Vvn HZ. Hütet. ch seine Wunden und machte ihm ein Bcttchcn zurccht. Dann begab ste sich jus Wohnzimmer an ihre Staffelei; sie sollte morgen eine versprochene Arbeit abliefern, und so machte sie sich mutig ans Werk troz ihrer tränenmüden Auge». Bald trat der neue Hausgenosse ein und betrachtete ue Malerei de« jungen Mädchens. »Sic sind ja eine wahre Künstlerin!" rief er erstaunt. .»Ach, Sie sind so nachsichtig." erwiderte Thusnelda be- scheide»,„ich glaube nicht, daß meine Arbeite» viel wert pnd. »ins können Sie nicht selbst wissen..." »Tas kann ich wohl genau wissen," sagte sie lächelnd,— »"ach den Preisen, welche mir der Kunsthändler dasär zahl'- »Wie? Sic verkaufen Ihre Bilder? Sic arbeiten um ... mit Ihrer Schönheit?"— Thusnelda errötete und schwieg.. »Wenn nun ein Mann käme, nicht mehr jung, aber imstande. .lte Lieblichkeit zn schäzen, und Ihnen antrüge... �>c»n C'iiein genügende»— Vermögen... von fernerer-lrbeit zeit "s zn entheben?"-„., »Sic meinen, ob ich mich um Geldes tvillen verheiraten wollte?"___ "•"'cht heiraten— nicht jeder Mann ist sie! sich ju vec ohlc», aber dennoch sähig z» lieben—»»b babci u'ich. Der alle Herr ivar näher getreten und blickte Thusnelden in das Auge. Diese stand von ihrem Size auf, mit flammender giötc übergössen, und sagte mit zornbebender Stimnic: »Sie beleidigen mich! Einen solchen Mann würde ich mit Enlrllstung von mir weisen."—„Prächtiges Mädchen," brummte der Engländer für sich.—„Und Sie wissen gar nicht," fuhr sie fort, ans den erzürnten plözlich in ciiie» gekränkten Ton übergehend,„ivie Sic mir weh' getan haben, eben heute, wo ich ohnehin so unglücklich bin! Ich hatte mich so vertrauensvoll zu Ihnen hingezogen gefühlt— denn es schien mir, daß Sie gut und teilnehmend seien— und»ini sagen Sie mir solche Dinge— es ist zu hart!" »Verzeihen Sie mir, nicin schönes Kind. Es ist wahr, Sie haben es richtig erraten, daß ich Teilnahme und Sympatie für Sic empfinde. Aber sehen Sic, ich habe mich mit solchen Ge- fühlen schon öfter getäuscht im Leben,»nd darum habe ich Sie aus eine Probe gestellt— die Sie jedoch glänzend bestanden haben. Lassen Sie mich Ihr Freund sei»— mein weißes Haar berechtigt mich zu solcher Forderung. Sagen Sie mir,>vaS Ihne» so loche tut— vielleicht kau» ich ihren Kummer lindern..." Thusnelda schüttelte den Kopf. Sie hatte sich wieder beruhigt n»d zu Ihrer Arbeit gesezt. „Ein Liebeskummer, nicht wahr?" fragte der alte Herr freund- lich weiter,»irgend ein untreuer, flatterhafter..." „Nein,»ein, nicht untreu," unterbrach Thusnelda;„ich glaube, er hat mich lieb und meint es treu." „Nun denn— warum die Trauer?" "Sein Vater hält seine Einwilligung zurück, weil ich ein vermögensloses, einfaches Mädchen bin..." „Nun, so heiratet ohne des grausamen Alten Einwilligung". „Nein, das kann nicht sein. Das erlaubt meine Mutter nicht; es brächte auch keinen Segen". „Was ist also da zu tun?" „Was ich tue: leiden und entsagen." Frau Bretter trat nun ein: „Die Suppe ist aus den. Tisch. Ich hoffe, daß Ihnen nnsere einfache, derbe deutsche Küche genügen wird, Herr-- bitte, wie ist Ihr werter Name?" Erscheint alle 14 Tage in Heften ä 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Postämter zu beziehen. „Ich heiße Sie Aechitmld." „Also bitte, sich ins Nebenzimmer zu bemühen, Sir Ar- chibotb." „Erlauben Sie nur, Madame, daß ich früher noch eine Zeile schreibe nnd jemanden gleich damit fortschicke?" „Gewiß. Bitte, hier ist der Schreibtisch. Sic finden auch Papier und Feder dort." Sir Archibald schrieb einige flüchtige Worte, nnd übergab dem herbeigerufenen Diener das Billct niit der Weisung, dasselbe augenblicklich nach dem Hotel Bellcvue zu tragen, und falls der Adressat nicht zu Hause wäre, denselben sofort aufsuchen zu lassen. Daun bot er mit Galanterie der Hausfrau seinen Arm und führte sie zu Tische. Das Mahl war in der Tat sehr einfach: eine Suppe, Rindfleisch mit Gemüse und gebratene Tauben. Der Gast aß nur wenig und blickte bald ungeduldig zur Türe, bald zärtlich auf Thusnelden. Als der Braten servirt wurde, wies Thusnelda denselben zurück. Auf die Frage ihrer Mutter, warum sie nichts nehme, antwortete sie traurig: „Ich mag keine Tauben essen— die lieben sanften Tierchen sind mir zu sehr ans Herz gewachsen." „Wegen des heute aufgenommenen Blessirtcn?" fragte Sir Archibald unter anderem;„wie geht es ihm?" „Danke, besser!" erwiderte Thusnelda.„Aber nicht nur wegen meines Pfleglings mag ich Tauben gerne leiden. Ich habe ein Paar Turtelauben, die erzählen mir von der schönsten Stunde meines verlorenen Glücks,—(die Konversation war englisch, daher für Frau Bretter nicht verständlich)— heute hat mir eine vermeintliche Brieftaube eine lezte Botschaft gebracht — eine durch einen Schuß verwundete Taube hat nur am Herzen gelegen, und da mag ich keine gebratenen Tauben aus nicincm Teller sehen--" „Nnd jezt, mein Kind", sprach Sir Archibald,„wird bald eine Friedenstaube über uns allen schiveben—" In diesem Augenblicke öffnete sich die Tür und an der Schwelle stand Plantagenet. Thusnelda stieß einen schwachen Schrei aus, und ein Glas, das sie eben zu ihren Lippe» führen wollte, entfiel ihrer Hand. Frau Bretter war mit strenger, unwilliger Miene aufgestanden und Sir Archibald eilte dem Ankommenden entgegen.„Tritt nur ein, my boy*)," sagte er, „ich habe dich rufen lassen. Ich will dir die verlangte Ein- willignng geben, und mochte sehen wie ihr Kinder euch darüber freut. Thusnelda, meine Tochter, komme auch hierher— so — nnd nun umarmt euch ihr beiden lieben, großen Turtel- tauben." Die Liebenden waren einander schon in die Arme ge- flogen. Frau Bretter trat nun heran: „Ich kann diesen Auftritt nicht verstehen", sagte sie,„ich bin eine schlichte, deutsche Frau." „Uüd ich bin ein wunderlicher, englischer Gentleman", cnt- gcgncte Sir Archibald.„Sezt euch alle hierher un> mich herum — genug gegirrt, ihr beide»,— und ich will euch die ganze Sache erklären. Ja, es ist wahr, ich habe den hartherzigen Vater abgegeben und erklärte dem Jungen da, daß nichts daraus würde, als er mich um meine Zustimmung zu seiner Heirat mit einem ungekannten armen, fremden Mädchen bat. Hat er doch selber keinen Pcnny und will mit 21 Jahren heiraten— Unsinn. Jeder vernünftige Vater wird da„nein" sagen, und das Hab ich auch standhaft getan, troz aller Bitten und Dro- Hungen von diesem närrischen Vogel. Morgen sollten wir ab- reisen— eine großartige, überraschende Nachricht rief mich nach England, Plantagenet mußte mit mir kommen, und da würde die reizende Thusnelda— wie kann nian auch nur Thusnelda *) Mein Junge. --- heißen— bald vergessen sein, dachte ich. Da sehe ich nun heute auf meiner Promenade ganz zufällig ein ergreisendes Bild: Eine verwundete Taube fällt vor den Füßen eines blen- dend schönen Kindes nieder. Dieses hebt das Tierchen auf und küßt und pflegt es, und scheint von einem eigenen tiefen Kummer bewegt— eine rührende Vereinigung von Jugend, Schmerz und Schönheit. Ich frage das Mädchen, wie es heißt, und vertrauensvoll zu mir aufblickend nennt es mir den von meinem Sohn so oft wiederholten Namen. Nun habe ich be- griffen, Planty, my boy, daß du so verhext warst— ich habe selbst nie im Leben etwas Schöneres gesehen wie diese Kleine da— erröte nicht so, liebe Tochter. Mein Herz war mächtig ergriffen, und ich wollte das Kind noch näher kennen lernen. Sie hat mir ihren kleinen Roman anvertraut und mich in ihr aufrichtiges Herz schauen lassen, das ganz von Liebe nnd Schmerz erfüllt war; ich habe sie auf die Probe gestellt... ich habe sie beobachtet, wie gütig und talentvoll und bescheiden sie ist — und da habe ich mir gesagt:„Ter Junge hat eine gute Wahl getan, und ich will sein Glück nicht hindern". Laßt mich ausreden, Kinder— küssen könnt ihr mich nachher. Ich habe auch aus Liebe geheiratet, Plantagenct, habe auch eine sogenannte jmpnident match'*) gemacht— deine Mutter war auch so schön wie deine Braut, und ich so närrisch verliebt wie du, und wir waren ein sehr glückliches Paar— Gott habe meine arme Mary selig—— da war also mein Entschluß gefaßt und ich ließ dich holen. Ich überlasse das Fach der „grausamen Väter mit Herzen von Stein" anderen Darstellern, und will lieber die Rolle eines guten, alten Großpapa über- nehmen, der sich am Glücke der Kinder freut. Was gibt es denn da zu weinen, you stupid girl?**) Hört nur weiter, ich bin noch nicht zu Ende. Die Nachricht, die ich bekommen, ist —(und ich habe mich gehütet, dir davon Mitteilung zu machen, ivcil mein Haupteinwand gegen eine arme Partie dadurch vcr- loren ging),— also die Nachricht ist folgende: Meines Vetters kleiner Sohn wurde vorige Woche von einer Kinderkrankheit davongcrafft, und drei Tage daraus wurde mein Vetter Sir Jasper selbst auf der Jagd erschossen. Das war nun freilich viel Unglück und tut mir auch von Herzen leid, trozdem es meine Verhältnisse ganz ungeheuer zu meinen Gunsten geändert hat und zu euren Gunsten, Ihr beiden verliebten Glücks- tauben Ihr.— Nun bin ich ganz unvermutet Sir Archibald Carew, Bcsizer von Cobdcn-Abbey, Carew-Castle und einem Haus im Westend. Plantagcnct da ist mein einziger Erbe, dem die künstige Lady Thusnelda Cobden noch viele Erben schenken ivird. Jezt werden wir alle nach England reisen, natürlich auch Sie, geschäzte deutsche Frau, und unsere kleine Braut muß ihre künftigen Bcsiztümcr betrachten und Anord- nungen treffen. Später kommen wir wieder nach Deutschland zurück und verleben, wenn Ihr wollt, immer einen Teil des Jahres in dem schönen Vaterlande unserer Lady, wo wir uns schon um Ihretwillen— meinst du nicht auch, Plantagcnct?— ebenfalls ganz heimisch fühlen werden. Aber wir wollen ihr auch die alte Abbcy zum traulichen Heim werden lassen, und da sie ihr vielleicht, so wie sie dem guten Vetter in den krausen Sinn paßte, nicht sonderlich gefallen wird, so werden wir manches zu tun finden, werden neue Bauten herrichten und alte neu herrichten,— nicht wahr, meine kleine Thusnelda?" „Ja, Sir Archibald, im Park muß aufgebaut werden—" „Nun, was denn, my little lady***), ein Pavillon?" „Nein." „Ein chinesischer Turm?" „Nein." „Ein neues Schloß?" „Nein, guter Papa, ein— Taubenschlag." ♦) llnverständige Partie.**) Törichtes Mädchen.—***) Mein kleines Fräulein. «43 Cisza-Eszlar. Von I. Stern. Das Buch der Geschichte, schreibt H. Heine, findet mannich- faltige?>uslegnng. Zwei ganz entgegengesczte Ansichten treten hier besonders hervor. Die einen sehen in allen irdischen Dingen nur einen trostlosen Kreislauf; im Leben der Völker wie im Leben der Individuen, in diesem wie in der organischen Natur überhaupt, sehen sie Wachsen, Blühen, Welken und Sterben: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Es ist nichts ncnes unter der Sonne, ist ihr Wahlspruch. Sie zucken die Achsel über unsere Zivilisation, die doch endlich wieder der Barbarei weichen werde; sie schütteln den Kopf über unsere Freiheitskämpfe, die nur dem Aufkommen neuer Tyrannen sör- dcrlich seien; sie lächeln über alle Bestrebungen eines politischen Entusiasmus, der die Welt besser und glücklicher machen will und der am Ende erkiihle und nichts gefruchtet;— in der kleinen Chronik von Hoffnungen, Nöten, Mißgeschicken, Schmerzen und Freuden, Irrtümern und Enttänschnngcn, womit der ein- zelne Mensch sein Leben verbringt, in dieser Menschengcschichte sehen sie mich die Geschichte der Menschheit.— Dieser fatalen fatalistischen Ansicht steht eine lichtere entgegen, wonach alle irdischen Tinge einer schönen Vollkommenheit cntgegeurcifen und die groß m Helden und Heldentaten nur Staffeln sind zu einem hi Heren Znstande des Menschengeschlechts, dessen sittliche und Polilische Kämpfe endlick heiligen Frieden, edle Verbrüderung und die wahre Glückseligkeit zur Folge haben. Das goldene Zeitalter, heißt es, liege nicht hinter uns, sondern vor uns; wir seien nicht aus dem Paradiese vertrieben niit einem flam- Menden Schwerte, sondern wir müssen es erobern durch ei» flammendes Herz, durch die Liebe; die Frucht der Erkenntnis gibt uns nicht den Tod, sondern das bessere Leben.— Ter ungarische Dichter Alexander Petöfi hat diesen beiden Gc- schichtsauffassungen folgende poetische Fassung gegeben: O Weltgeschichte, wundervolles Buch! Ein jeder liest was anderes auS dir: Der eine Segen und der andere Fluch, Der Leben, jener Tod dafür. Du sprichst zu diesem, gibst ein Schwert ihm in die Hand: Geh' hin und kämpfe! Nicht vergebens ringst du tatcntbrannt; Der Menschheit wird geholfen, Heil ist ihr bcschcert.— Zu jenem sprichst du: Lege ab dein Schwert! Vergebens kämpfst und ringst du, Zu keinem Ziele dringst- du; Tie Welt bleibt unglückselig immerdar, Wie sie von jeher war. �. (llcbcescjl von Kcetdcny.) Das Schauspiel, welches im Vaterland dieses Dichters, im Gerichtssaal zu Nyiregyhaza, in Szene ging und dessen Ver- lauf die ganze gebildete Welt mit Spaiuiung verfolgte, gehört scheinbar zu denjenigen historischen Ereignissen, ans welche sich die pessimistische Geschichtsauffassung berufen kann. Wie ein grauenerregendes Gespenst aus dem tiefsten nächtlichen Dunkel des Mittelalters ist jenes längst abgetan und tot geglaubte furchtbare Märchen von dem Christcnblut, das die Juden zu ihrem Osterfest brauchen sollen, am hellen Tage des 19. Jahrhunderts wieder aufgetaucht, zu einer Zeit, wo das Davipfroß durch den Gotthard schnaubt, das Kabel durch den Ozean sich windet und das elektrische Licht Straßen und Hallen erhellt. Möchte man da nicht fast verzweifeln an dem idealen �ort- schritt der Menschheit! Muß man nicht dem Gedanken Naum geben, daß möglicherweise wieder Zeiten kommen können, Ivo der krasse Aberglaube seine infernalischen Orgien aufs neue feiert, wo Hexenprozesse und ähnliche cntsczliche Ausgeburten des Wahns auf der Bühne der zivilisirtcn Völker sich wieder abspielen und Scheiterhaufen aufgeschichtet werden, um Ungläu- bige und Kczcr ack majorem ckei gloriam(zur größeren Ehic Gottes) zu braten!— Sind die Menschen ivirklich� lue Weiber, die beständig zurück nur kommen auf ihr erstes Wort >vc»n man Vernunft gesprochen stundenlang?" Wird die Bicnjch- heit immer wieder rückfällig, wenn man sie von einer geistigen Krankheit gründlich geheilt glaubt? Fast scheint es in der Tat, als ob die Geschichtsbeivegung dem Kreislauf der Erde, der Winde, der Ströme gleicht, die stets dieselbe Arbeit wieder- holen. Wie Pcnclope, die berühmte Frau des Odysseus,— könnte man glauben— sizt die Geschichte webend am Riesen- tcppich der Kultur, um ihn des Nachts immer wieder aufzutrennen und bei Tag mifs neue die vergebliche Arbeit zu beginnen. Und dennoch ist diese Geschichtsauffassung eine durchaus irrige und wer unbefangen die verschiedenen Kulturepochcn vergleicht, der wird, vorausgesczt, daß seine Sehkraft nicht lokal begrenzt ist, sonder» die Gesammtmenschheit zu überblicken ver- steht, immer mehr befestigt werden im Glauben an den Fort- schritt der Menschheit und das Gescz anerkennen, welches Hegel, der Darwin der Geschichte, aufgestellt hat, das Gcsez von der stetigen Fortentwicklung der Menschheit. Wohl zeigt die Gc- schichte zahlreiche rückläufige Bewegungen; aber auch die Planeten scheinen häufig rückläufig zu sein, und doch weiß der Astronom, daß sie sich stets vorwärts bewegen auf ihren eivigen Bahnen. Nicht dem Sisyphus gleicht die Menschheit, sondern dem großen Sohn der Alkmenc, dem Herakles, der durch rastlose Tätigkeit und mutig vollbrachte, mühsame Arbeiten endlich einen Plaz im Olymp sich erringt und zum Halbgott wird.— Auch das Ereignis, welches die vorstehende Betrachtung veranlaßtc, bestätigt das. In früheren Zeiten wäre dasselbe nicht auf deni Wege des prozessualischen Verfahrens zum Austrag gebracht worden. Ein Indizium, wie die Aussage des Knaben Moriz Scharf, hätte genügt, die Wut der Massen nicht nur gegen die Verdächtigen, sondern gegen die gcsammtc Jndcnschaft zu entfesseln. Als z. B. zur Zeit Kaiser Friedrich II. ein Teich in der Umgegend Wiens zugefroren war und drei junge Leute, die ihn unvorsichtigerweise überschreiten wollten, darin ertranken, verbreitete sich alsbald das Gerücht, die Juden, deren Osterfest um jene Zeit fiel, hätten die drei Unglücklichen ge- mordet. Die Verwandten derselben erhoben die Anklage. Man steckte die Inden ins Gefängnis und erlangte durch Anwendung der Tortur das Geständnis ihres Verbrechens. Dreihundert Juden wurden lebendig verbrannt. Jnr Frühjahr taute der Teich auf und man fand darin die Leichen der drei jungen Leute. Diese Zeiten sind vorüber. Selbst die leidenschaftlichsten Fanatiker mußten ihre Wut zügeln und durften dem geeicht- lichen Verfahren nicht vorgreifen; während sehr viele an die Beschuldigung, troz schwerwiegender Indizien, nicht glaubten. Und sie taten recht daran. Es ist vvllkonimen richtig, daß die Juden den größten rituellen Abscheu vor dem Blut haben, und sie gehen darin infolge rabbinisch-pharisäischer Ucbcrtreibung so ivcit, daß sie jedes Stück Fleisch, das gegessen werden soll, eine Stunde lang in Salz liegen lassen und dann mehrnials begießen, damit gewiß jeder rechtschaffene Blutstropfen aus dem Fleisch entfernt werde; denn„das Blut ist die Seele", meint das mosaische Gcsez„nnd du sollst die Seele nicht mit dem Fleische verzehren". Der wahre Grund des Verbots ist jedoch ein anderer. Nach der Vorstellung der Alten lieben die Seelen der Abgeschiedenen, die mit ihren Wünschen noch an das Jr- dische gekettet sind, den Blutgcnuß. Als Odysseus in den Hades hinabstieg, um die Seele des thebanischcn Sehers Tcircsias über seine Heimfahrt zu befragen, mußte er eine viereckige Grube graben und in dieselbe das Blut gewisser Opfertiere laufen lassen. Nun kamen die Luftgebilde der Toten und wollten gierig von dem Blute trinken. Er aber wehrte sie mit dem Schiverte ab nnd ließ sie nicht trinken, bis die Seele des Teiresias kam und ihn anredete: Also sprach er; ich wich und steckte das silberbeschlagne Schwert in die Scheid', und svbntd er des schwarzen Blutes getrunken, Da begann er und sprach, der hocherleuchtete Seher ic. (Odysscc Ii.) 614 Tcis Blut trinkend, in dem das Leben wohnen soll, ge- Winnen die Schatten Besinnung und können weissagen. So be- richtet auch Horaz von der Canidia, die mit ihrer Genossin Sagana eine nächtliche Totenbeschwörung zur Erforschung der Zukunft eines Liebesverhältnisses unternahm, sie habe ein schwarzes Schaflamm zerrissen und ...... in ein Loch ablieben sie rinnen das Blut, daß Dorther, Rede zu steh», die geschiedenen Seelen sie lockten. (-atircii l, 8.) Nichts kann auch irriger sein als der Schluß, es müsse immerhin etwas wahres an der Sache sei, weil dieselbe schon so viele Jahrhunderte existirc. Wie manchmal fremden Glau- bcnsgenossenschasten gerade das Gegenteil von ihren Gepflogen- heilen angedichtet wird, zeigt folgender Fall. In einer ziemlich distingnirten Gesellschaft, worunter auch jemand aus der hohen Aristokratie war, wurde einmal die Behauptung ausgestellt, die Juden„würgen" ihre Tote», das heißt, wenn ein Jude im Sterben liegt, werde ihm von andcni Juden durch Würgen vollends der Garaus gemacht. Mit den Sazungcn und Bräuchen der Juden genau bekannt, bestritt ich das aufs entschiedenste und führte als Gegenbeweis an, daß den Juden sogar aufs strengste verboten ist, irgend ein Glied eines in Agonie liegenden Sterbenden zu bewegen, damit der Tod nicht um den kleinsten Bruchteil einer Sekunde beschleunigt werbe. Troz meiner Versicherung, daß dieses Verbot sich in allen populären Büchern findet, welche die Juden bei Sterbefällen benüzcn, mit dem Beisaz, daß das Zuwiderhandeln dem Blutvergießen gleich zu achten sei, blieb der Betreffende bei seiner Meinung und mich andere aus der Gesellschaft stimmten ihm aus Grund von Hören- sagen bei. Derartige Sagen bilden sich sehr leicht über eine Sekte, bei welcher allerlei seltsame, aus dem grauen Altertum stammende Biäuche und Zeremonien vorkommen. Dies ist bei den Juden ganz besonders der Fall; ihr Religivnswescn ist noch heutzutage mit einer stattlichen Schaar teils von Haus aus närrischer, teils ursprünglich vernünftiger, aber durch Uebcrtrcibung, Miß- Verständnis oder Ucbcrtragung ans Verhältnisse, für die sie nicht berechnet waren, ins Närrische ausgearteter Observanzen und Ritualien behaftet. Solche kommen ganz besonders bei der Bereitung der Ostcrkuchen(die längst keinen Sinn mehr haben), wie auch bei Stcrbcsällcn vor. Die Draußenstehcnden sehen allerlei sonderbare Manipulationen und machen sich die aben- teucrlichsten Vorstellungen davon, und tritt gar noch die Bös- Willigkeit hinzu, so wird leicht die harmlose religiöse Harlekinade zn einer verbrecherischen, selbst kannibalischen Handlung umge- stempelt. Würden die Juden auf idealen Gebieten nur halb so viel Verstand und Energie entwickeln wie auf dem kommer- zicllen, so hätten sie längst jene verknöcherten Formalitäten, in denen bereits jeder religiöse Funke erloschen ist, abstreifen müssen, was in verschiedener Richtung nur vorteilhaft für sie wäre. ?lbcr Unkraut ist bekanntlich schwer auszurotten, besonders das religiöse; so kann es auch imgrunde nicht Wunder nehme», wenn in Gegenden, wo dieses Unkraut noch in Fülle wuchert, wie in den östlichen Ländern, Schauermärchen wie das vom Christen- blut nicht aussterben wollen.