Am Wovöpot. Nach dem Englischen von H'. H l l' i r> e r i o. (4. Fortsezung.) XIV. Tie Nacht war vorüber. Fern und»ab, soweit man vom Garte» schauen konnte, lag alles heiter strahlend im Lichte der Nachmittagssoime. Rings um die Villa her war heiteres, frohes Leben und Weben. Kiuderstinimen tönten aus dein Nachbarhause zur Villa herüber, von der Landstraszc her erscholl hin und wieder das Rollen der vorüberfahrendcn Karre» und Wagen, fernes Plätschern von Rudern und Keuchen der Dampfmaschinen erinnerte an den Verkehr der Dampfschiffe auf dem blauen Meere, welche zwischen der Insel und dem Festland hin und her fuhren Tie Vögel sangen fröhlich zwischen den rauschenden Blättern der Bäume. Im Hause lachten die Mägde bei ihrer Arbeit über heitere Scherze und Erzählungen. Es war eine lustige, schöne Zeit— ei» glänzender, Freude spendender Tag. Die beiden Damen befanden sich im Garten. Sie hatten einen Spaziergang durch die Anlage» gemacht und ruhten nun auf einem lauschigen Pläzchen aus. Nachdem sie einige alltägliche Redensarten über die Schön- hcit des Tages gewechselt hatten, schwiegen sie. Da sich Clara dessen, was sie in ihrem magnetischen Schlaf gesehen hatte, eben so klar bewußt war, wie andere Leute gewöhnlich dessen, was sie im Traum gesehen haben, und an die Vision als an eine übernatürliche Eingebung glaubte, so waren ihr die schlimm- sie» Befürchtungen nun zur entsezlichen Wirklichkeit geworden. Ihre lezte, schwache Hoffnung, Franz in diesem Lebeii� wieder zu sehen, hatte»uu ein Ende. Frau Crayford wußte sehr wohl, was in Clara vorging, Erfahrung hatte sie aber gelehrt. daß vernünftiges Zureden und ruhige Vorstellung nichts weiter als nuzlose Wort- und Zeitvrrschivendung sein würden. Die Neigung, die sie in verflossener Stacht empfunden. Claras im magnetischen Schlaf gesprochenen Worten eine abergläubische Wichtigkeit beizulegen, war mit der Wiederkehr des Tages vcr- schwunden. Ruhe und Uebcrlegung hatten ihr Gemüt besänf- llßt und ihrem klaren, vernünftigen Sinn wieder die Herrschaft zurüchgegcbc». Dachte und fühlte sie auch sonst fast in allen Dingen gleich mit Clara, so konnte sie doch, als sie so indem i i"»armen, schönen Sonnenschein saßen, ihre düstere, hoffnungslose II Verzweiflung an der Zukunft nicht teilen. Die stillen, ruhigen Minuten reihten sich aneinander, eine Stunde verging, während welcher die zwei Freundinnen wortlos nebeneinander saßen. Plözlich erscholl die Torglocke der Villa. Beide fuhren in die Höhe; beide wußten, daß es die Stunde war. zu welcher ihnen der Postbote Zeitungen von London brachte. Wie oft in vergangenen Tage»— viel hunderte und hunderte Male— hatten sie das die Zeitungen umschließende Papier hastig ausgerissen und nach derselbe» Spalte mit der- selben traurigen Mischung von Hoffnung und Verzweiflung ge- schaut! Heute so wie gestern und alltäglich seit Monaten und Jahren trat das Mädchen mit Lucies und Claras Zeitung in der Hand zu den Damen. Haftig wie immer riß Frau Crayford das Streifband von der ihren, Clara aber legte ihre Zeitung ungeöffnet ruhig neben sich auf die Gartenbauk. Schweigend suchte Frau Crayford die Spalte, in welcher die lezten Nachrichten ans fremden Ländern standen. In dem- selben Augenblick, als ihr Auge darauf fiel, stieß sie einen Freudenschrei aus. Tie Zeitung entfiel ihren zitternden Händen und Claras Arm ergreifend, rief sie:„Meine liebe, liebe Clara, endlich Nachricht über sie!" Ohne Antwort, ohne die geringste Veränderung in Blicken oder Wesen, hob Clara die Zeitung vom Boden auf und las die oberste Zeile der Spalte, wo mit großen Buchstaben gedruckt stand: Die Nordpolexpcdition. Sie wartete eine» Moment und blickte zu ihrer Freundin hin. „Kannst du ertragen, es zu hören, wenn ich laut lese?" Zu aufgeregt, um mit Worten zu antlvortcn, machte die Gefragte ungeduldig Zeichen, daß Clara fortfahren sollte. Diese las: Folgende Nachricht ist uns aus St. Johns(Neufundland') zur Veröffentlichung zugegangen. Es geht das Gerücht, daß der Walfischfänger Blythctvood die noch lebenden Offiziere und Mannschaften der Expedition in Davis Street getroffen hat. Viele werden mit Bestimmtheit tot gesagt und einige werden vermißt. Die Liste der Geretteten, welche von den Leuten des Walfischfängers zusammengestellt wurde, kann nicht als absolut richtig ausgegeben werden, da sich der Nachforschung Erscheint alle 14 Tage in Heften& 25 Pfennig und»st durch alle Buchhandlungen und Postämter zu beziehen. [ISÖlJ verschiedene Hindernisse in den Weg stellten. Das Schisf war in seiner Zeit beschränkt, nnd die Mitglieder der Expedition, welche alle mehr oder weniger unter der Crniattnng gelitten hatten, waren nicht im Stande, bei der Nachforschung die nötige Unterstiiznng zu bieten. Hier folgte die Liste der noch Lebenden nach ihrem Range. Sie lasen sie zusammen. Ter erste Name war Kapitän Hel- ding, der zweite Lieutenant Crayford. Tie Freude überwältigte Lncie. Nach einer Weile legte sie den Arm um ihre Freundin nnd flüsterte mit erstickter Stimme: „Meine liebe, liebe Clara, bist du mich so glücklich wie ich? Ist Franz' Nanie mich dabei? Lies mir vor, ich kann selbst nicht mehr lesen, die Buchstaben verschwimmen niir vor den Augen." Mit trauriger Miene entgegnete Clara: „Ich habe nur bis zu deines Mannes Namen gelesen, ich brauche nichts weiter zu wissen." Frau Eraysord wischte sich die Tränen aus den Augen, nahm alle ihre Fassung zusammen und sah selbst in die Zeitung. In der Liste der Lebenden suchte sie vergebens. Franz' Name war nicht darin. In einer zweiten aber,„Tot oder vermißt" überschrieben, standen gleich zu Anfang die beiden Namen: Franz Aldersley. Richard Wardour. Sprachlos vor ftiimmcr und Besorgnis blickte Frau Cray- ford Clara an. Besaß sie bei ihrer schwachen Gesundheit Kraft genug, den Schlag, der sie getroffen, zn ertragen? Ja! Sie nahm ihn mit eigentümlicher, unnatürlicher Resignation hin— sie blickte und sprach mit der trostlosen Ruhe der Verzweiflung: „Ich war darauf vorbereitet," sagte sie.„Ich sah sie ver- gangcne Nacht im Geiste. Richard Wardonr hat die Wahrheit entdeckt nnd Franz mit seinem Leben dafür büßen müssen, und ich, ich allein trage die Schuld daran." Sie fuhr schaudernd zusammen und preßte die Hand aufs Herz.„Wir werden nicht lange getrennt bleiben, Lncie. Ich werde zu ihm gehen. Er wird nicht wieder zu mir kommen." Tic Worte wurden mit so ruhiger, sicherer Ueberzengnng gesprochen, daß sie entsezlich anzuhören waren. Nach einer Weile stand sie auf, um ins Haus zu gehen. Frau Crayford faßte nach ihrer Hand und zwang sie, sich wieder zu ihr zn sezcn. „Blicke nicht, sprich nicht in so entsczlicher Weise, Clara," rief sie.„Worte, wie du sie soeben sprachest, sind eines denkenden Menschen unwürdig, du zweifelst an Gottes Barmherzigkeit. Sieh' her, hier in der Zeitung steht klar und deutlich, daß die Nachricht nicht ganz maßgebend ist, daß man ans weitere Einzel- hcitcn warten soll. Die Worte schon„Tot oder vermißt", zeigen dir, wie wenig die Wahrheit verbürgt ist. Es ist also ebenso leicht möglich, daß Franz nur vermißt, wie daß er tot ist. Tie nächste Post schon kann einen Brief von ihm bringen. Hörst du mich?" »Ja." „Kannst du mir widersprechen?" „Nein." „Ja! Nein! Ist das eine Art, mir zu antworten, wenn ich so bekümmert nnd besorgt um dich bin?" „Es tut mir leid, Lncie, daß ich mich in der Weise ge- äußert habe, wir sehen aber manche Dinge mit verschiedenen Augen an. Ich bestreite ja nicht, meine Liebe, daß deine An- schauung die vernünftige ist." „Du bestreitest es nicht," entgegnete Frau Crayford warm. „Nein! du tust, was viel schlimmer ist, du glaubst an deine eigene Meinung, du beharrst bei deinem eigenen Schluß— während du die Zeitung, die dich eines Besseren belehrt, in der Hand hältst. Glaubst du der Zeitung, oder glaubst du ihr nicht?" „Ich glaube das, was ich vergangene Nacht sah." „Was du vergangene Nacht sähest! Tu, ein gebildetes, kluges Mädchen, glaubst an eine— Vision, eine Vorspiegelung deiner aufgeregten Nerven— einen bloßen Traum! Ich tvun- dcre mich, daß du dich nicht schämst, es einzugestehen!" „Nenne es einen Traum, Lucie, wenn du willst. Ich habe zu anderen Zeiten andere Träume gehabt, die sich erfüllt haben." „Ja!" sagte Frau Crayford.„Ter Zufall mag einmal sein Spiel getrieben haben, daß einer deiner Träume in Erfüllung ging, nnd das beachtest du, denkst darüber nach, und sczest deinen festen Glauben daran. Komm, Clara, sei vernünftig!— Wie nun, wenn der Zufall gegen dich war, nnd deine Träume nicht in Erfüllung gingen? Ihr abergläubischen Leute seid alle gleich. Ihr vergesst füglich eure Träume und Vorahnungen, wenn sie sich als falsch erweisen. Mir zu Liebe, Teure, nicht deinetwegen allein," fuhr sie in weicherem, zärtlicheren Tone fort,„versuche vernünftiger und hoffnungsvoller zu sein. Ver- liere das Vertrauen auf die Zukunft, den Glauben an Gott nicht. Er, der meinen Mann gerettet hat, kann auch deinen Franz retten. So lange wir in Ungewißheit schweben, ist auch noch Hoffnung. Verbittere mir mein Glück nicht, Clara! Ver- suche es, so wie ich zu denken, und wäre es auch nur, um mir zu zeigen, daß du mich lieb hast." Dabei schlang sie den Arm»ni des Mädchens Hals und küßte sie herzlich. Traurig und ergeben antwortete jene: „Ich habe dich lieb, Lucie, ich will es versuchen." Darauf seufzte sie schwer auf und schwieg. Es wäre einem weit weniger beobachtenden Auge als dem Frau Crayfords leider nur zu klar gewesen, daß die eindringlichen Worte keinen guten Eindruck auf sie gemacht hatten. Sie hatte ihre eigene Tenkungsart nicht weiter verteidigt, sprach nicht mehr darüber — die entsezliche Ucbcrzcugung aber, daß Franz von Wardours Hand getötet war, wurzelte fest wie zuvor in ihr. Entmutigt und bekümmert stand Frau Crayford auf und ging ins Hans. XV. Am Wohnstubenfenster der Villa zeigte sich plvzlich ein kleiner, freundlich aussehender Mann, mit glänzenden, klugen Augen, und heiterem, ansprechenden Wesen. An dem feinen, schwarzen Anzug erkannte man sogleich den wohlhabenden, von allen Kranken der Umgegend gesuchte» Arzt. Als sich Frau Crayford deni Hause näherte, kam er ihr eilig bis auf dem Rasen entgegen und hielt ihr herzlich beide ausgestreckteHände hin. „Meine liebe Frau Crayford. nehmen Sie meine innigsten Glückwünsche!" rief er.„Ich habe die guten Nachrichten in der Zeitung gelesen, und hätte mich kaum mehr darüber freuen können, wenn ich die Ehre hätte, Herrn Lieutenant Crayford persönlich zu kennen. Wir wollen zu Hause den Tag feiern. Ich sagte zu meiner Frau, ehe ich fortging: Vergiß nicht eine Flasche alten Madeira zu Mittag heraufholen zu lassen, ivir wollen auf des Herrn Lieutenants Gesundheit trinken! Und was macht unsere interessante Patientin? Die Nachricht ist nicht ganz so, wie wir sie gewünscht hätten, so weit sie Fräulein Burnham betrifft. Ich war, die Wahrheit zu gestehen, ein wenig besorgt über den Eindruck, den sie auf sie gemacht hat, und statte deshalb meinen Besuch früher als gewöhnlich ab. Ich will damit durchaus nicht sagen, daß ich für meinen Teil die Nachricht für eine traurige Neuigkeit ansehe. Es ist ja klar gesagt, daß die Auskunft, soweit sie Herrn Aldersley betrifft, nicht mit Sicherheit gegeben werden kann, und das spricht sehr zu Herrn Aldcrsleys Gunsten. Ich hege die besten Hoffnungen für ihn; und Fräulein Burnham? Ich wage kam zu hoffen, daß sie auf meiner Seite steht?" „ezräulein Burnham hat mich bekümmert und besorgt ge- macht, erwiderte Frau Crayford.„Ich wollte eben nach Ihnen fchicke», als Sie mir entgegentraten." Nach diesen einleitenden Worten berichtete sie dem Doktor ausführlich, was vorgefallen war. Sic wiederholte nicht allein die llnterhaltung zwischen Clara und ihr von heute Morgen, 115 sondern auch die Worte, welche Clara vergangene Nacht im magnetischen Schlafe gesprochen hatte. Ter Toklor hörte aufmerksam zu. Wahrend Frau Crayfords Mitteilung schwand nach und nach das ruhige Lächeln von seinem Gesicht und zum ernsten Mann verwandelt, stand er, als sie zu Ende war, gedankenvoll vor ihr. .Führen Sie mich zu ihr," sagte er. Cr sezte sich neben Clara, und blickte ihr prüfend, seine Hand an ihrem Pulse, ins Gesicht. Zwischen den, träumerischen, geheimnisvollen Temperament der Patientin und dem offenen, praktischen Siaraktcr des Arztes herrschte wenig Cympatie. Clara konnte den Mann nicht leiden. Nur widerwillig unterwarf sie sich seinen ärztlichen Jorscknngcn. Er fragte— sie antwortete widerstrebend. Einen Schritt weiter gehend— der Toltor ließ sich nicht leicht cntmatigc»— richtete er ihre Aufmerksamkeit ans die Nachrichten über die Expedition, und sprach darüber in der von Frau Crayford bereits eingehaltenen Weise. Clara zeigte sich abgeneigt, diese Frage noch einmal zu erörtern. Mit höflicher Förmlichkeit erhob sie sich und bat sich Erlaubnis aus, nach dem Hause zurückkehren zu dürfen. Ter Toklor wider- stand nicht länger und antwortete, sich in den Mißerfolg seiner Ausgabe sügrnd:.Gewiß, Fräulein Buniham." Zuvor aber hatte er Frau Crayford einen Blick zugeworfen, welcher deutlich sagte:.Bleiben Sic hier bei mir!" Clara venicigte sich kalt und förmlich und ließ die beiden allein zurück. Ter Toklor folgte der noch immer anniutigen Gestalt des sich langsamen Schrittes entfernenden Mädchens mit den Augen, in denen Frau Crayford mit großer Bekümmernis den Ausdruck ernster Besorgnis las. Erst als Clara unter der Veranda, welche an der dem Garte» zu gelegenen Seite des Hauses entlang lies, verschwand, begann er: „Sagten Sie mir nicht, daß Fräulein Burnham weder Vater noch Mutter mehr bcsizc?" „Ja. Sie ist Waise." „Hat sie nahe Verwandte?" „Nein. Sie können sich nur gegenüber, als ihre Hüterin und Freundin, aufrichtig über sie aussprechen. Fürchten Sie für sie?" „Ich hege ernste Besorgnis. Vvr zwei Tagen erst war ich hier, und finde sie seitdem auffallend zum Cchlimmen verändert. Physisch wie moralisch. Beunruhigen sie sich darum nicht nuz- los. Ich versichere Sic, es gibt noch Mittel zur Wiederher- stelluiig ihrer Gesundheit. Unsere große Hoffnung ist, daß Herr Aldersley noch lebt. Ist das erwiesen, so hege ich nicht die mindeste Befürchtung sür die Zukunft mehr. Ihre Heirat würde sie zur gesunden und glücklichen Frau machen. Wie die Sache aber liegt, muß ich gestehen, jürchte ich den bösen Einfluß ihrer festen Ucbcrzeuguug, daß Herr Aldersley nicht mehr am Leben ist und ihr eigener Tod bald erfolgen wird. In ihrem äugen- blicklichen Gesundheitszustand muß die gefaßte Idee, die ihr Tag und Nacht keine ruhige Slnndc lasse» wird, ihren bösen Einfluß aus Körper und Geist haben. Wenn wir sie von diesem unseligen Gedanke» nicht abbringen können, so wird der lezte Nest ihre Kraft bald aufgezehrt sein. Wollen Sie noch anderen ärztlichen Rat hören, so, bitte, senden Sie danach. Meine An- ficht kennen Sie nun." „Ihre Ansicht genügt mir vollkommen." enviderte Frau Crayford.„Uni Gottes willen, sagen Sie, was können wir tun?" „Versuchen wir es mit gänzlicher Veränderung und bringen wir sie von hier fort." „Tas wird sie sich nicht gefallen lassen. Schon mehr als einmal schlug ich ihr einen Ortswechsel vvr, sie sagt aber stets nein." Einen Augenblick lang schwieg der Toktor und überlegte. dann enviderte er: „Ich hörte auf dem Wege hierher c-twas. das mich aus den Gedanken bringt, eine Mctode einzuschlagen, die sicherlich diese Schwierigkeit beseitigt. Wenn ich mich nicht gänzlich irre, ivird Fräulein Burnham zu dem Ortswechsel, den ich im Sinne habe, »icht nein sagen." „Und ivelchcr wäre das?" fragte Frau Crayford begierig. „Verzeihen Sie, wenn ich meinerseits eine Frage an Sie richte, bevor ich Ihnen antworte. Sind Sie so glücklich, in irgend ivelchcr Beziehung zu der Admiralität zu stehen?" „Gewiß, mein Vater ist Sekretär bei derselben und zwei andere Herren der Admiralität sind sehr befreundet mit ihm." „Vortrefflich! Nim kann ich offen reden, ohne Sie zn ent- täuschen. Nach dem, was ich Ihne» schon sagte, werden Sic mir beistinimen, daß die einzige Aenderung in Fräulein Burn- hams Leben, die ihr von irgend welchem Nuzen sein kann, eine solche sein muß, welche die augenblickliche Stimmung ihres Ge- mütes verändert. Sezcn Sie sie in die Lage, nicht mit Hülfe ihrer eigenen krankhaften Einbildungen und Visionen, sondern durch wirkliches Schauen und Handeln zn entdecken, ob Herr Aldersley noch lebt oder nicht, dann wird das hysterische Blend- werk, welches jezt ihre Gesundheit so cntsezlich untergräbt, ein Ende haben. Angenommen selbst, das Schlimmste sei geschehen, und Herr Aldersley im Eismeer umgekommen, so wird es ihr weniger schädlich sein, wenn sie die positive Wahrheit entdeckt, als wenn der krankhafte Aberglaube und die krankhaften Grübe- leien an ihrem Geiste Wochen und Wochen lang, bis die nächsten Nachrichten über die Expedition nach England kommen, herum- nagen. Mit einem Wort: ich möchte, daß Sie bis Ende dieser Woche Fräulein Burnhams gegenwärtige Ueberzeugung auf eine praktische Probe stellen. Wie also, wenn Sie zu ihr sprächen: ,—, Unsere Meinungen, liebe Clara, über Franz Aldersley gehen auseinander. Tu behauptest, ohne den leisesten Schatten eines Grundes dafür, er sei sicher tot, und mehr noch, er sei durch die Hand eines seiner Kameraden gestorben. Ich behaupte, ge- stüzt auf die Nachrichten in der Zeitung, daß nichts der Art geschehen ist, und vieles dafür spricht, daß er noch unter den Lebenden weilt. Was sagst du zn dem Vorschlage, nach dem Eismeer zu fahren, und zu sehen, wer von uns beiden recht hat?' Denken Sie, Fräulein Burnham wird dazu nein sagen? Wenn ich die menschliche Natur nur einigermaßen kenne, wird sie die Gelegenheit als ein Mitiel ergreifen, Sic zn dem Glauben an das zweite Gesicht zu bekehren." „Großer Gott, Doktor! Willen Sic mir damit sagen, wir sollen zur See, der Nordpolexpeditio» entgegen gehen?" „Nichtig geraten, Frau Crayford! Das ist es, was ich meine." „Wie aber solle» wir das anfangen?" „Tas will ich Ihnen soglcick, auseinandersezen. Nicht wahr, ich erwähnte, daß ich aus dem Wege hierher etwas gehört hätte?" „Ich begegnete also an meiner Gartentüre einem alten Freunde, der mich ein Stück begleitete. Er erzählte mir, daß er gestern Abend bei dem Admiral in Portsmouth gespeist habe. Unter den Gästen befand sich auch ein Mitglied des Ministerrates, welches die Nachricht über die Expedition mit von London herüber gebracht hatte. Ter Herr äußerte gegen die Gesell- schaff, daß die Admiralität sehr wahrscheinlich sogleich einen Dampfer aussenden werde, um die Geretteten von der Küste Amerikas heim zu holen. Unterbrechen Sie mich nicht, Frau Crayford.— Es weiß noch niemand, unter welchen Bestimmungen und Anordnungen das Schiff fahren wird. Bei ähnlichen Um- ständen sind Bevorzugte als Passagiere oder vielmehr als Gäste auf Ihrer Majestät Schiffen mitgenommen worden, und was bei früheren Gelegenheiten gestattet war, wird ohne Zweifel auch jezt gestattet sein. Ich kann Ihnen nicht mehr sagen. Wenn Sie für Ihre Person sich vor der Reise nicht fürchten, ich fürchte nichts sür meine Patientin. Nun, was meinen Sie? Wollen Sic an Ihren Herrn Vater schreiben und ihn bitten, zu ver- suchen, was er in Ihrem Jntereffe bei seinen Freunden unter der Admiralität auswirken kann?" Erregt sprang Frau Crayford auf. „Schreiben!" rief sie.