Zone Bell № 4. Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint alle 14 Tage in Heften à 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Bostämter zu beziehen. X. Am Nordpol. Nach dem Englischen von. Olliverio. Die Art in der Hand näherte er sich Franz' Bett. „ Könnte ich doch die Gedanken aus meinem Kopfe schneiden, wie die Scheite aus diesem Holz," sagte er zu sich selbst, während er an die Arbeit ging." Ja, ja," dachte er traurig weiter, ,, wäre ich doch lieber zum Tischler als zum feinen, gebildeten Mann geworden! Eine gute Art, alter Bateson; möchte wissen, wo er sie her hat. Armer Crayford, seine Worte schnürten mir die Kehle zusammen. Braver, hochherziger Mensch! Denken, bereuen hilft nichts; was gesagt ist, ist gesagt. Arbeit! Arbeit! Arbeit!" Ein Bret nach dem anderen fiel zu Boden. Er lachte über das leichte Werk der Zerstörung." Ja, junger Aldersley! Es gehört nicht viel dazu, dein Bett abzutragen." Ein langes Stück Holz, was er noch einmal zerhauen wollte, fiel. Er drehte es um und beugte sich darüber. Plözlich traf sein Auge auf Buchstaben, die in das Holz eingeschnitten waren. Er blickte genauer hin, die Buchstaben waren sehr schwach und schlecht geschnitten, und es gelang ihm nur die ersten drei zu entziffern, doch auch ihrer war er nicht ganz sicher. Sie sahen wie C LA aus. Aergerlich warf er das Holz beiseite. " Verdammter Kerl, wer er auch sein mag, der dies hier einschnitt! Warum gerade diesen Namen, gibt es nicht genug andere in der Welt?" Einen Augenblick hielt er sinnend inne, dann ging er entschlossen wieder an die selbstauferlegte Arbeit. Er schämte sich seines Aufbrausens und griff hastig nach der Art. Arbeit! Arbeit! Das einzige Mittel ist Arbeit!" Er hackte ein neues Bret los und besah es argwöhnisch. Auch hier waren Buchstaben eingeschnitten. F. und A. Unbestimmte Besorgnis, der er keine rechte Form geben konnte, stieg in ihm auf. Der Zustand seines Gemütes wurde ihm bald selbst ein Rätsel. " Auf solche Weise wenden dergleichen junge Faulenzer ihre Beit an. F. A.? Das müssen seine Anfangsbuchstaben sein: Franz Aldersley. Wer schnitt die Buchstaben in das andere Bret? Auch Franz Aldersley?" Er hielt das Bret näher an das Licht. Weiter unten war 1883 [ 1882] ( 3. Fortsezung.) mehr eingeschnitten. Unter dem F. A. standen noch zwei Buchstaben: C. B. ,, C. B.?" wiederholte er. Seiner Geliebten Anfangsbuchstaben, vermutlich? Natürlich, in seinem Alter- seiner Geliebten Anfangsbuchstaben." Er machte wieder eine Pause. Der Schatten innerer Angst zeigte sich auf seinem Gesicht. " Ihre Anfangsbuchstaben sind C. B.- C. B: Clara Burnham." Das Bret in der Hand, nannte er den Namen wieder und wieder, als ob es eine Frage sei, die er sich selbst vorlege. „ Clara Burnham? Clara Burnham?" Plözlich glitt ihm das Bret aus der Hand und er wurde leichenblaß. Seine Augen wanderten unstet von dem Holz auf den Fußboden zu dem halb zerstörten Bett. „ D, Gott! welcher Gedanke kommt mir?" sagte er flüsternd. Mit sonderbarem, halb wütenden, halb entsezten Schrei nahm er die Art wieder auf, und versuchte wild, verzweifelt, seine Arbeit zu vollenden. Nein! so start er auch war, er fonnte die Art nicht mehr führen. Seine Hände waren kraftlos; sie zitterten. Er trat ans Fenster, hielt die Hände darüber, sie zitterten unaufhörlich weiter. Sie steckten den übrigen Körper an. Er zitterte über und über. Er kannte die Furcht. Seine eigenen Gedanken erschreckten ihn. " Crayford!" rief er.„ Crayford! Kommen Sie, wir wollen jagen gehen." Keine freundliche Stimme antwortete ihm. Kein freundliches Gesicht zeigte sich in der Tür. Nach geraumer Zeit ging ein Wechsel in ihm vor. Er gewann seine Selbstbeherrschung fast eben so schnell wieder, wie er sie verloren hatte. Ein entsezliches, verunstaltendes, unnatürliches Lächeln verbreitete sich langsam, verstohlen, teuflisch über seine Züge. Er verließ das Feuer, stellte die Art ruhig in die Ecke und sezte sich, mit vollem Bewußtsein dem Wahnsinn rachsüchtiger Freude sich hingebend, auf seinen alten Plaz. Er hatte den Mann gefunden! Hier, am Ende der Welt- hier, beim lezten Kampfe der Nordpolfahrer gegen Hungersnot und Tod! Minuten verstrichen. Plözlich fühlte er, wie eisiger Luftstrom ins Zimmer drang. Er wandte sich um, und sah Crayford, der soeben die Hüttentüre geöffnet hatte. Ein Mann stand hinter ihm. Wardour erhob sich hastig und blickte über Crayfords Schulter. War er konnte er der Mann sein, der die Buchstaben in das Bret geschnitten hatte? Ja! Franz Aldersley. XI. „ Noch bei der Arbeit?" rief Crayford beim Anblick der halb zerstörten Bettstelle aus.„ Gönnen Sie sich ein wenig Ruhe, Richard. Die Rekognoszirungstruppe ist zum Abmarsch bereit. Wenn Sie von Ihren Kameraden Abschied nehmen wollen, so ist es die höchste Zeit. Großer Gott!" unterbrach er sich plözlich, wie bleich sehen Sie aus. Ist etwas vorgefallen?" Franz, der an sein Schubfach getreten war, um sich noch verschiedene Kleidungsstücke, die er auf der Reise brauchte, zu holen, blickte um sich. Auch er war eben so betroffen wie Crayford über Wardours Veränderung, seit sie ihn zulezt gesehen hatten. " , Sind Sie frank?" fragte er teilnehmend." Wie ich höre, haben Sie Batesons Arbeit übernommen. Haben Sie Sich vielleicht verlezt?" Wardour bog den Kopf zur Seite, um vor den beiden Kameraden das Gesicht zu verbergen, zog das Taschentuch aus der Tasche und band es dick um die linke Hand. " Ja," entgegnete er, ich habe mich mit der Art verlezt. Es ist nicht schlimm, schadet nichts. Schmerzen haben immer cine merkwürdige Wirkung auf mich. Ich sage Ihnen, es ist nichts, achten Sie nicht weiter darauf." Ebenso hastig wie er ihnen das Gesicht abgewendet hatte, wendete er es ihnen wieder zu, kam ihnen einige Schritte entgegen und richtete das Wort mit gezwungener Vertraulichkeit an Franz: " Ich antwortete Ihnen nicht höflich, als Sie mich vor einer Weile ansprachen; ich meine, als ich vorhin mit den übrigen hierher fam. Ich bitte um Verzeihung. Reichen Sie mir die Hand! Sind Sie zum Marsch bereit?" Franz begegnete dem sonderbar abgerissenen Entgegenkommen mit dem besten Humor. " Ich freue mich, mich Ihr Freund nennen zu dürfen, Herr Wardour. Ich wünschte, ich wäre den Strapazen ebenso gewachsen wie Sie." Wardour brach in ein rauhes, unnatürliches Lachen aus: " Nicht kräftig, wie? Sie sehen auch nicht so aus. Die Würfel hätten besser getan, wenn Sie mich hinausgeschickt, und Sie zurückbehalten hätten. Ich fühlte mich mein Lebtag nicht gefünder als jezt." Er schwieg eine Weile und fügte dann, Franz scharf ins Auge fassend und besonderen Nachdruck auf die Worte legend, fort:„ Wir Leute aus Kent sind aus hartem Material gemacht." Franz trat seinerseits mit neuem Interesse Wardour einen Schritt näher: " Sie kommen von Kent?" 86 Wardour gab keine Antwort, sondern nahm die Unterhaltung mit Franz wieder auf. " Eine der Grafenfamilien?" wiederholte er, die Witherbys von New Grange vielleicht?" " „ Nein," sagte Franz; aber Freunde der Witherbys: Burnhams." Troz allen verzweifelten Kämpfens konnte Wardour nicht Herr über sich bleiben. Er fuhr heftig zurück. Das um seine Hand gebundene Tuch fiel herab. Crayford bückte sich danach, Wardour noch immer nicht aus dem Auge lassend. „ Hier ist Ihr Taschentuch, Richard," sagte er.„ Sonderbar!" " Was ist sonderbar?" " " " Sie sagten uns, Sie hätten Sich mit der Art verlezt-" Nun?" An ihrem Tuche ist aber kein Blut zu sehen." Wardour riß Crayford das Tuch heftig aus der Hand und schritt, ihm den Rücken kehrend, der äußeren Türe zu.„ Kein Blut an dem Tuche zu sehen," wiederholte er für sich.„ Es werden Flecken daran sein, wenn er es wieder sicht." An der Türe wandte er sich noch einmal zu Crayford:„ Sie erinnerten mich daran, von den Kameraden Abschied zu nehmen, bevor es zu spät ist, ich gehe, Ihrem Rate zu folgen." Als er die Hand auf den Drücker legte, wurde die Türe von Außen geöffnet und ein Quartiermeister des„ Wanderer" trat ein. " Ist Kapitän Helding hier, Herr?" fragte er Wardour. Dieser zeigte auf Crayford. „ Was wünschen Sie von Kapitän Helding?" sagte Crayford, dem Mann entgegen gehend. " Ich habe eine Meldung zu machen, Herr. Es ist auf dem Eise jemand verunglückt." ,, Einer, eurer Leute?" ,, Nein, Herr, einer unserer Offiziere." Wardour, der eben im Begriff stand, hinauszugehen, blieb bei der Entgegnung des Duartiermeisters stehen. Einen Moment ging er mit sich zu Rate, dann schritt er langsam an Franz' Seite zurück. Crayford wies dem Quartiermeister die gewölbte Seitentüre und sagte: Ich bedaure, von dem Unfall hören zu müssen. Sie werden Kapitän Helding in jenem Zimmer finden." Zum zweitenmale erneute Wardour mit sonderbarer Beharr lichkeit das Gespräch mit Franz. ,, Sie kannten also die Burnhams? Was wurde aus Clara, nachdem ihr Vater starb?" Franz' Gesicht wurde rot vor Aerger und heftig fuhr er auf: ,, Clara? Was berechtigt Sie von Fräulein Burnham in so vertraulicher Weise zu reden?" Wardour ergriff die Gelegenheit, Streit mit ihm anzufangen und entgegnete barsch: ,, Welches Recht haben Sie zu fragen?" Franz' Blut fam in Wallung. Er vergaß das Clara gegebene Versprechen, ihre Verlobung noch geheim zu halten er vergaß alles bis auf das Herausfordernde in Wardours Sprache und Auftreten. ,, Ein Recht, welches ich zu respektiren bitte; das Recht " Ja, von Ostkent." Er wartete wieder einen Augenblick ihres Verlobten." und blickte Franz scharf an: „ Kennen Sie den Teil des Landes?" " Ich hörte viel von Ostkent reden, mir liebe Freunde wohnten einst dort." " Freunde von Ihnen? Wohl eine der Grafenfamilien?" Während er diese Frage stellte, sah er plözlich über seine Schulter. Er stand zwischen Crayford und Franz. Ersterer, der an der Unterhaltung nicht teilnahm, hatte ihn mit immer wachsender Aufmerksamkeit betrachtet und seinen Worten gelauscht. Instinktmäßig hatte Wardour dies gemerkt und begegnete Crayfords Betragen mit ungerechtfertigter Gereiztheit. " " Warum starren Sie mich so an?" fragte er. Warum sehen Sie Sich selbst so unähnlich?" erwiderte Crayford ruhig. Crayfords forschendes Auge ruhte noch immer fest auf Wardour und jener fühlte es. Noch einen Schritt weiter, und Crayford stellte sich zwischen die beiden. Selbst Wardour erkannte plözlich die Notwendigkeit, sich zu beherrschen, koste es, was es wolle. Mit überströmender Höflichkeit entschuldigte er sich gegen Franz mit den Worten: ,, Es wäre unmöglich, dieses Ihr gutes Recht Ihnen streitig machen zu wollen. Sie werden mich aber vielleicht entschuldigen, wenn ich Ihnen sage, daß ich ein alter Freund Fräulein Burnhams bin. Unsere Väter waren Nachbarn. Wir sind einander stets wie Bruder und Schwester begegnet Hier unterbrach Franz großmütig die Entschuldigung. ,, Genug, halten Sie ein. Ich war im Unrecht ich vergaß mich. Bitte, vergeben Sie mir." 87Wardour betrachtete ihn mit sonderbar zögerndem Interesse,| geäußert, daß Sie stark genug sind, sich an der Entdeckungsreise während er sprach, und stellte darauf die merkwürdige Frage: zu beteiligen. Ich fühle diese Zweifel jezt mehr und mehr. Wollen Sie den Rat eines Freundes, der Ihr Bestes wünscht, befolgen?" ,, Hat sie Sie sehr lieb?" Franz lachte hell auf. ,, Mein lieber Freund, kommen Sie zu unserer Hochzeit und urteilen Sie selbst." Zu Ihrer Hochzeit soll ich kommen?" Dabei traf Franz ein Blick, den dieser, mit dem Zuschnallen seines Reisesackes beschäftigt, nicht bemerkte, der Crayford aber nicht entging, und ihm das Blut erstarren ließ. Verglich er das, was ihm Wardour gesagt, als sie beide allein gewesen, mit den Worten, die soeben in seiner Gegenwart gefallen waren, so konnte er nur einen Schluß daraus ziehen. Das Mädchen, welches Wardour geliebt und verloren hatte, war Clara Burnham. Der Mann, der sie ihm geraubt- Franz Aldersley. Und Wardour hatte das entdeckt, während er ihn allein bei der Arbeit gelassen hatte. ,, Gott sei Dank!" dachte Crayford ,,, die Würfel haben sie getrennt! Franz geht mit der Expeditien und Wardour bleibt hier!" Diese Gedanken hatten kaum seinen Kopf durchflogen, Franz unbedachte Einladung war kaum über seine Lippen, als der Leinwandvorhang vor der Tür beiseite geschoben wurde. Kapitän Helding und die zu der auswandernden Abteilung gehörenden Offiziere traten marschfertig aus dem inneren Gemach, um das Hauptzimmer nur zu durchschreiten. Als Helding Crayford erblickte, blieb er noch einmal stehen und sagte: „ Ich habe einen Unfall zu berichten, der die Zahl unserer Partei um eins verringert. Mein zweiter Lieutenant, der mit zu uns gehörte, ist auf dem Eise hingefallen, und nach dem, was mir der Quartiermeister sagt, fürchte ich, der arme Kerl hat das Bein gebrochen." „ Ich werde seine Stelle ersezen," rief eine Stimme vom anderen Ende der Stube. Alle sahen sich um. Richard Wardour hatte gesprochen. Crayford redete sogleich dagegen, und so cifrig, daß er jeden, der ihn kannte, in Erstaunen sezte. „ Nein," rief er, nein Richard, nicht Sie!" „ Warum nicht?" fragte jener finster. " Warum wirklich nicht?" fügte Kapitän Helding hinzu. Wardour ist gerade der Mann, der für so einen Marsch von Nuzen ist. Er ist kerngesund und der beste Schüze von uns allen. Ich war selbst im Begriff, ihn vorzuschlagen." Crayford vermochte diesmal nicht den Respekt seinem Vorgesezten gegenüber zu bewahren. Offen widerriet er den Beschluß des Kapitäns. " Wardour hat kein Recht, aus freien Stücken mitzugehen. Es ist bestimmt, daß der Zufall entscheiden soll." " ,, Und der Zufall hat entschieden," schrie Wardour.„ Glauben Sie, wir werden noch einmal würfeln und einem Offizier der " Seemöve" die Chance geben, einen Offizier des„ Wanderer" zu vertreten? In unserer Gesellschaft ist eine freie Stelle, nicht in der Ihren; und wir beanspruchen das Recht, sie zu besezen, wie wir wollen. Ich will gehen, und mein Kapitän unterstützt meinen Wunsch. Wessen Gewalt kann mich danach noch zurückhalten?" " „ Gemach, Wardour," fiel Kapitän Helding ein, wer im Recht ist, muß sich bezwingen, mit Mäßigung zu reden." Und zu Crayford gewandt, fuhr er fort:" Sie müssen zugeben, daß Wardour diesmal recht hat. Der Fehlende gehört unter mein Kommando, und nach dem natürlichen Gesez muß einer meiner Offiziere die Stelle erhalten." Es wäre nuzlos gewesen, noch ein Wort gegen diese Angelegenheit zu verlieren. Der beschränkteste Mensch mußte sehen, daß des Kapitäns Erwiderung keinen Einwand aufkommen ließ. In gänzlicher Verzweiflung ergriff Crayford Franz' Arm und führte ihn einige Schritte beiseite. Die einzige Möglichkeit noch, die beiden Männer zu trennen, war, wenn es ihm gelang, Franz zurückzuhalten. „ Mein lieber Junge," begann er, ich möchte Ihnen ein paar freundschaftliche Worte über Ihre Gesundheit sagen. Ich habe schon, wie Sie Sich erinnern werden, meine Zweifel darüber Wardour war Crayford gefolgt und fuhr mißmutig dazwischen, bevor Franz antworten konnte. " Lassen Sie ihn in Ruhe." Crayford beachtete die Zwischenrede nicht. Er war zu ernstlich bemüht, Franz zurückzuhalten, als daß er von den Umstehenden etwas gehört oder gesehen hätte. " " Ich bitte Sie, wagen Sie nicht Gefahren, denen Sie nicht gewachsen sind!" fuhr er flehend fort. Ihr Plaz kann leicht ersezt werden. Treten Sie zurück, Franz, bleiben Sie bei mir." Wider sprach Wardour dazwischen, wieder rief er barscher noch als zuvor: ,, Lassen Sie ihn in Ruhe!" Und noch immer taub und blind für alles andere, drängte Crayford Franz mit Bitten. ,, Sie gaben soeben selbst zu, daß Sie wenig an Strapazen gewöhnt sind. gewöhnt sind. Sie fühlen, müssen fühlen, wie schwach Sie noch von der lezten Krankheit sind. Sie wissen, wie wenig Sie dazu geeignet sind, der Kälte und den langen Märschen auf dem Schnee zu trozen." Durch Crayford's Beharrlichkeit bis zum äußersten gereizt und Zeichen der Unentschlossenheit auf Franz' Gesicht lesend, vergaß sich Wardour soweit, daß er Crayford's Arm ergriff und versuchte, ihn von Franz wegzuziehen. ,, Richard," sagte Crayford ruhig ,,, Sie sind nicht mehr Sie selbst. Ich bedaure Sie. Lassen Sie meinen Arm los." Wardour ließ die Hand mit der finsteren Unterwerfung eines wilden Tieres gegen seinen Wärter los. Die eingetretene Stille gab Franz endlich Gelegenheit zu reden. ,, Ich fühle dankbar das Interesse, welches Sie an mir nehmen, Crayford-" ,, Und Sie folgen meinem Rate?" unterbrach ihn jener eifrig. ,, Ich bin vollständig einig mit mir, alter Freund," fuhr Franz fort. Seien Sie mir nicht böse, wenn ich Sie enttäusche. Ich bin für die Expedition bestimmt. Ich gehe mit der Expedition." Dabei ging er auf Wardour zu, klopfte ihn in seiner Unschuld herzlich auf die Schulter und rief: ,, Wenn ich Mattigkeit fühle, dann helfen Sie mir weiter, nicht wahr, Kamerad, das wollen Sie? Und nun vorwärts." Wardour riß einem Matrosen das Gewehr, welches dieser für ihn trug, aus der Hand. Sein finsteres Gesicht überstrahlte plözlich entsezliche Freude. ,, Kommen Sie!" rief er. ,, Kommen Sie über Schnee und Eis! Kommen Sie dorthin, wo noch kein menschlicher Fuß ge= treten und noch keine menschlichen Spuren zu finden sind!" Crayford's Bemühungen schlugen also alle fehl! Was um Gotteswillen konnte er noch tun? Konnte er Wardour auf den bloßen Verdacht hin bei Kapitän Helding verklagen, ohne den leisesten Schatten eines Beweises zur Rechtfertigung seiner Beschuldigung anführen zu können? Der Kapitän würde einfach glauben, daß Crayford's Geist unter dem Druck der Kälte und Entbehrung gelitten habe. Keine Hoffnung, buchstäblich keine Hoffnung mehr, als der Schuz der anderen Offiziere und Mannschaften, denn alle ohne Ausnahme hatten Franz lieb. So lange sie noch eine Hand oder einen Fuß rühren konnten, würden sie ihm beistehen und dafür sorgen, daß ihm kein Leid widerführe. Das Kommando zum Aufbruch ertönte, die Tür wurde geöffnet und schnell leerte sich die Hütte. Dahin zog der kleine Trupp über den unbarmherzig weißen Schnee, dahin unter dem unbarmherzig schwarzen Himmel! Die Kranken und Hülflosen, deren lezte Hoffnung auf Rettung im Auszug ihrer Kameraden gipfelte, faßten wieder schwachen Mut. Einige, deren Tage gezählt waren, schluchzten und weinten wie die Kinder. Auch Franz' Stimme zitterte, als er sich an der Tür noch einmal umdrehte, um dem Freund, der ihm Vater gewesen, die lezten Abschiedsworte zu sagen. " Gott segne Sie, Crayford!" Crayford eilte auf ihn zu, ergriff ihn bei beiden Händen und drückte ihn an sich, als ob er ihn nimmer loslassen wollte. " Gott erhalte Sie, Franz, ich würde alles in der Welt hingeben, könnte ich bei Ihnen bleiben. Leben Sie wohl! Gott schüze Sie!" Franz schüttelte ihm noch einmal die Hand, zerdrückte die und stürzte Tränen, die sich in seinen Augen sammelten hinaus. Crayford rief ihm die lezte, die einzige Warnung, die er ihm geben konnte noch nach: " Solange Sie Ihre Füßen tragen, halten Sie sich mit all Ihrer Kraft aufrecht, Franz!" Wardour, der die anderen hatte vorangehen lassen und Franz auf der weißen Schneefläche folgte, blieb stehen, ging zurück und sagte zu Crayford: " So lange ihn seine Füße tragen, wird er an meiner Seite sein!" XII. Allein, allein auf der gefrorenen Tiefe! Die nordische Sonne stieg matt an dem traurigen Himmel empor. Die Strahlen des falten nordischen Mondes mischten sich eigentümlich mit dem Dämmerschein und färbten die weißen Ebenen mit schwarzgelbem Grau. Ein Eisfeld bewegte sich vom fernen Horizonte her südwärts in dem geisterhaften Licht. Näher rollte cin Strom fließenden Wassers seine schwarzen Wellen an den Rand des Eises. Näher noch streckte ein Eisberg seine Spizen und Zacken gen Himmel, hier im Mondschein glizernd, dort in dem aschfarbenen Lichte geisterhaft, verschwommen empor ragend. Was bewegte sich dort halbwegs auf dem langen Rücken seines unteren Abhanges und unterbrach die trostlose Einförmig keit der Szenerie? Konnte es in dieser entsezlichen Einsamkeit Zeichen menschlichen Lebens geben? Ja. Die schwarzen Umrisse eines auf den Berg hinaufgezogenen Bootes zeigten sich. Von Zeit zu Zeit flackerten in einer Eishöhle die lezten Funken eines ersterbenden Feuers über den Gestalten zweier Männer auf. Einer von ihnen saß, den Rücken an die Wand der Höhle gelehnt, der andere lag ausgestreckt, mit dem Kopfe auf des Kameraden Knie ruhend. Der erstere war wach in Gedanken verloren, der zweite hatte das stille, weiße Gesicht dem Himmel zugewandt: schlief er, war er tot? Tage und Tage waren verstrichen, seit die beiden auf dem Marsche hinter dem Zuge der Expedition zurückgeblieben waren. Tage und Tage waren verstrichen, seit die beiden von ihren schwachen, hinfälligen Gefährten als verloren und verdorben betrachtet wurden. Er, der in Gedanken versunken dasaß, war Richard Wardour; er, der schlafend oder tot in dessen Schoße ruhte, Franz Aldersberg. Der Eisberg trieb in dem aschfarbenen Lichte langsam über das schwarze Wasser dahin. Von Minute zu Minute sank das ersterbende Feuer tiefer herab. Von Minute zu Minute schlich die tötende Kälte näher und näher an die Verlorenen heran. Plözlich fuhr Richard Wardour aus seinem Sinnen auf, blickte in das stille, weiße Gesicht herab und legte die Hand auf Franz' Herz. Es schlug noch schwach. Gib ihm sein Teil Nahrung und Feuerung von dem, was noch im Boote liegt, und er kann weiter leben. Läßt du ihn unbeachtet liegen, so ist sein Tod nur noch eine Frage von Stunden, vielleicht Minuten.... Richard Wardour hob der Schläfers Kopf und lehnte, ihn gegen die Wand. Dann ging er zum Boote und kehrte mit cinem Scheit Holz zurück. Er bückte sich zum Feuer hinab und hielt inne. Franz träumte und sprach im Traume. Der Name eines Mädchens entschlüpfte seinen Lippen. Er war wieder in England auf dem Ball und flüsterte Clara das Geständnis seiner Liebe zu. Ueber