Von I. I a ö e ck. (7. Fortsezung.) VIII. Llnch zwischen den Eheleuten wcir es mittlerweile zu einer heftigen Auscinmidcrscznng gekommen. Tora hatte einen der Armleuchter ergriffen, die auf dem marmornen Kaminsims stan- den, und war im Begriff, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen, als Georg, der bis zu diesem Augenblick mit unruhigen Schritten das Zimmer durchmessen hatte, plözlich vor seiner Frau stehen blieb und ihr den Leuchter aus der Hand nahm. „Verzeih/ sagte er nachlässig und sah sie an.„Ich habe mit dir zu sprechen." Sie blieb stehen. Es war ihr nicht entgangen, daß eine tiefe Gereiztheit sich hinter der scheinbaren Nachlässigkeit seiner Worte verbarg. Und bei dem tiefen, unversöhnlichen Haß, den sie gegen ihren Gatten empfand, schrak sie nicht davor zurück, ihn durch ihre spöttische Ruhe noch mehr zu reizen. „So spät noch?" warf sie ein, während sie sich müde in einen Sessel gleiten ließ und die blonden Locken mit einer an- mutigen Neigung des schönen Kopfes zurückivarf.„Ich bin sehr müde. Es wäre jedenfalls menschenfreundlicher gewesen, wenn du diese interessante Besprechung auf morgen verschoben hättest." Er sah zornig auf sie nieder, die seinen Blick lächelnd er- widerte. Er wollte heftig antworten. Dann schien er sich eines besseren zu besinnen. Er fuhr sich mit der Hand durch den dunklen, wohlgcpflegten Bart, der sein schönes Gesicht umrahmte, »nd lehnte sich gleichmütig an den Tisch. Tann kreuzte er die Arme über der Brust. „Tu weißt, liebes Kind." fing er so ruhig an. als berühre ihn das. was er ihr zu sagen im Begriffe stand, nicht sonderlich tief,„daß ich dir von jeher in deinen Vergnügungen und deinem Verkehr die vollste Freiheit ließ. Ich bin nicht der Ansicht, daß Eheleute sich aus purer Sentimentalität das bischen Freiheit noch verkümmern müssen, das ihnen die leidige Sitte kümmerlich genug zugeteilt hat. So war es mir auch immer sehr gleich- giltig. wer aus deinem Hofstaat sich vorübergehend deiner Gunst erfreute, vorausgesezt, daß du mich nicht dabei kompromit- tirtest und die Rücksichten beobachtetest, die eine verheiratete 8rau ihrem Manne schuldig ist. Nun möchte ich dich indes in - aller Entschiedenheit darauf hinweisen, daß dein vertraulicher Verkehr mit dm jungen Menschen, mit welchem ich dich heute in einer idyllischen Schäfcrstunde überraschte, an deren Nach- Wirkungen Ihr den Abend über auffallend laborirtet, mir nicht gefällt. Ich liebe es nicht, was mir gehört, mit andern zu teilen." Tora hatte sich zurückgelehnt und schien die Spize ihres kleinen Fußes aufmerksam zu betrachten. Eigentlich war sie neugierig, wohin ihr Mann mit seinen Worten, mit der wunder- lichen Art und Weise, wie er das, was er ihr zu sagen hatte, einleitete, zielte. Sie hatte mit einer heimlichen Schadenfreude die ungewöhnliche Erregung ihres Mannes wahrgenommen und war durch die Anwandlung von Eifersucht, die er nun plözlich an den Tag legte, nicht wenig belustigt. Als sie dann aus seinen Worten ersah, wem dieser Ausbruch eifersüchtiger Laune galt, war sie so venvundert, daß sie sich heimlich fragte, ob sie auch recht gehört und ihr Mann wirklich von dem jungen Rc- fereudar eine Gefahr für den Frieden ihrer Ehe erwarte. Doch lag es, in ihrer Gleichgiltigkcit gegen die Empfindungen ihres Mannes, gar nicht in ihrer Absicht, seine Aufregung zu be- schwichtigen, wie sie es mit wenigen wahrheitsgetreuen Worten hätte tun können. „Eine Eifersuchtsszene zwischen uns beiden— wie geschmacklos," sagte sie kühl und sah ihn mit einem leisen, höhnischen Lächeln au, das nicht geeignet war, seine Gereiztheit zu ver- mindern.—„Ich habe Richard sehr lieb und sehe nicht ein, weshalb deine veränderten Gefühle gegen ihn unfern warmen, freundschaftlichen Verkehr stören sollten. Die äußern Rücksichten, die meine Stellung mir auferlegt, habe ich jederzeit beobachtet und denke dies auch in Zukunft zu tun. Das andere ist meine Sache." Er beugte sich in hellem Zorn zu ihr nieder und faßte ihre Hand. „Es ist nicht klug von dir, mich so zu reizen," sagte er mit unterdrückter Heftigkeit.„Du bist meine Frau. Und wenn die Nachsicht, mit welcher ich dich so lange gewähren ließ, dich kühn gemacht hat, so sollst du es von nun an erfahren, daß ich dein Herr bin und dn dich meinem Willen fügen mußt." Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint alle 14 Tage in Heften ä 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Postämter zu beziehen. Sie hatte mit einer geschmeidigen Bewegung seine Hand abgestreift und stand ihm gegenüber mit flammenden Augen und trozig aufgeworfenen Lippen. Alles Licht fiel auf ihr schönes, bleiches Gesicht, das von einer gewaltigen Energie belebt war, und ihre stolze Gestalt, deren herrliche Formen sich in der schnincklosen Trauerkleidung scharf von dem rotglühenden Hinter- gründe abgrenzten. Nun lachte sie höhnisch ans, ein helles, scharfes Lachen, das unheimlich durch den stillen Raum erklang. „Die Rachsicht, mit welcher du mich gewähren ließest!" wiederholte sie und sah ihn verächtlich an.„Glaubst du, es stünde in deiner Macht, meinen Weg zu kreuzen? Wenn ich so lange neben dir dahinlebte und mein Leben vergeudete in kleinlichen Empfindungen, die niemandem Vergnügen bereiteten und am wenigsten nur selbst; die mir, der Glücklichen, Viel- beneideten, hinweghelfen sollten über das trostlose Bewußtsein eines verfehlten Lebens, anstatt in der leidenschaftlichen Liebe zu einem Manne mein besseres Selbst wiederzufinden, das ich in der Nichtigkeit meines Daseins täglich zu verlieren fürchten muß; glaubst du, daß es an meiner größeren Sittlichkeit lag, daß der Glaube an die Giltigkeit, die Gerechtigkeit der Grundsäze, auf denen unsere Ehe, unsere moderne Ehe beruht, schuld war, wenn ich nicht fiel wie die andern? Ich habe ihn gesucht, den Mann, den ich von ganzer Seele hätte achten und lieben können, der meinem beleidigten Stolz, meinem leidenschaftlichen Bc- dürfnis nach Glück genügt hätte— ich suche ihn noch heute, obschon ich die Hoffnung aufgegeben habe, ihn je zu finden. Und glaubst du, daß ich ihn von mir gelassen hätte; daß ich aus sklavischem Gehorsam gegen Sitte und Gcsez ihn von mir gestoßen und mich zahmen Sinnes begnügt hätte mit dem Bewußtsein erfüllter Pflicht— wenn mir das Glück zuteil geworden wäre und ich den Mann gefunden hätte, den ich mit aller Kraft nieiner Seele ersehne? Ich müßte mich verachten, wenn ich feige genug gewesen wäre, den Augenblick vorübergehen zu lasten, nach dem ich dürste.—" Er war sehr bleich geworden und die Linke, die er auf den Tisch gestüzt hatte, zitterte leicht. Doch verwandte er keinen Blick von dem Antliz seiner Frau, das in seiner leidenschaft- lichen Erregung von hinreißender Schönheit war. „Ein eigentümliches Bekenntnis, das du mir mit deinen Worten ablegst," fing er an und brach ab, um die Aufregung zu verbergen, die seine Stimme verschleierte.—„Klingt es doch fast wie ein Vorwurf ans deinen Worten heraus— ein Vorwurf gegen mich, der ich es nicht verstanden habe, dir das Glück zu geben, nach welchem du verlangst. Verzeih die Worte, die ich vorhin gesagt. Ich fühle es jezt selbst, wie lächerlich der Argwohn war, den ein eifersüchtiger Groll mir einge- geben hat." Er hatte die leztcn Worte sehr leise gesprochen, seine Augen, die sich tief in die ihren senkten, hatten einen weichen, ein- schmeichelnden Glanz— sein ganzes Wesen atmete eine be- strickende Liebenswürdigkeit. Zinn trat er nahe an sie heran und wollte sie an sich ziehen. Sie wich vor seiner Berührung zurück. „Laß das," sagte sie herb.„Du weißt, ich hasse jede Sentimentalität." Tann mußte sie es doch geschehen lasse», daß er sie küßte. „Gute Nacht, kleine Spröde," sagte er spottend, ehe er das Zimmer verließ.„Träume süß von dem Ideal, das du in diesem Leben wohl schwerlich finden wirst. Bielleicht bist du im Traume glücklicher!" Als sie allein war, warf sie sich mit einer leidenschaftlich ungestümen Bewegung in den Sessel und saß dort lange Zeit mit geballten Händen und fliegendem Atem, die hellen Zornes- tränen in den schönen, blauen Augen. Erst der Eintritt des Tieners, der die Gasflammen verlöschen wollte, ließ sie aus ihren Gedanken cmporfahrcn. Dann erhob sie sich, ruhig und selbstbewußt, als wären es die friedfertigsten Gedanken, die sie hier zurückgehalten und schritt zur Tür. Sie wollte troz der späten Nachtstunde noch ihre Schwester aufsuchen, ehe der helle Tag den Entschluß wieder wankend machte, der in dieser ei» 0- samen Stunde in ihr gereift war. Fiel es ihr doch schwer genug, ihren Stolz so weit zu überwinden. Hedwig hatte die Kleider abgestreift und sich niedergelegt. Aber die unruhigen Gedanken, die sie bestürmten— die heimliche Angst, niit welcher sie jeden Gedanken an die Zukunft von sich wies und es doch nicht über sich gewann, sich aus der trost- losen Gegenwart in die Erinnrung der Vergangenheit zu retten. die so viel des Schmerzlichen in sich barg, scheuchten den Schlaf von ihren Wimpern. Tora öffnete leise und vorsichtig die Tür und schlich auf den Zehen an das Bett ihrer Schwester. Sie wollte sich erst überzeugen, ob Hedwig noch wach sei. Und schon war sie im Begriff, wieder umzukehren, als diese, die mit geschlossenen Augen dalag und in ihrer Versunkenheit das leise Geräusch gänzlich überhört hatte, die Augen ausschlug und Tora neben sich ge- wahrte. Sie richtete sich verwundert auf. „Bleib liegen, Kind," sagte Tora und sezte sich zu ihr. „Ich weiß nicht, wie es kommt, daß ich heute so aufgelegt bin zum Plaudern. Sei mir nicht böse, daß ich dich so spät noch störe. Wenn du müde bist, gehe ich gleich wieder." „Ich bin nicht müde," entgegnete die andere.„Ich kann ohnehin nicht schlafen." „Ich dachte es mir," warf Tora ei».— Tann verstummte sie. Es fiel ihr schwer, den Anfang zu finden für das, was sie ihrer Schwester gern mitteilen wollte, nun sie neben dem arglosen Mädchen saß, dessen blasses, durchgeistigtes Gesicht sich in der Dunkelheit undeutlich aus der Umrahmung der dunkeln Haare loslöste. Plözlich schlang sie mit leidenschaftlicher Gewalt die Arme um Hedwigs Hals und brach in einen Strom von Tränen ans. Tie Selbstbeherrschung, in welcher sie Meisterin war und die sie so lange mühsam aufrecht erhalten, schmolz dahin in dem Ueberniaß des tiefen Zorns und der tiefen Scham, welche die stolze Frau dem jungen Wesen gegenüber empfand, das alle Schwere des Daseins so ruhig trug, als könne es nicht anders sein. „Acngstigc dich nicht, Kind," sagte sie und suchte Hedwig zu beruhigen, die sich zärtlich an sie schmiegte und ihr die Tränen aus den Augen küßte.„Es ist schlecht von mir, daß ich dir das Herz schwer mache, wo du doch wahrlich schwer genug zu trage» hast an deinem eigenen Schicksal." „Wie kannst du so sprechen, Tora," unterbrach Hedwig die Aufgeregte.„Es hat mir immer sehr weh getan, wenn du mich behandeltest, als wäre ich eine Fremde, der du nicht zeige» mochtest, wie es in Wahrheit in deinem Herzen aussah. Weißt du noch, wie lieb wir einander hatten, als wir Kinder waren und alles miteinander teilten, Freude und Schmerz? Wie ver- traut wir waren und wie die eine nichts haben mochte, was nicht die andere gleichmäßig besaß? Damals glaubte ich nicht, daß eine Zeit kommen könne, wo du mich um Verzeihung bitten würdest, wenn du dich nach langen Jahren wieder einmal erinnertest, daß du eine Schwester hast, die ein Recht besizt auf deine Liebe und dein Vertrauen." Sie hatte, während sie so sprach, Tora zu sich niedergezogen und hielt sie fest umschlungen, als wolle sie das Vertrauen, das jene ihr nur widerwillig entgegenbrachte, durch die Gewalt ihrer Liebe erzwingen. Tora seufzte tief auf. „Tu hast recht." sagte sie weich.„Und doch— habe ich nicht auch Grund zur Klage? Du nimmst das Schwerste auf dich und bringst dein Lebensglück zum Opfer, und ich— die Schwester die ich mit dir unter einem Dache lebe und von früh bis spät mit dir zusammen bin, weiß nicht mehr von dir, als der Fremdesten eine und kann die Gefühle nur erraten, die dich leiten. Und weißt du. Kind, dein Schweigen, dein Mangel an Vertrauen erst hat es mir zum Bewußtsein gebracht, wie unnatürlich es ist, wenn wir beide, die einander alles sind in der Welt, neben einander hinleben— so schweigsam und ver- schlössen, als sei es uns einzig und allein darum zu tun, das Geheimnis, das uns die Brust zu sprengen droht, ängstlich vor' einander zu hüten." - 3 »Sich, ich habe ja nicht freiwillig dies Schweigen auf mich genommen, das meiner Natur widerstrebt und das ich am liebste» gleich nach deiner Heimkehr aus der Pension gebrochen hätte. Aber es kam so vieles zusammen, was mich dazu bestimmte. Erst deine Jugend, der schöne Glaube an die Menschen, an den Adel der menschlichen Natur, den ich dir gerne erhalten wollte so lange als möglich— bis das Leben selbst ihn unerbittlich zerstören wurde. Tann die Scham über die Beleidigung, die mir widerfahren war und die ich mich scheute, dir einzugestehen — dir, die du mich kanntest, wie ich selbst mich kenne, und die du also wissen mußtest, was ich dabei gelitten habe. Und dazu nuu der Haß gegen mich selbst, der Ekel, mit welchem mich mein eigenes Tun erfüllte, da ich mir bewußt war, wie mein besseres Teil allmälich zugrunde ging in den unwürdigen Vcr- hältnisscn, in denen ich lebte, und die ich doch nicht den Mut hatte, von mir abzuschütteln. Ich, die ich mich so sicher gefühlt hatte in meinen» Stolz, in dem starken Selbstgefühl, mit welchem mich das Bewußtsein meiner Schönheit, meines Reichtums und meiner Herrschaft über die Menschen durchdrang— und die ich nun nicht einmal den Mut besaß, ein Verhältnis zu lösen, dessen glänzendes Elend ich klar erkannt hatte.— Ich will mein Tun nicht beschönigen. Du sollst es wissen, Kind, wie unwürdig ich deiner Liebe bin und»nie ich mich trozdcm in deine Arme flüchte, um den lczten Rest von Würde und Selbstachtung noch zu retten, den dieses Leben mir gelassen hat. Und dann— wenn ich bedenke, an welchem Abgrunde du stehst, wie ein irre- geleitetes Pflichtgefühl dich hinabreißen kann in dieselben niedrigen, unwürdigen Verhältnisse und Empfindungen, in welchen ich über kurz oder lang untergehen werde,»venu nicht ein starkes, reines Gefühl mich mit Allgcivalt daraus cmporreißt— ist mir, als müßte ich dich»varnei».' Sie hatte die Hände ihrer Schwester ergriffen und hielt sie wie beschwörend in den ihren. Nun drückte sie den schönen Kopf, der vor Aufregung glühte, an die Schulter des armen Kindes, das in einer Art dumpfer Betäubung diesen leiden- schafilichcn Worten lauschte. »Ich war sehr glücklich in dem ersten Jahr meiner Ehe," fing Tora wieder an.»Ich hatte meinen Mann sehr lieb und war stolz auf seine Schönheit, auf sein liebenswürdiges, ein- schmeichelndes Wesen, das ihn vorteilhaft von den andern Männern meiner Bekanntschaft unterschied. Das lcidenschaft- liehe, beunruhigende Gefühl, von dem die Dichter erzählen und das einen jeden, der davon durchdrungen ist, wie im Traum über die Wirklichkeit und alle Unvollkommcnheiten des Lebens hinwcgtragen soll, hatte ich nie empfunden. Und jung und leichtsinnig wie ich war, glaubte ich nicht anders, als daß dieses übenvältigendc Gefühl nur eine Fiktion sei— eine dichterische Uebcrtreibung, an der man sich in aller Unbefangenheit erfreuen könne, ohne von dem Leben ähnliche übcrschwänglichc Freuden zu verlangen. Ich selbst vergaß in aller Glückseligkeit— in der Fröhlichkeit, mit welcher mich das Bewußtsein erfüllte, daß ich, die Jüngste unter all meinen Freundinnen, am frühesten in den Ehestand getreten war, keinen Augenblick, daß ich einen der reichsten und angesehensten Männer geheiratet hatte, und daß ich in alle Ewigkeit fortfahren würde, das Leben zu gc- uießcn, wie ich es seit meiner Rückkehr in das väterliche Haus in vollen Zügen tat. Und da meii» Mann ein sehr zärtlicher, aufmerksamer Ehemann war und mich mit den Beweisen seiner Liebe bis zum Ucberdruß überschüttete, fühlte ich mich überaus glücklich und empfand es kann» als eine Steigerung meines Glücksgefühls, als mir die Hoffnung winkte, ein Kind mein eigen zu nennen. Ich war noch so jung— kaum achtzehn Jahre alt— und hatte den Ernst des Lebens niemals kennen gelernt. Dann belustigte mich doch der Gedanke, daß ich, selbst noch ein Kind, einem Kinde das Leben schenken sollte. Und ,n meinen Gedanken gefiel ich mir so in der Rolle einer zärtlichen Mutter, die ihr Kleines hegt und pflegt und die steh leicht schöner und besser wiederzufinden glaubt in dem kleinen, hilf- losen Wesen, daß ich den Zeitpunkt kaum erwarten konnte. »So saß ich denn an einem häßlichen naßkalten Wintertage 1- allein in meinem Zimmer und erging mich in allerlei süßen Träumen, in denen mir ein kleines, rosiges Geschöpf niit den zierlichsten Gliedmaßen in der elegantesten Spitzenumhüllung, so verlockend vorschwebte, daß ich es förmlich mit Händen zu greisen glaubte und mir die glückseligste der Frauen zu sein dünkte. Und wie ich so seclcnvergniigt dasaß und in dcni Vor- gcfühl der Freuden schwelgte, die meiner warteten, trat ein Diener zu mir und meldete, daß draußen eine junge Frauensperson stehe, die mich zu sprechen verlange und sich nicht abweisen lasse. Und obschon ich keine Ahnung hatte, wer in aller Welt die Frcnlde sein könne und nicht sehr erbaut war von dieser unlieb- samcn Störung, fiel es mir in meiner fröhlichen Stimmung nicht ein, sie abzuweisen. Es mochte ein armes, unglückliches Geschöpf sein, das der Hilfe bedurfte und ich— ich hätte in »icincr Glückseligkeit die ganze Welt glücklich machen mögen. so befahl ich denn dem Diener, die Fremde einzulassen, die Lampen anzuzünden, da die Dunkelheit inzwischen hereinge- brochcn war und man kaum die Hand vor den Augen sehen konnte. Als ich mich dann umwandte, sah ich an der Tür eine blasse, rührende Mädchcngestalt, mit einem Kinde auf dem Arme, einem armseligen, verkümmerten kleinen Wesen, das sich an die Mutter drückte und die Augen ängstlich von dem Licht- schein abwandte, der das'Zimmer durchflutete. Mir gab dieser traurige Anblick einen Stich durchs Herz. Ich fühlte das herzlichste Mitleid mit dem armen Mädchen, das bei aller Arm- seligkcit sehr sauber gekleidet war und dessen Augen mit einem so erschütternden Ausdruck stummer Verzweiflung auf mir ruhte», daß ich diesen Blick fast als einen Vorwurf zu empfinden meinte. Dabei sprach sie kein Wort. Als ich dann auf sie zutrat und ihr freundlieh zusprach, als ich sie fragte, wie ich ihr helfen könne und wie sie mir von Herzen leid tue: trat sie mit einer Geberde wilder Entschlossenheit an den Tisch und legte das Kind darauf nieder.„Das Kind," sagte sie rauh, „es stirbt vor Hunger." Damit wandte sie sich ab und schien das Zimnier verlassen zu wollen, ehe ich mich von meinem sprachlosen Erstaunen erholt hatte. Doch kaum an der Tür angelangt, stürzte sie wieder auf das Kind zu und riß es vom Tische empor. Dann nkkhin sie es in ihre Arme und düickte es leidenschaftlich an sich und küßte sein blasses, welkes Gcsichtchcn, als ginge es über ihre Kräfte, sich von dem Kinde zu trennen. Ich wußte nicht, was ich von dieser eigentümlichen Szene denken sollte. Da Plözlich— war es eine Reminiszenz an Aehnliches, das ich einmal gelesen, war es eine jener hell- scherischen Momente, in denen es uns wie Schuppen von den Augen fällt und wir plözlich mit grausamer, unerbittlicher Deutlichkeit erkennen, was uns so lange verborgen gewesen— ich weiß es nicht. Aber in diesem Augenblick wußte ich, was diese Szene bedeutete; wußte ich, weshalb das junge Weib zu mir, gerade zu mir gekommen war. Und wenn im selben Augenblick ein Engel des Hinimels gekommen wäre und mir hätte beweisen wollen, daß mein Mann unschuldig sei und ich ihm Unrecht tue mit meinem Verdacht— er hätte die Gewiß- heit nicht umstoßen können, mit welcher die Ucberzeugung von der Untreue nicincs Mannes sich mir aufdrängte. Das Mädchen hatte das Zinimcr verlassen wollen. An der Tür wandte sie sich noch einmal um und sah mich an. Und wie sie mich so gebrochen dastehen sah, schien ihr inmitten ihrer eigenen Verzweiflung eine Ahnung zu kommen, was ich in diesem Augenblick empfinden mußte. Und mit einer Stimme, in welcher das Mitleid mit mir, seiner Frau, die so grausam aus allen Himmeln gestürzt worden, unverkennbar war, sagte sie wie ab- bittend: „Ich wußte nicht, daß er verheiratet war." Dann nach einer Weile, als ich stumm blieb und noch immer wie abwesend vor mich hinstarrte, trat sie an mich heran und faßte meine Hand. „Verzeihen Sie mir," sagte sie leise.„Man wird so hart, wenn man unglücklich ist."