Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 50 Pfennig.— In Hefte» a 35 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Werscbtungene Lebenswege. Roman von Aranj Karion. (18. Fortsezung.) . Gegen ein Uhr zur Mittagszeit wechselte stets das schau- 'uit'ge Pnblikuni in der Galerie. Die bürgerliche Gesellschaft verlies, dieselbe gewöhnlich noch vor dieser Zeit, ihre häuslichen �Hrichtimge» machten dies nötig, man speist am Familicntische und jeder hält es für Pflicht, sich pünktlich an demselben ein- zufinde». Mistreß Lncic begab sich um ein Uhr stets an die schsc und jedesmal in sehr gewählter Kleidung, die aristokra- llche» Besucher und Besucherinnen liebten diese ihnen erzeigte Aufmerksamkeit und fanden sie als die ihnen gebührende Ehren- '�sugung ganz in der Ordnung, auch Harmonirtc die elegante Ueidung der Kassendame mit der prunkhaften Ausstattung itv Enh-6c§ der Galerie, man trat in dieselbe mit der Ucberzcugnng �"'. Schönes zu sehe». . Eben hatte Mistreß Lncic die von ihrer Wohnung in den ">'cn Saal herabsührendc Treppe hinter sich, als ihre Freundin, � gute Stanhopc, eilig in dem mit Läufern belegten engen "uge hinter den Tableaux voin Eingänge her ans sie zukam und ihr leise zuraunte:.Tie Clinton's und ein paar andere h°he Lordsfamilien sind soeben vorgefahren. die'Galcr.c tv.rd heute sehr zahlreich besucht werden.". .-Ja. die Clinton'?, der alte dicke Lord mit seiner Schwagerin. el Lady, deren Gesicht>vic von Hochmut steif gefroren zu sei» jcheint und deren Sohn. Sir Richard Elinton mit seiner iiingen Gemahlin...»' f, ..keine Auseinandcrseznngc». liebe Stanhopc." lintcrbrach """o sie..Ich habe keine Ursache, diese hochgeborne Familie Ursache.» -Gewiß, ich leide an Migraine." Msm*- gestoßen, machte sie vor Abschen zittern. Wie ein loher Brand durchglühte tiefe Empörung bei der Erinnerung an diese ihr angctanc nnanslöschliche Beschimpfung ihre Seele. Geräusch von« Eingang des Saales her deutete aus den Eintritt der vor- nehmen Gesellschaft, sie horte mehrere Stimnien durcheinander sprechen, nur nicht die Richard's irnd sehen wollten sie ihn, sehen, nm zn wissen, ob Über seiii jugendlich schönes Gesicht die Rene ihren verfinsternden Schleier geworfen habe. Wie sehr sah sie sich getäuscht! Durch ein Loch im Hintergrund des Tablcan, welcher ans starker Leinwand bestand, war es ihr möglich, die vor die Szene Hintretenden Beschauer zn erkennen und sie sah ihn in Mitte einiger jungen Damen... am Arme hing ihm Vally, seine reiche Gemahlin ans Aorkshire, sie sah blaß, leidend ans; das aber störte ihren Gemahl nicht, sich sehr heiter mit den Damen zn unterhalten. Da mehrere zugleich sprachen, wurde es Lncic» fast unmöglich, die von ihm einge- worfenen Bemerkungen unterscheiden zn können, aber sie mußten sehr heiteren Inhalts sein, denn seine vornehme Umgebung lachte darüber und er stimmte mit ein. In seinem Gesichte war auch nicht die mindeste An- dentnng von irgend einem unterdrückten Grame zn bemerken. Acußcrte seine Geniahlin etwas gegen ihn, so hörte er mit großer Ruhe zn; aber in seinen Zügen zeigte sich keine Spur ! von Regung, der Bann derselben Gleichgiltigkeit, wie seiner hochgeborenen Mama Antliz trug, sprach sich dann in dem seinen ans. Lncie glaubte in diesem Zeichen den Beweis zn finden, daß seine Ehe mit der reichen yorkshirer Dame keine glückliche sein könne, seine Heiterkeit erschien ihr frivol und obwohl sie nicht Ursache hatte, diese Lady, nm deren willen sie so Schlinimes erlebt, zu beklagen, so bemächtigte sich ihrer doch ein Gefühl von Mitleid für sie und leise sagte sie zu sich:„Sie ist durch ihn unglücklich, wie er mich gemacht hat, nur in anderer Weise." Da sich der große Saal rasch von vornehmen Besuchern füllte, mischten sich die Clintons und deren Freunde und Freundinnen unter die Gesellschaft und verließen das Tableau. Auch Mistreß Lncic trat an die Wand des engen Ganges zurück. Fast gleich- zeitig kam Mistreß Stanhope von der Kasse zurück.„Haben Sic BH EtiUtgart,«iifluft 18(12. ilju gesehen, meine liebe Lucie?" fragte sie.„Mir schien, er habe sich nicht verändert." „Vervvllkommt hat er sich," antwortete die Gefragte... „er ist..." „Schöner geworden?" „Ja, ja, das ist er. Bleiben Sie an der Kasse und lassen Sie für Master Wcstleh eine Tasse Chokolade aus der Kon- ditorei holen... er ist ein großer Freund davon." Sie ging in dem Gange zurück und stieg langsam die Treppe hinauf, die zu ihrer Wohnung führte. Das Wiedersehen Sir Richard Clinton's hatte bei Mistreß Lude einen so empörenden Eindruck hervorgerufen, daß sie anfänglich sich nur mit Mühe zu fassen vermochte. In der heißen Aufwallung der Rache, der sie sich widerstandslos hingab, hätte sie ohne Teilnahme ihn zu ihren Füßen sterben sehen können. Tie Rache ist süß und darum äzt ihr Gift sich tief, bei vielen unauslöschlich i» Herz und Gedächtnis ein. Sie war mit sich selbst zerfallen und trug dies Bewußtsein als ihr wohl behütetes Geheimnis mit sich herum. Wer brauchte das zu wissen? Sie hatte es ja nur mit sich selbst zu tun. Die Welt um sie her war ihr fremd. Die Einsamkeit ihres Zimmers eignete sich vortrefflich, geheimes Denken zu nähren, sie glich der Rocht, welche das Wachstum befördert und darum stiegen seltsame Ge- danken in ihrem Hirne ans... Gedanken, die sie nie für mög- lich gehalten haben würde, sie konnte es sich nicht leugnen, daß sie den schönen Richard, der sie wie eine Verworfene von sich gestoßen, noch liebe und bei dieser lleberzengung, daß ein solcher Widerspruch in ihrem Herzen nur denkbar sein könne, glühte ihr vor wenigen Minuten noch so blasses Gesicht in düsterster Schamröte. Sie hörte Mistreß Stanhope schlürfende Schritte im Reben- zimmer und suchte sich gewaltsam der Aufregung zu entreißen, ivelche von ihr Bcsiz genommen, niemand hatte ein Recht, in ihre Geheimnisse zu dringen. Die gute alte Dame stand ihr treulich zur Seite in allem, was ihre Geschäftsleitung betraf; aber Lucie fürchtete ihre große Redseligkeit und ließ sie deshalb nicht einen Einblick in Tinge gewinnen, die sie persönlich be- trafen. „Run, meine gute Stanhope, wie steht es unten?" fragte Lucie. „Sehr gut, sehr gut, meine liebe Lucie," antwortete die alte Dame.„Eine glänzende Einnahme heute... die hohe Aristokratie scheint sich das Wort gegeben zu haben, unsere Galerie für den geeignetsten Ort eine Rennion abzuhalten, an- zusehen. Unsere Säle sind noch nie so gefüllt gewesen... die elegante Ausstattung zieht doch bedeutend." „Darum lasse ich es auch an nichts fehlen," entgegnete Lucie.„Wenn das Publikum sich geschmeichelt steht, kommt es auch. Rur ein schlechter Spekulant glaubt aus Nichts Gold zu machen und geht an seiner Knauserei zugrunde." Nach einer kurzen Pause fragte sie:„Ist Zecco unten?" „Nein, bei seinem Freunde Martinez, der nach des Arztes Ausspruch bald zu der stillen Gemeinde unter der Erde gehört." Fast schien es, als wolle Mistreß Lucie eine etwas scharfe Entgegnung aussprechen, indes sie beherrschte sich und sagte kurz: „Das ist schnell mit ihm gegangen. Run jedem sein Teil." Die alte Dame erschrak vor dieser harten, lieblos scheinenden Antwort; aber sie äußerte nichts dagegen. „Meine gute Stanhope," hob Mistreß Lucie»ach kurzer Pause an... denken Sie nicht übel von mir, weil das soeben von mir Gesprochene zum Mindesten Ihnen unweiblich scheint. Sie wissen, daß meine Ehe mit Zecco keine glückliche, nur eine Scheinehe ist. Ich habe nie deshalb mit Ihnen gesprochen und werde es auch nie tun. Daß ich Sennor Martinez verabscheue, habe ich guten Grund. Ich hätte mit Zecco glücklich werden können, wenn er nicht dieses Spaniers Freund wäre; ich kann mich nicht näher darüber erklären. Es ist kein Glück, Geheim- nisse zu haben, denen wir unser Unglück verdanken... sie zu verschweigen, ist das einzige Beste, was man in diesem Falle tun kann. Sprechen wir nie mehr über diesen Gegenstand, ich bitte Sie darum."„Ich werde zu schweigen wissen," Versichertc die alte Dame und verließ das Zimmer. Mistreß Lucie kramte, um sich zu zerstreuen, in ihren Kom- moden und als sie diese Durchsuchimg beendet, siel ihr Blick zufällig auf den kleinen Koffer, den sie mit nach London ge- bracht hatte. An diesem unscheinbaren Behältnis hing ihr Blick starr, unbewegt, ein schweres Denken beschäftigte sie, tiefer Ernst hatte sich ihrer bemächtigt... warum? was dieser kleine Koffer barg, gehörte unmittelbar ihrem Herzen an und war für jeden andern Geheimnis. Sic schloß ihn ans. Rnr wenige Kleidungsstücke lagen oben, unter ihnen hineingreifend zog sie ein paar rotwollcne in eine Papierhülle eingewickelte Kinderstrümpfe hervor, bei deren Anblick ihr Tränen über die Wangen rollten ... sie hatte sie selbst für ihr liebes, herziges Gretchcn ge- strickt und dieses sie getragen. Damals war die Versuchung wohl schon an sie herangetreten, aber die Mutterliebe war stärker gewesen. Sic fühlte, daß es ein Glück sei, ein Kind zu haben und das Schlimme war noch nicht wurzelfest in ihrem Herzen geworden. Das hatte sich aber geändert, die Zeit steht mit dem Bösen noch enger in Verbindung, als mit dem Guten, des erstercn Same ist keimfähiger. Als sie von ihrem um ihre Gesundheit so sehr besorgten Gatten ins ncnndorfer Bad gebracht wurde, hatte sie diese kleinen Strümpfe heimlich mitgenommen, als könne sie durch dieses, wenn auch geringe Andenken, ihres Kindes Liebe nicht verlustig gehen... es war ein trauriger Irrtum. Sie drückte jezt, erschüttert durch den Anblick dieses Erin- nerungszeichens, dasselbe an die Lippen und flüsterte leise vor sich hin, die Hand über den Koffer ausstreckend:„Du hast meine Sünde und meine Schmach gesehen." Nach einer Weile, als sie dies kleine für sie so wertvolle Heiligtum wieder in den Koffer gelegt hatte, holte sie aus diesem ein ziemlich großes unver- sicgeltes Couvert, dem sie ein kleines ziemlich gebrochenes Billct und eine Fünfzigpfnnd-Notc entnahm. Das Billet enthielt nur zwei Worte, aber sie drangen wie spize Dolche in ihre Seele ein.