Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 50 Pfennig.— In Heften ä 35 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postäinter. Werfchtungene Lebenswege. Roman von Kranz ßarion. (21. Fortfezung; Die Nacht lag so finster in den Gassen, daß die Häuser troz ihrem massigen Dunkel sich kaum erkennbar hervorhoben. Einer lezten Flüchtlinge stolperte über einen im Wege liegenden Stein und mußte hart niedergefallen sein, denn er vermochte bch nicht rasch aufzurichten, um mit seinen Fluchtgefährten weiter Zu kommen. Wie nach blutiger Schlacht die Retirade der Bc- sagten, wenigstens zumteil, das Band der Kameradschaft unter ch»e» auflöst und jeder nur trachtet der Gefangenschaft durch ini verfolgenden Feind zu entgehen, so auch stellte sich hier Jjt Fall heraus. Troz seines Rufens hörten die ihm zunächst 'stichenden nicht und in wenige» Minuten vernahm mich er nichts mehr von dem Geräusch ihrer Flucht, denn sie waren in Nitc Seitengasse eingebogen und jeder Augenblick erweiterte die Entfernung zwischen ihnen und ihm... bald war alles ruhig ii»i ihn her. Nachdem er das ihn so heftig schmerzende rechte »ie aufmerksam untersucht hatte, konnte er sich mit der lieber- Zeugung trösten, daß es nur hart ausgeschlagen sei und stark vlute, durchaus keine schwerere Beschädigung erlitten, aber ihn in die Unmöglichkeit versezt habe, weiter zu kommen. -lvas sollte er beginnen? Er war rat- und tatlos. Endlich gc- langte er zu dem Entschluß, sich zu dem ihm nächsten Hause Zii schleppen, indes ehe er denselben ausführen konnte, war die �crestlung auch schon zur Stelle. Aus einer Nebenstraße bog N» Trupp Männer, einer voran, eine große brennende Stall- aterne in der Hand. Sie kamen in scharfem Schritt auf ihn jsti- als hätten sie gewußt, ihn hier zu finden. Ein tätlicher schreck bemächtigte sich seiner, als er im Latcnienlichte Rats- Iva chi er erkannte. »Zu spät... ich bin verloren!" murmelte der Mann vor sich hin. »Halt! Wer ist das? Antwort!" rief der Rottenführer niit Niier Donnerstimme. »Ich bin gefallen und kann nicht gehen... ich habe mir sichi Ivche getan." »Wer Teufel heißt euch in der Nacht spazieren gehen?" sijsiiuizte ihn jener an.„Nachtvögel duldet unser Hochweiser stiut nicht. Leuchte her, Bartel... muß mir den guten Mann U1ch genauer besehen." Bartels Laternenlicht fiel voll ans des nächtlichen Spazier- gängers kummerblasses Gesicht. „Tausend Schock Teufel!" schrie der Rottenführer.„Ihr seid der Doktor- Apoteker von Hildesheim, kenne euch... o, ich habe Luchsaugen, prächtige Augen... weiß schon, Ihr gehört zu der Rotte Kora, die soviel Unglück über unser gutes Güttingen gebracht hat. Für Euch, Pillendreher, wärs auch besser gewesen, Ihr wäret in eurem Neste geblieben, vielleicht würde dann eure Giftbnde nicht abgebrannt sein und euer kleines Mädchen..." „Um Gott, um Christi willen, Mensch!" schrie Doktor Philipp außer sich, ihn unterbrechend...„mein Kind, mein Gretchc»..." „Ihr seid schon ein rares Stück Vater... das muß wahr sein." Der Schreck, den diese so furchtbare Nachricht über Herrn Philipp gebracht hatte, wirkte so alle seine geistige Kraft zer- trümmernd auf ihn ein, daß er zusammenzustürzen drohte und nur durch den starken Arm eines der handfesten Wächter vom Falle zurückgehalten wurde. Als er wieder zur vollen Besin- nung kam und den Marsch nach deni Ratsgefängnis antreten sollte, bemerkte der Rottenführer doch zu seinem Mißvergnügen, daß dies nicht möglich sein werde.„Was nun, Leute? Wo- hin mit ihm?" fragte er seine Untergebenen.„Das hat der Teufel... ja, wenn es nicht Nacht wäre!" „Je nun," sagte einer der Leute...„ich wüßte schon, wie sichs machen ließe." „Heraus damit, Manlaffe!" gebot jener grob. „In einem der Häuser hier wohnt- unser Ratsschnster, der Michaelis. Der muß ihn aufnehmen, bis er morgen abgeholt wird... besseren Rat wird auch kein anderer geben können, ich glaub's nicht!" „Der Rat ist gut, wenn der Schuster nicht etlva auf dem Dache wohnt", stimmte der Rottenführer bei. „Nein, zu ebener Erde, bin schon bei ihm gewesen. Aber jezt ist's Stacht, die Häuser sehen sich alle gleich." Es dauerte ziemlich lange, che die Herren der Stadtgnardia die Wohnung des ehrsamen Ratsschusters aufgefunden und diesen aus dem warmen Neste herausgeklopft hatten. Dabei waren die Nachkam in den Nebenhäuscru durch das Klopfen an die Fensterläden und das Sakermcntircn und Fluchen des Rotten- meisters in einen Zustand der Anarchie geraten, der jedenfalls ein schlechtes Ende genommen haben würde, wenn der Gesuchte nicht noch zu rechter Zeit in aller Gemütlichkeit seiner Schuster- ehre die Haustüre aufgeschlossen und durch eine stark qualmige Oellampe Licht in diese obskure Angelegenheit gebracht hätte. „Was soll denn die Neckerei zur Nachtzeit?" rief der Meister vom Pechdraht.„Aha, da ist ja der Herr Rotten- sührer, der solchen Höllenlärmen macht... konnte mir's wohl denken! Was soll's, he?" „Einen Mann zu euch ins Logis nehmen, der gefallen ist und nicht niit uns weiter marschire» kann," war die Antwort. „In der Frühe wird er abgeholt." „Wo ist er?" „Her mit dem Arrestanten!" kommandirte der Vorige. Auf zwei der Ratswächter gestüzt wurde Doktor Philipp herbei- geführt. In seinem Gesichte drückte sich der Schmerz aus, den ihm das verlezte Knie machen mußte, er zog den Fuß nach sich. Als ihn seine Beistände bis in die Wohnung des Voran- leuchtenden gebracht hatten, sagte dieser zu ihm:„'s ist grade kein Puzzimmcr hier, nur eines armen Mannes Nest, wo er mit Frau und Kindem hauste.,'s wird Ihnen auch sonder- bar vorkommen, daß es hier so merkwürdig duftet, so nach Fischtran und dergleichen... lassen Sie Sich das nicht stören. Ich bin Schuster, das ist das ganze Geheimnis. Uebrigens will ich Ihnen helfen, Herr, so gut ich kann, sagen Sie nur wie?... wir machen's möglich." Das war so herzlich geredet, daß ihm Herr Philipp die Hand reichte und ein paar schwere Tränen ihm über die Wangen liefen. Das leichteste und beste Hilfsmittel, kalte Wasserumschläge auf das dunkelrote, geschwollene Knie, ward schnell herbeigeschafft und angewendet, Hize und Geschwulst minderten sich etwas. „Herr, das wird lange dauern, ehe es bessert", hob der Schuster kopfschüttelnd an..Hätte ich Geld, finge ich's anders an... und das würde von besserem Erfolg sein." „Was tätet Ihr denn?" „Ich liefe zu meinem Herrn Gevatter, dem Herrn Ober- chirurg in der Klinik, daß er Sie auf ein paar Tage in die Anstalt nimmt. Da werden Sie nach der Tabulatur gepstegt. Freilich, es kostet Geld." „Ich zahle es gern. Holt ihn. Sezt mir das Wasser zu den Umschlägen her." Kaum graute der Morgen, als ein paar stänunige Männer Doktor Philipp in einer Krankensänste nach der Klinik trugen, nebenher schritt der Herr Oberchirurg. Es war das einzige, >vas geschehen konnte, um sehr möglichen üblen Folgen des Falles vorzubeugen. Auf diesem Wege hörte der Transpor- tirte die lezten Axtschläge von den Toren herschallen, wo man die Verrammlungen und Palissaden in aller Eile beseitigte, welche in den Tagen der Unruhen bestimmt waren, den Einmarsch des Militärs abzuwehren. Nach wenigen Stunden sollte der Truppen- cinzug mit klingendem Spiel geschehen als... Sonntagsfrcude für die Göttinger. Zwischen dem Herrn Oberchirurgeu und Doktor Philipp waltete kein Geheimnis, wer der leztcre sei, denn es würde unter die Lächerlichkeiten gehört haben, wenn der weit und breit bekannte Hildesheimer Doktor-Apoteker seinen Namen hätte verschweigen wollen, und er mußte ihn ja auch nennen, im Pa- ticntenbuche für die kleine Zahl der in der Klinik Verpflegten wurde ja jeder derselben eingeschrieben... das war nicht zu umgehen. Der Oberchirurg war ein nicht minder schweigsamer Mann als Doktor Philipp. Als leztercr ihm seinen Namen genannt hatte, haftete jenes Blick starr auf ihm.„Und die politische Leidenschaft konnte wirklich die Vaterliebe in Eurem Herzen betäuben?" fragte er nach einer Weile mit so schneidigem Tone, daß der von ihm mit Recht Getadelte die Augen zu Boden schlug und ein Frösteln ihn durchzitterte., Ich hätt's nicht gekonnt, das sage ich Euch offen ins Gesicht", redete jener weiter.„Mir hat Gott meine beiden Kinder genommen, ich weiß, was es heißt Kinder verlieren, und Ihr vermochtct's Euer Kind...'s soll, wie man hier erzählt hat, ein liebeus- würdiges kleines Mädchen gewesen sein... zu verlassen, als es in so schwerer Krankheit niederlag, an der viele Tausende schon gestorben sind... verlassen, um der großen Hannsen willen, die über uns den Fluch der Revolution gebracht haben." Aus Doktor Philipp's Munde ließ sich ein gurgelnder Ton vernehmen, als wär er dem Ersticken nahe, ein Tränenstroin überfloß sein bleiches, hageres Gesicht.„Mein Kind... mein Grctchen... tot!" jammerte er. „Das habe ich nicht gesagt," sprach der Obcrchirurg.