striktes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint alle 14 Tage in Heften ä 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Postämter zu beziehen. An,"AoTöpoC Nach dem Englischen von"jfc1. Hkriverio. [Jß&lJ (5. Fortsezung.) An den zivci nächstfolgenden Tagen wütete der Sturm und die Passagiere waren nicht imstande, ihre Zimmer zu verlassen. Jezt aber, da sich der Wind gelegt, das Schiff Anker geworfen hatte, jezt, da Offiziere wie Passagiere am Land waren und mehrere freie Stunde» vor sich hatten, ergriff Clara die Gelegen- heit, auf die Vermißten zurückzukommen und darauf bezügliche Fragen zu stellen, welchen zu entgehen Craysord diesmal keine Ausrede finden konnte. Wie sollte er ihren Forschungen be- gcgne»? Wie konnte er sie noch länger im unklaren über die Wahrheit lassen? Das waren die Gedanken, welche Craysord bestürmten und ihn, den erst Geretteten, in dem eigentümlich widersprechenden Sichte eines gedrückten, bekümmerten Mannes zeigten. Seine Kameraden schoben ihm. wie er recht gut wußte, die Pflicht der Verantwortlichkeit hauptsächlich zu. Nahm er sie an. so mußte kr sofort den cntsezlichcn Verdacht Claras bestätigen. Dem Mußte gesteuert werden. Aber wie. barniherzig und ehrenhaft �'gleich? Tas war mehr als Craysord sagen konnte. Erstand »och j,, sxjnc düsteren Gedanken verloren, als seine Frau in die Hütte trat. Ein Blick auf ihr Gesicht genügte, um zu wissen, daß sich seine eigene Unruhe und Besorgnis in ihrer Teele widerspiegelte. »Host du Clara gesehen, ist sie noch am Ufer?" »Sie folgt mir hierher," antwortete Frau Craysord.„�ch habe sie heute Morgen gesprochen. Sie besteht noch eben so N'lschicden darauf wie früher, von dir die nähern Umstände. unter denen Franz vermißt lvird, zu hören. Wie die Sachen stehen, bleibt dir kein Ausweg, du mußt ihr antwortcn." »Hilf mir. Lucie. Sage mir. ehe sie kommt, woher ihr zuerst der entsezliche Verdacht kam. Sic konnte, als wir Eng- fand verließen unmöglich mehr wissen, als daß die beiden ver- ichiedenen Schiffen zugeteilt waren. Wie bemächtigte sich ihrer der Argwohn, daß sie zusammengekommen wären?" »Echo» als die Expedition England verließ, war sie seit "bcrzeugt. Wilhelm, daß sie znsammenkonimen würden; und ste las in Büchern über Nordpolrcisen von Leuten, welche ans dem Marsche hinter ihren stameraden zurückgeblieben waren, du» anderen, welche auf Eisbergen herumtrieben. Ten Geist mit dergleichen Bildern und Befürchtungen erfüllt, sah sie Franz und Wardonr, oder träumte von ihnen in einem ihrer magncti- schen Schlafanfälle. Ich war an ihrer Seite, ich horte jedes ihrer Worte. Sie warnte Franz vor Wardour, weil er die Wahrheit entdeckt hätte, und rief ihm zu: ,So lange dich deine Füße tragen, halte dich zu den anderen, Franz!'—" „Großer Gott!" rief Craysord,„ich warnte ihn, als ich ihn zum leztenmalc sah, fast mit denselben Worten!" „Gib ihr das niemals zu, Wilhelm, laß sie stets in Un- wissenheit darüber, was du mir soeben sagtest. Sie würde es nicht als ein befremdendes Zusammentreffen, was es ja in der Tat ist, ansehen, sondern als bestimmte Bestätigung ihres ab- scheulichen Aberglaubens hinnehmen. So lange du nicht mit Gewißheit weißt, daß Franz tot und durch Wardours Hand gefallen ist, so lange leugne alles ab, was sie sagt, leite sie um ihretwillen falsch, widersprich all ihren Schlüssen, wie ich. Hilf mir, sie an den besseren, edleren Glauben an ein gütiges Geschick verweisen!" Sie brach ab und schaute sich aufgeregt um.„Still!" flüsterte sie darauf,„tue, wie ich dir gesagt. Clara ist hier." XVII. Clara blieb in der Türe stehen und sah mißtrauisch von Craysord zu Lucie. Dann trat sie näher, ging auf Craysord zu, ergriff seinen Arm und führte ihn einige Schritte von seiner Frau fort. „Jezt ist kein Sturm und es rufe» keine Pflichten auf Deck des Schiffes," sagte sie mit schwachem, traurigen Lächeln, welches Craysord ins Herz schnitt.„Sie sind Luciens Gatte und haben ihrcttvegen Interesse für mich. Schrecken Sie nicht davor zurück, mir Schmerz zu bereiten. Ich kann Schmerzen ertragen. Freund, Bruder! Wollen Sie mir glauben, daß ich Mut genug besize, das Schlinimste zu hören? Wolle» Sie mir Ihr Wort geben, niich nicht über Franz zu täuschen?" Tie sanfte Ergebung, die in ihrer Stimme, das traurige Flehen, das in ihrem Auge lag, erschütterte Crayfords Selbst- bchcrrschung im höchsten Grade. Er antwortete ihr so unbc- — 1 fangen, wie ihm irgend möglich war, er antwortete ihr aus- weichend: „Meine liebe Clara, was habe ich verschuldet, daß Sie glauben, ich könne Sie täuschen?' „Forschend schaute sie ihm ins Gesicht und wandte dann den Blick mit ementem Mißtrauen zn Frau Crayford. Einen Augenblick herrschte tiefe Stille, und bevor eines der drei das Wort wieder ergriff, erschien ein Offizier, von zwei Matrosen, welche einen Tragkorb trugen, gefolgt. Crayford ließ sogleich Claras Arm los und ergriff die willkommene Gelegenheit, von anderen Dingen zu reden. „Befehle vom Schiff, Stcvcnton? fragte er, dem Offizier entgegengehend. „Nur mündliche Befehle," entgegnete der Gefragte.„Mit eintretender Flut lichtet das Schiff die Anker. Wir werden einen Schuß abfeuern, um alle zu sammeln und ein zweites Boot ans Land senden. Einstweilen sind hier einige Erfrischungen für die Passagiere. Auf dem Schiffe ist augenblicklich viel Unordnung, die Damen werden hier ihr Frühstück bequemer einnehmen." Frau Crayford horte kaum diese Worte, als sie nun ihrer- seits die Gelegenheit ergriff, Clara vor der Hand nicht zum Reden kommen zn lassen. „Komm, meine Liebe," rief sie,„wir wollen den Tisch decken, bevor die Herren kommen." Clara aber lag es zu sehr am Herzen, zum Ziele zu gelangen, als daß sie auf diese Weise zum Schweigen gebracht werden konnte.„Ich werde dir gleich helfen," erwiderte sie und schritt quer durch das Zimmer zu Stcvcnton. „Können Sie mir ein paar Minuten schenken?" fragte sie. „Ich habe Ihnen etwas zu sagen." „Ich stehe vollständig zu Ihren Diensten, Fräulein Bnrnham." Er entließ darauf die beiden Matrosen. Beklommen blickte Frau Crayford zn ihrem Manne hinüber.„Habe keine Angst vor Stcventon," flüsterte er ihr zu.„Ich habe ihn gewarnt, wir können uns ans seine Diskretion verlassen." Clara winkte Crayford zn sich. „Ich werde Sie nicht lange aushalten," sagte sie.„Ich verspreche auch, die Herren nicht zu betrüben. So jung ich auch bin, sollen Sie doch sehen, daß ich mich beherrschen kann. Ich will nicht von Ihnen verlangen, zur Schilderung der überstandencn Leiden zurückzugehen; nur möchte ich wissen, ob ich über eins richtig denke, ich meine, über das, was sich zn der Zeit ereignete, als ein Teil der Gesellschaft nach Hülfe ausgeschickt wurde. Habe ich recht gehört, so haben die Würfel entschieden, wer von Ihnen mitgehen und wer zurückbleiben solle. Franz' Wurf entschied für Mitgehen." Sie hielt inne und schauerte in sich zusammen.„Und Wardonrs Wurf," fuhr sie fort,„entschied für Zurückbleiben. Ans Ihre Ehre, als Offiziere und Ehrenmänner, ist dies die Wahrheit?" „Ans meine Ehre," antwortete Crayford,„das ist die Wahrheit?" Auch Stcventon wiederholte die Worte. Sie schaute sie an und überlegte sorgfältig ihre nächsten Worte, bevor sie weiter sprach: „Sie beide traf das Loos zu bleiben, und Sie sind beide hier. Richard Wardonr traf auch das Loos, zu bleiben, und er ist nicht hier. Wie kommt sein Name mit dem Franz' zn- sammen aiif die Liste der Vermißten?" Tie Frage war gefährlich zn beantworten. Stcvcnton über- ließ es Crayford. Wieder entgegnete dieser ausweichend. „Daraus folgt nicht, meine Liebe, daß die beiden Männer zusammen vermißt werden, weil zufällig ihre Namen ans der Liste zusammen kamen." Clara zog den naheliegenden Schluß aus der doch nicht über- legten Antwort. „Franz wird bei der ausgesandtcn Gesellschaft vermißt; vcr- stehe ich recht, daß man Wardonr von den Hütten ans ver- mißte?" Steventon wie Crayford zögerten. Frau Crayford warf ihnen '8- einen strafenden Blick zu und sagte, ohne einen Moment zu stocken die notwendige Lüge. „Ja, Wardonr ging von den Hütten aus verloren." So schnell sie auch gesprochen hatte, war es doch zu spät. Clara hatte das Zögern der beiden Herren bemerkt. Sie wandte sich an Stcventon. „Ich traue ans Ihre Ehre, habe ich recht oder unrecht, wenn ich glaube, daß sich Frau Crayford irrt?" Sie hatte sich an den Richtigen der beiden gewandt. Ste- vcnton hatte kein Weib zur Seite, welches ihre Autorität über ihn geltend machte. Bei seiner Ehre gefaßt, gestand er die Wahrheit. Clara sah Frau Crayford an. „Hörst du?" sagte sie, nachdem Stcvcnton gesprochen,„du warst im Irrtum, nicht ich. Was du Zufall, ich Schicksal nenne, brachte Richard Wardonr und Franz doch znlezt noch als Mitglieder einer Expedition zusammen." Ohne eine Ant- wort abzuwarten richtete sie das Wort wieder an Stevcnton und überraschte ihn, indem sie ans eigenem Antriebe de» pcin- lichcn Gegenstand der Unterhaltung wechselte. „Waren Sie im schottischen Hochgebirge?" „Nein, ich war niemals im Hochlande." „Haben Sie niemals in Büchrar über das Hochland von dem„Zweiten Gesicht" gelesen?" ,0, ja." „Glanben Sie daran?" Steventon umging es höflich, eine direkte Antwort darauf zu geben. „Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn ich im Hochlande gewesen wäre. So aber habe ich nie Veranlassung gc- habt, den Gegenstand einer ernsten Uebcrlegnng zu unterwerfen." „Ich will Ihren Glauben," fuhr Clara fort,„nicht ans die Probe stellen n»d verlange nichts weiter von Ihnen, als daß Sie mir glauben, daß ich vor noch nicht langer Zeit in Eng- land einen sonderbaren Traum hatte. Mein Tranin zeigte mir, was Sie soeben erzählt haben und mehr noch als das. Wie kam es, daß die beiden Vermißten von ihren Gefährten getrennt wurden? Verlor man sie durch Zufall? Oder ließ man sie ab- sichtlich hinter dem Zuge zurück?" Crayford machte einen lczten vergeblichen Versuch, ihren Fragen Einhalt zu tun. Bis hierher aber, wo sie der Ant- Worten harrte, beachtete sie keine Zwischcnrede. „Weder Steventon noch ich befanden uns bei der Gesellschaft," erwiderte Crayford,„wie können>vir Ihnen Auskunft geben?" „Ihre Kameraden, welche dabei gewesen sind, müssen Ihnen mitgeteilt haben, wie alles zugegangen ist," beharrte Clara. „Ich bitte Sic und Herrn Stcvcnton nur, mir zu sagen, was diese Ihnen berichtet haben." Fran Crayford fuhr diesmal mit einem praktischen Einwand dazwischen: „Das Frühstück ist noch nicht ausgepackt,, komm Clara, das ist unser Geschäft, und die Zeit vergeht." „Das Frühstück kann noch eine Weile warten," antwortete die Gerufene.„Ertragen Sie meine Beharrlichkeit," fuhr sie, die Hand liebkosend ans Crayfords Schulter legend, fort.„Sagen Sie mir, wie es kam, das die zwei von den übrigen getrennt wurden. Sie waren mir stets der trcneste Freund, fangen Sie jczt nicht an, gransam gegen mich zn sein." Der Ton, i» welchem sie Crayford bat, rührte des See- manns Herz. Er gab den hoffnnngslosen Kampf auf und ließ sie einen Funken Wahrheit sehen. „Am dritten Tage nach dem Ansmarsch," sagte er,„vcr- ließen Franz die Kräfte; er blieb vor Ermattung liegen." „Natürlich wartete der Nest ans ihn?" „Es war ein ernstes Wagnis ans ihn zn warten, mein Kind. Ihr Leben und das derjenigen, welche in den Hütten zurück- geblieben waren, standen ans dem Spiel. Franz aber war der allgemeine Liebling. Einen halben Tag lang warteten sie, daß er seine Kräfte wieder gewinnen sollte." 139 Hier hielt er innc. Hier zeigte sich deutlich die Unklugheit, zu welcher ihn das Mitleid für Clara getrieben hatte, und schloß ihm die Lippen. Es war zu spät, um die Zuflucht zum Schweigen zu nehmen. Clara ivar entschlossen, mehr zu hören. Sie fragte Stcvento» weiter: „Konute Franz weiter gehen nach dem halben Ruhetage?" „Er versuchte es." „Und es mißlaug ihm?" „Ja." „Was taten die anderen, als sie sahen, daß es ihm un- möglich? Wurden sie zu Feiglingen? Verließen sie Franz?" Sie hatte absichtlich eine Sprache gewählt, die Steventon dazu reizen sollte, ihr klar zu antworten. Er war ein junger Mann— er ging in die Schlinge, die sie ihm gelegt hatte. „Keiner von ihnen war ein Feigling, Fräulein Burnham," entgegnete er feurig.„Sie reden grausam und ungerecht von den bravsten Burschen, die je gelebt haben. Ter stärkste von allen gab das Beispiel— er blieb ans freien Stücken bei Franz, um ihn später der Gesellschaft noch zuzubringen." Hier machte Stevcnton seinerseits, betroffen, daß er zu viel gesagt, eine Pause. Würde sie fragen, wer der Opferfreudige war? Nein. Sie ging gleich zu der verhängnisvollsten Frage, die sie bisher getan, über, indem sie tat, als ob Steventon den Namen schon genannt hätte. „Was machte Richard Wardour so bereitwillig, sein Leben Franz' wegen in die Schanze zu schlagen?" ivandte sie sich wieder an Crayford.„Tat er es aus Freundschaft für Franz? Tas können Sie mir sicher sagen. Denken Sie zurück au die Zeit, in der Sie alle zusammen in den Hütten lebten. Ware» Franz und Wardour damals Freunde? Hörten Sic niemals zornige Worte zwischen ihnen fallen?" Jczt glaubte Frau Crayford, es sei au der Zeit, ihrem Manne einen Wink zu geben. „Mein liebes Kind!" sagte sie,„wie kannst du von ihm verlangen, daß er sich dessen»och erinnert? Es wird oft genug Streit zwischen den Männeni gegeben haben, welche so gänzlich ans einander angewiesen und sicherlich gegenseitig ihrer Gesell- schaft oft überdrüssig waren." „Streit genug," wiederholte der Lieutenant,„stets aber schlössen wir bald wieder Frieden." „Siehst du, eine deutlichere Antwort kannst du nicht ver- langen. Bist du nun zufrieden? Herr Stevcnton, bitte, helfen Sie mir, da Clara nicht will. Wilhelm! Stehe nicht so müßig da. Der Korb hier enthält viel. Wir müssen uns in die Arbeit teilen. Du deckst den Tisch. Fasse das Tischtuch nicht so ungc- schickt an! Du nimmst es ja auseinander, als ob du ein Segel aufwickelst. Lege die Messer auf die rechte und die Gabeln auf die linke Seite, die Serviette und das Brödchcn in die Mitte. Clara, in der Luft mußt du auch Hunger bekommen. Komm, tue deine Pflicht und iß etwas." Sic sah auf, während sie sprach. Clara schien endlich der Verschwörung, die sie im Dunkeln halte» wollte, den Willen zu lassen. Langsam war sie bis an die Türe des Boothauses ge- gangen und stand nun allein auf der Schwelle und schaute hinaus. Frau Crayford nahte sich ihr, um sie an den Früh- Altgermanisch Von Zllcmf Eingebracht sind in die Scheuern die Früchte des Feldes, eingetrieben in sichere Stallungen die Heerde» der Nuz und Nahrung schaffenden Haustiere, die Zeit der Stiche und Freiheit von Feldarbeit beginnt; das bäuerliche Jahr hat sein Ende erreicht, nachdem auch die Winteraussaat besorgt ward. Aber auch das himmlische Jahr neben dem irdischen neigt sich seinem stückstisch zu holen, und hörte dabei, daß sie leise mit sich selbst sprach. Sie wiederholte die Worte, welche Richard Wardour ihr beim Abschied auf dein Balle gesagt hatte. „,Die Zeit wird kommen, wo ich dir vergebe. Den Mann aber, der mir dich geraubt hat, soll der Tag gereuen, an dem er dich das erstemal sah/ O Franz! Franz! lebt Richard noch, dein Blut auf dem Gewissen und mein Bild im Herzen?" Ihre Lippen schlössen sich plözlich. Sie fuhr erschrocken ans und trat heftig zitternd von der Türe zurück. Frau Crayford blickte ans das ruhige Meer hinaus. „Erschreckte dich etwas, meine Liebe?" fragte sie.„Ich sehe nichts— nur die Boote, die dem Ufer zufahren." „Ich sehe auch nichts, Lucic." „Und doch zitterst du, als ob du hier von der Tür aus etwas Entsezliches gesehen hättest." „Es ist auch etwas Entsezliches in der Nähe. Ich fühle es— obgleich ich es nicht sehe. Ich fühle es näher und näher herankommen in der leeren Lust, dunkler und dunkler in dem sonnigen Lichte. Ich weiß nicht, was es ist. Nimm mich mit fort. Nein. Nicht hinaus an den Strand. Ich kann an der Tür nicht vorübergehen. Wo anders hin! Wo anders hin!" Frau Crayford wandte sich um und gewahrte eine zweite Tür an der iimem Seite des Boothanses. „Sich zu, wohin jene Tür führt, Wilhelm," rief sie ihrem Manne zu. Crayford öffnete die Tür. Sie führte nach einem ver- wüsteten, eingezäunten Raum, halb Garten, halb Hof. Einige Sieze hingen da über Pfählen zum Trocknen ausgespannt. Weiter war nichts zu sehen, kein lebendes Wesen zeigte sich.„Das sieht nicht sehr einladend aus, meine Liebe," sagte Frau Cray- ford,„aber ich stehe dir zu Diensten. Willst du?" Damit bot sie Clara den Arm. Diese lehnte aber ab und hing sich statt dessen fest an Crayfords Arm. „Ich fürchte mich, fürchte mich cntsczlich!" sagte sie schwach. „Bleiben Sie bei mir, eine Frau ist kein Schuz; ich will bei Ihnen sein." Noch einmal schaute sie nach der Türe zurück. „Ach," flüsterte sie,„ich bin über und über eiskalt, ich vergehe hier vor Angst. Kommen Sie in den Hof! Kvnimen Sie!" „llebcrlaß sie mir," sagte Crayford zu seiner Frau.„Ich rufe dich, wenn es ihr in der freien Luft nicht besser wird." Er führte sie hinaus und schloß die Hostüre hinter sich. „Herr Steventon! verstehen Sie das?" fragte Frau Cray- ford, als sie sich allein sahen.„Was kann sie nur so sehr er- schreckt haben?" Sic stellte die Frage, während sie noch immer unverwandt nach der Tür blickte, hinter welcher ihr Mann mit Clara so- eben verschwunden war. Da keine Antwort erfolgte, schaute sie sich nach Stevcnton um. Er stand am entgegcngesezten Ende des Tisches, das Auge durch die Haupttür des Boothauses hinaus ins Freie gerichtet. Fran Crayford folgte seinem Blick. Da plözlich entdeckte sie auf dem weichen, gelben Sand vor der Türe den langgestreckten Schatten einer menschlichen Gestalt. Noch einen Augenblick— und die Gestalt selbst erschien. Ein Mann zeigte sich langsam und blieb auf der Schwelle stehen. (Schlich solgl.) Weihnächte n. ;b Wittich. Ende zu: das Sonnenrad(hiol, jul) ist an einem bedeutsamen Punkte seines Umlaufs angelangt, im Punkte der winterlichen Sonnenwende. Das altgermanische Jahr hat vier solcher wich- tigcr Zeitpunkte: die sommerliche und die winterliche Sonnen- wende, die Frühlings- und die Herbst-Tag und Nachtgleiche, Zeitpunkte, bedeutsam für den Landbau, bedeutsam für das politische und religiöse Leben. Mitwinter, Wintersonnenwende oder Julfest heißt unter diesen„Hochgezitcn" d. i. hohen, heiligen Zeiten die hochheiligste und fällt auf Martini oder auf den 14.— 16. Dezember, später auf die Tage vom 24. Dezember bis 6. Januar. Nuhe von schwerer Arbeit. Ruhe auch vom rauhen Waffen- Handwerk, Götterfriede, Tank- und Bittopfer, Festschmaus und Trinkgclag, gegenseitiges Begeben und Beschenken, Abhalten von „ungebotencn" d. i. nicht besonders angesagtem Ting- oder Gc- richtstag kennzeichnen bald alle vier, bald wenigsten drei jener großen Zeiten. Dast Fest leitet ein längeres Fasten ein. Zu des Gottes heiliger Quelle und zu seinem heiligen Baum, einer Buche oder Linde oder dem Hagedorn, wen» es, wie am Julfest, nament- lieh Wodan(und dem Sonnengott Freyr) gilt, wandeln dann in festlichem Zuge und bestem Schmuck die Gaugenossen. Priester führen weiße Rosse, welche ans Wagen die Symbole oder Zeichen des Gottes ziehen: Odins oder Wodans Speer, Zios Schwert, Donars Hammer. Schon zur Zeit des Tacitus. der zwar erzählt, daß die Germanen ihre Götter nicht in Tempel einschlössen, aber selbst einen solchen erwähnt, waren jene hei- ligcn Stätten zunächst von einem Hagcdorngchege umfriedet, ja mit Holzhütten, dann mit runden Stcinbauten umschlossen, in dessen Mitte der heilige Herd mit dem immer brennenden Feuer sich befand und die rohgeschnizten Bilder eines oder mehrerer Gottheiten. Daselbst befand sich auch der heilige Kessel, in dem das Blut der Opfertiere aufgefangen wurde. Diese waren: Pferd, Rind, Schafe, Böcke und Ziege», Eber, Eich- Hörnchen, Hähne und Hühner, in ältester Zeit auch Menschen, Sklaven oder Kriegsgefangene und solche Freie, die ihr Leben verwirkt hatten. Blumengeschmückt und, falls es Hornträgcr waren, mit vergoldeten Hörnern, wurden die Opfer feierlichst nmgcsührt unter Gesang und Tanz der Teilnehmer. Mit heiligem Wedel aufgefangenes Blut wurde über alle Anwesenden gesprengt; Herz, Leber, Lunge gehörten dem Gotte, das Fleisch ward durch die Priester unter das Volk gebracht. Ost schloß sich an dieses eigentliche Heiligtuni ein geräumiges Laughaus zur Abhaltung der Opferfcste. Längs der Wände befanden sich Size. in der Mitte je ein Hochsiz für besonders Vornehme, in der Mitte des Langhauses eine Reihe von Opfcrseucrn mit den Kesseln, in denen das Fleisch gesotten wurde, lieber die Kessel und Feuer hinweg tranken sich die Gegenübersizendcn Wodans Minne zu ans Bechern und Trinkhörnern. Tie Kosten dieser politisch-religiöse» Opfcrfcier mögen oft. wie in Schweden, durch eine Gaustcuer aufgebracht worden sein. Priester im Hause des einzelnen war das Familienhaupt, Opfer allda kleine Tiere, meist aber unblutige, als Getreide, Früchte, Blume», Biilch, Käse, Honig, Met. Der ganze Gau hatte seine Staatspriester, wohl vom Volke gewählte, nicht eine besondere Käste bildende Beamte, neben denen es auch Priester- innen gab. Ihre Tätigkeiten waren Vollzug des Opfers, der Sühnung, feierliches Gebctsprechen und Weissagung aus Stimme und Flug der heiligen Vögel Adler, Rabe, Dohle, Krähe, Eule, Elster, Kukuk, Specht, Huhn, Gans, Schwalbe u. a.; auch aus dem Wiehern und Schnauben der Rosse, sowie aus den Los- stäben mit cingcrizten Runen, wobei kräftige Sprüche und Lieder gesprochen wurden. Festliche Ruhe herrscht auch im Hause der einzelnen, gegen- seitige Geschenke gaben dem Feste eine weitere Weihe. Blankes Gewaffen blizt von den Wänden der mit Tannen- und Fichten- reis geschmückten Halle, den