Wom Waume, Von A. II. Nur wenige Monate waren verflossen, seitdem die beiden jungen Leute, die sich in diesen Nachmittagsstunden so nahe ge- treten waren, einander zum erstenmale gesehen hatten. Doch waren sie darum auch vorher einander nicht fremd gewesen und nur der Zufall hatte es gefügt, daß der junge Kammergerichts- reserendar Richard Fels vor kurzem erst die freundschaftlichen Beziehungen von neuem angeknüpft hatte, die seit länger als einem Menschcnalter zwischen den beiden Familien bestanden. Mit einer Treue und Ausdauer, die sonst nicht in. dem Karakter des leichtlebigen Mannes lag, hatte der Kommerzienrat Haller das Freundschaftsbündnis aufrecht erhalten, welches zwischen ihm »nd Richards Vater seit der gemeinsam verbrachten Lehrzeit bestand. Und ungeachtet der weiten Entfernung, die zwischen ihnen lag, troz der Verschiedenheit ihrer äußeren Lebenslage, waren die beiden Freunde in stetem Zusammenhang geblieben. bis der Tod den einen abgerufen hatte. Ja. selbst auf die Minder, die einander nie gesebc», war etwas von jener warmen, ircundschaftlichcn Teilnahme übergegangen, welche die beiden jkitlebens für einander empfanden. Ter junge Reserendar, dessen Eltern in bescheidenem Wohlstande in einer kleinen Provinzialstadt gelebt hatten, hatte sein kleines Erbteil während seiner Studienzeit mehr als zur Hälfte aufgezehrt und war nun darauf angewiesen, sich in seiner schwie- rigen Stellung aus eigener Kraft zu behaupten. So Wäre es vielleicht ratsamer gewesen, wenn er versucht hätte, an einem kleinere» Orte, unter einfacheren Lebensbedingungen den Zeit- Punkt abzuwarten, wo er zu Rang und Würden kommen und | seine materielle Abhängigkeit weniger schwer auf ihm lasten würde. Aber dem lebenslustige» jungen Manne schien es un- denkbar, sich ans Jahre hinaus i» einer kleinen Stadt zu ver- graben und die Anregung und Förderung zu eutbchrcn, die »ns in den Mittelpunkten geistigen Lebens ans dem Verkehr mit Gleichgesinnten erwächst und die er während seiner Nuiver- sitätsjahrc hinreichend würdigen gelernt hatte, um sie nicht ohne liefe Verstimmung missen zu können. Auch sehnte er sich, im Vollgefühl seiner körperlichen und geistige» Kraft und von der Natur mit reger Einbildungskraft und einer leichten Erregbar- er Erkenntnis. abe ck.(1. Fortsezung.) keit ausgestattet, nach einem größeren Wirkungskreise, als seiner in den engen Mauern eines Provinzialstädtchens wartete. Und da er gewohnt war, in all seinem Tun weniger seinem Ver- stände zu folgen als den Eingebungen des Augenblicks und troz des jugendlichen Feuers, das sein Wesen durchglühte, nicht Energie genug besaß, um aus eigener Kraft sich loszureißen, wo seine Neigungen ins Spiel kamen: hatte er, den dringenden Einwendungen und Vorstellungen seiner Freunde zum Troz, alles aufgeboten, um dem verhaßten Aufenthalt in der Provinz ein Ende zu machen. War er doch ein verwöhntes Kind des Glücks, das es niemals gelernt hatte, seine Wünsche anderen Rücksichten unterzuordnen. So hatte er vor wenigen Monaten sein bescheidenes Quartier in Berlin aufgeschlagen und lebte nun hier seiner Tätigkeit und dem regen Verkehr mit Freunden und Bekannten. Am Tage nach seiner Ankunft hatte er den Jugendfreund seines Vaters aufgesucht und war von diesen, so freundlich aufgenommen worden, daß die leise Befangenheit, die ihn dem reichen Manne gegenüber anfangs beschlichen hatte, augenblicklich schwand und er sich in den glänzenden Räumen bald so behaglich fühlte, als hätte er sein lebenlang hier verkehrt. Lag es doch in seiner warmen, entusiastischen Natur, sich überall, wo man ihm freund- lich entgegenkam, ohne Rückhalt mit seiner ganzen Persönlichkeit zu geben. Dann pflegte es wohl zu geschehen, daß er in der Lebhaftigkeit und dem Feuereifer, mit welchem er alles neue ergriff, Menschen und Dinge in einem Lichte sah, wie sie an- deren, nüchterneren niemals erschienen; daß er alles erdenkliche Gute in sie hineinlegte, um endlich mit Schmerzen gewahr zu werden, daß seine Phantasie ihm wieder einmal übel mitgespielt und daß, was ihm so schön und anziehend erschien, nur in seiner Einbildung lebte. Und in seinem Aerger darüber verfiel er nach Art aller Gefühlsmenschen gewöhnlich in das andere Extrem und>var unvernünftig genug, für seine Unbesonnenheit und Mcnschenunkenntnis diejenigen verantwortlich zu macheu, an welche seine launenhafte Phantasie so übcrschwäugliche Er- Wartungen geknüpft hatte. Unberechenbar nannten ihn seine Freunde und schalten ihn um seines Wankelmuts und seiner Inkonsequenz wille». Aber wie unsere Tugenden und Fehler Jllustrirtes Unterhaltunfisblatt für das Volk, Erscheint alle 14 Tage in Heften& 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Postämter zu beziehen. i aufs innigste miteinander verknüpft sind und unsere Stärke zu- gleich unsere Schwäche ist. so gab die naive Unmittelbarkeit. das unruhige Feuer, welche das Wesen des jungen Mannes kennzeichneten, ihm eine bezaubernde Frische und Urspriinglichkeit, einen eigentümlichen Reiz, dem sich nur wenige entziehen konnten. Seine Freunde zürnten ihm; das Unvermittelte. Sprunghaste seiner Bestrebungen, der Beziehungen, die er allerllorten an- knüpfte, um sie einen Augenblick später achtlos wieder fallen zu lassen, dünkte ihnen absurd— und doch liebten sie ihn darum nicht weniger. Keiner von ihnen mochte die Anregung ent- behre», welche der Verkehr mit dem liebenswürdige» Jüngling mit sich brachte. Richards Beziehungen zu dem hallerschen Hause hatten sich in den wenigen Monaten immer herzlicher, immer sreundschast- licher gestaltet, trozdcm es ihm auch hier nicht an Enttäuschungen fehlte. Aber wenn er aus der einen Seite erkannt hatte, daß das begeisterte Urteil, welches er anfangs über den Kommerzien- rat gefällt, doch etwas voreilig gewesen und der joviale alte Herr auch seine Fehler und Schtvächcn habe: so zog es ihn dafür jezt um so unwiderstehlicher zu der jüngsten Tochter des Hauses, einem schüchternen, jungen Ting, das er anfangs kaum beachtet hatte. Es war dies allerdings ihre eigene Schuld. Es war dem jungen Manne nicht anders ergangen, als all den andern zahlreichen Besuchern ihres väterlichen Hauses, deren Blicke immer wieder mit derselben kühlen Gleichgiltigkeit von ihrem jungen Gesichte abglitten, das in seinem sinnigen Ernst. mit dem gedankenvollen Blick der großen, dunklen Augen an- ziehend genug war. Aber die schönen Augen sahen stets so gleichgiltig und gclangweilt drein und der kleine, seingeschnittene Mund lächelte so selten, daß man ihrer kaum achtete und daß kaum einer der zahlreichen Freunde des Hauses es der Mühe wert hielt, das ernsthafte junge Ding zutraulicher zu machen. Heimlich spottete wohl einer oder der andere über die unheilbare Schüchternheit des Mädchens, über ihre anscheinende Ruhe und Leblosigkeit, die so grell mit der übersprudelnden Heiterkeit, der pikante», lebensvollen Erscheinung ihrer älteren Schwester kon- trastirte. Keiner von ihnen ahnte das reiche Geistesleben dieses verschlossenen jungen Wesens, das unter kaum bewegter Ober- fläche eine Welt von unruhigen Gedanken in seiner Tiefe barg und in seiner geistigen Vereinsamung unter schweren Herzens- kämpfen an ihrer Lösung arbeitete. Auch hatte es fast de» Anschein, als sei sie geflissentlich darauf bedacht, niemandem einen Einblick in das Wirken und Weben ihres jugendlichen Feuergeistes zu gestatten. Sie war zurückhaltend bis zur Schroff- heit und vermied es ängstlich, im Gespräch mit anderen die Gedanken und Fragen zu berühren, die ihr am Herzen lagen. Wußte sie doch, daß sie in den Kreisen, in denen sie lebte, bei den Menschen, aus denen sich der Verkehr in ihrem Elternhause zusammensezte, auf Teilnahme und Verständnis nicht rechnen durste. Sie war sich ihrer Vereinsamung nur zu wohl bewußt. Ihr Vater hatte mit steigendem Befremden die ungewöhnliche Entwicklung seines jüngsten Kindes beobachtet. Anfangs hatte er alles für eine vorübergehende Laune gehalten und sich mit dem Gedanken getröstet, daß Hedwig mit der Zeit ihre Ernsthaftigkeit und ihren lächerlichen Hang zur Einsamkeit schon ablegen werde. Ihm war jedes tiefere Interesse für Kunst und Wissenschaft soivie für die Erscheinungen des öffentliche» Lebens zuwider, und es schien ihm unglaublich, daß ein junges Mäd- che», welches in glänzenden Verhältnissen ausgewachsen einen Wunsch nur zu äußern brauchte, um ihn sofort erfüllt zu sehen, anders darüber denken könne. Ja, wenn ein armer, hungriger Teufel, der sein lebenlang im Schatten sizen und lüsternen Blicks mit ansehen mußte, wie andere sich behaglich nieder- ließen im Sonnenschein des Glücks, diese Spielereien ernsthaft nahm: so war dies allenfalls begreiflich. Auf irgend eine Weise mußte der arme Teufel sich doch über das schreiende Mißver- hältnis zwischen seinem eigenen Lose und den Schicksalen Glück- licherer hinwegsezen und leztere mußten ihm überdem dafür Dank wissen, vorausgesezt, daß diese Versöhnung im Geiste nichts gemein hatte mit den aufreizenden Lehren der modernen Wissenschaft. Aber wie kam sein Kind zu diesen absonderlichen Nci- gungen? Er schüttelte venvundert den Kopf, so oft er daran dachte. Anfangs hatte er sich dabei beruhigt, daß er Hedwig, deren zarte Gesundheit im Kindesalter ihren Verkehr mit gleichaltrigen Gespielinnen zumteil beschränkt hatte, zu viel sich selbst über- lassen und daß ihr Hang zu nachdenklicher Träumerei aus diesen einsamen Stunden immer neue Nahrung gesogen habe. Nun brauche er nur die Zeit und ihre Umgebung auf sie wirken zu lassen,»m diese krankhaste Neigung zu beseitigen. Als aber mit de» Jahren, troz des lebhaften geselligen Lebens, das i» ihrem väterlichen Hause herrschte, Hedwig sich immer mehr in sich selbst zurückzog und kein Hehl daraus machte, wie wenig Freude sie an den rauschenden Vergnügungen empfand, die der Kommcrzienrnt zu veranstalten liebte und deren er zum Leben bedurfte, erkaltete das Verhältnis zwischen Vater und Kind mehr und mehr. Aeußerlich war zwar wenig davon zu merken. Hedwig fügte sich mit großer Gewissenhaftigkeit allen Wünschen und Ansprüchen, die ihr Vater an sie stellte. Es lag nicht in ihrer Art, Pflichten leicht zu nehmen, deren Berechtigung sie erkannt hatte, wie schwer deren Erfüllung ihr auch oftmals wurde. Aber je mehr sie sich innerlich der Entfremdung be- wüßt ward, die sich allmälich zwischen sie und ihren Bater geschlichen hatte, desto eifriger war sie bemüht, ihn durch die zar- teste Rücksichtnahme aus seine Wünsche diese Entfremdung vergessen zu machen und dadurch zugleich dem eigenen Herze» zu genügen. Der Kommerzicnrat war ein Mann etwa in der Mitte der fünfziger Jahre, von kräftiger, untersezter Gestalt, mit einem Gesicht, aus welchem die hellste Lebensfreude uud ein so stark ausgeprägtes Selbstgefühl sprach, daß es all seiner vielgerühmtcn Gutmütigkeit bedurfte, um dieses Gefühl des eigenen Wertes nicht nnangenchm hervortreten zu lassen. Er hatte sich aus eigener Kraft, vom Glück begünstigt, aus bescheidenen Anfängen zu Rang und Reichtum emporgearbeitet uud rühmte sich dessen unverhohlen. Dafür war auch in seinen Augen der Erfolg der erste und einzige Maßstab aller menschlichen Handlunge». Nichts lag ihm ferner, als Verständnis oder Teilnahme für die Em- pfindungen und Bestrebungen anderer. Er beurteilte die Men- sehen nach sich selbst und sah kopfschüttelnd drei», wenn die Handlungsweise anderer sich seiner Billigung entzog. Was er nicht verstand, war für ihn nicht vorhanden. Mit einem wizige» Wort glaubte er jede noch so ernsthaft gemeinte Ansicht widerlegt zu haben, die feiner Betrachtungsweise zuwiderlief. Mit einem naiven Egoismus, der in seiner cynischen Offenheit etwas Belustigendes hatte, hatte er es, ungeachtet seines scharfen Ver- standcs, allezeit verschmäht, über das Nächstliegende hinauszu- denke». Es war nicht seines Amtes, sich den Kopf zu zerbrechen über Fragen, um deren Lösung Klügere sich seit Jahrtausenden vergeblich abgemüht. Er hatte eine instinktive Scheu vor allem Unangenehmen, vor allem, was ihn aus seiner Behaglichkeit, seinem fröhlichen Lebensgenuß unsanft herausreißen könnte. Und doch konnte man ihm deshalb nicht ernstlich böse sei». Seine Gutmütigkeit, sein heiteres, lebhaftes Temperament nahmen unwillkürlich für ihn ein, und der Mangel an tieferem Gefühl, die Unduldsamkeit, die er fremden Meinungen gegenüber an den -tag legte und die man einem anderen schwerlich verziehen haben würde, befremdeten niemanden bei diesem harmlosen Ge- nußmenschen, �eine Frau hatte er nach wenigen Jahren glück- Ucher Ehe verloren. Er hatte sich anfangs sehr unglücklich gefühlt, sehr unbehaglich und verdrießlich, nun er niemanden hatte, der Jiir seine Bequemlichkeit sorgen und mit zärtlicher Hand die galten glätte» mochte, welche die Aufregungen des Börjenspiels auf feine Stirn zeichneten. Und dann die beiden mutterlosen Kleinen, die so eingeschüchtert in den verödeten Räume» umherliefen und die sich nun mit verdoppelter Liebe an ihn klammerten, der nicht recht wußte, was er mit ihnen eginnen sollte. Er hätte nie geglaubt, wie unbequem diese kleinen Ringer mitunter werden könnten! Früher hatte seine Frau daraus geachtet, daß sie ihn nicht störte», wenn er an schwüle" �ommertagen erhizt und aufgeregt nach Hause kam und der Ruhe bedurste. Dann hatte er wohl auf Augenblicke init ihnt« gespielt und sich ihrer Schönheit und ihres munteren Gcplnu- dcrs gefreut. Nun über, Ivo sie sich der seiner Heimkehr an ihn klammerten und ihn mit ihren kindlichen Liebkosungen form- (ich erdrückten, wo sie ihn zum Vertrauten ihrer kleinen Leii�n und Freuden machten und er sich nur gewaltsam von ihnen befreien konnte: nun erschienen sie ihm in einem ganz anderen Lichte. Und in seiner Verzweiflung beschloß er, wieder zu hei- raten, um seinen Kindern wieder eine Mutter zu geben und das unbehagliche Gefühl loszuwerden, das ihn täglich beim An- blick seiner verödeten Wohnung befiel. Inzwischen wollte er seine Schwester, die seit langen Jahren Wittwe war und keine Kinder besaß, bitte», zu ihm zu ziehen und an seinen ver- waisten Kindern Mutterstelle zu vertreten. Seine Schwester, eine sanfte, bescheidene Frau, die nur geringe Ansprüche an das Leben stellte und es zufrieden war, wenn man ihrer überhaupt gedachte, ging bereitwillig auf seine Bitte ein. Sie nahm sich der Kinder mit mütterlicher Zärtlichkeit an und wußte auch ihrem anspruchsvolleren Bruder das Hans so angenehm zn machen, daß er binnen kurzem den Gedanken an eine aber- malige Verheiratung aufgab. Nun, da er seine Kinder gut auf- gehoben wußte und nicht länger unter den unbequemen Aus- brnchcn ihrer Gefühle zu leide» hatte, stellte sich seine gute Laune mit überraschender Schnelligkeit wieder ein. Allmälich nahm er die Vergnügungen wieder auf, in denen er während seines fröhlichen Junggcsellcnlcbens geschwelgt und die er nach seiner Verheiratung seiner Frau zu Liebe etwas vernachlässigt hatte. Er fühlte sich äußerst behaglich in seiner Ungebunden- heit. Nicht um die Welt hätte er zum zweitenmale seine Freiheit aufgegeben. War er doch reich genug, jeden seiner Wünsche augenblicklich befriedigen zu können. Inzwischen waren die Kinder herangewachsen. Sie hatten in einem genfer Pensionat die Ausbildung erhalten, ivelche die Mode und der gute Ton gebieterisch von„Töchtern höherer Stände" verlangen. Die älteste, Tora, ein bezauberndes Ge- schöpf mit tiefblauen Augen und dem schönsten Blondhaar, das je auf einem launenhaften Wciberköpfchen gewachsen, eine geist- sprühende kleine Hexe, die mit einem Blick ihrer feurigen Augen alle Welt ihren Launen dienstbar machte, brachte in das bisher so stille Haus eine Unruhe, die ihren Vater entzückte und die der Tante ein heimliches Entsczen einflößte. Jezt war es vorbei mit den Junggcscllcnfrcuden, welche der Kommerzienrat seit dem Tode seiner Frau genossen. Die kleine Hexe brachte eine völlige Revolution innerhalb der Mauern ihres Vaterhauses hervor, und der Kommerzienrat war der erste, der die scgrns- reichen Folgen dieser Umwälzung an sich selbst erfuhr. Er war entzückt von der Schönheit, von dem feurigen Temperament seiner ältesten Tochter. Ter sonst so eigenwillige Mann ließ sich willenlos von ihren Launen, ihre» tollen Einfällen be- herrschen. Auf ihren Wunsch öffnete er seinen Geschäftsfreunden. den zahlreichen Bekannten, mit denen er in den leztcn Jahren das Leben genossen, den Löwen der jeunesse doräe sein Haus. Die Vergnügungen, die rauschenden Festlichkeiten jagten ein- ander. Ter verliebte Vater sezte Himmel und Erde in Be- wegung. um jede» noch so unvernünftigen Wunsch seines Kindes zu erfüllen und lachte schadenfroh, wenn die verwöhnte kleine Prinzessin ihre Verehrer und Freier, die zahllos waren wie Sand am Meere, niit ihrer Launenhaftigkeit und ihren bezau- bernden Kindereien zur Verzweiflung brachte. Dabei war das schöne Geschöpf von einer Einfachheit und Herzensgüte, die jeden Widerstand entivaffnctc und es klar erkennen ließ, daß das nervöse Kind nur der Erziehung bedurfte, um zu einem Weibe von ungeivöhnlicher geistiger Kraft und Scelcnadcl Heran- zureifen. Tie beiden Schwestern hatten sich von frühester Kindheit an zärtlich geliebt troz der Verschiedenheit, die zwischen ihren Karakteren und ihren Neigungen bestand. Als indes �.ora, die um einige Jahre älter war als ihre ernsthaste kleine Schwester, und deren volle, kräftige Gestalt sie uni vieles reifer erscheinen ließ als das schmächtige, zartgcbautc Kind, desien körperliche Entwicklung infolge früher Krankheiten zurückgeblieben war. aus der Pension in das Elternhaus zurückkehrte, fand sie in dem geräuschvollen geselligen Leben, daß sich ihr hier erschloß, nicht Zeit und Muße, der Schwester so oft zu gedenken, als es die Kleine in ihrer Einsamkeit tat. Hedwig empfand diese Ver- nachlässigung sehr schmerzlich. Sie war, ungeachtet ihres ernsten, zurückhaltenden Wesens, weich bis zur Schiväche nnd dürstete nach Liebe. Aber in ihrer kindlichen Scheu, in dem Mißtrauen gegen sich selbst, das die Unzufriedenheit des Vaters in ihr großgezogen und das aus der Vereinsamung, in ivelcher sie sich auch hier, in der Pension, inmitten all dieser lachenden, sorg- losen Kinder befand, die in gedankenlosem Leichtsinn ihr Leben genossen, immer neue Nahrung sog: behielt sie auch diesen Kummer für sich, wie sie es niit all den quälenden, aufreibenden Gedanken tat, die sich in ihrem Köpfchen rastlos tummelten. Als sie dann nach Jahren die Heimat wieder betrat, hatte Tora das Hans bereits verlassen. Als die gefeierte, vielbeneidete Frau eines jugendlichen Geschäftsfreundes ihres Vaters trat sie Hedwig entgegen, welche Mühe hatte, in der schönen, selbst- bewußten Frau die Schwester wiederzuerkennen, die sie so sehr geliebt. Es war eine gewaltige Veränderung mit deni schönen Weibe vorgegangen. Hedwig fühlte dies instinktiv, wenn sie sich auch nicht zu erklären vermochte, worin diese Veränderung bestand. Sie war noch schöner, als sie vordem gewesen; der flammende Blick der blauen Augen hatte etwas Jmponirendes, und um die vollen, roten Lippen lag ein troziger Zug, der den pikanten Reiz ihrer Erscheinung noch erhöhte. Sie mar lebhafter, übermütiger als je, aber ihre Lebhaftigkeit hatte etwas Herausforderndes, einen unverkennbaren Beigeschmack von Ko- ketterie, der ihr sonst fremd gewesen. Dabei war sie bezau- berndcr als je. Ihr Mann war eine jener glänzenden, liebenswürdigen Erscheinungen, denen in den Kreisen der Finanzaristokratie be- rcitwillig die erste Stelle eingeräumt wird, vorausgcsezt, daß sie den Glanz ihrer äußeren Erscheinung durch Rang und Reich- tum zu unterstüzen loissen. Niit seiner schlanken, vornehmen Gestalt, seiner tadellosen Eleganz, die das Ergebnis eines geläuterten Geschmacks zu sein schien und der bestrickenden Licbens- Würdigkeit seiner Umgangsformen schien Georg Helldorf wie geschassen, ein junges Mädchenherz zu bezaubern. Ein wohl- gepflegter, dunkler Backenbart umrahmte sein volles blasses Gesicht und ließ das leicht geteilte Kinn energisch hervortreten. Seine Augen hatten einen feuchten Glanz, der ihnen einen weichen, einschmeichelnden