„Dem Feuertode ist sie glücklich entrissen worden durch einen jungen Menschen ihres Offizinpersonals, er trug sie auf einer in dem heftig brausenden Sturme schwankenden Leiter aus ihrer Woh- nung herunter... weiter weiß ich nichts. Die Hoffnung, daß das gerettete junge Mädchen noch lebt, ist natürlich durch dessen Rettung aus dem Feuer nicht als verbürgt zu betrachten, indes sie ist sehr leicht möglich, und das muß Euch Trost geben, bis Ihr das Nichtige erfahren werdet." Doktor Philipp führte in der Klinik, welche ihn auf einige Wochen beherbergte, ein sehr einsames Leben. Es gebrach ihm an nichts, die Verpflegung war tadellos, die Aufmerksamkeit des Oberchirurg ließ es in keiner Beziehung an irgend etwas fehlen; aber von einer Erhebung seines schwer bedrückten Gemütslebens war keine Rede, sein Pfleger war dazu nicht geschaffen. Der Mann war zu ernst, zu einsilbig, um jemand geistig aufzurichten. Was er sprach oder fragte, war immer nur auf's äußerste be- schränkt, niemals vertraulich... er glich einem Katechismus, der in Fragen und Antworten die knappste Form festhält. Stundenlang sann Doktor Philipp über sein verfehltes Leben nach und konnte nicht in Abrede stellen, daß er sich allein der Schuld der Verödung desselben zeihen müsse. Sein wortkarges, düstres Wesen hatte das Herz seines Weibes von ihm zurück- geschreckt, er erschien demselben zu wenig liebenswürdig und es wendete sich dem zu, der mit heiterer Jugendlust ihm entgegen- trat. Die geheime Sünde im Herzen des Weibes ist wie ein Schaz, der immer schwerer in die Tiefe sinkt, kein Zauber be- schwört ihn an's Licht heraufzusteigen, das Dunkel ist seine Geburtsstätte und zugleich die des Fluches, welcher unlöslich an sie geschmiedet ist. Als Lucie, seine treulose Gattin, ihr kleines liebliches Gretchcn hatte verlassen können, um Sir Richard Clinton nach England zu folgen, war Doktor Philipp auf's tiefste empört. Nicht allein an ihm hatte sie gesündigt, auch an ihrem Kinde war sie zur treulosen Mutter geworden... er hielt dieses Vergehen einer Mutter für das unverzeihlichste Verbrechen unter der Sonne. Und jezt... jezt! Schauer durchkältete ihm das Herz, er hatte ein noch un- verzeihlicheres au diesem Kinde begangen. Einer Krankheit ver- fallen, bei deren Anblick alle scheu die Augen abwenden, deren Nähe mit Ansteckung droht und deren Verlauf nicht selten tötlich ist, hatte er dies einzige, ihm so herzensliebe Kind verlassen, um einer Leidenschaft zu folgen, welche ihre Teilnehmer schließ- (ich um ihre Lebensstellung bringt und sie im günstigsten Falle zu heimatlosen Flüchtlingen macht, im ungünstigen Kerkertod für sie in Bereitschaft offen hält. Er hatte freilich für sich zur Ent- schuldigung, daß er einen Stellvertreter für sich zurückließ, auf welchen er sich wie ans sich selbst verlassen konnte, und eine Pflegerin, die das kranke Kind wie eine Mutter liebte. Und wer konnte für die Feuersbrunst und den schrecklichen Sturm! Zuweilen schien es, als würde ihm bei diesem Denken das Herz leichter; aber das war nur für sehr kurze Dauer, dann kehrten die beängstigenden Vorwürfe in seine Seele zurück... der einsam auf sein Lager hingestreckte Mensch war deren Beute. Die wenigen Tage, welche er in Göttingen im Revolutions- trubcl verlebte, hatten den Nebel verscheucht, der ihm den Auf- stand als eine unfehlbar zum Siege über die Feinde des Volkes führende heilige Sache vorgespiegelt hatte. Die Erkenntnis, die ihm zuteil wurde, trat als erschreckende Enttäuschung seiner 603 Hoffnungen vor seine Augen. Die Mehrzahl der Männer, welche an der Spize der Bewegung standen, huldigten dem Egoismus, sie wollten sich zu Herren erheben, deren Aussprüche und Bc fehle allein regierten, in ihrer Großmannssucht waren sie so verblendet, sich die Talente zuzutrauen, die durchaus nötig sind, um eine so ernste Angelegenheit zum Ziele zu bringen; der große untergeordnete Hausen zählte zu den Selbstschmcichlern, denen es Vergnügen macht, sich als Retter und Schüzcr ihrer Landsleute bis an die Zähne bewaffnet und bewundert zu wissen. Vergebens hatte Doktor Philipp es versucht, durch Mahnungen manches zu ändern, man sagte ihm einfach: dir fehlt es an Mut... gehe nachhause, das ist das beste für dich. Er ging nicht, seine Ehre stand ja auf dem Spiele. Sie jedoch waren nicht nachhause gegangen, wohl aber in stockduiifler Nacht von Hause gewichen, und er lag unfähig zu dem einen oder anderen in der Klinik, seine Ehre war teuer errungen. Nach drei Woche» war er wieder hergestellt. Der Oberchirurg sagte zu ihm:„Heute noch holt mau euch ab, Kollege Philipp, ihr werdet mit einem Transport Gefangener nach Hannover gebracht und habt durch eure Kurzcit hier in der Klinik nur das erspart, daß ihr unsere Ratsgefängnisse nicht kennen lerntet. Den Verlust habt ihr nicht zu betrauern." Gegen Mittag verließ Doktor Philipp die Klinik in des Oberchirurgen Begleitung, der ihn nach den Ratsgefängnissen brachte, wo bereits ein Trupp Gefangener des Transports nach Hannover harrte. Der Anblick seiner Unglücksgcfährten, in deren Aeußerem die bereits bestandene Haft in den Ratsgefängnissen sich recht sichtbar kundgab, erschreckte ihn. Waren das blasse, vergrämte Gesichter! Was sie zu erwarten hatte», gehörte zu dem Schlimmsten, das Gefangenen bevorstehen kann, über ihre nächste Zukunft sollte das lezte Urteil gefällt werden... ihnen galt das Zuchthaus als einzige Aussicht. Gleich einem schlimmen Omen drängte sich ihm das Wieder- sehen des groben Rottmeisters vor Augen, der, als der Wagen zur Abfahrt bereit stand und alle eingestiegen waren, ans das Trittbrett trat und ihre Namen verlas. Als auch Doktor Philipp voll Scham sein„hier!" mit halber Stimme abgegeben, rief der Rottmeister spöttisch:„Na. gute Unterhaltung im Zuchthause!" Im selben Moment legte sich eine Hand schwer auf das Sübelgcfäß des Lesenden, so daß derselbe einen niederziehenden Truck des Bandelicrs auf der Schulter fühlte und zornig nieder. sah. aber gewaltig erschrak, als er den Oberchirurg erblickte. der mit sehr ernster Stimme zu ihm sagte:„Darüber wird er sich zu verantworte» haben, merke er sich's." Wenige Minuten nachher rollte der langgcbante Transport- lvagen von danncn. 8. Anter Ireun�en. Es gibt ein norddeutsches Kanaan und das ist das Fürsten- um Calenberg, das Land der Altsachsen zwischen Deister und c>ne, wo die Giebel der Häuser das seit Wodan's Zeiten 9. ige Sachsenzeichen, zwei in gekreuzter Lage angebrachte Pferde- avse, präsentircn. Tort ist alles harmonisch, die Bauern sind chit ihrem Grund und Boden so zu sagen verwachsen, denn wenn l'e von ihren Feldern kommen, schleppen sie einen halben Acker an ihren Stiefeln mit in ihr Gehöft. Der Boden ist so zähe u»d schwer wie sein Bauer, aber die Ernten haben fast den g wichen Körncrsegen wie die des Nildclta und die Wiesen spen- en die prächtigsten Weiden für die zahlreichen Viehherden, auf j che jeder Calenberger Viehzüchter mit recht stolz ist. Dort lut die uralte Zeit, obwohl viele Neuerungen sich einheimisch gemacht haben, doch noch viel Bestand. Das größte Gehöft ist as des Ueber-Meiers. Ueber-Meier, Voll-Meier, Halb-Meier > ammen aus des tapferen Sachsenherzogs Wittekind Zeit, der '0 Ichwere Kämpfe gegen Kaiser Karl den Großen führte, zulezt "uterlag und sich taufen ließ, welchem Beispiel sein treues Volk pgte. Kein Edelmann aus altem Adelshause kann stolzer auf uuue» Stammbaum sein, als der Ueber-Meier auf seinen min- Eltens tausendjährigen Titel und jeder Calenberger neigt sich ehrfurchtsvoll vor ihm, denn er sieht in ihm einen Repräsentanten der alten Kraft und des Ruhms seines eigene» Volkes. Um dieser hohcitsvollcn Erinnerung aus der Urväter Zeit willen gehören die Gehöfte dieses Bauernadels zumeist immer noch der alten Bauart an, wie sie zu Wittekind's verklungenen Tagen üblich war. Diese Häuser sind langgestreckt, haben nur Erdgeschoß und Dach. Nach der Straße zugekehrt ist eine gewaltige Türe zum Einfahrendes hochbcladcnen vierspännigen Korn- oder Heuwagens. Tann öffnet sich die lehmgestampfte Tenne, Diele genannt. Zur rechten Seite stehen die Kühe und Rinder in langer Reihe, die Köpfe neugierig über die Krippe streckend, während auf der anderen Seite die Pferdeställe und die Schlafstätten der Knechte und Mägde sich befinden. Der großen Haustür gegenüber brennt ein offenes Feuer auf niedrigem Heerde und oben unter dem Balkon hängen Speckseiten, Würste und Schinken. Zu beiden Seiten des Heerdes führen Türen in den Hof, in den Garten und in die verschiedenen Stuben und Kammern. Das ist daS Innere eines altsächsischen Bauernhauses. Im Gehöft des Ueber-Meiers Hartschlag gab es allemal viel Lust und Lachen, wenn die Kühe von der Weide nachhause kamen, denn zu dieser Zeit fehlten die Kinder des Hausherrn niemals auf der Tenne, um die muntern, gutmütigen Tiere mit einer ihnen sehr angenehmen Spende zu empfangen. Das Jung- Vieh besonders war, wie man sprichwörtlich zu sagen pflegt, sämmtlich vom Bändel los und tollte in spaßhaften Kapriolen und Kreuz- und Ouersprüngen in den weiten Raum herein. Der Ueber-Meier hatte acht Kinder, zwei Jungen und sechs Mädel, und zu diesen leztcrcn war seit einem Jahre eine Kost- gängerin gekommen, welche damals, als sie hierher gebracht wurde, wenig Hoffnung gab, daß ihre Körpcrschwäche sich allmälich mindern werde, und doch war es so gekommen, der Genuß der frischen, würzigen Landluft hatte sie wieder stark und kräftig gc- macht, und was nicht wenig dazu beitrug, das war der heitere Umgang mit den Kindern des Ueber-Meiers, welcher sich von großer Einwirkung auf sie erwies. Freilich machte sich der An- flug einer jeweilig sie überraschenden trüben Stimmung bei ihr noch merkbar, indes diese verschwand doch bald wieder. Sie war noch zu jung, um sich dem aufmunternden, lustigen Treiben ihrer Gespielinnen, die es so herzlich mit ihr meinten, entziehen zu können und zu wollen. Gretchen Philipp hatte wohl Ursache, sich manches zu Herzen zu nehmen. Sie war mutterlos seit ihrer zartesten Kindheit und für ihre lebhafte Phantasie wäre es besonders erhebend ge- Wesen, wenn sie sich wenigstens eine bildliche Vorstellung von der Toten hätte machen können, wie ihr Vater und ihre Amme seit einigen Jahren übereinstimmend die Mutter bezeichneten. Nicht einmal ein Porträt besaß der Vater von ihr, und da er, wenn sie die Rede auf die Mutter brachte, allemal finster und mißlaunig wurde, so schwieg sie bald darüber; aber daß zwischen beiden viel schlimmes geschehen sein mußte, dieser Gedanke bildete sich bei ihr rasch aus, obwohl sie erst elf Jahre zählte und noch keine Ahnung von solchem Ehcunglück hatte. Vielleicht würde dies Geheimnis ihr nicht unbekannt geblieben sein, wenn sie sich an einige ihrer Schulfrcundinnen gewandt hätte, deren Eltern und Bekannte doch gewiß mehr von der Sache wußten; aber Gretchen empfand eine tiefe Scheu vor solcher Nachforschung, sie erschien ihr ehrenrührig gegen ihres Vaters Namen und zu- gleich eine Schändung des Andenkens der aus dem Leben geschiedenen Mutter, deren Liebe zu ihr der Vater ihr selbst bc- stätigt hatte. Es schmerzte sie, im Dunkeln über die rätselvolle Trennung ihrer Eltern bleiben zu müssen, denn auch von der Amme konnte sie keine diesen Gegenstand betreffende Aufklärung erlangen. Tie sonst treue und in jeder Beziehung rechtschaffene Dienstperson wollte nichts weiter wissen, als daß sich zwischen dem Herrn Doktor und seiner Gattin ein großer Streit erhoben... worüber? das wisse sie nicht... der endlich damit geendet habe, daß sie sich vom Gericht hätten scheiden lassen und die Frau an einem frühen Morgen fortgereist sei. Gretchen erkannte, daß ihr nichts übrig bleibe, als diese auf ihr so erdrückend lastende Angclcgciihcit in Schweigen zu begraben. Gab