Erscheint alle 14 Tage in Heften ä 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Postämter zu beziehen. Vom Wcmme 6er Erkenntnis. Lvn K. I« ö e ck. XIV. Ter Herbstwind rüttelte an den Bäumen. Die leuchtenden Farben des Somniers waren verblaßt; eine sanfte Schwermut — die Poesie des Verfalls— lag über der Natur ausgegossen. Es war spät am Abend und Tora saß in ihrem Toiletten- zimmer vor dem Spiegel, der ihre glänzende Erscheinung voll zurückwarf. Vor wenige» Stunden erst war sie von einem Spazierritt heimgekehrt, den sie in Gesellschaft einiger Freunde des Hauses unternommen hatte. Sie war eine leidenschaftliche Reiterin und ihre Kühnheit und Nnerschrockcnhcit forderte die blasirten, jungen Lebemänner, aus denen sich der Verkehr in ihrem Hause zusammenseztc, zu lebhafter Bewunderung heraus. Sie hatte in aller Eile das Rcitkleid abgeworfen und sich»in- gekleidet. Nun lag sie nachlässig auf dem Diva» inmitten des Zimmers und ihre Hände zerpflückten achtlos die Rosen, die auf dem Tischchen vor ihr standen und mit ihrem berauschenden Duft die schöne Träumerin fast einschläferten. Sie wartete ans ihren Mann, der in seinem Zimmer die lezte Hand an seine Toilette legte. Ter Wagen, der die beide» zu einer Soiree im Hause eines auswärtigen Gesandten sichren sollte, wartete ihrer bereits vor der Haustür. Ungeduldig stampfte» die feurigen Tiere den Erdboden. Ter Kutscher sah verdrossen z» den �hell- krlcnchtctc» Fenstern hinauf nnd brnmmtc einen halblauten Fluch in seinen Bart, als eine Viertelstunde»ach der anderen dahin- ging, ohne daß er ans seiner abwartenden Stellung erlöst worden �üre. Hcllborf war nicht gewohnt, i» seinem Tun und Lassen m>f seine Untergebene» Rücksicht zu nehmen. Tora hatte ihre Toilette längst beendet. Ein weiches, gvld- durchwirktes Spizenkleid umschloß ihren Körper und ließ ihren Hals und die wundervoll geformten Schultern blendend hervor- treten. So oft sie die Augen aufschlug und ihr Blick ans ihr Spiegelbild fiel, das mit seinen goldigglänzenden Haaren nnd de» bei aller Regelmäßigkeit von einem warmen, lebensvollen Hauch durchglühten Zügen von berückender Schönheit war. ver- !nge» sich i(jre Lippen zu einem spöttischen Lächeln. Die leztcn Monate hatten sie wenig verändert. Vielleicht, 'vcn» man genauer hinsah, daß ein fremder, müder Zug um ihre Mundwinkel das Interesse noch erhöhte, welches die ungc- wöhnliche Erscheinung der schönen Frau einem jeden einflößte. Sie hatte in ihrer Versnnkenheit den leichten Wortwechsel über- ■ hört, der im Vorzimmer erklungen ivar. Nu» ließ ein Geräusch neben ihr sie zusammenfahren. Sie wandte sich um nnd eine glühende Röte schoß ihr in das Gesicht. Neben ihr stand Burg- Hardt, mit nmwölkter Stirn, einen finsteren Zug um die dunkeln, scharfblickenden Augen. Es war ihm nicht leicht geworden, das Hans des Mannes zu betreten, der einst seine Frau unglücklich gemacht. „Verzeihen Sic, gnädige Frau," sagte er, schneller als sonst seine Art war,„daß ich in dieser späte» Abendstunde unange- meldet bei Ihnen eintrete. Ich muß Sie bitten, mit mir zu kommen Mein Wagen steht vor der Tür. Hedwig ist krank und verlangt Sic zu sehen." Sie war so bestürzt, daß sie nicht gleich antworten konnte. Mechanisch ließ sie es geschehen, daß er sie in den Burnus hüllte, der auf dem Stuhle neben ihr lag und, ohne eine Antwort abzuwarten, ihren Arm nahm. Sic kam erst zu sich, als sie ihm gegenüber in dem Wagen saß, der mit rasender Schnellig- keit über das Pflaster rollte. Es fiel ihr ein. daß ihr Mann nicht wenig erstaunt sein werde, wenn der Diener ihm ihr plöz- lichcs Verschwinden melden würde. Im nächsten Augenblick dachte sie nicht mehr daran. Es war ihr imgrnnde genommen sehr gleichgültig, was er dazu sagen würde. Sie sah Burg- Hardt an, der ihr gegenüber saß nnd in die Nacht hinaussah, und ein brennendes Gefühl überkam sie. Wenn sie vergesse» könnte, was zwischen ihnen stand; wenn sie die Stimme des Gewissens verstummen machen könnte, die in ihrem Herzen für Lisbeth sprach nnd ihre Leidenschaft ausströmen würde in einem einzigen Worte, in diesem Augenblicke des Alleinseins mit dem geliebten Manne. Eine unwiderstehliche Lust wandelte sie an, ein Aeußerstes zu wagen— in ihren Schläfen hämmerte es und ihre Lippen brannten. Es war nicht ihre Schuld, ivenn es nun anders kam, als sie es sich gedacht hatte. Sie hatte ihn nicht wiedersehen wollen, von dem sie sich mit blutendem Herzen losgerissen. Und nun saß er an ihrer Seite, ohne daß sie ihn gerufen, ohne daß sie ihrem Gelübde untreu geworden (Schluß.) wäre. Das Schicksal selbst hatte es so gewollt— es hatte sie zusanimengesührt gegen ihren Willen. Wer durste sie verur- teilen, wenn sie nicht die Kraft gehabt, der Versuchung zu wider- stehen, die an sie herantrat, näher, verlockender als je. Mit einer leidenschaftlichen Bewegung hob sie in halber Bewußt- losigkcit beide Arme empor— ihre Lippen waren halb geöffnet wie die einer Verschmachtenden. Ta traf Burghardts Stimme ihr Lhr, enist und ruhig wie jederzeit, vielleicht, wenn man aufmerksam hinhörte, weicher, bewegter, als sie sonst klang. „Ich habe Ihnen noch nicht mitgeteilt, welches die Ursache von Hedwigs plözlicher Erkrankung ist. gnädige Frau," sagte er. „Es ist traurig genug, zumal fiir mich, der ich, obschon im beste» Glauben handelnd, einen Teil der Schuld trage.— Sie waren monatelang von Berlin entfernt und werden daher schwer- lich wissen, daß Richards Briefe seit vielen Wochen immer sel- teuer wurden, bis sie zulczt gänzlich ausblieben. Ich selbst erfuhr durch einen Zufall darum. Sie wissen ja, wie wenig mitteilsam Hedwig ist, wie sehr sie gewohnt ist, mit allem, was ihr widerfährt, allein fertig zu werden. Ich wurde sehr unruhig um Hedwigs willen. Wir wissen es alle, wie eng diese Liebe mit ihrem Leben verwachsen ist. Und Richard— ich kannte die Launenhaftigkeit, die Unbeständigkeit seines Karakters, aber ich hatte geglaubt, die Erfahrung, die er in diesem Frühjahr gemacht, wurde ihm eine ernste Lehre sein. Ich glaubte, daß es ihm in ernster Arbeit gelinge» würde, seinem Karakter den sittliche» Halt zu geben, der ihm so lange gefehlt. Man erlebt es ja oft genug, daß Erfahrungen einen Blenschen, in dem ei» edler Kern vorhanden ist läutern und vertiesen. Daß ich an diesen edlen Kern in Richards Brust geglaubt und im Ver- trauen darauf gehandelt habe, bereue ich nun tief, nun, wo es zu spät ist. Ich bin, ohne das Hedwig darum wußte, bei ihm in E. gewesen. Ich wollte klar sehen, aus die Gesahr hin, das Schlinimste zu erfahren. Er ist mir ausgewichen— ich habe ihn nicht zu sehen bekommen und mußte unverrichteter Dinge nach Hause zurückkehren. Das war vor wenigen Tagen. Hier angelangt, fand ich ein Schreiben von ihm vor. Er beklagte es tief, daß er sich durch ein Verlöbnis gebunden habe, wo er noch zu jung gewesen sei. um sich selbst zu kennen. Hedwig werde ihm verzeihen, wenn er sein Wort nicht einlöse.— „Ich war aufs Tiefste erschüttert und wußte mir nicht zu raten, wie ich dem armen Mädchen diese gransame Nachricht mitteilen sollte. So gingen einige Tage dahin. Heut Morgen wurde ich zu Hedwig gerufen. Die Wirtin hatte sie, besinnungs- los an der Erde liegend, gefunden und kam zu mir. nachdem sie selbst vergebens versucht hatte, das unglückliche Mädchen ins Leben zurückzurufe». Sie hat seitdem nur auf Augenblicke das Bewußtsein wiedererlangt. Welch' erschüttenide Gemütsbewegung das Unglück herbeigeführt hat, sollten wir bald erfahren. Am selben Morgen stand in der Zeitung die Anzeige von Richards Verlobung. Sie stand mit großgcdruckte» Lettern an der Spize der Familiennachrichten— seine Verlobung mit der einzigen Tochter eines seiner Vorgesczten. „Ich hatte bei meiner Anwesenheit in E. ähnliches gehört. Das Mädchen, ein verwöhntes Kind aus reichem Hause, sollte an Richard Gefallen gefunden und ihre Eltern bestürmt haben, ihre Wahl zu billigen. Nun ginge Richard schon seit Wochen in dem Hause seines zukünftigen Schwiegervaters aus und ein und nur äußere Rücksichten wären schuld daran, daß die Ver- lobnng einstweilen noch geheim gehalten werde.— Ich hatte es nicht glauben wollen, obwohl ich Richard kannte und wohl wußte, wie sehr er sich von den Eingebungen des Augenblicks leiten läßt und freniden Einflüssen zugänglich ist." Mit angehaltenem Atem hatte Tora seinen Worten gelauscht. „Und Hedwig?" fragte sie jezt und sah gespannt zu ihm auf. Sie Ivaren vor Hedwigs Wohnung angelangt. Burghardt hob seine Begleiterin aus dem Wagen. „Seien Sie stark, Tora," sagte er und drückte ihre Hand. „Es handelt sich hier um Schlimmeres als um den Tod."— Er fühlte, wie sie heftig zusammenschrak und legte den Arm um sie, um die Wankende zu stüzen. Dann geleitete er sie schweigend die Treppen hinauf. Vor der Tür von Hedwigs Zinimer mußte Tora einen Augenblick inne halten. Ihr war sehr weh zu Mute. Tann raffte sie sich ans und trat über die Schwelle. Burghardt war vorangegangen. Er halte sich über Hedwig gebengt, die mit geschlossenen Augen regungs- los dalag, und lauschte ihren Atemzügen. Dabei sah er so ernst und ruhig aus, daß seine Frau, die bei der Kranken zurück- geblieben war und ihren Mann inbrünstig herbeigesehnt hatte, aus seineni Anblick von neuem Mut und Hoffnung schöpfte. Tora war mit schwankenden Schritten näher getreten und hatte sich neben der Kranken niedergelassen. Lisbeth hatte ihr stumm die Hand gedrückt. Der Schmerz, der sie beide mit gleicher Ge- malt' getroffen hatte, ließ sie vergessen, was zwischen ihnen stand. Es war ein erschütternder Anblick— die schöne, reichge- schmiickte Frau, die aussah wie das Lebeu selbst, an der Seite des bleichen Mädchens, dessen Lippen der Tot bereits geküßt zu haben schien. Run schlug die Kranke plözlich die Augen aus und sah Tora forschend an. „Bist du es, Tora," sagte sie mit schwacher Stimme und ein matteS Lächeln schwebte um ihren Mund.—„Küsse mich — ich will schlafen gehen."————————— Wochen ivaren vergangen. Der Wind spielte mit den welken Blumen aufs Hedwigs Grab. Burghardt war auf der Straße mit Tora zusammengetroffen. Sie sah sehr bleich ans und ihre Augen blickten stolzer und weltverachtender als je aus das bunte Treiben in den Straßen und auf die Menschen, welche stehen blieben, um der schönen Frau bewundernd nachzusehen. Burg- Hardt war eine Strecke Wegs mit ihr gegangen. Er suhlte das tiefste Mitleid für das schöne Weib, das nun, seit Hedwigs Tode, einsamer und verlassener als je in der weiten Welt stand. Sie hatte nach seiner Frau gefragt.„Lisbeth spricht ost von Ihnen," hatte er geantwortet.„Sie sind uns keine Fremde mehr, seitdem Sie nach der Geburt unseres Knaben so freund- liehe, teilnehmende Worte an meine Frau gerichtet haben. Sie wissen nicht, was Sie ihr damit getan haben." Sic war unter seinen Blicken über und über errötet und hatte dem Gespräch eine andere Wendung gegeben. Als er sich dann mit einem srenndschaftlichen Händedruck von ihr verab- schiedet hatte und nachdenklich seinen Weg fortsezte, gesellte sich ein Bekannter zu ihm, ein wunderlicher Mensch, der alle Welt kannte und den ein boshafter Zufall einem just in den Weg zu führen pflegte, wenn nian seiner am wenigsten bedurste. Er hatte niit angesehen, wie Burghardt sich von Dora verabschiedete und ließ es sich nicht nehmen, seinem Begleiter, der einsilbig neben ihm hinschritt, von der schönen Frau zu erzählen, von der er mehr zu wissen behauptete, als andere sich träumen ließen. Er hatte erwartet, daß Burghardt ihn frage» würde, was er mit seinen Worten meine und war nicht wenig ent- täuscht, als jener schwieg und nur zerstreut niit dem Kopfe nickte. So hielt er es für geraten, seine Weisheit für sich zu behalten und Burghardt, der. wie er ihn heimlich im Verdacht hatte, seinen Worten keinen Glauben schenkte, mit einer geheimnisvolle» Anspielung zu entlaffen. um ihn für seinen Mangel an Ver- trauen empfindsam zu strafen. „Sie glauben mir nicht," sagte er und sah seinen Begleiter mit triumphirendem Lächeln an.„Nun— wir werden ja sehen, wer Recht behält. Ich sage Ihnen, mich wird es nicht über- raschen, wenn wir beide eines schönen Tages zu hören be- kommen: Eine unserer schönsten und geistreichsten Frauen, die Gattin eines der reichsten Männer der Residenz, hat sich auf einem Spazierritte den Hals gebrochen. Haben Sie die Frau je reiten gesehen? Nein— nun. Sie wissen, ich bin ein vor- sichtiger Mann, aber ich will verdammt sein mein lebenlang, gutzuheißen, was meine Frau tut, wenn ich je etwas Toll' kühneres gesehen habe. Sie scheint ihr Leben nicht sonderlich zu lieben, die schöne Frau! Und dabei immer heiter und schlage fertig und ohne eine Spur von Empfindlichkeit für die kleinen Schwächen ihres Mannes— die Frau ist ein Rätsel! 519 Der Freiheitskampf der Stedinger im 12. und 13. Jahrhundert. Von Dr. Ludwig Wraeutigam. Wenn wir die reiche Geschichte der so bewegten Vorzeit der Nordseemarschcn überschauen, so ist es besonders ein Ereignis, das uns mächtig ergreift: es ist der heldenmütige, unvergleichlich großartige Freiheitskampf der alten Stedinger. Wir bewundern die gewaltigen Kricgstatcn der Griechen und Römer, die Er- Hebung der Schweizer gegen ihre Unterdrücker; wir preisen das nicht minder heroische Ringen der Niederländer für ihre Selb- ständigkeit. Ein gleicher Heldensinn, eine gleiche Aufopferung des Lebens, eine gleiche Hingabe für das, was sie für ihre höchsten Güter hielten, zeige» sich auch bei dem schlichten Baumivolk der Stedinger. Tausende, auch aus dem Norden Deutschlands, wallfahrten jährlich zu den romantischen Ufern des weltbekannten Vicnvaldstättersecs, um alle die Orte zu schauen, die namentlich durch Schillers leztes Vermächtnis an seine Nation, durch seinen .Wilhelm Tell", verklärt worden sind. Denken wir an den Nordwesten Deutschlands! Wie viele fahren wohl jahraus, jahrein die Unterwcser hinunter, die garnicht ahnen, daß sie an einem blutgetränkten Schlachtfelde vorüberkoinmen, aus dem ein ganzes Volk den gemeinsamen Heldentod für die Freiheit starb und so eine der heldenhaftesten Taten vollbrachte, die uns nur je in den Annalen der Geschichte aufbewahrt sind. Ja, gewiß ist der Kamps der Stedinger das bedeutsamste und zu- gleich auch das.blutigste Blatt aus dem großen Ruhmcskranze" des freiheitliebenden Friescnstammes, und mit Recht sagt Her- mann Allmers, der liebenswürdige Dichter der Marschen: „Hätte der Stcdingerkricg einen würdigen Geschichtsschreiber gefunden, er wäre wert, ebenso in den Schulen gelehrt zu wer- den, wie die Kämpfe des Schweizervolkcs." Im folgenden soll nun das wichtigste dieses Hcldenkampfcs vorgeführt werden, wie es dargestellt wird in der Geschichte, in der Sage und in der Poesie. Alle geschichtlichen Darstellungen über die alten Stedinger werden nach den verschiedensten Seiten hin durch die gekrönte Preisschrift von Dr jur. H. A. Schuhmacher(dem jezigen Ministcn'esidenten in Lima) überragt. Diese bedeutende Schrift hat all die Irrtümer und Vorurteile beseitigt, welche in früheren Werken bezüglich der Stedinger verbreitet wurden. Zunächst einiges über das Land der Stedinger. Während das jezige Stedingerland das Gebiet zwischen der Ochtum und der Mündung der Hunte umfaßt, rechnete man zu dem alten 'i-tedingen des 13. Jahrhunderts noch andere Teile: nämlich das Land östlich der Weser, das heutige Ostscestade und einige Strecken östlich der Hunte, benannt Nieder- oder Nordstedingen, so daß der heutige Nest zwischen den angeführten Nebenflüssen der Weser das alte Ober- oder Südstedingcn ist. Einst lag dieses jezt so blühende Gebiet unter den Wellen des wilden Meeres, bis der Boden höher und höher stieg und sich Sümpfe und Moore bildeten. Aber noch lange blieben die Ilser der Untcrweser in unbebautem Zustande, und erst im 12. Jahrhundert, in derselben Zeit, in der die nächsten Gebiete um Bremen bebaut wurden, geschah die allmäliche Eindeichung und Kultivirung der Wesermarschen. Schon im Anfange des 13. Jahrhunderts ist Stedingcn in blühendes Kulturland um- gewandelt. Was die Abstammung des Stedingervolkes anbetrifft, so ist zu bemerken, daß es die verschiedensten benachbarten Stämme waren, die ihre Angehörigen an die Ufer der Weser schickten; und so müssen wir die Stedinger des 13. Jahrhunderts als nn buntes Mischvolk erklären, das aber in seinen