Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint alle 14 Tage in Heften& 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Postämter zu beziehen. Bon HZ. Hütet. Tie erste war eine Turteltaube, die zweite eine geschossene Taube, die dritte eine Brieftaube, die vierte eine gebratene Taube und die fnnstc eine Friedenstaube. Das; die Liebe in der Geschichte eine Rolle spielt, versteht sich von selbst,— da ja sogar Venus, wenn sie spazieren fuhr, ein Gespann von Tauben beniiztc, und dieser holde Vogel daher die Gewohnheit beibehalten hat. sich in Liebesangelegcnhcitcn zu mischen oder wenigstens dieselben zu symbolisiren. Nächst der Liebe vertritt die Taube de» Friede»—-sie trägt ein billet-doux unterm Angel oder den Oelzweig im Schnabel,— Frieden ist ja eben auch der Geist der Liebe, der hier ein Band um zwei Herzen schlingt und dort um ganze Völker. Da, wo die erste Taube unserer Geschichte girrte, rvar ein gar liebliches Pläzchcn. Es Ivar ein Warmhaus der Brunnen- anlagen zu Homburg im Herbste des Jahres 1868. Der gläserne Bau mit seinen hohen exotischen Gewächswändcn war von jener feuchten duftigen Wärme erfüllt, die uns in solchen Blumenhäusern wie ein wonniges Bad umstntet; dazu hörte man das eintönige wiegende Plätschern einer Fontaine, und im Gcäste drin, wo unter Palmcnzweigcn ein Vogelbauer hing, schallte ein verliebtes Knknrn— h. Stuf einer zwischen blühenden Zweigen halbverstccktcn Bank saß ein junges Mädchen, eine offene Zeichcnmappc auf dem schaff. Thusnelda war in den Nachmittagsstunden, wo die Orangerie gewöhnlich leer Ivar, hierher gekommen, um eine Blumengruppe zu kopircn. Aber von der süßen, einschläfernden Atmosphäre erfaßt, hatte sie die Arbeit unterbrochen und— den Kopf zurückgelehnt, so daß ihr Blick in dem verschlungenen tropische» Blättcrdache wie in einem Unvald schweifte— ließ sie die Seele in einem träumenden Nichtsgcdanken flattern. An was denkt ein Mädchen, wenn es an nichts denkt und sich von Düften und Harmonien schaukeln läßt— von warmen Hauchen gefächelt und' von Turteltauben angelacht wird?— Ta schwebt ihm gewiß das Bild des Einen vor. gekannt oder geträumt, dem es zu eigen werden wollte. Und vor Thusneldens innerem Auge zeichnete sich ein ganz bestimmtes Bild. Seit einiger Zeit war ihr auf allen ihren Ausgängen ein junger Engländer in den Weg getreten, dessen jilgendlich-cinnehmende und gentlemanische Erscheinung lebhaften Eindruck auf sie hervorgebracht hatte. So oft sie in den Buch- händlerladen ging, wo sie ihre Zeichenrequisiten kaufte und wo zugleich eine Lcihbibkiotek war, trat gleich nach ihr der junge Engländer ein und fragte, ob„any thing new" in Büchern da wäre. Neulich war sie mit einer Freundin im Teater ge- Wesen, um einmal die Patti zu hören, und derselbe blonde Albionssohn saß unweit von ihr und blickte nur wenig ans die sonnambiila, dafür aber desto mehr zu Thusnelden herüber. „Ter schöne Herr dort ist offenbar verliebt in dich, Neida," hatte die Freundin bemerkt, worauf sie jedoch keine Antwort erhielt. Thusnelda war ein schlichtes, empfängliches, braves und wunderschönes Mädchen. Sic zählte eben achtzehn Jahre. Sie lebte allein mit ihrer alten Mutter, der Witwe eines einst sehr reichen, aber ruinirt gestorbenen Kaufmanns aus Frankfurt. Eine kleine Villa in Homburg war alles, was von den Trümmern des einstigen Vermögens übrig geblieben war, und diese be- wohnten nun die beiden Frauen im Erdgeschosse, während sie den ersten Stock an Fremde vermietete». Sic lebten teils vom Ertrage dieser Miete, teils von dem Preise, welchen ein Frank- furter Kunsthändler für Thusneldens wahrhaft geniale Blumen- Malereien zahlte. Das junge Mädchen war von sehr einfacher bescheidener Gemütsart und hätte auch viel lieber„Marie" oder„Anna" geheißen, als den prätentiösen Namen„Thusnelda" zu trage». Aber es war eine Manie ihrer Mutter, das„Deutschtum" über alles zu erheben, und so mußte sie es sich schon gefallen lassen, bei dem germanischen Heldennamen gerufen zu werden. Wenn die alte Madame Bretter von sich gesagt hatte:„Ich bin eine alte Frau," und an ihrem Spinnrocken saß und einen Bund Schlüssel wie„Nachbarin Warthe" umhängen hatte, so war sie schon zufrieden. Daß sie dabei ihr Töchterlein in Zucht und Ehren aufzog, ist natürlich, und wirklich war auch Thusnelda zu einer seelcnreine», sittigstrengen Jungfrau herangewachsen, wie sie nicht„minniglicher" gedacht werden kann. In den Kursaal oder den Kurgarten hatte sie nie den Fuß gcsezt, und wenn sie auch allein in die Stadt ging, um Ein- kaufe zu besorgen, so lvußte ihr bescheidenes Auftreten jede kecke Annäherung fern zu halten. Wenn doch irgend ein Kurgast, durch ihre auffallende Schönheit geblendet, ihr ein Wort zu- flüsterte, so errötete sie tvie Gretchen bei Fausts Ansprache, blieb aber nicht wie diese stehen, um mit einem Knix im Adagiotempo vorzutragen, daß sie»»geleitet nach Hanse gehen könne, sondern gab gar keine Antwort und ging eilig ihres Weges. Darum war aber das jugendliche Gemüt nicht Liebestränmcn verschlossen geblieben, und das Herzchen fing zu flattern an wie eine Taube in der Schlinge(in dieser Geschichte, die von so vielen Tauben handelt, liegt der Vergleich ja nahe), als der bewundernde und achtungsvolle Blick des Engländers es in seine Nezc zog. Und so war damals, als Thusnelda auf jener Bank im Gewächshause ruhte, ihr Sinn von dem sie verfolgenden Bilde eingenommen, und das Plätschern der Fontaine schien mit seinem regelmäßigen Tropfcngeklingcl das Wort zu wiederholen:„ich liebe ihn— ich liebe ihn", und die Turteltaube lachte freudig und erwiderte: Knku— ruh... Plözlich hörte sie Schritte im Sande knarren, hob die Augen auf und erblickte-- ihn selbst— Mr. Cvbden Carew(den Name» hatte sie längst aus der Kurliste herausgefunden), der sich ihr ehrerbietig grüßend näherte. Das Herz stand ihr still. „I beg your parckon, miss Bretter,— you speak englisli, I suppose?" Thusnelda schwieg. „Dann ich will sprechen deutsch," sagte er nun, ihr Schweigen für eine Verneinung seiner Frage auslegend.„Ich weiß deutsch hübsch wohl." Thusnelda lächelte. Sie war sehr fest im Englischen und hatte in Gedanken diesen Saz gleich in die von dem Sprecher gedachte Form übcrsczt:„T know german pretty well."— Das Lächeln legte er wieder als eine Ailfmunternng ans und fuhr fort: „Erlauben Sic, zu introduziren mich selbst. Mein Name ist Plantageuet Cobden- Carew, Nesse zu Sir Jasper Carew von Cobden-Abbey, Wales. Ich bin eben von Alter gekommen, und der Gouverneur— ich meine, mein Bater— nahm mich auf eine Tour an den Kontinent, zu sehen die Welt... und die Welt scheint mir schön in der Tat, da ich fiel in Liebe..." Thusnelda hatte sortivährcnd diese Rede ins Englische über- tragen, und es schien ihr, als wäre ei» Kapitel der vielen Tauchnitz-Edition-Romane, die sie gelesen, zur Wirklichkeit gc- worden, und die lieblichsten Luftschlösser bauten sich vor ihrem Geiste auf. Sie sah die stolze Cobden-Abbey, zu deren Herrin sie des jungen Gentlemans„tirst-sigbt love" mache» würde, sie erblickte in den wohlgepftegten„gravel-walks" des Parks die ihrer harrende„poney cbaise", und beinahe war es ihr (die Turteltauben lachten eben in ihrem Käfig), als schallten Babystimmen aus der„nursery" herüber. Welches Mädchen hätte nicht in Zeit von einer Sekunde sich einmal ein ganzes solches Heimmärchen vor die Seele gezaubert? Endlich faßte auch Thusnelda Mut und begann zu reden: „Sie leben immer auf dem Lande in England, Mister Cobden?" „Bis jezt ich tat, aber mciu Bater wird kaufen eine Com- Mission für mich." „Ja so, ich verstehe: eine Lsfiziersstelle." „Exakt. Dann werde ich vielleicht über gehen müssen— nach Jndia." „So weit?" „Ja, weit, zu weit— ich werde nicht wissen, wie mich zu reißen weg von hier—" „Was fesselt Sie denn so mächtig hier?" „Oh, Miß Bretter— ich bin mit all' meinem Herzen in Liebe—" Hahahaha—— Kukeruh— uh. „Das wird vorübergehen." „Nie. Ich habe ein wahres Herz. Oh, wen» Sie wollten nur warte» für mich..." Und so sprachen sie noch lange zusammen. Zum erstenniale im Leben empfand Thusnelda die süßen Regungen, die sich eines Mädchens bemächtigen, wenn der seit langem Vorgezogene, derjenige, dessen Bild seine Träume füllte, nun in Wirklichkeit Worte der Liebe flüstert und dabei auch von„Heirat" spricht, diesem Hort und Hafen, nach welchem alles Wünsche» und Hoffe» deutet. Tic jungen Leute verließen das Glashaus als„pletlgeil lovers", das heißt als verlobte Liebende. Es wurde verabredet, daß Plantageuet am nächsten Tage zu Madame Bretter kommen würde, seine Werbung vorzubringe», und Thusnelda fühlte sich glücklich wie im Fabelland. Als sie »ach Hause kam, fiel sie der Mutter um den Hals und erzählte ihr alles. Frau Bretter schüttelte den Kopf. „Es wäre mir schon lieber gewesen," sagte sie,„ein schlichter deutscher Bürger hätte dich zu seiner Hausfrau erwählt, mein Kind; ich mißtraue diesem Fremden." Am folgenden Tage, gegen Mittag, kam Plantageuet. Tie beiden Frauen saßen in einer Gartenlaube. Die Mutter hatte ein Spinnrad vor sich, die Tochter zeichnete. Sie hatte eine Gruppe exotischer Pflanzen skizzirt, weiche ein Vogelbauer mit Turteltauben umgab: ein Gedenkblatt an gestern. Madame Bretter grüßte den nahenden Gast und sagte: „Ich habe Sie erwartet, mein Herr. Meine Tochter hat mir Ihren Besuch angesagt und auch alles erzählt, was zwischen Ihnen verabredet worden ist." Mister Cobden war sichtlich verwirrt, und ebenso verlegen fühlte sich Thusnelda, welche zitternd ihre Hand zum Gruße reichte, und sich dann wieder über ihre Arbeit neigte. Nachdem der junge Engländer den ihm von Frau Bretter höflich angewiesenen Plaz eingenommen hatte, hielt er mit ziemlich stotterndem, ängstlichen Vortrag folgenden Ansprache: „Madam', ich komme um zu fragen die Hand Ihrer Toch- ter.... Ich liebe Ihre Tochter.... Aber ich kann nicht hei- raten eben jezt... ich habe zu meinem Bater gesprochen, diesen Mvrgen— und er... refiisirt sein consent. Er sagt, er ist selbst ohne Aussicht in Besiz zu kommen... denn Sir Jasper, das Haupt der Familie, meines Baters Cousin, hat einen Sohn und Erben... er sagt, ich habe nichts zu expektiren als meine Kommission und kann nicht heiraten ein portionloses Mädchen. Ich kann also dem Mädchen, das ich liebe, kein liome bieten... aber ich will doch wahr sein zu meinem Wort. Weuu Miß Bretter will warte» aus mich bis ich zurückkomme aus Jndia ols Major, dann habe» wir meine Zahlung zu leben darauf... oder wen» sie konsentirt zu einer privaten— das ist geheime — Heirat— ich bin von Alter»nd kann heirate» um mir selbst zu gefallen...»nd dann, mein governor ist ein guter alter Knabe und in Zeit werde ich gewinnen sein consent— obwohl er ist gegen Fremde sehr prejudizirt." Tie Züge der Frau Bretter hatten sich im Laufe dieser Rede immer mehr und mehr verfinstert; nachdem der junge Mann ausgesprochen, erhob sie sich von ihrem Size und sagte mit kalter Strenge: „Ich bin eine deutsche Frau, Sir... Mr. Cobden verneigte sich ... und dieses Kind ist ein deutsches Mädchen... Mr. Cvbdens Miene drückte aus, daß ihm dieser Umstand bekannt war. ... und wir sind schlichte aber ehrsame Bürgerinnen"— stihr Madame Bretter mit verdoppelter Strenge fort—„die keinerlei Demütigungen hinnehmen. Sagen Sic dem Lord, Ihrem Bater—" „Cr ist kein Lord— piain mister Cobden, Vetter z» Sie Jasper Cobden-Carew..." „Einerlei— sagen Sie dem Mister„Pleen"' daß eine ei» fache deutsche Frau die Ehre ablehnt, seine Einwilligung zu einer Verbindung elbitten z» sollen— und daß sie niemals erlaube» wird, daß sich ihre Tochter zu einer geheime» Ehe, ja nickst einmal zu einer langen, unbestimmten Brautschast hergebe. Ick) 619 wünsche alsv ausdrücklich, daß unter solchen Umständen aller fernerer Verkehr abgebrochen werde, und bitte Sie unser Hans zu verlassen, um es nicht wieder zu betreten." „Ich respcktirc Ihre» verwundeten Stolz, Mrs. Bretter," sagte Cobdc», indem er sich erhob—„und ich gehe, üood bye, Miß Bretter— farewell darling. Ich hoffe, daß ich inachcu werde meinen nächsten Besuch mit meinem Vater, und daß Ihre Tochter doch noch Mrs. Cobden-Carew wird." Mit einem langen zärtlichen Blick auf Thusnelda und einer tiefen Verbeugung vor deren Mutter ging Plantagenet davon. — Das junge Mädchen brach in Tränen aus. So war denn der schöne Fabeltraum beinahe wieder verschivunden, und die schwache Hoffnung, die sich»och an Plantagcnets lcztc Worte knüpfte, Ivar die vernünftige Mutter bemüht, ihr in ihrer ganzen Nichtigkeit zu zeigen. Solche Licbeslaunen entschwinden schnell bei jungen Leuten, erklärte Frau Bretter,»nd könnten cltcr- lichc» Widerstand, der übrigens ganz vernünftig war, nicht be- siegen— denn wenn wirklich kein Vermögen da war, Ivorauf sollte er denn da heiraten... der junge Herr hat es vielleicht redlich gemeint, würde jedoch bald diese Schwärmerei vergessen. So ungefähr lauteten die Reden der klugen Mutter, und jedes Wort fiel wie ei» Tropfen geschmolzenes Blei aus das ver- wundetc Mädchenherz. Es vergingen zwölf Tage. Frau Bretter ließ ihre Tochter nicht auf die Straße gehen,»nd von Plantagenet war nichts wehr zu hören. Thusnelda hatte unaufhörlich ihren Liebes- gram gepflegt, denn wie es schon in Schillers Liede heißt: Das süßeste Glück für die trauernde Brust Aach der schönen Liebe verschwundener Lust, Sind der Liebe Schmerzen und Klagen. also hatte auch sie um den verlorenen Traum getrauert und sich nicht losreiße» wollen von ihrem kleinen Roma». An diesem zwölfte» Tage nun saß sie in ihrem Garte», während die Mutter in Haus und Küche waltete. Sie hatte sich ei» paar Turteltauben angeschafft und deren Bauer auf 'ihrem Licblingspläzchcu aufgehängt. Tort saß sie also und träumte die vergangene Stunde zurück, die sie einst in der Orangerie erlebte beim Klange des zärtlichen Ku— ku— ruh.— � Ach, meine lieben Tauben— habt Ihr denn keine Schwester»— keine Brieftaube, die mir ei» Zeichen von dem Geliebten brächte? Kaum hatte sie dieses gedacht, als sie etwas Weißes durch die Luft fliege» sah, das ihr zu Füßeu niederfiel. Es war zwar keine Taube, aber— vielleicht dennoch eine Botschaft— ei» mit Papier umwickelter Stein. Sie hob denselben auf, ni trollte das Papier und erblickte Schriftzüge. Klopfenden Herzens suchte sie die Unterschrift:„Plantagenet!" Der Brief war englisch geschrieben und lautete: „Meine eigene teure Thusnelda, Mein Bater ist noch unerbittlich. Aber ich werde fest bleiben. Heute,»ach Empfang eines Briefes, dessen Inhalt kr mir nicht mitteilte, erklärte mir mein Vater, daß unscre Anwesenheit in England unumgänglich nötig wäre, und daß rr übermorgen mit mir abzureisen gedenke. Ohne väterliche Einwilligung darf ich mich Ihrer Mutter nicht zeige», und Sie zu biltc», mich allcine zu sehen, wage ich auch nicht. Wir sehe» uns also vielleicht lange nicht, my love. Wenn ich Major bin und mein selbständiges Auskommen habe, dann frage ich wieder bei Ihrem Herze» an... werden wir so lange treu bleiben? Ich bin entschlossen: Sic oder Keine. Leben Sie wohl. Plantagenet." Was war dies?— Ein Abschied?— O jczt ist alles alles m>s! Tic Mutter hat recht— eine solche Liebcslauue wird jungen Offizier bald verflogen sein, die flüchtige Orangerie- Stunde vergesse»- und der ganze schöne Traum entschwunden! Bitterer als je weinte Thusnelda, nachdem sie diesen Brief »elesen. Wenn Jahre über solchen Kummer vorübergehen, und «ene Eindrücke die alten verwischt haben, dann erscheint der damalige Schmerz als kindisch und hat kaum in der Erinnerung eine Spur zurückgelassen— aber im Augenblick selbst, in der schweren Stunde des Verlustes, fühlt sich so ein junges, seiner Glückshoffnung beraubtes Gemüt namenlos elend. Am selben Tage noch mußte Thusnelda ihre Mutter ans einen Ausgang begleiten. Nachdem die beiden Frauen ziemlich lange gegangen(Frau Bretters Freundin, welcher der Besuch- gang galt, wohnte weit außerhalb der Stadttore) kamen sie an einem umzänmtcn Rascnplaz vorüber, woher Stimmen und Schüsse schallten. Es war dort von den Kurgästen ein Preis- taubcnschießen veranstaltet worden. Am Wege stand eine Bank und Madame Bretter sezte sich, um ein wenig auszuruhen. Von dieser Stelle ans konnte man den Sport und die Schüzcn nicht sehe», da sich hinter der Bank eine hohe Banmwand erhob, doch hörte man deutlich die Schüsse. „Ach. gehen wir weiter, Mutter," bat Thusnelda,„ich glaube es sind Jäger in der Nähe—" Sic hatte noch nicht ausgesprochen, als zu ihren Füßeu eine verwundete Taube niederfiel. Thusnelda stieß einen Schrei aus, beugte sich nieder und hob den armen zuckenden Vogel vom Bode»; sie untersuchte seine Wunde und sah, daß ihm ei» Flügel und ein Bein zerschossen sei; da legte sie ihn zart auf die Bank, kniete davor nieder, zerriß ihr Taschentuch und verband das kleine blessirtc Bein; dabei rannen ihr die hellen Tränen von den Wangen, denn die sterbende Taube war ihr Bild des eigenen verlorenen Liebcsglücks. Während sie die Wunde ver- band, sprach sie zu der Taube— sie hatte sich in leztcr Zeit angewöhnt, englisch zu denken,— mit mitleidszitternder Stimme: ,,My poor bird, my poor sweet bird— dying like niy own poor love— if I could but save you.— My like is lost— and must you also die, my darling dove?"*) Ein alter Herr, her zufällig des Weges ging, war ein Zeuge dieser ganzen Szene gewesen, und näher herantretend redete er Thusnelda ebenfalls in englischer Sprache an: „War das ein Lieblingsvogel von Ihnen?" Thusnelda blickte auf. Es war ein freundliches ehrwürdiges Gesicht, das sich mit sichtbarer Teilnahme zu ihr hinabbeugte. „Nein, Sir," antwortete sie,„er ist eben von dort herüber- geflogen und hier niedergefallen— das arme Ding— wenn ich es nur retten könnte." „Aber warum weinen Sie so bitterlich— Sic habe» wohl Ihren eigenen Kummer?" „Ja, Sir, meinen eigenen Kummer." „Armes Kind." Frau Bretter hatte von dem Dialoge nichts verstanden. Da sie Thusnelda so aufgeregt und weinend sah, und eben ein leerer Mietswage» vorüber kam, so schlug sie vor, den Besuch für heute anfziigeben und nach Hause zu fahre». Thusnelda willigte dankend ein und Frau Bretter winkte den Kutscher herbei. „Darf ich Sie um Ihren Namen fragen," wandte sich nun der freundliche alte Herr zu Thusnelden. Diese, welche sich zu der gütigen vornehmen Erscheinung sehr hingezogen fühlte, antwortete ohne Zögern:„Thusnelda Bretter." Der alte Engländer war offenbar betroffen. Eine zeitlang schien er sich zu besinnen, dann näherte er sich Thusnclde'ns Mutter und sagte in gebrochenem Französisch: „Madame, könnten Sic nicht, wenn Sic hier in Homburg zu Hanse sind, einem Fremden ein möblirtcs Zimmer rckom- niaudiren?" Frau Bretter, die eben ihre Villa halb leer stehe» hatte, antwortete, daß sie zufällig in ihrem eigenen Hause das Gc- wünschte bieten könne, und wen» der Herr wünsche gleich mit- zufahre», so könne er die fraglichen Zimmer besehen. Der alte Engländer nahm den Vorschlag an und stieg mit den Damen in den Wagen.(Schluß folg,.) *)„Mein armer Bogel, mein armer süßer Vogel— sterbend, wie meine eigene arme Liebe— wenn ich dich nur retten könnte.— Mein Leben ist verloren— und mußt auch du sterben, mein geliebtes Täubchen!" 