Richard Wardour's Gesicht zog der Schatten eines mörderischen Gedankens. Er erhob sich wieder und trug das Holz zum Boote zurück. Seine Kraft war erschüttert, doch noch nicht gebrochen. Sie trieben der offenen See näher und näher zu. Er konnte das Boot ohne Hülfe vom Stapel lassen; er konnte Nahrung und Feuerung mit sich nehmen. Der Schläfer 88 auf dem Eisberge war der Mann, der ihm Clara geraubt, an dem die Hoffnung auf sein Lebensglück gescheitert war. Laß den Mann schlafen, laß ihn sterben! So flüsterte ihm der Versucher zu. Richard Wardour versuchte seine Kräfte an dem Boote. Es bewegte sich, er konnte es allein regieren. Er wartete und blickte um sich. Ihm zur Seite was das offene Meer, zu seinen Füßen der Mann, der ihm Clara geraubt. Der Schatten des mörderischen Gedankens auf seinem Gesicht wuchs und wurde dunkler und dunkler. Die Hand am Boote, wartete er tete und sann. warDer Eisberg trieb in dem aschfarbenen Lichte langsam über das schwarze Wasser dahin. Von Minute zu Minute sank das ersterbende Feuer tiefer herab. Von Minute zu Minute schlich die tötende Kälte näher an den schlafenden Mann heran: und noch immer wartete Richard Wardour wartete und sann. XIII. Es war Frühling. Die Luft der Aprilnacht hob schon die Blättchen der schlummernden Blüten. Der Mond war König an dem wolkenlosen Sternenhimmel. Die Ruhe der Mitternacht herrschte über Land und Meer. In einer Villa am westlichen Ufer der Insel Wight standen die Glastüren, welche aus dem Wohnzimmer nach dem Garten führten, noch offen; die Lampe brannte auf dem Tisch, an dem eine Dame saß und las. Von Zeit zu Zeit warf sie einen Blick in den Garten nach der weißgekleideten Gestalt eines jungen Mädchens, welches in dem weichen Mondlicht langsam hin und her wandelte. Kummer und Sorge hatten ihre Spuren auf den Zügen zurückgelassen. Nicht Bewerber allein, auch Freunde, die sie früher bewunderten, waren darüber einig, daß sie jezt alt und gedrückt aussah. Das gnädige Urteil anderer lautete, gleich wahr: ihre Augen, ihr Haar, die natürliche Aumut ihrer Bewegungen hätten nur wenig von dem alten Reize verloren. Die Wahrheit lag, wie gewöhnlich, zwischen den zwei Extremen. Troz Kummer und Sorge war Frau Crayford noch immer die schöne Frau. Die köstliche Stille der nächtlichen Stunde wurde weich von der Stimme der jungen Dame unterbrochen. „ Seze dich an das Clavier, Lucie. Diese Nacht ist zur Musik gemacht. Spiele etwas, das ihrer würdig ist." Frau Crayford schaute hinter sich an die Uhr auf dem Schranke. „ Liebe Clara, zwölf Uhr ist vorüber. Erinnere dich, was dir der Arzt befohlen hat. Du solltest seit einer Stunde schon im Bette sein." „ Eine halbe Stunde noch, Lucie, gönne mir noch eine einzige halbe Stunde! Sieh, wie sich der Mond im Meere spiegelt. Möchte man wohl in solch einer Nacht schlafen gehen? Spiele etwas, Lucie etwas, Lucie etwas hohes, erhabenes." Clara näherte sich dem Fenster. Auch sie hatte unter dem zerstörenden Einfluß des Zweifels und der Ungewißheit gelitten. Ihr Gesicht hatte die jugendliche Frische verloren; heute stieg ihr keine zarte Röte in die Wangen, wenn sie sprach. Die sanften grauen Augen, welche einst Franz' Herz eroberten, hatten sich gänzlich verändert. War Clara still, so nahmen sie einen matten, traurigen Ausdruck an, sprach sie, so irrten sie wild und ruhelos umher, als ob sie plözlich aus bösen Träumen aufgeschreckt wären. Wie sie in dem weißen Kleide, das weiche, braune Haar loſe über die Schultern herabhängend, in dem vollen Mondlicht dem Fenster langsam näher und näher kam und um Musik bat, die der wunderbaren, köstlichen Nacht ent spräche, war etwas zauberhaftes, geisterhaftes in dem Mädchen. " Willst du hereinkommen, wenn ich dir vorspiele?" fragte Frau Crayford.„ Es könnte dir schaden, meine Liebe, wenn du so lange draußen in der Nachtluft bliebst." „ Nein, nein! Spiele, während ich hier draußen. bin und auf das Meer blicke. Das beruhigt mich; tröstet mich. Das tut mir wohl." Geisterhaft wandelte sie wieder zurück über den Rasen. Frau Crayford erhob sich und legte das Buch beiseite, in welchem sie gelcsen hatte. Es war eine Beschreibung früherer Nordpolerpeditionen. Die Zeit war vorüber, in der die zwei verlassenen Frauen an Dingen Interesse nehmen konnten, die nicht mit ihren eigenen Sorgen Zusammenhang hatten. Jezt, wo die lezte Hoffnung sie bald verließ, jezt, wo ihre lezten Nachrichten über den„ Wanderer" und die„ Seemöve" älter als zwei Jahre waren, jezt fonnten sie von nichts weiter lesen, an nichts weiter denken als an Gefahren und Entdeckungen, Verluste und Rettungen in dem entsezlichen Eismeer. Widerstrebend legte Frau Crayford das Buch beiseite und öffnete das Klavier. Eine Sonate Mozarts mit Variationen lag aufgeschlagen auf dem Instrument. Sie spielte eine der lieblichen, so einfachen, klaren, herrlichen Melodien jenes anspruch losen, unvergleichlichen Werkes nach der anderen. Nachdem sie die neunte Variation, die Clara vor allem liebte, beendet hatte, hielt sie inne, und rief zum Garten gewendet: „ Soll ich nun aufhören?" Keine Antwort. War Clara soweit fortgegangen, daß sie die Musik, die sie so gern hörte, die Musik, die so völlig mit der milden Herrlichkeit der Nacht harmonirte, nicht hören konnte? Frau Crayford stand auf und trat ans Fenster. „ Nein, dort stand die weiße Gestalt am Abhange des Rasens, das Gesicht dem Hause abgewandt, der ruhigen See zu, deren leise rauschendes Wasser an dem matten Streif am Horizonte, der Küste Hampshire's endigte. Clara!" rief Frau Crayford nochmals. 90 Wardour nicht. So lange dich deine Füße tragen, halte dich mit aller Kraft aufrecht." Dieselben warnenden Worte, welche Crayford seinem jungen Freunde zum Abschied nachgerufen hatte. Es folgte ein Augenblick des Schweigens, und in dem Augenblick wechselte die Vision. Sie sah ihn jezt auf dem Eisberge, auf Gnade und Ungnade seinem bittersten Feinde auf der Welt in die Hände gegeben. Sie sah ihn in dem aschfarbenen Lichte über das schwarze Wasser dahintreiben. , Wache auf, Franz! Wache auf und verteidige dich! Richard Wardour weiß, daß ich dich liebe Richard Wardour wird sich an deinem Leben rächen! Wache auf, Franz! Wache auf! Du treibst deinem Tode entgegen!" Ein leiser Schrei des Entsezens rang sich unheimlich, entsezlich mit anzuhören, von ihren Lippen. Lippen. Dem Tode, dem Tode entgegen!" flüsterte sie noch einmal. " Die gläsernen Augen wurden plözlich sanft, dann schlossen sie sich. Ein Schauer durchrieselte ihren ganzen Körper, die Totenblässe ihres Antlizes wich einen Moment einem schwachen Rot, welches sogleich wieder verschwand, die Glieder versagten ihr den Dienst, sie sant Frau Crayford in die Arme. Dem Hülferuf folgend, trugen sie die Dienstleute ins Haus. Ohnmächtig legten sie sie auf das Bett. Nach einer halben Stunde öffneten sich die Augen wieder weit und blieben diesmal mit Bewußtsein, schwermütig auf der an ihrem Bett sizenden Freundin ruhen. " Ich hatte einen entsezlichen Traum," sagte sie schwach; ,, bin ich frank, Lucie? Ich fühle mich so elend." Noch während sie sprach, verfiel sie in einen sanften, natürWieder keine Antwort. Die weiße Gestalt blieb regungslos lichen Schlaf, wie oft fleine Kinder, wenn sie des Spielens stehen. müde sind. Mit bekümmerter Miene, aber keinem Anschein von Schreck fehrte Frau Crayford ins Zimmer zurück. Ihre traurige Erfahrung sagte ihr, was geschehen war. Sie rief die Dienstleute herbei und befahl ihnen, im Wohnzimmer zu warten, bis sie nach ihnen rufen würde. Darauf kehrte sie in den Garten zurück und trat zu der geheimnisvollen Gestalt auf dem Rasen. Tot für die Außenwelt, als ob sie schon im Grabe läge, unfähig sich zu rühren, unfähig zu hören, regungslos, kalt wie Stein ſtand Clara auf dem mondbeschienenen Rasen und starrte hinaus auf das Meer. Frau Crayford wartete ruhig auf die Veränderung, die, wie sie wußte, fommen mußte. Sie kam. Die Augen blieben unverändert: weit offen, starr, gläsern. Das erste Lebenszeichen war eine Bewegung ihrer Hände. Sie hoben sich langsam und griffen in der Luft herum, wie jemand, der im finstern tappt. Nach einer Weile trat auch Leben in ihre Lippen; sie öffneten sich und zitterten. Noch wenige Minuten, und Worte kamen eins nach dem anderen von den geöffneten Lippen in verlorenem, geistesabwesenden Tone, als ob sie im Schlafe spräche. Frau Crayford lauschte gespannt. Schneller und schneller tönte cs: Obgleich nun alles vorüber und weitere Pflege nicht nötig war, wich Frau Crayford, die zu besorgt und aufgeregt war, um selbst der Ruhe zu pflegen, nicht von Clara's Bett. Anderemale hatte sie den Worten, welche Clara in ihrem magnetischen Schlaf sprach, nie Bedeutung beigelegt. Heute aber war sie nicht fähig. sie zu vergessen. Die Worte tönten ihr wieder und immer wieder in den Ohren. Vergeblich rief sie sich alles zurück, was ihr die Aerzte inbetreff dessen, was Clara in ihrem krankhaften Zustande spräche, gesagt hatten: „ Was sie für den Mann fürchtet, den sie liebt, vermischt sich mit dem, was sie fortwährend liest, Beschwerden, Gefahren, Unfälle auf dem Eismeer. Die erstaunlichsten Dinge, die sie reden oder tun mag, sind einzig und allein dieser Ursache zuzuschreiben und sind nur auf diese Weise zu erklären." sprachen die Aerzte und bis heute hatte Frau Crayford ihre Ansicht geteilt. Diese Nacht nur glaubte sie des Mädchens Worte immer wieder mit dem prophetischen Tone zu hören; diese Nacht nur fragte sie sich:„ Ist Clara's Geist wirklich anwesend bei unseren Teuren, Verlorenen in dem einsamen Norden? Können die Visionen Sterblicher Tote und Lebende in der Ein" Franz! Franz! Franz! Bleibe nicht zurück, trauc Richard samkeit des Eismeeres sehen?" So ( Forts. folgt.) Ueber die Ursachen der französischen Revolution. Von E. Fehleifen. Aber die Hungersnot war permanent. Wie sollte man's auch anfangen mit den Duzenden von Domkapiteln, Abteien, Priorcien, Mönchs- und Nonnenklöstern in einem einzigen Kirchsprengel und mit so und so viel Herrschaften, um Bohnen, Erbsen und Linsen genug für den Winter einzuheimsen? Man baute noch keine Kartoffeln und die Aermsten hatten nichts als Hülsen früchte. Neben dem in der Frohu notwendigen Pflügen, Säen, Jäten, Mähen, Heuen, Einführen und im Weinland noch dem Lesen, was könnte man neben dieser Masse von Zwangsarbeiten wo die beste Zeit mit den Ernten für den gnädigen Herrn ( Schluß.) oder die Abtei verging was könnte man für sich und seine Kinder tun? Nichts! Deshals zogen auch, wenn's dem Winter zuging und das Geschäft aufhörte, drei Viertel der Bewohner eines Dorfes auf den Bettel. Von Zeit zu Zeit schritt man gegen diese Unglücklichen in sehr harter Weise ein. Im Jahr 1767 wollte der Herzog von Choiseul, Minister Ludwigs XV., mit einem Schlage den Bettel in ganz Frankreich ausrotten. Die Gensdarmerie erhielt Befehl, alle Bettler aufzugreifen und die gesunden auf die Galeeren zu schicken. Zur Aufnahme der andern eröffnete man mehr als 40 Versorgungshäuser. Troz alledem zogen die Leute bandenweise aus, um ihr Leben zu fristen. Die Not und das schlechte Beispiel sind gute Lehrmeister. Wenn man auf Weg und Steg Kapuziner, Franziskaner, Barfüßer, Schlingel von sechs Fuß Länge, die, start wie die Stiere, einen Schubkarren voll Boden auf einmal ausschaufeln könnten wenn man die jeden Tag mit ihren langen Bärten und haarigen Armen vorüber kommen und ohne Scham und Schen die Hand ausstrecken und für zwei Pfennige Gesichter schneiden sah, wie konnte man da von den Armen verlangen, daß sie nicht betteln? Leider ist's mit dem Betteln allein nicht getan, wenn man Hunger hat und Brod kriegen will; die andern müssen auch welches haben und hergeben wollen. Damals aber galt der Spruch:" Jeder für sich und Gott für alle!" Deshalb traten noch zu allen Plagen organisirte Räuberbanden hinzu, welche das Land durchzogen und brandschazten. Und nun stelle man sich die Lage dieser Unglücklichen vor: Tage lang nichts zu essen, nachts im Winter ohne Feuer und ohne Decke, in beständiger Furcht vor Räubern, vor dem Steuereinnehmer, dem Gensdarmen, dem Waldschüzen, dem Presser! Wahrlich ein trauriges Dasein! Die Bürger hatten nämlich das Mittel gefunden, die örtlichen Lasten und Abgaben so zu reguliren, daß sie nicht auf ihnen lasteten, sondern Hauptsächlich von den unteren Klassen getragen wurden. Nun ist aber unter allen Mitteln, die Menschen zu unterscheiden und in Klassen zu sondern, die Ungleichheit in der Besteuerung das verderb= lichste, weil es am meisten geeignet ist, die Kluft zwischen dem armen Volfe und allen andern Klassen immer größer und unheilbarer zu machen, und in der Tat war der Bürgerstand, d. h. die besizende Mittelklasse, fast ebenso gesondert vom Volke, wie der Edelmann vom Bürger gesondert war. Fast alle die Gebrechen, fast alle die Irrtümer und verderblichen Vorurteile, an welchen die alte Gesellschaft krankte und welche schließlich ihren Untergang herbeiführten, verdankten ihr Entstehen jener Kunst, welche schon die älteren französischen Könige kannten, nämlich die Menschen zu trennen, um sie desto unumschränkter zu beherrschen. Denn für eine absolute Regierung ist es außer ordentlich günstig, wenn die Untertanen in Klassen scharf ge= sondert sind, welche sich einander weder nähern, noch zu gemeinsamem Widerstand vereinigen können, so daß die Regierung es stets nur mit einer kleinen Anzahl getrennter Menschen auf einmal zu tun hat. Man braucht sich deshalb auch nicht zu verwundern, wenn man sieht, in welcher seltsamen Sicherheit alle diejenigen lebten, die in dem Augenblicke, wo die Revolution begann, die oberen und mittleren Stockwerke des Gebäudes der Gesellschaft inne hatten, und wie sie untereinander sinnreiche Gespräche führten über die Tugenden des Volkes, über seine Sanftmut, seine Hingebung, seine Geduld, während bereits das Jahr 93 vor der Tür stand! Der Bürger lebte ebenso gesondert vom Volke, als der Edelmann. Weit entfernt, sich den Bauern zu nähern, hatte er die Berührung mit ihrem Elende geflohen; statt sich eng mit ihnen zu vereinigen, um gemeinsam gegen die gemeinsame Ungleichheit zu kämpfen, hatte er nur getrachtet, neue Ungerechtigkeiten zu seinem Vorteil einzuführen, sich Begünstigungen zu verschaffen mit demselben Eifer, den der Edelmann aufwendete, seine Privilegien zu behaupten. Diese Bauern, aus deren Mitte er stammte, waren ihm nicht nur fremd, sondern auch sozusagen unbekannt geworden, und erst nachdem er ihnen die Waffen in die Hand gegeben, ward er inne, daß er Leidenschaften geweckt hatte, von denen er nicht einmal eine Ahnung gehabt, die er ebensowenig zu zügeln als zu lenken vermochte und deren Opfer er werden sollte, nachdem er ihr Urheber gewesen war. Diese im bisherigen geschilderten allgemeinen und zumteil in früheren Zeiten wurzelnden Erscheinungen bildeten die unerläßlichen Vorbedingungen zu den besondern und unmittelbaren Tatsachen, welche schließlich den Schauplaz, die Geburt und den Karakter der Revolution bestimmt haben. Seit geraumer Zeit zeichnete sich die französische Nation durch literarische Tätigkeit aus; doch hatten die Schriftsteller 91 früher dort niemals den Geist bekundet, den sie gegen die Mitte des 18. Jahrhunderts zeigten. Unter Ludwig XIV. war jeder Gelehrte ein Vasall der französischen Krone, jedes Buch wurde mit Rücksicht auf die königliche Gunst geschrieben, und die Protektion des Königs wurde als der entschiedenste Beweis geistiger Vortrefflichkeit betrachtet. Zu keiner Zeit wurden Schriftsteller so verschwenderisch belohnt, als unter der Regierung Ludwigs XIV. Dieser Fürst ergab sich während seiner 50 jährigen Regierung der schädlichen Gewohnheit, Männer der Literatur mit großen Summen Geldes zu erkaufen und ihnen vielfache Beweise seiner persönlichen Gunst zu geben. persönlichen Gunst zu geben. Zu feiner Zeit waren aber auch die Schriftsteller so gemein gesinnt, so servil, so gänzlich unfähig, ihren großen Beruf als Verkünder des Wissens und als Prediger der Wahrheit zu erfüllen. Für das Volk ist es aber unumgänglich notwendig, daß die Interessen der Schriftsteller mehr auf seiner Seite, als auf Seiten seiner Herrscher liegen. Denn die Literatur vertritt den Verstand, welcher fortschrittlich ist, die Regierung vertritt die Ordnung, und diese ist stationär. Wenn nun diese beiden großen Mächte sich verbinden, wenn die hergebrachte Ordnung den Verstand bestechen kann, und wenn der Verstand dieser Ordnung nachgibt, so muß die unvermeidliche Folge Despotismus und Knechtschaft sein. Unter einem solchen System erfolgt zuerst die Verknechtung des Genies. dann der Verfall des Wissens und endlich der Verfall des ganzen Landes. In der Tat gab es während der lezten 25 Regierungsjahre Ludwig XIV., d. h. von 1690-1715 keine bedeutenden Schriftsteller mehr in Frankreich; Corneille, Racine, Molière, Malebranche waren tot oder hatten aufgehört zu schreiben, und von den Werken jener bezahlten Abschreiber, welche so viele Jahre lang sich an den Hof des„ großen" Königs drängten, ist nichts auf uns gekommen. Mit dem Tode Ludwigs XIV. änderte sich alles; als es für gewiß bekannt wurde, daß er seinen Geiſt aufgegeben hatte, wurde das Volk fast wahnsinnig vor Freude. Sofort erhob sich auch die Literatur wieder aus ihrer unwürdigen Stellung, und namentlich war es die rasch überhand nehmende Gewohnheit aller bedeutenderen Franzosen, die englischen Sitten und Geseze zu studiren, welche der französischen Literatur den sie besonders karakterisirenden kühnen und rücksichtslosen Geist einflößte. Voltaire vor allem widmete sich mit seinem gewöhnlichen Eifer der neuen Aufgabe und erwarb sich in England eine Kenntnis jener radikalen Ansichten, deren Verbreitung ihm später einen so großen Ruhm erwarb. Durch das Beispiel Englands wurden die großen Franzosen des 18. Jahrhunderts zu einer Liebe zum Fortschritt angeregt, welche sie natürlich sehr bald mit den herrschenden Klassen in Unfrieden brachte, und es entstand ein wahrer Kreuzzug gegen das Wissen, welcher nur den Ausbruch der Revolution beschleunigte. Von der grausamen Verfolgung der Literatur kann man sich einen Begriff machen, wenn man bedenkt, daß alle Schriftsteller, deren Werke ihre Zeit überlebt haben, bestraft worden sind, und unter denen, die entweder Konfiskationen oder Einsperrung, oder Verbannung, oder Geldbußen, oder Unterdrückung ihrer Werke, oder die Schmach erduldeten, widerrufen zu müssen, finden sich außer einer Menge untergeordneter Schriftsteller die Namen von Buffon, d'Alembert, Diderot, Helvetius, Montesquieu, Raynal, Rousseau und Voltaire. Rousseau und Voltaire. Selbst auf dem Boden der Naturwissenschaft, die man immer als neutrales Gebiet betrachtet hat, wurde derselbe despotische und verfolgungssüchtige Geist entwickelt, und es war, als hätten die Beherrscher Frankreichs gefühlt, daß ihre einzige Sicherheit in der Unwissenheit des Volkes bestände, so sehr widersezten sie sich jeder Art von Wissenschaft. Durch diese unglaubliche Torheit machte sich die Regierung jeden Mann von Geist zu ihrem persönlichen Feinde und brachte am Ende die ganze Intelligenz des Landes gegen sich auf. Wenn man bedenkt, daß im Jahre 1764 ein Defret erlassen wurde, welches alle Werke verbot, worin Regierungsfragen erörtert würden; daß im Jahre 1767 Todesstrafe darauf gesezt wurde, ein Buch zu schreiben, welches geeignet wäre, den öffentlichen Geist aufzuregen oder welches die Religion angriffe oder von Finanzgegenständen handle, so muß man sich nur über die Geduld ohnegleichen wundern, die das also geknebelte Volk bewiesen hat. Es ist ein bemerkenswerter Umstand, daß die revolutionäre Literatur, welche zulezt alle Institutionen Frankreichs umstürzte, zuerst mehr gegen die religiöse, als gegen die politische Klasse gerichtet war. Vor der Mitte des 18. Jahrhunderts trat fein bedeutender Schriftsteller gegen den weltlichen Despotismus auf, dagegen wendeten sie sich mit einer wahren Wut gegen die Kirche, gegen ihre Diener, ihre Hierarchie, ihre Einrichtungen und Glaubenssäze, und suchten, um diese um so sicherer zu stürzen, selbst die Grundlage des Christentums zu zertrümmern. Aber nicht als religiöse Lehre, sondern viel mehr als politisches Institut hatte das Christentum diesen Haß entzündet, nicht weil die Priester sich anmaßten, die Dinge der andern Welt zu reguliren, sondern weil sie Grundeigentümer, Lehnsherren, Zehntherren, Administratoren in dieser Welt waren; nicht weil die Kirche in der neuen Gesellschaft, die man gründen wollte, keine Stelle finden konnte, sondern weil sie damals die am meisten bevorrechtete und festeste Stelle in der Gesellschaft einnahm. Die fortschreitende Zeit hat dies klar bewiesen: Während das politische Werk der Revolution sich befestigt hat, ist ihr irreligiöses Werk zu Grunde gegangen; während die alten politischen Einrichtungen, die sie angegriffen hatte, vernichtet, während die Gewalten, die Einflüsse, die Klassen, die besonders verhaßt waren, auf immer besiegt worden sind und, als leztes Zeichen ihrer Niederlage, selbst der Haß, den sie einflößten, sich abgekühlt hat; während endlich die Geistlichkeit sich mehr und mehr von allem geschieden hat, was mit ihr gefallen war, sah man allmälich die Macht der Kirche sich in den Gemütern wieder erheben und aufs neue sich darin befestigen. Und dies Schauspiel sehen wir nicht blos in Frankreich; es gibt faum irgend eine christliche Kirche in Europa, die seit der französischen Revolution nicht neues Leben gewonnen hätte. Der alte Adel, welcher vor 89 die irreligiöse Klasse war, wurde nach 93 die glaubenseifrigste; zuerst angegriffen, bekehrte sie sich zuerst. Auch der Bürgerstand wendete sich wieder dem Glauben zu, die Ehrfurcht vor der Religion verbreitet sich überall, wo die Menschen bei Volksunruhen etwas zu verlieren haben und der Unglaube verschwand oder versteckte sich wenig stens, je sichtbarer sich die Furcht vor der Revolution machte. Erst um die Mitte des vorigen Jahrhunderts treten Schriftsteller auf, die speziell Fragen der politischen und sozialen Gesezgebung behandeln und denen bei ihren Untersuchungen über politische Dekonomie der ungeheure Nachteil sofort klar wurde, den die Einmischung der Regierung in die materiellen Interessen des Landes hervorgebracht hatte. Diese Dekonomisten" oder " Physiokraten" genannten Schriftsteller haben zwar in der Geschichte eine weniger glänzende Rolle gespielt, als die Philosophen, aber der Einfluß, den diese Männer, vornemlich Ducs nay, Turgot, Necker u. a. ausübten, war darum nicht weniger bedeutend. Diese von ihnen hervorgerufene Bewegung breitete sich so schnell aus, daß es schon 1755 zu einem Konflikt zwischen Nation und Regierung fam, und 1759 beklagte sich Voltaire, daß die Reize der leichteren Literatur über dem allgemeinen Eifer für diese neuen Studien vernachlässigt winden. Zu gleicher Zeit ließ Rousseau seine beredten Werke erscheinen; er enthielt sich der Angriffe gegen das Christentum und wandte sich fast ausschließlich gegen die sozialen und politischen Mißbräuche der bestehenden Gesellschaft. Es mag überraschen, die Philosophen und Schriftsteller jener Zeit gewissermaßen die Rolle politischer Parteihäupter spielen zu sehen; aber es gab keine freien Institutionen mehr, also auch keine politischen Klassen, keine lebensvollen politischen Körperschaften, feine organisirten Parteien mit ihren Führern, und in Ermangelung aller dieser Kräfte fiel den Philosophen die Führung der öffentlichen Meinung zu. Wesentliche Unterstüzung fanden die von ihnen verbreiteten Ansichten durch die Entdeckung gewisser Wahrheiten und Tat sachen auf dem Gebiete der Naturwissenschaften, welche, weil sie handgreiflicher mit der sichtbaren Welt zu tun hatten und des92 wegen leichter verstanden wurden, einen nicht zu unterschäzenden Einfluß auf die Stärkung des erwachenden demokratischen Geistes ausübten. Tie Vorlesungen der Chemiker, Geologen, Botaniker und Physiologen waren überfüllt; die Hallen und Amphiteater in Paris, in denen die großen Wahrheiten der Natur dargelegt wurden, fonnten ihre Zuhörer faum mehr fassen; die größten und schwierigsten Forschungen fanden Gunst vor den Augen von Leuten, deren Väter kaum die Namen der Wissenschaften gehört hatten, die sie betrafen. Buffons glänzende Phantasie machte die Geologie plözlich populär, und die bewundernswürdigen Erörterungen Lalande's erhoben selbst die Astronomie zu einem allgemeinen Studium. Bei dieser Gelegenheit begannen die Menschen zu begreifen, daß die Größe der einzelnen nicht an dem Glanze ihrer Titel oder der Würde ihrer Geburt hänge, daß sie nichts zu tun hat mit ihren Wappen und Ahnen, sondern daß sie von der Macht des Geistes und von der Fülle der Kenntnisse abhängt.