es doch noch einen Kummer, der sie hart ergriffen hatte,»nd den zu lindern, sie auch gar kein Mittel aufzufinden wußte, und dieser betraf ihren Vater. Nachdem sie als geheilt aus der Privatkrankcnanstalt entlassen worden, brachte Doktor Wolfgang sie nach einem ländlichen Aufenthalt, damit sie nicht nur dem vielen Gerede über ihres Vaters Schicksal entzogen, sondern auch durch das freie Land- leben wieder gekräftigt werde. Nur sehr allmalich schritt ihre Besserung vorwärts. Daß die Aermste die Spuren der über- standenen Blatternkrankheit noch so sichtbar in ihrem Gesicht trug, schreckte die Dorflcute von ihr ab, sie lebte einsam, eine Fremde unter Fremden, denn niemand ist herzloser als der Bauer gegen fremdes Leid. Die Amme, die bei dem Brand in der Apoteke eine» schweren Fall getan und erst geheilt werden mußte, ehe sie ihre beschädigten Füße wieder gebrauche» konnte, war für das junge Mädchen ein wahrhafter Trost, wenngleich in deren Karaktcr sich manche Härten äußerte»; aber Gretchen, daran ge- wohnt, wußte wie das Rauhe in deren Benehmen zu deuten war und hatte die Ueberzeugung, daß diese sie trozdem herz- lich liebte. Doktor Wolfgang erfüllte die ihm zugefallene schwere Auf- gäbe, für sie, das Kind seines Wohltäters, zu sorgen, so weit er es vermochte. Ihres Vaters Schicksal mußte ihr, wenigstens in der ersten Zeit, ganz verschwiegen bleiben. Er erfand die Ausrede, daß Doktor Philipp wegen der Freundschaft, welche er mit vielen der ausgezeichnetsten Männer des Landes gepflegt habe, von der königlichen Regierung nach Hannover berufen worden sei, welche daselbst eine Untersuchung veranstaltet habe, in wie weit das Gerücht wahr sei, man wolle den König vom Trone stoßen und dem üblen Beispiele folge», welches die Frau- zosen im vorhergehenden Jahre der Welt gegeben, indem sie ihren König, den zehnten Karl, niit sammt seiner Familie aus dem Lande gejagt hätten. „Das tut mein Papa nicht, Wolfgang, du kannst es glauben," entgegnete Gretchen mit großer Bestimmtheit.„Wird eine solche Untersuchung lange dauern?" „Kind, ich kenne das zu wenig, aber ich glaube wohl nicht. Freilich, es sollen über hundert Personen sein, welche nach Hau- novcr berufen wurden, indes das ist sicher übertrieben, denke ich." Das junge Mädchen faltete erschrocken die Hände im Schöße und äußerte halblaut:„Da werden gewiß viele darunter sein, die wie mein guter Papa unschuldigerweise dazu gekommen sind." „Gar keine Frage; aber in's Unglück muß man sich ergeben, Kind, du siehst das ein." Doktor Wolfgang erkannte die Notwendigkeit, Gretchen in eine Situation zu bringen, wo sie Anregung im Umgange mit 'Altersgenossinnen finde, und er war sehr erfreut, daß er sich des Ueber- Meiers Hartschlag erinnerte, den Doktor Philipp vor zwei Jahren von schwerer mit dem Tode drohender Krank- heit herstellte. Auch er hatte diesen kennen gelernt, da er oft als Stellvertreter für Doktor Philipp ihn besuchen mußte. Das gediegene Wesen Wolfgangs hatte den ehrenwerten Landmann zu seinem Freunde gemacht, und der junge Arzt war zu allen Zeiten ein gern gesehener Gast im Gehöfte dieses reichen Mannes. Joses G Garibaldi kam mit der Absicht, sich an der Nordkiiste der Insel Sardinien niederzulassen. Aber als er dahin segelte, ward das Schiff, das ihn trug, von einem wütenden Sturm überfallen, als es sich schon in der Straße von Bonifacio befand. Mit Not und Mühe konnte man sich nach dem Hafen der Insel Maddalena retten, derselben Insel, von der er 1849 durch die Regierung Viktor Emanuels vertrieben worden war. Er ließ sich von der Bewohnerschaft dieser Insel bestimmen, zu bleiben und wählte zu seinem dauernden Aufenthalt das durch ihn be- Was er von diesem braven Freunde erwartet, ging zu seiner Freude in Erfüllung; der Ueber-Meier erbot sich sofort, Gretchen und deren Amme zu sich zu nehmen, und die Ucbersiedelung der beiden ließ nicht lange auf sich warten. Der Erfolg dieser Veränderung war, wie schon erwähnt, ein sehr günstiger für Gretchen. Es bot einen ungemein lustigen Anblick, auf der Tenne das übermütige Jungvieh einen dichten Kreis um die Mädchen bilden und aus deren Händen mit größtem Behagen das ihnen hingchaltcnc Salz lecken zu sehen... wie drängten sie sich einander zuvorzukommen und diese köstliche Labung mög-: lich st mehrmals zu genießen, bis die stämmigen Mägde sie mit Püffen an ihre£rtc trieben, wobei bedeutendes Gcbrunini mit unterlief. Den Mädchen machte das Ungeheuern Spaß und sie spielten dann Haschens auf der Diele bis zur Zeit, wo die Knechte mit den stattlichen Pferden kamen. An diese mächtig hohen Tiere wagten sich die jungen Mädchen natürlich nicht und stiebten, wenn sich's nur einigermaßen tun ließ, wie ein Flug junger Vögel auseinander in's Freie, das heißt in den Hof und von da in den Garten, wo sie sich ganz sicher geborgen wußten. Heute aber kam etwas dazwischen, was diesen Ausflug plözlich zum Stillstand brachte. Der Ueber-Meier kam im leichte», von einem Gespann kräftiger grauer Sennerpferde gezogenen Wagen nach Hause und neben ihm saß Doktor Wolfgang. Dies unerwartete Wieder-! sehen zwischen Gretchen und ihm war ein solch herzliches, daß der Ueber-Meier lachend sagte:„Nu, nu, ich bleibe schon' bei dem, was ich vorhin gegen Euch aussprach, Doktor, und wenn Jhr's zehnmal leugnet...'s ist doch wahr." „Seid aus dem Holzwege, Ueber-Meier, kein Gedanke da-; ran," antwortete Wolfgang.„Werden später darüber sprechen,] jezt ist Zeit und Ort nicht passend dazu." „Bestreite das nicht," stimmte jener bei. Sie stiegen aus; Gretchen hing sich in Wolfgangs Arm ein und führte ihn ins Haus in die von ihr und der Amme be- wohnte Räumlichkeit, Stube und Kammer. Das junge Mädchen hielt seine beiden Hände mit den ihren umschlossen und sah ihm eine Weile lang in die Augen, als wolle es durch sie in seine Seele schauen, dann fragte es zagend: „Bringst du mir gute Neuigkeiten?" „Je nun, Kind, die ich dir bringe, sind Wandelfarben, wie so vieles in der Welt, nachdem man sie eben ansehen will." „O, mein Gott, das sind gewiß recht schlimme Nachrichten, du fängst so seltsam an," äußerte Gretchen.„O, sage sie mir gerade heraus, das ist lange nicht so schlimm, als diese trau- rige Einleitung." „Tu hast recht, Kind." sprach der junge Arzt.„Ich ver- heimliche dir also nichts." Und nach kurzer Pause redet er ivcitcr:„Wovon ich nichts wußte und auch nicht die geringste Ahnung hatte, erfuhr ich zu meiner höchsten Ueberraschung, die mich so sehr mit Entsezen schlug, daß es lange dauerte, che ich mich soweit zu fassen vermochte, die schreckliche Nachricht, dein Vater sei als eines der Häupter der Verschwörung gegen die königliche Regierung zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt worden, zu glauben." iForlskzung folgt.» fibillük(2. Fortsezung.' rühmt gewordene Caprera, ein kleines Eiland, das von Madda- lcna durch einen schmalen Meeresarni getrennt ist. Mit seinem bekannten Waffengefährten Nino Bixio, der in Rom unter Gari- baldi schwer verwundet worden war, baute sich der Verteidiger von Montevideo und Rom an. Er stellte sich ein einfaches Haus her auf dem Grund und Boden, den er mit seinen Ersparnisse» sich angekauft, und lebte in dieser Einsamkeit, die Gedanken ans das Geschick seines Vaterlandes gerichtet und den Moment er- wartend, wo er wieder in dasselbe eingreifen konnte. Wie oft Der heilige Kreuzberg in llolorado. �Siehe Seite 612.) mag der Held, dessen Name der feurigen Jugend Italiens immer noch wie eine Kriegstrompete klang, bei dem Tosen der gewal- tigcn Brandung der Stürme gedacht haben, die sein Vaterland noch zu erwarten hatte, während der Spiegel der glatten See ihn ermahnt haben mag, festzuhalten an seinen Idealen, denn wie in der Natur so auch im Völkerleben folgt die heitere Ruhe auf den Sturm. In Italien allerdings waren— und sind auch wohl noch— die Stürme nicht zu Ende. Die Kirchhofsruhe, welche die in den fünfziger Jahren hoch einherschreitende Reaktion den meisten der italienischen Staaten durch ein furchtbares Schreckensregiment aufgeprägt hatte, sollte kein Jahrzehnt dauern, aber Garibaldi ging das Elend Italiens so sehr zu Herzen, daß er an keinen baldigen Umschwung der Dinge glaubte und sich schon mit dem Plane beschäftigte, wieder nach Montevideo auszuwandern, als der erwartete Umschwung dennoch kam, freilich nicht so, wie man ihn erwartet hatte. Die Freiheitsbewegung von 1848 war in Italien gründlich gescheitert und hinterließ dort weit weniger an positiven Er- rungenschaften wie anderwärts. Namentlich im Kirchenstaat und in Neapel wurde alles, was nur an 1848 erinnerte, mit Stumpf und Stiel ausgerottet. Eine Menge von Todesurteilen und Hinrichtungen, 13 000 politische Gefangene und etwa 20000 im Auslande weilende politische Flüchtlinge waren die Beweise für die Kraftleistungen der Reaktion im Kirchenstaat; in den übrigen Staaten war es nicht besser, mit Ausnahme jener Länder, wo die sardinische Dynastie regierte. Der Papst entschädigte seine getreuen Untertanen, indem er ihnen 1854 das Dogma von der unbefleckten Empfängnis verkünden ließ. In diesen italienischen Kleinstaaten lag geradezu alles im Argen, die Vcr- waltung, die Finanzen, die Justiz, das Schulwesen und die öffentliche Sicherheit. Dazu hatte sich die katolische Hierarchie wie eine Kreuzspinne am Körper Jtalienes festgesogen. Noch beim Regierungsantritt Cavonr's kam in Piemont, dem freisinnigsten Staate Italiens, auf 227 Seelen schon 1 Kleriker und das Land war übersät mit Mönchs- und Nonnenklöstern, deren In- fassen von der armen Bevölkerung erhalten werden mußten. Der ganz naturgemäße Gegenstoß auf die elenden, aus der Zerrissen- heit hervorgehenden Zustände Italiens war eine nationale Einheitsbewegung. Nachdem die Bewegung von 1848, welche die Freiheit Italiens nebst seiner Einheit erstrebt hatte, ge- scheitert war, ließ ein großer Teil der Italiener den Kamps um politische Formen und Freiheiten fallen und suchte zunächst die Idee des einheitlichen Italiens zu propagiren. Die im Jahre 1848 und 1849 von Oesterreich in der Lombardei geschlagene Dynastie Savoyen stellte sich an die Spize der Einheitsbewe- gung, was insofern ganz natürlich war, als die Einheit Italiens für das Land zwar vorteilhaft, für die Dynastie Savoyen, resp. die Vermehrung von deren