Die& Lone Woll Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Bolk. № 33. Erscheint wöchentlich. In Heften à 35 Pfennig. Preis vierteljährlich 1 Mark 50 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Bostämter. Verschlungene Lebenswege. Roman von Franz Carion. Nach einer Weile äußerte die junge Frau:„ Dem gegenüber, was Sie mir von der Seekrankheit sagen, darf ich also von Glück sprechen, das sich mir sehr günstig erwiesen hat. Unsere Reise von Hamburg bis hierher... es ist meine erste... ging treff lich vonſtatten, wie ich vorhin vom Kapitän selbst hörte. Er nannte die Fahrt eine überaus rasche, ruhige See, fördernder Wind, ohne den geringsten Unfall." " Er fann's mit Recht sagen." Erst nach einer langen Pause nahm die Sizende wieder das Wort, indem sie an den bei ihr stehen Gebliebenen die Frage richtete:" Sind Sie ein Deutscher?" " Halb und halb, Miß. In Deutschland geboren und auf milie ist eine Künstlerfamilie, wir sind Bossirer." gezogen, meiner Abstammung nach aber Italiener. Unsere FaWas ist das für ein Geschäft?" fragte die vorige." Ich habe nie davon sprechen hören." " 1882. ( 6. Fortsezung.) Die junge Frau versank wieder in ihr früheres ernstes Wesen, dem endlich ein sanfter Schlummer folgte, vom immer ruhiger werdenden Schiffsgange gleichsam gepflegt. Eine zu rechter Zeit aufgesprungene leichte Brise trieb das Schiff vorwärts jenem Punkte zu, wo die Begegnung des Medway und der Themse geschieht und beide Flüsse nun ihren Namen und somit auch ihre Existenz aufgeben, um mit der See vereinigt der Allgemeinheit anzugehören. " Wir passiren nun das Ende vom Ende," erklärte der Kapitän einigen Passagieren, indem er auf einen mitten in der Flut veranferten rot angestrichenen Schiffskoloß deutete, den er Schiffszigeuner nannte. In der Tat glich dieses Schiff einem Ungetüm, oder einem rot bemantelten Banditen. In der Höhe trug es eine ungeheure rote Kugel, an deren Stelle, so wie der Abend niederdunkelt, eine ebenso kolossale Laterne mit einem seine Hellung auf's weiteste nach den beiden Ufern zu ausstrahlenden " Ich bin gewiß, daß Sie es trozdem kennen... Gyps- Lichte erscheint. Von jedem Ufer, eine englische Meile entfernt, oder Wachsbossirer. Sollten Sie noch nicht Leute, Aus- oder wirkt dieses Licht die immerhin breite Wasserwüste so vollständig Serumträger Gypsfiguren auf einer Stellage auf dem Kopf erleuchtend, daß die zur Nachtzeit ankommenden und in den tragend gesehen haben?" " gewiß, gewiß." " Dieses rote Ungeheuer bezeichnet den Punkt, wo der BeMedway oder in die Themse einsegelnden Schiffe vor den sich hier ausdehnenden Sandbänken gewarnt werden. Ohne diese " Nun, Miß, ich bin Bossirer, arbeite zwar nicht in Gyps, Warnung würde ein großer Teil der Schiffe hier verunglücken. nur in Wachs. Ich lebe hier bei meinemi Onkel Tardini, der reich der See des Meeres seine Grenze hat, wie allgemein chinesischen Ausstellung unweit von Hydepark Corner hat. Unsere angenommen wird, obwohl Ebbe und Flut von hier, der Münman befindet sich da stets in fashionabler Gesellschaft, womit London hinaus, reichen," schloß der Kapitän seine Erklärung. Galerie wird gleichfalls sehr stark vom Publikum frequentirt, dung der Themse, an noch siebenzig( engl.) Meilen, also über man in England alles Noble und Feine bezeichnet." Nun wurde es auf Deck lebendig, wie das stets der Fall in die Weite rollt, denn nun tut sich ein meilenlanges Wandelbild vor den Augen der Passagiere auf, welches vergebens seines Gleichen in so großartiger überraschender Weise sucht. Der Diese Unterhaltung wurde durch den Hinzutritt zweier Paſſa iſt, wenn die erste Welle Themsewasser unter dem Schiffstiel giere beendet, von denen der eine zu dem Bossirer, indem er ihm auf die Schulter klopfte, lachend sagte:„ Sie sind uns abhanden gekommen, edler Rinaldini... was bedeutet das?" " Ich denke, es wird keine andere Bedeutung haben, als daß ich es für anſtändig hielt, dieſer fremden Miß, welche noch nie in London gewesen, einige Auskunft über an mich gerichtete Strom bietet ein immer wachsendes Leben in der raschen Zunahme seiner Schiffahrt, es iſt ein grandioses Treiben, das sich von Viertelstunde zu Viertelstunde mehr entwickelt, eine Schau Fragen zu geben. Miß, wenn ich Ihnen dienlich sein kann, ohne Aufhören, welche Ueberraschendes mit Ueberraschendem in haben Sie die Güte, sich an mich zu wenden. Ich glaube, an Gelegenheit wird es Ihnen nicht fehlen." VII. Stuttgart, 13. Mai. 1882. rascher Abwechslung tauscht. Und die Ufer mit ihren Städten und Dörfern, mit allen den Schönheiten, mit denen Reichtum und Intelligenz ihre Wohnsize ausstatten, bilden den reizenden und anziehenden Hintergrund der auf flüchtigen Wellen so unausgesezten menschlichen Tätigkeit. Die Landung am Costuomenhouse war erfolgt. " Haben Sie schon einen Gasthof im Sinn, in welchem man Ihnen einzukehren empfohlen hat, Miß?" fragte der Bossirer an seine Reisegefährtin herantretend, welche, wie er bemerkte, in Verlegenheit sich umsah, jedenfalls um jemand zu finden, dem sie das Verstehen ihrer Muttersprache zutrauen konnte. Sie hatte ihn aus den Augen verloren und erschien erfreut, ihn wieder zu sehen. „ Ach, Sie sind es, mein Herr!" sagte sie. O bitte, stehen Sie mir bei. Ich will in den Gasthof: Zum Esserer Riesen. Es soll ein gutes Gasthaus sein, obgleich sein Name nicht sehr anlockend klingt." " " Man darf darauf nicht so viel Wert legen," antwortete der Landsmann.„ Ich kenne diesen, Esserer Riesen', er ist durch und durch respektabel und stammt noch aus dem vorigen Jahrhundert, wie Master Tinletown, sein jeziger Besizer, mit großem stolzen Bewußtsein seinen Gästen zu erzählen pflegt. Ich werde ein Cab für Sie herrufen, es bringt Sie rasch an Ort und Stelle." Für jemand, der mit dem Englischen wenig oder garnicht vertraut ist, wie es die Miß war, mußte dieser Beistand eine wahrhafte Erlösung aus großer Verlegenheit sein. In wenigen Augenblicken fuhr das Cab( Kabriolet) vor, die Fremde stieg ein, ihr nicht besonders umfangreiches Gepäck war schnell aufgeladen. Nachdem der Cabmann die Adresse„ Esserer Riese Fleet Fleet Street" empfangen und die Dame in Kenntnis hinsichtlich des Fahrgeldes gesezt war, das sie zu zahlen hatte, rief ihr der Bossirer zu:„ Merken Sie Sich, Miß, der Portier im„ Riesen" ist ein Deutscher und obgleich er seiner Größe nach selbst eine Art Riese ist, so ist er doch ein dienstwilliger Bursche und wird Ihnen gegen eine klingende Erkenntlichkeit gern gefällig sein." Ob die junge Frau diesen Nachruf vernommen, blieb ihm unbekannt, das Cab entschwand unter der Menge Leute, die stets den Costumehouse- Plaz beleben.„ Hm, mit der scheint nicht alles richtig zu sein," redete er vor sich hin.„ Was sucht sie hier? Sie kann nicht englisch... und nachdenklich war sie, als drücke sie ein Kummer." Nach einer Weile tröstete er sich mit der Hoffnung, morgen von seinem Bekannten, dem riesigen Portier im„ Esserer Riesen," sicher Näheres über sie zu er fahren, denn als ihren einzigen Landsmann in dem Gasthof mußte sie ihn in ihren Angelegenheiten wenigstens insoweit zu Rate ziehen, als sich dies der Verständigung wegen nur tun ließ. Langsam verließ er den Plaz des Mauthauses. Unterdessen sah die junge Frau ganz zu ihrer Zufriedenheit im„ Esserer Riesen" sich untergebracht. Der Portier- Landsmann hatte ihr ein hübsches nicht sehr großes zweifenstriges Zimmer im zweiten Stockwerk besorgt, das ihr die Aussicht auf den außerordentlich lebhaften Verkehr in der Fleet Street gewährte, die in die weit breitere Passage„ Strand" führt, welche mit vollem Recht eine der Pulsadern des ungeheuren Londons ist. Nachdem die junge Frau sich ein wenig heimisch in dem Zimmer gemacht hatte, trat sie an eines der beiden Fenster, öffnete es und schaute auf die unten in der Straße sich kundgebende Ameisen Emsigkeit des Verkehrs. Auf eine deutsche Kleinstädterin mußte dies geschäftige Durch einander einen außergewöhnlichen Eindruck bewirken und Frau Lucie Philipp gab sich mit Vergnügen der Schau dieses unablässig wechselnden Bildes des rührigsten Treibens hin, wie kein Kaleidoskop seine Farbenmischung bunter und zu viel- gestaltigeren Formen untereinander rütteln kann. Ihr Blick haftete wie gebannt auf diesem Trubel, dergleichen bewegliches Leben, in jeder Minute neu, immer anders, war ihr natürlich unbekannt und zog sie desto mehr an, als hier die Unterschiede des Reichtums, der Wohlhäbigkeit und des um sein tägliches Brod im Schweiße seines Angesichts sich abmühenden Arbeiters und aller dazwischen sich drängenden Nüancen der verschiedenen Lebensstellungen, welche die große Kluft zwischen arm und reich ausfüllen, so zu sagen, wahrhaft bunt zusammengewürfelt, sich bemerkbar machten. 