„ Die Halle( jagt Buckle) der Wissenschaft ist der Tempel der Demokratie" und der innige Zusammenhang zwischen wissenschaftlichem Fortschritt und sozial- politischer Umgestaltung erhellt aus der Tatsache, daß beide aus derselben Sehnsucht nach Verbesserung entspringen, aus derselben Unzufriedenheit mit dem bisher Geleisteten, aus demselben ruhelosen, kühnen Geiste. Während alles dieses zum Umsturz der alten Institutionen zusammenwirkte, trat plözlich ein Ereignis ein, welches nicht ohne nachhaltige Wirkungen auf Frankreich blieb. Auf der andern Seite des atlantischen Ozeans erhob sich ein großes Volk, gereizt durch die unerträgliche Ungerechtigkeit der englischen Regierung, griff zu den Waffen und erlangte, nach einem verzweifelten Kampfe, glorreich seine Unabhängigkeit. Im Jahre 1776 legten die Amerikaner Europa jene imposante Erklärung vor, in der sie darlegten, daß der Zweck, zu dem eine Regierung eingerichtet würde, doch der sei, selbst die Rechte des Volks zu sichern, daß die Regierung von dem Volke allein ihre Macht erhalte und daß, sobald eine Regierungsform diesem Zweck nicht gerecht werde, das Volk das Recht habe, eine neue Regierung einzusezen und ihre Gewalt so zu organisiren, wie es denke, daß sie am besten seine Sicherheit und sein Glück be= gründen werde. Als Franklin in Frankreich als Abgesandter des amerikanischen Volkes erschien, wurde er überall mit Entusiasmus empfangen; aus allen Gegenden famen Massen von Menschen und erboten sich, als Freiwillige über den atlantischen Ozean zu gehen und für die Freiheit Amerikas zu fechten. Neben dem indirekten Erfolge, den das Beispiel eines gelungenen Aufstandes hervorbrachte, wurden die Franzosen auch noch durch unmittelbare Berührung mit ihren neuen Verbündeten aufgestachelt. Die französischen Offiziere und Soldaten, die in Amerika gedient hatten, brachten bei ihrer Rückkehr die demofratischen Gesinnungen, die sie in der jungen Republik eingesogen hatten, mit in ihr Vaterland zurück. Dies gab den schon herrschenden Freiheitsbestrebungen neue Stärke, und es ist Grund vorhanden zu der Annahme, daß der entscheidende Streich, den die französische Regierung empfing, von der Hand eines Amerikaners herrührte; denn auf Jeffersons Rat soll die Volksvertretung des gesezgebenden Körpers sich zur Nationalversamm lung erklärt und so der Krone offen Troz geboten haben. So wirkten verschiedene Umstände zusammen, die große französische Revolution herbeizuführen. In der ersten Hälfte der Regierung Ludwigs XV. wäre es vielleicht noch möglich gewesen, durch zeitgemäße Reformen das Staatsgebäude zu retten. Aber statt zu versöhnen und die Leidenschaften zu besänftigen, machte Ludwig XV. den Versuch, die Nationalliteratur zum Schweigen zu bringen und jedes unbequeme Wort mit Gewalt zu unterdrücken. Hätte dagegen die Regierung dem Druck des fortschreitenden Wissens nachgegeben und statt des wahnsinnigen Beginnens, Ansichten durch Geseze niederzuhalten, die Geseze nach diesen Ansichten geändert, so würde der verderbliche gewaltsame Zusammenbruch vermieden worden sein. So aber wurde es bald nach der Mitte des vorigen Jahrhunderts zu spät; Ereignis folgte auf Ereignis mit reisender Schnelligkeit, alle mit ihren B Galerie schöner Frauenköpfe.( Coralie de Vere.)( Seite 112.) Nad einer Photographie aus dem Verlage von Elliot u." Fry in London. Vorläufern verbunden erwuchsen zu einem Strom, gegen den kein Damm mehr half. Vergebens gab die Regierung in einigen wichtigen Punkten nach, ergriff Maßregeln zur Verminderung der Gewalt der Kirche und unterdrückte sogar den Jesuitenorden. Vergebens rief Ludwig XVI. Männer, die von dem Geist der Reform erfüllt waren, in seinen Rat, Männer wie Turgot und Necker, deren weise und freisinnige Vorschläge in ruhigern Tagen die Bewegung gestillt haben würden. Vergebens wurden Versprechungen gemacht, die Abgaben gleichmäßig zu verteilen, einige der anstößigsten Geseze zurückzunehmen. Vergebens sogar wurden die Generalstaaten zusammengerufen und so nach einem Verlauf von 170 Jahren das Volk wieder zur Teilnahme an der Verwaltung seiner eigenen Angelegenheiten zugelassen. Nur ein großes Genie und kühn zugreifender ernstlich guter Wille vermöchte den Fürsten zu retten, der es unternimmt, seinen Untertanen nach langer Bedrückung Erleichterung zu gewähren. Das Uebel, welches man als unvermeidlich in Geduld ertrug, erscheint unerträglich, sobald einmal der Gedanke Wurzel gefaßt hat, sich ihm zu entziehen. 94 Der Ausgang der französischen Revolution ist bekannt; nachdem die kühne und heldenmütige Generation, welche die Revolution begonnen hatte, vernichtet oder entnervt worden war, wie es in der Regel jeder Generation begegnet, die bei derartigen Weltereignissen das erste Beispiel gibt; als, nach dem natürlichen Gang solcher Ereignisse, die Freiheitsliebe inmitten der Schreckenszeit entmutigt und ermattet war und die bestürzte Nation wie im Dunkeln nach ihrem Gebieter zu suchen begann, da boten sich einer absoluten Regierung zu ihrer Wiedergeburt und Neubegründung die bedeutendsten Hilfsmittel dar, welche der Scharfblick desjenigen ohne Mühe entdeckte, der zugleich des Fortsezer und Vernichter der Revolution werden sollte, Korsen Bonaparte. Die Revolution, dieser große Kampf zwischen Vernunft und Autorität, scheiterte; aber sie hat der Zukunft Aufgaben gestellt, an deren Lösung der Geist unsrer Zeit noch fortarbeitet und voraussichtlich noch kommende Geschlechter zu kämpfen und zu arbeiten werden haben. Die Satire im Mittelalter. Bon Dr. Richard Ernst. Die strenge Scheidung der Nation und Stände im 14. Jahr hundert, die Habsucht und Ländergier der deutschen Kaiser, das Räuberwesen und Wegelagern der Ritter, lenften den Sinn von der Poesie und Gefühlswelt ab. Die noch ungeschwächt fortwirkende Tatentust verzehrte sich im Bürgerkrieg und sank in wüsten inneren Fehden mehr und mehr zu gemeiner Raufund Raublust herab. Genußsucht und rohe Sinnlichkeit erstickten die sanften Regungen der Minne und raubten dem Adel die Lust und Fähigkeit zur Poesie. Umsonst suchten einzelne Fürsten die schwindende Ritterpoesie zu halten und vor gänzlichem Unter gang zu bewahren, die Richtung der Zeit und die Macht des Bürgerstandes und Volkes waren stärker als ihre Bemühungen. Die Bildung war von den Schlössern der Fürsten und den Burgen des Adels in die Ringmauern der frisch und fröhlich aufblühenden Städte und ins Volk übergegangen. Das Bürgertum und das Volk waren an Stelle des entarteten Rittertums als Träger der Kultur und folglich auch der nationalliterarischen Offenbarung getreten. Als literarische Manifestation des Bürgertums haben wir den im 14.- 16. Jahrhundert zunftmäßig ge= pflegten Meistergesang anzusehen, eine dogmatische und moralische Lyrik in verkünstelter Form, deren Kunstwert nicht son derlich hoch anzuschlagen ist. Der fruchtbarste wie der bedeutendste aller Meistersänger ist Hans Sachs, der treffliche nürnberger Schuster, auf den wir noch zurückkommen werden. Viel bedeutender als der Viel bedeutender als der Meistergesang ist die Volkspoesie. Mit dem Herantreten des Volks zu der sozialen Stellung, welche bis zum 14. und 15. Jahrhundert der Adel ausschließlich eingenommen; mit dem demokratischen Bewußtsein, welches die Hussitenschlachten, die Fehden der deutschen Städte gegen das adelige Raubgesindel, die glorreichen Siege der Ditmarsen im Norden, der Schweizer im Süden von Deutschland gegen Fürsten und Ritter geweckt hatten, erwachte auch der Drang poetischer Aeußerung wieder im Volke. Der Strom der deutschen Volkspoesie hatte freilich schon früher mächtig gerauscht. Von ihm getränkt hat ja der deutsche Geist jene mark, saft- und kraftstrozenden Heldensagen hervorgebracht, welche in ihrer naturwüchsigen Entwicklung durch die Völkerwanderung unterbrochen, in ihrer volksmäßigen dichterischen Ausbildung zuerst durch die kirchlich gelehrte Dichtung der Geistlichen, dann durch die höfische Ritterromantik gehemmt, erst um 1200 von unbekannten Dichtern zu jenen großartigen Nationalepopöen bearbeitet wurden, die wir unter dem Namen Nibelungenlied und Gudrun kennen, und welche man nicht ( Schluß.) mit Unrecht die deutsche Ilias und Odyssee genannt hat. Eine Zeit lang erlosch das Interesse am nationalen Heldengesang Aber nach dem Verfall der Romantik erwachte dasselbe wieder. zugleich fängt um diese Zeit das historische Volkslied an, sich auszubilden. Aber nicht nur das geschichtliche Dasein, sondern auch das ganze Fühlen und Denken, Tun und Treiben des Volts prägte sich im 14.- 16. Jahrhundert in Liedern aus. Der Bauer sang hinterm Pfluge von den Leiden und Freuden seines geplagten Standes, der Müller begleitete das Geflapper seiner Mühle mit Reim und Klang, der Landsknecht kürzte sich den Marsch durch kriegerische Preis- und Spottlieder, Bursch und Mädchen offenbarten sich in Liedern von oft wunderbarer Junigkeit das Geheimnis ihrer Herzen, Mönch und Nonne blieben nicht dahinten, der wandernde Handwerker bezeichnete sein Kommen und Gehen mit Willkomms- und Abschiedsliedern, der Traurige seufzte seinen Kummer, der Fröhliche jubelte seine Lust im Liede aus, der Jäger, der Fuhrmann, der Bettler, der Köhler, der Bergmann, der Schäfer, der Gärtner, der Winzer, sie alle ließen, was sie erlebten, was sie bewegte, was sie litten und taten, in Liedern wiederklingen, von denen man, da ihre Verfasser unbekannt sind, wie vom Winde sagen kann, man spürt wohl ihren Hauch, aber man weiß nicht, von wannen sie kommen und wohin sie gehen. Mit dem Verfall der hösischen Kunstpoesie und dem Emporkommen des Bürgerstandes machte sich auch mehr und mehr das Bedürfnis der Prosa geltend. Dieser kam die luthersche Bibelübersezung sehr zu statten, welche die in Sprache und Schrift eingerissene Anarchie, die ein ebenso treues als trostloses Spiegelbild der damaligen politischen Mißwirtschaft im heiligen römischen Reich deutscher Nation abgab, ein Ende machte, indem sich aus dieser Uebersezung das aus den beiden bisherigen Hauptdialekten zusammengeschweißte Neuhochdeutsche als der vereinigte Sprachschaz des deutschen Volkes entwickelte. Durch die Kraft- und Kernsprache der lutherschen Bibelübersezung wurde dem aus langem Schlafe aufgerüttelten Gedanken eine straffe, schlagfertige Form dargeboten, und die Ausbreitung der von Guttenberg erfundenen Buchdruckerkunst verlieh dem Gedanken unermüdliche und unlähmbare Schwingen und ließ die Bildung immer mehr Gemeingut der Nation werden. Mit der Entwicklung der Volkspoesie und der Ausbildung der deutschen Prosa gewannen auch Lehrdichtung und Satire einen immer breiteren Boden. Besonders aber gediehen Didaktik und Satire in der Reformationszeit, welche den Maß stab einer verständigen Kritik an die Vergangenheit legte und in der die Poesie vielfach den Karakter der Publizistik annahm. Den Uebergang von der mittelalterlichen Lehrdichtung zur satirischen Polemik bildet der klassisch gebildete und gesinnungstüchtige Dr. Sebastian Brandt, Rechtsgelehrter aus Straßburg ( 1458-1521) mit seinem„ Narrenschiff oder Schiff aus Narragonien", das ein äußerst belebtes, epochemachendes Werk ward und nicht nur eine Menge Herausgeber, Erklärer und Nachahmer fand, sondern auch in die meisten europäischen Sprachen übersezt wurde. Wie hoch das Werk damals im Ansehen stand, fann daraus ersehen werden, daß man nicht nur Kollegien darüber las, sondern daß der berühmte Kanzelredner Geiler von Kaisersberg( † 1510) die einzelnen Kapitel des Buches seinen Predigten als Text unterlegte. Jede der 110 Predigten, die Geiler über das Narrenschiff hielt, trug die Ueberschrift Stultorum numerus est infinitus( die Zahl der Narren ist unendlich). Brand geißelt die Laster und Gebrechen aller Stände und zwar in Ton und Manier der Volksdichtung, gegen die er doch zu Felde zieht. Er bekämpft zuerst die neue Literatur„ des heiligen Grobianus", welche lehre, daß man die höfische Eitte umstoßen und den Trieben einer ungezähmten Natur freien Lauf lassen solle. Doch will er nicht die früheren Sitten zurückholen, cr ist kein Lobredner des Alten und Tadler des Neuen, sondern er stellt ein höheres Normalprinzip auf, die praktische Tugend der alten Welt. Er behandelt die Laster nicht als Sünden, die Gott strafe, sondern als Torheiten, die der menschlichen Vernunft widerstreben. Selbsterkenntnis ist der Mittelpunkt seiner Lehre; darum weist er beständig auf die Griechen hin, deren praktische Weisheit vor Selbstsucht und Eigennuz geschüzt und edle Freundschaft und andere schöne Karaktereigenschaften erzeugt habe. Um dieselbe Zeit wurde auch das berühmte satirische Tiercpos Reineke Voß aus den Elementen der alten deutschen Volkssage in niederdeutscher Sprache dem Volfe wieder erneuert ( erstmals in Lübeck 1498 gedruckt). In dem merkwürdigen, aus tiefer Welt- und Menschenkenntnis hervorgegangenen Gedichte, über das im vorigen Jahrgange der N. W. eingehend geschrieben worden ist, werden die Eigenschaften der gemeinen Menschennatur an dem Leben und Treiben der Tiere versinnlicht, in deren instinktivem Wesen sich die Naturanlage getreuer abspiegelt als bei den Menschen. Der Reineke Voß, dem sein niederdeutsches Gewand vortrefflich ansteht, führte recht eigentlich den Reigen der Satiriker, welche nun auftraten. Als erster von diesen ist der Franzis fanermönch Thomas Murner aus Straßburg zu nennen, ein Nachahmer von Sebastian Brandt. Seine Narrenbeschwörung verhöhnt aufs derbste die unpraktische Gelehrsamkeit, die Habsucht, Unwissenheit und Entartung des Klerus, die Verkehrtheit der Regenten und Fürsten und die Rabulisterei der Advokaten. In der Schelmenzunft, worin Sprüchwörter das Tema zu den Satiren abgeben, züchtigt er die Laster und Gebrechen des geselligen Verkehrs. Einer der bedeutendsten Satiriker jener Epoche war auch der hochherzige Ulrich von Hutten, der edle Humanist, der fühnste und kräftigste Kämpfer für die neue Bildung und für Deutschlands Unabhängigkeit von jeder fremden Macht. Geboren 1488, entfloh er 1504 dem Kloster in Fulda, wo ihn sein Vater mit Gewalt zurückhalten wollte, und mußte, ein zweiter Odysseus, unter Gefahren und Entbehrungen, unter Mühsal und Armut lange umherirren, bald in Deutschland von Unterstützung lebend, in Italien sein Brod mit dem Schwerte in den Heeren Karls V. erwerbend, immer den Studien obliegend und geistig tätig. Und als ihn nach des Vaters Tod die zärtliche Mutter mit Tränen anflehte, die Vorteile seines Standes zu genießen, entsagte er freiwillig dem Besiz und einer gesicherten Existenz auf dem alten Stammschloß Stackelberg, um ein freies Dichterleben zu führen und ungehemmt die ganze Kraft seiner starken Secle der Befreiung Deutschlands von den vielen Ketten, die es fesselten, zuzuwenden. Unter den Leiden einer drückenden Krankheit, unter der Last der Armut, der Mißachtung, der Verfolgung schritt 95 er ohne Wanken auf seiner Bahn voran. Sein Wahlspruch war Alea jacta est( der Würfel ist geworfen), welchen er selbst in seinen deutschen Schriften durch den gleich bedeutenden Saz " Ich habs gewagt!" wiedergab. In Gedichten, Satiren und Flugschriften geißelte er die Juristen und das römische Recht, den rohen Adel und die Tyrannei der Fürsten, die Unfittlichkeit und die geistige Versunkenheit der Priester und Mönche und die Albernheit der unpraktischen Schulgelehrten. In ihm vereinigte sich alle tüchtige Strebsamkeit damaliger deutscher Jugend, aller Freiheitseifer seiner Zeit. Licht, Freiheit, Wahrheit und Recht waren die Ideale, für die er mit Scharfsinn und Wiz, mit flammendem Entusiasmus und todesmutiger Energie ge= kämpft und gelitten hat. Die bekanntesten unter den aus seiner Feder hervorgegangenen satirischen Schriften sind die epistolae virorum obscurorum" Briefe der Dunkelmänner", welche den ganzen Mönchsstand in seiner Sittenlosigkeit, seiner Unwissenheit und seiner Verfolgungswut mit den lebendigsten Farben schilderten und das korrupte Mönchslatein in ergözlichster Weise nachahmten. Diese Briefe. welche übrigens nur zumteil von Hutten waren, hatten die ungeheuerste Wirkung, so daß die Mönche von diesem furchtbaren Schlage sich nicht wieder erholen konnten. Der fruchtbarste und wizigste Schriftsteller in der satirischen Volksmanier jener Zeit ist Johann Fischart, Rechtsgelehrter aus Mainz, Amtmann zu Forbach( † 1589), ein genialer Gelehrter in großem Stil, in dem sich vielseitiges Talent, umfassendstes Wissen und gesinnungsvolle Karakterzüge zur vollständigen Einheit verbinden. Fischart war eine durchaus edle Natur von seltener Tiefe des Gemüts. Feurige Liebe zum Guten und Wahren war der Grundzug seines Wesens, und da er die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß das Gute und Wahre sich nur in der Freiheit zur größeren Vollkommenheit entwickeln kann, so war auch die Freiheit die Losung seines Lebens und er trat in religiöser Beziehung als eifriger Protestant, in politischer Hinsicht als begeisterter Republikaner für sie ein. Er äußert u. a.:" Freiheitblum ist die schönste Blüh: Gott lasse diese werde Blum In Teutschland blühen vmb vnd vmb, So wachst dann Frid, Freud, Rhu vnd Rhum." Er war bewandert in der alten und neuen Literatur aller zivilisirten Völker und besaß eine merkwürdige Sprachphantasie, welche ihn die verwegensten Wortbildungen, die komischsten Verdeutschungen fremder Wörter zu Stande bringen ließ, so daß er die Sprache, die er mit der übermütigen Meisterschaft eines Aristophanes behandelt, mit einer Menge neuer Wendungen und origineller Ausdrücke bereicherte. Fischart vermochte auch ernsthaft zu dichten, und unter seinen Werken, deren Zahl sich auf mehr als 50 beläuft, finden sich auch viele vortreffliche lyrische Dichtungen. Entschiedener aber neigte sich sein Talent zum Didaktischen und in seinen Satiren spiegelt sich das ganze Volksleben seiner Zeit mit allen hervorragenden Namen und Erscheinungen. Mit den Kolben seines Wizes schlug er so ziemlich überall hin, wo es die unzähligen sternamhimmeligen und sandammeerigen" Mißbräuche seiner Zeit zu verspotten und zu bessern galt. Ganz köstlich in ihrer göttlichen Grobheit sind seine Satiren auf die Pfaffen im allgemeinen und auf die Jesuiten( Jesuwider, Schüler des Ignazio Lugiovoll, nennt er sie insbesondere:„ Der Barfüßer Sekten- und Kuttenstreit"," der Bienenkorb" ,,, das vierhörnige Jesuwiderhütlein" u. a.), deren kurz vorher gestifteter Orden eine ungeheure Rührigkeit an den Tag legte und gegen die freiheitliche Entwicklung der despotischen Zustände die gewaltigsten Hebel in Bewegung sezte. Gewiß, sagt H. Kurz, wäre niemand geeigneter gewesen, als Fischart, diesen Kampf mit den Waffen der Wissenschaft zu führen; allein er wollte ihm eine breitere Grundlage geben und sich daher an das Volk wenden, weil er wohl wußte, daß in solchen Dingen die Stimme des Volkes allein entscheidend ist. So stellte sich ihm die Satire als die geeignetste Form heraus, die er eben deshalb auch bis zur höchsten Meisterschaft entwickelte. Fischarts Hauptwerk ist die dem französischen Satiriker Rabelais nachgedichtete ,, Geschichtsklitterung", ein satirischer Heldenroman, der gegen den Ritterroman fomische Opposition machte und, dem Karakter der Reformationszeit getreu, die Natur der Unnatur, den gesunden Menschenverstand der überspannten Idealistik, die volkstümliche Derbheit, die freilich oft auch in Roheit aus artet, der aristokratisch- romantischen Verschnörkelung entgegensezte. Eine der ergözlichsten Schriften Fischarts ist seine Flöhhaz, die hier inhaltlich nach Kurz dargestellt wer= den mag. Ein Floh, der kaum dem Tode entronnen ist, erhebt bittere Klage gegen die Weiber, welche sein Geschlecht so gierig verfolgen und fleht zu Jupiter, daß er sie für ihre Mordsucht bestrafen solle, da die Flöhe doch unschuldige Tiere seien, die ihre Nahrung da suchten, wo es ihnen Gott angewiesen habe. Die Mücke, welche den Floh klagen hört, geht hin, um ihn zu trösten, und nun entspinnt sich ein Gespräch zwischen den beiden, das der Dichter vortrefflich zu benuzen weiß, teils um eine Fülle von geistreichen Bemerkungen über Welt und Leben niederzulegen, teils um eine Menge der spaßhaftesten Flöhgeschichten zu erzählen. Die Mücke, die dem jungen Floh gegenüber recht altflug tut und einen tief philosophischen Ernst annimmt, veranlaßt nun den Floh, ihr seine Geschichte zu erzählen, und er berichtet nun, wie er einst eine schöne Jungfrau gesehen und nach ihrem süßen Blute gebürstet habe. Sein Vater habe ihn gewarnt und ihm bei dieser Gelegenheit seine eigenen Abenteuer erzählt, welche er der Mücke ausführlich mitteilt. Die Darstellung derselben ist außerordentlich lebendig, mutwillig bis zur Ausgelassenheit, aber feineswegs cynisch, wie denn überhaupt Fischart bei der mutwilligsten Schalkheit immer züchtig bleibt. Reiche Erfindung und große Darstellungsfunst beurkundet sich in der heiteren Beweglichkeit der Erzählung wie in der glücklichsten Wahl des Ausdrucks. Sehr gut erfunden sind auch die Namen der Flöhe. Sie heißen Kekimschaf, Zwicksie, Bohrtief, Springinsröckel u. s. f. Die zweite Hälfte des Gedichts enthält die Verantwortung der Weiber, welche der von Jupiter bestellte Flöhkanzler im Namen der Weiber vorträgt. M.ANCHER 96 Wird das Boot die Landspi Gemälde von Mich. Ancher. 