Boden bedecken ebenfalls Nadel- holzzweige, mächtige Kienfackeln spenden Licht den Mannen, die aus allen Wegen zu Fuß und zu Schiff bei solchen vornehmen Stammgenossen zusammengekommen sind, die Gut oder Geld genug haben, um durch Spendung eines mehrtägigen Bier- oder Metgelages für Freunde und Gcmcindegenossen sich hohe Ehre zu erwerben. Im ganzen Hause, d. h. in allen Wohn- und Wirtschaftsräumen, meist einstöckigen Blockhäusern, mußte alles rein und in Ordnung und jede Arbeit fertig sein. Hielten die Himmlischen selbst, Wodan und seine Gemahlin Freia, auch Perchta, Frida oder Jgnta, Gode, Frau Holle genannt, Umschau und prüften Wohnungen und Gehöfte, Kühe und Stallung, Fleiß und Ordnung lohnend, Uufleiß und Unordnung strafend. Noch lebt im Volksbrauch Wodan mit seinem fahlen Rosse Sleip- nir in dem Schimmelreiter gewisser deutscher Landschaften. Da bindet ein Bursch ein Sieb mit langer Stange vor, an der ein Pfcrdekopf befestigt ist, das ganze wird mit weißen Tüchern behängt. Anderwärts bilden mehrere Bursche das weiße Roß, Begleiter sind oft ein Bär, oder der in Haferstroh riugscinge- bundene Haferbräutigam, oder die Feien, Bursche mit unheimlich geschivärzte» Gesichtern und Frauengewändcrn; in Schlesien eine Menge Knechte, die mit ihren Peitschen gewaltig knallen und Kuchen einsammeln, daher denn ihre Tätigkeit und die ganze Mummerei auch Kuchenplazen heißt, welche hier zur Ernte oder um Martini stattfindet. St. Martin der christ- lichcn Sage, an Mantel und Schimmel kenntlich, eignete sich gut als Stellvertreter und Erbe Wodans in Glaube, Sitte und Brauch; die Feuerbrände zu Martins Ehre am Rhein und in Flamland weisen den wunderbaren Heiligen genügend als Licht- und Jahresgott aus, zu dessen Ehren brennende Holz- und Strohräder von den Anhöhen in die Tiefen gerollt oder hoch in die nächtliche Lust emporgewirbclt werden. Noch heute flammen Feuerbrände aus zu Weihnachten(/.e den wihen neckten= zu den(zwöls) geweihten, heiligen Nächten, auch Zwölften, Ran- »ächte, Lossage genannt) in Schweden und Norwegen. In England wird ein behaglich wärmendes, hellleuchtendes Kamin- fetter unterhalten in der Stube, die mit Immergrün, und Mistel- oder Stechpalmcnzweigen geschmückt ist. Ter Julblock, ein gc- waltiger Wurzclstock eines Baumes, ist von altershcr die Haupt- speise deS Feuers, welches mit einem wohlvenvahrten Rest des vorjährigen Julblockes entzündet werden muß. Zu Shakespeares Zeit lag dieser heilige Block vorher inmitten der Halle, und alle Hausgenosse» nahmen nacheinander einmal darauf Plaz, um ein Jnllied zu singen und auf fröhlich Weihnachten und glückliches NeujitHr zu trinken. In Norwegen wurden in alter Zeit drei Becher geleert, der erste für Odin um Sieg und Macht, der zweite für Niörs und Freyr um Fcldsegen und Frieden, beim dritten zu Brajas Ehren gelobte man Schenkungen oder kühne Heldentaten. In York, Northumberland und anderwärts in England ivcr- den zu Weihnachten noch Schwert- und Riesentänze aufgeführt. der vornehmste der Riesen heißt noch heute Wodan; auch Wodans Gattin fehlt nicht dabei. Vielleicht handelte es sich»r- sprünglich um die Befreiung Friggs aus der Gewalt der Winter- oder Frostriesen, d. h. um die Ueberwindung des Wintrrsroftes durch Sonnenlicht und Wärme und Neubelcbung der schier erstorbenen Mutter Erde. Anderwärts heißt dieser religiöse Tanz das Berchtelspringen, ist also ein heiliger Tanz zu Ehren der Berchta, wobei die Tänzer mit Schellen behängen waren, die bei jedem Tritt er- klangen. Auch andere Wesen der Vorzeit tauchen in Weihuachts- bräuchen auf; drei weiße Fräulein in Schwaben sind vielleicht die heidnischen Nornen oder Schicksalsgöttiuncn; ebenso kommen die den Göttern geheiligten Tiere zum Vorschein, so in Schwa- den ein weißes Schwein, eine weiße Gans u. a. An die Fest- und Opferschmäuse althcidnischer Zeit erinnern noch heute gewisse stehende Gerichte am heiligen Abend, am Sylvester und Neujahr, die nicht verschen werden dürfen, wen» nicht bestimmte Strafen eintreten sollen. Wer am Sylvester nicht Häringssalat gegessen hat. dem schneidet nach türingische»' Aberglaube Berchta den Leib auf. füllt ihn mit Häckerling»»d näht ihn mit Eisenketten und Pflugschar wieder zu. Dieselbe Strafe droht dem Voigtländer, wenn er nicht Polze ißt, einen altväterlich überlieferten Mehlbrei. Heringssalat am Sylvester verspeist man im Wittenbergischen, daß dem Gläubigen nie das Geld ausgeht. Derselbe �egeir lohnt in Schwaben alle die, welche zu Neujahr gelbe Rüben effen. J» Steiermark ist das Weihgericht Karpfen und Mvhnstrudel, in der Lausitz, ebenso wie in Schlesien, der.polnisch' zubereitete, d. h. in Pfeffer- kuchensaüs gekochte Karpfen und Mohnklöse. Sanne, zumteil bis in die neueste Zeit, gab man bestimmten Gebacken die Fvrm der uralten Opfer, also Menschen- oder Tier- gcstalt. Sollte das Gebäck in Menschengestalt etwa sogar auf eine uralte Menschenfresserei bei Germanen hinweisen? Ange- nommen wird dies von einigen Gelehrten. Zu den Wundern dieser heiligen Zeit, da die Götterwelt aufbricht und hereinleuchtet in das Erdendasein der Menschen gehört auch die Fähigkeit der Tiere zu reden, ein Glaube, den Germanen und Romanen mit gewissen Jndianerstämmen teilen. Auch ist um diese Zeit gut Schaz heben und Schaz graben; �tterprophezciungen ergaben sich aus genauer Beobachtung Rtoisser Zeichen in den Zwölften.',., Soffen wir nun die ganze Bedeutung des heldul�chen�elh- achtsfestes der alten Deutschen zusammen, so ist es zunächst cm des Himmelsgottes. des Führers des Sonnengc.t.rns °>nem bedeutungsvollen Punkte seines Jahreslanfcs. Zweitens ist das Fest von bäuerlicher Bedeutung für den Pfleger des Grund und Bodens und Heger der Nahrung und Nuzen spen- dendcn Hausticrhcrdcn. Tie Wintersaat ist der Erde anver- traut, die Herden kehren von der Trift heim in die Ställe: ein Abschnitt der Ruhe zugleich und ein Ausschauplaz künf- tigcr Hoffnungen für das neubeginnende Jahr, dem neuen 112 Jahresumlauf dcs Sonncnradcs(hiol, jul= Ziad, Sonne), deshalb auch der Götterfriede des Festes. Aber Friede kann nicht ohne Ii e ch t bestehen, wie denn Recht und Friede in älterer Sprache ciigverwachseiie Begriffe sind. Daher die Hebung der Gerechtigkeit: Lohn dem Guten und nnzlich Tätigen, Bc- strafung dem Bösen und Frieden und Recht Gefährdenden, dem Trägen und Faulen, geübt, dem heidnischen Glauben nach, von den höchsten Göttern der Kultur und menschlicher Bildung selbst. Das sind wahrlich eine Reihe von Ideen, von denen uns eine jede einzelne schon betrachtet gehaltreich genug erscheinen will, um auch dem heidnischen Brauch unserer Voreltern Anerkennung und Achtung zu erzwingen. Diesem einheimischen reichen Gedankcninhalt gegenüber regte sich's bald nach Grimms fröhlichem Vorgang im Aussuchen solch alteigner Väterhabe, und es schloß sich der Nachweis an, wieviel das Christentum bereits vorfand für sein Weihnachtsfest und in scinenc oder in seiner Priester und mächtigen Freunde Nuzen verwendet hat. Es genügt, statt vieler Tatsachen nur die Weisung dcs Papstes Gregor dcs Großen anzuführen, der da crmahnt:„man muß die Feste der Heiden allmälich in christliche verwandeln und in manchen Stücken nachahmen." Wie in Deutschland Wodan zum wilden Jäger, in England zum Vvlksheiligen Robin Hood ward, so ward er in christlichen Händen zum hei- ligcn Ricolans oder Martin oder sonst welchem andern Heiligen; Perchta ward die Jungfrau Maria. Nachdem wir nun bald zwei Jahrtausende alles das in christlichem Anfpnz erlebt und erfahren haben, ist der Undank erklärlich, mit welchem neulich diese alten Dinge zu Gunsten des Christentums hcrabgedrückt worden sind, nicht ohne scheele Blicke auf Grimm und seine verdienten Mit- und Nacharbeitcr. Wir leugnen nicht, daß zuweilen eine Vertiefung, eine glänzen- dere Ausschmückung des alten Gutes durch das Christentum stattfand, ja, wir gestehen sie bereitwillig zu: aber wir sind, historisch urteilend, nicht imstande, jener grausam unterdrückten Mytologie durch eine neue ebenso oder noch mehr mystische ihr höheres Alter und ihren eigenen Wert abzusprechen. Da unser Julfest Grenzschcide eines scheidenden und eines neuen Jahres ist, wünschen wir unseren freundlichen Lesern zum Feste der Ruhe fröhliche Rast von schweren Kämpfen dcs vcr- flosienen Jahres, hofsnungsfrcudigcn Ausblick auf das kommende; freundlichen und freudigen Fcstgcnuß, Mut, Kraft und Sieg ini Kampf für Friede und Recht und Freiheit, welche von den ersten beiden nach deutschen Begriffen untrennbar ist! Fröhliches Julfest! Die Tierwelt in den Duhnen der ostsriesischen Inseln. Bon W. Ketz. Wir stehen am Strande der kleinen Nordsecinsel Spiekeroog und ergözcn uns au dem herrlichen Schauspiel, das sich uns darbietet. Soeben beginnt die heftig tobende Gewalt des stark erregten Meeres allmälich nachzulassen. Tie Flut, welche bis dahin das Meer mit furchtbarer Kraft gegen den kahlen Strand der Insel schleuderte, hat schon vor einiger Zeit ihren Höhe- Punkt erreicht und beginnt nun sich langsam wieder zurückzu- ziehen. Aber noch können wir wegen der Höhe dcs Wassers unseren Zweck, die Buhnen zu besichtigen, nicht erreichen. Die Buhnen bestehen aus einer Reihe eingerammter Pfähle, zwi- schen welchen ungeheuere, durch eiserne Anker verbundene Quader- steine liegen. Diese Bauten ragen ungefähr 20 bis 30 Meter in das Meer hinein. Sie werden gewöhnlich auf der Westseite der Inseln errichtet und haben den Zweck, die Gewalt der Wellen, bevor dieselben die Insel erreichen, zu brechen, und somit die Macht dcs mächtigen Elementes bedeutend zu vcr- ringern. Wie nötig aber solche mächtigen Bauten sind, um die Küste gegen den Andrang des Meeres zu schüzcn, können wir aus der Geschichte der Nordseeinscln erkennen. Tie Insel Wangeroog, welche noch vor 50 Jahren ein mächtiges Eiland bildete, besteht jezt auf der westlichen Seite nur noch aus einem schmalen Damme, der vom Meere sehr häufig überspült wird und so die an sich scbon kleine Insel in zwei noch bedeutend kleinere Teile zerlegt. Auch bei Borkum schen wir dasselbe, nur daß die Insel ein wenig größer als die vor- hergehende ist, denn auch diese Insel ist durch eine Sturmflut auseinaudergerissen, und nur bei Ebbe ist es möglich, von der einen Seite auf die andere zu gelangen. Für den Zoologen haben diese Buhnen aber noch ein anderes Interesse. Nämlich in den kleinen Spalten und Lücken, welche sich zwischen den Steinen befinden, werten vom Meere, wenn es einigermaßen erregt ist wie heute, sehr viele Tiere zurück- gelassen. Da diese Tierchen aber tief in die Rizen.hinunter- kriechen, nni sich vor den Blicken ihrer Feinde zu verbergen, so müssen wir uns so lauge gedulden, bis diese vollkommen blosgclcgt sind, was aber nur bei tiefer Ebbe geschieht. Nach Verlauf einiger Stunden sehen wir den größten Teil der Buhnen schon vom Wasser frei, aber noch schlagen von Zeit zu Zeit einige Wellen mit weißem Schaum über sie hinüber, und erst nachdem wir nun noch ein wenig gewartet haben, können wir es wagen, dieselben zu betreten ohne von dem Meere, welches noch an beiden Seiten der Buhnen tobt, bcsprizt zu werden. Gleich anfangs fällt uns eine sehr große Menge Muscheln von schwärzlich-blaucr Farbe auf, welche an den Buhnen fest- gewachsen sind. Wir reißen uns eine davon ab und finden, daß es die Weißmuschel(Mytilus edulis) ist. Wir schen auf der Oberfläche der Schalen mehrere Streifen, welche uns das Wachstum dcs Tieres anzeigen. Um das Tier selbst zu be- trachten, müssen wir die beiden Schalen öffnen. Doch dieses ist mit mehr Schwierigkeiten verbunden, als man bei cineni so kleinen Tiere vermuten sollte, und erst mit Hülse eines Messers gelingt es uns, die fest zusammen geklemmten Schale» zu trennen. Inwendig ist die Schale glänzend silberweiß gefärbt und hat beinahe das Aussehen von Perlmutter. Das Tier selbst be- steht aus einer weißen schleimigen Mäste. An derselben finden wir einen schmalen fleischige» Fuß, welchen wir allerdings erst nach genauer Betrachtung finden können, da er nur klein ist. In der gcschlosteue» Muschel liegt er völlig verborgen. Dieser Fuß. welchen fast sämmtliche Muscheltiere haben, wird von der Wcißmuschcl nicht zum Springen und Bohren, sondern viel- mehr zum Spinnen benuzt. Es findet sich, an seinem oberen Teile eine Drüse, welche einen klebrigen Saft enthält, und mit Hülfe dieses gelingt es ihr, indem sich der Spinnsast zu einem Faden erhärtet, sich an dem Gestein fcstzusezen. Sie ernährt sich von kleinen Meerticre». welche ihr die Flut in die geöff- veten Schalen wirft. Hauptsächlich wird diese Muschel als Köder an Angelhaken gebraucht, wird aber in manchen Gegenden auch gcgestcn. Auch sind diese Tiere den Buhnen sehr nüzlich, indem sie die in den Boden eingerammten Pfähle vollkomme» überziehen und dadurch vor dem Augriffe des Bohrerwuims schüzcn. Doch wir gehen weiter. Schon nach wenigen Schritten fällt uns ein Tier auf, welches die Gestalt eines Sternes hat. Es ist der Seester»(Asteracantlrion rubens). Er gehört zur Klasse der Stachelhäuter und hat einen zähen, ledcrartigcn Kör- per. In der Mitte seiner fünf Strahlen befindet sich eine kreis- förmige Ocsfnung, welche den Mund des Tieres bildet. Von dieser Oessnung nun läuft nach jedem Strahle eine Rinne, in welcher sich eine Menge Saugsüße befinden. Diese werden durch das Wasser angeschwellt und dienen nicht nur dazu, das Tier fortzutragen, sondern auch die Nahrung zu ergreifen. Auch sehr» r n wir an dcr Spize eines jeden Strahles ein Auge in Gestalt eines roten Punktes. Dieser Steni ist einer der größten Feinde des Fischers, indem er die Austernbänke durch seine Gefräßig- keit verwüstet. Doch wie ist es möglich, werden wir uns mit Recht fragen, daß ein solches schwaches Tier im Stande ist, die Schalen der Auster zu öffnen? Dieses erklärt sich nun ans folgende Weise: Ter Scestern bcsizt einen giftigen Saft, welchen er an der Spalte der Austernschale absezt. Dieses Gift dringt in das Innere dcr Auster ein, betäubt das Tier, so daß dieses nun nicht mehr im Stande ist, die Schalen zu verschließen, und ans diese Weise ist es beut Seestcrn möglich, eine so große Muschel zu überwältigen. Auch ihre große Reproduktionskraft verdient wohl noch bemerkt zu werden. Zerschneidet man einen Scestern z. B. in fünf Teile, so stirbt er nicht, sondern ein jeder Teil wächst wieder zu einem ganzen Tiere aus. Der Fischer, welcher also sich auf diese Art an seinen Feinden rächen wollte, würde nicht nur keine Verminderung, sondern eine bedeutende Vermehrung der- selben herbeiführen. Auch eine Anzahl der gemeinen Strandkrabbcn(Platycar- cinas malnas) sehen wir hier, welche, sobald sie sich bemerkt glauben, sich mit ungeheurer Gcschäfligkeit in ihre Verstecke zurückziehen und sich so unseren Augen entziehen. Diese Krabbe entwickelt große Schlauheit auf. dcr Jagd nach Beute. So finden wir im„Ausland" folgende Schilderung aus der bekannten englischen Zeitung„Chambers Journal": „Bei einem Ausfluge an die Küste beobachteten wir das Treiben einiger Sandhüpfcr, die bekanntlich auch zur Klasse der Krebse gehören, da gewahrten wir eine grüne Krabbe, welche langsam auf dem Sande herankam und sich sorgfältig umzn- schauen schien. Ein großes Weichtier ward ab- und zugespült, und auf dieses stürzte die Krabbe los. Ihre Klauen, die sie beim Gehen nur als Krücken zu gebrauchen schien, dienten nun zu einem anderen Zwecke: Stückchen um Stückchen wurde mit denselben aus dem Weichtiere herausgenommen und mit einer haudartigcn Bewegung zum Maule geführt. Nachdem die Krabbe einige Maul voll genommen, schien das Weichtier ihr keine hinlänglich solide Nahrung mehr zu sein und sie bewegte sich langsam dem trockenen Sande zu. Längs den feuchten Stellen hinkriechcud, suchte ein schöner Sandhüpfcr seinen Weg nach einigen Büscheln Seegras einzuschlagen; er bewegte sich laug- sam, ohne Ahnung, daß ein Feind auf ihn laure, und fing bald an, auf dem Grase seine Mahlzeit zu halten. Tie Bewegungen der Krabbe waren jezt wunderschön; sie beobachtete den Saudhüpfer und näherte sich ihm langsam. Ein Klumpen Seegras lag zwischin ihnen und von diesem machte die Krabbe mit dcr Geschicklichkeit eines vollendeten Jägers Gebrauch als Deckung. Ungefähr acht Zoll Raum trennte sie noch von ihrer Beute, und die Abkürzung des Zwischenraumes war ihr Zweck. Allein der Sandhüpfcr war auf seiner Hut und schien früherer Erfahrung zufolge es für möglich zu halten. daß ein Feind in der Nähe sei. Bald darauf verließ die Krabbe ihren Schlupfwinkel, duckte sich und kroch kunstgerecht auf die Beute los; als sie ungefähr noch vier Zoll von der Beute cnt- lernt war, hörte der Sandhüpfer zu fressen auf und wandte sich gegen die Krabbe. Einen Moment hatten wir auf einen anderen uns störenden Gegenstand die Augen gewendet; als wir sie wieder auf die Kämpfenden richteten, war die Krabbe verschwunden. Was aus ihr geworden, ließ sich unmöglich sagen. Der Sand war ringsum glatt und ohne alle Bedeckung als einiges winziges Seegras. Bei genauerer Besichtigung sahen wir einen Klumpen Seegras nahe bei dem Saudhüpfer. und dieser Klumpen erhob sich langsam wie durch einen unterirdi- ichen Vorgang, und die Krabbe tauchte aus den, Sande her- vor. in welchen sie sich eingegraben hatte, um sich der Beob- achtung des Sandhüpfers zu entziehen. Nachdem sie sich vom Sande befreit, ging sie verstohlen einen oder zwei Schritte vor- wärts und stürzte dann plözlich. ivie die Kaze auf die Maus. auf den ruhig beschäftigten Sandhüpfcr. Die wundervoll Hand- avtigen Klauen wurden nun unter den Leib gestoßen, dcr Sand- hüpfer gepackt und entzwei gerissen und mit den Klauen ins Maul gesteckt." Wir fahren in unsern eigenen Beobachtungen fort. Vor uns liegt ein schönes Muschelhaus, welches vermutlich leer ist. Wir nehmen es auf, um es unserer Sammlung einzureihen. Doch indem wir es berühren, bemerken wir eine Bewegung in dem Häuschen, und ehe wir es verhindern können, hat uns eine kleine Schccre empfindlich in den Finger gekniffen, so daß wir die Muschel erschreckt fallen lassen. Aber kaum hat dieselbe die Erde berührt, als sie sich auch schon fortbewegt, und wir sehen nun, daß ein kleiner Krebs die Ursache unseres Schreckens gewesen ist. Es ist der Bcnihardskrebs(Pagurus Lern- bardus), auch wohl Einsiedler genannt, weil in einem Hause immer nur ein Exemplar sizt. Von den anderen Krebsen unter- scheidet er sich hauptsächlich durch seinen Hinterleib. Dieser ist nämlich nicht wie bei anderen Krebsen durch einen Panzer ge- schüzt, sondern er ist vollkommen weich und häutig. Um nun seinen Hinterleib, welcher sehr leicht verlezlich ist, vor seinen Feinden zu schüzcn, sucht er sich ein leeres Muschelhaus, in welches er sich so weit hineinsteckt, daß nur Kopf und Schecren zu sehen sind, und zwar hält er sich mit seinen leztcn beiden Füßchen so fest, daß man ihn eher auseinandcrreißen als heraus- ziehen kann. Bei der Betrachtung des schon völlig ermatteten Tieres läßt dasselbe plözlich los, und so fällt die Muschel, in welcher der Krebs bislang gesteckt hat, zur Erde und rollt ins Meer. Wir sczcn nun das arme Tierchen in ein Glas mit Sccwasscr, um ihm ein anderes Haus zu suchen. Hierbei finden wir noch ein zweites Exemplar dieser Art, welches wir zu dem ersten in das Gefäß tun. Doch man denke sich unser Erstaunen, als wir nach einiger Zeit zurückkehren, bei dem Anblick, welcher sich uns in dem Glase darbietet. Die beiden kleinen Krebse waren nämlich eifrigst in einen Kampf verwickelt, in welchem es sich, wie wir nachher bemerkten, um den Besiz des Häus- cheus handelte. Beim Weitergehen werden unsere Blicke auf einen Scestern gelenkt, welcher alle bisherigen an Größe bedeutend übertrifft. Wir beschließen, dieses prächtige Exemplar mit nachhause zu nehmen. Doch kaum haben wir uns gebückt, um unsere Ab- ficht auszuführen, als sich die Unterlage des Tieres, nach unserer Meinung ein rot-brauner Stein, erhob und ein paar drohend gehaltene Schceren uns zum Rückzüge nötigen. Wir bemerken jezt, daß wir es nicht mit einem großen Steine, sondern mit einem ziemlich großen Krebse zu tun haben. Es ist dcr Taschen- krebs(Cancer pagurus), welcher seines Wohlgeschmacks wegen von den Insulanern und Badegästen sehr geschäzt wird. Schnell erwacht in uns der Wunsch auch, dieses Tier zu besizen. Doch vergeblich, denn kaum haben wir uns zu einem zweiten An- griff bereit gemacht, als wir ein Geräusch vernehmen und den Krebs verschwinden sehen; statt seiner haben wir eine trübe, undurchsichtige Lache vor uns. Enttäuscht über den Verlust dieses schönen Exemplarcs gehen wir vorwärts, um ein anderes zu erspähen. Endlich ist uns dies gelungen. Der Krebs, welcher an einem sehr versteckten Plaze sizt, ist noch größer als dcr erstcre. Um ihn aus seiner Höhle heraus zu bekommen, be- uuzen wir einen langen Stock, mit Hülfe dessen es uns denn auch gelingt, ihn aus seiner trägen Ruhe aufzurütteln. Aber in der Besorgnis, daß er uns wieder wie der vorige ent- schlüpfen könnte, fassen wir mit dcr Hand zu und nach einem hartnäckigen Kampfe mit dem Tiere gelingt es uns mit vieler Mühe, ihn aus seinem engen Loche emporzuziehen. Dcr Krebs ist auf dem Rückcnschildc bräunlich gefärbt. Die Stirn ragt wenig über die Augen hervor und trägt drei stumpfe Kerbzähne, während dcr vordere Seitenrand neun besizt. Das Rückeuschild ist ungefähr anderthalbmal so breit wie lang. Seine Länge beträgt durchschnittlich 10— 12 Zentimeter, jedoch kommen Exemplare vor, welche über 15 Centimeter lang sind. Seine Scheeren allein haben eine Länge von 3— 7 Zoll. Er hat in denselben eine solche Kraft, daß er einen Finger, wenn auch nicht gerade