Erscheint alle 14 Tage in Heften ä 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Postämter zu beziehen. Wenn Wccume 6er Erkenntnis. Von I. Z c> ö e ck. I. Im Westen Berlins, wo sich auf den schonen, gartcnnm- säumten Straßen, die in den Tiergarten münden, die Häuser, eines immer prächtiger als das andere, aneinander reihen und wo das unruhige Hinnndherhasten der geschäftigen Menge jener behag- lichcn Ruhe plaz macht, die das karakteristische Merkmal vor- nehmcr Stadtteile ist und in den Geschäfts- und Arbeitervierteln der Residenz gar oft schmerzlich vermißt wird, lag vor wenigen Jahren halb versteckt hinter hochgewachsenen Kastanienbäumcn ein elegantes einstöckiges Häuschen. Das kleine Haus war in jenem launenhaften Geschmack erbaut, der unsere modernen Vil- lcnbauten kennzeichnet— ein Gemisch unzähliger Stilarten, dem es aber, troz aller Karakterl osigkeit, nicht an Anmut fehlt. Heut, um die dritte Nachittagsstunde eines schwülen Sommertages sah es verführerisch genug aus mit seinen lauschigen Erkern und den spizen, durchbrochenen Türmchen, die im Sonnenschein glizcr- tcn wie eitel Gold. Zu beiden Seiten der Freitreppe, die von dem kleinen, sorgfältig gepflegten Vorgarten zur Terrasse führte, erhoben sich dichte Reihen blühender Topfgewächse. Aus dem Springbrunnen zu Füßen der Treppe ergoß sich ein durchsich- tiger Sprühregen auf die duftigen Blüten, die unter dem glühen- den Hauch der Sonne verschämt die zarten Köpfchen senkten. Die Terrasie selbst lag tief in Schatten gehiillt. Kaum daß aus Augenblicke einmal ein vorwiziger Sonnenstrahl sich hinüber- stahl und mit seinen goldenen Füßchcn im Fluge eines der Bücher berührte, die dort auf dem Tische verstreut umherlagen. Weiter wagte sich der übermütige Bursche indes nicht. Auch hätten die beiden, die dort saßen und sich seine harmlosen Aeckcreie» gutmütig gefallen ließen, keckere Uebergriffe sicherlich erfolgreich zurückgewiesen. Aus dem Nebenzimmer, dessen weit- geöffnete Flügeltüren auf die Terrasse hinausführten, tönten tiefe ruhige Atemzüge wie von einer Schlafenden. Vor der Tür selbst hatte sich ein großer Neufundländer behaglich nieder- gelassen und blinzelte schläfrig mit den Augen. Die Fliegen machten ihm viel zu schaffen. Sie summten zudringlich um ihn her und suchten ihn auf jede Weise zu reize». Aber er. der sich sonst tapfer seiner Haut zu wehren ivußte, ließ sich ihre zudringliche» Liebkosungen heut fast widerstandslos gefallen. Er schien es für das Klügste zu halten, jeder unnötigen Erhizung heut aus dem Wege zu gehen. War es doch ohnehin heiß genug Die beiden jungen Lente, die an dem Tische dicht bcicin- ander saßen und ihre jungen Gesichter über das Buch neigten, das aufgeschlagen vor ihnen lag. schienen indes nichts von jener schläfrigen Stimmung zu empfinden, die gleichsam in der Luft schwebte. Im Gegenteil, ihr Gespräch wurde von Minute zu Minute lebhafter und mehr als einmal legte das junge Mädchen warnend die Finger an die Lippen und bat ihren Begleiter leise flüsternd, seine Stimme zu mäßigen. Dabei warf sie jedesmal einen besorgten Blick in das Nebenzimmer und atmete beruhigt auf, wenn die Atemzüge der Schlafenden ihr nach immer gleichmäßig sanft und ruhig daraus entgegentönten. Tann vertieften sich die beiden wieder eine Weile in ihre gemeinschaft- lichcn Studien. Es war eine englische Granimatik, die vor ihnen lag und in die sie von Zeit zu Zeit einen Blick warfen. Doch hatte der junge Mann, dessen dunkle Augen von Lust und Leben sprühten, seiner Nachbarin jeden Augenblick etwas Neues und ungemein Wichtiges mitzuteilen. Oftmals, wenn er gerade im Begriff war, seiner jugendlichen Lehrerin ein Pröbchen seines wissenschaftlichen Eifers zu geben und mit der ernsthaftesten Miene von der Welt bemüht war, einen Saz aus dem Eng- tischen in sein geliebtes Deutsch zu übersezen, bedurfte es nur eines Blickes in die braunen Augen seiner Nachbarin, um all seine guten Vorsäze wieder zunichte zu machen. Dann haschte er wohl übermütig nach ihrer Hand, die sie ihm mit verstelltem Unmut zu entziehen suchte und seine Lippen sprudelten über von neckischen Einfällen und harmlosen Scherzen. Das Mädchen hörte nur mit halbem Ohre hin. Sie schien mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt und beantwortete die zahlreichen Fragen, die er an sie richtete, nur einsilbig und mit zerstreutem Lächeln. Mehr als einmal schon war er gewahr geworden, daß sie seine Worte gänzlich überhört hatte. Doch hatte er sich immer wieder beruhigt, wenn sie auf seine Frage, warum sie heut so nach- denklich und schweigsam sei, abwehrend den Kopf schüttelte und mit einem flüchtigen Scherzwort das Gespräch ans ein anderes Gebiet hinüberspielte. So hatte, l sie auch jezt wieder einige Minuten ruhig bei- einander gesessen— das Mädchen leicht in den Gartenstuhl zurückgelehnt und mit der Spize ihres zierlichen Fußes allerlei krause Figuren in den Sand zeichnend. Dabei hob sie nur manchmal leise strafend den Blick, wenn ihr leichtsinniger Schüler sich allzu gewaltsam an der fremden Sprache versündigte. Doch war die Wirkung dieser Blicke augenscheinlich eine ganz andere, als sich das junge Aiädchcn in seiner Unschuld träumen ließ. Es sah fast aus, als mache es den, jungen Manne Spaß, durch immer häufigere und gewaltsamere Verstöße gegen den Geist der englischen Sprache diese strafenden Blicke herauszufordern, troz der scheinheiligen Miene, die er dabei zeigte. Aber seine Augen bliztcn so übermütig auf seine jugendliche Lehrerin, daß der Gedanke nicht gar zu fern lag, es sei dem jungen Leicht- sinn verzweifelt wenig daran gelegen, in die Mysterien der englischen Grammatik eingeweiht zu werden. Vor der Hand schien es ihn weit mehr zu interessiren, das seine Gesichtchen seiner Ziachbarin einer gewissen Prüfung zu unterziehen. Plözlich schleuderte er mit einer energischen Bewegung das Buch beiseite und sprang auf. Im nächsten Augenblick hatte er den Tisch zurückgestoßen und lag nun vor seiner jungen Lehrerin auf den Knieen.„I love you, my darling"— flüsterte er ihr schmeichelnd ins Ohr. Sie lachte befangen und suchte unter heißem Erröten ihre Hände zu befreien, die er mit festem Druck umschlossen hielt. „Sie sind unverbesserlich, Richard," sagte sie leise.„Was soll das nun wieder bedeuten? Können Sie denn niemals ernst- hast sein? Stehen Sie auf,' ich bitte Sie darum. Denken Sic, wenn uns jemand so sähe—!" Er hob sich ein wenig auf den Zehen empor und spähte durch das Fenster in das Rebcnziimiicr. Dann schüttelte er lachend den Kopf. „Seien Sic unbesorgt, Hedwig, die Tante schläft. Und selbst, wenn uns jemand sehen würde, was liegt daran. Glauben Sie wirklich, daß ich eine so gute Gelegenheit, Ihnen meine Liebe zu gestehen, ungenüzt vorübergehen lassen werde? Ich muß Ihnen doch beweisen, daß ich tiefer in den Geist der englischen Sprache eingedrungen bin, als Sie glauben."— Und mit blizenden Augen treuherzig zu ihr aufsehend, fing er an, ihr in gebrochenem Englisch ungemein patctisch anseinanderzu- sezcn, wie er sich in stummer, unglücklicher Leidenschaft für sie verzehre und darüber alle Freude am Leben verloren habe»nd wie es sicherlich ein trauriges Ende mit ihm nehmen werde, wenn seine grausame kleine Freundin ihn noch länger unerhört schmachten lasse. Sie hatte inzwischen ihre rechte Hand befreit und verschloß ihm damit den Mund. Doch erreichte sie damit nur, daß er die kleine Hand fest an seine Lippen drückte und wiederholt küßte. „Ich stehe nicht auf, bis Sie wieder ein freundliches Gesicht machen, Hedwig," sagte er.„Sic müssen mir sagen, was Ihnen fehlt. Glauben Sie, ich habe es nicht gemerkt, daß Sie heut anders sind als sonst, so nachdenklich und verstimmt, daß Ihnen all meine dummen Streiche kaum ein Lächeln abgclvinnen?" Sie hatte sich abgewandt, um die Tränen zu verbergen, die ihr bei seinen lezten Worten in die Augen getreten waren. Kaum hatte er dies bemerkt, als er aufsprang und sich wieder auf den Stuhl sezte, den er vor wenigen Minuten so jählings verlassen hatte. „Wissen Sie, daß ich alle» Grund hätte, Ihnen ernstlich böse zu sein, Hedwig?" sagte er ernst.„So schncll haben Sic das Schuz- und Truzbündnis vergessen, das wir jüngst ge- schlössen haben? Ist es freundschaftlich von Ihnen gehandelt, mir durch Ihre Tränen und Ihre traurigen Augen erst das Herz schwer zu machen und mir dann nicht zu vertrauen, was Sie bedrückt?"— Er rückte seinen Stuhl dicht an den ihrcir und behielt ihre Hand in der seinen. Sie hatte die Augen niedergeschlagen und die Lippen fest geschlossen. Als er nun schwieg und sie erwar- tungsvoll ansah, schüttelte sie heftig den Kopf. „Lassen Sie mich gehen," sagte sie, und versuchte aufzu- stehen.—„Sie können mir ja doch nicht helfen. Sie würden mich auch kaum verstehen und vielleicht gar über mich lachen und spotten, wenn Sie wüßten, wie»nr zumute ist."— „Nicht doch. Hedwig," entgegnete er.„Sie wissen sehr wohl, daß ich Sie aufrichtig lieb habe und daß alles, was Ihnen widerfährt, mich lebhaft intercssirt. Wie dürfen Sie behaupten, daß ich Ihnen nicht helfen kann. Und selbst wenn dem so wäre, ist es nicht Freundespflicht, einander zu vertrauen, und nehme ich nicht nur mein Recht in Anspruch, ein Recht, daß Sie niir vor kurzem erst bereitwillig eingeräumt haben, wenn ich wissen will, was Ihnen fehlt?"— „Ich kann es mir übrigens wohl denken," fuhr er leise lächelnd fort, als sie noch immer schwieg.„Sic sind wieder ein- mal in Ihrer Fauststimmung und quälen sich mit allerlei im» nüzen Gedanken. Es ist mir unbegreiflich, wie Sie mit Ihrem hellen Verstände, in den beneidenswerten Berhältuissen, in denen Sie leben, diesen selbstquälerischen Grillen solche Macht über sich einräumen können!"— Sie zog heftig ihre Hand ans der seinen und sprang auf. „Selbstquälerische Grillen," wiederholte sie bitter.„Gewiß, Sie haben Recht. Es ist wahrhaftig nicht der Niiihe werth, darüber zu reden. Zwar, wenn ein Alaun ein so rastloses, ungestümes Streben hat, das ihn nicht zur Ruhe kommen läßt—. Aber lassen Sie uns lieber davon aufhören. Wir tvollen unsere unterbrochenen Studien wieder aufuchmen oder was Sie sonst wollen."— Sie lehnte sich tiefaufatmend in den Sessel zurück und griff nach dem Buche, das bei ihrer hastigen Bewegung auf den Boden geglitten war. Richard hielt sie zurück. „Nicht so ungestüm, kleiner Heißsporn," sagte er gutmütig. „Wer wird denn jedes unbesonnene Wort so tragisch auffassen? Unter Freunden darf man es so genau nicht nehmen. So— und jezt lassen Sie uns ruhig und vorurteilslos prüfen, was Sie zu Ihrer weltschnierzlichen Stimmung berechtigt. Sie sind mir noch immer böse, meine empfindsame kleine Freundin? Nein— nun so sehen Sie mich mit Ihren Rehaugen einmal recht freundschaftlich au, zum Zeichen, daß Sie mir verziehen haben. Ein wenig zärtlicher, wenn ich bitten darf. Denken Sie, ich wäre Ihr Bruder, den Sic sehr lieb haben— ich bilde mir ein, daß Sie mich ein wenig lieb haben, Hedwig," unterbrach er sich lächelnd, indem er sich über sie beugte und ihre Hand an seine Lippen zog.„Und nun sollen Sic Ihrem Bruder beichte», warum Sic heut so traurig sind und in so gereizter, menschenfeindlicher Stimmung."— Sie sah einige Augenblicke schweigend vor sich nieder. Erst als er Miene machte, auch ihre andere Hand zu ergreifen und ihr noch weiter freundlich zuzureden, sagte sie so leise, daß er Mühe hatte, sie zu verstehen: „Sie werden mir schwerlich nachfühlen können, wie mir zu Mute ist. Ich komme mir so überflüssig vor in der Welt, so einsam inmitten des Reichtums, der mich umgibt. Tie Menschen, die mich aufsuchen, weil ich die Tochter meines Vaters bin, lieben mich nicht, und auch ich verkehre nur mit ihnen, weil Papa es wünscht. Papa selbst, der so glücklich ist, so selbst- zufrieden, der mit so harmloser Freude den selbsterworbenen Reichtum genießt und es nicht versteht, daß mau auch nach Dingen Verlangen tragen kann, die nicht für Geld zu haben sind— was kann ich ihm sein! Er liebt mich, weil ich sein Kind bin— er überschüttet mich mit Geschenken, um sich seines Reichtums zu freuen und— vor den Leuten damit zu prahlen, und würde mich nicht einen Augenblick vermissen, wenn wir jahrelang von einander getrennt wären. Und so ist es auch mit den andere». Wir leben nebeneinander hin und wissen nichts von einander und können einander darum nichts sein. Ich bin i» Ihren Augen ein sonderbares, launenhaftes Geschöpf, das seinen Ruhm darein sezt, anders zu scheinen als alle andere» und zu dem keiner rechtes Vertrauen haben kann. Und so gehe ich, seitdem ich denke, umher Ivic stumm und wälze in meinem Geiste Empfindungen und Gedanken herum, denen ich keine» Ausdruck geben kann. Ich habe so gar keine Gelegenheit, über ernsthafte Dinge zu sprechen, daß mir oft ist, als müßte ich über kurz ober lang die Gabe der Rede völlig verlieren. Dann drängt es sich mir durch Herz und Kopf und ich muß es herunl- tragen und kann die rechten Worte nicht finden, die mein Denken nur selbst klar machen und ich komme mir so ohn- mächtig, so grenzenlos schwach und unbedeutend vor, daß ich mich hasse. Ach, wer in einer gebildeten Umgebung aufgewachsen ist, niit groß denkenden, frei empfindenden Menschen verkehren und so täglich und stündlich an seiner eigenen Erziehung und Länternng arbeiten kann! Ich kann nur in rastloser eigener Arbeit mich bilden; von außen kommt nichts und kommt nie- mand mir zu Hilfe. Meiner Umgebung überlegen, fühle ich mich doch unsäglich klein und gering und unwissend und der Durst nach Wissen zehrt an mir und stimnit mich düster und menschenfeindlich, da sie mir alle nicht geben können, was ich zum Leben brauche, und es nicht verstehen, was mich ruhelos umhertreibt. Keiner fühlt die Lücken meiner größtenteils autodidaktischen Bildung so tief als ich, aber wie sie ausfüllen— wen fragen, mit wem sprechen über das, was mich erfüllt und beschäftigt? Was ich mich tue und lerne, es ist noch nicht das Rechte, nicht das, was mir gerade fehlt. Ich sinne und sinne und experimcntire in allen Wissenschaften herum und finde nicht die rechte Befriedigung. Und wenn ich nun in Stunden der Verzagtheit den Glauben an die eigene Kraft verloren habe und in ohnmächtigem Grimm gegen mich selbst wüte, wenn ich die Menschen fliehe und mich in die Einsamkeit vergrabe: dann starren mich alle verwundert an, als zweifelten sie an meinem Verstände, meiner Zurechnungsfähigkcit. Sie können es nicht begreifen, daß auch in einem Weibe das heiße Sehnen nach Wissen liegen kann und spotten darüber, wenn sie es er- fahren."— „Und haben Sie niemals versucht, die Gedanken zu vcr- körpern, welche Sie ruhelos umhertreiben, in angestrengter geistiger Arbeit, in der eigenen schöpferischen Tätigkeit die Er- lösung zu finden, die Ihnen andere nicht geben konnten oder wollten?" warf Richard ein, der mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört hatte und keinen Blick von dem leidenschaftlich erregten Antliz seiner Nachbarin verwandte. Sic lächelte träumerisch und ihre Blicke schienen sich in weiter Fcnie zu verlieren. „Ich habe es versucht," sagte sie leise.„In meinem Geiste drängen sich oftmals Pläne und Entwürfe in so bunter Man- nigfaltigkeit, daß ein Bild, eine Idee die andere verdrängt; daß ich mich willenlos hingerissen fühle und all meine Energie aufbieten muß, um mich zu sammeln und dem bunten Wirr- warr gegenüber meine Selbständigkeit zu behaupten. Tann habe ich oft angefangen, was mir so deutlich und greifbar vor der Seele steht, zu verkörpern und brachte es doch nicht über den Anfang hinaus. Da kam bald dies, bald jenes und riß mich unsanft heraus, und wenn ich von neuem beginnen wollte, wo ich vorher aufgehört, war der Faden zerrissen und was noch kurz zuvor lebte und atmete und mich beseligte, war kalt und tot und starrte mich fremd an. Und doch kann ich mich der Uebermacht der Gestalten und Bilder, die sich in wilder Hast in meinem Geiste tummeln, nicht erwehren und kann mich dem Zauber nicht entziehen und will es vielleicht auch nicht ernstlich. Denn ein Zauber ist es, ein berauschender Zustand. Ich bin dann oft wie in einer Verzückung, die Wirklichkeit entschwindet mir— ich bin ganz Traum und wage kaum zu atmen. Ich höre was die anderen reden, ohne Verständnis, als ginge mich das alles nichts an, bis irgend etwas mich aufschreckt und der Zauber gebrochen ist. Und weil ich nichts verkörpern kann, da mir die Muße dazu fehlt, ist nicht die Zkotwendigkeit für mich vorhanden, irgend eins von diesen Bildern und Gestalten her- auszugreifcn und lebhast zu gestalten und auszudenken; einen Gedanken, einen Plan mit Konsequenz zu verfolgen, bis ich ihn von allen Seiten reiflich bedacht und erwogen: und so sieht es bunt und stagmcntarisch und wüst in meinem Kopfe aus. Manch- mal habe ich ans Augenblicke ein Gefühl, das mich über mich selbst hinausträgt, das Bewußtsein der eigenen Kraft, der.schöpferischen Kraft und ein stolzes Selbstgefühl macht mich froh und glücklich und mein Herz weit und leicht. Aber das sind nur Augenblicke und sie werden aufgewogen durch das Bewußtsein der Schwäche und Ohnmacht, das mich zumeist befällt, der Ohnmacht den Ver- Hältnissen gegenüber. Ich weiß nur zu wohl, was mir fehlt— Einsamkeit und Freiheit und der Verkehr mit Gleichstrebenden. Und wenn mein Geist die Notwendigkeit dieser schönen Tinge für mich erkannt hat und ich mich, wie doch natürlich ist, danach sehne— sehnt sich nicht jeder nach dem, was ihm fehlt und doch angemessen ist?