Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk< Erscheint alle 14 Tage in Heften ä 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Postämter zu beziehen. Wenn Wattme der KrKenntni Von A. Z cr ö e cft. S. (C. Fortsezung.l vir. Seit dem Tode des Koiumcrzieilrats waren mehrere Monate vergangen. Ter plözliche Tod des angeschenen Mannes, der sich in weiten Kreisen einer großen Beliebtheit erfreut hatte, hatte nicht verfehlt, die allgemeine Aufnierksamkeit in hohem Grade zu erregen. Und obschon es den Bemühungen seines Schwiegersohnes gelungen war, die verwickelten Vermögcnsver- Hältnisse des Verstorbenen so zu ordnen, daß nur die Bctei- ligtcn von den ungeheuren Verlusten erfuhren, welche dieser in den leztcn Wochen zu tragen gehabt hatte; obwohl Georg es sich angelegen sein ließ, die Welt glauben zu machen, daß der Tod seines Schwiegervaters durch einen Schlagfluß herbei- geführt worden war, hatte sich doch allenthalben das Gerücht verbreitet, daß der Komnierzicnrat keines natürlichen Todes ge- stürben sei. Dabei waren, wie sich bei näherer Prüfung herausstellte, die Vermögcnsverhältnisse des Verstorbenen gar nicht so ver- zweifeltcr Äiatur, daß dem unglücklichen Manne kein anderer Ausweg aus dcni Zusammensturz seines Glücks geblieben wäre. Die Katastrophe, welche so plözlich über den Mann hercingc- brochcn war, deni das Glück so lange ununterbrochen gelächelt hatte, hatte seinen sonst so hellen Blick getrübt und ihn mit einer blinden Verzweiflung erfüllt, die seinen Verstand umnachtet hatte. Er hatte so lange an seinen guten Stern geglaubt, daß ihm mit dem Zusammensturz dieses Glaubens der Boden unter den Füßen entzogen wurde und er sich in hilflosem Jammer seiner Verzweiflung überließ. Nun, wo es dem Scharfblick seines Schwiegersohnes über- lassen war, einen Ausweg zu finden aus der prekären Lage, welche der Verstorbene geschaffen hatte, entdeckte Georg zu seiner nicht geringen Ucbcrraschung, daß der Erlös aus den groß- artigen Besizungcn seines Schwiegervaters und den Kostbarkeiten, für welche der Kommerzienrat zeitlebens eine verhängnisvolle Leidenschaft gehabt hatte, hingereicht hätte, um seine Gläubiger zu befriedigen. Nur wäre es voraussichtlich dem verwöhnten Glückskindc schwer geworden, sich von seinen Liebhabereien und den zahl- reichen prächtigen Bauten und Anlagen, die so lange sein Stolz gewesen waren, zu trennen. Es hatte mehrerer Tage bedurft, ehe Georg diesen Ueberblick über die Verhältnisse seines Schwiegervaters gewann. Als er dann die tröstliche Entdeckung gemacht hatte, hütete er sich indes wohlweislich, dieselbe den Kindem des Verstorbenen mitzuteilen. War doch inzwischen etwas vorgefallen, was ihn selbst höchlichst überrascht und die Lage der Dinge völlig verrvandelt hatte. Am Morgen nach jener unheilvollen Nacht, in welcher der Kommerzienrat Hand an sich gelegt, hatte Hedwig ihren Schwager zu sprechen verlangt. So lange hatte sie in stumpfsinniger Ver- zwcislung vor sich hingebrütet und die Augen nicht abwenden wollen von dem Antliz des toten Vaters, dessen anklagenden Blick sie durch die geschlossenen Lider hindurch unverwandt auf sich gerichtet glaubte. Dann war sie ihrem Schwager gegen- übergetreten, mit einer Ruhe, die selbst den kühlen Geschästs- mann, den so leicht nichts aus der Fassung brachte, unheimlich berührte, und hatte ihm gesagt, daß sie bereit sei, die Frau seines Vetters zu werden, wenn dieser sein Wort einlöse, allen Verbindlichkeiten des Verstorbenen gerecht zu werden. Und bei diesem Entschlüsse war sie geblieben troz der Bitten und Be- schwörungen ihrer Schwester, die sich ihrem Willen mit leiden- schastlichcm Ungestüm widersezte. Georg hatte diesen Entschluß mit Freuden begrüßt, obschon er sich diese plözliche Sinnesänderung nicht zu erklären ver- mochte. Was Hedwig in Wahrheit zu diesem Schritt bewegte, konnte er nicht verstehen. Wie hätte er die heiße Neue, die bitteren Selbstanklagen ergründen sollen, die das ernsthafte Mädchen zu diesem verzweifelten Schritte rücksichtsloser Selbst- entäußerung trieben! In der Gleichgiltigkcit, die das unglück- liche Mädchen gegen alles empfand, was ihr eigenes Wohl und Wehe betraf; in dem herzzemißenden Schuldbewußtsein, das ihr die Brust beklemmte, glaubte sie sich nur genug zu tun, indem sie das Schwerste auf sich nahni. Was lag daran, ob sie selbst dabei zu Grunde ging. Hatte sie es doch mit ihrem Herzblut erfahren, wie bitter sich das Schicksal an einem armen Menschen rächt, der in seinem leidenschaftlichen Sehnen nach Glück auch einmal an sich selbst zu denken wagt. Nun itmr sie seit Monaten die Braut Hugo Fichtners, ohne daß Fernerstehcnde darum wußten. Man war übereingekommen, die Verlobung geheim zu halten bis nach Ablauf des Trauer- jahrcs. Hedwig hatte sich an diesen Auseinandersezungen mit keinem Worte beteiligt. Sie hatte es den anderen überlassen, über sie zu bestimmen, nun das entscheidende Wort gefallen war. Von dem Ilmstande, daß der Nachlaß ihres Vaters zur Tilgung seiner Schulden hingereicht hatte, wußte sie ebensowenig als Dora. Die beiden glaubten nicht anders, als daß Fichtner mit seinem Vermögen für ihren Vater eingetreten war. Hedwig hatte das Haus verlassen, in welchem sie die schönsten und schwersten Stunden ihres Lebens verbracht hatte, und>var zu ihrer Schwester gezogen, die sie bereitwilligst bei sich aufgenommen. Am liebsten hätte Hedwig selbst für ihren Unterhalt gesorgt. Es war ihr eine bittere Empfindung, von der Gnade ihres Schwagers abzuhängen. Aber als die Braut seines Vetters durfte sie nicht daran denken, sich gegen dessen Gnade aufzulehnen. So nahm sie denn auch diese demütigende Abhängigkeit hin als einen Teil der Buße, die sie sich selbst auferlegt hatte. Ihr Bräutigam kam täglich in das Haus.ihres Schwagers. Und wen» auch die Heimlichkeit ihres Verhältnisses dem jungen Manne einen gewissen Zwang auferlegte und er das Recht, das er durch sein Verlöbnis ans sie zu haben glaubte, einst- weilen weniger heraussordenid betonte, als sonst in seiner Natur lag, so hatte sie in seiner Gegenwart doch immer die Befürch- tung, als werde der nächste Augenblick die Annäherung bringen, an welche sie nur mit heimlichem Grauen dachte. Einstweilen beschränkte er sich indes darauf, ihr täglich die auserlesensten Blumen zu bringen, da sie andere Geschenke niit mühsam ver- hchltem Troz zurückgewiesen hatte. Tann hatte sie sich selbst Borwürfe gemacht über die Aufwallung schmerzlichen Ingrimms, mit welchem sie den Erstaunten zurückgewiesen. Hatte er doch ein Recht darauf, mit ihr zu schalten wie mit seinem Eigen- tum!— Ter junge Referendar war durch seine Berufsgeschäfte, durch eine Reise, die er in höherem Auftrage am Tage nach jener verhängnisvollen Nacht hatte antreten müssen, einige Wochen von der Hauptstadt ferngehalten worden. Bei seiner Rückkehr erst erfuhr er das Traurige, das sich inzwischen ereignet hatte. Als er dann, tief erschüttert, das Helldorfschc Haus aufsuchte, trat ihm Hedwig an der Seite ihrer Schwester so schweigsam und zurückhaltend entgegen, daß er ihren stummen Schmerz ehren zu müssen glaubte. So hatte er mit keiner Silbe das Vorgefallene erwähnt und hatte mit ihr nicht anders verkehrt, als wäre er nur einer der zahlreichen Besucher ihres väterlichen Hauses gewesen und nicht ein Freund, dem sie ihr ganzes Herz erschlossen hatte und der ihr näher stand als irgend ein Mensch in der ganzen Welt. Dann hatte er wohl zu wicderholtcnmalen den Versuch ge- macht, iu einem Augenblicke des Alleinseins den warmen, freund- schaftlichen Ton wieder anzuschlagen, der früher zwischen ihnen geherrscht hatte. Aber sie vermied es sichtlich, mit ihm allein zu bleiben und war, wenn der Zufall sie wider ihren Willen mit ihm zusammensührtc, so kühl und schweigsam, daß er sich ihr verändertes Benehmen ihm gegenüber, der sich doch keiner Schuld bewußt war und ihr nach wie vor herzlich zugetan war, nicht zu erklären vermochte. Um ihr Verlöbnis wußte er nicht. Und da er in den lczten Monaten weniger häufig mit ihr zu- sammentraf und nicht mehr wie sonst ein täglicher Gast des Hauses war— teils weil er vor dem Assessorexamen stand und sehr beschäftigt war, teils, weil ihn ihre Kälte und Gleich- gültigkcit beleidigte und reizte— war ihm die häufige An- Wesenheit des jungen Fichtners in dem Hause seines Vetters nicht sonderlich aufgefallen. Heut nun saßen die beiden Schwestern in dem prächtig ansgestatteteu Wohnzimmer, dessen granatfarbenc Seidenvor- hänge in dem blendend weißen Gaslicht ein rosiges Inkarnat auf ihre bleichen Gesichter zauberten. Ihnen gegenüber saß Richard, ein Buch in der Hand, aus welchem er den Schwestern vorlas. Er hatte sich in den Monaten ihres täglichen Bei- sammenseins so daran gewöhnt, alle hervorragenden Erscheinungen auf dem Gebiete der Kunst und Literatur in Gemeinschaft mit Hedwig zu genießen, daß es ihn noch immer unwiderstehlich drängte, alles Schöne und Bedeutende mit ihr zu teilen, wie fremd und kühl das Verhältnis der beiden sich auch sonst in der leztcn Zeit gestaltet hatte. So hatte er auch heut ein Werk mitgebracht, daß bei seinem Erscheinen vor wenigen Tagen nicht verfehlt hatte, einen mächtigen Eindruck auf sein für alles Schöne empfängliches Gemüt hervorzubringen— wie wenig er sich auch innerlich dem stolzen Geist vcrivandt fühlte, der aus jeder Zeile dieser Gedichte sprach. Es waren die Gedichte Lcopardis, au deren Nebersezung der feinfühlendste unserer zeit-, gcnössischcn Dichter aufs neue sein wunderbares Formgefühl und seine seltene Fähigkeit des Hincinlcbens in fremden Geist in klassischer Weise bekundet hat. Und während der junge Mann mit voller, wohlklingender Stimme die schönen Verse vorlas, in denen der Dichter des Weltschmerzes seinen Leiden die Zunge gelöst hat: sah er immer wieder verstohlen auf Hed- wig, um zu erkennen, welchen Eindruck diese Worte auf sie machten, der diese leidenschaftlichen tiefschmerzlichcn Dichtungen mehr bedeuteten als die erschütternden Zeugnisse eines fremden Geisteslebens. So war es auch. Sie hatte anfangs teiluahmlos dagesessen; die Hände müßig im Schöße verschlungen, den Blick der großen, dunkeln Augen nach innen gerichtet. Kaum daß sie auf die Worte des Vorlesers geachtet hatte. Dann hatte der berauschende Wohllaut der Sprache ihr Ohr gefangen genommen, daß sie aus ihrer Stumpfheit erwachte und auf- horchte. Als sie dann in den schönen, schwermütigen Versen den ver- wandten Geist erkannt hatte, dessen Worte sich wie mit Flammen- schrift in ihr Inneres gruben und sie ihr Selbst vergessen ließen, in reger Anteilnahme an seinen Schmerzen, die sie doch wieder berührten, als wären es ihre eigenen— als wäre es ihr eigenes Seelenleben, das sich mit leidenschaftlicher Inbrunst in diesen Worten aussprach: hing ihr Blick wie bezaubert an dem Munde ihres jungen Freundes. Er tat, als merke»er die Aufregung nicht, die sie bewegte, und fuhr fort zu lesen, ruhig ohne Unterbrechung. So hatte er, der Reihenfolge nach, einige der Kanzone» gelesen, mit ge- dämpster Stimme, wie es die ernste, weihevolle Stimmung, die über diesen Dichtungen brütet, unwillkürlich mit sich-bringt. Nun war er an die schwermütigen Verse von dem Leben des Ein- samen gelangt, dem von den Menschen übel mitgespielt worden und der sich nun an die Natur wendet und sie um Mitleid anfleht— die Natur, deren tiefe Ruhe allmälich auch sein Herz in Ruhe wiegt und ihn der Welt und seiner selbst vergessen macht. Und iu dem regungslosen Schweigen der Natur ergreist den Müden die Erinnerung der Vergangenheit; jener Zeit, da die Liebe sein Herz zuerst durchbcbte und sich seinem jungen Blick der Schauplaz dieser armen, unseligen Welt mit dem Lächeln des Paradieses zuerst eröffnete, wo ein jungfräuliches Hoffe» und süße Sehnsucht das Herz des Jünglings im Busen klopfen macht und der arme Mensch sich zu der Arbeit dieses Lebens anschickt wie zu Tanz und Spiel. ————— Doch kaum, o Liebe, war Ich deiner inne worden, als das Schicksal Mein Leben schon zerbrach und diesen Augen Nichts mehr geziemt, als für und für zu weinen.— Hedwig war mit einem unterdrückten Laut aufgefahren und hatte das Zimmer verlassen, ehe einer der Anwesende» sie zurück- halten konnte. Richard sah bestürzt auf. Er wollte ihr nach- eilen. Aber Dora, die ihrer Schwester mit einem schmerzlichen Lächeln nachgesehen hatte, hielt ihn zurück. „Bleiben Sic," sagte sie ernst.„Lassen Sie sie allein. Was können Sic dafür, daß jeder menschliche Schmerz laut dir Aermstc an ihr eigenes Schicksal zu mahnen scheint!"— Dann, als er heftig den Kopf schüttelte und ihr eindringlich zu machen suchte, wie gefahrlich es für ei» Mädchen von Hcd- wigs Gemütsart sei, wenn man ihr gestatte, sich rückhaltslos ihrem Schmerze hinzugeben und sie in ihrer geistigen Verein- samung dahinleben lasse, ohne den Versuch zu machen, ihr Vcr- trauen zu gewinnen, sagte Dom mit herbem Spott: „Ich habe keinen sonderlichen Respekt vor Ihrer Mensche»- kcnntnis, Richard. Glauben Sie wirklich, daß man seine Schmerzen weniger fühlt, wenn man zu andern davon spricht?" „Gewiß," entgegnete er lebhaft.„Die Teilnahme befrenn- deter Mcnichcn läßt uns unser Unglück in einem milderen Lichte erscheinen." Tora lächelte ungläubig. „Haben Sie noch nicht die Erfahrung gemacht," sagte sie dann bitter,„daß es Menschen gibt, denen die Natur den Stempel des Leidens so unverkennbar aufgedrückt hat, daß es eine Torheit wäre, gegen diese Bestimmung anzukämpfen? La bosse du martyr hat es einer genannt. Meine Schwester ist solch unseliges Geschöpf." „Aber Tora," unterbrach sie der junge Mann in aufrich- tigcm Entsczen.„Wie können Sic so trostlose Worte sage»? Das Traurige, das Sie in leztcr Zeit erfahren haben und das auf Hedivigs reizbares Gemüt einen so tiesverwundcnden Ein- druck gemacht zu haben scheint, gibt Ihnen doch immer noch kein Recht zu dieser Blasphemie." Tora lehnte sich in ihren Sessel zurück. „Sie sind ein glücklicher Mensch, Richard," sagte sie.„Ich könnte Sie fast um Ihren Optimismus beneide», wen» ich nicht unfehlbar wüßte, daß er früher oder später doch Schiffbruch leiden würde." Richard sah immer verwunderter drein. „Also auch Sic teilen die pessimistischen Anschauungen Ihrer Schwester? Das wußte ich nicht. Und, offen gestanden, vcr- stehe ich es auch nicht. Sie, die gefeierte, von Glanz und Reichtum umgebene Frau, deren Schönheit und Geist von allen Seiten gehuldigt wird, von Ihrem Manne angebetet—" Sie lachte hell auf. „Seien Sie ohne Furcht, Richard," unterbrach sie ihn spot- tcnd.„Es ist auch nur eine vorübergehende Laune— eine unschuldige Marotte, die mich in Stunden der Langeweile, deren ich täglich vicrundzwanzig habe, befällt. Aber um auf Hedwig zurückzukommen— Sie sind im Irrtum, wenn Sic glauben, daß es einzig Papas Tod ist, der sie so umgewandelt hat. Ihnen, der Sie so lebhafte» Anteil an dem armen Mädchen nehmen, kann ich es ja sage». Schien es mir doch selbst eine zcitlang, als wären Sic meiner Schwester mehr als ei» Freund." Und nun erzählte sie ihm die Ereignisse jener unglücklichen Nacht, wie sie sie von ihrem Manne erfahren hatte, und den Entschluß Hedwigs� die Ehre ihres toten Vaters uni den Preis ihres eigenen Glückes zu retten. Tic Gefühle, welche Hedwig bei diesem Entschluß geleitet hatten, erriet sie instinktiv. Diese selbst hatte weder mit ihr, noch mit einem anderen Menschen je davon gesprochen. Richard hatte die traurigen Enthüllungen mit sprachlosem Erstaunen aufgenommen. „Es ist nicht möglich," fuhr er nun auf, als Tora schwieg. „Das darf nicht geschehen. Sie müssen suchen es rückgängig zu machen. Denken Sie. das weiche, zartfühlende Mädchen, das in seiner Reinheit und Unerfahrcnheit den Abgrund menschlicher Verworfenheit nicht kennt, nicht ahnt, und dieser Mensch, der das Leben genossen hat bis zum Ekel und de» der Reiz des Ungewöhnlichen, des Fremdartigen nun zu einem Weibe zieht. dessen rührende Unschuld seinen lüsternen Blick reizt! Dieser Mensch, dem nichts heilig ist— dem es Vergnügen bereitet, die Empfindungen anderer mit Füßen zu treten und niit seinen frivolen Scherzen den jugendlichen Sinn zu vergiften und zu verderben. Es darf nicht sein. Wie können Sic die Hände in den Schoß legen und es ungerührt mit ansehen, daß das ahnungslose Mädchen zu Grunde geht in der Unsittlichkeit eines solchen Verhältnisses?— Bei meinem Leben, nie zuvor habe ich meine Armut so bitter empfunden als in diesem Augen- blick. Aber Sic, Tora, die Sic über Reichtümer ver- fügen— Sie hatte sich erhoben und stand ihm hoch aufgerichtet gegenüber. Nun glitt eine flüchtige Röte über ihr schönes Gesicht. „Sie vergessen, daß ich eine Frau bin, Richard," unter- brach sie ihn mit einer Schärfe, die ihrem hellen, klangvollen Organ sonst fremd war.„Eine verheiratete Frau, der das Gesez zwar Pflichten, aber keine Rechte zuerkennt. Auch muten Sie mir einen größeren Einfluß auf meinen Mann zu, als ich in Wirklichkeit bcsize." Er hatte sich gleichfalls erhoben und stand ihr gegenüber, die Spuren lebhafter Aufregung in seinem hübschen, jngcnd- liehe» Gesicht. „Verzeihen Sie meine Kühnheit, Tora," sagte er und drückte ihre Hand, die sie ihm willig überließ.„Aber ich kann es noch immer nicht glauben, daß wir nichts tun können, das arme Mädchen seinem Schicksal zu entreißen. Sie haben Recht ge- sehen— ich habe Ihre Schwester so lieb, daß ich mit Freuden mein Leben lassen würde, wenn ich sie dadurch vor dem im- seligen Geschick bewahren könnte, das ihrer wartet. Versprechen Sie mir wenigstens das eine, daß Sie Sich Mühe geben wollen, Hedwigs Vertrauen zu gewinnen, sie zum Reden zu bringen. Ich selbst bin— Sie wissen es ja so gut als ich— leider niemals in der Lage, mit ihr allein zu sein. Hat es doch fast den Anschein, als fürchte sie sich, mit mir allein zu bleiben." Er hielt noch immer Doras Hand in der seinen und sah sie bittend an. Im selben Augenblick wurde die Tür geöffnet und Helldorf trat in das Zimmer, gefolgt von seinem Vetter. Mit einem raschen Blick überflog er die Gruppe am Fenster, die ihn sehr zu intcressiren schien. Dann begrüßte er Richard, welcher Mühe hatte, die Aufregung zu verbergen, die in seinen lebhaften Augen funkelte und seinen Bewegungen etwas Unstätes gab.- Die Herren machten es sich an einem der kleinen Tische bequem, die in dem Zimmer verstreut waren. Dann glitt ihr Gespräch über die brennenden Tagesfragen hinweg, auf das Gebiet jener noblen Passionen, auf welchem Helldorf anerkanntermaßen seine Triumphe feierte. Fichtner, der bei seinem Kommen Tora mit vollendeter Eleganz die Hand geküßt und dann mit dem unerschütterlichen Phlegma, das seine Sprache und jede seiner Bewegungen kenn- zeichnete, nach Hedwig gefragt hatte, beteiligte sich nur schwach an der Unterhaltung. Mit seinen verschleierten Augen, die unter den schweren Augenlidern in schmalen Streifen hervor- schimmerten, sah er gelangwcilt drein und warf nur hin und wieder ein Wort dazwischen. Dem jungen Referendar, der den Verhaßten mit einer Aufmerksamkeit musterte, wie er sie dem blasirtcn Lebemanne nie zuvor geschenkt hatte, erschien dies bleiche, bartlose Gesicht, in welchem kaum ein Blutstropfen zu sehen war, mit dem spärlichen Haupthaar und dem müden Zng um die farblosen Lippen als die Verkörperung lebensüberdrüs- siger Blasirtheit. Tora hatte das Zimmer verlassen, um ihre Anordnungen für den Abend zu treffen. Dann, als man zu Tische ging, kam sie mit Hedwig zurück. Richard stieg das Blut ungestüm in die Schläfen, als er gewahr wurde, mit ivclch ruhiger Sicherheit Fichtner seinen Plaz neben dem jungen Mädchen einnahm, als verstünde sich dies von selbst. Er selbst sczte sich ihr gegenüber, um ihr liebes, ernsthaftes Gesicht, das in seiner rühren- den Blässe, in dem erloschenen Blick der schönen, stillen Augen die sichtbaren Zeichen eines tiefen Seelcnleidens trug, besser beobachten zu können. Aller Groll, den er so lange gegen sie empfunden hatte— der Zorn über ihre Kälte, ihre unverkennbare Abneigung, den früheren freundschaftlichen Verkehr wieder anzubahnen, in welchem sie beide sich so wohl gesuhlt, war untergegangen in dem Gefühl der Trauer, des Mitgefühls mit ihrem tragischen Geschick. Sie wagte nicht, den Blick zu ihm zu erheben und saß stumm und in sich gekehrt da. Ob Dom ihr gesagt chatte, das; er um das traurige Geheimnis ihres jungen Lebens wußte? Die Speisen berührte sie kaum. Auch war die Stimniung bei Tisch anfangs eine sehr ge- drückte. Dom, die mit ihrer entzückenden Beweglichkeit sonst stets den Mittelpunkt des geselligen Lebens bildete, war heute fast so einsilbig als ihre kleine Schwester. Und da auch ihr künftiger Schwager langst über die Eitelkeit hinaus war, durch seine Unterhaltungsgabc glänzen zu wollen und sich nach wie vor in das tcilnahmlose Schweigen hüllte, das er nur ungern verließ, mußte Richard im Verein mit Helldorf die Kosten der Unterhaltung tragen, wie wenig aufgelegt er sich auch dazu fühlte. Allmalich wich indes die gedrückte Stimniung, die anfangs innerhalb des kleinen Kreises geherrscht hatte. Richard hatte sich nach und nach in seine frühere Lebhaftigkeit hincingesprochen und Dora mit sich fortgerissen. Es reizte ihn, das blasse Mündchen seiner kleinen Freundin wieder einmal lachen zu machen, so recht aus vollem Herzen, wie er es durch seine Scherze und Eulenspiegeleien sonst zuwege gebracht hatte. Aber sie schien unempfindlich mich für seine schönsten, treffendsten Wize, die selbst ihrcni apatischcn Nachbar ein leises Lächeln abge- wannen. Dann, als das Abendessen beendet war und sich inzwischen noch mehrere Freunde des Hauses, junge, leichtsinnige Lebe- niänncr, eingefunden hatten, war man in das Wohnzimmer zurückgekehrt. Tora hatte ihre Lebhaftigkeit wiedergewonnen und scherzte und lachte scheinbar unbefangen mit ihren Gästen. In- mitten des Zimmers war ein Spieltisch aufgeschlagen wor- den, an welchem Hclldorf mit mehreren seiner Freunde saß. Dazwischen fand er immer noch Zeit, sich an der Unterhaltung zu beteiligen, die auf der andern Seite des Zimmers in vollem Gange war. Richard hatte sich ein wenig von den andern zurückgezogen. Er beobachtete unverwandt Hedwig, die etwas abseits an einem der zierlichen Tischchen saß und mit den blassen, kleinen Händen in nervöser