418 Plözlich wurde ihr Blick von einer höchst eleganten, mit stolzen Rappen bespannten offenen Chaise angezogen, in der zwei Damen bequem zurückgelehnt saßen. Der reich mit Gold betreßte Kutscher und der in gleicher prunkender Livree auf dem äußeren Hintersize gemächlich ruhende Lakai deuteten an, daß diese kostbare Equipage einer der reichen Adelsfamilien angehöre. Frau Lucie bewunderte noch die Pracht dieses wegen der Vielzahl der Fuhrwerke verschiedenster Art langsam fahrenden herrschaftlichen Wagens, als ein Lärm von Stimmen vor dem von ihr bewohnten Esserer Riesen" sich erhob. Einem Zusammenstoß der Fuhrwerke wurde nur durch die Geschicklichkeit einiger Kutscher vorgebeugt. Luciens Aufmerksamkeit auf den schönen Wagen erlitt sofort eine andere Richtung; sie erblickte zu ihrer größten Ueberraschung Sir Richard Clinton auf einem Schimmel hinter dieser Equipage. " Sie hob sich am Fenster auf die Fußspizen, um sich zu überzeugen, daß sie sich nicht täusche... und er war es wirklich. Eine Irrung war nicht möglich, das erkannte sie, als er sein Pferd dicht an den Wagen herandrängte und sich nach vorn über den Sattelknopf beugend, den beiden Damen einige Worte zurief. Zur Seite der Chaise konnte er nicht reiten, sein schönes Tier hätte leicht eine Verlegung davon tragen können. Die Stauung des Verkehrs dauerte indes glücklicherweise eine sehr kurze Weile, dann kam Ordnung in dies Chaos von Pferden und Wagen. In dieser kurzen Pause ließ Sir Richard Clinton seine Augen an den Häuserreihen der Fleetstraße hinschweifen und erblickte zu seiner größten Verwunderung Lucie am offenen Fenster des zweiten Stockwerks im„ Esserer Riesen" stehen. Daß auch sie ihn gesehen, bezweifelte er nicht, ihr leichtes Kopfnicken gab ihm Kunde davon, so wie ihr, daß er seinen Hut wie zum Gruße zog und um diesem die Absichtlichkeit zu nehmen, rasch mit seinem Taschentuche über die Stirne fuhr. Lucie trat ins Zimmer zurück. Sie fühlte sich ungemein glücklich, daß der Zufall sie so sehr begünstigte. Es erschien ihr wie ein Wunder, ihren Wunsch erfüllt zu sehen, bald aber drängte sich in diese Freude ein Mißtrauen, Sie hatte ihn zu den das abzuweisen sie nicht imstande war. beiden Damen sprechen sehen... wer waren sie? Gehörten sie zu seiner Familie? Dann konnte die ältliche Dame seine Mutter, die junge blühende seine Schwester sein; aber die leztere zeigte auch nicht die mindeste Aehnlichkeit weder mit der neben ihr Sizenden, deren Gesichtsform durch ein längliches Oval sich bedeutend von der ihrigen unterschied, noch mit Sir Richard, wie doch öfterer bei Geschwistern der Familientypus sich fast auffällig geltend macht. Das apfelrunde, lebhaft gerötete kleine Gesicht der jungen Lady war in der Tat ein lustiges Aushängeschild, denn während ihre Fahrtgenossin einen sehr würdevollen Ernst repräsentirte, schwebte ein sichtbar mühsam zurückgehaltenes Lachen über ihre jugendlichen Züge... der Tumult, den sie so bequem überschauen konnte, machte einen ungemein erheiternden Eindruck auf sie, wobei die wenig schmeichelhaften Redensarten, deren sich die 3ankenden gegenseitig bedienten, keine geringe Rolle spielten. Ueber den fraglichen Punkt der Familienzusammengehörigkeit zwischen der jungen Lady und Sir Richard vermochte Lucie sich natürlich keine beruhigende Erklärung zu geben; die Gewißheit aber, daß, wenn ihr Argwohn sich bestätige und diese lachlustige junge Dame zu ihm in einem zärtlichen Verhältnisse stehe oder in ein solches zu treten bestimmt sei, für sie, Lucie, auch jede Hoffnung verloren sein müsse, eine ihrem Wunsche entsprechende Verbindung mit ihm zu schließen... das war für sie ein so peinigendes Denken, dem sie sich nur mit Aufbietung aller ihrer geistigen Kraft entreißen konnte. Sie fühlte sich von diesem Gedanken wie von einem Gespenste geängstigt. Nach langem Kampfe gegen dasselbe gelangte sie endlich zu einer Art Entscheidung über diesen Punkt, der sie so angestrengt beschäftigte. Empfing sie im Verlaufe dieses oder des nächsten Tages keinen Besuch oder keine Nachricht von ihm, dann hatte sie die Ueberzeugung erlangt, daß ihre Zuversicht auf seine Neigung zu ihr eine Täuschung gewesen. Die Nachwehen dieser Erkenntnis waren für sie schmerzlicher Art. Was sollte sie dann beginnen, um in der ungeheuren großen Stadt ein Unterkommen zu finden? Sie hatte gleichsam das Schicksal in frevelhaftester Weise herausgefordert... ihre einzige Hilfe fonnte nur in schneller Rückkehr nach Deutschland bestehen, um nicht das von ihrem geschiedenen Gatten großmütig ihr geschenkte Reisegeld hier auf zuzehren. Tas Ringen zwischen Hoffnung und Fehlschlag griff krampfhaft in ihr Herz. Hätten die Stunden Flügel, welche Wohltat für Tausende und Abertausende, um das Schicksal kennen zu lernen, das verdient oder unverdient ihrer wartet. Warten ist die entsezlichste Last, die den Mut erdrückt. Stunde verinnt um Stunde, wie einzelne vom übervollen Eimer herabfallende Tropfen. Schon war es vier Uhr am Nachmittag und von Sir Richard noch keine Kunde... sie glaubten verzweifeln zu müssen. Endlich machte sich in dem an ihrem Zimmer vorüberführenden Gange schwer auftretende Männerschritte vernehmbar... das konnte niemand von den Dienstleuten im„ Esserer Riesen" sein, diese traten nicht derart auf. Lucie stand an der Zimmertür, um zu horchen. Draußen hörte sie eine grölzende Männer stimme zählen:„ Neunzehn... Zwanzig Zwanzig... Einundzwanzig, hier ist also die Türe!" und sofort wurde an die ihres Zimmers geklopft. Lucie öffnete. Ein Mann in bürgerlicher Kleidung, eine schwarze Binde über das rechte Auge, welches jedenfalls fehlte und deswegen verdeckt wurde, mit einer windschiefen Nase, eine lederne Briefmappe unter dem Arme tragend und einen Brief in der Hand, richtete die Frage an sie:" Mistreß Philipp?" " Yes!" Mit einer ungelenken Verbeugung händigte er ihr den Brief ein und trabte schwerfällig die nahe Treppe hinunter. Ein Blick 419 von ihr auf die ihren Namen tragende Adresse machte sie ungemein glücklich, sie erkannte Sir Richards Handschrift. Im Couvert lag eine Einlaßtarte zur heutigen italienischen Opernvorstellung im Teater am Haymarket und ein Zettel dabei mit den wenigen Worten:„ Lucie wird erwartet." ,, Welche Törin war ich, an ihm zu zweifeln!" schalt sie sich und doch war ihr Herz voll Freude. Schnsüchtig harrte sie der späteren Abendstunde, wo sie ins Teater fahren wollte... zum Wiedersehen. Sie fand in einer der Fremdenlogen ihren Siz. Wenn es möglich gewesen wäre, das Wohlgefül zu steigern, das sie durchströmte, würde das prächtige und enorm große Innere dieses Kunsttempels dies gewiß vermocht haben; aber dazu blieb für Lucie keine Zeit, wenige Minuten nach ihr trat Richard ein. Von einem fünstlerischen Genusse, obgleich die italienischen Sänger und Sängerinnen durch ihre Meisterschaft im Gesange das Publikum in Begeisterung versezten, war bei Lucie keine Rede, sie hatte nur für das Aufmerksamkeit, was Richard ihr zuflüsterte. Es war für sie ein seliger Abend, wie sie noch keinen erlebt hatte. Als sie gegen Mitternacht nach den Tafelfreuden in einem der feinen Hotels, deren London so viele besizt, vor dem„ Esserer Riesen" abstieg und in ihr Zimmer hinaufeilte, befand sie sich in einem Wonnerausche, dessen Aufregung ihr jedoch die Nacht zu einer ziemlich schlaflosen machte. Nur zuweilen stellte sich ein kurzer Schlummer bei ihr ein, beim Erwachen aber tauchten die Erinnerungen an all das erlebte Angenehme dieses heutigen Abends lebensvoll in ihrem Denken auf und sie überließ sich denselben mit voller Hingebung. ( Fortsczung folgt.) Die Ueberreste der Sueven in Portugal. Die in Portugal eingewanderten germanischen Stämme haben in Gesichtsbildung und Volksfarakter, im Hauswesen und in der Feldwirtschaft, in Sprache, Liedern und Sagen der Portugiesen deutliche Spuren hinterlassen. Der Tajo bezeichnet die Grenzscheide für diese Reste germanischer Kultur, und es ist nicht ohne tiefe Bedeutung, wenn der alemtejanische Bauer alle nördlich des Flusses im Küstenlande ſizenden Völkerschaften, Portugiesen und Spanier, unter dem Gesammtnamen Galizier begreift, im richtigen Bewußtsein, daß die Bewohner dieser Landstriche dieselben Mischungsverhältnisse mit germanischen Elementen aufweisen. Wer diesen Ueberbleibseln germanischen Volkstums nachspüren will, findet nirgendwo ergiebigere Ausbeute als in den Ort schaften Suajo und San Miguel. Diese vergessenen Gebirgsdörfchen sind im äußersten Südwesten Europas zwei ehrwürdige Reliquien germanischer Eigenart, in mancher Beziehung ein lebender Kommentar zu der Schilderung, die uns Tacitus von unseren Vorfahren in seiner Germania hinterlassen hat. Weder im Innoch im Auslande geschah dieser entlegenen Gemeinden irgendwo Erwähnung, bis der portugiesische Tourist Dom Antonio de Costa dorthin vordrang. Der Antrag auf Kanonisation des Erzbischofses von Braga, Fra Bartholomeo, stüzte sich unter anderm darauf, daß der Kirchenfürst auf seinen Visitationsreisen auch jene schwer zugänglichen Dorfschaften besucht habe, wohin seit dem Apostelschüler Giraldo kein Bischof mehr gekommen war. Biographen des Erzbischofes erzählen in ihrer anschaulichen Weise, wie der eifrige Seelenhirt dort mit Kohlsuppe fürlieb nahm, und seine Begleitung es nahezu für ein Wunder hielt, als in einer Hütte ein getrockneter Schellfisch aufgetrieben wurde. Damals empfingen die rauhen Söhne der Berge den hohen Besuch in ausgelassener Freude mit Tanz und Spiel und sangen zu ihren schlechtgestimmten Instrumenten ein gar seltsames Lied: Gelobt sei die heilige Dreifaltigkeit, Die Schwester unsrer lieben Frau. Eine Reise nach Suajo ist auch heute noch eine ziemlich mühevolle Tour. Die Ortschaft liegt nördlich der alten Stadt Arcos de Val de Vez( Winso) auf einem Ausläufer der schauerlich einsamen Serra de Gerez, wo Wölfe in unzugänglicher Waldesnacht streifen und sich in dunkeln Bergschluchten der Eber heimisch erhalten hat. Als das einst mächtige Suevenreich dem westgotischen Könige Bervigild unterlag( 585), zog sich eine sucvische Gaugenossenschaft vor dem Sieger in diese Gebirgswildnis zurück. Die MutterSprache hatten die Flüchtlinge schon früher durch ihr Zusammenleben mit den völlig romanisirten Eingeborenen des Landes eingebüßt, aber die angestammte Verfassung und Sitte bestand noch in ungeschwächter Kraft. Die abgeschiedene Lage, der geringe Verkehr mit der Außenwelt, die Zähigkeit des germanischen Volkskarakters, das grundsäzliche Vermeiden jeder Vermischung mit fremdartigen Elementen hat die Erhaltung der Eigenart in ihren Grundzügen bis heute ermöglicht. Auch der Volksname Sueven oder Suaven, welch leztere Form für die Nachkommen. der in Deutschland zurückgebliebenen Stammesbrüder, die heutigen Schwaben, üblich geworden ist, hat die Jahrhunderte überdauert und liegt augenscheinlich dem Ortsnamen Suajo zu Grunde. Um die Mitte des 6. Jahrhunderts wird in dem Lande zwischen Saale, Bode und dem Unterharz eine suevische Niederlassung Suabago( Schwabengau) genannt, welche den bei Cäsars Rheinübergang nach dem Harz geflohenen Sueven ihren Ursprung verdanken soll. Es hat durchaus nichts Willkürliches und entspricht völlig etymologischen Gesezen, das portugiesische Suajo als Suabago zu deuten; denn Erweichung des germanischen g in i ist dem romanischen Sprachforscher als ein feineswegs seltener Borgang bekannt. Es ist für den Deutschen eine sicherlich anziehende Aufgabe, diese unbekannten Vettern unserer heimischen Schwaben in ihrem Leben und Treiben zu beobachten. 