levens St und O z» sein. Inhalt: Berschlungene Lebenswege. Roman von Franz Canon,(Forts.)— Der Unfug der Tcposition und des Pennalismus ans de» dentschcn Universitäten. Ein Sittenbild aus dem 17. Jahrhundert. Von A. M.(Forts.)— Eine Säkular- Erinnerung an Schiller. Bon Dr. A. Israel.(Forts.)— Im Kampf wider alle. Roman von Ferdinand Stiller.(Forts.)— Die Messe zu Nischni-Rowgorod.(Mit Jllustr.)— Rebhühner.(Mit Jllnstr.)— Redaktionskorrespondenz. Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart.(Neue Weinsteige 23.)— Expedition: Ludivigstraße 20 in Stuttgart. Druck und Verlag von I. H. W. Diest in Stuttgart.