Gliedern durch gleiche Interessen verbunden wurde. Friesen, Holländer, Ungern, Sachsen, Westfalen und andere hatten sich hier zu- mmmengefunden. Frei wohnten sie aus ihrem Grund und �ooden, und mäßig war der Zins, den sie an den Oberherrn Gebiets, an den Erzbischof von Bremen zahlten. Wenn de überall in dieser Zeit des Mittelalters der Bauernstand unter dem steigenden Drucke des Adels und der Kirche schwächer, untüchtiger und roher wurde und sein mühevoll erarbeitetes Brod in Schimpf und Kummer essen mußte, so konnten die Stedinger gleich den freien Bewohnern der llfer des Vierwald- stättersees das sagen, was Schiller dem Stauffacher bei Ge- legenheit der Rütliszene in den Mund legt: Die niidenl Völker tragen fremdes Joch, Sie haben sich dem Sieger unterworfen. Doch wir— wir haben stets die Freiheit uns bewahrt, Nicht unter Fürsten bogen wir das Knie. Mau stellt wohl sonst die Behauptung auf, daß besonders die Gebirgsvölker eine große Freiheitslicbe, eine unendliche An- hänglichkeit an die Heimat bekunden. Richtiger müßte es wohl heißen, daß sich diese Eigenschaften in hohem Maße bei den Stämmen vorzugsweise vorfinden, die sich selbst ihren Boden erschaffen und begründet haben. Dies beweisen vor allem die Niederländer, die Schweizer, Ng Friesen und auch die Ste- dinger. Die Männer, die durch ihrer Hände Fleiß die düstcru Moore und Sümpfe zu einem„schönen Siz für Menschen" unigewandelt, die den wüteiideii Elementen Troz boten, die vielleicht schon manchmal sogar mit ihren eigenen Leibern den Deich geschüzt bei Hochflute», die kühn dem Tode ins Auge schauten, die beugten sich nicht unter fremde Geivalt, die trugen als freie Männer die wuchtigen Waffen so gut als die stolzen Ritter der Umgegend, die sczten auch gegen äußere Feinde ihr Leben ein für Hans und Herd, für Weib und Kind. Wer störte nun die Ruhe dieses stillen und friedlichen Volkes? Es waren die Feinde, die damals überall ihre Herrschsucht offen- barten: die Priester und die Adligen, denen jede Freiheit des Volkes ein Dorn im Auge war. „Ich will nicht, daß der Bauer Häuser baue Auf seine eigne Hand und also frei Hinleb' als ob er Herr wär in dein Lande: Ich wcrd mich unterstehn, euch das zu wehren." Der Sinn dieser Worte Gcßlers, die er dem freien Stauffacher zurief, ivandte sich auch gegen die Stedinger. Ein langer Streit entbrannte, ans dem ich hier nur das wichtigste erwähnen kann. Ungefähr um das Jahr 1159 beschlossen die Stedinger am Brookdeich, die Burgen, die von den vldcnburger Grafen an ihren Grenzen angelegt waren, zu zerstören. Wenn sie rings umgeben waren von beutelustigen adligen Geschlechtern, so hielten sie doch treu zusammen und wehrten sich tapfer. Es kam nun in jener Zeit der unselige Kampf zwischen Welsen und Hohen- stauscn, jener Kampf, über den der berühmteste Minnesänger, Walter von der Vogelweidc klagt: Weh dir, du deutsches Land, Daß alle Ordnung schwand. Der Pabst, der sich in die deutschen Angelegenheiten mischte, bannte„wen er wollte." Selbst der brcmer Kirchenfürst Wal- demar, der Obcrherr der Stedinger, wurde exkommunizirt. Auch der Kaiser Otto IV. verfiel endlich 1210 dem Banne. Wer wollte es da den Bauern Stedingens verdenken, wenn sie in dieser Zeit der Verwirrung nur an sich dachten und schließlich eine kirchliche und weltliche Oberherrschaft gar nicht mehr an- erkannten. Aber dabei nahmen sie doch in frommem Eifer au dem Kreuzzuge Friedrichs II. teil, welcher Kaiser sie später wegen ihrer Taten für den deutschen Ritterorden belobt. Ein bremer Erzbischof ist es nun gewesen, der die Stedinger vernichtete. Es war Gerhard IL, der aus dem Geschlcchte der Grafen von Lippe stammte und der unstreitig zu den hervor- raaendsten Würdenträgern gehört, die je im brcnier Erzbistum qcherrscht haben. Als entschiedenem Anhänger der Lehren emes Gregor VII. und Innozenz III., der zufolge der Kirche auch alle weltliche Macht gehöre, war es ihm etwas Unerhörtes, daß dicht vor seiner Hauptstadt ein Bvlk van Bauern saß, welches frei war van den Banden des Lehnswesens. Als er ans gilt- lichem Wege von den Stedingern keine Abgaben erlangte, warf er dem zähen, unerschrockenen Gegner den Fehdehandschuh hin. Aber wie sollte er sich in den kampfbereiten Bauern täuschen! Ebenso wie später die Blute der österreichischen Ritterschaft in der Schlacht bei Sempach von einem Bancrnhnnsen der Schweizer dahingemäht wurde, ebenso erlag das ritterliche Heer, welches Gerhard II. aufgeboten hatte, den Stedingern in der Schlacht am Himmelskamp(1229), in welcher auch der Bruder des Erz- bischofs, der Graf von Lippe, erschlagen wurde. Ta griff der starrsinnige Bischof zu einem Mittel, das schon anderwärts seine guten Dienste getan: er versuchte die Stedinger als Äezer zu brandmarken. Wußte er doch, lvelche Bedeutung solche Anklage hatte! Wider die Kezer waren ja alle Mittel, selbst der Mord, . erlaubt. Und hatte man nicht schon ganze Landschaften, so die Provence, ans diese Weise der Kirche wiedergewonnen? Einer- seits galten die Stedinger im Auge der Kirche schon, weil sie ungehorsam waren, indem sie die Abgaben, den Zehnten, vcr- weigerten, als Kezer; andrerseits war es nicht schwer, wirkliche Irrlehren bei ihnen zu entdecken. Herrschen nicht noch heute allerwärts bei dem Landvolke Ueberrcste des alten heidnischen Aberglaubens? Wieviel mehr war das damals der Fall! So auch bei den Stedingern. Nach mancherlei Unterhandlungen, bei welchen die harmlosen Stedinger der größten Greueltaten beschuldigt wurden, erteilte der Pabst Gregor IX. die Vollmachten zur Kreuzpredigt gegen die kezerischen Bauern der Unterweser, die allerdings die meisten der anmaßenden und unsittlichen Priester vertrieben hatten. Jezt wütete in Teutschland der furchtbare Inquisitor Konrad von Marburg, der gegen die Friesen das Kreuz predigte. lieber die Stedinger wurde der Bann ausgesprochen, und selbst der große Hohenstaufe, der Feind des Pabsttums, der, wie schon erwähnt, die Frömmigkeit der Stedinger selbst bezeugt hatte, selbst er fügte sich der Kirche und verhängte über das Land die Acht. Was die beiden Strasmittel Bann und Acht damals bedeuteten, ist bekannt. Aber obwohl sich so drohende Gewitterwolken zu- sammcnzogcn, so zagten die kühnen Stedinger doch nicht. „Lieber tot sein, als Sklav," dieser alte Wahlspruch der Friesen schallte jezt laut durch ihre sonst stillen Dörfer. Ihre Grenzen waren tvohl verwahrt. Im Norden und Westen wurden sie geschüzt durch Sümpfe nud Bioore, im Osten durch die Weser. Im Süden hatten sie Schanzen errichtet und der wichtige Paß bei Hasbergen war wohl verwahrt. Mit fanatischem Eifer hatten die Dominikaner, die Traban- tcn der Kirche, in Norddentschland den Krcuzzng gepredigt. Der Erfolg war ein großer. Im Frühling 1233 strömten aus vielen Gauen Ritter und Knappen in Bremen zusammen, um vo» hier aus zunächst Oststcdingen zu züchtigen, in dem auch bald ein furchtbares Gericht gehalten wurde. Aber immer noch wohnte der Kern der stedingischcu Bevölkerung in Wcststcdingen sicher hinter seinen Deichen. Ta ersann Gerhard II. einen teuflischen Plan. Er wollte die schüzcndcn Teiche öffnen lassen, um Not und Tod über die Bauern zu bringen. Aber auch jezt waren die Bewohner Weststcdingens auf ihrer Hut, und die feindlichen Schiffe, welche dies schreckliche Werk ausführen sollten, mußten im Herbst 1233 unverrichtetcr Sache umkehren. Run aber rüstete sich im Frühling 1234 alles zur Vernichtung des Helden- wütigen Volkes. Viele stolze Geschlechter waren ini Kreuzheere vertreten: die von Cleve, von Holland, von Brabant, von Geldern, von Berg-Altena. Es begann die Todesschlacht der Stedinger. Der Morgen des 27. Mai 1234 brach an. Während die Ritter auf dem linken Wescrufcr vorrückten, begleiteten die Schiffe den Zug des Heeres. Tie südlichen Verschanzungen an der Ochtum ließ man unbeachtet, selbst den wichtigsten Zugang zu ihrem Lande, den hasberger Paß. Altenesch gegenüber wurde die Ochtum überbrückt. Ans dem Blachfeldc standen mehrere tausend der rüstigen Bauern, dicht geschaart und wohl geordnet, unter der Führung dreier Helden, deren Namen uns L-.- überliefert sind; sie hießen: Bolke von Bardenflot�), Tammo von Huntdorf und Detmar von Dicke. Fest entschloffen, mit klarem Bewußtsein gingen sie für ihre Heimat in die Eni- schcidungsschlacht, die nur Sieg oder Tod bringen konnte. Man hat früher immer die Zahl der Streiter zu hoch geschäzt. Es ist jezt erwiesen, daß ungefähr 3000 Bauern 10000 Feinden gegenüberstanden, wohlbewaffneten und kriegsgeübten Feinden, die von ritterlichen Männern angeführt und von der Klerisei aufgestachelt wurden. Das ist eben der unsterbliche Ruhm der Stedinger, daß sie angesichts einer solchen Macht nicht zagten. Als das Krcuzhcer angriff, begann die Geistlichkeit in der Ferne jenes alte Klage- lied zu singen:„Mitten wir im Leben sind vom Tod umfangen." Stürmisch drang der Graf von Holland vor; aber die Stedinger wichen nicht.„Wie wütende Hunde" erschienen sie den Kreuz- trägem. Immer wilder wurde das Streiten, immer lauter der Gesang der Mönche und das Kampfgeschrci der Stedinger. Mancher Ritter sinkt zu Boden; auch Gras Heinrich von Olden- bürg wird erschlagen. Aber allmälich breiten sich die Schaaren des Kreuzheeres aus, und als Graf Dietrich von Cleve mit frischer Mannschaft ansprengte, erlahmte die Verteidigung der Bauern. An diesem blutigen Tage wurden die Stedinger nach heldenmütigster Gcgenivehr, an der auch Frauen teilnahmen. von der Ilebermacht vernichtet. Nur wenige retteten sich ans geheimen Wegen in die Sümpfe oder nordwärts über die Hunte. „Aldus namen du stedinge eren ende", heißt es unter einem alten einfachen Bilde, das den Kampf bei Altenesch andeutet. Wie sehr man diese Bluttat seitens der Kirche pries, sieht man daraus, daß bis ins 16. Jahrhundert hinein in Bremen zu Ehren der heiligen Jungfrau„eine große Gedenkfeier" an de» Sieg über die Stedinger gehalten wurde. Das Land Stcdingcn verfiel dem Sieger, der es nach Willkür unter seine Getreuen verteilte. Dies sind die Hauptpunkte, die die Geschichtsforschung von dem heroischen Kampfe zu berichten weiß, der auch von der Sage mannichfach umwoben worden ist. Am bekanntesten ist die Sage vom„Beichtgroschen". H. Allmers läßt in seinem Fragment ans einem unvollendeten Epos:„Tie Stedinger", Detmar von Dicke sagen: „Hört mi to, Grad ists twe Jahr nn, als min Fro Dat hiU'gc Abendmahl wull nehmen, lln als de dicke Pap') ut Bremen, Ii weten et All, de gierige Hund, Ehe das Bichtgeld stck in den Mund, Wat ehm gewis; to wenig wer, De Papen de wollt ummer mehr. Dat makede nu ehr Hart so swar, Sc teeni to mi un Weende gar, Se schmcet sik dal»), se wrung de Hann3), Se recp: O wat'n Schimp un Schaan! Aber ick seg to min Fro: Sy doch man still un ween nich so! Ten Papen schall de Düwel Halen, Ick will selber hen un ehm betalen. Gcseggt, gedahn. De Pap de seet Grad achtem') vulleu Tisch un sreet, Ick segg nicks anners as: du Hund! Gen Slag, da leg ho an den Grund; Grad in de DunnjeS) har ick drapen, Nu kann de Kerl to Middag slapen.— Als nun der Erzbischof von Bremen die Auslieferung des Priestermörders verlangte, gab man ihm höhnisch die Antwort, daß jeder von ihnen so wie jener gehandelt hätte.— Eine andere Sage überliefert, daß ein Verräter während der Schlacht von Altenesch deni Feinde einen verborgenen Weg durch das Moor gezeigt habe, so daß die Kreuzfahrer den Stedingern in den Rücken kommen konnten. *) Die Nachkommen dieses Helden leben heutzutage noch in Ste- dingen. Auf einer Fußtour durch das Land lernte ich vor kurzem einen Gymnasiasten kennen, der sein Geschlecht direkt auf Bolke von Bardenflot zurückleitet. ') Pfaffe. 2) Sie wars sich zu Boden. 3) Sie rang die Hände. ') hinter. 5) Schläfe. 522 Ergreifend ist die Sage vom„echten Priester", der am Vorabende der Schlacht zu den Geächteten gekonimen sei, um all die kirchlichen Handlungen, die sie so lange entbehrten, noch vorzunehmen und dann mit ihnen zu sterben. In der alten Kirche von Berne habe noch ein lezter Gottesdienst stattgefunden. In wahrhaft erschütternder Weise zeigt sich auch an der Geschichte der Stedinger die Wahrheit, daß die Weltgeschichte das Weltgericht sei, und zwar in dem Sinne, daß die Wahr- heit, die Gerechtigkeit doch endlich in Hellem, glänzenden Lichte strahlen, wenn sie auch noch so lange, ja Jahrhunderte, vcr- dunkelt worden sind. Die Mitwelt und noch viele andere Geschlechter zollten Gerhard IL, dem Vernichter eines ganzen Volkes, den Tribut falscher Ehren und feierten ihn als den Wicdcrhcrstcllcr des Glaubens. Die späte Nachwelt aber hat seinen Namen vor dem Richterstnhle der Wahrheit und Gcrech- tigkcit gcbrandmarkt und die Ermordeten mit unvergänglichen Lorbeeren geschmückt. 1834, also 600 Jahre nach der Todes- schlacht bei Altenesch, errichtete man zum Andenken an jenen blutigen Tag zwischen dem genannten Orte und Ochtum ein schlichtes Denkmal, das an der Vorderseite die Inschrift trägt: „Den im Kampfe für Freiheit und Glauben auf diesem Schlachtfelde gefallenen Stedinger»." An der rechten Seite steht: „Am 27. Mai 1234 unterlag den mächtigen Feinden das tapfere Volk." Links: „Volke von Bardenflot, Tamms von Huntorp, Dctmar tom Dyk fielen als Führer mit ihren Brüdern." Die Rückseite zeigt die Worte: „Am Jahrestage der Schlacht 1834 geweiht von späten Nachkommen." Alte Chronisten, wie der Abt Emmo von Wcrum in Fries- land, einer der ersten, der die Geschichte der Stedinger bc- handelt, nennen sie die Ungehorsamen, die Gözendicncr, die Kezer, und stellen sie auf eine Stufe mit den Sarazenen. Und wie ist es heute? Hermann Allmcrs widmet ihnen in seinem berühmten Marschenbuchc ein begeisterndes Kapitel und verfaßte auch das schon oben erwähnte„Fragment ans einem unvollendeten Epos: die Stedinger," in denen er zunächst schildert, wie des Kaisers Acht und der Kirche Bann auf dem Stedingerlandc lasteten, ivie die Mannen desselben in der alten Kirche zu Berne zu- sammeukommen, um sich zu beraten und zu bereiten für die nahenden schweren Zeiten. Sie erwählen als„vernünftigen Olen", der Ordnung hält in der Versammlung, den greisen Bolke von Bardenflot, der sich sehr leicht mit dem Walther Fürst der Schweizer vergleichen läßt. Ein zweiter, der Stauf- sacher der Stedinger, der Sprecher der Gemeinde, tritt dann aus und erzählt von seinem Priestermvrde und fordert seine Landsleute auf, ein Bündnis gegen den Erzbischof zu schließen. Er schließt mit den Worten:. „Int Norden nn Süden, all wi Friscn, Wi moten nu den Bischop wisen, Dat wi utstat Mann for Mann, Denn dat geiht all de Frisen an Binnen im Lande oder buten')> Wi moten cn groiet Bundiiis fluten, Wi mögen wohnen an de Weserkant Oder ok in Wangerland�); Nustringer un Brvckmer alltomal, Würder un Wurster noch so wit henbal3), ') Draußen. 2) weist hin auf die friesischen Länder und Stämme. o) noch so weit hinaus. Wat wi vk hebbcn möge» sor Namen, Alle wi moten holen tosammen: Wi sund en Volk, wi sund en Blod, linse Freheit is unse beste Got, Un lat wi uns de Freheit roben, Is alleS fort; dat is min Globen." Da rief ihm alles jubelnd zu: „So mot es syn! ja Recht hast du! Wi moten den Bischop lehren un wise», Dat wi noch sund de olen Frisen. Is niise Freheit sort, is Alles fort: Lcwcr dod as Sklav, dat is unse Wort!" Hermann Böget, ein breiner Dichter, und Gottfried Kinkel behandelten diesen tragischen Stoff aus der Geschichte der Sie- diiigcr dramatisch. Allerdings sind diese Poesien kanni in weitern Kreisen bekannt geworden, und der lczterc Dichter schien es, ivie ans einer Zuschrift aus den lczten Jahren an mich her- vorging, gar nicht gern zu sehen, wenn man auf sein nur als Manuskript gedrucktes dramatisches Erstlingswerk zurückkam. Vor zwanzig Jahren sang Arnold Schlvnbach ein vaterländisches Epos über den Freiheitskampf der Stedinger, das von der höchsten Begeisterung für des gewaltigen Stoffes„ursprüngliche Elementarkraft" durchglüht ist und nicht blos den Kampf in ergreifender Weise verherrlicht, sondern auch in trefflichen Bit- dcni das Leben und Treiben in den schönen Marschen schildert. Der Vorgesang zu dem Epos bciveist ani besten, wie der Dichter von der Großtat der„königlichen Bauern" hingerissen ist. Schlönbach schließt seine Gesänge mit dem herrlichen Nachrufe: Also sankst du, Volk der Bauern, Dessen Herz der Freiheit Tempel!