— so erschrickt mein Herz bei dem Ge- danken und ich mache mir Vorwürfe über meine Selbstsucht und den Mangel an opferfreudiger Liebe, den diese Gedanken dar- tun und kann mir doch nicht helfen. Dann wieder ist mir oft- mals, als seien all meine Wünsche und Bestrebungen nur ein kümmerlicher Notbehelf, um mir über das trostlose Gefühl meiner Verlassenheit hinwegzuhelfen. Mitunter ist mir, als würden all die seltsamen Wünsche und Hoffnungen, die in meinem Herzen so ungestüm durcheinanderbrauscn, mit einem Schlage verstummen und ich ganz glücklich sein, ausgesöhnt mit mir und der Welt, wenn ich etwas hätte, das ich von ganzer Seele liebte— ein nur auf mich angewiesenes, meiner Erziehung überlassenes Geschöpf--" Sie hatte das leztc ganz leise gesagt, immer mit demselben träumerischen, verzückten Blick und schien das wunderliche ihrer Beichte gar nicht zu empfinden. Auch der junge Mann an ihrer Seite war viel zu ernsthaft gestimmt, um sich durch das Un- gewöhnliche seiner Lage, die in so auffälligem Mißverhältnis zu seinen Jahren und dem jugendlichen Feuer seiner Augen stand, in seiner Unbefangenheit beeinträchtigt zu fühlen. Als sie jezt schwieg, hob er ihr Kinn sanft in die Höhe und sah ihr in die Augen. „Sie sind ein rechtes Kind, Hedwig," sagte er, mit einem Versuch, seine Bewegung unter einem Lächeln zu verbergen. „Hatte ich nicht recht mit meiner Behauptung, daß Sie Sich mit törichten Gedanken quälen und sich ganz ohne Grund das Leben verstören? Warum haben Sie mir niemals etwas von Ihren heimlichen Geistesnöten gesagt? Glanben Sic nicht, daß es mir eine Freude sein würde, Sie in Ihren einsamen Be- strebungen mit bestem Können zu fördern? Und was das andere betrifft— so wird auch für Sie die Zeit kommen, wo Sie um eines einzigen willen alles andere vergessen und sich nicht länger vereinsamt fühlen werden in dieser schönen Welt."— Sie schüttelte mit ungläubigem Lächeln den Kopf. „Darüber mache ich mir keine Illusionen," sagte sie mit einem leisen Anfluge von Bitterkeit.—„Ich bin nicht umsonst die Tochter meines Vaters und in Verhältnissen ausgewachsen, die mir täglich und stündlich den Wert des Geldes predigten und mich die Menschen sehen ließen, wie sie sind. Glauben Sie, ich wüßte nicht, daß ich nicht um meiner Persönlichkeit willen gesucht werde und daß niemand sich um mich bcniühcn würde, wäre ich eines armen Mannes Kind? Ich weiß, daß ich nicht liebenswürdig bin und pikant, wie man es meiner Schwester nachrühmt; daß ich viel zu ernst und schwerfällig bin, um den Menschen zu gefallen. Offen gestanden, liegt mir wenig genug daran. Die gute Meinung der Menschen ist mir nicht so schmeichelhaft, daß ich mich ernstlich um sie bemühen sollte. Auch erinnere ich mich sehr wohl, daß es mir selbst in jenen Fällen, wo mir an ihrer Neigung gelegen war, nicht leicht ge- macht wurde. Ich mußte es mir immer erst sauer verdienen, wenn mich ein Mensch lieb haben sollte, während es meiner Schwester leicht und mühelos in den Schoß fiel. So habe ich mich denn allmälich an den Gedanken gewöhnen müssen, daß ich nicht weniger einsam sein würde, auch wenn ich mich ein- mal verheiraten sollte.—" „Wenn ich nur wüßte," begann Richard nach einer längeren Pause,„wie Sic, so jung noch, so mit Leib und Seele diesem unseligen Pessimismus verfallen konnten! Es ist. als sähen Sie die Welt durch einen Hohlspiegel, und die bizarren Formen, welche Sie darin erblicken und die dem Auge des Wissenden erscheinen als das, was sie sind, als häßliche, unwahre Zerr- bildcr, dünken Ihnen ein getreues Abbild der Wirklichkeit. Und nicht genug damit, haben Sie auch noch.die unglückselige Eigen- heit, Ihre Beobachtungen ganz willkürlich zu verallgemeinern, 19G und haben sich IIIIN im Geiste ein so festgefügtes System von Wahrem und Falschem zurechtgelegt, das; man Ihren einseitigen weltvcrncincndcn Reflexionen förmlich ratlos gegenübersteht. „Ach," unterbrach sie ihn lachend, ,,ich bin nicht so pessi- mistisch, als Sie mich glauben machen wollen, Richard. Ich weist wohl, dast im Grunde genommen mein Lebensüberdruß nichts ist als die krankhaft überreizte Sucht nach den Genüssen des Lebens.—" Er beugte sich tiefer zu ihr hinab. „Und werden Sie in Zukunft niemals wieder Jhrcni Vcr- sprechen untreu werden, mich als Ihren Freund zu betrachten und mir all die bösen Gedanken und Zweifel rückhaltslos beichten, die in schwachen Stunden durch Ihr liebes, eigensinniges Köpfchen schwirren?—" Sie nickte stumm mit dem Kopfe. „Ans die Gefahr hin, von Ihrem unhöflichen Freunde gc- schölten und gestraft zu werden, wie er es für gut und heil- sam findet einer so verstockten Sünderin gegenüber," fuhr er lächelnd fort. Sie sah noch immer schweigend vor sich nieder. Er legte seinen Arm um sie und hob mit der Rechten ihren Kopf in die Höhe. „Und wenn ich Sie nun bitten würde, mir ein Zeichen Ihrer Freundschaft, Ihres Vertrauens zu geben, Hedwig," sagte er leise. Eine heiße Blntwclle schoß in ihr Gesicht. Er fühlte, wie ein Zittern über ihren Körper lief und zog sie näher an sich. Sic schloß wie träumend die Augen. „Sind Sie mir böse, Hedwig?" klang seine leise Stimme an ihr Ohr.— Das junge Mädchen schüttelte stumm den Kopf. „Und wollen Sie meine Bitte erfüllen?—" Sie schauerte unter seiner Berührung zusammen. „Sticht hier, nicht jczt," flüsterte sie leise. Mit einem freudigen Aufleuchten seiner Augen neigte er sich über ihre Hände und preßte seine heißen Lippen lange darauf. Dann stand er auf und ging minutenlang schweigend auf der Terrasse auf und nieder. Das Mädchen hatte sich dicht in den Sessel geschmiegt und lag dort mit geschlossenen Augen und leicht geöffneten Lippen, ohne sich zu regen. Die dunkle» Wimpern warfen ihre Schatten auf das schmale Gesicht mit dem warmen Bronceton und das feine Räschen, über welchem die stolz geschwungenen Brauen sich wölbten. Der finstere Zug, der sonst in Augenblicken der Ruhe auf dem jungen Gesichte lag, war verschwunden; ein weiches, träumerisches Lächeln schwebte um den kleinen, etwas blassen Mund, der zartgcformt war wie der eines Kindes. Innen wurde die Tür geöffnet und ein Geräusch erklang von Schritten, die sich näherten. Sie schlug die Augen aus und sah Richard vor sich stehen.„Auf Wiedersehen heut Abend," sagte er zärtlich und drückte ihre Hand.—„Entschuldigen Sie mich bei Ihrem Papa. Ich kann ihm jezt nicht ruhig gegen- übertreten. Und was ich Sie noch fragen wollte— nicht wahr, Kind, das Leben ist doch schön?—" iJortsczung folflt.) Schlittenfahrt vom Berge. (Siehe Illustration.) Der Winter tobt und schüttelt ergrimmt Sein schimmernd Schneegcfiedcr; Doch im Herzen der Jugend die Nachtigall singt Ihre fröhlichen Frühlingsliedcr. Hei! wie vom Feuer der Jugend hell Die Rosen der Wangen erglühen! Wie Kraftgefühl und Mut und Lust Aus den lachenden Augen sprühen! Nur keine Furcht, lieb Schwesterlein! Sei unverzagt und munter! Mein braves, hölzernes Rößlcin trägt Uns sicher den Berg hinunter. Hopp, hopp! mein Schlittenrößleiii, flink! Doch ja keinen Purzelbaum schlagen! Ins warme Stäbchen sollst du uns jezt Zur guten Mutter tragen. Zur Mutter und zum Großmütterlein lieb, Mit den schönen silbernen Haaren. Und morgen, morgen gehts wieder frisch Zum lustigen Schlittcnfabreii. Ans einem deutschen Dichlerlelien. Von Milhelm Klos. Jni alten und freundlichen Halberstadt, am Fuße des Harzes steht noch das Haus, in welchem„Vater Gleim", der bekannte Dichter, als Kanonikus von Walbeck, von 1747 an bis zu seinem Tode am 18. Februar 1803 gelebt hat. Vieles ist seitdem anders geworden an jener freundlichen Stelle; sogar der eine der Türme des nahen Halberstädter Domes hat vor Alters- schwäche Risse bekommen und das lange Stehen scheint ihm nicht mehr zu behagen, so daß man seinen Einsturz befürchtet und ihn abträgt. Das Innere des gleimschen Hauses aber ist durch die Pietät seiner Verwandten und deren Nachkommen genau in dem Zustande erhalten worden, in dem es sich beim Tode Meims befand. Ein zweistöckiger Bau mit weitem hal- lendcn Hausflur und großen, etwas niedrigen Gemächern. Die Korrespondenz Gleims mit seinen Zeitgenossen, die eine sehr ausgedehnte war, ist noch wenig gesichtet; ein großes Zimmer ist 9nn5"ist feinen Briefen nnd Büchern gefüllt. In einem der vorderen Zimmer des oberen Stockwerks sind die Wände von oben bis unten mit Porträts berühmter Zeitgenossen Gleims, fast lauter l-elgemälde, bedeckt. Die meisten derselben mag wohl der Dichter als Geschenk erhalten haben, denn er stand bei seinen Zeitgenossen in hohem Ansehen, das er weniger seinen Versen. i'emlich unbedeutend sind, als vielmehr dem Eiser und der Aufopferung zu danken hatte, womit er junge Talente förderte und nuterstüzte*). Dabei muß er von außerordentlich liebcns- würdigem Wesen und von den anziehendsten geselligen Formen gewesen sein. Die gleimsche Porträtsammlung nimmt das Interesse eines jeden, der die Kenntnis der Vergangenheit unseres Vaterlandes zu schäzen weiß, im höchsten Grade in Anspruch. Auch der Schreiber dieser Skizze hat stundenlang vor jenen Bildern gestanden, die eine entschwundene Welt darstellen und wo ein Karakterkopf prächtiger als der andere uns das titanische Kämpfen und Ringen in der Gedankenwelt des achtzehnten Jahrhunderts vergegenwärtigt. Da sieht man Klvpstock mit dem mystisch- verklärten Antliz, und Herder, den heißen Verehrer der sran- zvsischen Revolution mit seinen energischen Zügen; Wieland mit seinem spießbürgerlichen Gesicht, das ans die sinnliche Glut seiner Dichtungen nicht schließen läßt; Ewald von Kleist in seiner phantastischen Tracht, der bei Kunersdorf fiel; die Karschin mit nichts weniger als schönen Zügen und zahnlosem Munde; Hcinse, den Verfasser sozialistisch angehauchter Romane, der zugleich in der Gnade des leztcn Kurfürsten von Mainz stand; die beiden Stolbergs mit ihren karaktcristischen Gesichts- ziigen, den demokratischen Voß mit seiner Lehrerphysiognomie; Göckingk, den Sänger lustiger Liebeslieder, Jakobi, Weiße und wie sie alle heißen mögen. Viele Fürsten, Prinzen und Prin- zcssinnen blicken auf den Beschauer herab, darunter der alte Friz, von dem auch ein eigenhändiger, natürlich französischer Brief vorhanden ist. Eine Silhouette der von Cagliostro beschwin- delten Freundin Ticdges, Elisa von der Recke, ist auch da, und weiterhin blickt uns ernst an der„Spaziergänger nach Syrakus", I. G. Scume, herrlicher Karakter und vielleicht deshalb großer Unglücksmensch. Die Krone der ganzen Sammlung aber bildet ein großes Porträt Lessings, so schön und sprechend, wie ich es noch nirgend gesehen. Das blaue Gewand paßt trefflich zu dem hellen Haar. Aus diesen Augen blizt und funkelt der neue Geist des achtzehnten Jahrhunderts, und von der breiten Stirn strahlt jener Lichtglanz, vor dem die Reptilien und Nacht- Vögel i» ihre Höhlen gescheucht wurden. Etwas Majestätisches und Sieghaftes geht von dieser erhabenen Erscheinung aus; solch hinreißendes Bildnis ist mir noch selten vor Augen ge- kommen. Ter Maler ist nicht bekannt geworden. Wie ich mich so stumm unterhielt mit diesen großen Zeugen unserer Geistcrrevolution des achtzehnten Jahrhunderts, da fiel mein Blick auch auf ein unscheinbares Bild, das einen Mann von etwa 40 Jahren vorstellte. Trüb und kummervoll schaute er mich an, und seine Miene schien zu verkünden, daß der, so diese Züge trug, den Kelch bitterer Leiden bis auf die Neige geleert habe. Es war nichts Auffallendes an dem Bilde, auch fand ich keinen bekannten Zug in dem melanchvlischc» Gesicht. Und dennoch zog es immer wieder meinen Blick an, bis ich den Katalog aufschlug und zu meinem Erstaunen für den trau- rigen Unbekannten einen Namen fand, an de» ich am wenigsten gedacht: Gottfried August Bürger. Lange Hab' ich vor jenem Bilde gestanden. Es ist von Tischbein gemalt und hat zu den Porträts von Bürger, die man gewöhnlich sieht, nicht die entferntesten Beziehungen. Sonst sieht man bei Bürger ein rundes Gesicht, Augen, in denen der Schalk steckt, und zwei große runde aufgerollte Perrückenlockcn an jeder Schläfe. Davon hier keine Spur. Eine hagere, cngschulterigc, ein- gefallene Büste, die Stirn schmal, die Nase langgebogcn und spizig, die Wangen eingefallen, die Augen traurig blickend. Ueber der ganzen kränklichen Physiognomie liegt eine Wolke von Gram, Unmut, kurz, es ist ein Dnlderhanpt, das uns aus der alten Leinwand anschaut. Und Tischbein hat Wahrheit gemalt. So muß er ausgesehen haben, der geniale und unglückliche *) Unser geehrter Mitarbeiter ist da doch wohl im Irrtum. Die Zeitgenossen, auch die bedeutendsten, z. B. öioethc, schäztcn Gleims Verse, die uns allerdings unbedeutend erscheinen, sehr hoch und von ihrem Standpunkte aus mit vollem Rechte, übten sie doch zumtcil, insbesondere die„Lieder eines preußischen Grenadiers", mächtige Wir- knng auf weite Volkskreise. Red. d.„N. W." Bürger, als das Elend ihn umnachtcte und der finstere Gram die Krallen in seine weiche Seele schlug. Zwiefaches Leid zcr- riß sein Herz: das tiefe Leid der Liebe zu einem beglückenden Wesen, das er nach den härtesten Kämpfen endlich errungen glaubte und das ihm der grimme Tod gransam entriß, und der Schmerz verlorenen Strcbens, den ein Dichter„den schwersten Schmerz, der je die Menschenbrust durchzuckt", nennt. Ob Bürger von dem„Maknlatnr-Lorbeer", wie Heine spöttisch die Unsterblichkeit der Poeten bezeichnet, viel hielt, weiß ich nicht zu entscheiden; auf alle Falte hätte er sich gerne bei Lebzeiten irgendwo ein warmes Nest gebaut, und daß ihm dies nicht gelang, dafür konnte ihn die Aussicht auf künftige Denkmäler schwerlich trösten. Der Sänger so vieler lustiger Lieder kann persönlich kein Sauertopf gewesen sein. Wir vernehmen denn auch, daß er ein lustiger Gesell war, vielleicht etivas zu lustig, wo er manch- mal hätte ernster sei» niüssen in seinem eigenen Interesse. Aber die ewigen Jeremiaden über sein„ausschweifendes Leben" sind, däucht mir, der Ausdruck einer scheelen Philisterkritik. Denn als das Gestirn Bürgers strahlend aufstieg, als der Name des jugendlichen Stürmers und Drängers von seiner„Lenore" durch ganz Teutschland getragen wurde, da war auch die Zeit der hochgesprcizt einhcrschrcitenden Adels- und Dom- Herren, die Zeit einer brutalen Bureankratie, die Zeit eines in Knechtschaftsdünkel— wir wissen keinen bezeichnenderen Ausdruck— versunkene» Bürgertums, und alle diese Elemente haßten den echt demokratischen, freimütigen Ton, den Bürger anschlug. Wer übrigens das Studcntcnleben im allgemeinen kennt und wer sich aus den alten Chroniken einen Begriff ge- macht hat, welche Roheiten man noch im vorige» Jahrhundert bei dem deutschen Stndententum als selbstverständlich ansah, der wird wohl wissen, wie leicht es ist, einen flotten Bruder Studio der„Ausschweifung" zu beschuldigen. Diese bequeme Gelegen- heit haben denn auch Bürgers Feinde wacker ausgenuzt, und mancher wohlbeleibte Pastor, der über Bürgers„Frau Schnips" Zeter schrie, hatte es vielleicht bei den Göttinger Landsmann- schaffe» toller getrieben, als der arme Bürger. Ein Poet wie Bürger, eine solche ganz im Dienst der Musen aufgehende Natur war nicht zu einem strengen Berufe geeignet. Seine Feinde bezeichneten das natürlich als Lieder- lichkcit und Faulheit. Nun, Bürger war kein flacher Viel- schrei bcr und pflegte die dichterische Inspiration abzuwarten. Darum quoll auch bei ihm so herrlich und so formenschön ivic bei sehr wenigen andren der goldene Strom der Sprache und seine Verse erreichten eine hohe Vollendung und herzbewegenden Wohllaut. Bürger war kein Rechnungsträger. Wie sein Herz, so schlug auch seine Leier an. bestimmt, die zu erheben, die unter den Zeitverhältnissen litten. Ein Zug von unbeugsamem Stolz und Trvz geht durch die Poesien Bürgers. Das' kleine Gedicht „ Mannstroz kündigt uns die Stärke seiner Gesinnungen vor allen an: So lang ein edler Biedermann Mit einem Glied sein Brod verdienen kann, >cvv lange schäm er sich, nach Gaadcnbrod zu lungern! lind tut ihin� endlich keins mehr gut, So Hab er Stolz genug und Mcit, -ich aus der Welt hinaus zu hungern! Z-U'st heroische Vorschrift ist für Bürger keine Phrase ge- blieben,-ein„Mittel gegen den Hochmut der Großen" stellt i sich dem„Mannstroz" ebenbürtig zur Seite: Biel Klagen hör' ich oft erheben Vom Hochmut, den der Große übt? Der Großen Hochmut wird sich geben, «cnn unsere Kriecherei sich gibt! Sdcr das bekannte Gedicht, in dem ein Bauer seinen„durch- lauchtigsten Tyrannen" nach seiner Berechtigung fragt, seine Maaten zu zertreten und ihn niederzureiten! Aus all diesen .c>1en atmet jener freie Geist, welcher Pharisäer und Philister m Harnisch brachte. Und so kommt es, daß auch der größte -teil un,crcr Literaturgeschichten voll ist des Lobes über die herrlichen Dichtungen Bürgers, aber dem Lob wird immer der Stachel hinzugefügt, das; Bürger einen ausschweifenden Lebens- Wandel geführt habe und infolge dessen„verkommen" sei. Nun, als man einst im französischen Nationalkonvent beklagte, das; das Blutgerüst so viele glänzende Talente verschlungen, rief der Dichter Chenier:„Warum fanden sich nicht Höhlen, tief genug, um dem Vaterlande Condorcets Forschungen und Vergniauds Beredsamkeit zu erhalten?"