Erscheint alle 14 Tage in Heften ä 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Postämter zu beziehen. P Am Wordpol. Nach dem Englischen von W. H l l i v c r i o. (1. Fortsezung.) III. n Es war nicht leicht, Frau Crayford nuter der Menge heraus- zu finden, und während Franz hier und da nach ihr suchte, be- merkte er einen Frciudeu, der, wie es schien, auch nach jemand ausschaute. Es ivar ein enistblickender, kräftig gebauter Mann >» abgetragener, alter Uniform der Marineoffiziere. Seine auffallend entschlossene und selbstbewußte Weise zeigte unver- kennbar den feingcbildctcn Mann. Er ging langsam durch die Gesellschaft und blickte jeder Dame forschend ins Gesicht, um sich dann mit enttäuschter Miene wieder abzuwenden. So näherte er sich dem Nebenzimmer'— und trat nach kurzem Bedenken hinein— entdeckte hinter den Sträuchern und Blumen den Schimmer eines weißen KleidcS— tat einige Schritte bor- wärts, um die Tame erkennen zu können, und stand plözlich mit einem Freudenschrei vor Elara. Entsczt sprang sie auf. Sprachlos, regungslos, wie zu Stein Velivandelt stand sie ihm gegenüber, nur ihre Augen schienen zu leben und ihm zu sagen, daß sie Richard Wardonr Vvr sich habe. Er fand zuerst Worte. »Mein Liebling, habe ich dich erschreckt? Ich vergaß alles über die Seligkeit.' dich wieder zu sehen. Wir warfen erst vor Zwei Stunden Anker; ich srug nach dir. und nachdem ich er- fahren, du seiest hier auf dem Ball, verschaffte ich mir ein Billct. Gratulire mir. Elara! Ich bin avancirt und komme nun, dich als mein Weib heimzuführen." Entsezlichcr Schrecken malte sich bxj biefm Worten auf ihrem Antliz. Ein leises s>ivt färbte ihre Wangen, ihre Lippen bewegten sich. „Erhielten Sie meinen Brief?" Er fuhr zurück.„Einen Brief von dir? Rein, niemals." Das augenblickliche Aufleben erstarb wieder auf ihrem Gell cht; sie wich einen Schritt vor ihm zurück und fiel auf einen Stuhl nieder. Erstaunt und erschrocken zugleich eilte er ihr zu H'.lfe, sie aber lehnte sich fester an den Stuhl, als ob sie Richards Bcnihrung scheute.. „Elara! Du hast mir noch nicht einmal die Hand gereicht. Rias soll das bedeuten?" Ten Blick fest auf sie gerichtet, hielt er. Antwort crwar- tcnd, inne, sein leidenschaftliches Temperament blizte aus dem flammenden Auge und er wiederholte die leztcn Worte in lau- tcrem und strengem Tone: „Was soll das bedeuten?" Sein Ton verlezte sie und gab ihr den sinkenden Mut wieder; sie erwiderte: „Es bedeutet, Herr Wardour, daß Sie Sich von Anfang an im Irrtum befanden." „Wie so befand ich mich im Irrtum?" „Sic lebten einer falschen Hoffnung und gaben mir keine Gelegenheit, Sie darüber aufzuklären." „Welcher falsche» Hoffnung lebte ich?" „Sie waren zu eilig und zu vertrauensvoll gegen Sich selbst und gegen mich. Sie haben mich vollständig mißverstanden. Es tut mir sehr leid, Sic zu betrüben, ich muß aber Jhret- tvegen offen reden. Ich werde jederzeit Ihre Freundin sein, Herr Wardonr; Ihr Weib aber kann ich niemals werden." Mechanisch wiederholte er ihre lezten Worte, war es ihm doch, als ob er sie nicht recht verstanden hätte. „Du kannst niemals mein Weib werden?" „Niemals!" „Warum?" Sie schwieg abermals. Tie Unwahrheit konnte sie ihm nicht sagen; die Wahrheit zu gestchen, schämte sie sich. Er beugte sich über sie und bemächtigte sich ihrer Hand, und diese festhaltend neigte er sich noch tiefer zu ihr. um auf ihrem Antliz die Anttvort zu lesen. Langsam verdiisterten sich während dessen seine Züge, denn er begann die Wahrheit zu argwöhnen. „Clara, etwas hat dich mir gegenüber verändert. Es hat dich jemand gegen mich beeinflußt. Ist es— du zwingst mich zu der Frage— ist es ein anderer Mann?" „Sie haben das Recht nicht, mich danach zu fragen." Ohne ihre Rede weiter zu beachten fuhr er fort: „Hat sich jener andere Mann zwischen dich und mich gc- stellt? Ich spreche offen heraus, tue du es auch." „Ich habe gesprochen und habe nichts mehr hinzuzufügen." Es entstand eine Pause. Sic sah den warnenden Schein, welcher ihr das Feuer seines Innern verriet, in seinem Auge tlcHcv und Heller werden, sie fühlte wie seine Hand die ihre fester und fester umklammerte. „Bedenke," begann er noch einmal,„bedenke es, bevor es zu spät ist. Dein Schweigen hilft dir nichts. Wenn du darin beharrest, so muß ich es als Zugeständnis hinnehmen. Hörst du?" »SM, ich höre." „Clara Burnham! Ich bin nicht der Mann, der mit sich spielen läßt. Clara Burnham, ich bestehe darauf, die Wahrheit zu erfahren. Bist du falsch gegen mich?" Sie fühlte mit dem richtigen weiblichen Gefühl die Be- leidigung heraus, welche iu der forschenden Frage lag, die ihr ins Gesicht die Wahrheit ihrer Worte bezweifelte.„Herr Wardour! Sie vergessen Sich, wenn Sie von mir verlangen, Ihnen auf solche Weise Rechenschaft abzulegen. Ich habe Sie niemals er- mutigt. Ich habe Ihnen nienials mein Wort gegeben—" Leidenschaftlich unterbrach er sie, ehe sie mehr sagen konnte: „Du hast dich während meiner Llbwescnheit verlobt. Deine Worte verraten es! Deine Blicke verraten es! Du hast dich mit einem anderen Manne verlobt!" „Und wenn ich es getan, welches Recht haben Sie, niir darüber Vorwürfe zu machen?" entgegnete sie fest.„Mit welchem Recht kontroliren Sie meine Handlungen?" Die folgenden Worte erstarben ihr auf den Lippen. Er ließ schnell ihre Hand sinken. Eine auffallende Veränderung ließ sich in seinen Augen wahrnehmen— eine Veränderung, welche ihr die grenzenlose, fürchterliche Leidenschaft verriet, die sie in ihm wachgerufen hatte. Sie las undeutlich ein etwas in seinen Zügen, was sie erzittern ließ— nicht für sich, für Franz. Nach und»ach verschwand die hochrote Farbe aus seinem Gesicht; seine tiefe Stimme verfiel plözlich in leisen, ruhigen Ton, als er die lezten Worte sprach: „Sagen Sie nichts weiter, Fräulein Burnham— Sie haben genug gesagt. Ich habe meine Antwort— ich bin entlassen." Einen Augenblick schwieg er und legte, dicht an sie herantre- tcnd, die Hand auf ihren Arm, dann fuhr er fort: „Es mag eine Zeit kommen, wo ich Ihnen vergebe. Dem Manne aber, der Sie mir geraubt hat, soll der Tag gereuen, an dem er Sie das erstemal sah." Darauf wandte er sich und verließ sie. Als Frau Crayford wenige Minuten später in das Zimmer trat, kam ihr ein Kellner mit den Worten entgegen: „Verzeihen Sie, Madame. Haben Sie vielleicht ein Riech- fläschchen bei sich? Dort ist eine junge Dame soeben ohnmächtig geworden." IV. Der folgende Morgen, au welchem die Schiffe die Anker lichten sollten, war hell und luftig. Frau Crayford, welche beschlossen hatte, ihrem Manne bis ans Ufer zu folgen und ihn von dort aus abfahren zu sehen, ging zuvor noch einmal nach Claras Zimmer, um zu hören, wie ihre junge Freundin die Nacht verbracht hatte. Zu ihrem höchsten Erstaunen fand sie dieselbe nicht im Bett, sondern ivie sie selbst bereit zum Ausgehen. „Was heißt das, liebe Clara? Warum folgst du nicht meinem Rate und bleibst ruhig im Bett, nachdem du ver- gangenen Abend so viel gelitten, nach dem Schreck bei dem Wiedersehen mit jenem Manne?" „Ich kann nicht ruhen. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Warst du schon aus?" „Nein." „Hast du etwas von Richard Wardour gehört oder gesehen?" „Welche sonderbare Frage!" „Beantworte meine Frage! Scherze nicht mit mir!" „Sei vernünftig, Clara. Ich habe von Richard Wardour Iveder etwas gehört noch gesehen. Glaube mir, der ist schon meilenweit fort." „Nein, er ist hier! Er ist in unserer Nähe! Die ganze Nacht hindurch hat mich das Gefühl verfolgt— Franz und Richard Wardour werden einander begegnen." „Mein liebes Kind, was machst du dir für Gedanken! Sie sind sich ja gänzlich fremd." „Es wird sie etwas zusammenführen. Das fühle ich! Das Iveiß ich! Sie werden sich treffen— es wird zum tötlicheu Streit zwischen ihnen kommen— und ich, ich trage die Schuld daran. Ach, Lucie, warum folgte ich nicht deinem Rat? Warum war ich wahnsinnig genug, Franz merken zu lassen, daß ich ihn liebe? Gehst du an den Landuugsplaz? Ich bin fertig— ich muß mit dir gehen." „Nein, Clara, daran darfst du nicht denken. Dort wird viel Gedränge und Verwirrung sein. Du bist heute nicht kräftig genug, um das zu vertragen. Warte, bis ich zurückkomme, ich werde nicht lange ausbleiben." „Ich muß uud werde mit dir gehen! Gedränge? Er wird in dem Gedränge sein! Verwirrung? In der Verwirrung wird er den Weg zu Franz finden! Verlange nicht von mir, daß ich hier bleibe. Ich werde wahnsinnig, wenn ich hier warte. Ich habe keine ruhige Minute, bis ich Franz mit meinen eigenen Augen im Boote sehe, welches ihn seinem Schisse zu- führt! Du hast den Hut auf, warum zögern wir noch? Komm, oder ich gehe ohne dich. Sieh nach der Uhr, wir haben keinen Augenblick zu verlieren!" Es war nuzlos ihr zu widersprechen, Frau Crayford mußte »achgeben, und die beiden Damen verließen zusammen das Haus. Der Landuugsplaz war, wie Frau Crayford vorausgesagt hatte, mit Zuschauern dicht besezt. Nicht allein Verwandte und Freunde der Nordpolfahrer, sondern auch Fremde hatten sich zahlreich versammelr, um die Schiffe abfahren zu sehen. Claras Augen wanderten angstvoll zwischen den fremden Gesichtern der Menge hin und her, um das eine Gesicht zu suchen, welches sie zu sehen fürchtete und nicht fand. Ihre Nerven waren so gänzlich abgespannt, daß sie mit einem Schrek- teusnif zurückfuhr, als sie Franz's Stimme plözlich hinter sich vernahm. „Die Seemövenboote warten," sagte er.„Ich muß gehen, Geliebte. Wie blaß du bist, Clara. Bist du krank?" Sie antwortete nicht und fragte statt dessen mit wildem Blick und zitternden Lippen: „Ist dir etwas passirt, Franz? Etwas ungewöhnliches?" Franz lachte über die sonderbare Frage. „Etwas ungewöhnliches?" wiederholte er.„Nicht daß ich wüßte— nur daß ich im Begriff stehe, nach dem Eismeer zu fahren. Das ist allerdings etwas ungewöhnliches, sollte ich meinen— nicht wahr?" »Hast du seit gestern Abend mit jemand gesprochen? Hat dich irgend ein Fremder auf der Straße verfolgt?" Franz wandte sich mit vollem Erstaunen zu Frau Crayford: „Was iu aller Welt meint sie?" Frau Crayfords lebhafter Erfindungsgeist gab ihr im Augen- blick eine Antwort ein: „Glauben Sie an Träume. Franz? Natürlich nicht. Clara hat von Ihnen geträumt; und sie nämlich ist töricht genug an Träume zu glauben. Das ist alles— und nicht ivert ein Wort darüber zu verlieren. Doch man ruft Sie. Nehmen Sie Abschied oder Sie kommen zu spät zum Boote." Franz ergriff Claras Hand, und lange nachher— in den dunkeln Tagen und langen Nächten des Nordpols erinnerte er sich, Ivie kalt und kraftlos sie in der seinen gelegen hatte. „Mut, Clara! sagte er heiter.„Eines Seemanns Braut muß sich an das Abschiednehmen gewöhnen. Die Zeit wird schnell vorübergehen. Lebe wohl, mein Liebling! Lebe wohl. meine geliebte Braut!" Er küßte die kalte Hand und blickte ihr zum leztenniale— stir viele, lange Jahre vielleicht!— in das bleiche, schöne Gc- ficht.„Wie sie mich liebt!" dachte er.„Wie der Abschied sie schmerzt! Noch immer hielt er ihre Hand, und würde »och länger verweilt haben, wenn Frau Crayford nicht alle Zeremonie außer acht gelassen und ihn sanft fortgcschoben hätte. 31 Die Dcibcu Tauicil fvlgteii ihm durch die Menge und sahen ihn ins Boot steigen. Die Ruder tauchten ins Wasser; Franz schwenkte die Miize. Einen Moment später verbarg ein vor Anker liegendes Schiff das Boot vor aller Blicken. Sie hatten ihn zum leztenmale gesehen, bevor er seine Reise nach dem Eismeer antrat. „Kein Richard Wardour im Boot, kein Richard Wardour am Ufer," sagte Frau Crayford.„Laß dir das eine Lehre sein, meine Liebe. Sei niemals wieder so töricht, an Bor- ahnungen zu glauben." Claras Augen wanderten noch immer argwöhnisch zwischen der Menge hin und her. „Bist du noch immer nicht zufrieden?" fragte Frau Crayford. „Nein, ich bin noch nicht zufrieden," antwortete Clara. „Was, du schaust noch nach ihm ans? Das ist wirklich zu absurd. Hier kommt mein Mann. Ich werde ihn bitten, einen Wagen zu rufen und dich nachhause zu schicken." Clara zog sich einige Schritte zurück. „Ich will nicht stören, Lucie, während du von deinem Manne Abschied nimmst. Ich werde hier warten." „Hier warten! Wozu?" „Auf etwas, das ich noch sehen, oder etwas, daZ ich noch hören werde." „Richard Wardour?" .„Ja, Richard Wardour!" Ohne ein weiteres Wort wandte sich Frau Crayford ihrem Gatten zu. Claras Torheit stand außer dem Bereiche aller Gegenrede. Die Boote des„Wanderer" legten an derselben Landungs- stelle an, welche die Boote der„Seemöve" soeben geräumt hatten. Frcudenrufc aus dem Volke verkündeten das Erscheinen des Kommandeurs der Expedition. Kapitän Helding blickte rechts und links nach seinem ersten Lieutenant aus. Als er ihn bei seiner Frau fand, entschuldigte er sich auf's höflichste, daß er stören müsse. „Uebcrlassen Sie ihn einen Augenblick nur seinen Berufs- Pflichten, Frau Crayford, und Sie sollen ihn aus eine halbe Stunde wieder zurück haben. Die Nordpolexpedition, verehrte Frau, nicht der Kapitän ist zu tadeln, daß er Mann und Frau trennen muß. An Crayfords Stelle würde ich es den Jung- gesellen überlassen, die Nordwcst-Durchfahrt aufzufinden, und würde ruhig bei Ihnen zu Hause geblieben sein." Mit diesen Worten nahm er den Lieutenant einige Schritte beiseite; zufälligerweise in die Nähe der Stelle, auf welcher Clara stand. Der Kapitän sowohl als auch Crayford waren von ihren geschäftlichen Angelegenheiten zu sehr in Anspruch genommen, als daß sie Clara bemerkt hätten. Weder der eine »och der andere hatte die leiseste Ahnung, daß sie jedes ihrer Worte hörte. „Sie erhielten mein Billet heute Morgen?" begann der Kapitän. „Gewiß, Kapitän Helding. sonst würde ich jezt schon an Bord gewesen sein." „Ich werde sogleich selbst an Bord gehen." fuhr der Ka- pitän fort.„Ich muß Sie aber bitten. Ihr Boot noch eine halbe Stunde warten zu lassen. Sie können desto länger mit Ihrer Frau zusammenbleiben; darauf>var ich bedacht, Crayford. „Ich danke Ihnen herzlich. Kapitän. Ich vermute aber. es ist noch ein anderer Grund, welcher die gewöhnliche Ord- "ung umstößt und den Lieutenant am Ufer zurückhält, nachdem der Kapitän schon an Bord ist?" „Ganz recht, es hat einen anderen Grund. Ich ersuche Sie. einen Volontär zu erwarten, der sich uns soeben ange- schlössen hat." „Ein Volontär?" „Ja. Er will noch einiges ordnen und in einer halben stunde hier sein." „Da? ist ei» ziemlich plözlichcs Uebereinkommen, nicht wahr i „Ohne Zweifel. Sehr plözlich." „Und— verzeihen Sie mir— es ist bei unserer äugen- blicklichen Lage eine ziemlich lange Zeit, eines Mannes wegen die Schiffe warten zu lassen." „Wieder sehr wahr. Aber ein Mann, der wert ist, ihn zu haben, ist auch wert, daß man auf ihn wartet. Dieser Mann ist sein Gewicht in Gold wert für eine Expedition wie die unsere. An jedes Klima und alle Strapazen gewohnt— ein kräftiger Bursche— braver Bursche— kluger Bursche— kurz, ein ausgezeichneter Offizier. Ich kenne ihn genau, sonst hätte ich ihn nicht genommen. Gestern erst kehrte er von fremden Diensten heim." „Wie? Und heute Morgen will er wieder mit der Nord Polexpedition fort? Sie sezen mich in Erstaunen!" „Ich glaub's! Sie können sich nicht mehr darüber tonn- der», als ich selbst, als er mich in meiner Wohnung aufsuchte und mir seinen Wunsch vortrug. ,Wie, mein Freund,' sagte ich, ,Sie sind ja eben erst heimgekehrt. Sind Sie nach wenig Stunden Ihrer Freiheit schon überdrüssig?' Seine Antwort frappirte mich. Er sagte: ,Jch bin meines Lebens überdrüssig, Herr Kapitän. Ich bin heimgekommen und gleich von einem Kummer empfangen worden, der mir fast das Herz bricht. Wenn ich nicht auf anderen! Boden und in harter Arbeit Zu- stacht suche, so bin ich ein verlorener Mann. Wollen Sie mir eine Zuflucht geben?' Das waren seine Worte, Crayford." „Veranlaßtcn Sie ihn nicht, sich deutlicher auszudrücken?" „Nein. Ich kannte seinen Wert und nahm den armen Teufel von: Flecke weg, ohne ihn weiter mit Fragen zu quälen; wozu auch? Die Tatsache spricht in diesem Fall für sich selbst. Die alte Geschichte, lieber Freund! Natürlich handelt es sich uni eine Frau V. Frau Crayford, welche so geduldig, wie ihr möglich, die Rückkehr ihres Mannes erwartete, fühlte plözlich, wie sich eine Hand auf ihre Schulter legte. Sie wendete sich um und er- blickte Clara, welche von Kopf bis Fuß zitternd vor ihr stand. „Was gibt es? Was hat dich so erschreckt, meine Liebe?" fragte sie besorgt. „Lucie! Ich habe von ihm gehört." „Wieder Richard Wardour?" „Erinnere dich, was ich dir gesagt habe! Ich habe jede Silbe von der Unterhaltung Kapitän Hcldings mit deinem Manne gehört. Ein Mann kam heute Morgen zum Kapitän, um sich als Freiwilliger für den„Wanderer" antverben zu lassen. Der Kapitän hat ihn genommen. Der Mann ist Richard Wardour." „Nicht möglich! Nein, nein, du irrst dich. Hörtest du Kapitän Helding seinen Namen nennen?" „Nein." „Woher weißt du dann, daß es Richard Wardour ist?" „Frage mich nicht. Ich weiß es so sicher, als daß ich hier stehe! Sie gehen zusammen fort, Lucie— fort nach dem ewigen Eis und Schnee. Meine Ahnung ist Wahrheit ge- »vorden! Die beiden werden sich treffen— er, der Mann, dem ich; mich verlobt und der, welchem ich das Herz gebrochen habe!" „Deine Ahnung ist nicht wahr geworden, Clara. Die beiden haben sich hier nicht getroffen und werden sich vor- aussichtlich nirgends treffen. Sie sind verschiedenen Schiffen zugeteilt, Franz gehört zur„Seemöve", und Wardour ziim „Wanderer." Sieh! Kapitän Helding ist fertig; mein Mann kommt. Laß mich Gewißheit erfahren; ich werde mit ihm reden." „Wilhelm, ihr habt einen Freiwilligen für den.Wanderer' bekommen?" rief sie, sobald Crayford zu ihr trat. „Wie! Hast du gehört, was der Kapitän mit mir sprach?" „Ich möchte seinen Namen wissen." „Wie in aller Welt war es dir möglich, unsere Worte zu hören?" „Sein Name? Sagte dir der Kapitän den Namen?" 33 eite 55.) „Rege dich nicht auf, liebe Lucic; sich' du erschreckst Frau- lein Burnhani in der Tat. Der neue Freiwillige ist uns völlig fremd. Hier steht sein Name— hier, der lezte auf der Schiffsliste." Frau Crayford nahm ihrem Mann die Liste hastig aus der Hand und las den Namen: ,, Richard Wardour." VI. Ade England! Ade all ihr bewohnten und zivilisirtcn Re- gioncn der Erde! Zwei Jahre waren vergangen, seit die Reisenden das Heimat- liche Ufer verließen. Das Unternehmen war fehlgeschlagen— die Nordpolexpcdition verloren und von Eis umschlossen in der Polarwüste. Die guten unter Eis begrabenen Schiffe„Wan- derer" und„Seemöve" werden niemals wieder auf den spielen- den Wellen des Wassers schaukeln. Das leichtere Holz der beiden Schiffe hatte zum Bau von Hütten auf dem nächsten Lande gedient. Das größere der beiden Gebäude, welche die verlorenen Leute jezt beherbergten, bewohnten die noch lebenden Offiziere und Mannschaften der„Seemöve". Auf der einen Seite des Hauptzimmers waren die Schlafräume und der Herd. Auf der anderen Seite fiihrte eine breite Ocsfnung, welche ein Stück Lein- wand verschloß, nach einem anderen Raum, der den höheren Offizieren zugeteilt war. Eine Hängematte hing zwischen den rohen Sparren des Zimmers als ein Extrabett. In dieser schlief, von den Betten völlig bedeckt, ein Manu. Am Feuer saß ein zweiter, der vermutlich Wache halten sollte, halb ein- geschlafen. Hinter ihm stand ein altes Faß, welches als Tisch diente; darauf stand augenblicklich ein Mörser und eine Schüssel voll trockener Tierknochen. In klaren Worten: das Mittagessen des heutigen Tages. Als Verzierung der einförmig braunen Wände hingen Eiszapfen von den Spalten der Balken herab und glizertcn zuweilen in dem rötlichen Feuerschein. Kein Wind pfiff draußen um die einsame Wohnung— kein Ruf eines Vogels oder Vierfüßlers war zu vernehmen. Innerhalb wie außerhalb herrschte das grauenhafte Schweigen der Polaröde— augenblicklich durch nichts unterbrochen. tJurtjczuHg jolgt.) Die russischen Inden in den Gegenden der schlimmsten Jndcnhezen und die jüdischen Ackerbaukolonicn. Von K. Lübeck. (1. Fortsczung.) Eines der Hauptzweige des jüdischen Handels ist das Ge- treidegeschäft, doch auch hier findet eine Teilung niit den Christen statt. Welchen Umfang dieses Geschäft besizt, das lehren fol- gende Zahlen: Nach den Berichten des odessaer Hofmaklers befanden sich im Jahre 1880 in den Händen der Exportcure 341 000 Tschetwert, bei den Kommissionären und Spekulanten 715 000, bei den Müllern, die fast durchweg Juden sind, 104 000, zusammen also 1 160 000 Tschetwert. Der Getreide- umsaz beträgt jährlich ungeheuere Summen. Den Tschetwert nur zu zehn Rubeln gerechnet(er steigt bis auf 14 und darüber) ergibt sich der Wert des allein in Odessa lagernden Ge- treides auf 20 Millionen Rubel. Die Zahl der Export-Komp- toirs ist zwischen den Juden und den Angehörigeck anderer Konfessionen ziemlich gleich verteilt. Hinsichtlich des Umfangs des Umsazes jedoch darf das Uebergewicht der lezteren ange- nommen werden. Die Müller, welche das Getreide zum Lo- kalverbrauch verarbeiten, sind ausschließlich Juden. Den lez- tercn gehört auch das Gros der Kommissionäre an, die auf die Dörfer und Güter gehen und den Landwirten den bestmöglichen Absaz des Getreides gegen eine bescheidene Provision sichern. Im Verkehr zwischen den Kommissionären und Landwirten herrscht bemerkenswerter Weise das außerordentlichste Vertrauen; ohne irgendwelche Sicherheit gibt der Landwirt das Getreide dem Konimissionär und überläßt ihm getrost dessen Verwertung gegen eine Provision. Zu erwähnen bleiben die kleineren jü- dischen Spekulanten, welche das Getreide beim Bauern an Ort und Stelle kaufen und es auf dem Markte so teuer als mög- lich loszuschlagen versuchen. Sie sind es, die wesentlich das Getreidegcschäft beleben und hohe Preise erzengen, die ebenso- sehr den Händlern als auch den Produzenten zu statten kommen. Beim Gctreidegeschäft in Südrußland können mehr als anderswo ungeheuere Summen gewonnen, aber auch ebenso leicht verloren gehen, da die Landwirtschaft in ihren Erträgnissen unberechenbar und durchaus vom Klima abhängig ist, das bald in außer- ordentlichster Hize bald in endlosen Regenperioden sich äußert. Wir haben die Juden in den verschiedensten Berufszweigen angetroffen-, als Handwerker. Industrielle und Kaufleute. Ueberall taten sie dasselbe, was die Christen auch tun, was allen Be- wohnern des Czarcnreichs zu tun erlaubt ist. Sie waren sogar stärker als die Christen im Handwerk und in der Industrie vertreten. Wir fanden bis dahin nichts, was sie in den Augen ihrer christlichen Mitbürger besonders gehässig und verächtlich machen könnte. Ihre Tätigkeit paßte überall in den Rahmen der landwirtschaftlichen Produktion hinein und diente ihr. Von einem speziellen jüdischen Parasitentum kann bei dieser Sach- läge nicht die Rede sein. Ist das Maß der konfessionellen Beteiligung an der Produktion auf dem Gebiete der Industrie, des Handwerks und Handels anzulegen, so wird der Vergleich zwischen Juden und Christen sicher nur zu Gunsten der Juden ausfallen. Wollten wir vom Standpunkt einer höheren Moral urteilen, so kämen wir wohl zur Verurteilung der Gesammt Wirtschaft; zwischen den spekulativen Russen und den Juden aber ließe sich kaum ein großer Unterschied machen. Ein jeder, gleichgiltig ob er Jude oder Christ ist sucht aus seiner Wnare, seinem Arbeitsprodukte, den höchsten Preis zu ziehen. Das ist im heutigen Wirtschaftssystem ja natürlich; wer es anders macht, der ist in den Augen des Volkes ein Träumer oder Dummkopf, dem es recht geschieht, wenn er auf keinen grünen Zweig kommt. Diese alltägliche Verkehrsmvral überhebt uns der Notwendigkeit, nach irgend einem moralischen Maßstabe zu suchen. Es ist übrigens in anderen Gouvernements vorgekommen, daß die Juden aus einzelnen Städten vertrieben wurden, weil die christliche Konkurrenz sich im Handel, im Handwerk und in der Industrie beeinträchtigt fühlte. In Cherson fehlt es an einer jeden Aeußerung in dieser Richtung. Man könnte annehmen, daß die großen Gewinne in der Getreidcspekulation den Neid der Bevölkerung erweckt hätten. Bei allen Judenhezen ist als Motiv aber auch nicht ein einzigesmal die jüdische Getreide- spekulation oder der jüdische Holzhandel oder irgend ein anderer jüdischer Berus geltend gemacht worden. Die Inden wurden vielmehr verfolgt— weil sie Juden waren, und man demolirte ihr Eigentum, plünderte ihre Habe, schlug, mordete sie. ohne bezuglich ihres Berufs irgend einen lluterschied zu machen. Daß die christlichen Plünderer sich vorzugsweise auf die Brannt Weinschenken warfen, das hat wohl wesentlich darin seinen Grund, daß sie dort dasjenige fanden, was ihrem bentegierigen Herzen am meisten zusagte. Wie wenig der jüdische Branntweinhandel aber die Hezen beeinflußte.' das zeigt der Umstand, daß ja euch e.