Aufregung in den Büchern und Bilden: blätterte, die dort lagen. Ihr Bräutigam hatte sich zu ihr gesezt und begnügte sich damit, sie anzusehen und von Zeit zu Zeit einige leise Worte an sie zu richten, die sie mit erzwungener Ruhe beantwortete. Helldorf hatte die beiden schon zu wiederholten malen mit leisem Lächeln angesehen. Die eigentümliche schweigsame Art, in welcher der glückliche Bräutigam seine ernsthafte kleine Braut mit seiner Aufmerksamkeit verfolgte, schien ihn zu belustigen. In seinem gewissenlosen Leichtsinn dachte er nicht daran, die ruhige Würde zu ehren, mit welcher Hedwig die Folgen ihres opferwilligen Schrittes trug, obschon er doch am besten wissen mußte, wie schwer ihr dieser Schritt geworden war. Nun, da sein Blick immer wieder auf die beiden fiel, die so ruhig bei einander saßen, schien ihm ein Wort auf den Lippen zu schweben. Doch zögerte er immer wieder, es auszusprechen. Als aber eine Viertelstunde nach der andern verrann, ohne daß die beiden in ihrem gegenseitigen Verhalten lebhafter geworden wären, litt es ihn nicht länger ruhig an seinem Plazc. lb:b mit einem übermütig spöttischen Lächeln um seine vollen Lippen neigte er sich zu seinem Vetter hinüber und rief ihm mit halblauter Stimme zu: er habe noch in seinem Leben keinen so hölzernen Liebhaber gesehen, als seinen ehrenwerten Vetter. Weshalb die beiden sich eigentlich von den andern isolirt hätten? Wenn ihm wirklich nichts einfalle, um sich und seiner Braut die Lange- weile zu vertreiben, so soll er jenes weisen Spruches eingedenk sein: Wenn Liebhabern der Stoff ausgehe, so sei der schick- lichste Behelf, zu küssen. Dann hätte ihre Absonderung von der übrigen Gesellschaft doch wenigstens einen Zweck. Und daß die Lippen seiner Braut so süß seien, wie irgend welche, die jener in seinem Leben je berührt habe, dafür stehe er ein, dessen Kompetenz insachcn des Geschmacks wohl niemand an- tasten würde. Richard hatte die Worte nicht verstanden, die jener lachenden Mundes dem andern zugerufen hatte. Er sah nur die glühende Röte, die einen Augenblick Hedwigs Gesicht bedeckte, um dann einer starren, unheimlichen Blässe zu weichen. Dabei sah sie mit einem Blicke hilfloser Verzweiflung um sich, als dürfe sie kaum hoffen, daß ein anderer ihr zuhilfe kommen werde. Im selben Augenblick war Richard an ihrer Seite und zog so gleich- mütig, als sei er sich nicht im entferntesten bewußt, welchen Dienst er seiner kleinen Freundin in diesem Augenblick geleistet hatte, einen Stuhl neben den ihren. Dann brach er ein Harm- loses Gespräch vom Zaun, wie es ihm in seiner Aufregung gerade einfiel, und fühlte sich für sein plözliches Dazwischen- treten, das, wie er wohl wußte, in den Augen der andern lächerlich genug erscheinen mochte, hinreichend belohnt durch den Blick stummer Dankbarkeit, der aus Hedwigs Augen brach. Ihr Nachbar zur Linken war von dieser wenig zeitgemäßen Störung ihres tete-ä-tete nicht sonderlich erbaut. Unter seinen gesenkten Augenlidern sah er den Störenfried mit einem Blicke an, der nichts gutes verkündete. Aber er sagte nichts und vcr- riet auch sonst durch keine Bewegung seines undurchdringlichen Gesichts, wie unangenehm er die Störung empfand. Tora war, ohne daß jemand darum wußte, eine stumme Zeugin der kleinen Szene gewesen. Sie hatte den Blick auf- gefangen, den Hedwig in ihrer Verzweiflung um sich geworfen hatte, und war im Begriff gewesen, ihr zuhilfe zu kommen und sie an ihre Seite zu rufen, als Richard durch sein Dazwischen- treten ihr Einschreiten überflüssig machte. Inmitten der leb- hastestcn Unterhaltung mit ihren Gästen hatte sie die kleine Gruppe an dem Tischchen nicht aus den Augen verloren und es war ihr nicht entgangen, daß ihr Mann der Urheber des Zwischenfalls gewesen war, der sich soeben hier abgespielt hatte, ohne daß die Mehrzahl der Anwesenden darum wußte. Und es lag auf der Hand, daß diese Wahrnehmung nicht angetan war, die schöne Frau gegen ihren Gatten versöhnlicher zu stimmen. Beim Abschied reichte Richard dem jungen Mädchen un- willkürlich beide Hände dar. Sie legte errötend ihre kleine Hand hinein und lächelte ihn an, als wolle sie ihn damit über ihr trauriges Los beruhigen, daß er vor dem jungen, schwäch- lichen Geschöpf, welches sein unseliges Geschick mit so stummer Ergebung trug und alles Leid in sich selbst vergrub, am liebsten in die Knie gesunken wäre. Er glaubte einen wärmeren Hände- druck zu verspüren, als ihm seit langer Zeit zuteil geworden, und riß sich nur mit schwerem Herzen los. Als er dann unten angelangt mar, fiel ihm ein, daß er das Buch vergessen habe, aus welchem er den Schwestern heute vorgelesen. Und ohne auf die anderen zu achten, die unter Lachen und Scherzen den Heimweg antraten, stürmte er noch- mals die! Treppe hinan. Im Grunde seines Herzens hoffte er, Hedwig noch zu bc- gegnen, die ihm in der Verklärung des Unglücks reizender und begehrenswerter erschien als je. Der Glorienschein, mit welchem die Legende das Haupt des Mannes umwoben hat, der um seiner Menschenliebe willen gehaßt und gekreuzigt ward— die Phantasie des einzelnen flicht ihn um die Stirn jedes Unglück- lichen, der um seiner Ucberzeugung willen leiden muß. Das Glück war ihm günstig, günstiger als er zu hoffen gewagt hatte. Hedwig war allein in dem Wohnzimmer zurückgeblieben. Sic hatte beide Hände auf den Tisch gestüzt und sah vor sich nieder— als stünden in den launenhaften Arabesken, mit welchen eine geschickte Hand die dunkle Fläche geschmückt hatte, geheimnisvolle Schristzeichen, die ihr die verworrenen Schicksale ihres jungen Lebens künden sollten. Richard stürzte auf sie zu und faßte ihre Hände. 3i(> „SU ein armes, geliebtes Mädchen," flüsterte er zärtlich und wollte sie an sich ziehen, die sich ihm mit einer gewaltsamen Anstreiigung entzog. „Nicht so, Richard," sagte sie und sah ihn an. daß er diesem Blicke rührender Bitte gegenüber keinen anderen Willen kannte, als den ihren.—„Lassen Sie mir wenigstens das eine, die Erinnerung an unsere Freundschaft, rein und ungetrübt. Sic wissen ja, daß ich nicht länger mir selbst angehöre. Jezt, wo alles aus ist, kann ich es Ihnen ja sagen— ich habe Sic sehr lieb gehabt; so lieb, daß mir oft war, als könnte ich nicht leben, ohne Sie zu sehen und in Ihren Augen zu lesen, daß auch Sie mich ein wenig lieb haben. Ich habe eine heimliche Scheu empfunden, Ihnen meine Liebe zu zeigen. Ich dachte, Sie müßten darum wissen, ohne daß ich es Ihnen zu sagen brauchte, wenn Ihnen an meiner Liebe gelegen wäre. Nun, wo das Leben sich zwischen utts gedrängt hat, ist es vorbei mit meinem Stolz. Jezt habe ich nur den einen Wunsch, daß Sie mich ein wenig lieb behalten und meiner freundschaft- lich gedenken wollen, wenn wir einander nicht mehr sehen werden." Sie hatte das lcztere mit vibrirender Stimme gesagt und reichte ihm nun zum Abschied noch einmal beide Hände, die er mit einer leidenschaftlichen Gcberde an seine Lippen drückte. Als er dann gegangen war und das Mädchen allein saß in ihrem Stäbchen, das von dem bleichen Mondlicht nur notdürftig erhellt war, stiiztc sie den Kopf in beide Hände und weinte bitterlich. Es war das erstemal seit dem Zusammensturz ihrer schönen Träume von einstiger Glückseligkeit, daß Tränen ihr gepreßtes Herz erleichterten. iFortsczung folglp L o n d du c r Bilder. Von Kein rieh'Alenme. III. Es war am Vorabend des Pfingstfcstes, Samstags also, als ich, auf die Straße tretend, überrascht wurde durch einen fliegenden Krammarkt, der sich in de» Seitenstraßen und Gäßchen ctablirt hatte. Die Läden öffneten ihre Türen weit und hatten ihren Inhalt auf den Fußsteig vorgeschoben, um die Kauflust zu reizen, am Straßenrande waren Karren aufgefahren, auf denen Gemüse, Früchte, Blumen, Haushaltungsgegcnstände, Spielwaaren u. a. m. dem Passanten sich darboten; die Eigen- tümer dieser Dinge sahen aber nicht untätig darein: sie be- mühten sich, durch schreiende Empfehlung der Waaren dem stummen Bemühen der Schaustücke zu Hilfe zu kommen. Anfangs betäubt der Lärm, der unnötigenveise noch verstärkt wird durch spcktakelsüchtige halbwüchsige Burschen, durch die nimmer- fehlenden Drehorgeln und Lärmszenen vor den Bierschcnken. Die Gaslaterncn genügen nicht diesem Marktverkehr: die meisten Händler benuzen darum die bekannte Ligrolnflamme, die im Winde flatternd, ein Ungewisses Licht auf die Karrenwaare wirft. Bis spät in die Nacht dauerte der Markt, erst um Mitternacht mahnten die Schuzleute zum Aufbruch; es galt Provision für zwei Tage oder mehr zu erhandeln, da an Sonn- und Fest- tagen die meisten Läden geschlossen sind. Am Sonnabend komnit der Handwerker und Arbeiter überhaupt in die Lage, die Frau mit einem Teil oder dem ganzen Lohne auf den Markt senden zu können; darum ist auch in allen Stadtteilen mit Arbeiter- bcvölkcrung dasselbe bunte Treiben an Sonnabenden Abends, auch wohl Montags zu finden. Gewisse findige Köpfe spekulircn auf die Ansammlungen Kauflustiger, und da sieht man Zauber- künstler, Gesundhcitsschuzbindenverkänfer, welch lcztere zum Bc- iveisc ihrer Wissenschaftlichkcit eine sehr problematische Abbildung des menschlichen Körpers im Durchschnitt rcpräsentiren und erläutern; Hnstenkandishändlcr; Dratarbeitcr, die vor aller Augen Spielereien oder Toastgabeln anfertigen; Musiker mit transportablen Glockenspielen.— wer nennt sie alle! Je besser ihr Redefluß, je kräftiger ihre Stimme, desto größeren Vorteil haben sie über die Minderbegabten. Das Ausrufen wird in London im allgenicinen als Kunst angesehen, und jeder Geschäftszweig hat bestimmte Formeln der Ankündigung. Der Milchmann hängt seine verschlossenen Känn- che» an die Eisengitter und kündigt sein Erscheinen durch einen unartikulirten Laut„aoub!" an, der ursprünglich aus Cow (Kuh) hervorgegangen zu sein scheint, denn bisweilen hört man „cow". Weshalb sie nicht ,,muh" rufen— was doch logischer wäre— ist mir unklar. Der mufßn-man(Händler mit den dem Deutschen wenig schmackhaft erscheinenden Muffins, einem lockeren Gebäck) läßt dagegen vornehmlich seine Glocke reden, die er unaufhörlich die Straßen entlang schwingt. Die Wasser- kressehändlcrin— in der Regel eine jeder natürlichen oder künstlichen Schönheit bare alte Frau, mit mehr oder weniger zcrfeztcn Kleidungsstücken umhängt, aufgeschürzt, so daß die schlotternden Strümpfe in zerrissenen Schuhen sichtbar sind— schreit singend in halber Molltonsolge, mit SUannesstinimc, daß sie prächtige, frische Kresse hat, die der Engländer als Beispcise zum Tee hochschäzt.„Cane-drairs to raend"(Stühle zu flicken) worin das cane im londoner Dialekt wie„kein", klingt— ist der Ruf des Stuhlflechters, der seine Arbeit zusammenholen muß. Das sind die täglichen Erscheinungen, seltener kommen Töpserlvaaren, fliegende Gärtner und Gemüsehändler. Allen ist der melancholische Tonfall zu eigen, der— aller Freude bar — ganz geeignet ist, das Gefühl irdischen Jammers in uns wachzurufen. Am Pfingstmorgen war London tot; früh. waren Einzelne und kleine und große Gesellschaften hinausgezogen ins Grüne, soweit die Kassenverhältnisse es erlaubten. Das„liebliche" deutsche Pfingstfest ist hier unbekannt, kein Gritn schmückt die Häuser, kein Pfingstochse erregt den Appetit— die Läden sind geschlossen, die Straßen leer. Wer nicht mit hinausfahren kann, geht mindestens in einen der Parks. Hier sind die Rasenpläze belebt von hundert und tausend Kricketspielern, Knaben, Jüng- lingen und Männern, in farbiggcstrciftcn Miizen, die Ballwerfcr behandschuht, die Schläger mit Schienbinden, und die Spicllust hält sie den ganzen Vormittag oder Nachmittag fest. In den Alleen und auf den freigelassenen Graspläzcn lustwandeln die Spaziergänger— der Rasen darf in der Regel betreten werden und nur die Bluncenaulagen müssen geschont werden. Darum gewährt der Park ein anmutiges Bild; grustpenwcisc lagert man sich unter den Bäumen, die die umgebenden Stadtteile ganz verhüllen— man dünkt sich weit entfernt vom Weltgewühl. Wenn es dunkelt, dienen die Gaslaterncn an den Hauptwcgcn als Führer: die Jungen und Alten kehren heim, und die Parks bleiben den Liebespärchen überlassen, soweit sie nicht mit Ein- tritt der Dunkelheit ganz gesperrt werden. Namentlich der Hydepark ist sehr beliebt; bis Mitternacht haben Liebende es in ihrer Macht, am Sceufer oder unter den Bäumen zu kosen, und zunächst verteilen sich die Pärchen diskret, eine einsame Bank aufsuchend; meist genügen aber die vorhandenen Bänke nicht, und-so findet man zwei, auch drei Pärchen eng der- schlungen auf derselben Bank; Dienstmädchen und Soldaten bilden das Hauptkontingent. Ist die Schlnßzeit gekommen, erscheinen die mit Halbuniform versehenen, goldbordhütigen Parkwächter und rufen„All out"(Alle hinaus), und an den Toren läßt man niemanden mehr herein. Hinter den lezten schließen sich die Gitter.— Draußen in den Straßen strömen die Menschen- massen von den Eisenbahnstationen oder im Omnibus wieder in die Stadt hinein. Von den außerhalb gelegenen Vergnügnngs- orten kommen Gesellschaftswagen mit zwei oder vier Pferden bespannt, und hier und da auch ganze Schulen, die ihrer Lustig- keit die Zügel schießen lassen und einen Heidenlärm vollführen. Äiuch denen, die im Alkohol Seligkeit gesunden, ist es mibe- nvmmen, ihren Gefühlen gesanglichen Ausdruck zu geben— trozdem ist durchschnittlich der nächtliche Straßenskandal geringer als in— Berlin; vielleicht gerade deshalb. Tie kleinen Squares in den westlichen Stadtteilen stehen dem Publikum nicht offen, sie sind reservirt für die Bewohner der angrenzenden Häuser, die das Recht der Benuzung durch eine Rente sich verschaffen können. Es sind oft nur winzige Gras- pläzchen mit Blnmenanlagen, andere sind groß genug, um Raum für verschiedene Spielpläze, Schuzzelte und hübsche Baum- und Blnmenanlagen zu gewähren. An trockenen Tagen sieht man hier Kinder sich belustigen und halberwachsene oder erwachsene Jünglinge und Jnngfranen sich dem beliebten Lawn Tennis ergeben, einem Ballspiel, bei dem es sich darum handelt, einen Ball möglichst lange hinüber und herüber zu schlendern, ohne daß er de» Boden berührt. Dabei bietet sich Gelegenheit, seine Geschicklichkeit zu zeigen; und hier schreibt die Etiqnette be- sondere leichte Anzüge vor, welche größere Beweglichkeit ge- statten. Drillichhose, Wollhemd und Müze läßt die Mannes- gestalt vorteilhaft hervortreten(allerdings nicht immer vorteil- Haft—), und die jungen Damen wetteifern, es einander zu- vorzntun. Die Squares sind in den ursprünglich abgeschlossenen Vierteln angelegt, wohin der Lärm des Handels nicht drang, bis nach und nach die entfernten Vororte bevorzugt wurden und Boardinghäuser und Logirhänser die alte Vornehmheit in etwas beeinträchtigten. Wenn die Squares auch nicht allen zugänglich sind, sind sie doch dem Auge erfreulich, und in ihrer Gcsammthcit tragen sie viel dazu bei, den Gesundheitszustand der Londoner zu erhöhen. Sie übten eine solche Anziehungskraft auf mich ans, daß ich mein zweites Logis im Central-Square-Viertel nahm— ich Unglückseliger wählte ein Boardinghaus, allwo in der Regel zu hohem Preise wenig Nahrung und Komfort zu finde», troz- dem die Wirtin stets das Gegenteil versichert. Die Eingeborenen gehen darum nur in ein Boardinghaus, wenn sie das Hotel zu teuer finden und Geschäfte sie für Wochen in der Stadt fest- halten. Bisweilen gehen auch ganze Familien in Board, wenn das eigene Haus in Stand gesezt werden soll; junge Ehepaare leben eine zeitlang darin, bis sie sich ein eigenes Nest gebaut haben; die Engländer ziehen es der größeren Billigkeit wegen dem Hotel vor, halten es andcrerseit aber für passender(gent- lemanlike), dort zu logircn, als in billigen Speisewirtschaften zu essen. Der Ausländer fällt oft dem Boardinghaus anheim, so lange er sich noch nicht orientirt hat in den Wohnungsver- Hältnissen, und viele bleiben, wen» sie einmal darin sind, aus Bequemlichkeit wohnen; sie scheuen die Mühe des Wohnungs- suchens. Ich habe noch niemanden gefunden, der mit seinem Boar- dinghans zufrieden gewesen wäre. Jeder Gast erhält nur ein Schlafzimmcr; Speisezimmer und Gesellschaftszimmer(drawing- room) sind gemeinsam; daß da von Bequemlichkeit nicht die Rede ist, leuchtet ein. Der Bestand wechselt wie in einem kleinem Hotel; und doch können die Boardinghäuser die schönsten Romane erzählen. Bei Tisch präsidirt die Wirtin— die Glocke gibt das Zeichen zum Beginn der Tafel, und die Wirtin teilt die Portionen ans: wenn man eine erneute Auflage verlangt. werden die Portionen verhältnismäßig kleiner. In der Regel steht ein altes ausgespieltes Piano zur Verfügung der Bewohner und die Deutschen sind diejenigen, welche dasselbe am aus- giebigsten bearbeiten. Ost wird das Boardinghaus ganz ge- schäftsmäßig geleitet: Preiskurante reguliren den gesummten Verkehr, und wer immer das Leben darin studirt hat, sehnt sich nach Freiheit. Man ist dort Sklave der für die Mahlzeiten scstgesezten Stunden und liegt in ewigem Kampfe mit der Wirtin wegen Zimmcrreinigung, reiner Wäsche u. s. w. Wie schon erwähnt, sind die Wohnhäuser durchweg sehr ein- fach und nach demselben Schema gebaut; die früheren Vor- gärten sind ausgegraben und haben Luft, Licht und Zugang zu den Kellerräumen gewähren müssen; hier und da erinnert noch ein Klettcrgewächs(meist Epheu) oder ein einsames Bänmchen an das frühere Blumengärtchen. Sehr beliebt dagegen sind die Glaskästen vor den Fenstern oder einfachere freie Blumenbretter, mit vom Gärtner regelmäßig erneuertem Blumenstand— als Ersaz, und die Künstler wetteifern, hübsche Zeichnungen für Mosaik oder Malerei zur Verzierung derselben zu erfinden. Ist das Haus älter als ein Jahr, legt es sich die schwarze Außen- seite zu, welche die londoner Häuser so abschreckend macht. Tritt man in das Hans, ist man dagegen angenehm überrascht: Tep- piche bedecken Flur, Treppe» und Zimmer, und die Möbel sind geschmackvoll, gut gearbeitet und den Zimmern angepaßt; an Behaglichkeit lassen reinlich gehaltene Häuser nichts zu wünschen übrig. Die Reinlichkeit soll sich nach außen hin zeigen durch weiß gescheuerte Stufen vor der Haustür. Selbst im Schlaf- zimmer fehlen die Teppiche nicht; klein sind die Häuser, das Bedürfnis einer Familie mit zwei bis drei Dienstboten ist zu- gninde gelegt, und oft enthält das Haus nur sechs Gemächer. Sind mehr vorhanden in größeren Hänsern, so ist die Anord- nnng doch immer dieselbe. Im Keller, Vorratsraume, Küche, Badezimmer oder Schlafstube für das Gesinde; zu ebener Erde das Speisezimmer und ein kleineres Wohnzimmer; im ersten Stock das Gesellschastszimmer, und die übrigen Räume werden als Schlafstuben bcnuzt; mit zwei Stockwerken und einer Breite von zirka acht bis zehn Meter begnügt sich das Durchschnitts- haus. In Logirhäusern wird Speisezimmer und Gesellschafts- zimmer auch vermietet, doch immer unter der ursprünglichen Benennung. Der Garten hinter dem Hause ist i» der innern Stadt degradirt zu einer Sammelstätte für zerbrochenes Geschirr und allerlei Abfall— an Säuberung denkt niemand; ich habe oft zerfallene Baulichkeiten im Hofe gefunden, um deren In- standsczung sich kein Mensch kümmert: ist das Haus doch auch nur auf soundsoviel Jahre gemietet. Einen trostlosen Anblick gewähren diese Hinterhöfe; wie selten schaut jemand dort hinein! Ich glaube, dort könnte das Familicnhaupt selbst— wenn plözlich tot umgefallen— bis zum Abbruch des Hauses unent- deckt liegen bleiben. Einen Vorteil hat diese Bauart, haben die niedrigen Häuser, die Höfe und breiten Straßen Londons: Luft tritt herein, und gestattet den Abzug der Gase, des Rauches — mit Ausnahme der Rebcltage, wo kein Lustzug den Qualm von Millionen Schloten antastet, und dick und schwer der gelbe oder schwarze Ranch alles in Rocht und Nebel hüllt. In den Vorstädten finden die Gärten wieder Raum, und da gewähren die stilvolleren, oft prächtigen Villen einen erfreulichen Anblick, wenn man vergessen kann, daß der Arbeiter, dem freie Luft besonders nottut, daß die Arbeiterinnen, die tagsüber in schreck- (ich dumpfen und dunkeln Arbcitsräumen arbeiten, von der Be- nuzung dieser gesunden Wohnungen ausgeschlossen sind. Hier ist der altenglische Stil wieder eingeführt— und in der Geschäftsstadt, in der City, findet man überhaupt keine Wohn- Häuser, sie haben Geschäftslokalitätcn Plaz gemacht, so daß London immer mehr den Karakter einer einheitlichen Stadt verliert; die City trat an die Stelle, und um diese herum findet man An- siedlungen, von denen jede gegen die Nachbaransiedlung streng geschieden ist; je weiter nach außen, jemehr tritt der Villenkarakter der Wohnhäuser zutage. Die verehrten Leser begleiten mich das »ächstemal in die City! 348 Richard W a g n e r. (Hierzu Porträt nebenstehend und Bild Seite 332—353.) Wir l>cal> sichtigen nicht, uns in den Wagnerstreit zn mischen, indem wir des am 13. Februar d. I. zu Venedig verschiedenen Meisters der Tonkunst gedenken. Ten Streit überlassen wir den Leuten vom Fach; auch sind wir der Meinung, das; das Urteil über Wagner noch keineswegs abgeschlossen ist. Vor allem muß die Zukunft erst erweisen, ob die Wagnersche„Zukunftsmusik- eben die ihrige ist. Ter Wagnerstreit hat manchmal recht haß- liche und ärgerliche Formen angenommen, die hervorgerufen wurden durch den blinden Fanatismus seiner Anhänger einer- scits, durch die Gehässigkeit seiner Gegnerschaft andererseits. Der Streit ist uns in seinen Ursachen sehr erklärlich. Wagner, eine stolze, unabhängige und energische Natur, besaß weder die Bescheidenheit Mozarts noch die Gleichgiltigkcit Beethovens; wo die Zeitgenossen ihm die Anerkennung venveigertcn, die er vcr- langen zu können glaubte, da führte er einen heftigen und er- bittertcn Kampf, um diese Anerkennung zu erzwingen. Wagner hat wahrhaft titanische Anstrengungen gemacht, um sich Auer- kennung zu verschaffen; er fand alle die Hindernisse ans seinem Wege, denen die Neuerer jeder Art begegnen; viele hat er überwunden, andere nicht. Eins wird man nicht leugnen können, in seine» Schöpfungen wogt, stürmt und arbeitet das Genie, das man leicht daran erkennt, daß es Originelles zu schassen, Ureigenes zu gestalten befähigt ist. Wenn aber die Konzen- tration der Töne in der Wagnerschen Atusik den einen als zu massenhaft, zu wuchtig, zu schwer erschienen