'Dom Damno der Krkenntni Bo» I. 3 a d e cü. (12. Fortsezung.) ..Gutrii Morgrn. Schaz/ rief sie und lachte hell aus, als Hedwigs verwundertes Gesicht sah.„Ich bin es wirklich >>>er ist meine Hand. Ich stehe schon eine geraume Weile wer und bewundere dich. Tu siehst so glücklich drein, das; es e>nc�Frr»de ist, dich anzusehen." Im selben Augenblick stand Hedwig neben ihr und zog sie freudestrahlend mit sich fort. »Hier jilso wohnst du, Siiiid," sagte Tora, wahrend sie rurV'3fl �chtvesicr aus dem Sopha saß und sich mit unruhigen ' en in dem Stübchen umsah.„Wir sind doch allein, nicht 91~ Wie ich hierher komme? Nichts einfacher als dies. al Vr n,C.",9en �gkn noch ahnte ich. nicht, das; ich heut auf diesem 'Ichenlichen Sopha neben dir sizcn und meine Augen an dem -"Mick dieser kahle» Wände und der grenzenlosen Geschmack- �Iigkeit dieser armseligen Räume ivcidcn würde. Ich hätte """" kdem, der mir gesagt hätte, das; ich es vierundzwanzig g""de» hier au? hielte, ohne mich tätlich zu langweile», ohne rvarmen ins Gesicht gelacht. Tann— ich weiß selbst nicht lc es kam— wandelte mich plözlich die Lust an, dich zu U)en— und hier bin ich. Tu weißt es ja längst, das; ich das """ciihafteste und unberechenbarste Geschöpf von der Welt bin." . stand plözlich auf und fuhr sich mit dem feinen Spizen-' "che über das Gesicht. Sie war, während sie die lcztcn Worte «ch, lebhaft errötet. Nun stand sie am Fenster, das Gesicht "'ich außen gewandt, und lächelte still vor sich hin. Tann mtteltc sie heftig den Kopf und wandte sich um. �»Kind," sagte sie und zog Hedwig»eben sich auf das Sopha. ■>» sollst es wissen, was mich in Wahrheit hicrhergcführt hat. �aruni sollte ich auch länger vor dir geheim halten, was du d°ch einmal erfahren mußt Erinnerst du dich noch des Gespräches, das wir miteinander te«, i" jener Rächt, da ich dich in deinem Zimmer aufsuchte ineinen Stolz so weit verleugnete, dir zu erzählen, was /h so lange ängstlich vor jedem Ohr geheim gehalten? Und rißt du»och. wie ich dich wamte. wie ich dich beschwor, nicht I törichten Pflichtgefühl zuliebe ein Loos auf dich zu . fhmeii, das auch dich zugninde richten würde? Es war nur in Wahrheit, wenn ich dir sagte, das; ich niir wohl bewußt war, wie ich selbst, über kurz oder lang, untergehen würde in den niedrigen, unwürdigen Verhältnisse», in denen ich nun schon seit Jahren lebe, wen» nicht ein starkes, reines Gefühl mich l mit Allgewalt daraus cmporreißt. Und eben weil ich dies wußte; weil ich nicht schwach genug ivar, mir zu verhehle», wie ich immer tiefer und tiefer sank und nur ein Rest von ' Würde und Selbstachtung mich so lange vor dem Schlimmsten bewahrt hatte, wollte ich die Hoffnung nicht aufgeben, daß mein beleidigtes Selbstgefühl und alles, was an guten und edlen Empsindnngen imstillcn noch in mir lebte, sich noch einmal emporranken könnte an einem reinen, schönen Gefühl, das mich die Vergangenheit vergessen ließe. Sieh niir in die Augen, Kind, und freue dich mit mir— ist mir doch zuteil geworden, wonach ich mich so lange gesehnt habe! Was siehst du mich so unruhig an— muß ich es dir erst sagen, wer der Mann ist, dem meine ganze Seele gehört und dem zuliebe ich mit Freuden alles aufgebe, woran ich in der Oede und Trostlosigkeit meines bisherigen Lebens mein Herz gehängt hatte? Lange bevor ich ihn kannte, hatte ich ihn liebgewonnen aus deinen Schilderungen und sehnte mich danach, ihn kennen zu lernen, um mich mit eigenen Augen zu über- zeugen, ob du auch recht gesehen. Tann kam er zu mir, am Tage nach deiner Abreise, um mir deine Abschiedsgrüße zu überbringen und mir zu sagen, was dich so plözlich von der Heimat fortgctriebcn. Und kaum hatte ich ihn gesehen, so wußte ich, daß dieser Manu mein Schicksal ist. Und nun weißt du auch, wie es kommt, daß ich in diesem Augenblick neben dir sizc und deine lieben, verwunderten Augen küsse! Was starrst du mich so unverwandt an? Klingt es denn so unglaublich, was ich dir eben gestanden habe? Oder fürchtest du, daß ich zu früh frohlocke? Sei ruhig, Kind, ich fürchte mich nicht. Glaubst du. er könnte einer Leidenschaft widerstehe», die, wie die meine. wild und fessellos wie eine Naturgewalt über ihn dahinbraust und ihn unaufhaltsam mit sich fortreißt?"— Wie vom Bliz getroffen, fuhr Hedwig empor und streckte abwehrend die Hände aus. „Tora." schrie sie auf und drückte beide Hände angstvoll gegen ihre Schläfen..Besinne dich— du redest irre oder ich Erscheint alle 14 Zage iu Heften i 25 Pfennig uud ist durch alle Buchhandlungen und Postämter zu beziehen. 494 — ich selbst, ich bin in einem bösen Tennin befangen niid meine Gedanken verwirren sich."— Sie brach ab und seufzte tief auf. „Ich bin recht töricht," fuhr sie dann fort.„Tu mufft Nachsicht mit mir haben, liebe Schwester, ich habe dir bitteres Unrecht getan. Mir war, als sprächst dn von Bnrghardt und ich— ich hatte dich im Verdacht, als wärest dn um feinet- willen hier."— Sic warf einen scheuen Blick auf Tora, die sich erhoben hatte und lächelnd auf sie niedersah. „Und wenn ich dir nun sage, daß dn recht gehört hast, Kind?"— Eine tiefe Blässe legte sich über Hedwigs Gesicht. Sie wollte sprechen und mußte innehalten, kaum daß sie begonnen. „Hast dn vergessen, daß Bnrghardt verheiratet ist," sagte sie dann leise und stockend, in einer Aufregung, die sie mühsam nur bezwang.„Er liebt seine Frau und sie— sie hat ihr Glück schwer genug erkämpfen müssen." Sie hielt einen Augenblick inne. „Ich kenne Burghardt besser als du." fuhr sie dann fort, „und weiß, daß es dir nicht gelingen wird, ihn seine Frau vergessen zu machen. Er gehört zu jenen seltenen Menschen, die, was sie einmal lieben, nie wieder von sich lassen und deren Leidenschaft mit den Jahren nur tiefer und inniger wird. Das war es nicht, was ich dir sagen wollte," unterbrach sie sich selbst und fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als falle es ihr schwer, ihre Gedanken zusammenzufassen.—„Ich weiß, du wirst es mir doch nicht glauben, so lange du es nicht aus seinem Munde hörst. Es war ein anderes, was ich dich fragen wollte — ob du, die dn nun selbst erfahren hast, was Liebe ist, auch wirklich den Mut hast, zwei Herzen trennen zu wollen, die sich lieben. Ich kann es nicht glauben. Wenn du wüßtest, wie glücklich die beiden sind, wie sie einander lieben— dn würdest einen solchen Gedanken nicht fassen können."— Mit einem bitteren Auflachen siel ihr die Schwester in die Rede. „Tu irrst," sagte sie. und ihre Brauen zogen sich finster zusammen.„Ich bin nicht gut und selbstlos wie dn, Kind. Was gilt mir das Glück jener Frau? Ich kenne sie nicht und will sie auch nicht kennen. Was ist sie mir, daß ich um ihret- willen verdammt sein soll, mein lebenlang zu darben und unglück- lich zu sein. Ich bin nicht geschaffen zu schwachmütiger Resi- gnation. Meine Seele lechzt nach Glück, und ich— ich sollte um einer Fremden willen mich selbst vernichten, mein Lebens- glück zum Opfer bringen um einer mitleidigen Regung willen? Fühlst du nur für sie Erbarmen, die du deine Freundin nennst und nicht auch für mich, die ich jahrelang diesen Augenblick herbeigesehnt habe! Jene Frau— sie liebt ihren Mann, sagst du? Nun gut, liebe ich ihn nicht auch? Und habe ich mein Recht an ihn nicht teuer genug erkauft? Was ist mein Leben seit Jahren, wenn nicht ei» Hoffen und Harren auf diesen Augenblick der Sühne, der Vergeltung? Sic— sie hat, ehe sie sei» Weib wurde, vermutlich gelebt, wie die Meisten dahin- leben, ruhig und einförmig, ohne Liebe, ohne Haß. Nun liebt sie ihren Mann mit jener zahmen, ruhigen Neigung, die man gemeinhin Liebe nennt, und ahnt nicht, daß es eine Leiden- schaft gibt, die wie ein Blizstrahl zündend in die Seele fällt und uns Gesez und Sitte und alles, was sich uns hemmend und beschränkend in den Weg stellt, vergessen macht."— Ein leiser Ausruf Hedwigs ließ sie verstummen. In der geöfsneten Tür stand Lisbeth, ein Lächeln ans den Lippen, die Wangen gerötet von dem raschen Gang durch den sonnigen Park. „Ist mein Mann noch nicht zurück, Hedwig?" rief sie und nickte der Freundin freundlich zu.— Sie trat in das Zimmer und schloß die Tür hinter sich. In diesem Augenblick erst wurde sie Tora gewahr, die noch immer regungslos an ihrem Plaze verharrte und den Blick nicht von ihr wandte. Lisbeth errötete befangen. „Ich bitte um Verzeihung." sagte sie.„Ich wußte nicht, daß du Besuch hast." „Meine Schwester— Frau Doktor Burghardt," sagte Hed- wig mit tonloser Stimme und wußte nicht, wie sie es anfangen sollte, die peinliche Pause zu unterbrechen, die der Vorstellung folgte. Tora sagte kein Wort. All' die Sicherheit und Getvändt- hell, die ihr sonst eigen war, schien sie verlassen zu haben. Ihre Augen ruhten auf Lisbeth mit einem seltsam gespannten Ausdruck. Jeder Blutstropfen war ans ihrem Gesicht gewichen. Kaum daß sie durch eine leise Neigung des Kopses verriet, daß sie Hedwigs Worte gehört hatte. Lisbeth hatte ihre Befangenheit überwunden und trat auf Tora zu. „Sie haben Hedwig mit Ihrem Kommen eine große Freude bereitet," sagte sie.„Auch ich freue mich, Sic endlich kennen zu lernen. Hedwig hat mir viel von Ihnen erzählt und auch mein Mann."— Sie hielt inne. Doras anhaltendes Schweigen befremdete sie. Und bei dem Mangel an Vertrauen in den eigenen Wert, wie ihn ihre trüben Erfahrungen in ihr großgezogen, war sie versucht, das seltsame Benehmen der schönen Frau dahin zu deuten, als dünke diese sich zu gut, ihr, um deren Schicksale sie wissen mochte, ein freundliches Wort zu gönnen. Ein Schatten flog über ihre Stirn.„Ich will nicht länger stören," sagte sie und wandte sich, um zu gehen. Hedwigs Blick war angstvoll von Tora zu der Freundin geglitten und von dieser zurück zu der Schwester. Nun schrak sie heftig zusammen, als Tora, deren Blick noch immer wie entgeistert an Lisbcths Antliz hing, plözlich in ein krampfhaftes Lachen ausbrach. Sie eilte ans Tora zu und umschlang sie mit ihren Armen; sie drückte sie an sich und nannte sie mit den zärtlichsten Namen. Lisbeth war stehen geblieben. Sie warf eine» Blick auf die beiden Schwestern und prallte betroffen zurück. Sie hatte die bleiche, schöne Frau wiedererkannt, die nun verstummt war und den stolzen Kopf milde an Hedwigs Brust lehnte. Ein heiße Röte flog über ihr Gesicht. Tann trat sie an Tora heran und bot ihr mit einem schüchternen Lächeln die Hand. „Verzeihen Sie. daß ich Sie nicht sofort wiedererkannt habe," sagte sie weich.„Wenn Sie wüßten, wie ich mich in all' den Jahren danach gesehnt habe. Sie wiederzusehen. Ich hätte es aus Ihrem Munde hören mögen, daß sie nicht unglücklich ge- worden sind durch meine Schuld. Ich habe mir bittere Vor- würfe gemacht. Es war schlecht von mir, daß ich Sie leiden machte, wo Sic mir doch nichts Böses zugefügt hatten. Ich dachte mir nichts Arges dabei. Ich weiß noch heute nicht, wie ich dazu kam, jenen Schritt zu tun— ich war sehr unglücklich und dachte nur an mein Kind. Vielleicht auch tvollte ich mich an Ihnen rächen. Ich kannte Sie ja nicht und wußte nicht, daß Sie Ihren Mann liebten. Dann habe ich es bitter bereut und hätte es gern ungeschehen machen mögen. Wenn Sie mir jezt durch ein Wort nur sagen wollten, daß sie nicht unglücklich geworden sind um meinetwillen— Sie würden mir damit eine große Freude machen."— Tora hatte sich in Hcdivigs Armen aufgerichtet und die Sprechende mit einem langen Blick angesehen. Sie hatte ihre Fassung wiedergewonnen. Nun reichte sie Lisbeth die Hand, ohne durch einen Blick zu verraten, welche Ueberwindung sie dies kostete. „Beruhigen Sie Sich, liebe Frau," sagte sie mit herbem Spott.„Sehe ich aus wie eine Unglückliche? Ich fühlte mich in meiner Eitelkeit gekränkt— Sie werden mir zugeben, daß ich keine Ursache hatte, durch Ihre unliebsame Mitteilung freudig überrascht zu sein. Aber das war auch alles. In den Kreisen, in denen ich lebe, denkt man über solche Verirningeu weniger schwer, als Sie in Ihrer Sentimentalität sich träumen lassen — Sie sehe», ich habe mich getröstet."— Sie hatte sich erhoben und sah das junge Weib an ihrer Seite mit so unbefangenem Lächeln an, daß diese nicht wußte, ob sie die schöne Frau bewundern oder ihr um der Frivolität willen, die aus ihren Worten sprach, zürnen solle. Aber noch ehe sie Zeit gehabt, sich von ihrem Befremden zu erholen, hatte Tora von neuem das Wort ergrissen. 495 „Sic selbst sind mir noch die Aufklärung darüber schuldig, ob das Leben an Ihnen gut gemacht hat, was es einst gegen Sic sündigte. Nicht etwa, daß ich ein Recht zu dieser Frage hätte. Ich habe Sie danials von mir gehen lassen, ohne Trost, ohne Hilse, wo Sie deren bedürftiger waren als ich, und habe dadurch einen Teil der Verantwortung für Ihr Schicksal aus mich geladen. Nun ist es nur natürlich, daß ich wissen möchte, wie es Ihnen inzwischen ergangen ist; ans welche Weise Sie das Glück gefunden haben, das aus Ihren Augen leuchtet und in Ihren Worten unverkennbar ist."— Sie hatte diese Worte kaum gesprochen, als die Tür ungestüm geöffnet wurde und Erich hereinstürmte. Er sprang auf die Mutter zu, in den kleinen Händen einen Strauß frischgepflücktcr Feldblumen, hinter welchem sein dunkles Köpfchen fast vcr- schwand. Als er die Fremde gctvahr wurde, sah er sie mit großen Augen an und drückte sein kleines, sonnengebräuntes Gesicht verschämt an die mütterliche Brust. Lisbcth errötete befangen. Fast schämte sie sich ihres Glückes der Kinderlosen gegenüber, sür welche sie das wärmste Mitgefühl empfand. Niemand hatte ihr gesagt, daß die schöne Frau, der sie einst wehe getan, nicht glücklich war in allem Glanz und Reichtum, der sie umgab. Es lag nicht in Hedwigs Art, ein Gchcimuis zu vcrrathcn, das nicht das ihre war, und Tora selbst war viel zn stolz, um durch einen Blick zu erkennen zu geben, wie es in ihrem Herzen aussah. Aber mit dem untrüglichen Instinkt des Weibes hatte Lisbcth erraten, daß der schönen, stolzen Frau, die so gleichmütig drcinsah, als wisse sie nicht, wer der Knabe war, der seine Arme zärtlich um den Hals der Mutter ge- schlungen hatte, heimlich das Herz schwoll bei dem Anblick eines Glückes, das sich auf den Trümmern ihres eigenen aufbaute. Sic flüsterte dem Knaben ein paar Worte ins Ohr und ließ ihn sanft niedcrgleiten. Dann, als er das Zimmer verlasse» hatte, näherte sie sich Tora. Es drängte sie, der schönen Frau zu zeigen, wie dankbar sie ihr für die Teilnahme war, die sich in Doras lcztcn Worten kundgegeben. Und nun erzählte sie ihr in schlichten Worten, wie sie an jenem unglückseligen Abende in ihrer Bcrzweiflung den Tod gesucht und Burghardt sie gerettet hatte. Ein sonniges Lächeln flog über ihr Gesicht, als sie jener Begegnung gedachte. War doch die Erinnerung daran der einzige Lichtblick inmitten des Jammers, der damals ihre Seele erfüllte. Dann hatte sie jahrelang für ihr Kind gearbeitet und wenn ihre Kraft mitunter zn erlahmen drohte, ihre Seele immer wieder aufgerichtet an dem Gcdaukcn an Burghardt. Sie hatte ihre schlichte Erzählung beendet und stand nun Tora gegenüber, mit glühenden Wangen, ein glückseliges Lächeln aus den Lippen. Tora hatte sich abgewandt. Run reichte sie Lisbcth zum Abschied die Hand. „Sic sind eine glückliche Frau." sagte sie und versuchte zn lächeln.„Er freut mich, daß Sie wenigstens—" Sie brach ab. Alles Blut drang ihr zum Herzen. Aus dem Flur ertönten Schritte und wenige Augenblicke später trat Burghardt in das Zimmer. Er war sehr erstaunt. Tora zu sehen»nd bot ihr lächelnd die Hand. „Sie hier, gnädige Frau," sagte er.„Warum haben Sie mir nichts von Ihrer Absicht gesagt, als wir uns vor wenigen Tagen in Berlin trennten?" Ihre Augen blizten ihn munter an. „Ich ivollte meine Schwester überraschen," entgegnete sie. „Sic sehen, mein Vorhaben ist mir auch vollständig geglückt. Hedwig kann sich noch immer nicht von ihrem Erstaunen er- holen." Sie trat auf Hedwig zu und sah ihr in die Augen. � „Ans Widersehen in Berlin, Kind," sagte sie leicht,„oah hvffe, du bist niit mir zufrieden."—___ „Sic wollen uns schon wieder verlassen, kaum dag sie hier angekommen sind?" fiel Burghardt ihr überrascht in das Wort. — Sie lachte. t ,. „Glauben Sic. daß ich es länger als 24 Stunden hier aushieltc? Ich habe Hedwig tviedergeschen— was in aller Welt soll ich noch hier! Einer Kur bedarf ich nicht. Ich bin leider so gesund, daß selbst die tollste Lebensweise mir nichts anhaben kann." Burghardt war mit seiner Frau allein in dem Zimmer zurückgeblieben. Sie hatte mit einem stummen Händedruck von Tora Abschied genommen. Sie war sehr ausgeregt und kämpfte mit sich, ob sie Burghardt sagen solle, was sie vor wenigen Augenblicken erlebt. Es fiel ihr schwer aufs Herz, daß sie ein Geheimnis hatte vor ihrem Manne. Er wußte nicht, wer der Vater ihres Kindes war. Sie war eine zu schüchterne, zurückhaltende Natur, um aus eigenem Antriebe den Schleier zu lüften, der über der Vergangenheit lag, und Burghardt liebte seine Frau zu sehr, um mutwillig die Erinnerung vergangener Schmer- ze» in ihr heraufzubeschwören. Nun war ihr der Gedanke unerträglich, ihrem Manne zu verheimlichen, was sie soeben erfahren hatte, und doch empfand sie eine heimliche Furcht, an der Vergangenheit zu rühren. Burghardt beobachtete verstohlen seine Frau. Er sah, daß sie etwas auf dem Herzen hatte und mußte lächeln, als er ihre vergeblichen Anstrengungen sah, ihre Aufregung seinen Blicken zu verbergen. Dann litt es ihn nicht länger in dieser Untätig- keit. Er trat zu Lisbeth und zog sie neben sich auf einen Stuhl. „Was ist dir, liebes Weib," fragte er und küßte ihren Mund.