Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint alle 14 Tage in Heften ä 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Postämter zu beziehen. Vom Wculms der HrKenntni Von I. I c» d e ck. (9. Fortsezimg.) ÜlI-3 Richard allein war, warf er sich mit einem Seufzer oer Erleichterung auf das Copha. Es war ihm lieb, daß die Freunde gegangen waren. So sehr er an ihren Umgang ge- ttöhnt war; wie fröhliche Genosse» er auch in guten Stunden 011 ihnen hatte— es war kein einziger unter ihnen, der seinem Hrrzcn nahe stand. Ja. wenn Burghardt hier gewesen wäre. Ihm hätte er all' die böse», unfreundlichen Gedanken und Jorgen beichten mögen, die ihn beschäftigten und quälten. Er Mitte ihm vielleicht raten, vielleicht helfen können, oder wenn mcs nicht anging, ihm etwas von seinem eigenen uucrschntter- lachen Gleichmut mitgeteilt. Aber er hatte den Vielbeschäftigten "'cht zu Hanse getroffen, als er ihn heilt aufgesucht hatte, und tvar zu ungeduldig, zu unruhig gewesen, um seine Heimkehr �bzutvartcn. Die anderen— sie hätten ihn aller Wahrscheinlichkeit M'ch ausgelacht, wenn sie gewußt hätten, daß es nicht einmal fem eigenes Schicksal war. eigene trübe Erfahrungen, die ihm v"s Herz beschwerten; daß es nur daS Schicksal eines Mäd- chc»s. eines fremden Mädchens war. das ihn verstimmte. Es ivarcn nur wenige Tage verflossen, seitdem er Hedwig leztenmal gesehen hatte. Tas leztcmal au jenem Abende. sie ihm ihre Liebe riickhaltslos zu erkennen gegeben und zugleich von ihm Abschied genommen hatte, als wäre nun alles Zwischen ihnen, unwiderruflich ans. Er hatte sie nicht wuder- Ifhcn wollen, das arme, opfcrmutige Mädchen. Wozu sollten tw führen, diese ewige» Aufregungen, dieses Kommen und wehen, ohne Ziveck. ohne Ziel, an dem niemand Freude empfand welches die Wunde immer von neuem wieder ausriß und y Trennungsweh nur verschärfte? Er wollte sie nicht wieder- dhc», wenigstens fürs erste nicht; es sei denn, daß fic cin- °"dcr Freudigeres mitzuteilen hatten. Aber daß es so kommen oniie. daran glaubte er selbst nicht.. Ihm wurde ganz weich ums Herz, al? seine Restexionc» °n diesen, Punkte angelangt waren, über den er nicht hinweg n»te. Er sah das Bild seinen Ncincn Freundin vor sich, wie f* s'ch ihm in jener schwülen Sommernacht, da sie an scmem �rnic den Heimweg zurücklegte, unauslöschlich eingeprägt>a e. jFfw zierliches Profil mit de» weichen, kindlichen Formen nnd dunkel» Flechten um den kleineii. abgerundcteii Kopf. Wie sie kannl ein Wort über ihre Lippen hatte bringen können und nicht gewagt hatte ihn anzusehen, der klopfenden Herzens neben ihr hcrschritt und ihr feines, rundes Handgelenk umspannt hielt, so sicher und fest, als wisse er bereits, daß sie ihn liebe»nd nicht die Kraft haben werde, den Liebkosungen zu widerstehen, mit welchen er ivenige Minuten später sie an sich gezogen und ihre Lippen geküßt hatte, wieder und immer wieder, in aufflammender Leidenschaft. Er sah ihr liebes, ernsthaftes Gesicht vor sich, wie cS sich über ihn geneigt hatte; ein schüchternes Lächeln auf den Lippen— der Blick der dunkeln Augen bei aller Hingebung so ernst und unschuldsvoll, daß er, einem dunkeln Gefühl folgend, hinauSgestürmt war in die nächtige Einsamkeit und stundenlang umherirrte, um das heiße Blut zu kühlen, das ungestüm in seinen Schläfen pochte. Wie hatte er sich auf das Wiedersehe» gefreut! Ihm war, als habe ihr Jrcundschaftsbund erst jezt die rechte Weihe empfangen; als seien sie nun, durch das Geheimnis, daß sie miteinander teilten und um welches niemand außer ihnen wußte, so eng verbunden, daß nichts mehr im Leben sie trennen könne? Ob er sie liebte? Er wußte es selbst nicht. Es war ja auch glcichgiltig. Der Augenblick war so schön— wie durchtränkt von dem süßen, auniutsvollcn Zauber ivcltvcrgessener Romantik. Er gab sich diesem Zauber hin mit der ganzen Empfänglichkeit seiner entu- siastischeu Natur. Es wäre ihm als eine Torheit erschienen, der Zukunft zu gedenken, wo die Gegenwart sein Empfinden so voll und ganz in Anspruch nahm und seine glühenden Lippen wie im Rausche den Schaum des Lebens schlürften. Und nun war sie die Braut eines anderen und alles war zu Ende— kaum daß es begonnen. Er fuhr sich mit beiden Händen zornig durch das braune, lockige Haar und schritt erregt im Zimmer aus und nieder. Er hätte dem Verhaßten ihren Besiz streitig machen mögen— sie ihm abtrozen wollen, die nur widerwillig in dem leidenschaftlichen Schmerze um den Tod des Vaters die Seine geworden war. Aber sie selbst hatte es so gewollt und er— er mußte sich ihrem Willen fügen, obschon der Schmerz über ihren Verlust, der Zorn und Ingrimm gegen den Vcr- haßten, welcher niedrig genug dachte, ihre Kindesliebe zu seinem Vorteil auszubeuten, seine Leidenschaft jäh auflodern machie. Während er so in Hellem Zorn durch dos Zimmer schritt, klopfte es an die Tiir, ganz leise und schüchtern, als habe der kommende eine Ahnung, wie unwillkommen jede Störung dem Inhaber des Zimmers in diesem Augenblicke war. Richard ging ärgerlich zur Tür. Am liebsten hätte er sich verleugnen mögen. Er war nicht in der Laune, einen liebenswürdigen Gesellschafter abzugeben und nahm sich vor, den Störenfried so unfreundlich zu empfangen, daß diesem die Lust vergehen würde, seinen unerwünschten Besuch lange auszudehnen. Als er aber die Tür öffnete, fuhr er erstaunt zurück. Auf der Schwelle stand Hedwig, das feine Gesicht von der Äältc rosig angehaucht; crhizt und atemlos, als sei sie die drei Treppen, die zu der Wohnung ihres jungen Freundes führten, eilig hinaufgcftürmt, ohne sich einen Augenblick Ruhe zu gönnen. Sie streckte Richard beide Hände entgegen und lachte ihn au, so hell und fröhlich, daß er nicht wußte, was er davon denken solle. Dabei strahlten ihre Augen vor Glückseligkeit. Er zog sie in das Zimmer und schloß die Tür hinter ihr. Dann nahm er den Schleier von ihrem Gesicht, und sah sie an, ohne ein Wort zu sprechen; als fürchte er, durch ein Wort den Zauber zu brechen, der sie hierhergeführt hatte. Denn daß es ein Zauber war, daß die Lebhaftigkeit, die Dringlichkeit, mit welcher er sie herbeigesehnt, sie hergeführt— davon war er in diesem Augenblicke atemlosen Staunens fest überzeugt. Sie stand noch immer vor ihm, ihre Hände in den seinen. Dann machte sie ihre Rechte frei und fuhr sich damit über Stirn und Augen, als wolle sie die Befangenheit verscheuchen, die sich nun, wie sie dem Schweigenden gegenüberstand, über ihr strahlendes Gesicht gelegt hatte und immer unverkennbarer wurde, je länger das Schweigen andauerte. „Sie sind erstaunt, mich hier zu sehen, Richard," sagte sie endlich.„Ich selbst— es hat mich mit Macht zu Ihne» gc- trieben, um Ihnen zu sagen, wie anders alles gekommen ist, als wir beide vor wenigen Tagen noch dachten. Wir waren alle in einem Irrtum befangen— nein, nicht alle, die anderen wußten darum— nur ich und Tora sollten nichts erfahren. Es war ein häßliches, ein unwürdiges Beginnen— ich darf nicht daran zurückdenken. Mein Opfer ist ganz unnötig— Papas Hinterlassenschaft reicht hin, seine Gläubiger zu bcfrie- digen, all' seinen Verpflichtungen zu genügen. Ich selbst bin ganz arm, ich muß von nun an selbst für mich sorgen. Aber »venu Sie wüßten, wie glücklich mich das macht. Ich sehne mich recht danach, meine Kraft zu brauchen, auf eigenen Füßen zu stehen. Ich gehöre fortan nur mir selbst an; niemand hat das Recht, von mir etwas zu fordern— mich irre zu machen an mir selbst." Ihre Stimme hatte anfangs schüchtern und beklommen ge- klungcn, als begreife sie selbst kaum, woher sie den Mut ge- nommen habe, zu ihm zu kommen, der ihr noch immer schweigend gegenüberstand und sie unverwandt ansah. Dann hatte sie all- mählig ihre Befangenheit überwunden. Ihre Stimme wurde fester und als sie jczt schloß und mit leuchtenden Augen zu ihm aufsah, klang es wie Heller Jubel aus ihren Worten. Er zog sie neben sich auf das Sopha und hielt sie in seinen Armen und küßte ihr Mund und Augen im Uebermaß der Freude und des Glücks. Sic machte sich sanft von ihm los. „Ich habe noch so vieles mit Ihnen zu besprechen," sagte sie weich.„Ich bin nicht nur zu Ihnen gekommen, um Ihnen zu sagen, was mir Freudiges widerfahren ist. Ich bedarf Ihres Rates und Ihrer Hilfe, Richard. Ich habe ja außer Tora niemanden auf der Welt als Sie, und Tora— sie ist so gut und klug, aber sie kann sich nicht loslösen aus den Vorurteilen ihres Standes und hält es noch immer für ein Unglück und eine Schande, wenn ein Mädchen mit ihrer Hände Arbeit für seinen Unterhalt sorgen muß. Und ich habe den festen Willen, dies zu tun, obgleich es mir sehr leid tut, daß Tora nicht denkt wie ich und mich durchaus von meinem Vorhaben abbringen will." „Tora hat so Unrecht nicht, Hedwig," warf Richard ein. „Glauben Sie, ich würde es zulassen, daß Ihre lieben, kleinen Hände sich abarbeiteten und Sie Ihre schönen Augen verderben sollten in mühsamer Arbeit um das tägliche Brot? Sie müssen es sich schon gefallen lafleu, daß wir für Sic sorgen, Tora und ich.— Was ist Ihnen, Kind," unterbrach er sich, als sie sich mit einer heftigen Bewegung von ihm losriß und sich erhob. „Sind Sie mir böse?" „Nein," antwortete sie hastig.„Ich bin Ihnen nicht böse. Es tut mir nur weh, daß Sie— Sie mich so wenig kennen und so zu mir sprechen konnten. Wenn ich gewußt hätte—" Sie brach plözlich ab. Ihre Stimme hatte bei den lezten Worten bedenllich geschwankt. Er sah befremdet ans sie nieder. „Warum wollen Sie mich Plözlich verlassen," fragte er. „Ist es möglich, daß meine harmlosen Worte Sie verlezt haben?"— Ihre Lippen bebten.„Scheint Ihnen dies so unmöglich," sagte sie bitter.„Ich, ich bin Ihnen gegenüber stets wahr und offen gewesen und habe kein Hehl daraus gemacht, wie lieb ich Sie habe. Und Sie-— Sie achten mich so gering, daß Sie mir anzubieten wagen, für mich zu sorgen, mir mit klingender Münze meine Küsse und— meine Liebe zahlen zu wollen!"— Sic hielt einen Augenblick inne.„Ich kam hierher ohne Ucberlegung, ohne zu wissen, was ich tat," fuhr sie dann schneller fort.—„Ich war so glücklich über meine wieder- gewonnene Freiheit und glaubte, auch Sie würden teilnehmen an meinem Glück; Sie, der Sie die Welt besser kennen als ich, würden mir rate», wohin ich mich nun wenden könne, wo ich Arbeit finden würde, ehrliche Arbeit. Und nun— o, es ist abscheulich! Nie hätte ich den Fuß über diese Schwelle gesezt, wenn ich geahnt hätte, welche Demütigung meiner hier wartet."— Mit einer ungeduldigen Bewegung zog Richard die Widerstrebende neben sich auf das Sopha. „Hedwig, liebe Hedwig," rief er halb lachend, halb ärger- lieh,„besinnen Sie Sich. Wie können Sie, die Sie mich zu lieben vorgeben, einen so unwürdigen Verdacht fassen gegen mich, der ich doch nichts getan habe, um ihn zu verdiene». Sie fühlen sich von mir gekränkt— bei meiner Ehre, ich wollte Ihnen nicht wehe tun, wollte Ihren Stolz nicht beleidigen. Sie müssen ja selbst einsehen, Kind, wie Unrecht Sic mir tun. Ist es unerhört, daß ein Mann dem Weibe, daß er liebt, die Demütigungen ersparen will, die ihrer auf dem dornigen Pfade der Arbeit um das tägliche Brod warten? Daß er alle Mühe und Arbeit mit Freuden auf sich nimmt und eine stolze Genug- tuung empfindet, wenn er das geliebte Mädchen sicher und ge- borgen weiß in seinem Schnze? Und wenn es Ihrem Stolze widerstrebt, mir zu Tank verpflichtet zu sein; wen» Sie darauf beharren, mit Ihrer Hände Arbeit für sich zu sorgen: habe ich darum die bösen Worte verdient und den häßlichen Argwohn, der Ihnen nie in den Sinn gekommen wäre, wenn Sie mich wirklich lieb gehabt hätten, wie ich an Sie glaube, trvz alledem!" Sie schlang den Arm um seinen Hals und legte ihr Köpfchen an seine Brust. „Verzeihen Sie mir, Richard," sagte sie leise.„Ich habe so Trauriges erfahren in der lezten Zeit, so Unwürdiges mit angesehen, daß ich darüber an allem ine geworden bin."— Er faßte ihre» Kops mit beiden Händen und sah ihr tief und glühend in die Augen. „Tu darfst nicht an mir zweifeln, mein süßes Mädchen," flüsterte er ihr schmeichelnd ins Ohr.„Tn bist nun mein. Es war nicht klug von dir, daß du hierherkamst in die Höhle des Löwen und ihn in sorglosem Leichtsinn am Barte gezupft. Nun hast du nur eine Knechtschaft mit der anderen vertauscht. Und der Vogel, der sich frei zu sein dünkte und sich, trozigen Sinnes, seiner Ungebnndcnheit rühmte, ist nun in meiner Hand und kann die kleinen Schwingen nicht mehr nach Herzenslust be- wegen, wenn ich es nicht will." „Aber sei ohne Furcht, mein Mädchen. Tu sollst es nicht bereuen, mir deine Freiheit geopfert zu habe». Ich will es dir ins Ohr sagen, ganz leise— die Wände haben Ohren. und ich müßte mich ja schämen, wenn ein anderer es erführe — in Wahrheit bin ich dein Gefangener nnd dn bist meine kleine Königin, die ihr Fiißchen ans den Nacken ihres Sklaven sezcn kann, ohne daß er auch nur den Versuch machen würde, es von sich abzuschütteln." „Warum aber bist du so still, mein Liebling? Hast du mir doch noch nicht einmal gesagt, ob du meine süße kleine Braut werden willst oder ob dir deine Freiheit lieber ist als ich?" Sie sah ihn an, der vor ihr auf den Knieen lag nnd die Arme um ihren Leib geschlungen hatte. „Ist es denn auch wahr, Richard," fragte sie schüchtern, als könne sie kaum glauben, daß sie, die ihr Leben schon vcr- loren gegeben, nun plözlich so namenlos glücklich sein solle. „Liebst du mich wirklich? Es ist mir wie ein Traum und ich— sei mir nicht böse, Geliebter— aber ich fürchte mich. Es ist zu schön und ich— ich bin es nicht gewohnt, glücklich zu sein und fürchte niich vor dem Erwachen." Xl. Es war Frühling geworden, wirklicher, leibhaftiger Frühling voller Licht nnd Glanz und Wärme, nicht nur ein grün angestrichener Winter, wie der boshafteste und zugleich liebcns- würdigste aller Spötter unseren nordischen Frühling in einer Anwandlung übler Laune schilt. Neues Leben strömte durch die Adern der verjüngten Natur. Ter traumhafte Zauber unbc- rührter Jugendkraft zitterte wie ein durchsichtiger Schleier auf ihren schönen Gliedern. Ueberall, aus Wald und Feld, von den schlanken Grashalmen, auf denen die Tautropfen glänzten und zitterten bis zu den fröhlichen Sängern, die sich in den Lüften wiegten nnd ihr unscheinbares Gefieder im Sonnenschein spreizten, lachte das vollste, seligste Behagen; eine Fülle von Lebenslust und srischeni, fröhlichem Selbstgefühl, daß es kaum glaublich schien inmitten der Schönheit dieser Welt, in alleni Glanz und Zauber der erwachenden Natur einem trauernden Menschenantliz zu begegnen. Und doch Ivaren um diese herrliche, farbenprächtige Früh- jahrszcit trübe Tage hereingebrochen über unser schönes, Unglück- liches Vaterland. Ein armseliger, verkommener, an Körper und Geist zerrütteter Mensch hatte ein Verbrechen begangen; ein anderer war ihm nachgefolgt in unseligem Größemvahn— ein Kranker, in dessen überreiztem Hirn ein hervstratischcr Ehrgeiz wühlte. Nun schlugen die Leidenschaften wild und fesscllos zu- sammen über dem Haupte unseres unglücklichen Vaterlandes und übertönten mit heiserem Schrei die Stimme der Vernunft und Menschlichkeit, die warnend und beschwörend, ein einsamer Rufer im Streit, durch den tollen Hexensabbat ertönte. Burghardt war durch diese Vorkommnisse unsanft aus seineni jungen Glück aufgestört worden. Wie hätte der warm und lief Empfindende sich der tiefen Niedergeschlagenheit erwehren sollen. mit welcher diese Entfesselung aller bösen Leidenschaften jeden Ruhigdenkcndcn erfüllen mußte! Er war sehr glücklich in seiner jungen Ehe. Mit jedem Tage erkannte er klarer und deutlicher, welchen Schaz an Reinheit und Herzensgüte er an seinem jungen Weibe besaß. Er hatte, seitdem er die Frauen kannte, eine sehr geringe Meinung von ihrer heutigen Turchschuittsbildnng gehabt. Die einseitige ästetischc Erziehung, die ihnen zuteil wird, welche gar nicht den Anspruch darauf erhebt, ihren Karakter zu entwickeln, ihrem Geiste die Kraft und Festigkeit zu geben. um den Stürmen des Lebens die nötige Elastizität entgegen- zusezen; die rein mechanischen Kenntnisse und Fertigkeiten, mit denen solch ein unglückseliger Weiberkopf angefüllt wird, ohne daß man es versuchte, seine Selbsttätigkeit anzuregen: hatten ihm immer ein mitleidiges Lächeln abgenötigt. Nun, wo er bei seinem jnngen Weibe gewahr wurde, wie sie bei aller Ein- sachhcit, troz ihrer höchst' mangelhaften Kenntnisse, die regste Anteilnahme an seinen Arbeiten an den Tag legte und pch die Mühe nicht verdrießen ließ, ihm in seinen Gedanken zu folgen, auch wo es ihr nicht leicht wurde, schien es fast, als sei die Erziehung der Frauen gebildeter Stände geflissentlich daraus angelegt, ihr Denkvermögen zu schwächen und ihnen jede selbst- ständige Tätigkeit zu verleiden. Er halte sich niemals so glücklich gefühlt als nun, wenn er in den wenigen Stunden, die seine angestrengte Tätigkeit ihm ließ, neben seinem Weibe saß und ihr von seinen Arbeiten und Plänen sprach und im Stillen immer wieder ihr liebevolles Eingehen auf seine Gedanken, ihren sicheren Takt und den glück- lichen Instinkt, mit welchem sie sich auf dem ihr durchaus fremden und unbekannten Gcistcsgebicte zurechtfand, bewunderte. Und Lisbcth? Sie hing an ihren« Manne mit einer Liebe, die »u groß, zu selbstlos ivar, als daß sie ihr in Worten hätte Ausdruck geben können; mit einer Liebe, die in ihrer schüch- ternen Demut sehr rührend ivar. Sic war sich in ihrer Bc- scheidenhcit des Zaubers ihrer Erscheinung gar nicht bewußt. Ihre trüben Lcbensschicksalc hatten ihr alles Selbstgefühl gc- raubt. Nun berührte es sie immer von neuem wie ein Wunder, daß Burghardt sie liebte. Sic tvar glücklich, wenn sie ihn heiter sah und quälte sich niit bitteren.Selbstvonvürsen, wenn eine Wolke auf seiner hohen, freien Stirnc lag. Er hatte manchen verwunderten Blick hinnehmen müssen, mehr als ein spöttisches Wort zu hören bekommen, als seine Verlobung nnd kurze Zeit darauf seine Verheiratung bekannt gemacht wurde. Er hatte dessen nicht geachtet. Wußte er doch vorher, daß es so kommen würbe. Und er war stark genug, sich über das Achselzucken der Welt hinwegzusezen und sich sein Glück dadurch nicht stören zu lassen. Er liebte seine Frau und «vnßtc wie leicht in den meisten Fällen das Urteil der Welt wiegt. So hatte er sich auch lachend darüber hinwcggcsezt, als manch Einer unter seinen Bekannten, der vordem eifrig seinei« Verkehr gesucht hatte, ihn seit seiner Verheiratung sichtlich inied und ihn nicht zu kennen schien, wenn er ihm nun an der Seite seiner Frau begegnete. Ihm war das so gleichgiltig, daß er kein Wort darüber verloren Hütte, wäre er nicht gewahr worden, daß Lisbeth unter dieser Zurücksezung litt. Sie wurde bleich und still. Sie machte sich Vorwürfe, daß sie es sei, die Burg- Hardt in eine so schiefe Stellung hineingedrängt habe und schüttelte traurig den Kopf, ivcnn er sie darüber beruhigen wollte. Sie wollte es ihm nicht glauben, daß diese Beweise von Nichtachtung ihn so Ivcnig berührten und klagte sich um so bitterer an, je mehr er darauf bedacht ivar, alles Unangenehnie von ihr fen« zu halten. Er hatte sich allmählig fast ganz von der Gesellschaft zurückgezogen. Er bedurfte ihrer jczt weniger als je. Der innige