— Also sankst du, doch als ew'geS Und als leuchtendes Exempel! Wurdest selbst du auch gemordet— Deine Freiheit ward es nicht! lind sie stieg von deinem Grabe Wie ein Herold auf zum Licht. Wie ein Herold neuer Zeiten, Ewig hcilgen Menschenrechts; Zu durchzünden mit Begeistnmg Jünger kommenden Geschlechts!— Die neueste Verherrlichung der freiheitliebenden Bauern gab vor wenigen Jahren der detmolder Dichter T h. P i d e r i t in seinem Trauerspiel:„Die Stedinger", das seinerzeit auch auf der sogenannten Novitätenbühne in Berlin anfgesührt wurde, sich aber keines durchschlagenden Erfolges erfreute, obgleich es reich ist an packenden Szenen und tvahren dichterischen Schön- heften, auf die wir hier nicht näher eingehen können. Es sei hier nur noch der ergreifende Schluß der Tragödie erwähnt, wie der sterbende heldenhafte Banernanführer, Bolke von Bar- denflot, nach der Veniichtungsschlacht bei Altenesch von seiner Schwester, die sich dann selbst tötet, scheidet: „Else,— wie hat sich meine Seele danach gesehnt, Dich noch einnial zu sehn,— ehe ich sterbe!— Unser Volk ist vernichtet,— Gott hat es so gewollt! Aber wir haben nicht umsonst gekämpft,— denn die blutige Saat der Freiheit wird aufgehen früher oder später! Einst schwindet die finstre Nacht im Morgenrote einer bessern Zeit, und wenn dann die Sonne des Friedens leuchtet über allen deutschen Landen, dann wird man auch der stedinger Männer gedenken,— der Männer, die lieber sterben wollten, als sich der Knechtschaft beugen!(zurücksinkend:) Ter Tod.— der Tod macht uns frei!"— Im großen Deutschland ist von dem hochherzigen Unter- gange der Stedinger verhältnismäßig wenig bekannt. Möchte ihnen einst ein Schiller erstehen, der nnserm Volke ihr hohes Lied singt. 623- Der BeKämpfer des Von Dr. SSoco von Verulam, der cnglische Philosoph und Stoats- mann, ist neuerdings wieder dein literarischen Interesse näher gerückt, indem eine Mrs. Pott die sog. Baco-Hypotese wieder anfgewärint hat, wonach der Verfasser der Shakspearschen Dramen eigentlich Baco gewesen sein und der Schauspieler Shakspeare nur den Namen dazu hergegeben haben soll. Die Belege, worauf Mrs. Pott sich stüzt, haben zwar nicht der- mocht, uns in dieser Teorie etwas anderes als einen Irrtum sehen zu lassen. Doch ergreifen wir die Sache als einen will- kommenen Anlaß, unsere Leser mit dem Manne näher bekannt zu machen, der nicht nur zu den größten Denkern aller Zeiten gehört, sondern als Begründer der induktiven Metode zum Re- formator der Wissenschaft geworden ist. Wenn man das Tenipo, welches der Fortschritt der Wissen- schaft seit dem 16. Jahrhundert eingeschlagen hat. mit dem früheren vergleicht, so zeigt sich ein Gegensaz wie zwischen Presto und Largo in der Musik, oder zwischen der Geschwindigkeit eines Eisenbahnzugs und einer Postkutsche krähwinkler Angedenkens. Der Schlüssel dieser rätselhaften Erscheinung ist mit dem ein- zigen Wort Autorität gegeben. Im Mittelalter lag der Gc- danke in den Banden des Autoritätsglaubens, der ihm Hand und Fuß wie mit ehernen Ketten fesselte. Die Lehrsäze und Behauptungen früherer Autoritäten galten als uunmstößlichc Wahrheiten, an denen nicht gerüttelt werden, keine Kritik geübt werden durfte. Nur innerhalb dieser Grenze konnte der for- schende Geist sich bewegen und da unter den Lehren jener Autoritäten Irrtümer genug vorhanden waren, so war es natür- lich, daß die Wissenschaft nicht vom Fleck kommen konnte und einer Pflanze glich, der ein schädliches Insekt die besten Säfte entzieht. Mit dem 16. Jahrhundert wurde das anders. Die Wissenschast wurde von dem Alp der Autorität, der Jahr- hunderte lang auf ihr lastete, befreit, der Autoritätsglaube wurde nicht blos von einzelnen kühnen Geistern durchbrochen. sondern im Prinzip erschüttert und verneint, der Gedanke konnte frei aufatmen, sich frei bewegen und nun sehen wir ihn erblühen, erstarken, emporwachsen und wie einen Herkules, der seine Bande gesprengt hat, erstaunliche Taten vollbringe». Zwei Autoritäten waren es vorzugsweise, welche ehedem den Geist lähmten und den Fortschritt der Wissenschaft hemmten: der Kirchenglaube und Aristoteles. Jener nötigte der Wissenschaft eine mptologische Weltanschauung als unantastbares Fundament auf. erklärte die auf Schein und oberflächlichen Bc- trachtungen beruhenden Irrtümer früherer Kulturepochen als ewige Wahrheiten, ließ die Luftgcbilde einer poetischen Phan- tasie zu Dogmen erstarren, in Natur und Menschenleben allen- halben magische Kräfte spuken und betrachtete den Zweifel an überlieferten Lehren und Meinungen als Frevel, der mit den schwersten Strafen geahndet wurde. Der Glaube galt der Religio» tollcrweise als Kardinaltugend � je absurder eine Lehre war, desto verdienstlicher war es, sie zu glauben. Credo quia absurdum*) lautete ihre Devise, im Gegensaz zur Vernunft, welche im unbefangenen, vorurteilslosen Prüfen den richtigen Weg zur Ermittlung der Wahrheit erblickt. Diese blindgläubige Geistesrichtung machte ihren unheilvollen Einfluß auch auf wissen- schastlichcm Boden geltend und es war vor allem der Weise von Stagira, Aristoteles, dessen Schriften(soweit sie nicht mit dem Kirchenglauben disserirten) als infallibel angesehen wurden. � So fest als das ganze Mittelalter am Rittergeist, am Pacht- und Mönchsgeist und Glauben hing, schreibt Weber, so fest hing es auch am aristotelisch gelehrten Zunftdespotismus, der (o gut als Airchen- und Staatsdespotismus die Freiheit NNL Eigentümlichkeit des Menschen in den Zauberkreis lächerlicher Systeme bannte. Der gesunde Menschenverstand lag in den *) Ich glaubö, weil es absurd ist. Autoritätsglnuktng. avb Ernst. Fesseln der(aristotelischen) Logik*) und diese Logiker oder Scholastiker sahen so hoch herab auf die gesunde Vernunft als die Hochwürdigen von der Höhe ihres Kirchenglaubcns auf die Laien von natürlicher Denkkraft oder der Ritter von seiner Burg auf die leibeigene Sklavenheerde. Aristoteles ivar der unfehlbare Pabst der Wissenschast und ihm durfte ebenso wenig widersprochen werden, als der Bibel, ein Zweifel an seinen Lehren war lächerliche Ber- messenheit. Ein Genie wie Aristoteles, glaubte man damals, konnte unmöglich irren, und wenn ein noch so kleiner Baustein aus dem Gcsüge seiner Lehren genommen würde, müßte der ganze Bau der Wissenschaft in Trümmer gehen. Hierzu gesellte sich noch der Trugschluß, daß Lehren, die viele Jahrhunderte unangefochten blieben, auch unanfechtbar seien, indem die Zeit ihre Echtheit erprobt habe. Auch war danials der Fortschritt. die Entwicklung, ein unbekannter Begriff. Man wußte nicht, daß der Menschengeist nur allmählich zur Wahrheit vordringen kann, der Urwald der Erkenntnis von Generation zu Generation mehr und mehr gelichtet wird und daß der Gedanke häufig erst nach mand)erlei Abirrungen in vielfach verschlungene Abwege aus dem Dickicht des Irrtums zur Klarheit sich emporringt. Vielmehr übertrug sich die Ueberschäzung des Altertums vom religiösen auch auf das profane Gebiet. Wie auf jenem die vergangenen Zeiten erleuchteter sein sollten, weil sie der Offen- barung näher standen, so glaubte man überhaupt, daß im Alter- tum die Quellen der Erkenntnis reichlich geflossen seien, während sie später versiegten; daß die Nachwelt verurteilt sei, von den Brosamen zu leben, die von der reichen Tafel des Altertums abfielen. Im Reiche der Wissenschaft führte Aristoteles die Diktatur. Seine Lehren wurden wie Dogmen, wie delphische Orakel auf- genommen. Niemand fiel es ein, die kritische Sonde an die- selbe zu legen, oder dessen naturwissenschaftliche Ansichten durch Experimente zu kontroliren. Das Experimentircn erschien der damaligen Gelehrsamkeit überhaupt als der Wissenschaft un- würdig. Der Geist hatte eine so hohe Meinung von sich, daß er glaubte, die ganze Erscheinungswelt aus sich selbst heraus konstruircn zu können, und wenn zufällig einmal die Erfahrung mit der Gelehrsamkeit kollidirte, so tat mau lieber jener Ge- walt an, als daß man Vorstellungen, welche den vorgefaßten Ideen der Spekulation entsprangen, korrigirtc. Wie sehr diese Richtung noch in späterer Zeit vorherrschte, zeigt folgende vcr- bürgte Anekdote. Ein gelehrter König von Portugal, Alfons, schrieb einen hohen Preis aus auf die Lösung der Frage: „Woher rührt es, daß ein Eimer Wasser, in welchem ei» lebendiger Fisch herumschwimmt, nicht mehr wiegt, als ein Eimer Wasser, in dem kein Fisch sich befindet?" Hunderte von Ge- lehrten sendeten Erklärungen ein; nicht einem aber fiel es ein, vorher das Experiment zu machen. Wäre dies geschehen, so hätte es sich herausgestellt, daß der eine Eimer ebensoviel mehr wiegt, als das Gewicht des Fisches ausmacht. Die Herren waren auf den Leim gegangen und Alfons lachte. Galileo Galilei war der erste, der es wagte, an Aristoteles zum Kezer zu iverden. Zwei Jahrtausende hatte der von Aristoteles aufgestellte Saz gegolten, daß, wenn zwei Steine von verschiedener Größe gleichzeitig von einer Höhe herab- geworfen werden, der größere eher zur Erde kommt. Das *) Mein treuer Freund, ich rat euch drum Zuerst Collegium logicura. Da wird der Geist euch wohl dressirt, In spanische Stiefel cingeschnüt je. Wer will was Lebendiges erkennen und beschreiben, Sucht erst den Geist herauszutreiben, Dann hat er die Teile in seiner Hand, Fehlt eben nur das geistige Band k. spottet Goethe im Faust. wollen wir dvch erst einmal untersuchen! rief Galilei, stieg auf den schiefen Turm zu Pisa und warf vor Zeugen Steine von verschiedener Große herab. Sie kamen immer, ohne Rücksicht auf ihre Größe, gleichzeitig unten an*). Das Verdienst aber, dem Aristoteles das Szepter entwunden und den Autoritäts- glauben in der Wissenschaft prinzipiell erschüttert zu haben, hat Baco von Vernlam. In Bacos Persönlichkeit müssen wir den moralischen nnd wissenschaftlichen Karaktcr scharf auseinander halten. Baco ist als Denker ebenso bewundernswert wie als moralischer Karaktcr das Gegenteil, wenn wir auch nicht so streng wie Macaulay urteilen, welcher ihn als eine seltsame Mischung von„schweben- dem Engel und kriechender Schlange" bezeichnet. Drei Jahre älter als Shakspeare, im Jahre 1360 geboren, zeigte der jüngste Sohn des Lord Siegelbewahrers, Sir Rikolas Bacon, von früh an die seltenste» Geistesgaben. Als Königin Elisabeth den dreijährigen Knaben fragte, wie alt er sei, ant- wartete er: Zwei Jahre jünger als Ihrer Majestät glorreiche Regierung.?luf der Universität zu Cambridge von seinem drei- zehnten Lebensjahr au gründlich gebildet, ging er achtzehnjährig nach Paris als Attache des dortigen englischen Gesandten; er- lernte die neueren Sprachen, besonders die italienische, fran- zösische und spanische; kehrte nach seines Vaters Tod nach London zurück, um sich der Rcchtswissenschast zu widmen und auf die advokatorische Praxis vorzubereiten. Tank seinem Oheim, Lord Burghley, dem einflußreichen Minister, ward Franzis Bacon, kaum vicrundzwanzig Jahre alt, in das Parlament gewählt, wo er sich bald durch seine Beredsamkeit und Geschästskenntnis eine hervorragende Stellung errang. Auch die Königin zeichnete ihn ans und zog ihn mehrfach zu Rate. I» der Affairc Essex spielte er eine ziemlich unwürdige Rolle. Unter Jakob I. gelang es ihm, die Leiter der Staatsämter bis auf die obersten Sprossen hinaufzusteigen. Bei der Tronbcstcigung zum Ritter geschlagen wurde Baco 1604 besoldeter Nechts'beistand des Königs, 1607 Generalprokurator, 1612 Generalfiskal, unter Buckinghams Ein- sluß wurde er 1616 in den Geheimen Rat des Königs aus- genommen, ein Jahr darauf Großsiegclbewahrer und 1620 nannte er sich Kanzler. Zu London lebte er glänzend in Uvrk- house. Seine Ferien widmete er einer tusknlanischcn Muße zu Gorhambury, wo er sich mit literarischen Arbeiten nnd Gar- tenban beschästigte. Hier lebte er in wisscnschastlichcm Verkehr mit James Hobbes, der berufen war, die Baconische Philosophie fortzubilden und den Macaulay„den schärfsten nnd kraft- vollsten der menschlichsten Geister" nennt. Ans dem Gipfel seiner politische» Laufbahn empfing Baco die Staudescrhöhnngen zum Baron von Vernlam und zum Vizegraf von St. Albans. Er war der erste Staatsmann Englands nnd zugleich der erste philosophische Schriftsteller Europas, nachdem im Jahre 1620 sein Hauptwerk, das„Reue Orgauon"(so betitelt mit Bezug auf das„Orgauon" des Aristoteles, welches die Schriften über Logik oder über die Lehre von den Gcsezen des Denkens um- faßt. Diese Wissenschaft hat der Stifter der peripatetischen Schule zu hoher Vollendung gebracht, wie denn überhaupt Aristo- teles zu den stärksten Säulen der Wissenschaft zählt. Nur das kritiklose jurare in verba magistri— Schwören auf des Meisters Worte— der scholastische Aristotclizismus. hat unheilvoll gewirkt) erschienen war. TaS war der Augenblick, wo Baco auf dem Höhepunkte seiner Macht und seines Glückes stand, mit Recht angesehen und bewundert von der Welt.— Ein neues Parlament trat zusammen, drei Tage nachdem Baco in feierlichster Weise zum Vizegraf von St. Albans ernannt worden war. Die öffentliche» Beschwerden kamen zur Sprache, *) Wenn ein Stückchen Papier nicht eben so rasch zur Erde fällt, als ein Goldstück, so darf man daraus nicht schließen, daß ein leichter Gegenstand langsamer zur Erde fällt, als ein schwerer; es rührt das blos vom Widerstande der Luft her. Im luftleeren Rauni fällt eine Flaumfeder eben so schnell zur Erde wie eine Bleikugel. Man kann sich hiervon durch folgenden Versuch überzeugen. Man nehme ein Dreimarkstück, lege ein kleines Stückchen Papier daraus und lasse beides fallen. Man wird sehen, daß Papier und Geldstück gleichzeitig linten ankomme», weil daS Geldstück die Luft verdrängt hat. die cigennüzigen, gemcinschädlichen Monopole und Patentver- leihungen, vor allem die Mißbräuche in den Gerichtshöfen. Das Haus der Gemeiuen wählte einen Ausschuß, jene Miß- brauche zu untersuche». Am 15. März 1621 berichtete der Vor- sizcnde dieses Ausschusses, daß die Person, gegen welche die Beschwerden vorgebracht werden, keine geringere sei, als— der Lordkanzler selbst. Er sezte hinzu:„ein Mann, den Natur und Bildung so verschwenderisch ausgestattet, daß ich nichts weiter über ihn sagen will, denn ich bin nicht imstande, genug zu sagen." Die Anklage wurde verfolgt; die Bestechungssälle häuften sich, die Alle zählte deren dreiundzwanzig. Die Ab- schrift derselben wurde Baco zugestellt, damit er sich verteidige. Er antwortete zulezt schriftlich, da jede Ausweichung unmöglich war:„Nachdem ich die Klagcpunkte bedachtsam erwogen, bekenne ich klar und aufrichtig, daß ich der Bestechlichkeit schuldig bin und verzichte aus alle Verteidigung." Uebenvältigt und krank vor Scham verschloß sich der Unglückliche in sein Zimmer. Als er hier einer Deputation der Lords gegenüberstand, nannte er sich selbst„ein gebrochenes Rohr", mit dem man Barm- Herzigkeit haben möge. Sein Schuldbekenntnis, sagt Kuno Fischer, war nicht sowohl von dem Drange eines zerknirschten Gewissens als von der Klugheit geboten; der König selbst, der ihn nicht retten konnte, hatte ihm den Rat zukommen lasse», sich schuldig zu erklären. Er wurde verurteilt zum Gefängnis, so lange es dem Könige beliebe, zu einer Geldbuße von 40 000 Pfd. Str. und zum bürgerlichen Tode. Die Strafe war strenger als seine Richter, die für den Verurteilten soviel Bewunderung als Mit- leid fühlten. Auch wurde sie kaum oder nur um der Form willen vollzogen. Schon nach zwei Tagen ließ der König den Gefangenen befreien, dann wurden ihm auch die übrigen Teile der Strafe erlassen, sogar den Siz im Hause der Lords sollte Baco schon im nächsten Parlament wieder einnehmen. Allein er erschien nicht mehr und lebte den Rest seiner Jahre einsam und der Wissenschaft ergebe» in den Wäldern von Gorhambury.. i Er starb 1627, zehn Jahre nach Shakspeare. Die dunklen Schatten, die auf Bacos Karaktcr fallen, können indes großenteils auf Rechnung seines rohen, vielbeivcgten Zeit- alters gcsezt werden und sie werden überstrahlt von dem hellen Geisteslicht, das sei» Genius nicht blos seiner Nation, sondern der Menschheit angezündet hat. Dieser in allen Fächern der Wissenschaft heimische, schöpferische Geist hat sich nie in die Pedanterie der Stubengelehrsamkeit, noch in die Subtilitäte» der Rabulistik verirrt. Nicht in der engen Zelle des mensch- lichen Geistes suchte sein aus das Reale und Praktische gerichtete Forscherblick die Wisscnschafr, sondern in dem weiten Kreis der Welt. Bacos*) Philosophie hat eine durchaus praktische Richtung. Die Wissenschaft gilt ihm nicht als alleiniger Selbstzweck, svn- der» als Mittel zum Zweck. Der alleinige und höchste Zweck der Wissenschaft ist die Herrschast des Menschen über die Natur. Die Wissenschaft soll dem Menschen dienen, ihn mächtig machen; nur sie vermag es, dcuu unsere Macht über die Dinge gründet sich allein auf unsere Einsicht in deren Natur. Die Macht besteht im Können, alle? Können aber sezt ein Wissen voraus. Das menschliche Vermögen reicht nur so weit als sein Wissen, oder lvie sich Baco ausdrückt:„Die menschliche Wissenschaft und Macht fallen in einen Punkt zusammen."