„Ich werde mehr tun, als das. Die Reise nach London ist eine Kleinigkeit, und meine Haushälterin ist eine zuverlässige Person, die für Clara während meiner Ab- 116 wescilheit sorgen wird. Heute Abend noch werde ich meinen Vater sehen. Er wird sicher seinen ganzen Einfluß bei der Admiralität geltend machen— darauf können Sie Sich vcr- lassen. Ach � lieber Doktor, was sind das für Aussichten! Mein Mann! Clara! Wie prächtig Sie Sich das alles ansgc» dacht haben! Sie sind ein wahrer Schaz! Wie soll ich Ihnen danken?" �_ �Fassen Sie Sich, meine liebe Freundin. Seien Sic des Erfolges nicht zu sicher. Wir wollen vor der Hand Fräulein Bnrnhams Einwände als beseitigt betrachten, wie aber, wenn die Herrn der Admiralität ,nein' sagen?" „In dem Falle, Herr Doktor, bin ich in London, und gehe selbst zu ihnen. Die Herrn sind auch nur Menschen, und ich bin an den Menschen nicht ge- wohnt, daß sie mir eine berechtigte Bitte ab- schlagen." So trennten sie sich. Eine Woche später der- ließ Ihrer Majestät Schiff „Amazone" England, um Nordamerika zuzusegeln. Einzelnen bevorzugten Personen, welche beson- dcrcs Interesse an den Nordpolfahrern hatten, war es gestattet, die leeren Staatszimmer an Bord zu beziehen. Ans der Liste dieser begünstigten Gäste des Schiffes standen die Namen zweier Damen: Frau Crayford und Frän- lein Burnham. XVI. Wieder das weite Meer; das Meer, dessen Wogen sich an den Usern Neufundlands brachen! Auf offener See lag ein englischer Dampfer vor Anker. Er ivar durch die offene Türe eines großen Böothauses, welches Ge- bände zu der Fischerkolonie an der Küste der Insel gehörte, deutlich zu sehen. Augenblicklich die ein- zigc anwesende Person in der Hütte war ein Mann in der Tracht der Ma- trosen. Er saß auf einer Kiste und blickte, ein Seil in der Hand, untätig hinaus auf das Meer. Auf dem roh gezimmerten Tisch neben ihm lag, an solchem Ort ein merkwürdiger Gegenstand— ein Tamenschleier. Tas Schiff, welches ans offener See vor Anker lag, war die Amazone. Sie hatte ihr Ziel erreicht. Bor drei Tagen hatte sie die noch übrigen Mitglieder der Nordpolerpeditio» an der Küste Nordamerikas aufgenommen. Tic Heimfahrt war aber durch den Stnrnl, der das Schiff verschlagen hatte, aufgehalten worden. Am dritten Tage, die erste Windstille benuzend, hatte der Kommandeur der„Amazone" an der Küste Neufundlands Anker geworfen, um neuen Wasservorrat vom Lande holen zu lassen, bevor er die Fahrt nach England fortseztc. Tie matten Passagiere waren auch für einige Stnndcn ans Land gefahren, nm sich von dem Unbehagen, welches ihnen der Sturm verur- sacht hatte, zu erholen. Unter ihnen befanden sich auch die zwei Damen. Der im Boothans zurückgebliebene Schleier gehörte Clara. Und wer war der Man» auf der Küste? Die einzige heitere Person der Schiffsgescllschaft— mit anderen Worten— Johann Want. Unser Freund, der noch immer sinnend auf das Meer hinaus- Du Tenncll schaute, wurde plözlich durch die Stinimc eines in der �ürc erscheinenden Matrosen überrascht: „Gehe hurtig an deine Arbeit. Johann Want. Lieutenant Crayford.kommt gleich, um nach dir zu sehen." Mit dieser Warnung verschwand der Bote wieder. Bor sich hinbrummend, stand Johann Want auf, drehte die Kiste »ich machte sich daran, den Strick um dieselbe zu besestifK"' llniev Schiffskoch war nicht der Mann danach, wie seine Ka« meraden, auf seine Rettung mit dem Gefühl ungemischter Bc- fricdignng zurück zu blicken, im Gegenteil, er war undankbar genug, dm Nordpol zu vermissen. »Wenn ich nur vorher, che ich gerettet wurde, gewußt halte> daß man mich hierher bringen wollte," sagte er zn sich,„ich glaube, da wäre ich lieber am Nordpol geblieben. Ich war doch sehr glücklich, als ich dort alle noch bei gutem Mute er- hielt. Die Sache im rechten Lichte besehen, denke ich doch, ich siihlte mich sehr behaglich am Nordpol, hatte ich es nur damals gewußt. Ein anderer an meiner Stelle würbe sich versucht fühle», zu behaupten, daß dieses Neufundländer Boothaus ein ziemlich schmuzigcr, schlammiger, schlechter Fleck ist, um darin „Puh, nach deinem brummigen Gesicht zu schließen, möchte man glauben, unsere Rettung aus den Regionen des Nordpols sei ein großes Unglück gewesen. Du verdientest eigentlich dahin zurückgeschickt zu werden." „Ich würde eben so vergnügt sein, wie immer, wenn ich wieder hingeschickt würde. Ich hoffe, daß ich dankbar bin; ich höre aber nicht gern, daß der Nordpol an einem so sumpfigen Orte, wie dieser hier, schlecht gemacht wird. Dort am Nord- Unterkunft zn suchen. Ein anderer würde sich bedanken für den pol war es rein und schneeig und hier ist es feucht und schmuzig. Haben Sie Ihre Unochen- snppe noch nie vermißt, Herr? Ich, wohl. Sie mag nicht stark gewesen sein, aber heiß; und die Kälte schien ihr so eine Art Flcischgeschmack zu geben, wenn sie die Kehle hinunterlief. Waren Sie es. Herr, der lezte Nacht so lange hustete? Ich er- laude mir durchaus nicht etwa, ctivas gegen die Luft dieser Breitengrade zu sagen, ich wäre aber froh, zu hören, daß Sie es nicht waren, der so hohl hustete. Würden Sie wohl die Güte haben, die Taue einmal mit Ihren Finger- spizen anzufassen, Herr? Sie können sie dann ans dem Rücken meiner Jacke trocknen." „Du solltest einen Stock auf den Rücken deiner Jacke haben. Trage die Kiste gleich auf das Boot hinunter. Du brummiger Bursche! Du hättest auch im Garten Eden gc- brummt." Der Philosoph der Expedition war nicht der Mann, der nun still gc- Wesen wäre bei dem Hin- lvcis auf den Garten Eden. Das Paradies selbst war für Johann Want nicht vollkommen. „Ich glaube, ich könnte überallvergnügt sei», Herr, aber da Sie einmal meine Meinung hören wollen, die Blumenbeete im Garten Eden haben gewiß sehr � 13o.) viel Mühe gemacht." Mit dieser nnvcrgleich- liehen Gegenrede nahm Jo- civigen Neufundländer Nebel, ewigen Neufundländer Stockfisch. Hann Want die Kiste auf den Rücken und trug sie langsam zur und die ewigen neusnndländcr Hunde. Am Nordpol hatten wir Hütte hinaus. doch ein paar hübsche Bären. Aber gleichviel, mir ist alles Als sich Crayford allem befand, sah er nach seiner Uhr. gleich— i* brumme nicht." rief einen Matrosen vor dem Boothause herein und fragte: „Hast du die Kiste fertig geschnürt?" i..Wo sind die Damen?" Lieutenant Crayford stand in der Türe.!»Fron Crayford kommt ,oeben da her, Herr. Sic war hinter I" seiner freundliche» Weise entgegnete Johann Want:, Ihnen, oW Sie m das Haus gingen.'' „Ich habe es so gut ich konnte gemacht, Herr; aber der cnlsezliche Nebel sängt schon an auf unsere Taue zu wirken. bon den Lnngeu rede ich garnicht, ich sage nur uiiserc Taue. „Ist Fräulein Burnham bei ihr?" „Nein, Herr. Fräulein Burnham ist unten an> Ufer bei den anderen Passagieren. Ich hörte, wie die junge Dame nach Crayford schien seinen früheren Geschmack für Wants schlechte �hnen fnig, Herr. C Laune verloren zu haben, denn er entgegnete scharf: I»Nach mir? sagte Crayford überlegend, und fugte le.icr und ernster hinzu:„Sagen Sie lieber Fräulein Burnham, daß Sie mich hier gesehen haben." Ter Mann grüßte und ging. Crayford schritt im Bvot- Hause auf und ab. Obgleich er vom Tode in den Oeden des Nordpols errettet und mit seinem schönen Weibe wieder vereinigt war, sah er doch unsagbar bekümmert und gedrückt aus. Woran mochte er wohl denken? Er dachte an Clara. Am ersten Tage, an denen sich die Geretteten an Bord der„Amazone" befanden, hatte Clara nicht allein Crayford, sondern auch all die anderen Offiziere der Expedition durch die Art, in welcher sie nach Franz Aldcrsley und Richard Wardour fragte, in Verlegenheit gebracht. Sie hatte keine Spur von Kummer oder Verzweiflung gezeigt, als sie hörte, daß man nichts über die zwei Vermißten erfahren hatte. Sie hatte sogar traurig vor sich hin gelächelt, als Cray- ford, aus Mitleid für sie, erklärte, daß er und die Kameraden die Hoffnung, Franz und Wardour wieder zu sehen, noch nicht ausgegeben hätten. Obgleich sie ruhig sprach, verrieten ihre ersten Worte doch, daß derselbe Verdacht in ihrer Seele lauerte, wie ihn auch Crayford hegte: es mußten böse Tinge vorgc- fallen sein. Der Lieutenant war darüber so bekümmert und seine Kameraden so betreten, daß alle einer Antwort unfähig sie sprachlos anstarrten. Tie Vorboten des Sturmes, welcher bald daraus losgebrochen war. zeigten sich schon am Himmel und auf der See. Crayford erfaßte die Gelegenheit, um sich kurz ent- schuldigcnd die Kajüte, in der das Gespräch stattgefunden hatte, verlassen zu können, und seine Kameraden fchüzten, seinem Bei- spiel folgend, ihre Pflichten auf Teck vor und gingen, wie er. (Jortsczung MoW Spin Ein Gedenkblatt zu seinem 250 jährigei Von Dr."jHid? Wie»ngchcuer steht dein Bild vor mir. Goethe. Tas Altertum wie das Mittelalter, so sehr sie in ihrer Weltanschauung wie im praktischen Leben divcrgirtcn, stimmten doch darin überein, daß sie die lczte Ursache des Seins und Werdens nicht in der Welt selbst erblickten, daß ihr die Materie und die ihr innewohnenden Kräfte zur Erklärung ihrer Existenz und der mannigfaltigen Erscheinungsformen unzureichend schien, weshalb sie transzendente oder außernatürliche ewige Mächte, göttliche Wesen, annahmen, denen sie die Erschaffung, Erhal- tnng und Regierung der Welt zuschrieben. Tie Erkenntnis, daß die gefainnckc Erschcinungswelt, mit Einschluß des Menschen nnd seines Geisteslebens,. sich aus der Substanz und den ihr immanenten Kräften vollkommen erklärt und daß daher alle über- natürlichen Wesen als Geschöpfe menschlicher Phantasie in das Reich der Fabel zu verweisen seien, mit einem Wort, die naturalistische Weltanschauung ist erst in den leztcn Jahr- Hunderten aufgedämmert, nnd wenn sie sich auch nur mühsam Bahn gebrochen hat und noch in der Gegenwart nur Verhältnis- mäßig wenige Menschen von ihr erleuchtet sind, während die meisten noch immer der snpranaturalen oder niytvlogischen Welt- anschanung mehr oder niindcr konsequent huldigen, so hat doch bereits unser ganzes Kulturleben ihren heilsamen Einfluß verspürt und einzelne Kreise desselben verdanken ihr schon jczt ihre rationelle Neugestaltung.— Ter kühne Tenker, dessen gewaltiger Geist erstmals den Nebel durchbrach, welcher ehemals das mensch- lichc Denken umfing, der Mann, dem die Menschheit die neue Offenbarung verdankt, der alle Gözen und Wahngebilde zer- trüinmcrte, vor welchen die Menschen bis dahin in Furcht Gc- wohnheit und Gedankenträghcit ihr Knie gebeugt hatten, und ein philosopisches System aufbaute, dessen festes Gesüge die massiven Bausteine strengsten logischen Denkens bilden, auf dessen glän- zcndcu Zinnen das beglückende Banner der Humanität aufge- pflanzt ist, heißt Benedikt Spinoza. Was ein Kopernikus, Newton und Kepler für die Astro- nvmie gewesen sind, das war Spinoza für die Philosophie. Skizzircn wir zunächst den Lebcnsgang des Mannes, der als granitner Karaktcr nicht niindcr imponirt wie als cpoche- machender Denker. Wenn ,vir sagen„skizziren", so wählen wir diesen Ausdruck auch mit Rücksicht darauf, daß. wie Kuno Fischer bemerkt, das einsame und tiefsinnige Leben Spinozas von seinen Zeitgenossen zu wenig gekannt wurde, um einen genauen und treffenden Darsteller zu finden. Daher wurde es nur nach seinen Umrissen beschrieben und in Notizen zusammengestellt, die von dem Leben des Philosophen selbst eine undeutliche nnd höchst o} a. Geburtstag am 24. November 1882. r6(S r n ft. fragmentarische Anschauung gewähren. Auch ist die Glaubwür- digkeit dieser Nachrichten wohl zu bedenken. Denn ein gewisser Fanatismus bemühte sich eifrig genug, das Bild Spinozas zu bestecken, und da gerade danials der blinde Glaubenscifcr das große Wort führte, so erklärt es sich leicht, wie dieses Zeitalter weder Verstand noch Gerechtigkeit genug besaß, diesen Karaktcr nnd dieses Leben gebührend zu würdigen. Tas Leben Spinoza's wurde verfälscht, und namentlich sein Tod, der nur einen Zeugen gehabt hat, durch niutwillige Lügen entwürdigt. Es war den Freunden Spinozas nicht vergönnt, das Bild des Mannes aus den Verzerrungen wieder herzustellen, die ihm die erfinderische Phantasie seiner Feinde angedichtet hatte, denn jede Rechtfertigung Spinozas wurde ebenso verfolgt als dessen Lehre. Spinoza war tot, seine Anhänger mußten stumm sein, so konnten seine Gegner ungehindert ihr Spiel mit dem geächteten Philo- sophcn treiben. Unter diesen Umständen muß man es dem Schicksal Tank wissen, daß sich unter Spinozas Gegnern ein Biograph fand, der zwar das unverständige Urteil der Zeloten teilte, aber sich wenigstens, so weit es möglich war, von dem ungerechten Urteil rein hielt; der beschränkt genug war, um Spinoza wegen seiner Gedanken zu verabscheuen, aber nicht schlecht genug, um den glänzenden Karaktcr desselben anzutasten. Dieser Biograph, der die richtigste und nächste Onelle für das Leben Spinozas darbietet, ist Colerus, Prediger an der lnteri- scheu Kirche im Haag. Benedikt, ursprünglich Barnch Spinoza, wurde am 24. November 1632 zu Amsterdam geboren. Er stammte aus einer jener unglücklichen Judcnsamilicn, die aus Spanien und Portugal durch die christliche Liebe vertrieben worden waren, zun, Tank dafür, daß es Juden gewesen, welche gemeinsam mit den dort wohnenden Arabern oder Mauren diese Länder des schönen Südens durch Fleiß und Betriebsamkeit, vor allem aber durch ihre Liebe für Kunst und Wissenschaft auf eine bcwun- denswertc Höhe des Wohlstandes und der Bildung gehoben hatten. Das Christentum ließ ihnen die Wahl, entweder kato- lijch� zu werden oder in die Verbannung zu wandern. Tie meisten wählte» das lcztere. unter ihnen auch Spinozas Vater, der Kaufmann d Espinosa. Er zog niit den Seinen»ach de» Niederlanden, die sich kurz zuvor von der spanischen Herrschast losgemacht nnd der Freiheit eine Freistätte gegründet hatten, nach Amsterdam, dem Sammelpunkt aller Geächteten und der ersten Gelehrten seiner Zeit überhaupt.— Barnch erhielt von Kindheit an de» herkömmlichen hebräisch-rabbinischcn Unterricht, und tm er zum Rabbiner bestimmt war, wurde er bald in die judische Tcologic eingeführt, besonders durch den Rabbiner Morteira. Tie außerordentlichen Fähigkeiten, welche früh in dem Knaben hervortraten, gewannen ihm bald die Anerkennung seiner Lehrer. Die Bibel, der Talmud und später die Kab- balah(jüdische Mystik) gaben dem Geiste Spinozas die erste Nahrung; aber dieser ganze Umfang jüdischer Gelehrsam- keit vermochte nicht, ihn zu befriedigen. Der Wissenstrieb stachelte Spinoza, über den beschränkten Kreis der Studien hinauszugreifen, welche in Morteiras Lchrhaus betrieben wnr- den. Er vertiefte sich in die Schriften älterer jüdischer Denker, besonders des Jbn-Esra. Maimonidcs und Chasdai Crescas, und diese verschiedenen Wissenselemente wogten und gährte» in seinem nach Klarheit ringenden Geiste und erregten quälende Zweifel in seinem Innern, wozu am meisten Jbn-Esras vcr- deckter Unglaube beigetragen hat*) Schon als fünfzehnjähriger Jüngling soll Spinoza seine Zweifel in Form von einschnei- dende» Fragen an seinen Lehrer Mvrteira ausgesprochen habe», welche diesen nicht wenig in Verlegenheit sezten. Zu diesen aus der jüdischen Literatur ihm zngeführtcn skeptischen Elementen kamen von außen neue hinzu. Spinoza lernte auch Lateinisch. Tie Kenntnis dieser Sprache vermehrte nicht blos de» großen Umfang von Sprachkenntnifse», die Spinoza bereits hatte— er verstand Portugiesisch, Spanisch. Italienisch, Deutsch und Flamlandisch— sondern was wichtiger ist, sie erschloß ihm das Altertum und die Philosophie und machte aus dem nnbc- friedigten Teologcn einen begierigen Schüler des Humanismus. Ter praktische Arzt Van der Ende, der sich durch seine llas- fische Gelehrsamkeit>vie durch seine natimvisscnschaftliche und humanistische Bildung seit Jahren einen großen Kreis von Schülern gebildet hatte, wurde der Lehrer des jungen Spinoza. In dem Hause dieses später als Freigeist verdächtigten Mannes scheint sich die Krisis im Geiste Spinozas vollzogen zu haben. Tie Naturwissenschaften. Matematik und Physik, die er mit Liebe betrieb und die neu anfgctanchte, impoiante Philosophie des Cartesius(Renii Tescartcs), erweiterten seinen Gesichts- kreis und klärten seine Urteilskraft, und je mehr ihm aus ver- schiedencn Kanälen neue Gedanken zuströmten, je mehr sein Geist wuchs, dcstomehr entfremdete er sich dem Offenbarungsglauben, und es bedurste nicht erst der Liebe zu van der Endes schöner Tochter, um ihn dem Judentum abwendig zu machen. Tie gc- lehrte Tochter des Arztes nämlich, Olympia(Klara Maria), gab bisweilen statt ihres Vaters Lektionen, und Spinoza soll von einer lebhaften Neigung zu dem im Geiste des Vaters gc- bildeten Mädchen ergriffe» Ivorden sein, so daß er mit dem Gedanken umging, sie zu heiraten. Aber diese zog dem armen jüdischen Philosophen eine» wohlhabenden und angesehenen Kauf- mann aus Hamburg Namens ütcrkering vor, der ihre Wahl durch ein kostbares Geschenk bestimmte. Es war die erste und �»zigc Frauenliebc Spinozas, ein romantischer, vielleicht heftiger vbrr flüchtiger Wellenschlag in diesem großen Leben. Eine höhere Liebe, der sokratische Eros, die Liebe zur Wahrheit, er- lullte fortan seine Seele und sie, die ihn zu einem ihrer größten Propheten ausersehen hatte, duldete keine Nebenbuhlerin. Ten Wften und wichtigsten Grundsaz der Cartcsischcn Philosophie, dafe»ran nur für wahr halten dürfe, ivas man klar und deutlich einsehe, was die unbefangene und freie Vernunft anzunehmen u»s nötigt, eignete sich Spinoza vollkommen an und führte ihn lkvrctisch und praktisch durch. Er trennte sich von seinen Glau- bensgenossen, beachtete die zahlreichen Zcremonialsazungcn nicht wehr und hörte ans, die Synagoge zu besuchen. Es mag ihm kiuen schwrrcn Kampf gekostet haben, de» Juden völlig ans- und den reinen Menschen völlig anzuziehen. Weiß man doch, m't wie vielen Fasern besonders das jüdische Rrligionswesen "" Gemüt, im Familiciigesühl wurzelt, wie uns das Gutzkow w seinem.Uricl Akvsta" meisterhaft geschildert hat. Aber vinoza mar eine ebenso bedeutende sittliche Natur wie ein *) Jbn-Jsra an« Toledo. 