„Willst du mir nicht sagen, was dir widerfahren ist?" Sie schlang die Arme um seinen Hals und lehnte ihren Kopf an seine Brust. So blieben sie wohl eine Stunde lang beieinander— sie, leise und abgebrochen erzählend von ver- gangenen Tagen und jede Faser ihres Herzens bloslegend vordem geliebten Manne; er, ernst und ruhig, ohne durch ein Wort ihre Beichte zu unterbrechen. Rur mitunter glitt seine Hand liebkosend über ihren blonden Scheitel und seine Lippen berührten die ihren lange und innig. Dann drückte er sie fester an sich und sie sah zn ihm auf und in seine Augen, die mit leidenschaftlicher Innigkeit auf ihr ruhten. Die beiden Schwestern hatten inzwischen das Haus verlassen. „Laß mich mit dir gehen," hatte Hedwig gesagt, als Dora, kaum daß die Tür sich hinter ihnen geschlossen, mit einer ungeduldigen Bewegung ihren Arm abstreifte. Dann waren sie stumm nebeneinander hingegangen. Run hatten sie Doras Woh- nung erreicht und noch war kein Wort zwischen ihnen gefallen. Tora hatte sich mit einem tiefen Seufzer auf dem Svpha aus- gestreckt und die Augen geschlossen. Sic schien es völlig vergessen zu haben, daß Hedwig»eben ihr stand und angstvoll auf sie niedersah. Nun schlug sie Plözlich die Augen auf und sah Hedwig finster an. „Bist du immer noch hier," sagte sie heftig.„Was willst du von mir? Run ist ja alles gekommen, wie du es gewollt hast. Oder liegt dir das Glück deiner Freundin so sehr am Herzen, daß du nicht Ruhe findest, bis ich den Staub von meinen Füßen schüttele und dich von deiner Furcht befreie? Sei unbesorgt— Ihr habt von mir nichts mehr zu fürchten." In leidenschaftlicher Bewegung kniete Hedwig neben dem Svpha nieder und faßte Doras Hände. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Sie hätte in diesem Augenblicke das Glück ihres ganzen Lebens hingeben mögen, um ihrer armen Schwester zn helfen und brachte doch kein Wort über ihre zuckenden Lippen. Tora mußte lächeln, als sie Hedivigs Aufregung sah— ein müdes, wehmütiges Lächeln, das die Tränen in Hedwigs Augen lockte. „Kind," sagte sie.„wie soll ich es dir recht machen? Tu bist eine sehr anspruchsvolle kleine Person. Am Ende verlangst du noch, daß ich mich glücklich fühle iu dieser elenden Rrsi- gnation, die mir das Schicksal aufgenötigt hat. Lieber Gott— warum mußte sie auch gerade seine Frau werden!"— Sie sprang ans und schritt durch das Zimmer, ruhelos, mit geballten Händen und fliegendem Atem, als fürchte sie sich vor ihren eigenen Gedanke». „Glaubst du, ich hätte getan, was ich jezt tue; ich wäre mit leeren Händen meines Weges gegangen, ärmer und elender - 4! als je zuvor— wenn eine andere als sie mir entgegengetreten wäre als sein Weil'/ fuhr sie schneller fort.„Nein, und tausend- mal nein— und wenn sie und ich und wir alle dabei zugrunde gegangen wären!"— Sie blieb stehen und sah mit bitterem Lächeln auf Hedwig nieder. „Warum bist du auf einmal so still," fragte sie höhnisch. „So sprich doch— gib mir gute Ratschläge, weise Lehren, wie ich mich mit philosophischem Gleichmut auch über dieses Leztc hinwegsezen soll. Du bist doch sonst so klug! Soll ich einen Wohltätigkeitsverein gründen oder fremder Leute Kind an Kin- dcsstatt annehmen und mir einbilden, das; ich das Kind fremden Leichtsinus liebe? Oder was für ein gottgefälliges Werk rätst du mir sonst noch an, um mir über den Ekel und die Lange- weile meines Lebens hinwegzuhelfen?"— Sie war auf das Sopha»iedcrgcglittcn und hatte die Hände über dem Kopfe zusammengeschlagen Nun starrte sie mit bren- »enden Augen vor sich hin und ein Zittern flog über ihr Gesicht. „Tic Glückliche!" sagte sie leise und nickte mechanisch mit dem Kopse.—„Wie sie einander lieben!— Und das Kind!" Sie schloß die Augen.„Und ich"— sie lächelte bitter—„ich habe niemanden." Sie stand hastig auf und zog die Glocke. „Bereiten Sic alles für unsere Abreise vor," sagte sie zu dem betroffen dreinschauenden Mädchen.„Wir fahren mit dem nächsten Zuge nach Hause." ? i e Julisiade. >em zu Hamm � Vollkraft scim Inhalt, des-! endet, und Z gleichen man noch niemals gesehen. Das Opus ivar betitelt: drei ersten kraftgenialische» Dramen. In dieser Periode mit Just ein Jahrhundert mag Verslossen sein, seitdem zu Hamm Vollkraft seines Schafsens und hatte eben seinen Egniont voll- in Westfalen ein Büchlein erschien von seltsamem Inhalt.' des- endet, und Schillers Genius nahm seinen Flug in seinen K. A. Kortum, der Dichter der Jobsiade. „Leben, Meinungen und Taten von Hieronimus Jobs, dem Kandidaten, und wie er sich weiland viel Ruhm erwarb, auch endlich als Nachtwächter zu Schildburg starb." „Vorn, fiintcn und in der Mitten Geziert mit schönen Holzschnitten. Eine Historie lustig und sein I» neumodischen Knittelverselein." Solch grotesker Titel konnte begreiflicherweise nicht leicht mundgerecht werden und der Autor bezeichnete deshalb sein Werk, in Persiflage klassischer Werke, als die Jobsiade, nach welchem Namen man das Opus bald im größeren Publiko nannte und heute noch nennt. Das war eine Schüssel voll derber Hausmannskost, eine Gabe grobkörnigen Humors! Sie dem Publikum zu bieten, dazu gehörte eine gute Portion moralischen Mutes. Denn man befand sich damals, in I den Jahren 1783 und 1784, in der klassischen Periode unserer Literatur. Lessing hatte seinen glänzenden Fcldzug für das Schöne und Wahre schon drei Jahre zuvor vollendet; die fvrmschöncn Dichtungen Wielands waren zum großen Teil erschienen; Goethe befand sich in der P. Hasenclever, der Maler der Jobstade. Knittelversen auf dem Plan zu erscheinen, war auch für einen geistreichen Mann ein heroisches Unterfangen. Ohnehin >var das Verständnis für humoristische und satirische Dichtungen in der großen Masse wenig angeregt worden. Tie interessanten Satiriker und Humoristen der Reformationszeit haben entweder lateinisch geschrieben oder blieben später wegen ihrer Anspielungen auf ihre Zcitverhältnisse für weitere Kreise unverständlich. Gs ward auch nicht sobald anders; selbst der brillante Fi schart konnte kein eigentlich populärer Schriftsteller werden. Es kam die öde Zeit des dreißigjährigen Kriegs, welche den Opitz'sch«» Plattheiten zu höchstem literarischen Ruhme vcrhalf. Auch die folgenden Perioden produzirten wenig bedeutendes im eigent- lichen Humor; namentlich das komische Epos ward wenig angebaut und entstand hauptsächlich durch Nachahmung aus* ländischcr Muster. Ter„Renommist" von Zachariä(um 1774 verdient vielleicht nickit die Berühmtheit, welche>h� verschiedene Literarhistoriker eifrigst zu erhalte» bestrebt stnd. Rabeners Satiren sind harmlos und flach; Wielands Abdc- ritcn waren nicht volkstümlich genug; Liscow drang nicbt unter die Menge, und Lichtenberg begann erst seinen Äij 498 spielen zu lassen. Tic Aene'ide von 331 um au er aber, die berühmte Travestie des Virgilschcn Epos, erschien fast gleich- zeitig mit der Jobsiade. So wagte sich der Autor der Jobsiade auf ei» wenig an- gebautes Gebiet, und zwar z» einer Zeit, da man seitens eines mit klassischem Geiste getränkten Publikums an die Herrm Autoren sehr hochgespannte Anforderungen zn stellen pflegte. Was wollte die Jobsiade mit ihren ungeschliffene», allen Vor- schriften von Kunst und Geschmack zuwiderlaufenden Knittel- Versen, mit ihren rohen, wie mit der Axt zugehauenen Holz- schnitte» und mit ihren derben Wizen, bei denen sich einem hochverehrten Kollegio ziinftigcr Kunstlichter die Haare empor- sträuben mußten— soweit sie nicht der Perrücke angehörten. Aber sehen wir zu, wie die Jobsiade entstand! Karl Arnold Kort um(nicht Kortiim), der Verfasser der Jobsiade(siehe Illustration S. 296), geboren 1745 zu Mühl- heim a. d. Rhur, studirte 1763 bis 66 Medizin in Duisburg, wo damals noch eine Universität bestand, und lies; sich 1770 in Bochu m nieder, wo er mit großen» Erfolge als Arzt prakti- zirte. Er ward Hofrat und starb 1824 zu Bochum. Kortum besaß ein umfassendes Wissen; er gehörte zn den sogenannten Polyhistoren, zu den Gelehrten, die in vielen oder gar in allen Wissenschaften zuhause' waren und die infolge der Ausbildung und Ausdehnung der Wissenschaften ausgestorben sind. Schon diese Tatsache dürfte gebieten, daß man die Job- siade, als das Werk eines schwer gelehrte» Mannes, nicht oberflächlich nach ihrem ungeschlachten Aeußern beurteile, sondern ans ihren Gehalt prüfe. Kortnni, eine durchaus humoristisch ii»d satirisch veranlagte Natur, hatte außer einer Reihe von wissenschaftlichen Werken, die ihm einen geachteten Namen erwarben, auch mehrere hu- moristisch-satirische Schriften erscheinen lassen, die aber wenig beachtet wurden. Erst die Jobsiade, die 1784 c» schien, schlug durch. In eine kleine Stadt gebannt— Bochum mochte damals kaum 3000 Einwohner zählen— sah sich der lebenslustige junge Arzt ans die Gesellschaft der Elemente angewiesen, die in solch kleinen Städten so häufig dominiren. Gewöhnlich sind es das engherzige Spießbürger- und Philistertum, die kräh- winklige Burcankratie und die diinkclvolle Patrizierschaft, die in solchen Orten die haute volee, die„höheren Kreise" bilden. Kortum, durch seine Bildung und seinen Geist turmhoch über seine krähwinklige Umgebung erhaben, ober dennoch auf sie an- gewiesen, wenn er überhaupt mit Menschen verkehren wollte, fand sein Vergnügen darin, die Schwächen derselben mit kriti- schein Ange herauszusuchen und sich innerlich über dieselben lustig zu inachen. Und bald nicht blas innerlich. Man erzählte von ihm einen hübschen Streich, den er den Philistern Bochums gespielt hat. Als Lavater mit seiner Physiognomik auftrat und aus der Gesichtsbildung des Menschen die Karakterbildnug erkennen wollte, sandte Kortum in lieber» einstimmung mit den Bochnmer Größen deren wohlgetroffene Silhouetten nach seinem Vorgeben an Lavater, damit dieser die Karaktere aus denselbeu ableiten sollte. Nach einiger Zeit legte er die Antwort Lavatcrs vor, in welcher die Karaktcrschlvächen der einzelnen schonungslos gegeißelt und lächerlich gemacht waren. Natürlich hatte Kortum die Silhouetten gar nicht an Lavater abgeschickt, sondern die angeblichen Antivorten selbst verfaßt. Aus diesem Philistcrkrcis gestaltete sich Kortum denn auch die Figuren zn seiner Jobsiade. Dieselben sind fast sämmtlich aus dem Leben gegriffen, und Kortum wußte ganz genau, daß seine heimatlichen Philister ihre lvohlgctroffenen Porträts darin erkennen würden. Deshalb ließ er sein Gedicht anonym er- scheinen. Zunächst erschien das erste Buch allein, in dem geschildert wird, wie Hieronimus Jobs*), der Sohn eines Senators oder *) Kortum schreibt statt des richtigen Hieronymus konsequent Hieronimus. was wir, der sachlichen Treue halber, für diesen Fall acceptirt haben. Ratsherrn zu S ch i l d b u r g in Schwaben, unter sonderbaren Vorzeichen geboren wird, wie er in den Schulen seiner Bater- stadt nicht viel lernt und wie er im achtzehnten Jahr zur Universität gesandt wird, um Teologie zu studiren. Mit diesem Studium nimmt es aber einen eigentümlichen Verlauf, denn, erzählt der Autor von dem jungen Hieronimus Jobs, So gut als der beste Akademikus Lebte er täglich in Floridas, Und es wurde manche liebe Nacht In Sausen und Brausen zugebracht. Im Raufen und Schlagen fand er Vergnügen, Täglich tat er in der Schenke liegen, Ging aber auch alle zwei Monate einmal Zur Abwechslung in den Kollegiensaal. Diese Vergnügen muß der alte Jobst so teuer bezahlen, daß er endlich seinen Sohn nachHanse ruft. Hieronimus hält dort eine von einem andern verfaßte Probepredigt, die er aus- wendig gelernt hat nnd die sehr gut gefällt. Allein nun muß er ins Examen und fällt jämmerlich durch, wie denn der Autor mit Recht ans einem Bilde seine Gelehrsamkeit als einen leeren Raum darstellt. Tie Examenszcne ist eine der gclungeusten in der ganzen Jobsiade. Wir lvvllen nur zwei Antworten deS Jobs geben. Man fragt den Herrn Kandidaten der Teologie, was ein Bischof sei, nnd er antwortet: „Ein 3stschvf ist, wie ich denke, Ein sehr angenehmes Getränke Aus rotem Wein, Zucker und Pomeranzensaft Und wärmet und stärket mit großer Kraft." lieber diese Antwort des Kandidaten IobseS Geschah ein allgemeines Schütteln de» Kopses; Der Inspektor sprach zuerst: Hein! Hein! Drauf die andern sveuuclum onliiieni! Man fragt Jobs»ach den Aposteln und er antwortct: „Apostel nennt man große Kruge, Darin gebet Wein und Bier zur Geniige: Ans den Dörfern und sonst beim Schmaus Trinken die durstigen Bursche daraus." Aus diese Antwort des Kandidaten IobseS Geschah ein allgemeines Schütteln des Kopses; Der Inspektor sprach zuerst: Hem! Hcm! Drauf die andern secundurn ordiuern. Jobs fällt mit Glanz durch, sein Vater stirbt vor Aergcr nnd nun sinkt der Kandidat immer tiefer. Er wird Haus- schreiber bei einem alten Herrn, wo er eine Jugcndgcliebte als Kammerjungfer wiederfindet; da er die Liebschaft fortsezt, wird er entlassen; dann wird er Schulmeister in Ohnewiz, wo er eine» blödsiunigen neuen Katechismus einführen will, so daß die empörten Bauern ihn lvcgjagcn; dann wird er Schauspieler, endlich kehrt er nach Schildbnrg zurück nnd wird Nacht- Wächter, nachdem er die Witwe des verstorbenen Nachtwächters geheiratet. Und so wandelt er mit seinem großen Horn nachts durch die Straßen von Schildburg und singt, man möge Feuer und Licht wohl verwahren, „Damit sidi niemand etwa verbrenne Lder sonst«chadcn entstehen könne, Und seid sehr wohl aus eurer Hut, Hul, Hut, Hut, Hut, Hut tut gut." Und als treuer Nachtwächter wird er von Freund Hei» geholt, denn „Sowohl gegen die Paläste der Großen, Als gegen die Hüllen der Armen pflegt zu stoßen Ter überall bekannte Freund Hein » Mit seinem dürren Knochenbein." So übersezt Kortum die bekannten Horazischen Verse: Pallida inors aequo pulsat pede etc. 1799 erschien eine neue Ausgabe mit zwei weiteren Büchern, die aber an Wiz nnd Frische das erste nicht immer erreichen. Im zweiten Buch läßt der Autor den Hieronjmus Jobs als *) sccunduni ordiuern: der Reihe nach. mir schcintot wieder erstehe»; der verbiuiimelte»ud zuin Nacht- Wächter geivordeue Kandidat der Tcologie wird zunächst Witwer, da»» kommt er wieder enipor und wird zulezt doch»och Pastor, schließlich sogar ei» reicher Aiann. Im dritte» Buch spielt hauptsächlich die Liebschaft zwischen Jobscns Schwester Ester »nd den, junge» Herrn von Ohnewiz, wobei auch die mehrfach illustrirte Liebesszcnc im Garte» vorkommt: „Sie tranken des Monde? Silberschcin Und das Fliinnicrn der lieben Stcrnclein." ?llles dies ist in grobe», vcrrankten,»ngeleiiken, allen Regel» der Kunst hohnsprechenden Knittelversen abgefaßt, die ans den ersten Blick abgeschmackt erscheinen können. Aber bald findet man, daß diese Form dem Gegenstände ans den Leib zuge- schnitten ist. Denn die Torheiten und Schwächen der Zeit- genossen, die Kortum ins Auge gefaßt hat, in ernster und würdigerer Form darzustellen, würde dem Ganzen einen andern Karakter gegeben haben. Man kann zwar sonst sicherlich nichts dagegen einwenden, wenn auch die Karrikatur innerhalb gewisser Knnstgrenzen sich bewegt. Allein hier soll die absichtlich der- lotterte Form offenbar dazu dienen, die Komik des Ganzen zu erhöhen und den Leser gleichsam zu zwingen, die geschilderten Schwächen und Gebresten der Zeitgenossen nur humoristisch und mit unverwüstlichem Spott aufzufassen. Bei alledem sind tief- angelegte Zeit- und Sittengemälde in dem burlesken Gedichte enthalten; niemand, vom Höchsten bis zum Niedrigsten, wird geschont, der Schwächen aufweist. Da werden gründlich ver- höhnt der Dünkel und die Beschränktheit der Kleinstädter, die Unfähigkeit der Schulmeister, das Treiben der Geistlichkeit, die Einbildung des Adels, das zopfige, mit Perrücken behängte Gelehrtentuni, die eitlen und wollüstigen Weiber, kurz, die her- vorstechendsten Mängel der Zcitpcriode, die nach lebendigen Originalen möglichst getreu dargestellt sind. Während die zünftigen Kritiker, die sich mitgetroffen fühlten, die Jobsiade als„heillose Reimerei" und als„ekelhafte Quis- quiliensammlung" aufs heftigste angriffen*), fand das Publikum die Bedeutung des Gedichts besser heraus. Die Jobsiade erwarb sich einen ungemein großen Leserkreis und wurde mehrfach auf- gelegt. Man erkannte sofort, daß in der Jobsiade die Schwächen der Zeit gezeichnet waren, und crgöztc sich umsomehr daran, als damals die meisten Poeten die Zciterschciiinngen, so sehr sie des Spottes würdig waren, nur zu loben wußten. Wenn man sonach an die Jobsiade einen eigentlich künstlerischen Maßstab nicht legen kann, so bildet doch das Ganze ein höchst interessantes»nd wertvolles Kulturbild, das uns, trozdem es soviel menschliche Erbärmlichkeit an den Tag zieht, doch nicht trübe zu stimmen vermag, denn des?lntors uncrschöpf- licher Quell von Humor und Ironie hebt den Leser zu jener leich- ten Auffassung empor, die über menschliche Erbärmlichkeit lachen läßt, statt daß man sich darüber in Acrger oder Trauer versenkt. *) Unter den neuern Literarhistorikern fand sich der sonst so geist- volle Gero in us bewogen, an der Jobsiade in afsektirter Voniehm- tuerei voiüberzugchen. Eine Gervinns'sche Kritik des Gedichts tväre doch für daS Publikum crspriesüichcr gewesen. Das plol'lei Es ist kein Paradoxon, wenn man behauptet, daß der Fort- schritt der Wissenschaft nicht darin bestehe, Rätsel zu lösen, sondern in jedem Rätsel neue Probleme zu entdecken. Die Geschichte der Philosophie beweist das. wie die Geschichte jeder Wissenschast. Tie alten Fragen, welche das philosophische Denken seit jenem Tage beschäftigten, wo der Mensch anfing, über seine Stellung und Bedeutung im Laufe der Dinge nachzugrübeln. sie sind auch jezt noch ungelöst, nur ihre Form hat sich in der Entwicklung des spekulativen Sinnes je nach dem Standpunkte, bon dem aus man sie betrachtete, vielfach verändert, und weini es auch nach wie vor die Aufgabe der Philosophie geblieben ist, die lezten Gründe des Seins und Erleunens aufzudecken, Die drastischen Szenen der Jobsiade mußten auch ihren bildlichen Darsteller finde».