� JW zerstört wurde, in dem sich nicht eine einzige jüdische Schänke befand. Wir haben nun allerdings eine jü- biicljc Bcrufsklasse»och nidit in Erörterung gezogen, diejenige der jüdischen Wucherer. Kredit sucht der Bauer, der mit seinem ?lcker nicht ausreicht und Staatsbodcn pachten will. Mit Dar- lehensgcschäften, d. h. mit Wucher, befaßt sich im Torfe selbst der russische„Kulaki"(der sich gewaltsam bereichert) und der „Mirojet",(Gemeindeauffresser, Dorfausbenter), und was die christlichen Wucherer sonst noch für Namen haben. Außer diesen betreiben die Juden und Gutsbesizer Geld- und Wuchergeschäfte. Der Großbauer oder Gutsbesizer borgt dem Bauern zur Pacht von 3 Deßjätinen etwa 10 Rubel mit der Verpflichtung, ihm an Stelle des Zinses 1 Deßj. Korn und 2 Deßj. Heu einzuarbeiten. Das Geld selbst ist in der Regel im Herbste zurück- zuzahlen. Erfolgt die Rückzahlung nicht, dann sichert sich der Gutsbesizer die gleiche Arbeitskraft auch für das nächste Jahr unter 1)en gleichen Bedingungen u. s. w. So geraten die Bauern in Abhängigkeit, weil sie fast niemals Gelegenheit haben, das Geld bis zu dem Zeitpunkt zurück zu erstatten, wo der Bauer wieder Geld braucht, zur alten Schuld also eine neue hinzufügen muß. Die von ihm als Zins beanspruchte Arbeits- lcistung repräscntirt zur Erntezeit, wo die Arbeitskräfte rar sind, den Wert von etwa 12 Rubeln. Das teilt ein Guts- besizer im offiziellen„Berichte der Enquöte- Kommission über die Lage der Landwirtschaft"(Beilage 6) mit. Es ist noch eine andere Mctode im Gange. Ter Bauer wird im Herbste für den ganzen nächsten Sommer als Arbeiter gemietet. Der Lohn beträgt 30— 40 Rubel, und darauf erhält er einen Vor- schuß, der ihn, Dank seiner bedrängten Lage, fest bindet. Wäre er ein freier Arbeiter geblieben, dann hätte er seine Arbeits- kraft ganz anders verwerten können. Der einfache Tagelöhner erhält in der Heu- und Erntezeit täglich 1— 2 Hz Rubel Lohn. Tie ganze Enitezeit gerechnet, die auch das Dreschen mit ein- schließt, würde er wohl 100— 120 Rubel verdient haben, vor- ausgcsezt natürlich, daß die Ernte günstig war. Der Jude, an den sich der Bauer wendet, verleiht das l�eld für 10"/# monatlich. Er gibt es baar, und der Bauer verpflichtet sich nun, ihm das Tarlehen nebst 10#/« pro Monat Gestalt von Getreide nach Ablauf der Tarlehcnszcit(acht Monate) zurückzuerstatten. Für die ganzen acht Monate würde �er Jude also 80"/«, für das ganze Jahr 120°/o verdienen. Dos ist allerdings enorm, doch halte man den bäuerlichen und üntshcrrlichen Wucher dagegen, und mau wird ihn nicht schlimnier nls den christlichen finden. Es gibt noch eine sehr gebräuch- �che Art des Kreditnchmens, die unsre Darlegung ergänzen mag. Der Bauer erbittet vom Gutsbesizer Land(3 Deßjätinen); er fihalt es unter der Bedingung, daß er dem Gutsbesizer ein Drittel der Ernte abliefert. Die Pacht einer Deßjätine, die 'm Durchschnitt 3 Tschetwert Getreide liefert, kostet etwas über � Rubel, die drei Deßjätinen also ca. 10 Rubel. Eine Deß- iMiie liefert 3 Tschetwert Weizen und ein Tschetwert kostet im Durchschnitt 14 Rubel; für den Pachtwert von 10 Rubeln erhält der Gutsbesizer also 42 Rubel oder mehr als 400 0/o. Es wird die Ertragsfähigkcit des Bodens schwanken, auch der Getreidepreis wird disscrircn, im Grunde aber wird die unge- heuere Prozentziffer ziemlich die gleiche bleiben. Auf welcher Tnte nun die größere Bedrückung zu suchen ist. der größere Wucher, das liegt klar zu Tage. Bezeichnend für die Lage der Bauern ist.'daß von 70000 Deßj. gutsherrlichcm Boden nicht weniger als 19000 Deßj. den Bauen, gegen ein Drittel des Enitcertrages(42 Rubel für die Deßj.) verpachtet sind. Ein Pachtwert von ca. 58 000 Rubeln trägt jährlich 2 426 000 Rubel ein. Da verlohnt es sich. Großgrundbesizer zu sein. Zur Zeit der ärgsten Leibeigenschaft hat dieser Acker schwerlich wviel abgeworfen. Wie man sieht, liefert auch der jüdische Wucherer ke.ne Er- klärung für den Haß der Bevölkerung gegen die Juden, es wäre denn der. daß der Bauer die Abhängigkeit von seinem Alten Ausbeuter leichter erträgt als die jüdische,-ra sich die Abhängigkeit bei Christ und Jude aber in Tschetwert, also in Zahlen, äußert, die ja sprechend find, dürfte diejenige vom en Wucherer doch lange nicht so drückend sein, al? vom christlichen. Wenn man ganz unbefangen die Verhältnisse erwägt, kann man als Motive der Judenhezen nur die im Eingange angedeuteten entdecken. Religiöse Verhezung, systematische Miß- Handlung durch die Regierung, die durch Gesez begründete schimpfliche Ausnahmestellung, die Verlästcrung der Juden als Baueniausbeuter— all das läßt die Inden in den Augen der Menge als vogelfrei erscheinen. Es mag wohl noch ein anderer Moment einwirken, und das ist die stetige Verschlimmerung der Lage der Bauern, die Ueberzeugung derselben, rettungslos dem wirtschaftlichen Ruin verfallen zu sein. Der Großbetrieb der Landwirtschaft nimmt von Jahr zu Jahr größere Dimensionen an, und je mehr dies geschieht, desto mehr versinkt der Bauernstand und verschwindet er. Nicht umsonst nimmt der Schänkenbesuch der Bauern zu. Sie haben längst schon ihren wirtschaftlichen Halt verloren und damit auch den moralischen. Im Branntwein- genuß finden sie ihren Trost und in Juden- und Deutschenhezen wohl ein Stück sittlicher Genugtuung für das unverschuldete eigene Geschick. Es fällt nicht schwer, in den Judenhezen ein erstes Tonnergrollen schwerer gesellschaftlicher Katastrophen zu erblicken, deren dunkles Gewölk bereits den politischen Himmel Rußlands bedeckt.— Eine verständige und wahrhaft volkstüm- liche Regierung fände hier auf den verschiedensten Gebieten reiche Arbeit. Außer etwa 50000 Deßj. Waldboden besizt die Krone im Gouvernement Cherson allein 346 000 Deßj. Getreideboden. Sie könnte hier den landwirtschaftlichen Betrieb, die Mühlen, den Holz- und Getrcidehandel monopolisircn und dabei unge- heitre Summen, die jczt in die Taschen einzelner fließen, für den Staat gewinnen. Eine solche Wirtschaft böte leicht Ge> lcgenhcit, den Hungernden und Darbenden Arbeit zu geben und so manche Quelle des Klasscnhasscs zu verschließen.— Wenn man sich erinnert, wie enorme Summen die russische Krone aus dem Branntweinmonopol gezogen, wie sie mit List und Gewalt die Bauern zum Trinken gezwungen— um ihre Branntweineinnahmen zu steigern, dann könnte man fast versucht werden, das Staatsmonopol als das Mittel hinzustellen, die drohenden sozialen Gewitter, die über Rußland sich zusammenziehen, ab- zuleiten und zugleich damit die Judenfrage durchgreifend zu lösen.— Aber wer wird naiv genug sein, anzunehmen, daß die russische Krone bei der monopolisirten Wirtschaft nun auch dafür sorgen wird, daß die zum großen Teil in permanentem Notstand lebenden Bauern sich gehörig satt essen können. Wenn das er- zielt werden könnte, so läge darin jedenfalls ein ungeheurer Fortschritt gegenüber dem heutigen Zustande, bei dem zu Spckn- lationszwecken in einer einzigen Hafenstadt für 20 Millionen Rubel Getreide aufgespeichert ist, während hunderte und taufende von Bauern, Produzenten dieses selben Getreides, am Hunger- tuch nagen und im Elend verkommen. Wie erfolgreich ließe sich auch die Branntweinpest bekämpfen! Man gebe den Bauern genügende Nahrung, und der Trieb, ins Wirtshaus zu gehen, wird von selbst eiugedänimt werden. Ein leerer Bauch studirt nicht gern, und der Hungrige kümmert sich nicht um die Sitten- geböte. Man sorge für ausreichende Ernährung, und die Moral wird wieder Wurzeln fassen, das Menschentum erwachen und die Sittlichkeit sich kräftigen. Doch niemand wird im Ernste von der russischen Regierung eine solche Politik erwarten. Sic würde jedenfalls einfach in die Fußstapfen der Spekulanten treten und so viel als möglich Geld und immer wieder Geld aus dem Monopol herauszu- schlagen versuchen. Böte der auswärtige Markt vorteilhafte Verkaufsofferten, so würde sie verkaufen, ganz unbekümmert um das Elend im Lande. Es würden vielleicht noch schlinimere Zustände, als sie jemals dagewesen sind, entstehen und Not und Knechtschaft statt ab- zunehmen, ein gewaltiges Wachstum er- fahren. Man denke sich, welch' ein Zustand plazgreifen würde, wenn das korrumpirte, habgierige und gewissenlose russische Be- amteutum zur Ausführung des Staatsbetriebes berufen würde, oder ausgediente Gardcoffiziere, Unteroffiziere und Militäran- wärter aller Art im Wirtschastsapparate Verwendung fänden! Jede Freiheit und Selbständigkeit würde da zerstampft werden, ein furchtbares Knutenregimeut entstehen und die Ernährung des Volkes sicher eine viel schlechtere werden, als sie es heute ist. Tie Vanern würden jedenfalls noch ärger hungern, als sie es je�t schon tun müssen. Bon staatlicher Seite ist keine Verbesserung der Zustande p erwarte»; die Rggierung hat keinerlei Interesse daran, die Judenfrage rationell zu löse»; zu irgend welchen durchgreifenden volitischen und wirtschaftlichen Zieformen besizt sie auch tveder das erforderliche Verständnis noch die zur Durchführung derselben notwendige Macht. So wird der Zustand d»r Unsicherheit sich so lauge erhalten, bis der Despotismus in Rußland sein Ende gefunden und ein tiefgehender Sittenumschwung plazgegriffen hat. Es wäre verhängnisvoll, wollten die Juden in der Zwischen- zeit die Hände untätig in den Schoß legen. Die Hezen sind für sie selbst eine Mahnung, im eigenen Kreise Umschau zu halten und Anstoß erregende Mißstände zu beseitigen, so weit dies im Bereiche ihrer Macht steht. In der Regel sind gute und schlechte Erscheinungen im Gesellschaftsleben ein Ausfluß desselben, und der einzelne bemüht sich scheinbar vergeblich, da- gegen anzukämpfen. Doch schon der Versuch des einzelnen bleibt nicht ohne eine gewisse erregende Rücktvirkung auf das ganze, ans die Gesammtheit, und wenn die Juden nichts weiter damit erzielten, als höhere Achtung seitens ihrer christlichen Mitbürger. so wäre ein solches Ziel des energischsten Strebens schon wert. Im folgenden sollen die Leser mit einem interessanten Emanzipationsversuche der Inden bekannt gemacht werden, über dessen Ursprung und Verlans nur wenig bekannt geworden ist, der aber insofern große Bedeutung besizt, da er uns die Juden in der Ausübung des schwersten Berufs, des landwirtschaft- liehen, zeigt, und uns gestattet, die wichtige Frage ihrer Bc- sühigung zum Ackerbau zu beantworten. Im Gouvernement Cherson finden wir eine ganze Reihe jüdischer Kolonien. Nach der Angabe der statistischen Kommission vom Jahre 1879 wohnten in den Bezirkskreisen des Gouvernements Cherson 2323, in den nicht etatmäßigen Städten 711 und auf dem Lande selbst 22 909 jüdische Kolonisten. Aus 21 von diesen Kolonien liegen aus dem Jahre 1877 eingehendere Nachrichten über die Bevölkerung vor. Danach erhielt die größte derselben, Jnguleh, 1050 männliche und 944 weibliche Bewohner. Es folgt die Grvß-Seidemenucha mit 1042 männlichen und 992 weiblichen, Bobrovy-Kul mit 1019 männlichen und 930 weiblichen, Neu-Poltewka mit 9G4 männlichen und 937 weiblichen, Dobra ja mit 849 männlichen und 750 weiblichen Bewohnern. Die kleinste Kolonie war Gromalleja mit 176 männlichen und 154 weiblichen, und Kleiu-Nakartvw mit 130 männlichen und 127 weibliche» Bewohnern. Es sind diese Kolonien, wie schon bei früherer Gelegenheit erwähnt, nicht die einzigen jüdischen in Rußland. Wir finden solche auch in Polen mit einer ackerbautreibenden Bevölkerung von 28391 Seelen; in den Gouvernements von Südrußland befinden sich zusammen 85 Ackerbaukolonien mit 26 396 Seelen und 206 603 Teßj. Land.(Rust*. Staatswörterbuch, II. Bd. „Juden.| In Kiew, Bolhynien, Pvdolien gab es 1869 zu- 1'imnie» 56 Kolonien, die von 20,665 Juden bearbeitet wurden. l Arbeiten der ethn.-statisiischen Expedition, Bd. 7, pag. 186 us 188.) In Weiß- und Kleinrußland besizen die Juden große landwirtschaftliche Niederlassungen mit regem Betriebe. .ylerz» treten die jüdischen Bauern in Kaukasien und Trau? anlasten._ Tie Gesammtzahl der jüdischen Ackerbaubevölkening wurde an, 100000 veranschlagt � ssxctä wegungen, ihrem ganzen Austreten durchau: Bauern gmorbe» llnb, die in ihrem Be,en schon den Beweis bastir liefere baß die Juden, wie für lede» Beruf, so auch für den schwersten, für den landw.rt,cha,tl.chen. wohl geeignet sind.- Vielleicht aber könnte das äußere täuschen.— So gehe man in die blühenden deutschen Musterkolonien, deren Bauern die vorzüglichsten Land- Wirte sind und frage sie, wen sie am liebsten als Feldarbeiter engagiren. Die Antwort wird sicher lauten:„Die Juden". Tatsächlich werden die jüdischen Feldarbeiter von ihnen allen anderen vorgezogen, weil sie fleißig, intelligent und in ihren Ansprüchen die bescheidensten sind. Wie die deutschen Bauern und Gutsbesizer, so bedienen sich ihrer mit Vorliebe auch die bulgarischen. Die alte Garde, welche die Kolonien ins Leben rief, sie ist schon lange vom Schauplaz ihres landwirtschaftlichen Wirkens abgetreten, richtiger wol, in den schweren Stür- men, welche über die Kolonien hinweggebraust sind, verloren gegangen. Die Bauern, welche gegenwärtig die Kolonien be- Völkern, sie bilden einen jungen Nachwuchs. Es sind trübe Schicksale, welche den Kolonien und Kolonisten hier beschieden waren, Schicksale, die in den rosigen Geburts- stunden der Kolonisirungs-Jdee niemand voraussehen konnte! Man will die Entstehung einzelner Kolonien bereits in das vorausgegangene Jahrhundert, namentlich in die Zeit versezen, wo die Zeparoyschen Kosaken ans ihren alten Gebieten ver- trieben wurden. Tie Gründung der Kolonien Neurußlands aber fällt jedenfalls in den Anfang unseres Jahrhunderts, wo eine mächtige ideale Strömung die jüdische Welt des russischen Zarenreichs bewegte. Ein heißes Sehnen nach Beendigung der Knechtschaft, nach Freiheit und Elleichberechtigung mit den christ- liehen Russen erfüllte damals die Herzen aller intelligenten Juden. Ein gewaltiger Schritt auf der Bahn der Entwicklung der jüdischen Bevölkerung sollte geschehen, die äußere Scheidewand zwischen Juden und Christen fallen— soweit dies im Bereiche der Möglichkeit lag. Die Juden konnten nicht die Höhe der Gesellschaft erklimmen, das Venvehrte ihnen das Gesez ihrer Gegner; aber hinabsteigen konnten sie zum Volke, aus die gleiche Stufe mit den im Schweiße ihres Angesichts arbeitenden Baueni sich stellen— bei denen man damals die aus der höhereu ins- fischen Gesellschaft längst schon entflohene Rechtlichkeit und Sitt- lichkeit suchen zu dürfen glaubte. Das wollten die Juden, das dachten und träumten ihre edelsten Geister, und in hoher Be- j geisterung für die Idee predigten sie das Verlassen des Hau-| delsberufs und die Zuwendung zur Landwirtschaft. Es war damals ein großer Zeitabschnitt in der jüdischen Geschichte voll weihevoller Stunden, in denen die Juden das Morgenrot einer glücklichen Zukunft am Lebenshorizonte sich erheben sahen, einer Zukunft, die keine jüdischen Knechte, keine Verachteten und Ver- fluchten mehr kannte, die vielmehr dem erbarmungslos gehezte» Wilde der Christen ein freundliches Heim, ein geschüztes, gesichertes Asyl, ein menschenwürdiges Leben gewährte. Wie fieberhaft bewegt war doch diese Zeit, wie erfüllt von heiligen j Wünschen und glühenden Hoffnungen! Es ist von jeher ein erhebendes Schauspiel gewesen, wenn ein Volk seine ganze Lebenskraft für seine Freiheit und sein Menschentum eiusezt. Voller Interesse waren denn auch in jenen Tagen die Blätter I des Westens den russischen Inden zugewendet, die durch die schwerste Arbeit die Achtung der Christen, das Anerkenntnis I der Gleichberechtigung und Ebenbürtigkeit sich erringen wollten. 1 Tie Anregung fiel auf fruchtbaren Boden, und weite Kreise fanden sich, die mit der Vergangenheit brachen und den ersten I Schritt zur Emanzipation tun wollten.— Vergeblich erhoben die Rabbiner, die der drohende Verfall der jüdischen Gemeinden erschreckte, abmahnend ihre Stimme; sie vermochten gegen die| allgemeine Strömung nicht aufzukommen. Tie Juden ginge» rasch an's Werk. Von der Regierung begünstigt, entstanden i» den verschiedenen den Juden erschlossenen Gouvernements Acker- I baukolonien. Männer, die in schriftstellerischer Tätigkeit ergraut waren, wurden Bauern, und gaben ihren Glaubensgenossen ei» zündendes Beispiel. Es ist rührend, die Geschichte jener Tage zu durchblätter» iinb dabei zu wissen, daß diesen Frühling ein eisiger Reif ereilte, der alle seine buntschillernden Blüten mit rauher Hand vernichtete. �Schluß solgl.l KM5-W5S l'tischen Drn- nias geworden 'ß, das den europäischen Frieden zu er- schüttern drohte, Egypten. hat eine Be- völkerung, die sich als ein Gemisch ans verschiedenen Nationen dar- stellt. Bemer- ken wir zu- nächst etwas über den Na- men des Lau- des. Derselbe 'st griechischen Ursprungs, aber von un- gewisser Bedeutung. Er stndct sich schon bei Homer und Ktvar nicht nur für das Land. sondern«och öfters für den Nilfliiß(bereift bei Hcsivd Reilos heißt). •�•e einheimische Benennung. wie sich ausdenHiero- glyphen er- lstöt, ist Kenic °der Kam. woher der Name Chan. abzuleiten ist den die Bibel- fage zum Stammvater der Egyptcr wacht. Das <8ort bedeutet .schwarz'. SUme heißt also.das schwarze Land' Md �war nicht wegen der dunklen Hantfarbe der Einwohner, denn diese war o braun, sondern wegen der schwarzen Erde, welche vom Nil angeschwemmt, den fruchtbaren Talbodcn von der angrenzenden, endend hellen Wüste, auffällig unterscheidet. Die Hebräer wnntcn das Land Mizraim, Dualform von Mazor, welches ...wt Grenze, Gebiet, Land bedeutet; der Dual will die Zwei- ''S'eit in Ober- und Untcregyptcn bezeichnen. Bei den Arabern heißt das Land noch jezt Masr.