— Alle Wissenschaft, die nichts nüzt, ist in Bacos Augen nichts wert; es gibt für diese» praktischen Geist keine selbstgenügsame, dem Leben eut- fremdete Teoric, aber andererseits gibt es im menschlichen Leben nichts, das der Erforschung unwert, oder dem Geist gegenüber verächtlich wäre.„Was die geringfügigen und häßlichen Dinge betrifft, von denen man, wie Plinius sagt, nicht reden darf, ohne um Erlaubnis zu bitten, so müssen sie ebensogut als die herrlichsten und kostbarsten in die Wissenschaft der Natur auf- genommen werden. Die Wissenschaft kann nicht befleckt werben. Auch die Sonne beleuchtet auf gleiche Weise Paläste und Kloaken. *) Wir bedienen uns im Nachstehenden vielfach der Darstellung K. Fischers in seineni Werke über Bacco. 520 Was wert ist, zu sei», das ist auch wert, gewußt zu werde», deu» die Wissenschaft ist das Abbild des Daseins." Bacos Zeitalter war im Juuersteu beivegt vou jenen refor- matorischen Kräften, welche in den lczten Jahrhunderten enveckt worden waren. Es war ei» Umschwung der Welt eingetreten, der eine gewaltige Kulturkrisis herbeigeführt hatte. Baco be- griff mit durchblickendem Verstand diese veränderte Physiognomie seines Zeitalters. Er suchte nach den lezten Motiven dieser Umwandlung und fand sie vorzugsweise in den drei großen Er- finduugeu: des Pulvers, welche das Kriegswesen reformirte, des Buchdrucks, welche das Wiffcn popularisirte, und des Kompasses, mit Hilfe deren die neue Welt entdeckt wurde. Diese drei Er- findungen haben nach Baco das Mittelalter aus den Fugen ge- hoben und deu Zustand der Welt umgestaltet, in der Wissen- schast, im Kriegswesen, in der Schiffahrt, und zahllose Reformen sind ihnen gefolgt. Wie kommt es nun, fragte sich Baco, daß die Wissenschaft bisher so unfruchtbar war? In leere und unfruchtbare Wort- streitigkcitcn verloren, hat die Philosophie während so vieler Jahrhunderte kein einziges Werk oder Experiment hervorgebracht, das dem menschlichen Leben wirklichen Nuzen gebracht hätte. Tie bisherige scholastisch-aristotelische Logik hat mehr zur Be- scstiguug des Irrtums als zur Erforschung der Wahrheit ge dient. Woher dies? Woher konimt das bisherige Elend der Wissenschast? Weshalb war sie wie ein Kind, fertig zum Schwazcn, nnkrästig und unreif zum Zeugen?— Zunächst deswegen, weil in dem kleinen Zeitraum, welcher in der Geschichte der Menschheit der Wissenschaft gehörte, nur der geringste Teil der wissenschaftlichen Arbeit der Natunvisscuschaft zufiel. Tie Naturwissenschaft aber ist die Mutter aller Künste und Wissenschaften, und so bald sie von dieser Wurzel losgerissen »verde», können sie sich»vohl noch formell ausbilden, aber nicht »vciter entwickeln. Von deu dritthalb Jahrtausenden der Ge- schichte gehörten kaum sechs Jahrhunderte de» Wissenschaften, sagt Baeo. Sämmtliche drei»vissenschaftliche Perioden aber, die griechische, die römische und die ncueuropäische, waren der Natunvissenschaft ungünstig. Nachdem sich der christliche Glaube über die Welt verbreitet hatte,»vurdcn die besten wissen- schaftlicheu Kräfte von der Tcologie absorbirt. Während des zweiten Zeitalters der Wissenschaft beschäftigten sich die ersten Geister hauptsächlich mit der Politik und Moral,»velche bei den Heiden die Stelle der Teologie vertrat. Bei den Griechen cnd- lich war die Zeit der Naturphilosophie von sehr geringer Tnuer, und von Sokratcs an erstarkte die Moralphilosophie und ent- fremdete der Naturlvissenschast die Geniüter.— Hierzu kommt eine andere Ursache. Tic Natunvissenschaft konnte nicht pros- periren, so lange das alte eingcivurzeltc Vorurteil herrschte, daß der nienschlichc Geist sich von seiner Würde etivas vergäbe, wenn er sich mit Experimenten, mit materiellen Dingen viel und anhaltend beschäftige. Man kann die Tinge nicht be- herrscheu, ohne sie zu kennen, und diese Kenntnis,»velche uns die Objekte durchsichtig und darum Untertan macht, kann nur erreicht»verde» durch einen intimen Umgang mit denselben. Tie Natur will iutccpretirt sei»»vie ein Buch. Tic beste Interpretation ist diejenige,»velche den Autor aus sich selbst erklärt und ihm keinen anderen Sinn unterschiebt, als er sagt. Der Leser darf nicht seinen Sinn in den Schriftsteller hineinlegen, sonst bringt er sich um das richtige Verständnis und konimt zu einen» eingebildeten. Insbesondere muß bei der Natiirbctrach- tnng der Ziveckbegrifs ausgeschlossen werden. Tic Wissenschaft hatte früher der Natur bestimmte Zivecke angedichtet und sie unter diesen» imaginären Gesichtspunkt erklärt,»vas ein»vahres Verständnis der Natur unmöglich niachte. Tarun» stellt Baco die Forderung: Suche die Natur durch Erfahrung kennen zu lernen. Stüze deine Wahrnehmung auf Experimente und schließe von deiner Naturerklärnng von voniherci» die Zivecke aus, suche überall nichts als die»virkenden Ursachen der Naturerscheiiiiingc». — Ganz besonders aber»var es der Autoritätsglaube, die über triebeue Verehrung des Altertums,»vas die Wiffenschaft auf keinen grünen'jiveig kommen ließ. Unter der Autorität werden die Tinge betrachtet, nicht»vie sie uns, sondern»vie sie andern erscheinen, die sich mit dem Ansehen einer überlieferten Religion oder Philosophie bekleidet haben. So»verde»» sie betrachtet ohne eigenes Urteil, ohne eigene, selbstgemachte Erfahrung. Dagegen unabhängig von der Autorität vcnvandelt sich unsere Bestrebung in Autopsie, in sclbsteigene Anschauung, die nicht,»vas andere sagen oder für wahr halten, gläubig annimmt und wiederholt, sondern nur,»vas sie erfahren und wahrgenommen hat, aus Ueberzeugniig festhält. So war z. B. für die Astronomie die Bibel und das ptolemäische System die Autorität, das die Wissenschaft in Kopernikus ernstlich und für immer auf- gab. Sic hat hier zum erstenmal und aus eigenen Kräften die vollkommen selbstständige Betrachtung nugestcllt und hat das Gegenteil von dem gefunden,»vas die Autorität behauptete. Auf Aristoteles besonders ist Baco schlecht zu sprechen, weil er die meiste Autorität auf die Geister übt. Ter Ranie des Aristoteles bildet gleichsam die hervorragende Spize, die alle Blize ableiten muß, welche Baco gegen die frühere Philosophie schleudert. Er»nachte sich zum leibhaftigen Auti-Aristoteles. Wir müssen indes diesen Namen im Munde Bacos mehr als ein nomen apellativum(Gattungsnamen), denn als ein nomen proprium(Eigennamen) nehmen, damit Baco gegen den»virk- lichen Aristoteles nicht zu ungerecht erscheine. Es handelt sich also um eine völlige Erneuerung, Wiedergeburt und Reformation der Wissenschast von ihre» untersten Grundlagen an, es gilt, eine neue Basis des Wissens, neue Prinzipien der Wissenschaft zu finden. Diese Reforination und Radikalkur der Wisscnschast hängt von z>vei Bedingungen ab: Die objektive Bedingung derselbe» ist die Zurückführung der Wissenschaft ans die Naturerkenntnis und ans die Erfahrung! die subjektive Bedingung ist die Reinigung des Geistes von allen abstrakten Teorien und überlieferten Vorurteilen. Beide Bedingungen znsamnien ergeben die richtige Mctode der In- duktion. Von der wahre» Induktion hängt alles Heil der Wisscnschast ab. Ter Gegensaz zur Baconischen Induktion ist der(aristote- tische) Syllogismus. Zwei Wege, sagt Baco, kann die Forschung einschlagen. Der eine fliegt von den sinnlichen Wahrnehmungen sofort aufwärts zu allgemeinen Gesezen(Axiomen) ni»d sucht von hier aus die mittleren Gcsczc. Tiefer Weg ist der übliche. Ter andere führt auch von den sinnlichen Wahrnehmungen zu den allgemeinen Gesezen, aber nicht sofort, sondern indem er kontinuirlich und st u sei»»v eise einporsteigt und erst zulezt bei den allgemeinsten Axiomen ankommt. Dieser Weg ist der »vahre, aber noch nicht versuchte. Ter Ivahre Weg von den Erscheinungen zu deu höchste» Naturgesezrn führt durch eine Stufenreihe von Axiomen.„Der menschliche Verstand darf von den Partikularien zu den cntscrntcn und allgemeinsten Axiomen nicht springe» oder fliegen und dann mit der so ge- sundenen Wahrheit die mittleren Axiome aufsuchen. So hat man es jezt gemacht. Ter Verstand hat dem ungestümen, nach vorwärts drängenden Triebe die Zügel schießen zu lassen. Aber die Wisscnschast kann erst dann gedeihen,»venn auf einer»virk- liche» Leiter, von Stufe zu Stufe, in geschlossener Reihe, worin kein Glied fehlt, keine Kluft Raum findet, emporgestiegen»vird von den einzelnen Dingen zu den untersten Gesezen, von da zu den mittlere», so daß jedes Gesez immer mehr und mehr umfaßt, als das nächst vorhergehende, und erst zulezt zu den allgemeinsten. Wir müssen dem nicuschlichen Geiste nicht Fittigc. sondern Blei und Gcivichtanlagen, um seinen Flug zu zähmen, anhängen." Bei dieser Metode der Induktion vermeidet die Wissenschaft die Irrwege,»velche die„negativen Instanzen" unbeachtet lassen. Woher, fragt Baco. komnit die Leichtgläubigkeit und der Aber- glaube? Daher, daß man ein paar positive Fälle ins Auge faßt. auf diese seine Meinung gründet, die negativen Fälle aber igno- riit. itr erzählt»nan z. B. von Somnambulen,»velche die Zukunft»veissagen. Der leichtgläubige Verstand begnügt sich »nit dem einen vielleicht noch zweifelhasten Fall, erzählt die «ach? weiter,»vird abergläubisch und macht Abergläubische. 527 Der kritische Verstand fragt: Wv sind die Souinnmbulen, deren Weissagungen nicht eintreffen? Ohne Zweifel würde man sie finden, wenn man sie suchte. Und eine einzige solche negative Instanz würde hinreichen, aller Welt den Glauben an die Unfehlbarkeit solcher Weissagungen zu nehmen, alle Welt zu überzeugen, daß hier andere Ärafte im Spiele find als dämonische oder gar göttliche. Als man jemand in einem Tempel die Botivtafeln der Geretteten zeigte und ihn dann fragte, ob er jezt die gnädige Gottheit anerkenne, antwortete er sehr richtig: Aber wo stehe» die verzeichnet, die troz ihrer Gelübde im Schiffbruch miige- kommen sind? Und diese Bewandtnis hat es mit jeglichem Aber- glauben, mit Träumen, Wahrzeichen n. s. f. Tie Mensche», die sich an solchen leeren Tingen crgvzcn, bemerken immer nur die Fälle, wo die Sache zufällig eintrifft, die erfolglosen da- Rußlands Gerade im Zentrum des europäischen Rußland, an der Moskwa, erhebt sich das alte„heilige" Moskau, jene merk- würdige Stadt, wo das Leben dcS Occidcnts und des Orients ineinander übergreifen. Im Gegensaz zu dem modern an- gelegten und eingerichteten Petersburg hat das Leben in Moskau niehr von den national-rnssischen Formen behalten. Schon das Aeußerc der Stadt deutet darauf hin. Dieses Häusermcer mit seinen mehr als 1500 Türmen und zahlreichen Kuppeln, von denen ein Teil vergoldet, ein anderer mit den buntesten Farben geschmückt ist, übt auf den fremden Beschauer einen geradezu magischen Eindruck aus; man glaubt an der Schwelle der er- schlosscncn Märchenwelt des Orients sich zu befinden. Dieser Eindruck wird allerdings bedeutend abgeschwächt, wenn man die Straßen der Stadt betritt, bei denen man vielfach die Regel- Mäßigkeit vermißt. De» Mittelpunkt, um den sich diese berühnite und so oft in Asche gesunkene Stadt grnppirt, bildet der alte Zarenpalast, der K r e ni l, der für sich eine» ganzen Stadtteil ausmacht. Dieser Komplex von alten und großartigen Gebäude»., in dem jüngst die Krönung Alexanders III. lo. sich ging, liegt auf einer Insel und ist von einer mit Zinnen versehenen Mauer umgeben, in welche achtzehn Türme eingefügt sind. Fünf Tore bilden die Zugänge, und unter diese» ist das berühmteste die heilige Pforte mit dem Erlöscrbilde, vor dem die Vorübergehenden heute noch das Haupt entblößen müssen, laut eines llkas von 1060. Es sind zwciunddrcißig Kirchen und eine Anzahl von Palästen und andern Gebäuden, die den Kreml bilden. Hier sehen wir alles überladen mit jener maßlosen orientalischen Pracht, die im einzelnen uns oft abstoßend und plump erscheint, die aber im ganzen durch ihre Masscuhastigkeit wie berauschend auf den Sinn wirkt. Hier ist ein großer Teil der Schäze der Zaren aufgespeichert und eine Masse kriegerischer Trophäen ist auf- gestellt, unter andcrm die 181S erbeuteten französischen Kanonen. Die Kirchen sind größtenteils mit vergoldeten Kreuzen ge- schmückt, darunter jenes ricsenhohe Kreuz der Jwanskirche, das Napoleon 1812 abnehmen ließ und nach Paris schaffen lassen wollte, das aber ans dem Rückzüge im Stich gelassen wurde und den Nnsscn wieder in die Hände siel. Hier befindet sich auch die größte Glocke der Welt(Zarkolokolt. die gesprungen ist, wie denn Moskau im ganzen über 2000 Glocken zählt. Ter Kreml enthält eine Menge von Grabmälcr» von Zaren und von allen möglichen Großen des rnssischcn Reichs. Alles strozt hier von Gold und Edelsteinen; hier befindet sich unter andern auch das sogenannte Palladium des russischen Reichs, ein Bild der Maria, das der Evangelist Lukas(?) gemalt haben soll und das von Edelsteine» im Werte von 200000 Rubeln eingefaßt ist. Diesem Bilde und seiner Wunder- kraft schreibt man im abergläubischen Rußland heute noch den Sieg über die Tartaren im Jahr 1395 z». Tic kostbarsten Skulpturen bedecken alle Wände, und dabei sind die Säle, in denen bisher immer die Krönnngsfcstlichkeiten gegen, obwohl sie bei weitem die Mehrzahl bilden, lassen sie außer Acht. Und auch in der bisherigen Wissenschaft hat sich, wie Baco sagt, der Verstand mehr durch positive Instanzen als durch negative bestimmen lassen, während er sich doch beide» mit gleicher Unparteilichkeit hingeben soll. Mit der von ihm begründeten Metode der Induktion hat Baco dem Geist der Forschung gleichsam ein neues Instrument geschaffen, dessen Anwendung die neuere Naturwissenschaft ihre großartigen Fortschritte, die Mehrzahl ihrer Entdeckungen und Erfindungen verdankt. Wie Luther der Reformator der Religion, so wurde Baco von Vcrnlam als Bckänipfcr des Wissenschaft- lichen Autoritätsglanbens und Begründer der induktiven Metode der Reformator der Wissenschaft. Zarenpalast. vor sich gegangen sind, groß genug, um 20000 Menschen zu fassen. Man nennt diese Säle die Ordenssäle; die eigentliche Krönung ist bekanntlich in der Katedrnle vor sich gegangen, der Kirche, die auf dem höchsten Teile des Kreml sich erhebt und neun Türme hat. Unter den Palästen ist der achtstöckige Kaiser- palast natürlich der großartigste. Ter Kreml, in dem sich so die Schäze des„heiligen" Ruß- land aufgehäuft finden, war über vier Jahrhunderte der un- bestrittene Siz des russischen Zarentnms, der feste Punkt, von dem ans es seine Erobcrungszüge unternahm und wo es seine Macht, seine Schäze und seinen Luxus konzentrirte. Die Ge- schichte, die sich an diese alten Mauern knüpft, ist düster, dunkel und grausenhaft, unheimlich, wie das ganze alte Gebäude selber, ungeheuerlich, wie die Formen dieser Riesenpaläste, und öde wie ihre unermeßlichen Säle. Welche Kämpfe, welches Blutvergießen, welche Schreckensszcnen, unter denen sich diese Schäze anhänsten! Es gehört eben russischer Geschmack dazu, die au dem Kreml hastenden Erinnernngen andächtig zu verehren und damit das Gebäude selbst zu einer Art Nativnalhciligtnm zu machen. Tic russische Geschichte von der Eroberung des Landes durch die Waräger und der Herrschast Ruriks bis auf die neuere Zeit bildet einen wüsten Knäuel von Schlachten und Länderverheerun- gen, von Brand und Blut, von Mord und Pliinderung. Und nicht allein im Innern tobten diese grauenvollen Kämpfe; es kamen dazu noch die Kriege mit den Mongolen, die Rußland so lange Zeit tributpflichtig erhielten, die Einfälle der Lithauer und der deutsche» Ordensritter, die Kämpfe mit den Magyaren, Polen». s. w. Bei all diesen wechselvvllen Kämpfen sah Moskau verschiedene male den siegreichen Feind in seinen Mauern und ging etwa sechs mal teils ganz, teils in einzelnen Stadtteilen in Flammen aus. Grauenvolle Schlächtereien, Aufstünde, Hin- richtungc» in Masse hat diese Stadt gesehen und zulczt noch, 1812, sank sie in Asche, von russischer Hand in Flammen ge- steckt, um Napoleon hinauszutrciben, ein Fanatismus, der nur bei einem Nationalrussen möglich ist. Aber die unheilvolle Rolle, die der Kreml in der russischen Geschichte spielt, ist noch eine andere. Hier befestigte sich jener furchtbare Despotismus, der seit so langer Zeit Rußland wie mit eisernen Klammern umspannt hält und der sich mit all seiner Macht der modernen Entwicklung entgegensteniint, derselbe Des- potismus, der dem europäischen Rußland eine Verfassung nach europäischem Muster vorenthält und so die Schuld daran trägt, daß das Land heute in zwei sich mit so furchtbarem Hasse bekämpfende feindliche Lager gespalten ist. Es gab eine Zeit, da in Rußland mehr Freiheiten bestanden, wie heute. Es gab früher einen Reichstag, der allerdings fast nur aus den Würden- träger» des Weichs bestand, allein derselbe war doch eine Schranke für den Despotismus im Kreml. Vom ersten russischen Reichstage von 1097 vernehmen wir allerdings, daß auf dem- selben Vertreter des Adels, der Geistlichkeit und des Bürger- standes crschicncn sind, und noch im Jahre 1566 hielt der Zar S.».W 530 Iwan dcr Schrecklich»', dessen Beiname alles desagt, eS siir gut, von seinen Ständen die Erlaubnis zur Fortseznng seines Kriegs mit Polen und Lithauen zu verlangen. Der eigentliche Bau des Kreml wurde im Jahre 1300 begonnen. Zunächst wurde der Kreml das Zentrum des Wider- standes gegen die Mongolen, deren Herrschast etwa siebzig Jahre dauerte und denen Rußland einen Zins zahlen mußte. Sodann aber wurde der Kreml der Hort aller Bestrebungen, die ans die Beseitigung aller Freiheit und Selbständigkeit im Innern hinausliefen. 