1088-1107, ein Gelehrter voll Geist «>., Wrudelndem Wiz, war hell genug, einzusehen, daß die o Bucher nicht von Moses herrühren tonnen. und er deutet in lemem J�ornmentar auf die fraglichen Stellen hin, jedoch in einer«öeije, "'hm der Fanatismus nichts anhaben tonnte. tiefer Denker. Etwas für unwahr in der Teorie halten und es doch aus Furcht, Gewohnheit oder Vorteil praktisch mit- machen, war für ihn ganz unmöglich. Das läßt sich nicht von allen rühmen, die von einer besseren Ueberzeugung als die her- kömmliche ist, durchdrungen sind. Viele verhüllen dieselbe sorg- fältig unter dem Mantel der Klugheit oder sie sprechen sie blos tcoretisch aus, fügen sich aber— und das versöhnt die Menge — im praktischen Leben der öffentlichen Meinung. Spinozas Vorgänger Cartesius bietet das praktische Beispiel hierfür. Der- selbe Philosoph, dessen System jeder Autorität den Krieg er- klärte, dessen Philosophie folgendes Räsonnement zur Grundlage hat:„Soll etwas Festes in der Wissenschast hergestellt werden, so müssen alle Voraussezungen und Annahmen, mit denen wir uns von Kindheit an getragen, zerstört werden, so müssen wir an allem zweifeln, nicht nur an der Existenz der sinnlichen Dinge, da die Sinne vielfach täuschen, sondern auch an den Wahrheiten der Matematik, beispielsweise daran, daß 2+ 3= 5 oder daß die Winkel eines Dreiecks zwei rechten Winkeln gleich sind. Es ist daher ratsam, an allem zu zweifeln, selbst an unserer eigenen Existenz. Denn wie manchmal kam es schon vor, daß jemand Schmerzen an eipem Glied zu empfinden glaubte, das ihm längst amputirt war, und wenn wir vollends die Irrungen und Täuschungen der Träume ins Auge fassen, so haben wir allen Grund zu zweifeln, ob wir überhaupt existiren. Allein eben daraus, daß ich etwas oder alles bezweifele, folgt die Wahrheit meiner Existenz. Ich könnte nicht zweifeln, nicht denken, wenn ich nicht existirte. Der Saz also: Ich denke, also bin ich(das berühmt gewordene cogito orgo sum), ist der erste und gewisseste der Philosophie, von diesem gewissesten aller Säze hängt die Gewißheit aller andern Erkenntnisse ab", — dieser selbige Philosoph hat, als er diesen seinen Kardinal- saz gefunden hatte, zum Tank dafür eine Wallfahrt zur Mutter Gottes in Lvrctto unternommen. Er ahnite hierin wohl dem Pytagoras nach, der den Göttern eine Hekatombe, d. h. hundert, Ochsen schlachtete, als er seinen berühmten geometrischen Lehrsaz gefunden hatte, worüber Börne bemerkte: Seit dieser Zeit zit- tern alle Ochsen, so oft eine neue Wahrheit entdeckt wird. Tie Vorsteher der Synagoge sahen mit wachsender Besorgnis auf den Jüngling, auf den sie so große Hoffnungen gesezt, den sie als einstiges Kirchenlicht betrachtet hatten. Sic ließen ihn durch ihre Spione ausforschen. Zuerst suchte Spinoza die zu- dringlichen Frager niil allgemeinen Nedcnsarten abzufer- tigen; er wollte„Niemand seine Religion und seine Kirche rauben." Als jene aber nicht nachließen, gab er ihnen rück- haltslos seine Ansichten Preis. Er bekannte offen, daß der Gott der Bibel keineswegs als blas geistiges Wesen, sondern als ein sehr sinnliches, körperliches, menschenähnliches gedacht sei, was niemand als Kezerei auslegen könne, der sich zum Beispiel erinnert, daß die Bibel gleich am Anfang von Gott als einem so menschenähnlichen Wesen spricht, daß sie ihn sechs Tage arbeiten und am siebenten ausruhen läßt, daß sie ihn sogar als ein Wesen beschreibt, das im Hain Mamrc dem Abraham um die Mittagszeit erschien und von ihm mit Butter. Milch, Senimelknchcn und Kalbsbraten bewirtet worden sei. Tie Engel bezeichnete er als bloße Geschöpfe der Ein- bildnngskraft und von der Seele wies er ans dem alten Testa- mcntc nach, daß dieses nicht daran denke, dieselbe als unsterblich zu bezeichnen. Als später auch verlautete. Spinoza leugne jede Offenbarung, wurde er von Zionswächtcrn verwarnt, zum Wider- ruf. zur Buße aufgefordert und mit dem Bann bedroht. Als man sah, daß alles nichts fruchtete, versuchten die Männer der Synagoge, den Apostaten Spinoza zu bestechen; sie boten ihm einen Jahrcsgehalt von tausend Gulden an, wenn er. die Synagoge bisweilen besuchen und einen offenen Bruch mit ihr vermeiden wollte. Spinoza ivies das Anerbieten zurück, sczte den frommen Schächcrn den Stolz der Ueberzeugung entgegen und erklärte, daß er nichts davon wissen wollte, selbst wenn sie ihm zehnmal mehr bieten würden; er sei kein Heuchler und suche nicht Geld, sondern Wahrheit. Nun wollte man ihn durch Meuchelmord unschädlich machen. Als er eines Abends nach Hause ging, sah 120 er einen mit einem Tvlch Bewaffneten cmf sich jutommciu Ta er die Waffe bemerkt hatte, gelang es ihm, dem Stoß wenigstens so ausznweichen, daß der Stich nur durch den Mantel drang. Tas durchstochene Gewand bewahrte er zum Andenken des krassen Fanatismus. Run wurde gegen de» abtrünnigen Tcnker das leztc Mittel angewendet, welches in solchen Fallen der Hieeaechie zu Gebote steht. Man schritt zur Exkommnni- kation. Im Jahre 1K55. also im 23. Lebensjahr des Philosophen, wurde der große Bann gegen ihn ausgesprochen, welcher die gräßlichste» Beiwünschnng n enthält. Es hieß darin u.a.: „Nach dem Urteil der Engel und dem Urteil der Heiligen belegen wir mit Bann, schließe» wir aus, verfluchen und vcr- daminen wir Baruch d'Espinvza mit Zustimmung des kirchlichen Tribunals und mit Zustimmung jener ganze» heiligen Gemein- schast, vor den heiligen Schriften, nach den 613 heiligen Geboten, die in ihnen geschrieben stehen, mit dem Fluch, mit dem Josua Jericho fluchte, mit dem Fluch, mit dem Elisa den Knaben fluchte und mit allen Fluchen, die iu dem Buche des Gesezcs geschrieben stehen. Verflucht sei er bei Tag und vcr- flucht sei er bei Nacht, verflucht sei er im Schlaf und verflucht sei er im Envachen, verflucht sei er beim Ausgehen und vcr- flucht sei er beim Eintreten, möge der Herr ihm niemals verzeihen, möge der Herr seinen Zorn und seinen Eifer entbrennen lassen gegen den Menschen und alle Flüche aus ihn laden, die geschrieben stehen im Buche des Gesezcs, und er wird seinen Ramen vertilgen unter dem Himmel und der Herr wird ihn ins Elend hinausstoße» aus allen Stämmen Israels unter alle» Flüchen des Himmels, die da geschrieben stehen im Buche des Gejezes, und ihr, die ihr dem Herrn, eurem Gott, an- hänget, seid für heute alle gegrüßt! Bedenket, daß niemand jenen mündlich noch schriftlich anreden, niemand ihm irgend eine Gunst erweisen, niemand unter einem Tache mit ihm weilen, niemand sich ihm auf mehr als vier Klafter nähern, niemand irgend ein von ihm verfaßtes oder geschriebenes Schriftstück lesen darf." Man ficht, daß nicht blos die Kurie in Rom, sondern auch der Rabbinismus das Anatematisircn aus dem ff verstanden hat. Wir Gegenwärtigen haben kaum noch eine Vorstellung von der Wirkung einer solche» Expektoration deS gist- und feuerspeienden Priestertnms. Um den Eindruck noch schauerlicher zu machen, wurde die Exkommunikation mit dem heiligen Widder- Horn, Schofar, akkoinpagnirt. Es muß eine furchtbare Bcwandt- uis haben mit diesem Horn, schreibt H. Heine. Ten» wie ich mal in dem Leben des Salomon Maimon gelesen, suchte einst der Rabbi von Altona ihn, den Schüler Kants, wieder zum Glauben zurückzusühren. und als derselbe bei seinen philosophi- scheu Kezereien halsstarrig beharrte, wurde er brechend und zeigte ihm den Schvsar mit den finsteren Worten:„Weißt du. was daS ist?" Als aber der Kezer antwortete:„Es ist das Hin» eines Widders!" da stell der Rabbi rücklings zu Bode» vor Entsczcn. Aus Spinoza selbst hat dieser Fluch nicht den mindesten Eindruck gemacht; ein philosophisches Lächeln des Mitleids und ei» kurz« Protest in spanischer Sprache ivar seine Antwort. Seine Gedanken beschäftigten ihn zu ernstlich und ließen ihm nicht Zeit, auf die Bannstrahlen des Fanatismus zu achte». Er hörte auf. Jude zu sein, ohne zum Ehristcntum überzutreten. Er war der erste„Konfessionslose". Ten jüdischen Ramen Baruch vertauschte er mit dem gleichbedeutenden lateinische» Benedikt.— Es genügte jedoch den Rabbinen nicht, ihn exkvm- munizirt zu haben, sondern sie vcranlaßtc» auch den Magistrat von Amsterdam,„welcher der Synagoge nickt entgegen sein wollte," ihn aus der Stadt zu verbannen. Ter Verbannte begab sich zunächst zu einem Freunde in der Nähe von Amster- dam; von hier ging er nach Rhynsburg bei Leiden, wo er nur wenige Monate blieb. Darauf, im Sommer 1664 nahm er seinen Aufenthalt in Vorburg, eine Stunde vom Haag und endlich auf das Bitten seiner Freunde, ungefähr 1670, im Haag selber, wo er bis zu seinem Te'dc verweilte. Während dieser Zeit führte Spinoza in tiefer Zurückgezogen- hcit ein philosophisches Leben und vollendete seine Werke größtenteils in anhaltenden nächtlichen Arbeiten; er blieb den meisten Teil des Tages allein auf seinem Zimmer und soll es oft tage- lang nicht verlassen haben. In stiller, beschaulicher Forschung durchdrang er die Tiefen des Menschengeiftes und erforschte seine ewigen Gcscze. Arm, wie er war und stets geblieben ist, mußte er sich durch das Schleifen optischer Gläser den Unter- halt des Lebens verdienen. Er hatte es im Schleifen solcher Gläser für Brillen, und besonders für optische Instrumente, was er wahrscheinlich um die Zeit seiner Exkommunikation erlernt hatte, zu einer gewissen Meisterschaft gebracht, so daß nach seiueni Tode noch die von ihm geschliffenen Gläser um hohen Preis verkaust wurden. Aber diese Beschäftigung sollte für ihn eine verhängnisvolle werden; indem daS Einatmen des Glasstaubs nicht wenig dazu beitrug, sein Ende zu beschleuuiegen. Spinoza hat sich seine einsame Selbständigkeit bis zum lcztcn Atemzug bewahrt. Er lehnte jedes Geldgeschenk ab, womit ihn seine Freunde gerne untcrstüzt hätten, und als Simon de Vrics ihn zum Erben seines Vermögens cinsezen wollte, bat er den Freund, daß er die Erbschaft dem eigenen Bruder überlaste» möge. Nach dem Tode seiner Eltern überließ er den Anteil seines Vermögens freiwillig seine» Schwestern, ein Bett aus- genommen. Im Jahre 1673 erhielt Spinoza von dem Kur- fürsten Karl Ludwig von der Pfalz in den ehrenvollsten Aus- drücken einen Ruf an die philosophische Lehrstelle der Landes- Universität Heidelberg. Spinoza lehnte aber das Anerbietem mit seinem Anstände ab. Obgleich ihm die vollste Freiheit zu philosophireu zugesichert war, ward doch der Berufung Hinzuge- fügt, der Fürst vertraue, daß er diese Freiheit nicht gegen die öffentlich fcstgesezte Religion anwenden werde. Spinoza ver- stand diese zweideutige Beschränkung und bewahrte sich seine Unabhängigkeit und Freiheit. Die Bedürfnislosigkeit Spinozas grenzt ans Fabelhafte. Zwanzig Pfennige reichten hin, um ihm sein tägliches Leben zu fristen. Ost genoß er im Tage blos eine Milchsuppe mit Butter zubereitet und einen Krug Bier, oder Grllize mit Trauben. In einem ganzen Monat trank er nur eine Kanne Wein. Gerne rauchte er auch eine Pfeife Tabak. In seinem stillen Denker- leben beschäftigte er sich häusig mit Zeichnen, worin er es so weit brachte, daß er mit Kohle oder Tinte Porträts verfertigen konnte. In seinem Umgang zeigte er sich gegen seine Haus- genossen höchst anspruchslos, freundlich, teilnehmend. Ost unter- hielt er sich mit seinen Hauslcutcn, dem Maler van der Spyl und dessen Frau, wobei es ihm nie einfiel, den Glauben dieser Leute durch irgend eine Aeußerung z» stören. Für Freunde und Gelehrte, die seine Bckannschaft suchte», hatte die»»beschreib- liche Milde und Humanität, die Heiterkeit, die über sein ganzes Wesen verbreitet war und sich in den Aeußerungen seiner An- sichten vielfach kundgab, in Verbindung mit der geistreiche» Behandlung aller Gegenstände des Gesprächs, unsäglichen Reiz- sei» Humor war durchaus freundlich, fein Scherz so gehalten, daß die zartfühlendsten und ernsthaftesten Männer sich daran crgozten. Er war ein Philosoph, aber nicht ein Sonderling, sonder» ein höchst liebenswürdiger Weltweiser. Spinoza starb wie er lebte. Er war von der Schwindsucht schon längst befallen, doch glaubte niemand, daß sein Ende s" »cilfc sei. Am 22. Februar 1677, am Sanistag vor den Fasten- ging der Hausherr mit seiner Frau zur Kirche. Als er um vier Uhr nachhause zurückkehrte, kam Spinoza aus seinem Zimmer zu ihm herab und unterhielt sich mit ihm lange. Nachdem er cine Pfeife Tabak geraucht hatte, ging er wieder in sein Zimmer zurück und legte sich früh zu Bette. Am Sonntag Morgen kam sc>11 rNennd, der Arzt Ludivig Mayer aus Amsterdam an, den i c bestellt hatte, und dieser trug den Leute» iin Hause auf, gleick einen Hahn zu sieden, damit Spinoza gegen Mittag die Brühe davon genießen könne. Diese nahm er denn auch mit gutem Ilppetit zu sich. Nachmittags blieb der Doktor allein bei ihm- Als die Hausleute vom Nachmittagsgottesdienst heimkamen, ver- nahmen sie zu ihrem nicht geringen Erstaunen, daß Spinoza gegen drei Uhr in Gegenwart des Arztes verschieden sei.# 121 Biograph bemerkt:„Unser Philosoph ist sehr glücklich zu preisen, nicht allein wegen der Ehre, die er sich durch sein Leben er- worden hat, sondern auch durch die Umstände seines Todes. Wie wir es von Leuten wissen, die zugegen waren, hat er ihm unerschüttert entgegengesehen." An, 25. Februar wurde die Leiche unter zahlreicher Begleitung bestattet. Tie erste Schrist Spinozas, welche 1663 zu Amsterdam er- schien, führt den Titel: Renati DesCartes Principiorum Philo- sophiae Pars I et II, more geometrico demonstrata(Die Lehrsäze der Cartesianischen Philosophie auf geome- irische Weise bewiesen), welchen cogitata metaphysica (metaphysische Gedanken) beigefügt waren. Spinoza selbst erklärte diese Schrift fiir eine Abhandlung, die er einst einem Jüngling diktirt, den er in der Philosophie des Cartesins habe unterrichten wollen. Darum sei vieles in diesem Buch cnt- halten, wovon er selbst das Gegenteil behaupte. Die Schrift, für welche sich Spinoza später wenig mehr interessirte, enthält übrigens eine meisterhafte Darstellung der cartesianischen Philo- sophie. Ohne Namen des Verfassers, der sich aber in seinen Briefen überall dazu bekennt, und mit dem Pseudonyme» Druckort Hain- bürg statt Amsterdam kam sodann 1670 der Tractatus thco- logico-politicus(Tcologisch-politischer Traktat über die Bibel, die Prophezcihung, die Wunder, die Staatsgrundsäze, die Denkfreiheit) heraus, dessen Veröffentlichung aber mannig- saltigcn Schwierigkeiten begegnet war. Dieses epochemachende Werk, das man als die Vorhalle des Spiuozisnius bezeichnen kann, rcpräscntirt so zu sagen die teologischc Seite desselben Tamojedische Frauen.(Seite 135.) Spinoza trat damit das Erbe der Reformation an. Hatte diese Joch der Tradition zerbrochen und die Bibel als einzige Quelle der Religion bezeichnet, so strebte Spinoza die Befreiung vom Bibelbuchstaben. Offenbarungs- und Wunderglauben an. (Wunder und Unwissenheit sind nach Spinoza gleichbedeutend, -weil diejenigen, die die Religion durch Wunder zu stiizcn suchen, v>»e dunlle Sache durch eine andere dunklere, die sie garnicht Kennen, dartun wollen"). Indem er aus dem alten Testament 'vlbst schlagend nachwies, daß dessen Schriften keineswegs pon c» Verfassern herrühren können, denen sie der Üirchcnglaubc �'schreibt(womit auch deren göttlicher Ursprung erschüttert ward), wurde er der Vater der rationellen Bibelkritik. Aus der wissen- lchastlichc» Gnindlage des Werks entwickelte Spinoza die prak- l'sch-politische Tendenz desselben; er fordert vom Staat absolute �"vissens-. Rede- und Preßfreiheit und zeigt, daß die Denk- lniheit unbeschadet der Religion und des staatlichen Friedens �stattet werden müsse. Er war der erste, welcher gegen die Unduldsamkeit, insbesondere die staatliche, mit ehernen, im Präg- llock unerbittlicher Logik geprägten Säzcn zu Felde zog, mit �özen, welche ein Jahrhundert später die lcssingsche Muse aus dem Erz der Prosa in das Gold der Poesie verwandelte. Spi- noza war frei von jenem philosophischen Dünkel, der sich in spekulativer Erhabenheit oder Feigheit den Aufgaben der Gegen- wart fern hält. Es sei noch bemerkt, daß sich Spinoza in dem Traktat als Republikaner bekundet; mit überzeugender Kraft dringt er auf allgemeine Volksbewaffnung und zeigt das Verderbliche der geworbenen und besoldeten stehende» Heere, die durch das System Ludwigs XIV. immer mehr um sich griffen. — Ein frischer Lebenshauch weht durch dieses ganze Werk Spinozas, aus den abstrakten Erörterungen der Schule und Wissenschaft erhebt es sich in die volle reiche Wirklichkeit und griff mächtig ein in die Zeitbewegung. Das zeigte sich zunächst in dem heftigen Gegcnkampfe, der besonders von den Tevlogen ausging. Atcismus! schrie es von allen Seiten, und Berfol- gungcn aller Art wurden gegen den Autor versucht. Es war gut, daß das Werk in lateinischer Sprache geschrieben war, sonst wäre es ohne Zweifel mit Erfolg unterdrückt worden; wurde es ja ohnehin nach einiger Zeit seines Erscheinens mit Beschlag belegt und verboten; doch schon 1673 wurde es unter verschiedenen Scheintitcln neu gedruckt. Auch eine Menge Gegen- 122 schriften rief das Traktat hervor, welche den Wunderglauben in Schnz zu nehmen und die sonstigen unkirchlichcn Lehren Spi- nozas zu widerlegen suchten. Indessen fehlte es Spinoza schon bei Lebzeiten auch nicht an vielen Anhängern. Das Hauptwerk, welches die eigentlichen Akten des Spini- zismus enthält, und als opus posthumnm herausgegeben wurde — es erschien im Todesjahre des Philosophen— ist die Etil (Ethica morc gcomctrico demoiistrata). Das Werk zerfällt in fünf Abschnitte, es handelt 1. von Gott, 2. von der Natur und dem Ursprung des Geistes, 3. von dem Ursprung und der Natur der Affekte, 4. von der Macht der Affekte oder der mensch- lichcn Knechtschaft, 5. von der Macht des Verstandes oder der menschlichen Freiheit. Sonnenaufgang! besser könnte man die Bedeutung dieses Werks kaum bezeichnen. Die Etik ist das großartigste Werk, das die philosophische Spekulation aller �jcit gc- schaffen, ein monumentaler Krystallpalast klassischer Philosophie, derjenigen Philosophie, welche keineswegs wie andere Systeme durch die Naturforschung verdrängt wurde, sondern im Gegen- teil in den Naturwissenschaften, speziell im Darwinismus, ihre glänzende energische Bestätigung findet, derjenigen Philosophie, von welcher Lessing mit vollem Recht sagte, es gebe nur eine Philosophie und das sei die des Spinoza. Von der Basis weniger unbestreitbarer Axiome sind die Lehrsäze abgeleitet, welche wie massive Quader sich einander anreihen, sich über einander schichten und zum großartigen Prachtbau emponvachse». Aber dieser Bau gleicht jenem Zauberschlosse der Mährchen, zu dem unwegsame Pfad« führen, zu welchem man nur durch steile, steinige und dornige Wege gelangen kann. Die geometrische Metode, welche Spinoza seinem Vorgänger Cartesius nachahmte und vielleicht mehr noch die Terminologie, erschweren das Vcr- ständnis desselben, weshalb man sich nicht wundern darf, daß Spinozas Lehre die mannigfaltigsten Deutungen erfahren hat. Aber einmal eingedrungen fühlt man sich gehoben und beseligt vom Lichte der Erkenntnis, das hier in schönster Klarheit strahlt, und wonnig umsäuselt von den Friedenslüften innerster Har- monie. Der Spinozismus ist das System der reinen Natur, d. h. er begreift die Weltordnung als ein gegebenes Ganze, das von Ewigkeit her in derselben Gesezmäßigkeit besteht; er erklärt mithin alle Dinge, die sind und alle Kräfte, die wirken, die geistigen ebenso gut wie die materiellen, als gegebene und natür- liche Tatsachen. In der Lehre Spinozas ist alles Natur: die Substanz ist die unendliche Natur, die Attribute sind die ewigen Naturkräfte, die einzelnen Tinge sind die vorübergehenden Na- turerscheinungen. Im Lichte dieser Erkenntnis zerstieben alle jene Gespenster, welche in der teologischcn Weltanschauung spuken. Spinoza ist serner der Begründer des Determinismus, er ist der erste, welcher das Geheimnis des Willens ergründet und erkannt hat, daß der menschliche Wille ebenso wie jede Statur- erscheinüng dem Gcseze der Kausalität unterworfen ist, daß daher die Freiheit des Willens im Sinne absoluter Willkür eine Absurdität ist. Unter allen Illusionen erscheint Spinoza diese Einbildung als die barste, törichtste, und er kann kaum von ihr reden, ohne sie zu verspotten. Indem Spinoza damit eine Menge teo- und philosophischer Probleme seiner Vorgänger in ihr nichts zerrinne» ließ, hat er zugleich die wissenschaftliche Riesenarbeit vollbracht, die Grundgesezc des Fühlcns und Wollcns sestzn- stellen und sämmtlichc Scclcnbcwcgnngcn wie Naturerscheinungen zu zergliedern und auf die elementaren Regungen des Fühlcns und Begehrens zurückzuführen. Liebe, Haß und die Menge verwandter, ciiisachcr und vermischter Seelenbcwcgungcn werden von Spinoza mit derselben Sicherheit und Klarheit erklärt, wie etwa eine dynamische oder optische Erscheinung. Auf diese einzig solide Grundlage baut Spinoza seine erhabene Etik auf, von der Hegel sagt:.Es gibt keine reinere und erhabenere Moral als Spinozas". Das etischc Grundprinzip Spinozas ist die Er- kenntnis. Je mehr der Mensch sich selbst und die Welt richtig erkennt, desto mehr befreit er sich von der Macht der schlimmen Affekte, desto mehr erstarkt seine sittliche Kraft, desto mehr er- hebt er sich zur Tugend und Liebe und Glückseligkeit. Ein näheres Eingehen auf das System können wir uns hier um so eher ersparen, als die.Neue Welt" im vorigen Jahrgang den Spino- zismus, insbesondere die etischc Seite desselben, eingehend er- örtert und dessen poetische Verklärung durch Goethe nachgewiesen hat.(Vgl. den Artikel:.Tic Religion der Vergangenheit und der Zukunft" Kap. 8 ff. in Nr. 13 sf.). Weitere Schriften Spinozas sind: Tractatus politicus (Abhandlung über die Politik), Tractatus de intellectus emendatione(Abhandlung über die Ausbildung des Verstandes), Compendinm Grammatices linguae hebreae(Abriß der hebräischen Sprachlehre) und endlich die Briese. epistolae. Ein großer Teil dieser Briefe ist an seine intime» Freunde Aldenburg, Ludwig Mayer und deVries gcrickstet; sie bilden noch gegenwärtig eine überaus interessante Lektüre und glätten manche Falte in den philosophischen Schriften. Im allgemeinen bewundern wir in dem Briefwechsel Spinozas die stets gleich- bleibende Bereitwilligkeit, mit der derselbe iviedcrholt auf Fragen und Einwürfe antwortet, sowie die Milde und Freundlichkeit, mit der er alles Entgegenstehende behandelt.