Die Scene Soll №o 1. Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Bolk. Erscheint alle 14 Tage in Heften à 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und I. Bostämter zu beziehen. Am Nordpol. Nach dem Englischen von. Olliverio. Es war Nacht. Der Bürgermeister und die Behörden eines englischen Seehafens hatten der Abfahrt einer Nordpolerpedition zu Ehren einen großen Ball veranstaltet. Zwei Schiffe gehörten zu der Expedition:„ Der Wanderer" und„ Die Seemöve". Mit der nächsten Morgenflut sollten sie in See gehen. Die Unternehmer der Festlichkeit konnten mit gerechter Be friedigung auf ihr Werk blicken, denn es war ein glänzender Ball! Das Musifchor vollzählig, der Saal geräumig, das große, anstoßende Gemach reizend mit Blattpflanzen und Blumen geschmückt und von bunten, chinesischen Lampen erleuchtet. Sämmtliche anwesende Offiziere trugen zu Ehren des Festes ihre Uniformen, und der liebliche Damenflor strahlte in den reizendsten Toiletten. Man tanzte soeben Quadrille, wobei zwei der Damen die besondere Bewunderung des Beschauers erregten. Die eine, eine brünette, eben erblühte Schönheit, war die Gemahlin Crayfords, des ersten Lieutenants vom Wanderer"; die andere, deren Freundin, ein blasses, zartes Mädchen. Leztere trug ein einfaches weißes Kleid und den kleinen Kopf zierte kein anderer Schmuck als das kastanienbraune glänzende Haar. Es war Fräulein Clara Burnham, eine Waise, die gekommen war, um ihrer liebsten Freundin während Lieutenant Crayfords Abwesenheit Gesellschaft zu leisten. Sie tanzte eben mit lezterem und hatte Frau Crayford und Kapitän Helding, den kommandirenden Offizier des„ Wanderer," zum Gegenüber. Die Unterhaltung zwischen Kapitän Helding und dessen Partnerin wendete sich während einer Pause des Tanzes auf Fräulein Burnham. Diese hatte des Kapitäns lebhaftestes Interesse erregt. Er bewunderte ihre Schönheit, fand aber ihr Wesen für ein so junges Mädchen auffallend ernst und gedrückt. " Ist sie leidend?" Frau Crayford nichte bedeutungsvoll mit dem Kopfe und erwiderte: " Sehr leidend, Herr Kapitän." „ Schwindsüchtig?" " Nein, das nicht." 1883. [ 1882] Sie interessirt mich ganz unbeschreiblich. Wenn ich heute zwanzig Doch ich bin nunt Jahre jünger wäre, wer weiß, ob--. ein alter Knabe und tue wohl besser, den Saz nicht zu vollenden. Ist es wohl indiskret, verehrte Frau, wenn ich frage, was die junge Dame so niederdrückt?" " Seitens eines Fremden würde es indiskret sein," sagte Frau Crayford;„ ein alter Freund aber, wie Sie, kann jede Frage stellen. Ich wünschte, ich könnte Ihnen darauf antworten. Es ist selbst den Aerzten ein Geheimnis. Ein Teil der Schuld ist meiner Meinung nach ihrer Erziehungsweise zuzuschreiben." So, so. Schlechte Schule vermutlich?" " " „ Sehr schlecht, Kapitän. Aber nicht die Schule, welche Sie jezt im Sinne haben. Clara verbrachte ihre ersten Jahre in einem alten, einsamen Hause im schottischen Hochgebirge. Das unwissende Volk, welches sie umgab, war es, welches den nachteiligen Einfluß auf sie ausübte, von dem ich soeben sprach. Es pflanzte den Aberglauben in ihr Gemüt, der dort in dem wilden Norden noch ganz zu Hause ist, besonders der Aberglaube, den sie das zweite Gesicht" nennen. „ Um Gottes willen!" rief der Kapitän,„ Sie wollen damit doch nicht sagen, daß sie an solchen Unsinn glaubt? In unsrer aufgeklärten Zeit?" " Frau Crayford sah ihren Partner mit spöttischem Lächeln an. " In unsrer aufgeklärten Zeit, Herr Kapitän, glaubt man nur an tanzende Tische und an Botschaften aus einer anderen Welt durch Geister, die nicht buchstabiren können. Im Vergleich zu derartigem Aberglauben ist sicherlich das zweite Gesicht" der poetischen Form wegen vorzuziehen. Bedenken Sie doch," fuhr sie ernsthaft fort, welchen Eindruck solche Umgebung, wie ich sie Ihnen beschrieben habe, auf ein zartes, gefühlvolles, junges Geschöpf, auf ein Mädchen machen muß, welches, von Natur mit reicher Phantasie begabt, ein einsames, vernachlässigtes Leben führt. Ist es da so sehr zu verwundern, wenn sie von dem Aberglauben, der sie umgibt, angesteckt wird? Und ist es ganz unfaßlich, daß ihr Nervensystem in einer sehr kritischen Periode ihres Lebens darunter leidet?" " Durchaus nicht, Frau Crayford, durchaus nicht, wie " Das freut mich. Ein reizendes Mädchen, Frau Crayford. Sie die Sache darstellen. Und doch ist es für einen Alltags menschen, wie ich bin, befremdend, eine junge Dame auf dem Balle zu treffen, welche an ein zweites Gesicht glaubt. Behauptet sie wirklich in die Zukunft sehen zu können? Verstehe ich recht, daß sie tatsächlich in magnetischen Schlaf fällt, und Leute in fernen Ländern erblickt, und kommende Dinge voraussieht? Nicht wahr, das nennt man doch das zweite Gesicht?" " Jawohl, Herr Kapitän. Und das tut sie wirklich." " Die junge Dame, welche uns gegenüber tanzt?" „ Dieselbe." Der Kapitän schwieg einen Augenblick, um das soeben Gehörte noch einmal im Geiste zu überlegen. Darauf schritt der Nordpolfahrer entschlossen weiter auf dem Wege zu neuen Entdeckungen. , Darf ich fragen, gnädige Frau, ob Sie sie mit eigenen Augen im Zustande eines solchen magnetischen Schlafes gesehen haben?" fragte er. " Meine Schwester sowohl als ich sahen sie darin vor ungefähr einem Monat," entgegnete Frau Crayford.„ Sie war schon den ganzen Morgen über sehr nervös und reizbar gewesen, und wir veranlaßten sie, mit uns in den Garten zu gehen, um frische Luft zu schöpfen. Plözlich, ohne irgend welche erkennbare Veranlassung, wich die Farbe aus ihrem Gesicht. Sie stand zwischen uns, unfähig sich zu rühren, unfähig ein Wort zu verstehen, im Augenblick regungslos wie Stein und kalt wie der Tod. Nach einigen Minuten bemerkten wir die erste Veränderung. Ihre Hand bewegte sich langsam nach vorwärts, als ob sie im Finstern tappte. Abgebrochene Worte kamen eines nach dem anderen von ihren Lippen in schwachem, geistesabwesenden Tone, als ob sie im Traume spräche. Ob sich das, was sie sagte, auf Vergangenes oder Kommendes bezog, weiß ich nicht. Sie sprach von Personen in fremdem Lande vollständig Fremde für mich wie für meine Schwester. Bald wurde sie wieder still. Einen Moment kehrte die Farbe in ihr Gesicht zurück, verschwand aber sogleich wieder. Sie schloß die Augen die Füße versagten ihr den Dienst und ohnmächtig fiel sie uns in die Arme." " " Fiel Ihnen ohnmächtig in die Arme", wiederholte der Kapitän. Höchst merkwürdig! Und bei so zerrütteter Gesund heit geht sie in Gesellschaft und tanzt. Das finde ich erst recht merkwürdig!" " Sie irren," sagte Frau Crayford. Sie ist heute Abend mur mir zu Liebe hier und tanzt nur meinem Manne zu Gefallen. In der Regel meidet sie alle Gesellschaften. Der Doktor empfahl ihr zwar Zerstreuung und Vergnügungen, davon will sie aber nichts hören. Außer bei ganz seltenen Gelegenheiten wie die heutige, besteht sie darauf zu Haus zu bleiben." Bei Erwähnung des Arztes stieg in Kapitän Helding eine neue Frage auf. Von ihm, dem studirten Manne mußte doch eine natürliche Auslegung der Krankheit zu erfahren sein. Sicher mußte sich nun die dunkle Sache in neuem Lichte zeigen. Was sagt der Arzt dazu?" fragte er, einfach vom medizinischen Standpunkt aus betrachtet, was sagt er dazu? " " " „ Er will darüber keine bestimmte Meinung äußern," entgegnete Frau Crayford.„ Er sagte mir nur, daß solche Fälle, wie der Claras, der medizinischen Erfahrung durchaus nicht fremd seien. Wir wissen, meinte er, daß gewisse Störungen des Gehirns und des Nervensystems dieselben sonderbaren Folgen haben, wie Sie mir soeben geschildert haben, und damit ist unser Wissen zu Ende. Weder ich noch irgend ein anderer Mensch kann das Geheimnis dieses Falles lösen, und Fräul. in Burnham ist besonders schwer zu behandeln, da sie in früher Jugend durch ihre Umgebung daran gewöhnt wurde, dieser hysterischen Krankheit eine abergläubische Wichtigkeit beizulegen. Versuchen Sie, Abwechslung in ihr Leben zu bringen, sie zu zerstreuen, vor allem aber ihr Gemüt von den geheimen Beängstigungen zu befreien, welche möglicherweise darauf lasten." Der Kapitän lächelte beistimmend. Der Doktor rechtfertigte seine Voraussezungen; er hatte eine praktische Lösung der Schwierigkeit anempfohlen. „ So, so! Endlich haben wir den Nagel auf den Kopf ge= 2 troffen! Beängstigende Geheimnisse. Ja, ja! Nun ist alles klar. Eine unglückliche Liebe nicht, Frau Crayford?" " Ich weiß es nicht, Kapitän Helding; mir ist die Sache völlig dunkel. Obgleich Claras Vertrauen zu mir in anderen Dingen unbegrenzt ist, so hält sie den Gegenstand ihrer vermutlichen Beängstigungen auch vor mir geheim. Ich glaube selber manchmal, daß verborgene Sorgen auf ihr lasten, und fühle mich zuweilen ein wenig verlezt durch ihr unbegreifliches Schweigen." Der Kapitän war schnell bereit, sein eigenes, oft erprobtes Mittel zur Beseitigung dieser Schwierigkeit anzuraten. „ Sie müssen sie ermutigen, verehrte Frau. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß es ganz in Ihrer Hand liegt. Machen Sie ihr Mut, Ihnen zu vertrauen, und sie wird Ihnen vertrauen." " Ich warte damit bis wir allein, bis Sie alle nach dem Eismeer abgesegelt sind. Wollen Sie bis dahin alles, was ich Ihnen mitgeteilt habe, als nur für Ihr Ohr bestimmt betrachten? Und wollen Sie mir verzeihen, wenn ich gestehe, daß die Wendung, welche unser Gespräch genommen, mich nicht verlockt, es weiter zu verfolgen?" Der Kapitän befolgte den Wink. Er wechselte sogleich den Gegenstand. Er sprach über Schiffe, die zu fremden Diensten fommandirt waren, und als er merkte, daß dieses Tema Frau Crayfords Interesse nicht erregte, so ging er zu Schiffen über, welche man wieder nach Haus fommandirt. Dieser zweite Versuch hatte seine Wirkung, eine Wirkung aber, auf welche Helding nicht gerechnet hatte. " Wissen Sie schon," begann er, daß die„ Atalanta" täglich von der Westküste Afrikas zurück erwartet wird? Kennen Sie vielleicht einen der Offiziere dieses Schiffes?" Zufälligerweise stellte er Frau Crayford diese beiden Fragen, während sie bei einer Figur des Tanzes beteiligt waren, wobei sie von dem gegenüber tanzenden Paare gehört wurden. In demselben Augenblick brachte Clara Burnham zum Erstaunen ihrer Freunde und Bewunderer die Duadrille durch einen Fehler in Unordnung! Jedermann erwartete, daß sie ihren Irrtum wieder gut machen würde, sie aber machte keine Anstalten dazu, wurde totenblaß und griff heftig nach dem Arme ihres Herrn. " Diese Hize" sagte sie schwach." Führen Sie mich wegführen Sie mich an die Luft." Lieutenant Crayford führte sie augenbliklich vom Tanze weg und brachte sie in das kühle leere Nebenzimmer am Ende des Saales. Selbstverständlich folgten ihnen Kapitän Helding und Frau Crayford auf dem Fuße. " „ Ist das der Vorbote des magnetischen Schlafes?" flüsterte der Kapitän, der mit einem kleinen Scherze nicht zurückhalten fonnte. Wenn dem so ist, so habe ich als Kommandirender der Nordpolexpedition eine besondere Frage zu stellen. Wird mir das zweite Gesicht" den Gefallen tun und mir den nächsten Weg zur Nordwestdurchfahrt zeigen, bevor wir England verlassen?" Frau Crayford war nicht in der Stimmung auf den Scherz einzugehen, sondern sagte ruhig:" Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie verlasse, ich will zu Fräulein Burnham gehen, und zusehen, was ihr fehlt." Beim Eintritt in das Seitengemach begegnete Frau Crayford ihrem Manne. Der Lieutnant war ein großer, stattlicher Mann in den mittleren Jahren. Durch seine einfache herzliche Art und Weise und die unwiderstehliche Güte, die sich in seinen offenen blauen Augen aussprach, gewann er gleich jedermann für sich; kurz er war ein Mann, den alle Welt lieb hatte seine Frau nicht ausgeschlossen. ,, Aengstige dich nicht," sagte er beschwichtigend,„ die Hize ist ihr zu Kopfe gestiegen, weiter ist es nichts." Frau Crayford schüttelte den Kopf und blickte zärtlich ihrem Manne in das Gesicht, indem sie ausrief: " Du liebe, alte Unschuld! Die Entschuldigung mag dir genügen, ich für mein Teil glaube kein Wort davon. Geh, hole dir eine andere Dame zum Tanzen und überlasse mir Clara." II. " Nun, meine Liebe!" begann Frau Crayford,„ was bedeutet das?" „ Nichts." " Das kann ich nicht gelten lassen, Clara, willst du nicht den wahren Grund gestehen? " Die Hize im Saal-" „ Auch das glaube ich dir nicht. Sage lieber, daß du vorziehst, dein Geheimnis für dich zu behalten, dann verstehe ich dich." Claras traurige, klare, graue Augen blickten jezt zum erstenmale in Frau Crayfords Gesicht und füllten sich plözlich mit Tränen. ,, Wenn ich nur wagte, es dir zu gestehen?" sagte sie leise. " Ich gebe so sehr viel auf deine gute Meinung von mir, Lucie - und fürchte sie zu verlieren." Diese Worte machten Frau Crayford betroffen. Ihr Auge heftete sich ernst und besorgt auf Claras Antliz. " Du weißt so gut wie ich selbst, daß nichts meine Liebe zu dir erschüttern kann. Sei offen gegen deine alte Freundin, mein Kind. Hier hört uns niemand. Deffne mir dein Herz, Clara. Du bist so bekümmert, und ich möchte dich so gerne trösten." Clara fing an nachzugeben. Mit anderen Worten, sie fing an, Bedingungen zu stellen. ,, Willst du mir versprechen," sagte sie zögernd,„ das, was ich dir mitteile, vor jedem lebenden Wesen geheim zu halten?" Frau Crayford begegnete dieser Frage mit einer anderen ihrerseits. „ Schließt, jedes lebende Wesen auch meinen Mann ein?" " Ihn mehr als irgend jemand. Ich liebe, ich verehre ihn, er ist so edel, so gut! Wollte ich ihm sagen, was ich dir jezt gestehen will, so würde er mich verachten. Sage mir offen heraus, Lucie, ob ich zu viel von dir verlange, wenn ich dich bitte, vor deinem Manne mein Geheimnis zu bewahren?" „ Torheit, Kind! Wenn du erst verheiratet bist, wirst du erfahren, daß es das leichteste Geheimnis ist, vor einem Manne ein Geheimnis zu bewahren. Ich gebe dir das feste Versprechen. Und nun fange an!" Clara hielt noch immer beklommen zögernd zurück. „ Ich weiß nicht, wie ich beginnen soll!" rief sie in ausbrechender Verzweiflung,„ ich kann keine Worte dafür finden." " Dann muß ich dir helfen. Fühlst du dich heute Abend unwohl? Fühlst du dich wie an jenem Tage, als du dich mit meiner Schwester und mir im Garten befandest?" „ Ach nein!" " Du bist nicht unwohl, die Hize im Saale ist dir nicht in Wahrheit zu Kopfe gestiegen und doch wirst du plözlich kreideweiß und bist genötigt, die Quadrille zu verlassen! Das muß durchaus irgend welchen Grund haben." " Es hat auch seinen Grund. Kapitän Helding-" " Kapitän Helding! Was in aller Welt hat er damit zu tun?" „ Er sprach dir von der„ Atalanta". Er sagte, die„ Atalanta" werde jeden Augenblick von Afrika zurück erwartet." „ Nun, und was weiter? Kehrt eine Person mit dem Schiffe heim, die dich näher interessirt?" " Eine Person, deren Rückkehr mich beängstigt," entgegnete Clara, langsam den Kopf senkend. Frau Crayfords prächtige schwarze Augen schienen vor Erstaunen sich zu vergrößern. " Meine liebe Clara, meinst du wirklich, was du eben ausSprachst?" " Warte, Lucie, du sollst sogleich selbst urteilen. Wir müssen, wenn ich mich dir verständlich machen will, zu dem Jahre, be vor wir beide uns kennen lernten, zu dem lezten Lebensjahre meines Vaters zurückgehen. Erzählte ich dir wohl früher, daß mein Vater seiner Gesundheit wegen nach dem Süden zog, in das Haus eines Freundes, welches ihm dieser in Kent vermietete?" „ Nein, meine Liebe, ich erinnere mich nicht, je von dem Hause in Kent gehört zu haben. Erzähle mir davon." " Darüber ist nicht viel zu sagen, nur eins. Das neue 3 Gebäude befand sich in der Nähe eines schönen Landhauses, das mitten im Parke stand. Der Besizer des Grundstückes war ein Herr Wardour. Er zählte auch zu den Freunden meines Vaters und besaß einen einzigen Sohn." Sie hielt inne und spielte krampfhaft mit dem Fächer. Frau Crayford beobachtete sie aufmerksam. Claras Augen blieben fest auf den Fächer gerichtet. Sie sagte nichts weiter. ,, Wie hieß dieser Sohn?" fragte Frau Crayford ruhig. „ Richard." " Habe ich recht, Clara, wenn ich vermute, daß sich Herr Richard Wardour für dich interessirte?" Diese Frage hatte die beabsichtigte Wirkung. Sie half Clara den Faden ihrer Erzählung wieder aufzunehmen. " Ich wußte anfangs kaum," fuhr sie fort, ob ich ihm Interesse einflößte oder nicht. Er war oft sehr sonderbar in seiner Art und Weise halsstarrig, entsezlich halsstarrig und leidenschaftlich; aber hochherzig und liebevoll troz seiner Fehler. Kannst du einen solchen Karakter verstehen?" „ Solche Karaktere existiren zu tausenden. Jeder Mensch hat seine Fehler. Ich fange schon an, Richard gut leiden zu können. Fahre fort." „ Tage vergingen, Wochen vergingen, Lucie. Wir sahen uns oft, und nach und nach kam mir eine Ahnung von der traurigen Tatsache." " Und Richard natürlich tat das seine, deine Ahnung zu bestätigen?" ,, Nein, er gehörte unglückseligerweise nicht zu jener Sorte von Männern. Er sprach nie von den Gefühlen, mit denen er mich betrachtete. Ich war es, die sie sah. Ich tat darauf alles, was in meinen Kräften stand, ihm zu zeigen, daß ich ihm gern Schwester sein würde, niemals aber etwas anderes sein könne. Er verstand mich nicht oder wollte mich nicht verstehen ich weiß nicht, welches von beiden." " Wollte nicht, ist das wahrscheinliche. Doch weiter." „ Du magst recht haben. Er begegnete mir mit sonderbarer Schüchternheit, die mich verwirrte und beängstigte. Er sprach sich niemals aus, behandelte mich aber, als ob wir von Kind auf schon dazu bestimmt gewesen wären, unser künftiges Leben in Gemeinschaft zu verbringen. Was konnte ich tun, Lucie?" „ Tun? Du hättest deinen Vater bitten sollen, dieser für dich so schwierigen Lage ein Ende zu machen." „ Unmöglich! Du vergissest, daß mein Vater zu jener Zeit schon an der Krankheit litt, welche später sein Tod war. Er war gänzlich unfähig, mir zu helfen." „ Konnte niemand anderes für dich handeln?" Niemand." " " ,, Keine Dame, der du dich anvertrauen konntest?" ,, Bekannte hatte ich wohl unter den Damen der Nachbarschaft, Freundinnen nicht." " Was also tatest du?" " Nichts. Ich zögerte von Tag zu Tag; ich schob eine Auseinandersezung mit ihm hinaus bis es zu spät war." " " Was willst du mit dem zu spät" sagen?" „ Höre mich an. Ich hätte vorausschicken sollen, daß Richard Wardour bei der Marine ist." und " " So? Ich interesfire mich immer mehr für ihn. Nun, 48 Eines Tages im Frühjahr kam Richard zu uns, um Abschied zu nehmen, bevor er sein Schiff bestieg. Als ich glaubte, er sei fort, ging ich in das anstoßende Zimmer. Es war mein Wohnzimmer, aus welchem eine Tür nach dem Garten führte." ,, Weiter, weiter!" " Richard mußte mich beobachtet haben. Plözlich erschien er im Garten, und ohne eine Aufforderung von mir abzuwarten, fam er ins Zimmer. Ich war ein wenig betroffen und überrascht, gewann es aber über mich, es vor ihm zu verbergen. Ich fragte, was gibt es, Herr Wardour? Er trat dicht zu mir heran, indem er in seiner raschen, rauhen Weise sagte:, Clara! Ich gehe nach der Westküste Afrikas. Lebe ich noch, so komme ich mit höherem Rang zurück, und wir wissen beide, was dann geschieht. Darauf füßte er mich. Ich war halb böse, halb erschrocken; und bevor ich mich soweit fassen konnte, ein Wort zu sagen, war er wieder draußen im Garten er war fort! Ich er war fort! Ich hätte reden sollen, ich weiß es. Mein Schweigen war nicht ehrenhaft, nicht freundlich gegen ihn. Du fannst mir über meinen Mangel an Mut und Offenheit keine so bittern Vorwürfe machen als ich selbst!" " Mein liebes Kind, ich mache dir keine Vorwürfe. Ich denke nur, du hättest ihm schreiben sollen." " Ich habe ihm geschrieben." ,, Ganz offen und chrlich?" 