Erscheint alle 14 Tage in Hefte» ä 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Postämter zu beziehen. Die Alten und die Uenen. Roman von M. Kcmtsßy. ü/SSZj 1. llapitel. Zwei junge Männer kamen im glühenden Nachmittags- Tonnenschein die Bergstraße cinhcrgeschritten. Bon dein Alpen- lurorte Colenbad ausgehend, befanden sie sich jczt nach drei- stündiger Wandrung inmitten der Riesen des Hochgcbirgs, und sie eilten dem bergumschlossrnen See entgegen, an dessen Ufern sich in einsamer Oede der Flecken Amsee erhebt. Der Schritt der beiden war elastisch und weitansgreifcnd, ihre Haltung frei und kräftig. Sic hatten die Lodenjoppen ausgezogen und über die Schultern geworfen und die rauhen Hüte weit ans dem Gesichte und gegen den Nacken zurückgeschoben. Beide schlank und von Mittelgröße, waren sie in Kleidung und Wuchs kaum zu unterscheiden. Auch im Alter mochten sie gleich sei», aber näher betrachtet, trat bei dem einen, Arnold Lefebre, eine geistige Distinktion unverkennbar hervor, die durch seine Schönheit ein noch auffallenderes Relief erhielt. Er sprach lebhaft und schien sciiicm Gefährten, dem Arbeiter Valentin Hofer, etwas zu erklären, zu erläutern. Seine braunen Augen, die tief, gleichsam ihr Feuer zurückdrängend, unter krumm geschwungenen Brauen lagen, zeigten jenen durchgeistigten Ausdruck und jene stets bereite Teilnahme eines leicht erreg- baren Naturells. Und wenn die obere Partie des schönen Kopfes zu ernst und bedeutend für seine Jahre erschien, so zeigte das Lächeln um den weichen, fast sinnlich geschwellten Mund doch all den Frohsinn der Jugend. Dem Valentin fehlte dieser sicher nicht. Alles an ihm zeigte eine köstliche, frische Naivetät. Er horchte ans die Mitteilungen des andern, aber etwas Keckliches zuckte ihm dabei um die Mundwinkel und sprühte aus den lichten blauen Augen, die in aufdämmernder Intelligenz neugierig und lernbegierig sich in der Welt umsahen, als würden sie es vorziehen, alle Ein- drücke von außen zu erhalten.,. Sein Gang zeigte die Geschmeidigkeit des Gebirgsbewohners; im ganzen hatte er aber den schon mehr städtischen als biincr- lichen Anstrich, den die Arbeiter in größeren industriellen Eta- blissemcntS so schnell sich anzueignen wissen. Jezt unterbrach er die Ausführungen Arnolds und vertraulich, in jäher lustig- keic, warf er den Arm um sciuc» Hals. entlang zu halber lN „Paß' auf," rief er,„jezt sind wir gleich um den Fels- Vorsprung hcriim und dann schimmert dir das Wasser entgegen. Wir sind am See. Juhu!" Er stieß den Gebirgsjanchzer aus. „Wir haben noch eine halbe Stunde den See gehen, ehe wir unser Ziel erreichen," cntgcguctc Frage der andere. „Das schon, aber wir sind dann im Schatten des Salz- bcrgs und dies Schwizcn hat ein Ende." Sie umfaßten sich und im Schnellschritt ging's die Anhöhe hinab. Da unten winkte der Schatten einiger Linden und Erlen und zwischen den Bäumen erblickte man die weißen Mauern einer Mühle, deren Räderwerk von dem Bcrgbache getrieben wurde, welcher an dieser Stelle in den See mündete. Der Müller, eine behäbige Gestalt, stand, die Hände ans dem Rücken, vor den, Thor. „Grüß Gott, Valentin," rief er nickend herüber, nachdem ihn dieser schon von ferne durch ein lebhaftes Hutschwcnken be- grüßt hatte;„na, stellst dich bei mir ei»? das Bier ist frisch." ,,'s geht nicht. Wir haben's furchtbar eilig," lautete die Antivort Valentins, der mit seinem Gefährten rasch herankani. „Kannst es nicht erwarten, deine Alte zu sehen?" lachte der Müller,„oder kommst vielleicht wegen einer Jungen? Da thät'st mir leid," fügte er neckend hinzu,„denn alles, was von säubern Dirnd'ln im Ort ist, ist jezt auf der Alm." „Wer weiß," entgegnete Valentin pfiffig, und sich hierauf mit einem noch schlaucrn Lächeln dem Genossen zuivciidcnd, „aber meinst nicht, Arnold, da wir doch einmal da sind und das Bier so frisch ist—" er schnalzte mit der Zunge. „Ich bin's zufrieden," erwiderte der Gefragte mit zustimmen- der Munterkeit. „Also geschwind, zwei Krügcl!" „Drei Krügcl frisches," rief der Müller niit Stentorstimnie ins Haus hinein, und sich hierauf mit einem neugierigen Frage- blick an Arnold wendend:„Der Herr ist wohl hier fremd, hat unser Bier noch nicht gekostet?" Der Angeredete nickte bejahend: ..Toch, Herr Miillcr, wir haben in Solcnbad dasselbe und ich bin nicht zum erstenmal in der Gegend." ..Solcnbad ist sein Geburtsort," bemerkte Valentin,„wir sind alte Kameraden von früher her, sind bei einem Meister in der Lehre gestanden. Ta Habens uns den Arnold eines schönen Tags ans der Werkstatt g'hvlt, weil sich sein Herr Vater plözlich erinnern tat. daß er einen Sohn hat. Wir haben uns dann lang' nicht g'sehn, er hat studirt, ist Doktor worden, aber im Grunde ist er doch der Alte geblieben." Er gab ihm einen kräftigen Schlag ans die Schulter, damit seine Behauptung gleichsam untcrstiizend. Arnold lachte über den lustigen Schwäzer, der Miillcr aber, der nicht wußte, in wie weit er dein Schalk Glauben schenken durfte, hatte nur ein pfiffiges Lächeln. Nu» wurde das Bier gebracht, und jeder von ihnen, und auch der Müller, griff mit sichtlichem Behagen nach dem Glase, in dem das erfrischende Getränk moussirte und überschäumte. Die Neu- gierdc des Müllers war indes nicht wenig erregt worden, er hätte über den schmucken Doktor gerne noch mehr erfahren, aber die jungen Männer hielten ihm nicht Stand, sie zahlten und cut- fcrnte» sich rasch. Bald waren sie um den vorspringenden Felsen herumgc- kommen und der See lag nun in seiner ganzen beträchtlichen Ausdehnung vor ihnen. Es war ein Bild großartiger Bergnatur, das in seiner ernsten, düster» Schönheit einen unbeschreiblich tiefen Eindruck hervorbrachte. Der dunkle, tiefgrünc Bcrgsee war ringsum ein- geschlossen von hohen, senkrecht ansteigenden Felswänden. In grotesken Formen, gezackt und zerklüftet, strebten sie Himmclan, und ihre Spizcn und Käniinc, in bläulichen Duft gehüllt, hoben sich zart und doch in bestimmter Kontur von dem noch blaueren, leuchtenden Firmament. Tie Sonne neigte sich hinter den Salzbcrg. Die Hälfte des Sec's lag bereits in seinem Schatten, um so heller erschienen die Berge des gegenüberliegenden Ufers, die, von Vegc- tation entblößt, graues, vielfach abgetöntes Gestein zeigten, und um so schinimcrndcr, smaragdfarbig licht erschien die sonnen- beschienene Wasicrflächc. Magische Lichtcffckte rieselten mit den Wellen darüber hin, sprühten auf und versanken, um glizernd aufs neue aufzu- tauchen. Arnold blieb stehen. Er war überrascht und gefesselt von der Noniaiitik dieses Ortes und seiner seltsam düstern Ocde. Hier schien alles zu fehlen, was menschliches Behagen schafft; hier war kein Boden, um ihn zu bebauen, kein ebener Fleck Erde, um seine Hütte darauf zu stelle», und doch war auch diese Ocde bevölkert und war es schon vor zweitausend Jahren gewesen, wo die aus Gallien zurückflutenden Kelten hier eine Niederlassung gegründet, und, die ersten, den Bergbau bc- gönnen hatten. Die Straße, die längs der Felswände hinführte, lag wohl 40 Fuß hoch über dem Spiegel des Sees. Durch Dynamit war sie den steilabsalleuden Wänden des Salzberges abgerungen worden. Sic führte bis zu den ersten Häusern des Marktes Amsce, und bis dahin war es möglich, einen Wagen zu bc- »uzen. Ter Ort selbst baute sich vom See terrasseuartig aufwärts. Gleich Vogcliiestcni klebten die dunkeln hölzernen Hütten an den Abhängen und der Zugang zu ihnen war nur durch zahlreiche, ganz regellose, und in die Felsen gehauene Treppen ermöglicht. Dergestalt war eine Kommnnikation mit Amsec nur zu Wasser durchführbar, und nur vom See aus konnte man den Ort in seiner eigentümlichen Anlage übersehen. Man bemerkte über ihm kräftig sprießenden Wald, der am Salzberg bis zu jener ansehnlichen Höhe sich fortpflanzte, wo die Stollen in das Innere des Salzbergwerks führen und die Arbeitshäuser stehen, die die Woche über den Bergarbeitern zur Unterkunft dienen. Am Südende des Sees zwischen dem Salzberg und dem 7000 Fuß hohen Plattcnberge öffnete sich ein Talspalt, den ein wildschäumendes Gebirgswasser, der Waldbach genannt, durchströnit, um sich in den See zu ergießen. Eine zweite Ortschaft, die Lahn, lehnt sich au die steilen Felswände des Plattenberges. Hier befinden sich Thon-Schiescrlagcr, und den Sommer über ist hier ein Tagbau eingerichtet. Das Recht zu schürfen war vor einigen hundert Jahren einigen Kolonisten niit manchen andern Rechten verliehen worden; damals fühlte man sich veranlaßt, den Arbeitern, die mau dauernd in diese Bcrgwildnis bannen wollte, allerlei Konzessionen zu machen und ihnen sichere Garantien für ihre Existenz zu bieten. In unserer Zeit ist man anderer Meinung. Bor kurzem hatte das Forst-Acrar diese Servitute um ein billiges abgelöst und hatte auf eigene Rechnung den Bau begonnen, immer mit einer äußerst beschränkten Zahl von Arbeitern, da nian dem ebenfalls ärarischcn Salzbergwerk keine Konkurrenz machen und die Nachfrage nach Arbeitern an Ort und Stelle nicht erhöhen wollte. Im Vorwärtsschreiten hatte Arnold seinen Gefährten über die topographischen und ökonomischen Verhältnisse von Amsec ausgefragt und aus seinen oft unterbrochene», häufig abschweifen- den Darstellungen sich den Sachverhalt ungefähr richtig zu- sammengestcllt. „Alle Kultur, Industrie und Verkehr beschränken sich also auf dieses eine Ufer des Sees, wo der Salz- und Plattcnberg sich erheben?" fragte er weiter,„und das gegenüber liegende ist unbewohnt und wüste geblieben?" „Freilich," envidcrte Valentin,„da drüben ist nichts zu holen; Boden ist auch keiner zum Anbau, und die Felswände sind noch schroffer, und die Tanne», die drauf wachsen, wagt keiner zu füllen." „Aber diese kleine Landzunge ist üppig bewachsen; es ist wohl angeschwemmtes Terrain, und auf den Felsen drüber er- hebt sich kräftiger Baumwuchs, einige herrliche Gruppen. Einer, dem es so recht um Ruhe und Einsamkeit zu tun wäre, der könnte immerhin auf die Idee kommen, auf dem jenseitigen Ufer sich niederzulassen." „Nun, einer hat auch diese Idee gehabt," bemerkte Valentin schmunzelnd,„und dieser Eine ist just dein Bekannter, Herr Barr, und er hat zugleich den Mut gehabt, sie auszuführen." Arnold blieb überrascht stehen, und mit der Hand über den See weisend, fragte er:„Drüben wohnt Herr Barr?" „Ja, und da du ihn besuchen willst, so kannst du dich von der Lahn aus überfahren lassen. Aber vorher kommst du»och zu uns, du willst ja»leinen Bruder, den Georg kennen lernen; heut ist Freitag, da kommen die Salzarbcitcr frühzeitig vom Bcrg herunter; vielleicht ist er schon zn Haus, der rudert dich dann hinüber, der weiß drüben Bescheid." „Aber ich kann Barrs Wohnsiz nicht erblicken." „Weil er hinter den Bännicn versteckt ist, aber wir sind gleich bei der Kirche, und trittst du da auf die Fclscnterrasse heraus, so hast du die englische Villa gerade vor dir liegen." „Die englische Villa?" „Wir nennen sie hier so, weil Herr Barr mit seiner Tochter von England gekommen ist." Arnold nickte.