6.'0 D i e Wüste ö a h a r a. Vv» W. Mtss. (Schlust.) Tic große Menge von Oasen, die in der Wüste zerstreut liegen, ermöglichen es, diese nngchciiren, verödeten, Wasser- und pflanzenloscn Landstriche zu durchmesse». Tic vielen Volksstämine, welche die Wüste, rcsp. die Oasen Uüd die kultivirbaren Punkte jener weiten Landstriche bewohnen, sind in ihren Lcbensgcwohnhciten, Sitten und Gebräuchen sehr verschieden. Turch ganz Nordafrika bis zum Sudan hinauf zieht sich der große Stamm der Hamiten, der also auch die große Wüste bedeckt. Tie Wüstcnbewohncr zerfallen wieder i» vier große Stämme; im Westen wohnen die Mauren, im Nordwesten die Tuat, in der Mitte die Tu a reg und im Osten die Tibbu. Ter Muhamedanismus herrscht durchgängig bei diesen Völkerschaften und erstreckt sich weit über die Süd- grcnze der Sahara hinaus. Eine Menge handeltreibender Juden haben sich in den Oasen angesic- delt, welche den Vcr- kehr mit dem Süden vermitteln helfen. Tic Stämme der Sahara teilen sich in seß- haste, die ständig in einer Oase sich auf- halten, und wan- dem de oder Nomadenstämme, die in Filzzelten wohnen und ihren Wohnort jeden Augenblick wechseln können. Tie Roma- den verändern ihren Wohnort je nach der Ergiebigkeit der Jagd- gründe oder auch, wenn sie Räuberei treiben, je nach der Richtung, welche die von ihnen bedrohten Karavancn- züge nehmen. Als die Araber aus ihrer Heimat nach Nordafrika vordrangen und dort jenes berühmte und große Reich gegründet hatten, schieden sie sich in zwei große Teile. Der eine Teil dieses da- mals so kriegerischen, kraftvollen und unternehmenden Volkes seztc über die Meerenge von Gibraltar, stürzte zunächst die alte Westgotcnherrschaft und eroberte ganz Spanien. Auch über die Pyrenäen drangen die kühne» Eroberer, bis die sieben- täcjigc Schlacht von Tours ihrem Ungestüm ein Ziel sczte. In Spanien aber, diesem schönen Lande mit seinen reichen Mit- tcln, schufen die Araber eine blühende Kultur und leisteten im Verhältnis mehr, als jemals eine christliche Bevölkerung Spa- nicns. Wir bewundern heute noch die herrlichen Denkmale maurischer Kunst in Spanien; die Bildung in Spanien stieg untrr maurischer Herrschaft so hoch, daß die maurischen Philo- svphcn Averroös und Maimvnides lange Zeit mit ihre» An- schauungen in der europäischen und orientalischen Philosophie dvminirtcn. Eine frühzeitige Industrie blühte empor und das Land war reich, gebildet und glücklich, bis christlicher Fanatis- nius alles zerstörte. Zur Zeit, da in Teutschland»och rohe fränkische Häuptlinge herrschten, marschirten in Spanien die Mauren an der Spize der Kultur. Jene glänzende Periode der maurischen Herrschaft hätte noch besser gewirkt, wenn sie nicht auch mit dem religiösen Fanatismus der Anhänger des Propheten vcrgnickt gclvescn wäre. Tie in Afrika zurückbleibenden Mauren dagegen seztcn sich nicht nur in den von Alters her kultivirten Küstenstrichen fest, sonder» sie breiteten sich auch nach dem Süden aus. Der Muhamedanismus drang vor bis zum Niger, den die Euro- päer vom Norden aus nur sehr schwer zu erreichen vermögen. Tie Wüste wurde von maurischen Stäninicn besezt; die eingeborenen Negerstänimc wurden vertrieben, unterjocht, und vcr- mischten sich teilweise mit dem arabischen Blut. Je nach der Beschaffenheit von Boden und Klima bildeten sich die Abkömmlinge in von einander verschiedene Stämme und Horden aus. � Doch sind ihnen die großen, gemeinsamen Merkmale geblieben; sie haben dieselbe Religion und gehören im ganzen der großen islamitischen Glaubensgenossenschaft an. Auf dem Boden der Wüste, der seine Bewohner nur schwer erhält, konnte die mau- rische Kultur nicht jene Höhe erreichen, wie in dem von der Natur mit den reichsten Gaben gesegneten Spanien; auch mußte die Bc- völkcrung dünn blei- bcu, und die Absvndc- rung vom großen Weltverkehr, die das Wüstenleben mit sich bringt, ließ eine rasche Entwicklung nicht zu. — Tennoch wurden Schäze maurischer Bil- billig mit in die Wüste genommen; arabisches Gelchrtentum in Phi- lvsophie, Geschichte. Matcmatik, Astronomie und arabische Dicht- kunst florirtcn auch in der Wüste, und sogar die so schwer erreich- bare, mit einem söriu- lichen Sagenkreis umgebene Stadt Tim- bukt» am Niger, am Südrand der Sahara, gilt heute noch als ein Hauptsiz muhanie- dänischer Gelehrsamkeit, eine Sache, über die ivir allerdings nicht näher unterrichtet sind. Diese Wüstenstämnic sind teils ganz unabhängig, teils stehen sie unter dem Patronat der Pforte. Sic leben alle nach un- sercn Begriffen in großer Armut, fühlen sich aber glücklich und stolz in ihrer Unabhängigkeit. Sogenannte Sultane stehen an ihrer Spize, deren Gewalt aber keineswegs eine unbeschränkte ist. Der Egoismus dieser kleinen Tyrannen trägt viel dazu bei, daß der Verkehr mit den Wüstcnstämmcn den Europäern so sehr erschwert wird, denn die Beherrscher der Oasen fürchten sür ihre Herrschaft bei eindringender europäischer Zivilisation. Tas Haupthindernis, diese Stämnic zu einem Anschluß und zu näheren Beziehungen sür die Europäer zu gewinne», besteht nicht aber in dem Mangel an Bildung, sondern es ist das starke und berechtigte Freiheitsgcsiihl, das die Zurückhaltung bewirkt. Zu dem Christentiii» sind diese Stämme schon gar "'cht zu bekehren; sie halten mit dem ganzen mnsclmännischen Fanatismus au der ihren phantastischen Vorstellungen c»t- sprechenden Religion des Propheten fest. Handel und Verkehr sind die Mittel, welche sie den Europäern allmälich näher bringen werden. Wenn sie erst bemerkt haben werden, daß der Verkehr mit Europa und die durch denselben zu erreichenden Last Aegrin. Hilfsmittel den Kampf gegen die Dürftigkeit der Wüste zu er- leichtern imstande sind, dann wird die Abneigung gegen Europa bedeutend schtvinden. Tiefe Wüstcnbcwohncr lieben eben ihre sandige und öde Heimat gerade so wie der Friese seine Sand- dünen und der Kosake seine Steppen. In den einzelnen Gemeinden der Oasen finden sich viel- fach sehr demokratische Einrichtungen vor. Die meisten Stämme unternehmen nichts, was nicht gemeinschaftlich be- schloffen worden ist. Den Häuptlingen bleibt nur die Ans- führung des Boltsbeschluffes. Tie Gcseze werden, soweit sie nicht im Koran enthalten sind, gleichfalls nicht von den Häupt- lingen verordnet, sondern gemeinsam festgestellt; ebenso ist die Rechtsprechung eine gemeinsame. Natürlich ist das bei den verschiedenen Stämmen verschieden; es gibt auch solche, bei denen die Häuptlinge eine despotische Gewalt besizen. Die Behandlnng der Frauen ist eine sehr verschiedene; bei einzelnen Stämmen ist die Frau die Sklavin des Mannes, die wie eine Waare verkauft und gekauft wird, nur zur Fort- Pflanzung des Stammes zu dienen scheint und mit den gröbsten Arbeiten und einer unwürdigen Behandlung bedacht wird. Bei andere» Stämmen genießt die Frau das gleiche Recht wie der Man»; sie darf gegen die allgemeine muhamedanischc Sitte mit unverschleiertem Antliz gehen und hat den größten Einfluß auf die Angelegenheiten des Stammes. Tic Frauen der Tibbus gehen bewaffnet, mit Dolch und einer Art Keule. Sie haben einen männlichen Karaktcr, und es kommt häufig unter ihnen zu Zweikämpfe». Bei einigen Stämmen könnte man fast sagen, daß die Frau dominirt. Manche Stämme haben sehr schöne Frauen; andere sehr häßliche. Tic Anschauung, eine Frau für desto schöner zu halten, je fetter sie ist, findet sich häufig vor. Tie Prostitution ist in der Wüste eine sehr häufige Er- scheinung, da der Araber in hohem Grade gewinnsüchtig ist «>>d sich oft nicht scheut, seine Töchter jenen Pfad betreten zu lassen, der nach europäische» gesellschaftlichen Begriffen die- jcnigc», die ihn betreten, für immer mit Schande bedeckt. Es gibt Stämme, die ihre weibliche Jugend alljährlich ans Beute aussenden, und einige Wüstcnstädte bilden große Sammclpläze für diese piostituirten Mädchen, die, nachdem sie sich Einiges erspart, wieder zu den Ihrigen heimkehren und sich dort ver- heiraten. Ihre Staiiimesgenossen finden keinen Makel an ihnen. llebrigcns kann der aufmerksame Beobachter in manchen Län- der» Europas Zustände entdecken, die kaum von diesen ver- schieden find. Viehzucht und Ackerbau werden von diesen Wiistcustänimcn »ur soweit betrieben, als es die Fristung ihres Daseins mibe- dingt verlangt; namentlich der Ackerbau wird von vielen Stämmen sehr vernachlässigt. Das Kamccl mit seiner Milch und seinem Fleisch, die Palme mit ihren Datteln gewähren diesen genüg- samen Menschen den llntcrhalt, dessen sie zu ihrem im ganzen ziemlich armseligen Dasein bedürfen. Handel treiben sie da, Ivo das von ihnen okkupirte Land ergiebig genug ist, um ihnen Produkte zum Umtausch zu liefern. Einer der beliebtesten Bc- triebszweige aller Stämme aber ist— die Räuberei. Manche Stämme treiben die Räuberei geschäftsmäßig, aber im große» Stil. Nicht etwa nur Fremde werden beraubt, sondern die einzelnen Stämme der Wüste überfallen sich gegenseitig und plündern sich aus. Es geht dabei nach gewissen Vorschriften und Regeln zu, und die„Ehre" und„Noblesse" spielen dabei eine große Rolle, gerade wie bei unseren Raub- rittcrn im Mittelalter, die auch nach Regeln plünderten, stahlen und mordeten. Ter Beduine ist als Wüstenräuber eine ebenso gefährliche als„ritterliche" Erscheinung. Wenn der Einzelne stiehlt oder mordet, wird dies streng bestraft; in Gemeinsamkeit mit dem ganzen Stamm und unter den Auspizien des Stammes-- oberhanptcs wird es zur Heldentat. Zahlreiche und blutige Fehden werden ausgefochten, und die Franzosen haben es in ihren langjährigen Kämpfen kennen gelenit, welch gefährliche Feinde sie sind, diese Wüsteiisöhne mit ihren windschnellen Rossen, ihren langen Flinten, ihren Säbeln und Tolchcn, ihren flatternden weissen Mänteln und ihrem unbeugsamen Fanatis- mus in den heißen, harte», kahlgeschorenen afrikanischen Schii- deln.— Die Wohnungen sind auch bei den seßhaften Stämmen wenig komfortabel. Die Reicheren tvohncn in flachen, steinernen Häusern, die weniger Bemittelten und die Armen in Lehm- und Erdhütten mit schlechter Lüftung und voll Unreinlichkeit. Manche der Wüstenstädte haben gar keine Straßen, sondern man passirt entweder die flachen Dächer der Häuser, um zu den einzelnen Wohnungen zu gelangen, oder schmale Gänge. die durch die einzelnen Gebäude führen. Selbst das berühmte Timbultu ist mit lauter schniuzigen Rohrhiittcn umgeben; die Straßen sind so eng, daß kaum drei Menschen neben einander passiren können und nur im Kansmannsviertel findet man bessere Straßen und eine Anzahl ziveistöckiger Häuser. Unsere Illustrationen zeige» u. a. auch sechs karaktcristischc »öpfe vom Stamme der Ahaggar-Tuareg. Diese Ahaggar sind die„ritterlichsten" und darum auch gefährlichsten und gc- sürchtctstcn Räuber der Wüste. Sie wohnen südlich von Algier, hinter Jnsalah, in unzugänglichen Gebirgen; ihr Hauptort heißt Jdelcs. Ihr Land ist sehr arm, und wen» sie keine Kamcclc hätte», müßten sie es verlasse». Sic produziren außer spür- liehen Lebensmitteln fast nichts als Waffen und Kleider. Tie Karavanen müssen ihnen schwere Tribute bezahlen; doch wird ihnen das Geld von schlauen arabischen und jüdische» Händlern wieder abgenommen. Sie liege» mit fast allen Nachbarn im Streit, und es kommt häufig zu blutige» Kämpfen. Alle diese Tatsachen festzustellen ist eist im Laufe langer Zeiten gelungen. Die Erforschung Jnncrafrikas ist eines der schwierigsten Projekte, an dessen Lösung die zivilisirte Menschheit noch lange zu arbeiten haben wird. Was bis jezt be- kannt geworden, konnte nur mit den größten Opfern und mit unsäglichen Mühseligkeiten und Gefahren erreicht werden. Tie Kenntnis der Sahara verdankt man hauptsächlich den Reisenden Mungo Park, Tenham, Clnpperlon, Alexandrine Zinne, Laing, Cailliö, Barth, Lverweg, Bogel, Nachtigal, Gerhard Rohlss u. a.; Gerhard Rohlfs ist augenblicklich noch für die Afrikaforschung tätig. Eine ganze Reihe von kühnen und opferwilligen Männern hat ihren Tod bei diesen Fvr- schungen gefunden, teils durch die Beschwerden des Klimas, teils durch die Feindseligkeit der Eingeborenen. Wie schwer es ist, von Norden nach Süden vorzudringen, mag man daraus ermessen, daß es z. B. bis auf Dr. Barth erst drei Europäern gelungen ist, die berühmte Stadt Timbuktu zu betreten; zuerst dem englischen Major Laing, der 1826 dort anlangte, nach einem kurzen Aufenthalt auf dem Rückweg aber ermordet wurde; ferner dem Franzosen 9ieiie Caillie, der 1836 nach Timbuktu kam und etwa 14 Tage dort war, sich aber vcr- bergen mußte und wenig sah. Erst Dr. Heinrich Barth gab eine genaue Beschreibung der Stadt, durch welche viele Fabeln beseitigt wurden. Er war ein halbes Jahr, voni September 1853 bis März 1854 in der Stadt, unter vielen Gefahre», und hatte es nur merkwürdigen Umständen zu danken, daß er lebendig wieder hinauskam. Barth und Gerhard Rohlfs haben wohl mit dem meisten Glück und Geschick unter' den neueren Reisenden ihre zahlreichen Abenteuer bestanden. ES konnte nicht fehlen, daß sich zahlreiche Gelehrte und prak- tisch gebildete Techniker mit der Frage beschäftigten, wie man den Verkehr mit der Sahara erleichtern, resp. sichere Verkehrswege schaffen könne. Und man kam auf den Gedanken, ob es denn nicht möglich sei, einen Teil der Sahara unter Wasser zu sezen. Man hatte nämlich bald gefunden, daß einzelne Teile der Sahara niedriger gelegen sind, als der Spiegel des mittellän- dischen Meeres, wobei allerdings eine oberflächliche Anschauung zu optimistisch war und diese Eigenschaft, ohne genau untersucht zu haben, fast der ganzen Sahara zuschrieb. Ter französische Generalstabskapitän Roudaire, welcher an den Grenzen der Sahara in den Jahren 1872— 75 Arbeiten für seine Regierung ausgeführt hatte, trat indessen, nachdem er viele Forschungen gemacht, mit einem Aussehen erregenden Vorschlag auf. Unweit der tunesischen Küste, bei dem Städtchen Gab es, beginnt das große Schottgebict. Dasselbe ist ein ausgedehntes Sumpf- decken, mit einer zähen Masse angefüllt, die denjenigen, der darin versinkt, sobald nicht wieder losläßt. Tie Muselmänner ver- richten jedesmal ein Dankgebet, wenn sie das Schottgebiet Pas- sirt haben. Kapitän Roudaire schlug nun vor, die Landenge zwischen dem Schottgebiet und dem Mittelmeer zu durchstechen und durch diese zweinndzwanzig Kilometer breite Strecke einen Kanal zu graben. Dieser Kanal sollte nicht nur, indem er die Fluten des Mittclmeercs cinsührtc, die gefährlichen Sümpfe ausheben, sondern auch das Wasser des Meeres in das ganze sogenannte Depressionsgebiet der Schotts leiten, das immerhin einen beträchtlichen Raum einnimmt und das 16—22 Meter unter dem Wasserspiegel des Mittclmecres liegt. Um das Schottgebict herum ist der Boden so qncllenrcich, daß die Araber au die Existenz eines unterirdischen Meeres glauben, von dem sie die wunderbarsten Geistergeschichten erzählen. Durch die Uebcrschwemmnng des Depressionsgebietes hätte man immerhin ein beträchtliches Stück Land unter Wasser gcsezt und einen Verkehrsweg eröffnet. Allein neue Untersuchungen ergaben, daß die Landenge bei Gabcs nicht ans Sand, wie man vermutet hatte, sondern aus sehr harten Schichten von Quarz und Sandstein besteht. Sodann berechnete man: Zum Füllen des Tepressivnsgcbiets wären 270 Milliarde» Kubikmeter Wasser erforderlich; es können aber nur jährlich 20— 25 Milliarden eingeführt werden, weil etwa 15— 18 Milliarden jährlich verdunste». Die Füllung des Depressionsgebiets würde sonach lange Jahre danern. Dann wendete man ein, daß das Becken durch den Flugsand stellenweise versanden und so die Schissfahrt ge- fährdet werden würde; andererseits aber sei eine Verdunstungs- fläche von zwanzig Milliarden Quadratmeter nicht geeignet, die gewünschten klimatischen Veränderungen heibeizusühren. Damit blieb die Sache liegen, trozdem die Franzosen seit- dem das tunesische Gebiet besezt haben und ihnen sonach keine Schwieligkeiten von Seiten der Eingeborenen entgegenstehen. Man ist vielfach der Meinung, daß es sich lohnen würde, diesem Projekt abermals näher zu treten»nd zu untersuchen, ob es sich nicht dennoch verwirklichen läßt. Dr. Ehavanne, der Verfasser des bekannte» großen Werkes über die Sahara, dem wir unsere Illustrationen entnommen haben, ist der Ansicht, daß die Projekte, welche Jnncrafrika durch Eisenbahnen erschließen wollen, mehr Aussicht auf e»d- liehe» Erfolg hätten, als die Ueberschwenimuiigspwjckte. Geich. Rohlfs hat einen großen Plan nusgearbeit, nach dem eine Eisen- bahn von Tripolis über Mursick und Kuka am Tsadsec, der wich- tigstcn Stadt des Sudangebicts, geführt werden soll. Ties ist der besuchteste Käravancnwrg nach dem Sudan, der einem großen Höhenzug folgt und eine Metige von Oasen passirt. Tic Franzosen sind noch kühner im Entwurf; sie haben eine Eisenbahn von el Aruat in Algier über das Wüstcngebiet des Juat nach Timbuktu und von da nach der Mündung des Senegal ins Auge gesaßt. Man gedenkt die Schienenwege langsam von einem Ort zum nächsten fortzuführen und überall bewaffnete Vorposten, wie man die militärischen Stationen nennt, anzulegen. Beide Pläne sind kolossal gedacht, allein eben so kolossal sind die Schivierigkeiten, die ihnen entgegenstehen. Könnte einer von beiden ausgeführt werde», dann wäre Afrika erschlossen und cS stände eine neue Periode voll ungeahnter Ausschlüsse und Acn- derungen bevor. Aber wie und wann ausführen? Die Frage wird indes von den Franzosen eifrig studirt und die in Algier nach dem Süden zu sich richtende Bahn ist angefangen. Bor- läufig bestreicht sie allerdings bloS algerisches Gebiet. Ter Gedanke, Afrika durch eine Eisenbahn zu erobern, ist originell genug. Wenn man übrigens bei der Prüfung dieser Projekte die Schwierigkeiten genau mit derselben profcssorcnhaften Gc- wissenhaftigkcit aufzählen will, tvie bei dem lleberschwcinmungs- prvjckt des Kapitäns Roudaire, dann kann man die Sache von vornherein an den Nagel hängen. 633 Wen» es nicht möglich ist, durch die Anlagen von modernen Verkehrsmitteln Zentralafrika dem Welthandel zu erschließen, so wird eben nach und nach langsam von den Küsten aus die Forschung weiter vordringen und es wird noch eine sehr lange Zeit dauern, bis die meisten Gebiete dem Verkehr zugänglich sind. Ter ivachsende Handel wird dabei zu statten kommen und ist auch gegenwärtig so ziemlich das einzige Mittel, die dem Verkehr mit Europa widerstrebenden Stämme heranzuziehen. Wen» die europäischen Regierungen die Versuche, den Ber- kehr mit Jnnerafrika anzubahnen, nach Kräften»ntcrstiize», so kann das seine guten Früchte trage». Tie Franzosen sind hierin mit gutem Beispiel vorangegangen. Während die un- heilvollc Politik der Bourbons und der Bonapartes von dem falschen Grundsaz ausging, daß ei» starkes Frankreich bedingt sei durch ein schwaches Deutschland, sucht heute Frankreich seine Stärke in dem Erwerb von Kolonien und in der Anknüpfung von Beziehungen zu fremden Völkern. Die übrigen Staaten könnten ihm darin nacheifern, statt unter sich Kriege zu führen und stets gegeneinander gerüstet dazustehen. Wir sind keine Freunde gewaltsamer Eroberung, ob es nun europäische oder afrikanische Landstriche sind, die davon betroffen werden. Allein wenn sich die europäischen Regierungen vereinigten, um mit ihren gesummten Kräften ans die Eröffnung des Verkehrs mit Jnnerafrika hinzuwirken, so könnte schon Vorteil genug dadurch erzielt werden, zumal die Schwierigkeiten keineswegs unüber- windlich sind. Dem alten, in vielen Beziehungen entkräfteten Europa durch Erschließung eines so reichen Landes, wie Zen- tralafrika zu sei» scheint, und durch Hebung und Nnznießung von dessen Naturschäzen neue Lebenskräste zuzuführen, scheint uns eine unseres Jahrhunderts würdigere Aufgabe, als etwa die Austragung des Streits zwischen Panzer und Kanone. Cb die nächste Zeit derartige staatliche Bestrebungen bringen wird?