— Als gewichtiges Zeugnis gegen die Blutbeschuldigung dürfen mehrere Urteile und Gutachten getaufter Juden aus vcr- schiedenen Zeiten angeführt werden. Schon 1413 hat der Täufling Thomas auf die Frage Alfons X. von Spanien, ob es wahr sei, was der Bischof in Madrid gegen die Juden über ihre Verwendung von Ehristenblut zu Osterkuchcn predigt, nach Anführung von Gegenbeweisen das Gegenteil versichert. Ebenso hat der getaufte Jude Josua Lorki, bekannt unter dem Namen Hieronymus de Santa Fe, die Blutbcschuldigung dem Pabft Benedikt XIII. als unwahr nachgewiesen. Der Lestcrrcichcr Aloisius von Sonnenfels ließ 1753 eine Schrift„Der jüdische Blutckcl" gegen dieselbe erscheinen. Ter katvlische Prediger Veit in Wien leistete 1840 auf der Kanzel mit dem Kreuz in der Hand der knienden, zu taufenden versammelten Gemeinde cincn Eid, daß die fragliche Beschuldigung ein freche Lüge sei. Dr. Alexander M. Eaul in London hat in einer der Königin von England gewidmeten Schrift:„Reasons kor bolieving" dargetan, daß Menschenopfer und Blutvergießen mit den Grundlagen des Judentums in direktem Widerspruch stehen. Der Schrift ist eine andere von fünfunddrcißig zum Christen- tum übergetretenen Juden im gleichen Sinne beigefügt. Ebenso hat der berühmte protestantische Bischof Ncander im Jahre 1840 eine Erklärung gegen die Blutbcschuldigung abgegeben. Anlaß hierzu war eine Blutbeschuldigung, welche damals ebenso großes Aufsehen machte, als die Tisza- Eszlar- Affäre der Gegen- ! wart. Der Schanplaz derselben war Tamaskus. Wir wollen die an interessanten Episoden reiche Begebenheit den Lesern, unter Zugrundlegung des Gräz'schcn Gcschichtswerks, demnächst mitteilen. Das Thorner Trauerspiel von 1724. Von Dr. A.'g'votpc. Das Lutherfest begeht das evangelische Deutschland in sehr verschiedener Art. Denkmäler des großen Karaktermenschen er- richten mehrere Städte; aber in einer Stadt wird zur Vcr- herrlichung seiner Säkularfcier das Denkmal eines evangelischen Märtyrers geplant, des 1724 geköpften Bürgermeisters von Thvrn an der Weichsel, dieser ersten sicbcnthalbhundert Jahr alten Kolonie des deutschen Ritterordens. Am Geburtstage Luthers soll der Grundstein gelegt werden, wie die Milchemiitc der evangelischen Gemeinde beschlossen haben. Jeder Ort ehrt sich selbst, wenn er das Andenken seiner bedeutenden Ortsangchörigen in Ehren hält. Tie jezt in eine Riesengrenzfestung gegen Rußland umgewandelte Weichselstadt war in früheren Jahrhunderten ein Bollwerk freien deutschen Geisteslebens und bürgerlicher Selbständigkeit. Man muß, um diese auf polnisch-russischem Boden errichteten Gründungen der glänzenden Hohenstaufenzeit in ihrem eigenartigen Karakter zu begreifen, die Lokalchronik der einzelnen Städte lesen. Erst im Spiegel ihrer Geschichte erscheinen sie den heutigen Volksgenossen ehrwürdig und bemerkenswert. Der Westen kümmert sich leider wenig um diese Venvandtcn im Osten. Vielleicht kennzeichnet ein kurzer Abriß der Schicksale Thorns den einsichtigen Lesern eine ganze Reihe von ähnlich durch hartes Geschick geprüften, zumal von immerwährenden Kriegsunruhen heimgesuchten, beut scheu Kolonialstädten an der Weichsel, Düna, Memel und dem finnischen Busen. Man weiß, der vorleztc Stanfenkaiscr, Friedrich II, dieser geistig höchste Fürst seines Hauses, hatte am deutschen Hoch- ineister Hermann von Salza einen ausgezeichneten Feldherrn und Staatsmann, eine wahre Stüzc seiner Regierung. Er vcr- lieh demselben kraft kaiserlicher Machtvollkommenheit das»och erst vom Orden zu erobernde Land der sog. heidnischen Preußen. Hermann schickte seinen Namensvetter Hermann Baß, einen Westphalen, als Landmeister an die Weichsel. Dieser glorreiche Kolonisator schuf in einem kurzen Jahrzehnt die Grundlagen des bürgerlich freien, auch durch treffliche Landgemeinordnung hervorragenden Ordensstantes. Bald darauf kam der Hochmeister selbst in diesen— zn jener Zeit einzig so zu nennende»— Staat, den M ustcrstaat des ganzen Mittelalters; und der unvergleichliche Wierich von Kniprode hob die Blüte des merkwürdigen politischen Gebildes zur höchsten Höhe, von der ein jäher Sturz das ebenso schnell sich abspielende Ende her- beiführte. In einer einzigen Schlacht brach die Ordensniacht I unter dem ToPPeldnick der lithciuischen und polnisch-böhmischen Notionalseindschoft. Anstatt sich jezt von weisen Regenten, die dem sinkenden Orden so wenig fehlten als früher dem wunderbar rasch sich entwickelnden, in die notwendigen Bahnen der englischen, schweizerischen und holländischen verfassungsmäßigen Gleichstellung von Adel und Biirg- rtum hinüberleiten zu lassen: erwachte der volle Hochmut des Jimkerblvdsiiins in jenem son- derbaren Mönchsoffizierstande, welcher den sog.„Orden" bildete. Die einheimischen Landcdelleme haßten die ans nachgcborc- neu Söhnen des siid- und westdeutschen Adels sich rekrntirenden „Kreuzritter" ebensosehr wie der immens reich gewordene Pa- trizierstand der großen Handelsstädte. Thorn, damals die Königin der Weichsel, nachdem die älteren deutschen Kolouisatiousstädte Krakau und Warschau immer mehr polonisirt waren, erhob sich mit dem nächstmächtigen Städtepaar, den au der Doppelmüiiduug des gewaltigen Stromes errichteten Seehäfen Danzig und Elbing zum Abschütteln des jnukcrhaft diinkelvollcn und unklugen Regiments der Krenzhcrren —„stieß(wie Carlyle sagt) mit einem Fußtritt seinen Er- zcnger, den Orden, hinaus."— Gierig hatte der polnisch-lithauische Adel sich den Empörern mit der Kriegsmacht des ganzen vereinigten Königsreichs zur wohlberechneten Unterstiizung angeschlossen; aber dreizehn volle Jahre wogte doch der Kampf noch wechselnd hin und her: so ausgezeichnet fest gefugt war der Staatsbau des bewuuderuugs- würdigen deutschen Ordens. Endlich überließ er das Weichsel- land sich selbst und den Schcinbeschüzern— den Polen! Bon jezt ab gewährt die Geschichte dieses abgerissenen sog. West- prenßen nur den traurigergreifenden Anblick mühseligen Ringens mit— und schließlichen Erlicgens unter— dem Nationalhaß Polens. Am deutlichsten karakterisirt das Thorns Kirchenge- schichte. Wie das ganze Gebiet der plattdeutschen Zunge fiel auch die Stadt zum Luthertum ab und machte natürlich ihre drei großen Hauptkirchen, Zierden des gotischen Ziegelbans (wie jeder Kunstkenner weiß), zu evangelischen Gotteshäusern. Aber die polnischen Könige, die oft, besonders wenn sie Geld brauchten, nach dem stolzen, reichen Thorn zu Besuch kamen, forderten, daß wenigstens in der großen Pfarrkirche auch ihnen, so oft sie es wünschten, katolischer Gottesdienst gestattet würde. Bald motivirtcn hiermit die Bischöfe das Recht ans Allein- besiz der Pfarrkirche(!) und der uitramontanisirte Jesuiten- adel des Reichsgerichts genehmigte dies. Nach dem Frieden zu Oliva, der 1G60 auf„ewige Zeit" den Norden geordnet hatte, entriß den Traktaten zum Hohn schon 16G6 der selbige Polen- adel die durch ihre schöne Rückfront berühmte Jakobskirchc den Protestanten unter dem Vorgeben, die Stadt müsse den Nonnen Ersaz gewähren für ihre vom Schwedenfcldhemi zerstörte Kloster- kirche.— Nun besaß die mehr und mehr verarmte, von Danzig aus Handelsneid unterdrückte, durch Karl XII., wie Voltaire be- weglich schildert, eingeäscherte und gcbrandschazte deutsche Urstadt Preußens nur noch den herrlichen im Hallenstil errichtete» Tom au ihrer Nordwestccke, die Marienkirche. Gegen diesen leztcu Halt der Kezerci richtete sich mm das feingewobenc Ränke- spiel der Jesuiten, die sich, treu ihrem Stiftungsprognostikon, wie Lämmer eingeschlichen hatten und bald wie Wölfe zu hausen begannen. Wir geben jezt dem neuesten Geschichtsschreiber Thorns das Wort.— „Die Auslieferung der Marienkirche an die Katoliken hängt zusammen mit dem Tumult von 1724, wohl der bekanntesten Episode ans der Geschichte Thorns. lieber sie haben sich bei der Neuordnung des Archivs eine Anzahl bisher unbekannter Quellen gefunden, so daß der Versuch, eine neue Darstellung dieser Ereignisse zu geben, gerechtfertigt scheint.——— Durch den nordischen Krieg hatte die Stadt außerordentlich gelitten. Das herrliche Rathaus lag in Trümmern, und Brand- statten am ganzen Nordmarkt erinnerten nach zwanzig Jahren noch an die schwedische Belagerung von 1703. Polen, Sachsen, Russen und Schweden hatten kolossale Kriegsstcuern erhoben und die verarmte Stadt war schwer überschuldet____ Der Handel lag völlig darnieder.... In der Stadt verblieb eine polnische Garnison, die Krongarde, zur drückenden Belastung der Bürger.... Die Soldaten begingen gröbste Ausschreitungen in Häusern und Gassen, am hellen Tage, noch gefährlicher Abends, prügelten und beraubten oder bcstahlen ihre Wirte; die endlosen Ver- Handlungen liegen noch vor.... Der regierende Bürgermeister war selbst mit dem sächsisch-polnischen Knrfiirstcn-Köuige, dem evangelisch-katolischcu Religionsspötter August dem Starke», be- freundet; gab ihm bei dessen kostspieligen Besuchen Quartier in seinem eigenen Hause; hatte ihm auch bedeutende Summen vor- gestreckt; fand aber mit seinen Klagen kaum Gehör bei dem leichtfertigen Wüstling, der vielleicht selbst über seine neuen pol- uischen„Untertanen" oder, besser gesagt, gleichberechtigten Ne- publikgenosseu lachte, wenn sie ihm in ihrem Umgangslatein erzählten: Vexa Lutherum, dabit thalerum(Quäle den Lutheraner, so gibt er dir Taler).... Die Offiziere der sächsisch- poluischeu Krongarde, meist Deutsche von Geburt, geberbeten sich, als wenn sie die Herren der Stadt innren und der Rat büßte jezt nach drei Jahrhunderten seine nörgelnde Opposition gegen die Ordensjunker durch stete Demütigung.*)... Auf Beschwerden des Rats in Warschau folgten Verwar- nungen des junkerhaft-frechen Offizierkorps, aber wir sehen keine Besserung des Verhältnisses.... Ebenso große Schwierigkeiten machten die Jesuiten! Priester und Krieger befahlen ja dem Nährstand seit ansang der Geschichte in Egypten nnd Indien.... Durch hundert volle Jahre bereits hatten damals die frommen Väter Jesu, von deutschen Adligen selbst mit Häusern und Gütern ausgestattet, sich widerrechtlich der Pfarrkirche und des alten Akademiegebäudes bemächtigt, in welchem das evangelische Gymnasium„Johaunisschule" bestand, mutmaßlich des weit- berühmten Astronomen Coppernicns erste geistige Bildungs- statte. Beiläufig bemerkt, ergab sich der deutsche Landadel Westpreußens früh der Polonisirnug und blieb daher katolisch. Seine Namen sind oft noch deutsch, wie Kalkstein, ein besonders fanatischer Zweig; andere haben sich die Uebersezuiig zugefügt, z. B. Hutten- Czapski(Czapka, sprich Tschapka, heißt„Hut"). oder Jutrzenka von Morgenstern(beides gleichbedeutend) u. s. w. In Thorn wie in China und Paraguay verfolgte der Jesuiten- ordcn rücksichtslos das eine Ziel: den katolischen Glauben— und damit die eigene Herrschast— auszubreiten. Die Seele ihres Kollegiums war Pater Marczewski. Sic standen außer- halb der Gerichtsbarkeit des kleinen Freistaats und erlaubten sich, durch die warschauer Appcllatiousaristokratie gedeckt, viel- fache Eingriffe in die Rechte des Rats und wußten denselben immer mehr beim Reichstag in Mißkredit zu sezcn. Unterlag Thorn, so war auch Elbing verloren und Dauzigs Unterjochung nur noch eine Frage der Zeit.... Wer denkt noch jezt daran, daß Warschau, Krakau, Kaschau, Kremnitz und Schemnitz rein- deutsche Bürgcrstädte waren?... Oft sezten die Jesuiten furchtlos Bürger in ihr Gefängnis; höchstens mußten sie dieselben wieder loslassen, straflos blieb ihr Vorgehen jedenfalls. Einmal verklagten sie ein Ratsmit- glicd, weil seine Dienstboten am Fasttag Mehlspeise aßen; den Bürgermeister Rösner, weil er einen Gymnasiallehrer in Schuz nahm, der den Pabst durch Verse in einem Ostcrspiel beleidigt haben sollte, wovon der„Präsident" Rösuer einfach nur de» Ungrund nachgewiesen hatte. Folgendes Protokoll schildert die Sachlage drastisch: 1722 kommen Jesuiten zum„Burggrafen" Gerhard Thomas und der eine fährt ihn an: Wie kommt der Herr dazu, den Büttner- gesellen einsperren zu lassen?— Der Präsident erwidert: Mische sich Eure Würdigkeit doch nicht in das weltliche Regiment, sonst *) Als in der napoleonischen Zelt Baiern in Thorn lagen, erfuhr der n ordostdeutsche Landsmann zum drittenmal diesen National fluch, daß die eigenen Volksgenossen die schlimmsten Quälgeister waren! ES' kursiren in der Stadt noch manche Anekdoten von baierischcr Roheit, die Gustav Freytags viel angefeindete Schilderung im lezten Teil der „Ahnen" bestätigend illustriren; die Bürger halten lieber Franzosen und Russen im Quartier als Deutsche. müßte ich Euch an meine Stelle sezen, was ja nicht angeht. — Worauf der Jesuit: Ich diu mich Jurist und werde wohl einen andern Nichte� finden, wenn Ihr nicht richten wollt; ich sehe wohl, Ihr seid ein recht grober Ochse.... Diese Worte wiederholte er mehreremale, so daß viele Umstehende sie hörten.... Aus die protestantische Geistlichkeit hatten die Jesuiten es ganz besonders abgesehen. Ein Rathausprotokoll z. B. erzählt: Als Prediger Geret an der Johanniskirche Vornberging, standen auf dem Kirchhof zwei Jesuiten mit einer Anzahl von Schülern; Geret grüßte, doch die beiden brachen in Lachen aus und als der Prediger vorbei war, begannen die Schüler mit Schnee- ballen nach ihm zu werfen.(22. Januar 1722.) Das evangelische akademische Gymnasium an der Marienkirche ini ehemaligen Franziskancrklostcr hatte jahrhundertc alten Ruf. Noch immer stndutcn da Siebcnbürger und Kurländer aus alten Familien- Überlieferungen her. Ein besonderes Gebäude gab den Aus- ländcrn Station. Die Jesnitcnschnlc wuchs indessen rasch empor. Nicht nur der katolische Adel Westprcußcns, Renegaten, wie oben geschildert, sondern auch hohe Würdenträger des Hofes, schickten ans kluger Politik und Berechnung ihre Söhne in diese Anstalt am Mittelweichsclstrand. Jcmehr die Stadt dort ver- polnischt wurde, desto schneller fiel das Niederwcichsclgebiet den Polen als Reichsteil zu, während es bislang noch stets Aus- nahmestcllung als Schuzland einnahm.... Tie Jcsnitcnschüler waren wegen ihrer häufigen Exzesse bei der Bürgerschaft ge- fürchtet und gründlich verhaßt, sie gjngen stets bewaffnet und zogen oft blank. Manchmal rotteten sich ihrer vierzig und mehr zum geschlossenen Kettenmarsch durch die Stadt, versperrten ganze Straßen, brachen unter die Spaziergänger vorm Tor und trieben im ganzen Weichbild ungestraft gemeinsten— oft ekelhaft zügellosen— Unfug. Tic Landhäuser in den durch alle drei : chwcdcukönige Gustav Adolf, Karl Gustav und Karl XII. arg dezimirten, einst blühend schönen, garten- und weinbergrcichen Vorstädten wurden förmlich belagert und arg mitgenommen. :t kams dann mit den Stadtsoldaten zu blutigen Händeln und eie häufigen Gymnasiastenranfereien endeten stets mit Verlvun- üngen. Doch das war auf rein deutschen Universitäten ebenso. ic Patres wagten so wenig als Professoren und akademischer "nat die vornehmen jungen Leute nach Gebühr zu bestrafen: lranchtcn reiche Zöglinge und höfische Bcschüzcr.... Mit de» Jesuiten Hand in Hand ging der Johannespfar- - r Szczuka(sprich Cchtschnka), damals Titularbischof von vpe. Er verllagte den Rat als Mitpatrvn der Kirche(was pfisfigc» Katoliken mit Fleiß aufrecht erhielten, nni ihre ■»lischen Kirchen im ganzen Stadtgebiet ans Koste» der kleinen Publik rcpariren zu lassen; erst in diesem Jahr 1883 hat Viis Reichsgericht die Stadt von dem verjährten Unfug befreit), weil die Kirchengiitcr schlecht verwaltet würden und Häuser in der Stadt, die der Pfarrkirche gehörten, mit Einquartierung belegt wären k. Auch daß der Rat nie Katoliken zuließ, keinem Polen Eintritt in die Zünfte offen stand u. dgl. wurde beim (adligen) Assessorialgericht in Warschan geklagt: z. B. selbst, daß die protestantischen Bußtage als Stadtfeicrtagc gälten! Dazu wurde dreist gelogen, daß die Bürger ihre(wie noch heute, meist slavischcn, also katolischcn) Dienstboten vom Messebesuch zurück- hielten— ein sonderbares Ding, denn die Knechte nnd Mägde waren frei nnd konnten ja den Dienst verlassen, wenn ihnen dessen Bedingungen nicht zusagten; aber die Herrschaft mußte doch ihr Recht behaupte», daß die vielen katolischcn Feste nicht ihnen die vertragsmäßige Dicnstleistnng ihres Gesindes entzogen!