Illnstrirtes Unterhaltungsblatt für das Nolk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 50 Pfennig.— In Heften a 35 Pfennig 3u beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Werschlxmgene Lebenswege. Roman von Aranz Larion. (9. Fortfeznng.) Aufnahme, welche Lncie bei dieser würdigen Fran fand. l0flr darnach, die Erinncrnng an das, was sie Entehrende!.' "" Verlaufe dieses Vorniittags erlebt hatte, wenn auch nicht °us ihrem Gedächtnis zu verwischen, wohl aber dessen Eindrnrt "'deutend abzuschwächen.._. »Ich frage Sie nicht, was Sie aus Sir Clintons �and- yause trieb." redete die Mistreß, als sie mit Lude allein war. lann nur eine gewaltsame Veranlassung gewesen sei», welche ■vShnen das Scheiden von dort nötig machte oder... war es dwlleicht gar Flncht, die Ihnen als das einzige Mittel erschien, M dar Mißhandlungen zu schiize»? Eins ist so schliiiiiii, wie das andere, und obwohl ich Ihr Verhältnis zu Sir Richard nicht Wetter kenne, als wie ich es di.rch eine oberflächliche Beurteilung labe kenneu lernen, so glaube ich doch Ihnen aus aulrichtigem Herzen Glück wünsche» zu dürfe», daß Sie nun frei von Banden 'wd. welche in. Verlaufe der Zeit Ihnen Ihre ganze Selbst- a stniig geraubt haben würden." £'» langes tiefes Schweigen folgte... .. Ws Mistreß Stanhope den Blick auf Lncie richtete, stih I'c. °"fi deren Wange» tränennaß geworden waren. Sie sprach nicht über diesen Gegenstand. Es gab ja so vielerlei was Besprccheus wert war und was Lncie gewiß sehr lebhaft °"regeii mußte.„Ihre Zukunft zu ordnen, wwd. glaube ich, ke»'e große Schwierigkeit machen," meinte die Mistreß.„Ich er- tteue mich der Bekanntschaft hoher Damen, deren Protektion vor- Wich auch ihnen von großem Vorteil sein wird. Ihre zierlichen, W'"e» Handarbeiten werden Sie den das Schöne liebenden hohen «rauen besonders empfehlen, vor allem, wenn es sich bestätigt, »«; SÄSt; e.Äi Ais KWKBSWKtz .'""ders empfohlenen Landsmännin annehmen, und to.e, ineme ""möglich?» „Unmöglich? Ich würde das nicht behaupten, Mistreß, wenn es nicht mich beträfe; aber ich glaube nicht, daß ich jemals solche Anwartschaft auf derartige Auszeichiinnge» gewinnen werde. Sie inachen mich hoffärtig, aber Sie meinen es gut... ich werde demütig bleiben, das wird das Beste sür mich sei»... meinen Sie nicht auch?" „Demut ist immer eine vorzügliche Tugend, weil sich an dem, was uns die Tage bringen, meist nichts ändern läßt. Man muß es hinnehmen, wie es eben kommt." Die Mistreß neigte zum Zeichen, daß sie ein Geräusch auf der Treppe höre, den Kopf der Türe zu. „Erwarten Sie Besuch?" fragte Lucio, dadurch aufmcrksai» werdend. „Besuch? Nein, es wird Master Zecco, mein Abmieter sein, der das Quartier nach der Gasse heraus hat und nur dcS Abends nachhause kommt. Er tritt nur selten bei mir ein... er ist übrigens ein guter Gesellschafter, der viel zu erzählen weiß, >vas mir ganiicht unlieb ist." „Für heute Abend gestatten Sie mir, mich in meine neue Häuslichkeit zurückzuziehen, teuerste Mistreß," bat Lucie.„Ich fühle mich noch sehr erregt und bedarf der Ruhe." „Ganz nach Belieben, meine gute Lucie... nehmen Sie diese Kerze mit, damit Sie gleich Licht haben, in unbekanntem Gelaß kann man sich leicht stoßen. Schlafe» Sie wohl und träumen Sie was Gutes, Freundliches." „Ich glaube, ungewiegt einschlafen zu können," äußerte jene, ihr zu einer mit zlvei Riegeln versehenen Seitentüre folgend, welche die kleine Schlafkammer Luciens vom Wohnzimmer der Mistreß absperrte. Mit gegenseitigem Gutenachtgrüße trennten sich beide und kaum hatte die ältliche Dame die beiden Riegel vorgeschoben, als an die Wohnungstürc geklopft wurde. „Wer ist das?" „Zecco, Mistreß. Erlauben Sic mir einzutreten?" ant- wortetc eine kräftige Mannesstimme. „Bitte, treten Sic ein." Master Zecco folgte dieser Antwort sofort. Er war eine große Figur, sein gebräuntes Gesicht gab ihm das Ansehen einer (iwi, »ar«. 3. Juni ins» 454 kräftigen Gesundheit, obwohl er schmächtigen Körpers war. Seine Kleid»»» leinte eine netiiille Noblesse n» mie sie bei mit fit Kleidung zeigte eine gewisse Noblesse an, wie sie bei gut situirten Personen des Mittelstandes nicht ausfällt. „Sic bringen Neuigkeiten?" fragte die Tanie. „Sie erraten es. Mich und die hohe Welt betreffend. Sie verstehen, was damit gemeint ist." „Vollkommen, Master Zecco. Ich bitte, erst was Sie bc- trifft. Es interessirt mich zu erfahren, wie Sie Sich mit ihrem Snkcl Tardini gestellt haben." .Schlecht, Mistreß, sehr schlecht, wie zu erwarten war. Er will nichts von meinem Pachtantrage seiner Galerie wissen. Seine junge Frau, die Marcella, steckt dahinter... natürlich das Sizen an der Kasse ist ein sehr einträglicher Posten. Onkel Tardini ist ein alter Fuchs, der es lieber sieht, daß ihn sein junges Weib bestiehlt, als daß er mir, seinem nächsten Verwandten, den beanspruchten Pacht gewähren sollte, damit mich ich in den Stand gesezt werde, mir ein kleines Vermögen zu ertverben. Ich muß mich also mit der gescheiterten Hoffnung zufrieden geben." „Sie bleiben also bei Ihrem Onkel Tardini?" „Er bezahlt mich gut, deshalb, Mistreß. Ich dürfte nicht so leicht wieder eine Anstellung als Geschäftsführer eines so großen Unternehmens wie das scinige finden. Es ist ein Haupt- vorteil für jede Schaustellung, welcher Art sie immer sei, in einer so ungeheuer» und sicher über anderthalb oder zwei Millionen zählenden Hauptstadt stabil zu sein, und das ist die meines Onkels. Es gibt keinen Londoner, der Tardinis Galerie am Hydcpark Corner nicht kennte. Man führt seine hierher zu Besuch kommenden Freunde in unsere Räume... der hohe Adel wie der Bürger bewundert die Eleganz derselben und die Lebenstreue der Gesichter, wie die von berühmten Malern dargestellten Por- träts sie nicht täuschend ähnlicher zeigen können. Toch genug davon! Ich habe Ihnen, Mistreß, von Dingen zu erzählen, welche Ihnen gewiß sehr wichtig sind." „Wirklich? Nun lassen Sie hören." Zum deutlichen Verständnis dessen, was Master Zecco ihr erzählte, ist es nötig, einiger Vorgänge zu erwähnen, welche nicht nur die höchsten Regionen des englischen Adels, die An- stvkratie an den Stufen des Trones, sondern sänimtliche Schichten der britischen Nation, namentlich aber die londoner Bevölkerung in außergewöhnliche Aufregung versezt. Alle Welt wußte, welches abscheuliche Zerwürfnis zwischen dem Kronprinzen Georg von Wales und seiner Gemahlin, der brannschweiger Prinzeß Caroline, existirte; aber die Londoner selbst sahen diesen Hofskandal als den verächtlichsten Schimpf für den Kronprinzen an, dessen aus- schweifende Lebensweise dem Volke zum größten Aergernis gc- worden war. Die Aristokratie pries ihn als Muster aller Fashiv- nabilität, das Volk verachtete und verspottete ihn als Serail- Chef und sinnlosen Verschwender, dessen Schuldensunimen vom Par- kam eilte zu wiederholten Malen gedeckt werden mußten. Für diesen Königsohn war das Jahr 1817 kein freudevolles. Er war dem Volke so verhaßt, daß es Zeiten gab, wo er seine Residenz Carltonhouse, das man mit Steinen bombardirte, nicht zu der- lassen wagte, wenn auch seine arge Nervenzerrüttnng es nicht unmöglich machte. Der am G. Novbr. desselben Jahres erfolgende Tod seiner Tochter Charlotte(Gemahlin Prinz Leopolds, des späteren ' belgischen Königs) besserte diesen hohen Herrn nicht. Der Haß gegen deren Mutter, Prinzeß Caroline, welche, zurückgekehrt von ihrer Orientreise, in Italien sich aufhielt, gestattete ihm nicht einmal ihrer Tochter Dahinscheiden derselben anzuzeigen. Kein einziger Courier ging mit dieser Todesnachricht, die an ver- schiedene Höfe geschickt wurde, von London an die Mutter ab, nur zufällig erfuhr sie diese Trauerbotschaft und wollte sofort nach England reisen, gab indes diesen Plan auf und beschloß erst das Ableben ihres greisen Schwiegervaters, König Georgs III., dem man täglich entgegen sah, abzuwarten, und dieses erfolgte am 29. Januar 1820. Ihr Rechtsanwalt Henry Brongham, ein Verteidiger, wie kein besserer in England und den mit demselben vereinigten König- reichen Irland und Schottland gefunden wurde, erkannte nun die Wichtigkeit ihrer Rückkehr nach London. Ihr Gemahl, der Kronprinz von Wales, wurde an Stelle seines verstorbenen Vaters König und folglich Prinzeß Caroline Königin, aber sie mußte in solchem hochbedcutenden Momente zugegen sein und deshalb schickte er ihren alten Haushofmeister Sicard nach Italien an sie ab, um ihr Georgs III. Tod anzuzeigen und enipsiini als Antwort die Versicherung ihrer schleunigen Rückkehr nacli London. Henry Brongham, der recht wvhl wußte, was er tat, machte kein Geheimnis aus dieser Ankündigung seiner Rechts- mündel, ganz London erfuhr sie und sie blieb auch dem neuen König und wie selbstverständlich dem Hofe nicht verborgen. Sei» Haß gegen seine Gemahlin wußte eine Entgegnung zu erfinden, die das londoner Volk und selbst Herren vom hohen Adel in bedeutende Aufregung versezte. Er ließ den Lord-Erzbischos von Canterbury zu sich rufen und befahl ihm, den Namen der Prinzeß, seiner Gemahlin, aus der Liturgie zu streichen, und dieser höchste Kirchenfürst Englands fand sich willig dazu. Der Earl von Grosvenor fand sich dermaßen über diesen Gewalt- schritt empört, daß er nicht nur öffentlich unter seinen hohe» Adelsgenossen, sondern auch später im Scheidungsprozesse sich folgendermaßen aussprach:„Ich würde eher dem Könige das Gebetbuch ins Angesicht geworfen, als den Namen der Königin aus der Liturgie gestrichen haben." „Ah, die arme Braunschweigerin!" bedauerte Mistreß Stan- Hope die von so harter und bösartiger Feindschaft Verfolgte. „Könnte