97Die Klagen der Flöhe werden entkräftet, worauf das Urteil erfolgt, durch welches den Weibern das Recht erteilt wird, die Flöhe zu töten, so oft sie von ihnen angefallen werden. Die Flöhe gehören in den Staub, und wenn sie Blut trinken wollen, so sollen sie sich an Tiere machen, nicht an Menschen. Doch erlaubt ihnen Jupiter, die Weiber auf die ,, gänge Bung" zu stechen ,,, damit sie sehr die Mann betören, wann sie nit schweigen und aufhören, auf das jr in das gänge Plut, ain wenig ausher schrepfen tut, wiewohl ihr werdet haben mü, weil sie die üben spat und fri." Desgleichen gestattet er ihnen, sich in den großen Halskrausen und Manschetten der Frauen aufzuhalten und sie beim Tanze zu fizeln. Zu den hervorragenden Satirikern jener Zeit muß auch der große humanistische Gelehrte Erasmus von Rotterdam( 1467-1536) gezählt werden, ein Riese an Gelehrsamkeit, dabei ein Kluger, feiner Mann voll Scharfsinn und Wiz, womit er sein ganzes Leben hindurch die Scholastik und das Mönchswesen bekämpfte. Bald erscholl sein Ruhm bei allen europäischen Völkern; Fürsten und Edelleute überhäuften ihn mit Einladungen, Geschenken und Schmeicheleien, in allen Ländern begehrte man seiner und suchte ihn mit glänzenden Versprechungen zu locken. Er zog jedoch ein freies Literatenleben jedem Amte vor, bereiste alle Staaten des zivilisirten Europa, hielt sich aber zulezt größtenteils in Basel auf. In der Reformationsbewegung spielte er indessen eine klägliche Rolle. Erasmus hatte für die Leiden des Volks kein Herz, er liebte den ruhigen Genuß des Lebens und jede gewaltsame Erschütterung erfüllte ihn mit Schrecken. Er zog sich von der Teilnahme an den Reformationskämpfen scheu, ja seig zurück und bekämpfte Luthers Auftreten gegen Rom, das er anfangs gebilligt. Was er und seine aristokratischen Freunde verspotteten, sollte dem Volke dennoch nicht entrissen werden. Er war weit aufgeklärter als Luther, welcher leztere sehr richtig in seinen Tischreden über Erasmus äußerte: ,, Ein lächerlich Ding wird es Erasmo sein, daß Gott von einem armen Weibsbild soll geboren sein, er lachet nur unser in seinem Herzen und ist ein größerer Bube und Spötter als Lucian; darum wollt ihr ihm Feind sein, euch vor seinen Büchern hüten, denn er hält unsere ganze Teologie wie Demokrit für lauter Narrenteidung, lachet und spottet." Hierin hatte sich der gute Luther gewiß nicht getäuscht; behauptete doch Erasmus: Non idem est theologum esse et sapere( Teologe sein und bei Verstand sein, sind zweierlei Dinge). Indessen hat Luther mit seinen halb geöffneten Augen die Sache der Freiheit mehr gefördert als der hell sehende Erasmus. " Dieser leztere ist der Typus jener selbstgenügsamen Gelehrten, Gebildeten, Freidenker, welche dem verwerflichen, jede reformatorische Tätigkeit lahm legenden Grundsaz huldigen, die Wahrheit sei nur für die Gebildeten", nicht für das Volk; dieses müsse man ruhig dem alten Wahn überlassen*).( Vergl. das Vorwort zu: Die Religion der Vergangenheit und der Zukunft", Neue Welt, 1882, Nr. 12). Es ist ja wohl richtig, daß die Wahrheit nicht per saltum( im Sprunge), nicht mit einem Ruck vom Falschen zum Wahren emporgeführt werden kann; jeden Tag geht die Morgendämmerung voran. Die praktische Folgerung hiervon kann aber nur die sein, Reformbewegungen mit Besonnenheit und weiser Mäßigung zu leiten, sich vor Ueberstürzung zu wahren, dabei aber immer so weit zu gehen als möglich, damit das Bessere, wenn auch allmälich, doch so rasch als es nur immer sein kann, zur Herrschaft gelange. Indessen hat Erasmus dennoch der Reformation indirekt ganz bedeutend Vorschub geleistet, besonders durch seine Satiren, welche den schlummernden Geist der Zeit gewaltig aufrüttelten, wie denn Papst Leo X. äußerte: Erasmus nobis plus nocuit jocando quan Lutherus stomachando( Erasmus hat uns mehr geschadet durch Scherzen als Luther durch Poltern). Das bedeutendste satirische Werk des Erasmus, welches gewaltiges Aufsehen erregte, ist sein in lateinischer Sprache abgefaßtes aber vielfach überseztes Encomion Moriae ,, Lob der Narrheit", das die Torheit aller Stände, besonders aber der Geistlichen und Mönche, mit überaus geistreicher satirischer Lauge übergießt. Wie beliebt das Buch seiner Zeit war, zeigt der Umstand, daß Holbein dasselbe illustrirt hat. Auch die äsopsche Tierfabel wurde im Reformationszeit alter gleich dem Reinecke Fuchs auf die Zustände der Gegen wart in Kirche und Staat angewendet. Der erste, der sich mit Glück damit befaßte, war Burkard Waldis( † 1556), ein gelehrter Mann voll gesunder Ansichten, Karakterstärke und patriotischer Gesinnung. Als Beispiel stehe hier seine Fabel von dem Wolff und dem Lamb. Ein Wolff het glauffen in der Sonnen Und kam zu einem kühlen Bronnen, Als er nun trand, sich weit umbsach Wardt er dort niden an dem Bach Eins Lambs gewar, das auch da tranck Gar zorniglich der Wolff zusprand Und sprach: du trübst das Wasser mir Das ich nicht trinken kann für dir. Das Lamb erschrack und sprach, Herr nein Bitt, wöllest nicht so zornig seyn Und kein Gewalt wider mich üben Wie kann ich euch das Wasser trüben? Das Wasser, welchs ich trunken hab Das fleußt von euch zu mir herab, Thu euch hiemit nicht zu verdrießen Drumb laßt mich meiner Unschuld genießen, Wenn ich schon wolt, fönnt ich doch nicht Euch etwas schaden thun hiemit Der Wolff sprach, schweig du böses Thier All deine Freunde haben mir Von Anbegin zuwidern than *) Eine ergözliche Illuſtration hierzu liefert eine von A. Ruge mitgeteilte wahre Anekdote aus der Zeit der reaktionären Kirchengesezgebung in Preußen. Der König, der es liebte, unerkannt in den Straßen Berlins umherzuwandern, um die Gesinnung der Bevölkerung kennen zu lernen, hörte einmal zwei berliner Eckensteher folgendes Gespräch führen. Eckensteher A.: Du, unter uns jesagt, im Frunde jenommen ist die janze Religion lauter Unsinn. Eckensteher B.: Da hast du janz recht, Männeken. Religion für uns jebildete Leute is nich. Aber weest du, das Volk, das Volk muß Religion haben. 96 98 Dein Bruder und deiner Mutter Man Rundt mit je kommen nie zurecht Ir seid ein böß verflucht geschlecht Meines schadens will ich mich jezt erholen Du must mir heut das gleich bezalen. Der Wolff zeigt die Tyrannen an, Das Lamb, die armen Underthan, Denn so geschieht noch heut bei Tag Wo der groß übern kleinen mag Wirst er auff in sein Ungedult Unangesehn, ob er hab schuldt, Doch hat der gsündigt allzu viel Den man zur antwort nicht statten will Wenn man gern schlagen wolt den Hundt Findt sich der knüttel selb zur stundt Die Hundt das Brod den kindern nemen Die alten lassens wol bezemen Der Weih die Tauben thut bekriegen Und leßt schedliche Rappen fliegen, Und wo der Zaun am niedrigsten ist Da steigt man über zu aller Frist. Heftiger in seinen Angriffen ist Erasmus Albertus ( † 1553), der in seinen Fabeln ebenso gegen Ablaßhandel, Klerus und Papsttum, wie gegen Wiedertäufer, Schwärmer, Sektirer und das Interim eifert. Mehr aufs Weltliche und auf den Staat gerichtet erscheint die Satire in dem der griechischen Batrachomyomachin*) nachgebildeten Froschmäusler des Georg Rollenhagen( † 1609). Beträchtliche Dosen von Satire finden sich auch in der sog. Schwankliteratur und in der Komödie. In der ersteren, der komischen Volksliteratur, tritt die Richtung der Zeit zu Tage, an Stelle der feinen, auf Konvenienz beruhenden Sitte der vornehmen Welt die Derbheit und Natürlichkeit des Volksverfehrs zur Geltung zu bringen, der verschrobenen Schulgelehr samkeit dünkelhafter Teologen und Philosophen die natürliche Schlauheit, den gesunden Menschenverstand und den Mutterwiz entgegenzusezen, den man zuweilen hinter Einfalt, hinter dem Schein von Dummheit versteckte. Sogar an den Höfen machte sich diese Richtung geltend in den Hofnarren, die ihren Fürsten oft besser und kühner die Wahrheit sagten als Räte, Beichtväter und selbst Stände. Eine große Anzahl komischer Volksbücher, in denen Landstreicher, mutwillige Studenten, Possenreißer und Bauern die Hauptrolle spielen, suchten natürliche Ursprünglichkeit gegen Neberverfeinerung, die Lebensweisheit der Sprüchwörter, Volkswize, Schnurren und Fabeln gegenüber der hochtrabenden Gelehrsamkeit zu Ehren zu bringen. Das Volk, das sich seiner Kräfte bewußt geworden und seinen gesunden Verstand und seine derbe Natur achten gelernt, strebte nach Vereinfachung der verwickelten und unnatürlichen Verhältnisse des Mittelalters, um den Naturzustand, freilich oft in einer allzugroßen Nacktheit und Roheit, zurückzuführen und eine neue Kultur darauf zu gründen. Zu diesen Volksbüchern gehört auch wegen seiner komischen Zauberspäße das von dem Erzschwarzkünstler Doktor Johann Faust, wenn gleich die Sage eine ernstere, tiefere Bedeutung hat, welche Goethe aus ihr zu entwickeln wußte. Zu den bekanntesten Büchern dieser Gattung gehören ferner der Till Eulenspiegel und die Schildbürger oder das Lalenbuch. Der Eulenspiegel ist der lezte der „ fahrenden Leute". Er treibt sich als Gaukler, Arzt, Hofnarr, Kriegs- und Dienstmann, Maler u. s. w. umher und arbeitet in jedem Handwerk. Er verrichtet alle Aufträge, aber nicht dem Sinne, sondern dem Wortlaut nach; er parodirt die Sprüch wörter, ist dreist im Handeln und Disputiren, und die Wahrheit zu sagen ist sein Gewerbe. Im Lalenbuch, einer Sammlung uralter, im Volke lebender Schwänke, ursprünglich von vielerlei Drten erzählt, aber mit der Zeit auf einen einzigen Ort, Schilda Narrheiten einer ganzen Gemeinde ergözlich dargestellt. Es iſt im Herzogtum Sachsen, übertragen, werden die zahlreichen unser erster satirischer Roman, eine prächtige Nationalsatire. *) Froschmauskrieg, Parodie der homerischen Jlias, ein komisches Heldengedicht, worin die Kämpfe der Mäuse und Frösche in ähnlicher Weise dargestellt werden, wie dort die Kriegstaten der achäischen und troischen Helden. Es wird dem Homer zugeschrieben, ist aber wahr scheinlich ein Produkt des alexandrinischen Zeitalters. 99 Der Schwank fand indes auch durch mehrere Dichter eine feinere, kunstmäßigere Behandlung. Dies geschah besonders durch den bereits oben erwähnten nürnberger Schuster Hans Sachs ( 1495-1576), der überhaupt die alte Zeit unserer Literatur würdig beschließt, indem er, mit wirklichem Dichtertalent ausgestattet, alle von dieser zulezt gepflegten Gattungen, Meistergefänge, Gnomen, Fabeln, Beispiele, Kirchenlieder, Allegorien, biblische Erzählungen, Anekdoten, Gespräche, Sittenpredigten, Schwänke, Psalmen, im Sinne der Reformation, aber mild und besonnen, im ganzen auch vortrefflich bearbeitete, wenn auch im einzelnen viel Monotonie und mechanische Reimerei mit unterläuft. Bugleich eröffnete er die neue Zeit, indem er in der lezten Periode seines dichterischen Schaffens mit Vorliebe diejenige poetische Gattung kultivirte, welche für die Zukunft Hauptform aller Dichtung wurde: das Drama. Die Anfänge desselben knüpfen sich in Deutschland wie überall an die Geschichte des Kultus. In der christlichen Kirche nahmen manche Kultus handlungen schon früh einen dramatischen Karakter an. Besonders war dies der Fall mit der Abendmahlfeier. Aus den Wechselreden des Priesters, des Diakens und der Gemeinde gestaltete die Kirche ein liturgisches Drama, die Messe, welche im Grunde nichts anderes ist als eine dramatische Gedächtnisfeier des Opfertodes Christi. Aus dem liturgisch- dramatischen Gottesdienst entwickelt sich nun, ohne Zweifel auch durch den Einfluß der antiken Dramatik, das eigentliche Kultusdrama durch die weit in das christliche Altertum zurückreichende Bemühung des Klerus, den Inhalt der weihnächtlichen und österlichen Myten dramatisch teatralisch in den Kirchen zu gestalten. Im Kloster St. Gallen z. B. wurde nach einer alten Handschrift der dortigen Stiftsbibliotek in der ältesten Zeit schon der Auferstehungsmytus folgendermaßen in Szene gesezt. Am Karfreitag legte man in der Kirche ein großes mit Leinwand umwickeltes Bild des Gekreuzigten in das Grab, besprengte es mit Weihwasser und räucherte es an. In der Osternacht sodann suchten drei als Frauen verkleidete Mönche den Leichnam des Heilands in dem Grab und sangen die bezüglichen Stellen der Bibel ab. Diesen gaben zwei andere als Engel maskirte Geistliche aus dem Grab hervor Antwort und drei weitere Priester rezitirten in der Rolle von Fremdlingen die übrige Erzählung von der Auferstehung. Inzwischen erschien ein neunter Mönch auf dem Hochaltar, mit einem roten Meßgewand angetan und eine Fahne schwingend. Er stellte den auferstandenen Erlöser vor und gab sich singend der Maria zu erkennen. Zum Beschluß fiel das versammelte Volt im Chorus in diese Festoper ein, indem es jubelnd anstimmte:" Christ ist erstanden". Aus solchen innerhalb der Kirche selbst zur Darstellung gebrachten Dramatifirungen der weihnächtlichen und österlichen Evangelienkapitel entwickelte sich das kirchliche Schauspiel des Mittelalters und gestalteten sich die sog. Mysterien*), welche die Geheimnisse des christlichen Dogmas und die Wunder der jüdisch- christlichen Mytologie im weitesten Umfang zu Gegenständen hatten und in der Regel an den kirchlichen Festen aufgeführt wurden. Ein komisches Element wurde in diese Mysterien hineingetragen durch die Lustigmacher oder Joculatoren**), welche besonders in der heiteren Fastnachtszeit( die offenbar mit den römischen Saturnalien zusammenhängt) tomische Zwischenszenen aufführten. Mit der Zeit wurden diese Mysterien aus der Kirche( wo gewöhnlich auch die Spiele und Aufzüge der Gaukler und Seiltänzer stattfanden) auf den Markt und ins öffentliche Leben eingeführt und zum Ergözen des schaulustigen Volks allerlei Possen und * In Frankreich hießen diese Dramen Mystères( Geheimnisse), in Italien Vangelii( Evangelien), auch Esempii( Laispiele) und Commed.e spirituali( geistliche Komödien), in Spanien Autos( Afte), in England Miracle- Plays( Wunderspiele), in Deutschland auch Passionsspiele, wie das noch jezt alle zehn Jahre in Oberammergau zur Tufführung kommende österliche Mysterium genannt wird. **) Der Troubadour, besonders derjenige, der sein. Lieder nicht selber singen konnte, pflegte einen Begleiter anzunehmer, der seine Dichtungen vortrug, das waren die provenzalischen Jongleurs, die spanischen Joglars und die normännisch- englischen Ministrels. Sie fanten vielfach zu Gauklern und Possenreißern herab. Bibliothek der Friedrich- Ebert- Stiftung Mummereien hinzugefügt. Troz des wiederholten Verbots von Rom aus beteiligten sich an solchen Spielen und Luftaufzügen die Geistlichen. Das Volk, das durch die Kirchengeseze mancherlei Zwang und Hemmung erlitt, rächte sich dafür von Zeit zu Zeit durch Spott und Mutwillen. Das weltliche Element gewann in den geistlichen Spielen immer breiteren Boden, bis es sich endlich, noch vor der Reformation, förmlich von den Mysterien trennte und als Fastnachtsspiel ein Hauptbestandteil bürgerlicher Lustbarkeit wurde. Solche Fastnachtsspiele, die übrigens nicht blos am Fastnacht aufgeführt wurden, waren besonders in Nürnberg üblich, wo im 15. Jahrhundert die Meistersänger Hans Folz und Hans Rosenblüt eine Reihe solcher Farcen dichteten. Im Reformationsjahrhundert nahmen dieselben einen polemischen Karakter an, besonders gegen den Pabst und die römische Kirche. Dadurch verwandelten sich allmälich die niedrigen, mit gräulichen Zoten versezten Possen, bei denen sich häufig auch eine tüchtige Prügelei einstellte, in Kunstwerke, wozu besonders die Humanisten durch ihre den Alten nachgeahmten lateinischen Stücke beitrugen. Auch die gegen Ende des 15. Jahrhunderts in Angriff genommene Uebersezung des Terenz und dann des Paulus trug zur Verbesserung des dramatischen Stils bei. Auf den Universitäten und philologischen Schulen ward die Sitte, lateinische Komödien durch die Studenten aufführen zu lassen, immer allgemeiner und von diesen Anstalten aus teilte sich dem Volke immer mehr die Begierde mit, derartige Stücke auch in seiner Sprache zu sehen und zu hören. Dieser Schau- und Hörlust tat dann der treffliche Hans Sachs mit seiner erstaunlichen Fruchtbarkeit genüge, indem er in mehr als 200 dramatischen Stücken den rechten Ton traf, wie keiner. Aus seinen allerdings mit noch manchen Mängeln behafteten Stücken blickt überall der wahre Dichter und der edeldenkende Mensch heraus, der für alles, was seine Zeit bewegte, Auge und Herz offen hatte und mit wohlwollendem Humor seine Zeitgenossen zu belehren und zu bessern suchte, indem er sie unterhielt. Die hübsche Art und Weise, wie er dieses angriff, kann uns schon sein Fastnachtsspiel„ Das Narrenschneiden" zeigen. So hat denn das deutsche Schauspiel drei Phasen durchlaufen: zu dem geistlichen Mysterium trat der weltliche Schwank, aus dem sich das eigentliche Drama entwickelte. Nachträglich einige Proben von dem nicht selten einen satiri. schen Stachel verbergenden Humor, der in den Mysterien bisweilen ficheite. In einer Darstellung der Schöpfung entspann sich folgender Dialog: Ad a m. Schon lange dacht' ich dran, wie ich in die Welt wohl komm, Nun schwäzt, wo habt ihr mich hergenommen? Gott Vater. Nit von Gold, auch nit von Zinn, Nit von Glas, sonst wärst heut schon hin, Nit von Silber und Eisen, Marmor noch Blei, Nun rat, was für'n Materie sei? Ad a m. Bin i etwa irgend gar aus Dreck? Gott Vater. Erraten, Adam! du hast's weg. Will dich der Teufel auf d' Hoffartsbank stellen, Sieh', Adam! in allen dergleichen Fällen Da sieh' in höhnisch an und lach' Und sprich: Nix Teufel! Dreck ist mei Sach! Gott Vater führt nun Adam die Tiere vor, um ihnen Namen zu geben, und da sie alle paarweis erschienen, spricht Ad a m. Alle scherzen mit einander, So mögt ich a gerne sein selbander Gott Vater. Adam, sei nit so ungescheit, Bis d' Nacht kommt, ists noch weit, Sobald i z' Mittag gegessen han, Will i weiter denken dran, I will dich gewiß nit vergessen. A d a m. Nun! so segn' auch Gott' s Mittagessen. Bevor wir das Mittelalter abschließen, müssen wir noch einen Satirifer ersten Ranges vom Auslande erwähnen, den Franzosen Franz Rabelais( geb. 1483 zu Chinon, gest. 1553 zu Paris). Er nahm zuerst die Kutte eines Franziskaners, dann die eines Benediktiners, fand aber auch diese zu eng, legte sie ab, zog eine zeitlang im Gewande eines Weltpriesters im Lande umher, wurde dann Doktor der Arzneikunst, welche er zu Lyon und Montpellier abwechselnd ausübte und lehrte. Die Bildung seiner Zeit vollstänt ig umfassend und ihre Schäden, Laster und Torheiten die Verderbnis der Kirche, den Servilismus und die dummstolze Wortfüchserei der Gelehrten, die unwissende Marktschreierei der Aerzte, die unter einem Wust römischer Rechtsformeln nur schlecht verdeckte Rechtlosigkeit, die ganze Scheinheiligkeit, Unnatur und Hanswursterei jener Tage mit dem unerbittlichen Messer des Anatomen untersuchend und aufdeckend, vertrat Rabelais in Frankreich genialer als sonst irgend ein Schriftsteller von damals das reformatorische Element, welches während seines Lebens in Deutschland zum Durchbruch fam. Aber Rabelais war kein Reformator, er war ein Satirifer, ein ebenbürtiger, moderner Zwillingsbruder des Aristophanes. Er begnügte sich, das Leben seiner Zeit im satirischen Hohlspiegel aufzufangen und dasselbe in gigantischer Verzer rung seinen Zeitgenossen vor Augen zu bringen. Er verschrieb der furchtbaren sozialen