*) Und er fand sich in dem bc- kannten Maler Johann Peter Hascnclever()'. Bild S. 496), geboren 1810 zu Remscheid, gestorben 1853 zu Düsseldorf. Hascnclever, ein Sohn des Volkes, der unter schweren Mühen und Kämpfen sich emporgearbeitet, hat durch eine Reihe von vortrefflichen Bildern, wie die berühmte Weinprobe ic., sich einen dauernden Ruhm erworben. Tie Jobsiade war Lieblingslektüre seiner Jugend und die Jllustrirung des ganzen Gedichts war eine Lieblingsidce des jovialen und lebenslustigen Künstlers. Er hat eine Reihe von Szenen des Gedichts illustrirt. Wir geben eines der besten und gelungensten Bilder, nämlich Jobs im Examen(st Seite 497). Wenn einerseits bei dem unglückseligen Kandidaten Jobs sich die Angst und Verzweiflung totaler Unwissenheit vortrefflich ausdrückt, so hat andrerseits in der Darstellung der Examina- toren der Maler offenbar die innersten Gedanken des Dichters erraten. Sie ist unübertrefflich, diese Sanimlung von Ge- lehrtentypen des vorigen Jahrhunderts. Auf jedem Gesicht steht eine andere und eine größere Lächerlichkeit geschrieben, aus der Gesanimthcit aber mag man die Summe von Dünkel, Pedanteric und Arroganz erkennen, die in dem größten Teile der damaligen Gelehrtenwelt heimisch war. Diese in Holz oder Stein verwandelten Menschen halten das bischen armselige Schulweisheit, die sich unter ihren staubigen Perrücken verbirgt, wirklich für den Gipselpunkt menschlicher Vollkommenheit. Wie sie dasizcn im Vollgefühl ihrer Erhabenheit: „Bei dieser Antwort des Kandidaten Jobsts Entstand ein allgemeines Schütteln des Kopses; Ter Inspektor sagte zuerst: Hem! Hein! Drauf die andern«eeunckum orckinern." Und so dumm der arme Jobs auch aussieht— unter seinen Examinatoren mag mancher sein, von dem man mit Heine sagen möchte, daß er„in der Dninmheit fast ein Genie" sei. Und diese Sorte von„Gelehrten" ist heute keineswegs ans- gestorben, weshalb das Bild des rheinischen Malers auch heute seinen besonder» Wert hat und haben wird, so lange es dünkel- hafte Hohlköpfe gibt, die sich mit angeblicher Gelehrsamkeit brüsten. Dem lustigen Dichter und dem lustigen Maler der Jobsiade aber weiht man gern heute ein anerkennendes Wort, da nun- mehr das hundertste Jahr voll wird, seitdem der Kandidat Jobs ins Land gegangen, „Eine Historie, lustig und fein, In neumodischen Knittelverfelein" und Männiglich in den deutschen Landen ergözet und erfreuet hat, mit Ausnahme derer, so in den Fi gurcn der Jobsiade ihr eigen Konterfei erkannt. Welche sich weniger gefreut haben mögen. Wilhelm Blas. *) Auch Wilhelm Busch hat Bilder zur Jobsiade gezeichnet. des Lebens. das einzige wahrhafte Resultat, das sie von den Elcatcn bis auf Kant zu verzeichnen hat, ist nur die Darlegung der unend- lichen Schwierigkeiten, auf welche die Versuche zur Lösung dieser Aufgabe gestoßen sind. Man kann es daher sehr wohl ver- stehen, wenn einerseits immer»nd immer wieder jeder Ans- schwung der Spekulation mit dem äußersten Skeptizismus und vollständiger Indifferenz diesen höchsten Fragen gegenüber endete, und wenn andrerseits diejenige Richtung, ivelchc sie nicht fallen lassen wollte, ihre Beantwortung von ganz andern Metoden und Untersuchungen envartcte, von Untersuchungen, die, auf alle abstrakten Prinzipien verzichtend, bisher unsere Kenntnis von der Welt und ihren Verhältnissen im höchsten Maße bereichert (jcittcii. Gerade dies hat der Naturwissenschaft für philosophische Fragen eine ungemeine Bedeutung verliehen, die indessen vielfach überschaut wird, am meisten natürlich von den Naturforschern selbst. Durch ihre Erfolge kühn geworden, suchten sie den Kreis ihres Gebietes stetig zu erweitern, trachtete sie darnach, nicht nur die Verhältnisse, sondern das Wesen und Prinzip der Welt in fortgesezter Analyse zu erforschen. Sic kümmerte sich dabei nicht um logische und erkeuntiiis-teoretische Untersuchungen, sie opcrirte einzig und allein mit dem Bewußtsein, daß in einem Problem alle Probleme steckten und daß daher die Lösung aller aus der Lösung eines einzigen sehr gut abgeleitet werden könne. Was man am kleinsten Ende entdeckte, mußte auch am größten wirksam sein; die Kraft, welche den Stein zur Erde zieht, be- tvegt auch die Planeten in ihren Bahnen. Ihr erstes Bemühen war daher, Tatsachen festzustellen, ihr zweites, diese Tatsachen in einen kausalen Zusammenhang zu bringen. Was sie groß gemacht hat, sind die auf das Experiment gestüztcn Beobach- tungen und die aus der Beobachtung gewonnenen Schlüsse, die sie durch Analogie aus andre Tatsachen übertrug. Dies ist die Grundlage des Positivismus. Biit ihm gewannen die alten Probleme wiederum eine ganz andere Gestalt und Fassung. Man studirte nicht mehr die allgemeinen Beziehungen, sondern das Einzelne abgelöst von seinen allgemeinen Beziehungen. So z. B. faßte man die Frage der Unsterblichkeit nicht mehr nach der Seite hin aus, daß diese durch die unendlich zahlreichen Faden bedingt sei, welche das natürliche und sittliche Leben des Menschen mit einem Urgründe des Seins verknüpfen, sondern man entschied sie einzig und allein aus den Tatsachen der Physiologie. Das spekulative Denken war groß im Gcneralisireu, das positivistische ist es im Detaillircn. Alle höchsten Frage» sind damit im Grunde genommen- auf eine einzige reduzirt: Was ist die Quelle des Lebens? Auch hierbei ging man in der Betrachtung von dem Ganzen auf das Thcilbildcnde. Humboldt hatte in den ersten Jahren seiner wissenschaftlichen Arbeiten noch an der alten, spekulativen Richtung festgehalten und eine besondere Lebenskraft, welche den organischen Bildungen verliehen sei, verteidigt, aber den immer mehr in das Einzelne sich vertiefenden Beobachtungen gegen- über wagte der Altmeister moderner Forschung es schließlich nicht, seine Behauptung aufrecht zu erhalten. Chemie und Physik bceiferten sich, au den Schranken zwischen unbelebter und be- lebtcr, anorganischer und organischer Natur zu rütteln und die Kräfte allein für maßgebend und wirklich zn erklären, deren Gcseze man gefunden hatte. Daß dieselben in allen Lebens- erschcinungen tälig sind, war ans einfachen Beobachtungen schon klar geworden, aber daß nur sie tätig seien, konnte man erst behaupten, wenn der eigentliche Träger des Lebens gefunden und in ihm keine andern als physikalische und chemische Kräfte nachgewiesen waren. Diesen Träger des Lebens hat jezt die minntiösestc und sorgfältigste Untersuchung entdeckt. Ob und inwiefern damit das Problem des Lebens selbst gelöst ist, wird unsere Darlegung ergeben, nachdem wir zusammengestellt haben, was nach den Forschungen eines Schleiden, Reinke, Schmiz, Strasburger und v. Hanstein als Tatsache nicht mehr zu bezweifeln ist. Jeder pflanzliche oder tierische Körper ist aus einer unend- lichc» Fülle von kleinen Elementen aufgebaut, die unter dem Mikroskop sich als kleine Bläschen enveisen. Diese Entdeckung, daß keine andern Elemente als diese in dem Organismus vor- handen sind, bildet das Fundament der modernen Zellenlehre. Ein solches Bläschen oder eine solche Zelle besteht wiederum aus zwei Teilen, einer Zellenhaut und einem Zellcnleibe. Der Zellenleib, wie er sich bei den niedrigsten, einzelligen Pflanzen- vrganismen darstellt, ist nichts andres als eine scheinbar ganz struktur- und formlose Masse von zähflüssiger, schleimiger Kon- sistenz, mit zahlreichen Körnchen durchmischt und» von weißgraner Farbe. Die Wissenschaft nennt sie Protoplasma, um anzn- deuten, einmal, daß wir hier den lebendigen Stoff im Anfangs- stadium seiner organisirten?lusgestaltnng vor uns haben, dann aber ganz besonders auch, daß wir in diesem Stoffzustande den faktischen Ausgangspunkt zu allen, auch den höchst organisirten Pflanzen- und Tierleibern haben. In dem Protoplasma selbst ruht ein rundliches, geheimnisvolles Gebilde, der Zellernkern, aus ungleichen Schichten zusammengesezt, die in bestimmter Weise geformt und gebildet sind. Meistens hat jede Zelle ihren Kern, es gibt jedoch Zellen, die keinen, und solche, welche hun- derte und tausende von Kernen in sich tragen. Strasburger hält es für ausgemacht, daß jeder Zellenkern nur wieder aus einem andern Zellenkern entspringen könne, und daß zweitens bei einer Teilung der Zelle nur diejenigen Tochterzellen lcbens- und entwicklungsfähig seien, welche einen solchen Kern enthalten Das Leben der Zelle ist also an den Zellenkeni gebunden. An und in dem Protoplasma selbst herrscht ein ewiges Bewegen, nichts ist starr und fest, solid und kompakt. Die Körnchen rutschen hin und her, bald langsamer, bald schneller, zwischen ihnen fließen Büchlein in entgegcngeseztcm Lauf gegeneinander. Ter Zellenkern folgt ruhelos den Verschiebungen, die sich der feinen Fädchen und Bänder des Protoplasma bemächtigt haben und in denen er nur frei aufgehängt ist, er verrät am deutlichsten die ganze Bcwegsanikcit des Zelleuleibes, welche mit der eines Tierkörpers ungemein viel Aehnlichkeit hat. Tic Untersuchungen au Pflanzen- und Tierzcllcn haben sogar keinen bemerkens- werten Unterschied ergeben, so daß auf dieser Stufe der Eni- Wicklung die Einheit und Gleichheit der Lebenserscheinungcn auch die Einheit des Ursprunges von Pflanze und Tier zu offenbaren scheint. In diesem Zellenbewohner, den man mit Hansteiu füglich „Protoplast" nennen kann, vollzieht sich nun ein ganz bestimmter Kreislauf von Bewegungen, die bereits an entwickelten Organis- inen studirt waren: die sogenannte Assimilation und Des- assimilation. Es sind dies Bewegungen chemischer Natur. Die Substanz des Protvplastcn ist in einer unaufhörlichen stosf- lichen Umwälzung; die Stoffe, welche in diesem Moment noch seinen Leib an einem bestimmten Punkte zusammensezen, sind im nächsten auseinandergesprengt und durch neue ersezt. Zwischen Aufbau und Abbruch, zwischen Assimilation und Desassimilation wogt der chemische Stoffumsaz hin und her; Reinke hat ihn sehr bezeichnend mit einem„Strom und Wirbel durcheinanderstür- mender Atombeweguugen" verglichen. Der Vorgang der Assi- milation entspricht dem. was wir im gewöhnlichen Leben Nah- rungsaufnahme nennen; er ist wesentlich eine chemische Reduk- tion, d. h. er löst gewisse Grundstoffe,>vie Kohlenstoff, Wasser- stoff, Stickstoff, Schwefel und Phosphor, aus ihren hoch oxy- dirten, einfach und fest gefügten Verbindungen und verwendet sie einesteils dazu, den Leib des Protaplasten und sein Gehäuse herzustellen, andcrnteils dazu, seine Spcisevorräte anzulegen. Zu den Substanzen ersterer Bestimmung zählen die Eiweiß- substanzen mit dem„Plastin" an der Spize, zu der zweiten vorzugsweise die Zellfasersubstanz oder Ccllulose, und zu der dritten— der Anlegung der Speisevorräte— das Stärkemehl und Glykogen. Eine wunderbare Kette der komplizirtesten Pro- zesse, aus denen sich der Ausbau des Lebens ergibt.„Mikro- skopisch klein sind die chemischen Werkstätten, unbedeutend die Stoffauswahl, über die sie verfügen, minimal die absoluten Mengen, mit denen gearbeitet wird, nichtssagend die äußern Hilfsmittel, die zn Gebote stehen, überaus großartig dagegen erscheinen die Erfolge in den Augen eines jeden Chemikers, wenn er sie mit den Resultaten seines Laboratoriums in Parallele stellt. Die einfachste Pflanzcnzelle offenbart ihm da eine Dar- stellungskunst, welche auch die Gelehrtesten und Geschicktesten seines Faches ihr nicht abzulernen vermocht, eine Kunst, die eine so genaue Stoffkenntnis vvraussezt, wie sie nie ein Chemiker besizcn wird, und eine so sichere Handhabung der Stoffe, zu der es nie ein Sterblicher bringen wird."(Dressel, Der belebte und unbelebte Stoff, S. 31.) Dieser Assimilationsprozeß der Pflanze hat eine ganz be- stimmte Richtung. Einmal geht er darauf hinaus, zulezt in den atomreichsten Eiwcißkombinationcn mit der größten innern Atomverschiel'barkcit die größte chemische Spannkraft oder Real- tionssähigkert zu erreichen, durch welche diese Stoffe von innen heraus disponirt werden, bei der ersten besten Gelegenheit sich und andere Stvffe in den lebhaftesten Strudel chemischer Atom- bewegung hineinzustürzen. Zweitens wirb in der Assimilation mit dem Stoffumsaz eine immer wachsende Einnahme von Wärme und damit an Krast erzielt. Es solgt dies leztere nicht nur aus dem allgemeinen teoretischen Saz von der Er- Haltung der Kraft und der Materie, die Termochemie hat es sogar durch Experimente nachgewiesen und hat die bei der Assi- milation gewonnene Wärme und die durch sie dargestellte Energie genau gemessen. Aus keiner anderen Quelle stammt sie als aus der Sonne, der Trägerin und Erzeugerin der gesammten Energie, die in unserm Erdsystem ausgespeichert wird. Mit dem Vorgange der Assimilation ist zugleich der der Desassimilatiou verbunden. Neben einer Aneignung von Atome» geht eine Freilassung derselben aus dem Organismus des Pro- toplasten unmittelbar nebenher, nicht plözlich und stürmisch, sondern langsam und geordnet, indem die ausscheidenden Stoffe durch den Protoplasten in immer einfachere, energicärmere Verbindungen hinabgeführt werden, bis sie in vollständiger Freiheit wieder in den ihrer Assimilation vorangehende» Zustand vcrsezt sind. Bei entwickelten Organismen nennt man diesen Vorgang Atmung. Daß diese freiwerdende Energie eben zum Zweck der Selbstbewegung von dem Protoplasten gebraucht wird und dast, wie in den Tieren jede Bewegungsarbeit der Mus- keln eine ihr proportionale Verbrennung organischer Substanz und eine ihr äquivalente Krastcrzcngung zur Voranssezung hat, so auch in der Zelle bei jeder Protoplasmakontraktion ein Teil der Plasmasubstanz verbrannt und veratmet wird, haben Kühnes Untersuchungen überzeugend dargetan. Tie Wichtigkeit der Assimilation und Desassiinilation für das Leben ist also klar: die Assimilation bereitet die Bewegung der Zelle vor, die Dcsassimilation führt sie aus. Es ist viel- leicht interessant hervorzuheben, daß die Pflanzcnzclle» mit ihrer durch Verbrennung erzielten Energie viel ökonomischer umgehen als unsre besten Tampfmaschiuen. Der Verbrennungsprozeß verläuft so, daß keine Erwärmung über die Temperatur der Umgebnng stattfindet und daß die der Atmung entstammende lebendige Kraft fast ganz de» Arbeitsleistungen zugute kommt. während bei unfern Maschinen die Arbeitsleistung stets nur ein Bruchteil der Betriebskraft ist. Zu diesen chemischen Bewegungen in der Zelle kommen dann noch die Bewegungen des Zellensaftes, der in den Lücken des Protoplasmas enthalten ist und als Träger und Vehikel aller der Nähr-, Umsaz- und Ausivnrfsstoffe fungirt, welche bei obigen chcniischen Prozessen inbetracht komme». Diese drei Arten von Bewegungen: Protoplasma-, Kreis- lauf und Zellensastbewegung, sind in den verschiedenartigen Zellen in verschiedener Weise wirksam. Aber die Hauptsache ist überall sich gleich, nämlich die Grundeigenjchast des Proto- Plasmas, die„Kontraktilität". Jeder Zellenbewohner vollzieht dieselben rhytmischcn Bewegungen des sich Zusammenziehens und Ausdehnens, des sich Verbreiterns und Verschmälerns in seinem festen Protoplasma, und diese selbst bilden die eigeut- liche und lezte Triebfeder, aus dem alle andern Plasma- bewcgungeu hervorgehen. Die Kontraktionen der feste» Plasma- substanz geben in erster Instanz den mechanischen Antrieb zu de» Bewegungen, durch die der Protoplast seinen Leib reckt, windet und dreht, in zweiter Instanz aber auch zu den Be- wegnngen, durch die er alle Teile seines Körpers in stets er- neuter Berührung mit der Nährflüssigkeit, dem Zelleusaste, bringt, in dritter Instanz endlich zu dem chemischen Stoffwechsel seines Leibes, ebenso wie der entwickelte Tierkörper es den Muskel- zuckungeil verdankt, wenn er sich fortbewegen, wenn sein