„Auf Nimmerwiedersehen!" das ist sicher ein schlechter Wunsch, ans dem der bitterste Haß und die tiefste Verachtung spricht. Mistreß Lucie war von dieser Erinnerung an die Stunde der von ihr erlittenen Schmach so sehr übermeistert, daß ihre zitternden Hände die Papiere fallen ließen, sie schien allen Halt in sich verloren zu haben. Eine lange Weile verharrte sie in dieser Stellung, sie war leichcnblcich geworden, dann aber ge- wann sie die verlorene Fassung wieder, kniete vor dem Koffer hin und ordnete die in diesen hinab geflatterten Papiere, um sie an ihren früheren Plaz zu legen. Auch kein stärkerer Atem- zug, der einem Seufzer ähnlich gewesen wäre, entrang sich ihrer Brust, ihre Lippen blieben fest aufeinander gekniffen; aber die Aufmerksamkeit auf das, womit sie sich eben beschäftigte, war zerstreut, sie sah sich genötigt, die Unordnung, die sie selbst unter verschiedenen den Kofferbodcn bedeckenden Gegenständen verschuldete, wieder zu beseitigen und bei dieser Gelegenheit kam ihr ein hartes, steifes Papier zwischen die Finger. Das überraschte sie... was konnte das wohl sein? Sie zog es vom Boden des Koffers herauf und nun erst erkannte sie es... es war dasselbe Blatt, das sie in einem Bande des im Pavillon des Doktor philippschcn Gartens als Nachlaß seine? verstorbenen Vaters zurückgebliebenen botanischen Werkes gefunden hatte. Es war bei ihr ganz in Vergessenheit geraten, da sie dafür kein Interesse hatte. Jezt überflog sie es aus Neugier, sie erinnerte sich wohl, daß sie es schon früher gelesen, aber der Inhalt des in steiler Handschrift geschriebenen Aufsazes war ihr so ziemlich ganz aus dem Gedächtnisse verschwunden. Sie fand sich eben im Begriffe, das Blatt wieder auf den Boden des Koffers z« legen, als ein paar dick unterstrichene Zeilen ihre Aufmerksam- keit besonders in Anspruch nahmen... und sie las sie mit Staunen, weil sie sich entsann, daß sie deren Inhalt schon kenne. Hier war die Rede von: Cytisin, dem Gifte, welches zufolge der Beschreibung keine Spuren im Körper des mit demselben Getöteten zurückläßt; ihres geschiedenen Mannes Vater, der alte -LWSSSSS s-äSHä« ■■ SSWMWS Krankheit, dies Gchcin.nis seiner Pflegerin verraten hatte. Und wird s au*. ■■ bciien er doch eigentlich vorzustehen hat... es>>t z» vnl � � bcl. Fußboden überbreitet worden, um den von .�Nichts davon, liebe Freundin. Sic wissen, ich l.ebc es nicht. bSihmT M auch das Geräusch seines über meinen Mann ab,aUig urteilen zu hören. vorsichtigen Schrittes ein und als er ganz nahe bei ihm stand. BMVMZWWZZZ äSSSSSäS sprechen wir nicht mehr über diesen mir verhaßten Gegensii, � bebende Zeceo, war totenbleich neben dem Sterbebette hnntennnd gtauWen, sie Wmi enmnde, wu Wen zuge an'inez MMe feine ench'chait erreicht. Der Ausspruch des den Sennor behandelnden UrztcS, v i war auch ein Todesstoß, den Zecco davon getragen, Patient es bald überstanden haben werde, ruckte*»t le 9 ejncr( der ihn niederstreckte, doch einer, der sein geistiges seiner Venvirklichung zu; Martinez konnte sich nur-) � � schwer erdrückte, daß sein Denken ein sast gestörtes war. noch verständlich machen, seine sonfl krastige, wenn J Wie geistlos begleitete* er des Spaniers Leiche zu Grabe Stinime mar zu ziicheubeu, �üh,amen Lauten h�abgeMeu,(ehrte eben so Vau biefeni zurück. sein dunkles Gesicht zeigte sich binnen kurzer Z.] Vor ihm hatte sich ein Geheimnis aufgetan, das ihn bis Zecco saß halbe Tage lang an seiiieni Schmerzenslagcr. er � �. � Innerste seines Lebensmarkes mit immer sich erneuenden nicht mit ihm spreche», um den so) ich t bar dem L,' Schauern durchfröstelte. Was bedeutete der lezte Angstschrei nicht aufzuregen, seine Schmerzen nicht»och zn vermehren... J 561 dcs untre qualvollen Leiden Dahingeschiedenen? War er das Resultat eines trügerischen Wahnes, der bei ihm feste Wurzel gefaßt. da er noch vor dem Tage der Ab- fnhrung',** der Leiche der Kö- nigin die allge- meine Meinung, die hohe Frau sei vergiftet wor- den, von vielen hatte aussprechen hören? Od er war dessen Ausruf im lezten Lebens- augenblicke der Weheschrei eines mitderschwersten Sündenschuld belasteten Ge- Wissens? Er vre- mochte dies Rät- sel nicht zu lösen und somit auch nicht die furcht- bare Pein zu mindern, welche nicht von ihm abließ. Erwurde von nun an in seinem Wesen ein anderer, als er bishcrwar. Sel- tcn verließ er die Galerie und deren Atelier, aber er war schweigsam gc- worden, tiefernst. Man sah es dem finster vor sich hinsinnenden Manne an, er brüte über schwere Gedan- kcn, die er nicht bcmeistern konnte. Und wenn es noch eine Freude für ihn gab, so War es eine, die er an einem seiner Werke fand, vordem sehr oft große Gruppen Beschauer stan- den und sich des- selben erfreuten: die Anbetung des Jesuskindes durch die drei Könige des Morgenlandes. Bei Tage war er umgänglicher, als wenn der Abend niedersank, dann quälte ihn sichtbar Unruhe, er wich jeden: aus, der auf ihn zukam, als wolle er mit ihm sprechen. Wurden die Säle beleuchtet, verließ ihn zwar diese Scheu, aber er entzog sich doch jeder möglichen Begegnung ihm sehr wohl- 1'- Die Eröffnung der St. Eotth - 56 o- zuweilen ungesehen von ihm, ihre Hossnung, dos; er sich von Geist, log im Grobe, dost ober dessen Eiiiflust noch so»och- diesem traurigen Leide» ollniolich werde erholen können, verlor wirke, war ihr nnerklorlich. Ein Arzt gab ihr die Tröstung, dost sich sein Nebel wohl min- deniwürde.wcnn die schweren dicken Herbst ncbcl, welche jezt nur selten den blauen Himmel sichtbar werden ließen, sich bei Eintritt winter- liehen Frostes verzögen und ihm dadurch Bewegung im Freien und vor allem die Einatmung frischer Luft möglich wäre, die ihm selbst- verständlich in den von Nöuchc- rungen durchdrungenen Sälen der Galerie fehle. Für Lueie war das einleuchtend, sie konnte nichts mehr wünschen. als eine so leicht herbeigeführte Veränderung sei- nes Zustandes auf diesem na- türlicheu Wege. An einem der ersten Novcm- berabende, au welchem ein hef- tigcr Weststurm die Straßen durchfegte und die Fenster klirren machte, wandelte Zecco mit fiu- sterer Atiene in seinem Zimmer auf und ob. Seine Stirnc war mit Zorn- falteu bedeckt, er hatte jedenfalls, che er aus den Sälen der Ga- lcrie heraufge- kommen, einen bedeutenden Aerger gehabt, der ihn sogar darauf vergessen ließ, seinen Frack aus- und seinen bequemen Haus- ... rock anzuziehen. 'tation Dellmzoim.(Seite 571.)„Verdammt sei die alte Hexe." 56(5 nichts, nichts!" Sein Zorn sank indes allmälich von der Höhe des Eifers, mit dem er sich demselben überlassen. Um so ruhiger er wurde, desto mehr schien er zu der Ueberzeitgung zu kommen, daß die Ursache, die ihn in diese Aufregung vcrsezt hatte, doch eine sehr geringfügige gewesen sei. Was war es weiter gewesen, als daß ihm kurze Zeit vorher, ehe er in sein Zimmer hinaus ging, die alte„Henker Lille" seine ihm im Gedächtnis gebliebene sehr widerwärtige Bekannte vom Dreikönigstagc her, mit anderen ihres Gleichen aus deni„Verbrecher-Salon" kommend, begegnete, die hart an ihm vorüberstreifend, ihm lachend zuflüsterte:„'S fehlt einer! Lergeßl's nicht." Das hatte ihn schwer erregt, jedoch er war wieder ruhiger geworden und wechselte nun seine Oberkleidung, sich dann auf's Sopha streckend. Seine größten Feinde waren seine Gedanken. Wenn er allein war, sezten sie ihm furchtbar zu und gingen dann, Ivcnn er sich abgeniüht fühlte, sehr oft in seine Träume über, ans welchen er incist angst- schwizend anfivachtc und für die Nachtdaucr eS mit dem Wiedcr- cinschlafen meist gänzlich vorüber war. (Fortlkjling solgl.) Die Lnlirc her Alten. Bon Dr. Richard Ernst. (Schluß.) Nach Horaz haben die Satire gepflegt Pcrsius, Jnvcnal und Pctronius. Juvcnal's Satiren sind wahrhaft furchtbare Schilderungen römischer Korruption nnd legen mit rücksichtslosem Zorn und erschreckender Wahrheit die Elcndigkeit der Männer nnd die kolossale Schamlosigkeit der Weiber, die Habgier, Bc- stechlichkeit, Heuchelei, Niedertracht Geilheit und Frechheit, kurz den ganzen Gräucl moralischer Fäulnis blos, an welcher das