— Am 25. Februar 1723 entschied der.König", daß die Zinsen der Kirchengiitcr zurückgezahlt und die Bauten auf Stadtkosten— also extra— ausgeführt würden.... Bei Prozessionen galt ein Vertrag von 1643, nachdem ein kulmer Bischof aus der berühmten Familie der Dscholinski ge- schworen hatte, die Kczcr in Thorn zu Paaren zu treiben, des- halb eine Prozession um das Rathaus versuchte, worauf der Rat die Straßen mit Ketten versperren, die Tore(gegen das weist polonisirte Landvolk) schließen und die Bürgerschaft ins Gewehr treten ließ: daraus entstand ein vierzehnjähriger Prozeß nnd endlich der genannte Vertrag. An diesen aber hielten sich die Katoliken längst nicht mehr. Es wurde bei Prozessionen geschossen, Raketen geworfen und sonstiger Unfug aus allen Seiten rings um die katolische» Kirchen getrieben. Meist ließ daher der Rat die Stadtmiliz vor der betreffenden Kirche auf- marschiren, aber das fanatisirte Landvolk unter Führung der Jesuitenschüler widersczte sich fortwährend. Bei einer solchen Gelegenheit kam'S zum Ausbruch. Am Sonntag des Scapulierfestes, 16. Juli 1724, also in schönster Sommerzeit, fand eine Prozession aus dem Jakobs- kirchhof im Nordosten der Stadt bei besonders zahlreichem Zuzug von schaarenweis hereingeströmtem Landvolk statt. Außerhalb der Kirchhofsmancr stand eine Anzahl protestantischer Bürger... ein Jesuitcnschüler warf zweien, die das Allcrheiligste nicht grüßten, dem Kaufmann Heydcr nnd dcni Bäcker Lebahn, die Miize vom Kopf. Aus dieser Gewalttätigkeit entstand Prügelei und zulezt Einschreiten der Stadtmiliz, Gefangennahme des Schülers, Zusammenrottung der Polen?c. Eine Deputation katolischer Studenten forderte vom Präsidenten Rösner Freigabe ihres Kommilitonen: er sagte, er müsse die Sache zuerst untersuchen; folgenden Tags tuniultuirte die Jesnitcnschnle in Masse vor Hcyders reichem Kaufhanse.— Der Rektor erlangte Frei- lassung seines Zöglings— und dies anscheinende Zeichen von Schwäche ermunterte die jungen Fanatiker zu gröbsten Aus- schreitungen. Mit gezogenen Säbeln überfielen sie Bürger, bis die Miliz wieder einen Rädelsführer einsteckte. Nun raubten sie als Pfand in der Arabergasse, unweit ihres Kollegs, einen ahnungslos vor der Tür im hölzernen sog. Beischlag lehnenden protestantischen Gymnasiasten mit dem polnischen Namen Nagorni. Bekanntlich war fast die Hälfte Polens evangelisch gewesen, ehe die Jesuiten kamen. Der blaue Montag gab den meist deutschen Gesellen freie Zeit; sie schaarten sich vorm Kolleg, wo Gymnasiasten Herausgabe ihres Genossen verlangten. Die Polen fielen auf ihre deutschen Todfeinde aus und wurden durch Ka- pitän Granrock mit acht Mann Stadtniiliz zurückgetrieben. Statt jedoch nun zur Stelle zu bleiben und die Menge ans- einanderzntreibcn, marsch irten die Soldaten wieder ans die Hauptwache zum Mittag und das Kolleg blieb sich selbst überlassen. Die kecken Jungen stürzten mit blanker Waffe heraus nnd trieben die Leute fort, bis diese bei einem benachbarten Neubau Steinhaufen fanden und nun die Studenten znrückbonibardirten. Tie Stadtsoldaten(die unterdes wohl ge- speist hatten) kamen zum zweitenmal und— alte Geschichte, die immer neu bleibt— es wurde von beiden Seiten ge- feuert. Wer anfing, war später nicht mehr festzustellen, wie nie bis 1848!— Nach kurzer(Vesper-) Stille begannen die besiegten Studenten im 5lvlleg einen Triumphgcsang mit Wald- hornblasen und obligater Rakctcnbeglcitnng. Der Abend war schön, die Menge kam wieder herbeigeströmt nnd erwiderte giftig die Hohnrcdcn der Jesuitenschüler. Der Rat von Thorn hatte die Untersuchung des Tumults. bei dem nur Fensterscheiben, nicht Menschcnglicdmaßcn zerbrochen, kein Blut geflossen war, gleich am 20. Juli in die Hand genommen. Dagegen protcstirte der Jesuitenpater Mar- czcwski, erschien auf dem provisorischen Rathause(das alte schöne Prachtgebäude war durch Karl XII. zugrunde bonibardirt) und erklärte, dem Rat komme es nicht zu, Verhöre anzustellen, aus Warschan erscheine bald eine Staatskommission. So war der freien Stadt ein Ende gemacht, die sich für Polen in den schwedisch-polnischen Kriegen geopfert und finanziell ruinirt hatte. Der Rat schrieb an seinen warschauer Agenten, die Wahl eines Teils der Kommission dem Rate zu sichern und die Gestimmt- zahl möglich klein werden zu lassen, da sonst die Kosten der verarmten Stadt zu schwer fielen. Der geschickte Agent konnte die Jesuitenmacht nicht überwinde». Am 16. September kam die Kommission an und wie! Ihr Präses, der Wroclawkcr Bischof, fuhr mit zweiundzwanzig Wagen heran nnd verlangte fünf Häuser am Markt, der nächste, Fürst Luboniirski, gar sieben! Einige Herren meldeten hundert, andere hundertfünfzig Mann Bedeckung an. Alle forderten gut Quartier und seine Bewirtung. 648 Den Bischof bcwillkommnetc» im Grciizslädtchcn Rotschoesck bei der bekannten Saline Dschcchotschinek, einem polnischen Welt- bade, der Abgesandte Thonis und erfuhr, daß man einen „reelleren Willkomm" von der Stadt erwarte als höfliche Reden! Den Fürsten begrüßte der Bürgermeister'Rvsner selbst ans lateinisch, der große Herr antwortete ans polnisch, er verstehe kein Latein mehr, sei längst aus der Schule, Soldat, und zu Ehren Gottes gekomnieu.... Er scheine ein großer Eiferer, sagte Rösner nachher in der Ratssizung sehr naiv,— ahnte nicht, daß er von selbigem Eiferer zum Blutopser bestimmt war.... Plözlich schickte dieser Fürst Lubomirski den polnischen Major Targellcs(französischen NamcnS) auf das Rathaus und ließ die Stadtschlüssel fordern. Der Rat protestirte, das habe nicht einmal der König von der Frcistadt verlangt. Vergebens — Dragonerregimcnter und Krongarden rückten in die Stadt von allen Seiten, und zahlreiches Militär belegte die Käm- mereigütcr. Fcldniarschall Flcmming, aus Voltaire bekannt, war jeder Beschwerde unzugänglich. Die deutsche» Landsknechte karakterisirt Schlosser in seiner Schilderung des nordischen Krieges, wie sie ehrlos troz ihres Adels und Offizier-Point-d'honneurs Menschenraub trieben, sobald der König befahl. Aber König August der Starke war Rösners Gastfreund und Schuldner? Umso besser; mit Rösners Tod war er seiner Schulden los. Der Mann, der beim Regierungsantritt und Rcligionsübertritt seine Eltern und Ahnen zur Hölle verflucht, fühlte keine Gc- Wissensbisse um einen deutschen Bürgermeister! Günstigste Gelegenheit, die herrlichen deutsche» Kirchen zu rauben. Ganz Pole» bcsizt nicht eine» Tom, wie die Thorncr Marienkirche; es war die dritte, die man stahl und dem pol- irischen Gottesdienst dienstbar machte; wie Spazen den fleißigen Schwalben die Nester rauben und höhnisch Triumph zwitschern — so besizen bis heute die Polen unter dem Schirm deutscher Langmut die drei schönsten alten gotischen Tome der einst groß- mächtigen Weichselkönigin, wie anfangs die freie Stadt von den schmeichelnden Jagcllonen urkundlich genannt wurde. Der Eröffnung im Rathausc wohnten Bürgenueister Rösner und Burggraf Thomas bei, entfernten sich aber bald. Die beiden kleingeistige» Todfeinde versöhnten sich in der Angst. Außer den Jesuiten kam der Franziskaner- Provinzial und for- dertc für seinen Orden die Hallenkirche zu St. Marien, die Dominikaner wenigstens Gcldcntschädignug, da ein Frater miß- handelt sei. Die Jcsnitcnpatres instruirtcn vor dem Sizungs- lokal die Zeugen, fortwährend aus und ab patronillirend, um keine» zu versäumen. Die Entlastungszeugen wurden alle vcr- worfen. Der Jesuiten Vorschlag, die beiden Ratsspizen Rösner und Thomas, den Stadtsekretär Wedemeycr und mehrere andere Bürger zur Tortur nach Warschau zu schicke», war selbst der Kommission zu stark und fiel. Aber zwei Prediger, Geret und Olosi,»ahm man ins Verhör, die Bürgerschaft erschrak und merkte jczt erst, wohin man zielte.„Lieber die deutsche Freistadt ruinirt, als unpolonisjrt", hieß es bei den Schlachtschizen. Nach vollendeter Arbeit verlangte jeder Kommissar 100 Gulden, der Rat lehnte die Zahlung ab, da sie schon einen Monat geschwelgt..Zur Strafe befahl die Kommission, das Militär aus unbestimmte Zeit im Quartier zu lasse». Ganz wie die Strafbaicrn in Hesirn und die Dragonaden in Frank- reich. Ter Prozeß kostete bis zum IG. Oktober schon 28,514 Gulden 26 Pf. Im Gefängnis saßen einige hundert Evan gelische. Der Hauptpater Marczewski besuchte sie und drohte fürchterlich, falls sie nicht katvlisch würden. Die Akt«» nahm die Kommission nach Warschau, der Reichstag war ausgelöst, das Assessorialgcricht übernahm die Sache. Anz 24. Oktober reiste Ratsherr Giering sreiivillig aus Andringe» der dritten Ordnung(des Handwerkcrtums) niit zwei Gliedern der an- deren zwei Ordnungen znni König; alle anderen hatten Furcht gehabt, nach Warschan in die Löwenhöhle zu gehen. Und Warschau ist selbst urdeutschc Gründung, war früher nebst Krakau im engsten Verkehr mit Thor», das durch Ordensschuz viel reicher als beide ausblühte; aber die jezt ganz arm gc- wordene Stadt besaß nicht mehr den polnischen Hebel: Geld, um in Warschau, das die Wasa zur Residenz gemacht, für sich wirken zu können. Tie angebotenen 200 Gulden hatte Feld- Marschall Flcmming zurückgewiesen; 2000 hätte er genommen. Am IG. November ward das Urteil publizirt: auf den Eid der Jesuiten hin sei Rösner des Todes schuldig und mit neun anderen zur Enthauptung verdammt; seine Güter verfalle»; vier weiteren Bürgern sollte die rechte Hand abgehackt werde», worauf sie auch zu köpfen seien. Andere Ratsherren und Bürger wurden mit Geld und Gefängnis bestraft; auch dreißig Hand- lnngsdiener und Gymnasiasten erhielten je ein Jahr Hast. Tie Stadt sollte den Schaden ersczcn und vorläufig ihre Güter den Jesuiten in Pfand geben. Zur Buße mußten sie noch die so- genannte Schaudsäule sezcn— eine Marmorsäule zu Ehren der Jungfrau, die der große Minister v. Schön 1816 wegbringen und als Pfeiler im Hochmeistcrschloß von Maricnburg verbauen ließ. Die Hauptbcsti'mnuiugen des Urteils vernichteten Thorns politische und kirchliche Freiheit; zum erstenmal seit Gründung der Stadt sollten Polen in die Bürgerschaft und sogar in den Schoß der Behörden Zugang finden. Das war eine flagrante Verleznng der städtischen Verfassung, die August 11. feierlich garantirt hatte. Diesem Sardanapal aber lag viel an Ehre, Eidschwur, Nationalität und derlei Schrullen. Er bestätigte alles. Rasch ging die Entwickelnng vor sich; am 17. Jnli war der Tumult; am 16. September der Einzug der Kommission; am 16. Oktober ihr Schluß; am 16. November das Urteil; am 16. Dezember sollte die Exekution sein. Das war dem Fürsten Lubomirski»och nicht rasch genug. Am 5. Dezember erschien er bereits auf dem Nathans und lud alle zu Exekiiti- rcndcn vor. Das Dekret verlas man lateinisch—■ jczt konnte er Latein! Es galt jezt noch der Meineid der Jesuiten, aber die zagten davor nicht; sie stellte» sechs Schlachtschizen, die beim Tumult gar nicht in Thor» gcivcsen waren— was kams daraus an. Die adelige» Polen schwuren wie ihre Beichtväter wollten. und nun erst war Thor» verurteilt. Abends um 9 Uhr er schien Rösner im einfachen Rock und hörte sein Todesnrte>' standhast an. Sein Genosse entkam durch Verkettung nianck Umstände»ach Danzig. Rösner sollte sich durch Uebertr retten. Er lehnte kalt und still eine solche Zunintimg ab. Wen» irgend ei» Vonvnrf den Ehrenmann als Präsidenten trifft, seine Haltung nach dem Prozeß hebt ihn hoch über alle» Tadel und versöhnt jeden mit dem vorher etwas kleinbürger licht» Benehmen und Gebahrcn des Vorstehers einer exponirten deutschen Kleinrepnblik. Sonach feiert die Stadt sein Andenke» als Märtyrer der Gedanken- und Bürgerfrciheit, als Blutzeugen des Glaubens, wie man das nennt, als Vertreter— muß jeder es nennen— der Standhastigkrit und Ucbcrzengnngstrcuc, mit vollstem Recht. Ein Komitö ist eingcsezt, um ihm am Luther- tage ein Denkmal zu stiften. Denn er gleicht Luther» im kleinen, wie ei» Kiud dem tatenumgcbcncn greisen Ahn. Die Bürger- schast ehrt sich selbst durch diese ehrende Anerkennung eines Bürgers, der lieber sich köpfen als zur Unwahrheit bewegen ließ... Am 28. Januar 1722 hatte der Rat mchrere adlige Polen, die Straßenraubes, Einbruchs und Mordes überführt waren, öffentlich köpfen lassen. Jczt vergalt der polnische Adel dies Attentat aus seine Immunität(gcsczliche Straflosigkeit) durch Enthauptung der Ratshcrren— zwei Jahre später! Ani 7. Dezember 1724, einem Donnerstage, bestieg der greise Rösner das Schasfot, welches auf dem ältstädtischc» Markte neben dem zerschoffenc» und ausgebrannte» Nathans stand, nmgebeu von dichtem Militärkordo». Von elf Genosse» entkam der eine, wie oben gesagt, durch immense Geldopfer, der andere durch Abschwörnng seines Glanbens, die übrige» neun venveigerten Uebcrtritt nnd Gnadengesuch; ihre Häupter fielen der Reihe»ach. Ein Angenzcugc schildert mehrere Roheiten des polnischen Henkers, die wiederzugeben ekelt. Am solgcndcn Freitag nahm man die evangelische Marien- kirche mit Gewalt, wie sechzig Jahre vorher die durch ihre 650 ckfront in bcr Kunstgeschichte berühmte, von Anton Springer onders gefeierte Jakobskirche.„Dank vom Hause Oesterreich!" e Nationen sind nicht dankbar— Thorn hatte Polen groß rden helfen, zum Schaden des mächtigen deutschen Ordens; jortt hatte sich für Polen gegen Gustav Adolf, Karl Gustav und Karl XII. zugrunde gerichtet. Jezt erhielt es den Lohn, w e Carlyle sagt, dafür, daß es seinen Erzeuger, den Ritter- I»,nd, mit dem Fuß aus den Mauern gestoßen!— Doch die Nemesis waltet allseit: in Thorn schlössen die gequälten polni- scheu Dissidenten 1766 die Konföderation, deren Ende Polens Teilung war!— nach einem Halbjahrhundert. Auch die Urheber des thoruer Blutgcrichts endeten kläglich. Pater Marczewski lebte lange, gequält von Körperleid, svdaß er die lezten zwei Jahre„weder sizen noch liegen, weder leben noch sterben" konnte, und den Prediger Gcret, den er soviel verfolgt, um Labung bitten mußte. Fürst Lubomirski starb wie Sulla und Herodes. Der erste polnische Ratsherr, Ma- rianski, delirirte auf dem Todesbctt, er sähe die Getöteten um sich stehen und fluchte seinem Anstifter Marczewski. Polen dagegen erzählen, Fürst Lubomirski sei ihnen erschienen und habe versichert, er hätte nur drei Stunden im Fegefeuer gesessen zuni Lohn für seine Strenge gegen die thorn'sche» Kczer. Ausgeburten des religiösen Wahnsinns. Historische Skizze von Karl gtroßntc. Kürzlich lasen wir in einer amerikanischen Zeitschrift*) über eine in Neu-Mexiko ihr Unwesen treibende fanatische Sekte, die sogenannten„Hermannsbüßer", welche, um Vergebung der -ünden zu erlangen, sich periodisch grausamen Züchtigungen nterwirft. Bei ihren Zeremonien erscheinen alle Beteiligten maskirt, m ihre Identität zu verheimlichen, und bei der jährlichen luße machen die Mitglieder öfters eine Wallfahrt von vielen Neilen, um die vorgeschriebenen Martern zu erdulden. In diesem Jahre begann die Buße am 27. Mai; wie ange sie gedauert ist nicht angegeben. Etwa dreißig Männer nd Frauen bildeten einen Zug. Voran gingen fünf Männer, nackt von der Hüfte bis zum Kopf, lezteren von schwarzen Kapuzen verhüllt. Je zwei dieser Männer trugen ein schweres hölzernes Kreuz, während der fünfte mit einer wuchtigen Peitsche den Kreuzträgern so heftige Schläge auf den nackten Rücken versezte, daß das Blut hervorquoll. Die zwei Kreuze wurden zuweilen den Trägem von andern Personen abgenommen, so daß alle Büßer ihren Anteil an den Gcißelhicbcn erhielten. Ein anderer Mann trug einen Stachelstock, dessen scharfe Spize er von Zeit zu Zeit seinen Genossen in das Fleisch stieß. Ob auch die an der Prozession teilnehmenden Frauen die gleiche Tortur erlitten oder welche andere, ist in dem Berichte nicht gesagt. So zog die Prozession die Straße hinab. Außer einem Gesang in spanischer Sprache, den die Fanatiker zuweilen an- stimmten, wurde kein Wort laut, und kein Seufzer kam über die Lippen der Gefolterten. Der Zug löste sich vor einem kleinen, aus ungebrannten Lehniziegeln errichteten Gebäude auf, in welchem die Zeremonien beendet wurden. Der Boden vorder Hütte war eine Strecke weit mit stacheligen Kaktuspflanzen bedeckt. Als die barfüßigen Kreuzträger dort anlangten, zögerte einer derselben einen Augenblick, voranzuschreitcn. Sofort sausten die schweren Peitschen auf seine bereits blutenden Schultern nieder— und er sprang mit einem Saze in die Stachelpflanzen. So zog die Prozession, breite Blntspuren auf ihrem Pfade zurücklassend, in die Hütte ein. Was im Innern derselben vorging,' ist nicht bekannt. Nach einiger Zeit verließen die Büßer die Hütte uvd marschirten zurück zu dem Gebäude, wo sie ihren regelmäßigen Gottesdienst halten. Eine andere Schaar Büßer, die dort die Schaar der erstcren erwartete, trat dann den Marsch nach dem Orte der Sühne an— und die eben beschriebenen gräßlichen Szenen wiederholten sich nichreremale. Die Zahl der„Hermannsbüßer" soll etwa zivcitauscnd be- tragen. Sie gehörten ursprünglich zur katolischcn Kirche, lvnr- den jedoch vor etlichen Jahren vom Erzbischof von Santa Fö exkvmmunizirt. Nichtsdestoweniger bestehen sie fort. So der amerikanische Bericht. Derselbe erinnert aufs leb- hafteste an das Treiben der Flagellanten- oder Geißler- gcsellschaften des Mittelalters, die auch in furchtbarer Sinnesvcrwinung gegen das eigene Blut wütete». *) Frank Leslies Nr. 1340. Bereits im Jahre 1260 begegnen wir einer großen Gcißler- fahrt in Italien,— zu einer Zeit, als die Lande unter den Kriegen zwischen Welsen und Ghibellincn verbluteten und dem furchtbarsten Jammer preisgegeben waren. Unter Führung des fanatischen Einsiedlers Raiuero von Perugia durchzogen die Geißler von Spolcto aus in Scharen, die bald zu vielen taufenden anwuchsen, Wälschland und einen großen Teil des südlichen und westlichen Deutschlands, durch Predigt uud Bei- spiel zur Rene und werktätigen Buße mahnend, auf daß der „Himmel" sich erbarme und dem Kricgsclcnd ein Ende mache. Doch das alles war nur ein unbedeutendes Vorspiel zu der großen Tragödie, die etwa neunzig Jahre später ihren Anfang nahm, als der furchtbare Würgengel, die Pest, Europa ver- wüstete. Unerbittlich und rastlos sah man ihn seine Sense schwingen, niemand verschonend, weder hoch noch niedrig, Geist- liehe noch Laien, weder Reichtum noch Armut; überallhin mit Windeseile sich verbreitend und— mit Hungersnot im Ge- folge— Hügel zu hunderttauscndcn von Leichen auftürmend. Alle diese Schrecknisse trafen ein vollständig unter der Herrschast religiösen Wahnes stehendes, von einer allmächtigen Geistlichkeit am Gängelbande des blödesten Aberglaubens und kindischen Vorurteils gehaltenes Geschlecht. Da war es aller- dings nur zu erklärlich, daß die Idee Wurzel faßte, die„gött. liche Vorsehung" habe beschlossen, das ganze Menschengeschlecht „zur Strafe für seine Sünden" durch jene dämonische Seuche zu vertilgen, der man völlig ratlos, baar aller Hülfe und alles Schuzcs, von Entsezen und Verzweiflung gepackt, gegenüberstand. Der überwältigende Eindruck des furchtbaren Elends, das Gefühl der Ohnmacht ihr gegenüber, übten ihr