Hausmacht, noch vorteilhafter war. Sagte doch einst Viktor Emanucl:„Man muß Italien wie eine Artischocke(ch. h. blattweise) verspeisen." Cavour begann seinen Kulturkampf gegen den Klerus, welche Aktion in Piemont mehr Bedeutung hatte, als in Deutschland, denn in Piemont galt es »och Vorrechte der Geistlichkeit zu beseitigen, die man in Deutsch- land schon zur Zeit der napolconischen Herrschaft nicht mehr kannte. Die berühmten Verbannten Italiens mußten zu der Ein- heitsbewegung Stellung nehmen; Mazzini, der ehemalige römische Triumvir, blieb unversöhnlicher Republikaner; Manin, der Ver- teidiger von Venedig, der jene Lagunenstadt so lange hielt, bis die vom Mangel gepeinigte Bevölkerung sagte:„Wir haben jczt nur noch das Fleisch Manins zu essen!" und der sich in Paris als Sprachlehrer kümmerlich ernährte, schloß sich der neuen Be- wegung an. Sein Testament hieß:„Schaart euch um Piemont!" Manin starb 1857. Garibaldi, der Einsiedler von Caprera, war kein Partcimann, er war nur ein Mann der Tat. Man hat viel geredet und geschrieben über die politischen Anschau- ungcn Garibaldis. Die ausschließlichen Parteimänner haben ihn unzuverlässig gefunden. Die Reaktionäre nannten ihn einen un- verbesserlichen Radikalen. Die Radikalen beschuldigten ihn der Schwäche. Zweifellos ist, daß Garibaldi seine größten Taten nicht hätte vollbringen können, wenn er in den engen Rahmen eines bestimmten Parteiprogamms gebannt gewesen wäre. Die verschlungenen Wege hoher Politik waren dem ehrlichen Frei- schaarenführer gänzlich fremd; gegenüber den Ereignissen frug er einfach, was Italien von Ruzen sein könne und dafür zog er sein Schwert. Er war eben selbst eine Partei, eine krieg- führende Macht in Italien. Er wußte, daß von der Dynastie Savoyen für politische Freiheit nicht sonderlich viel zu hoffen war; daher seine Opposition gegen die verschiedenen Regierungen dieser Dynastie in Friedenszciten und seine Abtrennung von der regulären Armee in den Feldzügen. Die Einheit Italiens ohne die Oesterreicher in Venedig und der Lombardei, ohne den Papst in Rom, ohne die österreichischen Vasallen in den italienischen Kleinstaaten und ohne die Bour- boncn in Neapel und Sicilien schien Garibaldi vorteilhafter mit der Dynastie Savoyen, als die Zersplitterung seines Vaterlandes und die Herrschaft der Oestcrrcicher. Das war sein ganzes Programm, das er 1860 zusammenfaßte in die Worte:„Italien und Viktor Emanuel!" Schwerlich konnte Garibaldi damals ein populäreres Programm für seine Aktion finden, und dies Programm allein hielt ihm den Rücken frei, sonst hätte er aus seinem Zuge nach Neapel bald andere Gegner gefunden als die Neapolitaner. Wer diese Umstände begreift, der wird auch die Handlungs- weise Garibaldis und seine Stellung zu den Parteien verstehen. Im Bündnis mit Napoleon III. begannen Cavour und Viktor Emanucl 1859 den Feldzug gegen Oesterreich. Der Dezember- kaiser, der als Präsident der französischen Republik zehn Jahre zuvor den General Ondinot gegen die römische Republik gesandt hatte, war für Garibaldi ein unüberwindlicher Stein des An- stoßcs, und sein Groll stieg noch ungemein, als es bekannt wurde, daß man dem französischen Kaiser für seine Hilfeleistung Savoyen und Nizza versprochen hatte, wodurch auch Garibaldis Vater- stadt an Frankreich fiel. Dies hat Garibaldi bis an sein Ende nicht vergessen können, und noch auf seinem Sterbebett hat er sich mit äußerster Bitterkeit darüber ausgesprochen. Ohnehin sah Garibaldi ein, daß die von Viktor Emanucl mit Hilfe Napoleons eingeschlagene Politik nicht die Einigung Italiens, sondern nur die Vergrößerung Piemonts zum Ziele habe, da ja Napoleon III. mit seinen Bayonnetten den Kirchenstaat ausrecht erhielt. Gari- bald! hielt sich darum grollend zur Seite, wenn er schon die Ansicht hatte, daß sich Viktor Emanuel an die Spize der gegen- wärtigen Bewegung stellen und sie zum Siege führen müsse. Untätig bleiben aber konnte und wollte Garibaldi nicht, und vom Standpunkte des Grafen Cavour aus war es weise ge- handelt, daß die piemontesische Regierung Garibaldi einlud, ein Freicvrps zu bilden. Einmal wollte man Garibaldi beschäftigen, zum andern wollte man alle Kräfte gegen Oesterreich in Be- wegung sezen, und Cavour war nicht sehr wählerisch in seinen Mitteln. Er hielt sich rechts an Napoleon, links an Garibaldi. Der leztere mit seiner geraden und feurigen Natur faßte die Sache so ehrlich auf, wie er eben selbst dachte, reiste nach Turin und erließ einen Aufruf an seine alten Wasfengefährten und an die italienische Jugend. Eine Reihe von glänzenden Namen des politischen Italiens schloß sich ihm an und die Jugend strömte ihm zu Tausenden zu. Aus den italienischen Einzclstaatcn und den zu Oesterreich gehörigen Gebieten kam massenhafter Zuzug. Man darf nicht glauben, daß die Freiwilligen Garibaldis aus Leuten bestanden hätten, die vielleicht nur Dienst nahmen, weil sie keine Existenzmittel im bürgerlichen Leben gewinnen konnten; alle Klassen der Bevölkerung waren in seinen Bataillonen ver- treten. Der Name Garibaldi entfachte aufs neue die italienische Begeisterung zu stürmischen Ausbrüchen, noch bevor der Krieg begonnen hatte. Mazzini vcnvarf sowohl die Unterstüzung Frankreichs, als auch die Führerschaft Viktor Emanucls; er wollte Italien nur als große und starke Republik; Garibaldi, der momentan Maz- zinis Ziel nicht für erreichbar hielt, wollte ein einiges und starkes Italien ohne Berücksichtigung der Regierungsform. Während 607 sich Garibaldi und Mazzini nicht einigen konnten, legte der pie- montesische Kriegsminister Lamarmora, der als ächter Kamaschen- gcncral natürlich die Freicorps haßte, dem Volkshelden alle Hindernisse in den Weg, die er auftürmen konnte. Aber Gari- baldi mit seiner Energie trinmphirte über alle Hindernisse, der Nationalverein Italiens, dem er angehörte, unterstüzte ihn und so kam das berühmte Corps der Alpenjäger troz aller In- triguen dennoch zu Stande. Garibaldi wurde zum piemon- tesischen Generalmajor ernannt und leistete dem König auch den Eid der Treue. Die glänzende Generalsuniform wollte ihm jedoch nicht behagen, und er vertauschte sie bei jeder Gelegenheit mit der Bluse und dem runden Hut. In kurzer Zeit war das Garibaldi'schc Corps, zu dem die glänzendsten Familien Italiens ihre Söhne gesandt hatten, auf etwa 5000 Mann gestiegen. In seiner ersten Proklamation an seine Alpenjäger kam die berühmt gewordene Stelle vor:„Ich kann euch nicht mehr bieten, als Durst und Hize bei Tage, Kälte und Hunger bei Nacht und Gefahren zu jeder Zeit, aber das Ziel aller dieser Leiden ist die Unabhängigkeit Italiens. Ticbe lasse ich ohne Erbarmen erschießen, die Insubordination bestrafe ich auf das strengste." Als der Kampf in der Lombardei begann, half Garibaldi zunächst mit seinen Alpenjägern Turin gegen die heranrückenden Oesterreicher decken; nachdem sich aber die französische Armee mit der sardinischen vereinigt hatte, so daß für Turin keine Ge- sahr mehr bestand, operirte er selbständig. Mit einem kühnen Flankenmarsch und von der entflammten Bevölkerung überall mit unbeschreiblichem Jubel empfangen überschritt Garibaldi den Ticino ganz in der Nähe des Lago Maggiore. täuschte die österreichischen Streifkorps, brach in die Lombardei ein und mar- schirte im Rücken des österreichischen Hanptheeres auf Barese. �er österreichische„Heervcrderbcr", Graf Giulay, der anfangs gesagt hatte, er wolle Garibaldi„garnicht beachten", fand ihn denn doch nun beachtenswert genug, um den Feldmarschalllieute- nant Urban mit 8000 Mann gegen ihn zu dctachiren. Zugleich erließ General„Hcerverdcrbcr" eine wütende und bluttriefende Proklamation gegen Garibaldi und alle, die ihn unterstüzen würden. Urban griff das von Garibaldi besezte und verschanzte Barese an, wurde aber blutig abgewiesen und verlor zwei Ka- «onen. Hätte man jezt Garibaldi, wie er verlangte, reguläre Truppen zur Verstärkung gesandt, so hätte er wirksam in den mldzug eingreifen können. Aber Cavour sandte ihm nur eine Tepcsche, lautend:„Allgemeine Insurrektion!" Urban, in noch mehreren Gefechten geschlagen, mußte bis �onza zurückweichen. Bei dieser Gelegenheit ließ Urban den einzigen Alpenjäger, der in seine Hände gefallen war, erschießen; Garibaldi ließ von 21 gefangenen Ocsterreichern dafür zwei er- schießen. Diese Grausamkeiten erregten viel Lärm; die„Gut- gesinnten" tadelten natürlich nur Garibaldi und verschwiegen, daß Urban der Provokateur war. Mit anerkennenswerter Ge- wissenhaftigkeit wurde die grausame und brutale Kriegführung Urbans, der sich 1849 in Ungarn in derselben Weise hervor- getan hatte, von der englischen Presse an's Licht gezogen und verurteilt. Urban drang von Monza aus mit Uebermacht wieder vor, schlug eine Abteilung der Alpenjäger bei Varesc und zwang Gari- baldi, das schon besezte Como wieder zu verlassen. Ein An- griff Garibaldis auf den am Lago Maggiore liegenden festen Plaz Laveno mißlang, die aufgestandene Bevölkerung verlor bei den schrecklichen Drohungen der Oesterreicher den Mut und Gari- baldi, von den Oesterreichcrn auf den kleinen Fleck zwischen dem Lago di Como, dem Lago Maggiore und der schweizer Grenze eingezwängt, kam in eine verzweifelte Lage. Aber in diesem Guerillakrieg gegen eine Uebermacht offenbarten sich die uner- schöpslichen Hilfsmittel seines Geistes; mehr als einmal ließ er sein ganzes Korps sich zerstreuen, um auf geheimen Wege» au anderen Orten sich wieder zu vereinige»; öfter schlichen sich einzelne in großer Zahl durch die österreichischen Linien und beunruhigten dann den Feind im Rücken. Bei alldem gelang es Garibaldi wiederum, Como zu besezen, und er bekam Luft durch das Vordringen der Verbündeten, infolge dessen Urban zurückweichen mußte. Viktor Emanuel belobte öffentlich Garibaldi und sein Korps und verteilte viele Dekorationen an das leztere. Die Sendung von Verstärkungen zur rechten Zeit wäre Garibaldi weit lieber gewesen. Indessen sezte er über den Lago di Como nach Lccco und rückte auf Bergamo, wo die österreichische Besazung abzog. Die Stadt, die sofort in Aufstand kam, ward besezt und ein Angriff der Oester-reicher, die sie wieder erobern wollten, in einem blutigen Gefechte siegreich abgeschlagen. Hier erschien auch der berühmte„Engländer Garibaldis", der sich„auf eigene Faust" gegen