Erscheint alle 14 Tage in Heften ä 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Postamter zu beziehen. 'Dom Wccume bev Erkenntnis. Von I. A« d e ck.(Ii. Forisezung.) Burghardt war eben im Begriff, seine Wohnung zu der- ""d hatte sich schon von seiner Frau und Hedwig ver- Ichiedet, als er Richard die Treppe hinanstürmen hörte. Er «"i ,cllt9c9CI< und führte ihn in sein Arbeitszimmer. lchards hübsches Gesicht, das die deutlichen Spuren einer Ulchwachten Nacht trug, war lebhaft gerötet, als er dem Freunde uegenü bertrat. Er>var sich bewußt, auch den Freund über der " zügellosen Genußsucht der leztcn Monate vernachlässigt p"'n�en und schämte sich dessen. Tem geübten Menschen- sirf�f �Ö'ng dies nicht. Da es indessen nicht in seiner Ab- I cht lag, seinem jungen Freunde, dem er ernstlich zürnte, das 'ngefländnis seines Unrechts zu erleichtern, wartete er ruhig >chards Annäherung ab. Dieser aber, dem unter Burghardts rnfenden Blicken immer unbehaglicher zu Mute wurde, schwieg pV-j-1''?1' uiußte sich endlich Burghardt wohl oder übel u Ichließen, das Schweigen zu brechen. hast dich lange nicht bei uns sehen lassen," fing er an. - 9 kann dich danim auch nicht Wunder nehmen, wenn dein vinnien heut, zu so ungewöhnlich früher Morgenstunde mich orfascht. Was führt dich zu mir?" Einen kurzen Augenblick schien es. als schwebe eine heftige �"ort aus Richards Lippen. Burghardts Kälte verlezte ihn . wan sah es an dem Aufblizcn seiner Augen und an der skfcn Rote, die flüchtig sei» Gesicht bedeckte. Tann mußte er 1) lagen, daß Burghardt Recht hatte, ihm so zu begegnen. or sein Stolz lehnte sich dagegen auf, dem Freunde zu zeige», 'o schmerzlich er unter der Entfremdung litt, die sich zwischen ' 9eschlichen hatte. ..Tu weißt um Hedwigs Ausenthalt, Burghardt," sagte er }i-»Tu würdest mir einen Dienst erweisen, ivenn du ihn "a- verrietest, auch wenn sie dir das Versprechen abgenommen "sollte, ihn vor mir geheim zu halte». �9 ist nicht wahr, daß sie abgereist ist, wie sie ihre Wirtin gauben machen wollte," fuhr er schneller fort, als Burghardt me Bewegung machte, um zu antworte».„Wohin sollte sie gegangen sein? Sie ist hier in deinem Hause und ich fordere 0" dir. daß du mir eine Unterredung mit ihr verschaffst."— Burghardt schüttelte den Kopf. „Nein," sagte er.„Es ist wahr, Hedwig ist in meinem Hause, wenn auch nur für kurze Zeit. Heute Abend begleite ich sie und meine Frau»ach einem böhmischen Badeort. In- zwischen bin ich beauftragt dir zu sagen, daß Hedwig dich nicht wiedersehen will."— „Ich muß sie aber sehen," fuhr Richard auf und ging zur Tür, die in das Nebenzimmer führte. Burghardt vertrat ihm den Weg. „Du bleibst," sagte er streng.„So lange Hedwig in meinem Hanse lebt, steht sie unter meinem Schuze. Und wäre sie selbst nicht hierher geflüchtet, um deinem Anblick zu ent- gehen, ich würde keinen Augenblick Bedenken tragen, ihr dies Wiedersehen zu ersparen."— „Ich muß sie sehen," wiederholte Richard, außer sich ge- bracht durch die kalte Ruhe, mit welcher Burghardt sprach.— „Du hast nicht das Recht, mich von ihr fern zu halten und mir die Möglichkeit zu nehmen, mich zu rechtfertigen und ihre Verzeihung und ihre Liebe wieder zu gewinnen." „Und weshalb nicht," unterbrach ihn Burghardt.„Kannst du die Vergangenheit ungeschehen machen? Ich sage dir. das arme Mädchen bedarf der Schonung mehr, als sie selbst es ahnt. Es ist ja nichts neues mehr, daß ein junges Wesen in seinem Vertrauen getäuscht worden ist und was es mit Schmerzen geliebt hat, mit Verachtung aus seinem Herzen reißen muß. Aber vermöge ihrer ungemein sensitiven Natur, ihrer gesteigerten Empfänglichkeit für alle Freuden und Schmerzen, empfindet Hedwig alles, was ihr begegnet, ungleich tiefer als andere. Jezt ist sie an Leib und Seele gebrochen durch den Verrat, den du an an ihr begangen hast. Es wird einer langen Zeit bedürfe», ehe das arme Mädchen sich selbst wiedergefunden hat. Du— du glaubst, wenn du nun vor sie hintrittst und sie mit zärtlichen Worten deiner Liebe und deiner aufrichtigen Reue versicherst, so müßte alles vergeben und vergessen sein und du könntest wieder frei aufatmen und brauchtest nicht länger das niederdrückende Bewußtsein mit dir herumzutragen, einen Men- scheu unglücklich zu wissen durch deine Schuld. Ich zweifle nicht daran, daß es dir in diesem Augenblicke Emst ist mit der Reue über das Geschehene; daß du wieder voll und ganz für das Mädchen empfindest, das um deinetwillen leiden muß. Wer aber bürgt dafür, daß du nicht morgen schon mit allem Un- gestiim deiner Natur danach verlangst, den Schritt rückgängig zu machen, den du jezt zu tu» Willens bist?"— Richard hatte sich abgewandt und ging mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder. Nun griff er nach seinem Hute und schritt zur Tür. „Vielleicht hast du Recht," sagte er düster.„Was liegt daran, ob ich zu Grunde gehe. Ich— ich bin ein Unwürdiger, der sehe» muß, allein fertig zu werden mit der Vcr- gangenheit. Wie konnte ich auch hoffen, Glauben zu finden und Vertrauen, wo ich durch mein Tun jeden Anspruch ans Achtung unwiderbringlich verscherzt habe."— Ucber Burghardts ernstes Gesicht flog ein Lächeln. „Tu bist ein Kind, Richard," sagte er weicher, als er bisher gesprochen hatte und faßte die Hand des Freundes.—„Ich will dich so nicht von mir lassen. Wie ich dich kenne, wärst du imstande, einen dummen Streich zu tun, um deinem Groll und Aerger gegen uns Luft zu machen. Ich habe Hedwig versprechen müssen, dich zu schonen. Nicht so, mein Junge," unterbrach er sich, als Richard eine ungestüme Bewegung machte, die Tür, die in das Nebenzimmer führte, zu öffnen.„Tu sollst sie jezt nicht sehen. Wenn es dir aber wirklich daruni zu tun, Hedwig an deine Reue und Bes- scrung glauben zu machen, ich wäre der Erste, diesen Entschluß mit Freuden zu begrüßen. Nur ist es mit Versprechungen nicht getan. Es ist ja leider wahr, du hast deinen Freunden bisher keine Veranlaffung gegeben, an den Emst und die Festigkeit deines Karaktcrs zu glauben. Es fällt mir schwer genug, dir wehe zu tun, mein Junge— es ist nicht immer angenehm, die Wahrheit zu sagen. Aber es wäre unredlich gehandelt, wollte ich in diesem Augenblicke, wo du mehr als je eines Freundes bedarfst, aus übel angebrachtem Zartgefühl schweigen. Es wird einer langen Zeit und ernsten Arbeit bedürfen, che du den verhängnisvollen Fehler ablegst, in welchen- du so lange befangen gewesen bist. Tu glaubst, es sei dein gutes Recht. dich ohne Widerstreit rücksichtslos deinen Empfindungen hinzu- geben. Tu darfst es tun, meinst du, weil du dir bewußt bist, nichts Unedles zu wollen; keinen unlauteren, niedrigen Gedanken zu hegen. Nun hast du ja erfahren, wie großes Unheil auch ein edelgeartctcr Mensch anrichten kann, der sich in seinem Tun und Lassen von seinem Willen leiten läßt und nicht von der Erkenntnis, welche allein die Richtschnur des menschlichen Hau- dclns sein darf. Wie kannst du es wagen, ein Wesen an dich zu fesseln, ein Menschenleben so eng mit dem deinem zu ver- weben, wenn du deiner selbst so wenig sicher bist und wie ein schwankes Rohr von jedem Luftzug hin und her getrieben wirst! Ihr seid beide noch jung," fuhr er nach einer Pause fort, während er vergeblich ans ein Wort von Richard gewartet hatte. „Hedwig hat weder niir noch meiner Frau gesagt, was zwischen euch vorgefallen ist; ans welche Weise sie von deiner Lebens- weise unterrichtet wurde. Sie gibt sich ernstlich Mühe, ruhig und gefaßt zu scheinen. Ich bin ihr gestern begegnet— ihr Aussehen beunruhigte mich. Ihr zarter Körper ist so gewaltigen Aufregungen nicht gewachsen— es ist deine Pflicht, sie vor allem zu behiiten, was ihr äußerst reizbares Nervensystem empfindlich berühren könnte. Daß sie dich nach wie vor mit allein Ernst und aller Leidenschaftlichkeit ihres Karaktcrs liebt, ist klar. Es fallt ihr auch gar nicht ein, uns dies verheimlichen zu wollen, obschon sie der festen Ueberzeugung ist. daß alles aus sei zwischen euch. Wenn du sie wirklich liebst und nicht nur der Gedanke, sie zu verlieren, sie dir vorübergehend be- gehrenswert erscheinen läßt, so liegt es ganz in deiner Hand, sie wieder an deine Liebe glauben zu machen. Beweise ihr durch die Tat. durch ein ernstes, arbeitsvollcs Leben, daß du die Vergangenheit bereust, daß dir an ihrer Achtung gelegen ist. Es wird so schwer nicht sein— glaube mir. sie verlangt heim- lich nichts sehnlicher, als wieder an dich glauben und dich achten zu dürfen. Zwar, sie hat nun den Zweifel kennen gelernt, das Mißtrauen in die eigene Urteilskraft— sie wird voraussichtlich lange Zeit nicht den Mut haben, ihren eigenen Sinnen zu trauen. Aber, wenn dir daran gelegen ist, was du durch eigene Schuld verwirkt hast, wieder zu gewinnen, wirst du dich die Mühe nicht verdrießen lassen. Inzwischen verspreche ich die, über Hedwig zu wachen. Ich habe sie selbst sehr lieb gewonnen in der kurzen Zeit— man trifft nicht häufig unter unseren heutigen Frauen eine so selbständige geistige Kraft, einen ernsten, tüchtigen Karaktcr wie den ihren."— Richard hatte sich niedergesezt und die Hände vor das Gesicht geschlagen. Die Worte des Freundes hatten ihn tief erregt. Nun stand er auf und schüttelte Burghardt die Hand. „Ich danke dir." sagte er.„Du hast recht, ich muß sie vor ähnlichem behüten. Sie soll meiner ohne Bitterkeit gedenken— mehr verlange ich nicht. In den nächsten Tagen gehe ich nach E., um do-t ein neues Leben zu beginnen. Ich hätte sie gern noch einmal gesehen, ehe ich von hier gehe. Es werden Mo- nate, vielleicht Jahre vergehen, ehe ich zurückkehre, um sie zu fragen— nun, was ich sie heut noch fragen darf. Aber schreiben darf ich doch? Sie wird meine Briefe nicht zurück- weisen? Ich will alles vermeiden, was sie aufregen könnte. Tu selbst, du wirst mich wissen lassen, wie es ihr geht. Tu bist der Bessere von uns beiden— du trägst es mir nicht nach, daß ich auch dir gegenüber im Unrecht bin."— Als er dann gegangen war und sich, unten angelangt, noch einmal umwandte, sah er an einem der Fenster Hedwigs blasses, trauriges Gesicht. Sie sah ihm aus tränenumflorten Augen nach und wurde glühcndrot, als sie sich entdeckt sah. Sie hatte, im Nebenzimmer sizcnd, unfreiwillig einzelne Bruchstücke aus dem Gespräche der beiden niitangehört und sich Gewalt antun müssen, um ruhig zu bleiben.?lm liebsten wäre sie dem Reuigen um den Hals gefallen und hätte ihm alles verziehen, was er ihr Trauriges angetan hatte. Sie hatte es oft genug zu ihren- Leidwesen erfahren, wie schwach sie war denen gegenüber, die sie liebte. Aber die ernste Ruhe, mit welcher Burghardt dem Aufgeregten Mut und Hoffnung zugesprochen, hatte auch sie überzeugt. Nun lächelte sie den- sich Entfernenden unter Tränen zu und ganz imstillen, ihr selber unbewußt, stahl sich, inmitten ihrer Schmerzen, leise und unmerklich, die Hoffnung in ihr Herz und nahm den Druck von ihr, der seit jenem schrecklichen Augen- blick wie ein Alp auf ihrer Bmst gelegen hatte. XIII. Heller Sonnenschein lag aus dem schönen Fleckchen Erde, das hart an der böhmischen Grenze gelegen, vermöge seiner wundertätigen Quellen and der Reinheit seiner Luft alljährlich um die Sommerszeit zahlreiche Gäste von nah und fern anlockt. Der kleine Badeort, der von der Natur so überreich ausgestattet worden, mußte es sich indes gefallen lassen, hinter anderen fashionablen Bädern, denen er an Naturschönheit und wunder- tätiger Kraft der Quellen bei weitem überlegen war, bescheiden zurückzustehen. Zu seinem Unglück wechselte der kleine Ort fast alljährlich den Besizcr. Und da es einzig und allein in dem Interesse des zeitweiligen Eigentümers lag, den Badeort augenblicklich so nuzbringend als möglich zu verwerten und der Zukunft so gut wie gar nicht gedacht wurde, war es im Laufe der Zeit so weit gekommen, daß der Ort seinen ländlichen Karaktcr nur wenig verleugnete und kaum den bescheidenste» Ansprüchen an Komfort und Geschmack der inneren und äußeren Ausstattung genügte. Diese Wahrnehmung drängte sich auf den ersten Blick der jungen Dame auf, welche auf einem mit Koffern und Kisten beladenen Wagen iu Gesellschaft ihrer Dienerin die Chaussee entlang fuhr, die von der mehr als eine Meile weit entfernten Bahnstatron in das Bad führt. Ein spöttisches Lächeln schwebte um die Lippen der jungen Fraü, als die einstöckigen Häuschen mit den kleinen, bleigesaßten Fenstern und den vorspringenden Giebeln ans dem Grün des Waldes auftauchten und eine Schaae blondköpsiger, kleiner Bauernbursche mit zerrissenen Beinkleider-- und von Cchmnz starrenden Gesichtern ihrem Wagen unaus' gesezt folgte, �abei schlugen sie ihre Kapriolen und wurden nicht »lüde, durch die gelvagtesten Sprünge und Verrenkungen die Aufmerksamkeit der Kommenden auf sich zu lenken, bis die schöne Frau sich durch eine Handvoll kleiner Silbermünzcn von ihrer ungebetenen Gesellschaft befreite. Zu jeder anderen Zeit würde die verwöhnte junge Tame sicherlich verächtlich das feine Naschen gerümpft haben, wenn man ihr zugemutet hätte, sich wochenlang auf diesem abgelegenen, von der Kultur so arg vernachlässigten Fleckchen Erde nieder- zulassen, das aller Reizmittel entbehrte, mit denen ein rasfinirter Geschmack die geschäftige Langeweile der Großstadt erträglich zu gestalte» sucht. Heute war sie in der Laune, mit einem übermütigen Lachen darüber hinwegzugehen und ein heimliches Vergnügen zu empfinden, wenn sie daran dachte, tvie seltsam sie sich ausnehmen müsse inmitten dieser geschmacklosen Einfach- heit; sie, deren schöne, elegante Erscheinung wie geschaffen schien, in einem glänzenden Rahmen zu leben und die sich kaum vor- zustelle» vermochte, wie man unter anderen, einfacheren Lebens- bedingungcn überhaupt leben könne. Als dann zu ihrer nicht geringen Verwunderung die schlanken Türme eines stattlichen Hotels vor ihr auftauchten, welches durch sein Erscheinen den Verdacht, als gäbe es in dem ganzen Orte kein Pläzchen, das ein verwöhntes Wcltkind zu beherbergen würdig sei, entkräftete, schüttelte sie mit einem übermütigen Aufleuchten ihrer schönen Augen den Kopf und winkte dem Kutscher, weiterzufahren. Sie kam sich vor wie ein verzaubertes Königskiud, das durch eine barocke Laune des Schicksals in eine Wildnis verschlagen worden. Und das Seltsame und Abenteuerliche ihrer Fahrt, das ihrem excentrischen Köpfchen nicht geringes Vergnügen bereitete, erhielt durch diese freiwillige Vcrzichtleistnng aus die gewohnte Bequem- iichkcit und Eleganz einen neuen Reiz. Als sie dann vor einem unscheinbaren Häuschen abgestiegen war und sich mit einem behaglichen Gefühl auf dem altmodischen Eopha ausstreckte, das in einer Ecke des geräumigen Zimmers stand, war ihr, als habe sie mit der gewohnten Lebensweise auch alles abgestreift, was ihr seit Jahren das ganze Leben in dem Lichte einer häßlichen Komödie erscheinen ließ, in der nntzuspielen kaum der Mühe lohnte. Nicht etwa, daß die Schönheit der sie umgebenden Natur sie über sich selbst hinwegtrug. Sie hatte nie recht begriffen, wie einem Menschen beim Anblick einer schönen Gegend das Herz aufgehen könne und mit der ihr eigenen Rücksichtslosigkeit den verspottet, der in ihrer Gegenwart ein Wort davon hatte verlauten lassen. Ihr war der Sinn für einfältigen Naturgenuß versagt; sie bedurfte der Menschen, um sich zu vergnügen und ihre geistige Regsamkeit zu bewahren. So glitt auch heut ihr Blick »ur flüchtig über die weichen, wellenförmigen Linien hinweg, i" denen sich die Berge von dem rotglühenden Himmel ab- grenzten und die sanfte Abcndstimmung. die über den, schönen Tale ausgegoffen lag. weckte keinen Widerhall in Doras Herzen. Sie dachte an das. was sie hierhergeführt und mußte lächeln, wenn sie sich der erstaunten Miene erinnerte, mit welcher ihr Mann ihren plözlichen Entschluß, das kleine, wcltentlegene Bad auszusuchen, aufgenommen hatte. Georg hatte anfangs Bedenken getragen, sie gewähren zu lassen. Die souveräne Willkiu, mit welcher sie ihren Willen zur Geltung brachte und gar nicht den Schein zu wahren suchte, als sei ihr daran gelegen, sich den Wünschen und Neigungen ihres Mannes anzupassen, hatte etwas Herausforderndes. Auch hatte er. seitdeni Hedwig sein Haus verlassen und gegen seinen Willen durch ihrer Hände Arbeit 'hr Leben fristete, jeden Verkehr mit seiner Schwägerin abge- brachen. Nun war es durchaus gegen seinen Wunsch und Willen. baß Tora ihre Schwester in dem Badeort aussuchte, in welchem sich die leztere nun schon seit Wochen mit ihrer Freundin cuisi hielt. Aber Tora hatte ihren Wille» durchgesezt. wie sie alles j" erreichen pflegte, was sie ernstlich wollte, ohne sich durch die Einwendungen ihres Mannes stören zn lassen. Es war ihr sehr gleichgültig, ob sie damit die Kluft, die seit Jahren zwischen >hr und ihrem Gatten bestand, erweiterte. Sie hatte ihn in dem Glauben gelassen, als sei es nur der Wunsch. Hedwig wiederzusehen, der sie mit solcher Hartnäckigkeit an ihrem ploz- lichen Entschlüsse festhalten ließ. Wenn er gewußt hätte, ivas sie in Wahrheit hierherführte— r hätte alles aufgeboten, sie von dieser Reise zurückzuhalte». Nu» hatte die Leichtigkeit, mit welcher sie den Widerstand ihres Mannes zu eiitwaffnen gewußt hatte, ihr Selbstgefühl noch erhöht. Und wie sie jezt mit halbgeschlosscnen Lidern, ein weiches, träumerisches Lächeln um die schöngeschwniigenen Lippen, ans dem Sopha liegend, der Zukunft gedachte, ziveifelte sie nicht, daß es ihr gelingen werde, siegreich zuende zn führen, was sie begonnen. Allmählig stahl sich eine süße Mattigkeit über ihren beweglichen Geist und ihre aufgeregten Sinne. Sie ging frühzeitig zu Bett und schlief bis in den helle» Morgen hinein. Wenige Tage zuvor war in dem benachbarten Pavillon, der seinen stolzen Namen sehr mit Unrecht trug, ein fröhliches Wiedersehen gefeiert worden. Burghardt, der seine Frau während der Dauer ihres hiesigen Aufenthaltes iviederholt flüchtig besucht, hatte sich zu seiner Herzensfreude überzeugt, wie sehr er Recht gehabt, als