ich ihr helfen, ich täte es gerne. Von alle dem, was man als Vergehungen ihr nachsagt, ist wvhl kaum das Vierteil als wahr zu glauben. Ihre Erziehung am väterlichen Hofe z» Braunschlveig war die schwerste Versündigung an ihr, das habe» mir am dortigen Hofe Angestellte erzählt, als ich mit meine!» verstorbenen am collcgio carolino als Lehrer fungircndcn Gatte» daselbst lebte. Gewiß, sie würde die glücklichste Frau geworden sein, wenn ihres Vaters roher Zorn sich nur ein wenig mäßigen verstanden hätte. Ihr junges feuriges Herz glühte für einen schönen Mann deutscher Abkunft, ein Graf, welcher i» dänischen Militärdiensten einen hohen Rang einnahm. Bei eine!» Ball bemerkte der Herzog diese Neigung seiner Tochter, führte sie in ein Nebenzimmer und ohrfeigte sie deshalb... solche schändliche Behandlung hat sie verdorben." „Sie wissen, Mistreß, daß Lord Liverpools Nesse, George Ailsbnry, ein der Kunst mit Seel' und Leib zugewandter jungst Herr bei mir das Bossiren in Wachs lernt, und ich bekenne, daß er es zu etwas Tüchtigem bringen wird, wenn er so fort- fährt. Ilm wie gewöhnlich ihm heute Stunde im Formen geben, fand ich mich bei ihm ein; aber er hatte Abhaltung, be> Lady Liverpool war Damenbesuch erschienen; da aber der Dienei sagte, die Damen würden sich bald verabschieden, wartete ich an! ihn. Um die Langeweile von mir zu scheuchen, trat ich nebern'» in's Bibliotekzimmer, der Lord besizt eine Menge schöner Kupfer suche, und in einer der Fensternischen stehend, betrachtete ich»»' großem Vergnügen eins der Kunstblätter, welches einen Ring tampf der olympischen Spiele darstellte. „Plözlich hörte ich Lord Liverpools Stimme in Unterhaltung mit einem Herrn, mit dem er unbemerkt eingetreten und de» er Sir Robert Gifford nannte." „Gifford?" schaltete Mistreß Stanhopc ein.„O, der ist ei» sehr bissiger Rechtsanwalt... Sir Robert Gifford... ga»Z recht, ich entsinne mich seiner." „Das wird zutreffen," antwortete Zecco.„Sie bespräche» ein Tema, über das sie jedenfalls geschwiegen haben würde», wenn sie geahnt hätten, das ich zugegen gewesen. Es galt de> nunmehrigen Königin Caroline, die von der Hofsippschaft»»� ,die Braunschweigerin' genannt wird. Sir Robert Gissord er- zählte dem Minister Lord Liverpool, daß keine Möglichkeit außer Acht gelassen würde, und er glaube sich sehr berechtigt, zu behaupten, daß die gegen die Königin zusammengebrachten Be- lastungszeugen mindestens die Zahl zwanzig erreichen, eher noch übersteigen würden. Der Lord hatte die Frage aufgeworfe«' Ob diese Zeugen sicher wären?„Mylord," hat Sir Gifford lachend geantwortet:„Geld ist der beste Kitt, um die LiijstD öandhafl zu machen. Ich mächte nichts in meinem persönlichen Interesse mit dieser Bande zu tun haben und wäre ich rein wie ein Seraph, sie würde mir ein dichteres Schwarz auf Scel' und �-'kib schwören, als das von des Teufels Staatslivree. Es ist eine Gesellschaft, die meist aus italienischen Bedienten besteht, zu dcncn auch eine früher bei der Prinzessin, der nunmehrige» Königin, in Diensten gewesene französisch sprechende Kammerfrau Louise Dumont und ein karlsruher Stubenmädchen, Barbara Krause( zählt, das sich in Frechheit besonders auszeichnet, wie Man mir erzählte." »Mein Himmel, das ist schrecklich! Dann ist die Königin l'1 im Boraus verloren!" äußerte Mistreß Stanhopc. Fast unmittelbar nach diesem Ausruf des Mitleids wurde nu zienilich lebhafter Atemzug in der anstoßenden Schlafkammcr, ll,a sich Lucie befand, hörbar. »Was ist das? Jemand hier nebenan?" »Ja, meine neue Abmicterin, die sich zu sehr ermüdet fühlte und ßch, ehe Sic kamen, schlafen legte." »Sic hätten mich aufmerksam machen sollen, daß..." ...»Haben Sie keine Angst, sie schläft fest, sie hat nichts ge- W*•.. ich werde gleich sehen, ob sie munter geworden." ..®'c zog vorsichtig die beiden Riegel zurück und trat gc- �auschlos auf die Türschlvclle. Mistreß Lucie schlief sorglos mit dem Gesicht hart an die niid gedrückt. ..»Das war es also, warum sie so aufseufzte... ihre Lage '!' 1« eine zun. Ersticken...es ist Mcnschcnpflicht. sie zu tvcckc». 'IC muß sich anders legen.". Mistreß Stanhope brachte das schnell in Ordnung, die Gc- "'eckte wies sich jedoch so sehr verschlafen, daß sie nur ein par ""verständliche Worte vor sich hinniurmelte und sogleich wieder e'uschlui» merte. Stach leise wieder zugemachter Türe sagte die würdige Frau:„Sie sehe». Master, daß ich nicht so nnvorsichtig ""t, als Sic mich glaubten." »Bitte um Entschuldigung, Mistreß; aber es würde sehr nn ""geiichin gewesen sein, wenn die Tamc gehört hätte, was ich Ihnen mitteilte." »Jedenfalls, indes wird es Sic sicher beruhigen, wenn ich �Men sage, daß sie eine Deutsche ist." »Eine Deutsche? Da ist auch zu glauben, daß sie fest ge ' l'nseii hat, denn ich wüßte nicht, welches Interesse sie an eiiglischcit Tenfelsgeschichtcn nehmen sollte," sagte Zeccv. »Bleibt sie bei Ihnen wohnen, Mistreß?" ..«Für die nächste Zeit glaube ich wenigstens. Ich tverdc frer Frau Herzogin Anna Hamilton empfehlen, als eine ganz "«sgczcichuetc Berfertigerin feinster weiblicher Arbeiten, und ich Ü'lle, daß sie bei dieser hvchgebornen Dame, welche die Eleganz 111 Person ist, eine feste Stellung gewinnen tvird." »Da blüht mir also die Aussicht, eine Damen-Bekanntschalt zu machen, vorausgesezt. daß Sie mir die Erlaubnis nicht ciit- ö'eycn. wie bisher Sic besuchen zu dürfen." meinte jener und wgte hinzu...„und meine Landsmännin nichts gegen meine esellschaft einzuwenden hat." »Das fürchte ich nicht. Gute Nacht, Master Zccco. »Gleichfalls. Mistreß." �..... , Der Bvssirer ging nach seiner Wohnung, welche er mitklv Ganges erreichte, da dieselbe zu dem als Hinterhaus be- jelchneten Teil des Gebäudes gehörte, dessen Fenster in die ~Qnc hinabsahen und auch den schluchtartigen Durchblick in die Bassage„Strand" gewährten, wie bereits ermähnt ist. Nachdem � /ine Lampe angezündet und sich seiner Obcrkleider entledigt 5? je, trat er an ein Fenster und ließ das in dem sehr engen ahmen der Durchsicht erscheinende bewegliche Bild der immer hin und wieder zahlreichen Passanten an seinen Augen vor- r. � ziehen, und jeder, der ihn so»»verrückt am Fenster hatte .ehe» sehen, würde geglaubt haben, daß das, was er sah, ihn anziehend beschäftige, und doch war dies nicht der Fall. ..Nach einer langen Weile verließ er das Fenster und ging mt über die Brust verschränkten Annen, den Kopf niedcrgesenkt, m Zimmer hin und her. Endlich nahm er auf einem Sopha Plaz und murmelte zornig in sich hinein:„Daß ich auch den verfluchten Gedanken nicht ans den Kopf bringen kann! Reich werden... reich werden... warum sollte ich es nicht? Ist es etwas Unerhörtes, wenn ein armer fleißiger Arbeiter darnach trachtet? Nein, nein, es ist nichts Unvernünftiges in diesem Wunsche... durchaus nicht!" In Hinbrüten sich vertiefend, bewegte er zuweilen seine sich ballende Faust wie drohend, dann lachte er spöttisch vor sich hin. Plözlich von seinem Size ausspringend, rief er halblaut: „Wer als ich hat sein Geschäft so in die Höhe gebracht und wie lohnt er mich dafür? Wie? Aber ich durchschaue die gc- Heimen Gespinnstc, die ihn umgarnen. Wäre ich nicht Protestant, würden die hochwürdigen Herren der katolischen Kirche nicht daran gedacht haben, ihm die Marcella anzukuppeln... wozu auch? Man hätte es dann jedenfalls für praktischer gefunden, mich mit ihr zu verheiraten, obwohl ich sie wie die Sünde hasse. Es ist sehr lächerlich, der Onkel ein hoher Sechziger und sie in den zwanziger Jahren! ha ha ha! Es ist aber von ihr sehr klug kalkulirt, er muß eher aus dieser Zeitlichkeit scheiden, und sie ist dann... seine Erbin... die Erbin von dem, was i ch verdient habe und ich gehe mit einem kleinen Legate oder auch ganz leer aus." Dieser Gedanke erschütterte ihn außerordentlich. Die Hände auf die beiden Ecken der Tischplatte stüzend, starrte er in das Lampenlicht hinein, als glaube er in der ruhig brennenden kleinen Flamme eine Tröstung zu finden und fast schien es so zu sein, denn er flüsterte vor sich hin:„Es könnte ja nivglich sein, daß sie eher stürbe und dann..." Wie ein Schreck durchfröstelte ihn dies Denken, er stöhnte tief auf, dann warf er seine Unterkleider ab und die Lampe vcr- löschend, schlüpfte er in der Kammer in sein Bett. Noch eine lange Weile brachte er wachend zu, dann erst verschwammen seine Gedanken und ein gleichmäßiges Atmen bezeugte, daß er eingeschlafen war. Am nächsten Morgen ivar er wieder so frisch und munter, als ob er keine Anwandlungen von derartigen sich tief in seine Seele versenkenden Wünschen gehabt hätte. Der Morgen war hell, die Luft durchwebt von blendenden Sonnenstrahlen, die scheinbar die talwärts rasch dahin eilenden Wellen zu durchleuchten schienen, daß sie wie fließendes Gold funkelten und dem lebensvollen Bilde der mit der zeitigsten Morgenfrühe wieder rührig werdenden Schiffahrt einen leuchten- den Grund verliehen. Obwohl Mistreß Lucie diesem schönen Anblick, den sie von einem der beiden geöffneten Fenster ihres Wohnzimmers aus genoß, sich ausschließlich hinzugeben schien, so beschäftigte ihr Sinnen sich doch mit einem ganz anderen Gegenstände, welcher auch nicht in der geringsten Beziehung zu dem herrlichen Strom- lichtbildc stand. Da sie sich nicht zur Unterhaltung mit einem Fremden ge- stimmt fühlte, war sie am gestrigen Abend zeitig zur Ruhe gc- gangen und würde jedenfalls bald eingeschlafen sein, denn was sie am Tage sie so tief Erschütterndes erlebt, hatte sie abgc- müdct, sie bedurfte der Ruhe; aber die Stimme des Mistreß Stanhope Besuchenden klang ihr so bekannt in's Ohr, und