Krankheit, die er rings um sich her wüten sah, ungeheure Dosen des Spotts. Alles ist bei ihm Alles ist bei ihm folossal, also auch der Zynismus und die Zote, die unausbleib lichen Begleiter jeder durchschlagenden Komik. Im Gewande der wahnwizigsten Possen birgt sich oft die sinnigste Weisheit und immer die schneidendste Satire. Es ist gewiß, daß aus 100 all der ungeheuerlichen Phantastik seiner Werke, unter welchen das weitaus bedeutendste seine Romane„ Gargantua“ und„ Pantagruel" ist( die neueste meisterhafte Uebersezung ins Deutsche hat Gelbke geliefert), die geschichtliche Wirklichkeit seiner Zeit mit Bestimmtheit und Schärfe hervortritt, daß sich in ihm die Bildung einer neuen Periode siegreich ankündigt und vermöge derselben die Romantik als überwunden erscheint. Wenn man will, kann man auch den berühmten florentinischen Staatsmann Niccolo Macchiavelli( 1459-1527) unter die berühmten Satirifer einreihen, nicht blos wegen seiner Komödie " Mandragola", welche ebenso genial im Entwurf, wie vollendet in der Durchführung, die bedeutendste Komödie der italienischen Literatur ist, sondern auch mit Bezug auf sein vielfach argverkanntes, berühmtes Il principe Der Fürst". Dieses Buch, worin Macchiavelli das Bild eines Fürsten aufstellt, der, ohne Rücksicht auf Tugend, Treue, Recht, Völferglück, durch Schlauheit und Konsequenz in dem von ihm unterjochten Staate seine Alleinherrschaft zu begründen und seinen Willen zum Gesez zu machen weiß, ist keineswegs eine Verherrlichung despotischen Egoismus, wie z. B. auch Friedrich II. von Preußen und Voltaire glaubten, welche daher die Grundsäze dieses Buches zu widerlegen unternahmen. Der weite und kühne Geist des großen vom Unverstand vielverlästerten republikanischen Patrioten hat vielmehr in seinen Prinzipe eine furchtbare Analyse des Despotismus selbst gegeben, er hat einen klassischen„ Fürstenspiegel" geschaffen und sein schreckliches und doch in jedem Zuge der Wirklichkeit abgelauschtes Gemälde den Völkern als eine Warmungstafel hingestellt für alle Zeiten. Berliner statistische Streiflichter. Das Wohl und Wehe des Volkes prägt sich am sichersten| in seinem Gesundheitszustand aus. Dieser genau erkannt zeigt uns die Bevölkerung, wie sie ist, wie sie war, wie sie sein würde, was ihr geschadet, was ihr noch not tut, und was ihr bevorsteht. Erst wenn man ein flares Bild von dem Gesundheitszustand des Volkes vor sich hat, kann man beurteilen, ob die vorhandenen Einrichtungen das allgemeine Wohl fördern oder dasselbe schädigen. Erst dann wird sich aber auch das öffentliche Gewissen regen, um diejenigen Maßregeln zu treffen, die das allgemeine Wohl erheischt. Von diesem Gesichtspunkt aus soll hier versucht werden, auf Grund statistischer Ermittlungen Stizzen von dem Gesundheitszustand der Hauptstadt des neuen deutschen Reiches zu entwerfen. Dies Bild des Gesundheitszustandes von Berlin wird zugleich, wenn es auch verschie dene Eigenheiten enthält, im allgemeinen ein Bild des Gesund heitszustandes jeder modernen Großstadt sein. Dabei ist zu bemerken, daß der Gesundheitszustand einer Bevölkerung, wie die Berlins, nicht gleichmäßig in allen seinen Teilen, nicht unveränderlich ist. Er hat sich herausgebildet im Laufe der Jahre, eigentümlich gegenüber anderen Orten, er ist verschieden in den einzelnen Jahreszeiten, in den einzelnen Stadtteilen, in den einzelnen Bevölkerungsschichten, Berufsklassen, Altersklassen und Geschlechtern. Um einen Maßstab für die Beurteilung des Gesundheitszustandes zu haben, scheint die Vergleichung mit dem normalen menschlichen Gesundheitszustande das Nächstliegende und Sicherste zu sein. Diese Vergleichung ist aber heut nur in sehr beschränkter Weise möglich. Denn unsere Kenntnis des normalen menschlichen Gesundheitszustandes und der menschlichen Sterblichkeit ist heut noch eine sehr lücken- und mangelhafte, weil noch keine genügenden Erfahrungen vorliegen, wie die allgemeine Gesundheit bei einer ganz naturgemäßen Lebensweise und bei gesunden sozialen Verhältnissen ist oder sein würde. Nur einige feste Anhaltspunkte hat man, deren Berechtigung allerdings nicht bestritten werden kann. Insbesondere gilt die Lebensdauer, und mit Recht, als ein Maßstab für die Gesundheit. Aber wie man heut für die menschliche Gesundheit überhaupt kein bestimmtes Maß feststellen kann, so auch nicht für die nor male menschliche Lebensdauer. Die sozialen Zustände haben auch hier die Begriffe vielfach verschoben, so daß heut ein Alter von 50 bis 60 Jahren häufig schon als ein hohes und ein Alter von 100 Jahren als ein wahres Wunder betrachtet wird. Und doch überschreiten so viele dieses Alter noch um ein be deutendes. Um nur einige Beispiele anzuführen, sei hier er wähnt, daß Haller, der bekannte 1777 gestorbene Gelehrte und Dichter, welcher die meisten der zu seiner Zeit in Europa bekannten Fälle von hohem Alter sammelte, mehr als 1000 Per sonen verzeichnete, die ein Alter von 100 bis 110 Jahren erreichten, 60 Personen von 110 bis 120 Jahren, 29 Per sonen von 120 bis 130 Jahren, 15 Personen von 133 bis 140 Jahren, 6 Personen von 140 bis 150 Jahren und 1 Person von 169 Jahren. In den Sterbelisten von England und Wales von 1813 bis 1830 finden sich mehr als 700 Personen, die das Alter von 100 Jahren überschritten hatten, und um in der Nähe und in der Gegenwart zu bleiben, so brachte der" „ Dres dener Anzeiger" vor einiger Zeit aus Dresden die Nachricht, Alter von 107 Jahren stehe, und daß in der engen unfreunds daß dort seit Jahren ein Herr von Kotzebue lebt, der jezt im lichen Webergasse daselbst eine alte Jungfer lebe, die 94 Jahre alt, täglich noch ihre vier Treppen rüstig auf und ab läuft, und in der Ziegelgasse daselbst ein Mütterchen, das nahezu 100 Jahre sich bei der Volkszählung am 1. Dezember 1871 bei einer zählt, sich täglich ihren Blümchenkaffee focht. In Berlin ergaben Gesammtbevölkerung von 26 341 Personen nur vier weibliche Personen über 100 Jahre, und nur 11 Personen( 3 männliche und 8 weibliche) über 96 Jahren; und von den im Jahre 1876 Wenn nun ein solches Alter unter günstigen Umständen 101 in der Leipziger Lebensversicherungsgesellschaft aufgenommen gewesenen Gestorbenen zusammen für das männliche Geschlecht mit 59,37, für das weibliche mit 62,01, für beide Geschlecher zusammer mit 59,58 Jahren. Stellen wir alle diese Angaben zusammen, so erhalten wir folgende Tabelle. Das Durchschnittsalter der über 20 Jahre alt Gestorbenen war: In der Gothaer und Leipziger Lebensversicherungsgesellschaft für das männliche Geschlecht " " " weibliche " beide Geschlechter zusammen Bei den berliner Kommunal- Beamten. Im Kanton Genf für das männliche Geschlecht weibliche " " " wirklich erreicht werden kann, so muß doch, wenn diese Um stände bekannt und ähnliche Lebensbedingungen in den Bereich eines jeden gebracht werden, ein solches Alter auch das ge= wöhnliche und die damit verknüpfte Gesundheit und Kraft allgemein werden. Daß man durch gesundheitsgemäße Maßregeln die Sterblichkeit bedeutend vermindern und dadurch den Gesundheitszustand entsprechend verbessern kann, dafür hat man ja zahlreiche Beweise. Miß Eliza Harris teilt um nur eine Tatsache von vielen anzuführen mit, daß die Sterblichkeit der Logirhäuser( Lodginghouses) in New- York durch Einführung einer genaueren Kontrolle derselben seitens der Sanitätsbehörde sich in einem Jahre um 30 Prozent ver mindert hat. Warum soll es nun nicht gelingen, jedermann diejenige Lebensweise zu ermöglichen, die ihm den oben erwähnten Grad von Gesundheit und Lebenszähigkeit verbürgt? Freilich, so wenig die Verkehrtheiten der heutigen sozialen Zu stände in einem Menschenalter völlig beseitigt werden können, ebensowenig wird dies in so kurzer Zeit der Fall sein mit der Hebung des mit jenem auf das engste verknüpften Gesundheitszustandes auf den bestmöglichen Stand, der selbstverständlich kein fester ist, sondern mit den Kulturfortschritten sich erhöhen muß. Um größere Uebersichtlichkeit zu gewinnen, wollen wir unsere In Frankfurt a. M. Betrachtungen in mehrere einzelne, von einander möglichst abgeschlossene Abschnitte zerlegen. Wir beginnen mit der Betrachtung des Alters der Gestorbenen und sehen dabei der Einfachheit wegen zunächst von den im jugendlichen Alter Gestor In 6 rheinischen Stahlschleifergemeinden benen ab, welche wir dann besonders betrachten werden. Wir dürfen uns aber nicht darauf beschränken, das Alter der in In Berlin Berlin allein gestorbenen Personen festzustellen, sondern müssen zur Beurteilung desselben es auch mit dem anderer Orte und Bezirke vergleichen. Dr. Engel berechnet in der Zeitschrift des königl. preuß. Statist. Bureaus, Jahrgang 1861 und 1862, aus den Sterbefällen der von 1843 bis 1860 in Berlin Gestorbenen das Durchschnittsalter derjenigen Gestorbenen, welche das 20. Jahr zurückgelegt hatten bezüglich des männlichen Geschlechts mit 47,84 Jahren, bezüglich des weiblichen Geschlechts mit 51,72 Jahren und für beide Geschlechter zusammen 49,28 Jahren. Landrat Melbeck berechnet das Durchschnittsalter der in den Bürgermeistereien Solingen, Dorp, Merscheid, Gräfrath, Wald und Hochscheid in den Jahren 1850 bis 1874 ge= storbenen Männer, welche das 20. Lebensjahr überschritten hatten zu 51,10 Jahren. Es ist hierbei zu bemerken, daß die er wachsene männliche Bevölkerung der erwähnten sechs Gemeinden hauptsächlich aus Stahlschleifern besteht. Für den preußischen Staat berechnet Dr. Engel aus den Sterbefällen der von 1816 bis 1860 Gestorbenen das Durch schnittsalter derjenigen Gestorbenen, welche das 20. Lebensjahr zurückgelegt hatten, beim männlichen Geschlecht mit 54,75 Jahren, beim weiblichen mit 55,52 Jahren. " beide Geschlechter zusammen Bei den preußischen Beamten Im ganzen preußischen Staat für das männliche Geschlecht. " и " weibliche " beide Geschlechter zusammen für die Gesammtbevölkerung " " " " 59,37 Jahre 62,01 11 · 59,58 " 59,44 " 58,44 " 59,54 " 59,01 " 56,09 " 54,75 " 55,52 . " 55,13 " .. 51,66 56,60 50,66 " " " 51,10 " 47,84 " 51,72 " 49,78 jüdische Bevölkerung allein.. christliche " " für das männliche Geschlecht.... für das männliche Geschlecht.... " " weibliche п " beide Geschlechte zusammen. " Neben der ungünstigen Stellung, welche Berlin hierbei einnimmt, fällt ins Auge, daß überall das Durchschnittsalter der Frauen ein höheres ist als das der Männer, und daß dies in Berlin im höchsten Maße der Fall ist. Stellen wir nun nach den angegebenen Duellen die Zahl der in den einzelnen Altersklassen Gestorbenen zusammen, so erhalten wir folgende Tabelle: Bevölkerung. Leipz.Lebensversich. Gesellsch.1861-1870. ditto טן bis 20 20-30 30-40 40-50 50-60 60-70 12 70 11. darüber alle Alter 111. 8 58 202 313 448 450 272 1743 2 14 36 38 50 72 49 261 Goth. Lebensversich. Gesellsch.1861-1870. 111. 71 451 986 ditto 10. 1 19 43 1526 1910 76 146 1256 6200 147 432 Canton Genf 1843-1870. ditto 111. 665 694 785 871 1028 1738 5781 10. 604 656 616 799 1160 2199 6038 Königreich Preußen 111. 524218 497780 606474 720118 841974 977258 4167822 1816-1860. ditto 10. Berlin 1843-1860. 111. bitto wv. 476477 561155 566304 675677 896944 1058486 4235043 9048 8807 8298 9010 6536 6098 7187 7618 6385 6180 6959 9495 47797 43824 In Prozenten berechnet fallen hiernach von je 100 Todesfällen auf die einzelnen Altersklassen: W. C. de Neufville berechnet das Durchschnittsalter der Bevölkerung in Frankfurt a. M., welche das 20. Lebensjahr glücklich erreicht hat, also für sämmtliche Personen über 20 Jahre, mit 51,66 Jahren; für die christliche Bevölkerung allein mit 50,66 Jahren, und für die jüdische Bevölkerung allein mit 56,60 Jahren, ein Unterschied- der in der durchschnittlich günstigeren wirtschaftlichen Lage der jüdischen Bevölkerung seine Leipz. Lebensversich. leichte Erklärung findet. Das Durchschnittsalter der von 1831 bis 1871 gestorbenen preußischen Beamten berechnet Dr. Engel mit 56,09 Jahren, und das der berliner Kommunalbeamten mit 59,4: Jahren. Nach Desterlens Zusammenstellung( siehe dessen„ Handbuch der medizinischen Statistik" p. 116) der in den Jahren 1838 bis 1855 im Kanton Genf gestorbenen Personen stellt sich das Durchschnittsalter der über 20 Jahre alt Gestorbenen für das männliche Geschlecht auf 58,44 Jahre, für das weibliche Geschlecht auf 59,54 Jahre, für beide Geschlecher zusammen auf 59,01 Jahre. Dr. A. Oldendorf in Berlin berechnet das Durchschnittsalter der in den Jahren 1861 bis 1870 in der Gothaer und .טן " bis 20 20-30 30-40 40-50 50-60 60-70 70. Zu darüber sammen 111. 3,3 11,6 17,9 25,7 28,5 15,6 100 0 0 Gesellsch. 1861-1870. ditto 0.8 5,4 13,8 14,5 19,2 27,5 18.8 " Goth. Lebensversich. Gesellsch. 1861-1870. 111. 1,2 7,3 15,9 24,6 30,8 20,3 ditto Kanton Genf 1838-1855. iv. 0,2 4,4 10,0 17,6 33,8 34,0 " 111. ditto 10. 10,0 10,9 10,2 13,2 19,2 36,5 " Königreich Preußen 1816-1860. ditto 1. 12,6 11,9 14,6 17,3 20,2 23,4 " 10. 11,3 18,9 10. 16,4 18,4 18,8 17,4 13,7 17,4 14.6 14,1 15,8 12,7 21,7 " Berlin 1843-1860. ditto 111. 11,5 12,0 13,6 15,0 17,8 30,1 " 13,2 13,4 15,8 21,2 25,1 " % 102 Was die lebende Bevölkerung von Berlin betrifft, so kommen nach Engel auf je 100 Individuen der Bevölkerung in den Jahren: über 16 Jahr alte männliche Personen hiervon im Alter von 17-45 Jahren " " " " 40-60 über 60 Jahre über 16 Jahr alte weibliche Personen und zwar im Alter von 17-25 Jahren " " " " " " " " 46-60 " 1845 1846 1849 1852 1855 1858 35.33 35,82 36,55 36.28 35,18 35,6 28,37 28,22 28,34 29,47 30,32 29,76 5,03 4,61 4,57 4,81 4,98 5,13 1,96 1,74 1,66 1,71 1,83 2,26 33,27 32,89 33,58 32,77 32,79 32,57 24.87 24,93 25,00 24,30 24,93 25,04 5,15 5,26 5,39 5.51 5.67 5,52 2,98 2,75 über 60 Jahre 2,89 2,49 2,48 2,51 Hiernach wiegt in Berlin, entsprechend dem Verhältnis bei den Gestorbenen, auch bei der lebenden Bevölkerung das männliche Geschlecht in dem Lebensalter bis zu 45 Jahren vor, das weibliche dagegen in den höheren Lebensaltern. Betrachten wir nun noch das Alter, welches die einzelnen Berufsklassen erreichen. Nach Dr. Huppé's Angaben im 2. Jahrgang des berliner städtischen Jahrbuches kommen in der Altersklasse vom Beginn des 15. bis zum 20. Jahre auf 100 einem gleichen Beruf angehörige Personen: Bäcker 28, Schlächter 27, Maschinenbauer und persönliche Dienstleistungen Verrichtende je 24, in Handel und Presse Beschäftigte je 17, Rentiers und Pensionäre je 1/3 Prozent. In den Altersklassen von 21-30 Jahren befinden sich von je 100 persönliche Dienstleistungen verrichtenden Personen: 46, Maurern 42, Zimmerleuten 39, Schlächtern 38, Tischlern 37, Rentiers 10, Pensionärs 4. In den Altersklassen von 31-60 Jahren befinden sich von je 100 Kommunalbeamten 79, Staatsbeamten 71, Schuhmachern 45, Bäckern 31, persönliche Dienste leistenden Personen 26. In der Altersklasse über 60 Jahre haben ihre stärkste Vertretung die Pensionäre mit 49 Prozent, dann die Rentiers mit 39 Prozent. Kirchenbeamte mit 20 Prozent, königliche Hausbediente mit 16 Prozent, Justizbeamte mit 10 Prozent; dagegen sind die Bäcker nur mit 1,38 Prozent und Maschinenbauer nur mit 1,31 Prozent vertreten. Wir wollen an diese Zahlen keine Betrachtung knüpfen; wir verweisen auf die Bemerkungen, welche Herr Dr. Huppé zu denselben macht. Im nächsten Artikel wollen wir die Sterb lichkeit in Berlin noch von einigen anderen Gesichtspunkten aus betrachten. Serena. Eine venetianische Novelle von Max Vogler. Dem Hauptbilde, welches also die herrliche, weite Aussicht über See und Landschaft, die sich von der Veranda der Villa aus darbot, wiederzugeben bestimmt war, sollte sich eine Reihe fleinerer Darstellungen besonders reizvoller Szenerien aus dem Garten des Landsizes und seiner näheren Umgebung anschließen, und unter diesen waren es der hübsche Laubtempel mit der Amorgruppe, sowie das überaus malerische Engelbild, denen der Künstler nicht blos einen hervorragenden Plaz in seinem Ziklus zugedacht hatte, sondern die er auch vor allen anderen zuerst zur Ausführung zu bringen sich vornahm. Die künstlerischen Arbeiten gingen bei der genialen Gewandtheit, mit der Camillo von Winter seinen Pinsel handhabte, ebenso rasch von statten, wie sie auf das meisterhafteste gediehen. Das kleine originelle Landschaftsbild, das Dörfchen mit der halbverfallenen Burg, welches der Blick vom Lieblingspläzchen Seneras aus umschloß, war bereits fertig gestellt, und der Künstler begab sich an einen anderen Plaz vor der Wand, um hier das leztere selbst wiederzugeben. Er gedachte diese Darstellung so auszuführen, daß man durch den von dichten Laubgewinden umrahmten Eingang, der allerdings hier etwas offener und freier, als es in Wirklichkeit der Fall war, erscheinen mußte, in das Innere hineinsah und hier, in blendend weißen, nur leicht schattirten Farbentönen, zu dem tiefdunkeln Grün des wirr verschlungenen Blätterwerks äußerst wirksamen Gegensaz bildend, das Tischchen mit dem Schalt" und den Tauben und das Marmor- Ruhebänkchen lebendig in die Augen fielen. Schon hatte er den Untergrund dieses Gemäldes entworfen und in leichten Umrissen die anmutige Marmorgruppe angedeutet, als er eines ungewöhnlich warmen, schwülen Nachmittags, furz vor dem Eintritt der Dämmerstunde die von emsiger Tagesarbeit ermüdete Hand eine kurze Zeit ruhen lassen wollte, und aus dem Saal in den schattenkühlen Garten hinausschritt. Als er so durch die stillen Gänge unter den leise rauschenden Bäumen dahinwandelte und seine Gedanken abwechselnd zu dem eben verlassenen Gemälde zurückkehren und in die Ferne nach dem Urbilde der eben leichten Strichs auf das Gemäuer gebannten Amorgruppe hinüberschweifte, stieg in lebendigem Lichte die Szene vor ihm auf, wie der Alte zu ihm hintrat und ihn auf das Ruhepläzchen Serenas aufmerksam machte, wie die schwarzäugige Kleine ihr Händchen über das Gitter streckt und„ das schönste und beste Fräulein" bittend anrief, es hatte ein halb inbrünstig andächtiger, halb erhörungs1 ( 3. Fortsezung.) gewiß zuversichtlicher Ausdruck in dem Tone dieser Stimme gelegen, so seltsam, so unbeschreiblich eigen, als seien diese Worte im Gebete zur allbarmherzigen Madonna, gesprochen worden..... Dann tauchte ein anderes Bild von wundersamem Reiz in seiner Seele empor: er sah Serena, wie sie, von unvergleichlicher Schönheit überstrahlt, in einer Gruppe armer Weiber und Kinder stand und Feigen und Datteln unter fie austeilte, wie die ganz Kleinen ihr verlangend die Arme entgegenstreckten, während die größeren die Hände falteten und mit bittenden Augen zu ihr aufsahen, gleich Engeln, welche die heilige Jungfrau umschweben. Und dahinter leuchtete aus dunkelm Laubwerk in blendendem Scheine Amor mit den Tauben, wie er die durstigen Tierlein tränkt und uns zeigt, wieviel mehr wir Barmherzigkeit und Mitleid üben sollen untereinander. Die Worte des Alten kamen ihm unwillkürlich wieder in den Sinn; er schauerte selig zusammen,- er erschrat fast vor der süßen Gewalt, mit welcher der Zauber dieses Bildes sein ganzes Wesen packte, und da stand sie wieder vor ihm auf den Stufen der Marmortreppe zwischen den Säulen und Büsten und Statuen, in dem blauen duftigen Gewand, in all ihrer Hoheit, ein seliges Lächeln auf den purpurnen Lippen und in den dunklen, unergründlich tiefen Augen Ja, es war wieder seine Künstlerseele, die mit ihrer rätselhaften, geheimen Macht unmerklich die Bilder der Wirklichkeit in sich hineingemalt und noch herrlicheren verklärenden Schimmer über sie ausgegossen hatte; was ihm die Außenwelt in flüchtiger Erscheinung vor Augen gestellt, es war in seinem tiefsten Innern schon zu erhöhtem Leben gestaltet, es war ein Teil seines eigenen Seins geworden, mit seinem Wesen innigst verbunden, ein Zauber webte und waltete in ihnen, der nicht zu bannen war, jezt wußte er mit einemmale, warum er Serena seither so scheu aus dem Wege gegangen, warum ihn stets, sobald er sich in ihrer Nähe befand, eine heilige Sehnsucht, eine heilige Ehrfurcht erfaßte. In wunderlich verworrenen Träumen versunken kehrte Camillo in den Marmorsaal zu seiner Arbeit zurück. Freilich, weit konnte er diese heute nicht mehr fördern; denn schon brach die Dämmerung mälich durch die hohen Fenster des an sich schon dunkeln Saales herein. Eben schritt er, von der aus dem Garten in den Saal führenden Eingangstür herkommend, um eine der mächtigen Säulen, auf denen die luftigen Bogenwölbungen ruhten, und war eben im Begriff wieder unter diese hineinzutreten, als er ganz in der Nähe das Rauschen eines Kleides vernahm und, als er den Blick rasch nach der Richtung wandte, aus welcher das Geräusch gekommen, eine hohe weibliche Gestalt dicht an der Stelle vor der Wand stehen sah, wo das in seinen wesentlichen Umrissen angedeutete Gemälde sich befand. Es war Serena, welche die Schritte des Herankommenden vernommen hatte und erst sich seinen Blicken hatte entziehen wollen, aber dann zu verweilen beschloß. Das matte bunte Licht, das durch die bemalten Scheiben der Fenster hereinfiel, umflutete ihre schöne Gestalt und gaufelte geheimnißvollen Spiels über das zarte Antliz, welches underwandt auf das Bild gerichtet war. Das Herz Camillos begann in heftigen Schlägen zu hämmern, da er sich mit einemmale und so unerwartet in ihrer Nähe sah. Mit festem Schritt trat er jedoch auf sie zu, indem er ihr in seiner schlichten Art einen Gruß bot und hinzufügte: " Entschuldigen Sie, gnädiges Fräulein, wenn ich Sie in Ihren, dem Anschein nach recht tiefgehenden Betrachtungen störe, die sie dem flüchtigen Entwurf hier zu widmen so freundlich sind. Ich konnte nicht wissen-" " O bitte, Herr von Winter!" gab Serena, indem sie sich nach Camillo umwandte und seinen Gruß erwiderte, nur mit einem kaum merklichen Ausdruck von etwas Verlegenheit ebenso ungezwungen zur Antwort- die Pflicht, um Entschuldigung zu bitten, ist ganz auf meiner Seite. Verzeihen Sie nur, daß ich der Stätte, die jezt Ihr Heiligtum ist, so verwegen genaht!" " " Ich kann es nur mit Befriedigung wahrnehmen, gnädiges Fräulein, wenn Sie diesen leichten Pinselstrichen hier große Aufmerksamkeit zuwenden"- erwiderte Camillo." Offen ge= standen, weiß ich nicht recht, was dieselben schon dem Auge besonderes bieten, um die Beachtung, welche dieselben von Ihrer Seite finden, zu verdienen." „ Odoch, Herr von Winter!"