— Die Bevölkerung des alten Egyptens betrug nach priesterlichen Angaben unter den Phara- oncn gegen 7 Millionen, die in mehr als 18(10() Städten und größeren Ort- schaftcn wohn- ten. Unter Amasis soll nach H e r o- bot die Zahl der Städte so- gar 20 000 ge- Wesen sein und nach Diodor wurden unter dem ersten Ptolcniäer 30000 Orte gezählt. Jo- scphus zählt zu Nervs Zeit 7' 2 Millionen Einw. ohne die Bevölkerung Alexandriens, diezuDivdors Zeit 300 000 betragen haben soll. Die Gesamnitzahl der Bewohner des heutigen Egypten gibt Rögny in der nach offiziellen Dokumenten bearbeiteten Ltatistigue de l'Egypte von 1871 auf 5185293 an. Trvz wiederholter Fremd- Herrschaft und zahlreicher Einwau- dcrung, näm- lich altsemi- tischer(Hyk- sos), per- sischer, grie- chischcr und römischer im Altertuni, ara- bischer seitdem zweiten Drit- tel des 7., tür- kischer seit dem Beginn des Iii. Jahrhun- derts, bildet den Grundstock der Bevölkerung auch noch gegenwärtig die cgyp- tisch-koptische Rasse. Man zählt gegen 3 lk Millionen Fellahs, denen sich 300000 Kopten, 400 000 Beduinen, 60000 Türken, 88000 Franken, Zigeuner:c. anschließen. Die Kopten sind Abkömn.linge der alten Egyptcr, welche vornehmlich in Oberegypten verbreitet und obwohl zufolge Vermischung mit andern Völkern verändert, doch noch den alten Abbildern ihrer Vor- fahren in den Hauptzügen ähnlich sind. Die kvptischc Sprache stammt von der altegyptische», wird aber jezt nur noch in der Liturgie gebraucht, nur von wenigen verstanden und garnicht mehr gesprochen. Die Religion der Kopten ist christlicher Mono- physitismus(welcher nur eine Natur in der Person Christi an- nimmt); sie haben einen eigenen Patriarchen mit Priestern. Tie übrige christliche Bevölkerung Egyptens besteht aus Armeniern und ortodoxen Griechen, welche ihre eigenen Kirchen, Klöster und Gottesdienste haben. Verschiedene Missionsgesellschaften, welche ani Nil zahlreiche Stationen eingerichtet haben, wirken für die Ausbreitung des Christentums. Fellah, d. h. Pflüger, Ackerleute, werden die ackerbautreibenden Landbewohner oder die Bauern in verächtlicher Weise von den Städtern genannt, ob- gleich dieselben den eigentlichen Kern(drei Vierteile) der Bcvöl- kernng des Landes bilden. Ter physische Typus der Fellah, durch ganz Egypten ein und derselbe, bekundet noch deutlich die Abstammung derselben von den alten Egyptern der Pharaonen- zeit, nur daß sie seit dem 7. Jahrhundert unter der arabischen Herrschaft den Islam und die arabische Sprache annahmen. Auch hat der harte Druck und die verächtliche Behandlung, welche sie 12 Jahrhunderte hindurch von ihren Gebietern ertragen mußten, auf Karakter, Sitte und Lebensweise nachteilig cingelvirkt. Ter Körperbau des Fellah ist bei einer durchschnittlichen Statur von 5—6 Fuß stark und kräftig, grobknochig und derb, im ganzen mehr sehnig und muskulös als fett und dick. Das runde und breite Gesicht zeigt eine schmale, niedrige Stirn, große, schwarze, langgeschnittene Augen, stark nach außen vortretende Backen- knochen, einen großen Mund niit dicken Lippen und meist vor- trefflichen Zähnen. Ter Schädel ist oval und länglich, der Gc- sichtswinkel beträgt selten über 85, fast nie unter 75". Der Hals ist kurz und dick, die Brust stark gewölbt, die Schultern sind breit, Häiide und Füße verhältnismäßig klein, Arme und Beine kräftig und wvhlgcformt, Kopf- und Barthaar zeigen sich gewöhnlich schwarz, jenes mehr, dieses weniger dicht, grob und leicht gekräuselt. Ter Bart tritt spät hervor und ist fast nur Kinnbart. Die Hautfarbe ist braun in verschiedenen Schal- lirungen aus dem Gelbbräunlichen in das Rötlichbraune hinüber- spielend. Im Gesichtsausdruck, der apatisch, gutmütig, derb, prägt sich neben stumpfsinniger Roheit doch auch Verschlagenheit aus. Das Weib ist häufig von hellerer Farbe, kleinerer Statur und zarteren Formen. In der Jugend hat der weibliche Gesichtsausdruck etivas anmutiges, die Körperbildung ist in der Regel sehr schön und von antikem Ebenmaß, und das junge Fcllahwcib unseres Bildes mit dem allerliebsten Knaben aus der Schulter könnte man fast für eine Raphael'sche Madonna halten. Das Alter dagegen verwüstet die anmutigen Formen der Fcllahwcibcr ganz be- trächtlich und verwandelt sie oft zu wahren Schreckbildcrn. Als Ser Eine v e u e t i a n i s ch e N o v II. Spät noch in der vorigen Nacht, als schon die lezteu Abend- spaziergänger die„Piazza" verlassen hatten, suchte und spürte der Maler Camilla von Winter, nachdem er vorher angster- füllten Gemüts eine große Zahl Gassen und Gäßchcn durch- forscht, aus dem dann von mildem Mvndlicht zauberhaft über- gossenen Plaze hin und her und gönnte sich erst, als er sah, daß heute alle seine Mühe umsonst sein würde, soviel Ruhe, um an einem der kleinen Marniortische, die man bereits wieder hinwegzutragen im Begriff war. noch eine Sorbette Eis zu sich zu nehmen. Er tat es hastig, sprang wieder auf und eilte seiner in ziemlicher Entfernung von der Piazza San Marco gelegenen Wohnung zu. Er wohnte in dem Hause einer wohl- habenden, ihm von München her bekannten deutschen Familie Karaktcrfehlcr werden dem Fellah Geiz, Berschmiztheit, gemeine List und Lüge nachgesagt. Dagegen zeigt er Anhänglichkeit an Verwandte, Liebe zum heimatlichen Dorf und Ausdauer bei schweren Arbeiten. Seine Religion beschränkt sich auf mecha- nische Verrichtung der Gebete. Als Soldat erträgt er Stra- pazen und Mühsal mit Leichtigkeit, murrt nicht bei schlechter 'Nahrung und zeigt sich tapfer und unerschrocken im Gefecht. Die Dörfer der Fellah, die sich am Ufer des Nil und der Ka- näle hinziehen, sind elend und schmuzig und bilden einen von engen Gassen durchzogenen Anbau niedriger und fensterloser Lehmhütten, über die in größeren Orten nur die ebenfalls aus Lehm aufgeführten Moscheen und die etwas ansehnlicheren Woh- nungen der Scheikh-el-Beled oder Dorfschulzen emporragen. Die Fellah, bemerkt ein Etnograph, sind eine arme, verachtete, unter harter Arbeit und Abgaben fast erliegende Mcnschcnklassc, versunken in Schmuz nnd Stumpfsinn, ohne Grundbesiz und als leibeigen an die Scholle gefesselt. In etwas besserer Lage befinden sich die Fellahs in den Städten, welche Gewerbe und Kleinhandel treiben und öfters zu Wohlhabenheit gelangen. Ein ganz anderes Volk sind die Beduinen, in denen sich das Arabertum fast rein erhalten hat, und welche sich ihren heimischen Stolz auch auf egyptischem Boden zu bewahren gc- wüßt haben. In etwa 50 Stämme geteilt, führten sie während der ma- mclukischen Herrschaft größtenteils ein unstetes Räuberleben, stehen jezt aber in friedlichem Verkehr, und treiben hauptsäch- lich Biehhandel. Sic sind voll Mut uud Freiheitsstolz, mäßig und von guter Leibeskonstitution. Tic Blutrache uud Weide- streitigkeitcn führen oft zu blutigen Fehden unter ihnen. Sie heiraten nur unter einander und verabscheuen insbesondere die eheliche Verbindung mit Fellahs als eine Schmach. Sie be- kennen sich zwar zum Islam, aber ohne dessen Speisegeseze zu beobachten. Manche von ihnen leben vereinzelt in Höhlen und Felsklüften, oder auch nomadisirend, die meisten aber sind in Dörfern ansässig in der Stühe des Kulturlands, oder auf sau- digcn Strichen innerhalb desselben. Sic teilen sich in große Bnndesgenosscnschasten, an deren Spize mächtige Schecks stehen. Die Osmanen sind in Egypten dieselben wie allenthalben, in stolzem, gravitätischem Genuß der Herrschaft träger Ruhe hin- gegeben. Die Mameluken endlich, seit dem 13. Jahrhundert in Egypten einheimisch, sind ursprünglich als Sklaven von de» Kaukajusländern hereingekommen, bildeten dann die Truppen- macht der trägen Osmanen, nahmen aber nach uud»ach als Bcys die Zügel der Herrschaft in die Hand und dominirtcn den Staat, bis sie von Mcheincd Ali gestürzt wurden. Vor- herrschend bei der ganzen Bevölkerung ist die arabische Sprache, die selbst bei Hof die türkische verdrängt hat. Lt. e n a. l l e von jJt t a*"j!? 03 Ter.(1. Fow'czung.) und hatte im Parterre mit seiner kleinen Schwester ein mäßig großes, komfortabel, wenn auch einfach eingerichtetes Logis inne, während ihm ein geräumiger heller Pavillon, inmitten eines hübschen Gärtchens gelegen, als Atelier diente. Mit gespanntester Erwartung riß er, in dem Flur dieses Hauses angekommen, die Tür des Vorsaals auf, schritt, durch die Sorge um die Kleine auf das höchste erregt, durch mehrere größere Zimmer nach seinem Schlafgemach und dem daneben gelegenen der Schwester,— aber kein ruhiger Atemzug hauchte ihm entgegen wie sonst, kein goldblond umrahmtes, vom seligsten Frieden verklärtes Kiudergesicht lächelte ihn aus holdem Traume an; das Bett Adele's stand unberührt. Einen Augenblick laug blieb Camillo sinnend vor demselben stehen und ging dann lang- samen Schrittes den nämlichen Weg nach dem Schlafzimmer zurück. Nachdem er das Licht aiigeziindct, wandte er den Blick »ach dem mit allerhand Gewachsen besezten Blumentisch und überzeugte sich bald, daß die Pflanzen diesmal vor der Nacht nicht begossen worden waren, was sonst das Geschäft der Schwester zu sein pflegte— es konnte also kein Zweifel sein, Adele war nicht nach Hause gekommen. Tiese peinvolle Gewißheit ließ ihn die ganze Nacht hin durch keine Ruhe finden; er warf sich unruhig im Bett hin und her, und zu öfternmalen, wenn er draußen an der Tür des Vorsaals ein Geräusch gehört zu haben glaubte, sprang er auf und eilte hinaus, um dann in nur noch größerer Erregung zurückzukehren und die Morgenstunde heranzuwachen. Ach, wie lang eine solche Nacht ist mit ihrem schleichenden Gang, wie träge die Minuten verrinnen, wie melancholisch ein- tönig, ivie unerträglich teilnamlos der Glockcnschlag der Uhr den Verlauf einer Stunde kündet,— endlich einer, und endlich wieder einer. Und auch dieser Stacht folgte endlich der Tag. Camillo kleidete sich an und eilte hinaus, nm in dein Gärtchen hinter dem Hause die frische Morgenluft wohltätig auf sich wirken zu lassen, und kaum, daß es im ersten Stockwerk, wo der Besizer des Anwesens wohnte, lebendig wurde, schritt er auch schon hinauf, um zu fragen, ob die kleine etwa da übernachtet habe oder ob sie gestern in den Abendstunden überhaupt einmal nach Hause gekommen sei. Durch die Antwort, die man ihm gab, und die Uebcrraschung und den Schrecken, mit denen man sei- tnis dieser Familie seine Frage nach dem Verbleibe Adeles aufnahm, noch heftiger erregt, begab er sich schleunigst nach der Administration eines der gelesenstcn veuetianischen Blätter, um, sobald die Bureaux geöffnet waren, ein Inserat, in welchem er unter Angabe seiner Wohnung nm Auskunft über den Ver- bleib des Mädchens bat, zur Aufnahme in die nächste Nummer zu überreichen. Diese Nummer der Zeitung konnte erst gegen den Abend desselben Tages erscheinen, und mit peinvoll gc- spannter Erwartung sah Camillo der Ausgabe des Blattes entgegen. Dann irrte er wieder suchend in den Gassen umher, fragte bei diesem und jenem Freunde, bei deiicn er mit Adele zu- weilen verkehrt hatte, an, ob die Schwester etwa zu ihnen ge- kommen wäre, und ging erst kurz vor Mittag in seine Woh- »nng zurück. Als indes auch hier noch kein Lebenszeichen von Adele vorhanden war, verließ er dieselbe rasch wieder und be- gann seine Wanderung in der Stadt auf's neue. Bis zu Tode ermüdet kam er dann nach langem Suchen abermals zu Hause vu, seine einzige Hoffnung auf die in dem heute erscheinenden Blatt erlassene Nachfrage nach der Schwester sezend und nun- mehr entschlossen, ehe er weitere Schritte tat, das Erscheinen desselben abzuwarten____ Und wie vergnügt und selig Adele während all' dieser qnal- vollen Stunden des Bruders ivar! Sie hatte für die Stacht ein herrliches Zimmer mit präch- ligem Bcttchen gehabt und, müde von dem langen Gang am Abend und dem vielen Erzählen und Geplauder, hatte sie süß geschlummert wie immer und war munter und frisch erwacht. Hatte man ihr doch gesagt, daß man sie an diesem Tage, zu dessen goldenem Lichte sie heute die Augen aufschlug, wieder zu ihrem Bruder zurückbringen wolle— was Wunder, daß sie ihn sorg- los kommen sah?— Freilich dann, als sie sich vom Lager erhoben und das Frühstück, diesmal mit Serena allein, einge- «ommen hatte, war ihre erste Frage, wann man sie zu dem Bruder führen werde, und sie hatte sehr ungeduldig verlangt, baß es sogleich geschehen wöge. Aber wie man ihr versicherte, daß man den Bruder selbst hierher in den Palazzo dclla Sponda holen wolle und Serena ihr in dem traulichen Ge- '"ach, das sie selber bewohnte, allerlei niedliche Sachen von Porzellan. Glas und Marmor zeigte und dazu kostbares Spiel- zr»g aus den eigenen Kinderjahrcn. ließ sie sich gern aufhalten lind darauf durch alle die prächtigen Säle und Zimmer des Palastes nach dem großen schattigen morgenkühlen Garten hinab- führen. Was für eine Freude das nun war!— Diese spiegel- glatten, braun-schimmernden Edelkastanien, die am Wege lagen, diese großen, sanftschwellendcn Weinbeeren an den Spalieren und den Maulbeerbäumen, die prächtigen Oleander und schlanken Pinien, die schönen Agaven und Zwerg- und Stechpalmen, und, o, die herrlichen Narzissen und Hyazinten und all' die anderen stolzen, bunten, duftenden Blumen auf den Beeten— in den großen Treibhäusern die Oliven- und Feigenbäume, die Mandeln, Kakteen und Dattelpalmen, die Zitronen und Gold- orangen mit glänzenden, aus grünem Laub verlockend hervor- lachenden Früchten, und die Wassermelonen, die frischen zucker- süßen Wassermelonen!... Man brauchte nur überall die Hand auszustrecken und so hinzugreifen, um immer eine neue Kostbarkeit zu erlangen, so daß man sich in einer Stunde für ganze Tage hätte daran satt essen können. Und was für possirliche Tierchen, die kleinen Löwen-Affen in den nietallenen Käfigen — wie sie die Orangen so zierlich in den Händen hin und her zu bewegen wußten und mit seltsamen, wunderspaßigen Augen zwinkerten, die weißen, scharfen Zähne zeigend, den Kopf komisch bald dahin bald dorthin wendend und die Ohren spizcnd, an der süßen Frucht sich erquickten und mit allerlei Grimassen immer und immer wieder die Täzchen durch das blank gepuzte Gitter streckten, nach weiterer, frischer Labsal verlangend. Dann, als Adele und Serena ihnen nichts mehr hinreichten, da zogen sie sich verdrossen auf einen Ast im Käfig zurück, um, die struppigen Köpfe duckend, mürrisch, ach und doch noch immer gar so begehrlich mit den klaren, klugen Augen zur Seite zu schielen!— Adele hätte den ganzen Tag mit den reizenden Tieren spielen mögen..... Und wie in einem anderen Häuschen die bunten Papageien mit den breiten Schnäbeln nach dem Zucker schnappten, den ihnen Serena in ihrer feinen Hand hinhielt, und wie die nied- lichen Kolibris durcheinander schwirrten und alle die anderen fremdländischen Vögel mit goldglänzendem Gefieder girrend und kirchernd beisammcnsaßen, die Köpfe schläfrig in den Federn begruben oder stolz die niächtigen Schweife zu buntschillernden Rädern auseinander falteten!— Und dann die Goldfische— ja, die Goldfische!... Sie- standen alle still und reckten sich bis an die Oberfläche des Wassers in dem großen krystallenen Behälter, um die Brodkrumen aufzufangen, die Serena ihnen zuwarf; man sah ihnen an/ wie es ihnen schmeckte, so emsig bewegten sie die Kiemen und haschten immer wieder nach der Speise und schnappten und schlürften: mein Gott— dachte Adele— wenn einem der kleinen Kerle so eine große Brvd- krume im Gaumen stecken bliebe und etwa eins der zierlichen Tierchen ersticken müßte, es wäre doch gar zu schade!— Und Eidechsen waren auch da, Eidechsen, bunte, schillernde Eidechsen zwischen den grünbcmoosten Steinen und den großen Blättern im Aquarium, und schwerfällige Schildkröten mit kleinen Köpf- chen und hellen Augen, und allerhand anderes seltsames Ge- ticr!... So ungefähr wie dieses märchenhafte, wunderbare Leben hatte sich Adele das Treiben im Garten des Paradieses gedacht, von dem sie in der Bibel gelesen, und sie sprang und hüpfte und klaschte in die Hände und streichelte unter gut- mütigcn Schuicichclworten den goldgelben, ungeheueren Leon- berger, der stolz und wie selbstbewußt den mächtigen Schweif bewegend, den dicken Kopf gravitätisch tragend, Schritt auf Schritt, bald hinter bald neben den beiden herging, und sie wurde wieder voll Ungeduld, daß der Bruder käme, damit sie ihm alle die herrlichen Dinge zeigen könne..... Das ging so bis um die Mittagsstunde. Dann aber machte sich bei der Kleinen doch eine merkliche Abspannung nach all' dem Schauen und Aufmerken geltend, und sie fragte niit größerer Heftigkeit einmal über das andere, wann denn nun Camillo kommen werde. Der Marchese von Montanari hatte nun aller- dings während des Vormittags die Adresse von Adeles Brudcr zu erfahren gewußt und bald darauf einen Boten mit der Einladung an den Maler gesandt, er möchte sich zu ihm be- mühen, um daselbst einesteils sein Schwesterchen wiederzufinden, andernteils aber, um Hcrni von Montanari Gelegenheit zu geben, üOcv eine von ihm beabsichtigte künstlerische Neuausschmnckung des große» Saals in seinem Palaste mit ihm Rücksprache nehmen können. Ter Brie hatte jedoch Camillo von Winter nicht zuhause getroffen und vermochte daher den Brief seines Herrn nur im Hause abzugeben. Das war unmittelbar nach dem Augenblicke geschehen, als Camillo nach erstmaliger Rückkehr in seine Wohnung diese wieder verlassen hatte. Richtsdestoweniger erwartete man im Palazzo bellet Sponda den Bruder Adele's jede Stunde, da man sich sagte, daß derselbe doch wieder seine Wohnung aufsuchen werde, schon um nachzusehen, ob die Schwester inzwischen zurückgekehrt sei. Aber weiter und weiter rückte der Zeiger der Uhr und der Erwartete kam nicht. So waren schon mehrere Nachmittags- stunden verronnen, und jezt vermochte mau die Kleine durch nichts mehr aufzuhalten. Sie verlangte wieder, bitterlich wei- nend, zu dem Bruder zurückgebracht zu werden, und man mußte sich endlich entschließen, ihren heftigen Bitten Gehör zu schenken. Serena wollte sie bis nahe an die Wohnung des Bruders be gleiten, und dann sollte sie eine, sich gleichfalls mit auf den Weg begebende Dienerin des Hauses vollends zu diesem bringen. Schon schritten die drei die breiten Stufen der Treppen nach dem Portal hinab, voran Serena mit Adele, die sie an der Hand führte, hinter ihnen die Dienerin. Als sie aber bis auf die Mitte der Treppe gekommen waren, trat unter der zur Wohnung des Portiers führenden Tür, rechts, unmittelbar am Eingang des Palastes, eiligen Schrittes ein junger Mann heraus, der allem Anschein nach im Begriff stand, eben hastig die Stufen hinauf zu gehen. Es war Camillo von Winter, der, als er seine Hoffnung nur noch auf die Wirkung seines Zeitungsinserats sezend, das zweitemal nach Hause gekommen war, die Einladung des Mar- chese vorgefunden und sich nun hocherfreuten Herzens, vor allem über die beruhigende Mitteilung inbetresf des Schwesterchens, nnvenveilt nach dem Palazzo della Sponda begeben hatte. Bei dem Marchese angemeldet, wurde er von lezterem ersucht, sich zu ihm hinauf zu bemühen, was Camillo eben tun wollte als die drei die Treppen herabgeschritten kamen. .Camillo!" klang eine laut jubelnde Stimme von der Treppe herab. Mit wildem Ungestüm riß sich die Kleine vom Arme Se- renas los und flog einige der Stufen hinunter ans den Bruder zu. Dieser, eben erst durch das Vestibüle nach der Treppe geschritten, war offenbar überrascht, hier so schnell der Schwester zu begegnen, und sah hastig gewendeten Blickes ans. Da stand, eine Erscheinung von unsagbarer Anmut und Hoheit Serena, den linken Arm, der eben noch Adele geführt, leicht nach vorn gestreckt und mit ängstlichem Blick die»nge- st ihn en Bewegungen der Kleinen hütend. Sie trug ein Kleid von leuchtender hellblauer Farbe, das in malerischen Falten an den schönen Gliedern bis ans die marmornen Stufen der Treppe herabfloß. Die vollen, weich geformten Arme traten, von kost- baren Granatspangen umgürtet, blendend weiß aus feinem, zier lichen Spizengekräusel hervor, ans die hoch gewölbte Brust, die sich unter dem zarten, fast durchsichtigen Gewebe leise hob und senkte, funkelten die glühroten Perlen einer doppeltgereihten, ebenfalls aus Granaten bestehenden Kette, an der ein kleines, goldenes Kreuz hing, hernieder, während über den Nacken dao üppige Haar in glänzenden Wellen herabfiel und in seiner dunklen Färbung sich äußerst wirkungsvoll von dem hellschim mernden Gewände abhob. An der einen Seite des lezteren hing ein jezt eng zusammengefalteter, mit reichem Schmuck versehener Jacher herab, während die rechte Hand einen zierlichen Sonnenschirm hielt, den diese nun abwärts kehrte und in den Falten des Kleides ruhen ließ, lieber dem frischen, zarten Antliz, das ein ebenso einfacher wie geschmackvoller Strohhut nur leicht beschattete, lag jene Btilde. jener sauste Frieden, wie sie die Maler' auf Engelsangesichter zaubern; die roten, knos- penden Lippen waren wie zum Sprechen halb geöffnet und ließen unter ihren weichen Linien die blendend weiße» Zähne hervor- schimmern; in den großen, lang bewimperten Augen aber glänzte ein süßes, unbeschreiblich reizvolles Lächeln, welches die selige Freude ihres innersten Gemüts deutlich erkennbar widerspiegelte. Wie Camillos Blick diese Erscheinung traf und an der herrlichen Gestalt Herniederglitt, war es ihm, als flute lench- tender Lichtschimmer voll berauschenden Entzückens in seine Seele hinein, und er stand einen Augenblick geblendet und gebunden... Die Schwester hatte jubelnd seine Hände erfaßt und dann in ungestümer Freude seine Knie umklammert, und er hob sie in seliger Wonne des Wiedersehens empor, küßte sie ans Stirn, Wange und Mund, und drückte ihr vor freudiger Aufwallung glühendes Antliz in stummem Entzücken au das seine. Adele mußte es aber doch sonderbar finden, daß der Bruder nach einem flüchtig hingesprochenen:„Wie gut, daß ich dich wieder habe!" so gar nichts zu ihr redete, und sie wollte, nachdem er sie wieder ans die Stufen niedergelassen, eben in neuem Ungestüm an ihm emporklettern und ihm ihre Freude noch aus- gelassener bezeigen denn zuvor; sanft abwehrend jedoch sagte er: „Aber nun laß mich, mein Kind.— ich muß noch rasch hinauf zum Herrn Marchese." „Ah. zum Herrn Marchese!"— fiel die Kleine munter zustimmend ein.—„Ja" fügte sie freudig hinzu—„der hat dich schon längst erwartet, Camillo. den ganzen Vormittag und bis jezt,— aber du warst auch gar zu lange!— O, und es ist ei» gar lieber guter Herr, der Herr Marchese, und die schönen Säle solltest du sehen, und den herrlichen Garten mit den großen bunten Blumen, und die kleinen possirlichen Asse», und die Goldfische und die Eidechsen———" .Das nachher mein Kind!"— unterbrach sie der Bruder lächelnd—„Jezt laß mich!" .Ja"— fuhr sie fort, indem sie seine Hände losließ— „geh' du hinauf, und bis du mit dem Herrn Marchese fertig bist, will ich wieder mit Fräulein Serena—" Jezt erst, als er diesen Namen nennen hörte, verneigte sich Camillo vor dem schönen Mädchen und zog artig den Hut. Eine zeremonielle Vorstellung dünkte ihm nicht am Plaze, und er schien sich darin in vollem Einverständnis mit Serena zu befinden, die seinen stummen Gruß mit einer ebenso höflichen Verbeugung erwiderte und, nachdem Camillo an ihr vorübergeschritten, die Kleine wieder an der Hand nahm, um mit ihr und dem anderen Mädchen, das während dieser ganzen Szene schweigsam hinter ihr gestanden hatte, unter hohem Säulengang seitab der Treppe nochmals nach dem Garten zu gehen. Adele hatte das so gewollt. Camillo von Winter befand sich bald in einem großen, luftigen, auf das eleganteste ausgestatteten Empfangssalon, zu welchem ihn ein oben auf dem Korridor wartender Diener ge- führt hatte, und wo der Marchese von Montanari seinem Ein tritt bereits entgegensah. „Seien Sie mir herzlich willkommen!"— redete er den einen einfachen schwarzen Gesellschaftsanzug tragenden jungen Mann an, der mit ehrerbietigem Gruß an der Schwelle des prächtigen Zimmers stehen geblieben war, und bat ihn. in einem der Fauteuils plaz zu nehmen. .Ich hatte bereits vor Wochen die Absicht, Sie zu mir zu bitten, um mit Ihnen über eine von mir schon länger geplante neue Ausschmückung unseres Marmorsaals Rücksprache zu ueh- wen;"— fuhr der Marchese fort, indem er sich dem Künstler gegenüber niederließ—„da führte uns gestern ein sonderbarer Zufall ihr kleines munteres Schwesterchen ins Haus, und ich benuze dieses merkwürdige Zusammentreffen, um endlich mein Vorhaben in Ausführung zu bringen." „Nehmen Sie jedenfalls. Herr Marchese, meinen herzlichsten Tank für Ihre freundliche Fürsorge für mein Schwesterchen entgegen,"— erwiderte Camillo ungezwungen—„und seien Sie im voraus überzeugt, daß ich Ihnen in jeder Hinsicht zu Dienst bereit bin, soweit ich es irgend vermag!" „Sie sind der treffliche Künstler, dessen landschaftliche Dar- stellungen und Portraits schon wiederholt prämiirt worden, und dessen Abend am Gardasee unlängst bei der Preiskonkurrenz der Akademie den ersten Preis errang?"— fuhr der Marchese im Tvnc tcirfjtci Frage, die indes schon selbst die Älntwort ent- hielt, fort, während Camillo dankend sich leise verneigte.