sie erinnerte sich bald ihrer Bekanntschaft mit ihm auf dem Schiffe, das sie nach London gebracht hatte. Es war keine ünangcnchme Erinnerung für sie, er war ihr freundlich und gefällig gewesen. Im Bette sich aufrichtend, lauschte sie dessen, wovon er sprach und sie erfuhr dadurch, was ihn so tief empörte... die ihm durch seines alten Onkels Verheiratung mit Marcella entzogene Erbschaft und was ihn besonders erregte, die Zurückweisung seines dem Onkel gemachten Pachtantrags, als deren Urheberin er eben- falls diese junge Frau bezeichnete. Und von dem, was Master Zccco der Mistreß Stanhope noch erzählte, von dem bittcrn Hasse König Georg des Vierten gegen seine Gemahlin, die braunschwciger Prinzeß, hatte sie wohl alles gehört, aber es nur teilweise verstanden. Wegen welches Verbrechens man sie vor Gericht stellen wollte und eine Schaar- Belastungszeugen gegen sie geworben, davon hatte er nicht ge- sprechen und sie also auch kein Verständnis davon. Ein solches zu crllingcn, würdc ihr nicht schwer gcwurdr» sei», Mistresz Stanhope lielitc die Geschiväzigkcit und es gehörte zu ihren kleinen Freude», in den Augen anderer sich als eine Frau dar- zustellen, welche viel wisse und nicht zu denen zu rechnen sei, die ihr Licht unter den Scheffel zu stellen pslegen. Lucie fand es jeduch nottvcndig, keine Neugier zu äußern, weil sie sich sagte, daß ihre so herzensgute Wirtin dadurch das Anrecht erhalte, auch inbezug auf ihr plözlichcs Verlassen des Sir Clinton scheu Landhauses eine Ausklärung zu begehren. Lucie >var klug genug, zu bedenken, daß es snr sie eben so viel zu bedeuten habe, wenn sie von ihrem Verhältnisse zu Sir Richard spräche, als wenn sie sich selbst schmähe. Nichts verringert die persönliche Wcrtschäzung mehr, wie die Entdeckung von Makeln, welchen man an Leuten findet, mit denen man umgeht. Indem sie diesem Denken nachhing, legte sich ein Arm um sie... es war Mistreß Stanhope, die leise eingetreten und sie überrascht hatte. „Ich glaubte, Sic schliefen noch, meine gute Lucie," sprach sie in ihrer gutmütigen Weise.„Sic waren gestern Abend so ermüdet... hatten gewiß einen recht schweren Tag verlebt." „Es ist so, wie Sic vermuten, meine gütige Freundin," ant- winkte die Gefragte.„Er ist überstanden, und ich bin froh. daß er es ist. Ich habe mich ans einem Verhältnis losgerissen, dem ich hätte zum Opfer fallen müssen, wenn ich länger in Elintvnhous geblieben wäre. Eine Berirrung liegt hinter mir, die zu vergessen ich mir mit dem heiligsten Eide zngcschworcn habe und ich werde ihn halten. Gott ist Zeuge meines Eides." „O, meine gute Lucie, würde es nicht möglich gewesen sein, daß ich Ihnen in Ihrer Lage, deren UnHaltbarkeit ich wohl ahnte, mit einem guten Rate hätte hilfreich zur Seite stehen können?" Sommer u Eine Studie aus dem deutschen Hie heb' ich an mit sagen Bon einem großen Turncy, Wie seit ewigen Erdcntagcn Der Winter kämpft mit dein Mai. Es ist ein Rennen und Stechen, Ein Packe» und Streiten mit Macht, Es ist ein Biegen und Brechen, In wogender Frühlingsschlacht. Ter Dichter dieser Zeilen u. s. w. ist kein Sänger früherer Jahrhunderte, wenn es auch auf den ersten Blick erscheinen mag, als gehörte er einer längst vergangenen Zeit an. Diejenigen von unsren Lesern, denen Julius Wolff, der Verfasser des„wilden Jägers", des„Rattenfängers von Hameln" u. s. w. aus der Lektüre dieser romantischen Dichtungen her nicht mehr unbekannt ist, wissen das bereits. Tic Anfangszeilen dieses erstgenannten Gedichtes sind es. die wir hier zum Abdruck bringen, nicht uni sie aus ihren poetischen Wert zu prüfen, der ein zweifelhafter sein mag, sondern um an ihnen den Nachweis zu führen, wie scheinbar Neues und Frischgeschaffenes oft Uraltem und Längst- dagewesenem die Hand reicht; wie auch im Reiche der Poesie zuweilen die Geister auferstehen, und als nebelhafte Schatten ehemaliger poetischer Gebilde wieder unter den Lebenden wan- deln. Der ganze„wilde Jäger" ist im Grund, eine solche Auf- crstchung eines halbvcrgessnen Sagenstoffes, in den nur der Geist eines modernen Dichters gefahren ist, um ihn für uns wieder zu beleben und nnserm verwöhnten Geschmack nahe zu bringen. Was kann es also verwundern, daß auch in den Anfangszeilen des ziemlich umfangreichen Gedichtes ein Hauch jener Zeit lebt, aus welcher das Ganze kommt; daß auch in ihnen die Geister früherer Tage ihr Spiel treiben? Ob sie den Dichter ergriffen, oder ob er sie zu seinen Zwecken herauf beschwor? ob er sich ihrer bewußt oder unbewußt bediente? das könneil wir freilich nicht entscheiden; doch steht das erstere zu verniuten. Genug, Eine Pause folgte; Lucie drückte das Gesicht in ihre Händc und verweilte in dieser Stellung, welche deutlich markirtc, wie sehr sie sich ergriffen fühle von der Gutherzigkeit der alten Dame, die niit aufrichtiger Teilnahme ihren Kopf aufrichtete und ihr die geschlossenen Augen küßte, dann ihr aber die Versicherung gab, daß sie nie mehr diesen sie so schmerzlich berührende» Gegenstand erwähnen werde. „Wie freundlich Sic gegen mich sind!" rief Lucie sie>>>»' armcnd. „Nun, meine Teure, kommen Sic zum Frühstück," sagte Mistreß Stanhope.„Dann kleiden Sie sich an, ich werde Sie der Frau Herzogin Hamilton vorstellen. Sic ist die Liebcns- Würdigkeit selbst. Kommen Sic! Eine Abwechslung der Empfindungen wird Ihnen nicht schaden, im Gegenteil Sic über alles das hinwegheben, was so störend und Ihre Heiterkeit erdrückend einivirkte." Einige Stunden später wurde dieser Gang zu der erlauchte» Dame angetreten und als Lucie im Geleite ihrer ältlichen Freundin dieselbe verließ, war sie recht heiter geworden. „Aber>vo führen Sie mich hin? Ich bemerke, daß wir diese» Weg vorhin nicht gefahren sind," sprach Lucie mit Erstaunen. „Ist dieser kürzer?" „Nein, meine liebe Freundin, eher etwas weiter als der vorige, jedoch hat er das Gute, daß Sic nicht nur Schönes sehe», sondern auch eine sehr angenehme Bekanntschaft mache» werden, welche uns manche Stunde erheitern dürfte," antwortete Mistreß Stanhope. „Sic sprechen in Rätseln." „Die sich Ihnen sogleich lösen werden." tFortsezung folgt.) nd Winter. Bolksliede. Von F. Polkmar. daß der Anfang seines Gedichtes von dem„Turncy" stnichb das der Mai mit dem Winter seit ewigen Tagen mit cinandv kämpfen, und genug für uns, daß diese Vorstellung von des» Kampfe der beiden Jahreszeiten beinahe so alt ist, daß bklc selbst, und wenigstens so lange besteht, als es poetisch cinpff»' dcndc Menschen gegeben hat, die diesem gewaltigen Naturspü mit jugendfrischer Seele gegenüber standen und es dichter� zu gestalten wußten. Daß aber die Gabe der Dichtung nich ein ausschließliches Vorrecht einzelner bevorzugter Geister,!»»' dein ein Gemeingut aller ist. wenn auch nicht jeder auf dck stolzen Namen eines Dichters Anspruch erheben darf, das brauch nicht erst enviesen zu werden. Die„Stimmen der Völker> Liedern", wie sie Herder gesammelt, vor allem aber der he'' liehe Schaz unsrer eignen Volksdichtung legen tausendfältig� Zeugnis dafür ab, welch reiche poetische Begabung den Völle' und Menschen allzeit inne wohnte. Und tvürden wir ci»� Dichter verstehen, wenn in seinem Licde nicht eine Seite unsk' Innern mittönend antwortete? Von Verdiensten, welche wir � schäzen wissen, sagt der jugendliche Goethe einmal, tragen den Keim in uns. Aus dem Bolksgemüte, dem fruchtbaren Urschoße aller Bwk dichtung, sind auch die Lieder hervorgegangen, die von de Streite des Sonimers mit dem Winter handeln. Wie kci»'� anderen Volke ist dem germanischen ein gemütvolles Mitk»� mit der Natur eigen, ivas für das Verständnis der deutlW Volkspoesic von größter Bedeutung ist. Fast kein Lied d'j i liederreichen 15. und 16. Jahrhunderts, das nicht mit i'g� einem Bilde aus der Natur begönne oder an irgend eine � scheinnng derselben anknüpfte. Ebendasselbe zeigt sich bei' Minnesingern des 12. und 13. Jahrhunderts, durch deren H»»' wie Uhland sagt, die Fäden des in jener Zeit verlornen Vi»■ gesanges laufen, und läßt sich zurückverfolgen bis in die älkl I - 457- MMDWWWWWWZW flciiibcn Gegcnsaze hierzu als unsichtbare Wesen, die 1l* m,"c' ö v �.�2„„u hwii Stahe sie in Dem sartc sä;~i=«»>.-- SSSTÄBSp# MZMM-S bichtc b.lbcn. � fnItcn Marmvistein-n. � Nicht in Tempeln, dnmps»no«»., Durch einen an- bicn Dichter, ben nnch weit christlicher gesinnten Klopstock, ben Sänger bes„Me- sias", ist der Hain ilcrabezu das Sinnbild der beut- scheu Poesie ge- lvordcn, und auch llhland spricht in dem erwähnten Gedichte von dem »deutschen Dich- terwald." Hierzu kommt noch der echt ger- nianische Hang zum Einzelwohnen nni Waldessaum, zwischen den Fel- dcrn und aus ein- samen Berg- ilipfelu, wie er im llnterschiede vor ollem von ben flämischen Nachbar- nölfem unfern Borfahren gleich- falls eigen war. Schon bies bedingte ein in- KKmkm»»» npsiuoen ugiugui ,v v.v.. Natur. In einem Minueliebc bes 12. Jahrhunderts ruft die Herrin der Burg einem Falken zu, den sie über dem Walde fliegen sieht: Du erkiesest dir im Walde Einen Baum, der dir gefalle. und klagt ihm ihr Leid, daß sie um ihres Trauten willen von so vielen Mißgünstigen beneidet werde. Die Nachtigall wird Liebesbotin und singt vor den Fenstern des Mädchens die Grüße des Geliebten u. s. w. Ganz ähnlich mit der Pflanzenwelt, in welcher die lieblichere Blumenwelt wieder den Vorrang vor den Bäumen und Gesträuchen hat. Doch fehlt es auch den lezteren nicht au reicher poetischer Verklärung. Dies gilt namentlich von der Linde, unter deren von Urzeit geheiligtem Wipfel und breiten Arsten die früh- Ter Heringsli-nig.(Seile 463.) ß I WVV| V*|• gleichen ersczcu mußte, «Ä%:- r sr«5 —--—.. und-lvuiie.