— Als ich aus meiner Betäubung erwachte, war ich allein. Daun ließ ich anspannen, weil ich nicht durch die Straßen gehen mochte, in denen ich fürchten mußte, einem Menschen zn begegnen, und fuhr zu Papa. Ich wollte nicht eine Nacht mehr unter einem Dache leben mit einem Manne, der mein Vertrauen und das einer anderen so schmählich mißbraucht hatte. Wie ich Papa gegenübertrat; wie ich ihm unter heißen Zoruestränen den Schimpf beichtete, der mir widerfahren war und meinem beleidigten Stolze, meiner Empörung Lust machte in glühenden Worten— ich weiß es noch, als wäre es heut geschehe». Und dann die Antwort, die ich darauf erhielt. Daß ich augenblicklich zurückkehren müsse in das Haus meines Mannes; daß er, Papa, selbst nach dahin begleiten wolle, um zu sehen, daß es in aller Stille, in aller Diskretion geschähe. Ich sei ein Kind, ein unvernünftiges Kind, das die Welt nicht kenne und nicht zu wissen scheine, daß es auf Erden keine Götter und keine Tugendhelden gebe, sondern Menschen, die mit Leiden- schaften und Schwächen behaftet seien. Ich solle jeden Eklat vermeiden, solle tun, als wäre nichts vorgefallen, als wüßte ich von nichts. Das wäre das Vernünftigste, was ich tun könne und zugleich sei ich das mir selbst und meiner Stellung in der Welt schuldig. Ob ich denn allen Ernstes glaube, daß es anderen Frauen anders ergangen sei. Nur waren sie klug genug, sich nichts nierken zu lassen.. Eine Scheidung um einer solchen Lappalie willen— es sei wahrhaftig zum Lachen! Er selbst— so glücklich er sich in seiner kurzen Ehe gefühlt habe — habe mitunter auch andere Frauen schon gefunden und Mama, die eine sehr kluge Frau gewesen sei, habe sich eben mit guter Miene in das Unabänderliche gefügt. Dann küßte er mich auf die Stirn und sagte lächelnd, er hoffe mich von der Torheit meines Verlangens überzeugt zn haben. Nun solle ich ihm beweisen, daß ich sein kluges Kind sei und meinem Manne das immerhin verzeihliche Vergehen nicht weiter nachtrage. Wie es nun einmal in der Welt zugehe, hätte ich es früher oder später doch erfahren müssen, daß es eine Torheit sei, keine anderen Götter neben sich zu dulden. Tann fuhr ich»ach Hause, zurück zu meinem Manne, der meiner bereits wartete. Bei allem Ekel, den ich vor der Lebens- kluFheit, der nüchternen Weltanschauung Papas empfand, hatten seine Worte mich doch an mir selbst irre gemacht. Wohin hätte ich auch gehen sollen, da ich dort, Po ich mit aller Gc- wißhcit Teilnahme und Hilfe erwartet hatte, mit Vorwürfen zurückgewiesen wurde! Dann wurde ich krank. Der Schreck, die Aufregung über das, was ich erfahren hatte, die eilige Fahrt an dem stürmischen Winterabend warfen mich nieder. Das Kind starb in der Ge- burt— ich selbst rang mit dem Tode. Und dann stürzte ich mich in die Vergnügungen, die vorher mein Leben ausgefüllt hatte», mit einem Eifer, einer Ausdauer, die mich selbst in Verwunderung seztcn. Ich wollte mein junges Leben genießen. Und obsthon ich die Menschen mit Widerwillen betrachtete und sie alle verachtete, die sich bewundernd und huldigend an mich drängten, hatte ich eine dämonische Freude daran, sie meine Macht fühlen zu lassen. Ich behandelte sie en canaille, mit rücksichtslosem Spotte und lachte schadenfroh, wenn sie immer wieder zn mir zurückkehrten. Es gibt Männer, denen eine Frau um so begehrenswerter erscheint, je unwürdiger diese sie behandelt. Ich habe seit jenem Tage zu niemandem von dem traurigen Geheimnis gesprochen. Vergessen habe ich es darum nicht. Und bei jeder Liebkosung meines Mannes überfällt mich die Erin- ncrung von Neuem und ich könnte ihn kaltblütig töten, der mich in meinen eigenen Augen erniedrigt hat. Denn wie bitter ich die UnWürdigkeit meines Lebens auch empfinde— ich weiß es jezt, daß ich zu feige bin, das Band zu lösen, das mich an ihn knüpft. Nicht etwa, daß ich ihn liebe— ich hasse ihn, der mein Leben zerstört und den Glauben an die Menschen in mir vernichtet hat. Ich schäme mich, es dir einzugestehen, Kind, was mich immer wieder zurückhält, meine Ketten zu zerbrechen — dir, die du in deiner Seclenreinheit, in deinem jugendlichen Idealismus mich nicht begreifen wirst. Ich scheue das Auf- sehen, das ein offener Bruch hervorbringen würde— das Odium, welches auf eine geschiedene Frau fällt. Und dann— ich liebe den Glanz und den Reichtuni und kann den Gedanken nicht ertragen, in enge», kleinlichen Verhältnissen zu leben und die Bewunderung der Mcnschcn zu entbehren, die ich im Grunde meines Herzens verachte. So voller Widersprüche ist das Men- schenherz!— Nach einem Kinde sehne ich mich nicht. Ich müßte es hassen als das Kind seines Vaters. Und was sollte aus dem Kinde werden, das ohne Liebe aufwächst und, wie sein Vater, den Zweck seines Lebens voraussichtlich darin sehen würde, seiner Genußsucht zu fröhncn auf Kosten anderer. Tu siehst mich cntsezt an, Kind. Du weißt nicht, wie schlecht ich geworden bin; wie sehr ich deiner bedarf, nin mich nicht ganz zu verlieren. Und nun beschwöre ich dich, bei der Erinnerung an unsere glückliche Kindheit, dein unseliges Vor- haben auszugeben, das auch dich zu Grunde richten wird.— Tu schüttelst den Kopf, Kind. Du kannst nicht mehr zurück? — Was will ein Wvrtbruch sagen im Vergleich zu der Lüge eines ganzen Lebens! IX. Das kleine Haus hinter dem Lindenbäumchen hatte in den leztcn Monaten seine trübselige Armesündermiene abgelegt und blinzelte jezt fast mit einem Anfluge von Selbstgefühl zu seine» hochaufgeschossenen Nachbarn hinauf, vor denen es sich sonst in scheuer Ehrerbietung schüchtern in die Ecke gedrückt hatte. Sah es doch ordentlich stattlich aus mit seinen frischgetünchtcn Mauern und dem kleinen, neuangestrichenen Schilde, wo der schönste, frischgefallenc Schnee wie eine Krone auf dem Dache glizerte und die elende kleine Freitreppe, die leider unberührt geblieben war von der Verjüngung, welche das Acußere des Häuschens inzwischen erfahren hatte, in einen blendenden Teppich hüllte. Ob der glückliche Besizer des kleinen Hauses seine Teilnahme an dem Schicksal seines langjährigen Mieters auf so zarte Weise hatte zum Ausdruck bringen wollen oder ob nur der Zufall es gefügt hatte, daß zugleich mit der Freude, welche in die Stel- tersche Familie eingekehrt war, die Physiognomie des Hauses eine andere wurde— darüber waren die zahlreichen Insassen des Hauses noch immer selbst nicht ins Klare gekommen. Einst- weilen nahmen sie, in ihrer Bescheidenheit, diese Verschönerung hin als eine unerwartete Gunst des Himmels, für welche sie nicht genug dankbar sein konnten. Mit Lisbeths Heimkehr in das Vaterhaus war ein neues Leben für alle angebrochen, die an dem Schicksal der Familie Anteil nahmen. Der kleine Erich, dessen munteres Wesen auf- fallend mit dem frühreifen Blick seiner dunkeln Augen kontrastirtc, hatte sich schnell in die Gunst aller Hausbewohner eingeschlichen und stand mit ihnen auf so vertrautem Fuße, daß sein braunes Lockenköpschen zu jeder Tageszeit in allen Winkeln des Hauses auftauchte und überall mit Freuden begrüßt wurde. Die guten Leute glaubten auf diese Weise Lisbeth am besten und unver- fänglichsten ihre Sympatie» zu erkennen zu geben, die das junge Weib ihnen alle, ohne Unterschied des Alters und Geschlechtes. einflößte. Es waren lauter kleine Handwerker und Arbeiter, die selbst in den dürftigsten Verhältnissen lebten und denen der Mut und die Energie, mit welchen das arme Mädchen so lange in so mißlichen Verhältnissen für sich und ihr Kind gesorgt hatte, um so größeren Respekt einflößte, da sie aus eigener Erfahrung die Schwierigkeiten kannten, mit welchen sie auf Schritt und Tritt zu kämpfcu gehabt hatte. Run, wo sie in das Vaterhaus zurückgekehrt war, war eine Zeit der Ruhe für sie angebrochen, welche sie wohltuend empfand. Zwar arbeitete sie nach wie vor unausgesezt für sich und ihr Kind. Von früh bis spät saß sie über die Arbeit gebeugt und wetteiferte darin mit Grete, die zu der älteren Schwester wie zu einem höhereu Wesen aufsah und ihr, gutmütig wie sie war, am liebsten alle Arbeit abge- nommen hätte. Sie sezte einen Stolz darein, für alle Bedürf- nisie ihres Kindes selbst zu sorgen und sich von niemandem dabei helfen zu lassen. Aber troz ihrer unausgesezten Beschäf- 374 tigung, die ihr nur wenig Zeit ließ, an sich selbst zu denken, empfand sie mit dem geschärften Sinn, den nur die Entbehrung verleiht, die Liebe, die ihr von allen Seiten entgegengebracht wurde— die überströmende Zärtlichkeit des Vaters und die Liebkosungen Gretens, in welche sich ein gut Teil Neugierde und Bewunderung für ihre bewegten Lcbcnsschicksale mischte— als ein Glück, auf welches sie verzichten zu müssen glaubte. Und mit einem innigen Behagen überließ sich das arnie Aiädchen, das so lange allein gestanden hatte in der Welt und sich immer erst die Achtung hatte erzwingen müssen, welche sie in den Augen der Menschen durch ihren jugendlichen Fehltritt verscherzt hatte, dem Frieden innerhalb des Vaterhauses.(gortf. folgt.) Die Teorie des Proftlsors Gustav Jäger. Von Dr. D. �faflor. I. Was Herr Jäger will. Gestüzt auf die bedeutenden Resultate der mühsamen grundlegenden Forschungen früherer Jahrhunderte sind die Natur- Wissenschaften im 19. Jahrhundert einerseits zu einem gewissen Abschlüsse gelangt, andererseits haben sie auf lange Jahrzehnte der Detailforschnng ganz bestimmte Wege gewiesen. Cuvicr (1769—1833) fand das Gescz, nach dem der tierische Körper sich aufbaut, das Gesez der Korrelatiou. Jeder Organismus bildet ein harmonisches Ganze; seine Teile müssen untereinander, als auch zum ganzen Körper i» einem bestimmten Verhältnisse stehen. Jegliche Art von Verrichtungen sezt eine Reihe anderer Verrichtungen voraus, alle Organe sind daher von einander ab- hängig. Umgekehrt kann auch kein Organ eine Veränderung erleiden, ohne daß auch die übrigen in entsprechender Weise umgestaltet werden. So sind bei den Fleischfressern die Rciß- zähnc am stärksten entwickelt; lcztere verschlingen die von dem erlegten Tiere losgerissenen Stücke, ohne sie zu kauen; die Mahl- zähne sind daher zum Teil nicht vorhanden, die vorhandenen sind schwach ausgebildet; die Kiefer sind fest ineinander gefügt. Sie müssen ihre Beute ergreifen und festhalten, haben daher mit Krallen versehene Zehen, kurze Sohlen, weshalb sie als Zehengänger bezeichnet werden, sind gute Läufer; mit der Fleisch- nahrung hängt die entsprechende Einrichtung der Vcrdaunngs- organe zusammen u. s. w. Die Pslanzcnsrcsscr dagegen rupfen mit den Vorderzähnen ihre Nahrung ab, kauen sie sorgfältig und haben daher in beiden Kicfem ununterbrochene Reihen glatter Mahlzähne, die Reißzähne fehlen; die Unterkiefer sind so eingefügt, daß sie eine drehende Bewegung des KaucnS aus- führen können, die Jochbogen sind schwach, die Vcrdaunngs- organe anders als die der Fleischfresier; ihren Verfolgern können sie sich nur durch die Flucht entziehen, sie sind daher sehr schnell, haben Füße mit harten Hufen als passende Ausrüstung. Der Beschaffenheit der inneren Organe entspricht der Bau der Wirbclsäurc, des Brustkastens und des Beckens. In gleicher Weise lassen sich die übrigen typischen Formen der Tiere be- stimmen. Auch bei niederen Tieren kann man z. B. aus ein- zelnen Täfclchen von Secstern oder Seeigel das ganze Tier konstruircn, die Eindrücke der Muskeln in den Muschelschalen geben Aufschluß über den Organismus des ehemaligen Besizers derselben u. s. f. Jeder besonderen Form eines einzelnen Teiles entsprechen somit crfahrungsmäßig gewisse Modifikationen des Ganzen, so daß es möglich wird, aus wenigen Bruchstücken(Zahnknochcn) ganze Skelcte wieder herzustellen. Cuvier hat durch Anwen- dung des Gcsezes von der Korrelation glänzende Resultate er- zielt und, wie wir durch die angeführten Beispiele zu erklären versuchten, aus verhältnismäßig geringfügigen Stücken des Ske- lets das ganze Tier ergänzt. Jedenfalls ist es seitdem unmög- lich, die Knochen alter ausgestorbener Elephanten für die des heiligen Christoph zu erklären, oder das Gerippe eines riesigen Salamanders für das eines vorsintflutlichen Menschen. Die Wichtigkeit des angeführten Gesezcs für die Paläontologie bei der Erklärung der oft spärlichen Ueberrestc früherer Bewohner der Erde, wie wir sie in den Sand», Kalk- und Tongcsteincn finden, ist ohne weitere Erörterung klar. Es braucht eben nur noch für alle Tierarten, lebende oder ausgestorbene, bis ins einzelne und kleinste durchgeführt zu werden. Wir erwähnen mit Rücksicht auf das Folgende, daß wir bei der Fülle des bereits vorhandenen Materials auch für die Botanik die baldige Feststellung eines entsprechenden Gcsezes erivarten dürfen. Während so die Lehre von der Gestaltung des Tierkörpcrs (die Morphologie) zu ihrer Höhe emporgehoben wurde, feierte auch die Lehre von den Lebenserscheinungen(die Biologie) Triumphe. Es war Friedrich Meckel, Professor der Medizin in Halle, welcher, gestüzt auf die bedeutenden Vorarbeiten Kas- par Friedrich Wolfis(Biittc des 18. Jahrhunderts) es 1812 aussprach, daß der Mensch,>vic jedes andere Tier, im Laufe seiner Entwicklung vom Ei bis zum ausgebildeten Menschen dieselbe Reihe der Tierformen durchlaufen müsse, welche die Gattung von dem ersten Auftreten niedrigster organischer Wesen auf der Erde an bis zur Gegenwart hin durchgemacht hat. Tie embryonale Entwicklung des Menschen beginnt aus der Zelle, >vie die aller Lebewesen; daraus bildet sich ein Zcllhaufcn und später, um nur einzelne interessante Punkte herauszuheben, zeigt er die Anlage der Kiemcnbogen, welche bei den Fischen sich zu Atmungsorganen ausbilden; bei dem Menschen und den Säugetieren werden sie vorzüglich zur Bildung des Unterkiefers verwendet. Noch im Beginn des dritten Monats sind Unter- schiede zwischen den Gliedmaßen der Menschen und den An- lagen, aus denen sich die Flügel der Vögel oder Beine der Säugetiere entwickeln, nicht zu erkennen; die Füße haben sogar eine Schwimmhaut zwischen den Zehen, wie die Schildkröten. Nur das Gehirn zeigt auf dieser Stufe schon eine karakteristische Bildung troz aller Achnlichkeit mit dem der übrigen Tiere Später ist der Mensch mit Haaren am ganzen Leibe bekleidet;- diese verlieren sich wieder, aber noch dann, nachdem er das Licht der Welt erblickt hat, unterscheidet sich der Mensch nicht vom Affen. Ein neugeborenes Kind und ein Gorilla gleichen Alters gleichen sich in der Färbung, im Aussehen, den Bewegungen, dem Schreien so sehr, daß das ungeübte Auge des Laien beide zu unterscheiden nicht imstande ist. Erst wenn das Kind aufrecht auf seinen Beinen steht, hat es sich seinen hohen Rang in der Welt erobert. Hiermit war die Tatsache eines inneren Zusammenhangs zwischen den einzelnen Formen der Tierwelt festgestellt; denn jedes Tier hat den entsprechenden Gang der Entwicklung durch- zumachen. Eine Erklärung der Tatsachen war damit nicht gc- geben; diese wurde erst durch Darwin und weiter durch Prof. Ernst Häckel in Jena ausgeführt. Alle Tiere stammen in ununterbrochener Reihenfolge von den ältesten Organismen ab, welche als die ersten auf der Erde auftraten, von den einzel- ligcn Tieren(Moneren). Aus ihnen entwickelte sich die Fülle der Formen vielzelliger Tiere, unter denen schon viele kalkige oder kicseligc Schalen ausscheiden. Solche sind uns als Zeug- nisse ihrer Anwesenheit auf der Erde erhalten in den Sand- lagern und Kalksteinen. Ihnen folgen die Strahltiere, die Würmer, die Weichtiere(Mollusken. Muscheltiere), die Glieder- tiere und Insekten und endlich die Wirbeltiere, zuerst die Fische. danach die Amphibien und Reptilien, dann die Vögel, endlich die verschiedenen Gruppen der Säugetiere, deren zulezt ent- wickelte Formen die Affen und Menschen sind. Wie kann sich aber aus einer Tierform die zweite ent- wickeln? Ist die kleinste Veränderung erklärt, so folgt die größere von selbst als eine Wiederholung der ersten. Die Antwort lautet: die Tierarten haben zwar zunächst die Neigung, sich gleich zu bleiben, indem jedes einzelne seine Neigung vererbt; aber die äußeren Lebensbedingungen zwingen sie, ihren Karakter zu verändern, so wie er am besten zu ihnen paßt; die klimatischen Veränderungen, der Aufenthalt in Gebirge, Wald oder Ebene, Festland oder Wasser, die Nahrung, die Feinde, die Konkurrenz der Stammesgenosscn, alles beeinflußt das Leben, die Gestalt und Organisation der Tiere. Unsere Pferde laufen nur auf einem Zehen, dem mittelsten sog. Laufknochcn; sie sind durchaus Bewohner freier Ebenen; ihre längst ausgestorbenen Vorfahren hatten daneben zwei kleine unbrauchbare Zehen, noch frühere zeigen zwei größere Zehen, welche beim Stehen den Boden erreichten, deren Eltern hatten vier Zehen, und so nähern sich die Stammformen immer mehr den Tapiren, welche Wasser- reiche Wälder bewohnen. Andere Zweige desselben Stammes gerieten ins Meer, vielleicht sich ihren Verfolgern zu entziehen, und leben als Secsäugetiere, indem sie das Gras an den Ufern abnagen. Wer wird aber aus den ersten Anblick in der Seekuh eine nahe Verwandte des Pferdes vermuten? Oder in einem afrikanischen Tiere, dem Murmeltier an Größe und äußerer Gestalt ähnlich, den echten Vetter des plumpen Rhinoceros? Die Morphologie beweist durch den Vergleich des Knochen- gerüstcs und der Zähne, daß die Verwandtschaft tatsächlich besteht, die Lehre von der Entstehung der Arten zeigt, daß diese auffallende Tatsache sehr wohl erklärlich ist, da die Stammart durch äußerliche Lebensbedingungen gezwungen wurde, sich in zwei Arten zu trennen; diese, anfangs einander sehr ähnlich, unterschieden sich mehr und mehr, bis nach dem Aussterben der verbindenden Formen die getrennten Arten übrig blieben; das Knochengerüst, am wenigsten veränderlich, verrät noch den gleichen Ursprung. Tic Paläontologie bemüht sich, die Reste der ver- bindenden Glieder in der Erde wirUich aufzufinden und die Tiere zu ergänzen und in die Ordnung der übrigen an der rechten Stelle einzureihen. Wir haben weder alle bedeutenden Erfolge der Lehre von den Organismen aufgeführt, noch die genannten Forscher nach ihrem vollem Werte gewürdigt, sondern nur das zusammengestellt, was zur Beurteilung der Teorie des Herrn Jäger wichtig ist. Jedem denkenden Menschen muß fich in dem obigen System eine Lücke zeigen. Die Tiere(denn wir können uns in unserem Nachweis auf die Zoologie beschränken; das Ver- hältnis der Botanik zu den angeführten Gcsezcn ist noch nicht genügend erörtert, wenn auch so viel klar ist, daß sich ganz entsprechende werden aufstellen lassen) werden nach ihrem orga- Nischen Ausbau untersucht, und man findet untrügliche Beweise ihrer Venvandtschast; diese morphologische Tatsache wird unter- stüzt durch die Untersuchung der embryonalen Entwicklung; es werden die äußeren Einflüsse bestimmt angegeben, welche die Tiere zur Artenbildung zwingen; die Biologie ergänzt die Morphologie und die natürliche Zuchtwahl ist unbestritten das leitende Prinzip in der Tierwelt. Es bleibt nun offenbar, um das System zu vervollständigen, die den anderen gleichartige Frage zu beantworten: Welche inneren Verhältnisse ermöglichen denn überhaupt dem Tierkörper die Veränderung, die Anpassung an veränderte Lebensbedingungen? Die äußeren Einfiüffe könn- ten doch nicht wirke», wenn der Tierkörper nicht bildsam tväre; worin liegt also die Fähigkeit desselben sich anzupassen? Diese wichtige Frage mit allen ihren weitgehenden Folgerungen will Herr Jäger beantworten. Es ist klar, daß uns, wenn ihm das gelungen ist. keine Hauptsrage in der Morphologie und Biologie wehr zu stellen übrig bleibt. Er sagt folgendermaßen: Dieser Vorgang der Anpassung ist lediglich ein chemisch-physikalischer. Unter den vielen Stoffen, aus welchen sich der Tierkörper aufbaut, gibt es bestimmte. welche die eigentlichen Träger des dem Tiere und seinem Fleische. Blute, Kote k. anhaftenden Geschmacks und des Duftes, also die Geschmacks- und Dnstbildner sind, wie es ja farbenbildcnde Stoffe gibt. Diese Stoffe sind die eigentlichen Träger aller �ebenserscheinungen. Herr Jäger hatte also ganz recht, wen.i i. s. f., aber auf der andern Seite kann gleiche Ernährung verschiedener Tiere nie auch den eigentümlichen Arten- und Gattungsgeruch verdrängen. Dazu kommt, daß auch bei jungen Tieren schon der eigentümliche Duft vorhanden ist, bei den Bogel-, Reptilien-, Fischeiern Geruch und Geschmack, jedoch ist leicht zu bemerken, daß sie hier niemals so scharf hervortreten, wie bei ausgewachsenen Tieren. Es geht daraus hervor, daß der Aus- dünstungsgeruch und-Geschmack eine Mischung verschiedenartiger Geruch- und Geschmackstoffe ist; die eine Gruppe entstammt der Nahrung(Nahrungsduft und Geschmack), die andere ist dem Tiere schon von seiner ersten Anlage an, dem Urbildungsstoff des Tieres(Protoplasma) eigen(Protoplasniadust und Geschmack). Ter leztere muß offenbar Gegenstand der Vererbung sein; er muß auch im uneinwickelten Tiere weniger entwickelt vorhanden sein und sich mit der morphologischen Entwicklung des Tieres selbst kräftiger entwickeln. Halten wir hiermit die eingangs angedeutete Tatsache, daß Aehnlichkeit Hrnd Unterschied des Geschmackes und Duftes in merkwürdig genauer Beziehung stehen zu dem Grade der morphologischen Verwandtschast, so erkennen wir, daß die duft-, gcschmack-(und färb-) bildenden Stoffe zu- gleich die gestaltbildcndcn sind. Allerdings kann diese wichtige Beziehung vorläufig nur behauptet werden, bis sich kräftige Beweise ergeben. Aber dieser Saz bringt in so überraschender Weise Licht in viele bisher dunkle Zusammenhänge, daß er entschieden den Vorzug vor den ihm gegenüberstehenden Hypo- tesen verdient; denn etwas andres als Vermutungen sind zur Erklärung dieser Vorgänge überhaupt noch nicht aufgestellt worden. Tie Frage: welches stud denn nun die Duft- und Würz- stosse? kann ebensowenig bestimmt beantwortet werden. Die Entscheidung fällt der Chemie der Stoffe des tierischen Körpers (Zoochemie) zu. Aber diese Wissenschaft hat bei ihrer Jugend und schwierigen Llrbeit noch zu wenige Vorarbeiten, um eine feste Antwort zu geben. Herr Jäger kommt auf Grund reif- licher Erwägung dahin, die Eiwcißstosfe für die Geruch- und Würzebildner zu erklären. Einige Erklärung dieser Annahme wird sich ans dem Fol- gendcn ergeben; es wird sich zeigen, daß kaum eine andere Annahme offen bleibt. Wir bemerken kurz das über die Nahrungsstoffe, loas uns znm Verständnis notwendig erscheint. Kohlenstoffhaltige Nah- rungsmittel sind Stärkemehl. Zucker, Gummi. Fette. Sie liefern den Kohlenstoff, welcher sich mit dem Sauerstoff der Luft im Blute zu Kohlensäure vereinigt. Bei diesem Verbrennungsprozeß wird Wärme entwickelt, die Kohlensäure wird durch den Atem wieder entfernt. Sie heißen erwärmende Nahrungsmittel und Respirationsmittel. Wir erhalten sie aus den Pflanzen, Stärkemehl vorzüglich ans dem Getreide, Malz, den Hülsen- früchten, den trockenen Gemüsen(Reis, Sago ic.), Kartoffeln; Zucker und Gummi fast aus allen den genannten, dazu aus dem Obst; Fett aus dem fetten Fleisch, Butter, Schmalz. Alle diese Stoffe gelten als die Fettbilduer im Körper. Stickstoff- haltige Nahrungsmittel sind die Eiweißstoffe der Pflanzen und Tiere; sie bilden das Muskelfleisch und heißen blut- und stoff- bildende Nahrungsmittel. Kalkbildcnde Stoffe zur Herstellung der Knochen liefert das Kochsalz. Unter allen Uniständen ist Wasser nötig. Alle Nahrungsmittel haben gleiche Wichtigkeit, bei einseitiger Nahrung tritt der Tod ein. Die Erklärung des Hungers im folgenden wird das erläutern. Alkohole sind keine Nahrungsmittel. Während die lcztgcnannten Nahrungsmittel (stickstoffhaltige und Salze) besonders im Ei und mageren Fleisch enthalten sind, bildet die Milch ein universelles Nahrungsmittel. Die Auswurfstoffe sind im Atem Kohlensäure, in der Haut- ausdünstung Fettsäure», daher im Schweiß die Buttcrsäure sich durch den Geruch verrät, im Kote die Pflanzenfaser(Cellulose) vermengt mit reichlichen Nahrnngsstoffen, welche unverdaut den Körper verlassen. Die Bestandteile der Schleimhäute, Nerven und Gedärnie sind noch fast völlig unbekannt.*) Welche Arbeit verrichten denn nun die in Frage stehenden Stoffe ini Tier-(und Pslanzcn-Hkörpcr? 1) Jeder morphologische Unterschied zwischen zwei Wesen ist von einem Unterschied zwischen Duft und Geschmack(Würze) der Tiere begleitet; es ist also ein ursächlicher Zusammenhang zwischen den Duftstoffen und der Gestalt eines Tieres anzunehmen. 