4 die Person, um die schwierige Lage, in der sich Clara Richard Wardour gegenüber befand, ernstlich zu vervollständigen! Es war feine Zeit mehr für weitere Fragen. Die Musik begann socben den Walzer, und Franz Aldersley wartete auf seine Dame. Mit einem Wort der Entschuldigung zog Frau Crayford Clara auf einen Moment zur Seite und flüsterte: „ Ein Wort, meine Liebe, bevor du wieder in den Tanzsaal gehst. Es mag sonderbar klingen, nach dem wenigen, was du mir mitgeteilt hast, aber ich glaube jezt deine Lage besser zu verstehen als du selbst. Willst du meine Meinung darüber hören?" " Ich schne mich danach, sie zu hören, Lucie! Ich brauche " Ja. Ich sagte ihm in herzlichen Worten, daß er sich deine Meinung, deinen Rat." selbst betrüge, und daß ich ihn niemals heiraten fönne." „ Das ist flar genug! Nachdem du aber so gehandelt, bist du auch in keiner Weise zu tadeln. Weshalb sorgst du dich nun noch immer?" „ Gesezt nun, mein Brief sei ihm nimmer zu Händen gefommen?" " „ Warum willst du so etwas annehmen?" „ Mein Brief verlangte Antwort, Lucie, ja forderte Antwort. Diese Antwort ist nicht erfolgt. Mein Brief hat ihn also gewiß nicht erreicht. Und die„ Atalanta" wird zurück erwartet! Richard Wardour kehrt nach England zurück- Richard Wardour wird mich zum Weibe fordern! Du fragtest socben staunend, ob ich wirklich meinte, was ich sagte; zweifelst du noch immer daran?" Frau Crayford saß gedankenvoll in ihren Stuhl zurückgelehnt. Zum erstenmale seit dem Beginn der Unterredung ließ sie eine Frage ohne Antwort vorübergehen. " „ Du sollst beide in flaren und wenigen Worten haben. Zuerst meine Meinung: Es bleibt dir keine andere Wahl, als dich gegen Herrn Wardour auszusprechen sobald er ankommt. Zweitens, mein Rat: Wenn du euch beiden die Aussprache erleichtern willst, so sorge dafür, daß du ihm als ein freies Mädchen gegenüber treten kannst." Auf die lezten Worte legte sie besonderen Nachdruck und blickte dabei bedeutungsvoll auf Aldersley. " Ich will dich deinem Tänzer nicht länger entführen, Clara," schloß sie, und ging dem Paare voran in den Saal. Nach dem, was Frau Crayford gesagt hatte, lastete die Bürde auf Claras Gemüt schwerer denn je. Sie war zu un glücklich, um den erheiternden Einfluß des Tanzes zu empfinden. Kaum einmal hatte sie in dem Saale herumgetanzt, so flagte sie schon über Ermüdung. Franz Aldersley blickte nach dem Nebenzimmer, welches, noch ebenso fühl und leer wie zuvor, zum Plaudern einlud, und führte sie dahin zurück auf einen Plaz zwischen den Blumen. " „ Ich möchte Sie nicht vom Tanzen zurückhalten, Herr Aldersley," begann Clara, nur sehr schwach den Versuch machend, ihn zu entlassen. Er sezte sich neben sie und heftete die Blicke auf das liebliche, gesenkte Gesicht, das nicht wagte, sich ihm zuzukehren, und flüsterte: ,, Nennen Sie mich Franz." Jezt sah sie Claras Lage offen vor sich: sie begriff die störende Wirkung derselben auf das Gemüt eines jungen Mädchens, konnte sich Claras schreckliche Aufregung aber doch nicht ganz erklären. Ihr schnell beobachtender Blick verriet ihr sogleich, daß auf ihrer Freundin Gesicht, nun sie sich ihres Geheimnisses entledigt hatte, keine Spur von Erleichterung zu lesen war. Hier befand sich sicherlich noch etwas unter der Oberfläche etwas wichtiges, was noch zu entdecken blieb. Ein listiger Gedanke kreuzte Frau Crayfords Hirn und gab ihr die folgenden Worte, welche sie an ihre junge Freundin richtete, ein: „ Meine Liebe," sagte sie plözlich. Hast du mir alles erzählt?" Clara fuhr zusammen, als ob sie diese Frage erschreckte. Dadurch überzeugt, daß sie nun den Schlüssel in der Hand habe, wiederholte Frau Crayford ihre Frage mit Nachdruck. Annahme zum abermaligen Versuch. statt einer Antwort, blickte Clara plözlich auf. In demselben Augenblick erschien auf ihren Wangen das erste, schwache Rot. " 1 Als Frau Crayford instinktmäßig zu gleicher Zeit die Augen hob, sah sie dicht vor ihrer Freundin einen jungen Mann, welcher sie zum nächsten Walzer aufforderte. Stand dieser Herr, fragte sie sich innerlich, mit dem unausgesprochenen Ende der Erzählung in irgend welcher Verbindung? War hier das wahre Geheimnis von Clara Burnhams Schrecken über die bevorstehende Rückkehr Richard Wardours? Frau Crayford entschied sich dafür, ihre Zweifel auf die Probe zu stellen. Sie sagte unschuldig: „ Einer deiner Freunde, meine Liebe? Willst du uns nicht mit einander befannt machen?" Clara stellte den jungen Mann verlegen vor.„ Herr Franz Aldersley, Lucie. Herr Aldersley gehört zu der Nordpol expedition." " So? Ich bin auch dabei beteiligt, in meiner Weise natürlich," entgegnete Frau Crayford. Ich muß mich schon selbst vorstellen, Herr Aldersley, da es Clara vergessen zu haben scheint. Mein Name ist Lucie Crayford. Mein Mann ist Lieutenant auf dem„ Wanderer." Gehören Sie auch zu dem Schiffe?" „ Nein, gnädige Frau, ich habe nicht die Ehre. Ich gehöre zur„ Seemöve." Frau Crayfords schöne Augen wanderten mehrmals forschend von dem jungen Mädchen zu Franz Aldersley und sahen bald die Fortsezung zu Claras unvollendeter Geschichte. Der junge Offizier war ein hübscher, geistreicher, gewandter Mann, so recht Sie hätte ihn so gern Franz genannt, sie liebte ihn ja von ganzem Herzen; Frau Crayfords warnende Worte tönten aber noch in ihrer Seele wider. Sie schwieg. Aldersley rückte ihr näher und bat um eine andere Gunst. Die Männer sind bei dieser Gelegenheit alle gleich; Schweigen ermutigt sie ohne Aus„ Clara, haben Sie vergessen, was ich Ihnen gestern im Konzert sagte? Soll ich es wiederholen?" „ Nein." Wir fahren morgen ab nach dem Eismeer. Ich kehre möglicherweise erst nach Jahren zurück; schicken Sie mich nicht ohne Hoffnung fort! Denken Sie an die langen, einsamen Stunden im finstern Norden! Machen Sie sie für mich zu glücklichen Stunden!" Trozdem diese Worte mit der Inbrunst eines liebenden Mannes gesprochen waren, so kamen sie doch nur von den Lippen eines halben Knaben. Er war erst zwanzig Jahre alt und stand im Begriff, sein Leben aufs Spiel zu sezen! Clara empfand inniges Mitleid für ihn. Er faßte sanft nach ihrer Hand; sie versuchte, ihm dieselbe zu entziehen. Wie! selbst diese fleine Gunst nicht am lezten Abend?" Ihr treues Herz stellte sich selbstverleugnend auf seine Seite. Ihre Hand blieb in der seinen und fühlte deren sanft überzeugenden Druck. Sie war verloren! " Clara! Liebst du mich?" Tiefes Schweigen. Sie wagte nicht, ihn anzublicken, sie zitterte vor den sich seltsam widerstreitenden Gefühlen der Freude und der Angst. Sein Arm legte sich um sie; er wiederholte seine Frage im Flüstertone; seine Lippen berührten fast ihr fleines, rosiges Ohr, als er zum zweitenmale sagte: „ Liebst du mich?" Sie schloß leise die Augen sie hörte nichts als seine Worte fühlte nichts als seinen Arm vergaß Frau Crayfords Warnung vergaß selbst Richard Wardour- und wandte sich plözlich, alles um sich her vergessend, zu ihm, lehnte ihren Kopf an seine Brust und gab ihm endlich damit Antwort! Er hob ihr schönes, gesenktes Haupt die Lippen begeg= neten sich im ersten Kuß sie waren beide wie im Himmel! Plözlich kehrte Clara mit Erschrecken wieder zur Erde zurück, wie gewöhnlich, wenn es zu spät ist. " Du hast mich glücklich gemacht, mein Engel," entgegnete Franz." Wenn ich nun zurückkehre, komme ich, um dich als mein geliebtes Weib heimzuführen!" Clara fuhr zusammen. Das waren dieselben Worte, welche einst Richard Wardour zu ihr gesprochen. „ Versprich mir, Geliebter, gegen keinen Menschen unsere Verlobung zu erwähnen, bis ich es dir gestatte!" 6.Er versprach es und versuchte dabei noch einmal seinen Arm um ihre Taille zu schlingen. Jezt aber hatte sie die Herrschaft über sich wiedergewonnen und war fähig, nachdem er sie noch einmal geküßt, ihn zu bitten, daß er sie verlasse! „ Geh," sagte sie, ich muß Frau Crayford sehen. Suche fie! Sage ihr, ich erwarte sie hier, um mit ihr zu reden. Geh gleich, Franz, mir zu Liebe!" " Ihm blieb keine Wahl, als ihr zu gehorchen. Ein Blick noch auf das geliebte, schöne Mädchen, dann eilte er, der glücklichste Mann unter der Sonne, ihren Wunsch zu erfüllen. Vor fünf Minuten noch war sie nur seine Genossin im Tanze gewesen. Er hatte gesprochen- und sie hatte ihm das Wort gegeben, ihm eine Genossin für das ganze Leben zu sein! ( Fortsezung folgt.) Die russischen Juden in den Gegenden der schlimmsten Judenhezen und die jüdischen Ackerbaukolonien. I. Bon G. Lübeck. Die Judenhezen in Südrußland sind noch nicht zu Ende. Mit Mord, Raub und Plünderung hat der christliche Pöbel auf die Juden sich geworfen und Gräuel verübt, bei denen das Herzblut des Menschenfreundes erstarren möchte. Die barbarischen, entsezlichen Zeiten des mittelalterlichen Fanatismus scheinen wiedergekehrt, die Tage der blutigsten Verfolgungen abermals über die Juden hereingebrochen zu sein. Ein mächtiger Strom von Flüchtlingen, viele tausende mit sich führend, die bei den Hezen der unmenschlichen Horden alles eingebüßt, deren Familienbande zerrissen, deren Menschenrecht mit Füßen getreten worden, wälzt sich dem Westen zu, an der Wiederkehr besserer Zustände im russischen Despotenreiche verzweifelnd. Es ist eine furchtbare Anklage, welche das Heer der Unglück lichen vor dem Forum der Geschichte gegen diejenigen erhebt, denen das Wohl und Wehe des russischen Volkes, die Pflege seiner Kultur anvertraut war und die ihre Mission total vernachlässigt haben. Die südrussischen Greuel, welche das westliche Europa mit Abscheu und Entsezen erfüllen, sie sind zunächst der Ausfluß jener unduldsamen Stimmung gegen die Juden, welche Jahr hunderte hindurch die leitenden Kreise und Gesellschaftsklassen Rußlands beherrschten und jene Gesezgebung in's Leben rief, welche den russischen Vollbürger und Leibeigenen lehrte, daß die Juden Ausgestoßene, Geduldete und Verachtete seien, deren befleckenden Umgang jeder christliche Russe ängstlich zu fliehen habe. Man durchblättere nur einmal die russische Judengesez gebung und man wird Bestimmungen finden, die dem fernen Mittelalter entnommen zu sein scheinen. Man hat die Juden, die angeblichen Todfeinde des Christentums, systematisch in den Augen des Volkes tief herabgewürdigt, indem man sie als Rechtlose behandelte, ihre Tätig keit, ihre Niederlassung beschränkte und das Elend ihrer Massen durch die unerhörteste Gewaltpolitik steigerte. " Eine vernünftige und gerechte, eine Regierung, die ihrer Kulturaufgaben sich bewußt ist wird gegen die rohen Leidenschaften eines Volkes ankämpfen. Sie wird namentlich bemüht sein, die konfessionellen Gegensäze auszugleichen, den religiösen Frieden zu befestigen und ängstlich alles zu verhüten, was ihn trüben, was feindselige Spaltungen unter den Bürgern und Staatsangehörigen hervorrufen könnte. In Rußland hat man sich nie um diese einfachste aller Staatspflichten gefümmert. Hat die russische Regierung auch keine Sendboten, keine Apostel des Judenhasses in die christlichen Dörfer geschickt, so hat sie doch auch nichts getan, dem religiösen Haß der Menge zu steuern und ihn einzudämmen. Sie hat im Gegenteil durch ihr eigenes Verhalten dem Uebel Vorschub geleistet und direkt und indirekt die Kluft zwischen Juden und Christen bis auf den heutigen Tag erweitert. Was sie in dieser Richtung getan, das erzählen uns die zahllosen Hezen und Verfolgungen, denen die Juden Rußlands in den lezten Jahrhunderten infolge der unduldsamsten und engherzigsten Staatsweisheit preisgegeben waren. Staatsweisheit preisgegeben waren. Vom Lande hat man sie in die Städte, von den Städten auf das Land, von einem Gouvernement ins andere getrieben und ihnen nirgend Ruhe und Rast gegönnt. Und nicht genug damit, daß die russische Staatsleitung den Juden gegenüber ihre allgemeinen Pflichten vergaß, machte sie sie auch zum Sündenbocke ihrer Branntweinpolitik und bestärkte durch ihre Organe das Volk in dem Wahn, daß die Juden es seien, welche die Branntweinpest ins Land gebracht und all' das materielle und sittliche Elend verschuldet, das sich im Gefolge derselben befand. Und doch war die Krone selbst es gewesen, die Jahrhunderte hindurch das Branntweinmonopol besessen, durch dasselbe hunderte und tausende von millionen Rubeln dem Volke abgepreßt und seinen vollen Niedergang herbeigeführt hatte. Selber Besizerin einer ungeheuren Zahl von Leibeigenen, war sie es auch, die für die zumteil entsezliche Lage der Kron- und Adelsbauern- infolge der Leibeigenschaft die hausirenden und Handel treibenden Juden verantwortlich machte. So hat sie systematisch zum religiösen Haß den sozialen gesellt. Es ist von jeher seitens der russischen Staatsleitung schwer gegen die Juden gefehlt worden, und wie sie vornemlich die Verantwortung dafür trifft, daß die Juden Ehr- und Rechtlose, Parias geworden sind, denen gegenüber jede Mißhandlung und Rechtsbeugung, jede Gewalttat als erlaubt gilt, und deren Verfolgung zu den guten Werken des christlich- russischen Staatsbürgers zählt, so kann auch nur ihr die Schuld daran beigemessen werden, daß die Volkswut in so entsezlicher Weise gegen die Juden sich äußerte, wie es in Balta und anderswo geschehen ist. Das materielle Elend erzeugt mit Notwendigkeit auch das geistige, die sittliche Verwilderung bis zur Brutalität und Bestialität. Indem die russische Krone bis in die neueste Zeit hinein die Leibeigenschaft fortbestehen ließ, indem sie die Trunksucht begünstigte und förderte und auf der anderen Seite die Volksaufklärung vernachlässigte, machte sie so tierische Exzesse möglich, wie sie in Südrußland vorgekommen sind. Wir wissen wohl, daß die russische Regierung in lezter Stunde gegen die Judenhezen Stellung genommen hat. Das ist aber erst geschehen, nachdem die zivilisirte Welt ihr zu Ge-| walttaten ermunterndes Verhalten gebrandmarkt, nachdem die wirtschaftlichen Folgen der grauenhaften Exzesse in erschreckender Weise sich eingestellt und der gestörte Kredit und Handel die christlich- russischen Handels- und Industriekreise selbst in tiefe Mitleidenschaft gezogen hat. Das heutige Eintreten der russischen Regierung ist ein Aft der Klugheit, der Wahrung der eigenen Interessen, niemals aber ein Beweis für die Erfüllung der einfachsten Gebote der staatlichen Gerechtigkeit. Wir wollen nicht alle Schuld an den schrecklichen Ereignissen der einen Seite zuschieben, vielmehr die Tatsache zugeben, daß das Wesen der Juden, die Tätigkeit einzelner von ihnen Anstoß erregte, die Massen verbitterte. Aber fiele nicht auch das wieder auf diejenigen zurück, die nichts zur Emanzi pation der Juden getan haben, die sie in ihrem Elende beließen, ihre Isolirung mit allen Mitteln des Rechts und der Gewalt aufrechterhielten und die ihnen jede Möglichkeit verweigerten, mit den Christen ein Volk zu bilden? Vielleicht auch spielte das angebliche Parasitentum der Juden bei den Hezen eine Rolle, vielleicht war es der Haß gegen die jüdische Ausbeu tung, der bei den Verfolgungen seinen Ausdruck fand, so daß diese als Akte der Volksjustiz aufzufassen wären! Wir haben bereits auf die harten Steine hingewiesen, welche in Rußland das Volk in materieller und geistiger Richtung zermalmten. Doch auch kleine Nadelstiche schmerzen, sie können sogar zuweilen eher zur Verzweiflung treiben, als betäubende Keulenschläge es zu tun vermögen. Wir wollen uns deshalb in den folgenden Blättern auf den Schauplaz der Hezen selbst versezen und einen Blick auf die Tätigkeit der Juden im Gouvernement Cherson werfen, jener Unglücksstätte, von der die Judenhezen ihren Ausgang nahmen und auf deren Boden sie ihre blutige Wiederholung fanden. Zahlen und Tatsachen mögen sprechen und zeigen, ob und wie groß die Mitschuld der Juden an den Verfolgungen ist, welchen sie ausgesezt gewesen sind. Werfen wir zunächst einen Blick auf die wirtschaftlichen Verhältnisse des Gouvernements Cherson, das bekanntlich zum fruchtbaren Teile des unermeßlichen südrussischen Steppengebiets, zur sogenannten„ Kornkammer Europa's" gehört. Die Bevölkerung gewährt ein buntes Nationalitätengemisch: Groß-, Klein- und Weißrussen, Polen, Bulgaren, griechische Bulgaren, Griechen, Moldauer, Armenier, Deutsche, Schweden, Franzosen, Italiener und Juden. Von der Gesammtbevölkerung des Gouvernements von 1 184 600 Seelen gehören 903 950 den verschiedenen russischen Gruppen, 109 660 den Moldauern, 83 190 den Juden, 47 410 den Deutschen, 12 200 den Bulgaren an. Der Rest fällt den übrigen Nationalitäten zu. Juden wohnten hier, bevor noch der Fuß eines Russen oder Polen die Steppe bebetrat; die große Mehrzahl derselben jedoch ist eingewandert, freiwillig oder von den Wellen der Judenhezen hieher verschlagen. an. Die Hauptbeschäftigung der Bevölkerung besteht im Ackerbau, in der Getreide und Weidewirtschaft, in der industriellen Verarbeitung und im Absaz der landwirtschaftlichen Produkte. Landwirtschaft, Industrie und Handel stehen zueinander in innigster Beziehung, und jedes Gewerbe und jeder spezielle Beruf, der sich einer dieser drei Hauptproduktionen zuweisen läßt, wird als ein nüzlicher angesehen werden müssen. Die jüdische Bevölkerung nun trifft man in jedem dieser Produktionszweige Sie ist es namentlich, die in der Geschichte der handelspolitischen Entwicklung Chersons und des südlichen Rußland eine wichtige Rolle spielt. Ihr vor allen ist der große Aufschwung ees Exporthandels zu verdanken, sowie die Errichtung zahlreicher Fabriken zur Verarbeitung landwirtschaftlicher Pro dukte. Sie stellt ein starkes Kontingent zum Handwerkerstand und ist bereits in stattlicher Zahl in der Landwirtschaft selbst anzutreffen. Da man es gewöhnt ist, die produktive Arbeit der Juden nach ihrer Beteiligung am Handwerke zu beurteilen, sei diese zuerst in Erörterung gezogen. Im Jahre 1880 existirten in der Stadt Cherson 618 Handwerker, davon waren 317 Juden, und diese erscheinen ausschließlich als Müzenmacher, Posamentiere, Goldweber und Sticker, Kürschner, Drechsler und Uhrmacher, Gold-, Kupferund Blecharbeiter, Lampenfabrikanten, Verzinner, Färber, Schornsteinfeger, Graveure, Xylographen. Vorherrschend sind auch Schneider, Modisten, Schuhmacher, Glaser, Buchbinder und Damenschuhfabrikanten; weniger zahlreich trifft man sie als Schlosser und Tischler, Sattler und Barbiere an. Gerber, Töpfer, Dachdecker, Gießer, Schmiede, Stellmacher, Wagenbauer, Tapezierer, Maler u. s. w. sind fast ausschließlich Russen*). Diese Gruppirung der Handwerke ist in Südrußland allgemein; sie ändert sich in den westlichen und nordwestlichen Gouvernements insofern, als dort die Juden auch den mehr oder weniger schweren und schwersten Geschäften obliegen, wo sie Laftträger, Schiffer, Schmiede u. s. w. sind. Es wird den jüdischen Handwerkern, Künstlern u. s. w. ein emfiger Fleiß nachgerühmt. Wo ihr Beruf ihnen eine halbwegs erträgliche Existenz sichert, da fehlt es ihnen auch nicht an großer Ausdauer und Arbeitsfreudigkeit. Ueberhaupt unterscheidet die jüdischen Handwerker von den russischen ein regerer Schaffenstrieb und im allgemeinen eine größere Berufstreue. Auf den auffallenden Mangel beider Eigenschaften bei den Russen verwies schon Harthausen. Unzufrieden mit seinem Geschäfte, sagt er, verläßt es der Russe, um an Stelle desselben ein anderes zu errichten. Vom Schuster wird er Schneider oder Tischler, und vertauscht so mit der größten Sorglosigkeit einen gewerblichen Beruf mit einem künstlerischen und diesen wieder mit der ersten besten Industrie. Gelingt es ihm, ein wenig Geld zu bekommen, so beeilt er sich, den Ankauf eines Pferdes und Wagens zu bewirken, sie in Betrieb zu sezen, von Süd nach Nord, von einem Gouvernement ins andere zu reisen, und wenn das Glück seine kleine Spekulation begünstigt, zögert er nicht, sich als Händler zu etabliren, um nach Verlauf einiger Jahre ein reicher Kaufmann zu werden. Der Kaufmann macht es wie der Handwerker; wie jener hat er keine Liebe für seinen Stand, und betrachtet den Handel nur als ein Mittel, Geld zu gewinnen. Der Bauer ist im allgemeinen gut, einfach und ehrenhaft, sowie er aber in den Stand des Kaufmanns und Spekulanten tritt, wird er ein abgefeimter Schelm. Das ganze Streben des der Leibeigenschaft entstiegenen Russen ist nach diesem kompetenten Urteile darauf gerichtet, auf irgend eine Weise Geld zu verdienen. Das ist jedenfalls kein Verbrechen. Wenn es aber die Juden tun, wenn sie mit unermüdlichem Fleiße und der erstaunlichsten Zähigkeit gegen die schwierigsten Lebensverhältnisse ankämpfen, wenn sie unablässig danach trachten, dem Elende sich zu entreißen, dann ist das freilich vom Uebel, dann hat man es mit einer häßlichen Rasseneigentümlichkeit zu tun! Harthausen führt die Unstätigkeit der russischen Handwerker, die im auffallenden Gegensaz zum zähesten Festhalten der Juden an ihren Beschäftigungen steht, auf das herrschende System zurück. herrschende System zurück. Den Beruf des Bauernsohnes, sagt er, bestimmt nach Belieben, ohne Rücksicht auf Anlagen und Befähigung, der Herr des Leibeigenen, und im Militär kommandirt der Oberst die erforderliche Zahl Soldaten zum Handwerksdienst im Regimente u. s. w. Die Knechtschaft aber ist es, die in ihnen die Arbeitsfreudigkeit erstickte. Es ist ein eigen Ding mit der Arbeitsfreudigkeit. Sie ist heutzutage eine seltene Blume geworden, die nicht überall, nicht auf jedem Boden gedeiht, und am allerwenigsten auf dem der Knechtschaft. Wie diese den Arbeitssinn, den Mut und Schaffenstrieb ertötet, so tut es aber auch das offene und schleichende Elend, das den rüstigsten Arm umstrickt und erschlafft. haben nicht nur unsere am Rande des Ruins befindlichen Handwerker, sondern auch die jüdischen in Rußland erfahren, deren Elend bei gewaltiger Konkurrenz im allgemeinen ein permanentes und außerordentliches ist. Wenn bei den Russen die Despotie die Arbeitsfreudigkeit ertötet, so mußte der Druck der Das *) Diese Angaben sind einer interessanten