Blut zirkuliren und die chemische» Vorgänge der Assimilation und Desassimilatiou in seinen Geweben sich vollziehen können. Und wie hierbei alle diese Vorgänge wiederum im Kreislause be lebend auf den Muskel einwirken, so werden auch die priniiliven Protoplasniazuckuiigen im Kreislaufe des ganzen Prozesses wiederum durch die andern Bewegungen regenerirt und gesör- dat. Diese Kontraktionsfähigkeit des pflanzlichen Protoplasmas im einzelnen darzulegen ist bisher noch nicht gelungen, aber nichts hindert, ihr Analogon in der Muskelkonzentration des Menschen zu finden, deren physiologische Vorgänge man bereits eingehend erforscht hat, wenn auch eine befriedigende Klarheit noch nicht gewonnen ist. Auf einen äußern Reiz hin zieht der Muskel die zahlreichen dünnen Fasern, ans denen er besteht, zusammen und dehnt sie dann wieder. Diese Aendernng in der Gestalt der Fasern ist die Folge einer Aendernng in der räum- lichen Verteilung sämmtlicher Atome, aus denen der Muskel zusammeugesezt ist. Mit diesen lokalen Verschiebungen sind auch chemische und physikalische Prozesse verbunden. Jede Muskel- zuckung erregt einen Stoffverbrauch, weshalb der Muskel nicht unaufhörlich arbeiten kann, sonder» der Ruhe bedarf. In dieser Zwischenzeit der Ruhe wird er durch das zirkulircnde Blut, welches neue Nahrnngsstoffe ihm zuführt, regenerirt. Aber ivas besonders bemerkenswert ist, die Beivegnngstätigkeit desselben wird höchst zweckmäßig den Bedürfnissen des ganze» Organis- mus von ihm selbsttätig angepaßt und rcgulirt. Tie Unter- suchnngen von Heidcnhain, Fick und Hartencck haben daraus ein interessantes Licht geworfen. Schon vermöge seiner eignen Ein- richtnng und nicht etiva durch den Einfluß des Nervenreizes arbeitet der Muskel um so energischer, ist die Kraft, welche er anwendet, um so größer, je mehr Widerstand sich seiner Arbeit cntgegcnsezt. Er ist also keine termodynamische Maschine, wie etwa die Lokoniotive. Keine Lokomotive kann selbständig das Zuströmen der Wärmeenergie nach Maßgabe der Last, welche sie zu ziehen hat, regnlircn, noch weniger aber die Ans- nuzung des zuströmenden Dampfes je nach der zu leistenden Arbeit moderiren. Zugestanden niuß werden, daß der Apparat des Protoplasmas mit dem des Muskels verglichen viel ein- facher ist, aber Dressel hat wohl recht, wenn er den Vorgang selbst in beiden für einen gleichen erklärt. Den Muskelfasern entsprechen die„Plastinfibrillcn" im Protoplasma, die wir sofort noch iveitcr kennen lernen lverden, dem Blute aber das flüssige Zellcnplasma nebst dem Zellensaft. Die Energie, welche in mechanische Arbeit umgesezt wird, entquillt hier wie dort dem Stoffwechsel. Eine zeitlaug wurde das Protoplasma für eine homogene Masse erklärt, ohne jede karakteristische Struktur und Organ>- sation, für nichts ivciter als eine einfache, ciweißartige S»b- stanz. Reinkes Untersuchungen haben dieses Märchen vom „lebenden Eiweiß" zerstört. Wir wissen jezt, daß alle Or- ganismen, die niedrigsten wie die höchsten, ans zahlreiche» Bor- bindungen aufgebaut sind, und daß die Grnnderscheinnngcn d�s Stoffwechsels dem entsprechend bei allen Organismen identisch sind. Ein zweites wichtiges Resultat, das dieser Forscher durch die minutiösesten Beobachtungen gewonnen hat, besteht in dem Nachweis, daß selbst die unvollkommensten Organismen»ichl als Uebergangsglieder zwischen der unbelebten und belebte» Materie gelten können- vielinehr ist das niedrigste Lebeiveft» dem nienschliche» Körper chemisch und physiologisch näher stehend als dem unbelebten Eiiveißklümpchen. Sodann ist jezt die überaus feine, nezartige Struktur des Protoplasmas entdeck worden. Namentlich Schmiß und Fromann haben sich i» dieser Hinsicht bedeutende Verdienste envorben. Das Gerüst des P'd- toplasmas ist indessen weder stan' noch unbeweglich, vielmehr in steter Umformung begriffen, in den feine» Fäden des NeJe hängen die Körnchen, Reinke ist jedoch der Ansicht, und diese Ansicht ist nicht ohne Bedeutung, daß ein Teil der Substanz fest sein müsse, es könne in einem so kvntraktibel» Körper w>e dem Protoplasnia nicht ausschließlich ein molekularer Gleich' gewichtszustand herrschen. Dann schließt er weiter, daß da- Plastin, ini Verein mit andern Substanzen als festes Nezgewc C das Flüssige der Zelle umspannend, durchziehend und aussaugend, der eigentliche Träger der abwechselnden Kontraktionen und Expansionen sei und in dieselben sekundär auch die übrige Masse des Protoplasmas hineinziehe. Dies ist in wesentlichen Grundzüge» alles, was die»euere Forschung über die niedrigsten Lebenserscheinungen gewönne» hat; weiter auf Details einzugehen, welche nur eine sekundäre 503 Bedeutung haben, halten wir hier nicht für angemessen. Es fragt sich nun, vb diese Resultate sich philosophisch verwerten lassen, d. h. ob wir durch sie die Berechtigung erhalten, das Problem des Ursprunges und Wesens aller Lebenserscheinungen für gelöst zu erklären. Ta ist denn zunächst zu konstatiren, daß, wie sehr auch die Meinungen der verschiedenen Forscher einander gegenüberstchen, sie doch in einem Punkte mit ivenigen Ausnahmen übereinstimmen: alle Vorgänge, die in dem Pro- toplasma beobachtet werden, sind physikalisch-chemischcr, d. h. mechanischer Natur. Gewiß kann nicht daran gezweifelt werden, daß die Pflanze sich auf rein mechanischem Wege aufbaut, daß diejenigen Kräfte in ihr wirksam sind, aus denen auch die unbe- lebte Materie ihre Bewegungserscheinungcn ableitet. Eine andre Sache ist es jedoch, ob die mechanische Ausfassung die einzige ist, unter der wir die Vorgänge des pflanzlichen und tierischen Organismus betrachten können. Es ist die Aufgabe des Matematikers, alles Qualitative quantitativ aufzufassen, d. h. die Summe aller in ihren Eigenschaften differirenden Zustände auf reine Größenverhältnisse zurückzuführen. Die Sinnenwelt mit ihren« leuchtenden Farbenschimmer, ihre» Tönen und Düften repräsentirt dennoch nichts andres als die verschiedenartigsten Lagerungsverhältnisse unendlich vieler Atome. Die Verhältnisse berechnen heißt indessen noch lange nicht das Wesen der Welt und ihr Prinzip definircn. Bekanntlich stellt es die Mateniatik als Ideal hin, eine einzige, große Formel zu finden, welche sämmtliche Weltengeseze umschließt und aus welcher sich die einzelnen als besondre Fälle mit leichter Mühe ableiten lassen. Damit iväre indessen noch lange nichts gewonnen: unsre lieber- zeugung von einem mechanischen Prozeß hätte nur ihren mate- matischen Ausdruck gefunden. Wir haben, indem wir an die Betrachtung des Weltalls gingen, die Absicht gehabt, alles nach der formalen Seite hin auszufassen, dürfen uns also nicht großer Entdeckung rühmen, wen» wir nachher auch wirklich alles formal auffassen. Dem eigentliche» Urgründe des Seins, dem Weltprinzip sind wir dadurch um nichts näher gekommen. Im Gegenteil, es erhebt sich sofort die andre Frage, vb die Natur des Gegenstandes, den wir unsrer Betrachtung unterziehen, nicht noch andre Betrachtungsweisen zuläßt als die rein formale, die wir als die nächstliegende zuerst berücksichtigen müssen. Es ist interessant, daß gerade der bedeutendste Forscher auf dem Gebiet der Zellenlehre. Reinke, sich wohl bewußt gewesen ist, wie die rein mechanische Auffassung der Lebenserscheinungen durchaus nicht allen wissenschaftlichen Anforderungen genügt. In seiner Einleitung zu den.Studien über das Protoplasma" l1c81) äußert er sich, nachdem er hervorgehoben, daß er das Protoplasma schon für einen Organismus von koniplizirtestcm Gesüge halten müsse, folgendermaßen:„Eine Konsequenz dieser Anschauung, ans welche ich in der Abhandlung nicht einzugehen beabsichtige, mag an dieser Stelle mit wenigen Worten ange- deutet werden. Ich habe durch Versuche die lleberzeugung gewonnen, daß ein im Mörser fein zerriebenes Plasmodium ebensoivenig Protoplasma ist, ivie eine zu feinem Pulver zcr- riebcne Taschenuhr noch eine Taschenuhr sein würde. Beides sind Haufwerke verschicdner Substanzen in genau bestimmten Mengenverhältnissen miteinander gemischt, aber ebensowenig wie die rein physikalischen und chemisch wirkenden Kräfte imstande sind, aus dem Gemenge von Messing, Stahl, Gold u. s. w. eine Taschenuhr zu bilden, ebensowenig werden sie aus dem zer- riebcnem Plasmodium ohne Mitivirkung eines andern Organis- mus wieder Protoplasma erzeugen können." Daß in jedem Organismus physikalische und chemische Kräfte ivirken, davon ist dieser Forscher ivie alle andern überzeugt, aber wie wir in unsrer Darlegung mehrfach betont haben, das Protoplasma ist darum noch keine Maschine, es steht sogar hoher als die Taschen- uhr. Sein Wesen ist, Beweger und Bewegtes zu gleicher Zeit zu sein. Man hat mit andern Worten das Problem des Lebens nur eine Etappe tiefer gestellt. Mensch oder Protoplasma, in den Grundbedingungen sind die physiologischen Vorgänge dieselben. Das Rätsel ist nicht gelöst, es ist nur auf einen andern, kleiner» Kreis übertragen.(Grenzboten.) Londoner Bilder. Von Kei»rrict>'Nonne. IV. Tie Cito. Der wesentlichste Stadtteil Londons ist die City, offiziell die Cily of London genannt. In ihm, als dem ältesten Bezirke, konzentrirten sich frühzeitig alle industriellen Unternehmungen. und noch jezt ist die City durch mancherlei Privilegien getrennt von der kommunalen Verwaltung der übrigen Stadtbezirke. Sie hat ihren Lord-Mayor. der auch als erster Friedensrichter der City fungirt; sie hat ihre besondere Polizei, sie ist Siz der mannichfachen Innungen und Gewerkschaften, die sämmtlich zäh an uralten Pergamenten kleben, worin ihnen Vorrechte allerlei Art zugestanden wurden. In der Tat beschränkt sich die Arbeit der meisten dieser Gcsellschasten auf Veranstaltung von Fest- essen, Venvaltung von Uuterstüzungsjonds) nur sehr wenige lassen sich die Gründung und Pflege von Hochschulen und anderen nüzlichen Unternehmungen angelegen sein. In der City findet man die Bank von England, die Börsen; Speicher ziehen sich südlich und nördlich von der Themse an ihr in endlosen Reihen entlang. Die City umschließt den Tower, der Zeuge der bedeutungsvollsten historischen Ereignisse seit circa 900 Jahren war, das Zollamt, den Hauptsischmarkt, den Hanptslcischniarkt und den Gemüsemarkt. Obwohl die Pläne der Stadt die City nicht besonders markiren, fällt es doch nicht schwer, sie aufzufinden. London Bridge, die wesentlichste unter den 18, die Themse in London überspannenden Brücken, dient als Leitstern; die Omnibnsfuhrer (Fahrer und Billeteur) schreien es an jeder Haltestelle oft und laut genug ans. Die Kondukteure werden nämlich sofort ihres Dienstes entlassen, wen» sie nicht Geschäftsinteresse zeigen d h. möglichst viele Fahrgäste aufzunehmen suchen, und ,o empfehlen sie ihre Fahrgelegenheit marktschreierischer, als der Hausirer seine Waare. Wer sehen will, sezt sich aufs Verdeck und findet reich- lichc Augenweide; je näher man der City kommt, je stärker wird das Menschen- und Wagengewiihl, und während der Ge- schäftsstunden könne» die Wagen nur schrittweise durch einige Hanptstraßcn der City vorrücken. Man steigt ab und weiß sofort, daß man de» Knotenpunkt des Welthandels betrat. Die Schuzleute zeichnen sich vor ihren Außenbezirkskollegen ans durch eine rotweiß gestreifte Binde am linken Arm; Geschäftsleute eilen hin und her, und nur tvenigc Frauen sieht man ängstlich vor- übertrippeln. Bei jedem Straßcniibergange kommen sie, ihrer minderen Beweglichkeit halber, in Gefahr, ein paarmal über- gefahren zu werden; und da kommt ihnen der freundliche Po- liceman zu Hilfe und hemmt mit einer Handbeivegung die Wagenreihen, bis er die Damen sicher auf den jenseitigen Fußsteig geleitet hat. Vom Omnibus herab sieht man kein Pläzchen der Straße, das nicht von einem Omnibus, einer Droschke oder einem Gütcrivagen eingenommen wäre, und es gehört große Gewandtheit dazu, Zusammenstöße zu vermeiden, ebcnsogroße vielleicht, sich zivischen den Gefährten hindurchzuwinden, wenn man die Straße kreuzen will. Betritt man die City von Westen her, so stößt man zunächst auf den Holbvrn Viadukt, eine noch junge architektonische Schöpfung: das erste mir bekannte Beispiel der Wegleitung einer Straße über eine andere. Beide inbetracht kommende Straßen sind starke Verkehrswege, und nur durch die Ueberbrückung konnte der steten Verkehrsstockung abgeholfen werden. Die Eckhäuser an der Südseite haben doppelte Haus- höhe; an der Nordseite sind zwei Treppenhäuser angebracht, welche auf die untere, überbrückte Straße leiten. Pferde und -fr' CCmeivf »MM j Die Svgiene-Au� Wagen haben allerdings einen Nniweg zu machen, und mich wundert, daß die Landauer nicht schon einen Fahrstuhl für den Wagenvcrkehr angebracht haben. Wird diese Straßcnnber- brückung fortgesczt, so kann nian sehr wohl eine auf den obersten Stockwerken der Unterstadt basirte Oberstadt einrichten. Die Häuser brauchen nur doppelte Höhe zu erhalten. Und i» der Tat' ist der Raum in der City so kostbar, daß jezt bereits im Gegensaz zu den umliegenden Bezirken, die Häuser vier und fünf Stock- werke zählen. Dabei aber sind sämmtliche Stockwerke in Lager- räume oder Komptoirs umgewandelt. In der ganze» City wohnen sehr wenig Geschäftsleute; die Wohnungen sind billiger und bequemer weiter draußen, und nur hier und da haben die Schenkwirte. Tabakkonisten. Speiscwirtc sich eine Wohnung reservirt, weil sie bis spät Abends ihre Lokale offen halten. In den Geschäftshäusern, die speziell für die Geschäftswelt ge- baut sind, findet man meist nur den Vizewirt, wenn sie nicht nach Schluß der Läden und Komptoirs ganz leer sind. Die neueren Geschäftshäuser haben ihresgleichen in Deutschland nicht; oft gleichen sie wahren Palästen, sind verschwenderisch ausgestattet, im Flur sizt der Portier am Kaminfeuer, um Bcstlchcr in dem Labyrint von Treppen und Korridoren zurechtzuweisen; nicht selten findet man 20, 30 und mehr Geschäfte aller Branchen i» einem Hause vereinigt. Dagegen nehme» Banken und Ver- sicherungsgesellschaflcn oft ganze Stvcklverke, auch wohl ganze Hänser ein. Auf den Straßen bilden Kommis das Hauptkontingent der Passanten, sie eilen zum Markt oder zur Börse; fallen auf dem Wege auch wohl in ein Frühstückslokal, wo sie Tee mit Zn- taten oder derbere Fleischkost zn sich nehmen. Treffen sie mit Bekannten zusammen, so schweifen ihre Augen nach der nächsten Bierschenke— der Engländer kann nicht gut an ihr vorüber- gehen—, zur Belebung der Freundschaft wird ein Schnaps ge- trunken, und beliebt ist es. um die Zeche zu„tosscn". d. h. „Kopf oder Wappen"(der Geldstücke) entscheiden zu lassen. Das tossen wird aber auch bei anderen Gelegenheiten verwendet; wenn bei Waarenauktioncn zwei Leute dasselbe Höchstgebot ge- macht haben, und keiner höher gehen will, dann wird„getoßt". In zweiter Linie fallen die Halbbeschäftigten auf, Fremde, auswärtige Käufer, die Läden musternd. Arbeiter sieht man hier weniger, sie sind in den Magazinen, Speichern, auf den Docks u. s. w. beschäftigt, oder sie jagen auf den Gepäckwagen (die gemütlichen deutschen Rollfuhrwcrke sind hier längst abgc- schafft) ihren Arbeitsstätten zu. In der City findet man eben nur Packer, Kärrner, Träger. Die eigentlichen Fabrikations- distrikte liegen außerhalb. Arbeitslose finden sich leider auch überall in der City— Bummler nennt sie der Gedankenlose — und wo sie immer die Möglichkeit finden, durch Hand- reichungen einige Pence zu verdienen, sind sie sofort zur Stelle. Zteben dem Fußsteig halten Obsthöker und Pennyartikel-Verkäufer ihre Waarc feil, der Zündholzknabe ist sofort mit einem brcn- »enden Zündhölzchen bei der Hand, wenn man sich ein Pfeifchen stopft, und vor der Börse haben Blumenhändlerinnen verlockende „Knopflöcher"— wie der Engländer kurzweg die Knopfloch- sträußchen nennt— zu guten Preisen bereit. Ihre Kunden sind die Kommis. Zur Börsenzeit begeben sich auch die Prinzipale auf die Börse— sie klettern auf den„Gistbaum", um sich die gol- denen Früchte zu pflücken; und sie müssen sich wohl an das Gift gewöhnt haben— es bekommt ihnen sehr gut. Die Bank von England aber öffnet ihre Hintertore, um die Wagen herein- zulassen, in denen andere das im Schweiße des Angesichts sauer Envorbene sackweise hereinbringe», um ihrem Bankkonto aufzuhelfen. Es ist ihnen ja gleichgiltig, daß es nicht der in Gold umgcsezte Schweiß ihres eigenen Angesichts, sondern der kapitalisirte Schweiß fleißiger Arbeiter war, den sie zur Hebung des Geschäfts bestimmen. Gegenüber der Bank von England findet man das Mansion-House, den offiziellen Palast des Lord-Mayors, der einen eigentümlichen Eindruck macht— ich meine den Palast, da die Frontseite ein griechisches hohes Säulenportikv zeigt, dem aber die notwendigen breiten Treppen fehlen— nur schmale seitliche Aufgänge führen in enge Pfört- chcn— und die erste Pforte steht jedem Besucher offen, der sich einen englischen Friedensrichter anschauen will— es ist der Lord-Mayor selbst, der in prächtigem Tronsessel malerisch und würdevoll ruht, mit wallender weißer Pcrrücke, während über seinem Haupte ein Schwert hängt, nicht das des Damokles, sondern