„Ich habe auch kürzlich die vorzüglichen Gemälde gesehen, mit denen sie den großen Saal im Palaste Fontana des Marchese Eon- tarini, meines Freundes, dem ich auch die heute morgen er- haltene Mitteilung Ihrer Wohnung verdanke, ausgeschmückt haben, und ich bin eben dadurch bewogen worden, mich mit meinem Anliegen an Sie zu wenden.... Zuerst aber wird es Sic interessiren, zu erfahren, wie wir mit Ihrem Schwesterchen, das wir herzlich lieb gewonnen haben, zusanimengckommen sind." Und der Marchese erzählte nun die Begegnung Serenas mit Adele am gestrigen Abend, während der junge Mann mit gespanntester Aufmerksamkeit zuhörte und, als jener sich am Schluß wiederholt in der liebenswürdigsten Weise über das gc- winnende Wesen der Kleinen aussprach, nicht umhin konnte, ihm unter abermaligen Versicherungen seines herzlichen Dankes warm die Hand zu drücken. „Nun zu meiner Angelegenheit, mein Herr!"— kam der Marchese dann wieder ans den vorigen Gegenstand des Ge- sprächs zurück.„Ich möchte also für unseren großen Saal— ich werde mir erlauben, Sie dann hinunter zu führen— einen neuen Bildcrschmuck, und zwar landschaftliche Darstellungen, wie Sie solche mit so meisterhafter Kunst im Palazzo Fontana geschaffen haben. Und nun hören Sic,— ich komme mit ziem- lich weitgehenden Wünschen,— wirklich, im wahren Sinne „weitgehenden", mein Herr!— Wir besizen am Lagv di Cvmo ein größeres Grundstück mit einer Villa. Sowohl die Bcsizung selbst als auch und vor allen« die Umgebung ist iiberreich an Schönheiten unvergleichlicher Art.— Sie kennen den Coino- sec, nicht?"— unterbrach er sich plözlich. „Gewiß. Herr Marchese! Ebensogut wie den Lagv di Garda und die herrlichen Landschaften an den oberitalienischen Seen überhaupt!"— antiv ortete Camilla mit leichtem Neigen des Hauptes, zugleich sein unverkennbar warmes Interesse an dem Gegenstand der Unterhaltung dabei ausdrückend. „Das freut mich, mein Herr! Diese genaue Bekanntschaft mit den« Karaktcr jener Gegenden würde Ihnen mindestens bei der Lösung der Ihnen in diesem Falle zugedachten Aufgabe außerordentlich zu statten kommen-- doch, was sage ich!" fiel sich der Marchese mit leichtem Lächeln schon wieder in die Rede, indem er mit der Hand leise über seine Stirne strich— „haben Sic denn Zeit und Neigung auf meinen Plan einzu- gehen?— Sic sehen, ich vergesse bei meiner Schwärmerei die allerersten Bedingungen, um—" ,D bitte, Herr Marchese!"— warf Camillo in überaus gewinnender Art ein, indem er mit der Hand eine- leicht ab- wehrende Bewegung machte—„Ich versicherte Sie schon, daß Sie mich in jedem Falle ganz zi« ihrem Dienste bereit finden, und ich wiederhole Ihnen das, Herr Marchese! Nun gut denn, und nehmen Sic meinen verbindlichsten Dank für diese liebenswürdige Bereitwilligkeit, noch che Sie ganz wissen, welcke Lasten ich Ihnen aufbürden will."- nahm der Marchese durch Camillo'S leztc Worte sichtlich ans das angenehmste berührt, sein Tema wieder auf.„Es ist also mein Walte Sein Lebe» und seine We Wunsch, den Marmorsaal mit einer Reihe größerer Fresken ans- geschmückt zu sehen, welche hervorragend schöne landschaftliche Szenerien jener Gegend, nnd besonders auch die Villa und die Besizung selbst znm Gegenstand haben sollen. Wenn Sie nun geneigt sind, Ihre Zeit und Kunst dieser Aufgabe zu widmen, so würde es zuvörderst nötig sein, daß Sie an Ort nnd Stelle Zeichnungen der darzustellenden Einzelbilder aufnehmen, und ich würde Sie, da mir viel daran liegt, die Ausschmückung bald in Angriff genommen zu sehen, bitten, sich dann wo möglich vor Eintritt des Herbstes nach dem Cvmvsee und unserem Grundstück zu begeben.... Und nun sagen Sie mir offen heraus, ivas Sic zu dem eben mitgeteilten Plane meinen, nnd ob Sic auch jezt noch bereit sind, mir zu seiner Ausführung freundlich die Hand zu bieten." Camillo von Winter hatte mit sich steigerndem Interesse zugc- hört, nnd seine aufrichtige Freude über das soeben vernommene drückte sich in allen seinen Zügen aus. „Sie konnten, gcehrtestcr Herr Marchese,"— antwortete er—„mir in der Tat kaum ein willkommneres Anerbieten machen, als das, mit dem Sie mich soeben zu beehren die Güte hatten. Es war nach dem ermutigenden und mich über- aus beglückenden Erfolge, den ich mit meinem, Abend am Gardasce' bei der lezten Preiskonkurrenz der Akademie er- rungen, bereits meine ganz unverrückbar feststehende Absicht, demnächst in einem neuem Bilde wieder ein Sujet von einem der oberitalienischcn Seen zu behandeln, und ich habe lediglich aus diesem Grunde mehrere mir in jüngster Zeit gewordene höchst ehrenvolle Anträge, die mich aber andere Landschaften zum Vorwurf zu nehmen genötigt hätten, abzulehnen mich ent- schlössen. Sie glauben mir also wohl, daß ich nicht nur gerne, sondern mit ganz besonderem Vergnügen mich der von Ihnen gestellten Aufgabe unterziehen werde, wenn anders Ihre Bc- sizung am Lago di Como und ihre näheren Umgebungen nur irgendwie dankbare Motive zu bieten imstande sind. Und daß dies der Fall ist, darüber hege ich nach den mir von Ihnen gemachten Mitteilungen nicht den mindesten Zivcifcl. Belieben Sic, ganz über mich zu verfügen." Der Marchese reichte dem jungen Maler in ungezwungener Freundlichkeit die Hand nnd sagte mit offenbarer Befriedigung: „Ich hätte kaum geglaubt, inbetreff meiner Wünsche bei irgend jemand und besonders bei einem so ehrenvoll bekannten und so gesuchten Künstler, wie Sie es sind, so rasches Ent- gcgenkomnien zu finden, und wünsche von Herzen, daß wir uns auch hinsichtlich der anderen, nachher zu erörternden Punkte ebenso schnell einigen möchten. Jezt aber"— und der Herr Marchese erhob sich dabei aus seinem Fauteuil—„darf ich Sie wohl bitten, mein verehrtcster Herr, mir gefälligst nach dem Saal hinunter zu folgen." „Ganz zu Ihrem Befehl, Herr Marchese!"— entgegnete Camillo, indem er gleichfalls von seinem Size ausstand und, einer freundlichen Handbcwegung des crsteren folgend, ihm voran durch die hohe Flügeltür des Zimmers auf den Korridor hinausschritt. (FortjcjUlig jolgt.) S c o t t. e. Von George Winter. schottisch-englischen Mittelalters zurück, er macht uns mit der I großartigen Natur des Hochlandes vertraut, er gibt uns nicht nur in seinen Romanen, sondern auch in seinen Balladen und anderen poetischen Werken ei» farbenreiches Bild seines Herr- lichen Vaterlandes. Obgleich sich nun die Werke Walter Scotts nicht nur in seinem Vatcrlandc, sondern in ganz Europa des ungeteiltesten Beifalls erfreuten nnd in verschiedene Sprachen übersezt wur T dcn, so erfuhr man dennoch im Auslände wenig über des Dich- ters Lebenslauf. Sein Schwiegersohn, Mr. Lockhardt, hat zwar vor Jahren eine Biographie W. Scotts herausgegeben, allein diese von allen Freunden i»id Verehrern des großen Schotten mit Spannung erwartete Arbeit hat die iubctrcsf derselben gc- hegten Erwartungen getäuscht, weil Mr. Lvckhardt es nicht ver- standen hat, das reiche Material, welches ihm zu Gebote stand, gut zu verarbeiten. Es fehlt diesem Werke zwar nicht an interessanten Passagen, aber es ist durchaus mit einer gewissen ermüdenden Schwerfälligkeit geschrieben, weshalb sich auch bis jczt niemand der Mühe unterzog, diese Arbeit ins Deutsche zu übcrsczen. Einzelne Notizen aus derselben sowie auch ans der leider unvollendeten Selbstbiographie Walter Scotts werden des- halb gewiß vielen Verehrern des Autors als eine Reliquie aus seinem Nachlaß willkommen sein. Denn ein Einblick in das Leben, in die Schicksale eines großen Geistes gibt uns stets ein besseres und richtigeres Ver- ständnis für seine Werke und ermöglicht eine gerechtere Vcur- teilung der etwaigen Schattenseiten derselben. Denn wo viel Licht ist, fehlt auch der Schatten nicht. W. Scott wurde am 15. August 1771 in Edinburg geboren. Sein Vater war ein allgemein geachteter Advokat, ein Mann von streng puritanischen Sitten. Die Mehrzahl der eng- tischen und schottischen Rechtsanwälte steht— mit Recht oder Unrecht?— in dem Verdachte, auf Kosten ihrer Klienten ihr Glück zu mache»; dem Vater Walter Scotts konnte dieser Vor- lvurf nicht gemacht werden, denn seine Klienten borgten von ihm und brachten ihn ost um große Summen, weil Scott ein durch und diiich nobler Karakter war. Diesen edlen Zug, sich für andere aufzuopfern, hat Walter Scott von seinem Vater geerbt. Seine Mutter Anna Rntherford,-eine Tochter des berühmten Dr. John Rntherford, Professor der Medizin an der Universität Edinburg, besaß eine für die damalige Zeit ungewöhnliche Bit- dniig und übte durch ihr sanftes mildes Wesen einen veredelnden Eiusluß auf ihren Gatten und ihre Kinder aus; auch sind mehrere Gedichte von ihr vorhanden, welche sich durch Schönheit der Form und Gedankentiefe auszeichnen. Die Kindheit Walter Scotts wurde durch jahrelange Krank- heit getrübt. Als er l'/z Jahre alt war, erlitt er durch Nu- Vorsichtigkeit seiner Amme eine Verrenkung des rechten Beines, welche ihm viele Schmerzen bereitete und nach vielen peinlichen Kuren dennoch zu lebenslänglichem Hinken zwang. W. Scott ertrug aber dieses Leiden mit großer Geduld und ohne jede Bitterkeit oder Verstimmung. Hierzu trug hauptsächlich die jahrelange, zärtliche Pflege seiner Tante Janet Scott bei, welche sich, da Scotts Mutter durch die Sorge um elf Kinder natür- lich sehr in Anspruch genommen war, mit ganz besonderer Auf- vpfcrnng des kranken Knaben annahm. Tagelang saß sie bei ihm und las ihm die alten schottischen Balladen vor, wodurch schon in dem Gemüt des kleinen Walter die Liebe zu seinem herrliche» Vatcrlande geweckt und genährt wurde. Er über- raschle schon in frühester Kindheit seine Pflegerin durch seine außerordentlich lebhafte Phantasie, sowie durch ein ungewöhnlich scharfes Gedächtnis; die vielen alten Ritterromanc, ivclchc nian dem kleinen Knaben zur Unterhaltung gab, wurden sicher die Gr-nndlagc seiner späteren dichterischen Richtung. In dcu Schulen machte er keine besonderen Fortschritte; trvz alles Tadels der Lehrer und der Ermahnungen seines Vaters schweifte er am liebsten in der herrlichen Umgebung seiner Vater- stadt herum und zog die Unterhaltung mit Hirten oder Jägern, welche ihm die altschottischen Volkslieder mitteilen mußten, jedem anderen Studium vor. Während er sich seiner Gesundheit wegen in«andy Knvwe, dem Landsize seines Großvaters, aushalten mußte, wuchs diese Liebe zur Natur immer mehr; der junge Walter bekam eine wahre Manie, alte Ruinen zu durchstöbern und jeden x.rt, welcher irgend eine geschichtliche Erinnerung bot, zu durchforschen. Als 15 jähriger Knabe hatte er schon eine Sammlung altschottischer Volkslieder angelegt, welche einen bleiben- dcn Wert hat. Nachdem sich seine Gesundhci? gekräftigt hatte, entschloß sich Walter Scott, hauptsächlich auf Wunsch seines Baters, für die juristische Laufbahn. Er selbst hatte keine besondere Vorliebe für den Advokatenstand, welcher in jeder Hinsicht in direktem Widerspruch mit seiner durch und durch poetischen Natur stand. Er studirtc, nachdem er einen praktischen Kursus bei seinem Bater durchgemacht hatte, zwei Jahre lang in Edinburg. Schon während dieser Zeit dichtete er heimlich; er übersczte Gedichte von Bürger sowie auch Goethes Göz von Berlichingcn in's Englische. Leztere Arbeit erschien 1799 im Druck, fand zwar 1 freundliche Aufnahme, erregte aber durchaus kein Anssrhcn. Nach- j dem Walter Scott ausstndirt hatte, erhielt er, zur großen Freude I seines Vaters, durch Vermittlung der ihm bcfrenndctcn Herzog- I lichen Familie Bnccleugh eine der besten Sclrctärstellen bei dem 1 Gerichtshof in Edinburg. Bis hierher war Walter Scotts Lebensweg, wenn auch in I der Kindheit durch Krankheit verdüstert, dennoch verhältnismäßig glatt und ruhig gewesen; doch sollte ein Sturm der Leidenschaft bald diese Ruhe trüben. Walter Scott verliebte sich leidenschaft- 1 lich in die schöne, koguctte Tochter eines hochmütigen Baroncts, welche mit seiner Zuneigung Spiel trieb und sich schließlich mit einem alten reichen Adeligen verheiratete. Allein der Schmerz einer unglücklichen Liebe sowie die herbe Enttäuschung, welche mit diesem Weh vcrbnndcn war, gaben Walter Scott die Weihe| zum Dichter; von dieser Zeit an beherrschte die Muse sein Herz I und inspirirte ihn zu jenen wundervollen Poesien, welche uns I noch heute mit Bcwnndrmig erfüllen; freilich erst nach harten, inneren Kämpfe», worunter auch seine Gesundheit zu leiden hatte. Er begab sich deshalb auf Wunsch seines Vaters im Sommer I 1797 nach dem Bade Gilsland, um sich dort zu erholen. Hier 1 nun wartete seiner das Glück; er lernte Anna Carpentcr kennen, ein junges Mädchen von so bestrickender Schönheit, Anmut und Liebenswürdigkeit, daß der Dichter sich unwiderstehlich zu diesem rcichbcgabtcn Wesen hingezogen fühlte. Seine Liebe fand Er- widrung. Miß Carpentcr besaß Geist und Bildung genug, um die geniale Begabung Walter Scotts zu würdigen. Schon im Winter 1797 folgte sie ihm als Gattin in sein Landhaus in Laßwade am Esk, wo er seinen häuslichen Herd begründete.' Kurz vorher war er zum Sheriff crnanut worden. Nun blühten dem Dichter goldene Tage. Frei von der Sorge um Ettvcrb, im Bcsize einer liebenden Gattin, inmitten der schönsten Natur lebend, konnte sein Genius sich zur Herr- i lichstcn Blüte entfalten. Jni Jahr 1802 gab er eine Sanim- lung altschottischer Balladen heraus:„The MinstreUy of thc Scottish liordcr"(Tic Minnesänger des schottischen Gcbirgs- lands), welche mit Begeisterung begrüßt und von allen litc- I rarischcn Autoritäten mit Auszeichnung aufgenommen wurde. Diesem Werke folgte 1804„Sir Tristram", ein Roman in metrischer Form, dann 1805:„The Lay of the last Minstrcl", (Lieb des leztcn Minnesängers(?), dann„Postikal Works" (5 Bände Balladen und lyrische Gedichte), endlich 1808: „Marmion". Tic lcztc Dichtung erregte allgemeine» Beifall durch die hinreißende Beschreibung der Schlacht von Floddcn- Ficld. Ten höchsten Beifall jedoch errang Walter Scott durch sein herrliches Gedicht:„The Lady of thc Lake".(Tie Jung- Kau vom See.) Dessen Schauplaz ist im westlichen Hockstand von Pcrthshirc; die wundervollen Raturschildcrungcn, die Bc- schrcibung des Katrincsees. der Insel ,c. ist wohl das schönste, was W. Scott jemals gedichtet hat. Bald nach der Veröffentlichung dieses lcztc» Werkes begab sich der Dichter, ans Einladung einiger Freunde, nach London, wo er mit cntnsiastischem Beifall aufgenommen und von Hoch und Niedrig bewundert und gefeiert wurde. Alle diese Hnldi- gunge» erweckten jedoch bei dem liebenswürdigen Poeten weder Hochmut noch Stolz; seine Zcitgcnoffcn cnvähnen rühmlichst, wie bescheiden sein Austreten und wie liebenswürdig er im pcr- sönlichen Verkehr gewesen sei. Das Familienleben Walter Scotts war ein heiteres, sorg' • n" glückliches. Durch eine ihm unerwartet zu-, fallende Erbschaft konnte der Dichter den Licblingswunsch seiner. Gattin erfüllen und ein größeres Landgut kaufen. Walter Scott 1 45 erwarb das romantisch gelegene Gut Abbotssord am Tweed, eine reizende, wie für einen Dichter geschaffene Besizung mit einem altertümlichen Schlosse, schattigen Parkanlagen und Laubgängcn, murmelnden Bächen und rauschenden Wassersällcn. Hier kamen seine drei jüngeren Binder zur Welt, der älteste Sohn ist in Laßwade geboren. W. Scott war ein höchst liebevoller Gatte und Vater; er trug seine Gattin ans den Händen und erzog seine Kinder mit der größten Sorgfalt und zärtlichsten Liebe. Der hervorragendste Zug in Walter Scotts Karaktcr ist sein außerordentlicher Fleiß und die wahrhaft wunderbare Elastizität seines Geistes. Er selbst nannte sich oft eine Schreibmaschine, und wenn man die Anzahl seiner Werke sowie die Schnelligkeit und Sicherheit seines künstlerischen Schaffens in Erwägung zieht, so muß man diesen Vergleich fast als treffend bezeichnen. Einem intimen Freunde schrieb er einst:„Wenn ich müßig sein müßte, so verlör ich den Verstand." Nachdem die vorerwähnten poetischen Werke Walter Scotts erschienen waren, erfreute sich der Dichter einer kurzen Ruhepause. Seine Beliebtheit war schon damals so groß, daß von seinem Gc- dicht:„The Lady of theLake" in vier Monaten eine Auflage von 16000 Expl. für 7800 Pfd. St.(156 000 M.) verkauft wurde. Fast zu gleicher Zeit erschien Byrons„Childe Harold". Walter Scott war hingeriffen von dem genialen Schwünge der Byronschcn Poesie; er fühlte, daß Byrons poetische Begabung die seinige bedeutend überragte, und es ist ein edler, schöner Zug in Scotts Karaktcr, daß er für Byron eine acht neidlose Bewunderung hegte und dies freimütig bekannte. Dennoch fühlte er, daß durch diesen Dichterheros sein eigener Ruhm in Schatten gedrängt werden würde; deshalb grübelte er darüber nach, welch neues Feld er wohl für sein eigenartiges Talent finden und auch auf diesem eine ebenso vollendete Meisterschaft betätigen könne. Lord Byron selbst sponite ihn dazu an, auf dem Gebiete des Romans neue Lorbeeren zu suchen. Walter Scott beendete nun ein Fragment, welches seit Jahren vergessen unter seinen Papieren geruht hatte und veröffentlichte das Buch unter dem Titel: Waverlcy.— Dieser Roman wurde mit Begeisterung auf- genommen; die Kritiker überboten sich in dessen Lob und Lord Byron selbst erklärte, dies sei der beste Roman, welchen er jemals gelesen hätte. Walter Scotts Prosa war beinahe noch besser, als seine Poesie; obgleich man ihm häufig den Vorwurf gemacht hat, seine Einleitungen seien zu umständlich ausgesponnen und seine Verherrlichung des Mittelalters eine übertriebene, so fühlt man sich dennoch beim Lesen seiner Romane von all der Romantik jener ritterlichen Zeit bezaubert; der Dichter fesselt uns und reißt uns zur Begeisterung fort. Er gibt uns stets eine natnrwahre Karaktcristik von Volk und Land, eine treue Zeichnung der Sitten und Gebräuche, sympatische Schilderungen des Gcmütslcbcns, oft dnrchwürzt von reichem Humor und dies alles mit dem Hintergrunde der prachtvollen Natnrgemälde des schottischen Hochlandes. Der Leser weiß oft nicht, was er mehr bewundern soll: die Originalität des Dichters, dessen umfassende Gelehrsamkeit oder den gewissenhaften Fleiß, mit welchem er jede einzelne Romanfigur zeichnet und ausarbeitet. So sagte ein englischer Kritiker über den Karakter Barneys in„KenilwortH": »Dieser Barney ist der prachtvollste Schurke und Bösewicht, und wir bewundern Walter Scott um der Schöpfung dieser Gestalt willen; der Dichter beweist durch die ganze Entwicklung dieses Karakters, daß er auch die Untiefen der menschlichen Natur kennt und bis in ihre feinsten Fibern zu aualysiren versteht; das meisterhafte an dieser Schilderung besteht jedoch darin, daß wir nie das Interesse für die befferen. edleren Regungen des Schurken verlieren, sondern demselben unwillkürlich unser Mit- leid widmen, indem wir stets die Sünde von dem Zünder trenne». Diese eigentümliche Darstellungsgabe— vom rein sittliche» Standpunkt aus die einzig richtige— gibt allen Ro- Ulanen Walter Scotts einen besonders bedeutenden denn das ist ja die gefährliche Seite unserer modernen Sensations- 3?wane, daß sie gerade das Gegenteil erzielen.— sie verhcrr- Ucheil�dcn Verbrecher, idcalisire» die Verbrccherinneu und hangen drr Sünde ein glänzendes Gewand um."— Walter Scott läßt Barney— nach einer aufregenden Szene mit seinem Herrn, dem ränkevollcn Lord Leicester, in einem Zu- stände geistiger Erschöpfung folgendes Selbstgespräch halten: „Welcher Tor bin ich, daß das Geschwäz jenes elenden Menschen mich so außer Fassung bringt? Gewissen, du bist es, was sich in nicincr Seele regt!— Du bist wie ein Blut- Hund, der mit furchtbarem Geheule sowohl bei der leisen Be- wegung einer Maus oder Ratte, als bei dem Tritte des Löwen aus dem Schlummer erwacht!— Kann ich mich nicht durch einen einzigen, kühnen Schritt aus einem so peinigenden, un- würdigen Zustand befreien?— Nein, denn ich bin nur ein Sterblicher, und ich suche durch irdische Mittel meine Leiden- schaften zu befriedigen und meine Verhältnisse zu verbessern!" Der Leser erhält durch viele ähnliche Stimmungsbilder einen tiefen Einblick in die Gedaukcnwcrkstatt des Dichters. Der Schimmer der Romantik, welchen Walter Scotts Genius über dessen Romanbildern heraufzuzaubcrn versteht, steht freilich in grellem Gegensaz zu dem Wesen und Treiben der selbstsüchtigen Zeit, in welcher wir leben, aber gerade deshalb haben alle Ge- bilde des Dichters einen eigentümlichen Zauber, und die Jugend aller Zeiten und Völker wird sich stets gerne in diese oft sogar phantastische Traumwelt versenken. Zu Schaden kommt sie dabei nicht,— es muß rühmend erwähnt werden, daß Scott in allen Schilderungen der Leidenschaften stets sittlich rein bleibt, und daß in keinem seiner Werke nur c i n Wort zu finden ist, welches ein reines Gemüt verlezen könnte. Auf Waverlcy folgten in rascher Reihenfolge die Romane: Guy Mannering, Jvanhoe, KenilwortH, Woodstock, Qucntin Durward, Redgauntlet, der Altertümler, das Kloster, der Abt, Robin der Rote, die Schwärmer, der Pirat, die Braut von Lammermoor, das Herz von Midlothian, Montrosc, der schwarze Zwerg, Peveril vom Gipfel, St. Romans Brunnen:c. sowie ver- schiedcne kleinere Aufsäze. Von besonderem Werte sind die histo- rischen Arbeiten:„Die Chronik des Canvngate zu Edinburg", und „Erzählungen eines Großvaters aus der schottischen Geschichte".— Das englische und schottische Volk begrüßte alle diese Ro- mane mit ungeteiltem Beifall; man wartete stets mit Spannung ans das nächstfolgende Werk des Lieblings der Nation. Die englischen Historiker gehörten zu Walter Scotts eifrigsten Bc- wunderern, sie gestanden ihm zu, daß seine historischen Romane alle Anforderungen, welche man an dieses Genre stellt, im höchsten Grade befriedigten und stets einen Ehrenplaz in der britischen Literatur einzunehmen würdig wären. Neben dieser Anerkennung seines Talents war auch der pe- kuniäre Erfolg, welchen Walter Scott mit seinen Romanen er- rang, ein enormer; die Verleger kämpften um die Ehre, seine Werke herauszugeben, und der Dichter hätte sich, weil er so unermüdlich fleißig war, einen fürstlichen Reichtum erwerben können, aber alles, was er durch seine Feder verdient hatte, ging am 26. Juni 1826 verloren. An diesem Unglückstage fallirte das Handlungshaus Ballantyne, mit dessen Chef, James Ballantync, Scott seit Jahren befreundet und im stillen associirt war, mit einer Schuldenlast von beinahe drei Millionen Mark. Schon in früheren Zeiten war die Firma nur durch große Opfer von Seiten des Dichters vor dem Bankerott bewahrt wordent nun brach dennoch das Verhängnis über dem schuldlosen Haupr Walter Scotts zusammen. Der Dichter erklärte— als ächte! Ehrenmann— daß er den enormen Betrag seiner Schuld bet Heller und Pfennig bezahlen werde. Weil nun sein schönes Gu, Abbotssord wegen früherer Verschrcibung an seinen Sohn und dessen Gattin nicht verkauft werden durfte, so verpflichtete er sich, alle seine Verbindlichkeiten durch den Ertrag seiner Arbeiten zu erfüllen. Er bezog in Edinburg eine bescheidene Miet- wohnung, schränkte sich bis aufs äußerste ein und schrieb nun — um seine Gläubiger zu befriedigen. Er sagte hierüber einem Freunde:„Wenn sie(die Gläubiger) mich nur gewähren lassen, so will ich mein Leben lang wie ein Sklave für sie arbeiten und den Schacht meines Geistes nach Diamauten durchwühlen oder wenigstens nach solchen Steinen, die sie für Diamanten verkaufen können I"— Ein Unglück kommt selten allern!