er von der Ruhe und den neuen Eindrücken des Badelebens einen heilsamen Einfluß ans Lisbeths Gemüts- stimmung erwartete, Nun hatte er alle Bedenken, die dem Vielbeschäftigten eine längere Abwesenheit von dem Schauplaz seiner Wirksamkeit untunlich erscheinen ließen, über Bord ge- worfen und seine Frau durch die Mitteilung überrascht, daß er bei ihr bleiben wolle, bis sie gemeinschaftlich die Heimreise antreten würden. Er hätte Lisbcth keine größere Freude machen können. Die wenigen Wochen fern von Berlin, fern von den mißgünstigen Blicken derer, die der Schwergeprüften ihr stilles Glück neideten, hatten ihr sehr wohl getan. Die unbefangene Freundlichkeit, mit der ihr von allen Seiten begegnet wurde; der warme, freundschaftliche Verkehr mit Hedwig, die jeden Ge- danken an ihr eigenes Schicksal zurückdrängte, um sich rückhalts- los der Freundin zn widmen, hatten ihr Selbstgefühl gekräftigt. Run war der Eifer, mit welchem Burghardt die Trennung zn verkürzen suchte und um ihretivillen auf Wochen hinaus aufgab, woran sein Herz hing, ihr ein neuer Beweis, wie sehr er sie liebte. Hent hatte Bnrghardt in früher Morgenstunde eine Wan- derung durch den Park und die benachbarten Berge angetreten. Erich begleitete ihn— der Kleine hing mit großer Liebe an dem Vater und war glücklich, wenn er an seinen Strcifzügen teilnehmen durfte. Lisbeth war im Bade. Es war um die Zeit, da der größte Teil der Badegäste in den Bädern zn weilen pflegt und man in den wenigen Straßen und den schattigen Laubgängen des Parks kaum eine menschliche Seele antrifft. Hedwig war zu Hause geblieben. Sie saß am Fenster und hatte einen Brief in Händen. Sie hatte den Brief schon so oft gelesen, daß sie ihn fast auswendig wußte und konnte sich doch nicht enthalten, jeden Augenblick des Alleinseins zu benuzen, um ihn von neuem hervorzuholen und ihn immer wieder zn lesen. Es war ein Brief von Richard, den Burghardt ihr kurz nach seiner Ankunft gegeben hatte— der erste, den Richard ihr geschrieben, nachdem er ihr wenige Stunden vor ihrer Ab- reise aus der Heiniat ein längeres Schreiben übersandt hatte, in welchem er, ohne den Versuch zu machen, seine Handlungs- weise zu beschönigen, ihr in schlichten Worten gebeichtet hatte, wie alles gekommen war und wie er, obschon sie allen Grund habe, an seinem Herzen zu zweifeln, sein Lebensglück und all' seine Hoffnungen für die Zukunft von ihrer Verzeihung ab- hängig mache. Dann hatte er sie in rührenden Worten gebeten, den Ring, den sie ihm im Zonie zurückgegeben, zum zweiten- mal von seiner Hand zu nehmen. Er wisse zivar, daß er durch sein Tun das Recht verscherzt habe, sie als seine Braut zu betrachten. Aber sie solle den Ring zurücknehmen, wenn nicht als Zeichen des Verlöbnisses, so doch zum mindesten als ein Pfand, daß er die Hoffnung nicht aufgeben müsse, sie dereinst als sein geliebtes Weib heimzuführen, wenn er durch ein ernstes, der Arbeit geweihtes Leben bewiesen habe, daß es ihm in Wahrheit darum zu tun sei, ihrer Werth zu werden. Sie hatte ihm geantwortet— ein paar freundliche Worte, die ihm ihre unveränderte Teilnahme an seinem Geschick aus- sprachen, aber die Vergangenheit nicht berührten. Tann hatte er wochenlang nichts von sich hören lassen, auf Burghardts Anregung, der dem Reuigen diese Entsagung zur Pflicht ge- macht hatte. Nun hatte er von neuem geschrieben. Sie trug den Brief beständig bei sich, um sich, während sie in aller Unbefangenheit mit den anderen plauderte, von Zeit zu Zeit durch eine leise, zärtliche Berührung zu überzeugen, daß sie nicht geträumt habe und der ferne Freund ihrer wirklich in Liebe gedenke. Eine leise Röte lag auf ihrem Gesicht— sie sah sehr hübsch und glücklich aus. wie sie jczt den Brief aus- einanderfaltete und las. Ihre kleine, zierliche Gestalt war in den lezten Wochen ein wenig voller geworden. Die Sonne hatte ihre Wange gebräunt und auch ihre Hände waren nicht mehr so durchsichtig weiß und schlank, wie sie noch vor kurzem ge- wesen. „Es ist nicht mein Verdienst, daß ich dir heut erst schreibe, mein süßes Lieb," lautete der Brief.„Ich hatte Burghardt versprochen, mich zu gedulden, bis wir beide ruhiger geworden und ruhiger der Vergangenheit gedenken würden. Es ist mir schwer genug geworden, mein Wort zu halten— wiederholt fing ich im Schreiben an dich an und habe es immer wieder zerrissen. Es drängte mich, dir mitzuteilen, wie ich hier lebe. Ich hätte dir gern jeden meiner Gedanken beichten mögen, mein ganzes Herz vor dir bloßlegen wollen, wie ich es früher getan habe. Ich bedurste deiner mehr denn je— hast du mich doch nun erst in meiner ganzen Schwäche kennen gelernt. Auch quälte mich der Gedanke, wie es dir gehe; ob du wohl meiner gedenkst und mir auch wirklich verziehen hast. Aber ich schämte mich meines Ungestüms. Zum erstenmal im Leben tat ich niir Gewalt an. Es ist mir sehr schwer geworden. Ich habe schlaf- lose Nächte darüber verbracht und mit einer förmlichen Schaden- freude die Abstinenzerscheinungen beobachtet, die diese ungewohnte Enthaltsamkeit zur Folge hatte und die sich mitunter zu einem Paroxysmus von Wut und Zorn und Aergcr gegen dich und mich steigerten. Nun sind viele Wochen vergangen, seitdem ich dich zum leztennial gesehen habe. Heut darf ich dir schreiben. „Ich bin seit Wochen in E. Die Stelle, die mir schon vor dem angeboten worden, war noch vakant und da ich reichlich niit Empfehlungen versehen war, erhielt ich sie mühelos. Ich habe mich in meiner neuen Stellung vollständig eingearbeitet — sie läßt mir Zeit genug, an meine eigenen Angelegenheiten zu denken. In meinen Mußestunden beschäftige ich mich mit schriftstellerischen Arbeiten, die mir viel Freude bereiten— rechtsphilosophische Studien, dieselben, von denen ich dir früher schon sprach. „Man ist mir hier sehr freundlich entgegengekommen, obschon ich die Gesellschaft wenig aufsuche. Ich habe keinen Grund, mich dessen zu freuen— ich weiß, daß das Wohlwollen, welches man mir entgegenbringt, nicht meiner Person gilt oder doch zum mindesten nicht so uneigennüziger Natur ist, als man mich glauben machen möchte. Auch habe ich mich beeilt, die Hoff- nungen, die sich etwa an meine Person knüpfen könnten, im Keime zu ersticken. Erschrick nicht, Kind, ich habe deinen Namen nicht genannt. Aber ich habe den Leuten gesagt, daß ich eine Braut habe, die ich so bald als möglich heimzuführen hoffe, eine Braut, die viel bester und klüger ist als ich und die, so jung sie ist, in ihrem kleinen Finger mehr Willensstärke und Festigkeit besizt, als ich troz meiner sicbenundzwanzig Jahre." Ein Schatten fiel auf das Blatt, das Hedwig in Händen hielt. Draußen, vor dem offenen Fenster, stand Tora in ihrer ganzen verlockenden Schönheit. Die Sonne schien in ihre Augen und brach sich in tausend zittenrden Reflexen auf dem schwarzen Atlaskostüm, das ihren schönen Körper umschloß. (Forlftiunz folgt.) Wfingstgewittev. Gedicht von Mar Uaglrr. Das war ein Wetterleuchten, Gin Rauschen und ein Rollen, Gewattige Donner scheuchten Mit Dröhnen und mit Grollen Die schlummernden Tiere des Waldes auf, Es stürzten die Däche in rasendem Dans, Ron strömendem Regen geschwollen, Die Schilifte und die fi lüfte hinab And fanden im Grunde heulend ihr Grab,— 5ch stand alleine im Walde. Die Wolken irrten und zogen Am Himmel düstere Lreise; Aufwühlend zu mächtigen Wogen Zni See die welligen Gleise Drach wild der Sturm die Tannen entzwei,— G, wäre die grausige Rächt vorbei Und käme sanft und leise, Zum Frieden mahnend, mild und hold, Zm G ften anfleuchteud wie flüssiges Gold, Die Morgenröte geflossen! Zch dacht' es mit heimlichem Leben: Und stehe! da kam die Sonne Und löste zu guellendein Leben, Zu jubelnder Dascinswonne Der Sturmnacht wilden, schaurigen Grans, Und weithin über die Schluchten hinaus Hört' muntere Lieder ich schweben,— Ron Maien umfächelt und Dlnmen im Haar, Sang hoch vom Derg eine luftige Schaar: Die psingften stnd strahlend erstanden!... . So lalzt in diesen Zeiten, G lalzt die Geister gähren: Oer Sturm in allen Weiten. Gr kann nicht ewig währen! Gs mich nach altem, geweihten Drauch Aus wetterlcuchtender Rächt sich auch Oer Geisterfrühling gebären. Und nehmt's als tröstliche Dotschast hin: Wir singen noch alle in einem Sinn Vom heiligen Menschengeiste! Aus Z iSichc Jllusti Die Urbewohner Vorderindiens gehören größtenteils zwei verschiedenen großen Völkerstömmen nn. dem arischen, welcher zur kaukasischen, und dem dekhanischen, welcher zur mongo- tischen Raffe gehört. Der arische Volksstamm besizt den Norden des ganzen Landes, den bei weitem größten Teil des nördlichen Dreiecks, also Hindustan und einen Teil des nördlichen Dekhan. Er scheint einst aus dem Nordwesten her nach dem Indus und Ganges eingewandert zu sein. Stämme dieses eigentlichen Kulturvolks von Indien sind: die Bengalen, die Hindustani, die Radsch Puten, die Mahratten und die im Westen wohnen- den Dschat. Radsch putana, Land der Radschputs, wurde unter der englischen Verwaltung Bezeichnung des Landstrichs von der Größe Preußens, der in Gestalt eines Rhombus zwischen Zentralindien im Osten, Bombay im Sude», Sindh im Westen, Pandschab und Nordwestprovinz im Norden eingelagert ist. Neunzehn Staaten unter eigenem Oberhaupt und autonomer Verlvaltung teilen sich in den Besiz. England hat sich in Adschmir nur einen Kreis von der Größe des Herzogtums Oldenburg zur Selbstverwaltung vorbehalten. An den Höfen der Radschputsiirsten sind zu dem Glänze indischen Hoflebens die verfeinerten Genüsse westeuropäischer Kultur getreten, worin besonders der Hof von Dschaipur her- vorragt. Dschaipur hat mit 39 419 Quadratkilometern und gegen 2 Millionen Einwohnern fast die Größe von Kroatien und Slavonien mit der Biilitärgrcnze; der Ländenimfang ist etwas geringer, die Bevölkerungsdichtigkeit etwas größer. Das Land ist gut bewässert und fast eben zu nennen. Die gegenwärtige Dynastie faßte in Dschaipur Fuß im Jahre 967, die Hof- chronistcn wissen aber den Stammbaum bis zum Sagenhcldcn Roma hinaufzurückcn. Die neuen Herrscher nahmen Wohnsiz in Amber, der alten Residenzstadt. Als Siz der Fürsten von Dschaipur strahlte Amber großen Glanz aus; die Wasser des Baches, der von den bewaldeten Hügeln herabfloß, wurden durch einen stattlichen Querdamm zu einem Teiche aufgespeichert, lange Mauern am Rande des Hügels schüzten die Städter vor feindlichen Ueberfällen; aus dem feinsten weißen Marmor erstanden Paläste und Ver- schönerungsbauten, welche den berühmtesten Gebäuden sich würdig anreihen und die weltbekannten Marmorbauten der Alhambra überstrahlen, des herrlichsten Denkmals mittelalterlicher arabischer Baukunst in Europa. Ter Moghulkaiser Schah Dschehan soll über solchen Glanz erbost gewesen sein und wollte nicht dulden, daß seine Radschput-Untervasallcn in Dschaipur in Großartigkeit der Bauten ihn übertreffen; er gab Befehl, die Dewan-i-khas zu zerstören. Der schlaue Erbauer, Fürst Dschai Singh l., ließ die Pfeiler rasch mit Stnkkaturarbeitcn im Stile der über- ladenen späteren Hindutcmpclarchitektur überziehen und der mit der Zerstörung betraute General entledigte sich seines Auftrags durch den Bericht, daß die Nachricht falsch gewesen sei, ein die kaiserlichen Hallen in den Schatten stellendes Empfangsgebäude sei nicht angetroffen worden. Bis 1728 blieb Amber Residenz von Dschaipur; jezt liegt die Stadt öde und verlassen, der Teich hat den untern Stadt- teil unter Wasser gesezt, einige Priesterfamilicn bilden die ganze Einwohnerschaft. Die Zeiten sind vorüber, daß indische Fürsten sich durch Palastbauten staunenswerter Architektur einen Namen zu machen suchen; wenn der heutige Hindu ehrgeizig ist. so arbeitet er nach dem Vorbilde der Engländer für Befriedigung der Be- dürfnisse seiner Untertanen; ei» sprechender Beweis sür den Wandel der Gesinnungen ist die moderne Fürstcnresidenz Dschaipur, seit dem ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts Hauptstadt des Staates. In der Residenz Dschaipur ist eine an amerikanische Neu- gründungen erinnernde Regelmäßigkeit der Straßenanlagen an- n d i e n. tivll S. 473.) zutreffen. Der Gründer der Stadt ist Dschai Singh II., Fürst über Dschaipur von 1699 bis 1742, Kenner der indischen astronomischen Wissenschaft. Als Matematiker teilte er seine neue Stadtanlage in gleichseitige Quadrate mit geraden Linien, die sich in rechten Winkeln schneiden, und da der verstorbene Regent die Stadt mit Gas versah, das nicht aus Steinkohlen, sondern aus dem hier sehr billigen Kastoröl(Riziniusöl) dar- gestellt wird, so gewährt ein Gang durch die Straßen abends einen so glänzenden Anblick als europäische Prachtstädte, denn die Bauart der Häuser ist in gutem indischen Geschmack durch- geführt. Wahrzeichen der Stadt sind die zahlreichen Vorbaue mit durchbrochenem Marmorgitter, hinter denen die Frauen vor- nehmer Hindus dem Treiben auf der Straße zusehen; die öffentlichen Pläze sind mit Springbrunnen ausgestattet. In den Straßen ist viel Leben; aber Dschaipur ist keine Handelsstadt, man beobachtet kein fieberhaftes Gedränge. Lange Reihen von Kamcelen, Lasten von Steinen und Baumaterial tragend, ab und zu ein Elephant und Ochseukarreu bilden die Staffage; zuweilen eilen moderne europäische Wagen durch die Menge, die sich nur dann staut, wenn ein Bewohner der Berge gezähmte Bären tanzen läßt oder Gaukler Kunststücke aufführen. Die Straßen werden fleißig gereinigt, man stößt auf keine Schmuzhaufcn; die Stadt wird von den Engländern im Gefolge des Prinzen von Wales bei seiner indischen Rundreise als rein- lichcr wie London gerühmt. Zu den interessantesten Bauten Indiens gehören die Sati- grabdenkmäler, welche am häufigsten in Radschputana angetroffen werden. Sati ist weiblicher Eigenname der Tochter des Dakscha. eines Sohnes von Brahma, und die Gattin von Silva, des mit Brahma um den Vorrang sich streitenden Gottes. Nach der Hinduteologie stürzte sich Sati beim Opfer ihres Vaters in das heilige Feuer, aus Bekümmernis, daß ihr Gatte von Vater Brahma nicht zum Opfer eingeladen war. Seitdeni heißt jede Ehefrau, die mit ihrem verstorbenen Manne den Holzstoß besteigt, Sati, der Gebrauch der Witwenvcrbrennnng selbst Sahagamana. An der Stelle, an welcher solche Selbstweihung zur Verbrennung stattfand, errichten die Hindus mindestens eine Denksäule aus Stein, Frauen hoher Hindus wird sogar ein tempelartiges Ge- bäude errichtet. Witwen, die sich über den Verlust ihres Gatten trösten und sogar wieder heiraten, werden in den heiligen Schriften als nicht würdig erklärt, im Jenseits neben ihren Gebietern einen Plaz einzunehmen; sie sollen von Früchten und Beeren leben und gelten im Volke als Schandfleck der Familie. An diesem Makel haben die modernen Vereine für Witwen- Verheiratung nur wenig geändert; eine Witwe schreitet noch inimer schwer zu zweiter Ehe. Selbst Witwen aus besserer Kaste werden unter der Unmöglichkeit anständiger Versorgung zu Geliebten von Mitgliedern der religiösen Orden, wenn nicht zu Prostituirten. Die englischen Leiter der indischen Verwal- timg verhehlten ihren Abscheu gegen die Witwenverbrennung nicht. Unterm 4. Dezember 1829 erließ der englische General- gouverneur von Indien ein Geiez, welches das Verbrennen von Witwen für alle Zeiten verbietet. Dem Vollzuge dieses Ver- waltungsgesezes stellten sich ganz unenvartete Schwierigkeiten entgegen. Frauen, von Brahmanen ausgehezt, verlangten so ungestüm mit der Leiche ihres Gatten verbrannt zu werden, daß die Verbrennung unter behördlicher Aufsicht gestattet werden mußte, da bei Weigerung bedenkliche Ausbrüche des Fanatismus zu befürchten waren. Noch 1875 wurde bei Lakhnan eine Sati vollzogen, aber das Gericht verurteilte alle Teilnehmer, dreißig an der Zahl, wegen Mordes. Im englischen Reichsgebiet ist seither kein Fall von Sati mehr verzeichnet; in den Lasallen- staatcn dagegen ist der Brauch noch nicht unterdrückt. 