das Richtschwert, die Rechte spielt mit dem Gänsekiel (die englische Stahlfeder wird auf dem Kontinente mehr verwendet als in England, wo noch oft die Gansfeder in Gebrauch), und ab und zu stiizt er das Löwenhaupt— es muß für kind- liche Gemüter ein tief eindringlicher, und von der Majestät des Gesezes zeugender Anblick sein. Kläger und Angeklagter bringen sich ihre Zeugen mit, und fabrikmäßig arbeitet der Richter, stellt seine Fragen und schneidet alle langen Reden mit kurzer Ent- scheidung ab: um 11 Uhr beginnt die Arbeit, um 2 Uhr müssen soundsoviel Fälle abgetan sein, denn der Richter muß sein Lunch (Frühstück) nehmen. Beim Eintritt der Dunkelheit erstrahlen die Läden in vollem Lichtglanze, sie sind verschwenderisch mit Gasbrennern ausgestattet, und entfalten so ihre tiefste» Tiefen dem Auge des Beschauers; Gas brennt außen und innen; einige größere Restaurationen haben Doppelreihen von Brennern vor der Hausfront, wie auch die Schlachter, bei denen diese Illumination als traditionelle Einrichtung zum Leitstern für Käufer dient. Im Westen und Süden der City hat sich die elektrische Beleuchtung eingebürgert, und die verschiedenen Systenie kämpfen noch um die Herrschaft auf den Straßen und in den Häusern. Im Westen breitet sich das Glühlämpchen aus und beherrscht in Rnvgate die Straße und die Läden. Größere Etablissements haben sich in der ganzen City die elektrische Beleuchtung angeeignet, und die Lichtcrpracht südlich von der Bank und der Börse grenzt ans Feenhafte. Alle Stockwerke, alle Fenster gleich hell erleuchtet, scheinen eine stetig wiederholte Illumination zu Ehren des Gottes Merkur. Von erhöhtem Sizpunkte des Omnibus herab entschleiern die Lichter hier und da die gewaltigen Geschäfts- räume der Banken und Versicherungsgesellschafte», in welchen ich— in einem Räume vereint— vierhundert und mehr Lampen zählte, denen ebcnsovicle Clerks entsprechen. An anderen Stellen hat man einen Blick in Verkaufshallen, die plaz für 2000 Menschen haben. In prächtiger Ausstattung bergen sie große Schäze an heimischen und fremden Produkten. Auch Zeitungsherausgeber ahmen diesen Styl nach; in Fleetstrcet befindet sich ein solcher Zeitungspalast, mit Marmorsäulen, Teppichen, Kronleuchtern:c. ausgestattet, zur Entgegennahme von Anzeigen und zur Austeilung der Zeitungen an die Verkäufer. Vor dem Hause halten leichte einspännige Wägelchen, die die neuen Aus- gaben in die entfernteren Stadtteile und ans die Bahnstationen zu bringen haben. In Flcetstreet überhaupt haben sich die Zeitungen gesellig eingerichtet; Haus bei Haus fast sind die Lokalitäten großer und kleiner Blätter zu finde». Tie Zeitungs- Verkäufer sind im Notfälle stets zur Hand. Stock- und Sharebroker(Banquiers, Wechsler, Börsenagcnten) haben sich im Angel-Coutt kouzentrirt, dicht hinter der Bank von England. Bon ihren Komptoirs aus laufen Telephon- und Tclegraphcnleitungen in dichtem Gewebe nach der Zentralstelle. Hier kann man zur Börsenzeit hunderte von Agenten vor den Türen der Börsenbarone finden, bereit, ihre Weisungen zur Ausführung eines Koup entgegenzunehmen, der Taufende zu den vorhandenen Millionen fügt. Wendet man sich dem Süden zu, findet man östlich von London Bridge an beiden Usern der Themse mächtige Speicher, mit Waaren bepackt, vor denselben Frachtwagcn, meist den Spediteuren zugehörig, deren einige über 1000 Wagen und .1000 Pferde beschäftige». Lastträger schleppen die Kisten vom L-peichcr auf den Wagen; eine Schulterpolster, auch den Kopf bedeckend, dient ihnen zur Erleichterung ihres mühsamen Ge- werbes. In endlosen Kolonnen entströmen sie den Speichern und schreien nach dem Wagen für diese oder jene Station oder Zentralstelle. Die Vormänner weisen sie zurccht und der Fahrer stapelt die Kisten auf den Wagen, während der Policeman das Durcheinander der Wage» geschickt entwirrt, und Plaz für die leer ankommenden schafft. Da ist nicht gut spazieren gehen, überall steht man im Wege, und derbe Zurufe, auch ein ge- legentlicher Puff nnt einer Äistenecke oder eine unsanfte Be-, ruhrung des Schienbeins durch eine im Halbdunkel versteckte Deichsel oder Karre rat zu schleunigem Rückzug. Hinter dem Tower war schon seit einer Reihe von Jahren ein Tunnel unter der Themse her angelegt zum Zwecke der Verbindung mit den südlichen Stadtteilen. Jezt ist er erweitert worden und eine Vorstadtbahn fährt hindurch. Dagegen wmde ein neuer Fußgängertunnel in Angriff genommen und dient noch jezt als frequeitte Arbeiterpassage. Auf Wendeltreppen steigt man hin- unter bis man die Sohle des Tunnels erreicht, Schniuz klebt an den Wänden und Stufen— an Reinigung denkt Niemand. Unten ist eine Sperre angebracht, und vor den. Betreten heißts ein Halfpenny bezahlen. Ter Gang verengt sich in dem eigent- lichen Tunnel, der sich, aus Eisenröhren von sechs Fuß Durch- messer kvnstruirt, darstellt, die von Eisenrippe» gegen den Was- serdruck geschiizt sind. Große Leute inüssen den Hut abnehmen beini Passire», und beim Ausweichen muß man sich ein wenig in die Rundung hineinkrümme». Seitlich erleuchten Gasflammen den schlecht ventilirten und sauerstoffarmen Tunnel. Er be- schreibt eine Kurve, und so sieht man das Ende nicht, gebraucht über zehn Minute», um hindurch zu gelangen, und begrüßt ans- atmend die freie Lust, wenn man am anderen Ende an die j Erdoberfläche gestiegen. Der Schall vieler Fußtritte und das Maschiii enstomvse» der über den Tunnel hinfahrenden Tanipf- schiffe hallt in den Ohren wieder, doch lassen sich die Geräusche schwer unterscheiden. Vom Rauschen des Wassers kann kaum die Rede sein, da das Plätschern des Flusses an den Quai- mauern nicht in die Tiefen dringt. Eine angenehme Paffage kann man den Tunnel nicht nennen, aber es fehlt an Brücken in der Nähe und nur Fährbote vermitteln den überirdischen Verkehr, die leicht i» Kollision mit den Flußdampfern geraten. Von London Bridge aus benuzt man den ,,bus"(Omnibus) »in nach dein Strand zu gelangen, der wesentlichsten Verkehrs- straße von Südwesten der Metropole her. Er ist mit Teatern besäet, die Abends das Feld beherrsche») es sind nicht alle Prachtbauten; oft verstecken sie sich hinter den Läden auf den Hofräumen, und ihre Eingänge hat mau in verschiedenen Straßen zu suchen. In der Nähe der Teater ist Ueberfluß an Wirt- schaften vorhanden, und hier ragen deutsche Biere hervor, die berliner Tivoli-Brauerei war einst ein starker Magnet; jezt sind — vorzüglich bei der deutschen Bevölkerung— baicrische Biere bevorzugt, und kürzlich ist eine Brauerei für deutsches Bier im Norden eröffnet worden— ich bin noch damit beschäftigt, im Freundeskreise es zu proben und kann ein definitives Urteil noch nicht abgeben. In der ganzen Eity findet man Deutsche vereinzelt und dichtgedrängt; da sind viele Geschäftshäuser, die nur mit deutschen Firmen versehen sind. Deutsch hört man überall, und selbst der Zündholzknabe bietet dem, den er für einen Deutschen hält, seine Waare auf Deutsch an:„Zwei für ein Penny!" Wer so viel gesehen hat. wie meine Leser und ich im vor- stehenden Kapitel, der wird zufrieden sein, iven» ich ihm Ruhe gönne bis zum nächsten Spaziergange. Ich blei! Novellete von Gnoics(Äaftol'mtooo Fräulein Emilia näherte sich ihrem Schreibtische, nahm unter dem Briefbeschwerer einen duftigen Brief hervor, zog ihn aus seinem Umschlag und überflog ihn hastig mit den Augen. Tann schüttelte sie mit eineni trüben Lächeln den Kopf, sezte sich nieder und ließ, immer jenen offenen Brief vor sich haltend, die Feder über ein Blättchen weiße» Papiers gleiten. Als das erste Blatt gefüllt war, nahm sie ein zweites, und so ging es weiter fort, bis sie endlich ihrer vertrauten Freundin alle ihre Erlebnisse berichtet hatte. Wie man weiß, sind Autoren äußerst indiskret, und so wollen wir laut das vorlesen, was Emilia in der Stille ihres Zimmers niedergeschrieben hat: .Meine liebe, gute Maria! Dein Brief vom fünfundzwanzigsten Oktober schließt mit folgenden Worten: ,Vor Ende des Jahre? rechne ich daraus, den genauen Tag Deiner Hochzeit zu erfahren, der schon zu lange ans sich warten läßt/ Wir haben de» zwanzigsten-te- zeniber, und Du willst wissen, wie es mir ergangen ist?... Ich hätte Dir schon vor einer Weile die schönen Neuigkeiten mitteilen können, aber ich fühlte, daß ich immer noch nicht sicher geling war. Ich verabscheue alle patetischen Deklamationen und fürchte stark, daß es mir nicht gelungen sein würde, sie ganz z» vermeiden. Jezt ist das eine andere Sache und ich denke. daß ich jezt außerhalb aller Gefahr bin. Ich werde dies Papier mit keiner einzigen Träne befeuchten, ich werde mit den Au?- »uflingszeichen keinen Mißbrauch treiben. Nur zu wahr ist das Sprichwort, das da lautet: ,-r.ie Tinge, die sich in die Länge ziehen, werden zu Schlangen. Meine Ehe gelangte niemals zu einem Abschluß, und nun i)! sie in Rauch aufgegangen; ich bleibe lcdig. Aber warum? llnd wie ist das gekommen? Habe Geduld, liebe Freundin, und ich iverdc-rir alle? genau der Reihe nach erzähle». Ich muß zurückgreifen bis auf den Tag. der deni so g e, an dem mir Dein Brief zukam. Ich bin nicht aberglan»lm, > c ledig. Deutsch von J&onvaö Jeimann. aber es ist unleugbar, daß es Tage gibt, an denen uns alles verquer geht, von der Morgenfrühe bis znin Sonnenuntergang. A» jenem Mvrgen jedoch hatte ich mich bei guter Laune erhoben, und während die Zofe mich frisirte, dachte ich die ganze Zeit an Dich, an Deine zärtlichen Worte, an die Zu- neigung, die Du mir nach so langen Jahren der Trennung»och bewahrst. Plözlich hält die Zofe bei ihrer delikaten Beschäf- tigung inne und läßt sich ein„Oh!" der Verwunderung entschlüpfen. „Was gibtS?" „Nichts," entgegnete sie,„ich wollte Ihne» ei» Haar ans- rupfen." „Warum? Was hat es dir getan?— Es ist ein Haar... Vorwärts!" „Es ist ein weißes Haar." „Das große Unglück!" rief ich und sing an, zu lachen. „Sie begreife», so dicht vor der Hochzeit stehen Einem weiße Haare nicht gerade gut. Aber es ist nur dies eine da, man kann es schnell fortnehme». Da ist es schon!" „Laß doch einmal sehen. Es ist hübsch," sagte ich iind betrachtete es aufmerksam.„Ganz gewiß. Gerade wie ein silberner Fade». Eh, Geduld! Es fängt an zu schneien... Eine Sache der Jahreszeit." „Wahrhaftig. Sie sind auch schon alt." fiel das Mädchen scherzend ein. „Ich bin zweiundreißig Jahre alt. Ich versichere dich, wenn ich mich nun nicht bald verheirate, verheirate ich mich nie."— Wenige Minuten später dachte ich, wie das natürlich ist, nicht niehr an diesen kindischen Einfall. Vor dem Frühstück ging ich mit Lisetta aus, meiner Nichte, von der ich Dir schon häufig gesprochen habe, einem Kinde von acht Jahren, das ver- ständig und anmutig ist, wie mau es kanin glauben kann. Ich ging, um verschiedene Einkäufe zn besorgen, die sich auf meine Aussteuer bezogen. Wenn inaii mit zwanzig Jahren heiratet, so ist gewöhnlich die Mama da, die für alles sorgt; wenn man 508 aber zu lange säumt, so ist sehr häusig niemand da. Und so mußte ich ganz aus mir selber an alles denken. Als ich nachHanse zurückkam, gab's ein großes Unglück. Hugo, der größte von meinen Neffen, der bald cls Jahre alt sein wird, war gefallen, hatte einen Spiegel dabei zersprochen, hatte sich an der Stirn eine Verlezung zugezogen und hatte noch verschiedene Glassplitter in den Händen und in der Zinse. Der Anblick des Blutes hatte ihn entsezt und er winselte wie ein Besessener und ließ sich von niemand anrühren. Giulio, der Kleine, der noch bestürzter war, heulte ans vollstem Halse und stampfte mit den Füßen ans, weil maü sich nicht um ihn kümmerte. Mein Bruder Maurizio war ausgegangen, und der Papa, der die Gewohnheit hat, in der ersten Minute immer etwas zu wollen, was er in der zweiten nicht mehr will, hatte dem Mädchen anfangs befohlen, zu gehen und einen Arzt aufzusuchen, dann dies aber wieder bereut und seinen Befehl widerrufen, das Mädchen selber, das für gewöhnlich doch den Kopf aus dem rechten Fleck hat, war vollständig aus der Fassung geraten mitten in dieser allgemeinen Verwirrung. „Nun sieh einmal, Emilia," sagte mein Vater,„wo hast denn du gesteckt? Betrachte dir doch einmal den Zustand, in dem sich Hugo befindet!" Es währte nicht lange, bis ich bemerkte, daß es sogut wie garnichts war; ich ließ mir etwas Arnika und Leinwand bringen, Wusch die vcrlezte Stelle aus und verband die Schrammen, denn Wunden konnte man sie wahrhastig nicht nennen. Und als ich zu Ende war, rief ich:„Weiter war garnichts nötig!" „Von dir hat er sich verbinden lassen," entgegnete mein Vater,„aber einer von uns hätte es nur einmal versuchen sollen!" „Es wird doch wohl auch ohne mich gehen müssen, wenn ich nicht mehr hier bin." „Ja, ja," brummte der Papa, und ging seiner Wege,„du kannst auch wohl die Zeit garnicht mehr erwarten!" Gerechter Gott! Dreiviertel aller Mädchen verheiraten sich. und ihre Familien finden, daß das die natürlichste Folge von der Welt ist; mir allein rechnete man den Wunsch, eine eigene Familie zu begründen, gcradcswegs als Schuld an. Ich ant- wartete jedoch nichts, ich sah, daß der Papa von seinen rhen- niatischen Schmerzen geplagt war und daß ihn jede Acußerung meinerseits nur erbittern würde. Beim Frühstück wie beim Mittagessen ging es wie gewöhnlich her. Mein Vater etwas verdrießlich, mein Bruder etwas unduldsam und beide darüber einig, daß nach meinem Fortgang das Chaos vorherzusehen sei. Und als die Rede auf diesen Fortgang kam, sahen mich die Kinder in einer gewissen Weise an! Ucbrigcns war dies alles natürlich nur die Ouvertüre und Tu könntest mich niit größtem Recht fragen, Tu wüßtest nicht, weshalb ich Dich mit all diesen Einzelheiten nnterhielte. Tie Hauptsache kommt erst noch. Nach dem Mittagessen, während ich die Treppen hinabging, um mich in mein Zimmer zu begeben, höre ich die Glocke ziehen. Es war der Briefträger. Papas Zeitung und ei» Brief für mich. Ter Brief war von Umberto. Willst Du, daß ich ihn Dir in seiner eleganten Einfachheit berichte? Da hast Du ihn, wie er ist. und Tu magst leicht die Wirkung beurteilen, die er auf mich hervorbringen mußte. „Meine liebe Emilia! Man muß wirklich sage», daß uns das Verhängnis ver- folgt. Während unsere Hochzeit schon ganz nahe schien, empfange ich heute Morgen eine Versügnng, durch die ich nach Caltani- setta versezt werde. Ich bin sofort zum Präsidenten geeilt; der Präsident hat an das Ministerium telegraphirt, um zu sehen, ob sich der Schlag nicht abwenden ließe, aber der Minister erwiderte, daß dabei nichts zu tun sei und daß ich mich darein finden und innerhalb des November an meinen neuen Bc- stimmungsort gehen solle. Ich frage Dich, was unter diesen Umständen zu tun ist. Ich meinerseits muß Dir bekenne», daß ich nicht weiß, welchen Entschluß ich fassen soll. Lebe wohl." Tu kannst unschwer begreife», daß die Ztachricht von Umbertos Versezung nach Sizilien ein Nichts war im Vergleich zu der Kälte, die mir aus den Worten meines Bräutigams ent- gegenwehte. Wenige Wochen vor der Hochzeit fand er keinen einzigen Ton, der seiner Liebe Ausdruck gegeben hätte; an- gesichts der unvorhergesehenen Schwierigkeiten, die sich vor uns auftürmten, begnügte er sich damit, mir seine Zweifel und seine Unsicherheit mitzuteilen. Er wußte nicht, welchen Entschluß er fassen sollte! Und er war der Mann, er war derjenige, der bei der Begründung einer eigenen Familie die Verpflichtung hatte, sie zu lenken und zn sichre». Er wußte nicht, welchen Entschluß er fassen sollte! Und doch gab es ja, wenn er mich liebte, überhaupt nur einen einzigen, und die Tatsache der Ver- sezung konnte auf unsere Ehe auch nicht den allergeringsten Ein- fluß ausüben. Da mich der Papa im Salon zum gewohnhcitsgemäßcn Dominospiel erwartete, wollte ich nicht zu lange auf mich warten lassen und entschloß mich, Umberto später zu antworten. Ich sagte von dem Briefe, den ich erhalten, nichts, legte in keiner Weise meine Erregung an den Tag, spielte meine ewigen Partien und verlor sie alle, was meinem Vater zur größten Genugtuung gereichte. Als dann die drei oder vier Hausfreunde kamen, die unser Hans besuchen, und man meiner nicht länger bedurste, ging ich in das anstoßende Zimmer, wo die Kinder noch lärmten, und kaum waren diese zu Bett gegangen, so zog ich mich stillschweigend in mein eigenes Zimmer zurück. Ich mußte allein sein, Umbertos Brief noch einmal lesen, sehr», ob ich ihn mir auch ans Zufall nicht falsch gedeutet und mußte vor allen Dingen ihm auf der Stelle antworten, so daß meine Antwort am folgenden Morgen schon abgehen und mich, wenn möglich, bald aus dieser peinvollen Ungewißheit befreien sollte. Aber der ziveite Brief, der dann anlangte, verminderte nicht, sondern vermehrte leider noch vielleicht den üblen Eindruck, den der ergte erregt hatte. Nein, das war nicht die Sprache eines Mannes, der liebte. Ich tat mir selbst Zwang an. ich wollte meine Empfindlichkeit nicht verraten, wollte mich um jeden Preis zärtlich zeigen. Ich schrieb Umberto, daß ich den Inhalt seines Briefes dem Gemütszustände zugute halten wolle, in dem er sich