— Tie Herausgeber berichten auch, daß Spinoza einen Traktat über Sptik und Farbenlehre und noch manche andere Schriften verfaßt habe, die aber bis jezt nicht aufgefunden wurden. Es ist nicht ein unhistoristhes und beliebiges Schematisiren, sagt B. Auerbach, wenn man die Lehre Spinozas als die Grund- läge des moderne» Weltlebcns erkennt; ist auch die mit ihr beginnende Epoche nicht so äußerlich historisch erkennbar, weil sich nicht der Beginn einer Schule, Sekte oder ein hervorstechendes Ereignis daran knüpft, so ist eben das das Eigentümliche der freien Idee, daß sie nicht in geschlossenen Tatsachen und Toku- menten, sondern im freien Wollen des Geistes hervortritt. Der Schmuck der Naturvölker. Etnologische Skizze von Dr. Z>. Die Sorge der Menschen, ihre äußere Erscheinung durch Schmuck aller Art vorteilhafter hervortreten zu lassen, ist bei zivilisirtcn und unzivilisirten Völkern gleich groß, und bei beiden sind auch die Ausschreitungen darin gleich bedeutend.— Tic Neigung sich zu schmücken herrscht so sehr vor, daß sogar die Sorge um die Nahrung dagegen zurücktritt, gleichsam als ob die Furcht in der Natur des Menschen begründet läge, daß sein Wert sänke, wenn er nicht mehr mit dem gewohnten Glänze auftreten könnte. Lehrreich ist es zu finden, daß viele schmückende Anhängsel, welche wir für Ausgeburten einer von Friseuren. Friseusen. Schneiden,. Puzmachern heraufbeschworenen albernen Mode halten, bei den Naturvölken, bereits verbreitet und seit alter Zeit eingebürgert sind. Lehrreich ist es aber auch, daß bei leztcren oft der Schmuck, auch wenn er uns noch so abgc- schmackt vorkommt, nach der Statur des Landes, den Gewöhn- heiten des Volkes u. s. w. als eine wohlbegriindete sinnreiche Sitte erscheint. Nicht überall läßt sich der Sinn mehr erkenne», aber für die vergleichende Völkerkunde werden solche Tatsachen, wie eine gleiche Art des Schmuckes, wichtig, da sie einen Schluß gestatten auf die Verwandtschaft der Völker, frühere Wohnsize, einstige Lebensweise. Als lezte wichtige Tatsache scheint aber ans solchen Beobachtungen zu folgen, daß die Natur des Men- schen ebenso wie sein Körperbau eine ursprünglich gleiche ist, so daß auch die Frage nach der gemeinsamen Abstammung des Menschen von diesem Standpunkt ans beleuchtet werden kann. Es leuchtet ei», daß die Tragweite auch solcher Beobachtungen sehr bedeutend ist; doch wie überall ist gegenwärtig auch hier die Naturwissenschast forschend, Tatsachen sainmelnd, vergleichend tätig und hütet sich, voreilig Schlüsse zu ziehen, welche eine neue entdeckte Tatsache vielleicht wieder umstoßen könnten. Beginnen wir mit den Dingen, welche dem Körper in auf- fallender Weise angehängt werden, aber ohne ihn zu beschädigen, so finden wir alle möglichen Tinge verwendet: Blumen, Blätter, Früchte, Holzpfählc, Knochen, Zähne, Muschel», bearbeitet oder nicht, verschiedenste Steine, Korallen, Insekten, ganze Vögel, Glasperlen, Mctallstücke, Ringe und Stifte, wertvolle und wert- lose, schöne und glänzende, wie farblose und schmuzige. Bei Jägern und Kriegern ist es natürlich, daß sie sich mit ihren Trophäen schmücken. Die Indianer behängen sich mit Skalpen ihrer erlegten Feinde, je mehr Kopfhäute, desto größer die Ehre. Edler ist es, wenn sich der indianische Krieger seinen Feder- schmuck vom lebenden Kondor selbst erobern muß. Ten Pracht- vollsten Federschmuck finden wir. wo die Vögel mit den präch- tigsten Farben geschmückt sind. Unsere Damen würden neidisch werden, wenn sie die kostbaren Federmäntel, Kronen, Büschel sehen könnten, welche die Südseeinsulaner tragen— ans dem Kopfe, um die Schultern, an Arm und Bein. Gleicher Pracht begegnen wir in Südamerika. Tie Bewohner Guineas schmücken sich mit dem Paradiesvogel, dem sie vorher nur die Beine aus- reißen. Dem sonst so reich ausgestatteten Afrika fehlt dieser Schmuck. Tagegen ist es dort rühmlich, die 5ilauen und Reiß- zähne des erlegten Löwen zu tragen, doch beweisen die Schwarzen auch ihre Eitelkeit dadurch, daß sie die Zähne in Elfenbein nachahmen und sich damit behängen. In Indien benuzt man in gleicher Weise Tigerklaucn und-Krallen, welche lezteren bleu- dcnd weiß, in Gold eingefaßt zu zweien, als Ohrgehänge ge- tragen werden. Auch die alten Deutschen liebten es, ihre Tapfer- kcit durch die Trophäen der Jagd zu zeigen. Ans ihrem Heldenschmuck, aus selbst erbeuteten Adlcrfedern sind heut die Roßhaarbüsche der gemeinen Soldaten geworden, und die Helmzierde, welche die höheren Offiziere auszeichnet, sind dmch die zarten Hände der Puzmachcrinnen in harm- losester Weise dem Schweif des Straußen entrissen. Nichts ist mehr von der ursprünglichen Bedeutung erhalten, als die Sucht zu glänzen. Die Inselbewohner des großen Ozeans ziehen die Meer- Muscheln auf Fäden und kleben sie ans Ohr; sie ziehen dabei so viele auf, als sie nur zu tragen vermöge»; auch schleifen sie von den größeren Muscheln die Gewinde ab und streifen den obersten Ring, ähnlich wie wir die Manchettc», auf den Arm. Bei vielen Völkern ist der erwähnte Schmuck zugleich die ein- zige Bekleidung. Die korangläubigen Bewohner Arabiens und Nordafrikas tragen Wurzeln und Koransprüche, mitunter in kost- baren Tosen ins Haar gewunden und an allen Teilen des Körpers; oft sind sie mit solchen Amuletten vollständig behängt; sie glauben dadurch die bösen Geister vollständig bannen z» können. Eine gleiche religiöse Vorstellung ist vermutlich mit dem Ringe verbunden. Wir brauchen dabei nur an die Bedeutung der wundertätigen Ringe im Mährchen, der Zauberringe und -Kreise, des Trauringes, der Bclehnung des Bischofs mit dem Ringe zu erinnern, um das wahrscheinlich zu niachen. Der zu Grunde liegende Gedanke mag sein, daß der Ring in sich abgeschlossen ist und alles, ivas in ihm steht, verbindet. Schon die Götterbilder der alten Egypter hatten Ringe an den Fingern. Ruch der offene Ring hat besondere Bedeutung; die sogenannten Schwurringe des Mittelalters waren offen; der den Eid leistete, mußte den Ring schließe», indem er die Oeffnung mit der Hand überspannte und zwei Finger an die Enden des Ringes legte. Ob dieser Art des Schmuckes im östlichen Afrika, wo sie ani weitesten verbreitet ist, ähnliche Gedanken zu Grunde liegen, "»tersuchcn wir hier nicht. Livingstone und Schwcinfurt fanden be von Nnbie» bis fast zum Kap verbreitet. Die Ringe von Messing und Eisen, welches die Bewohner der dortige» roten Erde sehr Wohl zu gewinnen und zu verarbeiten wissen, zieren Arme und Beine und sind selbst häufig mit Ringen verziert, so daß jeder Schritt mit einem Rasseln begleitet ist. Manche Negerstämme führen mehrere Ringe an einem Arm oder Bein, Livingstone zählte in Südafrika deren bis sechzehn und acht- zehn, bei einer Frau um Arme und Beine zweiundsiebcnzig, so daß diese Neger ein schweres Gewicht an Eisen mit sich herumtragen. Bisweilen kommen die Ringe nur den Frauen zu, während die Männer sich mit Halsketten schmücken, bei anderen ist es unigekehrt. Goldene Fingerringe, aus feinem Golddrat geflochten, welche die Neger ebenfalls selbst herstellen, gebühren nur den Vornehmen. Bei den Völkern mit krausem Haare sind die wunderlichsten Frisuren in der Mode. Zu denselben gehören die Neger in Afrika, die Drawida in Indien und die Papuas in Melanesien. Die lezteren ziehen das Haar zu zwei oder drei Bündeln, welche über den Ohren und dem Wirbel stehen und welche sie außerdem noch durch Hanfbündcl verstärken und mit Pfeilen oder Holzstäben mehrfach durchstechen. Da das Haar niemals auf- gelöst und gereinigt wird, so ist es stets völlig verfilzt. Den Atom- buttn im östlichen Afrika rühmt Schweinfurth nach, daß es kaum denkbar sei, eine neue Art ausfindig zu machen, das Haar in Flechten zu legen, diese zu Zöpfen und Knäueln aufzuhäufen und wieder in Toupets aufzulösen, die nicht bereits von ihnen ersonnen wäre. Er erzählt von einem Jünglinge, welcher sich mit einem Heiligenschein umgab, indem er die Flechten des Haares in einem Dratrcifen ausspannte, den er mit Kauri- muscheln verziert hatte. Bei Tage befestigte er den Reifen am Rande seines Hutes, in der Nacht schlug er den ganzen Strahlen- kränz zurück. Diese Menschenfresser benuzen das Haar ihrer Opfer, um ihr eigenes zu verstärken. Alle diese Völker sind Bewohner der heißen Zone, und man darf daher wohl annehmen, daß sie den Kopf gegen die Sonne schiizen wollen, wenn sie das Haar so vielfältig verflechten und stärken, ähnlich wie die Araber zum Turban ein möglichst langes Stück Zeug ivünschen und dasselbe zwanzigmal oder öfter um den Kopf winden. Welchen natürlichen Grund soll man aber dafür vermuten, wenn die Römer der Kaiserzeit ihr schwarzes Haar mit dem blonden der Germanen durchflochtcn? Oder wenn die altegyptischen Perrücken im 17. und 18. Jahrhundert an den Höfen der Fürsten die nordischen Köpfe verunzierten. Doch auch die anspruchslosen Fischervölker in Alaska und auf den Meuten lieben es, falsches Haar zu tragen, und die sonst so bescheiden einfachen Eskimofrauen schneiden ihre» Männern das Haar vom Wirbel ab, um sich Locken daraus anzufertigen. Bei den amerikanischen Eingeborenen mit straffem Haar, zu denen die leztgcnannten auch gehören, begegnen wir anderen Sitten. Das Haupthaar tragen sie offen herabhängend, aber den spärlichen Bart rasiren sie nicht. Dasselbe tun alle Isla- miten, da nach den Lehren des Koran die Speise durch Bc- rührung mit den Haaren unrein wird. Das Zustuzen des Bartes nach bestimmtem Brauch, den Knebelbart der Franzosen, erwähnt bei den alten Galliern bereits Diodor von Sizilien, welchem auch die Vorliebe derselben für rote Hosen auffiel. Das Kopfhaar rasiren manche Muhamcdaner, einige nur vom Wirbel, cntgegengesezt den Chinesen, welche ja nur den Zopf am Wirbel stehen lassen. Unter den Kulturvölkern sind am meisten berüchtigt die Frauen der Japanesen, welche ihrem künst- lichem Aufbau der Haare zu Liebe des Nachts den Nacken in ein sattclartigcs Polster lege» und bei dieser unbequemen Hal- tung schlafen. Im Vergleich zu den Verstümmelungen des Körpers und den Durchbohrungen der Haut, welche bei Naturvölkern i» Anwendung sind, haben die Europäer wenig ähnliches aufzu- iveisen. Mitunter freilich würde der Vergleich zu Ungunsten der Europäerinnen ausfallen. Wenn die Steatopygie bei den Hottentottcnschönen natürlich ist, indem die Hautfalte des Gc- säßes nicht unter, sondern über demselben sizt, so wird dasselbe bei uns durch Kunst erreicht mit Hülfe des Cnl de Paris. Aber was will der eine Ohrring unserer Damen sagen gegen 124 die oft zwanzig Ringe, welche bei den Negern der roten Erde Männer und Frauen in jedem Ohrläppchen tragen? Ueberhanpt ist die Kunst, den Körper zu verunstalten in Afrika und Sud- amerika am krassesten und schlimmsten entwickelt. Dem an und für sich unschönen Körper, welchem Hängcbauch und enge Brust meist von Natur eigen sind, während bei uns das Korsett diese Schönheiten verursacht, verzieren die Neger überall, wo sich nur eine Hautfalte anbringen läßt; Stäbchen, Knochensplitter, Strub- Halme, Glasperlen, Ringe, Pflöcke und Niigel von Metall und Holz sind hindurchgcbohrt durch künstliche und natürliche Falten an der Stirnc, am Auge, an allen möglichen Stellen der Nase, den Mundwinkeln, der Ober- und Unterlippe, an Brust und Bauch. Es hat dies keine Verwandtschast mit dem Tätowircn, welches zur Bekleidung zu rechnen ist, sondern regellos, ohne symmetrische Anordnung sind die genannten Gegenstände ein- gebohrt. Sogar tönerne Pfeifen(viele Neger sind Liebhaber des Tabaks und verfertigen solche Pfeifen) werden ins Ohr- läppchcn gesteckt. Besondere Verunzierungen lieben die Frauen der Bongo- und Mittuneger. Sie durchbohren die Lippen und stecken in die Löcher je eine kleine runde Scheibe, anfangs kleinere, dann immer größere, bis die Lippenränder außerordentlich ausgedehnt werden und vermöge der Scheiben nach vorn stehen, so daß Schweinfurt von einem storchähnlichen Aussehen derselben spricht; er gebraucht den Ausdruck balaonicops, Storchkopf. Living- stone fand bei einer Manganjafrau am Nyassasee einen Ring von fünf Centimeter Durchmesser, das Palele, so verwendet. Ueberhaupt finde» sich dort die ärgsten Verunstaltungen. Achn- (ich behandeln die Botoluden Brasiliens ihre Ohrläppchen; sie bohren anfangs kleinere Zweige hindurch, ersetzen sie nach und nach durch Scheiben von Baumästcn; zerreißt der immer schwächer werdende Hautstreifen, so knüpfen sie die Enden wieder zu- sammen, um Scheiben hineinstecken zu könucu und ihrer Schön- heit keinen Eintrag zu tun. Ter Name wird sprachlich auch als Pfropfleute erklärt. Tic nordamerikanischen Indianer und Kamtschadalen wählen die Wangen und stecken in der Nähe der Mundwinkel die ersteren Knochen, die lczteren Knöpfe hindurch, auch bohren sich bei diesen die Männer Krebsscheeren in die Nasenknochen. In Australien, Südasien und Afrika sind Verunstaltungen der Zähne sehr häufig; die einen seilen sie spiz, andere aus der Mitte ein Stückchen heraus, um Knöpfe einzusezen, die menschen- fressenden Njamnjams. d. i. Fresser, Nachbarn der oben erivähn- tcn Mombuttu im östlichen Zentralafrika, feilen sie scharf und verwenden sie als eine gefährliche Waffe ini Einzelkampfe. Die Malayen Hinterindiens feilen sie dagegen ab. Bei den Austra- licrn wird dem Jüngling, welcher mannbar erklärt wird, zum Zeichen dessen und zur Feier des Tages ei» Zahn ausgeschlagen, mitunter auch ein Finger abgehackt. Zum Schlüsse seien noch die künstlichen Körperforme» er- wähnt, welche durch Pressung hervorgebracht werden. Daß die chinesischen Frauen kleine Füße für schön halten und dieselben quetschen lassen, ist bekannt, doch ist diese Sitte im Abnehmen. Umformungen des Schädels nehmen einige Indianer und Süd- seeinsulancr vor; der hartköpfige Reger verträgt solche Opera- tio�cn nicht. Tic einen pressen den Neugeborenen ein Brett vor die Stirn, so daß der Kops sich außerordentlich in der Rich- tung des Wirbels verlängert; ihren Namen haben daher z. B. die Flachkopfindianer; dasselbe findet sich vereinzelt auf ganz getrennten Punkten der Erdoberfläche, nämlich in Patagonie»,. auf Celcbes und Samoa. Bei den Altperuanern wurden die Frauen so behandelt. Eine andere Form des Schädels, der sogenannte Tnrmkopf, wird erhalten, wenn der Schädel während des Wachstums an den Seiten gepreßt wird; selten kommt diese Form auch bei uns vor, wenn die flachen Schuppennäte des Schädels, welche über den Ohren beiderseits die Scheitelpartie von den Schläfenbeinen trennen, sich früh schließen und vcr- wachsen, normal schließen sie sich in den ersten Lebensjahren. Das Wachstums des Gehirns, an den Seiten gehemmt, richtet sich dann nach oben und bewirkt die birnenförmige Gestalt des Schädels, welche mitunter auch bei uns zu sehen ist. Tie peruanischen Jnkas erkannten in dieser Gestalt den Ans- druck der Hoheit und machten es zum Vorrecht ihrer sürstlichen Familie, den Turmkopf künstlich herstellen zu lassen. Doch ist bemerkenswert, daß durch solche Behandlung die geistigen Fähig- leiten des Menschen in keiner Weise gehemmt werden, da sich das Gehirn trozdcm ausbilden kann. Eine Erfindung gemacht zu haben, welche wie das Schnürleib die organische Entwick- lung der Trägerin hemmt und nicht nur deren, sondern auch der Nachkommen Existenz und körperliche wie geistige Entwick- lung gefährdet, ist ein Vorzug allein der Kulturvölker Europas. Aus dem grönländischen Eismeer. (Mit Illustration.) Um einen ungefähren Begriff von der gegenwärtigen Natur in den arktischen Breiten zu erhalten, schreibt Fr. v. Hellwald. liegt nichts näher als der wiederholt angestellte und in vielfacher Hinsicht treffende Vergleich mit den Gletschergebicte» des uns so nahe gerückten europäischen Hochgebirges der Alpe». Nord- grönland ist ganz von unermeßlichen Gletschern bedeckt, und schon bei 70° ii. Br. sind nur einzelne Küstenstriche im Hochsommer schneefrei und bilden Oasen in der unendlichen Eiswüste. Einer der Teilnehmer an der zweiten deutschen Nordpolfahrt Ist* 1870, Dr. G. E. Laube, schildert diese nordischen Gletscher in ebenso anziehender wie anschaulicher Weise, indem er sich gleichfalls des Vergleichs mit der Alpenwclt bedient. Er sagt: jene wilden, felsigen Landschaften, die ohne Baum, ohne Strauch, hie und da mit braungrünem Grasboden bedeckt, ihre nackten, vielgestaltigen Zinnen gen Himmel strecken, zwischen denen ewiges Eis sich angesiedelt hat, das, weiße Nebel spinnend und ric- feinde Büchlein im Svnncnglanz gebärend, sich tiefer und tiefer talwärts drängt und endlich zu einem großen breiten Hecrstrome vereinigt als Gletscher seine starren, blauschillernden Massen nur langsam vorwärts schiebt: die höchste Mpenregion mit ihren Gletschern und Fimfeldern muß sich der Leser vor die Seele führen. Aber die Sicht ins Tal ist versteckt, und dichte Nebel- masscn breiten sich darüber ans wie ein wogendes Meer, oben scheint die Sonne licht und hell. Das ist der Schanplaz. wohin ich den Leser führe. Statt des Nebelmeeres denke er sich nun das wirkliche Meer, nicht mißsarbig, sondern blaugrün und klar. Aus ihm steigen romantische Felsberge aus; ein tiefes enges Tal läßt das Auge dazwischen weit ins Innere des Landes dringen. Tie Felsen sind nakt, schroff, wild zerrissen, senkrecht fallen ihre Wände in die See, nur hie und da liegt eine kleine grüne Matte ausgebreitet. Zwischen ihnen schillcrts und schim- merts bald grün, bald blau. Gewaltige Eismassen, jczt breit und sanft wie eine Ivohlgepflcgte Straße aus die Höhen landeinwärts ziehend, nach beiden Seiten schwach gewölbt absallend, jczt in Terrassen steil aufsteigend und jeden Absaz des kühnen Baues mit wunderlichen Säulen und Ornamenten grünschillernd verziert, steigen sie hinauf bis an die Gipfel; die Fimfelder legen sich darauf und nur hin und wider ragen die Felszackcn aus dem blendend weißen Mantel herwor. Die Sonne glizert und gleißt darauf, unten tauchen sie ihren krystallenen Fuß ins Meer. Sind das nicht die gläsernen Berge des Miihrchens? Alles ist still und stumm wie in einer verzauberten Gegend. kaum fliegt eine einsame Möve über das Wasser oder ein Rabe sticht einmal als schwarzer Punkt von der blendenden Eismaste ab. Wir sind allein auf leichtem Boote, unsere Neugier treibt uns näher und näher, zeitweilig läßt sich ein leises Geräusch vernehmen, ein fernes Donnern— aber das kennen wir ja von den heimischen Gletschern her. Näher und Näher. Durch das blaugnine Wasicr ziehen nnter uns Streifen hin wie weiße Nixenschleier, das Meer wird lichter und lichter und endlich beinahe ganz milchwcis. just wie das Wasser des heimischen Glctschcrbaches. Da sind wir nun angelangt am Fuße des Eis- riefen, nein, wir sind schon weit über seinen Fuß hinauf, denn durch die Flut sehen wir das Eis herausblanen, während ein Teil abgebrochen, mit ruincnhastcn Trümmern bedeckt, weite domartige Höhlen im Innern.des Gletschers schauen läßt, hoch genug, daß ein Schiff hincinscgcln und darin umwenden könnte. Ein rechter Geistcrpalast. Und während wir da, nichts Arges träumend, uns der Anschauung der nie gcschautcn Pracht hin- geben, ja fast so dreist werden, in eine der Höhle» einzudringen, da fängt ein grauenhafter Spuk an. Schäumend und wallend beginnt sich das Wasser am Fuße des Gletschers zu regen, als ob es plözlich durch unterirdisches Feuer ins Sieden geraten wäre; es braust auf und das Getöse wächst bis zum Gebrüll des Donners, Eisblöcke brechen aus der Tiefe hervor und schnellen, ans den Wogen schwankend und krachend, hin und her; wilder und wilder wird das Chaos, da hebt sjchs niittcn drin, eine weiße Riesengestalt taucht auf, höher und hoher, eine mächtige Eismasse, der scheitcrgroße Blöcke entfallen: neu und neu rauscht die See auf, denn das neugeborene Ungetüm wälzt sich bald auf diese, bald auf jene Seite und wirst dabei eine breite Wasscrgarbe von sich— endlich kommt es ins Gleichgewicht; das Getümmel schweigt und beruhigt sich allmälich, die See ist wieder glatt, die Donner sind in der Ferne verhallt und wir, die wir mitten darin auf schwankem Boote Zeugen waren und mit dem bloßen Schrecken und mit heiler Haut davongekommen sind, wagen es— aber nicht allzuimhc— das jüngste Kind des Gletschers oder dessen„Kalb", wie es die Leute in Grön- land nennen, näher anzusehen. Da liegt der schwimmende Eis- berg vor uns, gewärtig, mit der nächsten Flut seine Wiege, seinen Erzeuger zu verlassen und allmälich mit seinen Genossen, die schon vorne am Eingange des Fjordes zu einer Flotte ver- sammelt, auf eine günstige Gelegenheit warten, mit der Strö- mnng nach Süden zu wandern, um, weiter und weiter getrieben, von der schmeichelnden Woge von unten, von der warmen Sonne von oben leichter und leichter gemacht, fern von der Heimat endlich im weiten Meere seinen Untergang zu finden. Das ist doch wie ein Mährchen, wo plözlich ans der Tiefe ein krystal- lcnes Schloß irgend eines bösen Kobolds aufsteigt.