ist, so haben andere gerade darin die ursprüngliche Kraft und Tiefe des Wagnerschen Genius gefunden. Bei alle dem Streit aber war Richard Wagner immerhin die bedeutendste Erscheinung in der modern- musikalischen Welt, wie es ja selbstverständlich ist, daß ein Mann, der so viele Gegner hatte, eine ganz bedeutende Per- sönlichkcit sein mußte. Richard Wagner, am 22. Mai 1813 in Leipzig geboren, verlor früh seinen Bater und empfing seine erste Bildung auf der Nikolaischule in Leipzig; er besuchte auch die Leipziger Universität,. aber seine Neigung zur Musik war so vorherrschend, daß er schon als Student mehr niusikalischcn als anderen Studien oblag. Troz des Widerstandes seiner Familie ging Wagner ganz zur Musik über und trat bald mit selbständigen Kompo- sitionen auf. Er wurde Musikdirektor am Stadtteater in Magde- bürg, wo 1834 seine Oper„Das Liebcsverbot" aufgeführt wurde. Sie fand nicht den erwünschten Beifall. Wagner wirkte als Musikdirektor in Magdeburg und Riga; in Dresden wurde 1842 seine Oper„Rienzi" aufgeführt, deren Aufführung er in Paris vergeblich betrieben hatte. Ein großer Erfolg war immer noch nicht erreicht; dieser kam erst, als 1842„Tannhäuser- und 1843„Der fliegende Holländer" aufgeführt wurde. Von dieser Zeit ab begann in der musikalischen Welt der große Kanipf zwischen der Wagner feindlichen und der ihm freundlichen Rich- tung. Zahlreiche Bücher und Broschüren wurden geschrieben für und gegen. Wagner aber wurde das Haupt einer neuen Schule, die es unternahm, unserer Tondichtung eine deutsche, von aus- ländischem Einfluß unabhängige Gestaltung zu geben. Indessen kam das Jahr 1848 heran und Wagner hatte als Hofkapcllmcister in Dresden die demokratischen Anschauun- gen, denen er sich in den Tagen materieller Not zugeneigt hatte, keineswegs abgelegt. Als im Mai 1849 in Dresden der große Aufstand ausbrach, beteiligte sich Wagner sehr eifrig und führte bewaffnete Freischaarcn der dresdner provisorischen Regierung zn. Auf den Barrikaden hat er indessen nicht ge- fochten, wie irrtümlich behauptet worden ist. Nach der Niederwerfung des Aufstandes floh Wagner in die Schweiz, von den Behörden als Hochvenäter verfolgt. Franz Liszt bewirkte indessen, daß Wagners Opern wieder aufgeführt wurden; 1850 schon errang„Lohengrin" in Weimar einen durchschlagenden Erfolg und machte die Runde über die deutschen Bühnen, während sein„Tannhäuser" in Paris aus- gepfiffen wurde. In diesen Jahren begann Wagner sich auch literarisch zu beschäftigen und schrieb seine Bücher:„Das Kunst- werk der Zukunft-,„Oper und Drama"; dazu kam eine Menge von Streitschriften, wie„Kunst und Revolution" und später: „Das Judentum in der Musik". In diesen Schriften— die in 9 Bänden gesammelt herausgegeben worden sind— griff Wagner seine Feinde mit seiner ganzen Schärfe an und dadurch wurde er in zahlreiche literarische Fehden Venvickclt. ' Im Jahre 1864 berief Ludwig II. von Baiern, der, wie bekannt, ein eifriger Protektor Wagners bis an dessen Ende gewesen ist, den bcrühnitcn Komponisten nach München. Tort wurde 1865„Tristan und Isolde" aufgeführt, 1869„Die Meistersinger von Nürnberg". In den folgenden Jahren kon- zentrirtc Wagner seine ganze Schaffenskraft auf sein Haupt- werk, die Trilogie(dreifache Dichtung, Dreidichtung)„Die Nibelungen", die aus dem Vorspiel„Rheingold" und aus den drei Stücken„Walküre",„Siegfried" und„Götterdämmerung" besteht. Dieses gewaltige Werk machte große szenische Schwierigkeiten; ans dem eigens dazu erbauten Wagner-Teatcr in Bayreuth indessen gingen„Die Nibelungen" 1876 in Szene, und man weiß, daß troz aller Gegnerschaft der Erfolg ein großartiger war. Wagners Schaffen hatte, ganz abgesehen von seiner Musik. darin den Höhepunkt erreicht, daß er die von ihm angestrebte Neugestaltung des Textes zur Musik völlig durchgeführt hatte. In diesem Sinne hat er wahrhaft reformatorisch gewirkt. Wir wollen aus eine Kritik seiner Textdichtungen ebensowenig ein- gehen, wie auf eine solche seiner Tondichtungen, allein es wird einer seiner bleibenden Verdienste sein, daß er gezeigt hat, wie dem oft so unnatürlichen Verhältnis zivischcn Text und Kom- Position eine bessere und entsprechendere Gestalt gegeben wer- den kann. Wagner ist am 13. Februar 1883 in Venedig am Herz- schlage gestorben. Er war zweimal verheiratet; in Magdeburg vermählte er sich mit der schönen und berühmten Schauspielerin Minna Plauer. Die Ehe war keine glückliche. Frau Minna Wagner starb 1866, und Wagner heiratete die geschiedene Frau seines Freundes Hans von Bülow, Cosima, geb. Liszt, eine Tochter des bekannten Klavicrvirtuosen und der französischen Schriftstellerin Gräfin d'Agoult, die unter dem Namen Daniel Stern schrieb. Dieser Ehe, die eine glückliche war, sind mehrere Kinder entsprossen. Nachdem der Meister tot, wird es, wie immer, erst klar, welch bedeutende Stellung er eingenommen hat nud welch große Lücke er hinterläßt. Wie schon gesagt, muß uns die Zukunft erst ein abgeschlossenes Urteil über die Früchte seines Schaffens bringen. Die Tatsache aber wird immer bestehen bleiben, daß Wagner ein großer Künstler war, nud daß die deutsche Kunst in einer besonderen Richtung durch ihn repräsentirt wird. Der Streit zwischen seinen Schülern nud seinen Gegner» wird noch lange fortdauern und nach dem Tode des Meisters vielleicht mit verdoppelter Heftigkeit entbrennen. Im übrigen werden wir zu beobachten haben, ob der Einfluß Wagnerscher Ton- kunst auf die Gestaltung der musikalischen Leistungen sich als ein dauernder bewähren wird. Die Unsterblichkeit wird man einzelnen seiner Werke nicht absprechen können; die kühl erwä- gende und abschäzende Zukunft, welche die Werke abgeschiedener . großer Meister leidenschaftsfreier zn prüfe» vermag, als die in den Kampf gegnerischer Richtungen verwickelten Zeitgenossen, wird zu entscheiden haben, wie weit Wagner von seinen Ver- ehren, überschäzt, von seinen Feinden aber zu wenig geschäzt worden ist. UI. 349 Milizen und stehende Heere. Man hört oft die Frage erörtern, wem wohl der Sieges- preis zufallen würde, wenn die Armee eines großen europäischen Militärstaats sich mit den Milizen der nordamerikanischen Union zu nicssen hätte. Sich darüber zu erhizen ist müßig, denn einesteils ist diese Sache keineswegs von vornherein zn ent- scheiden, zum andern wird ein solcher Zusammenstoß kaum erfolgen, denn die Union treibt keine Angriffs- und Erobernngs- Politik, und es ist nicht abzusehen, wie sie mit einem der euro- päischen Militärstaaten in Konflikt geraten sollte. Selbst zur Zeit der Herrschaft der Franzosen und des österreichischen Prinzen Richard Wagner. Maximilian in Mexiko, als sich die Situation aufs gefährlichste zugespizt hatte und ein Zusammenstoß kaum zu vermeiden war, wußte die Union klug durch die drohenden Klippen hindurch- zusteuern, während sie nichtsdestoweniger energisch die Monroe- Doktrin*) wahrte. Wie vorteilhaft es ist. wenn ein Land sich aller Kriegs- und Eroberungspolitik enthält, sieht man an der ♦) JamcS Monroe, Präsident der vereinigten Staaten von Nord- amerika, stellte am 2. Dezember 1823 den Grundsaz auf, daß jeder Versuch europäischer Regierungen, sich in innere Angelegenheiten ameri- »__ ifx.—««f.'rfrtoSfln aiiriiffittttieifeit fpL Diese konischer Staaten einzuniischen, entschieden zurückzuweisen sei. Monroe-Doktrin gilt noch heute. kleinen Schweiz, die zwischen lauter Militärstaaten gelegen ist und doch ihren Bestand seit Jahrhunderten wahrt, ja große Katastrophen glücklich überstanden hat. Tie Staaten, die keine Kriegs- und Er'vberungspolitik treibe», können sich mit dem Milizsystem begnügen und brauchen nicht den schweren eisernen Panzer zu tragen, in den sich die euro- päischen Militärstaaten zu hüllen genötigt sind. Das Verhältnis der konkurrircnden Militärstaaten mit ihren stehenden Heeren ist ein ganz merkwürdiges geworden; sie drehen sich wie in einem Wirbel, der kein Ende hat, und sind genötigt, sich immer größere Lasten aufzuwälzen. Der alte Spruch: 8i vis pacoin, para bellum*), steht bei den militärischen Autoritäten unserer Zeit noch in voller Giltigkeit. Man hält jede Kritik der stehen- den Heere, ihrer Kosten und ihrer laugen Dienstzeit schon für überflüssig und hat für das Milizsystem nur noch ein überlegenes Lächeln. Unsere modernen europäischen Strategen lassen in diesem Punkte eben nicht mit sich reden; auch die Staatsmänner stimmen ihnen gewöhnlich zu, und Gambetta hat ebensowenig wie Moltke eine Abrüstung für zulässig gehalten. Und doch gibt gerade die preußische Geschichte ein berühmtes Beispiel, wie ein Volk waffeutüchtig und wehrhaft zu machen ist, ohne dreijährige Dienstzeit und ohne stehendes Heer nach dem heutigen System. Als Napoleon 1806 Preußen niedergeworfen und geschwächt hatte, glaubte er es wehrlos zu machen, indem er ihm sein stehendes Heer nahm. Er zwang es zu einem Vertrage, nach dem es nie mehr als 42000 Mann unter den Waffen haben sollte. Nach den Anschauungen unserer Strategen von heute müßte dies der Untergang Preußens ge- Wesen sein. Allein die Wirkung war eine ganz andere. Das bei Jena und Friedland unterlegene Heer war nur mehr eine brüchige und verrostete Maschine gewesen, zusammengehalten durch den Korporalstock und den Gamaschenknopf. Nun ward ein lebendiger Organismus geschaffen. Scharnhorst ließ von nun ab den preußischen Soldaten nur noch einige Monate dienen. In kurzer Zeit war die ganze waffenfähige Mannschaft ein- geübt, obschon immer nur die vertragsmäßigen 42000 Mann unter den Waffen standen. Die in wenig Monaten einexerzirten Truppen wurden die Sieger an der Kazbach, von Großbecren, von Dcnnewiz, von Leipzig und nahmen 1814 Paris ein. Sie hatten keine drei Jahre in der Kaserne gelegen und mußten gegen den ersten Fcldherrn der Neuzeit mit seinen gefürchtctcn Garden marschiren. Sollte für ihre Epigonen von heute die kurze Einübung nicht auch hinreichend sein? Oder hat Deutsch- land etwa an Intelligenz abgenommen? Wenn man sich also an einen Vergleich der Milizsysteme mit den stehenden Heeren wagt, so hat man Autoritäten für sich, mit denen man sich decken kann, lieber Scharnhorst wird kein heutiger Stratege zu lächeln wagen; es ist bekannt, daß auch Gneisenau, der einen so erheblichen Anteil an dem Sieg über Napoleon und an der Vorbereitung dieses Sieges hatte, sich entschieden gegen die stehenden Heere aussprach. Man hat in vielen Kriegen die Miliz über die stehenden Heere siegen sehen, so namentlich in den Nevolutionskriegen der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Das System. mittels dessen man siegte,� war ein sehr einfaches. Es konnte nicht fehlen, daß die Truppen des stehenden Heeres kriegs- geübter und disziplinirter waren, als die eben ausgehobcncu Freiwilligen. Aber man erdrückte die stehenden Heere, die sich ganz tapfer schlugen, durch die Masse der Milizen, die man auf sie warf. Und nach der Zahl werden die Milizen den stehenden Heeren immer unendlich überlegen sein. Jener Ge- danke, der von dem berühmten Carnot ausging, verschaffte der ersten französischen Republik den Sieg über die gegen sie ge- richtete europäische Koalition. Die Union von Nordamerika hat in den mehr als hundert Jahren, die seit ihrer Gründung verflossen sind, drei Kriege von Bedeutung zu führen gehabt; den Befreiungskrieg gegen die Engländer, den Krieg gegen Mexiko von 1847 und den blutigen Sezessionskrieg gegen die empörten Südstaaten im Anfang der sechziger Jahre; der zweite Krieg gegen England, der im Jahre 1814 zu Ende ging, war nicht von erheblicher Bedeutung, und die zahlreichen Jndianerkämpfc können nicht als Kriege im eigentlichen Sinne des Wortes angesehen werden. Das ist Krieg genug, und in allen diesen Kämpfen hat die Union bewiesen, daß ihre Bewohner, die sich so tapfer ihre republikanische Freiheit erkämpft und behauptet haben, durchaus kein waffenuntaugliches Volk sind, wenn sie zum Kampf ge- zwnngen werden. Es ist interessant zu erfahren, wie im Be- sreiungskriege gegen England die ersten Milizbataillone aus den *) Wenn du Frieden haben willst, sei zum Krieg gerüstet! urwüchsigen Hinterwäldlern, Farmern und Kolonisten gebildet werden mußten. Der bekannte General Steuben, der im Dienste der Union stand, erzählt ergözliche Dinge, wie es ihm erging bei seiner Aufgabe, aus diesen halbnackten, schlechtbewaffnetcn und unbändigen Leuten disziplinirte Truppen herzustellen. Aber sie schlugen sich gut, und wo sie unterlagen, ward der Feind seines Sieges nicht froh. Der große Sezessionskrieg, der dem Namen nach die Be- freiung der Sklaven zum Ziel hatte, in Wahrheit aber ein Jntereffenkampf zwischen den Schuzzöllnern des Nordens und den Freihändlern des Südens war, führte zwei großartige Miliz- systeme zu einem Zusammenstoße. Die militärischen Operationen, die in diesem Kriege ausgeführt wurden, können sich an Groß- artigkeit und Kühnheit mit denen eines jeden andern Krieges messen. Man hat in diesem Kriege dieselbe Erscheinung, die man so häufig bei Milizen findet; sie können sich anfangs nicht recht an das Feuer der Schlacht gewöhnen und wenden sich leicht zur Flucht; bald aber werden sie kriegshart wie die zehnte Legion Cäsars oder die Garde Napoleons, und schlagen sich mit erstaunlicher Zähigkeit und Tapferkeit. Welche Truppen mußten es sein, die die dreitägige Schlacht von Richmond, die Schlacht in der Wildnis, die Eroberung von Vicksburg mit- machten und bestanden! Und die Milizen des Südens schlugen sich nicht schlechter, als die des Nordens; sie hatten anfangs bessere Generale und blieben im Vorteil, bis endlich die größere Macht und die populärere Sache des Nordens siegte. Die Heere der Baumwollcnbarone stoben auseinander oder kapitulirten, die Bundesregierung trinmphirte und die Union hatte diese furcht- bare Krise glücklich überstanden. Eine europäische Regierung hätte zunächst über die nieder- geworfenen Empörer ein furchtbares Strafgericht verhängt und sodann ein möglichst großes stehendes Heer als Schuzmittel gegen eine etwaige Wiederholung solcher Empörungen errichtet. Die Bundesregierung war weise genug, keins von beidcm zu tun, trozdem der Präsident Lincoln von einem fanatischen Anhänger der Südstaatcn meuchlerisch ermordet worden war. Man nahm keine Hinrichtungen vor und hielt die Sezessionistcn für hin- reichend bestraft, indem man ihre Sklaven für frei erklärte*), ihnen also beträchtliches Eigentum eutzog. Selbst dem Präsi- denten des Südbundes, Jefferson Davis, der in die Hände der Bundesregierung fiel, geschah weiter nichts, als daß man ihn einige Zeit in Haft hielt und dann wieder frei ließ. Aber auch kein großes stehendes Heer wurde errichtet. Zunächst wurde für die Invaliden und die Hinterbliebenen der Kriegsopfer hinlänglich gesorgt; dann ging man an die Re- organisation des in den ungeheuren Kämpfen zersplitterten und verstümmelten Heerwesens. Es hat in der Union auch republi- kanische Generale gegeben, welche darauf hindrängten, die Union möge die europäischen Heersystcme nachahmen. Natürlich hatten diese edlen Strategen dabei zunächst den Zweck, sich selbst die Macht, den Einfluß, mit einem Wort die dominirende Stellung zu verschaffen, die in Europa die hohen Militärs, unserer Ansicht nach unnötigerweise, einnehmen. Diese Bestrebungen sind bis heute vergeblich gewesen. Die Union blieb bei dem bewährten Milizsysteni, welches heute so vervollkommnet ist. daß von den 50 Millionen Einwohnern der Union etwa ß'/j Millionen waffenfähiger Männer ins Feld gestellt werden können, wenn es zu einem Kriege mit einem auswärtigen Feinde kommt. Diese gewaltigen Heeres- masscn sind imstande, jeden Angriff zu erdrücken, denn über eine solche Anzahl von Männern, die ihre eigensten und ihres Vaterlandes Jntereffen verteidigen, in den Waffen geübt und *) Die armen Riga« waren zunächst von ihrer Freiheit sehr wenig erbaut. Ä>e mußten sich nun bei den Baumwollenbaronen als„freie .Irbcii« verdingen und sahen sich vielfach schlechter behandelt, als fo r1' fte früher auch Sklaven waren, so mußte sie der Begzer als personliches Eigentum in seinem eigenen Interesse schone». Jezt fiel dies Interesse fort. Daß sich der Norden darum nicht küm- merte, zeigt, wie wenig die Sklnvenfrage das eigentliche Motiv j-neS gropen Kampfes war. »ach de» neuesten Melode» bewassnct sind, ist nicht zu siegen. Die Union tvird stets unbesiegbar sein, solange sie sich in keine Eroberungskriege einläßt, und ihre Staatsmänner waren und sind klug genug, dies einzusehen. Aber diese 6'/? Millionen wehrhafter Männer stehen im Frieden nicht unter den Waffen; sie werden nach kurzer Ein- Übung entlassen, um ihrem Beruf nachzugehen. Die Union hat keine Lust, die Blüte ihrer Jugend der nationalen Arbeit zu entziehen und andern die Kosten für deren Unterhalt ans drei Jahre aufzuerlegen. Laut Gesez darf der Präsenzstand der amerikanischen Armee im Frieden die Stärke von 25000 Mann mit 2153 Offizieren nicht übersteigen. Dieser Bestand wird aber nicht einmal erreicht; gewöhnlich beläust sich die Armee infolge von Be- ullaubnngen kaum auf 20000 Mann, eine Präsenzstärke, die gewissen ehrgeizigen amerikanischen Politikern immer wieder als Anlaß dient, eine Verstärkung zu verlangen, was bis jezt aber, wie schon gesagt, stets vergeblich gewesen ist. Im Jahre 1880, als im Staatshaushalt der Union ein I'eberschuß von beinahe 86 Millionen Dollars vorhanden war, trurdcn für die Armee 37 Millionen, für die Uotte 14 Hz Millionen Tollars verausgabt. Im Jahre 1880 waren die Pensionen mit 56 Millionen Tollars angesezt. Die Pensionen sind im Budget von 1882 einer Ncurcgulirung unterworfen und erheblich erhöht worden. Amerikanische Zeitungen behaupteten, die Pensionen beliefen sich auf rund 100 Millionen Dollars; wir können, da uns die Etats nicht vorliegen, nicht kontroliren, inwieweit diese Behauptung zutrifft. Aus den angeführten Tatsachen geht indessen zurgenüge hervor, daß man bei der Vcrglcichung des Wehrsystems der Union niit den stehenden Heeren der europäischen Staaten nicht leichtsinnig ins Zeug hineinreden soll. Gar zu häufig hört man Phrasen, wie: In den europäischen Staaten verschlingt die Unterhaltung der stehenden Heere, der Flotten und Festungen den weitaus größten Teil der Staatseinnahmen, während in den vereinigten Staaten das Militär- resp. Milizsystem„fast garnichts" kostet. Man sieht aus dem vorhergegangenen, daß solche Anschauungen der Begründung entbehren. Das Miliz- systcm drückt das Land nicht so sehr wie die stehenden Heere und Flotten, es ist aber immer noch kostspielig genug. Wenn es wahr ist, daß sich der Pensionsetat auf 100 mill. Dollars steigern soll für 1883, so wäre damit so ziemlich die Summe erreicht, welche Deutschland 1882 für Kriegszwecke ausgegeben hat. Nimmt man noch die andern Ausgaben hinzu, so kommt eine ganz stattliche Summe heraus. Man soll bei diesen Vcr- gleichen ebenso vorsichtig sein, wie bei der Steucrfrage. Ge- wohnlich hört man viel reden von der geringen Steuerlast in Amerika, von der Union, die ihre Schulden rasch abbezahlt:c. Man vergißt dabei, daß. wenn auch die Bundesfinanzcn zweifel- los sehr günstig stehen, doch von den Einzelstaatcn sehr viele mit Schulden überlastet und um diese Schulden zu verzinsen oder abzutragen, ihren Einwohnern schwere Stenern aufzuerlegen Tiefe unsere Anschauung, daß man die Verhältnisse der Union nicht übertrieben loben möge, tut der anderweitigen Behauptung, das amerikanische Milizsystem sei dem Systcm der ftefjenben Heere, wie c» die europäischen ÜMitäiftflotcu Hüven, zum mindesten ebenbürtig, nicht den geringsten Abbruch,-renn bei alledem ist es einleuchtend, daß das Milizsystem gegenüber dem stehenden Heer für den einzelnen wie für die Gesammtheit große Vorteile mit sich bringt. Das Milizsystem macht ein Land, das keine Eroberungspolitik treiben will, wehrhafter als ein stehendes Heer vermöchte. Und im ganzen find die Ans- gaben doch geringer. Es ist auch eine völlig andere Sache, wenn eine große Summe für Pensionszwecke ausgegeben w.rd, als für Dotationen, erhöhte Offiziersgehälter. Offiz.erskaftnos, aber ist. daß die jungen Männer nicht drei oder mehr Jahre>11 einer Kaserne zuzu- bringen gezwungen sind. Sie entfremden sich n.cht ihrem burgcr- lichen Berns und werden nicht aus demselben geworfen, ivie es in den europäischen Militärstaateil der Fall ist. Drüben das aufstrebende Amerika aber braucht fleißige Hände und starke Arme, um seinen Reichtum zu vermehren und seine Zivilisation zu vervollkommnen. Wie viel ungehobene Schäze liegen noch in amerikanischem Boden verborgen? Die Hände, die beschäftigt sind, sie zu heben, würden sie nicht dem Gesanimtwohlstand gwßen Abbruch tun, wenn sie drei Jahre nur in der Kaserne nnd auf dem Exerzierplaze tätig sein sollten? Daß sich in der amerikanischen Heeresiterwaltung wie in vielen anderen Ver- waltungszweigen eine gewisse Korruption eingeschlichen hat, kann und soll nicht geleugnet werden. Man denke an den skandalösen Prozeß des Kriegsministers Belknap, dessen großartige Unter- schleife an den Tag kamen. Es ist auch kaum zu vermeiden, daß oft Pensionen verliehen werde»,>vo es weder notwendig noch gerecht ist. Wir kannten einen Militärmusiker, der in der Bundesarmee zu ansang der siebziger Jahre angestellt war. Der Mann hatte sich einen Rheumatismus geholt, war aber sonst noch jung und rüstig nnd konnte seinem Berufe nachgehen. Aber er wurde pensionirt und zwar mit gar nicht geriiigem Pensionseinkommen. Er tvird seinem Nheumatismus sein Leben lang den wärmsten Dank zollen nnd ihn als seinen besten Freund betrachten. Die Ursache solcher Mißstände des Näheren zu erörtern, wäre hier nicht wohl angebracht. Sie werden vielleicht verschivinden, weiin es gelungen sein wird, neue Parteibildungen ins Leben zu rufen nnd den beiden korrupten alten Parteien, Republikanern und Tcmokraten, die Herrschaft, in die sie sich bis jezt troz allen Krakehls brüderlich geteilt haben, und das Regieruugsnionopol abzunehmen. Dann wird auch in der Heeresverwaltung gründ- (ich ausgefegt werden. Frankreich, welches gleichfalls die republikanische Staats- form angenommen, aber doch im Jahre 1882 über 631niillioneu Mark für Kriegszwecke ausgegeben hat, lehrt uns, daß es nicht die Staatsform ist, welches die größere oder geringere Militär- last eines Landes bedingt. Das konstitutionell-monar'chisch re- gierte Großbritannien gab 1882 für Kriegszwecke 584 Millionen aus, also weniger als die Republik Frankreich. Eine niedrige Militärlast wird bedingt durch die Tradition einer friedfertigen äußeren Politik und durch die geographisch-politische Lage des Staates, bei der sehr viel darauf ankommt, ob er Nachbarn hat, die zu Erobeningen bereit jinb oder nicht. Wenn aber, wie wir sahen, auch das Milizwcsen eine kost- spiclige Institution ist, die einem Lande recht zur Last fallen kann, so werden wir vor die Frage gestellt: Wird es denn nie gelingen, die eiserne Militärrüstung, die den Aufschwung der Völker lähmt und niederdrückt, zu erleichtern oder abzulegen? Nun, der Möglichkeiten»nd Eventualitäten, die wir da vor uns haben, find nicht ivenlgc. Zunächst ist es keine Unmöglichkeit, daß bei dem großen Wcttkampfe der Militärstaaten die Anfordernngen so sehr sich steigern, daß ihnen einfach nicht mehr entsprochen werden kann. Wenn in 20 Jahren sich die Hecresausgabcn verdoppeln würden, so glauben wir nicht, daß ein europäischer Staat sie noch leisten könnte. Frankreich kann nicht jedes Jahr 1262 niillioncn, England nicht jedes Jahr 1168 niillioncn, Deutschland nicht jedes Jahr 816 Millionen Mark für Kriegszwecke zahlen. Da stände man eben vor einer einfachen Unmöglichkeit,— denn der Staatsmann muß erst noch geboren werden, der eine Bestenerungs- form finden könnte, mittels deren der Staatskasse solche Summen allein für das Militär zugeführt werden könnten, ohne daß das Land dabei zu Grunde ginge. Ein Staat nach dem andern wird eben vor der nackten Unmöglichkeit ankommen, seine Heeres- ausgaben noch zu steigern. Es treten aber auch noch andere Umstände hinzu, die darauf hinwirken, bald eine Entscheidung in der Frage herbeizuführen. Vor allem die rapide Weitcrentwickluiig der technischen Mittel. Es hat lauge gedauert, bis man von den Katapulten*) und *) Die Wursmaschincn der Alten, welche Pfeile schleuderten. 