— Wenige Monate nach diesem Schlag starb des Dichters treue Gattin und liebevolle Lebensgefahrtin. Dieser Verlust ging ihm mehr zu Herzen. als derjenige seines Vermögens. Aber er suchte Trost in der Arbeit; mit der Feder wollte er die finstern Gedanken ver- scheuchen. Um genügendes Material zu dem„Leben Napoleons", an welchem er damals arbeitete, zu sammeln, reiste er nach Paris, Ivo er die Archive studirte. Der dortige Aufenthalt war für ihn ein heilsamer; die Verehrung und Huldigung, welche ihm von allen Seiten zuteil wurde, tat ihm wohl und legte sich wie ein Balsam auf sein wundes Gemüt!— Gestärkt und gehoben kehrte Walter Scott nach Edinburg zurück und arbeitete von nun an wie ein getreuer Sklave für seine Gläubiger. Er bekam zwar von verschiedenen Seiten?ln- erbieten von Tarlehen und Geschenken, allein sein Stolz sträubte sich dagegen, eine Beisteuer anzunehmen, so lange er noch ar- beiten konnte. Dies erwarb ihm die Achtung nicht allein seiner Nation, sondern auch aller derer, welche im Ausland von seinem Unglück hörten. Mit welch eisernem Fleiße Walter Scott ar- beitcte, kann man aus der Tatsache ermessen, daß er in vier Jahren die Summe von 1 Millionen Mark an seine Gläubiger abzahlte. Allein die jahrelange Anstrengung, das unausgesezte Arbeiten rieb den Dichter endlich auf; ein Schlaganfall er- schlitterte seine Gesundheit, das arme, gemarterte Gehirn vermochte nicht mehr frisch zu denken, der Dichter diktirte manchmal einem Freunde, oft aber versank er in teilnahmlose Apatie.— Sein Stern war im Erbleichen!— Ein zweiter Schlaganfall trat ein, und nun bestanden seine Acrzte sowie sein lczter noch lebender Sohn(alle seine Kinder waren noch vor ihm gestorben) darauf, daß er eine Zeit lang in dem milden Klima Italiens verweilen müsse. Die Regierung übernahm die Reisekosten, in- dem sie dem kranken Dichter ein mit allem Komfort versehenes Schiff zur Disposition stellte, mit welchem Walter Scott nach Neapel segelte. Aber es war zu spät!— Walter Scott erholte sich nicht mehr!— Dennoch trieb ihn die Sehnsucht zurück, er wollte in der Heimat sterben. Mit Rührung erzählt Lockhard, daß der Kranke immer und immer wieder versucht habe, zuschreiben; er ließ sich vor seinen Schreibtisch tragen und die Feder in die gelähmte Hand geben. Doch die Gedanken wollten nicht kommen, der Dichter wollte sich gewaltsam zur Arbeit zwingen, aber die Feder fiel ihm aus der Hand und Tränen rollten aus den müden Augen des er- schöpften, fleißigen Arbeiters. Er ließ sich in sein Bett zurück- tragen und schlummerte ani 21. September 1832 unter heiteren Phantasien hinüber zur ewigen Ruhe!— Walter Scotts Name wird nie vergessen werden, sein An- denken wird stets ein geachtetes bleiben. Walter Scott war ein durch und durch edler Karakter, sein Leben ist frei von Schuld und Sünde, es liegt klar wie ein Spiegel vor aller Völker Augen! Sein dankbares Vaterland hat ihm in Edinburg ein prachtvolles Denkmal errichtet, allein das schönste aller Denkmäler hat Walter Scott sich selbst in den Herzen seiner Zeitgenossen und Nachkommen gesczt! Dort wird sein Name ewig in leuchtender Klarheit eingegraben stehen!— N nscre höhere Nach dem Vortrag Dubois-Ney monds über„8 Von 153 r u Die Einsicht, wie außerordentlich mangelhaft unsere ans der Unterrichtsmetode unserer Gymnasien hervorgehende„höhere Bildung" ist, veranlaßt Dubois-Rcymond zu folgenden seine Reformpläne entwickelnden Ausführungen: „Dieser Sachlage gegenüber fragt man sich denn doch, ob alles in Ordnung, ob es nicht an der Zeit sei und der Mühe lohne, einen Reformversuch zu machen. Hier, wie überall, ist es freilich, besonders für Außenstehende, leichter zu tadeln, als zu sagen, wie dem Fehler abzuhelfen ist. Hier, wie so oft in verwickelten Fragen der Verwaltung und des menschlichen Lebens überhaupt, gilt der Saz von den vielen Ursachen. Man trifft die eine, und zehn andere nicht minder wirksame entschlüpfen unberücksichtigt. Doch will ich, auf die Gefahr hin, mich blos- zustellen, mit meinen Gedanken nicht zurückhalten. Ohne den ausgezeichneten Männern, welche an der Gestaltung unseres Gymnasialwesens sich beteiligten oder noch daran arbeiten, zu nahe treten zu wollen, kann ich meine Ueberzcngung nicht ver- bergen, daß der Geist des Gymnasiums nicht gehörig Schritt hielt mit der Entwicklung des modernen Geistes der Menschheit. Wie aus dem Vorigen hervorgeht, habe ich ein offenes Auge für die Gefahren, mit denen zu weit getriebener Realismus unsere geistige Kultur bedroht. Aber die neue Gestalt, welche die Naturwissenschaft dem menschlichen Dasein erteilte, ist doch auch nicht wegzuleugnen. Es hieße, dem Vogel Strauß ähnlich, den Kopf in den Sand stecken, wollte man den gewaltigen, vorher geschilderten Umschwung ver- kennen, und es wäre vergeblich und gefährlich, dem rollenden Rade solcher weltgeschichtlichen Entwicklung in die Speichen zu fallen. Bis jezt hat aber das Gymnasium dieser Ent- Wicklung nicht gebührend Rechnung getragen. Troz einigen mehr scheinbaren als wirklichen Zugeständ- nissen ist es im innersten noch immer die aus der Zeit der Reformation, wo es noch keine Naturwissen- schast gab, stammende gelehrte Schule, welche wesentlich Jugendbildung. lturgeschichte und Naturwissenschaft" und wider ihn. r c> Kaiser.(Schluß.) ans Vorbereitung für Geisteswissenschaft bedacht ist. In diesem Zurückbleiben des Gymnasiums hinter den Forderungen der Zeit liegt die Stärke der Realschule. Ans die verwickelte Frage nach den Befugnissen beider Arten von Anstalten einzugehen, kann hier nicht meine Absicht sein. Ucbrigens bekenne ich mich zur Ansicht derer, welche nur Eine Art höherer Schule wolle», die ihre Zöglinge gleich vorbereitet und gleich berechtigt zur Universität, zur Gewerb- und zur Bauakademie, zum Heer und so weiter. Selbstverständlich müßte dies das zweck- mäßig umgestaltete humanistische Gymnasium sein. Um ohne jede Vcnvaltungsmaßregel der Nebenbuhlerschaft der Realschule ein Ende zu machen, scheint nur nötig, daß das Gymnasium den Zeitbedürfnissen etwas von seinen ehrwürdigen, aber über- lebten Ansprüchen opfere, und etwas mehr den Strebungen der modernen Welt sich anpasse. Sobald das Gymnasium bona ficke mit neuem Geiste sich tränkt und geeignete Vorbildung auch solchen gewährt, welche anderen als Geisteswissenschaften sich widmen, wird jene Nebenbuhlerschaft von selber aufhören. Die viel erörterte Frage wegen Zulassung der Realschul-Abiturienten zu Fakultätsstudien wäre dadurch aus der Welt geschafft, daß die Realschule auf das ursprünglich ihr zugedachte Maß einer in ihrem Kreise sehr nüzlichen Gewerbeschule zurückginge. Was ich dann vom Gymnasium verlangen würde, damit es mir den Forderungen der Zeit zu entsprechen scheine? Im Grunde äußerst wenig. Ein erstes ist klar. Ich verlange mehr Matcmatik. Der matematische Lehrplan des Gymnasiums müßte die Dis- knssion der Gleichung zweiten Grades und einige andere ebene Kurven umfassen, wie auch durch die Tangententeorie den Blick in die Differentialrechnung eröffnen. Hierzu müßten freilich der Matematii mehr Stunden, statt vier sechs bis acht, ein- geräumt werbe». Bei den Versezungs- und Maturitätsprü- fungen müßte Matematik den alten Sprachen und der Geschichte wirklich gleichstehen. Die Gleichberechtigung der Matematik- Lehrer mit den Lehrern jener Fächer würde dann auch eine Wahrheit werden. Man erwartet nun vielleicht, daß ich vom Gymnasium auch noch eine große Erweiterung des naturwissen- schaftlichen Unterrichts zu fordern im Sinne habe. Aber ich beabsichtige garnicht, aus dem Gymnasium eine naturwissen- schaftlichc Bildungsanstalt zu machen. Alles, was ich will ist, daß es den Bedürfnissen des künftigen Arztes, Baumeisters, Ossi- zicrs so gerecht werde, wie denen des künftigen Richters, Pre- digcrs, Lehrers der klassischen Sprachen. Ich wünsche also nur soviel Naturbeschreibung in den unteren Klassen, daß der Sin» für Beobachtung geiveckt werde, und daß sich Gelegenheit biete, die Knaben mit der gleichfalls in den Tiefen der Erkenntnis wurzelnden Klassifikationsmetode vertraut zu machen, deren er- ziehende Kraft Cuvier so eindringlich schildert. Der Darwinis- »ins, dem ich sonst huldige, bleibe dem Gymnasium fern. In den höheren Klassen wünsche ich aus den in meinem Gutachten angegebenen Gründen nicht etwa Physik und Chemie niit Ver- suchen, sondern Mechanik, die Anfangsgründe der Astronomie, der inateinatischen und physikalischen Geographie, wofür ohne Schaden eine Stunde mehr als bisher ausgeworfen werden könnte. Wie aber Zeit gewinnen für diese Neuerungen? In der Prima waren durch Aufhebung des Religionsunterrichtes zwei Stunden einzubringen. Man begreift nicht, was dieser solle in der Klasse, deren protestantische Schüler alle schon ein- gesegnet sind, daher denn auch in dem vorher erwähnten offi- zivsen Lehrplan über eine halbe Seite engen Druckes darauf verwendet ist, das Pensum dieses Unterrichtes zu erläutern, während für das matematische Pensum fünf Zeilen genügten. Wenn man jene halbe Seite und die entsprechende für Ober- Sekunda liest, glaubt man den Lehrplan eines tevlogischen Sc- »linars vor sich zu habe». Beim besten Willen bleibt dunkel, wie„Lesen der Augustana, woran die Unterscheidungslehrcn ge- knüpft werden," zur allgemeinen Bildung gehört, welche das Gymnasium seinen Zöglingen mitgeben soll. Mein anderer Vorschlag, um für Matcmatik und Natnrwisscnschast Luft zu schaffen, wird vermutlich noch mehr, wenigstens in noch wei- terem Kreise, anstoßen als der erste. Kaum wag' ich es aus- zusprechen: ich wünsche die formale Beschäftigung mit dem Gric- chischen einzuschränken. Meine Begeisterung sür die Schön- heilen der griechischen Literatur gibt gewiß der keines deutschen Cchnlmannes etwas nach. Allein ich täusche mich sehr, oder das, was eigentlich Zweck des griechischen Studiums ist, Kennt- »is griechischer Sage, Geschichte und Kunst, Tnrchdrungcnsein mit griechischen Idealen und Ideen, kann auch ohne die un- sägliche und meist für das Leben verlorene Mühe erreicht wer- den, welche es kostet, ein paar griechische Cäzc auch nur auf das notdürftigste znsammeiistümpern zu lerne». Als Goethe Iphigenie dichtete, Thorwaldscn den Alcxandcrzug modellirte, konnten sie sicher nicht ein griechisches Extemporale in Unter- Sekunda eines nnsercr Gymnasien schreiben. Wenn es einen griechischen Cchriststeller gibt, den fast alle Schüler mit Ver- sländnis, ja Begeisterung lesen, viele auswendig und lieb be- halten, so ist es Vater Homer. Und doch weicht seine Mund- art von der, in welcher die Extemporalien geschrieben werden, so ab, daß die durch diese gewährte Uebung sür ihn so gut wie nicht da ist. Es gelingt also auch ohne schriftliche Exer- zitien, eine tote Sprache soweit zu bewältigen, wie es für das Lesen der Autoren nötig ist, und, wie Honicr, könnten auch die attischen Musterschriftsteller gelesen werden, indem die schrift- liche Arbeit dabei auf Vorbereitung und Uebersczung sich bc- schränkte. Ich habe schon früher einmal meine kezerische Mei- nung entwickelt, daß zu viel Beschäftigung mit dem Griechischen der deutschen Schreibart nachteilig gewesen sei. Unfraglich ist Latein mit seiner durchsichtigen Klarheit, seiner knappen Be- stimintheit und sicheren Anslegbarkeit ein besserer Lehrgegen- stand, um daran den Verstand zu üben und den Sinn für die grundlegenden Erfordernisse einer guten Schreibart, Richtigkeit, Schärfe und Kürze des Ausdruckes, zu wecken und zu bilden, als Griechisch mit seinen vielen Formen und Partikeln, deren Bedeutung mehr künstlerisch geahnt als logisch zergliedert werden kann. Seit der Zeit, wo der Gymuasialunterricht wesentlich seine heutige Gestalt erhielt, wandelte sich unsere Kenntnis des Altertums fast völlig um: die dürre Philologie ward lebendige Knude jener untergegangenen Welt, und noch täglich vermehren glückliche Ausgrabungen unseren Schaz antiker Lebensbilder. Ten Laien in der Pädagogik will es bedünken, als müßte hier, wie beim naturwissenschaftlichen Unterricht, die demonstratio ad ocnlos Wunder tun, und als ließe sich durch Vorzeigen von Abbildungen den Schülern in wenig Stunden mehr echter Hellenismus einflößen, als durch noch so langes Reden über die Aorista, den Konjunktiv und Optativ, und die Partikel. Im Geschichtsunterricht wünschte ich den oft in nnersprieß- liche Einzelheiten der bürgerlichen Geschichte— z. B. der römischen Parteikämpfe oder der mittelalterlichen Zänkereien zwischen Kaiser und Papst sick) versteigenden Lehrgang reich- licher, als zu geschehen pflegt, mit umfassenden Knlturgemälden durchflochten zu sehen, auf denen die Gestalteil wissenschaftlicher, künstlerischer und literarischer Heroen sick) abhöben. Die Menge sehr nuzloser Jahrzahlen, ivelche man die jungen Leute ans- wendig lernen läßt, fällt um so peinlicher auf, wenn man sich erinnert, daß ihnen die wichtigsten Konstanten der Natur, selbst ihrem Dasein nach, unbekannt sein dürfen. Gehört es wirklich mehr zur allgemeinen Bildung, das Jahr eines agrarischen Ge- sezcs oder des Regierungsantritts eines salisch-fränkischen Kaisers auswendig zu wissen, als die Berbrcnnungsivärme des Kohlen- stoffs oder das mechanische Wärmeäquivalent? Die Zeit erlaubt mir nickst, auf die Frage nach dem Gym- nasialunterricht in den neueren Sprachen inick) einzulassen. Wich- tiger und schwieriger erscheint mir übrigens die Frage, wie bessere Ausbildung der Gymnasialschüler in der Muttersprache zu erreichen sei. Ich erwähnte schon, daß es meiner Meinung nack) dabei um Bekämpfung eines deutschen Nationalfehlers sich handelt; diesen Punkt genauer zu erörtern ivürde vollends lins hier zu weit führen. Ich sprach bisher immer nur von meinen Wünschen. Allein ich stehe damit nicht allein. Eine große Zahl ansehnlicher Männer jeden Faches weiß ich mit mir in Ucbereinstimmnng. Unter der Fahne:„Kegelschnitte! Kein gric- chisches Skriptum mehr!" getraue ich mir ein durch die Summe der darin vertretenen Intelligenz formidables Gymnasialreform- Meeting zusammenzubringen. Lebhaft freue ich mich, mit meinem Fachgenossen, Herrn Prof. Adolph Fick in Würzburg, welcher unlängst„Betrachtungen über die Gymnasialbildnng" vcrösfent- lichte, in fast allen wesentlichen Punkten mich zu begegnen. ES wäre vermessen, in so verivickelten Dingen die Zukunft durch- schauen zu wollen. Um aber schließlich den allgemeinen Ge- danken wieder aufzunehmen, welcher auf diese besondere prak- tische Frage führte, so scheint mir in einer Reform des Gym- nasinms, wie ich sie anzndenten wagte, immerhin die beste Sicherung zn liegen, welche gegen Ueberflntung unserer geistigen Kultur mit Realismus sich finden läßt. Das verjüngte Gym- nafiunl wieder in Uebercinstimmnng mit den Forderungen der Zeit wird dem Kampfe mit dem Realismus erst wahrhaft ge- wachsen sein. Anstatt seine Zöglinge mit klassischen Studien bis zum Ekel zn übersättigen, sie gegen den Zauber des Hel- lcnismus abzustumpfen, durch pedantische Formenqnälcrei sie gegen den Humanismus zn verstimmen und durch die ihnen ge- waltsam eingeprägte Richtung sie mit der umgebenden Welt in Widerspruch zn versezcn, wird es ihnen eine nach neueren Be- griffen harmonische Durchbildung gewähren, welche, auf geschicht- licher Grundlage ruhend, auch die modernen Knltnrelementc in richtigem Maß in sich aufnahm. Indem das Gymnasinm selber dem Realismus innerhalb gewisser Grenzen eine Stätte bereitet, waffnet es sich am besten zum Kampf wider seine Ucbergrisfe. Indem es ei» kleines Stück aufgiebt, verstärkt es das Ganze und erhält so vielleicht ein hohes ihm anvertrautes Gut der Nation: wenn er überhaupt noch zu retten ist, de» deutschen Idealismus." Mit mancherlei von dem, was Dubois-Neymond in dem hier wiedergegebenen Schlüsse seines Vortrages sagt, wird sich jeder vorurteillose Sachkenner einverstanden erklären können. So mit der überzeugungsvoll betonten Behauptung, daß der 48 Geist des Gymnasiums nicht Schritt hielt mit der Entwicklung des modernen Geistes der Menschheit; serner mit der Forderung, daß sich das Gymnasium bona fide mit neuem Geiste triinken müsse. Auch gegen eine Reform des Geschichtsunterrichts in dem von Dubois-Reymond angedeuteten Sinne wird kaum ein vernünf- tiger Mensch etwas einzuwenden haben. Nur wird— so er- laube ich mir zu wünschen— eine Gymnasialresvrm— wenn sie endlich einmal kommt— hoffentlich nicht dabei stehen bleiben, den„oft in unersprießlichen Einzelheiten der bürgerliche» Geschichte sich versteigenden Lehrgang mit nmfaffenden stulturgemaldcn zu durchflcchten," sondern einfach an die Stelle der heute noch aus- schließlich die Jugend auf unsren höheren Lehranstalten beschaf- tigendcn Fürsten- und Kriegshistorie die Kulturgeschichte zu fezen, in die nicht nur alles das hineingeflochteu werden kann, was von der Geschichte der Dynastien und der Kricgsbarbarei positiven oder negativen?lntcil an der Kulturentwicklung hat, sondern in die all' das als einer der Faktoren des Kultnrsort- schritts oder als Kulturhindernis hineingehört. An der Aufhebung des Religionsunterrichts in der obersten Klasse des Gymnasiums werden vielleicht die meisten Gebildeten unsrer Zeit auch nicht erheblich Anstoß nehmen— sofern sie nicht grade zu dem kleinen, aber einflußreichen Völkchen der— Stillen im Lande, auch Mucker genannt, zählen. Ebensowenig an der„Einschränkung der formalen Beschäftigung mit dem Griechischen." Denn unter je hundert von unsren mit Gym- nasialbildung ausgerüsteten Landsleuten lebt— ich wette daraus! — in neunundnennzig das meist recht deutlich zum Bewußt- sein gelangte Gefühl, daß sowohl die Zeit, welche sie in den oberen Gymnasialklassen auf die Religion verwendet haben, völlig verloren war, als auch weitaus der größte Teil der unsäg- lichen Mühe und Plage, die sie das Einpauken der vcrtrakten { unregelmäßigen griechischen Berba und sonstiger fataler Eigen- tümlichkciten der griechischen Grammatik gekostet hat. Biel geringer dagegen wird die Zahl derjenigen sein, welche mit Dnbois-Rcymond nur eine Art höherer Schulen— das im modernsten Geist reformirte Gymnasium— wollen, das sowohl zum Besuche von Universität, polytechnischen Hochschule», zum Eintritt in das Heer als Einjährig-Freiwilliger und als Offiziers- aspirant vorbereitet. Die einen werden dadurch der Verbreitung des Geistes der Neuzeit Schranken gesezt sehen,— des Geistes, den sie vorzugsweise von unfern mit den Gymnasien konknrri- renden Realschulen gepflegt glauben, die andern werden den Geist des klassischen Altertums, den angeblich idealistisch ange- hauchten Humanismus gefährdet wähnen, sobald den Gegen- ständen des Realnnterrichts neben den„klassischen" Studien breiterer Raum gewährt würde. Tie ersteren ebenso wie die leztcren würden recht behalte» und das Gymnasium ein unseliges Zwitterding werden— meine ich,— wenn Tubois- Reymonds große Reform dnichgesührt würde. Worin besteht denn eigentlich diese„große" Reform,— eine„große" muß es ja sein, denn Dubois-Reymond selbst hat ja gezeigt, wie empfindliche, die ganze Nation beschämende Ucbcl- stände vorhanden sind. Was verlangt Dubois-Reymond? „Im Grund Äußerst wenig——" So sagt er selbst. Als ich das zum erstenmalc las, traute ich meinen Augen nicht. „Acußerst wenig" und— risum tencatis araici!