„Er hat eine Tochter, ich erinnere mich, ein kleines blondes Mädchen." „Das nun schon ganz erwachsen aussieht." Der junge Arbeiter warf den Kopf zurück und schnalzte mit der Zunge.„Ein wunderbares Mädel! Weiß Gott, sie kommt mir oft vor wie eine Blume, die man aus einer andern Welt zu uns verpflanzt hat. Sic ist seltsam in allem, in ihrer Schönheit und in ihrer Sprach', in allem, was sie tut, ja ich niöcht' sagen,'s ist schon was besonders in der Art,>vie sie Einen ansieht." Arnold antwortete nicht. Er schien in Gedanken versunken, die nach einer andern Richtung gingen. Jczt hatten sie die Kirche erreicht. Sic betraten den Orts- friedhof, und zwischen den Gräbern hindurch schreitend, kamen sie zu der Felsenterrasse, deren gemauerte StciubaUustrade weit in den See hinausragte. Die beiden jungen Männer lehnten sich gegen dieselbe, und mit der Hand in derselben Richtung deutend, riefen sie gleichzeitig wie aus einem Munde: ..Dort ist die Villa!" Die kleine dichtbewachsene Landzunge, auf der dieselbe stand, bot von hier aus einen reizenden Anblick. Eine grüne Läse wars inmitten starrer, nackter Felsen, eine liebliche Idylle inmitten eines gewaltigen Epos. Einige hoch- gewachsene Bäume und dichtes Gebüsch säumten das User und saftige mit Alpcnkräutern bewachsene Matten zogen sich in sanfter Steigung bis zu den mächtigen»Felsblöcken hinan, die dann senkrecht in gigantischen Formen aufwärts strebten. Unter Sträuchern und Blumen, rückwärts an einen Felsen gelehnt, erhob sich das villenartige Gebäude, hübsch und freundlich, über alles tranlich. Der See war hier zu breit, als daß man die Gegenstände am andern Ufer genau hätte unterscheiden können, aber man sah die weißen, nun im Sonnenlichte schimmernden Mauern, von Grün umrankt, und die dunkle Holzgalcrie, die in der Hohe des ersten Stockes die Villa nach allen Seiten umgab. Ihr Dach war flach und nach italienischer Art weit vor- springend, die Fenster waren geöffnet und die grünen Jalousien zum Schuz gegen die sinkende Sonne herausgespannt. So ruhig und friedlich, so schimmernd im Sonnenschein, so reich an Tust und Farbe lag das kleine Haus in Grün gc- bettet und darüber erhoben sich die grauen kahlen Wände zu immer kühneren Formen. Ei» anordnender Geist, ein poetischer Sinn hatte hier in dieser großartigen Bergnatur ein schönes, trauliches Pläzchen geschaffen, das in seiner Unnahbarkeit, in seiner Abgeschlossenheit von der ganzen Welt, in seiner unend- lichcit Stille so recht eine Zuflucht sein konnte für einen denken- den, schaffenden Geist, oder ein Asyl für einen bereits er- schöpften. Arnold, den Kopf in die Hand gelegt, sah hinüber, lange und sinnend, dann sagte er, wie zu sich selbst sprechend: „Tic Ruhe mag ihm erquicklich sein nach all den Stürmen, denen er schon die Stirnc geboten hat." „Ja, der mag ein beivegtes Leben hinter sich haben," vcr- sezte Valentin. „Ein Leben der Arbeit, der Anstrengung und des Kampfes." „Er muß ein tüchtiger Herr sein, man sieht es ihm an." „Er ist einer der edelsten und erleuchtetsten Geister nnsrcr Zeit." Der junge Arbeiter kraute sich in den Haaren, während er den Hut ein wenig lüpfte. „Es scheint, daß die überall am schlechtesten angeschrieben sind." Ter andere zuckte die Achseln. .Vor zehn Jahren etwa," sagte er,„hat er ein Werk veröffentlicht, das für die Wissenschaft von höchster Bedeutung war. Das Werk hat einen Sturm hervorgerufen; es hat die heftigsten Angriffe der einen, die größte Bewunderung der andern er- fahren. Es hat sein Ziel erreicht: es ist eine Fundgrube des Wissens für uns Jüngere geworden und hat auf uns klärend und bestimmend geivirlt." Valentin hatte aufmerksam zugehört.„Er muß ein ganzer Mann sein," rief er,„der Georg sagt es auch. Nun, der Professor Barr scheint ihm auch so manches aus seinem früher» Leben mitgetheilt zu haben; aber der Georg ist ein stummer Patron. Dafür hat die gute Frau Gerta, die Dienerin des Prvfeffors, so manches aus seinen privaten Verhältnissen meiner Mutter anvertraut. Na, Weiber plaudern so was immer aus. Er soll eine Hochgeborne zur Frau gehabt haben, eine Komtesse Falkenau. Sic hat eine Reise nach England gemacht, hat ihn dort kennen gelernt und hat sich sofort sterblich in ihn verliebt. Sie haben sich darauf heimlich mit einander verheiratet, gegen den Willen der gräflichen Familie natürlich, die von einer Ver- bindung mit einem Bürgerlichen nichts wissen wollt'. Frau Barr soll auch theilweise enterbt worden sein; es hat sie aber nicht gehindert, recht glücklich zu sein und ihren Mann anzn- beten, wie die Frau Gerta versichert." „Ich glaube es wohl," rief Arnold und seine braunen Augen schimmerten in Begeisterung.„Sie hatte alle Ursache dazu. Als ich ihn zum erstenmal sah, war er mir wie ein Zeus erschienen; er war nicht mehr jung, aber von einer edlen, wahrhaft antiken Schönheit und in seinem ganzen Wesen lag ein Zauber, der hinreißend wirkte." „Wann bist du denn mit ihm bekannt geworden?" „Vor etwa vier Jahren. Seine Frau war gestorben und es war ihm hierauf aus seinem stillen Landsiz in Wales zu einsam geworden. Er kam nach Deutschland zurück und ein Zufall brachte uns einander nahe. Niemals noch hatte eine Persönlichkeit einen so mächtigen Eindruck auf mich gemacht, hatte mich so beeinflußt, wie dieser Mann. Er wurde mein Lehrer, mein Führer. Ich verkehrte eine Zeit hindurch täglich mit ihm und besuchte ihn auch in seinem Hause." „Da kennst du wohl seine Tochter Elsa?" „Ich traf sie einmal in seinem Zinimer. Sie sah mich mit großen klugen Kinderange» an und hüpfte hinaus. Einige Wochen nachher hatte er auf den Rat seines Arztes Deutschland wieder verlassen und war nach dem Süden gegangen. Seine Gesundheit>var damals nicht die beste." „O, sie ist es auch heute noch nicht." „Er ist doch nicht krank," fragte Arnold besorgt.„Ich weiß gar nichts über sein Befinden, er spricht in seinen Briefen nie von sich selbst." „So bestimmte Auskunft kann ich dir darüber nicht geben. Ich komm' nur selten nach Amsce herüber und ich hall den Herrn schon lange nicht gesehen. Aber der Georg wird dir das alles sagen, der fährt ohne dies jeden Freitag, wenn er vom Berg herunter kommt, nach der englischen Villa hinüber. Es ist sonderbar, der Bursch' ist sonst schüchtern und unbeholfen genug und mit dem gelehrten Herrn kann er sich ganz gut ver- ständigen; ich weiß nicht, wie er das zusammenbringt." Sie hatten die Terrasse verlassen und waren über eine in den Felsen gehauene Treppe herabgestiegen, jezt schritten sie einen schmalen holprigen Weg entlang, der an einigen unrcgel- mäßig hingebauten Hütten vorbeiführte. „Nun, ich bin wahrhast ungeduldig, deinen Bruder Georg kennen zu lernen," sagte Arnold, und er schritt noch rascher ans, als dränge es ihn, sein Ziel zu erreiche». 2. Kapitel. Das dunkle weinumrankte Häuschen der Wittwc Hofer, der Mutter Valentins, war das leztc das zur Gemeinde Am- sec gehörte. Ein winziges Vorgärtchen, in dem Petersilie und Salat wuchsen, lag unmittelbar am Wasser, kaum durch einen nieder» Steindamm gegen den Anprall der Wogen geschüzt. Das Häuschen hatte einen Unterbau von Stein, in dem auch der Stall für die Ziege sich befand, die Wände und das Giebel- dach von Holz hatten durch die Zeit und den Einfluß der Witterung jene samintartige brannrote Färbung erhalten, die in ihrer Tiefe von so malerischer Wirkung ist. In den drei Fenstern, die gegen den Sec heraus lagen, sah man blühende Blumen in Gartentöpfen und dahinter flatterte ein weißer Vorhang. So überaus hübsch lag das kleine„Hänsel" da, in der Reihe der nachbarlichen Bauten am See weitaus das netteste. Frau Hofer, eine stattliche Fünfzigerin von gutmütigem Aussehen und jener Schwerfälligkeit, oder sagen wir, klassischen Ruhe, die dem Gebirgsbewohner eigen ist, der sich in nichts leicht übereilt, kam aus dem Hanse mit einem Messer in der Hand. Sic wollte einige Salathäupter ausstechen. Sic bückte sich nach dem Beet herunter, wobei die großen Zipfel des schivarzen Wollentuchs, das sie fest um den Kopf gelegt trug, ihr tief in das derbe gebräunte Gesicht fielen. Der Schlag eines Ruders ließ sie aufsehen. In einer Plätte, dem dort üblichen Flachboot, das nur ans rohen Bretten» gefügt und durch Rippen zusammengehalten ist, stand ein junges Mädchen, zart und schmächtig, fast noch ein Kind, aber sie führte kräftig das lange Stehrndcr. Sie tauchte es tief ins Wasser, beugte, dem Stoße Nach- druck gebend, den Oberkörper weit vor, verharrte einen Augen- blick in dieser Stellung und holte dann zu crncuetem Stoße aus. Die ganze Geschmeidigkeit und Zierlichkeit dieses jngend- lichcu Körpers kam hierbei zum Ausdruck, und man konnte kaum etwas Lieblicheres sehen. Sic trug eine» dunkelblauen Kattnnrock mit einem Leibchen ans gleichem Stoffe, das, hoch hinaufreichend, den zarten Hals umschloß; die Armlöcher waren tief ausgeschnitten und ein grobes Hemd, dessen Acrmcl bis an die Ellbogen reichten, bauschte sich daraus hervor. Die magern aber gut geformten Beine, die unter dem kurzen Nock hervorsahcn, staken in groben weißen Wollstriimpfen und darüber trug sie schwere häßliche Holzschuhe. Sie sah recht ärnilich ans und ebenso die beiden Kinder, die mit ihr in dem Boote sich befanden. Es waren ihre Stiefgeschwister, einer zweiten Ehe ent- sprossen; aber auch die zweite Frau war dem Vater gestorben und die damals erst vierzehnjährige Eva hatte alle Obliegen- hciten und Sorgen einer Hausmutter übernehmen müssen. Der kleinste Knabe>var ein schivächlichcs Geschöpf, wie sie das Elend erzeugt, er war einer jener Unglücklichen, deren schlcrhastc Gc- Hirnbildung von vornherein jede Entwicklung des Geistes zur Unmöglichkeit macht. Ihm fehlte jener Funke, den man den göttlichen nennt, ein Beweis, daß das Wesen der Seele nichts für sich Vestcheiides, Unzerstörbares ist, daß der Geist mit dem Körper krankt und leidet und zugrunde geht. Der kleine dreijährige Idiot saß am Boden und schlug mit den verkrümmten Händchen in das Wasser, das in die Plätte eingedrungen>var, ohne irgend eine Empfindung darüber zu äußern. Ein Knabe von sechs Jahren, von gesundem Aussehen, mit einem ganz ungewöhnlich energischen Gesichte, befand sich dem Brüderchen gegenüber, er trug eine Ledcrhosc, grüne Strümpfe und Schnürstiefel, die freilich arg vertreten und zerrissen waren. Indem er