Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 50 Pfennig.— In Heften a 85 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postäinler. WerschLungene Lebenswege. Roman von Jranz ßarion. riet n r Dame Ivar, wie Lncie ganz ricyng vn- Qeoptr•''e'nc �uttcr; die junge neben ihr fizende Lady wnds rUK �enüandte derselben, deren Vater, ein sehr reicher ickt r �rkshire, sie zum erstenmale nach London ge- k v �a,tc' um die nötige vornehme Bildung zu erlernen, weil oriit" c'"e vollkommene Unmöglichkeit sein würde, und?""4 ganz mit ihm einverstanden bin," fugte Richard >agtc dann lachend:„Lady Vally �Valentine) hat übrigens , Riihm hier erworben, auf den sie nicht wenig stolz id"n Hhdepark hat sie sich vorgestern zum Gegen- f.,?. gemeiner Bewunderung gemacht, sie reitet und fährt leimaßig mild." llch wahrscheinlich zum Liebling der Lady, Ihrer machen." "fth* lDälC""vvtig, sie ist es schon," antwortete Richard. d"d■'''®'c kleinen, Ihre Mutter wünscht zwischen Ihne» tiitf? Dame eine eheliche Verbindung anzubahnen... �"lly ist die Erbin eines reichen Grundbesizers." (Ar?""'vohl möglich; aber ich habe noch nichts von einer 1 vuitterlichen Spekulation gemerkt," äußerte Sir Clinton. »Yn,i-'''e Wird sich wohl sehr dabei bedenken, ehe sie sich i einläßt, sie weiß, daß ich auf meine Selbständigkeit halte." w schatten von Unmut überflog die Züge des jungen l,'.'wd erschreckte Lucie. War das ei» Zeichen, daß er �e», Cfl"C Vermutung in sich barg oder hatte ihn Lucie's iaui?-I"i1 �krdrossen und er dieselbe als eine voreilige Belei- ir& tc'"c§ freien Willens aufgefaßt? Sie wagte keine weitere timn> über diesen Gegenstand, der ihn so auffallend verstell' 0b,V0V f'c gvrn erfahren hätte, wie er ihre künstige chie,,'"? gestalten wolle... Schweigen zu beobachten. �vte- i• einzig Ratsame. Der Gedanke, daß sie ihm ein <5 bringe, war ganz unerwartet erschüttert. wille t"1- Heiterkeit kehrte bei ihm sofort zurück, da Lucie sich gegen �'"er Laune fügte, er envies sich so liebenswürdig Stiii- �aß auch nicht die geringste Spur einer verdrüßlichen was v � zurück blieb. Alles wurde von ihnen besprochen, das' q llebersiedelung Lucicns aus dem„Essexer Riesen" in Landhaus betraf, welches Richard eigentümlich gehörte. Am nächsten Nachmittag erschien derselbe Mann mit der Augenbinde bei ihr. Unten am Eingange hielt ein von ihm mitgebrachter Wagen für sie, und nachdem ihr Gepäck hinabgeschafft, verließ sie diesen Gasthof, der ihr in der großen fremden Stadt zur ersten Station ihres bereits begonnenen abenteuerlichen Lebens geworden war. Vergebens bemühte sich der Portier-Landsmann von ihr, die ihm ein ansehnliches Trinkgeld in die Hand gedrückt hatte, zu erfahren, wo sie nun wohnen werde, nicht seiner Neugier wegen, sondern aus der einfachen Ursache, wenn etwa Briefe an sie gelangen würden, diese ihr zuzuschicken. „Lassen Sie das keine Sorge für Sie sein," antlvortetr Lucie.„Die an mich kommenden Briefe empfange ich von... unserm Gesandten. Es würde also unverantwortlich von mir sein, tvollte ich eine andere Disposition treffen. Leben Sie wohl!" Der würdige Portier war durch diese Erklärung vollständig konsternirt und sah dem fortrollenden Wagen mit jener Ber- blüffung nach, welche recht deutlich bezeugte, daß die Begreif- lichkeit dieser Tatsache seinen Horizont tveit überstieg. Kopf- schüttelnd zog er sich in seine Loge zurück. 6. Die JUtswcifung. Tie Flitterwochen eines neuvermählten Pares könne» nicht wonnevoller sein, als die des ersten Monats, welche Sir Richard mit Lucie verlebte. Beide liebten das Vergnügen gleich sehr, und da er die Mittel besaß, um dasselbe in immer heiterer Abwechslung zu genießen, so fühlte sie sich sehr glücklich. Freilich blieben ihr immer noch Wünsche, deren Erfüllung sich nicht absehen ließ, indes die Zukunft muß.auch ihr Teil zum Glücklichsein bei- tragen und leider steht die Zukunft bei den meiste» Menschen auf dem Warte-Etat. Wenn Lucie sich einer Kränkung aus- gesezt glaubte, so war es die, daß Sir Richard es vermied, mit ihr au vielbesuchten öffentlichen Orten und in feiner Gesellschaft zu erscheinen. Einmal sich darüber gegen ihn beklagend, antwortete er ihr ohne Aufregung: „Du übersiehst, daß das Recht der Klage allein auf meiner Seite ist, durchaus nicht auf der deinigen. Ich entäußere mich � 20. Mai. 1282. 430 der mir zukommenden Ansprüche aus den Gesellschaftskreis, die mir hinsichtlich meiner Geburt und meines Namens zustehen... warum? um deinetwillen. Denke darüber nach, du wirst finde», daß du nicht in vornehme Cirkel passest. Dir fehlt sogar das Notwendigste, das Verständnis unserer englischen Sprache. Bevor du dir dies nicht angeeignet hast, mußt du deinem Wunsche entsagen, er ist durchaus unberechtigt. Unsere englischen Damen sind sehr difficil in der Wahl ihres Umgangs, dir fehlen die üblichen Formen, die gesellschaftliche Bildung. Man verzeiht der Fremden gleichen Ranges viele Mängel und Schwächen, nie aber würde man einer bürgerlichen Tcntschcn derartige Anmaßung verzeihen,>vie du sie gegen mich aussprachst." 2, wie fühlte sich aus ihrem Traumhimmel gestürzt, Richard hatte sie in die Stellung zurückgewiesen, in die sie gehörte, und diese ivar eine sie tief demütigende. Tie Gelassenheit, mit der er zu ihr gesprochen, deutete ihr an, daß er der Herr sei, welcher niemals zugeben werde, daß sie ihn zu diesem oder jenem Tu» bestimme. Die Klugheit sagte ihr: sie müsse sich seinem Wille» fügen, denn was wollte sie beginnen, wenn er ihrer sich zu entledigen entschlossen war? Sie fand es daher für ratsam, ihm zu erklären, daß es ganz mit ihrem Wunsche harmonire, die englische Sprache zu lernen; aber sie wisse nicht, wie sie das möglich machen solle, sie sei ja gänzlich fremd hier, nnd nm eine Lehrerin zu finden, die ihr den nötigen Unterricht gäbe, gehöre doch so viel Kenntnis dazu, mit einer solchen sich bekannt machen zu können. „Ich werde dafür sorgen." sagte ihr Richard. „Sieh, mein teurer Geliebter, der Mangel an geistiger Be- schästigung ist für mich ein großes Unglück," redete Lude... „nur diesem allein entsprang mein Wunsch, von dir in die vor- nehmen Gesellschaftskreise eingeführt zu werden. Ich stellte mir das so leicht vor und glaubte die Dame» so gut und liebevoll zu finde», wie du es gegen mich bist. Sic würden freundlich gegen mich sein, wenn du ihnen mich empfiehlst, das glaube ich wohl, aber ich sehe es jezt auch ein, daß es wie Anmaßung von mir klingen mußte, denn ich verstehe ja nicht einmal eng- lisch. Daran habe ich wirklich nicht gedacht." Sir Richard äußerte lachend:„Tie Unterhaltung würde allerdings sehr seltsam sein." So wenig von Bedeutung dies Zerwürfnis auch war, so k„a£."--i--*"" sehen, nicht erfülle» könne; indes war die Sprache seiner Ent- schuldigungsbillets eine freundliche. Es würde eine Neigung zu Gehässigkeit verraten haben, hätte sie sich dem Glauben hin- gegeben, die Mitteilungen, die er in seinen Billets ihr machte, beruhten auf Unwahrheit.., er hatte ja keine Täuschung gegen sie nötig. Die angelegentlichen Erkundigungen nach ihrem Befinden, welcher Art die Erholungen wären, die sie sich in ihrem jezigen einsamen Leben verschaffte... und ganz besonders, ob sie Fort- schritte in der Erlenning der englischen Sprache mache, wie sie mit ihrer Lehrerin Mistreß Ctanhope zufrieden sei? alles das bezeugte, daß er sie noch liebte... ivic hätte sie Arges von ihm denken können! Der Umgang mit Mistreß Stanhope war für sie eine Wohl- tat. Diese Frau, die Wittivc eines Sprachlehrers an einem großen Mädchenpensionat in Deutschland, die schon zu Lebzeiten ihres Mannes unter seiner Leitung Unterricht in englischer Sprache an junge außer dem Pensionat lebende Damen erteilt hatte, war vor einigen Jahren nach London zurückgekehrt. Die guten Em- pfehlungen einiger ihrer ehemaligen nun an hochgestellte Männer mit bedeutenden Familiennamen verheirateten Schülerinnen hatten ihr ein erträgliches Auskommen bereitet, nnd zu dem Kreis der von ihr unterrichteten Damen zählte nun auch Lucie. Beide lernten sich kennen und gegenseitig schäzen. Mistreß Stanhope schien wohl zu ahnen, in welchem Verhältnis Lucie zu Sir Richard stehen müsse, aber das milde Gemüt der Lehrerin äußerte nie eine Silbe über diese Mutmaßung, die sich für sie leicht zur vollen Kenntnis umgewandelt hätte, wenn sie die pöbelhafte Gewohnheit besessen, vom Dienstpersonal zu erkundschaften, was sie wahrscheinlich durch diese Quelle vollständig erfahren habe« würde. Es gab nur wenige dienstliche Personen in Sir Richards Landhause. Die bedeutendste derselben war Miß Ruth, ein alt gewordnes Mädchen, welches bei Luden Kammerfrauendienste tat. Sie trug den biblischen Rameu Ruth, obwohl dessen Bc-' deutung, die„Acngstliche",„Schüchterne" durchaus nicht auf sie paßte, denn sie besaß alle Eigenschaften, die gerade zu»' Gegenteil einer ängstlichen oder schüchternen Gemütsart gehöre»-, Miß Ruth war sehr gehässiger Natur und Lucicns Lehrer!» hätte gewiß von ihr alles erfahren, was das Geheimnis der Stelllinn itirpr S:... 