Recht auf die Gemüter aus,— die einzige Handlung, deren die Verzwcif- lung noch fähig erschien, war die werktätige Buße, wie Häscr in seiner„Geschichte der epidemischen Krankheiten" sagt. Wie hätte, den finstem Begriffen jener Zeit nach, der werk- tätigen Buße besser genügt werden können, als durch schwere Kasteiung des Leibes? Wußte man doch, daß viele hervor- ragende Kirchenfürsten selbst, so der Kardinal Damian! und der Erzbischof Antonius von Padua, die Selbstgeißclung als leztes Mittel, Gott zu versöhnen, leidenschaftlich empfahlen und an sich selbst angewendet hatten. Der Volksmasscn bemächtigten sich diese schwännerischen Ideen einer sittlichen Läuterung. Es trieb sie der Gedanke, die schwere gemeinsame Kastciung ihrer Leiber,„der Hölle siin- digcr Seelen", niüßte die zürnende Gottheit, die das Menschen- geschlecht mit Qualen heimsuchte,„zähmen." Sie wähnten die Gottheit in grimmiger Ausübung ihrer„höheren Straf- gewalt"— und darin wollten sie ihr beistehen, indem sie freiwillig noch mehr der Qualen auf sich nahmen. So ertönten denn bald in allen Gauen der von der Pest heinigesuchten Lande die Bußpsalmen der Flagellantcn-Schaaren, unter denen auch zahlreiche Frauen und Kinder sich befanden. Ja, i» Speier bildete sich sogar eine lediglich aus Knaben bis zu 12 Jahren bestehende Flagellantengescllschaft, die dem Beispiele der Erwachsenen folgte. Der unverdächtigsten. glaubwürdigsten Zeugnisse über das Treiben dieser Schaarcn gibt es sehr viele. Danach zogen die Geißler, mit verhülltem Antliz, nur notdürftigst bekleidet, mit entblößten Schultern, oft schwere Kreuze schleppend, in die Kirchen der Städte iiiid Dörfer ein. Nachdem sie einen Büß- Psalm abgesungen, in welchem die Gottheit angefleht wurde, „das große Sterben zu wenden" und die Buße anzu- nehmen, legten sie ihre Mäntel und Kutten ab, zogen die Schuhe aus und begannen, sich mit ihren dreipfricmigeu Geißeln unbarmherzig den Rücken zu zerfleischen, so daß oftmals die Kirchenwände von Blutspuren benczt wurden. Den Schluß dieser grauenhaften Bußübung bildete wiederum ein Gesang. Nicht lange, und die Geißlerschaaren überfluteten das ganze Reich, besonders aber Sachsen, Thüringen, Franken und die Rheinlande; selbst über das Meer nach den brittischen Inseln nahmen sie ihren Weg. Daß damit die Verbreitung der Seuche nur gefördert wurde, bedarf wohl kaum der Erwähnung. Tic Geißler bildeten eine unter der Leitung von„Meistern" stehende Brüderschaft. Wer Aufnahme in dieselbe begehrte— und das waren nicht nur„Leute aus den niedrigsten Klassen", wie irrtümlich oft behauptet worden, sondern auch Reiche und Vornehme— der mußte sich vor allem verpflichten, eine be- stimmte Zeit auszuhalte», und feierliche„Buße und Liebe gegen seine Feinde" geloben. Ehemänner fanden nur mit Zustimmung ihrer Frauen Aufnahme, ebenso Frauen nur mit Zustimmung ihrer.Ehemänner. Daß diese ganze Erscheinung nicht verfehlte, einen tiefen Eindruck auf die große Volksmasse zu machen und den Ge- danken der Nachahmung auch in solchen wachzurufen, die aus irgend welchem Grunde an den Geißlerfahrtcn nicht teilnehmen konnten, ist wohl selbstverständlich. Es erklärt sich daraus die Tatsache, daß an sehr vielen Orten die Zurückbleibenden sich wenigstens zweimal an besonders dazu bestimmten Stätten geißeln ließe». Dabei wurde dann von einem der Geißler ein Brief verlesen,„der zu Jerusalem auf St. Peters Altar von einem Engel niedergelegt worden", und darin stand— wie Thüringer Chroniken berichten— daß Gott, erzürnt über die Welt, deren Untergang beschlossen hätte. Aber die Jungfrau Maria und die Engel hätten ihn um Barniherzigkeit gebeten. Man möge deshalb Buße tun.— Oft kam es,>vic ein altes Zcitbuch meldet, vor, daß die Pfaffen, welche in diesem Hokus- pvkus eine Beschränkung ihrer„göttlichen Autorität" und ihres Privilegiums, Wunder zu ersinne», erblickten, den Geißlcrn cnt- gcgcntratcn und fragten:„Wer hat euch den Brief besiegelt, daß ihr solches glaubet?" Die Gcißler pflegten dann zu ant- Worten mit der spizsindigcn Gegenfrage:„Wer hat euch die Evangelien besiegelt, daß ihr an sie glauben möget?"— Ucberhaupt ließ der Klerus die Geißler nur so lauge in Ruhe, als dieselben sein Ansehen nicht gefährdeten. Es konnte jedoch nicht ausbleiben, daß dieses geschah. Die Volksmassen erwiesen alsbald den Gcißler», besonders den Häuptern ihrer Brüder- schasten, eine an Abgötterei streifende Verehrung. Dadurch übermütig gemacht, griffen diese Häupter ohne viel Bedenken in die Vorrechte des Klerus ein; sie begehrten, wie dieser, Wunder zu tun durch Fürbitte», Handauflegen:c., und erklärten, von Gott die Machtvollkommenheit zu haben, jedem, der das„Sa- krament der Gcißelbuße" empfangen, Absolution zu er- teilen. Solcherweise lehnten sie sich gegen die Autorität des Klerus auf und behandelten denselben mit der äußersten Gering- schäzuug. Kein Wunder, daß der Klerus energisch das Ein- schreiten des Pabstes forderte. Wichtigere und ermstcre Rücksichten bewogen die weltliche Macht, gegen die Geißler vorzugehen. Unter der Larve frommer Zerknirschung mischten sich die gefährlichsten Menschen in ihre Reihen— und bald wurde Diebstahl, Mord und Raub unge- straft verübt. So wurden denn durch eine Bulle des Pabstes Clemens VI. vom 20. Oktober 1349 die Geißlerfahrten für die Christenheit als„kezcrischcs Unternehmen" verboten. Die Bulle wurde im Jahre 1372 vom Pabst Gregor XI. erneuert. Trozdcm tauchten die Geißlergcscllschaften hier und da noch wieder auf, doch waren sie von nun an manchen Verfolgungen ausgesezt. In gewaltiger Stärke, dreißigtausend Mann an der Zahl, erschienen sie im Jahre 1400, welches Pabst Bonifa- zius IX. zu einem sogenannten„Jubeljahr" gemacht hatte, in Rom. Dem päbstlichcn Jubelunfug— Nachlaß der Sünden gegen fromme Spenden— seztcn sie ihren Unfug entgegen, weshalb eine neue Bannbulle sie traf.— Als sie 1414 nochmals in Thüringen erschienen, wurden mehrere ihrer Häupter als Kezer verbrannt. Nicht unerwähnt möge bleiben, daß die Geißler sich noch besonders durch Aufhezung der Volksmassen gegen die Juden hervortaten, indem sie diesen die schauerlichsten Verbrechen, so die Vergiftung der Brunnen u. a., andichteten. Mehr als ein- nial gelang es ihnen, den großen Haufen zu fanatisiren, daß er keine Schranken und kein Maß mehr kannte, und sich er- bariuungslos auf seine Schlachtopfcr stürzte. Seitdem ist ein halbes Jahrtausend vergangen. Längst hat die Geschichte ihr Urteil gesprochen über die geschilderten Er- scheinungen und deren innerste Ursachen: das religiöse Vorurteil, den Aberglauben an eine finstere überweltliche Macht, gepflegt und genährt von„Dienern Gottes".— Und heute sehen wir eine ähnliche Erscheinung in Amerika— und wie damals so auch jezt trifft die„Büßer" der Bannstrahl der geistlichen Gewalt. Was den, Mönch, wenn er in der Einsamkeit der Klostermauern seinen Leib martert, als„gottgefälliges," zur„ewigen Seligkeit" führendes Werk angerechnet wird;— was einem Antonius von Padua und so manchem anderen asketischen Schwärmer dazu verholfcn hat,„heilig" gesprochen zu werden,— das belegt die geistliche Gewalt mit dem Banne, wenn mehrere Menschen aus dem Laienstande es nachahmen. Eine bedenkliche Logik, die da sagt: Wenn zwei im religiösen Wahnsinn dasselbe tun, so ist es doch nicht dasselbe. Wusere Blumenzüchter. Iu8 dem Insekten- und Blumenleben. Von WilHetm Wtc>s. Im Frühling und Sommer, wenn die alte und doch ewig junge Mutter Natur ihr schimmcriides Prachtgcwand angelegt hat. welch eine Fülle von Vlütenglanz und Blütenduft in Wald und Feld! So reich, daß die Dichter nimmer müde werden, die alljährlich sich verjüngende Herrlichkeit zu besingen. Welch ein Reichtum und Schmelz der Farben, welche süßen und be- rauschenden Düste! Wie arm erscheint das Werk von Menschen- Hand gegenüber den ungezählten Massen von freundlichen Gaben. welche die Naturproduktion aus ihrem unerschöpflichen Füllhon, über nn? ausschüttet! Du liegst im Wald oder auf der Wiese, weit von dem ge- schäftigen Treiben der Menschen unter einem Baum, um dich in der Einsamkeit zu erfrischen. Aber je länger und aufmerk- sanier du lauschest, desto mehr schwindet die scheinbare Stille und Einsamkeit. Ein leises Rauschen, Knistern und Summen wird dir bemerkbar, jenes geheimnisvolle Waldeswehen, in welchem unsere frommen Ahnen den Odem ihrer Waldgötter erkennen wollten. Wir sehen unzählige kleine Wesen sich regen. Die Mücken summen; die Käfer lassen ihre blanken Flügeldecken im Sonnenstrahl funkeln, Schmetterlinge gaukeln hin und her, Bienc», Wespen und Hummeln schwirren hurtig von Blnmc zn Blume. Tie Blumen öffnen wie schmachtend ihre Kelche und entsenden ihre süßesten Düste, lassen ihre schönsten Farben schim� mcrn. Ein warmer, wohliger Hauch geht durch diese ganze bunte Erschcinungswclt, und selbst wenn wir heute noch ani Anfange der langen Reihe von Forschungen und Erscheinungen ständen, die wir bereits hinter uns haben, so müßten wir ahnen, daß sich hier ein reiches und weitverzweigtes organisches Leben abspielt. Die Naturforschung ist heute in der glücklichen Lage, dieses reiche und interessante Leben zu kcnnen; sie hat Klarheit geschaffen im allgemeinen, wenn auch noch manches einzelne unerklärt sein mag. Tie Natur hat selbst ihr Inneres er- schlössen, und wer lesen kann, der lese, was dort in großen und klaren Zügen geschrieben steht. Die tiefeingedrnngene Natur- forschnng von heute kann sich jene schonen Worte zn eigen machen, in denen Eichcndorff seine Erkenntnis vom Wesen und Wirken der Natur im grünen Wald und blumigen Feld ausdrückt: „Ich fand darin geschrieben So manch ein schönes Wort Von rechten. Tun und Lieben Und was des Menschen Hort; Ich habe treu gelesen Tie Worte schlicht und wahr lind durch mein ganzes Wesen WardS unaussprechlich klar!" Was der Dichter nicht aussprechen kann, die Wissenschast spricht es aus. Wenn heute gefragt tvird, ivie denn der Prächtige Blumen- flor in Wald und Feld entstanden und wie er zu solcher Mannichfaltigkeit und zn solchem Farbenreichtum gekommen sei, so brauchen wir heute nicht kleinlaut zn sagen, daß wir etwa vor einem uncrforschlichcn Rätsel stünden, oder die Ausflucht in?liisprnch zn nehmen, daß jene Natnrherrlichkciten durch Schöpfung seitens einer übernatürlichen Gewalt hergestellt worden seien. Wir haben in neuester Zeit einen Ucberblick gewonnen, >vie sich der ganze Blumenflor entwickelt hat und was dabei behilflich gewesen ist. In der Vorzeit war die Flora, die Pflanzenwelt, zuerst durch jene ans der niedrigsten Stufe stehenden Organismen, die Algen vertreten, ans denen sich dann höhere Pflanzen- gattilngen entwickelten; zunächst die Moose, aus diesen wieder Fanenkräuter u. s. f., bis die Entwicklung endlich bei den höchsten Pflanzengattnngen anlangte, wie wir sie heute sehen und wie sie sich immer noch weiter vervollkommnen. Es ist der Naturwissenschaft gelungen, diese lange Reihe der Entwicklung aufzufinden. Diese Erforschung wurde zunächst dadurch nnge- nicin gefördert, daß Linne, der berühmte Botaniker, die nnge- Herne Menge der Pflanzen übersichtlich ordnete und einteilte. In unserem Jahrhundert kam Darwin, der in seinen lang- jährigen Beobachtungen die Gcseze von der Veränderung der Arten, von der natürlichen Zuchtwahl, von der Vererbung und Anpassung fand und dadurch auf die bisher immer»och dunkel gebliebene Entwicklung der Pflanzenwelt ein hellstrahlendes Licht fallen ließ. Nachdem sich die Pflanzen zu höheren Formen herauf ent- wickelt hatten— diesen Vorgang darzustellen ist hier nicht unsere Aufgabe— entstanden auch die Pflanzen mit Blüten; anfangs sehr einfach, später ausgebildeter und mannichsaltigcr. Es ent- standen also jene pflanzlichen Organismen, die man heute nntcr Blumen versteht. Tie Blume kann sich fortpflanzen durch Sclbstbefrnch- tung oder durch Kreuzung mit anderen Blumen. Tic Fort- pflanziingsorgane haben sich im Lauf der Entwicklung sehr ver- schieden gestaltet; es gibt Blumen, bei denen Selbstbefruchtung und Kreuzung zugleich stattfinden kann; bei anderen findet nur eine Art der Fortpflanzung statt. Die Geschlechts- rcsp. Fortpflanzungsorganc der Blumen erscheinen unter mannichfachcn Formen; im Ganzen aber geht die Befruchtung nach den gleichen Grnndsäzen vor sich. Inner- halb der Blnmenkrone befinden sich nämlich die Staubfäden, welche innerhalb der Staubbeutel den Blnmcnstanb tragen, die sogenannten Pollen oder Pollenkörncr. Auf dem Grunde der Blumenkelche befindet sich der sogenannte Stempel, welcher den Fruchtknoten, den Behälter der Samenknospe, in sich schließt. Am oberen Teil des Stempels befinden sich kleine Wärzchen, Narben oder Narbcnpapillen genannt, die niit einer klebrigen Feuchtigkeit bedeckt sind. Wenn sich zwischen Fruchtknoten und Narbe noch ein Verbindungsstück befindet, nennt man dieses den Griffel. Außerdem finden sich im Kelch noch häufig Honig- drüscn(Nektarien), die verschieden angebracht sind. Bei der Befruchtung fallen die Pollen- oder Blumenstaubkörner aus dem Staubbeutel auf die Narbe und werden dort von der klebrigen Feuchtigkeit festgehalten. Das Pollenkorn bildet dann einen Fortsaz in Form eines Schlauches, den sogenannten Pollen- schlauch; dieser Schlauch drängt sich zwischen den Wärzchen oder Narbcnpapillen hindurch in den Behälter der Samenknospe hinein und kommt mit dem eigentlichen Ei, welches dort verhüllt liegt, in Berührung. Durch den Schlauch dringt nun der befruchtende Inhalt des Pollenkorns ein und erreicht das Ei, resp. die Eizelle, welche so befruchtet wird, wächst und zum Samenkorn sich ausbildet. Bei dieser so fcinorganisirtcn und wunderbaren Befruch- tungsform sind aber auch noch andere Einflüsse tätig. Das Pvllcnkorn fällt nicht von selbst auf die Narbe, um weiter vor- dringend das Ei zn befruchten, sondern es muß eine treibende Ursache dazu vorhanden sein. Zunächst besorgte der Wind das Abfallen der Pollenkörner. Er schüttelte die Staubfäden tüchtig, so daß die Pollenkörner ans den Staubbeuteln sielen. Er trieb aber mit den Pollenkörnern eine große Verschwendung und streute die weitaus größere Masse umher, daß sie nuzlos ver- darb. Inzwischen hatte sich auch die Jnscktenwelt entwickelt und von den Insekten fanden sehr viele Geschmack an den Pollenkörnern. Sie flogen von einer Blüte zur andern und suchten die beliebte Nahrung auf; dabei verschleppten sie den Pvllenstaub ohne ihren Willen, streiften ihn auf anderen Pflanzen ab, wo er mit den weiblichen Organen befruchtend in Berührung kam, und stellte» so als unfreiwillige Vermittler die Kreuzung her. Damit hatten diese Insekten für die Fortpflanzung und Entwicklung der Blnmcnwclt eine ungemein wichtige Rolle über- nommen, die durch Anpassung und Vererbung nunmehr für verschiedene Pflanzenartcn unentbehrlich geworden war. Der Vollständigkeit wegen sei auch bemerkt, daß bei ein- zelnen Pflanzen, die im Waflcr gedeihen, auch das Wasser die Uebcrführung der Pollenkörner übernimmt; bei anderen Blumen verschleppen die Schnccke», die über sie hinwcgkricchcn, den befruchtenden Staub; auch einzelne Vögel, die sich vom Blumen- Honig nähren, besorgen die Beförderung der Pollenkörncr,»a- mentlich der zierliche Kolibri. Das meiste aber leisten in diesem Punkte die Insekten, und unter diesen wieder leistet die fleißige und intelligente Biene mehr als alle anderen Insekten- familien zusammengenommen. Die Insektenblütler, nfie die Wissenschaft die Blumen nennt, deren Fortpflanzung durch In- selten vermittelt wird, sind die entwickeltste» Blumen; sie haben fast alle Honig und zeichnen sich aus durch ihre Farben oder ihren Duft. Alle unsere einheimischen Blumen sind Insekten- blütler. Tie Kreuzung, welche die Insekten unter den Blumen ver milteltcn, war für die Fortentwickelung der Blunienwclt von unermeßlicher Bedeutung. Darwin ist zuerst auf diese h Bedeutung der Krcuzbefrnchtnng aufmerksam geworden; er zahlreiche Versuche angestellt und ist zu dem Resultat gekonnt daß durch lange und andauernde Inzucht, also die engste,> der Fortpflanzung, die bei der Pflanze die Selbstbcsr i ist, die Art verschlechtert wird, während die Kreuzbefruchtung eine weit kräftigere und entwickelungsfähigere Nachkommenschaft liefert. Ein Gesez, das in der ganzen lebenden Natur in Kraft besteht. Bei den hochentwickelten Blumen bildet darum die Kreuzbesrnchtnng oder Fremdbestäubung die Regel, die Selbst- bcfrnchtung die Ausnahme. Untersuchen wir nun, welche Insekten es sind, die die Vermittelung der Kreuzbefrnchtung übernommen habe», so finde» wir, bajj die Verdienste derselben um die Vermittlung der Blumenfortpflanzung sehr verschiedene sind. Libellen, Schaben, Grillen, Heuschrecken und Skorpionfliegen leisten in diesem Fach wenig, die Wan- zcn auch nicht viel. Diese In- selten weisen in ihrer Entwick- lung auch keine Anpassung an die derKreuzbefruch- hing bedürfenden Blumen auf.— Von den Käfern leisten einige Fa- Milien etwas, aber auch nichts wesentliches; sie scheinen sich aber anpassen zu wol- lcn, wo sie auf Blumcunahruug angewiesen sind. In Südamerika gibt es einige Käferarten, de- reu Kicscrladen so gestaltet sind, daß sie eine Sangröhre bil- den, länger als der Käfer selbst, niit welcher der Blu menhonig hervorgeholt wird. Dies ist die weitgehendste Anpassung der Käfer, die man kennt. Weit mehr sind als Kreu- znngsvermittler tätig die Flie- genarte», die Schwebfliegen. Schnepfenfliegen Dickkopsfliegen, Wollschweberic., bei welchen sich im Laufe der Zeit ein passen- der Saugrüssel ausgebildet hat. Die Schmetter- linge leben we- sentlich vom Ge- nufle der in den Blumen enthal- tenen süße» Flüs- 'gleiten und sind lb auch mit !..i langen, .oohlausgebildc- ten Saugrüssel versehen. Sie tragen sehr viel zur Krcuzbefruchtung bei, aber immer noch lange nicht soviel wie die wcspcnartigen Insekten oder Aderslügler. Die Wespen sind, mit Ausnahme der Holzwespen, fleißige Besucher der Blumen; sie sind aber nicht auf Blumcnnahrnng beschränkt, bleiben also Kirgisischer Falkonier.(Seite 668.) auch nur fakultative Mitarbeiter an der Kreuzniigsvermitteluiig. Ganz von Blumennahrung lebt aber die Blumenwespe oder Biene, bei welcher denn auch die Anpassung an die Vermitt- lung der Kreuzbefruchtung den höchsten Grad erreicht hat. Ur- sprünglich hat jedenfalls die Biene dieselbe Organisation zur Gewinnung von Blumennahrung gehabt, wie die Grabwespe; allein die Biene hat sich im Lauf derZeitihrenBe- dürfnissen mehr angepaßt und ist zu einer gerade- zu wunderbaren Ausbildung ih- rcr Organe ge- kommen. Die Zunge der Biene ist eines der fein- stcn und bewnn- dcrnswürdigsten Werkzeuge, wel- che die Natur geschaffen. Nicht nur, daß diese Zunge, welche den süßen Blu- menhonig sam- mclt, um ihn zu dem so wertvol- len Bienenhonig zu machen, mit Härchen besezt ist, damit beim Eintauchen in die Honigdrüsen der Honig sehr leicht daran hängen bleibt, sondern es haben sich auch die Kieferladen gestreckt und um- geben die Zunge wie ein Saug- rohr, sodaß das Ganze einen wohlorganisirten Saugapparatbil- det der ganzaus- gestreckt den Bie- nenkörper an Länge übertrifft, und niit dem der Honig aus den tiefsten Falten der Bliitenkelche geholt werden kann.