kaiserliche Rom krankte. Jnvcnal, sagt Schere, hat die Farben stark aufgetragen; aber wenn man die übereinstimmenden Histo- riter als Zeugen abhört, wird man die Richtigkeit seiner Farben- gebung anerkennen müssen. Für alle Zeiten steht er unbedingt als einer der größten Sittenmalcr da nnd namentlich in seiner furchtbaren sechsten Satirc ist etivas von dem Geiste, womit Tante sein Inferno dichtete, Machiavelli seine Prinzipe schrieb und Michel Angelo sein Weltgericht malte. Dagegen wälzt sich Pctronius, der am Hofe des Nero ein Amt bekleidet haben soll, niit Behagen im Schmuze der Sittcnlosigkeit. Er schildert uns in seinem berüchtigten„Satirikon" mit märchenhafter Un- Verschämtheit, aber auch zugleich mit stilistischer Meisterschaft die Zeiten des Tibcrins, des Kaligula, des Claudius und Nerv. der Agrippincn und Messalinen, Zeiten,>vo Laster und Frevel sich zu wahrer Tollheit steigerten, Zeiten, in welchen die Spröß- linge der edelsten Römergeschlcchter sich von den erbärmlichste» Tyrannen feige hinwürgcn ließe», nachdem sie vor den elendesten Günstlingen im Staube gekrochen; Zeiten, wo ein Kaligula es wage» durfte, sich für den alleinigen Herrn des Bermögcns aller Römer zu erklären, wo mit der sklavenhnjtestcn Geduld nnd Unterwürfigkeit der Männer die ekelhafteste Unzüchtigkcit der Weiber sich verband, wo es guter Ton war, sich öffentlich der naturwidrigsten Bestialität hinzugeben. Diese Zeiten, wo alle Altersstufen, Geschlechter nnd Klassen bei hellen: Tage in viehischer Genußsucht wetteiferten, stellt Pctronius uns vor Augen. In den Gedichten des Martial, der arm nnd unbekannt aus dem spanischen Bilbilis nach Rom gezogen war, um sich unter Domitian im Glänze des Hofes zu sonnen, aber»ach langen Tagen der Not und Entbehrung enttäuscht nnd arm wie- der in die Heimat zurückkehrte, hat sich das schwere, doppel- schneidige Schwert der Satire, wie es Jnvcnal gehandhabt, zum leichten aber giftigen epigrammatischen Bolzen vcnvandclt. Er hat 14 Bücher Epigramme hinterlassen, welche das von den: jüngeren Plinius über ihn gefällte Urteil bestätigte, daß er näm- lich geistreich, wizig und beißend sei und Salz und Galle in seinen Schriften bis zum Ucbcrfluß sich finden. Plinius hätte hinzufügen können: auch eine gehörige Anzahl von Zoten.— In den zahlreichen satirischen Schriften des Lucia»(130—200 ii. Eh. aus Samosate in Syrien), des wizreichsten Schriftstellers unter den Alten, verspottet der Autor mit unerschöpflicher Laune nnd treffendem Wiz die Gebrechen nnd Verkehrtheiten der Zeit, vor allem die Gleisncrei, den Mystizismus und den religiösen Aberglauben, sowohl in dem absterbenden Heidentum mit seiner Mytcn- und Fabelwclt, seinen Opferfesten, Symbolen und Cere- monien, als auch in dem durch Märtyrer- und Heiligenwesen, durch Wunderglauben und Schwärmerei bereits entstellten Christen- tum. Auf gleiche Weise ergießt er die Lauge seines Spotts über die sittliche Versunkenheit nnd das leere, eitle Treiben großer Städte, über das Jagen und Haschen nach Ehren und Genüssen, über die Unverschämtheit, Hoffart und Eitelkeit der Gelehrten und Philosophen, welche die abgedroschenen Grnndsäze und Aussprüche ihrer Lehrmeister im Munde führen und mehr Gewicht aus die äußere Erscheinung, auf Bart nnd Philosophen- mantel legen, als auf praktische Grnndsäze für das Leben, über die geistlose und schwülstige Art der Geschichtsschreibung; auch die verkehrte Erziehung zieht er in den Bereich seiner wizigen Ausfälle, immer in der Absicht, neben einer heiteren, geistreichen Unterhaltung auch Besserung zu wirken, lachend die Wahrheit zu sagen(rickoucko ckicerc verum) wie Horaz sich ausdrückt*). Wenden wir uns wieder von der Satire im Sinne jener speziellen von den Römern kultivirtcn literarischen Gattung zum allgeincincn Begriff der Satire als Verhöhnung von Torheiten und Fehlern, so müssen wir auf das Volk zurückgreifen, das, wie auf sämmtlichen Kultnrgcbietcn überhaupt, so besonders auf dem Gebiet der Poesie und Literatur bahnbrechend war, das alle Völker des Altertums an Bildung übertroffcn hat und daher alle Zeiten mit seinem Lichte bestrahlt, auf das Land der Frei- hcit, der Schönheit, der Humanität, auf Griechenland. „Seinen Jambus erfand dcS ArchilochvS Grimm sich zur Waffe" sagt Horaz in seinem Briefe an die Brüder Piso über die Dichtkunst. Der Jambus(von dem gr. iambizei» spotten, lästern, fluchen, oder von iäptein werfen, schleudern**) war eine beißende Darstellung gewisser lächerlicher Torheiten, Schändlichkciten und Laster einzelner oder mehrerer Personen in Versen, deren Füße je ans einer kurzen und einer langen Silbe w— bestehen. Als dessen Erfinder bczw. Hanptrepräscntant gilt Archilvchos aus der Kykladcninscl Paros, der genialste aller älteren helle- nischcn Dichter, Zeitgenosse entweder des Romulus oder des Tullus Hostilius. Stach dem literarischen Mytns hatte ihm ein gewisser Lykambcs die Hand seiner Tochter Sicvbule, die er ihm srühcr zugesagt hatte, verweigert. Dafür wurde er von Archi- lochoS mit einem Spottgedicht angegriffen, das so schneidig und treffend gewesen sein soll, daß Lykambcs sammt seinen Töchtern aus Scham und Verzweiflung sich erhängt haben. Neben Archi- lochos, welcher von den Alten an Genie und Popularität dem *) ES gibt kaum einen klassischen Schriftsteller, sagt Lettens in 'seinem hebräisch geschriebenen Werk Hazephirah, der auf das moderne Leben so anwendbar wäre wie Lucian. Man nehme irgend eine seiner Schriften uno vertausche die Rainen darin mit Persönlichkeiten der Gc- gcnwnrt und man wird staunen und glauben, die Schrift sei erst gcstem verfaßt worden. **) Nach einer Sage hieß eine Zofe der Göttin Demeter(CcrcS) Jambe, welche den Kummer der Göttin über ihre geraubte Tochter Persephone(Proserpina) durch allerlei Scherz zu zerstreuen suchte.* 567 Homer nahegestellt wurde, von dem uns aber nur wenige Frag- Meute gerettet wurden, standen als Satiriker besonders in An- sehen Simouides(6T0 v. Ch.), der seine Geißel besonders über das schöne Geschlecht schwang, und Hipponax ans Ephesus (540 v. Ch.). Ter leztere, klein, hager und mißgestaltet, wurde, der Sage nach, von dem Bildhauer Bnpalus in karikircnder llebertreibnng dargestellt und r lichte sich dafür mit Spottvcrsen, durch welche er überhaupt seinen schlimmen Zeitgenossen furchtbar wurde. Eine hipponarischc Lobpreisung hieß daher bei den Alten ein poetisches Pasgnill. Seine größten Triumphe feierte jedoch der Geist der Satire bei den Griechen in der Komödie, dem Haupttummelplaz des satirischen Geistes. Es wird notwendig sein, bevor ans dieselbe eingegangen wird, einiges über das griechische Drama zu bc- merken. Das griechische Drama, sagt Schcrr, erscheint eng vcr- knüpft mit Athen, der glor-reichen Stadt, in welcher sich überhaupt alle vereinzelten Strahlen hellenischer Kultur wie in einem Brennpunkte sammelten, von welchem sie über den Erdkreis auf- gehen sollten. In dem verhältnismäßig engen Raum von Attilas Hauptstadt drängte sich binnen einer kurzen Reihe von Jahren eine große Zahl ausgezeichneter Männer zusammen, um. be- günstigt von der Freiheit eines demokratischen Gemeinwesens, im Staatsleben, in Wissenschaft und Kunst eine Fülle von Weis- hoit und Schönheit zu offenbaren. Athen war so recht die Stadt der Intelligenz der alten Welt. Hier lenkte ein Pcriklcs den Staat; hier brachte ein Phidias die höchsten Anschauungen und Gedanken des Hellenismus zur edelsten, vollendet schönen künstlerischen Erscheinung; hier lehrten nach einander Sokrates, vom delphischen Orakel als der Menschen Weisester begrüßt, dann Platon, der„Homer der griechischen Philosophie/ und Aristoteles, der universellste und systematischeste Kopf des Alter- '»ms. Aus Solons Gesezgebung hatte sich hier die Demokratie cutwickclt, diese der Vernunft am meisten entsprechende Staats- form, weil sie allein vom Recht des Menschen ausgeht und jedem Möglichkeit und Raum gibt zur freien Entwicklung seiner Fähig- witen und Kräfte gegenüber dem Drange des Bedürfnisses und der Schranke des Gesczes. Innerhalb dieser Demokratie, welche wit Athens hochherrlicher Rolle in den Perserkriegen das Hellenen- tum politisch und geistig repräsentirte, entwickelte sich die höchste Kunstform der griechischen Poesie, das Drama. � Die Anfänge der griechischen Dramatik verlieren sich in das Dunkel der Sage und ihr Ursprung führt ans den religiösen Kultus des Gottes Dionysos(Bacchus) zurück, wo man anfangs die begeisterten lyrischen Gesänge, die sog. Dityramben, welche von Chören z» Ehren des Gottes vorgetragen wurden, mit Tanz und Gebcrdcn verband, bis man allmälich zur Darstellung dev Inhalts dieser Gesänge mittels Rede und Handlung überging. diesen Ucbergang soll zuerst Solons Zeitgenosse Thespiv ge- macht und sich zur Schaubühne eines mit Brettern bedeckten Karrens(Thespiskarren) bedient haben und zwar derart, day er uns dem Karren oder Wagen eine bekannte Person in Bewegung, Gebcrden. Reden und Handlung nachahmte, mährend der Chor. damals noch als Satyrc verkleidet, um den Wagen herum tanzte. Der erste Gegenstand, den Thcspis in dieser Weise„aus d.e Bretter brachte," war kein Geringerer, als Solon selbst,.lus der einzelnen darstellenden Person wurden allmälich mehrere Schauspieler, zum Monolog gesellten sich Wcchselgespracke. Aus diese Weise entivickelte sich das Drama und schon zur Zeit ver Perserkriegc und in den nächsten Jahrzehnten blühten die groyten dramatische» Dichter Aeschylos. Sophokles und Euripide.' welche das ernste Drama, das Trauerspiel, die Tragödie) tra» � ,?as Wort Tragödie wird gewöhnlich Bocksgesang übersezt(von Äetw- und ode Gesang), indem entweder der Siegespreis bei den geofiferf"6" cin Bock geweseil sei, oder bei deil Dionysosfcsten ein Bock vorftln. Murde, oder auch weil der singende imd tanzende Chor Satyrc Melche zum Gefolge des Bacchus gehörten und mit Bocksfüßen trv, to■ wurden. Wahrscheinlicher aber erscheint die Ableitung voii sicb„.