Ausdruck gab, und ivenn er lachte, was er gern und häufig tat, leuchteten unter dem üppigen Bärt- che», das seine Oberlippe schmückte, zwei Reihen weißer Zähne hervor, um die ihn manche seiner zahllosen Verehrerinnen be- neiden mochte. Einer reichen, angesehenen Familie angehörend, hatte er eine sorgfältige Erziehung genossen nnd sich, nachdem er einige Jahre im Ausland zugebracht, in Berlin niedergelassen und die Fabrik seines Vaters übernommen. Mit der ihm eigenen Energie und Klugheit hatte er, unter Benuznng gün- stiger Konjunkturen, sein Geschäft ungemein vergrößert nnd stand nun, im Anfang der Dreißiger Jahre, von Glanz und lleberfluß umgeben und im Bcsiz der schönsten Frau, von aller Welt beneidet da. Tie erste Zeit nach ihrer Heimkehr hatte Hedwig im stillen gehofft, daß nun, wo die künstliche Scheidewand weggeräumt war, welche die jahrelange Trennung zwischen ihnen aufgerichtet, ihr Verhältnis zu Tora die Innigkeit und Vertraulichkeit wieder erlangen werde, die es einst gehabt. Doch mußte sie bald erkennen, daß sie sich getäuscht. Tora empfand augenscheinlich garnicht das Bedürfnis, sich der jüngeren Schwester freundschaftlich zu nähern. Bei aller Herzlichkeit, mit welcher sie der Heimgekehrten ent- gegenkam, hatte ihr Verkehr etwas Oberflächliches, einen auf- fallenden Mangel an Ernst und Tiefe. Und als Tora mit keckem Spotte die heiligsten Empfindungen dieser ernsthaften jungen Seele, ihr Streben nach Wahrheit, ihren unruhigen Wissensdrang und ihre rastlose geistige Tätigkeit geißelte, zog sich die kleine Sensitive verlezt in sich selbst zurück. Tic Frivo- lität ihrer Schwester tat ihrem Herzen weh. Nun mußte sie 224 wvhl crfenncii, wclchcr Art bic Veranberuiig war, die mit ihrer Schwester seit deren Verheiratung vorgegangen. Doch anch zwischen Tora und ihrem Vater mußte inzwischen etwas vor- gefallen sein, was das gute Einvernehmen trübte, das früher zwischen ihnen bestanden. Zwar überschüttete der Kommerzicnrat seine älteste Tochter nach wie vor mit Ausnierksamkeiten jeder Art; er freute sich ihrer Erfolge, des Glanzes ihrer Erscheinung und war stolz ans die bevorzugte Stellung, die sie in der Welt ein- nahm. Aber Tora selbst, die früher mit all der Offenheit und Zutraulichkeit ihres heißblütigen Temperamentes ihren Vater wie einen alteren Freund behandelt hatte, welchem sie alle Heimlichkeiten ihrer jungen Seele offenbarte, die auf ihren hübschen, lebenslustigen Papa so stolz gewesen war. daß sie allen Ernstes behauptet hatte, nur einen Aiann heiraten zu wollen, der ihm ahnlich sei: begegnete diesem vielbcwnndertcn Papa jezt mit überraschender stalte und Gleichgültigkeit. Geschah es doch zu Zeiten, daß sie anch ihm gegenüber den rücksichts- los spottende» Ton anschlug, den sie im Verkehr mit anderen nur selten ablegte und den Hedwig früher nicht an ihr gekannt. Zinn waren mehrere Jahre seit Hedwigs Heimkehr vergangen. ohne daß ihre Beziehungen zu dem Vater oder zu Tora andere geworden waren. Und wie die Tage und Wochen dahingingen, ohne diese Aendernng zu bringen, nach der sie sehnlichst verlangte, ohne ihr Mittel und Weg zu zeigen, ihre geistige Selbsttätigkeit, die sich in einsamem Ringen verzehrte, auf die Bahn ruhiger Entwicklung zu leiten: hatte sich ihrer eine Kleinmut bemächtigt, die sie vordeni nicht empfunden. Da führte ein glücklicher Zufall den jungen Referendar in ihr Hans. Sie hatte ihn anfangs kaum beachtet. In ihrem väterlichen Hause gingen so viel junge Leute ans und ein, daß ein ein- zelner ihr nicht sonderlich ausfallen konnte. Und seine anziehende äußere Erscheinung war kein Grund, besser von ihm zu denken als von all den anderen, die unter ihren hübschen Gesichtern und glatten Formen nur ihre innere Hohlheit versteckten. Da hatte es sich gefügt, daß er sie eines Tages allein zu Hause angetroffen. Sie hatte wieder einmal eine ihrer bösen Stunden, während der sie sich in bittcrcni Unmut am liebsten in ihr Zimmer zurückzog, um ungestört ihren Gedanken nachzu- hängen. Und während sie in ihrer Einsanikcit sich rückhaltslos dem Schmerze überließ, den die Erkenntnis ihrer eigenen Unzu- länglichkeit, der Unmöglichkeit, ohne die Mitwirkung anderer die Zweifel zu lösen, die ihre ernsthafte junge Seele folterten, ihr bereitete: hatte sie das Klopfen an der Tür gänzlich überhört und fuhr erschrocken zusammen, als die Tür geöffnet wurde und Richard in das Zimmer trat. Er bat wegen seines unvcr- muteten Erscheinens lächelnd um Verzeihung— die Verwirrung, die sich deutlich auf Hedwigs Gesicht wiedcrspiegelte, belustigte ihn. Er sei beaustragt, sie zu ihrer Schwester zu geleiten, der er soeben begegnet war und welche ihm diesen Auftrag erteilt hatte. Und als Hedwig sich weigerte, seinem Verlangen nachzukommen und eine häusliche Abhaltung vor- schüzte, postirte er sich lachend an die Tür und behauptete, das Zimmer ohne ihre Begleitung nicht verlassen zu wollen. Tora habe die Weigerung ihrer eigensinnigen kleinen Schwester vor- ausgesehen und ihm anbefohlen, sie nötigenfalls mit Gewalt zur Stelle zu schaffe». Nun sei es für ihn Ehrensache, nicht zu weichen. Dabei hatte er es sich bequem gemacht und zog nun mit dem gutmütig-ironischen Lächeln, das ihm eigen war und das seinem hübschen, kecken Gesichte einen anziehenden Ziig geistiger Ueberlegeuheit gab, die Handschuhe von den Fingern, als mache er sich auf ein längeres Verweilen in diesen Räumen gefaßt. Hedwig stand abgewandt am Fenster und sah trozig vor sich nieder. Sie war nicht gewillt, dem Verlangen dieses Fremden nachzukommen, mit dem sie in den wenigen Wochen ihrer Bekanntschaft kaum hundert Worte gewechselt haben mochte und der nun zu ihr sprach wie zu einem eigensinnigen Kinde, dessen Willensäußerungen uns zum Lachen reizen. Sie wollte ihm zeigen, daß sie nicht Lust hatte, sich seiner Anmaßung zu fügen. Richard, der sich in seiner kampsbereiten Stellung dem kleinen Trozkopf gegenüber äußerst behaglich fühlte, benuzte seine unfreiwillige Muße, um sich die Kleine, die er bisher nur flüchtig betrachtet hatte, näher anzusehen. Wie sie so dastand in trozig aufrechter Haltung und in dem hellen Tageslicht, das durch die Fenster hercinströmte, ihr zierliches Profil, die weiche», tirtblichcn Formen ihrer Gestalt sich scharf von den dunklen Vor- hängen abhoben, begriff er kaum, wie er so lange achtlos an dieser feinen, vornehmen Erscheinung hatte vorübergehen können. Und mit der bezaubernden Liebenswürdigkeit, die er entfalten konnte, wenn er ernstlich wollte, trat er auf Hedwig zu und beugte sich zu ihr nieder. „Sie sind mir böse, kleines Fräulein," sagte er launig.— „Ich habe meine Sache aber auch verteufelt schlecht gemacht. Weiß Gott, ich bin zum Diplomaten nicht geschaffen! Aber Sie dürfen in Ihrem gerechten Zorn nicht vergessen, daß ich nur das willenlose Werkzeug in den Händen anderer bin und daß meine Seele keinen Teil hat an dem Zwang, der Ihrer Willensfreiheit und der Freiheit Ihrer Entschließungen geschieht. Und um Ihnen zu zeigen, wie sehr mir darum zu tun ist, in Ihren Auge» nicht für das Ungeheuer zu gelten, für welches Sie mich offenbar halten, will ich Ihnen einen Ausgleich vor- schlage». Ich leiste Ihnen— mit Ihrer ausdrücklichen Er- laubnis, versteht sich— so lange Gesellschaft, bis Sic mir un- zweideutig zu erkennen geben, daß Sic meiner überdrüssig sind. Dann solle» Sie selbst entscheiden, was weiter geschieht— ob Sie den Wunsch Ihrer Schivcster erfüllen und mit mir kommen oder aus Ranküne gegen mich ans Ihrer Weigerung beharren. Inzwischen tvill ich es niir angelegen sein lassen, Sie gegen mich harmlosen Menschen, dem Ihre Ungnade tief zu Herzen geht, vcr- söhnlichcr zu stimmen. Was sagen Sie dazu, Fräulein Hedwig?" Sie sah mit leisem Lächeln zu ihm auf. „Wenn ich aber vorher weiß, daß Ihre Bemühungen vcr- geblich sind!"— „Heiliger Brahma," unterbrach er sie, sich mit beiden Händen in komischem Entsezen durch das dichte, lockige Haar fahrend. „Also so tief gewurzelt ist Ihre Abneigung gegen mich, daß auch das beredteste Plaidoycr zu meinen Gunsten wirkungslos an Ihrem Herzen abprallen würde?"— Sic schüttelte errötend den Kopf. „Sie wollen mich absichtlich mißverstehen," sagte sie.—„Ich sprach von dem Auftrag, der Ihnen geworden. Wenn Sie aber trozdem mit meiner Gesellschaft fürlieb nehmen wolle», kann ich Ihnen nur dankbar sein."— (ir hob lächelnd den Finger.„Sie verstehen sich schlecht auf das Lügen, Fräulein Hedwig. So wenig ich Sie kenne, weiß ich doch, daß die höflichen Worte, die Sie mir eben gc- sagt haben, nichts sind als eine konventionelle Lüge, die Ihne» schwer genug geworden ist. Hand aufs Herz, kleines Fräulein. habe ich nicht recht?"— Sie schlug die Augen nieder. Er griff nach seinem Hute. „Sie sollen sehen, daß ich Ihre Aufrichtigkeit zu schäzen weiß," sagte er gutmütig.„Ich erkläre mich für besiegt und räume das Feld."— Sie reichte ihm treuherzig die Hand. ..Rein." sagte sie lebhaft.„Das sollen Sic nicht. Jezt müilen eie bleiben und wenn ich Sie darum bitten sollte."— . Sie holte einen Sessel herbei und nötigte ihn, sich nieder- { �usezen.-vanp seztc sie sich zu ihm und plauderte so voller Humor und ungczivnngcner Originalität, daß ihm die Zeit wie im Fluge dahinschwand. Und auch das schüchterne junge Ding an, einer Seite erinnerte sich nicht, sich je.so glücklich gefühlt zu haben wie in diesen schöncii Stuiidcn unbefaiiaenen Ver- Zan el zu 9/nu6cn- Und leicht erregbar, wie er war, mußte das hübsche, sinnige Geschöpf an seiner lflt'.s. nuf großen Augen halb tiefsinnig, halb lind- 'icküffcu" nid)t � 5U ö'thc" und herzhaft ab- 5'(Foilftzung folgt.) O fröhlich geben ein dem Rhein, Gespeist von Kraft, getränkt von Wei»! Otto der Schiiz. Ter berühmte Dichter und Kunstgelehrte, der jüngst in das Ncich der Schatten hinabstieg, hat mit seinem Hingang all die Abenteuer und Wandlungen, von denen sein romantisches und bewegtes Leben erfüllt war, in dem Gedächt- nis seiner Zeitgenossen wiederaufgefrischt. Das Urteil über ihn ist kein einstimmiges und kann es nicht sein. Die Finster- lingc müssen den Manu hassen, der sich so glühend und rücksichtslos dem Vorwärtsbrausen der Sturmjahre von 1848 und 1849 anschlofj; den Leuten der„gemäßigten Mitte" waren seine ra- dikalen und dcmokra- tischen Neigungen zu stark und den äußersten Radikalen selbst mißfiel Kinkel, weil er die an- säuglich eingeschlagene Bahn nicht auf die Dauer inue hielt und sich dem Wechsel der Zcitverhält- nisse in mancher Be- ziehnng unterwarf. Alle aber sind einig darin, daß mit Kinkel ein hochbegabter Poet aus der Schaar der vaterländischen Sänger geschieden ist, und zwar ein Poet vom alten Schlage, wie sie unsere Zeit selten mehr gebiert. hat fast den An- schein, als wollte unser hämmeindes, brausen- des, rasselndes, fabri- zireudes und telegra- phirendcs Zeitalter mit seinen Eisenbahnen und Fabrikschorn- steinen bald keinen jener Dichter mehr hervorbringen, die mit dem Glänze ihrer Phantasie das alltägliche Leben so ideal zu verklären wußten. Die das noch in dem Sinne, wie wir meinen. verstanden, sind alle in der Zeit vor der ersten Eisenbahn ge- boren. Inmitten der modernen, oft so geschmacklosen und leeren .Mache" überkommt einen doch oft eine Sehnsucht nach den guten und tüchtigen Poeten entschwundener Perioden. Kinkel gehörte zu ihnen, und er war ein rheinischer Poet, aus jener Atmosphäre voll Glanz und Tust, in der Jmmermaim, Freilig- vath, Simrock. Grabbe, Wolfgang Müller und andere ihre b'chterischen Gaben wie goldene Früchte heranreifen ließen. Tos war ein tolles und lustiges Treiben in der rheinischen Pvetengemeinschast der dreißiger und vierziger Jahre. Wenn vian die lnstsprühenden, manchmal beinahe zu bacchantischer Heftigkeit sich verirrenden Lieder jener Tafelrunde vor sich hat, 0 lanii mau es heute kaum mehr erfassen, wie jene..imulini bei all ihren Sorgen- und an solchen hat es keinem von Gottfried Kinkel. ihnen gefehlt— so ausgelassen sein koimten, als ob es gar kein Morgen gäbe und der ganze Weltlauf auf das tolle, trunkene, singende, klingende und jubilircndc Heute beschränkt wäre! Aber die Leute waren jung, sie waren lebenskräftig und lebenslustig. Sie wußten, daß die Jugend, einmal entschwunden, nicht wieder- kehrt. Kein Wunder, daß die frömmelnde und gottselige Welt alle Heiligen anrief gegen die Freigeisterei jener Dichterschulc, und daß die ortodoxcn Blätter die Sache darstellten, als nehme Satanas in eigener Per- son teil an den Ver- gnügungen der rheini- scheu Poetcuschast. Ter Unterrichtete weiß aber, daß in jenem Kreise wohl mancher Krug feu- rigen Weines gestürzt, aber auch die Person- liche Moral hochgehalten wurde; ohnehin gehörten Frauen jenen Kreisen an, deren Tugend über jeden Zweifel erhaben ist. Die rheinischen Poe- ten kümmerteu sich aber auch wenig um die gegen sie ausgestreuten Ver- leumdungen. Das Centrum der Poetengemeiu- schaft bildete der„Mai- käferbund", der einer- seits den geselligen Ver- kehr beleben sollte, au- drerscits auch Kritik au der poetischen Zeitlitera- tur übte. In dieser Gesellschaft fanden sich u. a. Karl Simrock, Arnold Schönbach, Alex. Kaufmann zusammen. Namentlich die Gedichte Kaufmanns, der jezt als Archivar eines ul- tramvntanen Fürsten in Wcrthcim a. N. lebt, geben einen Begriff von dem fröhlichen Leben, das in jenem Kreise pulsirtc. Das Haupt der Gesellschaft aber war Gottfried Kinkel, und die Sizungeu fanden häufig in dessen Wohnung zu Poppelsdorf bei Bonn statt. ÜBenn man den Menschen nur nach den äußeren Formen seiner Erziehung beurteilen wollte, so hätte man Kinkel sicherlich nicht in jenem Kreise suchen dürfen. Geboren als der Sohn eines Geistlichen zu Oberkasscl bei Bonn(11. August 1815) erhielt Kinkel eine nicht nur religiöse, sondern ortodoxe Cr- ziehnng, und von dieser Erziehung ist soviel au ihm haften gc- blieben, daß er bis an sein Lebensende gerne predigte, wenn er in seinen politischen und kunsthistorischen Vorträgen auch den salbungsvollen Kanzelton vermied. Als Kinkel sich in den Revo- lutionsjahren dem politischen Radikalismus ergab, schloß er den Radikalismus sorgfältig aus seinen religiösen Anschauungen aus. Es war offenbar die Stachwirkung seiner Erziehung. Allein zum Vcrmnckern war er denn doch nicht geschaffen, wenn man ihn auch Tcologie studiren ließ. Bald erfaßte ihn Zweifel an der Richtigkeit der tcvlogischen Hcilslchren; es war dies damals unter den Teologcn keine ungewöhnliche Erscheinung, 226 =| da gerade um jene Zeit der Kampf dcS„jungen Deutschland" gegen das Veraltete und Ueberlebte begann und eine Reihe von geistreichen Schriftstellen,, Heinrich Heine voran, die Axt einer scharfen und verwegenen Kritik an alle Vorurteile legte und sie mit beißenden, Spott überschüttete. Indessen widmete sich Kinkel doch eifrig seinen Studien und bestand alle Examina mit guten, Erfolg. Er hatte die Hochschulen von Bonn und Berlin besucht. 1836 ließ er sich in Bonn als Privntdozcnt der Kirchengeschichte nieder, was ihm aber wenig einbrachte, so daß er sich nebenher als Hilfsprediger der evangelischen Gemeinde in Köln und als Religionsprediger am Gynmasiu», in Bonn anstellen ließ. Er sollte an der berliner Universität angestellt werden, allein sein Gedicht über den„Großvater Staat" war inzwischen in Berlin bekannt geworden. In diese», Gedichte sagt er dem„Groß- Vater Staat", daß er die.Forderungen der Freiheit" nicht länger abweisen dürfe,„sonst", hieß es. „So wahr die Stern' am Himmel rollen, Wir zieh'n den Stahl zur Bnrgerschlacht!" Diese Verse gefielen in Berlin so schlecht, daß man von Kinkels Berufung absah. Im Jahre 1846 ging Kinkel zur philosophischen Fakultät und ivard außerordentlicher Professor der Kunst- und Literaturgeschichte an der bonner Universität, wo er seine weithin berühmten Vorlesungen über Kunstge- schichte hielt. Soweit das äußere Leben des Dichters, in dem sich bis hierher wenig Merkwürdiges vorfindet, in der Zeit vor de» Sturm- jähren. Desto bewegter gestaltete sich sein inneres und Fami- lienlcben. Schon 1837 hatte er eine Reise nach Rom gemacht, und die Kunstschäze Italiens begeisterten ihn zu künstlerischen, Schaffen. Er war kein trockener und nüchterner Brodgelehrter. Seine Vorträge waren voll Geist und Feuer, und bald entwickelte sich bei ihm jene glänzende Bcredtsainkeit, die in seinen, Leben eine so große Rolle gespielt hat. Er liebte etwas die Phrase, aber seine Phrasen waren blendend und zündend und niußten um so wirksanier sein, als damals die Blasse des Volks von politischer Erkenntnis durchdrungen zu werden begann. In Bonn lernte Kinkel jene interessante und geistreiche Frau kennen, die seine Lebensgefährtin wurde und einen bestimmenden Einfluß auf seine,, Lebensgang ausübte. Johanna Mockel war 1810 geboren, demnach fünf Jahre älter als Kinkel; sie hatte sich an einen kölner Buchhändler Ramens Mathicu verheiratet, aber sich von ihm getrennt und sich auch gerichtlich von ihm scheiden lasse». Diese Frau, die ein großes musikalisches Talent war, wie ihre Briefe über Klavierunterricht und die von ihr kompoiiirte„Vogel- Kantate" beweisen, hatte sich frühzeitig sehr freisinnigen Anschauungen hingegeben. Sic ist es auch offenbar gewesen, die Kinkel zum Radikalismus hingedrängt hat. Ein Zufall ist es auch keineswegs, daß nach dem Tode dieser Frau die dichterische Produktivität Kinkels bedeutend abgenommen hat. Sie hat erfrischend, anregend, begeisternd auf ihn eingewirkt. Das Verhältnis der beiden begann unter romantischen Um- ständen, die dein Dichter Stoff in Fülle lieferten zu glühenden Liebesgedichtcn an Johanna. Johanna war nicht schön; die sie gekannt, berichte», daß ihr Teint dunkel, ihre Züge stark, fast grob, ihre Gestalt zu massiv war. Aber aus ihren dunklen Augen strahlte der hohe Geist, der alle bezauberte, die sie um- gaben. Kinkel, ein vollendet schöner Mann, fühlte sich bald von dieser seltenen Frau angezogen, und als es ihm bcschieden war, sie bei einen Unglücksfall aus den Fluten des Rheins zu retten, wurde das Verhältnis ein inniges und unauflösliches. Da Johanna vom Katolizismns zum Protestantismus überge- trete» war, so hatte sie viele Feinde unter den Gläubigern; ihre freien Ansichten verwickelten sie überhaupt vielfach in Kon- flikte. Als Kinkel sich mit ihr verlobte, kündigte man ihn, seine Hilssprcdigerstelle auf, und so geschah durch Johanna, was ihm am meisten not tat— er brach mit der Teologie. Im Mai 1843 vermählte sich Kinkel mit Johanna, und sein Haus wurde bald der Mittelpunkt jenes bunten Lebens und Treibens der rheinischen Poetcnschaft, wie wir oben ge- schildert. In dem Kreise schöngeistiger und freisinniger Männer und Frauen wurden beide reich entschädigt für die Verfolgungen, die sie von den Gläubigen auszustehen gehabt hatten. In diesem sonnigen Leben, von dem einer aus der Poetengesellschaft, der es mitgelebt, singt: „Es war, als flösse in Ewigkeit Der rote Morgen um alle Höh'n" inmitten einer herrlichen Umgebung an einem der schönsten Punkte des Rheins, an der Seite eines geliebten Weibes, im Kreise trauter und fröhlicher Freunde, trieb Kinkels poetischer Genius seine schönsten Blüte». Zunächst erschienen„Gedichte"; darauf aber kam das Epos„Otto der Schüz", das Kinkel mit einem Schlage weithin berühmt machte und in die erste Reihe der lebenden Dichter stellte. In dieser poetischen Erzählung, die bis heute 44 Auflagen erlebt hat, erschien jene Fonnschönhcit und Bildcrpracht, die wir an Kinkels Dichtungen beivundern, am vollendetsten. Die hergebrachte Kritik in unseren Literatur- gcschichten behauptet, daß jenes farbenprächtige Gedicht keinen „fesselnden Grundgedanken" enthalte; indessen hat Kinkel den Grundgedanken selbst angegeben, indem er am Schlüsse sagt: „Es sang ein Mann des Rheins dies Lied, Dem Minne Lust und Leid beschied; Ihm war dies Lied ein Leidvertrcib, Er minnet selbst ein hohes Weib,— Des eignen Herzens süjie Sorge» Hat er im schmucken Reim verborgen Und lehr' uns diese Mär fortan: Sein Schicksal schasst sich selbst der Mann!" Also ist ein Grundgedanke vorhanden, allerdings, so gemein- gültig hingestellt, ein unrichtiger, denn Kinkel gehörte wohl zu den wenigen Bevorzugten, die bis zu einem gewissen Grade ihr Schicksal selbst zu lenken vermochten, allein ans die Masse, die nicht vom eigenen Willen, sondern von der rasch wechselnden Zusamnienwirkung der Verhältnisse abhängig ist, kann dies nicht zutreffen. 