abkneifen, so doch vollständig zerquetschen kann. Dieses gilt aber nur von den größeren Exemplaren, da die kleineren uatür- ut lich viel weniger Macht in ihren Scheeren haben. Seine Nahrung besteht ans Flcischsnbstanzcn, welche er aber wahrscheinlich mehr durch seinen Geruchssinn als vermittelst seiner Augen findet. Nachdem wir ihn genugsam betrachtet haben, binden wir ihn mit einer seiner Scheeren an einen Bindfaden und suchen nun ncch mehrere in die Gewalt zu bekommen. Nach kurzer Zeit schon haben wir das Vergnügen, eine ziemliche Anzahl erbeutet zu haben, und wir sind eben im Begriff, noch ein Exemplar zn erhaschen, als plözlich eine herrliche Erscheinung, von der wir aber nicht einmal wußten, ob wir es mit einer Pflanze oder mit einem Tiere zu tun hatten, unsere Schritte hemmte. In einer kleinen Spalte, in welche noch von Zeit zn Zeit etwas Wasser fließt, sehen wir nämlich eine ziemlich kleine, dünne, aber lang aufgeschossene weiße Gestalt, welche oben in einen Büschel von Strahlen endet. Kaum aber haben wir das Tier, denn ein solches ist es, berührt, als die Büschel verschwinden und wir nun einen häßliche», weißen und schleimigen Klumpen vor uns haben. Wir reißen das Tier, welches sich jedoch mit seiner ganzen Kraft an den Steinen festhält, endlich los und finden nun, daß dasselbe zu der Gattung der Sceaucmoncu gehört. Das Tier hat, wie schon oben gesagt wurde, eine lange, ziemlich dünne Gestalt. Mit seiner breiten unteren Fläche sczt es sich an Muscheln oder Steine fest. Ganz am oberen Teile sehen wir einen schmalen Ring und ein wenig über dem- selben erhebt sich die Mundscheibe. In der Mitte derselben findet sich die Mundöffnung des Tieres und an den Seiten ist sie in fünf Lappen geteilt. Auf diesen stehen die Saugsüße, welche aber nicht>vie beim Seester» zur Bewegung dienen, sondern vielmehr zur Ergreifung der Nahrung. Es befinden sich nämlich an der Spize. der einzelnen Saugfäden tausendc kleiner Kapseln, in welche» eine kleine Spiralfeder aufgerollt ist. Wird nun irgend ein Saugfadcn durch ein kleines Tier berührt, so werden die Kapseln durch die Muskelkraft der Anc- monen geöffnet, und die Faden legen sich um das Tier und vergiften eS durch ein klebriges Gift, welches au den Fäden hastet. Hat sie das Tier aus diese Weise unfähig gemacht, zn entfliehen, so zieht sie dasselbe an sich und schiebt das ganze Tier in die Mundöffnung. Dieses Exemplar, welches wir soeben gefunden haben, ist eines der schönsten seiner Art und zwar eine Secnelke. Ter Name Nelke ist sehr treffend für diese Art, da es, wenn es seine Fühler ausgestreckt hat, dieser sehr ähnlich ist. Eine andere Eigentümlichkeit einer Art dieser Gattung ist, daß sie sich häufig im Meere nur auf dem Hause eines Ein- sicdlerkrebscs befindet. Ten Vorteil, welcher für die Anemone hierin liegt, können wir wohl erklären. Sie ist nämlich nicht imstande, sich im freien Meere fortzubewegen und so wird ihr nun durch das Umherivandcru des Krebses ein Mittel geboten, ihren Plaz zu verändern und infolge dessen ihre Nahrung besser zu finden, als>ven» sie au einem Ort festgebannt tväre. Welchen Nnzen aber der Krebs hiervon hat, ist bis jezt noch nicht bekannt. Nachdem wir auch von diesen Tieren einige unserem impro- visirtcn Aquarium eingereiht haben, hat sich das Meer so weit zurückgezogen, daß wir ruhig bis an das äußerste Ende der Buhne gelangen können. Doch kaum sind wir hier, als wir auch schon eine rundliche, schirmartige Gallcrtmassc mit weiß- licher, etwas bläulicher Farbe sehen, welche in der Mitte und am Rande mit kurzen schleimigen Fäden bedeckt ist. Schnell benuzen wir unfern Stock, um das Tier in unfern Bereich zu bringen. Als wir es ziemlich nahe hcrangctricbc» haben, fassen wir mit der Hand zu, um es ganz an das Land zu holen. Doch plözlich lassen wir dasselbe wieder zur Erde fallen, denn ein Schmerz, ähnlich dem von Brennesseln, durchzuckt unsere Glieder. Wir sind nun vorsichtiger und finden, daß es eine Qualle und augenscheinlich eine brennende oder nesselnde ist. Es sind natürlich nicht alle Quallen imstande, uns durch ihre Steffeln zu belästigen, sondern nur ein Teil derselben hat diese Eigenschafr. Diese Tiere haben nämlich, wie die Anemonen, eine große Anzahl kleiner starrer Kapseln, welche allerdings so klein sind, daß nian sie mit dem bloßen Auge nicht erkennen kann, sondern sich dazu einer Lupe bedienen muß. In diesen Kapseln befinden sich ebenfalls Spiralfedern. Dadurch nun, daß ein fester Gegenstand dieselben berührt, springen die Kapseln aus und die Feder schnellt empor. Für diesmal wollen wir unseren Spaziergang hiermit beendigen. Wer aber von unseren freundlichen Lesern im nächsten Sommer eine unserer herrlichen Nordseciuscln aufsucht, der möge nie versäumen, die Buhnen zu durchsuchen. Er wird noch manches i interessante Tier daselbst finden. Wilde Pferde und Wölfe in Rußlands Steppen. (Mit Illustration.) Wer kennt nicht die romantische Geschichte von dem Polen Mazeppa, der sich als Page in seine schöne Herrin, eine pol- nischc Gräfin, verliebte und auch Gegenliebe fand, wofür er von dem erzürnten Grafen auf den Rücken eines wilden Step- penroffes gebunden wurde, das man in die Wildnis der Steppen und Wälder Polens trieb und das seinen unfreiwilligen Reiter bis nach Südrußland in die Ukraine trug, wo er durch merk- würdige Schicksale eine hohe Machtstellung gewann und als Ver- bündctcr des tollen Karl XII. von Schweden nach der Schlacht von Poltawa durch Selbstmord starb! Den wilden Ritt durch Steppen und Wälder hat Lord Byron in seinem Epos:„Ma- zeppa" mit seiner mächtigen Poesie verherrlicht____ Die Wölfe verfolgen den wild dahcrsausendcn Renner, der den gebundenen Mazeppa auf dem Rücken trägt; der Pole hört ihr Geheul und wünscht sich nur Waffen, um im Kampfe zu sterben und nicht von jenen blutgierigen Bestien lebend zerriffcn zu werden: „Wir rascheln durch das Laub wie Wind, Bis Wald und Wöls' entschwunden sind— Ich hörte Nachts sie hinter mir Und immer näher durchs Revier Kam ihr Galopp, der Jägersmann Und Hundeshast ermüden kann; Wohin wir flohn, sie waren nah, Die Sonne kam— sie blieben da.... Die Schnelligkeit und Wildheit des Rosse» rettet Mazeppa Vor den Wölfen; mit Sturmcseile gchts von dannen: „Als meines RennerS Flucht begann, Wie wünscht ich da das Ziel heran! Run bangt' ich um zn kurze Flucht: Grundlose Furcht!— Der Steppe Zucht Durchmannt ihn wie des Berges Reh; Sticht schneller blizt der Alpenschnee, Wann blendend der Lawine BrauS Begräbt den Hirten nah beim HauS, Eh' er betäubt die Schwell' erreicht— Als durch den Wald der Renner streift, Haltlos und rastlos, wild und blind, Rasend wie ein verzogenes Kind, Dem etwas quer geht—»ein, noch schlimmer: Wie ein gereiztes Frauenzimmer!" � Endlich geht dem Rosse die Kraft aus und inmitten eine Schwarmes von herbeigekommenen Steppenrofseu fällt es»i seinem Reiter gebrochen nieder. Byron schildert diese freie Stcppenrosse mit der ganzen Pracht seiner Poesie: „Da, wie mein Pscrd sich weiter plackt, Glaub' ich ein iviehernd Roß zu hören Aus jenem Dickicht schwarzer Föhren— Jsts Wind, waS in den Zweigen knackt? Nein! Stampfend aus dem Forste jagt Ein ganzer Trupp— sie nahen schon In einer mächtigen Schwadron! Ich möchte schrein, die Lust versagt. Tie Rosse brausen mutig weiter, Wo sind die Zügel und die Leiter? An tausend Pserde und kein Reiter! Mit weh'iider Möhn' und slieh'ndem Schweif, Mit Nüstern, nie gepreßt vom Reis, Das Maul noch frei von Zaum und Blute, Die Flanken rein von Sporn und Rute, Ja, tausend Pferde, frei und wild, Wie Wog' auf Wog' im Meere schwillt, So donnern sie heran durchs Feld, Entgegen unserm Leidensritt. Reu liebt sich meines Renners Schritt— Ein Weilchen stolpernd, ganz in Schweiß, Ein Weilchen wiehernd, matt und leis, Antwortet �hnen er— und fällt." Wenn diese mutigen Tiere in größerer Anzahl beisamiiien sind, so verschmähen sie es, vor den Wölfen zu fliehen und nehmen stolz den Kampf auf. Jnstinktmiißig sehen sie ihre Stärke in ihrer Vereinigung, und da sie sich vor dem furchtbaren Gebiß des Wolfes hüten müssen, so wenden sie dem Feinde ihre Waffe zu, den Huf, der mit gewaltigem Schlag Schädel und Glieder des Feindes zerschmettern kann. In einem solchen Falle bilden die edlen Tiere einen Kreis, und zwar so, daß sie mit den Köpfen zusammenstehen, die Hinterhufe aber nach außen gerichtet sind. Tic hungrigen Wölfe kommen heulend heran und die Not zwingt sie, den gefährlichen Angriff zu versuchen; aber sowie sie einem der vor Wut und Aufregung schnaubenden Renner zu nahe konimcn, erfolgen wuchtige Hufschläge, die den gierigen Feind weit hinwegschleudern und ihm die Gliedmaßen zerschmettem. Mit gesträubten Mähnen und weit geöffneten Nüstern, die Flanke mit dem Schweife peitschend, kämpfen die schlanken Steppenrosse, bis die Wölfe sich entmutigt zurückziehen. Tann erst lösen sie ihren Kreis und traben stolz von dannen. Unsere Zeichnung zeigt den Moment des Angriffs der Wölfe aus einen Trupp von Steppenrosscn, die den Kreis schon gebildet haben. Von wuchtigem Hufschlag getroffen wird der erste An- greiser weit zurückgeschleudert; seinen Schädelbruch könnte wohl kein Pflaster mehr heilen. Sein vorsichtiger Gefährte zur Rechten ist dem ersten Schlage ausgewichen; scheint aber nebst seinen Wild: Pfade und Wolfe übrigen Gefährten sich auch zerschlagene Knochen holen zu wollen.| Es ist eine treffliche Einrichtung der Natur, daß sie dem edlen| tu Rußlands Steppen. Roß diesen Schuz gegen de» widerwärtigen, raub- und blut- gierigen Wolf gegeben hat. W. B. Die IesnUenrepublik in Paraguay. Historische Studie von Kctrk g-roßmc*). Köllig Philipp II. von Spanien(1555— 1598) hinterließ, nachdem er die vereinigten Niederlande eingebüßt— wodurch England und Frankreich ein so folgenschtvcres politisches lieber- gewicht erlangten— sowie das erste Beispiel eines Staats- bankerottes gegeben hatte, seinem Nachfolger Philipp III das Reich i» der größten Zerrüttung. Handel und Gewerbe lagen darnieder; das durch unaufhörliche Kriege ausgesogene und vom Fluche der Inquisition belastete Land ließ die Ausbesferung fchtchtlichcu Entwicklung." der erschöpften Finanzen nicht zu, und die faft einzige Lluelle für dieselben waren noch die Besizunge» in Südamerika. Aus diese mußte die Regierung, welche infolge der geistigen Be- schränkthcit und Unselbständigkeit des neuen Herrschers von dem Minister Grase» Lerma unter dem weitreichendsten Einfluß der Jesuiten geführt wurde,— jezt mehr denn je zuvor sich stüzen; es galt die Einkünfte von dort zu vermehren. Tahcr war man darauf bedacht, die Kolonisirung, womit bis dahin verhältnißmäßig nur äußerst geringe Resultate erzielt worden, eifriger und planmäßiger zu betreiben. Tie Habsucht der königlichen Statthalter und sonstigen Beamten, sowie der eingewanderten spanischen Bevölkerung, hatte doch nur erst einen 146 winzig kleiucn Teil des uiieemeszlichcn Gebietes in Abhängigkeit gebracht und mit Kolonien versehen. Tie Mehrzahl der Urein- wohiier, besonders die in dem an edlen Metallen reichen Para- giiay zn beiden Seiten des Flüsse Uraguay und Parana ansässigen bedeutenden Stämme der Gnarani-, Chiguitos- und Moxos-Jndianer, ivarcn noch nnbezwungen und bedrohten mit einer Streitmacht von über 00 000 Mann die spanische Herr- schast, welche zu Bnenvs-Ayres ihren Siz hatte. Unter nnaufhorlichen blutigen Kämpfen gelang es den Spaniern zwar, einige Pslanzvrte, wie Villa-Rikka, liindad- Real u. a. anzulegen, jedoch behaupteten sich jene Stämme, deren Waffen nur in Bogen, Speer und Keule bestanden, in den ivichtigsten und reichsten Teilen des Landes. Ta erbot sich der Jesuitenorden, mit Genehmigung des Papstes Klemens VIII., im spanischen Südamerika eine Mission zn beginnen, unter dem Borhalt, das; dadurch sicherer als durch Waffengewalt die ividei strebenden heidnischen Stämme in Abhängigkeit gebracht würden. Mit Freuden ging die spanische Regierung ans diesen Vorschlag ein. wie ans einem von Philipp III. an den paragnayschen Statthalter General Saniard Arrias de Sernadro gerichtete» Berhaltnngsschreiben vom 8. Li tober 1005 erhellt. Tic ersten Missionare wurden jedoch erst vier Jahre später (1609) auf Kosten der königlichen Privatschatnlle, wie der Jesuit Bernhard Rnsdvrser(dessen Memoiren»eben mehrerem anderen dieser Abhandlung zu Grunde liegen) versichert, angesichts der ganzen Bevölkerung von Buenos-Ayrcs ausgesandt,»nd schon im folgenden Jahre(1610) gründeten sie den ersten Missions- stecken. Lorcto, am Rio Pirago, einem Rebenflnsse des Parana. Was Waffengewalt nicht vermocht hatte, das brachte das sogenannte Wort Gottes, wie es die Jesuiten zn predigen ver- standen, fertig. Biete umherziehende kleine Jndianerstämme ließen sich mit ihren Kaziken, wie die Häuptlinge heißen, ans dem Territorium der Gesellschaft Jesu nieder. Im Jahre darauf folgte die Gründung des Fleckens St. Jgnazio, von welchem die Jesuiten alsdann durch die Landstriche Mapua und Korpus, woselbst sie Flecken gleichen Namens gründeten, sich ausbreiteten. Bon hier aus eröffneten sie sich ums Jahr 1620 de» Weg zur Gründung des Fleckens La Konzeption am Uraguayflnsse, de» sie 1626 überschritten, um den Grund zu dem Flecken St. Riko- laus zu lege». Tics war der schwache Grund, auf welchem die Jesuiten ein Gebäude errichteten, das als das vollendetste nach den Grundsäzcn ihrer.Secrcta Aconita" bezeichnet werden muß. Es handelte sich demnach für den Lrden stets um nichts We- ringercs als um die Gründung einer Univcrsalmonarchie, wie sie durch das Papsttum auf dem Gipfel seiner Macht, im Mittel- alter—(Gregor VII. und Innozenz III.)— zum Teil be ; rcits repräscntirt wurde. Tiefe Tatsache ist wohl zu beachten, will mau die jesuitische Staatsgründung in Paraguay richtig beurteilen. Das rasche Wachstum dieses Embryos der Universalmonarchie ward von den„katolischcn Königen", wie die Herrscher Spaniens betitelt tvurdcn, und von den Päpsten selbstverständlich freudig begrüßt. Beide Teile ließen vielfache Begünstigungen und Vorrechte den Missions-Jesuiten zukommen und überhäustcn die Prvku- ratoren derselben, welche alle sechs Jahre in Madrid und Rom zur Berichterstattung erschiene», mit Ehrenbezeigungen. Im Jahre 1625 zog der Jesuitcnpatcr Raque Gonzales de la Santa Cruz au der Spizc der vornehnisten Kaziken des Uruguaydistriktes nach Buenos-Ayrcs, Ivo dieselben im Namen ihrer Stammesangehörigen vor dem Statthalter To» Luis Eres- pcdes und der ganzen Stadtbevölkerung dem Bischof und den latolischen Königen als Untertanen huldigten. Tarauf erhielten die Missionare die Erlaubnis, sich auch in der Provinz Tel-Tape ans- zubreiten, und schnell entstanden auch hier verschiedene Flecken, die jedoch nicht lange bestehen sollten. Ungefähr ums Jahr 1032 geriete» die Missionare in Kon- slikt mit den portugiesischen Mulatten, den Bewohnern der nahe- gelegenen Grenz striche Brasiliens. Dieselben drangen in das I'——---------------- Paranagcbiet ein und verbreiteten sich bis in die Provinz Tel- Tape, die Missionsörter zerstörend und die Kirchen verbrennend. Ten Einwohnern einiger Missionen gelang es, sich durch die Flucht zu retten, so denen von Lorcto und St. Jgnazio, wie denen, die auf der östlichen Seite des Uruguay wohnten; diese Missionen wurden dann auf die westliche Seite au den Parana verpflanzt. Der Schuz. welchen die Statthalterschaft von Para- guay den Jesuiten angedcihen lassen konnte, vermochte nicht zu verhindern, daß das Zerstörnngswerk der, Mulatten mit kurzen Unterbrechungen einige Jahre dauerte. Papst Urban VIII. erließ geharnischte Bullen gegen„die Frevler wider den geheiligten Orden". Dieselben fruchteten jedoch wenig, und erst unter König Philipp IV. gelang es, im Jahre 1039 die Ruhe voll- ständig wieder herzustellen. In einem vom 16. September 1639 datirten Dekret dieses Königs heißt es, daß über 300,000 christliche Jndier von den Mulatten in Gefangenschaft gebracht tvorden seien, eine Angabe, deren Richtigkeit bezweifelt werden muß, denn die Zahl der Einivohncr aller Missionen zusammen- genommen betrug damals noch nicht 25,000. Als sich Portugal im Jahre 1640 von Spanien losriß, hatten die Jesuiten eine bequeme Gelegenheit, dem spanischen Hofe vorzustellen, wie notwendig es sei, die Indianer ihrer Mission mit dem Fcucrgewehr zu bewaffnen. Ta jezt die Brasilianer ebensowohl wie die Portugiesen als Rebellen von den Spaniern betrachtet tvurden, so ward das Gesuch der Jesuiten uni so eher bewilligt. Es konnte nicht ausbleiben, daß aus Spanien, woselbst die Verhältnisse von Jahr zn Jahr schlechter tvurdcn, sich allerlei Volk einfand, welches mit den Eingeborenen sich zu vermischen begann. Das war jedoch den Zwecken der Jesuiten entgegen, und sie stellten deshalb im Jahre 1649 dem Hose vor,„daß die unordentlichen Sitten und gegebenen Aergeruisse der Spanier das größte Hindernis des Fortgangs ihrer Missionen seien und daß sie sich duich ihr übermütiges Betragen bei den Indianern sehr verhaßt machten. Wäre dieses große Hindernis nicht vorge-� sundrn worden, so würde das Reich der Kirche durch die Arbeit der Missionare bereits bis in die unbekanntesten Teile Amerikas ausgebreitet worden sein und alle Provinzen hätten der Bot- Mäßigkeit der katolischcn Majestät ohne Kosten und Gewalt unterworfen werden können." Wie hätte eine solche Borstellnnc, am Madrider Hofe, wo schon seit langem die Jcsnitcngrnnd- säze zur Staatsraison geworden waren, kein Gehör sinden sollen!? So gewährte man denn den Jesuiten die nnnmschränktestc Frei- heil, in den nahezu 600 Meilen haltenden, nach den Flüssen Paraguay und Uruguay benannten Distrikten zu schalte» und zu walten. Tie Statthalter der benachbarten Provinzen bekamen sogar Befehl, keinen Spanier oder Fremden in das Territorium der Jesuiten ohne deren Erlaubnis einzulassen oder zu senden. Diese hingegen verpflichteten sich, nach Verhältnis der Bc- Völkerungszahl eine Kopfsteuer zu zahlen, sowie eine Anzahl Leute zu des Königs Dienst zn stellen, wenn das verlangt würde und die Missionen zahlreich genug seien, selbige abzu- geben.— Damit begann denn der seltsame Staatsbau, und man muß gestehen, daß derselbe, alles in allem, ein Meister- stück jesuitischer Politik darstellt. Es konnte den neuen Herrschern nicht schwer fallen, die'bc- rcits dem Katolizismns zugesührten Stämme ihren Ziveckc» gemäß zn schulen im unbedingtesten, blinden Gehorsam und höchster Ehrfurcht. Diese beiden, zu aller Zeit von Herrschern gepflegten„Tugenden" wurden nach und nach derart ausgebildet, daß die Jesuiten in Wahrheit als„Könige über die Leiber und Seelen ihrer Untertanen" bezeichnet werden konnten. Gottesdienstlichc Pracht und Feierlichkeiten spielten dabei die Hauptrolle; alle Kirchen prangten im reichsten Schmucke; nirgends und bei keiner Gelegenheit ivard etwas versäumt, einen bleibenden religiösen Eindruck ans das Gemüt der Indianer hervorzubringen, in ihnen die Vorstellung von der„nbernatür- lichen" Macht der Kirche zn nähren. Co galten die Jesuiten den Indianern als„heilige Bäter". 