— Und so möchten wir betonen: Statt sich zu Splitterrichtern über Bürgers Privatleben aufzu- | werfen, sollten unsere Literaturhistoriker lieber fragen:„Warum fand sich niemand, der es unternahm, diesem genialen Dichter eine erträgliche Existenz zu verschaffen, die unsere Poesie um einen weit größeren Schaz von Perlen bereichert hätte, als das Elend Bürgers?" Aber von den Freunden Bürgers waren die wenigsten in der Lage, ihm zu helfen, und die es konnten, scheinen nicht gewollt zu haben,>vie die Grafen Stolberg. Die Stellung als Justiz- amtmann behagte Bürger nicht und er gab sie bald auf, obwohl er kein schlechter Jurist war'. Seine Feinde hatten, um ihn zu verdächtigen, eine eigene Petition gegen ihn bei der Regierung zu Hannover eingereicht. Er>vies indes ihre Angriffe zurück in einem Aufsazc, der auch in Wcckhcrlins Zeitschrift„Graue Ungeheuer" abgedruckt wurde. Tie Redaktion des Göttinger Musenalmanachs scheint ihm wenig Schäze gebracht zu haben. Er übernahm dann eine Pachtern, konnte aber zu nichts kommen und Verlor fast sein ganzes Vermögen dabei; anderes Unglück kam hinzu, und namentlich die Verschwendungssucht seiner dritten Frau, des„Schwabenmädchens", ruinirten ihn vollständig. Der Mann, dem Deutschland die glänzendsten poeti- schen Formen seiner Zeit verdankt, mußte sein Leben durch handwerksmäßiges Anfertigen von Uebersezungen fristen, für die von spekulativen Verlegern ein Lum- Pengeld bezahlt wurde. In Göttingen wurde er wohl als Privatdozent zugelassen, aber es wurde ihm kein Pfennig be- zahlt, und so blieb es beim alten Elend. Bürger hat seinen Freunden oft erzählt, er habe sich an Friedrich den Zweiten von Preußen gewendet und um eine Versorgung gebeten. Diese Versorgung wurde ihm auch zugesagt, mit der Bitte, sich»och etwas zu gedulden. Bürger versäumte es wahrscheinlich, sich wieder zu melden, und inzwischen starb der König. lieber die Angriffe seiner Feinde und Neider tröstete sich Bürger mit den berühmten Versen: Wenn dich die Lästerzunge sticht, So las; dir dies zum Tröste sagen! Tie schlechtsten Früchte sind es nicht, Woran die WeSpen nagen! Eine rührende Fürsorge für seine Kinder trieb Bürger immer wieder sich mit seinen schlechtbezahltcn Uebersezungen abzuquälen. Aber ein harter Schlag traf ihn; in der Jenaischen Literatur- zeilung von 1791 brach Schiller den Stab über seine Gedichte, und dies harte Urteil von der Höhe des deutschen Parnaß herab brach Bürgers Selbstvertrauen*). Aus diesen trüben Zeiten muß das Bild Bürgers, das sich >» Gleims Sammlung befindet, stammen. Denn es kann doch nicht jenen feurigen und lebenslustigen Bürger vorstellen sollen, der einst in Göttingen seinen Genossen die Lenore vordcklamirt hat. als noch der Hainbund bestand. Die Stolbergs waren auch dabei, als Bürger an die Stelle kam: Rasch aus ei» eisern Gittertor Gings mit verhängtem Zügel, Mit' schwanker Gert' ein Schlag davor Zersprengte Schloß und Riegel! "nd als Bürger niit seiner Reitgerte an die Tür schlug, sprang der eine Stolberg erschreckt auf und glaubte den schwarzen Rappen mit dem toten Wilhelm und der wahnsinnigen haar- statternden Lenore zur Tür herein jagen zu sehen. Bürger aber, so erzählt einer seiner Freunde,„glaubte nun selbst, etwa? i�ntes gemacht zu haben". .') Heber Schillers Verhältnis zu Bürger hoffen wir gelegentlich kwe auf sorgfältigste Quellenforschung gegründete Arbeit bringe»»u Die neue mit der französischen Freiheitsbewegung der neun- ziger Jahre anbrechende Zeit fand Bürger schon gebrochen; seine Dichtungen erhoben sich nicht mehr zu dem früheren Glänze. Bemerkenswert ist das„Straflied beim schlechten Kriegsanfang der Gallier", das die merkwürdige Strophe enthält: Wie war mein freies Herz entbrannt, Getäuscht durch Erdenschein, Selbst gegen Hermann's Vaterland TyrtäuS auch zu sein! Das„Straflied" war verfrüht, denn Bürger, der im Juli 1794 starb, sollte viele Siege der Franzosen erleben! Bürger war ein Liebling der Frauen. Wenige haben die Liebe und die Männer- und Frauenschönheit so reizend besungen wie er. Aber auch seine merkwürdigen und unglücklichen Schick- sale machten ihn den Frauen interessant. Bürger hat drei Frauen gehabt. 1774 heiratete er ein Fräulein Dorothea Lconhart zu Niedcck, mit der er anfangs glücklich lebte. Allein es ergriff ihn die denkbar heftigste Leidenschaft zu der jüngeren Schwester seiner Frau, Auguste Leonhart, die er unter dem Namen Molly i» seinen Dichtungen unsterblich gemacht hat. Aus den Ge- dichten an Molly kann man die Stärke der unseligen Leiden- schaft Bürgers ersehen. So entstand jenes vielbesprochene Ver- hältnis, das so viel Anstoß erregt hat. Bürger selbst hat in der„Beichte", die er an seine dritte Gemahlin gerichtet hat, das seltsame und nicht zu rechtfertigende Verhältnis geschildert. „Mein Fieber," sagte er,„legte sich nicht, sondern wurde durch eine Reihe von zehn Jahren immer heftiger, immer unauslösch- sicher. In eben dem Maße, als ich liebte, wurde ich von der Höchstgeliebten wieder geliebt. O, ich würde ein Buch schreiben müssen, wenn ich die Martergeschichte dieser Jahre und so viele der grausamsten Kämpfe zwischen Liebe und Pflicht erzählen wollte. Wäre das mir angetraute Weib ein Weib von ge- meinem Schlage, wäre sie minder billig und großmütig gewesen (worin sie freilich von einiger Herzens- Gleichgültigkeit gegen mich unterstiizt wurde), so wäre ich zuverlässig längst zu Grunde gegangen. Was der Eigensinn weltlicher Geseze nicht gestattet haben würde, das glaubten drei Personen sich zu ihrer aller- seitigen Rettung selbst gestatten zu dürfen. Die Angetraute entschloß sich, mein Weib öffentlich und vor der Welt zu heißen, »nd die andere, insgeheim es wirklich zu sein. Dies brachte nun zwar mehr Ruhe in aller Herzen, aber es brachte auch eine andere höchst angst- und kummervolle Verlegenheit zu Wege"... Ter Tod schien endlich dies Verhältnis lösen zu wollen. 1784 starb Bürgers erste Frau und nach Abfluß des Trauer- jahres konnte er seine so leidenschaftlich geliebte Schwägerin heimführen. Aber das Glück war kurz; Molly starb im ersten Wochenbett schon 1786. Von diesem Schlage konnte sich Bürger nie recht erholen, und er beging einen Fehler, als er sein „Schwabenmädchen", Elise Hahn, heiratete, ohne sie näher zu kennen, auf Grund einer poetische» Epistel, die sie an ihn ge- richtet hatte. Nach einem kurzen unglücklichen Zusammensein trennte man sich; Elise Bürger, geb. Hahn, ein eitles, über- spanntes Wesen, zog noch lange in Deutschland umher; sie starb 1833 in Frankfurt am Main. Diese sonderbaren und interessanten Schicksale standen auf jenem Antliz im gleim'schen Hanse geschrieben; ich kann mir auch denken, wie jenes Antliz geglänzt und geleuchtet haben mag. als Bürger es noch stolz umhertrug unter den Dichter- jünglingen des Hainbundes, die in Eichenhainen schwärmten und bei der Flasche Frcihcitsgesängc donnerten, Klopstock an- beteten und Wielands Schriften zu Fidibussen benuzten. Im Mondschein vergossen sie altdeutsche Tränen und als sie sich trennen mußten, fühlten sie, das; der Traum zu Ende Ivar. „Des Grafen Gesicht war fürchterlich," schreibt der biedere Voß bei der Trennung von dem jüngeren Stolbcrg. Mir ist das Bild des armen Bürgers unvergeßlich; möge sich bald ein Künstler finden, der es vervielfältigt. Denn dieser Dichter gehört dem Volke, und das Weh in seinen Zügen ist ein Stück mit Tränen und mit edlem Herzblut geschriebener Geschichte des Volkes. 200 Hackels Vortrag über„Die Naturanschauung von Darmin, Goethe und Lamarck." Gehalten auf der 55. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte zu Eisenach am 18. September 1882).(Schluß.) Erst um die Mitte des vorigen Jahrhunderts trat die uatur- gemäße Reaktion gegen jene dualistische Weltauffassung ein. Man wandte sich endlich wieder dem wahren Urquell aller Erkenntnis, der Natur selbst zu; und vor allein brach für die Kenntnis der lebendigen Naturkörper, für die man seit zwei Jahrtausenden fast allein aus den Schriften des Aristoteles geschöpft hatte, eine neue Aera selbständiger Beobachtung an. Tie äußere Form und der innere Bau der Pflanzen und Tiere, ihre Lebenserscheinungen und ihre Entwicklung wurden jezt zum erstcnmalc Gegenstand eifriger und ausgedehnter Untersuchungen zahlreicher Forscher. Tie Fülle interessanter Tatsachen, welche dieser Quell der natürlichen Offenbarung spendete, mußte aber naturgemäß auch die Frage nach den bewirkenden Ursachen wieder anregen, und alsbald bricht sich auch zu deren Beant- wortung die Idee der natürlichen EntWickelung tvieder Bahn. Tie sogenannte Schule der.älteren Naturphilosophie" gegen Ende des vorigen und im Beginn unseres Jahrhunderts tritt zunächst als Bannerträger dieser Idee wieder auf, gleichzeitig in Deutschland und in Frankreich. Aber auch unabhängig von dieser Schule sehen wir von derselben Idee eine Anzahl der größten Denker und Dichter unserer klassischen Literaturpcriode bewegt; vor allem Goethe, Lessing, Herder, Kant; später Schel- ling, Oken und Treviranus; in Frankreich Laniarck, Gcosfroy St. Hilaire und Blainville; in England Erasmus Darwin, den Großvater unseres Reformators, der nach den Gcsezcn der latenten Vererbung eine ganze Reihe von karaktcnstischcn Geistes- zügcn auf seinen Enkel übertnig. Tie Bedeutung von Goethe als Naturforscher ist in neuerer Zeit so oft und so eingehend von mehreren unserer angesehenen Biologen hervorgehoben worden, daß wir auch davon das meiste als allbekannt voranssezen dürfen. Wir wollen daher nur jenen Punkt derselben hier beleuchte», welcher für uns heute von bc- soliderem Interesse und zugleich sehr verschieden aufgefaßt wor- den ist; die Frage, inwieweit die allgemeine Naturanschauung unseres größten Dichters mit derjenigen Darwins zusammen- fällt? Gleich das Vonvort zu dem kostbaren Vermächtnis, das .Gott und Welt" betitelt ist, drückt den monistischen Grund- gedanken von Goethes allgemeiner Naturanschauung, die nntrenn- bare Einheit von Natur und Gott in einer Form aus, die keine» Zweifel übrig läßt: „Was war ein Gott, der nur von außen stieße, Im Kreis das AU am Finger lausen ließe! Ihm ziemts die Welt im Innern zu bewegen, Natur in sich, sich in Natur zu hegen, So daü, was in ihm lebt und webt und ist, Nie Seine Kraft, nie seinen Geist vermißt!" Nehmen wir dazu nun die wundervollen folgenden Dich- tungen, die„Weltseele, Eins und Alles, Vermächtnis, Para- base, Epirrhcma" u. s.>v.; nehmen wir dazu sein ausgesprochenes Bekenntnis zur Lehre Spinozas, so können wir irgend einen wesentlichen Unterschied von unserer heutigen, durch Darwin neu begründeten monistischen Weltauffassung in der Tat nicht finden. Und wie hoch Goethe diese anschlügt, zeigt seine Frage: „Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen Als daß sich Gott-Natur ihm offenbare, Wie sie das Feste läßt zu Geist verrinnen, Wie sie das Gcisterzeugte fest bewahre!" Daß sich unser großer Dichterfürst demnach die ganze Welt nur als einen einheitlichen Entwicklungsprozeß im Sinne der hellenische» Naturphilosophie dachte, beweisen n. a. auch die Dialoge zwischen Thales und Anaxagoras in der klassischen Walpurgisnacht, mit welchem er in der Geologie an der Teorie einer allmälichen und nnnnterbrochcnen Entwicklung unseres Planeten und seiner Gebirge festhielt. Von Anfang an war er der entschiedenste Gegner der Irrlehre von de» wiederholten gewaltsamen Revolutionen unseres Erdballs, die im Anfange unseres Jahrhunderts sich entwickelte und besonders durch Cnvier zu allgemeiner Geltung gelangte.„Das Gewaltsame, Sprung- hafte in dieser Lehre", sagte er,„ist mir in der Seele zuwider, denn es ist nicht naturgemäß. Die Sache mag sein, wie sie will, so muß geschrieben stehen: daß ich diese vermaledeite Polterkammer der neuen Weltschöpfung verfluche! Und es wird gewiß irgend ein junger Mann ausstehen, der sich diesem all- gemeinen verrückten Konsens zu widersezen Mut hat!" Nur wenige Jahre verflossen, bis diese Zuversicht sich erfüllte. Denn schon 1830 erschien Darwins ebenbürtiger Landsmann, der große Geologe Charles Lyell, und gab uns seine Kontinui- tätstcorie, die heute allgemein angenommene Lehre von der all- niälichen und ununterbrochenen Entwicklung der Erde aus natürlichen Ursachen; eine mechanische geologische Teorie, die ganz ini Sinne Goethes alle gewaltsamen Erdrevolutionen aus über- natürlichen Ursachen ausschloß. Offenbart sich hier schon auf geologischem Gebiete Goethe als ganz entschiedener Anhänger einer monistischen Entwicklnngs- idee, so gilt das noch in tveit höherem Maße auf dem biologischen Gebiete. Denn die Erkenntnis des.Lebendigen, dieses köstlichen, herrlichen Dinges", war ja sein eigenstes Lieblings- studium; hier hat er namentlich in der Morphologie, der von ihm tief erfaßten„Gestaltcnlehre", Blicke in das innere Werden und Entstehen der organischen Formen getan, wie sie so tief und klar nur ein Genius tun konnte, der gleichzeitig Denker und Künstler, Naturforscher und Philosoph ist. Unter den vielen interessanten Beiträgen, welche Goethe zur Morphologie geliefert hat, ist der wertvollste und am meisten ausgearbeitete die 1790 erschienene.Metamorphose der Pflanzen". In diesem reifen Produkte seiner vieljährigen botanische» Stu- dien, das ihn auch auf der Reise nach Italien angelegentlichst beschäftigte, leitet er bekanntlich den ganzen Formenreichtum der Pflanzenwelt von einer einzigen Urpflanze ab und läßt alle die verschiedenen Organe derselben durch mannigfache Umbildung j und Ausbildung eines einzigen Grnndorgans entstehen, des Blattes. Damit geschah tatsächlich der erste Versuch, die nn- endliche Vielheit der einzelnen vegetabilischen Formen auf eine gemeinsame ursprüngliche Einheit genetisch zurückzuführen: „Alle Gestalten sind ähnlich, doch keine gleichet der andern; Und so deutet das Chor auf ein geheimes Gesez!" Dieses„geheime Gesez", dieses„heilige Rätsel" ist die gc- mcinsame Abstammung aller Pflanzen von jener Urpflanze, während ihre speziellen Unterschiede durch Anpassung an die verschiedenen Umstände ihrer Existenzbedingungen bewirkt werben. Wie hier in der„Metamorphose der Pflanzen", so sucht Goethe gleichenvcise auch in der.Metamorphose der Tiere" nach dem gemeinsamen Typus oder Urbilde, aus dem alle vcr- wandten Forme» durch divergente Entwicklung hervorgegangen sind: „Alle Glieder bilden sich aus nach ew'gcn Gesezen, Und die seltenste Form bewahrt im Geheimen das Urbild. Also bestimmt die Gestalt die Lebensweise des Tieres, Und die Weise zu leben, sie wirkt auf alle Gestalten Mächtig zurück. So zeigt sich fest die geordnete Bildung, Welche zum Wechsel sich neigt durch äußerlich wirkende Wesen." Wie sich aus zahlreichen anderen Stellen seiner morpholo- gischen Studien über„Bildung und Umbildung organischer Naturen" klar ergibt, war jenes„Urbild" oder der„Typus" die„innere ursprüngliche Gemeinschaft, welche allen organischen Formen zu Grunde liegt und die ursprüngliche Bildesrichtnng durch Vererbung fortpflanzt". Hingegen ist die„unaufhaltsam fortschreitende Umbildung, welche ans den notivendigen Be- ziehungsverhältnissen zur Außenwelt entspringt", nichts anderes als d�ic Anpassung an die äußeren Existenzbedingnngen. Daß der große Menschenkenner auch den Menschen nicht — a aus der Entwicklungsreihe der übrigen Wirbeltiere ausschloß, zeigt besonders klar seine Vergleichuug des menschlichen Schädels mit demjenigen niederer Säugetiere. Er bezeichnet hier ans- driicklich mehrere Stellen am menschlichen Schädel als Reste des tierischen Schädels,„die sich bei solcher geringen Organi- sation im stärkeren Maße befinden, und die sich beim Menschen, troz seiner Höhe noch nicht ganz verloren haben". Nicht weniger zeugt dafür die berühmte Entdeckung des Zwischenkiefers. Da der Mensch Schneidezähne gleich den an- deren Säugetieren besizt, schloß Goethe, daß auch der Zwischen- kieferknochen, in dem sie bei lezteren wurzeln, beim Menschen ebenso vorhanden sein müsse; und er wies durch die sorgfältigste anatomische Untersnchnng denselben in der Tat nach, obgleich er von den angesehensten anatomischen Autoritäten bestritten wurde. Sehr merkwürdig ist ferner in dieser Hinsicht die Zustim- ninng, welche Goethe zu der bezüglichen Ansicht Kants in seiner „Kritik der Urteilskraft" ausspricht, einem Werke, dessen„große Hauptgedanken seinem eigenen bisherigen Schaffen, Tun und Denken ganz analog waren". Der große königsbergcr Philo- soph hatte die Abstämmling aller organischen Wesen von einer gemeinschaftlichen Urmntter(vom Menschen bis zum Polypen herunter) für eine Hypotese erklärt, welche allein in Ueberein- stimmung sei mit dem Prinzip des Mechanismus der Natur, 'ohne das es überhaupt keine Naturwissenschast geben kann; er hatte ab.v diese Teszendenzhypotcse zugleich„ein gewagtes Abenteuer der Vernunft" genannt. Hierzu bemerkt nun Goethe: „Hatte ich doch erst unbetvnßt und aus innerem Triebe auf jenes Urbildliche, Typische rastlos gedrungen, war es mir sogar geglückt, eine naturgemäße Darstellung aufzubauen, so konnte mich nunmehr nichts weiter verhindern, das Abenteuer der Vernunft, wie es der Alte vom Königsberge selbst nennt, mutig zu bestehen." In hohem Maße zu bedauern ist es, daß Goethe die höchst bedeutende, 1809 erschienene Philosophie Zoologique non La- marck ganz unbekannt blieb. Denn gerade in der Entwicklnngs- lehre dieses ganz anders gefügten und streng systematisch ver- faßten Werkes würde er vieles gefunden haben,>vas ihm fehlte; vieles, was ihm die willkommenste Ergänzung für seine eigenen unvollständigen Studien geliefert hätte. Iiibezug»sowohl ans die einheitliche und vollständige Turchführnng der Entwicklnngs- idee, als ans deren vielseitige empirische Begründung ist das große Werk von Jean Lamarck weit bedeutender, als die ahn- lichen Versuche aller seiner Zeitgenossen, insbesondere als das gleichnamige Werk von Gevssroy St. Hilaire. Wir müssen es als eine wahrhaft tragische Tatsache an- sehen, daß die„Philosophie Zoologique" von Lamarck, eines der größten Erzengnisse der großen Literatnrepoche im Anfange unseres Jahrhunderts, von Anbeginn an nur eine äußerst ge- ringe Beachtung fand und binnen wenigen Jahren ganz ver- gessen wurde. Erst als Darwin volle fünfzig Jahre später dem darin bcgriindeten Transformismus neues Leben einhauchte, wurde der vergrabene Schaz wieder gefunden, und wir können jezt nicht umhin, ihn als die vollkommenste Darstellung der Entwicklungsteorie vor Darwin zu bezeichnen. Ja, es erscheint uns als die notwendige Sühne einer großen historischen Un- gercchtigkcit, wenn wir heute hier abermals(wie schon vor sechzehn