354 Sattiftcn*) der alten Nümcr auf die modernen Gcschüze, von den griechischen Hopliteli*�) auf unsere Infanterie, von der mazedonischen Phalanx***) auf unser Tirailleurwesen kam. Heute aber geht die technische Entwicklung mit einer ans Fabelhafte grenzenden Schnelligkeit vorwärts. Man denke nur an die Be- schlennigung des Schnellfeuers mit der Handfeuerwaffe in den lezten 30 Jahren! Der Wettkampf zwischen Panzer und Kanone hat schon ein Gebiet betreten, von dem kein Ende abzusehen ist; es werden immer noch stärkere Eisen- und Stahlplatten konstruirt und imfller wieder kommen Projektile, die sie durchlöchern. Das einfache Schießpulvcr genügt längst nicht mehr; es werden stärkere Explosivstoffe eingeführt, und wie bald wird man mit , der Elektrizität kämpfen! Es fragt sich, ob es bei solchen Ver- nichtungsmittel» überhaupt noch möglich sein wird, zwei Heere einander gegenüber zu stellen, denn die Vernichtungsmittel können mittels der modernen Technik im Laufe der Zeit derart ans- gedehnt und entwickelt werden, daß dasjenige Heer, welches die seinigcn nicht zuerst spielen lassen kann, der unmittelbaren und vollständigen Vernichtung anheimfällt. Dieser Umstand könnte vielleicht manchem Eroberungskrieg vorbeugen. Das alles sind Vermutungen und Vorausseznngen, die durch die Wirklichkeit widerlegt werden können; das fei rückhaltslos zugegeben. Aber hat man nötig, darauf zu warten, bis die Unmöglichkeit der Kriege auf diese Weise herbeigeführt ist? Wir möchten keineswegs den Weg der Veiständigung, der von so vielen Seiten für die politischen Händel der Staaten unterein- ander vorgeschlagen wird, als eine„Utopie" ausfassen. Die Bestrebungen, eine organisirtc Agitation fiir die Her- stellnng eines dauernden Friedens zu schaffen, haben in lezter Zeit mächtig um sich gegriffen. Große Gesellschaften haben sich gebildet, um. die Propaganda für den Weltfrieden dahin zu erheben, daß sie die öffentliche Meinung zu gewinnen vermag. *) Die Valliste schleuderte Steine. **) Die Schwerbewaffneten in der alten griechischen(hellenischen) Heeresorganisation. ***) Eine zusammengedrängte dichte Masse Fuswolks in der Stärke von 5000 bis 16 000 Mann. Sie waren mit bis 14 Fuff langen Speeren bewaffnet. Ihr Angriff war gefährlich durch die Wucht und Massenhastigkcit, mit welcher sie vorging. Philipp von Wiazedonien entschied die Schlacht von Chäronca, welche die griechische Freiheit ver- nichtete(338 v. Chr.), durch einen Angriff mit der Phalanx. Davon sind wir noch weit entfernt; ohnehin sind wir der Au- ficht, daß die Agitation für Abschaffung des bewaffneten Fric- dcns zuweilen recht unpraktisch und unzweckmäßig betrieben worden ist. So hätte der Württcmberger v. Bühler, der bei seiner Friedenspropaganda offenbar nur von sich reden machen wollte, der Sache den besten Dienst geleistet, wenn er sie anderen Leuten überlassen hätte. Herr Fischhof in Wien und Herr Richards in London haben es auch nicht viel klüger angefangen. Man sage nicht, es sei unmöglich, internationale Verträge zu Stande zu bringen, durch welche die häufige Wiederkehr der Kriege verhindert werden kann. Wir haben gesehen, daß in der Alabamafrage ein Schiedsgericht eine befriedigende Lösung herbeiführte, und wie Europa im russisch-türkischcn Krieg inter» venirte. Wenn einige mächtige Staatsmänner sür den Gedanken zu gewinnen wären! lind wie oft sind schon Staatsmänner am Ruder gewesen, die für die Herstellung eines dauernden Fric- dcns aufrichtig begeistert waren. Es gilt nur, sie zur Initiative fortzureißen, und das können die Volksvertretungen der ver- schiedencn Länder im Einklang mit der öffentlichen Meinung tun. Hat man keine Lust, den Weg der so vielfach niit Unrecht als„Utopie" bezeichneten internationalen Verträge zu betreten, so wird man eben abwarten müssen, bis eine der oben geschilderten Eventualitäten zur Abrüstung zwingt. Man ficht, das Milizsystcm kann als ein Fortschritt zur Abrüstung betrachtet werden. Wir nehmen nicht an, daß da, wo ein Milizsystem besteht, der Staat sür sich die Kriegsfrage gelöst habe; das Ideal und Endziel in dieser Sache kann nur die völlige Abrüstung sein. Dahin scheint noch ein weiter Weg zu sein, was um so weniger entmutigen darf, als wir von allen unseren Kulturerrungenschaften einmal weit entfernt gc- tvesen sind und manche von ihnen viel schwerer zu erreichen waren, als eine Abrüstung. Die moderne Zeit hat der alten wüsten Lehre, daß die Kriege notwendig seien, schon manchen Zahn ausgebrochen; die kommende Zeit wird ihr die übrigen ausbrechen. Ter Spruch des alten Leo von Halle, der da meinte, die„frischen fröhlichen Kriege" seien gut, um„das skrophulöse Gesindel" wegzuräumen, ist längst der Lächerlichkeit verfallen. Tie Massen begreifen längst, daß der Krieg schon deshalb nicht„fröhlich" ist, weil er nicht „skrophulöses Gesindel", sondern die Blüte der Jugend der Völker verzehrt. Der S ch w e d e n e i n f a l l. Erzählung von Htte» Sigk. (Schluß.) Tl. Ter Zusammenstoß der Reiterschaarcn sollte dicht vor dem Gasthause Hofmalers stattfinden. Vom Balkon und den Fenstern desselben ans sahen sich die kostüniirten Frauen und Mädchen das bewegte Schauspiel an. Unter allen den anmutigen Erscheinungen in der kleidsamen Tracht des siebzehnten Jahrhunderts r�gte des Brauers Töchter- lein als die schönste und stattlichste hervor. Doch befand sich Marie heute, so wenig wie ihr Geliebter, in froher Feststimmung. Auf ihrem bleichen Antliz spiegelte sich außergewöhnliche Er- regthcit. Marie befmchtete— und hierin hatte sie in der Tat Baron Camills Absicht erraten— daß dieser das heutige Fest beniizen ivüldc, das entscheidende Wort von ihr zu erbitten. Da sie aber so fest wie je entschlossen war, ihrem Georg die Treue zu bewahren, so sah sie als leidigen Ausgang des frohen Festes peinlichen und stürmischen Auftritten, besonders mit ihrem Vater, entgegen. Mit dem düstern aber entschiedenen Ausdnick von Märiens Antliz stimmte die Anordnung ihres Kostüms seltsam überein. Nach der Mode der dargestellten Zeit ringelten sich kleine schwarze Löckchen über der blassen Stirne und zu beiden Seiten wallten lange Locken über das Gewand von schwerem dunkel- roten Sammt herab. Bisher hatte Marie während des Festspiels den Geliebten nur von ferne gesehen. Jezt nahte der Augenblick, da das Kriegsdrama niit. der wirkungsvollen Schlußszene enden sollte. Vom Marktplaz her trabte die städtische Reiterschaar unter Georg Walters Kommando heran und am anderen Ende der Straße tauchten schon die schwedischen Dragoner ans. An ihrer Spize aber ritt, zur llebenaschung aller Eingeweihten— der• schwedische Oberseldherr in höchst eigener Person. � Zu diesem heldenmütigen Aufschwung hatte den Baron der Umstand bewogen, daß er troz seiner hervorragenden Rolle keine Gelegenheit fand, sich vor der schönen Marie in vorteil- haftem Lichte zu zeigen. Es genügte ihm keineswegs, daß er eist nach Beendigung des Kampfes hübsch gemessen als Sieger einziehen sollte. Er trachtete vielmehr, sich unter den Augen der beneidenswerten Schönen als eleganter und kühner Reiter heivorzutun. So war der junge Baron auf den sinnreichen Einfall geraten, sich, wie es ja in entscheidenden Momenten die grogten Feldherr» nicht verschmähen, mitten in das Gewühl des Kampfes zu begeben. Dabei hoffte Caniill nicht nur wohl- seile Lorbeeren zu erringen, sondern auch den bürgerlichen Neben- buhlcr du ich den Glanz seiner ritterlichen Erscheinung zu ver- dunkeln. Kurzweg sezte sich somit der Baron, nur von seinen .ldiutanten, zwei befreundeten Gutsbesizerssöhnen begleitet, im lejten Augenblick an die Spize der anreitenden schwedischen Dragoner. Mit seinen Begleitern sprengte er dann in lebhaftem Galopp vorwärts und eiferte auch die Dragoner zu schnellerer Gangart an. Camill gedachte durch diesen Ungestüm die schlechter berittenen Städtischen in schimpfliche Verwirrung zu stürzen. Insgeheim hegte der Baron sogar die Absicht, wenn möglich, de» verhaßten Zinngicßer, dem er keine sonderliche Sattclfestig- keit zutraute, aus dem Gleichgewicht oder gar zu Fall zu bringen. Würde Georg Walter vor den Augen seiner Angebeteten auf diese Weise eine klägliche Figur spielen, so vermeinte dafür Camill in der Wagschale ihrer Gunst zu steigen. Auf Georgs Antliz malte sich lebhafte Ueberraschung und Unwille, als er so unerwartet den Freiherrn an der Spize der feindlichen Reiter gewahrte. Sofort erriet er, was wohl Baron Camill hierbei im Schilde führte. Der Freiherr wußte genau, daß Walter die städtischen Reiter befehligte und konnte sicher nur beabsichtigen, mit seiner überlegenen Reitkunst zu prahlen und ihn in den Schatten zu stellen. Run envachte aber der berechtigte Troz in des jungen Bürgers Brust. Baron Camill sollte merken, daß er sich nicht einschüchtern lasse! Zudem ent- flammte dcu Jüngling der beredte Gruß, der ihn im Vorbei- reiten aus den Augen der Geliebten erreichte, und er gelobte sich, dem übermütigen Rivalen gegenüber seine Haltung zu be- haupten. Schnell entschlossen feuerte Georg seine Kameraden, von denen die meisten ebenfalls Baron Camills Absicht durch- schaut, zur Gegenwehr an. Die jungen, ohnedem von dem Kampfspiel aufgeregten städtischen Reiter spornten ihre Pferde an und warfen sich im Galopp den Schweden entgegen. Das kam freilich ganz gegen Baron Lindeneggs Erwartung. „Zurück da, wenn Ihr nicht über den Haufen geritten sein wollt!" rief er mit laut gellender Stimme den Städtische» zu, hielt es aber doch für geraten, sein Pferd zu zügeln und den Seinigcn„Halt" zuzurufen. Auch die Glonheimer trachteten im lezten Moment ihre Roste zu parircn; immerhin aber gerieten die beiden Reitertrupps dicht aneinander. Sofort ent- spann sich ein lustiges Scheingefecht mit Schwertern und Pal- laschen und unter dem jubelnden Beifall der Zuschauer ward das Spiel immer hiziger. Baron Camill bemerkte niit Mißvergnügen, daß sich Walter vortrefflich zu Roste hielt, und es drängte ihn unwiderstehlich, den verhaßten Nebenbuhler doch noch zu dcmiitigen. Nachdem er sich zuerst vom Gefecht vornehm ferngehalten, wandte er nun sein Roß zu Georg hin und schrie ihm in übermütig herrischem Don mit drohend erhobenem Pallasch zu:„Genug jezt. Plaz da, Ihr Steckenreiter, sonst wird Ernst aus dem Spaß!" „Oho. ich bin auch beim Emst zu haben, Herr Baron. Nun weichen wir erst recht nicht, Kameraden!" rief Georg gereizt entgegen. Es zuckte ihm nun doch das Schwert unwillkürlich in der Faust, als er das höhnische Gesicht des Schwcdenfeld- Herrn so nahe bei sich sah. Baron Camill war anfs höchste ergrimmt, daß ihm die geplanten wohlfeilen Lorbeeren entgehen sollten und die Bürgerlichen es wagten, ihm Troz zu bieten. „Machen wir ein Ende, weg mit Euren alten Mähren!" rief er nun außer sich und versezte Georgs Roß einen Hieb über die Nase, daß dieses, sich hochaufbäumend mit einem ge- wältigen Saz zur Seite sprang. Georg gelang es eben noch, sich im Sattel zu erhalten und des Pferdes Herr zu werden. Nach diesem tückischen Angriff war es aber mit des heißblütigen Jünglings Geduld vorbei.„Das sollen Sic mir bezahlen, wehren Sie Sich!" rief er dem Freiherrn mit geschwungenem Schwerte zu. Ueber Baron Camills Antliz zuckte es wie hämische Befriedigung. Nicht umsonst war er sich bewußt, einer der ge- fürchtetsten Schläger der Hochschule zu sein. Nun gedachte er den Zinngießcr doch kalt zu stellen.„Was wollen Sie denn; es ist ja alles nur Spaß heute!" erwiderte er mit schneidender Ironie, begann aber sofort mit regelrechten Hieben ans Georg einzudringen. Dieser zeigte sich jedoch seinem Angreifer voll- ständig gewachsen. Baron Camill ward durch die unvermutete Fechtcrgewandtheit Walters noch mehr erhizt und unter den Augen Mariens schien es ihm jezt förmlich Ehrensache, dem bürgerlichen Gegner— falle es aus wie immer— seine Heber- legenheit zu beweisen. So benüzte er denn rücksichtslos eine Blöße, die Georg darbot und versezte ihm einen Hieb über die Stirne, daß sich eine blutige Schramme darüberzog und der Getroffene einen Augenblick im Sattel wankte. In gerechtem Zorne rückte der Jüngling nun auch seinerseits dem Baron mit der Klinge zu Leibe. Diesen begann aber jezt in der nngetvohnten Situation auf dem unruhigen Pferde seine Fechtkunst etwas im Stich zu lassen. Bald gab auch er sich eine Blöße und Georgs Pallasch sauste auf Baron Camills Kopf herab. Ter Freiherr wankte eine kleine Weile und sank dann betäubt vom Pferd. Als Georg den Baron fallen sah, stieg er ab und eilte zu ihm hin. Der ganze Auftritt zwischen Walter und dem Baron hatte sich in weit weniger Zeit abgespielt, als er erzählt werden konnte, und nur die Nächstbeteiligten hatten die ganze Tragweite des improvisirten Zweikampfs durchschaut. VII. Mit angstvoller Ueberraschung hatte indessen Marie vom Fenster aus beobachtet gehabt, wie auf einmal Baron Camill an der Spize der feindlichen Reiter erschien. Sie ahnte nichts Gutes von diesem Zusammentreffen und begriff auch wohl von allen Zuschauern zuerst, welcher Ernst sich bald unter dem ent- brannten Scheinkampf barg. Als sie nun plözlich merkte, wie Georg, da er den Hieb über die Stirne erhalten, wankte und zu fallen schien, da duldete es sie nicht mehr im Hause. Aller Rücksichten vergessend eilte sie aus dem Zimmer des Erd- geschosses hinaus. Eben als Marie die Straße betrat, ertönten verworren» Schreckensrufe an ihr Ohr:„Er ist tot!"„Er- schlagen hat er ihn!" „Wer ist tot? Mein Georg— o barmherziger Himmel. laßt mich zu ihm!" entrang es sich in markerschütterndem Auf- schrei des Mädchens Brust und sie flog auf die Gruppe zu, die sich um Baron Camill gebildet. In diesem Augenblick aber schlug dieser die Augen wieder auf und begann sich aufzurichten. Jezt erblickte Marie auf einmal auch den Geliebten aufrecht stehend und ersichtlich nur leicht verlezt.„Georg, o Gott sei Tank, du lebst, du bist nicht schwer verwundet?" fragte Marie in stürmischer Hast und stürzte auf ihn zu. Betroffen und doch hoch beglückt nahm der Jüngling ihre Hand.„Beruhige dich, Marie, mir ist nichts geschehen; auch der Baron ist nicht ernst- lich verlezt. Aber um Gotteswillen, fasse dich herzliebste Marie." sezte er leiser hinzu.„Ich will dich nach Hause zurückbegleiten!" „Ja ja, du hast recht, Georg. Ach, was habe ich getan!" erwiderte das Mädchen, wie ans schwerem Traum erwachend. Eben traten auch der Brauer und Baron Edgar von Lin- denegg hinzu, welche, als sie Camill stürzen sahen, erschrocken hinter Marie aus dem Hause geeilt waren und deren vcrräteri- scheu Angstruf noch gehört hatten. „Du gehst augenblicklich zu der Mutter ins Haus zurück!" schrie der Brauer, außer Fassung gebracht, seine Tochter an. Jezt kam aber auch Frau Hofmaicr in atemloser Bestürzung über diesen Austritt herbei, und Marie folgte wie geistesab- wesend der Mutter ins Haus. Inzwischen hatte sich Walter wieder dem Baron Camill genähert, welcher nunmehr, auf seinen Vater gestüzt. aufrecht stand. Er blutete nicht einmal, da der Hieb durch den dicken Hut abgeschwächt worden war und nur eine vorübergehende Betäubung verursacht hatte. Nur der rechte Fuß war durch den Sturz vom Pferde etwas verstaucht, sodaß Baron Camill hinkte. Da Georg den Freiham in der jämmerlichen Verfassung sah, die prächtige Feldhcrrntracht beschmnzt und staubig, und er nun doch seine Satisfaktion genommen, so regte sich wieder sein gutes Herz, und er gewann es über sich, Camill anzureden: „Es tut mir leid, Herr Baron, daß ich Sie so hart getroffen, aber Sie wissen selbst am besten, daß es nieine Schuld nicht allein war!" Baron Camill blickte erbost auf. Ingrimm und Beschämung über seine Niederlage verblendeten ihn vollends. 356 „So— habe ich nicht etwa nur im Scherz gesochten? Sie müssen es ja alle gehört haben, wie ich laut ausgesprochen, daß es nur Scherz sein sollte!" wandte er sich zu den städtischen Reitern. Diese offenbare Verdrehung der Wahrheit ließen sich aber Georgs Freunde in ihrer gerechtfertigten Aufregung nicht bieten. „Ter Baron hat uns verhöhnt, hat uns Steckenreiter geschimpft!" „Er wollte uns förmlich über den Haufen reiten!"„Ja, und er hat zuerst ohne Grund Walters Pferd über die Rase ge- hauen, daß es ihn abwerfen sollte!" So erschollen von allen Seiten gereizte und drohende Aus- rufe durcheinander; nur Georg erachtete es unter seiner Würde, dem Freiherrn gegenüber noch ein Wort zu verlieren. Hofmaier hielt es jezt für geroten, dazwischenzutreten. „Laßt es einstweilen gut sein, die Sache wird sich schon noch aufklären. Vor allem bedarf der Herr Baron der Ruhe," sagte er beschwichtigend. Hierauf lud er die beiden Freiherrn ein, in sein Haus zu treten und führte sie in ein Zimmer des Erdgeschosses. Gegen Baron Camill blieb der Brauer etwaA kurz augebundeu. Hatte er doch selbst genau beobachtet, daß die jungen Leute Recht hatten und der Baron allein die Schuld an dein leidigen Vorfall trug. Der herbeigeeilte Arzt, tvelcher ebenfalls mit ins Haus getreten war, überzeugte sich rasch, daß Baron Camill nur unerheblich verlezt sei und entfernte sich dann wieder. Auch Hofmaier empfahl sich für kurze Zeit, da er als Vorstand des Komitees das verabredete Trompetensignal zur völligen Becn- digung des ihm so verhängnisvoll gewordenen Spiels anzu- befehlen hatte. Kaum waren aber die beiden Lindencgg allein, so seztc Baron Edgar seinen Sohn in Kenntnis von der lcideuschaft- lichcn Art, womit Marie in Täuschung über den Ausgang des Kampfes befangen, offen vor aller Welt ihre Liebe zu dem Zinngießer verraten hatte. Es bedurfte nur weniger Worte zwischen Vater und Sohn, um sie übereinzubringen, was jezt der einzig richtige Weg schien. Als Hofmaier wieder ins Zimmer zurückkehrte, in denkbar höchster Verstimmung über die unaus- bleiblichen peinlichen Erörterungen, nahm Baron Edgar mit steifer Förmlichkeit das Wort:„Nach allem, was heute vor- gefallen, meiden Sie begreiflich finden, Herr Hofmaier, daß ich mich zu meinem Bedauern genötigt sehe, von der beabsichtigten Verbindung meines Sohnes mit Ihrem Fräulein Tochter ab- zusehen." Baron Camill sezte mit bitterer Ironie hinzu:„Ich hatte doch Recht, als ich damals meinte, Fräulein Marie liebe es, Komödie zu spielen. Diesmal war es freilich mehr Tragödie. Fräulein Marie hat die Rolle des Zinngicßerliebchens mit einer Glut und Naturwahrheit gespielt, um die sie jede Schauspielerin beneiden könnte." Ueber Baltasar Hofmaiers Antliz zog es jezt wie ei» drohendes Gewitter herauf. Er pflanzte sich in seiner ganzen Körperfülle dicht vor dem jungen Baron auf und rang etliche Sekunden, um die nötige Luft für seine Worte zu finden.