147- bind) deren Mund Gvtt seinen Willen kund täte, und ohne die ond) nicht dos geringste im Stoote geschehe» konnte und durste. In ollen, selbst den geringfiigigsten und unbedeutendsten Einzelheiten bestimmten und ordneten die Jesuiten dos gcsellschaft- liehe Leben ihrer rothäutigen Schäflei». Jeder Missionsdistrikt, deren es nod) einigen Angaben 47, noch onderen, mich noch denen des Jesuiten Nnsdvrfcr, 30 gegeben hoben soll, holte als Lbcrhoupt einen von dem Pro- kuratnr eingcsezteii Jesuiten, dem stets einige ondrrc Ordens- bi iider, sowohl pricftcrlichen wie weltlidie» jiloroktcrs, zur Seite standen; sodann einen Mogistrot, noch Art der spanischen Städte, bestehend aus einem Bürgermeister, zwei Alkoden und einigen Repidvrcs, welche, der erstcre olle fünf Jahre, die leztrren olle Ncnjohr, unter Leitung und Aussicht des Paters, von den Ei»- wohnern selbst gewählt wurden. Ten Bürgermeistern log die Bollziehung der von den Jesuiten gefaßte» Beschlüsse ob, während die Alkaldc» und Repi dvres die Polizei handhabten. Tiefe jesuitischer Willkür allezeit sügsomc Maschine ist von den Verteidigern der Jesuiten sehr oft bezeichnet worden als eine Einrichtnng, die den srciheitlichc» Geist ihrer Urheber be- knnde, indem sie im>vese»tlid)en dod) ans Bolkssouveränetät gegründet sei Wo indessen der Bolkswille nicht die eige»tlid)c Spize der Behörden, der wirklich Regierenden in vollständiger Unabhängigkeit bestimmt und bestellt, da ist offenbar von So» vcräuetät des Volkes nimmermehr die Rede; da wird sid) im Gegenteil die Möglichkeit ergeben, dos Volk desto willkürlicher zu lcithommeln, je ungebildeter und unreifer es ist. Tie tägliche Arbeit der Indianer war geteilt zwischen Religionsübungen und Arbeit ans dem Felde oder in den Werkstätten. Ällit Anbruch des Tages wurde dnrd) Glockengeläut dem Volke dos Signal gegeben, sid) vom nächtlichen Lager zu erhebe». Tic Kinder vom 3. Jahre an, sowie alles Volk unter 17 Jahren hatten sid; alsdann in der Kirche zum Unterrichte einzufinden. Darauf ward geläutet zur Messe, welcher alle Männer und Frauen beiwohnen mußte», bei Strafe, mit Ruten gestrichen z» werden. Roch der Messe begaben sid) die Weiber nach Hanse, während die Männer im Hose des Hauses der Väter sid) aufstellten, woselbst jedem sei» Maß Kuamini oder Paragnm)kraut, ei» de» Indianer» unrntbchrlidies Nahrungsmittel, zugeteilt ward, worauf sie sid; an die Arbeit begäbe». Alsdann erhielte» die Kinder il,r Frühstück, bestehend ans gekochtem Reis»nd Ochsencingewride. War dieses verzehrt, so begaben sid) die kleineren»ach dem Hause ihrer Eltern, die größeren wurden zur Arbeit aus die Felder geführt, welche der Gemeinschaft angehörten nud Tüpambac, d. h„eine Sache Gottes" genannt wurden. Jeden Morgen seztc der Pater fest, ob die Männer für sid) selbst oder auch für die Gemeinde arbeite» sollte». Um sich davon einen deutlicheren Begriff zu mache», möge man sich vergegenwärtige», daß jede Miision aus so vielen Stämmen bestand, als sie dnrcki il,rc Bekrhruugsarbeit gesammelt hatte. So waren in einigen Missionen 20, ja 30 Stamme mit ihren Kazike» vereinigt, welche um den Flecken hcrniii Ländrrcien angewiesen erhalten hatte», deren Größe im Verhältnis stand zur Größe der Stämme. Bon diese» Ländereie» hatte wieder jeder einzelne einen bestimmten Auteil Alle Ländereirn gehörten der Gemeinschaft; kein Einwohner hatte mehr davon als die Nuzuiig. Dasselbe galt auch von den Häuser». Das übrige, keinci» der Stämme zugewiesene Land war)ür de» Nnze» der Gemeinsamkeit bestimmt; man ließ es. wie bereits bemerkt, durch die Kinder bestellen Ter Männer Arbeiten für die Gemeinschast bestanden an zwei oder drei Tagen in der Woche im Ansbanen»nd Aus- besser» der Häuser, in Holzfällen». s. w. Tie übrigen Tage arbeitete» sie auf ihre» Acckrr». wozu ihnen zum Eigentum der Gemeinschaft gehörige Ochsen geliehen wurde». Tic Weiber mußten in ihren Häusern Baumwolle Ipinnen. welche ihnen Morgens nach der Messe zugeteilt ward; das fertige Garn hatten sie vor Anbrnd) der Nacht nach Gewidst wieder in die Magazine abzuliefern, von wo ans es den Webern zur Verarbeitung übergebe» Ivnrdc. Dieselbe» erhielte» als Be- lohiitliig für ihre Arbeit, welche als die allerbcschwcrlichste galt. von jedem fertig abgelieferten Stück fünf Ellen, welche sie jedoch nur für sid) und ihre Familie verwenden durften. Andere Handwerker, wie Schmiede, Zimmcrlcnte, Sd)rci»cr u. s. w., erhielten keinerlei Lohn, and) dann nidst, wenn sie für einen Einwohner etwas arbeiteten; sie waren vollständig auf den Unterhalt durch die Grsamnithcit angewiesen. Zweimal im Jahre erhielt jeder Einwohner von den ge- webten Zeugen so viel zur Kleidung überwiesen, als er be- durfte. Für die Kinder red;»rtc nian 5 Ellen, für die Er- wachsene» H Ellen. Wöchentlich dreimal ward Fleisch ausgeteilt. Jeder Flecken besaß seine Hornvichhrerdc», über die Hirten wachten, wcld)e ans Aiiweisung des Paters so viel Stück Bich abzugeben hatte», als nötig waren. Tie Größe der Pvrtivnc» ward ebenfalls vonr Pater bestimmt. An große» Festtagen des Jahres wurden gemeinschaftliche Gastmahle veranstaltet, an denen and) die Jesuiten teilnahmen, »ad)dr»l sie unter feierlichen Cercmonicu das Essen, bestehend ans Fleisch und Weizenbrot», geweiht hatte». Sviiutags Morgens beim Kilchgauge hatte jeder Mann zur Bereitung des Essens der bevorstehenden Woche ei» Scheit Holz im Hose des Paters abznlieser». Nack) Berndigniig des Gottes dienstes war an diese» Tagen die Zeit gri»ci»schaftlid)en Spielen, Waffenübunge» nud dergleichen gewidmet; besonders mit den lrztcren nahmen es die Jesuiten sehr ernst. Tie eheliche Verbindung, weldic de» jungen Männern vom 17. Jahre und den Mädchen vom 15. Jahre an erlaubt war, will de ans folgende Weise zustande gebrackst. Ter Franc» Sorge war es, für ihre Söhne eine Braut ailsznsndieii; die Mutter des Jünglings sprack) mit der Mutter des Mädchens, und wenn diese beiden über die Heirat einig geworden, dann erst redete jede zu ihrem Sohne rcsp. ihrer Tochter von der Sad)c. Gabeil dieselben ihre Zusage, so ward dem Pater sofort Beridst erstattet, und die Trannng konnte bereits in der nächsten Zeit stattfinden. Tod) blieb das junge Paar noch einige Jahre im elterliche» Hanse, bis die Patres es für angemesseu erachteten, ihm ein eigenes einzuräumen. Jeder Flecke» hatte eine Sdstile, worin einige Knaben in Musik nud Tanz nntcrrichtet wurden, um bei gottesdienstlichen Feierlidstcitcn. Prozessionen n. s. w. als eine Art darstellender Künstler mitwirke» zu können. Einigen anderen Knaben ward and) Lesen nnd Schreiben gelehrt, nm sie späterhin als Auf sehrr, Alkaldcn und Rcpidoren gebrauchen zu können. Die Sölme der Kazike», aus deren Familie» gewöhnlich die Bürgermeister hervorgingen, erhielten eine besondere Bildung, die genau daraus berechnet war, daß sie dem Volke mit gutem Beispiel im Gehorsam gegen die geistlichen Obern vorangehen möchte». Als Strafe für geringe Vergehen, z. B. für das Verbleibe» aus der Straße oder den Besuch eines fremden Hauses nach dem Feierabcndgeläute, hatte man das Gefängnis. Größere Vergehen, Vernntrcnniig»nd dgl., wurden mit körperlicher Züch tigiuig geahndet, mit der selbst die Alcalden und Repidorcn nidst verschont wurden. Ter Jesuit Bcrichard Nnsdvrfcr sucht die körperliche» Züch- ligniigen zu rechtfertigen, indem er sagt: Ist der Pfarrer einer Mission der Jndier nickst ihr geistlicher Vater, und soll er nicht ihm bewußte Bclcidigullge» Gottes und Aergernisse bestrafen a» seinen Kindern? Ja auf Beseht des Paters»ahmen die. welche eines Ver gcbcns für schuldig befunden waren, sogar die körperliche Züch- lignng selbst an sich vor. „Viele Männer"— schreibt der Jesuit Juan des Escandon —„geißeln sich, sogar and) kleine Knabe»; ich sah solche, die kaum sechs Jahre alt waren." 'Nach alledem läßt sich ermesse», welche furchtbare Gewalt Volkstum llche 6cbräucbc in#rt: Nach einem Gemälde iu,iT'itcr. 149 : Als Kngerhnkeln. :er.(Seite 163.) über die Gemüter ihrer Untertanen die Jesuiten erlangt hatten. Dabei machten sie den ausgedehntesten Gebrauch, von dem Rechte, alle Fremden fern zu halten. Geriet jemand durch Zufall oder Absicht ja einmal i» das Land der Missionare, so ward er sofort zur Geistlichkeit geführt, wo man ihn einen, höchstens zwei Tage bewirtete, doch nicht, ohne stets ein wachsames Auge auf ihn zu haben. Tie Merkwürdigkeiten des Plazcs wurden ihm von einem Jesuiten gezeigt, wobei jedoch aller Umgang mit den �andcSeinwvhncrn unmöglich gemacht wurde. Darnach verab- jchicdetc man de» Fremde» und liest ihn von einer Wache nach dem nächsten Distrikte führe», woselbst er wieder ausgenommen und weiter befördert ward, bis er das Gebiet der Missionen hinter sich hatte. Leicht erklärlich ist demnach die Tatsache, dast die Ein- tvohner mit einer lebhafte» Abneigung gegen die Fremden er- füllt waren, besonders gegen die Spanier, deren Sprache nach und nach von den Jesuiten verdrängt und durch die gnaranische Sprache ersezt ward; ja, es exiftirtc sogar ein Verbot, die erstcre zu gebrauchen. Ter Nuze», welchen das für die Jesuiten hatte, liegt ans der Hand; es gelang niemals einem Fremden, sich über die Verhältnisse in Paraguay zu unterrichten, und die geistlichen Vcrichtcrstattcr, die Proknratoren, genossen im vollsten Mäste das Vertrauen der katolischen Majestäten und der Päpste. Ward Beschwerde darüber erhoben, dast die heiligen Väter, ihre Unter- tauen zu vermehren, mit ihre» Gnaranisoldate» andere wilde Stämme bekriegt und gewaltsam»i ihre Missionen geschleppt hätten, so erklärten sie, angegriffen worden zu sein. Beschuldigte man sie, bedeutende Massen von Gold und Silber aus ihren Brrgtverken, ohne Vorwissen der Regierung, nach Rom geführt zu haben, so antworteten sie, das sei eine Lüge, vom Neid eingegeben. Wer hätte ihnen das Gegenteil von dem, was sie behaupteten, beweisen sollen, so lange sie Herrscher waren!? Wohl beriefen sie sich darauf, dast durch ihr Regiment die Jndiancrstämme zum Christentum geführt und dem Elende entrückt seien, daß eine Gütcrgemcinschast ai stire, die ihnen nicht gestatte, für de» eigenen Vorteil zu sorgen,— da die Patres aber die ganze Winschast nach eigenem Ermessen führten, so waren sie in Wirklichkeit auch die Bcsizer und Eigen- tümer alles Reichtums, nicht aber die Indianer. Diese waren allerdings, wie das Vieh unter der Pflege eines sein Interesse wahrenden Bcsizers gcschiizt,— von einer geistigen Fortent- Wicklung, einer Vermehrung ihrer Bedürfnisse ivar jedoch im Lause eines ganze» Jahrhunderts rein nichts zu verspüre». Tie Unterscheidungs- und Benrteilungsgabe fand keinen Gegenstand, woran sie sich hätte erproben und üben können; alle geistige Tätigkeit der Indianer beschränkte sich daraus, die Heiligkeit der ihnen von den Jesuiten gewordenen Befehle zu verehren. Solch' ein Leben unterscheidet sich in nichts von dem gezähmter und geschulter Haustiere, die sklavisch auf den Blick und das Wort ihres Herrn zu achten haben. Unter solcher Berfassnng hatte die paragnaytische Republik „zur größeren Ehre Gottes", ungefähr 1(10 Jahre, bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts exislirt, als sich das erste drohende Ge- witter über dem Jesuitenorden zusammenzog. Ter größte Teil des katolischen Europa stand ihm in osscncr Feindschaft gegen- über; er war verhaßt bei den Staatsmännern durch den Ein- flust, den er an den Höfen gewonnen, verhaßt bei dem Handel und Industrie treibenden Volke, weil er den Welthandel be herrschte und ungeheuere Schäze ausspeicherle; verhaßt sogar bei den übrigen geistlichen Lrden, die sich von ihni an Einfluß und Ria cht weit überholt sahen. Man klagte seine Mitglieder, bc- sonders in Spanien, Portugal und Frankreich, der schändlichsten Jmmoralität, des Verrates, Betruges und selbst des heimlichen Mordes an. Tie Regierung Portugals drang bei dem Papste Benedikt XIV. auf eine strenge Untersuchung gegen den Orden, und vertrat einigst die Ansicht, es sei notwendig, ihn zeitgemäß nm- zngestalte». Ter Papst mußte nachgeben, starb jedoch bald darauf, als er dem Patriarchen von Portugal den Befehl erteilt, die Papiere des Ordens wegzunehmen..Sein Nachfolger, Clemens XIII., machte diesen Befehl rückgängig. Um dieselbe Zeit, 15. Januar 1750, schlössen Spanien und Portugal einen Grenz- oder Teilnngstraktat ab, wonach die Jesuiten siebe» ihrer Missionen am östlichen Uruguay zu ränmen und das Land an Portugal abzutreten hatten. Tics ivar die nächste Veranlassung nicht allein zur Anfhcbnng der Paraguay- tischen Republik, sondern auch zum gänzlichen Umsturz des Jesuitenordens in Spanien. In dem Traktat, Artikel 18. hieß es wörtlich:.Ans den Flecken oder Dörfern, welche Seine katolische Majestät am oft liche» User des Uruguay abtritt, sollen die Missionare mit Gut und Gerät abziehen und die Jndier mit lvegführr», um sich in andern Ländern Spaniens niederzulassen. Tic Jndier können gleichfalls alle ihre beweglichen Güter und Gerätschaften mit sich nehme», wie auch die Waffen, Pulver und Äriegsninnitione», welche sie habe» mögen; also sollen die Flecken an die Rrvne Portugal übergeben werden mit all ihren Hänsern, Kirchen und öffentliche» Gebäuden, wie auch mit dem Eigentum und Besiz des Landes." Der Einspruch der Jesuiten gegen diese Bestimmung blieb vergeblich. Portugal verlangte die Ersiillnng des Traktats, und so erklärten sie denn, die betreffenden sieben Ortschaften nicht räumen zu wollen. So waren die beiden Regierungen genötigt, Waffengewalt anzuwenden. Zwei Truppcnabtcilungen unter den Generalen Goinez Frryre und Baldclirios gingen nach Paraguay ab, fanden jedoch an den Soldaten der Jesuiten, die von diesen selbst angeführt wurden, solchen Widerstand, dast sie nicht vor- zndringen vermochten und einige tausend Mapn Verstärkung for dertc». Erst nachdem sie die erhalten, gelang es ihnen im Jahre 1750 einen Sieg über die Jesuiten zu erringen; am 10. Febr., mit einem Verlust von nahezu 1300 Mann, mußten dieselben sich zurückziehen, verwüsteten jedoch auf ihrem Wege alle Ort schasten und Ländcreie», um dem Feinde nichts zum Unter halte zurückzulassen. Darauf verschanzte» sie sich in äußerst schwer zugänglichen Bcrgpässcn, woraus sie erst nach langer, regelrechter Belagerung vertriebe» werden konnten; immer jedoch blieb ihnen noch der wichtigste Teil des zur Abtretung bestimmten Landes. Mit welchen Mitteln sie ihre Indianer zu so cnergischeni, anhaltenden Widerstände bewogen, geht aus einem, von dem General Gvmcz Frcyre an den Hof zu Lissabon gesandten Be- richte vom 26. Juni 1756 hervor. Darin heißt es,„gesangenc Indianer haben bezeugt, dast ihnen von den Patres gelehrt wurde, alle weltlichen Weißen seien des Teufels Kinder, die er aussende, Gott und die Welt zu verderben; die, kämen sie ins Land, alles mit Feuer und Schwert verderben, die Altäre zerstören und Franc» und Kinder opfern würben. Um die Ursache befragt, weshalb sie jedem gc fangene» Spanier und Portugiesen den Kopf abschnitten, gaben sie zur Antwort, ihre heiligen Väter halten sie versichert, dast die Feinde, wenn sie gleich viele Wunden bekommen, doch durch des Teufels Kunst wieder lebendig würden, falls man ihnen nicht den Kopf abschneide." Jni Jahre 1759 hatten die vereinigten Spanier und Port» giesen noch nichts weiter ausgerichtet. Mittlerweile war auch das Verhältnis der Jesuiten zum spanischen Hose wieder ein besseres geworden, der Kampf stockte, und der König von Spanien hob im Jahre 1761 de» Zeilungstraktat wieder aus, so dast alles aus den früheren Fuß zurückkam. Tie Jesuiten befestigten ihre Herrschaft aufs neue, dehnten sie noch mehr aus und glaubten sich jür alle Zeiten sicher. Toch gleich darauf begann in Spanien der Prozeß gegen de» ganzen Orden, weil er versucht hatte, durch einen Ausstand die Tronsolgc zu ändern, ein Unternehmen, an dem Paraguay durch reiche Untcrstüzungr» teilgenommen hatte. In diesem Piozefff ward n. a. bewiesen, dast der Orden durch seine eigenen Mitglieder der Regierung verleumderische Nachrichten gegen sich selbst habe»»tcrbrcitcn lassen, um durch triftige Widerlegung derselben die Regierung zu der Ucbcrzcngnng zu bringen, daß 151 alle Anklagen und Beschuldigungen wider die Jesuiten falsch' aus allen spanischen Staaten� also auch aus Paraguay. Vertrieben und erdichtet seien.- Dieses schlaue Manöver gliicktc nicht, und und in das Gebiet des Papstes transportirt. es begann mit dein Urteil am 27. Februar 1767 die Ber- Damit hatte auch die„Republik zur größere« Ehre Gottes" nichtung des Ordens in Spanien. Seine Mitglieder wurden ihr Ende erreicht. Inrisprudrntis. (Illustration Seite 141.) AlS Rafacl, da er den Vatikan mit jenen großartigen nunmehr von Athen ab. Die Athener aber erklärten, daß nach Freske» schmückte, welche unter dem Raine»„Rafaelische Stanzen" einem solchen Heldenkönig niemand mehr würdig sei. die U rone berühmt sind, die Rechts, vissenschast malerisch darstellen wollte, zu trage» und schafften die Sönigswürde ab. Wahrscheinlicher wählte er znm Gegenstand dieses Bildes die bekannte biblische ist es. daß die Zwietracht der Söhne des Kodrus eine» will- Sage von Salomons Urteil*). Aus unserem Bilde dagegen ist kommenen Anlaß bot. das Uönigtnm zu brechen, worauf ein die Jnrisprudentia durch einen hochbedeutenden Akt aus der oberster Leiter, unter dem Namen Archon, die königlichen Be- griechische» Geschichtsüberliesernng vcrsinnlicht. Das Bild rrpro- sngnisse übte, aber ohne den auszeichnenden Titel und Rang. dnzirt eines der zwölf von hervorragenden Künstlern ansge- In einem Zeitraum von mehr als dreihundert Jahren herrschten führten Wandgemälde der Albertus-Universität in Königsberg, dreizehn solcher Archonteu in Athen. Aber der Geist der Demo- welche die vier Fakultäten und acht Fächer der Philosophie dar- kratie, der den Athcnicnsern schon zu Homers Zeiten eigentüm stelle». Tic lezteren sind: Poösis und Musika(Dichtkunst(ich war, regte sich am Schluß dieser Periode wieder. Eine »nd Musik) von Pros. Heydrk, Artium historia und Elo- lebenslängliche Dauer des Archonats, sagt Schiller(dessen Worte guentia(Kunstgeschichte und Redekunst) von Prof. Gräs, Ra- wir in diesem Artikel noch öfters anführen), war ihnen doch turac scientia(Natur, vissenschast) von O. Brause, vetter und ein allzu lebhaftes Bild der königliche» Würde und vielleicht E.Neide, Historika»nd Matematika(Geschichte der Mate- hatte» die vorhergegangene» Archontcn ihre Macht mißbraucht. watik) von Prof. Pitrvwski und Astronoinia(Sternkunde) von Man seztc also die Dauer des Archonats auf zehn Jahre fest. ■jieide. Unter den vier Fakultäten ist die Tcologia von Prof. Ein wuchtiger Schritt zur künftigen Freiheit; denn dadurch, daß Rosenfeldcr gemalt; sie hat als Motiv die Predigt des Apostels es alle zehn Jahre ein neues Oberhaupt wählte, erneuerte das Paulus in Athen. Sujet der Mcdicina, gleichfalls von Rosen- Volk den Akt seiner Souveränität; es nahm alle zehn Jahre fclder, ist Hippokrates am Krankenbett. Tie Philosvphia, seine weggegebene Gewalt zurück, um sie»ach Gutbesinden von vo» Pitrowski, wird durch den Tod des Tokrates im Kerker»riiem wegzugeben. Dadurch blieb ihm immer in frischem Ge- veranschaulicht. Tie Jnrisprudentia endlich, gemalt vo» dächtnis, daß es selbst die Quelle der höchsten Gewalt war. �ras, hat die Szene, wie der athenische Geiezgeber Solo» Ar- Auch wurde die Archontenwürde, die anfangs der Familie des chmitrn und Senat die neuen Grsezc beschwöre» läßt, zum Gegen- Kodrus ausschließlich übertragen wurde, alle» Adelsgcschlcchteni stand.— Im althcllcnischrn Gemeinwesen ragten schon in früher zugänglich gemacht. Aber schon im siebrnzigstr» Jahre wurde Zeit die beide» Städte Sparta und Athen hervor, jene als das athenischc Volk auch der zehnjährigen Archontcn müde. Es überhaupt der dorische», diese als Oberhaupt der jonische» hatte die Erfahrung gemacht, daß eine ans zehn Jahre per- Staaten. Während die Spartaner, die das Leben nach be- liehcne Gewalt»och immer lang genug daure, um zum Miß- stimmten, tief innewohnende», aber einseitigen Grundgedanken brauch zu verführen. Die Archontenwürde wurde daher auf ei» �stalteten, an Lykurgs aristokratisch-militäriichcr Verfassung Jahr- einziges Jahr eingeschränkt, und weil auch eine noch so kurz hunderte lang festhielten, führte» die lebhaften und helleren dauernde Gewalt i» den Händen eines einzige» der Monarchie Athener alle möglichen Staatsfvrmen bei sich ei». Um Solons stets nahe kommt, traf man die Einrichtung, daß jährlich nenn �rsezgebniig. die fast durchaus das Widerspicl der Gesezgebung Archonteu gewählt winden, um der Regierung, de» religiösen Lykurgs war. richtig zu würdigen, muß aus de» lcztcn König Angelegenheiten, dem Kriegswesen, der Gesezgebung»nd dem J*» Athen, Kodrus, zurückgegriffen werden. In einem Kriege Richtcramte vorzustehen(683). Da aber die Archontcn ans vcv Athener mit den Doriern hatte ein Orakelspruch des del- den adligen Familien gewählt wurde» und erst in späteren Zeiten bhischen Apollo verkündet, daß sich der Sieg auf die Seite auch Personen aus dem Volk diese Würde bekleiden konnten, wenden würde, auf welcher der König fiele. Als dies die Torier war die Verfassung einer Aristokratie iveit näher als einer Volks- vernahmen, verboten sie anfs strengste, dem Kodrus irgend ein rcgierung, und das Volk war in der Tat noch schlimm genug �'id zuzufügen. Da vertauschte dieser sein fürstliches Gewand daran. Nicht nur daß die Edellcntc, die alle Gewalt in Händen flogen ei» Hirten klcid, schlich sich unerkannt in das feindliche hatte», das Volk(Demos) von allem Anteil an der Staatsver- "vger,.fing hjfr Streit au und fand den Tod. de» er suchte waltung. an dem Pricstcrtui», an dem Gerichtswesen ausschlössen, (1068 p. Ehr.). Tie Torier, am Siege verzweifelnd, ließe» sie vcrlezten mehr und mehr das alte hansväterliche Verhältnis k'—--- durch Eigennuz und Gewinnsucht und drückten die Untergebenen ÄS» Ä« SÄÄftÄ SÄTS ■"Wftoric an der Stirn trägt. Die Sage länt bekanntlich zwei Frauen auf dem Herkommen, auf Ueberlieferung und Gewohnheit be- ein cnlo"lü kommen, von welchen die eine ein lebendiges, die andere rühmten Rcchtsbestimmungen kannten, und ihre Gerichtsver- s sstä«ä L"jdcn. die andere aber sagte: Lasset das Kind leben, gebet es meiner des Standes bewog endlich das athenische Volk, auf die Auf- j.'dcnbuhleriu ganz, abci lötet es nicht. Da erklärte Salomo: Das stcllung geschriebener Gcseze zu dringen und die Forderung mit �.Ephraim»ach-alomoS Tod und führte die Teilung des Sieichs die Gelegenheit zur Zügelung des aufstrebenden Volksgeistes zu gän welche für beide Teile vom llebel war. Ein judaischer Partei- Pcnitzen. Sic beauftragte nämlich einen aus ihrer Mitte, den luah!" Jnn9 nun die Zage gedichtet ha bm. um zu zeigen da», er unbcscholtcuen aber harten Drakon, mit der Abfassung von Wc,c»(..620). Di,@.,cng,. rnrnk bkf» �rnann pch, seines Auftrags entledigte, ist spriichwänlich geworden(drakonisch). Man sagte von Drakons Gesezen, sie seien mit Blut geschrieben. Aus jedes Vergehen war Todesstrafe gesczt, auf den Diebstahl eines Kalbs oder Schafs wie auf Mordbrennerei; denn er sagte: „Kleine Verbreche» verdienen den Tod, und ich kenne keine schwerere Strafe für größere." Drakons Gcseze, sagt Schiller, sind der Versuch eines Anfängers in der Kunst, Menschen zu regieren. Schrecken ist das einzige Instrument, wodurch er wirkt. Er straft nur begangenes Uebcl, er verhindert es nicht, er bekümmert sich nicht darum, die Quelle» desselben zu verstopfen und die Menschen zu bessern. Einen Menschen aus den Lebendigen vertilgen, weil er etwas Böses begangen hat, heißt ebensoviel als einen Baum umhauen, weil eine seiner Früchte faul ist.