2) Die Duststoffe bestimmen die Wahl der Nahrung. 3) Sic sind von Bedeutung für die Beziehung der Ge- schlechter. 4) Sie erhalten den Karakter der Art des Tieres auch in den Nachkommen. Tie Nahrung hat nicht allein die Aufgabe, das Leben über- Haupt zu erhalten, sondern die ganz bestimmte Eigenartigkcit des Lebens jeder Tierart. Wie wird jede Nahrung im Körper zerlegt? Welche Umbildung geht mit ihr vor? Welche Stoffe bilden sie? Beeinflussen sich die verschiedenen Nahrungsstoffe bei verschiedenem gleichzeitigen Genuß? Kann also eine und dieselbe Nahrung verschiedene Umformungen erfahren, je nachdem sie mit verschiedenen andern zusammen genossen wird? Wie konimt es, daß dieselbe Nahrung dem Körper verschiedener Tiere sich anpaßt, also ein Fisch in der Otter und Möve nicht in Fischflcisch sich wieder zusammensezt, sondern Ltteni- und Möven- fleisch bildet? Alle diese Fragen können nur nach langjährigen Erfahrungen beantwortet werden; die bis jezt gegebenen Ant- Worten sind spärliche, unsichere Vermutungen. Auf die lczten Fragen antwortet Herr Jäger, jedoch auch nur, indem er der Untersuchung ihren Gang vorschreibt, vennutnngsweise. Das Räupchen, welches eben das Ei verlassen hat, geht sofort seiner Nahrung nach und findet sie, Käfer, Schmetterlinge besuchen nur bestimmte Pflanzen, Vögel und Säugetiere werden zwar eine Zeit lang gefüttert, doch ist ihr Kursus schwerlich so lang und umfassend, daß sie danach alle ihnen passende Nahrung durch das Auge unterscheiden könnten. Es ist schlechterdings der Duft, welcher sie leitet. Zweierlei wirkt hierbei: der von der Nahrnugspflanze oder dem Nahrungstier entwickelte Tust und die Einwirkung desselben ans den Nahrungssucher, der Geruch. Beide Umstände sind rein chemischer Natur und müssen auch allein durch die Chemie untersucht werden. Aber aus der Wirkung läßt sich schließen, daß dem lezteren der Duft an- genehm sein muß; überhaupt frißt ein Tier nur etwas, das riecht oder schmeckt. Uebersehen wir das Verhältnis zwischen *) Eine kurze Bemerkung erläutere hier die Forderung der Begc- tarianer; sie sagen: das Eiiveisi der Eier, Milch und Pflanzen ist völlig ausreichend zur Ernährung; wir brauchen daher das Fleisch der Tiere nicht und diese nicht zu schlachten. Daß alle Vegetariancr alles verwerfen, was vom Tiere kommt, ist böswillige Verleumdung. Ebenso falsch ist es aber auch, wenn die Vegetariancr sagen, Fleischnahrung mache den Menschen zum Raubtiere, denn das würde er schon durch den Genuß von Eiern werden. Fleischfressern und ihren Beutetieren, den Pflanzenfressern, so wirkt der Dust des leztern auf das Raubtier erregend(als Lüsternheitsstvff) angenehm. Diese Erklärung gibt der Tatsache, daß manche Raubtiere, z. B. die Tiger, die zuckende Beute eine Strecke fortschleppen, einen sehr passenden Sinn: dem Raub- tiere sind die dem geängsteten sterbenden Tiere reichlicher eut- strömenden Düste angenehm, avpetiterregend; das Fleisch wird mit den Duften durchtränkt, daher schmackhafter. Der Duft des Raubtiers wirkt auf den Pflanzenfresser abstoßend, ekelerregend (als Ekelstoff), er stinkt ihm; deshalb flieht das Tier. Tie verniutlichen Träger der Tnststoffe sind die Eiweiß stoffe(Mbuminate). Wie bereits durch Versuche nachgewiesen, sind dieselben geschmack- und geruchlos, entwickeln aber bei Zer- sezung durch Säuren die Kotdiifte ihrer Träger. Darauf grün- dete Herr Jäger seine Hypotese:„die Albumiuate, welche wir in den verschiedenen Tieren antreffen, sind nicht völlig einander gleich, sondern bestehen aus einem, wahrscheinlich bei allen Albuminaten gleichen Kern, mit welchem Atomgruppcn ver bunden sind, welche bei ihrer Löslösung aus dem Eiweißmolekül als die spezfischen Geschmack- und Geruchstoffe entweichen und dann durch andere, zwar ähnliche, aber doch verschiedene Atom- gruppen ersezt werden können. Bei der Verdauung wird danach das Eiweiß des Nahrungsstoffes zerlegt, seine Geschmack- und Duftstoffe iverden mit den Exkrementen ausgestoßen, sie müssen Zleberfall. Nach einer Pdotographie aus A HendscheU»Losen BlSttern".(Jranlsurt a. M, H. A. CT. Prester.) durch die Chemie daher in denselben nachgewiesen werden, der Eiweißkcrn wird mit den Duftstoffen des Nahrungsnehmers ge- sättigt und bildet nun das eigentümliche Eiweiß desselben. So müssen ffch also im Kote der Kaze die Geschmack- und Geruchstoffe der Maus nachweisen lassen, während ihre Eiweißstoffe sich dem Körper der Kaze anpassen und in demselben wieder Eiweiß, aber das der Kaze bilden. Co sind besonders die das Eiweiß begleitenden dnstbildenden Stoffe Schuld daran, daß die Kaze 'hre Eigentümlichkeit bewahrt und ihr Wesen nicht mit der Zeit deni der Maus sich nähert. Ueber das Wesen und den Vorzug der Eiweißstoffe klären ans noch folgende Erfahrungen aus: Wenn ein Stoff sich mit einer Haut umhüllt, so ist diese(mit einem Nez vergleichbar) stets so engmaschig, daß die kleinsten Teilchen des Stoffes (Moleküle) nicht die Maschen oder Poren passiren können, daß der Stoff also nicht hindurchdringen kann. Die Eiweißstoffe haben das größte Molekül, also die größten Poren der Haut, gestatten also allen anderen Stoffen den Eintritt. Sie haben die Fähigkeit der Bildung und Aufspeicherung des Ozons, end- lich genügende elektrische Kraft, so daß dadurch den eintretenden Stoffen der Anstoß zur Zersczung gegeben werde» kann. Damit würde eine vollkommen ausreichende Erklärung des Nahriingsinstinktes gegeben sein:„das(durch seine Dnftstoffe) stärkere Albuminat macht Jagd auf das schwächere, leztcres flieht stets das erstere; gleichstarke Albnminate verhalten sich indifferent gegen einander;" oder wenn sich ihre Träger be- kämpfen(wie Raubtiere die in ihr Jagdgebiet eindringenden Tiere gleicher Art bekämpfen), so ist es nie direkt ein Kämpf um die Nahrung. Der Nahrungstrieb erklärt sich gleichfalls aus dem Wesen der Eiweißstoffe. Eine Erklärung des Hungers r 378 kann nur richtig sein, wenn sie zugleich das Gefühl der Sät- tigung erklärt; beide nntcrscheiden sich nur von einander da- durch, daß das leztere einen Zustand der Ruhe, ersteres eine Nervenaufregung ist. Ein Tier ist satt, wenn seine Kvrpersäftc so viele leicht oxydirbare Substanzen enthalten, insbesondere Fette und jüohlehydrate, daß der fort und fort in den Körper eindringende Sauerstoff in der Hauptsache von diesem dingfest gemacht und verhindert wird, die Eiweißteile des Körpers an- zugreifen und zu zersezen. Sobald nun der Vorrat von zir- kulircnden Fetten und Kohlehydraten erschöpft ist, beginnt, wie die Experimente bei hungernden Tieren unwiderleglich dartun, eine umfänglichere Eiweißzersezung, und mit ihr erscheint der Hunger. Er ist ein Sympton der Eiweißzersezung. Damit »verde» naturgemäß die Duftstoffe frei und erzeugen die Rerven- aufregung des Hungers; denn die chemischen Stoffe, um die es sich handelt, sind im hohen Grade flüchtig und löslich, durch- dringen den ganzen Körper. Daher erklärt sich, daß der Hunger ein Gcmeiiigefühl und nicht eine Sinnesivahrnehmung ist. Es erklärt sich ferner, daß hungernde Tiere eine stärkere Aus- dünstung haben, als gesättigte. Tie Tuftstvfse entströmen dem ganzen Körper, am reinsten, d. h. nicht verunreinigt durch Schweißsüuren, der Riechschleimhaut; wenn sie hier anderen Düften fremder Tiere begegnen, so ist zweierlei möglich; beide Duftstoffe Harmoniren mit einander, so ist die Wirkung dem hungernde» Tiere angenehm, es erkennt seine Nahrung; disso- niren sie, so ist der Eindruck unangenehm und das Tier berührt den fremden Gegenstand oder das fremde Tier nicht. Von den vielen Tatsachen,»velche diese Erklärung stüzen, erwähnen»vir mit einige: Hunde und Kazcn untersuchen ans ihrem Wege liegende Gegenstände mit der Nase, nicht mit den Augen; Hunde,»velche viel iin Zimmer sind und gefüttert»verde», verlieren ihren seinen Geruch,»veil sie ihre Nase nicht üben. Ter Appetit ist eine Nervenanregung, belvirkt durch die Har- monie der Düste ans die Nasenschleimhaut. Personen,»velche zu viel oder zu häufig von einer Speise genießen, empfinden Abneignng vor derselben, da der Körper von den Duftstoffen dieser Speise zu stark durchzogen ist; die Zeit heilt den Wider- »villen, n. s.»v. Tie Nahrungsstoffe,»velche das Individuum erhalten, müssen auch gleichzeitig für die Erhaltung der Art sorgen. Welche Rolle spickru die Tuftstosfe hierbei? Es ist hier zlveierlei zu beobachten: der Befruchtungsvorgang und die Beziehung der Geschlechter. Jedes Tier entsteht aus dem Zusaminenwirken ziveier Stoffe, dem iveiblichen Ei und dem männlichen Samen. Das Ei ist eine Zelle,»velche aus Eiivciß(Protoplasma-Urbildungsstofs) besteht. Das Eiiveiß ist nur das Beseelte und ist begleitet von den Duftstossen, Eistvssen,»velche die des iveiblichen Tieres sind. Der männliche Saine,»velcher einen sehr deutlichen Dust(Sa- menduft) cntivickclt, bewirkt die Befruchtung des Eis, die sich zuerst in einer Onellung desselben und einer Teilung der einen in zivei, dieser in vier u. s. f. äußerst. Demnach ist die Be- sruchtung und Entivicklung des Tieres ein wesentlich physikalisch- cheinischer Vorgang, und die eigentlich formbildenden Stoffe sind die Duftstoffe(Samen- und Eiduft), welche bei den verschiedenen Tieren verschieden sind. Zugleich»vird erklärt, daß die Nach- kommen den Eltern gleich sind. Das Fundament der Ver- erbung besteht darin, daß das Protoplasma,»vie»vir gesehen haben, bei der Ernährung seine Wesenseigcntümlichkeit bewahrt; dieselbe geht mit den vererbten Stoffen auf die Nachkomineii über; so lange es allen Anfechtungen von außen zum Troz seine Beschaffenheit bewahrt, behält auch die ganze Art ihren eigen- tümlichen Karakter; so kommt es schließlich, daß sich zufällige Eigenschaften der Eltern gleichfalls vererben können, z. B. eigen tümliche Neigungen der Mutter»vährend der Schivangerschaft, Abneigung gegen Speisen, daß ein heftiges Erschrecken der Mutter auf das Kind»virkt,». s.>v. Tie Erklärung der geschlechtlichen Beziehungen bietet viel Aehnliches mit jenen zlvischen Raubtier und Beutctier. Tie geschlechtliche Liebe ist ein Zustand der Nervenaufregung, nur daß sie sich auf andere Gebiete des Nervenapparates»virst, als der Hunger. Tie wirkenden Stoffe sind der Ei und Samen duft entsprechend bei Weibchen und Männchen. Herr Jäger konstatirt u. a. die Tatsache, daß Kinderwäsche anders d»istet, als die Wäsche geschlcchtsreifer Menschen, und folgert daraus sehr richtig, daß die Ei- und Samendüfte erst beim reifen Menschen austreten. Genau so bei den Tieren. Die Duststoffe begegnen sich ans der Riechschleimhaut; Harmoniren sie, so folgt die Annäherung; diffonircn sie, oder ist die geschlechtliche Aufregung nur bei einem Tiere vorhanden, so haben sie keine Wirkung. Das angreifende ist stets das Männchen. Wenn das Weibchen empfangen hat. so versiegt bei den Tieren die Quelle der Eidüfte und die geschlechtliche Aufregung legt sich. Wir haben uns über den Punkt der Vererbung bedeutend kürzer gefaßt,»veil derselbe»veniger durch chemische Unter- snchungcn bisher gestüzt ist, als der Rahrungsinstinkt und-trieb; es kam uns auch»»»»r darauf an, das Slfftein des Herrn Pros. Jäger zu entwickeln. Wir halten dasselbe für richtig und sind überzeugt, daß auch dem Leser viele bisher dunkle Tatsachen überraschend klar getvorden sein»verde»,»venn auch vielleicht hier und da Bedenken aufsteigen oder Tatsachen dagegen zu sprechen scheinen. Doch richtig, oder nicht— jedenfalls ist hiermit ein Gebiet, ans»velchein bisher nur philosophirt»vurde, der exakten»vissenschastlichen Forschung zugewiesen worden, n»d die Gegner»verde» sich»vohl oder übel beinühcn müsse»,»tatt philosophischer Tognien Tatsachen dagegen ins Feld zu führen, und jede neu angeführte Tatsache verbreitet Licht über die ganze Frage, gleichviel ob sie bestätigt oder widerlegt. ,Tchl», Aug Brasilien. II. Originalbericht von Antc>nic> Schneider zn Curitiba in der Provinz Parana. (»chlu».) In Europa ist vielfach die törichte Airsicht verbreitet, daß Leute, die als Taugenichtse bekannt sind, sich zur Ausivanderung eignen, so daß manche sogar auf Kosten ihrer Gemeinden oder auch Venvandten„zur Besserung" hieher geschickt werden. Natürlich taugen diese Leute durchaus gar nicht hierher und gehen rettungslos zugrunde, oder laufen hier zur Schande ihrer Landsleute herum. Was Nordamerika groß gemacht hat. das braucht auch Brasilien; Leute mit ernsten Vorsäzen und eisernem Willen können hier ihr Fortkoinmen finden. Was die brasilianische Re- gierung anbetrifft, so»vird diese heraustreten müssen ans ihrer grenzenlosen Kurzsichtigkeit in Bezug auf die Naturalisation. Bis zur Stunde ist eine Maffennaturalisation eine Unmöglich- keit! Unter den» konservativen Regime kostete der Bürgerbrief für jeden Ausländer 25 Milreis Mark). Tie Liberalen jedoch»volltci» die Finanzen verbessern und schlugen 100 Milreis dazu. Die Folge davon ist, daß sich einfach niemand naturalisircn läßt, was»vir nur billigen können, denn wen» nur der die Fähigkeit besizt, Bürger zu werden, der 125 Milreis bezahlen kann, dann fft die Sache nur zum Nachteile des Landes. Und»vas für Interesse sollen»vir an dem Wohl und Wehe des Landes haben, in dem»vir nur Fremdlinge u»d keine ebenbürtigen Bürger sind? Teputirte in der Assemblee generale machten den Vorschlag» „Allen im Lande wohnenden Ausländern, ohne Unterschied de» Religion und Nationalität, die zivei Jahre an einem Qrlr »vohnen und im Vollbesiz der Ehrenrechte sind, den Bürgerbrief unentgeltlich zuzustellen." Das wäre aber ernstlich liberal geivesen; desivegen stiin»»� die Mehrzahl dagegen, nahm aber die Klausel an, daß allk „Akatolikcn"(Nichtkatvlikm) Bürger werden können, wenn sie das Bürgcrgcld bezahlen, was die Akatoliken wie Katoliken hübsch bleiben lassen. Denn mit der Ziatnralisatian ist eben noch nianchc Pflicht verbunden, von der man sonst verschont bleibt. Zinch glauben wir und wahrscheinlich auch die meisten Brasilianer, daß durch eine Massennaturalisation dem venvcrfllichen Ncpo- tisnins der Garaus gemacht wird, und das mag für die Leute erschrecklich sein, denn die meisten leben von der Anstellung; wird die Regierung liberal, so werden alle Beamte, die kon- scrvativ sind, entlassen, natürlich ohne Pension, ebenso umgekehrt; daher mag es wohl kommen, daß so viele Staatsgelder ver- untrcut werden, denn zu einer bürgerlichen Hantirung kann kein' „Angestellter" sich entschließen. Nun zu den Verkehrsmitteln! Diese sind für einen Ackerbau- staat von hervorragendster Wichtigkeit, doch ist es damit hierzu- lande noch ziemlich traurig bestellt, ebenso traurig wie in mancher Nachbarrcpublik, vielleicht Argentinien und Chili ausgenommen. Daß hierin die Regierung sowie Private den besten Willen zeigen, sei unbestritten. Dennoch geht die Ausführung ange- fangener Bauten in wahrem Schneckengange vorwärts. Heute wird ein Gebäude auf Regierungskosten angefangen, es wird feierlichst der Grundstein gelegt— mit dem stets un- vcrmcidlichen Raketcngeknatter, denn ohne dieses kann sich der Siidamerikancr überhaupt kein Fest denken, und morgen schon bleibt alles liegen bis— die Regierung wieder Geld schickt. Daß man diese unverantwortliche Gleichgültigkeit auch bei Eisen- bahn- und Straßcnbauten nicht überwindet, läßt sich durch nichts rechtfertigen. Räch brasilianischer Sitte wird mitten im tiessten Urn'ald eine Kolonie anzulegen beschlosicn und auch au- gelegt, abgeschnitten von aller Welt, ohne Weg und Steg. Nie- wand kümmert sich dann»; die Kolonisten werden zunächst auf Rcgierungskostcn dort hingeschafft und unterhalten; haben sie endlich etwas zu verkaufen, dann tritt die Notwendigkeit eines Verkehrsweges grell vor Augen, und nun wird alle mögliche Abhilfe versprochen, allein das Versprechen keineswegs so schnell ausgeführt. So kennen wir hier in der Provinz die Kolonie . Assungy. die vor 14 Jahren angelegt wurde und heute noch keine Fahrstraße von dort hierher bcsizt. Trozdcm dort das Land vorzüglich ist und die Kolonisten alle Bedürfnisse in Masse bauen, so konimt der Transport per Maulesel hierher vach Curitiba fast teurer als der Preis der Waare ist; und so 'Ü es fast niit allen Kolonien. Projekte, ja. die schwirren massen- hast in den Köpfen herum, aber die Ausführung läßt eben verdanimt lange ans sich warten. Die Eisenbahnen, selbst die, bei denen die Regierung die Zinsgarantie übernommen hat, schreiten im Ban äußerst langsam vorwärts, und so lange in dieser Richtung nicht die praktische Art der Nordamerikaner »achgeahmt wird, solange wird Brasilien. troz seiner Natur- eeichtümer blos vegctiren. Erst da»», aber auch nur dann— wenn die fruchtbaren und für europäische Kolonisation geeigneten Ländcrcien der vier Südprovinzen mit allen modernen Verkehrs- wegen versehen sein werden, ist Brasilien in die ersten Reihen der Kulturstaaten zu stellen. Vollständige Aufhebung der Sklaverei wird hier ,c>t langen, angestrebt und welcher Menschenfrrnnd stiinnite nicht mit Freuden ein! Obgleich nun bi* zum Jahre 1890 alle in Brasilien lebende» Sklaven frei sein sollen, steht dennoch der Sklavenhandel zwischen verschiedenen Provinzen in Flor; die Provinzialasscmbleen(Landtag) tun ihr möglichstes, um dies zu verhindern; so erhebt die Provinz Amazonas für jeden einznsührenden Sklaven einen Zoll von 2 Kontos de Reis(— 400 Mark), Parana 1 Konto, Rio Grande do Sul 500 Milrcis. Wahrlich eine teure Waare. diese Neger in Brasilien, tvird sich in Deutschland mancher Kohlrnwcrks- und Webereibesizer, mancher Ritterguts- und Fabrikbcsizcr denken, Ivahrlich. teuer, können wir hier um- sonst haben— und wenn das blos Zoll ist wie teuer kommt den» dann so ein Kerl von Arbeiter? Nun ost bis 3 Konto(6000 Mark) und darüber. Es soll keineswegs gc- lrugnet werden, daß auf de» großen Plantagen im �nnern die Reger iioch bei schwerer Arbeit argen Mißhandlungen ausge- sezt sind, aber die Haussklaven in den Städten sind besser daran als mancher deutsche Dicnstbote. Fern sei es von uns, der Sklaverei das Wort zu reden, allein ist diese einmal voll- ständig beseitigt, wird mancher Zieger elend zu Grunde gehen, denn brutale Behandlung und Verrohung, welchen diese Aernisten zum Teil ausgesezt sind, haben sie nicht das Glück der Selbst- ständigkcit kennen gelehrt und so unter das Vieh hcrabgedrückt. Von Hans aus sind die Zieger durchaus gutmütige Menschen, aber der Egoismus des weißen Menschen, der selbst zur Arbeit zu faul, sieht in dem Schwarzen sein Lasttier und schämt sich nicht, vom Schweiße des tiefverachtetcn Negers zu leben. Wir kennen sogar Deutsche, die sich ihre Sklaven kaufen und gc- legentlich verkaufen. Lobend müssen wir hier eines Strikes gedenken, der vor wenigen Monaten unter den Sezcrn in Ccara, Hauptstadt der gleichnamigen Nordprovinz, ausbrach, dort sollten Zlrtikcl in den Blättern gegen die Abolitionistcn verösientlicht werden, allein die Sezer weigerten sich, die Schmöhartikcl zu sczen und die Sache unterblieb zum großen Acrger der Zeitungs- bcsizcr, denn die Herren Sklavenbarone sind eine noble Kund- schaft und bezahlen solche Artikel sehr gut. Diese Sezer sind durchweg Brasilianer, die noch keine Ahnung von der Solidarität der Arbeit haben und sich von rein philantropischen Ansichten zur Einstellung der Arbeit bewegen ließen. Schon hält man Umschau nach anderen Arbeitskräften für die Zeit, daß die Sklaverei ganz aufgehoben sein wird, vor allem sind Chinesen vorgeschlagen und auch schon in der Provinz Rio versuchsweise eingeführt worden. Manche Zeitung ist voll des Lobes über die Anstclligkcit der bezopften Söhne des himmli- scheu Reiches. Wir zweifeln nicht im mindesten, daß sich die Chinesen als gute Kolonisten für die Nordprovinzen, Rio mit eingerechnet, bewähren würden, denn Klima und Lebensweise eignen sich für diese Leute, aber wie es den Anschein hat, sollen die Chinesen durch„Kontrakte" auf den großen Landgütern und in den Städten gebunden werden, so daß die schwarze Sklaverei ab- geschafft, die gelbe dagegen eingeführt würde, denn in der Tat wäre das Verhältnis dasselbe, nur die Form eine andere. In den Guano- und Salpeterwerken in Peru sind die dort ar- bellenden Chinesen allen möglichen Mißhandlungen ausgesezt, müssen sich Lohnabzüge, Kontraktbrüche, Prügel u. dgl. gefallen lassen. Tics alles würde sich hier gewiß auch wiederholen. Als freie Kolonisten, als wirkliche Ackerbauer, die sich Land er- werben und dasselbe behalten und bebauen, würden wir eine Einwandrung von Chinesen für die Nordprovinzen billigen. Die Provinzial-Assemblöc von Sao Paulo läßt jczt Eintvandcrer von den kanarischen Inseln hierherkommen, welche im Innern dieser Provinz als Kolonisten, vorzüglich für Kaffeebau ver- wendet werden sollen. Alle andere Einwandrung unterbleibt, doch soll, wie ich neuerdings erfahre, der Vertrag zwischen der Regierung und dem Hamburger Kolonisationsvcrcin von 1849 auf ein Jahr erneuert werden. Darob großer Jubel in Israel und Dona-Franziska. Sollte die jezige„liberale" Regierung dabei verharren, nicht bald einer Masseneinwandrung mit allen möglichen Bemühungen für das Wohl der Einwandrer die Wege zu ebnen, so wird dieses ungeheure Land, welches nur'/? kleiner ist als ganz Europa, davon den empfindlichsten Schaden haben, denn der cingeborne Brasilianer, der im Urtvaldc sizt, hat die allerwenigsten Bedürfnisse, aber auch den größten Ekel vor der Arbeit. Er sizt beim Feuer in seiner Hütte, dreht sich eine Maiszigarettc um die andere und bekümmert sich um niemanden. Alle diese Leute sind arm, arm durch grenzenlose Faulheit, und da eine liberale Regierung auch ein liberales Wahl- gcsez haben muß, hob die jezige den von den Konservativen herrührenden Wahlmodus auf und stellte einen neuen fest, nach welchem jeder Wähler des Lesens und Schreibens mächtig sein sowie ein gewisses Einkommen nachweisen muß. Durch dieses nichtswürdige Verfahren wurde fast'6 der früheren Wähler ausgeschlossen, ausgeschlossen damit sich die Liberalen halten können. Als Grund führte die Regierung an, man wolle das Kaufen der Stimmen hindern. Gekauft wurden die Stimmen 380 in der Tat, denn bei früheren Wahlen erhielt jener Kandidat die meisten Stimmen, der das beste Essen und den meisten Wein zum besten gab. Daß es bei einer Wahl ohne Fandango (der brasilianische Nationaltanz) nicht gehen kann, war selbst� verständlich. Diesen Tanz mitzumachen, oder doch anzusehen, lohnt der Mühe. Bei irgend einem eingebornen Brasilianer wird der Fandango angesagt. Alle Nachbarn kommen— natürlich alle zu Pferde— der„Saal" ist hell