sich lvcit über die Schifsslvand hinausbcugte, vcr- gniigte er sich damit, ein Stück Holz, das seiner kindlichen Phantasie ein Boot vorstellte, an einem Bindfaden hinterdrein zu ziehen. Das Mädchen fuhr dicht an dem Gärtchcn vorbei, ihr liebes unschuldiges Gesicht wendete sich der Hofcr cntgegci« und sie rief ihr ein freundliches„Grüß Gott" zu. Diese hielt das Häuptel Salat bereits in den Händen. „Woher kommst denn, Evi?" fragte sie, langsam gegen den Damm hcranschreitend. „Ich bin beim Bäcker gewesen, ich bring uns Brod für die Suppe." „Aber der Schoten fehlt uns, nnd ohne den ist die Wasser- stippe nicht so gut." bemerkte der Junge in einem vorlauten To». „Pst. Sepp," verwies Evi,„du mußt Gott danken, daß du das hast." Tic Hofer nickte unmutig niit deni Kopfe. „Bei euch gchts doch immer am knappsten her, unsereiner hat auch nichts übriges, aber da sollt' man noch immer»ach- Helsen." Dann in sich hineinbrummcnd:„Da war auch der Teufel mit im Spiel, daß der Frieder noch ein zweites Weib sich nehmen mußt', seitdem ist kein Segen mehr in deni Haus." Ihr Blick streifte in abergläubischer Scheu das blöde Kind. „Sag, Evi—" rief sie dieser zu, die gegen den Landungs- plaz, dicht neben ihrem Hanse heranfuhr,„dein Vater arbeit' jczt im Schieferbruch am Plattenbcrg?" „Ja," antlvortcte Eva,„das Forst-Acrar hat ihn anfgc- nommcn." „Und bei der Saline ist er also ganz und gar in Ungnad' g'fallcn? nnd um die Pension hat er sich'bracht und das alles wegen seiner Halsstarrigkeit." Eva hatte«vchmütig den Kopf gesenkt, ohne zu antivorten. Im nächsten Augenblick fuhr das Flachboot gegen das sandige Ufer an nnd so hoch hinauf, daß man bequem aussteigen konnte. Eva schloß die Nuder fest; sie nahn« den kleinen Jungen auf den Arm, hob den Brotleib auf und bedeutete Sepp, mit ihr zu kommen. Dieser aber«vollte von dem See nnd von seinem Spielzeug sich nicht trennen. Sic redete ihm gütlich zu und nahm ihn endlich an der Hand, ihn mit sich fortziehend. „B'hüt Gott. Mutter Nescl," sagte sie sanft und freund- (ich, nnd sie ging nach links, um ihrer Behausung zuzuschreiten. Frau Hofer überlegte noch einen Augenblick, dann rief sie laut:„Na, Evcrl, komm herein, ich will dir meinetwegen ein Stück Schoten leihen,'s ist wahr,«venu das bisiel geronnene Milch nicht drinn ist, hat die Suppe gar keinen G'schmack." Eva wendete sich sogleich um, und schritt dem Häuschen der Mutter Hofcr entgegen, in dessen Tür diese soeben getreten ivar. In unserem Sepp War aber die Lust am Wasser zu spielen aufs neue crlvacht, nnd da ihn Eva nicht von sich lassen«vollte, begann er zu schreien und zu strampeln nnd zeigte sich ganz ungeberdig. Und nun wurde auch der Kleine auf dem Arme unruhig und zugleich fühlte sie,«vie das Brot ihr zu entgleiten drohte— im nächsten Augenblick mußte sie den Buben doch loslassen. Da erschien Frau Hofcr an der Schwelle und sie trug das von Sepp so heiß begehrte Stück Quark in der Hand, das nian hier Schoten nennt. Ein Löffel davon wird in einen Topf kochenden Wassers verriihrt und damit eine Suppe herge- stellt, die auf geschnittcltcs Brod geschüttet, die hauptsächlichste Nahrung dieser armen Gcbirgsbclvohncr ausmacht. „Hast schon«vieder mit dem Teufclsbubcn dein Kreuz," rief die Hofcr erzürnt, als sie Sepps Anstrengungen gcivahrte, sich loszureißen.„Du boshafter Kerl," rief sie diesen barsch zu.„wirst du gleich mit der Schlvcster gehen, wenn sie es haben lvill." „Er soll mir auf den Kleinen ein bissel acht geben, wäh- rcnd ich die Suppe koch," erklärte Eva,„aber immer wenn ich ihn brauch', so«vill er nicht." „Weil er grad so ein Ncvoltirer, grad so ein hartköpfiger Lutheraner ist,«vie sein Bater," schalt Mutter Hofer.„Aber Evi, jezt darfst nicht nachgeben, er muß parircn." Der böse Sepp aber hatte seinen Vorteil ersehen, mit einem jähen Ruck entriß er sich der Hand seiner Schlvcster und wie ein Windspiel schoß er den Weg gegen den See hinab. Eva aber, nicht minder flink, hatte die Holzschnhe von den Füßen gestreift, das Brot auf die Bank gelegt, den Kleinen auf den Boden gcsczt. und jagte nun hinter dem Bruder drein. Hart bei der Plätte cnvischte sie den Deserteur und brachte ihn «vieder zurück. „Jezt mußt ihn durchwichsen, aber tüchtig, der verdient's," rief die sonst so gutniütige Frau ganz erbost; der Eingcfangcne schrie aber ärger als vorher und begann mit Händen nnd Füßen um sich zu schlagen, nnd jezt begann auch der Idiot ein Ge- brüll und die arme Evcrl stand ratlos zivischcn beiden, blickte auf den einen nnd den andern und fing nun selbst zu schlnch- zcn an. „Ich«veiß mir oft nicht zu helfen," jammerte sie,„und«vie er mir nur den Gnki erschreckt hat." Sie ließ nun doch den Sepp los und bückte sich mit wahrhaft mütterlicher Zärtlichkeit* gegen den kleinen August herab, das blödsinnige Kind an sich drückend, um es zu beruhigen. Sepp hatte indes von der«vicdercrlangten Freiheit einen unerlvartetcn Gebrauch gemacht. Er lief nicht gegen den See hinunter, sondern sprang mit einem Freudenschrei, die kleinen Arme ausbreitend, die Straße hinauf. Unlvillkürlich sandte Eva einen Blick ihm nach und ihre zarten Wangen flammten plözlich in Purpurglut. Sie griff zuerst nach den Holzschnhen, und schon steckten die kleine» Füßche» darin, nun riß sie das Kind in die Höhe, und jezt bückte sie sich abermals nach dem Brodc; aber ihre Vcnvirrung nahm zu, ihre Augen schienen nichts zu sehen und ihre Hände zitterten so nicrklich, daß sie daS Brod nicht gleich zu fassen vermochte. „Alls is! der Valentin!" rief jezt die Hafer, die nach dergleichen Richtung geblickt, überrascht aus.„Was kvniint denn der an einem Freitag und lven bringt er denn da mit? Und der Sepp, der Tcufelssrnz. lauft ihnen grad zwischen die Füjj'." Endlich hatte Eva alles an sich gebracht, und sie rannte Vau der Haustür, wo sie gestanden, hinweg und der Lahn zu, ohne sich uilizuschcn. Aber Sepp rief ihr nach: „Evcrl, schau doch, schau, ich Hab ein Pferd, das reitet wohin ich will." Stolz, mit vor Entzückeir glänzenden Augen konnte man jezt Sepp ans den Schultern Valentins erblicken. Rittlings saß er ihm ans dem Nacken und seine kurzen Beine strampelten un- barmherzig, als gälte es die Sporen cinzusezen, auf der Brust des jungen Burschen herum. Aber die Evcrl wollle die Zurufe nicht beachten, und sie zeigte gar keine Neugierde und fing nur noch schneller zu laufen an. „Hii, hü," schrie der kleine Reiter hinter ihr drein,„du Pferd, du reitest mit mir bis zu unserem Häusel, recht schnell, und du spielst dann mit mir wie neulich, gelt ja? ich Hab dich gar so lieb, weißt, weil du immer mein Pferd bist," und er neigte sein lockiges Haupt und Valentins Hals mit beiden Händen umfassend, küßte er ihn auf die Stirnc. Und das Pferd zeigte sich seinem Reiter willig und gehorsam; es sczte Eva nach und hatte sie bald eingeholt und überholt, und der junge Uebcrmülige schnaubte und pirvucttirte jezt nach echter Pferdemanicr vor ihr her, die Verlegene, Hochcrrvtcnde dem See entgcgcndrängcnd und ihr den Heimweg versperrend. Und der kleine Reiter verstand das Atanöver und lachte darüber so ausgelassen, daß schier zu fürchten war, er werde von seinem Pferd herunterfallen. „Ei Evcrl, guten Abend," sagte Valentin,„du glaubst wohl, du kannst schneller laufen wie wir, ja g'fchlt, wir sind dir schon vorgekommen und nun mußt dich halt ergeben. Bist ja eh' schon rot wie ein Pfingstroscrl vor lauter Eilfertigkeit— oder vielleicht von sonst was?" Er sah ihr voll neckendem Mnt> willen in das Gesicht.„Stehen bleiben sollst," rief er dann mit einem Anflug von Unwillen;„du kommst nicht eher an mir vorüber, che du mich nicht ang'seh'n und ein gutes Wort geben hast; gelt Sepp, sie muß auch ein bisset freundlich sein mit deinem Pferd." „Streichle mein Pferd, Evi!" rief dieser befehlend von seinem hohen Siz herunter. Diese wendete sich aber immer seewärts, so daß sie hart an de» Damm heraustrat; ihre Holzschuhc ließen sie straucheln und Valentin faßte sie rasch um die Taille, als hätte er ihr Hineinfallen gefürchtet. Sie aber riß sich, bis zu Tränen aufgeregt, wieder von ihm los. „Laß mich, wenn du mich nur siehst, so sangst schon mit deinen Dummheiten an, aber ich Hab' keine Zeit dasür, ich muß dem Vater di�Snppe kochen." „Also mit der Arbeit hast es so Pressant, schau!" spöttelte Valentin, und in einen mutwilligeren Ton übergehend,„und ich Hab' glaubt, du laufst vor mir davon." Das junge Mädchen warf die Lippen auf. „Oho, vor dir?! Das könnt' mir cinfallcn!" Sie wollte dem trozigen Ton noch einen trozigcn Blick hinzufügen, aber dieser Versuch mißlang; es schien fast, als traue sie sich nicht, ihm in die Augen zu schauen. „So—" sagte er gedehnt, während ein recht übermütiges Lächeln um seinen Birnid zuckte.„Keck bist du auch noch mit niir, dafür wcrd ich dich halt wieder strafen müsse», wie neulich — weißt dns noch?" fügte er leiser hinzu, indem er sein Gesicht zu ihr hiuabneigtc, daß es das ihrige fast berührte. „Valentin!" rief sie cntsezt, und sie ließ das Brot fallen, weil sie es so gar eilig hatte, sich mit der einen Hand den Mund zuzuhalten. Tic Hofcrin war indes mit Arnold, der ihr von seiner alten Kameradschaft mit Valentin erzählt hatte, herangekommen. „Aus is!" rief sie, im Aergcr die Händen zusammen- schlagend,„jezt läßt sie das Brot gar am Boden herumkugeln! Tu hasts notwendig, so einen sündigen Uebcrmut zu treiben, du! Oes scids bei unsernl Herrgott eh schlecht gnug ang'schrie- bcn; aber ich mein, wenn man dir was gibt, so kanusts auch nehmen." Sie hielt ihr den Schoten hin, den sie in ein Stück Papier gewickelt hatte. „Ich Hab drauf vergessen—" stotterte Eva. „Es wär grad kein Unglück," bemerkte Valentin lustig,„ich hält dir ihn schon hinübcrgcbracht, wenn du auch gleich vor mir erschrocken wärst." Tic Mutter warf einen erstaunten, aber höchst unzufriedenen Blick ans den Sohn, und einen zweiten, nicht eben freundlicheren auf das junge Mädchen, das noch immer hoch erglühend mit niedergeschlagenen Augen dastand und den kleinen August gegen ihre Brust drückte. „Und was wär mir denn das niit dem Valentin? Du kennst ihn lang genug, mein ich, daß d'nicht so ein Schrecken vor ihm zn kriegen brauchst, wird der Bub aber keck mit dir, so sags nur gleich, ich wcrd ihm die Keckheit schon vertreiben." Aber Everl trat nicht als Klägerin auf, sie stammelte schüchterne Dankesworte, und daß sie es sehr eilig habe. „So laß den Scppl herunter, damit sie einmal alle mit- einander nach Haus kommen," befahl die Mutter. Valentin gehorchte und er legte hierauf das Brot, das er vom Boden aufgehoben hatte, dem Buben über die Arme. „Das wirst du tragen, Sepp," sagte er,„bist