Oesterreich schlug. Er war ein nie fehlender Schüze und tat mit seiner Doppelbüchse den Oesterreichern viel Schaden. Nach jedem Schuß überzeugte er sich mit einem große» Operngucker von dem Erfolg*). *) Heber diesen mysteriösen Engländer, der sich„Sir John Williams Peard" nannte, stand unlängst in einigen Blättern zu lesen:„Einem niedetträchtigen Sport huldigte ein Engländer, der nach der Schlacht bei Mentana unter den Schaarcn Garibaldis gesehen wurde. Mit einem Gewehr von außerordentlicher Tragweite placirte sich dieser Schurke an einem für feindliche Kugeln unzugänglichen Orte und knallte von da die Menschen, die seine Mordwaffe erreichen konnte, bequem nieder; in einem Tagebuch verzeichnete er gewissenhaft seine feigen Morde." Dem gegenüber hat Garibaldi selbst bestätigt, daß der Engländer nicht für feindliche Kugeln unzugänglich war. Im Gegenteil sezte er sich stets dem dichtesten Feuer auS, und man staunte über die unerschütterliche Ruhe, mit welcher er die Geschosse aus Gewehren und Kanonen an sich vorübersausen ließ. Dabei war seine Statur höchst auffallend für den Feind, sowie seine Kleidung, aber er deckte sich nicht im mindesten. Garibaldi sagte ihm:„Sie sind ein Tapferer!" Einem feigen Mörder würde er das nicht gesagt haben. UebrigenS kommandirte Herr Peard auf Sizilien unter Garibaldi ein Bataillon aus englischen Freiwilligen. tFortsezung folgt.) Edle Liebe. Novelle. (2. Fortsezung.) .War alles tot für uns, weil unser Harry tot war, fuhr fort. Der Obrist schrieb und schrieb nach Teutschland Briefe >er Briefe an alte gute Freunde, an neue Geschäftsfreunde, ' Minister und Potentaten— aber keiner wußte von Harry 'uff. keiner hatte von Harry Bluff gehört und so geht es bis ute— big h�te nichts, immer nichts für den Obrist aus ermany!" „Da ward dem Bruder das Leben verhaßt in New- Jork >d die Menschheit zuwider, wollte nichts vom Leben haben 'd von der Menschheit nichts wissen, um seines verlorenen Jungen willen. Und nun packten wir ein, und verließen New- Aork, zogen hieher, kauften diese Villa und das Land und hier siehst du's— da liegt's, wie es vor zwei Jahren abgeladen ward. Das schöne Land liegt wüst und der Garten verwildert, um seines Jungen willen. Was soll uns Haus und Land und Garten, da wir unfern Harry, unfern prächtigen Jungen nicht haben! Wer gibt uns unfern Jungen zurück!" Katharinc verstummte wieder und weinte still; dann be- gann sie von neuem: „Liegt er im fremden Lande unterm Rasen oder auf dem 608 Meeresgrund? Gott allein weiß es. Er sagts uns nicht, und wir wissen es nicht. Oder liegt er gar elend und krank in der Fremde— wo— gefangen und verwundet? Warum wissen wir'S nicht, wenn es zwei, drei doch wissen, die um ihn sind, warum wir nicht? Wir allein nicht und liebt ihn doch keiner, kann ihn doch keiner lieben wie wir! O, er lebt, denn wir wissen nicht, daß er tot ist, und er ist tot, denn wir wissen nicht, daß er lebt— o, unser schöner, lieber, trautster Junge ist fort und kommt nicht wieder, nimmer— kommt nimmer wieder!" Katharine drückte die Hände vor das Gesicht. Lizzi saß traurig, mit zu Boden gesenkten nassen Augen, nahm langsam die Hände Katharinens und zog sie an sich. „Das ist sehr traurig, sagte Lizzi leise. O, was möchte ich tun, um Euch den Schmerz um Harry zu lindern. Ich bin ja so arni und kann nichts tun. O, der arnie gute Obrist, wie dauert er mich, wie dauerst du mich, liebe gute Katharine! O, ich habe auch verloren, mehr verloren als du denkst, Ka- thariua, und weiß, was es ist, um Verlorenes weinen! Aber komm' hinaus, es ist hier so kalt, mich friert. Draußen ist's hell und warm, komm hinaus Katharine, es tut dir nicht gut hier." „Ja, Lieschen, komm, sagte Katharine, mühsam aufstehend, komm hinauf auf die Terrasse, damit du noch mehr siehst, was der Gram um unfern Jungen getan— o, es ist traurig und kläglich, was der Gram tut!" Und wieder faßte sie Lieschen an der Hand und zog sie mit sich die Treppe in die Höhe auf die Terrasse des Gartens hinter dem Hause. Da standen sie eben, gerade wie die Früh- lingssonne sich den westlichen Höhen des Ozark-Gebirges zu- neigte und allmälich hinter leichten Duustwolken über die ganze Landschaft ihre sanften Schattcnschleier hinbrcitete. Hütten und Häuser, die rötlichen Dächer der Stadt lagen so ruhig in der milden Friihlingsabeudluft, schauten so matt, so müde, so sehn- suchtsvvll der ötacht entgegen. Die bewaldeten Gipfel der nahen Hügel und fernen Berge neigten sich so geheimnisvoll andächtig vor der sinkenden Sonne, lind zugleich sandten die Glocken der Kirche von Rome ihren Abendruf herüber und ihr Klang zitterte durch die milde süße Luft und widerhallte so feierlich in Bergen und Tälern. Die beiden standen oben aneinander gelehnt still und sahen und horchten hinaus in den fernen ahnungsvollen Frühliugshimmcl und die weite, weite Erde. Dann senkte Katharine den Blick und wies init der Hand schweigend in den Garten unter ihnen. Lizzi sah hinab. Die Staketen um den Ziergarten lagen an fünf, sechs Enden zer- tnimmcrt, die tropischen Gewächse, die in den Gängen und Rondeaus in mächtigen Kübeln standen, Orangen, Bananen und seltene Palmenbäume waren verdorrt, vertrocknet, umgeworfen. In den Gängen hohes Gras und üppiges Unkraut, in den Blumenbeeten unter den seltensten Gewächsen Ferkel und Schweine wühlend, sich wälzend; in den Kübeln Welschhühner scharrend, gackernd und hcrumflatternd auf den Arsten der Citronen, der Pfirsichen, der feinsten Obstbäume— überall Gräuel der Ver- Wüstung, der Zerstörung! „Und die Felder, die schönen Felder, Lizzi— die Wege und Stege— kein Feld beackert, bebaut— Weizen, Welschkorn noch umgewendet vom vergangenen Herbst— Lieschen, und alles um den Jungen, um den lieben, guten Jungen!" „Armer Obrist, armer Harry!" seufzte Lizzi.„Komm, Katharine, es ist so traurig und öde hier." „Ja. es ist traurig und öde hier zum Erbarmen, komm. Ich muß es immer sehen und kann nichts tun. Du siehst es nur eine Minute und ich sehe es schon zwei Jahre und immer wieder." „Und warum kannst du nichts tun, Katharine?" fragte Lizzi. „Warum, ja warum kann ich nicht?" fragte Katharine ver- wundert. Und dann sezte sie nach einer Pause hinzu:„Ja, wenn du mir helfen würdest, Lieschen, wenn du wolltest— o. ich weiß, wenn du wolltest, Lieschen!" „O, ich will, ich will, Katharine," rief Lizzi lebhaft.„Viel- leicht kann ich euch dadurch ein wenig vergelten, was ihr für mich getan. Komm, wir wollen es in der Stube überlegen. O, ich habe daheim, als meine Mutter gestorben, dem alten, kranken Vater geholfen die Wirtschaft führen bis an sein Ende und verstehe mich ein wenig auf Garten, Vieh und Feld." „Aber er darf's nicht wissen, Lieschen, heimlich vor ihm wollen wir es tun," sagte Katharine freundlich lächelnd.„Er geht ja kaum einmal hinaus, und nie in das Nebenhaus, in seine Felder, nie in den Garten. Es ekelt ihn an, und ist ihm ein Gräuel. Komm, Ivir wollen es überlegen. Es würde ihn doch freuen, meine ich, wenn alles neu erstände. Komm, wir »vollen es überlegen," rief Katharine, und ihre lieben alten Augen glänzten, ihr Gesicht lebte auf bei dem Gedanken, daß es den Bruder doch freuen würde, wenn sie es täten. Sie gingen in das Haus zurück, um zu überlegen. IV. Wenn der Obrist nicht so tief in seine strategischen Stu- dien vernarrt und in seine buntköpfigen Nadeln verirrt gewesen wäre und mehr Sinn und Verständnis für Frauenarbeit ge- habt hätte, dürfte ihm schwerlich entgangen sein, was sich in- ncrhalb seines Hauses seit jenem Frühlingsabende zutrug, wo die Schwester und Lieschen es sich überlegten. So aber hörte er weder das Klopfen und Rumoren und Rücken in den Neben- räumen des Hauses, noch fiel ihm das Gehen und Kommen von Leuten allerlei Art und Geschlecht auf, die mit Hacken, Rechen und Spaten an seinem Fenster vorüber um die Ecke nach Hos und Garten einbogen. Er bemerkte noch viel weniger, daß die Handarbeit seiner Schwester und Lizzi's nicht um ein Haar breit von der Stelle rückte, obwohl er jezt hin und wieder stundenlang in der Wohnstube saß und sich mit ihnen über allerlei Dinge unterhielt, von welchen er merkwürdigerweise an- nahm, daß sie ihnen ebenso interessant seien, als ihm selber. Sie hörten auch mit gebührender Ausnierksamkeit zu, wenn er ihnen die Schlachtpläne von Lionville und Sedan auf das speziellste deklarirte und die Laufgräben um Straßburg, Bclfort und Paris eröffnete und sich gewöhnlich erst dann in sein Ka- binet zurückzog/ wenn die Sehnsucht nach seiner Pfeife, ivelche er zu Katharinens gerechtfertigster Verwunderung im Wohn- zimmcr mit Rücksicht auf Lizzi's leidenden Zustand nicht mehr rauchte, unbezwinglich ward. Ein Tag. eine Woche nach der andern verging. Der Krieg, den der Obrist gegen den Erbfeind Deutschlands in seinem Ka- binet nachträglich mit rastlosem Eifer und Aufwand aller Mittel bis auf's Messer führte, näherte sich dem Friedensschlüsse. Priam trottete täglich auf das Postbureau und brachte täg- lich„Nichts aus Germany." Das Klopfen und Rumoren in dem Hintergebäude hatte allgemach aufgehört und die Leute mit Spaten und Hacken und Rechen schienen nichts mehr in der Villa zu schassen zu haben. Aber ein neuer Gast— der Frühling— war ins Land ge- kommen mit leisen bedächtigen Schritten und breitete seinen blühenden Segen über Berg und Tal, um für das bevorstehende Osterfest Himmel und Erde in schönste Feiertracht zu kleiden. Das Kleid war auch richtig zur bestimmten Stunde fertig. Als der erste Osterfeiertag sich heute von seinem Lager erhob, glänzte die Frühlingssonne vom lichtblauen unbewölkten Himmel lachend und strahlend über Stadt und Land, über Berg und Wiesen, über Bäume und Blumen, daß es des feierlichen Läutens der Glocken vom Kirchturm nicht bedurft hätte, um auch den Men- schen in Rome Freude und Frieden zu verkünden und die hei- lige Botschaft:„Christ ist erstanden!" Es mochte wol außer diesen feierlichen Glockcukläugcn ein Hauch der österlichen Auferstehuugslust auch in das Kabinet des Obristen und in sein Herz gedrungen sein. Er stand zur Morgenstunde mit über die Brust gekreuzten Armen am Fenster und hatte die Blicke in ernster feierlicher Ruhe auf in de» blauen, golddurchzitterten Glanz des Himmels gerichtet und der I Engel des Friedens senkte die Palmen über seine Seele. «Fortsezung folgt.» 