420 Die Bewohner von Suajo sind ein ferngesundes, handfestes| geführt, der sie auf dem Tron sizend empfing. Da meinten Völkchen, und sollte ihnen auch kein germanisches Blut in den Adern rollen, in der kräftigen Gebirgsluft wären sie jedenfalls kernige Leute geworden. Die Tracht der Männer besteht in einem langen Rocke aus dunkelfarbigem Zeuge( Curel), der meist mit rotem oder blauem Besaze eingefaßt ist, furzen Hosen, Gamaschen und einer Müze aus demselben Stoffe. Für die Jagd fleiden sie sich in ein warmes, aus den Fellen des er beuteten Wildes verfertigtes Kostüm. Die Frauen tragen wollene Kleider, kurze Jacken und als Kopfbedeckung einen Lappen, Burel, der unter dem Kinn durch ein nadelartiges Holz( espicha) zusammengehalten wird. Auch die Germanen bedienten sich zum Festhalten ihrer Gewänder in Ermangelung einer metallenen Spange als Notbehelf eines Dornes. Der Tuchlappen bildet eine Art Haube, im Orte selbst lera genannt, unter der die Frauen ihr kurzgeschnittenes Har verbergen. Die Verfassung Suajos ist sehr einfach und beruht durchaus auf demokratischer Grundlage. Die verwaltenden und richterlichen Befugnisse üben im Auftrage des Volkes die sogenannten ,, guten Männer"( homens bons) aus, die von der Volksversammlung auf dem Wege des allgemeinen Stimmrechtes gewählt werden. Der gute Mann" hält den gemeinen Frieden aufrecht, entscheidet Streitsachen, urteilt über Vergehen und Verbrechen. In den guten Männern" sind, wie in den spätern deutschen Schöffen, noch deutlich die altgermanischen Prinzipes zu erkennen, denen nach Tacitus in den einzelnen Gauen und Staatsgemeinden die Rechtspflege oblag. " 1 Dem. Waidwerk liegen die Suajenser mit demselben Eifer wie ihre Vorfahren ob und finden für ihre Jagdlust in tageweiten Wäldern ein recht ergiebiges Feld. Unbändiger Freiheitssinn ist ihnen mit allen Gebirgsvölkern gemein; ihre Kampflust und Kriegstüchtigkeit haben sie wiederholt bei Volksbewegungen bewiesen. Als im Jahre 1847 zu Oporto ein Aufstand gegen die unerträgliche Finanzwirtschaft des Costa Cabral losbrach und ein energisches Marktweib, die berühmte Maria da Fonte, den ganzen portugiesischen Norden unter die Waffen brachte, stiegen die Suajenser, ihren Pfarrer an der Spize, von den Bergen nieder und rückten zur Unterstüzung ihrer Landsleute in die Stadt Arcos de Val de Vez ein. Zu ihrem großen Leidwesen erfuhren sie dort, daß der Aufstand keinen Fortgang nehme, da die spanische Regierung ein Hülfskorps gestellt habe und bereits Oporto, der Mittelpunkt der Bewegung, von General Concha besezt sei. Man hatte Mühe, die Leute zur Rückkehr zu bewegen; sie wollten durchaus draufschlagen und glaubten, auch mit den Spaniern schon fertig zu werden. Der Suajenser hängt an seiner überkommenen Verfassung mit Zähigkeit und hat seine Eigentümlichkeiten allen Bestrebungen des Einheitsstaates gegenüber im wesentlichen zu bewahren gewußt. Jede Einmischung in seine inneren Angelegenheiten wehrt er entschieden ab und sezt Neuerungen passiven Widerstand entgegen. Wohl ernennt die Regierung für Suajo wie für alle übrigen Gemeinden des Königreiches einen Regedor, aber dieser Beamte ist ohne Einfluß; denn die Dorfbewohner leisten nur dent homem bom Gehorsam. Wenn bei den häufig stattfinden den Streitigkeiten ein Todschlag vorfällt, wird der Name des Täters verheimlicht, damit kein auswärtiges Gericht ihn zur Verantwortung ziehen kann." Den haben wir alle getötet" ( Wathámol'o todos) ist die Antwort, die dem nachforschenden Polizeibeamten aus aller Mund entgegenschallt, und nur in den seltensten Fällen gelingt ihm die Entdeckung des Täters. Als man den Suajensern an einem Markttage zu Arcos de Val de Vez die neuen Gewichtstücke zeigte, die nach Annahme des Dezimalsystemes durch ein Gesez im Königreiche eingeführt wurden, reichten sie die blanken Stücke unter großer Heiterfeit von Hand zu Hand, nannten sie„ Kröten"( sapinhos) und bedienen sich noch heute der alten Gewichte. In den ersten Zeiten der Monarchie wurde die althergebrachte Verfassung Suajos durch ein Staatsgesez bedroht. Alsbald machte eine Gesandtschaft sich auf den Weg, um dem Könige die Wünsche der Gemeinde vorzutragen. Die fremdartigen Gestalten wurden vor den Herrscher die Dorfleute in ihrer Einfalt, sie täten auch besser daran, sich zu sezen, als stehend die Sache zu verhandeln, rollten ihre schweren Mäntel zusammen und machten es sich, ohne weitere Umstände, auf diesen Pfühlen bequem. Der König fand Gefallen an den biedern Leuten und sagte ihnen bereitwilligst Gewährung ihrer Bitte zu. Das geschah zu einer Zeit, wo die castilischen Abgeordneten mit ihrem Herrscher bedeckten Hauptes verhandelten, und die portugiesischen Cortes Alfons IV. ins Gesicht sagten, wenn er das Müßiggehen nicht lasse und nicht baldgefälligst sich etwas eifriger seiner Untertanen annehme, werde man sich nach einem anderen Regenten umsehen. Freilich hielt damals noch kein Staatsrechtslehrer über„ Selfgovernment" Vortrag; aber einfache Bauern wußten aus der Praris in jenen „ Dunkelen" Zeiten genau Bescheid, was für ein Ding das sei, und konnten am Trone darüber reden. Die bei den meisten Naturvölkern wie bei allen germanischen Stämmen heimische Sitte der Gastfreundlichkeit wird in Suajo noch heute in vollem Maße geübt." Jemandem Obdach zu versagen," bemerkt Tacitus, gilt den Genannten als Frevel." Der erholungsbedürftige Wanderer tritt zu Suajo in die erste beste Hütte des Dorfes und ist dort freundlicher Aufnahme gewiß. Ehrerbietig empfängt ihn der Hausherr oder in dessen Abwesen heit die Hausfrau, die fast immer daheim schaltet und waltet, und sezt ihm sofort Brod und Wein vor. Zögert der Ankömmling aus irgend welchem Grunde, die ihm kredenzte Schale aus rotem Ton zu leeren, dann schüttet der liebenswürdige Wirt " zum Beweise seiner Hochachtung" ihm den Wein über den Kopf und auf den Boden. Ueber dieses eigentümliche Mittel, den Gast der Achtung des Hauses zu versichern, würde gewiß manche andere Hausfrau Zeter schreien und sich diese rücksichtslose Behandlung des mühsam gescheuerten Zimmers ein für allemal verbitten; in der räucherigen Hütte mit festgestampfter Erde als Fußboden hat das weiter keine schlimmen Folgen. Dem Ge tauften bleibt nichts übrig, als, gute Miene zum bösen Spiele machend, diese berechtigte Eigentümlichkeit Suajos kaltblütig hin zunehmen, so sehr er sich auch im Stillen über das wenig angenehme Ueberbleibsel suevischer Volkssitte ärgern mag. Ist die Tonschale auf die eine oder andere Art geleert, so gilt der Ankömmling als Gastfreund und wird von diesem Augenblicke an wie eine geheiligte Person betrachtet. Das Ausgießen des Weines tommt selbstverständlich nur selten vor, denn nach einigen Stunden anstrengenden Bergsteigens kann der Wanderer schon einen fühlen Schluck vertragen. Nichtportugiesen dürfte aber das Stehenlassen der gebotenen Herzstärkung selbst beim besten Willen, dem gast lichen Hause die schuldige Ehre anzutun, doch meist als das fleinere Uebel sich empfehlen. Der Schoppen zu Suajo ist ein echter Repräsentant jener Sorte, bei deren Kosten einst Friedrich der Große zu Grünberg bedeutungsvoll ausrief:" Sehr gut! sehr gut! Wohl dem, der den nicht zu trinken braucht!" Daß der Grünberger hier im Süden seines Gleichen findet, damit hat es folgende Bewandtnis. In der Provinz Winso gibt es keine Weinberge; denn der fruchtbare Boden bringt als Weide oder Getreidefeld weit mehr ein, und an den Bergabhängen geben Pinien- und Korkeichenwälder reichlicheren Gewinn. Dort werden die Reben einzig zur Einfassung der Felder und Wege benuzt und an Eichen, canadischen Pappeln oder Kastanienbäumen hinaufgeleitet. Die Weinstöcke ranken sich bis zur Krone empor und schwingen sich in anmutigen Guirlanden von Ast zu Ast. Die Winzer erhalten die Bäume zu diesem Zwecke in verkrüppeltem Zustande und wissen das Astwerk durch jährlich wiederholtes Beschneiden laubenartig zu verbreiten. Man nennt dies Verfahren das römische System, weil die Römer die noch jezt in der Lombardei übliche Metode nach dem Norden Portugals verpflanzten. Die Landschaft gewinnt durch die so gezogenen Reben an frischgrünem Aussehen ungemein; doch hat dies System den großen Uebelstand im Gefolge, daß das Laubwerk der als Stüzpfähle dienenden Bäume den Trauben vielfach die nötige Sonne entzieht und die Beeren in der an und für sich schon fühleren Provinz nicht zur völligen Reife gelangen läßt. Der 421 aus diesem Stoffe gefelterte Trank heißt„ grüner" oder„ un- Farbe, sagt aber wegen seiner essigartigen Säure dem auslänreifer" Wein( vinho verde), hat eine prachtvolle tiefpurpurne dischen Gaumen nur in seltenen Fällen zu. Gleichwohl liebt Bartolomé Esteban Murillo.