— Dieser Saugapparat kann auch eingezogen und zusammengelegt werden. Das sind die Wunder aber noch nicht alle, welche die den Bedürfniffen sich anpassende Entwickelniig der Bienen hervor- gebracht hat. Bei den hochentwickelten Bienen hat sich die Gräte, welche durch die Bienenzunge läuft, zu einer Art Huar- röhrchen umgewandelt. Mittels dieses Haarröhrchens wird die Biene davor geschiizt, daß ein schlechter Honig, an dem sie zu sangen begonnen hat, in den Hanrquirlcn der Zunge hängen bleibt und der Biene den Geschmack verdirbt. Das Haar- röhrchcn hat unten, wo es aus der Zungenspize hervortritt, einen löffclsörmigen Ansaz. Wird dieser in den Honig getaucht, so steigt ein Teil des Honigs bis an die Zungenwurzel hinauf; die Biene kostet den Honig auf diesem Wege und kann die Haarqnirle frei halten, während sie den Inhalt des Haarröhr- chcns leicht wieder ausstößt. Welche Feinheit der Ausrüstung der Biene für ihren Beruf! Aber auch das ist noch nicht alles. An den Hinterbeinen der Bienen hat sich ein Ansaz von Haaren gebildet, an dem sich der Blütenstaub massenhaft ansezen kann. Die Bienen sammeln den Blütenstaub, denn sie ernähren ihre Larven von Pollenkörncrn und Honig. Diese Haare haben sich zu einem förmlichen Pollensanimclapparat ent- wickelt, und so verschleppen diese fleißigen und klugen Tiere den Blütenstaub leicht auf alle Blumen, die sie besuchen. Ter berühmte Naturforscher Sprengel sagt, er habe Bienen bcob- achtet, die so stark mit Blütenstaub beladen gewesen seien, daß sie im kleinen denselben Eindruck auf ihn gemacht hätten, wie schwerbelastete Packpferde im großen. Diese Pollensammel- bürste der Bienen erscheint auch in verschiedenen Gestalten; namentlich da, wo die Bienen den eingesammelten Blütenstaub mit Honig zu durchkneten pflegen, ist die Organisation der Sammclbürste eine dem entsprechende. So haben sich einzelne Insekten int Lauf ihrer Entwicklung dem Beruf, die Krenzbefruchtung der Blumen zu vcr- niitteln, vollkommen angepaßt. Ihnen kam aber von der an- deren Seite ein ebenso großes Anpassungsbedürfnis der Blumen selbst entgegen, das nicht minder bewundernswürdige Resultate erzielt hat. So wird von beiden Seiten harmonisch darauf hingewirkt, durch natürliche Zuchtwahl(Selektion) oder Natur- auslese, durch Anpassung und Vererbung die tierischen und pflanzlichen Organismen immer mehr zu vervollkommnen und ihr Verhältnis zu einander immer ergiebiger und nuzbringendcr zu gestalten. Bei den Blumen findet ein förmliches Werben um den Be- such der Insekten statt, und eine starke Konkurrenz unter den einzelnen tritt hervor. Die Blumen locken die Insekten an durch ihre Farbe, ihren Tust und ihren Honig. Man weiß nicht genau, wie die schönen Farben der Blumen zustande ge- kommen sind, aber man hat beobachtet, daß sich der Insekten- besuch in gleichem Maße mit der Auffälligkeit der Blumen- färben steigert. Die Insekten erfreuen sich an schönen und bunten Blumenkelchen, die ihnen wie prächtige Paläste erscheinen mögen; die Blumen haben sich diesem Bedürfnis vollkommen angepaßt. Es gibt Blumen, die mit ihren Farben förmlich kokettircn, indem sie sich nur an einzelnen Tagen entfalten und so durch die Seltenheit den Reiz ihrer Farbenpracht erhöhe». Bei alledem sind der Duft und der Honig der Blumen stärkere Lockmittel als die Farben der Kelchblätter. Man kann leicht beobachten, daß das bescheidene aber süß duftende Veilchen mehr von Insekten besucht wird, als das Stiefmütterchen, welch lez- teres mehr durch seine Farben ausfällt, als das Veilchen. Nun ist den Blumen auch nicht jeder Gast willkommen, namentlich wollen sie von solchen nichts wissen, die nur ihre Pollen fressen, aber zur Kreuzbefruchtung nichts beitragen. Un- geschlachte Käfer, freche Mücken, stinkende Wanzen und gefräßige Hummeln sind bei den Blumen nicht beliebt; ihre Lieblinge sind die fleißigen und zierlichen Bienen und die bunten, gau- kelnden Schmetterlinge. Dem entsprechend haben sich bei den Bluinen eine Menge von Schuzmitteln gegen das Ungeziefer ausgebildet. Zunächst liegt bei vielen der Honig so tief und verborgen, daß ihn nur die Insekten mit den am besten ent- wickelten Saugwerkzeugen, also Bienen und Schmetterlinge, er- reiche» können. Gegen kriechende Räuber und unsaubere Ge- scllen, als da sind Schnecken, Raupen n. s. w., schüzen sich die Blumen durch Stacheln und Borsten, welche rings an den Stcn- gel» stehen. Für besonders widerwärtige Gäste, für Aasfliegen, Mistkäfer und dergleichen Gesindel sind besondere Blumcnartcn vorhanden, die sogenannten Ekelblumen, welche der Geruchs- und Geschmacksrichtung dieser Insekten entsprechen und sie so davon abhalten, sich in die anständige Gesellschaft der Bienen und Schmetterlinge auf schönen und wohlriechenden Blumen ein- zndrängen. Es gibt auch Blumen, in deren hohlen Blättern sich Wasser ansammelt, in welches die kleinen, den Blumen nicht angenehmen Insekten leicht hineinfallen, wo sie dann ertrinken. Sehr interessant sind die Täuschblunicn. Das Fliegen- blümchen ist ein solches; es will sich auch mit anderen seiner Art befnichten, aber die Schmetterlinge und Bienen haben das arme Ding von jeher sizen lassen, wie ein häßliches Mädchen beim Tanz sizen bleibt. Das Fliegcnblümchen ist aber listig; darum hat es sich mit der Zeit einen braunen, mit einem fahl- bläulichen nackten Fleck versehenen Ansaz angeschafft, auf dem sich zwei glänzende Knöpfchen befinden, die wie Wasscrtropfen aussehen. Die dumme Flcischfliege hält dies für Fleisch, und obwohl sie stets enttäuscht wird, fliegt sie doch von Blume zu Blume und läßt sich immer wieder anführen. Dabei aber schleppt sie Pollcnkörner mit fort, an die sie angestreift ist, und vermittelt die Kreuzbefruchtung. Es gibt Ekelblumen, welche einen Blütcnkessel haben, der die ersehnten Gäste eine zeitlang gefangen hält. Einen Aus- weg suchend, rennen die Gäste in dem Gefängnis herum und wenn sie ihn endlich finden, sind sie voll Pollenkörner, so daß sie die Kreuzbefruchtung wohl oder übel vermitteln müssen. Andere Blumen klemmen die sie besuchenden Fliegen fest und entlassen sie erst wieder, wenn dieselben mit Blütenstaub bedeckt sind. In Afrika gibt es sogar eine Blumenart, die durch ihre Fleischfarben die Ausfliegen so sehr täuscht, daß leztere ihre Eier auf die Blätter dieser Blumen abladen, wo das junge Ungeziefer umkommen muß. Da die Schmetterlinge sehr unbeständige, wählerische und sprichwörtlich ungetreue Liebhaber sind, so bieten die Blumen alle ihre Künste auf, um diese windigen Gesellen an sich zu locken. Die Blumen, die auf Tagfalter spckuliren, haben sich ein äußerst prächtiges Gewand zugelegt, denn die Schmetter- linge sind Stuzer und haben sich durch natürliche Zuchtwahl in die schönsten Farben gekleidet. Die Blumen, welche auf Nachtfalter erpicht sind, sind meistens mit weißen Glocken ver- sehen, welche von den Nachtschwärmern leicht erkannt werden. Auch den Wespenartcn haben sich die Blumen angepaßt. Die Grab- und Schlupfwespen legen ihre Eier in die Körper anderer Tiere und suchen dann eine Höhle, wo sie das mit dem Ei belegte Beutetier unterbringen. Eine ganze Reihe von Blumen, z. B. das Löwenmaul und der Fingerhut, haben Blunicnhöhlcn gebildet, wo die Wespen ihre Brut niederlegen und die Lokalmiete dann in Form der Kreuzbefruchtung ent- richten. Diese Höhlen sind für Wespen gut möblirt und sogar den eigentümlichen Bewegungen jener Insekten angepaßt. Die fleißigen Bienen sind das Ziel der Anlockung vieler Blumen; diese intelligenten, Schäze sammelnden Insekten kümmern sich weniger um schöne Farben, sie suchen, wo Honig in Hülle und Fülle aufgestapelt ist. Nur die niederen Bienenartcn lassen sich durch Geruch und Farbe zum Besuch von Blumen bestimmen, die ihnen sonst gleichgültig sind; die höheren Arten kennen die Blumen, welche reichen und guten Honig bieten, sehr genau. Manche Bicnenblumcn mit angenehmem Geruch und vortreff- lichem Honig sind in ein ganz einfaches Gewand gekleidet, im dadurch der Aufmerksamkeit lästiger und zudringlicher Besuche: zu entgehen. Man sieht, wie die Intelligenz der Jnscktenarten sehr ver- schieden ist. Besonders die Käfer sind dumm. Der kleine Bock- käfer läuft oft auf einer Grasähre ans und ab und klappt hungrig die Kiefern zusammen, kann aber keinen Honig finden, weil er zu dumm ist. Der Rapskäfer ist noch dümmer. Er kriecht oft in die Fraucnschuhblume, welche eine Falle für Bienen hat. Tic Falle hat eine Hintertür. Der Rapskäfer bleibt beim Herauskriechen an den fiebrigen Pollen hänge», ist zu schwach. uicbcr los zu kviumcn und zappelt sich zutodc. Die Intelligenz >cr Fliegen ist sehr verschieden. Die knrzrüsseligcn sind sehr >umm; die langrnsseligen sind in der Entdeckung von Honig ast eben so geschickt wie die Honigbiene selbst. Die Blumen locken oft die verschiedensten Insekten an sich urch Farbe und Wohlgcruch, aber nur einige oder nur eine inzige Slrt hat Zutritt zu der Schazkammcr. in der der Honig >erivahrt liegt. So gibt es eine Blume(Mclampyrum arvcnse) ie alle möglichen hvnigsuchendcn Insekten anlockt, aber nur der angrüsseligsten Hummel den Honig gewährt, wofür die Hummel ic Krcuzbefruchtung vermittelt. Dafür ließen sich noch mehr Belege beibringen. So sehen wir, daß auch bei den Blumen ein reiches und lannichfaltigcs Liebcslebcn sich abspielt, wie die Dichter es lanchmal geahnt haben. Oder ist es nicht eine Ahnung der Lahrhcit, wenn Heinrich Heine in seinem reizenden Gedicht von er Lotosblume sagt: Die Lotosblume ängstigt Sich vor der Sonne Pracht Und mit gesenktem Haupte Erwartet sie träumend die Nacht. Der Mond, der ist ihr Buhle, Er weckt sie mit seinem Licht, Und ihm entschleiert sie freundlich Ihr frommes Blumengesicht. Sie blüht und glüht und leuchtet Und starret stumm in die Höh', Sie duftet und weinet und zittert Vor Liebe und Licbcsweh. Was der Dichter in seinem tiefen Gemüt nur ahnte und in letischer Bekleidung aussprach, hat die Wissenschaft klargestellt. Wir sehen, daß bei dem reichen Liebeslcben der Pflanzen, die ihren Staudort nicht verlassen können, die Insekten die Ver- mittler spielen. Insekten wie Blumen passen sich diesem Ver- mittlungstrieb durch natürliche Zuchtwahl an, und so sehen wir, daß die Insekten die Blumenzüchter sind, denen>vir die außer- ordentliche Pracht und Schönheit der Blumcnwelt zu verdanken haben. Die kleinen Kunstgärtner haben im Laufe der Jahr- hunderte sich.ein Reich von wunderbarer Schönheit geschaffen; für sie ist die Erde in der Tat ein Blumengarten; die Blumen- kclche sind ihre prächtigen, kunstvoll und phantastisch gestalteten und geschmückten Paläste, in denen für sie eine Menge von Schäzen und Süßigkeiten aufgespeichert sind und wo sie täglich mit Hochgenüssen beglückt werden. So reich ist die Natur, daß diese Insekten im ganzen immer den Gegenstand der Nach- frage und Anlockung bilden; es sind solch ungeheueren Qua»- titäten von Blütenstaub und Blumcnhonig vorhanden, daß eine Menge von Pflanzen gar nicht von Insekten besucht werden, auch wenn sie sich zum Besuch eignen. Wir schließen mit einem Ausspruche eines unserer bedeu- tensten Pflanzcnforschcr, des Oberlehrers Dr. Hermann Müller zu Lippstadt: „Den frommen Gemütern, die auch in den Wechselbeziehungen zwischen Blumen und Insekten das Walten einer allweisen, all- gütigen Vorsehung zu' bewundern lieben, und ebenso Freunden des nie irrenden Unbewußten, denen zufolge das Hellsehen des Instinkts ja gerade immer solche Punkte betrifft, welche die bewußte Wahrnehmung überhaupt nicht zu erreichen vermag, muß jenes in Südbrasilicn angepflanzte Hedychium zur Brach- tung empfohlen werden, in dessen honigspendendcn Blumenröhren gewisse Schwärmer sich mit ihren Rüsseln festklammern und die Blumen zerschlagend auch selbst langsam dahinsterben." Um Wahrheit. Novelle von HleinHcrrd Kern. (Schluß.) Der Pastor trat dicht vor die Dame des Hauses hin und oerbeugte sich mit eigentümlich düsterem Lächeln. „Gnädige Frau." sagte er.„entschuldigen Sie gütigst, daß ich Sie in Ihrer jedenfalls außerordentlich interessanten Unter- ■ iltung mit Herrn von Köstlin störe. Ich komme, um meinem 'ehr geehrten Herrn Gegner den lebhaften Wunsch meines i-ingeren Amtsbruders, des Herrn Kandidaten Linke, vorzu- agen, Herr von Köstlin möge ihm noch auf einige Fragen im rivatgespräch Antivort erteilen. Auch ich habe ein Interesse wan, daß es also geschähe, denn erlaubte auch mir meine mir ach die Allgüte des Höchsten anvertraute Stellung nicht, die isputation fortzusezen, nachdem sie einen so— nun sagen wir »offen Karakter angenommen, so möchte ich doch nicht der Ver- 'l.utung Nahrung geben, als hätte mich ein anderer, ein sachlicher '»rund bewogen, die Unterhaltung abzubrechen. Sic, mein Herr ii Köstlin, werden mir wohl gestatten, Sie inzwischen bei unserer überaus liebenswürdigen Wirtin zu vertreten, der ich Oiitge, e ich mit Sicherheit annehmen zu dürfen glaube, auch für recht interessante Mitteilungen zu niachen habe." Ohne eine Antwort abzuwarten, zog sich der Pastor einen l.'hnsessel heran und ließ sich an der andern Seite der aaiine .eber. Diese zog die schönen Augenbrauen in heftigem Uu- illen zusammen und antivortcte: „So— ah— ich weiß nicht, ob Herr von Köstlin mit cser Art der Fortsezung seines gelehrten Streites mit Jhncn ifrieden ist——" Köstlin war das nun ganz und gar nicht. Aber er konnte ch kaum weigern, und er hätte jezt auch nicht diesem seinen im immer unsympatischcr werdenden Gegner an der Seite der rau, die— er fühlte es jezt nur zu sehr— sein Herz llch cobert hatte, gegenübersizen mögen.— Er erhob sich, ohne dem iastor auch nur einen Blick zu gönnen. „Wenn Sie mir erlauben, gnädige Frau——" Sie neigte das schöne Haupt und warf ihm einen raschen, glutvollen Blick zu. „Ich muß wohl—" antwortete sie.„Bei Tisch werden Sie mir erzählen, was der Herr Kandidat zu wissen wünschte, ich bin sehr begierig, zu höre», was Sie antworten werden.—" Eine Stunde darauf ging die Gesellschaft zum Souper in den in den Salon stoßenden Speisesaal. Für Köstlin war das einer Erlösung von schwerein Nebel gleich,— der Kandidat war ein ganz unleidlicher Fanatiker. Ein Mensch, an dem die unwiderlcglichstcn Gründe machtlos abprallten und der tausendmal hintereinander mit unglanblichster Zungengewandheit und salbungsvoller Begeisterung denselben Widersinn immer in neuen Phrasen und neuer Grnppirung eines wilden Gewirrs von Schcingründcn vortragen konnte. Schließlich hatte er eine volle halbe Stunde lang, ohne sich auch nur ein paar Sckuuden unterbrechen zu lassen, auf Köstlin ein- geredet,— dieser hörte längst nicht mehr auf ihn, wußte aber absolut nicht, wie er den ewig um ihn herumzappelnden Menschen hätte los tverden können. Jezt endlich stand plözlich wieder Frau Bürger vor beiden. De» Kandidaten beachtete sie nicht. „Sic versprachen, mich zu Tisch zu führen, Herr von Köstlin," sagte sie lächelnd.„Ihr Gespräch mag noch so fesselnd sein— dies Versprechen müssen Sie halten." Köstlin pochte das Herz laut und heftig, als er der schönen Frau den Arm reichte. Und es hörte nicht auf, an die Brust- wand vernehmlich zu hämmern, als er sich bei Tisch an ihrer Seite niederließ. Mußte es im Rauschen der Tafclunterhaltung nicht zwischen ihr und ihm zu einer Erklärung über ihr beider Fühlen und Wünschen kommen? Er täuschte sich. Der Pastor sezte sich der Dame des Hauses gerade gegenüber und zog den Kandidaten an seine Seite. An eine trauliche Unterhaltung war so während des ganzen Abends nicht mehr zu denken. Der Pastor beobachtete sie und ihn unausgesezt und mit fatalem, und wie es fast Köstlin schien, höhnischen Lächeln. Und der Kandidat hielt eine Rede nach der andern zu Köstlin hinüber und zu dessen Tischnachbarin des- gleichen, und ob sie hörten oder nicht, kümmerte ihn nicht das mindeste. Aber was die Lippen nicht sagen konnten,»errieten sich die Augen, und leise, flüchtige, wie zufällige Berührungen der Hände bestätigten, was die Blicke andeuteten. So waren die beiden einig, als die Gesellschaft nach auf- gehobener Tafel auseinanderging, ohne das; sie ein Wort über ihre Liebe miteinander gewechselt hatten. Der Pastor ging Frau Burger nicht von der Seite, bis Köstlin sich empfohlen hatte, und der Kandidat wich nicht von Köstlin, sondern hielt ihm noch ans der Treppe in tausendster Variation die alte Rede über die Herrlichkeit des bedingungs- losen Glaubens an die göttliche Offenbarung, als sie die Treppe hinunterschrittcn. An der Pforte des Hauses trat der Pastor noch einmal an Köstlin heran, um sich höflich zu verabschieden. „Sie haben in gewisser Beziehung," sagte er, das gewiß nachdrücklich betonend,„einen Sieg errungen, mein Herr von Köstlin. Einen Teil der Damen hat Ihre Dialektik erobert. Ich hätte von vornherein überzeugt sein können, das; es also geschehen würde, denn unsere modenren Damen sind nur zu gern bereit, Pricsterinncn einer Philosophie zu werden, die sich gebcrdct so frei wie der Vogel i» der Luft. Ich wünsche Ihnen jedoch, daß Sie an diesen Priesterinnen Ihrer Philo- sophie immerdar so treue und loyale Bundesgenossen haben mögen, wie an den Priestern christlicher Religion allezeit aus- harrende und loyale Widersacher. Ich wünsche es Ihnen,— ich weiß aber, daß es nicht sein wird,— leben Sic wohl, Herr von Köstlin, gedenken Sie meiner." Der Pastor neigte ein wenig sein Haupt,— er schaute einen Augenblick finster lächelnd Köstlin ins Gesicht. Dann kehrte er sich rasch um und ging von dannen. Der Kandidat schloß sich ihm an. Tie übrige Gesellschaft hatte sich bereits getrennt. Köstlin schritt allein seiner Wohnung zu. Eine Flut von Gc- danken und ein Sturm von Gefühlen umwogte und umwallte ihn. Sie, für die er in heißer, jäher Leidenschaft entflammt war, liebte ihn— vielleicht ebenso leidenschaftlich, obgleich sie eines andern eheliches Weib war. Und jener sein Feind— der Mann Gottes— der Mann, der— zum mindesten angeblich— strengen Grundsäze anhing,— wußte vielleicht, wie es zwischen ihr und ihm stand.— Was sollte daraus werden? Run— die Macht lcidcnschafterfüllter Herzen ist groß und die Welt ist weit.