Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Solf. Srfdjeint ivöchtuNich.— Prei» vierteljährlich 1 SUJoit 50 �seimig. 3" ä 35 Pjriiiiig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Verschlungene Lebenswege. Nema» von Aranj Earisn. 4. Sch5i,n,ne Kriirnerung. lchichte'�e��'*>ecett Verlauf sich die Ereignisse dieser Ge- gg„! ,, � wickelten, waren für England, namentlich für London Erbin-''"■keiillichc. In den Gemütern dcS Volkes hatte die legt„n,,"S1 den Mönig einen fast granitenen Grund gc- tggx"�cnd der Königin, als sie an einem milden Vvrmit- Herzna� Jettc,n Iulitage auf Zureden und in Begleitung der gewob, /' Hamilton nebst deren beiden kleinen Nichteil»ach alt- �cm Wci'c die Tour im Hhdepark fuhr, ein Hurrah nach E°..in/""�llte und eine ganze Prozession der elegantesten Hohe y" stch als Ehrengeleit ihrem Wagen anschloß. Die ä'Uulärf V versuchte zwar dieser zahlreichen Begleitung heiter Sröfilirf r•''hi' vergrämtes Gesicht strafte die erkünstelte konnte'h'1 Diese heiter scheinen ivollende Königin leugne, C" beherrschenden Ausdruck der Trauer nicht ver- das' 11"f sähe» ihn und alle beklagten sie, man kannte or l'Urre' was über sie hingegangen. lchfti ßir m n Dage gab es auch einen Aufzug hochtoristi- wurde, den, aber recht lückenhafte Hurrah's dargebracht Lände,','- Königs Majestät trat einen Umzug durch die zwar Krone: Irland, Schottland und Hannover an, der doch r■ kostete und ihm keine Zuneigung brachte. Und anaekon eine Freude. Im irischen Hafen Holhfrad kränkt,'Ju"0"' s'h'ekt er die Nachricht, daß seine so schwer ge- tete in"'"hkiii plözlich heftig erkrankt sei. Diese Kunde stif- sogtei-j �,u"don viel böses Blut, sie regte das Volt auf, ivelches des j/, e,n an'h' begangenes Verbrechen vermutete. Am Abend au, eilf Tage nach der großen Demütigung, die sie rrlitt»'"»"ng der Westminsterhalle vor den Augen des Volkes gesvl ü)ftc' ,UlU''e den Bitten ihrer Freundin Anna Hamilton ihrer V hattc das Trurh-Lane Dealer besucht, wo eines Inner,"'�'"�stäcke zur Anfsühnliig kam. In dem geräumigen Hj.," dieses KunsttempelS harte man keine 3 Belästigung von k'oliskb� k'irchten, und man konnte, was ja zur Hauptsache tea- l,nn n �?kttsführnngen gehört, ans eine von gediegenen Kiinst- "''geführte Tarstellung mit Sicherheit rechnen. War doch (17. Fortsezung.) das spielende Personal stolz ans den ihm zuerkannten Titel: „Her Majestys servant's(Diener des Königs)", weil mehrere seiner Mitglieder wirkliche königliche Diener waren. Die Königin klagte im Verlaufe der Vorstellung, sie fühle sich von Aufsteigen des Blutes nach dem Kopfe belästigt und forderte ein Glas Limonade, welche sie im Nebenzimmer der Loge genoß... am andern Morgen war sie todtkrank. Wie Flugfeuer flog die Kunde von ihrer Erkrankung von Mund zu Munde. Man drängte sich in die Halle ihres Palais, man wollte den Inhalt der ärztlichen Bulletins wissen und viele tvarcn so fest überzeugt, sie sei vergiftet worden, daß die ärzt- lichen Aussprüche, welche ihre Krankheit als eine Folge heftiger Gemütserschntternngen und einer dazngekvinmcnen starken Er- kältung bezeichneten, nicht geglaubt wurden. Denselben Unglauben fanden die Aerzte der Königin gegenüber, als sie ihr den Trost gaben, daß die Rückkehr ihrer Gesundheit bald zu erwarten sei. Ein zivcifelndes Lächeln überflog das bleiche Gesicht der hohen Frau und sie antwortete mit Ueberzengung:»Alle Täuschungen verliere» ihr Recht an mir... in wenige» Tagen, ist mein lezter Schmerz überstanden... ich iveiß es." Eine selbst durch die heftigste», krampfähnlichen Leiden, von denen sie gefoltert wurde, nicht unterdrückt werden könnende geistige Fassung behielt das Uebergewicht bei ihr. Mit Erge- bnng vollzog sie ihren lezten Willen und verzieh in die Hand ihres Kaplans Rev. Wood allen ihren Feinden. Schwer ange- griffen von dieser geistigen und körperlichen Anstrengung erlosch ihre Kraft in einer tiefen Ohnmacht, ans der sie lvieder er- wachend, Lady Hamilton, die Hände zum Gebet gefaltet, am Rande ihres Bettes knien sah. „Meine Anna... deine Augen sind naß... weine nicht um eine bald Erlöste!" flüsterte sie leise. Am 7. August 1821 schied sie aus dem Leben. Der Morgenhimniel des 14. August, au welchem die sterb- liche Hülle der Hingeschiedenen England verlassen sollte, um ihrem lezten Willen gemäß nach Braunschweig in die Gruft ihrer Väter gebracht zu werden, zeigte sich von schlvcren dunklen Regenwolken überzogen, welche immer tiefer sinkeiid, mit einer Etutlza� W. Juli 1882. ihm., j|, 550 Entladung von bedeutenden Wasserströmen drohten. Es war acht Uhr, als der Leichenzug, welcher nach magistratlicher Be- stimmung um die City herumgehen sollte, sich in Bewegung seztc. In ungeheurer Menge hatte sich die Bevölkerung troz des schweren Regens versammelt. Jede Ungebühr im Keime zu ersticken, zog eine Schwadron Leibgardisten mir einem Magi- strats-Herrn, Sir Baker, der Leichenprozession voran. Ter An- blick dieses Militärs brachte jedoch das böse Blut beim Volke in Wallung, im Hydepark kam es zum Kampfe, die Leibgardisten machten von ihren Pistolen Gebranch, trozdem aber errangen sie keinen Vorteil. Zahlreiche Trupps Arbeiter warfen sich der berittenen Schaar entgegen und mancher tüchtige Reitersmann fiel bügellos unter die Hufe der Pferde. Lange Reihen von Wagen aller Art fuhren zu jeder Seite des Zuges; aber es war nicht zu verhindern, daß die Gespanne dieser Fuhrwerke durch das Schießen und das wilde stürmische Geschrei der ans einander Einstürmenden ganz wirr wurden, kerzengerade aufbäumten, ausschlugen und wie von bösen Geistenr getrieben, mitten hinein in den Trubel rasten. „Halte den Zügel, Zecco... der Rappe ist durch das ver- dämmte Geschrei in Angst geraten und beim Ausschlagen mit dem rechten Hinterfuß über den Strang getreten... ich muß ihn frei machen, sonst kommen wir nicht von der Stelle", sagte Sennor Martinez und ließ seiner Erklärung sofort die Aus- führung seines Vorhabens folgen. Mit raschem Sprunge be- fand er sich neben seinem Pferde, beruhigte das aufgeregte Tier durch einige freundliche Worte und es gelang ihm, den Strang abzustreifen. Eben im Begriff, ihn wieder zu befestigen, jagte nahe an ihm ein Leibgardist vorbei, die Pistole in der Hand, von einem Trupp brüllender Arbeiter wütend verfolgt. Ter Knall der Feuerwaffe ließ keinen Ziveifel, daß er unter seine Verfolger geschossen hatte; der Rappe dadurch auf's Neue er- schreckt, bäumte sich und schlug dann so kräftig aus, daß Mar- tinez, hart an die Brust getroffen, zu Boden stürzte und ein Blutstrom seinem Munde entquoll. Zum Glück waren einige Leute in der Nähe, die das Pferd festhielten, wodurch es am Durchgehen verhindert wurde, denn Zeceo, welcher von der Zjigelführung nichts verstand, würde das so sehr in Angst vcr- sezte Tier nicht haben zurückhalten können. Zum Glück kam der die auf so traurige Weise unterbrochene Leichenprozession führende Magistrats-Herr, Sir Baker, in Begleitung einer starken Schuzwache von Leibgardisten heran und seinen energischen An- ordnungen gelang es, dem tobenden Gebahren des Volkes ein Ende zu machen. Auf seinen Befehl wurden die zwei diesem nmnvartetcn Kravalle zum Opfer Gefallenen unter Aussicht eines Koiistablers fortgeschafft, während Zeceo den bewußtlosen Mar- tinez in seine Kalesche heben ließ, um ihn ärztlicher Hilfe zu übergeben. Der Leichenzug seztc seinen Weg fort und obwohl keine Tätlichkeiten weiter vorfielen, so war doch von einer Benihi- gnng der leicht zu Ausschreitungen geneigten Gemüter keine Rede. Der Londoner Magistrat hatte die Weisung ergehen lassen, daß der Leichenkondukt um die City gehen solle, indes das Volk wollte es anders und erztvang die Genehmigung seines Willens, indem es diejenigen Straßen, welche um die City führen, in aller Eile verbarrikadirte. Sir Baker mußte den Volkswillen respektiren, wollte er nicht einen noch viel schlim- meren Skandal als den im Hydepark in's Leben rufen. Strand und City lieferten einen ungeheuren Zuwachs zu der ohnehin schon massigen Lcichenbegleitung. Je näher man Harwich an der Meeres-Küste kam, wo der Sarg nach Braunschweig ein- geschifft werden sollte, um so unruhiger wurde das Volk und bald erschallte der allgemeine Schrei:„Unsere Königin! Unsere ermordete Königin!" Und das in hohen Wellen gehende Meer mischte seinen ein- tönigen Grabessang mit ei». Noch mehrere Tage dauerte die aufgeregte Stimmung unter den niederen Volksschichten fort, ehe sie sich legte. 