Jahren in der„Generellen Morphologie" geschehen) den großen Franzosen neben den größeren Briten und den größten Deutschen stellen. Jede der drei großen Knlturnationen von Mitteleuropa hat der Menschheit im Laufe eines Jahrhnn- derts einen Geiftcshelden ersten Ranges geschenkt, der den Grund- gedankcn der einheitlichen Weltentwicklung aus natürlichen llr- fachen in seiner ganzen Bedeutung erfaßte. Während Lamarck alle wesentlichen Grundgedanken unserer heutigen Abstainmungslehre klar ausspricht und durch die Tiefe seiner morphologischen Erkenntnis unsere Bewunderung erregt, überrascht er uns nicht weniger durch die voransfchancnde Klarheit seiner physiologischen sbnsfaffung. Während damals noch ganz allgemein die falsche Lehre von einer übernatürlichen Lebenskraft in Geltung war, erkannte Lamarck dieselbe nicht an, sondern behauptete, daß das Leben nur ein sehr verwickeltes physikalisches Phänomen sei. Denn alle Lebenserscheinungen beruhen auf mechanischen Vorgängen, die durch die Beschaffen- heit der organischen Materie selbst bedingt sind. Auch die Er- scheinnngen des Seelenlebens sind in dieser Beziehung von den übrigen Lebenscrscheinnngen nicht verschieden. Denn die Vor- stellnngcn und die Tätigkeiten des Verstandes beruhen ans Bewegungsvorgängen im Centralnervensystcm; der Wille ist in Wahrheit niemals frei, und die Vernunft ist nur ein höherer Grad von Entwicklung und Verbindung der Urteile. In diesen und anderen Sitzen erhebt sich Lamarck weit über die allgemeine Natnranschaunng seiner meisten Zeitgenossen und entwirft ein Programm für die Biologie der Zukunft, das erst in unseren Tagen zur Ansführung gelangt. Bei der großen Klarheit und Konsequenz seines Systems ist es selbstverständlich, daß er auch dem Menschen seinen naturgemäßen Plaz an der Cpize der Wirbeltiere anweist, und die Ursachen seiner Um bildung ans affenartigen Sängetieren erläutert. Btit gleichem Scharfsinne bespricht er aber auch eine der dunkelsten und schwierigsten Fragen der ganzen Entwicklungslehre, die Frage nach der Entstehung der ersten lebenden Wesen ans unserem Erdball. Zur Beantwortung derselben nimmt er an, daß die gemeinsamen ältesten Stammformen aller Organismen absolut einfache Wesen waren, und daß diese durch Urzeugung, unter dem Zusammenwirken verschiedener physikalischen Ursachen, un- mittelbar ans anorganischer Materie im Wasser entstanden. Ter- gleichen einfachste Organismen waren aber damals noch garnicht beobachtet; sie wurden erst ein halbes Jahrhundert später in den Moneren wirklich entdeckt. Lamarck erreichte das hohe Alter von fünsnndachtzig Jahren; er lebte mithin zwei Jahre länger als Goethe, zwölf Jahre länger als Darwin. Während aber die beiden lezteren das Glück genossen, ihren langen schönen Lebensabend von dem Sonnenglanze des Erfolges und des Weltruhms verklärt zu sehen, beschloß der arme Lamarck sein langes und arbeitsreiches Leben verkannt, einsam und in Dürftigkeit. Er hatte sogar das Unglück, zehn Jahre vor seinem Tode zu erblinden, und konnte den lezten Teil seiner großen Naturgeschichte der wirbellosen Tiere nur ans dem Gedächtnis seinen beiden Töchtern diktircn, die ihn zärtlich pflegten, und die er ohne alle Unterstiizung zurück lassen mußte. Tic Vergleichung der drei großen Naturphilosophen, in denen der grundlegende Entwickluiigsgedanke unserer heutigen Natur sorschung am bedeutendsten und umfassendsten sich offenbarte, ist von hohem Interesse. Auf ganz verschiedenen Wegen und durch Anwcndnng ganz verschiedener Untersuchiingsmetoden gelangen alle drei Natur- forscher schließlich zu derselben Ueberzeugung, zu der Annahme einer einheitlichen und zusammenhängenk eil Entwicklung der (jmizcn organischen Natur, allein durch die Wirkung natürlicher Ursachen, mit Ausschluß aller übernatürlichen Schöpfungswunder. Da aber alle drei zugleich tiefdenkende Philosophen sind und beständig die Einheit der gestimmten Erscheinungswelt im Auge behalten, so erweitert sich ihre Entwicklungsidee zu einer groß- artigen panteistischen Weltausfassnng. zu derjenigen Einheitslehre. die das Wesen unserer heutigen monistischen Naturanschanung bildet. _ Sch Persönlich wiederhole hier meine feste Ueberzeugung, daß man diesen Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnis fünstig als den größten Weiidepnnkt in der Geistesqeschichte der Menschheit betrachten wird. Gerade die versöhnende und ausgleichende Wirkung unserer genetischen Natiiranschaniiiig möchten wir hier ganz besonders betonen, um so mehr als unsere Gegner sortdauernd bestrebt pnd, derselben zerstörende und zersezendc Bestrebungen unter- ziychieben. Diese destruktiven Tendenzen sollen nicht allein gegen die Wissenschaft, sondern auch gegen die Religio», und somit überhaupt gegen die wichtigsten Grundlagen unseres Kultur- ebens gerichtet sei». Solche schwere Beschuldigungen, wenn sie wirklich mif Ueberzeugung beruhen und nicht Klus aus sophistischen Trugschlüssen, können nur aus einer argen Verkennung dessen erklärt werden, was den eigentlichen Kern der wahren Religion bildet. Dieser Kern beruht nicht ans der speziellen Form des Glaubensbekenntnisses, der Konfession, sondern vielmehr auf der kritischen Ueberzeugung von einem lezten unerkennbaren gemein- samen Untergründe aller Dinge, und auf der Praktischen Sitten- lehre, die sich ans der geläuterten Naturanschauung unmittelbar ergibt. In diesem Zugeständnisse, das; der lczte Urgrund aller Erscheinungen bei der gegenwärtigen Organisation nnscres Ge- Hirns uns nicht erkennbar ist, begegnet sich die kritische Natur- Philosophie mit der dogmatischen Religio». Natürlich nimmt aber dieser Gvttcsglanbe(!!) unendlich verschiedene Formen des Bekenntnisses an, entsprechend dem unendlich verschiedenen Grade der Naturerkenntnis. Je weiter wir in der leztcrcn fortschreiten, desto mehr näherkl wir uns jenem unerreichbaren Urgründe, desto reiner wird unser Gottesbegriff*). Die geläuterte Natnrerkenntnis der Gegenwart kennt nur jene natürliche Offenbarung, die im Buche der Natur für jeder- mann offen daliegt, und die jeder vorurteilsfreie, mit gesunden Sinnen und gesunder Vernunft misgestattetc Mensch ans diesem Buche lernen kann. Es ergibt sich daraus jene monistische reinste Glaubensform, die in der Ueberzeugung von der Einheit Gottes und der Natur gipfelt' und die in den pantcistischcn Bekennt- nissen unserer größten Dichter und Denker, Goethe und Lessing voran, schon längst ihren vvllkvmmcnstcn Ausdruck gefunden hat. Diese monistische Religion der Humanität steht mit den- jenigcn Grundlehren des Christentums, die dessen wahren Wert begründen, keineswegs im Widerspruch. Denn die allgemeine Menschenliebe, als Grundprinzip der Sittlichkeit, ist in der crsteren ebenso wie in dem leztcren enthalten. Tie Urquelle derselben ist, wie Darwin gezeigt hat, in den sozialen Instinkten der höheren Tiere zu suche», jenen psychischen Funktionen, welche die leztcrcn durch Anpassung an das gesellige Zusammenleben erworben und durch Vererbung auf den Menschen übertragen haben. Denn der Mensch kann nur in gcsczmäßig geordneter Gesell- schaft die wahre und volle Ausbildung des höheren Menschen- Wesens erlangen. Das ist aber nur möglich, wenn der natür- liche Selbsterhaltungstrieb, der Egoismus, eingeschränkt und berichtigt wird durch die Rücksicht ans die Gesellschaft, durch den Altruismus. Je höher sich der Mensch auf der Stufen- lciter der Kultur erhebt, desto größer sind die Opfer, welche er der Gesellschaft bringen muß. Denn die Interessen der leztercn gestalten sich immer mehr zugleich zum Vorteil jedes einzelnen; sowie umgekehrt die geordnete Gemeinschaft nni so besser gedeiht, jemehr die Bedürfnisse ihrer Mitglieder befriedigt sind. ES ist daher eine ganz einfache Naturnotwendigkeit, welches ein gesundes Gleichgewicht zwischen Egoismus und Altruismus zur ersten Forderung der natürlichen Sittenlehre erhebt. Die größten Feinde der Menschheit sind von jeher bis auf den heutigen Tag Unwissenheit und Aberglaube gewesen; ihre größten Wohltäter aber die hehren Gcisteshelden, welche die leztcrcn niit dem Schwerte ihres freie» Gedankens mutig be- kämpft habe». Unter diesen ehrwürdigen Gcisteskäinpfern stehen Darwin, Goethe und Lamarck obenan, in einer Reihe mit New- ton. Galilei und Kopeniikns. Indem diese großen Naturdcnker ihre reichen Gcistcsgabc». allen Anfechtungen trvzcnd, zur Eni- dcckung der erhabensten natürlichen Wahrheiten verwendeten. sind sie zu wahrem Erlösern der hilfsbedürftigen Menschheit gc- worden und haben einen weit höheren Grad von christlicher Menschenliebe betätigt, als die � christgelehrten und Pharisäer, welche dieses Wort stets im Munde, das Gegenteil aber im Herzen führen. SSKLKBIMW zuwenden ist, kritisch beleuchten. d. Wie wenig hingegen der blinde Wunderglaube und die Herrschaft der Ortodoxie imstande ist, wahre Menschenliebe zu betätigen, davon legt leider nicht nur die ganze Geschichte des Mittelalters Zeugnis ab, sondern auch das intolerante und fanatische Gebahren der streitenden Kirche in unsern Tagen. Oder müssen wir nicht mit tiefer Beschämung auf jene recht- gläubigen Christen blicken, die gegenwärtig wieder ihre christ- liche Liebe in der Verfolgung Andersgläubiger und in blindem Rassenhasse zum Ausdruck bringen? Glücklicherweise dürfen wir diese mittelalterlichen Rückfälle als vorübergehende Verirrungen betrachten, die keine bleibende Wirkung haben. Tie unermeßliche praktische Bedeutung der Naturwissenschaften für unser modernes Kulturleben ist jezt so allgemein anerkannt, daß kein Teil desselben sich ihr mehr rnt- ziehen kann. Angesichts der überraschenden Geschwindigkeit, mit der die Entwicklungslehre in den lezten Jahren sich ihren Eingang in die verschiedensten Forschungsgebiete gebahnt hat, dürfen wir bicr die Hoffnung aussprechen, daß auch ihr hoher pädagogischer Wert immer mehr anerkannt wird und daß sie den Unterricht der kommenden Generationen ganz gewaltig vervollkommnen wirb. Wohl dürfen wir jezt fordern, daß alle Unterrichtsgegen- stände nach der genetischen Metode behandelt werden; dann wird auch die Grundidee der Entwicklungslehre, der ursächliche Zu- sammenhang der Erscheinungen, überall zur Geltung kommen. Wir sind der festen Ueberzeugung, daß dadurch das naturgemäße Denken und Urteilen in weit höherem Maße gefördert werden wird, als durch irgend welche andere Mctoden. Zugleich wird durch diese ausgedehnte Anwendung der Eni- wicklungslchrc eines der größten Uebel unserer heutigen Jugcnd- bildung beseitigt werden: jene Ueberhäufung mit todtem Ge- dächtniskram, welche die besten Kräfte verzehrt und weder Geist noch Körper zur normalen �Entwicklung kommen läßt. Diese übermäßige Belastung beruht auf dem alten unausrottbaren Grundirrtnm, daß die Quantität der tatsächlichen Kenntnisse die beste Bildung bedinge, während diese in der Tat vielmehr von der Qualität der ursächlichen Erkenntnis abhängt. Wir würden es daher vor allem nüzlich erachten, daß die Auswahl des Lehr- stvsscs in den höheren wie in den niederen Schulen viel sorg- fältigcr geschehe, und daß dabei nicht diejenigen Lehrfächer bevorzugt werden, welche das Gedächtnis mit Massen von toten Tatsachen belasten, sondern diejenigen, welche das Urteil durch den lebendigen Fluß der Entwicklnngsidee bilden. Man lasse unsere geplagte Schuljugend nur halb so viel lernen, lehre sie aber diese Hälfte gründlicher verstehen, und die nächste Genera- tion wird an Seele und Leib doppelt so gesund sein, als die jczige. In erfreulichster Weise kommen diesen Forderungen die Re- formen entgegen, die sich gleichzeitig auf den verschiedensten Gebieten der Wissenschaft vollziehen. Ueberall treiben die er- frenlichstcn Blüten ans den verschiedensten Zweigen der Wissen- schaft, und ihre Früchte werden übereinstimmend Zeugnis davon ablegen, daß sie alle aus einem einzigen Baume der Erkenntnis entspringen und ihre Nahrung ans einer einzigen Wurzel be- ziehen. Dank und Ehre aber den großen Meistern, die uns durch ihre genetische und monistische Naturanschauung zu dieser lichten Höhe der Erkenntnis geführt haben, auf der wir mit Goethe sagen dürfen: „Dieser schöne Begriff von Macht und Schranken, von Willkür lind Gesez, von Freiheit und Maß, von beweglicher Ordnung, Vorzug und Mangel, erfreue dich hoch; die heilige Muse Bringt harmonisch ihn dir, mit sanftem Zwange belehrend. Keinen höhern Begriff erringt der sittliche Denker, Keinen der tälige Mann, der dichtende Künstler; der Herrscher, Der verdient es, zu sein, erfreut nur durch ihn sich der Krone. Freue dich, höchstes Geschöpf der Ntaur, du fühlest dich sähig, Ihr den höchsten Gedanken, zu dem sie schaffend sich aufschwang, ptachzudenken. Hier stehe nun still und wende die Blicke Rückwärts; prüfe, vergleiche und nimm vom Munde der Muse, Daß du schauest, nicht schwärmst, die liebliche volle Gewißheit." 204- Simia quam similis lurpissima Leslia nobis!*) Seitdem Darwin uns den Affen zum Ahne», bczichungs- weise zum Vetter gegeben hat, ist er dem menschliche» Interesse noch näher gerückt als in früheren Zeiten, wo man verblüfft ans dieses zoologische Rätsel blickte, auf diesen Antropo» niorphismus der Tierwelt, welcher nicht blos die Ge-- stalt des Mensche», sondern auch teil� weise sein geistiges Wesen in karriki- rendcr Weise nach- ahmt und dessen Treiben daher mehr ein Gefühl der Uuheimlichkcit als des Behagens einflößt. Dem pei- nigendcn Eindruck der Menschenver- waudtschast hat sich ivohl kaum noch ein Beschauer entschla- gen, und er blickt noch aus zahlrei- che» Sagen, Uebcr- lieferungen und Gebräuchen der Völker hervor. So erzählen die Ja- vanesen, die Assen seien ein Rest der Ureinwohner jener Inseln und sie verleugneten die menschliche Sprache undWeise nur, um nicht in Sklaverei zu ge- rate». Die Araber sahen und sehen in den Affen verwor- 2 fene, von Allah% verdammte und§ verwandelte Men-» scheu, welche das Bild des Teufels und des Adams- sohnes in wunderlicher Vereinigung zur Schau tragen. Die Inder erbauen ihnen noch heute tcmpelartige Hau- scr, in denen sie nach Belieben schalten dursten. Die alten Eghpter hielten gewisse Affenarten heilig, gruben ihre Bildnisse in Porphyr ein und schufen nach ihnen die Abbilder ihrer Götter. Selbst dasjenige Volk des Altertums, ivclches den Geist schöner Menschlichkeit am reinsten darstellte, die Griechen, haben sich zur Verehrung des frazenhasten Geschöpfs verirrt, und noch zu Diodors Zeiten(circa 66 vor Christi) *) Der Slffc, blcö sehr häßliche Tier, wie ähnlich ist er uns! n wohnte ein affenverehrender griechischer Stanim an den Küsten von Afrika, und in dem Palast der Konservatoren zu Rom sieht man die verstümmelte Abbildung eines langgeschwänztcn Affen in grünem Marmor. Zu den viclverbreiteten Sagen von Wald- menschen haben die Affen Anlaß ge- geben.— Darwin war der Ocdipus dieser tierischen Sphinx; die Men- schcnähnlichkeit des Affen ist uns nicht mehr auffal- lend, seitdem wir dasNaturgesezdes Transformismus kennen, seitdem wir wissen, daß die höheren Organis- men aus den nie- deren auf dem Wege allmalicher Umbildung sich eutivickelt haben und der Aste in dieser Stufenleiter der Organisnien die Vorstufe des menschlichen Cr- ganismus darstellt. Ter Mensch hat mitdemAffenmehr gemein als die Weisheit der An- tropologen sich träumen läßt, und wenn er sich dieser Verwandtschaft zu schämen Pflegt, wie ein baronisirter Parvenü seiner rustikalen oder prole- tarischcn Ander- wandten, wenn er um jeden Preis durch einen eigc- neu Schöpsungsakt ans einem Erden- kloß apart geschaf- sen sein will, so ist dies so uuver- nünftig, so töricht, so lächerlich, daß ich sagen möchte, einer der besten Beweise für die Wahrheit dieser Enungcnschaftdes Darwinismus sind dessen Gegner, we- nigsteus die Gegner aus dem envähnten Grunde. Wie sollte denn die Menschenwürde durch die darwinische Tcorie irgendwie beein- trächtigt werden? Ist der Mensch nicht, was er ist, ob er direkt aus der unorganischen Welt entstanden oder auf dem Wege der Ent- Wicklung durch verschiedene Arten organischer Wesen stufenweise zu seiner geistigen Höhe emporgestiegen ist? Ist nicht der Mensch bewundcrungsivürdiger, wenn er von niederem Ursprung allmälich 205 Semnopitheeus melalophus Cuv. aus und durch sich selbst sich cinpvrgcrungkn hat? Bewundert man einen reichen Man» nicht mehr, wenn er»mit nichts angefangen" hat, einen Minister, wenn er der Sahn arnicr Eltern aus niedrigem Stand ist?— Und hat denn der Mensch wirklich so viel Ursache, anf die Tierwelt verächtlich herunter- zusehen? Berechtigt ihn der Rnlturgrad, den er bereits er- klommen, seine Verwandtschaft mit den Affen zu verleugnen? Ich glaube nicht. Wer mit offenen Augen das Treiben der Menschen beobachtet, das private wie das öffentliche, wird in intellektueller wie moralischer Hinsicht genug Spuren ihrer ticri- scheu Herkunft entdecken, der wird, ohne Pessimist zu sein, gc- stehen müssen, daß häufig genug die Simiätät(wcun ich mir diese Wortbildung gestatten darf) d. i. die Affenhaftigkeit, der Humanität den Rang abläuft. Tas Geschlecht der Assen oder Vier- händcr(Quailru- maua) ist in zahlreichen Spielarten vertreten, welche eine große Mannigfaltigkeit der Körperbil- billig darbieten. Schon die Körpergröße. sagt Gi obe l, spielt in ziemlich weiten Grenzen. Die Orangaffen erreichen Mannesgröße, die Seidenaffen und an- dcre nur die des Eichhörnchens. Die Paviane sind kräf- tig. untersezt, ihre Körperformen sind stark und fleischig und ihr Bauch ist stark eingezogen; bei den Orangaffcn da- gegen ist der Leib stark aufgetrieben und bcsizt lange, dünne Gliedmaßen; bei den Klammer äffen sind Leib und Gliedmaßen gleich dünn und mager, bei einzelne» Halbaffen sogar klapperdürr. Die einen tragen ein dünnes, spärliches Haarkleid, welches die Umrisse des Körpers deutlich durchschimmern läßt; andere hüllen sich in einen kurzen, dichten, enganschließenden Pelz; noch andere bekleiden sich mit einem langen, lockern, der am Kopfe, Rumpfe oder Schwänze sogar buschige Mähnen, Ruten oder einen struppigen Bart bildet. Die Farben sind ini allgemeinen zwar düster, grau, braun, schwarz, eintönig oder gemischt, jedoch fehlt es auch nicht an bunten Zeichnungen, hervorstechenden Tönen und darunter au Wichen, welche wir sonst nirgends unter den Säugetieren finden. -0 mischt sich meergrüne Farbe mit grauer, weiß sticht am �opfe scharf gegen die allgenicine schwarze Färbung ab, ja selbst grün, himnielblau, blut- und purpurrot kommen vor, wenn auch uur an nackten haarlosen Stellen. Die Ohren ragen frei hervor oder verstecken sich gar im Pelze; das Gesicht ist hundcartig verlängert oder kurz und platt. Ter- Schwanz fehlt oder ist mehr als körperlang.