1367 wurde der Kreml mit steinernen Mauern versehen. Schon seit 1328 war Moskau der Siz des Groß- siirstentiims von Rußland. Dieses Grvßfiirstentnm konnte aber nicht zur Entfaltung gelangen durch die vielen innern Kämpfe, welche Rußland verwüsteten, und durch die Sonderbestrebungen der einzelnen mächtigen und einflußreichen Geschlechter. Diese stritten sich um die Herrschaft und es kamen jene Katastrophen, die sich an das Aufstreben der einzelnen Herrschergeschlechter Mipsteii, das Austreten der vier falschen Demetrius, der Einfall der Polen n. f. w. Tie Polen hatten zwei Jahre den Kreml besezt gehalten; 1611 mußten sie ihn verlassen. Bei diesen Kämpfe» waren von Bedeutung einzelne nnab- hängige Städte, die sich auf alte Privilegien stiizten, vor allem die Handels- und Kaufmannsrepnblik N i s ch n e i- No w g o r o d, die in ihrer Freiheit zu hoher Blüte gelangt war. Diese Stadt war ähnlich angelegt wie unsere berühmten Hansestädte; sie stand in der Tat mit der Hansa in Verbindung und ihre Mauern schlössen ein reiches, freiheitsstolzes und troziges Bürgertum ein, das sich unter die Macht der Großfürsten nicht beugen wollte. Daher die langwierigen Kämpfe zwischen der Macht des Kreml und dcr Republik Nowgorod, die bis ins 16. Jahrhundert dauerten. So lange die Republik Nowgorod in Blüte war, konnte das absolute Hcrrschertum ini Kreml nicht zur Blüte gelangen. Endlich gelang es Iwan dem Schrecklichen, den selbst die gemäßigtsten Geschichtsschreiber als ein Scheusal bezeichnen, Nowgorod zu vernichten; er überfiel die Stadt 1570 und ließ 60000 Einwohner morden. Die Republik war zer- stört, allein Rußland war so entkräftet, daß die Tartaren schon ein Jahr nachher bis Moskau vordrangen und die Stadt bis auf den Kreml eroberten. Erst nach der Zerstörung Nowgorods begann sich das Zaren- tum im Kreml zu dcr Machtfülle zu erheben, mit der es Ruß- land beherrschen sollie. Ter Mannsstamm Ruriks starb ans; es folgten Jahre blutiger Kämpfe, bis 1612 die Romanows zum Trone gelangten, den sie bis heule behalten haben, obschon der Mannsstamm der Romanows auch schon 1730 erloschen ist. Mit Peter l. begann in Rußland eine neue Epoche; es wurde den, russischen Barbarentum jener europäische Firnis über- gestrichen, dcr heute noch das Wesen aller von oben in Ruß- land eingeführten modernen„Civilisation" ist. Unter Peter l. feierte der Despotismus im Kreml noch einmal alle Orgien, die sonst nur von einer wüste» Phantasie ersonnen werde» können, und man sah den Zaren bei dem großen Ausstand der Strelizen von 1698 selbst und eigenhändig dem Amt eines Scharfrichters obliegen. 1714 wurde die Residenz nach dem neuerbautcn Petersburg verlegt. Aber der Nationalrusse betrachtet Moskau noch immer als die eigentliche Hauptstadt und der Kreml gilt immer noch als das Zentrum des russischen Reichs und als der Stüzpnnkt dcr Zarenmacht. Nach Peter I. kam jene Periode der„Revolutionen von Oben", die mit der Ermordung Pauls I. abgeschlossen wurde, eine traurige Periode, denn auch die Regierung der geistreichen und ausschweifenden Katharina II war für Rußland ein nur nach Außen glänzendes Elend. Aber es begann der große Kampf mit dem Westen. Rußland kämpfte mit Preußen, mit Polen und zog gegen die französische Revolution zu Felde. Es kamen dann die späteren Verwicklungen, die zur Folge hatten, daß Napoleon I. sich von seinem Ehrgeize verleiten ließ, mit einer halben million Soldaten in Ziußland einzufallen. Am 14. September 1812 zog er in Moskau ein und nahm seine Wohnung in dem alten Kreml. Allein schon am folgenden Tage brach jene große Feuersbrunst aus, die offenbar von dem russischen Gouverneur Rostoptschin in Szene gesezt worden war und bei der von über 9000 Hänsern nur etwa 2500 übrig blieben; auch dcr Kreml brannte zum Teil ab und Napoleon mußte aus demselben flüchten. Da sich im Kreml ein Pulvermagazin befand, hätte leicht eine noch größere Katastrophe eintreten können, allein man entging dieser Gefahr. Ende Oktober verließ Napoleon das verheerte und verlassene Moskau, um jenen Rückzug anzutreten, dcr sein Heer vernichten und seinen Sturz herbei- führen sollte. Moskau hatte vor dieser furchtbaren Katastrophe über 250000 Einwohner; 1816 waren es erst wieder 166 000. In diesem Kreml, der der Mittelpunkt so vieler düsteren und schrecklichen Ereignisse gewesen, hat auch die Krönung des Zaren Alexander III. stattgefunden, die wegen der inneren Zu- stände Rußlands so lange hinausgeschoben worden war. Man kennt ans den Schilderungen der Presse den orientalischen Luxus, der bei diesem Feste entfaltet wurde, ein Luxus, der keineswegs geeignet ist, dem ganzen Rußland ein glanzvolles Aeußcre zu verleihen, sondern bei dessen Anblick sich jeder, der nur etwas denkfähig ist, fragen mußte: Was soll dieser Glanz in einem Lande, dessen Körper aus tausend Wunden blutet und von tausend Schmerzen durchwühlt ist. Man hatte die Verkündigung einer Konstitution erwartet; sie ist nicht erfolgt; Rußland wird auf den bisherigen Grund- lagen, die zu so unheilvollen Zuständen geführt haben, weiter regiert werden. Nun, es scheint die historische Bestimmung des Kreml zu sein, das Zentrum dcS russischen Absolutismus zu bilden. Ter Absolutismus gedeiht in diesen düstern Mauern, und wer wollte erwarten, daß licht und glänzend ein Freiheitsstrahl aus dem- selben hervorbrechen sollte! Hier blüht die Freiheit nicht und diese Mauern werden finstere und drohende Zeugen von der Knechtschaft Rußlands sein, so lange sie stehen. W. Bl. Ich M f Ui Novellete von Enrico Kcistclnuovo. Ich erspare Dir die Beschreibung der drei Tage voller Qual, die der Abreise des Doktors folgten. Ich wollte mich nicht in irgendwelche Hoffnungen einwiegen, ich wollte alles als beendet ansehen und dock; gaukelte mir wieder meinen Willen der Ge- danke an einen Schicksalswechsel vor dem Geiste. Wenn der Doktor recht hätte! Wenn die Ursache für Umbertos Kälte eine nur vorübergehende war, wenn es sich nur um eine Geldver- legenheit handelte, wenn es sich nni einen Irrtum handelte, den er nur verbergen wollte! Wenn ich meinem Bräutigam gegen- über die Tugend des Verzeihens üben und ihn mir dnrch Zärt- lichkcit, durch Nachsicht wieder nahebringen konnte! Wenn er vor mir erschiene, zusammen mit dem guten, dem treffliche» f l c d i g. Deutsch von Konrat» Jeimann. t-chlub> Asvlani, und zu mir spräche:„Emilia, vergiß den häßlichen •iraum, den ich dich habe träumen lassen, ich bin für immer dein, bin dein, wie damals, als du mich unter so vielen wähltest, die dich gern mit dem Rainen.Braut' hätten begrüßen mögen!" ...Oh! Wie glückselig würde ich gewesen sein!... J»> Hause wehte eine Luft allgemeiner Verstimmung. Der Papa wanderte aus und nieder, von seinem Zimmer bis In den Salon, streichelte mich von Zeit zu Zeit und brummte dabei: ..Ich sehe nicht klar hierbei." Mein Bruder murmelte zwischen de» Zähnen:„Wenn ich nach Mailand gegangen wäre, hätte ich ihm zuerst ans Rücksicht ans meine Schwester ein Paar Ohrfeigen gegeben, aber dann hätte ich mich bei ihm für die Gunst bedankt, die er mir dadurch erweist, daß er nun doch nicht mein Schwager wird.... Ein hübscher Geschmack, eine solche Puppe zu heiraten!" -lach die Kinder waren aus ihrem Geleise gebracht. Bei der Gewohnheit, die sie hatten, mir allezeit an der Schurze zu hangen, sich von mir bei ihren Arbeiten Helsen zit lassen wie bei ihren Spielen, mich als Schicdsrichterin- bei ihren Streitig- leiten auszuwählen, waren sie unfähig, zu begreifen, daß ich von andern Tingen beschäftigt sei, als von ihnen. Hugo verbarg seinen Mißmut unter einer lärmenden und zügellosen Munterkeit, besuchte mich oft in der Küche, zog die Kaze am Schwanz und steckte seine Nase in alle Kasserole; Ginliv wimmerte, weil ich ihm keine Gänse aus Papier ausschnitt oder ihm nicht half, seine Glasperlen aufzuziehen; Lisetta, obgleich sonst die vernnttstigstc und zärtlichste zu mir, hatte heute gleich- falls ihre trüben Momente. Es gab keinen Zweifel daran, wenn meine Heirat überhaupt noch jemals zustande kani, wars unvermeidlich, daß mein Bruder sich entschloß, eine Gouvernante zu nehmen. Meine Heirat! Wer dachte denn überhaupt noch daran? Tie Unterredung des Doktors mit Umberto sollte am Montag stattfinden. An jenem Abend fuhr ich jedesmal, tvcnu die Haus- ' iure sich öffnete, wie elektrisirt in die Höhe. Ich hatte mir fest in den Kopf gesezt, daß eine Tcpeschc an mich anlangen müsse, lind, ivenn der Doktor nur eine gute Nachricht mir mitzuteilen gehabt hätte, würbe er mir sicherlich telcgraphirt haben. Sein Schweigen war von übler Vorbedeutung. Ich bin eine Närrin, sagte ich mir, als ich zu Bette ging, ich hätte zu der Reise des Doktors nach Mailand meine Zu- stimmung nicht geben sollen, ich hätte fest auf meinem Vorsaze beharren sollen... Umberto ist für mich tot.— Ich löschte das Licht ans, wickelte mich in meine Kissen und drückte meinen Kopf tief, tief hinein, als ob ich mich so allen meinen quälen- scheu Gedanken entziehen könnte. Während der ganzen Nacht schloß ich kein Auge. Am Morgen war ich sehr zeitig auf. Ter Doktor konnte nicht' lange mehr fortbleiben, sicherlich mußte er innerhalb des Tages I eintreffen. Ich wollte die Ungezwungene spielen und dem■ Mädchen beim Ankleiden Giulivs und Liscttas Helsen. Hugo, der sich bereits selber angezogen hatte, erfüllte das ganze Haus mit stillem Gelärm. „Dieser verwünschte Junge wird die Herrschaften aufwecken,"- äußerte das Mädchen, das auf nieinen Vater und meinen Bruder anspielte, die noch schliefen;„werden denn diese vernichten Ferien niemals zu Ende sein." Und nach einer Weile fügte sie wieder hinzu:„Es scheint unmöglich;— jezt schweigt er....Ah, und nun ist er selbst da!" Tie Tür wurde mit großem Geräusch aufgerissen. „Tante Emilia," sagte Hugo,„der Doktor Asolani stt da," „Ah!" rief ich und wollte ihm entgegengehen. Die Beine zitterten mir, ich mußte eine Wachsfarbe angenommen haben. Hinter mir hörte ich Lisetta, die über meine Verwirrung in Ausregung geraten zu sein schien, gleichfalls rufen: „Dante Emilia!" Aber ich war bereits im Zimmer nebenan, dem Doktor äegeniiber, in dessen ernstem Antliz ich bereits mein Urteil gelesen hatte. Er nahm meine beiden Hände in die seinen und fragte mich, sich rundum blickend: „Willst du, daß wir hier bleiben?" „Nein," erwiderte ich und wagte ihm nicht ins Gesicht zu blicken,„gehen wir in mein Zimmer." Als wir die Treppe hinaufstiegen, flüsterte ich leise:„Alles ist zu Ende, nicht wahr? Gerade so, wie ich es vorhergesehen habe... Ich habe Mut, wie Sie wissen." „Arme Emilia," murmelte er zärtlich. Die Fenster meines Zimmers standen weit offen, das Bett zusammengelegt, die Möbel übereinander, das Wasser noch in �r Schüssel/„LH. wie ich Sie ausnehme!" sagte ich, und schämte mich wegen der Unordnung. Ich schloß die neuster, n>achte einen Sessel frei und bot ihn dem Doktor an. Dann, aufrecht stehend, mich mit dem Rücken gegen die Bettlade lehnend und mich zum Lächeln zwingend, sagte ich noch einmal: „Nun,— ich hatte also recht, ich... nehmen Sie keinerlei Rücksichten... erzählen Sie mir freimütig... oh, ich habe mir ja nicht die geringsten Illusionen gemacht... es ist besser so." Der Doktor, der sich durch nieiue angenommene Gleichgiltig- fcit nicht im geringsten täuschen ließ, warf mir einen liebevollen Blick zu und begann dann: „In einem Punkte hattest du recht.... Jener Umberto war deiner nicht würdig. Denke nicht mehr an ihn." „Erzählen Sie, erzählen Sie," unterbrach ich ihn, da ich mich selbst übertäube» wollte,„welche Aufnahme hat er Ihnen bereitet? Ch, c* muß eine komischc Szene gewesen sein!" „Höre, meine kleine Emilia." sagte er sanft,„tu dir nicht selbst Gewalt an... konim hierher." Ich weiß nicht, wie es kam. aber einen Augenblick später fand ich mich wieder, wie ich auf de» Knieen des Doktors saß als wär ich ein Kind. „Nun," fuhr ich fort,„seien Sie aufrichtig. Heiratet er eine Andere?... Aber sprechen Sie doch! Sie haben niir ja versprochen, daß Sic keine Geheimnisse vor mir haben wollen. Gibt es irgendwelche sonderbaren Ereignisse?" „Bon was für Ereignissen träumst du eigentlich?" rief der Doktor,„jener Mensch da wird wol keinerlei Erlebnisse habe»; er liebt dich nicht, wie er überhaupt niemals mehr eine Frau lieben wird, wenigstens keine rechtschaffene Frau; sein Herz ist ihm ausgetrocknet. Ihm erscheint die Ehe nur dann noch als eine ernsthaste Angelegenheit, wenn ihm die Frau so eine zwanzig- tausend Lire Rente zubringt. Uebrigens würde er für dich wohl eine Ausnahme gemacht haben, er hatte sich verpflichtet, als er noch keine Kenntnis von der Welt hatte, ulid er war auch geneigt, seine Verpflichtungen zu erfüllen, aber nur, wenn man ihm kein Gehör schenkte. Er begriff jedoch sehr wohl, daß es deinem aufbrausenden Temperament schwierig war, sich zu ver- ständigen.... Kurz: wolltest du noch, daß ich mich nach diesen Vorreden in eine Unterhandlung mit ihm einließ? Ich hatte dir geschworen, deine Ehre zu schirmen." „Und ich würde eS Ihnen niemals vergeben, wenn Sie sie nicht geschirmt hätten. Aber, verzeihen Sie, ist die Versezuug nach Sizilien richtig oder ist sic's nicht?" „Sie ist richtig." „Ah, wahrhaftig?" Es entstand ein Augenblick des Schweigens, und mir schien, daß der Doktor Asolani mir etwas verbergen wolle. Endlich gelang mirs, ihm die Worte von den Lippen zu nehmen. Die Versezuug»ach Sizilien war richtig, aber es war eine Ver- sezung. die Umberto selber erbeten und von der er seineu Freunden bekannt hatte, nicht zu wissen, in welcher andern Art er eine Ehe, die ihm zum Ueberdruß geworden war, zu ver- eitel» oder doch wenigstens hinauszuschieben vermöchte. „Also," sagte ich, um eine Art Schluß herbeizuführen, „haben Sie alles wieder erhalten und alles zurückerstattet?" Und dabei stand ich auf und begann im Zimmer nmherzu- wandern. Ter Doktor zog aus den Taschen seines Oberrocks drei dicke Packctc mit Briefen, einen Umschlag mit zwei Photo- graphien von mir, ein kleines Futteral, das eine Mosaikuadel enthielt, und andere Kleinigkeiten, die ich Umberto geschenkt hatte, und legte das alles auf den Tisch. Bis zu diesem Augenblick hatte ich mich zu zügeln vermocht, nun aber konnte ich nicht mehr, warf mich vornüber auf mein Bett und brach in Schluchzen aus. „Weine, arme Emilia," sagte der Arzt,„du wirst dich dann erleichtert fühlen."