Verkehr mit seiner Frau entschädigte ihn reichlich für die Einbuße der gesellschaftlichen Freuden, die er dadurch erlitt. Und seine Freunde, die wenigen, mit denen zu verkehren ihm Bedürfnis war, suchten sein Haus nicht«veniger häusig auf, seitdem die junge Frau dort ihren Einzug gehalten und durch ihr Schönheit und die ihr eigene stille Anmut den vordein etwas düsteren Junggescllenräunien eine erhöhte An- zichungskraft verlieh. So hätten alle Vorurteile der Welt dem Glücke der beiden Liebenden nichts anhaben können, wenn nicht Lisbcth mit dem ihr eigentümlichen überaus reizbaren Zartgefühl jeden kalten, spöttischen Blick schmerzlich empfunden hätte. Sticht um ihret- willen, wohl aber um ihres Mannes wegen, zu welchem sie mit einer an Andacht grenzenden Verehrung aufsah. Sic hatte ihn heimlich im Verdacht, daß auch er unter diesen Blicken litt und nur uin sie zu schonen, eine Ruhe und Gleichgiltigkcit heuchelte,' von der er innerlich weit entfernt war. Als dann in den lezten Wochen die öffentlichen Angelegenheiten Burghardt mehr und mehr beschäftigten und verstimmten, glaubte Lisbcth in ihrer Temuth, daß nicht zum kleinsten Teile sie selbst die Schuld trage an der gedrückten, inenschenfcindlichcn Stimmung ihres Mannes. Er hatte, da er sie liebte, die Folgen seines leiden- schaftlichen Schrittes unterschäzt und erkannte nun von Tag zu Tag deutlicher, wie sehr man es ihm verarge, daß er sie und nicht ein unbescholtenes Mädchen zu seinem Weibe gewählt habe. Und in ihren« Schmerze darüber, daß sie dieses Unheil über den geliebten Mann heraufbeschworen, der zu gut, zu edel ivar,. um sie seine unüberlegte Handlungsweise entgelten zu lassen und sie nach wie vor seiner Liebe versicherte, ivar sie oft nahe daran, einen verztveifeltcn Schritt zu tun. Mit dem Scharfblick der Liebe erkannte Burghardt, wie sehr seine Frau unter diesen Einbildungen litt. Er tat, was in seinen Kräften stand, ihr den törichten Wahn zu nehmen, mit welchem sie sich selbst zu nahe trat. Im Scherz und Ernst versuchte er, sie von der Torheit ihres Verdachtes zu über- zeugen. Er schalt sie um ihres Kleinmuts willen; er wurde sogar zornig, als sie seine Versicherungen schweigend aufnahm, mit Tränen in den Augen, ein ungläubiges Lächeln ans den Lippen. Sie schmiegte sich an ihn und sah ihn mit einem Blicke schüchterner Demut und leidenschaftlicher Hingebung an, daß er im Innersten erschüttert, in seinen zornigen Worten iune hielt und das arme gequälte Weib in seine Anne schloß. Sie lächelte ihn unter Tränen an. Sic war sehr glücklich in diesem Augenblicke, wo die unseligen Zweifel in ihrer Brust verstummten und glaubte es ihm, ach, so gern, daß er sie mehr liebe als sein Leben und nie zuvor so glücklich gewesen sei wie in den wenigen Monaten, da sie als sein guter Engel in seinem Hanse waltete. Und kaum war er von ihr gegangen, so war ihr zu Mute, als seien all' die guten zärtlichen Worte, die er ihr soeben gesagt hatte, nur Lüge gewesen, eine fromme Lüge, die ihm das Mitleid eingegeben habe, und sie fühlte sich elender als zuvor und zürnte sich selbst, daß sie diesen besten und edelsten aller Männer unglücklich mache. Sie sprach ihm nie wieder von ihrer Furcht, von den trüben Vorstellungen, die sie unaufhörlich folterten. Wenn er zugegen war, verstummten alle Zweifel. Sie lebte nur in seinem Lächeln und bemühte sich, heiter und ruhig zu scheinen um seinetwillen. Im Stillen ge- wannen die trüben Gedanken und Befürchtungen immer mehr Raum in ihrem Innern, sc mehr sie bemüht war, ihrem Manne ihren Seelenznstaud zu verheimlichen. Er hätte ihr gern Helsen wollen. Ihn täuschte sie nicht mit ihrer Ruhe und ihrer Heiter- keit. Er sah, wie sie mit jedem Tage bleicher und stiller wurde und wie sie sich Gewalt antat, um ihm gefaßt entgegenzutreten. Er hatte vorhergesehen, daß sie mit ihrem Zartgefühl, mit ihrer gesteigerten Empfindsamkeit zu leiden haben würde unter der Härte und Lieblosigkeit der Welt und konnte doch nichts tun, um es zu ändern. Tie Zeit, hoffte er heimlich, würde Lis- beths überreizte Empfindungen beschwichtigen und ihr das Selbstgefühl wiedergebe», das ihre traurigen Erfahrungen ihr geraubt hatten. Und wenn noch ein Zweifel in ihrer Seele zurückbleiben sollte, so würde ein Blick in die unschuldigen Augen ihres Kindes, des Kindes, das sie unter dem Herzen trug, genügen, um den lezten Ziest von Furcht und Schwermut ans ihrem Herzen zu verbannen. Tie einzige unter ihren neuen Bekannten, der die junge Frau sich näher angeschlossen hatte und mit tvclcher sie rück- haltlos von allem sprach, was sie beschäftigte und quälte, war Hedwig. Tie beiden Frauen waren verwandte Naturen. Sie hatten dies auch bald herausgefühlt und sich sehr liebgewonnen. Hedwig war die einzige, der es gelang, die Unruhe der jungen Frau zu zerstreuen und ihre Schwermut durch den gednnken- Vollen Ernst und die freundschaftliche Teilnahme, mit welchen sie die Scheingründe der Aufgeregten entkräftete, zu bannen. Aber das junge Mädchen war selbst zu sehr von ihren eigenen Angelegenheiten und Sorgen in Anspruch genommen, um sich ausschließlich der Freundin widmen zu können. Sie lebte für sich in einem Stllbchen, dessen bescheidene Einrichtung gewaltig von dem Luxus und der Eleganz abstach, welche sie in ihrem Vaterhause umgeben hatten. Sie empfand diese Entbchrnng nicht sonderlich tief und fühlte sich sehr wohl in dem kleinen Stübchcn, dessen Miete sie von ihrer Hände Arbeit bestritt. Sie hatte durch Burghardts Vermittlung eine Beschäftigung gefunden, der sie Lust und Liebe entgegenbrachte und welche ihr die Mittel bot, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen— Malereien auf Holz und Ton; Arbeiten, die sie früher als einen Zeitvertreib für müßige Stunden betrieben hatte und für welche sie ein nicht gewöhnliches Talent besaß. Allerdings hatte sie es sich nicht träumen lassen, daß sie diese Kunstübungen einmal anders als zu ihrem Vergnügen treiben würde. Sie hatte eine ' Menge kleiner Talente, an deren Ausübung sie früher nur mit Widerwillen gegangen war, da ihr in ihrer Ernsthaftigkeit der Gedanke unerträglich war, in allen Künsten zu dilcttiren und in keiner etwas rechtes zu leisten. Nun, wo sie durch diese Arbeit auf eigene Füße zu stehen kam, freute sie sich ihrer Kunstfertigkeit. Und mit einem Ausluge stolzen Selbstgefühls sah sie aus die zierlichen Sächelchcn, auf welche ihre geschickte Hand die färben- und formcnschönsten Blumen und Früchte zauberte, so leicht und mühelos, daß es eine Freude war, ihr zuzusehen. Sic mußte sehr fleißig sein, um ans eigenen Füßen zu stehen und fremder Hilfe entraten zu können; so fleißig, daß ihr nur tvcnig Zeit blieb, ihrer jungen Liebe zu leben. Richard hatte seine ganze Beredsamkeit aufgeboten, um ihren Entschluß wankend zu machen. Er hatte ihr hoch und heilig versichert, daß es ihn sehr stolz und glücklich machen würde, wenn sie ihm das Recht einräumte, für sie zu sorgen. Sic hatte lachend den Kopf geschüttelt. Das glaube sie wohl, hatte sie ihm gcant- wortct. Sie glaube gern, daß es seinem Stolze und seiner Eitelkeit schmeicheln würde, wenn sie nichts besseres verlangte, als von ihm abzuhängen im Guten und Bösen. Sie könne es sich auch denken, daß es sehr hübsch sein müsse, für einen Menschen, den man lieb habe, zu sorgen und zu arbeiten. Aber für diesen Menschen selbst sei der Gedanke sehr beschämend, von einem andern abzuhängen, auch wenn der andere ihn diese Abhängigkeit nie und nimmer fühlen lasse. Es sei ein nieder- drückendes Gefühl, das einem alles Selbstgefühl raube und mit der Zeit auch das schönste und innigste Verhältnis umgestalten müsse. Sie wenigstens könne sich nicht denke», daß sie je glücklich wäre, wenn ein anderer für sie arbeitete und ihr nichts zu tun bliebe, als alle Güte und Liebe hinzunehmen als etwas Selbstverständliches. Sie freue sich der eigenen Kraft und denke nicht daran, das stolze Bewußtsein, dem geliebten Manne als eine Glcichstrcbcndc, sich ihrer Kraft voll Bewußte cntgegenzn- treten, aufzugeben um eines törichten Vorurteils willen. Er müsse darum nicht glauben, daß sie ihn weniger liebe. Aber die Schwäche, und Hilflosigkeit, welche die meisten Männer an den Frauen lieben und bewundern, habe ihr immer einen großen Widerwillen eingeflößt. Er wisse ja. daß sie nicht sei wie die andern, und ihren eigenen Weg gehen müsse. Und nun solle er nicht weiter in sie dringen und nicht ein so böses Gesicht machen, das ihn gar nicht kleide. Dabei hatte sie ihre Arme um seinen Hals geschlungen und ihn so schelmisch und zugleich so unwiderstehlich bittend und schmeichelnd angesehen, daß ihm nichts übrig blieb, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Mußte er ihr doch im Stillen recht geben! Es hätte seiner Eitelkeit sehr geschmeichelt, wenn das stolze Mädchen, das jedes Opfer zurückwies und trozigcn Sinnes ihre Unabhängigkeit behauptete, ihm zuliebe ihren Stolz und ihre Freiheitsliebe«benvundcn hätte. Denn obschon sie nun, seit jener Stunde, welche die beiden so eng verbunden hatte, nicht mehr ängstlich bemüht war, ihm zu vcr- hehlen, wie sehr sie ihn liebte und wie sie mit aller Schwär- merei und Innigkeit der Jugend seine ganze hübsche, übermütige Person in einer Verklärung erblickte, welche sie nachsichtig machte gegen seine zahlreichen Fehler und Schwächen, so konnte er doch ihr gegenüber das Gefühl nicht los werden, als sei das ernst- hafte Mädchen, das ihn so sehr liebte, ihm bei weitem über- legen. Und es war nur natürlich, daß dieses Bewußtsein ihrer Ucbcrlcgcnheit ihm sehr unbequem>var und seine Eitelkeit tiefer verlezte, als er sich selbst eingestehen mochte. Sie hatte davon keine Ahnung. Sie liebte ihn noch immer mit derselben leidenschaftlichen Innigkeit, welche an jenem Abende, da er mit dem ersten Kuß ans ihre Lippen ihre schlummernde Seele geweckt hatte, ihr junges Herz erfüllte. Eine heimliche Scheu hielt sie immer wieder zurück, ihm zu zeigen, wie sehr sie ihn liebte. Ihr war, als müsse sie alle Gewalt über sich selbst verlieren, wenn sich einmal die ganze Größe ihrer Leiden- schaft vor seinen erstaunten Blicken enthüllt haben würde. Aber troz aller Schüchternheit und Zurückhaltung war sie sich bewußt, daß diese Liebe so eng mit ihrem Leben verwachsen war, daß 125 sie kaum begriff, wie sie su lange ohne dieselbe hatte leben köniicii. Uebcrall, wo sie ging und stand, in der Einsamkeit, während ihre geschickte Hand die Farben mischte oder während sie in angestrengter geistiger Arbeit über die Rätsel des Lebens nachsann und Trost und Belehrung schöpfte ans den Gedanken, mit welchen ernste Denker sich über diese ewigen, qualvollen Rätsel hinweggeholfen, im Verkehr mit andern, im Gespräch Über die gleichgiltigsten Dinge der Welt: in jedem Augenblicke war sie sich dieses Gefühls der Zusammengehörigkeit mit dem Geliebten bewußt. Und dieses Bewußtsein gab ihr eine Ruhe und Glückseligkeit, die ihre Augen höher glänzen machten und die Rosen wieder blühen ließen ans ihrem bleichen, abgehärniten Gcsichtchcn. (Forts, folgt.) I. D. H. T c m m c. Heinrich Heine bezeichnet die Westfalen als„sentimentale Eichen", und lvcnn es je einen Westfalen gegeben hat, ans den diese Bezeichnung zutraf, so ist es der alte Temnie gewesen, der Mann mit dem unbeugsamen Gercch- tigkeitsgefiihl, der un- tvandclbarcn Gcsin- nungslauterkcit und dem weiche», poetischen Gemüt. Und das ist es auch, was ihm bei allen Gutgc. sinnten ein ehrendes Andenken hinterlassen hat. Dreifach war das Wirken dieses selbst- losen und fleißigen Mannes; als Jurist, als kvnstitutionell-de- mokratischer Politiker und als geschickter und fruchtbarer Novellist hat er seinem Ramcn Ruhm und Ansehen verschafft. Mail darf dieses Leben voll stiir- mischcr Ereignisse und voll enlster Arbeit nicht in den engen Nahmen vorgefaßter Anschauungen zwän- gen wollen; wir haben es hier mit einem aus- richtigen Streben für das Wohl der Gc- sammtheit zu tun, dessen Reinheit für den Vorurteilslosen immer ungetrübt blci- bcn wird. Die Jugend?em- »>cs schien durchaus angelegt, ihm ein gc- sichertes und ruhiges Dasein verschaffen zu sollen und ues; nichts von den stürmischen Zwischenfällen ahnen, die ihn später heimsuchen sollten. Geboren 1798 zu Lette in Westfalen, machte er die gewöhnlichen Vorschulen zum akademischen Studium dnlch, das er 1811 in Münster begann. Er stndirte daselbst und in Göttingcn Jurisprudenz, wurde Auskultator und Assessor beim �bcrlandesgcricht in Paderborn, und besuchte al» Erzieher eine'.' Prinzen von Benthcim-Tccklcnburg noch mehrere llnivcrsitäteu,. worauf er sich dann ganz seiner Bcamtcnkarriere widmete. Sic führte ihn weit umher, von Westfalen nach Litauen, von da »ach der Mark Brandenburg und nach Pommern, dann nach Berlin, dann nach Ostpreußen, dann wieder nach Berlin und von da nach Westfalen zurück. Wäre Temmc ein einfacher preußischer Burcaukrat gewesen, so wäre er in hoher Stellung, mit Orden bedeckt und init reichlicher Pension verschen, in seinen alten Tagen au? dem �lenslc Z. D. H. Tcmme. geschieden. Allein Temmc>var eben kein Burcaukrat, sondern ein wahrhaft freisinniger Mann, der in seiner Jugend die demokratische Atmosphäre der Freiheitskriege gegen Napoleon eingeatmet hatte und der in den trüben Zei- tcn Metternichschcr und bundestägiger Reaktion mit dvppcl- tcr Treue und Energie für das eintrat, was er einmal für richtig erkannt hatte. Im Anfange der vierziger Jahre regte es sich allerwärts gc- gen das bnrcankra- tisch-absolutistische Regiment und auch in Preußen kam bald ein reges politischesLeben in Fluß, hauptsächlich angeregt durch Johann Jacobys„VicrFragcn eines Ostpreußen". Temmc machte aus seinen Gesinnungen kein Hehl und wurde dadurch bei der Re- giernng so mißliebig, daß man ihn, der schon 1839 zweiter Dirck- tor des berliner Kri- minalgerichts gewor- den war, 1841 zum Stadt- und Landes- gerichtsdirektorinTil- sit machte. Diese Vcr- sezung in eine kleine und ferne Stadt kam allerdings einerStrafe gleich. Aber wie es immer zu geschehen pflegt, so wuchs aus dieser Zuriicksezung dem Manne die Sympatic des Volkes. Ohnehin hatte sich Temmc in der wissenschaftlichen Welt durch eine Anzahl gediegener juristischer Arbeiten, bei den größeren Volksmasscn durch verschiedene, sehr gut anfgenoniniene Romane und Novellen einen bekannten und geachteten Namen gemacht. Als das Jahr 1818 mit seinen Stürmen hereinbrach und die Rc- gierungen dem Volkswillcn nachgaben, glaubte daher die preu- ßische Regierung dem Volke einen Beweis ihrer Freisinnigkeit und Aufrichtigkeit zu geben, indem sie Temmc als Staats- anmalt nach Berlin berief. Aber diese Stellung vertrug sich nicht lange mit der politischen Haltung Tcmmes und er wurde noch in demselben Jahre zuni Direktor des Oberlandesgcrichts in Münster ernannt. Inzwischen aber wurde Temme mitten in den Strudel der sich überstürzenden Ereignisse hineingedrängt. Der Kreis Ragnit in Litauen, Ivo er früher Kreisjustizrat gewesen war, wählte ________ 42« ihn in die berliner preußische Nationalversammlung, welche bekanntlich die Aufgabe hatte, mit dem Könige eine Verfassung zu vereinbaren. Temme, Waldeck und Johann Jacoby waren in dieser Versammlung die Hauptführer der Linken. Wie die preußische Nationalversammlung verlief, ist bekannt; es gelang nicht, eine Verfassung zu vereinbaren, als die Ver- sammlnng dieser Verfassung einen konstitutionell-demokratischen Karakter gab. Am W. November vertagte das Ministerium die Versammlung mit der Einladung, sich später in Brandenburg zusammenzufinden. Die Versammlung erklärte sich darauf für permanent. Aber es wurde über Berlin der Belagerungszustand verhängt, Wrangel zog mit 15000 Mann ein und vertrieb die Versammlung aus ihrem Sizungslokal, dem Schanspielhausr. Wo sich die Abgeordneten zusammenfanden, wurden sie vom Militär vertrieben und gelangten gerade noch zu dem bekannten Steuerverweigernngsbeschlusse, che sie ganz auseinandergejagt wurden. An allen diesen Ereignissen nahm Temme einen hervorragenden Anteil. Er befand sich auch bei jener Zusammcnknnst, in welcher die Führer der Linken mit dem Kommandanten der Bürgcrwehr, dem unlängst verstorbenen Major Rümpler, be- rieten, ob man den, General Wrangel mit Waffengewalt Wider- stand leisten sollte. Teninie war für passiven Widerstand und seine Meinung drang durch. Andern Tags wurde die 20000 Mann starke Bürg erwehr entwaffnet. Gleich nach der Eröffnung in Brandenburg ward die National- Versammlung geschlossen; die Abgeordneten waren nickst länger durch ein Mandat gcschüzt und die siegreiche Reaktion stürzte sich aus die Einzelnen. Temme blieb nicht verschont. Seine Kollegen vom Obcrlandcsgcricht Münster waren so srenndlich, seine Suspension zu verlangen; die Negierung aber kam ihnen entgegen und ließ Temme unter der Anklage des Hochverrats verhaften. Allein der Bezirk Neuß wählte 1840 bei einer Ersazwahl Temme in das frankfurter Parlament und man mußte ihn freilassen. Zugleich wählte ihn sein alter Wahlkreis Ragnit in die zweite preußische Kammer von 1849, an deren Sizungen er bis zu ihrer Auflösung teilnahm. Von da ging er nach Frankfurt und nahm an den Sizungen der Nationalversammlung und des Rumpfparlaments teil. Er hatte als Konstitutioneller für Friedrich Wilhelm IV. als deutschen Kaiser gestimmt. Nachdem das Rumpfparlament in Stuttgart gesprengt worden, kehrte Temme im Bewußtsein seines guten Rechts ruhig nach Münster zurück. Allein nunmehr, nachdem er des parlamenta- rischen Schnzes verlustig gegangen, stürzte sich die Reaktion mit doppelter Wucht auf ihn. Er ward am 4. Juli 1849 verhaftet und erst am 6. April 1850 zu Münster vor Gericht gestellt. Allein auch hier behauptete er sein Recht so standhast und wußte seine Anschauungen so siegreich zu verteidigen, daß eine Frei- sprechung eintreten ninßte. Man tat nun, was man tun konnte; man eröffnete gegen de» vom Hochverrat Freigesprochenen eine Disziplinaruntersuchung und erklärte ihn seines Amtes verlustig. Temme ließ sich nicht entniutigen, übernahm die Redaltion der radikalen„Neuen Oderzeitung" in Breslau und suchte auch als Anwalt sich eine unabhängige Stellung zu verschaffen. Aber es wollte ihm nicht recht gelingen, und als er einen Ruf nach Zürich erhielt, folgte er demselben. Seine Anschauungen waren, wie bei allen konsequenten Denkern, in diesen Kämpfen cnt- schiedener geworden; deshalb mochte er sich an den Bestrebungen der Fortschrittspartei in den sechsziger Jahren nicht beteiligen, trozdcm er ein Mandat für das preußische Abgeordnetenhaus übertragen bekam. Er ging ins Ausland, wohin die Reaktion so viele glän- zcnde Geister getrieben hatte. In Zürich verlegte er sich auf die Schriftstellerei, und die„Gartenlaube" brachte aus seiner Feder eine Reihe hochinteressanter und spannender Kriminal- Novellen, zu denen ihm vielfach sein eigenes erfahrungsreiches Leben den Stoff liefern konnte. Man kann sagen, daß diese Novellen ungemein viel zum Aufschwung der„Gartenlaube" bei- getragen haben, denn Temmcs Name allein schon genügte, um überall Interesse für diese Arbeiten zu erwecken. Die meister- hafte Behandlung, die Temme seinen Stoffen angedeihen ließ, hat ihm einen dauernden und ehrenvollen