5. Einer fehtt. Zu dieser Zeit gab es in der Tardinischen Galerie einen außergewöhnlich zahlreichen Besuch. wie niemals vorher. In den Vormittagsstunden war das bürgerliche Element besonders vertreten, obwohl diese Tageszeit ganz vorzüglich der Arbeit gehört. Bürgerliche Familien fanden sich daselbst in ihren Sonntagskleidern ein, als hätten sie einen sonntäglichen Kirch- gang beabsichtigt und dabei hielten sie ein gewisses feierliches Benehmen im Auge, wie überhaupt ihre Stimmung sich schon ernst zeigte. Dieses Rätsel löste sich im Verlaufe einiger Tage. In einem sehr zahlreich besuchten Handwerker-Mceting hatte einer der besten Redner dieser hochachtbaren Korporation der Tardinischen Galerie die höchsten Lobeserhebungen gespendet, ivcil in derselben das Haupt der nun in ihrer Väter Gruft zu Braunschweig ruhenden Königin zur Schau ausgestellt sei. Es gebühre jedem rechtschaffenen Bürger Londons das Andenken der in schwerem Kummer und Leid aus dem Leben geschiedenen hohen Frau zu ehren und die ruhmwürdige Galerie zu besuchen. Diese Aufforderung blieb, wie erwähnt, nicht ohne die günstigste Wirkung, aber auch in den hohen Gesellschaftskreisen schlug die- selbe Wurzel. In den Nachmittagsstunden bis zur Tiner-Zeit fuhren glänzende Equipagen aristokratischer Familien vor, weil sie gewiß waren, hier ihres Gleichen zu finden. Es war in der Tat ein Meisterstück, was sie hier erblickten; ein Bossirer des Tardinischen Ateliers hatte es nach einem täu- sehend ähnlichen Brustbilde der Königin in ihrem leztcn Lebens- jähre verfertigt. Im zweiten Saale der Ausstellung an der dem Eingange gegenüber befindlichen Wand zeigte sich inmitten anderer Tableaux eine von den prachtvollsten Blumen, nament- (ich der herrlichsten hochstämmigen Rosen gebildeten Grotte, in welcher eine weiße Wolke schwebte, auf der als Kopskissen ein von silberdurchwebter Gaze mit Rosaschleifen geziertes Kissen lag, auf welchem das Haupt der Königin ruhte, überstrahlt von einem künstlichen Licht, das einer unsichtbar bleibenden Sonne anzugehören schien, welche die silberdurchwebtc Gaze leuchten machte, so daß das darauf liegende Haupt von einem sanften Glänze umflossen schien. Es war ein stilles Haupt, hinter dessen Stini kein Gedanke mehr lebendig war, die Werkstatt des Geistes für immer geschlossen blieb, die Lider verdeckten tief herabgesenkt die sonst so mutig in's Leben leuchtenden Augen- stenie, die ehedem so beweglichen Züge waren glatt geworden, wie die blutlosen Lippen des festgeschlossencn Mundes mibe- weglich. Und darüber lag die tiefe Tvdtenbläffe, welche oft erschreckend wirkt; aber hier war dies nicht der Fall... der dies Frauenhaupt umfließende milde Glanz minderte die Schauer des Todes. Von der übrigen Figur war nichts zu bemerken, Blumen verdeckten sie. Es war ein Bild, dessen Original man in seiner Vollkraft oft gesehen hatte und das in seiner Todten- ruhe Vielen noch lieb und wert war. Mistreß Lueie führte, trozdem das Glück sie hinsichtlich ihres Wunsches, eine wohlhabende Frau zu werden, offenbar bcgün- stigte, doch kein heiteres Dasein. Ihre Ehe mit Zecco war traurig, eine Scheinehe, Beide fürchteten einander, zwischen ih�n herrschte kein Vertrauen, nur Zwang und Notwendigkeit hieltet den Vertrag aufrecht, der durchaus nicht ihrem Herzen cnt sprungen war, sondern nur der Gewalt der sie gegenseitig be stimmenden Umstände, welche sie vor allem ihren Umgebunfp» zu verbergen wußten. Nicht einmal Mistreß Stanhope, welche Lucien als Freundin zur Seite stand, ahnte das Mindeste die wahre Natur des Zenvürsniffes, welches zwischen L"� und Zecco Plaz gegriffen, denn daß irgend eine tiefe Fciub' seligkeit zwischen Beiden herrschte, das konnte sie freilich uiw ganz übersehen, so wenig auch die gute alte Dame im Räch' denken über derlei Dinge geübt war. Ihre Urteilsfähigkeit war sehr beschränkt, nur was ihr** die Augen fiel, konnte sie in den Bereich ihrer Beurteilung ziehen und obwohl sie Lucien von Herzen zugetan war, so W sie sick, doch überzeugt, daß in deren Herrschsucht die Ho# Veranlassung dieses Bruchs der ehelichen Harmonie begrii 551 sein müsse, wie sie auch glaubte, das; der Hang zur e gic nicht geringen Einfluß auf sie Übe, wenn gleich sie 1K.'' stehen mußte, daß bei keiner Gelegenheit irgend e,nc' tung diese bei ihr überwiegende Neigung verraten uu Ze, welchen die alte Dame für einen in seinen Rechten unterdrückten Mann ansah, auch mit keiner Silbe seine llnzufnedenhei- über geäußert habe. Ja sogar, daß er em lcidcns)c>f Spieler sei, der oft halbe Nächte hindurch pch L cm b J gebe, wie sie von einem der Kassirer unter dem i g Verschwiegenheit erfahren, schien ihr nicht W1' 9 n"' weil Lueie keine Klage darüber aussprach, was doch ga a 0 geschehen sein würde, wenn sie davon gewußt hat e u DWWWBW ■ "e waren die Zeichen ihrer Unehre. Und wenn sie an die Schande zurückdachte, die Lord Clin- ton ihr im Parke seines Neffen im Beisein der Bedienten an- getan, zuckten alle Nerven ihres Körpers, als verfiele sie epi- leptischen Krämpfen, ihre Zähne knirschten zusammen, ihrem Munde entquoll im Zorne weißer Schaum, wie man ihn bei wütenden Tieren bemerkt. Diese Erinnerung ergriff sie über- mächtig; aber daran schloß sich auch das Gedenken eines gering- fügigen Unistandes, der sie in wilder Freude lachen machte. Was war es? Als sie durch das Gittertor des Parkes schreiten wollte, blieb sie mit dem Saume ihres Kleides an einem eiser- nen umgebogenen Haken hängen. Als sie sich niederbeugte, fiel ihr ihr heimatlicher Aberglaube ein, daß man sicher den- jenigen Feind, dessen Hans man, schwer von ihm beleidigt, verlassen, zur Vergeltung wieder begegnen werde und dieser Trost für die Zukunft erhob sie, sie wünschte nichts eifriger als Rache an ihm zu nehmen. Gegen Zeeeo war sie nicht er- bittert. Er hatte ja nur Mareella, seine Feindin, beseitigt. Dafür ruhte der Fluch dieser abscheulichen Tat auf seiner Seele, allein sie hatte keine Ahnung davon gehabt. Die natürliche Scheu, wie jeder Mensch sie vor einem Giftmischer hegt, war die Ursache, daß sie den Versuch machte, ihn durch Furcht zu beherrschen und er war ihr so vollkommen gelungen, daß der ihr untertänig Gewordene ihr Mitleid erregte. Er hatte die Achtung vor sich selbst verloren und suchte Entschädigung dafür in Ausschweifungen und vorzüglich im Spiel... und sie unter- stiizte dies leztere Laster, dem er sich in die Arme geworfen, um nicht daran zu denken, wie sein Elend ihn so tief nieder- drücke, indem sie ihm fast täglich kleine Summen von den glän- zenden Einnahmen zahlte, seiner Leidenschaft zu fröhnen. Im Atelier sah man recht wohl, daß Zeeeo ein ganz anderer Mann geworden war, indeß man schwieg darüber, er war in sich ge- kehrt, still, früher aufgeweckten Geistes, jezt war er verdüstert, geistig gesunken. Lueie, die sich zwar stets ernst, aber freund- (ich gegen Alle im Atelier benahm, wußte natürlich um diesen traurigen Zustand Zeeeos, aber sie verstand es, jeder durch ihn möglicher Weise geschehenden Störung vorzubeugen und ihre Freundlichkeit erwarb ihr Aller Shmpatie. Derart waren die ihr Denken täglich und fast zu bestimmten Stunden durchflutenden Qualen, welche ihre Erinnerungen wie Bilder ihr vorführten und die sie nicht von sich abzuwehren vermochte. tFortsczimg solgl.) Die pariser Salons und die Enryclopadisten. Bon 6. Fehleise». (I. Fortsezung.) ""z"itsthicbcii bekämpft Hollnich die Lehre von der Freiheit '""'schlichen Willens.„Tiefe Lehre reißt den Menschen, doch nur ein einzelnes Glied ist. willkürlich heraus aus 'Zusammenhang und der Notwendigkeit des Ganzen. Das 1 des Menschen ist nichts als eine ununterbrochene Kette iger Bewegungen, welche ans den Stoffteilchen des Kör- ans Blut. Nerven. Fleisch und Knochen, oder aus äußern wie Lust und Nahrung entspringen. Wie alle andern % 1° strebt auch der Mensch nach der Erhaltung seines "s. widersezt sich seiner Vernichtung, sucht das ihm Ver- ,' llieht das Feindliche. Alle Empfindungen, Ideen. Leiden- .Willens best imniungen, Handlungen sind die notwendigen " leiner inneren Organisation. Es ist die Quelle alles '"*■ daß der Mensch sich einbildet, er handle aus eigener ""d Machtvollkommenheit, unabhängig von den allgemeinen Miezen und von den Einwirkungen der äußeren Gegen- ' S'eht er denn nicht, daß sein Temperament durchaus nicht in seiner Macht steht, sondern lediglich durch daS Wesen seiner Eltern, durch Erziehung, Lebensweise und äußere Schick- sale bestimmt ist? und daß seine Leidenschaften doch einzig durch dieses Temperament bedingt sind? Wollte man die wirkliche Erfahrung anstatt des Vorurteils fragen, so würde man die Aufmerksamkeit weit mehr auf unsere Leibesbeschafsenheit richten und in der Heilung des Körpers auch die Heilung der Seele suchen. Wie hat man, pflegt man zu sagen, bei dieser Annahme unbedingter Notwendigkeit noch ferner das Recht, Verbrechen zu strafen, da doch unfreiwillige Handlungen niemals Gegenstand von Strafe sein können? Dieser Einwand ist völlig grundlos Die Bösen sind Wahnsinnige und gegen diese haben die andern das Recht sich zu verteidigen. Die Notwendigkeitslehre ermutigt weder den Verbrecher noch erstickt sie die Reue; aber sie macht mild und nachsichtig. Wie die Willensfreiheit gegen die ewigen Geseze der Natur verstößt, so auch die persönliche Unsterblichkeit. Der Glaube an - 61 Unsterblichkeit quillt an» dem Wunsch nach ewiger Fnrtdnucr. Wo aber ist der Beweis, daß ein Wunsch auch wirkliche Tat- sache sei? Die Seele ist nur das Empfinden, Denken, Leiden und Genießen des Körpers; endet der Körper, so fehlt auch der für das Empfinden nötige Anreiz; ohne Sinne kein Denken und Empfinden. Wer behauptet, daß die Seele auch nach dem Tode zu empfinden und denken fortfährt, der innß auch behaupten, daß eine in Stücke gebrochene Uhr nach wie vor den Lauf der Stunden zeige. Wie seltsam, daß so viele, welche die Festig- keit ihres Unsterblichkeitsglaubens rühmen, gleichwohl so sehr an dem gegenwärtigen Leben hangen und nichts ärger fürchten als den Tod! Und dieser Glaube ist nicht einmal niizlich. Schlechte Menschen lassen sich durch ihn nicht vom Schlechten abhalten; wer aber kein zweites Leben erwartet, sucht sich das diesseitige Leben glücklich zu machen und dieses Glück kann er nur im Streben nach der Liebe seiner Mitmenschen finden. Vorzügliche und aufrichtige Sorgfalt verwandte Holbach auf die Grundlagen der Moral. Die Haupttriebfeder des mensch- lichcn Handelns ist nach ihm die Selbstliebe, die Rücksicht auf das eigene Glück und Wohlsein; aber die wahre Glückseligkeit besteht nur in der Tugend; diese läßt die Selbstliebe nur inso- weit bestehen, als diese mit dem Gesainmtwohl der Menschen übereinstimmt. „Ilm meines Glückes willen muß ich die Freundschaft, An- erkennung und Hilfe anderer suchen; mein eigener Vorteil ist es, tugendhaft zu sein. Tugend ist die Kunst, sich glücklich zu machen, indem man zum Glück der andern beiträgt. Der Tugend- hafte ist immer glücklich; auch wenn er verkannt wird, ist ihm die Gerechtigkeit seiner Sache ein Trost gegen die Ungerechtig- keit der Menschen. Sehen wir so wenig Tugend auf Erden, so ist dies einzig die Schuld unseres verkommenen Kirchen- und Staatslebens. Rur deshalb sehen wir eine solche Menge von Verbrechern auf der