( Seite 427.) der Eingeborne diese Sorte leidenschaftlich und sieht verächtlich auf in blendendweißem Porzellankruge aufträgt. In anderen Länalle andere Weine herab, wenn ihm der Wirt seinen„ Grünen" dern gereicht die Bezeichnung Kräzer" dem Weine gerade nicht 群 zur Ehre; für den vinho verde aber ist sie allemal eine be= sondere Empfehlung. Häufig genug liest man in portugiesischen Zeitungen die vielverheißende Ankündigung, daß in irgend einer Wirtschaft ein Faß Kräzer"( rascante) in Anstich genommen wird. Den deutschen Landsmann beschleicht nun ein höchst eigentümliches Gefühl, wenn in Suajo so ein alter Schwabe ihm cinen Schoppen rascante auf den aus rohem Eichenholze gezimmerten Tisch stellt. Die breitschulterige Gestalt mit dem flaren blauen Auge, das die Jahrhunderte hindurch sich unver fälscht erhalten, und dem häufig blonden Harwuchse mutet ihn heimisch an; er glaubt sich in eine fossile Bergkneipe auf der schwäbischen Alp versezt und wird ernstlich versucht, den biederen Gesellen auf gut Deutsch anzureden. Wie würde der Wackere sich freuen, zu vernehmen, daß seine Vettern in Deutschland, die Schwaben, deren Voreltern lieber zuhause blieben, als die Suevenstämme sich auf die Wanderschaft begaben, doch auch ganz tüchtige Leute geworden sind, und daß für ihn durchaus kein Grund vorliegt, sich dieser Vetterschaft zu schämen. Die Klänge der vaterländischen Sprache zu vernehmen, ist nun ein Vergnügen, auf das der deutsche Reisende in so einsamer Gebirgsgegend wohl oder übel verzichten muß. Dafür entschädigt ihn aber einigermaßen die Beobachtung, daß in Suajo cine verhältnismäßig bedeutende Zahl deutscher Wörter nament lich auf dem Gebiete des Hauswesens und der Feldwirtschaft sich erhalten hat. Der Suajenser redet ein eigentümliches, sozusagen altfränkisches Portugiesisch, und eine Menge Wörter, die bei ihm im täglichen Verkehr ganz gang und gäbe sind, sucht man in den Wörterbüchern vergebens. Die Mundart von Suajo enthält namentlich in etymologischer Hinsicht viele sprach liche Erscheinungen, von denen sich Germanisten und Romanisten bis heute nichts träumen lassen. Der Suajenser würde es nahezu als Beleidigung auffassen, wenn jemand für die erhaltene Bewirtung ihm Zahlung anbieten wollte. Andererseits nimmt er aber Gegenseitigkeit in Anspruch. Kommt er an Markttagen oder wenn er sonst Geschäfte zu besorgen hat, in die nahegelegene Stadt Arcos de Val de Vez, so quartirt er sich ohne weitere Umstände bei einem beliebigen Bürger ein, und läßt sich dort in aller Gemütsruhe bedienen, ohne jemals die Rechnung zu verlangen. " 1 Manche andere Spuren germanischen Volkstums lassen sich in den eigentümlichen Einrichtungen San Miguel's, einer kleinen, nicht weit von Suajo entfernten Ortschaft nachweisen. Das Dorf liegt am Fuße des„ Gelben Gebirges"( Serra Amarella), das als Schlupfwinkel wilder Tiere bekannt und gefürchtet ist, in malerischer Umgebung am rechten Ufer des durch landschaft liche Schönheit der Ufergelände berühmten Luna. Von Ponte da Barca aus, wo eine Brücke über den Fluß führt, wird das Dorf in drei Stunden erreicht. Die Gemeinde ist in verschiedene Orte"( logares) geteilt, von denen jeder seinen besonderen Präsidenten und Schazmeister hat. Diese Behörden werden auf dem Wege des allgemeinen Stimmrechtes gewählt, und zwar sind auch die Frauen zur Abstimmung berechtigt. Die Bürger überreichen dem Präsidenten oder Richter( juiz), wie diese Magistratsperson in der Gemeinde selbst heißt, zum Zeichen seiner Amtsgewalt ein aus rotem Ton gebranntes Horn( carrapita). Will der Richter eine Volksversammlung einberufen, dann stößt er am Vorabende des dazu bestimmten Tages in dieses seltsame Instrument, und macht den Dorfbewohnern durch herzzerreißende Töne Mitteilung von seinem Vorhaben. Sobald in der Morgenfrühe des Tages selbst das Horn zum zweitenmale sich vernehmen läßt, begeben die Bürger sich mit ihren Ehehälften auf den Weg zur Beratungsstätte. An althergebrachter Stelle unter freiem Himmel finden die Bewohner sich zusammen, vernehmen in feierlicher Ruhe die Anträge des Richters und sprechen dann in freier Diskussion die bestimmende oder abweichende Ansicht aus. Schließlich entscheidet Abstimmung über das Schicksal der Vorlage. Grundbesiz als Privateigentum ist zu San Miguel eine unbekannte Sache. Die Feldmark gilt ihrem ganzen Umfang nach als Eigentum der Gesammtheit. Ackerbau und Weidewirtschaft werden als gemeinsame Angelegenheit betrieben; die Gemeinde 422 • bestellt die Felder und weist aus der Ernte jeder einzelnen Familie ihren Anteil zu. Auf den kräuterreichen Tristen des ,, Gelben Gebirges" weidet vom Mai bis August das Gemeindevieh, darunter stattliche Ochsen, die man aus dem nahen Galizien zur Mast dorthin treibt. Mit Anfang September, wo auf der Höhe schon ein falter Luftzug sich bemerkbar macht, steigen die Herden zur Ueberwinterung in wärmere Gründe nieder. Die Beaufsichtigung der Herden, die Bekämpfung der zuweilen aus den endlosen Pinienwäldern vorbrechenden Wölfe macht unter den einzelnen Völkern die Runde in der Weise, daß jedesmal nach drei Tagen neue Kräfte in Dienſt treten. Es ist offenbar die altgermanische Markgenossenschaft, die gemeinsame Nuzung und Verteidigung der Feldmark. Das abwechselnde Ausziehen auf Kriegsabenteuer und Bestellen der Felder kennt auch Cäsar als suevische Eigentümlichkeit. So hat sich in einem entlegenen portugiesischen Gebirgsdörfchen die germanische Gemeinwirtschaft Jahrhunderte hindurch als Bürgschaft ursprünglicher Freiheit erhalten. Neben Ackerbau und Viehzucht beschäftigt die Gemeinde sich mit Kohlenbrennerei. Aus dem Haidenkraute( urze), der be fannten Erica vulgaris, das hier zu Lande unter günstigen Be dingungen strauchartige Entwicklung erreicht und nicht selten Stämmchen bis zu zwei Zoll Dicke treibt, wissen die Dorfbewohner ein ganz vorzügliches und im portugiesischen Norden sehr geschäztes Brennmaterial zu bereiten. Die aus dem Kohlengeschäft gewonnenen Gelder werden in die Gemeindekasse abgeführt, die zur Unterhaltung der Geistlichkeit und des Gottesdienstes sowie zur Bestreitung aller die Gemeinde betreffenden Auslagen bestimmt ist. Diese gemeinsame Geldkiste ist zugleich Unterstützungskasse; denn bei Feuerschaden, Viehseuchen und ähn lichen Unglücksfällen wird dem Betreffenden aus diesen Beständen Entschädigung gewährt. Sehr nachahmenswert ist die Bestimmung, daß die Geldkiste nur in Gegenwart der eigens zu diesem Zweck berufenen Volksversammlung geöffnet werden darf, und vor aller Augen hat der Schazmeister die beschlossene Zahlung zu leisten. So wird jedem Bürger Gelegenheit geboten, sich davon zu überzeugen, was man mit seinem Gelde macht. Auch auf dem Gebiete der Rechtspflege haben die Bewohner von San Miguel noch manche Eigentümlichkeiten bewahrt, die in germanischer Anschauungsweise ihre Wurzel haben. Geringere Vergehen werden mit Geldbußen gesühnt, deren Ertrag eine Haupteinnahmequelle der gemeinsamen Kasse ist; auf schwere Vergehen und Verbrechen steht die Strafe der Aechtung. Wer diesem Schicksal verfallen, wird von der Benuzung der gemeinsamen Quelle ausgeschlossen; an der Weide und Feldflur hat er keinen Anteil mehr; auf alle Fragen und Bitten wird ihm mit Stillschweigen geantwortet. Jeder gesellschaftlichen Verbindung beraubt, außer Stande, sich die notwendigsten Lebensbedürfnisse zu verschaffen, sieht der Geächtete sich zum Verlassen seiner Hei mat genötigt. Da die Gemeinde nur ein sehr beschränktes Gebiet hat, kommt diese Strafe nicht dem sicheren Untergange gleich; der Gebannte befindet sich jenseits des Weichbildes in Sicherheit, doch ist das Hinausstoßen in eine fremde Welt, das Zerreißen aller Bande, die ihm in der Heimat teuer waren, für ihn hart genug. San Miguel besizt in der Aechtung ein unfehlbares Mittel, sich verbrecherischer und gemeinschädlicher Menschen zu entledigen. Die heut zu Tage in Portugal nur in dieser Gemeinde noch übliche Strafe der Aechtung war früher im Königreich weit allge meiner verbreitet. Sie findet sich in den Rechtsordnungen und Freibriefen( foraes) von Ponte do Sor und Freixo( Tras- vsMontos) vorgesehen, und auf den azorischen Inseln wird in einem Volkslied das traurige Schicksal des Geächteten in kurzen aber ergreifenden Zügen geschildert. Sieben Priester hatte der Unglückliche in der Frühe des Weihnachtsmorgens am Altar erschlagen, sieben Städte verbrannt und dem König sieben Schlösser mit bewaffneter Hand genommen, jezt irrt er heimatlos von Ort zu Ort. Wenn er, vom Hunger gequält, um einen Schluc Wasser und einen Bissen Brod fleht, erhält er an allen Türen in gleichmäßiger Wiederkehr die abweisende Antwort, man befize solche Dinge nicht. solche Dinge nicht. Schließlich findet er fern von der Heimat sein Ende bei einer Kirche von Nazaret." " 1 Zur Winterszeit sind die in etnographischer Hinsicht vielfach anziehenden Ortschaften Suajo und San Miguel zeitweilig eingeschneit. Wie im Norden hängen Eiszapfen in wunderlichen 423 Gebilden von den Dächern, die Kiefern brechen unter der Last des Schnee's und aus den nahen Gebirgsschluchten bläst ein eisigkalter Wind herein. Wenn längst schon in den Tälern der C₁ M ww Un W Der Drachenstich zu Furth im Wald.( Seite 428.) Frühling seinen Einzug gehalten, ist dort auf der Höhe von lenzartigen Lüften noch gar wenig zu verspüren. Wer aber der Schwüle des portugiesischen Hochsommers sich entziehen will, wenn an der Küste und im Innern des Königreichs tropische Glut über dem Land liegt, der steige zur Sommerfrische in die Berge zu den alten Schwaben hinauf. D. Gr. 424 Religiöses Leben und Treiben bei den Juden der Gegenwart. Von Maximilian Dittrich. Vor kurzem saß ich bei einer meiner Reisen im Osten unsres deutschen Vaterlandes mit zwei Herren im Eisenbahncoupée zusammen, von denen der eine die Merkmale semitischer Abstammung in solcher Deutlichkeit im Gesicht trug, daß nichts zu wünschen übrig blieb. Der andre war offenbar ein Christ, ein eleganter, vermutlich sehr wohlhabender Mann aus dem Kaufmannsstande, den das Bedürfnis, die Langeweile vielstündiger Fahrt durch Gespräch zu mindern, zu allerlei Bemerkungen und Fragen trieb. Der jüdische Mitreisende schien wenig Lust zur Unterhaltung zu haben; er antwortete zwar höflich, aber furz und verfiel immer von neuem in reservirtes Stillschweigen. Schließlich sing mir der mitteilungslustige Herr an leid zu tun, und so ließ ich mich denn minder zugeknöpft finden und bald waren wir mitten in einem ziemlich lebhaft geführten Gespräche. Vielleicht wollte der Mitteilsame den dritten im Coupée zu Gemüte führen, daß er sehr unrecht getan habe, sich ihm gegenüber so wortfarg und abweisend zu verhalten, vielleicht geschah es auch zufällig, furz, ehe ich mich dessen versah, waren wir zur Kritik der im Schwange befindlichen Judenheze übergegangen und mein Partner wetterte das Blaue vom Himmel herunter ob des himmelschreienden Unrechts, welches den armen Teufeln, den Juden, geschähe und der Schande, welche die StöckerBlagau Marrsche Agitation wider das Judentum über unser erleuchtetes Jahrhundert gebracht hätte. Die Juden wären eben auch nicht schlechter, als andere Leute, behauptete er, jeder