— Indessen ist die Uebereinstimninng des inneren Leibesbaus der Affen größer als man zufolge ihrer Eucrcza. Magot. äußeren Erscheinung vermuten möchte. Das Geripp enthält 12 bis 16 Brustwirbel, 4 bis 9 Lendenwirbel, 2 bis 5 Kreuzbein- und 6 bis 33 Schwanzwirbel; das Schlüsselbein ist stark; die Unterarmkuochen sind getrennt und sehr beweglich; die Hand- wnrzelknocheu sind gestreckt, die der Finger aber teilweise ver- kümmert, während an den Hinterfüßen gerade der cntgegenscz- bare Daumen auffallt. In dem sehr verschieden gestalteten Schädel liegen die Augen immer vorn, in stark unirandetcn Knochcnhöhle» und die Jochbögcn stehen nicht bedeutend vom Schädel ab. Tas Gebiß enthält alle Zahnartcn und zwar in ununterbrochenen Reihen, d. h. ohne Lücken zwischen den ver- schiedcncn Zähnen: vier Schneidezähne, zwei oft außerordentlich und wie bei Raub- tieren entwickelte Eckzähne, zwei oder drei Back- und drei Mahlzähne in jedem Kiefer pflegen es zu bilden. Besonders ausgezeichnet sind sie durch ihre vier händeartigeu Füße, mit einem den übrigen Fingern gegen- überstehenden Daumen, der sie sähig macht, mit allen Füßen zu greifen. Tagegen sind sie kaum imstande, auf- recht zu gehen, weil ihre Hintersüße der dazu erforderlichen Sohle entbehre» und weil das schmal gebaute Becken und die schwachen Beine den Körper nur im- vollkommen zu tragen vermögen, so daß sie mit eilige- knickten Knien gehen. Bei aller Aehn- lichkeit zeigt also die Leibesbeschaffenheit des Assen wieder so viel Unähnlichkeit mit dem Menschen, daß die Umbildung einer Affenart zum Menschen ungeheure Zeiträume erfordert haben muß. Welcher Abstand zwischen dem unschönen Tier mit dem hageren, bc- haarten Leib ohne Gesäß, den langen Armen, den dünnen Beinen ohne Waden, den Gesäßschwielen und dem langen Schwanz bei einem großen Teil der Arten, dem tierischen Kopf mit dem rückliegenden und kleinen Schädel und den eingezogenen dünneu Lippen— und dem vollendeten Menschen, nach welchem der Künstler den Apoll vom Bclvcdere schuf!— Derselben Mischung von Menschenähnlichkeit und Unähnlich- keit begegnet man, wenn man die geistigen Eigenschaften des Affen einer Prüfung unterzieht. Man braucht nur sein An- geficht zu studiren. sagt Brehm, um zu wissen, wcß Geistes Kind er ist. Tie Beweglichkeit des Affcngesichts ist unglaublich groß. In einem Nu durchlaufen es alle nur denkbaren Aus- drücke: Freundlichkeit und Wut, Ehrlichkeit und Tücke, Lüstern- heit, Genußsucht und hundert andere Eigenschaften und Leiden- schaften geben sich rasch nach- und durcheinander auf diesem treuen Spiegel des Innern kund. Und doch will es scheinen, Kahan oder Nasenaffe. 206 als könne das Gesicht den Kreuz- und Querzügen des Assen- geistes kaum folgen. Niemals aber hat dieses Gesicht einen edlen, gutmütigen, treuherzigen Ausdruck. Es kann wohl sanft erscheinen, aber alsdann fehlt auch das Kluge, Geweckte; der sanfte Affe ist ein schläfriger, trauriger Gesell. Je klüger. listiger, schlauer, tückischer, unverschämter und wilder der Affe ist, um so beweglicher, zugleich aber auch verzerrter, mißbildcter und häßlicher ist sein Gesicht. Unschuldig, kindlich sehen blos die geistesärmeren, stilleren Affen ans, und doch ist der Wechsel in ihrem Gesichtsausdrnck noch immer ein erstaunlich rascher und umfassender. Die Verschiedenheit des Gcsichtsausdrucks tritt ganz besonders beim Orang-Utang zu Tage. Dieser bei voller Geistcsrnhe gemütlich, menschenartig aussehende Asse wird ganz Tier, sobald sich eine Leidenschaft in seiner Seele regt. Tie gefaltete, haarige Stirn, die fletschende Schnauze mit den Raubtierzähnen und der flachen Nase und die funkelnden Augen des zornigen Affen machen einen wahrhast scheußlich abschrecken- den Eindruck.— Okcn karaktcnsirt den Assen folgendermaßen: „Die Affen sind dem Menschen ähnlich in allen Unsitten und Unarten. Sie sind boshaft, falsch, tückisch, diebisch und unan- ständig; sie lenien eine Menge Posse», sind aber ungehorsam und verderben oft den Spaß mitten im Spiel, indem sie dazwischen einen Streich machen, wie ein tölpelhafter Hanswurst. Es gibt keine einzige Tugend, welche nian einem Assen zu- schreiben könnte und noch viel weniger irgend einen Ruzen, den sie für den Menschen hätten. Wachestchen, Aufwarte», verschiedene Dinge holen, tun sie blos so lange, bis sie die Narrheit anwandelt. Sie sind nur die schlechte Seite des Men- scheu sowohl in leiblicher Ivie in geistiger Hinsicht." Er hat etwas kazcnartigcs, sagt Masius, ist diebisch, geizig, tückisch und prahlt genr mit seinen Obszönitäten. Jederman hat in Menagerien diese frechen Gebenden gesehen, die um so ekelhafter werden, jemchr sie in Widerspruch zu stehen scheinen mit den greisenhaften Zügen des Affcngesichts. Wenn indes gewisse Naturgcschichtschreiber aus diesem„unmoralischen" Karakter des Affen demselben eine Inferiorität gegen andere Tiere, z. V. den Hund, zuschreiben oder gar Kapital gegen den Darwinismus daraus zu schlagen suchen, so ist das entschieden falsch. Im Gegenteil beweisen diese Eigenschaften seine höhere Intelligenz, seine Willenskrast, sein Selbständigkeitsgefühl. Von. Tugend im eigentlichen Sinne kann nur beim Menschen gesprochen werden, bei dem der Karakter durch die höhere Einsicht, durch die Bcr- nunft bestinnnt wird.— Eine„Tugend" hat nian dem Affen nicht bestreiten können: seine Jungenliebe. Tie Affen gebären ein Junges, wenige Arten zwei.» Dies ist regelmäßig ein kleines, überaus häßliches Geschöpf, scheinbar mit doppelt so langen Gliedmaßen, wie seine Eltern sie bcsizen und mit einem Gesichte, welches dem eines Greises viel ähnlicher sieht, als dem eines Kindes, so faltig und runzelig ist es. Dieser Wechselbalg ist aber der Liebling der Mutter, sie hätschelt und pflegt es nnt der wärmsten Zärtlichkeit. Sic macht sich ohne Unterlaß mit dem teuren Sprößling zu schaffen, bald leckt sie ihn, bald laust sie ihn, bald drückt sie ihn an sich, bald nimmt sie ihn in beide Hände und weidet sich an seinem holden Anblick, bald legt sie ihn sich an die Brust, bald schaukelt sie ihn hin und her. Plinius versichert, daß die Aeffinnen ihre Jungen aus lauter Liebe oft zu Tode drücken, was neuerdings bezweifelt wird. Bei der geringsten Gefahr stürzt sie auf ihr Kind zu, läßt einen ganz eigentümlichen Ton hören, durch den sie es einladet, sich an ihre Brust zu flüchten. Kindlichen Ungehorsam bestraft sie mit Kniffen und Püffen, oft mit förmlichen Ohrfeigen. Indessen ist das Affenkind in der Regel so gehorsam, als es ein Pä- dagog nur wünschen kann. In der Gefangenschaft teilt die Affenuiutter jeden Bissen Brod treulich mit ihrem Jungen und zeigt an seinem Geschick einen solchen Anteil, daß man'sich oft der Rührung nicht erwehren kann. Der Tod eines Kindes hat in der Gefangenschast regelmäßig das Hinscheiden der Mutter zur Folge; der Gram bringt sie um. Von der Kugel des Jägers tätlich getroffen, stürzt die Affenmutter aus dem Wipfel, aber mit ihrer lezten Kraft faßt und hält sie das Junge und stirbt— weinend, wie die malayische Sage hinzusügt. Stirbt eine Aesfin, so nimmt das erste beste Mitglied der Bande die Waise an Kindesstatt an, und dies tut sowohl die Aesfin wie der Affe. Tic Zärtlichkeit gegen ein Pflegekind der eigenen Art ist kaum geringer als die, welche dem eigenen Kinde zu- teil wird. Was die Intelligenz der Assen anbelangt, so kann niemand deren große geistige Begabung leugnen. Sie bcsizen ein ganz vortreffliches Gedächtnis und wissen ihre Erfahrungen sehr vcr- ständig zu benüzen. Sie verstehen es, mit wirklicher Schlau- heit und List ihre Vorteile immer wahrzunehmen; sie bekunden ein Geschick in der Verstellung und lassen es oft nicht merken, daß sie irgend eine heillose Absicht in ihrem Gehirn ausbrüten; sie wissen sich Gefahren gewandt zu entziehen und finden trefflich die Mittel auf, sich gegen sie zu wahren oder zu verteidigen. Aber troz ihres Verstandes werden sie oft ans die albernste Weise überlistet und getäuscht. Ihre Leidenschaften tragen häufig einen vollständigen Sieg über ihren Verstand davon(ungefähr wie beim Menschen). Sind jene rege geworden, so achten sie auch die plumpste Falle nicht mehr und vergessen ihre Sicher- heit gänzlich über der Absicht, ihrer Gier zu fröhnen(während z. B. der Fuchs lieber argen Hunger leidet, als daß er in die Falle geht). Die Malayen höhlen harte Kürbisse durch eine kleine Oeffnung aus und füllen sie dann mit Stücken von Nah- rung, namentlich mit Zucker oder Früchten, welche die Affen gerne esse». Diese zwängen nun, um zu ihrer Lieblingsspeise zu gelangen, ihre Hände durch die enge Oeffnung und erfassen eines der Stücke mit solcher Gier, daß sie sich lieber sangen lassen, als das einmal Erfaßte loszulassen. In solcher Weise beherrschen die Leidenschaften auch die klügsten Affen. Tic Affen gehören zu den lebendigsten, beweglichsten Säuge- ticren. So lange sie auf Nahrungscnverb ausgehen, sind sie nicht einen Augenblick lang ruhig. Schon die Mannigfaltigkeit ihrer Nahrung bedingt das. Ihnen ist alles Genießbare recht. Früchte, Zwiebeln, Knollen, Wurzeln, Sämereien, Nüsie, Knospen, Blätter und saftige Pslanzcnstcngcl bilden die Hauptmasse ihrer Mahlzeiten; ein Kerbtier aber wird auch nicht verschmäht, und Eier, junge Vögelchen sind Leckerbissen. Da gibt es nun immer etwas zu begucken, zu erhaschen oder abzupflücken, zu bcricchcn und zu kosten. Solche Ilntersuchungen erfordern viel Bewegung, und daher ist auch die ganze Bande nie ruhig. Die Sorge um das liebe Futter ist groß; sogar der gewaltige Elefant bekommt seine Prügel, wenn er so imverschämt ist, an der Asfcutafcl— und das ist der ganze große Wald— schmausen zu wolle». Wir säen, aber die Affen ernte», sagen die Araber Ost- Sudans. Jeder einzelne Affe verwüstet zehnmal mehr, als er frißt, und ist deshalb nur dem abergläubischen Hindu erträglich. Gegen diese Spizbnbcn hilft weder Schloß»och Riegel,' weder Häg noch Mauer. Sie öffnen die Schlöffer und steigen über Mauern hinweg, und was nicht gesrcffcn werden kann, wird wenigstens mitgenonimen. auch Gold und Edelsteine. Man muß eine Affcu- hcide selbst gesehen haben, wenn sie auf Raub auszieht, um begreifen zu können, daß ein Landwirt sich halb tot über sie ärgern kann. Dem Unbeteiligten gewährt sie dagegen ein höchst unterhaltendes Schauspiel. Alle Künste gelten! Es wird ge- laufen, gesprungen, geklettert, gegaukelt, im Notfall auch ge- schwömmen. Tie Künsteleien auf dem Gezweig übersteigen allen Glauben. Nur die Orangaffcn und Paviane sind schwerfällig, die übrigen sind vollendete Gaukler; sie scheinen fliegen zu können. �äze von zwanzig ja dreißig Fuß Sprungweite sind ihnen Spaß; vom Wipfel eines Baumes springen sie dreißig Fuß hernieder ans das Ende eines Astes, beugen denselben durch den Stoß tief herab und geben sich, während der Ast zurückschnellt, noch einen mächtigen Schwung, der Schwanz oder die Hinter- deine werden als Steuer lang ausgestreckt und wie ein Pfeil durchstiegt das �.ier die Luft. Sofort nach glücklicher Ankunft geht c» weiter, durch die fürchterlichsten Dornen hindurch, uk tvandelte man auf getäfeltem Fußboden. Eine Schlingpflauzc cht eine höchst bequeme Treppe für die Affen ein Baumstamm ein gebahnter Weg. Sie klettern vor- und rückwärts, kopfobcrst und unterst, oben mif einem Aste hin oder unten on ihm weg. Was sie mit der Vorderhand nicht ergreifen können, fassen sie mit der Hinterhand oder die ncmvcltlichen Arten mit dem Schwänze, der als Steuer angewandt wird, wenn weite Sprünge gemacht werden sollen, aber auch sonst noch zu allem Möglichen dient. Bei den Neniveltaffeu wird der Schwanz zur fünften oder besser zur ersten Hand. An ihm hangt sich der ganze Asse auf und wiegt und schaukeit sich nach Belieben, mit ihm holt er sich Nahrung aus Spalte» und Nizen, ihn benuzt er als Treppe für sich selbst; er dient anstatt der Hängematte, wenn sein Eigner Mittagsruhe halten will. Was das gesellige Leben unserer Tiere anbelangt, so führen nur wenige Arten ein Einsiedlerleben, die meisten schlagen sich in Banden zusammen, von denen jede ihren festen Wohnsiz wählt. Das stärkste inännliche Mitglied einer Herde wird Zugführer oder Leitasse. Derselbe genießt unbedingten Ge- horsam in jeder Hinsicht und übt sei» Amt mit großer Würde aus. Bon den Untergebenen wird ihm in jeder Weise ge- schmeichelt. Selbst das zarte Geschlecht bemüht sich, il>m die höchste Gunst, die ein Asse gewähre» kann, zu bezeige». Es beeifert sich nämlich, dem in Ehrfurcht geliebte» Oberhaupt das Haarkleid von den lästigen Schmarozem möglichst rein zu halten und er läßt sich diese Huldigung mit dem Anstand eines Pascha, gksalleu, dem seine Lieblingssklavin die Füße traut. Dafür sorgt er aber auch treulich für die Sicherheit seiner Untergebenen und ist daher in noch größerer Unruhe als sie. Nach allen «eiteu hi» sendet er seine Blicke, keinem Wesen traut er, und su entdeckt er auch fast immer rechtzeitig eine etwaige Gefahr. Nicht alle Assen flüchten vor Feinden; die Stärkeren stellen pch vielmehr selbst furchtbaren Naubtiercn und dem noch ge- fahrlicheren Menschen kühn zur Wehr. Die größeren Affen, zunial die Paviane, besizen in ihren Zähnen auch so furchtbare Wusse», daß sie es mit einem Feinde wohl aufnehmen können. Tie Weibchen lassen sich nur, wenn sie sich ihrer Haut wehren oder ihr Junges verteidigen müssen, in Kämpfe ein; dann aber �>grn sie verhältnismäßig eben so viel Tapferkeit als die Männchen. �-'e meisten Assen kämpfen mit Händen und Zähnen, sie krazen und beißen, manche Arten kämpfen auch mit Stöcken, besonders mit abgebrochenen Banmästen und schleudern Steine, Früchte, Holzstücke und dergleichen von oben herab auf ihre Gegner. beispiellose Wut der Asten, welche deren Stärke noch be- deutend steigert, kann auch dem Menschen gefährlich werde» und Üe nimmt dem Feinde nur zu häufig die Gelegenheit, ihm einen entscheidenden Schlag beizubringen. Wie hoch die Äffen ihr Alter bringen, kann nicht genau ougegeben werden, doch darf nian annehmen, daß die größeren Arten einige vierzig Jahre alt werden können. Bei uns zu exexxa. Eine venetianrsche Novelle von Zlla» Mogle r. (7. Fortsezung.) Aber nein,— und der Gedanke an die Ihren durchkreuzte wieder ihre Empfindungen— sie hätte sich da doch anders bc- nommen, sie hätte sein heißes Ungestüm, wenn auch freundlich, zurückgewiesen,— sie hätte ruhig erwogen, sie hätte an ihre gesellschaftliche Stellung und die seine und die dadurch geschaf- fenen Hindernisse gedacht, sie hätte sich der Absichten ihres Vaters erinnert und dadurch die Glut ihrer Leidenschaft zu dämpfen gesucht, sie würde zur Vorsicht gemahnt, sie würde mit klügerem Bedacht gehandelt haben.--- Wozu aber hätte am Ende das Sträuben und Zögern gc- nüzt, wenn ihre Herzen nun einmal von ansang an im tiefsten verbunden waren, daß sie nicht wieder von einander lassen konnten,— und was wäre aus ihr geworden, wenn ruhige Välte des Verstandes über die wahren glühenden Empfindungen ihres Herzens ans kurze Zeit den Sieg davon getragen hätte, — würden dann nicht die lcztcrcn nur alsobald mit erhöhter Macht emporgestiegen sein, und hätte sie nur je der Absicht ihres Vaters entgegenkommen können, hätte sie denn jemals sich zu einer Verbindung mit dem Grafen zu entschließen vermocht, — mit diesem Grafen,— diesem blöden, geistlosen Grafen?