Erde, weil alles sich verschwört, die Menschen verbrecherisch und lasterhaft zu machen. Vergebens predigt dann die Moral die Tugend in Gesellschaften, wo das Laster und die Verbrechen beständig gekrönt, gepriesen und belohnt werden und wo die Frevel nur an denen bestraft werden, welche zu schwach sind, um das Recht zu haben, sie ungestraft zu begehen. Man mache die Menschen aufgeklärter und glücklicher und man wird sie besser machen." Die politischen Stellen des Werkes tragen einen so ent- schiedenen Karaktcr einer festen, in sich geschlossenen und durch- aus radikalen Doktrin, daß sie gewiß tiefer wirken mußten, als lange Tiradcn einer aufgeregten Rhetorik. Mit ruhiger, leiden- schastsloser Gewalt entwickelt er das Recht der Völker auf Selbst- bestimmung, die Verpflichtung aller Obrigkeiten, sich diesem Recht zu beugen und dem Lebenszweck der Nationen zu dienen, das Verbrecherische jeder gegen die Volkssouveränität gerichteten An- maßung und die Nichtigkeit aller Verträge, Gcseze und Rechts- formen, welche solche verbrecherische Anmaßungen einzelner zu stiizen suchen. Was das„System der Natur" von den meisten matcriali- stischcn Schriften unterscheidet, das ist die Unumwundenheit, mit welcher es in 14 weitläufigen Kapiteln den Gottesbegrisf in jeder denkbaren Form bekämpft. Die bisherige materialistische Literatur wagte diese Konsequenz nur schüchtern oder garnicht zu ziehen. Indem aber Holbach die Religion für den Haupt- quell alles menschlichen Unglücks ansieht, sticht er daher den krankhasten Gang der Menschheit auch die lezten Grundlage» zu entziehen und verfolgt daher die deistischen und panteistischcn Vorstellungen von Gott, welche sein Zeitalter so sehr liebte, mit nicht geringerem Eifer, als die Ideen der Kirche. Dieser Um- stand machte seinem Buch auch unter den Freigeistern viele Feinde; namentlich Voltaire und Friedrich d. Gr. fühlten sich unangenehm aufgeschreckt; nur Diderot und seine nächsten Freunde zollten ihm ihre volle Anerkennung. Wie beinahe alle literarischen Produkte jener Zeit, erschien auch das„System der Natur" aus Furcht vor der Censur unter falschem Namen, angeblich in London, iu Wirklichkeit aber in Amsterdam im Jahre 1770. Es trug den Namen des schon seit 10 Jahren verstorbenen Mirabaus, welcher Sekretär der Akademie gctvcscn war; obgleich niemand an diese Autorschaft glaubte, erriet doch auch niemand den wahren Verfasser, bis Grimm in der literarischen Korrespondenz nach Holbachs Tode das lange bewahrte Geheimnis entdeckte. Paul Heinrich Dietrich von Holbach, ein reicher deutscher Baron, zu Hcidenheim in der Pfalz 1723 geboren, war schon in früher Jugend nach Paris gekommen und hatte sich gleich seinem Freund und Landsmann Grimm ganz in die französische Nationalität hineingclebt. Seine ersten Studien waren naturwissenschastlichc, hauptsächlich chemische gewesen, später hatte er sich jedoch, besonders auf Anregung Diderot's, der Philosophie zugewendet. Holbachs übrige Schriften, deren es viele sind, behandeln größtenteils dieselben Fragen, wie das„System der Natur", zumteil in populärer Form und mit der bestimmten Absicht auf die Massen zu wirken. Hettner in seiner Literaturgeschichte nennt ihn einen„hartschaligeu Menschen mit weichem Kern, durchaus edel und hochherzig." Grimni widmete ihm folgenden Nachruf: „Ich habe wenig so gelehrte und allgemein gebildete Männer wie Holbach angetroffen; ich habe deren nie gesehen, welche es mit weniger Eitelkeit und Ruhmsucht gewesen wären. Ohne de» lebendigen Eifer, welchen er für den Fortschritt aller Wissen- schaftcn hatte, ohne den ihni zur zweiten Natur gewordenen Drang, anderen alles mitzuteilen, was ihm niizlich und wichtig schien, hätte er seine beispiellose Bclcscnheit wohl niemals vcr- raten. Es verhielt sich mit seiner Gelehrsamkeit wie mit seinem Vermögen; nie hätte man es geahnt, hätte er es verbergen können, ohne seinem eigenen Genuß und besonders dem Genuß seiner Freunde zu schaden. Einem Menschen von dieser Gc- sinnung mußte es nur wenig Mühe kosten, an die Herrschast der Vernunft zu glauben, denn seine Leidenschaften und Ver- gnügungen waren gerade so wie sie sein müssen, um das Ueber- gewicht guter Grundsäzc geltend zu machen. Er liebte die Frauen, er liebte die Freuden der Tafel, er war neugierig; aber keine dieser Neigungen hatte ihn unterjocht. Er vermochte es nicht, jemand zu hassen, nur wenn er vor den Beförderern des Des- potismus und des Aberglaubens sprach, verwandelte sich seine angeborene Sanftmut in Bitterkeit und Kampflust." Holbach starb den 21. Juni 1789; wenige Tage, nachdem sich die Abgeordneten des dritten Standes als Nationalversanim- lung kvnstituirt hatten. Die Revolution trat auf die Schwelle der Wirklichkeit, als der Mann verschied, der ihr so mächtig vorgearbeitet hatte, indem er sie als ein notwendiges Natur- ereignis betrachten lehrte. Leider war diese Katastrophe eine der blutigsten in der Weltgeschichte. Vom Gerüst der Guillotine auf dem Grevcplaz rann das Blut in Strömen den Wellen der Seine zu. Alle Parteien, welche sich vor der Revolution ge- bildet hatten, kamen nacheinander an die Reihe, ihr Haupt unter das Beil zu legen. Und wie oft noch sollte das Blut in de» Straßen von Paris vergoffen werden, nur weil die zur Macht gelangte Partei iu den Aberglauben an die Autorität und an den Despotismus zurückfiel, während nur eine karaktervolle und aufgeklärte Regierung, welche die von der Aufklärung geheiligten Menschenrechte respektirt, Aussicht auf dauernden Erfolg hat. Seit der Reformation des 16. Jahrhunderts hatte sich keine so tiefe und allgemeine Umwälzung in den Meinungen und Ge- sinnungen der Menschen vollzogen, als sie die Gedanken und Forderungen jener großen Franzosen bewirkten. Diese neue Denkweise leugnet den Begriff der göttlichen Offenbarung und stellt die religiöse Erkenntnis lediglich in unmenschliche Denken und Wollen; sie erweckt im Menschen da� Bewußtsein, daß, weil die Regierung wesentlich menschliche" Zwecken diene, sie selbst nach den in Zeit und Ort wandelbaren Zwecken wandelbar und vom Volk, dessen Ausdruck und Leitunß sie ist, aus eigener Einficht und Machtvollkommenheit beftinchü sei. Nichts gilt blos darum, weil es überliefert und von auße" auferlegt ist. Einzig das freie, rein auf sich selbst gestellt Denken entscheidet über die Wahrheit und Berechtigung der Dinge, über die sittlichen und gesellschaftlichen Rechte und Pflicht"' Die Vernunft hat ihre verlorene Selbstherrlichkcit wieder erobert, 554 der Mensch kommt wieder zur Besinnung über sich selbst. Tie alten Anschauungen und Ueberlieferungen, welche vor ihr nicht Stand halten, werden zertrümmert wie hohle Gözcn. Obwohl die materialistische Philosophie noch niemals etwas gegen die bestehenden Gcsczc unternommen hat, so haben die Feinde der Vernunft sie doch seit Menschengedenken als Stören» der öffentlichen Ruhe und Ordnung verschrieen, und— es ist wahr— alle diejenigen, welche herrschen wolle», müssen sie hassen und fürchten, denn sie stürzt keine Idole, wohl aber lehrt sie die Völker, solche zu verachten. tZorticzuiig solgi.) Die Latire der Alten. Von Dr. Richard Ernst. Der römische Dichter Juvcnal, der gegen die sittliche Ent- artung seiner Landslcute energisch zu Felde zieht und n. a. auch den Nachweis zu liefern sucht, daß die den Menschen am be- gehrcnswertesten erscheinenden Güter hausig gefährlich und den Wünschenden selbst verderblich seien, erwähnt bei dieser Gelegenheit der beiden griechischen Philosophen Heraklit und Dcmokrit, über welche die Sage verbreitet war, daß der eine beständig geweint, der andere stets gelacht habe. Heraklit aus Ephesus fand die menschlichen Schwächen und Torheiten tragisch, be- weinenswert; Demokrit aus Abdera fand sie komisch, lächerlich. Die genannten Philosophen können als Typus der beiden Arten oder Metoden angesehen werden, mit welchen erleuchtete Geister herrschende Irrtümer und Verkehrtheiten zu bekämpfen pflegen und zwar je nach dem Gesichtspunkt, unter dem sie betrachtet werden. Faßt man nämlich die intellektuelle Unvollkommcnhcit und moralische Verderbnis nach ihrer Wirkung in's Auge, blickt man auf das Unheil, das die Menschen sich und anderen damit zufügen, so wird man sich darüber tief betrüben. Sieht man aber davon ab und prüft sie lediglich auf den Gehalt ihrer Vernünftigkcit, so wird die Wirkung wohl keine andere, als eine erheiternde sein; denn das Wesen der Komik besteht eben darin, daß das Ungereimte, Zweckwidrige sich als vernunftgemäß und zweckmäßig geberdet, während ihm unbewußt die langen Esels- ohren aus der gravitätischen Löwenhaut hervorstehen.— Mel- pomenc und Talia, die tragische und komische Maske, sind keine Gegensäze, sie ergänzen sich wechselseitig.— Indessen gibt es noch einen dritten, höheren Standpunkt der Betrachtung; es ist die philosophische Erkenntnis, welche die psychologischen Ur- fachen der menschlichen Fehler zu ergründen sucht, um sie mit der Wurzel auszurotten. Es ist der lichtvolle Standpunkt Spinoza's, der den Grundsaz aufgestellt hat: Man muß die nienschlichen Schwächen weder schelten noch belachen, sondern verstehen.„Jezt will ich" heißt es im Eingang des 3. Buches cher Etil„zu jenen zurückkehren, welche die Scclcnbewegungcn der Menschen lieber verabscheuen oder verlachen, als verstehen wollen. Diesen wird eS ohne Zweifel wunderbar scheinen, daß ich die Gebrechen und Torheiten der Menschen auf geometrische Weise zu behandeln unternehme und das in bestimmter Ordnung dartun will, wovon sie immerfort schreien, daß es der Veniunft widerstreite, eitel, albern und schrecklich sei. Aber mein Grund ist dieser: Es geschieht nichts in der Natur, was man ihr als Gebrechen anrechnen könnte, denn die Natur ist immer dieselbe und überall eine, und ihre Kraft und ihr Tätigkeitsvermögen ist dasselbe, d. h. die Geseze und Regeln der Natur, nach welchen alles geschieht und aus den einen Formen in die anderen vcr- wandelt wird, sind überall und immer dieselben, und sonach muß auch eine und dieselbe Weise sein, die Natur irgend welcher Dinge zu verstehen, nämlich durch die allgemeinen Geseze und Regeln der Natur. Daher erfolgen die Seclenbcwcgungcn des Hasses, Zornes, Neides ic. an sich betrachtet, ans derselben Notwendigkeit und Kraft der Natur, wie das übrige einzelne, und hiernach erkennen sie bestimmte Ursachen an, durch welche sie verstanden werden, und haben bestimmte Eigenschaften, die unseres Verständnisses eben so würdig sind, wie die Eigenschaften eines jeden anderen Dinges, an dessen bloßer Betrachtung wir uns erfreuen."