�"uhesen, Träbermost, indem die Winzer an den Bacchusfesten Mit to' c und Epheu zu bekränzen und ihr Gesicht und ihre Hände loiirS Il-He'en.*U beschmieren beziv. zu schminken Pflegten. DaS Wort aljo mit Kelter- und Mostgesänge wiederzugeben sein. zur höchsten Vollendung brachten. Ans die Tragödie folgte häufig cin scherzhaftes Satyrspiel, von dem nns nur ein ein- ziges Muster aufbehalten blieb:„Ter Kyklop" von Euripides, ein köstliches Stück. Aus diesen Satyrspielen entwickelte sich die griechische Komödie*), die etwas später als die Tragödie ihre höchste Blüte erreichte. Man unterscheidet an der attischen Ko- mödie eine alte, eine mittlere und eine neuere. Die wahre und rechte ist die alte, d. h. die politische, welche in schrankenlosem Walten des Spotts Zustände und Personen der Wirklichkeit und Gegenwart zu ihrem Vorwurf nahm(während die Tragödie ihren Stoff den Myten und Heroensagen entnahm). Auch in der Komödie war es Athen, wo dieselbe ihre volle Bedeutung als Kunstform erhielt und hier zeigte sich in ihr ein absolut demo- kratischer Geist, der mit einer schrankenlosen Freiheit, wovor uns polizirten Epigonen die Haut schaudert, alle göttlichen und mensch- lichen Verhältnisse, den Staat in seiner Gesammtheit wie in seinen einzelnen Repräsentanten und Führern, in das Bereich der Komik, der Ironie, des Wizes und Hohnes hereinzog und das ganze politische, sittliche und geistige Leben der damaligen Zeit malte und strafte. Platonius, ein alter Schriftsteller über Komödie, bestimmt ihren Zweck deutlich dahin:„daß die Rechts- gleichheit eingeführt und das Volk zur höchsten Gewalt in Staats- fachen erhoben würde." Die Freiheit der Komödie war gesezlich sanktionirt, Perikles selbst mußte ihren Spott vielfach ertragen und sogar ein Kleon, der von ihr so heftig und bitter verfolgt, so schonungslos an den Pranger gestellt wurde, wagte es nicht, ihr Zügel anzu- legen. Die attische Komödie, sagt R. Ziikolai, die jüngste Form der griechischen Nationalpoesie, von Kratinos begründet und von Eupolis veredelt und reich patriotisch befruchtet, gedieh unter den Händen geistesverwandter Wortführer zum Organ der Oeffcntlichkcit und entfaltete, zeitweilig durch Beschränkungen von Staatswegen und durch Gewalt niedergehalten, in Perikles' Zeitalter schnell und mächtig unter dem Schnz der erstarkenden Demokratie ihre volle Blüte. Erfinderisch und ohne an Tradition oder überlieferte Formen gebunden zu sein, folgt sie frei, mit Satire und Parodie gerüstet und getrieben vom Geist des Wizes, der Laune und des Mutwillens, dem Zuge ihrer Genialität, sucht, indem sie Ernst unter Scherz, Kontrast und Frivolität ver- hüllt, zu ergözen, den Geschmack zn läutern und das Urteil der Menge frei und intelligent zn mache». Nicht als leichtsinnige Volksbelnstigcr oder Umstürzler, sondern als Vertreter der Frei- heit, durchdrungen von dem Bewußtsein, daß Athen, die Metro- pole des Ruhms und Glanzes, dem Verfall entgegeneile, ge- boten die Komiker Einhalt und Vernunft, da es noch Zeit war. Vor ihrem Richterstuhl erfährt alles, was täuscht, zuchtlos ist und Wunden zeigt, im Staatsleben, in Gesellschaft. Schule, Haus, Kunst, Literatur und Religion, eine nicht tiefe, aber strenge und wohlmeinende Zensur ohne Gunst und Unterschied: der erhabene Olympier Perikles in seiner menschlichen Schwach- heit, der Demagog wie der Aristokrat, der kriegslustige, ver- hätschelte Alkibiades wie der gcfttrchtete Sykvphant, die ganze Bürgerschaft in ihrer Schlaffheit, Unschlüssigkeit und Urtcilslosig- keit, in ihrer Laune, Willkür und Uebcrhebung, in ihrer Pro- zcßsucht und Geldgier; die modcsüchtigen, unsittlichen Weiber, die unreife, von sophistischer Krankheit angesteckte Jugend, die Auswüchse des Geschmacks in Poesie und Kunst, kurz alles was der öffentlichen Kritik bedurfte. Selbst Götter und Heroen mußten es sich gefallen lassen, in ihren Schwächen und Blößen dargestellt und unsterblich lächerlich gemacht zn werde». Die alte Komödie, welche im athenischen Gemeinwesen dieselbe Bedeutung hatte wie in den neueren Staaten die Tagespresse der Oppv- sition, gibt so das schönste Zeugnis sowohl von der großen Ans- dehnung der demokratischen Freiheit in Athen, als von dem gut- mütigcn Humor des Volkes, das solche Strafreden und Znch- tigungen über sich ergehen ließ, und von dem sittlichen Ernst der Dichter. *) Komos ein feierlicher licher Prozessionsgesang. Auf- oder Umzug, also UmzugSlled, fest- rr Als Schöpfrr und Vertreter der Komödie, dieser„Tot der absoluten Heiterkeit", wie sie Rötschcr genannt hat, werden sol- gcndc Nomen genonnt: Epichormus, Phomis, Krotes, Krotinns, Magnes. Enpolis, Pherekrotes, Amipsios, Phrynichos, Thcophilos, Telckidcs, Philomedcs. Sie olle ober überragt um Hauptes Länge Aristophanes, der„un- gezogene Liebling der Grazien", der,.Grazienschlingel des Altertums", schlechtweg der Komiker genannt, der zur Zeit des pcloponnesischen Kriegs zu Athen als Bürger lebte. Aristophanes' Phantasie ist ungemein reich, seine kritische Kraft erstaunlich, seine Gestaltungsmacht bewundernswert, sein Stil neben haar- sträubender Zotcnrcißerei auch des Hochpatetischen Ausdrucks und leichtester Grazie fähig. Sein Genie glänzt in der Beherrschung von Gegensäzen, wie sie nur das Lustspiel enthalten kann, in schöpferischer Erfindung neuer überraschender Bilder, in sprn- delnder Fülle scharfen kecken Spottes, der selbst die höchsten Götter nicht schonte, untcrstüzt durch einen gewandten, fließenden Dia- log voll attischer Lauge, wie in der Kunst, mit Leichtigkeit von Scherz zum gediegenen Ernst überzugehen. Schon im Ton, im Rhytmus und Ausdruck künden sich Karakter und Situation an, hier Mutwille und Keckheit, dort Pracht oder Ernst und Würde. In wohlklingenden von Harmonie getragenen Versen entfaltet Aristophanes, das Prototyp des glücklichsten Humors, die Ele- ganz und Reinheit einer kanonischen Sprache,'"die reich mit den edelsten Schäzen des tragischen und populären Stils geklärt, schwungvoll in Ton, anschaulich durch Bild und sinnig, lebendig im Vortrag, spruchrcich, körnig und präzis ist und auch in den jüngsten Dramen, wo das Feuer erkaltet, der Vortrag öfter an die gewöhnliche Konversation streift, der Dialog lässig, weit- schwcifig und geschwäzig wird, noch leicht, fließend und färben- prächtig bleibt. Aristophanes war der Liebling der Alten, seine Komödien werben Werke von göttlicher Kunst genannt und er wird ge- priesen als der mutige Sänger, der hellenischen Sitte Maler und der komischen Kunst Meister. Dem„göttlichen" Platon selbst wird das Epigramm zugeschrieben: Als die Chariten*) einst einen ewigen Tempel sich suchten, Wühlten, Aristophanes, sie deine Seele dazu und es heißt, er habe Aristophanes' Werke stets unter seinem Kopfkissen gehabt. Von den 50—60 Komödien, die Aristophanes geschrieben, besizcn wir noch 11. Diese Reliquien sind ohne Zweifel die Blüte der alten Komödie und sie sind eine uner- schöpfliche Fundgrube des pikantesten attischen Salzes, welche sowohl von der tiefen Menschenkenntnis, dem Wahrheitssinn und der Vaterlandsliebe des Dichters Zeugnis geben, als von dem Reichtum seiner Phantasie, die im Himmel wie ans Erden, unter Barbaren wie unter Hellenen wandelt und überall ein Feenland schafft, in welchem dennoch die Wirklichkeit sich spiegelt. Rur muß man, um sich voll daran zu erquicken, nie vergessen, daß er nicht für ein Polizeivolk wie wir sind, sondern für ein Naturvolk dichtete, welches, die Abstinenz und Prüderie nicht kennend, vor dem Nackten nicht heuchlerisch zurückschrak und bei dem daher alles Natürliche seine Berechtigung hatte. Unter den Meisterwerken des Aristophanes das Meisterwerk ist das Lust- spiel„Die Vögel", worin der Dichter die Athener bei Gelegen- heit jener unheilvollen Expedition, welche mit den: Untergang des athenischen Heeres endigte, von ihrer schwindelnden Unter- nehmungssucht, von ihrem leichtfertigen Baue» von Luftschlössern abzumahnen sucht, indem er ihre maßlosen Entwürfe und hoch- fliegenden Pläne verspottet durch eine von den unruhigen Athenern in den Lüften aufgerichtete Vogelrepublik