von ihnen suche sich eine möglichst vorteilhafte Eristenz zu schaffen, das sei nicht nur erlaubt, sondern recht und gut, dabei hielten sie sich im allgemeinen in den Grenzen der Geseze, ihr Anteil am Verbrechen sei nicht größer als der der Angehörigen anderer Religionsgesellschaften, und wenn die Geseze in mancher Beziehung vielleicht etwas mehr ungestraft ließen, als der allgemeinen Wohlfahrt dienlich sei, so müsse man das dem christlichen Staate zur Last legen, bei dessen Gesezgebung erst in neuester Zeit die Juden mitwirkten, aber im Ernst und ohne Uebertreibung gesprochen, doch auch heute noch absolut keine ausschlaggebende Stellung einnahmen. Während der judenfreundliche Christ sehr vernehmlich und fräftig seine Ansichten ausgesprochen hatte, war mein Blick mehrfach in die Ecke gewandert, wo der Jude saß. Diesen schien anfangs unsre Unterhaltung nicht im mindesten zu interessiren; als der Judenverteidiger aber immer eifriger und lauter wurde, sah ich ein parmal flüchtiges Lächeln über sein gescheit aussehendes Antliz huschen. Hätte ich diesem Lächeln eine Spur von Genugtuung oder Befriedigung angemerkt, so würde ich mich nicht gewundert haben, aber der krummnasige kluge Mann lächelte überlegen spöttisch, er hatte also etwas auszusezen an der warmen Vertretung, welche soeben seine Glaubensgenossenschaft gefunden hatte, er war mit ihr nicht einverstanden. Das reizte mich nun zu dem Versuch, ihn in unser Gespräch hineinzuziehen. Der christliche Kaufmann war eben auf den Wert der jüdischen Religion zu sprechen gekommen und schwärmte förmlich für dieselbe. Sie sei eine Humanitätsreligion von reinstem Wasser, Tugend und Gerechtigkeit seien ihr Ziel; was das Christentum an Moral und echter, edler Gottesfurcht besize, habe es vom Juden tum, seiner Mutter, geerbt. Christus sei nicht zufällig als Jude geboren worden. Heute noch seien die Juden die wohltätigsten Menschen, und heute noch führten sie, verschwindende Ausnahmen abgerechnet, ein musterhaftes Familienleben. Als der Judenfreund einen Augenblick schwieg, wandte ich mich an den Juden mit der Frage, ob er nicht auch meine, daß eine so unparteiische Beurteilung der Judenfrage gegenwärtig selten zu finden sei. Der Jude lächelte und antwortete: Unparteiisch, entschuldigen die Herren, ich bin selbst Jude, wie Sie gesehen haben werden, ich finde die eben geäußerten Ansichten aber nicht unparteiisch, sondern parteiisch. Wir Juden der Gegenwart sind lange nicht so schuldlos an der Judenverachtung und Judenheze, und die jüdische Religion unserer Zeit ist garnicht das, was der Herr meint." Der Christ sah den Juden eine Weile sprachlos vor Verwunderung an. Dann sagte er: " Sie sind selbst Jude und finden, daß ich in irgend etwas Wesentlichem unrecht habe? Das ist ja garnicht möglich." Aber es war doch möglich. Der Jude blieb sehr ruhig. „ Lassen Sie mich eine ganz kurze Mitteilung machen. Ich habe einen Freund, der ist in einer kleinen Stadt Rabbiner. Er ist ein Ehrenmann, und weil er einer ist, macht ihm seine Gemeinde schon seit Jahren in der bittersten Weise das Leben schwer. Er hat einmal gewagt, gegen den Wucher eine flammende Predigt zu halten; seit der Zeit ist er gehaßt und verfehmt in der Gemeinde, denn diese besteht fast ausschließlich aus Wucherern der schlimmsten Sorte. Diese Leute haben sich allesammt seit langer Zeit ein Gewerbe daraus gemacht, die arbeitsamen und einst wohlhabenden Bauern der Umgegend an den Bettelstab zu bringen. In der aufdringlichsten und raffinirtesten Art wissen sie den beschränkten Bauern ihre finanzielle Hilfe aufzudrängen und immer tiefer und tiefer in die Schulden hineinzuziehen, um sie schließlich erbarmungslos von Haus und Hof zu jagen. Meinen Sie nicht, daß diese Bauern ein Recht haben, die Juden zu hassen? Und sollte Ihnen ganz entgangen sein, meine Herren, daß dasselbe Spiel, welches die Wucherer in vielen kleinen Städten mit den Bauern treiben, in den großen Städten von den jüdischen Bankiers mit den Kleinkapitalisten des Mittelstandes gespielt wird? Und wer sind die Hauptvertreter des Schundhandels und der Schundfabrikation? Nicht etwa die Juden? Ich sage Ihnen: die Juden mögen zu ihrem jezigen Treiben gekommen sein, wie sie wollen, sie mögen in der Vergangenheit gelitten haben, wie kein andres Volk, soviel steht mir, dem un parteiischen Juden, fest, wenn man jezt wieder die Juden haßt und verachtet, sollen die meisten Juden an ihre Brust schlagen und bekennen: uns geschieht, wie wir verdient haben." -Der Christ suchte leidenschaftlich erregt nachzuweisen, daß der Jude, genau so wie die Judenhezer, zu Ungunsten seiner Glaubensgenossen übertreibe, aber dieser blieb unerschüttert bei seiner Meinung. " Um aus der unfruchtbaren Debatte herauszukommen, fragte ich den jüdischen Herrn, was er gegen die günstige Meinung unsres Reisegenossen von der jüdischen Religion einzuwenden hätte. Die jüdische Religion ist bei unsren modernen und civilisirten Juden ein Cadaver," erwiderte er. So, wie sie der Herr auffaßt, mag sie irgendwo und irgendwann gelebt haben und in sehr wenigen, verschwindend seltenen Ausnahmen vielleicht auch gegenwärtig noch lebendig sein. Die große Masse der Juden hält sich krampfhaft an das Kleid ihrer Religion, das rabbinische Torheit tausenfältig lächerlich und läppisch verunziert hat, und zum Teufel ist aller Spiritus, alle Humanität und Moral. Wenn ein Jude edel und gut ist, so ist er es ganz bestimmt nicht durch seine Religion geworden." Wieder wollte der christliche Herr sprechen, aber der Zug hielt und der Jude war am Ziele seiner Reise angelangt. " Ich bedaure, mein Urteil nicht eingehender begründen zu lönnen," sagte er.„ Aber wenn sich einer von den Herren überzeugen will, ob ich recht habe, so möge er gefälligst einen Blick tun in die Schrift von Rubens, Der alte und der neue Glaube im Judentum', sie ist bei Schabelis in Zürich erschienen und sehr billig zu haben." 425 Damit schied der merkwürdige Jude. fanatischen Gesezen strozende Machwerk aus der Zeit der InIch folgte seinem Rate, verschaffte mir die erwähnte Schrift quisitionstribunale,- und um diesen zu karakterisiren genügt und las sie. Im Anfang der Vorrede trat mir zunächst eine Behauptung entgegen, welche der Anschauung meines christlichen Reisegefährten über den Wert der jüdischen Religion überraschend ähnlich ist: „ Die geläuterte jüdische Religion ist geeignet, auch philosophische Köpfe zu befriedigen." So hat vor vierzig Jahren ein nichtjüdischer Denker gesprochen( Franz Kölisey) und damit übereinstimmend hat ein jüdischer Teologe der Gegenwart den Saz aufgestellt,„ die Religion Israels nach dem Geiste und die Religion der Humanität sind identisch." " In der Tat," fährt der Verfasser fort, wenn wir die mosaischen Geseze unbefangen prüfen, so zeigt es sich bald, daß sie nichts anderes beabsichtigten, als für den Staat die Basis der Gerechtigkeit zu schaffen und das Individuum zur Tugend und Humanität zu erziehen. Alle übrigen Geseze hängen mittelbar oder unmittelbar damit zusammen; nur muß man, um diesen Zusammenhang zu erkennen, sowohl die Verhältnisse als auch die Anschauungen jener Zeit im Auge behalten." Troz dieser warmen Anerkennung des idealen Kernes in der mosaischen Religionsgesezgebung ist Dr. Rubens weit davon entfernt, mit dem Judentum unserer Zeit und seinem religiösen Wesen einverstanden zu sein. Im weiteren Verlaufe der Vorrede schreibt er: ,, Werfen wir dagegen nur einen oberflächlichen Blick auf das Judentum des Mittelalters und der Gegenwart, wie es sich teologisch und firchlich darstellt, so finden wir etwas ganz anderes, als eine reine Religion der Humanität. Wir begegnen ceremoniellen Uebungen und Observanzen, die auch nicht im entferntesten als Mittel moralischer Erziehung angesehen werden tönnen. Wir begegnen Kultusformen, die mit der Idee eines vernünftigen Kultus nicht das Mindeste zu schaffen haben, und nicht minder begegnen wir in den Lehrbüchern der jüdischen Religion, sowie in der Liturgie, Lehren und Anschauungen, die nichts weniger als den Stempel der Vernunft an der Stirn tragen." Seit Moses Mendelssohn habe das Judentum zwar einen Anlauf zur Besserung genommen, aber in neuester Zeit habe sich diese reformatorische Strömung wieder gestaut und sei sogar zumteil in eine rückläufige Bewegung umgeschlagen. Die Teologie und das religiöse Leben bei den deutschen Juden unsrer Zeit werde von zwei fonservativen Richtungen, der mainzer und der breslauer, beherrscht. Die mainzer Rich tung sei über alle Maßen ortodox, halte den Talmud ganz ebenso hoch als die Bibel, sei allen minder ortodox denkenden Juden fanatisch feindselig gesinnt und betrachte als ihren Koder den " Schulchan- Aruch, das obsfure, von Absurditäten aller Art und es, auf den§ 233 des 2. Bandes hinzuweisen, wonach es Pflicht eines Israeliten sei, einen andern Israeliten, der aus Troz sich über religiöse Observanzen hinwegsezt( z. B. terefah ißt, am Sabbat raucht) durch Gewalt oder List zu ermorden." Gegenüber diesen in ihrer ungeheuerlichen Verbohrtheit konsequenten„ Schwarzen" unter unsern Juden stellt sich die breslauer Richtung als mehr„ chamäleonartig" dar. Dieselbe bringt es fertig, mit den Bestrebungen der modernen Wissenschaft zu liebäugeln und dennoch starr am Bibelglauben, an antiquirten Traditionen und Ceremonialſazungen festzuhalten, denen sie in jesuitischer Weise mit aller Gewalt und oft aller Logik zum offenbaren Hohne vernünftige Stüzen unterzuschieben sucht. Betrachten wir uns nun an der Hand des außerordentlich sachverständigen Dr William Rubens die Einzelheiten des religiösen Lebens unsrer Juden etwas genauer. Mit den drei hohen Festen fangen wir an. Das erste derselben ist das Pesach oder Paschah, Passah, das Ueberschreitungs- oder Verschonungsfest oder auch das Fest der ungesäuerten Brote, welches dem christlichen Osterfeste entspricht. Es soll an den Auszug aus Aegypten erinnern und an die angebliche Verschonung der israelitischen Erstgeburt seitens des Würgengels Jehovahs. Ueberschreitungsfest