— Der philosophische Kritiker läßt den Gegen- stand seiner Kritik unlogisch erscheinen, der patetische sittlich verwerflich, weil Böses wirkend, der satirische lächerlich, weil offenbar absurd. Und dies verleiht der satirischen Kritik ein Uebergcwicht über ihre beiden Schwestern. Denn auch die- jcnigcn Menschen, denen mit Gründen nicht beizukommen ist, welche nicht belehrt sein wollen, mögen doch nicht lächerlich er- scheinen. Und auch der Vorwurf der Schlechtigkeit verlczt in der Regel das menschliche Ehrgefühl nicht so sehr, als das Prä- dikat der Dummheit.„Spott und Verachtung," sagt Schiller treffend,„vcrivnnden den Stolz des Menschcn empfindlicher, als Verabscheuung sein Gewissen foltert. Vielleicht daß wir einen Freund bevollmächtigen, unsere Sitten und unser Herz anzu- greifen, aber es kostet uns Mühe, ihm ein einziges Lachen zu vergeben. Unsere Vcrgehungc» ertragen einen Aufseher und Richter, unsere Unarten kaum einen Zeugen." Die Satire erweist sich darum nicht nur im individuellen Leben als wirksame Waffe, sondern auch im Völkerleben als kulturgeschichtliche Macht. Sic ist der Bliz, der im Verein mit dem Donner patetischen Ernstes die geistige Atmosphäre reinigt und die faulen Dünste hinwegfegt. Sie ist die Tronipete Jericho's, vor welcher die Ringmauern der Torheit und des Aberglaubens zusammenstürzen, wenn der eiserne Widder der Polemik vcr- gebens gegen sie angerannt kommt. Was den Keulenschlägcn des Ernstes widersteht, erliegt dem Kizcl der leichtbewaffneten Satire. Ja es gibt soziale Krankheiten, welche nur durch das schallende Gelächter des Satirikers geheilt werden können, wie jenes Rachcngeschwür des Erasmus von Rotterdam, das aller ärztlichen Kunst spottete, aber unversehens plaztc, als die Lektüre der epistolao virornm obscurorura(Dunkelmännerbriefe von Ulrich Hutten, in welchen gegen die Finsterlinge aller Gattungen eine unbarmherzige und ticfeinschneidcndc Geißel geschwungen ward) den Kranken zu einem unbändigen Gelächter nötigte, wo- von Heine singt: Der Erasmus mußte lachen So gewaltig ob dem Spaß, Däß ihm Plazte in dem Rachen Sein Geschwür und er genas. Vielleicht haben diese Briefe die Macht der Klerisei wirksamer erschüttert, als Luther's Tesen.— Das Wort Satire, worunter gewöhnlich ein Spottgedicht verstanden wird, womit aber die Literaturgeschichte im weiteren Sinn jedes von Wiz und Laune belebte Gedicht bezeichnet, das sittliche Gebrechen kritisch bc- handelt, sowohl das ernste als auch das scherzhafte, darf nicht, wie dies häufig geschieht, von Satyr abgeleitet werden, dem Namen der bocksfüßigcn, hörnertragenden Halbgötter der griechisch- römischen Mytologic, welche, eine drollige Mischung von Gott und Tier, in Wald und Gcbirg hausten und, als Repräsentanten grobsinnlichcr Lust, im Gefolge des Gottes Bachns aufzutreten pflegten,(wiewohl immerhin eine gewisse Beziehung des Namens Satirc zu diesen Waldgöttern nicht zu verkennen ist). Das Wort kommt vielmehr von dem lateinischen satura her; so»anntcn die Römer ursprünglich die volle(gleichsam satte, satur— satt) mit Erstlingsfrüchtcn aller Art beladene Opferschüssel, die am Feste der Ceres, der Göttin der Feldfrüchte, derselben darge- bracht wurde. Tic Bezeichnung wurde sodann auch auf anderes übcAragen, was eine Mannigfaltigkeit von Bestandteilen umfaßt, auf Speisen sowohl, wie auf Gesezesvorschläge. Satura nahm also die Bedeutung: Allerlei, Gemengsel, Quodlibet an. Besonders wurde so in Rom eine Art von Schauspielen ge- nannt, welche nach Form und Inhalt das Merkmal der Zu- sammengeseztheit und Buntheit an sich trugen. Diese alten, dramatischen Satnrac waren nach dem römischen Geschichts- schreiber Livius ein Gemisch von Wechselgespräch, Gesang und Tanz, ohne Einheit des Inhalts, vielmehr abhängig von der Laune und den Einfällen der Spieler. Der Inhalt bestand wohl aus gegenseitigen Spöttereien, Anzüglichkeiten aller Art, besonders auf Tageshcldcn und Tagcsbegebcnheiten, lustigen Ge- schichten, Wizen oft von zweideutigster Art, neben welchen immer noch Lebensregeln in Form von Sprichwörtern und Sentenzen Plaz finden konnten. Unter diesen mannigfaltigen Ingredienzien scheint die Richtung ans Verspottung von Personen und Zuständen frühzeitig über- wogen zu haben. Mit der fortschreitenden Bil- dung fand man jedoch die Saturae in dieser Gestalt gar zu unge- schliffen und da anderer- seits das nationale Be- dürsnis dramatischer Bolksbclustigung ander- weitig seine Befriedigung fand, so verschwan- den nach und nach die Saturae. Der hierdurch erledigt gewordene Name wurde nun auf einen ueucrstandenen Litera- lurzwcig übertragen, der durch seine Eigentümlich- seit den Namen in be- sonderemMaße verdiente und welcher eigentlich sue einzige originelle Schöpfung der Römer uuf literarischem Gebiete >st, auf welchem sie sonst uur Nachtreter der Grie- chen waren. Ter erste, welcher den Name» in dieser Bieife gebrauchte, war der vielgenannte latei- "ischc Dichter Ennius uus Calabrien(240 bis 1 69 v. Chr.), der einem seiner Werke den Titel Saturae„Allerlei" gab, hauptsächlich darum, weil es Gedichte in verschiedenen Versmaßen enthielt. Erst bei seinem Nachfolger Lucilius(148—103), der in einer Zeit lebte, wo das öffentliche und Privatleben mit raschen Schritten seinem Verfall zu- eilte, gewann unter den vielerlei Stoffen seiner Saturae das etisch- und politisch-kritische Element die Oberhand. Auch Terentius Varro(116—27) hat in seinen Satiren, worin Verse und Prosa abwechselten, Sittenzeichnungen und Bilder ans dem Kcben mit Heiterkeit, Wiz und Laune und in originellen Aus- drücken und Wortbildungen dargestellt. Zur Höhe künstlerischer Vollendung brachte diese Literaturgattung erst Horaz(Quin- lus Horatius Flaccus(63—8), der philosophische Dichter. wie Lessing ihn nennt, der Wiz und Vernunft in ein mehr als schwesterliches Band brachte und mit der Feinheit eines Hof- niannes den ernstlichen Lehren der Weisheit das geschmeidige Wesen freundschaftlicher Erinnerung zu geben wußte und sie entzückenden Harmonien anvertraute. Horaz, von dem tvir fünf Bücher Oden zwei Bücher Satiren und ebensoviel Briefe bcsizen, ist von jeher der Liebling der Kenner lateinischer Sprache gewesen. Sein Gedankenreichtum offenbart sich sonders in der Menge oft überraschender Sentenzen und sinn- reicher Sprüche, in die er seine Lcbensanschauungen und Er- fahrnngen einkleidet, um nach Art der Griechen uns Weisheit in die Seele zu singen, in so feinen und edlen Worten, daß man sie nicht vergessen kann. Sein Stil ist präzis und scharf, wie selten das Latein es zeigt, seine Sprache leicht, kernig, ohne Manier, voll treffender und klassischer Ausdrücke. Sein Versbau, wodurch er die römische Dichtung mit den schönsten griechischen Rythmen bereicherte, ist durch musikalischen Wohlklang und einen prächtigen feierlichen Schritt ausgezeichnet. In der Form ist er den Griechen ebenbürtig. In seinen Oden*) steht er vor uns mit dem Gewicht, der Macht und Rundung, Ma- jestät und Würde der römischen Sprache; diese feiert in ihm ihren Hochstil, in natür- lichcr ihrem Genius an- gemessener Weise. Seine Poesie, welche mit kern- haften, prägnanten Sen- tenzen reich gespickt ist, bewegt sich mit Ge- wandheit undSachkennt- nis auf allen Lebens- gebieten, seine Muse ist bald ernst und tiefsinnig, bald heiter scherzend, bald lebensfroh und ge- nußfreudig, bald in sich gekehrt und entsagend, bald singt sie vom un- erbittlichen Schicksal der Sterblichen, bald von Wein, Gesang und Liebe, da predigt sie Mann- haftigkeit und Mut, Ge- nügsamkeit und Einfach- heit, dort fordert sie auf zu Sorglosigkeit und fröhlichem Lebensgenuß, und auch auf dem Ge- biete der Politik weiß sie sich mit Grazie zu bewegen. Wie sehr man selbst im Mittelalter die Werke des Horaz zu schätzen wußte, zeigt u. a. der Gelehrte Skaliger, welcher von zwei Ho- raz'schen Oden, die er für süßer als Nektar und Ambrosia erklärte, äußerte, er Ivolle lieber diese beiden Oden gemacht, als Spaniens Krone auf dem Haupte haben.