3" Radschputana kostete es 1874 in Udaipur beim Tode des Fürsten die größte Mühe, zu verhindern, daß die vier Fraue" de? Verlebten den Scheiterhaufen bestiegen. Im Staate =— J Bainra(Zeiitralindien) duldete der Landesherr noch 1860 eine Sati; der Witwenverbrennung ist deshalb in Indien noch nicht vollständig gesteuert. Wo eine Sati nicht heinilich stattfindet, wird sie zum Feste, das Zuschauer aus Nah und Fem anzieht. Festlich geschmückt wie eine Braut, gcstiizt auf die nächsten Verwandten, umgeben von Brahmanen und religiösen Fanatikern, begleitet von rauschen- der Musik, ivird die Unglückliche zum Scheiterhaufen geführt. Ter Weg von ihrer Wohnung bis dahin ist gewöhnlich mit Palmzwcigen und Blumen bestreut. Die Frau teilt, sofern sie noch Lirast und Besinnung dazu besizt, Kupfermünzen unter die Anwesenden aus. Gewöhnlich aber kommt sie in ganz unzu- rechnungsfähigcm Zustande beim Scheiterhaufen an, da man ste durch schnelle und sicher wirkende narkotische Stoffe, wie Bhang, ein Hanfpräparat, zu betäuben sucht. I» unheimlicher Stille umgibt eine zahllose Menschenmenge de» Scheiterhaufen, um welchen die Witwe dreimal langsamen Schritts geht und den sie alsdann besteigt. Sie gelangt zum Leichnam ihres Mannes, dessen Kopf man ihr zuweilen in den Schoost legt. Mittels eines Stricks wird sie an einen hohe», hölzernen Pfahl ge- bunden, der sich in der Mitte des aufgetürmten Holzhausens befindet. Leute begicsten den Scheiterhaufen niit Oel, andere eilen mit Fackeln herbei, um ihn anzuzünden. Ist dann der cntsezliche Moment der fürchterlichen Todesangst gekommen, dann beginnen die Brahmanen laut Gebete herzusagen und Hymnen zu singen; die Religiösen erheben ein Geheul, Trom- peten schmettern, von allen Seiten begleitet von Trommel- und Paukcnschläge». Tiefe lärmende Musik soll die Schmerzenslaute übertönen, welche die Unglückliche in ihrer Seelenangst ausstößt. Wenn die Flammen von allen Seiten hell auflodern, an den Füße» der Unglücklichen hinanzüngeln und ihre Kleider erfassen, dann kommt es manchmal vor, daß die betäubte Gequälte mit eiuenimale ernüchtert wird; sie übersieht das Entsezliche ihrer Lage, ein gellender Schrei wird hörbar, mit fast Übermensch- lichcr Kraft zersprengt sie ihre Bande nnd niit einem kühnen Sprunge sucht die Gepeinigte dem Flammenmeer zu entrinnen. Aber die unmenschlichen Brahmanen eilen ihr nach, ergreifen sie wieder und schleudern sie wutentbrannt in die Flammen zurück. Um jedem Widerstande vorzubeugen, wurden häufig der Un- glücklichen, sowie sie den Schcitcrhanfe» bestiege» hatte, lange Bambusstöcke über die Schultern gelegt, mittels welcher sie niedergestoßen wurde, wenn sie den Versuch machte, zu ent- kommen. So geschah es in Kathmandu, der Hauptstadt des Himalayastaates Nepal, nach dem Zeugnis Schlagintweits. Die Musik in der Vogelmelt. Von Irieörick Hrneis. � Ter Gesang der Vögel, ihre Beweglichkeit, Gestalt und Ovrbe, ihre Frühlingsverkündigung wären allein schon Grund gcuug. Interesse und Liebe für sie in hohem Grade zu erwecken; aber wenn wir ihre Kunst nnd Ucberlegungsfähigkeit im Nester- bau, die Krast und de» Reichtum ihrer Gesühlsausdrückc hinzu- nehmen, die ihnen—»och außer dem eigentlichen Gesang— >n Tönen der mannichfaltigsten Art zugebotc stehen, so mögen wir wohl versucht sein, ihnen, von Seiten des Gemüts ivcnig- stens, selbst vor den Säugetieren einen Vorzug einzuräumen. Es ist aber vor allem die Sprache der Vögel, die uns anzieht. Keinem Tier ist diese Gabe in solchem Grade der Teutlichkeit und Mannichfaltigkeit verliehen, wie ihnen. Hierin stehen sie den Menschen am allernächsten; denn sie haben, wie biese. nicht»ur eine Sprache des gewöhnlichen täglichen Um- üangs. des Ruscus. Schreiens. Plaudcrns; sie haben wie die Menschen zum Ausdrucke der höchsten Empfindung die Poesie, die Lyrik, das Lied. Wie der Mensch die Sprache seiner schwungvollsten Empfindungen am liebsten im Gesänge redet, wen» er liebt, so auch die Vögel. Wie das menschliche Gemüt sehr empfänglich ist für die Einflüsse der Witterung, wie angenehmer Himmel es so leicht zum Frohsinn und Gesänge stimmt, so auch das der Vögel. Beim Mensche» ist nicht, wie bei diesen, die Gesangsfähigkcit an bestimmte Familien gebunden; aber die singfähigen Vogel- Emilien sind nicht nur innerhalb der Grenzen einer bestimmten Familie sehr verschieden begabt, sonder» es offenbart sich auch zwischen den einzelnen Individuen einer und derselben gesangs- sähigen Vogclart verschiedene Gradation der Fähigkeit. Ten Vorzug freilich haben wir entschieden voraus, daß bei uns die Gabe des Gesangs auch den Frauen im vollkommensten Maße verliehen ist. was dem weiblichen Geschlechte der Vögel säst ausnahmslos versagt blieb.— Welche Schönheit liegt in den Melodien der Vögel, und wie reizend sind diese scheinbar kunstlosen Gesäuge! Vom Zirpen der Grille bis zum majestätischen Rollen des Donners hat alles wil an dem tausendstimmigen Konzert ini großen Reiche der Natur; aber der hinreißende Schmelz der Musik liegt nur in den Kehlen der Singvögel. Der muntere Ruf der Finken, der Jubel der Lerchen, der melancholische Gesaug des Rotkehlchens, das flötende Pfeifen der Amsel und all der lieblichen Sänger beginnen das Konzert des Frühlings; sie sind die Musikanten der Natur, das Orchester der Schöpfung; ihr gewaltiger Dirigent ist die Macht der Liebe, und troz der ungemeinen Verschiedenheit der kleinen Künstler und ihrer Fähigkeiten beleidigt nie eine störende Disharmonie unser Ohr.— Stimmt die Königin des Frühlings, die Nachti- gall, ihre Hymne an, so muß jedes fühlende Herz in Bcwun- dcrung überflieste» und sich vor der Allmacht der Natur beugen, zu deren Lob alle Vögel ihre Stininie erheben. Wie dürstig ist aber, der Kehle der Vögel gegenüber, die der Säugetiere. Auch sie versuchen für verschiedene Gefühls- regungcn verschiedene Laute, und ein Hirsch, der seine Kühe ruft, ein Schaf, das sein Junges lockt, oder ein Hund, der einen Fremden anbellt, wissen sich gewist ganz verständlich zu mache». Aber doch wie einförmig tun sie dies! Wie reich an Tönen und Modulationen sind dagegen die allermeisten Vögel, und zwar ohne daß sie dazu auch nur eines Lautes des eigent- lichen Gesanges bedürften! welch verschiedenes Locken, Girren, Rufen, Schnalzen, Glucksen, Schnarren, Klagen, Seufzen, Riurren, Zanken steht ihnen außer ihren Liedern zugebote! Betrachten wir ein angehendes Vogelpaar I Wie viel an- gelegentliche süße Mühe gibt sich das Männchen, um das Weibchen, welches sich erst spröde zeigen will, mit Zärtlichkeit oder Heftigkeit, aber immer mit der größten Gewandtheit in Tönen, die es dem geübten Ohr unzweifelhaft machen, daß hier eine heiße Liebeswerbung im Gange ist,— für seine Wünsche zu stimmen! Und wie stolz und gehoben ertönt das Lied, wenn die Brautwerbung gelungen! Wie im Gefühl einer trefflich gespiel- ten Doppelrolle, der des Liebhabers und Helden zugleich, sezt sich das Männchen auf den höchsten Bauni, auf den First des Hauses nnd lobpreist sein schönes Geschick in de» prächtigsten Klängen. Damit jedoch nicht der Schein aller Schuld des Verliebtseins auf das Männchen falle, darf nicht verschwiegen werden, daß auch dem Weibchen, insofern es sein Abschen ans ein etwas spröderes Männchen gerichtet hat, gar artige Töne zugebote stehen, um dasselbe anzulocken und ihm zu schmeicheln. Und wie hoffnungsreich, wie wonneheimlich sind die Töne. von welchen die Arbeit des nun folgenden Nestbaues begleitet wird! Töne, denen alle die süße Erwartung des warmen brütenden Lebens und Muttcrglücks schon zum Voraus inne wohnt und anzuhören ist, das auf den Ausbau des Nestes — 476 füinmen svll! Ter Reichtum eines Vogelgemüts und seiner entsprechenden Acnßerungsfähigkeit tritt jedoch erst im Umgang mit den Jungen in seinem ganzen Triumph zutage. Soviel ist nach allem bisher Berührten unzweiselhaft, daß unter allen Tieren die Vögel diejenigen sind, die am meisten Drang und Lust haben, den Regungen und Empsinduugen ihrer beweglichen Seele durch Tone einen?lusdruck zu geben. Was wunder, wenn wir diese holden Friihlingskinder zu Zimmcrgenossen machen, um die Langeweile und Sorgen des Alltagslebens zu verscheuchen und uns au ihrem Gesänge zu ergözc»! Ter Gesang der Vö- gel ist so verschieden- artig, wie alles, was die Natur uns bietet. Doch hat man den Versuch ge- macht, ihn in drei Klas- scu zu bringen. Den Schlag nennt man, wenn der Vogel die Strophen seines Gesanges immer oder größtenteils in einerlei Folge hören läßt und die Stimme kräftig und angenehm ist, wie bei der Nachtigall, dem Buchfinken, dem Kanarienvogel, dem Schwarz- köpf und anderen. Gesang nennt man, wenn sich die Strophen, ohne regelmäßige Folge zusammenfkießend. unter- mischt mit zwitschernden, leiseren Töne» hören lassen, wie bei der Lerche, der grauen Grasmücke, dem Zeisig, dem Rotkelchen rc. Das Pfeifen nennt mau, wenn der Gesang aus reinen, flötenartigen Tönen besteht, welche deutlichere Strophen ausdrücken, ähn- lich dem Pfeifen der Men- scheu. So pfeift die Amsel, der Hänfling, der Dom- Pfaffe u. s. f. Außer dem Gesänge haben alle Vögel auch noch ihre Locktöne, welche je- der Vogelgattung eigen- tümlich sind. DicseLaute verändern sie je nach ihren Empfindungen und Leiden- schastcn. Anders sind die Töne der Furcht, anders die Töne der Liebe. Die Fähigkeit, jene Modulationen der Stimme hervorzu- bringen, hängt von dem Bau des Stimmorgans ab, das bei den Vögeln am untern Ende der Luftröhre liegt. Es ist eine den Vogclliebhabern bekannte Sache, daß die Vögel einander gegenseitig zum Singen anreizen. Fängt einmal einer an, so fallen bald alle im Zimmer besindlichen Vögel im Chore ein, suchen einander zu übertönen und den Rang abzulaufen, gleichsam als ob es einen Preis gälte.— Bemerkt der Vogel während dieses allgemeinen Wektgesangcs etwas, das ihn erschreckt und er läßt einen Warnetou hören, so verstummen alle Vögel, was sich recht koniisch ausnimmt, wenn nach solchem schmetternden Durcheinander urplözlich eine Stille eintritt, die beinahe feierlich ist, nur hier und da unter- brechen durch einen ängstlichen quiekenden Laut. Die Zeit des Gesanges ist verschieden; manche singen das ganze Jahr, die Mauserzeit ausgenommen, manche nur im Frühjahr und Sommer; jedoch ist derselbe zur Zeit der Be- gattung, also Frühjahrs, am fleißigsten und stärksten. Ein heiteres, fröhliches Duett bilden die Lerche und die graue Grasmücke; voll Leben und Feuer führen sie ein wahres Konzert aus. Aber ein Quartett voll Begeisterung und Kraft erheben die : Nachtigall, das Schwarzköpfchen, die Gartengrasmücke und die Lerche. Diese vier Vögel im Verein gewähren alles, was der Vogelfang ausgezeichnetes bietet: die geläufigsten Triller, die kräftigsten Schläge, den schmelzend- sten Gesang; und jeder Zuhörer, auch der für den Vogelgesang minder ein- genommene, wird gleichsam fortgerissen zur Bewun- derung für diese Künstler. Die Wachtel mit ihrem taktmäßigen, wohlklingcn- den Schlag ist gleichsam der Kapellmeister für die andern Vögel; der Staar aber der Bajazzo, weil er die andern Vögel nachzu- ahmen sucht und komische possirliche Geberdcn damit verbindet. Das Unvergleichlichste jedoch, was die Natur in dieser Alt geschaffen hat. ist der Gesang der Nach- tigall. Welche Kehlen- fertigkeit, welche Kraft und Fülle, welche gewandten, mit der Schnelle des Blizes dahineilenden Läufe und Triller, und welche schöne, sich in Akkorde auslösenden Endstrophen! Jezt zieht sie langsam und silberhell auf, allmälich wächst der Ton und steigt beinahe um eine Terz, wird zulczt klagend hingezogen und en- bißt dann plözlich in einem raschen Akkord. Scharf, aber glockenrein entströmen nun ihrer Kehle eine lange Reihe hastig vorgetragener Töne, die sich zulezt in einem Triller auflösen, der an Geläufigkeit alles über- trifft, was man hierin sich vorzustellen imstande ist. Wohl sezt sie von einer Strophe zur andern ab, aber eigentliche Pausen treten nicht ein, indem sie die Strophen durch feine, kaum hörbare Töne zusammenzieht, wie edle Perlen an einer Schnur aufgereiht sind. So hält sie den gefühlvollen Zuhörer durch die bezauberndste Harmonie und hinreißende Melodien stundenlang gefesselt und bereitet ihm den innigsten Genuß. Man muß erstaunen über die Fülle und Mannichfaltigkcit dieser Zaubcrtöne und über die außerordentliche Kraft ihrer nichtermüdendcn Kehle. In der Tat hat sie auch nebst dem Sprosser unter allen Singvögeln die stärksten Kehlmuskeln. Man nennt sie mit vollem Recht die Königin der Singvögel, denn wenn alle Singdroffeln, Amseln, Lerchen, Grasmücken und Finken zusammensingen, die Nachtigall übertrifft sie alle, sie sezt ihrem Gesänge die Krone Rotschnäbeliger und großer Tukan. auf. Eine gute Nachtigall hat zwanzig bis vierundzwanzig der- schiedene Strophen, ohne die Modulationen, die sie noch mit Geschmack anzubringen weiß. Es darf uns deshalb nicht wundern, über ein Beispiel be- soliderer Wertschäzung der Nachtigallen einen Artikel in der »Leipziger Jllustrirten Zeitung" vom 30. September 1882 zu finden, welchem wörtlich folgendes zu entnehmen ist. »Adelina Patti hat, wie ein pariser Berichterstatter ans den, Munde der Diva selbst erfahren haben will, in ihrem Testament angeordnet, daß sie bei ihrem Schloß in Wales beerdigt werde und daß auf ihrem Grabe eine Vvliöre mit Nachtigal- len sich erheben soll, welche mit ihren niclo- bischen Klagen für immerwährende Zeiten die Erinnerung an die San- geskünstlerin wachzu- halten berufen sind. „Die Idee, eine der- artige mnsikalische See- lenmessc zum ewigen Gedächtnis an eine große Sängerin zu stif- ten, ist ebenso poetisch wie originell. Da es jedoch bekanntlich vom Erhabenen zum Lächer- lichen nur e i n Schritt ist. so fühlt sich viel- leicht einmal eine reiche Geflügelhändlcrin bc- stimmt, das Beispiel Adelina Pattis in stau- desgemäßer Weise nach- zuahmen und zur Ber- ewigung ihres Anden- kens bei den kommenden Geschlechtern auf ihrer lezten Ruhestätte einen wohlassortirten Hühner- hos zu stisteu." Schon im grauen Altertum hat die Nach- tigall(Lnscinia Philo m da) durch ihren schönen Gesaug die Be- wunderung der Mensch- hoit errungen. Aristo- telcs und Plinius, die ältesten naturhistori- scheu Schriftsteller, er- wähnten dieselbe auf �ie rühmendste Weise. Tie ältesten Dichter besangen sie als Philomele, welcher Name >hr in der Tichtcrwelt bis auf die neueste Zeit geblieben ist »nd der von der Tochter Pandions, Königs von Athen, Schwester der Prokne, herrührt. Philomele ward von deren Geinahl Terens entehrt und der Zunge beraubt, worauf Phi- lomele nud Prokne aus Rache des Terens Sohn Jtys töteten und Philomele von den Göttern in eine Nachtigall, Prokne in eine Schwalbe verwandelt wurde. Für das menschliche Ohr ist es ein besonderer Vorteil, daß os den Anschein hat, die Singvögel bemühen sich mit ästetischem Geschmack, indem sie bei Steigennigen wirklich zum bessern fort- lchreitcn, und eine durch Geräusch i» ihrem Schlage forcirte Nachtigall zum Beispiel gewährt auch der gewöhnlichen Be- obachtung den Eindruck, sie erhebe sich aus eigener Begeisternng Zur selbstbeglückendsten Höhe ihrer Kraft und Kunst, als hätte Töpfer- oder Ofenvogel mit Nest.(Seite 491.) ' sie ein Gefühl von der Wonne des Ausrufes:„So laß mich sterben!" Sobald durch das Wehen lauer West- und Südwinde der Grimm des Winters gebrochen ist und in den gcschüzten Tälern Schneeglöckchen und Anemonen ihre zarten Blütenknospen dem neuen Lichte erschließen, dann ist auch die Zeit wieder heran- gerückt, wo die Herolde des Lenzes nach und nach im Heimatlande ihren Einzug halten. Besonders sind es aber die Schwarzamseln und Sing- drosseln, welche nächst der Nachtigall mit ihren feierlichen Lieder- strophen„die Tage der Wonne" begrüßen.— Nur ist der Karakter beider Gesänge sehr verschieden. Beim Am- selgesang fließen die abgerundeten Töne sanft und gezogen dahin, beim Singdrosselschlag jagen sie sich in Hast, dem Wildbache gleich, dessen Wellen in der Wald- schlucht sich überstürzend von Stein zu Stein springen. Aus dem Flötengesang der Amsel spricht Ernst undWürdc, fröhliche Selbstgenüg- samkeit und kindliche Freude;— aus dem Schlage der Singdrossel dagegen leidenschaftliche Erregtheit, ungestüme Lust und jauchzender Lebensmut. Ein iveiterer Gc- sangskünstler ist der Sommergast der rohr- bestandenen Gewässer, derRohrsänger. Des- sen eigentümlicher Gesang besteht weniger aus klangvollen, als ans ansprechend schwazen- den, zwitschernden und schnalzenden Tönen, welche in der Höhe und Tiefe wunderbar ab- wechseln, manche nicht unangenehme Wendun- gen besizen. Bald er- innert er an den Ge- sang der Schwalbe, bald an den anderer Vögel, am meisten aber an ein Froschkonzert, aus einiger Ferne gehört, mit Wellen- rauschen und Windesflüstern im Schilfe. In schönen Nächten ertönt er noch um Mitternacht und beginnt schon lange vor dem ersten Grauen des Tages wieder: in solchen Stunden hat er etivas eigentümlich Anziehendes. Der Rohrsänger ist sehr fleißig im Singen, bringt gar keinen Schaden und verdient deshalb den Schuz aller edel- denkenden Menschen. Wie aber einerseits die Bestrebungen für die Fortpflanzung und den Schnz der im Freien lebenden Vögel eifrige sind, so sind sie es andrerseits nicht minder in der Zucht und Pflege der im Zimmer gehaltenen. Hauptsächlich sind es unter leztercn die Kanarienvögel, welche sich durch ihren anmutigen, starken und abwechselnden Gesang, ihre Gelehrigkeit, ihr artiges Betrage», ihre hübsche ---- 3- L 478 Färbung und ihren leichten Unterhalt auch außer der Hecke zu den häufigsten und beliebtesten Zimmergcnofsen erhoben haben. Es gibt freilich Gelegenheit, hier die mannichfaltigsten Tem- peramente zn beobachten; man findet unter ihnen lustige, ge- lchrigc, müßige und fleißig singende Vögel. Ihren Gesang muß man durch gute Vorschläger veredeln oder ivenigstens rein zu erhalten suchen; zu eineni guten Schlage gehört, daß vielerlei angenehme Triller, wenig schmetternde Strophen und die silberhelle Skala einer herabfallenden Oktave gehört werden, daß der ganze Schlag vollständig vorgetragen und nicht zu oft unvollendet abgesezt werde. Dreihundert Jahre sind verflossen, seit der Kanarienvogel über die Grenzen seiner schönen Heimat, den atlantischen, unter dem Namen Kanarcn bekannten Inseln, hinansgesührt und Welt- bürger geworden ist. Der zivilisirte Mensch hat die Hand nach ihm ausgestreckt, ihn verpflanzt, vermehrt, an sein eigenes Schicksal gefesselt, und durch Wartung und Pflege im Verlaufe der Zeiten so durchgreifende Aenderungen an ihm bewirkt, daß wir über dem durch Tomestizirung schön gelb gewordenen Vögelchen die wilde, grünliche, unverändert gebliebene Stamm- rasse beinahe vergessen haben. Bezüglich der Rasse unterscheidet man gewöhnlich unter ihnen: Harzer, Brabanter, Brüsseler, Holländer und Trompeter. Es ist aber besonders die deutsche Rasse, der harzer Kanarienvogel, über dessen Gesang sich Liebhaber und Kenner sehr enthusiasmirt aussprechen. Einen harzer Kanarienroller ersten RangeS zu hören, ist ein wahrer Hochgenuß. Es ist da kein Tou zu vernehmen, der nicht voll und zart, metallisch und wohl- tuend für das Ohr mit unwiderstehlichem Reize sich einschmeichelt. Ter Gesang der Harzer ist sehr verschieden, soll ur- sprünglich mit Wassertrillern in verschiedenen Tonarten aus- gebildet worden sein und nur durch gut singende Vögel, welche man als Vorschläger für die Jungen benuzt, unterhalten und fortgepflanzt werden. Ihr Gesang besteht in Trillern(Rollen) durch alle Tonarten. Trillern von.erstaunlicher Länge, Pracht- voller Rundung und Fülle." Die feinsten Sänger unterscheidet man in Bogen-, Flöten-, Glocken-, Pfeif-, Lach-, Koller-, Lispel-, Klingel-, Wasser-, Glucker-, Hohl-, Knarr-, Schnurr- und Baßtriller, tiefe Roller:c. Das Ningelt und trillert und flötet und tutet in den Ohren, wenn man eine Gesellschaft von etwa eineni Duzend schlagenden Harzern znsammenhört, daß man förmlich betäubt wird und auf jede andere Unterhaltung gerne verzichtet. Zur Beurteilung des Kanariengesangs ist es durchaus nicht absolut notwendig, musikalisch gebildet zu sein; ein für natürlichen Wohllaut empfängliches Ohr, sachliche Leitung durch erfahrene Liebhaber und gründliches Abhören namentlich auch fremder, guter Vögel führen verhältnismäßig bald zur Kenner- schalt. Es soll aber nach all dem vorstehend mitgeteilten nicht gesagt sein, daß nicht auch minder gut singende Vögel ein ganz artiges Konzert ausführen können, sei es auch nur ein Zeisig oder eine Zaungrasmücke. Man hat bei den Sängern zweiten Ranges nebenbei »och das Angenehme, daß sie fast das ganze Jahr singen, well ihr leichter Gesang sie nicht anstrengt, sie deshalb auch keines besondcrn Triebes bedürfen, um ihre Kehlmnskcln zu kräftigen und ihre Gesangeslust zu wecken. Der Liebhaber des Bogelgesanges mag es deshalb getrost auch mit bescheidenen Sangestalenten wagen, er wird dennoch Befriedigung finden. Er entschuldige seinen Minderbegabten Zeisig wohlwollend und denke:.S'ist keine ganze Nachtigall, nicht einmal eine halbe, nur schlicht und einfach ist sein Schall, fast so wie einer Schwalbe!" Eine pfingstfahrt. Anfang Juni 1848 schwamm Deutschland in ciiicm Meer von Wonne. Auf allen Straßen sang man: Ein Frühling ist im Lande, Wie die Welt noch keinen sah; Es zerspringen alle Bande Und die Freiheit, sie ist da—" und Jung und Alt jubilirte. Tic„Freiheit" war u»S im Schlaf geschenkt worden, denn getan hatte» wir eigentlich blutwenig— und taten auch nichts.