1845 erschien Knill ls„Geschichte der bildenden Künste bei den christliche» Völkern," die ihm einen dauernden Ruf gesichert hat. Von den übrigen Werken Kinkels sei noch eine unvollendete Dichtung:„Tie Stadingcr," sowie das Drama„Nimrod," das Buch:„Tie Ahr, Landschaft, Geschichte und Volksleben", dann die formschöne poetische Erzählung:„Der Grobschmied von Ant- werpen," die früher als Bruchstück und erst 1872 vollendet erschien, und die von de» Literarhistorikern als eine der besten deutschen Novellen anerkannte„Margarthc" angeführt. Dazu kommen noch eine Menge von Facharbcitcn aus der Kunst-, Literatur- und Kulturgeschichte. II. „Raum, ihr Herren, dem Flügelschlag Einer freien Seele!" Hcrwcgh. So mags auch im Innern Kinkels getönt haben, als das „tolle Jahr" 1848 mit seinen Märzstürmen hereinbrach. In das idyllische Treiben der Poetengesellschaft am Rhein schlug plözlich der Donner der Kanonen hinein und der Lärm der Straßenkämpfe schlug an die Ohren, zu deney bis jezt nur der regelmäßige Silbenfall wohlgcsezter Verse gedrungen>var. Die meisten der Poeten konnten diesen Lärm nicht vertragen. Sie flohen in ihre Studirstubcn und schlössen die Tür ali, wie der einsame Waldbewohncr tut, wenn draußen das ivilde Heer vorüberfährt. Die Simrock, die Kaufmann u. s. w., zartbesaitete Dichtcrscclen, wagten sich bei diesen Stürmen nicht hervor. Ter„Maikäferbund" starb beini ersten Hauch der Revolution. Anders lag die Sache bei Kinkel selbst, der durch den Ein- fluß seiner Frau der Politik nicht fern geblieben>var. Statt ihren Gatten in die Rosenketten der Poesie, der Häuslichkeit und der Harmlosigkeit eines Tichtcrleben unauflöslich zu ver- flechten,>vic vielleicht ein egoistisches Weib getan haben würde, war die treffliche Johanna unablässig bemüht, ihren Gatten der öffentlichen Sache zu erhalten. Er ivarf sich in die politischen Stürme wie ein kundiger Schwinimcr in die Brandung des 227 Meeres. In den Rheinlanden war damals eine ungemein starke sozialistische Bewegung, die von Köln aus geleitet wurde und zu der eine Menge bekannter und berühmter Namen zahl- ten; es ist interessant zu beobachte», wie die beiden Dichter Freiligrath und Kinkel von dieser Bewegung erfaßt wurden. Kinkel trat an die Spize der Bewegung in Bonn, woselbst er einen Arbeiterbildungsverein ins Leben rief. Die von ihm redigirte.Neue Bonner Zeitung" bezeichnete sich offen als .Organ der sozialdemokratischen Partei", später gründete er auch ein Arbeiterblatt, das er nach dem römischen Gladiator und Revolutionär Spartakus benannte. Tie Reden Kinkels aus jener Zeit zeigen, daß er in die sozial-ökonomischen Fragen sich nicht sehr vertieft hatte; namentlich geht das aus seiner Schrift:.Handwerk, rette dich!" hervor. Tie Revolution riß den feurigen und ungestümen Agitator in ihre wildesten Wirbel hinein. In die preußische Nationalversammlung wurde Kinkel nicht gewählt, wie dieser Tage häufig behauptet wurde, sondern die Stadt Bonn wählte ihn erst in die zweite preußische Kammer, nachdem die berliner Nationalversammlung aufgelöst war. Die zweite Kammer tagte vom. 26 Februar bis 26. März 1849 und wurde aufgelöst, weil sie beschlossen hatte, daß der Be- lagerungszustand in Berlin aufzuheben sei. Kinkel hatte als .roter Republikauer"— so bezeichnete er sich selbst— aus der äußersten Linken plaz genommen, wo damals auch Lothar Bucher saß. In der Rede, welche der Minister Manteuffel für die Aufrechterhaltnng des Belagerungszustandes in Berlin hielt, wurden auch Aeußerungen Kinkels auf dem demokratischen Kon- greß in Berlin angeführt, die seine damals sehr radikalen Ansichten betätigten. Die Beredsamkeit Kinkels machte viel Aufsehen in der Kammer; als historisch interessant ist zu erwähnen, daß damals Kinkel auch niit— Herrn von Bismarck zusammengeriet. Der heutige Reichskanzler, damals mit Herr» von Kleist-Rehow Führer der Konservativen in der preußischen Kammer, hatte der Demokratie in Aussicht gestellt, man werde sie mit Waffen- gewalt niedenverfen, worauf Kinkel mit dem Geist und dem Zorn des Volkes drohte. Nach Auflösung der Kammer kehrte Kinkel nach Bonn zurück und beteiligte sich an dem Zeughaussturm in Siegburg, und dann, nachdem seines Bleibens in Bonn nicht länger war, er- schien er in der Pfalz, wo damals der Aufstand gleichzeitig mit dem badischen ausgebrochen war. Man sagt, seine Frau habe es freudig begrüßt, daß er sich entschloß, an dem Kampfe teilzunehmen. Kinkel trat als Gemeiner in die pfälzische In- surrektionsarmee ein. Der aus dem wiener Oktoberaufstand bekannte Fenner von Fenneberg, der auch in der Pfalz kom- mandirte, beschäftigte Kinkel mit Bureauarbeiten. Kinkel trat niit der pfälzischen Armee nach Baden über und fiel in einem Gefechte vor Rastatt, bei dem Dorfe Winkel, durch einen Streif- schuß am Kopfe verwundet, in die Hände der Preußen. Ter damalige Major von Roo», später preußischer Kriegs- minister, der den badischeu Feldzug im Generalstabe mitmachte, schrieb damals nach Berlin:.Kinkel ist verwundet in unsere Hände gefallen und leider nicht sogleich erschossen worden." Auch in der„Kreuzzeitung" wurde angefragt, ob Kinkel denn noch nicht erschossen sei. Die Todesurteile waren zu jener Zeit bei den preußischen Kriegsgerichten nicht selten; indessen hatte Kinkel bei dem Auf- stände selbst keine hervorragende Rolle gespielt. Das Kriegs- gcricht verurteilte ihn zu lebenswieriger Festungshaft. In seiner Verteidigungsrede war es Kinkel gelungen, die Richter etwas milder zu stimmen; er sprach eben um sein Lebe» und e»t- faltete alle Kunst seiner Beredsamkeit. Am Schlüsse seiner Rede kamen die Worte, die so vielfach zitirt worden sind: .Wenn die Krone Preußens jezt endlich eine kühne und starke Politik verfolgt, wenn es der königlichen Hoheit unseres �rvnfolgers, des Prinzen von Preußen, gelingt, mit dem Schwerte— denn anders wirds nicht— Teutschland in eins in schn. jeden und groß und geachtet bei unser» Nachbarn hin- zustelle», uns der inner» Freiheit wirklich und dauernd zu vor- sichern, Handel und Wandel wieder zu heben, die Militärlast, die jezt zu schwer auf Preußen drückt, gleichmäßiger auf das ganze Deutschland zu verteilen und vor allem den Armen in meinem Volke, als deren Vertreter ich mich fühle, Brod zu schaffen:— gelingt das Ihrer Partei, nun, bei meinem Eide! die Ehre und die Größe meines Vaterlandes sind mir teurer, als meine Staatsideale: ich würde einer der ersten sein, die mit frohem Herzen riefen: ,Es lebe das deutsche Kaisertum, es lebe das Kaisertum Hohenzollern!'" Das Urteil des Kriegsgerichts wurde von Friedrich Wil- Helm IV. dahin abgeändert, daß Kinkel seine Strafe in einer Zivilanstalt verbüßen solle. Deshalb wurde seine Abführung nach deni Zuchthause zu Naugard in Pommern angeordnet. Von da mußte er nach Köln gebracht werden, um sich vor den Geschworenen wegen seiner Teilnahme am Siegburger Zeug- Haussturin zu verantivorten. Infolge einer glänzenden Ver- teidigungsrede ward er freigesprochen, was ihn allerdings wenig rühren konnte. Bei dieser Gelegenheit sah ihn seine Frau wieder, und es kam zu jener bekannten Szene, bei der die Gensdarmen die sich umschlungen haltenden Ehegatten auseinander triebe». Diesen Schicksalen des Dichters war nian begreiflicherweise in ganz Deutschland mit mehr oder weniger Interesse gefolgt. Das Aufsehen aber war ein großes, als am 12. Oktober 1849 die„Nationalzeitung" die Notiz brachte:„Professor Kinkel trägt in Naugard die graue Züchtlingsjacke und muß spulen!" Allerdings ist das schon mehr politischen Gefangenen passirt; wenn aber bei Kinkel das Aufsehen ein so großes war, so kani es daher, daß sein Name von taufenden, die seine Dichtungen kannten, verehrt wurde. Zum andern war es gewiß ein furcht- bares Zeichen der Zeit, einen so begabten Dichter wegen seiner politischen Tätigkeit auf lebcnszeit zum Spulen verurteilt zu sehen. Indessen war das ganze damals ein Irrtum und Adolf Strodtmann hat sein stammendes„Lied vom Spulen" zur unrechten Zeit gedichtet. In Naugard hat Kinkel nicht gespult. Er wurde vielmehr dort von dem Anstaltsdirektvr humaner be- handelt als die Gefängnisordnung erlaubte; man ließ ihn Schrei- bereicn besorgen, aber spulen mußte er nicht. Und das war der Grund, weshalb man ihn nach Spandau versezte und nicht ein mißglückter Fluchtversuch, denn dort traute man dem Direktor die nötige Härte zu. Im Zuchthaus zu Spandau hat Kinkel in der Tat spulen müssen. Ein Bild, das ihn bei dieser Arbeit darstellte, wurde in vielen taufenden von Exemplaren im Volke verbreitet. In dieser traurigen Zeit hatte Kinkel außerhalb des Ge- fängnisses einen Freund, der tausend andere aufwog— seine Johanna. Diese Frau, mit ihrer männlich starken Seele, brachte ihre Zeit nicht mit Tränen und Klagen zu, sondern vom ersten Moment des Urteils an>var ihr Sinnen und Trachten nur auf den einen Punkt gerichtet, den so heiß geliebten Gatten, den Vater ihrer Kinder, zu befreien. Was manchem Manne unmög- lich schien, gelang dieser Frau. Sie fand Mittel, mit ihrem Manne zu korrespvndireu, und vor allem war es die tatkräftige Beihülfe von Karl Schurz, dem jezigen»ordamerikanischen Staatsmanne, die zum Gelingen des Unternehmens führte. Schurz, selbst wegen Teilnahme an der badischen Revolution zum Tode verurteilt, mußte sich verborgen in Berlin aufhalten. Eine russische Baronin Brüning gab 2000 Taler zu der Sache her, ein Gefangcnwärtcr wurde bestochen, und in der Nacht des 6. November entfloh Kinkel. Er kam glücklich nach Rostock, wo der Rheder Brockelmann ein eigenes Schiff für ihn hatte ausrüsten lassen, und war am 1. Dezember in England. Manche Umstände dieser Flucht sind noch unaufgeklärt. Die russische Baronin mußte flüchten. Den Gesängnisiuspektor, der in jener Nacht die Beamten hatte kneipen lassen, traf eine harte Gefängnißstrafe. Er ist vor mehreren Jahren gestorben und soll eine Rente bezogen haben. Von wem wissen wir nicht; ini übrigen scheinen uns die verschiedenen unbestimmten Gerüchte, die über einzelne Umstände der Kinkelschen Flucht in Umlauf waren und sind, nicht zur Erwähnung an diesem Plaze geeignet. 228 III. „Ans Herz der Heimat wirft sich der Poet, Ein anderer und doch derselbe." Freiligrath. In England wohlwollend empfangen, war es Kinkel nicht gerade leicht, aber auch nicht unmöglich, sich eine Existenz zu gründen; von Tickens in einem warmen Artikel den Engländern empfohlen, bekam er bald so viele Schüler— denn er erhielt sich zunächst durch Unterrichtgeben— daß seine Existenz ge- sichert war. Johanna stand ihm tatkräftig zur Seite; sie gab Musikunterricht, wußte aber auch den Haushalt so trefflich ein- zurichten, daß sich beide wieder behaglich fühlten. Die vielen Enttäuschungen des Flüchtlingslcbcns beschrieb Johanna in ihrem nachgelassenen Roman:„Hans Jbeles in London". Die abenteuerliche Idee, eine Erhebung Deutschlands von England und Amerika ans zu bewirken, hatte auch in Kinkel einen Anhänger. 1831 reiste er nach Nordamerika, um durch Vorträge Geld zusammen zu bringen. Er brachte auch eine nicht unbedeutende Summe zusammen, mußte sich aber gefallen lassen, von Frciligrath in dem sehr beißenden satirischen Gedicht: „O Tezel, Tezel, nicht durch Ablaßzcttcl Wirfst du der Freiheit Feinde übern Haufen"— wegen seiner Amerikafahrt verspottet zu werden. Die von Kinkel gesammelten Gelder wurden dem später von Dr. Ladendorf verwalteten„Revolutionsfond" in Zürich einverleibt. Die Vorlesungen, die Kinkel in London über deutsche Lite- ratur hielt, waren von einem zahlreichen und gewählten Publikum besucht; die verbannte Faniilic begann sich in London heimisch zu fühlen, bis ein furchtbares Ereignis eintrat, der tragische Tod von Johanna Kinkel am 13. November 1858. Johanna stürzte eines Morgens ans dem Fenster auf die Straße hinab und blieb auf der Stelle tot. Dunkle Gerüchte, als habe Jo- � Kr HA'.iS.V.A. Löwe und Löwin der Berberci. .'KBWm? hanna aus Gram sich selbst aus dem Fenster gclvorfen, tauchten in den Flüchtlingskreisen auf, allein einen Anhalt dafür gab es nicht, und die gerichtliche Totenschau sprach sich gegen die An- nähme eines Selbstmordes aus. Auch ergab sich bei der Sek- tion, daß Johannas Herz sich um das doppelte vergrößert hatte. Das„hohe Weib" ward in Englands Erde bestattet und Frei- ligrath rief ihr jenes herrliche Gedicht nach: Zur Winterszeit, in Engclland, Versprengte Männer, haben Wir schweigend in der Fremden Saud Die deutsche Frau begraben. Und hier ist deine Ehrenstatt, In Englands wilden Blüten Kein Grund, der besser Anrecht hat, Im Sarge dich zu hüten! Ruh aus, wo dich der Tod gefällt, Ruh aus, wo du gestritten! Für dich kein stolzres Leichenseld Als hier im Land der Briten!" So sah diese Frau das deutsche Land nicht wieder, tvährend Kinkel, nachdem er sich wieder verheiratet, 1866 einem Rufe nach Zürich folgte, um am eidgenössischen Polytechnikum in Zürich eine Professur der Archäologie und Kunstgeschichte zu übernehmen. j In dieser Stellung hat er auch bis zulezt gclvirkt und sich im j Schweizerlande vollständig eingebürgert. Er wäre gerne nach Deutschland zurückgekehrt, wie aus einigen seiner nachgeladenen und nun verösientlichten Briese hervorgeht. Aber vielleicht fühlte er sich in der Schweiz doch unabhängiger, wenngleich es Tatsache ist, daß er 1873 einen vergeblichen Versuch machte, eine Anstellung an der Straß- burger Universität zu bekomme». 1866 hatte er sich mit der preußischen Politik, soweit sie ihm auf eine Einigung Deutschlands gerichtet schien, einverstanden erklärt und sich von der alten Demokratie losgesagt; er stellte sich damit aus die Seite jener spezifisch preußischen Demokratie, besser Fortschrittspartei. von der Zieglcr sagte, ihr Herz sei da, wo die preußischen Fahnen wehrten. Aber was auf 1866 folgte, gefiel Kinkel nicht; er ist nicht mit dem„liberalen" Schwärm gegangen, sondern Demokrat geblieben, denn später in einer schweizer Versammlung, wo jemand die Anncltion der Schweiz durch Deutschland verlangte, trat er heftig auf und sagte, in einem solchem Falle werde er selbst wieder zur Büchse greifen. Von Zeit zu Zeit hielt er öffentliche Vorträge in Vereine», seit er wieder nach Deutschland kommen durste. Ter Versassi» dieser Skizze hatte Gelegenheit, mehrere dieser Vorträge Z» 229 hören und verließ sie stets voll Bewunderung für die Formen- gewcmdtheit des Redners. In dieser Beziehung werden Liinkel wenige gleichgekommen sein. Die goldene Prncht seiner Bilder, der stolze Bau seiner Perioden und die Schönheit der ganzen rhetorischen Form war überraschend und imponirend. Dazu der Wohllaut des Organs, mit dem er begabt war und die ganze sympatische Erscheinung. Wir sprachen ihn noch vor kurzer Zeit; die hohe Gestalt war troz der 65 Jahre nicht gebeugt, und der Dichter schritt wie ein Jüngling so leicht und rasch einher. Nur das Haar war weiß geworden. In seinen Jugendjahren soll Kinkel eine ideal schöne Erscheinung gewesen sein. In Unterstraß bei Zürich hatte Kinkel sich ein behagliches und gastliches Heim eingerichtet. Ganz Plözlich nahte sich ihm der Tod; ein Schlaganfall raffte im November 1882 den noch so rüstigen Mann hinweg. Fasten wir unser Endnrteil zusammen, so haben wir mit einem Mann zu tun, dessen Dichter- und Künstlcrscclc uns zu weich erscheint, um die Härten des politischen Kampfes mit antikrömischcr Ruhe ertragen zu können. In den Zeiten des Sturmes war er ganz Leidenschaft und nur Leidenschaft, ein Zustand, ans den gewöhnlich ein Rückschlag folgt. Sein merk- würdiger Entwicklungsgang vom halb ortodoxcn Teologcn zum konstitutionellen Professor, von diesem zum roten Republikaner, von diesem zum Fortschrittsmann und bürgerlichen Demokraten — alle diese Schwankungen haben ihm auch Feinde gemacht, denn in der Politik werden Inkonsequenzen nicht so leicht ver- ziehen. Man vergab sie ihm leichter als anderen, denn seine persönliche Liebenswürdigkeit, sein Haß gegen alles Unrecht, seine stete Hilfsbereitschaft gegen Verfolgte aller NIchlungen und seine sittliche Reinheit sicherten ihm eine allseitige Achtung. Aber in dem Politiker Kinkel liegt auch nicht die Bedeutung dieser Erscheinung; der Politiker Kinkel ist schon ziemlich ver- gesicn gewesen und bei seinem Tode erinnert man sich wieder an die Affären von Sicgburg, Rastatt und Spandau. Dauernd Ter Wisent. gesichert aber ist da~ Andenken des Dichters und Äelehrten lnacht, sind deS Nachruhmes wert, und dem dichter Kinkel Kinkel; die schönen poetischen Gaben, die er seinem Volte ge-| wird Deutschland den Nachruhn. auch nicht verjagen. Zwei Könige im Tierreich. (Siehe Illustrationen.) 1. Der König der Wüste. Wenn Freiligrath sein berühmtes Gedicht.Löwenritt" mit de» Worten beginnt:.Wüstenkönig ist der Löwe" ,o dürfen auch wir diesen monarchischen Tropus adoptiren. ohne unserem demokratischen Bewußtsein zu nahezu treten, obgleich wir»ch- tiger mit Pöppiq, der das furchtbarste Raubtier, die groß- artigste Gestalt unter den Großkazen a,n an Prechendsten be- schrieben hat. Tyrann sagen würden. Iva?- übrigens anj cu� hinauskommt. Es ist die Majestät des Schreckens""d der Gewalt, die ihn umgibt. Nicht Stolz oder jener angedlcht.te Edelmut, der in vielen alten Sagen einen falschen Glanz um den Löwen verbreitet, veranlassen seine imponirende Haltung, sie ist vielmehr der Ausdruck des Bewußtseins nubezwinglichcr Kraft, des Selbstvertrauens, der Gewohnheit zu siegen. Tritt auch das Heimliche und Falsche des Kazenkaraktrrs etwas zurück, so fehlen doch die Hauptzüge desselben nicht; denn auch der Löwe bedient sich unter Umständen der schleichenden List.— Im Cumpfrohr. im dichten Gestrüpp, in buschiger Felskluft oder auch in einer Höhle hat er sein Lager. Dort liegt er »vährend des Tags meist im Schlaf und zivar gewöhnlich einsam, denn nur von der Paarung an bis zu einem gewissen Aller seiner Jungen hält er sich zu seinem Weibchen. Sobald aber die Sonne untergegangen ist und der Abend dämmert, richtet das gewaltige Tier sich aus, und nun erschallt jenes aller Bc- schrcibung spottende sürchterliche Gebrüll, das die Herden heulen macht und vor dem der Beduin im fernen Zeltdorf erschrocken verstummt. Nichts aus dem weiten Reich der Töne kommt diesem cntsczlichen Laut gleich, welcher den Mut und die Kraft des Mutigsten und Kräftigsten verkündigt. Erst dumpf röchelnd. fast seufzend, schwillt er bald in langgezogenen Stößen an, bis er zulezt donnergewaltig die Luft erfüllt. Raad„Donner" nennt darum auch der Araber das Gebrüll des Löwen und ihn selbst heißt erEssed, d.i. der Aufruhrerregende. Denn sobald der erste Ton erdröhnt, bergen die Tiere der Wildnis sich angst- voll oder versuchen zu fliehen, denn sie wissen, daß der Löwe jezt über nieilenweite Strecken hin seinen Raubzug beginnt. Durch die dichteste Finsternis glüht sein stieres Auge, von Ali- nute zu Minute nähert sich sein Gebrüll, endlich in einem un- geheuren Saz überspringt der Mächtige den acht, ja selbst zehn Fuß hohen, aus den stachlichsten Aesten der Mimosen gefloch- tencn dichten Dornenzaun des Pferchs, um sich ein Opfer aus- zuwählen. Ein einziger Schlag seiner Pranken fällt ein zwei- jähriges Rind, das kräftige Gebiß zerbricht dem Widerstands- losen Tier die Wirbelknvchen des Halses. Dumpfgrollend liegt der Räuber auf seiner Beute; die großen Augen funkeln hell vor Sicgeslust und Raubgier; mit dem Schwänze peitscht er die Luft. Nun tritt er seinen Rückzug an. Die ungeheure Kraft des Tiers zeigt sich ganz besonders beim Fortschaffen der Beute. Man bedenke, was dazu gehören will, mit einem Rind im Rachen über einen breiten Graben oder einen sechs, acht, ja zehn Fuß hohen Zaun zu sezen. Aber der Rncksprung ge- lingt ihm. Brehm sah eine neun Fuß hohe Scriba(Pferch), über welche der Löwe mit einem zweijährigen Rind im Nachen hinweggesczt war. Mit Leichtigkeit trägt er eine solche Last scineni entfernten Lager zu. Erst nach Abzug des Löwen atmet alles Lebende ini Lager freier auf. Ter Hirt ergibt sich ge- faßt in sein Schicksal, er weiß, daß er in dem Löwen einen Herrn erkenne» muß. der ihn nach Belieben brandschazt, als hätte er ein historisches Recht dazu.