**)— Am liebenswürdigsten, und wenn man will, am größten, ist Horaz in seinen Satiren, wo er sich mit seinem allerliebsten Epikuräismus, der übrigens mit manchem Tropfen stoischen Oels gesalbt ist, völlig gehen lassen kann. Horaz handhabt die Satire mit vollendeter Meisterschaft, weniger mit dem scharfen Messer des Zorns in die gesellschaftlichen Schäden hineinschneidcnd, als vielmehr dieselben mit den hundert Nadel- spitzen der Ironie prickelnd; stets gehalten, maßvoll, lächelnd, be- *) Od- schwungvolle >r. Gesang) ist ein lyrisches Gedicht im höheren Stil, sqwungvour Erhebung des Gemüts zu den höchsten Gegenständen des Daseins im Zustande der Begeisterung, eine Erhebung in das Ideale nach den Gesezen der Schönheit, ein Ausströmen des innersten und tiefsten Seelenlebens. Indessen läßt die Ode auch mittlere und gemäßigte Stimmungen zu, die stillen und ruhigen Gefühle der Er- gebung und Betrachtung unter dem Hauche einer linden Begeisterung. **) Der B ritte llnterwood ging 1790 noch viel weiter; er befahl, eine Horaz'sche Inschrift aus seinen Leichenstein zu seze», bei seiner Be- erdigung die lezie Strophe der 20. Ode deS 4. Buchs und beim Leichen- schmaus die 30. des 1. Buchs zu singen. Im Sarge hatte er einen Horaz in den Händen, einen zu seinen Füßen und einen— a posteriori. aber bei aller Artigkeit und Bonhomie dennoch die Leiden- schaften und Lächerlichkeiten der Menschen mit unvergänglicher Wahrheit zeichnend. Habsucht, Geiz, Sittcnlosigkeit, Ueppigkeit, maßlose Verschwendung, Erbschleicherei— das sind die Fehler, gegen welche der Satiriker vorzugsweise zu Felde zieht; ein anderer großer Teil ist literarischen Gegenständen gewidmet; ei» dritter beschäftigt sich mit eigenen Erlebnissen des Dichters, mit seiner Stellung zum Publikum, mit der Verteidigung gegen die Angriffe von Gegnern. Alles was der Dichter sich zum Stoff nimmt, behandelt er mit der heiteren Sicherheit eines feingebildctcn, durchdringend scharfe» und klaren Geistes, ohne sich zu ereisern, ohne grämlich zu werden, obwohl nicht ohne erkennbare Beteiligung des eigenen Gemüts. Ten Eindruck der Mannigfaltigkeit, welcher für die Satura wesentlich ist, weiß Horaz durch reiche Abwechslung in den Einkleidungen und Tarstellnngsmitteln herbeizuführen, bald verwendet er zu diesem Zweck die Fabel, bald die Anekdote, ein andermal die Gnvmc, oder auch die Parodie, legt oft seine Worte einem andern in den Mund oder dramatisirt das Ganze.*) Um einen Begriff von der Form der Horaz'schcn Satiren zu geben, sei die siebente des zweiten Buches herausgegriffen. In derselben wird die Wahrheit:„Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten" auf ergvzliche Weise anschaulich gemacht, und zwar gibt der Dichter mit liebenswürdigster Jovialität seine eigene Person zum Stichblatt her, indem er sich von seinem Sklaven Tavüs, der die Redefreiheit der Saturnalien bcmizt,**) tüchtig die Meinung sagen läßt und zwar in der Weise, daß der Sklave Recht behält, indem der Gebieter ihn nicht anders zu widerlegen weiß, als durch eine Drohung. Davus spricht zuerst im allgemeinen darüber, wie viel Mißbehagen sich die Menschen dadurch bereiten, daß sie in ihren Neigungen und Leidenschaften nicht wenigstens konsequent bleiben, sondern bald ins eine, bald ins andere Extrem ausschweifen, während der, welcher in seiner Torheit beharrlich aushält, wenigstens um diese Pein der Inkonsequenz minder übel daran ist.„Längst schon Hab' ich gelauscht," beginnt Davus den Dialog,„und möchte dir etwas sagen, genire mich aber als Sklave." Horaz ge- stattet ihm, die dezembrischc Freiheit zu benüzen und frisch von der Leber zu reden, was er denn nun auch tut. Manche Z Die deutsche Literatur besizt mehrere Uebersezungen des Horaz im Versmaß des Originals. Wir nennen beispielsivcise die von Ludwig, deren Einleitung manches im obigen Artikel entnommen ist. Neuerdings ist auch eine llcbersezung der Ode» in modernen Vers- maßen erschiene», ein plausibles Unternehmen, das auch aus die Chöre der griechischen Tragiker ausgedehnt werden dürfte, da dem modernen Ohr jene komplizirten Rythmen nicht sonderlich musikalisch klingen. »») Die Saturnalien waren ein vom 17. Dezember an gefeiertes, allgemeines Freudenfest, zum Andenken an die glüclliche Regierung des mytologischen Saturnus in Latiuni, an welchem man einander Gc- schenke schickte, die Sklaven bei Tisch von ihren Herren bedient wurden und jedermann bei Essen nnd Trinken, öffentlichen Schauspielen u. dgl. sich ergöztc. Zugleich feierte das Fest die Wiedergeburt der Sonne im Wintcrsolstitium am 21. Dezember. Bei den christlichen Völkern gewann es später als Weihnachten die Bedeutung der Geburt Christi; da die Priesterschast dem Volke seine altgewohnten Feste lassen mnßtc, aber eine andere Bedeutung einschmuggelte. In den Standesbüchern von Jerusalem war der Geburtstag Jesu schwerlich gebucht, aus dem einfachen Grunde, weil die Juden damals von einer Matrikelsührung nichts wußten. Menschen beginnt er, sind standhast in ihren Fehlern und steifen sich immer fester darin; viele dagegen schwanken und schwimmen hin nnd her, fassen bald das Rechte an nnd laffen sich dann doch wieder von der Strömung der Torheit ergreifen. Dies illustrirt der Sklave durch mehrere Beispiele bekannter Person- lichkeitcn. Horaz unterbricht ihn: So sag doch endlich einmal du Galgenstrick, wohin dein fades Gcschwäz zielt.„Auf dich selbst."„Wie so, du Erzschliugel?"„Du lobst antike Einfach- hcit und schwelgst in modernen Genüssen. Tu preisest das Leben nnd die Sitten der Vorzeit, wollte dich aber irgend ein Gott in jene Zeiten znrückversezen, so würdest du dir das ganz gewiß eifrigst verbitten. Entweder glaubst du selbst nicht an das, was du predigst, oder du hast die moralische Kraft nicht, dich aus dem Morast aufzuraffen. Deßglcichcn sehnst du dich in Rom beständig aufs Land hinaus; ans dem Lande dagegen hebst du das Stadileben in den Himmel. Mußt du zu Hause speisen, lobst du den friedlichen Kohl und preisest dich glücklich, frugal leben zu dürfen. Schickt aber Mäccnas*) noch so spät des Abends zu dir und läßt dich als Zcchgast einladen, so prcssirts dir gewaltig. Da hcißts: Licht herbei! schnell! Habt ihr keine Ohren? lärmst und polterst im Hanse herum nnd rennst eilends davon.— Nun, meinetwegen, ich gestch's, magst du vielleicht antworten, mich gängelt der Bauch und meine Nase lechzet nach Schmorduft. Ja, ich bin schwachmütig, ein Wicht, wenn du willst, ein Küchenbeschnüfflcr. Tu aber, der du mich schiltst, bist wahrscheinlich noch nichtsnuziger als ich.— Ich aber sage dir: Nein, du, der Freie, zeigst dich unfreier, als ich, der Sklave, denn du bist ein Knecht deiner Lüste. Das zeigt sich auch in deinen Liebschaften nnd wenn du kein Ehe- brecher bist, so fehlt dir ganz gewiß nicht der gute Wille dazu, sondern du fürchtest die Folgen. Du Willst mein Herr heißen, der du in so Vielem nnd Wichtigem den Verhältnissen, Dingen und Menschen dich sklavisch beugst, der du der Leiden- schifft schmählich dienst nnd dich wie eine willenlose Marionette an mechanischen Fäden von ihr ziehen läßt?!— Der Sprecher gibt nun eine Definition des Freien nach der stoischen Schule. „Wer ist frei? Nur der Weise, der sich selbst beherrscht, den iveder Armut, noch Kerker, noch Tod schrecken kann, der den Begierden Trvz bietet und Rang und Ehren mutig verachtet, der in sich selbst vollendet nnd nicht der äußerlichen Güter be- dürftig ist, so daß das Geschick ohnmächtig gegen ihn anstürmt. Findest du nun aber in dieser Schilderung irgend einen Zug von dir?" Ilm das zu beweisen, wird im Verlesen des Sün- denregisters fortgefahren. Zulezt karrikirt er daraus seinen Herrn als einen launenhaften Karakter, der nicht ein Stündchen bei sich selbst ist, seine Bluse nicht vernünftig verwendet und sich selbst wie ein Landstreicher flieht, indem er sich bald mit Wein betäubt, bald dem Schlaf in die Arme wirft. Hier reißt nun dem Herrn die Geduld nnd der Dialog endigt folgendermaßen: Horaz: Ist kein Stein bei der Hand? Davus: Wozu? Horaz(fortfahrend): Nirgends Pfeile? Davus: Der Mann ist verrückt, oder er macht Verse. Horaz: Wenn du dich nicht augenblicklich packst, schick' ich dich als Sträfling aufs Land. *) Der reiche Gönner des Horaz. ischluß solflt.) Gottsched, Götze, Lessing. Ein Stück Kulturgeschichte.(2. Fortseznng.) Solche Herrscher wie Friedrich Wilhelm in Preußen, oder! In allen ihren Schichten paßte die Bevölkerung Teutschlands wie die maßlos üppigen Auguste in Sachsen, deren gleichwertige zu solchen„Herren". Confratrcs die Eberhard Ludwig und Karl Alexander in Württem- Der niedere Adel oder der, welcher nicht reich genug war, bcrg, überhaupt fast alle deutschen Fürsten und Herren waren, an den Höfen der Fürsten in stetem Sans nnd Braus zu leben, wären unmöglich gewesen, wenn das Volk nicht ihrer wert und spielte auf seinen Gütern die Winkeltyrannen, eiferte in wildem würdig gewesen., Leben den Fürsten nach nnd überbot sie an Roheit und Unwissenheit. Waren die Fürsten und der höhere Adel die Affen der Fran- zosen, so quälten sich die Gelehrten ab als unverständige und pe- dantische Aachbeter und Nachtrcter der alten Griechen und Römer und taten es in Verachtung deutschen Wesens und Vcniach- lässigung deutscher Sprache jenen womöglich noch zuvor. Dabei übernahmen die gelehrten Zöpfe mit größtem Diensteifer die Rolle der Speichellecker bei der hochgeborenen Gesellschaft, und bei jedem schlechten Streiche, bei jedem noch so schmachvollen Rechts- brauche waren einzelne Männer der Wissenschaft wie ganze Fakultäten und Universitätssenate bereit, der Schande und dem Verbrechen der Großen den Mantel des Rechtes und der Ge- sezmäßigkeit umzuhängen. Tie Beamten waren natürlich ebenfalls in ihrer Mehrheit denkbar roh, gemein und servil. Und wo sie es noch nicht grüud- i'ch genug waren, machte sie der Fürsten Tyrannei dazu. Titel und Stellen waren zu kaufen, oft zu unverhältnismäßig hohen Preisen, selbst die Aussicht auf Stellen von Leuten, die noch lcbtcn, wurde in einzelnen deutschen Staaten verschachert, und "m troz der unverschämten Raufpreise noch tüchtig zu profitiren, benahm sich die Beamtenschaft gegen das Volk wie eine über das ganze Land organisirte, privilegirte Räuberbande. Tie tausendfach wechselnden, oft ganz verrückten Vcrord- chmgen, welche die Fürsten erließen, erleichterten den Beamten Willkür und Erpressung ans das äußerste. So tat es u. a. das sinnlose Verbot der Baumwolle, Ivel- chcs Friedrich Wilhelm I. erließ. Aus Vcrkaufsläden und Lagerräumen, aus allen Privat- Häusern und aus dem gestimmten Gebrauch im Lande sollte ur- biözlich alles, was aus Baumwolle bestand, verschwinden, und H' gab es nun die schönste Gelegenheit zu unaufhörlichen Haussuchungen und Belästigungen aller Art, aber auch zu furchst eckereien, die natürlich immer Geld und wieder Geld kosteten. Auf das Militär paßte zu jcner Zeit so gut wie nur je m der Weltgeschichte das Wort von der vertierten Soldateska. t�and sich ja einmal ein besserer Karakterzug, eine