Plaz in der Literaturgeschichte gesichert. Aber es ging in diesem Fall>vic so oft; der goldene Ge- Win», den diese Novellen brachten, floß zum weitaus größeren Teil in die Tasche des Verlegers. Temme wurde mit dem gewöhnlichen Honorar abgelohnt und am Abend seines Lebens sah er sich in bedrängten Verhältnissen. Troz aller Anstrengun- gen und allen Fleißes konnte der hochbetagte Mann sich nicht mehr wie er wollte ans seinen Kalamitäten herausarbeiten. Sic verfolgten ihn bis an seinen Tod, der am 14. November 1881 zu Zürich erfolgt ist. Temme war ein Karaktcr auS jener konstitutionell-demokratischen Schule, aus welcher ein Johann Jacoby, ein Waldeck, ein Franz Zieglcr hervorgingen, eine nierkwürdige Art, die auch im Talar des Richters und»im Frack des Staatsanwalts ihre demokratischen Gesinnungen nicht zu verleugnen vermochte. Diese Männer dürfen nach einer engen Parteischablonc nicht beurteilt werden. Ihre Fehler waren manchmal nicht klein, und nicht der kleinste>var der, daß sie dem papiernen Recht eine nicht vorhandene Ucberlegenheit über die materielle Macht zuschriebe». Wie hätte sonst die Nationalversammlung zu Berlin, und mit ihr Temme, Jacoby und Waldeck, beschließen können, daß der Berliner Staatsanwalt eine Anklage gegen die Regierung er- heben solle! Man mag dicS Naivetät nennen; allein der historische Beruf dieser Männer war, die Kämpfe zu bestehen, die den Uebcrgang des politischen Lebens in Preußen ans der vor- märzlichen Zeit in eine neuere Epoche bewirken sollten, und um diese Kämpfe mit Ehren zu bestehen, war das unerschütterliche Rechtsgesühl und Rcchtsbewußtsein dieser Männer erforderlich. Temme und Johann Jacoby hätten sich im Auslände vor den Verfolgungen der Reaktion sicher stellen können, allein sie taten es nicht und es liegt ein Zug antiken Mutes, römischer Ilnbengsamkeit in der Tatsache, daß sie vor den Gerichtshöfen der Reaktion freiwillig erschienen und ihre Sache dort zum Siege brachten. Ter Epigone von heute, der mit der Zeit- cntivicklung fortgeschritten ist. soll deshalb nicht geringschäzig auf diese Männer zurückblicken, deren Fehler nicht zu leugnen sind, die aber für Deutschland, resp. Preußen erst ein politisches Leben zu schaffen hatten. In jenen Stürmen auszuhaltc», war nicht leicht; noch weniger war es leicht, unter den Verfolgungen der Reaktion in der Heimat auszuhalten. Wer gerecht urteilen will, der wird sich sagen müssen, daß jene Männer vielleicht weniger Geschick, aber desto mehr Karakter gezeigt haben in der Rolle, welche das Sturmjahr ihnen zuwies, lind unter ihnen war Temme sicherlich der Besten einer. W. Blas. Zu Rassaels 40()Mrigem Geburtstag. Von Dr. Mckard Ernst. Gleich nach der Bollendung der Stanza ckella Seguatura ging Raffael an die Ausschmückung der anstoßenden Kammer, welche nach dem hervorragendsten Wandgemälde die Stanza d'Eliodoro genannt wird und in den Jahren 1311 bis 1514 vollendet wurde. Hier tritt ein scharfer Wendepunkt in seiner (Schluß.? Entwicklung hervor. Hatte er in der Stanza ckella Seguatura bic geistigen Mächte des Lebens in einem ruhigen, nur leise bewegten Zusammensein bedeutender Gestalten geschildert, so ward ihm nun eine Aufgabe geboten, die ihn mitten in das Reich des Historisch- dramatischen führte. Wie die Griechen, als sie ihre Siege über die Perser künstlerisch zu verherrlichen sich anschickten, die Ereignisse der Gegenwart sich im Spiegel des Mytos und der Sage rcflektiren ließen, so suchte auch die Raffaelsche Zeit durch Zurückgreifen in eine sagenhafte Vorzeit das, was die Gegenwart bewegte, künstlerisch zu verklären. So entstanden die vier großen Wandbilder dieses Zimmers, indem man zeitlich weit auseinander liegende Temata verband, die indes durch den gemeinsamen zu Grunde liegenden Gedanken geeint und durch die höchste künstlerische Kraft in lebendige Wirklichkeit übertragen waren. Das erste dieser Bilder, nach welchem das Zimmer seinen Namen hat, schildert nach dem zweiten Buch der Makkabäer die wunderbare Vertreibung des syrischen Feldherrn Heliodor ans dem Tempel von Jerusalem. Raffael hat in dem Heliodorbild ein Werk von dramatischer Gewalt nnd momentaner Wucht geschaffen, das im weiten Bereich der Kunst kaum seinesgleichen hat. Mit der nnmittclbare» Klarheit, wie sie nur den großen Künstlern eigen ist, wählte er gerade den Augenblick der Handlung, welcher das Vorher nnd das Nachher mit wunderbarer Prägnanz zur Er- scheinnng bringt, der eine vollkommene Ucbersicht ihres Vcr- lanses gewährt nnd zugleich den Höhepunkt der Verwicklung darstellt. Wir ahnen die vorangegangenen Szenen, wir sind Zeugen der Katastrophe nnd erhalten auch Über den Ausgang unbedingte Gewißheit.— An der benachbarten Fensterwand malte Rafsael die Messe von Bolsena. Tie Sage erzählt, daß einem deutschen Priester ans der Reise nach Rom, da er an dem Wunder der Transsubstantiation zweifelte, in Bolsena während des Meßopfers durch das Bluten der Hostie beim Brechen derselben der Zweifel genommen worden sei. Reu- mütig begab er sich dann zum Pabst, der aus Anlaß dieses Wunders das Frohnleichnamsfest stiftete. Auch ans diesem spröden Gegenstand wußte Raffael ein ivahres Wnndertvcrk der Kunst zu machen. Tas dritte Wandbild schildert Attila vor Rom, wie er durch die Vorstellung Pabst Leos I. nnd durch die wunderbare Erscheinung der beiden Apostelfürstcn bewogen wird, von Rom abzustehen. Als leztcs Bild entstand an der zweiten Fensterwand die Befreiung Petri ans dem Gefäng- nisse.— In der Wahl der Gegenstände dieses Zimmers spielten die Beziehungen auf zeitgeschichtliche Vorgänge eine große Rolle. Heliodors Züchtigung sollte an die Vertreibung der Feinde aus dem Kirchenstaat, die Messe von Bolsena an die vermeintliche Besiegnng der Irrlehren zu Anfang des 16. Jahrhunderts, Attilas Zurückiveisung an die Berjagung der Franzosen ans Italien und die Befreiung Petri an die Befreiung des Pabstes (Leo X. in dessen Pontifikat die Ausführung dieses Bildes fiel) ans den Händen der Franzosen in Mailand erinnern.— Für das Kreuzgewölbe dieses Zimmer ordnete Raffael vier Kompo- sitionen ans dem alten Testament an: Jchova, dem Noah er- scheinend. Jsaks Opferung. Jakobs Vision der Himmelsleiter und Jehova im Dornbusch. Die Sfauza d'Eliqdoro überrascht "och ganz besonders durch die vollendet gelungene Lösung schwierigster Farbenprobleme. Wie diese großartigen Werke allmälich ans den Anschauungen der slorentiner Zeit i» die größere Formgebung Hinüberwachsen, so verhält es sich auch mit den Tafelbildern der ersten römische» Jahre. Es entstand eine Reihe von Madonnen und heiligen Familien, welche zuerst sich nur wenig von den slorentinischcn unterscheiden nnd dennoch unmerklich in einen neuen Ton der Darstellung übergehen. Am meisten bleibt Raffael im Typus �er Madonnen der früheren Anffaffung treu. Es ist immer "och das sanfte, jungfräuliche Antliz mit den �.anbcnangen, das milde Oval mit dein goldblonden Haar, das kleine liebliche Mündchen wie früher. Nur die Formen werden allmälich größer "«d voller und der Gcwandwurf in seinem breiten Schwung >äßt den Einfluß des monumentalcu Stils erkennen. Auch das Christkind gleich dem Keinen Johannes gewinnt ein kräftigere-' und noch größere Lebendigkeit. Sodann weisen die landschaftlichen Hintergründe aus den Einfluß der römischen Campagna hin. Auch die Färbung dieser Bilder gewinnt all-: ""ilich einen kräftigeren Ton durch tiefe Schatten nnd eneigische, 7- Modellirnng, so daß der lichte Goldton der früheren Zeit immer mehr verschwindet. Noch einen wichtigen Zug hebt Lübke als gemeinsame Eigentümlichkeit dieser römischen Madonnen hervor. Während die slorentinischcn einen mehr weltlichen Karaktcr haben, wird in den römischen das religiöse Element weihevoller Andacht wehr betont, ohne jedoch dem allgemein Menschlichen Abbruch zu tun. Bielmehr wird dasselbe zur reinsten Idealität verklärt. — Eine der reizendsten Madonnen dieser Zeit ist die„Ma- donna mit dem Diadem" im Louvre, auch Madonna mit dem Schleier genannnt. Ans weiche Tücher gebetet, schläft sanft und ruhig das Christkind, das linke Händchen in den Schoß, das rechte über den Kopf gelegt. Man kann die himmlische Unschuld des Kinderschlafs nicht schöner schildern. Leise hebt die kniecnde Mutter den Schleier von dem Kinde nnd zeigt es dem Johannesknaben, der, von der Linken der Madonna umfaßt und herangezogen, ihr zur Seite kniet und die Hände faltet. Man muß eine derartige Szene schon im Leben beobachtet haben, muß sich erquickt haben an der Schönheit des schlafenden Kindes, an dem liebevollen Stolze der Mutter, die ihr Kleinod, mit größter Behutsamkeit seinen Schlaf nicht zu stören, einem älteren Kinde zeigt, wie an dem neugierig betrachtenden Blick des lezteren, um dieses köstliche Madonnenbild recht zu verstehen und zu würdigen. Wahrend nun Raffael in den dramatisch bclvcgten Fresken in der Stanza d'Eliodoro arbeitete, übermannte ihn die Sehn- sucht nach den alten einfachen Gegenständen der Darstellung, die nichts als Wohllaut und Wonne atmen, den Künstler be- seligen und den Beschauer entzücken, die wenig zu sagen scheinen nnd doch das Tiefste bedeuten— er schuf die„Madonna della Scdia", nächst der Sixtina die herrlichste der Raffaelsche» Madonnen. Ein halbes hundert Kupferstecher und mehr haben ihre Kunst an der Madonna della Sedia, deren Besiz sich gegenwärtig die Gallerie Pitti erfreut, versucht, die Photo- graphie Tanscndc von Nachbildungen verbreitet. Kein Bild Rafsaels ist so beliebt in weiten Kreisen, kein Werk der neueren Kunst so gut bekannt. Die Madonna della Sedia drückt das innigste Zusammenleben von Mutter nnd Kind aus, preist die Freude und Seligkeit der jungen Mutter,>vic es so viele floreii' tiner Madonnen taten; nur ist die della Sedia ans den floren- tincr Formen in römische übertragen. Die Madonna sizt in einem Stuhle(sedia) nnd hält mit beiden Armen ihr Kind umfaßt, das sich eng an sie preßt, sein Köpfchen an ihre Wangen zärtlich schmiegt. Beide blicken ans dem Bilde heraus, die Mutter still beglückt, das Kind froh, im weichen Mutterschoße geborgen zu sein. Ein gestreiftes Tuch, welches turbanartig den Kopf der Madonna einhüllt nnd ein echt römischer in buntem Muster gewirkter, mit Franzen beseztcr llebcrwnrf, der Rücken nnd Schulten! bedeckt, erinnert an die Franengcstalten aus dem römischen Volke und zeigt, wie Raffael die Wirklichkeit zur höchsten Idealität zu erheben wußte. An die innig verschränkte Gruppe von Mutter nnd Kind schließt sich noch rechts der kleine Johannesknabe an, der zu dem Genossen licbevoll-andächtig emporblickt. Tic hohe Vollendung des Bildes wird durch nichts so anschaulich gemacht wie durch die Sage, welche sich an das selbe knüpft. Raffael, wird erzählt, sah eines Tages im vati- kanischcn Hofe eine Bäuerin mit ihrem Kinde im Arme sizen. Entzückt von der ivimderbarcn Schönheit des Weibes griff er nach dem ersten besten flachen Gegenstand, der sich ihm darbot, um Stellung und Züge zu fixiren. Das ivar zufällig der Boden eines Fasses nnd so kam unwillkürlich die Rnndform heraus, in welche die della Sedia sich zeigt. Die Einordnung aller Gestalten in den Rainen eines Kreises erschien so nnge- sucht, die Führung der Umrisse in leisen Krümmungen so wenig gezwungen, daß man meinte, nur der Zufall zeige so glückliche Inspirationen. Eine Variante dieser herrlichen Komposition ist die„Madonna della Tcnda" in der Pinakotek zu München. Im Ausgang dieser Epoche schuf Raffael noch eines seiner herrlichsten?lltarbilder, die heilige Cäcilia in Bologna. Die h. Cäcilia ist die Patronin der kirchlichen Musik, nnd man kann den niannigfachen Eindruck der Musik auf die verschiedenen Gemütcr nicht köstlicher zur Erscheinung bringen, als es aus dem Bilde geschieht, das die schönste Huldigung ist, welche der jl Genius der Malerei der in der Renaissancezeit hochverehrten Schwesterkunst der Töne zu widmen vcrniochte. Von den Bildnissen dieser Zeit erwähnen wir das weibliche Bildnis der Gallerie Barbariiii in Rom, welche als„ F o r- narina"(siehe Jllustr. S. 409) bekannt ist und als Porträt der Geliebten Rasfacls gilb Wir wissen durch Vasari, das; der große Meister in Rom ein Mädchen liebte, angeblich eine schöne Bäckerin, welche sich ihm zu eigen gab und bis au seinen Tod in seinem Hause lebte. Sie ist eine der mächtigen plastischen Gestalten römischer Frauenwelt, deren Büste der Künstler unver- hüllt gemalt hat, nur der Unterleib ist mit einem rötlichen Schleier leicht verhüllt. Ein goldener Reis umspannt die Haare, ein turbanartiges,'gelbgestreiftes Tuch bedeckt den Kopf. Mit der einen Hand zieht sie den Schleier zum Busen empor, die andere fällt lässig i» den Schoß. Der koloristische Gcgensaz des glühend gemalten Fleisches mit dem Lorbeergebüsch ist von prächtiger Wirkung. Mit dem Tode Julius II.(1513) schloß eine wichtige Epoche nicht blos für Raffael, sondern für das ganze römische Kultur- leben. Jener gewaltige Pabst hatte mit genialem Blick die be- deutendsten Künstler seiner Zeit herbeigerufen und ihnen die größten Aufgaben gestellt. Nicht in gleichem Maße förderte der noch junge Medizeer, der als Leo X. den päbstlichen Tron bestieg, die Kunst. Wohl brachte er von den Traditionen seines Hauses die Pflege der Wissenschaft. Literatur und Kunst mit, wohl bluten auch unter ihm am päbstlichen Hofe alle jene geistigen Interessen, in deren Pflege die Renaissanceknltur gipfelt und oberflächlich betrachtet konnte es scheinen, als ob erst jezt das äugustäische Zeitalter für jene Epoche beginne. Allein in Wahrheit war es nur ein bequemer Genußmensch und Lebemann, der das Erbe des von hohen Plänen und Zielen erfüllten Julius antrat. In den Vergnügungen seines Hofes wechselten mit den edleren Genüssen der Poesie und Musik Späße von Possenreißern, Mummenschanz aller Art, Pferde- rennen und Stiergefechte, bei welchen nicht selten mehrere Men- scheu tot auf dem Plaze blieben. Indessen auch den bildenden Künstlern lvar der lebenslustige Medizeer zugetan, und wenn allerdings die großen Arbeiten Bramantes und Wichel Angclos von ihm eher durchkreuzt als gefördert wurden, so fiel dagegen auf Raffael der ungemiudcrte Glanz päbstlichcr Huld. Nicht als Aialcr allein, auch als Architekt besaß Raffael des Pabstes höchstes Vertrauen. Auf Bramantes Empfehlung wurde er nach dessen Tode mit der Oberleitung des Baues von St. Peter be- auftragt. Daß Raffael auch sonst als Architekt einen hervor- ragenden Rang einnahm, erkennen wir nicht blos auf den Herr- lichen architektonischen Hintergründen seiner Bilder, sondern auch aus einer Anzahl von Palästen, die nach seinen Angaben aus- geführt wurden. Noch weiter zog ihn der Pabst in die umfassendsten Unternehmungen hinein, als er ihm 1515 die Aufsicht über alle Ausgrabungen in und bei Rom übertrug. Immer mehr trat seine Gestalt in den Vordergrund und so nmfaffeud wie einst zu Pcrikles' Zeiten Phidias die attische Kunst be- herrscht hatte, so universell stand Raffael im Mittelpunkt des römischen Kunstlebens und so mannigfach und vielseitig wurden seine Kräfte in Anspruch genommen, daß das in den lezten sieben Jahren seines Lebens Geschaffene die aufs Höchste ge- steigerte Kraft eines Einzelnen zu übersteigen scheint und daß der Schriftsteller es hier besonders schmerzlich empfindet, daß er die zu gleicher Zeit nebeneinander durchgeführten groß- artigen Unternehmungen mir in schwerfälligem Nacheinander zu schildern vermag. Beginnen wir mit dem dritten Zimmer des Vatikans, das Stanza dell Incendio heißt, nach dem vorzüglichsten der darin enthaltenen Gemälde, dem Brand im Borgo oder Burgbrand. Es bezieht sich auf ein Ereignis aus der Regierungszeit Leos IV., der einen im päbstlichen Viertel ausgebrochencn Brand durch das Zeichen des Kreuzes gelöscht haben soll. Besonders beach- i tenswert ist, daß Raffael sid) in dem Bilde von den Schranken historischer Kostümirnng befreit und mit Vorliebe nackte Gestalten oder solche in rein idealer Gewandung verwendet hat. Hierin wie in dem mächtigen Mark der Gestalten, den kühnen Be- wegnngen und Verkürzungen erkennt man einen durchgreifenden Einfluß Michel Angelos; doch bleibt dabei der große Meister sich selber treu und weiß der Energie des heroischen Stils seine eigenste Anmut zu vermählen. Dasselbe ist der Fall beim zweiten Bilde: der Sieg bei Ostia, gleichfalls ein Ereignis aus der Regierungszeit Leos IV. An den Küsten Italiens erschienen sarazenische Seeräuber, überall plündernd und ver- heerend. Im Jahre 849 blokirten sie mit ihrer Flotte den Hafen von Ostia und bedrohten Rom. Da sandte Leo seine schnell zusammengerafften Truppen ihnen entgegen, die in einer Seeschlacht an der Mündung der Tiber einen glänzenden Sieg davontrugen. Die beiden andern Bilder, bei deren Ausführung durchweg die Hand der Schüler herrscht, stehen an Wert er- heblich hinter jenen zurück. Ungleich höher steht die eigene Beteiligung Rafsacls bei einem anderen Monumentalwerk, welches er im Auftrage des kunstsinnigen Agostino Chigi in 8t. Maria della Pace ausführte. Es sind vier Sibyllen(die cumäische, die persische, die phrygische und die tiburtinische), mit welchen er den Raum über einer Arkade geschmückt hat und zwischen denen er löst- liche Engclknaben anbrachte. Raffael, der sich hier wieder als der große Meister der Ranmesausfiilliiiig zeigt, hat vielleicht nirgends so wie hier im Wetteifer mit Michel Angela so be- stimmt und zugleich so herrlich sein künstlerisches Glaubens- bekenntnis abgelegt. Denn anstatt der unnahbaren Hoheit der Sibyllen der Sixtina(von Michel Angela) entzückt uns hier die ganze liebenswürdige Rasfaelsche Anmut, und obivohl auch diese Gestalten von schwungvoller Begeisterung erfüllt sind, so bleiben sie uns doch durch die milde Schönheit der Köpfe, die ent- zückende Anmut der Gewänder und den Adel der Bewegung menschlich nahe. Im Auftrage Leo X. leitete Raffael ferner die Ans- schmückung der Loggien in dem von Bramantc begonneneu ersten Hofe des Vatikan. Tie Loggien umfassen dreizehn Arkade», jede mit einer flachen Kuppel überwölbt. Raffael teilte den Kuppelranm der einzelnen Arkaden in vier Felder und nialte (bezw. ließ durck) seine Schüler malen) in jedem derselben in- mitten eines reichen ornamentalen Rahmens von größter Mannig- faltigkeit eine biblisthe Geschichte. Diese 52 Darstellungen aus dem alten(48) und neuen(4) Testamente werden getvöhnlick) als die Bibel Raffaels bezeichnet. Mit Vorliebe haben spätere Kupferstecher diese heiteren Bilder einer idyllisch poetischen Welt nad)gebildet, sie zum Gemeingut aller Kunstfreunde" er- hoben und selbst in tiefere Volkskrcise eindringen lassen. Eine weitere umfassende Arbeit waren die Kartons zu zehn(bezw. elf) Teppichen(Tapeten), welche Raffael im Auf trag Leos X. entwarf(1515 bis 1516). Nach seiner Zeichnung wurden sie in Flandern gelvebt und zur Wandbekleidung in der sixtinischen Kapelle bestimmt, so daß sie bereits am 30. Dezember 1519 die Kapelle zur höchsten Bewunderung der Zuschauer schmückten. Tie Tapeten haben durch ein Wechsel- reiches Schicksal(schon nach zwei Jahren, nach Leos X. Tod. wurden sieben durch die päbstliche Kurie gegen 500 Dukaten b" einem Pfaudverleihcr versezt, um die Kosten des Konklaves zu bestreiten u. s. w.) stark gelitten und sind in alle Welt zerstreut worden. Gegenwärtig werden sie in der Gallerie de? Vatikan bewahrt; andere Exemplare finden sich i>» Schloß zu Madrid, im Museum zu Berlin und in der Gallerie zu Dresden.