1. sVirtl) 4 —----"J—- IKUK' JiV- vuyvt(»ttvy VV»V I». Troz alledem genoß diese einen so schönen biblischen Na»»'" tragende Miß nicht das Vergnügen, irgend ctivas zu erlebe»' das auf die baldige Jnszenesezung ihres gehässigen WunsdP sich hätte deuten lassen, im Gegenteil, sie hatte den Aerger, � Sir Richard Luden am Neujahrsabend einen Besuch mach"' sogar mit ihr soupirte und sie reich beschenkte. Das war aller ,. VKK fU�iUCiCll V�UjUlÜ an sie herantrete; indes diese Trübung ihres inneren Friedens ging doch ohne eine weitere Folge von gegenseitig zur Schau getragener Verstimmung vorüber. Sir Richard war kein harter Karakter und Lucie empfand von seiner Seite keinen Anlaß, sich über Beleidigungen zu be- klagen, zwischen ihnen schien eine stille Sühne stattgefunden zu haben. Die schönen Tage des September vereinten sie zu Lust- Partien, wie früher die Sommertage es getan hatten, und die rnugenvinve und der windschiefen Nase, welcher früher Abende wurden in den Teatern hingebracht, deren nicht geringe boxer gewesen war, auf dessen herkulische Gestalt Sir Ria?» Zahl ihnen hinlängliche Abwechslung gestattete; aber der Oktober, oft bedeutende Summen gewettet und gewonnen hatte, bis da mit seinen feindlichen Nebeln, die meist von solcher Dichtigkeit eines Tages dieser gewaltige Schläger seinen Meister fand, zu sein pflegen, daß die Passage für Wagen und Reiter nicht ihm das Auge ausschlug und das Nasenbein fast zertrünimc'' wenig gefährdet ist, bewirkte auch für Lucie eine große Umwand- hatte unterm Siegel der Verscbwieacnbeit Min Rutb vertu" lung. Richard kam seltener, öfter blieb er mehrere Tage auS, hnuti hrnrM r» fott»»».irr:—% ,---- 7 �-i-7-"—* � dings unbegreiflich, denn sein Kommissionär, der Mann mit J Augenbinde und der windschiefen Nase, welcher früher ,.,— v».-Üliyi' Ulli?, dann brachte sein Kommissionär, der Mann mit der Augenbinde und der windschiefen Nase, ein Billet, in welchem er ihr erklärte, daß er von Geschäften und Anforderungen überhäuft, mit denen spinp ik'NI Nur fltvipm ovft----- hatte unterm Siegel der Verschwiegenheit Miß Ruth vertu"'' daß eine Vermählung Richards mit der jungen reichen yorksll'" Dame von Lady Elinton geplant werde und beider Verlol'»"- in baldiger Aussicht stehe. Lucie ahnte davon nichts. Sie stand auf einem Vulka»,' pii nnrfi rv---------«. ,_______ D........ uciiui iuue nynre oaöon nichts. Sie stand auf einem Vulka», seine ihm vor kurzem erst übertragene Stellung im königlichen dessen noch geschlossenem Inneren verderbliche Gewalten so .Haushaltungsministerium ihn beschäftige, seinen Wunsch, sie zu unbemerkt gährcn, bis sie einen Krater gesprengt haben, der 1, 1 431 unwissend daraus Aussende in seinen Schlund hinabreiht. Wie wäre es möglich gewesen, dah Richard am Reusahrsabend so liebevoll gegen sie hätte sein können, wenn er die Absicht ge- habt, sie von sich zn stoßen? Hatte sie auch vorher an seiner Treue Gezweifelt, jezt glaubte sie unerschütterlich, seine Liebe gehöre ihr noch so sicher, wie an jenem Tage, wo sie an seiner seite �en„Simson" im Hamburger Hafen besteigen wollte, um mit ihm zu fliehen. Wenn auch, da er ihr bis zur Mitte Februar kein Lebens- zeichen von sich zuschickte, zuweilen eine Bangigkeit ihr Denken durchzitterte, dah sie nur mit Mühe derselben sich cnvehren konnte, so erhob sie sich doch rasch wieder aus diesem Zweifels- dränge, der sie wie eine unheimliche gespenstige Macht überfiel. Selbst gegen Mistreh Stanhope äußerte sie nichts davon, öbwohl lic nicht nur großes Vertrauen auf diese scztc, sondern auch auf deren freundschaftlichen Rat mit Sicherheit sich hätte verlassen können. Im Erlernen der englischen Sprache hatte Lncie be- deutende Fortschritte gemacht. Mistreß Stanhope ließ sich keine Mühe dabei verdrießen und da ihre Schülerin nur auf den llmgang mit ihr angewiesen war, so lag es in der Natur der Sache, daß Lucie alles, was an ihr lag. aufbot, um ihr den Unterricht nicht schwer zu machen. Die vor Neujahr durch eisige Nvrdstürme sich sehr empfind- l'ch machende Kälte hatte im Verlaufe des Januar einer nnl- deren Temperatur Plaz gemacht, und dieser Umstand vergönnte Lucien und der Mistreß oft im Park zu promeniren. Hier waren sie geschüzt vor jeder Wcttereinwirknng. Das Rauschen des Windes in den hohen Tannen- und Kiefcrbäumen, der Schuz dichten Gesträuchs, dessen kahle Ruten sich großartig vor den och gut gehaltenen Wege Begehenden neigten, der Friede in dieser aus Laub- und Stadelholz der verschiedensten Arten be- stehenden, wohlgcpflegten Waldregion hatte so viel Trauliches. daß Mistreß Stanhope sich sehr heiter fühlte und Lucicn von 'hrcn mannigfachen Reisen, die sie mit ihrem verstorbenen Manne auf dem Festlande gemacht hatte, erzählte.„Dies hier ist nur cm kleines Landhaus." sagte sie...„aber es gleicht auf's Har � einem Schmuckkästchen, um das man einen Kranz gewunden. Gewiß, es ist ein recht augengesälliges, architektonisches Bild, das sich in einem freundlichen Naturrahmcn präscntirt. Der Park bildet den Hintergrund, der sich immer frisch erhält, weil die der Themse entsteigenden Nebel sich auf ihren Ufern nieder- senken und der Bauniwelt und den Rasenpläzcn Feuchtigkeit spenden, welche sie vor dem Welken bewahrt." „Es ist hier sehr einsam, vergessen Sic das nicht, gute Mistreß," entgegnete Lucie.„Sic wohne» am Strand, wie Sie mir sagten... es gibt da Ivohl keine oder doch sehr wenige Gärten, dafür aber ein großes rühriges Leben. Das hat auch einen Wert... glauben Sie das nicht?" „Warum sollte ich es nicht glauben? Ich bin ja davon seit mehreren Jahre lang überzeugt.„Ach, was mir einfällt! Ich lade Sie für die ersten schönen Frühlingstage ein, mich zu besuchen." Dabei zog sie ein Notizbuch aus der Klcidtaschc und überreichte ihr eine goldgedruckte Adreßkarte mit der Woh- nungsangabe: Milford lane 6.„Sie finden mich in keinem Prachthotcl, Miß Lucie, aber ich bin sehr zufrieden mit meiner Wohnung, sie bietet mir die Aussicht auf die Themse und somit eine nnabreißbare Unterhaltung vom frühesten Morgen bis zum Abend." Gegen die Stille und Einsamkeit des Landhauses und Parks stellt der Strand allerdings einen so großen Kontrast auf, daß es nicht zu viel behaupten heißt, wenn er den Fremden nnbc- dingt als das bequemste, sicherste und interessanteste Quartier angeraten wird. Im fashionablcn Teil der Stadt gelegen, zeigt er das londoner Leben in seiner höchsten Entwickwicklung der Tätigkeit. Hier ist alles vereint, was der Fremde wünschen kann, die großen Teatcr sind in der Nähe, in derselben Stahe die Themse, die schönsten Brücken, dann die wichtigsten Stationen der die Themse befahrenden Dampfbootc. Und doch hatte das Landhaus mit seinem Park, trozdcm es so weit vom Mittel- punkte der Lebcnsreize des ungeheuren Londons gelegen, auch seine sehr begünstigte Lage. tFortsczung folzt.) Iphigenie auf Tauris. Von Dr. Richard Ernst. . Diejenigen, welche es bestreiten, daß die Menschen aus sehr niedrigen Ansängen zur Höhe der Gesittung und Kultur sich wuhsclig emporarbeiten mußten, welche sich den Urzustand der 'Menschheit als eine liebliche Idylle voll Unschuld und Anmut Erstellen, gemäß der biblischen Sage, die die ersten Menschen !" cin Paradies versczt, kann man am besten mit dem einen Wott Menschenopfer ad absurdum führen. Menschenopfer! �■cii durchrieselt nicht ein Schauder beim Klang dieses Wortes, 1°® den Wahn und die Barbarei der Urzeiten mit schrecklicher Deutlichkeit enthüllt! Wer wird nicht von bleichem Ent>ezen �laßt, der sich im Geiste an jene Kulturstätten und Altäre ver- wo blühende Knaben, kräftige Jünglinge und zarte Jung- Uauen, die Schläfe mit Blumen und Kränzen umwunden, ge- «cbelt lagen, um vom Schlachtmesser des kannibalischen Priesters, vor einer vertierten Menge, unter dem Getöse einer barbarlichen ."s'k, den Göttern zu Ehren geopfert, d. h. geschlachtet, hwW derbrannt, zumteil auch verzehrt zu werden! Mutter selbst drachten ihre lallenden Säuglinge herbei, um sie frommen Sinnes die heißglühenden Arme einer ehernen Bildsäule zu legen und unter schrecklichen Qualen sterben zu sehen. Wie viele Jahrhunderte mögen dahingegangen sein, bis ver Mcnschengeift. aus seinem Stumpfsinn erwachend, auf das Ver- dcrfliche eines solchen Kultus sich besann und erleuchtetere Kopfe kräftige Stimme erhoben gegen diese entsezliche Gotte»- vcrchriliig! Wie viele heiße Kämpfe mochte es gekostet habe», die cingcivurzelte Sitte auszurotten oder auch nur zu erschüttern, das Volk, die zäh am Uebcrkommencn festhaltenden Massen aufzuklären, die Furcht, die Beseitignng der Menschenopfer möchte die Gottheit erzürnen und nationales wie individuelles Unglück herbeiführen, zu besiegen! Welchen Anfeindungen mögen jene kühnen Neuerer, welche die Beseitigung der Menschenopfer an- strebten, von Seiten der Ortodoren ihrer Zeit ausgcsezt gewesen sein, in deren Augen sie boshafte Verführer und Umstürzler waren, die auf den Abfall von der Religion der Väter und der alten geheiligten Sitte ausgingen. Wie heftig, wie giftig mag der Fanatismus beschränkter und heuchlerischer Priester diese Reformer befehdet haben!