beleuchtet, die „Musik" in einer Ecke postirt, sie besteht aus einer Art von Guitarre und einer Art Trommel, über ein leeres Faß wird eine Kuhhaut gespannt und diese gewöhnlich von einem Neger ans das grausamste malträtirt; geht es aber nobel zu, ist auch eine Handharmonika dabei; nach dieser schauderhaften Musik tanzt nun die ganze Gesellschaft, ausnahmslos in Holzpantoffeln, was sich von außen anhört, als wenn drinnen gedroschen würde; nichtsdestoweniger amüsirt sich alles nach Herzenslust. Diesen Fandango muß jeder Kandidat geben. Als Wahllokal ist stets die Kirche bestimmt, und die ergözlichsten Dinge fallen da vor, sah ich doch, wie ein„liberaler" Doktor einen„konservativen" Pfaffen ohrfeigte. Die Parteiwut geht soweit, daß selbst Schuß- Waffen dabei eine Rolle spielen. Sollte noch wirklich eine allgemeine Naturalisation durch- gesezt werden, so wird auch dieses elende Machwerk von Wahl- gesez dem gleichen und direktem Wahlrecht weichen müssen, und das fürchten die Herrn Liberalen sehr. Also zur Besserung und Entwicklung des Landes sind von der Regierung zu fordern: Einwandernng, Aufhebung der Sklaverei, allgenieine Naturalisation und direktes Wahlrecht. Durch Erfüllung dieser Bedingungen wird mancher Mißstand verschwinden, und sämmtliche Bewohner werden sich als Bra- silianer fühlen und am Wohl und Wehe des Landes teil- nehmen. Zum Schluß noch etwas von dem Herrn Dr. Zöllcr(?), Mitarbeiter der„Kölnischen Zeitung." Dieser Schriftsteller von „Riff" bereiste auf Kosten der„Kölnischen Zeitung" Südamerika. Fleißig, sehr fleißig erstattete der Herr Berichte au sein Blatt über Brasilien, zum großen Teile so konfuses Zeug, daß selbst hiesige deutsche Blätter sich darüber aufhielten und die deutsche Zeitung von Porte-Alegre mit Prügel drohte. Auch hier in der Provinz Parana und zwar in den beiden Hafenstädten An- tonio und Paranaqua trieb sich Herr Zöllcr herum, wo es fast gar keine Deutsche gibt. Er hielt es aber auch garnicht für nötig hierher zu kommen und das Leben und Treiben der Deutschen hier in Curitiba und in den Kolonien kennen zu lernen, nichtsdestoweniger erschienen auch über die Provinz Parana Berichte. Dies erinnert mich recht lebhaft an den Journa- listen Prell aus dem Roman„Dem Schicksal abgerungen", in dem Jahrgang 5 der„Neuen Welt." Diesem Zöllcr-Prell sprechen wir jedes Recht ab. über biesige Verhältnisse mitzu- sprechen und sind seine Berichte vorsichtig aufzunehmen. Zu Raffaels Geburtstag. Von Dr. Wichcrri, Krrrft. I. Wie in allen Künsten, waren es auch in der Malerei die Griechen, welche in ihr zuerst Vollendetes geleistet haben. Von den großen Wandgemälden des Polynot, womit dieser geniale Künstler, ein älterer Zeitgenosse des Phidias, die öffentlichen Gebäude Athens schmückte, ist uns zwar nichts erhalten, so wenig als von den Stafselcibildern der späteren großen Maler Griechenlands. Aber wir können uns wenigstens aus den zahl- reichen Wandmalereien der verschütteten und wieder ausgegra- denen Städte am Vesuv, Hcrkulannm und Pompeji, aus den schönen Darstellungen auf griechischen bemalten Vase», die man in vielen Städten Italiens, Griechenlands und Klcinasicns gc- fundcn hat, wohin sie als Handelsartikel von Athen aus ge- kommen waren, und endlich aus den fertigen Mosaikfußböden, besonders dem schönsten Mosaik der Welt, der im Jahre 1831 in Pompeji ausgegrabenen Alexanderschlacht, eine schwache Vor- stellung von der hohen Stufe machen, auf welcher die hellenische Malerei stand. Denn wenn die pompejanischen Wandgemütdc und die griechischen Vascnbilder von schlichten Handwerkern herrühren, wie mögen da erst die griechischen Künstler gemalt haben! Auch die Beschreibungen von Gemälden, die wir bei alten Schriftstellern finden, wie auch ein Blick auf die Bild- Hauerei der Griechen lassen uns vermuten, daß die Malerei hinter den übrigen bildenden Künsten nicht zurückgestanden haben wird. Die Alten malten wie wir, entweder al fresco(auf den frischen, nassen Stuckbewurf der Wandflächc), oder sie schufen Staffelbilder, die mit Wasserfarben auf eigens hierzu präparirten Holztafeln oder auch mit Wachsfarbc(in enkanstischer Manier) hergestellt wurden. Oclmalerei kannten sie nicht; diese wurde erst im Mittelalter erfunden, verdrängte aber bald wegen ihrer großen Vorteile die antike Wachsmalerei.(Die Anwendung von Baum- und Nußöl für die Malerei kannte man schon um das Jahr 1000, jedoch erst im 15. Jahrhundert erlangte die Ocl- malerei durch die Brüder van Eyck ihre große Bedeutung.) Nachdem in den Umwälzungen der Völkerwanderung die Künste des Altertums zu Grunde gegangen und Barbarei und Geschmacklosigkeit an deren Stelle getreten war. niußtc, als die politischen Wogen sich wieder ebneten, auch die Malerei geradezu wieder von vom anfangen, wozu auch wesentlich der Umstand beitrug, daß man überall, wo sich noch Denkmäler antiker Kunst fanden, dieselben als Erinnerungen einer heidnischen Zeit igno- rirte, wo nicht gar mit christlichem Fanatismus und Vandalis- mus zertrüummerte. Dies rächte sich so, daß eine Reihe von Jahrhunderten dazu gehörte, che die Malerei aus den starren Formen der byzantinischen Kirchenmalerei sich herausarbeitete und eine selbständigere Gestaltung gewann. Konstantinopel war als Siz des römisch-christlichen Kaisertums auch lange Zeit hindurch der einzige Siz der byzantinischen Kirchenmalerci gewesen. Ihre wahre Heimat und Blüte sollte diese Kunst aber in Italien finden. Ani Horizonte des mönchisch verfinsterten Mittelalters, in dessen Nacht Wissenschaft und Kunst elend verkümmerten, begann im 15. Jahrhundert die Bildnngssonnc des Altertums hcraufzulcuchtcn, um das stockende Geistesleben der Völker Europas mit frischen, gesunden Säften zu beleben und eine neue Kulturcpochc herbeizuführen. Das verachtete, verstoßene und verfolgte Heidentum, der Geist dcS römischen und weit mehr noch des griechischen Altertums in Wissenschaft, Poesie und bil- dender Kunst war es. was die in dogmatischen! und scholastischem Blödsinn fast erstickte christliche Welt verjüngen mußte. Die edlen Geister der Antike lehrten zuerst die Menschen sich wieder als Menschen fühlen, sie brachten gegenüber der christlichen Ver- tröstung auf das Jenseits wieder die Schönheit und Geltung des Lebens zu Ehren, sie weckten in tausend Herzen den Haß gegen die Tyrannei und das Hochgefühl der Freiheit, sie befreiten die gefesselte Vernunft und ließen die Wissenschaft eine» grandiosen Aufschwung nehmen, der für alle Lebcnsgebiete die schönsten Früchte trug, und sie zeigte endlich der verirrten Kunst den Weg zum wahrhaft Schönen und bereiteten ihr ein goldenes Zeitalter. Während in Deutschland aus dem Schöße des Humanismus, uns eine religiöse Revolution die Reformation, geboren wurde, blütc unter dem milden Himmel Italiens, dem eigentlichen Wiedergeburtsort der klassischen Bildung, von>vv aus das Interesse für klassische Kunst und Literatur sich über die andern Länder Europas ausbreitet, die Renaissance. Tic Renaissance, sagt Ludwig Pfau, war die Reformation Italiens, und Raffael unterzeichnete mit seinem Pinsel die Scheidung der Kunst von der Kirche, wie Luther mit seinen Tesen die Scheidung der Kirche von der Wissenschaft verkündigte. In Italic», wo man überhaupt der altcn Kultur näher stand, zeigt sich das Wiederaufleben des klassischen Altertums schon von der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts an. Gelehrte Griechen, welche vor dem Ansturm der Türken nach dem Abend- laude, besonders nach Italien flüchteten, verpflanzten dahin die Kenntnis der griechischen Sprache und Literatur, und kunstfrcund- liche Päpste, Fürsten und Patrizier, besonders die durch Reich- tum und Talent ausgezeichnete Familie der Mediceer, er- warben sich große Verdienste um die Beförderung der klassischen Studien durch den Ankauf von Manuskripten, Anlegung von Biblioteken, Gründung von Akademien und freigebige Unter- stüzung gelehrter und geistreicher Männer. Und wie sich das Interesse für alte Literatur zunächst darin betätigte, daß man von allen Seiten Manuskripte einsammelte, so äußerte sich der Eifer für antike Kunst zunächst dadurch, daß man die Trümmer von Gebäuden, Denkmälern und Tempeln der alten Welt sorgfältiger vor dem Untergang bewahrte und durch Aus- grabungcn und Nachforschungen(welche die Auffindung des Apollo von Belvederc in Antium und der Laokoongruppc zur Folge hatte) das Verborgene ans Licht zu bringen suchte. Die italienischen Künstler begannen die Ueberrcste der alten Kunst einem sorgfältigen Studium zu unterwerfen und übertrugen dann die Prinzipien und Formen des Antiken auf die For- derungen ihrer eigenen Zeit. Und wie an den Schöpfungen der Antike, so bildete sich das Auge des Künstlers auch durch das gründlichere Studium der Natur. Die Folge davon war, daß sich die Kunst von den typischen Formen mittelalterlicher Romantik abkehrte und dem Realismus der Natur sich zuwendete, und daß die Stoffe der christlichen Myte und Legende nicht mehr in typischer Weise, sondern historisch, menschlich behandelt wurden: die Heiligen wurden wie die Götter Verkörperung menschlicher Vollkommenheit und Schönheit. Gleichzeitig wurden die Myten und Historien des Altertums wieder lebendig als Vorwürfe für künstlerische Darstellung, auch das Leben der Gegenwart erscheint der künstlerischen Behandlung würdig und ferner schärft sich der Blick für landschaftliche Schönheit. So tritt in der Architektur an die Stelle des gotischen Spizbogen- stils der griechische Säulcnban und die römische Kuppelform, während in Skulptur und Malerei der christliche Spiritualismus realistischer Naturwahrheit und blühender Flcischfreudigkeit weichen muß. Die leztcrc, die Malerei, schwingt sich nach und nach an die Spize der bildenden Künste, und hier erheben sich nun vor dem umschauenden Blick, wie Lübke sagt, jene Heroen- gestalten der Kunst, welche die Bewunderung und die Liebe der Menschengeschlechter bis in die fernsten Zeiten sein werden. Den Reigen eröffnet die ernste Gestalt des großen Lionardo da Vinci*), Architekt, Kriegs- und Wasserbanmeister, Bild- Hauer, Improvisator, Sänger und Musiker wie Gelehrter, und auf kcineni dieser Gebiete Dilettant, vielmehr.überall Bc- griinder und Entdecker"; dabei von ungewöhnlicher Schönheit, höchster und geübter Körperkraft, voll Geist und Wiz. In seine Fußstapfen tritt, wie ein junger Herkules, übermütig, kraftvoll, Michelangelo**), der zum erstenmal ans dem tiefste» Studium des klassischen Altertums jenen freien, großen Stil in die Kunst einführt, vor welchen: selbst die bedeutendsten Schöpfungen der Vorgänger fast wie befangene Schülcrvcrsnchc zusammenschrumpfen. Auch er ist in seinem Schaffen von wunder- barer Vielseitigkeit: in allen drei Künsten die großartigsten Meisterwerke als unerreichbare Vorbilder darstellend. Die Vol- lendung in lauterster Schönheit bringt dann Raffacl, der den unsterblichen Hauch göttlicher Anmut über alles verbreitet, was seine Hand berührt; auch er ist nicht blos in der Malerei, sondern ebenso in der Architektur, im Studium und Erforschung des Altertums erfahren. Daran reihen sich die Vollender rein *) 1452—1519, Stifter der lombardischen Schule. Sein bekann- testes Werk ist das Abendmahl, in Oel aus die Wand des Refaktoriums von Sta. Maria belle Grazie zu Mailand gemalt. **) 1475— 1564. Besonders bekannt sind sein Moses(plastisches Werk) und seine Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle in Rom. malerischer Darstellung, Giorgivne*), der seiner leidenschast- lichen Empfindung in einem glutvollen, mächtig akzentuirten Farbenvortrag zum Ausdruck VerHilst und Tizian**), der un- übertrosfene Meister des.blühenden Fleisches", der seine Gc- stalten vom goldenen Licht eines reinen Aeters durchleuchten läßt, endlich Corregio***), dessen luftdurchhauchte Gebilde sich in die durchsichtigen Schleier eines verstohlenen Helldunkels hüllen.— So groß aber ist die schöpferische Kunst dieser Zeit, daß neben jenen höchsten Meistern ein ganzer Kreis von Sternen zweiten Ranges aufleuchtet, die jenen an Glanz nicht selten sehr nahe kommen und von der Intensität und Mannichfaltigkcit des künstlerischen Lebens im Cinque-cento Zeugnis ablegen. Noch jezt ist es für den Wanderer wahrhaft staunenerregcnd, wenn er in Italien ans Schritt und Tritt, selbst in den kleinsten Städten, die glänzenden Schöpfungen dieser Zeit kenne» lernt. So uner- schöpflich scheint dieser Reichtum, daß das knnstgesegnete Land noch überschwänglichcn Besiz aufzuweisen vermag, obwohl es seit Jahrhunderten alle Museen und Privatkabinete Europas von Madrid bis Petersburg, von Pest und Wien bis Stockholm und London mit seinen Schäzen geschmückt und bereichert hat. Was die italienische Malerei damals Hohes geschaffen hat, gc- hört zn den köstlichsten Gütern der Menschheit, weil sie sich nicht begnügte, das einfach Natürliche und Wirkliche in ihren Gebilden zu erreichen, sondern aus den Meisterwerken der antiken Plastik wie aus dcni eigenen aufs höchste gesteigerten Schönheitsgefiihl den Trieb schöpfte, über das Alltägliche zu Gestalten höchster Schönheit und Idealität durchzudringen. Dogma und Zubehör fingen an, in den Hintergrund zu treten, der klassische Humanismus ließ die erleuchteteren Geister dem Humanen im Christentum, in Lehre und Sage, sich zu- wenden. Für die Kunst war dies nun ein doppelter Gewinn, mit dem Reinmenschlichen der Antike verband sich die verfeinerte christliche, oder sagen wir lieber die moderne Eick, und während die antike Kunst mehr die körperlichen Vorzüge zur Darstellung brachte, Schönheit, Kraft u. s. f., war in der Renaissance sitt- liche Reinheit und Größe niit antiker?leußerlichkcit gepaart. Dem antiken Leib wurde eine moderne Seele eingehaucht, wie wir eine ähnliche Verschmelzung in einer Schwesterkunst, der Poesie, in Goethes Iphigenie, bewundern, f)— Wenden wir uns nun zum größten Maler der Renaissance, ff) Keines Künstlers Leben ist auch nur von ferne dcni des Raffacl an Glück zu vergleichen. Keine Kämpfe gegen Rot und Feindschaft bedrängten seine Jugend. Als Kind erregte er die größten Hoffnungen, schrittweise erfüllte und übertraf er sie und bald i» einem Umfang, den niemand ahnen konnte. Als Franzesko Franzia zum erstenmal eines seiner Bilder sah, legte er den Pinsel nieder und starb vor Gram, daß er nun nichts mehr zn erreichen habe. Rasch entwuchs der Jüngling seinen Meister». Was als das Wunderbarste an seiner Erscheinung hervortritt, das ist jene vollkommene Harmonie aller geistigen Anlagen, die selbst bei den größten Künstlern nur selten gc- funden wird; in solcher Vollkommenheit wie bei ihm wohl nur noch bei einem einzigen innerlich nahe verwandten Meister einer andern Kunst, bei Mozart. Ist bei andern, selbst bei den ersten Meistern, irgend eine Richtung die vorwiegende, sei es die auf energische Karakteristik oder auf den höchsten Ausdruck des Erhabenen, so findet sich hier jeder Zug des geistigen Lebens zu unvergleichlichem Ebenmaß, zur vollendeten Schön- hcit verbunden. In seinen Werken begegnet»ns wieder seine „edle Einfalt und stille Größe", welche nach Winkelmanns tref- *) 1477-1511. **) 1477—1576, Haupt der venctianischen Schule. Unter seinen zahlreichen Werken sind sein ZinSgi vschen(in der dresdner Galerie) und seine Venus und andere Fraucnbilder die populärsten. ***) 1494—1534. Sein bekanntestes Werk ist die büßende Magda- lena(in Dresden), welche mehr eine Magdalena als eine Büßerin darstellt. f) Vgl. hierzu die Artikel:„Die Religion der Vergangenheit und der Zukunit" im vorigen Jahrgang der„N. W." ff) Liibke, Geschichte der italienischen Malerei. Springer, Raffacl und Michelangelo. Grimm, Ausgewählte Essays. sendem Ausdruck die Blütezeit der hellenischen Kunst karakterisirt. Der menschliche Körper war seinen Händen anvertraut; die unmerklichsten Wendungen wußte er zu unterscheide», Schönheit in jede Faser zu legen. Rassaels Gestalten erschöpfen die Möglichkeit menschlicher Bewegung, wie die Bildsäulen der Griechen die der menschlichen Ruhe, wie Shakespeares Dichtungen die der menschlichen Leidenschaft, Goethes Gedichte die der liebenden Betrachtung erschöpfen. Und wie ein Homerisches Distichon den Stempel Homers deutlich an der Stirne trägt*), so die Geschöpfe Rassaels. Seine Werke sind ganz vollendet, sehen wir sie a», so steht unsere Sehnsucht still und verlangt nichts mehr. Wir wollen nur sehen, die Gedanken verschwinden, die Fordrungcn der Phantasie verstunimen und sind befriedigt. Selbst wo er das Verderben und das Furchtbare darstellt, tragen seine Bilder eine. klare Schönheit in sich, belasten niemals das Gemüt, das in Bewunderung versunken ist. Rassaels Werke sind wie goldene Aepfel, die an einer ewige» Sonne reifen; leine Mühe sieht man ihnen an, arbeitslos scheint er sie hin- geworfen zu haben, und doch zeigen seine Bilder ein Studium, das heute unerhört ist(ganz wie bei Mozart). Es quoll ihm aus den Fingern, es war keine Arbeit, wie einem Rosenbusch das Blühen keine Mühe macht; was er angriff, verwandelte sich in Schönheit. Mitten in ihr knickte sein Leben. Keine Ab- »ahme seiner Kraft, kein Stehenbleiben, keine Manier ist bei ihm wahrzunehmen. Sein Leben entblätterte sich nicht langsam; plözlich war er nicht mehr da. Er ging unter wie eine blühende Stadt, die ins Meer versinkt mit all ihrem Reichtum— wie Mozart.„Wen Zeus liebt, der stirbt jung," gilt von diesen beiden Lieblingen der Götter. Ein Zauber umgab ihn und erfüllte die, denen er begegnete und die mit ihm zusammen waren. Harmonie Ivar sein Leben, um mit Pythagoras zu reden. Seine neidlose Güte, sein reiner Sinn wird von allen Zeitgenossen einstimmig gepriesen und die Grazie seiner Seele strömte von ihn, auf seine ganze Umgebung. Wo er arbeitete, verstnmmten Reib und Eifersucht unter den Künstlern, sie wurden einig und ordneten sich ihm unter. Es gibt kein erhabeneres, kein rührenderes Lvb, als die Art, wie Vasari, der italienische Biograph Rassaels, dessen Oberherr- schaft über alle Künstler nicht seiner Meisterschaft und der Klug- heit seines liebenswürdigen Benehmens zuweist, sondern dem Genius seiner schönen Natur zuschreibt. Nicht allein preist er an ihm die Höhe und Vollkvinmenheit seiner Kunst, die nie jemand hoffen dürfe, übertreffen zu können, sondern fast nvch mehr rühmt er seine edlen Sitten, sein leutseliges Wesen, das herzliche Verhältnis zu seinen zahlreichen Schülern und am meisten bcivnnderungswürdig findet er, daß der Hinimel ihm die Kraft verliehen habe, im Künstlerkreise zu erwecken, was ivider die Natur der Maler streite; denn alle Maler, nicht nur die geringen, auch die großen, welche auf ihren eigenen Ruhm bedacht waren, arbeiteten unter ihm in unerhörter Eintracht. Zwistigkeiten und böse Gedanken fielen tot zu Boden.„Jede üble Laune"— sind Vasaris eigene Worte—„schwand, wenn sie ihn sahen, jeder niedrige Gedanke war aus ihrer Seele ver- scheucht, und dies kam daher, daß sie durch seine Freundlichkeit, durch seine Kunst und mehr noch durch die Macht seiner schönen Statur sich überwunden fühlten." Unverständigen Tadel wußte er fein abzufertigen. Als einmal zwei Kardinäle an einem Gemälde die Köpfe der Apostel Petrus und Paulus zu rot fanden, äußerte Raffael:„Sie erröten vor Scham darüber, daß ihre Kirche von Leuten wie ihr seid verwaltet wird."— Des Ruhmes genoß Raffael wie kein Sterblicher vielleicht vor ihm und nach ihm. Wie ein Fürst lebte er. Vasari erzählt, daß er selten von seinem Hause zum Vatikan gegangen sei, ohne von„wohl fünfzig guten und vorzüglichen Malern" umgeben zu sein, die ihn durch ihr Geleit ehren wollte». Der Papst, der ihn wie einen Freund empfing, kannte ihm gegenüber keine Grenze der Freigebigkeit. Das aber verführte seine Bescheiden- *) Die Alten sagten: So locnig dem Herkules seine Keule, eben- sowenig kann dem Homer ein Vers entrissen werde». heit nicht. Auch wirft ihm niemand vor, daß er Schäze ge- sammelt, daß er nach Gold und Ruhm gegeizt habe. Seine Kunst war sein Glück— den Bildner der Schönheit hatte die Natur mit hoher Schönheit ausgestattet. Bezaubernde Anmut war über sein edles Antliz ausgegossen und umfloß seine feine Gestalt. Er liebte die Frauen, wie Mozart und Goethe. Vasari erzählt, wie ihn einst die Liebe von aller Arbeit abzog und seine Freunde zulezt keinen andern Rat wußten, als daß sie die schöne Frau zu ihr» aufs Malergerüst brachten, wo sie nun den ganzen Tag bei ihm saß und er sie arbeitend nicht entbehrte. Vermählt war er nicht. Der Kardinal Bibiena bot ihm die Hand seiner Nichte an, aber Raffael verzögerte die Heirat von Jahr zu Jahr und starb unvcrmählt. Ob er die künstlerische Freiheit sich nicht beschränken wollte? Wer weiß es? Ueberall, und so auch bei Künstlern, ist es ein trauriger Anblick, wenn Weib und Kind die freie Arbeit zur drückenden Last machen; allein Beispiele dieser Art ließen sich cbensoviele gegenüberstellen, wo eine glückliche Ehe der reinste Antrieb zur Arbeit und wahren Entwicklung ward. Es ist dies eben ganz individuell. Auch Lionardo da Vinci, Michel Angelo und Tizian waren unverheiratet. Legitime Verbindung durch die Kirche und vor dem Gesez war damals nicht die Bedingung, an welche sich die Gunst schöner Frauen knüpfte. Es war kein Vorwurf, ein uneheliches Kind zu sein. Tizian hatte Kinder, welche er glänzend ausstattete.— Hoch auf einem östlichen Ausläufer der Apcnuinenkette, wo sich die Mark Ankvna vvu Umbricn und Toskana scheidet, liegt das kleine Städtchen Urbino in stiller Einsamkeit des Gebirgs, altertümlich und malerisch mit engen geivundenen Gassen, mit zahlreichen Kirchen und Klöstern, ehemals die Residenz der Her- zöge von Urbino, deren kühn auf steilem Felsen tronendes Schloß das Städtchen überragt. Von hier schweift der Blick über die Obstgärten der nächsten Umgebung zu den waldigen Hügeln über eine weit ausgedehnte Gebirgslandschaft, die mit ihren sanften Wellenlinien und einzelnen hervorragenden Kuppen sich bis zum adriatischen Meer hinabsenkt. Hier steht noch in einer der steilen Gassen, die zum Schloß hinanführen, das bescheidene Haus, in welchem am Eharfreitag, den 28. März 1483, Raffael geboren wurde. Sieben Monate später in demselben Jahre erblickte in einem unscheinbaren Städtchen Norddeutsch- lands Luther das Licht der Welt. In beiden großen Männer», sagt Lübke, brachte die Zeit zum höchsten Ausdruck, was an treibenden Kräften in ihr lag. Wandte in Teutschland sich alles auf die religiöse Seite und führte zur Emeuerung und Be- freinng des inneren Lebens, so blieb Italien seiner durch Jahr- hunderte befolgten Mission treu, die Welt der Erscheinungen im künstlerischen Ideal zu verklären, die neubelebte Antike mit den christlichen Anschauungen zu vermählen. In Raffael sollte dies Streben seinen reinsten Ausdruck gewinnen.