— Nun dürfen wir auch den Gletscher in der Nähe besehen, er ist ganz so gebaut wie die heimischen in den Alpen; aber wie be- scheiden sind diese in der Ausdehnung gegen ihre nordischen Brüder! Die unbedeutendsten der dortigen würden, in unsere Alpen vcrsezt, Aussehen erregen, und allenthalben haben sie sich an- gesiedelt; wie die Schwalbennester hängen sie zwischen den Felsen und ganze Täler füllen sie aus. lieber das Meer reichen sie bis auf die davor gelegene Insel, und die See fließt darunter hinweg wie durch einen smaragdenen Brückenbogen. Und wer über sie wegwandern wollte, der könnte sie tagereisen- weit verfolgen, ohne ihr Ende zu erreichen; ganz Grönland scheint innen eine starke Eiswüste zu sei», deren Abflüsse nach der See hin die gewaltigen Gletscher sind, die in das Meer hinabragen.— Vom Frühling bis Herbst, bemerkt Hellwald. ist das Meer in etwa 70» n. Br. bei Grönland allerdings offen, die Gletscher des Landes aber werden fortwährend in das Meer hinausgeschoben, und diese bei weitem raschere Be- wegung des nordischen Gletschereises im Vereine mit dem mit Ebbe und Flut schwankenden Wasserstande des Meeres hat nun zur Folge, daß das Brechen oder des„Eisschimmers Kalbung" (lisblinkens Kaiving) bei den großen Gletschern sehr häufig stattfindet. Diese losgerissenen Stücke oder„Kälber" eines Gletschers, welche plözlich an die Oberfläche heraufsteigen, bilden die gesürchtcten Eisberge, im. che im Sommer, namentlich im Juni und Juli, einesteils ans der Baffinsbai. anderseits aus dem sibirischen Meere bis nach Neufundland hinabgetrieben, sowie aus dem ochotskischen Meere nach Süden geführt werden und sogar noch in diesen tiefen Breiten die Schiffahrt gefähr- de».— Ter Anblick des ersten Eisberges macht stets ans den Schiffer den nämlichen tiefen Eindruck, welchen im Süden die erste Kokospalme oder das erste Austanchen des südlichen Kreuzes hervorbringt. Sogar der rohe Matrose fühlt sich ergriffen, wenn der schwimmende Koloß, von der Polarftrömung getragen. langsam und majestätisch sich ihm nähert. Indessen hat man gewöhnlich, wie Dr. Laube bemerkt, durch Abbildungen und Schilderungen eine etwas verkehrte und übertriebene Vorstellung von den schwimmenden Eisbergen. Gewöhnlich sind es große unförmliche Blöcke mit gerundetem Rücken, nach allen Seilen oder wenigstens an einer Seite steil abfallend. Diese, lie Ab- brnchseite, ist meistens mit einer Menge lose hastender Eis- stücke behängen, die bei jeder günstigen Gelegenheit herabstürzen. Cst gewahrt man ins Innere führende mächtige Höhlen und Arkadenrcihen oder Torbogen als Reste solcher Gänge. Andere, namentlich solche, welche schon längere Zeit unterwegs sind oder von steilfallendcn Gletschern stammen, sind viclzackig und mannig- fach zerklüftet; die Schatten wechseln vom zartesten Himmelblau bis ins tiefste Ultramarin in leuchtender Farbe oder nicht minder prächtig grün. Solche Eisberge sind zwar die schönsten, aber gefährlichsten Nachbarn. Ter Krach eines Flintenschuffes ist im» stände, an einem solchen einen aufstrebenden Pfeiler zum Falle zu bringen und so daß Gleichgewicht des ganzen Klozes zu stören, der nun in schwankende Bewegung kommt und nach allen Seiten hin Trümmer abwerfend/ wohl gar vollkommen in sich selbst zerfällt; jeder liebe lichte Sonnenschein sezt ihm allein schon so zu, daß er, von ihm bewogen, oftmals schwere Trüm» mer abwirst. Das von der Sonnenwärme abgetaute Wasser sickert in die Spalten der Eismassen und gefriert dort wieder, wobei es sich ausdehnt und die Kluft weiter spaltet, was unter schußähnlichem Gckrach geschieht. Wenn mit Sonnenuntergang die Temperatur sinkt, dann brüllt bald hier, bald da ein ein stürzender Eisberg auf, die See scheint stellenweis wie mit Gletschereis überschottert und in ziemlich weite Entfernung trägt die aufschlagende Welle die Kunde vom Untergänge des Riesen. — Tie höchsten Eisberge. die Dr. Laube sah. ragten etwa 50 Meter über Wasser; wenn man bedenkt, daß sie etwa 6—'' mal so tief unter Wasser gehen und oft 100 Meter Länge erreichen, so kann man sich eine Vorstellung machen, welche kolost sale Masse Eis eine solcher über Wasser ganz unscheinbareer Berg saßt. Aber klein und unansehnlich sind sie geworden, wenn sie aus ihrer Wanderung nach Westgrönland gelangen, immer leichter und beweglicher werden sie, man unterscheidet sie an ihrem starr zernagte» Aeußeren von denen, die sich hier erst zur GeseUsckiast der nordischen Wanderer gesellen.— Tie Oberfläche der arl- tischen Eisberge ist mitunter wie bei unseren Gletscher» i"'1 Schutt und Steinen bedeckt. Es sind dies die Reste von riinen, die auch über die nordischen Gletscher sich verbreiten, also der nämlichen Erscheinung, womit wir das Austreten der erratischen Blöcke auf dem europäischen Festlande erklären. Käh' icnd aber bei uns die großen Steine auf alten Gletscher» nicht selten gleich Tischen auf der Spize von Gletschersäulen stehet sind dagegen auf den nordischen Gletscher» dieselben oft in D# terförmige Gruben eingesenkt. Die meist dunkelfarbigen Stein« werden nämlich von den Sonnenstrahlen stärker erwärmt a die Ei? fluche; das Eis schmilzt daher unter denselben l'si''1' limroeg als die Umgebung, und sie sinken iu das Eis ein. � die Eisberge auf solche Art Felsens, ückc mit aus die Wanderung nehmen, gehört übrigens nach Dr. Laube zu den seltener warn' nehmbarcn Erscheinungen; solche, welche von Gletschcrsclsi'N lchwarz gebändert sind, kommen dagegen nicht selten vor.} 11 heimlich und wieder an Kobolde und gespenstisckies Treiben r 127 gemahnend ist es, wenn solch ein Koloß sich plözlich, ohne sichtbar wirkende Kräfte, in Bewegung sczt und schnurgerade sich vor- wärts bewegt, bis er ebenso plözlich wieder Halt macht, wie aufgehalten von dämonischen Händen.— Ans die Bildung des Eises in den arktischen Gegenden, welches je nach seiner der- schiedcncn Art Grundeis, Busen- oder Baieis, Pfannkncheneis, Drifteis, Regelcis, Packeis u. s. f. heißt, sei hier nicht näher eingegangen. St. S e � e n a. Eine venetianische Novelle v o ic Mar?? c> g k e r. (4. Fortsezung.) Eine tiefe Furche zog sich wieder über die Stirn des Mar- chese und er ließ die Hand der Tochter fahren: „Dieses Grafen von Larente willst du sagen"— seztc er, sie aufs neue vonvurfsvoll anblickcnd, ihre Rede fort.„Dieses Grafen"— betonte er scharf.„So sprichst du immer von Herrn von Larente, als ob er dir ein größtes Unrecht zuge- fügt, als ob er die schwerste Schuld gegen dich abzutrage» hätte!... Sage mir offen, Serena,— du versicherst ja. gegen mich immer ausrichtig zu sein— was hat dir der Graf von Larente denn so übles getan, daß du so gar nichts von ihm wissen magst und stets mit dieser Härte von ihm sprichst?" „Mit Härte?"— vcrsezte Serena, über die Worte des Vaters verwundert, rasch.„0 bewahre, nein, mein Batcr! Mit Härte spreche ich niemals von ihm,— von dem Grafen, möchte ich wenigstens nicht von ihm sprechen! Aber es gibt eben Menschen, gegen welche man eine nicht zu überwindende, unerklärliche Abneigung empfindet.... Und im Grunde, soll ich völlig offen sein,"— fügte sie, wie bei sich überlegend hinzu —„ist meine Antipatie gegen den Grafen von Larente nicht einmal so ganz unerklärlich,— wenigstens mir nicht!" „Also gibt es doch etwas a» Herrn von Larente,"— fragte der Marchese gespannt—„tvas dich von ihm abstößt, etwas, wovon du sogar das Bewußtsein hast, daß es deinem Gefühl zuwider ist. Ich bitte dich, Serena, dich mir ganz zu offen- baren! Ich weiß, du wirst es!" „Tu wirst jederzeit alles von mir hören, was du zu hören wünschest, mein Pater!"— antwortete Serena fest und doch borsichtig, als fürchte sie, durch ihre Worte den Pater noch mehr uuszuregen.„Ter Graf von Larente ist gewiß ein tadelloser Kavalier, er ist reich und bcsizt alles, um einer Frau, die ihm "ur einigermaßen zugetan, das angenehmste Leben zu bereiten. Aber ich glaube, er ist nicht aufrichtig, ich finde ihn heftig, dabei aber ohne wirkliches Gemüt, sein Denken und Fühlen scheint S°uz i» den äußerlichsten, gewöhnlichsten materiellen Interessen auszugehen. Was ist ihm ein Kunstwerk, ein herrliches Bild. �ne prächtige Tonschvpfung-- Ich habe ihn jüngst auf der �virse bei der Fürstin Pcrcelli während des verständnisvollsten Vortrags der„Sonata appassionata". der niir je vorgekommen, der Gräfin von Pyröne sich laut unterhalten und lachen Mcn. so daß ich fast ärgerlich wurde. Kurz, er ist obcrsläch- 1CH, eben nur Kavalier, wie ich es nicht liebe." .»Tu tust dem Grafen unrecht,»iciu Kind!"—_ bemühte bch der Marchese der Tochter zu versichern.„Daß erstens Herr von Larente nicht ausrichtig sei, das glaubst du eben ""r und hast schwerlich dafür wirkliche Beweise. Jedenfalls ich nicht, warum gerade du etwa die besondere Zunei- V">g. die er dir schenkt, nicht für aufrichtig halten solltest. du weißt ja. daß die Töchter der reichsten und vor- "ehmstcn Geschlechter Venedigs ihn, mit Vergnügen ihre Hand reichen würden, wenn er sie nur begehrte. Nein. Serena, ein Mann von solchem Reichtum an Geld und Besizungc». wie 'du der Graf von Larente sei» eigen nennt, braucht nicht zu Srheuchrlten Artigkeiten seine Zuflucht zu nehmen, nn, ein Weib eines Standes zu gewinnen! Vielmehr müßtest du dich unter .-'.esen Umständen überzeugen, daß seine Zuneigung zu dir einem tiefsten Innern entstammt und dich durch die Auszeich- �l>, die er gerade dir zuteil werden läßt, in hohem Grade geehrt fühlen.... lind was dein zweites Bedenken betrifft, so glaube ich allerdings, daß der Graf, der ein überaus leiden- schaftlichcs, energisches Naturell besizt, zuweilen heftig sein kann. Aber für die Anlage seines Wesens kann niemand, mein Kind, und es könnte in diesem Falle nur die Aufgabe des Weibes, die der Graf heimführt, sein, seiner Heftigkeit mit um so größerer Sanftmut zu begegnen,— sei versichert, es wird einer klugen und verständigen Frau gelingen, jene mit der Zeit zu mildern! — Jnbezug aber auf den Mangel an künstlerischem Sinn, an geistigem Gehalt oder wie du es sonst nennen willst, den du au ihm tadelst, möchte ich dir bemerken, daß dies eben eine Folge seiner Erziehung und in gewisser Hinsicht auch in den Verhältnissen seines Standes begründet ist. Jedenfalls wirst du viele seines gleichen finden, die in dieser Beziehung noch weit unter ihm stehen. Aber auch hier vermag eine geistvolle und für das Schöne empfindsame Frau sehr wirksan» einen bildenden Einfluß geltend zu machen!" Tiefe beredte Verteidigung, mit welcher der Marchese die tadelnden Bemerkungen der Tochter zu entkräften suchte, ver- fehlte augenscheinlich ihre Wirkung auf Serena, denn sie ant- wartete kühl: „Das ist recht schön, und du magst von deinem Standpunkt aus Recht haben. Aber alle jene Eigenschaften des Grafen sind doch, wie du zugestehen wirst, nicht darnach angetan, ihn mir besonders anziehend zu mache».... lieber eines nur möchte ich mich mit dir verständigen,"— sezte sie rasch hinzu.„Wenn ich meinte, daß ich den Grafen nicht für aufrichtig halte, so wollte ich damit nicht sagen, daß seine Artigkeiten mir gegen- über erheuchelt scheinen. Vielleicht habe ich in der Wahl des Ausdrucks gefehlt, denn es sollte mit jenen Worten nur bemerkt sein, wie ich schon vorhin beiläufig andeutete, daß ich seine angebliche Zuneigung zu mir als keine besonders tief begründete ansehen möchte, daß sie mir vielmehr wie eine ganz seinem Naturell— du nanntest es mit Recht leidenschaftlich— entsprechende plözliche Aufwallung, höchstens wie eine schnell ge- kommene Schwärmerei erscheine, die nicht dauert, sondern ebenso wieder vorübergehen wird." In diesem Augenblick trat ein Diener herein und meldete j die Ankunft der kleinen Adele von Winter, die in Serenas Zimmer auf das gnädige Fräulein harre. Der Marchese hatte eben seiner Tochter auf ihre lezten Worte erwidern wollen; Serena aber benuzte die envünschte Gelegenheit, sich dem für sie uner- quicklichen Gespräche zu entziehen. Sie erhob sich und reichte dem Bater die Hand. „Nicht wahr Vater, du läßt mich jezt gehen und zürnst mir nicht?"— sagte sie zärtlich. Der Marchese schwieg und antwortete nur mit einem leichten Neigen des Hauptes, was Serena so doppelsinnig schien, daß sie sich nochmals zu ihm niederbeugte, und indem sie ihm die Hand küßte in noch zärtlicherer Gesiihlswallung hinzufügte: „Nein, lieb Väterchen, du darfst mir nicht zürnen!— Und jezt adieu bis zum Abend!"... Ter Marchese verließ, als Serena hinausschritt, ebenfalls seinen Fauteuil und ging mit großen Schritten einigemal nach- denklich in: Zimmer auf und ab. Tann warf er einen langen Blick nach seiner jungen Frau hinüber. Sie war eine ver- lockende Erscheinung, wie sie so dastand, die Marchesa von Mon- tmiari. Die h�he Gestalt, die in ihrer geschmeidigen Grazie der Serenas nichts nachgab und jczt durch den langen Faltcinvnrf des ihre schäncn Glieder umschließenden Kleides noch schlanker erschien, die volle Büste, der halb entblößte, weiße Hals, das dichte, hoch cniporgeschcitelte dunkle Haar, der feine Schnitt des Gesichts, der jezt in dem schonen Profil noch mehr hervortrat. die halb geöffneten, von einem reizvollen Lächeln umspielten blühenden Lippen, das schöne Haupt, das sich, wie sie leise in den Käfig hineinflüsterte, bald hob, bald neigte, bald zur Seite wendete, die ebenmäßig geformten, aus dem duftige» Gewand hervorschimmernden Arme: man konnte sich kein schöneres Bild heiteren, sorglosen Lebens denken, als die junge, lächelnde, tän- dclndc und spielende Jrau. Sic hatte das Hinausschreiten Serenas aus dem Gemach völlig unbeachtet gelassen und schien sich ebensowenig um die fernere Anwesenheit ihres Gemahls zu küm- mern. Dieser trat ihr jezt einige Schritte näher und fragte zögernd: „Und was sagst du zu dem wunderlichen Mädchen, Angela?" Tie Marchesa wandte den Blick keine Sekunde von dem kleinen Sänger hinweg, und es klang mehr, als spräche sie in den Käfig hinein, wie sie nachlässig und leicht mit den Schul- tern zuckend antwortete: „Je nun, es gibt eben sonderbare Menschen!" Ter Marchese zeigte sich durch diese kurze, nichtssagende Antwort einigermaßen betroffen und sagte in verdrießlichem Tone, indem er wieder im Zimmer auf und ab ging: „Jedes andere Mädchen würde sich glücklich schäzen, von einem so reiche», angesehenen und dabei so liebenswürdigen Kavalier umworben zu werden—" „Gewiß, ein Kavalier cornmc il kaut,"— warf die Mar- chcsa ein—„Serena aber scheint ganz besondere Ansprüche an den Man» zu stellen, der dereinst die(ihre haben wird, der Ihre zu heißen"— fügte sie mit beißendem Spott hinzu. Der Marchese stand wieder überlegend still und schaute in stummem Unmutr vor sich hin. Tie junge Frau schien geringen Anteil an der Bekümmernis ihres Gatten zu nehmen. Sie scherzte und kos'te mit dem nied- lichen Bogel saft nur noch ausgelassener. Sic sah überhaupt nicht aus, als ob sie Kummer und Sorge zu hegen fähig wäre, und wenn der Marchese, als er sich nach dem Heimgang seiner ersten braven Gattin zum andernmal verheiratete, eine neue Lebensgefährtin zu erhalten hoffte, die Leid und Freud treulich mit ihm tragen würde, so hatte er sich bitter getäuscht. Dieses schöne, üppige, nach Zerstreuung und Genuß vcrlaiigcndc Wesen war wenig geneigt, sich die Schmetterlingsflügcl ihrer Seele mit Schmerzen und Sorgen zu beschweren. Freilich, sie brauchte es auch nicht. Alles, was das äußere Dasein behaglich und angenehm zu machen vermag, war ja im Palazzo della Sponda im Ucberfluß vorhanden, und daher kam es auch, daß der tiefe Zwiespalt, der von allem Anfang an zwischen dem ernst gemessenen, nachdenklichen Wesen des Marchese und der leichtsinnigen Flatterhaftigkeit der jungen Frau bestand, bisher nur in ganz vereinzelten Fällen hervorgetreten war. Ein solcher Fall war aber eben gerade der jezige, und Herr von Montanari zeigte sich über die vollständige Teilnamlosigkcit seiner Gattin an allem, was ihn in diesen Augenblicken bewegte und beunruhigte, ernst- lich verstimmt. Seine Stini legte sich in tiefe Falte», als er jczt ailfs neue ftillstaud und, die Marchesa scharf anblickend, mit unverholenem Aerger begann: „Tu scheinst in der Tat über deine Tändelei alles andere zu vergessen, Angela, und nicht daran zu denken, daß es in> Augenblick Tinge gibt, die doch wahrlich eine größere Aufmerksamkeit deinerseits in Anspruch nehmen dürfen." Tic Marchesa erhob stolz ihr Haupt. Eine solche Sprache hatte ihr Gemahl noch nicht z» ihr zu reden gewagt. Ihre Augen flammten in heftigem Unwille», und sie entgegnete mit scharfer Betonung jedes einzelnen Wortes: „ bin wirklich erstaunt, von mcincni Gemahl Vorwürfe zu hören!— Ich habe nicht gedacht, daß ich in dieses Haus kommen sollte, nn, mir durch kleinliche Sorgen das Lebe» zu verbittern." Herr von Montanari sah sie verwundert an. Er wußte wohl schon längst, daß es nicht ihre Sache tvar, niit ihm über ernsthafte Angelegenheiten verständnisvoll und einsichtig zu sprechen, wie es einer Frau zukommt. Aber der lieblose Ton, in dem sie ihre völlige Teilnahmlosigkeit an den Sorgen des Hauses zu rechtfertigen suchte, machte ihn für den Augenblick sprachlos. Tic Marchesa schien diese Wirkung ihrer Worte zu bemerken und mochte einsehen, daß dieselben denn doch etwas allzu schroff gewesen seien. Denn sie fügte in etwas weniger gereiztem Tone hinzu: „Was weiter— wenn Serena den Grafen nicht mag? Wozu ihr ihn aufdrängen wollen?— Und ich denke, was ihn betrifft, so wird er sich trösten lasten———" Sie wollte weiter reden, als abermals der Tiener auf der Schwelle erschien und der Grafen von Larente meldete. „Ich denke ein andcresmal Gelegenheit zu haben, mit dir über diese Angelegenheit zu sprechen, Angela!"— warf Herr von Montanari daher nun hastig und in abweisendem Tone ein, indem er sich über die Stirn fuhr, als ob er die auf derselben hervorgetretenen dicken Falten glätten wollte. Schon trat der Gras herein. Ter Marchese schritt ihm entgegen und hieß ihn unter freundschaftlichem Händedruck will- kommen. Auch seine Gemahlin verließ jczt ihren Plaz vor dem vergoldeten Käfig am Fenster und ging auf den Eingetretenen zu, der ihr mit zutraulicher Herzlichkeit und Ehrerbietung zu- gleich die Hand küßte. Während der Marchese nur schwer seine noch immer anhaltende Verstimmung zu verbergen vermochte und etwas wortkarg erschien, war die junge Frau voll Licbenswür- digkeit und Lebendigkeit und nahm den Gast durch heiteres Ge- plauder sofort ganz in Anspruch. Und der Marchese überließ ihr den Grafen uni so lieber, je mehr er sich dadurch der Not- wendigkeit, mit diesem das Gespräch allein zu führen, über- hoben sah. In anderer Hinsicht freilich war es ihm wieder peinlich, sich nicht unbefangen an der Unterhaltung beteiligen zu können und dadurch seine üble Stimmung den Grafen bc- merken zu lassen, wie es ihn gleicherweise mit Aerger und Un- willen erfüllte, seine vorher so tcilnamlosc Gemahlin jczt in übermütiger Laune die bedeutungsloseste Konversation führen zu hören. Er vermochte seinen Verdruß auch nicht länger an sich zu halten, sondern stand auf und wandte sich, indem er seiner Gemahlin einen vorwurfsvollen Blick zuwarf, unter höflicher Verbeugung und so freundlich er konnte, an den Grafen: „Sie entschuldige» mich wohl für kurze Zeit, bester Graf, ich hoffe, Sie bei meiner Rückkunft noch anzutreffen!" Ter Graf sah in diesen Worten nichts außergewöhnliches. Er stand durch mehrjährige Bekanntschaft mit dem Marchese auf so vertraulichem Fuße, daß von beiden Seiten auf ängstliche Wahrung des Zeremoniells nicht allzu sehr gesehen wurde. Mit einer leichten Berneigung gab er dem Marchese daher zu vcr- stehen, daß er sich durch seine Anwesenheit in keiner Weise stören lassen solle, und dieser verließ, nur kühlen Gruß der Augen zu seiner Gemahlin hinübersendend, das Zimmer. Tie beiden Zurückbleibenden saßen in zwei Fauteuils dicht nebe» einander. Die Art, wie sie das vordem begonnene Ge- sprach fortführten, ließ unschwer erkennen, daß sie sich nicht zum erstenmal allein befanden. Es schien vielmehr fast, als sei die Anwesenheit des Marchese ein Hindernis für sie gewesen. Ter Gras saß bequem in seinen Fautcuil zurückgelehnt, während die Marchesa das Haupt leicht zur Seite gewandt hatte, so daß sie mit ihren feurigen, dunkle» Augen gerade das etwas mißgestimmt dreinschauende Antliz des Grafen traf. Sic wippte leise mit den zierlichen, in seine Schuhe gekleideten Füßen, die aus einem von kostbarer Stickerei überzogenen Tabouret ruhte» und unter dem Zaume des zurückgesalteten Kleides hervortraten. Bor ihr auf den, Teppich kauerte das weiße Käzchcn und blinzelte , schläfrig mit den grünen Augen. „Langweilig jczt in Venedig, mein Lieber, nicht wahr?" � wandte sich die Marchesa mit leicht hingeworfener Frage an de» i Grafen. „Zum Sterben langweilig, gnädige Marchcsa!"