— Wer kann es wissen! Blumauers Aeneis. Säkular st udie von I. Stern. Die Parodie und die Travestie, zwei sehr verwandte und darum häusig mit eiuander veuvechselte Formen meist der komische» Poesie habe» das gemeinsam, daß sie Nachahmungen irgend eines bekannte» Gedichts sind, unterscheiden sich aber dadurch, daß die Parodie(wörtlich Nebcngedicht) das nachge- ahmte Gedicht aus einen andern Gegenstand überträgt, wogegen die Travestie(s. v. a. Umkleidnng) denselben Gegenstand aber i» anderer Weise behandelt und zwar in der Regel, indem sie ihn ins Lächerliche zieht. Ein„Lied vom Bier" z. B., ivelches sich in die Forni von Schillers Glocke kleidet(die leider schon sa oft zu derlei Geschmacklosigkeiten profanirt worden ist) ist eine Parodie. Eine Travestie aber ist Blumauers Aeneis. Ter Regenbogen in seiner ganzen Pracht, urteilt ein Litcrar- Historiker treffend, wirst einen Schatten, in welchem das ganze Farbenspiel des herrlichen Naturwunders zu erkennen ist. aber verblaßt und matt: so steht die römische Literatur der hellen!- scheu zur Seite, alle Tinten derselbe» widerspiegelnd, aber ab- geblaßt und matt. Hellas' und Roms Literatur verhalte» sich wie Original und Nachahmung. Am deutlichsten tritt dies Ber- hältnis zutage in dem teilweise mit Recht vielgepriesenen Heldengedicht.Aeneis"(die Aeneide) Birgi'ls, das im Mittelalter »"d noch anfangs der Neuzeit als das vollendetste Werk der antiken Dichtkunst geschäzt wurde, bis die allgemeiner geivordene Bekanntschaft mit Homer solcher übertriebene» Geltung ein Ziel sezte. Publius Virgilius Maro, geboren 70 v. Chr. im Flecken Andes(dem jezigei, Dörfchen Pictvlo bei Mantua). intimer Freund des Horaz, gehört tvic dieser und die Dichter Eatnll, Tibnll, Properz„nd Ovid, dem augusteischen Zeitalter an. Sein gc- lungeustcs Werk ist das Gedicht„Vom Landbau"(Georgica), worin er mit vollständiger Sachkenntnis und reizender poetischer Anmut die verschiedene» Elemente der Arbeiten der italischen Landwirtschaft besungen hat. Weniger gnt steht ihm die idyllische Dichtung zu Gesicht. In seinem Hirtengedicht(Bucolica) legt fr i la Bertold Auerbach den Hirteu.Gcdanken in den Mund, die man von diesen unmöglich envarten kann. Virgils größter Ruhm gründet sich aber auf die Aeneis, mit welcher er. mit Homer wetteifernd und ihn nachahmend, ein römisches National- fp»s schuf oder, besser, zu schaffen beabsichtigte. Denn wie hatte i» Rom. zur Zeit des Angustus.>vo aller organische Zusammen- hang der Bildung mit der ursprüngliche» Sage»nd Mytologie de? Landes aus immer zerriffen war, ein echtes Epos entstehen können. In zwölf Gesängen erzählt die Dichtung die Irrfahrten und Schick- sale des trojanische» Helden Acneas nach der Zerstörung �rojav »nd deffe» Ankunft und Niederlassung an der Küste von Latium. und feiert denselben als Stammvater des römische» Bolls und des jüdischen Geschlechts, welchem der Kaiser Angustus ange- hörte. Schöne Einzelheiten, erhabene, malerische und rührende Stellen finden sich in der Dichtung, die beinahe aller epischen Kunstpocsie als Muster vorschwebte, in Menge; namentlich auch hat sie einen überaus harmonischen Versbau und eine Sprache von ungemeinem Wohllaut. Aber an die göttliche Einfalt, llr- sprünglichkeit und ruhige Größe der Jlias und Odyssee, an welche die Aeneis durch die Absichtlichkeit ihrer Nachahmung zu ihrem großen Nachteil allerorts erinnert, reicht das Ganze nicht im entferntesten hinan. Statt einer naturwüchsigen Helden- dichtnng lieferte Virgil bei allem Aufwand guten Willens nur eine gemachte, ein Werk der Reflexion, kalt und ohne Lebens- fülle, das noch dazu durch die erzwungene Beziehung ans Augnstns als den angeblichen Sprößling des Aeneas, stark ge- trübt wird. Daß Virgil selbst über den eigentlichen Wert seiner Aeneis in keiner Selbsttänschung befangen war, verrät seine testanie» tarische Verordnung, das noch unveröffentlichte Werk den Flam- nie» zu übergeben. Er bewies hierdurch eine größere Einsicht in das Wesen der wahren Poesie, als die lange Reihe von Männern, welchen die Aeneis ein Kanon der Dichtkunst gewesen. Noch Voltaire meint:„Homer hat den Virgil geschaffen, sagt man: Wenn das wahr ist, so ist dies ohne Zweifel das beste Werk Homers."— Zu den Spezialmängeln des Gedichts ge- hört ganz besonders die Karakteritik des Helden, der, weit cnt- fernt, einen Nativnalhcros zn repräsentire», viel besser zum Gründer eines Mönchklosters als zn dein eines Reiches paßt, wie Saint Evremond wizig aber treffend bemerkt. Er ist weich, sentimental und zu Tränen geneigt, zn fromm und zu tagend- hast, schwazt zn viel, lauter Eigenschaften, die sich mit dem antiken Heldentum schlecht vertragen. Auch geht er gefährliche» Abenteuern lieber aus dem Wege, als daß er sie aufsucht, und ist überhaupt ohne eigene Initiative, muß vielmehr immer ge- leitet und von außen geschoben werden. Dieser Umstand mochte es vorzugsweise sei», der schon früh die Travestie gegen die Aeneis herausforderte. Eine solche, nicht in Worte», so». der» in Farben— eine Karrikatnr— ist uns in Herkulanum auf eine besonders populäre Stelle des Aeneis aufbehalten. Auf einer crnstgehaltenen Illustration jener Stelle war Acneas als kräftig schöner Mann seinen alte» Vater Anchises tragend dar- gestellt, während sein Söhnchen Askan an seiner anderen Hand ihm folgt. Wehmütig blickt er nach den Flammen Trojas zurück. Die Karrikatnr rcproduzirt die näniliche Gruppe, aber die Mensche» sind in Asien venvandelt. Großpapa Anchises sizt als uralter, nackter, emstblickender Affe, vor sich einen Kasten. worin die Penaten, auf der Schulter des großen, kräftigen Assen G24 Aenecis, der sich auch hier, aber mit tierischem Ernst, nach Truja umsieht. Statt des Schwerts trägt er einen ähnlich gestalteten Asfenschwanz. Als sehr puziges Aeff- che» falgt der kleine ?lskan. Ein Mann, der seinen alten Vater ans dein Rn- cken ans der bren- ncndcn Stadt trägt, ist gewiß ein rüh- rendes Bild, aber es ist ein Werk der Tugend, nicht he- rvischer Kraft und muß an dem Helden des Virgilschcn Na- tionalcpos fast so komisch wirken, tvie wenn beispielsweise Agamemnon dar- gestellt wäre, wie er vor der Abfahrt der griechischen Flot- te in Aulis seine Schwiegermutter zärtlich umarmt. Uebcrschnß an physischer Kraft und eminenter Beut ist es, was an einem antiken Helden imponirt, und selbst wenn diese Eigen- schaftcn zuweilen über den Strang der Moral schlagen, ist er uns lic- ber, weil er seinem Wesen mehr entspricht, als Wie- landsche Tugendbolde, Ivie solche von Goethe in seiner Farce„Götter, Helden und Wieland" so köstlich pcrsiflirt werden. Die früheste Travestie in Versen auf die Aeneis soll von einem straßburger Lizentiatcn der Rechte, Johann Ge- org Schmidt(1K73 bis 1730) herrühren. Sic erstreckte sich ans sämiiit- liche zwöls Bücher des Orginals, war in Rei- nie» abgefaßt und be- fand sich als Manuskript in zwei langen Folio- bänden der straßburger Bibliotek. Durch den Brand dieser Bibliotek von 1870 wird, wie E. Grisebach meint, dieselbe verloren gegangen sein. Der unmittelbare Vor- gänger Blnmauers war I. B. Michaelis, ein mit Gleim, Jakobi, Wieland und Lessing bekannter junger Literat, geb. 1740 in Zittau. Das Werk gedieh jedoch kaum bis zum Schluß des ersten Gesangs und verdient nur Erwähnung, weil ihm Blumaner die Form, Versmaß und Ucberschrift entlehnte. Die Wüste Sahara: Ahaggar-Tuarcg. Die Wüste Sahara: Araber-Frau und.Mädchen. Aloys Blumaner war den 21. Dezember 1755 in dem Städtchen Stcier in Obcröstcrreich gebore», trat 1772 zu Wien in den Jesuiten- ordcn, schlug sich, nach Aufhebung des Ordens 1773, als Privatlehrer kümmerlich durch, bis er eine Stelle bei der wiener Zensur erhielt, die er aber freiwillig nieder- legte, als er 1793 die Gräsesche Buch- Handlung übernahm. Er starb am 16. März 1798 an der Lnngensucht. Er wird als lang und hager geschildert und soll wegen seiner Wizwortc und Im- promptiis der populärste Mann in Wien gewesen sein. Reich an Wiz sind auch seine zahlrei- chcn Gedichte, in de- ncn er Bürger zum Vorbild nahm und welche zuerst in dein von ihm und Ratschky hcrausge- gebcnen Musenalmanach, dann gesammelt in meh- reren Auflagen erschienen sind. Verewigt hat ihn aber nur seine Travestie der Aeneis. Ter erste Band derselben umfaßte die vier ersten Bücher und erschien 1784. Im nächsten Jahre folgte der zweite Band mit dem fünften und sechsten Buch. Der dritte Band, umfassend die Bücher sieben, acht und neun, kam 1788 heraus. Ein gewisser Magister Schaber, der schon Ovid travcstirend verhunzte, hat Blumauers Meisterwerk durch eine Fortsezung verunstaltet, welche den geistreichen Wiz Blumauers durch rohe Zynismen zu er- sezen sucht. In lebhaftem Tempo trabt das feurige Röß- lein der komischen Muse dahin, sprühend von Hu- nior und satirischer Laune. An die Stelle des cpi- scheu Hexanieters, wie er im Original wohlbc- gründete Anwendung ge- funden hat, in welchem der Gedanke würdevoll cinherschreitet wie mit der römischen -rvga bekleidet, ist die siebenzcilige Strophe in leichtfüßigen Jamben getreten. Ls war einmal ein groszer Held Der sich Aeneas nannte: Ans Traja nahm er Fersengeld, Als man die Stadl verbrannte. Und reiste fort mit Sacl und Pack, Doch litt er manchen Schabernack Von Jnpiters sh'antippe. Schon dieser eine Vers der Travestie zeigt, das; sie die eine schwache Hanptseite des Virgilsehen Gedichts, die nichts weniger als heldenhafte Karakteristik des Helden, durch Zeichnung des Aeneas als Feigling zn persifliren sucht. Aber auch andere Blößen des Originals verspottet die Travestie köstlich. Im ersten Gesang z. B., wo Aeneas,(in siebenten Jahre nach der Zerstörung Trojas, ans der Fahrt von Sizilien nach Italien, mit sieben Schissen ans der zerstreute» Flotte nach Libyen ver- schlagen wird, begegnet diesem seine Mutter, die Göttin Venus, in verstellter Gestalt und belebt seinen Mut. Aeneas stellt sich ihr vor mit den Worten: Ich bin Aeneas der fromme; dem Feind entraffte Penaten Fähr ich in Schissen daher, mein Name reicht bis zum Acten*) Diese Stelle ist eine von den vielen Nachahinnngen Homers und zwar eine der mißratensten. Im Anfang des neunten Ge- sangs der Odyssee gibt sich Odysseus den fragenden Phiiake», deren Gastfreundschaft er schon mehrere Tage genossen hatte, mit den Worten zn erkennen: Ich bin Odysseus, Laertes Sohn, durch mancherlei Listen linier den Menschen bekannt; und mein Ruhm erreichet de» Himmel. Was im Munde des Odysseus, besonders auch mit Rück- ficht auf die Situation, gut klingt, klingt im Munde des Aeneas recht geschmacklos, großsprecherisch und eitel, besonders auch'das Beiwort fromm, pius, das sich Aeneas selbst zulegt. Die Travestie gibt diesen Vers folgendermaßen wieder: Ich bin, sprach er, der fromme Held, Aeneas, euch zu dienen, Unüberwindlich in dein Feld Und hinter den Gardinen; Am ganzen Himmelsfinuament Ist nicht ein Stern, der mich nicht kennt Und meine Heldentaten. Tie Angeredete ist nicht, wie im Original, die verkappte Liebesgöttin, sonder»— eine wahrsagende Zigeunerin.— Das pins gibt überhaupt dem Spötter reiche Gelegenheit, den Aeneas als frommen, stockglönbigen katolischen Ritler zu zeichnen, der sich u. a. in höchster Gefahr nach Loretto verlobt, bei einem Brande den heiligen Florian anruft und in einer bedenklichen Expedition sich mit dem Weihbrunnkessel statt mit dem Helm bedeckt, und da die Mission des Aeneas ist, Nom zu gründen, so wird ans einein Gründer des antiken Rom ein Gründer der römischen Hierarchie, wodurch die literarische Travestie zur schneidigen politischen Satire wird und wobei besonders die Confratres des Verfassers, die Jesuiten, schlecht wegkommen. So mühseliges Werk war zn gründen das römische Reich.**) Dieser im Originaltext zum geflügelten Wort gewordene Vers heißt bei Blnmaner: Kurzum, er hatte Teufelsnot, Den Vatikan zn gründe». Die Harpyen, welche mit unverschämtester Zudringlichkeit den Speisenden das Essen wegschnappen, sind bei Blnmaner Bettelmönche, der einäugige Zyklop Polyphem, ist ein Großinquisitor: Hier wohnt ein Riese, den man den Großinquisitor nennet, Er lebt vorn Felt der Sterbenden, Die er zum Spaß verbrennet; Er hat ein einzig Auge nur Im Kopf und hasset von Natur Die Leute mit mehr Augen. *) Snm pius Aeneas, raptos qui ex hoste Penates ( lasse veho mecum, fama super Aethera notus. I, 78-79. *♦) Tantae molis erat Romanam contlore urliem. l, 33. Der Menschenwnrger scheut das Licht Und spricht mit keiner Seele; Er kennt vor Stolz sich selber nicht, Sein Haus ist eine Höhle, Worin der Unhold Menschen schließt, Um sie, sobald er hungrig ist, Zum Mahle sich zu braten. Ich selber sah ihn einstens zween Von meinen Brüdern braten, Sah, wie sie brannten, prasselten Und zitterten und baten; Sah, wie er hin ans Feu'r sich bog, Den Dunst in seine Nase zog Und Wohlgernch ihn nannte. Tie Psasfeniiivral im allgemeinen wird in Helenus, des Apollo Hofkaplan, gegeißelt, der dem Aeneas folgende Lehren gibt: Glaub selber nichts, doch laß die Welt, Was du ihr vorschreibst, glauben; Bringt jedermann dir selbst sei» Geld, So darfst dn's ihm nicht rauben. Sei Herr und nenne dich nur Knecht Und bitte niemals um ein Recht, Das du dir selbst kannst nehmen. Such' in der Welt stets Finsternis Mit Lichte zu vermischen, So bist du deines Siegs gewiß: Im Trüben ist gut fischen. Wenn ihrer zween sich zanken, sei Der drille, der sich freuet; Nenn, was dir schadet, Kezerei, Und dein, waS man dir leihet. Die Hölle(der Hades) besonders, wohin Aeneas, wie sein Vorbild Odysseus, bei lebendigem Leibe eine Fahrt macht, gibt dem satirischen Poeten Gelegenheit, seinem Sarkasmus nach ver- schiedenen Richtungen den Zügel schießen zu lassen. Statt Minos, Aeakos und Rhadamantns snngiren als Höllenrichter die berüchtigten Kasuisten Eskobar, Bnseubanm»nd Sachez, welche die größten Verbrecher absolviren oder gelinde bestrafen, wenn sie mit Ablaßgeld gesühnt werden, während sie Kezer» die schrecklichsten Strafen diktiren. Unter den Insassen der Hölle sind n. a.: Ter erste Menschenjiiger, der Gleich Tieren Menschen jagte, Der erste weiße Teufel, der Die armen Neger plagte, Die standen beide glühend hier Und riefen laut:„Ihr Schinder, ihr! Lernt doch das jus uaturae!*)" Herr Höllenbrand**), der einst die Herr'» Im schwarze» Rock so plagte, Und selbst der Liebe Predigern Das Lieben untersagte, Der lag auf einem Felsen hier lliid ach, der Geier der Begier Frißt ewig ihm am Herzen. Und als ein zweiter Jupiter, Mit nachgemachten Blizen, Muß hier aus seinem Trone sehr Ein Franziskaner schwizen, Für das ersnnd'ne Piilverchen, Das Menschen frißt zu taufenden Und schwarz ist, wie sein Name. Auch der Erfinder des Lvttospiels und der erste Kartell- träger beim Duell sind unter den Verdammten; ferner ein Jesuit, der zur Strafe, weil er die alten Klassiker verstümmelt edirte, selbst an, Ohren, Nasen und Armen verstümmelt war; endlich auch eine Koppel wütiger Fleischerhnude, die im Leben als Nachdrucker stets ans Autoren Jagd gemacht hatten,„das alleriinverschämteste Gezücht im Höilenschlnnde." Im Elysium, das als Schlaraffenland geschildert ist, wird die Reihe der Päbste von des Helden Vater Anchises, der bei Blnmaner ein gewaltiger Trinker vor dem Herrn ist, meisterhast karakterisirt. Hier besichtigt auch der fromme Ritter allerhand himmlische *) Das Recht der Natur.—**) Pabst Hildebrandt. 627 Raritäten, als da sind: Pfarrer ohne Köchinnen, Poeten ohne Eitelkeit, Reiche, die das Geben frcnt». s. w. Acußcrst spaßhaft sind mich die Vorbereitungen zun: Kriege im siebenten Buch geschildert. So wechselt schalkhafter Humor mit äzcndcr Satire in buntem Durcheinander. Zu den Glanzstcllcn gehört der Kampf der vier Fakultäten in Gestalt von vier Luftballonen im fünften Buch. Eine hübsche Idee ist auch das Wettrennen mit den poetischen Pferden: Alexanders Bnzcphal, die Rosse des Achilles, der Rappe der Haimvnskindcr, Ton Quixotes Rozinante zc. Vortrefflich ist die Schilderung der Fama(der Personifikation des Gerüchts): Min Fama, da dies vorging, saß Dabei nicht ans den Ohre»; Sie ward von Frau KuriositaS Dereinst zur Welt geboren. O hätte Madam Fürwiz nur Die unverschämte Kreatur Im ersten Bad erstiusct! Iczt aber führt sie in der Welt Ein skandalöses Lebe» Und pflegt für ein geringes Geld Sich jedem preiszugeben. Obs Tugend oder Laster sei, Das ist ihr alles einerlei, Sie prosttirt von beiden. Sic schämt sich nicht und schivadronirt Herum in allen Schenken, Hält jedem und prostituirt Sich da auf allen Bänke». Ein jeder Zeitungsschreiber ist Ihr Kunde, jeder Journalist, Und jeder Kannegießer. Die Wahrheit und die Lüge frißt Sie aus mit gleichen Freuden, Und was sie wieder ausspeit, ist Ein Frikassv von beiden. Wenn man zuweilen Kriege führt, Und eine Schlacht geliefert wird, Dient sie auf beiden Seiten. Sie haranguirt den Bösewicht Und macht sich kein Gewissen, Speit oft der Tugend inS Gesicht lind tritt sie mit den Füßen; Verrät, was NachtS ein Mädchen tat, Frühmorgens schon der ganzen Stadt Und schweigt von feilen Mezen. Sie ist in täglich neuem Kleid In allen Ässcmblccn; Weiß oft die schalste Kleinigkeit Zum Wunder aufzublähen; Ist wankelmütig toic ein Weib Und krönet oft zum Zeitvertreib Den Schmierer zum Poeten. Als komische Mittel weiß der Poet Hyperbeln imd haarsträubende Anachronismen, wie auch derbe Cynismen, geschickt anzubringen. Als kostbares Geschenk überreicht Aencas der Königin von Karthago, Dido, den Unterrock der Helena, den Schmuck der alten Hekuba und deren Augengläser. Die von Aencas verlassene Tido sucht ihren Kumincr durch die Lektüre von Wcrthers Leiden zu lindern und entschließt sich hernach zum Selbstmord. Ter Gott Vulkan besprengt sich mit Weih- Wasser, bevor er in sciuc Werkstatt geht. Der Bauch des höl- zernen Pferdes, in welchem sich Griechenlands Helden �versteckt hielten, war von solcher Größe, daß das Heidelberger Faß ei» Fingerhut dagegen war. Die Sprache des Gedichtes ist leb- hast, energisch, kräftig, der Ansdrnck lebendig und malerisch. der Reim wohlklingend, musikalisch. Wenn je eine Travestie klassisch genannt zu werden verdient, so ist es Blumauers Acneis»ach Gehalt und Form. Wielaud war einer der ersten, welche dies einsahen; er weissagte dem Autor in einer Zu- schrift:„Sie werden sich einen Ruhm ertvcrben, der allein hin- länglich wäre, die Eitelkeit zwanzig anderer Aspiranten zu be- friedigen". Diese Prophezeihung bewährte sich vollständig; Blumauers Travestie fand rasch die weiteste Verbreitung und wurde von den Zeitgenossen cutusiastisch aufgeiivmmcn, und noch jczt ist sie eine Lieblingslektüre vieler, die den Virgil in der Ursprache lesen, und wie mancher Gymnasiast amüsirt sich heimlich damit und rächt sich an dem Original für die gram- matische» Onalcn, die ihm dieses bereitet. Minder günstig, vielmehr scharf verurteilend, äußerte sich dagegen Schiller über die Travestie. Er hatte von der Poesie im allgemeinen und spe- ziell von der Virgil'schcn Aencide, die er zumtcil bekanntlich in freie Stanzen übertrug, eine zu hohe Meinung, uni Gefallen an jener zu finden. In seinem Aufsaz„Ucbcr naive und seil- timentale Dichtnug" heißt es:„Man sollte zwar gewissen Le- scrn ihr dürftiges Vergnügen nicht verkümmern, n»d was geht es znlczt die Kritik an, wenn es Leute gibt, die sich an dem schmuzigcn Wiz(sie!) des Herrn Blumauer erbauen und er- lustigen können. Aber die Kunstrichter wenigstens sollten sich enthalten, mit einer gewissen Achtung von Produkten zu sprechen, deren Existenz dem guten Geschmack billig ein Geheimnis bleiben sollte. Zwar ist weder Talent noch Laune darin zu verkennen, aber desto nichr ist zu beklagen, daß beides nicht mehr gereinigt ist". Milder und anerkenneiider urteilt Goethe, obgleich auch er kein Freund von Parodien und Travestien war.