befinde, vielleicht auch einer zarten Rücksicht gegen mich, die er durchaus zun« Richter darüber machen wolle, welcher Weg nun eingeschlagen werden solle. Für mich gäbe es aber keine Zweifel und gäbe es keine Bedenken. Ter Regiemngsbesehl, der ihn nach Ealtanisetta schicke, so betrübend er an sich sei, könne unsere Hochzeit nur beschlennigen, nicht verzögern; ich sei bereit, ihm nach Sizilien zu folge», wie ich ihm in jede» be- liebigen andern Ort gefolgt sein würde, und erschräke durchaus nicht bei dem Gedanken, mich j» ein so fernes Land zu begeben und eins, das dem so unähnlich sei, in welchem ich bis dahin immer gelebt hatte. Trozdem würde es mir noch schmerzlicher sein, �venn er sich allein dorthin begeben müsse. Tie Wirtschaft- lichc tz-rage, fügte ich hinzu, würde für uns um vieles weniger bedeuten, als sür soviele arme Beamte, die eine zahlreiche Familie hätten. Wir seien doch nur zu Zweien, und meine bescheidene Mitgift würde uns dazu verhelfen, die ersten «chtvierigkeilrn glücklich zu überwinden. Er möge also»»r Mnt fasse» und anstatt sich in eitle Klagen zu verlieren, zusehen, ob er nicht einen Aufschub seiner Abreise nach Sizilw" erlangen könne, um so Zeit zu gewinne», die Hochzeit noch hier zu feiern. Meine liebe Maria, ich kann an diesen Brief nicht zurück- denken, ohne daß mir die Schamröte in die Wangen steigt. lim eine solche Sprache s ihren zu dürfen, mußte man die Gewißheit der Liebe eines Manne» haben, und diese Gewißheit kornite ich schon damals nicht mehr bcsizcn. Ich hätte ver standen haben müssen, daß Umbertos Herz kalt, eisig kalt war. naid daß mir meine Würde, vielleicht auch meine mädchenhafte Scham nicht gestatteten, mich so sehnsuchtsvoll nach der Hochzeit zu zeigen. Wie dies auch immer sein mag. am folgenden Morgen wollte ich meinen Brief selbst aufseze». und weder an diesem �age noch am darauffolgenden ließ ich mir zuhause ei» Wort entschlüpfen, das eine Andeutung des Vorgefallenen enthalten hätte. Zu welchem Zweck sollte ich spreche»? Weder von meinem Vater noch von nieincm Bruder konnte ich im geringsten einen Nat erwarten; sie ivürdcn sich damit begnügt haben, ihrer Antipatie gegen Umberto Luft zu machen und sich in ihrem Herzen über die neue Verzögerung, die meine Hochzeit betroffen, zu freuen. Troz meines Unmut?, meines Zorns gegen meinen Bräutigam, wollte ich doch einem Familienzwist ans dem Wege gehen. Es gibt Menschen, für die uns das Urteil, das wir selbst über sie sprechen, niemals streng genug vorkommt, die wir aber von andern doch nicht verurteilt hören wollen. Um- bcrto rechnete für mich noch immer unter diese Menschen. Niemand gewahrte denn auch etwas von meiner Verstörtheit, niemand außer Lisetta. Ich überraschte ihre Augen mehrmals dabei, daß sie die ineinigen suchten, und es kam ein Augenblick, wo ich nicht mehr umhin konnte, sie zu fragen:„Warum siehst du mich so mi?" Sie wurde rot und ließ ihre» Kopf hängen, ohne etwas zu sage». Aber nicht lange darauf,»nährend ich auf dem Kanapee saß, kletterte sie mir auf die Knie und gab mir einen Kuß. „Tu bist traurig, Tante Emilia!" .Jch?" „Ja. seit Dienstag Abend. Hat dich der Onkel UmbeAo »icht mehr gen»?' Ich»var»vie versteinert, als ich diese Worte aus dem Munde eines achtjährigen Kindes hörte. Welch unfehlbarer Instinkt seztc sie über die Ursache meiner Traurigkeit in Kennt- nis? Wie kanLs, daß ihre Gedanken überhaupt zu dem hinüber- schtvciften, den sie jezt sckon den„Onkel Humbert" nannte? „Still, still," erividertc ich,„der Onkel Umberto hat nichts barnit zu tun. Und dann ists ja auch garnicht»Vahr, daß ich traurig bin." Ich wollte nngezwungeu erscheinen, lachen und Scherz treiben, aber meine Munterkeit»var erzivungcn, und ich begriff sehr gut, daß das Kind nicht recht an sie glauben wollte. Nach Ablauf von zwei Tagen langte Umbertos Antwort- schreiben an und Du kannst Dir vorstellen, mit welcher Bangig- keit ich mich daran machte, es zu lesen. Ach. meine gute Maria. man hat gut sich selber für stark halte», man mag sich noch so gut darauf vorbereiten, das Unglück zu ertragen, es gibt doch trälle, j» denen unsere angemaßte Stärke in Ranch ausgeht und wir niit aller unserer Erfahrung im Schmerz uns»vie Kinder aufregen lassen. Beim Oeffnen deS Brieses meines Verlobten, hatte ich eine schlimme Vorahnung, aber die Wahrheit über- st leg nieinc Erwartung noch. Weißt Du. was Unibcrto mir zu schreiben hatte? Er nahm niir gegenüber eine Art Protcktorton an,»vir ein ® eiset, der es mit einem armen Gimpel zu tun hat. Wenn ich aus ihn hören»vostte,»var ich zlvar eine Frau von Geinüt, über ich mar allezeit eine Träumerin geivcsen. Und das ist ein Uebel. fügte er sehr ernsthaft hinzu, von dem man niit den fuhren doch geheilt werden sollte. Ich dagegen hätte alle meine Fusionen einer Zwanzigjährigen bewahrt, ich wachte mir afle •Eilige leicht und hätte mich noch immer nicht davon überzeugt, büß die Begründung einer Familie in den gcgemvärtigcn Zeiten rin recht enistes Unternehmen ist. Es fei allerdings richtig, büß ich nicht so traurige Beispiele unter Augen Hätte,»vie er selbst.»Visse, in Welche» Verlegenheiten sich einige»einer freunde befänden. die sich aufs Geratewohl verheiratet hätten und»iln reich mit Kindern gesegnet ivärr». Ich besäße»vohl et>vas, aber»in sein eigenes Heim in unlvirtlichen Gegenden »nid unter unbekannten Leuten zu begründcu, dazu bedürfe es dcnn doch wohl noch etwas mehr. Ei" Mann passe sich bald ben uruen Geivohnheitcn an. aber eine Frau, und vor allem f"«' an Entbehrungen nicht gewöhnte Frau sei bei weitem schlimmer daran. Da wir nun so lange gewartet hätten, köilnten 'vir auch»och etwas länger warten und einige Monate wiirden rillen große» Unterschied machen können.... _.So war in aller Kürze der Hauptinhalt der rnhrenden Epistel desjenigen, den ich mit hingebender Zärtlichkeit länger "'s zwölf Jahre geliebt hatte. Was dünkt Dich davon, Maria. Würdest Du entschlossen geworden sei»? Nein, nein, ich kenne Dich zu genau; es ist nicht möglich. Stelle Dir jedenfalls vor,»vie ich mit meinem fcnrigen Karakter die Sache auffaßte. Jezt»var keine Zeit mehr zu Geheimnissen und halben Maßregeln, ich sagte meinem Vater und meinenl Bruder alles, erklärte, daß zivischen Umberto und mir alles zu Ende sei und für immer, beschloß, ihm sofort alles zuzusenden,»vas ich innerhalb zwölf Jahren von ihm erhalten hatte, soivie ihn zu ersuchen, mir zurückznerstatten,»vas ich ihm gegeben hatte, nnd brachte dann die Worte vor, die feierlich klangen,»vie ein Gelübde, nnd traurig,»vie eine Grabschrist: Ich bleibe ledig! Mir ist, als hörte ich Dich ausnifen: Aber»velche Ucber- stürzung! Warte»och eine» Augenblick, so»virst du sehen, daß der Schlag unheilbar»var und daß die Ruhe noch nicht einmal die heilende Arzenci vorstellen konnte. In der Tat ließ ich in ich zu milderen Beschlüssen überreden. Nicht vom Papa und nicht von meinem Bruder, aber von einein Manne, den Du auch kennst nnd der,»vie ich Dir versichern kann, sich seit der Zeit Deiner Abreise sehr»venig veräiidert hat, von dem Doktor Asolani. Der gute Doktor! Er ist jezt nahe an den Siebzigcn und ist immer»och schlank nnd gerade gcivachsen, mit seinem kurz gehaltenen Bart, mit seinen spärliche», grauen, an den Schläfen zurückgestrichenen Haare», mit seiner goldenen Brille, mit seinem schlvarzen, bis an den Kragen herauf zugeknöpften Ueberrock, ein rechter Typus eines pensionirten Generals. Mich hat er aufwachsen sehen nnd Du weißt,»vie gern er mich hat. Er kommt oft»vegen der Beschivcrden des Papas zu uns nnd kani auch an jenem Sturmtag»vicder. Er hörte mit Ausnierk- sanikeit meinem Bericht zu, las Uinbcrtos Briefe, ließ sich sagen, »velchcs meine nmviderruflichen Vorsitze seien und»ahm mich dann beiseite, uni ruhig, heiter nnd zärtlich mit mir zu sprechen. „Meine kleine Emilia," sagte er ungefähr zu mir(der Doktor Asolani behandelt mich immer noch, als»venu ich ein Kind wäre�,„das.»vas dn mir da erzählst, ist sehr traurig, und ich begreife deine Entrüstnng vollkommen. Dn hast recht; das Schlimmste ist nicht die neue Verzögerung, die dein Bräu- tigam fordert, es ist die Kälte, die ans seinen Briefen weht. Aber drückt diese Kälte auch einen wirklichen, beständigen Gc- mütSznstand aus oder ist sie aus irgend einer vorübergehenden Ursache herzuleiten, die»vir nicht kennen? Das ists,»vas»vir erst wissen müssen, bevor»vir eine unbedingte nnd univider- rufliche Verurteilung aussprechen. Was»villst dn? Mir»vidcr- strebt der Gedanke, daß ein Mann mit eynischem Gleichmut ei» junges Mädchen verlassen kann, das ihm zivölf Jahre hindurch treu geblieben ist nnd dem er sich ebenso lange Zeit hindurch herzlich zugetan beiviesen hat. Wer»vciß denn, was für niannich- fache Geheimnisse sich darunter verbergen? Vielleicht eine Geld- Verlegenheit, vielleicht eine Täuschung, irgend ein leichtsinniger Streich. Und in solchem Fall»värc ja das Uebel noch nicht unheilbar. Aber brieflich kommt man mit nichts zustande. Es ist nötig, daß jemand zu diesem Herrn Umberto geht uud offen mit ihm redet..." „Nein, nein," fiel ich ihm ins Wort,„das ist überflüssig." „Still," fügte er hinzu,„denken»vir lieber darüber nach, »ver dies sehr delikate Amt übernehmen könnte... du selbst konimst nicht in Frage, dein Vater ist nicht einmal imstande, eine kleine Reise zu niachc», dein Bruder stand niemals aus gutem Fuße mit Umberto und würde nur das Kind mit dem Bade ausschütte». Wenn ich ginge, Emilia, wie?!" „Sie, Doktor!" rief ich und faltete die Hände ineinander. „Höre, heute ist Freitag, am Sonntag muß ich nach Bergamo reisen, wohin man mich zu einer Konsultation berufen hat; von Bergamo nach Mailand ist kein weiter Weg niehr, ich könnte meine Abivesenheit um vicrundzivanzig Stunden verlängern nnd de» Montag in Mailand zubringen. Ich könnte da eine frei- mütige und ehrliche Aliseinandersezung mit deinem Bräutigam haben, und schwöre dir, daß ich dir bei meiner Rückkehr weder die Wahrheit verbergen, noch dir einen Rat geben»verde, der sich mit deiner Würde nicht vertrüge. Sind»vir einverstanden?" 510 Doktor Asolonis Aocrbicten war edel und hochherzig, ich fühlte, daß ich ihm dafür erkenntlich fein mußte, aber mein Stolz empörte sich gegen den Gedanken an irgendeine Handlung. die als eine Schwache meinerseits gegen Umberto hatte gedeutet werden können. Ich hatte mich mir schon zu sehr gedemütigt. Ich beharrte also auf meiner Weigerung, ich erklärte, daß ich von Umberto nichts mehr wissen wolle, daß ich ihn verachte, daß ich fest entschlossen sei, ledig zu bleiben. Aber der Doktor fing mit grenzenloser Geduld wieder an: „Gib Acht, Emilia, man darf nicht so leichtsinnig einen Entschluß fassen, von dem unsere ganze Zukunft abhängt. Wenn man einen Menschen zwölf Jahre hindurch geliebt hat, wenn man diesem Menschen jeden geheimsten Gedanken seines Innern anvertraut hat, wen» ihm jeder Schlag des Herzeus geweiht gewesen ist, so verliert man, wenn man ihn verläßt, ja nicht nur ihn allein, sondern zugleich auch einen Teil seines Selbst. Du kannst deine Liebe von ihm abziehen, aber du kannst niemals deine Vertraulichkeiten von ihm zurückerhalten; du kannst dir deine Briefe wiedergeben lassen, aber du wirst niemals den Schaz von Zärtlichkeit wiedererstattet erhalten, den du an einen Mann verschwendet hast, an den du die Erinnerung heute sogar schon auslöschen möchtest. Wenn du meinem Rate folgst, so läufst du ja nicht hinter ihm her, kleine Stolze, die du bist, sondern du läufst hinter dir selber her. Du bist entschlossen, lcdig zu bleiben. Eine alte Jungfer kann ohne jede» Zweifel sehr achtbar sein, aber in Italien, muß man bekennen, ist die weibliche Erziehung nicht dazu augetau, der Frau, die sich nicht verheiratet, eine unabhängige Stellung zu bereiten. Mit dreißig Jahren, und du hast sie ja bereits überschritten, muß man e»t- weder eine eigene Familie haben oder man muß vollkommen selbständig dastehn. Bei dir wäre weder das eine noch das andere der Fall. Mit all deinem Geist, mit all deiner Bildung würdest du doch nicht imstande sein, dir eine Stellung zu vcr- schaffen, dir eine Quelle geziemender und nüzlicher Tätigkeit zu eröffnen. Oh, ich weiß ja, was du mir sagen.willst. Tu würdest die sorglicke Gefährtin deines Vaters sein und die Erzieherin deiner Neffe» und Nichten. Es ist das ja ein heiliges Amt, und ivenn meine diplomatische Mission fehlschlägt, so kannst du dich ihm widmen, wie du willst und magst. Aber laß es uns zunächst versuchen. Ich verhehle dirs nicht, mir macht der Gedanke Pein, daß du hier alt werden sollst, daß dein Leben nichts für dich sein soll, als eine beharrliche Selbstverleugnung. Die Selbstverleugnung gereicht den andern zum Vorteil; man muß nicht zuviel davon besizc», wenn man nicht will, daß die andern absolute Egoisten werden. Schenke mir Gehör, Emilia, traue meiner Erfahrung; meine Jahre wollen doch auch>vohl etwas sagen." Kurz: durch die Macht seiner Worte brachte es der Doktor Asolani endlich dahin, meinen Widerstand zu besiegen. Nicht, als ob ich überzeugt gewesen wäre, aber ich wußte nicht mehr, was ich ihm antworten sollte. Schließlich kam es zu einem Kompromiß zwischen uns. Ich»vidersezte mich der Reise des Doktors nach Mailand nicht mehr, unter der Bedingung, daß öffentlich der Zweck seiner Fahrt der sein sollte, Umberto von mir seine Briefe zurückzubringen, sowie seine Bilder und die kleinen Geschenke, die er mir in den zwölf Jahre» gemacht hatte, sowie sich andrerseits das wiedergeben zu lassen, ivas er selbst noch von mir besaß. Mit diesem einzigen Austrage sollte er sich bei Umberto einführen und seine Neigung für mich so auf die Probe stellen. Wenn Umberto mich nicht mehr liebte, was zu glauben ich alle Ursache hatte, so würde er ja niit Freuden die Freiheit annehmen, die man ihm ans solche Art zurückbrachte; wenn er mich noch liebte, so mußte er sicherlich dies erst bekennen, ehe er sich einen Entschluß gefallen ließ, der einen unheilbaren Bruch bedeuten mußte. Im ersten Falle mußte der Doktor mir zuschwören, auch nicht ein einziges Wort mehr hinzuzufügen, nicht einen einzigen Schritt Umberto ent- gegen zu tun, der auf einen Versuch der Versöhnung hätte hindeuten können, nur im zweite» Falle, der aber der minder wahrscheinliche war, verließ ich mich auf ihn und verließ ich mich auf das, was er seine Erfahrung nannte. Aber er solle sich wohl hüten, sich nicht vom trügerischen Schein verführen zu lassen, ich würde ihm das nun und nimmermehr vergeben. „Enkant terriblel" rief der Doktor lächelnd und versprach mir, sich strenge an meine Instruktionen zu halten. Wie traurig, liebste Maria, war jener Samstag! Als der gute Doktor am Abend in mein Zimmer kam, zeigte ich ihm aus dem Tische mehrere versiegelte Packete.