Wolkenkukuksheini. Ein Füllhorn von Schönheit schüttet er häufig in seinen Chor- gesängen aus. Um eine einzige kleine Probe aristophanischer Poesie beizufügen, sei aus de» Vögeln die Stelle angeführt, wo der Wiedehopf die Nachtigall ruft: Auf, traute Gespielin, verscheuche den Schlaf, Laß strömen der heiligen Lieder Musik Aus der göttlichen Kehle, die klagend ertönt, ♦) Grazien. Wenn um Iths*) du weinst, uu'er Schmerzenskind, Auswirbelud iu trüncnbenezteiu Gesang Deine bräunliche Brust. Rein schwingt sich der Schall durch der Erle Gezweig Rachhallend empor zu dem Trane deS Zeus, Wo der goldengelockte Apollo« il»« lauscht, lind die elfenbeinerne Harj' anschlagt, Zu erwidern dem Klagcgetön', und den Reih'» Der Olympier sührt; Dann weht von unsterblichen Lippen ein Hauch, Einstimmend mit dir, In der Seligen göttliche Klage**). Damit verlassen wir den Aristophanes, in dein die alte Komödie ihre höchste Blüte en eicht hat. Mit dcni Untergang der unumschränkten Demokratie hörte die alte Komödie auf und als die 30 Tyrannen die persönlichen Angriffe auf der Bühne verboten, entstand als Uebergang zur neueren die mittlere Komödie, welche einen bei weitem zahmeren Ton anschlug. Tie frühere Verhöhnung angesehener Machthaber im Staate mußte unterbleiben und die Muse des komischen Tcatcrs sich darauf beschränken, die Lächerlichkeiten der Menschen im allgemeinen oder doch nur einzelner Stände und Menschenklassen unterge- ordneten Ranges, wie Handwerker, Bauern, Schmarozer, Hetären k. zu verspotten. Dabei gab man in gehaltreichen Sprüchen und Säzen eine gesunde, den Verhältnissen der bestehenden Ge- sellschast angemessene Lcbensphilosophie. Unter den Komikern dieser Periode sind besonders zu nennen Antiphancs aus Rhodos (circa 380 v. Ehr.); Anaxandrides; Alexis aus Thum und Timokes, ein Zeitgenosse des Demosthcnes. Die durch die mittlere Komödie angebahnte Umwandlung vollendete sich iu der neueren Komödie, welche in der monarchischen Zeit wurzelt, noch gemäßigter und ehrbarer auftritt und unserem jezigcn Be- griff von Lustspiel entspricht. Die Dichter erfanden eine ordent- liehe Fabel oder Jntrigue, deren Handlung sich im häuslichen und bürgerlichen Leben bewegte. Familienverhältnisse, Liebes- Händel und dergleichen bildeten den Stoff dazu. Ihre Vorzüge bestehen in Sittenschilderung und Karakterzeichnung. Von poli- tischen Beziehungen hielt man sich wohlweislich fern. Listige Sklaven, lockende Hetären, feurige Liebhaber, polternde oder gutniütige Väter, leichtsinnige Söhne, militärische Prahlhänse u. waren stehende Bühnenfigurcn. Der Einförmigkeit des Stoffs entsprach die herabgestimmte, ordinäre Sprache, der matte Ton und die eintönige, unkorrekte Metrik. Der berühmteste Lust- spieldichter dieser Art war Mcnandros ans Athen,(342— 290). Er war das Vorbild des römischen Koiuödiendichters Terenz, wie sein älterer Zeitgenosse Philemon mit seinem weniger geglätteten Volkston dem Plantus, dem Vater der römischen Komödie, als Muster diente; wie denn überhaupt die Römer ihr poetisches Licht an der Fackel der Griechen anzündeten. Die Genannten. Plautns(f 184 v. Eh.) und Terenz(h 159 v. Eh.), beide ehemalige Sklave», sind die bedeutendsten Rc-| Präsentanten der römischen Komödie, welche denselben ihre kunstmäßigste Ausbildung verdankt. Ist der erster?, dem im Alter- j tum 130 Stücke zugeschrieben wurden, von welchen aber nur 20 ans uns gekommen sind, durchaus Volkslustspieldichter, ch 1 ist der andere, von denen wir 6 Stücke besizcn, der Schöpfer des höheren Gescllschaftslnstspicls. Für die Kraft der Empffn- dung und Gestaltung, die ihm abgeht, weiß er durch einen ge-> bildeteren Stil und zierlichere Verse zu entschädigen. Auf die- Entwicklung des modernen Lustspiels übten die Stücke von Plantus und Terenz einen beträchtlichen Einfluß. Der Geist der Satire beschränkt sich indessen nicht aus die ge- dachten literarischen Formen, die er ans sich selbst erzeugt hat- Er weiß sich vielmehr überall einzuschleichen und wie der neckische Kobold Puck in den Elfenmärchcn treibt er bisweilen seine» Spuk fast in sämmtlichen Gattungen der Literatur. Er iviirzt mit seinem Salze die stteden im Forum wie iu den Volksver- sammlungcn und die Lchrvorträge der Philosophen, er läcksttt *) Jtys, Sohn der Prinzessin Prokne, welche in eine Nacht vcnvandelt wurde und daher Ith Ith ruft. **) Nach der vortrefflichen lkebersezung von S chnizcr, die wir alle' die den Aristophanes nicht im Original lesen können, warm cmpst'h"' aus bcu Gesängen der Epiker, er prickelt selbst in der feier- lichen Lyrik. Insbesondere aber schärst er den Pseil der Epi- grammatik und tränkt dessen Spize mit seiner üzenden saure. Er tritt auch zuweilen in drastischer Form auf, wie bei dem wizigen Cyniker Diogenes, der z. V. die platonische Definition von Mensche», derselbe sei ei» federloser Zweisiißler, auf handgreifliche Weise lächerlich machte. Er brachte einen gerupsten Hahn in die Schule und sagte: Sehet hier den platonischen Menschen. Als er einmal einen ungeschickten Bogenschnzen Scheibenschießen sah, stellte er sich gerade bei der Scheibe hin und bemerkte: Hier bin ich sicher, nicht getroffen zu werden. Eine beißende Satire, die auch im 19. Jahrhundert gut auge- bracht wäre, war es auch, als er am hellen Tage mit einer brennenden Laterne umherging und sagte: Ich suche Menschen. Gottsched, Götze, Hessing. Ein Stück Kulturgeschichte. (3. Fortsezmig.) Im Vorhergehende» haben wir die Zeit, in der die drei Männer wirkten, welche das Tema dieses Aufsazes nennt, die Zustände und Menschen, deren Leben und Streben, soweit es für den Zweck unserer Darlegung nötig schien, kurz zu karakterisiren ver- sucht. Daß eine solche wie jede Kultur- geschichtsepoche sich in den Mensche», die in ihr gelebt haben, widerspiegelt, — wer sollte das nicht natürlich finde»? Sollte, sagen wir, denn es ist eine tausendfältig zu beweisende Tat- suche, daß die zur Gewinnung einer auch nur halbwegs vernünstigen Welt- »iid Lebeiisanschauung unerläßliche Ur- teilsreife sich nur bei wenigen Leuten entdecken läßt, jene Urteilsreife, welche den Menschen, eben so gut wie alles, was da ist in der Welt, als ein Ge- schöpf der ihn umgebenden Zustände, der ihn uniwebenden, körperlich und geistig nährenden Welt auffaßt. So ist es denn auch vielen Kindern der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts sche zu unrecht übel genug ergangen, da man über sie, ihr Dichten und Trachten, ihr Tun und Lassen urteilte, ohne den Boden in Betracht zu ziehen, dem sie entsprossen sind, die geistige Atmosphäre, welche ihnen die Keime ihres Denkens, die Befruchtung für ihr Wirken zuführte. Einer von denen, welche solche Nn- Z-WW-ZM mm Beginn der akademischen und schriftstellerischen Tätigkeit Gott- scheds ein wahrhaft vernichtendes Urteil. „Unter Menkens(des Hofrat und Herausgeber der nach Tho- masius Anregung in deutscher Sprache erscheinenden Acta enjditorura) Protektion" schreibt Schlosser*)„ward Gott- sched anfangs ohne wahres Verdienst nur durch die Künste berühmt, wodurch schlechte Schriftsteller und elende Lehrer noch gegenwärtig groß werden. Er machte Partei, er lobte das Elende, er suchte den Lohn geistiger Arbeit nicht in sich, sondern außer sich in Ruf und Namen, er warb kriechend, das Arm- selige lobend und befördernd, Anhänger, die auf seine Worte schwuren, er rezen- strte; machte Lärm und Aufsehen. Wir haben schon oben bemerkt, daß er gleich- wohl durch Kleinlichkeit uud Nieder- trächtigkeit der Nation und ihrerBil- dung nüzlicher ward, als ein großer Geist unter den damaligen Umständen ihr hätte werden können. Ei» großer Geist wäre dem herrschenden Pöbel unterlegen." Wenn Schlosser hierin zugibt, daß Gottsched der deutschen Nation grade durch die Kleinlichkeit seines Strebens und die Niederträchtigkeit seiner Ge- sinnung und Handlungsweise befähigt worden sei, dem deutschen Volke»iiz- lich zu werden, so tut er dem Manne e»t- schieden unrecht, wie nicht nur nach dem Stande der gegenwärtigen Forschungen geurckeilt werde» muß, sondern auch ohne diese, wenn mau nur jene von uns oben gekennzeichnete Objektivität des Urteils walten läßt. Gottsched trat von vornherein mit der Absicht auf, die deutsche Sprache und dann auch die deutsche Literatur, die, wie tvir gesehen haben, beide sehr int argen lagen, zu refvrmire». Das war gewiß nicht nur ein löblicher, sondern sogar ein großer Gedanke. Um ihn ausführen zu können, brauchte er eine ein- flußreiche Stellung, die er sich verschaffen mußte, so wie man sich damals eben Stellung und Namen erwerben konnte. Er sezte sich daher mit möglichst viel einflußreichen Leuten in Verbindung, schmeichelte ihnen, widmete ihnen seine Schriften und bat sie um ihre Fürsprache; dann warb er sich durch seine 1725 beginnenden Vorlesungen als Magister auf der leipziger Universität und durch sein Wirken in der„deutschübenden pve- tischen Gesellschaft" Freunde und Anhänger,— kurz er bemühte sich, vorwärts zu kommen und Einfluß zu gewinnen, wie es heute noch nicht blos„schlechte Schriftsteller und elende Lehrer", sondern die meisten Schriftsteller und Gelehrten— schlechte uud gute— tun. *) Geschichte des 18. Jahrhunderts. V. Aufl. Bd. I. Seite 569. Ter Liebesbrief.