- versezte Serena mit einer besonderen Lebendigkeit--„ Sie wissen wohl nicht, daß dieser fleine Schalt mit den Tauben da, dem Sie nur erst einen so zarten Körper verliehen, schon lange mein Liebling ist und mich jede Phase interessiren wird, wie er hier unter Ihren kunstgewandten Händen zu einem Doppelsein erwacht. Ich empfand schon, als ich Ihre Skizzen sah, das lebhafteste Vergnügen, diese anmutige Gruppe unter ihnen zu finden, und da ich wußte, daß Sie dieser Tage hier an die Ausführung des Bildes selbst gehen würden, ließ es mir keine Ruhe, ich mußte einmal nach sehen, wie sich mein kleiner Liebling den ungewohnten Plaz in diesen marmornen Hallen anweisen läßt. Da sah ich Sie vorhin von meinem Fenster aus im Garten auf und ab gehen, und diese Augenblicke glaubte ich benuzen zu sollen, um schnell herunter zu eilen und meine Neugier zu befriedigen. Daß ich so lange blieb und Sie mich überraschten, hat seinen Grund in der vollendeten Kunst, mit der Sie das herrliche Urbild schon in den leichten Umrissen so treffend ähnlich wiederzugeben gewußt haben." „ Aber nun sagen Sie mir gleich noch, Herr von Winter," fuhr Serena fort wie Sie dazu kamen, auch jenes stille versteckte Pläzchen im Garten unserer Villa mit zu einem Gegen stand Ihrer Darstellungen zu machen, wo Ihnen so viele und so schöne Vorwürfe für dieselben geboten waren. Sie begreifen jezt, warum ich gerade an der Beantwortung dieser Frage ein besonderes Interesse habe." „ Leider darf ich nicht sagen," entgegnete Camillo lächelnd entgegnete Camillo lächelnd „ daß mich eine Art geistiger Wahlverwandtschaft gerade auf diesen Gegenstand geführt hätte, wie sehr mich auch der fleine Laubtempel sogleich anheimelte, und so außerordentlich mich das in seinem engbegrenzten Raume so malerische Bild entzückte, das sich von ihm aus dem Auge darstellt. Es bedurfte vielmehr erst eines ausdrücklichen Hinweises des alten Gärtners" . ,, der alte „ Ah!" unterbrach ihn Serena lebhaft Schwäzer hat Ihnen von mir geplaudert!... Er ist sonst ein 103 herzensguter Mensch, der Lodovico, aber er kann es nicht lassen, jedem Menschen, mit dem er zusammenkommt, ein ganzes Tagebuch über mich vorzuplappern, und das immer so, als ob sich auch nicht die mindesten bösen Striche und schlechten Zensuren darin befänden-" " " Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein!" warf Camillo ein In diesem Falle hatte ich selbst Gelegenheit mich zu überzeugen, daß er nicht zuviel gesagt, und ich brauche Ihnen wohl blos mitzuteilen, daß ich eine junge Mutter mit zwei Kindern sah, deren eines, ein schwarzäugiges Mädchen, über die niedrige Gartenpforte herein Ihren Namen rief und bittend die Hände ausstreckte, um es vollauf zu rechtfertigen, wenn ich den Worten des alten Lodovico vollsten Glauben beimaß." " Sie haben die kleine Nora Marinaro gesehen?"- rief Serena freudig erregt Nicht wahr, ein reizendes Kind? Bis auf das braune Gesicht und die schwarzen Augen ganz ähnlich Ihrem Schwesterchen, so treuherzig und zutraulich und geistig so geweckt! Nur ist sie unruhiger und wilder als Adele. Sie ist das älteste Kind einer guten, armen Frau, deren Gatte, ein Fischer, vor zwei Jahren im See ertrunken." Serena sagte das so weich und mit einem leisen Anflug von Wehmut, daß es Camillo warm ums Herz wurde und er in die ein wenig überschwänglichen Worte ausbrech: " Sie scheinen der Engel der ganzen Gegend zu sein!" Serena machte eine heftig abwehrende Handbewegung und entgegnete mit leisem Lächeln: " Ich merke recht wohl, daß Ihnen der alte Lodovico nicht umsonst gepredigt hat; aber, wenn ich bitten darf, Herr von Winter, so wollen Sie des Wenigen, was ich für die armen Leute da drüben zu tun imstande bin, in etwas minder übertriebener Weise gedenken, wenn es überhaupt einer Erwähnung wert ist." Camillo zeigte sich durch diese, wenn auch in freundlichem, so doch sehr bestimmten Tone gegeben: Antwort einigermaßen betroffen und bemühte sich, ihr die Begeisterung, die sich in seinen vorigen Worten ausgesprochen hatte, erklärlich zu machen, indem er mit einiger Hast bemerkte: " O, ich wollte Ihnen durchaus keine bloße Schmeichelei sagen, m in gnädiges Fräulein,-Sie werden mich einer solchen auch kaum für fähig halten! Aber es gehört jedenfalls zu den außerordentlichen Seltenheiten, wenn eine Dame von Ihrem Stande ihren Sommeraufenthalt in einer Gegend, mit deren Bewohnern sie sonst in gar keiner Beziehung steht, dazu benuzt, mit hohem Wohltätigkeitssinn die Armen zu unterstützen und " " Traurig genug, wenn das zu den Seltenheiten gehört," fiel ihm Serena schnell in die Rede fiel ihm Serena schnell in die Rede während gerade in einer Zeit wie die unsere, wo Unzufriedenheit und Mißmut unter den Armen gegenüber den Besizenden allenthalben zum Ausdruck gelangen, die lezteren keine Gelegenheit vorübergehen lassen sollten, um jenen durch die Tat zu beweisen, daß die Reichen wenigstens nicht alle so hartherzig, so grausam, so ohne jedes Mitgefühl sind, wie die hülflose Armut sich dieselbe gemeinhin vorstellt und sie sich diese vorzustellen leider in vielen Fällen nur zu berechtigt ist--- Doch lassen wir das Ich werde ohnehin Ihre Zeit schon jezt, Herr von Winter! zu lange in Anspruch genommen haben. Uebrigens, was meinen alten Lodovico betrifft, so freue ich mich doch diesmal, daß er Sie mit seinem Geschwäz angeregt hat, meines Lieblings nicht zu vergessen, und ich danke Ihnen herzlich, daß Sie diese Anregung nicht unbeachtet ließen.... Wie schön, wie so ganz der Natur getreu haben Sie auch dort das hübsche Bildchen wiedergegeben, an dessen Anblick ich mich von meinem ſtillen Ruhepläzchen aus so oft ergözt und gelabt! Und wissen Sie auch, wem Sie durch diese Darstellung gleich großes Entzücken wie mir und die Sehnsucht nach dem herrlichen See wachgerufen?" Nun?" " Niemand anderem, als Ihrer kleinen Schwester, die Ihr Gemälde jüngst mit mir betrachtete und nun jeden Tag von den schönen Bergen und dem blauen See und der alten Burg " fragte Camillo erwartungsvoll. schwärmt. Und Sie werden schon gestatten müssen, daß mich das Kind, sobald das nächste Frühjahr kommt, denn in diesem Jahre werden wir faum noch einen zweiten Aufenthalt am Lago di Como nehmen-- auf einige Wochen hinüberbegleitet, und 104 daß ich aus ihr und der kleinen Nora Gespielinnen mache. Aber jezt leben Sie wohl!" Serena warf die lezten Worte als Abschiedsgruß rasch hin und wollte, nach einer hastigen Verbeugung gegen Camillo, den Sommerquartier. Saal verlassen, als sich ein finsterer Schatten über ihre Züge legte und sie zaudernd wieder stehen blieb. Am Ende des Säulenganges hatte sich knarrend eine schwere Tür geöffnet, und zwei Männer, die in gerader Richtung auf die beiden zukamen, waren durch dieselbe eingetreten. Camillo erkannte in der hochgewachsenen Gestalt des einen den Vater Serenas; der andere, ein jüngerer ebenfalls schlanker Mann, war ihm fremd. Er hatte noch nicht Zeit gefunden, den lezteren voll ins Auge zu fassen und die Züge des Fremden schärfer zu prüfen, als er das schöne Mädchen hastig und nur flüchtig grüßend an den beiden vorübergehen und durch dieselbe Tür, über deren Schwelle diese hereingekommen waren, hinausschreiten sah. Der Marchese hatte, wie seine Tochter rasch an ihm vorüber105 ging, nur das Auge flüchtig über ihr Antliz gleiten lassen und sich leicht entfärbt. Der jüngere aber wendete hastig den Kopf und jah ihr mit einem brennenden Blicke nach. Als sich beide dem Maler genähert hatten, erfuhr dieser durch die wenigen OLD Winterquartier. Worte, mit welchen der Marchese die Vorstellung vollzog, daß er in dem ihm bisher unbekannten jungen Manne den Graf Bittorio von Larente vor sich hatte, einen Kavalier von cleganten Manieren, dessen tief gebräuntes, nicht eben fein geschnittenes Gesicht jezt unverkennbar den Ausdruck lebhafter innerer Bewegung trug. Es spiegelte sich eine auffallend große Unruhe in allen seinen Zügen wieder, die schwarzen Augen flammten in plözlich emporgestiegener innerer Glut, und um die dicken, fleischigen Lippen unter dem wohlgepflegten dunklen Schnurrbart zuckte es wie von Unwillen und Zorn. 106 Der Graf ließ, nachdem ihm der Künstler durch den Marchese vorgestellt worden, nicht einmal einige Worte kühler Höflichkeit gegen denselben fallen, wie es wohl die Schicklichkeit erheischt hätte, und obgleich Herr von Montanari ausdrücklich auf den großen Ruf und die hohe künstlerische Begabung Camillos hingewiesen hatte. Er ging nur mit dem Marchese noch einige Schritte den Säulengang entlang und starrte mit einem Blick, der wenig wirkliche Teilnahme an dem Geschauten verrict, das bereits vollendete Landschaftsbild an der Wand an, welches ihm der Marchese vorher so begeistert gerühmt und wegen dessen er ihn in den Marmorsaal herabgeführt hatte. Nach kurzer Zeit schritten die beiden wieder an Camillo vorüber, und, indem der Marchese diesem einen freundlichen Nachtgruß bot, während der andere sich nur mit einer fühlen Verbeugung verabschiedete, verließen sie den Saal. Nur noch wenige Striche hatte Camillo auf dem neuen, in der Entstehung begriffenen Bilde getan. Dann trat immer tiefere Dämmerung ein, die dem Künstler nicht verstattete, an diesem Tage die Arbeit weiter fortzuführen. Bald regte sich nichts mehr in dem großen, kühlen Raum; aber es war, als ob die in zarten, weißen Linien in das von einem lezten, sanften Lichtstrahl durchwebte Dunkel hereinschim mernde Gestalt des kleinen Liebesgottes sich leise neigte und seltsamen, unverständlichen Lauts mit den Tauben flüsterte, die er aus kunstvoller Schaale sich laben ließ.... IV. " Ich begreife in der Tat nicht, Serena, warum du so geflissentlich, und in der lezten Zeit auffallender als je, vermeidest, mit dem Grafen zusammen zu kommen, ja, dich sogar entschuldigen läsfest, wenn er in der offenbaren Absicht, dich zu sprechen, bei uns zu Besuch weilt" sagte der Marchese von Montanari zu seiner Tochter, die mit ihm und der Marchesa in demselben mit vornehmem Comfort ausgestatteten Zimmer beisammen war, welches an jenem Abend, als Adele von Winter in den Palazzo della Sponda gekommen, ein so anmutendes Bild glückseliger Heiterfeit geboten hatte. Er saß mit Serena wie damals an dem großen Tische in der Mitte des Zimmers, auf welchem jezt große Fruchtschalen, mit frischem, vollgereiften Obst gefüllt, zum Genuß einluden, während die Marchesa in einem mit kostbaren brüsseler Spizen reich besezten, rosaroten Kleide seitab am Fenster stand und mit dem in seinem vergoldeten Käfig munter umherhüpfenden Kanarienvogel spielte und kos'te, der schmetternd in das vom glizernden Licht der hellen Nachmittagssonne warm durchflutete Gemach hineinsang. Ich verstehe". spann der Marchese das Gespräch mit leisem Unmut weiter, welches nun seit fast einer Stunde schon zwischen den beiden gepflogen wurde und wiederholt bereits einen beinahe heftigen Karakter angenommen hatte-„ ein solches Benehmen nicht einem Manne gegenüber, hinsichtlich dessen du doch weißt, daß über kurz oder lang eine Verbindung" der Marchese zögerte etwas, und fuhr dann einigermaßen verlegen fort:„ Ich sollte vielmehr meinen, daß du alles mögliche auf bötest, um „ Aber ich bitte dich, Vater," unterbrach ihn Serena vorwurfsvoll und hoch errötend du solltest doch aus meiner steten Zurückhaltung gegenüber dem Grafen entnehmen, daß ich bestimmte Gründe habe, ihm möglichst fern zu bleiben." " Du müßtest aber doch, Serena, meinen Wünschen mehr entgegen zu kommen suchen, anstatt in geradezu auffallender Weise alles zu tun, um dich dem Grafen mehr und mehr zu entfremden.... Uebrigens verstehe ich dich hier auch nicht. Der junge Graf ist der liebenswürdigste Kavalier, den du dir denken kannst, und du mußt doch wohl absichtlich nicht sehen wollen, wenn du die vielerlei besonderen Artigkeiten, die er dir bei jeder Gelegenheit erweist, nicht wahrnimmst und daraus nicht die tiefe Zuneigung, die der Graf ausgesprochenermaßen zu dir hegt, erkennst." " Du vergißt, mein Vater," warf Serena cin „ daß die Zuneigung auf der einen Seite wertlos ist, wenn sie nicht die Sympatie auf der anderen zu wecken vermag!" „ Das meine ich eben, Serena, und bedauere auf das tiefste, daß du dem Grafen so wenig Gelegenheit gibst, deine Gegenneigung zu gewinnen. Daß er solche Gelegenheit nicht selten, aber eben fast immer vergeblich gesucht hat, wirst du selbst nicht in Abrede stellen wollen!" " Durchaus nicht," das schöne Mädchen lächelte ein wenig, indem sie so sprach ,, mir sind aber die Empfindungen des Grafen für mich, die ich übrigens nicht für allzu tief wurzelnde halte, völlig gleichgültig, und ich bin überzeugt, daß auch mein öfteres Beisammensein mit ihm mir keinerlei Sympatie für ihn erwecken würde, dem Grafen jedoch eine unnüze Aufmunterung sein würde, seine Hoffnungen nicht aufzugeben und mir schließ lich vielleicht in einer Weise zudringlich zu werden, der gegenüber ich dann nur die eine Antwort hätte," Serena zögerte einen Augenblick, als suche sie erst den richtigen Ausdruck für das, was sie sagen möchte, während dessen der Marchese ungeduldig einfiel: ,, Und wie würde denn diese Antwort lauten?" " Serena hatte den richtigen Ausdruck gefunden und antwortete mit einer frappirenden Entschiedenheit: " Daß sich, wenigstens soviel ich mir im Innersten bewußt bin, unsere Herzen nicht mehr anziehen denn Feuer und Wasser, und daß an ein Zusammenffingen unserer Anschauungen und Empfindungen ebensowenig zu denken ist wie an eine Verbindung zwischen diesen beiden!" Bei diesen Worten Serenas glitt ein triumphirendes Lächeln über die schönen Züge der jungen Frau drüben am Fenster, und ihr von einem dicken Geflecht tief schwarzen Haars unwundenes Haupt nickte so lebendig und freudig in den goldschimmernden Käfig hinein, daß der kleine Sänger da drinnen hoch aufhüpfte und einen grell schmetternden Laut aus der zarten Kehle hervorstieß. Desto trüber war der Schatten, der sich jezt über das sonst so ruhige, sonnige Antliz des Marchese breitete. „ Serena,"- sagte er stirnrunzelnd mit dem Ausdruck scharfen Tadels, indem er sich heftig in den Fauteuil zurückwarf, du zeigst in diesem Falle eine Halsstarrigkeit, die ich sonst nicht an dir gewohnt bin, und die mir keine Freude macht!" Mit großen Augen und fast erschrecktem Blick sah Serena den Vater an und sagte, indem sie sich nach ihm hinüberneigte und hastig seine Hand ergriff, mit erregter Stimme: „ Nein, nein, mein Vater, ich will dir ja nicht wehe tun!" Und indem ihr Blick besorgt auf seinem Antliz ruhte, fügte sie weich und zärtlich hinzu: „ Aber willst du denn nicht, daß ich dir in allen Stücken ganz und aufrichtig mein Herz erschließe?" Der Vater blickte ihr tief in die großen, schönen Augen und versezte in einem Tone, der wieder all' seine innige Liebe zu der Tochter aussprach: ,, Gewiß liebe ich es, mein Kind, daß du aufrichtig und wahr mit mir sprichst; doch muß es mich tief schmerzen, wenn du gerade in einer Angelegenheit, hinsichtlich deren du weißt, wie sehr sie mir am Herzen liegt, so ganz und gar meinem Willen entgegen bist und auch nicht den leisesten Versuch machst, auf meine Wünsche einzugehen." Serena fühlte den schmerzlichen Vorwurf gegen sie, der in diesen Worten ihres Vaters lag. „ Aber was kann denn ein Mensch wider das eigene Herz, mein Vater?" mein Vater?" sagte sie sanft und suchte in echt kindlicher Weise die trübe Stimmung des Vaters aufzuheitern, indem sie ihm mit ihrer Linken zärtlich über die Stirn strich und warmen, besänftigenden Tons hinzufügte:„ Laß das, lieb' Väterchen! Du kannst doch nicht wollen, daß wir beide, die wir uns du weißt es! gleich sehr lieben, uns ernstlich böse werden, daß zwischen unsere Herzen ein Schatten tritt, und gar wegen dieses Grafen von" ( Fortfezung folgt.) 107 Literarhistorischer Trug hier oder da? Von Bruno Seiser. Seit längerer Zeit ergehen aus den Leserkreisen der„ Neuen| Welt" Aufforderungen an mich, Auskunft zu geben, was es eigentlich mit den Beschuldigungen auf sich hat, die der durch seine wissenschaftlichen Werke und wohl noch mehr durch seinen Konflikt mit dem Senat der berliner Universität und dem preußischen Kultusministerium bekannt gewordene Philosoph und Sozialökonom Herr Eugen Dühring gegen einen der vornehmsten deutschen Literaturheroen, gegen Gotthold Ephraim Lessing gerichtet hat. Im Hinblick auf meine in der Neuen Welt" erschienenen Abhandlungen über Lessing hätte ich mir gern diese Arbeit erspart, Lessing ist mir im Geist und Karakter zu groß, um ihn einer Verteidigung bedürftig zu erachten,- Herr Dühring erschien mir besonders was seinen Karakter anlangt lange nicht bedeutend genug, als daß ich ihn der Ehre einer Konfrontation mit dem gewaltigen Toten hätte würdig halten mögen. Indessen mehrten sich die Belehrung heischenden Anfragen, so daß ich es nun für meine Pflicht unseren Lesern gegenüber halte, aus dem fühlen Schatten meiner Reserve herauszutreten. Herrn Dührings 1881 erschienene Schrift:„ Die Juden frage als Racen-, Sitten- und Kulturfrage," welche die erwähnten Attaken des rauflustigen Herrn enthielt, ist zwar nicht in weite Volkskreise gedrungen, hat aber allerlei Gewässer auf die Mühle der antisemitischen Propaganda geliefert und ist so in einzelnen ihrer Bestandteile in die Volksmassen gedrungen. Diese Tatsache möge mich bei den Manen Lessings entschuldigen, daß ich in solcher Angelegenheit für ihn das Wort ergreife, das deutsche Volk hat es nie geduldet, daß die Bilder seiner großen Toten verunreinigt und geschändet werden, und die Leser der„ Neuen Welt" haben ein Recht, von mir, der ihnen das Porträt des Dichters und Denkers, des Kämpfers und Volkserziehers Lessing mehr als einmal vorgeführt, die Entfernung und Vernichtung all der Unsauberkeiten zu verlangen, mit denen Herr Dühring nach dem ihnen lieb und teuer gewordenen Gemälde gezielt hat. Wir müssen Herrn Dühring hören, um nach Gebühr zu würdigen, was er kontra Lessing geäußert hat. In seinem oben angeführten Buche S. 66( Kapitel III) die " Frage nach der Fähigkeit( der Juden) zur Wissenschaft, Literatur und Kunst" sagt er: 11 Es gibt ein Mittel, die Judenhaftigkeit auch in der augenblicklichen Literatur mit Händen zu greifen, ohne sich um die einzelnen Namenlosigkeiten im Gewimmel der kleinen Schriftſtellerexistenzen zu fümmern. Man braucht nur die Reklame zu betrachten, mit welcher. die Juden ihren Lessing um jeden Preis zu einem Gott emporzuschrauben suchen, nachdem sie ein Jahrhundert lang seinen Ruf auf das Zehnfache dessen, was er wert ist, mit allen Künsten der Lobpreisung herausgesteigert haben. Das Geschäft, welches die Judenpresse und Judenliteratur seit jeher systematisch daraus gemacht hat, im Publikum eine gewaltige Ueberschäzung Lessings in Umlauf zu bringen, ist neuerdings geradezu bis ins ekelhafte getrieben worden. Die jüdi schen Zeitungsschreiber haben den Verfasser senes platten Judenstückes, welches sich Nathan der Weise betitelt, über die größten Schriftsteller und Dichter erhoben und ihn beispielsweise für den größten Deutschen erklärt, gegen den etwas zu sagen ein Majestätsverbrechen ist. Sie haben indirekt ausgesprochen, daß sie( 1) ihn hoch über Schiller stellen; ja sie haben ihn sogar als Uebermenschen gepriesen, der in monumentaler Verkörperung einen ganz besonderen alles überragenden Plaz in Anspruch zu nehmen habe. Er müsse, wenn andere unten als Menschen gebildet, oben als ein Gott tronen(!). Dahin lauteten verschiedene Journalartikel bei der Annäherung des hundertjährigen Todestags Lessings und bis dahin verstieg sich die jüdische(!) Bescheidenheit. Wie hoch die Juden Lessing für sich und bei sich plaziren wollen, ist ihre eigenste Sache. Mögen sie ihm den Plaz neben Jehova einräumen oder ihn auch ganz allein zu ihrem neuen Gotte machen, das geht uns Deutsche und die Literatur nichts an. Die Juden haben mehr als einen besonderen Grund zu diesem Kultus; denn ihr Lessing ist der Ihre in mehr als einer Beziehung, ja gehört ihnen wahrscheinlich auch dem Blute nach an. „ Schon der Name Lessing ist einer, der auch gegenwärtig seinen jüdischen Karakter überall bekundet. Er kommt, soweit mir bekannt, nur bei Leuten vor, bei denen die Judenabſtammung sichtbar genug ist. mung sichtbar genug ist. Was den Stammbaum des Schriftstellers Lessing selbst betrifft, so ist der Umstand, daß sich darin auch Prediger finden, doch wahrlich kein Gegenbeweis gegen jüdisches Blut. Taufen haben in früheren Zeiten in reichlichem Maße stattgefunden, und Pastoren jüdischer Abstammung gibt es auch heute noch genug. Die jüdische Blutmischung läßt sich aber an der Geistesbeschaffenheit mindestens ebensogut erkennen, wie am Leibe oder an Abstammungsurkunden. Lessing selbst ist hierfür ein vorzügliches Beispiel. Seine schriftstellerischen Manieren und seine geistigen Allüren sind jüdisch. Seine literarischen Erzeugnisse zeigen nach Form und Gehalt überall von der Judenhaftigkeit. Sogar das, was man seine Hauptschriften nennen könnte, ist Bruchstückwerk und zeigt die den Juden eigene Abgebrochenheit auch in Stil und Darstellung. Der Laokoon und die sogenannte Dramaturgie sind ohne eigentliche Komposition und bloße Fragmente, die wiederum aus der lockeren Aneinandereihung abgerissener Erörterungen bestehen. Ja sogar innerhalb dieser einzelnen Erörterungen herrscht in der Ineinanderfügung der einzelnen Säze das Stoßweise vor und ergibt einen Stil, der nicht natürlich ist und sich oft durch das entschiedenste Gegenteil ebenmäßiger Gedankenverbindung auszeichnet. Noch mehr wird man aber an die poetisch unschönen Manieren und an das Gepräge der Judenpolemik da erinnert, wo Lessing nicht als Kunstkritiker, sondern, wie im Antigöze, sich im Gebiete teologischer Zänfereien ausläßt. Dort finden sich die Juden durch ihre Art und Weise am meisten angeheimelt; denn dort werden sie noch mehr als sonst an das Schnöde und Bissige oder, um gleich den Volksausdruck zu brauchen, an das Echnoddrige ihrer angestammten Auslassungsart erinnert. In der Form und im Aeußeren der Schriftstellerei ist hiernach Lessing überall judengemäß. Dies deutet schon auf den innersten Kern, und dieser findet sich denn auch der jüdischen Schale ganz entsprechend.