— Die ersten künstlerischen Anregungen empfing Raffael von seinem Vater, Giovanni Santi, einem wackeren Maler, von dem noch jezt mehrere Gemälde vorhanden sind. Als einziges Kind— drei später geborene Geschwister starben früh— wuchs Raffael, von zarter Mutterliebe bewacht, heran bis zum achten Lebensjahr, in dem ihm die Mutter Magia, eines Kaufmanns Tochter, durch den Tod entrissen wurde. Schon nach kaum acht Monaten suchte sich der Vater eine neue Hausfrau und verband sich mit Bernardina, der Tochter eines Goldschmieds. Der kleine Raffael scheint von der Stiefmutter nicht eben liebevolle Behandlung erfahren zu haben, und seine Lage wurde drückend, nachdem er 1494 auch seinen Vater durch den Tod verloren hatte. Auch der Bruder seines Vaters, der Priester Don Bartolomeo Santi, scheint sich als Vormund seiner nicht sonderlich angenommen zu haben. Tagegen knüpft sich ein Verhältnis inniger Liebe zu dem Oheim mütterlicherseits, Simone Ciarla, der väterlich für den Knaben sorgte und ihn später nach Perugia zu Meister Pietro Perugino, Repräsentant der umbrischen Schule(1446 bis 1524), in die Lehre brachte. Bei Perugino erhielt er die tüchtige Anleitung einer soliden Werkstatt, und die seelenvolle Anmut des Meisters, der damals in der Reise des Mannes- alters stehend, die Höhe seiner künstlerischen Entwicklung erreichte und seine edelsten Schöpfungen hervorbrachte, entsprach der reinen Stimmung seines eigenen Gemüts und klingt in seinen Jugendwerkcn lebhaft nach. Es liegt in der Natur einer so normalen Entwicklung wie die Naffaels, daß er mit der glün- bigen Hingebung jugendlicher Begeisterung die Formen seines verehrten Meisters getreulich nachahmte, wie man das in ganz ähnlicher Weise bei Mozart bemerkt. Wenn damals schon ein Unterschied hervortritt, so ist es höchstens der, daß die religiösen Aufgaben dem Jünglinge noch ganz anders Herzenssache waren als dem reifen Meister, und daß daher seine Gestalten einen geheimnisvollen Zug rührender Seelenschüchtcrnheit verraten. Das gilt namentlich von einzelnen seiner frühesten Madonnen- bildern. Keine Schule hat so oft und mit solcher Hingebung dieses Tema in der ganzen Innigkeit idyllischen Glücks geschil- dert wie die umbrische, und kein Maler hat dasselbe in so mannichfaltigen Variationen mit höchster Meisterschaft dargestellt als Raffael. Es mag darum hier der Ort sein, etwas näher auf dasselbe einzugehen. Bildliche Darstellungen einer Gottes- mutter nebst Sohn begegnen»ns schon bei den ältesten Völkern, bei den Chinesen, Japanesen und Egyptern, welche leztere die Gottesmutter Isis bildeten, wie sie ihre» Sohn Horns säugt, und nach der Vermutung mancher Archäologen hat diese in Egypten von Alters her sehr gewöhnliche Darstellung den originalen Typus abgegeben sowohl für die indische Darstellung der Gottesmutter Davaki mit dem Krischnakind an der Brust*), als für die christliche Madonnendarstcllnng mit dem Jesuskind, und wie O. Pfleidcrer mit Recht hervorhebt, gewinnt diese Vcr- mutung an Wahrscheinlichkeit dadurch, daß die kultische Ver- ehrung der Maria als Gottgebärerin unter dem Einfluß der egyptischen Teologen des 5. Jahrhunderts aufgekommen ist. Aber welch ein Unterschied zwischen den älteren Madonnen- bildern und denen der Renaissance. Vielleicht nirgends springt der Gegcnsaz der religiösen Kunst im kirchlichen und im humanen Sinne greller ins Auge. Die byzantinischen Madonnen muß man sehen, wenn man wissen will, was religiöse Kunst im kirch- liehen Sinne ist. Der Gläubige, sagt L. Pfau, der diese aus- gemergelten, hüstelosen, bnistberaubten Gözenbilder verehrt, darf kecklich an die unbefleckte Empfängnis, an die übernatürliche Fortpflanzung, an die tvnnderbare Flcischwerdnng beliebiger Generationen glauben; denn ein derartiges Weib kann unmög- lich auf natürlichem Wege empfangen, noch empfangen worden sein. Bis ins 15. Jahrhundert hat die Kunst solche entfleischte, schönheitsfeindliche Madonnen-Gözenbilder oder doch von allem Irdischen und Sinnlichen freie Marien hervorgebracht, bis die Meister der Renaissance die Kunst aus den Banden der Kirch- lichkeit erlösten und statt den Gottessohn vielmehr den Menschen- söhn und seine Mutter verherrlichten. Hauptsächlich aber war es Raffael, welcher die Madonna vom kirchlichen Boden ablöste und aus dem besonderen Glaubenskreise zu allgemeiner mensch- lichen Bedeutung, ans der dunklen und dumpfen Welt der Be- kenntnisse in das Reich der lichten Empfindung emporhob. Für diese menschliche Auffassung des Marienbilds besaß Raffael in der florentinischen Kunst bereits mannichfache Vorgänger. Dem Beispiele des Bildhauers Donatello(Florenz 1386— 1466) lind anderer Plastikcr folgend haben auch schon die Filippo, Filippino Lippi u. a. die fröhlich liebende, jugendlich schöne Mutter in das Leben gerufen. Sie malten,»sie das Kind an der Mutter emporklettert, sich dieser zärtlich anschmiegt; sie schildern, wie die Mutter ihrem Erstling eine Frucht, ein Spielzeug zeigt. Aber das Hauptmotiv bei ihnen bleibt doch die Anbetung des Christkindes durch die Madonna,»»(che mit gefalteten Händen vor demselben kniet oder von Engeln sich dasselbe reichen läßt. Die alte Tradition wirft auf ihre Darstellung einen, wenn auch leichten Schatten, während bei Raffael die neue Auffassung ganz ungetrübt nnd ungehemmt herrscht. Etwa ein halbes Hundert Madonnen hat Raffael geschaffen und in ihnen besonders offen- *) Krischna ist der Gott des Friedens nnd der Liebe und der Keischnamytus hat auffallend viel Aehnlichkeit mit dem Jesusmytus. bart sich der unerschöpfliche Reichtum seiner Phantasie, welche selbst bei engbegrenztem Inhalt in immer neuen Formen sich ergeht. Freilich ein dankbarerer Stoff für die Malerei läßt sich kaum denken. Gibt es etwas Erhabeneres in der Welt als die Mutterschaft? Tie Liebe der Mutter zum Kinde ist selbstlos, frei von jedem sinnlichen Zuge, keusch und doch glühend, von unnennbarer Süße nnd Innigkeit. Berauschender im Augenblicke wirkt wohl die Hingabe der Jungfrau an den Jüngling, einzelne zärtlichere Ausbrüche kennt die Neigung der Gatten zu einander, aber keine Empfindung kann sich an idealem Schwung, an Reinheit nnd gleichmäßiger Wärme mit echter, tiefer Mutterliebe messen. Sie verschönt selbst das häßliche Weib, sie erhebt die schöne Frau zur Göttin. Darum üben die anmutigen Marien Rassaels, die hold verschämt zu ihrem Erstling herabblicken, ihn an den Busen drücken, sein Erwachen, seine Spiele belauschen, mit einem Wort, die ganze reiche Mannichfaltigkeit von Mutterliebe, Mutterfreude und Mutter- stolz in ihren Acußernngen offenbaren, einen so unsäglichen Zauber. Sie sind lieblich und holdselig, mit einem Reiz über- goffen wie die Rose duftend von Morgentau. Man betet nicht zu ihnen nnd dennoch sind sie die wahren Heiligen, in ihrer Rühe atmet man himmlische Reinheit nnd süßen Frieden. Raffaels Madonnen nun aus seiner frühesten Jugendzeit haben einen fast noch kindlichen Hauch von Jungfräulichkeit. Unschnldsvoll schlagen sie die Taubcnaugen nieder, blicken in] das Gebetbuch oder auch liebevoll auf das Kind. Die Formen haben etums knospenhaft Geschlossenes, namentlich gilt das von dem bisweilen etwas zu kleinen Mündchen. Der holdeste Seele» friede einer Jugendzeit, welche die Welt nur ans dem klaren Spiegel des eigenen schönen Gemüts kennt, ist mit unsäglichem Zauber darüber ausgegossen. Ein solches Raffaelsches Jugend werk besizt die Gallerie in Berlin. Tie sizende Madonna hält in der Rechten ein Gebetbuch, in welches sie blickt, während sie mit der Linken leicht das Füßchcn des auf ihrem Schöße sizende» Kindes berührt. Dieses blickt zu ihrem Buche hinaus nnd hält einen Stiegliz im linken Händchen. Die Komposition ist überaus anmutig in den Linien, das rote Kleid der Madonna, der lilanc Mantel, der da? liebliche Köpfchen einrahmende Schleier zeigen in ihren goldgestickten Säumen und anderen Zierraten die liebevollste Sorgfalt der Ausführung; die Farbe hat den tiefen Goldton und leuchtenden Schmelz der nmbrischen Schule, die Köpfe verraten ein eigentümliches Ringen mit der Form, das noch nicht zu freiem Flusse sich entfaltet. Derselbe» Epoche gehört die ebenfalls im berliner Museum befindliche Maria mit dem Kinde nebst dem heiligen Franziskus und Hieronymus an. Wie Raffael schon damals aus der Schaar seiner Mit strebenden durch hohe Begabung hervorragte, erkennen wir aus dein Umstand, daß ihm in so zartem Alter mehrere ansehnliche Aufträge zuteil wurden. Neben zahlreichen religiösen Dar- stellungen finden sich aus der Jugendepochc Raffaels einige Arbeiten, die ihn auch auf dem profanen Gebiet der Allegorie und des Mytus bewandert zeigen. Den Abschluß dieser ersten Epoche bildet die berühmte„Vermählung der Maria', ein Auf- trag für die Stadt Cittä di Castello. als Altarbild gemalt im Jahre 1504. In der französischen Zeit 1798 von einem Ge- neral lombardischer Abkunft entführt, gelangte das Bild spät« in die Gallen Brcra nach Mailand. Perugino hatte neun �ahre vorher denselben Gegenstand für den Dom von Perugia ausgeführt; das Bild besizt gegenwärtig das Museum in Cac». Ein Vergleich beider Arbeiten zeigt deutlich, wie stark der Genius des Jüngers den de? Meister» schon damals über- »»gelte. Im wesentlichen der Komposition seines Meisters siä> anschließend, ist Raffael doch voll Selbständigkeit weit darüber hinansgegangen und hat dieselbe zu solch freier Anmut und! Lebendigkeit entwickelt, daß wir schon auf den gewöhnliche» Holzschnitten dieses feffelnden Bilde? den Finger dessen erkennen. der die Sixtina geschaffen. Raffael hatte mit dieser Schöpfung l'ch KU'» seinen Meisterbrief geschrieben. Die Schule Pen'' ginos konnte ihm nichts mehr bieten. Es drängte ihn hi"»» ftarl Marx. @eb. 2. Mni 1818, fleft. 14. März 1883. 386 in die freie Welt, seine Anschauungen zu erweitern und zu bereichern. Diesem Drange zu geniigen, begab sich der einundzwanzig- jährige Künstler im Herbst desselben Jahres nach Florenz. Welche Stadt hätte Raffael mehr anziehen können, als diese Wiege der Knust, vor allem der Malerei, von deren Ruhm die Welt erfüllt war bis in die fernsten Täler des stillen Unibriens. Gerade damals war Florenz bewegt vom Wettstreit Lionardos und Michelangelos in den Arbeiten für den Saal des Palazzo Vecchio. Jene beiden berühmten Kartone, welche die ganze slorentnischc Welt in Aufregung versezen sollten, entstanden gerade damals. Mit welch gespanntem Interesse mag Raffael diese bewunderten Schöpfungen betrachtet haben! Es scheint, daß sich Raffael besonders Lionardo, der damals auf der Höhe seines Ruhmes stand, verehrungsvoll zuneigte. Der Einfluß vou Lionardos Formengebung und Malerei ist in den Werken Rasfaels aus jener Zeit nachweisbar. Besonders aber schloß er sich dem edlen Fra Bartolomeo(1475— 1517) an, mit welchem er in lebhaften künstlerischen Austausch trat. Den großartigeren Zug im Aufbau kirchlicher Gemälde, den tiefen Schmelz des Kolorits in den Werken dieses Meisters hat sich Raffael in seiner Weise zu eigen gemacht. Denn unter den Gaben, mit welchen die Natur ihn verschwenderisch ausgestattet, war eine der vortrefflichsten die, daß er mit lebendiger Empfäng- lichkeit jede Richtung in sich aufnahm, überall das seiner Natur Gemäße mit dem sichern Instinkt des Genius sich aneignete, ohne jemals an seinem Eigensten dadurch Abbruch zu erleiden. (Fortsejimg folgt.) Allerlti aus der Geschichte der deutschen Sprache. Von Wruno Keifer. (Fortskjung Patt Schluß.) Gleichzeitig mit der Anleitung zum Deutschschrciben er- schienen Bücher, welche hauptsächlich den Zweck hatten, Unter- Weisung in der Kunst zu Lesen zu bieten. Das älteste dieser Bücher ist im Jahre 1529 erschienen und nennt sich:„Encheridion. Das ist. Hantbüchlin teutscher Ortho- graphie, Hochteutsche spraoch, artlich zuschreiben und lesen, sampt einem Registerlein über die gantze Bibel, wie man die Allega- tiones und Concordantias, So im Newen Testament, neben dem Text viid sonst, mit halb latinischen Worten verzeichnet. Auch wie man die Ziffer und teutsche zaal verstehen soll. Durch Johannem Kolrost, Teutsch Lesermaystern zuo Basel Gemachte." Die Kunst, deutsch zu lesen, begann dazumal ungemein wichtig zu werden dank der lutherischen Bibelüberseznng. Die Kämpfe der Reformation regten die Gemüter auf, um die Tat der Bibelüberseznng ins Deutsche regten sich abertausend Mei- nungsstreitigkeiten. Nun die christliche Religion selbst aus ihrer Urquelle, eben dieser Bibel, kennen zu lernen, war das Be- mühen und Sehnen aller, die für die öffentlichen Angelegen- hellen damaliger Zeit ein Herz oder wenigstens ein Ohr hatten. Da aber das Lesen eine tvenig verbreitete Kunst war, so ging man allerwegen daran, sie zu lehren und zu lernen, und brachte es damit binnen verhältnismäßig kurzer Zeit ziemlich erfreulich vorwärts. So konnte Valentin Jckel sanier, der just als Fraugks Buch erschien und den Wunsch laut werden ließ, es möchte endlich eine deutsche Grammatik geschrieben werden, mit dem ersten Versuch einer solchen Grammatik vor das Publikum trat, sagen: „Es ist one zweiscl hetzt kaum ain werck oder creatur auf erden, die zuogleich zuo Gottes ehr vnd unchr mehr gebraucht würdt dann die lesekunst, niit schreibnng viler guoter vnd boeser buecher in die Welt. Vnd die es zuo zehten am besten machen, oder am sruchtbarlichsten lesen künten, denen mangelts am lesen. Es würdt auch ain yeder, der zum rechten Ursprung des lcsens gedenken vnd kummen würdt(wie dieses buechlin anzaiget) er- kennen, das es ein herrlicht gäbe Gottes ist, vnd das seh aincr Holtzhawer, ain Hyrdt aufs dem Velde, vnd ain yeder in seiner arbait vom Schuolmaister vnd Buecher lernen mag." Zum Lesenlernen mag Jckelsamers Grammatik in der Tat auch beigetragen haben, zur wissenschaftlichen Einsührung in den grammatischen Bau der deutschen Sprache genügte sie jedoch bei weitem nicht und erst in der um fast fünfzig Jahre später er- schienenen Grammatik des in Herzberg au der schwarzen Elster geborenen Schulmannes Johannes Klaj, gewöhnlich Clajus ge- iiaiint, gelang es einem Deutschen, die hauptsächlichsten Grund- züge der deutschen Schriftsprache darzulegen. Clajus war es auch, der die Sprache Luthers als die einzig mögliche Grund- läge der deutschen Schriftsprache erklärte. Die Begründung, wie er zu dieser völlig zutreffenden Erkenntnis gekommen sei, dürfte für manchen an die Anschauungen der neuesten Zeit Gewöhnten fast komisch klingen. Er schreibt nämlich:„Diese Kenntnis(der deutschen Sprache) habe ich in diesem Buche in granimatische Regeln gefaßt, die ich aus der Bibel und den andern Schriften Luthers gesammelt habe. Denn ich halte seine Schriften nicht sowohl für die eines Menschen als für Werke des Heiligen Geistes, der durch einen Menschen gesprochen, und bin durchaus der Ucberzeugung, daß der Heilige Geist, der durch Moses und die andern Propheten rein hebräisch und durch die Apostel griechisch gesprochen hat, auch gut Deutsch gesprochen habe durch sein erwähltes Werkzeug Luther." Die Sprache Luthers war übrigens durch Luther nur zur Anerkennung als Büchersprache gekommen, von ihm nur mit genialer Kraft und Sicherheit gehandhabt, keineswegs aber von ihni erfunden oder durchgreifend verändert und verbessert worden. Völlig dem entsprechend, was Fabian Frangk über diese für die Geschichte des Neuhochdeutschen so wichtige Angelegenheit geschrieben, spricht sich Luther selbst in den Tischreden darüber aus: „Ich habe keine gewisse, sonderliche, eigene Sprache im Deutschen, sondern brauche der gemeinen deutschen Sprache, das mich beide Ober vnd Niderlender verstehen möaen. Ich rede nach der Scchsischen Cantzeleh, welcher nachfolgen alle Fürsten und Könige in Deutschland. Alle Reichstedtc, Fürstcnhöse, schreiben nach der Sechsische» vnd uusers Fürsten Eantzcley! Darumb ists auch die gemeinste Deutsche Sprache. Kaiser Maximilian vnd Churf. Fride H. zu Sachs, haben im Römi- scheu Reich die deutschen Sprachen also in eine gewisse Sprache gezogen." Daß Luther das Rechte getroffen und Clajus dies richtig erkannt hatte, beweist die höchst bemerkenswerte Tatsache, daß um das Jahr lüOO Luthers Sprache Schriftsprache in ganz Deutschland, und zwar ebensowohl bei Katoliken als Protestanten, geivordcn ivar und daß des Clajus Grammatik, die nicht nur überall auf Luther hinwies und aus seinen Schriften Zitate brachte, sondern ganz im lutherischen Rcformatoreneifer gegen katolisches Wesen und das Haupt der katolischen Christenheit grimmen Haß merken ließ, dennoch rasch Verbreitung und An- erkennung auch im katolischen Deutschland fand und mit ihren elf Auflagen von 1578 bis 1722 bei weitem die meistbenuzte Grammatik des IG. und 17. Jahrhunderts geblieben ist. Das durch die Reformation geschaffene Bedürfnis, deutsch lesen zu lernen, kam denn auch der Volksschule in Deutschland ungemein zu statten, die bis dahin, in wenigen embryonalen Einrichtungen, ein vernachlässigtes und einflußloses Dasein ge- führt hatte. Schon die von Herzog Christoph von Würtemberg 1559 gegebene Schulordnung handelt in einem besondern Abschnitt „Von Teutschen Schulen", wonach der Schulmeister die Kinder erst lesen lehren soll und„so dann das Kind ziemlich wol lesen kan, als dann dasselb mit schreiben vnderrichte, vnd die Vor- schrissten in ein sonder Büchlin, so das Kind dazu haben soll, jm vorzeichiien, vnd sich befleissen, gute tcutsche Buchstaben zu machen." Mit den deutschen Schulen liest sich Herzog Christoph indes nicht genügen; neben diesen und den natürlich ihnen übergeord- neten lateinischen Schulen ordnet er die Einrichtung besonderer Anstalten zur Heranbildung von Schreibern an, und zwar zu Stuttgart, Tübingen und Urach,„dicwcil an glitten Landschrei> bern vnd Rechnern bcy Vilser Landtschafft, Stetten, vnd Statt- schrcibercicn nit kleiner Mangel, vnd darnacht vns vnd den gemeinen nutz, auch gnttcr Hausthaltung nit wcistg daran ge- legen sein will." In der gelehrten Schule herrschte während des 16. Jahr- Hunderts die lateinische Sprache noch in aller Unumschränkthcit, ohne daß die Reformation und Luthers Bibelübersezung daran wesentliches zu ändern vermochten. So verordnet die Knrsächsischc Schulordnung von 1526 noch:»Erstlich, sollen die Schulmeister vlcis ackern, daß sie die linder allein lateinisch leren', nicht deutsch oder grekisch, oder cbreisch. Es sollen auch die knabe dazu angehalten werden, das sie lateinisch reden, Vnd die Schulmeister sollen selbs, so viel müglich, nichts denn lateinisch mit den Knaben reden." Auch Johannes Sturm, der berühmteste und einflustreichstc protestantische Schulmann des 16. Jahrhunderts, duldete in den gelehrten Schulen nur das eine Ziel, die Schüler zu trefflichen Lateinern und Griechen, insbesondere zu Jüngern und Nachahmern eiceronianischcr Beredsamkeit zu machen. So verordnete er 1538 als Organisator des eben ins Leben tretenden Straß burger Gymnasiums, mit dem übereinstimmend die meisten übrigen Lehranstalten im protestantischen Deutschland eingerichtet wurden, daß die Schüler immer nur lateinisch sprechen sollten und alles daran gesezt werden müsse, die verloren gegangene Knust der Griechen und Römer im Lehren, Reden, Disputiren und Schreiben ihrer Sprachen wiederzugewinnen. So falsch und verderblich dieser Grundsaz für die Geistes- bildung in Deutschland war, so tüchtig und energisch wurde er von dem selbst vorzüglich beanlagten Pädagogen Sturm durch- geführt. Die Schüler strömten nach Straßburg nicht nur aus Deutschland, sondern auch ans Frankreich, Dänemark, England, Polen und Portugal, und 1567 wurde Sturms sehnlichster Wunsch erfüllt, indem Kaiser Maximilian II. dem straßburger Gymnasium die Privilegien einer Akademie verlieh, d. i. eines Mitteldings zwischen Gymnasium und Universität, zu welch leztcrcr, als dem höchsten Range unserer Bildungsanstaltcn, sich die straßburger Lehranstalt 1621 emporschwang. Bis 1583 blieb Sturm Rector perpetuus(ständiger Leiter) der Akademie, und als er endlich 76 Jahr alt seiner Aemter enthoben wurde, geschah es nicht, weil ihm die Pädagogik seiner Zeit über den Kopf gewachsen wäre, sondern infolge der teolvgischen Streitig- leiten zwischen Lutheranern und Reformirten. Wurde auch hie und da von einem andern Schulmann der- selben Epoche, wie z. B. von dem gelehrten Organisator des augsburger Gymnasiums zu St. Anna, Hieronymus Wolf, der deutschen Sprache wenigstens als Hilfsmittel beim lateinischen und griechischen Unterricht mehr Bedeutung zuerkannt, als dies seitens Sturms geschah, so blieb doch unsere Muttersprache an den gelehrten Bildungsanstalten noch weniger als ein Aschen- brödel bis zu dem Auftreten des 1591 geborenen Holsteiners Wvlfgang Ratich, Ratichius genannt, der am 7. Mai des Jahres 1612„dem Deutschen Reich" ans dem Wahltag zu Frankfurt ein Memorial übergab, worin er eine ganz neue Metode der Pädagogik einzuführen und mit dieser Einführung die herrlichsten Erfolge für das deutsche Geistesleben zeitigen zu können versprach. Der Grundgedanke, ans dem Ratichius seinen Lehrplan ent- wickelte, war zweifellos richtig»nd heilbringend: zuerst solle die Jugend ihre Muttersprache recht und fertig lesen, schreiben und sprechen lernen, denn diese sei das nüzlichste Werkzeug zur An- eignung aller andern notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten. In allen Fakultäten könne und solle man sich deutsch statt lateinisch ausdrücken lernen und deutsch lehren, dadurch werde Lehrern wie Schülern viel Zeit und Plage erspart und der Verstand viel besser gebildet werden als bisher. Dieser zutreffende Grundgedanke gebar auch wohl die be- deutsamen Erfolge des Ratichius. Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm von Neuburg, Landgraf Ludwig von Darmstadt, die verwitwete Herzogin von Weimar, Fürst Ludwig von Anhalt-Kötcn, der schwedische Kanzler Oxenstiem und die Räte der freien Städte Frankfurt und Augsburg bewiesen lebhaftes und hilfbcreites Interesse für die Pläne des kühnen Schnlrcformators. Der darmstädter Landgraf ließ dieselben von den zwei berühmten gießener Professoren Helvieus und Jnngins, die Herzoginwitwe von Weimar durch die jenenser Gelehrten Grawer, Brendel, Walter und Wolf prüfen und beide Prüfungen förderten vor- teilhafte Berichte zutage. Die zur Abgabe ihres Gutachtens aufgeforderten Gelehrten nahmen nicht Anstand, sich mit Ratichius wider die lateinische Sprache als Sprache des Unterrichts und für die deutsche zu erklären. Die Muttersprache, meinten sie, müsse„recht und künstlich gelehrt werden";„zudem," führte Helvieus aus,„ist es auch die lautere Wahrheit, daß alle Künste und Wissen- schaften, als Vernnnftknnst. Willen und Regierkunst, Maß, Wesen und Naturknndignng, Arznei-, Figur-, Stern-, Bau-, Bcfestknnst, oder wie sie Namen haben mögen, viel leichter, bequemer, richtiger, vvllkömmlicher, und ausfürlicher, in deutscher Sprach können gelehrct und fortgepslanzct werden, weder jemals in griechischer, lateinischer oder arabischer Sprache geschehen ist. Indessen erging es dem Ratichius auf dem Felde der Praxis, wie es allen für ihre eigenen Projekte und Entdeckungen blind eingenommenen und darum die Macht der gegebenen Verhält- nisse unterschäzenden Neuerern auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens notwendig gehen muß,— die Erfolge blieben weit hinter den Erwartungen und teilweise renommistischen Verheißungen zurück, soweit, daß schließlich nicht nur seine Feinde ihn für einen Schwindler erklärten und anfeindeten. Dennoch verblieb seinen Bestrebungen nicht unerheblicher dauernder Erfolg, indem danach die Bemühungen, das Lateinische aus seiner Alleinherrschaft zu verdrängen, nicht mehr abließen und, wie wir sehen werden, binnen nicht allzulangcr Zeit zu relativ bedeutenden Erfolgen führten. Der schon fünf Jahre nach dem ersten Auftreten des Ratichius jung dahinscheidende treffliche Helvieus hinterließ ein in lateinischer und deutscher Sprache abgefaßtes Werk über die„Sprach- künste", in dessen deutschem Teile er die gesammte Sprachwisseu- schaft zum erstenmal deutsch zu lehnen versuchte. Seine Hinter- blicbcnen übergaben das Buch 1619 der Oefsentlichkcit und bemerkten dazu in der Vorrede:„Bißhero, vnd noch, seind in den Schulen der zarten angehenden Jugend die Sprachkuenste nicht in der angeborncn Mutter- sondern Lateinischen Sprache, so dcroselben gantz ohnbekannt vnd eben als Gräkisch vnd Türkisch ist, vorgetragen, vnd zwar nicht ohne der lieben Jugend große Verwirrung, Außmattung vnd Verscumnuß. Dann ja keinem erwachsenen wohlverstendigen Menschen, geschweige an- fangenden Knaben, ichtwas in fremder, ohnbekannter Sprach kann beigebracht werden. Solchem ohnersetzlichem Schaden vorzubawen hat vnser nunmehr in Gott ruhender respective Ehcvogt vnd Votier Christophorus Helvieus mit großer langwaehrender Mnche, Zusetznng seiner Gesundheit, vnnd nicht geringem ohn- kosten den Anfacnglingen zu gutem die Sprachkuenste in vnsere Tentsche Sprach vnd in ein fein einstimmende Harmoni gc- bracht." Auch andere Gelehrte beschritten die von Ratichius gcwiesc- ncn Bahnen. Unter ihnen ragt neben Helvieus der weimarischc Generalsnperintendent Johannes Krön mayer hervor, der im Gegensaz zu den vorher erwähnten in lateinischer Sprache abgefaßten deutschen Grammatiken die erste deutsche Grammatik deutsch schrieb und 1618 erscheinen ließ. Alle diese Bemühungen trugen für den Augenblick vielver- sprechende Früchte. Der Gedanke, daß die deutsche Sprache zur Grundlage alles Jugendunterrichts zu machen sei, drang ii. a. in die hessische Schulordnung von 1618 und in die wei- mansche von 1619 ein; und er winde sich weiter Lahn gebrochen und das deutsche Volk wahrscheinlich rasch in der Äultur gefördert haben, wenn der unselige dreißigjährige Krieg nicht über dasselbe hereingebrochen wäre. Was dieser fluchwürdigste aller Kriege das deutsche Volk gekostet hat an Blut und Leben, an materiellem und geistigen Gut, an intellektueller»ud moralischer Kraft ist unbeschreiblich und unberechenbar,—— man mache sich getrost die aus- schweifendsten Vorstellungen, deren man fähig ist, von der Einbuße, die unsere Vorfahren und wir und die nach uns kommenden Geschlechter durch dieses dreißigjährige Schlachten und Verwüsten erlitten haben, und man kann sicher sein, daß man hinter der Wirklichkeit noch zurückgeblieben ist. Daß heut noch ein Deutschland existirt, daß es weder zerfezt und zu den Nachbarstaaten geschlagen, noch mehr in tausend Fezen und Flicken zerrissen ist, daß das deutsche Volk nicht, wie z. B. Esthen und Letten in den russischen Ostseeprovinzen, zu Heloten glücklicherer Nebenvvlker dcgradirt ist, daß es endlich sogar ein deutsches Geistesleben gibt, welches dem aller andern Kulturvölker ebenbürtig ist, dies alles und noch vieles andere beweist zur staunenden Genugtuung des Kultursorschers die unverwüstliche Kraft des Bienschcngeistes im allgemeinen und die ausgezeichnete physische und psychische Leanlagung der gcr- manischen Rasse im besondern. Mit dem dreißigjährige» Kriege, zumteil allerdings auch schon vorher, aber erst nach ihm mit verderbenbringender Gewalt, brach eine neue Gefahr über die deutsche Sprache herein, welche eben erst den ttampf wider jene die selbständige Geistcsentwick- lung unsers Volkes niederhaltende Uebergewalt des Lateinischen mit einiger Aussicht auf Erfolg begonnen hatte. Diese Gefahr kam von der allgemeinen Verbreitung fremder und vorzugsweise französischer Sitte und Sprache in den vor- nehmen und nicht zum mindesten auch in den gelehrten Kreisen. Zunächst begannen die protestantischen Höfe französisch zu reden, während die katolischcn zu italienischen und spanischen Gewohnheiten und Sprache sich hinneigten; von den erstem drang die fremde Zunge in den gesammten mit einer Art Bildung sich brüstenden Adel und vornehmlich auch durch die seit Luthers Zeit von der Höhe ihrer Entwicklung wieder rasch hinabsinkende Kanzleisprache in den übrigen schristkundigcn Teil des Volkes. Binnen kurzem, um die Mitte des 17. Jahrhunderts, war der Gipfel des Sprachverdcrbnisses erreicht. Ihr vollgerüttelt und geschüttelt Maß hatte die unglückselige Zunft der ZcitungS- schreibcr, mit alleiniger Ausnahme derer von der frankfurter halbjährigen Zeitung, dazu beigetragen, eine Sorte von„Volks- bildnern", welche sich auch heute noch auf nichts besser verstehen als auf Sprachverhunzung. Eine 1644 zu Straßburg erschienene Schrift,„Tcr Tentschcn Sprach Ehren-Krantz", äußerte sich darüber folgendermaßen: „Der Sprachverderber*) ist nicht ohne Vrsach auch vber die Zcitungschreiber entrüstet, daß sie so vngczwungcn vnd vngc- trungen die teutsche Sprach mutwilligerweiß verderben. Dan», lieber, wem schreiben sie die zcitungen zu lesen? Nicht den Frantzosen, dann sie das teutsche, so darinnen, in ihrer Sprach nit leiden, massen jhnen alle zeitungen gantz sraichösisch scyn müssen, nicht den Jtaliäncm, nicht den Spaniern; sondern es geschicht dcni ehrlichen Deutschen zulieb! Aber was ist des, da so viel Frantzösisch, Italienisch, Spanisch darinnen, daß solches kein Deutscher verstehen kau, vnd ist gewiß, welcher nicht auch in Frantzösischcm oder Jtaliäuischcni weiß, daß derselbe keine Zeitung verstehen kau." Daher ist nicht verwunderlich, daß Johann Fabrizius von Gilden, ein bemer Arzt, in der Vorrede zu seinem„Spiegel menschlichen Lebens" klagen konnte: „Vnsre teutsche Sprach ist nicht dergestalt arm und baw- fällig, wie sie etliche naßweise nunmehr machen, die sie mit *j Das ist der Tilel eines damals erschienenen, heute nicht mehr vorhandenen Buches. Frantzösischcn und Jtaliänischen pichen also flicken, daß sie auch nicht ein kleines Briefflein fortschicken, es sehe denn mit anderen Sprachen dermassen dnrchspickt, daß einer, der es will verstehen, fast in allen Sprachen der Christenheit bedörfst crkantnuß haben, zu grosser schände vnd nachtheil vnserer teutsche» Sprach, die in jhr solch Vollkommenheit hat, daß sie auch alles. was da könnte fürfallen, gar wol kan andeuten vnd verständlich gnug ohne zuthucn anderer Sprachen zu verstehen geben." Klagen konnte man überhaupt genug hören während des ganzen 17. Jahrhunderts über den jammervollen Zustand der deutschen Sprache, Klagen und Spott und auch viel großtuige Versuche zu helfen, aber die Kraft und der Erfolg fehlte überall. Deshalb brauche ich der vielen Vereinigungen nicht ein- gehender Erwähnung zu tun, die nach dem Muster und in dem Geiste der Fruchtbringenden Gesellschaft eingerichtet wur- den, welch leztere auch den Namen des Palmcnordens führte und 1617 in Weimar von durch Ratichius angeregten Männern gegründet wurde. Sie hemmten bestenfalls um ein weniges das Verderben und hielten in etlicher Leute Kopf ein kleines Pläzchen offen für die Muttersprache, ini Grunde aber war ihnen doch die Beschäftigung mit derselben nur eine Art Sport und eine willkommene Gelegenheit zu leerem Wichtigluen und kindischer Ordensspielerei. Ties alles zusammen: die geistige Hohlheit und das Wichtig- tun, die Vorliebe für den faden Krimskrams oft haarsträubend geschmackloser Ordensnamcn, Ordenstitel und Ordcnsstcllungen, die häufig den Stempel der Albemheit tragenden Ergebnisse der sprachwissenschaftlichen Bemühungen— war übrigens nicht eine Schwäche, welche einzelnen Menschen oder bestimmten Ständen des deutschen Volkes eigentümlich gewesen wäre, son- dern ein karakteristisches Kennzeichen des gesammten deutschen Geistes damaliger Zeit. Darum leisteten die„hohen" Herren des Palmenordens, der 1 König, 3 Kurfürsten, 4 Markgrafen, 8 Pfalzgrafrn, 10 Landgrafen, 19 Fürsten, 60 Grafen, 35 Freihcrrn und 450 gewöhn- lichc Adlige zu seinen Mitgliedern zählte, nicht mehr und nicht weniger, als die lange nicht so vornehme„Aufrichtige Jaunen- gesellschaft" des Rumpler von Löwcnfels oder die„Deutsch- gesinnte Genoffenschasi" Philipp von Zesens, oder Hars- dörffers„Blumenordcn an der Pegnitz", Rists„Elbschwanen- ordcn" u. s. w. Bei allen war der Wille ganz gut, zumteil die Erkenntnis auch garnicht übel, wie bei Zcsen, der seinen erbitterten Krieg gegen den Fremdwörterballast führte, und bei Harsdörffer, welcher dem Fürsten unsterblichen Ruhm verhieß, der zuerst einen Profcffor der deutschen Sprache an seiner tlniversität anstellen werde, aber das Fleisch, oder vielmehr der Geist, die Schaffcnskrast war viel zu schwach sür das schwere Beginnen, der deutschen Sprache in Deutschland Anerkennung und die ihr gebührende Herrschast zu erobern. Auch die deutschen Grammatiken, welche im 17. Jahrhundert erschienen, ändern an diesem Urteil nichts. Ihre Verfasser, die Guein. Girbcrt, Schottclins. Sticlcr. Marhof, Bödikcr, Frisch und wie sie sonst alle heißen mögen, ließen zwar die durch Ratichius ausgcnonlmcncn Bemühungeu nicht einschlafen und vergessen werden, aber sie brachten sie um keinen wesentlichen Schritt vorwärts, svdaß derjenige Grammatiker, von dem man die neueste Epoche in der wissenschaftlichen Behandlung der deutschen Sprache datiren kann, niemand anders ist, als der um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts auf dem Höhepunkt seines Ruhms angelangte leipziger Professor Gottsched, ein Mann, der ebenso ungerechtfertigt anfänglich hochberühmt als später schmählich verspottet, verhöhnt und verachtet worden ist. Gottsched war einer von den Menschen, die in ihrer Jugend mit ihrer Zeit fühlen und denken, Verständnis für sie und ihre geistigen Strömungen und Bedürfnisse haben, von Ehrgeiz sowohl als starkem Wollen getrieben und getragen, sich lecklich allen vorsichtigeren voran in die Fluten der Zcitbewegung stürzen und vorerst nicht nur vornweg, sondern auch obenauf zu schwim- --- Hell wie Gold! Nach dem Gemälde von Eduard Grützner. Nach einer Photographie aus dem Verlag von Franz Hanfflängl in München. men vcrstehcii. Tabci ging cs ihm, wie nllen gliickgcwöhutcn Ehrgeizigen. deren Scharfsinn nicht noch größer ist als ihre gewaltige Eigenliebe,— als ihn die Wcihranchwolkcn des RuhmS umwogten, als ihn die Horde der Schmeichler, der Schwachköpfe und Urtcilslosen für den gottbegnadeten Führer im Reigen der Geister ausrief, da meinte er nicht mehr, daß er mit dem Strome der Zeit geschwommen, sondern daß dieser mit ihm, ihm nachgeflossen sei. Er wähnte schließlich, er sei der Gcsczgcbcr deutscher Sprache und Literatur, und wollte jeden züchtigen und vernichten, der seine Lbcrhohcit nicht an- erkannte— nicht in seine Fußstapfen trat. Tahcr der grimmige Kampf gegen Gottsched, daher seine baldige notwendige Niederlage, daher all der Spott und Schimpf, der bergehoch über dem Manne zusammenschlug, so daß heute noch die meisten, welche von ihm etwas wisse», verächtlich die Achseln zucken, wenn sein Name erwähnt wird. Wer sich jedoch ernstlich und vorurteilslos mit deutscher Literatur und Sprache besaßt, wird ihm erhebliche Verdienste nicht absprechen können. So ist denn eben auch seine 1748 erschienene„Grundlegung einer deutschen Sprachknnst, Nach den Mustern der besten Schriftsteller des vorigen und jezigen Jahrhunderts abgcfassct" das bedeutsamste Werk seiner Zeit und aus seinem Gebiete. Aufgebaut auf tüchtigem Studium auch der älteren Sprach- quellen brachte dieses Buch die deutsche Sprachwissenschaft in enge Verbindung mit der gestimmten Literatur und erschloß der crstercn damit in der Tal den Born, aus dem allein ihr stets frisches Leben zuströmen und fröhliches Gedeihen erblühen konnte. Dabei drang Gottsched mit größter Entschiedenheit auf Rein- hcit der Sprache, auf Klarheit und Deutlichkeit in der Dar- stellung, wie ans Würde des Ausdrucks und tras ebensowohl die Sprachmengerci als den gelehrten Periodcnbau und den Unfug der Häufung bildlicher Ausdrücke mit seinem Vcrdam- mungsurteil. Freilich lag cs in seinem Wesen, daß er da, wo er Schranken niederriß und Unrat entfernte, schleunigst neue Grenzen zog und neuen Staub zusammenkehrte. Die früheren Grammatiker hatten sich auf Luther, als die vornehmste Quelle neuhochdeutscher Sprache, mehr und mehr beschränkt; Gottsched wählt sich nicht den eine» besten Schrift- steller. sondern die besten zu Mustern, aber die besten„des vorigen und jezigen Jahrhunderts", d. h. die Literatur von»och nicht anderthalb Jahrhunderten, und schließt von den Mustern den bis dahin zweifellos fruchtbarsten neuhochdeutschen Schriftsteller, Luther selbst, ausdrücklich aus. Luther, wie überhaupt alles, was vor Martin Opitz, dem gleich Gottsched, nur viel längere Zeit, toll überschäzten„schlc- fischen Schwan", gedichtet und geschrieben wurde, war Gott- sched zu rauh, nicht„lieblich" und wohlklingend genug, und wurde deshalb zu den Akten der Sprachgeschichte gelegt. Daneben erhob Gottsched den zu Ende des 17. Jahrhun- derts schon zu einigem Ansehen gelangten, im Grunde komischen Aberglaube», das Neuhochdeutsche sei eigentlich nichts weiter als der„meißnische" Dialekt, zu einer sprachwisscnschastlichcn Grund- Wahrheit. Der oben flüchtig erwähnte Kaspar von Stieler hatte seinen 1691 zu Nürnberg erschienenen„Sprachschaz" dem Herzog Anton Ulrich von Braunschweig mit einer Zuschrift gewidmet, in der er von den„Ehursächsischcn Städten" phantasirt,„wo- rinnen die Hschtcutschc Sprache glücklich geboren, glücklicher erzogen und anfs glücklichste ausgeziert und gcschmückct worden, auch noch täglich einen erneuerten und mehr lieblichen Glanz cmpfähct; Ich meine das prächtige Dresden und heilige Witten- berg und das Süßeste aller Städte, Leipzig, welches auch von ihrem Sprachenzuckcr, dem sonst salzichten Halle solch eine milde Bcysteucr verehrt, daß cs sich seiner Lehrlingschast zu schämen nimmermehr Ursach finden wird." Troz dieses Redezitckettvassers glaubte nun Sticler schließlich doch selber nicht daran, daß die ncuhochdentsche Sprache eine Mundart sei; vülmchr war sie ihm, wenn er sich die Sache recht überlegte,„eine durchgehende Rcichshaubtsprachc"; Gott- sched aber machte mit der Erhöhung des meißnisch-sächsischen Redesingsangs zu allein richtigem Deutsch bittern Ernst, aller- dings meint er,„der Pöbel" spreche auch in den sächsischen Städten nicht gerade am allcrschönstcn, trozdcm aber hätten wir „in Deutschland ohne Zweifel der chursächsischcn Residenzstadt Dresden, zumal des Hofes angenehme Mundart, mit den Sprachregeln und kritischen Beobachtungen verbinden müssen, die seit vielen Jahren in Leipzig gemacht und im Schreiben cingeführet worden." Es ist daher auch kein Wunder, daß „die Regierung zwccncr allerdurchlauchtigstcr Auguste billig das goldne Alter nnsrer Sprache genannt zu werden verdient." Wie Gottsched sich damit arg aus dem Holzwege befand, war zu jener Zeit so wenig offenbar, daß noch der nach ihm kommende größere deutsche Grammatiker Adelung ganz seiner Meinung war. Ehe wir jedoch zu dem Nachfolger Gottscheds übergehen, werden wir gut tun, einen Blick auf die Fortschritte zu werfen, welche bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts die deutsche Sprache auf den llntcrrichtsanstaltcn gemacht hatte. Wir haben oben darauf hingewiesen, daß Gottsched— als Grammatiker nicht minder wie als Dichter und Kunstkritiker— mit dem Strome schwamm. In Wahrheit begann sich endlich in den lczten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts das geistige Leben in Teutschland wieder reger zu gestalten, sich wesentlich zu vertiefen und auf weitere Volkskreisc zu verbreiten. Damit wuchs das Bedürfnis, die Muttersprache gründlich kennen zu lernen und mit ihrer Hilfe Eingang in das Reich der Wissen- schaft zu erlangen. Dieses Bedürfnis erkannten einsichtige und weitblickende Gelehrte als berechtigt und unterstüzcns- wert an. Im Jahre 1684 ivar cs noch ein gewaltiges Wagnis, eine Universitätsvorlesung in deutscher Sprache zu halten, wie es der wackere Jurist Christian Thomas ins in Leipzig unternahm, und gar eine wissenschaftliche Zeitschrift deutsch geschrieben herauszu- geben, war in dem darauf folgenden Jahre ein Unterfangen desselben Thomasius, das ihm notwendig vielseitige heftige Anfeindung eintragen mußte. Aber schon zwei Jahre später erschien der großes Aussehen erregende Aufsaz des berühmten Philosophen Leibnitz:„Un- vergreiflichc Gedanken, betreffend die Ausübung und Verbcßrung der tcutschcn Sprache", worin er unter andcui offen erklärte, baß die deutsche Sprache nicht etwa deswegen irgend einer andern nachstehe, weil sie durch de» Gebrauch im Volke nicht genügend ausgebildet sei, sondern nur deswegen, weil sie von den höhern Ständen und besonders de» Gelehrte» so gröblich vernachlässigt worden sei. Diese den Nagel auf den Kopf treffende Einsicht griff nun rasch um sich, also daß schon um 1711 bereits die meisten Professoren der Universität Halle ihrem Rektor— das war inzwischen der wegen seiner Freisinnigkeit von Leipzig vertriebene, dafür aber von dem preußischen Könige in Schnz und Anstellung genommene Thomasius geworden— im Gebrauche der deutsche» Sprache bei ihren Vorlesungen nacheiferte». Und ebenso wie in Halle, wo auch der bekannte Gründer des Waisenhauses August Hermann Franke für die Vermehrung der deutschen Sprachkenntnisse wirkte, brachte sich allerorts an den hervorragendsten Stätten deutscher Jugeudbildung die deutsche Sprache mehr und mehr zur Geltung. In Braunschweig bemühte sich der verdienstvolle Zicktor der Katarinenschule Johann Andreas Fabrizius darum, in dein berühmten Schulpforte tat es der Kollega Salomon Hcutschcl, in Berlin die bereits erwähnten Rektore» Bödiker und Frisch, an der Hamburger Johannisschule der Kollega Hermann Waser, m Zeitz der Pastor Joh. Gvttl. Vorsatz, au'f der Schule z» Nürnberg der Rektor Fcuerlcin. in Marbach a. d. Mosel der Rektor Johann Jakob Schatz». v. a. in. . 