— Damit wars mit diesen Erwägungen vorbei. Ihr ganzes Herz empörte sich, wenn sie daran dachte, sich auch nur eine zeitweilige Einschränkung der eigensten Rechte desselben gefallen lassen zn sollen. Es erschien ihr mit einemmale wie eine Fügung des Himmels, daß alles so gekommen: ein gnädiges Geschick hatte ihr die Qual langen, nuzlosen Hin- und Her- schwankens zwischen erzlvungcner kalter Ueberlegnng und dem wahren Segen ihres Herzens und eine vielleicht zu späte Reue ersparen wollen, und entschlossener noch als vorhin sagte sie bei sich selbst: „Nein, er soll wissen, daß ich die ihm gegebene Antwort keinen Augenblick bedauere, und er soll sie noch einmal erhalten, so klar und deutlich und unzweideutig, wie es nur immer möglich!" Die Nacht war schon längst hereingebrochen, und das milde Licht der Ampel strahlte in dem stillen, traulichen Gemach; aber noch hatte Serena, ganz mit ihren Gedanken und Empfin- düngen beschäftigt, nicht daran gedacht, zur Ruhe zu gehen. Sie schien es auch jezt noch nicht tun zu wollen, sondeni trat vielmehr leise zur Tür hinaus und ging über den Korridor und auf derselben Treppe, die nach der Hinterfront des Palastes und nach den Marmorsaal heruntersührt, in den Garten hinab. Sie erinnerte sich, daß ein großes Beet prächtigster Rosen un- mittelbar unter ihrem Feuster noch in voller Blüte stand. Diesem Beete lenkte sie, drunten angekommen, ihre Schritte zu. Es war still und dämmerig zwischen den Bäumen, leise rauschten die dunkeln Zweige des Lorbeers, der Magnolien und Zypressen im sanften Abendwinde zusammen, und von der Seite her, aus den: Kanal, tönte das heimlich trauliche Murmeln und Plätschem des Wassers herein. Mit emsiger Hand pflückte sie einen großen Strauß der duftigen Blumen und kehrte dann still und geräuschlos in ihr Zimmer zurück. Hier wand sie niit großer Sorgfalt aus kleinen biegsamen Myrten und Zypressenzweigen, die sie ebenfalls vom Gartem mit herausgenommen hatte, eine Art niedlichen Körb- chens, in welchem sie die herrlichen, teils voll, teils erst halb erblüten Rosen in reizvoller Zusammenstellung gruppirte. „Nun, sei es denn"— sagte sie leise, mit flüchtiger Hand die üppigen, dunkeln Locken sich zurückstreichend, indem sie sich vor ihrem überaus kunstvoll gearbeiteten Schreibtisch niederließ. Die rosigen Finger ruhten auf dem zierlichen Bogen, und die Rechte glitt emsig, fast ohne abznsezen, über das glatte Papier. Einmal noch, als sie den nun beendeten Brief flüchtig über- las, überfiel es sie wie ein Zittern ängstlicher Scheu, daß sie es gewagt, diese Zeilen zu schreiben, aber dann faltete sie ent- schlössen die Bogen zusammen und verwahrte sie in einem Cou- vcrt, welches sie unter der weichen Blnmenhüllc im Körbchen verbarg und sorgfältig darin befestigte. Und nun kam, als hätte sie nach bestem Können alles getan, was sie gewollt und was ihr frommen solle, ein unaussprech- lich süßer Hauch der Ruhe über sie, daß sie wohl meinen mußte, der Allbeglückcr Schlaf werde jezt mit sanfter Macht die iveichen Zauberslügel über ihre Seele legen und in holdem Traume leicht verklärt alles, was sie an diesem Tage erlebt, gefühlt und gedacht, ihr wiederspiegeln. Nur wenige Stunden aber währte ihr Schlaf. Die Ge- danken, mit denen sie sich bis in die späte Nacht hinein beschäf- tigt, weckten sie aus dem Schlummer auf, um sich dann in wachem Traume sortzuspinnen. Mit Ungeduld envartete sie den Morgen, und als das erste graue Dämmerlicht zum Fenster hereindrang, erhob sie sich, legte rasch ein einfaches Morgenkleid an und sah dann, am Fmster stehend, in den Garten hinaus. Ach, sie würde noch lange so einsam harren müssen, sagte sie sich, bis Camillo heute den Palast betreten würde; denn der dunkle Saal, der erst des Eindringens vollen Sonnenlichts bedurste, um sich einigermaßen zu erhellen, gestattete keinen allzufrühen Beginn seiner Arbeit. Aber auch die folgenden, träge dahinschleichenden Stunden vergingen, und bald glänzte leuchtende Strahlenfülle der tvieder so warm wie am vorhergehenden Tage herabscheinenden Sonne über die weißen Gänge, über das Grün und den bunten Flor des Gartens. Nun mußte er bald kommen, sie wußte, daß dann sein erstes, bevor er an die Arbeit ging, ein kurzer Gang durch den morgen- frischen Garten zu sein pflegte. Jezt endlich war er unten vorübergegangen, und sie hatte ihn gesehen. Ein leises, zagendes Zittern ging wieder durch ihr Herz, als sie das hübsche Körbchen erfaßte und sich mit ihr dem Fenster näherte. Camillo sollte sie nicht sehen, darum blieb sie in einiger Entfernung davon stehen. Dort kam er wieder dem Palaste zugeschritten, das Auge zu ihrem Fenster cmporgewendet. Ein sansteS Beben ihrer Hand — und das niedliche Blumenkörbchcn glitt an seidenem Faden J 215 langsam in den Garten hinab. Sie brauchte nicht zu furchten, daß es von jemand wahrgenomnieii werden könne, denn unter ihrem Zimmer befanden sich unbewohnte Gemächer, und in dem Garten selbst pflegte um diese Zeit niemand anwesend zu sein. Camillos leuchtende Blicke galten wenige Sekunden lang ebensosehr der sacht herniedergleitenden köstlichen Blumcnspende, wie dem hohen Bogenfenster, aus dem sie herabgelassen wurde. Er glaubte Serenas schöne Gestalt sich droben hinausneigen sehen zu müssen, und er spähte und spähte in ungeduldiger Er- Wartung hinauf. Aber es zeigte sich nichts, als das zarte Fädchen, das vom Fenstersims herabhing. Dann fiel es wie ein freudig aufleuchtender Strahl, das holde Wunder deutend, in seine Seele; er eilte auf das jezt am Boden stehende Körb cheu hin, und hätte hell aufjauchzen mögen vor innerstem Ent- zücken, wie er die Hand nach dem herrlichen Rosenbouquet ausstreckte und mit freudiger Bewegung an seine Lippen drückte. Das Ende des Fädchens, oben leise von Serenas Hand los- gelassen, fiel jezt ebenfalls herab; er brachte die duftigen Blumen wieder und wieder an seinen Mund und lief hastigen Schritts mit dem nnschäzbarcn Geschenk in den Marmorsaal hinein. Und nun erst, wie sein trunkenes Auge, mitten zwischen den Knospen und Blüten und zarten Blättern, das zierliche Briefchcn fand, nun erst stand er vollends berauscht von höchster Wonne und Seligkeit. Mit Blizcsschnelle hatte er das Couvert geöffnet und hielt die niedlichen Bogen mit den feinen, an- niutigen Schriftzügen in seiner Hand. Er las, und sein Ateni flog in süßester Erregung, sein Herz pochte und hämmerte laut in heißer, ungestümer Wallung des Bluts. „Ich weiß, mein einzig Herzgeliebter, du wirst dich fragen, warum ich in heftigem Ungestüm, wie in kindischer Angst fast, von dir geeilt. Aber es kam alles mit so unvermittelter Gewalt über mich, daß dadurch mein plözliches Erschrecken über die mächtige Wirkung des Augenblicks wohl erklärlich scheinen mag. Noch liegt es wie der Zauber magischen Träumens über meiner Seele; aber doch steht mirs mit vollster Klarheit im Bewußt- sein, daß ich nie mehr von dir lassen kann, daß ich mit dir verbunden bin durch die innersten, tiefsten Regungen meines Gemüts." So lautete der Anfang des Schreibens. Und dann erschloß sie ihm darin ihr ganzes Herz. Eine leise Besorgnis zwar vor den schweren Kämpfen, die sie beide um ihrer Liebe willen würden zu bestehen haben, ließ sich in diesem weiteren Inhalt des Briefes nicht verkennen; aber es ging doch daraus auch ihr sester Mut, alles staudhaft zu ertragen, und die freudige Zu- verficht, daß sie zulezt jedes Hindernis siegreich überwinden würden, so deutlich hervor, daß Camilla jene von sanfter Schwer- mut durchhauchten Worte, die ihn einen Augenblick trübe ge- stimmt hatten, über dem freudigen Eindruck, den diese Herzens- krgießungen des schönen Mädchens im Ganzen bei ihm zurück- ließen, fast völlig vergaß. „Und wie du auf jenem herrlichen Bilde"— endete Serena die zärtliche Offenbarung ihres Gemüts—„meinen Namen mit schimmernden Rosen durchwirkt hast, so seien auch diese dustigen Blumen, die ich in später Abendstunde pflückte, ein Symbol der innigen Zuneigung, mit der ich auch jezt in dieser stillen, seligen Nacht dein gedenke, und die ich in alle Zukunft dir bewahren werde. Du erhältst sie an dem Tage, während dessen ich weder dich sehen werde, noch überhaupt mit irgend jemandem in unserem Hause in Berührung kommen mag. Ich will allein mit mir sei», ganz allein, um mit allen Sinnen dem Angedenken der schönsten Stunde meines Lebens nachzu- hängen, um mich zu prüfen und bei mir zu beraten, wie wir, du und ich. in Zukunft alles am besten fügen mögen. Am Abende dieses Tages aber sollst du alles hören, was ich ernst bei mir überlegt, und jedes andere, was ich dir noch zu sagen Hube. Wenn du demnach willst und dir nicht etwa eine andere Art des Zusammentreffens besser erscheint, so magst du mich heute, wenn sich die Sonne neigt, an den Ponte di Rialto erwarten.— um acht Uhr etwa.— willst du Camilla?— „Fast erschreckt es mich jezt, was ich dir da geschrieben habe, und es däucht dich wohl ein seltsamer Brief eines Mäd- chens, das mit dem, an den er gerichtet, nur eben zum ersten- mal das vertrauliche„du" gewechselt____ Aber nein, er wird dir nicht sonderbar erscheinen, du verstehst mich ja so voll und ganz, und was mein Herz in seinem Drang etwa zu viel ge- plaudert,— du verzeihst es deinem törichten, dir ganz dahin gegebenen Kinde—— Doch nicht wahr, du lächelst?—— Magst dus tun!... So wie ich dirs hier gesagt, lag es mir im Herzen— und ich weiß nicht, warum ich dir auch nur die kleinste seiner Regungen verbergen sollte. Serena." „Mein teures, schönes, starkes Mädchen!" jubelte Camilla halblaut auf, als er den Brief zu Ende gelesen und die zier- lichen Blätter in überströmendem Gefühl seligster Wonne mit innigster Zärtlichkeit ein über das anderemal an den Mund preßte. Ja, es war gewiß ein sonderbarer Brief,— eine seltsam schwärmerische Liebeserklärung eines Mädchenherzens, wie solche unter gleichen oder ähnlichen Verhältnissen noch wenige mochten geschrieben worden sei». Aber gerade diese, alle Bedenken aus- schließende Art, in welcher ihm Serena hier all ihr Empfinden aussprach, entzückte seine längst von den Regungen und Mei- nungen hergebrachter Anschauungsweise emanzipirte Künstlerseele auf das höchste, und er fand darin einen neuen Berührungs- Punkt ihres und seines Wesen. Camillo war überglücklich. Der Inhalt des Briefes kam ihni während des ganzen Tages nicht aus dem Sinn; die Arbeit wollte nicht recht von statten gehen, und mehr als einmal legte er den Pinsel hin, um den Brief Sercna's wieder hervorzu- ziehen und den Blick über ihre Schriftziige gleiten zu lasse» oder um das herrliche Rosenbouquet wieder an die Lippe» zu führen; öfter als sonst verließ er auch heute den dämmerdunkeln Saal, um in das spielende Sonnenlicht des Gartens hinaus- zuwandeln. ** ♦ Der Abend kam, mild und ruhig, wie er in der Lagunen- stadt um diese Jahreszeit noch zu sein pflegt. Ein ungeheurer Atenschenstrom bewegte sich auf dem jähr- hundertclang schon mit ihren mächtigen Marmorbogen den großen Kanal überbrückenden Ponte di Rialto, und es war gewiß nicht leicht, inmitten dieses Gewirrs und Gewoges jemand, den man suchte, herauszufinden. Und doch hatte Serena gerade diesen Ort mit kluger Vorsicht für ihre Zusammenkunft mit Camillo gewählt, teils eben wegen des hier besonders regen Verkehrs, in dem die einzelneil Persönlichkeiten untertauchten und keines- falls Gegenstand außergewöhnlicher Aufmerksamkeit werden konn- ten, teils wegen der ziemlich bedeutenden Entfernung des Ponte di Rialto vom väterlichen Haus, welche jede Gefahr, etwa von einem der Angehörigen desselben beobachtet zu werden, ans- schloß. Camillo schritt seit einer kleinen Weile an der Rina del Nino in der Nähe der Brücke auf und ab, und seine Blicke gingen, bald auf die an ihn Vorübcrwandclnden, bald auf die im Kanal vorbeigleitendcn Gondeln und Barken gerichtet, suchend um ihn her. Eben kündeten Glockenschläge vom Turme einer der benachbarten Kirchen die achte Stunde, und seine erwar- tungsvolle Ungeduld stieg aufs höchste. Dort endlich, von einem der Ueberfahrtspunkte her, wo eben mehrere der kleinen, schwarzen Fahrzeuge landeten, kam eine hohe schlanke Frauengestalt mit hastigen Schritten auf ihn zu. Ein freudiges, halbcrsticktes Flüstern zärtlichen Grußes, ein jähes, die tiefste Seele selig durchschaucrndcs Jneinandertauchen feurig aufleuchtender Blicke, ein hastiges, zitterndes, fast unge- schicktes Suchen der Hände, die sich warm und bebend um- schlössen,— und sie fühlten das namenlose Glück heimlichen, trauten, ungestörten Beisammenseins... Serena legte ihren Arm sacht in den ihr dargebotenen des Geliebten. Rasch wurde eine Gondel gemietet, und bald schau- kelten die beiden, unter dem luftige» Verdeck des kleinen Fahr- zengs zärtlich aneinandergeschmiegt in derselben Richtung, aus 216 welcher Serena vorhin gekommen war, der Insel San Gorgio zu, den Kanal hinab. So konnten sie, ungehindert von dem alten Gondoliere, der am Hinteren Ende der Gondel stand und, sich wenig um die Insassen kümmernd, die Ruder bewegte, plaudern und sich alles sagen, was sie auf dem Herzen hatten. Ja, der Abend war ebenso süß und still und zaubervoll, und die Wasser murmelten und plätscherten grad so heimlich und traut wie gestern, und die funkelnden Stemenaugen sahen auch heute wieder klar vom wolkenlosen Himmel herab; selbst der lichte Mond ergoß bald seine milden Strahlen über die kühlen Fluten, die unter den gleichmäßigen Rnderschlägen silberhell aufleuchteten und leise rauschend vom Kiel an den schlanken Seiten des zierlichen Fahrzeuges zurückflössen. In tiefem Schweigen sahen die hohen, alten Gebäude zur Seite in die sich sacht auf und niederneigenden Fluten hinab und warfen dunkle, gespenstige Schatten über dieselben hin, oder spiegelten sich mit dem aus ihren Fenstern hervordringenden Licht in mächtigen Umrissen in denselben wieder. Ans den zahl- reichen in den großen Kanal ausmündenden kleineren Wasser- straßen zog bald hier, bald da eine Gondel, eine Barke und folgte jezt dieser, dann jener Richtung der, wie immer, in überaus großer Menge auf dem erstercn dahingleitenden Fahr- zeuge, aus denen lebhaftes Geplauder und die lärmenden gegen- seitigcn Zurufe der Gondoliere erschollen. Und inmitten all' dieses geräuschvoll flutenden Lebens waren die beiden, die in jener Gondel selig dahinfnhre», so allein mit sich selbst, so völlig abgeschieden von dem um sie her rastlos regen Treiben, als weilten sie zusammen an der verborgensten, einsamsten Stätte der Welt, und auch kein einzig Auge der in buntem Gemisch unaufhörlich an ihnen Voriibergleitendcn wandte sich ihnen mit störendem Blicke zu. Serena sprach mit leiser, gedämpfter Stimme. Sie teilte Camilla vor allem die Absicht ihres Baters, sie für den Grafen von Larente günstig zu stimmen und womöglich eine Verbindung zwischen ihm und ihr herbeizuführen, mit und täuschte ihn nicht über die große Schwierigkeit, die es verursachen würde, den Marchese von diesem Plane abzubringen. Es sei also vorläufig dringend nötig, ihre Liebe geheim zu halten und aus den bisher in Gegenwart anderer und vor allem der Eltern in ihrem gegenseitigen Verkehr beobachteten Schranken nicht hinauszutreten. Inzwischen werde sie den Vater vorsichtig und behutsam zu beeinflussen und auf die von Camilla unbedachterweise schon jezt beabsichtigte Werbung vorzubereiten suchen. Dann dürften sie inanbctracht der großen Sympatie, die der Marchese bei jeder Gelegenheit für Camillo an den Tag lege', und bei der zärt- lichen Liebe, mit der er ihr selbst zugetan sei, auf eine sichere, wenn auch nicht so schnelle Erfüllung ihres höchsten Wunsches hoffen. Ein Widerstand von Seiten der Marchesa würde nicht zu befürchten sein, da dieselbe inbezug auf alles, was die Faniilie im allgemeinen und nicht im ganz besonderen ihre Person betreffe, große Gleichgültigkeit zeige, ja, man dürfe vielleicht sogar auf eine Fürsprache ihrerseits bei dem Vater rechnen. So schwer und unerträglich auch eine vielleicht nicht kurze Zeit des Harrens dem glühenden Ungestüm Camillas erschien, so sehr war er doch über die klar erwägende Klugheit und den tapferen Sinn Serenas erfreut, und er schlang in heftiger Leidenschaft seine Arme um ihren Hals und schloß ihr mit einem Kuß den Mund. Uni diese Zeit ging der Marchese erregt und die Stirn in tiefe Falten gelegt, in seinem Zimmer auf und ab. Er hatte seine Tochter heute nur ein einziges mal gesehen, und auch das würde nicht geschehen sein, wenn er nicht auf die Nachricht hin, sie sei noch unwohl und wünsche den ganzen Tag über allein in ihrem Gemach zn bleiben, zu ihr gegangen wäre. Er fand sie zwar etwas bleich, konnte aber sonst auch nicht die geringsten Spuren irgend welchen Unwohlseins an ihr entdecken. Sie zeigte sich ungemein zärtlich gegen den Vater; aber es entging ihm nicht, daß sie sich offenbar bemühte, die Gedanken, mit denen sie sich insgeheim beschäftigte, ihm zu verberge». Sie wußte das Gespräch vor allem auf das gestern von Camillo vollendete Bild, welches auch den Marchese in ganz besonderer Weise an- sprach, zu lenken und wich im übrigen allen Frage», mit denen dieser sie auszuforschen suchte, aus. Brachte er damit ihr seltsames Betragen von gestern Abend, ihre Kälte und Zurückhaltung gegenüber dem Grafen in Verbindung, so mußte er anfangen, auf bedeutungsvolle Vorgänge in ihrem Innern zu schließen und veranlaßt werden, über die Anspielungen des Grafen, daß sich Serena gegen Herrn von Winter zuvorkommender und liebens- würdiger zeige, ernstlich nachzudenken. Er hatte diese Anden- tungen zuerst nur mit scherzhaften Beinerkungen erwidert, da sie ihm bloß als der Ausfluß eines ganz erklärlichen eifersüchtigen Gefühls erschienen, und er war durch sie nun zu dem Entschluß gekommen, den jungen Maler nicht mehr so häufig, wie es bis jezt geschehen, in den Kreis der Familie hereinzuziehen. Nun aber wurde er den quälenden Gedanken, daß die Worte des Grafen doch vielleicht eine tiefere Begründung haben könnten, nicht mehr los. Wenn er Recht hätte, wenn es wirklich so wäre, wenn das törichte Mädchen eine ernsthaste Neigung zn dem schönen, genialen Manne gefaßt,— wie konnte Serena auch nur daran denken, daß er jemals einem solchen Verhältnis, das alle seine ihr wohlbekannten Lieblingspläne durchkreuzte, seine Billigung würde zuteil werden lasten?-- Nein, sagte | er sich dann wieder, es kann nicht sein! Serena ist verständiger, sie handelt klüger, sie kann dir einen solchen Kummer nie und nimmer bereiten wollen.— Mußte sie sich doch auch gegenwärtig halten, welch' ein großer Unterschied inbezug auf die gesell- schastliche Stellung zwischen ihr und dem jungen Maler bestand. Freilich, Camillo von Winter gehörte seit der lezten Ausstellung zu den gefeierten Künstlern Venedigs, und vor ihm lag eine große, glanzvolle Zukunft; aber er war in den Augen des Mar- chese eben doch nur ein einfacher deutscher Maler, ein simpler Herr von Winter, während die hocharistokratischc Familie der Montanari die Reihe ihrer Ahnen Jahrhundertc hindurch zurück- zuvcrfolgen vermochte und, was Ansehen und Reichtum an- langte, in der Lagunenstadt nur wenige ihres gleichen hatte... So sehr sich der Marchese aber solchermaßen auch die Un- Wahrscheinlichkeit einer solchen Berirrung des Herzens, wie er es nannte, einzureden suchte, ließen ihn doch immer wieder neu aufsteigende Befürchtungen nicht zur Ruhe kommen. Ob Serena wohl jezt schon das Lager ausgesucht haben mochte, oder was sie in dieser Stunde wohl tun würde?