— Hatten nun die Edelleute gehofft, durch Drakons Gesezgebung das murrende Volk wieder in die alte Abhängigkeit zu bringen, so irrten sie sich. Harte Kämpfe entstanden, wobei nicht nur die Bauern und Winzer, die Handwerker, Krämer und Schiffsleute gegen die adeligen Grundhcrrcn feindlich austraten, sondern die leztercu auch unter sich selbst in Hader und Parteiung gerieten und ihre Macht schwächten. Ter Zustand des athenischen Volks war äußerst mißlich. Ein Klasse besaß alles, die andere gar nichts. Tie Reichen unterdrückten und plünderten die Armen aufs unbarmherzigste, geftiizt auf das Herkommen und den Buch- stabcu des Rechte. Tie Rot zwang den ärmeren Bürger, zu den reichen ihre Zuflucht zu nehmen, zu eben de» Blutegeln, die sie ausgesogen hatte»; aber sie fanden nur eine grausame Hülse bei diesen. Für die Summen, die sie ausnahmen, mußten sie ungeheure Zinsen bezahlen und, wenn sie nicht Termin hielten, ihre Ländereien selbst an die Gläubiger abtreten. Nachdem sie nichts mehr zu geben hatten, mußten sie ihre eigenen Kinder als Sklaven verkaufen und endlich waren sie genötigt, auf ihren eigenen Leib zu borgen und mußten sich gefallen lasse», von ihren Kreditoren als Sklaven verkauft zu werden. Drakons Gcseze, von ihrem Autor unwandelbare genannt, konnten tvegen ihrer Strenge nicht zur Ausführung gebracht werden und Mcn- tereien, Mord, Diebstahl und Ziigellosigkeit wurden mehr und mehr die unheimlichen Waffen der hülflvsen Menge. Mißernten und Krankheiten kehrten ein und wurden von deni aufgeregten Volke als Zeichen des göttlichen Zornes über die Entweihung der Heiligtümer gedeutet. Ter Staat schwebte am Rande des Untergangs, als Solo», einer der sieben Weisen*), welcher der Republik zum Besiz von Salamis vcrholfeu hatte und als Archon und aus Kvdrus Geschlecht das Vertrauen des Adels besaß und zugleich als Dichter und Volksfrcuud in hoher Verehrung stand, denselben durch seine neue Gesezgebung rettete(594). Das erste, womit er sein Werk eröffnete, war das Edikt der Lasten- ab schilt tcl un g(S ci sachteia), wodurch den ärmeren Bürgern (vermittelst einer Hcrabsezung des Münzfußes, die den Wert des vorhandenen baarcn Geldes erhöhte, ohne die Sumnic der Schuldbriefe zu verändern) ein Teil ihrer Schulden erlassen, das verpfändete Grundeigentum in der Belastung ermäßigt und das herkömmliche Gcsez der persönlichen Schuldkncchtjchast auf- gehoben wurde und alle wegen Schulden in Leibeigenschast ge- ralenen Athener in Freiheit gcsezt unirden. Dieses Edikt war ein Eingriff in das Eigentum, aber es war notwendig und überaus wohltätig; die Reichen machte es nicht arm, es nahm ihnen nur die Mittel, ungerecht zu sein. In der ersten Zeit erntete Solo» von den Armen so wenig Tank als von den Reichen; denn jene hatten auf eine völlig gleiche Ländcrteilung gerechnet. Bald aber zeigten sich in Attila die wohltätigen Folgen der Verfügung. TaS Vertrauen in den Gesezgeber ♦j Die späteren Griechen gefielen sich, die Vertreter der ctiichen, politischen und sozialen Einsicht und Lebenserfahrung des sechsten Jahr- Hunderts als die„Sieben Weisen" auszuführen und ihnen kurze Sprüche zuzuschreiben. Ihre Namen und Sprüche sind: 1. Kleobulos von Lindas:„Maß zu halten ist gut." 2. Pcriander von Korint:„Jcg- licheS vorbedacht!" 3. Pittakos von Mitylene:„Wohl erwäge die Zeit!" 4. BiaS von Priene:„Mehrere machen es schlimm." 5. ThaleS von Milet: Bürgschaft bringt dir Leid." 6. Cheilon von Lake- dämon:„Kenne dich selbst." 1. Colon von Athen:„Nimmer zu sehr!" kehrte zurück. Man übertrug ihm die ganze Reformation des Staates und unumschräuktc Gewalt, über das Eigentum und die Rechte der Bürger zu verfügen. Der erste Gebrauch, den er davon machte, war, daß er alle Gcseze des Drako abschaffte, die ausgenommen, welche gegen den Mord und den Ehebruch gerichtet waren. Nun übernahm er das große Werk, der Rc- publik eine iicnc Verfassung zu geben. Alle Athenicnscr mußten sich einer Schäzung des Vermögens unterwerfen, und nach dieser Schäzung wurden sie in vier Klaffen oder Zünfte eingeteilt. Diejenigen, die 500 Maß jährlich au Trocknem oder Flüssigem ernteten, bildeten die erste Klasse; die, welche 300 hatten, die zweite; die nur 200 hatten, die dritte und die, deren Ein- künfte weniger betrugen als 200, die vierte Klaffe. Diese leztcre Klasse galt als unfähig, öffentliche Acmtcr zu bekleiden. Aber als Evsaz für diese Ausschließung gab er jedem, auch dem geringsten Bürger, das Recht, in der Volksversammlung (Ekklesia) mitzustimmcn, und dies war ein Recht von größter Bedeutung; den» von allen Tribunalen konnte an diese lczte Instanz appcllirt werden, und so kamen mit der Zeit alle wich- tigen und folgcreichen Angelegenheiten vor die Gcsammthcit des Volkes, womit Athens Verfassung eine demokratische, das Volk souverän wurde. Tie Volksversammlung übte die gesezgebende Gewalt und kontrolirte die Staatsbeamten und Richter, insbc- sondere die neun Archouten; sie bestimmte die Abgaben, faßte entscheidende Beschlüsse über Krieg und Frieden u. s. f. Ter jährlich gewählte Rat der Vierhundert, der athcuische Senat, besorgte durch einen Ausschuß(Prytancn) die lausenden Ver- waltungsgcschäftc und den Staatshaushalt und leitete die Be- ratungcn der Volksversammlung und den Verkehr mit der Fremde, während silr die Gerichtsverhandlungen ein Ausschuß von 0000 Geschworenen durch die Archouten(die zugleich bei den Pro- zcffcu den Vorsiz führten) ausgewählt wurde. Ter Arciopag, ein Ehrenrat, dessen Mitglieder aus den ehrwürdigsten, auf Lebenszeit gewählten Bürgern(besonders Archonten, die ihr Amt gut verwaltet hatte») bestand, übte den Blutbann bei Mord, Brandstiftung, Gistmischcrci und anderen schweren Verbrechen. Was ihm aber seine Hauptbedeutung gab, war das von Solo» ihm übertragene Sittenrichteramt; er überwachte die Erziehung der Jugend und beaufsichtigte den Lebenswandel der Bürger, damit Sittlichkeit und Zucht beachtet, tätiges Leben geführt werde und Luxus, Klcidcrpracht und Schivelgerci ver bannt bleibe. Zahlreich und überaus einsichtsvoll waren die einzelnen Gcseze Solvns inbetreff der Rechtspflege. Um die Vaterlandsliebe zu erhöhen und alle selbstsüchtige Gleichgültig- kcit gegen die Angelegenheiten des Gemeinwesens zu verbannen, verordnete er, daß derjenige, der bei öffentlichen Unruhen keine Partei ergreife, sondern müßiger Zuschauer bleibe, für ehrlos erklärt und zu immerwährender Landesverweisung stimmt Einziehung seines ganzen Vermögens verurteilt ivcrden solle. Er gestattete jedermann, die Klage eines Bürgers, der beleidigt worden war, zu der scinigcn zu machen. Er schaffte die Aus- steuer der Töchter ab, weil er wollte, daß die Liebe und nichl der Eigennuz die Ehe stifte. Er verbot, von den Toten übel zu reden und einen Lebenden öffentlich vor der Gesellschaft herabzuwürdigen. Gegen den Vatermord gab er kein Gesez, in der Voraussezung, er könne bei keinem gesitteten Volke vor- komme». Noch mancherlei treffliche Reformen, auf welche wir nicht näher eingehen wollen, werden dem Solo» zugeschrieben. — Solon verordnete, daß seine Gcseze nur auf hundert Jahre gültig sein sollen, und er ließ die Athener schwören, zehn Jahre lang nichts daran zu ändern. Wie viel weiser sah er als Lykurg- der die Spartaner schwören ließ, nichts an seinen Sazungcn zn ändern, bis er wieder von der Reise, die er vorhabe, zurück' gekehrt sei, worauf er nach Kreta gegangen und dort gestorben sein soll. Solon begriff, daß Geseze, uni mit Schiller zu rede"- nur Dienerinnen der Bildung sind, daß Nationen in ihre"' männlichen Alter eine andere Führung nötig haben als in ihrer Kindheit. Lykurg verewigte die Geisteskindheit der Spartaner. aoer sein �taat ist verschwunden mit seinen Gcseze». Solon hingegen versprach den seinigen nur eine hundertjährige Dauer inib noch heutigen Tages sind viele derselben im römischen Ge-- se�lnich in Kraft. Solan laitc Achtung vor dem Individuum, er opferte nicht dni Menschen dem Staat, nicht den Zweck dem Mittel auf, sondern lies; den Staat dem Menschen dienen. Seine Gesezc waren Bänder, an denen sich der Geist der Bürger frei und leicht nach allen Richtungen bewegte; Lykurgs Geseze dagegen waren eiserne Fesseln. Darum reisten in Athen alle Tugenden, bluten alle Gewerbe und Künste, regten sich alle Sehnen des Fleißes und alle Felder des Wissens tvurden bearbeitet.— Unser Bild zeigt den athenischen Gesrzgeber neben einer Säule, auf welcher Nomos(Gesez) geschrieben ist; neben ihm stehen die Archonten mit Myrtenkränzen und Stäben, hinter ihm die Senatoren. Im Vordergründe kniet eine Gestalt, die im Begriffe ist, die drakonische Gesezgebnng zu zerstören. Das Gemälde ist eine vorzügliche, äußerst wirkungsvolle Komposition und unser Holzschnitt hat es vortrefflich nachgebildet.— Nachdem die Athener die neue Gesezgebnng angenommen hatten, begab sich Colon auf Reisen nach Egypten, Cypcrn und Klein- asien. In Sardes wurde er von dem durch seine Reichtümer sprüchwörtlich gewordenen Lydienkönig Krvsos gastlich empfangen. Im stolzen Gefühle seines Glücks ließ ihn Krösos, wie Herodot berichtet, durch seine Schazkammer führen und fragte ihn als- dann, wen er für den glücklichsten Sterblichen halte, darauf rechnend, Solon iverde niemand nennen als ihn. Aber dieser nannte zuerst den Athener Tellos, der mäßige, aber hinreichende Glücksgüter besessen, im siegreichen Kampfe tvider die Feinde seinen Tod gefunden und von seinen Mitbürgern an der Stelle, Ivo er gefallen, mit großen Ehren begraben worden sei. Weiter befragt, nannte Solon zwei Jünglinge, Kleobis und Biton, Sohne einer Herapriestcrin in Argos, und erzählte: Einst hätte die Mutter zu einem Opfer in den Tempel fahren müssen und als die Zngstiere ausblieben, spannten sich die Jünglinge selbst an den Wagen und zogen ihn in den Tempel. Da erflehte die Mutter ziini Lohn für die Söhne, ivas den Mensche» das Beste sei, worauf diese im Tempel einschliefen und nicht wieder erwachte». Als ihm Krösos seinen Unwillen darüber äußerte, daß der athenische Weise sein Glück nicht anerkennen wolle, sprach Solon das berühmt gewordene Wort: Niemand ist vor seinem Tode glücklich zu preisen. Dieses Worts, dessen Wahr- hcit Krösos bald nach Solans Abreise erfuhr, als ihm sein Lieb- lingssohn Atys ans der Jagd durch einen Speer gctödtet worden, erinnerte sich Krvsos auch, als er von dem Perserkvnig Kyros (Cynis) niit Krieg überzogen und geschlagen wurde und den Scheiterhaufen besteigen mußte, um in den Flammen zu sterben. O Solon! rief er laut, und dieser Ruf rettete ihn; denn er weckte die Neugierde des Perserkönigs, der sich den Borgang erzählen ließ und, a» die Ungewißheit seines eigenen Schicksals erinnert, den Gefangenen begnadigte. Lt. Ser Eine v c n c t i a n i s ch e N o v „Bitte, hören Sic!"— fuhr er, als habe er das bedcu- tungsvollste Ereignis von der Welt zu berichten, hastig fort. „Es ist jczt fast eine Woche her, daß mich der Hm Marchcsc in den Marmorsaal führte. Als wir eintraten— es war in der Dämmerung—— Sie können sich denken, gnädige Frau Marchese"— der Gras sprach so erregt, als ob ihn das, was er erzählte, in, leztcn Augenblick begegnet und er noch gar nicht zur Beruhigung gekommen ivärc—„wie groß mein Erstaunen war, als ich Fräulein Serena nur wenige Schritte von dem Maler im Säulengang stehen sah,— mit bestürztem, fast vcr- störtem Gesicht—— Sic hatte offenbar eben noch an des Malers Seite gestanden und war wohl nur durch unser Kommen aus vertraulicher Unterhaltung mit ihm aufgeschreckt worden. Ich sehe sie noch jczt: sie eilte hastig an uns vorbei und zur Tür hinaus.— der Maler aber schien mir so zurückhaltend, so verschlossen, als fürchte er durch irgendwelche unfreiwillige Aeußernng in Worten oder Gebcrdcn das Geheimnis der leztcn Augenblicke zu verraten, so daß es ganz ohne Zweifel--" Tie Marchesa lachte laut auf.— so laut, daß das weiße Käzche» mit sröhlichcm Sprung in die Höhe schnellte und auf den niedlichen Fuß seiner schöne» Herrin, der noch immer auf dem Bänkchen ruhte und unter dem Saum des rosaroten Kleides hervorsah, zuflog, um mit ihm zu spielen. Und der schöne Fuß ließ sich das Spiel auch gefallen und tänzelte, das Käzche» 'Himer wieder zu neuer Anstrengung lockend, auf dem Bänkchen neckisch hin und her. Die kleine Hand aber legte sich wieder. »»d zwar diesmal ziemlich heftig, dem Grafen auf de» Arm, und der blühende Mund redete lachend: .Tas klingt ja wahrhaftig wie die Schilderung eines ge- heimnisvollen Vorgangs in einem Ronian!... Ich muß sagen, «ic verstehen zu spannen, lieber Graf!— Verzeihen über die mit feinem Geschmack durcheinandergeschlungenen Arabesken hinglitten, überlief mit einemmale ein süßer Schauer ihren schönen Körper, unter den langen, zarten Wimpern leuch' tctc cs freudig hervor, und ein zitternder Laut innigster Glücks- empfindung quoll aus ihrem Innern herauf und ging so rasch und lebendig über ihre Lippen, daß er in dem weiten hohen Raum das Echo weckte und sie ängstlich schnell das Haupt wendete und im Saale hinsah, als fürchte sie, von jemand be- obachtet und gehört worden zu sein.... Und cs war einer, der jezt den Blick ans sie gerichtet hielt nnd den freudigen Laut, der über ihre Lippen gedrungen war, vernommen hatte. Camillo von Winter hatte sich nach kurzem Verweilen im Garten auch heute wieder nach dem Saal zurückgewendet und stand jezt außerhalb der Bogenhalle, in der sie sich befand, in einiger Entfeniung hinter ihr. Noch bcnierkte sie ihn nicht. Ihre Blicke waren wieder unverwandt auf die Arabesken über dein eigentlichen Bilde gerichtet und hier auf der Mitte des guirlandenähnlichcn Blättcrgcwindes, wo dasselbe seine größte Stärke hatte nnd am dichtesten verschlungen war: hier trat ans dem satten Grün des Untergrundes in graziös gewundenen künstlerisch aneinandergereihten Buchstaben von Heller, rosaroter Farbe und da und dort in ihren einzelnen Bestandteilen Nach- bildungen der Blumen selbst, von der diese Farbe ihre Bezeich- niiiig trägt, aufweisend, das Wort„Serena" hervor. Was hatte der Künstler mit diesem durch das Süjet des Bildes selbst keineswegs erforderten Beiwerk sagen wollen? — Doch wohl nichts anderes, als daß damit für den mit den Gewohnheiten Serenas Vertrauten der dargestellte Laubtempcl »nt der anmutigen Marmorgruppe noch besonders als der Lieb- lingsaufciithalt derselben innerhalb der hier durch einen Ge- mäldezyklus nachgebildeten Umgebung der Villa Montanari bezeichnet sein sollte.... Aber es webte in dieser graziösen, mit poetischen! Feingefühl vollzogenen Verschlingung der schönen Buchstaben etwas außerordentlich Reizvolles, es waltete über dem ganzen ein so feiner, poetischer Duft, wie er dem großen Gebilde jener Königin der Blumen in Wirklichkeit selbst eigen ist, so daß man darin in der Tat auch noch die andere Absicht des Malers erkennen mußte, eben durch diese mit gutem Be- dacht gewählte Form des Wortes die Trägerin dieses Namens noch ganz besonders und in höchst karaktcristischcr Art auszu- zeichnen.... Camillo war zuerst unschlüssig, ob er sich still wieder ent- fernen oder Serena nähern sollte. Toch schwankte er nur wenige Minuten in seinem Entschlüsse. Er erinnerte sich jener Spät- nachniittagsstunde, in welcher er, als das Bild, dem auch jezt wieder die ganze Aufmerksamkeit des schönen Mädchens galt, nur erst in seinen Grundzügen angedeutet war, mit Serena an derselben Stelle zusammengetroffen, und empfand gerade jezt das lebhafte Bedürfnis, das Urteil der leztcren über das vollendete Gemälde zu hören. Er wollte eben ans die einsame Betrachterin seines Bildes zutreten, als dieselbe hcstig zusammenschrak und sich erregt nach ihm umwandte. Ein plözlich über sie gekommenes Gefühl hatte ihr gesagt, daß jemand in ihrer Nähe sei. Zum größten Er- staunen CamilloS trat sie, nachdem sie ihn kaum bemerkt, hastig einige Schritte näher auf ihn zu nnd sagte, als ob ihr diese Begegnung gerade erwünscht sei, nach kurzen Worten gegen- seiligcr Begrüßung in lebhaftem Tone nnd nur eine leichte Verwirrung erkennend lassend: „Ich betrachte cs als eine glückliche Fügung. Herr von Winter, daß wir in einem Augenblicke hier wieder zusammen- treffen, vor welchem Sic, wie ich sehe, eben die lezten striche an dem Bilde getan, dem während seines Entstehens— ich versichere es Ihnen noch einmal— mein ganzes Interesse galt. Run, es ist fertig und lobt——" Camillo machte eine abwehrende Handbewegung. � � „Nein!"— unterbrach ihn Serena hastig—„Lassen Sic mich, so überflüssig es auch scheinen mag. es Ihnen zu sagen. es lobt seinen Meister, und ich bin Ihnen von ganzen. Herzen daiikbar!".... Sic sczte die lezten Worte in jenem warmen, vertraulichen Tone hinzu, der während ihrer häufigen Begegnung in den lezten Wochen zwischen ihnen zur Gewohnheit geworden war, nnd kaum verriet die gegen sonst mir gesteigerte Herzlichkeit desselben noch die außergewöhnlich tiefe Bewegung ihres Gemüts. Und doch mußte Camillo aus dem, was er, ohne daß sie cs bemerkte, vorhin wahrgenommen, aus dem freudig erzittern- den Laut, der ihrem Munde entfahren, auf einen derartig er- regten Zustand ihres Innern schließen. Er sah sie darum forschend an und ließ seine Blicke so lange und durchdringend auf ihrem Antliz ruhen, daß sie tief errötete und im Begriff >var, ihre ganze Fassung zu verlieren, wenn sie sich nicht beeilte, durch schleunige Fortsezung ihrer Worte ihre Verwirrung zu verbergen. Wie aber in solcher Lage die Gefühle des Herzens sich nicht selten gegen den Willen widerspenstig zeigen und die Zunge mit unbesiegbarer Atacht ganz allein in ihren Dienst zwingen, so diente das, was sie nun sagte, vielmehr dazu, diese Venvirrnng erst recht zu zeigen. Der junge Maler stand jezt in dem hohen Bogengänge dicht neben ihr, und sie konnte sich der Wirkung, die seine Persönlichkeit gerade in diesen Augen- blicken auf sie ausüben mußte, nicht entziehen. Sie wich ängstlich seinen auf ihr ruhenden Blicken ans nnd sagte, an ihre lezten Worte anschließend und auf die sich ober- halb des Bildes hinziehenden Arabesken deutend, mit unsicherer Stimme und erzwungenem Lächeln: „Aber, Herr von Winter,— diese, verzeihen Sie, etwas indiskrete Art, wie Sie da den Zusammenhang des Motivs Ihres Bildes mit meiner Wenigkeit angedeutet habe», scheint mir—" „O, verzeihen Sie, mein gnädiges Fräulein!"— warf jezt Camillo lebhaft und überrascht ein—„Ich glaubte damit nicht allein die Vcnvendung des Süjcts dieses Bildes zu einem künstlcrischci! Vorwurf zu rechtfertige» und die besondere Be- deutung desselben zu erklären, sondern vielmehr auch durch diesen Hinweis auf die Beziehung, in welcher Sie zu demselben stehe», Ihnen eine kleine Freude zu bereiten. Tat ich damit nicht recht, so bin ich Ihres Winkes gewärtig, um ohne Aufschub die Inschrift durch eine andere oder irgend eine weitere Ära- beskenverzierung zu crsezen." Nnd in seinen Worten lag es fast wie Besorgnis, etwas wider den Willen und den Geschmack des schönen Mädchens getan zu haben, daß es ihr beinahe gleich wehinütigem Reue- gefühl, ihre wenigen Worte gesprochen zu haben, durch die Seele ging. „Nein, nein!"— vcrscztc sie leidenschaftlich—„das wollte ich nicht sagen, Herr von Winter! Bei allem, was schön ist, bitte ich Sie, nichts an der herrlichen Guirlande ändern zu wollen! Und vor allem an dem Namen nicht! Es ist alles in dieser Art so reizvoll, so anziehend, so wundersam poetisch-- Und eine Freude haben Sie mir damit bereiten ivollcn,— v, Sie sind zu gut!"—— Es ging ihr mit überwältigender Rührung durchs Herz, und der weiche, zitternde Klang ihrer Stimme verriet deutlich, wie sehr sie bcivcgt war im tiessten Innern. Eine kleine, schimmernde Thräne perlte an den zarten Wimpern, und sie streckte ihm, wie zu innigstem Tank, die schmale, weiße Rechte entgegen. Er erfaßte sie schnell und drückte sie zärllich an die Lippen. Auch sein Herz schlug und bebte in seligster Empfindung. „Ich wußte cs ja,"— sagte er weich—„daß Sie mir ob der kleinen, wohlgemeinten Zugabe nicht zürnen würden. Nehme» Sie dieselbe als einen geringen Beweis der unbcgrenz- tcn Hochachtung, die ich für die Hüterin und Beschiizerin der Armen jener Gegend, deren landschaftliche Schönheiten zum Teil wiederzugeben hier meine Aufgabe ist, empfinde. Es schien mir. als ob der von so vielen Lippen gesegnete Naiile dieser edlen Hüterin und Beschiizerin in diese» Darstellungen nicht fehlen dürfe, als ob er unzertrennlich und in einem hvcherhebenden Sinne mit der Villa Montanari und ihrer Umgebung ver- bunden sei." iForiscjung solgl.) 156 Berlin unter der Erde. Wie der menschliche Leib von außen einfach und glatt innen aber von zahlreichen Röhren und banalen durchkreuzt und mit verschiedenartigen Vorrichtungen ausgestattet ist, so auch der Boden großer Städte, und wer wie Proteus sich in ein Mäuschen verwandeln und unter der Erdoberfläche sich durcharbeiten könnte, der würde staunen über die vielver- zweigten Leitungssysteme, über dieses Labyrint unterirdischer Gänge im Dienste und zur Befriedigung der großen und kleinen Bedürfnisse eines Gemcindewesens, speziell Berlins. Tie Tele- graphenleitung. die Rohrpost, das Rvhrcmiez zweier Gasanstalten, die Zuführuilgsrvhren der Wasserleitung und die Ab- führungsröhrcn der Kanalisation verlaufen nebeneinander und kreu- zcn sich unter den Straßen der Hauptstadt. Hinzu treten die mäch- tigcn Regenauslässe zum Auffang und zur Ableitung des Regen- Wassers und die Einsteigebrunnen von eigenartiger Konstruktion, von denen aus die Beobachtung und Untersuchung der Kanäle bewirkt wird. Tie Häuscrauslässc zur Ab- lcitung des in den Haushaltungen oder zu Fabrikationszwecken ver- brauchten Wassers und der Ab- sührungsstoffe senken sich in die Kanalisationsknnäle ein und ragen mit ihren« oberen freien Ende über die Dächer der Häuser hinaus, um den Gasen, welche sich in ihnen entwickeln, einen ungefährlichen Austritt zu gewähren. Ueber und unter der Erde stehen so durch diese lezteren die ober- und unter- irdischen Leitungen miteinander in Verbindung. Man begreift kaum. wie alle diese, so verschiedenen Zwecken dienenden Röhren und Kanäle in dem engen Raum unter der Straßenbreite Plaz finden, ohne sich gegenseitig in ihrer Funktio- nirung zu behindern.