(Seite 572. Und heutzutage ist der„Manuesstvlz vor Königstroncn" wenigstens eine vielgebrauchte Redensart; heutzutage ist un- zweifelhaft, daß man durch die Tüchtigkeit seiner Leistungen allein,— wenn das Glück gnt ist,— auch zur Geltung kommen kann, vor anderthalb Jahrhunderten war von beiden nicht die Rede. Gottsched handelte nicht schlechter, als die andern in ähnlichen Verhältnissen, sondern so gnt, als die Guten seiner Zeit, so, als es überhaupt anging, ohne zwischen den Klippen der Vorurteile, an den Untiefen der jämmerlichen Zustände von damals unfehlbar Schiffbruch zu leiden. Aber er„lobte das Armselige, er machte Lärm und Aus- sehen." Freilich! Indes das Armselige, was Gottsched lobte, war immer noch besser, als das, was er tadelte, es war das relative Gute, und es ist ihm nirgend nachzuweisen, daß er wider bessres Wissen heuchlerisch angepriesen, was er selber für schlecht hielt. Und daß er Lärm und Aufsehen machte, war sogar sehr vorteilhaft, denn je mehr das Aufsehen wuchs, welches Gottscheds literarische Bemühungen, insbesondere seine Streitigkeiten machten, desto mehr wuchs auch das Interesse an der Literatur überhaupt,— er war es zuerst, der die Mittelklassen der Bevölkerung für schriftstellerisches Wirken zugänglich und empfänglich machte. Derjenige deutsche Literaturgeschichtsforscher, welchem wir die am tiefsten eindringenden Studien und die wichtigsten Ausschlüsse sowohl über Gottsched als über Lessing und seine Zeit verdanken, Danzcl, weiß dem Vielgcschmähtc» besser gerecht zu werden, als Schlosser. „Gottsched", sagt er*),„hat nicht blos in dieser oder jener Beziehung oder etwa i» besonders vielen Beziehungen Sprache und Geschmack gereinigt, so daß er nur auf demselben Wege fortgegangen wäre, auf welchem ihm andre vorangegangen waren, und seinen Rachsolgevn wiederum manches in derselben Weise zu tun übrig gelassen hätte, sondern er hat mit eiserner Konsequenz auf entschiedenen Sinn für Korrektheit überhaupt, auf eine durchgängige Gcschnlthcit hingearbeitet. Dafür sind wir ihm bis aus den heutigen Tag Tank schuldig. Er hat dadurch, daß er den Gesichtspunkt der sor- mcllcn Bildung ausschließlich festhielt,— weshalb er auch, da er auf die Alten hinweisen wollte, vielmehr auf die Auffassung derselben, die sich bei den Franzosen eingebürgert hatte, hin- wies, denn diese hatten soeben mittels des Anschlusses an die- selben eine ähnliche Periode des Ungeschmacks übenvundc», wie er sie zu bekämpfen hatte,— eine feste nationale Grundlage des deutschen Schrifttums gefunden, auf der wir heute noch sortbanrn. Wir verdanken Gotticheden die ausdrückliche, nicht blos gewohnheitsmäßige Feststellung der deutschen Schriftsprache. Es ist von jeher viel darüber gespottet worden, wie er das Deutsch der oberen Klassen des meißner Kreises als alleinige Richtschnur habe ausstellen wollen und mit welcher Pedan- teric er dabei verfahren. Was die leztcrc anbetrifft, so war sie solange notwendig, bis die Sache sich soweit festgesczt hatte, daß das Anderweitige als auf jener Grundlage wurzelnd und nicht mehr vor oder neben ihr aufschießend betrachtet werden konnte, und daß er im einzelnen größtenteils mit gesundem Sinn Verfahren, zeigt der richtige Takt, mit dem er sich durch die puristischen und ortographischcn Bestrebungen der Zeit hindurchwindct. Daß aber Gottsched grade das Meißnische zur Schriftsprache zu machen gesucht. zeugt nicht nur von einem richtigen historischen Blick, da ja die Bibelübcrsezung in Sachsen entsprungen war und das Schlesische, welches durch die Dichter der nächst vorhergehenden Zeit verbreitet war, mit dem Meißnischen dem Ursprünge nach dasselbe ist, sondern ist ihm auch insofern zu nichts weniger als einem Vorwurfe anzurechnen, als er selbst von Geburt weder ein Sachse noch ein Schlesier war, und also hierin nicht aus Gewohnheit und Bequemlichkeit, sondern aus Ucberzcugung gehandelt haben kann.—— Und hätte er alle Winkel des heiligen Römischen Reiches deutscher Nation durchsucht, er würde nichts gesunden haben, was besser zu diesem Zwecke(der Rc- generation des deutschen Schrifttums) getaugt hätte. Gottsched hat etwas Großes zuwege gebracht, das darum, weil es uns hinterher als etwas erscheint, das sich von selbst versteht, nur um so größer ist." In diesen Worten des trefflichen leipziger Forschers haben sich uns zwei hochbedeutende Seiten der Wirksamkeit Gottscheds enthüllt, einmal seine mit der eifrigen Energie und Beharrlichkeit, die den Mann überhaupt auszeichnete, unterhaltenen Bemühungen, den Sinn für Korrektheit, für Vernünstigkcit, Klar- hcit und Deutlichkeit in der Schriftstellenvclt zur Herrschaft zu bringen, und dann seine Einführung des meißnischen Deutsch,— welches als der ausgcbildetste und ausbildungsfähigstc der deutschen Dialekte besonders geeignet war, als allgemeine deutsche Schriftsprache zu gelte»,— und damit überhaupt die Schöpfung einer allgemein gültigen Schriftsprache in Teutschland. Sein Streben»ach Bernünftigkcit und Deutlichkeit in den Werken der schönen Literatur mußte Gottsched in Konflikt mit de» Schlesicrn und ihren Jüngern bringen. In seinem ersten großen Werke geht er ihnen denn auch mächtig zu Leibe. Dasselbe ist 1730 zu Leipzig erschienen und> war betitelt:„Versuch einer kritischen Dichtkunst vor die Deutschen, darin erstlich die allgemeinen Regeln der Poesie, hernach alle besonderen Gattungen der Gedichte abgehandelt und mit Erempeln' erläutert werden, überall aber gezeigt wird, daß das innere j Wesen der Poesie in einer Nachahmung der Natur bestehe." Wie er den Schwulst und den Unsinn, welche das Grund- übel in der Literatur jener Zeit bilden, bekämpft und wie seine j Sprache nicht nur den Sprachproben, die wir im Vorhergehenden j gegeben haben, weit überlegen ist, sondern sogar dem Hochdeutsch I der Gegenwart sehr nahe kommt, mögen folgende kurze Eitatc aus dem cbcngenanntcn Werke beweisen. „Gewiffc Leute," sagt Gottsched in§ 20 der„Eritischcn Dichtkunst," verstecken sich in ihren Mctaphorcn(bildliche,„der- j blümte" Redensarten) so tief, daß sie endlich selbst nicht wiffen, Ivas sie sagen wollen. Man sieht alle ihre Gedanken nur durch eiucn dicken Staub oder Nebel. Der klarste Saz wird durch ihre» poetischen Ausdruck vcrsinstcrt: da doch der Gebrauch vcr- blümter Rede» die Sachen weit lebhafter vorstellen und empfindlicher machen sollte. Es ist wahr, daß Unverständige zuweilc» l eine so blendende Schreibart desto mehr bewundern, je wcnigkr sie dieselbe verstehen: allein Kenner gehen auf den Kern der! Gedanken, und wenn derselbe ganiicht oder doch kaum zu errate» ist, so schmeiße» sie ein solch' Gedichte bcyscitc." Und 24 und 25:„Damit es meiner Abhandlung nicht an allen Erempeln von solche» Blümchen fehlen mögc: So will ich dieselben anS einem neueren, zu Altdorf, erst im vorige» Jahre gedruckten Boge» entlehnen.— Folgende Redensarten »u» halte ich für lauter PhvbuS(Bombast), wenn der Poet, schreibt: Titans frohes Licht stralc nüt neuen Blizen und wache die saphirne Burg zu Hyacinthc». Ein Trauriger heißt'h"' ein solcher, der Egyptens finstre Nacht statt Gosens Sonne küsi"- I Die Lilie lacht mit reinstem Silber, ihr bcmilchtcr Tron die Perlen schamroth. und ihr Atlas sinkt ms Verwesungsrcich. 11. s. w.——„Und so will ich einen jeden fragen, ob»»'" wohl mehr verschiedene Tinge in 16 Zeilen hätte durcheinandtt mengen, oder d iu Scheine nach miteinander nennen können, dieser Poet wirklich getan hat?-- Wir müssen n»"»'�1 die Stelle selbst sehen. §,'cr i'.1 das Kanaan, das güldnc Blumen trägt, Titans strahlen nie in Thctis Wellen steige». Kein Wetter, lein Orkan darf ihren Purpur bleiche». V!Ct!!',!n Regenguß, der ihren Schmuck zerschlägt. 'r)1Cv 1'=. r i1 totchcr Lenz, der bald die Sonne zeigt, Und das schinaragdnc Zelt mit Perlenwaffer tränket, Bald aber Schnee und Eis statt holder Blume» scheutet. Vier wnd das Roscnblut durch keinen Frost gebleicht. wbes'P-W' ödÄÄ. J Ii"®,.™ gelobten Land des Himmels nickt zu finden. ..-seyeln und verbannt von dieser Sonuenhöh. Xl" �"""Zuckerbrot und süßes A.nbroun, i-icktar slicyet hier durch diamantnc Auen, « ,l,ur Vonigscin, und Allicant zu schauen, ckmbra und Zibcth die Blumen übcrziehn. 571 Tics ist nun ein rechtes Meisterstück durcheinander gewirrter Metaphoren, und andrer übel ausgesonnener verblümter. u.