— Wo der Löwe der Herde nicht näher zu kommen vermag, belauert er den Eber, jagt er die Antilope, schleicht er der Karawane oder dem räu- berischen Kabylen nach. Oft folgt ihm dabei in scheuer Ferne der Schakal, der von den Resten des Königsmahls sich sättigt. — Daß der Löwe den Menschen nicht angreife, ist Fabel; wenigstens wagt bei Nacht kein Araber allein und ohne Waffe sein Lager zu verlassen. Kazeuartig duckt er sich zum Sprunge, der bis zu einer Weite von vierzig Fuß seines Zieles sicher ist und mit einem Schlage seiner Pranken streckt er das galop- pirende Pferd sammt dem Reiter nieder. Indessen ist es doch verhältnismäßig selten, daß der Mensch vom Löwen angegriffen wird; die hohe Gestalt und der energische Blick scheint der Bestie zu imponircn. In Sudan wenigstens, wo der Löwe häufig vorkommt, sind so gut als gar keine Fälle bekannt, daß ein Mensch von einem Löwen gefressen worden wäre. Ten Kroko- dilcn, ja selbst den Hyänen fallen dort weit mehr Menschen zum Opfer, als dem Löwen. In Südafrika soll es anders sein, doch wird die Schuld den Kaffern zugeschrieben, die beständig miteinander in Fehde leben und die oft genug heimtückisch er- schlagcnen Feinde da liegen lassen, wo das tätliche Geschoß sie ereilt. Der Löwe, der einen solchen frischen Leichnam sindet, läßt sich denselben schmecken, und hat er einmal Mcnschenfleisch getostet, so wird er ein„Mannesser", wie die Kaffcpn ihn dann nennen. Diese versichern, daß solche menschenfrcssende Löwen auch nicht selten mitten unter die Lagerfeuer stürzen und den einen oder andern der schlafenden Männer ohne weiteres mit sich nehmen. Merkwürdigerweise zeigt der Appetit des wen- schenfressendcn Löwen eine Vorliebe für die dunkle Rasse. Tie Hautfarbe allein gibt schwerlich den Ausschlag, es müssen viel- mehr chemische Agentien wirken, etwa die Ausdünstung.— Andrerseits wird behauptet, daß wer bei einem Zusammentreffen mit dem Löwen Herz genug hat, ruhig stehen zu bleiben, nicht leicht von ihm angegriffen wird, und daß schließlich der Löwe die Flucht ergreift, namentlich wenn es ein Löwe ist, der noch niemals mit einem Menschen gekämpft hat. Unter allen Um- ständen bleibt es mißlich, vor dem Löwen zu fliehen, denn er ist schnell genug zu Fuß, uni den Flüchtigen einzuholen. Am wenigsten sollen Kinder von dem Löwen zu fürchten haben. Daß ein solches Tier, welches unter den Herden so große Verheerungen anrichtet und auch das Menschenleben bedroht, Gegenstand eifriger Verfolgung wird, begreift sich von selbst. Aber diese Jagd ist äußerst gefährlich, und der Jäger, der es mit ihm>vagt, kann jederzeit darauf rechnen, seine» lezten Gang zu tun. Unter den Europäern ist der Franzose Jules Görard als Löwenjäger zu hohem Ruf gelangt; die Araber selbst verehren ihn fast wie einen Minotaurusjäger. Er hat auf eigene Hand fünfundzwanzig Löwen erlegt und die anschau- lichste, lebendigste Beschreibung des kühnen Dramas gegeben. Gewöhnlich beschleicht ein ganzer Stamm von Beduinen wohl- bewaffnet und vorsichtig den Lagerplaz des Tieres, den die breite Fährte verrät. Ex angne leonem„aus der Klaue den Löwen" heißt es hier wörtlich, denn wenn die ausgcspreiteten Finger einer Manneshand die Spur nicht decken, so weiß der Araber, daß er es mit einem volljährigen männlichen Löwen zu tun haben wird, im Gegenteil erkennt er an der kleineren Fährte die Löwin oder das Junge. Das seltsame Tier erwacht in- zwischen, denn es hat die Bewegung des Feindes gehört. Es hebt den majestätischen Kopf schnell empor, sträubt die Mähne und antwortet mit einem markerschütternden Gebrüll auf das herausfordernde Geschrei der Araber. Diese haben sich in große Gruppe» verteilt, schießen ins Gebüsch und schmähen de» Trägen. Da tritt der Löwe hervor und rings wirds schreckensstill; aber jede Hand liegt ani Gewehr. Er bleibt stehen, mit Wutfun- kelnden Augen die Gegner messend, die sich so dicht aneinander drängen, daß ein Burnus sie bedecken würde; dann wandelt er grollcnd-stolzen Schritts an den Feuerröhren einher, peitscht mit dem Schiveif die Erde, so daß sie stäubt und verkündet mit einem neuen entsezlichen Gebrüll den Talbewohnern die Schlacht, die sich nun entspinnt. Ost auch duckt er sich zum Sprunge und schmiegt die gewaltige Gestalt so dicht an den Boden, daß nur der Kopf aus dem dunklen Mantel der Mähne hervordroht. In diesem Augenblick gilt es, den Meisterschuß zu tun. Auf einen Ruf des älteste» unter den Beduinen krachen dreißig Ge- wehre, und war das Glück günstig, so rollt sich das riesige Tier wie eine Schlange unter dem mörderischen Regen und stirbt ohne Klage. Aber nur selten wird der Löwe so getroffen. Meist reizen ihn die Wunden zur rasendsten Wut, und er stürzt mitten in den Haufen der bleichen Männer, dem einen ein Auge, dem andern einen Arm ausreißend und über einen dritten mit einem Schrei sich herwerfend, der das Blut erstarren macht. Dies ist der furchtbarste Augenblick. Ten Vorderfuß auf die Brust seines Opfers gestemmt, den Schweis hochausschwiugend, die Mähne wild gesträubt: so steht er triumphircnd da. Bon Zeit zu Zeit streicht er seine große rauhe Zunge über den Ster- benden, dann zieht er die Lippen zurück und beleckt das Gebiß. Unterdessen haben die Freunde des Unglücklichen die Mutigsten in der Schaar zur Rettung aufgefordert, und sie gehen in dichter Reihe, das Gewehr angelegt, den Finger am Drücker, auf den Löwen zu, der sie kommen sieht und erwartet. Aber um den zu Rettenden nicht zu töten, gilt es, dem Tiere ganz nahe zu kommen, ehe ein Schuß getan wird.. Gewöhnlich opfert sich ein Verlvandter, der allein zu dem Löwen tritt und die andern Jäger etwa zwanzig Schritte hinter sich zurückläßt. Schwinden dem Löwen allmälich die Kräfre, so zermalmt er den Kopf des Mannes, der unter ihm liegt, und zwar in dem Augenblicke, als er das Rohr des Gewehrs zu seinem Ohr sich senken sieht. Dann schließt er die Augen und envartet den Tod. Fühlt er sich dagegen noch stark, so beeilt er sich, den Jäger in seinen Klanen zu töten, um sich auf den Vettvegcncn stürzen zu können, der jenem zu Hülse zu kommen wagt.— In Indien wird die Jagd der Löwen und Tiger zumeist in der Weise betrieben daß die Jäger auf Elephantcn size». Nicht selten ereignet es sich, daß der verwundete Löwe nach dem Träger in die Höhe springt, wobei der Elephant durch die Schwere des Raubtiers zu Boden geworfen und der Jäger dem Zorn des wütenden Tieres unterliegt.— Außer dieser eigentlichen Jagd gibt es noch andere Weisen, sich des Löwen zu bemächtigen oder ihn zu erlegen. Die Buschiuäiincr belauern den Schlafenden und schießen ihn vom Gipfel eines Baumes herab mit vergifteten Pfeilen. Andere Stämme fangen ihn in Gruben, in denen er dann unter zahllosen Flintcnschüsien der Männer und unter den Stcinwiirfeu der Weiber langsam verendet. Kühne Beduinen erschleichen auch wohl in Abwesenheit der Löwen das Lager derselben und stehlen die Jungen, die sie in ihren Burnus wickeln, damit sie keinen Laut von sich geben können.— Jung eingefangene Löwen werden bei verständiger Pflege sehr zahm. Schon die alte» Kulturvölker haben vielfach gezähmte Löwen gehalten und, wie altaltegyptische Abbildungen dartun, sie sogar zur Jagd abgerichtet. Ter Karthager Hanno war der erste, welcher einen gezähmten Löwen mit seinen Händen regierte. Aber er niußtc es mit Verbannung büßen, weil man behaup- tele, wer einen Löwe» zähme, strebe auch nach Uutenverfung seiner Mitbürger. Marcus?lntonius fuhr nach der pharsa- tischen Schlacht mit einer Schauspielerin durch die Stadt iu einem Wagen, welchen Löwen zogen. In neuester Zeit hat der verstorbene König Theodoros von Abessinien den Beweis gc- liefert, daß die Zähmung der Löwen möglich ist, denn er hatte vier derselben fortwährend um sich und ging mit ihnen spazieren. Brehm besaß einc gezähmte Löwin, welche ihm wie ein Hund si'lgte und ihn bei jeder Gelegenheit liebkoste. Sic spielte mit nllci, Tieren auf dem Hose und nur zweimal kam das Raubtier >" ihr zum Durchbruch, indem sie einen Assen und einen Widder, mit denen sie vorher gespielt hatte, tötete und fraß. Einmal N»g sie sich einen kleinen Ncgerknaben, doch konnte Brehm den Bedrängten leicht befreien, da sie sich gegen ihn niemals wider- spcnstig zeigte. In Kairo konnte Brehm, sie an der Leine führend, mit ihr spazieren gehen. Sie kam nach Berlin, und als sie Brehm nach zwei Jahren wieder besucht», wurde er augenblicklich von ihr erkannt.— Bei den grausamen Tier- lämvsen der Römer wurden eine Menge Löwen zu gleicher Zeit >» die Arena gelassen, und die römischen Halbbarbarcn, diese Assen der Griechen, crgöztcn sich an der Wildheit und Grau- samkeit der Bestien. Ten ersten Löwcnkampf gab der Aedil Scävola, einen zweiten der Diktator Sylla. Dieser hatte schon hundert Löwe». Pompcjus aber ließ sechshundert und Julius Cäsar vierhundert kämpfen. Der Fang war früher eine böse Arbeit und geschah meistens in Gruben. Unter Clau- dius aber entdeckte ein Hirt durch Zufall ein leichteres Mittel. Er warf dem Löwen seinen Rock über dem Kopf, was den König der Tiere so verblüffte, daß er sich ruhig fangen ließ. Schon zu Marc Aurels Zeiten waren die Löwen so dezimirt, daß er nur noch hundert zusammenbringen konnte. Die im Mittelalter in Ausnahme gekommenen Löwen- und Bärenzwinger dienten nur den grausamen Gelüsten der vornehmen Herren. Aus diesen entwickelten sich dann die Menagerien und teilweise schon hier, namentlich aber in de» zoologischen Gärten bekundet sich eine humanere Behandlung der Tienvelt. Doch in der Mehrzahl der auf Jahrmärkten und Volksfesten herumziehenden Menagerien sind die Tiere in ihren engen Käfigen zu Krüppeln geworden und einer lebenslänglichen Tortur verfallen. Seit etwa 20 bis 30 Jahren, wo man begann, die Tiere nach den natürlichen Grundbedingungen ihrer Existenz aufzuziehen, hat man mit der Aufzucht günstigere Resultate erzielt als früher. Tie größten Erfolge bei der Aufzucht von Raubtieren hat Cchöpsf, der Direktor des dresdner zoologischen Gartens ge- habt. Auch Bodinus in Berlin, Schmidt in Frankfurt. Funk in Köln und van Bemmelen in Amsterdam, haben nicht unbedeutende Erfolge erzielt. Ihne» haben sich dann die Menagerien angeschlossen und heute sind diese Anstalten beinahe imstande, ihren Bedarf durch die Auszucht zu decken.— Die Lebensdauer des Löwen ist beträchtlich. In Paris hat ei» Löwe 40, in London ein Löwe von Gambin 63, und der berühmte Löwe Pompejus, der 1760 in London starb, 70 Jahre erreicht. Wenn sie schon im engen Käfig so alt werden, so wird ihre Lebensdauer in freier Natur ungleich länger sein.. Aus dem Umstand, daß man im Diluvium mehrfach bei uns die Schädel des Höhlenlöwen fand, und aus der Erwähnung eines Löwen im Nibelungenlied, den Sigfried in den Vogescn erlegte, geht zurgenüge hervor, daß der Löwe in früheren Zeiten in unser» Gegenden existirt hat. Darauf weisen auch die Städtenamen wie Lyon. Leonberg. Löwenbcrg. Löwen, Löweustein, Löwcnburg u. a. hin. Gegenwärtig ist es Afrika, das die meisten Löwen beherbergt; sie finden sich ferner in Persien und Indien. Der Löwe der alten Welt(Felis leo L.) kommt in mehreren Arten vor. Für den schönsten und furchtbarsten gilt der dunkelfarbige der Bcrberei, mit prachtvoller Mähne und schwarzer Schivanzquaste. Der Löwe vom Cap ist hellgelb, nur Mähne und Bauchbchang sind stets dunkel. Der Löwe vom Senegal hat eine schwächere Mähne, die an Brust und Bauch ganz aufhört. Der persische Löwe ist kleiner und trägt eine Mähne, welche aus braunen und schwarzen Haaren gemischt ist. Bei sämmtlichen genannten Arten ist nur das Männchen bemähnt, das kleinere Weibchen unbemähnt. Nicht so der Löwe von Guzcratc in Indien, der durch Kapitän Smcc entdeckt worden ist. Er ist etwas kleiner als der afrikanische und_ am ganzen Leib gleichmäßig rötlich- fahlgelb, nur die starke Schwanzquaste ist weiß. Die Mähne ist blos angedeutet und kaum nennenswert. Durch Auzündung der ausgedehnte» Dschungeln(niedre Gras- und Schilfdickichte), welche in Guzerate weite, menschenleere Strecken einnehmen, aus seinem Aufenthaltsort vertrieben, fällt er in bewohnte Gegenden ein und richtet unter den Herden furchtbare Ver- Wüstungen an. Auch Amerika hat seine Löwen, aber sie sind Zwerge, wahre Kinder im Vergleich zu dem gewaltigen Verwandten in Afrika. Der größte von ihnen verhält sich zu dem altwcltlichcn Löwen wie sich der Tapir zum Elephanten verhält. Ihm fehlt der Hcrschcrmantel, der sich um des eigentlichen Löwen Schulter schlägt. Nur in seiner Färbung zeigt er einige Aehnlichkeit mit dem„Würger der Herden" und deshalb ist ihm von den Gauchos der Name Leon geworden, den unsere Tierschaustellcr passend mit Silberlöwe wiederzugeben pflegen. Die Natur- geschichtc nennt ihn gewöhnlich Puma oder Cuguar, Linnä hat ihm den wissenschaftlichen Namen Felis concolor gegeben. Tie Gestalt des Löwen in seiner furchtbaren Schönheit ist seit alten Zeiten ein dankbarer Stoff für Plastik und Malerei gewesen. Seine Formen sind trozig gedrungen und straffer ge- spannt als die sich geschmeidig windenden Gestalten des Tigers und des Leoparden. Vorzüglich schön ist der kolossale Kopf im Schmuck der wallenden Mähne. Seine breite Stinr, viereckig und gradabfallend, gleicht einer ehernen Tafel. I» der Milte leicht vertieft, schivillt sie in der Gegend der Augenbrauen an; aus dieser„Wolke", wie Aristoteles sich treffend ausdrückt, droht sein majestätischer Zorn. Das Gebiß ist von der Weiße des Elfenbeins, die Klauen ebenholzschwarz. Der zwei Fuß lange Schweif mit der schönen Quaste gibt der Gestalt einen präch- tigen Abschluß. Aber auch die Poesie hat den Löwen zu ihrer Lieblingssigur in der Tierwelt ausersehen. Schon Homer ver- wendet ihn zum Gleichnis für seine Helden: Wie ein Löwe Grimmvoll naht, den zu töten entbrannt, die versammelten Männer Kommen, ein ganzes Volk; im Anfang stolz und verachtend Wandelt er, aber sobald mit dem Speer ein mutiger Jüngling Traf, dann krümmt er gähnend zum Sprunge sich, und von den Zähnen Rinnt ihm Schaum und es stöhnt sein edles Herz in dem Busen. Dann mit dem Schweis die Hüften und mächtigen Seiten des Bauches Geißelt er rechts und links, sich selber anspornend zum Kampfe. Noch häufiger begegnet er uns in der Bildersprache der Hebräer. In der Poesie der Bibel(des sogenannten alten Testaments) wird er gegen 130 mal genannt, und sie besizt für ihn eine Menge Namen, je nach Geschlecht und Alter, und auch für das Brüllen des Löwen hat sie vier verschiedene Ausdrücke. Nicht nur der Held oder der siegreiche Stamm, Jchova selbst — wird vom Poeten(vulgo Propheten) mit dem Löwen verglichen. z. B. Jcscija:„Gleichwie der Löwe brüllt und der Jnnglen knurrt bei seiner Beute, gegen welchen der Hirten Menge sich schaart: vor ihrem Lärm zagt er nicht und vor ihrem Hansen wird er nicht mutlos j so wird Jehova hcrabkoninicn zu streiten auf dem Berge Zion."— 2. Ter König des Waldes. So dürfen wir das größte und mächtigste Säugetier des europäische» Festlandes nennen, den Wisent oder europäischen Bison(bos bison), den wir neben dem Löwen unsern Lesern in einem trefflichen, gleichfalls der„Jllustrirten Naturgeschichte der Tiere" von Martin(Leipzig. Brockhans) entlehnten Bilde vorführen. Man heißt ihn auch(aber fälschlich) Auerochs, indem man nach dein Aussterben des eigentlichen llr- oder Auerochse» dessen Namen auf ihn übertrug. Ter Leser möge sich das Porträt dieses gewaltigen Wildstiers, das eine eigene Sippe in der Familie der Stiere bildet, recht genau ansehen, denn einen leibhaftigen Wisent wird er nicht leicht zu sehen bekommen, er müßte sich denn nach Lithauen begeben, denn nur dort, in dein circa 17 Ouadratmeilen großen Walde von Bialowicza, hat das von den Polen Zubr genannte Tier seine lezte Heim- stätte gefunden. Tie Könige und Großen des Zieiches Polen und Lithauen und später der russische Zar wollten das immer seltener gewordene Tier vor gänzlichem Aussterben bewahren, was sie im vorigen Jahrhundert durch Umzäurnung des ge- nannten Waldes bewerkstelligten. Nur hier lebt»och dieses furchtbare und stolze Geschöpf, gegenwärtig in 700 bis 800 Exemplaren, von der übrigen Erde ist es ausgerottet und blos am Kaukasus soll es noch vereinzelt vorkonimen. Eine kleinere Reservation des Wisent hat der Fürst von Plcß auf seinen großen Gütern in Oberschlcsien gegründet, welche ganz erfreu- liche Fortschritte macht. In früheren Zeiten war das anders.' Ta war der Wisent fast über ganz Europa und einen großen Teil Westasicns verbreitet. Zur Zeit der alten Griechen lvar er in Päonien oder dem heutigen Bulgarien häufig; in Mittel- curopa fand er sich fast überall und selbst im südlichen Schweden kam er vor. Nach dem Nibelungenlied erschlug ihn Siegfried im Wasgan. Aristoteles, der ihn Bonassus nennt, beschreibt ihn eingehend. Plinius führt ihn unter dein Namen Bison auf und gibt Deutschland als seine Heimat an. Calpurnius bc- schreibt ihn um 282 n. Chr., die leges Alemannorum erwähnen ihn im 6. und 7. Jahrhundert. Zu Karl des Großen Zeiten fand er sich noch im Harz und im Sachscnland, um das Jahr 1000, nach Ekkehard, als ein bei St. Gallen vorkommendes Wild. Um 1373 lebte er noch in Pommern, im 15. Jahrhundert in Preußen, im 17. in Ostpreußen zwischen Tilsit und Labia» und im 18. noch in Siebenbürgen. Sehr viele Orts- naiucn in Deutschland sind auf das Vorhandensein des Wisent (wie des Nr) begründet. Der lezte Wisent Teutschlands erlag 1755 in Ostpreußen den Kugeln eines Wilddiebs.— Der österreichische Gesandte Hcberstain, welcher den Wisent 1517 in Lithauen antraf, beschreibt ihn folgendermaßen:„Die Bi- fönten haben eine Mähne, Zotteln auf Rücken und Schultern und einen vom Kinn herabhängenden Bart. Tie Haare riechen nach Moschus; der Kopf ist klein, die Augen dagegen sind groß und wild, gleichsam brennend, die Stirn ist breit. Tie Hömcr sind meist so weit von einander und ausgestreckt, daß der Raum zwischen beiden gut drei hineingestellte starkbeleibte Menschen fassen kann. Auf dem Rücken selbst erhebt sich gleichsam ein Höcker, welcher nach vorn und hinten abfällt." Diese Beschrei- bung ergänzen wir durch folgende Notizen. Tie Länge ist etwa 2,50, die vordere Höhe 1,60 Meter, der bis ans Schienbein reichende bequastete Schwanz hat eine Länge von 45 Zentimeter. Ein in Preußen 1565 erlegter Wisent soll 050 Kilo Gewicht erreicht haben. Die Haare sind lang, dicht und braun gefärbt. i Die Behaarung am Hinterteil ist wollig. Tie Brust, ivic das ganze Vorderteil ist mächtig entwickelt. Tie Kuh ist Neincr, bedeutend schwächer und seiner gebaut und hat kürzere Hörncr. Die Nahrung besteht in Gras. Moos, Rinde oder Blättern von Laubhölzern, während er Nadelhölzer merkwürdigenveise nicht anrührt.