>„ mssanreu- mußte. so veranlagten Volke kann es daher nicht Wunder nJnrfic desselben mit der Statur gleichsam "nd Nacht, liehen Reigentänze abgehalten wurden, mit denen man die Wieder- kehr des jungen Maien festlich bc- ging. Es gibt kaum ein Lied- chen, welches die Herrlichkeit des Sommers de- singt, in dem sie nicht der unentbehrliche Mittelpunkt aller Freude ist, während in ihrem grünen Gc- äste.Frau Nach- tigall sizt und singt." Und wie zu ihr schmucke Tänzer und Täu- zerinneu eilen und glücklich Liebende unter ihrem schü- zenden Dache sich zusammenfinden auf blumiger Bettestatt, wie in dem berühmten Linbcnlicbchen Walthers von der Vogelweide; so ist sie zugleich die Vertraute der sehnende», unerwiderten oder verschmähten Liebe: ES steht eine Lind' in jenem Tale Ach Gott, was tut sie da? Sie will mir Helten trauern, Daß ich keinen Buhlen han. Wie ist in diesen schwermütigen Strophen, mit denen ein altes Volkslied beginnt, die Linde in den Kreis menschlicher „„ xin Ktpgp der Men- demachseii" erscheint. Sommer und Winrer, g münzen!_____ '"it ihren Lichtern, das Wasser, d>e Lust, �'��'Tin den poe- altes Volkslied beginnt, die Linde in den Kreis menfchticye und Tierwelt, ja selbst das leblose � es cti selbständigen Empfindungen gerückt, ja recht eigentlich an die Stelle der Men l'lchen Vorstellungskreis mit hineingezoge z beu sehen selbst getreten! So wenig aber eine solche Poesie in ihrer Wesenheiten erhöht,«die Sprache rHAeinen sie zum- schlichten Wahrheit und rührenden.Herzenseinfalt übertroffen oder Ichen teilte». Ju der altdeutschen SS) o rg � sjgpban, oder nur nachgeahmt werden kann, so wenig kann sie wiederum von , uls gewaltige Göltergestalten, wie y seltsame' dem verstanden werden, der nicht, gleich dem Sänger dieses Riesen, wie die �rost- und Rnsrirs, � scheute Liedes, die Natur als die stille, aber innig teilnehmende Ver- llugeheucr, die man wegen ihrer u e Heid- wandte des eigenen Seelenlebens anzusehen vermag. Er wird und verehrte. Als das eindringende)| �jg czijUe, die wohl Bäume, Felsen und Ströme in ihr erblicken, doch was sie ""chen Gottheiten ihrer Würden entsez_ Naturerscheinungen, dem tieferen Gemüte bedeuten, was sie dem poetischen Sinne wristliche Unterwelt verbannte, verlor» gg� und ihre; des Volkes seit unvordenklichen Zeiten geworden sind, das wird welche sie dargestellt hatten, ihien,"vic das Volkslied, dies echteste Kind der Natur, ihm ein entarteter Wild- ling voller Ungereimtheiten und Widersprüche ist, iveil keine Stimme in seiner Brust der leisen und eindringlichen Sprache antwortet, die es zu ihm redet.— Nach alle dem sollte man nun glauben, daß die Linde auch in den Liedern vom Streite zwischen Sommer und Winter eine hervorragende, ja die erste Stelle einnähme. Dem ist aber nicht so. Für sie tritt vielmehr ein frühzeitigeres Gewächs, der „Fahlweidenbaum" oder der„Felbinger", ein, der mit seinen frühgrüncn Zweigen und den flaumigen Käzchcn daran zu dem Winter in der Tat in einem weit schärferen Gegensaze steht, als die spät knospende Linde. Dem Felbinger entsprechend ist der immergrüne Buchsbaum, der Anwalt des Winters, der für diesen den Kampf mit dessen Gegner ausnimmt. Der Streit zwischen ihnen dreht sich ursprünglich nur um die Vorgänge der beiden Jahreszeiten, die sie darstellen, wobei jeder in dem regelmäßig wiederkehrenden Schlußrcim die an- wcscnden Zuhörer als Zeugen anruft, daß er dem andern vbge- siegt habe und jener folglich sein Knecht und er sein Herr sei. Am Ende erklärt sich der Winter für besiegt u. s. w. Wie iveit verbreitet in der älteren Zeit dieses Spiel war,— denn mit einem solchen, einem Festspiel zur Feier der bcgin- »enden schönen Jahreszeit haben wir es hier zu tun,— dafür liegen zahlreiche Belege vor. Zum besseren Verständnis des ganzen Vorganges möge hier einiges dem dritten Bande von Ludwig Uhlands Schriften Entlehntes mitgeteilt werden, woselbst in einem besonderen Abschnitte, der die Ucberschrift„Sommer und Winter" trägt, alles hier Einschlagende mit fleißiger Hand gesammelt und aufs trefflichste gesichtet worden ist. Wieder wird man dabei durch die Mannigfaltigkeit der Erfindung in Erstaunen gesezt, über welche die alte Zeit in der Ausgestal- tung eines poetischen Gedankens zu verfügen hatte, bei aller Einfachheit der Mittel und sicherster Wirkung auf das Gemüt. Was hierher gehört, ist etwa folgendes: Am Sonntag Lätare, zu Mitfasten, wenn Frost und Früh- ling sich die Wage halten, wurde, noch in neuerer Zeit, Haupt- sächlich zu beiden Seiten des Ober- und Mittelrheins ein ländliches Kampfspicl begangen. Zwei Personen, Sommer und Winter vorstellend, die eine in Laubwerk, die andere in Stroh oder Moos gekleidet, ringen mit einander. Der Winter unter- liegt und wird seiner Hülle beraubt. Von der versammelten Jugend, die mit weißen Stäben ausgezogen ist, wird dabei niancherlei gesungen, dem Sonimcr zum frohen Empfange, dem Winter zum Hohn und Trozc:„stabaus! stabaus!(stäubaus!) stecht dem Winter die Augen aus!" Die älteste bestimmte Meldung von diesem Spiele steht in Sebastian Frank's Welt- buch 1542: Zuo niitterfasten ist der Roscnsonntag:c. Un disem tag hat man an etlichen orten(in Franken) ein spil, daß die knaben an langen runten brezeln hcrumb tragen in der statt, und zwcn angetane mann, einer in Sinngrüen oder Ephcw, der heißt der Sommer, der andre mit gmöß(Moos) angelegt, der heißt der Winter, diese streitten miteinander, da siegt der Sommer ob und erschlacht den Winter, darnach geht man daraufs zum wein." Des Singcns ist hier nicht besonders gedacht, auch in den übrigen Nachrichten erscheint der Aufzug als Hauptsache, die altertümlichen Reime sind begleitender Zuruf. Daneben aber hat sich früher schon das ausgeführte Gcsprächslied der streiten- den Jahreszeiten entwickelt, und während die vonvaltcnd iiiimischc Darstellung sich in der sichtbaren Niederlage des Winters am besten verständlich machte, war umgekehrt der Wettstreit mit Gründen wohl geeignet, die beiderseitige Berechtigung im wohlgeordneten Jahreslaufe darzutun und hierdurch einen versöhn- lichen Ausgang herbeizuführen.— Von den beiden, in Uhland's Volksliedersammlung uns er- haltenen Liedern dieser Art, ist das echtere und aller Wahlschein- lichkeit nach auch ältere derselben»och in lebendigster Gesprächs- form von rasch auf einander folgender Rede und Gegenrede gehalten: Sommer. Heut ist auch ein frölicher Tag, daß man den Sommer gewinnen mag, alle ir Herren mein, der Sommer ist fein! Winter. So bin ich der Winter ich gib dies nit recht, o lieber Sommer, dn bist mein knccht! alle ir Herren mein, der Winter ist sein! ic. Im Verlaufe des Liedes heißt es vom Sommer u. a., er komme mit den Seinen aus Oesterreich, dem sonnigen Osten, und darum heißt er den Winter sich aus dem Lande heben. Dieser andererseits kommt aus dem Gebirge und bringt mit sich den kühlen Wind, er droht mit eincni frischen Schnee und will sich nicht verjagen lassen; der Winter rühmt sich der weißen Felder, der Sommer der grünen; jener ist ein grober Bauer, trägt rauhe Pelzschauben, So bin ich der Winter, ein grober bnucr, ich trag' an mir manch pelz und schänden alle ir Herren mein K. zu des Sommers Zeiten wächst Laub und Gras, zu denen des Winters wird manch' kühler Trunk gefunden; der Sommer bringt Heu, Korn und Wein, aber was er einführt, wird alles im Winter verzehrt; zulezt behält gleichwohl der Sonimcr Recht, der Winter nennt sich seinen Knecht und bittet ihn um seine Hand, damit sie zusammen in fremde Lande ziehen, hierauf erklärt der Sommer ihren Streit für beendigt und wünscht alle» eine gute Nacht. (Schluß iolgl.) Die Ii Eine e t n o g r a Unter den fünf, durch Sprache, Körperbau und Hautfarbe sich unterscheidenden Völkerschaften Abhssipicns, deren Gesammt- seelenzahl auf etwa 1 lji Millionen geschäzt wird, lebt unter deni Namen Falascha ein etnographisch merkwürdiger jüdischer Stamm, der sich von den Juden in allen übrigen Weltteilen sehr wesentlich unterscheidet und von dem erst in neuester Zeit nähere Kunde zu uns gedrungen ist*). *} Durch Herrn M. Flad in Kornthal, der längere Zeit unter de» Falascha lebte und seine Wahrnehmungen in einer Schrift:„Kurze Schilderung der bisher fast unbekannten abessinischen Juden(Falascha)" Kornthal, Selbstverlag, veröffentlicht hat. Diese Schrift, welche in weitere Kreise nicht gedrungen ist, was wohl ihrer unwissenschaftlichen Form zuzuschreiben ist, liegt der obigen Darstellung zu Grunde, wozu Herr Flad seine Ermächtigung erteilte. lasch a. hifche Skizze. Das Wort Falascha soll.Auswanderer" oder„Vertriebene" bedeuten, und es liegt nahe, anzunehmen, daß dieser Name den nach Abyssinien eingewanderten Juden von den Ureinwohnern dieses Landes beigelegt wurde*). Ueber Zeit und Ursache dieser Einwanderung herrschen unter den Falascha selbst verschiedene Meinungen. Geben wir zuerst der Legende des Wort. Nach dem 2. Buche der Könige Kap. 10 und der Parallelstellc 2. Chronik Kap. 9 kam die Königin von Saba(ein Distrikt im südwestlichen Arabien), welche von der großen Weisheit des Königs Salomo gehört hatte, mit einer mächtigen Karawane nach Je *) ES sei daran erinnert, daß auch der älteste Name der Israeliten, Hebräer, Einwanderer bedeuten kann, da dieselben au? den Euphrat- landern nach Palästina eingewandert sein sollen. rusalcm, um den Scharssinn deS israclitischm Königs WWWWM mmm# beu er Menelek nannte.