— gab dieser zur Antwort. „Es ist die trägste Jahreszeit jczt. und es war eigentlich töricht, so früh schon nach der Stadt zurückzukehren,"— fuhr er fort—„oder es ist vielmehr töricht, nicht nochmals aus das Land zu gehen."— „Aber ich bitte Sie. lieber Gras."— warf die Marchesa ein—„war es denn auf Ihrer Besizuug am Garda minder langweilig?— Tiefes einförmige Dahinleben von Tag zu Tag in einer Gegend, wo einen der Anblick des ewig blauen Himmels und des ewig blauen Wassers allein schon schläfrig zu machen geeignet ist"— „Ich bcdaure,"— vcrsezte der Graf etwas piquirt— „daß Ihnen der Aufenthalt am Garda so wenig gefalle»,»nd daß ich Ihnen nicht mehr habe bieten können." „O bitte, wie hätten Sie überhaupt für größeres Amiise- nient zu sorgen vermocht!— Sie haben ja alles aufgeboten, um uns den Aufenthalt angenehm zu machen. Aber Sie werden mir zugeben, daß die täglichen Ausfahrten in die Berge mit den stereotypen Ausblicken ans Matten und Felsen und das fortwährende Geschaukel der Gondel auf dem stillen, wie im Schlafe liegenden See nicht jedermanns Sache sind, keinesfalls aber für die Dauer als genügende Abwechslung in dem lang- weiligen Einerlei einer Villegiatnr angesehen werden können.... Und unsere Stachbarschaft,— mein Gott, sie war die denkbar langweiligste!— Ter russische Baron, dessen ganze Familie an nichts weiter Gefallen zu haben schien, als tagtäglich aus den kleinen struppigen Stcppcnpferden in der Gegend hcnnnzujagcn, diese halbe» Barbaren auf der einen und die deutsche kauf* mannsfamilie ans Mailand, die wieder den ganzen Tag im Walde kanipirte und sich ins Gras vergrub, wo es am höchsten wuchs, ans der anderen Seite,— dazwischen die beiden Gvu- vcrnantcn—— Mein Gott, wenn ich an diese Gouvernanten denke!"— Die Marchesa stieß ein helles Lachen ans und fuhr ausgelassen fort:„Die des Barons die wildeste Reiterin, die mit dem jungen Baron um die Wette über Hecken und Gräben sezte und, selbst eine passionirte Rancherin, eigenhändig ihren halberwachsenen Pflegbefohlenen, den dicken Backfischen mit de» gelben Gesichtern, die Cigarrettcn drehte,— und die des deutschen Kaufmanns, die, wenn sie saß, wie an allen Glieder» gefesselt aussah und den Hals steif hielt, wie die Individuen einer ge- wissen liebenswürdigen Gattung unter dem Federvieh, die, wenn sie ging, ängstlich abgemessenen, trippelnden Schrittes hinter den Kindern herschritt, wie ein Hirt, der sein Schäfchen zur Tränke treibt, und die kein Wort zu sprechen wagte, ohne vorher mit stierem Blick ihren Herrn oder ihre Herrin angesehen und ge- wissermaßen die Erlaubnis zum Steden von den Augen gelesen zu haben. Nein, diese Gouvernanten,— es war zu lustig!" Und die Marchesa lachte wieder so hell auf, daß auch den Grafen ein Anflug von Heiterkeit überkam und ein leises Lächeln über seine Züge ging. „Die Erinnrung an die Gouvernanten scheint Sie ja selbst noch heute außerordentlich heiter zu stimmen, gnädige Frau;"— sagte er—„Sie haben also doch einiges Ergözen dieser Villc- giatur zu danken!" „Die Erinnerung an diese Art Menschen ist bekanntlich eher erträglich, als sich in ihrer Nachbarschaft zu befinden, bester Gras!... Nun wohl, ich will nicht ganz undankbar sein: ich habe doch manchmal über diese sonderbaren und an sich so ver- schiedcnen Erzieherinnen herzlich lachen müssen!" „Ucbrigcns"— warf der Graf ein—„hätte Fräulein Serena"— „-tie natürlich der Gegenstand aller Ihrer Aufmerksamkeit war, unterbrach ihn die Marchcsa mit schelmischem Aus- blizcn der Augen und doch in einer Weise, als wolle sie leisen Borwurf aussprechen. Der Graf mochte das wohl fühlen. Aber er warf ihr nur einen fast ernsten, schwer zu deutenden Blick zu und fuhr, ihre lcztcn Worte übergehend, fort: „Uebrigens hätte Fräulein Serena, wie ich meine, auch etwas mehr zu unserer Unterhaltung beitragen können! Sie hielt sich ja immer so versteckt und zurückgezogen, daß man sie hätte bei den Töchtern des Kaufnianns aus Mailand im Grase vermuten können, wenn einem nicht bekannt gewesen wäre, daß sie"— „Daß sie vorzog, sich ihre Gesellschaft unter den schmuzigen Dorfbewohnern zu suchen— Mein Gott,"— unterbrach sie sich plözlich selbst—„wie können Sie Sich darüber überhaupt noch venvnndern, Graf?— Jeder Mensch hat eben seine Pas- sionen! Und Sie wissen ja. daß das Wesen Serenas im Grunde auch hier in Venedig dasselbe ist!" „Wenigstens in der Beziehung, daß sie mir auch hier bc- ständig aus dem Wege geht!"— vcrsezte der Graf voll Bitter- keit.„Und was die Passionen anlangt, so scheint das gnädige Fräulein jczt eine ganz besondere zu bcsizen." „Und diese wäre?"— fragte die Marchesa gespannt. „Sic wüßten wirklich nicht?"— versczte der Graf. „Ich bitte, Graf."— warf jene wieder ungeduldig ein— „nicht so geheimnisvoll!— Sie wissen, daß ich nicht gern lange rate!" „Es scheint mir ganz seltsam, gnädige Frau."— fuhr der Graf, sehr überrascht, fort,—„daß Sie, die Sic sonst ein so scharfes Auge für Ihre Umgebung haben, nicht bemerkt haben sollten, welch' ein intimer Verkehr schon seit Woche» zwischen Fräulein Serena und dem in Ihrem Hanse tätigen Maler Eamillo von Winter stattfindet.... Wäre Ihnen das wirklich entgangen, gnädige Frau?" Er sah die Marchesa forschend an, als ob er für möglich hielt, sie stelle sich nur unwissend. . Diese aber schlug die Augen weit auf und neigte sich mit dem Ausdruck größter Ucbcrraschung ihm zu, indem sie sagte: „Ich höre wirklich das erste Wort davon,— Sic scheinen ja ein wahrer Herzcnskündiger zu sein, Graf! Vorher wissen Sic denn das?" „Es gehören keinerlei besondere Fähigkeiten dazu, gnädige Marchcsa!" antivortcte der Graf etwas vertvirrt—„Serena und der Maler haben nicht das geringste Hehl aus ihrer Sym- patie für einander gemacht——" „Lieber Graf," unterbrach ihn die Marchcsa. die Hand leicht auf seine» Arm legend und in ihrer Ueberraschnng von vorhin merklich herabgestimmt—„Sic scheinen mir da doch mit eigen- tümlichen Augen gesehen zu haben____ Wäre es möglich, daß Sie de» Verkehr zwischen Serena und Herrn von Winter schon mit eisersüchtigen Blicken bewachen?" Es hatte sich der Marchesa unmerklich eine kleine Miß- stimmnng bemächtigt, die leise durch diese Frage hindurchklang; sie ließ ihre Hand immer noch auf dem Arme des Grafen ruhen und sah ihm, als ob sie ängstlich um etwas besorgt wäre und Beruhigung aus seine» Zügen lesen wollte, ins Gesicht. Ter Graf aber versczte lebhaft: „Keine Eifersucht, gnädige Frau!— Jeder unbefangene Blick wird, so oft er die Begegnungen und Unterhaltungen der beiden zu beobachten Gelegenheit hat, wahrnehmen, daß—' �Taß Serena für die Kunst schwärmt, bester Graf!"— unterbrach ihn die Marchesa heftig.—„Wenn Sie die beiden so scharf beobachtet haben, so kann es von Ihnen doch wohl kaum unbemerkt gelassen worden sein, daß sich ihre ganze Unter- Haltung fort und fort um Gegenstände der Kunst dreht!..." „Ich sage Ihnen, Graf, mir schwirrt, wenn ich mich in ihrer Gesellschaft befinde, zuweilen ordentlich der Kopf von all dem wunderlichen Zeug, über welches Sic reden!— Ja. wenn Sic das meinen,— wenn Sie das einen intimen Verkehr nennen!..." „Nein, das ist nicht alles!"— vcrsezte der Graf mit komischer Wichtigkeit und scharfer Betonung der Negation. „Ich will freilich zugeben, daß Serenas bis zu excentrischcr Ausartung gesteigerte Liebhabereien dabei eine Rolle spielen.— aber ich weiß mehr, gnädige Frau, ich habe Gelegenheit ge- habt, sie mit Herrn von Winter allein zu tressen--" „So?" warf die Marchesa jezt in langgezogenem Tone dazwischen, indem sie die Hand wieder von seinem Arme herab- gleiten ließ und in ihren Gcbcrdcn abermals gespannte Er- Wartung verriet.(&»*** W 131 Zur Rolaninlsrage. Von Wruno Keiser. Uebcrvölkerung ist ein Gespenst, das fast alle Kanne- gießen, hin und wieder sogar auch einen sonst kühl urteilenden, vernünftigen Menschen arg ins Bockshorn gejagt hat. Und wenn man die Statistik der Bevölkerungsbewegung vor sich hin auf den grünen Tisch legt, die Nase tief darein vergrübt, wohl gar die Feder in die Hand nimmt und zu rechnen beginnt, wieviel, Prozent auf Prozent gerechnet, Teutschland, Europa und die gesammte Erde in 50, 100, 1000 Jahren Bewohner haben möchte, dürfte, sollte, ja sogar— das Einmaleins ist uner- bittlich!— haben muß,— dann stehen einem wirklich die Haare zu Berge, und man begreift nicht, wo man dereinst Kar- toffeln und Cichorie genug wird hernehmen können, um die Milliarden Staubgeborencr wenigstens auf gut oder vielmehr schlecht erz- oder culcngebirgisch zu nähren, wenn diese Art Magentüuschung überhaupt noch„nähren" genannt werden kann. Eines der gelehrtesten Hünscr aller Kulturvölker— der Kanzler der Universität Tübingen— Herr G. Rü mclin ist einer von den mit echt deutscher Urgründlichkcit ausgestatteten Mensche», die gelegentlich das unabweisbare Bedürfnis zu ein- pfinden scheinen, eine Untersuchung anzustellen, ob sie bei all' ihren unergründlich tiefen Studien nicht etwa das Hantiren mit den vier Spezies verlernt habe». Bei solch' einer ersprießlichen Untersuchung entdeckte Herr Rümelin, daß Teutschland bei einem jährlichen Bevölkerungszuwachs von nur 1 Prozent,— in Wahrheit ist die Volksvernichrung in Deutschland in neuester Zeit beträchtlicher— im Jahre 2000, also schon nach 118 Jlchren nicht weniger als 150 Millionen Menschen, im Jahre 3000 etwa soviel als jezt die ganze Erde, nämlich 1200 Millionen und im Jahre 5000— die geehrten Leser niögen sich auf die entsezliche Botschaft gebührend vorbereiten— 36 Milliarden Menschen haben wird. Furchtbar! 36 Milliarden! Und das schon— in Dreitausend und achtzehn Jahren?!! Ich weiß nicht, ob es außer Herrn Rümelin noch viel Mensche» gibt, die sich darüber den Kopf zerbrechen, wo unsre lieben Nachkommen in 3000 Jahre» ihr tägliches Brot her- nehmen werden; was mich anbelangt, so bin ich Rabenurahn Üknug, um mich den Teufel darum zu kümmern. Selbst die Fwge, was nach der für einen großen Gelehrten lächerlich win- zigen Zeitspanne von 118 Jahren das deutsche Volk essen und trinken wird, läßt mich vorläufig kühl bis ans Herz hinan. Ich �cuke: warum in die Ferne schweife», sieh— das Elend liegt so nah—— Warum zerbrechen sich unsre großen Gelehrten nicht lieber "Uhr, viel mehr als geschieht, den Kopf darüber, wie es zu wachen ist, daß wir— d. h. das Volk der Gegenwart— leiblich und geistig besser zu leben, besseres zu genießen vermögen? Warum? Nun ich denke,— weil den Spekulationen über die Lösung der Fragen unsrer Zeit Taten auf dem Fuße folgen wüßten, wenn jene Spekulationen nicht sofort als müßige, über- flüssige, nichtsnuzige erkannt werden sollten, und weil unsre ge- lrhrten Herrn Zeitgenossen sich durch etwas so ordinär Hand- �reifliches oder zum mindesten Augenfälliges, wie Taten sind, "'cht gern ihre sublimen philosophischen oder naturwisienschast- lichcn Zirkel stören lassen. . Jndesien, ich will nicht ungerecht sein! Grade das Schreck- grspenst der Uebervölkerung hat manchen deutschen Gelehrten ""d. wenn ich nicht irre, auch Herrn Rümelin auf den Ge- danken gebracht, daß wir uns vor dem Elend, daß da mit de» kämmenden Jahrhunderten über uns heraufziehen wird, durch allerlei i» der Gegenwart zu treffende oder anzubahnende Schuz- "orkehrungeu retten müßten. Eine dieser Schuzvorkchrungcn und eine der hauptsächlichsten '» die Gründung von Kolonien, über deren Notwendigkeit während der lcztcn drei Jahre in Teutschland viel geschrieben "nd gestritten worden ist. Kolonien besizt namentlich England in allergroßartigstem Maße; in Afrika 1\i Millionen Quadratkilometer, in Asien 2 Hz Millionen, in Ozeanien(Australien) fast 8 Millionen und in Amerika sogar über 9 Millionen, im ganzen 21 Millionen Quadratkilometer mit 200 Millionen Einwohnern. Nächst Eng- 1 land sind am meisten mit Kolonien gesegnet die Niederlande, die in Asien 1 Hz Millionen, in Ozeanien 177 000, in Amerika 1 20000, insgesammt 1 800000 Ouadratkilometeraußereuropäisches Land mit 25 Millionen Menschen bcsizen. Rußland ist an Flächeninhalt seiner Kolonien, beziehentlich seiner außereuro- päischen Besizungen, sehr viel reicher; hat jedoch auf 16 niill. Quadratkilometer nur 13 Millionen Bewohner aufzuweisen. Auch Spaniens Kolonien sind fast noch einmal so umfangreich als die der Niederlande, an Bewohnern derselben haben sie aber nur 8300000, während Frankreich mit einem Kolonialterritoriuni von 615 000 Quadratkilometer 6 Hz Millionen Bewohner, Por- tugal mit 1 800 000 Quadratkilometer 3 Hz Millionen Bewohner und Dänemark mit 88 000 Quadratkilometer 47 000 Bewohner in seinen Kolonien zählt. An den Kolonien wird nun als besonders vorteilhaft für das Mutterland hervorgehoben, daß sie ihm ergibige Gelegen- heit zur Verwendung und möglichst lukrativer Verwertung von Kapital und Arbeitskraft geben und dadurch den„National- reichtum" vermehren helfen, und daß gleichzeitig durch den bc- ständigen Verkehr zwischen dem Mutterlande und den Kolonien durch Kaufleute, Gewerbetreibende aller Art, Techniker und Militär aller Grade der geistige Horizont des Volkes erweitert, somit auch unmittelbar ein nicht zu untcrschäzendcr geistiger Gewinn eingeheimst wird. Dies gilt vorzugsweise von den Handelskolonien, indes den Ackerbaukolonien nachgerühmt wird, daß sie dem Muttcrlande die bequeme Möglichkeit gewähren, den daheim notleidenden Volksschichten ein ihrer Hände Arbeit fruchtbar machendes Tälig- keitsgebict anzuweisen, auf dem nicht fremde Völker den Rahm der Steuern und aller denkbaren Handclsprvfite abschöpfen. Das ist nun im Grunde richtig; nur einige kleine Haken, die in die Rechnung ein Loch reißen können und weiter unten berücksichtigt werden sollen, dürfen nicht außer acht gelassen werden. Wie wichtig Kolonien für das Mutterland sind, muß sich an England und den Niederlanden leicht nachweisen lassen. Die Engländer sind das erste Handelsvolk der Welt. Sie halten mehr als den fünften Teil des gesammten Welthandels in ihren Händen, während von Deutschland, Frankreich und Nord- amerika bis jezt jedes nur den zehnten Teil des Welthandels sich zu erobern vermochten. Diese hervorragende Stellung im Welthandel, welche de» Engländern jahraus jahrein rund etwa eine Milliarde Mark Handelsprosit einbringt, haben sie zum weitaus größten Teil ihren Kolonien zu danken. Die Zahlen des Austausches von Handelsartikeln zwischen England und seinen Kolonien verbreiten darüber ausreichend Licht. Im Jahre 1880 führte England von Britisch-Siord- amerika, Australien und Britisch-Jndien Waaren ein im Werte von rund 1 ji Milliarde Mark und führte nach diesen seinen überseeischen Territorien Waaren aus im Werte von rund 1 Milliarde. An diesen Handelsartikeln profitiren nun die Händler und Fabrikanten Großbritanniens oft doppelt und dreifach, zuweilen in noch viel höheren Graden, insbesondere an den Einfuhr- waaren, die es zu sehr erheblichem Teile nicht selbst verbraucht, sondern entweder nur verhandelt, wie Kaffee, Tee u. s. w., oder verarbeitet, wie z. B. die Baumwolle. Welch' riesigen Nuzen die Engländer aus ihren Kolonien zn schlagen wissen, dafür nur ein Beispiel. Im Jahre 1879 wurden von dem Houptcxportartikel Englands, den Steinkohlen, 578 000 Tonnen(die Tonne zn 1000 Kilogramm) nach Indien verladen, deren Wert nach den Zollregistcrn in England a'/i mill. Mark betrug. Als die Steinkohlen in Indien angekommen waren, stellte sich nach den Angaben der indischen Zollbehörde ihr dor- tigcr Wert auf nicht weniger als 18 Millionen Mark,— somit hatten die Versender ohne die geringste Bemühung, alle Trans portkosten abgerechnet, mehr als das Sümmchen von 10 Millionen Mark, d. s. so ziemlich 200 Prozent, profitirt. Damit war aber das Geschäft noch nicht zu Ende. Die Steinkohlenexportcure kauften für ihre 18 Millionen Mark 60 000 Tonnen Jute (spr. Tschuth), jener zu allerlei Gespinnsten und Geweben brauch- baren indischen Bastfaser: und diese 60000 Tonnen repräsen- tirtcn in England einen Wert von nahezu 22 Millionen Mark. Damit waren also an einem Exportartikel im Werte von 5',2 Millionen, zum mindesten 13 Millionen Mark rein profitirt. Kolonien als Bezugsquellen für Rohstoffe und Waarcn, welche ein Land nicht selbst besizt oder ein Boll nur unter viel ungünstigeren Bedingungen zu produziren und zu fabriziren vermag,— Kolonien als Absazgcbiet für Rohstoffe, die ein Land im lleberfluß besizt und für Waarcn, die ein Volk in einem seine eigenen Bedürfnisse weit überbietenden Maße unter gün- stigcn Bedingungen zu produziren vermag, sind also offenbar von sehr großer Bedeutung für jedes Land und jedes Volk. Schon aus diesem Grunde hätten die leitenden Kreise in Deutschland seit langem überseeische Ländercicn zu erwerben und dort lebenskräftige Kolonien anzulegen erachten müssen. Die Zersplitterung Teutschlands, die Vielköpfigkeit seiner Herrscher, die nichts weniger als ein Hindernis daran war, daß Deutsch- land sehr oft und in sehr vielen Beziehungen völlig kopflos regiert wurde, haben bis in die neuste Zeit an der Erwerbung von Kolonialbesiz gehindert. Im 19. Jahrhundert hat sich nun noch ein weiteres Mo- ment dafür besonders fühlbar gemacht. Das ist der mächtige Auswandrungsdrang der Deutschen, mit dem die hervorragende Befähigung des deutschen Volkes für die Zwecke der Koloni- sativn— für Urbarmachung von Wüste und Waldland, für Acker- bau und Viehzucht, für Mklimatisirung und Einlebung in fremde Verhältnisse, Lebensgewohnhcitcn und Sitten Hand in Hand geht. Werfen wir einen flüchtigen Blick auf die durch Deutsche bewirkten Kolonisationen größerer Landeskomplexe. <-chon seit dem 12. Jahrhundert siedelten sich Deutsche, dem Rufe ungarischer Könige folgend, in Siebenbürgen, in den ober- ungarischen Karpaten und den an Oesterreich und Steiermark grenzenden Landstrichen Ungarns an. Nebenbei entstanden noch mehrere deutsche Städte in sonst ungarischen Landcstcilcn, so z. B. Ofen. Am Ende des 17. Jahrhunderts ward durch die österreichischen Heerführer, welchen es gelungen war. die Türken zu vertreiben, wiederum ein großer Auswandrungsstrom nach Ungarn gelenkt. In der Umgegend von Pest und Ofen, im bakonyer Wald und dem Vertcsgebirge. auf der Tonauinsel Czczct und in den Komitatcn Tolna und Baranya wurden deutsche Bauern seßhaft. Unter Maria Theresia begannen von neuem großartige Kolonisirungen durch Deutsche. Stach dem siebenjährigen Kriege wurden in das eben erst den Sümpfen abgerungene Banat, sowie nach der Bacska und noch einigen anderen Gegenden 400 000 deutsche Bauern, zumeist Schwaben, verpflanzt, und 1872 zog Joseph II. noch 