Arbeit von Blumenfeld in Nr. 9 des„ Woschod", Jahrgang 1881, entnommen. Studienkopf von Paul Thumann. Nach einer Photographie aus dem Kunstverlag von Gustav Schauer in Berlin. sozialen Not, des Hungers, auch auf die Juden die gleiche Wirkung ausüben. Wenn die jüdischen Handwerker trozdem eine größere Zähigkeit in ihrem Berufe zeigen, eine größere Anhänglichkeit als die russischen, so beruht diese Erscheinung allerdings in erster Reihe in einem ungleich regeren Schaffenstriebe, sodann aber in ihren ungemein bescheidenen Lebensansprüchen, die es ihnen gestatten, mit viel geringeren Verdiensten vorlieb zu nehmen, wie die Russen. Und wenn das Elend schließlich übermächtig wirkt, wenn der Jude ermüdet der Sysiphusarbeit den Rücken kehrt, die nur zu oft kaum die allernotwendigste Existenz gewährt, wenn er seinem Berufe wirklich entfliehen wollte, er fönnte es nicht einmal. Den Russen ist es gestattet, von Gouvernement zu Gouvernement zu fahren, das ganze große Reich zum Schauplaz seiner Tätigkeit zu machen. Es ist ihm in allen seinen Teilen erschlossen, der Jude aber ist an die Scholle der wenigen ihm offenen Gouvernements gebunden, von einem engen Kreis umfangen, in dem heiß gekämpft und gerungen werden muß, um das bischen Existenz zu sichern. Der Handwerkerstand bei uns lichtet sich bekanntlich von Jahr zu Jahr; das herrschende Wirtschaftssystem duldet seine Existenz nun einmal nicht. Der Handwerksmeister wird Fabrifarbeiter, Taglöhner u. s. w. Dem gleichen Loose verfällt auch der jüdische Handwerker; er sinkt gleichfalls ins Proletariat und wird Arbeiter und Taglöhner, oder auch Hausirer, wenn er für einen anderen Beruf zu schwach oder in seinem eigenen einseitig geworden ist. Die Ergreifung des Hausirer gewerbes ist nicht etwa, wie man bei uns anzunehmen gewöhnt ist, ein Akt der jüdischen Trägheit und Arbeitsscheu. Im Gegenteil! Das Hausirgewerbe ist ein mühseliges, unfruchtbares, durch zahllose Demütigungen verbittertes. Wenn der Jude es ergreift, dann befindet er sich meist am Rande der Verzweislung, dann treibt die drückendste Not ihn dazu; es ist der lezte Strohhalm, nach dem der jüdische Proletarier greift, um sein Dasein weiter zu fristen. In die Klasse der Hausirer versinkt auch der jüdische Kaufmann, der dem Konkurrenzkampfe erliegt. Im allgemeinen deutet ein starker Hausirerstand auf große Armut der jüdischen Bevölkerung hin. Im Gouvernement Cherson, wo die wirtschaftliche Krystallisation zum Großbetriebe sich in allen Produktionsgebieten rasch vollzieht, findet sich neben einem Heer von Hausirern auch die große Armut des jüdischen Proletariats! Die Beteiligung der Juden am handwerksmäßigen Berufe erscheint in ihrer ganzen Bedeutsamkeit, wenn man er wägt, daß die jüdische Bevölkerung nur 8,6% der Gesammtbevölkerung Cher sons ausmacht, das von allen Gouvernements 10 mit die dichteste jüdische Bevölkerung befizt. Die Beteiligung der Juden am handwerksmäßigen Beruf mag in anderen Gouvernements von der im Cherson differiren; groß aber wird der Unterschied nicht sein. Die Zahl der jüdischen Handwerker in den Gebieten, welche den Juden erschlossen sind, ist überall eine bedeutende. Wir haben die Juden als Handwerker kennen gelernt, wir treffen sie auch als Großindustrielle an. Vielleicht wird man darauf hinweisen, daß der jüdische Entwicklungskreis doch kein so sehr beschränkter ist, da die russische Regirung den Juden die Großindustrie nicht verbietet. Warum wird aber der Handwerker, und vollends gar der erliegende, bei uns kein Großindustrieller, warum entzieht er sich nicht auf diesem auch ihm erschlossenen Wege dem Hangen und Bangen seines Vegetirens? Zur Großindustrie gelangt nicht derjenige, der im kleinen Kampfe verblutet, sondern nur derjenige, der Geld hat, und das haben die jüdischen Handwerker ebensowenig wie die christlichen. Doch gehen wir weiter. Von den Fabriken und Etablissements in den Bezirksstädten Chersons gehörten im Jahre 1880 den Juden 76, den Christen 80( ca. 50 den Russen, und ca. 30 den Ausländern), und in den Landbezirken den Juden 46, den Nichtjuden 114 an. Im ganzen Bezirke waren 122 jüdische und 194 christliche Fabriken. Die im Jahre 1876 erzeugten Werte bezifferten sich auf 3 680 000 Rubel. Es fehlen an diesen Fabriken noch die in jüdischen Händen befindlichen Wollwäschereien mit einer Produktion von 1 200 000 Rubel. Im Jahre 1879 bezifferte sich die Produktion von 348 Fabriken auf 3 700 000 Rubel, davon famen auf die Juden 36%. Zieht man wieder das Verhältnis der jüdischen zur christlichen Bevölkerung( 8,6%) in Betracht, dann sind die Juden auch in der Industrie viel stärker als die Christen vertreten. Die jüdischen Fabriken bestehen meist aus Talgsiedereien, Spritbrennereien, Tabakfabriken, Mühlen, Holzsägen, Ziegeleien u. s. w. Gepachtet werden von den Juden außerdem im Durchschnitt 80% der adeligen Brennereien. So befinden sich z. B. von 12 gutsherrlichen Brennereien im Bezirke Elisabetgrad 10 im Pachtbesize der Juden. Im allgemeinen darf man sagen, daß mehr als die Hälfte aller Fabrikproduktion sich in den Händen der Juden befindet. Auch im Kleinhandel mit Spirituosen sind die Juden zahlreich vertreten; von 326 Schänken in den Landbezirken, auf die es ja wesentlich ankommt, befanden sich 143 in den Händen von Juden, 183 aber in den Händen von Nichtjuden. Der Anteil der Juden an den Schänken beziffert sich somit auf 44%. ( Fortsczung felgt.) Schöngeistiges Treiben im kaiserlichen Rom. I. Auguftus und sein Hof. Bon Manfred Wittich. Die römische Literatur des ersten sogenannten goldenen Zeitalters ist das Ergebnis der politischen Kirchhofsruhe, welche in dem ehemaligen Freistaat ihren Einzug hielt. Die öffentliche Wirksamkeit war den Quiriten, den Lanzenmännern, wie sich die Römer feierlich gern nennen hörten, verschlossen, soweit staatliche Dinge in Betracht famen. Das große freie Rechtsleben war zusammengeschrumpft zu rabulistischen Advokatenkriegen, die großen Staatsreden freier Männer wurden abgelöst durch das schön geistige Geschwäz serviler Redekünstler und durch die eitlen Rezitationen erfolgs- und ruhmhungriger Verseler. Augustus, der erste der römischen Kaiser, trat nach Niederwerjung seiner Gegner allerdings sehr vorsichtig und schonend auf und ließ nach allen Seiten hin seine Minen spielen, um sich möglichst allgemeine Liebe und Geneigtheit zu erringen. Dazu waren ihm nun namentlich förderlich die Berufungen von Philosophen und Poeten, welche selbst. sammt den in Rom auch vorher ja schon vorhandenen Literaturfreunden, höch lich befriedigt waren über diesen Schritt. Er selbst war gut geschult, sprach und rezitirte auch nicht schlecht, wobei ihm eine angenehme Stimme und gute Aussprache wohl zu statten famen. Deutlichkeit und Klarheit waren sein Hauptaugenmerk als Schriftsteller, sein Leibsprichwort war: Eile mit Weile! Auch etwas Wiz besaß er. Wiz besaß er. Der Dichter Horaz war ein ziemlich beleibter Herr; ihm wünschte der Kaiser, daß seine Gedichtsammlung im gleichen Format erscheinen möchte. Als das römische Volk sich einmal über die hohen Weinpreise beklagte, ließ er die Weisung geben durch Ausrufer: daß für den Durst der Römer bereits durch die Appische Wasserleitung gesorgt sei. Auch die übrigen Glieder des kaiserlichen Hauses liebten die schönen Wissenschaften. So seine Schwester Octavia, welche namentlich den Dichter Virgil schäzte, der in wohlflingenden Versen die Urgeschichte Roms geschrieben und sie mit höflischer Schmeichelei gegen die kaiserliche Familie der Julier durchwürzt hatte. Als der Dichter am Hofe eine solche Stelle verlas, die den Tod des Marcellus, des Sohnes der Octavia, feierte, soll diese so gewaltig ergriffen worden sein, daß sie ohnmächtig niederfiel. Ebenso dichterfreundlich gesinnt war des Kaisers Tochter Julia und seine Schwiegertochter Antonia, die Gemahlin des Drusus. Neben dem Kaiser ist sprichwörtlich geworden als Kunstpatron C. Cilnius Mäcenas, ein gutmütiger, wenig friegerischer Lebemann und geistiger Feinschmecker, bekannt durch die zäheste Liebe zum Leben, die er auch in einigen uns erhaltenen Versen aussprach: ,, Lahm will ich sein an Händen und Füßen, an Hüften und Schenkeln, geschwollen und bucklig und wackelzähnig wenn ich nur leben darf! das genügt. Leben laß mich und sollte ich auf schneidendem Holzesel reiten." Bei ihm schwärmten die Schöngeister aus und ein wie Tauben im Taubenschlag und fanden stets offenes Herz, offenes Ohr und offene Tafel; freilich hatte er auch Geschmack und nahm nicht jeden ersten Besten ungeprüft mit offenen Armen auf. Dafür sah er aber nicht auf Stand und Rang, sondern nur auf Geist und Fähigkeit. Am meisten Hahn im Korbe bei ihm war der bekannte Dichter Horaz, der liebenswürdige Schüler der griechischen Liedersänger und geistreiche Plauderer in Episteln und Briefen. Natürlich hob die kaiserliche Protektion auch dagegen die Geltung der Dichter bei dem Volke. Moderne Dichter fanden sogar in der Schule Eingang. Und der bissige Epigrammatiker Martial freut sich, vor dem Schicksal bewahrt zu sein, daß ihm ein aufgedunsener Schulmeister mit frächzender Stimme diktire und er jungen Mägdelein und braven Jungen ein Greuel werde. Der Schiller jener Zeit, dessen Verse in aller Welt Munde waren, ist Virgil, dessen größtes Gedicht die Aeneide, das Lied von Aeneas, Roms Ahnherrn, durch den Inhalt, alle Verse durch lieblichen Wohlklang, für den alle Romanen so ein feines Ohr haben, Herzen und Ohren aller gewonnen hatte. Verse aus seinen Dichtungen waren an alle Wände der Häuser gefrizelt, auf Schilder der Wirtshäuser und Kaufleute gemalt als Motti, auf Grabsteinen und Gastgeschenken angebracht. Sein nationales Epos wurde zu Drakeln benuzt, wie man etwa bei den Arabern den Koran, bei uns die Bibel aufschlug und aus der zufällig getroffenen Stelle Lüftung des Schleiers der Zufunft sich versprach. Virgils Geburtstag galt in den schöngeistigen Salons für einen Festtag und ward mit solennen Feierlichkeiten begangen. Das literaturgeschichtlich Bedeutsame dieser Epoche ist die Erschaffung der neuen klassischen Dichtersprache, welche unter Augustus vor sich ging. Cicero hatte die Prosa zur höchsten Glätte und Eleganz entwickelt, Virgil und Genossen taten der poetischen Sprache diesen Dienst und machten sie frei von den Fesseln der Steifheit und Härte, welche den älteren Werken anhaftete. Die Gönnerschaft des Kaisers schloß aber keineswegs absolute Censurfreiheit in sich. In politischen Dingen ließ auch Augustus nicht mit sich spaßen, namentlich in seinen späteren Jahren, da er durch Verlust seiner engeren Freunde griesgrämlich geworden war. Das erste literarische Autodafé traf die sämmtlichen Werke des feurig republikanisch gesinnten Geschichtsschreibers Titus Labienus, den man wegen seiner Bissigkeit Rabienus, d. i. den Wütigrasenden, nannte. Als er einst eine Vorlesung über neuere Geschichte hielt, überschlug er einige größere Abschnitte mit den Worten:" Das, was ich jezt weglaffe, wird man nach meinem Tode lesen." Gekränkt durch das Schicksal, das man seinen Büchern bereitet hatte, starb er turze Zeit darauf, weil er seine Werte nicht überleben wollte. Sein Busenfreund Cassius Severus sprach damals das giftige Wort: man solle auch ihn lebendig verbrennen, da er die Schriften des Labienus auswendig wisse. Diese Bücher wurden natürlich nun nur um so eifriger gelesen, heimlich abgeschrieben und um so massenhafter verbreitet. Es 11 bewahrheitete sich das Wort des ernsten Tacitus:„ Belachenswert ist die Torheit derjenigen, welche durch gegenwärtige Gewalt vermeinen, das Andenken der Nachwelt vernichten zu können. Es steht vielmehr fest, daß die Verfolgung der Geister ihr Ansehen erhöht"*). " Diese Zustände erklären aber den servilen Karakter der Poesie jener Tage:" Besing Mäcenas Hund und friß dich satt!" Ovid mußte ein indiskretes Wort mit der Verbannung nach Tomi, einer Stadt am schwarzen Meere, büßen. Ungeheuer aber war der Zudrang selcher Versifere, welchen die Brust von , Gesinnungstüchtigkeit" schwoll. Alle Welt fast litt an Dichteritis;" Knaben von 14 Jahren schrieben griechische Tragödien, wie der jüngere Plinius späterhin, Virgil sang sein Lied auf die Mücke als 16jähriger Fant, Ovid konnte schon als Junge nur in Versen reden! Die Schule bereitete das ja vor: man las und fabrizirte Verse! Juvenal sagt, er sei Dichter geworden „ aus Notwehr;" er wolle nicht immer zum Hören verurteilt sein und zur Milde gegen die Legion Dichterlinge um sich herum. II. Die Rezitationen. Ein so hörlustiges Volk wie die Römer huldigte nicht unfrem ,, taubstummen Lesen" mit den Augen, wie J. Grimm diese Gepflogenheit unsrer Gegenwart treffend genannt hat. Die öffentliche Beredsamkeit hätte eine Bühne nach der andern verloren; da traten als Ersaz die Vorlesungen von Kunstreden und Dichterwerken ein. Als Vorleser fungirte meist der Verfasser selbst, teils um unmittelbar den Beifall als Schriftsteller und Deklamator einzuheimsen, teils um für seine Werke Reklame zu machen. Ort der Handlung war das Haus des Rezitirenden oder im Unvermögensfalle ein Saal eines wohlhabenderen Freundes desselben, vielleicht auch eine gemietete Räumlichkeit. Wir sehen, zu verdienen war nichts. Man lud mündlich oder durch„ Visitenkarten" ein: Si commodum wenns gefällig, wenns paßlich ist, stand darauf zu lesen. " Der Redner mußte südlich lebhaft gesticuliren und starkes Mienenspiel ins Treffen führen. Oft betrat ein solcher die Bühne mit Wollbinde um den Hals, um Heiserkeit zu fingiren und angeblich die Hörer um Nachsicht für mangelhaften Vortrag zu bitten; oder wie Juvenal sagt, zum Zeichen, daß er weder reden noch schweigen fönne!" Auch sonst wurde auf glänzendes Auftreten viel gegeben; in blendend weißer Feiertagstoga, die Haare wohl frisirt und gekräuselt, mit verbindlichem Lächeln auf dem Antlize, mit schmachtenden Blicken und allerlei Drehungen des Halses gleich einem Wendehals erschien der Held; dann begann in möglichst süßen schmelzenden Tönen der große Aft, der leider oft dem Vorleser den meisten Genuß bot, ja oft vielleicht nur ihm! 11 Der Spötter Juvenal ging in der Selbstironie so weit, daß er einem zu seiner eignen Vorlesung von ihm Geladenen eine Binde für die Ohren mit der Einladung zugleich schickte. Nicht entzückt zu sein oder nicht einmal zu scheinen galt für eine Unhöflichkeit gegen den Spender des Ohrenschmauses. Zwischenrufe des Lobes und der Bewunderung, Händeklatschen,„ Aufstehen von den Sizen, Kußhände," waren übliche, bestimmtest erwartete Beifalls bezeugungen. Auch die Claque existirte bereits. Der Dichter selbst oder ein Gönner stellte handstarke und kehlenfeste Freigelassene an den Ecken des Saales auf, welche zu gewissen Zeitpunkten ihre Beifallssalven losbrennen mußten. Da man in Rom statt„ bravo" griechisch sophos rief, nannte man diese Herren Sophosrufer oder Sophoklesse, was ein hübsches Wortspiel gibt mit dem Namen des Sophokles, des berühmtesten Tragödiendichters Athens. Wir sind sogar über das Honorar der Claqueure unterrichtet: Plinius der Jüngere erzählt, daß seine Sklaven für den Vortragstag 3 Denare etwas über 2 Mark bekommen haben. *) Cremutius Cordus, Historiker unter Tiberius, der den Brutus gelobt und den anderen Mörder Cäsars, Cassius, den lezten Römer ge= nannt hatte, ward zum Selbstmord gezwungen. Plinius selbst war ein Held der aktiven und passiven Recitation, versäumte wohl kaum eine, selbst bei elendestem Wetter, und nahm Unaufmerksamkeit oder Geiz in Beifallsspenden bei seinen Mithörern sehr ärgerlich auf, wie er selbst berichtet; dagegen andrerseits las er seinen Gästen einmal 3 Tage hinter einander seine Lobrede auf Trajan vor. Aber auch Engels geduld hat ihre Grenzen, wieviel mehr menschliche! Aufgefordert von vielen Freunden, gebe ich diese lyrischen Versuche an's Tageslicht" u. s. w. Wir kennen diese Einleitung junger Lyriker, wenn ihre Muse flügge geworden. Auch die römischen Rezitatoren kannten sie. Passenus Paulus begann seinen Vortrag, zu einem der anwesenden Hörer gewendet, mit den Worten:„ Priskus, du forderst mich auf..." worauf der Angeredete plözlich aus dem Publikum heraus laut antwortete:„ Beim Jupiter, ich fordere dich nicht auf!" Tableau! Unauslöschlich homerisches Gelächter! Aehnlich soll es einem griechischen Prunkredner Sidonius dereinst in Athen ergangen sein. In der Einleitung seines Vortrags rühmte er sich, er sei im Stande allen philosophischen Schulen gerecht werden zu können. Wenn Aristoteles mich zum Lyceum ruft, so folge ich, wenn Plato mich zur Akademie( einer zu philosophischen Spaziergängen von Plato benuzten Platanen- und Delbaumallee) bestellt, tch folge; wenn( der durch Schweigenlassen seine Schule prüfende) Pythagoras befiehlt, so schweige ich!" Stimme aus dem Publikum:" Lieber Sidonius, Pythagoras ruft dich!" Man wünschte ihn pythagoräisch- schweigen zu hören! Alle möglichen dichterischen Gegenstände und Gattungen waren Stoff der Rezitationen. Auch politische Anspielungen und Anekdötchen aus der Tages- und Skandalgeschichte der Residenz fehlten nicht. Das erstere war selbst unter einem als sogenannter„ guter Kaiser" bekannten Vespasian nicht gefahrlos. Tacitus berichtet, daß der Dichter Curiatius Maternus sein Drama„ Cato" mit viel republikanischem Feuer rezitirt habe, wobei einige starke Stellen vom Hofe übel vermerkt worden seien. Hochgestellte Freunde rieten Streichung der verfänglichen 14Verse bei der Herausgabe; der stolze Dichter aber entgegnete: Du wirst sehen, was Maternus sich schuldig ist, und wiederfinden, was du( bei der Rezitation) gehört hast; hat aber Cato etwas weggelassen, so wird in der nächsten Vorlesung Thyastos ( eine andere Tragödienperson) es nachholen!" Diese Kunstübungen waren ungemein beliebt und verbreitet und wir wissen auch ihren Erfinder: Cajus Asinius Pollio ( 75 vor bis 4 nach Chr.) Parteigänger Cäsars und des Antonius; politisch untätig seit dem Tode Cäsars, widmete er sich ganz den Musen; er stiftete übrigens auch die erste öffentliche Bibliotek in Rom, und zwar im Jahre 39 vor Chr. Ursprünglich mag wohl der Dichter die Kritik der Hörer zur Ausfeilung seiner eben fertig gewordenen Werke benuzt haben, später ward das Rezitiren aber eine Seuche wie das Dichten. Schon Horaz mahnt:„ wer gescheit ist, weicht behutsam dem wahnsinnigen Dichter wie einem Aussäzigen oder Verrückten aus. Den Kopf gen Himmel gereckt, stets Worte hervorstoßend, rennt er durch die Gassen, fällt in Graben und Brunnen, oft mit Absicht, um eines erhabenen Todes zu sterben. Er rast wie ein Bär, der die Eisenstäbe seines Käfigs zertrümmert hat. Gelehrte und Laien jagt der schreckliche Vorleser in die Flucht. Wen er aber gepackt hat, den hält er fest und liest ihn tot, und läßt selbst seine Haut nicht los, bis er sich, der Igel, voll des Blutes gesogen hat!" Und Martial fährt weiter in derselben Melodie fort: Wo Ligurin sich sehen läßt, flieht alles, und rings um ihn wird's wüste und leer. Der Dichter mit seinem Manuskript ist schrecklicher als die Tigerin, der man die Jungen geraubt hat, schrecklicher als die giftigste Schlange, als der Skorpion. Er hält sein Opfer auf der Straße fest, folgt ihm ins Bad, bis zur Mittagstafel, weckt ihn sogar aus dem Schlafe." " Einer der Freunde des Juvenal verläßt Rom. Der Dichter zählt die guten Gründe auf, warum er ihm das nicht verdenkt und nennt unter anderen Unglücksfällen, als Feuersbrünsten, Häuserstürzen u. dergl. auch die Rezitationen auf, denen man sich aus Höflichkeitsrücksichten oft nicht entziehen konnte. Die Ersteigung des Capitols. ( Mit Illustration.) Der Einbruch der Gallier in Rom bildet eines der interes= santesten Blätter in den Annalen der römischen Geschichte aus der republikanischen Zeit. Die Gallier waren Zweige des großen Keltenvolks, das, in viele Stämme gespalten, den ganzen Westen Europas, die pyrenäische Halbinsel, das große Gebiet der Gallier, Belgier und Helvetier und die britischen Inseln bewohnte, das an der mittleren Donau seine Wohnsize bis zum Hämus ausgedehnt hatte und dessen entlegenſten Zweige, den trakischen Bosporus überschreitend, im fernen Kleinasien unter den heimischen Lebensformen und mit dem heimischen Namen Galater ihr Dasein verbrachten. Die Gallier, die, ursprünglich zwischen dem Rhein und der Garonne seßhaft, in Schwärmen über die Alpen gedrungen waren und nach und nach ganz Oberitalien in Besiz nahmen, schieden sich in mehrere Völkerschaften mit verschiedenen Namen. Am weitesten gegen Süden wohnte der gallische Volksstamm der Senonen, die sich der Ostküste von Umbrien bis in die Nähe der syrakusischen Pflanzstadt Ancona bemächtigt hatten. Im Jahre 390 v. Ch. zogen die senonischen Gallier, nachdem sie die alte Etruskerstadt Melpum zerstört hatten, unter