- drücfnngcn. Nichtsdestoweniger hat sich unser Vatcrlanc, ein grraume Zeit her, in dergleichen gefirnißte Vcr,c aufS"ufiei, verliebt gehabt: und man hat keine» für einen Poeten halten wollen, der nicht diese hochtrabende Sprache reden kennen. v>e C S« iL' schwülstigen Geist ist das Lesen der alten Lateiner und neueren Franzosen. Wer sich die Schönheiten des Tcrcnz, Virgils, Horaz und Juvcnals bekannt mid geläufig gemacht hat; wer den Boilean, Racine, Corneille und Moliere mit Verstand gelesen und ihre natürliche Schönheit der Gedanken kennen gelernt: der wird gewiß unmöglich auf eine so seltsanie Art des poetischen Aus- druckcs verfallen; gesczt, daß er auch noch so erhaben zu schreiben gesonnen wäre." igorlscjung folgt.) Tic �ronnunft der Tt. Kotthard stiscnbahn Station Bellinzona. imiftmiion s. S. 564 n. 565.) Das bciiihinlc Wort des Sophokles: < irtes<6civnltiqe lebt, doch nichts ist gewaltiger als der Mensch" hat der Vollendung der im vorigen Monat rröfinctcn Gotthardbahn ne neue glänzende Bestätigung gesunde». Tic ganze zivilisirle Mensch- e" nimmt freudigen Anteil am Gelingen dieses großartigen Kultur- ho tenedcnsweikes und sciertc im Geiste den Fe,»tag der Eröffnung � ausgenommen etwa die Unterzeichner der samosen Petition sud- eutscher Landwirte an den Reichstag, worin eS u. a. hieß:„Möge tr hohe Reichsiaa bei.Reite» Sorge tragen, daß nicht durch die neue» . e— v�... über unsere nusgenomnieii etwa oie uiuct�Q........ uticher Landwirte an den Reichstag,»vori» cS u. a. hieß:„Möge � hohe Reichstag bei Zeiten Sorge tragen, daß nicht durch die neuen . ehrswege eine lleberichiveniniung mit fremdem Getreide über unsere legneten Fluren hereinbreche. Wir wollen nicht die Frage a>ll erscn, od es gut gewesen, die natürlichen Schranke», welche e göttliche Allmacht zum Schuz der deutschen Landwirt- last errichtet hat, künstlich zu durchbrechen:c." Auch wir ," 0ie Frage nicht aufwerfen, ob cs gut geivesc», Narrenhäuser für Jidimbuen zu errichten, welche die göttliche Allmacht verrückt iverden »nd wollen lieber einiges über die Genesis dieser Bahn bemerke» och Bernek). Im Hinblick aus die ungemeinen Schwierigkeiten, welche ■Wnbets der Winter dem Ueberschreiten der schweizerische» Bcrgpässe in " Weg legte— sie waren gewöhnlich acht Monate verschneit und die hyn sur die Pvstschlitten niußte von Hunderten von Arbeitern not- �"g offen gehalten iverden— tauchte bereits anfangs der dreißiger ayre der Gedanke an eine Alpeneisenbah» auf. Doch dachte man "»alS»och nicht an einen Durchstich des Gotthards. Man warf die !"»e auf niedrigere Pässe und glaubte, dieselben leicht nberschieneu zu »nen. Nachdem verschiedene Projekte geplant waren, vereinigten sich tehrere schweizerische Kantone im August 1853 auf einer Konferenz in Zorn zu einer gemeinsamen llnterstüznng für Ueberschiennng des Gottardpasses. Nachdem im Juni 1860 eine zweite größere Konferenz zu- Wimen getreten war. bildete sich im September desselben Jahres im ?�iger Kantonsregienlnaen der Mittelschweiz, denen sich ins ��'um der schweizerischen Zentralbohn anschloß, ein Komlts, das am derjenigen Kantone nnd Gesellschaften, welche kme An- >l Griindungsaktien übernahmen, sich erheblich erweiterte. SiyH« säää m •ernber isfifl Konferenz aus Vertretern der �----—»niirof 'Ä"0 nnoeren AWß,-. W iwfA � tragen. Auf Anregung desselben rnu«... jy ui Bern eine Konferenz aus Vertretern der beteiligten aus- ��taaten zusammen. In 15 Sizungen wurde das Gotthard- '«ldelt und ihr Ergebnis war der bekannte Staatsvertrag voni 1869, welchem die schweizerische Bundesversammlung im „rtaiftp und dem im Oktober 1871 auch MM batte man ehandelt und ihr Ergeo».- wer 1869, welchem die schweizerische Bundesverfnn»».— 0 die Genehmigung erteilte und dem im Oktober 1871 auch erstandene deutsche Reich beitrat. In diesem Vertrag hatte man r die Linien der Bahn geeinigt; ferner waren darin über die guiig des Baukapitals von 150 Millionen die nötige» Bestim- getroffen; endlich wurde darin festgesezt, daß der Bau einschließ- ' Tunnel'" Rubren vollendet �sein a» der Spize konstiluirt halte und Baudirektor Gcrrig aus Karlsruhe als Obcringcnieur installirt worden war, begannen in Göschcne» am 4. Juni nnd in Airolo am I.Juli 1872 die Vorarbeiten, während die Direktion bereits mit dem Bauunternehmer Louis Favre aus Genf wegen Uebertragung der Tniinclbohruilg in Unterhandlungen stand, welche am 7. August ziiiii förmlichen Abschluß und bindenden Vertrag führten. Wir müssen bei diesem Manne ein wenig näher verweile». Louis Favre, geb. 1826 als Sohn eines einfachen Zimmermanns, cnt- wickelte schon früh, troz mangelhafter Schulbildung, bedeutende Anlagen. Mit 18 Jahren ging er, das Felleisen auf dem Rücken und 100 ersparte Frank in der Tasche, auf die Wanderschaft und ließ sich schließ- lich in Lyon als Zimmcrmeistcr nieder. Als solcher beteiligte er sich bei dcii Brlickcnbauten an der Mittelmeerbahn und ersann für das Ein- rammen von Pfählen in sumpfige Gründe eine neue Metode, die den hervonagendsteil Ingenieuren imponirte»nd auch volle Anerkennung fand. Es wurden ihm größere Arbeiten übertragen und bald beteiligte er sich bei Eisenbahnunteliiehmungen. 1872 wurde ihm der Durch- stich dcS Gotthard übertragen, dessen ungeheure Schwierigkeiten er mit eisernem Willen und bewundernswerter Ausdauer überwand. Leider erlebte er nicht mehr den Triumph seines Riesenwerks. Mitten in seiner aufreibenden Tätigkeit ereilte ihn der erbarmungslose Tod. Als er am 19. Juli 1879 einen französischen Ingenieur in den Tunnel geleitete, erlag er, wahrscheinlich infolge der druckenden Hize im Innern, einem plözliche» Schlaganfall. Er wurde in seiner Heimat, Chüne bei Genf, unter Begleitung von Tausenden begraben und der leztc Redner schloß mit den Worten:„Wenn einst die bekränzte Lokomotive durch den Tunnel braust, der zwei Völker verbinden soll, dann trage sie auf ihrem Schlot eine Trauerflagge zur Ehre und zum Gedächtnis des»nermiid- lichen Pioniers, der sich um die Menschheit ein unsterbliches Verdienst erworben, und diese Flagge trage die Jnschrist: Louis Favre von Gotthard! Tüchtigkeit! Ehrenhaftigkeit! Arbeit! Troz Favre's Tod wurden die Arbeiten uiiunlerbrochen sortgcsezt und mit Hilfe sinnreich konstruirtcr Maschinen und Apparate wurden die immensen Schwierigkeiten aller Art glücklich überwunde». Der völlige Durchschlag des Tunnels, dessen beide Halsten beim Diirchbruch fast haarscharf aufeinander trafen, erfolgte am Schalttag des Jahres 1880. Mittags 11 Uhr 10 Minuten, nachdem schon am Abend zuvor der Bohrer von Airolo durch die lezte Felswand gedrungen und Favre's Photographie durch die Leffiiung gewandert ivar. Das langersehnte, frohe Ereignis wurde nicht allein in der Schweiz durch Böllerschüsse, Musik, Beflaggung, Freudenfeuer und Festessen gefeiert, sondern auch in Deutschland und Italien durch sympatische Kundgebungen freudig begrüßt. 7 Jahre und 5 Monate hatte der Durchstich in Anspruch genommen. Dabei wurden 500 000 Kilo Dynamit verbraucht, 320 000 Löcher gebohrt und 1 650 000 Stück Bohrer abgenüzt. Es tvaren tag- lich durchschnittlich 3500 Arbeiter tätig.(®ie|e Zahlen beziehen sich indes nur auf den„Firststollen", d. h. den ersten Durchstich, der un- mittelbar unter der obersten Längelinie hinlies; der völlige Ausbruch und die Aufmauerung u. f. f. nahmen noch fast 3 Jahre in Anspruch.) Der höchste Punkt der Bah» liegt mit 1154 Meter über Meer im großen Tunnel. Da das Portal Göschcnen 1109 Meter Meereshöhe zeigt, so hat die Linie im Tunnel bis zum Scheitelpunkt 45 Meter zu steige», um dann wieder bis aus 1145 Meter— die Portalhöhe bei Airolo— abzusinken. Der Tunncl läuft von Göschcnen aus 14,787 Meter in grader Linie, dann aber 125 Meter in einer Curve: Die Fahrt durch den Tunnel beansprucht etwa 26 Minuten. Die ganze Bahn von Luzern nach Mailand, welche in 10 Stunden befahren wird, zählt 62 Tunnels in der Gesammtlänge von 41 Kilometern, ferner 32 Brücken, 10 Viadukte und 24 Uebergänge. Der Preis der Fahrt ist auf 25 Frc. fest- gesczt.— Bernek, unser Gewährsmann, gedenkt in seiner Darstellung mit warmen Worte» der bei dem großen Werke tätig geivesenen Arbeiter. Es sei eine heilige Pflicht, sagt er, des Heldentums der armen Arbeiter, meist Italiener, zu gedenken, mit welchem sie ihre lebensgefährliche Mission erfüllten. Sie hatten Schweres zu erdulden! Ein Blick auf die Tätigkeit inr Innern des Tunnels erfüllte die Seele mit Beklom- menheit und Staunen. Diese halbnackten Gestalten, von Schweiß be- 572 dcclt, mit ihren vom schwachen Lampenschimmer geisterhaft beleuchteten, leidenden, gelblichen Gesichtern, ihren geschwärzten, krampfhaft ange- strengten Händen, ihrem mühsamen Atemholen, die Tag für Tag, viele Wochen, viele Monate, ja Jahre lang ihre 8 Stunden in diesem mo- dernen Tartarus tätig waren, forderten das tiejste Mitgefühl heraus. 2000 M. unter der Lbersläche, auf eine Strecke von 15 Kilometer verteilt, sah man sie, jeden mit seiner kleinen Lampe an der Seite, im drückendsten Dunste sizcnd, stehend, kauernd, am?lusbrechen, am Laden der Dynamitschüsse, beim Wegräumen des Schuttes beschäftigt, die Roll- karren aus- und einführend, durch Wasser und Schlamm watend, für wahr, ein erschütterndes Schauspiel; dazu der Lärm der Lokomotiven und Wagen, der Pferde und der Treiber, der tausende von Hämmern und Spaten, das snrchtbar zischende Geräusch der Bohrmaschinen, das Krachen der Dynamitexplosioncn— wer kann das alles nur annähernd beschreiben! Abgesehen von den zahlreichen Arbeitern, die infolge von ungesunder Lust, Erkältung oder Ueberanstrengung starben, forderten vstcrS wiederkehrende Unglnckssällc bei den Tunnctbanten im Ganzen fast 200 Menschenleben; überdies wurden 358 Arbeiter verwundet. Mögen die Reisenden, welche die neue Bahn fröhlich Passiren, sich der Annen und ihrer Hinterbliebenen erinnern!