— (In einer ätiopischen Ge- »ealogie hat Menelek das Apellativum Ebena Hakim, b. h. Svhn bcs Weisen.) Die Mutter schickte ben- selben seinem Vater zur Ziehung»ach Jerusalem. Als Menelek erwachsen war, baten bie Israeliten ben �lönig Solomo wieber- halt, er möchte jenen zu seiner Mutter zurückkehren lassen, ba sein Verbleiben nach Salomos Tob poli- l ische Unruhen herbeiführen könnte. Ungern' gab Sa- lvmo nach unter ber Bedingung, baß jeber Jnbe seinen erstgeborenen Sohn mit Menelek nach Aetiopien schicke. So geschah es, baß Menelek, von Salomo zum König von Aetiopien ein- llesezt, mit einer großen Anzahl Juben borthinwan- berte, die sich bann mit eingeborenen Frauen vcr- heirateten. Unter ben jü- bischen Einwanberern de- sanben sich zwölf Priester ans bem Geschlecht Arons. Auch ließ Salomo eine Bunbeslabe verfertigen, weiche bie Priester bes Me- aelek nach Aetiopien mit- nehmen sollten. Dieser aber ließ bieselbc in Je- Ulsalem zurück unb stahl bie ächte, von Moses her- stammenbc Bunbeslabe, bie er bann nach Alsum Gletschergartcu in kamen, von ba nilauflvärts zogen und sich im westlichen Teil von Abyssinien, in ber Provinz Qnara, nieberließen. Die Trabition sagt, baß Qnara früher nur von Falascha bewohnt l gewesen sei. Dafür spricht ber Umstanb, baß bie Sprache ber Falascha, bie von bem Aetiopischc» unb Hebräischen gleich ab- weicht, die Sprache von Qnara ist, unb baß bie Mehrzahl ber Bevölkerung dieser Provinz ans Falascha besteht. Ein weiterer Beleg dieser Behauptung liegt darin, daß die Falascha nirgendstvo in ganz Abyssinien Rest, d. h. liegendes Erbgut besizen, außer in Quara. Mich einer Variante dieser Tradition wären erst bei der I Zerstörung Jerusalems durch die Römer Inden in die abyssi- nischcn Gebirge verjagt worden. Die Benennung Fala- scha hat jedoch vielleicht einen anderen Ursprung. Wie bereits bemerkt, ist Quara als Hauptsiz der Falascha anzusehen. Dieses Quara ist nun seit den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart der Verbau- nungsort, wohin von den abyssinischen Königen Re- bellen, Abtrünnige und sonstige Missetäter gesen- det wurden. Es läßt sich nun annehmen, daß, als die christliche Religion in Abyssinien eingeführt wurde, die Juden, welche der neuen Lehre sich wi- dersezten, vom Kaiser in die westliche Provinz, nach Quara, verbannt wurden. Nach einem Manuskript, welches der Falascha-Ge- lehrte Saneb, königlicher Schreiber, auf der Festung Magdala 1859 in der königlichen Bibliotek fand, wurde das Christentum im Jahre 315*) durch Abuna Salama, dessen früherer Name Frumentatos(Fru- mentius) war, nach Abys- sinien gebracht und ausge- breitet.„Ehe die christliche Religion nach Abyssinien kam, war die Hälfte der Einwohner Juden, die den Luzern.(Seite 463.) Orit**) hielten. Die an- dere Hälfte bestand aus Anbetern der Sando i(Drache)." Geschichtliche Aufzeichnungen über die Falascha seit 1 Einführung des Christentums in Abyssinien fehlen ganz und gar und die abyssinische Chronik schweigt über die Falascha. Die Traditionen sagen, daß sie die Provinz Quara, einen Teil der Pro- vinz Alafa und Tankel bewohnt haben und ihre eigenen regieren- den Häuser hatten. Um das Jahr 1000 n. Gh. sollen sie sehr mächtig gewesen sein, das westliche Abyssinien an sich gerissen und die Christen verfolgt haben. Es heißt sogar, sie hätten die königliche Familie verjagt, die sich nach Schoo flüchtete, woselbst sie verblieb, bis im 13. Jahrhundert Jecuna Amlak wieder den Tron seiner Väter bestieg. Nun hätten die Christen den Falascha mit gleicher *) Eine andere Quelle gibt das Jahr 257 nach dem Tode Christi an. **) Orit nennen die Falascha die 5 Bücher Mose stimmt den Büchern Josua, Richter, Samuel und Ruth. 460 Münze bezahlt, tausende von ihnen ermordet und die übrigen nach Quara und Tschelga zurückgetrieben und sie dem christlichen König von Abyssinien zinspflichtig gemacht. Tie Handwerks- leute unter ihnen, Maurer, Zimmerleute, Schmiede k. wurden aber bald wieder von den christlichen Königen herbeigerufen und für ihre Dienste gut belohnt. So geschah es, daß bald in Seniien und in der Nähe von Gondan Falaschadörfer entstanden. Zu diesen Gewerbsleutcn gesellten sich bald andere, Weber, Hafner(die Hafnerei ist Handtverk der Weiber), Ackersleute, die sich in verschiedenen Provinzen des westlichen Abyssinien niederließen und sich von ihren Gewerben ernährten. Von Ver- folgungen und Unterdrückungen während der lezten Jahrhunderte weiß man nichts. Bei den abyssinischen Christen ist die Behauptung allgemein, daß ihre Vorväter Juden waren, was durch den Umstand an Glaubwürdigkeit gewinnt, daß bei den abyssinischen Christen zahlreiche jüdische Bräuche und Einrichtungen wahrgenommen werden und auch im Karakter derselben ein jüdisches Gepräge zu Tage tritt. Im Jahre 1863 ließ König Theodoras von Aetiopien auf öffentlichem Richtplaze bei Gondar vor einer un- geheuren Versammlung von Eingebornen und zahlreichen Euro- päern eine Genealogie vorlesen, in welcher nachgewiesen wurde, daß der Ur-Urahn Sr. Majestät Adam gewesen sei. Ferner, daß sein Urgroßvater David, sein Großvater Salomo und sein und aller früheren Kaiser Aetiopiens(dieser Linie) Vater Menelek war. Tie Falascha, deren Seelenzahl auf 200000 geschäzt wird, wohnen meistens in abgesonderten Dörfern. Wo sie aber ihres Gewerbes wegen unter den Christen ansässig sind, wählen sie gewöhnlich einen Teil außerhalb des Dorfes oder der Stadt, wo sie sich durch Gehege und Hecken gegen Verunreinigungen schüzen, die durch die bloße Berührung eines Christen oder Mu- hamedaners bewirkt wird. In folgenden Provinzen Abyssiniens wohnen Falaschas: Semen, Wogera, Armatfchoho, Walkait, Tschelga, Dembea, Dagusa, Tankel, Alafa, Kunsüla, Wandigie, Atschafer, Agau- Weder und Quara. Diese 14 Provinzen liegen alle westlich vom Taccasiä-Fluß Seit 1862 wohnen einige hundert Fa- Milien in Schirä. Nachdem Dembea ausgeplündert war(1863\ wo die Falascha wie die Christen ihres ganzen Eigentums be- raubt wurden, wanderten viele Dembeaner, darunter auch zahl- reiche Falascha-Familien, die vom Hungertod verschont blieben, nach Bagemder, Basta und Belessa, wo sie teils auf könig- lichen Befehl einquartirt wurden, theils in königliche Arbeit ein- traten; jedoch zogen es auch viele vor, sich mit ihrer Hände Arbeit zu ernähren. Aber alle warten nur auf einen günstigen Zeitpunkt, um wieder in ihre Heimat zurückzukehren. tgortsczung solgt.) Religiöses Lel'en un!» Treiben bei den Inden der Gegennmrt. Von Maximilian Dittrich. (Schlusi.) Der den Juden heiligste Tag im Jahre ist der schon er- wähnte zehnte des Monats Tischri— Jom chakkipurim— der Versöhnungstag. Er schließt die Zeit der Buße ab und soll der Buße die Krone aufsezcn. Darum soll er ganz und gar, ohne Unter- brechung und Nebenbeschäftigung der frommen Einkehr des Jsrae- liten bei sich selbst, der vollen Hingabe an den religiösen Glauben und an Gott gewidmet sein. Darum sollen die Juden womöglich die ganzen vierund- zwanzig Stunden des Versöhnungstages in der Synagoge büßend und betend zubringen und sich aller Speise und jeglichen Trankes enthalten. Nirgend kann man deutlicher sehen als ani jüdischen Ver- söhnungstage, wie religiöse Gebräuche zum Unsinn, ja zu Ver- gehen an den Menschen werden, wenn sie nicht von Vernunft und Wissenschaft kontrolirt und korrigirt werden. Ihre Verminst hätte den Juden schon längst sagen müssen, daß der knurrende Magen auch am Versöhnungstage ein mäch- tigcr Feind der Andacht und bei den meisten Menschen so stark 'st' baß� es ihm immer gelingt, die Gedanken von Jehovah und seiner Judenkirche abzuziehen und nach der Küche hinzulenken. Und die Wissenschaft sollte die Inden längst belehrt haben, daß der vielstündige Aufenthalt in der kohlensaure- übersättigten Atmosphäre der menschengefüllte» Synagoge selbst für robustere Naturen ungesund ist und für schwächliche im hohen Grade ge- sährlich sein muß. Aber so gescheite Leute auch die Juden aufzuweisen haben, so viel tüchtige Aerzte und Naturwissenschafter sie in ihren Reihen zählen mögen, ihre Religion spottet heut wie je aller Vernunft und Wissenschaft. Ein besonders törichter Brauch wird nach rabbinischer Vor- schrift kurz vor dem Versöhnungstage vollzogen. Der Jude nimmt einen Hahn, die Jüdin eine Henne, dreimal wirbeln sie die Tiere um den Kopf und sprechen dazu:„Dies soll Sühne sein für mein Leben, dieser Hahn(resp. Huhn), gehe zum Tode, ich aber zum Leben." Danach wird diese interessante Ceremonie noch einmal und zum drittenmale iviederholt, dann wird das todgeweihte Flügelvieh geschlachtet und mit allem Behagen und all' den ihm aufgewälzten Sünden von den Sündern aufgespeist. Wie war es aber nur möglich, daß sich soviel Torheit, soviel Widersinniges, Lächerliches, Läppisches in den jüdischen Religivns- bräucheu und Ceremonialien bis in die allerneueste Zeit hinein unangetastet halten konnte? Nun— erstens, meine lieben Christen, schlagt ihr nur nicht mit gar zu großem Pharisäerstolze an eure Bnist,— zugegeben, daß in dem Ritual der protestantischen Kirche viel Firlefanz und Narrheit beseitigt ist, würde aber wol alles, was da auf der Kanzel und am Altare gesprochen und getan wird, die Kritik vorurteilsfreier, von der Höhe unserer Wissenschast herab urteilender Richter vertragen? Und wie steht es um die Ceremonien in der katvlischen Kirche?? Wie? Nu», wir tverden ein andermal Gelegenheit nehmen, in da? »veihrauchduftcnde Dunkel der römich-katolischen Dome ein, venig mit der Fackel unserer Kritik hineinzuleuchten. Für diesmal wollen wir noch an der Hand von RubenS einen Gang in die Synagoge unternehmen, um einem jüdischen Gottesdienste beizuwohnen, wie er sich an jedem Sabbat und bei jeder festlichen Gelegenheit in der„Judenschule" abspielt. Wir