— hütet euch wenigstens, daß ihr nicht vor Lachen plazt, ihr Herren Auguren deutscher Gelehrsamkeit,— Dubois-Reymonds„äußerst wenig" besteht in einer Kleinigkeit„mehr Matematik." „Diskussion der Gleichung zweiten Grades und einige andere ebene Curven," dann durch„die Tangenteorie Eröffnung des geistigen Blicks der Schüler in die Differentialrechnung," das ist Dubois-Reymonds„große" Forderung, die durchzusezen er einen Reformfeldzug mit dein Feldgeschrci: „Kegelschnitte! Kein griechisches Skriptum mehr!" beginnen möchte. Zu der auf den Gymnasien gelehrten niederen Matematik noch einen Teil der bisher nur auf Hochschulen zu studirendcn „höheren", zu den bisherigen 4 matematischcn Unterrichtsstunden in der Woche noch zwei oder höchstens vier,— und damit wäre die Reform im wesentlichen vollbracht. Besinnen wir uns noch einmal darauf, was Dubois-Rey- mond an unsrer Gymnasialbildung getadelt hat. Tie humanistische Bildung läßt ihm viel zu wünschen übrig, — seine Studenten erscheinen ihm nicht mit antikem Geiste ge- tränkt, sie haben keine gute historische Bildung, sie schreiben fehlerhaftes, geschmackloses Deutsch, sie sind sogar erstaunlich wenig belesen in de» deutschen Klassikern,— diese unsre Gebildeten sind also offenbar alles andre eher als wahrhaft— gebildet. Und diesem tiefgehenden, vielumfassenden, für eine nach Bil- dung und geistiger Vervollkommnung ernstlich strebende Nation schier unerträglichen Ucbelftande sollen die„Kegelschnitte" abhelfen und die Abschaffung der schriftlichen Arbeiten im Grie- chischen? Dringt man auf den krummen Wegen der Ellipse, Parabel oder Hyperbel in den Geist des klassischen Altertums? Lernt man die verwickelten Beziehungen, in denen sich der „gebildete" Tcntschc zu seiner Muttersprache befindet, etwa beseitigen, wenn man sie als Funktion der Geistcsbeschasfenheit des ungebildet-gebildeten Individuums höchst exakt matcmatisch darstellt? Erfüllt man sich etwa mit dem Geiste der neuen Zeit, mit den Ideen unsrer Literatur- und Wiffenschaftsherocn, unsre großen Entdecker und Erfinder, mit Hülfe der Wahrscheinlichkeits- rechnung? Das wäre ja sehr schön, herrlich, so einfach, so„wissen- schaftlich"—— aber Dubois-Reymond ist weit entfernt, das zu behaupten. Nur als Hülfsmittel für technische und wissenschaftliche For- schungen preist er sie an und sicherlich mit gutem Recht. Dem Statistiker, dem Nationalökonomen und dem Vcrwal- tungsbeamten, dem Physiker lind Meteorologen empfiehlt er sie als für seine Berufsleistungen»ngcmcin fruchtbringend. Aber daß jemand de» antiken oder den modernen Geist, Kenntnis der Kulturgeschichte oder der deutschen Sprache und ihrer Klassiker über sich ausgösse,— also grade das profitirte, was unsren Gebildeten nach Dubois-Reymond fehlt, wenn er sich den„Kegelschnitten" mit allein erdenklichen Eifer hingibt, das behauptet Tnbois-Neymond nicht mit einer Silbe. Im Gegenteil: er gesteht in einem kurzen verschämten Säzchen kurz vor dem Schlüsse seines Vortrages ausdrücklich die gran- diose Schwäche seiner Reform zu. „Die Zeit erlaubt mir nicht, auf die Frage nach dem Gymna- sialnnterricht in den neueren Sprachen mich einzulassen. Wich- tiger und schwieriger erscheint inir übrigens die Frage, wie bessere Ausbildung der Gymnasialschüler in der Muttersprache zu erreichen sei. Ich erwähnte schon, daß es meiner Meinung nach dabei um Bekämpfung eines National- fchlers sich handelt; diesen Punkt genauer zu erörtern, würde vollends uns hier zu weit führen." Halt, Herr Professor, ivas Sie da sagen, das geht mit Ver- lanb zu sagen denn doch über die Hutschnur. Wie man es machen muß. daß die gebildet werden sollen- den Deutschen mit mehr Matematik gefüttert werden, das weiß der tiefgelehrte Herr genau, und wie könnte er auch nicht, ist es doch so kindlich einfach, daß ich jeden zwölfjährigen Schul- junge» für einen unheilbaren Dummkopf erklären würde, der mir die Frage, sobald ich sie ihm klipp und klar vorlege, nicht ebenso gnt beantwortet, mag er sich sonst auch noch im Stande jener lindlichen Unschuld besiuden, in welchem man ettva„die Kegelschnitte" für eine nahe Benvandte der Butterschnitte zu halten vermag. „Höre, lieber Junge, Ihr lernt jezt in wöchentlich vier Unterrichtsstunden Matematik. Ihr müßt künftighin mehr Mate- matik lernen, als in diesen vier Stunden möglich ist. Wie 50 1 werden wir nun den Lcktwnsplan einzurichten haben, daß Ihr mehr lernt?" Ich will mich zeitlebens mit nichts weiter als Kegelschnitten beschäftigen, wenn nicht 90 Prozent aller mit Durchschnitts- verstand ausgestatteten Quartaner antworten: „Das ist doch sehr einfach! Wir pauken eben künftig statt vier Stunden sechs oder acht Stunden oder noch mehr Mate- matik." Also inbezug ans diese matcmatische Frage steht der be- rühmte Gelehrte Herr Dnbois-Rcymond hinter der Majorität uusrer Quartaner nicht zurück. Sollte er genau dieselbe Frage, auf den Unterricht in nnsrcr Muttersprache angewendet, wirklich nicht ebenso gut beantworten können, als jeder beliebige Quartaner? Ich meinerseits zweifle an der Fähigkeit des Herrn Pro- fessor gewißlich nicht,— mir bleibt nichts andres übrig, als anzunehmen, daß er die Frage nicht beantworten will. Wie viel Stunden in der Woche wird auf uusern Gymna- sicn Deutsch gelehrt? Man höre und denke sich sein Teil: Ganze zwei Stunde»! Zwei Stunden wöchentlich in der untersten Gymnasialklasse, der Sexta, zwei Stunden in der Quinta u. s. f. bis zur ersten Klasse— der Prima. Im ganzen genießen die Gymnasiasten deutschen Unterricht in dem neun Jahre dauernden Gymnasialkursus nicht mehr als 640 Stunden, während ihnen in 1686 Stunden die Elemente der altgriechischcn Sprache eingeprägt werden, also in über tausend Stunden mehr, und während gar 3360 Stunden, also fünfmal soviel als auf die deutsche Sprache!!' auf die lateinische Sprache verwendet werden. Ob sich angesichts dieser ihm so wohlbekannten Sachlage der Sekretär der königlich preußischen Akademie der Wissenschaften, Herr Dubois-Reymond, wirklich wundem kann, daß unsere „Gebildeten" so erbärmlich deutsch schreiben und von den 5llas- sikern so schmachvoll wenig wissen?— Und wie deutsche Sprache und Literatur betrieben wird! Mir liegt ein ganzer Berg von Jahresberichten deutscher Gymnasien zur Hand, von denen ich den ersten besten heraus- greise, um mit seiner Hülfe zu zeigen, wie auf unseren Gym- nasien deutsch gelehrt wird. Im Jahresbericht des Königlichen Friedrichs-Gymnasiums zu Breslau für 1871—72 ist zu lesen: Prima. Deutsch 2 Stunden. Philosophische Propädeutik. 1 Stunde. Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts. 1 Stunde. Anleitung zum Verständnis deutscher Dichter und Prosaiker; Korrektur der deutscheu Aufsäze. 1. Stunde. Sccunda. Deutsch 2 Stunden. Besprechen und Mrmorircn Schillerscher Gedichte. Lektüre der Jungfrau von Orleans. Lehre von den Dichtungsarten, hauptsächlich vom Drama. Vor- träge literarischen und geschichtlichen Inhalts. Monatliche Ans- säze mit vorhergehender Besprechung der Disposition. Ober-Tertia. Deutsch 2 Stunden. Ausgewählte Balladen von Bürger, Goethe, Schiller, Uhlaud wurden erklärt und nie- morirt. Wöchentliche Deklamationen. Alle drei Wochen ein Aussaz. Unter-Tertia. Deutsch 2 Stunden. Erklärung prosaischer und poetischer Stücke aus dem Lesebuch von Hopf und Pciulsieck; ausgewählte Gedichte wurden memorirt. Wöchentliche Vorträge. Alle drei Wochen ein Aussaz. Quarta. Deutsch 2 Stunden. Erklärung prosaischer und poetischer Stücke ans dem Lesebuch von Hopf und Paulsieck. Ausgewählte Gedichte wurden memorirt. Das nötigste aus der Flexionslehre. Alle 14 Tage ein Aufsaz. Uebnngen in Orto- graphie und Interpunktion. Quinta. Deutsch 2 Stunden. Lesen und Erklären, sowie zuweilen schriftliche Wiedergabe von Stücken auS dem Lesebuch von Hopf und Paulsieck I, 2. Regeln und mündliche wie schriftliche Uebungcn in Ortographie und Interpunktion. Ausgewählte Gedichte wurden memorirt. Sexta. Deutsch 2 Stunden. Lesen und Erklären geeigneter Stücke aus dem Lesebuch von Hopf und Paulsieck!, 1. Grammatische und ortographische Uebnngen. Häusliche Arbeiten. Wöchentlich wurden Gedichte memorirt. Vergleichen wir zunächst damit einmal die den Unterricht in der deutschen Sprache auf höheren Lehranstalten Frankreichs angehende Notiz, welche jüngst durch eine Reihe deutscher Zci- hingen ging. Tieselbe lautete: „Tic deutsche Sprache wird überall in den höheren Schulen Frankreichs mit der englischen zur Wahl gestellt, hat gleiche Stundenzahl wie diese und wird zu gleicher Zeit mit deren Lektion gelehrt. Für besonders strebsame Schüler ist noch außer der Schulzeit ein besonders zu bezahlender Unterricht im Deutschen respektive Englischen eingerichtet. Ter Lehrplan erstreckt sich aus 10 Jahre. I.(Erste) Vorschule und untere Klassen: Kinder- biicher. Leichte Sprechübungen nach Bildertafelu. Deutsche(dem Franzosen durchaus ungewohnte) Betonung. Nichts schriftlich. Sexta. Quinta, Quarta(das zitirte Blatt wählt die deutschen Bezeichnungen): Formenlehre. Leichte Lesestücke. II. Mittlere und obere Klassen. A. Grammatik. Untertertia und Obertertia: Das Wesentliche der Syntax. Untersekunda: Wortbildung und Prosodie. Obersekunda: Sprachliche Eigentümlichkeiten. Fort- sezung der Prosodie. Unterprima: Repetitiou der gesammtcu Grammatik. Oberprima: Keine besondere Grammatikstunde mehr. B. Lektüre. Als Kanon steht zur Auswahl: Quarta: Campes Robinson, Haiders Palmenblätter, Musäus, ausgewählte Mär- che». Untertertia: Niebuhrs griechische Heldengeschichte, Märchen von Grimm und von Andersen. Obertertia: Lessiugs Fabeln, ein Lustspiel von Benedix nach Belieben, Kotzebues Deutsche Kleinstädter und Bürger und Bauer, Lessiugs Minna von Barn- Holm. Untersekunda: Goethes Kampagne in Frankreich, Ehamissos Peter Schlemihl, Auerbachs Schwarzwälder Dorfgeschichten, Schillers Wilhelm Tell und Maria Stuart. Obersekunda: Goethe Göh von Verl ichin gen, Italienische Reise, Hermann und Doro- thca, Schillers Wallenstei», Gedichte. Aufstand der Niederlande, Hauffs Lichtenstei». Unterprima: Lessiugs hamburgischc Drama- turgie, Goethes Tasso. Iphigenie, Gedichte. Schillers Braut von Messina und Dreißigjähriger Krieg. Oberprima: Goethes Faust, I. Teil(mit Auswahl), Lessiugs Lavkvou mit Auswahl, Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe(mit Auswahl). Herders Ideen zur Philosophie und Geschichte der Menschheit, Schillers ästhetische Werke." Ich habe wohl nicht nötig, dieser Konfrontation des Pro- gramms, nach welchem im deutschem Gymnasium deutsche Sprache und Literatur getrieben wird, mit dem des deutschen Unterrichts auf den französischen Anstalten gleichen Ranges auch nur ein einziges Wort hinzuzusügen, um zu beweisen, daß ein nach der angegebeneu Mrtvde mit der Kenntnis uusrer Muttersprache aus- gerüsteter Franzose zweifellos zehnmal soviel vom Besten, was unsre Literatur aufzuweise» hat, kennt und zweifellos besseres Deutsch zu schreiben imstande sein tvird. als die'meisten uusrer deutschen Gymnasiasten zur Zeit ihres Ueberganges auf die Universität. Aus dem französischen Lehrplan weht uns der Hauch des feinsinnigsten Gefühls und des treffendsten Verstäuduisses für das Edle und Erhabene in nnsrcr Literatur entgegen, während die Znsammciistellnng der deutschen Pensen in den Klassen des deutscheu Gymnasiums einen fast beklemmenden Eindruck von Oede und Gleichgültigkeit macht. Der lateinische Unterricht macht die deutschen Gymnasiasten schon in Quarta, der griechische in Tertia mit ganzen Werken alter Schriftsteller vertraut. Im deutschen Unterrichte dagegen beschränkt man sich auf das Stück- und Flickwerk der Lesebücher und beginnt bestenfalls in Sekunda ein oder zwei deutsche Dramen zu lesen. Und wie trostlos sieht es mit dem Unterrichte in deutscher Literaturgeschichte auf unsren Gymnasien ans! Erst in Prima, also bestenfalls während 160 Unterrichtsstunden hören die Gymuasialschüler Teutschlands Bruchstücke davon; bestenfalls können ihnen dürftige Abrisse der Gesammt geschichte nnsrer au Umfang und Gehalt die lateinische und griechische doch weit überragenden Literatur gegeben werden,— n»d was ihnen davon für das Praktische Leben im Gedächtnis bleibt, ist zumeist gradczu keinen Pfifferling wert. Um diesen schmählichen Mangel in unsrcm Bildungstvesen zu beseitigen, müßte man in Deutschland allerdings energischere Rcformlust und gewaltig größrcn Tatcnmut an den Tag legen, als Dubois-Reymvnd betätigt. Tic Abschaffung der 2 Religimisstunden in der Prima und die sehr bescheidene Einschränkung des Griechischen tuts freilich nicht,— aber wie wäre es, wenn man den Religionsunterricht ganz den zur Konfirmation oder Firmelung vorbereitenden Geist- lichen überließe, oder, falls man sich dazu durchaus nicht cnt- schließen mochte, dem Griechischen 1000 Stunden und dem Lateinischen 2000 abzwackte? Und wenn man von diesen freigewordcnen 3000 Unterrichtsstunden dann getrost ein Drittel etwa der deutschen Sprache und Literatur und zwei Drittel den Naturwissenschaften zuwendete, so würden die gebildeten Deutschen Deutsch lernen, daß man sich ihrer nicht mehr zu schämen brauchte und aus dem Borne unsrcr Literatur auch den Nektar idealistischen Strcbens und Webens schöpfen, dessen Versiegen und Versauern Herr Tubois- Reymond, gleich vielen andern Deklamatoren gegen das Empor- wuchern grobrcalistischcn Geistes, gleichfalls so sehr beklagt. Die Dinge liegen so einfach und es fehlt nur an dem Mut und dem guten Willen mit althergebrachter Verbohrtheit euer- gisch zu brechen— Herr Professor Dubvis-Reymcnd: Hie Rhodus hic salta! Die Baumwullenindusir Kulturgeschichtliche Skiz „Tie unansehnliche, kaum 3 Fuß hohe Pflanze mit ihren weißen Flocken hat einen entscheidenderen Einfluß auf das beschick der Welt, als die ganze heilige Allianz mit ihren 150 Generälen, ihrer Schaar von Diplomaten und ihren niil- lioiicu von Soldaten." Diese Bemerkung machte„Sr. Exccllcnz der preußische wirkl. Gchcimrat" Herr Lothar Bücher gclcgcnt- lich einer Besprechung der ersten londoner Weltausstellung. Herr Bücher war damals noch nicht Exccllcnz und dachte noch nicht daran, daß er einige Jahrzehnte später selbst in der von ihm mit wenig Achtung erwähnten Kategorie der„Diplomaten" eine so hervorragende Rolle spielen werde. Wie dem auch sein niag, jedenfalls hat Bücher, als er obiges niederschrieb, ganiicht so unrecht gehabt, und später, zur Zeit des nordamerikanischen Sklavcnkricges, hat sich erst recht gezeigt, wie ohnmächtig die Regierungen dem Einfluß der„unansehn- �icheu Pflanze" gegenüberstanden. „Cotton is king," Baumwolle ist König, hieß es in Amerika, als jener schon erwähnte Krieg der Herrschaft der Sklavcnhcldcn des Südens noch kein Ende bereitet hatte, und selten hat es wohl einen niächtigcren König gegeben. Millioiieic hängen von 'Hm ab, ohne es zu wissen; Millionen sehen zu ihm auf und � ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn behauptet wird, daß die Baumwolle mehr als das Gold die Verhältnisse rcvolutionirt und umgestaltet hat. In England hatte seit Mitte des 17. Jahrhunderts die Bauinwvllenindustric in Manchester ihren Siz aufgeschlagen. Das Syrien und Cypcrn ausgekaufte Rohmaterial wurde hier vcr- "rbeitet und dann nach London auf den Markt gebracht, von Um aus es ausgeführt und versendet wurde. Von einem Einfluß der Vanmwollcnindustric auf das Leben der Gesellschaft kann indes zu jener Zeit noch nicht die Rede sein. Dieser stellte sich erst ein, als durch die Erfindung der Bcaschincn zur Verarbeitung der rohen Baumtvollc und der An- Wendung der Dampfkraft zum Betriebe derselben der Anstoß zur UoUständigen Umwälzung der Produktion gegeben war; also un- Lefähr in der Mitte des vorigen Jahrhunderts. . Die Berspinnung und Verwebung der rohen Baumwolle gc- >chah bis dahin im Hause des Arbeiters. Tic ganze Faniilie war an den Arbeiten beteiligt und das fertige Prodickt wurde herumreisende Agenten verkauft. Da der Arbeiter sein eigener Hctt war und mich nicht durch die Konkurrenz all zu sehr wedergedrückt wurde, so war er imstande, ein Stückchen Land iu pachten und zu bearbeiten und von seinem Einkommen ein verhältnismäßig gutes Leben zu führen. Seine materielle Stcl- w'g war eine bei weitem bessere, als die seiner Nachfolger, wr Fabrikarbeiter. Er arbeitete nur so viel, wie ihm beliebte w'd verdiente doch genug zum Leben. Tic Beschäftigung in �«rtcn und Feld, die er nebenbei betrieb, war ihm eine lc und ihre Bedeutung. >c von Si>. Schlüter. Erholung und trug wesentlich zu seinem körperlichen Wohlde- finden bei. Dieses Verhältnis wurde geändert durch die Erfindung und Einführung der Maschinen. Zunächst wurde im Jahre 1704 durch Hargreavc die Jenny erfunden, die 16— 18 Spindeln hatte, während das gewöhnliche bisher gebräuchliche Handspiun- rad nur eine Spindel trieb. Da diese Maschine gleichfalls nur einen Arbeiter zum Betrieb brauchte, das Garn also rascher und billiger gesponnen werden konnte, so hob sich die ohnehin im Steigen begriffene Nachfrage nach Bauinwollcnzcugen, welche immer mehr die teureren wollenen und leinenen Kleiderstoffe verdrängte. Der Lohn stieg und die Folge war, daß die Weber ihre Landwirtschaft aufgaben und sich gänzlich auf ihr Gewerbe legten. Weiter bewirkte die Einführung der Jenny die erste Teilung der Arbeit in der Tcxtilbranche. War bisher das Spinnen und Weben in einer Familie geschehen, so legten sich jczt diejenigen Familien, welche sich eine Jenny anschaffen konnten, allein aufs Spinnen, während andere sich ausschließlich mit Weben be- schäftigtcn, da sie das Garn billiger von den Spinnern beziehen konnten, als wenn sie den Rohstoff selbst verarbeiteten. Die Vorteile, die diese Maschinen ihren Bcsizern gewährten, wurden bald von Kapitalisten erkannt. Sie stellten eine größere Anzahl von Jennys in großen Gebäuden auf und benuzten zur Bewegung derselben Wasserkraft, wodurch ihr Bedarf an Ar- beitern verringert wurde und sie daher imstande waren, ihr Garn billiger zu verkaufen. Die beständigen Verbesserungen der Maschinen, die Erfindung des durch Arkwright 1767 hergestellten Kettenstuhls,„neben der Dampfkraft die wichtigste mechanische Erfindung des 18. Jahrhunderts ," die Erfindung des nie- chanischen Webstuhls und besonders die Anwendung der Dampf- kraft zum Betrieb dieser Maschine machte bald das Fabriksystem zum allein her-rschcndcn in der Industrie. Die 800 000 Hand- weber, die es vor Einführung dieser Maschinen in England gab, wurden durch dieselbe als solche vernichtet. Was ihr Schicksal war, mag der Leser beurteilen nach folgendem Saz aus einer Rede, die das Mitglied des Unterhauses, Fcrraud, am 27. April 1863 in einer Sizung desselben hielt. Er sagte:„Die Baum- wollcnindustrie zählt 90 Jahre.— In 3 Generationen der englischen Race hat sie 9 Generationen von Baumwvllcnarbcitcrn verspeist."—— Eine Folge dieser Verdrängung der Handarbeit durch die mechanische Arbeit war das rasche Fallen der Preise der Baum- wollenwaarcn, da die menschliche Kraft mit der Kraft der Maschinen nicht konkurriren konnte und daher die durch Maschinen verfertigte Waare bedeutend billiger herzustellen war. Die billigeren englischen Baumwollenwaaren verdrängten die bisher meistgebräuchlichen Kleiderstoffe, wie Wolle und Leinen und die Nachfrage nach BauinwollclNvaaren wuchs beut cntsprcchcnb. Wenn bisher der Landmann meistens nach seine Kleidungsstoffe ans der Wolle, die er selbst geschoren und aus dem Flachse, den er selbst gebaut, gefertigt hatte, so wurde derselbe jezt durch die Billigkeit der Fabrikstoffc veranlaßt, seinen Bedarf zu kaufen. Die billige Herstellung der Baumwollenwaaren ermöglichte der englischen Fudustrie eine siegreiche Konkurrenz mit ihren Rivalen in allen überseeischen Ländern, sie sezte sich fest und beherrschte bald alle unbeschnzten Märkte in fremden Weltteilen, was alles die englische Baumwollenindustrie zu einer blühenden machen mußte. Der Hauptgrund aber, der das Bedürfnis nach Baum- wollcnwaaren schuf und so ein enormes Wachstum der genannten Industrie herbeiführte, lag in der allgemeinen Entwicklung der Industrie, nämlich in der mit dieser Industrie Hand in Hand gehenden Vermehrung des Arbcitcrstandes und des dadurch her- beigeführtcu vergrößerten Konsums billiger Zeuge. Die billigen Zeuge aber— im Gegensaz zu leinenen und wollenen Stoffen — lieferte wiederum die Baumwollenindustrie. Die Licht- und Schattenseiten der Banmwollcnindustrie sind für die moderne Großindustrie typisch, und es bedarf wohl kaum noch der Ausführung, in welcher Weise diese Industrie auf die in ihr beschäftigten Arbeiter einwirkte. War vor Einführung der Maschinen der Baumwollenarbeitcr insoweit sein eigener Herr, als er seine Arbeitszeit und seine Erholungszcit ein- richten konnte, wie er wollte, so wurde er jezt der Knecht der M'aschinc, die er bedienen mußte. Zur festgcseztcn Zeit mußte er in der Fabrik sein, zur festgesczten Zeit erst wieder durfte er gehen. Hatte er früher mit Leichtigkeit seinen Erwerb ge- funden, so war er jezt den Lohnschwankungcu ausgesezt, welche die neue Produktionsweise mit ihren Krisen hervorrief und welche die frühere Sicherheit des Erwerbs für die Arbeiterklasse zer- störte. Eine rasche Vermehrung des Proletariats hielt gleichen Schritt mit der Entwicklung der Industrie, und speziell mit der Entwicklung der Baumwollenindustrie. Und in welchem Maße sich diese entwickelte, zeigen folgende Zahlen: Während in den Jahren 1771—75 im Durchschnitt jährlich weniger als 5 Millionen Pfund roher Baumwolle in England importirt wurden, war die Einfuhr im Jahre 1841 schon auf 528 Millionen Pfund gestiegen. 1834 exportirte England 556 Millionen Uards(Längenmaß von 914 Milli- mctcr) gewebter Baumwollenstoffe, 7 6',2 Millionen Pfund Bauniwoltcngarn und für 1 200000 Pf. St. baumwollene Strunipfwaarcn. Im selben Jahre arbeiteten nahezu 9 mil- lionen Spindeln au der Verarbeitung des Rohstoffes. Nach Max Eullochs Berechnungen lebten damals direkt oder indirekt beinahe 1 h'2 Millionen Menschen in Großbritannien von diesem Industriezweige, und über de» Einfluß, den derselbe auf die Grafschaft Lancashire, ihrem Hauptsize, ausübte, berichtete ein Schriftsteller im Jahre 1844:„Sie— die Baumwollenindustrie— hat diese Grafschaft durch und durch revolutionirt, aus ciucnl obskuren, schlecht bebauten Sumpf in eine belebte, arbeit- same Gegend umgeschaffen, ihre Bevölkerung in 80 Jahren verzehnfacht und Riesenstädte—— wie mit einem Zauber- schlage aus dem Boden wachsen lassen. Die Geschichte von Südlancashirc weiß von den größten Wundern der neuesten Zeit, und doch spricht kein Mensch von ihr, und alle diese Wunder hat die Baumtvolleuindustrie zuwege gebracht." Das war im Jahre 1844! Und heute? Statt der 8—10 Millionen Spindeln, die im Jahre 1834 auf Großbrittanien kamen und die im Jahre 1849 schon auf über 20 Millionen vernichrt waren, kamen 1880 bereits über 40 Millionen. Von 600 Millionen Pfund Rohstoff im Jahre 1844 war die Ein- fuhr im Jahre 1878 gestiegen auf 1 Milliarde und 200 Millionen Pfund, wovon England allein 87 Prozent selbst kon- sumirt. Die auf die Herstellung von Baumwollenwnare» in England venvandte Maschinenarbeit ist eine so ungeheure, daß, wäre man bei dem alten Arbeitsprozeß von 1770 stehen geblieben, jezt nahezu 100 Millionen Arbeiter nötig sein würden, nm dem Bedarf zu entsprechen. Zu Ende der 50cr Jahre schon berechnete man, daß aus dem Quantum Baumwolle, das alljährlich nach England gebracht wird, eine Pyramide gebaut werden könnte, größer als die des Cheops, und daß daraus Garn von 8572 Meilen Länge verfertigt wird. Wenn man auch nicht sagen kann, daß die außerordentliche Veränderung, welche seit Ende des vorigen Jahrhunderts in England vor sich gegangen ist, ausschließlich auf Rechnung der Baumwollenindustrie kommt, sondern diese Veränderung der Entwicklung der Industrie überhaupt zuzuschreiben ist, so läßt sich doch nicht leugnen, daß sie den größten Teil dazu beitrug, England zu dem zu machen, was es heute ist: das industriellste Land der Erde, mit einer Hauptstadt von 4 Millionen und mit 3 Millionen Menschen, die allein von der Tcxtilbranche ab- hängig sind. Die Vereinigten Staaten sind das Land, aus welchem Eng- land den größten und besten Teil seines Bedarfs an Roh- baumwolle beziehen muß.. Hier war die erste Baumwolle etwa Mitte des vorigen 1 Jahrhunderts aus Samen, welcher von der westindischen Insel Auguilla geholt war, gezogen>vorde». Lange hatte es indes| gedauert, ehe man nennenswerte Resultate erzielte, und noch im Jahre 1790 wurden im Ganzen nur 81 Ballen aus den I Bereinigten Staaten ausgeführt, und der Wert der Gesammt- 1 ausfuhr dieses Materials betrug in den Jahren 1790 nnd 1791 kaum 5000 Dollars. Erst durch die große Nachfrage nach Rohstoff, verursacht, wie wir gesehen haben, durch die Entwick- lung der Maschinerie und der englischen Industrie überhaupt, wurde die allgemeine Aufmerksamkeit auf den Bau der Baum-- Ivollenstaude gelenkt. Bis zum Jahre l793 war das Entsamcn der Baumwolle, die Trennung der Faser von dem Samen, an welchem sie hängt, durch Handarbeit geschehen. In diesem Jahre erfand ein Ar-{ beitcr in Massachusetts, Whitney, die Cottongin, eine Maschine, welche das Entkörnen besorgt. Einer andern Lesart zufolge soll diese Maschine nur eine Nachbildung eines Instrumentes sein, welches seit langem in Indien demselben Zwecke dient. Während nun früher bei der Entkörnung mit der Hand nur etwa ein Pfund ordinärer Wolle— an welcher der Samen fester haftet— des Tages durch eine Person gereinigt werden konnte, werden in derselben Zeit mit der Maschine etwa 100 Pfund Faser vom Samen getrennt. Von hier an datirt der großartige Aufschwung der amerikanischen Baumwollenkultur. Bis dahin waren die Herstellnugskostcn der Baumwolle so groß gcivescn, daß nur wenige Ballen geringerer Sorte ausgeführt wurden. Während im Jahre Ii 93 die Ausfuhr 187 000 Pfund — meist langfaserige, sog. Sca Island, bei welcher der Same nicht so fest haftet, die aber nur nahe der See gebaut werden kann— betrug, bclicf sich im Jahre 1794, also nur 1 Jahr nach Aufkommen der Cottongin, der Export auf 1 601 761, und schon 1795 auf 6 276 300 Pfund. Heute ist die Evt- tongin bereits durch weitere technische Verbesserungen überholt. In Indien verwendet man zur Trennung der Faser vom Samen ein halb maschinenartiges Instrument, die Churka, womit ci» Manu und eine Frau täglich 28 Pfund reinigen. Mit der von einem Dr. Fordes erfundenen Ehurka produzirt nach dein bereits genannten Gelehrten ein Mann nnd ein Junge täglich 250 Pfund. Wo Ochsen, Dampf oder Wasser als Triebkraft gebraucht werden, sind nur wenige Jungen und Mädchen al's Zulanger des Materials für die Maschinen nötig. Scchzeh» dieser Maschinen, mit Ochsen getrieben, verrichten täglich da� frühere Turchschnittstagewerk von 750 Leuten. (Schluß folgt.) 