--" Was Herr Dühring über den ,, innersten Kern" von Lessings schriftstellerischen Leistungen sagt, werde ich mir wiederzugeben ersparen. Einesteils vermag ich nur mit größter Mühe des Widerwillens Herr zu werden, der mich gegenüber solcher Kritifirerei erfaßt; andernteils müßte ich mehr als ein dickleibiges Buch schreiben, um den ungeheuerlichen Verständnismangel darzutun, all' die erschreckende Seichtheit des Urteils, mit der eine verblüffende Verschrobenheit und Verzwicktheit der den kritischen Standpunkt des Herrn Dühring bildenden Anschauungen forrespondirt. wenn Ist es doch so leicht, zu behaupten: die sämmtlichen, in zwanzig Bänden zusammengefaßten Werke des X. enthalten lauter Unsinn! Lumpige zwölf Worte braucht man dazu und man nur von Mutter Natur mit der nötigen Gewissenlosigkeit und Unverschämtheit ausgestattet ist auch nicht eine Sekunde ernsthaften Studiums. Wie schwer, wie zeitraubend- wie riesengewaltig ist dagegen die Aufgabe, solche Behauptung zu widerlegen und zu beweisen, daß in feiner einzigen Zeile der zwanzig Bände auch nur eine Unze Unsinns zu finden ist. Ich denke, das leuchtet ein. Zudem kann ich mir eine Arbeit ersparen, deren sich lange, ehe ich an die Lösung ähnlicher Auf gaben auch nur denken durfte, sämmtliche Literaturgeschichtswerke bemächtigt hatten, diese und nicht etwa ,, jüdische Zeitungsschreiber möge derjenige zu Rate ziehen, welcher über Lessings literar- und kulturgeschichtliche Bedeutung angesichts der dühringschen Kritik noch im Zweifel sein könnte. Darum füge ich hier nur noch hinzu, was Herr Dühring außer dem bereits Wiedergegebenen noch über Lessings Beziehung zu den Juden und über Lessings Karakter sagt. 108 Wiens über ein solches Werk" wie Lessings ,, Emilia Galotti" nichts Besseres zu schreiben wußten, als die saft- und kraftloſe Phrase: ,, wen hat es nicht entzückt?" Derselbe Entusiast für Lessing schrieb, daß ,, dieses Stück nach der deutschen tragischen Muse langem, vieljährigen Ringen aus der Gottsched- WeißeGellertschen Wasserflut emporstieg wie die Insel Delos, um eine kreisende Göttin barmherzig aufzunehmen." Ein andres chrenvolles Urteil desselben Mannes über Lessings Emilia Galotti" finde hier gleichfalls seine Stelle. Es lautet: ,, Den entscheidendsten Schritt gegen die Großen tat Lessing in der Emilia Galotti', wo die Leidenschaften und ränkevollen Verhältnisse der höheren Regionen schneidend und bitter geschildert worden sind." Und noch als Greis hat dieser Lessingverehrer die ,, Emilia" ,, ein vortreffliches Werk, ein Stück voller Verstand, voll Weisheit, viel tiefer Blicke in die Welt, das überhaupt eine ungeheure Kultur ausspreche, gegen die wir jezt schon wieder Barbaren sind," genannt. ,, Von dem, woran bei Lessing den Juden im Herzensgrunde am meisten liegt, ist am wenigsten zu sagen. Die Artikel gegen den hamburger Pastor Göze und der Nathan halten sich auf einem sehr niedrigen Geistesniveau. Sie sollen aufffärerisch sein, huldigen aber in Wahrheit einer verallgemeinerten Judenreligion. Unter dem Schein des Eintretens für die Toleranz, arbeiten sie für allgemeine Verjudung der Denkweise. So ist es erklärlich, daß der Name Göze den Juden zu einem Schiboleth werden konnte, welches sie allem nachrufen, was ihnen nicht genehm ist. Ich habe jedoch den Unterschied zwischen Göze und Lessing nie hoch anschlagen können. Im Gegenteil ist mir angesichts der Judenreklame bald genug flar geworden, daß die ganze Abweichung darin besteht, daß auf der einen Seite der pastorale Göze, auf der anderen Seite aber der jüdische Göze teologisch sich gegenseitig in einer Weise angingen und bedienten, die für die höhere Geistesbildung niemals ein Interesse hatte, aber heute auch für die mittlere nicht mehr geäußert. nießbar ist. ,, Ginge man dem Karakter Lessings, sei es in seinen Privathandlungen, sei es bezüglich der in seinen Schriften befundeten Dentweise nach, so würde sich auch hier die Juden haftigkeit in den verschiedensten Richtungen bestätigt finden. Die Erinnerung an ein einziges Beispiel kann hier genügen. Lessing verschaffte sich heimlich ein wichtiges Manustript Voltaires durch dessen Sekretär, ging überdies damit auf und davon, und Voltaire mußte, als er dahinter gefemmen war, ihm erst eine Art Steckbrief nachsenden, um es zurückzuerhalten. Der Sekretär kam hiebei um seine Stellung. Ein Mann von anständigen Grundsäzen wäre nicht wie Lessing verfahren, auf dem überdies noch der Verdacht haftet, sich das voltairesche Werk vorzeitig nur literarischer Aneignungszwecke wegen erschlichen zu haben. Die Juden haben dieses lessingsche Stück nur eine ,, kleine Vernachlässigung" genannt und sich auch sonst durch nichts behindern lassen, Lessing für den größten Karakter und größten Menschen auszugeben. Friedrich der Große aber, dem man mit Vorstellungen um Lessings Anstellung als Bibliotekar wiederholt lästig fiel, hatte recht, ihn fernzuhalten. Er war mit seinem Urteil gegen den Karakter und die sonstigen Eigenschaften Lessings ein besserer Vertreter seines Volks, als die späteren urteilslosen Literarhistoriker, die sich durch das Judenmaß beirren ließen und selbst mit Judenmaß hantirten. Lessings Verdienste sind nur Verdienste um die Juden; nicht als Dichter und auch nicht als Kunstkritiker hat er ernstliche Bedeutung. Es bleibt also(!) allein die Indentendenz übrig. Eine Aufführung des Nathan kann demgemäß auch heute nicht mehr als Kunstakt, sondern nur als eine jüdische Demonstration gelten. Auch sein durchschnittlicher Ruf, von den äußersten Lobpreisungen nicht zu reden, beruht zu neun Zehnteln auf falscher Judenreklame. Das übrigbleibende Zehntel berechtigt die Juden aber nicht, für ihn seitens der deutschen Nation eine besondere Aufmerksamkeit zu beanspruchen." Damit wäre denn der am meisten farakteristische Teil des dühringschen Pasquills auf Lessing ,, niedriger gehängt". Und nun zur Beleuchtung dessen, worin Herrn Dührings Schmähungen sich konzentriren und gipfeln. Die Juden seien es gewesen, die Lessings Ruf ,, seit einem Jahrhundert auf das Zehnfache dessen, was er wert ist, hinauf geschraubt haben", und ihn neuerdings hoch über Schiller stellen, ja zu einem ,, Gott" machen möchten; also Dühring. Nun vor einem Jahrhundert war es, daß in Deutschland ein Jüngling seine ersten Rezensionsversuche schrieb und sich darüber höchlichst erbittert ausließ, daß die kritischen Federn Ordinäre Judenreklame das- wird Herr Dühring sagen. Nun ja! Der Jude, der also geschrieben, heißt Johann Wolfgang Goethe. Besagter Goethe, der offenbar ein großes Interesse an der Verjudung des deutschen Geistes gehabt haben muß, hat sich gelegentlich auch über Lessings„ Minna von Barnhelm" ge= " In den zwei ersten Aften," sagt Goethe, hat er( Lessing) ein unerreichbares(!) Muster aufgestellt, wie ein Drama zu exponiren sei;" und an dem ganzen Stücke rühmt er die Vollkommenheit des Nationalgefühls seit wir Dührings Urteil über Lessing kennen, wissen wir, daß hier nur von jüdischem Nationalgefühl die Rede sein kann, den gesunden Realismus der Gestalten und das ideale Gefühl echter Ehre und Vater landsliebe( jedenfalls zu Palästina), sowie humanen Gesinnung." " " " Und Dieser Wolfgang Goethe genirte sich nicht einmal, die weimarische Hofbühne, die leichtsinniger Weise seiner Leitung unterstellt worden war, durch die jüdische Demonstration" einer Aufführung von Nathan dem Weisen" zu verunehren. nicht nur die Aufführung des ,, Nathan" in Weimar, sondern die Einbürgerung desselben auf allen deutschen Bühnen hat Goethe verschuldet, der sich über den ,, Nathan" äußerte: ,, Lessing sagte in ſittlich- religiöser Hinsicht: daß er diejenige Stadt glücklich preise, in welcher Nathan" zuerst gegeben werde; wir aber fönnen in dramatischer(!) Hinsicht sagen, daß wir unserem Teater Glück wünschen, wenn ein solches Stück darauf bleiben und öfter wiederholt werden kann. und öfter wiederholt werden kann. Möge doch die bekannte Erzählung( von den drei Ringen) ,, glücklich dargestellt, das deutsche Publikum auf ewige Zeiten erinnern, daß es nicht nur be rufen wird, um zu schauen, sondern auch um zu hören und zu vernehmen. Möge zugleich das darin ausgesprochene göttliche Duldungs- und Schonungsgefühl der Nation heilig und wert bleiben." Solche Reklame machen diese Literaturjuden für einander! Goethe ist übrigens an den tausenden von jüdischen Demon strationen, welche Deutschland durch Aufführung des„, Nathan" erlebt hat, nicht allein schuldig. Sein Mitschuldiger ist natürlich auch ein Jude! Schiller. Dieser richtete den ,, Nathan" für die weimarische Johann Christoph Friedrich Aufführung ein und ist dafür verantwortlich zu machen, daß der ,, Nathan" am 10. März 1802 auch in Berlin aufgeführt wurde, wo er seitdem bis heute vom Repertoir der Hofbühne nicht mehr abgesezt wurde und bis 1878 einhundertachtundachtzig Aufführungen erlebt hat. Damit das Kleeblatt seine drei Blätter habe, sei hier der Name noch eines Menschen angeführt, dem Deutschland den Irrwahn dankt, Lessing sei einer seiner größten, allergrößten Geister. Auch ein Jude wir sein!?- sein Name ist Johann Gottfried Herder, wie könnte es nach Dühring anders blinden Deutschen machen auch ihn zu unsern Klassikern, zu den hellsten Leuchten deutscher und der Weltliteratur, ein Mann, der Herrn Dühring wahrscheinlich um so verdächtiger und verächtlicher erscheint, als er die Verjudung des deutschen Geistes von der gesicherten Position eines herzoglich weimarischen Oberpfarrers, Generalsuperintendenten und Oberkonsistorialpräsidenten aus betrieb. Herder widmete dem Andenken Lessings ein Gedicht ,,, Der Tod. Ein Gespräch an Lessings Grabe," worin er den ,, zum Kunstreformator gestempelten Teaterliteraten" wie folgt verherrlicht: Himmlischer Knabe, was stehest du hier? Die verglimmende Fackel Nieder zur Erde gesenkt; aber die andere flammt Dir auf deiner ambrosischen Schulter an Lichte so herrlich Schöneren Purpurglanz sah ja mein Auge nie! " 1 Bist du Amor? Ich bins! doch unter dieser Umhüllung Ob ich gleich Amor bin, heiß ich den Sterblichen Tod. Unter allen Genien sah'n die gütigen Götter Keinen, der sanft wie ich löse das menschliche Herz Und sie tauchte die Pfeile, womit ich die Armen erlöse, Ihnen ein bitter Geschoß, selbst in den Becher der Lust. Dann geleit' ich im lieblichen Kuß die scheidende Seele Erst zum wahren Genuß bräutlicher Freuden hinauf." Aber wo ist dein Bogen und Pfeil? Dem tapferen Weisen, Der sich selber den Geist längst von der Hülle getrennt, Brauch' ich keiner Pfeile. Ich lösche die glänzende Fackel Sanft ihm aus; da erglimmt eilig vom purpurnen Licht Diese andre. Des Schlafes Bruder, gieß ich ihm Schlummer Um den ruhigen Blick, bis er dort oben erwacht." Und wer ist der Weise, dem du die Fackel der Erde Hier gelöschet, und dem jezt die schönere flammt? " Der ist's, dem Athene, wie dort dem tapfern Tydiden Selber schärfte den Blick, daß er die Götter ersah. Mich erkannte Lessing an meiner sinkenden Fackel, Und bald zündet' ich ihm glänzend die andere an." Nachdem ich die drei Hauptschuldigen an der jahrhunderte alten Lessingverehrung hiemit schonungslos ans Tageslicht gezogen, will ich auch noch Herrn Dühring den Gefallen tun, ihm und allem Volke den Juden vorzuführen, der zu allererst gewagt hat, Lessing" hoch über Schiller" zu stellen und ihn als Gott" zu preisen. " Es ist dies geschehen in folgenden höchst judenhaften Versen, die an„ Achilles", worunter eben niemand anders als Lessing zu verstehen ist, gerichtet wurden: ,, Vormals im Leben ehrten wir dich wie einen der Götter, Nun da du tot bist, herrscht über die Geister dein Geiſt." Wer Lessing bei seinen Lebzeiten wie einen der Götter ehren fonnte, mußte notwendig ein Jude sein, es ist anders rein unmöglich, der Dichter des eben zitirten„ Xenions" war denn auch wirklich der mehrerwähnte- Friedrich Schiller. Schiller hat noch zwei andere Xenien Lessing gewidmet, damit flar werde, daß die„ wir", welche Lessing so hoch über das gewöhnlich Menschliche stellten und über deren Geister sein Geist über seines Leibes Tod hinaus die Herrschaft behielt, mit dem gemeinen Haufen der Schriftsteller und Gelehrten jener Zeit nichts zu tun haben wollten, und daß sie sich auch darin mit Lessing eines Sinnes wußten. Das zweite Xenion an" Achilles" lautet sarkastisch: Trost. " Laß Dich den Tod nicht reuen, Achill. Es lebet Dein Name In der Bibliotek schöner Scienten hoch." Darauf: Seine Antwort. Lieber möcht ich fürwahr dem Aermiten als Aderknecht dienen, Als des Gänsegeschlechts Führer sein wie Du erzählst." " Daß der„ Scient" Herr Dühring über solche Schnoddrigfeit" Achills sich recht erzürnen fann, ist erklärlich. Den Männern, welche die Welt als die größten Schriftsteller und Dichter Deutschlands kennt, schließen sich einige Juden" auf deutschen Fürstentronen als Lessingverehrer an. Der Herzog bon Braunschweig hatte Lessing zu seinem Bibliotekar und Hof rat gemacht und ihn zwar nicht allzuoft, aber doch viel öfter als Lessing lieb war, zu Hofe gezogen. Als Lessing starb, ließ der Herzog das Begräbnis ausrichten und schickte seine Würdenträger mit zu Grabe. Um die Teilname an Lessings Tode seitens eines andern " Juden" auf deutschem Trone zu kennzeichnen, mögen unsere 109 Leser gestatten, daß ich ihre Blicke auf ein mehr als ein Jahrhundert altes Zeitungsblatt lenke, die„ Hamburger neue Zeitung" vom 16. März 1781, in der aus„ Schwedt a. d. Oder" geschrieben steht: „ Zur Ehre der deutschen Fürsten und zur Beruhigung der trostlosen deutschen Musen verdient es der Welt bekannt ge= macht zu werden, mit welchem warmen Entusiasmus und patriotischem Geiste Se. kgl. Hoheit der Herr Markgraf von Brandenburg- Schwedt an Lessings Tod Teil nehmen. Dieser erhabene Beschüzer der Wissenschaften und Schauspielkunst hat auf seinem Hofteater, welches sich immer mehr durch Studium, Geschmack, Orchester und Dekoration auszeichnet, der Asche des großen Mannes bei Aufführung von Emilie Galotti ein trauriges Fest feiern, auch Lessings und Shakespeares Büsten dem Vorhang der Bühne einverleiben lassen, auf deren Piedestal man ihre Namen liest mit der Unterschrift: alt 52 Jahr, indem beide Dichter ein gleiches Alter erreicht haben, ein Umstand, der für den empfindsamen Bemerker wohl nicht gleichgiltig ist. Die Bühne, mit einem schwarzen Proscenio bekleidet, stellte einen Eichenhain vor; im Hintergrunde den Tempel der Unsterblichkeit, an dessen Schwellen trauernde Barden lagen; im Innern stand Lessings Büste und Urne auf einem allegorischen Altar; vor dem Tempel auf beiden Seiten mit ihren Attributen: die Natur, Erziehung, Toleranz, Philosophie, Geschichte, Poesie; auch sah man in Medaillons die Namen der sechs großen Schauspiele des Dichters. Unter einer dem Gegenstand angemessenen Duverture, die von der ausdruckbeslissenen Kapelle mit innigem Mitgefühl vorgetragen wurde, erschienen sämmtliche Schauspieler in Trauer mit Lorbeerkränzen und Weihrauch in den Händen; unter ihnen der Herr SchauspielDirektor Müller als Odoardo Galotti, der nach Endigung der Musik folgenden vom Herrn Kabinetssekretär Laur ver fertigten Prolog mit der ihm eigenen Würde und herrlichen Deklamation hielt, alles fühlend, was jeder wahre Schauspieler bei Lessings Verlust fühlen muß: Tot ist Er, tot? Staunt darum ihr so schüchtern Und unmutsvoll mich an? Ihr Weib vor Weib und Mann vor Mann Mit nassen, bleichen, bebenden Gesichtern? Tot ist Er, Lessing tot! Wohl euch, Wenn ihr es fühlt! Weh euch, wenn ihr Es nicht fühlt! Schlimmer wärt ihr dann Als tot Ich denke, diese Beispiele, welche ich um das hundertfache vermehren könnte, werden genügen, des Herrn Dühring beispiellos dreiste und beispiellos bornirte Behauptung, Lessings Ruhm sei von Juden künstlich gemacht worden, gebührend abzutun. In Wahrheit haben die Juden, mit Ausnahme einiger seltenen, über alle Schwächen des Judentums erhabenen Ausnahmen sich zur Zeit von Lessings Leben und Tode garnicht um ihn gekümmert, sie haben z. B. bei den frühesten Aufführungen des Nathan in Berlin durch die Döbbelinsche Truppe, die Annahme Döbbelins, sie würden sich für das herrliche Humanitätsdrama, das einen Weisen ihres Stammes zum Helden hat, interessiren und diesem Interesse durch zahlreichen Teaterbesuch Ausdruck geben, total zuschanden gemacht. Ich könnte damit vielleicht schließen, doch will ich auf das, was p. p. Dühring über Lessings Karakter zu sagen sich unterfangen hat, mit einigen furzen Bemerkungen antworten. Auch Lessings Karakter ist einem Dühring„ judenhaft". Und für diese Judenhaftigkeit führt der Mann das Rencontre Voltaires mit Lessing wegen eines dem ersteren gehörigen Manusfripts an. Nachfolgende, in jedem Worte den Tatsachen getreue Darlegung des Sachverhalts wird über Dührings Wahrheitsliebe und seine Art, das Bild großer Menschen mit den Ausbrüchen seiner Mißgunst zu begeifern, genügende Belehrung bringen. Im Jahre 1759 empfahl einer der berliner Bekannten des zwanzigjährigen Lessing, Richier de Louvain, jenen dem berühmten Freunde des berühmtesten Preußenkönigs, Voltaire, bei dem Richier Privatsekretär war. Voltaire befand sich damals gerade in einer äußerst fatalen Situation, er hatte einen für ihn wenig ehrenvollen Prozeß durchzufechten gegen den Geldjuden Hirsch und mußte alle Minen seiner Schlauheit springen lassen, um nicht schmählich zu unterliegen. Deshalb hatte er Eingaben über Eingaben an die Gerichte zu senden und brauchte zur Uebersezung derselben, die er selbst in französischer Sprache sorgfältigst ausflügelte, einen tüchtigen mit allen Sprachschwierigkeiten und Sprachfeinheiten vertrauten Uebersezer. Als solcher nun bewährte sich der junge Lessing, der selbst verständlich erst sehr allmälich dahinter zu kommen vermochte, daß der höchst verwickelte Rechtshandel Voltaire nur zu Schande gereichte. Im Februar 1751 hatte Voltaires überlegene Ränkekunst den schlauen Juden besiegt ,, und nun begab sich ersterer nach Potsdam, um dort sein Jahrhundert Ludwig des XIV." zu vollenden. Ehe nun dieses Werk der Deffentlichkeit übergeben wurde, sollte es Friedrich dem Großen überreicht werden. Richier de Louvain hatte die für den König und seinen Hof bes stimmten Exemplare auszuwählen und legte dabei ein aus schad haften Bogen zusammengestelltes Exemplar beiseite, das er dann unter dem Siegel der Verschwiegenheit Lessing lich. Lessing begab sich im September 1751 nach Wittenberg, um sich auf der do: tigen Universität die Magisterwürde zu erwerben und nahm das ihm heimlich überlassene Exemplar des Voltaireschen Werkes mit. Durch einen Zufall erhielt Voltaire von der Verleihung dieses einen Exemplars an Lessing, ehe noch der König das Buch gesehen, Kunde und geriet darüber in größten Zorn. Er geberdete sich, als hätte ihn sein Sekretär bestohlen und behauptete, Lessing wolle das Werk jedenfalls nachdrucken lassen. Richier zwang er, an Lessing einen Drohbrief zu schreiben, den er diftirte und der von Lessing sofort, Richier und sich gemessen und würdig entschuldigend, beantwortet wurde. Noch ehe diese Antwort eintraf, muß Voltaire eingesehen haben, daß er in dem Brief an Lessing zuweit gegangen war, denn er schrieb sofort noch einen Brief persönlich an Lessing, worin er Lessing zwar bestimmt, aber höflich zur Zurückgabe des Buches aufforderte. Wie sehr Voltaire damals Lessings Fähigkeiten zu schäzen wußte und wie viel ihm daran gelegen war, mit ihm in geistiger Berührung zu bleiben, geht daraus hervor, daß er in diesem zweiten Briefe selbst Lessing zur Uebersezung des Buches anregte, indem er ausdrücklich betonte, daß es ihm zur Genugtuung gereichen würde, wenn Lessing sich dazu bereit erklärte, ( je serais très satisfait que vous traduisiez le livre en allemand) da es niemanden gebe, der das besser zu machen imstande sei( plus capable de le bien traduire). Lessing lehnte es ab, die Uebersezung auf sich zu nehmen, und damit war die Sache erledigt. Was ist nun an dieser ganzen Affäre, über die weiter garnichts für Lessing ungünstiges bekannt ist, für diesen kompromittirend? Mit Lessings Karakter hat sie garnichts zu tun und für des blutjungen Lessing mächtige Fähigkeiten liefert sie in dem Urteile eines geistig so großen Menschen wie Voltaire einen neuen gewiß schwerwiegenden Beweis. Wo steckt nun die Judenhaftigkeit von Lessings Karakter? Vielleicht darin, daß er den Fürsten und Großen der Erde, trozdem so mancher derselben ihn suchte, aus dem Wege ging, wo er konnte, daß er die, eine glänzende und reichdotirte Lebensstellung bietende, Professur an der Universität Königsberg ausschlug, weil er alljährlich eine Lobrede auf den König hätte halten müssen? Vielleicht darin, daß er vor allen andern großen Schriftstellern deutscher Sprache an die Erziehung und Bildung des ganzen Volkes, des niederen Volfes vornehmlich, dachte und mit seinem Herzblut dafür schrieb und dichtete? Oder vielleicht in seiner grenzenlos aufopferungsvollen Hinneigung zu allem, was arm war und hilfsbedürftig? Selbst Herr Tühring wird nicht fähig sein, zu leugnen, daß der„ Jude" Lessing mehr als einmal sein leztes Goldstück an Bettler verschenkte, die ihm Barmherzigkeit heischend auf der Straße entgegentraten. 