— Kinder- und Menschenopfer begegnen uns bei allen Völkern des Altertums. Die Götter, von den Menschen nach ihrem Ebcnbilde geschaffen und ihnen nur an Macht und Unsterblichkeit überlegen, waren sinnlich, roh, gransam und blutdürstig wie ihre Erzeuger. Die himmlischen Kannibalen waren die Spiegelbilder der irdischen. Bestrebt, diese imaginären unsichtbaren Träger der Naturmächte und Schicksalsgewaltcn, die Gutes spenden und Böses verhängen sollten, sich günstig zu stimmen, wußten die Völker hiefür kein besseres Mittel, als blutige Opfer, unter denen Menschenopfer als die vorzüglichsten gelten mußten. Ein finsterer, feindseliger, auf die Sterblichen eifersüchtiger Zug iiberwoq vorzugsweise in der Göttervorstellung orientalischer Völkerschaften und der asiatische Gottesdienst war es besonders, der die Mütter zwang, ihre Kinder dem Moloch auf die glühen- den Erzarme zu legen. Die von der christlichen wie jüdischen Teologie aufgestellte Behauptung, daß mit der Einführung des jehovistischcn Monoteisnius im israelitischen Volk die Menschen- opfer beseitigt wurden, ist ganz und gar unhaltbar und wird durch die Bibel selbst am besten widerlegt. Denn ans dieser ersehen wir, daß nicht blos in Zeiten der sog. Abgötterei den > sog. Gözen Menschen geopfert wurden, sondern daß auch hervor- ragende Diener Jehvvah's ihren Gott mit Menschenopfern ehrten. Selbst der fromme Musterkönig David, den die unkritische Tco- logie bis auf die neueste Zeit als einen der produktivsten Lyriker verherrlichte, indem sie ihn als Autor der Psalmen betrachtete, selbst dieser gepriesene Ahnherr des Messias verstand sich willig dazu, sieben Menschen dem Jehovah als Sühnopfer darzubringen. Das 2. Buch Samuclis Kap. 21 berichtet nämlich, daß der König David wegen einer dreijährigen Hungersnot das Orakel befragte. Dieses antwortete, Jehovah zürne, weil der Vorgänger David's, der König Saul, mehrere Gibconiter hinrichten ließ. „So sprach nun David zu den Gibeonitcni: Was soll ich euch tun und womit soll ich siihnen, daß ihr das Erbteil Jehovah's segnet? Die Gibconiter sprachen zu ihm:... Gebet uns sieben Männer aus seinem(Saul's) Hause, daß wir sie aufhängen dem Jehovah... Der König sprach: Ich will sie geben... Aber die ztveen Söhne Rizpas, der Tochter Aja's, die sie dem Saul geboren hatte, Armoni und Mephiboseth, dazu die fünf Söhne Michal's, der Tochter Sanl's, die sie dem Adriel geboren hatte, dem Sohne Barsilais, des Mahalothiters, nahm der König und gab sie in die Hand der Gibconiter; die hingen sie auf dem Berge vor dem Jehovah." Das alles berichtet das Buch Samn- elis mit der größten Kaltblütigkeit, ohne irgend ein Wort des Tadels. Ja es wird noch hinzugefügt:„Also ward Jehovah nach diesem dem Lande wieder versöhnt."— Ein weiterer drastischer Beleg dafür, daß bei den Israeliten die Menschen- opfer heimisch waren, findet sich im Buch der Richter Kap. 11. Der Held Jephtha hatte bei einem FAdzug das Gelübde getan: „Was zu meiner Haustür heraus mir entgegen geht, wenn ich mit Frieden wiederkomme von den Kindern Amman, das soll des Jehovah sein und will's zum Brandopfer opfern." Er siegte und als er zurückkehrte, kam ihm seine Tochter, sein einziges Kind, entgegen. Der arme Vater hielt sich verpflichtet, sein Wort einzulösen und das arme Mädchen wurde geopfert.„Er tat ihr, wie er gelobt hatte." Der Sinn dieser Worte kann nicht zweifelhaft sein, und wenn jüdische und christliche Ausleger die- selben dahin deuten, Jephtha habe seine Tochter zur Nonne gemacht, so kann man über diese tendenziöse Verdrehung nur lächeln. Daß diese Erzählung nach ihrem schlichten Sinn der Teologie höchst unbequem sein muß, liegt auf der Hand. Mag aber die exegetische Sophistik alle ihre Schleusen aufziehen, ihr Wasser wird den Blutfleck der Menschenopfer, der an der Vcr- gangenheit der monoteistischen Religion klebt, so wenig abwaschen können, wie die Blutflecken an den Fingern der Lady Macbeth. Auch in Griechenland und Rom scheinen Menschenopfer noch vorgekommen zu sein, als eine höhere Kultur längst begonnen hatte, Blüten zu treiben. In dem Mytus von Kronos, der seine eigenen Kinder verzehrt und der mit dem Moloch identisch sein soll, sind die Spuren der Kindcropfer unschwer zu erkennen. Noch Homer läßt den Achilleus zwölf trojanische Jünglinge beim Leichenbegängnis des Patroklos als Totenopfcr schlachten und verbrennen.(Ilms XXIII, 175 f., 181 f.) Was Rom anbc- langt, so wird z. B. mit Grund vermutet, daß dem Flnßgott Tiber zur Sühne für seine Fesselung(durch eine Brücke) jähr- liche Menschenopfer dargebracht wurden, worauf der Gebrauch hindeutet, daß alljährlich am 15. Mai von den Vestalinncn in Gegenwart der weltlichen und geistlichen Behörden 24 aus Binsen geflochtene Mcnschcnpuppcn, Argei genannt, von der Holzbrücke in den Strom gestürzt wurden. Besonders in drang- salvollcn Zeiten nahm der Staat zu dem schrecklichen Mittel seine Zuflucht, durch Mcnschenblut die Hölle zu besänftigen. So wurden nach der Schlacht bei Cannä ein Gallier und eine Gallierin, ein Grieche und eine Griechin als Stellvertreter der römischen Nation auf dem Kindermarkt lebendig begraben. lieber die Gallier berichtet Cäsar:„Das gallische Volk ist durchweg dem Aberglauben sehr ergeben. Wer an einer bedcu- tcnden Krankheit leidet, wer sich in Krieg oder Gefahr befindet, opfert statt der Tiere Menschen, oder gelobt Menschenopfer, zu deren Darbringnng sie sich der Druiden als Vermittler bedienen. Man hegt nämlich die Meinung, daß für ein Menschenleben wieder ein Menschenleben gegeben werden müsse, anders lasse sich die Gottheit nicht besänftigen. Auch von Seiten des Staats pflegt man diesen Opfergebrauch. Einige Stämme haben große Gözcnbilder aus Weidcngcflccht, deren Glieder sie mit lebendigen Menschen anfüllen; diese werden dann angezündet und so die Unglücklichen dem Feuertode geweiht. Besonders angenehm, glaubt man, sei den unsterblichen Göttern die Opferung von solchen Menschen, die sich eines Diebstahls, Straßenraubs oder sonst eines Frevels schuldig gemacht; in Ermangelung solcher Verbrecher schreitet man aber auch zur Ermordung von Un-- schuldigen." Wer in der Naturgeschichte der Myten und Sagen kein Fremdling ist, der weiß, daß es dreierlei Arten derselben gibt: naive, welche lediglich der schöpferischen Phantasie und ihrem Drang, zu individualisiren und zu fabuliren, ihr Dasein vcr- danken, philosophische, welche Vorgänge in Natur und Menschen- leben zu erklären suchen, und endlich tendenziöse, die in der Absicht auf irgend ein praktisches Ziel ersonnen wurden, indem kluge Berechnung durch erdichtete Reden und Tatsachen, die auf Helden der Vorzeit bezogen wurden, edle oder verwerfliche Ziele zu fördem bestrebt war. Zur leztcren Gattung gehören unseres Erachtens zwei bekannte Sagen des Altertums, eine hebräische und eine hellenische und beide verfolgen ein und dasselbe Ziel: die gänzliche Ausrottung der Menschenopfer. Reden wir zuerst von der hebräischen; es ist die Sage der Genesis von der Opfe- rung Isaaks. Jehovah, wird erzählt, befahl dem Abraham, seinen einzigen Sohn Isaak auf dem Berge Moriah zu opfern. Bereitwillig machte sich der Patriarch auf den Weg in Be-; gleitung seines ahnungslosen Sohnes. Schon lag dieser auf dem Altar gebunden, schon hatte der Vater das Schlachtmesicr gezückt, „da rief ihm der Engel Jehovah's vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: j Lege deine Hand nicht an den Knaben und tue ihm nichts. Denn nun weiß ich, daß du Gott fürchtest, und hast deines ein- zigcn Sohnes nicht verschont um meinetwillen. Da Hub Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter ihm in der Hecke mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes Statt." Man ist gewohnt, diese Erzählung als einen Beweis von der seltenen Gottergebenheit Abraham' s aufzufassen, indem er Je hovah sein Liebstes nicht