— Das Frankfurter„Parlament" teilte die allgemeine Begeisterung— die Juniinsurrektion hatte noch nicht ihre düsteren Schatten von Paris herübergelvorfen. Und besonders die„Volksmänner" der Linken waren trunken von der Lust des wunderbaren„Völkerfrühlings". Ter französische General, welcher dein berühmten Rciter- an griff der Engländer bei Balaclava(in der Krimm) mit zusah, meinte:„Das ist kein Krieg, aber es ist schön." Und so nieinen wir von jener Zeit: Es war keine Politik(kein klares Verständnis der Lage und entsprechen- des Handeln), aber es war schön. Zu Pfingsten machte„die Linke" aus eine Einladung der dortigen Demokraten eine» Ausflug in die herrliche Pfalz, von welchem Robert Blum in den sächsischen„Baterlandsblälteru" eine lebendige Schilderung entworfen hat, welche uns gauz in jene Zeit glücklicher(oder auch unglücklicher— je nachdem niaii es nimmt) Illusionen versezt. Die Blätter von damals sind jczt nur noch im Befiz sehr Weniger, die meisten überhaupt nicht mehr zu beschaffen, und die Biographie Robert Blums durch seinen Sohn Hans, in der jener Bericht abgedruckt ist, hat einen so kleinen Leserkreis, daß derselbe ganiicht in Frage kommt. Unter solchen Umständen glauben wir vielen Lesern der „Neuen Welt" einen Gefallen zu tun. wenn wir die Schilderung Robert Blums, die ein psychologisches und historisches Interesse hat. nachstehend zum Abdruck bringen: „Am Sonnabend, 10. Juni, früh 9 Uhr. fuhr Blum mit dem Gros der Linken nach Mannheim. Viele Genossen waren schon vorausgeeilt, manche folgten. In Mannheim begrüßte Jh stein die Partei und ward von dieser als, Vater' gefeiert. „Im.Europäischen Hos' wurde zu Mittag gegessen, wurden beim goldenen Becher herzliche Empfindungen getauscht. Hi� begrüßte eine Deputation aus Neustadt a. d. Hardt die .Männer der Linken', hierher erging von den schönsten Frauen und Jungfrauen Frank enthals eine Einladung, auch diese Stadt zu besuchen. Blum kam dem Verlangen schriftlichel Zusage in der für solche Fälle ziemlich ungewöhnlichen des Wechsels nach. Dieser lautete:.Dienstag, den 13. J'1",1, Nachmittag 4 Uhr, liefere ich gegen diesen Solawechsel a» die liebenswürdigen Damen von Frankcnthal dreißig Männer der Linke». Mannheim, den 10. Juni 1848. Robert Blum'� „In Ludwigshafen begann der eigentliche Festzug. Bahnhof und viele Häuser waren mit Fahnen geschmückt. 3 .Deutschen Hanse' fand ein erhebender Austausch der Gefinuuw gen statt.— Mit dem lezten Zug ging der Weg weiter"a® Neustadt. Auf jeder Station ertönte den Reisenden ein Lebc hoch von der zahlreich versammelten Bevölkerung der Umgsfl'" In Neustadt war der Empfang wahrhast großartig: die sammte Bürgerwehr vor dem Bahnhof aufgestellt, auf dem weiten Plaze, der- durch Pechkräuze erhellt war; der Stadt-« an der Spize einer unübersehbare» Volksmenge; hunderte v Böllerschüssen mischten sich in die Klänge der Musik, des®e langes. Blum beantwortete die Begrüßung des Bürgerme-st�' Jordan die des Bürgerwehrkoiuinandanten; die Bürge- defilirte vor den Gästen, und ein großer Zug sezte l■ Bewegung nach dem hochgelegenen Schießhaus. Feenhaft � die Szene, als bei der Ankunft der Abgeordneten Flammen das Haus und die Bergkette erleuchteten»nd«' dem Grün der Bäume der kräftige Männergrsang crsch« Im Schießhmisc fand ci» Abcndcsscn statt, an welchem soviel Einwohner Äicustadts tcilnahnie», als der Raum zu fassen ver- mochte. Hunderte aber umdrängten die Eingänge und weilten im Garten, nm mindestens soweit an dem kräftigen Austausch der Gesinnungen teilzunehmen, als es möglich war. Erst spät führten Ncustadts Einwohner die Gäste in die Wohnungen, welche man aufs zuvorkommendste ihnen bereitet hatte, um aus- zuruhen zu neuem Tagewerke. „Mit dem frühen Morgen war Neustadt wieder auf den Beinen, denn die Gäste samniclten sich um V Uhr im Garten des Schießhauses, von wo sie in Begleitung vieler Freunde die weitere Reise antraten. Es war ein imposanter, langer, reich mit Blumen iind Grün bekränzter Wagenzug, auf welchem die Reisenden dahin rollten, geleitet von den besten Wünschen und deni jubelnden Lebehoch der zurückbleibenden Menge. Schon in Edesheim begann die ehrende Begrüßung; eine Ehrenpforte war errichtet mit der sinnreichen Inschrift:.Der Rückblick führt zum Fortschritt!' andrerseits:.Für uns euer Wirken! Für euch unsere Kraft!' und in der Nähe derselben empfing die Bürgcrwchr und die Ortsobrigkeit die Reisenden mit fest- lichcm Gruß, welcher dankbare Erwiderung fand.— So ging der Zug nach der Bundesfestung Landau,>vv zwar zahlreiche Bolksmassen denselben begrüßten, aber jede festliche Veranstaltung unterblieben war. da man irrtümlich angenommen hatte, der Zug iverde Landau nicht berühren. „So ging es denn über Eschbach nach der Ruine Maden- bürg, auf welcher die halbe Einwohnerschaft von Landau und eine große Volksmasse aus naher und ferner Umgebung ver- samniclt war. Diese tauscude von Menschen, der Schmuck zahlreicher Fahnen, der Tonner der Freudenschüsse und die Klänge der Musik und des Gesanges nahmen auf diesem wunderbar herrlichen Punkte und unter den weiten Triinimern eines Baues der Vergangenheit einen besondern Festkarakter an. Blum er- öffnete den Reigen der Sprecher mit einer tiefen Eindruck machenden Rede; eine große Anzahl der Abgeordneten folgte ihm, und drei bis vier Stunden mögen wohl dahingegangen sein, während welcher die Massen troz der glühenden Mittags- sonne voll Andacht lauschten. Ein Frühstück war den Reisenden in der Ruine auf einem herrlichen Punkte bereitet, und manches zarte Frauenantliz seztc sich während desselben dem sengenden Sonnenstrahlc aus, um die Gäste mit dem Schirme zu schüze». damit nicht wahr werde, was Vogt scherzweise verkündete, daß die Linke hier.zusammenschmelzen' müsse. Doch erlitt sie einen Verlust. Der Vertreter eines der kleinsten Staaten hatte ein schattiges Pläzchcn gefunden und war daselbst eingeschlafen; er erwachte erst, als die Burg verödet und der Mond am Himmel stand, so daß er erst am folgenden Tage wieder zu den Freu»- den gelangte.. „Von Eschbach ging nun der Zug nach dem Bade Gleis- Weiler, dessen schöner Garten mit Menschen überfüllt war. und wo dem jubelnden Gruße mehrfache Ansprachen vom Balkon des Gasthofes herab folgten; dann wurde die Reife bis nach Edenkobe» fvrtgefezt. Hier war der Empfang auf der könig- lichen Villa, gewiß einem der herrlichsten Punkte der schönen Haardt, und die Gäste wurden hier von der aufgestellten Bürger- wehr:c. herzlich begrüßt. Bis zum kühlen Abend tagte man vbcn auf dem Berge, dann geleitete die Bürqerwehr von Rodt und Edenkoben die Gäste in feierlichem Zuge nach der Stadt. Ein Abendessen machte hier den Beschluß des anstrengenden Tages; man hatte die Frauen davon ausgeschlossen, aber pe füllten in schönem Kranze die weite Galerie und warfen einen Regen von frischen Rosen auf Blum, welcher die Stellung und Aufgabe der Frauen in der Neuzeit in einem Trinkspruch lchil- derte, welchen er den Schönen widmete. „Montags früh weckte eine glänzende Reveille der Burger- wehr die Reisenden, welche sich im Garten des Gasthofs zum Lamm sammelte» und von hier aus um 8 Uhr zu ö'-'B cn Weg fvrtsezte». geleitet von der gesammtcn Burgerwehr von Edenkoben. Der Zug schwoll von nun an von Stunde zu Stunde, indem sich die Bewohner der Ortfchaften ihm anlchlosten, durch welche er kam, um au der Volksversammlung in Neustadt teilzunehmen.*) In Maikammer reichte mau den Reisenden den Ehrentrunk in kostbarem Wein, und nach gegenseitigen Bc- grüßungsreden wechselte die Bürgerwehr von Maikammer mit der von Edenkoben ab und gab ihnen das Geleite bis nach Hambach. Auf dem berühmten Schlosse waren abermals tausende versammelt; allein man besuchte dasselbe nicht, indem die Zeit drängte, zog vielmehr durch Mittel- und Oberhambach, wo gleichfalls die herzlichste Begrüßung seitens der Ortsbehörden und der Bürgerwehr stattfand, nach Neustadt. „An der Gemarkungsgrenze Neustadts war abermals die Bürgerwehr, die Turnerschaft Neustadts und mehrerer Nachbar- orte ic. aufgestellt. Die sechzehn Jahre tief verborgene ham- Richer Fahne wurde vom kräftigsten Manne getragen, und zahlreiche Fahnen von Liederkränzen und Turnern reihten sich um dieselbe. Nachdem der Bürgermeister hier nochmals die Gäste begrüßt hatte, sczte sich der lange Zug nach der Stadt in Bewegung, umgeben von taufenden, die zur Volksversamm- lirng gekommen waren. Diese Volksversammlung fand auf dem weiten Plaze vor dem Bahnhofe statt, wo eine sehr geräumige Tribüne für die Gäste, eine noch weit größere für die Frauen errichtet war, die denn auch in dichtgeschaarten schönen Reihen der Versammlung beiwohnten, während eine ungeheure Volks- masse de» weiten Raum füllte. Dr. Hepp, der ringsgcehrtc und gefeierte Kämpfer für die Freiheit, eröffnete hier die Reihe der Sprecher mit einer Hinweisung auf die Gäste, ihr Tun. ihre Aufgabe zc. Nach ihm sprachen Blum, Zimmermann, Dictzsch, Vogt, Eisenstuck, Wesendonk, Günther, v. Trützschler, Dr. Schilling und mehrere andere. Die Lage Deutschlands, die Darlegung der Notwendigkeit eines Schuz- und Truzbünd- nisses mit Frankreich, die Vorzüge der republikanischen Staats- form und dergleichen bildeten den Inhalt der Reden, die fast alle mit jubelnder Zustimmung unterbrochen und aufgenommen wurden.— Obgleich die Sonne wahrhaft versengend herab- brannte, so verminderten sich die Massen in dem Zeitraum von 10 bis 2 Uhr nicht nur nicht, sondern es zogen vielmehr fort- während neue zu, und besonders der Zug von Mannheim brachte hunderte neuer Teilnehmer. „Nach der Volksversammlung vereinigte ein Mittagsessen die Gäste mit so viel Pfälzer», als der Raum zu fassen ver- mochte, und abermals wechselte das ernste Wort mit Scherz und Heiterkeit. Bei Tafel war besonders Professor Vogt aus Gießen der Unwiderstehliche. Wie Heinrich der Zweinndsiebzigste seit dreißig Jahren auf dem Prinzip, so ritt Vogt auf den deutschen und besonders Heidelberger Hofräten herum, und zwar mit einer solchen Fülle von Humor und so meisterhaften Va- riationen, daß er sich das größte Verdienst um eine die Ver- daunng befördernde Zwcrchfcllerschüttcrung cnvarb. „Um 4 Uhr endlich ging die Reise fort; die Pflicht gebot es, wie gern die Reisenden auch noch in dem lieben Neustadt geweilt hätten. Tie Straßen waren jezt überfüllt mit Menschen und nur mühsam konnte sich der Zug hindurchwinden, alles drängte sich nm die Volksvertreter und suchte ein Wort, einen Druck der Hand zu erhaschen; auch wurde ihnen im Vorbei- ziehen noch eine mit zahlreichen Unterschriften versehene Adresse überreicht, welche ihre Zustimmung zu den Grundsäzen der Linken ausspricht, gegen jede Schmälerung der Volksrechte pro- testirt und sich für die Republik erklärt. „Eine zahlreiche berittene, mit Schärpen geschmückte Ehren- *) Im Hans Blum'schen„Zeit- und Karakterbild» findet sich hier folgende Note: Ein Augenzeuge, Herr Adolf Bloch in Edenkoben, schreibt nur am 4. März 1878 hierüber:„Doch ging dieser Marsch etwas langsam vonstatten, da zur Entgegennahme verschiedener Steh- schoppen, welche von Bürgern der dazwischenliegenden Orte den Ab- geordneten kredenzt wurden, manche Viertelstunde verwendet werden mufite. Zwischen Edenkoben und Maikammer stolperte Professor Vogt über einen Stein und verlor beinahe daS Gleichgewicht. Robert Blum welcher vor ihm herging, drehte sich um und sagte lachend:.Die Linke nehme sich in Acht, dag sie sich nicht überstürze!' Allgemeines Ge- lächter, in daS selbst Trützschlcr, der einen furchtbaren Kazenjammer hatte, einstimmte. lüiidjc geleitete die Reisenden auf dein Zug nach T il r k h e i in. Zweimal wurde derselbe unterbrachen, in Moßbach, wo Orts- behörden und Bnrgenvehr sich aufgestellt hatten und die Reisen- den mit einem Ehrentninke begrüßten, und in D eid es h ei ni, wo ein gleiches geschah. An beiden Orten waren wieder ivahr- hafte Massen Volkes versammelt, es wurden mehrere Reden gewechselt und besonders rief man Blnin stürmisch aus den Tisch. der als Rednertribüne diente. Ter Menschen Herzlichkeit und Freundlichkeit und der unvergleichlich kostbare Wein fesselten die Reisenden ziemlich lange, und so geschah es, daß sie erst spät. aber in der heitersten Stimmnng nach Dürkheim kamen, wo sie der Bürgermeister und der Obrist der Bürgerwehr ebenso herz- (ich, als das dichtgeschaarte Volk jubelnd begrüßten. Ein Abend- essen in den ,Bier Jahreszeiteid machte dem Tage ein Ende; hunderte von Zuhörern drängten sich im Saale selbst und auf den Galerien, denen der Raum die Teilnahnie nicht mehr ge- stattete. Auch hier wehte dieselbe freie, schwunghaste, kräftige Gesinnung, welche die Pfälzer so ehrenvoll auszeichnet und die sich auf der ganzen Reise so vielfach ausgesprochen hatte. Hier erstattete Vogt einen prophetischen Bericht über die Reise, wie ihn die(reaktionäre).Deutsche Zeitung' wahrscheinlich erstatten wird, der eine wirklich erschütternde Wirkung hervorbrachte. „Ter Vormittag des Dienstag war einem Besuche der 12- Limburg, den herrlichen Ruinen einer Kirche und eines Klosters, gewidmet. Dort hatte sich eine große Volksmenge auS Türk- heim und der Umgegend gesammelt, Freudenschüsse und eine Parade der Bürgenvehr empfing die Gäste, und das weite Schiff der Kirche, am Boden jezt mit grünem Rasenteppich geschmückt, gedeckt nur von der azurblauen Himmelswölbung. diente zuni Sammelplaze für das Volk; von einer gefallenen Säule der alten Kirche und der alten Sazung wurde das neue Evangelium des Lichts und der Freiheit verkündet. Hier wie schon früher hörte man mit besonderer Teilnahme den jugend- liehen Giskra(den spätem Trinkgelder- Minister), welcher mit lebendiger Einbildungskraft die Berge, den Himmel, schöne Mädchen, Wein und Freiheit zu einem glänzenden Bilde zu verweben wußte. Geleitet von der Bürgerwehr und dem ver sammelten Volke zogen die Gäste nach mehrstündigem Aufenthalte wieder bergabwärts und fuhren nach eingenommenem Mittags- essen in den.Vier Jahreszeiten' unter herzlichem, tausendstimmi- gen Lebewohl von den schönen Bergen ab und dem Rheine zu." Wie rasch die Sonne, welche dieser Pfingstfahrt geleuchtet, unterging in Rächt und Schrecken, wissen wir alle. Roberl Blum, der gefeierte Führer, besiegelte den schönen Wahn jener Freiheitsschwärmerei fünf Monate darauf mit dem Tode durch Pulver und Blei. Ob. Napoleon un Von Wik£* Als Cäsar im Kriege gegen PompejuS von Brundusium nach Pharsalus überfuhr, ivard er auf offenem Meer von einem heftigen Sturm überfallen. Der Führer der kleinen Barke, die den gewaltigsten Römer trug, ward von Furcht ergriffen. Cäsar aber, um ihn zu ermutigen, sprach zu ihm:„Du führst den Cäsar und sein Glück!" Der Führer faßte Mut und sie gelangten glücklich zum Ziel. Wie Cäsar, so glaubte auch Napoleon an sein Glück, das seine Anhänger als seinen„Stern" zu bezeichnen pflegten. Napoleon selbst hatte sich an diesen Stern, der bei Leipzig und Waterloo blutig unterging, so sehr gewöhnt, daß er noch ans St. Helena erwartete, derselbe werde wieder strahlend aufgehen. Der Sieger in so vielen Schlachten hatte sich znlezt in eine solche abergläubische Verehrung gegen die Größe seiner eigenen historischen„Mission" hineingearbeitet, daß er, wenn ein Komet sichtbar wurde, diese Erscheinung des Sternhimmels auf seine Person bezog. Damit verband er allerdings»och den durchaus praktischen Zweck, seine Person in den Augen seiner Anhänger größer, seine Eigenschaften wunderbarer erscheinen zu lassen. Dies gelang ihm sehr gut. Als dem Marschall Lannes bei Aspern die Beine zerschmettert wurden und die Aerzte ihn aufgaben, ließ er Napoleon rufen, als ob er glaubte, daß dieser ihm helfen könne. Die ganze Laufbahn Napoleons beweist, daß sein Glück und sein„Stern" ihm außerordentlichen Borschub geleistet, daß aber nicht minder die allgemeinen Verhältniffe sich so gestaltet haben, um ihm den großen Ausschwung vom Artillerielieutenant zum Kaiser der Franzosen zu ermöglichen. Sein Glück bestand eben darin, daß er immer auf dem Plaze erscheinen konnte, wenn die Verhältnisse den richtigen Moment für sein Eingreifen geschaffen hatten. Napoleon Bonaparte steht an der Spize jener langen Reihe von genialen und talentvollen Menschen*), welche die große sran- *) Es ist merkwürdig, wie viel berühmte und große Namen daS Jahr 1769, das Geburtsjahr Napoleons, auszuweisen hat. In diesem Jahre wurden geboren Saint-Just, Ney, Lannes, Wellington, Ernst Moritz Arndt, Alexander von Humboldt, Cuvier, Castlereagh und andere berühmt gewordene Männer, ein