treten ein in das Gotteshaus, von dessen Türme» oder Kuppeln herab keine Glocke zur Andacht nist, in dem keine Orgel mit ihren feierlichen, erhebenden, gewaltigen Tönen das Herz ergreift, den Sinn gesangen nimmt. „Denn wie Ferkelgrunzen sind— ihn, zuwider Glockenklänge." Ibehauptet der böse Jude Heinrich Heine von seines Volkes Gott. und er hat nicht unrecht, denn Glockenton und Orgelklang sind den Juden einer der streng verpönten„Bräuche der Völker", der nicht von Jehovah Auserwählten. Wir sehen sie sizen, stehen und gehen die Gläubigen Israels allesammt mit dem Hute auf deni Kopfe— warum? Nun, es ist es eben immer so gewesen, es ist— orientalisch. Sonst hat es weiter keinen Sinn. Nichtsdestoweniger ist es von allerhöchster Wichtigkeit. Ter Talmud verbietet sogar, daß ein Jude auch nur vier Schritte mache, ohne sei» Haupt zu bedecken. Beim Religionsunterrichte sowol, ivie beim Hebräischlcrnen und heim Bibellesen müssen die jüdischen Knaben die Miize aus isezen, und wenn die Frommen den ihnen unentbehrlichen Segens- ispruch hersagen, ohne den sie nichts genießen, so bedecken sie zum allcrinindesten ihr geistreiches Haupt mit der Hand. - 461 Ans dem Vordergründe des Tempels tönt die Stimme des Vvrbetcrs, der eigentlich im Name» der Gemeinde betet und dem diese nur mit Amen antworten soll. � Aber das hat dem Frömmigkeitscifer der glaubensstarken Judenwelt bei weitem nicht genügt— wie leicht könnte da der Hcnp-'tt auf den einer oder andern seiner Getreuen vergessen I? Jten halten sie es für geraten, nicht nur selbst zu beten und iogav selbst laut zu beten, sondern häufig auch durch allerlei Spektakel, vorzüglich durch weimerndes Gesinge und Getriller die Aufmerksamkeit Jehovas auf sich zu zwingen. In allen Tonarten und Melodien brnnimen, grunzen, quietschen und quäke» fie.— Männlein und Wciblein,— kurz es geht zu bei dein jüdischen Gottesdienste, wie— nun, wie eben nur in der Juden- schule. Dabei hält der Vvrbcter seine Kehrseite der Gemeinde zu- gekehrt. Weshalb? Nun, Iveil er nach Osten schauen muß. dahin, wo Jerusalem liegt und wohin sich der Jude pflichtgemäß ünmerdar zu sehnen hat. Er betet hebräisch, sein Hebräisch klingt schauderhast, denn die Inder haltcu hartnäckig an der häßlichen polnischen Aus- ll'mche des Hebräischen fest, wie sie überhaupt an dem Hebräischen als der Glaubcnssprache festhalten, obgleich die allermeisten von ihnen nichts davon verstehen und nur notdürftig die hebräischen �chriftzeichen haben lesen und schreiben gelernt. Tic Folge des BeibchaltenS der hebräischen Sprache beim Modernen jüdische,- Ritus ist die»ichtsnuzige Ouälcrc, der armen Jndenkindcr in der Schule mit dem Unterrichte in der>0 schwe zu erlernenden Sprache ihrer Ur-Ur-Urahnen. Mit vollem Rechte weist Rubens darauf hin, daß diese Art, die hebräische Sprache zu treiben und sie zur llmgang-.'sprachc mit Gott zu machen, notwendig die Geister verflachen und>c Gemüter abstumpfen muß. Beides ist auch eine Folge des gesanimten jüdischen Gottes- dienstes. Derselbe kann sogar mit Recht als der fruchtbare Boden moralischer Korruption betrachtet werden, indem er in den Inden den Wahn ivach erhält, daß sinnleerer Gebetkram 1 im Verein mit symbolischen Handlungen aller Art von närrisch- albernem Karakter hinreicht, Sünden zu tilgen und im äußersten Falle selbst Verbrechen in den Augen Jehovahs wieder gut zu machen. Und wie sie Feinde jeder Moral sind, diese von nnserm Judentum mit soviel Eifer festgehaltenen Formalitäten, so sind sie auch Feinde der Religion selbst, der sie dienen sollen. Wer könnte ein tieferes Interesse für all' die Torheit im Geist und Herzen bewahren? Wer möchte nicht an dein Gehalte einer Re- ligion verzweifeln, der sich kaum eine einzige ihrer wichtigsten Ceremonien vernünftig zu begründen vermag? Man läßt eben die Form stehen, wie sie steht, denn man will den Alten und Abergläubigcn„kein Aergcrnis geben," da man ihren Zelvtisinus fürchtet, und da man absolut nicht weiß, was vom Judentum übrig bleiben sollte, wenn die längst hohl und leergewordenen Formen zertrümmert würden. Der Kern ist verdorrt, die Schale ist morsch und angefault, aber sie ist das einzige, was vom heilig gehaltenen Glauben der Väter der Zeit standgehalten hat. Nicht die Zweifclsucht der Menschen, nicht der Fortschritt des Wissens hat dem Glauben der Gesezgcber und Propheten des alten Testamentes das Grab gegraben, sondern seinen leben digcn Sinn, seinen herzerquickenden Gehalt hat die dicken Kruste der frommen Saznng, die sich darum gelegt, erstickt. Der Rab- biner hochmütiger Aberwiz hat die jüdische Religion, die wei- land ehrwürdige Mutter des Christentunis, dem Gespött der Weltkinder, dem Verdammungsurteil der Wissenden überantwortet. So tötet der Glaube den Glauben. Im Kampf wider alle. Roman von Ferdinand Stiller. (Nt. Foi-tseziing.) ii 0'n des Morgens am nächsten Tage finden wir Specht �"�Gtern Gemache Willibald David und Elfriede r:ji1.®'C,..Cr 9Ciach, hatte er mit dem Glwfenschlage zwölf jene geöffnet, zu der sie ihm den Schlüssel gegeben. Mit den Worten: nein" n�C" unfern Leuten diese Nacht frei gegeben, fm-Cl beneist,— wir sind ganz ungestört," hatte sie empfang«,. »tivonet� darauf nur mit gleichgültigem Kopfnicken gc- u 4.!�'»achdcm ihnen vier Stunden in wildem zügellosen iciv If �"uuscht waren, lag Elfricdc in schneeweißem Seiden- gras» � über der vollen Brust von funkelnder Diamant- ,1*."utdurftig zusammengehalten war und ohne allen Schmuck, zär � dunkelrote Rose im aufgelösten, langhinabwallcndcii ,Q3 �'?uf den nieder» Divan ihres Boudoirs hingegossen,— enx?C heiß gerötet, die dunkeln Augen feucht glän ">>>> i.i— t ik..«wrbM der soeben mit übe schöne Gesicht heiß gerötet, die ounrem �tnyn' D- ' und blizcnd auf ihn gerichtet, der soeben mit übcrge- guen Armen vor sie hingetreten ivar. "»d nun, Ella," sagte er finsteren Blickes,„nun ist für das Lied zu Ende. Du kannst noch zurück. Nicht wahr," ---- r.j. �uMtiük-nls er das sagte. »Und c � Sied zu Ende. Du kannst noch zurück, ycicyr u»«yt, . �"C Lippen kräilselten sich verächtlich,'als er das sagte, "'Vahr, das Leben ist doch schön? Wenn man den Bccher nitI die Neige getrunken und ein par Tropfen auf die schmuzige verschüttet sind— warum sollte man sie nicht auch noch ecken,— xs h', doch schade, wenn ctivas von dein Zaubcrtranke re» geht." . �er ihr Gesicht hatte sich bei scinen Worten eine tiefe F gelegt. Aber ihre Stimme klang fest und entschieden, 'e antivoi-tcte: „Run lasse ich dich nicht, Willi. Ich mahne dich an dein Versprechen. Ich würde dich, meinen ersten und lezten, meinen einzigen Geliebten, für einen Elenden halten und mit dcr Ueberzcugung, daß ich stärker war, als selbst du, stolz und höhnisch aus der Welt gehen— jezt, sofort— das würde ich, Willi, so wahr ich diese Nacht in deinen Armen gelebt habe ,.,.o selig gewesen bin." Ein leichtes Lächeln glitt über seine Züge, er neigte zustim- inend und befriedigt den Kopf. „Sieh," fuhr sie in harmlosen Plauderton übergehend fort, indem sie eine mit reicher silberner Verzierung geschmückte Eben- holzkasscttc, die vor ihr ans einem jener ivinzigen Boudoirtischchen stand, öffnete,„sieh— hier habe ich eines deiner ersten Gc- schenke," sie nahm den uns schon bekannten Salonrevvlvcr heraus, „ich habe dafür gesorgt, daß er auf einen leichten Fingerdruck seine Schuldigkeit tue. Tarunter liegen ein par kurze Zeilen an meinen Vater; ob er mit diesem Abschiede zufrieden sein, ob er sich grämen wird, ich weiß es nicht—, so weit ich ihn kennen lernen konnte, ist bei ihm ein solches Gefühl unmöglich. Du siehst also— Willi— einziger, heiß geliebter Mann,— ich bin bereit. Ich denke, wir verlieren keine Minute,— ich erbitte mir nur noch die eine Liebe und Gnade, daß du mich zu deinen Füßen durch deine eigne liebe Hand sterben läßt." Sie reichte ihm den Revolver hin und sank vor ihm in die Kniec. Sie legte ihr Gesicht einen Augenblick ans seine Füße, dann richtete sie sich wieder auf und sagte: „Noch eins. Wird dein Freund Stein noch einen lezten Gruß von mir und meine Bitte nm Verzeihung empfangen?" „In wenigen Minuten liegt sie mit meinem Abschiede in seiner Hand." 462 „Ich bnnfe dir— und nun sei mir gnädig— Willi." Er beugte sich zu ihr nieder, hob mit der linken Hand ihr bleiches, in diesem Momente wunderbar schönes Haupt zu sich empor und drückte einen heißen langen Äuß auf ihre Lippen. Eine Träne erglänzte in dem Auge des mit eiserner Willens- kraft ausgerüsteten Mannes,— er zögerte— da ergriff ihre Rechte die seine, sie drückte ihm den Revolver in die Hand und führte ihn dahin, wo ihr Herz schlug.—— Noch ein Ruß— dann ein scharfer kurzer Ruall— ihr um seinen Nacken geschlungener linker Arm löste sich langsam los. ihre Augen schlössen sich und die Lippen hauchten:„Willi, auf ewig mein." Und so sank sie rücklings auf deu Teppich nieder. Er nahm das perlengcstickte Divankifscn und schob es ihr unter den herrlichen Ropf mit dem ruhig, selig lächelnden Gesicht. Noch einmal berührte er in heißem Kusse ihre Lippen; dann, als er sich erheben wollte, brach mit nicht länger zu bewältigen- der Macht ein Träneustrom aus seinen Augen. Aber auch das lrar Voniber in kurzen Augenblicken,— er drückte das Gewand der Toten an sein Gesicht, dann erhob er sich. Ten Revolver steckte er zu sich und die Rose aus ihrem Hare barg er auf seiner Brust. Taraus ging er rückwärts bis zur Tür, den Blick unverwandt nach der schönen durch seine Hand Getöteten gerichtet. Bei der Tür wandte er sich scharf um, drückte sie hinter sich ins Schloß, ohne sie fest zu verschließen und ging raschen, wie immer elastischen und sichren Schritts von bannen.