-- Am andern Morgen in aller Frühe brachte der Briefträger Heinrich Köstlin einen Brief, an dessen Aeußerem nur die zierliche Damenhand, welche die Adresse geschrieben hatte, auf- fällig war. In dem größer» Kouvcrt aber steckte ein kleineres, zierliches, duftiges, und dieses barg ein rosa Blättchcn feinsten Papiers, auf dcni ohne Anrede und Unterschrift geschrieben stand: „Ich möchte— wie der Kandidat—»och einige philosophische Fragen beantwortet haben. Darf ich auf heute Abend 7 Uhr bitten? Ich bin von da an frei——" * ** Alma Berge, die Halbschwester des Pastors, befand sich allein in ihrem kleinen, wundersam sauber und traulich eingcrich- teten Zimmerchen vor einem Berge von Zeitschriften, in denen sie hastig umherblätterte und las. Ihr reizendes Antliz zeigte den Ausdruck eines tiefen Schmerzes. „Hier steht es geschrieben," rief sie aus.„O ich wußte es ja—" Und sie erhob das eine der Blätter und las laut vor sich hin: „So ist es denn kein Zweifel für alle nicht ganz von unserer heiligen Kirche und von Jesu Christo abgefallenen Menschen: nnscre Wissenschafte», insonderheit unsere neumodischen materialistisch durchseuchten und ateistisch angefressenen Natur- Wissenschaften müssen an ihrem eigenen trostlosen Negiren elend zugrunde gehen. Was unser großer Stahl, der Paulus unseres Jahrhunderts, gesagt— die furchtbar ernste Mahnung: die Wissenschaft muß umkehren— ist nnbcherzigt verhallt. Jezt ist es zu spät. Wahrlich es ist ein wunderbares Zeichen der Zeit, daß die größten unter den Helden des Unglaubens selbst aufstehen und rufen, wie der mechanistische Materialist Dubois- Reymond getan: Ignorabimur*), und der Ateist Virchow nicht mehr anders konnte, als: Restringarnur*). Das ist nicht mehr und nicht weniger als das unverhohlene Eingeständnis: Unsere Wissenschaft ist Schall und Rauch,— wir haben bisher mit all nnserm Hochmut die Welt getäuscht. Und da sollten wir Tevlogen nicht das Recht und die Pflicht haben, mit der Hand auf der Bibel über all unsere moderne gottverlassene Wissenschaften den Stab zu brechen und Gelehrten wie Ungelehrten zu predigen: In Gott und seinem eingeborenen Sohn allein ist Heil,— kehret zurück, ihr Verirrten, machet wieder zu eurem reumütigen Bekenntnisse das unverfälschte Gotteswort, also wie es unser Herr und Heiland vor fast zweitausend Jahren gelehrt hat,— genau so wie es die Apostel hinaustrugen zu den Heiden,— kein Tipfelchen mehr, kein Tipfelchen weniger und ohne alles Denken und Deuteln über den gottgcweihten Buch- staben hinaus. Ja, freudigst bekennen wir: wir sind Buch- stabengläubige,— denn das Wort, wie es geschrieben steht in der heiligen Schrift, ist von Gott und alle Deutung ist eitel Mcnschenwerk und an heiliger Stelle von Ucbcl und voll zeit- lichem und ewiglichen Verderben. Wer anders lehrt, lästert Gott und ist ein Feind seiner Kirche. Amen!" Alma hatte mit steigender Erregung gelesen,— als sie ge- endet, fiel ihr die Hand mit dem Blatt einer Nummer des deutschen Kirchenboten schwer in den Schoos und helle Tränen stürzten aus ihren Augen. „O, o," rang es sich ihr aus der wogenden Brust,— „wie nur ist es möglich,— das hat mein Bruder geschrieben, — mein Bruder,— der gestern noch von der so geschmähten und verachteten, gottverlassenen Wissenschaft sich die Waffen lieh, um jenen kühnen, von der Wahrhaftigkeit seinen Uebcrzcugung durch- leuchteten und erwärmten Mann zu bekämpfen. Hier in diesem Blatte tut er, wie er immer tat die himdertemal, daß ich ihn auf der Kanzel dem gläubigen Volke lehren hörte, er predigt den starren Buchstabciiglaubcn als den allein wahren über allem Menschenwissen, und gestern in der gelehrten Disputation erklärt er diesen selben Buchstabenglauben als die Schale, welche von einem mit den Ergebnissen der Wissenschaft zu vcrcinbarcndcu Kern je nach dem Bedürfnis der Zeit abzustreifen, Aufgabe der Geistlichkeit sei,— o ich habe genau aufgemerkt,— kern Wort habe ich verloren."— Sie mußte inne halten— nene Tr'-. ihre Stimme. Doch nach kurzem Schwe'% vo» sich hin:„Ach, wie war ich so glücklu �.auben, als ich noch Kind war, und wie wenig. Hu einst Zweifel mich angefochten— freilich in der lezten Zeit, in den lczten Jahren — in der Nähe meines Bruders, inmitten der geistlichen Herren, da kamen die Zweifel immer stärker ivicdcr,— ich suchte selbst nach Wahrheit, ich glaubte stark genug zu sein, sie zu ertragen, — ich freute mich auf jene Disputation, ich hielt für möglich, daß der Bruder jenen Mann— ihn, ihn— überzeugen, bekehren würde— ich hoffte-- ," sie faßte mit der Hand »ach dem Herzen,—„ich hoffte——" *) Ignorabimur wir werden nicht wissen, restringarnur schränken wir ein. Da pläzlich öffnete sich die Tür. Es hatte zuerst jemand zweimal gepocht, doch sie hatte es überhört und nun trat völlig unerwartet jener alte Herr ein, den wir als den alten Major oder Oberbergrat bezeichnen hörten. „Sie hofften, liebes Kind!" sagte er mildesten ToneS, nach freundlichster Begrüßung.„Sie hofften— und das sagen Sie unter Tränen?" Ueber Almas Antliz verbreitete sich brennende Röte.„Lieber, bester Herr Major— Sie— Ihnen darf ich sagen, was mich quält——, Sie werden mich nicht schelten und nicht verlachen,— da lesen Sie hier——" Sie reichte ihm das Blatt, aus dem sie eben gelesen. Er überflog den Abschnitt, welchen ihr Finger bezeichnete, rasch und lächelte leicht. Dann sagte er: „Kennen Sie den Verfasser dieses Aufsazes, mein Kind?" „Es ist mein Bruder." „Ah—— und das beunruhigt Sie, liebe Kleine? Sie sind ans Widerspruch gestoßen,-- Sie fühlen Sich doch nicht etwa in ihrem Glauben erschüttert, wie?" „Erschüttert, o,"— und wieder traten ihr die hellen Tränen in die Augen,„mein einstiger Glaube ist zerschellt— ich glaube, daß er recht hat—— ," sie stockte und wurde wieder bren- ncnd rot. „Er?" sprach wehmütig lächelnd der alte Herr.„Er— bcwegungen haben Sie erfaßt,— vielleicht war es doch nicht wvhlgetan, daß wir Sie jener unfruchtbaren Diskussion beiwohnen ließen—." „O nein, nein. Es ist gut, daß ich dabei war. Ich ahnte längst, was ich nun weiß,— daß da. wo ich sie dereinst gefunden zu haben glaubte, die Wahrheit nicht ist,— sagen Sie mir eins, lieber verehrter Herr Major,— ist das die volle, ehrliche Wahrheit, was," sie stockte und das Blut stieg ihr wieder heiß und heftig ins Gesicht,„was jener Herr, Herr von Köstlin, sprach oder ist es auch ein Spiel mit Worten, hinter dem sich Trugschlüsse verbergen?" Der alte Herr schaute ihr mit liebevollem Ernste ins Antliz. „Die Wahrheit, Kind, ist selbst nicht das, wofür sie die Menschheit in kindlicher Torheit bisher gehalten und die, welche sie zu lehren unternahmen, ausgegeben haben, die Wahrheit ist nichts Bestimmtes, unabänderlich Feststehendes und außer uns Existireudes, so daß es sich nur um ein glückliches Finden hau- delte, um ein Festhalten, um sie zu besizen und nicht mehr zu verlieren, die Wahrheit wächst mit unserer Fähigkeit, die Dinge um uns und in uns zu erkennen. Die Fähigkeit zu stärken und sie frei und furchtlos walten zu lasse», ist daher die Aufgabe des nach Wahrheit, d. h. nach fortschreitender Erkenntnis des Wirklichen, dessen, was da ist. strebenden Menschen.—" „Dann also," sagte Alma, die ihre Tränen allmälich trock- nend mit gespanntester Aufmerksamkeit zugehört hatte,„täuschte sich Herr von Köstlin auch,— daß er andere zu täuschen die Absicht— nein, das kann ich nicht glauben, und lieber Herr Major — das darf ich auch nicht von ihm glauben, nicht wahr, denn ich habe noch kein Recht, von ihm, den ich so wenig kenne, Schlimmes anzunehmen, er täuscht nur sich, wenn er glaubt, das, was er meint, sei die Wahrheit?" „Doch nicht so ganz, mein Kind. Was Köstlin neulich cut- wickelte oder, besser, andeutete, ist die Wahrheit von heute— b. h. die Quintessenz der wissenschaftlichen Erkenntnis unserer Tage, die in ihrem, den Glauben überwundener Epochen ver- nciuenden Teile bestehen bleiben, in allen positiven Bestand- teilen von der tieferen Erkenntnis späterer Zeiten aber sicher- lich überholt werden wird——" „Ah, also wirklich,"— Almas Augen leuchteten hell auf und"ihr jungfräulicher Busen wallte hoch empor.—„soweit wir armen Menschenkinder von der Wahrheit unseres Wissens überhaupt reden dürfen, soweit vertrat er sie, o, das habe ich gefühlt, und nicht ivahr! er stritt redlich und mit der edlen Absicht, anderen Erleuchtung zu bringen, für jene Wahrheit, sowie er es mußte und konnte, ohne Hinterhalt und Neben- absichtc», nicht wahr— v sagen Sic es mir, lieber Herr Major!" Der alte Herr sah dem Mädchen freundlich lächelnd in die guten, jezt freundlich leuchtenden Augen. „Ja, Kind, das tat er. Er ist ein kluger, edler Mensch. Er wäre wert, von einem edlen Mädchen, wie Sie, meine Alma, geliebt zu werden——" Er hatte diese leztcn Worte langsam und mit ernster Wärme gesprochen. Wieder überzog eine jähe Röte ihre Wangen. Sic preßte beide Hände ans ihr klopfendes Herz und kehrte sich rasch ab. „O. sprechen Sie nicht so, wenn ich Sie recht darum bitten darf." „Wie Sie wollen, mein Kind," antwortete der alte Herr. „Kommen wir ans den eigentlichen Zweck meines heutigen Bc- suchs. Sehen Sie hier," er zog aus der Scitcntasche seines Ueberrocks ein Päckchen, öffnete dasselbe und legte es! vor Alma auf den Tisch,„kennen Sie Sich wieder?" „O bester, liebster Herr Major, wie gut, wie freundlich sind Sie doch zu mir und wir herrlich können Sic malen. Dieses Bild stellt mich nur zu schön, viel zu schön dar; o, wie haben Sic es nur so machen können,— troz der sprechenden Achn- lichkeit erscheine ich da gar nicht als das unbedeutende, nn- wissende törichte Mädchen, das ich bin." Der Major legte seine' Hand auf ihr Haupt. „Ich habe Sie so dargestellt, wie Sic mir erscheinen. Meine Arbeit war auch nicht schwer. Die Photographic, nach der ich meiner Liebhaberei entsprechend malte, ist vorzüglich. Doch Sie dürfen das Bildchen noch nicht behalte», es fehlen noch ein paar Striche daran und dann will ich mir auch noch eine Kopie davon nehmen; zum Angedenken für mich selbst." Er schlug das Bild wieder in das Papier. Bald darauf entfernte er sich wieder, nachdem er sich überzeugt hatte, daß er sie ein wenig beruhigt zurückließ. * ** Ungefähr einen Monat später finden wir Frau Bürger allein in ihrem Boudoir. Sie lag in reizendem Negligee nachlässig hingegossen in einem Sammetfautcuil und zerriß einen Brief, den sie eben gelesen, in kleine Stückchen. „Wie jämmerlich schwach sind diese Männer!" rief sie in verächtlichem Tone.„Wie lange droht er mir schon und immer wieder droht er. Ob er überhaupt etwas tun wird? Pah. mir gilts gleich. Vielleicht ist dieser neueste Roman dann um einige Kapitel kürzer und hat dann den Vorzug, daß er nicht so lang- wcilig wird, wie der, dessen Held jezt mein Tyrann sein möchte." Sie erhob sich und schritt zum Fenster, das sie öffnete, uni die winzigen Papierschnizel einzeln hinauszuwerfen. Nachdenklich schaute sie den im Winde herüber und hinüber flatternden Blättchen nach. „Eines nach dem anderen kommt mir aus dem Auge für immer. So schwand ein Glückstraum nach dem andern. Wie fieberte ich in Seligkeit, als niir dereinst jener stolze Tcologe in glühendster Leidenschaft zu Füßen sank, und wie wogte und wallte in mir überschäumende Lust, als er, sein siegreicher Rivale, mir den ersten Kuß auf die Lippen drückte. Heut sind kaum vier Wochen vorüber, seit das geschah, und ich kann ruhig daran denken, daß gestern vielleicht zum leztennial der glühende Hauch seines Mundes meine Wange berührte. Sei es zum lcztenmal— es ist mir hundertmal lieber, als daß ich ihn tun lasse, wie er will, die süße Poesie heimlicher unerlaubter Liebe in die fatale Prosa einer Ehescheidung mit nachfolgender zweiter Verheiratung zu verwandeln. Ich würde das verschmähen, auch wenn ich anders könnte. Aber ich kann nicht einmal. Denn dann träte jener sicher vor ihn hin und verriete ihm sein Gc- hcimnis, und da wäre es doch zu Ende. Vielleicht wäre es am einfachsten, wenn ich selbst dieser neuesten Episode meiner romantischen Spielereien ein Ziel sezte, wenn ich ihm schrieb, bnß die nüchterne Ueberlegnng bei niir die Obcrhmid gewonnen nnd mich zu dem Entschlüsse geführt Hütte, ihm seine volle Freiheit wiederzugeben." Sie trat vom Fenster zurück nnd ging rasch an ihren mit zierlichen Holzschnizereicn ausgestatteten Schreibtisch. „Ja, so ist es recht," sagte sie, als sie die Fcder in die Hand nahm.„Dann bleibt diese Liaison das, was dergleichen am pikantesten macht und schließlich allein den hohen Reiz ge- wahrt— ein poetisches Abenteuer, dessen Erinnerung man in die tiefsten Tiefen seines Herzens verschließt nnd in den Stunden der Langeweile und des Weltüberdrusses auffrischt, um sich daran zu erwärmen und zur Duldung der Misere des gewöhn- lichcn Lebens zu starken." Sic tauchte die Feder in das silberne Dintenfäßchen und schrieb.—— Am andern Morgen überbrachte der Postbote Heinrich von Köstlin zwei Briefe. Die Adresse beider zeigte keine Hand- schrift, die ihm sogleich bekannt vorgekonimen wäre. Er öffnete daher den ersten besten und las: „Der Schreiber dieser Zeilen kennt ihr Verhältnis zu Frau Burger. Er nicint sich Ihren Dank zu verdienen, wenn er Ihnen beweist, daß Sie nicht der Einzige sind, mit dem diese Frau ihrem Gatten die Treue gebrochen hat. Das beiliegende Schreiben, eines aus vielen, wird diesen Beweis leisten. Daß er Ihnen hiermit erbracht wird, ist in dem Augenblicke, in welchem Sie diese Worte lesen, der Danie bereits bekannt." Heinrich von Köstlin war leichenblaß geworden und seine Hand zitterte heftig, als er das zweite Blatt aus dem Kouvcrt nahm, das diesen Brief enthalten sollte. Ein Blick auf dieses Blatt genügte, er kannte die Handschrist, er sah das Datum und schon die Ucbcrschrift verriet den von fesselloser Sinnlichkeit dik- tirten Liebesbrief. Das Blatt entfiel seiner Hand; als er sich bückte es aufzuheben, fielen seine Blicke auf den zweiten Brief, — jezt kam ihm die Handschrift doch bekannt vor: „Bon ihr— von ihr," rief er,„ah, in wie großen, feste», starren Zügen sie diese Adresse geschrieben hat, auch ihre Hand- schrift hat ein doppeltes Gesicht nnd bestätigt, was ich fürchtete seit dem Moment, da sie meine Bitte um die Erlaubnis, ihrem Gatten ehrlich zu bekennen, daß wir uns liebten, mit leicht- sinnigem Scherze zurückwies. Wenn sie nun aber wüßte, was ich jezt erfahren,>vas in aller Welt könnte sie mir da noch zu schreiben haben?" Ihr Brief war kurz und klar. „Teuerer Freund. Du wolltest, ich sollte auf immer die deine werden. Ich bin die ehrliche Antwort noch schuldig ans die Frage, weshalb ich in diesem Wunsche troz meiner heißen Liebe zu dir nicht übereinstimme. Hier hast du sie: Wäre ich fähig, uncntwegbar treu zu lieben, wie du es von deinem Weibe ebenso sicher ver- langen wirst, wie jeder andere Mann, so wäre ich nie die deine geworden. Der Fehler, dessen ich mich dir gegenüber schuldig machte, war. daß ich dich für einen Philosophen hielt auch im Genüsse des Lebens und der Liebe. Man sagt, meine ich, mit Recht: die Ehe ist der Tod der Liebe.— ich will meine Liebe zu dir lebendig im Herzen behalten, darum lebe wohl und werde ohne mich, was du mit mir nicht werden kannst— glücklich!" Nicht eine Silbe rang sich über Köstlins fest aufeinander gepreßte Lippen. Er nahm die drei Schreiben zusammen und schloß sie in ein geheimes Fach seines Schrcibpultes. Dann ging er länger als eine Stunde lautlos in seinem Zimmer auf und ab. Den ganzen Tag über arbeitete er nicht und aß er nicht. Spät Abends ging er aus und irrte Plan- und ziellos in dem Walde umher, der dicht am Stadttor fünf Minuten von seiner Wohnung begann._ Den folgenden Tag teilte er seinen Schwester» mit, dag er zu verreisen gedenke und zwar wieder hinausgehen wolle in die weite Welt.., Tie Schwestern waren heftig erschrocken. Sie sahen ihm an, daß mit ihm etwas Ungewöhnliches, etwas seine starke Manncsseele schivcr Erschütterndes vorgegangen sein müsse.— Doch noch ehe ihr Bruder abgereist war, kam ihnen ein uiierwartetcr Beistand. Der auch von ihnen außerordentlich hochgeschäzte alte Herr, der einstige Jngcnieurmajor und spätere Oberbergrat Weißen besuchte den Steuerinspektor und erku»- digte sich nach dessen Schwager. Da hatte Heinrichs Schwester die beste Gelegenheit, ihr besorgtes Herz auszuschütten. Der Major hörte sich alles ernst nnd still mit an und sagte dann: „Ich glaube, Sie haben recht, wenn Sie als die Ursache der plözlichen Veränderung in dem Wesen ihres Bruders eine heftige Gemütsbewegung voraussezen. Welcher Art diese Ge- mütsbewegung war, danach zu forschen, erlauben Sie mir Ihnen zu widerraten. Ein starker, geistesgesnnder Mann wie Ihr Bruder wird mit allem Seclcnleid am besten allein fertig und muß möglichst ungestört und unberührt in der Zeit solcher Not bleiben. Möglichst unberührt, vielleicht aber nicht ganz. Ich will Ihren Bruder besuchen und ihn: einen Vorschlag machen; — daß ich nicht indiskret sein werde, glauben Sie mir wohl ohne Versicherung." Das beruhigte die besorgten Schwestern ein wenig. Doch auf das äußerste überrascht und erfreut waren sie, als Ihnen am folgenden Tage ihr Bruder selbst die Nachricht brachte, er werde mit dem Oberbcrgrat Weißen gemeinschaftlich seine Reise antreten. Der Oberbcrgrat habe ihm das in so ungemein liebens- würdiger Art angetragen und imponire ihm durch sein Wissen und die milde, herzcngewinnende Menschenfreundlichkeit seines Wesens so sehr, daß er nicht habe nein sagen können, obgleich er wisse, daß er selbst ein sehr schlechter Gesellschafter sein werde. Noch am selben Tage reiste der alte Herr in Gemeinschaft mit Heinrich von Köstlin ab. Anfangs war es zweifelhast gewesen, Ivo sie das nächste Ziel ihrer Fahrt suchen sollten. Köstlin erklärte sich mit allem einverstanden, wenn es nur nicht mitten hinein in das Treiben der Welt ginge. Einsamkeit nnd Ruhe möchte er suche», je ferner von der großen Welt, je menschenleerer der Ort ihres Aufent- Haltes während der nächsten Zeit wäre, desto lieber würde es ihm sein. So schlug denn schließlich der in allen Enden und Winkeln Europas außerordentlich gut bekannte Major ein weltverlassenes Tal in Voralberg vor. Hier trafen sie schon am dritten Tage ihrer Reise ein, und der Major Hub sogleich an, sich häuslich und behaglich einzu- richten. Er mietete ein in prächtiger Waldeinsamkeit gelegenes Haus- che» und ließ es schmuck und einfach, aber so recht gcniütlich ansprechend und bequem möblireu. Für jeden von ihnen war nur ein Zimmer nebst einem Schlaskabinet vorhanden, das aber genügte ihren Ansprüchen vollauf. Heinrich von Köstlin tat zur weiteren Herrichtung und Aus- schmückung seiner kleinen Wohnung gar nichts. Teilnamlos schaute er auf alles und ohne Behagen und Mißbehagen zu zeigen, ging er an allem vorüber. Der Major dagegen hatte eine kleine, vorzüglich ausgewählte Bibliotck mitgenommen, die er auf zwei einfachen dunkeln Bücherbrettern an den Seitenwänden seines Wohnzimmers auf- stellte. An der Hauptwand postirte er einen Schreibtisch, für den er allerlei einfache, aber in ihrer Gediegenheit kostbare Gebrauchsgegenstände mitgebracht hatte: eine Schreibmappe in dunklem, feingepreßten Leder, ein mattvcrgoldetes Bronzeschreib- zeug, ein Rauchnecessär von derselben Art und in demselben Stile u. dgl. mehr. Ueber den Schreibtisch, gewissermaßen an den Ehrenplaz im Zimmer, hängte er ein Bild, ein lebens- großes Oelgemälde in dunklem schlichten Rahmen, das ein Mäd- che» darstellte. In den ersten Tagen ihres gemeinsamen Waldausenthalts kam Heinrich von Köstlin nur einmal zu einem kurzen Aufent- halt in die Zimmer des Majors und schenkte der Ausstattung derselben keine Aufmerksanikeit. 