ihrem König Brennus über die Apeninnen und belagerten die Stadt Clusium in Etrurien. Die Einwohner riefen die Römer zu Hilfe und diese schickten eine Gesandtschaft, drei Fabier, in das feindliche Lager, mit der Forderung, von Roms Schüzlingen abzulassen. Die Gallier erklärten sich zum Frieden bereit, wenn die Clusiner einen Teil ihres Landes an sie abtreten wollten. In dieser Antwort erblickten die Gesandten einen Hohn und begierig, sich zu rächen, mischten sie sich bei einem Ausfall in den Kampf und einer von ihnen, Quintus Fabius, erschlug einen gallischen Heerführer, Brennus, welcher dies für eine Verlezung des Völkerrechts erklärte, forderte von den Römern die Auslieferung der Fabier. Die Forderung wurde zurückgewiesen und die Fabier obendrein zu Kriegstribunen ernannt. Hierüber in Wut versezt, ließen die Gallier alsbald von Clufium ab, rückten in Eilmärschen, ohne das dazwischen liegende Land zu verlezen, in der Stärke von 70 000 Mann auf Rom los und brachten dem römischen Heer am Flüßchen Allia eine so vollständige Niederlage bei, daß sich nur einige Flüchtige über die Tiber nach Veji retteten, Rom selbst aber, das von den Weibern und Kindern verlassen worden war, ohne Gegenwehr in die Gewalt der Feinde fiel. Die Gallier brannten die leere Stadt nieder, mordeten auf dem Forum gegen achtzig Greise, die als Sühnopfer fallen wollten, und umlagerten dann das Capitolium, wohin sich die streitbare Mannschaft mit den Schäzen und Kostbarkeiten gezogen hatte. Das Capitol war ein prächtiger, von den Tarquiniern erbauter Jupitertempel auf dem tarpejischen Berge, neben welchem die römische Burg und der tarpejische Fels, von dem die Missetäter herabgestürzt wurden, befindlich war. Im weiteren Sinne wurde so der ganze Hügel mit der Burg 2c. bezeichnet. Das über unterirdischen Felsenkammern und brunnenartigen Tiefen sich erhebende = 15Capitol war feit Tarquinius Superbus, der es ausbaute, der| bewahrten sie die Schädel angenagelt im Hause als Erbstück Aufbewahrungsort der wichtigsten Staatsdokumente und der kostbarsten Weihgeschenke, der Mittelpunkt der bedeutendsten Staatshandlungen wie der Schauplaz der größten Feierlichkeiten. ( Den Namen leiten einige unnötigerweise von dem Haupt eines gewissen Tolus ab( caput Toli), das man bei Grundlegung des Tempels aufgegraben habe, während derselbe im Grund nur eine andere Form von capitulum Hauptpunkt, Hauptplaz ist.) Unter der Anführung des heldenmütigen Marcus Manlius leistete die Besazung des Capitols den Galliern tapferen Widerstand. Dennoch aber wäre das Capitol heimlich erstiegen worden, wenn nicht Gänse durch ihr Schnattern den nächtlichen Ueberfall verraten hätten. Diese denkwürdige Begebenheit ist auf unserem Bild meisterhaft veranschaulicht. Dasselbe gibt auch eine Vorstellung von den wilden Gestalten, deren Erscheinen den Römern so großes Entsezen einflößte und welche die Alten folgendermaßen schildern: Große Körper, wilde Züge, ein langes, struppiges Haupthaar und ein großer Schnurrbart machten ihren Anblick grausenhaft; ihr wilder Mut, ihre unermeßliche Zahl, der Lärm einer ungeheuren Menge Hörner und Drommeten lähmten die gegen sie stehenden Heere mit Furcht und Betäubung; ließen sich aber diese nicht vom Schrecken überwältigen, so gab manchmal der Mangel an Ordnung, Folgsamkeit und Ausdauer auch einer fleineren Zahl den Sieg über die Schwärme der Barbaren. Auch waren ihre Rüstungen schlecht, selten hatten sie Harnische; ihre mannshohen, schmalen Schilde waren schwach und ungeschickt; sie warfen sich auf den Feind mit breiten, dünnen, schlecht gestählten Schlachtschwerten, die oft durch den ersten Hieb auf Eisen schartig und unbrauchbar wurden. Eitel und prahlerisch schmückten sie ihren Körper und ihre Waffen mit Gold. In der Schlacht trug jeder vornehme Gallier goldene Ketten an den Armen und schwere goldne Ringe um den Hals, wenn er auch sonst am Oberleib nackt erschien; denn oft warfen sie ihre bunten, gewürfelten, in Regenbogenfarben schillernden Mäntel von sich. Gewöhnlich stritten sie zu Fuß, einzelne Schwärme auch zu Pferde, wo dann jedem Freien zwei gleichfalls berittene Knappen folgten. Wunden pflegten sie oft nachträglich zu erweitern, um mit breiterer Narbe prunken zu können. In den überwältigten Ländern vertilgten sie die Bevölkerung, Städte und Anbau. Sie knüpften die abgeschnittenen Köpfe der Erschlagenen mit den Haaren an die Mähne ihrer Pferde; von denen der Vornehmen für die Nachkommen. Nach siebenmonatlicher Belagerung, währenddes die Reihen der Gallier durch Hunger und Krankheit gelichtet wurden und auch die Belagerten vom Hunger schwer gelitten hatten, waren beide Teile zu einem Vergleich bereit. Gegen Ausbezahlung von 1000 Pfund Gold wollten die Gallier abziehen. Beim Abwägen des Goldes entstand Streit. Brennus rief aus:„ Wehe den Besiegten!( vae victis!)" und warf noch sein Schwert in die Wagschale. Da erschien Camillus, der Eroberer der Etruskerstadt Veji, der wegen eines ihm zur Last gelegten Verbrechens freiwillig in die Verbannung gegangen war. An der Spize eines gesammelten Heeres zwang Camillus die Gallier durch eine Niederlage zum eiligen Abzug. Von manchen wird indes der Bericht, Camillus sei erschienen und habe den Galliern ihre Beute wieder abgejagt, für eine Fabel erklärt und römischer Ruhmredigkeit zugeschrieben. Vielmehr sollen die Gallier sammt ihrem Gold an das adriatische Meer zurückgekehrt sein. Der Schlachttag an der Allia( 18. Juli) wurde im römischen Kalender als Trauer- und Bußtag verzeichnet. Die Gänse aber wurden seitdem in Rom als Retterinnen des Capitols gefeiert und auf öffentliche Kosten erhalten. Weniger dankbar erwies sich Rom gegen seinen Retter Manlius, der den Ehrennamen Capitolinus erhalten hatte. Kaum war Rom in der Eile mit engen und frummen Straßen und kleinen Wohnhäusern wieder aufgebaut, als die Patrizier, die alle ihre Vorrechte wieder in Anspruch nahmen, die Schuldgeseze mit der alten Strenge in Anwendung brachten. Dadurch gerieten die infolge des gallischen Kriegs verarmten Plebejer, deren Kräfte sich durch den Aufbau der Wohnungen und die Anschaffung von Zugvieh, Gerät und Saatkorn erschöpft hatten und die nun auch noch durch die Umlage zur Deckung des gallischen Lösegelds und zur Zahlung des Solds an das Heer hart in Anspruch genommen wurden, in große Not, was Manlius bewog, ihren Fürsprecher zu machen und auf Minderung der Schuldenlast und Verteilung des Gemeinlandes anzutragen. Er schwur, so lange er noch einen Fuß breit Landes besize, werde er nicht gestatten, daß ein Römer als Schuldknecht abgeführt werde. Darüber traf ihn der Haß seiner Standesgenossen in solchem Grade, daß sie ihn unter der nichtigen Anklage, er strebe nach der königlichen Gewalt, zum Tode verurteilten, worauf der Retter des Capitols vom tarSt. pejischen Felsen gestürzt wurde. Unsere höhere Jugendbildung. Nach dem Vortrag Dubois- Reymonds über„ Kulturgeschichte und Naturwissenschaft" und wider ihn. " Von Bruno Geiser. Dubois- Reymond jener berliner Gelehrte, welcher mit Helmholz und Virchow zu den vornehmsten wissenschaftlichen Behat bereits im rühmtheiten unsrer Zeit zählt und gehört Novemberheft 1877 der deutschen Rundschau" einen Vortrag über„ Kulturgeschichte und Naturwissenschaft" veröffentlicht, der wie alle seine Vorträge und Reden seinerzeit viel gelehrten Staub aufgewirbelt und Aufsehen gemacht hat. Soviel Aufsehen daß ihn der Vortragende ein Jahr später noch als besondere Schrift hat erscheinen lassen und nicht umhin konnte, in dem für diese Veröffentlichung bestimmten Vorworte, auf die Uebersezungen und öffentlichen Besprechungen und die zahlreichen, auch von jenseits des Rheins, ja des Weltmeers", an ihn gelangten Zuschriften hinzuweisen, die der Vortrag hervorgerufen hat. Derselbe hat heut noch nichts von seiner Bedeutung eingebüßt. Das Tema, das er behandelt, wird zu den ewig jungen gehören, solange es eine Kulturmenschheit gibt, und die Art, wie Dubois- Reymond die Wechselbeziehungen von Kulturgeschichte und Naturwissenschaften auffaßt, wie er den Verlauf der einen und die Einwirkung der andern auf jene darlegt, ist hinlänglich originell und pikant, um das Interesse der Leserwelt noch auf lange hinaus anzuregen. Es ist nicht meine Absicht, hier eine Stizze der ganzen Arbeit zu entwerfen; wer diese in ihrem vollen Umfange kennen lernen will, mag sie durch den Buchhandel von Veit und Comp. in Leipzig beziehen. Nur die eine Bemerkung mag ich hier nicht unterdrücken: Wer in dem Vortrage über„ Kulturgeschichte und Naturwissenschaft" mehr finden möchte, als eine pikante und in manchem originelle Stizze, wer nicht blos zum Nachdenken und zur Kritik angeregt, sondern gründlich belehrt werden will, der behalte getrost seine Groschen in der Tasche. Was ich an dieser Stelle zu leisten mir vorgesezt, ist: den Aufruf zur Reform, auf welche die Arbeit Dubois- Reymonds hinausläuft, hier wiederzugeben und die Beleuchtung, welche er diesem seinen Aufruf durch Schilderung gegenwärtiger Zustände angedeihen läßt, meinerseits auch noch ein wenig zu beleuchten. Dubois- Reymond will eine Reform unserer deutschen Gymnasien und er begründet deren Notwendigkeit durch recht intereffante Geständnisse bezüglich unsrer höheren Bildung, wie sie auf den Gymnasien,- diesen angeblichen Musterstätten klassischer Bildung unsrer Jugend unter dem russisch- borussischen Staatsmotto„ der Bien' muß" eingeimpft wird. Die Leser der„ Neuen Welt" werden über einen so wichtigen Gegenstand sicherlich mit aller Andacht die Meinung eines höchst angesehenen preußischen Professors, Geheimrats und Mitglieds der Akademie der Wissenschaften anzuhören und mit Inbrunst zu beherzigen geneigt sein. Die hier in Rede stehende Ansicht Dubois Reymonds fällt umsomehr ins Gewicht, als er ein erklärter Freund eben der ,, klassischen Bildung" unsrer Gymnasien ist und dieser seiner Parteistellung z. B. in der Frage, ob die Abiturienten der Realschulen denen der Gymnasien gleichgestellt werden dürfen inbezug auf Zulassung zum Studium, Ablegung von Staatsexamen und dergleichen zu Gunsten der mit Gymnasialbildung Ausgestatteten entschiedenen Ausdruck gegeben hat und noch immer, wenn auch nicht mehr mit all' dem früheren Stolze auf unsre klassischen Unterrichtsinstitute, zu geben bereit ist. " Die Gymnasialerziehung der deutschen Jugend übt", sagt Dubois- Reymond S. 47 der erwähnten Schrift,„ der Heerver fassung vergleichbar, einen ungeheuren Einfluß auf das deutsche Leben. Das Gymnasium hat es nach und nach zu wahrhaft despotischer Herrschaft über die Familie gebracht. Für jeden gebildeten Bürger, vollends wenn er selber das Gymnasium durchmachte und Söhne auf das Gymnasium zu schicken hat, besteht also Recht und Pflicht, sich um Gymnasialeinrichtungen zu kümmern. Doppelt berechtigt ist er dazu, wenn er, den gelehrten Ständen angehörig, noch sonst Gelegenheit hatte, die Früchte der Gymnasialerziehung zu beobachten. In dieser Lage befinde ich mich. Nicht allein bin ich als Universitätslehrer in steter Berührung mit Studirenden der ersten Semester, und zwar, durch meine öffentlichen Vorlesungen, vielfach auch mit andern als Medizinern, sondern ich habe auch seit mehr als einem Vierteljahrhundert als Examinator in den medizinischen Staats- und Fakultätsprüfungen das Wissen und den Bildungsgrad von etwa dreitausend jungen Männern mehr oder minder genau fennen gelernt, welche zwei bis drei Jahre vorher das Zeugnis der Reife erwarben." Aljo langjährige und reiche Erfahrung ist es, aus der Dubois- Reymond die Erfahrung geschöpft hat, die er Seite 48 ausspricht: Es ward in mir die Ueberzeugung immer lebhafter, daß die gegenwärtige Gymnasialerziehung keine genügende Vorbildung für das medizinische Studium bietet, während ich mich leider auch zur Meinung bekennen muß, daß sie überhaupt nicht ganz(!) das leistet, was sie sich vorsezt." Was dieses Urteil besagen will, wird erst recht klar, wenn man das Folgende( S. 49) in Betracht zieht. " Ich bedaure zunächst den Eindruck mitteilen zu müssen, den ich im Laufe der Zeit stärker und immer stärker erhalte, daß die humanistische Bildung des mittleren Mediziners immer mehr zu wünschen übrig läßt. Die Unsicherheit in der lateini schen Formenlehre, die Beschränktheit des lateinischen und griechischen Wortschazes, die Unfähigkeit, z. B. griechische Kunstausdrücke herzuleiten, sind bei vielen unserer Mediziner wenige Jahre nach bestandener Maturitätsprüfung so groß, daß die dadurch verratene mangelhafte Schulung zur Zeit der Prüfung wohl nur durch mechanische Abrichtung übertüncht war. Bis zu welchem Grade diese jungen Männer in der Personen und Gedankenwelt des Altertums heimisch waren, ob sie das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit den Alten und der geistigen Herkunft von ihnen hatten, welches den eigentlichen Humanismus ausmacht: das zu beurteilen, bot sich mir natürlich weniger Gelegenheit. Auch vom geschichtlichen Wissen der Mediziner erhielt ich nicht regelmäßige Kenntnis. Ihre Gleichgültigkeit gegen allgemeine Begriffe und geschichtliche Herleitung macht es mir aber schwer zu glauben, daß sie mit antikem Geiste getränkt seien und eine gute historische Bildung genossen hätten." 16 Also: mit antikem Geiste sind die Mediziner schwerlich ge= tränkt und eine gute historische Bildung ist ihnen auch nicht zuzutrauen. Und was für die Mediziner gilt, muß für alle Zöglinge unsrer Gymnasien genau ebenso Geltung haben, weil die Berufsbildung ja erst beginnt, wenn die Gymnasialerziehung zu Ende ist. Die späteren Juristen, Philologen, Teologen, die höheren Post und Steuerbeamten, Architekten und Ingenicure, Rittergutsbesizer und Kaufleute werden auf dem Gymnasium genau so unterrichtet, als die späteren Mediziner, wenn man absieht von den nicht in's Gewicht fallenden Unterrichtsanhängseln, wie hebräische Sprache für die Teologen und diese oder jene moderne, in den allgemeinen Lehrplan nicht aufgenommene Sprache für einzelne wenige Liebhaber. Unsere Gymnasiasten überhaupt verlassen das Gymnasium, ohne von dem Geiste des klassischen Altertums durchdrungen und ohne mit einer tüchtigen historischen Bildung ausgestattet zu sein, -wenn das Dubois- Reymond, der Freund der Gymnasien, der begeisterte Verehrer des antiken Geistes für wahrscheinlich hält und öffentlich ausspricht hält und öffentlich ausspricht dann ist es gewißlich wahr. Und was ist denn das Hauptziel, wenn nicht das einzige Ziel,- was ist das A und unserer Gymnasialerziehung? Doch offenbarer und unleugbarer Maßen rein garnichts anderes, als eben den hochgepriesenen, über alles in der Welt bewunderten Geist des griechischen und römischen Altertums auszugießen über unsre„ gebildet" werden sollende Jugend!? Diesem Ziel unserer höheren Jugendbildung wird alles geopfert, was der modernen Zeit eigentümlich ist die moderne Literatur sammt der modernen Geschichte, die auf den Gymna sien einer entsezlich stiefmütterlichen Behandlung überlassenen Naturwissenschaften mit der modernen Technik, die moderne Kunst mit allem, was einer spezifisch modernen Idee ähnlich ist, und diesem Moloch von einem Ziele, der alle seine Mitbewerber erbarmungslos verschlingt, werden alle die unabsehbar gewaltigen Opfer Opfer selbst nach dem Zeugnis eines Mannes wie DuboisReymond! Reymond! vergeblich gebracht. Vergeblich-wirklich ganz vergeblich? wird mancher kopfschüttelnd fragen. Vielleicht kommt statt des antifen Geistes auf unsren Gymnasien doch manch' ein üppiges Samenkorn des Geistes der neuern Zeit auf, vielleicht schlägt der antike Geist nur darum nicht Wurzel in den Gemütern und Köpfen unserer gebildeten Jugend", weil der Geist der Neuzeit, das moderne Element, troz der Richtung der Gymnasialerziehung nach dem an der Brust der Antike großgesäugten Humanismus zu stark ist in ihr, sich nun und nimmer unterdrücken läßt. Vielleicht! Hören wir Dubois Reymond weiter: " Dazu kommt ein andrer beklagenswerter Umstand. Meist sprachen und schrieben die jungen Leute fehlerhaftes, geschmackloses Deutsch. Wegen der Unsicherheit der deutschen Rechtschreibung, Wort- und Sazbildung ist der Unterricht in der Muttersprache bei uns schwieriger als bei Völkern mit fest gestelltem Sprachgebrauch. Allein die jungen Leute hatten gewöhnlich nicht einmal den Begriff, daß man auf Reinheit der Sprache und Aussprache, Gewähltheit des Ausdruckes, Kürze und Schärfe der Rede bedacht sein könne. Man schämt sich als Dentscher solcher Barbarei, wenn man den liebevollen Fleiß kennt, den z. B. Franzosen und Engländer auf Ausbildung in ihrer Muttersprache wenden, deren Regeln zu mißachten ihnen als eine Art von Entweihung erscheint. Mit der Vernachlässigung in der Muttersprache geht Hand in Hand eine oft erstaunlich geringe Belesenheit in den deutschen Klassikern. Es gab in Deutschland eine Zeit, wo man aus dem ersten Teile des Faust nicht mehr zitirte, weil das Zitat zu Tode gehezt war. Gehen wir wirklich einer Zeit entgegen, wo man nicht mehr daraus zitiren kann, weil die Anspielung nicht mehr verstanden wird?" Was sagt man zu der Wucht dieser Anklage gegen unsre Gymnasien? Und wer von allen, die mit dergleichen Dingen vertraut sind, könnte leugnen, daß sie berechtigt ist? Von den deutschen Klassikern, deren Werke den kostbaren Schaz und den unerschöpflich fruchtbaren Boden modernen Geistes bilden, wissen die auf unsren Gymnasien gebildeten„ Gebildeten" in der Tat lächerlich oder vielmehr beschämend wenig, und die deutsche Sprache mißhandeln die meisten von ihnen in oft wirklich abscheulicher Weise. Ein paar Beispiele aus der Praxis des Schreibers dieser Zeilen mögen die Ausführungen Dubois- Reymonds für unsre Leser illustriren. In einer Gesellschaft„ Gebildeter" erwähnte ich gelegentlich, daß ich eben wieder einmal daran sei, mich an Schillers Briefen zur ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechts von tausendfältigem Aerger zu erholen,-- nebenbei gesagt für mich ein Radikalmittel, welches noch nie verfehlt hat, mich über alle Niedrigkeit der Gesinnung, die mir begegnet, alle Jämmerlichkeit des Existenzkampfes, der sich niemand ganz entziehen kann, zu trösten,- da erwiderte mir achselzuckend ein noch ziemlich junger Jurist, ein Mann, der seine Staatsexamen mit allen Ehren bestanden hatte und nicht nur für gewöhnlich gebildet, sondern sogar für hochgebildet gelten wollte und bei vielen Leuten wirklich galt: " Die Prosaschriften Schillers pah die sind doch längst vollständig antiquirt." 