— Das Naturell des Tieres ist seiner Größe angc- messen. Von Natur scheu, vermag es sich, da sein Gehör- und Geruchssinn äußerst ausgebildet sind, vor dem herannahenden Menschen gewöhnlich noch rechtzeitig zurückzuziehen. Wenn er jedoch überrascht wird, so erwacht das Bewußtsein seiner Kraft und trozig schaut er dem Menschen entgegen, den er mit Wut und Ingrimm empfängt, doch ruhig vorbeiziehen läßt, wenn dieser seine» Zorn nicht weiter reizt. Wird er dagegen in Zorn gebracht, so streckt er die bläulichrote Zunge lang heraus, rollt das gerötete Auge, sein Blick wird furchtbar und endlich stürzt er mit beispielloser Wut auf den Gegner und kämpft, so lange noch ein Funke Leben in ihm ist. Solchem Knmpfesmute gegen- über ist es erklärlich, daß die Jagd auf den Wisent von jeher zu den ritterlichen Nebungen gehört hat. Diese Jagd wurde zur Zeit Hcbrrstains in Lithauen noch ohne Feuergcwehr ausgeführt. Man trieb die Bisontcn mit Hunden aus ihrem dunkeln Waldes- dickicht heraus in ein mit starken aber einzeln stehenden Bäumen beseztcs Gehölz, in welchem die mit Lanzen bewaffneten Jäger sich versteckt hielten. Kamen nun die Bisontcn in den Bereich der Jäger, so sprangen diese hinter den Bäumen hervor und stießen den Tieren die Lanze in den Leib. So viel persön- licher Mut, Kraft und Geistesgegenwart, als diese Jagd er- forderte, gehört freilich zu der gegenwärtig üblichen Wisentjagd nicht, welche von Zeit zu Zeit der Schuzherr der Wisents, ge- wöhnlich mit viel Gepränge, abhält. Tie Brunstzeit fällt gewöhnlich in den August, manchmal auch erst in den September und währt zwei oder drei Wochen, während welcher Zeit ernste Kämpfe unter den Stieren statt- finden. Rasend stürzen sie aufeinander los und prallen derart mit den Hörnern zusammen, daß man glaubt, beide müßten unter der Wucht des Stoßes augenblicklich zusammenbrechen, j Allein ihre Stirn hält den kräftigsten Stoß aus und die Hörner sind so biegsam, als wären sie aus Stahl. lieber den Fang des Wisents hat Dimitri Dolmatow. Aufseher der kaiserlichen Wälder der Provinz Grodno, im Jahre 1840 in einer englischen Zeitschrift eine sehr lehrreiche Schil- derung gegeben. Der Kaiser hatte der Königin Viktoria zwei lebende Wisents für den Tiergarten in London versprochen und gab deshalb den Befehl, daß einige der seltenen Tiere gefangen, würden. Zu diesem Zwecke wurden 300 Treiber und 80 Jäger aufgeboten, welche das einsame Tal umstellten, in welchem sich| eine Wiscnthcrde aufhielt. Behutsam vorgehend gelangen die- selben bis ganz in die Nähe der Tiere, welche durch blinde Schüsse, Hörnerschall und Hundegebell plözlich ausgeschreckt, da- vonrannten und sieben Kälber, worunter drei weibliche, in die Gewalt der Feinde gelangen ließen. Sic waren meist noch so jung, daß man ihnen Kühe als Aminen geben mußte. Ein etiva 15 Monate alter Stier erwies sich anfänglich als ungeberdig, wurde jcdoch nach zwei Monaten ziemlich zahm. Noch leichter I fügten sich die jüngeren Gefangenen, welche bald gegen ihre{ Pfleger eine große Zuneigung gewannen. Im übrigen envics Uch ihre Verpflegung nicht schwierig.— Man hat beobachtet, daß die Wisents in der Gefangenschaft sich stärker vermehre» als im Freien und kennt Beispiele von Wisents, welche cS 20 Jahre im engen Gewahrsam ausgchalten haben. Niemals hat man aber noch eines dieser grimmigen, blindwütenden Ge- schöpfe wirklich zähmen können. So leutselig sie sich auch>" der Jugend betrugen, mit zunehmendem Alter brach ihre rasende k Wildheit immer hervor und nicht einmal die Wärter dürfen' ihnen ganz trauen. Unendliche Mühe erfordert es, einen durch mehrere Jahre in der Gefangenschaft gehaltenen Wisent an einen andern Lrt zu bringen. Eine Kuh, welche in einen andern "räum geschafft werden sollte, wurde durch zwanzig starke Männer an dicken Seilen, die ihr um den Kops gebunden waren, fest gehalten, eine einzige Bewegung des Tieres aber war genügend-| olle Leute mit einem Ruck zu Boden zu werfen. St. 234 Ein Naturvolk im Kaukasus. Von M. Es ist eine vielfach zutage tretende Erscheinung, daß von den Fluten der Völkerbewegung, heute wie vor Jahrtausenden, sich schwächere und unterliegende Bolksstämme in abgelegene, schwer zugängliche Gebirgstäler flüchten, dort als ehrwürdige Neste ehemaliger Völkerschaften sich erhalten und troz der nivellirenden Zeit alte Sitten, Gebräuche, Lebensgcwohnheiten bewahrt haben. Fast in jedem Gebirgslande Europas finden wir infolge der natürlichen Abgeschlossenheit bei den Bewohnern Abweichungcir in Tracht, Sprache, Bauart der Wohnungen:c. gegenüber denen des Flachlandes, nicht minder allerhand Alter- tümer, alte Gefäße, Waffen, Münzen und dergl., die dort im sichern Hafen der Verborgenheit ruhen. Derartige Völkertrümmer treten uns in den Pyrenäen, in der Bretagne, in Portugal, in den schweizer Alpen sowie in Talmatien, vorzüglich aber in dem durch Virchows neuerliche Mitteilungen erhöhtes Interesse beanspruchenden Kaukasus, der sagenreichen europäischen Völkerwiege, entgegen; so die Abchasen, troz ihrer Anzahl ein ganz isolirter Volksstamm, Reste der Udiner, Abichcn:c. lieber ein solch vereinzeltes, jczt unter russischer Herrschaft sich befindendes Völkchen im Kaukasus geben die„Mitteilungen der kaukasischen Abteilung der kaiserlich russischen geographischen Gesellschaft" interessante Aufschlüsse. Das kaukasische Alpcnland ist eine Gebirgsmasse von ganz eigentümlich platcauartiger Bil- dung. Während in anderen Alpenländern verhältnismäßig breite Täler den Gebirgsstöcken anliegen, finden wir hier terrassenför- mige Hochflächen von bedeutender Erhebung, welche von schmalen, tief eingerissenen, von wilden Gebirgsivassern durchrauschtcn Tal- spalten durchschnitten, den Verkehr hemmen und die Zugänglich- kcit des Gebirgs erschweren. Diese Gestaltung des Gebirges hat der Eroberung durch Rußland größere Schwierigkeiten de- reitet, als die Tapferkeit der Gebirgsvölker. Rur in der Nähe der höchsten Gebirgsknotcn, zwischen Elbrus(5660 Meter— 17 425 par. Fuß) und Kasbek(5042 Meter— 15 524 par. Fuß) gibt es breitere Täler im Oucllgebict der Flüsse Terck und Kuban. Aus der Vereinigung der auf dem westlichen Abhänge des Elbrus entspringenden kleinen Gebirgsflüsse Ulu-Kam und Utsch- kulan, bei dem gleichnamigen Aul(tartarische Torfschaft), cnt- steht der Kuban, der in nördlicher Richtung die kaukasischen Vor- berge durchschneidet.'Tic Täler der genannten Flüsse werden bis etwa 45 Kilometer nach ihrer Vereinigung von einem Berg- Volke tartarischer Abstammung bewohnt, den Karatschajern, die in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts der russischen Herrschast unterworfen wurden. Wenn anch ihre Unterwerfung unter Rußland und die russischen Geseze offiziell eine Aenderung in den innern Einrichtungen bedingte, so sind doch in der Tat ihre Sitten nnd Gebräuche durchaus unverändert geblieben. Auf Anordnung her russischen Regierung wurde die zu dicht gewordene Bevölkerung nach andern Nebenflüssen des Kuban, dem Taut, der Teberta und Mara angesiedelt, so daß außer den ursprünglichen Auls Chursuk, Utschkulan und Kart- Dschurt, noch die Aule Taut, Dschaslnck und Teberta entstanden, wodurch nunmehr das ganze obere Stromgebiet des Kuban bis zum Chumara, an der Einmündung des gleich- namigen Flusses, von den Karatschajern bewohnt wird, die nach offiziellen Angaben etwa 21 000 Köpfen fiark sind. Wann die Karatschajcr, deren tartarische Abstammung un- zweifelhaft, ihre jezigen Wohnsize eingenommen haben, ist unge- wiß; sicher dagegen, daß sie in geschichtlicher Zeit eingewandert sind. Sie selbst erzählen, daß sie in grauer Vorzeit ans einer der Krym benachbarten Gegend— wahrscheinlich am nördlichen Ufer des asowschen Meeres— gedrängt durch zahlreichere und stärkere Horden, ausgewandert und zunächst am Jrchis, einem Ncbcnfliiffc des großen Selindschuck(am nördlichen Abhänge des Kaukasus) seßhaft geworden seien. Die fortwährenden Angriffe und Feindseligkeiten der umwohnenden Abchasen zwangen sie jedoch weiter zu wandern, und so gelangten sie auf ihrem Zuge nach Osten, auf die Ostseite des Elbrus, wo sie am oberen Laufe des Bakssan ihre Wohnsize aufschlugen; von dort seien sie— wahrscheinlich aus gleichen Ursachen— vor einigen Jahrhunderten, unter Führung eines noch sagenhaften Mannes Kartscha auf die Westseite des Elbrus in ihre jezigen Wohnsize gelangten, deren Unzugänglichkeit ibnen hinreichenden Schuz gegen fcind- liehe Angriffe boten, gleichzeitig auch durch ihre Abgeschlossenheit die Bewahrung ursprünglicher Sitte und Gebräuche ermöglichten. Ihre ganzen gesellschaftlichen Einrichtungen sind durchaus patriachalisch, wodurch manche Härten gemildert werden. In drei gesonderte Stände ist die Bevölkerung eingeteilt: die Aeltestcn oder Fürsten, die Usdcn(freie Bauern) und die leibeigenen Bauern. Aller Einfluß und alle Macht ruht in den Händen der Altesten, denen ausschließlich alle Bestimmungen über die inneren Angelgenhciten zustehen, denn obgleich die persönliche Freiheit der Usdcn feststeht, haben sie doch in Bezug auf die inneren Angelegenheiten keine Stimme und müssen sich den An- ordnuugen der Aeltestcn unbedingt fügen. Dafür genießen sie den unbedingten Schuz der Aeltestcn, die ihre Streitigkeiten schlichten und sie durch Geschenke und Begabungen an sich feffcln. In völlig rechtloser Stellung befinden sich die leibeigenen Bauern, mögen deren Herren nun Aeltestcn oder Usden sein, so zwar, daß sie nicht einmal über ihre Kinder frei verfügen können. Ein trauriges Loos fürwahr, das durch die patriarchalische Sitte allerdings einigermaßen gemildert wird. Die Herren betrachten die Leibeigenen als zur Familie gehörig und gestatten sich infolge dessen, bei einfacher Sitte, keine Ausschreitugcn und willkürliche Bedrückung. Kommt es doch vor, daß der Herr sich in das- selbe Joch mit dem Leibeigenen einspannt und nach vollbrachter niühevoller Arbeit an dem ärmlichen Mahle desselben teilnimmt; ja, daß die Frau des Herrn dem verwaisten Kinde des Bauern mit ihrem eigenen die Brust reicht. Freud und Leid, Arbeit und Vergnügen sind ihnen gemein, und die Anhänglichkeit der Leibeigenen an ihre Herren ist oft so groß, daß sie bei Trauer- fällen in der Familie des Herrn sich das Gesicht zerkrazen oder sonst verstümmeln. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit durchdringt alle, als natürliche Folge wohl der früheren An- feindungen nnd Verfolgungen. Man glaubt sich in die Zeiten der Erzväter znrückversezt, wenn man ficht, wie den Anordnungen der Familienhäupter Folge geleistet und welche Ehrerbietung denselben gezollt wird. Ter Vater ist das natürliche Haupt der ganzen Familie, nach dessen Tode das älteste Glied derselben an seine Stelle tritt. Seinen Anordnungen fügen sich alle unbedingt. Aber nicht nur den Familicnhäuptcr», sondern dem Alter überhaupt nvird die größte Achtung und Rücksicht entgegengebracht. In Gegenwart alter Männer darf der Jüngere ohne Erlaubnis sich nicht einmal niedcrsezen, geschweige denn sich ins Gespräch mischen. Er muß demselben unterwegs sein Pferd abtreten und ihm beim Auf- steigen behülslich sein; begegnet er unterwegs einem alten Manne, so muß er ihn so lange begleiten, bis dieser ihm die Erlaubnis zur Fortsezung seines Weges erteilt. Eigentümlich ist die Stellung des weiblichen Geschlechts; denn während die unverheirateten Frauen große Freiheiten ge- nießcn und an allen öffentlichen Festlichkeiten, Gesängen und Tänzen ohne weiteres Anteil nehmen, sind die verheirateten voll- ständig abgeschlossen von allem Verkehr und jeder Geselligkeit. Wie bei vielen orientalischen Völkerschaften herrscht auch bei den Karatschajern der schöne Gebrauch der Gastfreundschaft in ausgedehntem Maße, als ein Betveis der Einfachheit und Rein- heit der Sitten. Jeder Fremde wird auf das herzlichste empfangen nnd mit dem besten bewirtet, was das Hans bietet; ihm zu Ehren werden die angesehensten Personen des Auls zum Mahle eingeladen, ja. es haben alle Nachbarn das Recht, sich zur Unterhaltung des Gastes, dem von allen Seiten die höchste Aufmerksamkeit und Hochachtung bewiesen wird, im Hause des Wirtes einzufinden, der auch sie bewirten muß. Je nach der Wohlhabenheit der Einzelnen richtet sich die Art der Ernährung, doch dienen entsprechend der Hauptbeschäs- tigung des Volkes, die in der Viehzucht besteht, hauptsächlich Fleischspeisen als Nahrungsmittel. Bei den Reichen wird dem Gaste zuerst Schaschlyk, am Spieße gebratenes Fleisch, gereicht, sodann folgt gekochtes, bestehend aus Hamnielkopf, Hammelfett-. schwänz oder Hinterkeule, hierauf Schurna, die Fleischbrühe mit saurer Aiilch und verschiedenen Gewürzen zubereitet und ge- nossen aus kleinen Schalen von Holz oder Ton. Zum Schlüsse kommt noch Rcißbrei mit Honig, oder ausgeschlagene Eier, die in Butter mit Honig gebraten sind. Zum Essen reicht der Wirt den Gästen nur Löffel, da jeder an der Scheide des nie fehlenden Dolches auch sein Messer mit sich führt. Für zivilisirte abendländische Nasen ist weder der Aufenthalt in den Wohnungen der Karatschajern, noch überhaupt der Ver- kehr mit ihnen besonders angenehm. Wohnungen, Kleider und Personen starren meist von Schmuz. Baden und Waschen sind gänzlich unbekannte Tinge, und die Waschungen, welche die Rc- ligion ihnen auferlegt, haben mit der Reinlichkeit durchaus nichts zu tu». Die Wüsche, die wohl nur bei den Vornehmsten in Anwendung kommt, wird nicht eher gewechselt, als bis sie in Lumpen zerfällt, während die Kleider, die Tag und Nacht nicht abgelegt werden, oft so abgetragen und schmuzig sind, daß weder Stoff noch Farbe sich erkennen lassen. Daß den Karatschajer infolge dessen stets ein scharfer, unangenehmer Geruch begleitet, ist ganz natürlich. Die Bekleidung besteht aus dem langen kaukasischen Rock mit Ledergürtel; die Füße umwickeln sie mit Lappen, über welche sie die aus unbearbeiteten Fellen gefertigten Schuhe, die Haare nach außen, anziehen. Der Dolch in Leder- scheide hängt jedem an der Seite. Was die Wohnungen betrifft, so sind dieselben noch sehr primitiv und roh— da sie als einziges Werkzeug die Axt führen,— wenn auch vielleicht für die Verhältnisse praktisch eingerichtet. Die Hütten sind ganz aus Baumstämmen aufge- führt und mit Erde bedeckt; an das Wohnhaus stoßen die Ställe und sonstigen Wirtschaftsgebäude, die einen wicreckigen Hof ein- schließen, auf welchen alle Fenster und Ausgänge münden, während die äußere Balkcuwand keinerlei Oeffuungen zejgt. Die Gehöfte eines Auls liegen nicht wie bei uns die Dörfer, dicht beisammen, sondern infolge der Beschaffenheit des Landes über weite Strecken verteilt. Es sind nämlich die 1'/» bis 21/j ®cift(Kilometer) breiten, von steilen Felsenwänden eingefaßten Äußtäler vielfach durch Wald unterbrochen und niit zahlreichen «xelsblöcken und Trümmern bedeckt. Dadurch sind die Bewohner gezwungen, ihre Hütten da anzulegen, wo der Boden ihnen gestattet, ihre Felder in der Nähe zu haben. Sehr lohnend ist aber der Ackerbau nicht, troz der unend- lichen Mühe und der Schwierigkeiten, die er macht. Zunächst gilt es, die unzähligen Steinblvcke sowohl über als unter der �ede zu entfernen, mit denen das urbare Land umfriedigt wird. Außerdem werden dieselben auch in großen Haufen aufgeschichtet. Wie gering die Fläche des so urbar gemachten Landes ist, kann man sich unschwer denken. Und wie gering wiederum der Ertrag desselben! Die einzige Frucht, welche das rauhe Klima aer Nordseite des Gebirges zu bauen gestattet, die Gerste, gibt kaum 3— 4fältigen Ertrag, da der Acker nur spärlich gedüngt werden kann. Denn infolge des Mangels an Wiesen in den Dälerm läßt sich wenig Vieh im Stalle erhalten, der Mist zur Düngung fehlt also, und außerdem steht auch die Landwirtschaft aus sehr niedriger Stufe. Zwar hat man in neuerer Zeit mit dem Bau von Kartoffeln begonnen, allein dieselben arten nach wchreren Jahren aus, so daß neuer Samen von auswärts zugeführt werden muß. Die Einführung von Getreide ist daher eine Notwendigkeit, da die eigenen Erzeugnisse den Bedarf nie decken. Infolge dessen sind die Karatschajer zur Viehzucht gezwungen. Von der Krone oder den kubanischen Kosakcngcnicinden pachten sie zu diesem Zwecke an den Nordabhängcn des Gebirges n»d der Vorberge ausgedehnte Viehweiden, die sie im Sommer mit ihren Herden beziehen. Den klimatischen Verhältnissen ent- sprechend ist auch die Vegetation der Nordseite der kaukasischen Alpen eine rein alpine, während dieselbe auf den nördlichen Vorbcrgeu schon mehr einen mitteleuropäischen Karakter trägt. Ueppig kann sie aber weder ans diesen, noch auf den eigcnt- lichen kaukasischen Alpen genannt werden, während der Süd- abhang des Gebirges inbezug auf Klima und Vegetation sich günstig von der Nordscite unterscheidet.— Sobald der Schnee geschmolzen und die Entwicklung der Vegetation weit genug vorgeschritten ist, werden die Herden: Schafe, Ziegen, Rinder und Pferde auf die Hochalpcu getrieben. Man darf sich nicht vorstellen, daß das Vieh der kaukasischen Gebirgsbewohner Aehn- lichkeit mit unserem durch Bau und Milchrcichtum gleich aus- gezeichnetem Alpenvich hat. Im Gegenteil ist das Vieh klein und nicht sehr ergiebig. Das Rindvieh mit kurzem Hals, dickem Kopf und kurzen Hörnern; die Pferde mit dicken Füßen, niedrigen Hufen und kurzen Köpfen, beide Arten langhaarig und unschön; die Schafe sind meist schwarz oder dunkelhäarig und in ihrem Bau von unfern Schafen merklich verschieden. Und doch macht das Vieh, so wenig ertragreich es ist, die Haupt- nahrungs- und Erwerbsquelle dieser Gebirgsbewohner aus, denn die Tiere und deren Felle bilden(durch Vermittlung der Juden) fast die einzigen Handelsartikel, die sie auf die Jahrmärkte des Kubangebietes bringen. 1878 wurden nach offiziellen Angaben 34 500 Schaffelle und 5956 Rindshäutc ausgeführt, während in demselben Jahre die Zahl der Rinder 32 000, der Pferde 18 500, der Esel 2500 und der Schafe und Ziege 231 000 Stück betrug, so daß auf jede Familie 13 Stück Pferde und Rinder und 57 Stück Schafe kommen. Leider steht das Völkchen inbezug auf Gewerbtätigkeit und Geschicklichkeit noch auf einer sehr niederen Stufe. All' ihre Werkzeuge und Geschirre beziehen sie von auswärts, nicht ein- mal ihre einfachen hölzernen Wagen(Arben) fabrizircn sie selbst, ja sogar in der Bereitung von Butter und Käse, die ihnen doch als Hauptnahrungsmittel dienen, sind sie noch weit zurück. Männer, Weiber und Kinder begleiten die Herde auf die Wcidepläze, wo aus Balken, Steinen und Laubwerk Umzäunungen (Kosch genannt) errichtet werden, die Menschen und Vieh zum Schuze gegen die Witterung als Aufenthalt dienen. Nur die Alten und Schwachen bleiben zurück, deren Vieh gegen eine Vergütung von anderen in Pflege genommen wird. Der Herbst treibt Weiber und Kinder in die Täler zurück, während die Männer die tiefergelegenen Weidcpläze aufsuchen. Wenn nun auf der einen Seite, wie wir sahen, das Völkchen noch auf einer ziemlich niedrigen Stufe der Kultur steht, so ist es um so wunderbarer, daß sie inbezug auf ihre inneren Ein- richtungen eine gewisse Gewandtheit, Geschicklichkeit und sicheres Verständnis zeigen. Jeder Aul wählt seine Vertreter, meist weißhaarige Greise, in deren Händen die Regelung und Leitung aller allgemeinen Interessen des Stammes liegt. Sie verteilen die von der Re- gierung ausgeschriebenen Steuern und sonstigen Lasten auf die einzelnen Familien, beschließen über innere Einrichtungen und bilden so eine Art Behörde oder Gemeindevertretung, deren Anordnungen sich jeder ohne Weigerung fügt, überzeugt, daß die größte Gerechtigkeit und Billigkeit obgewaltet habe. So tief wurzeln bei ihnen die patriarchalischen Einrichtungen, der Sinn für Gerechtigkeit und das Bewußtsein der Zusammen- gchörigkeit und gleicher Interessen! Da die Alten des Schreibens unkundig, so führen sie alle Berechnungen bei den Verteilungen mit Hilfe kleiner Stcinchcn aus; trozdem kömmt nie ein Fehler bei den Verteilungen, noch eine Unzufriedenheit inbezug auf dieselben vor. Wenn auch vielfach noch weit in der Kultur zurück, sind die Karatschajer dem Fortschritte doch nicht ganz fremd geblieben. Führt doch eine verhältnismäßig gute Fahrstraße durch ihre Täler bis zum Fuße des Elbrus; ja, sogar drei Poststationen an derselben vermitteln den Verkehr mit der Außenwelt. Außer- dem haben sie ein Gerichtsgebäude für die mündlichen Gerichts- Verhandlungen, eine Schule, ein Hospital und eine Lcihkasse, die über ein Grundkapital von 12000 Rubel verfügt, angelegt. So schreitet auch in diesem abgelegenen Winkel die Kultur, die alle Welt beleckt, vorwärts und wird allmälich den eigentümlichen Hauch der Naturwüchsigkeit und Einfalt verwischen, der diesem NaturvAtchen anhaftet; ob zu ihrem Heile, bleibe dahingestellt. Was ihre äußere Erscheinung betrifft, so verleugnen die Karatschajer ihre tartarische(mongolische) Abkunft nicht, und unterscheiden sich dadurch wesentlich von den Gebirgsbewohnern rein kaukasischer Abstammung. Sie sind durchschnittlich von mittlerer Statur, gedrungenem Bau, breit von Schultern und von kräftiger Muskulatur und etwas breitem Gesicht, wenn auch die ausdrucksvollen Augen von ihrer Vermischung mit den echten Kaukasiern Zeugnis ablegen. Von Karakter gerade und offen, fleißig, tätig und nach außen hin fest zu einander stehend, läßt doch die noch herrschende Sitte der Blutrache mancherlei