— Inzwischen waren auch mein Vater und mein Bruder heraus- gekommen und trösteten mich auf ihre Art.„Glaube es mir, es ist ein Schicksalsschluß gewesen... du wirst bei deiner Familie bleiben, anstatt dich in die Hände dieses Betrügers zu liefern. Wir haben es dir ja immer gesagt, daß es kein gutes Ende nehmen könne."— Und dann rief ich in vollstem Ueberdruß:„�»ßt mich in Frieden.... Auch Sic. Doktor... ich 532 muß jezt eine Weile allein bleiben." Tann fiel ich in der Besorgnis, zu schroff gewesen zu sein, dein Papa um den Hals nud sagte zu ihm:„Verzeih mir, ich will vemiinftig sein, ich »verde in einer halben Stunde selbst herunterkommen.... Lebe» Sie wohl, Doktor Asolani, Tank für alles, was Sic getan haben, kommen Sic später wieder, ich erwarte Sic.... Adien, Mamizio, dn kannst den Kinder» die gute Neuigkeit Überbringen: die Tante Emilia geht nicht fort." ?lls sie alle hinaus waren, warf ich mich in den Sessel vor dem Tische und öffnete mit krampfhaft zitternder Hand die Briefpackete, machte das Futteral ans und riß den Umschlag der Photographie entzwei. Da lag meine ganze Vergangenheit vor mir. Ich wars, die alle diese Seiten voll von Liebe und Schwärmerei beschrieben hatte, ich wars, die diese Geschenke gemacht hatte, ich wars, die dereinst diese blühenden Wangen und diese lachenden Augen hatte. Ich war ja einmal jung ge- triefen, ich war vertrauensvoll gewesen, ich war schön gewesen. Und mir schien es nunmehr, als trenne mich ein Jahrhundert von jenen glückseligen Zeiten. Ich weinte lange, weinte heiß. Dann verschloß ich in meinem Kästchen die Briefe, das Fnt- teral, die Bilder, au derselben Stelle, wo ich bis vor einigen Tagen feine Briefe, feine Geschenke und seine Bilder verwahrt hatte. Ich füllte mit die Waschschüssel mit frischem Wasser und tauchte mein Gesicht drei- oder viermal dahinein. Als ich in den Salon hinunterging, waren meine Augen zwar noch geschwollen, aber ich war gefaßt und ruhig. Ter Frühstückstisch war bereits gedeckt worden, der Papa faß schon an seinem Plaz und zerkrümelte ein Stück Brod. Tann kam mein Bruder, und die Kinder kamen. Lisetta lies ans mich zu, mich zu küssen. Ich nippte kaum an einer Tasse Bouillon, niemand machte eine Bemerkung darüber, man konnte nicht wohl verlangen, daß ich Hunger haben sollte. Im allgemeinen die Mienen rund tun mich l er ernst, finster, aber man brauchte nicht eben viel dazu, um zu begreifen, daß der Bruch meines Verlöbnisses gerade kein Unglück für die ganze Familie war. Noch ein paar Tage, und keiner würde mir mehr ein Geheimnis aus der Zufriedenheit gemacht haben, mit der ihn das bemerkenswerte Ereignis er- füllte. Liebe Maria, nenne mich nicht schlecht, glaube nicht. daß ich meinen Papa oder Maurizio wenig liebe, oder daß ich sie mit Ucbelwolleu beurteile und ihre Zuneigung für mich in Zweifel ziehe. Sie haben sich daran gewöhnt, mich ans ihre eigene Weise zu lieben, da sie mich immer um sich sehen, als das einzige, weibliche Wesen, das im Hause geblieben ist, und es ist ihnen niemals möglich gewesen, sich klar zu machen, daß ich eines oder des anderen Tages einmal davon gehen könnte. Sie tragen keine Schuld dabei. Es ist ein Verhängnis gewesen. Die arme Mama starb, wie Tu ja weißt, in der Blüte ihrer Jahre, dann hat sich mein Bruder verheiratet und seine Frau bereits mit sechsundzwanzig Jahren verloren. Meine Schwägerin war keine gute Hausfrau im strengsten Sinne des Wortes, aber sie hatte im Lause der Zeit ans der Notwendigkeit wohl eine Tugend gemacht und sich aus der Verlegenheit ge- zogen. So aber kams, daß eines schönes Tages die sämmt- liehen Familiensorgen aus meine Schultern gebürdet wurde». Ich wars, die dem Papa Gesellschaft leisten mußte, ich wars, die daraus sehen mußte, daß die Garderobe meines Bruders in Ordnung war, ich, die dafür sorgen mußte, die Kinder reinlich zu halten. Ein bischen Krankenpflegerin, ein bischen Gesellschaftsdame, ein bischen Wirtschafterin, ein bischen Kinder- wärteri», das waren so die mannigfachen Aemter Deiner Freundin, das wars, was ans Deiner munteren Emilia von einst geworden war. Launen des Schicksals! Erinnerst Tu Dich, als wir beide junge Mädchen waren, was für fröhliche Prophezeiungen wir für meine Zukunft machten? Erinnerst Dn Dich an die Komplimente. die ich wegen meiner Schönheit, wegen meines Geistes erhielt? Mau glaubte, es könne gar kein Glück geben, das so groß sei, wie ich es verdient hätte. Wenn ich die Mama hörte. so mußte ich schließlich irgend einen Grafen heiraten; wen» man euch hörte, Amalia, Guslina und Tich, so würde ich sogar bis zu einem Fürsten gelangen; mein Vater, ein und Beamter von reinstem Wasser, begnügte sich damit, sich den Sprossen irgend einer alten, togabekleideten Familie, einen zukünftigen Appellgerichtspräsidenten, zum Schwiegersohn zu versprechen. Als mein Unstern mich eine lebhaste Sympatie für Umberto fassen ließ, gab es einen allgemeinen Skandal. Umberto war weder ein Fürst, noch ein Gras, noch ein zukünftiger Appellgerichtspräsident; er war ein junger Mann von geringem Verstände, ein Hizkops(Tu siehst statt dessen, ein wie kühler Kopf er jezt geworden ist!), der feine Titel, keine Reich- tümer, keine Stellung hatte. Aber ich war ihm zugetan, und ich besaß von jeher eine beträchtliche Dosis Halsstarrigkeit, so daß ich verstanden habe, an meinem Vvrsaz festzuhalten zwölf Jahre hindurch, nichts mehr und nichts weniger. Ein schönes Gebäude, das ich mir da so ausgerichtet habe, nicht wahr? Man muß Geduld habe»; c'etait ecrit, wie die Franzosen sagen würde». Jezt würde ich mich nicht mehr verheiraten, selbst nicht, wenn der Kaiser der Mongolei käme nnd mich holen wollte. Mir ist es vergangen, wie Einem, der stunden- und abermals stundenlang vor einer gedeckte» Tafel steht und die Düste ans der Küche dichtnebenan einatmet nud immer ans das Diner wartet, das niemals fertig wird. Und wen» man sich endlich entschließt, die Suppe auszugeben, dann ist der Hunger verschwunden, der Möge» ist so leer, daß er voll erscheint, der Kops schmerzt, ist schwer, hämmert, nnd man ist völlig außer Stande, auch nur einen Bisse» herunterzubringen. Ich habe einen Widerwillen gegen die Ehe, ohne sie erprobt zu haben. Nun ich entsagt habe, stelle Dir vor, was für einen Lärm die Uebrige» machen! Ich nehme allmälich, mit jedem Tage mehr, de» Ton einer alten Jungfer au, und gerade deshalb steige ich um ein Beträchtliches in der Achtung von Papas Bekannten. Ter Rat Anreli, derselbe, der nicht begreift, weshalb seine Schwiegermiltter eine Grafenkronc ans der Brust, eine auf dem Klciderärmel und eine ans ihrem Arbeitsbeutel trägt, während doch niemals jemand etwas darüber in Erfahrung gebracht hat, daß ihre Eltern adlig waren, der Rat Aureli also, der mich vorgestern über Kopsschmerz klagen hörte, bot mir eine Prise Schnupftabak an! Ich habe sie nicht angcnoinnien, ober ich »verde sie bei der nächsten Gelegenheit annehmen. Inzwischen benuze ich, um Abends zu lese», bereits ein Lorgnon. Nach Ablauf eines Jahres werde ich eine Brille anfsezen. Ich habe vier weiße Haare, und ich habe sie ganz nach vorne gekämmt, damit man sie sieht. Daraus offener Bruch mit dem Kammer- mädchen, die sie verstecken wollte; nun kämme ich mich selber. Ich kleide mich in Grau, die Aussteuerkleidcr werde ich zu er- mäßigtem Preise in den Handel bringen. Ich spiele sehr gewissenhaft die Tante. Ich gehe mit Hugo, der das Ghmnasinm besucht, seine Lektionen durch und ver- stehe bereits etwas Lateinisch, beispielsweise: rosa pulchra est. Lisetta lehre ich lesen, schreiben, nahen, und Tonleiter auf dem Klavier spielen. Ja. mit dem Zeigefinger der rechten Hand ist sie schon imstande zu spielen: La donna e mobile. Wenn es nur gut in den Vers paßte, würde ich sie spielen lassen: l uomo j e mobile, denn nach den Erfahrungen, die ich darüber gemacht habe, ist er viel wankelmütiger als wir; aber es geht nicht, der Vers würde hinken. Was den kleinen Giulio angeht, s» unterhalte ich ihn damit, daß ich ihm die bunten Figürche« , ausschneide, die nur den Streichhölzerjchachteln sind. Also, nm zum Schluß zu komme», meine gute Marie, ich denke nicht mehr an die Vergangenheit und mache mir nicht die geringsten Sorgen»m die Zukunft. Ich überlasse mich der Gegenwart, schließe die Ange», halte die Hände über der Brust gefaltet und komme mir wie gestorben vor. Was der Toktor Asolani auch immer sagen mag, der mich leidend findet und es gerne sähe, wenn ich manchmal weinte, ich b n vollkommen bei Gesundheit und rechne ziemlich bestimmt daraus, es noch bis 5" vollkommener Rundung zu bringe». Ich werde hübsch aussehe»- Lebewohl, lebewohl, grüße Deine Maina von mir und st» hundertmal geküßt von Deiner Emilia." 534 Welthandel und nationale Produktion. Vvn Mruno(Aeifcr. (Schluß.) Es leuchtet wohl ein, dciß die Behauptung, mit der ich meinen vorigen Artikel geschlossen habe, durchaus nicht über- trieben ist. Kardinalfehler, an denen sehr wohl die Industrie eines ganzen Landes zugrunde gehen könne, seien darin zu finden, wenn die Produktionsart hinter den Zcitbedürsnissen zurückbleibe und nian die Anforderungen des Marktes nicht studirc. Fast unsere ganze Industrie zeigt sich gegenwärtig beherrscht von einer nicht selten vielleicht zuweit getriebenen Angst vor der Konkurrenz der Amerikaner. Weshalb ist die amerikanische Konkurrenz so gefährlich?— Hauptsächlich deswegen, weil die vereinigten Staaten als Industriestaat das sind, was Seclhorst ein junges Land nennt,„das sich seine Institutionen erst schafft und gleich zuni Besten greifen kann," das also, wo es nötig ist, sogleich zum fabrikmäßigen Großbetrieb kommt, während sich Völker, deren uralte Wirtschaft an den Krücken des Handwerks- mäßigen Kleinbetriebes in die zweite Hälfte des Tampsjahr- Hunderts hineingehumpelt ist, erst nach langem, viel Kraft und Geld verzehrenden Widerstände zu demselben Ziele gelangen,— sehr oft erst dann, wenn das nicht mit den Fesseln des Ueber- kommenen umschmiedete Land auf dem Weltmarkt den Produkten seiner Großbetriebe die besten Pläzc erobert hat. Wie leicht kann es da geschehen, daß das sich erst spät nnd langsam aus den Ketten und Banden des Handwerks befreiende Land zu der Zeit, da es eben auf den Hauptgcbieten seiner Industrie zum Großbetriebe emporgestiegen, der Wcltkonkurrenz die Stirn bietet, nicht mehr widerstandsfähig genug ist, um eine der stets wiederkehrenden Wcltniarktskrisen zu überstehen? Es brauchen nur nicht mehr die alsdann in bedeutendem Maße nötigen Reservekapitalicn vorhanden sein, beziehentlich den bc- treffenden Industriezweigen zur Verfügung stehen,— so müht die erste Krise die jungen Großbetriebe leicht wie Grashalme nieder, verwüstet ganze Industriegebiete, vernichtet deren Kapitalien, wirft taufende und abertausende von Arbeitern auf das Pflaster und treibt die heimischen Konsumenten, mögen sie wollen oder nicht, den auswärtigen Großfabrikanten und ihren stets bereiten Helfershelfern, den weltschacherndcn Großhändlern, in die Arme. Und nun der andere Kardinalfehler: die Unkenntnis der Anforderungen des Marktes! Ter Handwerksmeister, welcher für einen auch im besten Falle cngbegrcnzten Kundenkreis arbeitete, kannte seine Leute; er verkehrte meist mit ihnen persönlich, hörte, wie sie die Maaren haben wollten und was sie an ihnen auszusczc» hatten. Selbst wenn er für größere Märkte und Messen zu arbeiten pflegte, blieb er zum mindesten in indirekter Fühlung mit den Ab- nehmern. Das ist nun gewaltig anders geworden in der Zeit des Freihandels, der Freizügigkeit und der schrankenlosen Konkurrenz. Selten, in den großen Industriezentren schon garnicht, findet man einen Waareuproduzentcn, der mit denen, welche seine Waaren brauchen und verbrauchen, unmittelbar verkehrt; sehr häufig wird man dagegen auf Produzenten stoßen, die überhaupt gar keine Ahnung haben, wo ihre Waaren endlich, nachdem sie allgemach durch die Hände einer ganzen llieihe von Händlern gegangen sind, zum Verbrauch gelangen. Eine sich gewissenhaft und umsichtig nach den Bedürfnissen, dem Geschmacke und den sonstigen Eigentümlichkeiten des Vcr- brauchers richtende Produktion hört damit von selbst gänzlich aus; es tritt an ihre Stelle ein Fabriziren ins Blaue hinein, ein Fertigstellen der Waare aufs Teufelsholen,-- ob der Verbraucher die Waare auch wirklich gebrauchen kau», wird dem. der sie herstellt, allmälich ganz glcichgiltig,— wenn sie nur so aussieht, daß sie der erste in der Händlerrcihe sich eben noch anschmieren läßt, dann ist alles gut. Arbeiteten nun alle Produzenten in alle Ewigkeit so blind drauflos, so iväre der Erfolg genau derselbe, als wenn sie mit einander um den Absaz ihrer Waaren Würfel spielten,— die angeführten Konsumenten würden von einem Händler zum andern, die angeschmierten Händler von einem Produzenten zum andern laufen,— überall würde probirt werden, nirgends könnte sich ein stabiles, gedeihliches, cntwicklungssichcrcs Geschäft bilden. Aber die Dummen werden denn doch stellenweise„alle"— und der Unsinn siegt nicht immer und ewig. Bei diesem und jenem Volke,— in diesem und jenem In- dustriebezirke taucht schließlich auch der Gedanke wieder auf, daß der Waarenverfertigcr im Grunde doch nicht ausschließlich für die Händler arbeite, daß diese doch nicht das Urteil leztcr Instanz über die Waare abzugeben haben und daß es, ivenn auch nicht sür den Moment das Geld in Scheffeln einbringe, wohl aber für die Dauer in Löffeln, so man die Bedürfnisse dcS Konsumenten der Waare möglichst in Rücksicht zöge. Wo diese Einsicht zuerst zur Geltung gelangt, dahin muß sich unter sonst gleichen Produktions- und Absazverhältnissen der Sieg auf dem Weltmarkt auch zunächst wenden,— also, daß die Produzenten ins Blinde zweifelsohne bei weiteren nnd weiteren Fortschritten der Produktion für den Weltmarkt,— von dem allerlei Ecken und Kanten, An- und Abhängscl gegenwärtig schon in alle unsere Mittel- und Kleinstädte und vielfach selbst in ländliche Bezirke hineinragen, von den umsichtig nach de» An- forderungen des Marktes arbeitenden Industriellen mehr und mehr geschlagen und zu guterlezt ruinirt werden müssen. Das ist das Ziel der modernen Produktionsbewegung, nnd so ist es recht und billig. Wer zieht es nun vor, als stumpf nnd dumm vor sich hin handwcrkcrndcr Arbeitsautomat unweigerlich zugrunde zu gehen, statt als ein den Weltmarkt überblickender, seine Bedürfnisse studi- render, zweckvoll sabrizircnder Großindustrieller siegreich vor- wärts zu kommen, sich und sein Land produktiv zu fördern??! Gewiß kein halbwegs vernünftiger Mensch, der einmal be- griffen hat, daß er, beziehentlich sein Stand, um diese Alter- native nicht herumkann. Es fragt sich nur, wie es gemacht wird,— wie der Uebcr- gang vom Handwerker im schlechten zum Großindustriellen im guten Sinne vollzogen wird. Will man diesen Schritt tun als isolirtcr Kleinproduzent, so braucht man unter allen UinstÄuden viel Geld und Kredit dazu. Hat man das nicht oder kann man sich das nicht vcr- schaffen, so sind alle Anstrengungen vergebens. Da nun aber die meisten Kleinproduzenten in der Lage des Non possumus sind, was kapitalistische Leistungen anlangt, so ist ans dem Boden der isolirten Produktion für die Meisten auch keine Rettung. Also Assoziation, wird man rufen, Produktivassoziation, wie sie schon der weiland„König im sozialen Reiche", der jüngst gänzlich verstorbene Schnlzc-Delitzch gepredigt hat, ist auch deiner Weisheit Krone und Schluß! Doch nicht so ganz! Wenn sich ein Schneider, der 1000 Mark Kapital bcsizt, mit zwei andern Schneidern, die jeder gleichfalls 1000 Mark zur Verfügung haben, assoziirt; wenn sich ein Schuster, der 500 Mark hat, mit neun andern Schustern, die auch jeder 500 Mark haben, zu gemeinsamem Schaffen zusammentut, so wird die �chneidcrassoziation den Kampf um ihr Dasein vielleicht, aber auch nur vielleicht, so tapfer nnd aussichtsvoll kämpfen, wie ein Schneider, der mit 3000 Mark sein Geschäft beginnt. nnd der schuhfabrizircnde Zchnmänncrbund wird desgleichen vielleicht so gut vorwärts kommen, wie e i n Schuhmachcrmeistcr, dem das Glück einer Erbschaft oder dergleichen 5000 Mark in t)cn Schoß geworfen hat,— aber wie viele Schneider, die dereinst 3000 Mark, wie viele Schuhmacher, die einmal 5000 Mark ihr eigen