ja auch schon ein starker Kerl, und mußt doch zeigen, daß du zu was tauglich bist. Und so hat die Evcrl wenigstens eine Hand frei, wenn sie sich vielleicht heut noch einmal den Mund zuhalten muß." Everl stürzte bei diesen Worten an ihm vorbei, um nur nichts weiter zu hören, und Sepp folgte ihr, in seinen kurzen Ledcrhöschen gravitätisch einherschreitend und das Brot auf beiden Annen tragend, nach. Er war ganz sanft und fügsam geworden und er sah sich öfter um, und wechselte dann mit seinem großen Freund einen Blick des Einverständnisses. Hatte ihm dieser doch versprochen, heute noch zu ihm zu komme», um mit ihm zu spielen? iJorlsczung folgt.) Dmar(jCljajjarn, rin poctischcr Freigeist des Drients. Von I. Stern. Die deutsche Sprache, sagt D. F. Strauß, der Verfasser des Lebens Jesu, ist ein Pantheon, worin neben den cinhei- mischen Bildwerken in Marmor oder Bronze zugleich die vor- züglichstcn der auswärtigen in vollendeten Gypsabgiisscn aufgc- stellt sind. Jnbezug auf poetische Erzeugnisse fremder Völker befindet sich der Deutsche, den Genossen anderer neuen Völker gegenüber, in entschiedenem Vorteil. Wie sein Land, so nimmt auch seine Sprache gewissermaßen ein zentrale Stellung ein. Nicht sowohl ctyckologisch wie die lateinische, daß sie die Wurzel und damit der Schlüssel eines weiten Kreises von abgeleiteten Sprachen wäre, als vielmehr sozusagen typisch, indem die poc- tischen Formen aller andern Sprachen sich in keiner so rein abdrucken lassen>vie in ihr. Sie ist die einzige unter den lebenden Sprachen, welche die Fähigkeit hat, die Dichtungen der verschiedensten Völker alter und neuer Zeit in ihren Ursprung- lichcu Maßen wiederzugeben. Seit Voß für Homer, Schlegel für Shakespeare die Bahn gebrochen, können wir Deutsche alles, was vom Ganges bis zum Tajo während nahezu dreitausend Jcihrcn dichtcnsch hervorgebracht worden, in Ucbcrsczungcn lesen, die uns außer dem Geist und Geholt auch die sprachliche und metrische Form bis in die feinsten Wendungen hinein empfind- bor machen. Aus dieser Eigenschaft unserer Sprache in den Leistungen der deutschen Uebcrsezungskunst erwachst den Bildungs- lustigen nnscrcs Volkes eine Gelegenheit, ihren Gesichtskreis und ihre Enipfindungswcise über die nationalen Schranken hinaus zu erweitern, die nicht hoch genug angeschlagen werden kann. Die französische Sprache ist Weltsprache geworden, indem sie sich als Verkehrsmittel allen Völkern aufzudrängen oder bei ihnen einzuschmeicheln wußte: die deutsche ist es, sofern sie die edelsten Erzeugnisse aller andern Sprachen sich und ihrem Volke zu assimiliren weiß. Einen neuen kostbaren Zuwachs an poetischen Schäzen frcm- der Völker hat die deutsche Literatur vor wenigen Jahren er- halten durch die vom Meister Friedrich Bodenstedt in unsere Muttersprache übertragenen„Lieder und Spräche des D mar Chajja m." Unter jedem Himmelsstriche werden Dichter geboren, sagt Lcssing. Zu den Ländern aber, in welcher die Poesie ihre herrlichsten Blüten trieb, zählt unstreitig Persien. Das altiranische Reich erlag der makedonischen Invasion unter Alexander dem Großen(331 vor Christi) und das nenpersische Reich der Sassanidcn, unter welchem der von Zoroaster oder Zarathustra(das heißt: Goldstern*) begründete Ormuzdglaube zu neuem Glänze gediehen war, wurde(634 nach Christi) durch den Ansturm der Moslemin weggefegt. Mit dem Mächtigwcrdcn des Mohamedanismus in Pcrsicu begann jedoch ein neues geistiges Aufstreben. Es ist, als hätte der persische Genius eines gewaltsamen Zlustoßes von onßcn bedurft, um seine Kräfte zu entfalten, als hätte erst die jungfräuliche Frische, Beweglichkeit und stählerne Cchncllkrast des Arabcrtums mit ihm in Berührung kommen müssen, bevor er tönend und gestaltend ins Leben treten konnte. Indessen hatte er schon einige Zeit vor der Herrschaft des Islam seine Schwingen erprobt, nämlich unter der Dynastie der Cassauiden. Aus einen derselben, den berühmten, nachmals im ganzen Orient als Ideal eines Ritters, Jägers und Liebhabers gefeierten Bchramgur, weisen die Perser zurück, weun sie von den An- sängen ihrer poetischen Literatur sprechen, und sie bezeichnen ihn ausdrücklich als Erfinder der Versknust und besonders des Reims, der aus Persicn stammen soll.(Die Poesie der Griechen, Römer und Hebräer kannte bekanntlich den Reim nicht, und in den ältesten Produkten der deutschen Poesie finden wir nur die Alliteration— den sog». Stabreim— nicht den eigentlichen Reim.) Anlaß hiezu soll seine geliebte Sklavin Dilaram gewesen sein, welche die schwungvolle Anrede ihres Herrn und Geliebten, von inniger Shmpatic geleitet, mit gleich- gemessenen und am Ausgang glcichtönendcn Worten erwidert habe; was imscr Rückcrt in folgenden hübschen Versen besingt: Aus dem Sassanidentron Sah der große Schah Bchram. Seines Tranes Edelstein War die Sklavin Dilaram. Wann mit Lust er sprach zu ihr, Hörte sie ihn ohne Gram. Nachzntönen drängt' eS sie Jedes Wort, das sie vernahm. Wie sein Wort gemessen war, Maß sie ihres ebensam; Und wie er die Rede schloß, Schloß sie ihre wundersam. Dilaram! so schloß er stets, Und stets schloß sie: Schah Behram. Und so war der Rcini cntbluh». Wie der Held zur Huldin kam. *) Die Wurzel str bedeutet in den indogermanischen Sprachen strahlen, daher Stern, griechisch astor(sranz. Taster). Auch bei Name Esther, wie Hadassah, die Gemahlin des Ahasverus, in Peißen genannt wurde, bedeutet Stern. Die gleiche Wurzel findet sich in Saturn und in Ostra, der altgermanischen Frühlingsgöttin, wovon Ostern. Darum, Perser, achten wir Nicht den Reim für leeren Kram. Lied, das ohne Reime fliegt, Ist an beiden Schwingen lahm.*) Die Glanzperiode der persischen Poesie fällt in den Zeit- ranm von 900 bis 1500 und zwar wurden bis vor kurzer Zeit von den zahlreichen Dichtern dieser Epoche sieben, als die hervorragendsten, als glänzendes Siebengestirn gefeiert. Es sind: Firdusi, Enweri, Nisami, Dschelal-cddin Rumi, Saadi, Hafis, Dschami. In den Roten zu seinem westöstlichen Divan bemerkt Goethe:„Man hat aus der sehr schicklich geregelten Folge der sieben erste» römischen Könige schließen wollen, daß diese Ge- schichte klüglich und absichtlich erfunden sei, welches wir dahingestellt sein lassen, dagegen aber bemerken wir, daß die sieben Dichter, welche für die ersten gehalten werden, und nach und nach erschienen, wirklich ein ctisch-poetischcs Verhältnis gegen einander haben, welches uns erdichtet scheinen könnte, wenn nicht ihre hintcrlasscncn Werke von ihrem wirklichen Dasein das Zeugnis gäben." Seiner pragmatischen Deutung dieser Sieben- zahl fügt nun Goethe bedächtig hinzu, daß er derselben keinen absoluten Wert beilege, es sei nur, meint er,„um mit Quin- tilian unserem alten Meister zu reden, von Freunden aufge- nommcn, in der Art, wie man runde Zahlen erlaubt, nicht um genauer Bestimmung willen, sondern um etwas allgemeines bcqucmlichkcitshalbcr annähernd auszusprechen." Diese Ein- schränkung bewahrt die Gocthc'sche Deutung der runden Zahl der sieben großen Dichter Persicns vor der Lächerlichkeit, welchem seiner Zeit die Ausführungen des Philosophen Hegel über die Planetoiden verfiel. Zu einer Zeit, da man erst vier(zwischen Mars und Jupiter kreisende) Planetoiden: Ceres, Pallas, Juno, Vesta, kannte, hatte die Hegel'sche Philosophie, die in ihrem spc- knlativen Dünkel auch in der Naturwissenschaft das große Wort zu führen sich vermaß, auf spekulativem Wege nachgewiesen, daß und weshalb es vier Planetoiden, nicht mehr und nicht weniger, geben könne und war natürlich gründlich blamirt, als die Astronomen immer mehr Planetoiden entdeckten, so daß gegen- wärtig gegen 150 gezählt werden. Omar Chajjam steht den genannten sieben Großdichtern Persiens ebenbürtig zur Seite, sein nächster Geistesverwandter aber ist Hafis, der von Weltfrcudc und Gcnußscligkcit trunkene, srciheitbegeisterte Pantheist und geschworene Feind aller Pfaffen, Mönche, Mystiker und Schulpcdantcn, mit dem wir den Leser in Heft 3 des 8. Jahrgangs der„Renen Welt" bekannt gc- macht haben. Denn wie dieser sprudelt er seine Genußfreudig- kcit in dithyrambischen Sprüchen auf Wein, Liebe, Gesang und Natur ans, verdammt, geißelt und verspottet er mit Geist, Anmut und Grazie die fromme Nüchternheit, wie die ortodoxe Togmatik und predigt daS Evangelium der Freude und der Bcninnft, durchdringt er mit hellem Blick die Nebel des Glan- bcns und lebt, ein liebenswürdiger Freigeist, als Bürger kommcnd'cr Jahrhunderte. Von Hafis, dem Omar um einige Jahrhunderte voranging, so daß jener ohne Zweifel von diesem inspirirt war, unter- *) Diese Dilaram ist wohl auch dieselbe, an deren Namen sich das älteste Schachproblem knüpft, das Dilaram— Matt genannt wird. Der Schah von Persien und ein auswärtiger Fürst sollen nämlich ein- mal aus dem Schachbrett sich heftig bekämpft haben und der erstcre verlor nach einander leine sämmtlichen Besiztllmer. Zulezt sezte er auch noch seine geliebte Dilaram. Schon kündigte der Gegner ein unabwendbares Matt an, als Dilaram selbst, welche hinter einem Vor- hang versteckt alle Züge verfolgt hatte, triuniphirend hervorstürzte und den Gegner(Schwarz! in fünf Zügen matt sezte. Wir wollen das hübsche Problem den Freunden des Schachspiels mitteilen. Stellung: A 2. sch. T; 3. w. B; 4. w. K. 6. sch. B. Ii 8. sch. T. G 2. sch. S; 4. sch. L: 7. sch. B. D 3. sch. 6. sch. B. F 5. iv. B: 6. w. 93. G G. w. 93; 8. sch. K. II 1. w. T; 2. w. S; 4. w. T. Lösung: l. T. Ii 4- Ii 3-s- I. K. n. T. 2. S. h 2— g 4-j- 2. K.— g 8. 3. T. Ii I— h 8-j- 3. K. n. T. 4. 93. g 6— g 7+ 4. K.— g 8. S. S. g 4— d G schcidct er sich außer durch die Vcrsform(Dinar bediente sich in der Regel des vierzeiligeu sogen. Ziubay) auch noch dadurch, daß seine Leier nebenbei auch von ernsten, tiefsinnigen, ja selbst tragischen Akkorden ertönt.