Umstand, der sür die Napoleonische Legende genau so ausgebeutet worden ist, wie die(unverbürgte) Ueber- lieserung, Napoleon sei von seiner Mutter auf einem Teppich geboren worden, aus dem eine Darstellung der trojanischen Kämpke eingewebt gewesen. i sein Stern. »n Wkos. zösische Revolution einem scheinlosen Dasein entriß und zu de» Höhen der Gesellschaft mit ihrem mächtigen Schwung emportrug. Was aus Napoleon geworden wäre, wenn seine Lebensdauer nicht in die Zeit der größten Umwälzung der ganzen neueren Geschichte gefallen wäre, darüber zu streiten wäre müssig; doch darf man als zweifellos annehmen, daß seine Lausbahn eine bei weitem nicht so außerordentliche gewesen wäre in ruhigen Zeiten. Im langweiligen und ertötenden Warten ans das reglementsmäßige Emporsteigen im Dienst und in der Oede des Garnisonslebens wäre dieses mächtige Genie möglicherweise ganz erstickt worden; im Donner der Schlachten und in den Erschütterungen einer nmfassenden Staats- und Geselljchasts- Umwälzung mußte die militärische und staatsmännische Bean- lagnng eines Bonaparte bald glänzend hervortreten. Ohne die große Revolution wäre er möglicherweise als Artilleriehauptman» gestorben; die revolutionären Ereigniffe aber bereiteten ihm den Weg zum Tron eines Kaisers der Franzosen. Vielleicht die außerordentlichste Laufbahn der ganzen Weltgeschichte. In den ersten drei Jahren jener großen Betvegung sah sich Napoleon in untergeordnete Stellungen gebannt, erfüllt von ehrgei- zigen Träunien und glühender Sehnsucht nach Ruhm und Macht. Während Mirabeau, Barnave, Lafayette, Petion, Danton, Robespierre schon berühmte Namen waren, trieb sich der künf- tige Beherrscher Frankreichs in den kleinen Parteikämpfe» seiner Heimat Korsika umher. Die rein bürgerliche, konstitutionell- demokratische Bewegung, die in der Verfaffung von 1791 gipfelte, schien zu ruhigen und gesicherten Zuständen führen zu wollen. Tie Revolution hatte die mittelalterlichen Fesseln abgestreift. die Vorrechte des Feudalismus zerbrochen, der emporstrebende» Bourgeoisie freie Bahn geschaffen und das Königtum mit deino- kratischen Institutionen umgeben. Die Verfassung von 1791 iolltc die Dauer des neuen Zustandes garantiren. Tie feudalen Vorrechte waren verhältnismäßig leicht be- seitigt worden, weil sich in der Tat die ganze französische Ratio" gegen dieselben erhoben hatte. Eine solche Umwälzung, w-e die Abschaffung der Feudalrechte in der Nacht des 4. August 1789, foimte nur durch eine nationale Begeisterung hervorgerufen werden. Der konstitutionelle Gedanke war zur nationalen Bewegung 9� worden; mit der Verfassung von 1791 blieb diese Bewegung stehen, weil die Mehrheit des Volkes nicht weiter dachte. Ter Begriff„dritter stand" umfaßte damals, wenigstens äußerlich mid der Form noch, alles außer 9ldel und Priester; die Begriffe „Bürger" und„Arbeiter" oder„Proletarier" ivaren»och nicht in dem moderne» Sinne von einander geschieden; sie gingen nebeneinander her in dem gemeinschaftlichen Interesse, das Joch des Feudalismus abzuschütteln. An die Republik dachten damals sehr Wenige; vielleicht Petion, Camille Desmonlins, Fi an Roland, die ans den Schriften der antiken Klassiker republikanische Gedanken ge- sogen hatten; allein selbst Robespicrre erklärte sich noch 1791 für einen konstitutionellen Monarcliisten. Man kann in dieser Erklärung nur ein tiefes Verständnis der Zeitverhältnissc er- blicken. Wenn aber auch die Verfassung von 1791 den Wünschen der Nation im allgemeinen und vorläufig genügte, so konnte die Bewegung oder besser gesagt die Revolution deshalb doch "icht zum Stillstand kommen. Tic französischen Finanzen bc- fanden sich in großer Verwirrung und die eben beginnende Hochflut der Assignaten, des revolutionären Papiergeldes, konnte daran nichts ändern. Tazn kam die permanente Not in der Hauptstadt, die Anfregnngen unter dem Landvolke, die trvz der Zerschlagung und Verteilung resp. Verschleuderung der feudalen Güterkomplexe an die Bauern da und dvtt zu Katastrophen führten, und endlich die Erregung und Unruhe der Massen über- Haupt, die stets bei großen Umwälzungen nnvcrmeidlich ist. Auf Antrag Robespierrcs durfte nach Schluß der Reichsstimde, wsp. der konstituirenden Versaminlung kein Mitglied derselben >v die nun solgrnde Legislative gewählt werden, und so kamen lauter neue Personen, neue Parteien und neue Kämpfe. Tie Konstitutionellen, die in der ersten Versammlung die Linke ge- bildet hatten, saßen nun auf der Rechten, während die Linke von einer Anzahl junger und feuriger Republikaner besezt wurde. Uni diese Zeit hatte Lasayette schon die Volksgunst verloren; sie fiel Danton, Desmonlins, Petion und auch schon Robespierre z». Was aber am meisten beitrug, den Lauf der Revolution zu beschleunigen, ivaren die Komplotte des Hofes mit dem Aus- >and und die Angriffe des Auslandes gegen Frankreich. Für die Komplotte hatte man noch keine juristischen Beweise; allein die Verbindung der europäischen Mächte gegen Frankreich war den aufgeregten Massen Beweis genug. Und das mit Recht. Ter Angriff der Mächte Europas war es. der Frankreich cine ruhige Entwicklung unmöglich machte und der die Parteien ""trieb, zu den äußerste» Mitteln zu greifen, um den Angriff Europas abzuschlagen und die Anhänger des gestürzten Regimes iur Innern niederzuhalten. Als die Heere der Mächte gegen die Grenzen Frankreichs rückten, geriet dieses in die größte Erregung, in der man jemals ci" Voll gesehen hatte. Es war eine Reihenfolge von furcht- baren Krämpfen und blutigen Zuckungen, in denen sich Frankreich wand, das auf der einen Seite seine kaum errungene bür- gerliche Freiheit, auf der anderen Seite seine Bevölkerung mit der im brannschweiger Manifest angekündigten„exemplarischen Bestrafung", d. h. barbarischen Venvüstung des Landes, bedroht sah. Unter diesen Umständen war es ganz selbstverständlich, daß die Partei die Oberhand erhielt, welche in ihrem Handeln am entschiedensie», in ihren Mitteln am rücksichtslosesten war. Bald rangen die Girondc*) und die Bergpartei um die Biacht, nachdem sie noch am zehnten August 1792 gemcinffim zum Sturm gegen die Tnilerien gezogen waren. Die Girondisten saßen im Konvent, in der nach der Suspension des Königs «eugewähltcn Nationalversammlung, auf der Rechten und in der Ebene; die Bergpartei hatte die Linke besezt. So hatten pch "" Konvent die Parteiverhältnisse wiederum total verichobcn, MSLKKWSM WWMWWLM« parlamentarischen Veriammlungen sagen. denn in der gesezgebendeu Versammlung saßen die Girondisten noch auf der Linken. Tie Girondisten stüztcn sich hauptsächlich auf die Tepartements des Südens und auf die begüterten Klaffen; die Bergpartei stüzte sich hauptsächlich ans die Volks- massrn von Paris und auf den mächtigen Jakobinerklub, der mit seinen Filialen das ganze Land bedeckte. Später schuf man dazu noch die revolutionären Ausschüsse, eine Organisation, von der Viktor Hugo sagt:„Der Kops dieses Ungeheuers, welches Frankreich mit eiiiundzwanzigtausend Armen festhielt, war der Sichcrheitsausschuß des Konvents." Keine der beiden um die Herrschast ringenden Parteien hatte die Majorität im Lande. Noch im Sommer 1793 be- fanden sich sechzig Departements im Aufstand gegen den Kon- vent. Aber wer Paris hatte, hatte Frankreich, und die Berg- Partei hatte Paris, weil sie über die stürmischen Massen der Vorstädte verfügte. Und so triumphirte die Bergpartei über die Giroude durch ihre rücksichtslose Energie. Aber die Sieger waren in einer verzweifelten Lage. Sic waren von ganz Europa augegriffen; ihre Machtmittel waren nicht genügend organisirt und sie hatten im Innern noch mit der empörten royalistisch gesinnten Vcndec, mit dem anfstän- bischen Lyon, mit dem girondistischen Marseille und mit dem von den Engländern bcsezten Tonlon zu kämpfen. Gegen Europa organisirten sie vierzehn republikanische Heere, gegen die inneren Gegner organisirten sie das S chreckens- regimeut, das System des Terrorismus. Es gelang durch diese Mittel, die Angriffe des vereinigten Europa abzuschlagen und die Gegner im Innern niederzuwerfen. Aber um welche» Preis! Denn der Terrorismus der Jakobiner ist es hauptsächlich gewesen, welcher Frankreich für die Militär- diktatur Napoleons vorbereitet hat. Die Männer der Bergpartei resp. die Jakobiner wußten sehr wohl, daß sie sich in Frankreich in der Minorität befanden. Als im September 1792 der große Staatsstreich der Nepu- blikancr in Szene gcsczt wurde, hatte Danton es offen ausge- sprochen, daß man sich nur retten könne, in dem man den Royalisten Furcht einjage. Tie Bergpartei hatte kein anderes Mittel, um in dem gigantischen Kampfe, den sie 1793 unter- nahm, siegreich zu bleiben, als den Terrorismus. Aber daß es kein anderes Mittel gab, das war eben das Unglück Frank- reichs, und überlieferte es dem Despotismus und dem unge- hcuren Ehrgeize Napoleons. Demokratische Historiker haben den Versuch gemacht, den Terrorismus in mildem Lichte darzustellen und seine Wirkungen als von den Gegenparteien übertrieben zu bezeichnen. Sicher- lich ist bis ins Ungeheuerliche übertrieben worden. Allein jene Beschönigungsversuche müssen immer mißlingen, weil der Ter- rorismus doch sicherlich nicht aus Hnmanitätsgründen eingeführt worden ist und human gewaltet hat. Der Terrorismus wurde anfangs mäßig zur Anwendung gebracht; man tvar sparsam mit den Todesurteilen. Aber bald führte das System zu seinen notwendigen schlimmen Konsequenzen. Wenn ein berühmtes Haupt auf dem Schaffst fiel, so erweckte das der Regierung tausende von neuen Feinden, die weniger bekannten Häupter enveckten ihr deren hunderte und ganz nnbekaunte Opfer verseztcn zum mindesten ihre Angehörigen und Verwandten in Haß und Wut gegen die Leiter der Re- publik. So vermehrte das Schreckenssystem mit jedem abge- schlage»?» Haupte die Zahl der Gegner der Regierung, die doch bestrebt war, ihre Gegner zu dezimiren und auszurotten. Wer einmal diese furchtbare Bahn betritt, entgeht nicht dem Abgrund, nach dem sie führt. Wenn man behauptet, die Wirkungen des Schreckensregimeuts seien nicht so schlimm gewesen, als sie gewöhnlich gemacht wür- den, so weist man gewöhnlich darauf hin. daß die Zahl der vom pariser Revolutionstribunal Verurteilten„nur" 1862 Köpfe betragen habe. Wir können zwar nicht finden, daß diese Zahl eine sehr geringe ist, allein nach neueren und genauen Angaben sind vor dem Pariser Rcvolutionstribunal 6216 Angeklagte erschienen, von denen etwa 2300 freigesprochen wurden. Bis zum Sturz Rvbespierres Hut das Tribunal 2728 Verurteilte aufs Schaffst geschickt. Man vergißt gewöhnlich hinzuzufügen, daß das Schrcckensreginient in den Tevartements häufig mit weit mehr Grausamkeit durchgeführt wurde, als am Size der Regierung. Es bestanden Revolutionstribunale in Nantes, in Brest, in Orange, in Lyon, in Bordeaux, in Straßburg, in Arras und anderwärts, ganz abgesehen von den wandernden Tribunalen, welche den Schrecken im Umherziehen verbreiteten. Dabei wurde oft mit ausgesuchter Grausamkeit Verfahren, wie bei der fürchterlichen Zerstörung von Lyon, wo Collot d'Her- bois Massenhinrichtungen mit Kartätschen vornehmen ließ, in Arras, wo Joseph Lebon den auf dem Schaffst befindlichen Verurteilten erst die Berichte von den Siegen der republikanischen Heere vorzulesen befahl, und in Nantes, Ivo Carrier die berüchtigten„republikanischen Taufen und Hochzeiten" arrangirte"). Mit dem zunehmenden Ucbcrgewicht Rvbespierres er- reichte das Schreckenssystem seine Höhe. Nicht etwa weil Robes- pierre persönlich stärkere Neigungen zur Grausamkeit besessen hätte als andere, sondern weil sich unter den Machthaber» der Republik eine gewisse Konkurrenz entwickelt hatte. In dieser allgemeinen Fieberhize, in diesem„wild empörten Meer Paris" suchten die Machthaber sich durch Strenge und Unbeugsamkeit gegen die Feinde Einfluß zu verschaffen und gefürchtet zu machen; jeder suchte den andern darin zu überbieten. Die Einsäze bei diesem unseligen Konkurrenzspicl waren die Köpfe der Venir- teilten. Unter diesen Umstünden ward das Morden zur sinn- losen Wut. Das Schaffst verschlang ohne Wahl alles, Danton, weil er zu gemäßigt, Hebert, weil er zu wenig gemäßigt war. Damals schickte man die 33 Einwohner von Berdun aufs Schaffst, weil sie 1792 den Preußen einen feierlichem Empfang bereitet hatten. Zwei junge Mädchen darunter wurden ausnahmsweise nicht hingerichtet, sondern nur z# Mjährigcr Zuchthausstrafe verurteilt. Reizende Frauenköpfe fielen in Menge; am meisten betrauert wurde die so schöne und so unglückliche Lncile Desmoulins, die Gattin des berühmten Journalisten. Im Prozesse der Cäcilic Renault, eines Idjährigen jungen Mädchens, dessen halbverrücktes Benehmen man zu einem Attentat gegen Robcspierre aufbauschte, faßte man eine Menge Personen, darunter mehrere junge Frauen und Mädchen, als „Verschworene" zusammen, obschon es klar war, daß diese Per- sonen sich niemals gesehen und auch nie miteinander verkehrt hatten. Man schickte sie in roten Hemden aufs Schaffst. In dieser Zeit wurden an einem Tage manchmal 70— 80 Personen hingerichtet, was man eine Fournee, einen Schub(wie beini Bäcker) nannte. Auch die Sprache der Schreckenszeit weist auf eine große Roheit einzelner Machthaber hin**). Robcspierre war sich des Unheils, den diese Konkurrenz der Machthaber in Grausamkeit herbeiführte, ganz gut bewußt und hat dies in seiner lezten Rede am 8. Termidor(26. Juli) 1794 auch angedeutet. Allein er hatte trozdcm, sagen wir die Schwäche besessen, diesen Konkurrenzkamps mitzumachen. Der Terrorismus griff endlich in die Reihen der Macht- haber selbst hinein; die Regierung spaltete sich, und da Robes- pierre ziemlich deutlich die Absicht an den Tag legte, die ihm unbequemen Regierungsmitglieder aufs Schaffst zu schicken, so kamen ihm diese zuvor und organisirtcn jene große Verschwörung, die am 9. Termidor(27. Juli) 1794 zum Ausbruch kam. Rvbespierrc, der kein Mann der Tat ivar, unterlag, als man *) Tic„Taufen" bestanden darin, daß man die Gefangenen in den unteren Raum cineS Schiffes sperrte und nachher durch An- bohren das Schiff versenkte; die„Hochzeiten" darin, daß man männliche und weibliche Gefangene pannveise nackt zusammenband und sie dann ins Wasser warf. Selbst Billaud-Varennes, der als der Protektor Cnrriers galt und dem auch seine Feinde zugestehen werden, daß er den Mut hatte, immer und unter allen lUnständen die Wahr- heit zu sagen, erklärte beim Prozeß Cnrriers, daß er dessen Benehmen nicht gebilligt habe. **) Vadier bezeichnete das Hingcrichtetwerden mit„in den Sack nießcn"; Voulland bezeichnete die Guillotine als„Guckfenster" oder „Nationalfenster" und Jagot antwortete den Gefangene», die um mehr .N leidung baten:„Ein Gefängnis ist ein Rock von Steinen." ihn nicht zum Wort kommen ließ, und ward mit seinem An- hange aus das Schaffst geschickt. Während dieser furchtbaren Stürme Ivar die wirtschaftliche Lage in Paris eine sehr drückende geworden, das Papiergeld konnte nur durch die blutigste Strenge ans einem geringen Kurs erhalten werden und sank später ans einhalb Prozent seines Nennwertes; Gold und Silber verschwanden vom Geldmarkte; die Hauptstadt konnte nur durch unbarmherzige Requisitionen mit Lebensmitteln versehen werden; die Landleute suchten ihre Waaren dem Markte zu entziehen, weil sie kein Papier dafür haben wollten, und wenn nicht Frankreich das Glück einer außerordentlich guten und reichen Ernte gehabt hätte, so wäre es wahrscheinlich, da Ackerbau, Handel und Verkehr an vielen Orten stockten, die Beute einer furchtbaren Hungersnot ge- worden. Dazu tobte der Krieg im Innern und an den Grenzen. Diese Periode, die so viele Züge von antikem Heroismus und großartigem Karakter sowohl bei den Einzelnen wie bei den Massen aufweist, kann für die Zeitgenossen nur sehr unbehaglich gewesen sein. Mit Ausnahme der herrschenden Minorität sehnte sich alles nach ruhigeren und behaglicheren Verhältnissen, wie der große Umschlag nach der Katastrophe des 9. Termidor bc- weist. Die große Masse kümmerte sich weniger um die Partei- kämpfe im Konvent. Die Tätigkeit der Bergpartei ging zum größten Teil im Kampfe ans; die positiven gesczgeberischcn Leistungen des Konvents, so trefflich einzelne darunter waren, vermochten die Wünsche und Bedürfnisse des Landes nicht zu befriedigen. Ter Rückschlag, der nach dem Sturze Robespierres eintrat, war daher nicht minder groß, als der Terrorismus vorher hoch gespannt gewesen war. Wenn jczt eine weise, milde und starke Regierung die Zügel in die Hand genommen hätte, so hätte bei alledem und troz der reißenden Reaktion die demokratische Form des französischen Staats möglicherweise erhalten werden können. Allein auf das allzu drakonische Tngendregimcnt Robespierres und Saint JustS folgte die Regierung der Korrupten, oder, wie Napoleon sie nannte, der Verfaulten(pourris). Alles schlug ins Gegen- teil um; die Herren der Republik suchten allen Glanz einer großen Regierung zu enffaltcn und waren doch nicht fähig, die allgemeine üble Situation etwas besser zu gestalten. Die Not erreichte um diese Zeit den höchsten Grad in Paris*) und führte zu blutigen Aufständen, so daß der Konvent die Vor- städter entwaffnen ließ. Man wurde im Lande der Konvent- regierung so überdrüssig, man sehnte sich so sehr nach einer festen und ordnenden Regierung; man haßte die noch im Kon- vent befindlichen Veranstalter der Schrcckcnszcit so sehr; man verfolgte so heftig die Terroristen im ganzen Lande und man sträubte sich so energisch gegen den geringsten Versuch, die Schrcckcnszeit wieder herzustellen, daß dem Konvent beim Heran- nahen des Endes seiner dreijährigen Legislaturperiode ernstlich bange ward. Der Konvent nahm daher in die neue Verfassung von 1795 die Bestimmung auf, daß zweidrittel seiner Mit- gliedcr ohne Wahl in die neue Volksvertretung übergehen sollten; nur das eine Drittel sollte gewählt werden. Mit diesem Bekenntnis seiner Schwäche, das zugleich ein diktatorisches Verfahren ohne Gleichen war, rief der Konvent einen royalistischen Ausstand in Paris hervor. Die Massen der Vorstädte rührten sich nicht, wohl aber die Bürger der wohl- habenden Quartiere, die Nationalgarde, die Herren äpiciers, welche die demokratische Regierungsform gern los sein wollten. Ter Rückschlag war so groß geworden, daß in vielen Landes- teilen die Jakobiner mit fast noch mehr blutigen Greueln, als die Schreckenszeit ausweist, verfolgt wurden. Und nun erschien zum erstenmal der Mann ans dem Plazr, dem nach vier Jahren das von allen Stürmen zerrissene, er- müdete und abgestumpfte Paris nebst Frankreich zu Füßen liegt» sollte. Napoleon Bonapartc hatte sein Genie zunächst bei der *) Tchon zur Zeit der Hcrrschast Robespierres hatten die Arbeiter der Borstädtc gesagt: Wir sterben vor Hunger und ihr glaubt uns»>>> Hinrichtungen ernähren zu können. 