— fragte sich der gequälte Mann jezt wiederholt bei sich selbst. Er hätte sie gar so gem noch einmal gesprochen und Beruhigung aus ihren lieben Augen gelesen oder, wenn sie des Rates be- durste, ihr tröstend und aufmunternd zur Seite gestanden. Ja, er mußte noch einmal zu ihr,— er fühlte es, eher würde ihm kein Schlummer nahen. Er sah nach der reich vergoldeten Pcudüle an der mit hell' grauer Tapete überzogenen Wand; es war eben neun llhr vorbei. Hastig verließ er das Zimmer und schritt eiligen Fußes über den Korridor der Tür zu dem Gemach Serenas zu. tlolffte er mit leisem Finger an. Aber keine Stimme antwortete drinnen,— die Tür war verschlossen. Im ganzen Hause herrschte Totenstille... Er klopfte wiederholt und stärker; aber auch jezt regte sich im Zimmer nichts... Serena konnte doch unmöglich schon in tiefem Schlafe liegen, sagte er sich, und riel leise ihren Namen; doch auch nicht das geringste Zeichen der Anwesenheit eines lebenden Wesens im Gemach erfolgte.„Serena. Serena!"--- Aber noch immer antwortete drinnen nichts, und nur ein dumpfes Echo ging fast geisterhaft und bcäng- stigend den jezt nur von einer einzigen Anipel mit mattem Lichtschein übergosscnen teppichbelegten Korridor entlang. der Tat. den Marchese überfiel es mit plözlich die Brust beklemmendem Gefühl heimlicher Angst. Wenn nun Serena doch ernstlich unwohl gewesen war, wenn sie ihn durch ihre große Zärtlichkeit nun über die wirkliche Gefahr, in der sie schwebte, hätte täuschen wollen, wenn er ihren bedenklichen Z� stand vielleicht selbst zu leicht genommen hätte.— wenn M ihre Krankheit vielleicht schon in so hohem Grade vcrsckstimmei —' fjiittc, daß sie das Betl nicht mehr verlasse» kannte,— barmherziger Himmel! wenn sie am Ende gar——— Er wagte diese ängstlichen Besiirchtungen des treuen Vater- Herzens nicht weiter ansznspinnen. Oder sollte, sragte er sich dann wieder, Serena vielleicht garnicht in ihrem Zimmer anwesend sein,— wäre sie zu so , später Stunde vielleicht noch einmal in den Garten hinunter- gegangen?" Er schüttelte das Haupt. Aber es ließ ihm keine Ruhe mehr, er mußte sich über den Grund, daß seinem Klopfen und Rufen keine Antwort wurde, Gewißheit verschaffen. Pochenden Herzens ging er nach seinem Zimmer zurück, um von dort den Hauptschlüssel zu holen, mit welchem er die Tür zu Serenas Gemach offnen wollte. Nach Verlauf weniger Minuten stand er wieder vor dem leztcreu und wendete den Schlüssel im Schloß. Jezt trat er in den stillen Raum ein. Kein Laut ließ sich bei seinem Eintritt vernehmen, kein Atemzug hauchte ihm ent- gegen. Tie Gardinen waren zusammengezogen und tiefes Tunket herrschte ringsum. Nur ein silberner Armleuchter schiin- merte von dem Tische aus der Mitte des Zimmers hervor. Ter Marchese trat auf ihn zu und inachte Licht... Gleich daraus zuckte er heftig zusammen, und ein halb unterdrückter bebender Laut entfuhr seinen Lippen... Seiue Augen hatten vergebens um sich geblickt; sie entdeckten niemand in dem ein- sanien Geniach. Mit wankenden Kniern schritt er in das Neben- zimmer hinüber,— Serenas Bett stand unberührt. Von größter Angst getrieben, zündete er jezt eine Kerze an, die er auf dem Toilettentisch der Tochter bemerkte, löschte die Lichter der Girandvle und eilte, den Leuchter mit dieser Kerze in der Hand, zum Zimmer hinaus. Bald hallten seine schritte drunten durch den einsamen Flur, das Licht flackerte unruhig hin und her und warf zitternde, gespenstige Schatten an die kalten Mauerwände. In ungestümer Hast irrte er dann nach allen Richtungen im Garten hin und her, dann und wann Serenas Namen rufend. Er erspähte die Gesuchte nicht, und es erfolgte keine Antwort, als das leise Rauschen der Blätter im Abendwinde... Seine Erregung stieg anss höchste, und die Angst preßte ihm den kalten Schweiß aus allen Poren. Nach einer langen Weile irren Suchens ging er in das Haus zurück und sank, nachdem er sein Zimmer wieder erreicht, tief Atem holend und beide Hände vor die fiebernde Stirn pressend, in einen Sessel... Ter Marchese war nur kurze Zeit erst in sein Zimmer zurückgekehrt, als drunten die Wasser geräuschvoller plätscherten, rine zierliche Gondel an dem in majestätischer Ruhe in die Nacht aufragenden Marmorkoloß des Palastes vorüberschaukelte und vor dem Eingang zum Garten hielt. Glühende Lippen stammelten sich in langem, heißen Kuß ki» inniges Abschiedswort,„felicissima notte!"—„Glücklichste Nacht!"— verllang es, aus ivonnctrunkener Brust der liebenden hernorgehaucht, in der milden, weichen Lust... Tann schwebte eine hohe, schwarzverschleicrte Mädchengestalt, von sicherer Hand geleitet, über den Rand des schwanken Fahr- jeugö. die Tür am Gattcneingang wurde vorsichtig geöffnet. und eine dunkelrote, üppig erblühte Rose flog in geschicktem Wurf über das ephenumrankte Gitter hinaus und wurde draußen k'lig von den schimmernden Marmorstufen aufgehoben... Ein- wal noch»ach dem ihr in seligem Bersunlensein Nachblickenden zurückschauend und niit weißer Hand zärtlich hinübergrüßend, verschwand Serena i» dem traumhast webenden Mondlicht zwischen dem Dämmer der Bäume... VII. Totenblässe hatte Serena s Antliz überzogen, als sie sol- »enden Morgens am Kaffeetische erschien. Und sie war gestern Abend so glücklich und in innerster Seele zufrieden heimgekehrt, sie hatte heute so freundlich und heiter scheinen wollen, um dem Vater alle um ihretwillen gehegte Bekiinimernis und Sorgen zu benehmen. Sie konnte ja auch, ohne sich selbst und andern zu täuschen, jezt heiter und freundlich sein; denn nun quälten sie keine Zweifel über ihre Haltung in der Zukunft mehr; sie hatte klar überlegt, war einig mit sich selbst und wollte einzig durch alles, was sie tat und redete, auf die Erfüllung ihrer und Cannllos Wünsche hinzuarbeiten suchen. Aber an diesem Abend schon, als sie im Begriff gewesen, in ihr Zimmer einzutreten, war dieses ruhige Gleichgewicht ihres Wesens mächtig erschüttert worden. Die zehnte Stunde hatte bereits geschlagen, als sie heimkehrte, und da sie ivußte, daß in der Regel der Marchese und die Marchesa, wenn sie überhaupt im Hanse weilten, sich um diese Zeit in ihre Zimmer zurückgezogen zu haben Pflegten, schritt sie, noch ganz von der Erinnerung an die eben verflossenen seligen Stunden einge- nommen, ruhig und furchtlos durch einen auf dieser Seite be- siadlichen Ncbeneingang, zu welchem sie den Schlüssel besaß, in das Haus und ging dann über den stillen Korridor ihrem Gemache zu. Als werde sie urplözlich ans einem schönen Traume, der die Seele in süßes Selbstvergessen tauchte, gewaltsam empor- gerissen, war es ihr, wie sie, im Begriff, die Tür des Zimmers zu öffnen, bereits einen Schlüssel im Schlosse fand. Sie ver- suchte ihn in diesem zu wenden,— es gelang, und es konnte, da sie den ihren bei sich trug und außer demselben, soviel ihr bekannt, kein anderer vorhanden war, sonnt nur der Hauptschlüssel sein, den sie jezt vorsichtig abzog und zu sich steckte. Man mußte also in ganz besonderer Absicht in ihrem Zimmer gewesen sein; nur so erklärte sich, da man die Tür verschlossen fand, die Benuzung des Hanptschlüsscls. Ein eiskalter Schauer fuhr ihr, wie sie sich das zuni Bewußtsein brachte, durch den ganzen Leib, und sie mußte alle ihre Kraft zusammennehmen, daß sie, halb besinnungslos über die Schwelle taumelnd und die Tür heftig nach sich ziehend, diese nicht mit lautem Getöse zuschlug. Ans der veränderten Stellung mehrerer Gegenstände auf dem Tische in der Mitte des Gemachs, insbesondere jener silbernen Girandolc, ersah sie vollends, daß sich jemand hier zu tun ge- macht hatte, und als sie ganz außer sich vor Angst und Schrecken in das Nebenzimmer getreten war, und das Fehlen des kleinen Leuchters auf dem Toilettentisch bemerkt hatte, rang sie die Hände und sank, wie gebrochen, ans den Divan nieder. Freilich ahnte sie noch nicht den Zusammenhang dieser beängstigenden Umstände; aber ihr Herz mit seinem bebenden Schlage sagte ihr, daß etwas Unheilvolles geschehen,— daß vielleicht alles, was sie klar und klug ausgedacht, schon im Keime zerstört, daß ihre seligste Hoffnung schon im Entstehen vernichtet worden sei. Wenn man sie dennoch beobachtet, wenn man dennoch ivußte, daß sie fortgegangen und wo sie gewesen, wann sie heimgekehrt sei,— wenn man ihren zärtlichen Abschied von Camillo be- lauscht hatte?— sprach sie voll größter Besorgnis zu sich selbst. — Was sollte sie sagen ohne zu lügen oder alles schon von ansang an zu verderben?— Mit einem male sprang sie vom Divan auf und trat hastig auf die Türe zu, um sich wiederholt zu überzeugen, daß sie dieselbe auch fest verschlossen hatte und niemand hereinzukommen vermöge,— es packte sie. das sonst so klarsehende und be- herzte Mädchen, plözlich wie Gcistcrfnrcht, und als sie vor den hohen, mit kostbaren» Rahmen aus Mahagoniholz und Bronce versehenen Spiegel trat, der die schöne, schlanke Gestalt mit den vollen Locken in aller Größe und Deutlichkeit zurückwarf, er- schrak sie fast vor sich selbst, so bleich und verstört sah sie ans. Dann hatte sie unaufhörlich hin und her gesonnen, wer wohl in ihrem Zimmer geweilt habe» könne, n»d ihre Gedanken waren dabei allerdings auf den Vater gekommen, der sich vielleicht in ängstlicher Sorge noch einmal nach ihrem Befinden hatte er- kundigen wollen und nun mit eincmmale über ihre Abwesen- hcit unterrichtet war. Vielleicht aber auch hatte es ein miß- günstiges Geschick gefügt, daß er gesehen, wie sie den Palast verließ, vielleicht war er ihrer Spur gefolgt, hatte sie dann aus den Augen verloren und sich darauf überzeugen wollen, ob 218 sie schon nachhause zurückgekehrt sei,— vielleicht hatte er sie kommen hören und wußte von allem, was geschehen. Derart verworrene Gedanken peinigten sie die ganze Nacht, und sie konnte zu keiner Ruhe konimen. Sie teilte darin das Geschick des Marchese. Dieser war bald nach Serenas Zurück- kiuift noch einmal an der Tür ihres Zimmers gewesen, um den Hanptschlüsscl, den er. wie er sich erst nachher erinnerte, im Schlosse hatte stecken lassen, an sich zu nehmen. Als er den- selben bereits entfernt und die Tür wieder verschlossen fand, sowie, aufmerksam lauschend, Geräusch und dumpfe, unverständ- liche Laute aus dem Zimmer vernahm, ging er. überzeugt, daß Serena wieder in demselben anwesend sei, nach seinem Gemach zurück. Hier versank er wieder in dumpfes, qualvolles Brüten. Er wollte nun, so sehr es ihn auch dazu drängte, in dieser Aufregung seines ganzen Wesens Serena nicht mehr gegen- übertreten und das offenbar mit schweren Gedanken ringende Mädchen nicht in noch höherem Grade beunruhigen. Aber gleichwohl hätte er doch gar zu gerne wissen mögen, wo sie so spät gewesen und was sie in den lezten Stunden getan, und es schlich sich ein schmerzhafte? Mißtrauen gegen die geliebte Tochter in seine Seele. Dann machte er sich heftige Vorwürfe, daß er nicht doch noch einmal bei ihr Einlaß begehrt, mit ihr ge- sprochen und prüfend in ihrem Antliz gelesen, und unruhig warf er sich bis zum anbrechenden Morgen auf seinem Lager hin und her... Es war also keineswegs verwunderlich, daß jczt in dem eleganten Familiensalon neben der junge», blühenden Frau, die, wie immer, selbstzufrieden und in kalter Tcilnahmlosigkeit dreinsah, zwei Menschen saßen, denen die tiefste Seelenverstimmung und äußerste körperliche Abgespanntheit in allen Zügen zu lesen stand. Serena, die etwas später als die beiden anderen an den Kaffee- tisch gekommen war, bemühte sich freilich, möglichst unbefangen zu erscheinen, wie sie denn überhaupt, ihrer inneren Neigung zuwider, nach fast ganz durchwachter Nacht und aus dem Grunde sich hier eingesunden hatte, um nicht einem etwa von Seiten der Ihrigen gegen sie gehegten Verdacht durch ihr Fenibleiben größere Nahrung zu geben. Der Marchese richtete nur dann und wann seine Augen forschend auf die Tochter und sprach wenig und einsilbig. Endlich, als sich Serena bereits anschickte, den Salon wieder zu verlasse», sagte er, alle ihre Mienen scharf beobachtend, mit eigentümlichem, doch milden Tone zu ihr: .Ach darf ich dich wohl bitten, Serena, den Hauptschlüssel, den ich diese Nacht wieder zu mir zu nehmen vergessen und den du jedenfalls am Schlosse deiner Tür gesunden hast, mir zurückzugeben?" Eine glühende Röte flog über Serenas blasses Antliz, und sie stotterte: .Ja, lieber Vater,— ich habe ihn drüben in meinem Zimmer und werde sogleich hinübergehen, um—" Sie wollte sich erheben. Aber der Vater legte seine Hand auf ihren Arm und zwang sie mit einem sanften Druck der- selben, sizen zu bleiben, indem er, ihre Worte unterbrechend, ernst versezte: „Laß das jezt, Kind!— Es hat Zeit,— ich habe den Schlüssel im Augenblick nicht nötig." Unter uns gesagt.(Illustration S. 201.) Leider können wir unfern Lesern das Geheimnis nicht verraten, das der aus unjerm Bilde tinkS befindliche Biedermann dem andächtig lauschenden Paar mitteilt, aber daß das edle Kleeblatt im Begriff ist, irgend einen guten Namen mit dem Geifer der üblen Nachrede zu besprizen, spricht sich deutlich genug in der vom Maler vorzüglich karalterisirten Physiognomie des Erzählers aus, welcher offenbar zu jener Menschentlaffe von Geberdenspähern und Gcschichtenträgern gehört, von denen Schiller sagt, daß sie des Uebels mehr ans dieser Welt getan, als Gist und Dolch in Mörders Hand uns konnten. Klatschsucht, Bosheit und Schadensreude prägen sich deutlich aus in diesem saunisch verzerrten Antliz und auS den Augerc zucken böse, unheimliche Lichter. Bon gleicher Qualität ist daS Gegen- stück, der die Verleumdung ebenso gierig einsaugt, als sie der Erzähler von sich gibt und in Haltung und GeüchtSausdruck mit gleicher Meister- schaft vom Künstler behandelt ist. Eine besondere Spezies dieser Men- Und ernster noch und, ohne es zu wissen, die Stirn in tiefe Falten legend, fügte er hinzu: .Aber sage mir, zu welchem Zweck du gestern so spät noch dein Zimnier verließest und wo du weiltest,— ich habe mich arg gesorgt um dich!" Serena wurde fast wehmütig berührt, als sie den stillen, um ihretwillen erlittenen Kummer des Vaters aus diesen Worten deutlich heraushörte, und sie fand in der Venvirrung, in welche sie, obgleich sie sich auf eine solche Frage gefaßt ge- macht hatte, durch dieselben versezt wurde, nicht sogleich eine Antwort. „Du warst unwohl, sagtest du,"— fuhr indessen der Mar- ehest fort—„und ich glaube nicht, daß du gut tatest, zu so später Stunde noch auszugehen. Im ganzen Garten habe ich dich gesucht, und da ich dich dort nicht zu finden vermochte, vermutete ich, daß du in der Stadt--- Warst du allein, Serena?"— unterbrach er sich plözlich—„Es schickt sich nicht für ein Mädchen von deinem Stande, daß es noch so spät abends allein sich vom Elternhause entfernt!" Er schivieg; aber seine Blicke gingen nicht von ihrem Antliz hinweg. Serena wurde durch diese strafenden Worte, die sie durchaus in Zweifel dariiber ließen, ob der Vater von der Richtung und dem Zweck ihres spätabendliche» Spazierganges, von ihrem Zusammensein mit Camillo wußte oder nicht, noch mehr venvirrt und rang noch immer vergebens nach einer Ent- gegnung, durch die sie sich nicht selbst verriet. „Ich fühlte mich so beengt, lieber Vater,"— brachte sie endlich mühsam und sich wieder völlig entsärbend hervor—„und da wollte ich in der milden Abendluft"—— Da fuhr es ihr wie ein heftiger Stoß durchs Herz, und in ihrer Bnist regte sich eine ernst mahnende Stimme. Sie konnte den Saz nicht zu Ende sprechen und legte plözlich ihre sich einander krampfhaft umklammernden Hände wortlos in den Schoß... Nein, sie vermochte es nicht,— sie durfte dem Vater nicht mit Bewußtsein eine Unwahrheit sagen,— sie brachte es nicht über sich, ihn zu belügen. Sie errötete wieder bis an die Schläfen, das Haupt begann ihr zu schwindeln, und ihre Glieder fingen sichtbar an zu leben. Der Marchese nahm dies alles wahr und ergriff in höchster Bestürzung ihre fest zusaminengepreßten Hände. „Serena, mein Kind!"— sagte er laut und in ahnung? voller Besorgnis—„du kämpfst mit dir selbst einen schweren Kampf, du hast etwas auf dem Herzen, was du uns verberge» willst— uns aber sagen wirst,— Serena, sagen mußt!" Tie Angst rüttelte an dem armen Mädchen und durchrieselte sie kalt vom Scheitel bis zur Sohle. Sie senkte den Blick und schüttelte das Haupt und sah unverwandt vor sich nieder. D�r Vater aber neigte sich tiefer zu ihr und richtete ihr Gesicht zu dein seinen empor und suchte, immer noch ihre Hände»m schloffen haltend, ihr in die Augen zu schauen. „Ist es wahr, Kind,"— fragte er jezt mit weihevollem Ernst und in einem Ton, der der Angeredeten durch Marl und Bein drang—„ist es wahr, Kind, daß du dich,— daß d» den Maler Camillo von Winter leiden magst,— daß du ihn liebst?"