(Lezterc sind ohne Anwendung von Gold gewirkt, während die andern Exemplare sich durck) reichen Zusaz von Gold für die Lichter auszeichnen). Bon den Kartons sind sieben erhalten, welche seit 1866 dem Kensington-Mu ienm in London einverleibt sind. Folgende zehn biblische Sujets sind auf den Teppichen dargestellt: Krönung Maria, Steinigung des Stephanus. Pauli Bekehrung. Fischzug Petri, Ucbcrgabe bei Schlüssel, Heilung bes Lahmen, Bestrafung bes Ananias, Bestrafung des Elymas, Opfer zu Lystra, Pauli Predigt zu Athen. Größeres und Herrlicheres als diese Werke hat Raffael nicht geschaffen. Tie Tcppichkartons, sagt Dohm, sind die Parte- nonskulpturen der neueren Kunst. In ihnen treten uns die reifsten Leistungen Raffaels wie die herrlichsten Werke der Renaissance entgegen. Ter Gedanke, daß dieselben anders er- scheinen könnten, kommt uns gar nicht in den Sinn. Aus jedem Karton leuchtet uns hell und klar ein festes Bildungsgesez ent- gegen, nach welchem der Künstler jede Gmppe, jede Gestalt entworfen hat. Doch hat er das Gcsez nicht von außen in das einzelne Bild hineingetragen, sondern jedesmal aus der Natur der Handlung und des Karakters der Hauptpersonen frei und selbständig entwickelt. Wer die Geseze des künstlerischen Schaffens erkennen will, studire die Raffaclschcn Tcppichkartons.— Wir übergehen manche andere Arbeiten und wenden uns zum Triumph der Galatea, womit der unerschöpfliche Meister den Schritt in die Göttcrwelt der Alten tat. Im Austrag des bereits er- wähnten Agostino Chigi malte Raffael in dessen Villa Farne- sina zwei große Fresken, welche die Geschichte des Polyphcm und seiner Geliebten behandelten. Ans dem einen, dem Triumph der Galatea(1515), sieht nian die schone Geliebte des Cy- klopcn auf ihrem von zwei Delphinen gezogenen Muschelwagen über die Mcercsslut dahinfahren, die herrliche Gestalt umspielt von tierischen und halbtierischen Geschöpfen der Salzflut, von Nymphen und von Liebesgöttern, die in den Lüften schweben, hinter Wolken hervorblicken oder in übermütiger Lust sich ins Meer gestürzt haben. Ein berauschender Klang gesteigerter Taseinslust weht durch das ganze Bild, das uns den Frohsinn der goldenen Renaissancezeit in vollen Zügen schildert. Das zweite Wandgemälde hat so starke Beschädigungen und lieber- malungcn erlitten, daß über Raffaels Autorschaft kaum noch zn urteilen ist. Einen umfassenderen Zyklus aus der antiken Göttersage be- handelte Raffael bald darauf in der vorderen Halle der Farne- sina, die er dadurch zu eine., der köstlichste» kunstgeweihten Räume machte. Dem Märchen von Amor und Psyche wurde dieser anmutige Raum gewidmet; die unwiderstehliche Macht der Liebe ist das Tema, welches hier geschildert wird. Die Halle, ehemals mit fünf Pfeilerarkaden gegen den Garten geöffnet, ist ein Raum von 22 Fuß Breite bei 60 Fuß Länge. Er wird von einem flachen Spiegclgewölbe bedeckt, in welches rings Stichkappen einschneiden. I» die 14 Gewölbkappcn sezte Raffael in immer neuen Variationen den Amor, der sich mit den Attri- butcn aller Götter ausgerüstet hat, um seine Allherrschast zu bewähren. Wie er sich mit dem Schild und Schwert des Mars, der Keule des Herkules, den Blizen Jupiters, der Feucrgabcl Plutos und dem Dreizack Neptuns schleppt, wie er Vulkan seinen Schmiedehammer, Apollo den Bogen und Köcher, Bacchus den Tyrsos, Pan die Rohrflöte entwendet hat. um zulezt als Sieger über Land und Meer mit einem Hippokampeu und Löwen einherzufahren, das alles hat der Künstler mit uner- schöpflicher Anmut und geistreichem Mutwillen geschildert und nebenbei wahre Meisterwerke schöner Raumausfüllungen geliefert. Die zehn Gewölbzirkcl zwischen den Stichkappen beniizte Raffael, die einzelnen Momente der Geschichte Psyches anzubringen. Diese Einzelgruppen sind das Seelenvollste und Anmutreichste, was der Geist der Renaissance auf dem Gebiet des antiken Mykos geschaffen. An der Decke endlich ließ Raffael in zwei großen Bilden,, die wie Teppiche ausgespannt sind, die Auf- »ahme der Psyche unter die Götter und das Hochzeitsgötter- mahl darstellen. Neben anderen Werken der Malerei, auf die wir nicht ein- gehen wollen, hat der Vielbeschäftigte auch einige plastische Werke entworfen; einmal die edle Statue des Propheten Jonas; sodann ein kleines Marmorwcrk, welches einen toten Knaben auf einem Delphin darstellt; endlich die herrliche in Wachs modcllirte Büste eines jungen Mädchens von echt Naffaelscher Anmut im Museum zu Lille. Ucbcrblickcn wir die Summe des von Raffael in wenigen Jahren Geleisteten, so erfaßt uns Staunen vor der Unerschöpf- lichkeit seiner Phantasie, der sicheren Gestaltungskraft, der Fülle 430- t köstlichen Lebens, der Reinheit und Anmut der Empfindung, - mit der er alles adelt, was er berührt. Und dies inmitten e eines üppigen, schwelgerischen Hofes, der sich der größten Zügel- r losigkeit hingab. Eins aber ist bei alledem zu beklagen: bei - der immer mehr steigenden Flut der Aufträge mußte er zur i, Ausführung fast aller seiner umfangreichen Werke die große - Anzahl seiner Schüler in Anspruch nehmen, wodurch eine merk- - liche Kluft entstand zwischen Komposition und Ausführung, s welche leztere manche Trübung erfuhr. Tie Vollendung eines r Kunstwerks ist eben nicht in der Idee allein bedingt, sondern d verlangt die beseelte Hand des erfindenden Meisters. Um so s wertvoller für uns, daß wir aus derselben Zeit eine Reihe r von Bildnissen besizcn, in'denen wir den Meister auch in der h geistvollen Ausführung auf der vollen Höhe kennen lerne». t Des Malers Pinsel liefert in diesen Porträts die beste Jllu- - stration zu den Berichten der Geschichtsschreiber. - Neben allen diesen Werken ist nun noch eine Reihe großer n Altartascln zn nennen, die ebenfalls den lcztcn Jahren Raffaels h angehören. Tie Krone von allen ist die sixtinische Madonna, - die Venus von Milo der Renaissance, das kostbarste Juwel der n Gallerie zu Dresden. Als die Benediktiner vom Kloster des t heiligen Sixt in Piaccnza bei Raffael eine Tafel für ihren n Hauptaltar bestellt hatten, führte er die Sixtina auf Leinwand >, aus. Bis 1753 blieb das Bild an seiner ursprünglichen Stelle, s dann wurde es durch den Maler Giovanni in Bologna für den r Kurfürsten Friedrich August II. von Sachsen erworben und nach n Dresden gebracht. 1826 erfuhr es durch den italienischen Bilder- s restaurateur Palmaidli an Ort und Stelle eine teilweise Er- Neuerung, indem er die cntstandenen Lücken mit farbigen Punkten n ausfüllte, im übrigen aber das Original nicht berührte. Später überzog man das Gemälde an der Rückseite mit neuer Lein- - wand und tränkte diese mit Kopaivbalsam, welcher, von rück- !- wärts eindringend, den völlig taub gewordenen Farben ihr ur- n sprüngliches Leben wiedergab. Um das Bild möglichst zu e schüzen, hat man es mit einer Glastafel bedeckt; um es r hoch zu ehren, wurde ihm ein besonderes Zimmer ein- geräumt. Unter allen Schöpfungen Raffaels ist dies Wun- st dcrwerk das böchste Ideal Naffaelscher Madonnen, wohl die- d jenigc, welche die größte Popularität erlangt hat. Durch zahl- s lose Nachbildiingeii, unter welchen die Stiche von Müller, ll Steinla-Büchel, Keller den ersten Rang behaupten, lebt sie im i- Bewußtsein von Tausenden. Die herrliche Gestalt der Madonna u erscheint im Vollglanz des Himmelslichtes, auf Wolken schwe- l. bcnd und von einer Schaar aus dem Aeter austauchender Engel- ll köpfchen umringt. Mächtig umwallt die großen Formen der n blaue Mantel und ein hellbrauner Schleier breitet sich vom s Kopf über die linke Schulter aus, wie von himmlischem Luft- s hauch erfüllt, in hochseicrlichem Schwünge gebläht, weil Maria d ans dem Hintergründe des Himmels heranschwebt. Der schöne > Kopf zeigt ein Antliz, auf dem sich hehre Majestät, wie sie der d Idee einer Himmelskönigin und der Mutter des Welthcilands t. entspricht, mit dem Ausdruck der Zartheit und Demut der l, Erdenjnngsrau wunderbar vereint. Man wird nicht müde, dieses i. liebliche, edle Oval des Antlizcs zu bewundern, mit dem voll aufgeschlagenen Blick, worin ein neuerer Schriftsteller eine n kunstgeschichtliche Tat ersten Ranges erblickt. Auf den Armen 'i trägt die Madonna leicht schwebend in woniiigfrcicr Lage den s- Christusknaben, der, gleichfalls die Augen voll ausschlagend, in kindlicher Grazie und Leichtigkeit, aber ohne kindische Nachlässigkeit, vielmehr mit einem Einst und einer Geistigkcit in den i- Zügen dargestellt ist, als würde das Gemüt schon jezt von e Gedanken der Erlösung des Menschengeschlechts bewegt. Zu !; ihren Füßen knien zwei herrliche Gestalten, welche mit der n außerhalb des Bildes gedachten Gemeinde in Zusammenhang s gebracht werden müssen: rechts der h. Sixtus, ein Wundenverl t malerischer Technik, in prachtvoller päbstlicher Talmatika,»m alv oberster Hirt Fürbitte einzulegen für seine Gemeinde; der n Erhörung gewiß, richtet er den Blick aufwärts, fest auf die ff himmlische Erscheinung, während ihm gegenüber die h.. Barbara !c(deren Wahrzeichen, der Turm, hinter dem Vorhang sichtbar wird) in jungfräulicher Schüchternheit den bezaubernd lieblichen jilopf wie geblendet vvm Himmelsglanz niedcrsenkt und das freudige Entzücken der Gläubigen wiederspiegelt. In Geschlecht und Alter, in Ausdruck und Bewegung einander entgegengesezt, ergänzen sie sich gegenseitig aufs beste. Die zurückgeschobenen Vorhänge, welche das Bild aus beiden Seiten begrenzen, be- wirken den Eindruck, als ob die Madonna mit dem Kinde bis- her den Augen des Beschauers verhüllt gewesen wären und erst jezt durch Oeffnnng des Vorhangs sichtbar werden, so daß die unnahbare Feierlichkeit der Erscheinung noch verstärkt wird, indem sie wie eine Bision erscheint. Unten wird die Bildfläche durch eine Leiste geschlossen, auf welcher die Tiara des Pabstes niht und auf welche zwei köstliche Engelknaben, Ideale naiver Schalkhaftigkeit, ihre Arme stüzen. Sie sind aus dem großen Engelsreigen, mit welchem der Hintergrund übersät ist, herausgetreten, um sich den Vorgang näher anzusehen und blicken mit munterer Neugierde, so recht nach Kindesart, empor. Sie losen gleichzeitig die Spannung, in welche das Patos der Haupt- gestalten den Beschauer vcrsezt. Das Werk ist auch koloristisch eine der vollendetsten Schöpfungen Raffaels. Aus dem blauen Gewände der Madonna, dem Goldbrokatmantel des Pabstes und dem grünen Kleide der h. Barbara bildet sich der Hauptakkord, in welchen alle übrigen Töne mit den feinsten Ucbergängcn hineingestimmt sind. Eine Blüte wie die sixtinische Madonna hat selbst der Raffaelsche Genius nur einmal hervorgebracht.'In der Schwester- kunst Poesie kenne ich nur ein modernes Werk, das den Geist . der Sixtina atmet: Goethes Iphigenie.— Um dieselbe Zeit, in der die Sixtina entstand(gegen 1516) malte Raffael eine Tarstellung der„Heimsuchung", welche hoch- berühmt ist wegen der Schönheit der Gestalten und der aus- drucksvollen Lebendigkeit der Komposition(Madrid). Es ist zum größeren Teil Raffaels eigenhändige Arbeit, wogegen die Mehrzahl der seit 1518 entstandenen Altarbilder größtenteils von Schülerhändcn ausgeführt ist. Dahin zählt der„Johannes der Täufer" in de» Uffizien, wovon die Gallerie zu Darm- stadt eine vorzügliche Kopie besizt. Neben diesen und ähn- lichen von Schönheit und Anmut überströmenden Werken sollte Raffael noch einmal Gelegenheit werden, sich tief in die leidcns- vollen Momente der Passion zu versenken. Dieses Tema, das der nordischen Kunst besonders am Herzen lag, war von den Meistern der Renaissance nur selten behandelt worden. Das glänzende Gcnußlcbcn am Hose Leos X. hatte wenig gemein mit dem Andenken an die Leiden Christi und selbst die christ- lichen Heiligen lebten für diese Anschauung nur im Sonnenschein des Glücks wie die antiken Götter. Als Raffael um 1516 den Auftrag annahm, für das Kloster der Olivetanermönche ju Palermo die„Krcuztragung"(Madrid) zu malen, schuf er ein Werk, das an ergreifender Tiefe des Seclenansdrucks nur von Alb recht Dürer(mit dem Raffael in freundlicher Beziehung stand und dessen Komposition er in dem Bilde benuzte) erreicht wird, während er an Adel und Schönheit den deutschen Meister weit übertrifft. Tie wunderbare Verbindung tiefsten Seelenschmcrzes in mannigfacher Abstufung mit einer Schönheit, welche selbst das tiefste Leid noch verklärt, verleiht diesem edlen Werke eine der höchsten Stellen unter den Schöpfungen der christlichen Kunst. Das lezte Bild, an welches Raffael die Hand gelegt, ist die weltberühmte„Transfiguration" oder Verklärung Christi auf Tabor in der Gallerie des Vatikans. Wir stehen am Ende des Lebens und Wirkens eines der größten Menschen und blicken mit Ehrfurcht auf einen Entwick- lungsgang zurück, wie ihn das Dasein keines andern Künstlers bietet. Nie stand er auf dem Wege still, nie ruhte er müßig auf dem Erworbenen, unablässig zu lernen und seine Formen- wclt und Technik zu vollenden, war sein Ziel und Streben; deshalb gibt es in seinem ganzen Schaffen keinen Moment, wo das Gewonnene zur konventionellen Formel erstarrte. Unermüd- lich schöpfte er aus dem ewig frischen Jungbrunnen der Natur, so daß wir von keinem anderen Meister einen solchen Reichtum von Studicnblättern aufzuweisen haben. Dazu kommt seine nicht geringe Bedeutung als Architekt und in den leztcn Lebens- jähren jener große durch Leo X. angeregte Plan einer künstlerisch- archäologischen Restauration des antiken Rom. Ein Zeitgenosse erzählt in einem Briefe, daß Raffael einen achtzigjährigen Gc- lehrten, der in großer Armut lebte, in sein Haus aufgenommen habe, damit dieser ihm den Vitruv*) ins Italienische übersezte. Nachdem der Briefsteller den Maler und Architekten Raffael aufs Höchste gepriesen und seine Herzensgüte und Liebenswürdigkeit hervorgehoben, schildert er seine Arbeiten bei der Ausgrabung und Rckonstruirung des alten Rom, durch welche er den Pabst und alle Römer so zur Bewunderung hingerissen habe, daß ihn fast alle Menschen wie einen Gott ansähen, der vom Himmel herabgeschickt sei, um die ewige Stadt in der alten Majestät wieder herzustellen. Wir begreifen leicht, daß ein zarter Organismus, wie der Raffaels, durch seine ins Unglaubliche gesteigerte Tätigkeit vor der Zeit aufgerieben werden mußte. Lästerzungen zischelten später, daß Ausschweifungen in der Liebe Raffaels Leben unter- graben hätten. Ein hiziges Fieber ergriff ihn im Frühling 1520 und brachte ihm nach acht Tagen den Tod. Er starb am Char- freitag(6. April), am selben Feiertag, an dem er vor sieben- unddreißig Jahren das Licht der Welt erblickte. *) Römischer Architekt aus der Zeit deS Kaisers Augustus, der ein Werk über die Baukunst verfaßte. Im Je Humoristische Erzähl Seit achtzehn Stunden war ich einer der glücklichsten Mcn- scheu unter der Sonne; und einer der stolzesten, selbstbewußtesten. Ich hatte auch alle Ursache dazu. Gestern Nachmittag fünf Uhr hatte das lezte Stündlem wcines philologischen Staatsexamens— Oberlehrerexamen wirds bei uns genannt— geschlagen, und ich trug als Preis meiner löblichen Leistungen die facultas docendi für Prima, zu dcut,ch: die Berechtigung, in der obersten Klasse unserer Gymnasien zu lehren, von bannen. Damit war der Gipfel meiner �.üulche erklommen, und es konnte nun— nach menschlicher Berechnung fortan im Leben nur ganz vortrefflich gehen., Bereits sah ich mich auf dem Katcder der Prima mit denk- bar würdevollster Miene— etwa so: die Mundwinkel sanft heruntergezogen, die Augen— im Nachsinnen— halb gc- schloffen, die linke Hand am Knie, während die Rechte den auf- geschlagenen Tacitus hält— dozircn, die braven Junglinge g e f e u e r. n g von W. M u ö o r f. meiner Musterklasse zu ihrem allbeliebten Direktor ehrfurchtsvoll hinauflauschcnd,— ja, gewiß, so mußte es kommen,— freilich mit den Jahren.— Gymnasialdirektor wird man nicht im Fluge, — aber man wird es, wenn man ein tüchtiger, energisch streb- samer, unermüdlich pflichtgetrener Philologe und Pädagoge ist, und das will und werde ich sein! So sprach ich zu mir selbst und stieß zur Bekräftigung dieses felsenfesten Lorsazcs meinen starken Rohrstock mit der großen schönen Elfenbeinkrücke.— ein Erbstück meines vor wenigen Jahren dahingeschiedenen Vaters— auf den Boden. „Himmeldonnerwetter. Herr, nun wird mirs aber zu arg. Das war mein Hühnerauge,— Sic soll ja gleich der Teufel holen." Erschrocken schaute ich meinem Gegenüber in das zornrote Gesicht. „Verzeihen Sie gütigst," stotterte ich verlegen,„ich hatte gewiß nicht die Absicht—" ]) Turin Iwan hei Großen in OToMau, 99,4 Vi. 2) Kaiserglockc in Moskau, 5,3 M. 3) Isaak-Satcdralc in 2t. Pcieroburg, 118,3 M. (ohne Kreuz). 4) Denkmal Peier I. in 21. Petersburg, 13,8 M. 5) Peter-Paul Katcdrale in St. Petersburg, 138,4 M. 6) Spize der Admiralität in 2L Petersburg, 61,7 M. 7) Sucharew-Turm in Moskau, 74,5 M. 8) BritanniadrüSc bei Bangor, 63 M. 9) Figur der„Freiheit" bei Ncw-Uork, 86 M. Die höchsten JlenKmöto M. 10) Hermann-Denkmal bei Detmold, 56 11) Dom zu Mailand. 109 M. 12) Rathaus zu Berlin, 88 M. 13) Sphinx bei Gizeh, 12,5 M. 14)«utab-Minar bei Delhi, 75 M. 15) Katcdralc zu Antwerpen, 123 M. 16) Triumphbogen zu Paris, 47,7 M. 17) Babaria zu München, 30,5 M. >8) Pagode zu Tschaggcrnath, 110 M. 19) Feucriäule zu London, 59 M. 20)»atcdrale zu Chartrcs, 115 M. 21) Siegessäule zu Berlin, 61,12 Di. 22) Easi River-Brücke in Rew-Aork, SO M. 23) Aquädukt bei Scgovia, 33 M. 24) Petrikirche zu Rostock, 126 M. 25) Aquädukt bei Alcantara, 69 M. 26) TrajanSsäule zu Rom, 46 M. 27) Elisabetkirchc zu Breslau, 108,03 M. itb Sauwerke der Welt %*- !11'3 w. 37) Satcdralc zu Rouni. US äK. 38) Dom zu itöln, IM M- 39) Pyramide d. Cheops,>37 M. 40) Micha cliskirche zu Hamburgs>36,5 Si. 41) SlcphanSdom zu Wien.>37 M. 42) Marlinilirche zu Landshul.>32.3 M. 43) Pctcridom zu Rom,>38,7 M. 44) Giraldakirchc zu Sevilla.>>>.3 M. 45) Maricnlirche zu Lübeck.>23.4 M. 46) Münster zu Frciburg>. B..>23 M. 47) Kirche Si. Maria di Fiorc z» Florenz.>08.2 M. 48) Tom zu Magdeburg.>03,8 M. 49) Münster zu Ulm. 82.2 M. 50) Brandenburger Tor zu Berlin. 26 M. 51) Alexanderstiule zu St. Peter- bürg, 50,2 M. 52) Jnvalidendom zu Paris.>05 M. 53) Obelisk von Luxor zu Paris, 22,5 M. 54) Turm zu Pisa, 57 M- 65) Rathaus zu Brüssel, 108 M. 56) Iulisiiule in Paris. 44 SR. 57) Panteon zu Rom. Kuppcldurchuicsscr 40.» M. 58) Hcrkulessigur bei Kassel, 98,8 M. 59) Bcndömcsiiulc in Paris, 50,2 M. 60) Notredamekirche in Paris, 65 M. 61) Gariscndaturm zu Bologna. 83 M. 62) Göltzschtal-Piadukt in Sachsen, 87,2 M. 63) LbcliS! vom Latcranplaz zu Rom, 29 M. „Das fehlte auch blas noch, daß Sie die Absicht hatten, leine Hühneraugen mit Ihrem dicken Prügel zu bearbeiten, ?err," sezte der Ergrimmte seine wutschnaubende Philippika zrt.