— So viel steht fest, sagt Bodenstedt, daß viele der Verse des Omar Chajjam, welche nicht in lokalen Veziehnngen wurzeln, ebenbürtig verdeutscht und unbefangenen Hörern ohne Nennung des Dichters vorge- tragen, eher würden für neuentdeckte Goethe'sche Verse ge- nommen werben, als für diejenigen eines alten Persers, der achthundert Jahre vor uns lebte und doch schon damals auf einer Höhe der Weltanschannng stand und so tiefe Blicke in die Natur tat, als ob er alle Resultate und Hypotesen unserer philosophischen Spekulation und modernen Naturwissenschaft mit prophetischem Geiste voransgekannt hätte. Wir geben zunächst einige Proben der merkwürdigen Dich- hingen. Die Vergeltungslehre des Islam führt der Dichter in seiner Weise ad absurdum, indem er darauf Hinweist, daß der Mensch nicht anders sein und handeln kann, als ihn Gott geschaffen; sündigt er, so hat Gott selbst den Trieb zur Sünde ihm ins Herz gesenkt, wie mag er ihn dafür strafen wollen? AlS mich Gott geknetet ans Ton, ans Erden zn wandeln, Kaimt' er genau vorher mein Streben und Handeln. Da ich so sündhaft nur, wie Gott cS wollte, geraten, Warum am jüngsten Tag noch in der Hölle mich braten! In einer andern Wendung drückt denselben Gedanken ein anderer Vers ans: Du, Herr, bist Lenker von Leben und Tod, Es kreist Himmel und Erde nach deinem Gebot. Wenn ich schlecht alS dein Sklav bin, was kann ich dazu? Der Schöpfer und Lenker von allem bist dn. Zu einer direkten Kritik Gottes über den Widerspruch der menschlichen Natur mit den religiösen Geboten versteigt sich der Dichter im folgenden Verse: Tu gabst uns Triebe, die uns gewaltsam treiben, lind befiehlst uns, wir sollen enthaltsam bleiben. Durch diesen zwiespältigen Znstand Kommen wir Armen zu keinem Ruhstand. Es ist unS in unserer Rot, Als heischte dein Gebot, Einen vollen Wcinkmg umzukehren lind doch ihm auszufließen. zu wehren. und in einem andern: Von allen Seiten hast du uns mit Schlingen bedroht lind sprichst: wer hineinfällt, den trifft der' Tod. Du stichst selbst uns verlockende Fallen zu stellen lind strafst dann, wen sie vcAockt, als Rebellen. Eine beißende Kritik des von den Gläubigen ob seiner nner- griindliche» Weisheit maßlos bewunderten Allah enthält auch der Vers: Der die Beste der Erde gegründet lind das Licht der Sterne angezündet, Wie viel Schmerzen, Wunden und Plagen Gab er den Herzen der Menschen zu tragen. Wie viel süße Rubinenmunde Begrub er im schmuzigen Erdenschunde, Wie viele Locken voll holder Düsie Wurden durch ihn ein Raub der Grüfte. Als Nichtglänbiger erweist sich Omar Chajjanr inbezng auf das Jenseits mit seinen verheißenen Freuden und angedrohten Leiden. lim Höllcnfurcht und Himmekshossnung drchm Sich Kirchen, Synagogen und Moschee»; Doch wer gedrungen bis zum Quell des Lichts> Macht sich aus Himmel und aus Hölle nichts. Ein anderer Vers lautet: Man sagt, es gibt ein Paradies, wo Huris uns nmsthktngen, Wo klarer Wein und Honig fließt und Lebensquellen springen. Bring Wein! Mir scheint um fernes Glück zu dürsten»'.cht vernünftig? Ein Tag der Freude ist mir jezt mehr wert als tausend künftig. Das klingt ungefähr wie das Wort Fanst's: Ans dieser Erde quillen meine Freuden, lind diese Sonne scheinet meinen Leiden p Kann ich mich erst von ihnen scheiden, Dann mag, was will und kann, geschehn. Davon will ich nichts weiter hören, Ob man auch künftig haßt und liebt lind ob es auch in jenen Sphären Ein Oben oder Unten gibt. Und wenn Heine singt:„Den Himmel iiberlaffen wir den Englein und den Spazen", so singt Omar: Wir haben alles dahingegebcn, WaS die Gläubigen als ihr Höchstes erstreben; Wir verzichten im klugen Genuß der Zeit Auf Lohn und Strafen der Ewigkeit. Wie Omar über das Gebet denkt, erfahren wir aus sol- gendem Vers: Wir denken wieder an unsere Weingcräte Und lassen den andern ihre fünf Tagesgcbete. Wo wir Flaschen mit langen Hälsen entdecken, Wollen wir, lang wie sie, unsere Hälse strecken. Der Mensch hat überhaupt vom Himmel eher Schlimmes als Gutes zu erwarten: Dieser hochragende Himmclskreis, Der nur zu plagen und zn placken weiß, Ist noch nie einem menschlichen Wesen Ein SchwiciigkeitScrlöser gewesen, Hat kein Unglück verhindert, Keine Leiden gemindert, Doch wo er blutende Herzen gefunden, Ihnen geschlagen noch neue Wunden. Daß er, wenn er je einmal die Moschee betritt, nicht Betens halber hineingeht, läßt sich denken: Obgleich ich die Moschee voll Andacht betreten, Bin ich doch nicht gekommen darin zn beten. Ich wollte nur selber sehen und hören, Wie die frömmelnden Heuchler daS Volk betören. Was er von den Priestern des Islam hält, sagt er uns im nachstehenden Ghasel: Die den Tcppich zum Gebete mit devotem Bücken tragen, Sind wie Esel, die des Heuchelns Werkzeug aus dem Rücken tragen. Schlimmer alS die Heiden glauben diese Jslamhcuchler selbst nicht An das Wort, das sie zum Volk in heiligem Bcrzückcn tragen. Köstlich ist der satirische Pfeil auf die Dummheit im allgemeinen: Am Himmel ist ein Sternbild der Stier genannt, Ein anderer Stier ist Unter der Erde bekannt*); Du öffne die Augen, um klar zu sehen, Wie viel Esel zwischen diesen beiden Ochsen stchn. Des Dichters Religion ist die Liebe, welche über alle Be- keuntnisse hoch erhaben ist: Ein jegliches Herz, daS die Liebe verklärt, Gleichviel welcher Glaube die Andacht nährt, Hat die Leuchte zum Ziel alles Höchsten gesunden, Hat Himmel und Hölle in sich überwunden. Es ist derselbe herrliche Gedanke, den Lessing im Testament Johannis entwickelt. Des Menschen Vestimmnng ist neben der Liebe der heitere Lebensgenuß: Man soll ins Herz nicht die Saat der Traurigkeit senken, Vielmehr den Blick auf die Freuden des Lebens lenken, Wein trinken, der Neigung dcS Herzens leben; Nur kurze Frist ist allem, was atmet, gegeben. Dieses Recht der Weltfrende läßt sich der Dichter von Gott selbst nicht verkümmern: Möge mir immer ein voller Becher zur Hand sein! Immer mein Herz von schönen Augen in Brand sein! Sagt man: Galt fordert Entsagung— so sag ich; daS kann er, Aber ich kann sie nicht üben, ich müßte sonst ohne Verstand sein. Wein, Weib, Gesang und Naturschönheit sind des Dichters Wonne, sie sind ihm ein Born unerschöpflichen Entzückens und sie begeistern ihn zn schwungvollen, bald feierlichen, bald Über- miitigen Rytmen. ♦) Nach der altpersischen Sage ruht die Erde aus dem Horn eines gewaltigen Stieres. Zuweilen wirft der Stier zur Abwechslung die Erde von einem Horn aus das andere, woher die Erdbeben und der- gleichen entstehen.(Bodenstedt.) . v Der Lenz hat mir durch seine Rosen geboten, Etwas zu verüben, was im Koran verboten: Ich soll Menschenrosen mit dustigen Locken Durch Wein zu den Rosen im Garten locken. Wenn das Veilchen frisch aus dem Boden spricht Und der Westwind die ersten Rosen erschließt, Trinkt, wer klug ist, unter grünem Geziveige Mit einer Schönen das Glas bis zur Neige. Dreierlei macht meines Lebens Wonne: Wein, schone Mädchen und Morgcnsonne. Wein und Lautenklang hier in Garten und Wiese, Gilt mir mehr als Huris im Paradiese. Trink rosigen Wein, wenn die Knospen springen Und laß Flöten und Harfen beim Becher erklingen. Trink Wein mit schlanken, herzraubendcn Wesen, Um vom Biß der Schlange des Grams zu genesen. Unerschöpflich ist des Dichters Harfe besonders im Lob des Weins, der ihm über alles geht: Ein Glas Wein wiegt hundert Herzen auf, Mit hundert Religionen im Kauf, Nicht um das Kaiserreich China gebe Ich preis die herbe Tochter der Rebe. Was kann von den Schäzen aus Erden Mit ihr verglichen werden? Was uns das trübe Leben gewährt, Hat Wert nur, wenn durch sie verklärt. Selbst im Tod noch will er den Wein nicht missen: Wenn ich tot bin, so wascht mit Wein meine Glieder, Und am Grab, statt Gebete, singt lustige Lieder; Und forscht ihr nach mir am jüngsten Tage, Ihr findet im Staub vor der Schenke mich wieder. Aehnlich Hafis: Kehr ich einmal auS der Erde Modrigem Schlünde wieder, Eilig, eilig in die Schenke WandeL ich zur Stunde wieder. Ucbcr das Weinverbot des Korans macht er sich mehr als einmal lustig. Gott hat uns Wein verheißen im Paradiese; Taugt Wein für jene Welt, warum nicht für diese? Ein trunkner Araber schlug Hamsa's*) Kamccl ein Bein ab, Zur Sühne dafür hält der Prophet uns vom Wein ab. In der Tat ist lcztcres ebenso absurd, als daß die Inden noch heutzutage den Genuß des Hintcrviertcls von Biersnßleni sich versagen, weil der Erzvater Jakob beim Ningkanipf mit Gott, bez. einem himmlischen Wesen, sich die Hüstc verstaucht hat.— Sehr hübsch ist folgendes Frage- und Antwortspiel: Verchruugsvoll grüßt von mir den Propheten: Zu offenbaren mir sei er gebeten, Warum uns saure Milch mit Salz und Eis erlaubt Und reiner Wein verboten überhaupt? Bringt meinen Gruß Chajjam und redet so: Unwissender, wann sagt ich dir und wo, Der Wein sei nicht erlaubt? Nur dummen Tröpfen Gilt mein Verbot, nicht aber klugen Köpjen. Ein anderer hat einmal behauptet, Muhaincd habe seinen Gläubigen den Wein verboten, damit er ihnen desto besser schmecken möge, gemäß dem Wort: Xitirnnr in vetiturn(das Verbotene reizt). Wer aber den Dichter niedriger Genußsucht zeihen möchte, würde irren. Ich trinke nicht Wein, um zu trinken blos, Nicht zu schwelgen sittcn- und glaubenloS; Ich trinke um höher mich zu beleben, Mich aus mir und über mich zu erheben. Aehnlich äußert er sich über die Liebe: Die gemeine Liebe ist venverslich ganz, Ein Glimmern in der Asche ohne Wärme und Glanz, Doch wo ine wahre Liebe glüht, Ergreift sie daS ganze Herz und Gemüt, Läßt keine Ruh bei Tag und Nacht, Weiß nicht ob Monde, ob Jahre verbracht, Denkt an Essen und Trinken nicht, Ihr ganzes Wesen ist Glut und Licht. ♦) Ein Verwantcr Muhamcds. Vom Glück der Großen und Vornehmen hält der Dichter nicht viel. Wie viele unserer großen Herrn Sind gleißende Schalen mit faulem Kem! Sie haben vom Glücke nur den Schein, Ihr Herz verzehrt sich in Qual und Pein. Doch sind sie so verdreht im Geist, Daß Mensch bei ihnen der nur heißt, Wer ihre nieder» Lüste teilt Und am wahren Glück vorübercilt. Die Schiller'schc Sentenz über das Glück:„Es ist nicht draußen, da sucht es der Tor, es ist in dir, du bringst es ewig hervor" findet sich auch bei unserem Dichter: Dein Glück kannst du nur von innen, Von außen nicht gewinnen. Wie Horaz mit seinem carpe diern!