4SG Belagerung von Toulon offenbart; beim Sturze Robespicms war er als Jakobiner eine zeitlang eingekerkert worden. Sein Jakobinismus war eine Mvdesachc und weiter nichts. Ter Deputirte Barras erinnerte sich an den fähigen jungen Artillerie- offizier nnd bewirkte, daß man ihm die Verteidigung des Kon- vcnts übertrug. Napoleon machte die Tuilericn, wo der Konvent tagte, zu einer Festung, und als am 13. Vcndcmaire(5. Okt.) 1795 der Angriff der royaliftifchen Bürger erfolgte, wurden sie von feinen überlegenen Gefchüzcn niedergeschmettert nnd in die Flucht getrieben. Er hatte, wie man sagt, auf die pariser Be- völkerung wie aus österreichische Bataillone geschossen. Napoleons Stern ging jezt auf. Nachdem durch das Blut nnd das Elend der Schreckenszeit das Land mit Wut nnd Haß, durch die Korruption der Regierung nach dem 9. Termidor mit Verachtung erfüllt, der ewigen politischen Streitigkeiten und des Elends überdrüssig geworden und von Sehnsucht nach einer starken und ordnenden Hand befallen war, kam jezt auch noch die Periode der aus Grund der Verfassung von 1795 eingcsezten T ircktorialregierung. Tiefe trug womöglich noch mehr als die Schreckenszeit dazu bei, das Land mit Abneigung gegen republikanische Regierungen zu erfüllen. Tie Regierung des Direktoriums, die von vornherein die Majorität des Landes gegen sich hatte, war eine der schäm- losesten, die es je gegeben. Ter vortreffliche und ehrliche Cnrnot, der einst„den Sieg organisirt" hatte nnd dessen Karatter in antiker Reinheit wohltuend absticht von der Fäulnis nnd Kor- rnption dieser Epoche, wurde auch in diese Regierung gewählt, konnte sich aber mit seinen Kollegen ganz natürlicher Weise nicht vertragen und wurde deshalb bei dem Staatsstreich am 18. Fruc- tidor(9. September) 1797 ans der Regierung gestoßen. Unter- schleif. Betrügereien nnd Elend waren auch unter dieser Re- gierung an der Tagesordnung nnd bezüglich des berrlichen Zustandes der Finanzen genügt es zu sagen, daß die Aus- gaben für Paris in einem Monat mehr betrugen, als die Staatseinnahmen im ganzen Jahr. Diese Regierung lebte von den Brandschazungen und Räu- berricn ihrer Generale in Deutschland, Italien und de» Nieder- landen. Tic Generale hatten förmliche Instruktionen für die Ausplündernng der von ihnen durchzogenen Gegenden; sie mußten ihre Märsche, unbekümmert um strategische Rücksichten, Haupt- sächlich nach„fetten" Gegenden nehmen. Und gerade das vcr- dorbcnstc Mitglied dieser Regierung, der Schlemmer und Wüst- ling Barras, hob den Mann empor, der die Direktoriali cgicrung stürzen sollte. Joseph ine Bcau Harnais, geb. Tascher de la Pagerie, eine schone Kreolin, tvar die Geliebte des Barras geworden, nachdem ihr Mann, der General Beauharnais, in der Schreckmszeit hingerichtet worden war. Barras, der Jo- sophincn unterbringen wollte, bewog den sechs Jahre jüngeren Bonaparte, sie zu heiraten und verschaffte ihm dazu de» Oberbefehl über das italienische Heer. Indem glänzenden Fcldzngc von 1 799, in dem Bonapartc schon als selbständiger Staatsmann austrat— er zählte erst 26 Jahre— schuf er sich die Grundlage für seine ungeheure Popularität und seinen Einfluß. Er bezauberte die Armee, die er führte, durch sein Wesen, seine Siege und sein Glück. In Italien richtete er eine Reihe von kurzlebigen Republiken ein, die dazu dienen mußten, die unergründliche Kasse des Tirck- toriums zu füllen. Er geberdcte sich als unentwegter Repu- blikancr nnd die Worte:„Freiheit und Gleichheit!" kehren ständig wieder in seinen damaligcn Proklamationen. Er hielt anscheinend treu zu dem Direktorium, dem er auch seine Hilfe zu dem gewalttätigen Staatsstreich vom 18. Fruc- tidor 1797, durch welchen das Direktorium die Opposition aus seiner Mitte und aus den beide» gesezgcbendcn Körperschaften entfernte, anbot. Allein man ließ die militärische Beihilfe zu dem Staatsstreich lieber durch Augereau vollziehen. Denn wenn Napoleon auch fleißig erbrandschazte Millionen und ge- raubte Gemälde und Statuen nach Paris sandte, so hatte sein selbständiges und gebieterisches Auftreten in Italien doch das Direktorium mit Furcht erfüllt. Man ahnte, daß er nach der höchsten Gewalt trachtete. Als er im Glänze seines Ruhmes nach Paris zurückkam, suchte das Direktorium ihn durch glän- zendc Feste zu seinen Ehren zu entwaffnen. Allein er beteiligte sich wenig, blieb zurückgezogen und schweigsam und legte bei einem Bankett, das ihm das ehrenwerte Direktorium gab, Be- sorguis vor Vergiftung an den Tag. Er fand die Situation noch nicht reif, obgleich er zu seinen Vertrauten sich zuweilen äußerte, daß er nach der Gewalt strebe.| Das Direktorium, um diesen gefährlichen, verschlossenen nnd I mit weil unbekannten, desto furchtbareren Plänen sich tragenden Menschen zu beschäftigen, übertrug ihm die Leitung der Ex- 1 p.dition nach Egypten im Jahr 1798. Er nahm sie an, um I sich, wenn möglich, ein Königreich im Orient zu schassen, I wo nicht, seinen Ruhm zu mehren und das Direktorium sich| vollends abwirtschaften zu lassen. Jener bcrühnite Feldzug in Egypten nnd Syrien, dessen| materieller Ruzen im Vergleich zu den aufgewendeten Kräften I nnd Mitteln lächerlich gering war, verbreitete einen märchen- I haften Nimbus um den jungen Eroberer, dem sein Mißerfolg j vor Akre keinen Abbruch tat. Mit dem orientalischen Königs-, träum war es vorbei, als seine Sturmkolonnen sich an den festen I Wällen von Akre vergeblich die Stirn zerstoßen hatten. Er wartete j von da ab nur»och den geeigneten Moment zur Rückkehr ab. 1 Seine Berechnung hatte ihn nicht getäuscht. Die elende I T ircktorialregierung geriet immer tiefer in Mißkredit und Miß j achtung. Die öffentlichen Zustände Frankreichs blieben gänzlich j verwahrlost. Ter Staatsstreich des Direktoriums hatte alle I Achtung vor der Verfassung erschüttert. Dazu kamen»och die j Niederlagen, die Frankreich im Felde erlitt. Suwarow nnd j der Erzherzog Karl schlugen im Fcldzng von 1799 die sinn- 1 zö fischen Heere und mit Mühe gelang es deni geschickten Mas- säna, einen feindliche» Einfall zu verhüten. Tic öffentliche j Meinung wandle sich mit erneuter Heftigkeit gegen das Direktorium, welches den fähigsten General nach Egypten gesandt j hatte, wo die Engländer nach Vernichtung seiner Flotte die J Küsten bewachten. Inzwischen eroberten die Oesterreichcr ganz J Italien wieder zurück. In ganz Frankreich verlangte niau nach I einer starken Hand, die diese unfähige und korrupte Direktorial- j regicrung beseitigen könnte. Man befürchtete auch, diese Re- j gierung möchte ein Auflebe» des alten Regimes wieder ermög-| lichen und die Käufer der Nationalgüter bangten um ihr dem I Feudalismus abgenommenes Eigentum. In diesem Moment erschien plözlich General Bonaparte,! den wahrscheinlich seine Vcrivandten von der günstigen Situation i unterrichtet hatten. Sei» Glück ließ ihn den englischen Kreuzern| entrinnen. Er ließ sein siegreiches Heer in Egypten zurück,| wofür ihn niemand zur Verantwortung zu ziehen wagte. Seine Reise von Fröjus, wo er gelandet, bis nach Paris glich einem 1 Triumphzng. DaS Direktorium sah ihn mit Zittern komme», j Er blieb still und zurückgezogen, was seinen Nimbus nur ver- größerte. Daß er die Gewalt ergreifen würde, erschien so selbst I verständlich, daß man von seinem bevorstehenden Staatsstreich i überall sprach. So gewöhnte man sich von vornherein an diesen Gedanken. Inzwischen hatte ei» anderer Ehrgeiziger, der bekannte Abbe I Sieycs, schon den Plan gefaßt, die Verfassung zu stürzen.. Er war selbst Mitglied des Direktoriums geworden. Jezt hielt er es für besser, sich mit Bonaparte zu verständigen. Sie: zogen auch»och ein anderes Mitglied des Direktoriums, Roger! Ducos, ins Komplott. Außerdem hatten sie fast alle be- I deutenden Generale der in Paris anivesenden Truppen, mit' Ausnahme von Bernado tte und Jourdan für sich, und eine| große Anzahl der Mitglieder beider gesezgebenden Körper, des, Rats der Alten nnd des Rats der Fünfhundert, während die: drei zu stürzenden Direktoren Barras, Moulins und Gohicr. nichts für sich hatten als die durchbrochene Verfassung, die An- Hänger des Direktoriums in den Räte» und den ncnbcgründcte» sich demokratisch nennenden Klub der Reilbahn. Der Staatsstreich ging schon einige Wochen nach Bonapartes, j Rückkehr in Szene. Er begann damit, daß die Verschworenen am 18. SBnmiaiie(8. Navembcr) 1799 ein Dekret in den Näten durchsezten, welches die beiden Räte nach St. Cloud verlegte und Bonapartc znm Befehlshaber der bewaffneten Macht des Innern ernannte, natürlich zum„Schuze" der Volksvertretung. Darauf dankten Sieycs und Roger Ducos als Direktoren ab; Barras, der den Staatsstreich kommen sah, dankte ans Furcht ab. Gohier, ein schwaches Gemüt, folgte ihm nach, und das fünfte und lezte Mitglied des Direktoriums, Moulins, ward„zu feinem Schuz" in Haft genommen. So leicht zerfiel diese elende Regierung. Run waren noch die Räte zu überwinden, eine leichte Sache, da Bonaparte alle Truppen für sich hatte. Am 9. November traten die Räte in Ct. Clond zusammen. Bon aparte erschien zuerst vor dcni Rat der Alte» und errang, militärisch-brutal auftretend, dessen Zustimmung. Im Rat der Fünfhundert aber fand er Wider- stand. Man beschwor die Verfassung und beschloß permanent zu bleiben. Als Bvuaparte eintrat, erhob sich wildes Geschrei; der General flüchtete aus dem Saal. Sein mitverschworener Bruder Lucia», der Präsident der Fünfhundert, erzählte hierauf den witgekommcucn Soldaten, es seien Dolche auf de» General gezückt worden. Diese Liige erbitterte die Soldaten und Bona- parte ließ durch eine Kompagnie Grenadiere die Versammlung auseinander sprengen. So fiel die Gewalt, ohne das geringste Blutvergießen, i» die Hände dieses glücklichen Soldaten, der Frankreich mit eiserner Faust festhielt. Dieser Despot, sagt ein Historiker, sollte Frank- reich in ein Regiment verwandeln und in der bisher durch eine w große moralische Ausregung bewegten Welt nichts hören lassen, als die Tritte seines Heeres und die Stimme seines Befehls. Sieges und Roger Ducos ivnrden um ihren Anteil an der Gewalt geprellt und der ehrgeizige Korse behielt als Konsul den Namen der Republik noch vier Jahre bei, um sich dann einen erblichen Kaisertron zu errichten. Aus den angefühcten Tatsachen geht unzweifelhaft hervor, daß jene große Umwälzung über das ihren Anlagen und den in ihr steckenden Fähigkeiten entsprechende Ziel hinausschoß, als sie die Verfassung von 1791 überschritt. Die Demokratie des Berges rettete Frankreich vor der europäischen Koalition, aber indem sie sich aus die geschilderte Art mit dem Schwerte Bahn brach, ebnete sie de» Boden für die Militärdiktatur. Sie empfing die furchtbare Lehre, daß man auf die Dauer einer Nation kein politisches System aufzwingen kann, mit dem die Mehrheit der Nation nicht einverstanden ist. Gegen die Abneigung der Mehrheit einer Nation kann ein politisches System auch nicht mit den furchtbarsten Zwangsmitteln erhalte» werben. Das zeigt eben die Geschichte der Schreckenszeit. Der gewissenhafte Ge- schichtsschreiber hat kein Interesse, sie zu beschönigen, und die Art, wie das französische Bürgertum den Feudalismus nieder- warf, die Wehen, unter denen die bürgerliche Gesellschaft ins Leben trat, sind um so mehr dem Karaktcr jener Zeit ent- sprechend, als dem Ausbruch der großen Umwälzung eine jähr- hundertlange Mißregierung seitens der bonrbonischen Autokraten vorherging. Der Geschichtsschreiber, welcher jene Wahrheiten verschweigt oder verschleiert, leistet damit der Demokratie einen schlechten Dienst, indem er ihr die aus einer gewissenhaften Darstellung jener Umwälzung sich ergebenden Lehren und Erfahrungen vor- enthält. Im Je Humoristische Erzähl Mein einziger Wunsch war: wenn die da unten nur bald abzögen, denn man denke sich meine Situation bei der vielleicht ziemlich rasch erfolgenden Rückkehr der Kinder, die wahrschein- lich der alte Franz oder, was mir noch peinlicher werde» mußte. die hübsche Berta begleitete! Dann mußte ich doch schließlich 'vohl oder übel aus meinem Blätterverstccke hinunter,— o es war doch eine ganz verzweifelte Geschichte, in die ich da hinein- gekommen war, so ungeheuer fatal für mich und nicht minder lächerlich für andere. Und dann das Mädchen da unten mit der bekannten Stimme!? Äch hatte ja eigentlich fast gar keine Mädchenbckanntschaften,— wer mochte diese nur um alles in der Welt sein? Die Stimme llang mir so ungemein sympatisch, so herzig lieb,— ich hätte wich in die Stimme allein schon verlieben können—— Knicks, knacks-- heiliger Petrus, war das ein Schreck! Ter eine von den beiden Aesten, auf denen ich möglichst vor- sichtig hockte, hatte zu brechen begonnen, und wenn ich nicht diesmal wirklich geschickt und flink gewesen wäre, dann hätte ich sicherlich das Gleichgewicht verloren und wäre vom Baume hinuntergestürzt— der lustigen Gesellschaft zu Füßen. Wer weiß, wie ich mich vcrlezt hätte, ivie ich auf dem Erd- bodeu angekommen wäre, mit zerschundenen Beinen und Armen, mit blutender Nase und zerkraztem Gesicht,— ein Bild zum Erbarmen—— „Was war denn das?" tönte die liebliche Mädchenstimme. »Hat niemand etwas gehört? Das klang gerade so, als ob jemand hier in den Büschen hcrumschliche." „Wahrscheinlich Räuber," antwortete eine lustige Männer- stimme.„Zum Kampfe müssen wir uns bereiten." „Malt nur solchen Schrecken nicht an die Wand," ließ sich darauf ein anderes Mädchen vernehmen,„es gibt gewiß hier '» dem Walde schlechtes Gesindel genug und ihr beiden jungen Leute mit uns drei Mädchen würdet im Kampfe Mit ein paar räuberischen Wegelagerer» wenig ausrichten— laßt uns lieber > e f e u e r. n g von W. Ht u övar wirklich heut alles wie verhext, geschah etwas abscheulich fatales! Der Ast schnellte mit viel größerer Gewalt, als ich für möglich gehalten hätte, in die Höhe und berührte höchst unsanft den schwanken Zweig, an dessen oberster Spizc Ellas Hut balancirte. Dieser bedurfte keines heftiger» Anstoßes, um einen Aufenthalts- Wechsel vorzunehmen,— er fiel—— ward in nicht kleinem Bogen hinabgeschleudcrt dahin, wo der Bach stoß. „Jezt bewegte sich's wieder in den Büschen," rief die Glockcnstimme Rosas,»und da, seht— da, das ist ja wunderbar, was fliegt denn da durch die Lust in den Bach,— ah, ein eleganter Hut,— wahrhaftig— seht nur!" „Donnerwetter, hier geschehen ja Zeichen und Wunder," rief gleichfalls offenbar sehr erstaunt der eine der Herren,„das ist beim Zeus! ein Damcnhut, der da vom Himmel herunter in den Bach gesegelt ist,— dieses äterischc Produkt des Himmels müssen wir uns ein wenig näher betrachten." „Aber, Herr Wendel, Sie werden doch nicht gestiefelt und gespornt in den Bach hineinsteigen?" rief die Glockenstimme. „Patsch, da sind wir drin," entgegnete Herr Wendel.„Hier ist der Hut, Fräulein Rosa; der gehört, ich wette, einer Fee oder einem winzigen Engelsköpfchen; ein famoses Produkt himm- lischer Industrie." „Aber so eiu reizendes Hütchen ist doch kein Wurfgeschoß, Herr Wendel, und wie naß er ist, o er ist gewiß nun erst recht verdorben." Mau kann sich denken, daß ich in meiner luftigen Höhe gelinde anfing, Blut zu schwizcn. Ich kam mir vor, wie im Fegefeuer. Indessen, es sollte intnier noch Keffer kommen! „Ha," ertönte Herrn Mendels kräftiges Organ,„hier ist das Schlaraffenland, beim Zeus! es kann nicht anders sein, oder das Land ist in diesem gesegneten Erdwinkel so fruchtbar, daß die Beklcidungsgegenstände hier wild wachsen. Aefft mich kein böser Geist, so hat dort das Gras eine prächtige Stiefel- blute zutage gebracht." „Aber Karl," rief nun wieder die andere Männerstimme, „Du bist ja niit beiden Beinen bis fast an die Knie ins Wasser getreten." „Erkenne daran Gottes Hand, Ungläubiger," dcklamirte Wendel.„Meine Hosen sind vom Juden und noch nicht bezahlt, entschuldigen Sic, meine Damen, dieses reumütige Geständnis! Jezt sind sie getauft, sogut als ich.— Diesen völlig ausgewachsenen Stiefel ernenne ich mir zum Taufpaten,— und da schenkt mir Jupiter optirnus et inaxiraus— der größte und gütigste der Götter— auch' noch einen brillanten Sonntagsrock und— mir graut fast schon vor der Götter Neide!— auch noch einen neuen Hut. Hurrah,— Jnd' leb wohl, du siehst mich niemals wieder,— fortan bezieh ich meine Kleider nur noch aus dem Olymp." Der Gesellschaft unten bemächtigte sich jezt eine Aufregung, die nach den Ausbrüchen der Verwunderung, welche zu niir herauftönten, nicht gar viel geringer sein konnte, als meine eigne. Alle riefen wirr durcheinander und überboten sich in Scherzen oder Vermutungen, auf welche Weise wohl mein von Cato vcr- schont gebliebener Stiefel stimmt meinem Hut und Rock, die ich, um bester klettern zu können, i» aller Eile abgeworfen hatte, hierhergekommen sein könnte. Endlich begann der grauscste Einfall im Meinungsstreit obzusiegen. Das zweite der jungen Mädchen hatte mit großer Zungen- gelünfigkeit die Ansicht verteidigt, hier müsse sich jemand das Leben genommen haben. Rosa hatte das erst als eine doch nicht genügend begründete Annahme zurückgewiesen und die Herren standen ihr spottend und scherzend bei; allmälich aber ward auch sie ängstlicher,---„Unmöglich ist es nicht." sagte sie,| „obwohl es ja ganz cntsezlich wäre,— schauen Sie doch ein- mal nach, Herr Wendel, ob sich vielleicht etwas in den Taschen befindet, was auf deu Besizcr schließen läßt.