„Aber mir ist das ganz egal, ob mir einer mit oder hne Absicht so verfluchte Schmerzen verursacht,— sehen Sie sich vor, sage ich Ihnen, und träumen Sie nicht mit offenen lugen,— es wurde mir ohnehin schoil zu toll, dieses Heruni- agiren mit den Händen und das Gesichterschneidcn dazu,— it Ihren vier Pfählen können Sie Sich ja geberden, wie Sie zollen, aber hier auf der Eisenbahn können Sie Sich doch enken, daß Sie andere Menschen— vernünftige Menschen oenigstens— mit solcher Narretei gcniren, merken Sie Sich >as!" Da hatt' ichs nun. Würdevoll wie ein Gymnasialdirektor ah ich in diesem fatalen Augenblicke ganz gewiß nicht aus. Zu meiner allergrößten Beschämung mußte ich auch noch gewahr Verden, daß die übrigen Insassen des Coupes dritter Wagen- lasse, in dem ich mich befand, meinem Rencontre mit dem >erzweifelt derben Herrn,— ein wohlhabender Bierbrauer oder öäckermeister mochte er wohl sein— ihre Aufmerksamkeit kcines- vegs versagten. Tie dicke Frau schrägüber in der Wagenecke tupfte sich mit hrem dreifach beringten Zeigefinger an die Stini,— sie hielt itich also wahrscheinlich für übergeschnappt,— das junge, recht jübsche Mädchen ihr zur Seite sah mich an und preßte sich ihr veißes Taschentuch vor den Mund, uni nicht laut aufzulachen, )er vierte der Coupegenossen endlich— wie mir schien, ein rltcr mißvergnügter Subaltcrnbcamter,— brummte vor sich hin: „So ein junger Laff'e lebt eben immer in irgend einem Wolkenkukuksheim und rennt mit der Nase Fensterscheiben ein — die Erziehung taugt nichts— aufs Praktische werden die Herrchen nicht abgerichtet——" Das alles kränkte mich gewaltig, doch was tun? Gute Miene zum bösen Spiel machen, um dem unangenehmen Zwischenfall womöglich eine einigermaßen günstige Wendung zu geben. Ich raffte mich also kräftig zusammen und sagte möglichst ruhig und würdevoll: „Ich bitte nochmals um Verzeihung. Nach den Aufregungen :ines langwierigen und schwierigen gelehrte� Examens trete ich soeben eine Erholungsreise an,— ich muß mich nun erst wieder in das praktische Leben hineinfinden, nachdem ich jahrelang aus Dm vier Wänden meiner Studirstube nicht herausgekommen bin." Meine Worte machten sichtlich keinen üblen Eindruck. Der Herr mit den Hühneraugen sagte etwas freundlicher: „Na, da sehen Sie Sich jezt also vor——" Tie dicke Dame sah mir prüfend in die Augen,— am Ende ist er doch nicht ganz verrückt, mochte sie denken. Das junge Mädchen lachte nicht und schielte nur noch zu mir herüber,— mit einigem Wohlgefallen, so schmeichelte ich mir,— nur der mißvergnügte Beamte brummte wieder: „Gelehrtes Examen— lächerlich— damit lockt man keinen Hund vom Ofen—" Ich legte mich ruhig an die hochragende hölzerne Sizlehne zurück und verhielt mich bis ans Ende der Fahrt regungslos vie eine Bildsäule, nur zu dem jungen Mädchen schielte ich zäun und wann hinüber und begegnete recht oft ihrem verstohlen sreundlichen Blicke. „Haltcplaz Gakelsdorf!" tönte die Stimme des Eisenbahn- chaffncrs, als der Zug plözlich anhielt. Das war mein nächstes Ziel. Mit höflichem Gruße an alle Mitreisenden, mit Aus- lahme des Mißvergnügten, der mich allzuschwer beleidigt hatte, tieg ich aus. Mein hühneraugengeplagtcs vis-ä-vis atmete beruhigt auf md streckte die Füße, die er bislang ängstlich unter seinen �izplaz gezogen hatte, behaglich weit von sich. Aus den Augen >es jungen Mädchens schien mir lebhaftes Bedauern zu sprechen, — und offen gestanden, mir tats auch leid, daß ich aussteigen nußte, vielleicht winkte mir ein kleines interessantes Abenteuer, — das erste, das mir begegnet wäre,— bis dato war mir lles Abenteuerliche und Außergewöhnliche und, was die Liebe anbetrifft, sogar die allergewöhnlichstc sorgfältig aus dem Wege gegangen. Wahrscheinlich lag das an mir,— wenn man die Nase immer und immer in die Bücher steckt, rauscht der Strom des Lebens an einem vorüber, ohne daß man etwas davon nierlt oder profitirt. „S'ist schon wahr," redete ich jezt wieder zu mir selbst, „troz meiner dreiundzwanzig Jahre bin ich ein Bücherwurm, der zwar gar manches gelernt, aber noch garnichts rechtes er- lebt hat." Ich warf den Tragericm meiner ziemlich umfangreichen Reisetasche über die Schulter und schritt rasch von dem kleinen Stationshäuschcn hinweg auf die Landstraße hinaus. „Das wird und muß zunächst doch etwas anders werden," sezte ich mein Selbstgespräch fort.„Ein paar Monate wollen wir jezt leben und nichts als leben, genießen und womöglich lieben auch."— Es war ein prächtiger Sommcrtag, deffen Nachmittag mich auf der nach mildem Regen ziemlich staubfreien Straße auf Wald und Gebirg zuschreiten sah. Noch etwa zweihundert Schritt— dann umfing mich duftiger Tannenwald. Ein Bach- lein sprudelte mir daraus entgegen, laute Stimmen fröhlicher Akcnschcn schlugen an mein Ohr: wenige Schritte vom Wege seitwärts im Tanucndunkel verborgen stand ein Haus— offenbar ein Wirtshaus, vor dem auf schmucklosen Holzbänken ein paar Gesellschaften von Spaziergängern saßen und schäumendem Biere munter zusprachen. Da mußte auch ich einkehren.— Rasch hintereinander trank ich zwei Glas Bier; die beiden Gesellschaften nahmen von mir keine Notiz, so zechte ich denn auf eigene Faust und ließ die Majestät des Waldes und das trauliche Plätschern des Bächleins erhebend und erheiternd auf mich einwirken. Eben griff ich nach dem Portemonnaie, um zu zahlen, da sezte die dralle Dienst- magd, ohne mich zu fragen, einen frischen Schoppen vor mich hin. Drei Glas rasch hintereinander war für mich, der ich mich studentischen Zechgelagen stets nur als ein solides jüamcel ferngehalten habe— Kameel nennen unsere Farbenstudenten alle diejenigen Kommilitonen, welche keiner Verbindung beitreten— etwas viel. Aber der Mensch denkt und die Kellnerin lenkt. Ich konnte doch unmöglich sagen:„Entschuldigen Sie, das dritte Glas vertrage ich am Ende nicht." Das wäre ja erschrecklich blamabel gewesen. Deshalb zahlte ich zwar sofort, um nicht etwa noch ein Glas ausoktroyirt zu erhalten, trank aber dann tapfer auf einen Zug das große Glas halb leer. Eine Viertelstunde später befand ich mich wieder auf dem Wege waldein. Ter Tag begann sich zu neigen,— da tat Eile not. Denn ich konnte unmöglich bei nachtschlafender Zeit in das Haus nieines alten lieben Schul- und Universitätsfreundes Heinrich von Klinger, woselbst ich außer ihm, dem ältesten Sohne der Familie, bislang keine persönlichen Bekannten halte, eindringen. Klinger hatte Jura studirt und, während ich acht Semester brauchte, um meine mannichsaltigen philologischen und pädago- zischen Studien zu einem glanzvollen Examen zu führen, schon nach sechs Semestern sein erstes Staatsexamen abgelegt. Darauf war er als Referendar in ein Landstädlchen versezt worden und wir hatten uns nicht mehr gesehen, dafür aber eifrigst mit- einander korrespoudirt. Als ich ihm schrieb, ich würde mein Examen demnächst wohl glückgekrönt hinter mir haben, lud er mich ein. auf dem Gute seines Vaters in Gemeinschaft mit ihm einen Monat der Erholung zu widmen. TaS war mir unisomehr willkommen gewesen, als ich zwar mit vielen Hoffnungen, aber nur sehr wenig Geld gesegnet war, und die Kosten einer größeren Reise oder eine» längeren Land- aufenthalt aus eigenen Mitteln nicht hätte bestreiten können. So zog ich denn nun ein in Neuendorf, fröhlich und guter Dinge, wenn auch ein klein wenig beklommen ob der II"' gewißheit, wie mich die mir unbekannte reiche und für meine bürgerlichen Begriffe vornehme Familie wohl ausnehmen würde. .1 .Dort ist's Herrschaftshaus," sagte mir ein Bauer, de» ich «ach der Wohnung der Familie von Klinger gefragt hatte, indem er mit seiner kurzen Tabakspfeife auf ein stattliches Gebäude niit grünen Jalousien und einem wohlgepflegten und geräumigen Vorgarten hinwies. Also dort! Ich schritt mutig darauf zu und läutete au der Torglocke. Ei» Fenster im Partcrregeschoß tat sich auf und zwei allerliebste Kiuderkopfe kamen zum Vorschein. .Das ist nicht die Tante Bctti," rief das eine der Kinder. .Oder ist sie's doch?" „Aber Friz," sagte das andere in belehrendem Tone,.du siehst ja, das ist ein Herr und die Tante Betti ist doch kein Herr." „Richtig," rief der kleine Friz.„Das ist ein Herr, und der kommt wahrscheinlich aus der Schule,— er hat gerade so eine Schultasche, wie Müllers Gottfried,— wenn der die dem Gottfried nur nicht etwa gestohlen hat." Ich mußte hell anflachen. „Nein, lieber Fritz,'' rief ich.„Da kannst du dich darauf verlassen, die Tasche habe ich dem Gottfried nicht gestohlen,— ich bin überhaupt kein Mensch, von dem man etwas dergleichen zu fürchten hat.— ich bin der beste Freund von Heinrich von Klinger und heiße Rudolf." „Von Heinrich,— von unscrm Heinrich ist der Herr der beste Freund,— ach, nun weiß ich—", rief das ältere der Kinder, ein blondlockiges bildhübsches Mädchen,—„da kommen Sie am Ende gar zum Besuch zu uns?" „Besuch— das wäre aber hübsch!" rief der kleine Friz, und klatschte lustig in die Hände. „So ist es," bestätigte ich, von diesem so ungewohnten Kinderempfangc herzlich belustigt..Heinrich ist doch zuhause, nicht wahr?" In diesem Momente ward auch die Haustür geöffnet und ein alter Diener sah mich forschend an. „Es ist niemand von den Herrschaften zuhause," sagte er. Das war eine verblüffende Kunde. .Ich heiße Rudolf, bin Kandidat des höhen, Lehramts und Freund des Herrn Referendar Heinrich von Klinger, der mich zu einem Besuche auf dem Gute seines Herrn Vaters, jedenfalls im Einverständnisse mit demselben eingeladen hat." „Ach, das ist etwas anderes— da treten Sie nur näher, junger Herr. Zuhause ist freilich heute weder der gnädige Herr Major"— Heinrichs Vater war Major a. D.—.»och die Gnädige und der Herr Referendar; sie sind zu einem Hoch- zcitsfcst in einer sieben Meilen entfernten Stadt, kommen aber wahrscheinlich morgen Abend schon heim." „Erst morgen Äbcnd— nun, da ist es am besten, ich bleibe folauge im Gasthause hier im Torfe." „Das wäre eine schöne Geschichte, junger Herr." entgegnete kopfschüttelnd der Diener.„Nein, nein, treten Sie nur gefälligst ei»; die Herrschaften haben Sie erwartet,— das weiß ich,— aber erst ein paar Tage später.— das tut aber garnichts,— cm Zimmer ist sogleich hergerichtet und besser, viel besser als ba unten im Wirtshause chaben Sie's bei uns immer. Indessen zeigte sich auch freundlich lächelnd das blondlockige Mädchen an der Tür und der etwa sechsjährige Friz drückte sich bei dem Diener vorbei und sprang an mich heran. „Kommen Sie nur, Herr Rudolf. Da unser großer Heinrich nicht da ist. kommen Sie zu mir zun. Besuch. Sie können mit wir Pferdchen spielen und Fangen und Räuber und Wanderer, und wenn Sie gut sind, muß Ihnen das Fräulein einen Bonbon geben." „Wenn ich das weiß, da bleibe ich freilich, lachte ich. .Mein Freund Heinrich wird wahrscheinlich meinen lezten Blies »och nicht bekommen haben—". „Gestern morgen— kurz nachdem die Heuschasteii for waren, kam ein Brief an den Herrn Referendar, der liegt noch unerbrochrn da—".r „Run, da ist ja alles erklärt.— wenn Sie also»iciiic». daß es mir der Herr Major und die Frau Majorin nicht übel nehmen, wenn ich in ihrer Abwesenheit mich hier einquartiren lasse, so wage ich's." „Ter Herr Major würde sehr ungehalten auf mich sein, wenn ich Sie wieder fortließe, junger Herr,"— damit geleitete mich der Alte in das elegant ausgestattete Haus hinein und zwei teppichbelegte Treppen hinauf. Das blonde Mädchen blieb drunten zurück, Friz aber hatte mich an die Hand genommen und war schon völlig vertraut mit mir. „Du bist doch auch mein Onkel?" fragte er beim Treppen- hinaufsteigen. „Gewiß!" „Hast du da drin auch so eine große Schiefertafel wie Müllers Gottfried—" Ich wollte antworten, aber schon drängten zwei weitere Fragen die noch unbeantwortete erste. „Hast du auch einen so großen Schwamm oder spuckst du auf die Tafel und wischst du mit den Fingern drauf'rum?" ..Frizchen, rede doch nicht solchen Unsinn," crmahnte der Alte,„der Herr ist ein Lehrer, aber kein Schuljunge." „Der wär'n Lehrer," lachte Friz.„der Onkel hat ja noch nicht mal einen Bart und auch»och keine Brille." Jezt packte mich der kecke Friz bei meiner schwächsten Seite. Ich hatte einen Bart, aber einen leider noch wenig entwickelten, und hätte doch gern einen möglichst stattlichen gehabt. Indessen hatte ich mir vorgenommen, meinen Humor sobald nicht wieder zn verlieren. „Frizchen, du tust deinem Onkel unrecht," rief ich deshalb lustig.„Morgen beim hellen Sonnenlicht wirst du meinen Bart schon sehen, und wenn ich auch keine Brille trage und brauche, so habe ich doch einen'Zwicker, um besser in die Ferne zu sehen——" Dem Kleinen schien meine Versicherung nicht sehr zu im- poniren. „Ach Gott," replizirte er,„zwicken kann ich auch,— sieh mal so--" dabei zwickte er mich richtig mit aller Kraft seiner kleinen Finger ins Bein. .Frizchen, du wirst doch deinem Onkel nicht weh tun!" sagte ich und nahm ihn bei der Hand. Run waren wir im zweiten Stockwerk angelangt. Der Tiener öffnete eine Tür und sprach: „Hier nebenan hat der Herr Referendar seine beiden Zim- mer. Das blaue Zimmer hier mit der Aussicht nach dem Parke ist für Sie bestimmt, Herr Kandidat. Wenn Sie Sich etwas erfrischen oder umkleiden wollen oder auch vielleicht ei» wenig ausruhen, so tun Sie es nur, frisches Wasser bringe ich sogleich. — dann gehen Sie vielleicht noch ein Stündchen im Garten spazieren und währenddem lasse ich Ihr Bett zurechtmachen. Unten auf der Veranda finden Sie dann ein Glas Wein und etwas kalte Küche. Wenn Sie wünschen, kann ich's Ihnen aber auch sofort hierherauf bringen." „Nein, meinen Dank, lieber— Bitte, sagen Sie mir, wie ich Sie nennen soll—" „Ich bin der alte Franz." „Also, ich danke, lieber Herr Franz, ich wasche mich rasch und säubere etwas meine Kleidung und dann begebe ich mich mit großem Vergnügen in den Park." „Sehr wohl," sagte der alte Franz.„Komm, Frizchen." Frizchen hatte keine Lust. „Das ist mein Onkel Rudolf," sagte er,„und der wäscht sich jezt und da will ich sehen, ob er sich auch die Ohren wäscht und ob ihm das so weh tut wie mir." „Was so ein Kind doch für dummes Zeug redet," brummte Franz unwillig.„Es hilft alles nichts, Frizchen, du triffst den Herrn Kandidaten dann wieder unten auf der Veranda." „Ja, ja, Frizchen, in einer Viertelstunde sehen wir uns auf der Veranda." „Ach geh nur, Onkel, du bist auch so garstig und schickst mich fort. Warte nur, jezt schicke ich dir die Berta, die muß dir die Ohren gerade so derb waschen, wie mir." 436 Damit trampelte der kleine Mann ärgerlich die Treppe hinunter. Ich aber wusch n»d kämmte mich fein säuberlich auch ohne die mir vorläufig noch gänzlich unbekannte Berta, und war in einer Viertelstunde wirklich schon ans der Veranda. Und kaum war ich hier, so stürmte auch der kleine Friz auf mich ein. „Lnkel, da bist du ja. Na, du bist doch ein guter Kerl, Lnkel. Nun will ich aber auch den ganzen Abend und morgen den ganzen Tag bei dir bleiben. Denke dir nur, das Fräulein ist krank. Hyäne hat sie—. ach wie freue ich mich über die Hyäne, denn wenn das Fräulein krank ist, springe ich herum, wie ich will, und du springst mit mir,— nicht wahr, gntcr, lieber Onkel Nndvlf?" In diesem Augenblicke trat auch das blondlockige Mädchen auf die Veranda. „Sehen Sie nur, lieber Herr Rudolf, wie der Friz garstig ist. Unser armes gutes Fräulein hat so furchtbare Kopfschmerzen—" „Ach was Kopfschmerze»,— Hyäne hat sie, Ella, du hasts ja selbst gesagt, und eine Hyäne ist ein garstiges Tier und das Fräulein ist auch garstig,— ich sage dir, Onkel, so garstig, und die hat einen Bart, dafür ist sie auch unser Schullehrcr." Das Fräulein mit der Hyäne war die Gouvernante von Ella und Friz, die häufig— wie ich von dem mit Wein und Speisen herbeikommenden Diener Franz erfuhr— von arger Migräne geplagt war. «Fortsezunz solgt.> Stosswechsel beim neugeborenen Kinde. Wenn die Lebensvorgänge des neugeborenen Kindes beziig- (ich des ihm eigentümlichen Umsazes der Stoffe iveniger gekannt sind, als manche Eigentümlichkeit des Erwachsenen von weit geringerem Werte und geringerer Bedeutung, so liegt dies wesentlich darin, daß von denjenigen Forschungen, welche sich vor- zngsweise mit der Aufklärung der Erscheinungen am lebenden Organismus beschäftigen, de» Physiologen in ihrem Laboratorium die Beobachtung' neugeborener Kinder nicht zugänglich ist und die Hcrbeischasfung des Materials aus den Entbindungsschulen mit einem solchen Aufwand an Zeit, Kraft und Mühe ver- bunden sein würde, daß es dem Physiologen selbst dann kaum gelänge, das nötige Beobachtungsmaterial zu erhalten, wenn er von jeder anderen Arbeit absähe und nur dieser einen Frage sich andauernd widmen wollte. Daß dies bei ihrer Verpflich- tung zu Universitätsvorträgen und zur Vorbereitung der bei ihnen notwendigen Experimente nicht wohl ausführbar ist, liegt auf der Hand. Ten Aerzten dagegen, welche imstande iväre», in der Praxis und in der Entbindungsschnlc größere Mengen neugeborener Kinder zu beobachten, fehlt es nicht minder an der nötigen Ruhe und Zeit; vor allen Dingen aber an dem technischen Apparate, an der Uebung im Gebrauch desselben, welche beide die Arbeitsräume des Physiologen gewähren und auch an der dem leztercn eigenen Vorbildung. Das Gebiet der, verschiedenen medizinischen Wissenschaften ist heutzutage ein so ausgedehntes und die Anforderungen an de» einzelnen Arbeiter sind so hochgestellte, daß es eben zu den Unmöglichkeiten gehört, aus zwei von einander so wesentlich abweichenden Abteilungen gleich- zeitig zu arbeiten, zu eigener und zu anderer Befriedigung. Den jüngeren, noch nicht so in Anspruch genommene» Kräften ist dies eher möglich und so war es ein glücklicher Gedanke, daß der Sekundärarzt an der Universitäts-Fraucnklinik zu Berlin, Dr. med. Hofmaier, seine Tätigkeit den, Stoffwechsel des Reu- geborenen zuwendete.(VirchvwS Archiv 1882. Band 89, Heft 3.) Er untersuchte gleich seinen Vorgängern(Martin und Rüge: Zeitschr. f. Geburtsh. und Fraucnkr. Stuttgart 187�) den Urin des Neugeborenen, als das am meisten noch zugängliche Unter- snchungsobjekt und verglich ihn mit der Uriuabsondernng des Erwachsenen, bezüglich der abgesonderten Stoffe. Tie Menge des Harnstoffes war am größten am vierten Tage nach der Geburt, so daß sie mehr als das Vierfache des ersten Tages und fast das Doppelte von der des achten und neunten Tages beträgt. Es tritt hier auf das Deutlichste zu Tage, daß die Oxydation resp. Spaltung der Eiweißstosfe im neugeborenen Organismus am dritten, vierten Tage einen ge- wissen Höhepunkt erreicht, von dem sie in den folgenden Tagen wieder absinkt.— Tie Harnsäure ist schwieriger zu bestimmen wegen der an sich sehr geringen Menge des Urin, welcher von neugeborenen Kindern gelassen wird, während zugleich das Auf- fange» des Urins große Schwierigkeiten bietet und nicht ohne Verlust sich durchführen läßt. Es scheint, daß die Menge der Harnsäure ebenfalls gegen den fünften Tag am bedentendsteu ist.— Eiweißgehalt, eines der ausfallendsten Vorkommnisse im Harn des Neugeborenen, wird gleichzeitig mit der Harnsäure gesteigert gefunden. Einmal war er schon unmittelbar nach der Geburt vorhanden. Er rührt von dem bedeutenden Blutreich- tum der Nieren her, welcher sich unter gewissen Verhältnissen bis zur Entzündung steigern kann.