soll es nach dem 2. Buch Moses deswegen heißen, weil Jehovah die Häuser der Juden überschritten hat, als er die ägyptischen Erstgebornen tötete. Rubens meint, die biblischen Schriftsteller hätten höchst wahrscheinlich den Ursprung alter Namen und Feste nicht mehr gekannt, und das zur Zeit des Frühlingsäquinoctiums gefeierte Pesach sei einfach und natürlich gedeutet ein Frühlingsfest und heiße Ueberschreitungsfest, weil zu dieser Zeit die Sonne den Aequator überschreitet. Während der 7: bis 8 tägigen Dauer des Pesach dürfen die Juden nichts Gesäuertes essen. Wie die Bibel behauptet, deswegen, weil ihre Urväter bei dem plözlichen Auszuge aus Aegypten auf das Säuern ihres Brotteigs nicht hatten warten dürfen. Für viel wahrscheinlicher hält Rubens, daß das ungesäuerte Brot ( Mazzes) die Speise der Sklaven war, woraus auch zu erklären wäre, weshalb es in einem alten chaldäischen Stücke„ Brot des Elends, das unsere Väter in Aegypten aßen" genannt wird. Seien nun in biblischer Zeit solche Aeußerlichkeiten, wie der Genuß einer besonderen Art Brot, angebracht gewesen, um die Erinnerung an den Sinn des betreffenden Festes im Volke wachzuhalten, so seien sie doch für unsre Zeit, in der durch Schrift und Lesen wichtige nationale Erinnerungen weit besser lebendig gehalten werden können, nichts weiter als leere bedeutungslose Formen. Im Kampf wider alle. Roman von Ferdinand Stiller. Die Depesche war überflüssig. Der Techniker Faber hielt seine Dienste für so unumgänglich notwendig, daß er ohne auf Geheiß zu warten bereits angekommen war. Er brachte mehrere Geschäftsbriefe und auch ein äußerst wichtige geschäftliche Angelegenheiten berührendes Telegramm mit. Stein eröffnete dem Techniker in kurzen Worten, daß er nun seine Hilfe acceptive und sie sehr gut lohnen wolle; dann durchflog er, ohne sich um die Vorübergehenden zu kümmern, sofort die neuangekommene Korrespondenz. Sie enthielt Schlimmes, sehr Schlimmes. Die telegraphische Depesche fündigte ihm an, daß er die großen Quantitäten von Rohmaterialien, welche er schon zur Fabrikation seiner Waren in allernächster Zeit gebrauchte, um den ursprünglich angesezten Preis nicht erhalten könne, vielmehr beträchtlich mehr zahlen müsse. ( Schluß folgt.) ( 32. Fortsezung.) Und wie die Depesche, so enthielt jeder Brief eine üble Nachricht. Von allen Seiten liefen Abbestellungen von Waren, Kündigungen des Credits u. dgl. ein. Zumteil geschah das in schroffer Form. Ein Großindustrieller, mit dem er von Anfang seines Geschäftes an eine für beide Teile sehr angenehme und gewinnbringende Verbindung aufrechterhalten hatte, schrieb völlig rücksichtslos, er bedaure, daß er in geschäftlichen Beziehungen gestanden habe zu einem Mann, dessen politische und religiöse Haltung eigentlich von vornherein jede Annäherung an konservativ und religiös gesinnte Leute von altem guten Schrot und Korn, gleich ihm, hätte verhindern müssen. Um Franz Steins Lippen hatte sich der Zug der Verbittrung in tiefen Furchen eingegraben, als er in wenigen Minuten seine Lektüre beendet. Es war kein Zweifel mehr, er war von aller Welt verlassen er stand mit aller Welt in einem Kampf wie auf Leben und Tod. Und wie jezt die Dinge sich gestaltet zeigten, mußte schon eine Art Wunder geschehen, wenn er sein Etablissement vor dem totalen Ruin gerettet sehen sollte. Ein Wunder! Ueber seine verdüsterten Züge flog ein Spottlächeln, das der Techniker Faber nicht zu enträtseln vermochte, - der Mann wußte, was er für Nachrichten gebracht, und nun lächelte Stein, anstatt daß er ganz zerknirscht gewesen wäre. Franz Stein war weit entfernt zerknirscht zu sein. Er war nach wie vor entschlossen, seinem Mißgeschick den äußersten Widerstand entgegenzusezen. " 426 bestanden, zu kämpfen. Je höher sie im Range standen, desto länger ließen sie ihn auf Bezahlung warten und desto weniger wollten sie überhaupt liquidirt sehen. Das war früher anders gewesen, früher, das mußte er sich gestehen, waren auch seine Ansprüche sehr viel mäßiger gewesen. Jezt wurde aber der Bischof, sein Hauptklient, ebensoviel sparsamer als er älter wurde, während des Rechtsanwalts Bedürfnisse von Jahr zu Jahr entschieden zunahmen in ihrem Umfange sowohl, als in ihrer Raffinirtheit. Wo glauben Sie Arbeiter zur sofortigen Verwendung zu halten. finden?" fragte er. Faber nannte einen ländlichen Arbeitsdistrikt, wo er wohl= bekannt sei. Dort wären in neuester Zeit Arbeiter und zwar grade solche, wie sie die stein'sche Fabrik brauche, durch Ausdehnung des Maschinenbetriebs überflüssig geworden; wenn er sofort dorthin reisen dürfte, so wäre sicher, daß er schon morgen mit einer vielleicht ziemlich ausreichenden Zahl brauchbarer Leute zurückeile. " , Gutbeeilen Sie Sich soviel als möglich. Sie erhalten für jeden Mann, den Sie morgen Abend angeworben haben und der sich nach 14tägiger Arbeit als tüchtig erwiesen hat, zehn Mark. Ungefähr hundert Leute brauche ich, die Reisekosten für Sie und die Arbeiter zahle ich selbstverständlich daneben auch, und wenn ich diese ganze Sache mit Ihrer Hilfe glücklich überstehe, erhalten Sie fortan einen um die Hälfte höheren Gehalt als bisher." Um den Mund des Technikers spielte ein triumphirendes Lächeln, er glaubte sicher, leisten zu können, was sein Fabrikherr wünschte. " Ich reise also auf der Stelle ab," sagte er.„ Und will mir nur erlauben Ihnen, hochgeehrter Herr Stein, einen sehr tüchtigen Rechtsanwalt zu empfehlen, der mit den industriellen Verhältnissen, vorzüglich in unserer Provinz ausgezeichnet ver traut ist, das ist der Rechtsanwalt Born." " Ich würde mich im Falle des Bedarfs an meinen alten Rechtsfreund wenden," erwiderte Stein. Doch als ob ihm plözlich ein anderer Gedanke durch den Kopf schöffe, fügte er hinzu: Wie nannten Sie den Rechtsanwalt?" " Der Techniker wiederholte den Namen. „ Ist das nicht der juristische Beistand des Bischofs?" " So viel ich weiß, vertritt er die Herren vom hohen katolischen Klerus zuweilen und auch den Herrn Bischof. Grade darum ist er sehr gesucht und kann in allen möglichen Fällen viel nüzen." Franz Stein nickte anscheinend gleichgültig. „ Ich werde ja sehen," sagte er.„ Glückliche Reise, Herr Faber. Was ich Ihnen zugesagt habe, wissen Sie. Daß ich Wort halte, werden Sie nicht bezweifeln." Der Technifer verbeugte sich auf das devoteste und beteuerte, daß er das gütige Versprechen zwar dankbar annehme, aber weit entfernt sei, blos um materiellen Vorteiles willen Franz Stein zu dienen, dazu sei er schon von Natur viel zu uneigennüzig. Franz Stein grüßte ruhig und ging. Sein nächster Weg führte ihn in ein Restaurant, wo er sich ein Adreßbuch geben ließ. Er suchte die Wohnung des ihm von Faber genannten Rechtsanwalts. Dieselbe war sogleich gefunden. Ohne das Glas Bier, welches der Kellner eben vor ihn hinsezte, zu berühren, bezahlte er es und begab sich wieder fort. Der Rechtsanwalt war in seinem Bureau. Er war nicht bei besonderer Laune. Troz glänzender Einnahmen befand er sich wieder einmal in Geldverlegenheit. Die hochfeinen Weinsorten und die Delikatessen aller Länder, welche diesem Gastrosophen allein des Genusses würdig erschienen, waren verzweifelt teuer; der Kultus der weiblichen Schönheit, welchem er troz seines ziemlich vorgerückten Alters noch lange nicht zu entsagen gedachte, kostete ihn auch verteufelt viel Geld. Dabei hatte er beständig mit der Knausrigkeit seiner Klienten, die fast ausschließlich aus der höheren katolischen Geistlichkeit Seit Monaten hatte er schon mehrere tausend Taler von dem Bischofe zu fordern, ohne einen Pfennig ausgezahlt zu erhalten. Anfänglich hatte sich der Rechtsanwalt mit zarten Andeutungen gegenüber dem Intimus des Bischofs, dem Domherrn v. Lysen, begnügt, ohne jedoch den mindesten Erfolg zu erzielen. Darauf hatte er seinem jüngsten Schreiben eine Abschrift der längst eingereichten Kosten- und Auslagenberechnung mit dem Datum der ersten Ausstellung beilegen lassen. Soeben war ihm nun ein Schreiben des Domherrn zugegangen. Dasselbe enthielt eine ganze große Speisekarte von neuen Aufträgen, aber auch nicht die leiseste Andeutung, wann Zahlung erfolgen würde. Der Mann des Rechtes sagte sich allerdings, daß seine Rechnungen in neuerer Zeit in ihren Kostenansäzen mitunter gewaltig hoch gegangen waren, indessen hatte er das nötige Selbstbewußtsein, um der unerschütterlichen Ueberzeugung zu sein, daß seine vorzüglichen Dienste absolut garnicht zu hoch bezahlt werden könnten und daß die„ glatten gleiẞnerischen Glazköpfe", wie er als Freund Richard Wagners und seiner Alliterationsspielereien die Herren vom Adel gern nannte, in ihrem ganzen Leben keine solche Zierde von Juristen gefunden hätten, wenn er sich ihnen nicht zur Verfügung gestellt. Er war auf's höchste indignirt über die Art, wie der Domherr seine Geldangelegenheit zu behandeln wagte und sehr ge= neigt, ihm und dem Bischof aus Rache irgend einen Streich zu spielen oder sie wenigstens fühlen zu lassen, daß sie ihn ebenso zu respektiren hätten und ihn brauchten, wie er sie. In dieser Stimmung traf ihn Franz Stein. Derselbe wurde sofort vorgelassen. Der Rechtsanwalt war sehr begierig, zu vernehmen, was grade dieser Mann in diesem Augenblicke von ihm wollen könnte. Nach einigen kurzen Worten der Begrüßung ließ sich Franz Stein auf den ihm angebotenen Sessel nieder und eröffnete dem Rechtsanwalt, daß er gekommen sei, ihn um seinen juristischen Beistand gegen mehrere seiner ehemaligen Geschäftsfreunde zu bitten, welche urplözlich längst vereinbarte Warenlieferungen zu effektuiren sich weigerten und ihn so in arge Verluste zu stürzen drohten. Der Rechtsanwalt ließ sich über jede der fraglichen Fälle genau unterrichten und meinte dann, er wolle sehen, ob sich da etwas tun ließe, der Weg der Vermittlung sei zwar bei solchen Fällen gemeinhin der beste, dürfe aber bei der eigentümlichen Stellung, welche Franz Stein eingenommen hatte, kaum zum Ziele führen. Es müsse also der Weg der Klage gewählt werden, der- vielleicht er zuckte die Achseln und nahm aus seiner