genannt, sind nicht dennoch kläglich zugrunde gegangen? Wenn also selbst die argen, oft auf die Dauer kaum ertrag- lichen, schier selbstmörderischen Schwächen jeder Assoziation zu produktiven Zwecken, znnial unter den gegenwärtigen Verhält- nisse», nicht beständen, so würden die Prodnktivassoziationen doch mir dann etwas Belangreiches zu leisten vermögen, wenn sie sogleich— wie ich oben bereits gesagt habe— als Massenassoziationen austreten könnten. Massenproduktivassoziationen sind nun so außerordentlich schwierig zustande zu bringen, und die sich dabei ergebenden Ucbelstände dürften sich in der Praxis stets als so mächtig erweisen, daß heute nur noch unverbesserliche Optimisten, die mit den Tatsachen Blindekuh zu spielen gewöhnt sind, oder wirklich Unkundige für die Dauer der wirtschaftlichen Entwicklung nächster Jahrzehnte ans ihr Zustandekommen svekuliren können. Dabei würden Massenassoziationen zu produktiven Zwecken immer noch einerseits zu wenig, andrerseits leicht zu viel leiste». Zu wenig, indem sie den Bedürfnissen des Marktes nicht wescnt- lich einsichtiger gegenüberständen, als der Einzelproduzent, zu viel, indem sie in vielen Industriezweigen mehr Arbeitskräfte au einem und demselben Orte häufen würden, als notwendig und vorteilhaft wäre. Ist es doch keineswegs nötig, daß tausend und mehr Schneider beieinander sizen, tausend und mehr Schuster, Schreiner, Mezgcr miteinander nähen, hobeln, schlachte», um gute, marktfähige Waare zu liefern. Die Masscnproduktivassoziation wäre demnach auch kein Schuß ins Schwarze der herrschenden wirtschaftlichen Mißstände, selbst wenn sie möglich uud nicht allzuschwcr durchführbar wäre. Dagegen wird die Massenassoziation oder, um die Begriffe in ihren Bezeichnungen möglichst klar auseinanderzuhalten, wird die M a s s c n k o a l i t i o n das durch die Verhältnisse bedingte Mittel zur Lösung des in Rede stehenden Teils der sozialen Frage sein, wenn sich diese Koalition zu ihrem vornehmsten Zwecke unmittelbar gesczt hat: Die Beseitigung der beiden oben dargelegten Grundmängel nnsrcs gegenwärtigen Produzirens. Massenkoalition zum Zwecke der Erforschung und Durch- sührung der für jede einzelne Industrie zweckmäßigsten, pro- duktivsteu Betriebsart einerseits, und zur Erkundung der Be- dürsnisse des Marktes intra et extra mnros, d. i. des heimischen wie des Weltmarktes, sowohl inbezug aus Beschaffenheit als Menge der Waare, andrerseits— danach hätten alle einsichtigen Gcwerbtrcibendcn, ganz besonders aber die kleinen, und alle es mit der Industrie ihres Volkes wie mit dem arbeitenden Volke aller Länder Wohlmeinenden überhaupt, zu streben. Dabei wäre die Produktivassoziation ganz Nebensache. Sie könnte sich bilden, wo sie nüzlich. nötig und möglich wäre, würde aber keiner andern Bctriebsorganisation, wo diese besser am Plaze wäre, in den Weg treten. Nach der Richtung von Masscnkoalitivnen mit den soeben dargelegten Zwecken bewege» sich heute schon die Bemühungen der für Gcmeinintercssen tätigen Gewerbtreibenden vieler Pio- duktionszwcige, freilich lange nicht zielbewußt und wohl auch vicht eifrig genug,— die vielen, oft jährlich wieder kehrenden Kongresse, Vcreinstagc, Generalversammlungen u. s. w., die neu- auftretenden lokalen, provinzialcn und nationalen Vereinigungen von Kleingewcrbtreibenden und Großindustriestell, die Wechsel- l'eitigen Korrespondenzen und die gemeinsanicn Preßorgane, welche Berufs iutcrcsten aller Art vertreten und fördern sollen. sind hinlängliche Beweise dafür. Auch die Gewerbe- und Industrieausstellungen legen beredtes Zeugnis dafür ab. daß man nach dieser Richtung hin Wandel zu schaffen sucht. Und daneben noch manches andere. So z. B. in hervorragender Weise auch die Tätigkeit der deutschen Konsuln Auslände, welche seit einigen Jahren regelmäßige Berichte über die Lage von Handel und Industrie in ihren Bezirken an �ie ihnen vorgcseztcn Behörden einzusenden haben; dann die Bestrebungen, Exportmusterlager und Exportmuseen zu gründen, in denen z»r Belehrung und Anspornung der industriellen Welt diejenigen Waaren übersichtlich zusammengestellt werden sollen, welche Deutschland für den Export arbeitet und die, welche das Ausland bedarf. Alles in allem genommen sind das aber doch nur bescheidene Ansänge und Versuche, denen sowohl die Energie einer raschen, größere Erfolge versprechenden Entwicklung, als auch die sehr wünschenswerte Einheitlichkeit und der systematische Zusammen- hang gänzlich abgeht. Um System und einheitliches, tatkräftiges Streben in alle diese an sich so berechtigten Anläufe zu bringen, wäre eben ein lebenskräftiger Mittelpunkt nötig, in dem sich die Interessen der nationalen Produktion in möglichst hohem Grade konzentrirten und von dem aus die Anregungen und Anweisungen, der gute Rat und die frische Tat, auszugehen hätten. Liberale Sozialpolitiker werden sich freilich mit dieser An- schauung nicht einverstanden erklären oder bestenfalls ganz zwang- lose Vereinigungen zu gründen vorschlagen, die sich kunterbunt aus allen den zulaufenden Elementen zusammensezen könnten, gleichviel ob die betreffenden Leute ein materielles oder ein ideelles Interesse an der Sache wirklich haben oder sich nur einbilden, ob sie Verständnis dafür besizen und ernstlich etwas dafür tun wollen und können, oder sich begnügen, mit ihrer Teilnahme an dem„gemeinnüzigen" Unternehmen zu renommircu und bei den allsälligen Beratungen und Zusammenkünften Maul- äffen seilzuhalten. Eben die„private Initiative", auf die bei der liberalen Sozialpolitik alle Weisheit hinausläuft, hat sich ja doch bisher so ganz eklatant als unfähig envicsen für die große Rolle des Feldherrn in dem gewaltigen Weltivirtschaftskanipf, in welchen die Kulturvölker seit Erfindung des Dampfes hineingeraten sind! Die private Initiative mit ihrer Zwillingsschwcstcr, der freien Konkurrenz, zersplittert die Kräfte, anstatt sie zu einen; sie hat den wirtschaftlichen Kampf Aller gegen Alle selbst erst geschaffen, während es nun gilt, diese» Kampf zunächst im eigenen Lager zu beseitige», in ein friedliches, das Wohl des Einzelnen mit dem der Gemeinschaft harmonisch einigendes Zusammenwirken zu verwandeln. Die meisten der nichtliberalcn Sozialpolitiker werden sich damit wohl einverstanden erklären, jedoch nieinen, daß der not- wendige Mittelpunkt für alle Bestrebungen, Handel und Wandel zu fördern, ja längst vorhanden und in hosinungsvollstcr Tätigkeit sei,— er, der irdische Allgütige und Allweise, den sie am liebsten auch allmächtig machten: der Staat. Die Lenker des Staates können und sollen nun sehr wohl auch etwas, unter Umständen sogar viel für die nationale Pro- dnktion und die Wohlfahrt der Produzirenden tun, aber alles zu tun, oder auch nur die oberste Leitung aller Maßregeln zur Förderung von Industrie und Handel zu üben, sind sie durchaus nicht geeignet und werden nie— unter keiner Staatsform— dazu geeignet sein. Mögen sich die Staatslcnker noch so sehr für den Ans- schwung der nationalen Produktion interessiren,— so niüsscn ihnen doch noch über dieses Jnteresie immer andere gehen, nämlich die reinpolitischen Jntcressen, für die sie das erstere aufzuopfern oder denen sie es mindestens hintanzusezen gar zu leicht in Versuchung kommen werden. Die Interessen der nationalen Produktion sind aber so hohe und so tief in das Volksleben eingreifende zugleich, daß sie keine Unterordnung vertragen, zumal gegenwärtig, da die soziale Frage so überaus brennend geworden ist und niillionen Menschen nach der Lösung hungern und wenigstens den Beginn der Lösung zu fordern ein Recht haben. Darum sollten allerbaldigst Organe geschassen werden, deren wichtigste, oberste, ja alleinige Aufgabe die Pflege aller In- tcressen der nationalen Produktion wäre. Diese Organe sind meiner Ansicht nach ausschließlich zu finden in jenen sozialen Massenkoalitionen, von welchen ich oben bereits gesprochen habe. Die Gründung derselben ganz dem freien Willen uud der Einsicht der Gewerbtreibenden z» überlassen, hieße dem sozial- politischen Riesenbau solcher Verbände Flugsand zum Bau- grund gebe». Ein solides Fundament ist für alle solche Institutionen ganz allein mit Hilfe der Gcsezgcbung zu schassen. Diese hätte zu bestimnikn, daß in allen Gebieten der Waarcnproduktion alle Produzenten sich in Gruppen oder Sektionen gegliedert zu ver- einigen hätten und zum Gegenstände ihrer Beratungen und Beschlußfassungen, wie der gemeinschaftlichen Tätigkeit von Ausschüssen und Kommissionen zu machen hätten: 1) die Um- gcstaltnng der gesammten Produktion des betreffenden Industrie- zweiges, soweit es die Bedürfnisse der Zeit verlangen und die technischen Mittel der Zeit gestatten, sowie mit tunlichst weit- gehender Schonung aller Einzelintercssen, zum schaffenskräftigsten Großbetriebe;— 2) das Studium der Bedürfnisse des Marktes und Fixirnng der Resultate derselben in statistischen Feststellungen und wirtschaftswissenschaftlichen Denkschriften, und 3)— was sich ganz von selbst an diesen zweiten Teil der Tätigkeit dieser Vereinig- nngen anschließen würbe, so gut wie es jczt ein Hanptstück der Be- mühungen des isolirten Produzenten ausmacht,— möglichste Er- weitciung des Marktes und Vermehrung der Waarennachfrage. Wenn hier von„allen Produzenten" geredet wird, so ver- steht der Verfasser selbstverständlich nicht blos die Arbeitgeber, die großen und kleinen Fabrik- und Werkstatt-„Herren" darunter, sondern alle an der Produktion, gleichviel wie, teilnehmenden mündigen Leute. Ich brauche hier nicht anseinmiderznsezen, wie sehr ich der Ueberzeugung bin, daß alle verständigen Arbeiter zum mindesten ebensoviel Interesse an dem Gedeihen ihres Produktionszweiges betätigen werden, wenn sie einmal zu diesem Gedeihen mitzu- wirken berufen werden, als die Arbeitgeber. Ich behaupte nicht, daß alle Arbeiter zu solchem Raten und Taten von vornherein sehr viel Interesse und Verständnis mitbringen würden, geradesowenig wie dies bei allen Kapitalisten der Fall sein iviirdc. Aber beides würde sich hier wie da im Laufe der Zeit und mit den steigenden Erfolgen entsprechend heben-- und sehr bald sicherlich zur Pflichterfüllung seitens der großen Mehrheit ausreichen. Auf die Arbeiter würden übrigens schon deshalb die Koali- tionen auszudehnen sein, weil ihnen bei der Tätigkeit für die Hebung der nationalen Produktion— der Produktion jedes Volkes— mag man es nun auch einrichten wie man will, die wichtigste Rolle zufallen muß. Heutzutage sucht man vorzugsweise die ausländischen Absaz- gebiete für heimische Waaren zu erweitern; man bestrebt sich, neue Absazgcbiete in andern Weltteilen zu finden und zu er- schließen, man schwärmt von der segensreichen Wirkung, welche der Besiz überseeischer Kolonien für die Produktion des Mutter- landes haben würde. Damit hat man auch keineswegs unrecht, aber man verfährt bei dieser Agitation für Erweiterung unseres Waareumarktes genau so, wie ein Mensch, dem Dukaten und Markstücke in etwa gleicher Zahl zum Fenster hinausgefallen sind, und der nun immerfort nach der Straße hinunterruft:„Bringt mir nur um Gotteswillen die Markstücke herauf!" Unsere Produktion für den Weltmarkt nämlich ist bedeutend, aber unsere Produktion für den eigenen Markt ist ungemein viel bedeutender. England z. B. produzirt in weit höherem Maße für den Weltmarkt als wir, und schafft doch nach sorgfältigen Bc- rechnungen etwa achtmal soviel für das eigene Bedürfnis, als es für das des Auslandes jahraus, jahrein an Waaren fertigstellt. Bei uns in Deutschland nun wird der Unterschied noch erheblich größer sein;— wenn es uns also gelänge, den Absaz unserer Produkte auf dem heimischen Markte um zehn Prozent zu steigern, so würde das mindestens denselben Effekt haben, als wenn wir unscrn ganzen Export um hundert Prozent, d. i. auf sein Doppeltes erhöhten. Wir werden also klug tun, wenn wir die Dukatenschäze, welche ans dem nationalen Markte zu heben sind, fernerhin nicht unberührt liegen lassen; die Markstücke vom internationalen Markt können wir gleichzeitig ja auch noch auflesen. Natürlich bin ich nicht etwa der Ansicht, daß es sich allein oder auch nur hauptsächlich darum handeln sollte, die fremden Waaren von nnscrm Markte zu verdrängen, wie es die Cchnz- zöllner gern möchten,— o nein,— wir könnten zwar, ab- gesehen von der eigentlichen, mit Recht sogenannten Kolonial- waare bei Vermeidung der im vorigen Artikel ausgeführten Mängel unsrer Produktion und unsres Waarenvertriebs und bei zweckmäßiger Verbesserung und Verbilligung unserer Verkehrs- mittel den fremden Konkurrenten manchen ertragsreichen Winkel unseres eigenen Marktes abjagen,— aber das wäre doch immer nur aus großem Faß mit kleinen Löffeln geschöpft. Die Kaufkraft der Volksmassen heben,— das ist des Pudels Kern. Wie könnte das geschehen? Ich muß an dieser Stelle— am Schlüsse der ohnehin schon viel zu lang gewordenen Arbeit— alle weitläufigen Ausführungen vermeiden und spare sie mir für eine spätere Ab- Handlung speziell über dieses Tema ans; jedoch führe ich kurz an, was mir zur Beantwortung dieser Frage für denkende und nicht ganz unkundige Leser genügend erscheint. Die Kaufkraft der Volksmassen— ihre Fähigkeit, die Be- dürfnisse des Körpers und Geistes zu befriedigen und an den Genüssen des Lebens teilzunehmen— kann nicht anders ge- steigert werden, als durch Erhöhung aller ungenügenden Arbeits- löhne. Nach der amtlichen preußischen Steuerstatistik haben volle 30 Prozent der Bevölkerung weniger als 420 Mark jährliches Einkommen und weitere 43 Prozent unter 900 Mark. Es bckarf keiner Berechnungen und Nachweise, daß 900 M f. Einkommen das Mindestmaß dessen ist, was ein Mensch haben muß, um notdürftig leben und— was ja jedes Mannes heiligstes Recht ist— eine, wenn auch noch so kleine Familie ernähren zn können. Es erreichen nun 75 Prozent der Gcsammt- bevölkerung in Deutschland dieses Mindestmaß nicht. Wenn es etwas gibt, das nach Abhilfe zum Himmel schreit, so ist es diese Tatsache. Redensarten, wohlmeinende Humanität, Wohltätizkeitsvercine haben gegen solche Uebelstände noch nie etwas durchgreifendes vermocht,— da gibt es wieder kein Mittel, als das einhellige Eingreifen der gesummten Nation, die Anspannung aller Volks- kräfte und die Betätigung des Volkswillens durch dic Gcsez- gebung. Ein gesezlicher Minimalarbeitslohn von mindestens 3 Mark täglich, nnterstiizt von einem mäßig bemessenen Rormalarbeits- tag,— dieses ist das die schlimmste Not beseitigende Mittel. Wie gewaltig müßte eine derartige gesezgcberischc Maßregel auf die nationale Produktion wirken, sie hebend und belebend, —■ eine kräftige und unaufhörliche Befruchtung darstellend! Man stelle sich vor!