böse Leidenschaft zutage treten. Der Alkohol— Tod Kulturgeschichtliche Studie Professor Schär schreibt in dem ain Schluß des ersten Teiles dieser Arbeit Angeführten nicht von alkoholischen Ge- tränken allein, sondern von den berauschenden und erregenden Gennßmitteln im allgemeinen. Und der Umstand, daß da, wo den Menschen kein alkoholhaltiges Erregungs- oder Betäubungs- mittel erreichbar oder bekannt war, im Laufe der Zeiten fast überall auf dem Erdenrund andere gleich oder ähnlich wirkende Genußmittel entdeckt und gepflegt wurden, daß dieselben weite Verbreitung und leidenschaftliche Verehrer fanden, darf bei der Beurteilung der Rolle, die der Alkohol als Gcnußniittel spielt, nicht übersehen werden. Es sind interessante, wenn auch teilweise recht unheimliche Gesellen, diese Konkurrenten oder, wenn man will, Complicen unseres aristokratischen Weins, unseres, wenn es gut ist, solid bürgerlichen Biers und unsres plebejischen Schnapses. Zu den intercffantestcn und unheimlichsten zugleich gehören die Haschisch genannten Hanfpräparatc, welche gegenwärtig von beträchtlich mehr als 200 Millionen Menschen in Asien, Afrika und Amerika als Bcrauschungsmittel angewendet werden. Es ist eine Pflanze, die schon seit den Zeiten des Uralter- t»ms in Europa bekannt ist und angebaut wird, unser gemeiner . Hanf, mit seinem wissenschaftlichen Namen nach Linns cannabis sativa, woraus das Haschisch hergestellt wird. Allerdings ist unser Klima der Entwicklung derjenigen Stoffe im Hanf, die der Haschischbcreitung förderlich sind, nicht günstig. Wie man aus unsrer Mohnpflanze nur schlechtes Opium erzeugen könnte, so würde man aus unsrem Hanfe zwar auch ein Betäubungs- mittel herzustellen vermögen, aber doch nur ein die Kenner und Freunde des Haschischgenusses sicherlich wenig befriedigendes. Die in Ländern der heißen Zone gebaute Cannabis, nach ihrer Heimat Cannabis indica genannt, ist die vielumworbene Spenderin der Haschischpräparate. Die drei hauptsächlichsten Hanfprodukte, welche in den Handel kommen, heißen Gunjah, Bang und Churrus. Die Gunjah besteht aus den stengclartigen Spizen der blühenden Hanspflanze, die in Form von langen, mehrere Duzend von Stengeln cnt- haltenden Bündeln verkauft werden. Bang heißen dagegen die von den Stengeln befreiten und getrockneten größeren Blätter mit halbreifen Fruchtkapseln und kleinen Blattstielen der abge- blühten Pflanze. Sie sind minder harzreich als die Gunjah- stcngel, deswegen billiger zu kaufen und weiter verbreitet. Das Churrus endlich ist das rohe Harz, welches der indische Hans namentlich während der Blütezeit in beträchtlichen Mengen aus- scheidet. Bemerkenswert ist die primitive Art, wie man das Churrus einsammelt. Wie Profesior Schär angibt, durchwan- der» während der Tage reichlichster Harzausscheidung Arbeiter in fest anliegender Ledcrkleidung mit ziemlicher Schnelligkeit kreuz und quer die abgeblühten Hanffelder, und hierbei klebt das in winzigen Tröpfchen aus Blättem und Stengeln aus- schwizende Harz an die Lederkleidung an und braucht dann nur losgcschabt zu werden. Sowohl Gunjah und Bang als Churrus werden in Pfeifen geraucht und treten somit als narkotisches Ersazmittel unsres 'ind oder Gutfreund? IN Wrmro Heiser.(Fortsezung statt Schluß.) Tabaks auf, mit dem sie Wohl eine gewisie Verwandtschaft haben, obwohl es nicht ganz festgestellt ist, daß Professor Schär recht hat, wenn er sagt, der indische Hanf enthielte Nachweis- bare Mengen des giftigen Tabakbestandteils, des Nikotins, und so müßten wir in dem Umstände, daß jahrhundertelang ohne Kenntnis dieses Sachverhalts Hanf, mit Tabak vermischt, ge- raucht wurde, wohl eine merkwürdige instinktive Ahnung der engen Verwandtschaft in den chemischen Stoffen des Hanfes und des Tabaks erblicken. Bei den neuesten wissenschaftlichen Unter- suchungcn des europäischen und indischen Hanfes nämlich, welche Seezen, Sicbold und Bradbury ausführten, erhielt man, widersprechend früher angestellten Prüfungen, kein Nikotin, sondern ein eigentümliches flüchtiges Alkaloid, dem der Name Can nabin in beigelegt wurde*). Noch viel entwickelter als das Haschischrauchen, ist der innerliche Genuß, das Einnehmen des Haschisch in seinen hun- dcrtfältig verschiedenen Arten. Wie ein Tee wird der heiße Aufguß des Krautes Bang eingenommen, in der Form von fettem Oel und syrupartigen Extrakten, als pastillenähnliche Kon- servcn oder latwcrgartiges Gemisch, mit feinen und starken Ge- würzen versezt, selbst mit Milch, Mehl, Zucker und Fett zu dem berühmten indischen Hanfkonfekt Majoon verarbeitet, kommt das Haschisch zum Gebrauch. Der Genuß des Haschisch reicht jedenfalls weit in vorge- schichtlichc Zeiten hinauf. Der sorgenlösende Nepenthestrank Homers war vermutlich Hanfextrakt. So sehr als das Haschisch Sorgen zu lösen vermag, ist es jedoch imstande, Sorgen und Unglück aller Art zu bereiten, wenn auch seine Verehrer an ihm rühmen, daß es sie zur Vollführung harter und andauernder Arbeit stärke, daß es Schmerzen stille, gegen die Unbill des Temperaturwcchscls unempfindlich mache, die Einbildungskraft anrege, die Lust zum Essen und auch die sinnlichen Genüsse aller Art erhöhe und die Blutzirkulation beschleunige. Das ist jedoch eben nur die eine, die glänzende Seite der Medaille, auf deren schmuziger Kehrseite leidenschaftliche Heftig- kcit und Streitsucht, Störung der Hinifunktionen, Verrücktheit, Tobsinn und eine in Indien häusig vorkommende Art des Starr- krampfs verzeichnet stehen. Einen durchaus zuverlässigen Bericht über einen Haschischs rausch verdanken wir Gerhard Rohlfs. Derselbe nahm um 6 Uhr Nachmittags in Mnrsuk zwei Kaffeelöffel voll mit Zucker gemischtes Haschischkraut, und aß dann zu Abend; aber erst anderthalb Stunden später begann die Wirkung, welche nach seinem Tagebuch folgende war: „7 Uhr 20 Minuten. Mein Puls 120 oder mehr. Li» ich in einem Schisse? die Stube schaukelt, mein Bewußtsein ist indessen vollkommen frei, blos scheint mir Bcsserki(sein Rausch- genösse) sehr langsam zu sprechen, und ich vergesse oft den An- sang von dem Saze, den er spricht. Auch wenn ich jezt denke, vergesse ich, womit ich angefangen. ♦) Handwörterbuch der Pharmakognosie dcS Pflanzenreichs. Breslau, Trewcndt ,882, III. Lieseruug, Artikel Hans. 7 Uhr 45 Minuten. Mein Pnls schlägt so, daß ich jeden Schlag höre. Ich ranche und fliege, obwohl ich mit den Händen fühle, daß ich liege. Ich denke ungeheuer schnell und glaube, daß ich bei dem Schreiben dieser Zeilen Stunden zubringe. 8 Uhr. Mein Blut schlägt Wellen und einzelne Teile fallen von meinem Körper, obgleich ich mich dumm schreibe, denn ich habe vollkommen freies Bewußtsein, daß ich alle Glieder besize. Ich denke, ich will ausgehen. 8 Uhr 20 Minuten. Ich träumte, ich ginge aus, die Straßen und die Stadt verlängerten sich und waren mir ganz unbekannt, die Häuser sehr hoch; ich glaube, ich war in der Polizeiveranda, wo ein Mann war zu petitioniren und zu mir mit einem Gesuche kam; ich ging dann zurück und sezte mich vor mein Haus. Ich bin ohne Willen-- die Wand gegenüber meinem Hause war schön tapezirt, auch hörte ich von ferne schöne Musik, und jezt schreibe ich und sehe, daß alles erlogen ist.-- Ich will mich legen; aber bin ich wirklich verrückt? 8 Uhr 30 Minuten. Ich liege jezt. Mein Wille ist ganz weg und in mir großer Sturm. Das Licht brennt seit Stunden, und ich kann es nicht ausblasen. Aber ich schreibe, und da ich denke, bin ich doch wohl nicht gelähmt? Bin ich wirklich hier? Mein Hinterkopf ist sehr angefüllt. Ich bin un- gemein leicht und wenn ich nicht schriebe, würde ich in der Luft schweben." „Soweit war es mir gelungen zu schreiben," fährt Rohlfs am andren Tage in seinem Berichte fort.„Darauf fiel ich in einen festen Schlaf bis 9 Uhr morgens. Auf mein Erkundigen fand ich, daß ich wirklich auf der Polizeiveranda gewesen war, ganz vernünftig gesprochen und in niemand die Ahnung erweckt hatte, daß ich im Tekourizustande(Verzückung) mich befinde. Die Haupterscheinungcn des Rausches waren mithin: 1) Ungemeines Leichtigkeit»- und Schwebegefühl. 2) Der anfangs verminderte Puls erreicht eine Schnelligkeit, daß man ihn nicht mehr zu zählen vermag. 3) Starker Blutandrang nach dem Hinterkopfe. 4) Auffallende Lähmung der Willenskraft. 5) Das Gedächtnis verliert seine Regeln, vergißt naheliegende Dinge und erinnert sich längst vergangener. 6) Alles erscheint in den schönsten Farben und in vollkommenster Harmonie. 7) Manchmal lichte Augenblicke, verbunden mit schrecklicher Angst, daß dieser Zustand immer dauern möchte. 8) Der ganze Rausch eher ein Vcmicktsein, als was wir Europäer unter einem Rausch ver- stehen möchten. Heute Morgen," so schließt Rohlfs den Bericht, „befinde ich mich vollkommen wohl und verspüre auch nicht im mindesten einen sogenannten Kazenjammcr." Bedenkt man. daß Gerhard Rohlfs der Haschisch-Vcrzückung jedenfalls kein sehr empfängliches Gemüt und noch weniger einen dazu bereits vorbereiteten Körper entgegengebracht hat, so wird man sich nicht wundern zu erfahren, daß die meisten anderen Berichte weit verlockender und oft ganz überschwänglich lauten. Mit dem Haschisch verwandt ist ein andres Berauschungs- mittel, welches gleichfalls im Orient zur Anwendung gelangt und wie jener dem Verbote des Weins durch den Koran ein gut Teil seiner ungeheuren Verbreitung verdankt,— das Opium. Dasselbe besteht aus dem den angerizten Kapseln des Mohns, papaver somniferum, entfließenden und rasch ein- trocknenden Milchsaft. Zum Zwecke der Opiumgewinnung wird der Mohn hauptsächlich in Egypten. Kleinasien, Persien und Ostindien auf wcitausgedehnten Felden, angebaut. Nach dem Verblühen werden die Mohnkapseln mit einem Messer leicht eingerizt. und der Saft wird, sobald er einigermaßen fest ge- worden ist, abgeschabt. Tie so gewonnene Masse knetet man zu Kuchen- oder Kugelformen und umwickelt sie mit Mohn- blättern.. In welch' riesigen Quantitäten Opmm genossen wird und wie sich im Laufe dieses Jahrhunderts der Genuß gesteigert hat. beweisen die Zahlen des indische» Opiumexports, an dem die Engländer ungeheure Geldsummen verdient haben. 1600 belief sich derselbe auf 5005 Kisten, jede zu 133 ,3 eugl.,chen Pfund, im Jahre 1825 ans 12 000, 1850 auf 50 000 und 1875 auf 90 000 Kisten. Im Jahre 1858 hatte die indische Handclskompagnie bei ihrem Opiumschacher einen Reingewinn von 2 Millionen Pfund Sterling, d. s. 40 Millionen Mark, und seit der Aufhebung der Kompagnie fließt der inzwischen um sehr viel erhöhte Profit in die englische Staatskasse. Wie das Haschisch wird auch das Opium in den verschiedensten Arten und Formen genossen. Im Ivcstlichen Asien, schreibt der mehrenvähnte Professor Schär, in Egypten und andern muhamedanischen Ländern, sowie in Persien wird nicht nur das Opium geraucht, sondern auch verspeist, entweder in Form einer trüben, wässrigen Auflösung, oder in Pillen, in feuchten Pasten oder in trocknen Täfelchen, in denen es mit süßem Fruchtsaft, mit aromatischen Stoffen und zuweilen auch mit Haschisch versezt ist und denen die bezeichnende Inschrift aufgepreßt ist: Mash Allah, zu deutsch: Gabe Gottes. Je weiter man nach Osten kommt, um so häufiger trifft man statt des Opiumesseus das Opiumrauchen. Mit dem Chi- nesen zieht die Opiumpfeife in alle Welt hinaus und in den Niederlassungen, in denen sich viele Chinesen ansiedeln, nament- lich wo Kulis als gemietete Halbsklaveu sich ausbeuten lassen, finden sich in großer Zahl Winkelwirtschaften, in denen die Chinesen und andre Asiaten ihren Betäubungsgelüsten fröhnen und die bösen Leidenschaften auch sehr häufig aus Angehörige aller nichtasiatischen Nationen übertragen. Die Art, wie die Chinesen das Opium zu rauchen Pflegen, wird folgendermaßen beschrieben. Sie legen den Kopf auf ein Kissen, nehmen mit einem Instrument, das einer Nadel gleicht, etwas Opium, halten es an die Flamme eines Lichts, stecken es in den kleinen Kopf einer Opiumpfeife, bringen das Licht während des Einzieheus an den Pfcifenkopf, schlürfen in einem oder zwei Zügen den Rauch in die Lunge und wiederholen das je nach Gewohnheit und Bedürfnis mehreremale. Wie eng- tische Aerzte berichten, sind die Opiumraucher anfänglich lebhaft, gesprächig und heiter, häufig zeigen sie sich jedoch auch jäh- zornig und zanksüchtig. Der Fluch des Opiumgenusses ist, daß eine beständige Steigerung der Dosis notivendig ist, um die gewünschte narko- tische Wirkung zu erzeugen, ein Ucbelstand, der zwar auch mit dem Genüsse anderer Narkotika verknüpft ist, aber doch bei keinem so scharf hervortritt und so rasch verhängnisvoll wird, als bei dem Opium. Allmälich treten, wie Schär sagt, grauenhafte beängstigende Sinnestäuschungen der verschiedensten Art, Hallucinationen und Illusionen auf.„In bejammernswerter Art schleppen sich die Sklaven des Opium von einer Opiumstube zur andern, um schließlich auf Mauern oder Treppen ihr langsam und syste- matisch vergiftetes Dasein zu beenden. Garnicht selten, zumal in dem ostasiatischen Jnselgebiete, hat ein längerer Mißbrauch größerer Opiumdoscn, sei es mittels der Pfeife, oder mittels des Trinkgesäßes, ausgesprochene Wahnsinnsanfälle(Tobsucht) im Gefolge;— häufig genug sollen z. B. auf Java oder Su- matra Eingeborne, Rasenden gleich, mit weithin gellendem Rufe „Amott, amott"— tötet, tötet— die furchtbare Stichwaffe, den Kris, schwingend durch die Straßen toben, einer berscrker- wutartigen Tobsucht verfallen." Mit dem Opium ist der Reigen der narkotisch wirkenden Genußmittel noch lange nicht geschlossen. Der keineswegs harmlosen Pflanzcnsaniilie, der unsre Kar- toffcl augehört, der Familie der Solaneen oder Nachtschatten- gewttchse, hat die Menschheit mancherlei Narkotika zu verdanken. Die Geschwister der Kartoffel, welche den Namen Stechapfel, Bilsenkraut und Tollkirsche oder Belladonna führen, sind die ergiebigen Lieferanten. Vorzugsweise in tropischen Ländern verstärkt man häufig durch Zusaz von Stechapfelsaft die berauschende Wirkung des Branntweins. Ferner werden auf den ostindischen Inseln und in Südamerika die Blätter einer Stechapfclart gekaut, sowie die Samen in süße Backwaarc eingcbacken, lcztercs hauptsächlich um in dem Gebäck ein Betäubungsmittel zu gewinnen und mit dessen Hülse allerhand Gaunerwcrk auszuüben. Eine andre Stechapfelart, welche den Eingeborenen der Cor- dilleren zur Gewinnung eines durch Abkochung hergestellten Ge- tränkes, Tonga genannt, dient, das hauptsächlich schlaferzeugend wirkt und bei den abergläubischen Gebräuchen südamerikanischer Indianer häufig angewendet wird, z. B. derart, daß man irgendwelche Personen, oft sogar Kinder, damit narkotisirt, die dann dadurch, daß sie an einem beliebigen Orte, ihrer Sinne nicht mächtig, zur Erde fallen, anzeigen sollen, daß der Erd- boden an der betreffenden Stelle edle Metalle birgt. Auch zum Rauchen werden die Samen verschiedener Stechapfel- arten beniizt, für sich allein oder, was öfter der Fall ist, mit Tabak gemischt; dies geschieht in Pen: und Ecuador sowie in China. In den sibirischen Steppen und in den öden Ländereien der hügelrcichen Halbinsel Kamtschatka werden, nach Schär, die Blätter einer Verwandten unsrer Alpenrose, einer Rho- dodendronart und das Fleisch des bei uns viel gefürchtetcn Fliegenschwammes sowohl als Gcnußmittel wie auch als Nah- rungsmittel verwendet. Die im Sommer gesammelten und an der Luft getrockneten Fliegenschwämme üben, wenn sie genossen werden, einesteils eine Wirkung gleich der unsrer berauschenden Getränke, anderntcils verursachen sie auch eine dem Haschisch- rausche ähnliche Verzückung, die zuweilen in totale Bewußt- losigkcit übergeht,„außerdem aber verstehen einige ostsibirischc Stämme durch besondere Zubereitung, bei welcher Aussieben und reichliches Salzen die Hauptrolle spielen mögen, ein durchaus eßbares und nahrhaftes Gericht zu bereiten, wie denn auch die russischen Einwohner, auf die dieses kulinarische Geheimnis seit langem übergegangen zu sein scheint, keine größere Scheu vor den verpönten Fliegenpilzen empfinden, als etwa der Brasi- lianer vor der blausäurehaltigen Maniholwurzel, aus der er uach alter Regel das Tapioka- oder Kassavenmehl abscheidet." Ser Eine venetianische SZovi Ein heftiger, einen unverständlichen Schrei gleichender Atem- zug kam aus Serenas Brust, als sie den Vater in dieser Art Camillas Namen nennen hörte, und es zog ihr in heißer Glut das Hirn zusammen. Und nun rang es sich, der trüben Ahnung, die sie die ganze vorige Nacht nicht hatte zur Ruhe kommen lassen, mit einemmale Worte leihend, gewaltsam aus dem Herzen des Mar- chcse herauf, und sein schmerzdurchfurchtes Antliz sah sie dicht vor dem ihren: „Und hast du vielleicht Herrn von Winter gestern gesehen, Kind?"— fragte er noch lauter und ungestiimer als vorhin. —„Vielleicht gestern Abend gesehen?—— Verhehle mir nichts,— ich will alles wissen, Kind!" Das siedende Blut schoß Serena zum Hirn, und ihre Ge- danken wirbelten bunt durcheinander. Ihrer selbst nicht mehr mächtig, wand sie ihre Hände aus den seinen und glitt vom Stuhl herunter und sank vor dem Marchese zitternd in die Knie: „Mein Vater!"— schrie sie auf, daß es laut im Zimmer widerhallte, und bog das schwindelnde Haupt in das Polster des Fauteuils, in welchem der Vater saß. Der kleine, gelbe Kanarienvogel im Goldkäfig drüben am Fenster flog erschreckt auf, daß seine zarten Flügel hart gegen die metallenen Stäbe schlugen, das weiße Käzchen in der Ecke des Sophas blinzelte wieder schläfrig mit den grünen, gläsernen Augen und hob verwundert den Kopf, daß die Schelle an seinem Halse leise erklang; die Marchesa aber saß. die vollen Arme über die Brust gekreuzt, leicht zur Seite geneigten Hauptes ihrem Gemahl und Serena gegenüber und lächelte zufrieden in sich hinein. „Antworte mir gerade heraus, Kind,"— drängte der Vater, zu Serena niedergebeugt,—„ists wahr, daß du ihn liebst?" Den betäubenden Genußmitteln fügt Schär die„aufregenden" und„anregenden" hinzu, von denen er als besonders eigen- tümlich das Betelkauen erwähnt, das nach den ältesten Nach- richten auf die 60 Millionen Menschen der malayischen Race beschränkt war, sich aber von diesen bis an die ostafrikanische Zanzibarküste und nordöstlich bis nach den Philippinen und ihrer Hauptstadt Manilla berbreitet hat. Die schöne, in Ost- indien heimische, bis 50 Fuß hoch werdende Areka- oder Katechupalme und der unbedeutend erscheinende, oft nur als Schlingpflanze sich präsentirende Betelpfefferstrauch liefern das Material zu dem erwähnten Kaugenusse. Bei der Palme ist es der kugelig-kegelförmige Same, die sogenannte Betel- nuß, welche mit Kalk und Gewürz vermengt in ganz Indien, im südlichen China und auf allen Inseln des malayischen Archi- pels, in erster Linie deswegen gekaut wird, um den Atem wohl- riechend zu machen. Auf Seiten des Betclpfefferstrauchs sind es die herzförmigen, gewürzhaft schmeckenden Blätter, welche den Genuß gewähren und zumeist zur Einhüllung der in Scheiben zerschnittenen und so zum Kauen gelangenden Betelnüsse dienen. Eine Folge dieser Gewohnheit besteht in der hochroten Färbung des Gaumens und des Zahnfleisches, während die Zähne einen rötlich-schwarzen Ueberzug bekommen und dabei von allen Krank- heiten frei bleiben. Daß es das Bctclkauen an Verbreitung fast mit jedem an- deren Genußmittel aufnehmen kann, beweist die Tatsache, daß an einem Stapelplaze Sumatras 1370 nicht weniger als 60 000 Zentner Betelnüsse ausgeführt wurden, während gleich- zeitig ebensoviel aus Kochinchina, aus Bombay 40 000 und aus Ceylon gar 70000 Zentner zur Ausfuhr gelangten. lSchluß fötal.) encl. lle von Max'Dogter.(8. Fortsczung.) Serenas Brust wogte heftig auf und ab, und sie schluchzte laut. Einige Augenblicke venannen auch jezt noch, ohne daß sie auf die wiederholte heftige Frage des Vaters antwortete. Sie schien mit sich selbst zu ringen und mit größter Anstrengung zu überlegen, was sie sagen solle. Dann ging es bebend über ihre Lippen, und sie hob dabei leise das Haupt empor, daß ihre schönen Augen flehend in die seinen hineinsahen: „Mein Vater,— ja!" Ein heftiges Zittem lief wieder durch ihre Glieder, wie sie diese Worte schüchtern hcrvorhauchte; nun hatte er sie gehört, und ihr Blick hing immer noch ängstlich an seinen Zügen, als wollte sie darin ihr Urteil lesen. Und einen Augenblick neigte er sich noch tiefer zu ihr hinab, als habe er ein Unerhörtes vernommen, was er noch nicht glau- den mochte, und seine Augen flammten lodernden Blicks in die ihren. „Es ist!"