„Da ist—" sagte ich und hatte nicht die Kraft, mehr zu sagen. Er trat an mich heran, küßte mich ans die Stirn und fragte mich:„Willst du sie in meine Wohnung senden oder soll ich herschicken, um sie holen zu lassen?" Dann, als ob er einen Gedanken von mir erriete und sich beinahe bei mir entschuldigen wollte, fügte er hinzu:„Nein, nein, du hast recht, du wünschest, daß ich sie selber trage... Mut, Emilia, hoffen wir, daß sie nicht aus meinen Händen kommen, daß ich sie dir mit unver- lezten Siegeln zurückbringe." Ich schüttelte de» Kopf. Bald darauf erhob sich der Doktor, um sich zu verabschieden. Er nahm die voluminösen Packete mit Briefen(es waren ihrer soviele!) unter den Ann, steckte die kleineren Päckchen in die Tasche seines Ueberrocks und ging, indem er mir wiederholte:„Mut! Mut!" Ich ließ mich in einen Sessel falle», betrachtete die offen stehenden, leeren Schubfächer, und mir wars, als ob alle Poesie des Lebens für immer von mir gegangen wäre zusammen mit diesen Erinnerungen an meine unglückliche Liebe. Drunten im Salon sprach der Doktor Asolani noch mit meinem Vater und mit meinem Bruder. Ich hörte die Stimme des Papas, der sagte:„Sie werden sehen, daß sich die Dinge nicht mehr zurecht bringen lassen!" MW Wellhandtl und nationale Produktion. Von Wruno Heiser. Wenn wir alle die Gründe kennen lernen wollen, welche es verursachen, daß die deutsche Waare selbst in Teutschland keines- wegs überall mit der ausländischen kvnkurrirt, werden wir nicht umhin können, danach zu fragen, ob der deutschen Produktion, sowie dem deutschen Waarenvertricb nicht gewisse Schwächen und Mängel anhasten, die der nichtdcutscheu Konkurrenz den Kampf erleichtern. Die Antwort aus diese Frage möge ein Sachverständiger erteilen, von dem anerkannt und unbestritten ist, daß er sei» Urteil über die bezüglichen Verhältnisse nur abgibt, um der deutschen Industrie- und Handelswclt nach Möglichkeit zu niizen. Ter Sachverständige, welchen ich hier im Auge habe, ist der ehemalige Chcfsekretär des deutschen Reichskommissars für die Weltausstellung in Melbounce, Dr. pbil. Georg Scelhorst, (Jorlstzung statt Schlust.) der unter anderm vor wenigen Wochen eine Broschüre hat er- scheinen lassen unter dem Titel:„Die deutsche Waare auf dem Weltmarkt." I» derselben, auf S. 28 u. flg., verbreitet er sich über die Leistungen der deutschen Industrie, in erster Linie der Textil- industrie, für den Weltmarkt wie folgt. „Unsere Maschinen," sagt er,„sind gut. das Rohmaterial beziehen wir ebendaher, wo es die andern hernehmen und unscrr Muster, soweit sie künstlerische Beihilfe erfordern, sind weit bester geworden, als sie vor zehn Jahre» waren. Die 2\>e'' zialisirung hat sich hier von selbst ergebe», da sie in der Ralur der Sache liegt. Ja, ivir können mit Freuden konstatircn, daß sich Spezialitäten herausgebildet haben, die ihren Plaz sch� ehrenvoll ansfüllen. Ich denke dabei an die Damenkonfektions- avtitet, an die berliner Wollenwaaren, an die vaigtlSnder Sticke- reien; die rheinische Seidenindustrie, die Tnchsabrikaticm und vor allen die Teppichindustrie leisten Herzerfreuendes. Aber abgesehen von den großen Firmen, deren Leistungen uns und ihnen zur größten Ehre gereiche», schaut doch irgendwo der Pferdefuß heraus. Ich meine die hier und da vorkommende unrichtige Maß- oder Gewichtsangabe ans der Verpackung von Bandern, Nahfaden, Stick- und Strickwolle, und die schlechten, unechten Farben bei Damenkleiderstoffen, die zu starke, betrüge- tische Appretur bei Baumwoll- und Leinenstoffen und die Bc- schwerung der Seide. Ich weiß ja recht gut, daß das in andern Landen» auch vorkommt, vielleicht öfter als bei»ins(?), aber ich denke,»vir schaffen uns das auch noch vom Halse. Man soll uns keines unerlaubten Gewinns mehr zeihen können! Und damit man gleich sieht, wer sich seiner Waare zu schämen hat, muß es als Ehrenpflicht aller Industriellen gelten, ihre volle Firma auf dieselbe zu sezen. Wer das dann nicht tut, der verleugnet seine eigene Arbeit, er wird schon wissen, warum." Unsere Textilindustrie darf sich,>vie wir sehen, über Mangel an Wohlivvllcn seitens des Sachverständigen nicht beklage». Mit Gcnngttuung hebt er hervor, daß bei ihr die ihm angesichts der Erfordernisse der modernen Großproduktion besonders not- wendig erscheinende Spezialisirung der Leistungen eingetreten sei, die darin besteht, daß jeder Produzent, beziehentlich Fabri- kant, seine Tätigkeit auf einen möglichst kleinen Kreis von Waaren beschränkt, um diese desto besser und preiswiudiger liefern zu können. Auch erkennt er die Erfolge, welche gewisse Zweige der Textilindustrie in neuester Zeit errungen haben, voll und ganz an. Trozdem findet er zu tadeln und zwar: die vielfältigen Bemühungen um unerlaubten Gelvinn mit Hilfe von betrügerischen Geschäftsmanipulationen! Daß Seelhorst, um sein Urteil nicht gar zu herb erscheinen zu lassen, meint, in andern Ländern käme solch beschämendes Gebahren auch,„vielleicht öfter als bei uns" vor, ist bei Lichte besehen, ein sehr schwacher Trost, denn bei den fremden Pro- duzentcn und Fabrikanten, die mit den unsern konkurriren, muß dieser arge Ucbelstand garnicht oder in erheblich geringerem Maße vorhanden sein, sonst wäre dies ja keine Schwäche unserer Industrie im Vergleich mit den andern auf dem Weltmarkt. Hören wir weiter:„In der Metallindustrie haben wir es mit ganz besonder», Verhältniffen zu tun. Seit vielen Jahr- zehnten, ja stellemveise seit Jahrhunderten, hat sich in einigen Gegenden aus den» handwerksmäßigen Kleinbetrieb eine durch die Zahl der Arbeiter und Menge der Produktion bedeutende Industrie herausgebildet, die aber doch keine Großindustrie ist. sondern nach wie vor handivcrksmäßig arbeitet, sie hat in den schlechten Zeiten am meisten zu leiden gehabt, da hier der Widerstand gegen den von außen kommenden Druck aus Preise und Löhne am geringsten war, und die Güte des Produkt? hat darunter erheblich gelitten. Geivaltige Anstrengungen sind gemacht»vordcn, um die Kalamität zu überwinden, aber wenii auch die Waare stellemveise besser geivorden ist, so lind doch die Schwierigkeiten nicht zu beseitigen,»velche in der Natur dieser Einrichtung liegen. � „Der Umbildungsprozeß zur richtigen Fabrikation im sinne der Großindustrie vollzieht sich nur laugsam. da der zu abjor- birenden Kleinbetriebe zu viele sind und die Ausdauer un Genügsamkeit immer wieder Mittel und Wege findet, d« Kata- strophe zu entgehen. Heilsam für die Nation smd loche Zu- stände nicht, und ein junges Land, welches sich seine Eliirrchtungen erst schafft und gleich zum Besten greifen kann,»it viel besser daran als»vir, die immerfort mit den Traditionen rechne» 'l.Mehr als in irgendwelcher andern Branche hat sich in der Metallindustrie der handwerksmäßige Betrieb auf die Konkurrenz niit dem fabrikmäßigen Großbetrieb eingelassen und ganze Schaare» von kleine» Meistern in ungesunde Abhängigkeit von, Kapitalisten, ihrem Abnehmer, gebracht. Die Löhne werden dadurch immer schlechter, und da kein sachverständigcl-s1" cn ganzen Betrieb übenvacht, sondern nur am Ende der Woche ini II- Kvmptoir des Kaufmanns die Abnahme der Waare und Aus- zahlung des Lohnes erfolgt, so ist die blühendste Pfuscherei großgezogen worden. Grade so entstandene Waaren aber finden ihren Weg am meisten nach fremden Märkten und grade solche haben uns das Prädikat billig und schlecht verschafft. Hier ist von einer bewußten Vcranttvortlichkeit des Verfertigcrs gar keine Nede, denn er arbeitet auf Bestellung, meist nach vorgelegtem Muster zu vorgeschriebenem Preise; ob er zurechtkommt, ob er verdient, ist dem Besteller glcichgiltig. Ist nun die Waare gar noch Spiel>vaare, dann»virds so arg»vie möglich. Statt Eisen nimmt man dann Zink, statt Messing Blei, statt Blech Papier, dazu den schlechtesten, billigsten Lack; da sind krumme und schiefe Fugen und Winkel, kurz eine Waare, zu schlecht zum Ansehen, eine Schmach für die Industrie, kommt dabei zustande. Das Kind zerbricht de» Schund in der ersten Stunde,— desto besser, dann miiß man ja etwas neues kaufen! „Hier hat der Exporteur insofern schuld, als er den Ver- fertiger genötigt hat, zu immer niedrigeren Preise» und nach frcnidcn, oft gesezlich geschüzten Mustern zu arbeiten. „Der kleine Meister, der vielleicht Vorschüsse vom Kaufmann empfangen hat zur Anschaffung von Rohmaterial, Werkzeug- Maschinen oder zu Bauten und Einrichtungen aller Art, ist natürlich garnicht imstande, sich den Fordermige» desselben zu »vidersezen. Er muß einfach tun,»vas dieser verlangt,»venu er sich nicht jede Kundschaft verjagen»vill. Er tuts, aber,»vie ich aus Erfahrung weiß, nicht immer gern und nie ohne böse Folgen." Hier— bei der Metallindustrie— stoßen»vir nun»ach den Ausführungen Seelhorsts auf einen mit der mächtigen Ent- »vicklung der modernen Wirtschaftsverhältnisse im Widerspruch stehenden tiefgreifenden Uebelstand. Unsere Metallindustrie ist— von Ausnahmen natürlich ab- gesehen— hinter den hohen Anforderungen der Zeit noch zurück — der Kleinbetrieb kämpft seit langem in Deutschland»vie in allen Kulturländern den Kämpf um Sein oder Nichtsein mit der großkapitalistischen Produktion, und auf dem Gebiete der deutschen Metallindustrie ist es ihm bis jezt gelungen, sich eben über Wasser zu erhalten,— das aber nur zum Schaden der Industrie überhaupt und zum Schaden des deutschen Volkes. Uebcrmäßigc Herabdrückung der Arbeitslöhne, billige, aber schlechte Waare, ungesunde Abhängigkeit des nicht mit großen Mitteln ansgestatteten Produzenten vom Kaufmann»varen die notivendige Folge. Man sieht daraus, wie falsch und kurzsichtig alle jene Be- mühungen waren und sind, die darauf gerichtet wurden, den Kleinmeister als solchen zu erhalten. Alle diejenigen Leute und Parteien,»velche sich damit abplacken, wirken reaktionär, indem sie sich— im Endresultate troz aller Augenblickserfolge dennoch erfolglos— bestreben, dem Rade der Zeit in die Speichen zu fallen. Nicht die Kleinmeister als Kleinmeister solange als möglich zu erhalten, sondern sie zur Masscnassoziation- nötigenfalls mit finanzieller Staatshilfc— zu bewege», solange sie noch unabhängig und leidlich bei Mitteln»varen, daraus hätte eine wirtschaftlich»vcitsichtige Bcivegung gerichtet sein müssen. Seelhorst fährt fort: „Diese Zustände sind aber nicht plözlich, sondern so all- mälich entstanden, daß die Betreffenden selber anfangs garnicht gemerkt haben, daß sie ans einem Wege sind, der zum Ab- grund führt. Man hat es manchmal sogar für einen industriellen Fortschritt erklärt, daß»vir die von Paris bezogenen Muster eben so schön und viel billiger nachahmen lernten, man hat den fleißigen, genügsamen Arbeiter gerühmt und ihm damit geschmeichelt. daß man ihm vorsagte,»vohin in die»veite Welt seine Arbeiten gingen. „Mit den technischen Fortschritten siehts aber dabei nicht besonders gut aus. Ich»vill»viederuin ein Beispiel anführe», den Metallguß, besonders den in Messing und Neusilber. „Ich habe eine zeitlang Proben von Rohgüssen in diesen Metallen gesammelt,»velche als abschreckendes Beispiel dienen sollten, wie man es nicht machen soll. Nicht nur»varen kom- Ii /=. i" u S H Q% W Q E|# ."g:S 5 V Ii s« V?z- W w w © S3 M M Ä G � Q }:;5 ZA : ii5 Im CO % 2 -»i s N :§.: SA G Hfl »Iii )g# tr* &£ S 3 3 � K Q K L- üfi 1 1;% = rl G S Ii II :« ij if ="55 II I � Ö§.C-.Q G G � G 514 plizirtere Formen nicht zu haben, auch gerade an den einfachsten zeigten sich die gröbsten Sünden gegen die Regeln der Har- monie. Schlechtes Formen rächt sich aber doppelt, denn man spart keine Zeit und Arbeit dabei und muß dann noch einmal Zeit und Arbeit anwenden, um die Grate zu entfernen, Löcher zu vernieten u. s. w., und verliert noch Material dazu. Während ich dieses schreibe, liegt eine bedeutende Quantität Eisenguß von einer sehr bedeutenden Firma in Deutschland vor mir, Tür- griffe, Schliisselschildcr n. dergl., die an Stumpfheit der Zeich- nung und Roheit der Form nichts zu wünschen übrig lassen. Einige sind vernickelt, aber das Nickclmctall schämt sich ordent- lich, so in die Welt geschickt zu werden. Bei anderen ist die Zeichnung noch hübsch mit dicken Oelfarben überschmiert. Ich kann es keinem Architekten verdenken, wenn er solche Arbeiten an seinen Bauten nicht verwenden will. Ich habe auf der berliner Ausstellung 1879 sehr schöne Güsse gesehen, aber im ganzen stehen wir in der Formerei hinter Frankreich, England und Amerika zurück. Das ergibt sich sowohl durch Bergleichung unserer besten Leistungen im Kunstgewerbe mit den besten der anderen, wie»och vielmehr bei Maschinenartikeln. Ausnahmen sind ja auch hier vorhanden, namentlich im Kunstguß in Bronze. aber ivas Hilst es der Industrie, wenn fünf oder sechs Gießereien Vorzügliches leisten, sobald die Exportwaare schlecht gemacht ist? Mit Statuen wird wenig Handel getrieben. „Erfreuliche Fortschritte hat unsere Edclschreinereij gemacht. Ich habe diesen Gegenstand besonders in meinen Berichten über die australischen Ausstellungen hervorgehoben. Um aber gleich noch eine Exportwaare zu erwähnen, die hierher gehört und in der das„billig und schlecht" sich gar breit macht, so sei der Zinkguß genannt. Ich habe viel Beispiele gesehen, daß ganze Posten Waare am Bestimmungsort so durchgerostet ankamen, daß sie unverkäuflich waren. Ist das nicht ein Mangel im Technischen? Französische Zinkgrifse taten das nicht. Der Grund liegt nur im Sparen an Sorgfalt und Arbeit. Hat der aus- wältige Besteller das aber einmal erlebt, so will er sicher keine deutsche Waare mehr, der eine Fall wird sofort generalisirt und ein ganzer Industriezweig ist diskreditirt. „In Werkzeugen liefern einige deutsche Fabrikanten ganz Vorzügliches und doch sind wir im eigenen Lande das Vorurteil noch nicht los, daß englische Feilen, englische Hobeleisen und Messer, englische Rlihnadeln nur allein gut wären. Wie viele deutsche Waare ist noch mit„warranteck cast steel" oder „best gold eyed sbarps" bezeichnet, ganz zu schweigen von den Hunderten englischen Etiketten der deutschen Nähnadelfabriken. Nur wenige derselben schreiben jezt ihre Firmen auf die Ver- Packung oder prägen sie auf die Waare. Durch solches Vor- gehen allein kann das Urteil des Marktes sich berichtigen; so lange aber die gute deutsche Waare unter englischer Flagge segelt, ist der Fremde ja gar nicht imstande, anders von uns zu denken." lieber das angebliche Vorurteil, von den, Seelhorft im vor- hergehenden Passus spricht, scheint mir einiges bemerkenswert. Es mag. oder— ich bin sehr gern bereit, es den Sachkennern zuzugeben— es ist jezt ein Vorurteil, daß englische Werkzeuge besser sind, als deutsche. Es ist gewiß erfreulich, daß gegen- wältig in Chemniz, Solingen u. a. O. in diesem Teile der Metallindustrie Vorzügliches geleistet wird, aber ist das nicht im Großen und Ganzen erst eine Errungenschast unserer Zeit? Vor nicht langem war das kein Vorurteil,— nicht blos aus diesem oder jenem Gebiete der Metallindustrie, sondern auf vielen anderen Gebieten waren uns die Ausländer, an ihrer Spize die Engländer, voraus, weit voraus. Wenn wir gerecht sein wollen, können wir also niemanden die Vorliebe für fremde Waaren so sehr verdenken, als es heutzutage, nachdem die glück- lichcn Kriege Preußcn-Deutschlands einen manchmal über die Grenzen des Vernünftigen und Unparteiischen weit hinaus- gehenden Skationalstolz wachgerufen haben, sehr häufig geschieht. Und wenn sogar heute noch der alte kleinhandwerkernde Schien- drian zu der neuen— vielleicht wirklich neuen— Unsolidität imb Unreellität hinzugekommen ist, in vielen Gassen und Winkeln der deutschen Produktion festsizt,— was Wunder, daß auch die deutschen Käufer sich selbst auf denjenigen Waarengebietcn nur sehr schwer an deutsches Fabrikat gewöhnen, wo eine merk- liche Wendung zun. Besseren bereits stattgefunden hat? „Die Holzindustrie," fährt Seelhorft in seiner Kritik fort, „können wir für unseren Zweck in zwei Gruppen abteilen, die Möbelsabrikation und die der Galanteriearbeiten. Die erstere ist, Dank der Zuziehung künstlerischer Kräfte und der im Publi- kum cnvachten Liebe zu guter Arbeit sehr bedeutend besser ge- worden, sie kommt aber für den Exporthandel wenig oder gar nicht inbetracht. Desto mehr die leztere. Sie ist ziemlich lokali- sirt. Es arbeitet da der Drechsler, der Schreiner und der Schnizer, oft alle drei am gleichen Stück. Abgesehen von Ge- schmackssünden, die sich in den Schnizarbeiten noch allzubreit machen, ist bei diesen Gegenständen der Mangel an Solidität und Genauigkeit sehr zu beklagen. Schiefe, nicht schließende Gehrungen, ungerade Fugen, roh aufgenagelte Böden, klemmende oder allzulose gehende Schiebladen, deren zu winzige Bein- knöpfchen beim ersten Anfassen losgehen, das sind nebst falscher oder gar schief und unsymmetrisch angebrachter Verzierung und schlechten Schlössern die unangenehmen Eigenschaften, die wir in einem Laden an solchen Fabrikaten wahrnehmen können. Der- artige Kästchen, Schatullen, Schränkchen u. s. w. in hunderterlei Benennung und Verwendung gehe» nun massenhaft in über- seeische Länder. Ihre Preise sind fabelhaft niedrig.' Werden sie dem fremden Käufer eine hohe Meinung von unserer In« dustrie beibringen? Ich glaube kaum. Die Holzspiclwaarcn kranken am gleichen Nebel, sie müssen so billig sein, daß man keine gute Arbeit dafür liefern kann. Ebenso gehts mit den groben Schnizwaaren, wie Kochlöffel, Schaufeln u. s. w. Tie Gegenden, wo solche Dinge von einer Art Hansindustrie ge- liefert werden, leiden ani ärgsten Pauperismus. Vereine und Private, die da helfen wollten, haben die schlimmsten Erfahrungen gemacht. „Weit besser ists mit den feinen Schnizarbeiten geworden, wie sie z. B. eine Spezialität Oberbaierns sind. Da sind überall tüchtige künstlerische Kräfte berufen worden, die freilich eine sehr schwere Aufgabe haben, aber die Wirkungen solchen Strebens sind unverkennbar. Anderwärts fehlts aber noch sehr. Es wird im alten Schlendrian fortgeschafft, und die billige aber unsolide Waare geht in Menge auf den auswärtigen Markt, unseren Ruf immer und immer wieder gefährdend. In sehr wenigen Fällen ist der Verfertiger bekannt oder tritt als Ver- käufer auf. Der Exporteur versendet in einer Kiste oft die Waare von vier, fünf verschiedenen Lieferanten. Dabei kann ja auch manches Gute sein, aber der Gesammteindruck auf den Fremden ist immer wieder ein ungünstiger. Unsere Glasindustrie arbeitet für den Export wohl nur Spiegel, und auch hier sind es vorzugsweise kleine und billige Sorten, die in Massen hin- ausgehen. Die Preise sind so gedrückt, daß nur durch Beniizung billiger Wasserkräfte zum Schleifen und Polirc» die Fabrikation möglich bleibt. Auch hat dieser Export seit zwanzig Jahren bedeutend abgenommen. Die Rahmen, in denen die billigen kleinen Spiegel sich befinden, weisen zum Teil eine Qualität, mit der durchaus kein Staat zu machen ist. Sie stammen zu- weilen aus den Werkstätten der Zuchthäuser. Daß wir auch gute und schöne Rahmen und Leisten machen können, weiß ich recht wohl, aber auf dem Weltmarkt sieht man»och nichts davon. „Hohlglas, geschliffen, bemalt und vergoldet, bildete in sehr früher Zeit eine Spezialität der deutschen Glashütten und noch jezt zieren solche Gläser unsere Sammlungen. Allein in der Gegenwart sind wir damit ins Hintertreffen gekommen und bis jezt haben nur wenige Hütten ein Fabrikat aufzuweisen, welches sich mit dem böhmische», englischen und französischen messen kann. Und doch wäre darin viel zu machen, wir besizen alle Be- dingungen dazu, nur scheint es an geschickten Arbeitern zn fehlen. „Ein erfreulicheres Bild bietet die Tonwaarenindustrie, ja wir haben seit einigen Jahren uns hier ganz neue Gebiete zu eigen gemacht. Tie Porzellanfabrikation, die ja bei uns seit ihrer Entstehung heimisch ist, liefert stellenweise geradezu Muster- gültige Erzeugnisse. Ich will die Spezialität der Franzosen in ihrer p&te tendre nicht so hoch anschlagen, wenn ich auch gerne zugebe, daß ihre Produkte sehr bestechen. Im Punkte des Dekorircns sind England und Frankreich gerade jezt Wiederaus einem Wege, der es uns besonders leicht macht, auf dem Markt zu erscheinen. Aber wir dürfen nicht etwa dabei denken, in fremden Länder« die Abnehmer für zweite und dritte Qua- lität zu finden. Ein Studium der Anforderungen des auswärtigen Marktes dürfte hier empfohlen werden, um mit Erfolg deutsches Porzellan zu exportiren. Freilich ist nicht außer Acht zu lassen, daß manches Absazgebiet, z. B. der Vereinigten Staaten von Amerika uns niehr und mehr durch eigenes Fabri- ziren verschlossen wird." Wir sehen, der Sachverständige Seelhorst ist genötigt, den Vorwurf der Unsolidität und Unreellität, welche leztere keines- wegs selten in direktem Betrüge gipfelt, fast überall zu wieder- holen, und zu diesem Vvnvurfe geselle» sich noch zwei andere, einmal der, die eine Art der Produktion halte mit den Zeit- bedürfnissen nicht überall da, wo es nötig sei, Schritt, und dann noch der, jedenfalls auf die gesammte deutsche Produktion aus- zudehnende, daß man bis jezt ein Studium der Ansorderun- geii des auswärtigen Marktes— und ich glaube mit vollster Berechtigung hinzufügen zu können: des heimischen Marktes nicht minder— versäumt habe. Und diese beiden lezteren Fehler sind Kardinalfehler, an denen die Industrie eines ganzen Landes sehr wohl zugrunde gehen kann.