— o Gott. mir pocht das Herz so,— eine furchtbare Angst schnürt es mir zusammen,— bitte, bitte, suchen Sie, Herr Wendel." „Heureka— ein einfaches braunledernes Bisitenkartentäsch- s chcn, gehörig, na, gehörig einem mir gänzlich unbekannten B. Rudolf, Kandidaten des höhern Lehramts." „Kandidaten des höhern Lehramts," schrie da wie in heller Verzweiflung die süße Glockenstimme ans,„ja, er ist es, gerade er,— der braune Rock, der Hut,— o, es ist zu furchtbar, dieses Schicksal--" Und sie schluchzte laut. Ich hatte mir eben gewaltsam ei» Herz fasten und hinunter- springen wollen, um als Urheber all der Verwirrung den Knoten, mit einem Hiebe zu durchhauen und die mitleidsvollen Damen zu beruhigen, als diese Worte an mein Ohr schlugen. Sie ergriffen mich so, daß ich mich mit aller Kraft in den Zweigen festhalten mußte, um nicht jählings vom Baume zu stürzen. Tie reizende— jedenfalls reizende— Besizcrin der wunderbaren Stimme kannte auch mich und— die Gewißheit schlug mir hell und klar wie ein Blizstrahl ins Herz: sie hatte mich lieb, lieb, mich, mich,——— zum erstenmale im Leben glaubte ich ein Recht zu haben zu der Uebcrzeugung, daß mich ein schönes, junges, liebenswürdiges Weib liebe,— es begann mir im Kopfe zu wirbeln, es war mir, als wenn der Baum mit mir Polka tanzte,— ich umklammerte nicht mehr, ich umarmte die Zweige, um keinen Preis hätte ich mich rühren können nach eigenem Wollen und Beschließen—— Um mein Entsezen auf das höchste zu steigen,, schlug jezt auch noch Catvs unverkennbares, ncrvencrschüttcrndes Gebell an I mein Ohr und Frizchcns lustige Stimme rief: „Hier muß er stecken,— Onkel. Onkel, wo bist du?" Soviel wurde mir noch schreckensvoll klar: nun hals kein I Verstecken nichr. Ich machte eine verzweifelte Anstrengung, 1 abwärts zu steigen, aber meine Füße verloren den Halt und 1 als ich jezt wieder das Schluchzen vernahm, Rosas der Süßen I Schluchzen um mich, den abscheulichen, nichtswürdigen Mensche», 1 der es in jämmerlicher, kindischer Schüchternheit und Unbeholfen» I heit fertig gebracht hatte, auf dem Baume hocke» zu bleibe», 1 während sich ein so mitleidsvolles, zartes, herrliches Geschöpf! um ihn schwer zutodc ängstigte und grämte.— da verlöre» meine Hände auch den Halt.— ich siel, wie Ellas Hut. aber> schier und plump wie ein Mehlsack und krachte auf den Bode» ans, daß es mir war, als wenn es weithin dröhne, ein heftiger| Schmerz zuckle mir durch die Glieder und es tvurdc Nacht»'» s mich �--- ich Unglücksmensch hatte mich jedenfalls in der i schönsten Stunde meines Lebens ans eigenem graucnhastcn U»' j geschick tvtgefalle»!! * * ♦ Doch nein! Ich schlief und hatte ein wunderbares Gesichl- j Ei» Engel schwebte über meinem Lager und fächelte mir Kühlung zu. Der Engel schaute mich an mit großen herrlichen Augen»»*■. neigte sich zu mir nieder, also daß ein süßer Ldein mir Stirn»n® 1 489 Wangen fächelte, und ich sah in ein Antliz, das mir bekannt und vertraut und doch auch wieder fremd schien,— ich rieb mir die Augen, um dieses entzückend liebe Antliz deutlicher noch sehen und erkennen zu können, und riß die Augen weit ans. Nun schaute ich wirklich ein Antliz,— deutlich und klar, aber— welche Enttäuschung! Tas Antliz zeigte einen Schnurrbart und es öffnete die Lippen und sagte mit Baßstininie: „Still gelegen, alter Junge, nicht gerührt und nicht gemuckt." Ich hatte mich, fast ängstlich suchend,»nigesehrn im Gemach. Wo war mein Engel? Er war nicht zu entdecken. „Tu, Heinrich?" sagte ich dann so matten Tones, daß ich selbst darüber erstaunt war.„Bios du?" „Na erlaube mal, Alter," antwortete Heinrich von Klinger.| „Bios ich!? Tas ist ja der pure Verrat an unserer unsterb- lichcii Freund- und Brüderschaft. Wir sehen uns unter äußerst seltsamen Umständen nach jahrelanger Trennung wieder und der Freund begrüßt den um ihn sorgende», ihn, den Blcssirten, wie eine Mutter ihr Kind pflegenden Freund kühl bis ans Herz hinan niit den Worten: Bios du?" Jczt begann ich mich an das Jüngstgcschchenc zu erinnern und es überkam mich das Gefühl einer tiefen Schani. „Vergib mir, Heinz, du Guter und Lieber,— ich weiß nicht. was mir war, ich weiß auch nicht, wie ich hier zu Bett gc- kommen—— ich weiß nur, daß ich mich, seit ich deines Vaters gastliches Haus betreten, schmachvoll albern benommen habe, schlimmer als ein Kind—" Heinrich lachte. „So schlimm ist die Sache denn doch lange nicht, lieber Kerl. Brauchst dir darüber kein graues Haar wachsen zu lassen. klebcrmvrgen darfst du wieder aus dem Bett und in wenigen Tagen sizest du, von deinem Fall aus de» Wolken völlig hergestellt, in unserm Kreise unten im Park bei duftiger Erdbccr oder Ananasbowle und lachst mit uns über das Geschehene, denn komisch, urkomisch sag ich dir. ist vieles daran." Ich widersprach erregt. Ich müsse so rasch als nur möglich fort von hier, denn ich hätte mich vertrauensvoller Gastfreund- schaff unwürdig erwiesen, wie ein Unzurechnungsfähiger. Aber Heinrich ließ sich darauf ebensowenig ein, als ans die Bcant- wortung meiner eindringlichen Fragen nach de» Einzelheiten der Borfälle nach meinem Sturze von dem Baume. „Morgen," sagte er.„morgen, mein Junge. Heut mußt du schlafen, und sollst laut strenger ärztlicher Weisung möglichst wenig reden und garnicht dich aufregen. Wir dürfen wider dieses weise Gebot nicht länger sündige». Also stillgeschwiegen. wäuschcnstill——" Was wollte ich tu»? Ich konnte mich ohnehin kaum rühren. obgleich ich mir sonst nicht krank vorkam. Dabei war ich niüdc, sehr müde,— ich schloß die Augen und schlummerte wahr- scheinlich sehr bald unter wirren Träumen ein. Arn nächsten Tage sah ich Heinrich wieder an meiner Lager- stalle. Er pflegte mich ivirklich wie eine Mutter und wich nicht von mir. obgleich ich eigentlich gar nicht leidend war. abgesehen von den Schmerze» in allen Gliedern, die ich etwa so empsand, . wie jemand, der mit einer Tracht fürchterlicher Stockprügcl heim- gesucht worden. Ans dem Bette ließ er mich an diesem Tage noch niclu. Auch vckam ich»icmandcm außer ihm zu sehen, als ein paar- mal den alten Franz, der Essen und Bücher herzubrachte. Am dritten Tage endlich gegen Mittag wurde mir gestattet, '"ich zu erheben. Heinrich hals mir beim Ankleiden. Jczt fühlte ich erst, wie ich mich zerschlagen hatte.— es war ein Wunder, daß alle Knochen im Leibe ganz geblieben waren. Den rechten Arm konnte ich»och fast garnicht gebrauchen und das rechte Bein auch. Ich kam nur mit einiger Mühe bis zum Sopha, vor dem aus kleinem Tischchen eine Flasche Rvtivein mit zwei Gläsern stand. «Komm, Alter, nun endlich trinken ivir den Begrugungv- schoppen," sagte Heinrich vergnügt.„Ter mehr langweiligen als schlimmen Tage deines Stubenarrestes leztcr ist zur Halste vorüber. Morgen darfst du in den Garten; und. wenn du willst, können wir heute schon ein wenig von deinen pecherfsi Ilten jüngsten Erlebnissen plaudern." Ich wollte nun zuerst erzählen und mich entschuldigen oder vielmehr anklagen. Aber Heinrich ließ sich darauf nicht ein. Tie Kinder hätten alles getreulich belichtet und ans ihren lustigen Mitteilungen wäre ihm und seinen Eltern ans der Stelle klar geworden, daß ich ganz unschuldig in das Pech hineinge- komnicn sei. „Nur in einer Beziehung, lieber Junge, hast du etwas auf dem Gewissen," sagte er schelmisch lächelnd und mit dem Finger drohend.„Daß du so ein Don Juan wärst, Hütt' ich dir nie zugetraut. Aber du hast jedenfalls redliche Absichten!?" Ich wurde rot— das fühlte ich— bis über die Ohren. „Ich weiß wirklich nicht, was du meinst?" erwiderte ich zögernd und seinen forschend auf mich gerichteten Blicken aus- weichend. „Rudolfe, Rudolfe," drohte er,„bleibe bei der Wahrheit. Es würde dir auch nichts niizen, wenn du zu läugnen versuchtest, denn du bist entlarvt. Steh Rede: Bist du dir nicht bewußt, ein keusches Jungfrauenherz in Feuer und Flammen versezt zu haben?" Ich wußte absolut nicht, was ich antworten sollte. Ich dachte an die zaubersüßc Glockenstimine und an die Worte, welche mich so entzückt hatten, kurz che ich den jämmerlichen Sturz erlitt. Dann auch an das Engclsköpfchcn meiner Träume, das sich bei meinem Erwachen so seltsam in das schnauzbärtige Jnristenantliz Heinrich von Klingers vcnvandelt hatte. „Nun— heraus mit der Sprache," mahnte Heinrich.„Mir, deinem besten Freunde, darfst du doch so etwas nicht mit Gewalt verheimlichen wollen." Er hatte ganz recht, aber was hatte ich denn eigentlich zu gestehen? „Kennst du sie denn, Heinrich?" fragte ich sehr zaghaft. Zu meinem Befremden wußte sich Heinrich vor Lachen gar- nicht zu fassen. „Na ob ich sie— sie, es ist zu kostbar, alter Junge,— kenne. Schon länger als ein halb duzend Jahre habe ich das Vergnügen." „Heinrich, ich bitte dich, sage mir, weshalb du so lachst.— es ist doch— oder es wäre doch wahrhaftig nichts so komisches, wenn auch ich mich einmal für ein junges Mädchen lebhaft in- tcrcssirte." „Gott behüte, nicht im mindesten. Aber erlaube mir, lieber Junge, daß ich dir deine Frage zurückgebe. Kennst du sie denn?" Das brachte mich allerdings in lebhafte Verlegenheit. „Eigentlich nicht—" mußte ich antworten.„Eigentlich gar nicht--" Heinrich mußte wieder unbändig lachen. „Hast du sie jemals gesprochen?" cxaminirte er weiter. Meine Verlegenheit wuchs noch um ein bedeutendes, denn ich mußte erwidern: „Auch das nicht—— nicht— eine— Silbe!" Unter fortwährendem Lachen fragte er weiter: „Hast du sie überhaupt jemals außer bei Nacht, wenn alle Kazen grau sind, gesehen." „Gesehen— ja, das heißt: ich weiß nicht, ich weiß gar- nicht, wen» ich ehrlich sein soll, aber ich vermute doch,— aber ivaS willst du mit der Nacht und den Kazen, Heinrich?— ich verstehe dich nicht——" Heinrich konnte lauge Zeit vor ungeheurer Heiterkeit nicht reden. Endlich gelang es ihm doch wieder. „Alter, wenn ich nur wüßte, was dich so verwandelt hat. Tu bist ja jezt das lustigste und originellste Menschenkind, das man sich denken kann. Ist der Mensch in eine Sie verliebt, die er eingestandenermaßen garnicht kennt, niemals gesprochen hat. und von der er nur vermutet, daß er sie einmal gesehen haben könnte. Korrespondirt kannst du nach alledem auch nicht mit ihr haben, ihr Bild hast du sicherlich auch nicht gesehen,— warum hast du ihr denn nun in aller Welt eine schmetternde. durch das halbe Dorf schallende Liebeserklärung gemacht?" Was. ich— schmetternde Liebesertlärung— Heinrich,>vas fotl denn das heilen?" „Tu wirst dich doch jczt nicht wieder auf das Läugnen legen wollen,— die Sache ist ja notorisch, Zeugen sind zur genüge vorhanden, und sie,— deine Sie, mein— ich weiß nicht, ob ich nicht soll sagen, armer Junge.— ist so wenig fürs Verschweigen dieser Tatsache, daß sie erwartet, du werdest spätestens morgen in aller Form um ihre Hand anhalten. Tust du doch auch, nicht wahr?" Mir fings wieder zu wirbeln an im Kopse. Ich sprang ans und vergaß alle meine Körperschmcrzen. „Ich um ihre Hand anhalten,— das ist aber doch sonderbar—" „Aha, jczt, da's Ernst wird, will er kneiscn. Und das wäre ja ganz schön, wenn nur die Liebeserklärung nicht wäre!" „Aber, beim Himmel. Heinrich, ich habe ja in meinem ganzen Leben noch keinem Menschen auch nur die leiseste Liebes- erklärung—" „Tie leiseste gewiß nicht, aber vielleicht die lauteste, die je gemacht worden ist.— du sollst dabei gebrüllt haben, wie ein Löwe. Rudolf.— du mußt von einem»ngeheuern Liebcscifer gepackt gewesen sein." Nun wurde es mir zu arg mit all dem Rätselhaften. Ich bat Heinrich ernstlich um Aufklärung. Und nun kam Schreck- lichcs— für mich wenigstens Schreckliches— an den Tag. Am ersten Abende hatte ich, von Sommerlnft und der Seligkeit der Ferienreise auf das nllcrlebendigstc angeregt, dabei von ungewohntem kräftigen Bier und von noch ungewohnterem und kräftigeren Weine einigermaßen berauscht, wie ich bereits erzählt, iin Parke herum gesungen und jubilirt. Trink- und Liebcslieder, wie sie mir eben ins Gedächtnis kamen, lvarcn im Strome übermütigen Gesanges— die gütige Natur hat mir armen Schächer eine starke und leidlich gute Stimme verliehen — über meine Lippen geflossen. Und— wie der Teufel zu- weilen sein Spiel hat— just die Liebeslieder hatte ich erschallen lassen ganz in der Nähe eines von hohen prächtigen Bäumen umgebenen Seitenflügels des Schlosses, der keineswegs mibe- wohnt war. Diese Bewohner hatten mich singen hören, und eine Bewohnerin, eine Dame, hatte, unglaublich aber wahr, meinen Gesang auf sich bezogen. „Wer ist diese Dame?" fragte ich klopfenden Herzens, da wieder das Engelsköpfchen und die süße Glockenstimme in meinem Gedankenkreise auftauchten.„Ist sie jung und reizend und— und— hat sie eine süße, hell und metallisch wie Silber tönende Stimme?" Heinrich schüttelte den Kopf. „Rem, mein Junge. Sic ist weder jung noch reizend, sie hat auch keine süße Eilberstimme,— im Gegenteil, kann man wohl sagen!" „Und nun: wer ist diese Dame?" „Nun, wer sonst, die Erzieherin unserer beiden Kleinen, eine ziemlich weit vorgeschrittene alte Jungfer, sowohl in den Jahren, als in der Fähigkeit, zu schulmeistern--" „Das Fräulein mit der Hyäne?" „Ah, ich sehe, daß du bei Meister Friz in die Sprachlehre gegangen bist; nun ja, die mit der Hyäne,—„sie", die du heiratest." „Der Himmel soll mich schüzen,— ich habe nie mit einer Silbe an sie gedacht." „Sie denkt jczt desto mehr an dich. Sic hat sich die fixe Idee in den Kopf gesezt, daß es seit deinem nächtlichen Singen um ihren jungfräulichen Ruhm geschehen sei,— sie hält es also für Pflicht des Ehrenmannes, daß du sie heiratest." Ich war schon wieder in der verzweifeltsten Stimmung und machte daraus kein Hehl. Nun begann Heinrich mich zu trösten. „Weißt du," sagte er,„wenn du in glaubwürdiger Weise versichern könntest, daß deine Lieder einer Anden, gegolten haben." „Sie haben aber gar keiner Besonderen gegolten— da? heißt—" „Schon wieder: ,das heißt." Tu steckst heute voller Vor- behalte. Wird mir jczt Aufklärung werden über die mysteriöse, auch dir unbekannte ,@ie', mit der sich deine Gedanken vorhin beschäftigten?" Ich nickte und berichtete, wie mirs in meiner peinvollen Situation auf dem Baume die zaubcrischsnßc Glockenstimme es angetan, die bekannte unbekannte. Heinrich meinte, diese Neigung wäre allerdings recht probte- matisch, zumal die Glockenstimmenbesizerin mich noch weniger kennen möchte, als ich sie. Nun vertraute ich ihm auch, was ich sie ausrufen hörte, als meine Visitenkarte ans Licht gefördert worden war und sie mich für tot hielt. „Hm, hm," machte Heinrich.„Dann müßt Ihr euch aller- dings kennen. Ucbcrlege dir einmal, Alter, ob dir nicht— vielleicht in den leztcn Tagen— ein Mädchen, das du am Ende nur ein- oder wenigemal zufällig gesehen hast, besonders gefallen hat." Ich überlegte und plözlich ging mir ein Licht aus. „Das Mädchen von der Eisenbahn,— o sie war sehr, sehr hübsch— und sie hat mich ein paarmal so— so merkwürdig herzig angesehen und sie, ja sie hatte auch die Glockenstimme, die ich freilich höchstens zweimal, während sie mit ihrer Mutter sprach, gehört hatte, aber nie vergesien werde." Heinrich erklärte, das könne stimme». Denn dieselbe junge Dame, welche meinen Sturz vom Baume miterlebt hatte, sei Tags zuvor auf der Eisenbahn gefahren; aber nicht mit ihrer Mutter, sondern mit ihrer ehemaligen Wärterin, die jezt an einen Iubaltcrnbcamte» in der nächsten Provinzialstadt verheiratet sei und der zuliebe sie, die ans der Pension zurückkehrende Tochter einer sehr wohlhabenden Gutsbcsizcrsfamilie, in dritter Wagen- klasie gefahren sei. „Du wirst sie sehen, mein Junge," fügte er hinzu.„Und wenn Ihr euch dann wirtlich so gut gefallt, nun dann wirst du vielleicht auch Lust zum Heirate» bekommen." Ich seufzte tief. An meiner Lust, das fühlte ich nur zu deutlich jezt schon, würde es nicht liegen, aber ich, ein armer Kandidat, für die Tochter einer reichbegüterten Familie. Heinrich lachte freilich über meine Verzagtheit und suchte mir Mut ein- zuflößcn. Ledig brauche ich jedenfalls nicht zu bleiben, das Fräulein mit der Hyäne bleibe mir als Notnagel immer»och. —— Am andern Morgen besuchte mich Klingcrs Vater und zu Mittag im Garten lernte ich die zweite Frau des Majors kennen. Beide waren so überaus liebenswürdig, daß ich mich bald über alle Verlegenheit erhoben fühlte. Uebrigens trug dazu auch das herzige Benehmen der Kinder das Scinige bei, die sich unbändig freuten, mich gesund wieder zu sehen und in drolligster Weise von unser» gemeinsamen Erlebnissen plauderten. Wenige Tage später trafen wir auf einem Waldspaziergange mit der Familie des Gutsbesizers Harst zusammen. Fräulein Helene Harst war das Engelsköpfchcn meiner Träume, die niit- lcidsvolle Inhaberin der zaubersüßen Glockenstimme. Allein ich bewegte mich furchtbar dumm, als wir so plözlich mit dieser Familie zusammentrafen. Ich wurde rot wie ein Schulknabc und stotterte etwas Unzusammenhängendes. Rot wurde Helene auch, aber so verlegen wie ich, war sie lange nicht. Ich wußte buchstäblich nicht, wo ich hinsehen sollte, denn immer zog ihr mir jezt noch sehr weit reizender als im Eisenbahnwagen er- scheinendes Antliz meine Blicke magnetisch auf sich v"«Qv.tec�etenC|" riet Pölich Friz.„guck nur, wie Onkel Rudolf dle Augen verdreht, wenn er dich ansieht. Du mußt ihm schrecklich gut gefallen, denn er verdreht immer die Augen, wenn ihm etwas sehr gefallt,— das hat er mir selbst gesagt." , lachte. Aber Helene nicht und ich nicht. Ich tat da» dümmste, was ich tun konnte: ich sagte garnichts. Darauf lächelten alle,— ich sah es sehr wohl.— nur Helene lächelte nicht und ich lächelte erst recht nicht. Es wurde in diesen Minuten von den anderen überhaupt merkwürdig viel gelächelt. — weiß der Himmel worüber. Endlich konnte ichs nicht mehr aushalten. Ich nahm Heinlich am An»»nd zog ihn seitwärts ins Gebüsch. 