edlere Regung bc> einem Soldaten, so wurde sie durch die nichtswürdig schlechte Gesellschaft, in der er sich befand und die mit unmenschlicher Grausamkeit geschwungene Zuchtrute der Disziplin rasch genug bis auf die lezte Faser ausgerottet. Auch unter den Offizieren waren die anständigen Menschen, "e,"'cht ganz stupiden Gamaschenknöpfe in der verschwindenden Minderheit; insbesondere grassirte auch jene Gaunerei, die sich >n der Beraubung der Regiments-, Bataillons- und Kompagnie- "'Isen und in unredlicher Begünstigung bestechungslustigcr Liefe- rantcn dokumcntirte, selbst unter den höheren Offizieren. Weder an Verstand noch Karakter war bei den niederen Ständen, i r Bürgerschaft und dem Bauenivolke, mehr zu entdecken, als bci den höhcni Gesellschaftsschichten. Die Unwissenheit war eine ungeheuerliche; sie wurde nur von der Feigheit und Scrvilität des Voltes erreicht, die beide gleichfalls kein Maß kannten. Was das Volk aber bei weitem nicht so tief in den Pfuhl � aller möglichen Laster versinken ließ, das war die Rot, welche es J" angestrengtester Arbeit zwang, und der Mangel an der Gelegenheit, die sich dem adligen und geistlichen Bärenhäuter in '"annigsaltigster Gestalt aufdrängte. Eine Zeit, in der Rohheit und raffinirtcste Sittenlosigkeit, totaler Bildungsmangcl und gelehrte Pedanterie um die Herr- lchaft über die Geister streiten oder vielfach auch friedlich neben- einander herrschen, kann keine große, geistvolle und von Edel- i stim erfüllte Literatur aufzuweisen haben, sie wird und muß notwendig, soweit sie ans die Bezeichnung Zeitliteratur gegrün- beten Anspruch hat, den Stempel des Zcitkarakters an der Stirn tragen. Und so finden wir denn in der Tat in den lyrischen und spischcn Gedichten, den Dramen und Romanen jener Zeit, selbst >n den Werken der didaktischen und historischen Prosa besonders ausgeprägt die Eigenschaften der raffinirten Sittenlosigkeit und der gelehrten' Pedanteric wieder, welche ich unter den das geistige Leben im Anfange des 18. Jahrhunderts bezeichnenden Momenten hervorgehoben habe. Dabei macht sich auch oft genug der Mangel an Wissen und die Rohhcit der Anschauungsweise und Lebensführung geltend, doch treten diese beiden Eigenschaften in der Literatur weniger hervor als im Volksleben, weil da, wo sie unumschränkt und allein herrschen, von einem Bedürfnis nach literarischer Beschäf- tigung oder Unterhaltung keine Rede war, nicht einmal von der Fähigkeit, sich um die Literatur zu kümmern. Tie große Masse des Volkes las nicht, denn sie konnte nicht lesen, und wo im Volke die Anfangsgründe des Lesens und Schreibens durch den jämmerlichen Schulunterricht notdürftig eingebläut waren, da begnügte man sich mit der Lektüre fremder Historien oder alberner, schauerlicher Bolkserzählungen. Roch im Jahre 1765 konnte der seinerzeit berühmte Aeste- tiker Sulzer schreiben:„Solange die Bücher blos in den Händen der Professoren, Studenten und der Journalschreibcr sind, so dünkt es mich kaum der Mühe wert, für das gegenwärtige Ge- schlecht ctlvas zu schreiben. Wenn es in Deutschland ein lesendes Publikum gibt, das nicht aus gelehrten Professionsverwandten besteht, so muß ich meine Unerfahrenheit gestehen, daß ich dieses Publikum nicht kennen gelernt habe. Ich sehe nur Studenten, Kandidaten, hie und da einen Professor und zur Seltenheit einen Prediger mit Büchern umgehen. Dies Publikum, von dem diese Leser einen unmerklichen und wirklich ganz unbemerkten Teil ausmachen, weiß garnicht, was Literatur, Philosophie, Moral und was Geschmack ist." Der kleine Teil des Volkes nun, der überhaupt an der Literatur irgendwelchen Anteil nahm, lag zu Anfang des Jahr- Hunderts noch fast ganz in den Banden der zweiten schlcsischcn Dichtcrschule, die sich dadurch ausgezeichnet hat, daß sie die Gedankenarmut, Schwulst, die Unnatur, die Lüderlichkeit und den Unsinn auf den Gipfel getrieben hat. Die erschreckende Gedankenleerheit bei abgeschmacktester, an Verrücktheit grenzender Phrasenhascherei, wie sie bei dem viel- bewunderten Haupte der Schlesicr, dem breslauer Bürgermeister Hoffmann v. Hvffmannswaldan geherrscht, kennzeichne nachstehendes Gedicht, betitelt:„Abriß eines falschen Freundes", das wenig- stens nicht, wie die meisten andern Dichtungen der Schule, widerlich roher Lüsternheit Ausdruck gibt: Was ist doch ingemein ein Freund in dieser Welt? Ein Spiegel, der vergröst und fälschlich schöner machet, Ein Pfennig, der nicht Strich und nicht Gewichte hält; Ein Wesen, so aus Zorn und bittrer Galle lachet, Ein Strauchstein, dessen Glany uns Schand und Schaden bringt; Ein Glas, an Tituln gut, und doch mit Gifft erfüllet, Ein Dolch, der schreckend ist, und uns zu Herzen dringt. Ein Hcilbrunn(reiner Geist), aus dem Verderben quillet, Ein goldgestrickter Strang, der uns die Gurgel bricht; Ein Freund, der ohngefähr das Herpe hat verloren, Ein Honigwurm, der stets mit süßem Stachel sticht; Ein weisses Henneneh, das Drachen hat gebohren, Ein falscher Krokodil, der weinend uns zerreißt; Ein recht Sirenen- Weib, das singend uns ertränket, Ein Safft, der lieblich reucht, und doch die Haut durchlcusst; Ein Mann, der uns umhalst, wenn seine Hand uns henket, Ein Gifftbaum voller Bluth, ein Moloch Musikant; Ein übergoldte Perl, ein Lock-Ast zu den Nöthen, Ein Apfel von Damasc', ei» falscher Diamant; Ein überzuckert Gifft, ein Irrlicht, uns zu tödten, Ein Pfeiffer in das Garn, ein Spötter unsrer Pein; Ein goldner Urtels-Tisch und eine faule Stühe, Ein Zeug, der bald verschleist, ein ungegründter Schein, Dem Druffel allzusehr, dem Menschen wenig niihc. Ein mehres lässt mir jept die Ungeduld nicht zu; Mein Leser fleuch den Kram von solchen falschen Waaren, Was diesen Eifer-Reim erprest, das meide du: Ach, halt' ich, was ich schrieb, nicht selber auch erfahren! Gegen den hohlen Bombast, die Unnatur, Unvernunft und sittliche Verwilderung der schlesischen Poesie hatten sich allerdings Ausgangs des 17. Jahrhunderts eine Reihe von Schriftstellern erhoben, wie Christian Weise, Eanitz, Besser, Reukirch, welche Einfachheit und Natürlichkeit der Sprache forderten und in An- '■ 44. 1882, lehnung an das Vorbild der Franzosen selbst mit Verhältnis- mäßig gutem Beispiele vorangingen. Einerseits vermochten sie die Henschaft der aus Schlesien über Deutichland gekommenen Literaturverderbnis kaum zu erschüttern, viel weniger zu vernichten, andrerseits waren ihre schriftstellerischen Leistungen selbst so voller Mängel, daß die Vorteile sehr un- erhebliche und zweifelhafte gewesen wären, welche für die Geistes- cntwicklung des deutschen Volkes aus einer aus ihren Mustern gebildeten Literatur hätten erblühen können. Ihre Einfachheit ging bis zur Geschmacklosigkeit, ihre Natür- lichkeit artete in eine alle Phantasie in Ketten und Banden legende Nüchternheit aus. Dabei waren sie, Weise ausgenommen, an Gedanken nicht reicher, eher noch ärmer als die Schlesier und nicht Nacheiferer der den deutschen Poeten jener Zeit in der Tat überlegenen Autoren der Franzosen, sondern aller Ori- ginalität baare Nachäffer derselben. Für die poesielose Nüchternheit und Geschniacklosigkeit des bedeutendsten unter den Gegnern der Schlesier, des zittauer Schuldirektor Christian Weise lege folgendes Gedicht„Die er- lvschcne Liebe" Zeugnis ab: Wir jungen Leute sind wol narren Wann uns die Liebe fressen will, Da hat ein jeder seinen Sparren u wenig oder doch zu viel. ch Habs versucht ein halbes jähr: Ich weiß, wie mir zu muthe war. Nun muß ich meiner selbsten lachen, Daß wir uns solchen kummer machen. Ich lege lust und eitelkcit Zu meines mädchens Füßen nieder, lind suche die gelegenheit So gar geschwinde wohl nicht wieder. Ich halte mein triumph- geschrcy: Ich war verliebt; nun bin ich sich. Gleichzeitig mit dieser Opposition gegen die schlcsische Verhunzung der schönen Literatur regten sich auf den deutschen Universitäten Rcsormbestrcbungen. Der in Leipzig geborene, von dort aber schließlich durch die Unduldsamkeit der ortodoxcn Geistlichkeit vertriebene Professor Christian Thomasius, seit seiner 1690 erfolgten Flucht aus Leipzig, an der Universität Halle lehrend, desicn ganzes Leben „dem Kampf mit der Barbarei der Schulen, der Gcsczc und Gerichte gewidmet war", hatte im Jahre 1687 seinen„Tis- cours, welcher Gestalt man einen Franzosen im gemeinen Leben und Wandel nachahmen solle" veröffentlicht und darin die für die damalige Zeit unerhörte und bei den Gelehrten heftigste Entrüstung hervorrufende Forderung begründet, die deutsche Sprache solle an Stelle oder zunächst zum mindesten neben der lateinischen zur Sprache der Wissenschaft erhoben werden. Thoma- sins selbst übertrug die Tcorie, daß das überhaupt möglich sei, sofort in die Praxis, indem er akademische Vorlesungen in deutscher Sprache hielt und schon im Jahre 1688 in deutscher Sprache die erste gelehrte Zeitschrift„die Monatsgespräche" erscheinen ließ, welche schon in der Vorrede dem Pedantismus, der Heuchelei und den gelehrten Gesellschaften den Krieg erklärte. Auch der um dieselbe Zeit zu höchstem Ruhm gelangende Philosoph Leibnitz hatte für die Möglichkeit und Notwendig- keit, die deutsche Sprache zu entwickeln und den andern Kultur- sprachen als Schriftsprache ebenbürtig zu machen, in der 1697 erscheinenden, ebenfalls deutsch abgefaßten Schrift„Unvergreif- liche Gedanken betreffend die Ausübung und Verbessrung der teutschen Sprache" sein gewichtiges Wort eingelegt, und der ihm in seiner Berühmtheit der Philosophie nahe kommende Freund Christian Wolfs(1679—1754) begann schon um 1710 eine Reihe von wissenschaftlichen Schriften deutsch niederzuschreiben. Aber wenn schon Leibnitz ein für jene Zeit vortreffliches Deutsch schrieb und auch Wolfs dasselbe mit großer Klarheit und Gewandtheit handhabte und sie von fremden, ihrer Natur widerstrebenden Beimengungen rein hielt, so zeigt sich doch selbst bei