„Wie ich ein Todfeind sey von allem Parodirc» und Travestiren", schreibt er einmal,„Hab' ich nie verhehlt; aber nur deswegen bin ich's, weil dieses garstige Gezücht das Schöne, Edle und Große herunterzieht, um es zu vernichten". Man kann die Travestie niit der Eirce vergleichen, welche die Menschen in Bestien verwandelte, ihre edle Gestalt verun- staltete und zur Mißbildung verzerrte. Aber vollkommenen poetischen Schöpfungen kann sie nicht schaden, mit ihnen ver- hält es sich wie mit den Gefährten des Odysscus, von denen es nach der Entzauberung heißt: Alsbald wurden sie Männer und jünger, denn sie gewesen, Wurden zugleich weit schöner an Wuchs und höher an Ansehn. Die Travestie kann nicht blos die Schönheit des Originals nicht trüben, diese wird vielmehr nach dem Lesen der Travestie nur um so glänzender strahlen. Litte die Virgil'schc Acncis nicht an bedeutenden Schwächen, die Blumauer schc würde gewiß I die Schäzung derselben nicht vermindert haben. Eine glänzende Verteidigung hat Blumauers Dichtung in einem Libell gefunden, betitelt: Yirgilins contra Blumauer puncto labefactac Aeneidis(Virgils Klage gegen Blumauer wegen der gestürzten Aencide). In der Göttcrvcrsammlting will Zeus auf Blumauer zwei flammende Donnerkeile schleudern. Vulkan macht den Lldvokaten Virgils echt juristisch, Manns da- gegen verteidigt Blumauer. Er liest das Buch vor, die Götter, Inno ausgenommen, hätten sich tot gelacht, wenn sich Götter totlachen könnten; der dicke Bacchus lacht, daß sein Sessel zusammen- kracht, selbst Zeus kann die angenommenen Obertribunalsfalten nicht länger mache», plazt los und erschüttert den Olymp statt mit Donnern durch Lachen, und endlich erfolgt sei» Götterspruch: Blumauer! rief nun ZeuS, komm' her! Küß mich! dein Freund ist Jupiter, Hast'» gut gemacht, du Schlingel! Laß dickst» nicht reu'», befleiße dich Und liefere bald was»enes— ich Pränumerir' auf alles. Die moderne Wissenschaft und die neueste Reform unserer höheren Jugendbitdung. Von"pritno Heiser. Wir befinden uns in einer Zeit allgemeinen Strebens und Auch die Regierungen streben mit.- und die Reichsregierung G'28 regieningsseitig rcformirt worden: das deutsche Reich und die deutsche Ortographie, das Gerichtsverfahren und die Zoll- gcsczgebung, das Wahlrecht und die Krankenversicherung der Arbeiter! Jni vorigen Jahre ist denn auch die Schule an die Reihe gekommen;— die Art, wie das geschehen, ist meines Erachtcns überaus interessant und lehrreich. An die Voraussicht einer Schulreform knüpften sich seit Gründung des neuen deutschen Reiches hochgespannte Ertvar- tungen und kühne Forderungen. Welcher Art dieselben waren, darüber möge uns ein bc- rühmtcr deutscher Gelehrter belehren, ein Mann, der als Rc- Präsentant einer hochbedcntsamcn wissenschaftlichen Zcitströmnng allezeit Gehör und Beachtung zu verlangen ein Recht hat. Auf der im I. 1877 in München abgehaltenen 50. Natnr- forscherversammlung machte der hervorragendste Vertreter des Darwinismus in Deutschland, der jencnscr Univcrsitätsprofessor Höckel, zum crstcnmale in gewissermaßen offizieller Weise den Anspruch der natunvissenschastlich radikalen Weltanschauung auf die Herrschaft in den Schulen geltend. Nachdem er mit einer in der Tat erstaunlichen, für wissenschaftliche Leisetreter und unwissenschaftliche Tunkelmänner schreckbarcn Kühnheit die lezten Konseqnenzen seiner Lehre gezogen, fuhr er fort: „Die Einheit der Weltanschauung(oder der Monismus), zu welcher uns die neue Entwicklungslehre hinführt, löst den Gegen- saz aus(?), welcher bisher zwischen den verschiedenen dualisti- schen Weltsystemen bestand. Sic vermeidet die Einseitigkeit, des Materialismus, wie des SpiriMalismns, sie verbindet den praktischen Idealismus mit dem tcorctischen Rcalismns, sie vereint Naturwissenschast und Geisteswissenschaft zu einer all- umfassenden, einheitlichen Geisteswissenschaft. Indem wir so die heutige Entwicklungslehre als einigendes, einheitliches Binde- mittel der verschiedenartigsten Wissenschasten anerkennen, gewinnt sie die höchste Bedeutung nicht nur für die reinen, teoretischcn, sondern auch für die praktischen, angewandten Disziplinen. Weder die praktische Medizin, als angewandte Naturwissenschast, noch die praktische Staatswissenschaft, Jurisprudenz und Teologie, soweit sie Teile der angewandten Philosophie sind, werden sich fortan ihrem Einfluß entziehen können. Vielmehr sind wir der Ueberzeugung, daß sie sich auf allen diesen Gebieten als der bedeutendste Hebel, ebenso der fortschreitenden Erkenntnis, wie der veredelnden Bildung überhaupt bewähren wird. Da nun der wichtigste Angriffspunkt der leztcrcn die Erziehung der Jugend ist, so tvird die Entwicklungslehre als wichtigstes Bil- dungsmittel auch in der Schule ihren berechtigten Einfluß geltend machen müssen; sie wird hier nicht blos geduldet, sondern maß- gebend und leitend werde». „Wir glauben aber, daß eine weitgreifcnde Reform des Unterrichts in dieser Richtung unausbleiblich ist und vom schön- sten Erfolge gekrönt sein wird. Wie unendlich ivird z. B. der wichtige Sprachunterricht an Bildnngswert gewinnen, wenn derselbe vergleichend und genetisch betrieben wird! Wie wird sich das Interesse an der physikalischen Geographie steigern, wenn dieselbe genetisch mit der Geologie verknüpft wird! Wie wird die langweilige, tote Systematik der Tier- und Pflanzen- arten Licht und Leben gewinnen, wenn dieselben als verschiedene Zweige eines gcmeinsainc» Stammbanms erklärt werden! Und welch anderes Verständnis werden lvir vor allem von unserem eigenen Organismus erlangen, wenn wir denselben nicht mehr im trüben Zaubcrspicgel der Mytologie als das fingirte Eben- bild eines antropomorphen(menschlich gestalteten) Schöpfers, sondern im klaren Tageslichte der Phytogcnie als die höchst- entwickelte Form des Tierreichs erkennen; als einen Organis- mus, welcher im Laufe vieler Jahrmillionen sich allmälich aus der Ahnenreihe der Wirbeltiere hervorgebildct und alle seine Verwandten im Kampfe ums Dasein weit überflügelt hat!" Daß es den Tarwiniancni ernst ist mit ihrer Forderung. dem Tartvinismns sollen die Pforten der Schule geöffnet werben, beweist die Tatsache, daß Höckel auf der lezten Naturforscher- Versammlung(1882), also, nachdem er fünf Jahre Zeit gehabt hat, die Frage von neuem durchzudenken, womöglich mit noch mehr Entschiedenheit darauf zurückgekommen ist. Hier sagte er u. a.: „Angesichts der überraschenden Geschwindigkeit, mit welcher die Entwicklnngslehre in den lezten Jahren sich ihren Eingang in die verschiedensten Forschungsgebiete gebahnt hat, dürfen wir hier die Hoffnung aussprechen, daß auch ihr hoher pädagogischer Wert immer mehr anerkannt und daß sie den Unterricht der kommenden Generationen ganz gcivaltig vervollkommnen ivird. Wohl dürfen wir jezt fordern, daß alle Unterrichts- gegenstände nach der genetischen Metode behandelt werden; dann wird auch die Grundidee der Entwicklnngslehre, der ursächliche Zusammenhang der Erscheinungen überall zur Geltung kommen. Wir sind der festen Ueberzeugung, daß da- durch das naturgemäße Denken und Urteilen in weit höherem Maße gefördert werden wird, als durch irgendwelche andere Metoden. Zugleich wird durch diese ausgedehnte Anwendung der Entivicklnngslehre eines der größten Ucbel unserer heutigen Jugcndbildung beseitigt werden: jene Ueberhäufnng mit totem Gedächtniskram, welche die besten Kräfte verzehrt und weder Geist»och Körper zur normalen Entwicklung komme» läßt. Diese übermäßige Belastung beruht aus dem alten unausrottbaren Grundirrtum, daß die Quantität der tatsächlichen Kenntnisse die beste Bildung bedinge, während diese in der Tat vielmehr von der Qualität der ursächliche» Erkenntnis abhängt. Wir würden ' es daher vor allem niizlich erachten, daß die Auswahl des Lehrstoffes in den höheren wie in den niederen Schulen viel sorgfältiger geschähe, und daß dabei nicht diejenige» Lehrbücher bevorzugt tvcrden, welche das Gedächtnis mit Massen von toten Tatsachen belasten, sondern diejenigen, welche das Urteil durch den lebendigen Fluß der Entwicklungslehre bilden. Man lasse unsere geplagte Schuljugend nur halb soviel lernen, lehre sie aber diese Hälfte gründlicher verstehen, und die nächste Generation wird an Leib und Seele doppelt so gesund sei», als die jezige." Biel bescheidener und tveit weniger zukunstsficher sprachen sich andere, gleichfalls eine Reform im höheren Schulwesen für nötig erklärende Stimmen aus,— im großen und ganzen waren jedoch allgemach alle auch nur einigermaße» freidenkenden Leute darin einig geworden, daß durch Beschränkung der den alten Sprachen zugewendeten Zeit Raum gewonnen werden»lüsse für eine» der Bedeutung unserer modernen Ratunvisscnschastcn wenig- stcns annähernd entsprechenden Unterricht in den wichtigsten Zweigen derselben, sowie für eine Eriveiternng des Unterrichts in der Biatematik und den»eueren Sprachen. Wie weit die alten Sprachen, Latein und Griechisch, an Terrain abzugeben hätten an die moderne Wissenschast, darüber gingen die Meinungen sehr weit auseinander, ohne daß es zu klaren, ehrlichen Forderungen seitens der nach Reform Streben- den gekommen wäre. Der Stand der Tinge war folgender*): Von rund 1 1 000 Schulstunden während des 9jährigen Gymnafialknrsus entfiele» ans das Lateinische seit Festscznng des preußischen Gymnasial- lehrplans von 1856 rund 3000, d. s. mehr als 32 Prozent der gesammtcn Unterrichtszeit; auf das Griechische rund 1760 Stunden oder 16 Prozent aller Unterrichtsstunden, wäh- rend der deutschen Sprache und Literatur nur 840 Stunde» gegönnt waren, also»och nicht der neunte Teil der Zeit für das Lateinische und noch nicht die Hälfte der für das Griechische! während ferner von den neueren Sprachen die französische mit 714 Stunden bedacht und die englische Sprache, welche ü» ittvdcrnen Weltverkehr die erste Stelle einnimmt, völlig ignorirt ward. Matematik nnd Rechnen wurde in 1168 Stunden traktirt; die gesammte» Natunvisscnschaften,„Naturbeschreibung»"* Physik", fanden sich dagegen mit 588 Stunde»,— ganzen öV» Prozent des Gymnasialunterrichts abgespeist,— wogegen die Religion, welche schon in der Elementarschule weidlich eingk' *) Ich habe mich über denselben Gegenstand bereits früher in der N. W. ausgelassen; die hier vorliegende, übrigens völlig selbständige Arbeit schließt sich als eine Art Fortseznng an jene ältere AbHand' lung an. D. Vers, j schärst und im Koufirmaiidciiuiiterricht noch eindringlichcr in die Köpfe gepflnnzt wird, mich auf dem Gymnasium»och 840 Stunden in Anspruch nahm. Bilden wir nun zwei Gruppen, zu deren einer wir Deutsch, Französisch, Naturbeschreibung und Physik zähle», als zweifellos notwendige Elemente einer wahrhaft zeitgemäßen, von religiösen und historischen Vorurteilen freien Bildung, während ivir in der andern Gruppe Religion, Latein und Griechisch vereinigen, d. s. diejenigen Untcrrichtsgcgcn stände, welche das A und O der ausschließlich auf dem Fundamente religiöser und historischer Vorurteile basirenden Bildung unserer Vergangenheit sind, so finden wir, daß auf die crßc Gruppe, der Wissenschaft unserer Gegenwart und Zukunft, von den 11000 Unten ichtsstunden 2140, d. i. noch nicht 20 Prozent, indes auf die andere Gruppe, in der sich die Wissenschast der Vergangenheit konzcntrirt, 6200, also über 56 Prozent der ganzen Unterrichtszeit verwendet werden. Bedenke man nun, daß beim Unterricht im Deutschen und Französischen, tvie überhaupt bei der Unterweisung in modernen Sprachen, diejenigen wissenschaftlichen Erntngenschasten sehr wohl mit Stillschweigen übergangen oder bestenfalls nur nebenbei erwähnt werden können, welche die Grundlage moderner Welt- anschauung bilden,— ferner, daß auch bei der Naturbeschreibung solch' ein Ausweichen vor den neuen und sicherlich fast in allen ihren Teilen den Anhängern des Alten unbequemen Ergebnissen der Wissenschaft sich sehr leicht machen läßt, ja, daß es selbst bei der Physik ganz ebenso der Fall ist,— zumal der Unterricht in derselben erst in Sekunda begann, und zwar mit einer einzigen Stunde in der Woche, so wird man sich schwer- lich des Verdachtes erwehren können, daß die wahrhaft zeit- Eine neue Art von Goldfischen.(Seite 638.) gemäße, religiös- philosophisch und Historiich voranssezuiigslose Wissenschaft noch sehr viel schlechter auf unser» höher» Bildnngs- instalten wegkommt, als das obige Zahlenverhältnis von nicht !ia»z 20 zu mehr als 56 Prozent angibt. Unsere höhere Jugcndbildnng hat bisher aber nicht nur die uit der alten Bildung nicht harmvnirendcn Ergebnisse der Wissenschast unserer Zeit, wo es nur irgend anging, ignorirt, Ivndcru umgekehrt, wo es nur irgend sich tun ließ, hat man g»rch Lehrkräfte, welche man zu solchem Dienste gefügig zu >alte» verstand, in den deutschen Unterricht und in die Natur- Beschreibung genau ebenso wie in den Geschichtsunterricht die Normteile und Boraussczungkn der Bildung der Vergangenheit ''»geschwärzt.' Und zu dieser ganiicht wcgzulcugncndcn Tatsache gesellt sich 'ine andere nicht minder bedeutsame. So schlimm, wie es unserer modernen Wissenschaft auf de» Gymnasien ergeht, ebenso schlimm ergeht es unserer schönen Literatur. In meinem Besize befindet sich ein Berg von Jahres- 'crichten preußischer Gymnasien, denen ich zum Beweise vor- tcheuder Behauptung ein paar kurze Notizen entnehme. Auf dem Joachimstalschcn Gymnasium in Berlin oar im Winterhalbjahr 1863 64,— in jüngster Zeit ist es um kein Haar anders geworden— der Schulunterricht in der Oberprima folgendermaßen bestellt: Aufsäze, Vorträge. Aus der Literaturgeschichte des 16. und 17. Jahrhunderts 2 Stunden(wöchentlich). Elemente der Psycho- logic 1 Stunde. Unterprima: Aufsäze, Vorträge. Dispvsitionsiibnngen. Aus der Literaturgeschichte vor der Zeit der Kreuzzüge. Lektüre ans Lcssiug und Goethe. 3 Stunden. Obcrscknnda: Aufsäze, Vorträge, Dispositionsübungcn. Maria Stuart. 2 Stunden. Untersekunda: Lektüre von Schillers„Wallcnstcins Tod". Aufsäze, Vorträge. 2 Stunden. Im Sommerhalbjahr 1864 kam dazu: Oberprima: Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts. Auf- säze, Vorträge. 2 Stunden. Eleniente der Logik 1 Stunde. Unterprima: Aus der mittelhochdeutschen Literatur. Auf- säze und Vorträge. Stücke aus Goethes„Wahrheit und Dichtung". 3 Stunden. Obcrscknuda: Aufsäze, Vorträge; Dispositionsübungcn. Lcssings„Nathan der Weise". 2 Stunden. Untersekunda: Lektüre von Schillers Gedichten und aus Colshorn und Gödecke(deutsches Lesebuch, 3. Teil). Aufsäze. 2 Stunden. 630 Aus diesen Angaben des Jahresberichts eines der vornehm- stcn preußischen Gymnasien erhellt, daß wir sehr wohl deutschen Studenten, die ihr Gymnasialabiturientenexamen mit aller Auszeichnung bestanden haben, begegnen können, die von der gc- sammten neueren deutschen Literatur von Klopstock und Lessing bis Gutzkow und Gottschall absolut nichts weiter gelesen haben, — von den für fromme Kinder zugeschnittenen Fragmenten der „Lesebücher" gebührendermaßen zu geschweige»,— als etliche Gedichte Schillers, Nathan den Weisen, Wallcnsteins Tod. Maria Stuart, einiges aus„Wahrheit und Dichtung" und vielleicht noch ein oder zwei Dramen von Lessing und Goethe. Von erstcrem vielleicht eine Kleinigkeit aus der Dramaturgie und etwas vom Laokoon. Vergegenwärtigt man sich nun, daß die Ueberhäufnng mit Schularbeiten, besonders in den obersten Klassen des Gymnasiums, höchstens den begabtesten und gleichzeitig strebsamsten Schülern eine Spanne Zeit übrig läßt zur Privatlektüre von Werken deutscher Literatur; daß des weiter» das bekanntermaßen flotte Burschenlcbcn dem Studenten selten mehr Muße gönnt, als zu den unumgänglichsten Fachstudien erforderlich ist, so wird man sich wohl nicht wundern, wenn der Verfasser dieser Ab- Handlung behauptet, daß er in allen Kreisen unserer gebildeten Welt,— unter Richtern, Aerztcn, Gymnasiallehrern, höheren Beamten u. s. w.,— keineswegs selten Leute gefunden hat, denen eine erschreckend große Zahl der vorzüglichsten Werke unserer eigenen Literatur nur dem Namen nach oder selbst nicht einmal dem Namen nach bekannt waren. Fügt man diese Vernachlässigung unserer schönen Literatur, dieses besten Qncllgcbietes von Erkenntnis und schöner Mensch- lichkeit, hinzu zu der Tatsache der rücksichtslosen Hintansezung der modernen Naturwissenschaften auf den Gymnasien, so ivird man zu dem Urteile sich gedrängt sehen, daß ein sehr wesentlicher Teil unserer sogenannten Gebildeten in Betracht dessen, was hauptsächlich unsere Bildung ausmachen sollte, eine Art geistigen Botokndcntnms darstellt, dem man Verständnis für modernes Leben und Streben weder zu- trauen noch zumuten darf. Von diesem unfern Standpunkte aus hätten die Reformen des höher» Unterrichtswesens offenbar sehr weitreichende und ticfcindringcnde sein müssen,— denn weiter Spielraum für die neuere deutsche, insbesondere die klassische Literatur»nd für die modernen Naturwissenschaften ist unsere Parole. (Schluß solgl.) Die Cholera. Von Professor von JfVttcnUofcv in München. Die 13. Auslage von V rockhaus' Eonversations- Lexikon, mit ungefähr 100 000 Artikeln und 6000 Abbildungen aus 400 Tafeln und im Texte, in 16 Bänden, wovon bereits 5 vorliegen(jeder Band gebunden in Halbfranz 9 Mk. 50 Pf.), enthält folgenden von dem in der Ucbcrschrift ge- nannten berühmten Hygieinisten verfaßten Artikel, den wir im- seien Lesern mit Erlaubnis der Verlagshandlung mitteilen: Cholera(»ach gewöhnlicher Annahme von dem gricch. Worte Chole, Galle, nach andern von dem hebr. Worte Cholera, die böse Krankheit) bezeichnet überhaupt ein massenhaftes, rasch eintretendes Erbrechen und Laxircn, einen Brechdurchfall. Dieser häufig vorkommende Znstand beruht ans sehr verschic- denen, die Magen- und Darmschleimhäute reizenden oder cnt- zündenden oder die Nerven dieser Unterleivsorgane sonst er- regenden Ursachen(Vergiftungen, Genuß unverdaulicher oder verdorbener Speisen und Getränke, Verlczung gewisser Nerven- Partien u. f. w.). In den heißen Sommermonaten namentlich kommen solche Zustände alljährlich vor, die man unter Brech- rühr, Sommer- oder europäischer Cholera(Cholera nostras), begreift und die nur ausnahmsweise sehr heftig wird, wenn über- reiche weiße, reiswasscrähnliche Entleerungen nach oben und unten mit Blauwerden und allgemeiner Kälte der Haut, Ein- fallen des Gesichts, Wadenkrämpfcn, Unsühlbarwerdcn des Pulses und Heiserkeit der Stimme sich zeigen. Diese Symptome, welche meistens rasch vorübergehen und sehr selten zum Tode führen, komnicn aber regelmäßig auch bei jener Form der Cho- lera vor, welche man die asiatische(auch epidemische, wandernde, indische u. s. w.) nennt, die gleichzeitig oft sehr viele Menschen in einem Orte ergreift und so gefährlich ist, daß in der Regel mehr als die Hälfte der davon Ergriffenen daran stirbt. Der Verlauf der asiatischen oder epidemischen Cholera ist in der Regel folgender: Meist gehen tagelang