40 000 Schwaben nach der Bacska. Dies war die leztc größere Einwandnmg Deutscher in Ungarn, von den 1500 würtembergischen Schwaben abgesehen, die im Jahre 1846 ins siebcnbürgische Sachsenlond einzogen. Gegenwärtig hat Ungarn 4 große Gruppen deutscher An- siedlungen aufzuweisen: die der Sachsen und Ländler in Sieben- bürgen, ungefähr 235000 Köpfe stark, die der Schwaben im Banat. in der Woiwodina und den Nachbargespanschaftcn mit der Zahl von 700000 Köpfen, ferner die der deutschen auf ungefähr 500(00 Köpfe zu schäzcndcn Ansiedler zwischen der österreichischen Grenze und der Donau bei Pest und die Deutschen im Slowakengebiete, etwa 100 000 Seelen zählend. An Bewohnern zahlreiche und an Land ausgedehnte Kolo- nien finden wir auch in Rußland. Im Gouvernement Ssamara werden 80000, in Cherson 50 004, in Ssaratow 40000, in Taurien 27 000, in Bcssarabien 22 000, in Jckaterinoslaw 20 000, in St. Petersburg 4000, in Transkaukasien 3000, in Orcnburg 1500 und inStawropol 1000 Deutsche gezählt. Außer- dem sind über die baltischen Provinzen eine große Aicnge kleiner deutscher Ortschaften verstreut. Im ganzen wird die Zahl der Deutschen in Rußland auf 400000 geschäzt. Ist schon die nach dem europäischen Osten und Südosten gerichtet gewesene Auswandrung eine sehr beachtenswerte, so erweist sich die nach dem außereuropäischen Westen gerichtete als eine geradezu kolossale. In dem wenig über ein halbes Jahrhundert umspannenden Zeitraum von 1815— 79 wanderten ungefähr 4 Millionen Deutsche aus und davon gingen nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika 3 600000. Diese sehr große Anzahl Deutscher hat sich in den Staaten Missouri, Wis- consin, Minnesota, Illinois, Ohio, New-Aork, New-Jersey, Maryland, Nordcarolina und im Mississippibecken, in den lezten Jahrzehnten auch in Kansas, Texas und Nebraska angesiedelt, und zwischen 400000 und 500 000 wohnen in den großen Städten der Union, hauptsächlich in New-Aork, Philadelphia, St. Louis, Chicago und Cincinnati. Auch in Südamerika, vorzüglich in den Südprovinzcu Bra- siliens wie in Argentinien, Uruguay, Chile u. s. w., sind Deutsche in größerer Zahl vertreten. In Brasilien allein wohnen ungefähr 200000. Es ist klar, daß diese Millionen Deutscher, welche sich durch Austelligkcit und Arbeitsamkeit vielfach zu Wohlstand und Reich- tum emporgeschwungen haben, dem Mutterlande von unbercchen- barem Nuzcn sein würden, wenn sie mit ihm in unmittelbarem Verkehre geblieben wären. Ist doch schon durch die einfache Tat- fache ihrer Auswanderung Teutschland um einen beträchtlichen Teil seines Nationalvermögens gebracht worden, da ja zumeist nicht diejenigen auswandern, welche garnichts besizcn, sondern die, welche wenigstens noch ein kleines Kapital zuzusezen haben und auf dessen gewinnbringende Verwertung in einem mit Arbeits- krästen nicht so gar überfüllten und mit herrenlosen oder billig zu erwerbenden Landstreckc» ausgestattetem Kontinente rechnen. Mit gutem Grunde schäzt der mit Recht hochangesehene Statistiker Engel die Turchschnittssumme, welche mit jedem Auswandrcr Teutschland entzogen wird, auf 2000 Mark, was einen Kapitalverlust von etwa 1 hj Milliarde Mark, für die lezten 30 Jahre gleichkommt. Und den Gcsammtverlust— seit dem Beginn der Auswandrung nach Amerika im Jahre 1682, einschließlich der Erziehungskostcn und der materiellen Arbeits- krast der Ausgewanderten— berechnet Ernst v. Weber auf die ungeheure Summe von 23 Milliarden Mark, eine gradezu riesige Einbuße, welche dadurch, daß stets ein Prozentsaz der Aus- gewanderten— aber nur ein sehr geringer— mit dem auf fremdem Boden envorbenen Vermögen ins Vaterland zurückgekehrt ist— nur um ein sehr Geringes vermindert wird. In allenieucster Zeit nun ist eine Teilung der Welt iw Werke, welche es für Teutschland auf das allerdringendste ge- raten erscheinen läßt, schleunigst seine Maßregeln zu ergreifen, wenn es überhaupt Kolonien von bedeutenderem Umfange und hoffnungsvoller Zukunft erwerben und wenn es dereinst dein Konzert der Weltmächte ebenso angehören will, wie heut dem der europäischen Großmächte. Wie hohe Zeit es in dieser Beziehung ist, für Deutsch' land zu handeln, zeigt auf das deutlichste eine ziemlich uw� sangrcichc Abhandlung eines Sachverständigen, des bekannten Afrikareisenden Gerhard Rohlfs, die im diesjährigen September- Heft von Gottschalls»Unsre Zeit, Revue der Gegcnivart", ver öffentlicht ist. Dieselbe trägt den Titel.Welche Länder können Deutsche noch erwerben?" und karaktrisirt die zu deutschen Solo- »isationszwecken brauchbaren Länder in einer jedenfalls im ganze» völlig zutreffenden Weise. In möglichst gedrängtem Auszuge sei hier das Wichtigst« aus der Rohlfsschen Arbeit wiedergegeben. Zweierlei Landstriche, meint Rohlfs, kämen inbetracht, wenn Deutschland außereuropäisches Gebiet envcrben will. Einmal Länder, die von unkultivirten, mißwirtschaftendcn Herrschern regiert werden oder deren.Existenz eine Kalamität für die übrige Menschheit bedeutet"; zum andern herrenlose Landstriche. Mißwirtschaftlich oder kulturwidrig beherrschte Länder gibt es außer in Amerika und Australien überall, in Asien, Afrika, ja selbst in Europa. Wie man sich solcher Länder bemächtigt, dafür haben Eng- länder, Franzosen, Holländer— warum Rohlss die Russen, die mich Meister in dieser Art des Ländcrerwerbs sind, weg- gelassen hat, weiß ich nicht— Beispiele genug geliefert. Ent- weder geschah die Besizcrgreifung sans phrase oder avec phrase, mit oder ohne phrasenhafte, inhaltleere Motivirung. Tie Phrase lautete:.im Interesse der Humanität",„aus menschlichem Pflicht- gefühl" u. f. w. Zuweilen wurden auch reellere Gründe eigens präparirt.„Man schickte Kaufleute hin, welche sich berauben oder bestehleu lassen mußten, man ließ seine diplomatischen Agen- tcn beleidigen, man ließ wissenschaftliche Reisende ermorden"(Hört! Hört!) »oder in Gefangenschaft geraten, man stürzte durch Spekulanten eine Regie- rung in Schulden und machte sie dann dafür ver- antworlich. Alle diese Mittel sieht man heute noch immer wie- der in Anwendung ge- bracht, undkeinMcnsch wundert sich darüber." Ich lasse die Mittel- lung dieser saubren Prak- tiken hier wörtlich ab- brücke», weil ich der festen b)eberzcugung bin, daß >'ch unter den Lesern der »Reuen Welt" doch noch lehr viele Menschen sin- »« werden. Rlso heute noch läßt man— von den übrigen Mittelchc» � geschweigen— wissenschaftliche Reisende ermorden, um w'j diese angenehme Weise eine» Vorwand zu erhalten, den wbrdcrischen Barbaren ein Stück Land abzunehmen,— so erklärt ""cutlich vor der gesammtcn Kulturwelt einer der berühmtesten 7.wissenschaftlichen Wcltreisenden": der Herr Hofrat Rohlss. "b: kein Hofrat wundert sich darüber!!! . Noch eine Stelle der Rohlfsschen Abhandlung müssen unsre 7et wörtlich genießen. Herr Rohlss fährt unmittelbar nach obigen fort: 2-»'lls England auf dem berliner Kongreß Cypern zugesprochen, 7'wfic» aber an Frankreich gegeben wurde, nahm elfteres Besiz T der schönen Insel. ohne es der Mühe wert zu erachte». �n andern Grund anzugeben, als den wirklichen:„weil dadurch 'e Machtstellung in Indien, der Weg dahin, gesicherter würde," .' h. also sans phrase.„Frankreich, höflich wie es ist. in- 7'lirte den Krnmirputsch. um die Welt glaube» zu machen. . urapeau de la grande nation(die Fahne der großen Na- fei beleidigt."— Frankreich also betrieb den Länder- wir Deutsche- unhöflich wie wir sind!- nennen so tont"5 Raub— avec phrase und zwar mit einer Phrase, die . lenben von Menschen, darunter erheblich viel Franzosen selbst, � Leben kostete!! Regierungen, führt Rohlss weiter aus, deren Erseznng durch europäische wünschenswert wäre, gibt es in Afrika noch mehrere, z.B. Egypten, mit seinen Besiznngen dreimal so groß als Deutsch- land, Abejsinien, Tripolitanien und Marokko. Bei Egypten ist England eben— diesmal nicht ohne blut- besudelte Phrase— an der Arbeit; für Teutschland käme nach Rohlss nur das für deutsche Kolonisten trefflich geeignete Ma- rvkko inbetracht, wo hauptsächlich Ackerbau(Weizen, Gerste, Mais, Körner), und„aus Faulheit der Eingeborncn" auch VicHzudst betrieben werde. Indes, daß die deutsche Rcgicnnig zur Erwerbung Marokkos, natürlich, anders ginge es nicht, mit Waffengewalt, augenblicklich große Lust habe, glaubt Rohlfs nicht. Er selbst hat früher schon in maßgebenden Kreisen für dieses Handelsgeschäft, bei dem mit Bajonneten zugeredet und mit Flinten- und Kanonenkugel ge- zahlt werden müßte, zu wirken gesucht, aber damals die Ant- wort erhalten, daß Teutschland eine Besizergreifung dieses Landes nicht plane.„In neuerer Zeit scheint man nun aber in Deutschland hinsichtlich Marokkos anders zu den- ken," glaubt Herr Rohlss. Und an andrcrStclle meint er, es ließe sich inbezug ans Marokko für Deutsch- land schon etwas mache», „wenn jezt ein Angriff stattfände, wie vor Jahren auf die Korvette Danzig unter dem damaligen Ad- miral Prinzen Adalbert. Heute würde die Regie- rung eine solche Insulte, bei der verschiedene prcu- ßische Marinesoldaten ge- tötet und vcnvundet wür- den, nicht ungeräckst hin- gehen lassen." Aber, du lieber Him- mel, wenn es an weiter nichts liegt! Könnte man denn nicht den Herrn Hof- rat R o h l fs hinschicken und ein ganz klein wenig er- morden lassen? Ist's ja («eile v.) boch: Dulce et decorurn pro patria mori*). In Asien, sczt Rohlss seine Betrachtungen fort, wäre das einzige Land, welches von Deutschland ins Auge gefaßt werden könnte, die Halbinsel Korea, nach Lage, Gestalt und Boden- bcschaffenheit das asiatische Italien; das bischen Krieg mit China, eventuell auch mit Japan, der daraus entstehen und durch die Mißgunst von Frankrcick) und England wahrscheinlich recht tüchtig genährt werden würde, braucht nach Rohlfs Teutschland nicht zu fürchten. Bon herrenlosen Ländern erwähnt Rohlfs zuerst die große Insel Neuguinea, von der ein Teil zwar von den Hollän- dem als ihr Eigentum in Anspruch genommen wird, ohne daß diese aber einen rcchtsbindcndcn Besiztitcl— was das für ein Ding ist, begreife ich, nachdem ich den Aufsaz des Herrn Hof- rat gelesen habe, noch viel weniger als zuvor— noch eine Niederlassung auf Neuguinea aufzuweisen hätten. Obwohl Neu- guiuea zwischen dem Aequator und 10° südlicher Breite liegt, sei die Hizc dock) keineswegs unerträglich, da der Boden bis 4000 Meter über dem Meere ansteigt und bei einer durch- schnittlichcn Höhe von 2500 Meter ein mildes Klima aufzu- weisen hat. Ter einzige Kontinent, welcher noch große herrenlose Land- *) Süß und ehrenvoll fürs Vaterland sterben. — 1 strecken birgt, ist Afrika. Von dem ungeheuer ausgedehnten, bisher noch an keine Kukturmacht vergebenen Innern werden die eroberten Saharavasen an Frankreich, aks dem Herrn von Algier und Tunis, fallen, während Fesan einst der Macht an- gehören wird, welche sich Tripolitanien zueignet. Dagegen seien die reichen Länder Nadai, Bagerons, Bvru, Sokota wie die südlichen gelegenen Ncgerstaaten von jeder europäischen Herr- schaft noch völlig unabhängig. Um sich jedoch derselben zu bemächtigen, bedarf man notwendig herrenloser Meeresküsten, und deren gebe es in Afrika nur noch sehr wenige. Auch die noch bis in die neueste Zeit freie Goldküste sei seit 1874 ganz englisch. Dafür sei allerdings die lange jlüste zwischen Nue und Senegal zu haben, hinge aber mit keinem zur Kultivirung ge- eigneten Hintcrlande zusammen. 14- Auf der ganzen Westküste sei nur noch die Kameroonsküsle und die Nigermündung herrenlos. Obgleich die erstere an sich für Kauflente wenig Anlockendes habe, so wäre doch ans der Höhe des Kamcroonsgebirges fruchtbares Land zu finden, und von hier ans stände der Zugang nach einem Hinterlande frei, das an Fruchtbarkeit Indien gleichkäme. Was die Nigermündungen anlange, so seien diese zwar un- gemein sumpfig und häufig mächtigen Ueberschwemmungen aus- gesezt, aber der Boden sei fruchtbar und liefere jczt schon Ingwer, schwarzen und roten Pfeffer, Indigo, Baumwolle und Gummi und trage auch den sehr nüzlichen Butterbaum. (Schluß folgt.) Die Wericßterstcitter im Viermal wöchentlich hält das Hans der Gemeinen, dieser linke Lungenflügel des englischen Parlamentskörpers, seine Sizungen ab, welche in der Regel Nachmittags gegen vier Uhr beginnen und bis gegen zwei bis drei Uhr am nächsten Morgen währen. Wenige Stunden später erscheineit die Morgenblätter und alle bringen brühwarme Be- richte über die lezte, kaum beendigte Sizung, und nicht etwa dürstige Mitteilungen, mager, wie die sieben dürren Pharaonischen Kühe, sondern fette, ausführliche, mit photographischer Treue wiedergegebene Berichte, die es sich in de» Spalten der Riesen-Zeitungen wie auf einem be- quemcn Sopha wohl sein lassen. Wohlgefällig ruht der Blick deS Abonnenten auf diesem ergiebigen Weideplaze seines parlamentarischen Hungers, der bald vollste Befriedigung findet; kein Grashälmchen läßt er stehen, und je nachdem er dieser oder jener Partei angehört, unter- bricht er seine Lektüre nur bald mit Ausrufen des Beifalls, bald mit solchen des Tadels oder gar der Entrüstung. Die wenigsten indes, welche sich aus diese Weise behaglich in die Parlamentsberichte vertiefen, haben eine Ahnung von dem Apparat, welcher fortwährend in Tätig- keit sich befinden muß, um die zauberhafte Schnelligkeit, welche das Heer der gesprochenen Worte in Lettern und Buchdruckerschwärze ver- wandelt, zu ermöglichen— ein Apparat, in welchem der Berichterstatter die erste Stelle einnimmt. Mit diesen ehrenwerten Herren unsere Leser näher bekannt zu machen, ist der Zweck der nachstehenden Skizze. Unter einem Berichterstatter, wie sie die großen englischen Zeitungen nach beiden Hänsern des Parlaments entsenden, stelle man sich vor allem nicht etwa jene Reporter gewöhnlichen Schlages vor, welche ihr Dasein mit dem Einheimsen von Stadtklatsch füllen, die von Unglücks- fällen, wie der Chirurg von Knochcnbrüchen, leben und die in ihren Berichten oft noch mehr wüten, als das entfesselte Element, dessen jüngste Untat sie schildern. Ter Mann, der über Parlamentssizungen berichtet, genießt Achtung und hat Anspruch auf Achtung. Nicht wenige dieser Männer folgen während der Tageszeit noch einem andern Be- rufe, indem sie etwa als Rechtsanwälte oder als Berichterstatter an Gerichtshöfen tätig sind oder sich mit literarischen Swdien und Arbeiten beschästigen. Man hat Beispiele, daß ihnen eine glänzende Laufbahn sich erschloß. Wir führen nur den verstorbenen Lord Campbell an, der sich biS zum Lord-Hauptrichter(T.ord Chief Justice) emporschwang, und an den bekannten Novellisten Charles Dickens. Zwei bis drei ehe- malige Parlaments-Berichterstatter stehen an der Spize ausgedehnter kommerzieller Untcmehmungen, wie Eisenbahngesellschaften und dergleichen, und»och andere sizen im Hause der Gemeinen. Keiner von ihnen schämte sich noch je, der Gallerte der Berichterstatter angehört zu haben; denn diese ist, wie gesagt, ein Institut, welches England, seinem Parlament und der englischen Presse zur höchsten Ehre gereicht. Die Berichterstatter sind, mit sehr seltenen Ausnahmen, außerordent- lich geschickte Stenographen und so gewandt, daß sie jedes gesprochene Wort ebenso schnell»iederzuzeichnen vermögen, wie es gesprochen wird. Es hat sogar Männer unter ihnen gegeben, welche vermittelst eineS riesenhaften Gedächtnisses aus nur wenigen niedergeschriebenen karak- terischen Wendungen später stundenlange Debatten Wort für Wort wiederzugeben imftande waren. Ein solches, fast wunderbares Gedächt- niS, verbunden mit Talent und Kenntnissen, besaß ein gewisser Word- fall, der erste von allen parlamentarischen Berichterstattern. Dieser pstegte vor hundert Jahren, als das Parlament noch keine Referenten duldete, als einfacher Zuhörer auf der Gallerie zu sizen und hierauf, mit Hilfe seines kolossalen Gedächtnisses, die wichtigsten Debatten zu Papier zu bringen. Gegenwärtig, wo eine eigene Gallerie für die Referenten eingerichtet ist, welche alle Bequemlichkeiten bietet, bedarf der Berichterstatter weniger eines gewaltigen Gedächtnisses, als vielmehr schneller geistiger Auffassungskraft. Werfen wir hierbei einen Blick aus die verschiedenen Arten des Referirens. Die Reden der Kabinetsminister und der einflußreichsten Mitglieder des HauseS werden meist Wort für Wort wiedergegeben. Nichts wird verändert, nichts umgestaltet, nicht einmal die grammati- mgtifcßen �farfammf. kalische Form. Minder bedeutungsvolle Reden werden nur im Aus- zuge gegeben, um Zeit und Raum im Blatte zu sparen. ES heißt dann z. B., der Redner oder das ehrenwerte Mitglied des Hauses war nicht dieser Meinung, u. dgl., und jeder Leser iveib sofort, daß er eine verkürzte Rede vor sich hat. Es ist jedoch dem Referenten nicht ge- stattet, seiner persönlichen Ansicht über diese oder jene geäußerte Mei- nung in seinen Berichten irgend welchen Ausdruck zu verleihen, und wäre es durch Einschiebung eines einzigen Wortes; auch halten es alle jene Männer, welche im Austrage der Londoner Tagesblätter über die Debatten deS Ober- und Unterhauses berichten, für einen Ehrenpunkt, sich ihres persönlichen Urteils in den betreffenden Referaten ganz zu begeben, und der strengen Beobachtung dieses Grundsazes verdankt die englische Tagespresse ganz besonders ihren hohen Karakter. Tie einzige den Referenten zustehende Befugnis ist, wie bereits erwähnt, die weniger bemerkenswerten Reden nur ihrem Inhalt nach wiederzugeben. ES ist dies eine durchaus notwendige Befugnis; denn kämen alle Reden ihrem Wortlaute nach zum Abdruck, so böte der ganze gewaltige Doppelbogen der TimeS, zusammen mit der Supplementausgabe, kaum hinreichenden Raum für die während einer einzigen Nacht in beiden Parlaments- Häusern gehaltenen Reden dar. Hauptsächlich kommt es für den Be- richterstatter also daraus an, den Gedankengang der Reden ebenso rasch zu überblicken, als sie gesprochen werden, um so eine zweckentsprechende Auswahl treffen zu können. Die Schwierigkeit dieser Ausgabe wird niemand verkennen: denn während einer Rede darf die anstrengende Aufmerksamkeit nicht sür einen Augenblick unterbrochen werden. DaS wörtliche Stenographiren erfordert zwar Gewandtheit, doch nicht— als rein mechanische Arbeit— die erschöpfende Tätigkeit des Geistes, die sich in dem Referircn dem Hauptinhalt nach notwendig macht. Mit der stenographischen Niederschrist hat der Berichterstatter seiner Pflicht noch nicht in ihrem Umfange genügt; es gilt zunächst, die ge- machten Notizen in gewöhnlicher Schrift für den Druck genau zu kopiren, also die stenographischen Zeichen in Schriftworte zu verwandeln. Ein wirklich guter Berichterstatter besizt in beiden Fächern gleiche Gewandt- heit. Da das Kopiren natürlich viel langsamer vonstatten geht, als die stenographische Niederschrift, so wechseln, um keine Unterbrechung eintreten zu lassen, die Berichterstatter mit einander ab, was in der Regel alle zwanzig Minuten geschieht. Während demnach die einen kopiren, nehmen andere Berichterstatter ihre Pläze auf den Gallerie» ei», von denen dort jeder gleichsfalls zwanzig Minuten verweilt,»m dann auch seinerseits abgelöst zu werden und seine stenographisches Notizen in gewöhnliche Schritt zu überseze». Die Hauptausgabe ist- die Druckerei keinen Augenblick außer Tätigkeit kommen zu lasse»- damit der Saz so rasch als möglich vollendet wird. Nachdem der Be- richterstatter seine Kopie zu Stande gebracht und in die Druckerei ge- schickt hat, kehrt er auf die Gallerie zurück, um wieder stenographische Notizen zu sammeln. Jedes der großen Morgenblätter hat nicht weniger als sieben Be- richterstatter in beiden Häusern deS Parlaments. Im ganzen mögest es an hundert Personen sein, denen daS Recht zusteh», die Gallerie hinter dem Stuhle des Sprechers zu benuzen. Die ganze Vorderseile dieser Gallerie, welche sich an der oberen Seite des Hauses hinziel»- ist in eine Anzahl kleiner Logen abgeteilt, deren jede ein Pult uns einen Siz sür eine Person, sowie hinter diesem Siz eine Tür enthchl- Der Beamte, unter dessen Aussicht