1,acs) alledem die tatkräftige, von übermäßigem Selbst- gciuhl gestachclte Tätigkeit Gottscheds und seiner Anhänger 391 kam, wurden die fanatischen Anhänger des lateinischen Unter- richts soweit aus dem Feld geschlagen, daß die Schulordnungen, welche im lezten Drittel des 18. Jahrhunderts ans Tageslicht traten, die deutsche Sprache zur Untervichtssprache erhoben und sie in die Reihe der Sprachen seztcn, in welchen ivissenschast- liehe Unterweisung erteilt werden sollte. So die„Erneuerte Schulordnung für die Chursächsischen drei Fürsten- und Landschule» Meißen, Grimma und Pforta" vom Jahre 1773, in deren Abschnitt„Von dem Unterrichte in den Sprachen" es heißt: „Es sollen nebst der Uebung im Deutschen, vornehm- lich die gelehrten Sprachen, als die lateinische, griechische und hebräische, getrieben werden." Und fernerhin wird darin ausgeführt: „Je unentbehrlicher die Fähigkeit, sich in der Sprache unsres Vaterlandes wohl auszudrücken, zu den der menschlichen Gesell- schaft zu leistenden Diensten ist, desto sorgfältiger müssen die Schüler frühzeitig angeführet werden, in ihrer Muttersprache richtig und angenehm zu reden und zu schreiben. Daher soll ihnen der Lehrer die Uebung in der deutschen Sprache sorgfältig empfehlen, und wenn sie hierzu eine, durch ihre erste Erziehung erlangte vorzügliche Geschicklichkeit zeigen, diese»och mehr aus- zubilden suche». Dieser Endzweck wird aber nicht allein durch die gewöhnlichen Uebersezungen der griechischen und lateinischen Schriftsteller erreichet werden. Vielmehr soll der Lehrer, ivenn der Schüler die deutsche Sprachkunst sich hinlänglich be- kannt gemacht, die besten Werke der Nationalschrift- steller, welche die Beobachtung der Sprachlehre mit dem Reich- tum und der Wahl der Redensarten und mit der Zierlichkeit des Ausdrucks am glücklichsten verbunden haben, fleißig mit ihm lesen, ihm den Bau der Perioden erklären, das Edle oder Unedle im Ausdrucke ihn benierken lassen, und ihn auf die Wahl und den Gebranch der Wörter und Redensarten aufmerksam machen." Auch auf den preußischen Gymnasien gelangte die deutsche Sprache um dieselbe Zeit zu der ihr gebührenden Anerkennung. In der Kabinetsordre Friedrich II. über das Schulwesen vom Jahre 1778 findet sich eine Stelle, die auch darum in- teressant ist, weil sie direkt auf Gottscheds Bedeutung in der Angelegenheit der deutschen Sprache hinweist, zu einer Zeit, da im übrigen sein Stern längst erloschen und er selbst bereits 13 Jahre vorher verlassen und verkannt gestorben war. „Eine gute tcutsche Grammatik," lautet dieser Passus,„die die beste ist, muß auch bei den Schuhlcn gebraucht werden, es sey nun die Gottsched'sche oder eine andere, die zum besten ist." (Schlui folgt.) Das„zweite Gesicht". Nach einer wahren Begebenheit erzählt von A. Müller. Es hat zu allen Zeiten, von der egyptischen Priesterin bis zu Swedenborg und der Seherin von Prevorst herab, Personen gegeben, denen man die Fähigkeit, durch Raum und Zeit gc- trennte Ereignisse vorher zu verkünden, beigelegt hat. In der Tat werden uns manche Prophezeiungen gemeldet, die zivar das Gepräge des Wunderbaren und Geheimnisvollen besizen, in den meisten Fällen sich aber ganz natürlich erklären lassen, wenn wir derartige Erscheinungen auf die Tätigkeit unseres Nervensystems, in welchem sie wurzeln, zurückführen. Solchen Personen, denen man die Gabe der Weissagung zuschrieb, waren stets sehr sensitiver Natur, auf deutsch: ihr Nervensystem befand sich in einem überaus gereizten oder überreizten Zustande. Trifft »un eine in solch krankhaftem Zustande gemachte Vorhersagung wirklich ein, was unter tausend Fällen sicher wohl einmal ge- schehcn wird, so erinnert man sich nach Jahren, ja nach Jahr- Hunderten nur dieser einen Begebenheit, während die 999 Fälle, iu denen die Prophezeiung nicht zutraf, dem Gedächtnis ent- schwinden. Ten Menschen zieht ja einmal das wunderbar Cchcincnde an, und besonders die große Menge, sowie Naturböller, denen eine fvissenschaftliche Erklärung der Erscheinung fehlt. In seiner interessanten Abhandlung:„Sivedenborg und der Aberglaube" gibt Schleiden folgende einsichtsvolle Erklärung des Wunders: „Das Nervensystem zerfällt zunächst in zwei große Ab- lcilungen, von denen die eine, den wesentlichsten Teil des großen Eehinis umfassend, ausschließlich als körperliches Organ den Funktionen des Geistes dient, jede Seelentätigkeit, welcher Art sie auch sei, mit einer entsprechenden körperlichen Veränderung begleitet und ebenso durch seine Veränderungen eine entsprechende Vorstellung in der Sphäre unseres Bewußtseins hervorruft. In welcher Weise hier Geistiges und Körperliches miteinander verbunden sind, wie es möglich ist. daß beide aufeinander ein- wirken, ist»ns ein uncnthüllbares Geheimnis und nur als in der Erscheinung gegebene Tatsache hinzunehmen. Die andere Abteilung besteht nur in der Nervenmasse, welche dazu bestimmt ist, einerseits mit dem Körper selbst und niit den physikalischen Verhältnissen der Außenwelt, andererseits aber mit jenem Organ des Geistes in Verbindung zu treten und eine Wechselwirkung zwischen diesen beiden Endpunkten zu vermitteln. Diese Ab- wilung un, saßt de» Rest des ganzen Gehirns und d,e Nerven selbst. Die Nerven werden von außen her zur Tätigkeit an- geregt, und was sie anregt, nennen wir einen Reiz. Als solcher Reiz besteht nun auch für jede einzelne Nervenfaser die in einer andern Nervenfaser bereits angeregte Tätigkeit, und es kommt vielfach vor, daß sich die Tätigkeit eines Nerven, wenn sie nur stark genug ist, auf einen oder mehrere Nerven fortpflanzt, welche ursprünglich und unmittelbar gar nicht gereizt waren. „Insbesondere findet dies Verhältnis zwischen den beiden oben erwähnten Abteilungen des Nervensystems statt. So werden z. B. die Fasern des Sehnerven von den sie treffenden Licht- ivellen gereizt, und dieser Tätigkeitsznstand pflanzt sich dann auf die Gehirirfasern fort; dem entsprechend entsteht dann im Be- wußtsein die Vorstellung eines äußeren Gegenstandes. Wenn wir einen Freund vor uns sehen, oder uns in der Abwesenheit seiner lebhaft erinnern, so steht beidemale in unserem Bewußtsein die Vorstellung desselben. Die geringere Lebendigkeit der Vorstellung des abwesenden Freundes von dem des gegenwär- tigen, die Möglichkeit, beide Vorstellungen von einander zu unterscheiden, beruht nur darauf, daß die Vorstellung des gegenwärtigen Freundes von einem entsprechenden Er-regungszustandc auch im Sehnerven, die andere dagegen nur von der Tätigkeit der Gehinifasern begleitet ist. Es kann aber die erwähnte Mitteilung des Reizzustandcs auch den eiitgegengesezte» Weg nehmen. Durch krankhafte Zustände, mögen dieselben»un liegen, ivorin sie wollen, und wäre es nur eine Störung in dem Gleich- gewicht der Nervenkraft in den einzelnen Teilen des Nerven- systems, welche leicht durch einseitige Uebung bestimmter Gruppen von Nervenfasern hervorgerufen wird, kann die Tätigkeit der Gehirnfaseni, welche die Vorstellung eines bestimmten Gegen- standes begleitet, so lebhaft werden, daß sie sich auf den Seh- nerven fortpflanzt, und sowie dies geschieht, fällt für den Wen- scheu die einzige Möglichkeit weg, die bloßen Produkte seiner Einbildungskraft von wirklich angeschauten Gegenständen unter- scheiden zu können. Es tritt das ein, was man wissenschaftlich als Halluciiiatione» oder Sinnestäuschung bezeichnet. Der Mensch sieht Gegenstände mit völliger Lebhaftigkeit und Wahrheit, die gleichwohl nicht vorhanden sind, er hört Stimmen, wo niemand redet, und die Spiele seines eigen Geistes werden ihm auf diese Weise plözlich zu äußern Vorgängen, bei denen er blos ein untätiger Zeuge zu sein glaubt." In Schottland, fvo die erwähnte sensitive Veranlagung häufig vorkommen soll, glcml't das Volk fest an die Gabe der Voraus- sagung, oder richtiger der Voraussicht von Ereignissen, die fast zu derselben oder nächstfolgenden Zeit an räumlich entfernten Orten Passiren und nennt diese s. g. Begabung„das zweite Gesicht." Tie nachfolgende kleine Erzählung einer wahren Be- gebcnheit findet bei einiger Ueberlegung und bei Berücksich- tigung der obigen Ausführungen leicht ihre natürliche Er- klünmg.— Der Kampf, welcher im Jahre 1775 zwischen den nord- amerikanischen Kolonien und dem Mutterlande entbrannte, und in welchem leider auch Deutsche, von deutschen Fürsten an Eng- land verschachert, teilnehmen mußten, ivard auf beiden Seiten mit großer Erbitterung, von Seiten des royalistischen Englands aber mit einer Grausamkeit und Schonungslosigkeit gegen die „Rebellen" geführt, welche für alle Zeiten die Kriegführung der Engländer mit Schmach bedecken und ein düsteres Blatt in der Geschichte der Vereinigten Staaten bleiben wird. Nicht zufrieden mit der Verwendung europäischer Streit- kräfte, hatte England die wilden Jndianerstümmc, die damals noch im Osten der Vereinigten Staaten ihre Wohnsize und Jagdgründe hatten, aufgereizt und mit europäischen Führern versehen, die nun in ihrer ganzen Wildheit und Grausamkeit sich ans die vereinzelten Ansiedelungen warfen, durch die Nieder- mezelung von taufenden wehrloser Ansiedler, selbst den Säug- ling nicht schonend, ihren Blutdurst stillten. Namentlich waren es zwei royalistische Bandenchefs: Braut und Kapitän Butler, die sich den einzelnen Ansiedelungen und selbst größeren Nieder- lassnngen furchtbar machten. Infolge dessen hatte man früh- zeitig die Niederlassung Cherry-Valley im Bezirk von New- Jork als Verteidigungsplaz und Zufluchtsort für die Bewohner der zerstreuten und expvnirtcn einzelnen Ansiedelnngen ausge- wählt, Blockhäuser und ein Fort zum Schnze der Bewohner errichtet. Dahin zogen sich die Ansiedler mit ihren Familien zurück zu gegenseitigem Schnze und zur Verteidigung. Unter den Familien, die eine Zuflucht dort gefunden, befand sich auch die des Kapitän Lindsay, eines früheren britischen Offiziers, eines tapferen und mutigen Mannes, der nur ans die Bitten seines Weibes hin seine einige Meile» entfernte einsame Farm mit dem sichrem Fort vertauscht hatte. Kapitän Lindsay war ein entschlossener, in sich gekehrter Mann, dessen Sprache und Manieren jedoch den Mann von Bildung ver- rieten; auch seine Frau, obschon schlicht und einfach, ließ die ge- bildete Dame nicht verkennen. Lange Zeit hielten die benachbarten Ansiedler seinen Hang zur Einsamkeit und zum Abenteuerlichen für den einzigen Grund des Wagnisses, seine Familie allen Gefahren und Entbehrungen des Grenzlebens ausgcsezt zu haben, bis ein aus Lindsays Heimat in den schottischen Hochlanden stammender Einwanderer Änsklärnng brachte. Lindsay, ein junger, leidenschaftlicher Lfsizicr, war einst bei einem Zechgelage mit einem Kameraden in Streit geraten, der, durch halbtrnnkene Zechgenosscn geschürt, mit einem Zweikampf endete, in welchem Lindsays Gegner fiel. Eilige Flucht sicherte ihn vor der Strenge des Gesezcs; viel härter als die gesezliche war jedoch die moralische Strafe, die ihn traf, da er bald die Gewißheit erlangte, daß er bei dem Streite im Unrecht gewesen war. Um einigermaßen seine Schuld zu sühnen, überließ er der Wittwe des durch ihn gcsallnen Freundes auf die Zeit seines Lebens sein ganzes väterliches, sehr bedeutendes Vermögen und wanderte mit seiner Familie und einem alten Diener, dessen Hochlandstrcue seinen Herrn auch im Unglücke nicht verließ, nach Amerika aus. In gerechter Würdigung der Schwermut und des Trüb- sinns ihres Gatten war ihm seine Frau ohne Zögern in die freiwillige Verbannung gefolgt, obschon die Abgelegenheit der Niederlassung und die Einsamkeit der Wildnis ihr Gemüt be- drückte. Schön Ivar die neue Heimat gelegen, eine kleine Farm in einem herrlichen Tale, von dichtbcwaldeten Bergen rings umgeben, das Wohnhaus zwar eng und klein, aber freundlich und behaglich und von prächtigen Bäumen überragt. Unter der Sorgfalt der Frau Lindsay entstand bald ein kleiner Garten, i dessen heimatliche Pflanzen die Erinnrnng an die aufgegebene Heimat wach erhielten. Zur Zeit ihres Aufenthalts im Fort bestand die Familie Lindsay außer den beiden Gatten aus drei Söhnen und einer kleinen, erst in Amerika geborenen Tochter, dem treuen Diener David und einer Magd. Douglas, der älteste der Knaben, war ein großer und braver, wenn auch etwas eigenwilliger Junge von dreizehn Jahren, der Liebling und der Stolz seiner Mutter, weil er ihr Herz am lebhaftesten an ihren Gatten in seinen glücklichen Tagen erinnerte; der zweite, August, war ein zarter Knabe von neun Jahren, äußerst gefühlvoll und reizbar von Natur. Schon frühzeitig hatten sich bei dm Kinde Symptome einer krankhaften Nerventätigkeit gezeigt, die mehr und mehr einen eigentümlichen Karakter annahmen. Lebhafte Träume beunruhigten den Schlaf des Kindes und seine erregte Phantasie zauberte ihm Bilder vor, die oftmals zu Tatsachen sich gestal- tcten. So konnte es nicht fehlen, daß seine abergläubische Umgebung dem Kinde die Gabe des zweiten Gesichts zuschrieb, >t»d es zwar mit einer gewissen ehrfürchtigen Scheu betrachtete, mit einer geheimen Furcht aber den hübschen, stillen und nach- denklichen Knaben mied. Archie, der Jüngste, seiner Vaters Liebling, war ein derber rotwangiger Knabe mit hellen Augen und lockigem Haar, fünf Jahre alt, während Efsie, das kleine Mädchen, noch an der Brust der Mutter lag, eine kleine, rosige Knospe, die Freude und der Trost für ihrer Mutter bekümmertes Herz. Im Frühjahr des Jahres 1778 also hatte sich die Familie auf Veranlassung der Frau Lindsay in den Schnz des Forts nach Cherry-Valley begebe», obschon Kapitän Lindsay, der in dem entbrannten Kampfe völlige Neutralität beobachtete, vor den Angriffen der Indianer und sonstigen Streifparteien sicher zu sein glaubte. In dem Fort fand namentlich Donglas, dem anfänglich die Uebersiedelung nicht behagtc, gar bald eine uner- wartete Anregung und Beschäftigung. Zum erstenmale seit Jahren traf er ivieder mit einer Anzahl von Knaben seines Alters zusammen, von denen damals nicht wenige im Fort ver- sammelt waren, und bald nahmen deren Spiele insolge der augenblicklichen Lage und Umgebung einen militärischen Karakter an. Douglas, als Sohn eines Soldaten von früher her mit den militärischen Evolutionen und Kommandos vertraut, ward bald der Führer der jungen Äriegerschaar, sein Bruder aber zu seinem Lieutenant ernannt, obschon er weniger Geschmack an dem militärischen Treiben fand. Tay auch der Aufenthalt im Fort für die Flüchtlinge nicht ganz sicher, sollte sich bald zeigen. An einem schönen Maitage hatte sich der oben erwähnte Jndianerfiihrcr Braut mit einem großen Teile seiner Bande ans einem Hügel in der Nähe des Forts im Walde verborgen gelagert, um dasselbe, dessen Be- sazung er für schwach hielt, zu überrumpeln. Zufällig hielten an jenem Morgen die kleinen Soldaten ihre militärischen Uebnngen beim Fort ab. Braut, der dieselbe ans der Ferne für Erwachsene hielt und über ihre unverhoffte Stärke sehr er- staunt war, wagte infolge dessen nicht das Fort anzugreifen, sondern beschloß den Angriff zu verschieben, bis er durch seine Späher sichere Kunde über die Stärke des Plazes eingezogen. Er führte daher seine Krieger etwa eine halbe Meile nordwärts von Cherry-Valley zurück, Ivo er in der Nähe des vom Fort nach dem Mahawkflnsse führenden Weges sich im Walde hinter Felsen und Bäumen verbarg, so daß er den Weg vollständig beherrschen konnte. Ohne Zweifel hatte er davon Nachricht erhalten, daß ein amerikanischer Offizier an jenem Morgen vom Fort Plain den Mohawkfluß herabgeritten war, um Cherry-Valley zu besichtigen, und daß seine Rückkehr möglicherweise vor Abend noch zu er-| imuteii sei. Die Sendung dieses Offiziers hatte den Zweck. die Garnison des Forts zu benachrichtigen, daß am folgenden Tage ein Milizregiment im Fort Quartier nehmen würde. Lieutenant Woodville. so war der Name des Offiziers, war ein lunger Mann, den die Natur mit reichen Gaben ausgestattet und dessen edles, ritterliches Wesen ihm die Herzen seiner ganzen Umgebung gewann. Dieser junge Offizier hatte sich im Streife von Bekannten im Fort so lange aufgehalten, daß ihn dieselben, um seine Sicherheit besorgt, zu überreden suchten, die Nacht im Fort zu bleiben. Allein lachend schwang er sich auf sein Pferd und warf, fortwährend noch von den Bitten der Zurückbleibenden, die ihn vor den herumstreifenden Jndianerbanden warnten, vom Pferde herab einem seiner Freunde seinen Mantelsack mit den Worten zu:«Ten will ich morgen wieder mitnehmen." Unter den Umstehenden, und zwar ganz in der vordersten Reihe, befand sich auch Douglas und neben ihm sein schlich- tcnier Bruder August, der mit sichtlicher Bewunderung den schönen jungen Offizier und dessen mutiges Roß betrachtete. Plozlich fuhr der Knabe mit der Hand über die Augen, ward starr und marmorbleich und brach hierauf zusammenschaudernd in Tränen aus. Bevor noch jemand ihn nach der Ursache der plözlichen Aufregung fragen konnte, riß er sich von der Hand seines Bruders los und stürzte zu dem jungen Offizier hin, dessen Fuß er umschlang.„Sie müssen hier bleiben, Herr, wo Sie in Sicherheit sind; um Gottcswillen, gehen Sie nicht, man will Sie töten!" rief das Kind in leidenschaftlicher Er- regung. „Wer, mein kleiner Freund, will mich töten?" fragte freund- lich der junge Manu den Knaben, betroffen von dem schmerz- liehen Ausdruck in den Zügen des Kindes. „Die Indianer," war die Antwort,„erwarten Sie an jenem düsteru, schrecklichen Orte in der Nähe des Wasserfalls!" „Woher weißt du denn das, lieber Junge?" fragte lächelnd der Offizier. „Ich sah sie," entgegnete August leise. „Tu sahst sie? Wann denn?" „Jczt eben; ich sah die Indianer so deutlich, wie ich Sic jezt erblicke. Sie dürfen nicht fort und Ihr Leben in Gefahr seze», denn im Waldesdunkel lauern sie Ihnen auf." „Was ists mit dem Kinde?" wandte sich Woodville fragend mi einen der ihn umstehenden Bekannten. Mit einer bezeichnenden Gebcrdc deutete der Befragte nach der Stirn. Sanft legte der Offizier die Hand aufs Haupt des Kindes und sprach: „Aber ich muß fort, kleiner Unglücksprophet! Indianer oder nicht, ein Soldat muß tun, wie ihm befohlen; trockne deine Tränen, mein Kind, ich werde dir bei meiner Rückkehr eine schöne Feder auf deinen Soldatenhut mitbringen." „Bis morgen also lebt wohl!" wandte er sich an die umstehenden Bekannten, und versuchte sanft die Hand des Knabe» von dem Steigbügel zu lösen. Allein krampfhaft klammerte sich dieser unter lautem Schluchzen daran fest, bis sein Vater ihn mit Gewalt von dem Pferde entfernte und hiuwegtnig. Nach allen Seiten grüßend sprengte der junge Mann davon; ein leichter Schatten lag auf seinem sonst so heiteren Gesicht. Inzwischen ruhte der kleine August schluchzend in den Armen seiner Mutter, die vergeblich ihn zu trösten und zu beruhigen versuchte. So lag er' eine geraume Zeit ohne ein Wort zu spreche». Mit einem lauten Schrei plözlich emporfahrend rief er: „Da. da. die Indianer!— O. Mutter, sie haben ihn getötet; ich sah ihn vom Pferde stürzen und sehe ihn noch zwischen den Bäumen liegen. Blut rinnt ihm vom Kopfe auf seine Kleider. Ach, Mutter, ich konnte ihm nicht helfen, denn er (staubte mir nicht!" Immer leiser weinend schlief er endlich in den Armen seiner Mutter ein. Wenige Minuten später sprengte das ledige Roß .Woodvilles mit Blut und Staub bedeckt zurück. Am nächsten Morgen fand man den entseelten Körper in dem düstcui Passe den Fällen des Tekaharawa durch eine Kugel getötet und stalpirt.— ! Ties traurige Ereignis hatte zur Folge, daß mau de» kleinen August mit einer gewissen abergläubischen Scheu be krachtete. die sich auch auf die ganze Familie übertrug, und daß den®cr!cljr mit derselben ineljr und mehr mied. � augenblickliche Ruhe der Landschaft viele Familien zur Rückkehr in ihre alten Wohnstätte» ermutigte, so beschlossen aucki Liudlaß und seine Frau, durch die Stimmung der Ansiedler in Cherry- Vally unangenehm berührt, der schüzenden Kolonie den Rücken zu kehren. Ihre Bcsizung fanden sie unversehrt in demselben Zustande, in welchem sie dieselbe vor drei Monaten verlassen, und bald bewegte sich ihr tägliches Leben in den ruhigen Kreisen wie vordem. Die beiden ältesten Söhne halfen ihrem Vater und dem treuen Diener bei der Feldarbeit, zu welchem die beiden Männer niemals unbewaffnet sich begaben. Au einem schönen Herbsttage hatten die beiden Knaben um die Erlaubnis gebeten in dem etwa eine Stunde entfernten i Strome fischen zu dürfen. Der kleine Archic bat seine Brüder, ihn mitzunehmen, allein sie liefen davon, das Kind in Tränen zurücklassend. An einer Biegung des Wegs sah der jüngere August nochmals zurück, und ward durch den Anblick des weinenden Kindes so bewegt, daß er zu seinem älteren Bruder sagte: „Ach, Douglas, laß uns den kleinen Archie mitnehmen, sieh, wie das arme Kind schluchzt." „Nein, er wird uns nur die Fische verscheuchen und wir können nicht warten, komm schnell!" Ohne Aufenthalt sezten sie ihren Weg fort und kamen bald an das Ufer des Stromes, Douglas fioh und heiter, Angus still und in sich gekehrt. „Douglas", Hub er nach einer Weile an,„ich bringe die traurige Niiene des armen Archie nicht aus dem Sinn; ich wollte doch wir hätten ihn mitgenommen!" „Zerbrich dir den Kopf nicht länger über Archie, sondern paß lieber auf deine Fische auf," war des älteren ärgerliche Antwort. August verstummte, schwermütig war sein Blick auf den Wasserspiegel gerichtet. So saß er geraume Zeit schweigend, während Douglas sich ganz der Freude des Angelus hingab. Mit einem lauten Schrei sprang August plözlich empor. „Was hast du schon wieder," rief der Acltere unmutig, „du hast mir die schönste Forelle verscheucht!" „Ich habe Archie's Gesichtchen im Wasser gesehen, bleich und entstellt," war des vor Entsezen zitternden Knaben Antwort. „Dein eigenes Gesicht hast du im Wasserspiegel erblickt. nicht Archie's, der ja'/2 Meile von uns entfernt ist." lachte Douglas. „Ich kann mir nicht Helsen, aber ich glaube wirklich es war Archie's hübsches Gesicht," entgegnete August. „Sieh' Douglas, da kömmt es wieder, und Vater und David und die Indianer!" Ausschreiend brach der Knabe zusammen. Nachdem Douglas durch Besprengen mit kaltem Wasser den Bruder endlich wieder zu sich gebracht, widerstand er nicht länger dessen Bitten und trat, selbst sehr erregt, den zitternden Knaben stüzend, den Heimweg an. Als sie sich dem Waldsaume näherten bot sich ihnen ein Anblick dar, welcher den beiden Knaben das Blut erstarren machte: das väterliche Haus stand in hellen Flammen, umtanzt von einer Bande feindlicher Wilden, deren entsezlichcs Kriegs- geheul den Knaben in die Ohren gellte. Eilig flohen sie in den Wald zurück und verbargen sich im dichtesten Gebüsch, schluchzend vor Schmerz und Schrecken. „O Bruder," flüsterte August endlich,„ich habe die Mutter gesehen und Eva und Jenny, sie sind gerettet, in den Büschen gleich uns." „Und siehst du denn nicht den Vater und Archie?" fragte Douglas leise. „Nein, Douglas" antwortete der Knabe,„ich kann sie nicht mehr sehen. Ach, sie werden tot sein!" „Das glaube ich nicht," tröstete der Aeltcre,„Vater und David hatten ihre Gewehre bei sich; einen tapfrem Soldaten als den Bater gibt es � nicht und David steht ihm treulich zur Seite." So lagen sie in ihrem Verstecke unter leisem Schluchzen, bis das Geschrei der Wilden allmälich verstummte und mit der Dämmerung tiefes Schweigen die Landschaft bedeckte. Endlich wagten sie sich ans ihrem Versteck hervor, vorsichtig dem Orte zueilend, wo sie ihren Vater nebst David und den kleinen Bruder bei der Feldarbeit verlassen hatten. Dort fanden sie denn auch die Gesuchten— sammtlich erschlagen. In stiller Ruhe lagen sie da, der treue Diener auf seines Herren Kniee, der kleine Bruder, der augenscheinlich am längsten am Leben geblieben, in den Armen seines Vaters, den er selbst mit seinen kleinen Armen umschlungen hielt. Von Schmerz überwältigt sanken die beiden Knaben an den leblosen Körpern der teuern Todten nieder, die kein Kuß, keine Tränen, keine Liebkosungen mehr ins Leben zurückrufen konnten. Der aufgehende Mond beleuchtete ein trauriges Bild: über die teure» Toten, deren glanzlose Augen geisterhaft in dem blassen Lichte erglänzten, hingestreckt die beiden trostlosen Knaben, verwaist und von tiefstem Grame gebeugt durch den Tod des Vaters und des geliebten kleinen Bruders. Endlich senkte sich ans ihre ermüdenden Augenlieder die Ruhe und der tröstende Schlaf schloß sie in seine Arme. Hoch stand die Sonne am Himmels- zelt als sie erwachten— zu neuem Schmerz, zu neuen Tränen! Nachdem der erneute Ausbruch tiefen Schmerzes vorüber, er- mannte sich der Aeltcre zuerst.„Komm, August, es Hilst nichts, uns länger dem Schmerze hinzugeben, laß uns nach dem Fort zurückkehren, vielleicht, daß wir dort die Mutter nebst unserm Schwesterchen und Jenny wiederfinden, da du sie als gerettet erblickt hast." „Aber was sollen wir mit diese» hier anfangen?" fragte August; sollen wir sie so liegen lassen?" „Sie zu begraben sind wir zu schwach," entgegnete Douglas, „allein wir wollen sie mit Zweigen und Blättern bedecken. Sind wir erst im Fort angelangt, dann werden die Soldaten schon fiir das Begräbnis des Vaters, des kleinen Archie und des treuen David sorgen." Kaum hatten sich die verwaisten Knaben erhoben, um die Körper ihrer lieben Toten zu bedecken, als der schwächere August wieder zusammenbrach.