53 xtm] des G l ets. Bo» Dr. Wilhelm L eu cht. Ehrcnrettilngk» sind längst in die litenrnsche Mode gekommen. scharfsinnige Forscher und hervorragende Schriftsteller stellen sich die gewiß sehr respektable Aufgabe, die Akten von Persönlichkeiten, über welche Klio's Gerichtshof längst sein„Schuldig" ausgesprochen hat, n»ss neue gründlich zu untersuchen, in der Absicht, den Beweis ihrer Unschuld zu führen und ihre Namen von dem üblen Geruch zu be- freien, den sie Jahrhunderte lang ausgeströmt haben. Die renom- mirtestcn Böscwichtcr der Geschichte sind nicht davor sicher, eines schönen -lages von ihrem Pranger, der ihnen durch Zeit und Gewohnheit viel- leicht so�licb geworben ist, wie ein ruhmbeglänztes Piedestal, in seier- lichem Triumph hinweggcsührt und den Tngendhelden eingereiht oder gar mit dein Ghrcnkranz verkannter Größe» gekrönt zu werden. Mit •iiberiuä, Lukrezia Borgia, Tilly, Pastor Göze und anderen sind der- anige Experimente bereits gemacht worden, sogar Orestes mußte sich neuerdings gefallen lassen, von einem Dr. Siegert sein dreitausendjäh- riges Renommee als Muttermörder angefochten zu sehen, und man darf wohl erwarten, daß auch die Herren Thersites, Hcrostrat, Nero, Rinaldo Rinaldini, Schinderhannes und Konsorten noch an die Reihe kommen, sowie Damen vom Schlage der Medea, Klytämnestra, Mes- salina, Lady Macbeth, Katharina von Medici, Pompadour ihre Ritter linden werden. Je größer der Schuft, desto mehr Anspruch hat er aus Ehrenrettung, desto ruhmreicher ist es, Mohrenwäsche an ihm vorzu- nehmen. Und wie inbezug auf den moralischen Karakter, so auch binsichtlich der Intelligenz. Wer bürgt uns z. B. dafür, daß die Ab- deritcn wirklich— Abderitcn waren und nicht vielmehr ein Ausbund von Scharssinn und Wiz, um dessentwillen sie von den Athenern, die keinen Nebenbuhler neben sich dulden wollten, verschrieen wurden. Aar doch der grundverständige Philosoph Demokrit, der über alle menschliche Torheiten gelacht hat, was gewiß das Gescheiteste ist, ein Bürger der guten Stadt Addern, und ebenso müssen jedem gewissen- hasten Geschichtsforscher über die Einfalt der guten Schildbürger gc- rechte Bedenken aussteigen. Sogar des Tierreichs hat sich die Ehren- reNungswut bemächtigt, z. B. des Maulwurfs, des Regenwurms, wo- rüber Karl Bog's Vorlesungen über verläiimdete und verkannte Tiere vergleichen, und es ist nicht undenkbar, daß auch die Ratte, die Trichine, die Wanze, der Bandwurm, die Laus und andere GottcS- geschöpsc gleicher Art ihre Ehrenretter finden werden. Kein Bürger im ganzen Tierreich aber scheint gegründeiern Anspruch aus Ehrenrettung z» haben, nlS der viclvcrachtete, vielgeschmähte, viclgeschlagene Esel, und ich habe mir vorgesezt, meine literarischen Sporen au ihm zu vor» dienen und ihm zu derjenigen Reputation zu verhelfen, die ihm von Rottes- und Rechtswegen gebührt. Den nächsten Anlaß hiezu gab mir folgende Mitteilung aus dem Tierreich in einer Ticrschuzzeitschrisl, über- schrieben: Etwas vom duiiimkn Esel. Ein spanischer Landmann, welcher eine der Borstädte Madrids bewohnte, hatte während langer Zeil die Gewohnheit, sich täglich zur ®tnbt zu begeben und einen mit Milchkrügen für seine Kundschaft behängten Esel mit sich zu führen. Eines SLages war der Bauer krank, und seine Frau schlug vor, den Esel allein die gewohnte Tour machen Zu lassen. Sein Herr stimmte zu, die Körbe mit den Milchkrügen wurden dem Esel umgehängt, an ihnen ein Stück Papier befestigt, welches die Kunden sich selbst nach ihrem Bedarf zu bedienen und die Krüge und Körbe wieder hineinzustellen bat. Der Eiel ging fort und mm nach Verlauf einer bestimmten Zeit mit de» leeren Krügen a» 'hren Pläzcn zurück. Der Eigentümer des Esels hörte nachher, daß d" Esel an der Türe jedes seiner Kunden still gestanden, ohne sich ei» kinzigesmal zu irren, und daß er, wenn man ihn hatte warten lassen, Hausglocke mit seinen Zähnen gezogen habe. Aus dieser Erzählung, an deren Wahrhaftigkeit kc'in Grund zu zweifeln vorliegt, geht hervor, daß der Esel keineswegs so dumm ist, als er aussieht, und sie legt sogar den Gedanken nahe, daß er im stunde ein verkapptes Genie ist, das, wie die Ironie, tiefe Weisheit unter der Maske der Torheit verbirgt. _ Ich könnte noch manche ähnliche Begebenheit anführen: der wahren Gelehrsamkeit gilt jedoch die Autorität der Allen weit niehr als die t-rsahning der Neueren und ein einziges gelahrtes Zitat wiegt ein duzend empirischer Belege aus. So sei denn vor allem daraus hin- gewiesen, daß es im Altertum keineswegs als Injurie angesehen wurde, wen» man jemand einen Esel nannte, sondern daß der also Titulirte k'ch vielmehr in hohem Grade geschmeichelt und geehrt fühlte, so daß Attribut Esel etwa soviel besagte, wie heutzutage„Euer Wohl- geboren."«» der Spize unseres BeweisversahrenS siehe, wie es sich !Wbuhr,, das Buch der Bücher, die Bibel. Da lesen wir im Buche Genesis in. 4li. Kapiiel. daß der Patriarch Jakob seine Söhne, die Stammväter des Volkes Israel, vor seinem Tode segnete. Wie noch heute seine Nachkommen ihre Ge'chlechlSnamen dem Tierreiche zu ent- ehnen lieben, so hat der sterbende Erzvater seinen Söhnen mit Vor- �be zoologische Attribute beigelegt; den Iuda nennt er einen Löwen vher es vielleicht rühren mag, daß die Juden so viel Lowenmäßig o 2? Jd) haben), den Tan eine«chlange. den Naphtali einen ichnette» v'vsch. den Benjamin einen reißenden Wolf und den J,a,char— einen Esel:„Jsaschar, ein knochiger Esel, gestreckt zwischen den Hürden." Auch der Fürst von Sicheni, der Vater des verliebten Prinzen, dessen Abenteuer mit Jakobs einziger Tochter den männlichen Einwohnern von Sichcm nicht nur ein Stück Haut, sondern noch das Leben kostete, ivic gleichfalls im Buche Genesis zu lesen, hieß Chamor, d. h. Esel. Bei anderen semitischen Völkern mußte die Bezeichnung„Esel" gleich- falls als ehrenhast gegolten haben, wie hätte sich sonst der tapfere Kalif Mcrwan II. den„Esel Mesopotamiens" nennen lassen? Ich möchte niemand raten, auch nur das kleinste europäische Polentätchen den Esel seines Ländchens zu nennen. Aber auch bei den Jndogennanen mußte früher der Esel in gleichem Ansehen gestanden haben; vergleicht doch Homer den Ajax, Sohn Telamons, mit diesem Tiere: Wie wenn zum Feld ein Esel sich drängt und die Knaben bewältigt, Trägen Gangs, auf dem viel Stecken zerscheiterten ringsum; Jezt eindringend zerrauft er die Saat tief; aber die Knaben Schlagen umher mit Stecke»; doch schwach ist die Stärke der Kinder, Und sie vertreiben ihn kaum, nachdem er mit Fraß sich gesättigt: Also schwärmt um den Held, den Telamonier Ajas, Mutiger Troer Gewühl und fernbenlsencr Helfer, Die aus den Schild die Lanzen ihm schmetterten, immer verfolgend. (Jl. II, 558—565.) Wie würde ein moderner Poet anlaufen, wenn er von einem prcu- ßischen Offizier singen würde, er drang vor oder konzentrirte sich rück- wärts wie ein Esel. Sogar ein Philosoph, Klcantcs, erklärte sich für einen Esel, weil er die Bürde seines Meisters Zeno trage. Wie manche Philo- und Teosophen, welche gleichfalls die Bürde früherer Autoritäten schleppten, hätten sich nach diesem Borgang Esel nennen dürfen, vielleicht mit größerem Rechte als Kleantcs. Am meisten Ansehen scheint der Esel bei den alten Jndicni ge- nossc» zu haben, denn jn den Bedas, besonders im Rigvcda, werden ihn, glänzende Attribute beigelegt. Auch glauben die Jndier, welche der Lehre von der Seelemvanderung(Meteinpsychose) huldigen, daß die Seelen der Fürsten und Vornehmen nach dem Tode des Leibes in die Leiber von Eseln einwandeln— in Europa scheint mitunter das Ge- genteil der Fall zu sein— und eines der angesehensten Geschlechter Hinlerindiens leitet seine Abkunft von einem Esel ab. Uebrigens hieß auch ein römisches Geschlecht Asinus, und der Vertraute dcS Julius Eäsar und des Augustus, C. Asiuius Pvllio, der ausgezeichnete Redner, Dichter und Historiker, der Gründer der ersten Bibliolek in Rom, schämte sich dieses Namens keineswegs. Aber auch noch im späten Mittelalter lebte in Schwaben ein adeliges Geschlecht, das sich Esel von Eselsburg schrieb, und noch zeigt man an der Brenz in Würtemberg die Ruine der Eselsburg, wo dieses Geschlecht einst hauste. Man ist fast versucht, anzunehmen, daß der Esel in Folge der Verachtung, welche ihn von Seiten seines Mittlers, der den Name» domo tragenden Spezies der Primaten, so viele Jahrhunderte hindurch unverschuldet getroffen hat, dcgencrirt sei, und kein Geringerer als Oken spricht sich für diese Ansicht aus. Er schreibt:„Der zahme Esel ist durch die lange Mißhandlung so heruntergekommen, daß er seinen Stainmeltcrn fast gar nicht mehr gleicht. Er bleibt nicht blos viel kleiner, sondern hat auch eine mattere aschgraue Farbe und längere, schlaffe Ohren. Der Mut hat sich bei ihm in Widerspenstigkeit ver- wandelt, die Hurtigkeit in Langsamkeit, die Lebhaftigkeit in Trägheit, die Klugheit zur Dummheit, die Liebe zur Freiheit in Geduld, der Mut in Ertragung der Prügel." Jn der Tat soll der südliche Esel, ver- möge der größeren Sorgfalt, die ihm stets zuteil wurde, ganz anders geartet sein als der unsrige. Besonders der egyptische Esel ist nach Brehm ein schönes, lebendiges, außerordentlich fleißiges und aus- dauerndes Geschöpf, das in seinen Leistungen gar nicht weit hinter dem Pferde zurücksteht, ja in mancher Hinsicht dasselbe»och überbietet, so daß es keineswegs eine Blamage wäre, vom Pferd auf den Esel zu kommen. Vom arabischen Esel, welcher der schönste seiner Gattung sein soll, schreibt Bogumil Goltz ganz begeistert:„Etwas Nuzbareres und Braveres von einer Kreatur, wie dieser Esel, ist nicht denkbar. Der größte Kerl wirst sich auf ein Exemplar, das oft nicht größer als ein Kalb von sechs Wochen ist, und sezt es in Galopp. Diese schwach gebauten Tiere gehen einen trefflichen Paß; wo sie aber die Kraft her- nehmen, stundenlang einen ausgewachsenen Menschen selbst bei großer Hize im Trabe und Galopp herumzuschleppen, das scheint mir fast über die Natur hinaus in die Eselmysterien zu gehen." Indessen behauptet ein Dichter, Richard Roos: Daß eS ein kräftiger Geschlecht von Menschen wie von Tieren Einst gab. läßt sich nicht wegphilosophire». Doch sonderbar Und dennoch wahr, All' ausgegrabenen Riesenkuochen es bekunden: Nie hat man größere Esel noch als jezt gesunden. Jedenfalls aber muß das Geschlecht des Esels in früheren Zeiten zuweilen ganz merkwürdige Exemplare hervorgebracht haben. Unter 54 1 diesen merkwürdigen Eseln der merkwürdigste ist gewiß der Esel oder vielmehr die Eselin Bileams, welche ihrem Herrn über die ihr cmgc- tone Mißhandlung so sanfte Vorwürfe macht, ohne daß dieser sich über die gesprächige Eselin verwundert, ja er droht sogar, daS merkwürdige Tier umzubringen, so daß man auf die Vermutung kommt, in den Salons, in welchen Bileam verkehrte, seien redende Eselinnen nichts seltenes gewesen. BileamS Eselin war vielleicht die Ahnfrau des Esels, welcher dem Augustus, nach Plutarch, den Sieg bei Aktium geweis- sagt hat. Im Altertum scheint überhaupt das liebe Vieh mitunter ein starkes Kontigent zur Zunft der Propheten gestellt zu haben; wurde doch auch nach Homer dem Peliden sein naher Tot von seinen beiden Rossen Xanthos und Balios vorhergesagt. Bileams Eselin mußte übrigens noch einen höhere» Grad in der Prophetie erlangt haben als ihr Herr selbst, der Prophet von Mesopotamien, denn sie sah den Engel, welchen Bileam selbst nicht sah. Kein Wunder, daß die Rabbinen diese Eselin unter andern außerordentlichen Dingen am sechsten Schöpsnngs- tage in der Dämmerungsstnnde geschaffen sein lassen*), und daß sie dieselbe mit dem Esel, der Abraham nach Moriah trug, als er seinen Sohn Isaak opfern wollte, ferner mit dem, auf welchem Moses seine Familie aus Midian zurück nach Egypten beförderte und endlich mit dem Esel, den einst der Messias reiten wird, identisiziren(Jnlkut Reu- beni Genesis 22, auch in der Neujahrsliturgie erwähnt). Ein Äom- mentar hat sogar aus dem Text eniirt, daß diese Eselin zugleich Bi- leams Konkubine war, was sehr glaubwürdig, denn wie würde sich sonst die große Zahl redender Esel und Eselinnen erklären, da doch nicht alle am sechsten Schöpsungstag in der Dämmerungsstunde ge- schaffen sein können. Von einem anderen merkwürdigen Esel erzählt der Talmud. Er gehörte dem Wunderrabbi Phineas den Jair und war so fromm, daß er Futter, von dem die priesterlichen Abgaben noch nicht abgeschieden waren, mit seiner Schnauze nicht berührte; gewiß ein rührendes Beispiel eselhafter Frömmigkeit. Gelegentlich sei auch erwähnt, daß ivcr nach der talmudischen Traumdeutekunst von Eseln träumt, ein bevorstehendes Glück zu hoffen hat; ohne Zweifel, weil Frau Fortuna von jeher die Esel mit besonderer Vorliebe in Protek- tivn nahm. Wie manches edle Roß ist schon verhungert, indes die Eiel stets ihr Futter fanden und sehr häufig im Uebersluß schwelgen. „Der dümmscht Bauer Hot de graischte Krumbiare"(der dunimste Bauer hat die größten Kartoffel) lautet ein schwäbisches Sprichwort. Aber nicht die Juden und Heiden allein, auch die Christen hatten merkwürdige, gelehrte und fromme Esel. So z. B. berichtet die Legende des heiligen Florentinns, der König Dagobert, der ihn auf einem Esel reiten sah, versprach ihm ein Stück Land im Wald, um daraus eine Kirche zu bauen, und zwar so viel, als der Esel des Heiligen um- traben kann, während der König im Bade wäre. Der König aber hatte den Esel zu gering taxirt, denn dieser flog wie ein Greif um den ganze» Wald herum, und der Heilige war nun im Besize des ganzen Waldes. Der heilige Bruno, der einmal einen Esel reitend in die Gegend von Querfurt kam, konnte das Tier mit keinem Mittel weiter bringen. Endlich verstand er den Esel und bestimmte den Ort zur Wallfahrts- statte unter dem Namen Eselstct und Eselswiese, wo noch jezt ein großer Jahrmarkt abgehalten wird. Der heilige Rieule befahl einem Esel in Senlis, das Zeichen des Kreuzes in den Sand zu treten, wodurch alle bösen Geister von dort vertrieben wurden. Der große Philosoph Antonius Alexandrinus, der Lehrer der Kirchenväter Origines und Porphyrius, soll sogar einen überaus gelehrigen Esel zum Schüler ge- habt haben, der mit den beiden genannten Jüngern gemeinschaftlich zu Füßen des MeisterS saß, um dessen Weisheit zu lauschen, und es scheint, daß der Unterricht bei diesem nicht geringer anschlug als bei seinen beiden Mitschüler». Die Ohren des Esels sind besonders Gegenstand des Spotts, so daß einst Apollo sich an dem Phrygerkönig Midas nicht besser zu rächen wußte, als dadurch, daß er ihm Eselsohren schuf. Midas hatte näm- lich die Kirmeßmusik des Dorffiedlers Pan, so eine Art Strauß'scher Walzer, der seinen Kammermusik des olympischen Hvskapellmeisters Apollo» vorgezogen. Das verzeiht kein Musiker, auch wenn er nicht R. Wagner heißt, und so wurden seine Ohren, wegen ihres schlechten Geschmacks, zu Eselsohren verzaubert. Er hätte übrigens diese Strafe schon früher verdient, als er sich von dem Bacchus die Kraft ausbat, alles irr Gold zu verwandeln, lvas seine Finger berühren. Es war gewiß gut gemeint von ihm, er wollte seinem Finanzminister alles Kopfzerbrechen über neue Steuern, seinem Reichskanzler eine Enttäuschung wegen eines etwaigen Tabaksmonopols ersparen. Aber er hatte nicht bedacht, daß er sich ein Danaergeschenk erbeten hatte, indem sich auch Speise und Trank unter seinen Händen zu Gold verwandelte, wie uns dies Ovid in seinen Metamorphosen so drollig mitteilt, und noch schöner Christoph Schmidt in seiner Umdichtung der Ovid'schcu Sage: „Der Holzhacker": ») Zehn iWmcder-Mngi, heißt es im Traiiat der Bäter, Kap. b., wurden in der Däwmerslünde dei sechsten SchöpsungStagrS geschaffen: 1. Der Mund der Erde, welcher die Korachitcn verschlang. 2. Der Mund des Brunnens, welcher den Jsraelilen in der Wüste ans einem Felsen Wafler spendete. 3. Der Mund der Eselin.«. Der Regen- Vogen. 5. Das Manna. 6. Ter Stob Mose. 7. Der Schaniir, ein sabclhastcr. kicincr Wurm. der. aus einen Stein gelegt, denselben spalict und daher beim Tempelbau. bei dem lein Eisen gebraucht werden durfte, verwendet wurde, ii. Die Schrift.». Der Griffen IQ. Die Gcsezestaseln. Manche sügen noch hinzu: Die bösen Geister, das Grab des Moses und den Widder Abrahams. Andere reihen noch die Zange an. mit welcher andere Zangen verfertigt wurden. „Er langet sein irdenes Krüglein herbei, Wie schwer ist's! Wie schimmert's und sunkelt's! Ei, Ei! Doch weh', auch das Wasser gerinnet zu Gold, Kein Tröpflein dem goldenen Kruge entrollt. Er bricht von dem Brode, und beißet, o Graus! Am goldenen Bröcklein die Zähne sich aus." So geht es im Grunde allen Mammonsknechten; das interesselose Wohlgesallen am Schönen, an Kunst und Natur, ist ihnen fremd, sie sind genötigt, alles unter dem Gesichtspunkt des Geldverdienens zu betrachten, das Brod des Geistes, der Wein der Poesie verwandelt sich diesen Gründer- und Börsenseelen zu eitel Gold, sie müssen ästhetisch verschmachten. Eine ähnliche Sage haben auch die Mongolen. Ein König, erzählen sie, hatte vergoldete Eselsohren. Jeden Abend mußte ihn ein Page frifiren und dieser wurde sogleich getötet, um das Ge- heimnis nicht zu verraten. Ein Page jedoch, der dem König einen feinen Kuchen brachte, den seine Mutter mit der Milch ihrer eigenen Brüste bereitet hatte, blieb verschont. Aber das Geheimnis drückte ihn so, daß er schwer krank wurde, weshalb er— wie bei Ovid— nach dem Rate seiner Mutter das Geheimnis in eine Grube im Wald hin- einsprach. Aber die Vögel hörten es und zwitscherten es weiter, und bald war die Sache ruchbar. Doch der König, dem der Page den Her- gang mitteilte, verschonte denselben, als er eine Müze erfand, welche die langen Ohren des Königs verbarg. Es soll übrigens auch bis in die neueste Zeit hinein eine ähn- liehe Ohrenbildung gar oft vorgekommen sein. Und doch haben auch Eselsohren ihre Mission. So z. B. singt Bojardo im„Verliebten Roland" VI.: Nie sah man noch ein Werk von solcher Pracht, Wie dieses reiche Werk! Ganz aus Jutvelen Von unschäzbarem Werte wars gemacht. Statt Schwert und Spieß, die zur Bedeckung fehlen, Hält dort ein goldbeschuppter Esel Wacht, Der Ohren hat, ein jedes lang zwei Elen, Die er gleich einem Schlangenschweife windet Beliebig damit hält, und packt und bindet. Das Geschrei des Esels klingt zwar nicht sonderlich lieblich, aber im Kriege der Götter mit den Titanen posaunte der Esel des Silenus zur Schlacht und befeuerte die Olympier mit Mut, und die Britten nennen sogar den Esel tlis Kiug of Spains trumpeter(der Trompeter des Königs von Spanien). Aber auch in der Kulturgeschichte der Menschen, nicht blos der Götter, spielt der Esel eine hervorragende Rolle, vor allem in der R e- ligion. In Egypten mußte das Bild der Isis von einem Esel getragen werden, vor welchem alles Volk niederkniete. In Rom war der Esel des Priapus geheiligt, wegen seiner priapischen Vollkraft. Wie häufig der Esel im alten und neuen Testament in Anspruch genommen nürd und daß er sogar zum Träger des Messias auserkoren ist, ist be- kannt. Weniger bekannt sind die besonders in Frankreich üblich ge- ivesenen Esclsfeste(Vesta asiuorum) zur Erinnerung an die Flucht der heiligen Jungfrau nach Egypten. Die schönste Jungfrau wurde mit Schmuck aller Art ausgestattet, mit einem Säugling im Arme aus einen Esel gese.zt und so von Priestern und Volk in die Kirche geleitet, wo der Esel mit seiner schönen Last am Altar aufgestellt wurde. Nun wurde Gottesdienst abgehalten, nach dessen Schluß der fungirende Priester dreimal wie ein Esel schreien mußte, auch das Volk, welches mit Amen erwiderte, ahmte dem Esel nach. Es galt als gutes Zeichen, wenn der Esel während des Gebetes seine Stimme ertönen ließ. Zulezt wurde zu Ehren des 8ire Asinus ein lateinisches Lied abgesungen, das mit den Worten schloß: Amen dleas Asiue! wobei der hieraus dressirte Esel auf die Knie sank. In Persien soll sogar noch jezt ein Esels fest ge, eiert werden. In der Wissenschaft sind besonders viele Esel zur Berühmtheit gelangt, vor allem in der Philosophie, in welcher u. a. der Esel Bundans das Problem der Willensfreiheit lösen half. Der Philosoph ueltte ihn gleich weit von zwei Bündeln Heu, um zu erfahren, nach welchem er sich wenden werde. Der Esel, der sich nicht entschließe» onnte, da das Zünglein seiner Willenswage weder durch ein äußeres uom inneres Motiv bestimmt wurde, verharrte, wie es heißt, in dieser seiner Stellung, bis er seinen Geist aufgab. „S11 �e,r Medizin nahmen die Esel seit alten Zeiten eine geachtete Stellung ein und die Onolatrie stand im Altertum und Mittelalter in hohem Ansehen. In vielen Krankheiten wurde Eselsmilch