Abgeschlagenhcit, Verdauungsstörungen, namentlich schmerzlose wässerige Durch- fälle(Chol er ine) voraus; oft fehlen aber auch solche Vor- boten, sodaß das Uebcl gleichsam blizschncll befällt. Plözlich, meist in der Nacht, treten stürmische und zahlreiche Ausleerungen ein. welche nur im Anfange noch aus gefärbtem Darminhalt, bald aber aus einer eigentümlichen reiswasserähnlichen, alkali- scheu, zahllose Epithelzellen des Dünndarms sowie Fetttröpfchen, Blutkörperchen, Tripclphosphatkrystallc und verschiedene Pilz- formen enthaltenden Flüssigkeit bestehen. Dazu gesellt sich reich- lichcs Erbrechen, durch welches zuerst Mageninhalt und Galle, spater aber gleichfalls eine rciswasserähnliche Flüssigkeit entleert wird. Bei der sog. trockenen Cholera(Cholera sicca), einer besonders gefährlichen Form, die aber selten auftritt, fehlen die reiswasserähnlichen Ausleerungen gänzlich, weil der zeitig ge- lähmte Darmkanal die in ihm ausgcschwiztcn Stoffe nicht aus- zutreiben vermag. Mit dem Eintritt der wässerigen Ans- lecrungcn stellt sich ein quälender Durst, sowie ein beträchtliches Sinken der Eigenwärme und des Pulses ein, der Herzschlag wird matt, die Glieder, Nase und Ohren werden blau und leichenkalt, das Gesicht ist verfallen, die Augen tiefliegend, die Stimme wird heiser und klanglos, die Harnentleerung hört auf, es stellen sich schmerzhafte Krämpfe in den Waden und Füßen ein u. f. w. Endlich verschwinden, zuweilen unter Nachlaß der Ausleerungen, der Puls, der Hcrzstvß, sogar die Herztöne gänzlich und der Tod erfolgt gewöhnlich unter den Zeichen eines allgemeinen Blntstandcs und einer Ncrvcnlähmnng(As- p hyktisch e Cholera). Im glücklichen Falle aber kommen nach und nach die Körperwärme, der Puls und Herzschlag sowie die Harn- cntlecrung wieder, Schlaf und Kräfte kehren zurück, die Stuhl- gängc werden wieder gallcnhaltig und säculcnt u. s. w. Ost aber tritt in diesem Zeitabschnitt(der Rcaktionsperiode) eine eigentümliche Ficbcrkrankhcit ein, welche dem Typhus ähnlich verläuft, das sog. C h olerat y p ho id, das bisweilen Wochen- lang dauert und die Besallenen oft noch hinwegrafft. Die Leichenöffnung der an der Cholera Gestorbenen zeigt zwei Hanpterschrinungen: einen heftigen, mit massenhafter Ans- schwizung verbundenen Darmkatarrh und eine beträchtliche Ein- dickung der gesammtcn Blutmasse mit ihren beiderseitigen Folgen. Im Tarmrohr, zumteil auch im Magen, findet man eine reich- liche, reiswasscrähnliche Flüssigkeit, welche aus massenhaft aus- geschwiztem Blutwaffer und zahllosen abgestoßenen Darmepi- thclien besteht. Die Darmschleinihaut selbst ist entzündet, zum- teil blutig unterlaufen und stellenweise ihrer schüzcndcn Decke beraubt; ihre Zotten und Drüschcn, oft auch die Gekrösdrüsen, sind angeschwollen und hervorragend. Das Blnt ist dunkel- blaurot, mehr oder weniger eingedickt, in den höheren Graden daher teer- oder pechartig zähe. Es zeigt sich im Herzen an- gehäuft, fehlt hingegen in den Haargefäßen, sodaß das Zell- gewcbe, die Muskeln und andere Teile blutarm, trocken, zähe und unelastisch, die Haut grau und runzelig, die serösen Häute klebrig gefunden werden. Fast konstant sind die Nieren ver- ändert und zeigen bei schweren Fällen die eigentümliche, unter dem Name» Eiweißniere bekannte Entartung, welche sich auch bei Lebzeiten durch Eiweißgehalt des Harns und Zurückhat- tuiig des Harnstoffes im Blute kundgibt. Nach alledem scheint somit der wesentlichste Teil der Krankheit die übermäßige Aus- schwiznng von Wasser ans den Blutgefäßen in die Höhle des Darmkanals zu sein, durch welche das Epithel der Tarnischleim- haut ganz ebenso abgehoben und schließlich abgestoßen wird, wie bei einer Verbrennung der äußeren Haut die Oberhaut ebenfalls durch die ans dem Blute ausgcschwizte Flüssigkeit abgelöst und zu einer Blase emporgehoben wird. Durch den raschen und übermäßigen Wasscrverlnst wird das Blut dick- flüssig, bewegt sich langsamer und vermag nicht mehr die feinen Haargefäße zu durchdringen. Daher stockt der Atinnngsprozcß in der Lunge, es tritt Atemnot und Beängstigung wie beim Ersticken ein. Das Gehirn wird infolge der mangelhasten Blut- zirknlation nicht gehörig ernährt, daher die Hirnsymptome. Da das eingedickte Blut an Masse sehr beträchtlich abgenommen hat, so fehlt allen Teilen der Haut ihre sonstige Fülle. Dazu kommt, daß alle noch sonst in den Geweben vorhandene Flüs- sigkcit von dem Blute begierig eingesogen wird, sodaß die Haut förmlich einschrnmpst und eintrocknet. Die blaue Farbe des Blutes erklärt sich ans der mangelhaften Atmung, denn nur der beim Atmen ansgenommenc Sancrstoss'färbt das Blut hellrot. Kurz, fast alle Symptome der Krankheit erklären sich zienilich zwanglos durch die übermäßige Ansschwiznng von Flüssigkeit ans den Blutgefäßen der Tarmschleimhant. Was die Entstehung und Berbreitungsweisc der asiatischen Cholera anbetrifft, so ist dieselbe seit Jahrtausendrn in gewissen Teilen Ostindiens(Niederbcngalen, Malwa, Ma- labarküste) heimisch. Schon die Portugiesen haben nach Ent- dcckung des Seelvegs um das Kap der Guten Hoffnung Ende des 15. Jahrhunderts bei ihrer ersten Niederlassung in Goa die Krankheit dort angetroffen, ja sie wird in den Sanskrit- schriftcn(Susruta) mit allen Symptomen deutlich schon einige tausend Jahre vor Christus beschrieben und als großes Sterben, mälia märi slat. magna mors), bezeichnet. Tie wesentlichsten Benennungen in den Sanskritschriftcn dafür sind vishüjika (Brechen und Abweichen, Brechrnhr wie im Deutschen), alasikä (Krämpfe, welche Ermattung und Starre herbrisühre»), vilam- i)iki(Znsammenbrnch, collapsus). Im Maharatlischcn heißt die Cholera morckeshi», auch modslii, eigentlich mödashl, was auch Zusammenbruch ausdriickt. Französische Schriftstcllcr haben dieses maharattische Wort in mort de chien, Hnndetvd, verkehrt. Gleichwie die gcsammte Symptomengrnppe der Cholera durch gewisse mineralische und organische Stoffe(z. B. weißen Arsenik und giftige Schwämme) hervorgerufen wirb, so nimmt man an, daß auch die asiatische Cholera durch einen spezifischen Jnfektionsstoff(wahrscheinlich einen niedrigen Organismns, Spaltpilz n. dgl.) hervorgerufen werde, den man aber bis jczt noch nicht kennt, ans dessen Existenz man aber ans den Wir- knngen, die er hervorbringt, schließt. Dieser Jnfektionsstosf ist ursprünglich ein Prodult des Bodens und des Klimas von In- die»; aber obschon vom Boden Indiens stammend, ist er doch auch in andere Länder und Weltteile durch den menschlichen Verkehr verbrcitbar(verschleppbar), Ivo er sich so lange erhalten i und vermehren kann, als er gewisse örtliche Bedingungen vorfindet, deren er auch in seiner ursprünglichen Heimat bedarf. Tic Eigenschaft der Cholera, in ihrer Verbreitung zugleich vom Verkehr und von örtlichen Ursachen(vom Boden und Drainage- Verhältnissen) abhängig zu sein, hat lange zu keinen richtigen Anschauungen über die Verbrcitnngsart derselbe» gelangen lassen. Anfangs faßte man die doppelte Abhängigkeit vom Verkehr und von der Oertlichkeit den herrschenden Schnlansichten entsprechend als etwas Gegensäzlichcs auf und dachte, daß die Cholera ent- weder vom Menschen, namentlich von Cholerakranken verbreitet werde, und dann sei sie eine ansteckende, kontagiöse Krankheit, oder daß sie vom Boden stamme, und dann sei sie eine miasmatische Krankheit. Erst die Untersuchungen Pettcnkofers haben 1854 darauf hingewiesen, daß beides notwendig zusammen- gehören könnte und sich nicht zu widersprechen brauchte. An, diesem Grundgedanken, Cholcrakeim und Chvlcralvkalität beide Zusammen als wesentlich zu betrachten und gesondect zu behandeln, ist die neuere Lehre von der Verbreitungsart der Cholera entstanden. Selbst in Indien sind es nur wenige Bezirke, in welchen die Cholera ständig, endemisch vorkommt, und auch in diesen gibt es Zeiten, wo sie schlumniert, wo nur sehr vereinzelte und wenige Cholcrafälle vorkommen, denen dann wieder Zeiten folgen, wo sie häufig, epidemisch, vorkomnien. Außerhalb der ende- mischen Bezirke scheint der Keim nach einiger Zeit, in ein bis zwei Jahren immer wieder abzusterben, und die epidemische Cholera bedarf zn ihrem Wicdererschcinen neuer Einschleppung. Daß das wenigstens in Europa der Fall ist, spricht sich jedes- inal sehr deutlich im Fortschreiten der Epidemien von Osten nach Westen oder von Meeresküsten ins Innere aus. Ein schlagender Beweis für das Absterben des Keims nach einer abgelaufenen Epidemie und für die Notwendigkeit einer neuen Einschleppung ist das zeitliche Austreten der Epidemien auf den Inseln Malta und Gozo im mittelländischen Meere, welche seit 1835 bereits siebenmal von Cholera heimgesucht waren. Tic beiden Inseln liegen sich sehr nahe, haben ganz gleichen Boden und gleiches Klinia, und haben sich auch jedesmal gleich empfänglich für die Krankheit erwiesen, Gozo verhältnismäßig sogar noch etivas mehr als Malta; sie unterscheiden sich nur dadurch, daß Malta infolge seiner ausgezeichneten Häfen einen großen direkten Verkehr mit allen Ländern hat, wahrend Gozo in Ermangelung jedes Hafens, ja selbst einer größeren Bucht, mit der ganzen übrigen Welt nur über Malta verkehrt. So oft nun Malta eine Cholera- Epidemie hatte, kam sie auch nach Gozo, aber jedesmal drei bis vier Wochen später als nach Malta, was sich nur mit der Annahme verträgt, daß der Cholerakeim in Gozo nicht schon etwa von vorausgegangenen Epidemien her schlummernd vorhanden war, sondern jederzeit erst ans Malta wiedergebracht werden mußte, denn sonst hätte die Cholera auf Gozo hier und da gleichzeitig, manchmal sogar früher als in Malta auftreten müssen. Es ist beachtenswert, daß die asiatische Cholera schon seit Jahrtausenden in Indien vorkommt, jedenfalls so alt ist wie die indische Kultur, daß sie aber doch erst im 19. Jahrhundert so»in sich zu greisen und zu wandern anfing. Diese Tatsache hängt ohne Zweifel mit der Steigerung und namentlich mit der Beschleunigung des Verkehrs in und außer Indien zusammen. Das Erscheinen des ersten Dampfschiffes in den indischen Gewässern fällt in das Jahr 1826, das Erscheinen der Cholera in Europa ins Jahr 1831. Neben dem Verkehr macht sich sowohl in Indien als außer- halb Indiens auch der Einfluß des Bodens und der Jahres- zeiten sehr deutlich bemerkbar. Es gibt Orte, welche sich bei jeder Gelegenheit als sehr empfänglich für Cholera erweisen, und andere, welche ihr auffallend und andauernd Widerstand leisten, wenn die Krankheit aus benachbarten, epidemisch er- grissenen Orten auch mehrfach und wiederholt eingeschleppt wird. Unter den nichtempfänglichen(immunen) Orten in Europa ist eines der merkwürdigsten Beispiele die große Fabrik- und Handelsstadt Lyon in Südfrankreich, durch welche sich ununterbrochen der lebhafteste Verkehr zwischen zwei Hanptsizcn der Cholera, zwischen Marseille und Paris, zieht. Selbst 1849, wo ein Aufstand war und Lyon von Regimentern, welche ans Marseille und Paris die Cholera mitgebracht hatten, belagert, erobert und bcsezt wurde, ging die Krankheit nicht auf die Bc- völkernng der Stadt über. Orte in Gebirgen und Gebirgstälern werden viel weniger und seltener ergriffen, als in der Ebene, aber auch da kommen ausgedehnte, oft von sehr armer Bevölkerung bewohnte Distrikte vor, welche verschont bleiben, so oft die Cholera in ihrer Um- gebung herrscht, z. B. die Moor- und Malariadistrikte an der Donau in Bayern und zwischen Spree und Röder in Sachsen. Sehr häufig wird beobachtet, daß ein und derselbe Ort Teile hat, welche ebenso regelmäßig von Cholera stark zn leiden haben, als andere Teile dcS nämlichen Ortes ebenso regelmäßig ver- schont bleiben. Die örtliche Immunität kann zweierlei Ursachen haben: Bodenbeschaffenheit und Grnndwafferverhültnisse. Orte 632 ober Ortsteile, welche auf Alluviallwbcn, in Mulden ober an steilen Abhängen liegen, zeigen sich für Cholera- Epidemien viel empfänglicher, als Orte, welche auf einem für Waffer und Luft undurchdringlichen Bode», z. B. auf kompakten Felsen ober auf der Höhe zwischen zwei Mulden, auf einem Kamine liegen, wenn dieser auch nicht ans Felsen, sondern ans porösem Boden besteht. Im ersteren Falle ist die Bodenbefchaffeuheit, im zweiten die Drainage entscheidend. Wenn man das gruppenweise Auftreten von Ortsepidemien in einem größeren Umkreise, in einem ganzen Lande verfolgt, so findet man, daß sich dieselben nicht nach Landstraßen, Eisen- bahn- und Schiffahrtslinien aneinanderreihen, sondern daß sie sich nach den natürlichen Draiuage-Gebieteu, nach Flnß-Gebieten hauptsächlich grnppiren. Da man gegen den Einfluß des Po- röfen Bodens und seiner wechselnden Turchseuchtung(des Grund- wassers) immer das Vorkommen von Cholera-Epidemien aus Malta und ans dem Felsen von Gibraltar geltend machen wollte, reiste Pettenkoser(1868) eigens dahin und fand, daß die Stadt Gibraltar nicht ans einem kompakten Felsen, sondern auf einer Böschung von roter Erde liegt, welche sich an den sehr zer- kliisteten steilen Felsen lehnt und sehr viel Wasser schluckt und zurückhält, sodaß in der Stadt mehr als hundert gegrabene Brunnen sind, deren Spiegel viel höher als der Meeresspiegel ist. Der Felsen von Malta saugt wie ein Schwamm Flüssig- keit an, ist so weich, daß er mit der Säge und dem Messer geschnitten wird, und so porös, wie der Sand von Berlin, dem nur der Zusammenhang fehlt, um. Malteser Felsen zu sein. Die Cholera-Epidemien kommen und gehen in ihrer Heimat sowohl als auch außerhalb derselben sehr regelmäßig mit den Jahreszeiten. Unter den verschiedenen Einflüssen der Jahres- zeit macht sich aber nicht Wärme und Kälte als das Entschei- dende geltend, denn sonst könnte die Cholera nicht voln Indischen bis zum Eismeer, von Kalkutta bis Archangel vorkommen, son- der» es sind die Regen- und die davon abhängenden Grund- Wasserverhältnisse. In Niederbengalen(Kalkutta), wo während der Regenzeit vorn Mai bis Oktober etwa 130 Zentimeter Regen fallen, trifft das Maximum der Cholera regelmäßig auf den April, das Minimum aus den August. Beide Monate haben gleiche mittlere Temperatur, aber der April ist der Gipfel der heißen trockenen und der August der der heißen nassen Jahres- zeit. Im Nordwesten Indiens, im Pendschab(Lahore), herrscht fast dieselbe Hize wie in Bengale», da fallen aber in der gleichen Regenzeit nur etwa 50 Zentimeter Regen. Während in Niederbengalen die Cholera immer zugegen ist, bleibt das Pendschab oft viele Jahre hintereinander von Cholera-Epidemien frei, und wenn' sie auftreten, zeigen sie sich da hauptsächlich während der Regenzeit. Es scheint daher gerade ein gewisser Wassergehalt des Bodens und eine gewisse Schwankung ersor- derlich zu sein. Auch bei den Epidemien in Europa tritt der Eintritt gewisser Monate und Zeiten sehr deutlich hervor: da sind Sommer- und Herbst-Epidemien die Regel, Wiuter-Epide« mieii die Ausnahme, und der Frühling(März, April und Mai) bleiben immer fast ganz frei. Das Vorkommen der Cholera ans Schiffen und die aller- dings nur äußerst selten vorkommenden Schiffsepidemien schienen lange ein Beweis gegen die Abhängigkeit von Boden und Grund- Wasser für die Cholera zu sein, bis es zum Gegenstand ein- gehender Untersuchungen gemacht wurde. Es ergab sich, daß auch aus Schiffen die Cholera stets von einem Jnsektiousstoffe abgeleitet werden muß, der nicht von den Personen ausgeht, welche auf dem Schisse erkranken, sondern vom Lande stammt. I» Indien wurden nähere Untersnchnngen über das Vorkommen der Cholera auf Schiffen angestellt. Man benuzte dazu wesentlich die starke Auswanderung von Kulis, welche seit einer Reihe von Jahren auf zwei Linien, erfolgte: ans der Linie Kalkutta- Mauritius mit 105 382 Personen und auf der Linie Kalkutta- Amerika mit 72 681 Personen. Bryden faßt seine Erfahrungen in den Worten zusammen:„Man beobachtet, daß die Mann- schaft aus Schiffen, wenn sie von verschiedenen Orten aus dem Lande herstammt, keine Gemeinschaft des Erkrankens zeigt, indem sich die Cholera aus diejenigen beschränkt, welche ans einem be- stimmten Quartiere eingeschifft sind." Es kommt auf den Trup- Pentransportschissen oft vor, daß einmal nur Matrosen erkranken und die Soldaten freibleiben, das anderemal umgekehrt, ja daß -von verschiedenen Truppenteilen aus verschiedenen Quartieren aus dem Schisse nur ein Teil von Cholera befallen wird, die andern troz innigster Berührung mit den Kranken ganz frei davon bleiben. Ein fernere Eigentümlichkeit der Cholera, welche sie jedoch mit allen epidemischen Krankheiten teilt, ist die ungleiche Em- psänglichkeit der Individuen(individuelle Disposition) dafür, so daß bei gleicher Jnsektionsgelegenheit die einen schwer, die andern leicht, die Mehrzahl gar nicht erkranken. Schwächliche und schlecht genährte Personen, deren Organe sehr wasserhaltig sind, haben die größte Disposition, an Cholera zu erkranken. Ebenso wird die Disposition durch alle Umstände gesteigert, welche auch sonst einem Individuum Diarrhöe verursachen. Sehr konstant verschieden ist die Disposition in verschiedenen Alters- klaffen. Das Alter von sechs bis zwanzig Jahren wird am wenigsten ergriffen; hei jeder Epidemie überrascht die verhält- nismäßig geringe Zahl von Todesfällen unter der schulpflichtigen Jugend. Vom 40. Jahre an steigt die Disposition. Genauere Untersuchungen haben ergeben, daß diese Unterschiede weniger in einer absoluten Unempsänglichkeit, als in den höhern und niedrigem Graden der Erkrankung bestehen. Dein epidemischen Einflüsse ausgesezt erkranken ziemlich gleich viel, etiva die Hälfte, aber die einen nur an leichten Diarrhöen, welche in der Regel keine weitere Beachtung finden und nicht gezählt werden, die andern an den schweren Formen, welche so häusig zum Tode fuhren. Als Hauptsaktoren der Choleraverbreitung kann man dem- nach drei betrachten: 1) den Verkehr mit Choleraorten, welcher den spezifischen Jnsektionsstoff(Cholerakeim) verbreitet, 2) die individuelle Disposition. 