—. So reichen sich denn endlich im Tunnel der rauhe Norden und der milde Süden brüderlich die Hände; Göschencn und Airolo liegen in eiserner Umarmung und der Reisende, welcher in Luzern soupirtc, kann in Mailand sein Frühstück einnehmen. Noch einige Worte über das schöne, romantisch gelegene Bcllinzvna am Tessin, von dem unser Bild eine getreue Ansicht gibt. In prächtiger Landschaft tritt die 3500 Einwohner zählende Hauptstadt des Kantons Tessin mit ihren malerischen Bastionen und Türmen weithin sichtbar hervor und imponirt mit ihren von hohen Warten herabschanendcn, zinnengekröntc» Kastells wie ein Stück ritterlichen Mittelalters. Das erste, westliche Kastell S. Michele, aus 80 Meter hohem Felsen, zwischen der Stadt und dem Tessin, war Siz des Landvogts von Uri(jezt ist es Kantonalzuchthaus und Arsenal). Das Kastello di Svit erhebt sich nahebei auf dem Berge, welcher den linken Flügel des Tales bildet; es war der Siz des Landvogts von Schwyz. Steigt man von diesem »och 20 Minuten den Berg hinauf, so gelangt man durch niedliche Fußwege zum majestätischen' Kastello Corbnrio, dem ehemaligen Siz deS Vogts von Unterwaldcn. Auf mächtigen Glimmerschiesermassen tronend, gewährt es eine herrliche Aussicht aus Stadt, Tessintal und Lago Maggiorc. Unser Bild gewährt serner einen prächtigen Anblick der 280 M. langen, K'/z M. breiten steinernen Brücke La Torretta mit 14 Bogen. St. Ter Liebesbrics.(Illustration s. Seite 569.)„Erdmännlein sind wir geheißen, Hausen tief im Höhlengrund, Hüten Gold- und Silber° schäze, Schleifen blank die Steinkrystalle, Tragen Kohlen zu_ dem alten Feuer in der Erde Mitten, Und wir heize» gut, ihr wäret Sonder uns schon all' erfroren— Kauft den Rauch aus unfern Oese« Am Vesuv und Aetna schauen Sorgen auch im Stillen für euch Undankbare Menschenkinder, Singen euren Flüssen in der Bergklust schöne Wiegen- lieber, Daß sie euch kein Leides antun, Stiizcn inorschgcword'ne Felsen, Fesseln böses Eis der Gletscher, Kochen euch das scharfe Steinsalz, Mischen heilerprobte Stoffe In die Quellen, die ihr trinket" und noch allerlei anderer Bravourstücke rühmt sich der redselige Erdmann gegen Scheffels Trompeter. In der höheren Kultur sind aber die Herren Erdmäuner (oder Gnomen, Wichtelmänner, Metallern, wie sie nach H. Heine gleich- falls heißen) noch sehr zurück und sie scheinen sogar wenig Lust zu haben, sich von derselben belecken zu lassen. Apostrophirt ja derselbe scheffel'sche Erdmann den Trompeter von Säkkingen mit folgenden süffisanten Worten:„O ihr plumpe, rohe Menschen! Ihr verschließt euch yinter Mauern, Und erzieht in eurer Schädel Treibhaus mühsam ein'ge Pflänzlein, Nennt sie Kunst und Wissenschaft— und Seid noch stolz auf dieses Unkraut: Tran», bei Bergkrystall und Kalkspat! Vieles müßt ihr noch erlernen, Bis das rechte Licht euch aufgeht!" Kein Wunder also, daß der Erdmann aus unserem Bilde so verduzt aus den Liebes- bries blickt, den er in der Hand hält. Er hat ihn wohl einer Schöne» entwendet, die in verschwiegener Waldeseinsamkeit in ihrem Glück schwelgte. Er hat sie beobachtet, wie sie den Bries duzendmal an die Rosenlippen preßte, wie ihr Aug' in Wonne schwamm und ihr jung- sräuliches Antliz sich verklärte, so oft sie denselben las und wie sie alS- daiin, umgaukelt von süßen Bildern und seligen Träumen, sanft ent- schlummerte. Neugierig wie die Erdmännlein sind, stibizte er das merk würdige Papier, läßt sich von seinem Mitgnom die Laterne halten und studirt nun die sonderbaren Zeichen, welche eine so ivunderbare Wirkung aus das Mädchen hervorbrachten. Vergebens; die Tarnkappe(wie die Zipselmüze heißt, welche die Gnomen tragen) hat zwar die Kraft, die Gnomen unsichtbar zu machen, aber die Kunst zu lesen jemand cinzu- flößen, der nicht lesen gelernt hat, vermag auch eine Tarnkappe nicht. Es ergeht dem Gnom, wie dem Häuptling zu Rarotonga,� von dem Missionar Williams erzählt. Der leztere, der sein Winkelmaß vergessen hatte, ließ einen Holzspan, auf welchen er einige Worte schrieb, durch einen Häuptling seiner Frau bringen. Als diese die Worte gelesen hatte, warf sie den Span weg und gab dem Ueberbringer das Winkelmaß. Erstaunt rief der Häuptling: Halt, meine Tochter, woher weißt du, daß Herr Williams grade das braucht? Woher, erwiderte sie, hast du mir denn nicht soeben einen Span gebracht? Ja, sagte der erstaunte Krieger, aber ich hörte nicht, daß er etwas redete. Aber ich hab's gehört, nnt- wortctc die Frau. Hierauf lief der Häuptling aus dem Hause, hob das wunderbare Holzstückchcn auf und rannte durch das Dorf, den Span in der einen Hand und das Winkelmaß in der anderen, indem er beide Arme so hoch als möglich cmporstreckte, wobei er immer rief: Sehet doch die Weisheit dieser Engländer! Sie können Späne reden machen! St. Aus allen Winkeln der Zeitlitrratnr. Zur Erinnerung an Sebastian Bach. Der„Hamburgische Korre- spondent", bekanntlich eine der ältesten Zeitungen Deutschlands, brachte im Frühjahre 1723 folgende zwei Notizen, die wir in der Sprache und Ortographie jener Zeit wiedergeben:.Leipzig, den 23. April. An hiesigem Raht- Hause ist von hiesigem Magistrat ein gedrucktes Edict publiciret, vermöge welchen kein Privntus in Zukunft mehr einen grossen | Hund führen darf, widrigenfalls die Verbrecher mit 10 Rthlr. sollen be- I leget, und die Hunde tobt geschlagen werden. Man sagt vor gewiß, ! daß der Fürstl. Anhalt-Cöthensche Eapellmeister, Herr Bach, die Voca- tiv» zum erledigte» Cantorat habe erhalten und angenommen." und „Leipzig, den 29. May. Am vergangenen Sonnabend zu Mittage kamen 4 Wagen mit Haus-Raht beladen von Eöthen allhier an, so dem gewesenen dasigen Fürstl. Eapellmeister, als nach Leipzig vocirten i Cantori Figurali, zugchöreten; Um 2 Uhr kam er selbst mit seiner ! Familie auf 2 Kutschen an, und bezog die in der Thomas-Schule neu renovirte Wohnung." Der„Fürstl. Auhalt-Eöthen'sche Eapellmeister" und„nach Leipzig vocirte(berufene) Cantor Figuralis" ist der große Sebastian Bach, dessen Größe der Verfasser obiger Korrespondenzen natürlich nicht ahnte. Ratgeber für Grsnndhcitspflcge. Rappcrswil. Die anormale Gestaltung des Hinterhauptes bei dem Kinde, von welchem Sie uns schreibe», wird aus die geistige Entwicklung desselben wahrscheinlich keine nachteiligen Folgen üben. Leipzig. H. R. Ihren Magenkatarrh haben zie vermutlich dem elenden„Lagerbier" zu verdanken, mit dem fast überall in Sachsen und einem großen Teil des übrigen Mitteldeutschland der Gesundheit des Volkes arg zugcsezt wird. Verzichte» Sie also eine Zeit lang aus das „gewohnte Quantum", von dem Sie berichten, trinken Sie dafür Milch und täglich 2—3 Glas möglichst gutes Selterwasser. Nach einiger Zeit berichten Sic uns über den Erfolg. Berlin. H.B. Das Zähneknirschen während deS Schlafes, welches Sie bei Ihrer Frau bemerken, braucht Sie nicht sonderlich zu beunruhigen, wenn es auch unter Umständen als eine Folge unpassender Ernährung austritt. Teilen Sie ttnS mit, was Ihre Frau ißt und trinkt, wie sie verdaut, ob sie kräjtiger oder schwächlicher Konstitution sei, zu Gemütsauswallungen geneigt ist,— dann können wir vielleicht über die Ursache jener Erscheinung genaue Auskunst gebe». Hamburg. Abonnent. Der Gedanke die Lungenschwindsucht (Tuberkulose) durch Einatmung von bakterienschädlichem Lustgeinenge zu beseitigen, ist nach der vor kurzem erfolgten Entdeckung der Schwind- suchtsnrfache ditrchaus gerechtfertigt. Es ist nun vorläufig noch Sache des wissenschaftlichen Experiments, zu entscheiden, welcher Art solche Lust- beimengung sei» soll. Sobald wir Zuverlässiges über dabei erzielte Heilerfolge vernehmen, werden wir darüber Mitteilung machen. Rrdaktions-Korrespottdenz. Mannheim. P. K. Sic vcriüaen über ein hübsches Talent, mir müssen den Sinn siir Reinheit und Schönheit der ftoriil Ihrer poetischen Leistungen durch eis-- riastc Sctbsttrilit noch tüchtig zu schärsen suchen. Ihre.Sontagdtriinmereien" kömicN mit einigen, das Wesentliche des Inhalts nicht berührenden»orrelturen vcröffentlichl iverden. noltbns. E. M. G. Ter Roman soll uns zur Priisnng willlommcn sein. Inhalt: Verschlungene Lebenswege. Roman von Franz Carion.(Forts.)— Die Satire der Alten. Von Dr. Richard Ernst.| (Schluß.)— Gottsched, Götze, Lessing. Ein Stück Kulturgeschichte.(Forts.)— Die Eröffnung der St. Gotthard-Eisenbahn-Station Bellinzona,- sMit Illustration.)— Ter Liebesbrief.(Mit Illustration.)— Aus allen Winkeln der Zeitliteratur: Zur Erinnerung an Sebastian Bach. Ratgeber für Gesundheitspflege.— Redaklions-Korrespondenz. Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart. Redaktion: Neue Weinsteigc 23.— Expedition: Ludwigstraße 26 in Stuttgart. Druck und Verlag von I. H. W. Dietz in Stuttgart.