„Wer ist denn Schuld an dem ganzen Skandal," stieß er endlich hervor,„als Sie. Herr Baron, mit Ihren, höhnischen Wesen, das den Sanftmütigsten zur Wut reizen könnte! Ich habe recht wohl mit meinen eigenen guten Augen gesehen, daß Sie ab- sichtlich den Georg Walter gereizt. Es wäre Ihnen, scheint es, gar nicht darauf angekommen, wenn sich der junge Mensch den Hals gebrochen, als Sie durch den wohlüberlegten Schlag sein Pferd scheu machten. O, mir ist es nun ganz recht, daß alles so gekommen. Für meine Marie ists jedenfalls so am besten, und auch für mich wird es gut sein, wenn ich mich den Herren empfehle!" Damit- eilte der Brauer, der sich an der Grenze jeder Mäßigung fühlte, aus dem Zimmer. Baron Camill zuckte höhnisch mit den Achseln, nagte kranipshast an der breiten Unter- lippe und sagte nur:„Willst du nicht den Wagen zur Heim- fahrt bestellen, Papa; mir fällt das Gehen zu schwer. In diesem Hause dürfen wir keine Minute länger als nötig ver- weilen." Bald darauf führte die Equipage die beiden Freiherren durch das fröhliche Festgewimmel, dem sie keinen Blick mehr schenkten, nach Schloß Moosach zurück. Der Brauer stand in seiner Stube am Fenster und blickte dem davonrollendcn Wagen mit sehr gemischten Gefühlen nach, aus deren Wirrsal sich doch als befriedigendes Ergebnis herausschälte, daß er im Herzen froh war, mit Baron Camill— gut oder übel— auseinander gekommen zu sein. Wenn er freilich an den Auftritt dachte, den seine eigene Tochter auf öffentlicher Straße gespielt, da fühlte sich der stolze Brauherr im innersten Kern seines Wesens erschüttert und beschämt. Herrn Baltasar erschien eS wie eine Erleichterung, als jezt mit sorgenvoller Miene seine getreue Lebensgefährtin hereiutrat, die einzige Seele, vor welcher er in dieser schweien Stunde sein Herz ausschütten durste. Der sonst so herrische Mann war wie gebrochen und schenkte dem ver- ständigen Zuspruch und Rat seiner Gattin eine ungewohnte, wie hülfesuchende Aufmerksamkeit. Auf dem Marktplaz hatten sich indcffcn Schweden und Glonhcimer wieder geordnet und zogen mit klingendem Sviel auf den Biwakplaz, wo das Fest erst recht seinen fröhlichen Abschluß finden sollte. Die heiteren Weisen deS kriegerischen Marsches schnitten Marie, die einsam in ihrer Stube saß und vor sich hinstarrte, tief ins Herz. Welch schmerzlichen Gegensaz boten der allgemeine Jubel und ihr eigenes festliches Gewand zu ihrer hoffnungslosen Stimmung und dem Bangen, womit sie der Begegnung mit ihrem Vater entgegensah. Sowie Marie den Vater kannte, mußte sie von seiner rücksichtslosen Heftigkeit das Schlimmste befürchten. Till. Im schwedischen Lager neben Hofmaiers weitbekanntem Somnierkeller entfaltete sich bald ein buntbewegtes Leben. Es stand hier den Glonheimcrn ein Festplaz von entzückender Schön- heit zur Verfügung: Ein sanft ansteigender Wiesenplan gewährte über das in anmutigem Wechsel von Baumgruppen, Wäldern, glizernden Gewässern und grünen Hügeln belebte Vorland einen weitumsasscnden Blick auf die in bläulichem Duft schim- mernde Bergkette. Auf der einen Seite der Wiese zogen sich malerisch angeordnete Zelte hin, von denen die in den Boden gepflanzten schwedischen Banner lustig im frischen Ostwind flat- terten. Hinter den Zelten waren die Geschüze, Waffen und Rüstungen der lagernden Schweden in künstlerischer Gruppirnng zusammengestellt. Die Städtischen hatten ihre Waffen schon am Eingang der Wiese niedergelegt. Friedlich saßen jezt die Streiter in bunter Reihe beisammen und kühlten ihre kämpf- erhiztcn Leiber und Gemüter mit Hofmaiers vortrefflichem Gerstensaft. Neben den kleidsamen Kostümen der schwedischen und glonheimischen Wchrleute und deren Frauen und Töchter, erfreute noch das Auge manch frische Dirne und mancher leimige Bursche in der schmucken, leider immer seltener werdenden Tracht der Berge. Was sonst»och an neugierigem Volk in der einförmigen Allerweltskleidung umherwimmelte, diente wenig- stens als dunkle Folie für die farbenfreudigen Gewänder. Gegenüber den Zelten war eine Reihe von Schenkbuden aufgeschlagen, worin flotte Marketenderinnen Schweden und Glonhcimer, sowie die zahlreichen Festgäste mit gleich freund- licher Emsigkeit bedienten. Unter den Angehörigen des Städtchens bildeten die merkwürdigen Vorkommnisse bei dem Rcitcrangriff zunächst den aus- schließlichen Stoff aller Gespräche, welche um so freier geführt werden konnten, als die Faniilic Hofmaier nicht auf dem Fest- plaze erschien. Allgemein fand das gewalttätige und tückische Ver- halten des Baron Camill von Lindenegg Verurteilung und die meisten billigten die wohlverdiente Züchtigung, welche ihm der beherzte Walter gegeben. Ueber das überraschende Austreten der sonst so zurückhaltenden Brauermarie waren die Meinungen geteilt. Im allgemeinen hatte der seltsame Auftritt verblüffend rnis die Glonheimer gewirkt. Die kühler denkenden älteren Leute schüttelten bedenklich die Köpfe und meinten, Hofmaiers Marie sei eben doch, wie'sich heute gezeigt, durch ihre vornehme Er- zichung ein recht überspanntes Ting geworden. Wo in aller Welt sei es in Glonhcim erhört gewesen, daß ein Mädchen sich vor allen Menschen dem Liebsten, dessen Werbung noch dazn der Vater schon abgewiesen, förmlich an den Hals geworfen habe! Anßerdem gab es anch viele, welche es dem stolzen, reichen und darum viclbencideten Brauer im Innersten wohl gönnten, daß ihm seine Tochter einen so empfindlichen Streich gespielt. Die jungen Bursche und Mädchen, welche selbst noch feurig empfanden, waren freilich anderer Ansicht. Sie rechneten es Marie hoch an, daß sie die glänzende Verbin- dung mit dem jungen schönen Freiherrn von sich wies und dem bra- vcn Georg Walter so treue Liebe bewahrte. Ein poetisch angehauchter junger Schrift- sezcr, der längere Zeit in der Residenz gcar- beitct hatte, äußerte sogar begeistert:„Wie die schöne Marie auf die Straße geeilt und in alles vergessender Lei- dcnschaft in den Angst- ruf um ihren Georg ausgebrochen, da über- licfs mich völlig. Ich habe schon viele Teater- stiifkc gesehen, aber noch niemals eine so ergrei- sende Szene wie diese heute!" Wer von einer Mar- kctendcrbude zur andern wanderte, konnte überall das Ereignis des Tages in erregtem Tone be- sprechen hören. DaS romantische Vorkommnis beschäftigte die Ge- mütcr in einem Maße, wie seit vielen Jahren nichts ähnliches erlebt wurde. Die guten Glon- heimer hatten freilich noch keine Ahnung, daß sich der Schwedenroman bereits seiner Lösung näherte. liebten konnte ja nur mehr durch diese Verbindung wieder voll hergestellt werden. Als Georg in so gewichtigen Gedanken dahinwandelte, kam mit cinemmale ein alter Knecht des Brauers ans ihn zu und redete ihn an: �„Ich wollte eben nach Ihnen sehen! Herr Hofmaicr läßt Sie ersuchen, sobald als möglich zu ihm zu kommen; er habe wichtiges mit Ihnen zu besprechen." „Hofmaler läßt mich zu sich rufen— was soll das bc- deuten?" dachte Georg überrascht und beschleunigte in ahnungs- voller Freudigkeit seine Georg Walter hatte Beim Advokaten. Nach einem Gemälde von H. Kotschcnrcitcr. noch am Zug zum Bi-. wakplaz teilgenommen und als einer der Haupt-Festordner seiner Pflicht genügt, bis die Lagerszene in vollem Gange war. Sobald er aber entbehrlich schien, hatte er sich aus den: Gewnhl zurückgezogen und den Weg nachHanse einge- ', Es'' war zu vieles heute auf ihn hereingestürmt und er fühlte das Bedürfnis, ein paar Stunden mit sich allein ini stillen Kämmerlein Zwiesprache zu halten. Wohl hatte es den Jirng- ling hoch beseligt, als die Geliebte ihm so ruckhaltlos ihre innige Liebe kundgegeben. Was mochte die Aermste jezt]chon von dem rauhen Vater erduldet haben— und das alles um seinetwillen! Georg sagte sich, daß er nicht zaudern durse, »och einmal, ans alle Gefahr der riick„chtslose,ten Abweisung. Märiens Vater um ihre Hand zu bitten, Ehic der Ge- Schritte. In Hofmaiers Hans angekommen, ward Wal- ter in die Wohnstube ge- führt, wo er Herrn Baltasar und seine Frau vorfand. Der Brauer empfing den jungen Mann ernst, aber nicht unfreundlich. Aus dem Zittem seiner sonst so kräftigen Stimme war zu entlieh- inen, daß er Schweres durchgerungen haben mußte, und es ihm auch jezt noch schwer fiel, das Ergebnis die- ser innern Kämpfe Wal- ter gegenüber auszu- sprechen. Aus dem be- wegtcn, in freudiger Güte leuchtenden Antliz der Frau Hosmaier da- gegen schöpfte Georg rasch frohe Hoffnung. „Wir wollen keine nnnüzcn Worte verlieren über das, was sich heute zugetragen hat," begann der Brauer, mühsanl atmciid, nach- dem er Georg zum Sizen aufgefordert und sich selbst erschöpft in einen Lchnstuhl nieder- gelassen hatte.„Die Sache liegt meines Er- achtens für uns beide sehr klar. Ich habe Ihre Bewerbung seiner- zeit abgewiesen, weil .... je nun, weil ich eben damals meine Gründe hierfür hatte. Es ist nun anders gekommen, sogar soweit, daß der gute Ruf meines Kindes auf dem Spiele steht. Ich sehe hier nur mehr einen einzigen Ausweg--" Hier stockte der Brauer und man sah ihm an, wie hart es ihm wurde, fortzufahren. „Ich verstehe Sie vollkoinnien, Herr Hofmaier,»ud auch ich sehe nur einen einzigen Ausweg." nahm ihm nun Georg mit erhobener Stimme das Wort ab. Der junge Biann wußte ja jezt, was der Brauer aussprechen wollte und war edel genug, dem so sichtlich erschütterten Vater seiner Marie den peinlichen Schritt zu ersparen, nun selbst Walter die Hand seiner Tochter anzutragen.„Um meinetwillen ist alles so gekommen," fuhr er fort,„und ich erachte es als meine Pflicht, das auszusprechen, was zugleich der sehnlichste Wunsch meines Herzens ist: ge- währen Sic mir die Hand Ihrer lieben Marie, Herr Hof- (3. 367.) - 358 maicr! ftaim ich auch Ihrem Kinde nicht das glänzende Los bieten, das ihr vermeint war, so gelobe ich dagegen hoch und heilig, sie so glücklich zu machen als ich vermag und meine herzliebste Marie es verdient!" Die tiefe Bewegung, womit Georg diese schlichten Worte gesprochen, und besonders die zarte Rücksicht, welche er dadurch bewiesen, daß er dem stolzen Brauer das weitere Entgegen- kommen ersparte— wandten dem Jüngling das Herz des bei aller Rauheit doch grundrechtlichen Mannes zu. Seine Achtung hatte Hofmaier ja ohnedem Georg im stillen stets unwillkürlich zollen müssen. Bewegt ergriff er jezt Georgs Hand:.Sie sind ein braver junger Mann, Herr Walter, und ich will Ihnen gerne glauben, daß meine Marie niit Ihnen glücklich wird. So soll sie denn die Ihre werden!" Mit überströmender Warme sprach der Jüngling nun dem Brauer seinen innigen Dank aus. .Ich gestehe ganz offen," nahm dieser wieder das Wort, .mir ist jezt, als ob es recht gut sei, daß sich alles so gefügt. Meine Marianne brauche ich nicht erst zu fragen, ob sie mit dieser Wendung einverstanden ist!" wandte er sich lächelnd zu seiner Gattin. Diese war über die ungewohnte Milde ihres Gemahls und den glücklichen Erfolg ihrer Fürsprache zugunsten dieser Lösung auf das tiefste gerührt und vermochte ihre Freuden- tränen nicht zurückzuhalten. .Nun, nun— zu den Tränenbächcn ists später Zeit, liebe Marianne," meinte der Brauer, indem er unter dem Scherz seine eigene Bewegung zu verbergen strebte..Wir haben jezt dringenderes zu tun. Hole sogleich Marien herbei und dann richtet Euch beide zusamnieu. In einer Stunde fahren wir alle miteinander zum Fest. Der Boden brennt mir unter den Füßen, ehe ich nicht vor aller Welt gezeigt, daß die Hofmaier den Kopf wieder so hoch tragen dürfen, wie zuvor. Unser ehrlicher Name wird heute nur zu oft in jedermanns Munde gewesen sein, und wenn das Sprichwort Glauben verdiente, hätte uns das linke Ohr wohl garstig geklungen!" Noch war keine Stunde seit der Verständigung in Hofmaiers Hause verflossen, da gab sich auf der Festwiese eine plözliche Bewegung kund. Eben kam des Brauers schönste Kutsche an- gefahren. Auf dem Bock saß ein Postillon in der fröhlichen, in Blau und Silber prangenden Galatracht mit dem weißblauen Federbusch auf dem Hut. Aus dem Wagen stiegen zuerst Herr und Frau Hofmaier, dann Georg und Marie, die beiden lczteren in ihrem Festkostüm. Als ob sich das schon längst von selbst verstünde, legte die überseligc Marie ihren Arni in den des Bräutigams, und das junge Paar schritt, von den ernst, aber zufrieden blickenden Eltern gefolgt, dem Festplaze zu. Im Nu war die Familie von Glückwünschenden umringt und die über- raschende Künde verbreitete sich blizschnell unter allen Anwesen- den. Die jungen Glonheimer gaben in stürmischen Hochrufen ihre Freude über das Glück des beliebten Georg Walter knnd. Die schwedischen Konstabler ließen es sich sogar nicht nehmen, zu Ehren der Verlobung eine Salve aus allen vier Feldstücken zugleich abzufeuern, welche die freudige Botschaft wcithindonnernd bis zu den blauen Bergen trug.— So war auf den verhängnisvollen Schwedcnkampf erst recht der herzerfreuendc Friede gefolgt! Die Ventilation der Wohnräume. Von Ingenieur A. x>. Ircrgsteirr in Berlin. n Schulen und öffentlichen Anstalten nichts Ungewöhnliches.— Aber auch auf Privatwohnungen läßt sich das Prinzip über- tragen und geschieht es: 1) bei den verbesserten Kaminen reich- lich bezüglich der Ventilation, weniger hinsichtlich der Envar- mung. 2) bei guten eisernen Ventilationsöscn nach beiden Rich- tungen befriedigend, doch sind ihre Ausführungen noch ziemlich vereinzelt. In den lezten Jahren find)te vielfach angewandt in Barackcnlazareten. 3) Bei Kachelöfen ist für d.e Ventilation noch weniger oder gar nichts getan. Wohl find einzelne Vcr- suche gemacht, aber davon wenig ins Publikum gedrungen. Es wäre wohl an der Zeit, wenn auch über die Kachelösen eine kleine Revolution hereinbräche.— der Leser erschrecke nicht, es soll kein Blut vergoffen werden, höchstens Schweiß. Denken wir uns einen Kachelofen von dreieckiger.�rm, der wie gewöhnlich mit Feucrauszügen ausgestattet, außerdem unch einen Luftkanal enthält.***) von senen durch e.ne dünne *) Im städtischen Krankenhause FriedrichShom bei Berlin tatsäch- � ch zeicht, ermöglicht ein sogenannter„Lodojen" die Ben- Feuerungsraum reicht. eiserne Wand geschieden, möglichst mit Ausstrahlungsrippeu. Dieser Kanal steht in Verbindung mit einem zweiten, der unter dem Fußboden zwischen Balken angelegt, nach der Feuer- wand führt, dieselbe durchbricht und außen mit einem Gitter abgeschlossen ist. Außerdem mündet er aber vorher in das Zimmer mit einer Oeff'nung. welche durch ein in die Dielung eingelassenes Gitter abgedeckt ist und durch einen darüber- gestellten Schreibtisch, Spind, Kommode k., natürlich aus Füßen stehend, kachirt(verdeckt) wird. Eine Klappe verschließt ent- weder die eine oder die andere Ocsfnung, je nachdem man „Ventilation" oder„Zirkulation" haben will. Das andere Ende des Luftkanals im Ofen mündet am oberen Teil der Vorder- wand, nicht in der Decke und ist ebenfalls durch ei» hübsch gemustertes Gitter abgeschlossen. Auf diese Weise ist eine Luft- zirkulation hergestellt und dadurch eine bedeutend größere Gleich- Mäßigkeit der Temperatur zu erreichen, als sie sonst stattzufinden pflegt.— Für die verdorbene Luft muß sich ein möglichst großer Kanal, der„Schacht" genannt, in der Wand befinden, die dazu abgeschrägt werden kann— die Ofenecke ist ja doch stets verdor- ben; darin ein gußeisernes Rohr von etwa 7 Millimeter Wandstärke(sogenanntes Abflußrohr) zur Rauchabführung— für zwei nebeneinander liegende Zimmer natürlich nur ein gemein- schastliches. Tasselbe hat nach den betreffenden ein oder zwei schräge Abzweigungen und findet seine Fortsezung nach dem Keller zur Reinigung wie gewöhnlich in einem gemauerten Kanal. Der Rauch des Ofens tritt möglichst dicht am Fußboden ein. Auch der Schacht hat zwei schräge Abzweigungen, welche zur Seite des Ofens führen und au ihrer Mündung mit Gitter und Verschlußklappe verschen sind. Am Tage wird die untere Vorrichtung benuzt, um die schlechte Luft abzuführen, des Abends, wenn Licht gebrannt wird, die obere.— Statt des eisernen Rauchrohrs kann man auch einen einzigen Kanal in das Maueuverk legen, das allerdings in gehöriger Stärke vorhanden sein, evcnt. durch Vorlage verstärkt werden muß. Dieser Kanal ist durch eine eiserne Platte, ebenfalls wieder mit Ausstrahluugsrippen, dieselbe wie vorhin im Ofen, in zwei Abteilungen geschieden, eine für den Rauch, die andere für die abgehende Luft, welche inittels der heißen Luft auge- saugt wird. Es soll den Verfasser freuen, wenn der Leser beim nächsten Bau oder Umbau seines Hauses dieses System zur Ausführung bringt.— Ter Verbrauch an Brennmaterial bleibt bei der Heizung mit Zirkulation derselbe, steigt aber bei der Ventilation im gradcn Verhältnis zu der gewünschten Luftmenge. Einstweilen, wie gesagt, sind die vorhandenen Einrichtungen zu einer wirklich gesunden' Heizung recht dürftig. Jedenfalls versäume niemand, ein etwa disponibles Rohr zur Ventilation zu benuzen, indem er über dem Fußboden und unter der Decke des Zimmers Gitter mit Klappen einsezen läßt, um so sich einen Abzug für die verdorbene Luft zu verschaffen. Die frische Luft wird dann ihren Weg ins Zimmer schon finden. Bedeu- tend verstärkt wird die Wirkung eines solchen Ventilationskanals durch Einführen einer Gasflamme. Man kann auf eine Flamme von 0,i Kub.-Meter Konsum per Stunde(für Berlin also gleich 1 Yz Pfennig) eine stündliche Absaugung von 60—80 Kub.-Meter Luft rechnen. Ganz besonders notwendig ist diese Verstärkung, wenn der Ventilationskanal in einer freien Wand liegt, in welchem Falle er so an Erkältung leidet, daß er wenig Luft zum Ventiliren hat. Ein gewöhnliches russisches Rohr mit 200 Quad.-Centimeter Querdurchschnitt, warm gelegen, kann der Luft eine Geschwindig- keit von Ya Meter per Sekunde geben, per Stunde also 50 Kub.- Meter entfernen, mit Gasflamme das 2— 3fache. Der gewöhn- liche Stubenofen vcntilirt dadurch, daß er beim Brennen dem Zimmer seinen Bedarf an Luft entnimmt, die sich mittels Tür und Fenster durch frische Lust wieder ersezt. Nachstehende 360 Brennmaterialien konsumiren für die angegebene Menge in Kilv- grammen die darunter vermerkten Luftmengen in Kubikmeter: Cokcs Steinkohle Braunkohle Holz Torf 7�2 10 10'/2 10 8 V2 64 Y? 49'/i 42 Kub.-M. 85 108 Es ist klar, daß durch die Verkürzung oder Verlängerung der Brennzeit die damit geförderte Luftmeuge vermindert resp. vergrößert wird. Vorstehende Zahlen sezen eine inittlere Brenndauer mit Luftüberschnß bereits voraus. Tie damit erreichte Ventilation wäre nicht unbedeutend, wenn sie nicht nur für die Zeit der Feuerung vorhanden wäre; niit dem Schließen des Ofens hört sie auf, was sie da nicht geschafft hat, muß durch Fenster, Türen und Wände eindringen.— Bei den Armen wird der Konsum an Brennmaterial natür- lich sehr eingeschränkt, das Oeffnen von Tür und Fenster eben falls vermieden, dagegen herrschen luftverderbende Gewohnheiten und Monopolzigarren vor; alles dies bewirkt in ihren Zimmern den bekannten Geruch nach„kleinen Leuten". Uebrigens wirkt der Ofen als Absaugungsmittel, so lange der Schornstein noch nennenswert warm; durch Oeffnen der Türe hat nian also sofort ein kräftiges Mittel zur Ventilation, natürlich aber auch zur Abkühlung des Ofens, da die Geschwin- digkcit der Luft im geheizten Schornstein anfangs zu 3—4 Meter per Sekunde angenommen werden kann.— Wer nun im glücklichen Bcsiz einer wirksamen Ventilations- Vorrichtung ist(es ist nicht alles Gold, was glänzt), übertreibe die Lüftung auch nicht, wenn er ein warmes Zimmer behalten will. Wir haben gesehen, daß ein gewöhnliches russisches Rohr in einer Stunde den Bedarf an Luft für eine kleine Familie deckt. Wird nun das Zimmer auf viele Stunden nicht ge- braucht, z. B. während des Tages, Wohnzimmer und Bibliotck während der Nacht, so vergesse man beim Verlassen derselben ja nicht, die betreffenden Klappen zu schließen, wenn man nicht beim nächsten Betreten ein kaltes Zimmer vorfinden will. Tie inzwischen durchgestrichene gute Luft kam niemand zu statten, die von derselben mitgenommene Wärme bezahlt man beim nächsten Heizen. Man kann hier leicht des Guten zuviel tun.— Endlich darf ein Ventilationskanal niemals für mehrere Räume zugleich dienen; man hat sonst das schönste Sprachrohr, durch welches schlechte Luft, Gardinenpredigten and andere„In- ternissima" sehr leicht dem darüber Wohnenden zugeweht wer- den und vice versa. Ter bisher mit diesen Verhältnissen unbekannte Leser wird nun die Sache wohl etwas mit andern Augen ansehen und nicht mehr von dem„bischen Luft" reden.— Ans Brasilien. II. Originalbericht von Antonio Sckneiöer zu Curitiba in der Provinz Parana. Wenn ich heute abermals mit einem gedrängten Bericht „über Brasilien" vor die Leser der„Neuen Welt" trete, so geschieht es hauptsächlich, uni alle Answanderungslustigen. die etwa ihr Augenmerk ans Brasilien richten, über die tatsächlichen Verhältnisse unparteiisch aufzuklären. Ost, wenn wir den statisti- schcn Ausweis über die Auswanderung nach Nordamerika lesen, fragen wir uns:„Warum geht diese ungeheuere Anzahl arbeits- lustiger und arbcitstüchtiger Leute nach Nordamerika, und warum nur eine verschwindend kleine Zahl nach den südamerikanischen Staaten? Sind es klimatische, politische oder ökonomische Ver- Hältnisse, die den Auswandrerstrom nach der großen transatlan- tischen Republik leiten? Wissen diese Leute, die ihrer Heimat- lichcn Scholle den Rücken wenden, daß in Nordamerika alle ihre Wünsche und Hoffnungen sich verwirklichen? Wissen sie von vornherein mit Bestimmtheit, daß dieses in Südamerika bez. Brasilien unmöglich ist? Wir glauben nicht! Wir wollen keines- Wegs die Vorzüge, welche die Vereinigten Staaten besizcn, ver- kennen, schon deshalb nicht, weil Tatsachen dafür sprechen, daß die Union in sehr vielen Richtungen das alte Europa überflügelt hat. Berücksichtigen wir jedoch in erster Linie das, was die nord- amerikanischen Südstaaten: Florida, Mississippi, Texas, Loui- siana, Tcnnessee, Maryland, Virginien. Nordkarolina den deutschen Auswanderern bieten, so glauben wir die feste Ueberzcugung aussprechen zu dürfen, daß die vier Südprovinzcn von Brasilien, Sao Paul, St. Caterina, Parana und Rio Grande do Sul mit gutem Gewissen zur Einwaiidning empfohlen werden können. Wir glauben sogar, daß das Klima, besonders aber das der Hochebene dieser Provinzen, den Deutschen zuträglicher ist als das der Nordamerikanischen Südstaaten, und was die Produkte dieser Provinzen betrifft, so würden sie, bei einer solchen Masseneinwanderung, tvie es die nordamerikanische ist, für den Kolonisten ganz besonders lohnend sein, denn es wird bei man- chcn nicht geringe Verwunderung erregen, daß Kolonialprodukte, die hier in Brasilien ohne besondere Mühe gedeihen, noch von auswärts hierher eingeführt werden! Das ist doch der deutlichste Beweis, daß hier Menschenhände fehlen und jeder auswandernde Arbeitskräftige lohnende Beschäftigung finden würde. Mit allen europäischen Nationen wurden hier Versuche in der Kolonisation gemacht: mit Engländern. Franzosen, Jtalicncni, Deutschruffen, Polen und Deutschen/ Die Angehörigen der drei ersten Nationen warfen alsbald die Flinte ins Korn, während die Polen neben oder mit den Deutschen entschieden vorwärts kommen. Hier um Curitiba herum sind die Polen, welche entschieden die besten Kolonisten sind, vor fünf bis sechs Jahren in größter Armut an- gelangt und haben heute ohne Ausnahme Pferde und Wagen, einen Viehstand, der ihnen alle animalische Nahrung gewährt, deren man bedarf, und einen Ackerboden, der alle europäischen Getreidesorteu erzeugt. Vorzugsweise sind zu nennen folgende Polenkolonicn: Thomas Caclha, Venansia, Orleans, St. Candida, Lcmanha-Lins, Bclazina, welche den Ackerbau annähernd nach europäischer Art betreiben. Produkte, wie Roggen, Weizen, Gerste und Hafer, besonders aber Kartoffeln, werden bis jezt erst soviel gebaut, als die Provinz Parana konsumirt, trozdcm wurden noch vor kurzem Kartoffeln aus Rio Grande do Sul hierher