— Berlin hat mehrere Radikalsysteme von Ka- nälen, welche den Inhalt der Wasserklosets und alle sonstigen flüssigen Abgangsstoffe aus den Häusern in die Kanäle überführen. Die Häuscranschlüffe münden zunächst in die Zweigkanäle, die sich über die sämmtlichcn Straßen, Gassen und Pläzc je eines Radialsystem verbreiten, diese leiten ihren Inhalt in die Seitenkanäle, welche ihn in die Hauptkanälc ergießen. In diesen Hauptkanälen können, bei mehr als sechs Fuß Höhe derselben, drei Männer bequem nebenein- ander fortschreiten. Auf dem größeren unserer beiden Bilder sehen wir den einem Riesenbrunncn ähnlichen, sogenannten Sand- fang einer der Pumpstationen, in welchen« die Zulcitungswaffer je eines Radialsystenis zusammenfließen und vor dem durch ein Gitter, das links den eigentlichen Brunnenraum von dem Haupt- leitungskanal abschließt, zugleich die in dem flüssigen Zustrom mitenthaltenen festen Teile, Lumpen, Papier, Holzstücke zc. auf- gefangen und zurückgehalten«Verden. Von Zeit zu Zeit«vird es erforderlich, diese fremden Stoffe und die sandartigen Nieder- schlage,«velche sich außer ihnen noch vor und in dem Sandfang Berlin nnter der Erde. (woher der Name) ablagern, durch dnzu bcanstragte Arbeiter aufräumen und entfernen zu lassen.— Tie Kanalisation, deren sanitäre Bedeutung kaum hervorgehoben zu werden braucht, bildet die naturgemäße Ergänzung für die Wasserleirnng. Die «vunde Stelle der lange vor Berlin in London, Hamburg, Paris und beinahe alle» größeren Städten Englands und Schottlands eingeführten Kanalisation beruht bis ans die neueste Zeit darin, daß die Ausführiingsstofieii in den genannten Städten direkt in die Flußläufe übergeführt«vnrden, bezw. noch werden, wobei die Anhäufung der Senkstoffe abscheuliche und lebensgefährliche Zustände herbeiführte. Nachdem in der Villenstadt Croydon bei London und in Craigentinny bei Edinburg kleinere Versuche gemacht worden waren, diese Ab- sührungsstoffe auf Feldflächcn über- zuleiten und dort zur Beric- selung zu verlvenden,«vurdc diese 'Neuerung erstmals in Danzig in größerem Maßstab nngeivendet. Baurat Hobrecht, von»vclcheni der Plan zu der Kanalisatioiisanlagc in Berlin cntivvrfcn ist und die Ans- führnng desselben geleitet«vurdc, hat alsdann dieses neue Verfahren in ein allgcnicines System gc- bracht und die in« Wege stehenden Schwierigkeiten beseitigt. Berlin besizt gegentvärtig z>vei Riesel- selber, wohin die Zuleitungslvaffer aus den Sammelbassins der Pump- stationen überführt«verde««, das eine im Süden der Stadt, gegen z>vci deutsche Meilen von hier cnt- scrnt, bei Osdorf und Friedriken- Hof, das andere im Norden uu- gefähr in der gleichen Entsernuiig, bei Falkental gelegen; beide zu- stimmen haben einen Flächeilraum von ctivas über 5200 Morgen. Die große Hauptschivicrigkeit bei diese«» neuen Verfahren besteht darin, das sortgesezt aus jedem Radialsystem dem Sammelbassin desselben zuströmenden Zuleitungs' «vasser auf eine so beträchtliche Entfeniung nach den Rieselfeldern hinauszudrücken,«vas vermittelst der dorthin gelegten Leitungs- röhren nur durch eine bedeutende Maschinenkraft erfolgen kann. Zu diesem Behuf befindet sich denn aus jeder Pumpstation ein Maschinenhaus mit einer entsprechende» Anzahl Druckmaschinen, von denen immer einige,«in« für jede Unterbrechung oder Stö- rung gleich eine neue Maschine eintreten lassen zu können, in Reserve gehalten werden.— Man hatte längere Zeit gegen die von den Rieselbeeten gelvonnencn Gartcnerzeugnisse ein Vor- urteil. Indessen zeigen die dort erzeugten Erd- und Himbeeren, der Blumenkohl, die Schoten, Gurke», Melone», der Spargel und überhaupt alle dort kultivirten Gemüse und Früchte eine so üppige Entwickelung, und sie besizen einen so ausgezeichneten Wohlgeschmack, daß das Vorurteil bereits übcnvundcn und nahezu in das direkte Gegenteil umgeschlagen ist. St. Berlin unter der t�rde. 158 Zur Kolonialfrage. Von Wruno Heiser. (Schluß.) Noch eine andere herrenlose Küste wünscht Rohlfs bei der Frage, wo Deutschland Kolonien errichten könnte, berücksichtigt zu sehen. Es ist das die Küste des Somalilandes im Nord- ostcn Afrikas, die sich 1500 Kilometer lang vom Kap Gardasni bis zum Acquator erstreckt und auch ein reiches Hinterland auf- zuweisen hat. Der südlichste Teil davon steht zwar dem Namen nach unter der Oberhoheit des Sultans von Zanzibar, aber eben nur dem Namen nach, und der nördliche Küstenstrich, 1200 Kilometer lang, ist vollständig herrenlos. Deutschland brauchte also nur zuzugreifen, und sollte dies hier um so eher tun, als dem Somalilande, das an dem nächsten durch de» Suezkanal erschlossenen Seewege von Europa nach Indien gelegen ist, in handelspolitischer Beziehung eine große Zukunft prophezeit>vird. Schon das schöne Geld, was bis jezt nuzlos von deutscher Seite hinausgeworfen worden ist, sollte— so meint der fach- kundige Herr Rohlfs— Deutschland bewegen, endlich in Afrika sich festzusezen, wie es England und Frankreich längst schon getan haben. „Es mag in allem von der deutschen Afrikanischen Gesell- schast", schreibt Rohlfs,„in runder Summe eine Million Mark" — etwa in den lczteu zehn Jahren—„verausgabt worden sein. Eine Million Mark und gar kein praktisches Resultat! Ten größten Teil des Geldes hat das Reich beigesteuert. Welchen Nuzen hat dasselbe nun davon gehabt? Wir wiederholen es: keinen! Denn wenn man selbst bedenkt, daß der Ruhm des ein- zclncn, den er sich durch eine wichtige Entdeckung erwirbt, auf die Gesammtnation, der er angehört, zunächst zurückfällt, dann muß man, will man aufrichtig sein, sagen, daß die Ergebnisse nicht im Verhältnis stehen zu den aufgc- wandten Mitteln. Hat man in humanitärer Hinsicht ein Ergebnis aufzuweisen? Wir zweifeln daran. Hat man irgend welche große Entdeckung gemacht, eine wichtige wissenschaftliche Errungenschaft zu verzeichnen? Dr. Lenz hat allerdings von Marokko die Sahara quer hindurch bis Timbuktu durchwandert, uns Positiv den Nachweis geliefert, daß die westliche Wüste keine Depression sei; Dr. Pogge besuchte seinerzeit die Hauptstadt und den Hof des Muata-Ianvo. Dr. Pogge aber reiste nicht einmal im Auftrage der Afrikanischen Gesellschaft; erst als er diesen Erfolg erzielt hatte, beeilte sich die Gesellschaft, ihn zu annektircn, dadurch, daß sie ihm seine Ausgaben crsezte, und konnte deshalb nnt Befriedigung auf seine Reise zurückblicken. Das ist aber auch alles, was die Gesellschaft innerhalb der fast 10 jährigen Tätigkeit als nenenswcrt aufweisen kann. Soll die von mir gemachte Erforschungsreise nach Kufra dazu zählen? Wenn man erwägt, daß diese Reise wenig Ausgaben verur- sachte,— denn 20 000 Franks mußte die türkische Regierung der deutschen Afrikanischen Gesellschaft Schadcnersaz leisten— so kann sie als dritter Erfolg bezeichnet werden. Aber grade diese Erfolge haben die Mittel der deutschen Afrikanischen Ge- sellschaft verhältnismäßig wenig in Anspruch genommen. Alles in allem haben die Pvgge-Rohlfs-Lenzscheu Reisen zirka 60000 Mark gekostet." Nach Rohlfs sind also bei den deutschen Bemühungen. Afrika erforschen zu Helsen, allermindestens 900 000 Mark, d. h. volle 90 Prozent der Gesammtausgaben einfach zum Fenster hinaus- geworfen worden. Keine Humanitären und keine wissenschaftlichen, keine politischen und keine moralischen Erfolge wurden erzielt: das respektable Sümmchen deutschen Geldes ist Aufgegangen in eitel blauen Dunst. So sehr diese Tatsache fatal ist,— insbesondere für die deutschen Afrikareiscnden und die deutsche Afrikanische Gesell- schaft, daneben auch für die deutsche Rcichsrcgierung, welche der deutschen Afrikanischen Gesellschaft eine Reihe beträchtlicher Zu- schüsse geleistet hat,— so sehr sollte sie nun auch ein Sporn zu energischem, planvollem, zweckentsprechenden und sofortigen Handeln sein. Welch' ein Vorgehen zum Zweck solchen Handelns— das Rohlfs grade so sehr geboten erscheint als dem Schreiber dieser Zeilen, schlägt der Herr Sachverständige nun vor? Am Schluß seiner Arbeit sagt er: „Kultiviren wir jezt jene Gegenden, welche noch zu haben sind——. Zehn Jahre hat Teutschland verstreichen lassen; ist dieser Zeitraum noch einmal verflossen, so wird es für immer zu spät sein.— Wir raten daher entschieden ab, eine so vor- zügliche Kraft, wie Dr. Büchner es ist, auf eine neue Ent- dcckungsrcisc auszuschicken. Lieber möge man ihm die Organi- sation einer Station übertragen an der Somaliküste, vielleicht an der Mündung des Djuba oder eines andren Flusses an der herrenlosen Somaliküste. Wir raten, Flegel, welcher in der Benuc- Niger-Gegend jedenfalls wie zuhause ist, von weiteren Reisen abzuhalten und ihm dafür die Einrichtung einer Station aufzutragen im Aypotogcbict." „Man" möge zwei bekannte deutsche Afrikareisende veran- lassen, Handelsstationcn anzulegen-- Wer ist zunächst dieser „Man"? Darüber gibt Rohlfs in der Einleitung seiner Abhandlung Aufschluß. Er schreibt da: „Bon vornherein möchten wir der Ansicht Raum geben, daß wir dabei keineswegs an staatliche Kolonisation denken, sondern einzig den Landenvcrb seitens Privater, oder auch seitens Gesellschaften im Augen habe», wobei eine spätere Verstaatlichung des gewonnenen Landes von selbst naturgemäß folgen würde. Denn einer politischen Annexion muß heutzutage, soll eine gesunde Kolonisation geschaffen werden, eine Besizergreifung durch Private voraus- gehen. Einzelne Häuser oder Gesellschaften müssen Faktoreien errichten, welche, wenn sie gedeihen und au Ausdehnung ge- Winnen, später den staatlichen Schuz des Mutterlandes erhalten." Dazu wird England als Beispiel angeführt, wo sich erst im Jahre 1880 eine Kapitalistengesellschaft gebildet hat, eine North Bornco- Company, welche sich das nördliche Borneo durch Kauf von einheimischen Häuptlingen erworben hat und dadurch in Gemeinschaft mit dem von dem Radscha Brvoke regierten Reich Sarawack auf der Nordwcstküste von Bonico die Umwandlung der reichen Insel Bornco, die größer ist als Deutschland, in eine englische Kolonie vorbereitet. Weiter unten fährt Rohlfs fort: „Die Regierung hat den b> sten Willen und unter Um- ständen auch das Können, eventuell auswärtigen Kolonicbesiz für das deutsche Reich zu schüzcn. Man kann aber nicht ver- langen, daß sie in einer Weise vorgehe, welche Verwicklungen herbeizuführen imstande ist und dem Reiche Unannehmlichkeiten zuführen könnte. Tie Initiative muß aus dem Volke hervor- gehen, umsomehr, als der einzige Versuch, den die Regierung machte— Samoa— von der Oppositionspartei abgelehnt wurde." Gegenüber dem, was Herr Rohlfs inbezug auf die Er- Werbung Aiarokkos sagt, klingen diese seine Besorgnisse wegen etwaiger Verwicklungen und Unannehmlichkeiten beinahe komisch- Total unverständlich wird einem aber Herr Rohlfs, wenn man envägt,>vas er in seiner sachverständigen Abhandlung über die deutsche Kapitalistenwelt sagt, aus der doch das„Volk", welches die Initiative zur Erwerbung afrikanischer Ländereien und zur Anlage nuzbringender Handelssaktorcicn ergreifen soll, ausschließlich besteht. „Unsere Kauflcutc," meint er,„abgesehen von einigen Häusern, lieben es nicht, Faktoreien, Kvmptoirc oder Kultivationspuuklc anzulegen, welche vielleicht erst nach einem Jahrzehnt Gewinn abwerfen. So unternehmend der Handclsstand in den hause- atischcn Städten ist, so ctablirt er seine überseeischen Handels- Häuser ausschließlich in solchen Ländern, welche schon von irgend einet anderen europäischen Macht staatlich annektirt worden ist. Gibt es irgend eine deutsche Faktorei, welche ans herrenlosem Gebiete gelegen wäre? Man geht nach Amerika, nach Australien, nach Japan, auch nach Afrika, aber immer erst dann, wenn die ander» Mächte geordnete und sichere Zustände geschaffen haben. Ein selbständiges Vorgehen— abgesehen von einigen Ausnahmen, z. B. dem Godefroyschen Unternehmen— ein Gründen von Faktoreien in herrenlosen Ländern, wie die sran- zösischen, britischen und holländischen Kanflente es tnn, wie die spanischen und portugiesischen es taten, kennen die deutschen Kanflente nicht. Wir haben nicht einmal einen Rnbattino*), der nns eine Assabbai kaufte! Obgleich wir hundert Kanflente haben, welche reicher als Rubattino sind, obgleich wir hundert Fürsten und Grafen haben, welche mehr Geld und Einfluß als Rubattino besizen." Sonderbar! Ein selbständiges Vorgehen kennen die deutschen Kanflente stimmt den sonstigen Kapitalisten, selbst stimmt Grafen und Fürsten, in solchen Angelegenheiten wie Kolonisation nicht, wie Herr Rohlfs ausführt, und dennoch soll Deutschland aus seine Kapitalisten als notwendige Vorgänger und Wegbereiter der Regierung warten. Daß wir da lange warten können, das wird Herr Rohlfs 'nach seinen vorher wiedergegebenen Ausführungen selbst nicht bestreiten. Tie auf den ersten Blick äußerst sonderbar erscheinenden Widersprüche, in die sich der Herr Sachverständige verwickelt hat. muten den, welcher unsre Politischen Verhältnisse und Par- teien kennt, nicht allzu wunderlich an. Die Logik des Herrn Rohlfs ist über eines der vornehmsten Parteidogmen des deutschen Liberalismus gestolpert,— das crklärt alles. Dieses Dogma lautet: Die Regierung hat sich in die An- gelegenheiten des Kapitals nicht einzumischen. Und Angelegen- heit des Kapitals ist schließlich in irgend einer Beziehung alles, in allen wesentlichen Beziehungen sogar für den, der die Welt vom Standpunkte des Börsenkapitalisten betrachtet. Auch dieses Dogma gehört zu den leicht erklärlichen Dingen. Tas mit Kapital, aber nicht mit altadeligen, von Urzeiten her bevorrechtete» Ahnen gesegnete Großbürgertum, welches im Konzert des pvlitisch-wirtschaftlichen Liberalismus die erste Violine spielt, vimmt erst seit einigen Jahrzehnten Hervonagenden Anteil au der Leitung der Völkergeschicke; es betrachtet die mit dem hohen Adel verschwisterten und verschwägerten, von ihm gestüzten und umworbenen Regierungen als Bundesgenossen, die imgrunde seine Konkurrenten sind und ans deren Geschästssrenndschaft nur solange rechne» ist, als sie einen bedeutsamen Teil der Macht, die sie zur Aufrechterhaltung ihrer Existenz und ihres Ansehens brauchen, von den Magnaten des Geldes leihen oder irgendwie einhandeln müssen. Darum gilt die Parole: wir dürfen die Regierungen nicht selbständig, vor allem nicht so kapitälmächtig werden lassen, daß sie nicht vor oder nach jeder Haupt- und Staatsaktion zu uns o» die Börsen zu kommen und uns um die imnierdar umini- 9'inglich nötigen Mosen und die Propheten ergebenst zu ersuchen brauchen. Ferner erscheint es aus demselben Gesichtspunkte für vorteilhaft, die Regierungen bei dem Volke möglichst wenig in den Geruch kommen zu lassen, daß sie etwas für Land und Volk Rüzliches tun könnten, ohne die Initiative, das anspornende Vorbild, den energischen Vortritt und die ganz unentbehrliche Vundesgenossenschaft des, nach dem Cchillerschen Motto: Seid umschlungen Millionen— diesen Kuß der ganzen Welt— mese— die ganze Welt nämlich— an seinem warmen Busen hrgeuden und pflegenden,.freien' Großkapitals. Solchem Zwecke zu dienen, werden nun alle Mittel in Be- 'vogung gesezt und über jeden Kezer und Verräter an der gol- denen Freiheit der gesummten Volkswirtschaft genifen, der von .*) Rassaele Rubattino, der bedeutendste unter den Schiß'S- Ader» Italiens; derselbe, der sich 1860 die Dampfer Loinbardo und t-ieniont aus dem Hafen von Genua wegnehmen ließ, aus denen Garibaldi lcine Freischaaren nach Sizilien führte. Er starb Ende vorigen Jahrs. der Regierung bei irgend einer Gelegenheit mehr verlangt, als sich aufs Zusehen zu beschränken. In der Kolonialfrage ward die Parole ausdrücklich und gänz- (ich jedes Mißverstehen wie jede liberale Privntmeinung aus- schließend gegeben,— dies genügte auch Herrn Rohlfs so voll- ständig, daß er auf der einen Seite seiner Abhandlung der deutschen Regierung zuzumuten wagte, sie sollte sich Marokko oder Korea in die Tasche stecken, obschon das ohne Krieg und ohne bedenklichen Konflikt mit andern europäischen Großmächten nicht zu machen ist, während er ans zwei anderen Seiten derselben Abhandlung für geboten erklärt, der Besizergreifung herrenloser Ländereien durch den Staat müsse die Besiedlung durch Private vorangehen, weil das allein„gesunde' Kolonisation sei und weil die Regierung das Land nicht in„Verwicklungen" mit andern Mächten stürzen dürfe. Ich sagte: die liberale Parole war ausgegeben, und ich habe nur nötig, auf die Verhandlungen des„Volkswirtschaftlichen Kongresses' hinzuweisen, der vom 21. bis 23. Oktober 1880 in Berlin stattgefunden hat, Verhandlungen, an die sich Herr Rohlfs vielleicht nicht erinnert hat, als er seinen Aufsaz schrieb, deren Resultat aber auch auf ihn oder diejenigen Gesellschaftskreise, mit denen er geistig zusammeuhängt, ihren Einfluß nicht ver- fehlt hat. Ter Kongreß diskutirte n. a. die Auswaudrungs- und Kolo- nisationsfrage und kam zu folgendem Beschluß:„Während der Reichsregiening die Pflicht obliegt, die Answandrung auf Grund bestehender Geseze unbehelligt zu lassen, sie aber vor Ausbeutung und Bedrückung zu schiizen(!), hält es der Bolksivirtschaftliche Kongreß für nicht zulässig, daß auf Kosten der Gesammtheit und zu Gunsten einzelner Klassen(!) teure und aussichtslose, wenn auch wohlgemeinte Versuche mit Errichtung irgend welcher Art von Kolonien angestellt werden.' Der Kongreß hatte einen gleichfalls ungemein sachverständigen Mann, den Herrn Dr. Fr. Kapp, zum Referenten in dieser Frage bestellt und dieser sprach sich u. a. folgendermaßen aus: „Tie englischen Kolonisten haben von Anfang au mit allen nur denkbaren Unglücksfällen, mit der härtesten Rot, mit großen Entbehrungen und Sorgen zu kämpfen gehabt. Es hat bei ein- zelnen Jahrzehnte, bei anderen Jahrhunderte gedauert, ehe sie nur ihr Dasein notdürftig fristen konnten. Tie Regierung hat sie gewähren lassen, hat sich anfangs nicht um ihr Gelingen oder Mißlingen gekümmert und daran im ganzen sehr tvol ge- tan. Tatsächlich regierten die englischen Kolonisten sich selbst; sie sind aber jener dafür Dank schuldig, daß sie jeden Einwanderer sich ans seine eigenen Füße stellen ließ, daß sie ihn seine Selbstständigleit und Verantwortung fühlen lehrte. Ein Kolonist wird nie etwas, wenn er von andern gelenkt wird oder aus dritte sich verläßt; es darf sein Schicksal von Anfang an nicht zu bequem und er muß von niemandem abhängig sein. Er muß sich auf eigenen Füßen den Weg bahnen und kann nur sich selbst verantwortlich sein. Der Einwanderer muß in die Höhe kommen oder zugrunde gehen— ein Drittes gibt's nicht. Sich so sachte in die Verhältnisse hiueinschlängelu, das ist unmöglich. Er muß mit seiner ganzen Persönlichkeit für sein Fortkommen eintreten, sonst wird nichts aus ihm und mit ihm. In einer Kolonie— und das ist gerade der große volkspsychologische Gesichtspunkt, der das Studium der Ko- louien so interessant macht— da stellt sich der nieder- trächtigste, schlechteste Schurke neben den anständigsten Mann, das sogenannte verbniumeltste Genie, der Schiffbrüchige, der seinen Beruf verfehlt hat, neben den ehrlichsten von den besten Absichten beseelten Reuliiig. Leichtsinn und Bosheit, Laster und Verbrechen treffen namentlich in einer neuen Kolonie mit gutem Willen und ehrlichem Denken zusammen, und alle diese Be- standteile einer erst werdenden Gesellschaft unternehmen ge- meinschaftlich den Wettlauf nach dem Glück. Diesen Leuten schreibt niemand ihre Konduitenlisten; sie tun es selbst, mit dem Revolver und dem„Bowieknife"; aber es ist ein Herr- liehet Beweis für die Unverwüstlichkeit der guten Menschen- natur, daß wenn man diesen Kampf um's Dasein sich allmälich austoben laßt, zulezt dach die Vernunft und Sitte oben bleibt, daß die erhaltenden Mächte des Lebens sich siegreich behaupten und daß schließlich(!) dach noch etwas gutes herauskommt... Ein Mann, der sein Vaterland aufgibt, muß notwendigerweise die Fühlung mit ihm verlieren(!). Mit der Verpflanzung in einen andern Boden sängt er an, andere Anschauungen, andere Begriffe in sich aufzunehmen. Er ändert sich, meist ohne es zu wisse», niit seinen Umgebungen, und sobald er an's andere Ufer getreten ist, fließt ihm alles lebendige, unmittelbar wirkende, nicht rcflektirtc Leben nicht mehr von Deutschland zu. Er wird ein Bestandteil des Volkes, unter das er sich begibt. Beim Kolonisten, der in ein bisher unbekanntes Land zieht, welches er der Kultur erst abgewinnen soll, dauert dieser Prozeß einige Menschenalter länger, einmal, weil seine geistigen Stnzen hinter ihm in der Heimat liegen, dann aber, iveil er mehr Zeit braucht, um ein selbständiges Leben aus sich heraus zu cnt- wickeln. Wenn er aber schließlich in diesen Entnntionalisirungs- Prozeß eintritt, so gewinnt er ihn nicht etwa durch engeren Anschluß an's Mutterland, sondern durch anfänglichen Unge- horsam, spätere offene Auflehnung und endliche staatliche Unabhängigkeit." Ich habe diesen Worten des vielgenannten und vielgewandteu Herrn Friedrich Kapp hier nicht allein deswegen einen ver- hältnismäßig großen Raum gewährt, weil sie an sich recht in- teressant und für die liberale Anschauung der Kolonisations- und Auswanderungssrage karaktcristisch sind, sondern weil sie auch das ohne Rückhalt, wenn auch mit einem erstaunlichen Aufgebot schöner Redensarten, enthüllen, was Herr Nohlfs und mit oder wohl vor ihm die„liberal" gesinnten Herrschaften alle eine„gesunde" Kolonisation nennen. Gesund ist die Kolonisation, wenn die Kolonisten Jahr- hunderte oder wenigstens Jahrzehnte lang mit allen nur denkbaren Unglücksfällen, mit der allerhärtesten Not zu käm- pfen gehabt,—— gesund ist sie, wenn die Kolonisten fleißig au einander mit Revolver und Bvwiemesser herumoperircn,—— gesund ist sie, wenn der Kolonist mit seinem Vaterlande die Fühlung verliert, um sie nimmer wieder zu gewinnen. Sowohl die sehr zahlreichen Vertreter der Ansicht des Herrn Kapp, als auch Herr Nohlfs werden gegen diese meine übrigens „streng sachlichen" Ausschnitte aus dem künstlerisch gefügten Phrasenkonglonierat der Kapp'schen Rede mancherlei einzuwenden haben. Tic lange Dauer und die Schwierigkeiten des Existenz- kampfes ebenso wie die Herrschaft des Revolvers und seines schneidigen Kumpans, des Bowieknise, sind unvermeidliche Uebel, unvermeidlich so lange eine Kolonisation in den Windeln läge, — werden sie sagen. Und Herr Rohlfs wird sogar gegen die Wahrheit des dritten meiuer aus Kapps brillanter Rede extra- Hirten Lehrsazcs energisch protestiren,— denn warum wollte er sonst deutsche Kolonie» von Deutschland selbst angelegt sehen? Herr Kapp hätte gut getan, in seiner oben wiedcrgcgcbcncn Ausführung die angeblich notwendigen Uebel von dem über sie tröstenden, sie an Bedeutung weit überragendem Guten, das die Kolonisation, wie er sie für die einzig wahre hält und wie sie ihm so„herrliche Beweise für die Unverwüstlichkeit der guten Menschcnuatur" liefert, äußerlich für jedermann erkennbar zu behandeln. Dieses Guten ist nämlich in der Tat mehreres ernsthaft zu berücksichtigen. Einmal ist es in der Tat von durchaus vorteilhafter Wirkung, wenn der Kolonist von den beengenden Schranken, ivelchc ihm inc Mutterlande herrschende Anschauungen, Herkommen, Sitte, obrigkeitliche Verordnungen und Gesezc ziehen, frei ist. Dadurch gewinnt er an Selbstvertrauen und geistiger Spann- kraft und verliert die Scheu vor körperlicher Arbeit überhaupt, wenn er dcu sogenannt besseren, sich wirklich oder eingc- bildetermaße» mehr geistig beschäftigenden Gesellschaftskreisen angehört hat. oder doch die Scheu vor der nicht eigens in mehrjährigem Lehrlingskursns erlernten Arbeit wie auch vor der nieder» Arbeit bis zum Straßenkehren und Stiefelpuzen hinab. Ferner ist nicht minder vorteilhaft, wenn der Kolonist sich ganz und allein ans sein Können und Vollbringen angewiesen fühlt; wenn ihm die Verhältnisse begreiflich machen, daß er vor der Alternative steht, mit Aufgebot aller Kräfte zu arbeiten und dabei ein wenn schon mühseliges Dasein zu fristen, oder rasch und, ohne daß sich auch nur eine hülfreiche Hand nach ihm ausstreckt, auch nur ein Bcttclgroschcn für ihn abfällt, elend unterzugehen. Wcr nicht arbeiten, ehrlich und angestrengt ar- besten will, der soll auch nicht essen,— dieser köstliche Bibel- grundsaz soll und müßte in allen Kolonien gelten,—— hoffentlich gilt er in nicht allzuferner Zeit nicht nur in!