3) die lokale(örtliche und zeitliche) Disposition, und man kann in diesen drei Richtungen aus Mittel denken, der Ausbreitung der Krankheit entgegenznarbeiten. Um der Verbreitung des spezifischen Keims entgegenzuwirken, müßte man den Keim selbst kennen oder doch genau wissen, Ivo er bei der Verbreitung den Siz hat. Die Partei der Kontagionisten, welche die Cholera als eine von der Lokalität unabhängige Krankheit erklären und den menschlichen Organismus und nament- (ich den der Cholerakranken als Entwicklungsheerd betrachten, nehmen den Siz in den Ausleerungen der Kranken oder selbst auch der Gesunden, welche aus Choleraorten kommen, an und glauben durch Jsolirniig der Kranken von den Gesunden und durch Desinfektion aller Exkremente und sonstigen Abgängen von Cholerakranken prophylaktisch toirken zu können. Die Einrich- tnngen der Kordons, der Quarantänen und die verschiedenen Desinfektionsmaßregeln beruhen darauf. Der Erfolg hat aber bisher die Richtigkeit ihrer Boraussezungen nicht bestätigt. Die Kordons wurden beim ersten Austreten der Cholera in Europa in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts vielfach äuge- wandt, aber als ganz nuzlos für immer aufgegeben. Auch die Quarantänen für den Schiffsverkehr haben nichts bezweckt. Man könnte denken, die Erfolglosigkeit rühre von mangelhaften Einrichtungen her, aber niemand kann angeben, wie man einen Kordon besser machen könne, als den zwischen Preußen und Rußland 1832, oder eine Quarantäne besser, als die in Malta 1"65 war. Namentlich leztere war so gut eingerichtet und so rechtzeitig in Tätigkeit gesezt, als man nur wünschen konnte; zudem war der durch sie zu beherrschende und zu schiizende Punkt so isolirt und klein,>oie es bei einer Landquarantäne oder einem Kordon gar nicht denkbar ist: und doch entwickelte sich die Cholera 1865 auf der ganzen Insel genau so, wie sonst ohne Quarantäne auch. Während der Cholera-Epidemie in München von 1873/74 wurde auf Jsolirung der Kranken und auf die Desinfektion aller Aborte, namentlich beim Militär in den Ka- fernen, die größte Sorgfalt venvendet. Als man aber zulezt die Resultate beim Militär, wo Jsolirung und Desinfektion in der denkbar besten Weise durchgeführt waren, mit dem Resultate 634 beim Zivil, wo sehr viel nicht oder nur höchst monqelhast ge- schoh, verglich, zeigte sich nicht der geringste Unterschied zu Gunsten des Militärs. Da München, welches bereits zweimal (1836 und 1854) kurzdauernde Epidemien hatte, diesmal einen zehn Monate umfassenden, in zwei Teile, in eine Sommer- und in eine Wintcrcpidemie geteilten Verlans der Krankheit hatte, und die Desinfektion in allen Häusern während der Sommcrcpidemie blos angeraten, aber nicht obligatorisch ge- boten war, hingegen allgemeine Zwangsdesinfektio» in der ganzen Stadt während der Wintercpidemie polizeilich angeordnet und überwacht>var, so bot sich eine gute Gelegenheit zum Vergleich. Die Epidemie, bei welcher gleich anfangs allgemeine Zwangs- dcsinfektion angeordnet wurde, die Winterepidcmie, dauerte viel länger, und forderte viel mehr Menschenopfer, als die voraus- gegangene Sommerepidemie. Auch die Jsolirung der Kranken von den Gesunden hatte nicht den geringsten Einfluß auf den Verlauf der Epidemie, und es zeigte sich nur in vielen Tat- fachen, daß die Infektion nicht von Cholerakranken, sondern hauptsächlich von der krankmachenden Cholcralokalität ausstrahlte. Wo die Resultate besser scheinen, wo angegeben wird, daß ein Land oder eine Stadt durch Kordons, Quarantänen oder Des- insektioncn vor Cholera bewahrt worden sei, fehlt jeder Nach- weis, daß dies nicht durch den Mangel der örtlichen oder zeit- lichcn lokalen Dispositionen bewirkt worden sei, welcher Mangel alle diese kostspieligen Maßregeln überflüssig macht. Dieselben Belege für die Erfolglosigkeit aller auf kontagionistischer Grund- läge ruhenden Maßregeln ergeben sich auch ans den offiziellen Berichten des Medizinalrcferentcn der indischen Regierung, Dr. James Cuningham, seit 1871, sowie aus den Untersuch- ringen von Dr. Brydcn und Donglas Cuningham und Timothy Lewis. Aus den vielen gründlichen Untersuchungen der beiden leztern geht namentlich auch hervor, daß die Lokalisirung des Cholerakcinis in den Exkrementen, welche vielfach angenommen wird, ans keinerlei Art nachweisbar ist. Einer der wesentlichsten ätiologischen Faktoren ist ersahrungs- mäßig die Verunreinigung des Bodens durch die Abfälle des menschlichen Haushalts. Regelrechte Kanalisation und reichliche Versorgung mit reinem Wasser, Entfernung aller Senk- oder Versizgrubcn, überhaupt aller Gelegenheiten, welche den Boden unserer Wohnstätten bisher allgemein niit allzu reichlicher Nahrung fiir das organische Leben in ihm verschen haben, Bcsei- tigung der Stallungen für den Abfluß des Wassers auf der Oberfläche und unter derselben, wodurch zeitweise so große Schwankungen im Feuchtigkeitsgehalte des Bodens eintreten: das sind die Mittel gegen die Cholera- Epidemien. Daß die- selben wirklich gegen Cholera-Epidcmien helfen, davon liegt der Beweis in den Städten vor, welche in»euerer Zeit viel in dieser Richtung gcthan haben, und in ihrem Verhalten zu Chvlerazcitcn jezt im Vergleich gegen früher. Die geringe Aus- dehnung und die geringe Intensität der Cholera in England 1866, die Nichtbeteiligung Englands an den späteren Cholera- Epideniicn des benachbarten Kontinents gegenüber den zahlreichen und heftigen Epidemien, welche England in den dreißiger, vierziger und fünfziger Jahren hatte, sind ein Beweis, daß man praktisch auf dem rechten Wege ist. Auch deutsche Städte können bereits znm Beweise herangezogen werden. So oft im Regierungsbezirke Danzig überhaupt die Bedingungen zu Cholera- Epidemien gegeben waren, war die Stadt Danzig ein Hauptsiz der Krankheit, und 1873 war die Cholera im Regierungsbezirke so heftig wie sonst, ja sie rückte bis vor die Tore der Stadt in die Dörfer Heubude und Strohteich, aber in der Stadt Tanzig selbst ging es diesmal mit etwa hundert Fällen ab, von denen die Mehrzahl, namentlich lokal gehäuftere Erkrankungen, fast ausschließlich auf Häuser trafen, welche ihr altes Senk- grubensystcm noch beibehalten hatten. Hinsichtlich der Prophylaxis der Cholera ist schon oben bc- merkt, das alle bisher ergriffenen internationalen Schuzmaß- regeln, insbesondere die verschiedensten und energischsten Ab- sperrungsversilche durch Militärkordons, Quarantäne u. s. w., die Einschleppung und Verbreitung der Cholera nicht haben hindern können, da eine absolute Absperrung bei den jezigen Verkchrsvcrhältnissen unmöglich erscheint, eine nichtabsolute aber völlig nuzlos und illusorisch ist, weil der spezifische Krankhcits- keim durch den unvermeidlichen persönlichen und sachlichen Ver- kehr doch importirt wird, und sich auf dazu disponirtem sog. sicchhaften Boden vermehrt. Gleichwohl ist es geboten, zu Cholerazeitcn den Verkehr mit infizirtcn Orten, den Zusammen- fluß größerer Menschenmassen bei Volksfesten, Jahrmärkten, Wallfahrten, Prozessionen u. s. w. nach Kräften zu verhindern; ebenso müssen größere Truppenbewegungen, wenn nicht taktische Gründe im Kriege dazu zwinge», ganz unterbleiben. Was die individuellen Vorsichtsmaßregeln anlangt, so kann sich der einzelne sehr wohl vor der Krankheit schüzen, wenn er beim ersten im Orte eintretenden und wirklich konstatirten Cho- lerafall sofort in eine entfernte gesunde Gegend reist und nicht eher wieder heimkehrt, als bis die Krankheit völlig erloschen; reist er jedoch zu spät ab, so kann er schon den Cholcrakcim in sich aufgenommen haben; kehrt er zu früh zurück, so scheint er, vielleicht durch die umgeänderte Lebensweise, sogar empsäng- licher für das Cholcragift geworden zu sein. Für diejenigen, welche den infizirte» Ort nicht verlassen können oder mögen, verdient die strengste Beobachtung von Mäßigkeit nud. Vorsicht jeder Art, insbesondere durch Vermeiden von Erkältungen, Diät- fehlcrn und allen Exzessen, das meiste Vertrauen. In keiner Weise ändere man seine gewohnte Lebensweise, wenn sie sonst normal und vernünftig ist. Abgesehen davon, daß nian jede nnnüze Berührung mit Kranken meiden und sich nicht mutwillig durch Benuzung fremder Aborte der Gefahr einer Ansteckung anssezen soll, vermeide nian sorgfältig alles, was ersahrungs- gemäß leicht dünnen Stuhlgang bewirkt, zumal schwer verdau- liehe Speisen sowie saftrcichc, durch ihren Wasserreichtum leicht Durchfall erregende Früchte(Pflaumen, Gurken, Melonen). Als Getränk wähle man ein Glas guten Rotwein, Rum oder kräf- tiges, nicht junges Bier; schlechtes Bier dagegen ist sehr schädlich. Weiterhin ist Warmhalte» der Füße und des Leibes durch Flanell und wollene Leibbinden dringend anzuraten. Auch beim leichtesten und anscheinend unverdächtigste» Durchfall schicke man sofort zum Arzte, weil sich eine leichte Diarrhöe leicht in eine Cholcradiarrhöc mit nachfolgendem Anfall umwandelt, lege sich zu Bett, trinke einige Tassen heißen schwarze» Kaffee oder Pfefferminztee und nehme von den„Choleratropfen", die man sich im voraus von seinem Arzte verschreiben lassen muß. Tic Behandlung der wirklich ausgcbrochenen Krankheit selbst darf indes unbedingt nur Sache des Arztes sein. Um Wahrheit. Novelle von Meinhard Kern. Die Hausfrau neigte befriedigt ihr Haupt und schaute triumphirend und ein wenig spöttisch zu dem Pastor hinüber, aus den sich jezt aller Blicke richteten, da ihnen die Worte Köstlins und die völlig uncrschüttcrte Sicherheit, die er be- wahrte, deutlich genug bewiesen, daß der geistliche Herr noch gar keine Ursache hatte, sich eines leichten Sieges zu srenen. tForllczung.» Der Pastor, ans dessen Stirn sich dichte Wolken des Unmuts niedergelassen hatten, während Köstlin redete, wollte auch sogleich antworte», diesmal kam ihm aber sein Amtsbruder, der Super- intendent, zuvor. Diesen hatte die Anschuldigung Köstlins bezüglich der uralte» teologischcn Uebcrhebung gewaltig geärgert, — darum mußte er selbst eine, wie er meinte, den frechen Angreifer vernichtende Frage stellen: »Und die göttliche Offenbarung, Herr," sagte er mit so lauter Stimme, als wenn er von der Kanzel der größten Kirche des Landes herab predigte,—„die göttliche Offenbarung, gilt sie Ihnen nichts, garnichts?" „Tie göttliche Offenbarung— gewiß,— das ist der Prüf- stein und das Zllpha und Omega aller Weisheit," pflichtete eifrigst der Kandidat.bei. Der Pastor biß sich ans die Lippen, ihm kam dieser Snccurs augenscheinlich sehr ungelegen. Aber er wußte an das durch des Superindcntcn Zwischenrede Gegebene anzuknüpfen: „Zu allen Zeiten hat es gottbegnadete Menschen gegeben, denen die rechte Erkenntnis eingeprägt war in die Seele,— nicht immer und nicht ausschließlich sind es Teologen gewesen, über manchen, der es nicht ahnte, hatte sich der heilige Geist göttlicher Offenbarung ausgegossen, und dieser ward ein großer Gelehrter, der der Wissenschaft neue, nie betretene Bahnen wies, indes der andere ein mächtiger Priester, ein Reformator und Rcligionsstifter wurde, der den im Kampfe»ms Dasein ver- zagenden Mcnschengemütern den trostreichen Pfad zum Himmel wies. Für diese göttliche Begnadung sind tausend Zeugen auf- gestanden seit Christus gekommen ist ans Erden, und wer von uns des Lichtes der Offenbarung des Allerhöchsten gewiß ist, der darf nicht nur, der hat die heilige Pflicht, hinzutreten vor alle Welt und freudig zu bekennen, ich weiß, daß Gott der Herr in allem, was da ist, wirkt und auch in mir lebendig ist. Und die Wissenschaft— sie mag die Spuren des göttlich Offenbarten verfolgen, dann wird sie nicht Jahrtausende wie bisher ini Dunkeln tappen und tasten, dann wird ihre Bahn ein Triumphzug sein von Erkenntnis zu Erkenntnis.?lbcr Ivehe ihr, wenn sie fortfährt, wie sie niit ihrer Abkehr von der Teologie, mit der sie noch vor Ivenigcn Jahrhunderten zu schöner Harmonie verbunden war, getan, sich zu bemühen, den christlichen Glauben als Wahn, als abschwörenswertcn Irrtum darzustellen. An dem Felsen Petri müßten sie zerschellen und elend zugrunde gehen, um dereinst der wahren gottersiilltcn Wissenschaft doch endlich das Feld frei zu machen." Der Pastor schwieg. Der Superintendent nickte höchst bc- friedigt und der Kandidat rief wieder sein:„Herrlich— ans- gezeichnet." Tie anderen Herren verhielten sich diesmal so ziemlich passiv. Ter Rittmeister hatte sich das Monocle ins Auge gekniffen und ließ von einer der drei Damen, die ihm gefiele», zur andern, verliebte, und, wie er meinte, versiihrerische Blicke schweifen. Aber mit sehr ivenig Erfolg,— denn die Damen folgten immer noch mit größter Aufmerksamkeit der Disputation. Um Köstlins Lippen hatte sich der Ausdruck herben Spottes gelagert. „Gibt es ein Zeichen, woran man die wahrhast Gott- begnadeten erkennt?" fragte er. Der Pastor runzelte die Stirn. «Ich verstehe nicht, was diese Frage soll——" antwortete er. „Nichts weiter, als Ihnen, Herr Pastor, Gelegenheit geben, zu entwickeln, wie man wirkliche Gottesoffenbarung von ein- gebildeter, die wahren von den falschen Propheten unterscheiden kann. Oder ob Ihr Gott ein Proteus ist. der sich in den Mnhamedanern muhamedanisch, in den Chinesen buddhistisch, in bc» Christen christlich, ja noch mehr, je nachdem, was für Christen es sind, in den einen sich römisch-katolisch, in der andern lutherisch, kalvinistisch, griechisch-katolisch. wiedertäuferisch, puritanisch, mcnnonitisch, mormonisch u. s. w. ins unendliche und »ach jeder Richtung hin verschieden offenbart hat; ob ferner, — bitte, gestatten Sie mir noch Ivenige Worte," unterbrach sich Köstlin, der sich wieder warm geredet hatte, als er die lebhafte Bewegung bemerkte, die sich der Tcologen bemächtigt halte.—„ob ferner, sagte ich.—»ach der Andeutung des Herrn Pastors glaube ich das annehmen zu dürfen. Gott sich auch in den Philosophen und Naturforschern.— in den einen idealistisch, in den andern realistisch, im Verfasser von„freist inib Stoff" sogar derb materialistisch zu offenbaren vermocht hat. Wenn dem so ist, nun, wozu vieltausendjähriger Glaubenshader und Kezcrverfolgung, weshalb der Bekehrungseifer und die krampfhaften Anstrengungen, eine» unsäglichen Ballast von Glaubensdetail unserer Urahnen durch die Jahrhundertc hin- durchzuschleppen? Predigen Sie den Allgeist, der sich in jedem je nach dessen besonderer Begabung besonders offenbart, predigen Sie die Befreiung von dem Zwang verrosteter Dogmen, Sie werden so die Religionen vernichten, vielleicht retten Sie aber damit die Religion." Heinrich Köstlin schwieg. Er hätte auch garnicht fortfahren können, denn der wuchtige Zorn des Superintendenten und die überschäumende heilige Entrüstung des Kandidaten kannte weder Zaum noch Zügel mehr. Der Superintendent polterte und der Kandidat krähte; dem lezteren vermochte selbst der Respekt vor seinen hochwttrdigen Borgesezten die Worte nicht mehr zwischen den bebenden Lippen zurückzuhalten. Der Pastor jedoch blieb— äußerlich wenigstens— ruhig. Er ließ die Erregung seiner Amtsgenossen, welche von dem zumeist verlegenen Stillschiveigcn der übrigen Mitglieder der Gesellschaft grell genug abstach, sich erst ein lveuig austoben. Dann erhob er zu längerer Entwicklung seiner Meinung die Stimme: Darin gipfle die Weisheit aller religiösen Lehrmeinungen, daß sie sich ihre Form, die Einkleidung ihres über alle mensch- liehe Erkenntnis in seinem eigentlichen Wesen erhabenen Kernes, der Fassungskrast, dem Borstellungs- und Begriffsvermögen der Völker anpassen. So seien die religiösen Bücher in dem Aeußer- lichcn ihres Textes gegeben für die Menschheit, wie sie vor Jahrtausenden gctvesen seien, und die herrliche Aufgabe der Geistlichkeit sei es nun immerdar, erleuchtet von dem höchsten Geiste, die irdische Schale, in welche die göttliche Wahrheit ge- kleidet sei, soweit zu lösen, als es für die Menschen ihrer Zeit und ihres Himmclstrichs gut sei. Der Vortrag war lang und geistvoll, aber im ganzen so dunkel gehalten, als wen» es dem geistlichen Redner darum zu tu» gewesen wäre, nicht von allen und nicht ganz, am liebsten vielleicht gar nicht verstanden zu werden. Dieser Absicht entsprach auch der Erfolg,— am meisten bei dem Rittmeister. Der gähnte einmal über das andere— zulezt fast ganz unverhohlen, und begann schon herzlich zu bereuen, daß er sich zu dem doch„ungeheuer langweiligen gelehrten Gezänk", wie er die Diskussion bei sich nannte, über- Haupt habe„einsaugen lassen." Zu seinem größten Aerger waren die Damen die eifrigsten ZuHörerinnen und die beiden, welche ihm am meisten in die Augen stachen, hatten— ,', fabelhaft, rätselhaft" fand er es— für seine Blicke weder ein Auge, noch für seine Hm, Hm's! und Seufzer ein Ohr. Dabei entging es ihn, nicht, daß beide ihr lebhaftestes Interesse Köstlin zuwendeten, selbst die jugend- liche Schwester des Pastors, und das trug natürlich nur dazu bei, seinen Aerger immer empfindlicher zu machen. Eben hatte er sich entschlossen, einen energischen Versuch zu machen, sich troz alles„gelehrten Geredes" der Aufmerk- samkeit des reizenden Mädchens zu bemächtigen, er verfügte sich daher, anscheinend in Gedanken hin und her gehend, von der Zimmerecke, wo er so lange ausgeharrt hatte, in die entgegen- gesczte, und blieb hinter dem Stuhle Almas wie zufällig stehen. um die erste beste Gelegenheit zu einer seiner wizig sein sollenden Bemerkungen und damit sogleich zur Einleitung eines Liebes- geplänkels vom Zaune zu brechen. Noch ehe er begonnen hatte, war indessen Köstlin wieder an die Reihe der Entgegnung gekommen. Ein Lächeln leise» Triumphes schwebte um seine Lippen, als er diesnial begann. Er hätte nicht gehofft, daß der Herr Pastor so schnell seiner Behauptung recht geben werde, wonach es sich bei den Männern Gottes um eine esoterische und eine cxoterische Lehre handele, um eine für die Eingeweihten und eine für die Laien. Für die lezteren sei die Schale, für die erffteren den Kern der teologischen Weisheit. Und die Schale dicker oder dünner, je nachdem es den Teologen passend erschienen und angenehm sei. Daraus freilich sei erklärlich genug, daß sich die religiöse Lehre heute noch genau so präscntirc wie vor tau- senden von Jahren, daß die Schale den Kern verberge und oft nur verhülle, daß gar kein Kern vorhanden sei. Es sei aber vom Standpunkt des wahren Menschheitsintcrcsscs eine falsche Pädagogik, die Lehre genau so einzurichten, als die von vorn- herein vorhandene Fassungskraft der Armen im Geiste eben reiche, umgekehrt habe es sein sollen, die Lehre hätte beständig an der Erweiterung dieser Fassungskraft arbeiten, niemals mit der gegebenen sich geniigen lassen sollen. Die Kirche habe aber dem menschlichen Geist spanische Stiefel angelegt mit den Schalen ihrer Lehre, die sie vor den Laien für den Kern aller Welt- Weisheit stets ausgegeben habe, sie lehre heute noch genau das- selbe als vor beinahe 2000 Jahren, damit habe sie bewiesen, daß sie und ihre Diener ganz unfähig seien, Lehrer und Leiter der Menschheit zu sei». Jczt wiederholte sich dieselbe Szene wie zuvor, nur blieb der Pastor doch nicht ganz so ruhig. Unerhört sei allerdings, sagte er, die Art und Weise, wie Köstlin die Kirche angreife und seine, des Pastors, Worte deute. Da frage es sich freilich, ob es einem Geistlichen die schuldige Rücksicht auf seine erhabene Religion und die eigene Würde erlaube, noch ein Wort zu anttvorten. Weiter kam der kluge geistliche Herr nicht, denn nun unter- brachen ihn der Superintendent und der Kandidat zugleich. Beide schwuren hoch und teuer, der Pastor habe recht, nur zu recht.— seine wahrhaft himmlische Geduld habe es allein er- möglicht, daß die Diskussion nicht weit früher und in heiligem Stolze abgebrochen worden sei. Jezt aber müsse alle Nachsicht und Langmut ein Ende haben; solchen ebenso unerhörten wie ganz handgreiflich unbegründeten Angriffen gebühre keine Antwort. Nur mit großer Mühe ließen sich die erregten Gemüter der beiden Herren beruhigen. Und nur dem liebenswürdigsten Zu- reden des alten Majors, dem die Hausfrau nicht allzu eifrig sekundirte, war es zu danken, daß sie die Gesellschaft nicht so- fort verließen. Als die Wogen der tcologischcn Entrüstung sich einiger- maßen gelegt hatten, knüpfte sich an das eben Gehörte nun in lebhaften! Hinüber- und Hcrübcrrevcn eine allgemeine Unter- Haltung. Dabei stellte sich allgemach heraus, daß der Pastor außer bei seinen Amtsbrüdern auf keine unbedingte Zustimmung zu rechnen habe. Vielleicht wäre es Köstlin ebenso ergangen, wenn nicht die Hausfrau gewesen wäre, welche ganz offen seine Partei ergriff. Die Religion müsse sich heutzutage unbedingt nach wissen- schaftlicher Begründung umtun, sagte sie, das hätten ihr sotvohl die Worte Köstlins als auch die des Pastors bewiesen. So- weit sie wissenschaftliche Begründung nicht zu gewinnen vermöchte, scheine sie ihr keine Zukunft zu haben und— im Grunde genommen— keine Berechtigung. Die exklusive Stellung der Religion werde jedenfalls bald fallen müssen,.und/ sezte sie, nach dem Pastor hinsehend und ein wenig nialitiös lächelnd hinzu,.die Herren Geistlichen, die ja heutzutage mit allen Waffen der Wissenschaft ausgerüstet sind, wie unser Herr Pastor uns soeben glänzend bewiesen hat, werden sicher mit großer Befriedigung in die Reihen einer von allen nmvisscnschaftlichcn Vorurteilen befreiten Wissenschaft eintreten." Ter Superintendent, der diese laut und entschieden gespro- chencn Worte der Dame des Hauses auch gehört hatte, zeigte sich darüber völlig entsezt und hielt eine lange und salbungs- volle Rede für die Erhabenheit der Religion über alle irdische Afterweisheit. Aber außer dem Kandidaten, der jezt noch weit nervöser nnihcrzappeltc als vorher, stimmte ihm niemand bei und hörte ihm niemand z». Ter Pastor hatte sich mit verächtlichem Lächeln um die Lippen in seinen Lehnsessel zurückgelegt und hörte schweigend alles an, ivas rings um ihn geredet wurde. Er schien fast vollständig tcilnahmlos; indessen hörte er scharf und beobachtete alles und am schärfsten die Hausfrau und seinen Gegner Köstlin. Dieser war auch sehr ruhig,— er sowohl innerlich wie äußerlich,— nur die Feuerblicke der schönen Frau an seiner Seite, die oft anscheinend absichtslos in seine Augen flammten, vermochten ihn lebhafter zu erregen. „Wie klug diese Frau ist," sagte er sich.