eingeführt, infolge der vorjährigen Kartoffelmisernte, die durch anhaltenden Regen entstand. Mit der Wcizcnproduk- tion will es noch immer nicht recht nach Wunsch ausfallen, an manchen Stellen wird die Ernte durch den sogenannten„Rost- brand" stark geschädigt; eine Krankheitserscheinung, die, wenn der Weizen zu reifen beginnt, sich einstellt und alle Erntchvffnungeu vernichtet. Nicht einmal das Stroh ist brauchbar. Ein anderer Uebelstand ist, daß auf einigen Stellen der Weizen von einer Gattung Vögel vernichtet wird. Dadurch laffcn sich jedoch die d eutschen und Polen keineswegs abschrecken und machen immer wieder neue Versuche. Dieses Jahr hat die Regierung die Ko- lonisten in der Weise unterstüzt, daß sie eine neue Weizen- forte ans der Argentinische» Republik kommen ließ und an alle unentgeltlich verteilte, welche Weizen pflanzen wollen; da wir Heuer einen— nach hiesigen Begriffen— strengen Winter hatten, hofft man dieses Jahr im allgemeinen auf eine gute Ernte, ein Wunsch, den auch wir aufrichtig teilen, und zwar im In- tereffe der Kolonisten einerseits und der Aussuhr andererseits, da alljährlich Roggen nach Rio de Janeiio verlangt wird, denn überall wo der Deutsche sich niederläßt, sehnt er sein„Schwarz- brot herbei. Auch die meisten Brasilianerfamilien finden es sehr gut. Was den meisten Ansiedlern hier behagt, ist. daß sie voll- ständig frei und Herr ihres Grund und Bodens sind; jeder tut und treibt, was er will, und bis heute braucht noch niemand auch nur einen Pfennig Steuer zu zahlen. Indes glauben wir, e ap mit der Zeit eine Grundsteuer eingeführt werden wird, und wir wünschen, daß es eine progressive werden möge, weil der brasilianische Fazendeiro(Großgrundbesizer) steuerfrei ist. Die Deutschen hierzulande sehen eine starke blondköpfige Nach- kommenschaft entstehen, welche allerdings schon in der nächsten Generation brasilianisirt sein wird, zum großen Leidwesen unsrer Nativnalsimpel! Das eingewanderte Element hält sich den Ein- geborenen gegenüber inimer noch ziemlich reservirt, jedoch sind Mischehen zwischen Brasilianern und Deutschen keine Seltenheit mehr, besonders in den Städten, weniger ans den Eampos. Tie Deutschen halte» hier noch sehr viel auf deutsche Schulen, so bestehen hier in Cnritiba 2 deutsche Privatschulen und eine deutsch-prote- stantische Gemeinde- schule unter der Lberleitnng eines Pastors und zweier Lehrer; unstreitig ist die lezterr noch die beste, trozdem wir uns mit den Lehr- Mitteln nicht einverstanden erklären kön- neu. Sieben der Bibel ist als Lese- buch der„Preußische Äinderfreund" ein- geführt, welcher von Länder- und Volker- künde, Naturlehre und dergleichen nuz- bringenden und vcr- standschärfenden Wissenschaften mög- liehst wenig, von Gott, König undVa- terland möglichst viel enthält. Wir wis- scn nicht, ob das Buch in Deutschland mehr als Makulatur- wert hat, uns hier erscheint es so, denn Brasilien, überhaupt Südamerika, ist blos genannt, während Mexiko noch als Kaiserreich, Vene- zncla, Guatemala und Ekuador nicht einmal nur mit Na- wen angeführt sind. Tic brasialianischcn Schulen, welche alle vom Staat erhalten werden, sind frei. wenigstens ist kein Psäfflein in den Schulen zu erblicken, �ic deutsche Gcmcindeschule, von der ich oben sprach, muß von den Mitgliedern erhalten werden und ein dieselbe besuchendes Kind muß 1500 Rcls---- 3 Mark pr. Monat bezahlen, denn seitdem Brasilien„liberal" regiert wird, wurde vielen Schulen(darunter der hiesigen deutschen) die von den Konservativen gewährte Sub- vcntion entzogen! Auf jeder Kolonie, wenn sie nicht total vernachlässigt ist. bestehen Regierungsschulen, wovon manche ziemlich vorgeschritten, manche aber äußerst mangelhaft sind. Vielfach dürfte in der alten Heimat die Ansicht vorherrschen, daß, wenn wir von Kolonien sprechen, diese einem deutschen Torfe gleichen. Mit nichtcn! Jeder Kolonist erhält sein Land- los zuerteilt, auf welches er sich sein Haus baut, und eine Viertelstunde weiter wohnt sein nächster Nachbar; nur ans dem Tine Knopmcier. Studie von Fedderscn.(S. 36T.) Kolonialzentruni, oder wie man sich auch etwas kühn ausdrückt, auf dem„Stadtplaz", stehen mehrere Häuser, die Wirtshäuser sind oder Kaufläden, Apoteken, Schulen und Kirchen enthalten oder von Professionistcn bewohnt werden. Mancher Leser dieses Blattes, der Oberbaiern, Tirol, Steiermark, Kärnten rc. kennt, wird wissen, daß die dortigen Bauern in den Bergen zerstreut wohnen, ganz so ists hier. Manchem Answandrnngslustigen wird bei dieser Mitteilung vielleicht sein Mut etwas sinken, weiß er doch ans den Schund- und Schauerromanen, daß es in den überseeischen Ländern wimmelt von Indianern(siehe preußischer Kinder- freund, Seite 228), wilden Tieren und was dergleichen grausige Dinge mehr sind, und mitten darunter soll er mit Familie wohnen? Der Leser kann uns glauben, daß in die- serBezichung furcht- bare Uebertreibun- gen stattgefunden haben, weder von Indianern»och von wilden Tieren hat man etwas zu sürch- ten, beide, besonders aber die leztcren, fliehen die Nähe des Menschen und sind lange nicht so zahl- reich, als oft be- hauptet wird; wohl ist es schon vorge- kommen, daß In- dianer vom Stamme der Bugres>vie der Botoknden Ausfälle aus ihren Gebieten in die Ansiedlungcn weißer Menschen ge- macht haben, Vieh, wohl auch Menschen töteten, die Pflan- znngen zerstörten rc. In unserer Provinz sind derartige Fälle nun weit seltener wie in den andern, und überall trägt man Sorge, die Wie- derholung solcher Besuche unmöglich zu machen. Die Regierung hat mehrere Jndiancrkolonicn mit großen Kosten angelegt, um diese Menschen an Arbeit zu gewöhnen und sie dadurch zu zwingen, ihr Nomadenleben aufzugeben. Bei den Bugres kann diese Idee als gelungen betrachtet werden. Diese haben Kolonien, wo sie Mais, Batatten(verschiedene), Zuckerrohr bauen, auch schon Versuche mit Roggen gemacht haben, den sie jedoch nicht zu benüzcn wissen. Wenn die Mais- und Pinhiaouzeit ist(lezteres eine Frucht der Pinheiro, welche, besonders in Fett geschmort, sehr gut schmeckt), so kommen sie schaarenweise zur Stadt, ohne auch nur jemandem ein Haar zu krümmen, im Gegenteil— es sind welche darunter, die schon etwas portugiesisch sprechen, ja auch sogar ein wenig schreiben gelernt haben— denn auch sie haben Schulen. Sie sind sehr gesprächig und 362 freundlich und stellen sich gelehrig an, besonders bei Schmieden bewundern sie deren Arbeit. Im Zirkus hatten wir Gelegen- heit zu beobachten, wie aufmerksame Zuschauer sie sind. Der Provinzialpräsident hatte diesen Leuten Zutritt verschafft, und ich muß gestehen, daß ich nicht bald eine Gesellschaft so bunt beisammen gesehen habe als in jener Vorstellung, vom halb- nackten Indianer(Männer wie Frauen), vom barfüßigen Neger bis zu den in modernster Garderobe auftretenden Damen! Nachdem sich die Bugres einige Tage hier aufgehalten und ihre Einkäufe, die auf Kosten der Regierung geschehen, besorgt haben, wird der Rückweg angetreten, wobei das Weib die Stelle des Lasttiers vertritt; nicht selten trifft nian da Indianerinnen, die auf beiden Hüften je ein Kind tragen, auf dem Rücken schwere Lasten, die mit einem breiten Bastband über die Stirne be- festigt getragen werden. Wir hatten Gelegenheit, ihre Nacht- lager in den sogenannten„Nancho" mit anzusehen, und müssen gestehen, daß dabei alles in Ordnung und Anstand vor sich ging, kein Streit und Zank und keine Roheit gegen Kinder oder andere, wie man sie von„Kulturmenschen" auf Auswan- dererschiffen wahrnehmen kann. Nur zum photographiren lassen sie sich nicht bewegen, weil das mit dem„Teufel" zugeht, ein Zeichen, daß sie sehr abergläubisch gemacht wurden und noch werden. Und nun zur Frage der Kolonisation zurück! Uns ist kein Land der Erde bekannt, das so viel Geld speziell für Koloni- sationszwecke ausgegeben— und leider zum größten Teil nuz- los ausgegeben hätte— als Brasilien. In den Provinzen Sao Paulo, Rio Grande und St. Caterina befinden sich viele Staatskolonien, das sind solche, welche ausschließlich aus Staats- Mitteln angelegt wurden. Jede Kolonie erhielt Doktor und Apoteker, die den Ansiedlern stets unentgeltlich zur Verfügung standen, außerdem monatlich eine Subvention von mehreren Conto de Reis, die die Direktion zu Gunsten der Kolonie zu ver- wenden hatte,— böse Zungen behaupten allerdings, die Taschen der Herren Beamten seien dabei besser weggekommen, als die Kolonien! Viele derselben— der Kolonien nämlich und nicht der Taschen— versprachen eine gute Zukunft; allein da kam der große Umschwung in der brasilianischen Politik, die Konscr- vativcu erhielten einen Fußtritt und die„liberale Partei" kam ans Ruder, wir, die wir von Europa aus die Heldentaten der Liberalen kennen, ahnten sogleich nichts Gutes, als wir die pomphaften Proklamationen des liberalen Ministeriums lasen, in denen die Verbesserung der brasilianischen Finanzen das Haupttema bildete, und siehe da! sofort wurde das Programm verwirUicht. Alle Staatskolonien wurden cmanzipirt, d. h. es wurden die Subventionen entzogen, und alle Kontrakte, die mit Privatkolouien und Privatpersonen bestanden, aufgehoben und dadurch selbstverständlich auch aller Einwanderung nach Bra- silien ein mächtiger Damm cntgcgengesezt; das war nach unserer Meinung der schwerste Schlag, der gegen dieses von der Natur so reiche Land geführt werden konnte! Nordamerika wurde groß und stark durch die Einwandrung; die brasilianischen Liberalen jedoch hatten kein Verständnis für ihres Vaterlandes Wohl und wiesen jede Einwandrung von sich. Fast alle „emanzipirten" Kolonien wurden einer förmlichen Anarchie au- hcimgegeben. Viele, die noch Geld für die der Regierung ge- leisteten Arbeiten zu empfangen hatten, konnten troz aller Re- klamationcn nichts erhalten— man wollte ja doch die Finanzen verbessern— und als es endlich zu ernste» Auftritten kam, da schickte die Regierung— in echt liberaler Weise— den Kolonisten nicht etwa Geld, dafür aber Militär auf den Hals! Tie meisten dieser Kolonien hatten keinen fahrbaren Weg nach Märkten, wo sie ihre Produkte hätten absezen können, denn der Transport auf Niaultieren oder auch auf Flüffen kam oftmals teuerer, als das zu verkaufende Erzeugnis. Nachdem man die Kolonisation totgeschlagen, gings an eine andere Seite der„Verbesserung der Finanzen". Alle Einfuhrzölle wurden beträchtlich erhöht! Der einzige Mann, der Staatsrat Silveira Martins, der gegen diese unverantwortliche Wirtschaft Protest einlegte, wurde aus dem„liberalen" Ministerium ausgetreten. Derjenige Teil der Bevölkerung, welcher es auch nur halbwegs ehrlich meint mit der Entwicklung des Landes, wünscht die Stunde herbei, in welcher Männer das Steuer in die Hand nehmen, die wirklich etwas von Nationalökonomie gelenit haben. Der größte Mißgriff in der Kolonisation wurde wohl hier in der Provinz Parana begangen. Aus dem Saratovcr Gouvemcmeut au der Wolga wurden gegen 5000 Deutschrusscu herbeigeholt, bei den Städten Lopa, Ponte-Groussa und Pal- meira angesiedelt und Millionen dafür ausgegeben. Das Land hierzu mußte die Regierung von den Großgnindbesizern kaufen, weil sonst keine passenden Ländereien zur Verfügung standen. Diese Gelegenheit benuzten die Herren und verkauften für horrende Preise all ihr schlechtes Land, welches sofort vermeffen und besezt wurde, allein alle Versuche, mit der Pflanzung zu beginnen, schlugen fehl, weil das Campland von der Sonne ausgetrocknet, zumteil auch steinig war, kurz, es eignete sich zu allem andern, nur zu keinem Pflanzland. Nur 4 bis 5 Kolonien bestehen heute noch davon, die sich entwicklungsfähig zeigen. Da sind St. Borbaro bei Palmeira und Johannesdorf und Wirmond bei Lapa. Am Jguassa sind ausgezeichnete Ländcreien, die einer gut geleiteten Kolonisation Vorteile bieten müßten. Der Boden ist dort so fruchtbar, daß neben Zuckerrohr der Weizen, neben der Palme die Araucarie wächst. Ein Bewohner von dort, hier schlechtweg Capocleur(?)(d. h. Bauer) genannt, zeigte uns zwölf verschiedene Sorten Farbhölzer, welche in Klözen nach Europa transportirt werden und von dort hergerichtet, d. h. für Färber, Gerber, Hutmacher k. brauchbar gemacht, zu horrenden Preisen wieder hierherkommen! Ueberhaupt ist es kaum glaublich, daß Produkte, die hier ganz gut gedeihen, noch von Europa eingeführt werden, z. B. Wein; und was für Sorten kommen da an! Da ist Moselwein, Porto und Bordeaux ic.; alle die Weine haben nie eine Traube ihr eigen genannt, dafür ist der Preis unverschämt. Moselwein als der billigste kostet die Flasche 1,200 Rels— 2 Mark 40 Pfennige! Der Wein, welcher hier gebaut wird, schmeckt etwas herb, ist dagegen aber rein, auch bei reichlichem Genuß völlig unschädlich. Deutsche und Italiener fangen jezt an, sich auf Weinbau zu verlegen; so baute im vergangenen Jahre der Deutsche Michael Singwald in Paranaqua 22 Piepen Wein (& 798 Liter), fast ebensoviel bauten hier in Curitiba die deutschen Kolonisten Jhlscld, Wagner und Kumer. Jedes Jahr wird mehr Land mit Wein bebaut und beffere Sorten einge- führt, so daß die Zeit wohl nicht mehr allzufern ist, wo Wein und Getreide ebenso wie die Herva de Matts einen Aus- fuhrartikel bilden werden. Von diesem Tee wurden im eben- vergangenen Halbjahr durchschnittlich pr. Monat 1284808 Kilo ausgeführt. Während der Anbau von Tee hauptsächlich in den Händen der Brasilianer liegt, ist der weitaus nüzlichere Getreidebau in den Händen der Europäer, die sich die größte Mühe geben, vorwärts zu kommen. Freilich werden manchmal ihre Be- mühungen schlecht belohnt, da mancherlei vorhanden ist, von dem sie gelegentlich empfindlichen Schaden zu erleiden hahen. So in erster Linie die Ameisen, von denen die hier sogenannten �rägerameisen in Zügen von vielen taufenden ankommen und oft schon in einer Nacht ganze Felder verwüstet haben. Alle anden: Sorten sind ungefährlich, die sogenannten Wanderameisen zwar lästig, aber dabei doch auch nüzlich. Diese kommen in ungeheumi Schaaren bis in die Häuser, keine einzige Stelle im Hause, vom Fußboden bis zum Dache, lassen sie ununtersucht, und alles Ungeziefer, wie Heimchen, Baratten(Schwaben, die es jedoch nur an der Küste gibt), entfliehen eiligst. Es ist crgözlich anzusehen, wenn die Ameisen so ein Tier erwischen, zu Hunderten hängen sie daran und zerren es nach allen Richtungen. Wenn diese Wanderameisen Nachts ankommen, so sind sie natürlich sehr unliebsame Gäste, und wehe dem, der sich>ln Bette von ihnen envischen läßt. Einen Hauptseind finden die Ameisen in dem Ameisenbär, einem Burschen von der Größe des 363 gewöhnlichen schwarzen Bären mit langem Rüssel und bnschigcni Schweif. Er stellt den Nestern der Ameisen nach und in kurzer Zeit ist ein Heer Vvn Hunderttausenden in seinem Magen auf Nimmerwiederkehr verschwunden. Wir brauchen wohl nicht her- vorzuheben, daß an der Küste das Ungeziefer bedeutend lästiger ist als hier auf dem Hochplateau, well es hier bei rauher Wit- tcrung friert. Besonders widerwärtig für Mensch und Vieh sind die Muskitos(Mücken), die besonders in Flußgegenden sehr ungemütlich sind; zu erwähnen sind noch die Sandflöhe, die jedoch von manchem Berichterstatter weit gefährlicher gemacht werden als sie wirklich sind. Diese braunen Tierchen, von der Größe einer Nadelspize, sezen sich am liebsten in die Nägel der Zehen fest und legen dort ihre Eier, die sich riesenhaft vcr- mehren; allein man hat es nur seiner eigenen groben Nach- lässigkcit und Unsauberkeit zu danken, wenn sie überhandnehmen, denn sobald man Jucken in den Zehen verspürt, muß man nachsehen und das ganze etwa erbsengroße Nest mittels einer Nadel herausheben, dann ist alle Gefahr—.wenn es überhaupt eine ist— vorbei. Daß Menschen daran sterben, ist einfach unwahr. Ich glaube aber dies berichten zu müssen, um auch neben den Lichtseiten die Schattenseiten zu zeigen. Was das hiesige Ungeziefer anlangt, so ist es im ganzen keineswegs lästiger als das in Europa. Ein Brasilianer z. B. würde Zetcr und Mordio schreien, wenn er Nachts von einer Schaar Wanzen heimgesucht würde, die neben dem Schmerz auch noch einen bestialischen Gestank hinterlassen; und die Mücken in Deutsch- land zählen auch nicht zu den Annehmlichkeiten. Wenn aber Brasilien wirklich ein in der Reihe der Welt- reiche mitzählender und ein zahlreiches Volk gut nährender Ackerbaustaat werden will, so müssen vor allem anderen drei Dinge unbedingt eintreten resp. durchgeführt werden und zwar: 1) Freie Masscneinwandcrung von Ackerbauern und Handwerkern, 2) Einführung aller modernen Kommunikationsmittel, endlich 3) Aufhebung der Sklaverei. Schluß Allerlei aus der Geschichte der deutschen Sprache. Von Wrnno Geiser. In einer meiner früheren Arbeiten in der„Neuen Welt" habe ich im Anschluß an eine Schrift Dnbois-Reymonds auf die Vernachlässigung hingewiesen, unter welcher der Unter- richt in unserer Muttersprache auf deutschen Schulen heutigen Tages noch zu leiden hat. Uni verstehen zu lernen, wie wir zu dieser das deutsche Volk in seiner geistigen Entwicklung schwer schädigenden, empfindlichst hemmenden Vernachlässigung gekommen sind, müssen wir uns in die Geschichte der deutschen Sprache, insbesondere in die Geschichte des Unterrichts in ihr auf den Schulen unseres Vaterlandes vertiefen. Ich halte ein solches Eindringen in die vielverschlungcnen Gcschichtslabyrinte unsres Sprachlcbens für so ersprießlich, daß ich glaube, ein ziemlich weites Ausholen bei der Einleitung zu dem, was ich den Lesern der„Neuen Welt" in vorliegendem Aufsaze zu freundwilligcm Durchlesen vorlege, riskiren zu können.—— So fangen wir denn getrost— nicht gerade bei Adam und Eva— so doch bei unfern aus der asiatischen Urheimat aus- wandernden Vorfahren an, d. h. bei einer Zeit, die vielleicht als voradamitisch bezeichnet werden könnte, da sie schwerlich zu finden sein wird in der kurzen Spanne der lcztcn 5832 Jahre — seit denen die„Welt" bestehen soll nach den auf die biblischen Erzählungen gegründeten Berechnungen. Unsere asicnentstammtcn Altvordern brachten eine Sprache mit in die Bergwälder und Talsümpfe Mitteleuropas, die mit der heiligen Sprache der Inder und Perser nahe verwandt war. wahrscheinlich in ihr die Mutter zu verehren und in der alt- griechischen, altitalischen, keltischen, slavischen und litauischen Sprache sicherlich die Schwestern anzuerkennen gehabt hatte. Daß es dereinst eine deutsche Grundsprache gegeben Hat, können wir nur vermuten, vollgiltige Beweise waren dafür bis- hcr noch nicht zu erbringen., Am nächsten mag dieser Grundsprache die der Goten ge- kommen sein, jenes Teils der deutschen Völkerstämme, d,e zuerst von den Volksgenossen das Christentum angenommen haben. Außer der gotischen Sprache treten uns in den Voranstwgen deutscher Geschichte noch entgegen das Deutsche im engeren S.nne d. h. beschränkt auf das. was der deutschen Sprache unserer Ze. m allen ihren Dialekte» und Abarten alS Stammsprache gedient hat. und das Nordische, woraus sich die skandinavischen Sprachen entwickelt haben._... Nicht nur weil sie vermutlich am nächsten verwandt mit der deutschen Grundsprache war, sondern auch weil sie an Schönheit u»d Reichtun, ihresgleichen suchte, in mancher Bezlchnng selbst die altgriechische Sprache übertraf, ist die gotische Sprache, ob- schon sie rasch und vollständig vom Schauplaz der Geschichte verschwunden ist, doch ganz besonders interessant. Als Probe diene hier aus der hochberühmteu Bibelüber- sezung von Ulfila, die um die Mitte des 4. Jahrhunderts nach Christi Geburt entstand, das gotische Vaterunser mit der wörtlichen Uebcrsczung in unser Neuhochdeutsch darunter: Atta unsar thu in hirninam, veihnai nahmo thein; qvimai Vater unser du in Himmeln, gewcihet werde Name dein; komme thiudinassus theins; vairthai vilja theins, sve in hlmina jah aua Herrschaft dein; werde Wille dein, sowie im Himmel, auch auf airthai; hlaif unsarana thana sinteinan gif uns himma daga, jah Erden; Brot unseres dies fortwährende gib uns diesen Tag, und astet uns thatei skulana sijaima svasve jah veis afletam thaim erlasse uns des schuldige wir seien, sowie auch wir erlassen diesen skulam unsaraim; jah ni hriggaia uns in fraistuhnjai, ak Schuldigen unseren; und nicht bringest uns in Versuchung, sondern lausei uns af thaina uhilin, unte theina ist thiudangardi jah mahta löse uns ab diesem Uebel; denn dein ist Herrscherhaus und Macht jah vulthus in aivins. Amen. und Glanz in Ewigkeit. Amen. Das eigentlich Deutsche zerfiel schon früh in zwei Haupt- teile: das Niederdeutsche— aus dem das Friesische und Sächsische sich entwickelt haben, von denen das leztcre sich in j das Angelsächsische und das Altsächsische, dieses mit dem Platt- deutschen und Niederländischen als Tochtcrdialektcn, teilte,— und das Oberdeutsche oder Hochdeutsche. Die ältesten Sprachdenkmäler des Hochdeutschen, nebenbei bemerkt nur Uebersezungen lateinischer oder griechischer Schrift- werke oder Umschreibungen solcher— zeigen uns dieses Althochdeutsche schon dem keiner Sprache ersparten Schicksale der Zerfaserung in mehrere Mundarten verfallen, indem sie in einer der von einander freilich nicht scharf zu scheidenden Mundarten des Fränkisch-, Alcmannisch-schwäbisch- oder Baierisch-vsterrei- chisch-Oberdeutschcn abgefaßt sind. Zum Zwecke der Kennzeichnung folge von den Bundes- schwüren, die im Jahre 842 die fränkisch-deutschen Könige und die Vertreter ihrer Völker bei Straßburg leisteten, die Formel für den Eid Karl des Kahlen in fränkisch-oberdeutscher Mundart mit neuhochdeutscher Interlinear-(zwischenzeiligen) Uebersezung: In godes minna und in thes Christianas folches ind unser In Gottes Liebe und in des christlichen Volkes und unser hedhero gehaltnissi, fon thescmo dage frammozdes, so fram so mir beider Wohlfahrt, von diesem Tage vorwärts, so weit als mir got gewiczi indi maht furgihit, so haldih thesan minan hruodher, Gott Weisheit und Macht gibt, so helfe ich diesem meinen Bruder, soso man mit rehte sin an hruodher scal, in thln, thaz er mig so sowie man mit Recht seinem Bruder soll, in dem, daß er mir so sama duo, indi mit Ludheren iu nohheiniu thing ue gegangu gleich tue, und mit Luther*) in keinem Ding nicht gehe ich um the minan willen, imo ce scaden werdhen. mit meinem Willen, ihm zu Schaden zu werden. Als sich