(Pflücke die Frucht des Augenblicks!) empfiehlt auch unser Dichter, das Gute, was die Stunde beut, frischweg zu genießen: Eine Nachtigall, die trunken zum Garten flog, Wo ein Roscnkclch über den andern sich bog, Nannte ins Ohr niir: Erfasse das Glück Des Lebens im Fluge, es kommt nicht zurück. Töricht aber ist es, durch Bekümmernis um die Vergangen- hcit oder durch Sorge um die Zukunft sich die Gegenwart zu trüben: Vergiß die Tage, die verloren sind, Fürchte die nicht, die noch nicht geboren sind. Schnell, wie der Wüstenwind entflieht mein Leben, Allein so lang mir Odem noch gegeben, Mach ich mir um zwei Tage keinen Gram: Den Tag, der schon verging und den, der noch nicht kam. Aber bei all seinem Frohmut und seiner leichtblütigen Auf- fassung des Lebens wird der Dichter zuweilen von trüben Re- flcxionen beschlichen, z. B.: Gcsczt, du hättest glücklich gelebt hienieden: was dann? Und es wäre dir ein seliges Ende beschieden: was dann? Gesczt, du hättest hundert Jahre glücklich gelebt Und könntest noch hundert Jahr leben zufrieden: was dann? Ja es entfährt ihm sogar einmal jenes pessimistische Urteil (dem wir auch in der Literatur der alten Hebräer und selbst bei Sophokles begegnen), daß das Nichtsein der glücklichste Zustand, sei, das aber in der Ziegel einer momentanen trübseligen Stim- . mung entspringt: Der Himmel scheint nichts zu tun als uns zn quälen und grämen, Er beut seine schönsten Gabe» bloS, um sie wieder zu nehmen. Die noch nicht Geborenen kennen dcS Lebens Qual und Gefahr nicht, Wenn sie daS Dasein kennten, sie kämen ins Dasein gar nicht. Mit diesen Proben glauben wir eine deutliche Borstellung von der Muse Omar Chajjams gegeben zu haben. Denselben soll sich nun ein kurzer Lebensabriß desielbcn nach Bodenstedt anschließen. Omar Chajjam wurde als Sohn eines Zeltmachers in einem Dorfe bei Nischapur in der Provinz Chorassan, lvahr- scheinlich um die Mitte des elften Jahrhunderts, geboren. Seine Lieblingsstndicn, Astronomie und Philosophie, führten ihn schon früh auf die Hochschule nach Nischapur, welche damals in hoher Blüte stand. Omar gehörte zu den drei Licblingsschülern des berühmten und hochangesehenen Lehrers Mowafik, dessen Unter- richt genossen zu haben als die beste Empfehlung zu ehrenvollen Stellungen und Aemtern galt. Ter andere dieser drei Bevor- zugtcn war Hassan Ssabah, der sich nachmals an die Spize der dem persischen Trone feindlich gesinnten Jsmailiten stellte, einer fanatischen Glaubenssekte, die unter seiner Führung bald zu furchtbarer Bedeutung heranwuchs, durch ihre Bluttaten ganz Pcrsien in Schrecken sezte, auch später in der Geschichte der Kreuzzüge eine verhängnisvolle Rolle spielte und in Europa unter dem Namen der Assassinen bekannt wurde. Der dritte war Abdul Kassim, der später die Gunst des mächtigen Alp- Arslan in so hohem Grade zu gewinnen wußte, daß er ihn zum ersten Wesier seines Reichs machte, unter dem Titel Nisam-cl-mnlk, gleichbedeutend mit Reichskanzler. Die drei Jugendfreunde hatten sich gegenseitig feierlich gelobt, daß der- jenige von ihnen, der vom Gliick zuerst begünstigt werde, vcr- pflichtet sei, die andern an seinem Glück teilnehmen zu lassen. Als nun Omar— der in seine Heimat zurückgekehrt war, wo er, um seine astronomischen Studien fortsezen zu können, neben- bei das Gewerbe seines Vaters treiben mußte— von der glänzenden Lausbahn seines Jugendfreundes Abdul Kassini hörte, machte er sich auf den Weg nach Bagdad, um diesen an das Gelübde zu erinnern. Der Nisam-el-mulk nahm ihn herzlich auf und fragte nach seinen Wünschen. Diese beschränkten sich darauf, durch ein mäßiges Jahresgeld der gemeinen Sorge ent- hoben zu werden, um ruhig seinen Studien leben zu können. Tics wurde ihm gewährt; ein ihm angebotenes Hofamt schlug er aus und zog zufrieden von bannen. In der Geschichte der Wissenschaften steht Omar Chajjam verzeichnet als der erste Astronom seiner Zeit, in welcher Araber und Perser sich bekanntlich besonders hervortaten.. Zioch in der Gegenwart hat man es in Frankreich der Mühe wert gesunden, seine arabische Abhandlung über Algebra zu übcrsezen und nebst seinen astronomischen Tabellen herauszugeben. Der kricgsgc- wältige König Malek-Schah, der zugleich ein Freund der Knust und Wissenschast war, wollte seinen Namen auch durch Her- stellung eines neuen Kalenders verewigen und dazu mußte Omar nebst sieben andern Gelehrten behilflich sein. Er soll beim König in hoher Gunst gestanden sein, aber immer die Unab- hängigkeit seines Karakters bewahrt haben. Tie Glanzperiode persischen Geisteslebens begann unter dem Patronat freisinniger, wohlwollender Fürsten. Dieses Patronat aber verwehrte jede selbständige Entwicklung des Natioualgcistes und machte die Bildung zur höfischen, die Poesie zur Hofpoesie, deren Be- dingungen und Beschränkungen nur einzelne kühne Geister zu überspringen wagten. Es ist daher gesagt worden:.Der Schah ist das eigentliche Sternbild der persischen Dichter, von dem sie Licht und Wärme für ihre Hervorbringungen empfingen; der Schah regte die Gesänge der Dichter an, empfahl und belohnte sie oder ward durch die Ungnade, die er ihnen bewies, ihre oft den Tod bewirkende Kritik." Was nun Omar betrifft, so hatte er mit der Schaar von Poeten, welche den Herrscher umgaben, um dessen Taten zu verherrlichen und ihm Weihrauch in Versen zu streuen, nichts zu tun. Omar war ein Dichter von Gottes Gnaden, aber keiner von Profession. Er suchte nicht nach Stoffen, uni sie zu bearbeiten; er schrieb nur, wenn er von innen dazu angeregt wurde, dann aber cntsproßtcn ihm seine Verse so natürlich, wie einem in gutem Boden wurzelnden Baume Blüten und Früchte. Die Muse war ihm Herzensfrcundin, was er schrieb, schrieb er für sich allein, tu einer schönen, wohlklingenden Sprache, die damals ihre beste Zeit hatte und die er so meisterlich bc- herrschte, daß seine Verse noch heute niustergiltig sind. Oft kam es vor, daß er in lebhafter Unterhaltung über Dinge, die ihm tief gingen, Verse improvisirte, die dann von Freunden tvie Feinden festgehalten und niedergeschrieben wurden, häufig, um ihm zu schaden und die Priester gegen ihn aufzubringen, über deren Heuchelei er sich lustig machte. Die glaubens- wütigen Prediger des Koran verfehlten auch nicht, den in bc- schaulichcr Einsamkeit Herz und Himmel erforschenden Dichter und Astronomen zu verkezeru und zu verlästern und ihm sogar nach dem Leben zu trachten. Zu wiedcrholtenmalen wurde er beim König der Gotteslästerung angeklagt, und Malek-Schah hatte seine liebe Not, ihn vor den Verfolgungen der Priester und Richter zu schüzen; doch der Nisam-el-Mulk ließ ihm seinen mächtigen Schuz zuteil werden, mit freundschaftlicher Warnung zur Vorsicht, die jedoch bei dem furchtlosen Mann wenig frnch- tctc. Es spricht nicht wenig zum Ruhm des mächtigen Malek-Schah, daß er, obgleich keineswegs taub für die Stimme der Schmeichelei und überschwenglicher Huldigung, doch bis zu seinem Tode treu zu einem Manne hielt, dem alle Schmeichelei und llcberschwenglichkcit ein Gräucl war, der dies in blanken, schneidigen Versen aussprach und darin zugleich alle Groß- mannssucht, olles eitle Gleißen als Torheit verspottete. Als Dichter mußte Omar, seit er Aussehen zu machen bc- gann, nach der Sitte des Landes einen sondern Namen annehmen, und er nannte sich nach dem Gewerbe, das sein Vater und er selbst betrieben, Chajjam, d. h. im Arabischen Zcltniachcr, und die Perser rühmen die große Bescheidenheit, welche Omar wie in seinem ganzen Leben, so auch in der Wahl seines Dichter- namens gezeigt, während seine Vorläufer und Nachfolger stolzere Namen trugen, wie Firdnsi(der Paradiesische), Saadi(der Glückselige), Enweri(der Strahlende), Hafis(der Gedächtnis- starke) u. f. f. Nach dem Tode des Dichters taten die Priester alles Mög- Ii che, die zündenden Rcimblize Omars durch Unterdrückung seiner Schriften unwirksam zu machen und dies Vcrnichtungsgcschäft wurde von ihren Nachfolgern bis ans den heutigen Tag redlich fortgesczt. Moderne Novelle von| 1. Im Bureau des Rechtsanwatts. Im ersten Stockwerke eines Hauses an einem der schönsten Pläze der Residenz lag die Wohnung des Justizrats Härder, eines der berühmtesten Rechtsanwälte der Stadt. Die Wohnung zerfiel in zwei Hälften. Aus der einen Seite lag die Privativohnung des Justizrats, der mit einer ehrenhaften, aber in vieler Hinsicht unbedeutenden Frau in lang- jähriger kinderloser Ehe lebte; Justizrat Härder galt als eine Autorität, wenn es sich um Ratschläge in verwickelten Prozessen oder kritischen Rechtsfragen handelte. In den späten Nachmittagsstundcn eines regnerischen Märztages saßen Härders Burcauvorstcher und mehrere Schreiber in emsiger Arbeit an ihren Pulten. Die Herren waren mit dem Konzipiren verschiedener Schrift- stücke und mit dem Sortiren großer Aktenstücke beschäftigt, als ihre Aufmerksamkeit durch das Ocffncn der Tür, die in das Vorderzinimer des Chefs führte, von ihren Beschäftigungen ab- gelenkt wurde. Auf der Schwelle erschien der Justizrat. Er mochte ein Mann von drei- bis vicrundfünfzig Jahren ; ch i ck sa l e. rrk Körkitz. sein. Ein behäbiges Embonpoint und große graue Augen, deren durchdringender Blick durch die joviale Miene, die stets nm den freundlich und verbindlich lächelnden Mund lag, para- lysirt wurde, gaben seiner ganzen Erscheinung einen angenehmen, wohltuenden Karakter. Sein volles, aber schon stark grau nie- lirtes Haar verlieh ihm beinahe etwas Ehrwürdiges, wenn nicht die muntere Laune, die ihn stets durchsprudelte, ihm noch einen Schimmer von Jugend gegeben hätte. „Meine Sprechstunde ist zwar noch nicht ganz vorbei,"— sagte der Justizrat, indem er nach seiner Uhr sah, die ein Viertel nach Sechs zeigte.—„weisen Sic aber heute jeden ab, der vielleicht noch kommen sollte; ich habe für heute Abend mit meiner Frau eine Einladung zum Ball in das Thccleuh'chc Haus augcnommcn, und will mich, sowie ich noch einige not- wendige Briefe geschrieben habe, dazu rüsten". Der Bureauvorsteher Henschcl, an den sich Härder gewandt hatte, verneigte sich. Ter Justizrat trat in sein Zimmer zurück, dessen Tür er hinter sich schloß. Wenige Minuten waren vergangen, als an der äußeren Tür, die vom Treppcnflur hereinführte, geklopft wurde. �«ite 26.) Gleich darauf trat eine Tame ein, die den Schleier hoch- schlug und die Herren mit sehr sympatischer Stimme begrüßte. Der Burcauvorstehcr drehte, indem er hastig aufstand, uu- willkürlich die Gaslampe über seinem Pulte etwas höher, gleichsam als wollte er das reizende jugendliche Gesicht der Eingetretenen in noch hellerem Lichte schauen.. „Ist der Herr Justizrat Härder zu sprechen?" fragte sie. „Bedaure unendlich, meine Gnädigste!" erwiderte Henschcl, der ihr entgegentrat,„der Herr Rat haben seine Tür soeben geschlossen." „Es würde mir recht leid tun, wenn ich den Weg vcr- gcbens gemacht hätte", fuhr die Danic fort,„sollte Herr Härder nicht kurze Zeit für mich übrig haben?" Der liebliche, sanfte Ton ihrer Stimme erhöhte den ange- nehmen Eindruck ihrer äußeren Schönheit ans den Burcauvorstehcr, der sich verneigte und so galant es ihm möglich war, mit ge- spiztem Btuude flüsterte: „Ich will es versuchen!" Er ging an die Tür des vorderen Zimmers, horchte einen Augenblick, und klopfte dann an. Nach wenigen Sekunden öffnete sich die Tür und Härder trat mit fragendem Blick in die Kanzlei. Henschel wies mit einer Haudbcwcgung ans die junge Fremde, die dem Justizratc eine artige Verbeugung machte. „Verzeihen Sie, Herr Justizrat", begann die Dame,„wenn ich Sic so spät noch störe. Ich bin erst heute hier in der Residenz angekommen und es handelt sich mir nur um die vor- läufige Anfrage, ob ich auf Ihren Rat und Beistand in einer sehr diffizilen Prozeßsachc rechnen dürfte?" . Härder unterlag demselben Zauber, den die cchtweibliche Schönheit der jungen Frau schon ans seinen Burcanvorsteher