>to- lonien. Schließlich ist es auch keineswegs so übel, daß in Kolonien der in seinem Berufe Schissbrüchige, dann das verbummelte Genie und endlich auch derjenige, der diesen oder jenen schlechte» Streich auf seinem Gewissen, diese oder jene kriminelle Bestra- fung auf dem Kerbholze der Gerichtsnotorietät hat,„drüben" neben jeden„bisher noch unbestraften", selbst neben den wirk- (ich ehrenhaften Mann treten, mit ihm in redlicher Arbeit sich messen darf, tvenn er es noch vermag. Damit sind wir denn aber auch, meiner Meinung nach,» mit allem am Rande, was als wirklich nuzenschasfend, scgen- bringend aus dem Kapp'schen Dithyrambus auf die aller staat- lichen Ordnung baare», sich selbst langsam aus dem Ehaos sozialer Urspriinglichkcit herausarbeitenden Kolonien hcrausgc- schält werden kann. Aber selbst an das, was wir dem aus dem Munde des Herrn Kapp sprechenden Liberalismus zuzu- gestehen vermochten, müssen noch einige gewichtige Fragen resp. Bemerkungen gehängt werden. Zunächst die Bemerkung: Wenn es auch entschieden zu billigen ist, daß in dcu Kolonien kein Vorurteil dem Berufs- lose», dem Vcrbuninicltcn und dem ehemaligen Sträfling als Gleichberechtigter neben Besseren seinen linterhalt zu erarbeiten unmöglich macht,— so ist es doch kaum gut oder gar herrlich, daß die stets zur Zuchtlosigkeit sich auswachsendc Ordnungslosig- kcit dem Strolch erlaubt, mit dem Revolver oder dem Bowic- messet in der Faust dem arbeitsamen und braven Menschen das ehrlich Erworbeue abzunehmen oder mit Hilfe der Spielbank oder des Würfels, des Pferdedicbstahls oder sonstiger Ränke und Halunkerei abzuschwindeln und abzujagen? Tie liberalen Kolonialanarchistcn vom Schlage des Herrn Kapp werden antworten: Ter Brave mag sich und tvird sich mit dem Revolver verteidigen, und wer zwingt ihn zu spielen? Schon recht! Unglücklicherweise kann das Verteidigen nicht früher beginnen, als das Angegriffcntvcrde», und was ein rechter Revolverheld ist, der weiß in den meisten Fällen seine Angriffe so einzurichten, daß die Verteidigung erst im besseren Jenseits beginnen könnte. Und das Spielen und sonstige Begaunert- werden? Wer die Langeweile eines über alle Maßen eintönigen Kolonistenlebens kennt, wer da tvciß, daß unter zehn Menschen kaum einer dem immer wieder vor sein Auge tretenden bösen Beispiel zu widerstehen die moralische Kraft hat, wer da an sich oder andern die täglich, stündlich von neuem einzuheimsende Erfahrung gc- macht hat, daß die ehrlichen Leute fast immer und bis in de» tausendsten Wiederholungsfall die vertrauensseligen und jedem Schurken bequemen Leute sind— der wird ohne iveitcrcs zu- geben, daß da, wo die einzigen Regulatoren des sozialen Lebens Revolver und Bowieknise sind, die Chancen der Schurken, ilff' Leben zu fristen und sogar zu Vermögen zu gelangen, gegen- über denen der Ehrenmänner anfänglich sicherlich mindestens wie zehn zu eins stehen. Freilich wird trozdeni die Anarchie nicht gar zu lange dauern, „Vernunft und Sitte" oder vielmehr eine stetig sich mehr festigende politisch-soziale Ordnung wird das jammervolle Ungetüm der Anarchie verdrängen. Aber ob daran nur oder hauptsächlich die herrliche, unver- wüstlichc Menschcnuatur Schuld ist. scheint mir doch sehr die Frage; gar oft entdeckt der Geschichtsforscher im Dienste der Kultur schlimme Gesellen— die schmnzigen und schlechtesten Eigenschaften des Menschen sind nolens volens mit am Werke. Wenn sich der Held des Revolvers oder Bowiemessers, der Künstler des Paschwerfens und Volteschlagens allgemach mehr „verdient" hat, als er in allernächster Zeit zn verlndern ge- denkt, da kommt so sicher, wie zweimal zwei vier ist, auch über ihn der Eigentumsrappcl,— oder, nm mich möglichst poetisch auszudrücken,— der moralisch erhebende Hauch der Heiligkeit des Eigentums weht auch ihn an. Er sagt zu sich selbst: du hast nun Raub und Betrug nicht mehr nötig,— er wird gerührt und denkt: nun könnte nian das eigentlich abschaffen. Du willst dich nm dein Sauercrworbencs nicht mehr raufen, du willst auf deine alten Tage genießen und deine Kinder sollen dereinst anständige, ruhige Bürger sein, deine Mittel erlauben ihnen das! Und so begibt er sich dann irgendwohin, wo man ihn nicht so genau kennt, schließt womöglich mit den Pfaffen, die überall in der Welt die Werbetrommel für die ewige Seligkeit schlagen, Frieden und Freundschaft, unterstüzt sie nach Kräften bei dem Gründen frommer Gemeinden, läßt sich in ein bürger- liches Gemeindeamt wählen und—— Vernunft und Sitte, nicht besser und nicht schlechter, als sie so im Durchschnitt zn sein pflegen, halten an der Hand des Nevolverveteranen und des invaliden Tempelritters Einzug in das bisher chaotische Sammel- surium abenteuerlicher, mit Gott und der Welt zerfallener Exi- stenzcn. Die Bemerkung ist etwas lang ausgefallen; umso kürzer ist die Frage: Wo finden denn unsre gegenwärtig zu hundert- taufenden auswandernden Landsleute so primitive Zustände als sie der Vertreter des Liberalismus im Auge hat? In den Vcr- einigten Staaten von Nordamerika? Von taufenden gehen doch keine zehn soweit gen„Westen", daß sie keine Spur staatlicher Ordnung mehr erreicht, wenn das überhaupt noch geschehen kann. In Südbrasilien oder Centralamerika? Das Jdealland für Ihre Kolonisation, meine Herren Liberalen, ist, sofern wir Wege und Ziele unsrer Auswanderlcgionen ins Auge fassen, ein Nirgendheim,— Herr Kapp hat phantasirt ins Blaue hinein—— Freilich freier, in politischer oder sozialer Beziehung, ist jeder Kolonist, selbst— wir so unbändig freien Deutschen, als er im Muttcrlande war. Der väterlich besorgte Schuzmann, der um ll oder 12 Uhr Wirtshausruhe gebietet; der wildfreundliche Gensdarm, der jeden mit etwas ähnlichem, wie ein Schieß- gcwehr, Bewehrten draußen auf dem Felde nach der Jagdkarte frägt; der ganz heimlich das Staatsgebäude stiizendc Kriminal- Wachtmeister, Meister im Gehorchen und Horchen, welcher darüber wacht, daß niemand im Land über den Prinzen A oder den Minister X etwas unehrcrbietiges laut oder leise denkt;-- der Bureauchef oder der Fabrikherr, der seine politische Religion für die allein seligmachende hält und seine Untergebenen mit aller Gewalt damit zu beglücken strebt,— sie alle folgen dem Auswandernden weder nach der Republik Nordamerika noch nach dem Kaiserreich Brasilien— soviel steht fest. Auch unsere Standesvorurteile, unsere Verachtung der nie- deren Arbeit, gleichwie die Verachtung dessen, der Gefängnis und Zuchthaus blos von außen kennt, auch vonseiten jenes, der es mit dem Aermel gestreift hat, gegen den, der darin frei Quartier genossen, und— auch sie sammt mancher andern Schwäche und Narrheit, manchem Stück Zopf bleiben bei uns im Lande und nähren sich redlich. Aber wäre denn die deutsche Regierung, wenn sie Kolonien gründete, Land dazu erwürbe oder sich aneignete, wirklich ganz unfähig, freiere Zustände im anderen Weltteile zu dulden, oder um die Sache gleich korrekt anzufassen, wäre sie überhaupt fähig, all' das Gerümpel von Vorurteilen, Bräuchen und Miß- bräuchen, die die Schaffenskraft eindämmen, in den Kolonien zu konserviren?— Und hiermit sind wir denn bei den Haken angelangt, von denen ich eingangs des ersten Artikels schrieb. Erwirbt Deutschland irgendwo in der Welt Landstriche zum Zwecke der Kolonisation, so muß es den Kolonisten ein voll- gerüttelt und geschüttelt Maß persönlicher Freiheit und auch eine tüchtige Portion politischer Freiheit gewähren, sonst wird die Kolonie nimmer zur Blüte gelangen, sonst kann die Regie- rung mit ihren Räten und Subalternen, mit ihren Polizisten und Soldaten und Sträflingen allein Kolonisten spielen,— der Zug der Masscnanswandcrnng aus Deutschland ginge nach wie vor zum unendlich überwiegenden Teile nach der großen trans- atlantischen Republik und daneben nach Brasilien, Centralamerika, Australien u. s. w. Große für Deutschlands Zukunft bedeutsame Kolonialprojekte kann die Rcichsrcgiezmng also gar nicht ausführen, ohne daß sie ihre Kolonien und deren Bewohner sich mindestens so selbst überläßt, wie es England tut. Ja Deutschland muß an Frei- sinnigkeil selbst mit Nordamerika wetteifern, und da dies blos in den Kolonien unumgänglich notwendig ist, so würden vielleicht auch die Herren Staatsmänner sich schließlich dazu bequemen. Freilich das böse Beispiel— die Zugluft der Unabhängig- kcit, der ernstlichen Opposition, der von den Kolonien ins Mutterland herüber wehen würde? Es ist möglich, daß wir schon längst eigene Kolonien hätten, wenn man an maßgebender Stelle das nicht bedacht hätte und immer noch bedächte. Nun— die Weltgeschichte hilft solcher Bedachtsamkcit zu- weilen rasch auf die Beine. Herr Hofrat Rohlfs meint, in zehn Jahren ist es zu spät für Deutschland, und wenn er je- mals wahr gesprochen, so hat er es allem Menschcnermessen hier getan. Die anderen liberalen Herren freilich meinen, daß Deutschland Zeit hat, sie haben auch immer Zeit— das Früh- aufstehen ist nie ihre Sache gewesen. Stgütl, das Evaiigllium tum|rfu in stinen Kemhungen jnr önddhalthre und Knddhasage. Endlich ist von benifener Seite die große, Jahrhunderte lang nur >eis berührte Frage nach den. Zusammenhange des Christentums mit dem Buddhismus in ernsten Angriff genommen. Die Wissenschaft der hergleichenden Religionskunde beweist mit dieser Tat ihren Ernst und >hre Redlichkeit. Denn es ist eine Tat, es ist ein Wagnis: der Christen- hell gradcheraus zu erklären, daß ihre heiligen Urkunden auf den Ueber- ueserungen des BuddhaMms beruhen, auS ihnen zumtcil wörtlich her- geleitet sind. Unter Vorurteilslosen konnte darüber schon längst kein Zweifel mehr bestehen! Die Verwandtschaft war zu augenscheinlich— 'Mb da man ohne weiteres annahm, daß die Buddhalitcralur älter sei, d>>eb eben nur übrig, aus ihr die Evanqelienmytcn abstammen zu lassen. war aber doch immer blos eine Annahme. Den Beweis hat erst Prof. Dr. Stichel in seinem soeben erschienenen, obengenannten Werke ""getreten, dessen Inhalt wir im Folgenden kurz wiedergeben. Der Verfasser leitet die Berechtigung zu seinen Untersuchungen paulinisch freien christlichen Grundsäzcn her und beruft sich zu- gleich aus LessingS Wort:„Das Christentum sei älter als seine heiligen Bücher." Die auf derart von ihren Anhängern geheiligten Urkunden und schriftlich fixirten Ueberlieferung beruhenden, von Max Müller als allein maßgebend angenommenen sechs Buchreligionen könne man noch beliebig aii Zahl vermehren; z. B. durch die assyrische, der Bibel ver- wandte, heil. Literatur u. s. w. Bei allen aber bleibt der Gläubigen Regel, ihres Glaubens Entstehung sich durch einen übersinnlichen Ein- fluß zu erklären, während doch die Religionsstifter selbst jederzeit leb- Haft gegen solche Wundermachcrei protestirten, da ihre Aufgabe von ihrer eigenen Seele stets rein geistig gesaßt sei. Im Gefühl nämlich ihrer inneren unbedingten Wahrheit und selbstbewußten göttlichen Heilig- I feit verschmähen sie jedes äußere Zeugnis. Folglich scheint dem Ver- fasser, vom allgemein menschlichen oder streng unparteiisch-historischeu Gesichtspunkt aus, eine hervorragende Glaubwürdigkeit der geistlichen Ueberlieferung in allen jenen äußerlichen, sagen wir„mytischen" Be- wcismitteln so wenig vorhanden, daß vielmehr die Annahme eines Ein- wirkens buddhistischer Vorbilder auf die christlichen Evangelien und auf die zunächst sich anschließenden neutestamentlichen Schriften große Wahr- scheinlichkeit für sich habe. Gründe dafür seien— abgesehen von: a) der Gleichheit vieler Misten, die sich gewissermaßen„religionsge- sezlich" aus ähnlichen und naturgemäß erklärbaren Entstehungsursachen herleiten lassen, deren Ansänge mithin auf der menschlichen Phantasie- beschaffenhcit als ihrem allgemeinen Fruchtboden beruhten;— b) die nur durch Nachahmung, nicht durch zufällig gleiche Phantasiewirkung, erklärliche Uebcreinstimmuug zahlreicher Einzelheiten; als da sind alle aus der Buddhalileratur herübergenommenen Myten, die wenigstens »och ungezwungen sich in die hebräische Vorstellungswcise hineinfugen, nämlich: I) Die„Verkündigung"— etwas Häufiges an sich— man denke nur an Cyrus, Romulus, Confucius, Alexander, Dschingischan u. s. w.—; aber in der evangelischen ganz bestimmt von anderen unterschiedenen Fassung unzweifelhaft dem buddhistischen allein cnt- sprechenden Urbild« nachgeformt; 2) der Stern der Magier und ihre Geschenke; 3) die Huldigung durch Asita(Simeon); 4) das Suchen der Eltern, ganz natürlich im Zusammenhang der Buddhabiographie; sehr gezwungen und in einer etwas weithergeholtcn Umbildung hereinge- zogen in die Evangeliengeschichte; 5) die zu Buddha kommenden Rischi- jünger mit ihrem Wiederabfall und spät erneuten endgültigen Anschluß offensichtig nachgebildet in der Erzählung von Johannes des Täufers zu Jesu übertretenden Jüngern: K) die Taufe; 7) die Versuchung; 8) die Reihenfolge der fünf ersten Jünger: 9) die Seligpreisungeu in der „Bergpredigt"; 10) die Aussendung der Apostel; 11) das Pfingstwun- der; 12) Ausdrücke wie:„Wer Ohren hat zu hören!c." und alle Hymnen oder Hymnenklänge bei Lukas, die der buddhistischen heiligen Liturgik treu nachgearbeitet sind, c) Die nur aus blinder Abschrcibcrei begreif- liche Wiedergabe solcher Gedanken und Erzählungen, deren Fundament allein und rein brnlintinisch sei, die also ganz und gar jeder reli- giösen Basis im palästinensischen Gewände entbehrten: nämlich 1) die Darstellung im Tempel, 2) das Fasten(in seiner spezifisch indischen Form), 3) die Anspielungen auf eine Präexistenz Jesu, die ganz und gar unjüdisch genannt werden müssen, 4) die Hereinziehung des, beim Evangelisten durchaus unverständlich erwähnten Feigenbaumes, Joh. 1, 48.— 5) die im Mosaismus unbegreiflichen Hindeutungen auf die Idee der Seelenwanderung z. B. bei der Geschichte vom Blindgebornen, Joh. 9., der„vor seiner Geburt gesündigt zu haben" gedacht werden soll— ein Gedanke, entschieden undenkbar für jüdische Weltauffas- sung, dagegen allgemein angenommene, in zahllose» Wendungen wie- derholt ausgesprochene und uralt herkömmliche Anschauung des indisch» Bewußtseins.— Hierzu kommt endlich die nur aus des Verfasscs Hypotese zu erklärende merkwürdige Tatsache, daß alle und jede lieber- einstimmung aufhört, sobald des buddhistischen EvangelienbuchS Schluß- Punkt im neutcstnmentlichen Erzählungsgange erreicht ist. So gliedert der Verfasser die oft schon von zahlreichen Forschern berührten lieber- einstimmungspunkte, die er zu ferneren Untersuchungen insgesammt auf- geführt hat und deren Uebersicht wir nachstehend wiederholen, da uns eine solche Wiederholung bei der Neuheit der Sache für das größere Publikum notwendig scheint. Die Aehnlichkciten nämlich sind in ihrer Reihenfolge nach der synoptischen Biographie Jesu aufgezählt folgende: ii 1) Genealogie, 2) Englischer Gruß und Verkündigung, 3) Empfängnis vom heiligen Geiste, 4) Wunderzcichen schon vor der Geburt, 5t der Stern der Magier, 6> Bethlehem, die Davidsstadt, wie Kapitavahte, Buddhas Geburtsort, heil, llrahnenwohnsiz war, 7) Hirten und Engel I bei der Geburt, 8) Gold, Weihrauch und Myrrhen, 9) Simeon(Asita), 10) Hymnen, 11) Hcrodes Furcht, Erkundigungen und Anschläge, 12) Namengebung, 13) Tempeldarstelluiig, 14) Suchen der Eltern nach dem Sohn, 15) Frühreife desselben, 16)„Damit erfüllt werde, was gesagt ist", 17) die„Stimme des Predigers in der Wüste", 18) langes Aasten, 19) Taufe, 20) Versuchung, 21) Vorläufer, 22) Berufsweihe, 23) Alter von etwa 40 Jahren, 24) Feigenbaum, 25) Jünger, 26) Amtsantritt, 27) die Seligpreisungen(Bergpredigt), 28)„Heimatlos, chlos, arm", 29)„Auf Bergen" ze., 30)„Es jammerte ihn des Volks", 31) Arzt, Heiland, Erlöser, 32) Universal: für Zöllner, Sünder, Mag- dalenen und Samariterinnen, 33) das Heilsziel, 34) die Heilswege, ivechselnd wie im Christentum zwischen bloßer Werkheiligkeit und reiner Glaubeussestigkeit, bald auch nach Art der Christensekien bald dies bald jenes, Gnadenwohl u. s. w., betonend, jedenfalls im Kircheutum gleich ebenso doktrinär dogmatistisch verdunkelt; 35) Wer sein Leben lässet, der wird es finden; a) Selig sind die Armen(„Verkaufe was du bast"): b) Wer sich erniedrigt, wird erhöht; c) Selig sind die Verfolgten; (I) Reiße dein Auge auS ze.— 36) Speziellere Moral, 37) Gleichnisse, z. B. Licht und ixinstenlis, Sonne, Feuer, Rege», Wasser, Bäume, Pflanzen, Wachstum, Gras, Seuskorn, Juwel, Perle, Schäze und Spreu, Haushalter, Lampe, Bande, Stricke, Last, Weg, Pforte, Blinde, Blinden- leiter, Arzt und Kranke, Reicher und Knecht, Erbe, Vater, Hausherr, Verlorener Sohn u. s. w.; 38) Verhältnis zu Galt, Osfcnbarungs- bcwußtsein, 39) Wunder, 40) Erfolge, 41) Kämpfe und Anfeindungen, 42) Jüngcrunterweisung, 43) Todesahnungen, Abschiedsreden, 44) der Parallel, 45) Zukunstsrcden, Weltkatastrophcn, 46)„Dies ist mein Leib, dies ist mein Blut," 47) die Dreizahl, 48) Einzelne Rcdesormeln, z� B.„Wahrlich ich sage euch"—„Iß, trink, sei fröhlich"—„Wer Ohren hat, zu hören, der höre".— Auch bloße Verbindungsphrasen, z.B.„Zu dieser Zeit" u. dgl. m. Manches davon nur leise aiiklingcud besonders der Üil und Ton in Jesu Dialog mit Schriftgclchrtc» u. s. w. 49)„Gehet hin in alle Welt," 50) Tod unter Wundcrzcichru, Kleider- Verteilung, 51) Der Sündenlohn. Höchlichst anziehend ist die Betrachtung des Parallelismus im Weiterfortgang der beiden Weltreligionen. Die buddhistische Patrislik und Kirchengeschichte erscheint wie ein Prototyp der christlichen, nur folgerechter und originaler, auch großartige«, wie ja schon das Papst- königtum des tibetanischen Dalailama oder Lee ans der Priester unendlich erhabener ist als der schwache Abglanz des jesuitengestiiztcn römischen Hierachieversuchs, dem troz aller Mühe nie unbedingte Gött- lichkeit zuteil ward. Sogar in Kleinigkeiten ähneld das Christentum seinem Prototyp: so weiß man, daß jener Mönch sich für größer denn Gott erklärte, weil er selbst im Abendmahl Gott durch Transsubstan- tiation schaffe. Die buddhistischen Mönche predigten ähnlich: wer einen Gesczauslcger beleidigt, ist ein größerer Sünder, denn der den Allwissenden(Buddha) selber lästert. Ur. A. P. Auch rin psychotliglschrs ZüHfrl. Schattenriß aus der Kulissenwelt. Von Eduard Müller-Gauger. Panem et circenses! Das eine— panem, sein täglich Brot— findet der, der arbeiten will, wird behauptet; das andere— eireeuves, Lebensgenuß— findet das Volk nicht in den überreichlich gebotenen Konzerten, Salonlust spielen und Soldatenkomödicn unserer heutigen Theater, behaupte ich. Im Zirkus und in der Seiltänzerbude ivird mau für seine paar Gro-. scheu auf den Olymp verbannt. Wer nicht stoßfeste Weichen, Ellbogen- Talent und den gehörigen Fernblick hat, ficht sich um den Genuß be- trogen. Da hat denn daS Bedürfnis eine neue Gattung von Kunstpro- duktion geschaffen, das sogenannte Theatre variets, dessen Protektion Apoll schon wegen des Nebengeruches von Tabak(das Theatre variete genießt allein das Privileg, daß in ihm geraucht werden darf, weShalb es auch mit„Rauchteater" kurzweg iibersczt zu werden pflegt) verschmäht hat. Die Schwingung ist das Grundprinzip so ziemlich aller daselbst geschlürften Genüsse. Am Trapez schwingt sich Miß Wanda; in ihren Zähnen schwingt sie gleichzeitig Zentnerlasten. Der musikalische Neger schwingt zähnefletschend die Ziebharmonika, Aus der Kehle der feschen Chansoncttensängerin schwingen sich reine und unreine, richtige und falsche Töne und vcrsezen die Gesühlsncrven von Alt und Jung in Vibrationen. Der Kraftmensch schwingt Eisenstangen, die zwei Mann gewöhnlicher Konstitution mühsam heben, wie Spazier- stöcke um die Ohren. Kraft ist alles: die Zungenfertigkeit des Couplet-Koinikers, die Unvcrtvüstlichkeit der Chanionette, die Kinnbacken der Miß Wanda, der Nacken des Herkules: die Kraft sezt sich um in Wärme und Wärme ist Wohlbehagen. Der Ruf nach circenses ist gestillt mit Wohlbehagen.