„Ebenso klug als schön."„Und wie mutig sie sich zu ihrer Meinung bekennt, solch ein Weib ist wirklich wert, geliebt zu werden." Dabei mußte er unwillkürlich einen Blick auf ihren Gatten werfen. Herr Bürger war von allen in der Gesellschaft sichtlich am wenigsten berührt worden durch alles, was heute verhandelt worden war. Jezt blätterte er, mühsam ein Gähnen unter- drückend, in einem technischen Journal, daß er sogleich, wie die Unterhaltung sich verallgemeinerte, aus der Tasche gezogen hatte. Dann und wann sprach er zu seinem Nachbar, dem Gerichtsrat, ein paar Worte über eine neue Verbesserung an den Danipf- kesseln, von der in dem Journal die Rede war und welche er in seinem Fabriketablissemcnt einzuführen gedachte. Im ganzen mar ihm offenbar das Einschlafen sehr viel näher als die rege Beteiligung an einem höhere Interessen angehenden Gespräch. Köstlin konnte sich nicht enthalten, in einem der kurzen Augen- blicke, in der seiner Unterhaltung mit Frau Bürger niemand weiter lauschte, sie zu fragen: „Ihren Herrn Gemahl, gnädige Frau, wird meine Freimütigkeit doch nicht etwa unangenehm berührt haben?" Ein ausfällig tiefer Schatten legte sich bei diesen Worten über das bis dahin so heitere Gesicht der Dame. „Mein Mann," antwortete sie zögernd,„o nein— den berührt nichts, gar nichts unangenehm." Dabei kräuselten sich ihre Lippen verächtlich und sie machte eine Bewegung, als wolle sie eine ihr bis ins tiefste Innere fatale Empfindung gewaltsam abschütteln. „Sic fühlt sich nicht glücklich mit diesem Manne," sagte sich Köstlin.„Wie wäre das auch möglich,— zwei so handgreiflich grundverschiedene Naturen." Von diesem Augenblicke an betrachtete er sie mit um so größerem Interesse, zumal er sich erinnerte, daß seine Schwestern jeder Andeutung, wie ihre Freundin mit ihrem Gatten lebe, bisher sorgfältig ans dem Wege gegangen waren. Wie ein Bliz so rasch schoß ihm der Gedanke in den Sinn: „Wenn du selbst wirklich wolltest,— vielleicht könnte dieses Weib noch dein iverden." Er dachte in diesem Moment weder an ein von der Sitte verpöntes Liebesverhältnis noch viel weniger etwa an eine Ent- führung, sondern seinem praktischen und nüchternen Wesen gemäß, wie es sich bei seinen Irrfahrten in der Welt aus- gebildet hatte, an eine vollkommen legale Vereinigung, nach dem das, wie er mit Sicherheit annehmen zu können glaubte, unharmonische Eheverhältnis durch beiderseitige Uebereinstimmnng gelöst worden wäre. „Wenn du eines Tages vor diesen Mann hintrittst," sprach er zu sich selbst,„und ihm frei und offen sagst: Sie lieben Ihre Gattin nicht, wie sie es verdient und ihr Gemüt es bedarf———" „Sie sind so nachdenklich, Herr von Köstlin," tönte jezt eine weiche, fast nur flüsternde Stimme an sein Ohr.„Sic denken wohl nach über ein recht schwieriges Problem?" Köstlin sah ans und schaute in die großen, schönen Augen der Dame des Hauses, deren Blicke einladend und verführerisch den seinen begegneten. ..Ja." sagte er, ohne sich zu überlegen, was er eigentlich sagen sollte,„ja, ein recht schwieriges Problem,— das Problem. wie ich glücklich werden könnte——" „Gewöhnliche Menschen werden glücklich durch die Liebe," klang es leise zurück.„Männer der Wissenschast aber, gleich Ihnen, wohl nur— durch— die Philosophie--" Sic hatte die lezten Worte sehr langsam gesprochen und die Augen dabei niedergeschlagen. Er aber hielt seine Blicke fest und ernst auf sie gerichtet und erwiderte so leise und langsam, als sie selbst gesprochen hatte, fast wie in einem Traume: „Durch die Philosophie—— o, sicherlich nicht,— gewöhnliche Menschen können glücklich werden durch gewöhnliche Liebe,— nicht so ganz gewöhnliche nur—— durch nicht gewöhnliche,— abenteuerliche,— die Fesseln des Gewöhnlichen nichtachtende Liebe!" Einen kurzen Moment lang fühlte er ihre Hand in heißem Drucke auf der seinen. Dann sagte sie etwas lauter als vorher: „Ich verstehe Sie nicht ganz. Vielleicht belehren Sie mich recht bald einmal über dieses Tema des Näheren.— Darf i ch darauf hoffen," sezte sie wieder leise hinzu,„oder wäre solche Belehrung nicht für mich?" Hohe Röte war in sein Antliz gestiegen und seine Lippen bebten, als er leicht erwiderte: „Für Sie— nur für Sie!" Damit war ihre Unterhaltung zu Ende, und sie mußte zu Ende sein, denn seltsamerweise hatte sich eben der Pastor er- hoben und schritt rasch auf die Danie des Hauses zu. Er hatte sie unausgcsezt mit stechenden unruhigen Blicken unter den halb- gesenkten Augenlidern hervor beobachtet.— Und zwei andere Augen hatten ebenso unausgesezt nach Köstlin hingeschaut,— unruhig auch, fast angstvoll,— es waren die sonst so sanften und den lauter Frieden eines reinen Gemüts ausstrahlenden Augen Almas, der reizenden Schwester des Pastors. (Schluß folgt.) Woetische Aebrenl'ese. Sehnsucht. Von Heinrich Tentffold. Was weckst du mich auf iu der tauigen Uacht, Ou fehufuchtflötende llachtigall? Nun ist mit deinem melodischen Schalt Äuch ein Widerhall Vergangenen Glücks erwacht. Wie heute schlugst du im Lindendaum... Fch herzte und knstte mein rosiges Lind; Die Saiten der Liebe erbebten gelind Wie Harfen im Wind... V seliger Maientraum! Und als ich— den Leu; und die Liebe im Sinn- Vach Jahren gekommen, wie lachte so blau Der Himmel, wie blizte und perlte der Tau Äuf blumiger Äu'; Doch die Liebe, sie war dahin. Was lockst du mich wieder niit dunkler Gewalt Mit Lügen von Len; und von Liebeslust? Da längst doch verdorrt in der eigenen Drust Der duftende Dlust Und die jubelnden Lieder verhallt. O Nachtigall, flötend im Lindenbaum! Der Frühling vergeht und die trügende Gunst Oer Götter... Was soll uns die fröhliche Gunst? Die Liebe ist Dunst Nnd das flüchtige Leben ein Traum. Berblüfft.(Illustration S. 625.) Das kleine Dorf, Ivo die von unserem Künstler dargestellte Szene sich abspielt, liegt ziemlich hoch im Gebirge und ist teils von Webern, teils von Bauern bewohnt. Es sind harmlose Menschen, deren ganzes Dasein in dem Bestreben auf- geht, den kärglichen Lebensunterhalt dem harten Boden abzuringen oder ihn mit dem Webstuhl zu verdienen. Biel Elend ist da, und namentlich die Weber könnten nicht bestehen, wenn sie nicht ein kleines Grundstück hätten. Da sie zu wenig Geld habe», um viel im Wirts- hause sizen zu können, geht es auch zienilich ruhig zu, und seit langen Jahren ist kein Verbrechen im Dorfe vorgekommen. Aber eine Obrig keit muß doch da sein sür alle Fälle und die Gemeindevertretung hat deshalb dem gestrengen Bürgermeister, der natürlich der„reichste" Bauer des OrtcS ist, eine bewaffnete Macht in Gestalt eines PolizeidienerS, �rtSdiencrs oder wie man diese hochwichtige Persönlichkeit nennen will, beigegeben. Diese bewaffnete Macht hat über die öffentliche Sicherhell zu wachen, mit der Ortsschclle die obrigkeitlichen Entschlüsse zu ver künden u. s. w. Aber damit ist der Mann nicht beschäftigt, denn mit „Verbrechern" kommt er in dem stillen Dorfe nicht in Berührung. Und da ist es ganz natürlich, daß er bei seinem Handwerk, der Fuß- bckleidungskunst. bleibt, die er in seinen Mußestunden zuhause betreibt. Wer seine Schuhe nnd Stiefeln bei ihm machen läßt, kann auch sicher sein, von ihm gut behandelt zu werden, wenn der Ann der hohen Obrigkeit zu irgend einem Einschreiten genötigt ist. Wir sehen den Dorfschuster und Polizcidiener in seiner Werfftätte, die ziemlich priniilive Einrichtungen hat, beschäftigt, Schuhe und Stiefeln zu flicken. Er hat den Unisormsrock- wir nennen das KleidungS- stück der Form halber so— nebst dem rostigen Sarras, dessen Klinge wohl schivcrlich schon mit Menschenblnt in Berührung gekomnien ist. an die Wand gehängt, und seine Dienslmüze ist das einzige Abzeichen 1 seiner behördlichen Würde. Sein glattrasirles Kinn und der für ein so kleines Dorf verhältnismäßig elegante Bart lassen in uns den Ver dacht rege werden, daß die Tätigkeit des Mannes eine dreifache ist und er auch noch als Dorfbarbier fungirt. Er hämmerte lustig drauf los; aber indessen klopst es an die Tür und herein tritt ein Handtverks- bnrsche, der die interessanten Fußtouren den Eisenbahnfahrtcn vor- zieht und auf seinem Marsch über das Gebirge das einsame Dorf berührt. Der„Berliner" auf dem Rücken, kurze Tabakspfeife, Stock mit Eiscnspize und„Angströhre" beweisen, daß der Mann noch gut zünftig ist. Aber seine Geldmittel sind schwach. Da liest er auf einem Schild den Namen eines SchuhmachermeisterS. Das ist auch sein Handivcrk. Wenn es ihm auf diesem Nest auch nicht gefällt, so kann man doch einmal um Arbeit frage», und ivenn solche nicht vorhanden, um Reiseunterstiizung bitten. Aber sein Schreck ist nicht klein, denn er befindet sich, indem er eintritt, der„hohen Obrigkeit" gegenüber, die ihn eben so ernst als forschend durch die große Staatsbrille betrachtet. Run hängt eS von dem guten Willen der bewaffnete» Macht ab, ob der Eingetretene wegen „Bettelns" gefaßt oder laufen gelassen tverden soll. Wir glauben, das Leztcre ist das Wahrscheinlichere, denn der Ortspolizeidiener ist auch draußen herumgezogen und denkt: Leben und leben lassen. So wird der nicht wenig erschrockene Handwerksbnrsch wohl mit dem Schrecken davon kommen, denn auf dem Dorfe nimmt man es nicht so genau wie in den Städten, wo tausend amtliche und nichtamtliche Drachen auf Opfer lauern. Bei all dem poetischen Nimbus, mit dem man das Handwerksburschenlebcn der früheren Zeit umgeben hat, weist dasselbe sür die nüchterne Beobachtung große, überwiegende Schattenseiten auf und eS ist das Verdienst jener gewerkschaftlichen Bestrebungen nicht genug anzuerkennen, welche Relseunterstäzungskassen geschaffen und da- durch de» unbemittelten Arbeiter und Handwerksgeselle» von dem leidige» Zwang befreit haben, sich mit milden Gaben durchzuschlagen unter steter Gefahr, wegen„Bettelns" und„Vagabundage" eingesperrt zu werden. Leider ist diese segensreiche Neuerung bis jezt nur einem Teil der Arbeiterschaft zu gute gekommen; möge sie sich bald über alle erstrecken. W. B. Neue Arten von Goldfischen.(Illustration S. C29.) Die Goldfische sind seit etwa 150 Jahren bei uns heimisch und sind von China nach England, gekommen. Während wir in Europa aber nur wenige Arten bis dahin kannten, haben Chinesen und Japanesen schon seit langer Zeit in der Goldsischzucht es viel weiter gebracht. Man kennt dort nicht weniger als 58 Arten, von denen man einige in neuerer Zeit auch nach Europa gebracht hat. Dahin gehört der Grofislosser (Macropodus veuustus), der in der Mitte unserer Abbildung zu sehen ist. Er wirb etwa sechs Zentimeter lang, ist an den Seiten grünlich mit gelben, roten und blauen Streifen, der jliemendeckel ist smaragd- grün, die Flossen sind himmelblau und gelb gesäumt. Das Tierchen entwickelt namentlich in erregter Stimmung, bei der man sein saphir- blaues Auge leuchten sieht, eine staunensiverte Farbenpracht. Für den Laich bereitet das Männchen dieser Goldsischart eine Art Nest aus Schaum, wo die kleinen Tiere in der Größe eines Stecknadelkopses aus- schlüpfen. Eine andere Art sehen wir in dem japanischen Goldfisch mit seinem Schleierschwanz. Er kann wegen deS eigentümlich entwickelten Schwanzes nur langsam schwimmen, aber er gibt sich eine stolze und majestätische Haltung, indem er wie ein Pfau mit seinem Schweif ein Rad schlägt. Auch einige Tcleskopsische sind auf unserem Bilde vorhanden, die ihren Namen von den weit hervortretenden Augen haben. Dieses Her- vorquellen der Sehwerkzeuge ist offenbar eine Mißbildung, die sich ver- erbt hat. Die Goldsischzucht erfordert viel Aufmerksamkeit; eine Hauptbedingung ist bekanntlich, daß die Fische kein frisches, sondern immer nur alles Wasser bekommen. Wenn man bei dieser Regel bleibt und den Fischen die nötige Sonne verschafft, kann man interessante und mannichsaltige Resultate erzielen. A. T. Postränber in Colorado.(Illustration S. V3Z.) Das Terrain von Colorado ist noch nicht lange besiedelt; man ließ dieses große Ter- ritorium der Vereinigten Staaten von Nordamerika, das in seinem Norden von der Pacificbahn berührt wird, lange Zeit ganz unangebant, bis im Jahre 1858 dort Goldlager entdeckt wurden. Der Zufluß an Bevölkerung war ziemlich groß; schon nach zwei Jahren hatte das Land 35000 Einwohner und ist seitdem in raschem Aufblühen geblieben. Seine Hauptstadt Denver ist jezt durch eine Zweigbahn mit der großen Pa- cisicbahn verbunden. In einem solchem Territorium, wo' nach Gold gegraben wurde, mußte sich eine ziemlich abenteuerlich zusammengewür- feite Gesellschaft ansammeln, wie denn häusig bei den Goldgräbern allerlei verworfenes und verzweifeltes Gesindel sich vorfindet. Wenn sich für solche Elemente die Goldgräberei nicht lohnt, was sehr häusig der Fall, was bleibt solchen Leuten dann noch für eine Aussicht? Ar- betten wollen sie nicht, auch wenn sie Gelegenheit dazu hätten, und so verlegen sie sich denn auf das edle Handwerk deS Straßenraubs. Die Zustände in Colorado erleichtern den Betrieb dieses Handwerks sehr, denn die Bevölkerung ist dünn und die öffentliche Sicherheit ist eine sehr problematische Sache. Das Reisen ist in Colorado insofern in gewissen Gegenden gefährlich, als man dabei all seine fahrende Habe los werden kann. Die Räuber halten sich nicht etwa nur in einsamen Gegenden auf, sondern sie kommen auch ganz nahe an die Städte heran und überfallen die Postwagen. Wenn die Unionsregierung aus Co- lorado ein wirklich bedeutendes Territorium machen will, so wird sie ihr Augenmerk tvohl darauf richten müssen, die Landplage der Straßen- räuberei zu beseitigen. Der Straßenräuber von Colorado ist weder eine„ritterliche" noch eine auch nur romantische Erscheinung, wie etwa die Briganten in den Abruzzen oder die Hammeldiebe des schwarzen Berges. Er betreibt seinen Beruf geschäftsmäßig, wie er sich denn selbst in gelungener Persiflage amerikanischen Geschästslebens als„Straßenagent" bezeichnet. Da ist kein hoher spizer Hut mit wehendem Federbusch, kein Dolch im breiten perlengeschmückten Gürtel, kein sicheres Gewehr im Arm. Der Straßcnräuber von Colorado ist gekleidet wie ein Geschäftsmann, seine Waffe ist allein der Revolver. Es fehlt nur noch, daß diese Straßen- rauber ihr Comptoir hätten mit fenersesten Geldschränken und Buch führten über den Erfolg und Ertrag ihrer Aktionen. Von Morden hört man selten; diese großmütigen Strauchdiebe begnügen sich damit, ihre Mitmenschen anszuplündern. ' Unsere Illustration zeigt den Ueberfnll eines Postwagens durch „Straßenagenten". Ahnungslos ist man durch die blühenden Täler und Wiesengründc dnhingesahren und kein Mensch hat in dieser Gegend an einen Ueberfall gedacht. Da plözlich stürzen aus einem Versteck im Gebüsch zwei Bassermannsche Gestalten hervor und versperren die Straße. Der Postillon, der einen Revolver aus sich gerichtet sieht, findet die Sache ungemütlich und hält an; die Passagiere müssen aussteigen und die Arme in die Höhe halten, während der eine Gauner im Anschlag liegt und bei der geringsten auf Gegenwehr gerichteten Bewegung zu sencrn droht. So lassen sich die Passagiere widerstandslos berauben; die Männer verzichten aus Widerstand und daZ schwache Geschlecht ergibt sich zitternd in fein Schicksal. Den Eindruck mutiger Leute machen die Uebersallenen nicht, sonst würden sie den beiden Galgenvögeln die Ausübung ihres Berufes nicht so sehr erleichtern. Drei vier entschlossene und kühne Männer würden mit den Räubern troz des Revolvers wohl fertig werden. Allein die „Straßenagenten" scheinen ihre Leute zu kennen und der mit dem Revolver drohende Bandit steht so gemütlich da, als handle es sich darum, das harmloseste Geschäft abzuschließen. Für die Reisenden sieht sich die Sache gar nicht gemütlich an, denn sie verlieren alle Sachen von Wert und die Damen können sich glücklich schäzen, wenn sie ohne Roheiten seitens der Räuber davon kommen. W. B. Napoleons Behandlung aus St. Helena. Die Verehrer deS auf einer öden Felseninsel angeschmiedet gestorbene» Titanen behaupten, die Engländer hätten ihn zu Tode gequält und ihm das Nötigste vorent- halten; die Engländer dagegen behaupten, Napoleon sei mit aller No- blesie behandelt worden und habe nur wegen seines herrschsüchtigen Karakters nicht mit den mit seiner Beaufsichtigung beauftragten Personen auskommen können. Beide Teile haben in manchen Punkten Recht, in manchen übertreiben sie; es liegt Tendenz in beiden Darstellungen. Das Gefolge Napoleons betrug im ganzen, einschließlich der Diener- schast, 44 Personen. Darunter befanden sich die Generale Bertrand, Montholon und Gourgaud mit ihren Angehörigen, Gras LaS Cafes und Sohn, der Wundarzt O'Meara, einige Ossiziere und zwölf eng- tische Soldaten, die als Bediente sungirten. Das übrige Gefolge de- stand aus dem männlichen und weiblichen Küchen- und Bedientenper sonal, worunter sich auch zwei Schwarze befanden. Dieser Bestand blieb im ganzen derselbe. Nur eine Person aus diesem Gefolge, der Haushosmeister Cipriani, ist auf St. Helena gestorben. Tie englische Regierung beschloß, Napoleon als einen General ersten Ranges verpflegen zu lassen und feste daher eine Summe von 8000 Pfund jährlich für ihn aus, also etwa 100000 Mark im Jahr, mit der Erlaubnis, diese Summe aus 12 000 Pfund(240 000 Mark) zu erhöhen, was auch gleich von ansang an geschah. Diese Summe wurde in monatlichen Raten ausbezahlt und von dem Proviantmeister zum Unterhalt des Napoleonischen Haushalts auf seinem Ausenthalt Longlvood verwendet. Bei Teurung oder sonstigen Gründen durste diese Summe nach den Angaben des Proviantmeisters noch erhöht werden. Die Gesellschaft in Longwood lebte auch ganz gut und die Soldaten des Haushalts tranken täglich vortrefflichen Wein von Tene riffa, die Ossiziere vom besten Elaret. Napoleon selbst war bekanntlich sehr mäßig; er trank wenig Wein und verschmähte Delikatessen. Eine geröstete Kalbsbrust war sein Lieblingsschmaus. General Montholon behauptete nun, Napoleons Haushaltung könne nur mit 15 200 Pfund bestritten werde», und dies führte zu langen und heftigen Auseinandersezungen mit den britischen Behörden. Da mals ging die Nachricht durch Europa, Napoleon müsse aus Maugel sein Silbergeschirr verkaufen, eine Nachricht, die