vcnvcigcrte. Aber darin taten es viele sog. Heiden dem Abraham gleich und übertrafen ihn sogar noch- Der hebräische Dichter will jedoch offenbar seiner Zeit, in der wohl der Mcnschcnopferkultus mit dem Kultus der Ticropstr noch im Kampfe lag, den Gedanken plausibel machen, daß Je" hovah an Kinderopfern keinen Gefallen habe, und daß er die Bereitwilligkeit für die Tat ansehe. Und darin, daß Abraham einen Widder findet und an seines Sohnes Statt schlachtet, war ein Fingerzeig gegeben, daß die Tieropfcr den Menschenopfer» zu substituircn seien"). *) Aehnlich faßt Geiger in seiner llrfchrift die Sage auf, desgleichen Fürst in seinem Bibelkommcntar. (Schluß solgt.1 434- Eine Lharftkiwflsfeitr n Von 6(11 „Die Charfreitagsfeier im nahen Mendrisio müßten Sic Sich unbedingt mit ansehen, sie werden dann so recht den Unter- schied zwischen unserem Volke und Ihren nordischen Landslcutcn kennen lernen!" so sprach ein liebenswürdiger Luganese zu mir, als wir im Restaurant soeben die Zeitnngslektüre beendet hatten. Das; der Tag Johannis des Täufers und damit auch seine Enthauptung in der Unigcgcnd von Lugano mit Tanzmusik und mit entsprechender Belustigung gefeiert wurde, war mir hin- reichend bekannt, und nicht minder, daß in den italienischen Katedralcn gelegentlich des Hochamtes sehr flotte weltliche Musik- stücke, mitunter beliebte und pikante Partien aus modernen Operetten, von den Äirchenorgel» und von den dieselben unter- stüzcnden und begleitenden Orchestern herabtönen; daß aber auch der Charfreitag die Gestalt eines Volksfestes annchmcn und neben verschiedenen Andachtsübungen auch Prunk und Glanz, Zerstreu- ung und Belustigung für tausende bieten könne, war mir durch- aus etwas Neues. Wohl hatte ich früher einnial in Mendrisio, in diesem süd- liehst gelegenen Städtchen der Schweiz, Gelegenheit gehabt, während flüchtigen Aufenthalts ein wenig von der Charfreitag- illumination wahrzunehmen. Dabei hatte ich auch gesehen, daß in der romantisch gelegenen Kirche beim dortigen Kantonsspitale die Andächtigen hinaus- und hineineilten, drinnen beteten und die Wundmale des ausgestellten Leichnames Christi küßten, dann aber wieder bei dem dicht an der Kirchcntür im Betrieb be- findlichen und stark in Anspruch genommenen Kärussel verweilten, um sich dort entweder passiv an den zweifelhaften Klängen der Dreh- orgel zu ergözcn oder um an dem Vergnügen des Herumschwebens auf hölzernen Pferdchen und in engen Kästen sich zu beteiligen. Das hatte einen sonderbaren Eindruck auf mich hervorgebracht, und als ich wieder in diese Gegend zurückkehrte, stand mein Vorsaz fest, am nächsten Charfreitage die Feier desselben im Städtchen Mendrisio mitanzusehen. Der Frühling hatte sich endlich wieder eingestellt und lockte mit seinen milden, lauen Lüften auf's neue eine farbenprächtige Vegetation hervor. Die Charwoche und mit ihr der Charfreitag war heran- gekommen und„auf nach Mendrisio!" dachte ich, als ich zum hochgelegenen, einer fürstlichen Villa gleichendem Bahnhofe von Lugano emporstieg. Bald hatte ich in einem der Waggons ein Pläzchen gefunden, das reiche und verhältnismäßig unbehinderte Aussicht gewährte, und fuhr nun auf diesem südlichsten Teile der Gotthardbahn dem Städtchen Mendrisio zu. Seit länger denn einem halben Jahrzehnt ist der Betrieb dieser Verkehrsstrecke eröffnet� und jedenfalls zählt dieser Teil der außerordentlich wichtigen Bahnlinie zu den interessantesten, schönsten und romantischsten derselben. Der von Lugano nach Mendrisio führende Schienenweg bietet eine überraschend vielseitige Fülle großartiger Landschaftsbilder, die zumteil den Anblick ausgedehnter Seeflächcn, wildzcrklüfteter Fels- und Bergkolossc, sowie auch anmutigerer Hügelgelände, von imposanten Gcbirgsmassen überragt, aufweisen. Vom Bahnhofe bei Lugano eilte der Zug abwärts über eine kühn geschwungene Brücke hinweg und über den Abhängen ent- lang zum Monte San Salvatore. Ein greller Pfiff der Loko- motive weckte hier das Echo der Berge, und gleich darauf rasselte die kurze Waggonreihe in einen kühlen, dunklen Felstunnel hinab, um am jenseitigen Ende desselben, nur wenig über dem See- spiegel, auf dem glatten Eisenpfade rastlos weiter zu eilen. Westlich, zeigte sich die gigantische, drohende Felsenwand des Monte S. Salvatore; östlich breitete sich der von steilen, hohen Gcbirgsufcrn umsäumte Spiegel des Luganer Sees aus, und jenseits desselben zeigte sich, dicht am Nfer des Sees gelegen und von malerischen Bergzügen umrahmt und überragt, das ur- alte Dorf Campione. t Süd ab hang der Alpen. Stichler. Schon vor einem Jahrtausend schenkte ein deutscher Kaiser j (Ludwig II., 855— 875) dieses Dörfchen dem Kloster S. Am- brosio zu Mailand; und dieses Abhängigkeitsverhältnis erhielt sich bis auf die heutige Zeit und bedingte in der Gegenwart eine recht sonderbare Ausnahmsstellung der Ortschaft. Sie bildet mit ihrer unmittelbaren Umgebung ein Stück des Königreichs Italien, ist von eidgenössischem Gebiete umgeben und erfreut sich| daher diverser Einrichtungen, die durch ihre Eigenschaft als En- klavc bedingt werden. Berühmt ist das Dorf seit einem halben Jahrtausend als Künstlerheimat. Das erste der berühmten Skaligermonnmcntc in Verona(1374 errichtet), sowie die frühesten Skulpturen am} Mailänder Dome wurden von den„Campionesi" geschaffen, die noch in der klassischen Kunstperiode Italiens als bewährte und! tüchtige Kräfte hochgeschäzt wurden. Bald entschwindet das Dörf- I lein den Blicken, und der Zug hält für die Dauer weniger 1 Minuten in dem auf einer Halbinsel gelegenen Dörfchen Melide. Auch dieses ist als Künstlerheimat bekannt. Domenico Fontana, I der berühmte Architekt Sixtus V., der den Obelisk auf dem: Pctersplaze zu Rom aufrichtete sowie die weltberühmte Kuppel der Pctcrskirche fertig stellte, wurde hier mit anderen, später ebenfalls berühmt gewordenen Baukünstlcrn geboren. Es waren Bauernknaben, die mit geringen Mitteln und schwachen Vor- 1 kennwissen von dem unansehnlichen Dörfchen schieden und dann in glänzenden Residenzen als Künstler hervorragten. Weiter eilt der Zug; ein schmaler Bahndamm mit mehreren Brücken und Durchlässen durchschneidet den See, und über diese interessante Terrainpartie stürmt die Waggonreihe zum gegen- überliegenden Ufer. Gewaltige, kühngefvrmte Fels- und Berg-' masien umsäumen auch hier die Seeflächcn, die das Tal aus- füllen und nur an den Abhängen einigen romantisch gelegenen Ortschaften Raun; gönnen. Dann verläßt der Bahndamm den Luganer See und führt, nachdem mehrere Tunnel passirt sind, von neuem in eine Tal- gcgend hinaus, in der sich östlich, auf Hügel» malerisch errichtet und im Hintergrunde vom Monte Gencroso überragt, das Städt- chen Mendrisio erhebt. Vom Bahnhofe geht es bergauf zum Städtchen, dem aus Gebirg und Tal zahlreiche Scharen festlich gcpuzter Landleutc zueilen. Der Lärm, den die schwazcnden, plaudernden und lachenden Massen verursachten, war nicht gering; von einer ernsten, er- greifenden Feier konnte hier keine Rede sein, der„vencrcki santo"- (heiliger Freitag) war hier zum Volksfest gleich irgend cincin Jahrmarkte und Schüzenfeste geworden, und seine eigentliche Be- deutung schien selbst den Geistlichen, die man hie und da er- blickte, total gleichgültig zu sein. In ihren eigentümlichen Kostümen waren die Diener der Kirche leicht von den anderen zu unterscheiden. Die schwarze», dreieckigen Hüte mit den aufwärts gebogenen Krämpen, die Knie- hosen und langen Strümpfe, die Schnallenschuhe ze.:c. erinnerte» an das Zeitalter des siebenjährigen Krieges. Die Herren hatten es für gut befunden, ihre Schäflein heute am Charfreitag nach Mendrisio zu begleiten und väterlich ä" überwachen. Ist doch Mendrisio, das neben anderen nüzliche» Instituten auch eine ziemlich leistungsfähige Bierbrauerei bcsizt, in der ganzen Gegend als Siz des radikalsten und gotloscstc» Liberalismus troz seiner demonstrativen Charfreitagsfeier verrufen. Das Talent, schon mit wenigen künstlichen Hülfsmittcln Außerordentliches in dekorativer Beziehung zu leisten, ist den Italiener» eigen. Bei Nachtfesten und Illuminationen, wo es gilt kiiusi lichc und überraschende Farbeneffekte hervorzubringen, gelangt diese Bcsähignng in der Regel zur vollen Geltung. - 436- Auch die Ladenbesizer Hutten unter Aufgebot allen Raffine- hörten heiter und wohlgemut den Scherzen und Wizeleien zu, ments ihre Verkaufslokalitciteu auffallig dekorirt und geschniücft. die hie und da ein Spaßmacher zum besten gab. Die zahlreichen Schweinemezger, die hier als Salamifabri- Es mochte 8'/z Uhr sein, als der Festzug begann und alles kanten residircn, hatten ihre Laden mit Speckseiten und Würsten auf die Straßen