goldenen Dose bedächtig eine Prise. ,, Sie kennen meine Stellung und meine Verhältnisse, Herr Rechtsanwalt?" fragte Franz Stein. " Einigermaßen vielleicht. Ich erfahre durch meine tausendfältigen juristischen und bekanntschaftlichen Beziehungen viel mehr als mir wohl tut und lieb ist. Sie, Herr Fabrikant, haben Das Unglück, viel Feinde zu besizen, das weiß ich, und Sie müssen Sich auf noch viel mehr Schwierigkeiten gefaßt machen, als Ihnen bis jezt aufgestoßen sind." Franz Stein erwiderte den prüfenden Blick des Juristen kalt und ohne Bewegung. " Ich verhehle mir gleichfalls nicht, daß ich Feinde habe, int Grunde nur Feinde und geschäftlich ganz isolirt stehe, ich habe jedoch das unerschütterliche Bewußtsein, mir keine von allen den Feindschaften verdient zu haben, und das genügt mir, allem, was da kommen kann, mit Ruhe entgegenzusehen." " Allem?" fragte der Rechtsanwalt beziehungsvoll. „ Nun denn, mein Herr Rechtsanwalt, da ich gern glaube, daß Sie meine Verhältnisse übersehen, nehme ich keinen Anstand, Ihnen gegenüber ganz offen zu sprechen. Also: ich sehe allem, was da kommen kann, auch dem Schlimmsten, mit kalter Ruhe entgegen, denn ich selbst bin zu dem Aeußersten entschlossen." Troz aller seiner Klugheit vermochte der Jurist nicht zu enträtseln, worin dieses Aeußerste bestehen möchte, aber er gestand sich, daß es aus mehr als einem Grunde für ihn interessant sein müßte, darüber aufgeklärt zu werden. Daher sagte er: ,, Da ich bereit bin, Ihnen meine juristische Hülfe zur Verfügung zu stellen, Herr Stein, so darf ich wohl fragen, wozu Sie entschlossen sind." Franz Stein schwieg einen Augenblick noch, dann sagte er langsam und so, als ob er jedes Wort reiflich überlegte: " Zunächst einen beträchtlichen Teil meines Vermögens zu opfern und alle Energie daran zu sezen, meinen Verbindlichkeiten nachzukommen. Meine Lieferanten lassen mich im Stich, meine Arbeiter streiken, ich werde mir Rohmaterialien und Arbeiter verschaffen, gleichviel zu welchem Preise." Der Rechtsanwalt wiegte sein Haupt bedächtig hin und her: Mit den Rohmaterialien möchte das vielleicht unter großen Opfern noch zu machen sein, mit den Arbeitern schwerlich." " „ Es sind in einem entlegenen Teile unserer Provinz in allerjüngster Zeit viele Arbeiter meines Fabrikbetriebs durch die Auflösung eines großen Etablissements brotlos geworden. Warum sollten diese nicht zu gewinnen sein?" Der Rechtsanwalt lächelte. " Sie meinen die Fabrik in P..?" Stein nickte; er sah seine Voraussezungen erfüllt: der Rechtsanwalt war ausnehmend gut unterrichtet. " Da kann ich Ihnen voraussagen, daß alle Ihre Be= mühungen umsonst sein werden. Die Leute in jener Gegend sind stockkatolisch " " Auch die Stockfatolischen wie Sie, Herr Rechtsanwalt, die Leute zu nennen belieben werden nicht Lust haben zu verhungern " " Gewiß nicht, aber sie werden auch vorläufig vor dem Hunger geschüzt sein, zunächst bis zum Wahltage, vielleicht bis zum Tage einer Stichwahl. Man braucht Austräger für Wahl aufrufe und Stimmzettel u. s. w. in heller Menge ich vermute, man wird sich grade in jener Gegend die brotlos_ge= wordenen Arbeiter dazu gewählt haben oder am heutigen Tage noch wählen, vielleicht auch deshalb Er unterbrach sich, als wäre es besser, wenn er nicht mehr sagte. ,, Vielleicht auch deshalb- darf ich bitten fortzufahren?" „ Nun denn es ist eben eine Vermutung von mir, die ich Ihnen, Herr Fabrikant, unter der Voraussezung völliger Diskretion mitteile: vielleicht auch deshalb, weil man Ihnen, dessen fatale Geschäftslage man kennt und zu benuzen entschlossen ist, jede Möglichkeit, sich über dieselbe zu erheben, entziehen will." " Ah man gehen. Nun, ich werde soweit sollte bald darüber durch Tatsachen aufgeklärt sein." " Sie sagten vorhin, zunächst würden Sie das Ebenerwähnte versuchen. Wenn ich, den Sie als bisherigen juristischen Bertreter der höheren katolischen Geistlichkeit unserer Provinz fennen," er betonte das„ bisherig" in auffälligſter Weise, wenn ich Sie bitte, mir anzuvertrauen, wozu Sie entschlossen sind für den mir zweifellosen Fall, daß Ihre nächsten Bemühungen vollständig resultatlos scheinen, so sehe ich nicht ein, Ihnen mein Ehrenwort zu geben, daß ich Ihnen nicht nur nicht unter Umstänzu schaden gedenke, sondern daß Sie in mir unter Umstän Bartolomé Esteban Murillo( spr. Murilljo).( Illustration siehe Seite 421.)„ Ungefähr gegen 5 Uhr am Abend des 3. April 1682 wurde ich gerufen, um das Testament von Bartolomé Murillo, Maler= meister und Bürger dieser Stadt Sevilla, aufzusezen, und als ich beim Niederschreiben desselben bis zu der auf die Erben bezüglichen Bestimmungen gekommen war, und ihn nach den Vornamen seiner beiden Söhne gefragt, und er mir dieselben genannt hatte, gewahrte ich, daß 427 den einen sehr nüzlichen Bundesgenossen finden können, Herr Fabrikant Franz Stein." Wenn die Ursache des leisen, sofort wieder verschwindenden Lächelns, das in Steins Gesicht aufzuckte, von dem Juristen richtig erkannt worden wäre, so hätte er keine Ursache gehabt, sich geschmeichelt zu fühlen. „ Ich habe selbst gegenüber dem Vertreter meines getreuen Nachbaren, des Herrn Bischofs, keine Ursache, meine ultima ratio, das lezte Auskunftsmittel, zu verheimlichen, zumal dieses mir nicht geraubt werden kann. Sie werden wissen, daß ich in der Nachbarprovinz mehrere große Konkurrenten habe, Konkurrenten, denen mein Etablissement schon sehr unbequem geworden ist. Wenn ich eines Tages hintrete vor einen dieser Industriellen, die meines Wissens dem Klerus grade so feindlich gegenüberstehen, als unsrer Geburtsaristokratie und beiden feindlicher als ich, der in jeder Beziehung Unparteiische, wenn ich diesen mit großen Kapitalien ausgerüsteten Geschäftsleuten par excellence sage: mein Etablissement ist heute noch durchaus solvent, es repräsentirt ein Kapital von wenigstens 300 000 Mart, mir persönlich aber ist durch unwürdige Feindseligkeiten und schamlose Intriguen der Fortbetrieb unmöglich gemacht oder wenigstens auf das widerwärtigste erschwert. Ich bin deshalb bereit, euch mein Eigentum für ein Linsengericht und, wenn es nicht anders ist, umsonst in den Schoß zu werfen, nur damit es meinen Feinden nicht in die habgierig ausgestreckten Hände fällt, damit sie, die mir den industriellen Wettbewerb gründlich und auf die Dauer verleidet, sich selber eher damit geschädigt, als genüzt haben- glauben Sie, mein Herr Rechtsanwalt, daß irgend einer jener Fabrikanten mir einen Korb geben möchte?" Der Rechtsanwalt sah Franz Stein starr und höchlichst verwundert ins Gesicht. " Ist das Ihr völliger Ernst, Herr Franz Stein?" Mein völliger Ernst " Der sonst mit unzerstörlicher Kaltblütigkeit und Selbstbeherrschung ausgerüstete Jurist sprang jezt von seinem Size auf und rief lebhaft: dann „ Dann brauchen Sie nicht bis in die benachbarte Provinz zu gehen und dann brauchen Sie auch nicht ihr ganzes Kapital zu ristiren. Das ist eine Gelegenheit, wie ich sie längst gebraucht hätte, mich von den schäbigen Glazköpfen ihnen durch eigensüchtige Rechnungen einmal loszusagen, einen dicken Strich zu machen. Ich, Herr, habe weitreichende und einflußreiche Verbindungen auch außerhalb der Pfaffen- und Junkerkreise, die liberale Partei hat sich seit langem um mich ich werde Ihr Kompagnon, Herr Stein, ich rette beworben, Sie aus allen Schwierigkeiten und gehe, um statt den alten neue Bundesgenossen zu gewinnen, mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen ins liberale Lager über " Wieder huschte das bedeutungsvolle Lächeln über Stein's Züge. Er erhob sich gleichfalls. „ Ich danke Ihnen, Herr Rechtsanwalt, aber mein Entschluß ist gefaßt. Ich scheide aus der Fabrikantenlaufbahn, wenn ich mich nicht selbständig darauf erhalten kann. Wollen Sie meine Fabrik übernehmen, so steht sie Ihnen morgen oder übermorgen für den Spottpreis von 50 000 Mark zur Verfügung. Ich verlange dann weiter nichts, als die Garantie, daß mein Etabliſſement nicht doch offen oder heimlich die Beute der Herren vom Dom oder des Fürsten Waldkirch und seiner Leute werde11 " Hier meine Hand. Die Garantie sollen Sie haben. Sie werden über die Tonart, aus der ich mit den frommen und hohen Herren spreche, Ihre Freude haben. Ich werde für Sie in den nächsten Tagen jederzeit zu sprechen sein und erwarte Ihre Dispositionen." * * * ( Forts. folgt.) er starb. Als ich darauf, der gefezlichen Vorschrift gemäß, die weitere Frage an ihn richtete, ob er vielleicht noch ein anderes Testament gemacht, antwortete er mir nicht und war verschieden." So berichtet ein Augenzeuge, der zur Abfassung des Testaments berbeigerufene Notar Guerrero, über den Tod des größten spanischen Malers, in dem heute noch seine Landsleute mit Recht ihren Raphael verehren, und dessen vor kurzem zum zweihundertstenmale wiedergekehrter Todestag nicht nur 428 von ihnen feierlich begangen, sondern dessen auch bei uns in hoher Anerkennung gedacht worden. Große, genial beanlagte und wirkende Geister werden immer von der gesammten zivilisirten Welt geehrt und geschäzt werden, wenn in ihrem ganzen Wesen sich auch noch so sehr der Karafter ihres Heimatslandes ausprägt. Zu Männern dieser Art gehört auch Murillo. Aus seinen berühmten und einzig in ihrer Art dastehen= den Genrebildern tritt uns die ganze Sorglosigkeit der Gassenbuben Sevillas, aus seinen Konzeptionen aber die religiöse Verzückung entgegen, wie sie nur auf einem Boden gedeihen konnte, der seinerzeit die Heimat der religiösen Schwärmerei war. Hat aber dieser Umstand vor allem die Begeisterung seiner Landsleute für seine Werke geweckt, so ist es die sie auszeichnende künstlerische Vollendung, welche sie uns heute noch von großartigem Wert erscheinen läßt und ihren Schöpfer zu einem der unseren macht. Dieser wurde am 31. Dezember 1617 in einem fleinen früher zu einem Kloster gehörenden Hause am San- Pablo- Plaz zu Sevilla geboren; man hat zumeist erst den nächsten Tag als seinen Geburtstag bezeichnet; richtig ist, daß er am 1. Januar 1618 getauft wurde. Seine Eltern, unbemittelte