Thomasius, daß die Fertigkeit, gut deutsch zu schreiben, aus nur sehr wenige in der Tat an den Fingern einer Hand her- zuzählenden Autoren beschränkt war, also das Urteil, daß man in jener Zeit ein höchst mangelhaftes, steifes, geschmackloses, unreines Deutsch schrieb, dessen Verunreinigung mit lateinischen Worten noch durch lateinischen Druck der lateinischen Fremd- worte hervorgehoben ward, durchaus zu recht bestehen bleibt. Eine Probe aus dem Discours, in welcher Gestalt man den Fran- zoscn nachahmen solle, wird das verdeutlichen: Dieses kan ich nnangemcrkt nicht lassen, daß sie(die Fran- zosen) ans einem überaus klugen Absehen nicht allein ihre Werke mchrentcils in französischer Sprache herausgeben, sondern auch den Kern von denen Lateinischen, Griechischen, ja auch nach Gc- lcgcnhcit deutschen Autoren in ihre Muttersprache übersezc», denn dadurch tvird die Gelehrsamkeit unvermerkt mit großem Vorteil fortgepflanzt, wenn ein jeder dasjenige, was zu einer klugen Wissenschaft erfordert wird, in seiner Landessprache lesen kan, und er sich nicht erst um fremde Sprachen zu erlernen sauer werden lassen muß. Absonderlich ist an ihren Versionen (Ucbcrsczungcn) zu loben, daß hierzu sich Leute gebrauche» lasse», welche von männiglich für gelehrt und klug passiret werden müssen, auch bcydcr Sprachen, sowohl der Französischen als der Griechischen und Lateinischen, recht mächtig gewesen; und endlich nicht obenhin, wie die Schüler die argumenta zu machen pflegen, die Autorcs übcrsczct, sondern mit gutem Bedacht und scharsfcm Nachsinnen so gar, daß mancher, der seine Version öfters und fleißig übersehen, auch wohl in die zwantzig Jahr damit zugebracht, sich nicht verdrießen lassen, alles zu zerreißen und von vorne anzufangen, tvcnn ihm eine bessere metbocke gezciget worden. löovtjciuiig folgt.; Wächll'i Stockenden Herzschlags Hab' ich dein gedacht, Mein heißes, wildes Lieb in dieser Nacht!— Schwül war's, die Erde dürstete nach Regen; Kein Laut umher, als meines Hcngst's Gcschnaub; Bis an die Fesseln schritt das Tier int Staub, Der dicht sich häufte auf den dunklen Wegen. Kein Stern am Himmel, weit und breit kein Licht! Mir stand der Schweiß in Perlen im Gesicht, Und meine Brust, sie atnictc beklommen. So dunkel war's, daß nichts ich unterschied Und erst ein Wanduhrschlagen mir verriet, Daß zwischen Häuser wieder ich gekommen. ? c v Bit t. So bange war's— es rang die Brust nach Lust. Da schlug es plözlich mir wie Nelkendust, Wie roter Zielten süßer Tust entgegen. Ich si'g ihn ein— mir schwindelte das Hirn— Und für Momente mußt' ich meine Stirn Gcschlvssncn Auges auf die Mähne lege». Und aus der Wolke, die am Himmel stand, Gar schwer und düster fiel auf meine Hand Ein einzelner, ein großer warmer Tropfen. Als meine Lippe auf die Rechte sank Und diese Träne stummen Schmerzes trank, Fühlt ich die Schläfe wie im Fieber klopfe». 559 Und weiter ritt ich, ohne Ziel, im Traum. Da schlug's empor am schwarzen Hinimclssaum Sekundenlang in purpurroten Glutcn. In ihrem Scheine weithin lag das Land— Mir war, als hebe hastig eine Hand Ten dunklen Flor von eines Herzens Bluten. Da siel ein Bliz. ein weißer Funke nur, Ter durch die Wolken, sie zerreißend, fuhr, Gedankenschnell und schcitclrccht von oben. Wie deine Leidenschaft war dieser Bliz, � Blendend und rasch— in Bügel hat und Siz Ter Träumer unwillkürlich sich gehoben. Durch schwarze Hecken ging es dann im Schritt, ?lls mir in's Ohr ein leises Wimmern schnitt, Das matte Stöhnen einer Todesstunde. Tarauf ein wilder, gualcrprcßtcr Schrei— Und dann mit einem male war's vorbei Und nur die Ulmen rauschten in der Runde. Ich ritt und ritt; der Morgen graute schon, Und eine Nachtigall in leisem Ton Hob in den Büschen schmelzend an zu schlagen. Von süßem Weh und graniumflorter Lust Sang wunderbar des kleine» Vogels Brust Und feuchten Auges lauscht' ich scineni Klagen. Und immer näher kam der weiche Schall; Ich spähte forschend über nieder» Wall Und— nicht den heißen Tränen wehrt' ich länger. Auf einem Grabe ohne Kreuz und Stein, Wüst und vergessen, sang von Liebespein Im wilden Flicdcrstrauch der kleine Sänger! So mahnte alles, bis die Nacht entwich, Stumm und bcredsani, armes Lieb, an dich, Und an das Loos, das ich erkoren habe— Süß wie in dunkler Nacht der Nelken Duft, Bang', wie ein Schrei, verwehend in der Luft, Ein Vogellicd auf wild verwachsnem Grabe! Mudolf Lc»vmrt. . Schattriirisse aus drr Kulissrnmlt. Von ßduard Miiller Kauger. K Jolly, oder ha! welche Lust, Choristin zu sein! ciiti.„?o0ra.Ij ,'t clnc balsbrccherische Oper. Ein MechanikuS tanzt auf ii,.,," Omnibus den Schattcntanz und hat Lackstiefcln an. Eine frisch- la„t. Riefle aus der Nachbarschaft 11111» über eine hohe Holzbriickc " und Dinorah muh im vorlezten Akt auf einem Baltensplittei Üt r'1 qsM'itzuiigsbrucke jählings in die Tiefe sausen. Aber die Dinorah e» Partie, die von der ersten Koloratursängerin gesungen wird und erite;*v hW 51, mit um für hernlpirfien Ala- und eine»rfT u": oer einen jioiuiiiiuiiiiiiuciu, Jljuuyt,,.»M.»... fiftinprilflÄ�i ratur�än9erin# viel zu gut, um für dergleichen Ma nefiiMX& cho* niijjbrniicht zu werden. Deshalb wird der lcbenS- un! . aofährliche Teil ihrer Partie einer Choristin übertragen. tvaibk" Kdef SBühnc gibt es eine nach allen Regeln der Kunst gc fbienlr['"�vviitin. Ihren hingcgossnen Leib erblickt Faust im Zauber che»„.. J* Hexenküche. Dieselben Reize im Büßerhemd gehen als Grct farhn.ü'r?�'"" der Oper Margareta in die Sofitten; kurz, die fleisch .„il lj"/v.ko.s sind daS meiststrapazirte Garderobestück dieses Bühnen die. 6l,tet der Direktor auf der lezlen Probe von Dinorah die Ru,,. Milo seines Kunsttempels,„liebes Kind, übernimm du hat firfi„,.c v �'vorah beim Zusammensturz der Brücke. Die Sängen» an i,- m„'r. n erstrn Probe falsch ungehalten und deshalb ein wenig ständia», l.?ehgetan. Du wirst das geschickter machen. Es ist voll- K""gkwhrlich, mein Wort darauf." Sie js,.. SoÜH nicht, wenn sie liebenswürdig darum ersucht wird? Sie m»,. ,'r! oi'"™»vei's Dealer", gerissen, aber immer nobel. hndel-Ir."9 nur Dame vom Chor; wenn sie aber einen Dummen »nd f'e ihm, sie habe sich diesmal ausnahmsweise für Chlor spricht ni Cn— wollte sagen, Chor und kleine Rollen— sie ver- L'ver 9"" und findet das wizig— engagiren lassen, weil sie zur Kaan, 7?9khen will. Sie teilt die Manie der Künstler, mit höheren lich t<>a Cn fnklischen zu renomniiren, indem sie behauptet,»lonat- sie ink»r„- /k Gage zu haben. Sie sagt selbst, es sei ihr Unglück, da» iteareni« l Auftretens in jedem Puz- und Coufcklionsgeschäft un Mcn Kredit hat. a natürliche Folge ist, daß sie wie eine Solistin gekleidet ist, 'an„,/9kn ihrer distinguirten Erscheinung aus der Straße von Unbc- "llegrüßt wird; aber die natürliche Folge ist auch, daß sie mit (i*» Rechnungen viel zu kämpfen hat. kini,, U Jolly nicht möglich, eine Wohnung von weniger als zwei nf.f. Crj! ZU bewohnen, wofür sie allein 20—30 Mark Monatsmiete iC1'r• J» dieser Wohnung schenkt sie der Wirtin und dem Dienst- 'fix- unbegrenztes Vertrauen, und Ringe, goldne Uhr, Kolliers und in» begen Tag und Nacht unverschlossen auf Tisch und Kommode tilrrfi' Dienstmädchen der Wittin darf einen zweiten, keineswegs >enn" Mantel von ihr tragen, wenn es Sonntags ausgeht, und um Cä �'Uter dein Rücken von Madame eine Nacht außer dem Haus lv'vchen will, braucht es sich nur an Jolli) von wegen des Haus- uorridorschlüsscls zu wenden. Jolly ist von Natur gesellig und die tabakgeschwängerte Lust der Kneipe ist ihr von Zeit zu Zeit dringendes Bedürfnis. Sie beherrscht das Gespräch. Wenn es ihr heiß wird und sie die Wirkung des Alko- hol spürt, hat sie die eigentümliche Gewohnheit, sämmtlichen Gold- schmuck abzulegen und ihn einem nüchtcruen Freund anzuvertrauen. Jolly ist aber auch das gutherzigste, freigebigste Mädchen von der Welt. Sie hat im stillen schon iiianchc Träne der Not beim Teatcr getrocknet, wofür ihr nie Dank geworden ist. Ueberhaupt verfolgt sie der Neid ihrer Kolleginnen überall. Sie könnte mitunter größeren Toilettenaufwand machen, unterläßt es aber, um Frieden zu haben. Sie spricht wie sie denkt, geradezu wie eine gute Berlinerin, und ohne Falsch. Vielen drückt sie sich nicht gewählt genug aus. Daran liegt ihr„verflucht wenig." Wenn Jolly einen rechten guten Freund sindct, zeigt sie ihm ihr Poesie-Album. Sie hat ihre Gedichte gemacht, wie jedes junge schwär- mensche Mädchen, daS eine kleine poetische Ader hat. Sie möchte gerne wieder welche machen, aber beim Teater wills nicht gehen. Sie kann an der Brust des treuen Freundes eine Stunde laug darüber weine», daß sie von niemand auf dieser Welt verstanden wird.— Nun ivieder zur Dinorah. Also meine Jolly saust abends bei der Vorstellung mit dem Bal- kensplittcr in die Tiefe. Die Maschinerien des Herrn 1. versagen nie. Großartig! Das Publikum rast über den gelungenen Effekt. Der Herr Maschinenmeister muß an die Rampe und sich für den Beifall bedanken. Indessen liegt die arme Jolly unten, hinler Felsstückcn, hat den Fuß gebrochen, und kein Tcaterarbeitcr ist zur Stelle, um den schweren Balken vom Fuß abzuheben. Sie muß erst ein paar Schmerzcnsrufe ausstoßen, damit man ihr zu Hilfe kommt. Welche Aufregung hinter den Kulissen! Nun muß man den Dircktor umhcrlaufcn scheu! Seine moralische Entrüstung über die unverant- wörtliche Fahrlässigkeit scheint wichtiger als der Schmerz, den Jolly verbeißt. Jolly muß vier Wochen zu Bett liegen, ehe sie mit dem gcbrochnen Fuß austreten darf. Wie viel Liebenswürdigkeit entfalten nun die Kollegen und Kol- leginncn! Einige machen Besuch und andere erkundigen sich beiläufig bei diesen nach dem Besindc». Eines Tages kommt sogar der Direktor selbst, klopft Jolly die Backen, macht ein paar Schcrzchen und versichert mit direktorialer Ge- wißhcit, daß alles noch gut wird.