hinauslockte. Drei eidgenössische Kavalleristen, eigenartig geziert, hie und da befand sich wohl auch inmitten die in voller Gala, d. h. in ihrer schwerfalligen Ausrüstung mit derartiger Delikatessen im Schaufenster ein Miniaturaquarium gezogenen Säbeln voranritten, eröffneten den feierlichen Aufzug. ausgestellt, dessen stumme Bewohner im feuchten Eleniente tief- Tann folgten riesige schweizerische Banner, und nun der r sinnige Betrachtungen über Kerzenschfinmer, Blumenflor und eigentliche Festzug, indem vier Musikchöre mit ihren Leistungen sich ähnlichen reichlich vorhandenen Kram anstellen konnten. Daß bemerkbar machten. Tic zahlreichen Fackel-, Ballon-, Kerzen- und die anderen Ladenbesizer den Herren Schwcincmezgern im Ar- Flambcauträgcr, zwischen deren langen Reihen die Standarten- rangcment nicht nachstanden, dieselben eher noch zu übertrumpfen und Votivtafelträger marschirten, machten in ihren ausfälligen, suchten, lag in der Natur der Sache und bewies hinreichend, hellroten, weißen und auch lichtgrüncn Kostümen einen eigentüm- welchen Wert die„radikalen" Geschäftsinhaber Mendrisio's auf liehen Eindruck. Dazwischen trippelten die zarten Kindcrgcftalten einen gutbesuchten„venerdi santo" legen. mit vergoldeten Königs- und Kaiserkronen auf den kleinen Häup- j Je mehr die Abenddämmerung des Frühlingstages mit ihren tern, oder wohl auch mit prächtigen Blumenkränzen geschmückt. I feuchten, die Talniederung verschleiernden Dunstmassen nahte, Daß die Kleinen nicht blos prächtig kostümirt und mit vergol- desto dichter stauten sich die Massen in dem Hauptstraßenzugc dcten Engelsflügeln ausstaffirt waren, sondern auch sorgfältig I des Städtchens, um auf dieser eine bedeutende Ausdehnung auf- arrangirte Frisuren aufzuweisen hatten, bewies, daß der jugend weisenden Strecke Aufstellung zu nehmen. liehe Nachwuchs der angesehensten Familien des Städtchens und| Die städtische Musik, nach lokaler Sitte in auffällige Pracht- der Umgebung den Zug mitmachte, und auf diese Weise schon| volle Phantasieuniformen gekleidet, eilte zu ihrem Sammelplaze. frühzeitig für öffentliches, teatralisches Schaugepränge herange-| Die ebenfalls nniformirten Musikchöre anderer Orte marschirten bildet und begeistert wurde. unter munteren, lebhasten Klängen in Mendrisio ein, und mehr Der Leichnam Christi, in Naturgröße nachgebildet, wurde I und mehr bot sich jczt dem Beschauer ein stimmungsvolles Fest- unter einem Baldachine auf prächtigem Katafalke getragen; eine| bild, das an alles, nur nicht an die Feier eines Charfrcitags größere Anzahl kcrzentragender Geistlicher umgab diese wirkungs- erinnerte.' volle, von der Volksmenge jedoch wenig beachtete Figur. Da I Kinder in Engelskostüme», deren Flügel ebenso vergoldet diese Herren ihre langen, schwarzen Chorröcke angelegt hatten, j waren, wie die auf den frisirten Häuptern angebrachten, aus machte diese Partie des Zuges einen düsteren, hier jedeusalb- 1 Pappendeckeln angefertigten Kaiser- und Königskronen, wurden nicht erwünschten Eindruck. zuweilen durch die drängenden Bienschenmasscn hindurch getragen, Mehr Effekt machte eine jugendliche Engelschar, die in ihrem um sicher auf dem Sammelplaze des Festzuges anzugelaugen. bunten, farbenreichen Aufzuge das Leichentuch des Gekreuzigten i Mein luganesischer Bekannter hatte vollständig recht, einen umgab und etwas Abwechslung in die Marschordnung dieses sonst I schärferen Gegensaz zwischen Süd nnd Nord hatte ich bis dahin feierlich daherschrcitendcn, mächtigen Fcstzngs brachte. noch nicht wahrgenommen; diese Charfreitagsfeier war äußerst ori- Ein umfangreiches, wagerecht getragenes Kreuz war eben ginell. Der Charfreitag im Norden der Alpen mit seiner tiefen falls von einer ähnlich aufgcpuztcn Kinderschar umgeben, und l Stille und Ruhe, mit seiner nüchternen, poesielosen Enthaltsam- gewährte inmitten der drängenden, sich recht eifrig geberdenden 1 feit, stand unbedingt in schroffem Kontrast dem buntbewegteu Gruppe einen recht sonderbaren Anblick. J Lärmen nnd geräuschvollen Treiben im festlich geschmückten Men- Glockcngcläute, Trompetengeschmctter und dazwischen hie und 1 drisio gegenüber. da das Beifallsgemurmel, oder auch das lautere Gespräch in den I Das nahe Como hat alljährlich am Gründonnerstag ein Reihen der Voltsmassen, begleiteten diesen teatralischen Aufzug-! ähnliches Fest, selbstverständlich in einer dem größeren kimfange Unbedingt gewann man beim Anblick all des bunten Gewirr-!, der Stadt entsprechend erweiterten Form. Mag nun immerhin die Ueberzeugung, daß das Arrangement dieser Eharfreitagsfein in Como mehr zu sehen sein, Besseres zeigt sich doch keines- vorher sorgfältig einstudirt und mit Beobachtung der lokalen»n Wegs als in Mendrisio, denn die Bewohner des lezterwähnten nationalen Sitten und Schwächen dem Bolkskaraktcr angepaßt Städtchens sparen bei dieser Gelegenheit keine Kosten, um den worden war. Cittadini's(Stadtlcuten) von Como nicht nachzustehen. Im Zuge marschirte eine koustümirte Person, die eine Marter-[ Tie Dunkelheit war endlich soweit vorgerückt, daß die Jllu- säule trug und, wo sie erschien, Gelächter erregte!— Es war mination beginnen und ihre Reize entfalten konnte. der lezte Rest einer in früheren Jahren in größerem Umfangt s Transparents, deren regclgcmäße Konturen nnd elegant- und in deutlicherer Weise gegebeneu drastischen Zugsszcne.'' i maßvolles Colorit genügend bewies, daß sie aus größeren(ei- Wo die gaffende Menge den gemarterten Säulenträger erblickt� stungssähigen Judustrieetablissements hervorgegangen, schmückten erlaubte sie sich einen Heiterkeitsausbruch, der jedenfalls durchaus in den mannigfachsten Formen die Fronten der Gebäude oder nicht von den Arrangeuren und Leitern des Zugs beabsichtig überwölbten die Straßen. rvurde. Diese mit Berechnung tragisch sich darstellende Leiden- War an einer Gebäudesront in meisterhafter Ausführung der figur suchte durch die Mimik und Körpcrgcbcrden des Betreffe» unter der Last des Kreuzes niedersinkende Christus auf riesigem den den Ausdruck des Schmerzes, der Erschöpfung und der Bei Transparente zu erblicken, so prangten wenige Häuser entfernt zweiflung zur Geltung zu bringen; das reizte hier zum Gelächt� und in bedeutender Höhe die Straßen überwölbend, Triumph- und mußte daher selbst ans den vorurteilslosen Beobachter ü" bogen, die ebenfalls aus durchscheinenden Gemäldcteilen zusani- höchsten Grade widerwärtig und abstoßend einwirken. mengcsezt und dem entsprechend von innen erleuchtet waren. Das Gelächter verschwand eben so schnell, als es erregt wurde- Vom künstlich nachgeahmten, ebenfalls transparent erleuch- und gleich darauf herrschte wieder ernste, feierliche Stimmung- teten Blumenstock, bis zum einfachen, am Dratgehänge luftig Dem lezten Musikchore des Festzugs folgte nämlich, untes schaukelnden Jlluniinationsballou, zeigten sich alle erdenkbaren Vvranschreiten zahlreicher, höherer Geistlicher, eine stattliche, reich Jllumiuatious- und Dekorationsstücke, die alljährlich verbessert, kostümirtc Madonnenstatue auf prächtigem Tronsessel unter ui» vermehrt und ergänzt, endlich in ihrer Gesammtvcreinigung wirk fangreichem Baldachine. lich einen überraschenden Anblick gewähren. Die Jmvelen der Madonna funkelten und glizcrten unter dc� Daß gelegentlich dieser eigentümlichen Feier des Charfreitags Lichtstrahlen zahlreicher Kerzenflamme», schwachbewegt flatterb' alle Restaurants u»d Cafes überfüllt waren, bedarf wohl kaum im leise rauschenden Abendwind dicht hinter dem Baldachin' der Erwähnung. Viele, die kurz vorher bei den ausgestellten der Madouuastatue eine riesige Trauet sahne, nnd alles Volk sa» Leichnamen Christi in den diversen Kirchen Mendrisios ihre An- nun in die Knie, um während des Passirens dieser Zugsgrupp� dacht verrichtet hatten, saßen nun hinterm Wirtshaustisch und zu bete». ■ ' 11= 437 Tcr schnelle, fast unvermittelte Uebergang von der allge- meinen Heiterkeit zur plözlichen Massenaudacht dokumeutirte deut- lichst die Schnelligkeit und Elastizität der Siuneseindrücke und Gemütsbewegungen, die hier hervorgerufen und durch äußerlichen Aufwand unterhalten wurden. Tie Vorliebe der Bevölkerung für Schaugepränge und täu- schende Schcinwirknng mar hier in raffinirtester Weise in'S Spiel gezogen worden und begünstigte auch die Wirkung dieses Schluß- effektes erheblich. A eitere Herren in elegantester Salontoilette schritten ent- bläßten Hauptes, wie überhaupt auch alle anderen am Festzuge flls Fußgänger sich beteiligenden Laien, hinter der Madonnen- statue einher und schlössen, von zwei schmucken, eidgenössischen Tragoncrn gefolgt, den Festzug. Nach längerer Pause bewegte sich diese