—— Wenig über eine Biertelstundc nachher hielt Tavids clc- gantes Cab vor der Behausung der beiden Haßler. Ter jugendliche Kutscher desselben hatte seit Punkt vier Uhr a» einer in der Nähe der Spechtschen Wohnung gelegenen Straßen- ecke gehalten. Er war gewohnt, auf die Minute pünktlich zu sein, — wußte er doch, daß er verschwenderisch gelohnt wurde, wenn er jeder Laune seines absonderlich gearteten Herrn willenlos gehorchte, und daß er, wie viele Vorgänger, auf der Stelle davongejagt worden wäre, wenn er sich einmal den geringsten Eigenwillen oder die unbedeutendste Säumnis hätle zu schulden kommen lassen. Herr Gabriel Häßler hatte äußerst unruhig geschlafen und die beängstigendsten Träume gehabt. Zuerst hatte er geträumt, er hätte ein Duell und zwar mit David selbst, und dieser hätte ein großes Brotmesser statt eines Degens in der Hand und schlüge wütend und mit solcher diabolischen Geschicklichkeit auf ihn ein, daß er, der sich mit einem ausgezeichneten Degen bewaffnet hatte, auf das entsezlichstc zerfleischt wurde. Als er einen furcht- bar schmerzhaften Stich mit dem Brotmesser in den Unterleib erhielt, wollte er mit gewaltiger Anstrengung beiseite springen, — dabei tat er einen gleichfalls höchst schmerzhaften Fall und wachte auf. Seine Traumverzweiflung war so groß gewesen, daß er sich in seinem Bette heftig umhcrgeivälzt hatte, bis er endlich hinausgefallen war. Das ivar dem guten Gabriel seit den Tagen seiner Kindheit nicht mehr passirt. Mit schmerzenden Gliedern und auf das höchste körperlich und geistig erschüttert kroch er wieder ins Bett. Lange Zeit konnte er nicht wieder einschlafen, unaufhörlich beschäftigten sich seine Gedanken mit dem Duell, bei dem er eine so wichtige Rolle zu spielen berufen war. Es fiel ihm ein, daß er dabei gar leicht mit der irdischen Gerechtigkeit in Konflikt kommen könnte. Wenn ein Unglück passirte! Wenn einer tot blieb! David hatte von einer Leiche gesprochen, von einer Leiche— eiskalter Schauer lief dem friedfertigen Gabriel über den Rücken!— (flott sei.4. mit, daß er dabei nicht um die Ecke gebracht werden konnte; d. h. ganz gewiß schien ihm das auch noch nicht. Man hat Exempel von Beispielen, sagte er sich, wo die Duellanten einander fehlten und ein tückischer Zufall die Kugel nach einem der unschuldigen Sekundanten hinlenkte. Entfezlich! Wenn er erschossen würde— erschossen wegen nichts und wieder nichts. — er wußte nicht einmal, warum sich David mit aller Gewalt duelliren wollte. Und sein Elfriedchen? Tu lieber Himmel, wie würde sie verzweifelt sein, denn Gabriel war felsenfest über- zeugt, daß sie ihn mit kolossaler Glut liebte, wenn sie das aus weiblicher Scham auch immer ganz ansgezeichuct zu verbergen gewußt hatte— bis auf einige wenige Ausnahmemomentc, in denen das wahre Gefühl— das einzige wahre— bei ihr zum Durchbruch gekommen war. „O, das arme Kind," stöhnte er ans seinem Bette, das sich auf einmal in ein Schmcrzenslager verwandelt hatte, tief aus „Ich bin es eigentlich ihr schuldig, ich bin es unsrer Zukunft, unsem Kindern schuldig— wir werden doch selbstverständlich Kinder bekommen, warum sollten wir nicht— Kinder, die das reizende Aeußere von ihrer Mama und den Geist, ja den Geist von ihrem Papa, von mir haben werden." Das war ein schöner, friedlicher Gedanke gewesen— und mit ihm schlummerte Gabriel endlich wieder ein. Aber das Maß der Qual in dieser Nacht war noch nicht erschöpft. Bald träumte er wieder, und wenn das, was ihm diesmal der boshafte Tranmgott vorgaukelte, auch nicht so schreckhaft war, als was er vorher durchkostet hatte, so war es doch auch abscheulich genug und in gewisser Beziehung recht unangenehm demütigend. Wiederum träumte ihm von dem verzweifelten Duell. Aber nun wurde niemand getötet, er selbst war auch nur Sekundant,! aber die Polizei kam dazu und envischtc ihn, wie er grade eine» wunderschönen Degen— merkwiirdigerlveise träumte er nie von Pistolen— in seinen Stiefeln zu verstecken suchte. Leider war ihm nicht eingefallen, daß der Degen fünf, sechsmal länger sa als seine schönen funkelnagelneuen Schaftstiefeln, und so gclanj! ihm denn das Verbergen desselben nicht, und wie er vor der Polizei ausreißen wollte— die andern waren sämmtlich sche" über alle Berge—, da fuchtelte ihm der unglückliche Degc» immer zwischen den Beinen henim, bis er so lang, oder vielmehr so kurz, er war, zu Boden stürzte und die Polizei ih» richtig beim Kragen hatte. Nun mochte er seine Unschuld an der ganzen Affäre bc- teuern, soviel er wollte, der Degen gab das Corpus delicti al'> und er wurde eingesperrt und sofort— das war eine unerhörtc> schmachvolle Strafe, aber man zwang ihn, sie anzutreten— J" dreijährigem Nachsizen in der Klciukindcrschulc verurteilt. In der Klcinkinderschule ärgerten und verhöhnten ihn die kleine» Jungen und die Mädchen in der. ungezogensten Weise,— fl war nahe daran, vor Wut und Scham seinen Verstand zu vei lieren,— da wachte er in Schweiß gebadet von neuem auf- Es war noch dunkel, aber die Uhr schlug eben vier. I»» mochte der gute, vielgeplagte Gabriel nicht mehr schlafen, mich mußte David bald da sein, und was wollte er diesem geg»". über machen? Er mußte ihn, komme was da wolle, erwarten»» tun, wie jeneni beliebte. Denn diesem diabolischen Menscht ernstlich durch den Willen zu fahren, war jedenfalls das Alle»' gefährlichste, was Gabriel Häßler nur tun konnte. Seinem Vater hatte er gesagt, daß er mit einem intinn� sehr vornehmen Freunde eine Morgeupartie vorhabe, bci'M werde ihn in eigner Person und Equipage abholen. Häßler»»>» hatte sich dadurch ungeheuer geschmeichelt gefühlt und sei»»'* braven Sohne nur dringend an's Herz gelegt, er möge sich anw" dem dicken Ueberzichcr noch einen Plaid, ein großes wolle»»- Halstuch und ein Par Gummischuhe mitnehmen, denn � Morgens sei es immer fürchterlich kalt und feucht und ungest»� Gabriel Haßler war grade mit seiner Toilette fertig, heute noch viel länger gedauert hatte, als gewöhnlich, wegen d vertrakten Gedanken, die ihm im Kopfe herumgingen, da klopst es fest und sehr vernehmlich an seine Tür. Als er schleunigst öffnete, stand David vor ihm. GabsV Haßler prallte mehrere Schritte zurück, so unheimlich erschs» ihm sein Besuch. Das stereotype höhnische Lächeln um 3»»'' Mund war verschwunden, aber dafür lag über seinem gelbl� bleichen Gesicht eine seltsame, eiskalte Ruhe, jeder seiner ohnch' scharf markirten Züge schien jezt»och viel schärfer ausgcp»"- und seine kurzen Begrüßungswortc schnitten unsrem Gabriel s� j lieh ins Ohr. 1 463 .Nehmen Sic Sich Ihren Mantel, Haßler, und kommen Sie." befahl David. .Gewiß, mit Vergnügen— hä, hii— ich komme schon, ich— hä, hä— habe mir schon erlaubt, Sic zu erwarten— der Spa— Spa— Spaß wollte er sagen, aber er brachte eä troz der größten Anstrengung nicht über die Lippen,—„die Sache, meine ich, würde gut, nicht wahr, Verehrtestcr, Hoch- gcehrtester? hä. hä. hä."' „Gewiß— nur vorwärts— es gibt Späße, die keinen Aufschub leiden!" David streckte die Hand nach ihm aus, um ihn zur Tür hinaus zu ziehen. In diesem Momente erschien es den durch j die Schrecken der Nacht noch völlig irritirten Augen Gabriels. als wenn in Davids Hand richtig das unselige Brotmesser flim- 'ucAc, mit dem dieser ihm vorhin in de» Eingeweiden gewühlt hatte. „Um Gotteswillen," schrie er laut ans und sprang wieder zurück. �Was ist?" henschte ihn David an. Stotternd antlvortcte Gabriel: ,»Ich- ich- hä. hü- ich wollte blos noch um einen Augenblick Verzug— zug— hä hä. bitten, damit ich meinen l bezahlen. In Rc- qierungsdepeschen kostet daS Wort Mk. 7,31, in Zeitungsdepeschcn Mk. 6,49. In durchschnittlich 3 bis 6 Stunden erreicht jedes Tele- gramm seinen Bestimmungsort. 1880 wurden in Australien empfangen 14 842 Kabeltelegramme und abgesandt 12 767 mit einer Einnahme von zusammen Mk. 3 623 620. Die Telegraphenbureans sind Tag und Nacht dem Publikum geöffnet. xz. Wie Ungeziefer entstand. Nach einer Sage der Jnselschweden traf der Christenheiland eines Tages einen Mann, der fanllenzend am Wege lag. Als Christus ihn fragte, wohin er zu gehen habe, nm an das Ziel seiner Reise zu gelangen, zeigte ihm dieser aus purer Faulheit mit dem Fuße die Richtung. Da ward der Herr zornig, nahm eine Hand voll Sand und warf sie auf den Faulpelz und siehe da, die Sandkörner verwandelten sich in Flöhe und Läuse. Daß die Menschen solches Un- geziefer noch nicht losgeworden sind, wird nun niemanden wundern. die Faulheit, weder die des Denkens noch die des Handelns, hat sie ja auch noch lange nicht überwunden. xz. Die Bibel als Geschichtsquelle. Während die Bibel mehr und mehr von ihrem Ansehen als Religivnsbuch und Quelle göttlicher Offenbarung verliert, gewinnt sie stetig als Geschichtsbuch. In allemeuestcr Zeit z. B. hat der dänische Vizekonsul Julius Loitved in Beirut auf einer Reise in Kleinasicn Inschriften in den Felsen am Ufer des Flusses Nahr-el Keb entdeckt, welche das erste epigraphische Zeugnis von den in der Bibel eine so bedeutende Rolle spielenden großen Kriegen Nebukadnezar's geben. Sie melden von dem Uebergang seines Heers über diesen Fluß und von seinem Siegeszuge. xz. Als riesige Reklame hat die Ermordung des Präsidenten Garfield für das Williams College, die Schule, in welcher derselbe seine Aus- bildung erhielt, gewirkt. Dieselbe ist seit diesem Ereignis nämlick) ' förmlich von Studenten überfüllt. nrt. ------ a-l 4Ü1 Tie Fernsprechanlagen(Telephon) sind in Deutschland vor allen anderen Länden» in die Verkehrsvenvaltung eingeführt worden und, wenn