Handwerksleute, starben frühzeitig, und so kam denn der junge Bartolomé, entsprechend seinen Anlagen, die sich in einer großen Neigung zum Zeichnen schon von Jugend auf fundgaben, zu einem Maler in die Lehre. Ein großes Genie soll sein Lehrmeister, Juan del Castillo hieß er, nicht gewesen sein, aber desto größer war seine Liebe und Zuneigung zu dem jungen Schüler, der übrigens durch seine Gelehrigkeit und sein liebenswürdiges Benehmen viel dazu beitrug, sich die Sympatie von Meister und Mitlehrlingen zu erwerben. So wurde Murillo denn auch nicht nur in der Kunst des Zeichnens unterrichtet, sondern erhielt auch noch eine sorgfältige allgemeine Erziehung. Vom Farbereiben, Pinselreinigen, und wie diese kleinen von den meisten angehenden Künstlern heute leider verächtlich betrachteten Beschäftigungen heißen, wurde er trozdem nicht dispensirt und vielleicht auch zu seinem Glück. Denn die Kenntnis der einfachen technischen Verrichtungen bedingt das Gelingen und die spätere Erhaltung eines Kunstwerkes, namentlich die der Malerei. Man sagt auch, er habe schon damals mit seinen Nebenschülern Malereien in Leimfarbe auf Leinwand ausgeführt, die zur Dekoration an Altären, Pfeilern und an den Wänden der Kirchen aufgehängt wurden. Seinen Erzieher und Lehr= meister verlor jedoch der erst 22 Jahre alte Künstler, als Castillo 1639 oder 1640 nach Cadix übersiedelte. In ein anderes Atelier trat Murillo nicht ein, es mag ihm dazu an Neigung und auch an den nötigen Mitteln gefehlt haben. Mit Hilfe von dürftigen Aufträgen, deren Honorirung jedenfalls auch nicht besonders opulent gewesen sein mag, fristete er in Zufriedenheit sein Dasein, bis ein Zufall ihn aus diesem Zustand aufscheuchte. Pedro de Moya aus Granada, ein acht Jahre älterer Mitschüler von ihm, kehrte von einer Studienreise zurück, auf der er in Flandern die Werke der Niederländer und in London den gefeierten van Dyck persönlich kennen gelernt hatte. Er brachte selbst gemalte Bilder mit, die durch ihre frischen, leuchtenden, satten und doch harmonisch gestimmten Farbentönen allgemein Aussehen erregten, in Murillo aber eine förmliche Revolution hervorriefen. Die Werke der großen Meister zu studiren war nunmehr sein einziger Gedanke, nach Italien, Flandern oder nach London zu van Dyck zu gehen sein heißester Wunsch. Doch die Erfüllung desselben war für einen Menschen, der wohl die Anlagen zu einem großen Künstler, aber kein Geld hat, nicht so leicht. Hatte er bisher um sein Leben zu erhalten Heiligenbilder und sonstige gewünschte Darstellungen für den Trödelmarkt gemalt, so überwand er eine solche für ihn widerwärtige Beschäftigung erst recht, als es sich darum handelte, mit ihrer Hilfe seinen Lieblingswunsch zu erfüllen. Damals wurden nämlich Heiligenbilder in großer Zahl für den Export nach Indien begehrt, die zwar schlecht bezahlt wurden, aber auch keine besonders künstlerische Anforderungen zu erfüllen hatten. Binnen ver= hältnismäßig furzer Zeit hatte Murillo davon so viel angefertigt, daß er die Mittel zu einer Reise gewann, die ihn, wenn auch nicht nach Rom, so doch wenigstens 1642 nach Madrid führte. Hier hoffte er die Unterstüzung seines berühmten Landsmanns, des Malers Don Diego Velasquez de Silva, zu finden, und er hatte sich nicht getäuscht. Infolge der Fürsprache dieses Malers standen ihm die Gemäldesammlungen offen und hier studirte er nun zunächst namentlich die Werke von Tizian, Rubens, v. Dyck und Ribera. Aber je mehr er sich in die Werke dieser großen Meister vertiefte, desto freier und selbständiger wurde sein Stil. Troz allen Drängens von Velasquez in Madrid, am Hofe zu bleiben, zog ihn das Heimweh nach Andalusien und nach Sevilla zurück und er fam 1645 schon in seiner Baterstadt an. Jezt gestaltete sich hier sein Leben günstiger als früher, denn die Werke, die er nun schuf, riefen die Begeisterung aller hervor. Namentlich waren es seine Madonnen, die durch ihren Liebreiz und durch ihre Wahrheit die frommen Spanier allgemein entzückten. Sein Hauptwerk ist wohl der heilige Antonius, für den ihm das Domkapitel 10 000 Realen bezahlte und von dem eine von seiner Hand gemalte Nachbildung, die jedoch in mancher Beziehung von dem ersten Werke abweicht, sich im berliner Museum befindet. Aber neben seinen berühmten Bildern der Konzeption, in denen er die seine Landsleute so begeisternden religiösen Verzückungen darstellt, und die ihm den Namen ,, Maler des Himmels" gaben, sind es vor allem seine Genrebilder, welche seinen großen künst lerischen Ruf begründeten. Wer Gelegenheit hat, die alte Pinakotek zu München zu besuchen, den bitten wir, sich die fünf Genrebilder Murillos genau anzusehen, und er wird staunen, mit welcher Lebenswahrheit auf ihnen die Zerlumptheit, wie das Leben und Treiben der sevillaner Gassenjungen dargestellt ist. Das Behagen, mit dem hier einer eine Melone, dort einer eine Traube oder ein Stück Brod verzehrt, ist meisterhaft dargestellt. Ebenso die Harmlosigkeit und Sorglosigkeit, welche sich auf den jungen Gesichtern ausprägt. Fast könnte man glauben, der Künstler habe sich in diesen Darstellungen entschädigen wollen für den Umstand, der ihn zwang, Heiligenbilder fabrikmäßig zu malen, um nur in die Lage zu kommen, sein großes Talent zur Blüte zu bringen; denn die Wahrheit des wirklichen Lebens kontrastirt nur zu sehr gegen den Zwed der Heiligenbilder. So hat er auch auf einem bekannten Bilde, Moses mit seinem Stabe Wasser aus dem Felsen schlagend, das Entzücken über das den bald verdürsteten Israeliten in der Wüste gebotene Labjal so großartig wiedergegeben, daß dieses Bild im Volksmunde nur der Durst" genannt wird. Sonderbar, oder sagen wir, erklärlicher Weise, ist von den oben genannten Genrebildern in Sevilla, das so stolz auf seinen großen Sohn ist, feines zu finden. 1648 hatte sich Murillo mit Donna Beatriz de Cabrera y Sotmayor aus Pilas verheiratet. 1680 malte er im Kapuzinerkloster zu Cadix ein großes Werk und stürzte in beträchtlicher Höhe vom Gerüst, wodurch er eine innere Verlegung davon trug, die seinen oben näher beschriebenen Tod herbeiführte. Das begonnene Gemälde vollendete einer seiner Schüler, deren er eine ganze Anzahl in einer von ihm errichteten Akademie vereinigt hatte. Seine Werke sind in Sammlungen der ganzen gebildeten Welt zerstreut. Außer in Spanien namentlich in Paris, Berlin, München, Dresden, Wien und in vielen englischen Sammlungen. nrt. Der Drachenstich zu Furth im Wald. Von den Ungetümen der mittelalterlichen Volkssage, die auch eine Menge von Unheil über die Menschen brachten, spielt der Drache eine große Rolle, und unsere Illu stration auf Seite 423 führt uns ein Volksfest vor, das zu Furth im Wald( im bayerischen Kreis Oberpfalz) alle Jahre am Sonntag nach dem Frohnleichnamsfest gefeiert wird und seinen Ursprung in der alten Volkssage hat. Nach der Sage hat ein Drache über Furth die Best gebracht, ein anderer hat dagegen die Stadt in alter Zeit bedrängt, bis er vom Helden Siegfried getötet wurde. Nach der Pest veranstalteten diejenigen Bewohner genannten Ortes, welche von der bösen Krankheit verschont blieben, den Drachenstich, der sich bis in unsere Zeit erhalten hat. Auf einem geräumigen Plaz in der Nähe des Rathauses erhebt sich die provisorische Bühne, auf der sich eine mit reichem mittelalterlichen Gewand angetane Königstochter befindet, begleitet von ihrer Ehrendame. Ihr gegenüber erscheint der greuliche Drache, der, nachdem er allen An wesenden Furcht und Schrecken einzuflößen gesucht, der Prinzessin immer näher rüdt. Schon schwebt sie in der größten Gefahr, da sprengt ein stattlicher und wohlgerüsteter Rittersmann herbei und erbietet sich zum Retter. Zwischen ihm und der in Gefahr schwebenden Dame entspinnt sich nun ein in Versen gehaltenes Zwiegespräch, in dem der Ritter seine Hilfe anbietet, die Prinzessin ihn aber vor der Gefahr warnt. Das schreckliche Ungetüm, das durch sein Erscheinen in unmittelbarer Nähe den Dialog stört, wird aber trozdem vom Rittersmann mit der Lanze angegriffen und umgebracht. Darob entsteht großer Jubel unter den Zuschauern, die alle herbei eilen, um ihre Taschentücher in das strömende schwarze Blut zu tauchen. Sobald das Ungeheuer nochmals sich au zurichten versucht, empfängt es vom herbeieilenden Reiter den Todesstoß. Nach einem abermaligen Dialog zwischen diesem und der nachgemachten Brinzejjin empfängt er von lezterer den Eichenkranz für seine rettende Tat. Nachher rückt aber der ganze Zug der Festteilnehmer in's Wirts haus, wo das Fest mit einem fröhlichen Tanz abgeschlossen wird. Früher marschirten der Drache und die Hauptpersonen des Spieles in der Frohnleichnamsprozession einher, wogegen der Pfarrer aber Proteſt ein gelegt hat und zwar mit Erfolg. Redaktions- Korrespondenz. nrt. Kittlig. R. W. Es wird uns angenehm sein, wenn Sie uns das Buch ein senden. Wir werden es durchsehen und es Ihnen dann zurückschicken. Bevor wir das Buch nicht haben, tönnen wir auch Ihre Frage mit Sicherheit nicht beantworten. Bremen. D. B. Kaufen Sie sich 3osef Benn's deutsche Aufsäze". Wies nicht baden 1881 bei Adolph Gestewiß. Cottbus. Rentier und Schriftsteller W. D. Freundlichen Dank für die Sen dung. Wir werden den Brief baldmöglichst rezensiren. Calw. W. B. Das Album mit Ihren Gedichten ist eingetroffen. Unser Urteil über dieselben demnächst. Braunschweig. C. G. Ihr Gedicht zeugt von poctischem Gefühl, läßt aber in bezug auf die Fähigkeit poetischer Gedankengestaltung noch Erhebliches zu wünschen übrig. Reli Inhalt: Verschlungene Lebenswege. Roman von Franz Carion.( Forts.) Die Ueberreste der Eueven in Portugal. giöses Leben und Treiben bei den Juden der Gegenwart. Von Maximilian Dittrich. Im Kampf wider alle. Roman von Ferdinand Stiller.( Forts.)- Bartolomé Estéban Murillo.( Mit Illustr.) Der Drachenstich zu Furth im Wald.( Mit Jllustr.) Korrespondenz. Redaktions Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart.( Neue Weinsteige 23.) Expedition: Ludwigstraße 26 in Stuttgart. Drud und Verlag von J. H. W. Dieß in Stuttgart.