18 wenn solch ein Menschenbruder auf der leipziger Messe einmal in einer Schaubude ausgestellt wäre. Und was erst die gute" deutsche Sprache angeht, lieber Himmel! du Ein ,, klassischer Philologe ein Gymnasialoberlehrer schrieb mir einmal: ,, Unser gemeinschaftlicher Freund, der, nachdem er zwei Tage hier zu Besuch gewesen, nach Wien weitergereist ist, wünscht, Ihre Liebenswürdigkeit in Anspruch nehmend und davon, daß Sie ihm diese Gefälligkeit erweisen können, überzeugt, indem er Sie herzlich zu grüßen mir aufgetragen, Sie möchten die Güte haben, für ihn von der leipziger akademischen Lesehalle, deren Mitglied er Sie weiß, den lezten Jahrgang der ,, Göttingischen gelehrten Anzeigen", welche, wie ihm mitgeteilt, eine Rezension über das Buch seines Lehrers N. gebracht haben, auszuleihen." Diesem häßlich verzwickten, undeutschen Sazgefüge sieht man den ,, klassischen" Philologen denke ich deutlich genug an. So- Relativsäze und Partizipialfonstruktionen wie ein römischer Rededrechselmeister häufend schreiben viele, sehr viele unserer Hochgebildeten, nur oft noch häßlicher, noch verzwickter, noch undeutscher, zumal wenn sie ein grausames Schicksal mit noch mehr„ klassischer" Bildung überschüttet hat, als meinen Ober" Haben Sie Schillers Prosaschriften nicht nur gelesen, sondern lehrer. einmal gründlich studirt, Herr Assessor?" fragte ich. " Behüte,- das fehlte mir noch, dazu hatte ich nie Zeit, das steht ja auch ganz fest, daß der gute Schiller, wo er Prosa geschrieben hat, ungenießbar ist." Im ersten Augenblick war es mir, als stünden mir alle Haare zu Berge. Der gute Schiller" hat mir aber auch diesen Hochgebildeten genießbar" gemacht. Ich betrachte ihn, seit er das eben zitirte denkwürdige Dittum geleistet, stets mit den höchsten Interesse, gleich wie ich einen Botofuden betrachten würde, Ich kann ohne zu übertreiben hinzufügen, daß von all' den etlichen hundert ,, Gebildeten" und ,, Gelehrten", von welchen mir während zehnjähriger Redaktionstätigkeit schriftliche Leistungen unter den Blauſtift gekommen sind, nicht der zehnte Teil ein Deutsch schrieb, welches ohne sorgfältige Bearbeitung und teilweis totale Umackerung hätte veröffentlicht werden können, während bestenfalls erst unter je fünfzig einer war, bei dessen Arbeiten der Redaktionsstift garnicht in Tätigkeit gesezt zu werden brauchte. ( Schluß folgt.) Die Bildsäule Rouget de Lisle, des Dichters der Marseillaise. Von August Bartholdi. Rouget de Lisle( sprich ruhscheh delihl), dem Dichter der Marseillaise, hat das dankbare Frankreich am 27. August dieses Jahres in seiner Geburtsstadt Lons- le- Saulnier( sprich long le johnjeh) ein Standbild errichtet, welches die Begeistrung der Zeit, in der jene Hymne entstand, vortrefflich zur Darstellung bringt. Der Künstler, einer der begabtesten Bildhauer Frank reichs, hat es verstanden, in der Person des Dichters und Sängers der Marseillaise die Marseillaise selbst gewissermaßen zu inkarniren. Die gewaltige Hymne, unter deren brausenden Tönen die jungen Soldaten Frankreichs zum Sieg eilten, hat sich verkörpert, sie ist Mensch geworden und heißt Rouget de Lisle. Zur lezten Feier des 14. Juli- des Bastillensturms wurde ein Gipsmodell des Kunstwertes in Paris aufgestellt und bildete den Mittelpunkt des großartigen Nationalfestes. Ueber die Entstehung der Marseillaise finden die Leser der„ Neuen Welt" in einem früheren Jahrgang nähere Auf schlüsse. Von Rouget de Lisle ist eigentlich nur zu sagen, daß er der Dichter der Marseillaise ist. Nur" der Marseillaise? Gleich der Löwin der Fabel, die nur ein Junges hat,„ aber einen Löwen," hat er nur ein Werk geschaffen, aber einen Löwen". Ein Werk, das unsterblich ist. Nicht, als ob Rouget sonst gar nichts geleistet und erzeugt habe. Er war TonKünstler und hat zahlreiche Musikstücke, Opern und so weiter komponirt, allein es sind nur mittelmäßige Sachen, Eintagsfliegen, wie sie der folgende Tag tötet und vergißt. Wie aber konnte jemand, der sonst- unverblümt ausgedrückt so unbedeutend war, ein Werk wie die Marseillaise schaffen? Vielleicht gerade, weil er so unbedeutend war. Hätte er eine stärker ausgeprägte Individualität und Original- Schöpfungskraft besessen, so würde er mehr von seiner Individualität in den Text und in die Weise gelegt haben und hätte den Geist seiner Zeit nicht so voll und ganz, nicht so unverfälscht und rein, ohne eigenen Zusaz zum Ausdruck bringen fönnen. Rouget de Lisle hat überhaupt die Marseillaise gar nicht gedichtet. Die Zeit, die französische Revolution hat sie gedichtet, und in dem begeisterten jungen Mann, der Rouget de Lisle hieß, fand die Zeit, fand die Revolution das Organ, durch welches sie zu dem französischen Volke, zu den übrigen Völkern der Erde reden fonnte. Die Zeit, die Revolution dichtete aus Rouget de Lisle heraus, der ihre Zunge, ihr Dolmetsch wurde. Geboren am 10. Mai 1760 überlebte der Sänger und Dichter der Marseillaise die Revolution, das Kaiserreich, die Bourbonenmonarchie und starb 6 Jahre nach der Julirevolution am 26. Juni 1836. Nach der Revolution, deren Hymne er gedichtet, lebte er zurückgezogen, jedes junge Talent bereitwillig und freudig an erfennend, von einer wahrhaft rührenden Bescheidenheit beseelt; ein Karakterzug, der namentlich unter Musikern außerordentlich selten zu finden ist. Der Dichter der Marseillaise konnte bescheiden sein. Seine unsterbliche Schöpfung sichert ihm die Unsterblichkeit. 19 Serena. Eine venetianische Novelle von Max Vogler. ,, Wo über Mauern, welche halb verwittern, Ein wilder Lorbeerbusch die Zweige bieget.. Graf von Platen. I. Haar inmitten all des südländischen, bunten Menschenvolkes, das hier eilig auf und nieder schwirrt, betrachtet, so will es einem so recht erscheinen wie eine arme, freundlose Fremde, hilfebedürftig und in bitterem Klageton Hilfe erflehend. Wenigstens schien eine schöne, fostbar gekleidete Dame, die aus einem der schmalen Gäßchen herausgetreten war und eben leichten Schrittes an jener Kirche vorübergehen wollte, diesen Klageton so zu verstehen; denn sie hemmte den Fuß, schlug den Schleier zurück und beugte sich freundlich zu der Kleinen nieder. Wie sich die schlanke hoheitsvolle Gestalt nach vorn neigte und die tiefschwarzen Augen in zärtlicher Fürsorge zu der Kleinen niedersahen, zeigte sich ein Antliz von wahrhaft klassischer Schönheit. Die freie, von tiefdunklem Haar, das sich in vollen Locken über die Schultern hinabringelte, umrahmte Stirn, welche unter leichtem Strohhut noch erkennbar genug hervortrat, der feine, zierliche Schnitt von Nase, Mund und Kinn, der zarte, fast blasse Teint des Gesichts, das aber durch einen kräftigeren Anhauch der Wangen und die frische Röte der Lippen wieder ein lebendigeres Kolorit erhielt, verliehen der ganzen Erscheinung auf den ersten Anblick etwas ungewöhnliches, Vornehmes. Es war eine jener Frauengestalten, die, vor wessen Auge sie immer treten mögen, eine besondere Würde, eine eigentümliche Hoheit aussprechen, in deren zauberhaftem Bann man unwillkürlich den Atem anhält und in wunderbarer Scheu, wie geblendet, den Blick kaum aufzuschlagen wagt. Abendlicher Dämmer, Stimmengewirr und Menschengewoge auf der Piazza San Marco zu Venedig. Es ist im Sommer und abends acht Uhr. Das ist die Zeit, wann es hier am lebhaftesten zugeht. Vor den Kaffeehäusern in den hochgewölbten Bogengängen der ringsum stehenden, von Zeit und Wetter geschwärzten Paläste sind viele hunderte von Stühlen und Marmortischchen auf die weite Steinfläche des Plazes hinausgestellt, Alt und Jung sizt beisammen und erquickt sich nach der sengenden Hize des Tages in freier Luft an dem erfrischenden Genuß des Eises. Die Blumenmädchen, die Verkäufer von Glas- und Gipsarbeiten, Obstcaramellen, Muscheln und anderen Gegenständen, Musikanten, Deklamatoren und allerhand solchen Volks mischen sich dazwischen und suchen ihre Waare und ihre Kunst an den Mann zu bringen. Von der Piazetta und dem Molo herüber tönen die Rufe der Gondoliere, deren schmucke Fahrzeuge dort am Ufer schaukeln. In ehrfurchtweckendem Schweigen allein steht die mächtige Markuskirche mit ihren Säulenhallen und byzantinischen Kuppeln, unter denen die heiligen Tauben der " Königin der Adria" beisammen ſizen und girren und die Flügel schlagen. Daneben ragt der luftige Glockenturm frei von den Marmorplatten des Plazes empor, und wenn man auf heller, bequemer Holztreppe in Schneckenwindungen hinaufgestiegen ist, mag man von droben hinausschauen über das weite blaugrüne Meer und auf die jezt von seltsamen Schattenspielen überwochens benen Lagunen, hinter denen in westlicher Ferne die Euganeischen Berge bei Padua aufsteigen, während, dem Auge näher, von dreieckiger Landspize her der Turm der langgestreckten Dogana di Mare, des Hauptzollamts, mit der großen vergoldeten Kuppel und der hell glänzenden Fortunagestalt darauf, die noch leis vom Abendglanz angehauchten stolzen Kuppeln der Kirche Santa Maria della Salute und eine gleiche, noch herrlichere von der Isola di San Giorgio maggiore herübergrüßen. Unten an den Marmortischen aber wird's lauter und lauter,- eifriges Gespräch, ausgelassene Scherzworte, helles Gelächter, verstohlenes Gekicher, alles zu summendem, rauschenden, schallenden Tongemisch verwoben, elegant gekleidete Kavaliere, ausdrucksvolle, heitere und ernste Künstlergesichter, schlanke, üppige Frauengestalten mit dunklem, glänzenden Haar, tiefschwarze, verführe rische Mädchenaugen mit heißen, flammenden Blicken, ein Neigen, Winken und Grüßen, und jezt beginnt die Militärmusit die Mandolinata von Paladilhe zu spielen:- das ist das tausendmal begeistert gerühmte, beschriebene und besungene lebensfrohe Venedig zur Stunde der Entfaltung seines eigensten unbeschreiblichen Zaubers... Auch in den engen Gassen und Straßen, durch deren wunderlich verschlungenes Gewirr nur der kundige Fuß sich zu finden weiß, herrscht jezt noch regeres Leben als sonst; in der nach dem Markusplaz ausmündenden Merceria, der schönsten Straße Venedigs mit glänzenden Kaufläden, zumal wogt und wallt ein sich immer auf's neue verstärkender Menschenstrom auf und ab, und Gondel an Gondel gleitet in den Kanälen zwischen den Steindämmen dahin. In das Schreien und Rufen und Schrittegeräusch auf einem der kleinen Pläze in der Nähe der Piazza San Marco, deren die Lagunenstadt so viele befizt, mischt sich das laute Weinen eines Kindes, das allein und verlassen auf den Stufen vor dem Eingang einer Kirche sizt. Niemand achtet in diesem Lärmen, Treiben und Drängen, wo jeder seine besonderen Zwecke verfolgt, darauf, und wenn man das weinende Mädchen mit dem weißen, weichen Antliz, den hellen, blauen Augen und den blonden, in zwei starten Zöpfen über den Nacken hinabfallendem Die Dame hatte ihre von elegantem grauen Glacéhandschuh umhüllte Rechte ausgestreckt und damit die des weinenden Mäderfaßt. „ Was fehlt dir, mein Kind?" fragte sie jezt mit überaus weicher Stimme, indem sie den Blick forschend über ihre Züge gleiten ließ. Die Kleine sah mit großen Blicken auf, dicke Tränen rollten ihr noch über die Wangen. „ Ach, mein Bruder, -mein lieber Bruder!" antwortete sie schluchzend in der Sprache des Landes und mit einem Accent, der über ihre innige Vertrautheit mit derselben keinen Zweifel ließ, und zugleich quoll es wieder in großen, heißen Tropfen unter den langen, zarten Wimpern hervor. Die freundliche Fragerin neigte sich jezt noch tiefer zu ihr herab und forschte weiter: " Dein Bruder?- Aber wer ist dein Bruder, und was klagst du um ihn?" " Ach, ich habe ihn verloren!" sagte die Kleine und be gann immer heftiger zu schluchzen. Wir waren mitsammen ausgegangen, und da er in einem Haus ein Geschäft hatte, ließ er mich auf der Straße zurück, bis er wiedergekommen wäre, und " Das Schluchzen erstickte wieder ihre Stimme, und erst nachdem die junge Dame ihr freundlich das Haar gestreichelt und sie zu beruhigen gesucht hatte, fuhr sie mit vieler Anstrengung fort: „ Ach, und es wurde mir die Zeit lang, und ich war neugierig und wollte die Leute in den anderen Gassen sehen, da bin ich langsam fortgelaufen die Straße und die Straße ich glaub', so herum ich glaub', so herum" sie beschrieb mit der einen Hand die Richtung von links nach rechts und nun fann ich mich nicht wieder zurückfinden, und der arme Bruder wird voller Angst sein und mich suchen Angst sein und mich suchen ach, du armer Camillo!" " Und dabei ließ sie das Köpfchen traurig anf die Brust sinken und weinte noch bitterlicher und heftiger denn zuvor. " Nun, dann komm schnell!" sagte die fremde Dame, indem ie die Kleine bei der Hand ergriff und sie zärtlich an sich zog. , Vielleicht können wir den Bruder in den Gassen dort noch finden!" Die kleine Verirrte wußte sich noch zu entsinnen, aus welcher 20 Gasse sie nach dem freien Plaze, auf dem sie sich jezt befanden,| Vaters Name ist Marchese di Montanari. Drüben, nicht weit gekommen war, und die beiden schritten jezt raschen Gangs durch dieselbe zurück. Als sich aber dann links und rechts Gäßchen an Gäßchen öffnete, konnte sich die Kleine nicht mehr erinnern, durch welche von ihnen sie vorher gegangen war, und ihre Begleiterin vermochte nichts, als ihren unbestimmten Andeutungen zu folgen. Indessen war die Dämmerung weiter vorgeschritten, tieferes Dunkel legte sich zwischen die in den engen Gassen zuweilen faum auf Armeslänge auseinander stehenden Reihen der alten, düsteren Steinhäuser, und so war es fein Wunder, wenn die beiden bei dem Mangel jeglichen Anhaltspunktes, der sie auf die richtige Spur hätte bringen können, troz alles eiligen Gehens und eifrigen Spähens den Gegenstand ihres Suchens nicht auf zufinden vermochten. Die Kleine ergriff eine fast fieberhafte Unruhe, und als ihre Begleiterin weiteres Suchen für zwecklos erklären mußte, zog oder zerrte sie vielmehr diese immer wieder mit sich fort, jezt in diese, dann in jene Gasse hinein, und bat stets von neuem wieder, ihr doch ja den, armen Bruder Camillo" finden zu helfen. Und die fremde Dame besaß Geduld genug, der Bitte der Kleinen wohl zum zwanzigstenmale Gehör zu schenken und eiligen Fußes bald in diesem, bald in jenem Gäßchen über das platte Backsteinpflaster dahin zu schreiten durch längere und fürzere, von dunklem Dämmer durchwebte Reihen, in deren Hintergrund die grauen Steinkolosse dicht aneinander zu treten und jeden weiteren Weg abzusperren schienen, dann und wann nur einen jener umfangreicheren freien Pläze, die in der Regel eine der in Venedig so zahlreichen fleineren oder größeren Kirchen schmückt, erschließend. Wohl gingen, hier behaglich feierabendlichen Schlendergangs, dort in geschäftiger Eile der Menschen genug diese Gassen und Gäßchen auf und ab; wohl glitten ihrer viele, jezt einzelne als einsame Träumer, dann zu munter lärmendem Trupp zusammengesellt, in leichten, luftigen Fahrzeugen die engen, eigentümlichen Dunsthauch ausatmenden Wasserstraßen, die sie manchmal auf kleinen Brücken zu überschreiten genötigt waren, dahin; aber so scharf man jedem, den das Auge traf, ins Antliz sah, so oft die Kleine schon am Ziel zu sein glaubte und ihre Freude durch hell aufjubelnden Schrei fundtat den Gesuchten fand man nicht. Aber jezt laß es gut sein, mein Kind! Unsere Anstrengungen werden heute immer vergeblich bleiben!" sagte nun endlich die Fremde zu dem Mädchen, indem sie den Fuß anhielt, " du wirst für die Nacht mit in unser Haus kommen, und dann am Morgen wollen wir sehen, ob wir deinen lieben Bruder finden. Beruhige dich, wir werden ihn finden!" Die Kleine schlug ihre in der Tat wundervollen Augen groß und voll zu der Begleiterin auf, gleich als ob sie alles Zutrauens, das ihr dieselbe durch ihre teilnehmende Freundlich keit schon eingeflößt, ungeachtet, in ihrem Antliz noch besonders die beruhigende Gewißheit lesen wollte, daß sie ihr auch folgen dürfe. Die leztere beobachtete dies wohl und zog die Kleine, wie um sie jedes in dieser Hinsicht noch gehegten Zweifels zu überheben, zärtlich an sich und füßte ihr die Stirn. " Und wie heißt du, mein Kind, daß ich dich auch mit Namen zu nennen weiß?" fragte sie zugleich in so warmem und weichem Tone, daß er der Kleinen alle ängstliche Besorgnis benehmen mußte. Und sie schmiegte sich denn auch zutraulich und so zwanglos, als sei die Fremde ihr seit langem eine liebe Freundin, an dieselbe an, und antwortete beherzt und offen: ,, Adele von Winter", indem sie unmittelbar, als sei dieser Name von dem ihrigen unzertrennlich, hinzufügte:„ Und Camillo heißt mein Bruder". Sie dachte nicht daran, daß sie den Namen dieses lezteren in ihrem schmerzlichen Ausrufen schon mehr als einmal genannt hatte. Die Fremde lächelte leise und sichtlich von Herzen erfreut ob der innigen Liebe zu dem Bruder, die sich in so schlichter Weise wieder in den lezten Worten des Mädchens aussprach. " Und" sagte sie nun herzgewinnend und mit einer Art innerer freudiger Bewegtheit--, damit du doch auch weißt, wie du mich nennen magst: ich heiße Serena, und meines vom Canal grande, steht unser Haus, du hast ihn schon nennen hören, den Palazzo della Sponda, nicht? Und dahin will ich dich jezt bringen für diese Nacht, und wenn dirs gefällt für länger, bis wir deinen lieben Bruder gefunden haben. Nicht wahr, du willst meine kleine, liebe Freundin sein?" Und dabei beugte sie sich immer wieder zu dem Mädchen nieder und strich ihr das seidene, weiche Haar aus der Stirn und küßte sie. Das nahm der Kleinen vollends den lezten Rest von Schüchternheit; sie drückte dankbar die Hand Serena's und nickte zustimmend und zufrieden. Freilich waren ihre Gedanken, wie sie nun dem Canal grande zu weiterschritten, noch immer mit Camillo beschäftigt, sie erzählte und plauderte von ihm und warf das Köpfchen unruhig hin und her und zog ihre Begleiterin hastig zur Seite, wenn sie ein Gesicht, ähnlich dem des Bruders, aus der grauen Dämmerung hervortauchen zu sehen glaubte. Am Canal grande angekommen, fuhren sie in leicht schaukelnder Gondel ein Stück auf demselben hinauf. Hier, auf dieser größten Wasserstraße Venedigs, herrschte nun vollends überaus buntes Leben; Gondel um Gondel, Barke um Barke schwammen, von kräftigen Armen gerudert, hier langsam, dort in eiligem Flug auf der blauen Flut nach allen Richtungen hin und her. Das Lärmen der Gondoliere, das lebhafte Plaudern und Singen einzelner Gruppen, die in den schmucken Fahrzeugen beisammen saßen, der sanft verhallende Klang einer Mandoline oder Guitarre, der dann und wann aus den Kähnen oder vom Ufer her über die Wellen schwebte, das Rauschen und Blinken der Wasser unter den Ruderschlägen: das alles wirkt wohl berauschend und betäubend auf die Sinne des Fremden ein, der zum erstenmale den Blick in dieses bunt bewegte Leben hineintaucht; Serena aber war von Jugend auf mit dem wechselvollen Treiben, mit diesem wundersamen, farbenreichen, den fernher Kommenden fast mit märchenhaftem Zauber umwebenden Bilde schon zu vertraut, als daß sie ihm besondere Aufmerksamkeit hätte widmen sollen, wenn dasselbe auch mit seiner magischen Gewalt unmerklich ihre Seelenstimmung beeinflußte. Sie plauderte jezt, in der schwanken Gondel pfeilschnell durch den Kanal gleitend, so freundlich zutraulich, so zärtlich hingebend mit ihrem kleinen Schüzling, als hätte sie das schon so oft getan, daß es garnicht anders sein konnte. Nach einer kurzen Weile glitt die Gondel aus dem großen Kanal in eine der kleineren Wasserstraßen und hielt bald an den breiten Steinstufen eines mächtigen Marmorpalastes. Imposant durch die grandiose Wirkung der Massen und heiter anmutig durch das zierliche ornamentale Beiwerk zugleich, wie es der Karakter jener Epoche der Baukunst, die man die Früh renaissance genannt hat, mit sich bringt, gilt dieser Palazzo della Sponda, wie er hier heißen mag, obgleich die Lagunenstadt an herrlichen architektonischen Denkmalen gerade aus dieser Zeit nicht arm ist, für eines der prachtvollsten Bauwerke Venedigs. Majestätische, mit allerhand Figuren, Arabesten und anderem Bierrat geschmückte Säulen laufen längs der imponirenden Fassade hin und streben, eine über der anderen, bis zum Dache hinauf. Und zwischen diesen Säulen nun die hohen, rundbogigen Fenster, in der Mitte, über dem Portal, aber eine mit bunter Glasmalerei versehene Rosette, alle überwölbt von lustig geschwungenen Rundbogen, daneben Reliefbilder mit reizvollen Frauenund Kindergestalten und anderen anmutigen Figuren, von ähnlicher kostbarer Bildhauerarbeit umrahmte Nischen, und darüber und dazwischen wieder kleinere, von mannigfachen Blätterarabesten umschlungene Säulen, größere und fleinere Galerien und Baltone bildend, über deren Brüstung sich hier und da in gefälliger Windung üppiges, immergrünes Schlinggewächs herabschlängelt und in zierlichen Ranken sich weit über das Mauerwerk herniederringelt, leise hin und her schwankend in der sanft bewegten Luft. Zur linken und rechten Seite des Balastes tritt ein von allerlei Bäumen und Sträuchern und Blumengewächsen bestandener, schattiger Garten, der sich in weitem Bogen rings um das majestätische Gebäude zieht, an den Kanal heran, und - 21 sie stimmen in ihrer dunklen Blätterhülle gar seltsam zu der halb ernsten, halb heiteren Hoheit des mächtigen Bauwerks, die Myrten- und Lorbeerbäume, die sich, weiße Marmorstatuen beschattend, drinnen mit leisem Rauschen zu einander neigen, und die schwermütigen, sanft vom Abendwinde bewegten Cypressen, deren Zweige über die steinerne Brüstung tief auf die stillen Wasser niederhangen. Serena hatte die Glocke gezogen; ein Diener öffnete unter ehrfurchtsvoller Begrüßung der jungen Herrin die schwere, von reicher Reliefarbeit verzierte Tür, und die beiden traten zwischen den riesenhaften Säulen des Portals ein. Das Vestibüle des Palastes macht einen überwältigenden Eindruck, mit solch' vornehmer Pracht, mit so würdevoller Schönheit ist es ausgestattet. Wohin das Auge sieht, nichts als schimmernder Marmor, zuweilen von so blendendem Glanze, daß man sich darin spiegeln kann. Ueber dem Fußboden in achteckigen Tafeln buntfarbiger Stein, an der hochgewölbten Decke kunstvoll geformter Stulpturenschmuck, ringsum Gruppen mannigfach verzier ter Säulen, zwischen denen von den breiten Wänden anmu tigen Lächelns, mit reizenden Geberden und Bewegungen die verschiedenartigsten Marmorgestalten hervor und her niedergrüßen: dies alles in seiner bezaubernden Grazie für die wie von windersamer, lieblicher Musik umgaufelten und umschmeichelten Sinne noch unwiderstehlicher durch das gedämpfte, mattrote | pichen belegten Stufen hinaufgeschritten, führte Serena die Kleine, den hohen, luftigen Korridor entlang in ein, wenn auch nicht allzu großes, doch fast saalähnliches, hell erleuchtetes Gemach, wo ein, dem mit leichtem Grau gemischten Haupthaar nach zu schließen, welches seine sonst noch frisches Innenleben deutende Stirn umrahmte, etwa in der Mitte der fünfziger Jahre stehender Mann in einem troz der vorgeschrittenen Abendstunde tadellos elegantem Anzuge neben einer jüngeren, blühend und lebensfrisch ausschauenden Dame an einem großen, sehr schön gearbeiteten Tische saß. Mannigfaches, noch unberührt auf dem kostbaren Tischtuch umherstehendes Tafelgeschirr ließ erkennen, daß man Mozart als Kind.