— Ungefähr die Hälfte der Gesummt- bevölkerung Deutschlands würde wenigstens noch einmal soviel jährlich konsumiren, als bisher,— denn Schäzesammcln werden die unteren 22 Millionen sicher nicht, wenn sie statt durchschnitt- lieh 430 Mark 900 Mark verdienen! Nehmen wir an, daß sich unter diesen 22 Millionen nur 7 Millionen Steuerzahler befinden würden,— selbstätig Erwerbende,— so würde die Bermehrnng der jährlichen Ausgaben für Zwecke der Konsumtion mindestens 3 Milliarden Marl be- tragen, d. i. ebensoviel, als im Jahre 1881 unsere gesummte Waarenausfuhr ins Ausland betragen hat. Allerdings gibt es da auch sehr viele Wenn und Aber zu bedenken. Zunächst die Frage: Kann man die Arbeitgcberschast nötigen, eine in manchen Industriezweigen gewiß beträchtliche Lohn- steigerung, wie sie die Einführung des Minimallohns darstellt, durchzuführen, ohne den Ruin ihrer Gewerbsunternehmungen herbeizuführen und vielleicht sogar den Bestand ganzer, wichtiger Industriezweige zu gefährden? Nun �— sehr wahrscheinlich allerdings, daß manches kleinere und größere Geschäft eine Erhöhung aller Arbeitslöhne auf wenigstens drei Mark für den Mann und den mäßigen Normal- arbeitstag nicht verträgt, auch nicht ganz unwahrscheinlich sogar, bnfj es ganze größere Industriezweige gibt, die bei einem der- artigen Mininialarbeitslohn nicht zahlen können, ohne den Unter- nehmergewinn so zu verringern, daß kein Privatkapitalist mehr Lust empfindet, darin sein Geld anzulegen;— was aber folgt daraus? Doch nur, daß die betreffenden Geschäfte und Industrie- zweige durch und durch ungesund sind und wert, daß sie zugrunde gehen, denn wert zugrunde zu gehen ist jedes industrielle Un- tcrnehme», das seine Arbeiter nicht zu ernähren vermag. Dabei wird sich zweifellos in den meisten Fällen zeigen, daß es entweder wieder der nicht genügend produktive Klein- betrieb ist, der jene Unfruchtbarkeit des Unternehmens verschuldet, oder der andere Umstand, daß alles Privatkapital ohne erheb- lichen Profit sich der Industrie nicht dienstbar macht. Daher werden die zugrundcgehenden Etablissements einfach in Großunternehmungen zusammengelegt werden müssen, und es wird der Staat, kontrolirt durch die beziiglichen sozialen Koali- , tionen oder diese kontrolirt durch jenen als Unternehmer aufzu- treten haben. Wie sich solche Sozialreform vollziehen könnte und was sie für Folge» haben müßte,— auch darüber ein andermal Ein- ! gehenderes. probell deutscher VolKspoeste der Gegenwart. I. Erkannt! Was I euch! ei mir aus deinem Vlick? Was lächelt mir von deinem Wunde? Scheucht es ein herbes Wihgrschick? Heilt's eine liefe Herzenswunde? So log mir einst ein blüh'ndrs Fug'; Den Wonnetraum in meinem Leben Zerstörte eines Wundes Hauch; Bannst d u mir-Frieden wiedergeben? Ja, dich durchglüht der Liebe Strahl, Wir hiindrl's ob der kalten Frage Dir j?rrl, dir sich ins Kug' dir stahl, Und die ich forlzuküssen wage. It. Gebet eines Ungläubigen. Geist der Wrnschheit, steig hernieder, Senke dich in unser Brust! Gib uns Friede immer wieder, Gib uns Freude, gib uns Lust! lehr' uns nach dem Höchsten streben, Lehr' Gemeines uns verachten, Lehr' uns lang und glücklich leben, Lehr' uns Edles hoch zu achten! Laß uns Lug und Trug stets meiden, Laß uns Schönheit tief erfassen, Uns am Glücke Andrer weiden, Laß uns Unrecht immer hassen! Geist der Wrnschheit, steig hernieder, Gib uns Friede immer wieder, Senke dich in unfre Brust! i Gib uns Freude, gib uns Lust! ilLter Thomas tgabrikarbciter). Ter Norbicr von Kairo.e>e Kap.tal.lten ihr Geld zuhause behielten und Kolonien im eigenen Vaterlande gründeten?' (Fundgrube.) lieber die Produktionssähigkeit des Staates Teras(Nordamerika) teilt die„Mail" vom 26. Februar 1883 einige bemerkenswerte Daten mit. Für 1878/79 wurde der Wert seiner Produkte aus 57 820 141 Dollars gcschäzt, für 1880,81 dagegen auf 95 960 930 Dollars, eine Summe, welche sich aus den Werten von 1 260247 Ballen Baumwolle, 20 67t 339 Pfund Wolle, 781 874 Stück Vieh. 12 262 052 Häuten, 28 175 Pferden und Maultiere, 39 605 Wagenladungen Getreide und 278 609 542 Fuß Holz zusammensezt. Im Jahre 1881 betrug die texanische Weizenerule 3 287 500 Bushels, 1880 nur 2 577 223. Die gesammle Ernte der Vereinigten Staaten int Jahre 1879 betrug nach der offiziellen Statistik an Weizen 448 755 118 Bushels(aus 32 545 899 Akres), an Roggen 1 544 899 193 Bushel(aus 53 085 401 Akres), und die Ävdenfläche, welche die neun hauptsächlichsten Ernten der Union— Baumwolle, Weizen, Roggen, Hafer, Gerste, Heu, Korn, Kartoffeln und Buchweizen— erzengte, wird zu 223763 Quadratmiles angegeben. Diese Schäzung als richtig angenommen, so besizt Texas Land genug, um sämmtliche Haupternten der Union hervorzubringen, und behält immer noch ei» Gartenareal von 50 000 Quadratmiles übrig; es hat also Aussicht, in Zukunft eine große Rolle als Ackerbau- zentrum zu spielen. Seine Baumivollencrnte ist bereits größer, als die eines andern Staates der Union, und die Faser ist länger, seidenartiger und in jeder Hinsicht besser, als sonst in Amerika. Nächst dem Ackerbau ist die Viehzucht die wichtigste Industrie in Texas. Der ganze Westen und der Bezirk Panhandle befassen sich nur mit derselben. Die jähr- liche Pacht für Weideland beträgt nur zwei Cents, so daß die Kosten der Zucht verschwindend gering sind, und rasch große Vermögen er- worden werden. Für Schafzucht eignet sich am besten von allen Län- der» das ganze Gebiet zwischen den bewaldete» Gegenden des Ostens und den Llanos Estnkados im Westen, südlich bis zum Rio Grande, sowie Westtexas zwischen dem Jndianerterritorium und Mexiko. Es soll jezt 8 Millionen Schafe im Lande geben im Werte von 24 Millionen Dollars; das ganze Kapital, welches in der Schafzucht steckt, wird auf 47 600 000 Dollars veranschlagt.(Globus). Nebcr die Beleuchtung des Savoyteaters in London und des brünner Sladtteaters teilen wir nach einem Vortrage von Paul Jordan Folgendes mit. In erstercm sind die sämmtliche» Lampen zu je zweien hintereinander geschaltet, jedoch gruppenweise; dabei besteht jede Gruppe aus 15 bis 20 Lampen und dies bietet den Vor- teil, dan, wenn eine Lampe einer Gruppe zu Grunde geht, nicht noch eine zweite mit verlischt, wie dies geschehen würde, wenn Gruppen von zwei hintereinander geschalteten Lampen parallel geschaltet würden. Im genannten Teater strahle» auch die sämmtliche» Feen, welche iir der großen, allabendlich gegebenen Feerie„Jolanthe" auftreten, in ihrem eigenen elektrischen Lichte; jede derselben trägt eine kleine, winzige Swanlampe im Haare. Der Strom wird durch eine aus zwei Elementen bestehende Plantesche Sekundärbatteric geliefert, welche die Feen zwischen ihren Flügeln und unter herabwallendem Haare versteckt auf dem Rücken tragen. Eine solche Sekundärbatterie wiegt 1,75 Kilo. Die kleinen Lampen stehen durch dünne, biegsame Leitungen mit der Batterie in Verbindung und sind mittels eines Kammes im Haare befestigt. Die erzielte Wirkung ist eine sehr hübsche. Die elektrische Beleuchtungsanlage des brünner Stadtlcalers wurde gemeinschaftlich ausgeführt von der Kommanditgesellschaft für ange- wandle Elektrizität Brückner, Roß und Konsorten in Wien und der Societe electrique Edison in Paris. Der von vier Maschinen gelieferte Strom wird in einem Edison- Kabel nach dem Teater geleitet. Im Keller des Teaters verzweigt sich das Kabel in zwei Strom- kreise. Der eine, die sogen. Hausleitung, enthält 369 Lampen in der Vorhalle, auf den Treppen u. s. w., deren Lichtstärke während der ganzen Brenndauer die nämliche zu bleiben hat. In dem zweite» Stromkreise liegen sämmtliche(1015) Lampen, deren Lichtstärke verän- dert werden muß, also die im Bühnen- und Zuschauerräume. An der Verzweigungsstelle ist in jede Leitung ein Bleistreifen eingeschaltet, welcher schmilzt und dadurch den Leitungsprozeß unterbricht,(obald in diesem Zweige irgendwo ein kurze Schließung entsteht, welche eine fcuer- gefährliche Erhiznng der Leitung nach sich ziehen könnte. Achnliche Bleistrcisen sind auch anderwärts an den Abzweigungen angebracht. Zur Beleuchtung der Bühne bei den im Lause des Tages abzu- haltenden Proben dienen 40 Edisvnsche L-Lampe» von je acht Normal- kerzen Lichtstärke, welche durch eine im Keller ausgestellte, kleine Gram- mesche Maschine gespeist werden, zu deren Betrieb ein auch zur Bc- ivegung eines Ventilators bestimmter Ottoscher Gasmotor dient. Die den Raum dieses Gasmotors erleuchtende Flamme ist die einzige im ganzen Teater vorhandene Gasflamme. Die Lampen einer jeden Sossite, Rampe und Coulisse sind in drei Stromkreise eingeschaltet, und zwar ist jede zweite bezw. dritte Lampe mit einer elastischen Gelatinhülle von roter bezw. grüner Farbe über- zogen, um dadurch dnS zu verschiedenen Bühuenzweckcn erforderliche farbige Licht hervorbringen zu können. Da also von sämmtliche» Svf- siten-, Rampen- und Coulissenlampen nur der dritte Teil zu gleicher Zeit brennt, so sind immer nur ungefähr 900 Lampen im Betriebe. Für die Versezstücke sind am Boden der Bühne und auf dem Schnür- boden je sechs Paar Polklemmen angebracht, welche» der Strom durch biegsanie Leitungen zugeführt wird. 540— Die sämmtlichen Glühlichtlampe» deS Zuschauerraumes sind mit einförmig gestalteten Milchglasglockcn umgebeu, welche das Licht leider um etwa 40 Prozent abschwäche». Eine Dämpfung des Lichtes, welche im vorliegenden Falle offenbar eine zur starke ist, muffte gegen den Willen der Elektrotechniker auf besonderen Wunsch der Architekten gc- schehen, weil leztere besürchtetcn, daff man bei ungedämpften Lampen zu viele Schäden an ihrer Dekoration, namentlich an der Vergoldung entdecken würde. Ebenso sind die meisten Lampen an den Kronleuchtern im Trcppenhausc und im Foyer mit Milchglasglockcn versehen. Dagegen spenden die in der Vorhalle an äußerst geschmackvollen zwei armigcn Trägern angebrachten und die in den Flure» vorhandenen Lampen ihr volles Licht. Die Brenndauer der Glühlämpchcn soll min- bestens 700 Stunden betragen.— Als Notbeleuchtung dienen 80 von außen ventilirtc Laternen, welche sehr geschickt verteilt sind. Räch dem Vertrage zwischen der Gemeinde Brünn und den Unter- nehmern erhalten leztere für die Herstellung der Bctriebsanlagen im vollen Umfange und deren Unterhaltung während 20 Jahren jährlich eine Summe von 14 000 Gulden, von welcher»ach dem ausgestellten Tilgungsplane 7062 Gulden auf Zinsen und Kapitalsamortisirung ent- fallen, wogegen der Rest von 6938 Gulden der Betrag für die jähr- lichen Betriebskosten ist. Nach Ablaus des 20jährigen Vertrages geht die ganze Anlage sanimt allem Zubehör in das Eigentum der Stadt über.(PMyt. Journal.) Ter Zucker als diätetisches Mittel. Dieser als Gewürz so allgc- mein gebrauchte und beliebte Stoff vermag als diätetisches Mittel un- streitig auch gewisse arzncilichc Wirkungen auf den Körper auszuüben. Dies erkannten schon die älteren Aerzte, indem sie denselben bald gegen mancherlei Beschwerden empfohlen, bald gegen den Mißbrauch desselben gewarnt haben. So empfiehlt Huscland in seiner„Mnkrobiolik" Leuten, die eine sizende Lebensweise sichren(Gelehrten sc.) den Genuß von Zuckcrwasser. Ein großer Lobrcdner des Zuckers war untcr anderem der Geh. Medizinalrat Vogel in Rostock, der täglich ein Pfund Zucker verzehrte und 88 Jahre alt wurde. Solche Beispiele liegen noch mehrere vor. Es wäre aber gewiß ein Irrtum, wenn man daraus den Schluß ziehen wollte, daß der Genuß von größeren Quantitäten Zucker unter- schicdSlos ein Heilmittel gegen Krankheiten oder gar ein Panacce zur Verlängerung des Lebens sei. In mäßiger Menge wirkt der Zucker zerteilend, erweichend, die Ausdünstung vermindernd, die Verdauung fetter und mehliger Speisen bcsördernd. Im Uebermaß greift er den Magen an, erregt starken Durst, erzeugt viel Schleim, Aufgcdunsenheit und Ausschläge lblaßrotc Flecken). Personen, die wenig oder leichtverdauliche Speisen zu sich nehmen, ist er weniger zuträglich als solchen, die viel und schwerver- bauliche Nahrung genießen, indem er hier in der Tat zur Beförderung der Verdauung beiträgt. Er ist besonders bejahrten Personen, deren Fasern erhärte», und Personen in heißen trockenen Ländern zuträglich. Weniger geeignet ist er dagegen für solche, die viel an Säure leiden. Aeußerlich wirkt der Zucker reinigend, säulniswidrig, reizend. Er kann daher als Nießmittel, zu Gurgelwasscrn, zur Reinigung von Gc- schwüren, gegen wildes Fleisch und in Klystiercn gebraucht werden. Der oben erwähnte Dr. Vogel äußert sich unter anderem über die Wirkungen des Zuckers:„Er befördert die Verdauung, erleichtert die Stuhlauslchrung, ist nährend und stiftet sonst im Organismus viel Gutes. Gibt eS ein Mittel, ein langes Leben zu begünstigen, so ist eS der Zucker. Vortreffliche Nebenwirkungen des Zuckers sind, daß er nach Gemütsbewegungen und Erhizung die beste und sicherste Beruhigung und Kühlung gibt, daß er der Brust wohltätig ist, daß er Blähungen und daher entstehende Beängstigung abhält" u. s. w. Zuckcrwasser, Abends genommen, ist ein bekanntes, auch von Hufe- land empsohlenes Volksmiltcl gegen Verdauungsbcjchwerden und daher- rührende Schlaslosigkcit: ebenso gegen Alpdrücken. Nach Erkältung, bei Schnupfen und Huste» wirkt oft heißes Zuckcrwasser, in kleinen Portionen häusig getrunken, sehr günstig.(Zundgrudc.) Empfindlichkeit eines Tintenfisches. Nach Lacaze-Duthicrs gibt eS in der ganzen Welt wohl kein Tier, das empfindlicher als der kleine Tintenfisch Sepiola wäre, der an den französischen Küsten sehr häusig ist. Man braucht nämlich blos das Aquarium, in dem sich ein solches Tier befindet, ein bischen zu bewegen, und sofort färbt das Tier sich nacheinander weiß, schwarz, endlich ganz bunt. Gigot hat darüber eine Reihe von Untersuchungen angestellt. Die Tegumente des Tieres enthalten große Zellen, die mit langen Fortsäze» versehen sind, die Pigmente enthalten und daher als Chromalophore bezeichnet werden. Ziehen sich diese Chromatophorc zusammen, so verschwindet das Pigment, das Tier erscheint weiß; erweitern sie sich, so erscheint es gefärbt, lieber die Natur dieser Zcllcnumgestaltung hat man verschiedene Hnpotescn aufgestellt; einige Naturforscher halten sie für eine Wirkung der Muskel- kraft, andere sehen sie als Ausfluß der Nerventätigkeit an; Gigot endlich meint, daß die Chromatophoren durch Einwirkung des in ihnen ent- haltencn Protoplasmas zusammengezogen und cnveitert werden. (Acaderaie des sclences de Paris. Tizung am 26. Fcbr. 1883.) Sprkchfaal für jedermann. Berichtigung. Die Nummer 13 der„Reueu Welt" enthält eine Notiz mit der Ausschrift: Ein neues Werk Prondhons. Diese Notiz enthält gerade soviel Irrtümer als Worte. Die Tat sachensind folgende: Erstens ist die hinterlasse»« Schrift Prvudhons kein ausgearbcites Werk, sondern nur der Umriß zu einem solchen. Zweitens führt dieser Umriß nicht den Titel Lc Cesarisrne et Tbistoire, sondern Cösarisrne et Cbristianisrne(CäsariSmns und Christentum) und behandelt die Zeit vom Jahr 43 vor bis zum Jahr 476 nach Christi Geburt. Drittens wollen die Hinterbliebenen das Werk nicht jezt veröffentlichen, sondern der Herausgeber von Proudhons Korrespondenz, I. A. Langlois, hat dasselbe bereits veröffentlicht. Es ist im Januar d. I. bei E. Marpon& C. Flam- marion in Paris in zwei je ungefähr 300 Seiten starken Bänden er- schienen.— Daß damit auch die Reflexionen des Berichterstatters über die„Glanzzeit" des zweiten französischen Kaisertums und über die „nicht ganz klaren Beziehungen" Proudhons zu Napoleon III. schnöde ins Wasser fallen, ist sehr zu beklage». Denn von alledem steht natürlich in der Proudhonschcn Schrift kein Wort. Was die leztere Insinuation selbst betrifft, so beweist daS Wiedcrau'wärmen derselben, nachdem seit ProudhonS Tode bald zwanzig Jahre, seit der Berössent- lichung seiner umfangreichen Korrespondenz bald zehn Jahre verflossen sind und alles einschlägige Material längst vorliegt, eine so totale Unkenntnis des wirklichen Sachverhalts, daß ich Ihrem Berichterstatter nur Einen Rat geben kann— zu schweigen, wenn von Proudhon die Rede ist. Dr. A. Mülberger. Wir enthalten uns jeder Bemerkung zu dieser Meinungsäußerung bis die Gegenerklärung seitens unseres von dies.r Kritik betroffenen Herrn Mitarbeiters vorliegt. Red. d.„N. W." R e b» ö. Auslösung des Rebus in Nr. 20: Most, der nicht gährt, wird nie Wein. Inhalt: Vom Baume der Erkenntnis. Roma» von I. Zadcck.(Schluß.)— Der Freiheitskampf der Stcdinger im 12. und 13. Jahr- hundert. Von Dr. Ludwig Bracutigam.— Der Bekämpfet des Autoritätsglaubens. Bon Dr Richard Ernst.— Rußlands Zarcnpalast.(Mit Illustration.)— Ich bleibe ledig. Novellette von Enrico Eastclnuovo. Deutsch von Kvnrad Tclmann.(Schluß.)— Welthandel und national« Produktion. Bon Bruno Geiser.(Schluß.)- Proben deutschet Volkspoesie der Gegenwart. I. Erkannt II Gebet eines Ungläubigeii Volt Peter Thomas.- Der Barbier von Kairo(Mit Illustration.)- Junge Brut.(Mit Illustration.)- Versolqunq von Betuaren in Ungar». (Mit Illustration.)— Ei» Bild«uS der Schreckcnszeit.- Aus allen Winkeln der Zeitliteratur: Tie»ordamerikanischc Konkurrenz und die deutichc Landwlrtschait.— lieber die Produktions, ahigkeit des Staates Texas.- lieber die Beleuchtung des Savoyteaters in London nnd de» brünner Stadtteaters.— Der Zucker als diätetisches Mittel.— Empfindlichkeit eines Tintenfisches.— Sprechsal für jedermann— Rebus.— Aerztlicher Ratgeber.— Rcdakuonskortespoiidcnz.— Gemeinnüzigcs.— Humoristisches.— MannichfaltigeS. Mit dieser Nummer beginiit das IV. Quartal des 8. Jahrganges der.Neuen Welt". Tie geehrten Post- Abonnenten werden ersucht, die Bestellungen ungesäumt aufzugebe», damit keine Unterbrechung in der Zustellung des Blattes eintritt. ___________ Tie Expedition der„Neuen Welt." � Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgan. Redaktion: Fangelsbachstraße 32.- Expedition: Ludwigstraße 26 in Stuttgart. Druck und Verlag von I. H. W. Dich in Stuttgart.