verordnet. welcher man eine besondere Heilkraft zuschrieb, und man merkt es in der gegenwattigen Generation oft sehr deutlich an. daß ihre fahren stark mit Eselsmilch genährt wurden. Römische Damen, ret in den Zeiten Franz I. sollen Morgens zum Ztuhstuck l�elsmilch getrunken haben, ob aus Gesundheitsrücksichten oder vielleicht aus einer ähnlichen Ursache, welche sie bewoq, Terpentin zu trinken oder um ihre Schönheit zu erhalten und aufzufrischen, bleibe dahingestellt. Lezteres ist wahrscheinlich, denn die Aerzte Roms berei- km kosmetisches Mittel aus Eselsmilch, dem sie eine verjüngende Kraft beilegten, wenn man damit Haut und Haar salbte. In Italien tunken noch heute die Lungenkranken Eselsmilch, wie in Deutschland vom Volksglauben der Kraftbrühe von Hundcfleisch eine Heilkraft gegen -chwindiucht zugeschrieben wird. In China wurde Brustleidenden ein -iirnu vnjchl leben, der aus der Haut eines schwarzen Esels bereitet --z 55 wurde, welche Kur im Mittelalter auch in Europa sich einbürgerte. Aus dieser ausgedehnten Praxis des asinus medicinalis erklärt es sich, daß die ärztlichen Doktordiplome früher auf Eselshaut-Pergament aus- gestellt wurden. Aber nicht nur natürliche, sondern auch übernatürliche Kräfte wurden dem Esel früher zugeschrieben. So z. B. erzählt Diogenes Laertes, daß der als Seher, Wundermann und Zauberer berühmte Philosoph Empedokles, den Einwohnern von Agrigent, die von bösartige» Stürmen heimgesucht wurden, den Rat erteilte, Säcke von Eselshaut auf die Gipfel der Berge zu bringen, wodurch die schädlichen Winde gebannt würden, eine Wirkung, die noch jezt von den ortodoxen Juden den Palmzweigen, die sie an ihrem Laubhüttensest nach allen Seiten bewegen, beigelegt wird. Bedenkt man, daß der Philosoph Empedokles sich selbst als einen unsterblichen Gott besingt(Ed. Karstens v. 383 ff.), so klingt dieser eselhaste Exorzismus garnicht unglaublich. Noch mehr; nach dem alten Schriststeller Elian trug ein Esel an seinem Halse eine Art Amulet, welches die Eigenschaft hatte, die ältesten Greise wieder jung zu machen. Besagtes Amulet wurde von Zeus demjenigen ver- sprachen, der den Prometheus, welcher den Gott der Götter bekanntlich geprellt hatte, in seinem Versteck auffinde. Als einmal der Esel mit einer Quelle seinen Durst löschen wollte, fand er diese von einer Schlange belagert, welche ihm den Zutritt verweigerte, bis ihr der Esel das Amulet gab. Dadurch erhielt die Schlange die Kraft, sich alljährlich durch Häutung zu verjüngen. Eselsnulch könnte man eigentlich den Wein heißen, so gut wie Milch der Greise, denn der Esel soll nach einer Tradition de» Menschen _ die Pflanzung des Weinstocks gelehrt haben und in Nauplia zeigte man ' an einem Felsen das Bild eines Esels, der den Schnitt der Rebe demon- strirt. Vielleicht rührt daher die sprachliche Verwandtschaft von Wein und Esel jm Griechischen: onos Esel, oinos Wein, auch im Chnldäischen heißt chamra Esel und eherner Wein. Bei der großen Anzahl von Eseln, welche in der Wissenschaft Un- sterblichkeit errungen haben, hat jener Knabe unbewußt eine Wahrheit ausgesprochen, als er übersezte: Corpus mortalis est, animus immor- talis„Der Körper ist sterblich, der Esel aber ist unsterblich"; er ver- wechselte nemlich animus mit asinus. Fassen wir schließlich noch den Karakter des Esels ins Auge, so werden wir in ihm eines der liebenswürdigsten Geschöpfe finden, das auch als moralisches Vorbild aufgestellt zu werden verdient. Wie groß ist nur seine Genügsamkeit, diese Kardinaltugcnd, welche so viel Unheil verhütet. Mit der schlechtesten Nahrung, mit der kärglichsten Kost bc- gnügt er sich. Gras und Heu, welches eine wohlerzogene Kuh mit Ab- scheu liegen läßt, und das Pferd unwillig verschmäht, sind ihm noch Leckerbissen; nimmt er ja mit Disteln, dornigen Sträuchern und Kräutern vorlieb. Eine ebenso schöne Eigenschaft ist seine Reinlichkeit im Sausen. Er rührt kein Wasser an, welches nur schwach getrübt ist. Salzig, brackig darf es, rein muß es sein, und in Wüsten hat man daher große Not mit dem Esel, weil er, allen Durstes ungeachtet, nicht von dem trüben Schlauchwasser trinken will. Und ist nicht sein Eigensinn im Grunde ebenfalls eine Tugend, zeigt sie ihn nicht als sesten Karakter, der sich von den einmal gefaßten Grundsäzen nicht abbringen läßt, weder durch gute Worte noch durch Drohungen und Schläge: Li fractus illabatur orbis impavidum ferient ruinae(„Selbst wenn der Himmel krachend zusammenstürzte, träfen die Trümmer ihr unerschrocken Herz.") Warum zeigt sich diese edle Eigenschaft so selten in unserem politischen Partei- leben, wo doch sonst Eselhaftigkeit genug herrscht. Betrad>>en wir auch noch seine Außenseite. Sein schwer zur Erde gesenkter Kopf, sagt Waber, sein bedächtiger Schritt, seine einfad>e», ins Große gehenden Gesichtszüge, sein schlichter, grauer Ueberrock, machen ihn zum leibhaftigen Bilde eines Philosophen, zum Stoiker des Tier- reichs. Wie die Stoiker schreitet er gravitätisch dem Ziel entgegen, das ihm das Schicksal von serne zeigt, beladen mit schweren Säcken, ge- füttert mit Disteln, geprügelt sogar, aber unempfindlich gegen allen Schmerz— ganz stoisch. Alle Gelehrten sollten ihn en medaillou tragen, statt daß man ihn den kleinen, lebhasten Jungen anhängt zur Beschimpfung. Armer Esel! Tröste dich mit dem Vogel, den das ungerechteste und undankbarste aller Geschöpfe, der federlose Zweifüßler, nach Platos De- finition der Mensch, dieselbe Rolle unter den gefiederten Zweisüßlern spielen läßt, wie dich unter den ungefiedcrten Vierfüßlern: mit der GanI. Sie, die den Römern einst das Eapitol gerettet hat, deren Fleisch eine ganze Symphonie von Wohlgeschmäckern gewährt, da jeder Teil seine eigene Geschmacksfarbe hat, sie, welche mit ihrem Flaum den Menschen so weicki und warm bettet, deren Feder» bis auf die Neuzeit dazu dienten, Wort und Gedanke zu verkörpern, Wahrheit und Weis- heit den Nachkommen zu vererben und so de» Errungenschaften der Kultur Fesseln anzulegen, sie wird als dumme Gans verachtet, der gol- denen Freiheit beraubt, in einem enge» Käsig gesangen gehalten, durch das barbarische Stopfen künstlich krank gemacht und des Genusses na türlichen Fressens beraubt, damit der unersättliche Fresser Mensch in der patologisch vergrößerten Leber eine weitere Delikatesse erhalte und recht viel Fett aus ihrer zarten Haut gewinne. Keine rohere, barbarischere Bestie als der Mensch. Iwan III. und die Boten von Hau Achmat.(Illustration siehe Seite 32 u. 33.) Während der 43jährige» überaus ereignisreichen Re- gierungszeit Iwans III. Wassiljewitsch(1462—1505) stieg das Ansehen und die Macht Rußlands zu einer bis dahin nie gekannten Größe. Rußland trat in den europäischen Staatenverein ein und erhielt nach außen politisches Ansehen und Gewicht. Es machte sich von seinen sremden Gebietern los, freilich um der Sklav seiner eigenen Fürsten zu werden. Künstler finden daselbst eine günstige Aufnahme, denn Iwan Wasiljewitsch rief Architekten, Ingenieure, Glockengießer, Hüttenmeister, Goldarbeiter, Aerzte u. s. f. aus Deutschland und Italien unter großen Belohnungen in sein Land. Das Christentum dringt bis in die ent- serntesten, wildesten Gegenden. Deutsche entdecken am Zylmafluß mäch- (ige Silber- und Kupferminen; das weite Sibirien öffnet sich und er- kennt Rußlands Herrschast; die beiden mächtigen Feinde, Litthauen und die Tartarenhorde, die wie drohende, schwere Gewitterwolken Rußland umlagerten und es von Europa und Asien absperrten, wichen zurück; das Heer ist beseelt von Stärke, Ordnung und kriegerischem Geist: in den Gerichtshöfen waltet Gerechtigkeit neben strengen Gesezen, harte Strafen schrecken die Verbrecher; ein lebendiger Handel aber weckt überall die ruhenden Kräfte, verbreitet Wohlstand und öffnet den freien Künsten die so lange verschlossenen Tore. Freilich lastet noch dichte Nacht aus dem Volke und den Großen, grasseste Unwissenheit, finsterer Aberglaube und roheste Denkart beherrschen die Menge; aber auch im ubngen Europa begann damals das Licht der Aufklärung erst schwach und schüchtern aufzudämmenr.— Man darf daher behaupten, daß von nun «u die Geschichte Rußlands eine ganz andere Gestalt annimmt. Sie gewinnt an innerem und äußerem Interesse, ermiidet nicht mehr durch die ewigen nuzlosen Kämpfe der russischen Fürsten unter sich oder mit den raubenden Tartarenhorde» und nimmt jezt den Karakter einer wahren Staatsgeschichte an. Freilich nicht Plözlich und auf einmal ge- schah diese große Umwandlung, sonden, allmälich schuf sie Iwan durch seine behutsame, hinterlistige Politik. Als den Schöpfer eines so großen Reiches kann man ihn daher wohl den Großen nennen, obgleich rhn d>e Zeitgenossen seiner Härte und Strenge wegen auch den Furcht- »aren nannten, welcher Titel vielleicht noch zutreffender ist. Denn der »iarakler des Großfürsten war ein seltsames Gemisch von Weichheit und Härte, Stolz und Demut, im allgemeinen von großem Wankelmut, Herrsch- sucht. Mangel an Menschenkenntnis und Rcgicrungsweishelt. kurz Eigen- ichaste», durch die das von Johann Kalita und Dimitri, Dvnsti, begonnene Werk politischer Größe leicht iviederum hätte untergehen muffen, wenn nicht in dem Buche des Schicksals es anders beschlossen gewesen wäre"(Strahl, Geschichte von Rußland).— Eine der wichtigsten Taten Iwans war die Befreiung seines Reichs von der Zinspflicht der Mon- golen und Tartaren. Nach der blutigen Schlacht an der Kalka(1224) waren dieselben bis zum Dniepr vorgedrungen. Fünfzehn Jahre später seztcn sie ihre Eroberungszüge fort, stürmten Kiew, den glänzenden Hcrrschersiz, mordeten die Einwohner und legte» die Stadt mit ihren zahlreichen Kirchen und Denkmälern alter Kunst, mit ihrem Welthandel und ihrem Reichtum in Asche. Dann eroberten sie alles Land vom Dniepr bis an die Weichsel irnd machten zulezt, nachdem sie Süd- und Westrußland in eine Wüste verwandelt, das ganze Reich zinspflichtig. Der Groß-Chan der goldenen Horde von Käptschak, dessen Residenz und Standlager im Osten der Wolga war, erhob zwei Jahrhunderte eine» drückenden Tribut von den russischen Fürsten und ihren Untertanen und schaltete als Oberrichter und Gebieter über Land und Leute. Die ersten Feindseligkeiten zwischen Iwan und dem Chan der goldnen Horde Achmat brachen 1472 aus. Achmat rückte vor Aleßkin, verbrannte es und tötete die Einwohner, die sich lapser verteidigt hatten. Aber des Großfürsten 180 000 Mann starke Armee, die sich an den Ufern der Lkka zeigte, sezte den Chan in Staunen und Furcht. Langsam konzen- lrirte er sich rückwärts, in dir Nacht aber ergriff er die Flucht und zog sich in seine Katuncn(Hordcnlagcr) zurück. Trozdem hielt sich der Chan immer noch für den Oberlehnsherrn von Rußland, er verlangte sogar Tribut vom Großfürsten und ließ ihn 1477 durch einen eigenen an ihn abgeschickten Gesandten, Namens Botschjuk, auffordern, daß er selbst z» ihm kommen und ihn als seinen Zar begrüßen solle. Dies tat nun Iwan nicht, er ließ sich aber entschuldigen, und es ist wahrscheinlich, daß er durch reiche Geschenke, die er in die Horde schickte, Achmat zu beruhigen suchte. Diese Nackigicbigkeit war begründet, denn noch war der Chan sehr mächtig und Iwan durste es damals nicht wage», sich mit ihm in einen schweren Kampf einzulassen. Der stolzen Großsürstin Sophie war aber dies Verhältnis sehr drückend und da die tartaristhe» Gesandten zugleich mit dem Großsürsten im Kreml zu Moskwa wohnten, so ersann die kluge Griechin eine List, sich von der lästigen Nachbarschaft zu befreien. Sie bestach durch Geschenke die Gemahlin Achmats und schrieb ihr, daß sie eine Erscheinung gehabt habe, infolge welcher sie eine Kirche auf der Stelle, wo jezt das tartarische Haus stehe, zu erbauen wünsche, was ihr auch gewährt wurde. Das Haus ward ab- gebrochen, den Tartaren aber kein anderer Plaz im Kreml ivieder an- gewiesen. Indessen war Iwan bemüht, die inneren Zwistigkeiten in der goldnen Horde beständig zu unterhalten, und als er durch ein mit der Krim geschlossenes Schuz- und Truzbündnis sich stark genug fühlte, J 56 zeigte er dem Chan Achmat eine ganz andere Haltung. In der kasanschen Kronik heißt es, der Großfürst Iwan III. habe daS ihm in Moskwa vom tartarischen Gesandten iibcrgebene Bild des Chans zerbrochen und mit Füßen getreten, auch die tartarischen Gesandten bis auf einen töten lassen und dadurch den Krieg mit Achmat veranlaßt, welcher 1480 aus- brach. Diese Szene hat sich unser Bild zum Vonvurs genommen und mit drastischer Lebendigkeit dargestellt. Wir sehen die Statuette des Chans am Boden liegen, während Iwan sich zornig erhoben hat und sich de» Gesandten als derjenige zeigt, wozu ihn seine Zeitgenossen ge- stempelt haben, als der Furchtbare, den die Geschichtsschieiber folgender- maßen schildern:„Bor seinem Geist und Willen zitterte das ganze Hans und Volk; schüchterne Frauen sollen vor seinem zornigen Blick in£hn- macht gesunken sein, selten oder nie soll ein Bittsteller sich seinem Tron zu nahen gewagt und keiner der Großen an der fürstlichen Tafel sich erkühnt haben, ein Wort dem andern zuzuflüstern oder seinen Plaz zu verlassen, wenn zufällig der Herrscher, überladen von Speise und Trank, in Schlaf verfiel und ganze Stunden lang schlummerte."— Im Sommer 1480 rückte Achmat langsam mit einem ungeheuren Heere gegen Ruß- land an die llgra vor, begleitet von seinen fechs Söhnen und vielen Mursen(Fürsten). Die russischen Truppen nahmen einen Raum von zehn deutschen Meilen ein und schlugen am 3. Oktober den feindlichen Lortrab, der über die Ugra sezen ivolltc, zurück. Am 8. Oktober zeigte sich die ganze Hauptmacht der Tartaren an diesem Fluß. Man focht aber nur aus der Ferne, die Tartaren mit Pfeilen, die Russen mit Feuergewehr und Pfeilen. Drei Tage lang wiederholte sich der Kampf, keiner wich und alles blieb unentschieden. Als endlich die starken Fröste eintraten und der Fluß mit Eis bedeckt wurde, die Russen aber den llebcrgang der Tartarcn fürchteten, befahl der Großfürst seinen Truppen, sich in die Ebenen von Borowsk und Kremenez zurückzuziehen, weil diese ihm zu einer Schlacht geeigneter als die User der Ugra schienen. In, Grunde mochte es Kleinmut gewesen sein, der ihm diesen Besehl eingab; denn auf der größeren Ebene konnte ja das zahlreiche berittene tar- tarischc Heer sich weit besser ausbreiten, als an der Ugra und der Feind hätte hier den Vorteil des TerrninS gehabt. Das scheinen auch die russischen Truppen eingesehen zu haben, denn Furcht ergriff sie und statt eines regelmäßigen Rückzugs nahmen alle eine schmähliche Flucht. Als am anderen Äiorgen die Tartaren die Ufer der Ugra von den Russen verlassen sahen, fürchteten sie eine List und einen Hinterhalt und flohen ebenfalls über Hals und Kopf. Da sah man nun eines der seltensten Ereignisse in der Geschichte, daß zwei große Heere vor einander flohen, ohne recht zu wissen warum. Achmat zog sich bald daraus in seine Steppen zurück, wo seine Gegenwart fehr notwendig gewordeil tvar. Denn während er mit seinen Truppen an die Ugra zog, war ein ruf- sisches Heer auf Iwans Befehl in die von Verteidigern entblößte Horde eingefallen. Diese kluge Maßregel hatte ihre Wirkung nicht verfehlt, denn sie zogen Achmat von Rußland zur Verteidigung seiner eigenen Horde ab. Allein er kam zu spät, er fand die Russen nicht mehr, denn diese waren mit schwerer Beule beladen schon wieder in ihre Heimat zurückgekehrt. In demselben Jahre noch ivurdc Achmat schlafend in seinem eigenen Zelt von einem anderen Feind getötet. Die goldene oder kaptjchakische Horde aber ward nun zerstreut und Rußland von ihren schmachvollen Fesseln befreit. Achmats Söhne und Nachfolger »mgtcn nicht mehr, ihr Haupt gegen Rußland zu erheben, und Sarai, der Siz der goldenen Horde, sank in Asche und ward vcnvüstet. Ihre Ruinen stehe» noch heute trauernd da und mahne» an ihre einstige Größe. i Bettclniönchc.(Illustration Seite 4U und 41.) Warum sie wohl nicht durch die Türe eintreten, um die Küche in majorem dei gloriarn zu brandjchazen? Schüchternheit ist es gewiß nicht, denn Schüchternheit geht nicht im Lexikon eines Mönchs und am wenigsten eines Bettel- mönchs. Doch die Gottesmänner wissen worum, sie wollen dem reichen Hausbesitzer keine Gelegenheit geben, sich an ihren gesalbten Leibern zu versündigen und sie auf unsanfte Weise die Treppe hinab zu befördern, ivomit er sie im ÄiederbetretunKsfallc bedroht hat. Früher, ja, da war ihnen dieses Haus ein Eldorado, mit dem besten, was Küche und Keller beut, wurden jedesmal ihre Körbe gefüllt, denn die Frau des Hauses, eine zarte, schmachtende Dame und gutgläubige Katoliki», ließ die Diener des Herrn niemals anders als reich beladen von bannen ziehen, gewiß, si h damit der Huld der heiligen Jungfrau zu versichern. Die Mönche ihrerseits ließen es an Dankbarkeit nicht fehle». In alle interne Fragen ließen sie sich einweihen, die intimsten Angelegenheiten wußten sie aus- zuspioniren, um ihren geistlichen Rat zu spenden und das Haus vor Satan und seinen Fallstricken zu bewahren. Der Hausherr hatte sie lange gctvähren lassen, er gönnte seiner Frau das fromme Spielzeug; manche Ehemänner haben es ja gern, wenn ihre Weiber ein bische» gläubig sind und ihre physischen Unpäßlichkeiten mit Medikamenten aus der Apoteke der Kirche zu heile» suchen, anstatt ihre Männer, die für weibliche Seelenleiden wenig Verständnis haben, damit zu quälen. Als es aber einmal die Kuttenträger mit der Geistlichenratspendung ein bischen zu bunt getrieben hatten, da rissen dem Hausherrn„alle Knöpfe an der Hose der Geduld" uud er wies ihnen die Zähne. Das war beim leztmaligcn Terminircn(so bezeichneten die Klöster das Einsammeln milder Gaben); und als sie diesmal an dem Hause vorüberkamen, da standen sie da und schauten es ivchmütig an, wie Adam und Eva, als sie wegen politischer Verdächtigkeit aus dein Paradies ausgewiesen waren. Da hören sie von oben eine süße Silberstimme. Sic sehen hinaus und erblicken die schmucke Köchin, die ihnen schelmisch zuruft, wenn sie herauf- komnien, so erhalte» sie ein Häslcin und eine Ente. Wie da den Patern der Mund wässert! Aber was tun? Sollen sie in das Haus kommen wie Falslaff aus dem Hanse der Frau Ford, in Weibe, kleiden»? Das geht ans verschiedenen Gründen nicht Indes die Intelligenz ist zwar nicht ihre stärkste Seite und ihr Geist steht zu ihren Bäuchen im um- gekehrten Verhältnis, aber der Herr verläßt die Seinen nicht und der heilige Geist gibt ihnen einen Gedanken ein. Vielleicht aber war cS nicht der heilige Geist, sondern der Scharssinn des Magens; denn nicht die Liebe allein, sondern auch der Appetit macht erfinderisch. Item, sie machet, es wie der Blinde und der Lahme in der Fabel und bilden mit der Köchin die köstliche Gruppe, welche unser Bild vorführt. Uns bangt nur davor, wie der kühne Steiger mit seinem Korb wieder aus ebene Erde gelangen wird. Er tvird einen verzweifelten Saltomortale von dem Rücken seines Kollegen machen müssen. Lt. Ter bleibt ein Taugenichts.(Illustration Seite 48.) Was hast verbrochen, kleiner Schelm, daß dir der würdige Schulmeister ein so ungünstiges Prognostikon stellt? Hast du die unregelmäßige» Berba zum wicderholtenmal nicht gelernt, hast du die unverzeihliche Sünde begangen, ut mit dem Indikativ zu koNstrniren; oder die noch nnver- zcihlichere, das Datum de," Schlacht bei Sedan mit dein der Schlacht bei Wörth zu venvcchseln? Oder hast du gar Schabernack getrieben, Maikäser in der Schule fliegen lassen, dem Magister hinterrücks Männ- che» gemacht oder seine ehrwürdige Hose mit Pech an der Katederbank sestgehalten? Was es auch gewesen sein mag, es wird dir diesmal nicht geschenkt bleiben. Auf des Baters Antliz ist ein böses Gewitter im Anzug und seine in die Seite gestemmten Arme weissagen nichts Gutes. „Torheit ist geknüpft an das Herz des Knaben, der Stock wird sie entfernen." Wie er da steht, der Delinquent, eine Mischung von Schuld- bewußtsein, Troz und Furcht, den besonders bedrohten Körperteil dicht an den Pfosten pressend. Sei getrost, erregter Vater, dein Sohn wird kein Taugenichts werden, wie der pedantische Schwarzseher prophezeit. Wenn du im Berein mit dem Schulmeister alles Feuer, allen lieber- schuß an Kraft aus ihm hinausgeprügclt haben wirst, wird das wilde Füllen ein zahmes Roß, eine gesezte, fromme Mähre werden, ein sehr gutgesinnter Philister und braud>barer Staatsbürger, und er wird viel- leicht einmal den roten Adlerorden vierter Klasse im Knopfloch tragen nno Vorstand eines konservativen Vereins sein und der Wiedereinführung der Prügelst, oje das Wort reden, die sich einst an ihm selbst so vor- trefflich beivährt hat. Lt. Aus allen Winkeln der Zeitliteratur. Militär und Adel in China. Einige Kapitel seine? nächstens er- scheinenden neuen Buches widmet Prschewalsky de», chinesische» Militär. Er fällt ein äußerst iiugünsliges Urteil über dasselbe. Der chinesische Soldat ist seiner Ansicht nach sehr verweichlicht und zeigt mehr Neigung zu», Opiumrauchen als zu kriegerischen liebungen und Tugenden. Mit der Schußwaffe geht er schlecht um, die Ossiziere sollen meist garnicht zu schießen verstehen. Diebstahl und Bestechlichkeit blühen, zumal da die Vorgesezten ein schlechtes Beispiel geben.— Man hat sich oft über die Titel gewundert, welche den Chinesen nach ihrer Ankunft zumteil in Europa beigelegt wurden und das Prädikat„Marquis", welches man seiner Exzellenz Tsang tzu-Ach gab, hat sogar eine englische Zeitung dazu gebraucht, einige mehr schöne als sachgemäße Betrachtungen über die Eitelkeit der Welt zu veröffentlichen. De», tritt der North China Daily News entgegen, indem er daraus aufmerksam macht, daß seit dem die Fremden mit den Chinesen in Berührung gekommen sind; die Titel Kunz, Hu, Poh, Tsz ziemlich zweckmäßig durch Herzog, Marquis, Graf, Burggraf und Baron wiedergegeben worden sind. Inhalt: Am Nordpol. Nach dem Englischen von P. Olliverio.(Fortsezung.)— Die russischen Juden in de» Gegenden der » isi«;.".k m.',. lf 4?�, X 0�,1...... rr-..... Iwan lll. und die Boten von Han Achmat.(Mit Illustration.)— Bettelmvnchc.(Mit Illustration.)— Der bleibt ein Taugenichts.(Mit Illustration.)— Aus allen Winkeln der Zeitliteratur: Militär und Adel in China.— Allgemeinwissenschastliche Auskunft.— Aerztlicher Ratgeber. Redaktions-Korrespondcnz.— Mannichfaltiges.— Gemeinnüziges. Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart. Redaktion: Neue Weinsteige 23.— Expedition: Ludwigstraßc 26 in Stuttgart. Druck und Verlag von I. H. W. Diep in Stuttgart.