( Seite 26.) die Abendmahlzeit noch nicht eingenommen hatte, aber eben es zu tun im Begriffe war und offenbar nur noch ungeduldig jemanden erwartete, der daran teilnehmen sollte. Rasches Wenden des Kopfes und ge= räuschvolles Zurückschieben des Fauteuils von seiten des Mannes, dessen Gesichtsausdruck deutlich verriet. daß die noch bei Tisch erwartete Person eingetreten war, während ein unmittel bar darauf folgendes Aufblizen in seinen Augen, wie gleicherweise in denen der vornehm nachlässig im Fauteuil ſizen gebliebenen jungen Frau, die kaum den Gruß der Hereintommenden flüchtig erwidert hatte, unwillkürlich die Ueberraschung kund gab, mit der man sich dem zugleich mit eingetretenen unbekannten Kinde gegenüber sah, eine Ueberraschung, vor deren Plöglichfeit selbst die Frage nach der Ursache des diesem Abend in den Hintergrund trat und nur in kaum flüchtiger Andeutung ausgesprochen wurde. Nicht lange aber währte es, so hatte Serena den beiden anderen nicht allein diese Ueberraschung völlig benommen, sondern damit zugleich die Erklärung der ungewöhnlich langen Ausdehnung ihrer Abendpromenade gegeben. Licht einer vor der schimmernden Decke herabhängenden großen| ungewohnt und unerwartet langen Ausbleibens Serena's an Ampel, welche milden, magischen Glanz über Fußböden, Säulen und Statuen ausgießt und mit seinen Strahlen bis in die verborgensten Nischen hineinwebt, daß die steingeformten Blumen an den Knäufen gleich hellfarbigen Rosen in süßer Glut aufzublühen und die marmornen Vögel zwischen dem Blätterwerk der Arabesken in Wirklichkeit sich zärtlich zu schnäbeln scheinen, die holden Menschengestalten aber an den Seiten, wie zu wirk lichem, poesievollen Leben erwachen und in wonnigen Neigen und lockendem Händewinken ein heimliches, nur dem tiefsten Herzen verständliches Spiel treiben.... Eine zweite, droben in der Eine zweite, droben in der Vorhalle des ersten Stockwerks hängende Ampel sendet ihren Schein über die dem Portal gegenüber emporführende breite Treppe herab und überflutet damit die Büsten und Statuen, die in langer Reihe auch hier zu beiden Seiten der steinernen Brüstung aufgestellt sind. Nachdem die beiden Mädchen über die mit kostbaren TepMan hieß denn auch von seiten der beiden anderen die Kleine herzlich willkommen und bat sie, in einem der Fauteuils am Tische plazzunehmen. Etwas schüchtern anfangs, aber durch die aufmunternden Worte ihrer vorherigen, ihr jezt schon sehr vertraut gewordenen Begleiterin bald sicherer und ungezwungener, leistete Adele der Aufforderung, der nun rasch und behend von einem Diener aufgetragenen Mahlzeit kräftig zuzusprechen, Folge, und als die Reihe der in ihrer trefflichen Zubereitung und in ihrem ganzen Arrangement die feine Küche des wohlhabenden Patrizierhauses verratenden Speisen vorüber 22 gegangen und man nur noch beim Tee zusammensaß, war die die vollster Zustimmung zu den Worten der Kleinen zuließ. Kleine, der nach der langen, aufregenden Wanderung das treffliche Und als man dieser nun sagte, daß wenn ihr Bruder der Maler Mahl augenscheinlich sehr gut gemundet hatte, schon so lebhaft Camillo von Winter sei, man ihn schon am nächsten Tage finden geworden, daß sie sich fast heimisch zu fühlen schien und kindlich und sie sicher zu ihm zurückbringen wolle, schwand ihr nun auch unbefangenen Geplauders von ihrer Herkunft und Vergangenheit der lezte Rest von heimlicher Besorgnis, die bis jezt immer zu erzählen begann. Sie habe so sprach sie sich aus vor noch leise aus ihren Worten herausgeklungen, und sie plauderte furzem das achte Lebensjahr überschritten und weile mit dem Bruder heiter und munter und dabei mit so ungewöhnlich einsichtiger seit einem Jahre in Venedig, wohin sie dieser, der schon länger Klugheit weiter, daß, wie seither das Herz Serenas ganz und als drei Jahre in der Lagunenstadt wohne, aus München nachge- gar von dem reizvollen Wesen des Kindes eingenommen worden holt habe, nachdem die Mutter, deren einzige Kinder sie gewesen, war, sie nach kurzer Zeit durch den Zauber ihrer kindlichen dem schon bald nach ihrer Geburt gestorbenen Vater in's Grab Einfalt sich auch in die Gemüter der beiden anderen eingegefolgt sei. Der Bruder pflege die Malerkunst und sei ein gar schmeichelt und die innerste Zuneigung derselben gewonnen hatte. berühmter Mann, bei dem täglich die vornehmsten Herren und Adele hatte selbst die warme Teilnahme der jungen Frau an Damen aus und eingingen, und in der Tat schien dieses, mit dem heiter harmlosen Gespräch zu erwecken gewußt, und das einer Art von schwärmerischer, aus schwesterlicher Anteilnahme wollte viel sagen, denn Angela di Montanari, die Serenas an dem Geschick des Bruders leicht erklärlicher Freude vorge Vater erst vor zwei Jahren, als ihm seine erste Gattin, die brachte Zeugnis für den Maler Camillo von Winter von dem Mutter der lezteren, durch den Tod entrissen, heimgeführt, war Vater Serenas für ein durchaus berechtigtes und wohl ver- eine stolze, sich ihrer gesellschaftlichen Stellung und nicht weniger dientes gehalten zu werden; denn er winkte, wie er der einfach auch ihrer Schönheit sehr bewußte Frau, die nach außen stets naiven Erzählung des Mädchens bisher mit innigstem, auf ein kaltes, gemessenes Benehmen beobachtete und aus ihrer vorseinem Antliz sich deutlich widerspiegelndem Vergnügen gefolgt nehm reservirten Haltung anderen und vollends Fremden gegenwar, jezt beifällig mit dem Haupte und warf, indem er den über, die nicht den gleichen Rang wie sie für sich in Anspruch Namen des Künstlers leichten Tons zu ihr hinübersprach, seiner nehmen konnten, kaum jemals heraustrat. jungen Frau einen von dieser mit vollem Verständnis aufgenommenen Blick zu, der ebenfalls keine andere Deutung als ( Fortsezung folgt.) Das Herz. Von Damian Gronen. Im unermess'nen Weltsysteme Die schonste Perte der Natur, An ihrem Sternendiademe Der reichste Demant in der Schnur, Das höchste Wunder unter allen, Das Meisterwerk in Raum und Zeit: Das ist das Herz in seinem Wallen, Das Herz in seiner Trunkenheit. Für den Physiologen ist das Herz nur das Organ, welches den Umlauf des Blutes vermittelt; durch ein ganz besonderes Privilegium jedoch, das sich bei keinem anderen Organ unseres Körpers wiederholt, ist das Wort„ Herz" mit einer Reihe von Jdeen, die sich daran knüpfen, aus dem Bereiche des Physiologen in den des Dichters, des Schwärmers, des Weltmannes übergegangen. Hier gilt das Herz als die eigentliche Werkstätte unserer Gefühle, ja als die wirkliche Duelle unserer sittlichen Motive und Eigenschaften. Herder sagt: " In ein Gewebe wanden Die Götter Freud' und Schmerz: Sie webten und erfanden Das arme Menschenherz." Und ein alter englischer Arzt nannte das Herz treffend den großen Dulder" unserer Leidenschaften und Affekte. In der Tat liegt dieser Anschauung eine große Wahrheit zu Grunde. " Allerdings hat das Herz vor allem anderen die Funktion eines nie ermüdenden mechanischen Pumpwerks. Es teilt sämmt lichen Organen und Geweben unseres Körpers das Leben zu, indem es ihnen den unentbehrlichen Nahrungssaft zuschickt. Bei dieser Tätigkeit des Herzens ist jedoch vieles, was dasselbe ganz außerhalb des Ranges der übrigen Organe stellt. Bei der Bildung des gesammten tierischen Körpers tritt in der Regel ein Organ erst dann in Funktion, wenn es seine eigene Entwicklung vollendet hat; es gibt sogar Organe, die erst lange nach der Geburt ihre Tätigkeit beginnen und lange vor dem Tode diese wieder einstellen. Das Herz dagegen ist ein Organ, das zuerst vor allen übrigen in Funktion tritt und zwar noch bevor es selbst sich vollständig entwickelt hat. Die Entstehung des Herzens gewährt ein interessantes Beobachtungsmoment. Ist Man fann sie z. B. bei einem Hühnerei beobachten. dasselbe 26-30 Stunden dem Brüten ausgesezt gewesen, so erblickt man auf dem Keimfeld einen kleinen Punkt, an dem man seltene und kaum wahrnehmbare Bewegungen konstatiren kann; schreitet die Entwicklung des Hühnchens weiter fort, so werden die Bewegungen häufiger und ergiebiger, es bilden sich Arterien und Venen, die sich mit Blut füllen der große Rahmen, in dem sich der Kreislauf bis zum Wiedererlöschen des Lebens vollziehen soll, ist fertig. Indem nun das Herz für die Ernährung des Organismus sorgt, wächst es selbst und erlangt allmälich seine endgiltige Gestalt, um in dieser seine rastlose Tätigkeit, ohne jemals sich zu erholen, bis zum Tode fortzusezen, bei dem es wiederum das lezte aller Organe ist, das seine Funktion einstellt. Gleich den anderen Muskeln besizt das Herz eine ganze Reihe von Nerven, welche es mit dem Centralnervensystem verbinden. Die Beziehung der Nerven und Muskeln besteht darin, daß die Muskeln erschlafft sind, sobald sich ihre Nerven im ruhigen Zustand befinden, und daß die Muskeln tätig sind, d. h. sich zusammenziehen, sobald die Nerven gereizt werden. Sezt also z. B. unser freier Wille die Nerven eines Armes in Tätigkeit, so erweckt diese Tätigkeit die der entsprechenden Musfeln und der Arm wird folglich bewegt. Für das Herz indessen hat dies Gesez keine Geltung; hier gilt vielmehr grade das Umgekehrte: befinden sich die Nerven des Herzens in ruhigem Zustand, schlägt das Herz und erfüllt seine Aufgabe, werden aber die Herznerven gereizt, so steht es plözlich und in erschlafftem Zustand still. Diese eigentümliche Abweichung des Herzens von allen anderen Muskeln ist natürlich nicht bei allen Geschöpfen die gleiche: sie richtet sich je nach der verschiedenen Reizbarkeit derselben und je nach der verschiedenen Stärke des Reizes. Unmittelbar nach dem Tode vorgenommene Experimente, bei denen man sich eines schwachen elektrischen Stromes bedient, haben ergeben, daß bei den empfindlicheren höheren Tierklassen( z. B. den Säugetieren) das Herz nach Reizung seiner Nerven sofort stehen bleibt, bei den Amphibien dagegen erst nach einer gewissen Zeit dem lähmenden Nerveneinfluß gehorcht. Hörte der elektrische Strom auf zu wirken, so erschienen gewöhnlich die Herzschläge wieder und zwar in rascher Folge; nur wenn der Strom sehr kräftig eingewirkt hatte oder die Lebensfähigkeit des Herzens eine blos noch geringe war, erwachte es nicht wieder zu seiner Tätigkeit. Ganz die nämliche Wirkung nun, welche der elektrische Strom auf das sterbende Herz oder den sterbenden Muskel eines eben getöteten Tieres ausübt, bringen an dem lebenden Muskel oder Herzen zwei andere mächtige Reize hervor, die beständig zur Geltung fommen können: der Wille und das Gefühl. Nur wirken nicht beide auf alle Muskeln; der Wille z. B., welcher alle Muskeln des Rumpfes und der Glieder in Tätigkeit versezen kann, hat auf das Herz keinen unmittelbaren Einfluß. Das Gefühl aber wirft in gleicher Weise auf die willkürlichen Muskeln, wie auf diejenigen, über welche der Wille keine Macht besizt. Freilich erzielt das Gefühl diese Wirkung auch nicht durch einen unmittelbaren Einfluß auf die Muskeln, sondern auf einem Umwege durch die ohne Einwirkung des Willens erfolgende Uebertragung seines eigenen Reizes auf die Bewegungsnerven. Diese durch Uebertragung von Gefühlen ohne Zutun des Willens hervorgerufenen Bewegungen nennt man Reflerbewegungen. Dergleichen Reflexbewegungen sind fast alle Muskelgruppen ausgesezt: trifft die Augen plözlich ein hellerer Lichtstrahl, so bewegen wir die Lider, wir„ blinzeln"; steigt uns ein scharfer, stechender Geruch in die Nase, so ziehen sich das Zwerchfell und die übrigen beim Ausatmen tätigen Muskeln konvulsivisch zu. sammen wir niesen; in anderen Fällen bewegen sich anderc Muskelreihen, indem wir lachen, weinen, zusammenzucken u. s. w. Nur das Herz erfährt durch die Gefühle, der oben erwähnten eigen tümlichen Wirkung des Herznerven gemäß, teine Reflexbewegungen, sondern Reflexhemmungen der sonst perpetuirlichen Bewegung. Es wurde schon bemerkt, daß derselbe elektrische Reiz bei einem tiefer organisirten und darum weniger empfindlichen Tier ( einem Frosch z. B.) nur eine geringe und langsam eintretende Störung der Herztätigkeit hervorruft- derselbe, durch den bei einem höher organisirten Tier ein vollständiges Stillſtehen des Herzens erfolgt. Das nämliche gilt von den Empfindungen: bei einem Frosch bringt man das Herz nicht zum Stillſtehen, sobald man die Haut kneipt, bei manchen Hunden dagegen tritt jene Wirkung augenblicklich ein; sie erfolgt oft sogar schon, wenn das Tier bei der Einwirkung auf seine Haut garnicht einmal Schmerz empfindet. Am komplizirtesten und empfindlichsten aber ist das Nervensystem des Menschen: von allen inneren Organen, von der Oberfläche und vom Gemüt aus reflektiren Empfindungen förperlicher und geistiger Art auf das Herz. Es fragt sich nun, welche Folgen sich im Organismus zeigen, sobald die Funktion unseres Herzens eine Störung erleidet. Mit jedem seiner Schläge führt das Herz neues lebensfräftiges Blut in die Adern und durch dieselben zu den Organen; eine Unterbrechung der Herztätigkeit wird daher bewirken, daß das Blut langsamer oder gar nicht weiter fließt; das Lebensprinzip ist es somit, das den Organen nicht in gewohnter Weise zugeführt wird, und infolge dessen können sie auch ihre Funk tion nicht in gewohnter Weise ausüben. Es sind indessen nicht alle Organe des Körpers in gleicher Weise gegen eine Störung in der Blutzufuhr empfindlich: am empfindlichsten ist in dieser Beziehung das Gehirn. Dessen Tätigkeit wird bei allen Tierflassen, wenn auch nicht innerhalb derselben Zeiträume, durch eine Unterbrechung in der Blutzirkulation zu allererst gleichfalls unterbrochen. Beim Menschen erfolgt die Wirkung in sehr kurzer Zeit, man tann fagen augenblicklich. Ebenso rasch aber tritt auch die umgekehrte Wirkung ein; eine Steigerung der Blutzufuhr erhöht die Tätigkeit des Gehirns. In jenem Falle er folgt eine Ohnmacht, in diesem eine Erregung. Eine Ohnmacht können alle energischen und plözlichen Gefühlseindrücke herbeiführen. Physische Eindrücke auf die Gefühls23 nerven oder moralische Eindrücke, schmerzliche und angenehme Gefühle bedingen dasselbe Resultat durch die Unterbrechung der Herztätigkeit. Die Dauer der Ohnmacht hängt von der Dauer des Stillstandes des Herzens ab. Je nachhaltiger die Unterbrechung der Herztätigkeit war, desto mehr verlängert sich auch im allgemeinen die Ohnmacht, desto schwerer stellt sich der Herzschlag wieder her; er tritt nur unregelmäßig auf und gewinnt nur langsam seinen normalen Rytmus wieder. Zuweilen ist sogar der Stillstand des Herzens ein definitiver und die Ohnmacht wird zu einer Gehirnlähmung, ist also tötlich; bei schwachen und zugleich sehr empfindlichen Individuen kann dies vorkommen. Eine etwa durch Hunger erschöpfte Taube tann man sogar schon dadurch töten, daß man einen ihrer Gefühlsnerven kneipt. Die Erregung bewirkt derselbe Mechanismus, der die Ohnmacht zustande bringt. Bei der Erregung gibt es nämlich einen anfänglichen Eindruck, der überrascht und das Herz durch Reflexhemmung anhält; dem Gehirn widerfährt infolge dessen eine Erschütterung, das Gesicht wird blaß dies alles dauert aber nur einen Moment; das Herz erholt sich sofort, verstärkt seinen Schlag, ruft eine beschleunigte Blutzirkulation hervor, das Gehirn wird durch die neu ankommenden Blutwellen und Blutmengen kräftig gehoben, das Gesicht erhält lebhafte Farben, das Auge Glanz. Zweifelsohne war es das Gehirn, wo der erste Gefühlseindruck zur Geltung kam und ebenso gewiß ging vom Gehirn durch Reflexhemmung die kurze Unterbrechung der Herztätigkeit aus, aber wenn auch die Erregung auf das Gehirn unmittelbar fortwirkt, so wird sie doch außerordentlich unterstützt durch die gesteigerte Herztätigkeit, welche den Lebensjaft in reichen Strömen herbeiführt und das Leben des Gehirns steigert. Eine Menge spezieller Tatsachen ließen sich als Beleg für das innige Verhältnis, in welchem Herz und Herz( also das Gemüt oder die Gesammtheit unserer Gefühlserregungen und Zustände) wechselseitig zu einander stehen, aufführen. Wir beschränken uns hier auf wenige Andeutungen. Organische Herzfrankheiten sind nach dem Zeugnis anerkannter ärztlicher Autoritäten in der Schreckenszeit der französischen Revolution ganz besonders häufig vorgekommen. Die qualvolle Angst und Pein, welche gewisse Uebel des Herzens begleitet, ist in Wahrheit um nichts geringer, als die Gewissensangst, von welcher der seiner Schuld bewußte Verbrecher gefoltert wird. Aus unserm Herzen Wächst, was wir fäen, uns wieder zu. Da pflanzt die Wahrheit ihre Ruh' Da fühlt die Torheit ihre Schmerzen, Da sät das Laster seine Bein! Napoleon I., der Mann mit dem mächtigen Geiste und dem eisernen Willen, aber einem eiskalten Herzen, hatte nur 40 Pulsschläge in der Minute und ein verhältnismäßig fleines Herz. Bei dieser Gelegenheit mögen sich die verehrten Leserinnen sagen lassen, daß bei dem sogenannten schönen Geschlechte die Tränenrüse zwar beträchtlich stärker entwickelt ist, als bei dem Manne, dagegen das Herz dem männlichen an Größe und Gewicht nicht unbeträchtlich nachsteht. Dies erklärt auch physiologisch die Erfahrung, daß die Gefühle des Mannes jene des Weibes an Tiefe und Nachhaltigkeit überbieten, troz allem, was man auch zu Gunsten eines tieferen Gefühls beim Weibe sagen mag, dessen wahre Lebenssphäre allerdings das Gemüt bildet oder doch wenigstens bilden sollte. Die Wissenschaft lehrt uns also, daß das Herz einen vollen Eindruck von allen unseren Gefühlen empfängt und daß das Herz jedesmal reagirt, indem es das Gehirn zur Aeußerung dieser Gefühle befähigt. Der Dichter, der, um uns zu erschüttern oder zu erfreuen, sich an unser„ Herz" wendet, bedient sich eines bildlichen Ausdrucks, welcher der physiologischen Wirklichkeit entspricht. Ein Wort, eine Erinnerung, der Blick würden an und für sich nicht schmerzlich sein, sie werden es durch die Erscheinungen, welche sie in uns bewirken. Da ein Herz sogar„ brechen" fann vor Schmerz, so hat man Recht, wenn man sagt, daß cine schreckliche Nachricht nur allmälig, nicht mit einem Schlage ausgesprochen werden dürfe; unsere Experimente haben uns gelehrt, daß eine allmälige Steigerung der elektrischen Reizung der Herznerven die Empfindlichkeit abstumpft, und so eine plözliche Unterbrechung der Herztätigkeit verhindert. Auch ist es nicht ohne Grund, wenn man sagt, daß eine lange Angst das Herz schwer macht; die schmerzlichen Eindrücke können, wenn sie lange dauern, das Herz nicht zum Stillstand bringen, aber sie erschlaffen und ermüden es, verzögern die Schläge, rauben ihm die Fähigkeit, sich vollständig zusammenzuziehen; die Herz muskel ist schlaffer und weiter, und es entsteht daher in der Herzgegend das Gefühl der Volligkeit und Schwere. Das wirkliche Gewicht des Herzens freilich wird nicht alterirt, weshalb es auch im Volksmunde heißt:„ Mein Herz ist voll und doch nicht schwer, mein Herz ist leicht und doch nicht leer." Nicht anders ist es mit den freudigen, beglückenden Empfindungen. Ein angenehmer Eindruck, der uns trifft, durchleuchtet das Gehirn nur wie ein einziger Strahl, ohne sich in ihm aufzuhalten; aber bevor noch der Eindruck zum Bewußtsein gekommen, ist er bereits dem Herzen mitgeteilt: es erfährt einen furzen Anhalt, dann schlägt es fräftiger gegen die Brust, mächtiger treibt es das Blut nach dem Gehirn, das Gesicht rötet sich es„ strahlt" vor Freude die Gesichtszüge werden frisch und kräftig.