festliche Prozession, in derselben Ordnung wie zuvor, zu dem ursprünglichen Sammel- l'laze zurück. Beim Rückwege versagten freilich manchem müd' gewordenen Gngelein die vier- oder fünfjährigen Bcinchen den Dienst, dann nahmen gutmiitige Kerzen- oder Fackelträger die Himinelskindlein in echt menschlicher Teilnahme auf den Arm. Ten Schluß bildete selbstverständlich Gedräng und Massen- gewoge; die Restaurants und Cafe's stillten sich Ivieder im 9hl, bie Stadtmusik marschirte unter den Klängen eines lebhasten, beliebten Marsches in ihr Bersammlungs- und Uebungslokal Zurück, und in den Restaurants begann nun hie und da ein Guitarren- und Ziehharmonikakonzert, dessen bedenkliche Qualität keineswegs durch dieGesangsbeglcitung der Zechenden erhöht wurde. Am Hauptplaze hatte ich im„Engel" ein Zimmer für die Nacht gemietet, da kein Zug mehr nach Lugano zurückführte. Vor Mitternacht bot sich keine Möglichkeit zum Schlummern, denn unten im Restaurant wurde bei geöffneten Fenstern nach Herzenslust musizirt und gesungen. Arien und Operettenpartien der lustigsten Art tönten in Ermanglung kerniger und gediegener Volkslieder, wie sie das deutsche Volk zum Glück besizt, in die stille 9lachtluft hinaus, und die Herren Polizeidiencr, die unten vor dem Hanse Plaz genommen, erfreuten sich an den lärmenden Leistungen, summten auch wohl in vergnügter Laune mit, wenn ihnen ein Stück besonders be- hagte. Das war die Schlußfeier des'„vcnercki santo" im Städtchen Mendrisio, und am anderen Tage belehrte mich mein Bekannter in Lugano zum tansendstenmale:„daß wir im 9iorden Barbaren seien, daß die Religion im Norden ebenso wie die politische Anschauungsweise aller poetischen und volkstümlichen Reize cut- bchre, und daß nordwärts der Alpen in jeder Beziehung die kaltblütigere Gcmütsbeschaffenhcit die Pflege des Sinnlichen be- hindere jc.:c." Da über Geschmacksverirrungen und Vorurteil nicht leicht zu disputire» ist, zuckte ich schweigend die Achseln, und der Gute war felsenfest überzeugt, daß diese Charfreitagsfeier einen überwältigenden Eindruck auf mich hervorgebracht hätte. Im Kamps wider alle. Roman von Aerdinand Ktilker. (33. Fortseznng.) Wenig über zwei Stunden, nachdem Franz Stein den Rechts- "»Walt Born verlassen hatte, finden wir ihn auf der Station �"chenfels, wo er soeben mit dem Schnellzug von der Provin- �"lhauptstadt her angekommen ist. Im„Weißen Adler" hatte ihn der über alle Maßen eifrige �chuldicuer auch diesmal wieder envartet. Seine Bemühungen voren vom besten Erfolg gekrönt worden. Der Muhme Wäscherin '»"r es leicht gewesen, aus den Dienstmädchen des Konsistorial- herauszubringen, was diese von dem Aufenthalt des Fräu- U» Haßler wußten. Und das genügte vollauf. Der Postbote Mbe Briefschaften für die Lehrerin Fräulein Haßler beim Konsi- 1"uvlrat abgegeben und auf die Frage, weshalb er das tue, geantwortet, es sei bei der Post ein von dem Fräulein unter- �ichnetes Schreiben eingegangen, wonach alle an sie adresfirtcn Sendungen vor der Hand an den Herrn Konfistorialrat zur Weiterbeförderung abgegeben werden sollten. Regelmäßig nun, venu solche Briefschaften angekommen seien, habe der Konsi- lorialrat einen großen Brief an die Frau Baronin von Greifen- '«n auf Greifenstei» an der Ellcr abgesandt, worin sich jeden- Ms das für das Fräulein Haßler befindliche Schreiben be- »»den Hütte. Außerdem hatte eines der Dienstmädchen ge- 'egentlich eines Besuches der Frau Direktor Krause erhorcht. °a>! diese gemeint, es wäre sehr gut. wenn das arme Kind, die H"lller,„och ein par Wochen ans Grciscnstcin bleiben könne. � Schönheit und der Friede der Gebirgsgegend, hatte die alte -t-ame gemeint, im Verein mit der Liebenswürdigkeit der Baroiiin wurde sehr bald dafür sorgen, daß die vom Schicksal so schwer Hk'Mgesuchte sich wieder aufrichte und das. tvas ihr ein böser, gattverlnssner Mensch angetan habe, vergesse. Tann wurde allr.' werden und sie, verde glücklich sein, einem so braven Menschen, wie dem Herrn Kandidaten, die Hand reichen zu können. � So berichtete glückstrahlend der Schuldiener. � hundert T°ler Belohnung flimmerten und funkelten ihm vor den Augen. " war fast schm, vor Begierde und Freude ein wenig konfus geworden. Wenigstens hatte er in seinen dienstlichen Berrich- '"'gen während der lezten Stunde eine Geistesverwirrung und Zerstreutheit merken lassen, daß die Frau Direktor Krause erns lich für seinen Gesundheitszustand zu fürchten begonnen und ihm für heute zur Schonung von freien Stücken Urlaub erteilt hatte. Franz Stein drückte dem Manne warm die Hand und sagte: „Sie haben getan, was ich von Ihnen gewünscht. Ich»verde mich sofort überzeugen, ob Fräulein Haßler aus Schloß Greifen- stein sich befindet. Spätestens übermorgen früh bringt Ihnen dann der Briefträger einen Geldbrief mit den hundert Talern Belohnung, Ivelchc Sie Sich verdient haben." Der arme Teufel konnte vor Aufregung gamicht reden. Er machte nur eine Verbeugung nach der andern und eine immer tiefer als die andre. Am liebsten hätte er Franz Stein beide Hände geküßt, wenn dieser es ihm nicht mit aller Gelvalt ver- »vehrt hätte. Kaum»var Franz Stein den Neberglücklichen losgelvorden, so trat David in das Hotel. Er war in seinem Cabriolet vor- gefahren, hatte, da er seinen Diener bereits vom Restaurant ans, in dem er das Rencontre mit Frank vom Zaune gebrochen, zu Fuß nachHanse geschickt, einem vor dem Hotel stehenden Dienst- mann das Pferd zum Halten gegeben und»var in das zu dieser Zeit meist ganz leere Speisezimmer eingetreten,>vo sich Franz Stein eben in der einen Ecke niedergelassen hatte, um endlich ein Ivenig Speise zu sich zu nehmen. Hätte Stein nicht bereits durch den Schuldiener den vermutlichen Aufenthaltsort seines Mädchens erfahren, so»vürde ihn das, ivas ihm David mitteilte, wenig oder vielmehr garnicht befriedigt haben. Morgen Vormittag, sagte dieser, würde alles in Ordnung sein; Guido von Frank»vürde in der einen oder der andeim Weise Satisfaktion gegeben haben und der Student Haßler bereit sein, Franz Stein wieder seine Braut zuzuführen. Nähere Aufklärung heute schon zu geben, dazu sei er, David, nicht geneigt, er bäte, Stein möchte sie ihm erlassen, es handle sich um eine kleine Ueberraschung. Franz Stein konnte durchaus nicht begreifen, was David meine und beabsichtige. Aber da es ihn drängte, sich die ge- wonnene Auskunft über seiner Frieda Verbleib nuzbar zu machen, und da es ihm nicht schien, als wenn er von David, der ihm noch nie so sonderbar vorgekommen war, als jezt, obgleich er sich im Grunde nicht anders gab als gewöhnlich, sonderlich viel Fördersames für seine Zwecke erfahren könnte, so bemühte er sich nicht weiter, etwas Verständliches aus ihm herauszubringen. In größter Eile beendete er seine kaum der Alühe des Essens werte Mahlzeit. Er müsse sofort abreisen, sagte er David, nach- dem er ihm für seine mit höchst zweifelhaftem Erfolge gelohnten Bemühungen gedankt hatte. Er habe ein Geschäft in Buchen- sels und dann fahre er sogleich nach Greifenstein weiter, wo er seine Braut zu finden hoffe und sich mindestens bis Mittag aufhalten werde. David hatte dagegen nichts einzuwenden und hielt ihn nicht auf. „Sie werden schon morgen früh in Greifenstcin von mir Nachricht finden," rief er ihm noch nach, als sie sich schon ge- trennt hatten.„Wenn Sie Ihrer Braut meinen Brief vorlesen, so werden Sie damit alle zwischen ihnen beiden stehenden Hinder- nisse heben. Leben Sie wohl, Stein, und seien Sic glücklich." Franz Stein hörte, was David sagte, und es klang ihm wärmer, als sonst der Spötter und Weltverächter zu reden pflegte. Aber er war so von seinen Gedanken und dem, was er vor- hatte, erfüllt, daß er nicht weiter darauf achtete und nur den Abschiedsgruß freundschaftlichst envidcrte. Als er nun in Buchenfels angelangt war, erkundigte er sich bei dem Bahnhofsportier nach der Wohnung des Schuhmacher Schwarz. Den kannte jedes Kind im Kreise und jedes Kind wußte, wo er wohnte. Der Portier beschrieb ihm das vom Bahnhof nicht weit ent- fernte Häuschen, in dem der politische Schuhmacher sein Heim aufgeschlagen hatte. Der Reichstagskandidat Schwarz saß auf einem Schuster- schemel uud besohlte ein Par Stiefeln. Nur die Abende und und einen großen Teil seiner Nächte konnte er dem politischen Kampfe widmen; am Tage mußte er arbeiten, sollte der Hunger nicht bei ihm Einkehr halte». Als Franz Stein grüßend eintrat, dankte er, erhob sich aber nicht von seinem Plaze. „Was steht Ihnen zu Diensten?" fragte er nur.