— Welche Ehret der Herr Direktor selbst war da! Auch die Koloratursängenn macht ihren Besuch, mit extra ver- weinten Augen und bringt süße Sachen, Eingemachtes u. s. w. mit. Jolly ißt so etwas ganz gern, aber diesmal hat sie eine gewisse Wut und kann nichts anrühre».— Aber die Kurkostcn werden ihr doch bezahlt? Selbstredend. Der Teaterarzt ist für jedes Mitglied frei.— Die Hauptsache für Jolly ist, daß sie in sechs Wochen wieder Dienst tun und in acht Wochen wieder flott tanzen kann.— Vom Krankenbett hat sie eine starke Heiserkeit mitgenommen. Die vielen Eisumschläge;— eine Erkältung;— sehr wahrscheinlich. 560 Eine Solistin wird sich hüten und singen, wenn sie heiser ist: sie darf Vorstellungen absagen und das Repertoir cmpsindlich stören. Eine arme Choristin muß immer schrein,„dafür wird sie bezahlt"; andern- falls wird sie einfach sofort entlassen. „Weinen Sie doch nicht, Fräulein Jollh", sagt eine mitleidige Seele im Probezimmer.„Es wird schon besser werden." Jolly hält das Notenblatt dicht anS Gesicht und weint bittere Tränen, weil sie keinen Ton mehr herausbringt. Bei der nächsten Gagezahlung nimmt der Direktor Gelegenheit, Jolly zu sagen: „Mein Fräulein, Sic haben ja eine schöne Figur, haben auch Garderobe, sehn immer sehr nett und sauber aus; ich würde Sie ab und zu in kleinen Partieen hinausstcllen, aber ich kann Sie beim besten Willen nicht drei Worte sprechen lassen." Jolly muh weinen, wenn sie sich auch gleich selbst ohrfeigen möchte. „Freilich", fährt der Direktor fort,„wird die Heiserkeit nicht besser, wenn Sie nachts in der rauchigen Kneipe sizen." „Ach Jotte doch, Herr Direktor, das bischen, was ich kneipe—" „Na, schon gut, schon gut. Ich warne Sie.—" Dieser Vorwurf wurmt Jolly tief. Ein befreundeter Bierplantscher hatte ihr als das beste Mittel gegen Heiserkeit geraten, sich dieselbe wegzu— trinken, und sie hatte allerdings einige verzweifelte Versuche i» dieser Richtung, aber ganz ohne Erfolg gemacht. Nun soll das wieder schuld sein an der Heiserkeit! Wie ein Schreckgespenst steigt der Paragraph ihres Kontrakts vor ihr auf: Bei chronischen Krankheiten die zur Ausübung des Berufs untauglich machen, steht der Direktion das Recht der Entlassung zu. Ter Direktor wird doch nicht? Jolly denkt viel zu harmlos und obenhin, um die Heiserkeit mit dem Fussbruch in Zusamnienhang zu bringen und aus der Schädigung ihrer Gesundheit und damit ihres Erwerbs im Dienst ihrerseits einen Rechtsanspruch an die Direktion abzuleiten. Also auch das Wegtrinken Hilst nichts? Was denn? Ein Teater- arzt ist billig, aber kann auch nicht immer Helsen. Deshalb feiert Jolly doch die Feste, wie sie fallen, und da gerade eine ihrer Kolleginnen Hochzeit hat, ist Jolly obenauf, d. h. sie möchte, aber—„na, laßt mich blas erst wieder reden können!" Die Gesellschaft lacht und Jolly—„laßt sie blos erst wieder reden könne» u. s. w."— Ein Liedcrvortrag am Klavier folgt dem andern. Wie sie die Töne herausschmettenl, die Glücklichen, aus voller Brust. Gerade so schmetterte Jolly, als sie noch— reden konnte. Alle umringen das Klavier. Jolly sizt in einer Ecke. Vor ihr auf dem Tisch steht eine Liqueurflaschc, ein Hochzeitsgeschenk. Wie die Töne ihr ins Herz schneiden-- o weh, o weh-- dafür ist ein Glas Liqueur gut. Noch einS, und noch eins. Es kredenzt sich selbst am besten. Kein Mensch kümmert sich um sie, die wohl chmals die Tollste, die Ausgelassenste bei solchen Gelegenheiten war. Ha ha ha, einmal hatte sich ihr Nachbar Watte in die Ohren gestopft; ja, ja der Liqueur— die Stimme, wollte ich sagen, ist eine Gabe der Natur.— Auf einmal beliebt eS jemand, zu fragen:„Wo ist denn die Jolly?" Jolly ist nicht da. Man sucht sie überall. Sie ist mitsammt Mantel, Muff und Pelzkappe verschwunden.— Da unten— weit da unten— könnt ihr das arme, tolle Ding durch die nächtlichen Straßen taumeln sehen, herüber, hinüber und wieder herüber. Pelzmüzc und Halstuch hat sie abgerissen und bietet den schweren wüsten Kops und den kranken HalS der schneidend kalten Nachtlust. „Ist da nicht noch Licht im Kafe? Ach, nur noch ein frisches Glas. Die Kehle ist z» trocken!" Einer fidclcn Gesellschaft junger Leute, unter denen sie einen und den andern kennt, kommt das saubere Dämchen gerade gelegen. Bald sizt sie in ihrer Mitte;„mit dem Reden geht's doch nicht"— aber mit dem Küssen geht's noch!— Wie ist sie eigentlich in jener Nacht nach Hause gekommen?„All- gerechter", ruft sie am andern Morgen stockheiser,„jczt bringe ich keine �-ilbc mehr heraus!" In diesem Engagement wird sie noch so geduldet. Ter Direktor kann sich gegen den Ehrenmann in einer Person nicht wehren und bringt das Opfer, ihr die Gage zu zahlen, obwohl sie nur noch für „schöne Leiber" und„Gruppen" zu verwende» ist. Im nächsten Engagement schickt sie der Chordirigcnt als gänzlich unbrauchbar von der ersten Klavierprobe. Das passirt ihr zwei, drei, vielmals, immer! Der Schmuck, der Zeuge einstiger Herrlichkeit wandert ins Pfand- haus, die Scheine verfallen— und Jolly bleibt heiser. Was nun? Was weiter? Was weiter— als Untergang in Nacht nnd Graus, in Hospital oder Gefängnis._ Arme Jolly!„Wenn du blos reden könntest, würde dich die Welt besser und— milder beurteilen!— Das„Rauben" in den obcrschlesischen Kohlenbergwerken.(Jllu stration s. S. 553.) Beruhige dich, gcschäzte Leserin! Es sind keine Genossen Rinaldo Rinaldini's, Schinderhannes', oder Karl Moor's, welche dir unser Bild vorführt. Das„Rauben" bedeutet in der Berg- mannsprache nicht einen gewaltsamen Eingriy in das Eigentum anderer, sondern ein ganz harmloses, aber überaus schwieriges und gefahrvolles Geschäft, nämlich das Zuiammcnwcrscn der abgebauten Räume unter Wiedergewinnung der eingebauten Hölzer. Es geschieht fast stets in der Nacht, oder in der Zeit, in welcher die Kohlenförderung(Förderung heißt die Bcrgarbeit, durch welche die gewonnenen Fossilien von einem Ort zum andern geschafft werden) ruht, weil da große Stille heprscht, was eine durchaus crsorderliche Bedingung zum Gelingen des„Raubens" ist. Denn nach jedem Schlage, den der Häuer mit der Axt oder dem Großfäustel gegen eines der Hölzer(Stempel) sührt, um dasselbe heraus- zuschlagen, muß einen Augenblick innegehalten werden, um daS Geräusch beobachten zu können, das im Dachgebirge sich bemerkbar macht; denu aus der Art und Weise dieses Geräuschs vermögen die Arbeiter genau zu unterscheiden, ob nur der Schicscrton bricht, oder das völlige Zu- sammcnbrechcn bevorsteht. Das crstcrc kündigt sich durch ein Knistern, das leztcre durch ein dumpfes Krachen an und in diesem Falle ist stu die Arbeiter die größte Eile nötig, um sich in Sicherheit zu bringen. Troz der großen Gefährlichkeit der Arbeit weist indessen die Unfall- stntistik ersreulichenvcisc verhältnismäßig wenige beim„Rauben" vor- gekommene Unglücksfälle aus, dank der großen Aufmerksamkeit und vortrefflichen Ucbung der Bergleute. Lt. Maori-König Tawhiao.(Illustration s. S. 555.) Er ist gestreift wie ein Panier und gesteckt wie ein Tiger und sein psychischer Habitus rechtfertigt vielleicht diesen Vergleich. Die Maori(„Eingeborene"), wie man jczt die Urbevölkerung von Neuseeland nennt, gehören zu den edelsten, physisch wie geistig bevorzugten Menschen des volynesischen BolksstammeS. Sic zeichnen sich durch Kriegslust und Streitbarkeit, womit freilich List und arge Grausamkeit verbunden sind, durch Stolz und Selbstgefühl, Leidenschaftlichkeit und unverkennbare Bildsamkeit vor den übrige» Polynesiern sehr vorleilhast aus. Die Maori stände» srüher unter vielen kleinen Häuptlingen, waren aber ohne jedwede staat- liche Ordnung und in fortwährende Kämpfe unter sich verwickelt. � der langen und engen Verbindung mit den Europäern haben sie von diese» viele Anschauungen nnd Bräuche angenommen. Besonders ist mit dem Jahre 1814 ein Umschwung eingetreten, indem es euglisctK» und französischen Missionären gelang, das Christentum unter ihnen i" verbreiten und der?lntrvpophagie wie den inneren Kriegen im wcscnt- lichen ein Ende zu machen. Nach der Besiznahme durch England 18�, in welchem Jahre Neuseeland durch einen mit den Eingeborenen ip' schlossenen Vertrag zu einer selbständigen Kolonie der britischen Kro»� erklärt wurde, ließen sich Geiellschasten von englischen Auswanderet» an verschiedenen Teilen der Küsten nieder und hieraus ging die iej'S' politische Gestaltung der englischen Kolonie hervor, die den Karaktet eines Bundesstaates hat. 1857 empörten sich die drei mächtigst� Stämme der Maori gegen die englische Hcrrschast und wählten eim'" Häuptling zum König. Es kam' zu blutigen Zusammenstößen»"* schließlich zu einem förmlichen Krieg. Doch gelang es den Engländer»' sich im Bcsize zu behaupten, versöhnliche Milde beschwichtigte die bittcrung der Besiegten und 1866 war die Ruhe wieder hergestellt. Brieskasten der Erpediltou. Bon verschiedenen Seiten sind uns Beschwerden über unregelmäßigst Liescrung der„Neuen Welt" zugegangen. Wir teilen hierdurch u»,e' geehrten Abonnenten mit, daß die„Neue Welt" regelmäßig ä""'. nbendS zur Versendung gelangt. Die Schuld einer verspäteten Lieser»� kann uns alio nicht treffen. Bei PostabonnementS wolle man sich f, der Reklamation direkt an die betreffende Postanstalt, bei welcher d» Blatt bestellt ist, wenden. Inhalt: Verschlungene Lebenswege. Roman von Franz Carion.(Forts.)— Tie pariser Salons und die Encyclopädisten.: G. Fchleiscn.(Forts.)— Tie Satirc der Alten. Von Dr. Richard Ernst.— Gottsched, Göxe, Lessing. Ein Stück Kulturgeschichte.(3� — Nächtlicher Ritt.— Schattenrisse au« der Kulissenwelt. Von Eduard Müllcr-Gauger.— DaS„Rauben" in den obcrschlesische» Kohlenbr� werken.(Mit Illustration.)— Maori König Tawhiao.(Mit Illustration.)— Brieskasten der Expedition, Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart. Redaktion: Neue Wcinsteige 23.— Expedition: Ludwigstraße 26 in Sluttg"� Druck und Verlag von I. H. W. Dietz in Stuttgart.