— Phosphorsänrc und Schwefelsäure zeigten sich sehr verschieden. Daß das gegen- seitige Verhältnis der Phosphorsäure und des Harnstoffes ein verschiedenes sei, je nachdem erregende oder herabsezende Mittel einwirken, ist durch Experimente erwiesen. Die(absolute) Menge der Phosphorsäure ließ erhebliche Schwankungen beobachten, woraus Hofmaier den Schluß zieht:„daß sich im ganzen Ner- vensystcm des Kindes, etwa in den ersten Tagen, eine unge- wöhnliche Tätigkeit geltend macht,"—„und daß diese Tätigkeit außer etwa dem motorischen Nervensystem ganz ausschließlich das gesanimte vegetative betrifft"— braucht kaum noch her- vorgehoben zu werden. Bekanntlich erleiden Neugeborene unmittelbar nach der Geburt eine nicht unerhebliche Gewichtsabnahme. Sie beträgt bei 34 beobachteten Kindern bei einem Anfangsgewichte von 3305 Gramm, nicht weniger als 252 Gramm oder 7,59 des Anfangsgewichtes. Tie größte Gewichtsabnahme fällt in den Beginn des dritten Tages. Bei so außerordentlichen Unterschieden wird es uns nicht ivnndcrn, daß die Urinmenge sich ebenfalls stetig vermehrt. Tie sämmtlichen übrigen parallel laufenden Erscheinungen der Gc- ivichtsabnahmc und das Ansteigen der Ausscheidungen der Stick- stosfoxydationsprodukte stellen uns nun nichts anderes vor, als den Ausdruck der Revolution, die sich während der ersten Tage in dem neugeborenen Organismus vollzieht. Einer„Revolution" ohne Gleichen während des gesammten Lebens, der überhaupt nur noch inbezng auf ihre Wichtigkeit für das Dasein des Organismus die Zeugung und der Tod etwa ähneln. Tie sämmtlichen vegetativen Funktionen, welche wie z. B. Athmung und Ernährung, der mütterliche Organis- mus übernommen hatte, werden mit einem Schlage dem Kinde allein übertragen; dazu kommt vor allem noch mit der Aus- stoßung ans der Körperwärme in das um mindestens 20 Prozent kältere Medium der Luft die notwendige Produktionssteigerung der Eigenwärme, die eine ganz außerordentliche sein muß. Deik» daß die Körpertemperatur des Neugeborenen nach der Geburt nur um ein Weniges sinkt, durch eigene Wärmcbildung der Organismus sich also ans der früheren Höhe behauptet, hat Fehling durch Messungen hinreichend bewiesen.(Bierordt, Phü- siologie des Kindesalters. Seite 143.) Außer der Ucbernahme dieser ihm ganz neuen und so ganz außerordentlichen Aufgabe, hat der Organismus nur noch eine Steigerung sämmtlicher bereits im Uterus ausgeübten Funktionen zu bestreiten. lk»d anstatt als Gegenleistung für diese ungeheuerliche Arbeitsleistung eine reichliche und leicht aufnehnibare Nahrung zu erhalte», tvird ihm eine in Oualität und Onantität gleich ungenügende Amazonengruppe.(Seite 443.) gcwalt diese Oxydationsvmgiinge über den widerstandsunfähigen Organismus hereinbrechen. würde nach dieser einfachen Erwägung iich die Gewichts- ?bnahine sowohl, als die außerordentliche Steigerung der Harn- üoffausscheidung als Ausdruck der Ucbemahmc aller dieser»eucn �errichtungxn seitens des neugeborenen Organismus ungezwungen erklären. UnerNärt bleibt hier, weshalb am dritten oder vierten Tage eine so viel bedeutendere Menge Ausscheidung des Harnstoffes stattffndct als am ersten. Entweder wird in den stürmisch vor sich gehenden Lcbcnsverrichtungen des ersten Tages nach der Geburt mehr Eiweiß verbraucht, als wirklich zur Bestreitmig des Haushaltes im Organismus nötig ist, und dann würden mehrere Tage verstreichen müssen, um das Gleichgewicht herzu- stellen,— oder es wäre serner möglich, daß gewisse Eiweiß- stoffe im neugeborenen Organismus leichter dem Verbrauche Muttermilch geboten. Da nun der neugeborene Organismus nicht imstande ist, die zu leistende Arbeit zu beschränken, durch die Nahrung aber keinen Ersaz bekommt, so muß er auf eigene Kosten leben. Es geschieht also, ivas in jedem hungernden Organismus geschieht: es werden Bestandteile des eigenen Kör- pcrs verbraucht und wesentlich verbrannt. Die äußere Folge ist Gewichtsabnahme und sollte nach den Lehre» der Physiologie inbezug auf Harnstoff eine Verminderung seiner Menge sein. Statt dessen sehen wir bis zum vierten Tage eine ungeheure Vermehrung, was eben dafür zeugt, mit welcher Elementar- 488 durch Oxydation und Spaltung unterliege», als die mit der Nahrung eingeführten. Dann würde so lange Harnstoff in erhöhter Menge ausgeschieden werden, als das Kind nicht ge- niigend Eiweißstoff aus der Nahrung in sich aufnimmt. Hof- maier hält diese Auffassung für die richtige und neigt sich zu der Erläuterung, daß während der ersten Lebenstage besonders viel sogenanntes Zirkulationseiweiß verbraucht wird. Wichtig ist der Umstand, daß, so lange oder sobald die Kosten der Erhaltung des Lebens ausschließlich von dem neu» geborenen Organismus selber bestritten werden müssen, der Ver- brauch an Eiweißstoffen(soweit wir aus dem Oxydationspro- dukt darauf schließen können) ein verhältnismäßig sehr viel stärkerer ist, als wenn die zugeführte Nahrung verbraucht wird. Eine Erfahrung, die mit den Lehren der Physiologie für den erwachsenen Organismus in einem ausgesprochenen Gegensaz steht.— Die von mehreren Seiten aufgefundene und bestätigte Tat- fache, daß gewisse, dem mütterlichen Stoffwechsel übermittelte Medikamente in kürzerer oder längerer Zeit im Kinde wieder erscheinen, läßt die Frage ausstellen, welchen Einfluß diese der Mutter vor oder während der Entbindung beigebrachten Medi- kamente auf das Kind im Mutterleibe ausüben— und besonders wie das bei der Niedcrkimft im Interesse der Mutter verabreichte Chloroform wirken möge?— Von 22 Kindern, deren Mütter während der Geburt chlorofonnirt wurden, war kein einziges frei von Icterus(Gelbsucht) geblieben und zwar waren 16 stark, 6 mäßig icterisch.— während von 13 unter normalen Verhältnissen, also ohne Chlorofornianwendung ge- borenen Kindern nur 4 einen beträchtlichen Icterus zeigten, 1 einen geringeren und.8 gar keine gelbe Farbe erkennen ließen. Dabei zeigte sich, daß alle Kinder, deren Mütter während der Geburt erhebliche Mengen Chloroform erhalten hatten, auch stärkere und längere Zeit andauernd Icterus entwickelten, während Kinder, deren Mütter nur wenig Chloroform erhalten hatten, auch wenig gelbe Farbe beobachten ließen.— Ferner bewiesen die Beobachtungen: daß bei Kindern chloroformirter Mütter die Ausscheidung des Harnstoffes nicht nur eine absolut bemerkenstvcrt vermehrte ist, sondern auch bereits 24 Stunden früher wie sonst ein gewisses Maximum erreicht, wie sie auch in den späteren Tagen sich ans einer sehr bemerkenswerten Hohe hält. Nicht minder war die Menge der abgeschiedenen Harn- säure erhöht, das harnsaure Infarkt der Nieren befördert, und im Zusammenhange hiermit trat häufiger Eiweiß im Urin ein, von roten Blutkörperchen und aus Extravisaten herstammenden Pigmenten begleitet. Endlich fand sich eine bemerkenswerte erhöhte Gewichtsabnahme. Es ergibt sich also, daß durch Einwirken des Chloroforms auf die Mutter, und von dieser aus das noch ungeborene Kind, die Stoffwechlelvorgünge gesteigert werden können, welche sich regelmäßig im kindlichen Organismus nach der Geburt vollziehen: als ein gegen die Norm noch erhöhter akuter Zerfall von Eiweiß- stosfen des kindlichen Organismus stets in Begleitung mehr oder weniger erheblicher icterischer Erscheinungen. Es- ist unschwer, hieraus die hygienisch praktischen Schlüsse zu ziehen. Halten wir uns zunächst an die lczte Beobachtung, so ergibt sich die Regel: man soll den Gebrauch des„Chloro- form" wesentlich einschränken, nur für die unumgänglich not- wendigen Fälle aufsparen und das vorübergehende Ungemach der Mutter nicht in ein andauerndes für das Kind umwandeln. Jedenfalls muß bei einem Kinde, dessen Mutter während der Geburt chloroformirt worden ist, erhöhte Achtsamkeit rücksichtlich der gleichmäßigen Erwärmung zur Abminderung des Stoff- Verlustes und rücksichtlich einer reichlichen gute» und leicht ver- danlichen Ernährung zur Abminderung der Gewichtsabnahme eine Hauptsorge des Arztes und der Pfleger sein. Zweitens ergibt sich für alle Neugeborene, daß zu deren Schuze und möglichstem Gedeihen vom ersten Tage der Geburt ab die äußerste Sorgsalt auf Ersparung des„Stofsverlustes" und der Gewichtsabnahme überhaupt gerichtet werden muß. Ties geschieht durch gleichmäßige(!) nicht zu starke und nicht zu geringe Erwärmung und durch Darreichung einer möglichst naturgemäßen leicht verdaulichen reichlichen Ernährung, da das Colostrum der Mutter nur wenig ernährt und die Milch in den ersten Tagen nur in sehr geringer Menge von der Brust- drüsc abgesondert Wird. In etivas unterstüzen diese Maßnahmen die Naturvorgänge: durch die während der ersten Tage anders zusammengesezte Muttermilch. Bei künstlicher Ernährung muß dieser Umstand besonders beachtet und berücksichtigt werden!— (Aus Reclams„Gesundheit".) Welthandel und nationale Produktion. Bon Wrrmo Heiser. Will man sich über die Bedeutung des Welthandels und seinen Einfluß aus unsere nationalen Produktionsverhältnisse klar werden, so darf einem vor einer Armee von Zahlen nicht bange werden. Zahlen beweise»,— so behaupten viele Gelehrte und glauben »och mehr Ungelehrte.?lbtr besieht man sich die Sache bei Lichte, so geht es den Zahlen genau so wie den Worten, von denen Goethes Mephisto mit Recht sagt: Mit Worten lässt sich trefflich streiten Mit Worten ein System bereiten, An Worte lässt sich trefflich gtaubcn, Von einem Wort läßt sich kein Jota rauben. Zahlen nämlich beweisen— alles,— man muß sie nur hübsch zu„gruppiren" verstehen. Aber das muß man den Zahlen lassen,— wenigstens soweit sie der getreue Ausdruck von Tatsachen, beziehentlich tatsäch- liehe» Verhältnissen sind,— eine zuverlässige Grundlage sind sie für redliche, logisch sattelfeste Beweissührung. Aber eine zuverlässige und selbst unanfechtbare Grundlage für einen Beweis, wie sie ehrliche Zahlen bieten, ist noch lange nicht der Beweis selbst für allerhand komplizirte Folgerungen, die man gern aus den durch die Zahlen dargestellten Tatsachen herausdestillire» möchte, so sehr man auch geneigt wäre, sie dafür gelten zu lassen, um sich ein Hauptstück unbequemer Denkarbeit zu ersparen. Darum möge der geneigte Leser bei all u Zahlenbeweisen desto vorsichtiger und kritischer dem Beweis- führcr aus die Finger schauen, je mehr die Menge der Zahlest- bataillone Gelegenheit zu wohlfeilen Schlüssen und phantastischer Konsequenzenzüchtung bietet. Schon die erste kleine Zahlenreihe, um die man sich zu bekümmern hat, wenn man nach der Bedeutung des Welt- Handels fragt, öffnet einem gewaltigen Irrtum gefällig die Tür. Die gesaminte Einfuhr bei den am Welthandel teilnehmen- den Völkern wurde geschäzt im Jahre 1877 78 auf 29500 will. Mark, ivährend die Ausfuhr auf 27100 Millionen Mark beziffert werden darf. Somit umfaßte der gesaminte Außenhandel der Welthandelsvölkcr 56600 Millionen Mark. Wer diese 56600 Millionen Mark als die Summe der Waarenwerte des Welthandels betrachten wollte, würde sich arg täusche»,— freilich in einer recht handgreiflichen Weise. Ten» es bedarf nicht eben sehr tiefen Ziachdcnkens, um auf den Ein- fall zu kommen, daß die Zahle», welche die Waarenwerte der Ausfuhr des einen Landes bezeichnen, im Einfuhrkonto anderer Länder wieder auftauchen, und dank dem Transitverkehr zu einem, allerdings verhältnismäßig kleinen Teile in mehreren Ausfuhr- und Einfuhraufzählunge» ihre, den tatsächlichen Wert der Waare» ini Welthandel verdunkelnde Rolle spielen werden. Gegenüber der UnVollkommenheit aller handelsstatistischr" rtistische" 439 Erhebungen, welche solche Verdmiklmig ermöglicht, kann man nur annähernd und keineswegs mit sonderlicher Sicherheit einen Gesammtwcrt schäzen auf etwa 25 Milliarden Mark, auf eine Milliarde mehr oder weniger kann es uns dabei lange nicht so sehr ankommen, als bei den Franzosen im Jahre 71 bei der Kriegskostenentschadigung. Vollkommen fest steht die Tatsache, daß der Welthandel beständig an Umfang und Wert zunimmt und sein mächtiges Anwachsen dem 19. Jahrhundert, insbesondere dessen zweiter Hälfte verdankt. So betrug die Ausfuhr von britischen und irischen Produkten: im Jahre 1800 39 471 203 Psd. Sterling 1810 47 000 926- 1820 35 560 077- 1830 38 271 597- 1840 51 406 430- 1850 71 359 184- 1860 135 891 227- 1870 199 586 822- 1880 223 060 446 *) Frankreich: 1827 36 durchschnittlich jährlich 521,4 mill. Frcs. 1837.46-- 712,9- 1847/56-- 1223,7- 1857 66-- 2430,0? 1867 76-- 3306,4- 1877/79-- 3283,4- 1880........ 3468,0- 1881........ 3612,4- Belgien: im Jahre 1831 96,6 mill. Frcs. 1841 1851 1861 1871 1880 154,1 200,1 453,6 888,7 1216,7 Oesterreich- Ungarn: im Jahr- 1842 108,6 mill. Gulden 1848 48,7- 1849 62,4- - 1850 110,1- - 1855 244,1- 1860 805,2- 1865 365,1- - 1869 427,7- - 1880 679,7- 1881 715,8- Niederlande: 1846 50 durchschnittlich jährlich 127,0 mill. Gulden, 185155 1856 60 1861 65 1866 70 1871,75 1878....... 1879....... 173,5 233,5 301,0 367,0 501,5 564,0 582,0 Nußland; im Jahre 1851 97 mill. Silberrubel, 1861 177- - 1871 369,2- - 1876 400• - 1877 577- - 1878 618- Vereinigte Staaten von Amerika: 1854 55 iWirtschaftSjahr) 218,9 mill. Dollars, 1862 63' 267,6- 1879 80- 883,9- 1880/81.- 215,0- Königreich Italien: im Jahre 1861 219 mill. Site, -■ 1370 757- - 1880 1132- - 1881 1192- loit obenstehend. Hamburg: 1846 50 im Durchschnitt 158,4 mill. Mark 1851 60-- 266,7- 1861/70-- 410,8- 1871/75-- 689,0- 1876 80-- 858,4- 1879...... 841,0- 1880...... 1011,8- 1881...... 1050,0- Bremen: 1847/51 im Durchschnitt 51,2 mill. Mark, 1857,61-- 76,5- 1862 66-- 81,2- 1867/71--- 108,1-- 1872 76-- 134,9- 1877/81--» 128,8-- 1879...... 116,7- 1880...... 161,5- 1881...... 150,1- Um einen Einblick in die Zunahme deutschen Exports wäh- rend der leztcn 35 Jahre zn gewähren, ist vorstehend, dem Beispiele Gustav Tuchs in seiner Broschüre„Schuzzoll und deutsche Waarenansfuhr" folgend, die Einfuhr von Hamburg und Bremen angegeben, da die allerdings vorhandenen Nach- Weisungen, welche Deutschland selbst betreffen, schon wegen der großen Verschiedenheiten in der räumlichen Ausdehnung des Zollvereins, wie Tuch treffend bemerkt, zn Vergleichungcn un- geeignet sind, während in den Maaren, welche Hamburg und Bremen von Deutschland empfingen, außer ihrem Konsum auch die von ihnen vermittelte Ausfuhr enthalten ist. Was die Ausfuhr von ganz Deutschland in neuester Zeit anlangt, so betrug dieselbe im Jahre 1878 286), und 1880 über 3000 Millionen Mark. Untersucht man die Steigerung der Gesammtumsäze im Welt- Handel, so erhält man nach Neumann-Spallart") folgende Resultate: Einfuhr. Ausfuhr. s?ub?uh"ndcl. 1867/68: 23 314 mill. Mark, 20 900 mill. Mark, 44 215 mill. Mark. 1869, 70: 24 326-- 22 014-- 46 340- 1872/73: 31 088•- 26 677-- 57 765- 1874,75: 29 006-- 25 793-- 54 799- 1875,76: 29 868-- 25 939-- 55 807- 1877,78: 29 457-- 27 108-- 56 565- Die Beteiligung an der Weltproduktion seitens der Kultur- länder geschieht nun, wie die vorangegangenen statistischen Notizen zeigen, in sehr verschiedenem Maße. Weit voran steht England, ihm auf dem Fuße folgt in neuester Zeit Amerika, das noch in den sechziger Jahren die vierte Stelle einnahm, dann folgt Deutschland u. s. f. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl und Territorialausdehnung nehmen noch in sehr hohem Grade an dem Handel für den Weltmarkt teil die Niederlande und Belgien. Betrachten wir nun die Beziehungen der Welthandelsstaaten zu einander näher, so finden wir für den Waarcnverkehr des uns zunächst angehenden Deutschland folgendes"""): Länder der Herkunft, Einfuhr Ausfuhr bez. Bestimmung. in Millionen Mark. Großbritannien..... 354,7 447,7 Oesterreich-Ungarn.... 414,3 299,8 Rußland....... 336,2 228,5 Frankreich....... 262,7 291,8 Niederlande...... 193,9 229,8 Belgien........ 195,1 167,1 Schweiz........ 143,6, 176,7 Italien........ 64,0 55,0 Schweden, Norwegen... 23,1 61,7 Dänemark...... 27,1 51,9 Spanien........ 11,3 18,5 Rumänien....... 4,8 11,5 Türkei........ 1,9 6,7 Portugal....... 1,8 5,0 Griechenland...... 2,0 1,2 Serbien und Bulgarien.. 0,6 0,9 ___ Europa 2037,1 2053,8 *) Siehe dessen Abhandlung:„Die Lage des Welthandels" in Meyers„Deutschem Jahrbuch" von 1879 80. *♦) Supplementband von Meyers Konversationslexikon f. 1881/82, Artikel„Handel Deutschlands". 440 Länder der Herkunst, Einsuhr«ussuhr bez. Bestimmung, in Millionen Mark. Vereinigte Staaten.... 177,0 204,6 Brasilien....... 9,7 9,8 Britisch Nordamerika... 7,5 8,2 Argentinien....... 11,0 3,0 Uebrigcs Amerika..... 31,2 12,0 Amerika 236,4 237,6 Ostindische Inseln..... 47,3 7,4 Britisch-Jndien..... 16,8 5,1 China........ 1,3 11,1 Japan und übriges Asien.. 1,0 3,5 Asien 66,4 37,1 Afrika........ 17,1 5,2 Australien....... 7,8 1,8 Tazu kommen noch die für die deutschen Zollausschlüsse anzugebenden Summen, nämlich: Hamburg'Altona..... 361,7 689,6 Bremen........ 131,9 79,5 Andere Zollausschlüsse... 8,0 4,8 Alle Zollausschlüsse 501,6 773,9 Aus Vorstehendem erhellt, daß Deutschland in bedeutendem Grade vom Auslände abhängig ist, sowohl indezug auf die Waaren, welche es von den andern Ländeni bezieht, als durch diejenigen, die es selbst für das Ausland prodnzirt. Im regsten Waarenverkehr steht Deutschland, von den deutschen Zollansschlüssen abgesehen, mit England, bei einem Gesammtumsaz von 802 Millionen Mark im Jahre 1880, dann mit Oesterreich-Ungarn: 713, mit Rußland: 564, Frankreich: 554, den Niederlanden: 423, Nordamerika: 397, Belgien: 362 und der Schweiz: 320 Millionen Mark. Der Handel Deutschlands erstreckte sich nun hauptsächlich auf die in der nachfolgenden Zusammenstellung angegebenen Waaren*): Grohbritännirn. Oeiltrreich-llngnrn. Einsnhr Aubfuhr Einfubr Ausfuhr in tausend Mark. in tausend Mark. I. Vieh........ 504 12716 44 457 6 309 II. Nahrungs- und Genußmittel 37 955 88 147 130 926 38 371 darunter: Nahrungsmittel tierischen Ur» sprungs....... 13 874 535 19 276 1 312 Getreide und Malz, Hülsen- früchte, Kartoffeln... 1 785 35 849 75 568 9 588 Mahisabrikate und gewöhnliche Bäckerwaare..... 229 4 052 7 311 10 619 Obst. Früchte, Gemüse.. 838 1 181 12 639 10 624 Kochsalz und Gewürze.. 1 912 6 475 4 907 2 815 Kaffee, Kakao. Tee.... 17 451 49 238 1 557 Zucker, Melasse, Syrup.. 493 31 932 1 102 26 Gegohrene Getränke, Mineralwasser, Speiseöle.... 1 010 7 314 8 690 1 489 Tabak und Tabakfavrikate.—— 1 038 195 III. Sämereien».Gewächse, nicht zur menschlichen Nahrung. 3 715 3 592 16 603 3 594 IV. Tniigungsmiltel und Abfälle 578 406 9 489 2 218 V. Brennstoffe...... 9 460 20 14 157 12 881 VI. Rohstoffe und Fabrikate der chemischen Industrie... 61 971 51 876 25 374 41 222 darunter� Salze, Säuren, Schwefel und Schwefelkies jc.....—— 5 968 11997 Gerbstoffe, Farbmatcrial und Farben....... 12 001 26 021—— Drogen z. Medizinalgebrauch, Waschjchwämme.... 4 877 281—— Harze........ 3 231 211- Mineral» und äterische Oele, Essenzen...... 2 829 334—— Firnisse, Lacke, Kitte, Klebstoffe 1 185 477—— Fette Oele und Fette... 15 692 7 653—_ Lichte, Seife, Parfümerien. 177 4 375—— VII. Rohstoffe und Fabrikate der Stein-, Ton- ze. Industrie 4 802 5 392 12067 10 490 darunter: Erden und Steine.... 3533 195 5981 5305 *) Auszüge aus den den Handel des deutsche» Zollgebiets mit dem Auslande spezifizirenden Tabellen des„Statistischen Jahrbuchs für das deutsche Reich" 1882. Großbritannien. Einfuhr Ausfuhr in tausend Mark. Steinwaaren......—— Ton- und Porzellanwaaren. 647 1 589 GlaZwaarcn...... 