ausgeübt hatte. Er starrte das reizende Weib einen Augen- blick bewundernd an und führte dasselbe in zuvorkommendster Weise in sein Privatzimmer. Die Tame ließ sich auf einen Sessel nieder, den ihr Härder verbindlich zurccht rückte, und stellte sich ihm dann vor: „Mein Name ist Amalie Jonston, ich bin Wittwc, und komme aus London, wo ich mein Domizil habe!" Der Justizrat, der sie mit noch erhöhtem Interesse betrachtete, als er hörte, daß dieses reizende junge Geschöpf schon den düsteren Wittwcnschleicr trüge, fiel ihr in das Wort: „Dann bewundere ich, gnädige'Frau, außer vielem anderen", er verneigte sich huldigend,„doch ganz besonders, daß Sie unsere Sprache so vortrefflich und rein zu reden wissen!" Mistreß Jonston schlug die Augen nieder; ein flüchtiges Rot deckte ihr Gesicht. Es blieb zweifelhaft, ob es Verlegen- heit, Unmut oder gar ein schmerzliches Gefühl war, das ihre Züge färbte. Auch lag ein merkbares Zittern in ihrer Stimme, als sie entgegnete: „Ich bin eine geborene Deutsche. Während der acht Jahre, die ich in London weilte, habe ich meine deutsche Heimat nie vergessen; es waren ganz eigene, ungewöhnliche Verhältnisse, die meinen Vater einst bestimmten nach England zu gehen, und gerade dicserwegcn komme ich zu Ihnen." Dabei übcrcichte sie ihm einen Empfehlungsbrief von einem Londoner Kollegen des Justizrats. Härder, der ein immer größeres Interesse für die schöne Fremde empfand, verbengte sich, durchflog den Brief, den sie ihm gegeben, und reichte ihr dann die Hand. „Ganz zu Ihren Diensten, meine Gnädige", bekräftigte er, „es hätte dieses Empfehlungsbriefes gar nicht bedurft, um mein Interesse für Ihre Sache zu erwecken. Wollen Sic mich.gc- fälligst nur näher oricntiren." Amalie Jonston schlug herzlich in die ihr gebotene Hand ein; sie fühlte instinktartig, daß sie einen Ehrenmann vor sich hatte. „Ich werde", sagte sie aufstchend,„Ihnen morgen Vor- mittag verschiedene Dokumente und eine Vollmacht meines Vaters, nach welcher ich seine Ansprüche hier verfolgen soll, überbringen. Für heute nehmen Sie meinen Dank, daß Sie mir helfend zur Seite stehen wollen. Beruhigt kehre ich nun in mein Hotel zurück." „Sie wohnen im Hotel?" fragte er wie bedauernd. „Mir blieb nichts anderes übrig, denn ich bin ganz fremd* in hiesiger Residenz." „Dann kann ich Sie unmöglich fortlassen ohne Sie meiner Frau vorgestellt zu haben, damit Sie doch nicht ganz ohne ge- sellschaftlichen Anhalt bleiben." „Sehr gütig!" „Gewiß werden Sic uns die Ehre erzeigen, den Tee bei uns zu nehmen", er stockte plözlich in der Rede und knipste ärgerlich mit den Fingern,„wie schade! Ich habe ganz ver- gessen, daß ich mit meiner Frau diesen Abend einen Ball be- suchen soll." „Umsoniehr Grund, mich schnell zu entfernen!" rief Mistreß Jonston und tat einen Schritt der Türe zu. „Wir könnten absagen lassen!" „Das werde ich nie zugeben!" „Halt, noch einen Ausweg", sagte der Justizrat lebhaft, „das Theclen'sche Hans, in das wir geladen sind, ist eines der glänzendsten und zugleich gastfrciestcn der Residenz; wenn Sie uns begleiten wollten, wäre es für meine Frau und mich leicht, Sie dort einzuführen." Amalie zauderte unschlüssig. „Wie liebenswürdig Sie sind— nur fürchte ich, daß-- „Kein Bedenken, gnädige Frau! Jedenfalls erlauben Sic mir, Sie meiner Gattin vorstellen zu dürfen!" Dabei bot er ihr galant den Arm. „Ihrer Gemahlin will ich mich gern Präsentiren", sagte sie, indem sie ihren Arm in den seinigcn legte,„ich sehe es sogar als Schuldigkeit an, der Frau meine Ehrfurcht zu beweisen, deren Mann mich so freundlich aufgenommen hat". Härder öffnete eine Seitentür und führte die Engländerin in de» Teil der Wohnung, wo die Privatzimmer lagen, in deren einem die Justizrätin soeben an ihre Toilette für den Theclcn'schcn Ball gehen wollte. 2. ßin grohes Kausmannshaus. Es lag wie ein trüber Nebelschleier über der Stadt. Tie Gasflammen der zahlreiche» Straßenlaternen verloren durch den nassen Dunst die Hälfte von ihrer Leuchtkraft. Aber selbst diese ungünstigen Witterungsvcrhältniffe konnten nicht die Intensität des glänzenden Lichtmccres abschwächen, das dem prächtigen Eckhanse entströmte, dessen Front nach zwei Hauptstraßen der Residenz lag. Es war das allbekannte Thcclei'"che Haus, das von einem glänzenden, fast chrfuchtsvollcn Nimbus in der öffentlichen Meinung umgeben war. Durch mehrere Generationen war es die Heimat einer der ältesten und geachtctstcn Kaufmannsfamilien der Stadt. Mochte die Art der Geschäftsführung heute auch eine ganz andere ge-!: worden sein, als die Traditionen früherer Jahre sie in den- selben Mauern schilderte, so lag das naturgemäß in den Ver- Hältnissen der Gegenwart. Hatte sich das geschäftliche Leben in dem Theclen'schen Hanse im Lauf der Zeit geändert, so war dagegen das Fami- licnlcben in demselben stets dasselbe geblieben: patriarchalisch, ehrbar, ungestört, glücklich. Nur einmal, vor einigen Jahren, hatten die bösen Zungen des Stadtviertels und der Bekanntenkreise von einem Konflikt in demselben wissen wollen. Es war zu jener Zeit gewesen, als ein neuer Buchhalter, Ernst Scnger. in das Thcclcn'sche Haus gekommen war. Man munkelte damals von argen Zerwürfnissen zwischen dem alten Kommcrzienrat Thcclcn und seinem jungen Buchhalter, sah aber bald, daß man sich, wie oft, durch leere Redereien hatte täuschen lassen, denn grade dieser zuerst angefeindete Ernst Sengcr wurde durch unvermutete Verlobung und bald folgende Heirat mit der einzigen Tochter Lcopoldinc der Schwiegersohn y des alten Thcelen, und als leztercr bald darauf starb, der Chef der alten Firma, die er ans„Gotthilf Thcelen" in k»Theelen Nachfolger" umänderte. Immer Heller strahlte das Gestirn des alten Hauses mit der neuen Firma auf, und der jezige Besizer beschränkte sich 1 nicht, wie sein verstorbener Schwiegervater, auf Waarengeschäfte, sondern betrieb, den Anforderungen der Gegenwart Rechnung tragend, moderne Spekulationen in Aktien, Straßendurchbrüchen und ähnlichen Unternehmungen. Dabei operirte er mit vielem Glück, denn Wechsel mit seinem Acccpt oder Giro galten bei den Banken für hochfein und waren überall wie baares Geld zu begeben. Das war das Aeußere des Theelen'schen Hauses, wie alle Welt es kannte. � Treten wir jczt in das Innere. Hier schwamm augenblicklich alles in einem Meer von Licht. Tropische Pflanzen schmückten das Treppenhaus und der Duft prachtvoller Hyazintcn und Maiglöckchen durchzog aro- matisch alle Räume des Hauses. In einem kleinen Zimmer des ersten Stockwerkes, das auf der Hofseite lag, befand sich der Herr des Hanfes. Ernst Scngcr war eine imposante Erscheinung, ein wahr- hast schöner Mann. Groß und stattlich gewachsen, hatte seine Figur bei kräf- tigster Männlichkeit doch etwas Elastisches in den Formen. Sein Gesicht war regelmäßig und angenehm. Namentlich übten die großen blauen Augen, die ungemein lieb und freundlich blicken konnten, einen wahrhast magnetischen Zauber aus. Das hellblonde Haar und der rötlich blonde, wohlgepflegte Vollbart paßten sehr gut zu den Augen und dem rosigen Teint des Gesichts. Sengcr stand vor einem hohen Wandspiegel und beendete soeben seine Toilette. In diesem Augenblick schlug die Pendule auf dem Kamin- sims neun. „Benachrichtigen Sie das Kammermädchen meiner Frau", sagte Scngcr zu seinem Diener, der ihm Hut und Handschuhe reichte,„daß es Zeit ist, im Salon zu erscheinen!" Ter Kammerdiener verneigte sich und ging hinaus. Senger zog die Handschuhe an und wandte sich dann eben- falls zur Tür. Beim Umdrehen fielen seine Blicke noch ein- nial in den großen Wandspiegel, ans dem ihm sein stattliches Bild entgegen strahlte. Keine Eitelkeit war es, die ihn Freude empfinden ließ; jedes - weibische Gefühl war ihm fremd. „Du bist mir Bürgschaft", rief er seinem Spiegelbilde zu, »daß alle meine Pläne gelingen!" Stolz und selbstbewußt begab er sich in den an den Ball- I saal stoßenden Salon. Dort kam ihm Leopoldine cntgegoii. Wenn die oftmals aufgestellte Hypotese, daß man eine Frau »ach ihrer Art, sich zu kleiden, am sichersten beurteilen kann, wirklich richtig ist, dann wäre das Urteil über die junge Ma- dame Scngcr nicht besonders günstig ausgefallen. Leopoldine Scnger, geborene Theelen, war schon an und - für sich nicht sehr reizvoll. Klein und mager von Figur, mit einem gutmütigen, aber ausdruckslosen Gesichte von Natur be- i gabt, wäre sie überall unbemerkt geblieben, wenn sie nicht durch .1 übertriebenen KlciderluxuS aufgefallen wäre. Heute trug sie ein kirschrotes Schleppkleid von schwerem - Seidenstoff, weißseidcne Schärpe und hellblaue Vergißmeinnicht- koisfürc. Hals, Arme und Taille ihrer Robe waren mit schim- Merndcn Brillanten förmlich übersät. Scngcr starrte seine Frau einen Augenblick überrascht an, wie sie ihm höchst lustig und vergnügt entgegenkam; sie hatte keine Ahnung davon, daß sein Schönheitssinn durch die Zu- sammcnstellung ihrer Toilette arg verlezt wurde. „Was siehst du mich denn so prüfend an, Männchen?" fragte heiter die Arglose. Senger hatte sich bereits wieder gefaßt. Als feiner Menschen- kenner wußte er zu gut, wie wenig eines Menschen Eigen- tümlichkeiten durch Worte geändert werden können. Er belehrte nie und widersprach ebensowenig, sondern er nahm die Menschen stets wie sie waren. Dieser Maxime auch jezt folgend, erwi- derte er mit dem Tone vollster llebcrzeugung: „Ich bin überrascht, liebe Lcopoldine! Mir ist, als hätte ich dich nie so schön gesehen als heute!" „Wirklich? Findest du?" lispelte sie geschmeichelt,„das freut mich, ich will ja auch niemandem gefallen wie nur dir!" „Du musterhafte Frau!" flüsterte er ihr zu, und küßte ihr galant die Hand,„aber heute sollst du allen gefallen, mehr noch, du sollst allgemein imponiren, was dir nicht schwer fallen wird, denn wer ist so Meisterin der Honneurs wie du?" „Schmeichler!" lächelte sie,„wünschest du,, daß ich heute jemand ganz besonders auszeichne?" „Ja, den jungen Baron Bernhard von Warren," belehrte sie ihr Gatte,„entfalte gegen ihn deine ganze Liebenswürdig- keit; fordere ihn scherzend zuerst zum Tanze auf und deute im Gespräch, wie von ungefähr auf deinen neuen Diamantschmnck; erzähle ihm, daß ich ihn dir kürzlich schenkte!" „Das hätte ich ohnedies getan," versicherte Lcopoldine, „denn ich bin ganz stolz auf dieses schöne Halsband, das ich heute zum erstenmale trage, wenn auch ganz heimlich sich das Bedauern darein mischt, welche großen Summen du für diese blinkenden Steine gezahlt haben mußt!" „Liebes Kind," sagte er nachlässig und doch mit einer ge- wissen Rcnommage,„mache dir wegen des allerdings sehr hohen Preises der Diamanten keine Sorgen. Denke, daß du die Frau eines Millionärs bist, und daß der immense Wert dieser Steine meiner Liebe für dich gleichkommt." „Das macht mir die Diamanten auch doppelt wert," flüsterte sie glückselig,„und hätte ich noch einen Wunsch in all' dem Uebcrmaß von Glück, das der Himmel über mich ausgeschüttet hat, so wäre es der, daß mein seliger Vater noch den glän- zenden Aufschwung unseres Hauses miterlebt hätte." Scnger trat unmutig einen Schritt zurück. „Welche traurigen Gedanken beim Beginne eines Balles!" „Nicht traurig," rief sie,„nein, erhebend für mich, denn ich denke dabei, welches Unrecht mein Vater einst gegen dich beging, als er in unsere Heirat nicht willigen wollte! Oft haben mich Gewissensbisse gequält, weil ich die Einwilligung zu unserer Heirat erzwang, aber nun bin ich über meine frii Heren Skrupel längst beruhigt! Täglich bewundere ich dein Emporstreben von neuem und mein Vater ist ini Unrecht gewesen, als er deinen Wert nicht vollständig anerkennen wollte!" Scngers Gesichtsausdruck war bei jedem Worte seiner Frau milder geworden. „Dein guter Vater war alt," sagte er sanft und beschwich- tigend,„er verstand den Geist der Neuzeit nicht. Friede seiner Asche!" Ein Diener trat ein und meldete, daß der erste Wagen vor- gefahren sei. Scngcr befahl, daß der Tee servirt werden solle. Der Diener verschwand wieder. „Komm', liebste Frau, wir wollen unseren Gästen vereint entgegengehen!" Taniit wollte er ihr den Arm bieten. „Noch eins," sagte Leopoldine, ohne den Arm ihres Gatten zu nehmen,„ich hätte beinahe vergessen, es dir mitzu- teilen!" „Nun?"