609 Gottsched, Götze, Lessmg. Ein Stück Kulturgeschichte. (Fortsezung stcttt Schluß.) Lessings siebzehnter Literaturbrief ist der beste Beweis, wie schwer es ist, sich bei der Beurteilung und Bekämpfung von Gegnern in den Grenzen strengster Gerechtigkeit zu halten. Lessing und Gottsched waren Gegner von der Zeit an da Lessiug sich dieselbe Aufgabe gestellt hatte, als vor chm Gott- sched,— ein Reformator der deutschen Literatur zu werden. Schulter an Schulter konnten die beiden nicht kämpfen,— dazu war der Unterschied der Befähigung zu groß und W Selbstgefühl grade des weitaus weniger Befähigten viel zu sehr entwickelt. Statt sich als den Vorläufer der Reformation deutscher Literatur zu geben, wozu er als völlig berechtigt heute noch erkannt wer- den muß, hielt er sich sehr bald nicht nur für den Reformator selbst, sondern trat ganz unvcr- holen wie ein Heiland unserer Literatur auf. Solche Selbstüberschäzung wußteihnlächerlich machen, mußte seine wirklichen Verdienste in Schatten stellen. Gottsched hatte, wie Lessing ausdrücklich zugibt, die Verderb- »is der dramatischen Poesie ein- gesehen und war der erste ge- Wesen, welcher unerschrocken und energisch daranging, ihr abzu- helfen. Das erstcre ist anerkennens- wert, das leztcre ist unzweifelhaft ein Verdienst. Gottsched würde sich als ein Genie bewährt haben, hätte er die Mängel der französischen Dra- matik erkannt und, über sie, die von aller fremden Literatur in Deutschland am meisten bekannt und beliebt war, hinausgreifend, angeknüpft an die lebensvolle, 1___,, �'.4 V" Sl' Theodor Drobisch.(Seite 611.) IlUC Viatmv*»»--- 1 t gyn fte des Volksaeistes in dem seinen vcreim,..... fanden.— Wie vielen Menschen ist solche Stellung hoch schichte des deutschen Teaters zu lesen ist""). -- Wf nerlanat Wie wir oben gesehen haben, verlegt Lessing die dramati � t» �iiies Geistes aufzudruaen, iucu ti vuv....... - vvs treibende Element dieser Bewegung erfaßt hatte, weil 1 die edelsten Kräfte des Volksgeistes in dem seinen vereint ..." Cl1-—— Wie vielen Menschen ist solche Stellung hoch .]n dorn Strome der Zeit gegönnt und vön wem darf verlangt erde», daß er sie sich erobert? und was verlangt dieser 17. Literaturbrief alles von Gottsched? dieser sollte das deutsche Drama der damaligen Bergangen- n J-'"ir kennen, sondern aus dieser Kenntnis auch ein Qch Lessings Einsicht richtiges Urteil über das innere Wesen vr draniatischen Bedürfnisse des deutschen Volkes gewonnen Wen; dieselbe Kenntnis und dasselbe zutreffende Urteil sollte er auch bewähren inbezug auf das englische Tcater und dessen dem deutschen Volkskarakter entsprechende Elemente; nicht minder inbezug auf das französische Teatcr und dessen mit der fran- zösischen Karaktcranlage übereinstimmenden und der deutschen widersprechenden Inhalt und Kern. Das heißt das Menschenmögliche verlangen an Wissen und Verständnis. Es hieß sogar mehr verlangen als für Gottscheds Wirksamkeit gut gewesen wäre. Lessing spricht von dem dcut- schen Volke und dessen Bedürf- nissen; das deutsche Volk hatte aber damals noch garnicht zu entscheiden, was für Dramen auf den Wanderbühnen jener Zeit sich als beifallswert erweisen könnten. Ans das deutsche Volk bei der Teaterreformation rechnen, hätte für Gottsched nichts anderes bedeutet, als einen in vorläufig unabsehbarer Zeit fälligen Wcch- sel ziehen auf jemanden, von dem sehr zweifelhaft sein mußte, ob er jemals in die Lage käme, ihn zu honorircn. Gottsched war nicht der Mann, sich ein Publikum zu schaffen. Er mußte es nehmen, wie er es fand. Und er fand es „französirend",— darum schuf er ein„französirendes" Teater und sezte— nicht das absolut Gute— sondern nur das Bessere an die Stelle des Schlechten. Gottsched hat auf den 17. Li- teraturbrief geantwortet oder viel- mehr antworten lassen. Die Ant- wort war nicht übel; sie ward gedruckt in einer 1760 in Frankfurt und Leipzig erschienenen Schrift betitelt„Briefe über die Einführung des englischen Gc- schmacks in Schauspielen", worin sich der Verfasser in keineswegs geistloser und langweiliger Art zu zeige» bemüht, daß das, ivas Lessing fiir den wahren deutschen Geschmack ausgibt, dieser keiueswegs ist und daß auch das Ur- teil Lessings über den englischen Geschmack eine Korrektur sehr wohl vertragen könne. Am besten sind diese Antwortepisteln da, wo sie auf die Bemerkung Lessings über die Neuberin und die Vertreibung des Harlekins durch Gottsched eingehen. Der fragliche Passus enthält eine unzweifelhafte Widerlegung Lessings und ist um so interessanter, als er den Irrtum be- richtet, welcher bezüglich der berühmten und berüchtigten Harle- kinsvertreibung*) noch heute verbreitet und in allen großen Lite- raturgeschichtcn, sowie auch in Devricnts ausgezeichneter Ge- IV IV VVW» Xj\ y--- V------'«J i' V tischen Reformbcmühungen Gottscheds in die Zeit„als die Neu- *) Die Neuberin, die bekannte Teatcrprinzipalin, sollte auf Be- treiben Gottscheds eine feierliche Verbrennung der bis dahin für unent- behrlich gehaltenen Figur des Hanswurstes aufgeführt haben. **) Siehe über das Obige Danzel„Lessing und seine Zeit", 454, 55, 56 und 495, 96, 97. 610 fccrin blühte imb so mancher den Beruf fühlte, sich um sie und die Bühne verdient zu machen." Darauf erwidern die„Briefe die Einführung des englischen Geschmacks betreffend": „Wie nimmts der Herr? Als sie noch jung war, als sie als Actrice auf dem Tcater blühte? O! hier verrät der Herr Niemand seinen Mangel an Kenntnis vergangener Zeiten. Da- mals stand sie unter dem Direktor Hofmann und hatte nichts zu befehlen. Man konnte sich also nicht um sie durch die Ver- bcsscrung der Bühne verdient machen. Es wird daher heißen sollen: Als die Neuberin endlich über ihren Mann den Meister spielte und die Bühne unter ihrer Herrschaft blühte? Allein, das kann es wieder nicht heißen, denn damals war die Ver- besscrung, wovon die Rede ist, langst unternommen und aus- geführt worden: sie hingegen Hub eifrig an, durch allerlei wildes Zeug, durch Singen und Tanzen das Gute zu verderben. Es ist also nichts gesagt; es müßte denn ein unglücklicher Wiz da- hinterstecken sollen. Hofmann, wie gedacht, war Direktor der hiesigen Bande, nur es war um die Jahre 1725, 26 und 27, als ihm verschiedene leipziger Gelehrte, worunter auch Herr- Professor Gottsched war, rieten, etwas zur Verbesserung der hiesigen Bühne zu unternehmen. Man fragte ihn, warum er denn nicht die Stücke des Gryphius, Lohenstcins und Hallmanns(also grade ältere deutsche Stücke, die sich vielfach dem von Lessing bevorzugten englischen Geschmacke näherten) spielte? Allein er behauptete, es wäre unmöglich, weil sie in Versen wären. Verse, sprach er, lassen sich heutzutage nicht mehr aufs Tcater bringen; und überhaupt sind diese Stücke zu ernsthaft und ohne lustige Person: der Chöre, die sie haben, nicht zu gedenken. Man mochte ihm nun sagen, was man wollte, so blieb er dabei, es lasse sich nicht tun.— Anno 1728 zerschlug sich diese Gesellschaft in Hamburg, wo sie damals war, und der größte Teil der Komödianten blieb beim damaligen Harlekin Müller, der sich zum Haupte auswarf. Neuber aber kam mit 4 Personen nach Leipzig, in Absicht sich hier festzusezen. Das Schlimmste war, er hatte keinen Har- lekin. Man fragte ihn daher nach den damaligen Begriffen voller Verwundrung, was er doch immer ohne Harlekin machen oder wo er einen herkommen wollte? Ich werde einen haben, war seine Antwort, Sie werden ihn sehen, ich werde gewiß einen haben!— Er eröffnete sein Teater und siehe da! er selbst, das leibhaste Gegenspiel vom kleinen, gewandten Harlekin er- schien in der lustigmachendcn Jacke: worinnen er noch um die Hälfte schwerfälliger und hölzerner aussah, als er schon wirklich war. Man kann sich leicht einbilden, wenn man anders Nenbern gekannt hat, daß er dieser lustigen Person wenig Ehre gemacht haben wird. Inzwischen, so schlecht ihm auch sein Unternehmen gelang, so wollte er sich doch nicht entschließen, diesen wichtigen Posten mit einem würdigeren Subjekte zu besezen. Warum das? weil er an Hofmanns Beispiel gelernt hatte, daß der Harlekin allezeit Herr von der Bande und ihrem Haupte sei, und ihm trozen könnte, wann er wollte. Aus Furcht also, über seine eigne neue Bande bei irgend einer künftigen Zwistigkcit nicht Herr zu sein, wagte es Neuber, den Harlekin ganz abzuschaffen, und man sieht hieraus, daß Sieubers eigener Nuzen alles das getan, was Ihr Freund gerne Gottscheden zuschrieb. Er und andre Freunde des guten Gc- schmacks wünschten diesen kühnen Schritt mehr, als daß sie ihn hofften. Ja, mit aller angewandten Mühe, und mit allen ihren Ratschlägen würden sie das nimmermehr ausgerichtet haben, was der Eigennuz hier so leicht bewerkstelligte. Die feierliche Ab- dankung dieser Hauptperson gehörte also einzig und allein dem Neuberischen Wize an, ohne daß Herr Professor Gottsched einen andern Anspruch daran zu machen hat, als daß er solche längst gewünscht, dazu geraten und die Vollziehung mit Vergnügen gesehen." Gingen nun diese Gottscheds Sache mit viel Geschick und, wie wir eben gesehen haben, stellenweise sogar mit entschiedenem Erfolg verscchtendcn Briefe auch nicht aus Gottscheds eigner Feder hervor, so enthielten sie doch gottschedische Gedanken, denen wie Dauzel wahrscheinlich richtig vermutet, seine kluge Frau Adel- guudc Viktoric Gottsched, geborene Kulmus, die gewandte und ansprechende Form verlieh. Noch in einer andern sehr bedeutsamen Beziehung ist Gott- schcd uuterschäzt, oder vielmehr sein Verdienst ganz übersehen worden. Gottsched, der bis heute von den meisten der Literaturkunde Beflissenen für einen ideenlosen Pedanten gehaltene Gottsched ist der erste gewesen, welcher die Idee einer deutschen Gesammt- literatur gefaßt hat. Die Aufgabe, welche die Streiter und Heroen der deutschen Schriftwelt des 18. Jahrhunderts von Klopstock bis Goethe ge- löst haben— indem sie mit Bewußtsein und Absicht eine Literatur schufen, welche in ihrem Wesen dem ganzen deut- schcn Volke augehörte und in ihrem Aeußerlichen dem ganzen Volke zugänglich war,— diese Aufgabe hat Gottsched zuerst angedeutet, ihre Lösung angebahnt. Auch in dieser Richtung ging freilich Lessing sogleich einen hochbcdeutungsvollen Schritt über ihn hinaus— nicht nur eine gemeinsame