74 2 781 VIII. Rohstoffe u. Fabrikate der Metallindustne.... 32 036 29 590 darunter: Erze........—— Rohe unedle Metalle, auch ge- gemünzt....... 24 809 6 898 Roh bearbeitete Metalle(Halbfabrikate)...... 2 148 11 896 Metallwaaren mit Ausnahme von Maschinen, Jnstrumen- ten zc. aus Eisen...—— Metallwaaren mit Ausnahme von Maschinen ic. ans an- dern unedlen Metallen.. 453 1 074 Edelmetalle, auch gemünzt. 666 4 289 IX.Rohstoffeu. Fabrikate d. Holz-, Schniz- u. Flechtindustrie. 2 508 20 515 darunter: Bau- und Nnzholz.... III 12043 Schniz- und Flcchtstoffe.. 1 756 309 Holz-, Schniz- u. Flechtwaaren 641 8 163 X. Rohstoffe und Fabrikate der Papierindustrie.... 752 12 057 darunter: Lumpen und Halbzeug.. 93 2 153 Papier und Pappe.... 175 7 383 Papier- und Pappwaare». 484 2 521 XI. Rohstoffe u. Fabrikate dLedcr- u. Rauchwaarenindustrie. 22 864 darunter: Häute und Felle.... 17 850 Leder........ 4 116 Leder-, Riemer- und Täschner- ivaaren....... 852 Pelzwerk....... 46 XII. Rohstoffe und Fabrikate der Textil- und Filzindustrie. 160 261 darunter: Haare, Federn und sonstige Polstermaterialien... 1 303 1 261 Spinnstoffe...... 59 429 16 563 Garne und Matten.... 47 727 23 569 Fußdecken, Filze, Haargewebe 1 195 337 Zeugwaaren...... 19 484 70 959 Strumpswaarcn.... 427 10572 Posamentier- u. Knopfmacher- waaren....... 199 27 492 Spize», Stickereien, Blonden 2 914 1363 Kleider, fertige Leibwäsche, Puz- waaren....... 237 16106 Hüte, Schmuckfedern, künstliche Blumen....... 276 5 545 X1IL Rohstoffe u. Fabrikate der Kautschuk- und Wachstuch- industrie...... 7 531 1 917 darunter: Kautschuk....... 5181 117 Kautschuk, Sden,Leder u. Wachstuch........] 222 130 Kautschukwaaren..... 1 128 1 670 XIV. Maschinen, Instrumente u. Apparate...... 8 526 6 087 XV. Kurzwaarcn und Schmuck—— XVI. Gegenstände der Literatur und bilde,, den Kunst.. 616 3 276 4 018 5 381 13 691 2 041 jOeflemich-Ungarn. Einfuhr«uSfuhr in tausend Mark. 650 1 321 1 202 1 561 4 234 2 303 23 956 29 057 6 306 242 2 086 11510 469 1864 1 301 8 219 664 13130 32 399 28 398 1918 5 309 6 651 1 163 25131 18 280 25 185 13 475 13 262 708 7 818 4 042 3 288 173 840 73 652 89 541 15 725 1 687 29 875 32 621 21 521 23 464 134 1 167 4039 21465 186 1 584 70 2317 239 3 436 537 2 873 131 2 059 1 594 11 646 2 897 4 667 5 043 11046 Ruliland. Einfuhr Ausfuhr in lausend Mark. l- Vieh........ 58039 922 II. Nahrungs-»nd Genußmittel 109 891 21 877 darunter: Nahrungsmittel tierischen Ur- „'frungs....... 4 521■! 1 266 Getreide und Malz, Hülsen- flüchte, Kartoffeln... 101 531 1536 Mahlfabrikale und gewöhnliche Bäckerwaarc..... 2 694 518 Cbst, Früchte, Gemüse...—— Kochsalz und Gewürze... 447 4 589 Frankreich u. XIgirr. Einfuhr Ausfuhr in tausend Mark. 5 956 20 048 55 096 35 374 2 347 13 497 5 009 2 580 797 7 25? 6 671 1750 1546 3 756 441 Kaffee, Kakao, Tee.... Zucker, Melasse, Syrup.. Gegohrene Getränke, Mineral- Wasser, Speiseöle.... III. Sämereien U.Gewächse, nicht zur menschlichen Nahrung. IV. Düngungsmittel und Abfälle V. Brennstoffe...... VI. Rohstoffe und Fabrikate der chemischen Jndnstrie... darunter: Salze, Säuren, Schwefel und Schweselkies K..... Gerbstoffe, Farbcmalerial und Farben....... Gähr- und Klärmittel, Eis. Drogen z. Medizinalgebrauch, Waschschwämmc.... Harz-........ Mineral- und äterische Oele, Essenzen....... Firnisse, Lacke, Kitte, kleb- � stosse........ Fette Oele u. Fette, nicht ge- nießbar....... Lichte, Seife, Parsümerien. Vll. Rohstoffe und Fabrikate der Stein-, Ton-:c. Industrie darunter: Erden und Steine.... Steinwaaren...... Ton- und Porzellanwaaren. Blaswaaren...... VIII. Rohstoffe u. Fabrikate der Metallindustrie.. darunter: Erze......... Rohe unedle Metalle, auch ge- münzt....... Roh bearbeitete Metalle(Halb- sabrikate)...... Metallwaaren mit Ausnahme von Maschinen, Jnstrumen- ten ic. aus Eisen... Metallwaaren mit Ausnahme von Maschinen ic. aus an- dern unedlen Metallen.. Edelmetalle, auch gemünzt. Nuhland. Frankreich».Algier. IX. Rohstoffe u. Fabrikate dHolz-, Schniz- und Flechtindustrie darunter: Bau- und Nuzholz.... Schniz- und Flechtstoffe.. Holz-, Schniz- u. Flechtwaaren X. Rohstoffe und Fabrikate der Papierindustrie... darunter: Lumpen und Halbzeug.. Papier und Pappe.... Papier- und Pappwaaren. XI. Rohstoffe u Fabrikate d. Leder- und Rauchwaarenindustrie darunter: Häute und Felle.... Leder........ Leder-, Riemer- und Täschner- waaren....... XII. Rohstoffe und Fabrikate der Texiil- und Holzindustrie. darunter: Haare, Federn und sonstige Polstermaterialien... Spinnstoffe...... Garne und Watten.... Fußdecken, Filze, Haargcwebe Zeugwaaren...... Strnmpswaaren..... Posamentier- u. Knopfmacher- waaren....... Spizen, Stickereien, Blonden Kleider, sertigeLeibwäsche, Puz- waaren....... Hüte, Schmuckfedern, künstliche Blumen....... XHI. Rohstoffe u. Fabrikate der Kautichuk- und Wachstuch Industrie..... darunter: Kautschukwaaren..... XIV. Eisenbahnfahrzeuge, gepolsterte Wagen u. Möbel XV. Maschinen, Instrumente und Apparate.... XVI. Kurzwaaren Und Schmuck XVII. Gegenstände der Literatur und bildenden Kunst —— 399 1 677 21788 15 873 16 041 25 296 24 495 187 52 73 463 10454 61 165 413 1201 117 10 5 3 10 965 2 334 2392 61493 260 13 521 23 401 485 11872 2 069 2 941 1263 10326 17 523 3 535 3 559 2 078 3 928 103 946 98 507 2 835 3 817 41 299 16 571 29 247 26 551 263 1 419 19 202 36 884 599 4 094 627 5 317 4 212 328 Z)ie deutsche Kandetsmariue. ii. Wenden wir uns nunmehr zu der Handelsmarine selbst. Dieselbe wies am 1. Januar 1882 einen Bestand von 4509 Schiffen auf, welche sich auf 38« Heimathäfen verteilten und zusammen eine LadungSfähiqkeit von 3 883 738 Kubikmeter Netto repräsentirten. Ihre regelmäffige Besazung belies sich auf 39 109 Mann. Auf das Ostsee- gebie, entfielen 1823, aus das Nordsecgebiet 2K8K Schiffe. „ Bon all diesen Schiffen waren: 4051 Segel, chtsfe mit 2 670819 Kubikmetern Netto Ladungssähigkeit und 29 593 Mann vegelmamger Besazung:- 458 Dampsschisfe mit zusammen 192 429 Pferdekra,ten, �12 919 Kubikmetern Netto LadungSsähigkcit und einer regelmäßigen Besazung von 951« Mann._,,. WaS die Galtung bezw Bauart der Segelichiffe anlangt, so sind: 184 derselben Bollschiffe: 598 Schooner, darunter 69 Dreimaster- Schooner: 182 Schoonerbriggs: 4« Schoonerbarten: 98«chooncrgaleotten: 43 Gaffelschooner: 17 Schoonerkuffs: 2 Schoonergaleassen: 420 Bngg», ? Boyer: 2 Lorchas: 1 Quase; 1 Pünte: I Jolle und l rroppiengel schooner.,... 7 Jahren 293; von 3 bis 5 Jahren 224; von 1 bis 3 Jahren 122; i unter I Jahr 43. Bon den Dampfschiffen sind: 418 Schraubendampfer, 39 Räderdampfer und l Hydrometer. DaS älteste ist der Leerer Räderdampfer !„Kronprinz", erbaut 1845. Das Alter der Dampfschiffe verteilt sich überhaupt wie folgt: von 80 bis 40 Jahren 6; von 20 bis 30 Jahren 31; von 15 bis 20 Jahren 44; von 10 biS 15 Jahren 77; von 7 bis 10 Jahren 93; von 5 bis 7 Jahren 35; von 3 bis 5 Jahren 47; von 1 bis 3 Jahren 72; unter l Jahr 53.— Das schwächste dieser Schiffe ist der Neumühlener Schraubendampfer„Tusnelda" mit 8 Pferdestärken; daS stärkste ist die im Jahre 1881 vom Norddeutschen Loyd in Bremen erbaute„Elbe" mit«115 Pferdekräiten. Ihr schließen sich an die„Mosel" mit 3500, der„Wieland",„Lessing",„Herder" und „Gellert" mit je 3000 Pferdestärken. Ueberhaupt verteilen sich die ge- sammten Dampfschiffe ihrer Pferdestärke nach folgendermaßen; 1 über 6000 Pferdestärken; 17 von 2000 bis 3500; 29 von 1000 bis 2000; 68 von 500 bis 1000; 85 von 250 bis 500; 93 von 100 bis 250' 72 von 50 bis 100; 17 von 40 bis 50; 15 von 30 bis 40; 12 von 20 bis 30; 9 von 10 bis 20; 3 unter 10. DaS zuni Bau der Schiffe benuzle Hauptmaterial besteht bei 8929 aus Holz und bei 577 aus Eisen. Zu ersteren zählen 1 Räder- und l Schraubcndampsschiff; zu lezteren 27 Bollschiffe, 45 Barken. 4 Drei- mastige Schooner, 1 Brigg, 2 Kutter, 1 Gaffelschooner, 15 Kähne.- Versehen mit Kupfer- oder Metallbolzen sind 1312 Schiffe; mit verzinkten Eisenbolzen 410; mit unver, zinkten Eisenbolzen 2213. Mit Kupfer, Metall oder Zink beschlagen sind 1488; an Schissen ohne derartigen Beschlag sind 2780 vorhanden; bei 6 Schiffen ist Berbolzuna und Beschlag unbekannt. Eine sehr beachtenswerte Erscheinung ist, daß die Zahl der Segel- schiffe von Jahr zu Jahr abnimmt, die der Dampfschiffe hingegen zu- nimmt. Gegenüber dem gegenwättigen Bestände von 4051 Segel- und 458 Dampfschiffen, wies die deutsche Handelsmarine im Jahre 1875 auf: 4303 Segel- und 299 Dampfschiffe. Die Zahl der ersleren hat sich also innerhalb 6 Jahren um 252 vermindert, die der lezteren aber hat sich um 259 vermehrt, tvovon auf Hamburg allein 42 entfallen. Eine vergleichende Uebersicht der Seereisen deutscher Schiffe zwischen auszerdeutschen, bezw. außereuropäischen Häsen, sowie des Seeverkehrs in den deutschen Hafenpläzen in den Jahren 1875 und 1880 ergibt folgende Verhältnisse: l. Im Jahre 1875 gingen ab: a) mit Ladung: nach dcm�auffer- deutschen Europa 4379, nach den auffereuropäischen Ländern 2224 Schiffe; b) ohne Ladung(in Ballast oder leer): nach dem auherdeutschcn Europa 1782, nach den außereuropäischen Ländern 859 Schiffe. Im Jahre 1880 gingen ab: a) mit Ladung: nach dem�außer- deutschen Europa 5335, nach den außereuropäischen Ländern 3105 Schiffe, — b) ohne Ladung sin Ballast oder leer): nach dem außerdeutschen Europa 2204, nach den außereuropäischen Ländern 866 Schiffe. Im Jahre 1875 kamen an: a) mit Ladung: von dem außer- .deutschen Europa 4271, von den außereuropäischen Ländern 2332 Schiffe; — b) ohne Ladung sin Ballast oder leer): von dem nußerdeutschen Europa 1993, von den außereuropäischen Ländern 648 Schiffe. Im Jahre 1880 kamen an: a) mit Ladung: von dem außer- deutschen Europa 5257, von den außereuropäischen Ländern 3233 Schiffe; — b) ohne Ladung sin Ballast oder leer): von dem außerdeutschen Europa 2349, von den außereuropäischen Ländern 721 Schiffe. Tic Zahl der im Verkehr mit dem außerdeutschen Europa und den außereuropäischen Ländern im Jahre 1880 abgegangenen und angekommenen Schiffe— mit Ladung und in Ballast oder leer— beträgt nl o 4609 mehr, als im Jahre 1875. II. Im Seeverkehr mit den deutschen Hafenpläzen gingen im Jahre 1875 ab: a) mit Ladung: 28 463 Schiffe, darunter 6738 Dampfschiffe; b) ohne Ladung sin Ballast oder leer): 14 691 Schisse darunter 1934 Dampfschiffe. Im Jahre 1880 gingen ab: a) mit Ladung: 39 097 Schiffe darunter 11 189 Dampfschiffe; b) ohne Ladung(in Ballast oder leer): 15 924 Schiffe, darunter 2739 Dampsschiffe. Das Jahr 1880 weist also im Seeverkehr mit den deutschen Häsen ca. 11 867 abgegangene und angekommenen Schiffe mehr auf, als das Jahr 1875. Selbstverständlich erklären sich alle diese Ziffern, in ihrem Ver- hältnis zu der Gesammtzahl der deutschen Handelsschiffe(4509) betrachtet, daraus, daß fast alle Schiffe, besonders diejenigen im Verkehr mit den deutschen Hafenpläzen und dem außerdeutschen Europa, jähr- (ich mehrere Reisen machen, die Küstenfahrer z. B. bis zu 40. Wenden wir uns nun schließlich zu den Totalverlusten, welche die deutsche Handelsmarine in den Jahren 1873 bis 1880 inkl. durch Verunglückungen erlitten hat. Die Zahl der verunglückten deutschen Seeschiffe betrug in diesem achtjährigen Zeitraum zusammen 1452, davon waren 1249 beladen und 203 leer oder in Ballast. An Menschenleben gingen verloren: von der 12 578 Manu starken Gesammtbesazung 2566; von der 1118 betragenden Zahl der Passagiere 387.— WaS die Art des Unfalls anbetrifft, wonach sich die Verunglückungen unterscheiden, so liegen uns zuverläsffge Mitteilungen darüber nur aus den 3 Jahren 1878 bis 1880 inkl. vor. Es finden sich für diesen Zeitraum ver- zeichnet: 299 gestrandete Schiffe, darunter 247 beladene; 12 gekenterte, sämmtlich beladen; 65 gesunkene, darunter 58 beladen; 11 verbrannte, darunter 9 beladen; in Kollision geraten 28, darunter 24 beladen; ver- schollen 87, darunter 77 beladen; schwer beschädigt und deshalb von der Besazung aufgegeben und verlassen 50, darunter 44 beladen; schwer beschädigt und deshalb kondemnirt sd. h. als der Reparatur unwürdig oder unfähig erklärt) 30, darunter 25 beladen.— Von diesen in den Jahren 1878 bis 1880 inkl. verunglückten 582 Schiffen waren 524 versichert und 24 unversichert, während für 34 der Nachweis, ob versichert, nicht zu erbringen war. Fr. Halbheit bei gesundheitspoliiellichril Maßregeln. Dem Bundesrat ist der Entwurf einer kaiserlichen Verordnung zu- gegangen, welche metallischen Vergiftungen durch Eß-, Trink- und Koch- geschirr vorbeugen soll. In demselben wird verboten: 1) die Verwendung von Blei und von Metall-Legirungen, welche mehr als 10 Prozent Blei enthalten zur Herstellung und zum Löten von Trink-, Eß- und Kochgeschirr; 2) die Verwendung von Blei und von Metall-Legirungen, welche mehr als 1 Prozent Blei enthalten a) zur Herstellung von Bierdruck- apparaten und von Syphons für kohlensäurehaltige Getränke, b) zur Verzinnung von Eß-, Trink- und Kochgeschirr, c) zur Herstellung von Metallsolien, welche zur Ausbewahrung und zum Verpaffen von zum Verkauf bestimmten Nahrungs- und Genußmitteln dienen sollen; 3) die Verwendung von Blei zur Ausbesserung von Mühlsteinen auf der Mahlfläche; 4) die Herstellung von Eß- Trink und Kochgeschirr mit Email oder Glasur, welche bei halbstündigem Kochen mit gewöhnlichem Essig an diesen Blei abgibt; 5) die Verwendung von blei- und zinkhaltigem Kautschuk zur Her- stellung von Mundstücken zu Saugeflaschen, Warzenhütchen, Trink- bechern, Bierleitungen, Spielwaarcn und zum Verpacken und Auf- bewahren von Nahrungs- und Genußmitteln. I_' Es unterliegt keinem Zweifel, daß durch das Inkrafttreten dieser Ver- vrdnung vielen Vergiftungen durch Blei und Zink vorgebeugt werden wird. Aber ist denn Blei das einzige Metall, dessen Zusnz zu Legirnngen bei Benuzung daraus gefertigter Geschirre die Gesundheit schädigen kann? Da obiger Entwurf nur die Verwendung bleihaltiger Legirungen einschränkt, möchte man daS fast annehmen. Und doch wäre das ent- schieden falsch! Fast alle Schwermetalle— Eisen etwa ausgenommen — wirken in gelöstem Zustande in den menschlichen Organismus ge- bracht, mehr oder minder giftig auf denselben, ja können unter Um- ständen den Tod herbeiführen. Fast alle Schwermetalle, außer Gold, Silber, den Platinmetallen und etwa Zinn und Wismut, werden von gewissen Speisen und Getränken, namentlich sauren, fettigen und salzigen angegriffen und gelöst und können daher bei Benuzung als Geschirr dem Organismus Schaden bringen. Die allgemeine Benuzung echter Gold-, Silber- und Platingeschirre verbietet deren hoher Preis. Die Vet Wendung rein eiserner Geschirre ist deshalb nicht gut tunlich, da Eisen überaus leicht von Wasser, ja schon von feuchter Luft an seiner Oberfläche oxydirt und angegriffen wird. Alle anderen hier etwa noch inbetracht kommenden Metalle, Zink, Nickel, Antimon, Wismut, Kupfer und Blei sind aber, abgesehen von ihrer eigenen Giftigkeit, wie sie in den Metallfabriken verarbeitet worden, auch fast nie frei von Arsenik. Nur Zinn, besonders gutes englisches, und Bankazinn, kommt meist ganz rein und arsensrei im Handel vor. Auch wird, wie schon gesagt, Zinn nicht so leicht von Speisen und Getränken unter gewöhnlichen Verhältnissen angegriffen. Zinn ist daher früher auch neben Gold und Silber das fast ausschließliche Material zur Herstellung metallener Eß- und Trinkgeschirre gewesen. Der hohe Preis des Zinns im Vergleich zu dem ihm sonst ähnlichen Blei(mehr als das vierfache des lezteren) veranlaßte allerdings schon lange einen gewissen Zusaz von Blei zum Zinn, zumal ein Zusaz von Blei dem Aussehen und der Haltbarkeit, und, wenn er nicht zu groß ist(nicht mehr als zehn Prozent beträgt), auch der Unschädlichkeit der betreffenden Geschirre keinen Abbruch tut. Freilich hat die Sucht, immer billiger als die Konkurrenz zu liefern, viele Fabrikanten verleitet, ihrem Fabrikate immer mehr Blei zuzu- sczen, so daß dasselbe zum weit größeren Teile überhaupt aus Blei besteht, dann aber leicht zu sehr gefährlichen Bleivergiftungen führen kann, zumal wenn die betreffenden Geschirre täglich im Gebrauch sind. Daß nun durch die oben erwähnten gesezlichen Bestimmungen der Ge- sährlichkeit zinnerner Geschirre durch übermäßigen Bleigehalt ein Riegel vorgeschoben wird, liegt auf der Hand und ist gut. Wirft man aber die Frage auf, ob durch diese Bestimmungen überhaupt die Vergiftung bei Verwendung zinnerner Eß-, Trink- und Kochgeschirre so viel als möglich ausgeschlossen wird, so muß diese Frage entschieden verneint werben. Denn es liegt nahe, daß, wenn ein größer Blcizusaz verboten ist, der weitherzige Fabrikant sich nach anderen nicht verbotenen billigen Surrogaten des teuren Zinnes umsehen wird, unbekümmert darum, ob dieselben giftig sind oder nicht. Solche Metalle find z. B. Antimon und Zink, die bis zu einem gewissen Prozentsaz sehr wohl dem Zinn zugesezt werden können, ohne das äußere Ansehen der daraus gefertigten Geschirre wesentlich zu verändern. Denn während der Marktpreis für englisches Zinn heut Mk. 240 per 100 Kg. ist, beträgt derselbe für metallisches Antimon ssogn. Regulus) Mk. 100 per 100 Kg., und Zink ist bekanntlich noch viel billiger. Die Gefahr einer Verunreinigung der Speisen mit metalliichen Giften wird aber durch solche Znsäze zum Zinn bedeutend erhöht. Erstens sind beide an sich durch saure Speisen löslich zu machen und giftig, und dann ist das Antimon fast immer arsenhaltig. Schreiber dieses ist aber bekannt, daß speziell Antimon in lezter Zeit viel zu Guß zur Herstellung von Geschirr venvendet wird. Bekanntlich bringt man in neuerer Zeit unter verschiedenen Namen wie Argentnn, Alfenide, Alpaca, Argyropkan, Britaniametall, China- iilber, Neusilber, Geschirr aus Metalllegirungen in den Handel, welche meiit Lcgirungeit von Kupfer, Zink und Nickel(Argentan) oder Kupfer, Zinn und Antimon(Britaniametall) oft mit Zusäzen von Blei und Wismut sind. Dieselben werden zu den mannigfachsten Eßgeräten ver- arbeitet, galvanisch versilbert und bestechen dann durch ihr schönes An- sehen ungemein, wenn auch oft die Versilberung nur so dünn wie ein Hauch ist. Für den täglichen Gebrauch sind sie auch nicht zu empfehlen, da die Versilberung sich sehr schnell abnuzt und dann die Legirung durch-speisen und Getränke leicht angegriffen und leztere vergiftet werden können. Auch diese Neusilbergeschirre sind daher, wenn sie nicht einen sehr ,tarken Silberuberzug bekommen, als entschieden gesundheitsschädlich zu bezeichnen. Auch durch Verwendung kupferner Kochgeschirre können, wenn nicht die größte Vorsicht geübt ivird, und wenn dieselben nicht ganz gut verzinnt sind, leicht Vergiftungen herbeigeführt werde». ... w>rkiame Garantie gegen Vergiftung durch metallene Ge- schirre konnte daher nur erreicht werden durch ein gänzliches Verbot f! m�r cnl®.t,on 3:™'' und Kochgeschirr aus anderem Metall als Gold, Platm Silber(und diese mindestens 12lötiq>, Eisen und Zinn. Was das Zinn betrifft, so dürfte es von anderen Metallen überhaupt nicht mehr als einen bestimmten— die Unschädlichkeit der Komposition noch verbürgenden— Zusaz haben. Aus anderen Me- tallen und Metalllegirungen dürsten Eß-, Trink- und Kochgeschirre überhaupt nur dann sabrizin werden, ivenn sie einen genügenden Ueber- M bo" Zmn oder von edlen Metallen von bestimmter Stärke erhalten. Entwurf aber jezt lautet, trägt er den Stempel der Halbheit. n. v. 443 D komm mit mir.