die alcmanuisch-schwäbischen Stämme immer mehr und mehr zu Trägern der geistigen Bildung in Deutschland emporschwangen, mußte das ursprünglich vorwaltende fränkische Hochdeutsch hinter dem alemannischen zurücktreten. Indessen ist keine der althochdeutschen Mundarten zur Trägerin einer selbst- ständigen nationalen Literatur geworden, daher auch keine zur allgemeinen Schriftsprache emporgestiegen ist. Die Zeit, in der das Christentum fremde Zieiser auf den Baum des deutschen Geistes- und Gcmütslebens Propste, konnte nur die Signatur einer Uebergangszcit tragen, und erst als das deutsche Wesen nicht zu seinem Borteile sich mit dem des Christentums innig vermählt hatte, konnte eine Periode dcutsch-nationaler Literatur und allgcmcin-deutschcr Svrachcinigung beginnen. Nachdem vom 7. bis zum 11. Jahrhundert das Althoch- deutsche in seinen verschiedenen Dialcktformen geherrscht hatte, wurde es allgemach vom Mittelhochdeutschen abgelöst. Das Christentum übte auch an der Sprache seinen cnt- nervenden Einfluß: es schwächte die volltönenden Vokale der Biegungs- und Bindesilben, wie wir sie im Gotischen und Alt- hochdeutschen finden, allesammt zu jenem Unterschieds- und ton- losen e, das heute noch die deutsche Sprache in ihrer Schönheit und Klangfülle am meisten beeinträchtigt. So hieß es im Gotischen hilpan, im Althochdeutschen helphan, im Mittelhochdeutschen wie im Neuhochdeutschen helfen; im Gotischen vairpan, althochdeutsch werphan, mittelhochdeutsch werfen; gotisch slepan, althochdeutsch slafan, mittelhochdeutsch slafen, für das Neuhochdeutsche schlafen u. f. w. Und wie bei der Durchdringung mit christlichem Wesen die deutsche Sprache ein Stück ihrer Kraft verlor, so büßte sie auch an Klarheit und Deutlichkeit ein, da viele ursprünglich verschie- denen Silben durch die Bokalabschwächung gleichlautend wurden, alte Wortbildungen völlig verloren gingen und dafür schleppende Wortzusammensezungen sich einen Plaz in der Sprache eroberten. Jedoch so wenig das Christentum die germanische Götterwelt, die heut noch in Sagen und Gebräuchen, als gute und böse Geister, Zauberer und Feen, Riesen und Zwerge, Gnomen und Heinzelmännchen fortlebt und wirkt, ganz abzuschaffen vermochte, sowenig konnte es auch die deutsche Sprache um all' ihren Reichtum und Wohlklang, wie um ihre erstaunliche Zeugungs- kraft und Bildungsfähigkeit bringen. Zunächst bewährte sich die konzentrirende Gewalt des in Teutschland neu erwachenden geistigen Lebens in der Erhebung einer Mundart des Mittelhochdeutschen zur allgemeinen Schrift- spräche. Diese Mundart war die schwäbische, in der auch alle die znmteil, vorzüglich formell bedeutenden, großartigen Schöpfungen jener freilich wenig über ein Menschenalter, von 1190—1230, währenden Epoche der deutschen Literatur niedergelegt sind, welche man die erste klassische Zeit unserer Nationallitcratur genannt hat. Ich zitire, um die mittelhochdeutsche Sprache zu karaktcri- siren, ein Stück aus dem älteren ersten Teile des Gedichts über den berühmten Sängerkrieg auf der Wartburg, dessen Verfasser unbekannt ist und das allerdings auch nicht zu dem besten gc- hört, was jene Zeit hervorgebracht hat, seine Rolle als Sprach- probe jedenfalls aber befriedigend ausfüllt und zur Kennzcich- nung des Zeitgeistes im 1 2. Jahrhundert vielleicht besser geeignet ist, als die auf einsamer, nur von sehr wenigen Höchstbeanlagten erklommenen Kulturhöhe erblühten besten Dichtungen Walters von der Vogelweide selbst und der ihm Nahestehenden. Das Gedicht über den Wartburgkrieg legt Walter von der Vogelweidc die folgenden Strophen in den Mund: ♦] Luther(Lothar) ist Karls des Kahlen Halbbruder, den zu be- kriegen er gemeinschaftlich mit seinem andern Bruder Ludwig dem Deutschen unternommen hatte. Ich gihe der tac hat prises me dan sunne, mäne, sterueglast als ichz bescheiden wil. des müezen höhe pfaffen mir geste mit weiser leigen vil. Mag ich geziuge niht entwesen, sö suoche ich werde meister wise hie uud anderswä, ich meine, die die biblien haut gelesen, der lande crönicä. Ir edelen Dürenge, Hessen, Franken, Swähe, länt iu sagen, wer mac der fürste sin, der al der werlte ist übergelich? der Dürengen herre kau uns tagen, sö get im näch ein sunnen schin der edel üz Osterrich. Der tac die werlt, wild unde zam erfreut, dast wol bekant. mit fröide streut er uns sin guot, Herrn an üz Dürengen lant. In der Simrockschen Uebersezung lauten diese Verse: Der Tag muß doch preiswürdger sein Als Sonne, Mond und Sternenglanz, wie ich vermeinen will: Das gestehen gern mir hohe Pfaffen ein Und weiser Laien viel. Wenn ich noch Zeugen schuldig bin, So weiß ich weise Meister aufzufinden fern und nah, Die in der Schrift belesen sind und in Der Lande Chronica. Edle Türinger, Hessen, Franken, Schwabe», laßt euch fragen, Wer mag der Fürst wohl sein, der all der Welt ist überglcich? Tiiringens Landgraf mag uns tagen; So steht ihm nach ein Sonnenschein der Held von Oesterreich. Ter Tag der Welt mit Wild und Zahnt erfreut, Das ist bekannt: Mit Freuden streut Uns all sein Gut Hermann von Türingland. Fasten wir das, worin sich die mittelhochdeutsche Sprache von der neuhochdeutschen hauptsächlich unterscheidet, kurz zu- sammen. Die mittelhochdeutschen Vokale i und ü entsprechen den neuhochdeutschen Diphtongen ei und au. So heißt der Wein win, das Haus hüs. Auch ou finden wir an Stellen, wo jczt au steht, z. B. in boum für Baum; uo ist Vorläufer des einfachen neuhochdeutschen u: buoch Buch; iu steht an Pläzen, wo heute ie, eu, au und äu zu finden sind: für tiufe, viuhte, biuwe, miusc sagen wir Tiefe, Feuchte(Feuchtigkeit), baue, Mäuse; aus tie ist unser ü geworden: küene kühn; aus ai, aei unser ei: gemain, haeiz, gemein, heiß. Unter den Konsonanten waren zunächst v und f noch nicht voneinander geschieden; wo wir heut f schreiben, stand in den meisten Fällen v, vüst hieß die Faust, vregen fragen. Von den übrigen stand z vielfach wo unser s oder ß; sl, sw wo schl, schw; w auch v häufig wo jezt b, b wo ch, c wo z, ch wo k. ph wo pf, dw, tw wo heute zw steht. So schreiben wir für das mittelhochdeutsche daz jezt das oder daß, für slac Schlag, für swin Schwein, für verwen färben, für heven heben, für wehsei Wechsel, für cit Zeit, für chlein klein, für phluoc Pflug, für dwingen zwingen, für twanc Zwang. Bei twanc sehen wir, daß der neuhochdeutsche Auslauter g im Mittelhochdeutschen als c erschien; das war stets der Fall. im Auslaute gab es kein g und kein d, daher hieß es auch tac, wenn auch im Genitiv tages das g sich zeigte� ebenso lant und landes. Das vertrackte Dehnungszeichen h,— an dem unsere Mehr- oder Mindergebildeten mit solcher Innigkeit hängen, daß der Schreiber dieser Zeilen ein paar hundert Briefe erhalten hat, worin ihm die geehrten Verfasser klar zu machen suchten, daß er fich eines unverzeihlichen Fehlers schuldig mache, wenn er in der Schreibung der„Reuen Welt" ernstlich diesen höchst überflüssigen Schnörkel ezlichen Worten ampntiren wolle— besagtes Dehnungszeichen ist eine neuhochdeutsche Erfindung, — der Himmel weiß, welcher schönen Schreiber- oder Schrift- sezerscele wir sie zu verdanken haben. Im Mittelhochdeutschen schrieb man stets nemen, lam, keren it. s. w. für nehmen, lahm, kehren. 365 Auch in anderen Beziehungen machte man sichs weidlich bequem. Statt des Morgens schrieb mau einfach smorgcns. Die Verneinung drückte man hanfig durch ein vor» an das Berdum oder hinten au das diesem vorausgehende Wort ge- hangtcs ne, eu oder in aus, ih nemac heißt ich mag nicht, ihne vernain ich vernahm nicht, si cnkam sie kam nicht. Dabei kam es auch auf eine Verneinung mehr oder weniger nicht an, z. B. ih inwil nimmer ich will nicht mehr. Auch das Wvrtchcn üuo, ze zu, hing man häufig dem Worte, zu dem es gehörte, verkürzt vorn an, so schrieb man zeiner für zu einer, zeren zu Ehren. Ebenso machte man es noch mit einer ganzen Reihe kleiner Worte, wie du, er, ez, daz, in, diu, ist jc. Man schrieb wiltu willst dn, daventiure(diu aventiure) die Geschichte jc. Ohne Verkürzung wurden auch ich, er, ez, im, inn, in, ir dem vorhergehenden Worte an- gefügt, z. B. gibich gebe ich. Indessen fehlte es auch dem Mittelhochdeutschen nicht an allerlei unnötigem Kram. So wurde den Verben oft als Vorsilbe ohne allen besondern Zweck ge oder gi angehängt, geroufen raufen, giheilen für heilen, oder mit dem etwaigen Anfangsvokal zusammengezogc», gezzen essen, girren irren:c. Wie in ge so geht auch sonst in Vorsilben das o oft in i über, z. B. in be und er, bizaz besaß, irwecken erwecken. Wir sehen in all dem Vorstehenden das Mittclhod)deutsche sowol als das Althockideutschc mit lateinischen Lettern gedruckt, und die lateinische Schrift ist in der Tat auch diejenige, in welcher bei den nichtgotischcn deutschen Stämmen ganz allgemein geschrieben wurde. Unsere heutige sogenannte deutsche oder auch sogenannte gotische Schrift ist nichts weiter als die durch die Schuörkeleien und Schlcchtschreibereien von mittelalterlichen Mön- chen verhunzte lateinische Schrift, in die auch die Majuskeln, d. s. die großen Ansangsbuchstabeu der Hauptwörter, als eben- solcher Mönchssirlcsanz, jeden vernünftigen, denkenden und mit Kenntnis des Sprach- und Schristlvesens ausgestatteten Mm- schen störend und ärgernd, eingeschmuggelt worden sind. Wie schon oben gesagt, währte die Blütezeit mittclhoch- deutscher Literatur und Sprache nicht lange. Tie Kämpfe zwischen Kaiser und Pabst waren auf ihren Höhepunkt ange- langt und hatten an deutschem Gut und Blut im Ucbermaßc gezehrt. Der Hohenstaufe Friedrich II. hatte im Jahre 1237 seiner Sache in Italien den Sieg erkämpft, aber schon im nächst- folgenden Jahre niadfic den mühsam errungenen Triumph die Niederlage vor den Mauern von Brcscia weit. Ganze Gewitter von Bannflüchen entluden sich über das Haupt des Kaisers, die Greuel der Anarchie suchte der Stellvertreter Petri über seinen Feind heraufzubeschwören, indem er seine Untertanen ihrer Pflichten gegen den weltlichen Gebieter ledig sprach. Selbst der Schrecken des Mongolencinbruchs in Schlesien einte die christliche Welt nicht einen Augenblick. Pfasfcnkönige wurden eingcsezt und gchezt wider den Kaiser, und als dieser vom Tode hinwcggerafft wurde, bestieg sein Sohn Konrad den Tron, um sich als lezter König aus dem stolzen Geschlechte der Hohen- staufen im hoffnungslosen Kampfe um die Herrschaft in Italien aufzureiben. Vierzehn Jahre nach ihm endete der lczte Spröß- ling der Hohenstaufen zu Neapel unter dem Beile des Henkers. Mit ihm war das beveutendste der deutschen Käisergeschlcchter vernichtet und das kaiserliche Ansehen so tief gesunken, wie es nur sinken konnte. Damit waren für die damalige Zeit der Volkskindschast alle Banden der Ordnung aufgelöst, zumal infolge der Duldsamkeit seitens der Kaiser das Rittertum erstarkt und zum Raubrittertum entartet war, und seitens der Päbstr, die sich in dieser Zeit von Nachfolgern Petri zu Stellvertretern Gottes avanciren ließen, in den Franziskanern»nd Dominikanern ganze Armeen geistlicher Bettelstrolche geschaffen wurden, die überall aufhezend und Sitten verschlechternd wirkten. Nichts war dabei natürlicher, als daß der kaum geborene Sinn für Wissenschaft. Poesie»nd Kunst wieder in die Brüche ging und mit ihm auch die gemeinsame Schriftsprache sich wieder auslöste in die Wirrnis der Volksmundarten. Und wenn nun auch dadurch die Sprache wieder an Mannich- faltigkcit und Wortreichtum zunahm, so ward sie doch auch wieder ungelenker und steifer und mußte schließlich zum Ge- brauche für die allgemach von neuem auslebende Wissenschaft des griechischen und römischen Altertums ganz untauglich er- scheinen. Dabei ist erklärlich, daß durch die über die ganze Christenwelt verbreitete und aus allen Lande» derselben her- vorgegangene Geistlichkeit diejenige Sprache bevorzugt und verbreitet, wenn auch vielfach verballhornt und verstümmelt wurde, mit Hilft deren sie sich untereinander verständigten, die tatsächlich die geistliche Muttersprache war, und das war auch die lateinische, deren Kenntnis für jeden auf eine Art von Bildung Anspruch erhebenden darum unerläßlich wurde, während andererseits von dem zweithöchsten der mittelalterlichen Stände, dem weltlichen Adel, wälschcs Wesen und wälsche Sprache ge- pflegt wurde, da ja von Wälschland her sowohl das Rittertum als der lächerlich übertriebene, ungesund ekle Frauendienst nach Deutschland gekommen war. So war es denn bis um das Jahr 1500 der christlichen Zeitrechnung glücklich soweit gekommen, daß man in Deutsch- land sich die größte Mühe gab, die deutsche Sprache aus dem Bereich der Gelehrsamkeit und selbst der Schule ganz auszu- schließen. Auch die Schüler sollten nur Latein sprechen und schon in den untersten Klassen waren die Bemühungen der Lehrer darauf gerichtet, die deutsche Sprache aus dem Munde der Jugend gänzlich zu vertreiben, und der größte Aerger der Schulmänner war, daß die Jungen das verhaßte und verachtete Deutsch überhaupt noch aus dem Elternhause mit in die Schule brachten. Indessen begann sich doch gesunder Sinn wider solche Un- natur bald genug, wenn auch anfänglich sehr bescheiden, aufzu- lehnen. Während bis gegen Ende des 15. Jahrhunderts das Deutsche nur in den Elcmentarbüchcrn als Aschenbrödel neben dem Latein geduldet wurde und in die Grammatiken gar keinen Eingang fand, wo die lateinische Sprache mit lateinischen Kom- meutare» erläutert und gelehrt wurde, drängte es sich jezt auch in die Grammatiken in der anspruchslosen Form der Jntcr- lincarvcrsion, der Zwischenzeilenübersezung, ein! Dabei blieb es nicht lange. Der berühmte bairische Ge- schichtsschreiber Johannes Turnmayr, der nach damaligem Brauch von seiner Gcburtsstadt Abensberg den wissenschaftlichen Namen Avcntinns herleitete, unter dem er hauptsächlich bekannt geworden ist, wagte es in den ersten Jahren des 16. Jahr- Hunderts(München 1512), eine lateinische Grammatik heraus- zugeben, deren erläuternder Text zu einem größeren Teile deutsch abgefaßt war. Der gelehrte Humanist war sich so sehr bewußt. daß es ein Wagnis war, was er unternahm, daß er sich in der Vorrede entschuldigte und allerlei praktische Gründe für sein Beginnen vorführte, vornehmlich den, daß damit der lateinischen Sprache selbst am besten gedient werde, dieweil dem An- fänger oft mit einem einzigen deutschen Worte klar zu machen sei, was ihm die lateinischen Umschreibungen nur immer mehr verdunkelten. Seine eigenen edlen Zöglinge hätten auf diese Weise in acht Monaten soviel von der lateinischen Grammatik gelernt, wie sonst kaum in drei Jahren ihr eigen geworden wäre. Uebcrdies seien ihm in dieser Art der Benüzung der deutschen Sprache sehr gelehrte und angesehene Italiener Muster gewesen, welche ihre Muttersprache ebenso zur Erleichterung des Unterrichts im Lateinischen beimzt hätten. Kaum zwei Jahrzehnte nach des Aventinus Grammatik erschien ein Buch, welches der deutschen Sprache nach anderer Richtung hin Bahn brach. Es ist dies des Bunzler Bürgers und Magisters der freien Künste Fabian Frangk Anweisung zur deutichen Schreiberei, welches nach einigen Anmerkungen über Rechtschreibung und Grammatik Formulare von Briefen und Verträgen bringt und Anreden, Titulaturen jc. zusammenstellt. Der auch die Sprache jener Zeit trefflich karakterisirende Titel lautet:„Teutscher Sprach Art vnd Eygenschafft. Ortho- graphia, Gerecht, Buochstaebig teutsch zuschreiben. New Cantzley, ich braeugicher, gerechter Practick, Förmliche Missiuen vnd Schrisften an icde Personen rcchtmessig zustellen, aufs kürzst be- griffen. M. Fabian Frangk." Obgleich er selbst sich so hoher Aufgabe nicht vermessen, dringt doch schon derselbe Frangk darauf, daß endlich auch eine ganze deutsche Granimatica geschrieben werde,„wie in Gricchi- scher, Lateinischer vnd andern sprachen geschehen/ da„Vilser edle sprach ie so lustig, nützlich vnd dafper in jhrer Rcdmaß als indert eine andre vnd vns vngelerten Lehen auch(vnd die wir der haubtsprachen nicht geuebt noch kundig) so vil an jr als indert einer andern gelegen" sei. Das Buch Frangks ist besonders merkwürdig dadurch, daß es sich daneben die größte Mühe gibt, die hochdeutsche Schrift- spräche von allem mundartlichen möglichst sauber zu erhalten. Die Frage, woraus man„cccht vnd reyn Deutsch lernen" könne, beantwortet er folgendermaßen:„Wer rechtförmig Deutsch schrei- ben, odder reden will, der muß teutscher sprachen auf eins Lands art vnd brauch allenthalben, nicht nachuolgcn. Nützlich vnd guot ists einem icdlichen, viler Landsprachen mit jren mißbraeuchen zewissen, damit man das vnrecht nioeg meiden, Aber dz fürnemlich ist so zuo diser fach foederlich vnd dienstlich, ist, das man guoter Exemplar warneme, das ist, guoter teutscher Buecher vnd Verbrieffungen, schrifftlich oder im Druck vcrfasst vnd außgangcn, die mit fleisse lese, vnd jnen in dem das an- zunemcn vnd recht ist, uachuolge. Viidcr woelchenn wir ctwan des tcioren(hochloblicher gedechtnuß) Kehser Maximilians Cantzlei, vnd diser zeit D. Luthers schreiben, vnd vnuerfälscht, die cmcndirtsten vnd reynsten zuhanden kommen sehn." So erkannte Fabian Frangk mit einer für uns heute ganz erstaunlichen Sicherheit, woher das zu nehmen war, was in Deutschland währcild der nächsten Jahrhunderte als Schrift- spräche allgemeine Geltung sich erobern würde, eine Einsicht, die troz des sechs Jahre vorher erfolgte» Erscheinens der Lutherischeu Bibclübersezung doch noch so völlig vereinzelt da- stand, daß erst mehr als vierzig Jahre später der erste deutsche Grammatiker den Weg einschlug, den der schlichte schlesische Magister den Gelehrten und Freunden der deutschen Mutter- spräche so lange vorher gewiesen hatte. (Schluß solgl.) Julia und Lorenj».(Illustration s. S. 345.)„Wohl niemand weist von Weh gleich dem zu sagen, dem Roineo und Julia erlagen" — so schließt Shakespeare sei» gewalliges Drama„Ronieo und Julia", dieses hohe Lied der Liebe, welches besingt, wie zwei in Heister Liebe entbrannte jugendlick>e Herzen allen Schrecken und allem Unglück der Erde trozen und schließlich, ihrem Mißgeschick erliegend, sich im Tode untrennbar vereinigen. Wir können voraussezen, daß der Inhalt des berühmten Dramas uusern Lesern bekannt ist. Unser Bild stellt Julia dar, wie sie bei dem Mönch Lorenz», der sie heimlich mit Romeo ge- traut hat, in seiner Klause erscheint und ihn unl Rat fragt. Die Familien Romeos und Julias sind tätlich verfeindet; die Heirat der schönen Veroneserin mit dem feurigen jungen Romeo muß geheim ge- halten werden; Romeo hat das Unglück gehabt, einen Vetter JuliaS im Zweikampf zu töten und wird bei Todesstrafe aus Verona uer- bannt; Julia aber soll einem andern vermählt werden. In dieser furchtbaren Situation kommt sie zu Lorenzo und erklärt, sich eher zn töten, als sich einem andern antrauen zu lassen. Sie strömt ihren wilden Schmerz, ihre Abneigung gegen de» Grafen Paris, dem sie ver- mählt werden soll, in den Worten aus: „O heiße mich, dem Paris zu entgehen, Hinab von jenes Turmes Zinne springen, Zu Räubern schicke mich, in Schlangenhöhlen, An Bären kette, sperre mich bei Nacht Ins Beinhaus ein voll rasselnder Gerippe, Wo Schenkel modern, fleischlos gelbe Schädel, Ja, hülle mich in frischgcgrabner Gruft Ins Leichenhaus zusammen mit dem Toten: Was mich beim Hören schon erbeben machte, Tun will ichs ohne Zögern, ohne Zagen, Des Liebsten unbeflecktes Weib zn bleiben." Soviel Leidenschaft, soviel Glut bewegt den düstcrn Mönch Lorenzo; er gibt ihr einen Trank, der sie auf zweiuudvierzig Stunden in einen todesähnlichen Schlaf fallen läßt. Sie soll den Trank an» Morgen des Tages nehmen, da sie mit Paris getraut werden soll; so cutgeht sie dem Gehabten. In der Gruft soll sie wieder erwachen und von dort mit Romeo von Verona entfliehen. Es geht alles nach Verab- redung, mit Ausnahme des unglücklichen Zufalls, daß Romeo den Brief, in dem er von der Sache benachrichtigt werden soll, nicht erhält; er kommt nach Verona heimlich zurück und vergiftet sich am Grabe Julias, die er wirklich für tot hält. Indessen wacht Julia auf, sieht Romeo tot und ersticht sich sogleich mit dessen Dolch. Lorenzo ist zu spät gekommen. Am Grabe dcS heroischen Paares versöhnen sich die so lange verfeindeten Familien. Der Künstler hat für seine Darstellung den Moment gewählt, da Julia verzweifelnd von Lorenzo Hilst verlangt: „Was zauderst du und schweigst? Wenn, was du sagst, Nicht helfen kann, verlangt eS mich, zu sterben!" Schmerz und Verzweiflung durchbeben die schlanke Gestalt Julias, Lorenzo aber kämpft mit sich, ob er es wagen soll, zu dem lezten ge- fährlichsten Rettungsm ittel zu greifen. Der Vater Julias sagt an ihrem Grabe: „... Ich will von purem Golde Ein Standbild ihr errichten, denn es darf, So lange diese Stadt Verona heißt, An Wert kein andres Juliens Bild erreichen, Weil sie geliebt mit Treue sondergleichen!" Das schönste Denkmal aber hat dieser wildflammenden Leidenschast mit ihrer heldenhaften Treue bis zum Tode der große britische Dichter selbst gesezt. LI. Sigmunds Tod.