— preßte der Marchese aus seiner Brust hervor, indem er ihre Hände fahren ließ und mit heftigem Schritt zur Seite und an eines der Fenster trat.—„Er hat recht und meine Ahnung betrog mich nicht!"— fügte er ruhiger und weniger laut hinzu. Einige Minuten sah er still und gedankenschwer in den Garten hinaus und auf den Kanal grande hinüber. Dann wendete er sich um und sagte, mit feuchtem Auge auf das regungslos in den Fauteuil zurückgclehute Mädchen hinblickend und leise das Haupt schüttelnd, in tiesernstem Tone: „Serena, Serena.— mein einziges, liebes Kind.— du hast e» also doch gekonnt,— du hast dich nicht gefragt, welch ein schweres Leid du über deinen Vater bringen würdest!" -i-cr tiesschmerzliche Klang seiner Stimme schien Serena aus ihrer halben Bewußtlosigkeit aufzuschrecken und wieder ganz zu sich selbst zu bringen. Ein heiß quellender Strom von Tränen brach aus ihren Augen, und sie sprang vom Stuhle auf und eilte auf den Marchese hin und schlang mit Leidenschaft ihre beiden Arme um seinen Hals: „Vater, lieber Vater!"— schluchzte sie—„nein, ich will dich nicht betrüben, du sollst um meinetwillen keinen Kummer haben!... Ich weiß, wie sehr du mich liebst, und daß du mich glücklich machen willst!" Ter Marchese wendete jezt das Antliz von dem ihren ab, aber ließ sie gewähren. Serena aber zog sein Haupt noch näher zu dem ihren und rief über der grenzenlosen Macht ihrer Liebe ihrer selbst vergesicnd, in dem höchsten, das Herz allge- waltig fortreißenden Drang ihrer Gedanken mit glutvoll durch- bebter Stimnie und mit einer unbesiegbar scheinenden Beredt- samkcit: „3!un, so mache mich glücklich und zürne niir nicht!— Laß dir alles sagen! Ja, ich liebe ihn, liebe ihn mit jeder Empfindung meiner Seele! Tu weißt es ja selbst— er ist so gut, so brav, so schön, und du hattest ihn immer selbst so gern, — warum willst du mir jezt böse sei», da ihm nieine ganze Liebe gilt?— Nur an seiner Seite kann mein Glück mir blühen,— und dich flehe ich, lieber, guter, teuerer Vater um deinen Segen für ihn und mich!... Und nun sage mir, das; du mir nicht zürnst!" Die Tränen rannen ihr in hellen Tropfen unaufhaltsam über die hoch geröteten Wangen und erstickten ihre Stimme. Schwer und fest hing sie an seinem Halse. Ihre Brnst wogte in stürmischer Glut gegen die seine, und ihr innig flehender Blick suchte die abgcivandtcn Augen des Vaters. Dieser aber starrte unverwandt zur Seite und befreite sich mit Anstrengung aus ihren Armen. Tann trat ein Ausdruck ihm sonst fremder Härte auf sein Antliz, und er sagte, Serena am Fenster stehen lassend und mit schwerem Schritt wieder gegen die Mitte des Zimmers hinschreitend, ernst und dumpf: „Herr von Winter ist am längsten in unserem Hause ge- Wesen. Noch heute werde ich ihm mitteilen, daß ich unseren Kontrakt gelöst und seine Arbeit eingestellt zu sehen wünsche." „Barmherziger Gott! Das kannst du nicht wollen!" schrie Serena im höchsten Schmerze auf und warf sich, seine Knie umklammernd, laut weinend vor ihm nieder. Kalt und regungslos sah der Marchese auf sie hinab. „Nur das nicht!" rief sie noch leidenschaftlicher.—„Ver- banne mich selbst ans Ende der Welt, tue mit mir, was du willst, mein Vater,— verstoße, töte mich,— aber sage ihm kein hartes Wort,— laß ihn ruhig weiter schaffen zu seiner Ehre und zu der deines Hauses."—— Tie Wolken auf der Stirne des Marchese wurden immer düsterer, und er blickte zornig und finster. „Hier pflege ich zu befehlen, Kind!"— sagte er aufbrausend.—„Und ich mag nicht, daß er auch nur eine Stunde länger, als es nötig ist, unter diesem Dache weilt und nach Trauben schielt, die ich ivahrlich nicht für ihn habe reifen lassen!" Er schritt, seiner Gattin einen bedeutsamen Blick zuwerfend, an dem schluchzend am Boden liegenden Mädchen vorüber und schickte sich an, hinauszugehe». Jezt erhob sich die Marchesa, ihre bis zum lcztcn Moment beobachtete tcilnahmlosc Haltung aufgebend, aus ihrem Fautenil und trat an ihren Gemahl hinan. „Bedenke, was dü tust!"— sagte sie iu erheucheltem Mit- leid für Serena zu ihm—„Tu siehst, wie hoch die Leiden- schast des Mädchens schon gestiegen ist.-- Und was kann am Ende Herr von Winter dafür, wenn deine Tochter ihn liebt? Ich sehe nichts gutes kommen, und du solltest zum mindesten erst vorsichtig überlegen, che du handelst!" „Was kann am Ende Herr von Winter dafür, wenn deine Tochter ihn liebt?"— Diese Worte der Marchesa gingen dem wmen Mädchen wie ein Stich durchs Herz, und aus ihren Augen schoß ein Blick strengen Vorwurfs zu jener hinüber. Ter Marchese aber sah seine Gattin erstaunt an und tagte 'u sehr gereiztem Tone: „Tu pflegtest dich ja sonst nicht um meine Pläne zu kam- mern, und meine Besorgnisse waren dir zum mindesten gleich- gültig. Du wirst mir also schon allein überlassen müssen, zu tun, was ich in diesem Falle für gut finde!" Mit diesen Worten schritt er der Tür des Zimmers zu und ließ die Marchesa stehen, ohne sie auch nur noch einmal anzu- sehen. Serena aber raffte sich wieder auf und lief ihm ungestüm einige Schritte nach, um dann abermals vor ihm in die Knie zu sinken und die zitternden Hände flehend zu ihm emporzu- heben. „Vater, mein Vater!" strömte es bebend über ihre Lippen —„Wenn du denn unbarmherzig bist, so beschwöre ich dich, laß mich,— laß mich ihm folgen!" Der Marchese streifte sie nur noch mit einem schnellen, unwilligen Blick und warf in der nächsten Sekunde die Tür hinter sich ins Schloß. Das junge blühende Weib war schmollend an jenes Fenster getreten, neben welchem die blanken Stäbe des kleinen Vogelkäfigs im Sonnenlichte flimmerten und spielte mit den feinen Fingern an dem Gitter. Sie hatte nach der scharfen Abfer- tigung, die sie von ihrem Gemahl, noch dazu iu Gegenwart Serenas erfahren, in deren Anwesenheit er sie sonst mit dem größten Respekt zu behandeln pflegte, diesem einen zornflam- m enden Blick zugeworfen. Das wollte sie ihm nie vergessen, gelobte sie sich jezt bei sich selbst.... Jnbezug auf die entdeckte Liebe Serenas zu dem Maler erfüllte die Marchesa ein Gefühl des Triumphes. Schon als ihr der Graf von Larente das erstemal seine Vermutungen über ein nach seiner Ansicht zwischen Serena und Camilla von Winter bestehendes zärtliches Verhältnis ausgesprochen, war ihr das eine frohe Botschaft gewesen, und sie hatte zufrieden aufgeatmet. Ja, wenn es wahr wäre, was er sagt, so hatte sie gedacht, und wenn sich der Graf dadurch bestimmen ließe, seine Hoff- nung auf Serena aufzugeben,— desto eher durfte sie hoffen, zum Ziele zu gelangen. Denn dem keineswegs schönen, aber jungen und kraftstrozen- den Grafen galten alle ihre Empfindungen, und die Seine zu werden, war ihr Wunsch von der Zeit an, da sie eingesehen, daß sie an der Seite ihres nüchternen, behaglichen Stilllebens zugeneigten, ihr im Alter über fünfundzwanzig Jahren voraus- geschrittenen Gemahls keine Befriedigung zu finden vermochte. Daraus erklärte sich die außerordentliche Wärme, welche die sonst im Kreise der Faniilic ein so kühl zurückhaltendes Bc- nehmen beobachtende junge Frau im Verkehr mit diesem Manne zeigte, und infolge dessen sich dieser Verkehr schon zu einem so vertrauten und ungebundenen gestaltet hatte, wie er einem Weibe, das die Gattin eines andern ist, nicht wohl ansteht. Sie be- gehrte mehr als bloße Sorglosigkeit und als alle Annehmlich- leiten des Daseins, als gesellschastliche Zeestreuungen und Ver- gnügungen, die ihr freilich der Marchese in so reichem Maße bot, wie sie davon nur verlangte, die sie aber bis zur Neige hatte auskoste» dürfen, auch schon ehe sie seine Gattin wurde. Sie begehrte Leidenschaft, heiße, glühende, lodernde Leidenschaft und süße Erregungen und Wonnen, die die Sinne aufwühlen bis zum Nasen und trunkenen Selbstvergessen,— und ein solches, von Genuß zu Genuß taumelndes Leben konnte ihr nur an der Seite eines jungen, daseinsfreudigen und nach gleichen Genüssen verlangenden Mannes werden, wie eben der Graf von Larente einer war. Und sie sah ihm heute noch glutvoller in die Augen, sie spann ihn noch tiefer und fester in den gefährlichen Zauberbann ihres bestrickenden Wesens hinein, als dieser Mann, nachdem sie sich wieder in ihrem Zimmer befand, bald selbst bei ihr eintrat, um sich, wie es häufig geschah, nach dem Befinden der gnädigen Marchcsa zu erkundigen. Der Graf konnte eine besonders freudigerregte Stimmung an ihr nicht verkennen, wie sie ihn mit den, dieser seiner Mei- nung allerdings scheinbar widersprechenden Worten:„Es ist gut, daß Sic kommen, lieber Graf,— ich hätte mich diesen Morgen tätlich gclangwcilt!" nach den: Divan geleitete und ihn neben ihr plaz zu nehmen bat. Sie hatte sich eben vom Klavier erhoben, als er eingetreten war. Draußen auf dem Korridor noch war ihm das Lied einer neapolitanischen Fischerin, das sie mit glockenheller Stimme gesungen, von ihrem Zinimcr her entgegengetönt, und er hatte ein Weilchen an der Tür gelauscht: O komm Herzgelicbter, o komm auf das Meer, Es wehen so selig die Winde daher, Es schaukeln den Kahn die Wellen so leise, Die Wasser leuchten ringsum im Kreise, Der Wind geht träumend am Himmel hin: O wisse, wie sehr ich die deine bin! Die Wangen mir glüh», und ich rubre den Kahn Mit flinken Armen anS Ufer hinan; In deinem Häuschen, dort unter den Bäumen, Da mögen sich selig die Nächte verträumen,— Ich blieb als dein Schäzchen ewig darin: O, wisse, wie sehr ich die deine bin! Nachdem er sich neben ihr niedergelassen, sah er unwillkürlich fluchtig nach dem Flügel und dem Notenblatt hinüber, und seine Blicke gingen im Zimmer rund umher. Dieses Zimmer war mit einer verschwenderischen Pracht, mit fast raffinirtcm Luxus ausgestattet und entsprach solchermaßen ebensosehr dem Wesen seiner Inhaberin, wie die einfach vornehme Einrichtung von Serenas Gemach den Geschmack dieser leztcrcn in deutlicher Weise offenbarte. Bon dem mit dunkelrotem Sammet über- zogenen Divan und den gleiches Aussehen tragenden Fauteuils, den schweren, unter weißem, schleicrartigeu Ucberwurf hervor- schinimcrndcn Gardinen von derselben, grell in die Augen stechen- den Farbe, der hellbraunen, in klar von einander abgegrenzten Feldern die Wände überkleidcndcu Tapete bis zu dem großen, den ganzen Fußboden überdeckenden, ein buntes Gcwürfcl leben- digcr Farben zeigenden Teppich, den blankpolirten Alahagoni- Möbeln, dem prachtvollen Flügel, dem goldenen, von der hohen, reichbemalten Decke in der Mitte des Zimmers herabhängenden Kronleuchter, den allerhand reizvollen, auf den Tischen umher- liegenden Kleinigkeiten, den mit vielerlei glänzenden Schmuck- fachen überall beladenen und mit geschmackvollen Stickereien umhangenen Konsolen und den großen, mit schimmernden Nahmen versehenen Oelbildern an den Wänden übte alles die fast be- rückende Wirkung reichsten Ucbcrslnsses und unbeschränktesten Besizes, der seinem glücklichen Inhaber keine, auch die kost- spieligste Freude nicht zu versagen braucht und ihm auch die verwegensten Wünsche mit Leichtigkeit zu befriedigen ermöglicht. Tie Marchesa führte jezt in leicht dahinfließender, zuweilen selbst scherzhafter Erzählung, wenn auch in weniger grellem Lichte, als es der Wirklichkeit eigen gewesen war, und mit sorg- fältiger Vermeidung aller Umstände, die die Hoffnung ihres Zuhörers etwa hätten ermuntern können, dem Grasen die Szene vor, welche sich eben drüben abgespielt hatte. Femehr es dieser als Genugtuung empfand, daß die Marchesa jezt seinen Scharf- blick, mit welchem er gleich von ansang an die Sachlage richtig erfaßt hatte, rühmen mußte, in desto größerem Maße bildete sich ein das ihm sonst immer in strahlender Schöne vorschwe- bende Bild Serenas wesentlich verdunkelndes Gefühl der Bitter- keit gegen die leztere in seinem Herzen, und desto weniger ver- mochte er sich dem berauschenden Zauber der Marchesa, die ihn mit munterem Wortgetändcl über das Acrgcrnis des Augen- blicks himucgzutänschen und in geschickter Weise seine Gedanken von Serena abzuleiten wußte, zu entziehen, desto leichter war er der verführerischen Kunst, mit der die schöne Frau ihn in hold venvorrene Fäden einzustricken suchte, zugänglich. Der Glutodcm ihrer Leidenschaftlichkeit wehte ihn an und schlug mit mächtiger Flanime in sein Herz ein und begann drinnen ver- borgcne, Plözlich aber mit ungestümem Drängen sein ganzes Wesen dnrchtobeude Triebe zu entzünden; einmal über das andere hing zulczt sein Blick ivie in seliger Verzückung an ihren tiefbranncn, von glühendem Feuer durchleuchteten Augen, und als er sich bei seiner Verabschiedung tief auf ihre zarte, weiße Hand niederbeugte und sie heftiger als sonst küßte, stand in seinem Herzen das Bild des gefährlichen Weibes in flimmern- dem Glänze vor dem Serenas und drängte dieses in tiefes Dunkel zurück, und er träumte wenigstens, daß er das Mädchen, dem bis dahin all sein Sinnen und Trachten gegolten hatte, werde vergessen können. Ter Marchesa aber schlug das Herz feuriger vor Freude und Lust. Ihre seidene Schleppe rauschte über den Tcppich hin. Sie sezte sich wieder an den Flügel und wendete das auf dem Pulte liegende Notenblatt, und ihm, der eben das Zimmer verlassen hatte, hallte es in kräftigen Tonwellen von drinnen heraus über den Korridor nach: Die Fischlein ziehen heimlich im Meer, Es sinken die Arme vom Ruder mir schwer, Und Myrten möchte ich winden und Rosen. Die Nacht ist so siisj zum Küssen und Kosen, Und wonnige Bilder umgaukcln den Sinn: O wisse, wie sehr ich die deine bin!... VIII. Winterlich ernste Stille waltete drüben auf dem Lande, wo die Wasser der Brcuta zwischen flachen, fruchtbaren Usern nach den Lagunen hinunterziehen, und eine leichte Schnee- decke hatte die sonst in üppigstem Grün prangende Ebene über- kleidet. Auch in den Gärten Venedigs zeigte sich der Eintritt der rauheren Jahreszeit. Tie Blumen waren fast alle ver- blüht, und nur eine Anzahl fast immergrüner Bäume hatte sich ihres vollen Blätterschmucks nicht berauben lassen. Melancholisch klagend ging der Wind durch die leis erschau- crndcn Zweige der Zypressen im Garten um den Palazzo dclla Sponda herum, und ans den Gängen zwischen den Bäumen schimmerte es nicht mehr von feinem, leuchtenden Sand, sondern von blendend weißen Flocken, die sich in den leztcn Niichtcu sanft und sacht darüber hingelegt. Nicht minder öd und traurig sah es drinnen in den Gemächern und Korridoren des mächtigen Marmorkolosses aus. Zwar die Diener liefen auch jezt wie sonst geschäftig treppauf, treppab, die Besuche kamen und gingen wie vordem; aber die erstercn warfen mürrische, bedeutsame Blicke einander zu oder raunten sich verdrießlich heimliche Worte zu, die auf ihnen unangenehme Veränderungen im Hause schließen ließen, und unter den Besuchen fehlten ein paar gewohnte, auch der Dienerschaft vertraut gewordene Gäste,— fehlte der Maler Camillo von Winter und sein Schwesterchen Adele. Denn der Marchcse hatte seiner gegen Serena ausgesprochenen Drohung die Tat folgen lassen und sofort, nachdem er an jenem Tage dem Familiensalon den Rücken gekehrt, in einem allerdings in höflichem Tone gehaltenen Schreiben dem Künstler erklärt, daß ihn plözlich eingetretene Umstände, die sich weiterer Erörterung entzögen, zu seinem Leidwesen zwängen, einstweilen auf die weitere Ausführung seines Licblingeprojektcs zu verzichten, und daß er Camillo daher bitte, von einer Forisührung des be- gvnnenen Bildcrzyklns vorläufig abzusehen; er dürfe wohl um so eher auf willige Erfüllung dieses seines Wunsches Hüffe«, als ja mit der eben geschehenen Vollendung des zivcitcn Gc- mäldes seine Arbeit jezt wenigstens einen teilweise» Abschluß gefunden habe. Als Honorar für die fertig gestellten beiden Gemälde erlaube er sich ihm die Hälfte der für den ganzen Zyklus von 12 Bildern vereinbarten Summe anzubieten. Ea- millo hatte aus dieses Schreiben, besten Inhalt ihn natürlich in größtes Erstaunen versezte, eine mündliche Unterredung bei dem Marchcse nachgesucht, die ihm aber mit dem Bemerken versagt wurde, daß sich der leztere nicht im Stande fühle, der- malen überhaupt jemand zu empfangen. Durch ein Schreiben Serenas erfuhr er dann, rvas im Palaste inzwischen vorgegangen, und war nun vollends entschlossen, selbst auf die entschiedene Gegenrede Serenas hin, dem Marchcse persönlich gcgenübcrzn- treten, um seinen Unmut zu beschwichtigen und offen um die Hand der leztcrcn zu werben. Aber auch jezt wurde er nicht vorgelassen, sondern ihm vielmehr durch ein zweites Schreiben des Hcrnr von Montauari bedeutet, daß dieser, seinem Camilla bereits mitgeteilten Wunsche entsprechend, die Angelegenheit ehestens erledigt zu sehen hoffe. Diese, wenn auch'der Form nach höfliche, so doch schroffe Abweisung beleidigte den Stolz des Künstlers auf das höchste, und er drückte dem Marchesen jezt mir in kurzen Worten brieflich aus, daß er. jenem Wunsche gemäß, seine Tätigkeit im Palazzo della Sponda als beendet betrachte, indem er ihm zugleich mitteilte, daß er das von Herrn von Montanari ihm angebotene Honorar nicht akzcptircn könne, sondern nur auf eine kleinere Summe Anspruch erhebe. Dann wußte Serena noch eine Zusammenkunft mit dem Ge- liebten herbeizuführen, die sich zu einem schmerzlichen, traurigen Abschied gestaltete. Camillo beabsichtigte für die Wintermouate nach Rom zu gehen, um einem ihm von dorther gewordenen Austrage zu genügen; wenn er daselbst seine Aufgabe gelöst haben würde, so wollte er, spätestens im März, zurückkehren und dann auf alle Fälle mit dem Marchese zu sprechen suchen. während Serena inzwischen treu ausharren und den Vater ihrem heimlichen Verlöbnis günstiger zu stimmen sich bemühen sollte. Durch Vermittlung der kleinen Adele, die Camillo in Venedig zurücklassen wollte, hoffte man in regem brieflichen Verkehr zu bleiben, so zwar, daß Camillo, um jeder Gefahr einer etwaigen Unterschlagung der Briefe von vornherein auszuweichen, alle für die Geliebte bestimmten Zuschriften seinen Briefen an die Schwester beizulegen und Serena dieselben dann bei dieser ab- zuholcn versprach. Und dann hatten sich die beiden, all ihr Empfinden um die Hoffnung auf Wiedersehen klammernd, Lebe- wohl gesagt,— und vorübergcrauscht war alles, was die jungen Herzen noch vor wenigen Tagen so Süßes und Seliges genossen, vorübergcrauscht wie ein kurzer Traum von Glanz und Glück.... Camillo eilte südwärts nach der alten Hügelstadt, und im Pa- lazzo della Sponda wurde es öd und traurig, wie es eben noch jezt der Fall war. wann ein plözlich gekommener, wenn auch gelinder Winter die weiße Schneedecke über Gärten und Fluren gebreitet hatte. Die einander so verwandten und sonst so nahe stehenden Herzen des Marchese und seiner Tochter hatten sich durch die der Abreise Camillas vorausgegangenen Ereignisse ernstlich cnt- fremdet. Serena saß die längste Zeit still und in sich ver- funken auf ihrem Zimmer, der Erinnerung an die vergangenen Tage nachhängend oder bald luftigen Träumen, bald bangen Besorgnissen für die Zukunft dahingegebcn. In Gegenwart des Vaters suchte sie stets heiter und freundlich zu erschciucu; wie sehr sie sich indes mühte, ihm ein Lächeln abzugewinnen oder ihn zu größerer Wärme im Gespräch anzuregen, er blieb ernst und nachdenklich und ließ sich selten noch in eine lebhaftere Unterhaltung mit Serena ein. Daß dem Marchese bei. alledem das Herz blutete und daß er heimlich ihren eigenen Kummer mit ertrug, davon war Serena überzeugt, denn sie wußte ja, wie sehr ihr der Vater im Grunde zugetan war, und eben darauf stüzte sich ihre Hoffnung, daß sich noch alles zum besten wenden könne. Nur eine war im Palazzo della Sponda, über die kein Gram und kein Kummer Macht zu haben, die kein Aergcrnis zu berühren schien: die Marchesa. Im Gegcnsaz zu allen anderen und im Gegcnsaz auch zu dem sonst in der Regel von ihr beobachteten Benehmen sah sie jezt fast immer heiter und freundlich aus, erwiderte selbst herablassender und weniger kalt als früher die ehrfurchtsvolle» Begrüßungen ihrer Untergebenen, und ihre Lieblinge, der gelbe Kanarienvogel und das weiße Käzchen, schienen es ganz gencm zu wissen, daß ihrer schönen Herrin lustige und heitere Dinge durch den Sinn schwirren mußten, so ausgelaffen spielte sie mit ihnen, so freudig lachte sie zuweilen auf. Jene glockenhelle Stimme tönte jezt noch öfter als zuvor in heiteren Weisen oder zuweilen auch sanft schwermütigen Klängen der Liebe und Sehnsucht über den weiten Korridor, als webte leuchtender Lenz mit wonnigem Leben und seligem Drang in der Brust aus der sie hervorquollen, und der Graf von Larcnte kam noch häufiger denn bisher in das Herr- liche glänzende Prunkgemach des jungen, blühenden Weibes zu Besuch.