mich lange nicht so viel benuzt wie in den nordamcrikanischen Bereinigten Staaten, dennoch auch bei uns schon sehr verbreitet. Tie Eröffnung des ersten Fernsprechamts fand am 12. November 1877 statt, nach etwas über 4 Jahren bcsizt Deutschland 1280 solcher Aemter. Jni April 1881 wurde in Berlin die erste Fernsprccheinrichtung dem Publikum zur Benuzung übergeben und gegenwärtig hat Berlin schon derartige Leitungen von 1554 km Länge, Hamburg 911 km, Breslau 200 km, Frankfurt a. M. und Mannheim je 163 km, Mühl hausen im Elsa» 87 und Köln 69 km solcher Dratleitungen. Daneben steht für Altona, Barmen, Elberfeld, Hannover, Leipzig, Magdeburg, Stettin die Eröffnung von Fernsprechanlagen für den allgemeinen Verkehr bevor. xz. lieber Wirkung des Lichts in der Tiefe hat Professor Forel im Genfer See Untersuchungen angestellt. Derselbe versenkte zu diesem Zwecke präparirte Glasplatten, wie sie zu photographischen Ausnahmen venvandt werden, in verschiedener Tiefe unter den Basserspiegel, und ließ sie 24 Stunden an diesem Orte. Das Ergebnis war, da» auch die an tiefster Stelle versenkten Platten, die 90 Meter unter dem Wasser- spiegel lagen, durch die chemischen Wirkungen des Lichtes noch afstzirt waren, so daß mindestens bis zu dieser Tiefe daS Licht noch Einfluß ausübt. sc kl. Augen ans Eelluloid— das ist eine der allerncucstcn Errungen- schaftcn der Technik, auf die Hamechcr in Berlin ein Patent genommen hat. Dieselben sind beweglich und unzerbrechlich und können genau in äußerer Ucbcreinstimmung mit den erhaltenen natürlichen Augen her- gestellt werden. Deshalb sind sie den aus Emailschalcn bestehenden künst- lichcn Augen, wie sie bisher angefertigt wurden, weit überlegen, da diese nur selten dem gesunden Auge gleichsahen, dabei leicht zerbrechlich und schwer beweglich waren und in der Augenhöhle stets ein Kälte- gefühl verursachten. xz. Eine neue Sicherhcitslampe für Kohlenbergwerke zieht die allgc- meine Aufmerksamkeit der Fachleute auf sich. Dieselbe ist von einem Dr. Schondorff konstruirt und nur mit Hilfe eines starken Magnets zu öffnen. Schon vor einigen Jahren hat ein Engländer, Namens Bidder, eine SicherheitSlampe nach demselhen Prinzip konstruirt, die in mehreren englischen Bergwerken in Gebrauch ist und dort sich gut be- währt haben soll. sohl. 3500 Jahr alte Guirlanden hat Prof. Dr. Georg Schwcinfurth in Kairo in den Gräbern der alten Aegypterkönige aus der 18. und 20. Dynastie aufgefunden. Dieselben waren noch so wohlerhalten, daß sie genau untersucht, die Blätter aufgeweicht, ausgebreitet und neu gepreßt und dann unter Glas und Rahmen schön arrangirt werden konnten. genommen Mit Australien ist in dicscm Jahre eine direkte monatliche Bcrbindung hergestellt ivorden, und auch daS Kaplaud verbindet eine direkte Dampferlinie mit monatlicher Fahrt unter englischer Flagge mit Hamburg. Außerdem haben alle Dampsschiffahttsgesellschasten ihre Flotten vergrößert und ihre Reisen vennehrt, und daraus ergab sich eine bedeutende Steigerung der Thätigkeit auf den Schiffswerften. Ter Weltpostverein umspannt, nach dem neuesten Berichte des internationalen Postbureaus in Ben», vom I.Mai 1882 ab 80929814 Quadratkilometer und 800 828 937 Seelen, d. h. bedeutend mehr als die Hälfte der just aus die Zahl von ungefähr 1400 Millionen geschäztcn Bewohner der ganzen Erde. Allgcmeinwiffenschaftliche Auskunft. Halle. Schuhmacher T. Um Elfenbein, Knochen, Holz, Kork u. f. w. zu bleichen, empfiehlt der„Techniker- sie 3 bis 4 Tage an der Sonne in Terpentin liegen zu lassen, so zwar, daß sie nicht un- mittelbar auf dem Boden des Gefäßes, sondern auf kleinen Trägem (Holzstückchen oder dgl.) aufliegen, lezteres deswegen, weil sich aus dem Boden des Gesäßes eine saure Flüssigkeit ansammelt, welche die zu bleichenden Gegenstände angreifen würde. Witner-Neustadt. F. S. Die chinesische Tusche ist eine schwarze Wasserfarbe, welche ans Bllffellcim und sehr sorgfältig bearbeitetem Ruß aus Fetten, Harzen und harzigen Hölzern besteht und mit MoschuS und Kampher parsümirt ist. Handel und Verkehr. Tie Welthandelsstelluug Hamburgs hat sich, nach dem Jahresberichte der Hamburger Handelskammer für 1881, auch in diesem Jahre des weiteren befestigt und günstiger gestaltet. Der Schiffsverkehr im Hafen hat sich gesteigert und besonders hat, teilweise wohl unter dem Druck der Aiiswaiidermigslust, der direkte Verkehr niit ferneren Ländern zu- Redaktions- Korrespondenj. Misow. O. a. Brics ncbft Inhal» sosoil»Nscrei Expedition, die auch die Ex pcdilio» des„Oinnibuskalendeiz- ist, abgeliescrl. Marburg. Treuer Abonnent. Ihren und Ihrer grcnndc Wunsch, in der»N. W Illnstralionc» jn finden, weiche die schönsten und gröhten SchmclteriingSarlcn daistcUc», werden wir zu crnillen desireb» sein. Berlin. Sic wollen.von aller Sunst nichli wissen, nur Ralnr, Natur ist mein Strebe» und Leben?- Beden Sie hin und lerne» Sie erlennen, was Gort de nach jenem welidelannten Stürmen und Drängen nach der seffellosen Natur ertannt hat: Statur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen, Und haben sich, eh' man es denli, gesunden', Der Widerwille ist auch mir verschwnnden, Und beide scheinen gleich mich anzuziehen. ES gilt wohl nur ein redliches Bemüden! Und wenn wir erst in abgemesinen Sinnden, Mit Brist und Fleiß uns an die Kunst gebunden, Mag frei Natur im Herzen wieder glühen. So ist's mit alter Bildung auch beichasjen: Bergedcns werden ungedundnc Geister Räch der Bollenduug reiner Höhe streben. Wer Großes will, muß sich zusammenraffen: In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister, Und das Bejcz nur kann uns Freiheit geben. Hamburg. H.(5. Ihre lleberseznng des englischen Gedichts ist nicht übel, jedoch zum Abdruck dennoch dei weitem nicht gut genug. Die Arbeit des Uedersezent poetischer Produkte in gebundener Rede ist eine whr schwere und nimmt die ganze LeiftuiigssädG leit eines wirklichen Dichters i» Anspruch. Wünsche, wie den Ihre», Antwort, ob ei» Gedicht sür NN» brauchbar ist oder nicht, brieflich zu erteilen, erfüllen wir prinzO nicht, auch wenn srankirte KouvcNS der delreffenden Einsendung beigefügt sind. Drr artige Tienstsertigleit würde unserc ohnehin kaum zu bewältigende» Geschälte in'S vSstE Unabsehbare vermehren. Reichspostmarlen gelten übrigen» in Würtlemberg nicht. An die früheren Etndirenden der Alma-Julia-Marimiliana. Am 2. Janmir d. I. vollendete unsere Universität das dritte Jahrhundert ihres ununterbrochenen Bestehens. Wir verzichteten an diesme Tage auf die Veranstaltung einer größeren Feier, da dieselbe infolge der winterliche» Jahreszeit der Teilnahme unserer frühere» Studlrendev und auswärtiger Gäste allzusehr entbehrt haben würde, und vertagten sie auf den Schluß des Sommcrscmcstcrs. An alle ehemaligen Angehörigen der Alma-Julia-Maximiliana ergeht nun unsere herzliche Einladung zur Beteiligung an dem sellenol Feste. Wir hoffen mit Zuversicht, daß keiner unserer früheren Kommilitonen, dem nicht unbezwingbare Hindernisse sich entgegenstellen, in dei Tagen vom 1. bis 4. August in unserer alten lieben Mainstadt fehlen wird...... lim der zur Beschaffung von Unterkunft für unsere Gäste niedergesezten Kommission tunlichst allseitig befriedigende Lösuilg ihrer Aul gäbe zu ermöglichen, bitten wir um rechtzeitige Einsendung der Anmeldungen an das Mitglied der Wohnungs- Kommission, Herrn Rechlsia Ättensnuier, und zwar bis spätestens 30. Juni. Angabe ob'Wohnung gegen Entgelt oder freie Unterkunst(auf Dach und Fach) vorgezogen ivO°' ist dabei höchst erwünscht. Als Beantwortung zusagender Mitteilung werden lvir nicht verfehlen, neben weiteren Nachrichten auch das demnach!' fertig zu stellende Festprogramm rechtzeitig zu übersenden.. Wenn auch der Universität die Mittel zur allseitig würdigen Gestallung der Jubiläumsfeier aus eigener Kraft versagt sind, so>»>!' doch durch die großherzige Beihilfe hiesiger Gesellschaften und vor allen unserer gute» Stadt auch sür die geselligen Freuden der Fcstgenosscn � ausgiebiger Weise gesorgt sein. Wir dürfen uns daher der frohe» Hoffnung hingeben, daß die Tage der Erinnerung an eine dreihiiildertjähriK gesegnete Vergangenheit unserer Hochschule und an die goldene Zeit der Jugend eines jeden einzelnen unserer treuen Kommilitonen sich zu gen«»' und freudenreichen gestalten werden. Ter akademische Senat der königl. bayer. Maximilians-Univerfitat: Dr. Ic>Hannes Wislicenus. Inhalt: Verschlungene Lebenswege. Roman von Franz Carion.(Forts.)— Sommer und Winter. Eine Studie nnS dem deutüb' Lolksliede. Von F. Volkmar.— Die Falascha. Eine etnographische Skizze.— Religiöses Leben und Treiben bei den Juden der Gegenwart. � Maximilian Tittrich.(Schluß.)— Im Kamps wieder alle. Roman von Ferdinand Stiller.(Forts.)— Ter Häringskönig.(Mit Illustration.) � Gletschergartcn in Luzcrn.(Mit Illustration.)— Aus alle» Winkeln der Zeitliteratur: Die Zahl der Zeitungen in der Kulturwelt.— Die graphische Verbindung von Australien mit den übrigen Kontinenten.— Wie Ungeziefer entstand.— Die Bibel als Geschichtsguellc.— riesige Reklame.— Die Fernsprechanlagen.— lieber Wirkung des Lichts in der Tiefe.— Augen aus Eclluloid.— Eine neue Sicherheit� lampc.— 3500 Jahr alte Guirlanden.— Handel und Verkehr: Die Welthandelsstellung Hamburg.— Der Weltpostverein.— Allgemeinwisse" schastliche AuSkunst.— Redaktions-Korrespondenz.— An die früheren Studirenden der Alma- Julia- Maximilian«. Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart. Redaktion: Reue Weinsteige 23.— Expedition: Ludwigstraße 26 in Stuttgack- i Druck und Verlag von I. H. W. Dich in Stuttgart.