(Illustration S. 352-353.) Unser Bild stellt eine der wirksamsten Szenen auS Wagners großer Trilogic,„der Ring des Nibelungen" dar: Sigmunds Tod. Die Quellen, aus welchen Wagner den Stoff zu seinem Ring des Nibelungen geschöpft hat, sind die iSländischeEdda, die Völsungsaga und die deutsche Nibelungen- sage; doch hat der Dichter sehr frei mit dem Sagenstoff geschaltet. Er schmolz Entlegenes zusammen, gab neue Motivirungen, gestattete sich mannigfache Umbildungen, so da» geivissennlaßen eine ganz neue Sagen- dichtung entstand. Der mit einem Fluch bcladcne Ring in der Edda- sage bildet den Angelpunkt der Waguerschen Dichtung, er ist die Ursache des Untergangs für Götter und Menschen. Wagner läßt den Ring aus dem Gold entstehen, welches seit Urzeiten in den Tiefen des Rheins ruht, von Zeit zu Zeit mit zauberhaftem Glanz ausleuchtend und von den Rheintöchtern bewacht wird. Wer aus diesem Gold einen Ring zu fertigen weiß, dem gehört die Herrschast über die Welt, denn alles muß sich unter seinen Willen schmiegen. Aber nicht jedem fügt sich das Gold zu einem Ringe, sondern nur demjenigen, ivelcher der Liebe und ihrem Genuß freiwillig entsagt hat. Nun gibt es drei Ge- schlechter, welche um die Herrschaft der Welt streiten und ihre Macht stetig zu erweitern suchen: die Götter in Walhalla in lichten Himmels- höhen, die Riesen auf dem Rücken der Erde in Riesenheim und die Zwerge(Nibelungen) in der Tiefe der Erde in Nibclheim. Das Haupt der Götter ist Wotan(nordisch Odin); er herrscht durch die Macht der Verträge, die mit Runenschrift auf seinem Speer eingegraben sind. Seine Gattin Fricka ist die Hüterin der Ehe. I» dem Garten ihrer Schwester Frein wachsen die goldenen Aepfcl, durch deren Genuß die Götter stets jugendlich bleiben. Indem nun Götter, Riesen und Zwerge sich gegenseitig um den Nibelungenring bekämpfen, ent- wickelt sich das Spiel der Jntriguen, das endlich mit dem Untergang der Götterwelt, mit der..Götterdämmerung" schließt. Zeigt schon der Text(das Libretto) der Dichtung, die Selbständigkeil der Waguerschen Muse, welche die Regeln der Herkommens abstreift und ihre eigenen Wege wandelt, so zeigt dies die Musik in noch höheren Grade. In der Musik der Nibelungen sind die reformatorischen Ideen des Ton- dichters, wie Wagner sich nannte, zum vollständigen Ausdruck gelangt, namentlich gilt dies von dem Shstem der„Leitmotive", das schon im „Lohengrin" häufig angewendet ist. Wagner läßt nämlich an einem bestimmten, recht karakterischen Punkt des Dramas die wichtigsten, für die Entwicklung entscheidenden Worte in möglichst prägnant-illustriren- der Melodie singen, so daß dieser musikalische Saz als spezifischer Träger des betreffenden Gedankens erscheint. Wie sich nun dnS Drama weiter entivickelt und wider ein Punkt kommt, der mit jenem Gedanken irgend welche dramatische Vertvandtschaft hat, läßt sich jene karakteristische Tonlage im Orchester wieder hören, was eine überaus poetische Wirkung erzielt. So kann sich dasselbe musikalische Tema an verschiedenen Stellen wieder- holen; daS ist dann das„Leitmotiv". Als klassisches Beispiel kann die Stelle im Lohengrin angeführt werden, wo der Schwanenritler seine Braut Elsa von Brabanl warnt: „Nie sollst du mich befragen, Noch Wissens Sorge tragen, Woher ich kam der Fahrt. Noch meine» Rani' und Art!" Wie die Wagnersche Musik überhaupt wahr, karaklerislisch sein, d. h. in Tönen das ausdrücken will, waS der Text, der ihr untergelegt ist, besagt(während die sog. italienische Musik das Hauptau rcnmcrk auf eine gefällige Melodie richtet, so daß Musik und Text häufig nicht das Geringste miteinander gemein haben), zeigt besonders diese Stelle auch dem Laien in der Musik. Wie eine Warnung hört sich die Melodie der beiden ersten Zeilen an, während die Melodie der dritten Zeile geheimnisvoll erklingt, weil es sich um das Geheimnis handelt, nach 367 dem Elsa nicht fragen soll. Diese Melodie nun, die den Angelpunkt des Dramas begleitet, taucht teilweise im Verlaufe der Oper immer wieder aus dem Orchester aus, wo es sich darum handelt, dag jene Frage von Elsa vermieden werden soll. Sie ist eines der Leitmotive. In weit ausgedehnterem Maße hat nun Wagner das Leitmotivsystem im Ring der Nibelungen angewendet. Wie in der Dichtung gewisse Verhältnisse und Personen das Ganze beherrschen, so ziehen sich auch durch die ganze Musik bestimmte Leitniotive, gleichsam logisch den Gang der Handlung erklärend und�motivirend. Diese Leitmotive sind in ihrem Karaktcr den jeweiligen Situationen angemessen, so daß sich dieser in ihnen spiegelt. In seiner Verwendung erfährt das Motiv mancherlei leichte Veräu- derungen, verschiedene Harmonisirung und Jnstrumcntirung, so doch, daß die Physiognomie des Grundgedankens nicht zu verkennen ist. Wie ferner im Gang der Handlung das eine ost unvermeidlich die Folge des anderen ist und beides unzertrennlich zusammengehört, so leiten sich auch einzelne Motive aus anderen her und lassen ihre Verwandt- schaft erkennen, ohne eins zu sein. Endlich sucht das Orchester durch möglichst reiche Farben nicht nur alles Tonmalerische in den Szenen, ivie wogendes Wasser, flimmernden Glanz, lodernde Flammen, Gewi!- tersturm, Waldlebeu zc. getreu wiederzugeben, sondern auch die Stim- mungen der handelnden Personen auf den Zuhörer zu übertragen. Man darf nicht die Musik als solche genießen wollen, ste erhält ihre Bc- deutung nur durch die Handlung und das gesprochene Wort. Geschlossene Nummern, Arien u. dgl. gibt es nicht, melodisch zieht sich die Deklnma- tion, das gehobene Sprechen sRecitativ), als musikalisches Sprechen idealisirt, durch das Ganze. ät. Beim Advokaten.(Illustration S. 357). Es gibt immer noch jene merkwürdige Spezies von Bauern, die das Prozessiren nicht lassen können. Ihnen ist nicht tvohl, ivenn sie nicht jede Woche aufs Gericht laufen und am Ende des Jahres dem Advokaten eine gesalzene und gepfefferte Rechnung bezahlen müssen. Das Schicksal anderer, die durch die leidige Prozeßsucht sich selbst um Hab und Gut gebracht haben und nun als Tagelöhner auf den Feldern arbeiten, die sie einst ihr eigen genannt, schreckt sie nicht ab; es muß weiter prozessirt werden. Das scheint in gewissen Bnuernsamilien einmal so erbeigentümlich zu sein. Oft ist das Streitobjekt ein ganz geringfügiges; die Hartnäckigkeit der Parteien aber läßt die Kosten oft zu einer solchen Höhe anschwellen, daß der Sieger eben so schlimm oder noch schlimmer daran ist, als der Besiegte. Man kann nicht bestreiten, daß unsere agrarischen Vcr- Hältnisse dazu angetan sind, die Bauern leicht in Streitigkeiten zu ver- wickeln, andererseits ist aber nicht zu verkennen, daß ein großer Teil der Prozesse, welche die Bauern ruiniren, aus bloßer Lust zum Streit entsteht. Der Hofbesizer Michael Neuhaus, den unser Künstler verewigt hat, sührt mit seinem Nachbar schon seit langer Zeit einen Prozeß, den man nach der Satire eines berühmten Schriftstellers den„Prozeß um des Esels Schatten" nennen könnte. Wenn Michael siegt, ist er vielleicht schlimmer daran als fein Nachbar, aber das tut nichts; es wird weiter prozessirt, denn Michael sagt, er wolle sein Recht haben, der Nachbar sagt das auch, und daran liegt eigentlich der ganze Grund des Streits. Michael hat eben seine Jahresrechnung beim Advokaten in Ordnung gebracht, und es ist ihm doch in die Glieder gefahren, daß sein Beutel um verschiedene blanke Zwanzigmarkstückc erleichtert worden ist. Natür- lich fragt er den Advokaten, ob er denn seinen Prozeß bald gewinnen werde. Der alle trockene Jurist, der solche Fragen schon von früher her gewohnt ist, antwortet mit einem Achselzucken und versichert, daß er alles Mögliche tun werde. Dem Hofbnuer ist bei der Sache offenbar nicht ganz wohl zu Mute; die Geschichte dauert ihm zu lange und hat ihn auch schon ein rasendes Geld gekostet, denn die vielen Bogen Papier, die der alte Herr Doktor vollschreiben läßt, sind eine teure Waare. Aber der Hofbauer hat einen verzweifelt harten Kopf, und so muß er denir iveiter prozessiren, bis sein Hab und Gut zum größten Teil dabei aufgegangen ist. Das kommt so sicher, als wenn es die Götter vorher bestimmt hätten, denn eher weichen die Planeten aus ihren Bahnen, als daß Michel Neuhaus seinen Eigensinn und seine Prozeßsucht zähmen möchte— so lange er noch etwas hat. Tine Knopmaier.(Illustration Seite 861.) Den geehrten Lesern und Leserinnen sind sicherlich schon viele reizende Frauengestalten im Bilde vorgeführt worden. Aus allen Kreisen der Gesellschaft holt sich der Holzschnitt seilten Gegenstand. Kaiserinnen, Königinnen, Herzoginnen, Gräsinncn und Baronessen wechseln ab mit Militärsfrauen, Geheim- rätinneu, Doktorinneu und Schriftstellerinnen, Modedamen mit Land- Pomeranzen, Nonnen mit Weltdamen, Teatcrprinzcssinnen mit Nähe- rinnen, Köchinnen mit Blaustrümpfe» und reisende Engländerinnen mit Ziegenhirtinnen. Auch sonst wird dem Geschmack der Lesewelt nach allen Seiten gerecht zu iverden versucht; die Schönheiten sind groß und klein, dick und dünn, schlank und üppig; sie bieten zierliche Ge- sichter, wallende Locken, schimmernde Nacken, zierliche Händchen und Füßchen, schioellcndc Formen, graziöse Stellungen. Für den derbe» Naturalismus sinden wir Gestalten geboten von kräftigen Umrissen, starkknochige Bauerndirncn und Fischerfrauen mit muskulösen Armen und einer Gangart, die sich der der bairischcn Kürassiere bedeutend nähert. Aber hübsch sind sie alle, jede in ihrer besonderen Art. Man soll jedoch nicht immer dieselbe Speise genießen, wenn sie noch so angenehm schmeckt, sonst wird man derselben überdrüssig, wie es den Juden in der Wüste mit dem Manna ergangen ist. Und da wir den Geschmack unserer Leser mit lauter Schönheiten nicht abstumpsen wollen, so Präsentiren ivir ihnen heute ein Bild von Fcddersen, darstellend die alte Tine Knopmaier, wie sie behaglich ihr Schälchen Kaffee trinkt. Wir können dies Bildchen um so eher vorführen, als wir keine Furcht zu haben brauchen, die Phantasie heißblütiger Jünglinge unter unseren Lesern zu erhizen. Nachdem sie nun so ost gesehen und gelesen, wie schöne Damen die Herzen der Männerioelt betören, können sie sich ein- mal daran erbauen, ivie eine alte Frau mit verwettcrten Zügen und tiefen Runzeln in aller Gemütlichkeit ihren— wir wollen nicht sagen Mokka, sondern— Kaffee schlürft. Der Künstler war etisch genug an- gelegt, ihr den Mund, der einen Vergleich niit einem perpetuum mobile herausfordert, wenn die Tine spricht, zu schließen und damit alle im- nötige» Betrachtungen über die Unzulänglichkeit weiblichen Zahnwesens von vornherein abzuwenden. Ein alter guter Spruch besagt zwar: .„Häßlichkeit entstellet immer Selbst das schönste Frauenzimmer;" allein man würde zu weit gehen, wollte man diesen Spruch aus unsre alte Tine anwenden. Und wir können gar nicht wissen, ob sie nicht ein schmuckes und vielbegehrtes junges Ding war, als sie noch vierzig Lenze weniger zählte. Wir wollen auch keineswegs darüber spötteln, daß die Reize Tines längst verblüht sind, sondern wir wünschen ihr, daß sie noch recht lange sich ihres Daseins freue, gesund bleibe, ihren Kaffee trinke und ihre spizc Zunge nicht zu viel spazieren gehen lasse, wie sie denn auch mit geschlossenem Mund offenbar am liebenswürdig- sten aussieht. ül. Die„Aussäzigen" im Mittelalter. Der„Aussaz" oder die„Lepra" ist eine der entsezlichsten Krankheiten epidemischer Art, von denen je die Menschheit heimgesucht worden. Schon die Bibel erzählt bekanntlich von den Schrecken derselben, doch ist es ungewiß, ob der von ihr erwähnte Aussaz die eigentliche Lepra gewesen— von Herodot wird die lezwre als eine persische Krankheit bezeichnet. Jedensalls stammt sie aus dem Orient, verpflanzte sich von da nach Griechenland und wurde von hier im Jahre 62 v. Chr. nach Italien eingeschleppt. Bei Beginn der christlichen Zeitrechnung sinden wir sie schon in Spanien, Galizien und Britannien verbreitet. Die Longobardenkönige von Italien ver- boten die Heirat der Leprösen; im Mittelalter muß sich hier und in Frankreich die Krankheit furchtbar verbreitet haben, denn jeder Flecken besaß damals dort ein Lcprösenhaus; in Paris bestand ein besonderes Haus für Hosdamen. Am Ende des dreizehnten Jahrhunderts zählte man in Europa zirka 19 000 Leprösenhäuser. Jedenfalls hatten aus die große Verbreitung des Aussazes zu jener Zeit die Kreuzzüge, welche große Mcnschenmassen nach dem Orient und wieder zurückführten, bc- deutenden Einfluß. Ein an der Lepra Erkrankter galt als ausgestoßen aus der bürgerlichen Gesellschaft, als unehrlich(wie ein am Erbgrinde, der Tina, Erkrankter), als bürgerlich tot, so daß in Frankreich schon für den Erkrankten die Totenfeier abgehalten wurde. Anderwärts galt ein mit dem Aussaz Behastetcr als ein von Gott gezeichneter schwerer Verbrecher, der deshalb besondere Kleidung tragen und, ivenn er durch die Straßen ging, durch Klappern aus seine Nähe auf- merksam machen mußte. I» Deutschland wurden, wie Virchvw gezeigt hat, die Leprösen anfänglich ausgesezt, woher der Name„Anssaz" kommt. Später baute man gleichfalls Häuser für diese unglücklichen Kranken. Die Männer und Frauen pflegte» in von einander getrennten Leprasorien untergebracht zu werde». Im siebzehnten Jahrhundert erlosch die Lepra als epidemische Krankheit im größten Teile Europas; nur in Norwegen und Kreta kommt sie als solche noch in größerer Ausdehnung vor; vereinzelte Fälle werden jczt auch au den Küsten des Mittelmecrs noch beobachtet. In den genannten Gegenden, wie in mehrere» außereuropäischen Ländern sind hcutzutragc noch Leprösen- Häuser zu finden. Dr. M. B. Gastfreundschaft gilt bei den Zulukasfern als eine der höchsten Tugenden. Wenn eine Hausfrau den Gast nicht gut bewirtet, so ist das für den Mann ein gültiger Scheidnngsgrund. In den Dörfern ist es die vornehmste Hütte, in welche die Fremden einkehren. Sic ist dazu eingerichtet und also zugleich eine Art Gasthaus— nur daß nichts darin bezahlt wird, was jedenfalls kein Fehler. Ein Zulu, Umpcngula, schildert diese Einrichtung wie folgt:*) Bei uns schwarzen Männern ist das Haupthaus das, zu welchem alle Fremden gehen und wo sie gut aufgenommen werden. Die erste Frau des Dorfes— die Frau des Häuptlings— hat die Pflicht, alle Fremden zu bewirten. Unter Be- wirtung verstehe ich, daß ihnen Nahrung verabreicht wird, und zwar so viel sie verlangen— und ohne ein schiefes Gesicht. Wenn eine Frau dem Gaste nicht freundlich ist, ihm das Essen mißgönnt, Esse» vor ihm verbirgt oder es heimlich ißt, ohne ihm davon zu geben, wenn sie mit dem Gaste zankt oder ihn gar abweist, dann muß sie aus dem Hause gehen. Ein solches Weib können wir nicht dulden. Sie ist nicht geeignet, das Dorf zu tragen(das heißt: an der Spize des Dorfs zu stehen). Sie muß fort in eine schlechtere Hütte und eine andere nimmt ihren Plaz ein." Mit dem Essen ist es bei den Zulus *) Sieh Amazulu: The Zulu«, their pari hislory elo.— Die ZulnS, ihre Gc- schichle zc. Bon Thomas SB. Jenlinson. 368 übrigens nicht getan. Sie trinken auch tüchtig, und zwar ein ans Mais gebrautes„Bier", nach Cctewayos Beschreibung„wie saure Mehl- suppe, sehr dick". Allein Anschein nach kein besonders appetitliches Getränke, das aber den Zulus vortrefflich mundet und auch eine stark berauschende Wirkung hat. Als Cetewayo zum erstenmal englisches Bier, das bekanntlich stark ist, zu trinken bekam, fand er es nicht stärker als sein heimisches Getränk, und konnte sofort eine bedeutende Quan- tität vertragen, was, ohne Nebung mit kräftigem„Stoff" nicht möglich geivesen wäre. Ib. Aus alle» Winkel» der Zeitlitcratur. Ein sprechender llanaricnvogcl. Ich erinnere mich, schon vor bei- nahe zwanzig Jahren von einem Kanarienvogel im Besiz einer Dame gehört zu haben, welcher mehrere Worte, sogar einen kurzen Saz sprechen konnte. Es scheint, als ob nur besonders talentvolle Exemplare sähig seien, zn dieser Fertigkeit zu gelangen. Möglich wäre es jedoch, daß bei gründlicher Bemühung von Seiten der Besizer junger Vögel viel- seitiger Erfolg nicht ausbleiben würde. Da bis jezt die weibliche Stimme vorzugsweise, vielleicht auch allein, Erfolge erzielt hat, so führt dieser Umstand auf die Vermutung, das; die tiefere Tonlage der niänn- liehen Stimme zur Lehre nicht geeignet sei. Papagei und Star kommen in ihren Lauten der männlichen Tonart nahe. Die Kehle des Kana» rienvogels vermag wohl tiefe Töne in Menge hervorzubringen, allein dieselben sind weniger modulationsfähig als die hohen, welche Haupt- sächlich die Melodie tragen und dem Gesang die Mannigfaltigkeit der Forni geben. Um es also dem kleinen Vogel möglich zu machen, Worte nachzuahmen, ist unbedingt eine Anpassung nicht blos der Stimmlage, sondern auch des Stimmkarakters erforderlich. Dies kann aber nur durch die weibliche oder die Linderstimme geschehen. Vor einigen Tagen Halle ich in Kassel Gelegenheit, eine» sprechenden Kanarienvogel zn hören. Die Schauspielerin Fräulein Pauli, der Lieb- ling des Kasseler Publikums, liest mir durch uieiuen Schwiegersohn eine Nachmiltagsstunde bestimmen, in der ich ihren Kanarienvogel sprechen hören sollte. Um drei Uhr traten wir in das Wohnzimmer der freund- liehe» Dame ein. Der Bogel flog, aus seinem Käsig entlassen, frei im Zimmer umher und sang eben sein sehr gewöhnliches, tief unter dem Niveau des Harzer Gesangs stehendes Liedchen. Unsre Anwesenheit störte den an srenide Erscheinungen gewöhnten Vergel nicht im geringsten. Wir waren ihm völlig glcichgiltig. Nur seiner liebenswürdigen Pflegerin galten seine Vorträge, seine Werbungen und kleinen Wanderslüge. Mit innigem Verständnis nahm er die Liebkosungen der Herrin auf, und ihre Zuspräche wurde bald belohnt durch den plözlichen Uebergang vom Gesang zum Sprechen. Genau so, wie die Lehrmeisterin kosend sie vorsprach, gab er die Worte wieder:„Wo ist er denn, der liebe, kleine, süste Bijou, wo ist er denn? Was willst du denn? So singe doch, du kleiner, süster Bijou!" Rasch ging jedoch daS Sprechen wieder in den gewöhnliche» Gesang über. Dann erfolgte abermals ein kleiner Flug vom Käsig zum Fenster, von da auf den Zeigefinger der Dame. Mehrmals crsreute er unser Ohr durch die ermähnten Warle, aber er schien zur später» Nachmittagsstunde nicht sonderlich zum Sprechen aus- gelegt zu sein. Nach Angabe der Besizerin spricht er des Morgens und in den ersten Nachmittagsstunden sehr eifrig, oft lange ununterbrochen. Um vier llhr aber ists mit dem Sprechen täglich völlig zu Ende. Ich glaube jedoch, dast mit der Zeit auch die Vorträge des Vögelchens sich in die späteren Nachmittagsstunden ausdehnen werden. Vor allem dürste es interessant sei», Kenntnis von der Art und Weise dieses Sprechens zu erlangen. Es verhält sich damit folgender- maßen: Während der Papagei, der Rabe und Star die ihnen vorge- sprochenen Worte und Säze Ivirklich in sprechendem Tone wiedergeben und dabei sich wenig oder nicht von dem lehrenden Vorbilde unter- scheiden, so dast man mit aller Bestimmtheit und vollem Recht sagen kann: sie sprechen,— tritt die Leistung des Kanarienvogels nur als sprachähnlicher Gesang auf. Trozdem der Vortrag eine Zwischenstellung einnimmt, in welcher Singen und Sprechen in wunderbarer Verschwel- zung erscheinen, hört man deutlich jede Silbe heraus, und man erkennt sofort in der Wiedergabe das Karakteristische des Vorbilds. Betonung, Zärtlichkcitsausdruck und Tempo der vorbildlichen Sprache ist in der Darstellung nicht zu verkennen. Es erscheint das Eigentümliche nur insofern anders, als das seine unzureichende Organ des Vogels gleich- sam alles im kleinsten Maßstabe iviedcrgibt. Der Eindruck ist ein ur- komischer und doch wieder ein so bewunderungswürdiger, dast man darüber nicht lachen möchte. Der kleine Redner reckt sich empor, bläht mächtig die Kehle auf, sodnst die Halssedcrn als Krause abstehe», und vollbringt nach seiner Art eine Großtat. Ein Betveis von Klugheit und guter Untcrscheidungsgabe ist der Umstand, dast, wenn seine Lehrerin ihm den Anfang der erlernten Säze vorspricht, er da fortfährt, wo sie ausgehört hat. Und ebenso wie er weist, dast Leckerbissen ihm gewiß sind, wen» er sich folgsam gezeigt, versteht er es auch, wenn die Herrin ihn tadelt. Memorirt Fräulein Pauli ihre Rolle und bricht dann plözlich ab oder ist dieselbe zu Ende, so fliegt der Vogel zu ihr hin und gibt ihr durch Picken an die Lippen zu verstehen, daß er die Fortsezung wünscht. Für gewisse Personen äußert er Zuneigung, gegen andere Abneigung. Auf welche Weise„Bijou" sprechen gelernt hat, vernahm ich aus dem Munde seiner Lehrerin. Der Vogel war etwa ein Jahr alt, als er täglich in obiger Weise angeredet ivurde. Im vorigen Sommer überraschte er in Wiesbaden, wohin er seine Gebieterin begleitet hatte, eines Tages deren Gefährtin durch treue Wiedergabe der schmeichel- haften Anrede, und diese verkündigte Fräulein Pauli das Wunder voller Freude.(Didaskalia.) Uebcr eine achtzig Pfund schwere Hagelschloste berichtet daS„Salvia Journal" vom 19. August 1892. Sechs Meilen westlich von Salvia (Kansas) fiel am 15. August 1882 eine 80 Pfund schwere Hagelschloste nahe bei der Eisenbahn nieder. Ein Trupp Eisenbahnarbeiter, der dort beschäftigt war, wurde nachmittags 3 Uhr von einem fürchterlichen Hagelwetter überrascht. Der Oberausseher dieser Leute, Ellwood, erzählt, daß vier bis fünf Psund schwere Schloßen sielen, welche nach Salvia zu noch weit stärker waren. An der Stelle, wo man den achtzig Psund schweren Eisblock vorfand, war der Erdboden mit Schloßen bedeckt. Ellwood sammelte mehrere derselben, unter welchen einige, bei einem Durchmesser von vier Zoll, einen Fuß lang waren. Man lud die Riesenschlosten auf einen Wagen und fuhr sie nach Salvia. W. I. Hugler, ein Kaufmann aus Santa Fe, erwarb die achtzig Psund schwere Schloße und stellte sie, von Sägemehl umgeben, wodurch sie vor dem Zerschmelzen beschüzt wurde, in seinen» Magazine aus. xa. Rebus. 3aiict BeneJictus Simt Bonlfac ms 5 mclMarti»» s Smct Sttpiianus S»ntt/�uijuitiiiiis iSancf�moniui Sanft front Istus� Santt ßiststhiufj Auflösung des Rebus in Rr. 18: Geheimnisse sind noch keine Wunder. Inhalt: Vom Baume der Erkenntnis. Roman von I. Zadeck.(Fortsezung.)— Londoner Bilder. III. Von Heinrich Nonne.— Richard Wagner.(Mit Porträt.)— Milizen und stehende Heere.— Der Schwedeneinsail. Erzählung von Otto Sigl.(Schluß.)— Die Ben- tilation der Wohnräume. Ans einem Werke des Ingenieur A. v. Fragstcin in Berlin.— Aus Brasilien, ll. Originalbericht von Antonio Schneider zu Curitiba in der Provinz Parana.— Allerlei auS der Geschichte der deutschen Sprache. Von Bruno Geiser.— Julia und Lorenzo.(Mit Illustration.)— Siegmunds Tod.(Mit Illustration.)— Beim Advokaten.(Mit Illustration.)— Tine Knopmcier.(Mit Illustration.)— Die Aussäzigen im Mittelalter.— Gastfreundschaft bei den Zulukaffern.— Aus allen Winkeln der Zeitliteratur: Ein sprechender Kanarienvogel. Ueber eine achtzig Psund schwere Hagelschloste.— Rebus.— Aerztlicher Ratgeber.— Gemeinuüziges.— Mannichfaltiges.— Literarisches. Mit dieser Nummer schließt das II. Quartal des 8. Jahrganges der„Neuen Welt". Die geehrten Pvst-Abounciltcn werden ersucht, die Bestellungen auf das III. Quartal ungesäumt aufzugeben, damit keine llnterbrechuug in der Zustellung des Blattes eintritt. Die Expedition der„Reuen Welt". Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart. Redaktion: Reue Weinsteige 23.— Expedition: Ludwigstraste 26 in Stuttgart. Druck und Verlag von I. H. W. Dietz in Stuttgart.