(Schluß folgt.> Siamesische Musikanten.(Illustration S. 501.) Jedes Volk hat sein besonderes musikalisches Gehör und bei fast alle» locht sich an der Ausbildung ihrer musikalischen Fähigkeiten der Grad ihrer Kultur- entwicklung erkennen. Wenn man die moderne europäische Musik in einen Vergleich stellt zu dem Schlachtgesang der Indianer oder Kaffern oder gar zu den Gesängen der Papuas und der Australneaer, so wird das einleuchtend sein, wenn auch die europäische Musik einen solchen Vergleich nicht verdient hat. Auch bei Völkern, die sonst eine ziemlich hohe Kulturstufe erreicht haben, liegt manchmal die Musik im Argen, wie z. B. bei den Chinesen, deren Konzerte bei dem Europäer einen ähnlichen Eindruck zu hinterlassen pflegen wie jene Ausführungen, die man bei uns als Kazenmusik bezeichnet. Die Munker, die unser Bild uns zeigt, sind Sianiesen. Die nicht grade anmutigen Physiognomie» sind etwas einnehmender als die typischen Gesichter der Chinesen, und die Instrumente zeigen eine gewisse Ausbildung, die noch auf weitere Ausbildung hoffen lägt. Von den vielen Musikinstrumenten des Orients ist keines so ver- breitet und auf den Fremden von so sonderbar angenehmer Wirkung, als das Gamelang. Tie Basis ist aus schwerem und hartem Holz, sehr oft aus Ebenholz gebaut, hat mehrere Fun im Durchmesser, woraus eine Anzahl von kreisförmig placirten Metallhohlkugeln oder Bronze- gejäffen besestigt, die wohl ganz hohl aber vollkommen geschloffen sind und niit Schlägeln geschlagen werden. Damit die Tonstufung erreich- bar sei, wird unten und an der Seite der Gesäsie so viel Damanvachs angeklebt, als eben zur Erlangung des betreffenden ToneS notwendig ist. So werden die 24, zuweilen auch 30 Gefäße, in 4—5 Oktaven und meist so korrekt gestimmt, daß selbst das Ohr des musikverstehenden Europäers nicht beleidigt wird. Das Gamclang wird als Soloinstru- ment wohl nirgends lienuzt, sondern in der Regel mit anderen In- strumenten kombinirt. Da das Gamelang auch in Cochinchina, Tonkin, Hüen, Gambodgia, auf der Halbinsel Malakka, aus Sumatra und Java verbreitet ist und allda daS Lieblingsinstrument bildet, so findet man es an verschiedenen Orten auch mit sehr verschiedenen anderen Jnstru- menten kombinirt. Wenn ein solches Gamelang, als kombinirte Musik, gut organisirt und gut eingeübt ist, wie man das bei den siamesischen Vornehmen und den javanischen Großwürdenträgern häufig antrifft, so bietet eS nicht nur einen eigentümlich reizenden Musikgcnuß, sondern auch einen ganz bemerkenswerten Anblick. Wenn die Orientalen die Schönheit und die Macht des Gnmelung dem Fremden zeigen wollen. so beginnen sie das Konzert in der Regel mit einem tiesmelancholischen Stücke; erst wird die Melodie von den Guitarren und Geigen gesuhrt, während das Gamelang in außerordentlich raschen Lausen die Beglei- tung besorgt, und die trommelartigen Instrumente den Bay dazu liefern. Gegen Ende deS Stücks wiederholt sich das Lied rn solchen Variationen, daß das Gamelang die Führung übernimmt, und dann wieder mit einigen kleinen Trommeln unisono die Melodie suhrt. Line solche Schlußvariation hat ein so rasend rasches Tempo und pflegt jo erregend zu wirken, daß man tätsächlich das Blut rascher zirkullren und sich wie zum Tanz aufgemuntert fühlen muß. Die Wirkung ist eine so außerordentliche, daß wer ein gutes Gamelang je gehört, diefe Musik wohl nie im Leben aus dem Gedächtnis wird wischen können, oenn noch nach vielen Jahren und so oft die Erinnerung daran wiederkehrt, wähnt das Ohr wie Sphärenklang wol immer»och die wunderbaren Zaubertöne zu vernehmen. siäÄ die sich seinen Blicken darbietet. Denn hinter dem alten und langsam anßer Gebrauch kommenden Lehrter Bahnhofe besiude» sich oie Räume, in denen die Allgemeine deutsche Ausstellung sur Hygiene und Rettungs- S.S. rrs srrÄ'i«s hinaus erstreckt, ist von den Gebäude» bedeckt, welche den Zwecken der Ausstellung dienen. Das Ganze macht einen großartigen Eindruck durch die Zahl sowohl der Gebäude und Anlagen, wie durch deren Ausführung. Zwei schöne und breite Treppen führen in die für die Ausstellung bestimmte Umsriedigung. die man als einen Garten bezeichnen könnte. Zwischen den Treppen ist eine lautrauschende Kaskade angebracht, die eine angenehme Kühlung verbreitet. Aus einem herrlichen Rasen, der von breiten Kieswegen und gcivundcnen Pfaden durchschnitten ist, er- heben sich die verschiedenen Baulichkeiten, von denen natürlich der eigentliche Ausstellungspalast die bedeutendste ist. Aber anßer diesem Palast sind noch eine Menge sehr schöner und interessanter Gebäude vorhanden, und zwar beziehen sich viele von ihnen nicht auf Aus- stellungszwecke selbst, sondern sind zur Etsrischung und zum Vergnügen der aus Rah und Fern zu taufenden herbeiströmenden Besucher eingerichtet. Berühmte Firmen Berlins haben hier Restaurationslokale eingerichtet, in denen so ziemlich alles zu haben ist, was die Hauptstadt an kulinarischen Genüssen in solchen Lokalen zu bieten pflegt. Daß die Preise besonders billig seien, könnte man nicht in allen Fällen sagen, allein das ist bei solchen Ausstellungen nicht ungewöhnlich. Unser Bild kann natürlich nur einen Teil der ganzen Ausstellung darstellen. Wir beginnen zunächst mit dem eigentlichen Ausstellungs- pnlaste, der sich als eine Art von Pavillon in modernster Form vor- stellt. Wenn wir ihn betreten und die massenhaft darin ausgestellten Produkte in Augenschein nehmen, so finden wir darunter vieles Neue. Es könnte auch scheinen, als ob Gegenstände zu dieser Ausstellung herangezogen seien, die über den eigentlichen Rahmen derselben hinaus- gehen. Allein es kann nur im Interesse der Gcsammtheit liegen, wenn der Rahmen einer solchen Ausstellung nicht zu eng gespannt wird. Im Ausstellungspalast, dessen Inneres reich mit Bildsänlen ge schmückt ist, finden wir die Ausstellungsgegenstände nach den einzelnen deutschen gcwerbe- und industricreicheu Städten eingeteilt, auS denen die einzelnen Produkte kommen. Wir sehen da alles, was die großen und kleineren Städte für die Pflege ihres Gesundheitswesens brauchen. Das geht von Gegenständen der großartigsten Anlagen, wie Waffer- Versorgung, bis zu Präparaten und Schriften auS dem Gebiete der Fleischschau; hier sind Modelle von Krankenhäusern und Pläne von Bcvölkerungsdichtigkeit u. s. w. Wir«kennen daraus, wie die Gesund- heitspflege in den einzelnen Städten vorgeschritten ist, und welche Mittel man gegen die der Gesundheit drohenden Gefahren gesunden hat. Sie bilden einen stattlichen Damm gegen diese Gesahren. Wir finden dann die mannichfachsten Gegenstände, die nicht zur allgemeinen Ausstellung der Städte gehören. Da sind in kaum abseh- barer Anzahl vertrete» die Gegenstände bezüglich Heizung und Lüftung, Wasserversorgung, Ventilation, Beleuchtung, Beseitigung der Abwasser, Wasserleitungen, Wassermesser, Filter, Pumpen; Gegenstände für Krankenpflege in reichster Auswahl, Bade- und Waschanstalten mit allen Neuerungen. Dann Modelle von Humanitätsanstalten, Armen- Häusern, Asylen für Obdachlose; Modelle von Wohnhäusern nach viel- fachen Mustern; Modelle von allerlei Heilanstalten; Gegenstände für Kindererziehung und Unterricht:c. je. Wir deuten hier nur das Notwendigste an, denn es ist nicht mög- (ich, auf unserem beschränkten Raum die Ausstellungsgegenstände auch nur nach Kategorien aufzuzählen. Wir erwähnen nur noch, daß ein- zelne Regierungen und Stadtverwaltungen sich sehr eifrig au der Aus- stellung beteiligt haben— das preußische Justizministerium hat ver- schiedene Modelle von Strafgefängnissen gesandt. Sehr interessant ist die Kollektivausstellung vom Berg- und Hüttenwesen seitens des preußischen Ministeriums der öffentlichen Arbeiten. Von den äußerst interessanten Gegenständen, welche sich in und an den Einzelgebäuden darbieten, envähnen wir zunächst das Normalwohnhaus, ein sehr präch- tiger und normaler Bau, allein es wird noch lange dauern, bis sich der Normalwohlstand so weit gehoben hat, daß jeder sich ein solches Hau? bauen oder mieten kann. Ferner bewundern wir den Pavillon für Leichenverbrennung von Friedrich Siemens, wo man die vollständige 516 und geruchlose Verbrennung von Tierleichen mit ansehen kann. Großartig ist die Menge von einzelnen Maschinen, die man in den ver- schiedenen Gebäuden in Funktion sehen kann. Die Gesellschaft Carne pura hat sich einen glänzenden Pavillon errichtet? desgleichen kann man eine vollständige berliner Volksküche in voller Tätigkeit sehen. Wir sehen einen meteorologischen Pavillon, ein Volksbad, verschiedene zur Krankenpflege eingerichtete Zelte, sodann den Pavillon des Reichs- gesundhcitSamls, der zwei vollständig ausgerüstete Laboratorien zur Untersuchung von Nahrungsmitteln enthält. Eine Abteilung für Feuer- wehr mit Steigerhaus ist vorhanden, und einen der interesiantesten Teile bildet ein vollständig eingerichtetes Steinkohlenbergwerk, in welchem die Bergarbeiter durch Wachsfiguren dargestellt sind, und das ganz regelmäßig befahren werden kann. So sehen wir in dieser Ausstellung wiederum einen Triumph der modernen Vervollkommnung der Produktionsinstrumente, und wir möchten jedem, der Gelegenheit hat, empfehlen, diese Ausstellung an- zusehen. Man wird staunen, wie weit die hygienische Kunst und Forschung schon vorgeschritten ist, und es macht einen beruhigenden Eindruck, zu wissen, daß dieselbe immer weiter vorschreiten und gegen Gefahren aller?lrt Schnz bieten wird. ül. So sind die Ehrgeizigen. Nachdem ihnen die Welt zu klein ge- wesen, scheint ihnen schon eine Hütte zu groß. Und sie belügen damit sich und andere, denn ein Häuschen und ein Acker ist noch lange nicht das Glück. Es scheint, als ob der Ehrgeiz den Menschen des Ver- ständnisses für gewisse Dinge beraube. Li. Tie Karschin, die bekannte deutsche Dichterin, hat dem„alten Friz" sehr gut gcantivortet, als er aus ihre Bitte um Unterstüzung in ihrer Not ihr— zwei Taler schickte. Sie sandte die zwei Taler zurück mit den bittern Versen: „Zwei Taler gibt kein großer König, Nein, dies Gcichenk vergrößert nicht mein Glück, Nein, es erniedrigt mich ein wenig, Drum send' ich es zurück!* Mit den medizinischen Kenntnissen der Karschin war es dagegen sehr schlecht bestellt. Sie schrieb einst an Gleim über ein Mittel gegen die Lungenschwindsucht und gab in ihrem Briese wörtlich folgendes an: „Ein IZjährigeS Mädchen hatte die Lungensucht in einem so hohen Grade, daß Professor Friz ihr das TodeSurtcil sprach. DaS Mädchen war ein Skelett, die Sprache wie das Zischen einer GanS, wenn jemand ihre Jungen gefährdet. Man ließ sie einen halben Monat im Garten wohnen? man brachte sie auss Land zur frischen freien Frühlingslust. Alles umsonst. Der Arzt reiste ihr nach und rief: Sie muß sterben. — Ein altes Landmütterchen lachte sromm über des Arztes Todes- urteil. ES nahm drei Quart Brannbier, tat es in einen neuen Tops nebst den abgestreiften Blättern von Lungcnkraut, für einen Groschen: für ebensoviel weißen Honig und eine Hand voll Wcizenklcie, deckte den Topf zu und ließ die Masse bis zur Hälfte einkochen. Als eS verkühlt war, läuterte sie es ab durch ein feines leinenes Tüchlein und füllte es in eine Flasche. Die Kranke trank davon, so oft sie Lust hatte, und ward gesund. Ihre Mutter rettete seitdem viele Lungensüchtige durch dieses einfache Tränkchen? ich selbst habe mir es kochen lassen und fühle herrliche Erleichterung. Ich bitte Sie, dieS Mittel allen armen Lungcnsüchtigcn zu empfehlen; es ist leicht, wohlseil und Hilst gewiß.* Also die Karschin. Wenn s i e schon es mit der Handlung der Lungensucht so leicht»ahm, welche Unsumme von Quacksalberei mag dann in der breiten Masse deS Volkes sich abgelagert haben. Wie unendlich weit sind wir doch gegen jene„gute alte Zeit* vorgeschritten! ___ Bl. Als Napoleon nach der Schlacht von Waterloo in den Tuilericn anlangte und schaudernd in den Abgrund hineinblickte, der sich vor ihm auftat, schickte ihm ein Kammerdiener seinen Kaffee durch einen Knabe». Ter besiegte Kaiser hatte den Kopf aus die Hände gestüzt und blieb unbeweglich. Das Kind sah ihn an. „Trinken Sie,* sagte der Knabe zu dem Kaiser,„es wird Ihnen gut tun!" „Ah,* sagte der Kaiser,„du bist von Äonesse? wo deine Eltern ein Häuschen haben und einige Morgen Feld!* „Ja!* „Das," seufzte Napoleon,„ist daS wahre Glück auf Erden." Aus allen Winkeln der Zeitliteratur. Tie Wirkung der kleinsten Kräfte in der Natur. Mehrere eng- tische Zeitungen berichten über folgendes Beispiel von ungeheurerJÖir fimg der Molekularkräste. Das mit Reis beladene italienische Schiff „FranciSka" hatte unlängst unweit London auf der Themse Waffer ge- faßt. Eine große Zahl Arbeiter wer sofort bereit, das Wasser auS- znpumpen, um die Ladung zu retten, allein die Säcke saugten, troz aller Raschheit, mit welcher man Hilfe brachte, nach und nach das Waffer ein, quollen aus, und zwar so stark, daß d. s Schiff wenige Tage später, durch daS Aufquellen der Ladung, in Stücke gesprengt wurde.— Dieser Vorgang, so unwahrscheinlich er auch scheinen mag, bietet sür den, der die Natur kennt, nichts UeberraschendeS. Man weih, wie Hannibal durch heißeS Wasser die Felsen der Alpen sprengte. Gefrierendes Wasser und auitanendes Eis wirken als Sreng- mittel. Füllt nian GlaSkügelchen mit Wasser und taucht sie in eine Kältemischung, so springen sie. Auch der Löschungsprozeß des Kalkes kann zum Sprengen benuzt werden, und richtig angewandt gibt Aez- kalk dem Dynamit nichts nach. Arnould, ein belgischer Ingenieur, kam vor etwa 10 Jahren auf den Gedanken, den Aezkalk zu die'em Zwecke zu verwenden. Gerade wie man die Patronen mit Schicßpulver füllt, so läßt er sie mit Aezkalk füllen. Die gefüllten Patronen werden in eine Reihe neben einander befindlicher Bohrlöcher geschoben und mittels einer gemeinsamen Röhre gleichzeitig mit Wasser besenchtet. Die Wir- I kirn............."'* iq ist so zu sagen blizartig und sofort fällt die zu sprengende Wand in Trümmer.— Die Grubenbcsizer Smith und Moore bringen dieses Verfahren in den Shipley-Werken bei Darby in Anwendung. Die Sprengung geht so leicht von statten, daß man 15—20 Tonnen in 25 Minuten loszuiprengen vermag und nvch eine Ersparnis macht, welche sich in deutschem Gcldc au? 40 Pfennige pro Tonne berechnet. Wir möchte» das Arnould'schc Verfahren, mit Rücksicht aus die durch Sprengen mit Schießpulver oder Dynamit so häufig hervorgerufene Entzündung der schlagenden Wetter, ganz besonders der Bc achtnng der Bergleute empfehlen. ia. Auflösung dt, NtbuS in Nr. 19: Wo sich Adler, raufen, haben die Krähen Festtag. mmmmmm Mit dieser Nummer schließt das III. Quartal des 8. Jahrganges der„Neuen Welt". Tie geehrten Post-«bonne-tc» werde» ersucht, die Bestellungen aus das IV. Quartal ungesäumt aufzugeben, damit keine Unterbrechung iu der Zustellung W Blutes eintritt.__ Tie expedition der„Neuen Welt." Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart. Redaktion- Fangelsbachstraße 32.- Expedition: Ludwigs�� Druck und«erlag von I. H. A. Diep in Stuttgart.