„ Die Liebe macht das Herz stärker schlagen, ist nicht blos ein poetischer Ausdruck, es ist auch eine physiologische Wahrheit und die Worte:" Ich liebe dich von ganzem Herzen!" bedeuten physiologisch: deine Gegenwart oder die Erinnerung an dich erweckt in mir einen Nerveneindruck, der sich auf mein Herz überträgt und durch dasselbe im Gehirn ein süßes Gefühl und eine leidenschaftliche Erregung hervorruft, vorausgesezt natürlich, daß das Gefühl ein aufrichtiges ist, sonst " 24 , weiß das Herz nichts davon" und die Liebe schwebt nur auf den Lippen. Allzu häufige und allzu heftige Gemütsbewegungen und Leidenschaften sind nicht nur aus den oben angedeuteten Gründen unserer Gesundheit nachteilig, sie lassen uns auch nur zu leicht unsere geistige und sittliche Freiheit einbüßen, ja platten auch selbst unsere Gefühle ab. Daran zu erinnern, ist gerade in der gegenwärtigen Zeit notwendig, wo beinahe alles darauf angelegt scheint, uns vor lauter Affekt nicht zum Leben kommen zu lassen und wo die Gefahr, am Leben selber zu sterben, vielleicht größer denn je ist. Sehen wir doch die Künste der Bühnen, Musik und Poesie leider nur allzu sehr nach Mitteln greifen, die nur geeignet sind, Nerven und Sinne eines moralisch und physisch abgeſtumpften und verkommenen Publikums zu überraschen, zu erschüttern, zu betäuben und uns mittels solch großen Effekts gleichsam gewaltsam in den Zustand des Affekts hineinzureißen. Andererseits freilich wäre nichts törichter, als unser Inneres vor allen Gefühlserregungen bewahren zu wollen. Das hieße wiederum nichts geringeres, als überhaupt aufhören zu wollen, ein Mensch zu sein. Unser ganzes Leben besteht ja nur aus diesem Wechsel von Gegensäzen, von Bewegung und Ruhe, von Freud' und Leid. Aber Aber Maß in diese Bewegungen zu bringen, das innere Gleichgewicht, die innere Harmonie zwischen Kopf und Herz, zwischen Geist und Gemüt zu schaffen, zu be haupten: das ist nicht. blos das Ideal, sondern die wirkliche, unerläßliche Aufgabe des sittlich strebenden Menschen, die er in jedem Moment seines Lebens zu verwirklichen hat. Leicht freilich ist diese Aufgabe nicht und„ nur der verdient sich Freiheit und das Leben, der täglich sie erobern muß." Zu Oppenau war ein Geiger, Der lustige Geiger im Land, Hat alle Wirtshauszeiger Auf zwanzig Meilen gekannt. Wo seine Fiedel geklungen, Da konnte kein Fuß mehr stehn, Da sprangen die Alten und Jungen, Die Stube fing an zu drehn. Der Geiger von Oppenau. Wann ihm das Schweben und Schwingen Im Herzen gar wohl gefiel, Dann hub er an zu singen, Zu jauchzen mitten im Spiel: „ O Handwerk sondergleichen Das die edle Fiedel streicht! Da müssen die Sorgen weichen, Die Herzen, die werden leicht Juhe! Die Herzen, die werden leicht. Bon Ludwig Pfau. Ich weiß von keiner Plage, Mein Weib von keiner Not; In meinem Kalender die Tage, Die Tage sind alle rot Juhe! Die Tage sind alle rot. Mein Weib ist wie die Fiedel: Gestimmt bei Tag und Nacht; Sie ist mein fröhlichstes Liedel, Weist Zähne nur, wenn sie lacht Juhe! Die Zähne nur, wenn sie lacht. 1 Drei Nächte hab' ich den Reigen Geführt im Hochzeithaus; Nun will ich zur Ruh' euch geigen: Bulezt geht alles aus O weh! Bulezt geht alles aus." Da zog er heim vom Schmause, Das war sein schwarzer Tag: Wer fröhlich des Weges gekommen, Dem gönnet ein fröhliches End' So heißt, ihr Leute, der frommen Geigerin Testament. Sein Weib war nicht zuhause, Sein Weib im Sarge lag. Der Sarg tam schon gefahren Zum lezten Ruheort; Da sazte sich auf die Bahren Der Geiger und sprach kein Wort. Da spielt er also süße Walzer auf seiner Truh'Zu hüpfen begannen die Füße, Die Augen weinten dazu. Da spielt er so gewaltsam Dem Trauerzug voraus Der tanzte unaufhaltsam Den Kirchhofweg hinaus. Müßt nicht so finster schauen, Herr Pfarre! zu diesem Reih'n; Das soll meiner lieben Frauen Ehrenbegräbnis sein. Nun hat sie gefreit der eine, Der große Fiedelmann, Der alle Sorgen alleine Für immer vergeigen kann." ( Aus der Gesammt- Ausgabe.) 25 Der Reformdirektor oder des Sängers Fluch. Aus der Kulissenwelt von Müller- Gauger. Das deutsche Teater muß reformirt werden. Es fragt sich nur wie? Die alten guten Zeiten der soliden reisenden Gesellschaften sind vorüber. Größere und kleinere Stadtteater kämpfen mit der Ungunst der Zeitverhältnisse. Das Schauspielerproletariat ist erschrecklich groß. Unter den Direktoren gibt's viele Schwindler. Es muß irgendwo reformirt werden. Der Teaterdirektor Naude hat dreißig Jahre mit seiner Gesellschaft die Provinz bereist; er hat sich ehrlich mit seiner alten Komödiantengarde durchgeschlagen. Die alten Burschen und angejahrten Damen haben Freud' und Leid mit ihrem Direktor geteilt; sie haben ihm oft in die Karten geguckt und haben keinen überflüssigen Respekt vor ihm gehabt. Es hat oft Streit gegeben, aber schließlich blieb er doch der Prinzipal und hatte jedesmal recht. Nun wollen die Geschäfte auf einmal nicht mehr gehn. " ,, Sind die Zeiten schlechter geworden oder sind meine alten Kräfte rostig geworden?" fragt sich Naude sorgenvoll.„ Es ist schon wahr, mein erster Held und Liebhaber, einst der schöne Veit, kann mit seiner Kopfplatte die Damenwelt nicht mehr begeistern, und der alte Sperber fann sich als Intrigant die Gummischuhe nicht abgewöhnen, so wenig wie mein Komiker Hecht von seinen veralteten Couplets und schalen Clownsspäßen abgeht! Ja, ja, mit der alten guten Schule ist's vorbei! Es hilft nichts, es handelt sich um meine Existenz, ich muß mein Teater reformiren." Er erneuert also die Kontrakte mit seinen alten Schauspielern nicht wieder. Sie wollen's schier nicht glauben, daß Naude ihnen den Stuhl vor die Türe sezen kann. " „ Es tut mir leid, aber ich muß. Die Zeiten haben sich geändert. Ich lese tagtäglich, daß alle Direktoren seit Laube junge Talente entdecken, daß ein Teater sich nur noch erhalten kann, wenn es sich eine Schaar junger, billiger Anfänger heranzieht, daß die Zukunft des deutschen Teaters auf dem von einem bewährten Regisseur gut zugerittenen Nachwuchs beruht." Naude, Naude, möchtest du es nie bereuen!" Bergebens warnen die alten Kameraden; es hilft ihnen nichts; fie müssen auf ihre alten Tage noch einmal zum Wanderstab greifen.„ Des Sängers Fluch" auf den Lippen gehn sie auseinander, und die dramatischen Gelbschnäbel ziehn in den Musentempel ein. Sie sind durch Vermittlung der Menschenfleischhändler vulgo Teateragenten frisch von der Teaterakademie bezogen; es sind lauter Davisons, Devrients und Clara Zieglerinnen, die mit dem Bewußtsein auftreten, daß sie jedem Hofteater zur Zierde gereichen werden, wenn sie bei Naude das bischen Routine erlangt haben. Naude, Naude, Naude, denk' an des Sängers Fluch! Die erste Probe mit den jungen Kräften beginnt. Naude führt seit zehn Jahren zum erstenmal wieder Regie. Er arrangirt und schreit sich heiser und keiner macht es so, wie er's wünscht. Was hat er gesagt? Wie? Was?" Keiner versteht ihn. Eine Rede von ihm im Sinn:„ Treten Sie doch etwas lebhafter ein," lautet etwa so: » Hmhmhm, jöjöjö, hm, jö, bassem." Die Kunstjünger machen alles verkehrt; vergebens rast er wie toll herum: Hmhmhm, jöjöjö, hm, jö, bassem." Sie lachen ihn hinterm Rücken aus, sagen, der Alte ist verrückt, weiß nicht, was er will, und alles geht d'runter und drüber. Und die Auflösung dieses Rätsels? Seit zehn Jahren waren ihm acht Zähne ausgefallen und vor zwei Jahren hatte er von einem Schlaganfall eine Zungenlähmung zurückbehalten. Die alte Garde hatte sich an sein Wispern und Nuscheln gewöhnt; verstanden sie ihn auch nicht immer, so errieten sie doch, was der Alte sagen wollte, und die ganze große Maschine lief von selbst. Naude wird ganz tiefsinnig. " Sollten die alten Burschen recht gehabt haben, da sie mich warnten?" Auch finanziell bewährt sich die Reform nicht. " Sollte das Publikum seine alten Lieblinge vermissen?" Manchmal wird's ihm schwarz vor den Augen, wenn der Gagetag naht und noch nichts eingenommen ist. Macht ihm das lärmende, plärrende, großspurige Völkchen der jungen Talente auch manchmal viel zu schaffen, so hat er als alter Praktiker doch seine stille Freude an einigen, die sich gut entwickeln und etwas versprechen, und hofft auf die Zukunft. Naude, Naude; des Sängers Fluch! Eines Nachts kehrt er mit der Gesellschaft von einem Abstecher nach einem tief im Gebirge gelegenen Städtchen zurüd. Die Vorstellung hat lang gedauert, nichts eingebracht: und abgemattet, verstimmt und frierend sizt die Gesellschaft im Omnibus. Draußen stürmt's und schneit's. Die Räder knarren im tiefen Schnee. Niemand spricht ein Wort. Auf dem Eckplaz unmittelbar an der Türe fizt Naude, zusammengekauert unter einer Pferdedecke, aus der blos die kleinen grauen Augen und die lange Nase des alten Männchens hervorschauen. Traurig stiert er in das Licht der Laterne, die vor ihm hin und herbaumelt. Die Nacht ist falt. Der Frost geht durch und durch. Das bischen Stroh an den Füßen macht nicht warm. Die übrigen Size des Wagens sind mit Gruppen von mehr und weniger zweifelhaften Umrissen bedeckt. Liebhaber und Liebhaberin halten sich unter einer Reisedecke selig umschlungen, und scheinen die abgespielten Szenen zwischen ,, Wilhelm“ und„ Lenore" noch einmal zu wiederholen. Eine dunkle, lange Einzelgestalt sizt tief im Hintergrund. Es ist der Intrigant mit dem berufsmäßigen Menschenhaß, der sich auch hier streng isolirt. Der Wagen hat die Insassen eben erst fünf Minuten durcheinandergerüttelt, als sich plözlich aus der Tiefe eine gereizte Stimme erhebt: Herr Direktor, blasen Sie gefälligst das Licht in der Laterne aus. Wir sind sämmtlich müde und wollen schlafen." Hm hm, jö jö, bassem." So viel haben die Mitglieder schon gelernt, daß das eine Verneinung ist. ,, Herr Direktor," und die unheimliche, hagere Gestalt des Intriganten steigt gespenstisch aus einem Winkel ,,, ich ersuche Sie im Namen der Majorität, das Licht auszublasen. Ich habe morgen früh um 9 Uhr schon wieder Probe und muß ausschlafen. Bei dem Geffacker fann aber kein Mensch schlafen." ,, Hm hm, jö jö, trrrhmtrrrtmtm, bassem!" Da schreit der verbissene Intrigant los: ,, Sie wollen nicht? So ist es also wahr, was man sich erzählt: Ihr böses Gewissen läßt Sie nachts nicht schlafen? Das Unrecht, das Sie an Ihren früheren Schauspielern begangen haben, lastet Ihnen so schwer auf der Seele, daß Sie Sich im Dunkeln fürchten und stets Licht brennen müssen? Das tut mir wahrlich leid, aber wir wollen schlafen." Ein kräftiger Faustschlag gegen die Laterne folgt, und das Glas fällt klirrend zu Boden. Das alte Männchen zittert und vermag vor Aerger und Wut fein Wort zu sprechen. Nur im Herzen rust's: Das ist der Dank? O meine alte Garde, wie unrecht tat ich dir! Er greift in die Tasche, zieht ein Fünfmarkstück die ganze Einnahme des Abends heraus, gibt's dem jungen Hizkopf, öffnet den Wagenschlag und bedeutet ihn auszusteigen. Der Schauspieler wandert zurüd zum Städtchen, um daselbst zu nächtigen, und am nächsten Tag nachzufolgen. Alles ist wieder still. Vergebens bemüht sich Naude, das Lichtchen wieder anzuzünden. Der scharfe Luftzug bläst's immer wieder aus. Er verschwindet hinter der Pferdedecke und schläft allmälich ein. Junger, unerfahrner Mann, wie bitter Unrecht hast du dem guten Alten getan! Gerade dich liebt er deines Talentes, deines Fleißes willen, und du lohnst es ihm so! Wohl brennt Nacht für Nacht Licht im Schlafzimmer des Direktors! Aber nicht das Gewissen, nein die Sorgen um deine, um euer aller Existenz lassen ihn nicht schlafen. Der Gedanke, wie schlage ich mich mit meiner Gesellschaft auch ferner ehrenhaft durch, geht ihm unaufhörlich im Kopf herum und raubt ihm die Ruhe bei Tag und Nacht. Jezt freilich habt ihr ihn schwer gekränkt, jezt bereut er's, euch undankbares Völkchen engagirt zu haben. Jezt faßt ihn die Sehnsucht nach seiner alten Garde, nach den guten Gesellen der alten Zeit, der Jugendzeit, die sich mit ihm geplagt haben und es doch nicht weiter gebracht, als daß sie, da sie stumpf geworden waren, entlassen wurden. Zur Strafe dafür verläßt die junge Welt nun auch den alten Naude und verspottet und verlästert ihn. Immer tiefer, immer erquickender wird sein Schlaf. Er träumt unter der Pferdedecke vom alten Veit, vom Sperber und Hecht. Er träumt, er sieht sie alle wieder, jung und tatkräftig. Indessen sinkt sein Körper im Schlaf seitwärts vor gegen den Wagenschlag. Er ist nicht im Schloß eingehängt gewesen, er gibt nach, und sanft und geräuschloß gleitet der alte Naude hinaus in den tiefen Schnee.Nach langer Fahrt macht der Wagen einen starken Ruck. Die Schläfer erwachen. Zu Hause! Wo ist denn der Direktor? Jedenfalls schon früher ausgestiegen. Oder hätten wir den Alten unterwegs verloren? Wär' nicht übel. Jeder kriecht sorglos in sein warmes Bett. Guter, alter Naude! Draußen, an der Landstraße, wo so mancher Komödiant in alter Zeit gestorben ist, hat dir der Schnee ein weiches, warmes Lager bereitet. Du hast so schön geträumt von der guten, alten Zeit, in die du auch gehörtest, daß du nicht wieder erwachen wolltest. Und glaube mir, mancher andere Reformdirektor beneidet dich um deinen sorglosen Schlaf da draußen! Die Kunstgewerbe auf der nürnberger Ausstellung. Von Friedrich Nauert. Der Aufschwung, welchen unsere Kunstgewerbe seit der lezten großen volkswirtschaftlichen Katastrophe erfreulicherweise allenthalben zeigen, hat sich auch auf Baierns Ausstellung offenbart. Die schöpferische Phantasie, welche dem ganzen Ausstellungsplaz mit seinen Gebäuden aller Art ihr Gepräge verleiht, begegnet einem schon beim Eintritt und dokumentirt sich dann in jeder Abteilung bereits an den Ausstellungskästen, die oft Meisterwerke des Tischlers u. s. w. sind und an sich schon verdienten genauer betrachtet und beschrieben zu werden. Es ist eben höchste Aufgabe des Menschen, allem, was er schafft, und diene es auch ganz profanen Zwecken, eine seinem Wesen entsprechende, schöne Form zu geben. Welch hohen Wert dann ein solcher Gegenstand für uns gewinnt, indem er nicht nur seinen Gebrauchszweck erfüllt, sondern auch unser Auge erfreut, das zeigt gerade eine solche Ausstellung und zwar speziell an den Ausstellungsfästen und Schränken, die obendrein nur die vorübergehende Aufgabe haben, dieses oder jenes Produkt zu bergen. Hier hat man diese Behälter oft mit ebensoviel Humor als mit künstlerischem Geschick ausgestattet, und man staunt über die Abwechslung und die unerschöpfliche Erfindungsgabe ihrer Erzeuger. Noch besser wäre es freilich, wenn solches Kunstgefühl und Kunstverständnis in all unserem Hausrat zur Geltung fäme. Da gilt freilich noch zu häufig die total verkehrte Anschauung, daß das einfache nicht schön sein und daß die Kunstindustrie erst anfangen könne, wo ein gewisser Reichtum von ornamentalen oder sonstigen künstlerischen Verzierungen angebracht, mindestens aber ein teurer edler Stoff zur Verwendung gelangt ist. Durch diese verkehrte Auffassung hat man die funstindustriellen Erzeugnisse zu Lurusgegenständen gestempelt und von deren Genuß den weitaus größten Teil des Volkes ausgeschlossen, und zwar zum Nachteil der Kunstgewerbe selbst. Es lohnt sich hier, auf die sogenannte Kleinkunst der Alten, auf die Lampen, Löffel, Gefäße 2c. hinzuweisen. Was entzückt uns denn beispielsweise an den griechischen Vasen so sehr? Nur die einfachen aber klassisch schönen Formen, welche uns in dem Profil entgegentreten und die allen Gefäßkünstlern von heute als Vorbilder gelten, aber nur von wenigen erreicht wurden. In der klassischen Periode des Griechentums war es eben die Schönheit, welche bei der Erziehung wie im ganzen Staatswesen als höchstes Strebeziel galt und die in den als Zentralpunkt des gesammten geistigen Lebens dienenden, vom Gemeinwesen aufgeführten Monumentalbauten ihren sprechendsten Ausdruck fand. Man betrachte daher die edle Einfachheit der Formen des dorischen Tempels und man wird darin volle Uebereinstimmung mit dem gesammten griechischen demokratischen Volkslebens finden. Das alles kehrt wieder in den kunstvoll geformten Gegenständen, die dem alltäglichen Gebrauch dienten, und so wird denn, wenn man den materialistischen Zug unserer Zeit, den ungesunden Ueberfluß auf der einen, den Mangel am nötigsten auf der anderen Seite betrachtet, all die Ueberladung und der Schwulst, die sich nur allzuoft in unserer Kunst und Kunstindustrie offenbaren, erklärlich. Das ist Luxus aber keine Kunst! Damit soll die Dekoration in Form und Farbe nicht ausgeschlossen sein! Im Gegenteil. Aber einerseits darf man nicht vergessen, daß diese gewisse Grenzen nicht überschreiten darf und dem Karakter des Werkes entsprechen soll, während man sich andererseits stets gegenwärtig zu halten hat, daß auch das Einfache und Schlichte schön sein kann. Und nun beachte man, was heute durch die mannigfachen Mittel der Vervielfältigung alles geschehen könnte. Tausenden und abertausenden kann z. B. ein in Bronze gegossener Gegenstand, der nach einem von Künstlerhand geformten Modell hergestellt wird, zugänglich gemacht werden. Aehnlich auch mit den übrigen Sachen, die jedermann im Hause braucht. Wir werden überhaupt erst dann ein Kunstgewerbe haben, das jeder Kritk entgegentreten fann, wenn an jedem und auch dem einfachsten Gebrauchsgegenstande sich künstlerisches Empfinden ausspricht. Die Kunst und die Kunstindustrie verstoßen gegen ihr eigenstes Wesen, wenn sie nicht für das ganze Volt schaffen. Das ist nun leider auf unseren Ausstellungen noch nicht genügend berücksichtigt worden. So befindet sich z. B. unter den Zimmereinrichtungen auch in Nürnberg wiederum nur eine, die dem sogenannten bürgerlichen Bedürfnisse entspricht. Und diese karakterisirt sich denn wirklich nach allen Richtungen als geschmacklos. Trivial in den Formen, trist, zumteil sogar widerlich in den Farben, machen solche Arbeiten einen Eindruck, als ob man sich fürchtete, für einen geringen Preis etwas geschmackvolles zu liefern, denn es glaubt doch wohl kein Mensch, daß eine einfache aber schöne Form und Färbung mehr Arbeit und Kosten verursachen werde wie eine geschmacklose. Dann ist vor allem noch ein Fehler zu rügen, der heute namentlich bei Einrichtung und Ausschmückung der Wohnungen gemacht wird: nämlich die Mode gewordenen altdeutschen Zimmer. Ist es schon ganz recht, wenn man die klassischen Vorbilder der Alten zum Muster nimmt, so ist doch auf alle Fälle das meist sklavische Kopiren zu vermeiden. Wir haben infolge der seit Jahrhunderten gemachten Fortschritte heute entschieden andere Bedürfnisse als unsere Vorfahren im 15. und 16. Jahrhundert. Vor allem verlangen wir nach Licht, und wenn wir trozdem aus Gründen des guten Geschmacks die alte Farblosigkeit aus unseren Zimmern verbannen und wieder zu den intensiven fatten Farbtönen zurückkehren, so wollen wir doch nicht in einem Raum wohnen, 26 der verhältnismäßig niedrig und dann durch seinen massig schweren Holzplafond noch drückender und beengender wirkt, und der womöglich durch die Schalen, Tassen, Krüge, Flaschen und allerhand altertümliches Geschirr auf dem Gesims der Wandvertäfelung förmlich zum Raritätenfabinet gemacht wird. Wer wird denn in einem Museum wohnen wollen? Man hüte sich daher vor der überhand nehmenden Altertümelei. Das ist unsern Vorbildern nie eingefallen, denn sie folgten bei Herstellung ihrer Hauseinrichtungen hauptsächlich den Bedürfnissen ihrer Zeit. Wenn wir ihnen daher nachahmen wollen, so wird dies nur insoweit geschehen dürfen, als wir in den Geist einzudringen suchen, der in ihren Werken lebt, und daß wir dann entsprechend den darin waltenden Gesezen der Schönheit die unseren, aber entsprechend den Bedürfnissen unserer Zeit, zur Ausführung bringen. Besonders geeignet für die Arbeiten in Holz ist nun die deutsche Renaissance. Die Schreiner und Drechsler können in diesem Stil die Wand- und Plafondverkleidungen, wie auch die Möbel, ohne teure Beihilfe des Bildhauers und Schnizers selbst herstellen. Das haben einige nürnberger Aussteller mit großem Geschick und feinem Verständnis zu würdigen gewußt und dadurch Leistungen zutage gefördert, die bei aller Einfachheit der Formen eine Eleganz und Schönheit entfalten, die auf den ersten Blick bezaubernd wirken. So Eysser aus Bamberg, Baldauf aus Nürnberg und Bössenbacher aus München. Besonders hat es aber Herr Architekt Hinderer, ein Schüler Gnauths, der dem ersteren die Entwürfe lieferte, verstanden, mit einfachen Mitteln Großartiges zu schaffen, denn seine Zimmerdekoration gehört zu dem Die Schönsten, was die Ausstellung auf diesem Gebiete darbiete. warmen durch Ueberlasiren des schlichten Tannenholzes erzeugten Töne von Wand und Plafond, dazu der Marmor der Balustrade und des Waschbassins, der schöne grüne Ofen, die warmen harmonisch gestimmten Farben der Möbelstoffe, endlich die schwarzen Möbel, Wand- und Deckenbekleidungen des anstoßenden Erkers und die reizvoll aber einfach gemalten Fensterscheiben, dies alles wirkt so wunderbar, daß es einem schwer fällt, sich von dem herrlichen Anblick loszureißen. Freilich kostet die Zimmerausstattung insgesammt 18 000 Mart, ein Preis, den leider nur wenige zahlen können. Wo aber soviel Talent vorhanden, da kann man wohl mit Recht erwarten, daß auch für weniger Geld etwas Geschmackvolles geliefert werden könnte, und es ist nur zu bedauern, daß die Ausstellung in dieser Beziehung nichts bietet. Die deutsche Renaissance, die ja in Nürnberg ihre schönsten Blüten gezeitigt, dominirt schon in diesem Genre, aber sie hat sich mit ihren Ausstellungsobjekten lediglich an die„ oberen Zehntausend" gewandt und die große Masse von ihrem Genuß ausgeschlossen, obschon sie sich doch nur dann auf einen Boden gestellt haben würde, aus dem ihr allein eine wahrhaft große Zukunft und lange Dauer erblühen könnte, wenn sie sich dem Volke gewidmet hätte, wie es die Kunst des griechischen Altertums getan hat. Mozart als Kind.