6G0 Nach einer Woche ungefähr, nachdem die frische Waldnatnr »nd der stets wohltuend ruhige, von aller Indiskretion und jeg> lichcm Zwange freie Verkehr mit dem alten Herrn auf sein erregtes und verstörtes Gemüt bereits merkliche Wirkung übten, kam er öfter, ja, er gefiel sich besser hier, als in seinem eigenen Zimmer, er blätterte öfters in den Büchern, er schrieb einen Brief an seine Schwester und auch einen an einen Freund, :— leides am Schreibtische des Majors. Bei dieser Gelegenheit schlug er zum crstcnmalc seine Blicke ans zu dem Bilde. Ucbcrrascht blieben seine Augen daran haften. Dieses wundcrliebliche Gesicht kannte er, aber er wußte nicht recht woher,— keine von den Mädchen und Frauen seiner Bekanntschaft, deren Aeußeres er sich mit voller Deutlichkeit ins Gedächtnis zu rufen vermochte, schaute so mild, so anmutig kindlich und voll so edler Reinheit in die Welt hinein,— nur wenn er sich an einzelne Züge im Antlizc seiner Schwester Magda erinnerte, wie sie dereinst war, ehe sie der unglücklichen Liebe schweres Leid getroffen,— vermochte er einige Aehnlich- kcit zu finden. Es verging wieder längere Zeit, che er sich überwand zu fragen, wen das Porträt darstelle; täglich öfter jedoch hatte er zu ihm hinaufgeschant und täglich lieber, denn es war ihm fast, als wenn allgentach heiliger Friede von dem Bilde in seine Brust herniederwehte. „Alma Bcrger ist es," antwortete der alte Herr ruhig, „der liebste meiner Schüzlinge, ein Kind von tvohl nnüber- troffener Herzensgüte und Edelsinn. Sie müssen sie ja auch kennen,— die junge Halbschwester des Pastors——" „Ah!" Heinrich Köstlin fuhr es wie ein Dolchstich in die Brust, denn ans einmal tauchte wieder die Disputation und was ihr folgte bis zu den Briefen, die so grausam seinen Illusionen ein Ende gemacht hatte», lebendig vor seinem Geistesange ans. Er sagte keine Silbe weiter und ging heut, was seit langem nicht mehr geschehen war, allein in den Wald, um erst spät in der Nacht heimzukehren. Doch bald ward er wieder ruhig, und nach wenigen Tagen saß er anss neue an des Majors Schreibtisch und schrieb Briefe. Dabei warf er oft einen nachdenkliche», forschenden Blick auf das Porträt Almas, und hin und wieder ihm selber unbewußt drang ein tiefer Seufzer über seine Lippen. „O wie beneidenswert ist solch ein Mädchen in seiner Herzcnsrcinheit und scincni Seelenfrieden," sagte er am Abend desselben Tages zu dem Major, als sie einander gegenüber in deffcn Zimmer saßen. Draußen heulte ein heftiger Stnrni und der Regen schlug stromwcis an die geschlossenen Fenster. „So lange der Friede dauert," antwortete ernst der Major. „Auch in die köstliche Stille eines reinen Mädchenherzens bricht sich zuweilen ein unheilvoller Sturm die Bahn——" „Sollte es hier der Fall sein," fragte zögernd Köstlin. „Ja, es ist so; doppelter Unfriede ist über das arme Kind gekommen, einmal brach plözlich im Herzen des klugen Kindes das schon seit langem nur mühsam aufrecht erhaltene Gebäude ihres frommen Glaubens, den sie von der geliebten, vor noch nicht langer Zeit von hinnen geschiedenen Mutter geerbt, zu- stimme»——" Köstlin öffnete weit und mit der Miene jähen Schrecks die Augen. „Sollte nicin Wortstreit mit ihrem Bruder?" fragte er. „O. Sie, mein Freund, sind von aller Schuld frei, die Doppelzüngigkeit des Bruders, die ihr, welche täglich um ihn ist, nicht verborgen bleiben konnte, hat ihrer kindlichen Reinheit den schlimmsten Stoß versezt, und, was schlimmer ist—" „Und?" „Und, ich glaube, das arme Kind hat auch das härteste Leid, das alte und doch ewige junge, ersaßt,— sie liebt und sie liebt hoffnungslos— Heinrich Köstlin sprang auf. „Unmöglich— so schön, so gut— doch Sic sagen es, ver- chrtester Freund, und da glaube ich daran so fest, wie der Gläubigste der Christen an sein Evangelium— dieses reizende Mädchen und hofffinngslos lieben." Der alte Herr zuckte die Achsel und brach das Gespräch ab. Er war auch in der nächsten Zeit nicht mehr zu bewegen, auf dasselbe Tema näher einzugehen. Merkwürdigerweise war es Köstlin nun bald zu düster und einsam im Wald und zu eng und bedrückend im Tale. Seine Schivcstcrn schrieben und baten ihn, bald zu ihnen znriickzu- kehren. Er überlegte sich nicht lange und antwortete zustimmend. Waren doch mich, ehe sichs die beiden versehen halten, fast drei Monate vergangen, daß sie von Hvlmstädt weg waren. Im Spätherbst trafen sie wieder dort ein. Eine der ersten Fragen Heinrich Köstlins an seine Schwester Magda war, als er sich mit ihr allein befand: „Kennst du Alma Berger näher, Magda?" Tic Schwester schaute ihm fragend und ernsthast ins Gesicht. „Gewiß,— seit ihrer frühesten Kindheit." „Ist sie ebenso gut und edel und rein, als sie schön ist?" Martha blickte immer erstaunt darein. „Ich habe nie ein edleres Mädchen gekannt, als sie." „Und ist es wirklich wahr, daß sie unglücklich liebt?" Jezt atmete die Schwester tief auf und schaute leuchtenden Blickes dem Bruder ins Auge. „Ich glaube fast,— das arme Kind war in lczter Zeit so überaus still und traurig,— ich will sie selbst fragen, Hein- rich, um deinetwillen." Er drückte seiner treuen Magda stumm die Hand. Am selbigen Tage, des Nachmittags, erschien er wieder auf ihrem Zimnicr. „Nun?" fragte er. „Ich glanbc, sie liebt nicht mehr unglücklich, denn sie liebt dich, Heinrich." Am Abend dieses Tages, als die Sonne in glühendem Abendrot Abschied nahm, legte der alte Major die Hände Hein- rich Köstlins in die seiner Alma. „Die Sonne geht unter in seuerflammcndem Rot um in mildgoldenem Glänze am jungen Mvrgen wieder aufzuerstehen," sagte er. Die moderne Wissenschast und die neueste Reform unserer höheren Iugendbildung. Von j}3ritno Heiser. (Schluß.) Dem Streben nach Reform des höheren Unterrichtsivesens hat sich die preußische Regicrnng im Laufe der lezten zehn Jahre keineswegs völlig abgeneigt gezeigt. Schon ans der im Oktober 1873 durch den damaligen Kultusminister Falk nach Berlin berufenen Konferenz von Schnlinännern ließ man sich auf Beihandlungen über das Wie? dieser Resormen ein, und ans der im Spätsommer des Jahres 1878 in Berlin tagenden „Sachverständigenkommission der ärztlichen Prüfungsordnung" erklärte der juristische Vertreter des preußischen Kultnsministe- rinms, die Regierung sei gewillt, den Gymnasiallehrplan in Preußen baldigst einer Reform zu unterziehe» und die Lehr- stunden für Naturwissenschaft und Matematik zu vermehren, die grammatikalischen Stunden dagegen zu vermindern. Am 31. März vorigen Jahres, vier Jahre nach der lezt- erwähnten Zusage, neun Jahre nach der von der Oktober- konfcrcnz 1873, ist denn auch eine Zirkularverfügung erschienen, welche die vielverheißene und viclerhosste Reform gebracht hat. Eine Tabelle, welche die Lehrplänc des Gymnasiums von 1882(in oberer Reihe) und die von 1856(in unterer Reihe) vergleicht und enthalten ist in einer Brochüre:„Be- trachtungen über die Lehrpläne der höheren Schulen" von Direktor Dr. Krumme in Braunschweig zeigt in Wim- schensiverter Deutlichst, wie und woran rcformirt worden ist. Dieselbe möge hier folgen: •)+ bcbculft jcjt mehr als srühcr,— jkjt wenigcr als früher. Man gewinnt, fügt Dircktor'Krummc hinzu, iiber die vor- geiiommencu Acnderungen einen leichteren Neberblick, wenn man zunächst die drei unteren Jahrgänge(VI, V, IV), dann die sechs oberen(Illb u. a, IIb it. a, Ib it. a) betrachtet. Aenderungen im Lehrplan der drei unteren Klassen. Ter frühere Lehrplan hatte zwei sehr erhebliche Nebelstände: In jedem der drei ersten Schuljahre begann eine fremde Sprache, so daß also der eben elf Jahre alt gewordene Quartaner drei fremde Sprachen trieb, und in IV fiel der natnrbeschreibende Unterricht aus. Beide Ncbelstände find jezt beseitigt. Das Griechische fängt künftighin erst in Illb au, und die dadurch in IV verfügbar gewordene Zeit ist dem Französischen, der Naturbeschreibung, der Matcmatik und der Geschichte zugeteilt worden. Der Lchrplan der IV hat überhaupt die eingehendsten Veränderungen erfahren, während die Aendernngcn in VI und V ziemlich unbedeutend sind. Tic Acnderungen im Lehrpläne der drei oberen Klassen(der sechs lezten Jahrgänge) sind sehr geringfügig. In Illb und lila ist dem Lateinischen je eine Stunde ge- nominell, die dem Griechischen zngesczt worden ist, und in IIb und IIa hat das Lateinische je zwei Stunden verloren, von denen das Griechische die eine, die Physik die andere erhalten hat. Der Lchrplan von Ib und la ist ganz unverändert ge- blieben. Daß die beiden Tertien in Griechisch und Matcmatik ge- trennt unterrichtet werden sollen, ist durchaus zweckmäßig, hat aber im allgemeinen wenig Bedeutung, weil bei der weitaus größeren Zahl der Gymnasien die beiden Tertien in allen Fächern getrennt unterrichtet werden. Im höchsten Grade anerkennenswert ist das in den Er- läuternngen überall hervortretende Bestreben, die Anforderungen an die Arbeitskraft der Schüler ans ein vernünftiges Maß zurückzuführen. Die Behörde hofft,„daß der in den Uebcr- bürdungsklagen hervorgetretene, das frische und frohe Leben der Schüler lähmende Gegcnsaz des Elternhauses zu den Forderungen der Schule einem Einklage der beiden zum Zusammenivirken bestimmten Faktoren weiche." Tie IV ist nun wirklich entlastet; ihr ist aber auch bei den Reformen der Löwcnaiiteil von den Verbesserungen zugefallen. Man hat hier zur Beseitigung der tatsächlich hervorgetretenen und auch wirklich anerkannten Ueberbürdung das einzig wirk- same Mittel angewandt: Verminderung der Zahl der Lehr- fächer. Es ist aber nicht ersichtlich, warum von den Veränderungen im Lehrplane der lezten sechs Jahrgänge eine Verminderung der Ansprüche an die Arbeitskraft der Schüler zu erwarten sein soll. Die Stundenzahl für das Lateinische ist in jeder der Ter- ticn um eine, in jeder der Sekunden um zwei vermindert, während die Ansprüche dieselben geblieben sind. Bei der Ab- gangsprüfung fällt das griechische Skriptum allerdings weg, indes werden die Ucbersezungen ins Griechische auch noch in Prima beibehalten. Eine Erleichterung der Arbeitslast wird man trozdem in dieser Aenderung kaum erblicken, wenn mau bedenkt, daß der Unterricht im Griechischen sich künftighin über sechs statt wie bisher über sieben Jahre erstreckt. Die Physik hat in Sekunda eine Stunde mehr erhalten, aber ihre Aufgabe ist zugleich erweitert worden, weil der Unter- richt in der Physik künftig auch„die einfachsten Lehren der Chemie" berücksichtigen soll. Die Erläuterungen beschäftigen sich sehr eingehend mit den auch in den Parlamenten und öffentlichen Blättern vielfach ge- äußerten Klagen, daß der grammatische Unterricht tu den alten Sprachen auf Kosten der Lektüre zu sehr betont wird.„Eine Behandlung, welche die Erwerbung grammatischer und lexikali- scher Kenntnisse zur Aufgabe der Lektüre macht, verkennt einen wesentlichen Grund, auf welchem die Berechtigung des lateinischen Gymnasialunterrichts beruht." Andrerseits„verleitet eine Be- Handlung der Lektüre, welche die Strenge in grammatischer und lexikalischer Hinsicht verabsäumt, zur Oberflächlichkeit." Die Grenze zwischen dem genug und dem zuviel ist nicht festzusezen, also auch nicht einzuhalten. Uebrigcns werden die besten Absichten der obersten Unterrichtsbehördcn dadurch vcr- citclt, daß bei der Revision der Schulen und der Abiturienten- arbeiten ans das grammatische Wissen das Hauptgewicht gelegt wird. Als Prüfstein für das Können wird troz aller Abmah- nung die Klassenarbeit angesehen und auch künftighin angesehen werden. So kehren denn auch die Klagen wegen zu starker Betonung der grammatischen Seite des altsprachlichen Unter- richts troz aller gutgemeinten Winke und Verfügungen der Be- Hörden stets wieder. Der Vergleich des Gymnasiallehrplans von 1856 mit dem von 1882 führt sonach zu folgenden Ergebnissen: 1. Die wesentlichsten Aenderungen hat der Lehrplan der IV erfahren. Das Griechische fängt künftighin erst in Illb an, die dadurch in IV verfügbar gewordene Zeit ist unter Französisch, Matcmatik und Geschichte verteilt worden. 2. Die Acnderungen im Lehrplan der lezten sechs Jahr- gänge beschränken sich auf folgendes: In Illb und lila tritt das Lateinische eine Stunde an das Griechische ab. Von den zwei Stunden, welche das Lateinische in IIb und IIa abgegeben hat, kommt die eine dem Griechischen, die andere der Physik zugute. Der Unterricht in der Physik hat dafür aber auch die einfachsten Lehren der Chemie zu berücksichtigen. Im übrigen hat der Lchrplan der lezten sechs Jahrgänge keinerlei Vcr- ändcrungcn erfahren, insbesondere ist der Lehrplan der Prima unverändert geblieben. 3. Die Anforderungen an die Arbeitskraft der Schüler der IV sind durch den Wegfall des Griechischen in dieser Klasse wesentlich vermindert worden. Dagegen sind die geringfügigen Aenderungen im Lehrplan der drei oberen Klassen nicht derart, daß sie eine Verminderung der Ansprüche an die Arbeitskraft der Schüler der sechs lezten Jahrgänge bedingten.—— Ich habe aus gutem Grunde das Urteil des sicherlich nicht regierungsfeindlichen braunschweigcr Gymnasialdircktors meinen eigenen Betrachtungen vorangehen lassen und nun zur Kritik dieser Unterrichtsrcform nur noch wenig hinzuzufügen. Sehr wenig— nämlich: in der Hauptsache bleibt alles beim Alten. Von den alten Sprachen müssen die Gymnasiasten künftighin genau ebensoviel lernen, als bisher, wenn auch auf das Latei- nische statt rund 3300 Unterrichtsstunden nur etwas über 3000 verwendet werden und auf das Griechische statt 1800 nur 1600 Stunden. Der französischen Sprache werden etwa 160 Stunden mehr gewidmet, also noch nicht 900 Stunden, noch lange nicht den dritten Teil soviel als dem Lateinischen und nicht viel mehr als halb soviel wie dem Griechischen. Ter Geschichte und Erdkunde sind 1Z0 Stunden zugelegt, und zwar in den untersten Klassen, in denen zehn- bis zwölfjährige Jungen sizen, denen man neuere Kulturgeschichte in besonders erleuchteter und erleuchtender Art sicher nicht vortragen wird. Tie Naturwissenschaften sind noch schlechter weggekommen. Die Naturbeschreibung— eine Wissenschaft, die sich dadurch auszeichnet, daß sie sich selbst mit dem verstöckertsten Christen- tum nicht in Konflikt sezt, weil sie nach den Gründen des Seins und Werdens nicht forscht,— hat gegen 100 Stunden zugelegt bekommen, die Physik der zweithöchsten Klasse ebenso- viel, was ihr jedoch garnichts nüzt, da in noch nicht 180 Stirn- den, die auf sie in der Sekunda nunmehr verwendet werden, künftighin auch die Elemente der Chemie gelehrt werden sollen, ein Kunststück, das in wirklich ersprießlicher Weise auszuführen ebenso unmöglich ist, als es bisher unmöglich war, den Se- kundanern in noch nicht 90 Stunden Physikunterricht von dieser Wissenschast ersprießiche Kenntnisse beizubringen. Die deutsche Sprache, dieses Aschenbrödel unseres höheren Jugcndunterrichts, ist mit etwa 40 Stunden Zulage beglückt worden und steht damit in ganz ebenso untergeordneter Scllung dem Lateinischen und Griechischen gegenüber, als das Französische. Dabei ist garnicht davon die Rede, daß in Zukunft der deutschen Literatur höhere Beachtung geschenkt werde. Die englische Sprache endlich wird nach wie vor garnicht auf unfern Gymnasien traktirt. Daß wir mit ihrer Hilfe wenigstens hundertmal soviel an moderner Bildung direkt von den Quellen gewinnen könnten, als durch die alten Sprachen, darauf ist nicht die geringste Rücksicht genommen worden. Somit ist kein Zweifol mehr möglich, daß diese Reform keinen Fortschritt im Geiste moderner Bildung in sich trägt. Und damit zugleich nach dieser Richtung hin auch nicht der geringste Verdacht aufsteigen kann, hat der preußische Kultusminister v. Goßlcr ausdrücklich verfügt, daß alles von dem Schulunterricht der Gymnasien wie aller andern Jugcndlehr- anstaltcn auszuschließen sei, was unter dem„sogenannten Dar- winismus" verstanden werde. Auf diese Weise sind der modernen Naturforschung überhaupt die Pforten der Schule wieder einmal für längere Zeit vor der Nase zugeschlagen. Es hat nichts geholfen. daß Herr Häckel das, was er von seiner Naturwissenschaft ini Notfall noch ab- handeln zu lassen bereit war, als eigentlichen Darwinis- mus von dem Kerne des Monismus und der Deszcndenzteorie losgcschält hat. Aus Virchows münchener Rede antwortete er nämlich in einer Broschüre:„Freie Wissenschaft und freie Lehre" und sagte in der Vorrede u. a. folgendes: „Da Virchow, gleich vielen andern Gegnern der Ent- wicklungslehrc, beständig diese leztere mit der Abstammungs- lehre und diese wieder mit dem Darwinismus venvechselt, so ist es nicht überflüssig, hier m:t ein paar Worten an den vcr- schiedenen Umfang und die Unterordnung der drei großen Teorien zu erinnern: I. Die allgemeine Entwicklungslehre, die Progcncsisteoric oder Evolntionsteorie(im weitesten Sinne) als umfassende philo- sophische Weltanschauung, nimmt an, daß in der ganzen Natur ein großer einheitlicher, ununterbrochener und ewiger Enlwick- lungsvorgang stattfindet, und daß alle Naturerscheinungen ohne Ausnahme, von der Bewegung der Himmelskörper und dem Falle des rollenden Steins bis zum Wachsen der Pflanze und zum Bewußtsein des Menschen, nach einem und demselben großen Kausalgeseze erfolge, daß alle schließlich auf Mechanik 3- der Atome zurückzuführen sind: mechanische oder mechanistische, einheitliche oder monistische Weltanschauung, mit einem Worte: Monismus. II. Die Abstammungslehre oder Deszcndenzteorie, als um- fassende Lehre von der natürlichen Entstehung der Organismen, nimmt an, daß alle zusammcngesezten Organismen von ein- fachen, alle vielzelligen Tiere und Pflanzen von einzelligen, wie diese leztercn von ganz einfachen Urorganismen, von Moneren abstammen. Da wir die organischen Spezies, die mannich- faltigen Arten der Tiere und Pflanzen unter unfern Augen sich durch Anpassung verändern sehen, da die A Ähnlichkeit im inner» Bau derselben nur durch Vererbung von gemeinsamen Stamm- formen vernunftgemäß erklärbar ist, so müssen wir wenigstens für die größeren Hauptgnippen des Tierreichs und Pflanzen- reichs, für die Klasse». Ordnungen u. s. w. gemeinsame Stamm- formen annehmen. Die Zahl derselben wird also fest beschränkt sein und die ältesten archigonen Stammformen können immer nur Moneren sein. Ob wir schließlich eine einzige gemeinsame Stammform annehmen(monophyletischc Hypotesc), ist gleich- giltig für das Wesen der Tcszendenzteorie. Ebenso ist es gleichgiltig für den Hauptgedanken derselben, welche mechanischen Ursachen für die Umbildung der Arten angenommen werden. Die Annahme dieser Umbildung der Spezies selbst ist aber unentbehrlich, und daher wird die Deszendenzteorie auch mit Recht als Umbildnngslehrc oder„Transformismus" bezeichnet (auch wohl nach Jean Lamarck, der zuerst 1809 sie begründete, als„Lamarckismus"). III. Die Züchtungslehrc oder Selektionsteorie, als die be- sondere Lehre von der„Zuchtwahl oder Selektion", nimmt an, daß fast alle oder doch die meisten organischen Arten durch den Prozeß der Auslese oder Selektion entstanden sind: die künstlichen Arten im domestizirte» Zustande(die Rassen der Haustiere und Kulturpflanzen) durch„künstliche Zuchtwahl"— die natürlichen Arten oder Tiere und Pflanzen, im wilden Zu- stände, durch„natürliche Zuchtwahl"; bei den crsteren züchtete der Wille des Menschen planmäßig, bei den lezteren der „Kampf ums Dasein" planlos. In beiden Fällen geschieht die Umbildung der organischen Formen durch Wechselwirkung der Vererbnngs- und Anpassungsgeseze; in beiden Fällen beruht sie auf der„Auslese oder Selektion" einer bevorzugten Minderzahl. Dieses Züchtungsprinzip ist zuerst von Charles Darwin in seiner ganzen Bedeutung klar erkannt und gewürdigt worden. Tie darauf gegründete Selektionsteorie ist der" eigentliche„Darwinismus". Das Verhältnis dieser drei großen, häufig verwechselten Teorien zu einander ist also'nach dem heutigen Standpunkt der Wissenschaft einfach folgendermaßen festzustellen: 1) der Monis- wus, die universale Entwicklungsteorie oder die monistische Pro- gcnesisteorie ist die einzige wissenschaftliche Teorie, welche das Weltganze vernunftgemäß erklärt und das Kausalitätsbedürsnis unserer menschlichen Vernunft befriedigt, indem sie alle Natur- erscheinnngen als Teile eines einheitlichen großen Entwicklung?