von seinen Anhängern gründlich ausgennzt wurde. Doch war die ganze Sache übertrieben. Die Engländer hatten Napoleons Wohnung für etwa CO 000 Psund ausmöblirt, zahlten ihm jährlich 12000 Psund dazu, und dabei brauchten weder er noch fein Gefolge Mangel zu leiden. Es blieb troz der Beschwerden beim alten; die englische Regierung gestattete zwar die 12 000 Psund in Ausnahmefällen zu überschreiten, aber weiter nichts. Man besizt den Küchenzettel vom Monat Juni 1818, der nachweist, was in diesem Monat in die Küche Napoleons auf Longwood geliefert worden ist. Darnach waren es Claret 240 Flasche», Graves 60 Flasche», Madcra 30 Flaschen, Teneriffa 150 Flaschen, Champagner 15 Flaschen, Constantia 50 Flaschen, Kapwein 630 Flaschen, Ale und Cyder 130 Flaschen, Bier nach Belieben. Dies die Getränke! Sodann feines Mehl 100 Pfund, Reis 150 Psund, Butter 300 Pfund, Käse 60 Psund, Salz 80 Psund, Italienische Nudeln 45 Psund, Makaronis 45 Psund, Salatöl 32 Quart, Essig 41 Flasche», Speck 60 Psund, Pfeffer 10 Pfund, Scns 5 Flaschen, PichleS 6 Flaschen, Olive» 12 Flaschen, Schinken 12 Stück, Zungen 12 Stück, Seife 30 Psund, Holz 20 160 Pfund, Lichter 240 Psund, Kartoffeln 15 Bushels, Kandiszucker 30 Pfund, Kohlen 1440 Bushels, Rind- und Kalbfleisch 1200 Psund, Hammelfleisch 1500 Psund, Brod 1800 Psnnd, Eier 1080 Stück, Milch 420 Quart, Tauben 30 Stück, Schweine 4 Stück, Gänse 8 Stück, Enten 16 Stück, Geflügel 240 Stück, Schwarzer Tee 15 Pfund, Grüner Tee 15 Pfund, Rum 2 Flaschen, Schnüre(zum Binden der Puddingbeutel) I Psund. Dazu Gemüse, Früchte und Fische nach Verlangen, Konfitüren, Liköre k. nach täglicher Berechnung. Von„Mangel" konnte bei diesem Traktament keine Rede sein. Die englische Krämernoblesse brillirte darin, den berühmten Gefangenen mit ihren Handelsprodukten zu überschütten. Sich in diesem Punkte zu beschweren war unklug. Wahrscheinlich ist von den Eßwaarcn und Getränken vieles von den Bediensteten bei Seite geschafft und verkaust worden. Die Behandlung Napoleons kam am 17. März 1817 im englischen Oberhause zur Sprache, und man beschloß,„zur Sicherheit Europas" bei der bisherigen Behandlung zu bleiben. Die Angst der Engländer 639 vor einer etwaigen Flucht Napoleons wurde dadurch verstärkt, daß sie seine Korrespondenz mit Europa nie ganz kontrolircn konnten. Er fand immer Mittel, sie sortzusezen. Sie ging meistens über Bahia. Mehr- fach wurden Pläne zu Befreiungsversuchcn seitens der Anhänger Na- Poleons entworfen. Ein amerikanischer Abcllteurer Namens Johnstone hatte zu diesem Zweck das Modell zu einem Schisse konstruirt, das wasserdicht geschlossen, versenkt und wieder emporgehoben werden konnte. So wollte er sich unbemerkt der Insel nähern. Ob der Apparat wirk- lich diese Ansprüche crsüllt hätte, steht dahin. Man begann das Schiff aus einer englischen Werst wirklich bauen zu lassen, allein die Regierung kam dahinter und ließ das Schiff wegnehmen. Begründet dagegen sind die Klagen über das Verhalten von Hud- son Lowe, dem Gouverneur von St. Helena. Daß Hudson Lowe Na- Polcon als„General Bonaparte" behandelte, lag allerdings in seiner Jnstruklion. Allein er hätte die Empfindlichkeit des Gefangene» schonen solle», dessen Sturz von schwindelnder Höhe Strafe genug sür ihn war. Hudson Lowe behandelte die gcsallene Größe nicht nur mit solchen kleinlichen und erbärmlichen Chiknnen, daß er durch den Acrger, den er durch dieselben erregte, Napoleons Leben abkürzen half, sondern er trat auch noch am Sterbebette des Gefangenen roh auf, indem er»ach der Uhr sah, als Napoleon den lcztcn Seufzer getan, und seiner Freude ganz unverhohlen Ausdruck gab. Einen kleinlicheren Kerkermeister konnten die Engländer für Napoleon kaum finden. Der Sturz des korsischen Tyrannen war die Tat der Völker Europas. Sic hätten ihn im Kampfe getötet, aber ihn nicht tot gc- ärgeit. Ohnzweiselhast hätte er besser getan, bei Waterloo den Tod im Sturme deS Gefechts zu suche», statt sich von den Bütteln der europäischen Tiplomntic sechs Jahre lang chikanircn und quälen zu lassen. Aber Napoleon war kein römischer Karaltcr. Kein verschltcrcs Leben als das dieses Emporkömmlings, der sein gewaltiges Genie, statt zur Befreiung, zur Unterdrückung der Völker vcnvcndete! Joses II. und die Pretzsreiheit. Es wird sehr häufig gerühmt, daß Kaiser Joses II. von Oesterreich inbezug auf Preßsreiheit sehr tolerant gewesen sei. Im allgenicincn mag es richtig sein, allein es gab auch Ausnahmen. Einst fand man während seiner Regierung ein sogenanntes Pasquill(Schmähschrift) angeschlagen, dahin lautend: „Ein Freund der Waffen, Ein Feind der Pfaffen, Ein Erzkalniäufer*) Ist unser Kaiser." Joses ließ das PaSquill nicht etwa„tiefer hängen", wie sein Freund und Vorbild, Friedrich II. von Preußen, sondern daraus mit folgender Kundmachung antworten: „Das erste ist ivahr, Das zweite ist klar, Das dritte ist nötig; Dem Entdecker sind 100 Dukaten erbötig." Wahrscheinlich wären dem Verfasser, hätte man ihn entdeckt, fünf- undzwanzig mit dem„Gesiegelten" ausgezählt worden, wenn man ihn erwischt hätte, wie es der bekannte Marschall Wurmser mit dem Schrift- stcller Leuchsenring machen ließ. Aber der Pasquillant war nicht zu lassen. Er antwortete auf die kaiserliche Bekanntmachung mit einem Plakat folgenden Inhalts: „Wir sind unsrcr vier, Ich, Dinte, Feder und Papier; Keines wird die andern verraten, Dem Kaiser bleiben seine Dukaten." Und so bliebs auch. Daß man einen Preis auf die Verhaftung des Verfassers eines solchen PaSquills sezte, beweist, daß eS mit der loscsinischen Prcßsrcihcit auch sein Aber hatte. W. B. Aus alle» Winkeln der Zeitliteratur. Tie Beniizung von Absallstoffcn. Die strenge Oekonomie der "atur, die auch nicht den kleinsten Stoffteil verloren gehen läßt, ist so >» die Augen fallend, daß sie kauni der Aufmerksamkeit des Menschen entgehen konnte, und es ist deshalb nicht zu verwundern, daß er sich, luv ihn die Umstände dazu nötigen, die Lehre, die sie ihm gibt, zu Auzen macht und selbst die scheinbar wertlosesten Dinge nach Möglich- wit zu benuzen sucht. In China war wegen der überfüllten Bevölkerung dieses ökonomische System längst überall gebräuchlich, und es>vird dort in solcher Ausdehnung durchgesührt, daß das, was man in Europa iiiib Amerika strenge Sparsamkeit nennen würde, bei den Chinesen als Verschwendung gilt. Doch hat man in neuerer Zeit auch in Europa Angefangen, mit größerer Sparsamkeit zu Werke zu gehen. So werden W zahlreiche Gegenstände, die noch vor wenigen Jahren als voll- kommen wertlos weggeworfen wurden, entweder sür Zwecke des Luxus oder des Bedürfnisses mit Nuzen verwendet. So hat unter anderem 1«roß« GrizhalZ. die Chemie die angenehmsten Gerüche(Parfümerien) auS den widerlichsten Stoffen erzeugt und aus einem so wenig versprechenden Material, wie der schwarze Stcinkohlentecr, die glänzendsten Farben dargestellt. Sowohl durch zufällige Entdeckungen als durch eifrige Nachforschungen werden beständig verhältnismäßig wertlose Stoffe in Gegenstände um- gewandelt, die gangbare Handelsartikel bilden, und zahlreich sind die Fabriken, die in neuester Zeit blos zu dem Zwecke entstanden sind, die Abfallstoffe von anderen Fabriken zu verwerten. So häusig sind die Entdeckungen, daß irgend etwas Nuzloses in etwas NUzlichcs verwandelt werden kann und so rasch folgt eine aus die andere, daß es schwer ist, mit ihnen gleichen Schritt zu halten. Fast jede Post bringt neue Meldungen von derartigen Entdeckungen. So berichteten die frair- zösischen Journale über ein Verfahren, daS Stroh aus den Dünger- hausen wieder zu benuzen. Dasselbe ivird nämlich durch eine einfache Maschine von dem Dünger gesondert, gereinigt und getrocknet, um wieder zu Streu in den Ställen, zum Verpacken von Glas, Porzellan:c., vor allem aber zur Papiersabrikation verwendet zu werden, wozu es besonders geeignet sein soll, weil durch die Sättigung mit Urin und durch die Gährung, die es durchgemacht hat, die harte Faser so gelockert ist, daß andere Lösungsmittel erspart werden.> Viel von dem falschen Haare, das von dem schönen Geschlecht in Europa und Amerika getragen ivird, stammt aus dem Abfall der chine- fischen Barbierläden, von dem im Jahre 1875 allein in runder Summe 130 000 Pfd. im Werte von über 100 000 Mark nach Europa ausgeführt wurden, gennß eine merkwürdige Industrie, die in einem so entfernten Lande ins Leben gerufen wurde, um den Begehr einer launischen Mode in anderen Weltteilen zu befriedigen.(Appetitliche Chignons!) Großes hat namentlich die moderne Chemie in der Darstellung künstlicher Parfümerien geleistet. Wenn man sich im gewöhnlichen Verkehr fast allgemein der Meinung hingibt, daß die so beliebten Blumen- düste sänimtlich durch Destillation aus den Blüten bereitet würden, so ist dies ein großer Irrtum. Bei weitem die meisten Parfümerien der Toilette sind das Erzeugnis von Abfallstoffen, welche zumteil ekelhaftesten Ursprungs sind. Manche schöne Dame nezt sich das Gesicht mit Lxtrnit de Mille Fleurs(Tausendblütcnduft), ohne zu wissen, daß es aus den Abgängen des jluhstalls dargestellt ist. Das bittere Mandelöl, womit die wohlriechenden Toilcttenseiscn und viele Conditonvaaren parsümirt sind, ist ein Produkt, das durch Einwirkung von Salpetersäure aus den stinkenden Gastccr erzeugt wird. Die sogenannten Fruchtsäfte, deren sich die Sodawasservcrkäufer und Konditoreien bedienen, um ihren Waaren Wohlgeschmack und Parfüm zu geben, sind häufig aus Kar- tosselsyrup und künstlichen Oelcn hergestellt, welche die Chemiker zu vcr- fertigen wissen. Eigentümlich genug werden die lcztercn aus stinkenden Stoffen erzeugt. So wird das Ananasöl durch Einwirkung von faulem Käse auf Zucker hergestellt, und daS stinkende Fuselöl dient als Base für verschiedene künstliche Gerüche. So gibt es mit Schioefelsäure irnd essigsaurem Kali dcstillirt das sogen.„Birnöl" und mit Schwefelsäure und doppeltchromsaurem Kali„Apfelöl". In ähnlicher Weise werden aus Absall- oder geringwertigen Stoffen verschiedene andere ivohl- riechende Lcle gewonnen, die in der Parfümeric vielfache Verwendung finden, leider aber auch zur Verfälschung der Fruchtsäste diene». Aus der rohe» Schafwolle gewinnt man jezt in Frankreich durch Auslaugen derselben mit Wasser und Verdunstet» der Flüssigkeit als Nebenprodukt nicht unbedeutende Quantitäten Pottasche und Salmiak. Bemerkenswert ist auch die Art und Weise, wie man in Frankreich tote Tiere zu verwerten weiß. So ivird beispielsweise jeder Teil eines toten Hundes ans eine vorteilhafte Weise bcnuzt. Der Körper desselben wirb zur Gewinnung des Fettes ausgekocht, das Fell erhält der Handschuh- macher und aus den Knochen wird Superphosphat bereitet. In Paris ist ein totes Pferd mehr wert, als anderwärts, zumal da die beste» Fleifchteile der arbeitenden Klasse als Nahrung dienen(natürlich von geschlachteten Tieren). Das Haar ist, wie bekannt, ivertvoll für den Tapezircr; die Haut wird gegerbt,»in aus dem dicken Leder Einbände sür Kontobücher zu verfertigen; aus den Eingciveidcn macht man grobe Saiten für Maschinenrüder; das Fett, das bei einem gutgehaltenen Pferde 60 Pfund beträgt, findet stets leichten Absaz, es wird Haupt- sächlich zu Pomaden venvcndet; die Hufe tvcrden entweder von Drcchi- lern oder durch die Fabrikanten von Berlinerblau gekauft; die Knoche» erhalte» die Vcrfertiger von Elfenbeinschtvarz und die Drechsler. Selbst das in Fäulnis übergegangene Fleisch findet noch Verwendung, indem man damit Würmer zieht, die zum Fettmachen von Hühnern diene». Die Reste werbe» zum Fangen der Ratten gebraucht, deren zarte Felle von den Pelzwaarenhändlcrn immer gerne gekauft werde». Es ist natürlich nicht möglich, in dem Rahmen eines kurzen Ar- tikels mehr als nur einige hervorragende Beispiele über die Veriveu- dung der Abfallstoffe anzuführen; das mitgeteilte wirb aber hinreichen, um zu zeigen, wie durch die Fortschritte in der Chemie und Industrie in neuerer Zeit Stoffe eine nüzliche Verwendung finden, welche früher als wertlos unbeachtet blieben und iveggeivorse» wurden. lFundgrude.) Erjithungswese» in Indien. Vor kurzem wurden in einer durch Reu. I. Johnsion in der Statistischen Gesellschaft gehaltene» Vorlesung folgende Mitteilungen gemacht: In Indien bestehen jezt 16649 Anstalten mit 769 074 Schülern unter direkterVerwaltung dcrRegierung, 50 207 An- stallen mit 1 III 843 Schülern, welche zumteil unterstüzt werden, und 15 705 Anstalten mit 314 697 Schülern unter Aussicht, jedoch ohne 640 Beihilfe des Erziehungs-Departenients. Die Totalziffer beträgt 2 195614, mit einem täglichen Durchschnittsbesuch von etwa l'/e mill. Schülern, wobei also etwa 30 000 000 Kinder übrig bleiben, für deren Erziehung in keiner Weise gesorgt wird. Der Redner wies nach, daß, wenn die Eingeborenen sich der Ehrcnstcllen und Borteile, zu deren Erwerbung eine bessere Erziehung führe» kann, erfreuen wollen, sie auch lernen müssen, freigebig zu den Mitteln, welche siir eine solche erfordert wer- den, beizutragen. Ter einzige Weg, dicS zu erreichen. sei nach seiner Ansicht der, dnsi die Regierung sich von der direkten Beaufsichtigung ganz zurückzöge und dieselbe de» Eingeborenen, selbst unter Bewilligung genügender Beiträge, überlicsie. Der Umstand, daß jezt großenteils die Söhne von Brahmanen der ärmeren Klassen zu den höchsten Stelleu im Regierungsdicnst gelangten, ist, wie Mr. Johnston mitteilte, ein Beweis, daß das gegenwärtige System nicht genug mit den Bcdürs- nisscn und Zlcigungcn der Eingeborenen im Einklänge steht. (Ausland.) Schädliche Tiere in Zndien. Im ganzen Britischen Indien wurden während des Jahres 1880 nach den neuesten statistischen Nachrichten des englischen Blaubuches im ganzen 22 900 Menschen getötet und zwar: durch Elephanten 46, durch Tiger 872, durch Leoparden 261, durch Bären 108, durch Wölfe 347, durch Hyänen 11, durch andere wilde Tiere 1195, durch Schlangen 19 150. An Hornvieh starben durch Tiger 15 339 Stück, durch Leoparden 19 732, durch Bären 482, durch Wölse 13 507, durch Hyänen 2279, durch andere wilde Tiere 4511, durch Schlangen 2536, im ganzen also 56 386 Stück. Tie englische Regierung zahlt für jedes getötete schädliche Wild eine Belohnung� In der hier folgenden Aufzählung bedeutet die erste Zahl, wie viele Tiere der betreffenden Art während des JahrcS 1880 im Britischen Indien erlegt wurden und die zweite hinter dem Gedankenstriche die Höhe der gezahlten Prämien in Pfund Sterling. Es wurden getötet: Tiger: 1689, Prämien gezahlt 4023 Ps. St, Leoparden: 3047—2502, Bären: 1100—401, Wölse: 1243—1403, Hyänen: 1215—262, andere wilde Tiere: 3589—235, also im ganzen getötet: 14 886 Tiere: an Schlangen wurden getötet 212 776 und dafür gezahlt 1166 Pf. St. Die Prämien in diesem Jahre betrugen also die anständige Summe von 204 279 M. (Ausland.) lieber die Handarbeiten der Töchter wohlhabender Familien schreibt die in Dresden erscheinende treffliche Zeitschrift„Fürs Haus": In notwendigen Fällen wird jeder Verständige das Arbeiten achtungswert finden, aber tadeln, daß derartige Arbeiten wie etwas Beschämendes im Geheimen geschehen. Wenden dagegen junge Mädchen, welchen das Elternhaus eine sorglose Jngendstätte bietet, ihre freie Zeit an mühsame Weiß- und Buntstickercicn, für welche sie vom Kauf- mann ein Spottgeld einheimsen, nur um ein erhöhtes Taschengeld für Puz- und Luxusartikel zu erlangen, so begehen sie gegen die armen Arbeiterinnen, welchen ihr Verdienst den ganzen Lebensunterhalt ein- bringen muß, eine Sünde, über deren Tragweite sich nur die Selbst- sucht keine Rechenschast gibt. Es ist ja natürlich, daß die wohlhabenden Mädchen billiger arbeiten können, als jene, und der traurige Lauf der Welt, daß der Arbeitgeber, welcher sich kein Gewissen daraus macht, die vornehme Stickerin zu drücken, der Armen die Arbeit entzieht. Doch damit nicht genug. Die vornehme Stickerin begeht auch ein Unrecht gegen die Ihrigen und gegen sich selbst. Gegen die Ihrigen, indem sie sich durch die emsige, ihr so wichtig scheinende Arbeit den Pflichten entzieht, welche jedem jungen Mädchen die Familie auferlegt, zu deren erheiterndem, beglückenden Element sie bestimmt ist; gegen sich selbst, indem sie versäumt, sich zu ihrem wahren Berus durch liebe- volles Zur-Handgchcn der Mutter auszubilden. Leider sind viele Mütter selbst an den verkehrten Wegen ihrer Töchter schuld. Ganz entzückt von ihrem Fleiß und dessen Erfolgen, nehmen sie weit lieber selbst alle Beschwerden des Hauswesens aus die eigenen Schultern, als das Töchterchen in ihrem Stickciser zu stören. Die Folge davon ist Unfähigkeit nach der einen, Venvöhnung nach der anderen Seite hin, und der Rest ist hierbei nicht Schweigen, sondern nur zu oft eine srcud- lose, wenn nicht gar unglückliche Ehe, weil das junge Wesen, wenn ihm ein eigener Herd beschiede», den Aufgaben eines wohl geordneten Hauhaltes weder mit beschränkten, noch mit reichen Mitteln gerecht zu iverden verfehl. Sinnsprüche. Hbwohl mit Wutgeschrei die Pfaffen Den Saz der Wissenschaft verdammen, Daß einem Ahnherrn Mensch und Assen Und selbst der Pontisex entstammen, Verlangen doch die Unfehlbaren, Die sich so tief empört gebcrdc», Daß plözlich die von Menschcnpaarcn Erzeugten wieder Affen werden. *** Nun hat er endlich doch den Lrdcn, Ist Ordinarius sogar... Und ist dadurch nicht seiner zwar, Doch auch nicht ordinärer worden. *_* Du staunst und weißt es nicht zu deuten, Daß X. so vielen Spott verdaut;... Doch wer sich pflegt um Geld zu häuten, Der fährt nicht gratis auS der Haut. K. leuthold. Sprechsaal für jedermann. In Erwiderung auf die„Berichtigung" im„Sprechsaal für Jeder- mann" der Nr. 21 habe ich zu bemerken: Die von mir herrührende Notiz in Nr. 13 der„N. 38." ist bereits im- Winter deS vorigen Jahres geschrieben und einer Nummer des englischen„Athenäum" aus jener Zeit entnommen. Sie war also vor Veröffentlichung der darin erwähnten posthumcn Schrist Proudhons geschrieben, und auch im Besize der Redaktion. Für die verspätete Publikation— die bei der Geringfügigkeit der Notiz übrigens sehr erklärlich ist— bin ich nicht verantwortlich. Da ich die fragliche Schrist Proudhons noch nicht zu Gesicht bekommen habe, kann ich die Richtigkeit der 3ic richtigung inbezng auf Titel und Inhalt weder anerkennen noch bestreiten. Möglich, daß das„Athenäum" sich geirrt hat. Wenn ich die Beziehungen Proudhons zu Napoleon III.„unklare" genannt habe, so muß ich diesen Ausdruck, der nicht andeuten soll, die Beziehungen seien unehrenhafte gewesen, ausrecht erhalten, und zwar gerade, weil ich mich in dieser Materie mindestens so gut unterrichtet glaube, wie meinen Herrn Berichligcr, dem ich vielleicht gelegentlich in einer an- deren, passenderen Zlrena begegnen werde. De» 25. Juli 1883. Ter Verfasser der Notiz in Nr. 13 d.„N. 33." Anmerkung der Redaktion, linser Herr Mitarbeiter sendet uns von Zeit zu Zeit eine größere Anzahl kleiner Notizen ein. die dann je nach Bedürfnis abgedruckt werden. Die Ursache davon, daß diese Erwiderung so spät erscheint, ist, daß der Herr Mitarbeiter durch mehrere Reise» und Ucbcrhäusung mit Berussgeschästen verhindert war, die ihm zugesendeten Nummern der„N. W." durchzusehen. Rebus. D D D Auflösung des Rebus in Rr. 24: Wer zum Urlheil eilt, der eilt zur Reue. Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart. Redaktion: Fangelsbachstraße 32.- Expedition: Ludwigstraß. 26 in Stuttgart- Druck und Verlag von I. H. 33. Dietz in Stuttgart.