110 Die Mutter des Philosophen Garve erzählte einst von Lessing: Er war überaus wohltätig und freigebig. Ich habe ihn öfters vermahnt, bedachtsamer in seiner Freigebigkeit zu sein und an sein künftiges Alter zu denken. Er antwortete mir aber:„ Hoffentlich wird es mir nicht an Geld fehlen, so lange ich noch diese drei Finger habe und es hier( auf die Stirne deutend) nicht fehlen wird. Als ihm einst vorgestellt wurde, daß der Bittende die Unterstützung nicht verdiene, ent gegnete er: Ach Gott, wenn wir nur bekämen, was wir verdienten, wie viel würden wir dann wohl haben! Einer seiner Biographen, der sehr christliche Professor Guhrauer sagt über seinem Karakter, nachdem er den Edelmut seiner Handlungsweise gegen seine Eltern und Geschwister geschildert hat: ,, Und wie er Sohn und Bruder war, war er auch Freund, Gatte und Vater. Die Verteidigung des Unglücklichen tricb er fast bis zur Sophisterei, und jede nur etwas scharfe Beurteilung derselben schalt er den lieblosesten Stolz, dessen sich nur rohe Eigenliebe ohne Selbsterkenntnis schuldig machen könnte. Sein größter Beleidiger, in Not, war vor der geringsten Miene scines Tadels sicher. Sein Zorn oder Widerwille war dann wie abgeschnitten. Unglück war in seinen Augen ein Altar, an dem man auch den Schuldigen unangefochten lassen müsse. Von Seiten seines Herzens ließ sich vielleicht nichts tadeln, als ein Uebermaß von Großmuth Nicht wahr, Herr Dühring dieser Lessing!? " wie„ jüdisch" war doch Der„ Jude" Goethe oder um an dieser Stelle aller Ironie zu entsagen- der große Hellene Goethe war nicht minder als Guhrauer ein Bewunderer von Lessings Karakter. In seinem höchsten Greiſenalter klagte er:„ Ein Karakter wie Lessing täte uns not, aber wo ist jezt noch ein solcher Karakter!" So können wir denn getrost Herrn Dühring entlassen. Zum Schlusse und zum Troste darüber, daß wir uns mit einem Karakter wie Herr Dühring so lange zu befassen hatten, rufen wir uns einen Teil der schönen Verse vor unser geistiges Ohr, die wir bei der Lessingfeier im vorjährigen Februar von den beredten Lippen einer talentvollen und schönen Schauspielerin zu vernehmen die hohe Befriedigung hatten: Selbst hat der Stern längst seinen Lauf vollendet, Jedoch von seiner hohen Himmelswacht Ist uns sein Glanz noch immer zugewendet So fleckenlos, das von der Strahlenpracht Des reinen Lichtes blinzelnd und geblendet Sich grimmig abfehrt das Gewürm der Nacht; Sie habens zu verdunkeln oft gemeint, Allein umsonst, die Sonne Lessing scheint! Weltweisheit, Gotteslehre, Kunst und Leben Fand bei ihm Pflegestatt in Kopf und Brust, Der Mut im Wollen und die Kraft im Streben, Des Urteils Schärfe und des Schaffens Lust, Das alles war dem einen Mann gegeben. Und dennoch, seines Wertes kaum bewußt, Stand er mit seinem heißen Freiheisdrange Vereinsamt und in bittrer Sorgen Zwange. Fest aber stand er, gab uns Werk auf Werke, Unübertrefflich, unerreichbar groß, Warf vor sich in den Staub mit Riesenstärke In seines Wortes fühnem Lanzenstoß Ein zopfig Wesen, daß sein Volk es merke: Das eigne Denken schafft das eigne Loos. Luftreinigend wie Nordwind rief der Meister Zu Tage eine Rebellion der Geister. Er schied in einem sanften Abendrot, Das ihm die Ferne zwar nicht ganz enthüllte, Doch auch den Blick hinein nicht ganz verbot, Wie sie des großen Denkers Sehnen stillte. Wir schau'n ihm nach und sieh! der Himmel loht Von seinem Lichte, das die Welt erfüllte. Laß mich, Titane! deine Stirn umbinden, Wir ehren uns, wenn wir dir Kränze winden. 111 Liebesfrühling im Herbst. Nun weht es rauh und scharf aus Norden, Und immer früher kommt die Nacht; Die Welt ist seltsam ernst geworden, Troz ihrer bunten Laubespracht, Und von der Herbstnacht muß ich träumen, Die weiß die Dächer überreift Und von den Büschen, von den Bäumen Die lezten welken Blätter streift. Es ist so still nur eine Meise Schlüpft auf dem alten Apfelbaum Durch das Gezweig und zwitschert leise Und sträubt wie fröstelnd ihren Flaum. Kein Summen mehr von ems'gen Bienen; Kein Falter irrt, ein Spiel der Luft, Um Astern her und Georginen Und andre Blumen ohne Duft. Durch dürres Laub verfolgt die Rüde Im Wald des flüchtgen Wildes Spur. Das ist die Zeit, da legt sich müde Zurück zum Schlummer die Natur. Der Rede Fluß beginnt zu stocken, Die Lider schließt ein sanfter Druck Und ihren Händen, ihren Locken Entfällt der Blumen bunter Schmud. Von Rudolf Lavant. So oft ich sonst in diesen Tagen Den Wald, mein grünes Reich, gesehn, Schien mir ein scheues, irres Klagen Durch seinen Säulensaal zu gehn, Und meinem Lauschen wollt' es scheinen, Als höre man zu dieser Zeit Ein leises, unterdrücktes Weinen, Ein banges Schluchzen weit und breit. Ich habe dieses trübe Wähnen, In Trauer selber, nicht gescheucht; Mir war so weh von stummen Tränen War Auge mir und Wange feucht. Mir war, sah ich auf allen Wegen Im Wirbeln welkes Laub sich drehn, Als müßt' ich still mich niederlegen, Um nimmer wieder aufzustehn. Auch dieser Herbst hat seine Schauer, Auch er ist wehmutweckend still Wie kommt es nur, daß keine Trauer In meiner Brust sich regen will? Was läßt dies Welken und Vergehen Nur diesmal unberührt den Sinn? Was ist mit mir, in mir geschehen, Daß ich so froh und mutig bin? Du drohst mir scherzend und voll Güte: Wo bleibt dein Vorsaz? halte ein! Es sollte diese Wunderblüte Ja aller Welt verborgen sein! Ich muß es vor der Welt verschweigen, Denn sie ist arg und falsch und schlecht Du gibst mit einem leichten Neigen Des Hauptes deinem Freunde recht? Du weißt, es ward dem Friedelosen In dir der herrlichste Gewinn, Du nimmst des Gartens lezte Rosen Mit heimlich- stillem Lächeln hin. Der Winter kommt und wir frohlocken, Und habens weislich überdacht, Denn Tanzen in der Luft die Flocken, So währet länger ja die Nacht, Und muß nach reichem Liebesmahle Dein Freund hinaus in Nacht und Reis, So dämmert nicht im Ost der fahle, Der immer unwillkommne Streif. Es wird kein Hahnenkrähen schneiden Hinein in Kuß und Liebeswort, Wenn halbe Stunden lang wir scheiden, Es wedt fein: Horch, nun mußt du fort!" Im Dunkel lent' ich heim die Schritte Und wenn vorbei der Wächter geht, So hat im Schnee die Spur der Tritte Der Wind bedächtig zugeweht. Nun gibst du selbst der argen, schlechten Die Fülle unsres Glückes kund?" Und einen Finger deiner Rechten Legst du auf deines Dichters Mund. Des Pirithous( Peirithoos) Kampf mit dem Panter um Helena. ( Bild 5. S. 89). Helena, das schönste Weib der griechischen Sagenpoesie, war die Tochter des Zeus und der Leda, der Gemahlin des Königs Tyndareus in Lakedämon( Sparta). Die Schönheit der Leda zog den höchsten Gott von seinem olympischen Tron herab. Während sie am Ufer des Flusses saß, in dem sie eben gebadet, senkte sich der frauenliebende feurige Zeus in Schwansgestalt mit schneeweißem Gefieder herab und schwamm auf den murmelnden Wellen zu ihr hinan. Arglos sah sie ihn nahen und streichelte liekosend den ans Ufer Gekommenen, der sich an ihren herrlichen Leib schmiegte. Aus der Umarmung des Schwans empfing Leda in ihrem Schoose den Polyd eukes ( Pollux), und die Helena, während in derselben Nacht ihr Gemahl mit ihr den Kast or und die Klytämnestra, die nachherige Gemahlin des Agamemnon, erzeugte. Die Sage läßt Leda zwei Eier zur Welt bringen, wovon jedes halb göttlichen und halb menschlichen Ürsprungs war, indem das eine die Zwillingsbrüder Kastor und Polydeukes, das andere die Zwillingsschwestern Klytaimnestra und Helena in sich schloß. Die Schönheit der Helena entfachte den trojanischen Krieg. Bei der Vermälung des Thessalierkönigs Peleus mit der Meergöttin Thetis( welcher Ehe der gepriesene Held Achilleus entsproß) warf Eris, die Göttin des Zants, in das hochzeitliche Gemach, wo alle Götter und Göttinnen versammelt waren, einen goldenen Apfel, mit der Inschrift: , Der schönsten der Göttinnen!" Here( Juno), Pallas Athene( Minerva) und Aphrodite( Venus) bewarben sich um den Preis der Schönheit und der Sohn des Königs Priamos von Troja, Paris( Alexandros), der auf dem Berge Jda die Heerden weidete, sollte den Streit entscheiden. Jede der Göttinnen verhieß ihm eine Belohnung, Here Macht und Reichtum, Pallas Athene Weisheit, Aphrodite das schönste Weib auf Erden und ihr erteilte Paris den goldenen Apfel. Paris schiffte bald darauf nach Griechenland und wurde von Menelaus, dem König von Sparta und Gemahl der Helena, gastfreundlich empfangen. Während aber Menelaus auf mehrere Tage verreist war, entführte der treulose Gast mit Hilfe der Göttin Aphrodite die schönheitstrahlende Helena und jegelte mit ihr nach Troja, seiner Heimat. Ganz Griechenland, über diese Tat des Fremdlings empört, vereinigte sich, nachdem eine Gesandtschaft vergeblich die geraubte Helena zurückgefordert hatte, zum Kriege wider Troja, der erst nach zehnjährigem Kampf unter der Führung Agamemnons, des Bruders des Menelaus, mit der Zerstörung der Stadt endigte. Helena fehrte mit ihrem rechtmäßigen Gatten wieder nach Sparta zurück. Von der wunderbaren Schönheit Helena's gibt uns Homer, der Sänger des trojanischen Kriegs, einen schwachen Begriff, indem er aus dem zehnten Kriegsjahre von trojanischen Greisen erzählt: Als sie nunmehr die Helena jah'n zum Turme sich wenden, Leise redete mancher und sprach die geflügelten Worte: Tadelt nicht die Troer und hellumschienten Achaier, Die um ein solches Weib ausharren im Elend! Einer unsterblichen Göttin fürwahr gleicht jene von Ansehn! Aber noch vor ihrer Vermählung mit dem bräunlich gelockten Menelaos ( wie Homer ihn häufig bezeichnet) war Helena die unfreiwillige Heldin eines Liebesabenteuers. Die beiden Heldenjünglinge Theseus und Peirithoos, jener ein Sohn des Königs von Athen, dieser ein thessalischer Fürst, deren unzertrennliche Freundschaft im Altertum sprichwörtlich geworden war, und welche viele Heldentaten gemeinschaftlich vollbrachten, kamen nach Sparta, um das Wunder weiblicher Schönheit, deren Ruf ganz Griechenland erfüllte, zu entführen. Es gelang ihnen, und durch das Loos fiel Helena dem Theseus zu, der sie seiner Mutter Aethra in Aphidnä zur Aufsicht übergab. Aber ihre vom Argonautenzug zurückgekehrten Brüder, die Dioskuren Kastor und Bollug, eroberten die Stadt, befreiten die Schwester und brachten sie wieder nach Sparta, um sie später mit Menelaos zu verheiraten. Nach einer Variante der Sage hatte auch der Gott Dionysos( Bacchus) seine Wünsche auf Helena gerichtet und Peirithoos hatte daher bei der Entführung der Helena mit einem Panter zu kämpfen; denn der gefleckte Panther war das dem Dionysos geweihte Tier( weshalb auf bildlichen Darstellungen der Wagen des Gottes von Pantern gezogen wird; es ist die Wildheit und Grausamkeit selber, welche durch den edlen Saft der Trauben gezähmt wird). Diese Scene hat der Künstler in einer lebensgroßen Gruppe zur Anschauung gebracht. Die Aufgabe, welche das Sujet an den Bildner stellt, gehört zu den schwierigsten. Erfordert schon die Behandlung einer Helena, der reinsten Blüte jungfräulicher Schönheit, einen hohen Grad plastischer Meisterschaft, so tritt hier das Weitere hinzu, daß der Künstler eine ebenbürtige Jünglingsgestalt darzustellen hat, und zwar derart, daß der Gegensaß gewaltiger Manneskraft und zarter Weiblichkeit im ganzen wie im einzelnen zum plastischen Ausdruck gelangt; wozu noch der Umstand kommt, daß die Gruppe den hochdramatischen Moment figiren will, wo der Jüngling die teure Beute mit dem linken Arm umschlingt, während er mit dem rechten die Keule schwingt, um die blutlechzende Bestie, die schon eine Branke geschlagen und zum tödtlichen Sprung sich angeschickt hat, zu zerschmettern. Man beachte noch den weiteren Kontrast, darin bestehend, daß das Weib die Furcht und das Zurückweichen, der Mann die mutige Aftion repräsentirt. Auch galt es, den Gegensaz der tierischen und menschlichen Körperformen in ihrer vollen Entfaltung zur Anschauung zu bringen und aus den drei Figuren eine Gruppe zu schaffen, welche sich nach den in matematischen Verhältnissen bedingten Gesezen der Symmetrie, des Linienrhytmus aufbaut. Der Künstler hat diese Aufgaben vorzüglich gelöst. Josef Echteler in München, geb. 1853 zu Legau im schwäbischen Oberland, hat sich in schweren Kämpfen vom Steinmezgesellen durch eigene Kraft und ohne Lehrer zum angesehenen Bildhauer emporgerungen. Tausende haben das großartige Skulpturwerk im Atelier des jungen Meisters bewundert und dessen Namen in alle Welt getragen. St. 112 Ein schöner Frauenkopf.( Bild S. 93.) Wer über Frauenschönheit schreiben will, sagt irgend ein Schriftsteller, sollte die Feder eines Seraphs in Regenbogenfarben tauchen und sein Silber oder Goldpapier mit dem Blütenstaub von Schmetterlingsflügeln bestreuen. Denn fürwahr der Leib des Weibes ist das Hohelied der Lieder, gar wunderbare Strophen sind die schlanken, zarten Glieder. Hier atmet wahre Poesie! Anmut in jeder Wendung! Und auf der Stirne trägt das Lied den Stempel der Vollendung." Wer kann der süßen, holdseligen Macht der Frauenschönheit widerstehen, wer ihrem bestrickenden Zauber sich entwinden? Die größten Helden, die tapfersten Recken schmiegten sich ihrem goldenen Joch, sie verwandelt Löwen in sanfte Lämmer, bannt den unüberwindlichen Sohn der Alkmene in Weiberkleidern an den Spinnrocken und läßt den römischen Triumvir die Weltherrschaft aufgeben, um den Purpursegeln seiner Angebeteten zu folgen. Der Schönheit Ruhm vor Allen sich hebt. Dem Helden tönt sein Name voran, d'rum schreitet er stolz, doch beugt sogleich hartnäckigster Mann, vor der allbezwingenden Schöne den Sinn." Seit den grauen Tagen der Vorzeit bis auf die Gegenwart wetteifern alle Künste in der Verherrlichung weiblicher Schönheit: Pinsel und Meißel läßt sie nicht ermüden und der Leier entlockt sie ihre süßesten Weisen. Es hat zwar Philosophen gegeben, welche an der Frauenschönheit zu Rezern wurden, indem sie dem starken Geschlecht auch die Palme der Schönheit zuerkannten und das Weib als den unvollkommenen Mann bezeichneten; indessen zählt diese Philosophenschule die wenigsten Jünger, und die Meister selbst sollen mitunter ihre Theorie praktisch desavouirt haben. In der körperlichen Schönheit allein manifestirt sich zwar nicht die höchste Schönheit; der Regelmäßigkeit der Formen und der Reinheit des Inkarnats muß die Grazie sich zugesellen, Anmuth in Mienen und Geberden, das seelenvolle Auge, die hold sich kräuselnden Lippen, die durchgeistigten Züge. Erst dann, wenn Intelligenz und Gemüt in ihm sich ausprägen, und die Chariten, die Huldgöttinnen, ihn mit Anmut umspielen, ist der schöne Körper wahrhaft schön. Bei uns modernen Menschen kommt bei der körperlichen Schönheit außer dem Wuchs und den allgemeinen Konturen vorzugsweise das Antlig inbetracht; nicht so bei den Völkern des klassischen Altertums, welche die törichte Scheu vor dem Nackten nicht kannten und einen geschärften Sinn für plastische Formen hatten, bei denen daher der Schwerpunkt nicht in der Gesichtsbildung lag, sondern der plastische Rhytmus der ganzen Gestalt und der einzelnen Glieder die Schönheit bedingte. Frauenschönheit ist ein internationales Gut, doch haben die einzelnen Rassen und Länder ihren eigenen Schönheitstypus. Die Schöne, welche unter Bild vorführt, ist die junge englische Schauspielerin Coralie de Vere, repräsentirt also den englischen Typus, doch nicht den reinen, da das Antlig eine angenehmere Rundung zeigt, als sie der grobknochige englische Typus in der Regel zuläßt. Das englische Volk steht in dem Rufe, reich an schönen Frauen zu sein, indes verdanken die englischen Frauen ihren Schönheitsruf, wie Winckelmann behauptet, mehr ihrem guten Teint, als der Körper- und Gesichtsbildung, und wenn die deutschen Franen es ihren britischen Schwestern hinsichtlich der gesunden Lebensweise und regelmäßiger Körperübungen im Freien gleich tun würden, so könnten sie mit ihnen bald bezüglich der reinen Hautfarbe wetteifern. Den englischen Typus farakterisirt nach Ledebur wesentlich die Schmalköpfigkeit, da die Schädelbildung und der übrige Knochenbau sich wechselseitig bedingen. Das englische Gesicht ist schmaler, länger und konveger als das deutsche; seine Vorzüge sind demgemäß eine schöne Nase, große wolgerundete Augenhöhlen und gute, häufig freilich zu starke Entwicklung des Unterkiefers, auch treten die Backenfnochen nicht übermäßig hervor. Dagegen ist das englische Gesicht, wenn auch regelmäßiger geformt, als das deutsche oder französische, dennoch ausdrucksloser und erscheint weniger malerisch, was von der geringen Entwicklung des Stirnbeins und der zu einfachen Schwingung der Augenbrauen herrührt. Fügen wir noch hinzu, daß das Haar der Töchter Albions selten jene üppige Fülle ausweist, die ein besonderer Schmuck der deutschen Frau ist, so haben unsere Landsmänninnen feinen Grund, ihre Schwestern jenseits der Nordsee zu beneiden, und über die Göttin Venus, die Spenderin der Schönheit, sich zu beklagen. St. Wird das Boot die Landspize umschiffen? Neugierde ist es sicherlich nicht, die auf unserem Bilde( s. S. 96 u. 97) die wetterfeste Gestalt mit dem ausgestreckten Arme antreibt, diese Frage an seinen Nachbar zu richten, und eben so wenig hat die anderen Männer die Absicht zu einer Gruppe vereinigt, sich an einem Schauspiel zu weiden, dessen tragischer Ausgang mehr als wahrscheinlich ist. Daß wir Fischer vor uns haben und daß diese dem Norden angehören, lehrt der erste Blick. Damit ist aber auch gesagt, daß wir die Repräsentanten einer Menschenklasse vor uns sehen, bei denen Entschlossenheit und Biederkeit hervorstechende Karaktereigenschaften sind. Der Künstler, dem wir diese Typen verdanken, konnte daher auch nicht anders, als seinen Kunstprodukten diese lobenswerten Eigenschaften ins Antlig prägen. Und Männer von solchem Schrot und Korn stellen in einem Moment, wie ihn das Bild wiedergibt, die oben zitirte Frage nicht, ohne sie im Falle der Not sofort in Taten umzusezen. Maler Achner, der Schöpfer des Bildes, hat uns darüber freilich im unklaren gelassen, ob das Boot die Landspize glücklich umschifft hat oder nicht, da von dem Boot ja nichts zu sehen ist. Das tut aber auch nichts zur Sache, es genügt zu wissen, daß seine Fischer Manns genug sind, zu helfen, wenn die Umschiffung mißglückt. Das Bild selbst befand sich in der internationalen Kunstausstellung in Wien und zwar in der dänischen Abteilung, da Achner auf Bornholm( 9. Juni 1849) geboren ist. Packend ist die Wirkung des Bildes, das läßt sich nicht leugnen, und wer es betrachtet, muß an den markigen Gestalten sympatisches Wohlgefallen finden. ff. Sommer und Winterquartier.( Bild s. S. 104 u. 105.) Ernst oder Humor? möchte man fragen. Fast scheint es, als ob das niedliche Spielfäzchen ganz gut wisse, welche drollige Rolle es in den improvisirten Saisonquartieren spielt, und es auf den komischen Effekt abgezielt habe. Wer kann sich des Lächelns erwehren beim Anblick des Schnürstiefelchens, in dem unser Hinz liegt, wie ein Baby in seinem Tragkissen. Und hätte sich der Muff je träumen lassen, daß der Scharfsinn eines Kazenhirns ein bequemes Winterquartier in ihm entdecken werde? Die vornehme Besizerin des Muffs wird zwar schlecht erbaut davon sein, daß Hinz es gewagt hat, in dem kostbaren Belz, bestimmt ihre blaublütigen Hände und Rosenfinger gegen die Attaquen des Frosts zu verteidigen, sich häuslich niederzulassen. Hoffentlich siegt jedoch bei ihr der Humor über die Entrüstung, sie wird vielleicht sogar das Ereignis als Sensationsstück für das nächste Kaffeekränzchen ad notam nehmen, und der verwegene Hinz wird diesmal mit einem Verweis entlassen werden. Sprechjal für jedermann. St. Aufruf. Karl August Delgart, geb. den 26. Januar 1844 in Pritzwalt( Ost- Priegniß), ausgewandert nach Amerita im August 1867, war im Jahre 1867 und 1870 in Elkhart( Ind.) in einer Möbelhandlung bei Alexander Pope, und im Jahre 1869 und 1872 in Chicago bei dem Baumeister Miller tätig, hat im Jahre 1872 nach dem Brande von Chicago das leztemal geschrieben, seine lezte Adresse vom 28. Jan. 1872 war in Chicago West Randolph 144. Wer in der Lage ist, über den Verbleib oder das Geschick des Genannten Auskunft zu erteilen, wird freundlichst gebeten, dieselbe der Unterzeichneten zukommen zu laffen. Gleichzeitig ersuche ich freundlich gesinnte Blätter, diesen Aufruf möglichst weit zu verbreiten. Berlin, den 15. Oftbr. 1882. WeRA Stettin Frau Bertha Kraft, geb. Delgart. Krausenstraße Nr. 69. Rebus. Breslau SP Serena. Inhalt: Am Nordpol. Nach dem Englischen von P. Olliverio.( Fortiezung.) Ueber die Ursachen der französischen Revolution. Von C. Fehleisen.( Schluß.) Die Satire im Mittelalter. Von Dr. Richard Ernst.( Schluß.)- Berliner statistische Streiflichter. Eine venetianische Novelle von Max Vogler.( Fortsezung.)- Literarhistorischer Trug hier oder da? Bon Bruno Geiser.- Liebesfrühling im Herbst. Gedicht von Rudolf Lavant. Des Pirithous( Pirithoos) Kampf mit dem Panter um Helena.( Mit Illustration.)- Ein schöner Frauenkopf.( Mit Illustration.) ,, Wird das Boot die Landspize umschiffen?"( Mit Illustration.) Sommer- und Winterquartier. ( Mit Illustration.) Sprechsal für jedermann: Aufruf. Rebus. Allgemeinwissenschaftliche Auskunft.- Aerztlicher Ratgeber. Redaktions- Korrespondenz. Mannichfaltiges. Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart. Redaktion: Neue Weinsteige 23.- Expedition: Ludwigstraße 26 in Stuttgart. Druck und Verlag von J. H. W. Dieß in Stuttgart.