Literatur, wie Gottsched, verlangte er für das deutsche Volk, sondern er schuf eine eigenartige, dem Karakter unseres Volkes entsprechende Literatur. Aber auch hier muß Gottsched als verdienstlicher Vorläufer unserer Kulturepoche anerkannt werden,— nicht wie es stets geschah,— als verächtlicher, verdammcns- oder bclachcnswcrtcr Vertreter der alten überwundenen jämmerlichen Literaturzeit. Von weitaus anderer Art als Gottsched war der zweite Gegner Lcssings, welchen die„N. W." gleich jenen ihren Lesern im Bilde vorgeführt hat. Johann Melchior Göze war seines Zeichens ein Pfaff, oder um anstatt dieser anrüchigen Bezeichnung eine an sich un- verfängliche zu gebrauchen— ein Streiter der Kirche. In der freien Reichsstadt Hamburg waltete er seines Amtes als ortodox luterischcr Hauptpastor an der St. Katarinenkirche. Hier lernte ihn Lessing kennen, lieber die erste Begegnung mit diesem Manne Gottes vermerkte Lessing in seinem Tage- buche: „Den 24. Januar 1769 habe ich den Senior Götze zuerst persönlich kennen lernen. Ich besuchte ihn ans seine wiederholte Einladung und habe einen in seinem Betragen sehr natürlichen und in Betracht seiner Kenntnisse garnicht unebnen Mann in ihm gefunden." Lcssing wiederholte seine Besuche, unterhielt sich mit deni Pastor über mancherlei gelehrte Dinge und ließ sich wohl mit- unter dessen gute Rheinweine trefflich munden. Daß Götze schon damals mit gutem Grunde im Rufe eines blindwütigen Eiferers für christlichen Vuchstabenglauben galt. genirte ihn damals nicht; dem tüchtigen Bibliographen und leid- lichen Kunstkenner und Münzvcrständigcn ließ er seine teologischcn Schrullen vorläufig noch hingehen. Götze war auch nicht schlimmer als sehr viel andre seines Berufes wie aller Berufe und Zeiten;— wo in aller Welt fände man keinen Rechthaber, keinen Kezervcrfolger, keinen Menschen, dem der ärgste überlieferte Irrtum nicht weit lieber wäre als die erhabenste, ncucntdeckte Wahrheit? Aber Götze hatte die für ihn zum Verhängnis gewordene Dreistigkeit, sich Lessing entgegenzustellen, als er voll heiligen Ernstes und gewaltiger Geisteskraft an die Untersuchung ge- gangen war, was an der christlichen Religion Wahres sei, und diese Dreistigkeit büßte er mit dem Fluche einer Lächerlichkeit, die bestehen wird, solange die deutsche Literatur lebt. Grade zu jener Zeit— im Beginn des lezten Drittels vom vorigen Jahrhundert— tat eine ernste Untersuchung der Christenrcligion auf ihren Wert not. Einerseits ließ die luterischc Ortodoxie ihrer Herrschsucht und Verfolgungswut ungestraft den Zügel schießen, andererseits suchten scichtbcutlige Rationalisten dem alten derben, aber wurmstichig werdenden Glanbcnschristentum mit der Tünche ihrer Vemiinf- tclei ein neues rcputirliches Ansehen zu geben,— jene geschäftigen Sammler all der tausenderlei Ständchen und morschen Fädchen 611 gehaltlosen Aufklärichts, wie er sich in den Ecken und Winkeln eines vom freien Luftzug wissenschaftlicher Forschung wenig bc- rührten Völkerhaushalts absezt. Beide Richtungen mußten einem Lessing in den Tod zu- wider sein, und beide zu bekämpfen ging er in den siebziger Jahren in seinen„Beiträgen zur Geschichte und Literatur aus den Schäzcn der wolfcnbüttclschcn Bibliotek" an die Vcrösfent- lichung der wolfenbüttelschcn Fragmente. Diese Fragmente bestehen aus mehreren Teilen der Schrift eines Ungenannten, die eine„Apologie oder Schuzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes" sein sollte und in Wahrheit ein Angriff auf die Grundlagen der christlichen Religion war— so kühn, wie er damals in Deutschland unerhört und so tcologisch gelehrt, wie es überhaupt in der ganzen Welt noch nicht gc- schehen war. Der Verfasser war ein wissenschaftlich hochgebildeter und mit den edelsten Karaktcranlagcn ausgestatteter Professor an dem akademischen Gymnasium in Hamburg, Hermann Samuel Rcimarus. Derselbe blieb lange Zeit als Verfasser der durch Lessings Berössentlichnng bei den Frommen zu einem Gegenstände furchtbar- sten Aergeruisscs gewordenen Schrift unbekannt, und das stimmte wit seinen Wünschen übcrcin, denn der Beweggrund, warum er seine Gedanken niederschrieb, war nach seiner eigenen, später gleichfalls von Lessing veröffentlichten Vorrede, vom ersten An- sauge blos seine eigene Gcmütsberuhigung.„Und ich bin nach- her nimmer," sagt er,„ans den Vorsaz geraten, die Welt durch »icine bekannt gemachten Einsichten irre zu machen oder zu Un- ruhen Anlaß zu geben. Die Schrift sollte blos im Verborgenen zum Gebrauch verständiger Freunde liegen bleiben. Lieber mag der gemeine Haufe noch eine Weile irren, als daß ich ihn, ob- wohl es auch ohne meine Schuld geschehen würde, mit Wahr- Helten ärgern und in einen wütenden Rcligionseifer sezcn sollte." Solche Verheimlichung einer Wahrheit vor dem„gemeinen Haufen" mochte des vorsichtigen Rimarus Sache sein, Lessing aber mußte damit hinaus vor alles Volk. „Der Ungenannte," sagt Lcssing,„war ein so kluger Mann, daß er durch allzufrühzcitige Acußerungcn weder sich noch andere unglücklich mache wollte: und ich, ich schlage als ein Rasender weine eigene Sicherheit zuerst in die Schanze, weil ich der Meinung bin, daß Acußerungcn. wenn sie nur Grund haben, dem menschlichen Geschlecht nicht früh genug kommen können." Die Fragmente des Ungenannten handelten zuerst von der Duldung, dann von der Bcrschreiung der Vernunft auf den Kanzeln, ferner von der Unmöglichkeit einer Offen- darung, welche von allen Menschen auf eine genügende | Art geglaubt werden kann, darauf widerlegen sie die Er- zählung von dem wunderbaren Durchzug der Kinder Israel durch das rote Meer, und beweisen, daß das alte Testament nicht geschrieben sei, um eine Religion zu offenbaren, wenden sich darnach in einer Abhandlung gegen die Auferstehungsgeschichte Christi, gegen die Haupt- grundlagc der christlichen Religion, und wagen endlich sogar in der Arbeit„Von dem Zwecke Jesu und seiner Jünger," die Frage zu diskutircn, ob bei der Gründung des Christentums und den Wundern seines Stifters nicht offenbarer Betrug mit untergelaufen sei. Wie diese nicht allzurasch hintereinander erscheinenden, dem Christentume immer erbarmungsloser zu Leibe gehenden Ver- öfsentlichungen bei den Starken im Glauben einschlugen, kann man sich vorstellen. Man würde sich übrigens sehr täuschen, wollte man auf Grund der Tcmata der Fragmente annehmen, Lessing hätte gleich Voltaire und den Encyclopädisten und anderen persönlichen Feinden der Pfaffheit oder des lieben Herrgotts die christliche Religion oder gar die Religion überhaupt flugs in Grund und Boden hinein vernichten wollen— ecraser, wie Voltaire sagte. Man mag solchem Wunsche Sympatie entgegcntragen, so- viel als nur möglich ist; wer aber die Menschen kennt und von der Geschichte der menschlichen Gcistcscntwicklung eine Ahnung hat, wird nicht läugucn können, daß die christliche Religon wie die andern Religionen einem tiefen geistigen und gemütlichen Bedürfnisse der Völker ihren Bestand zu danken hat, und daß sie vor hundert Jahren noch mehr als heut, aber dennoch auch heute noch, mit tausend Fäden die Herzen und Köpfe von Milli- 1 onen umsponnen hält. Und wer das weiß, der kann den Wunsch, die christliche Religion möchte hcnt oder morgen, in diesem oder im nächsten Jahrhundert vernichtet, ausgerottet werden, als einen kind- liehen, wenn nicht kindischen nur belächeln, kindisch desto mehr, je flammender und selbstbewußter er ausgesprochen wird. Die christliche Religion kann nicht rasch und gewaltsam ver- , lichtet werden, selbst nicht durch die giftige Lauge Voltairischen Spottes, sie kann nur in hartem, unermüdlichem Gcistcsriugen langsam überwunden werden. Zu solchem Geistesringcn war Lessing der Mann. Wie er es anfangen, wie er es durchkämpfen wollte, mag er selber sagen. (Schluß solgt.) Lrr volksschriftstrlltr sshrodor vrobisch. Ein Gedcntblalt dein Heimgegangenen. Von Dr. Mar Vogler. i J"1 heurigen Lenz, der so früh seine Reize entfaltete, ist ein ücher Schriftsteller zur ewigen Ruhe gegangen, der die Erinnerungen enie ganze Generation in Literatur und Kunst mit sich hinab- lommen hat. Theodor Drobisch war eine eigenartige Individualität, e. ichlichte, biedere Natur, einer von jenen in unserer Zeit noch recht e'nzelt dastehenden trefflichen Menschen, die stets das Herz auf den 'Pen haben, was bekanntlich heutzutage nicht blos nicht immer prak- sondern mitunter, ja häusig, sogar gefährlich ist. Daß ein solcher jM1'» eine keineswegs glatte Lcbenslaufbahii und die mannigfachsten Heren und inneren Kämpfe zu überstehen hatte, begreift sich leicht. 'T'«er ich das Glück gehabt habe, dem Verblichenen persönlich nahe stehen, ist es eine Herzenssache, den Lesern der„Neuen Welt", der >eit zwei Jahren als Mitarbeiter angehörte, ein wenn auch nur chhg gezeichnetes Bild seines Daseins zu entrollen, und ich wünsche zugleich eine schlichte Kranzspende auf sein Grab niederzulegen, -ztm�meis. kräftigen Auslassungen seiner behaglichen Laune, seines unerschöpf- lichen Wizes gegolten haben. Seine Wiege stand in Dresden, aber er verlebte seine Jugend in Leipzig, wo sein Vater als Mitglied des Teaterorchcsters tätig war. Diese Stellung seines Vaters machte ihn früh mit teatralischen und künstlerischen Verhältnissen überhaupt be- kannt und erweckte lftm bi- Neiauna zum Schriststellerberuf, eine tralischcn uno runiiwr, aveckte in ihm die Neigung zum Schriststellerberuf, Neigung, die hauptsächlich durch eine früh in ihm tätige, stark pul ...... Aber mittellos, wie seine(T il.fv'X'"' 1-7-—, stzten Liebesbeweis. eyeodor Drobisch ward am 26. Dezember 1811 dieser Welt geboren, I u kleinere und größere Torheiten dann so oft die unvüchsig I so Jiciy uny, vir-,- i-'-v.......,,, sirende kritische Ader belebt wurde. Aber mittellos, wie seine Eltern waren, hat er sich Stufe um Stufe zu dem Wege der Vorbildung für diesen Beruf mit sauren Mühen durchkämpfen müssen, und es verdient wahrlich volle Anerkennung, daß er es im Alter von zwanzig Jahren so weit gebracht hatte, zum erstenmale mit schriftstellerischen Leistungen vor die Oesfentlichkeit zu treten. Er tat es als Mitarbeiter verschiedener belletristischen Zeitschriften, was damals noch mit weit schwierigeren Um- ständen verknüpft war als jezt. Wie es mit dem greifbaren Lohn für seine literarische Anfangstätigkeit, mit dem Ertrag literarischer Arbeit überhaupt damals aussah, dürste aus folgender Stelle eines von ihm an mich gerichteten Briefes, mit dem er meine damalige jugendliche Schriftstellerungeduld zu beschwichtigen suchte, hervorgehen.