(Illustration 3. 429.) Liebende verraten nicht gern ihre Geheimnisse, wir wissen also nicht genau, was unser Pärchen so nachdenklich macht. Wollens die Eltern nicht leiden, dast die beiden sich heiraten? Oder hat der junge Mann, der im übrigen recht unter- nehmend aussieht, keine Aussicht auf ein genügendes Auskommen? Etwas derartiges ists; da wir aber etwas neugierig sind— und unsere Leserinnen jedenfalls auch— so müssen wir uns schon aufs Erraten legen. Die junge Marie, die wir vor uns sehen, ist nämlich die Tochter eines Fischers und in der ganzen Stadt— die freilich nicht allzugroß ist— bekannt als die schöne Fischerin. Das Mädchen ist schlank aber auch kräitig gebaut; eine schwächliche Tochter kann der alte Kurt, Märiens Vater, auch nicht brauchen, denn gar häufig muß sie mit ihm hinaus auf den stürmischen und wogenden See, um dem Vater beim Fischfang hilfreich an die Hand zu gehen. Daheim hat fie genug zu tu», um die Haushaltung zu führen— denn ihre Mutter ist schon lange tot— und die Neze auszubessern. Tie verborgen blühende Rose in der stillen und kleinen Fischerhütte ist bald bemerkt worden und viele Schmetterlinge haben sie umgaukclt. Aber sie ist eine stolze und unnahbare Jungfrau, und wen ihre Kälte nicht abgeschreckt, den hat Vater Kurt verscheucht mit seinen derben Fäusten und seiner seemänni- scheu Grobheit. Endlich ist aber doch der Rechte gekommen, nämlich eures Kaufmanns Sohn, der schmucke Arnold, der die Rechte studirt. Er hat den Weg zum Herzen schön Märiens zu finden gewußt, und daher kommt es auch, daß die Fischerstocher nun plözlich noch mehr in der Haushaltung zu tun und Reze zu flicken hat, als vordem, und nur selten mit dem Vater auf den See hinausfährt. So auch heule, und während Vater Kurt den Hechten und Lachsen nachstellt, kost der junge Arnold mit schön Marie. Er meint es ehrlich; aber werden seine hoch- nrüiigeu Eltern in die Heirat mit der Fischerstochter willigen? Wird der alte Kurt, der Eisenkopf, den„studirten Zicrbcngel" als Schwieger- söhn wollen, er, dem ein tüchtiger Fischer immer als die Perle aller Cchiviegersöhne erschienen ist! Das isls, was die jungen Herzen be- engt. Es wird viel Mut dazu gehören, um die ihnen entgegenstchenden Vorurteile zu überwinden. Sie fühle» es, und wir wollen ihnen von Herzen wünschen, daß sie die nötige Tapferkeit und auch— das nötige Ellück haben. LI. _ Tie höchsten Tenkmälcr und Bauwerke der Welt.(Illustration t:. 432—433.) Um den Franzosen von dem grandiosen Stil des Nibelungenliedes einen Begriff zu geben, schreibt H. Heine in seinem Buche über Deutschland(Ve rAUemague):„Denkt euch, es wäre eine helle Sonimcruacht, die Sterne träten hervor am blauen Himmel und alle gotischen Dome von Europa hätten sich ei» Rendezvous gegeben nuf einer ungeheuer weiten Ebene, und da käme nun ruhig heran- geschritten der Slraßburger Münster, der Kölner Dom, der Glocken- türm von Florenz, die Katcdrale von RoueN u. s. w. und diese machten der schönen Notre-Damc-dc-Paris ganz artig die Cour." Ein ähnliches Bild, wie des genialen Dichters humoristische Phantasie es entwarf, hat unser Zeichner mit seinen! Stift geschaffen, nur zu einem andern Zivcäe: er will die höchsten Denkmäler und Bauwerke, welche die Menschenhand zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Ländern gegen den Himmel nnsgeschichtet und emporgetürmt, in einem sehr geschickt gruppirtcn Ensemble vorführen. Gewiß eine glückliche Idee, und die dreiundscchzig Nummern, die das Bild umsaßt, sind interessant genug, um uns die kleine Mühe, die das Orientireu unter denselben verursacht, nicht verdrießen zu lassen. Zunächst wird unser Blick von dem mächtigen Koloß gefesselt, der sich ungefähr in der Mitte des Äildes mit seinen beiden Türmen uns pvcifciitivt und der cm Höhe alle andern überragt. Wer kennt ihn nicht, den kölner Dom. den Stolz deutscher Gotik. Er wurde unter dem stolzen und niachtigen J�dischos von Köln, Konrnd von Hochstädten, und nach den Planen Meisters Gerhard von Nile 1249 begonnen, der Chor ward 1322 vollendet. Tie steten Kämpfe zwischen den Erzbischösen und der Stadt hinderten den Weiterbau; man nahm einzelne Anläufe, aber vom IG. bis tu das 19. Jahrhundert ruhte der Bau, dessen Beendigung seit 1340 als Nationalangeleqenheit betrieben wurde, so daß er kurzlich vollendet werden konnte.— Einen ganz andern architektonischen Karaktcr zeigen die beiden vulkansörmigen Baute», deren Gipfel zwischen den beioe» Türmen des kölner Doms sich zeigen. Es pnd die ältesten Bamenk- mäler. ivelche die Erde auszuweisen hat und sie gehören dem Wunder- land Egypten an. Riesenhafte Größe karakterisirt ganz besonders die ägyptische Baukunst, ivelche den Eindruck des Erhabenen nur durch die Blasse zu erreichen wußte. Erst in den Tempclbauten der Griechen ist die Architektur zu maßvoller Schönheit und einfacher Klarheit durch- gedrungen. Die egypti-chen Herrscher. Pharaonen, wollten auch noch 'm Tode königlich wohnen, sie ließen daher für ihren kostbaren Kadaver ""geheure Grabmvnumente, Pyramiden, erbauen, welche als kunst- *%%%%&& sasÄs» der Pyramiden geschah durch die Anlage eines terrastei, artigen Stufen- bans, der von unten nach oben sich entsprechend venungte.' WWZWW-Ms eine Höhe von 137,18 Meter(ihre ursprüngliche Höhe stimmt dem dem Felsen angehörigcn Sockel und der jezt weggefallenen Spize war weit beträchtlicher), und man könnte mit den Steinen, aus denen sie erbaut ist, eine Mauer um ganz Spanien herumziehen. Nach Herodot haben 360000 Menschen zwanzig Jahre lang an dieser Pyramide gearbeitet. Neben dieser sehen wir die etwas kleinere Pyramide des Chesrcn oder Chafra, Bruder des vorigen(3067—3043). Zwischen den beiden Gipfeln dieser Pyramiden sehen wir die schlanke Turimpize der dem 13. Jahrhundert, der Periode des schönen gotischen Stils in Frank- reich, entstammenden Katedrale zu Ronen hoch hervorragen. Einer späteren Zeit gehören die Obelisken an, deren wir auf uniereni�Bilde zwei erblicken und welche einen Bestandteil der cgyp- tischen Tempel ausmachten, wovon die großartigsten Reste sich unter den Trümmern des„Hunderttorigen" Theben befinden, der späteren Königsstadt der Pharaonen; es sind die Tempelpaläste beim heutigen Liixor und Karnak. Mächtige Umfassungsmauern, schräg aussteigend, schlössen den Raum des Tempels ringsum ab. Zu beiden Seiten der hohen, schmalen Pforte erhoben sich turmartige Gebäude, die sog. Pylonen, vor welchen ein paar Obelisken standen. Nach diesem Ein- gange führte eine lange Allee von Sphinxen. Die Sphinx, dieses monströse Gebilde, eine aus gewaltigem Felsen gehauene, liegende männliche Gestalt mit Menschenkops und Löwenleib, Symbol des Rätselhaften, war de» Forschern selbst lange ein Rätsel, bis man in neuerer Zeit darauf kam, daß damit Harmachis, der Sonnengott beider' Welten, versinnlicht wurde. Unser Bild siihrt uns die 1 2>/, Meter hohe Sphinx von Gizch vor.— Die altindische Baukunst vertritt auf unserem Bilde die kolossale Pagode— freistehender Tempel— in Dschagger- nalh, einem berühmten Wallfahrtsort der Hindus am bengalischen Meerbusen.— Eine Probe römischer Baukunst gibt uns das P a n- t h e o n in Rom, das großartigste Denkmal der augusteischen Zeit, welche die edelste Glanzepoche des römischen Lebens bildet. Der bis auf uniere Zeit erhaltene Bau zeigt die in der altitalischen Kunst bc- liebte Rundsorm.— Die Giraldakirchc zu Sevilla repräsentirt die Kunst des Islam.— Der berühmte schiefe Turm zu Pisa, auf welchem Galiläi manche für die Naturwissenschast überaus ergebnis- reiche Experimente machte, ist im romanischen Spiel erbaut. Er ist angeblich schon während des Baus auf der einen Seile gesunken, worauf ihm die geneigte Richtung mit Absicht erhalten wurde. Er ist 1174 gegründet und von Bonnanus und W. v. Jnnspruck gebaut.— Die Gotik, welche ihrer zum Himmel emporstrebende», Vcrgeistung ausdrückenden Natur gemäß Bauten von immenser Höhe Produziren mußte, ist aus unserem Bilde durch zahlreiche Kirchen, Katedrale, Münster, Dome reich vertreten. Auch einen gotischen Profanbau er- blicken wir auf unserem Bilde: den Turm des im 15. Jahrhundert erbauten Brüsseler Rathauses.— Der Baustil der Vorzugs- weise in Italien heimischen Renaissance konnte durch kein Werk wür- diger repräsentirt werden als durch die P e t c rs k i r ch e in Rom mit ihrer mächtigen Kuppel. Die kolossale fünfschiffigc Peterskirche, von Konstantin dem Großen gegründet, mußte im 16. Jahrhundert dem Neubau weichen. Im Jahre 1506 wurde der Bau von Braniante begonnen, in den folgenden Jahren von verschiedenen Meistern, worunter auch Raffacl, nach mehrfach verändertem Plane fortgeführt, bis endlich 1546 Michel Angelo den Plan des riesigen Kuppclbaus entwarf, der auch nach seinem Tode eingehalten und bis 1667 zu Ende geführt wurde. Diese Kuppel ist ein Wunder der Baukunst, wie kein zweites solcher Art auf Erden zu finden, an Erhabenheit, Leichtigkeit und Schönheit der Form unerreicht, wie an Größe und Kühnheit der Kon- struklion. Burkhardt sagt von der St. Petcrskuppel, daß sie die schönste und erhabenste Umrißlinie darbietet, ivelche die Baukunst auf Erden erreicht hat. Die von Christopher Wren von 1675 bis 1710 erbaute PaulSkirche in London gehört zu den großartigsten Schöpfungen der Renaissance in England, wo diese erst spät die Gotik verdrängte. — Neben diesen und anderen durch riesige Maße hervorragenden Werken der älteren Zeit begegnen wir auf unserem Bilde auch zahlreichen Denk- mälern und Bauwerken der neuen und neuesten Zeit, deren Bekannt- schast wir bei unseren Lesern wohl voraussczen dürfen. Unter den ersleren fesselt uns besonders die erst vor wenigen Jahren errichtete hohe Figur der Freiheit bei New-Uork, obgleich sie von dem Her- kulcs auf der Wilhelmshölic bei Kassel überragt wird; denn bei ihrem Anblick steigt in uns der Wunsch auf: Möchte bald der Tag erscheinen, wo auch in Europa der Freiheit ein Standbild errichtet wird. 8t. Atnazonengruppc.(Illustration S. 437.) Nicht das moderne Zeit- alter allein kennt emanzipirte oder emanzipationssüchtige Frauen, schon das klassische Altertum weiß vo« Frauen zu erzählen, die aus der engen Sphäre, welche die Gesellschaft dem weiblichen Menschen anweist, hinausstrcbend, selbst um denjenigen Lorbeer ivarben, den die mann- liche Kraft allein erringen zu können glaubt. A m a z o n e n nennt eine Sage des Altertums ein nur aus Frauen bestehendes V lk, das keine Männer unter sich duldete, unter Anführung seiner Königin be- waffnet in den Krieg zog und einen kriegerischen Staat bildete. Mit den Münneni benachbarter Staaten pflogen sie Gemeinschaft blos der Fortpflanzung wegen. Diesen sendeten sie auch die Knaben zu, welche sie gebaren, wenn sie dieselben nicht töteten. Die Mädchen aber er- zogen sie zum Kriege und brannten ihnen die rechte Brust aus, damit ihnen diese beim Spannen des Bogens nicht hinderlich sei. Der Name iU soll B r u st l o s e(a-mazös) bedeuten, doch ist diese Ableitung nicht wahrscheinlich, ohne daß es bis jezt gelungen ist, die richtige zu ent- deckcin Die Amazonen gehörten zu dem Kultus der großen asiatischen Mondgöttin, welche die Griechen mit ihrer Artemis identisizirten. Man verlegte den Hauptsiz und Mittelpunkt des Amazonenstaats in die Nähe des heutigen Trebisonde an den Fluß Thermodon und unfern vom Fluß Iris, dem heutigen Jeschil Jrmak sin den Küsten gegenden des schwarzen Meeres). Von da aus sollen sie aber ganz Asien mit Krieg überzogen und Smyrna, Ephesus und andere Städte erbaut haben. Ein Kampf mit diesen kühnen Frauen gehörte zu den Waffen- proben fast aller hellenischen Heroen. Der korintische Sonnenheld Bellerophon kämpfte vo?» Flügelroß Pegasus herab mit den- selben und unter den zwölf Großtaten, welche Herkules auf Befehl des Eurystheus vollbringen mußte, spielt auch der Kamps mit den Amazonen eine Rolle. Vom Kriegsgott selber besaß die Amazonen- königin Hippolyte ein kostbares Wehrgehenk, welches Herkules erbeuten sollte. Theseus begleitete ihn auf diesem Zuge und am Fluß Ther- modon begann die Schlacht, wo Jupiters Sohn den Sieg errang, die Königin selbst gefangen nahm und das kostbare Wehrgehenk erbeutete. Selbst zu Zeiten Alexanders d. G. treten die Amazonen noch in Sagen auf; ihre Königin Thalestris soll den Alexander besucht haben und durch ihn Mutter geworden sein.— Mit dem dichterisch schönen Ama- zonenmytos hat sich nicht blos die epische Poesie, sondern auch die bildende Kunst der Griechen mit Vorliebe beschäftigt. Die ausgezeich- netsten Künstler des Altertums, Bildhauer wie Phidias, Polyklet n. a., Maler wie Mikon, haben gestrebt, die Amazonen in statuarischen Dar- stelluugen sowie in Reliefs und Gemälden fAmazoneuschlacht) zur An- schauung zu bringen. Sie erscheinen da in ideal schönen, weiblichen Formen, keineswegs mit einer Brust, nur etwas muskulöser als andere Frauen, mit Speer, Streitaxt, mondförmigem Schild, Kriegergurt um die Hüsten, mit Bogen und Köcher und mit dem Schwert an einem Wehrgehänge, das über die Brust läuft.— Dunkle Sagen von bewaff- neun slytijchen Frauen, die an« Kriege teilgenommen und alte Ueber- lieferuuge» von Hierodulen streitbarer Göttinnen mögen den Mytus geschaffen haben.— Selbst im Mittelalter verschwinden die Amazonen nicht vollständig aus der Säge. Mit dem Aufleben der klassischen Studien lebten auch die Amazonen wieder aus und zwar nicht blos in der Poesie, sondern auss neue glaubte man, daß ein solches Volk wirklich existirt, und man suchte es namentlich in Afrika und Amerika, wie denn auch der Amazonenstrom seinen Namen davon erhalten hat.«Andere deuten« Amassoua„Bootzci störer", wie die Jndier in der Nähe der Mün- dung im IG. Jahrhundert den Strom nannten.)— Unser Bild stellt eine der Fresken dar, womit der Maler Franz Simm daS Treppen- haus des kaukasischen Museums in Tiflis schmückte. Die beiden Ama- zonen, von denen die jüngere aus bäumendem Schimmel heransprengt und aufmerksam ins Weite schaut, die ältere hinter ihr zum bevor- stehenden Angriff vorbereitet ist, nehmen die große Wandfläche zwischen zwei Fenstern ein. Die vortreffliche, sehr effektvolle Komposition ist mit eminenter Naturwahrheit und Lebendigkeit durchgeführt. Wie die alten Künstler hat auch Simni seinen Amazonen, der Sage widersprechend, ihren vollen natürlichen Brustschmuck gelassen, eingedenk des ästetiichen Gesezes, das Lessing im Laokoon entwickelt. Vgl. auch unsere Aus- sührung zu Kanoldls Iphigenie in diesem Jahrgang der„N. W." S. 208. St. Aus allen Winkeln der Zeitliteratnr. Die Walpurgisnacht. Fast in ganz Europa herrscht der uralte Glaube, daß in der Nacht vom lezten April auf den ersten Mai die Hexen eine große Versammlung halten. In ganz Norddeutschland ist die Sage verbreitet, daß in dieser Nacht der Teufel mit den auf Besen, Ofengabeln, Böcken, Kazcn und Elsterschwänzen reitenden Hexen durch die Lüfte nach dem Blocksberg fährt, wo sie de» Schnee wegtragen und sich mit allerlei wüsten Lustbarkeiten ergözen, um dann nach allen Richtungen abzuziehen und den Leuten Schaden und Schabernack zuzufügen. Im altgermanischen Heidentum hatte der I. Mai eine hohe Bedeutung alS Hauptgerichtstag. Die Hexen gehören zum Gefolge ehemaliger Göttinnen, die— von ihren Sizen gestürzt und aus gütigen und angebeteten in feindliche und gesürchtete Wesen verwandelt— unstät bei Nacht umherirren und statt der alten feierlichen Umzüge nur heimliche und verbotene Zusammenkünfte halten. Solche Vereinigungen geschehen stets an Pläzen, wo Gericht gehalten oder heilige Opfer dar- gebracht wurden, und da der Brocken eine solche Stätte war und ein Hauptplaz unter den vielen, so wurde er der Schauplaz der nlljähr- lichcn Hauptversammlung. Unter dem Blocksberge ist übrigens nicht allein der Brocken zu verstehen; denn auch in Ostpreußen gibt es mehrere Blocksberge und bis nach Meran hinab tagen um diese Zeit die Hexen auf Berggipfeln; überall aber wird der Ritt auf den Blocks- berg auf den 1. Mai fast gleichlautend erzählt. Auch in Goethes „Faust" spielt die Walpurgisnacht eine bedeutsame Rolle, auf die zu verweisen wir uns hier begnügen müssen. Um vor dem Hexcnunwesen der Walpurgisnacht gesichert zu sein, werden sorgfältig alle Türen und Fenster verschlossen gehalten und mit Kreuzen, Drudenfüßen, Rasen- stücken und Besen, bei denen der Stiel nach unten gerichtet sein muß, geschüzt. Die Hexen holen eine Kuh oder ein Pferd aus dem Stalle, wenn die Türen nicht bekreuzt sind. Man muß Eggen auf die Kreuz- ivege legen, die Zacken nach auswärts gerichtet; ferner schafft man mit Einbruch der Nacht alles Geräte vom Backofen weg, sonst reiten die Hexen darauf. In manchen Gegenden geht man an diesem Abende nicht zu Bette, um nicht mit Alpdrücken gequält zu werden._ Eine eigentümliche Sitte ist in Tirol das sogenannte Ausbrennen der Hexen; unter entsezlichem Lärmen mit Schellen, Pfannen und Klappern, ge- hezten Hunden u dgl. werden in der Walpurgisnacht hier Bündel von Kien, Schlehdorn, Schierling und Rosmarin auf hohe Stangen gesteckt und angezündet, worauf man damit siebenmal um das Gehöft oder Dorf läuft und die Unholdinnen hinausrüuchert. lAns„Der Monat Mai", Europa 1888, 14.) Proben deutscher Polkspoefie der Gegeuuiart. Frühlingstraner. Vogelsang im Waldesdüstcr, Süß berauschend Blumendüfte, Schmeichelnd Wehen linder Lüfte, Wellenmurmeln, Schilfgeslüster— O ihr trauten Frühlingskinder, Die so lang ich mußt entbehren, Trocknet mir die stillen Zähreu, Die erpreßt mein Lebenswinter. Macht so gern mich glücklich wähnen, Mit euch spiele», lachen, scherzen, Doch ihr weckt in meinem Herzen Nur ein schmerzlich banges Sehnen. Lieb und Glück durchdringt die Wesen, Kommt der holde Lenz gezogen, Doch mir ists vorbeigeflogen— Bin zum Glück nicht auserlesen. Kann mich nicht wie andre freuen, Möchte zürnen, weinen, klagen In des Frühlings lichten Tagen, In deS Lebens holdem Maien. Aber singt und rauscht und fächelt, Daß ein Hauch vom LenzcSwehcn Auch mög durch die Herzen gehe», Denen nie das Glück gelächelt. Ernst Klaur. Auslösung des Rebus in Nr. IG: Die Blume ringt nach Sonnenschein, Des Menschen Herz nach Freude. Inhalt: Vom Baume der Erkenntnis. Roman von I. Zadeck.(Fortsczung.)— I. D. H. Tcmme.(Mit Porträt.)— Zu RaffaelS 400jährigem Geburtstag. Von Dr. Richard Ernst.(Schluß.)— Im Fegefeuer. Humoristische Erzählung von B. Rudolf.— Stoffwechsel beim neugeborenen Kinde.— Welthandel und nationale Produktion. Von Bruno Geiser.— Die deutsche Handelsmarine. II.— Halbheil bei gesundheitspolizeilichen Maßregeln.- O komm mit mir!(Mit Jllustr.)— Die höchsten Denkmäler und Bauwerke der Welt.(Mit Jllustr.) — Amazonengruppe.(Mit Illustration.)— Aus allen Winkeln der Zeitliteratur: Die Walpurgisnacht.— Proben deutscher Volispoesic der Gegenwart: Frühlingstrauer. Von Emst Klaar.— Rebus.— Mannichsaltiges.— Gemeinnüziges. Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart. Redaktion: Neue Weinstcige 23.— Expedition: Ludwigs, raße 26 in Stuttgart. Druck und Verlag von I. H. W. Dietz in Stuttgart.