« Prozesses in mechanischen Kausalzusammenhang bringt: 2) der Transformismus oder die Deszendenzteorie ist ein wesentlicher ""d unentbehrlicher Bestandteil der monistischen Entwicklungs- teorie, weil sie die einzige wissenschaftliche Teorie ist, welche die Entstehung der organischen Spezies vernunftgemäß, nämlich durch Umbildung erklärt und auf mechanische Ursachen zurück- führt; 3) die Selektionsteorie oder der Darwinismus ist bis jezt die wichtigste unter den verschiedenen Teorien, welche die Umbildung der Arten durch mechanische Ursachen zu erklären versuchen; sie ist aber keineswegs die einzige. Wenn wir auch annehmen, daß die meiste» Arten durch natürliche Züchtung entstanden sind, so wissen wir jezt doch andrerseits, daß viele als Spezies unterschiedene Formen Bastarde von zwei verschie- denen Arien sind und als solche sich fortpflanzen können; und daneben ist es sehr wohl denkbar, daß noch andere Ursachen bei der«pezicsbildung wirksam lind, von denen wir jezt noch gar keine Vorstellung haben. Moritz Wagner z. B. will Darwins «elektionsteoric durch seine Migrationsteorie verdrängen, 6C3 wahrend ich die Wirkung der Migration, die Isolation oder Separation, nur für einen besonderen Fall der Selektion halte. Diese verschiedene Wcrtschaznng des Darwinismus ist aber ganz unabhängig von der absoluten Geltung der Deszendeiizlehre oder des Transform ismus; denn die leztcre ist eben bis jezt die einzige Teorie, welche uns die Entstehung der Arten Vernunft- gemäß erklärt. Wenn mau diese verwirft, so bleibt nichts anderes übrig, als die unvernünftige Annahme eines Wunders, einer übernatürlichen Schöpfung." Troz dieser, allerdings, wie mir scheint, vollkommen zu- treffenden Scheidung und Klärung der Begriffe, nach welcher der eigentliche Darivinisnius als Hypotcsc von noch keineswegs sicheren! Werte und Belange von dem Ansprüche, in der Schule als wissenschaftliche Errungenschaft von epochemachender Be- deutung gelehrt zu werden, zurücktritt, hält der preußische Unterrichtsminister alles, was bisher unter der Bezeichnung Darwinismus zusammengefaßt wurde, insbesondere Entwicklungs- teorie und Dcszendcnzteoric, von der Schule nach>vic vor fern. Es hat sogar nichts geholfen, daß Herr Häckcl sich herbei- zulassen vermochte, wegen seiner eigenen in früheren Werken enthaltenen, im ganzen recht harmlosen Anwandlungen Politischer Freisinnigkeit demiitiglich Abbitte zu leisten, indem er erklärt, daß er dieselbe als„jugendliche Extravaganzen aufrichtig bc- reue." Tie preußische Negierung läßt sich eben da absolut kein 3E für 11 machen, wo die christliche Neligion angegriffen wird. Und sie weiß ganz genau, daß das Fcldgeschrei ehrlichen Kultur- kampses seitens unserer Naturforscher lauten müßte: Hie unsere Wissenschaft— da Christentum! Keines kann auf die Dauer neben sich als gleichberechtigt das andere dulden; wo die eine üppig gedeiht, muß das andere verkümmern. Und vorläufig hält es die preußische Regierung noch tausend- mal lieber mit Herrn Stöcke r als mit Herrn Häckel, mag lczterer auch noch so eifrig versichern, daß die Deszendenzteorie die gefährlichste Feindin des abscheulichen Sozialismus, dagegen der Monarchie natürlich gänzlich unschädlich sei. Tie Preußische Regierung denkt sich dabei: Wers glaubt, zahlt'neu Taler. Und wir sind darin gatiz ihrer Meinung. Aus der Badmise.(Jllustr. S. 645.) Ter kleine Julius wäre dann ein„Hochgeborener", wenn seine Eltern vier Treppen hoch>n der Stadt wohnten. Aber das ist nicht der Fall, denn sie wohnen auf dem Lande in einem einstöckigen Hause, und dies hat den Loizug, daß die Kinder sich in guter irischer Lust tummeln können, was un- endlich besser ist, als eine vier oder gar fünf Treppen„hohe Geburt in der dunstigen und rauchgeschwängcrtcn Atmosphäre einer grogen Stadt. Dabei gedeiht er ganz vortrefflich, ist rosig und pausbackig und verspricht ein„ganzer Kerl" zu werden. Der Vater, desten Lied- ling das muntere Kind ist, denkt auch schon darüber nach, wie er vci seinem kärglichen Einkommen aus dem ausgewecktcn Hungen etwa-- Besonderes machen kann. Wenn sonach auch nicht der Ncichtum dem ää w ä säi rnrnrnrnrn SrtCi V.—'■—- und ein Widerhaken augebracht war, konnte zu sürchterlichen Schlägen angcivendet werden und war lange eine der gebräilchlichsten Waffen; der Strcitkolben, eine eiserne Kcnle, und der Morgenstern, eine mit starken Stacheln versehene, an einer Stange befestigte eiserne Kugel, schlugen gleichfalls schreckliche Wunden. Der Streitkolben war eine ge- fürchtete Waffe, und manche erwarben sich groffc Fertigkeit in der Führung derselben: es ist bekannt, das; Erzbischos Christian von Mainz, der unter Kaiser Friedrich l., Barbarossa, in Italien kämpfte, in einem Treffen gegen die Lombarden 38 Feinden niit dem Streitkolben die Schädel einschlug. Ein solcher Wütrich wird unser Landsknecht nicht sein, wenn er auch gern ein solcher wäre; aber als gutes Kind seiner Zeit hat er eine gestohlene Gans am Gürtel hängen. Granaten, Bomben und Torpcdo's sind auch nichts schönes; aber wir könnten nicht sage», daff ivir die Zeit der Streitkolben und Hellebarden»nd der diebischen Landsknechte zurückwünschten. W. B. Kirgisischer Falkonicr.(Illustration S. 653.) Es ist ein merkwürdiges Nomadenvolk, diese Kirgisen, die im südwestlichen Sibirien ihr Wesen treiben. Sic stehen unter russischer Oberhoheit, allein man hat sie doch nicht in ein geregeltes Leben hineinzwingen können, soweit nämlich in den asiatischen Provinzen des russischen Reichs von einem solchen die Rede sein kann. Sie sind ein Wandervolk geblieben und streifen nnstät umher, bis in das chinesische Reich hinein. Sie sind V?« r-» V■w U iVliVt Vt t ildili. IliV»»»»»»»»»»»/..•|| wy w jutv firf x» 21,C ju bellen ansängt. Im Bad angekommen macht er Mongolen und man sieht unter ihnen die prächtigsten Exemplare jener in l..?cr91,''!)cn, die anderen mit Wasser zu besprizen. Die Groß- mongolischen Typen mit platter Nase, großem breitgcspaltencn Mund ama lägt es sich nicht nehmen, ihn tüchtig zu waschen, wobei es und ungeheuren, abstehenden Ohren, mit denen sie indessen sehr gut _ nnchmal nicht ohne Geschrei abgeht. Nach dem Bad aber springt hören. Sie leben in großen Filzhütten oder Zelten, die sie niit sich -ckuiius wieder frisch und lustig umher; solch eine Badereise tut gut, führen und nähren sich von Pferdefleisch und Kumys, leztcrcS ein Ge- uch ohne daß das Wasser den obligaten Mincralgehalt hat. Hofsent- tränk aus Stutenmilch, das mit etwas Sauerteig vcrsczt ist. Man "ch erfüllt der muntere Junge die Hoffnungen scines Vaters und wird gebraucht Kumys zuweilen gegen Schwindsucht und aus ihm wird durch " wuchtiger Man»,— wir wollens wünsche». W.B. Destillation auch eine Art Branntwein hergestellt. Im übrigen sind die Kirgisen Jäger und treiben Handel mit Häuten, zuweilen auch Räuberei. Sie bekehren sich ungern zu Neuerungen, weshalb sie auch heute noch ain liebsten mit Bogen und Pfeil und Lanze kämpfen. Im russisch- französischen Krieg von 1812 wurden die Kirgisen gleich den übrigen Völkern unter Rußlands Zepter gegen den Einfall Napoleons auf- geboten und in der Schlacht an der Moskwa waren die Franzosen nicht wenig erstaunt, als sie sich von ihnen mit Pfeilen beschossen sahen. Als eine Art Wertmesser dient den Kirgisen— das Schaf. Die Kirgisen Ta hat wenig gefehlt.(Illustration S. 649� Wie im Kriege der „Pfla>tcrkasten", der Arzt, den verwundeten menichlichen Körper,(oiucn it«cht. wieder flicken muß. so auch der Waffenschmied die beschädigten «npen- und Ausrüstungsstücke. Uns.r Bild zeigt einen Landsknecht. der zum Waffenschmied kommt um sich eine gewaltige Beule in> einem hclm ausklopsen zu lassen. Ter Schlag war ein handscjtcr, und wenn * MWWMM einen kirgisischen Jäger, der für seinen Sultan einen Falke» zur Jagd zurichtet. Man jagt bei den Kirgisen nämlich noch mit Falken, eine Jagdart, die früher in Europa sehr beliebt war, aber die eigentlich aus dem Orient stammt, Ivo sie heute noch in vielen Ländern gebräuchlich ist. In Europa wird die Zucht von Jagdfalken nur noch auf einzelne» englischen Landsizen getrieben und noch außerdem am niederländischen Hofe. Die Beduinenstämme der Sahara jagen zuweilen die Gazellen der Wüste mit Falke», eine sehr grausame Jagd. Die Dressur des Jagdfalken ist sehr schwierig bei der Wildheit des Vogels. Der Vogel trägt gewöhnlich cinc Haube, die ihm die Augen verdeckt und beim Baden und Fütter» und, wenn er zum Stoß auf sein Opfer losgelassen wird, abzunehmen ist. Am beliebtesten war die Reiherbeize, die Jagd ans den langbeinigen und langschnäbligen Fischreiher, ivobei aber oft der Falke von dem listigen Reiher auf dessen spizem Schnabel gespießt wurde. Gottfried Kinkel hat in seinem epischen Gedicht„Otto der Schüz" eine solche Reihcrbcize sehr anschaulich und poetisch geschildert. Der alte Kirgise aus unserem Bilde, eine stattliche Erscheinung in seiner wenn auch seltsainen doch nialerischen Tracht, scheint ein erfahrener Falkonicr zu sein, sonst würde er nicht wagen, den bissigen und wider- 664 spenstigcn Sögel so frei ohne Fessel und Haube aus seine Hand zu sezen. Er streichelt wohl den Raubvogel, damit er sich ruhig verhält, bis er zum Stoß aufgelassen wird. Der Falke wird schon pariren, denn man geht grob mit ihm um, falls er widerspenstig ist. Man hängt ihn dann nämlich eine zeitlang an den Füßen ans und das macht aller- dings auch Falken zahm. A. T. Am Tchandpsahl in Delaware.(Jllustr.®.657.) Im„Lande der Freiheit", das, wie Heine spottet,„bewohnt von Gleichheitsflegeln", bestehen noch eine Menge von Einrichtungen, die sich mit dem Wesen einer demokratischen Republik sehr schlecht vertragen. Man findet bei näherer Betrachtung, daß sich noch eine Menge von Institutionen erhalten habe», die man längst für unniöglich halten sollte. So besteht in den beiden Staaten Delaware und Maryland noch die schöne shilturerrun- genschaft des SchandpsahlS, mit welcher auch noch die Prügelstrafe verknüpft ist. Man hat nur insoweit der neuen Zeit Rechnung ge- tragen, als mau das weibliche Geschlecht von der Strafe deS Prangers und der Peitsche ausgeschlossen hat; für das männliche Geschlecht ist die ganze Barbarei in Bestand geblieben. Bestimmte Tage sind für diese Exekutionen ausersehen, und es strömt zu denselben stets eine große Zuschauermasse herbei. Meistens sind es beim Diebstahl er- wischte Männer und Knaben, an denen diese Strafen vollstreckt wer- den. Der Pranger bildet oben eine Art Platsorm; dort befinden sich die an den Pranger zu stellenden, denen der Kops zwischen zwei Balken eingeklemmt wird, in die man auf den Hals passende Einschnitte an- gebracht hat. Am Fuße des Prangers wirb die Prügelstrafe vollstreckt, d. h. mit einer Art neunschwänziger Kazc die Geißelung der Diebe vollzogen. Unsere Illustration(S.V57) zeigt eine solche Szene aus dem Gesängnishose zu Reweastle in Delaware, wo zwei junge Republikaner aus dem Pranger ausgestellt sind, während ein dritter älterer an den Psahl gefesselt ist und die Reunschwänziae zu kosten bekommt. Tie Zuschauer verhalten sich echt amerikanisch. Die Reger gaffend, die breiten, wulstigen Mnuler weit ausgesperrt, die Aankees gleichgültig, mit der Zigarre im Munde, als handelte es sich um einen Hund, und nicht um einen Menschen. Auch„elegante" Leute befinden sich unter den Gaffern, denen es ein Vergnügen macht, dem abscheulichen Auf- tritt anzuwohnen. Amerikaner und Engländer haben etwas Verwandtes; es steckt in John Bull und Bruder Jonathan manchmal auch ein gutes Stück mittelalterlicher Brutalität. In dem politisch freien, konstitutionellen England ist man noch nicht soweit, auf den Kriegsschiffen die neun- schwänzige Kazc abzuschaffen; sie regiert dort in aller Herrlichkeit, und noch unlängst wurden im englischen Unterhause einige dieser den eng- tischen Namen schändenden Prügelinstrumente vorgelegt. In Nord- amerika ist es ähnlich; die Versassuug sichert die größte politische Freiheit; dagegen sieht man, wie in Delaware und Maryland der arme Teufel, der vielleicht aus Not sich ein Stück Brod ober ein paar alte Stieseln gestohlen hat, öffentlich am Pranger ausgestellt ober mit der Neunschwänzigen gezüchtigt wird. Dem gegenüber erinnere man sich daran, daß sogar die berüchtigte Carolina, die„peinliche HalSgerichts- Ordnung" Karls V., den Diebstahl von Nahrungsmitteln, der aus Hunger geschah, unbestraft ließ. Es ist eine mehr als aussallcnde Er- scheinung, darbte Gesezgebung der beiden Unionsstaaten sich noch nicht hat entschließen können, jene entwürdigenden und barbarischen Straf- arte» abzuschaffen; ist es Nachlässigkeit, ober gibt es unter den Staatsmännern und Gesezgebern jener Staaten noch Leute, deren DenkungS- art so roh ist, daß sie mit Pranger und Prügel die moralische Quali- fikation ihrer Mitbürger regulircn zu können glauben!? Zu ver- wundern ist auch, daß die Vertretung der Union in Washington sich noch nicht bemüßigt gesunden hat, gegen solche Ueberbleibsel alter Barbarei einzuschreiten. Wenn man jener stolzen Republik das große Standbild im Hafen von New-Dork errichten will, das durch die Jahr- hunderte ihren Ruhm verkünden soll, so muß man auch den Schild der Republik von solchen Flecken reinigen, wie jene barbarischen Ge- brauche es sind, denn in einer modernen Republik sind die Anachro- nismen noch weniger als anderswo am Plaze. W. B. Sprechsaal für jedermann. Zum Kapitel der„kleinen pädagogischen Kezereien" erhalten wir aus Dresden folgende Zuschrift: Dem in Nr. 18 der„N.W." ab- gedrukten Artikel über die skrupulösen Ansprüche der heutigen Schulen an Uniformität deS Schreibmaterials stimmt gewiß jeder Familienvater bei, der nicht zu sehr mit irdischen Gütern gesegnet ist. Doch erschöpst jener Artikel dies Tema nicht vollständig. Ans Berlin ist mir z. B. bekannt, das; sich ein Lehrer von dem Inhaber eines Schreibmaleria- liengeschäftcs in der Wrangelslraße für die von seinen Schülern ent- nommenen Waaren Prozente zahlen läßt, und bekanntlich liegt die Wrangelstraßc gerade in einem ärmeren Stadtteile Berlins. Hier in Dresden haben an den Bürgerschulen die Direktoren derselben den Verkauf der Schreib-, Rechen-, Lehr- und Gesangbücher an sich ge- zogen, und die Lehrer und Lehrerinnen namentlich an der ersten Bür- gerschule sehen sehr peinlich daraus, daß die Kinder alle Bücher bei dem Herrn Direktor kaufen. Dabei haben nicht alle Direktoren dieselben Preise. Wird z. B. ein Kind aus der 6. in die 1. Bürgerschule ver- sezt, so erfährt es bald, daß dieselben Bücher, welche bei dem Direktor der 6. Bürgerschule, Herrn Heinrich Eyden, 10 Ps. resp. 40 Pf. kosteten, bei dem Direktor der ersten Bürgerschule, Herrn Moriz Heger, 12 Pf. resp. 45 Ps. kosten. Das Kind achtet daraus sehr— namentlich wenn es, wie oft geschieht, diese Ausgaben von seinem Taschengeld zu be- streiten hat— und sieht in dem neuen Direktor gleich einen Mann, der mehr an den Bücher» verdienen will, wodurch wohl kaum seine Zuneigung zu und seine Achtung vor demselben gefördert wirb; Momente, die in pädagogischer Beziehung nicht zu unterschäzen sind. Aus diesen Vorkommnissen ist ersichtlich, daß wenn die Gleichartigkeit des Schreibmaterials für den Unterricht Vorteile hat, die heut übliche Art der Anschaffung, sei es bei einem bestimmten Buchbinder, sei es durch private Vermittelung des Direktors, auch ihre großen Nachteile in pä- dagogischer Hinsicht hat. Um diese zu umgehen, bliebe der sehr ein- fache und zumteil schon betretene Weg, daß daS gesummte Schreib-, Zeichen- k. Material von der Schule unentgeltlich an die Kinder ge- liefert wird. Die Anschaffung würde sich dann bedeutend billiger stellen, resp. das Budget der Schule nicht viel erhöhen— 1 Heft z. B. das Herr Heger mit 12 Pf. verkauft, kostet im Engrosbezug noch nicht 8 Pf.— und der Umstand, daß dann kein Kind vor einem andern derselben Klasse etwas voraus hätte, wäre auch in pädagogischer Be- ziehung nicht schädlich. Ein Familienvater. Bitte um Auskunst. Der Schreiber Gustav Johann Erbe, geb. 1847 in Lüneburg, ist im Jahre�l8K8 oder 1869 nach Amerika ausgewandert und war bis 1872 in St. Louis. Wem der jezige Aufenthalt desselben bekannt, wolle Nachricht zukommen lassen Franz Erbe, Harburg a. d. Elbe, Eissendorserstraße 10. Kleinere Mitteilungen. Preisausgabe. Das praktische Wochenblatt für alle Hausfrauen „Fürs Haus" hat einen Preis von 150 Mark für Einlieserung der besten Zeichnung zu einer Einbanddecke dieser Zeitschrift ausgesezt. Die Zeichnung soll ein hauswirtschastliches Gepräge tragen. Liese- runastermin 1. Oktober d. I. Nähere Bedingungen sind von der Ge- schästsstelle„Fürs Haus" in Dresden gratis zu erhalten. Auslösung des Rebus in Nr. 25: Wer sich grün macht, den f reffen die Ziegen. VerantwvNlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart. Redaktion: FangelSbachstraße 32.- Expedition: Ludwigs, raße 26 in Stuttgart. Druck und Verlag von I. H. W. Diep in Stuttgart.