— Wir sizen im Theatre variete. Bierseidel ringsum; Tabakwvlken ziehn darüber hin. Die intcressantcstc Nummer des Programms kommt an die Reihe: die ans Unglaubliche grenzenden Kraftproduktionen deS Herrn Ferrand Rodrigo, genannt der Herkules des Jahrhunderts. Er tritt auS der Kulisse und verneigt sich zweimal vor dem Pu- blikum. Der erste Eindruck ist: Muskulatur: der zweite: eine natür- liche Grazie, ein Zug von Gutmütigkeit in dem verhältnismäßig klei- neu Kops. Er leistet Erstaunliches. Er hebt Zentner wie Federbälle, balan- cirt Menschen auf den Armen und läßt sie unbeschädigt nieder. Er macht alles mit einer gewissen großmütigen Miene, als wollte er sagen: „Ich habe die Kraft, diese Säulen, die Stüzen des Saales umzureißen und euch unter seinen Trümmern zn begraben; aber lebt, ich schenke euch das Leben; obwohl ich der Mächtigere, bin ich doch friedlich ge- sinnt: ich bin einmal heute in der Gcbclaune." Jezt mißlingt ihm etwas in Folge der Ungeschicklichkeit seines Dieners. Die Zornadern schwellen ihm auf der Stirn, das Blut schießt ihm zu Kopf, er schleudert ein paar vernichtende Blicke auf seinen Diener, der erbleichend und furchtsam zurücktritt. Die Zornesausbrüche dieses Menschen müssen furchtbar sein, sagen wir uns. Es ist gewiß eine durch und durch rohe Natur: gefühllos, rücksichtslos läßt er sich im Vertrnun aus seine körperliche Ueberlegeuheit bei dem geringsten Vorkommnis zu den brutalsten Handlungen hinreißen. Diese Betrach- tung verleidet uns den ganzen Kunstgenuß, denn wir erblicken in seinen Kunststücken nur noch die Folge einer einseitigen Ausbildung der Mus- kulatur unter Vernachlässigung der dem Menschen»öligen Pflege des Geistes und des Herzens.' Ja, ja, die stumpfen Gesichtszüge, diese niedrige Stirn sagen genug. Seine lezte Produktion ekelt uns gcra- dezu an: er läßt einen schweren Ambos aus seine Brust sezen; vier Männer beginnen große Schmiedehämmer mit aller Wucht auf denselben zu schlagen. Der Herkules, dessen ganzer Körper unter den Schlägen zittert, betrachtet stininliizelnd und scheinbar kaltblütig die Schmiedegcsellen. Wir blicken weg. Tie Produktion ist zu Ende. Vom frenetischen Jubel der Menge begrüßt, die das Rohe, Gewaltsame liebt, verbeugt er sich mit keuchender Brust und verschwindet. Unser Nachbar kennt zufällig die Lebcnsgeschichte und den BildungS gang deS Herrn HerkulcS genau. Er heißt nicht Ferrand Rodrigo und ist auch nicht spanischer Herkunst; seine Wiege stand vielmehr am Ufer der Pleiße zu Leipzig, und er heißt wie sehr viel andere Leute mehr, nämlich Schulze. Rodrigo klingt nur besser. Er war seines Zeichens Mczgcr und hat iviederholt wegen gewalttätiger Handlungen im Ge- fängnis sizen müssen. Während wir auf diese Weise der lezteu Illusion bezüglich seiner Künstlernatur beraubt werden, schwärmen am Nebentisch ganz ungenirt junge Damen, denen man die Leichtlcbigkcit und Gedankenlosigkeit auf zwanzig Schritt ansieht, von dem herrlichen Körperbau, dem schönen Kops und den feurigen und doch sanften Augen des Herrn Fcrrand Rodrigo. „Tem kann es nicht an Erobrungcn fehlen", sagt die eine. „Da irrt ihr euch sehr", sagt die andere.„Der fragt nach nie- mand; er ist verheiratet und wohnt mit seiner Frau bei meiner Tante. Sie soll aber ein Scheusal sein, eine wahre Xantippe. Tag für Tag regnet es Schläge in ihrer Wohnung, und was das Beste ist, nicht er prügelt sie, nein, umgekehrt, sie prügelt ihn." Die übrigen lachen die Erzählerin aus. Auch uns erscheint das Gesagte als der helle Wahnwiz. Dieser allem Anschein nach so rüde Patron wär' der leztc, sich prügeln zu lassen. Oder sie muß ein Riesin sein und ihm an Körperkrast überlegen, so dag den Prügeln stets ein Ringkampf voranzugehn pflegt. Dann ist es allenfalls möglich. „Seine Frau holt ihn jeden Abend aus dem Teater ab, aus Eifersucht, er könne einmal eine andere nach Hause bringen."-- Rrrr, ein ander Bild. Ucber die Chansonette haben wir den Herkules ziemlich vergessen. Bald haben wir den ganzen Schwindel satt und brechen wenig erbaut auf. Wie wir de» Hausflur passiren, schreitet eine auffallend häßliche Frauensperson an uns vorüber. Ist das ein giftiger Blick, ist das ein verbissener Mund, ist das eine breitgedrückte Nase, sagen wir»»- willkürlich. Jenes gewisse Etwas in Kleidung und Benehmen, das schwer zu definire», aber auch schwer zu verkennen ist, verkündet, daß die Person zum„Bau" gehört, nämlich zur Künstlerschaar des Theatrc va- rietö, oder wenigstens als Gattin oder Verwandte Fühlung mit diesen Kreisen hat. Mit besonderem Rassinement bat die kleine, ganz ab- scheuliche Dame durch ungewöhnlich große Ohrringe, durch Brosche, Ringe, kostbaren Pclzbesaz ihre Häßlichkeit in allen Einzelheiten aus- fallend gemacht. Wie vom bösen Geist getrieben, trippelt sie auf und nieder, den Vorübergehenden in unverschämter Weise den Weg vertrc- Icnd. Wir bleiben einen Augenblick stehen, das Naturwunder von Häßlichkeit und pfnueuartiger Gespreiztheit anzustaunen. Da öffnet sich die Tür zu den Garderoberäumen des Künstler- Personals, und heraus tritt, in einen einfachen dünnen Rock gehüllt, eine» etwas schäbigen Calabrcser auf dem Kops, einen dicken wollenen Shawl nni den Hals gewürgt, der„schöne" Rodrigo. Ihn erblicken und mit einer Flut von Schimpfreden auf ihn losstürzen, ist bei dem kleinen Monstrum von Häßlichkeit einS. Wie gebannt bleibt er steh» und blickt mit tätlich verlegenen Blicken auf das Publikum, das sich rechts und links ansammelt. „Ist das ein Benehmen für einen Ehemann? Mit den geschminkten Dirnen will der Kerl sich umhertreiben! Du niederträchtiger Mensch, du Betrüger, km» in' du mir blos nach Hause!" Mit solchen Jnvck- tiven fährt und zischt sie in ihn hinein wie eine giftige Schlange. Plözlich packt sie ihn am Handgelenk und zieht ihn ans die Straße hinaus und fort. Er stolpert geduldig mit. Wir sehn uns groß an. Ist es die Menschcnmöglichkeit? Das ist die Omphale des Herkules; vor ihr beugt sich der Gewaltige, um sie demütigt er sich? Aber Omphale war schön, war eine Fürstin. Sie hingegen ist ein Ausbund von Häßlichkeit und offenbar von Gemein- heit. Wie hängt das Wunder zusammen? Das muß ergründet werden. Bon dort kommt das Gekeife. Das sind sie. Wir gehen fünf Schritte hinter ihnen. Es weht eine eiskalte Nachtlust uns entgegen. Dank ihr entgeht. uns kein Wort. „Du miserables Subjekt, du verdienst meine Liebe gar nicht, wenn du mich auf solche Weise hintergehst," schreit sie. Er hält den Shawl vor's Gesicht, denn er ist noch über und über in Schweiß, und versezt mit einem so grundgütigen, herzlichen, schlichten Ausdruck, wie dessen nur ein gutes, tvohlwollendes Herz und ein schuldfreies Gewissen sähig ist: „Mein liebes Mäuschen, ich wiederhole dir nochmals, dn irrst. Beruhige dich doch; es ist mir nicht eingefallen, mit einer der Ehanso- netten ein Wort zu sprechen. Ich weiß, du wünschest es nicht; gut, ich unterlasse es. Ich kümmere mich um niemand." „Du infamer Lügner," keift sie und versezt ihm einen Fußtritt, „ich habe im Publikum gestanden, ganz hinten, und habe wohl gesehn, wie du mit Miß Wanda, die in den Kulissen stand, kokcttirt hast." Er will etwas erwidern und verfällt in einen starken Husten. Sie läßt ihn nicht zur Ruhe kommen und schimpft, daß unser Innerstes sich empört. Wie kann sie es wagen, den Löwen so zu reizen? fragen wir uns. Ein Druck seines kleinen Fingers und er kann sie zerknicken>vie eine Binse. Seine Großmut ist es also, die der Zankteufel mißbraucht. Horch, er verleidigt sich wieder: „Sieh, ich habe dich so lieb, daß mir nicht der Gedanke an eine Untreue beikommt. Das schönste Weib kann mich nicht fesseln, weil ich dir zu gut diu, weil ich mich zu deinem Beschüzer und Ernährer i gemacht habe. Haben wir nicht so viel trübe Zeiten mit einander durchgemacht, wie könnte ich das jezt vergessen, da es uns gut geht?" Mit diesen Worten schlingt er seinen Arm um ihre Taille und neigt sich zärtlich zu ihr nieder. Plözlich erfolgt ein Schlag. Er fährt zurück, sie hat es gewagt, dem Herkules eine Ohrseige zu geben! Er erwidert kein Wort, hält sich die Wange und schreitet geduldig mit ihr weiter. So viel Zartgefühl, so viel Rücksicht gegen das schwache Geschlecht, so viel Großmut bei so viel strozendem Ueberschuß von Kraft! Wir haben uns sehr in ihm getäuscht; aber ein Rätsel, ein Widerspruch bleibt es trozdem, ein Spiel der launigen Natur! Ein Jahr nach jenem Abend im Theatie variete war verstrichen. Wir hatten die Geschichte mit dem Herkules und seiner Omphale schon halb vergessen, als uns der Zufall wieder in jenes Lokal führte. Die Programme verkündeten unter anderem:„Erstes Wiederauftreten des Herrn Ferrand Rodrigo, genannt der Herkules des Jahrhunderts, nach seiner Krankheit." Wir sollten unser» Freund wiedersehen; aber wie? Statt des vollen Haupthaares einige spärlich gesäte Härchen, das Gesicht gealtert, die Miene finster, das Licht der sonst so freundlichen Augen erloschen. Woher diese Veränderung? Der Nachbar, ein Habitue, war auch wieder da und erteilte uns folgende Auskunft:„Eine Erkältung, die er sich an jenem Abend zu- gezogen haben mußte, warf ihn auf's Lager. Er wurde ins Kranken- haus geschafft. Er hatte eine Lungenentzündung und schwebte am Rand des Todes. Die Aerzte gaben ihn auf. Da verließ ihn auch seine Frau treuloser Weise. Sie, an die er seineu ganzen Verdienst gehängt hatte, die in Gold und Seide prangte, während er beinahe dürftig einherging, vor der er niederkniete, um sich schlagen zu lassen — denn sie war zu klein, um an ihm hinauflangen zu können,— die er liebkoste, während sie ihn zauste und mißhandelte, sie verließ ihn und ließ ihn in bitterer Armut zurück. Der Schmerz um ihren Ver lust zog ihm ein Nervenficber zu. Aber seine starke Natur ließ ihn genesen. Seine Kolleginnen erzählen, er sei still und menschenscheu ge- worden; sehn Sie nur, mit wie viel Anstrengung im Vergleich zu früher er produzirt."——— Wir konnten den Mann nicht ohne Rührung betrachten. Er war roh und ungebildet. Die Liebe hatte ihn geadelt und nun— gebrochen. Er, der Robuste, war in seinem Gefühlsleben unbegreiflich sei», zart und weich. Ein uiigrllröiitrs �Irrisgrdicht. Vor einiger Zeit schrieb die Wiener„Deutsche Zeitung" eine Preis- konkurrenz sür die beste„österreichische Hymne" aus. Nachstehendes Gedicht Ivnrdc von einem(etwas naiven) Poeten eingeschickt und natür- lich nicht„gekrönt". Wo Kraft und Mut ir. Ob frei und kühn in lauter Städte Milte Der deutsche Geist die Adlerschwingen regt, Ob treu und schlicht die deutsche Art und Sitte Ei» einsam Haus im stillen Walde hegt— Es braust in dieser Stunde Von deutscher Männer Munde: Und wär's euch allen noch so unbequem— Wir sind und bleiben deutsch, troz alledem! Was wir erkauft mit Blut und Schweif; und Tränen, Was wir erkämpft in ehrlichem Gefecht, Wir Haltens fest mit Nägeln und mit Zähnen, Wir steifen uns auf unser gutes Recht. Ihr mögt die Lippen nagen— lins wird man nicht verjagen; Ob klar das Auge, ob es trüb und naß, Wir sind und bleiben deutsch, in Lieb und Haß! Wir waren stets das Bindeglied der Stämme, Und ivenn die Flut von Süd und Osten droht, Wir sind der höchste, festeste der Dämme— Wozu an beiden rütteln ohne Not? Es wird eilch wenig frommen, Ihr werdet weit nicht kommen, Und wir uns beugen? Ist nicht deutscher Brauch! Wir bleiben Deutsche, bis zum lezten Hauch! Von Lissas Strand zum Paß d-S roten Turmes Ruft zu den Waffen mahnend uns die Pflicht. Schon sind die Boten da des großen Sturmes— Er komme nur! es ist der erste nicht! Es ward in diesen Landen So mancher überstanden! Gesunde Kraft, sie jauchzt in der Gefahr: Wir sind und bleiben deutsch auf immerdar! Und winkt Germania nicht den treuen Söhnen? Wo ist der Feige, den die Prüfung schreckt, Wenn jeder Jubelruf und jedes Stöhne» Ein Echo rasch in tausend Herzen weckt? Germania, du hehre, Nun gilt es deine Ehre! Tief in den Osten haun wir dir die Bahn— Wir sind und bleiben deutsch, allzeit voran! Wir werden nie dem grimmen Feind zum Naube, Wenn Schulter wir an Schulter treulich stehn, Und felsenfest sei an den Sieg der Glaube, Denn solcher Glaube läßt nicht untergehnl Wir sind gefaßt aus alles Und rnfens lauten Schalles: Durch Kamps zum Sieg, zur Herrlichkeit durch Not! Wir sind und bleiben deutsch bis in den Tod! Das Fingerhakeln.(Illustration S. 148 u. 149.) Ter krastbe- gabten Menschen innewohnende Drang, die Stärke ihrer Muskeln zu erproben und sich mit andern zu messen, zu Zeitvertreib und Kurzweil wie zur Erhöhung des Ansehens, hat in früheren Zeiten allerlei gym- nastische Spiele entstehen lassen, denen teilweise eine gewisse Roheit anhastet und die zu beliebten Volksbelustigungen geworden sind, heut- zutage aber, wo die Gymnastik der Geister die der Leiber fast verdrängt hat und die Menschen mehr mit Zunge und Feder als mit der Faust sich zu messen Pflegen, als eigentliche Volksspiele nur noch bei Volks- stämmen angetroffen werden, die sich ihre Urwüchsigkeit bewahrt haben, in Gegenden, wo eine höhere Kultur noch nicht seßhaft geworden. Zu den Spielen dieser Art gehört anch das sogenannte Fingerhakeln, das gegenwärtig noch in Oberbaiern, besonders im Jsartvinkel, heimisch ist und von dem unser Holzschnitt ein drastisches Bild gibt. Zivei durch einen Tisch getrennte Gegner haken die Mittelfinger ineinander und beginnen aus allen Kräften zu ziehen, bis es dem einen gelingt, den Gegner über den Tisch zu reißen, zum großen Gaudium der amvesen- den Zuschauer und Zuschauerinnen, die mit lebhafter Spannung den Vorgang verfolgen und den Ausgang envarten. Es bedarf einer nnge« heuren Körperkrast, das Wagstück zu vollenden, und die Helden der Szene sind in der Regel Leute von atletischer Stärke. Das Spiel erinnert an den Akrocheirismus der Griechen. Bekanntlich war bei diesen die Gymnastik besonders ausgebildet und zivar waren die körperlichen Hebungen bei denselben von fünferlei Art. Sie bestanden im Springen, Lausen, Wersen(mit Wurfspießen, Pfeilen, Wurfscheiben ze.), Ringen und Faustkampf. Eine Art des Ringens nun war der Akrocheirismus (akros höchst, äußerst, cheir Hand', darin bestehend, daß man den Gegner bei den Fingerspizen ergriff, ohne irgend einen anderen Körperteil zu berühren. Nach der Behauptung von Krause war dies nur ein Vorspiel zum eigentlichen Ringkampf und keine selbständige Hebung. Judessen scheint diese Einleitung zum Kampfe doch an und für sich von Wichtigkeit gewesen zu sein, insofern gewisse Atleten daraus besonders ein- geübt waren, mehrere sich sogar darin auszeichneten. So soll nach Pansanias der Atlct Leontiskos von Messina sich niemals im Kampfe Leib an Leib ermüdet, sondern sich begnügt haben, die Finger seines Gegners mit solcher Kraft zu drücken und zu drehen, daß dieser genötigt wurde, sich für überwunden zu erklären. Auf diese Weise mochte der Kampf sich zuweilen auf dieses vorläufige Handkämpfen beschränkt haben. Von einem modernen Atleten im Fingerhakeln berichtet ein Augenzeuge folgendes: Im Niangfalltal beim Müller am Stain dient ein junger riesiger Bursch, der wegen seiner herkulischen Stärke als der „starke Daniel" im weiten Umkreis berühmt ist. Schon dessen äußere Erscheinung, die fast sieben Fuß hohe Gestalt und der eiserne Knochenbau, läßt den Herkules erkennen, und die Proben, die er von seiner Kraft gegeben, sind geradezu beispiellos. Ein volles Eimerfaß, das andere kaum aus den Wagen heben können, hob er mit beiden Händen frei über den Kops und trank aus dem Spundloch mit vollen Zügen, nachdem er den Pfropf mit den Zähnen herausgerissen. Und als in einem steilen Hohlweg ein Lastwagen ins Rollen kam, so daß ihn die Pferde nicht mehr zu halten vermochten, da siel der starke Daniel dem Fuhrwerk in die Speichen und es gelang ihm, dasselbe zu retten. Eine eiserne Schiene im Gewicht von 125 Kilo nahm er vom Boden auf und warf sie kopfüber hinter sich. Den stärksten Ringer hob er beim ersten Griff frei in die Luft. Nun wollte er's auch einmal mit dem Fingerhakeln Probiren. Es war im Sommer 1876. Einem 1 von Langgries, der weit und breit als Meister dieser Kunst galt und sich rühmen konnte, daß er noch niemals darin besiegt ward, bot der starke Daniel den Kampf an. Drei Gänge nacheinander wollten sie wagen und große Wetten wurden gemacht. Der stärkste eichene Tisch, den man ini Wirtshaus hatte, ward vor die Tür geschoben; überall auf den nahen Dächern und Bäumen suchten die Neugierigen Plaz. Nicht lange, so traten die beiden Kämpfer an die Enden des Tisches I und unter dem Jauchzen der bunlbelebte» Menge krallten sie die eisernen Finger ineinander, daß man es krachen hörte, der breite Fuß klammerte sich wie krampfhaft an die Erde, aber schon beim zweiten oder dritten Ruck begann der andere zu wanken, das Blut trat ihm in das vibrirende Gesicht, dessen Züge mitzukämpfen schienen, auf der Stinte stand ihm der Schweiß. Jezt bebte sein Fnß, ihm ward als ob der Boden schwände und mit dem nächsten Zug riß ihn der Daniel über den Tisch wie ein Tiger seine Beute davouschleist. Eine Weile rasteten die beiden, dann begann der zweite Gang mit demselben Er- folg.„Laß' ma's gut sein?" srug der Sieger im nachlässigen Ton, aber der andere bestand ans dem drittenmal, vielleicht daß es ihm doch gelänge, seinen bedrohten Ruhm zu behaupten. Er bat, daß er da- zwischen einen frischen Trunk tun dürfe, trozdem erlitt er eine neue noch raschere Niederlage. Aber dem kecken Sieger wars noch der Mühe zu wenig.„Einmal get drein" rief er lachend und erbot sich, es nun mit dreien zugleich zu tun. Aus einem seidenen Halstuch ward eine Schleife geknüpft, auf der einen Seite hakten sich drei Finger ein, auf der anderen der eine des gewaltigen Gegners und er zog die drei so gemächlich an sich wie man beim Fischfang ein schweres Nez über die Ränder des Kahns zieht.— Um diesem modernen Atleten einen antiken an die Seite zu stellen, führen wir den Milo von Krotona an, von welchem de- richtet wird, daß er in den olympischen Spielen sechsmal die Palme errang und in Olympia eine marmorne Bildsäule erhielt, die er selbst auf seinen Schultern an den Ort ihrer Bestimmung trug. Er durchlief einmal die ganze Rennbahn, einen vierjährigen Ochsen auf der Schulter tragend, den er dann mit einem Faustschlag tötete und binnen Tagesfrist verzehrte. Keine menschliche Kraft vermochte ihm die Finger zu lösen, wenn er, die Ellenbogen aus die Hüste gestiizt, die geballte Faust mit emporgerichtetem Daumen hinhielt. Zuweilen nahm er dabei in die geschlossene Hand einen Granatapfel und hielt ihn, ohne ihn zu zer- drücken, so fest, daß es Niemand gelang, ihm denselben zu entreißen. Als er sich einstmals mit den Schülern des Pytagoras in einem Hause versammelt hatte und die Decke einzustürzen drohte, hielt er die Haupt- stüze so lange fest, bis die Anwesenden ihr Leben gerettet hatten. So groß war seine Kraft, daß er sich zuweilen eine Schnur»m die Stirne wand und, indem er den Atem an sich hielt, die Schnur mittels seiner angeschwollenen Kopfadern zersprengte. Lt. Aus allen Winkeln der Zeitliteratur. Japanesische Literatur. Nach einer durch das Ministerium des Innern veröffentlichten Uebersicht sind in Japan im Jahre 1881 4910 Werke erschienen gegen 3792 im vorhergehenden Jahr. Die meisten derselben sind Ueberseznngen oder Nachbildungen in Europa oder Amerika erschienener Bücher; mit Ausnahme der Geographie und Matematik, welche eine Verminderung zeigten, ergaben alle, auch die Wissenschaft- lichen Fächer, eine teilweise bedeutende Zunahme. Im Lauf des Jahres sind 149 neue Zeitschriften erschienen. Rebus. Auslösung der Rebus in Nr. 5: Ein schäbiges Kameel trägt immer noch die Lasten vieler Esel. Inhalt: Am Nordpol. Nach dem Englischen von P. Olliverio.(Fortseznng.)— Altgermanische Weihnachten. Vou Manfred Wittich.— Die Tierwelt in den Buhnen der ostfriesischen Inseln. Von W. Heß.— Wilde Pferde und Wölfe in Rnßlands Steppen.(Mit Illustration.)— Die Jesuitenrepublik in Paraguay. Historische Studie von Karl Frohme.— Jurisprudentia.(Mit Illustration).— Serena. Eine venetianische Novelle von Max Vogler.(Fortsezuug.)— Berlin unter der Erde.(Mit Illustration.)— Zur Kolonialfrage. Von Bruno Geiser.(Schluß.)— Seydel, das Evangelium von Jesu in seinen Beziehungen zur Buddhalehre und Buddhasage.— Auch ein psychologisches Rätsel. Schattenriß aus der Kulissenwelt. Von Eduard Müller-Gauger.— Ein ungekröntes Preisgedicht.— Das Fingerhakeln.(Mit Jllu- stration.)— Aus allen Winkeln der Zeitliteratur: Japanesische Literatur.— Rebus.— Aerztlicher Ratgeber.— Redaktions-Korrespondenz.— Sprechsal für jedermann.— Mannichfaltiges. Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart. Redaktion: Neue Weinsteige 23.— Expedition: Ludwigstraße 26 in Stuttgarts Druck und Verlag von I. H. W. Dietz in Stuttgart.