alle Räumlichkeiten deS HauseS stehen und der ihre Benuzung kontrolirt, hat dafür Sorge zu tragen, da» jede dieser Logen gleich einem Kirchenstuhl einem der täglich erscheinenden Londoner Blätter zur Verfügung bleibt. Ter eben amtirende Bericht' erstatter jizt in seiner Loge und unmittelbar dahinter sein demnächst'.g� Nachfolger, um ihn in dem Augenblicke, in welchem nach der grv'isn Uhr an der entgegengesezten Wand des Hauses seine Zeit ablaust' durch eine Berührung an der Schulter hiervon zu benachrichtigen un abzulöten. Die Ueberschreibungen finden seit zehn Jahren im Parlaments- 135 Gebäude— Westminster-Palast— selbst statt. Im ganzen kann man sagen: es gibt in ganz England kaum eine andere Menschenklasse, welche ihrem Berufe pünktlicher, ausdauenider und gewissenhafter ob- läge, kaum einen Beruf, der die Verstandskräfte und Nerven härter abspannte, als das stenographische Reseriren nach mündlichem Rede- vortrage. Wie kein anderer strengt der Beruf eines parlamentarischen Berichterstatters Geist und Körper an; es ist etwas ganz gewöhnliches, dast ein und derselbe Referent drei- oder sogar viermal auf zwanzig Minuten, ja eine halbe Stunde seinen Siz in der Loge einnehmen muß, so daß er zehn oder zwölf Stunden lang hintereinander zu arbeiten hat, während welcher Zeit ihm höchstens einige Minuten übrig bleiben, um eine hastige Erfrischung zu sich zu nehme». D. G..... Ein Engelmachtr. Wer hat nicht von jenen Frauen gehört, die— in England, den Vereinigten Staaten, Frankreich und leider auch Deutschland— den entsezlichen Beruf verfolgen, die ihnen anvertrauten Säuglinge und Kinder— bald mit, bald ohne Zustimmung der Eltern— zu„Engeln zu machen", d. h. ohne Umschreibung: zu morden!? Die armen Dinger, deren Leben an einem Faden hängt, aus der Welt zu schaffen, ist ja sehr leicht. Etwas unpassende Nahrung, ein Spaziergang bei Ostwind, — das genügt; imd erweist die Natur der auserlesenen Opfer sich als zu zähe, nun, so vollbringt systeniatische Mißpflege das Mordwerk, und zwar dergestalt, daß nur in den seltensten Fällen ein juristischer Schuld- beweis erbracht werden kann. Taufende und taufende von menschlichen Wesen werden aus diese Weise an der Schwelle des Lebens unbarm- öeit mörderischer als alle Engelmacherinnen ist aber ein einziger Engelmacher, der seit Jahrzehnten sich in England herumtreibt, von Haus zu Haus schleichend, die Kinder in der Äiege erwürgend— und der nun auch in Deutschland seine furchtbare Äibeit begonnen hat. Wir meinen jenen als„Wohltat der Mütter und Kinder" gepriesenen Schlaftrunk, der lange Zeit unter dem Namen Godefroy's Cordial bekannt ivar, neuerdings aber, gleich andern Mördern, sich hinter aller- Hand falschen Namen und Titeln zu verstecken sucht. Wer wissen will, welche Verheerungen dieser aus Opium und Syrup gebraute Gisttrank schon angerichtet hat, der muß die Verhandlungs- berichte der englischen Parlamentskommissionen lesen, welche sich zur Zeit der Z e h n st u n d c n b i l l- Agitation mit den„Zuständen der Fabrikbcvölkerung und den liebeln der langen Arbeitszeit" beschästigten. lbrauenhastes kam da zu Tag. Wie junge Mütter, die in der Fabrik arbeiten, um den Lohn nicht zu verlieren, von Morgens früh bis zum Mitlag, und dann nach kurzer Pause wieder bis spät in die Nacht, häufig auch ohne Speise, von Morgens wenn der Hahn kräht bis üej in die Nacht hinein, ihre Säuglinge verlassen und ohne Aufficht allein lasse», und ihnen, damit sie inzwischen„ruhig" bleiben, den vermeint- "chen Labetrunk eingeben. Wie die Kinder ihn gierig einsaugen, wie ne von Tag zu Tag besser und fester schlafen, und wie bald ein Tag kommt, wo der Schlas so fest ist, daß sie nicht mehr aufwachen.-- Die erschreckten Parlamentsmitglieder stellten fest, daß dieser Ge- braud> der Kinderelixire und Cordials sich nicht aus vereinzelte Distrikte beschränkte, sondern in sämmtlichen Fabrikbezirken des Landes ganz allgemein ist, und daß die Zahl der Opfer garnicht zu berechnen.-- Jöcnn je die Wahrheit des Wortes:„Der Schlas ist der Bruder des Todes" eindringlich und greifbar dcmonstrirt worden ist, dann durch Viesen Schlaftrunk, der in Wahrheit ein Todestrunk war und ist. Ist: denn er ist noch in voller Tätigkeit und verrichtet noch immer sein Mordwerk. ... Seid« hat das englische Parlament in dieser Sache nicht die ge- hörige Energie bewiesen. Wohl hat es— wesentlich durch die Enthüllungen über den mörderischen Schlaftrunk bestimmt— die Zeitdauer der Kinder- ü. Frauenarbeit herabgcsczt, um den Müttern die sorgsame Pflege hror Kinder zu ermöglichen; wohl hat es die Kontrole des Verkaufs von Giften, und namentlich von Opium, verschärft, doch das ist auch ?lles, und es reicht nicht aus. Wird der Gifttrunk unter dem einen �amen verfolgt, so nimmt er einen anderen an; die Ingredienzen wer- von etwas verändert— das tötliche Opium aber bleibt. Bon einer englischen Zeitschrift wird die Zahl der Opfer seit 1830, uffo innerhalb des leztcn halben Jahrhunderts in runder Summe aus e m j l l i o n veranschlagt. Und, wer die Verhältnisse kennt, 'vo dies nicht als übertrieben bezeichnen. Halten wir nicht Recht zu sagen, daß dieser eine Engelmachcr ��vnscher sei, mehr Morde auf dem Gewissen habe, als alle Engel- acherinnen von Prosession zusammengenommen? ßi,.. kln d dieser Engel macher ist jezt unter unS. Zum iirtT bat er hier und da bereits die Ausmerksamkeit der Behörden auf gelenkt. So lesen wir in den Leipsiger Blättern: Bekanntmachung. X._ ist ermittelt worden, daß in manchen Gegenden deS Landes s. ungesezliche Vertrieb einer, den vorgenomnencn Untersuchungen zu- (tili J'"1'' Opium haltenden, Tinktur unter dem Namen„schmerz- "be Kindertinktur" oder nur„Kindcrtinktur" sowohl durch hau- lilh.Händler— die sogenannten Königseeer— als sonst in beirächt- b.?,. �kange stattfindet und daß namentlich auch Hebammen die % Tmktur verwenden. m � ■ea der Gebrauch dieser Tinktur, ivenn er ohne ärztliche Bcrord- vrdn bei Gebrauch dieser Tinktur, wenn er ohne arztliche Bcrord- ®rfnr 9 stattfindet, erhebliche und ernste GesundheitSgesährdungen im faiWri baden kann, der Vertrieb der Tinktur aber nach Maßgabe der Alchen Verordnung vom 4. Januar 1875 nur in Apotcken, und zwar, mit Rücksicht auf die starkwirkenden Eigenschaften derselben, unter Ausschluß vom Handverkauf stattfinden darf, auch die Tinktur nicht zu denjenigen Heilmitteln gehört, deren Verordnung und Anwendung den Hebammen nach§ 14 der revidirten Hebammenordnung vom 8. Mai 1872 gestattet ist, warnen wir in Folge höherer Verordnung ernstlich vor der Verwendung der fraglichen Tinktur im hiesigen Stadtbezirk und werden in vorkommenden Zuwiderhandlungsfällen mit allem Nach- druck einschreiten und die Bestrafung der jtvntravcnientcn in Gemäß- heit der Vorschriften in§ 367, sub 3 des Reichsstrafgesezbuches, bez. in§ 10 der die Einführung einer revidirten Hebammenordnung be- treffenden Verordnung vom 8. Mai 1872 veranlassen. Leipzig, den 12. Oktober 1882. Der Rat der Stadt Leipzig. Ur. Georgi. Richter. Das ist recht! Wir wollen wünschen, daß das Beispiel der Lcip- ziger Stadlbehörden überall Nachahmung finden möge, und daß die Staatsregierungen eingreisen! Soll aber das Eingreifen von Erfolg sein, so müssen die Behörden vom Publikum unterstüzt werden. Wir haben die Gefahr in ihrer Größe gezeigt. Mütter seid aus der HutI___ L. Tie Termen des Earacalla.(Bild s. S. 116 u. 117.) Mit dem Baden, sagt ein Volksschriststeller, muß es seine eigene Bewandtnis haben. Hier sehen wir einen Schmecrbauch, in der Hoffnung, daß das Wasser „zehrt", seinen übermäßig genährten Bauch den Wellen anvertraun, um mager zu werden. Neben ihm erblicken wir einen hageren, bleichen Mann, der mit Neid aus die Fülle seines Nachbars blickt und das Bad benuzt, um das Defizit seines schwächlichen Kadavers zu decken. Dori geht ein Beamter, ein Gelehrter ins Wasser, um seinen stcisge- wordenen Leib anzuregen, und ihm folgt ein Arbeiter, der seine Glieder den ganzen lieben langen Sommcrtag mit Energie und im Schweiße seines Angesichts gerührt hat. Da klagt einer über Schläftigkeit und Trägheit in den Gliedern und hofft durch ein Flußbad aufgeweckt zu werden, und neben ihm versichert ein anderer, daß er die ganze Nacht in Schlaflosigkeit zubringen müßte, ivenn er nicht jeden Slbend ein Bad nähme. Dem einen sizt es im Kopf, dem andern in den Beinen und beide gehen ins nasse Element, um sich da Gesundheit zu holen. Und zwischen diesen, welche die cntgegengesezten Wirkungen vom Bade er- warten, wimmeln völlig Gesunde umher, um sich im Wasser zu tum- mein und auf den Wellen umherzuschwimmen aus purer frischer Lebens- Inst. Das erklärt sich aber ganz einfach daraus, daß das Bad den Stoffwechsel erheblich befördert, die Lebensflamme läutert, daß sie heller und schöner lodern kann. Darum ist das Bad eine Panacee, eine Universalmedizien für Kranke wie für Gesunde.— In den ältesten Zeiten wußte man nur von Flußbädeni. Bei sortgeschrittencr Kultur dachte man darauf, den wohltätigen Genuß in die Wohnungen zu ver- pflanzen, und bald folgten öffentliche Bäder und Mineralquellen, um welche sogar ganze Dörfer und Städte entstanden. Von keinem Volk aber wurde das Bad so kultivirt wie von den alten Römern. Seit der Zeit, wo Rom ansing, mit den griechischen Sitten bekannt zu werden und sich zur Wclthauptstadt aufzuschwingen, venvendeten die Römer besondere Sorgsalt auf die künstlich zugerichteten warmen Bäder, die Balnea und Termen. Der Gebrauch warmer Bäder wurde in Rom üblich und immer mehr zum Bedürfnis für jedermann, für Männer und Frauen, für die höheren Stände wie für die niederen, wie es scheint, seit der Zeit des zweiten punischen Kriegs.(Bender, Rom und römisches Leben.) Die großartigsten Termen aber datiren aus der Zeit des August«». Sie enthielten außer einer vollständigen, allen raffinirten Bedürfnissen und Liebhabereien genügenden Badcein- richtung auch die nötigen Anstalten für Leibesübung und Spiele. Dies waren die eigentlichen Luxusbäder. Immer weicher und raffinirter wurde die Ausstattung, und so wurden diese Bäder allmälich der Mittel- Punkt eines Genußlebens, bei welchem der sanitäre Zweck zurücktrat und welches die Korruption mehr als irgend eine andere Sitte des Gesellschastsleben beförderte. Die Bäder wurden zu Tummelpläzen der Weichlichkeit, Ueppigkeit und Ausschweifung. Ein altes Distichon lautet: Balnea, Yina, Venus corrumpunt corpora nostra, At vitam faciunt Balnea, Vina, Venus. Bäder und Liebe und Wein zerstören uns unsere Leiber, Aber das Leben es ist Bäder und Liebe und Wein. Da auch Frauen in den Bädern erschienen, so wurde das Bad neben Dealer, Zirkus und andern öffentlichen Orten nach Ovids Angabe als passende Gelegenheit für ein Rendezvous benüzt und allmälich war das gemeinsame Baden beider Geschlechter ganz gewöhnlich geworden. Die großartigsten und prachtvollsten Termen Roms waren die- jenigen, welche der Kaiser Caracalla(eigentlich M. Aurelius Antonius, 136 211—217, auch Caracallus genannt, weil er den gallischen, bis ans die Knöchel herabgehenden Mantel, aus verschiedenen Stücken und Zeugen von verschiedener Farbe bestehend und von den Galliern cnracaila genannt, bei den Römern einführte) in dem Tal zwischen Cälius und Äventinns anlegte und 216 einweihte, wozu dann die Ansienwerke, Mauem und Hallen von den folgenden Kaisern errichtet wurden. Von diesen mit allem erdenklichen Luxus in M'armor und Mosaik, in Wand- belleidung und Freskogemälden, mit Säulen und Gestein von den verschiedensten Farben, mit den kostbarsten Badewannen und den schönsten Skulpturwerken ausgestatteten Tennen geben noch jezt die riesigen Räume mit den weiten Wölbungen nnd Hallen und den zahllosen Kammern und Gemächern Zeugnis. Unser Bild gewährt einen Einblick in eine dieser prächtigen Hallen und in das Leben»nd Treiben, welches sich darin abspielte. Lt. Samojedischc Frauen. Man könnte nicht gerade behaupten, daß sie holdselig aussähen, die beiden Samojedenweiber(Illustration S. 121), wenngleich sie vielleicht geeignet sind, das Herz der liebegliihenden Jünglinge ihres Stammes schneller schlagen zu machen. Sowohl der Taille, die zweifellos nicht geschnürt ist, wie die Zierlichkeit der Füße läßt bedeutend zu wünschen übrig. Auch der Teint dürfte nicht beson- ders anziehend sein; nur hat die schtnitzig-braungelbe Hautfarbe die Eigenschaft, daß sie die jungen Samojediunen ebenso häßlich macht wie die alten, daß man sonach das Alter nicht so leicht erkennen kann, ein Umstand, um den manche europäische/ Dame die Saniojedinnen be* neiden wird. Da die Samojedinnen sehr früh reif sind— die Mäd- chen sind schon mit dem zwölften Jahre mannbar— so beginnt auch ihr Elend schon früh, denn diese armen breitmäuligen, lairgvhrigetr, borstigen Geschöpfe mit ihren Pelzröcken, ihren Hermelinmüzen und ihren Nenntierhautstiefeln werden von dem„stärkeren Geschlecht" aus die brutalste und barbarischeste Weise behandelt. Tie Renntiere, welche de- kanntlich für die Samojede» das Wichtigste ans der Erde sind— denn sie geben ihnen Nahrung, Wohnung, Kleidung und tragen ihnen die Lasten— werden von den Herren Samojeden unter Umständen besser behandelt als die Frauen. Die Frauen stehen überhaupt mit den Haus- tieren so ziemlich auf einer und derselben Stufe, was ihre Behandlung und Beschäftigung anbelangt. Man sieht hier wieder, wie wahr es ist, daß man die Kulturhöhe eines Volkes an der Behandlung erkennen kann, die seinen Frauen widerfährt. Die Samojeden stehen natürlich auf einer sehr niedrigen Stufe und sind im Aussterben begriffen, wie das bei manchen Völkern vorkommt, die ihren Ausenthalt weit nördlich oder südlich, gegen die Polargegenden hin, haben. Die Samojeden mögen heute noch 15,000 Köpfe zählen. Die eine unterer samojedischen Schönen, die einen für die Eigentümlichkeiten ihrer Nation sehr kleinen Mund besizt, scheint ziemlich verdrossen zu fein; wahrscheinlich hat ihr biederer Ehegatte ihr verboten, gewisse Stellen der ärmlichen Hütte zu betreten, wie es bei den Samojeden Gebrauch ist, da sich diese, wie andere Völker, den ohnehin engen Ausenthaltsraum durch unsinnige Gepflogenheiten noch unerträglicher zu machen suchen. Ter Samojede be- trachtet seine Ehehälfte als„unrein", und vielleicht gehören unsere beiden Schönen, die in Abwesenheit ihrer Männer ihre traurige Lage bei einer Schlittenfahrt beraten, zu den„Enianzipirten", die ihr Elend einsehen. Mit einem Stück gefrorenen Renntierfteisches und mit einem Schluck Tran werden sich die armen Geschöpfe aus die Prügel vorbe- reiten, die ihrer von den heimkehrenden„Herren der Schöpfung" harren. - W. II. Ter Schlachtplan.(Illustration S. 129.) Die Tiere morden und zerfleischen einander wechselseitig ohne Plan und Metode. Ter Mensch zeichnet sich dadurch vor dem Tiere aus, daß er seine Kriege mit Plan und Metode führt. Er hat den Krieg zur Wissenschaft, zur Kunst er- hoben, und wer in dieser Wisienschast und Kunst das Höchste leistet, wird mit Lorbeer gekrönt, mit Titeln und Dotationen ausgezeichnet, seine Züge werden in Marmor und Erz verewigt und die Schulmeister aller Lrten fingen dafür, daß die Nachwelt seinen Namen mit Ehrfurcht nennt. Unser Bild zeigt uns einen solchen Schlachtendenker im großen Stil (wie Bhton sagt), wie er seinem Untergebenen einen Schlachtplan in die Feder diktirt. Das Kostüm weist aus den dreißigjährigen Krieg, und es ist vielleicht Tilly selbst, der soeben einen genialen Plan gebiert. Können wir uns auch nicht für das Sujet envärmen, so verweilt unser Blick dennoch mit Wohlgefallen auf dieser meisterhaften Zeichnung, welche ihren Gegenstand höchst lebendig und mit großer Naturwahrheit, die sich auf die kleinsten Details erstreckt, zu veranschau- lichen wußte und durch den vortrefflichen Holzschnitt die Eiuzelpartien des Bildes recht plastisch hervortreten läßt. Ter Regenbogen.(Illustration s. S. 133.) Der Regenbogen ist ctne so prachtvolle, anmutige Erscheinung, daß er von je ein Schoskind der Poesie wie der Myte war. Den Jndiern ist et der Bogen des Gottes Jndra, die Hebräer erblickten in ihm den Bogen Jehovas, den er in die Wolke gelegt als Bundeszeichen zwischen sich und der Erde, bei dessen Anblick sich Jehovah seiner Zusage, die Erde nicht durch eine zweite Sintflut heimzusuchen, erinnern tvill. Tie alten Germanen nennen ihn die Aseubrücke, welche Himmel und Erde verbindet, und bei den Griechen war die Regenbogengöttin Iris die Friedensbotin der Götter an die Menschen, während er uns als Symbol gelten kann, daß im Menschenleben wie in der Natur die Sonne über die Wolkennacht triumphirt und auf Trübsal Freude folgt. Die wissenschaftliche Er- kläntug des herrlichen Phänomens gibt die Tioptrik oder die Lehre von der Brechung des Licht. Bekanntlich ist der weiße Lichtstrahl aus sechs (resp. sieben) farbigen Strahlen zusammengesezt: Rot, Crange, Gelb, Grün, Blau, Violet, weshalb ein von einem dreikantigen Glasprima aufgefangener Sonnenstrahl an der Wand das regenbogenartige Far- benbild malt, welches Spektrum genannt wird. Man hat nicht selten Gelegenheit, einen im Grase oder Gebüsch hängenden Regentropfen zu beobachten, der dem Auge einen lebhaft roten Lichtstrahl zusendet. Indem man aber die Höhe des Auges nur ein wenig ändert, gelingt es leicht, denselben Tropfen der Reihe nach orangefarbig, gelb, grün, blau und violet oder auch ganz ungefärbt zu erblicken. Ties beweist, daß die auf den kugelförmigen Wassertropfen fallenden Lichtstrahlen gebrochen, zurückgeworfen und dabei in farbige Strahlen zerlegt werden, die dem Auge sichtbar werden, wenn es den in gewisser Richtung austretenden Strahlen begegnet. Wir können uns daher den Fall denken, daß von sieben verschiedenen Tropfen die sieben prismatischen Farben in unser Auge gelangen. Im Staubregen der Springbrunnen und Wasserfälle hat man Gelegenheit, dies zu beobachten. Dir Regenbogen entsteht nun, wenn die parallelen Lichtstrahlen, welche von der im Rücken des Beobachters stehenden Sonne herkommen, auf eine aus fallenden Regentropfen gebildete Wand treffen und von den Tropfen in das Auge reflektirt werden, wie dies unser Bild andeutet. Beträgt der Winkel 42* 30', so empfängt daS Auge von dem Tropfen rotes Licht und zwar von allen Tropfen der Regenwaud, auf welche parallele Licht- strahlen unter dem gleichen Winkel fallen. Dies ist aber der Fall bei allen Regentropsen, die aus dem Kreisbogen liegen, welche die vom Auge des Beobachters in den Tropfen gezogene Linie aus der Regen- wand beschreibt, wenn wir sie um ihre Achse in Umdrehung versezt denken. Tie Linie beschreibt alsdann zugleich die Oberfläche eines Kegels. dessen Spize im Auge des Beobachters liegt und dessen Achse, verlängert gedacht, in die Sonne fällt. Das Auge würde somit aus der Regen» wand eine kreisförmige rote Linie erblicken, wenn die Sonne nur ein einziger leuchtender Punkt wäre; dieselbe ist aber eine Scheibe von 32 Minuten scheinbarem Durchmesser. Mir erblicken daher ein bogen- förmiges rotes Band von entsprechender Breite. Ebenso empfangt das Auge von einem tiefer befindlichen Regentropfen violette Lichtstrahlen; es sind die, welche unter einem Winkel von 40* 30' austreten. Zwischen Rot und Violet liegen die übrigen Farben in der Reihenfolge deS Spektrums. Tritt ein Regenbogen mit lebhafter Farbe auf, so erblickt man über demselben einen zweiten, größeren, aber weit blasseren, dessen Farben- reihe umgekehrt ist. Er entsteht durch zweimalige Brechung und R»flexi o». woher sich seine Färbung erklärt. Wie durch die Sonnenstrahlen, können auch durch das Licht des Mondes Regenbogen hervorgerufen werden, und diese sind keineswegs so selten, wie Von der Fliie in der Rütliszene in Schillers Teil meint. Lt. Rebus. ü RSLRSj-J RSLr& Auflosung der Rebus in Nr. 4: 33ct Alles erträgt, ist ein Heiliger oder ein Esel. Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart. Redaktion: Neue Weinsteige 23.— Expedition: Ludwigstraße 26 in Stuttga,t* Druck und Verlag von I. H. W. Dich in Stuttgart.