- »Ich bin der Fabrikant Stein und komme, die unter Ihrem Einflüsse stehenden Arbeiter meiner Fabrik durch Sie auf eine ihrer Existenz drohende Gefahr aufmerksam zu machen." Der Schuhmacher sah mit etwas spöttischem Gesichtsaus- drucke zu seinem Besuche auf. „Wirklich— na, das ist ja sehr freundlich von Ihnen, Herr Fabrikant." Uud an seinen Lehrling, der neugierig zuhorchte, gewendet, fügte er hinzu:„Bring dem Herrn einen Stuhl und dann trage sofort hier die Stiefel fort. Du weißt schon wohin — eine Mark zwanzig kostet die Reparatur,— aber geschwind sag' ich dir." Ter Bursche tat, wie ihm befohlen, und ging zögernd hinaus, „So, nun steh' ich ganz, wie Sie wünschen, Herr Stein, Red und Antwort," nahm Schwarz sogleich wieder das Ge- spräch auf.„Tie Gefahr besteht darin, daß Sie alle die strei- kendeu Arbeiter nie mehr in Brot und Lohn aufnehmen wollen, wenn sie nicht sofort zu den von Ihnen, dem Fabrikherrn, ge- stellten Bedingungen die Arbeit ausnehmen wollen. Ist's nicht so?" Stein sah dem Schuhmacher ohne das geringste Zeichen von Aufregung oder Aerger ins Gesicht. „Keineswegs," antwortete er.„Ich denke umsoweniger an eine in die Zukunft hineinreichende Drohung, als ich schon in allernächster Zeit, gleichviel wie sich meine Geschäftsangelegen- heilen entwickeln mögen, aufgehört haben werde, Fabrikant zu sein. Ich will Ihnen nur— völlig ohne Hehl— den Sachverhalt darlegen, und dann mögen Sie ganz selbständig und ohne jede Rücksicht auf mich daraus folgern, was für Sie und die Arbeiter, deren Interesse Sie zu dem Ihrigen gemacht, zu tun am ratsamsten ist. Also, die Dinge stehen so: Ich habe Lie- fcrungsverträge geschlossen, die einzuhalten mir die Arbeitsein- stellung unmöglich macht und infolge welcher ich beträchtliche Geldsummen als Konventionalstrafen einbüßen werde. Außer- dem sind mir in den leztru Tagen fast alle meine Geschäfts- Verbindungen mit sammt dem heutzutage für jedes große Ge- schäft unentbehrlichen Kredit gekündigt worden, zumteil, weil man die fatale Situation, in die mich die Uneinigkeit mit meinen Arbeitern gebracht hat, kennt und deswegen die Existenz meines Etablissements für gefährdet hält, hauptsächlich aber deshalb, weil man meint, meine Stellung außerhalb aller politischen Parteien in unsrer politisch so leidenschaftlich erregten Zeit könne nur bedingt sein von einer entschiedenen, wenn auch geheim ge- haltenen Feindseligkeit gegen die bestehende Ordnung. Alle die sogenannten staatserhaltenden Parteien betrachten und behandeln mich als ihren Feind und die Ihre, Herr Schwarz, tut es gleichfalls und hat damit genau so recht, als die andern. Poli- tische Meinungsverschiedenheit zur Ursache geschäftlicher Schä- digung und gesellschaftlichen Zwiespalts zu machen halte ich nun zwar für unrecht und sogar unsittlich. Auch die von politischer Parteileidenschaft ergriffenen sollten nie vergessen, daß wir uns alle doch zuerst und zuinnerst als Menschen erweisen sollten, und als solche von der Kulturentwicklung die hohe Aufgabe zu- geteilt erhalten haben, die Brutalität des Kampfes aller gegen alle allgemach zu überwinden, statt ihr sich ganz hinzugeben und durch sie alle Lebensverhältnisse verbittern und vergiften zu lassen. Aber die Tierhcit des Geistes, das Erbstück der Menschen von ihren auch körperlich von den übrigen Vierfüßlern nur unwesentlich unterschiedenen Urahnen, ist noch viel zu mächtig, um solche Anschauung irgendwo in der Menge zur Geltung kommen zu lassen, sie überwuchert und überdeckt in allen Schichten der Gesellschaft heutzutage noch die wahrhaft humanen Regungen bei weitem,— der Kampf ist und bleibt vielleicht noch sehr lange der Lebensinhalt wie der Pflanzen in Wald und Feld und der Bestien in der Wüste, so selbst der Menschen in unsem Haupt kulturstätten. Ich hätte diese Einsicht teoretisch schon gewonnen haben können, ehe ich mich selbst mitten in das Gewühl des Geschäftslebens hinein begab. Aber ich wollte mich durch eigene Erfahrung überzeugen, und das habe ich erreicht. Der Schaden, den ich dabei erleide, schmerzt mich nicht; er gewährt mir die moralische Berechtigung, mich fortan auf mich selbst, meine Lieb- lingsneigungen und Studien zurückzuziehen. Ich verkaufe also mein Etablissement um jeden Preis. Einen Käufer habe ich bereits gefunden uud diesem wird es nicht schwer werden, mit denen, welchen ich geschäftlich verpflichtet bin, sich zu arrangiren. Mein Nachfolger wird also voraussichtlich vorderhand unter günstigeren Bedingungen fabriziren können, als ich es vermöchte. Er wird die bisher innegehaltenen Löhne weiter zahlen können, wenn von allen Arbeitern unverzüglich die Arbeit wieder auf- genommen wird. Wenigstens würde ich dann die Aufrechter- Haltung der alten Löhne für eine gewisse Zeit zu einer der Ver- kaufsbedingungen zu machen imstande und geneigt sein. Wen» morgen früh die bisherigen Arbeiter meiner Fabrik wieder zu arbeiten beginnen mit dem alten Eifer, den ich gerne au- erkenne, so werden sie mich zu ihrem treuen Bundesgenossen haben bis die Verkaufsangelegenheit geordnet ist, wenn nicht, werde ich ohne alle Rücksicht auf sie abschließen——" Der Schuhmacher Schwarz hatte mit größter Aufmerksam- keit zugehört und mehreremale hatte sein sprechendes, scharf mar- kirtes Gesicht den Ausdruck lebhasten Interesses an dem, was er hörte, angenommen. Die Worte Steins hatten auf de» scharssinnigen und wcltkundigen Arbeiter den Eindruck größter Aufrichtigkeit gemacht, dennoch vermochte er schließlich das tief- eingewurzelte Mißtrauen nicht ganz zu besiegen, welches ihn allen den sogenannt vornehmen und reichen Leuten gegenüber stets beseelte. „Nun ja," sagte er, als Stein schwieg;„der Berkausswert der Fabrik würde ja auch höher sei», wenn sie vollständig i"' Gange wäre, viel höher." Ueber Steins Gesicht glitt ein Lächeln der Geringschazung, vielleicht nicht der Geriiigschäznng dieses einen, sondern der Menschen überhaupt. „Glauben Sie, daß ich für mein Etablissement, das heute noch ein Ucbergewicht der Aktiva über die Passiva von mehrere» hunderttausend Mark buchmäßig aufweisen kann, 50 000 Man 439 krhalten kann, auch wenn die Arbeit augenblicklich total darniederliegt?" „50 000 Mark— das glaube ich freilich!" erwiderte der «chuhmacher langsam." Aber Sie werden sich doch hüten, eS l'o zu verschleudern." „Ich werde für mich unter keinen Umständen mehr dafür nehmen. Begreifen Sie, daß es angesichts dieses uuerschütter- iicheu Cutschlusses für mich persönlich vollständig gleichgültig ist, ob die Arbeit wieder aufgenommen wird oder nicht?" Ter Schuhmacher schwieg eine ganze Weile und schüttelte nur mehreremale verwundert und bedenklich den Kopf. Tann begann er endlich— und es klang beinahe etwas fthiichtern: „Ja wenn man Garantien hätte, daß sich alles wirklich so verhält—" „Wenn Ihnen das, was Sie von mir gehört haben, als Garantie nicht genügt, Herr Schwarz, so können Sie die Sache vus sich beruhen lassen." Er wollte sich zum Gehen erheben, aber Schwarz sagte in etwas freundlicherem Tone, als er bisher gesprochen hatte: „Bitte nur noch einen Augenblick. Ich will sehen, was sich tun läßt. Mit den unter Ihren Arbeitern, auf die die andern am meisten hören, komm' ich heut Abend zusammen— die mögen entscheiden." Franz Stein erhob sich nun doch. „Gut," sagte er. Morgen früh'wird zur Wiederaufnahme der Arbeit alles bereit sein. Sie können ein gutes Werk an Ihren Freunden, den Arbeitern, tu», Herr Schwarz, nicht an mir. Leben Sie wohl." Der Schuhmacher stand von seinem Schemel auf, geleitete seinen Besuch bis zur Tür und erwiderte den Gruß nicht uu- freundlich. Tann, als sich die Tür geschlossen hatte, murmelte er vor sich hin: „Ein weißer Rabe— ein richtiger weißer Rabe— wenn's nämlich wahr ist. Na— die Arbeiter werden wohl wissen, ob der zu einem solchen Schwindel fähig ist."«gons. foi8t.) t.., 3m Tom zu Mailand. Unser Bild auf Seite 433.zeigt uns einen Innern vom Mailänder Dom, dem berühmtesten �üerke gotiicher Architektur in Italien und dein kostbarste» und prachtvollsten dieser Bau- weise überhaupt. Wir haben schon früher darauf hinge, vie, en. wie in Italien die Gotik, so viele Lersuche man auch machte, sie dort enizu- whren, nie zu der Ausbildung gelangte, als in ihrer nordischen Heimat, und wie sich in den Formen'gotischer Bauwerke immer der Widerstreit er ludlichen italischen.