„Mir wirds so schwach, lieber Bruder," hauchte er,„ich glaube ich sterbe auch." „Dich macht der Hunger schwach," entgegnetc Douglas traurig;„aber wo sollen wir etwas zu essen finden?" In diesem Augenblicke siel sein Blick auf die kleine Tasche, unweit der Toten, in welcher die Feldarbeiter das Frühstück mit hinauszuuehmen pflegen, und in der er auch die Ueberreste des gestrigen Frühstücks vorfand. Etwas gestärkt durch die seit länger als 24 Stuudcu entbehrte Nahrung begannen sie ihr trauriges Geschäft. Zu schwach, um dieselben fortbewegen zu können, ließen sie die Toten in derselben Stellung, in welcher sie dieselben gefunden, und bedeckten sie mit Baumzweigen und Blättern, so daß sie von den Blicken der Menschen völlig ver- borgen waren. Nachdem sie»och die Ruine des niedergebrannteu Hauses und den anstoßenden Garten sorgfältig durchsucht, und hierauf ihre Tasche mit den reifen Früchten eines Apfelbaums gefüllt hatten, traten sie ihren Marsch nach dem Fort an, voll Hoff- nung, die vermißten Angehörigen dort unversehrt wiederzufinden. Sic hatten etwa'/z Meile auf dem düstern und gewundenen Waldpfade zurückgelegt, als sie vor sich das Geräusch von Fuß- tritten und Stimmen vernahmen. Von plözlichem Schrecken er- griffen, und nur von dem Gedanken an die Wilden erfüllt, flohen die beiden Knaben ohne jegliche Besinnung, im tiefsten Dickicht des Waldes Schuz suchend. In ihrer Verwirrung hatte keiner auf die Richtung, i» der sie geflohen, Acht gehabt, und so fanden sie, als sie nach eingetretener Ruhe den Psad wieder gewinnen wollten, daß sie denselben gänzlich verloren hatten. Es blieb ihnen daher nichts übrig, als in der Richtung, in der sie das Fort vermuteten, aufs Geratewohl weiter zu wandern. Allein die Nacht überraschte sie in dem düstern Walde, aus dem sie keinen Ausweg gefunden, und endlich sanken sie er- mübet hin, und schliefen in kindlichem Vertrauen auf den Schuz des Höchsten ein. Am frühen Morgen ward Douglas durch eine Berührung an der Schulter aus dem Schlafe geweckt. Erschrocken sprang er ans und sah sich dem gefürchtetcn Mohikanerhäuptling Braut mit einem Haufen seiner Krieger gegenüber, die mit wilden Blicken die jungen Blaßgesichter betrachteten. „Wer seid Ihr?" fragte der Häuptling rauh. „Ich bin Douglas Lindsay, und dies ist nieiu Bruder August," erwiderte der Knabe. „Ist Kapitän Lindsay euer Vater?" fuhr der Krieger fort. „Er war unser Vater," antwortete Douglas in Tränen aus- brechend,„und ihr wißt dies selbst am besten, da ihr ihn er- mordet habt, und den alten David und unsern kleinen Archie, ihr Teufel!" „Du irrst dich," sprach Braut,„wir ermordeten deinen Vater nicht, und es tut mir wirklich leid, daß ich dies höre. Er war ein braver Mann, der nie mit den Rebellen gemein- same Sache machte, und dem ich meinen Schuz versprochen hatte. Jedenfalls sind es Butlers Leute gewesen, die ihn ge- tötet. Ich hätte ihn mit meinem eigenen Leben geschüzt und werde auch seinen Kindern meinen Schuz augedeihen lassen. Wohin wollt Ihr denn wandern?" fuhr er fort. „Nach dem Fort," fiel der kleine August ein,„vielleicht finden wir dort die Mutter, die kleine Eva und Jenny wieder. O, bring uns dahin, wenn es nicht zu weit ist, Master Tayende- naga, wir sind ganz vom Wege abgekommen!" Als Braut, der aus einer englischen Familie abstammte und in seiner Erscheinung wenig Indianisches hatte, sich bei seinem indianischen Namen anreden hörte, antwortete er lächelnd:„Das wird nicht schwer sei», denn Cherry- Valley liegt ganz in der Nähe, jenseits jenes Hügels. Kommt ich will euch führen." Nach einem kurzen Befehl an seine Leute ihn zu erwarten, wandte er sich mit seinen jungen Begleitern dem erwähnten Hügel zu, von dessen Spize er denselben bald die Niederlassung zeigen konnte. „Dort liegt Cherry- Valley; weiter kann ich nicht mit- gehen, aber ich werde so lange hier warten, bis ich euch in Sicherheit sehe. Sagt eurer Mutter, daß Braut ihren braven Gatten nicht getötet habe, und daß er das traurige Ereignis tief bedauere. Lebt wohl!" Mit Worten der höchsten Dankbarkeit schieden die Kinder von ihm, und waren bald in der Ansiedelung in Sicherheit.— Die Schicksale der Mistreß Lindsay sind bald erzählt. An jenem schrecklichen Morgen hörte sie plözlich Schüsse und sah vom Fenster ihrer Wohnung aus dem kurzen Kampfe mit den Wilden zu. Der schreckliche Anblick benahm ihr anfangs alle Ueberlegung— allein das Weinen ihres Säuglings riß sie rasch ans ihrer Erstarrung; nur ein Gedanke beherrschte sie: — die Rettung des Kindes! In fliegender Hast riß sie den Säugling aus der Wiege und stürzte sich, von der Dienerin gefolgt in das nahe Dickicht, in welchem sie sich so gut ver- bargen, daß sie unentdeckt blieben, obgleich der Schein der Flamme des brennenden Hauses und das Geheul der Wilden bis zu ihrem Verstecke drang. Als diese das niedergebrannte Haus und die Ansiedelung verließen, kamen sie so nahe an dem Versteck der beiden Frauen vorüber, daß leztere die Fußtritte derselben hören konnten. Wie heiß dankte die arme Mutter dem'Geschick, daß das Kind ruhig an ihrer Brust schlief und durch keinen Laut sie verriet! Erst gegen Abend wagten sie ihr Versteck zu verlassen und kamen endlich gegen Mitternacht in Cherry-Valley an, wo sie liebreich im Fort aufgenommen wurden. Am andern Tage bc- gab sich eine Anzahl Soldaten nach der zerstörten Ansiedelung, den Toten die lezte Ehre zu erweisen. Nachdem sie den Kapitän Lindsay, den kleinen Archie sammt dem treuen Diener begraben und vergeblich die vermißten Knaben gesucht, kehrten sie nach dem Fort zurück. Wahrscheinlich war es diese Abteilung, deren Schritte Douglas und August von dem Pfade in das Dickicht des Waldes gescheucht hatten. Zwischen Gram und Hoffnung geteilt, erwartete Frau Lindsay die Rückkehr der Soldaten, die ihr weder Gewißheit noch Trost brachte. Unter der Obhut der treuen Dienerin war sie am Abend endlich ermattet in Schlaf gesunken. So hatte sie lange unruhig geschlummert, als süße Ruhe sie endlich überkam, und das sanfte Lächeln ihres Gesichts erkennen ließ, daß ein Traum heitere Bilder an ihrer Seele vorüberführte. Mit den ersten Sonnenstrahlen erwacht, sprang sie von ihrem Lager empor, um nach einem Blicke auf ihre Umgebung in heiße Tränen aus- brechend auf dasselbe zurückzusinken. „O, Jenny" sprach sie endlich,„ich hatte einen so bc- seligenden Traum. Ich sah meine beiden Knaben im Sonnen- scheine den Hügel herabkommen, Douglas und August! Aber sie werden nie wiederkehren," rief sie gramerfüllt. So lag sie lange Zeit weinend auf dem Lager in tiefstem Schmerze, den das schone Traumbild erneuert. Endlich erhob sie sich: „Oeffne das Fenster Jenny, damit ich den Hügel im Sonnenlichte sehen kann!" Kart Marx. tPorträt S.»«».) Im fernen nebligen London, im sreiwilligen Exil, ist der berühmte Nationalökonom gestorben, dessen Wiege an den sonnigen Ufern der Mosel gestanden. Er hatte sich in das englische Wesen eingelebt und wollte nicht mehr in das alte Vaterland zurückkehren, dessen politische und ökonomische Zustände er so oft mit großer Schärfe kritisirt hatte. Manchmal mag ihm das Exil bitter erschienen sein. Er ivollte»nab- hängig bleiben, und dazu war für diesen Mann und diesen Geist Alt- England allerdings geeigneter denn Neu-Deutschland. Das Urteil der Zeitgenossenschaft insgesammt über Karl Marx ist sicherlich noch kein abgeschlossenes wie bei denen, die ihm näher ge- standen haben; zweifellos aber wird die Zukunft erkennen lassen, wie bedeutend die Wirksamkeit und der Einfluß dieses merkwürdigen Mannes gewesen sind. Marx ging ganz und gar seinen eigenen Weg, und daher mag es zu einem großen Teil gekommen sein, daß ihm so viele Feinde in allen politischen Lagern erwuchsen. Aber mit seinen Feinden wuchs auch seine eigene Bedeutung, wie dies immer geht. Er konnte sich bei seinen Lebzeiten einmal einen der bestgehaßten Männer nennen. Nun er gestorben, hat er auf allen Seiten ein wohlwollendes Urteil gefun- den, wohlwollender, als er wohl jemals selbst erlvartet hatte. Karl Marx wurde am 2. Mai 1818 zu Trier geboren als der Sohn eines preußischen Advokaten(nicht Oberbergrats), der vom Juden- tum zum Christentum übergetreten war, weshalb auch Karl Marx häufig als„Jude" bezeichnet wurde. Der junge Marx studirte Philo- sophie und Nationalökonomie, konnte sich aber nicht entschließen, in Staatsdienste zu treten. Er strebte vielmehr nach einer unabhängigen politischen und literarischen Tätigkeit. 1841 erschienen von ihm in der „Rheinischen Zeitung" zu Köln eine Reihe von Artikeln, die ungemeines Aussehen erregten. Sie behandelten zwar nur die für die Masse nicht sehr intcresianten Verhandlungen des Provinziallandtags der Rhein- Provinz, aber die Schärfe und Kühnheit, mit der sie geschrieben waren, trugen einen solchen Reiz der Neuheit an sich, daß man überall von diesen Aufsäzen sprach. Auch die Regierung wurde ans die Artikel aufmerksam und die„Rheinische Zeitung" hatte schwere Verfolgungen zu bestehen. Dem jungen Marx wurde es bald in Deutschland zu enge und er begab sich nach Paris, wo er mit Arnold Rüge und Heinrich Heine befreundet wurde. Er beteiligte sich mit diesen an literarischen Unter- nehmungen(deutsch-französischc Jahrbücher zc.), wurde aber im Jahre 1845 mit einem Ausweisungsbefehl seitens der französischen Regierung bedacht. Von Paris ging Marx nach Brüssel. Um diese Zeit erschien auch seine Streitschrift gegen Proudhon, welcher leztere eine„Philosophie des Elends" herausgegeben hatte und dem Marx nun mit einem beißenden„Elend der Philosophie" antwortete. 1848 kehrte Marx, der auch in Belgien von politischen und behörd- lichen Verfolgungen keineswegs verschont geblieben war, nach Deutsch- land zurück und ließ sich in Köln nieder, wo er mit einer Anzahl von gleichgesinnten jungen Männern die„Neue Rheinische Zeitung" heraus- gab. Dieses Blatt, zu dessen Mitarbeitern u. a. Friedrich Engels, Ferdinand Freiligrath, Schapper, Rittinghausen und Dronke zählten, nannte sich„Organ der Demokratie", stand aber durch seinen äzend scharfen Inhalt im Gegensaz zu allen andern Parteien. Die Angriffe der„Neuen Rheinischen Zeitung" gegen die Regierungen und das Frankfutter Parlament(auch gegen die Linke desselben) erregten viel Aussehen. Die Regierung ließ daS Blatt verfolgen, doch ohne etwas zu erreichen. Als im Mai 1849 über Köln der Belagerungszustand verhängt wurde, verbot ein Gouvernementsbefehl die„Neue Rheinische Zeitung". Marx, dessen Stellung nunmehr unhaltbar geworden war, verließ Deutschland, um in Paris seinen Aufenthalt zu nehmen. Von dort abermals ausgewiesen, ging er nach London, wo er zunächst wieder seinen nationalökonomischen Studien oblag. Bald daraus erschien auch seine Schrift:„Der 18. Brumaire Louis Napoleon Bonapattes", in So siand sie lange, das liebliche Bild der sonnigen Land- schaft betrachtend. „Es ist alles so, wie im Traume," Hub sie an,„das gol- deue Kornfeld auf der einen Seite, dort der düstere Föhren- ivald, der Himmel blau und so herrlich darüber in rosigem Scheine die Wolken, das freundliche Sonnenlicht über die ganze Landschaft ausgegossen, und— dort, Jenny! und dort, gütiger Gott— meine beiden Knaben!"—— Nach wenigen Tagen begab sich Frau Lindsay mit deu Wiedergefundenen nach New-Jork und kehrte nach Beendigung des Krieges zu ihren Verwandten nach Schottland zurück. In der frischen Luft des Hochlands kräftigte sich die zarte Gesund- heit des kleinen August mehr und mehr, und damit verschwand auch bei dem Knaben die geheimnisvolle Gabe des„zweiten Gesichts." welcher Napoleon und sein Streben nach der Alleinherrschaft einer äußerst bitteren Kritik unterzogen wurden. Als erste Frucht der nationalökonomischen Arbeiten von Marx erschien 1859 ein Buch, betitelt:„Zur Kritik der politischen Oekonomie", das namentlich in den Kreisen der Nationalökononien von Fach ein bedeutendes Aufsehen erregte. Dies Werk enthält eine Menge neuer und scharfsinniger Forschungen und mußte umsomehr das öffentliche Interesse auf sich lenken, als es mit Geist und Kühnheit dem Her- gebrachten in der Nationalökonomie den Krieg erklärte und ganz neue Bahnen, namentlich inbezug auf eine neue Wertteorie, einschlug. Von diesem Moment an datirt der große Einfluß von Karl Marx auf die Entwicklung der neueren Nationalökonomie. Während man den Politiker Marx ans allen Seiten bekämpste, gab es nur sehr wenige, die es unternahmen, die Richtigkeit seiner Forschungen und die Be- deutung der von ihm aufgestellten Grundsäze nnzuzweiseln. Fast unbewußt, kann man sagen, folgte die moderne Nationalökonomie den Bahnen, die ihr Marx vorgezeichnet hatte, und heutzutage steht seine Autorität unbestritten da. Es geht häusig so, daß eine Anschauung sich innerlich durchbricht, während sie äußerlich bekämpft ivird. Der wissenschaftliche Ruf von Karl Marx stieg noch höher, als der erste Band seines Hauptwerkes:„Das Kapital, Kritik der politischen Oekonomie," erschien. Dies Werk, das im Jahre 1867 in Hamburg herauskam, machte noch weit mehr Aussehen, als die früher angeführte sozialökonomische Schrift. Die Forschungen von Marx über die Ent- stehung der Werte waren hier weit mehr ausgedehnt und mit einem großartigen Material belegt; außer den eigentlichen wissenschaftlichen Forschungen enthält das Werk eine in ihrer Art einzige Sammlung von Tatsachen über die Entivicklung der englischen Arbeiter- und Fabrik- gesezgebung und über die Zustände in der englischen Arbeiterwelt über- Haupt. Man erfuhr zum erstenmal in zusammenhängender Darstellung, wie sich die wirtschaftlich- sozialen Verhältnisse Englands in so eigen- ' tümlicher Weise entwickeln konnten. Wenn Marx durch seine politische Tätigkeit sich auch zu einem der „bestgehaßten" Männer machte, so blieb doch seine wissenschaftliche Be- deutung auf gleicher Höhe. Seine Forschungen sezte er unermüdlich fort. Der zweite Band seines Hauptwerkes:„Das Kapital," das ur- sprünglich aus 3 Bände angelegt war, erschien indessen nicht, trozdem er oft angekündigt wurde. Marx war ein sehr gründlicher Arbeiter und pflegte das von ihm Geschriebene umzuarbeiten, so oft sich ihm andere Gesichtspunkte eröffneten. Dieser Umstand sowie eine mit dem Alter zunehmende Kränklichkeit haben verhindert, daß eine Fortsezung des großen Werkes erschienen ist, ein Verlust für die sozialökonomischen Wissenschaften, den man nur im höchsten Grade bedauern kann. Die persönlichen Verhältnisse von Karl Marx waren keine glänzenden, namentlich als in seinen lczten Jahren seine Kränklichkeit überhand nahm. Lange Jahre war er Mitarbeiter der New- Uorker Tribüne; später mußte er diese Arbeit aufgeben. Marx war sehr glücklich ver- heiratet mit Jenny von Westphalen, der Schwester des bekannten Reaktionsministers, einer liebenswürdigen, hingebenden und mutigen Frau, die alle Stürme seines Lebens tapser mit ihn, bestanden hat. Sie starb vor ihm, und der Verlust der treuen Gefährtin, sotvie einer seiner drei Töchter, drückte Marx in seiner lezten Lebenszeit so sehr' nieder, daß die Aussicht auf eine Erholung immer mehr schwand. Am 14. März ist Karl Marx zu London gestorben. Marx war eine durchaus liebenswürdige Persönlichkeit und im Umgang keineswegs„gallig", wie man aus seinen Schttften hat schließen wollen. Dabei war er ein musterhafter Gatte und Vater. Was man in allen Kreisen über seine politischen und sozialen Anschauungen auch denken mag— die Achtung und Anerkennung hat diesem großen Geiste voll Fleiß und Schaffenskraft an seinem Grabe sein Jahrhundert nicht versagt. 396 Tie Ausgrabungen aus dem Forum Romanum in Rom.(Jllustra- tion s. S. 373.) Was in unseren Städten der Marktplaz ist, das war den alten Römern ihr Forum. Fast jede Stadt hatte ihr Forum, das die Gestalt eines länglichen Vierecks hatte und teils zum Berkehr, teils zu öffentlichen Verhandlungen diente. Die Stadt Rom hatte mehrere Fora, unter denen das älteste und größte das Forum Romanum war, der Mittelpunkt deS römischen Lebens, die erinnerungsreichste und be- deutendste Stelle der antiken Welt. Es zog sich nordwestlich vom Fuße des palnlinischen Hügels als ein längliches nach Osten sich verjüngendes Rechteck. Schon Tarquinius Priskus(der fünfte unter den sieben Königen Roms) ließ nach Livius um dasselbe Hallen anlegen, zwischen denen dann Kausleute ihre Buden und Gewölbe(tuberöse), besonders die Wechsler ihre Wechselbuden oder Tische(argeutariue oder mensae) aufschlugen. Im Laufe der Zeit wurde es mit einer Menge von Pracht- bauten umgeben. Auf dem Forum befanden sich außerdem verschiedene kleinere Altäre, alte Denkmäler, zahlreiche Statuen, namentlich in der Umgebung der Rednerbübne. Aus dem Comitium(dem zur Abhaltung der Volksversammlungen bestimmten Teil des Forums) war das Tribunal, die erhöhte Bühne, aus welcher der Prätor zu Gericht saß. Durch diese und andere Bauten wurde der Raum beträchtlich eingeengt, weshalb es bei den hier abgehaltenen Volksversammlungen oft eng genug zu- gegangen sein mag, wie auch bei den öffentlichen Spielen, welche, ab- gesehen von den Zirkusspielen, bis aus die Kaiserzeit auf dem Forum abgehalten zu werden pflegten. Hier brachte auch der vornehme Römer eine bestimmte Zeit des Tages(vor Tische» zu, um Geld- oder Rechts- geschäste abzumachen, an den gerichtlichen Verhandlungen teilzunehmen, Neuigkeiten zu hören u. dgl. Aber auch der gemeine Römer fand sich da ein, um sich von den Vornehmen um seine Stimme angehen zu lassen, besonders aber um den müßigen Zuschauer abzugeben, nament- lich gegen Abend, wo Wahrsager und andere Gaukler ihr Wesen trieben. Mit dem Verfall der Republik brachen ganz besonders über diesen Plaz die Verwüstungen herein, welche die Völkerivanderung mit sich brachte; das Forum wurde früh vom Schutt der zerstörten Gebäude zugedeckt, fand aber eben dadurch einen freilich traurigen Schuz vor weiterer Zerstörung und eine Möglichkeit einstigen Wiedererstehens. Die Schuttmasse erreichte allmälich eine Höhe von 8— 9 Meter. Alte und neue Gebäude standen wirr durcheinander: was frei blieb wurde zu einem Viehplaz, dem campo vacchino, der den ganzen Tag erfüllt war von den mit Heu, Stroh u. f. f. beladenen Karren der zur Stadt fahrenden Bauern und Hirten mit ihren zerlnmpten Jacken und spizen Hüten und nicht widertönte vom Getöse einer Volksversammlung, son- dern vom leidenschaftlichen Geschrei der Moraspieler(mora ital. gerade oder ungerade). Jezt ist der Plaz gesäubert, der aus Lavablöcken und Travertinplatten bestehende Boden ist wieder aufgedeckt: anstatt des campo vacchino lautet die Inschrift zwischen dem kapitolischen und palatinischen Hügel„Foro Romano''. Eine systematische Ausgrabung begann am Ende des vorigen Jahrhunderts seit der französischen Okkupation. Auch mehrere Päbste zeigten ein lebhaftes Interesse. Im Jahre 1848 wurde die julische Basilika(Basiliken nannte man die großen mit doppelten Säulengängen— Hallen— gezierten Prachtgebände am Forum, die zu Gerichtssiznngen und Geschäste» der Kaufleute bestimmt waren) aufgedeckt. Eine bedeutungsvolle Epoche dieser Arbeile» datirt vom Jahre 1870, von der Anncktirung Roms an Italien, seit welcher Zeit viel erreicht worden ist. Schaut man jezt vom Kapitol ans südwärts, so beherrscht man, wie einst in antiker Zeit, die ganze Fülle der auf engem Raum zusammengedrängten welthistorischen Monumente, mit ihrer malerischen Begrenzung durch die dunkelbelaubten Höben des Palatins zur Rechten, die Ruinenmaffe der Konstantinbasilika zur Linken und das gewaltige Rund des Kolosseums im Hintergrund, über welches die blauen Albanerberge herübergrüßen. Vor ungefähr einem halben Jahre ist mit der Wegräumung eines Straßendamms begonnen worden, welcher den vollen Genuß der ans unserer Abbildung dar- gestellten nördlichen, an bedeutenden und malerischen Bnuresten beson- ders reichen Forumpartie beeinträchtigte. Hier stehen am Fuße des kapitolinischen Bergs der marmorne Portikus der Zwölfgötter, der Tempel des Vespasinn mit seinen drei erhaltenen Säulen und der nur im Unterbau noch vorhandene Konkordiatempel, vor dem lezteren der Triumphbogen des Septimius Severus und vor dem Vespastantempel der noch acht mächtige Gra»itsäulen besizendc Tempel des Satum. Zwischen diesen heiligen Gebäuden windet sich die Via Sakra(heilige Straße) nach dem Kapitol empor. St. „Ueberfall" und„Kinderquadrille".(Zu den Bildern aus Seite 377 und 381.) Albert Hendschel, einer der hervorragendsten Genre- maler der Gegenwart, ist am 9. Juli 1834 in Frankfurt a. M. geboren. Seine ersten Genrebilder, romantischen Inhalts, hatten nur mäßigen Erfolg, wie:„der Wirtin Töchterlcin" nach Uhland,„der Geiger von Gmünd" nach Just. Kerner,„Aschenbrödel,"„der zer- brochene Krug" und die Aquarelle zu„Göz von Berlichingen". Einen beispiellosen Erfolg hatte dagegen sein durch die Wahrheit der Em- pfindung, karaktervolle Gestalten und schlagenden Humor ansgezeich- »etes, im Laufe der Jahre gesammeltes und photographisch vcrviel- sältigtes Skizzenbuch(1872-1873), Szenen ans dem Stuben- und Straßenleben, besonders der Kinderwelt. Auf gleicher Höhe steht sein neuestes Werk:„Lose Blätter", dem unsere beiden Bilder ein- nommen sind und welches eines gleichen Erfolges sicher sein darf. Pfäffleins Zechgedanken. In Reimen von Semper Notnagel. fZu dem Bilde S 389.) Als unser Herrgott die Reben gemacht, Was hat er dabei zu erstreben gedacht?-—— Ich denke: er sah all die Rot und Qual, Die uns plagt im irdischen Jammertal, lind wie>vir in unscrm Denken und Handeln Gar selten die Pfade der Tugend wandeln. Da dacht er: Es haben die Eidentoien Längst an den Himmel den Glauben verloren, Sie wären glücklich, gut und gescheit, So sie sicher der himmlischen Seligkeit. FlugS sandt er vom Aetertrone her Der Sonnenstrahlen unzähliges Heer, Ans daß sie der Reben Schaft nnd Saft Erfüllten mit zaubrischer Götterkraft. Die haben ihres Amtes gewaltet, Und so hat sich alles herrlich gestaltet: Fühlt einer im irdischen Jammertal. Anjezo zu arg des Lebens Qual, So schlürft er im Wein Erlösung ein; Denn der Herrgott gab uns den funkelnden Becher Als GlaubenScrwecker und Sorgenbrecher; Er will,— daß wir von Nöten enthoben leben, Im Wein etv'ger Seligkeit— Proben geben. Rebus. Auflöjung des Rebus in Rr. 14: Nichts ist nachteiliger als Unentschiedenheit. Dr. Illustration.)— Rebus.— Redaktionskorrespondenz. „.Kinderquadrille". Mannichsaltiges.— Gemcinnüziges. Jsttdjt, Wc Scstenunam Lgeßumt auWbl! Lü Tie Frpedition der„Reuen Welt". ______________ tcc vrpeoinon der„Reuen Wer». Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart Redaktion: Nene«Ansteige 23._ Expedition Ludwigstraß. 26 ieTs� Druck und Verlag von I. H. W. Tic(; in Stuttgart.