—.gorlseiun« Mi') jchensorte ist die zwischen den beiden Herren poslirte Dame. 6 8 offenbar zu den Frommen. In siltlich-religiöser Entrüstung z � ihre Stirn finster zusammen, ihre Lippen sind zusammengepr v moralischem Ingrimm und in ihrem gottseligen Busen lodert» heiliger christlicher Eiser. Sie wird die Sache nicht»»s sich< fa,,. lassen, troz dem„Unter uns gesagt", daraus kann man n* u Sie wird so lange zischeln und wühlen und hezen. biS der der Betreffenden vernichtet ist. Wie viel Unheil hat em de „Unter uns gesagt" jchon angerichtet, wie viel Existenzen unle g und zerstört! Treffend läßt Beaumarchais in seinem„Bar" � Sevilla" den Musiklehrer Basilio zu Dr. Bartolo sprechen:. mir, Sennor, eS gibt keine platte Niederträchtigkeit, kein« � keit, kein abgeschmacktes Märchen, das man nicht den einer grosien Stadt ausbinden kann, wenn man es geschickt � Zuerst ist eS ein leiseS Geräusch, das am Boden Hinstrent, 219 3d)umlbe vor dem Gewitter, pianissimo murmelnd und im Fluge dos giftige Geschoß werfend. Ein dienstfertiger Mund nimmt es nuf und bringt es piano, piano in ein bereitwilliges Ohr. Das Hebel ist da, es keimt, es rankt sich, es wuchert und geht rinforzando(verstärkt) von Mund zu Mund; dann Plözlich, man weiß nicht wie, seht Ihr die Verleumdung sich aufrichten, zischeln, anschwellen und vor unseren Augen größer werden. Sie erhebt sich, breitet die Flügel aus, umkreist euch, fällt euch an, reißt euch mit sich fort, prasselt und donnert; sie wird endlich, Dank dem Himmel, ein allgemeiner Schrei, ein össcnt- liches crescendo, ein universeller Chorus der Gehässigkeit und Vcrach- tung." Ter willige Hörer ist darum ebenso verächtliä) wie die Läster- junge selbst; wäre doch diese unschädlich, wenn sich ihr nickst das Ohr willig erschließen würde. Schon singt Boden st edt: Tu liebst die Luft, die zu dir weht Boll Wohlgeruch von Flur und Beet: So freu' dich auch, gibt dir ein Mund Den guten Leumund anderer kund. Tu fliehst die Lust, die schwer beschwingt Dir Dunst aus Moor und Sümpfen bring!: So flieh auch aus des SchwäzerS KreiS, Der Schlechtes nur von andent weiß. Lt. Ein Baiar in Tunis.(Illustration S. 209.) Wenn dos Leben im Orient im allgemeinen viel Eintöniges und Einförmiges an sich hat, so kann man dies nicht von dem Handelswesen sagen, das sich bei den Orientalen in den BazarS zusammendrängt. Hier nimmt das Treiben einen so bunten Karakter an, wie die Waarensammlungen selbst, die in den Bazars zur Schau und zum Verkauf ausliegen. Bazar nennt man jene Straßen der orieittalisd)en Städte, wo die Verkäufer ihren Standort aufgeschlagen haben. Man findet da säst alle Gewerbe und fast alle Industrien vertreten. Hier glänzen Gold- und Silber- waaren, dort gibt es gestickte Schuhe, wie sie die orientalischen Frauen iicben, allerlei Geschmeide, Kopsbedeckungen, Tuchstosse, Waffen, Früchte und Getränke, kurz es sieht aus, wie bei uns aus einem Jahrmarkt vder einer Messe, nur daß der Bazar im Orient keine zeitweilige, son- dern eine ständige Institution ist. Am interessantesten ist das Feilsche» «m die Waaren mit anzusehen und anzuhören, denn feste Preise gibt ss auf den BazarS nicht. Der Verkäufer fordert nach orientalischer Sitte "unter einen fabelhaften und mehr als unverschämt hohen Preis, was über den Käufer oder Liebhaber wenig erschreckt, denn dieser stellt ein womöglich ebenso unverschämt niedriges Angebot. Nun geht das Feil- scheu tos, und es werden die wunderbarsten Grimassen und alle nur erdenkbaren Kniffe erschöpft, bis man sich endlich einigt. Diese Bazars und zu gewissen Tageszeiten sehr belebt, weil sie zugleich die Prome- «ade für die Orientalen, die Zeit zum Promeniren haben, bilden. In bcn großen Städten des Orients sieht man aus einem solchen Bazar Zugehörige vieler Nationen durcheinanderwimineln und hört die ver- Wedensten Sprachen. Unser Bild stellt einen Bazar in Tunis vor. f w engen und krummen Gassen der alten Seeränberstadt mit ihrem chn'ttj und ihrem Gedränge sind für den Europäer als Promenade "'cht besonders einladend; auch wird man an der Zudringlichkeit der Händler»einen Geschmack finden können. Kaum daß ein Sonnenstrahl bie Winkel hineinfällt, wo die Schäze des Orients lagern, und die Eranzosen, die jezt ihre Hand über Tunis halten, werden genug zu un haben, wenn sie der Stadt resp. den Bazars ein etwaS mehr zivi- 'strtes Aussehen beibringen wollen. Mit der Zeit wird dies auch kommen; borlaufig hat die Stadt noch daS düstere Aeußcre, durch das sie be- '"«nt war und von dem die befreiten christlichen Sklaven noch lange "fchh-r mit Grauen erzählten. Nunmehr hat auch dort die Seerauberet �"gst aufgehört. Früher, als sie noch bestand, gab eS auch Sklaven- bazars. wo die unalücklichen Europäer und Europäerinnen, die den Wischen Piraten in die Hände gefallen ivaren. zum Verkam ausge- «eOt wurden. Männer wie Frauen mußten sich, wenn lue Käufer es SÄ«5"'.nÄ Ä p ""ch'ual einen gelinden Schauder erregen. ük och 'w allo-?>"usgepaßt.(Illustration S. 21 ll.) Die Holländerinnen sollen Hülle UT"..sehr große Füße haben, sonst aber weibliche Borzüge in über ausweisen, so daß jener alte Prälat, der sich so sehr §4öni„»% Mädchen freute, auch in Holland sagen würde:„Die Bilde frin.l'' �'er ganz vorzüglich!- Tie ländliche Schöne ans unserem Kwar nicht leicht einen Vorwurf für einen Rembrandtschen ben» abgeben, im übrigen aber scheint sie so übel nicht zu sein, 'hr Mund so groß erscheint, kommt von dem Lächeln her, zu dein sie der Anblick eines gefoppten Anbeters bringt. Sic hat der Anbeter zweie, vielleicht noch mehr, also kann sie zufrieden fein. Man kommt vom Heuniachen, und der eine Anbeter mit dem derben Gesicht und dem runden Hut, hat mit klugem Feldherrnblick die Situation aus- aenuzt, um aus der Heimfahrt ein Schäferstündchen zu machen und das Angenehme mit dem Nüzlichen zu verbinden. Wie er den schwerbe- ladenen Nebenbuhler herankeuchen sieht, sezt er rasch die Ruder ein und ist boshaft genug, so lange zu warten, bis jenem der Kahn mit der Schönen dicht vor der Nase wegfährt. Der Gefoppte weiß noch nicht, ob er sich ärgern oder gute Miene zum bösen Spiel machen soll; er hat aber auch keine Hoffnung, da die doppelt umworbene Schöne nicht zu seinen Gunsten intervenirt. Aber er wird sich fürchterlich rächen. Es ist Sommer, die Zeit der heimlichen Stelldicheins mit den Schönen in Gärten und unter dem Fenster. Er sinnt offenbar schon nach, wie er dem heute glücklichen Nebenbuhler morgen den Rang ablausen wird, und was das Aeußere betrifft, so kann er es mit jenem vollkommen aufnehmen. Die Schöne selbst fteut sich über den Wettkamps der beiden Rivalen und läßt sie gern ein wenig zappeln, um sie zu entflammen, denn sie weiß, daß in der Ehe eine merkliche Abkühlung eintritt. So sind sie eben, die„Engel in Menschengestalt!" öl. Aus allen Winkeln der Zeitliteratur. Schundlektüre. Das„Magazin für die Literatur deS In- und Aus- landes," Organ des„Allgemeinen deutschen Schriftstellerverbandes,- veröffentlicht folgende Notiz, die wir auch den Lesern der„Neuen Welt" nicht vorenthalten wollen.„Die neuesten Ankündigungen einer der Haupthandlungen mit Kolportageliteratnr, Werner Grosse in Berlin, lauten wörtlich: Born, G. F., die schöne Benetianerin. Romantische Erzählung. 53. u. 54. Heft. ä M.— 10. Füllborn, G., die Königin der Nacht. Romantische Erzählung. 53. u. 54. Heft. ä M.— 10. Reinecke, W. v., entlarvte Betrüger. Volksrontan. 71. u. 72. Heft. ä M.— 10. Sändermann, A., das schöne Burgfräulein. Romantische Erzählung. 53. u. 54. Heft. a M.— 10. — Mazeppa. Romantische Erzählung. 17.— 20. Hst. ä M.— 10. — Der geheimnißvolle Schleichhändler. Romantische Erzählung. 71. u. 72. Heft. i M.— 10. — Der Sonnenwirt. Volksroman. 85.-88. Heft, ä M.— 20. Von keinem dieser Schauerromane, mit denen unsere ärmeren und ungebildeten Mitmenschen heimgesucht werden, ist das Ende für's erste abzusehen. Irgend eine arme Näterin vder ein lesebegieriger kleiner Handwerker hat also z. B. für die„Königin der Nacht" bis iezt 5,40 M. ausgegeben, für den„Geheimnisvollen Schleichhändler" bis iezt 8,20 M., für den„Sonnenwirt" sogar die horrende Suninie von 17,60 M.! Es ist rein zum Weinen, wenn man bedenkt, daß unsere um ihr schwer erarbeitetes Geld gebrachten ärmeren Mitbürger für die genannten Summen eine ganze Bibliotek guter Lektüre haben könnten. Die Kolportage guter billiger Literatur— das ist die einzige wirk- samc Rettung von dem geistigen und materiellen Ruin weitester Volks- kreise." Im Anschluß an daS Vorstehende scheint es uns nötig, auch auf die seichte und oft verderblich wirkende Literatur hinzuweisen, die dem Publikum durch die Mehrzahl unserer belletristischen Blätter und die Zeitungs-Feuilletons geboten wird. Die unterhaltenden Beiträge in den leztcren sind leider zumeist in der drastischesten Weise lediglich auf daS Sensationsbedürfnis und der Klatschsucht der Leser zugeschnitten: künstlerische Gestaltung und eine Geist und Gemüt veredelnde Wirkung bleiben in diesen Romanen, Novellen u. s. io. in der Regel ausge- schloffen. Geradezu entsezlich aber berührt ein Einblick in die Feuilleton- Spalten deutscher und österreichischer Zeitungen. Wir können und wollen nicht leugnen, daß wir darin hier und da ausnahmsweise ganz Vortrefflichem, dauernd Wertvollem begegnen,— aber im ganzen: weiches karakterlose Durcheinander„pikanten" Gewäsches, allerhand müssigen Klatsches aus der Künstlerwelt und wohl auch ans der Sphäre der Geld- und Geburtsaristokratie, welche Absurditäten vor allem in den Uebersezungen aus dem Französischen und Englischen! Wenn die Zeitungen und Zeitschriften auch um verhältnismäßig billiges Geld zu haben sind, so kosten sie doch immerhin Geld; insbesondere aber verübt man durch diese Art geistiger Kost, vermittelst welcher man das große Publikum zu ergözen glaubt, in ganz unverantwortlicher Weise einen unter den heutigen Verhältnissen doppelt schweren Diebstahl an der Zeit der Leser,— der verflachenden und abspannenden Wirkung derartigen Lesestoffs gar nicht zu gedenken. Wenn die Presse eine Erziel, unqs- anstalt für daS Volk sein soll,— um wie vieles besser müßten Papier und Druckerschwärze und die kleinen mächtigen Buchstaben-Soldaten verwendet werden! Der Schriftsteller aber, der sich nach jenen von den Zeitungs-Eigentiimern und Redaktionen beliebten Maximen richten muß. sinkt,— waS man so schwer zugibt— wirklich zum bloßen Spaß- macher und Possenreißer, zum geistig Prostituirten herab. Und wir haben in der Tat an tezteren gegenwärtig keinen Mangel____ Dr. M. SB. 220 Tos Wasserstoff-« upcroxyd und dcffc» Verwendungen. In neuerer Zeit ist es, Dank den Fortschritten der Chemie, gelunqeii, das Wasser- stoff-Superoxyd in grösseren Mengen rein und billig zu gewinnen, und jczt ist es in wässeriger Lösung von 8 Gewichts-Prozenten— 10 Volumen-Prozenten in vortrefflicher Qualität käuflich zu erhalten. Dieser billigen Herstellungsweise haben wir es zu verdanke», das das Wasser- stvff-Superoxyd als das Bleichmittel der Zukunft bezeichnet werden kann, gleichwie es auch als Desinfeklionsmittcl, als Haus- und Toiletten- mittel zahlreiche Verwendung findet. Wenden wir uns dem Wasserstoff- Superoxyd als Bleichmittel zu, so eignet es sich vorzüglich zum Bleichen für Stoffe tierischer Abstammung, für Haare, Federn, Seide, Knochen und Elsenbein, also für Stoffe, die man früher mit Chlorgas oder Ehlorwasser bleichte, ohne in vielen Fällen die gewünschte Bleiche zu erhalten.— Will man mit Wasscrstoff-Superoxyd bleichen, so ist Haupt- ersordernis, daß die zu bleichenden Stoffe unbedingt frei von Fett und Verunreinigungen sind. Um dies zu bewirken, benuzt man Bäder von guter Seife oder man reinigt die zu bleichenden Gegenstände mit Aethcr, Benzin, Schwefelkohlenstoff, auch mit 3— 5-prozenligen Losungen kohlensauren Ammoniaks. Was den Bleichnngsprozeg selbst anbelangt, so kann er nur nach zweierlei Richtung hin vorgenommen werde», und rvird nach der ersten Richtung hin die schwachsäuerliche Lösung des Wassersloff-Superoxydes mittelst einiger Tropfen Salmiakgeist(Liquor ainmouii caustici) neutralisirt und dann direkt als Bad benuzt, oder man taucht die der Bleichung zu unterwerfenden Stoffe in die Wafferstoff-Superoxhdlösung, nimmt dieselben, nachdem sie von der Lösung gehörig durchdrungen, aus dem Bade heraus und unterwirft sie in bewegter, nicht über 20 o R. warmer Luft der langsamen Track- nung. Bei Verdunstung des Wassers und damit austretender Konzen- tration der Wasserstoff-Superoxydlösung geht die Bleichung energisch und effektvoll vor sich. Will man ersteres Versahren beim Bleichungs- Prozesse anwenden, so bedient man sich mehrerer Bäder, die, vom schwächsten anfangend, nach und nach immer stärker angewandt werden. Verfasser dieses, welcher zur Zeit einschlägige Versuche mit Wasserstoff- Superoxyd vorgenommen hat, hat unter anderem vergilbte Elsenbein- Klaviertasten blendend weiß erhalten, gleichwie auch Messergriffe, aus Knochen hergestellt, eine herrliche weiße Färbung erhielten.— Während früher Dumas das Wasserstvff-Superoxyd zum Reinigen alter wert- voller Oelgemälde und zum Reinigen kostbarer Zeichnungen benuzte— in jüngerer Zeit hat Pettenkoser effektvolle Reinigungen von Oelgemäl- den mittelst Wasserstoff-Snperoxyd zahlreich vorgenommen und besizt namentlich das Leipziger Museum mehrere nach Pettcnkoser's Verfahren behandelte Oelgemälde— so hat in der Jeztzeit das Wasserstoff-Super- oxyd sich auch als Desinfektionsmittel sehr bewährt. So berichtet I. Hensel in seiner Schrist„Neue Makrobiotik" folgendes hierüber: „Von welcher erstaunlichen Desinsektionskrast das Wasserstoff-Snperoxyd ist, lernt man würdigen, wenn man etwas zweiprozentige Lösung in einen kleinen Zerstäuber— Rafraichisseur— füllt und mit demselben einigemale brausend durch ein übelriechendes Krankenzimmer hin- und hergeht; die Lust wird darnach geruchlos und wohltuend sein. Oder wenn man ein faules Ei mit einem Löffel voll 10% Superoxyd zusammenrührt, verliert der faule Brei, indem er heftig emporschäumt, den penetranten Schweselwasserstoffgeruch und riecht wie gebratenes Fleisch. Ferner hat Hensel Milch und Wasserstoff-Superoxyd jahrelang stehen lassen, ohne daß die Milch gerann oder übelriechend wurde. Auch als Haus- und Toilettcnmittel findet jezt dieser interessante Stoff nicht geringe Anwendung, indem Wasserstoff-Superoxyd ein gutes Wasch- und Mundwasser gibt; was dem Salizylsäure- und Tymolmundwasscr, dem übermangansauren Kalimundwasser vortrefflich an die Seite zu stellen ist. Man stellt sich ein derartiges Wasserstoss-Superoxydmunö- wasser aus gleichen Teilen Wasserstoff-Superoxyd und Wasser her, in welcher Eigenschaft es auch bei zarter Haut als Waschwasser sich gut bewährt. Zum Puzen der Zähne ziehe ich Wasserstoff-Superoxyd allen Zahnpulvern und Zahnreinigungsmitteln, mögen sie Odontine, Salizyl- und Tymolzahnpulver heißen, entschieden vor; denn Schlemmkreide auf eine Zahnbürste gestreut und auf die anhaftende Kreide gegossenes Wasserstoff-Superoxyd macht nicht nur die Zähne blendend iveiß, son- dern entfernt auch schädliche Ansäze an denselben, und genügt pro Woche eine ein- bis zweimalige Anwendung des Pnzmiltels. Sezt man einer Mitteilung der„Neuesten Erfindungen und Erfahrungen" zufolge dem verdünnten Superoxyd, daS man als Waschwasser benuzen will, kurz vor dem Gebrauche 1—2 Tropfen, ja nicht mehr, Salmiakgeist zu, so bemerkt man. wie sich überall, wo das Wasserstoff-Superoxyd mit der Haut in Berührung kommt, kleine Bläschen von Sauerstoff entivickeln, während gleichzeitig die abgestorbene rauhe Oberfläche der Haut in eine weiße, seisenarlige Masse venvandelt wird. Da das Superoxyd nur die abgestorbenen Teile zerstört, so kommt die glatte Haut zum Vor- schein, welche, da sie in keiner Weise angefressen wird, sich rasch kräftig und widerstandsfähig gegen äußere Einflüsse zeigt. Als Haarmittel schließlich übertrifft ebenfalls das Wasserstoff-Superoxyd alle bis jezt im Handel vorkommenden, ost sehr schädlichen Mittel, nur möge man hier vor seiner Anwendung die Haare mit Seife und starkem Spiritus ent- fetten und dann mit Wasserstoff-Superoxyd anfeuchten, das hierauf lang- fam antrocknen muß. Prolin! dkutscher Uolkspoefie drr Gkgnlnmrt. Zum Kopfbilde unfter„Neuen Welt". Die Stürme rasen, nufbrüllt das Meer, Turmhohe Wogen brausen daher Da fährt ein Schiff durch die finstre Nacht, Nun Schiffer haltet getreue Wacht! Ten Steuermann warf die Flut über Bord, Ein andrer heran! Nun segelt getrost im Sturme fort! Da zischt und brodelt das Element, Als gings mit dem Erdenball zu End', Die Blize schmettern, betäubend Gedröhn, Als sollte die Welt im Feuer vergeh». Nur Mut, ihr Männer, das Segel hält! Was klagt ihr Weiber? Wir fahren zur neuen, zur bessern Welll » Es neigt sich der Tag, von Osten her Da tröstet die Sonne das zornige Meer; Da hebt es sich purpurn über die Flut, Die Schatten weichen und alles wird gut. Ein Land steigt empor, die Sonne küßts, Die einsamen Segler im Meere grüßts, Und hehres Glockengeläute schwellt Ten Aeter— Glückaus! Wir schauen die neue, die bessere Welt! Aug. E n d e r s. Rebus. Auflösung des Rebus in Nr. 7: Einfachheit ist das Siegel der Wahrheit. Inhalt: Vom Baume der Erkenntnis. Roman von I. Zadeck.— Schlittenfahrt vom Berge.(Mit Illustration.)— Aus einem deutschen Dichterleben. Von Wilhelm Blos.— Höckels Vortrag über„Die Naturanschanung von Darwin, Goethe und Lamarck." Gehalten aus der 55. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte zu Eisenach am 18. September 1882.(Schluß.)— Affen.(Mit Illustrationen.)— Aus dem Leben eines Konventsmannes.— Alkohol— Todfeind oder Gutsrc und? Kulturgeschichtliche Studie von Bruno Geiser.— Serena. Eine venetianische Novelle von Max Vogler.(Fortsezung.)— Unter uns gesagt.(Mit Jllustr.)— Ein Bazar in Tunis.(Mit Jllustr.)— Nicht aufgepaßt.(Mit Jllustr.)— Aus allen Winkeln der Zeitliteratur: Schundlektüre.— Das Wasserstoff-Superoxyd und dessen Verwendungen.— Proben deutscher Volkspoesie der Gegenwart.— Rebus.— Allgcmeinwissenschaftliche Auskunft.— Literarische Umschau.— Mannigfaltiges. Mit dieser Nummer beginnt das II. Quartal des 8. Jahrganges der„Neuen Welt". Tic geehrten Post-Abonnenten werden ersucht, die Bestellungen ungesäumt aufzugeben, damit keine Unterbrechung in der Zustellung des Blattes eintritt. Die Expedition der„?!eue» Welt". Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart. Redaktion: Neue Weinsteige 23.— Expedition: Ludwigstraße 26 in Stuttgart. Druck und Verlag von I. H. W. Dietz in Stuttgart.