Üunstübung mit der nordischen ausprägt, diesen -tnlagonismus zeigt nun recht deutlich die Bangeschichte des DoniS zu ■mailand. Johann Galeazzo Visconti, der 1385 als Gebieter von Mai- ond anerkannt worden war, hatte beschlossen, seiner-Stadt eine schone und. glänzende Katedrale zu bauen, und schon 138« ging man mit n. Eifer an die Ausführung dieses Plans. Wer den Plan dazu entworfen, ist nicht bestimmt, doch ist es sehr wahrscheinlich, das, Galeazzo, ,'a eben ein i» Italien eigentümlich dastehendes Prachtwerk lchanen ämmsrnsmä: löne gena nudeputati ■ Stil -Hlöei |e�e",9iOi'e'ih.1l;U?Cn' UON ,IIIYl,lvr>imcii. v-,....., n. f. nj r nurch verschiedene Sitten und Gebräuche, durch Klima 'Wie, ngte Kunstcmpsindungen mitcinnnder im Streite liegen. oeliebiq\ � ouch heute noch iiieine», sie könnten einen neuen Stil � Tie Anr' könnten sich an diesem Vorkommnis ein Beispiel nehmen. honz dene,, Domes selbst nun ist eine sehr regelmäiiige,»nd , Ns ,ni.; sBesgleichen im Norden angcpasit. Das sünsschisfige Lang- %te,'Cl"cn guadratischen Seitengewölben von halber Mittelschiffs- fchlerf oi-ifirk'te dreischisfige Kreuzschiff und der aus drei Seiten des kiesigen L/ w Ehor machen einen imposanten Eindruck. Dazu die kisiegenvie der erste. Er bringt zunächst eine ebenso anziehend wie klar geschriebene, ziemlich umfangreiche Lebens- und Karakterschildening des wackeren wandsbecker Boten, welcher uns den„Freund Hain" so vertraulich nahezubringen wußte; die Bedeutung von Claudius als BolksschriststeUer ist dann in das rechte Licht gesetzt. Dann folgten in bunter Reihe Proben aus Claudius' Werken: Gedichte, Betrachtungen, Denksprüche, Fabeln, Briese u. s. w.; selbst des Dichters Porträt in Holzschnitt ist dem 159 Seiten umfassenden Bändchen bei- gegeben. So ist der Inhalt erfrischend, belehrend, mannigfaltig. WaS will man mehr? Nehmet 50 Pfennig und gehet hin und kaufet!— Dr. M. B. Ratgeber sür(Gesundheitspflege. Berlin. H. E. Ter fragliche Extrakt ist jedenfalls kein Uni- versalmittel, wie es überhaupt keine gibt, und sicherlich viel zu teuer. Leicht verdauliche gute Kost bei mäßiger Arbeit, Vermeidung jeder Ge- inütsaufregung, fleißige Bcivegung in gesunder Luft werden Ihrer Frau mehr nüzeu, als jenes Zeug. Bremen. O. B. Ihre EmährungS- und Lebensweise ist nur zu billigen. Auch war es ein ganz vemünstiger Gedanke, zur Vermeidung der Rückenlage, die sich für Ihre Nachtruhe gefährlich gezeigt hatte, sich solch' eine Tuchrolle aus den Rücken zu binden. Versuchen Sie es nun noch mit kalten Waschungen des ganzen Körpers kurz vor dem Schlafeu- gehen und berichten Sie uns über den Erfolg. Rapperswil. B. Vor dem Schreien der kleinen Kinder braucht man sich im allgemeinen nicht zu fürchten. In vielen Fällen bleibt sogar garnichts iveiter übrig, als sie— wie unsre Großmütter zu sagen pflegten: in Gottes Namen— schreien zu lassen. Natürlich darf man das mit gutem Gewissen nur dann, wenn man vorher zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse, zur Linderung oder Beseitigung etwaiger Schmerzen und llnbequemlichkeiten alles Mögliche getan hat. Die Besorgnis, daß so ein kleines Würmchen sich leicht einen Bruch schreien könnte, ist zumeist grundlos, da in weitaus den meisten Fällen Brüche nicht aus einmal entstehen, sondern sich allmälich entwickeln, häufig erbliche oder angeborne Anlage vorauSsezen und heftiges Schreien, sowie Husten, Erbrechen, Drängen bei Stuhl- und llrinausleerung u. f. w. nur als Gelegenheitsursache bei ohnehin vorhandener Disposition zu Bruch- schäden wirksam werden. Dresden. K. Den Zeitpunkt der Entwöhnung der Kinder von der Mutterbrust wählt inan, wenn anders Mutter und Kind gesund sind, am besten jenachdem die ersten Zähne zum Vorschein gekommen sind und das Kind körperlich entwickelt ist; im allgemeinen etwa zwischen dem 9. und l I. Lebensmonat. Man vermeide aber mög- lichst Zeiträume, während der Kinderkrankheiten und Durchfälle epide- misch vorkommen. Ter Eintritt der Menstruation macht das Entwöhnen allerdings ratsam. Redaktions> Korrcspondeiij. Berlin. H. W. i. Der jüngst verstorbene Gelehrte n»d Schriststellcr Bruno Bauer nahm in wissenjchastlicher wie politischer Beziehung eine so eigentüniliche Stellung ein, daß er Iroz seine: großen Begabung und lroz des gewaltigen Aussehen«, da« mehrere seiner früheren Schriften gemacht haben, schon bei Lebzeiten säst zu den Bei? gessenc» und B erschollenen zählte, obgleich er uncrmüdet bis an sein Ende schrislstcUensai tätig blieb,«lus seinem vorzüglich gegen das Christentum gerichteten schneidigen Radu laliomus hatte sich mit der Zeil eine eminent pessimistische Änschanun�sweise cntwiiicN. die allen Idealen seind war und jede Hoffnung auf Besserung der Bollcrgeichicke auv schloß. Daraus erklärt sich, daß der außerordentlich jcharssinnigc und gelehrte Mau« gegen den Schluß seines arbeitsreichen Lebens hin mehr und mehr vereinsamte. L. Bo« der Tätigkeit der deutschen Zreidenkervercinc haben wir bislang rein garnichts gehört. können also auch niemandem empsehlcn, einem derselben beizutreten. Arbeit gäbe e« I freilich sür Freidenkcrvereinigungen in Teutschland sehr viel und sehr dringliche. I Ottensen. Fabrikarbeiter P.>ph. Ihr.Gebet eine-«leisten- ist garnichl udcl. obgleich es noch an Gewandtheit des Ausdrucks und Sicherheit in der Handhabung oe« i Rytmus hie und da mangelt. Biclleichl drucken wir es gelegentlich ab. lHochlih. H. M. schreibt: O„Neue Well-, Freund immerdar, Hilf mir aus meinem Brüten. Wie mach' ich's. daß im Januar Mir dusten schöne Bliilc» i Ich habe Tulpe», schön zum Strauß, Auch Hhazinlcu sein Im Garten. Wann heb' Ich sie ans Und pflanz' im Tops sie ein v Die« sage mir. Ich bitte sehr, Und habe Tan! voraus.— Blüht spät im Herbst kein Blümchen mehr Im Garten, dann— im Haut. Diesen poetisch gcänßcrteu Wunsch hoffen wir durch eine seit geraumer Zeit fj' Borberciluug befindliche Abhandlung über Zimmcrpstanzenkultur bald ersüllen zu kenne«; ziresel». I. R. Warten Tie noch mil dem Abonnement aus das sragli®; Werk. Wir wollen es erst einer Prüsnng unterziehen und dann unsre Meinung" der N. W. ausspreche»., Berlin. Joh. Georg M. Ihr Gedicht„'kuimucr und Not" zeugt von Tale« ist zur Veröffentlichung aber doch nieht reis. Tab wir ein Manuckrlpt von 20 Ze>u« Länge im Falle, daß wir es nicht ebdrucken lassen, relournircn socken, ist wohl«>>« Ihr Ernst. Wir schicken überhaupt Gedichte garnicht an die Ciniei der zurück, und ow» alle andern und größeren Arbeiten, wenn sie unverlangt uns zugehen, nur in>«' tenen Ausnahmesällen., Freiberg i Zchl. H. G. Tie Reise von Hamburg über New-gork nach«Z, Francisco nimmt ungefähr Sü Tage in Anspruch und beansprucht einen Sostcnaufl»«« von»SO Mark sür die Fahrt bis New{fori einschließlich der Beköstigung und von bis San Franeiseo ohne Kost., Ehemni». E. T. Sehr hochgradige Kurzsichtigkeit hat in der schon häufig als Grund zur Besreiung vom Militärdienst gewirkt. Indessen er>!>" unsreS Wissens diesem Leiden gegenüber bei den Aushebungen keine seile Praxis: Z' Gutdünken der Aushebungskommission, insbesondere des die Gestellungspflichtigen u»w suchenden Militärarztes, gibt in jedem einzelnen Falle de» Ausschlag. Ottensen. Fabrikarbeiter G. Sch. Nur immer mehr von der Sorte!, Ravensburg. G. 23. Ihr Bekannter hat, tvenn er 24 Jahre alt war, als K' zweijähriger Aufenthalt in Augsburg begonnen, dort nach Ablauf dieser Frist Ilnte. siUzungSwohnsiz gehabt, da er aber seitdem ununteibrochen zwei Jahre laug« Augsburg fort war, denselben auch bereits wieder verloren»nd besizt vorläufig 9, leinen. Wird der Betreffende nun hilssdedürstig, so tritt der* 2u des GesezeS u°: den Unterstlljungswohnsiz in Srajt, der da lautet: Jeder hilssdedürslige Deutsche«VT vorläufig von demjenigen Lrtsverbande uiUerstüzt werden, in dessen Bezirt er sich Eintritte der Hilssdeduifligkeit befindet. Tic vorläufige Untersiiizung erfolgt»«VT, haltlich des Anspruches a»t Erstattung der»aste» beziehungsweise der HilsSbedürsW gegen den hierzu verpflichtete» Armeuve band. Tprechsal für jedermann. Ter Tchneldtrineifter<5. Naumann aus Cöthen, welcher im J� 1852 zunächst nach Liverpool ging, wird von seiner Tochter Müll Friederike Wilhelmine gebeten, seinen Aufenthalt mitzuteilen. Ö)le>«r zeitig werden alle, welche über dessen Verbleib Auskunft erteilen könw' freundlichst gebeten, an nachstehende Adresse gefälligst die beziigliafi Mitteilungen gelangen lassen zu wollen. Frau Leichsering, geb. Naumann, � Hamburg-Uhlenhorst 1. Humboldstraße Inhalt; Verschlungene Lebenswege. Roman von Franz Canon.(Forts.)- Iphigenie auf Tauris. Von Dr. Richard Emst- Eine Charsreitagsseier am Sudabhang der Alpen. Von Carl Stichler.- Im Kampf lvider alle. Roman von Ferdinand Stiller.(Forts.) � Im Tom zu Mailand.(Mit Illustration.)— Ter römische Hirtenknabe. Gedicht von HanS Eckart.(Mit Jllustr.)— Literarische Umsth� Deutsche Humoristeu aus alter und neuer Zeit.— Ratgeber für Gesundheitspflege.— Redaktions-Korrespondenz.— Sprechsal für jederma«" Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart.(Neue Weinsteige 23.)— Expedition: Ludwigstraße 26 in Stuttgarts Druck und Verlag von I. H. W. Dietz in Stuttgart.