491 „Xu,— ich laufe davon,——' Er sah mich lachend an. „Tu hast gut lache»,— ich bin wahnsinnig verliebt—" „Wenn ich nicht davonlaufe, bin ich tolldreist genug, eine Liebeserklärung zu riskiren." „Weil du ein Hajenherz bist und nicht frank und frei eine Liebeserklärung riskiren ivillst, mochtest du davonlaufen,— so steht's, Alter." „Aber ich kann doch unmöglich um das reiche, bildschöne Mädchen freien, ich armer Schlucker, der ich heute die Familie zum erstcnmmal sehe." „Torheit! rede ein offenes Wort mit dem Mädchen deiner Liebe. Ich werde dafür sorgen, daß ihr auf einige Augenblicke unbeachtet seid. Dann fassest du die Gelegenheit beim Schopf; also, Rudolf tn's, du weist, die Hasenherzen mag ich nicht leiden——" Er hatte eine wunderbare Geschicklichkeit, eine ganze Gc- sellschaft zu beschäftigen. Bald hatte er alle»m sich lachend und disputirend versammelt,— die Erwachsenen und die Kinder. Nur uni Helene kümmerte er sich nicht und um mich nicht. Tic Gelegenheit war da. Alles Blut drängte mir zu Kopf. Aber ich nahm mich zusammen. Es war der schwerste Ent- schluß meines Lebens. Was ich gesagt habe, wußte schon im Augenblick nachher Helene nicht und ich nicht. Was sie geantwortet hat. ebenso- wenig, aber daß wir uns dann einen kurzen, unbeschreiblich wonnigen Moment in den Armen lagen, daß ick eine Träne von ihren Wangen küßte und daß ich den ganzen Abend, un- bekümmert um das nicht mehr weichende Lächeln der andern, nicht mehr von ihrer Seite wich, das werden wir beide bis an unser Lebensende nicht vergessen. Seit zwei Jahren bin ich festangestellter Gymnasiallehrer und seit anderthalb heißt Helene Harst Helene Rudolf. Und ich bin seit anderthalb Jahren im Himmel, de» ich mir wohl durch das Fegefeuer am Tage meines Sturzes verdient habe. Aiertwürdige Pogelarte». �Illustration S. 47C u. 477.) So viele »üb so umfassende nalurgeschichtliche Werke auch schon existiren, so ist doch jedes neue gute Werk in diesem Fache mit Freuden zu begrünen. Ten» wen» auch nieistenS nur schon bekannte Dinge berichtet werden, so ist doch gcivöhnlich in der stlassisizirung und Einteilung manches neue vorhanden und die Auffassung des einzelnen Notursorschers in ihrer Eigenartigkeit dient immer dazu, die Kennlniffc des Publikums zu bereichern. So liegt vor ims die in Hesten erscheinende„Jllu- Nrirte Naturgeschichte der Tiere." herausgegeben von Ph. Leop. "lartin,(bei BrockhauS in Leipzig, Berlin und Wien», ei» interessantes und lehrreiches Weik. Wir bringen nach demselben die Abbildung ziveiei merkwürdigen Bogklarten, des sogenannten Ofen oder Töpfer- Vogels und des dickichnäbligcn PsepersresserS oder Tukans. Beide Bogclartcn halten sich in Mittel- und Südamerika auf. Der rostgelbe Töpfervogel(funiariua rufus), auch Osenvogel und Lehmhans genannt, hat von jeher die Aufmerksamkeit der Natur- forscher erregt durch die merkwürdige Art und Weise, wie er sein Nest baut und woher er auch seinen Namen hat. Dieser Bogel wohnt tomsoriabler als die meisten seiner gefiederter Genossen. Denn während diese in einem und demselben Raum wohnen, schlafen und brüten, gestattet sich der Töpfervogel den Luxus abgesonderter Gemächer, wie o»ch auf unserer Abbildung zu scheu ist. Diese Wohnung ist etwa einen Fuß hoch und es wird dazu ein geeigneter Bauplaz auf einem horizontalen Aste ausgesucht. DaS Nest wird aus Lehn, errichtet, den der gefiederte Töpfermeister sich in einzelnen Ballen herbeiholt und den o> mit seine» Füßen zurechtknetet und zurechtstampft. Ten Eingang teilt er durch eine Scheidewand kunstgerecht ab, so daß rechts und links ein lialbkreissörmiger Eingang vorhanden ist. Rechts befindet sich das weich ausgefütterte Bruii und Echlasgemach, links die Wohnstube. Tiefe Bogel sind von großer Keckheit und lassen sich nicht leicht ver- scheuche»; sie verteidigen sogar ihr Rest gegen den Menschen mit großem Lärm. Zuweilen führen sie ihre kunstreiche Wohnung auch auf den Dächern der Häuser auf. Sic leben von Insekten. Ter Töpfervogel Vi etwa so groß wie der Staar und lebt hauptsächlich in Brasilien. Tie Farbe ist rvstgelb, an einigen Stellen braun mit weißen Flecken. gehör» zur sechsten Familie der Kleltervögcl. � Tie Tukane oder Pfesfersrcsscr gehören zu den seltsam, t«, Spielarten, die sich in der reichen und buntfarbigen Bogelwelt der Tropcnländcr vorfinden. Das Eigentümliche dieser Vogelart ist der ungeheure Schnabel, welcher bei den meisten Arten die Länge deS ganzen Rumpfes erreicht. Tic groteske Gestalt dieser Tiere ist in die grellsten -varben der tropischen Länder gekleidet; der Schnabel ist bei den hier odgcbildclcn Arten scharlach- oder orangefarbig, das Gefieder am Körper "»d die Federn de» Schwanzes sind teils schneeweiß, teils grellrot. Ter große Tukan— die mittlere Figur aus unserem Bilde— wird fiiu.i.,7 Ecntim. lang-, der Schwanz mißt 14, der Schnabel 18 Centim. Diese Vögel halten sich meist in de» Unväldern Mittel- und«ud- "merikaS auf; der große Tukan tKbanis.siistus toko) kommt von Zen- lralainerikn bis Paraguay vor; der rotschnäbclige Tukan findet»ch '»ehr in Bresilicn und Guyana und ist etwas kleiner als die vorgenannte Art. Dieser Bogel hält stch meistens auf Bäumen aus und kommt nur selten zur Erde, lieber seine Ernährung ist man noch nicht ganz im klaren; neuere Beobachtungen scheinen indessen init ziemlicher Sicherheit ergeben zu haben, daß der Tukan sich nicht mit Pflanzenkost begnügt, sondern auf die Eier und die Jungen kleinerer Bogelarten Jagd macht. Mehrere Naturforscher bestätigen, daß sich in dem Magen der erlegten Tukans häufig Reste animalischer Nahrung vorfinden, wenn auch die Pflanzenne.hrung bedeutend übenviegt. Aus kleine Eildcchicn und kleine irische wird von den Tukanen eitrig Jagd gemacht. Der lim stand, dar kleinere Vögel zur Brutzeit eine auffallende Aengstlichkeit vor dem Tukan an den Tag lege», dürfte weiterhin bestätigen, daß der Inhaber des großen feuerroten Schnabels kein harmloser Vegetarier ist. Der eigentümliche melancholische Ruf deS Tukan ist im Urwald weithin ver- nehmbar; gewöhnlich findet sich eine größere Gesellschaft von Tukans zusammen, bei denen einer, und zivar der am höchsten sizt, den Vor- sängcr macht, den die andere» abwechselnd begleiten. ' Der bunte und reiche Federschmuck dieser Vögel hat ihnen selbst- verständlich unermüdliche Nachstellungen bereitet; die Eingeborenen scheinen auch an dem Fleische derselben viel Wohlgefallen zu sinden. Die eingeborenen Stämmen verfertigten früher aiiS diesen prächtigen Federn die bekannten indianischen Kopsschmucke und zuweilen auch ganze Mäntel; als die Spanier zuerst in Südamerika vordrangen, ivaren sie hocherstaunt über die Pracht der Mäntel, die man aus den Federn des Tukaii angefertigt hatte. Heute wird höchst selten noch ei» Kopfschmuck lKopibinde) aus den Federn deS Tukan angetroffen. Durch das viele Nachstellen ist die Zahl der TukanS mit der Zeit eine sehr beschränkte geworden und die Eingeborenen töten daher den Tukan nicht gern, sondern schießen ihn mit schwach vergifteten Pfeilen und lassen den Vogel wieder fliegen, nachdem sie ihm die bunten Federn ausgezogen haben. Die Europäer verfahren weniger schonend und so hat die Nc- gicrung von Guyana ein Gescz zum Schuze dieser Vögel erlassen müssen._ LI. Ströbeck.(Illustration S. 480—481.) Von diesem kleinen Dorfe, daS im Kreise Halbcrstadt liegt, und etwa 1000 Eimvohncr zählt, würde man sicherlich nur sehr wenig wissen und es würde kaum der Erwähnung für wert gehalten werden, es sei denn in den Steuer- und Wahllisten des preußischen Staats, wenn dies Dorf nicht eine Eigen- tümlichkcit aufwiese. Ströbeck ist nämlich allen anderen Orten der Erde in einer Beziehung voraus;»irgend sonst wird im Verhält- uis das Schachspiel so eifrig kultivirt wie in Ströbeck. Dort spielt jedermann Schach, Männlei» und Weiblein, und die Gemeinde sorgt dafür, daß dieser Brauch nicht aussterbe, denn alljährlich findet unter den Schulkindern zu Ströbeck ein Schachturnier statt, zu welchem 4* Kinder ausgewählt werden, die sich im Schachspiel am besten be- währt. Die sechs besten Spieler erhalten ein kunstvoll gearbeitetes Schachbrett, sie werden wie im Triumph nach Hause gebracht und ihnen zu Ehre» wird ein kleines Fest gefeiert. Daß cS daS höchste Streben eines jeden jungen Ströbeckers ist, in diesem Schachturnier den Lorbeer davonzutragen. ist selbstverständlich: im übrigen bildet dieses Turnier, aus das sich alle fleißig einüben, die junge Mannschaft zu streitbaren Kämpen auf dem Schachbrett heran. Wie das edle Schachspiel zu Ströbeck zu solch allgemeiner Kul- tivirung gelangt, darüber besteht nur eine Sag«, welche berichtet, daß uniS Jahr 1100 ein Wendcnsürst in einem— noch vorhandene»— Turm, der heute der Schachturm heißt, gefangen gesessen habe. Man habe ihn durch diese Gesangenschast zum Ehristentum bekehren wollen. Dem Gefangenen sei dabei die Zeit etwas lange geworden und so habe er seine Wächter Schach spielen gelehrt, um sich mit ihnen die Zeit vertreibe» zu können. Auf diesem Wege habe sich das Schachspiel in Ströbeck eingebürgert. An Urkunden besizt übrigens die Gemeinde aus jenen Zeilen nichts. Wohl aber besizt sie ein Schachbrett, das ihr der große Kurfürst Friedrich Wilhelm gewidmet hat und auf dessen WidmungSschriit die Kunstsertigkcit der Ströbccker im Schachspiel au» erkannt ist. Dieses Schachbrett befindet sich seit 1651 im Besize der Gemeinde Auch der„alte Fritz" hat in Ströbeck Schach gespielt; der König, der aus dem strategischen Schachbrett so Manchen matt gesezt, wurde von einem strölu'cker Bauer im Schachspiel beneg». Man sagt, 492 er hirbe jedes Jahr einen Gesandten nach Ströbeck geschickt, der mit dem Schulzen Schach spielen mußte. Gewann der Schulze, so war das Torf für ein Jahr von allen Abgaben frei. Ob dies wirklich so war, wissen wir nicht; wenn es der Fall war, so war es eine über- flüssige Sache, denn Ströbeck ist sehr reich und andere Dörfer hätten den Steuernachlaß nötiger gehabt. Im Gasthof.zum Schachspiel" in Ströbeck kann jeder Fremde sich mit den Einwohnern messen; er muß aber sehr gut beschlagen sein, wenn er nicht unterliegen will. Daselbst bewahrt man auch das Schach- breit auf, auf welchem der„alte Fritz" besiegt worden ist. Eine merkwürdige und interessante Erscheinung, diese schachberühmte Gemeinde, die jedenfalls damit das Gute erreicht hat, daß ihre mann- lichen Mitglieder nicht beim„Schafskopf" oder„Sechsundsechszig" ver- simpeln, wenn sie freie Zeit haben. LI. Tos Nordkap.(Illustration S. 485.) Wie von einer düsteren und zerrissenen Phantasie ausgedacht, erscheinen dem Beschauer die felsigen und zackigen Küsten Norwegens mit ihren mächtigen Fels- blöcken und tiefeinschneidenden Buchten, den schmalen Fjorden. Mäch- lige Gebirge, in der Höhe von bis zu 2000 Meter über dem Meeres- spiegel, türmen sich hier auf; um ihre Stirnen heulen die rauhen Stürme des Nordens und zu ihren Füßen braust, lost und schäumt die wilde Brandung des Meeres. Die Felsen bilden die wunderbarsten Gestaltungen, als hätte die Natur, indem sie diese starren Massen formte, ihren bizarrsten Launen nachgegeben. Aus dieien Felsen, die nur spärliche Mittel zur Erhaltung bieten, haust ein harter und weiter- fester Menschenschlag, der sich nicht sehr zur Unterdrückung eignet, wie die Dynastie Bernadotte noch unter der Regierung ihres Gründers erfahren mußte, und der unbeugsam wie seine Felsen auf seine alten und verbrieften Rechte trozt. Je weiter man nach Norden kommt, desto öder und einsamer wird das Land, desto unwirtlicher recken die düsteren Felsmasse» ihre viel- gezackten Häupter in die Wolken hinein. Die menschlichen Wohnstätten iverden seltener und der Wanderer sieht sich allein mit de» Seevögeln, welche schnatternd und kreischend die Felsen zu laufenden besezen und dort ihre Heim- und Brutstätte mitte» unter dem Brausen der Brandung haben, die sie mit ihrem weißen Gischt besprizt. Die nördlichste Stadt in Norwegen, zugleich auf der ganzen Erde, ist Hammerfest, ein Ort, der noch nicht%000 Einwohner zählt, aber als wichtige Station der Linie nach dem Eismeer großen Handel und ausgedehnte Ber- bindnngen hat. Nördlich von tzammerfest, das selbst auf einer Insel liegt, erhebt sich aus dem Meere die öde Insel Magerö. Der»örd- lichste Punkt dieses einsamen EilandS ist das Nordkap. Das Nordkap gilt als der nördlichste Punkt Europas, ist eS genau genommen indessen nicht. Das Nordkap ist aber der bekannteste u»d auffallendste Punkt in jenen einsamen Regionen. Gegenwärtig wird das Nordkap sehr viel von Reisenden besucht, mährend srüher nur einzelne Seefahrer dahin gelaugte». Die Holländer scheinen sich eine Zeitlang hier in der Nähe festgesezt zu haben; sie wurden indessen von der Hansa verscheucht. Heute fahren die Touristen gewöhnlich in einem Boot von Hammerjest nach dem von da»och etwa 02 Kilometer entfernten Nordkap. Der Anblick jener nordischen Küste soll ein ungemein interessanter und imposanter sei». Großartig aber erscheint jene Gegend, wenn man sie in de» zwei Monaten besucht, während deren die Sonne nicht vom.Himmel verschwindet. Die Sonnen- scheide schaut dann glühendrot vom Firmament und übergießt die ganze düstere Felsenregion und das Meer mit einem roten Schimmer. Die Wogen brechen sich mit regelmäßiger Wiederkehr an dem zackigen Gestein, die Möven schreien dazu und im übrigen herrscht eine Ruhe und Ein- samkeit, die Angesichts dieser gewalligen Natur überwältigend auf den Menschen wirkt. Tie Pracht dieser Farben und die Majestät der in Glut getauchten Felsmassen zu schildern ist die Feder zu schwach, wie denn auch alle, die jemals den Anblick des Nordkap in einer nordischen Sommernacht genossen, der Beivuuderuug voll sind. LI. sehr ernst und ernannte ein Koinitö, in dessen Austrag der Friedens- richter von Gloueester eidliche Aussagen von Augenzeugen aufnahm. Wir geben hier die Aussage eines Schiffszimmermanns. Derselbe hat ausgesagt und beschworen: „Ich, Mathias Goffney, Schiffszimmermann, sage aus und be- kräftige. Am 14. August, zwischen 4 und 5 Uhr Nachmittags, erblickte ich im Hafen ein seltsames Seetier, daS einer Schlange glich. Ich befand mich in einem Boote, etwa 30 englische Fuß davon. Sein Kopf schien so dick als ein Faß von 4 Gallonen, sein Leib als ein kleines Faß und der Teil, den ich sehen konnte, war mindestens 40 Fuß lang. Der Kopf war oben dunkelbraun, unten fast rveiß, wie auch der untere Teil deS Körpers, den ich gewahr werden konnte. Ich schoß nach ihm. Ich hatte eine gute Flinte und zielte richtig. Sobald ich geschossen hatte, drehte es sich nach uns, und ich glaubte, es würde aus uns losgehen, allein es tauchte unter, passirte gerade unter dem Boote und kam 100 Klafter weiter wieder zum Vorschein, wo wir eS aus den Augen verloren. Es tauchte nicht unter wie ein Fisch, son- der» schien senkrecht wie ein Stein hinabzusteigen. Ich habe das Tier öfter gesehen, aber nie so deutlich als an jenem Tage. Seine Be- wegung ivar die einer Raupe. In 2 bis 3 Minuten durchlief es eine Meile. Seine Haut schien glatt zu sein. Furcht ließ es nach dem Schusse nicht blicken, sondern spielte auf dem Wasser wie zuvor." Der Friedensrichter von Gloueester beschwor, daß die Seeschlange 80 bis 100 Fuß lang sei. Man nannte auf diese Berichte hin das neue Seeungeheuer At- lanticus. Uebrigens sei nicht unerwähnt, daß um diese Zeit eine„Reise Münchhausens nach dem Nordpol" veröflentlickrt wurde, in der die See- schlänge auch eine Rolle spielte. Doch war Münchhausen bescheidener als der Friedensrichter von Gloueester; er gab ihre Länge nur aus 60 Fuß au. LI. lieber den ttohlensäuregehalt des Bieres. Kohlensäurereiches, stark moussirendes und Schaum Halteudes Bier erhält man nach Th. Langer nur bei Verwendung einer an Mallose reichen Würze mit genügenden Mengen von Peptonen und einer guten kräftigen Hefe, von welcher ein entsprechender Teil mit in das Lagersaß kommt. Erforderlich sind ferner ein nicht zu hoher Vergährungsgrad, möglichst tiefe Kellertemperatur, mäßiges Spunden, vorsichtiges Abziehen und Spundvollmachen der Fässer bei Venoendung»löglichst dicht und gut schließender Spunde, serner die Verhütung höherer Temperatur beim Biertransport vom Lagerkeller weg, kühle Lagerung des Bieres beim Wirt, rasches Ver- zapfen des Bieres mittels Holzpipe und Verwendung gut ausgefrischter Trinkgläser. So teilen sich Brauer und Wirt in die zu lösende Aus- gäbe; der eine sorgt für die Erzeugung, Absorption und Konservirung der Kohlensäure im Biere und der Wirt behandelt das Bier beim Liegen, Anzapfen und Ausschenken unter möglichster Schonung des Gasgehaltes. (.Atlgcmcinc Zeilschnft fiit ttierbtaucm", 1882. S. 8) Tie große Seeschlange wird von der Somiuerhize in der Zeit der „sauren Gurken" wieder zu neuem Zeilungsleben erweckt werben. Wir wollen ihr zuvorkommen und erzählen, was das Ungeheuer im Jahre 1818 schon für Unglück angerichtet hat. Im Jahre 1818 sollte sich in Gloueester bei Boston eine ungeheure Seeschlange gezeigt haben. Die Linnesche Gesellschast nahm die Sache Auslösung des Rebus in Nr. 18: Verschwende» ist kein Laster, sondern eine Torheit. Inhalt: Vom Baume der Erkenntnis. Roman von I. Zadeck.(Fortseznng.)— Psingstgeivitter. Gedicht von Max Vogler.- Indien.(Mit Jllu, trat, on.)- Die Musik in der Vogelwelt. Von Friedrich Omeis.- Eine Pfingstsahrt.- Napoleon und sein Stern. Wilhelm BloS.- Im tfegesener. Humoristische Erzählung von B. Rudolf.(Schluß.)- Merkwürdige Vogelarlen.(Mit Illustration.) Ströbeck.(M.t Jllustrat.on.)- DaS Nordkap.(Mit Illustration.)- Die große Seeschlange.- lieber den Kohlensäuregeball deS Bieres. Rebus.— Redaktionskorrespondenz.— Geineinnllziges.— MannichfaltigeS.— Humoristisches. AuS Von Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart. Redaktion: Fnnge'.sbachstraße 32.- Expedition: Ludwigstraße 26 in Stuttgart. Druck und Verlag von I. H. W. Tietz in Stuttgart.