( Illustration s. S. 21.) Frühreife Blüten erzeugen selten schmackhafte Früchte, und frühreife Talente sind es in der Regel nicht, welche die Kultur mit unsterblichen Schöpfungen bereichern. Eine glänzende Ausnahme zeigt die Geschichte der Musik. Das größte musikalische Genie aller Zeiten, der strahlende Genius, dessen wunderbare Melodien unnennbare Seligkeit in die Seele strömen, dessen Harmonien die Engel im Himmel mit Entzücken lauschen würden, wenn Engel existirten Wolfgang Amadeus Mozart, war ein frühreifes musikalisches Wunderkind, das schon im Alter, wo andere Kinder noch kaum das ABC zu buchstabiren anfangen, die Welt mit seinem Ruhm erfüllte. Geboren am 27. Januar 1756 als der Sohn des erzbischöflichen Kapellmeisters zu Salzburg, begann er schon im dritten Lebensjahr, als der Vater mit der um vier Jahre älteren Schwester, Nannerl, den Klavierunterricht begann, seine musikalischen Schwingen zu regen. Sobald das Klavier frei war, übte er sich auf demselben, und wenn man ihn ungestört lies, sah man ihn ganze Stunden damit hinbringen, Terzen zu suchen, und sein Gesicht strahlte vor Vergnügen, wenn es ihm glückte, ein harmonisches Intervall zu treffen. Der Vater beobachtete ihn und wußte nicht, ob er Gewicht darauf legen solle; doch wollte er einen Versuch machen. Man legte dem Kinde einen furzen Menuet vor. Nach einer halben Stunde spielte es denselben so fertig und im Takte, als man es nur erwarten konnte. Kaum war ein Jahr verflossen, so diktirte Wolfgang seinem Lehrer Stücke, die er erdacht hatte; er komponirte, ehe er eine Note schreiben fonnte. Eines Tages trafen ihn der Vater und der Hausfreund bei der Komposition eines Klavierkonzerts. Der Vater brach beim Anblick des Blattes, das aus lauter Kletsen zu bestehen schien, in lautes Lachen aus. Als er aber die Arbeit aufmerksamer durchsah, nahm sein Gesicht einen ganz anderen Ausdruck an; Tränen der Freude und Bewunderung rollten über seine Wangen, denn alles war richtig und regelmäßig gesezt, nur war es zu schwer, um gespielt werden zu können. Sein Gehör war so sein, und sein Musikgedächtnis so sicher, daß er sich beim Spiel seiner kleinen Violine erinnerte, daß des Hausfreunds " Buttergeige" um einen halben Viertelston tiefer gestimmt war. Bald war seine musikalische Fertigkeit so groß, daß er die meisten Sachen vom Blatt spielen konnte. Auch Nannerl war ungemein fortgeschritten, weshalb der Vater im Jahre 1762, als die Kinder zehn und sechs Jahre alt waren, mit denselben eine Virtuosenreise nach Wien machte. Maria Theresia wie ihr Gemahl und ihre Kinder waren sehr musi " talisch. Sie nahmen die Kinder in ächt deutscher Herzlichkeit auf und Wolfgang sprang der Kaiserin ohne weiteres auf den Schoos und küßte sie. Die beiden Wunderkinder wurden mit den Galakleidern der kaiserlichen Kinder beschenkt, und in diesen Kleidern gemalt hängen sie im Mozarteum zu Salzburg; sein seelenvolles Auge und ihre knospende Schönheit haben einen unvergleichlichen Reiz. Eines Tages sagte der Kaiser zu dem Knaben:„ Es ist feine große Kunst, mit allen Fingern zu spielen, aber nur mit einem Finger und auf einem verdeckten Klavier zu spielen, das würde erst Bewunderung erregen." Statt einer Antwort spielte das Kind mehrere sehr schwierige Passagen mit einem Finger; dann ließ er sich auch die Klaviatur bedecken und spielte dennoch so gut, daß seine Zuhörer hätten glauben können, er habe sich durch lange Uebungen darauf vorbereitet. Schon fing man an, die erstaunlichen Leistungen Wolfgangs in begeisterten Versen zu feiern. In seinem achten Jahre führte ihn der Vater nach Paris und London. Der Sekretär des Herzogs von Orleans, Grimm, ein Deutscher, schreibt u. a.: Die ächten Wunder sind zu selten, als daß man nicht gern davon plaudern sollte, wenn man einmal das Glück gehabt hat, so etwas zu sehen. Der Knabe, der fünftigen Februar erst sieben Jahre alt sein wird, ist eine so außerordentliche Erscheinung, daß man das, was man mit eigenen Augen sieht und mit eigenen Ohren hört, kaum glauben kann. Es ist dem Kinde nicht nur ein Leichtes, mit der größten Genauigkeit die allerschwersten Stücke-aufzuführen und zwar mit Händchen, die kaum die Sexte greifen können; nein, es ist unglaublich, wenn man sieht, wie es ganze Stunden hindurch phantasirt und so sich der Begeisterung seines Genius und einer Fülle entzückender Ideen hingibt, welche es mit Geschmack und ohne Wirrwar aufeinander folgen läßt. Der geübteste Kapellmeister kann unmöglich eine so tiefe Kenntnis der Harmonie und der Modulationen haben, welche es auf den wenigst bekannten aber immer richtigen Wegen durchzuführen weiß. Es schreibt und komponirt mit einer bewundernswerten Leichtigkeit, ohne sich dem Klavier zu nähern und seine Akkorde darauf zu suchen. Ich habe ihm ein Menuet aufgesezt und es ersucht, den Baß darunter zu legen; das Kind hat die Feder ergriffen und ohne sich dem Klaviere zu nahen, hat es dem Menuet den Baß untergesezt. Sie können wohl denken, daß es ihm nicht die geringste Mühe kostet, jede Arie, die man ihm vorlegt, zu transponiren und zu spielen, aus welchem Tone man es verlangt." Noch erstaunlicher waren die Bravourstücke des kleinen Zauberers in London. Unter anderem nahm er einmal auf's Geratewohl eine der Instrumentalstimmen zu einer Händel'schen Arie, die zerstreut auf dem Klavier lagen. Es war eine Baßstimme, und Wolfgang ergänzte sie mit der schönsten Melodie, ohne eine Note zu ändern. Man kann sich das Erstaunen der Künstler darstellen, als sie ein so schwieriges Problem auf so glänzende Art gelöst sahen; denn die wirkliche Melodie dieses Basses, das Werk tiefer Ueberlegung des Kompositeurs, war der Improvisation Mozart's faum ebenbürtig. Der berühmte Bach, der zugegen war, konnte nicht mehr an sich halten; er eilte auf den kleinen Nebenbuhler Händels zu, um ihn zu umarmen, hierauf sezte er ihn auf die Knie und fing an, die ersten Takte einer Sonate zu spielen, die auf dem Pulte lag. Mozart spielte die folgenden Takte, und so wechselten sie bis ans Ende derselben mit einem Einverständnis und einer Genauigkeit ab, daß die entfernter ſizenden Berjonen glaubten, Bach allein habe gespielt. Einige Tage hernach spielte Mozart die Orgel des Königs, und in Paris wie in London stimmte das Urteil der Kunstverständigen überein, daß seine Meisterschaft auf der Orgel noch mehr als auf dem Klavier zu bewundern sei. Das Wunder eines solchen Talents, das siegreich alle Proben bestand, die mit ihm angestellt wurden, brachte endlich das gelehrte Mitglied der königlichen Gesellschaft in London, Barrington, auf den Verdacht, Wolfgang sei viel älter als sein Vater vorgab, er sei vielleicht ein musikalisch- genialer Zwerg. Beinahe alle Musiker Londons teilten die Zweifel des Gelehrten, bis ein Auszug aus den Kirchenbüchern dieselben niederschlug. Zu Ende des Jahres 1769, wo also Mozart nahezu vierzehn Jahre alt war, ging es durch Tyrol ins Land der milderen Lüfte und süßen Melodien, nach Italien. Ueberall wieder grenzenlose Bewunderung des wunderbaren Knaben. Er wurde zum Mitglied der berühmten philharmonischen Akademie von Bologna ernannt, welche Ernennung ihm in Italien den Namen Cavaliere filarmonico einbrachte. Signor cavaliere,„ Ritter Mozart" mit vierzehn Jahren! In Mailand wurde seine erste Oper„ Mithridates" aufgeführt. Beinahe alle Nummern wurden stürmisch beklatscht, mehrere wurden zweimal verlangt.„ Evviva il maestro!"„ Evviva il maestrino!"( Es lebe der Meister!" Es lebe das Meisterlein!") erscholl es von allen Seiten, und zwanzigmal hintereinander mußte das Werk gegeben werden, und es wurde auch sogleich fünfmal für andere Bühnen bestellt, wovon übrigens, beiläufig bemerkt, nach damaligem Brauch nur der Kopist den Vorteil genoß. Ueberall jog das jugendliche Genie die sich darbietenden Bildungsstoffe begierig ein, während es seine mit überraschender Schnelligkeit wachsende Kraft in einer Reihe von Kompositionen aller Gattungen, für Kirche und Teater, Klavier und Orchester, zur Erscheinung brachte. Mit dem Jahre 1781, dem fünfundzwanzigsten seines Lebens, beginnt dann das große Jahrzehnt denn 1791 starb er schon während dessen Mozart in rascher Folge jene Werke schuf, die süßer als Nektar und Ambrosia dem Größten und Herrlichsten, was je der menschliche Geist in irgend einem Zweige der Kunst hervorgebracht, den Rang streitig machen. Der„ Idomeneus" eröffnet die Reihe dieser Schöpfungen, und die Zauberflöte mit dem Requiem schließt sie. Da27 zwischen aber stehen von Opern:„ Die Entführung aus dem Serail", " Figaro's Hochzeit"," Don Juan"," Così fan tutte" und ,, Titus", sieben Symphonien, verschiedene Quartette und eine Menge kleinerer Kompositionen, welche dem Hörer den Himmel öffnen und vergessen lassen, daß es ein Leid auf Erden gibt. St. Das junge Genie.( Illustration s. Seite 5.) Ob er wirklich ein solches zu werden verspricht, darüber sizt soeben die Kritik zu Gericht. Schon in frühester Kindheit lag dem Jungen das Zeichnen in den Fingern. Tische und Bänke dekorirte er mit Kreidefiguren zum Verzweifeln der Mama, und wenn ihm das Glück ein Blatt Papier in die Hände spielte, so vergaß er Essen und Spielen und zeichnete darauflos: Hunde, Kazen, Vögel, Menschen, alles mögliche, gräuliche Geschöpfe freilich, in denen sich aber doch Keime eines bedeutenden Talents offenbarten. Seit den lezten Weihnachten, wo ihm das Christkind eine Farbenschachtel beschert hat, ist er vollends wie behert. Kaum hat er den Schulranzen abgeworfen, so geht's an's Malen, und während andere Buben in Feld und Wald sich tummeln und die Kraft ihrer Fäuste erproben, hockt er daheim, zeichnet und malt. Der praktische Papa sieht mit Widerwillen auf dieses Treiben. Sein Kind soll kein Künstler werden, denn er weiß zu gut, daß des Künstlers Erdenwallen durch Dornenpfade führt. Ein tüchtiger Kaufmann soll er werden und den Glanz der Firma erhöhen, oder meinetwegen ein Jurist u. dergl., wobei man ohne große Mühe viel Geld verdient- alles, nur kein Künstler. Die alte Großmutter aber, eine sinnige, gemütvolle Matrone, denkt anders. Sie hat selbst in der Jugend gut gezeichnet und ist in mancher trüben Stunde ihres reichbewegten Lebens durch den Balsam der Kunst erquickt und erheitert worden. Sie nimmt daher eines schönen Tages den Enkel bei der Hand und geht mit ihm zum Maler, der seine Leistungen prüfen soll. Diese Szene vergegenwärtigt unser Bild, und die Wahrheit des Ausdruds ist dem Künstler in den drei Figuren, welche die drei Lebensalter repräsentiren, meisterlich gelungen. Mit welcher Aufregung blidt der angehende Raphael auf den Maler, dessen Wort darüber entscheiden wird, ob er seiner Neigung folgen darf. Lebhafte Spannung prägt sich auch in Miene und Haltung der Großmutter aus. Der Maler, eine ächte Künstlerfigur, prüft mit emporgezogenen Brauen die vorgelegten Blätter, und wenn wir nicht irren, so wird sein Votum ein günstiges sein. Hoffen wir, daß es der Großmutter gelingt, die Abneigung des Vaters gegen die Kunst zu besiegen und den Musen eine tüchtige Kraft zuzuführen. St. 1 Schloß Wolfsberg.( Illustration s. Seite 8.) Im schönen Paradies des Alpenlands Kärnten, in dem fruchtbaren und volkreichen Lavanttal, liegt das hübsche ca. 3000 Einwohner zählende Städtchen Wolfsberg, überragt von dem prächtigen Schloß gleichen Namens, von welchem man einen entzückenden Ausblick genießt, besonders zur Frühlingszeit, wo der Blütenschnee der zahlreichen Obstbäume zwischen dem üppigen Grün der Fluren seine Düfte über die freundlichen Wohnstätten haucht, die an den herabströmenden Alpenbächen, auf den Berglehnen und in dem weiten reizvollen Tal malerisch zerstreut liegen. Das mit feinstem Geschmack und orientalischer Bracht eingerichtete Schloß gehört dem Grafen Hugo Henkel v. Donnersmark. Von ausnehmender Schönheit und Kunst sind die Zimmer der Gräfin im ersten Stockwerk, zu denen man durch den in den seltensten Pflanzen prangenden Wintergarten gelangt. Mit staunendem Entzücken verweilt der Besucher im großen Speisesaal, dessen Wände in gelbem Stuckmarmor und dessen Plafond in sternartig geformten Studgesimsen ausgeführt sind, wie nicht minder in den übrigen Sälen und Salons, deren Wände teils mit Marmor bekleidet, teils mit schwerem Seidenstoff von blauer, roter oder gelber Farbe bespannt sind und die mit kostbaren Kron- und Armleuchtern, großen Spiegeln und geschliffenen Fensterscheiben, kunstvollen Uhren, Vajen, Figuren und anderen prachtvollen Möbeln ausgestattet sind. Nicht minder prächtig und geschmackvoll ist die Einrichtung des westlichen Flügels, sowie das zweite Stockwerk, dessen südliche Räume zur Wohnung des Grafen bestimmt sind. Der Jagdsalon im zweiten Stock des im Nordost sich erhebenden runden Turms dürfte kaum irgendwo seinesgleichen haben. Zwischen den Verzierungen zeigen sich eine Menge Tierköpfe von Wildschweinen, Gemsen, Hirschen, Rehen, Füchsen u. s. f. und der in der Mitte herabhängende riesige Kronleuchter besteht aus lauter Hirschgeweihen. Auch die Schloßkapelle ist mit herrlichen Glasmalereien und plastischen Kunstwerken ausgeschmüdt. Nach dem 1857 erfolgten Tod der Gräfin ließ der Graf ein Mausoleum an der waldigen Höhe dem Schloß gegenüber erbauen, dessen Gesammtbaukosten sich auf 600 000 Mart beliefen. Der aus weißem farrarischen Marmor bestehende Sarkophag mit der Statue der Gräfin, die von Meister Kiß in Berlin als ruhender Genius dargestellt ist, verursachte allein einen Kostenaufwand von 80 000 Mart. Von Feenhand hervorgezaubert scheint der reizvolle Schloßgarten mit seinen in buntester Mannigfaltigkeit prangenden Wundern der Vegetation, seinen herrlichen Alleen, Gruppen, Hainen und Landhäusern. Von Wolfsberg aus geht ein bequemer Anstieg nach der starkbesuchten Aussichtswarte auf der Koralpe, welche der Fußgänger in 5 bis 6 Stunden erreicht und wo sich dem Blick eine Aussicht erschließt, deren Wunderbild sich seiner ErSt. innerung auf Lebenszeit einprägt. Frucht und Saat. 28 Der Sämann. Siehe, voll Hoffnung vertraust du der Erde den goldenen Samen Und erwartest im Lenz fröhlich die keimende Saat. Nur in die Furche der Zeit bedenkst du dich, Taten zu streuen, Die von der Weisheit gesät, still für die Ewigkeit blühn? Schiller. * Die Sicherheit. Nur das feurige Roß, das mutige, stürzt auf der Rennbahn; Mit bedächtigem Paß schreitet der Esel daher. * Wahrheit, deinen edlen Wein Mußt du mit Wasser mischen; Denn willst du ihn rein auftischen, So nimmt er den Kopf den Gästen ein. Nicht der ist auf der Welt verwaist, Dessen Vater und Mutter gestorben, Sondern der für Herz und Geist Keine Lieb' und kein Wissen erworben. * Trinkspruch. Goethe. Rückert. Olafset uns in dieser düstern, bangen Zeit, Wo hochanschwellend, donnernd der Geschichte Strom Die starren langgehegten Eijesfesseln sprengt, Das neue Leben unter Trümmern bricht hervor, Und sich in Stürmen umgestalten will die Welt; O lasset uns, ihr Freunde, rings verhallt das Lied Und unserm heitern Saitenspiele lauscht kein Ohr, Dennoch die Gottesgabe des Gesanges treu Im reinen Busen hegen, wahren; daß vielleicht Wir, hochergraute. Barden, einst die Sonne noch Mit Hochgejang begrüßen, welche, das Gewölk Zerteilend, die verjüngte Welt bescheinen wird. Prophetisch, Freunde, bringe ich ein volles Glas Der fernen Zukunft einer andern Liederzeit! Chamisso. Sprechsal für jedermann. Calameta,( Griechenland) 17. August 1882. An die Redaktion der ,, Neuen Welt", Stuttgart. Ihrem geschäzten Blatte verdanke ich manche Anregung und Belehrung, gestatten Sie daher auch mir, Ihre Aufmerksamkeit auf eine Unternehmung zu lenken, welche verdient, in möglichst weiten Kreisen bekannt zu werden. In zwei früheren Nummern der„ Neuen Welt" wurde schon über die Art, Sprachen zu erlernen gesprochen, einerseits nach Schliemann und Virchow, andererseits von einem Freunde der ,, Neuen Welt". Ich war und bin auch in der Lage, fremde Sprachen mir möglichst schnell geläufig machen zu müssen. Ich habe mich der in beiden Artikeln empfolenen Metode mit Erfolg bedient, fand jedoch, daß wirklich geeigneter Stoff zum Studium etwas schwer zu finden ist. Diesem Mangel helfen die Zeitungen L'interprete, italienische Zeitung für Deutsche, The interpreter, englische Zeitung für Deutsche, L'interprète, französische Zeitung für Deutsche, zu Edenkoben in Rheinbaiern erscheinend, in glänzender Weise ab, und möchte ich dem Leserkreis der Neuen Welt" diese drei Zeitungen warm empfehlen. Was darin geschrieben wird ist stets im elegantestem und besten Stil gehalten, die Erklärungen sind klar und ausgibig und ein teures Wörterbuch überflüssig. Wie Sie Sich aus den heute an Sie abgehenden Nummern überzeugen können, ist die Stoffwahl gut doch, urteilen Sie selbst. Es würde mich freuen, manchem, den es hinaustreibt oder der hinaus getrieben wird, mit diesem Hinweis auf ein billiges und wirklich praftisches Hilfsmittel einen Dienst erwiesen zu haben. Mit vorzüglicher Hochachtung E. G. Bemerkung der Redaktion. Wir danken Herrn E. G. für die freundliche Aufmerksamkeit, welche er der ,, Neuen Welt" erweist und erklären uns gern bereit, nach gewissenhafter Prüfung der von ihm empfohlenen Zeitungen an dieser Stelle über das jedenfalls interessante Unternehmen unser Urteil abzugeben. London, den 25. August 1882. Mit Rücksicht auf die erst kürzlich allein durch die Neue Welt" ermöglichte Auffindung eines oder mehrerer Verschollener, ,, N. W." 1882, Nr.. 46) erlaube ich mir die Bitte, Sie möchten Ihre Leser auffordern, über den Aufenthaltsort oder die Schicksale des im Jahre 1849 oder 50,( vielleicht auch 51) aus Berlin ausgewanderten und dann einige Zeit in New- York und Philadelphia wohnhaften August Heimann oder dessen jezt ungefähr 38 Jahr alten Sohn Wilhelm Heimann an die Redaktion der ,, Neuen Welt" Nachricht zu senden. Therese Friebe An die Leser! im Auftrage ihrer Mutter Johanna Friebe, geborene Heimann. Mit diesem Hest tritt die Neue Welt" in ihren 8. Jahrgang. Die Veränderung in der Ausgabe- Wegfall der Wochennummern ist auf vielseitig geäußerten Wunsch unsrer geehrten Abonnenten geschehen; sie gewährt den Vorteil, daß die Leser alle 14 Tage, statt wie bisher aller drei Wochen, in den Besiz eines Heftes gelangen. Der Inhalt und die Ausstattung des neuen Jahrganges der„ Neuen Welt" dürsten den Beweis liefern, daß Redaktion und Verlag sich der Aufgabe voll bewußt sind, dem Volke ein Familienblatt im wahren Sinne des Wortes zu schaffen. Wenn der Unterhaltungsteil des Blattes mehr wie früher gepflegt ist, so soll doch nach wie vor der Belehrung durch populär- wissenschaftliche Abhandlungen, Kultur und Sittenschilderungen in ausgedehnter Weise Rechnung getragen werden. Ferner werden auch bezüglich der Illustrationen größere Anstrengungen gemacht werden, um auch nach dieser Seite hin dem Publikum das Beste zu bieten. Wenn wir uns nun an unsere geehrten Leser mit der Bitte wenden, uns in unserm Streben, nur Gutes und Schönes zu bringen, nach Kräften zu unterstützen, so glauben wir, daß diese Anregung genügt, um der„ Neuen Welt" die doppelte Abonnentenzahl zuzuführen. Wir geben deshalb vertrauensvoll das erste Heft des 8. Jahrgangs der„ Neuen Welt" in die Hände des Publikums, überzeugt, daß ein ernstes Streben, das Volk zum Schönen, Edlen und Großen hinzuleiten, sich Anerkennung auch in weiteren Kreisen erringen wird. Der Abonnementspreis beträgt pro Quartal Mark 1.50, Preis pro Heft 25 Pf. Alle Buchhandlungen, Kolporteure und Postanstalten nehmen Bestellungen entgegen. Der Verlag der„ Neuen Welt" in Stuttgart. Das junge Genie.( Mit Illustration.) Inhalt: Am Nordpol. Nach dem Englischen von P. Olliverio. in den Gegenden der schlimmsten Judenhezen und die jüdischen Ackerbaukolonien. Von E. Lübeck. Schloß Wolfsberg.( Mit Illustration.) Die rujjischen Juden Studienkopf von Paul Thumann.( Jlustration.) Schöngeistiges Treiben im kaiserlichen Rom. Von Manfred Wittich. Die Ersteigung des Kapitols.( Mit Illustration.) Unsere höhere Jugendbildung. Nach dem Vortrag Dubois- Reymonds über Kulturgeschichte und Natur wissenschaft" und wider ihn. Von Bruno Geiser. Die Bildsäule Rouget de Lisle, des Dichters der Marseillaise. Von August Bartholdi. ( Mit Illustration.) Serena. Eine venetianische Novelle von May Vogler. Mozart als Kind.( Mit Illustration.) Damian Gronen. Der Geiger von Oppenau. Von Ludwig Pfau. Der Reformdirektor oder des Sängers Fluch. Aus der Kulissenwelt, von Das Herz. Von Müller- Gauger. Die Kunstgewerbe auf der nürnberger Weltausstellung. Von Friedrich Nauert. Frucht und Saat. Sprechsal für jedermann. Mannigfaltiges. Gemeinnüziges. Allgemeinwissenschaftliche Auskunft.- Aerztlicher Ratgeber. Redaktions- Korrespondenz. Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart. Redaktion: Neue Weinsteige 23. Drud und Verlag von J. H. W. Dieß in Stuttgart. Expedition: Ludwigstraße 26 in Stuttgart.