„Merk- würdige Zeiten!" schrieb er mir.„Als ich vor fünfundzwanzig Jahren zu schriststcllern anfing, schrieb ich an wenigstens dreißig Druckbogen umsonst für„Komet",„Rosen",„Planet" u. s. w. Und ich nicht allein, sondern alle, von denen viele später als Heroen in der Literatur prang- 612 tcu. Gutzkow sagte mir einmal: Ich habe mir in Berlin die Finger wund geschrieben, che ich des ersten Honorartalcrs ansichtig wurde. Noch bessere Dinge wußte Holte! zu erzählen, namentlich von Theodor Hell(„Abendzeitung") und von Ferdinand PHUippi(„Merkur"). Als er von lezterem einmal ein Honorar für eine gelieferte Novelle und etliche Gedichte verlaugte, drohte ihn dieser wegen Injurien zu ver- klagen. Nun erst August Lcwald. Er sagte mir einmal: Als ich nach dreijähriger Tinteverschwendung in Hamburg für den Druckbogen drei preußische Taler empfing, machte ich einen Luftsprung. Also, guter Freund, Geduld. Die Traube wird mit Fußen getreten, wen» sie Nektar spenden soll----" Im Jahre 1847 übernahm er die Redaktion eines unter dem etwas geschmacklosen Titel„Zeitung für die elegante Welt" zu Leipzig er- scheinenden belletristischen Blattes, dessen Leitung er bis zum Jahre 1859 behielt; daneben gab er das„Wiz- und Karnkaturen-Magazin" (1848—1850), den„Leipziger Telegraph"(1855), den„Amcisenkalender" (seit 1853 biS zu seinem Tode) heraus und war ferner für zahlreiche Zeitschristen und Taschenbüchern, wie den von Herloßsohn redigirtcn „Komet", den„Dorfbarbier" von Ferdinand Stolle, den„Charivari", den„Leuchthurm" von Ernst Keil, das„Familienjournal", die„Gar- tenlaube", mit deren Anfängen sein und Ferdinand Stvlle'S Namen noch verknüpft ist, die„Fliegenden Blätter" k. k. literarisch tätig. Im Laufe der Jahre hat er eine schier außerordentliche Menge von Ro- manen, Novellen, Satyren, Humoresken, dramatischen Schriften, Opern- texten, Jugendbüchern und Gedichten veröffentlicht. Von Anfang an karakterisirtc sich die von ihm eingeschlagene Richtung dadurch, daß er seine Stoffe meist aus dem Volks- oder Küustlcrleben entlehnte. Troz aller Mühsal, die er gerade in dieser Stadt zu ertragen hatte, dachte er doch immer mit besonderer Liebe an Leipzig zurück,„die Stadt"— wie er sich einmal gegen mich äußerte—„wo ich vierzig Jahre verlebt habe und jeden Pflasterstein kenne." Mit Herloßsohn, dem weichherzigen Dichter des volkstümlichen Liedes:„Wenn die Schwalben heimwärts ziehen," Ferdinand Stolle, Adolf Böttger und dem Komponisten Lortzing bildete er eine edle, durch innige Freund- schaftsbande verknüpste Gemeinschaft, man sieht, mit Männern, deren Denken und Trachten im Volke wurzelte, und die eben darum dem letzteren liebgeworden sind. Sie haben wacker manches gemeinsame Leid miteinander getragen, und sind auch mitsammen aus voller Seele fröhlich gewesen. Laut und ausgelassen genug ist eS bisweilen hergegangen, wo sich die im Besize einiger Groschen schon übermütige Künstlerverbrüderung einfand; man wußte in jenen Jahren, wo die Gelehrten des„Dorsbarbier" und der Kvmponist von„Zar und Zun- mermann" eine unerhörte Popularität genossen, sich in Leipzig manches davon zu erzählen. Wehmütig erwähnte er in seinen Briefen an mich oft jener Leipziger Jahre. Im November 1876, nachdem er wieder einige Tage daselbst verweilt, schrieb er mir:„In Leipzig, wo ich meine Jugend verbracht und so viele Jahre gelebt, wanderte ich oft mit seit- samen Gedanken durch die Straßen. Die alten Freunde alle tot. Ich stand an den Gräbern von Herloßsohn, Adolf Böttger, Roderich Benc- dix, an dem Denkmal von Karl Zöllner— alle im Reiche der Schatten, mit denen man gelebt in guten und bösen Tagen. Alle gestorben als arme Teufel, troz ihrer Mühen, was leider auch das Loos von Guy- low sein wird, welcher mir noch unlängst seinen neuen Roman:„Die neuen Serapionsbrüder" für das Feuilleton der„Dr. Pr." anbot, um solchen noch einmal zu„verkloppen". Auch so ein armer Erdenringer, dem man dereinst ein Denkmal sezen wird" je. Dann zwei Jahre später, am 11. November 1878:„Heute vor siebenunddreißig Jahren hielt ich bei dem Leipziger Schillersest die Festrede mit dem von Lortzing kompouirten Melodram am Schluß. Nach mir sprach Robert Blum. Wo ist die Zeit hin?" Und im Januar des vorigen Jahres, wo ich einige Monate in der Redaktion der„Neuen Welt" tätig, in Gohlis weilte:„Im Sommer 1842 wohnte ich mit Robert Heller vier Monate in Gohlis; Georg Herwegh knipp zwei Tage bei mir. Adolf Böttger kam alle Tage heraus und laS mir seine Bhron-Uebersezung unter Ver- tilgung diverser„Döppcheu" vor.... Ach, könnte ich diese Zeit zurück- rufen; es waren herrliche Tage, wenn mich Herloßsohn, Marggraff, Karl Beck ic. besuchten und wir hinüber nach Eutritzsch oder nach Möckern wanderten----" Im Jahre 1859 siedelte er nach Dresden über und trat in die Redaktion der„Dresdener Nachrichten" ein, zu deren Verbreitung er durch seine humoristische Feder das allerwesentlichste beigetragen hat. Nachdem er 1872 diese Stellung aufgegeben, war er dann noch einmal für das Feuilleton der fortschrittlichen„Dresdener Presse" revaktionell tätig. Während dieser Zeit wurden die ersten Fäden unserer gegen- seitigen Beziehungen geknüpft. ES war im Oktober 1874, als mein erster Brief, unter Beischluß eines Manuskripts für das Feuilleton der „Dresdener Presse" an ihn abging. Er antwortete beinahe umgehend mit einem überaus freundlichen Schreiben; es hatte nichts von jener unangenehmen Glätte und geschäftsmäßigen Kälte, die solchen Mit- teilungen in der Regel eigen ist, und die man bei längerer journali- stischer Tätigkeit mit dem großen Drang der aufreibenden Redaktions- Veiten zu entschuldigen sich gewöhnt. Er plauderte gleich frisch und vertraut aus der Seele heraus und erfreute mich mit mehreren interes- santen Nachrichten über den unglücklichen Stürmer und Dränger, Christian Dietrich Grabbe, aus den sich meine für den Druck ein- gesandte Arbeit bezog. Er teilte mir mit, daß er„vor länger denn zwanzig Jahren eine Art Novelle geschrieben habe, worin das Treiben Grabbe's in Leipzig vorkam." Er wohnte erst am Zuchthauspförtchen, später in der Burgstraße. Der Dr. Naundorf schildert ihn mir als einen genialen, aber etwas lüderlichcn Menschen. Im kleinen Kuchen- garten wischte er den mit Kaffeetunke überschütteten Tisch mit seiner Müze ab.... Professor Amadeus Weudt gab mir auch ein Bild von ihm; sodann später einmal Jmmermann und der Schauspieler Reger. Die Idee, Schauspieler zu werden, hegte Grabbe schon in Leipzig, als er bei Wendt eines seiner Lustspiele vorgelesen, wo er so unbändig gc- schrieen, daß Wendt ihn beschwor, sich zu mäßigen.... Nach Immer- manns Rede ist es falsch und als eine Lüge zu bezeichnen, daß er den Dichter habe Rollen abschreiben lassen, um ihm etwas Verdienst zu- kommen zu lassen. Er habe alles getan, um den Gesunkenen aufzu- richten, der bis mittags zwölf Uhr im Bette gelegen habe und dann— gepichelt.... Tieck war später ihm feindlich gesinnt, nachdem ihm Grabbes Schrift:„Ueber die Shakespearomanie" zu Gesicht gekommen. Im.Gothland' empörte ihn die Stelle:.Sokrates und Nero sind von gleichem Wert'."*) Vgl. die Tragödie Herzog Theodor von Boihland, IV. AN, 1. Szene. (Schluß folgt.) Ter heilige Kreutberg in Colorado.(Illustration s. Seite 605.) Colorado, ein Territorium der Vereinigten Staaten von Nordamerika, 1861 aus Teilen von Kansas, Utah, Nebraska und Neumexiko gebildet, wird durch seine Felsgebirge in 3 natürliche Regionen geteilt. Unter diesen Felsgebirgen sind solche, welche bis über die Schneelinie empor- ragen. Die Natur, welche sich bisweilen in seltsamen Formspielen ge- fällt, hat einem dieser Berge das Symbol der Christenheit aufgeprägt; indem nämlich eine vom Gipfel des Berges abwärts laufende Rinne von einer Querrinne durchschnitten wird. Der Schnee, der sich in diesen Rinnen ablagert, bildet so das Zeichen eines weißen Kreuzes, und fromme Seelen haben hier Gelegenheit, allerlei erbauliche Phantasien an den Man» zu bringen. Auch Europa hat seinen heiligen Kreuz- berg. Es ist der höchste Berg der Rhön bei Bischossheim, 931 m hoch, mit breitem, kahlen Gipsel, auf dem ein 26 m hohes hölzernes Kreuz steht, zum Gedächtnis des Kreuzes, das der heilige Kilian, der Apostel Frankens, schon 668 hier ausgepflanzt haben soll. Lt. Inhalt: Verschlungene Lebenswege. Roman von Franz Carion.(Forts.)— Josef Garibaldi.(Forts.)— Edle Liebe. Novelle. (Forts.)— Gottsched, Götze, Lessing. Ein Stück Kulturgeschichte.(Forts, statt Schluß.)— Der Volksschriststeller Theodor Dßobisch. Ein Ge- denkblatt dem Heimgegangenen. Von Dr. Max Vogler.(Mit Illustration.)— Der heilige Krcuzberg in Colorado.(Mit Illustration.)— Literarische Umschau: Schauen und Schaffen. Literarische Umschau. Schauen nnd Schaffen. Neue Gedichte von Albert Moser. Stutt- gart, 1881. Verlag von Levy und Müller. Möser ist keiner von den Duzendpoetcn, wie sie auf Weihnachten in zierlichen Go dschnittbändchen den Büchertisch unsicher zu machen pflegen. Das erkennt man sogleich, man mag das Buch aufschlagen wo man will. Sind wir auch weit davon entfernt, ihn Goethe oder Schiller an die Seite zu stellen, wie es von manchen Kritikastern ge- schehen ist, so dürfen wir ihn ohne Bedenken den Dichtern vom Range Platens anreihen, an den auch seine Formgcwandheit in Bewältigung schwieriger Rhytinen lebhaft erinnert. Die kunstvoll geseilten Verse von musikalischem Wohlklang schmiegen sich als anmutiges Gewand um Ge- danken voll Hoheit und Würde, die überall den Stempel eines ächten, nicht erheuchelten Idealismus an der Stirn tragen. Möser ist Idealist im schönsten Sinne des Wortes, und weil die reale Welt dem Jdea- lismus auf Schritt und Tritt Hindernisse bereitet, darum trägt die Harfe dis Sängers einen leichten Trauerflor, ein pessimistischer Grund- ton durchklingt seine Lieder, der aber keineswegs patologisch gesteigert ist. Lt. Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart. Redaktion: Neue Wcinsteige 23.— Expedition: Ludwigstraße 26 in Stuttgart. Druck und Verlag von I. H. A. Dietz in Stuttgart.