(Sonftjung folgt.) poetische Aehrentefe. Sang der sonderbare Greise Auf den Märkten, Straßen, Gassen Gellend, zürnend seine Weise: „Bin, der in die Wüste schreit. Langsam, langsam und gelassen! Nichts unzeitig! Nichts gewaltsam! Unablässig, unaufhaltsam, Allgewaltig naht die Zeit. Torenwerk, ihr wilden Knaben, An dem Baum der Zeit zu rütteln, Seine Last ihm abzustreifen, Wann er erst mit Blüten prangt! Laßt ihn seine Früchte reifen Und den Wind die Aeste schütteln, Selber bringt er euch die Gaben, Die ihr ungestüm verlangt. Der alte Sänger. Von A d e l b e r t v. C h a m i s s o. (1833.) Und die aufgeregte Menge Zischt und schmäht den alten Sänger: „Lohnt ihm sein Schmachgesänge! Tragt ihm seine Lieder nach! Dulden wir den Knecht noch länger? Werfet, werfet ihn mit Steinen! Ausgestoßen von den Reinen Treff ihn aller Orten Schmach!« Sang der sonderbare Greise In den königlichen Hallen Gellend, zürnend seine Weise: „Bin, der in die Wüste schreit. Vorwärts! vorwärts! nimmer lässig! Nimmer zaghast! kühn vor allen! Unaushaltsam, unablässig, Allgewaltig drängt die Zeit. Mit dem Strom und vor dem Winde! Mache dir, dich stark zu zeigen, Strom- und Windeskrast zu eigen! Wider beide, gähnt dein Grab. Stcure kühn in grader Richtung! Klippen dort? die Furt nur finde! Umzulenken heißt Vernichtung; Treibst als Wrack du doch hinab.« Einen sah man da erschrocken Bald erröten, bald erblassen: „Wer hat ihn hercingelaffen, Dessen Stimme zu uns drang? Wahnsinn spricht aus diesem Alten; Soll er uns das Volk verlocken? Sorgt, den Toren festzuhalten, Laßt verstummen den Gesang.« Sang der sonderbare Greise Immer noch im sinstern Turme Ruhig, heiter seine Weise: „Bin, der in der Wüste schreit. Schreien mußt ich es dem Sturme; Der Propheten Lohn erhalt ich! Unablässig, allgewaltig, Unaufhaltsam naht die Zeit.« 243 Der erste Schnee. Von A d e l b e r t v. C h a m i s s o. Der leise schleichend euch umsponnen Mit argem Trug, eh ihrs gedacht, Seht, seht den Unhold! über Nacht Hat er sich andern Rat ersonnen. Seht, seht den Schneenmantel wallen! Das ist des Winters Herrscherkleid! Die Larve läßt der Grimme fallen;— Nun wißt ihr doch, woran ihr seid. Er hat der Furcht euch überhoben, Lebt auf zur Hoffnung und seid stark; Schon zehrt der Lenz an seinem Mark, Geduld! und mag der Wütrich toben. Geduld! schon ruft der Lenz die Sonne Bald weben sie ein Blumeukleid, Die Erde träumet neue Wonne,— Dann aber träum ich neues Leid! EV> 5« M- ÄtaiiT l.»ä»-<1»#»*% firf 08e, tritt in einer Monologenpause eine Erbschaft an, M,______— die Statte seil lange Mo- entschließt WWW Ein verkrachter Poeta lanreatns. In England hat man noch die mittelalterliche Sitte— oder richtiger, man hat sie wieder einge- führt— sich einen souveränen Landesdichter zu halten, der regelrecht gekrönt wird, auf Lebenszeit den Titel des Laureate(Lorbeergekrönten) führt und offiziell für den König der lebenden Dichter gilt. Stirbt er, so kommt ein anderer an die Reihe. Der jezige poöta laureatus ist Tennyson, ein Lyriker mit wenig Gedanken aber viel Sprachtalent, für welchen allerdings die Sprache den Hauptteil dcS Dichtens besorgt. Dieser Herr Tennyson wäre der glücklichste Mensch von der Welt— man denke nur, wie wenig Mühe es ihn gekostet hat, die Dichterkrone iu erlangen, und was für ein leichtes, gemütliches Leben(ein halbes Duzend Gedichtchen das Jahr ist schon eine übertriebene Leistung) er haben könnte— wenn er nicht vom Teufel des Ehrgeizes und der Ruhmsucht geplagt wäre. Der lyrische Lorbeer genügt ihm nicht— er will durchaus Dramatiker sein, und sich zum mindesten einen Plaz neben Shakespeare(unter Shakespeare tut ers nicht) erkämpfen. Der «>lle ist gut— in seinen Gedanken— auch das Fleisch mag gut sein, allein der dramatische Genius ist dem armen laureate leider nicht hold. Schon vor zwei Jahren hat er es mit einem Dramä versucht, und statt des erhofften phänomenalen Triumphs blos einen mehr als bescheidenen Achtungserfolg(succes d'estime), den man gescheiter Mitleids- ?rs°lg nennen würde, davon getragen. Die Kritik, obgleich voller Rück- l'chten und Höflichkeit, gab Herrn Tennyson ihre zarten Winke, doch ja Nicht wieder auf daS dramatische EiS zu gehen. Indes, wer kann gegen lein Verhängnis? Der Lorbcergekrönte wußte es bester: er hatte den sberuf, der größte dramatische Dichter der Welt zu werden, und wenn >k»l erstes Stück nicht gefallen, so war das nicht die Schuld des Stückes, sondern die des Publikums. Es galt ein Werk zu schassen, so gewaltig, do« jeder Widerstand verstummen, jedes Bedenken sich in staunende Bewunderung verwandeln mußte. Drei der größten dramatischen Ge- dichte der Welt sind: Hamlet, Faust und Manfred. Wohlan, unser �orbeergekröntcr, der das Zeug in sich fühlte, Shakespeare, Goethe und Byron in einer Person zu sein, sezte sich hin und dichtete ein Drama, °°s den Tiessinn, Gedankenreichtum und die poetische Schönheit dcS Vamlct, Faust und Manfred in sich vereinigte und potenzirte. Das �puS trägt den Titel: The Promise of May(Da» Maiversprechen), »ttrte Mitte November im Globe-Teater ausgeführt(auch ShakesspeareS Stucke wurden im neuen Globe-Teater aufgeführt) und— diesmal »at es kein Durchfall mehr, es war ein Durch kr ach. Em ärgerer 'Ü nie dagewesen. Dieses klaffende Mißverhältnis zwischen titanychem sollen und eunuchischem Können hat förmlich etwaS Beängstigendes. "S" Verdacht kommt einem unwillkürlich, der unglückliche Autor muffe TV gelinde ausgedrückt- nicht ganz richtig im Oberstübchen sein. Die die diesmal unbarmherzig ist. deutet derartiges auch an. Jeden- �lls wird es gut sein, wenn die Verwandten des Herrn Tennyion ein Wachsame» Auge auf ihn habe», und sobald sie merken, daß er wieder einem Drama schwanger geht, ihn aus ganz klein-.Pap.errat.on-n tJen, die höchstens zu lyrischen und ähnlichen Erguyen ausreichen. jfn« Plot(die Fabel) des Stückes ist nicht anzugeben, und zwar auS im �"fachen Grunde, weil kcins da ist. Alles steht in der Lust. Per« xUen und.Handlung"— sit venia verbo. Der zusammengeichweißte wmlet, Faust und Äansred, welcher de» Namen Edgar emp,angen W. entschließt sich in langen geschwollenen Monologen e.n Schuft zu er tmidiliettt firfi— wieder in langen Monologen— ein Mädchen, Der Rathausquai in Zürich.(Illustration S. 541.) Es ist eine alte Erfahrung, daß in den von der Natur am reichsten und schönsten ausgestatteten Gegenden die Leidenschaften der Menschen am heftigsten austreten und oft ein friedliches Zusammenleben auf lange Zeit unmög- lich machen. In dem schönen Spanien, in dem so reichgesegneten Italien, in Südamerika— welche Kämpfe und Wirren, die das Glück der Völker durch Jahrhunderte unmöglich gemacht haben! Auch die herrlich ge- legene Stadt an der Limmat hat ihre Geschichte, reich an blutigen Katastrophen und tragischen Szenen. Auf diesem Boden, der von der Natur sehr verschwenderisch mit Reizen ausgestattet ist und bestimmt scheint, ruhigem Glück und lebensfrohen Genüssen eine Stätte zu ge- währen, flog das Blut von Tausenden in erbittertem Streit zwischen : Bürger und Adel, zwischen freien Schweizern und den mit ihren Usur- pationsbestrebungen so oft herandrängenden Erzherzogen von Oester- reich. Manch stolzes Haupt fiel unter dem Beil des Henkers auf dem Schaffst, aber auch manch kräftiges Wort gegen das Vorrecht ging von dieser Stelle aus. Hierher floh Ulrich von Hutten, um auf freiem Boden zu sterben und Zwingli verströmte sein Blut fiir seine Gedanken. Hier schlug Masscna die Russen und wurde Lavater getötet; hier fand der berüchtigte„Züriputsch" statt. Aber auch die Geächteten aller Länder und aller Art fanden hier ein Asyl; sie atmeten hier ungestört die Lust der Freiheit, nachdem sie in ihrem Vaterlande dem Schaffst oder dem Kerker entronnen. Denn durch alle Kämpfe und Katastrophen hat sich Zürich zu einer sestgegründcten und dauernden Freiheit durch- gerungen, und der Kanton Zürich hat mit Recht den Ruf, die frei- sinnigste politische Bcrsaffung aller Länder zu besizen. So haben jene Kämpfe auch ihre Früchte getragen und schwere Opfer sind nicht um- sonst gebracht worden; was die Ahnen gesäet, ernten die Epigonen. Heute sehen die Häupter der mächtigen Gebirgszüge, die Zürich und seinen See umringen, auf ein friedliches Treiben herab; die politischen Kämpfe werden an der Wahlurne statt in blutiger Schlacht ausgefochtcn, und der sanfte Hauch, der über den blauen See weht, begrüßt eine Stätte modernen und humanen Wirkens und StrebenS. Angehörige aller gebildeten Nationen strömen bewundernd herbei, um den genuß- reichen Aufenthalt an dem schönen und interessanten See zu haben. Der große Fremdenverkehr einerseits, die rasche lokale Entwicklung andererseits verleihen der Stadt einen lebhaften und modernen Karakler; die Straßen sind sehr belebt und das Ganze hat eine» entschieden groß- städtischen Anstrich. Aber neben dem Modernen sehen wir auch ehr- würdige Zeugen der Vergangenheit; unsere Illustration zeigt einen solchen. Es ist das altehrwurdigc Rathaus am Limmatguai, 1699 erbaut, das ein Stück über den Rand des Quais hinaus, in die Limmat hineinragt. Hier ist eine Hauptverkehrsader; man kann hier, wenn man sich längere Zeit aufhalten will, einen großen Teil der Bewohner- schaft und der Fremden vorüberströmen sehen. Das Rathaus selbst mit seinen Hallen im Erdgeschoß und mit seinen drei Stockwerken, ist gerade nicht stattlich, aber historisch merkwürdig; deshalb ist es auch stehen geblieben, trozdcm viele auf seinen Abbruch gedrängt und einen neuen, modern stilisirten Prachtbau verlangt haben. Ein solcher wird mit der Zeit auch wohl noch an die Stelle des gegen- wärtigen Rathauses treten; man kann es aber auch nicht mißbilligen, wenn die züricher Bürger die Zeugen ihrer Vergangenheit mit der ge- ziemenden Pietät aufrecht erhalten. Wo die Natur so viele Schönheit aufweist, kann man sich leicht gegenüber der Kunst soweit bescheiden, um den Denkmälern der Vergangenheit die Existenz zu garantiren. Li. Aus allen Winkeln der Zeitliteratur. Römische Reste in Baiern. Wie an den meisten größeren Donau- zuflüssen, so hatten auch rechts und links des Lechs die Römer eine Straße angelegt, deren eine die am linken User herziehende, welche daS blühende, fundreiche Epfach(Ahodiacum) mit dem mächtigen Augsburg verband, von Burggen bei Schöna«» bis fast nach Donauwört bekannt und noch in Resten erhalten ist. Während von der rechtsseitigen Straße selbst bis jezt noch keine Spuren aufgezeichnet sind, mehren sich in lezter Zeit die Funde, welche wenigstens von Landsberg lechabwärts das Vorhandensein einer solchen Straße sicher vorauSsezcn lassen. Abgesehen von den Münzfunden zu Epsenhauscn, Unteregling, Steidorf, Merching u. s. w., welche den Zug der Straße ziemlich deutlich kennzeichnen, sind in der lezten Zeit in der angedeuteten Richtung einige römische Reste zutage getreten, welche jeden Zweifel ausschließen. So wurden zu Wolsratshausen, eine Stunde nördlich von Friedbcrg bei Augsburg, die Grundmauern eines kleinen römischen Gebäudes aufgedeckt, das nach den Reste» des bemalten Zimmerbewurfs und dem Beton des Estrichs das Landhaus eine« wohlhabenden ManneS gewesen sein mag; eine gute halbe Stunde von diesem Plaze in einer Sandgrube bei Friedberg liegt eine große Masse von römischem Schutt, besonders Gcsäßstücke, aber auch Gesimssteinc und ein Handmühlstcin fanden sich dort, doch so, daß man deutlich erkennt, dieselben seien nicht dort an der Stelle in Verwendung gewesen, sondern anderwärts für unbrauchbar erkannt und dort als Abfall niedergeworfen worden. Da sich im Bereiche der jezigcn Stadt Friedberg außer Münzen bis jezt noch keine Spur römi- Mischer Anwesenheit vorgesunden hat, so bleibt die Aufsuchung des Ursprungs jener Trümmer, die sicher nicht stundenweit hergebracht sind, Ausgabe der dortigen rührigen Lokalsorscher. Iii allerncuester Zeit ist 244 bei Pestenacker, etwa 2>/, Stunde nördlich von Landsberg, in der Richtuna nach Augsburg, neben Spuren von Gräbern eine überraschend große Anzahl ganzer und zertrümmerter römischer Gefäße von ver- schiedener Form, Teller, Krüge, Flaschen, Urnen, aus Glas, Ton, Topf- stein und samischer Erde gefunden worden, wobei ein Löffelchen von Silber, eiserne Messer u. s. w., so daß auch hier eine größere oder eine dauernde römische Niederlassung angenommen werden muß. Unter den Gesäßen erregt namentlich eines die Aufmerksamkeit, weil dasselbe eine etwa 15 Ctm. hohe, 9 Ctm. weite viereckige Flasche aus GlaS, durch Blasen in eine Form hergestellt ist, so daß am Boden der Flasche ein springender Eber und zwei Buchstaben in Relief erscheinen, der eine der Buchstaben ist Q, der andere, halb ausgebrochen, kann nur 0 oder Q gewesen sein. Schließlich darf nicht unerwähnt bleiben, daß auch bei Haltenbcrg, nördlich von Landsberg, die Grundmauern eines unziveifel- Haft römischen Gebäudes aufgefunden, aber nicht völlig aufgedeckt wor- den sind. Zur Statistik der religiösen Bekenntnisse. Heiden und Ungläubige übertreffen an Zahl sehr bedeutend die Bekenner der verschiedenen ge- offenbarten Religionen. Während die Zahl der Heiden und derjenigen, die gar keine Religion haben, auf 800 Millionen geschäzt wird, gibt es 200 Millionen Katoliken, 112'/z Millionen Protestanten, 88 Millionen andere Christen, 100 Millionen Mahomedaner und 6 Millionen Inden. Tos Färben der Ostereier geschieht jezt fast allgemein durch Vc- streichen mit Anilinfarben, wovon alle Nuancen zu kaufen und nur sehr kleine Quantitäten notwendig sind. Das Färben geschieht nach dem Sieden. Früher färbte man ausschließlich mit Pflanzenstoffen, die man mit den Eiern siedln ließ, rot mit Fernambukholz, violett mit den Blumenblättern der schwarzen Malve, blau mit Blauholzspänen zc. Will man Zeichnungen, Namen u. s. w. auf den Eiern anbringen, so kann dieS vor dem Sieden mit Oel geschehen. Die Eierschalen bleiben dann auf den beschriebenen Stellen weiß. Früher wurde in manchen Häusern sehr viel aus die Färbung von Eiern verwendet, und man ver- stand es, durch allerlei Kanslgrisfe, die sorgfältig geheim gehalten wurden, marmorirte tc. herzustellen. Glanz gibt man den gefärbten Eiern durch Ueberstreichen mit einer sehr dünnen Auslösung von arabischem Gummi. Hqgrophor. Unter den Vorrichtungen, welche zum Schuze der Arbeiter geschaffen sind, zeichnet sich ein patentirter Apparat aus, welcher den Namen„Hygrophor" trägt. In allen heißen und staubigen Arbeits- sälen, in denen sich Transmissionen befinden, sollte er zum Wohle der dort Beschäftigten angebracht sein. Es ist dieS ein kleiner vertikaler Ventilator, dessen vier Flügel von korbartigen, mit Schwamm oder stark porösem Tuch gefüllten Rähmchen mit Dratgcwebeüberzug ge- bildet werden. In die hohe Welle des Ventilators strömt Wasser, dringt durch feine Oeffnungen in die mit Schwamm gefüllten Flügel und wird aus lezteren gleichzeitig mit der angehauchten Luft durch Wirkung der Centrisugalkrajt fortgesprüht. Von einem umgebenden Gehäuse werden die fortgeschleuderten Wasserteilchen aufgefangen, doch werden die feineren Partikelchen mit dem durch einen unteren ringsörmigen Spalt des Gehäuses entweichenden Luststrom fortgerissen, der aus diese Weise reichliche Feuchtigkeit und Kühlung in den betreffenden Raum führt. Tie für Holland so wichtige Heringsfischerei ist 1882 so günstig ausgefallen wie seit einem halben Jahrhundert nicht. Mit einem Er- trag von 126 000 Tonnen übersteigt sie den deS bis dahin günstigsten Jahres, 1880, um fast 2500 Tonnen. Etwas aus der guten alten Zeit. Aus einem interessanten Bei- trag zur Kirchengeschichte Dänemarks unter Christian VIll. teilt ein dänisches Journal nachfolgendes Reskript vom 17. Mai 1846 an das Stift Aarhuus mit:„Nachdem wir in Erfahrung gebracht, daß daS Schlafen in den Kirche» allzusehr überhand nimmt, verordnen Wir allergnädigsr, daß in jeder Gemeinde deS StiftS einige Männer ange- stellt werden, welche in der Kirche umhergehen und mit einer langen Klatsche die Leute aus den Kops schlagen, welche schlafen, und auf diese Weise die Kirchengänger wach erhalten." Tie pariser Omnibusgesellschast besaß 1854 400 Wagen und 3728 Pferde; sie besörderte 34 Millionen Passagiere. 1869 beförderte sie mit 758 Wagen und 9301 Pferden 120 Millionen Passagiere; 1880 mit 930 Wagen und 13 201 Pferden 175 Millionen Passagiere; 1881 mit 13 735 Pferden ISO3, Millionen Passagiere. Die aus der Seine ver- kehrenden Dampfer(„Mouches" und„üirondelles" genannt), beförderten 1880 über 13 Millionen Passagiere, die Gesellschaft der südlichen Pferdebahnen 25'/, Millionen, die der nördlichen 12 Millionen. Das russische Reich hat nach der diesjährigen Volkszählung 100 033 342 Einwohner, wovon 85 604 783 aus Rußland, 7 219 077 auf Polen, 2 028 021(1880) auf Finnland, 15 186 456 aus Kaukasien, Sibirien und Centralasien kommen. 1870 waren die Zahlen: 85570645, 65 991 910, 6 078 564, 1 732 621, 11 767 551. Die Vermehrung betrug demnach rund 14'/; Millionen Seelen(zumteil durch Eroberung.) In Petersburg zählte man 1882 927 000 Bxwohner, in Warschau 401 000, in Odessa 198 000, in Kiew 167 000, in Charkow 107 000, in Cherson 128 000, in Lodz 80 000, in Elisabethgrad 63 000, in Dünaburg 52 000, in HelsingforS 45 000. Die Bevölkerung Polens betrug 1816 2 717 287 Seelen, 1832 3 914 665, 1862 4 972 193, 1870 6 078 564, 1882 7 219 077. In der Schweiz soll jährlich für 120 Millionen Mark Alkohol ver- braucht werden; und 2889 Personen fallen jährlich der Trunksucht zum Opfer. In den großen Strafanstalten sind die Hälfte der Gefangenen frühere Trinker, ein Viertel sind Söhne von Trinkern. Die Zahl der Blinden betrug in Preußen am 1. Dezember 1880 22 677(11 343 männliche und 11 334 weibliche) gegen 22 978 im Jahre 1871. Die Zahl der blind Geborenen ist gering im Vergleich zur Zahl der erst später blind Gewordenen. 1871 kamen auf je 10 000 Einwohner 9,3 Blinde, 1880 nur noch 8,3. Die größte Verhältniszahl von Blinden I0,z auf 10 000 fand man in Ostpreußen, die geringste (8*) auf 10 000 im Stadtkreis Berlin.— Taubstumme gab eS 1880 27 794 gegen 24315 im Jahre 1871(10,, und 9� auf 10 000).— Geisteskranke gab es 1880 66 345 gegen 55 043 im Jahre 1871(24, resp. 22 auf 10 000). 1871 kam ein Geisteskranker auf 448 Personen, 1880 einer auf 411 Personen. Unter den Landesteilen Preußens hatte Schleswig-Holstein die größte Zahl Geisteskranker, 33,; von 10 000, die geringste der Stadtkreis Berlin 8,« von 10 000; nächstdem Posen mit 16„ von 10 000.— Unter den Juden gab es Blinde, Taub- stumme und Geisteskranke wesentlich mehr als unter den Christen, vielleicht infolge der strengen Rassenabschließung.— Blinde und Taub- stumme waren 1880 53 Männer und 54 Frauen, blind und gcisteS- krank 179 Männer und 158 Frauen, taubstumm und geisteskrank 582 Männer und 469 Frauen, blind, taubstumm und geisteskrank 32 Männer und 35 Frauen. Rebus. Auflösung des Rebus in Rr. 8: Wer oft geliebt hat, liebte nie. _„, Inhalt: Vom Baume der Erkenntnis. Roman von I. Zadeck.(Fortsezung.)_ Friedrich Kinkel. Ein Lebensbild.(Mit 3«"' ftrntion.)— Zwe. Könige im Tierreich.(Mit Illustration.)- Galerie schöner Frauenköpse: In. Domino..Mit Illustration)- Bilder 0" VcrantwortHchn Rehakku, Bruno Geifer st, Stuttgart. ReWtiou: Neue«einsteige 23._ Edition: Ludwigs, rcße 2, In Druck und Verlag von I. H. W. Dietz in Stuttgart.