— „Bei der Toilette," erzählte Leopoldine ihm rasch,„erhielt ich ein Billet der Justizrätin Härder, in welchem sie mich schrift- (ich bat, ihr Fortbleiben vom heutigen Balle zu entschuldigen, da sie unerwartet Besuch von einer Dame aus England erhalten hätte. Ich schickte natürlich sogleich zu ihr zurück und ließ sie ersuchen, doch zu kommen und die Fremde mitzubringen! Du bist also unterrichtet, wenn du ein fremdes Gesicht unter unseren Gästen sehen solltest!" „Hinlänglich!" sagte er gleichgültig. 16 „Demzufolge werden Härders kommen," fuhr Madame Senger fort,„auch hat die Fremde ihre Pflicht der Höflichkeit erfüllt, denn sie sandte mir soeben ihre kouvertirte Karte!— Ich muß sie noch bei mir haben," unterbrach sie sich und faßte in ihre Kleidertasche, ans der sie eine Visitenkarte hervorzog und dieselbe ihrem Manne hinreichte. Senger warf einen Blick ans die Karte. „Mistreß' Amely Jonstvn, London, empfohlen durch Frau Justizrätin Härder," las er fluchtig' und gab die Karte dann seiner Frau zurück. Seiden- und Atlasroben ankommender Damen rauschten im Nebensaal. Seliger und seine Gemahlin gingen, ihre Gaste zu bc- grüßen. 3. Tie Rachegöttin. Eine Stunde spater tpar der Ball im vollen Gange. Jni Dauzsaal sezten die lieblich verlockenden Töne einer Strauß'schcn Quadrille zahlreiche Füßchen in Bewegung. Lcopoldine tanzte den Kontretanz mit dem von ihrem Gatten vorher erwähnten Baron Warren. Herr van Warrcn war ein hübscher, tief brünetter junger Mann von acht- bis ncnnundzwanzig Jahren; er blickte mit dunklen Rehaugen lustig und etwas begehrlich in die Welt hinaus. Sein Vater hatte ihm ein wertvolles Rittergut in ent- ferntcr Provinz hinterlassen, aber der junge Baron, dem das einsame Landleben keineswegs behagtc, ließ sein Gut durch eine» Verwalter bewirtschaften und brachte den größten Teil des Jahres in der Residenz zu.— Das lezte Eckzimmer in der Reihe der glänzend erlcuch- teten Gemächer war leer, da sich alles in die Nähe des Tanz- saals drängte, um, wenn nicht an der Freude des Tanzes selbst teilzunehmen, doch wenigstens kritisirend zuzuschauen. Eine Tür, die vom Korridor hereinführte, öffnete sich und ein Herr trat durch dieselbe ein. Er schaute sich prüfend in dem leeren Gemache um. Es war ein älterer Mann, zwar im schwarzen Frack und mit weißer Halsbinde, der aber im übrigen nicht festtagsmäßig aussah. Er hatte Notizbuch und mehrere Papiere in der Hand; ncit welchen er sich im Eintreten noch beschäftigte, die er jezt aber in seiner Tasche verbarg. „Ich bin etwas zu spät gekommen," murmelte er vor sich hin,„er ist nicht mehr in seinem Zimmer, wohin er mich noch vor dem Balle bestellt hatte! Nun, so wird er mich hier zu finden wissen! Er scztc sich auf einen Diva». Durch die Höhe der im Salon herrschenden Temperatur liefen die Gläser seiner Brille mit r trübem Hauche an. Der Herr zog sein seidenes Taschentuch hervor und nahm die Brille ab, um die Gläser derselben wieder zu klären. Jezt erst war sein Gesichtsausdruck völlig zu erkennen. Sein Blick hatte ebensoviel vom Wolf wie vom Fuchs und war in seiner Wirklichkeit wenig Vertrauen erweckend. Aber niemals bekam ein anderer diese Augen zu sehen. Die Brille diente ihnr als Maske, und sobald der Herr dieselbe wieder vor- gelegt hatte, war seine Physiognomie undurchdringlich verschleiert wie stets. Dieser Mann war der Agent Lorberg, der am meisten be- schäftigte Kommissionär des Herrn Ernst Senger. Larberg war früher selbständiger Kaufmann gewesen, hatte einen schlechten, betrügerischen Bankrott gemacht und demzufolge eine Gcfängnishast abgebüßt. Das war ihm für sein Fort- kommen längere'Zeit hindurch sehr hinderlich gewesen. Er hatte bittere Not zu leiden gehabt, bis er plözlich von Herrn Ernst Senger zu sich gezogen und von diesem mit der Vermittlung zahlreicher Geschäfte betraut worden war. Die Welt lobte Sengcr für seine barmherzige Nächstenliebe, mit welcher er sich des gefallenen Mitmenschen annahm, und der Nimbus des reichen Theelcnschen Hauses war so groß, daß in seinen Strahlen Lorbergs prekäre Vergangenheit fast ganz unter- gegangen war. Er hatte nicht lange in dem einsamen Salon gesessen, als er durch die geöffneten Türen vom Tanzsaale her den Herrn des Hauses auf sich zukommen sah. „Sind Sic allein?" fragte Sengcr im Eintreten. „Der alte Kvhlcngrubenbcsizcr." erwiderte Lorberg, indem er sich langsam erhob,„wollte mich troz allen Zuredens� nicht auf Ihren Ball begleiten; er scheint überhaupt sich anders be- sonnen zu haben, denn er will das von mir eingeleitete Kohlen- geschäst nun schließlich doch nicht mit Ihnen machen." Ueber Scngers schönes Gesicht flog eine Wolke des Unmuts. „Ich muß die Kohlen haben," sagte er halblaut und preßte die Lippen fest auseinander, als koste es ihm Mühe, einen Ausruf des Aergers zurückzuhalten. „Ter alte Proviuziale," fuhr Lorberg fort,„scheint diffizil zu sein wie einer unserer gewiegtesten Trottoirläuser, denn er will seine Kohlen nur gegen Baarzahlung fortgeben und rcsüsirt jedes Akzept von Ihnen!" „Sprechen Sie hier in den Gesellschaftsriinmen nicht so laut von Geschästssachen! Folgen Sie niir in mein Kabinet, um weitere Dispositionen zu treffen!" Ruhig und stolz wie immer, verließ Senger den Salon durch die Tür, die auf den Korridor hinausführte. Sein Kom- missionär folgte ihm bcsohlenermaßen nach. (Fortsijung folgU Der Bau des menschlichen Körpers. Eine anatomisch- physio logisch e Skizze von Wrmrc» Kaiser. „.Hilf dir selber. Bist du Gottes Sohn, so steig herab vom Kreuze,"— so riefen die Juden nach der Erzählung des Evangelisten ihrem Stammesgenosseu Jesus von Nazarct höhnend zu, nachdem der römische Statthalter ihn auf ihr Betreiben ans Kreuz geschlagen hatte. Solcher Hohn gegenüber einem Wehrlosen ist sicherlich eine schmach für den, welcher so seinem Hasse Ausdruck zu geben vermag, des Hohns aber entkleidet enthalten jene Worte die beherzigenswerteste Mahnung, die mau allen nicht wehrlosen Menschen überhaupt ans Herz legen kann: Hilf dir selber. so du hilfsbedürftig bist, denn tust du es nicht selbst, so wird dir schwerlich geholfen werden. Das gilt für die Einzelnen, ivie für die Völker und die Menschheit in materieller wie in ideeller, in sittlicher wie in intellektueller Beziehung. Wo ein Mensch sein Heil in der Unterstüzung guter Freunde und getreuer Nachbarn sucht, da hat er das Gebäude seines Lebensglücks auf Sand gebaut. Wo ein Volk— in den Monarchien wie in den Republiken— auf die, welche es bc- herrschten, als auf seine irdische Vorsehung vertraute, hat es sich selbst verraten und verkauft. Solange die Menschheit noch von den Vertretern des Glaubens an ein besseres Jenseits sich bevormunden und führen ließ, betrog sie sich selber schnöde uni das Diesseits. Selbst also sei der Mensch! Durch das Verlassen und Vertrauen, das sich aus andere Stüzcn und auf sie Bauen hat sich die ungeheure Mehrzahl aller Menschen an das Kreuz jahrtausendelanger Leiden festgciragclt;— nachdem das einmal erkannt ist, gilt das Wort: Bist du Gottes Sohn,— so steig herab vom Kreuze. Wir sind Gottes Kinder,— unser Gott ist unsere Welt, deren vorzüglichste Schöpfung wir selbst sind, als Inbegriff der Big. i.««»»el. Big. 7. Wage«. Fig. f.. Durchschnitt bt8 HcrzcnS mit de» Gesäßftämmcn. Big. 8. BtrHUtfchnIrt de»«1» höchsten Geistigkeit, von der wir wissen, und wir fühlen uns kräftig genug, vom Kreuze der Leiden herabzusteigen, so stark auch die Banden sind, welche uns daran fesseln. Berglichen mit der einen Fessel, welche die Menschheit um- fangen hält, der Unwissenheit, sind alle übrigen— Zwirnsfäden,— die zu zerstören, sobald jene überwunden ist, nicht mehr erfordert, als einen leichten Ruck, zu dem es keiner An- strcngung mehr bedarf. Die Unwissenheit zu überwinden, Wissenschast zu lehren allem Volke,— dazu sind ja die Schulen da, wird man sagen, und unser Schulwesen,— was hat es schon für riesige Fort- schritte gemacht und wie herrlich wird es sich noch entwickeln in unserer großen Gegenwart und noch größeren Zukunft! Gewiß— wir, d. h. das ganze deutsche Volk mit ein paar tausend unbedeutenden Ausnahmen—• können schon unfern Namen schreiben und den Steuerzettel lesen, wir sind Meister des Einmaleins und vertraute Freunde der vier Spezies; und haben wir„höhere" Schulen besucht und auf ihnen rund ein Jahrzehnt„geochst",— ich bitte um Entschuldigung, ich habe bekanntlich diese unter den Jüngern unserer offiziellen Bildung allgemein übliche Bezeichnung nicht erfunden, halte sie aber für ganz außerordentlich zutreffend,— haben wir also ein De- zcnnium auf Gymnasium oder Realschule geochst, so find wir im klassischen Altertum zuhause, wie der Landjunker im Pferde- stall; wir schreiben lateinisch so gut, oder unzweideutiger und präziser ausgedrückt, fast so schlecht, als wir deutsch schreiben; wir erinnern uns ferner zeitlebens mit inniger Selbstzufrieden- hcit daran, dereinst auch altgriechisch verstanden zu haben; ja wir sind so mordsmäßig gebildet, daß wir Wurzeln ausziehen können so geschickt wie der Barbier Zähne, daß wir mit Pyra- niidcn wie mit Kegeln, mit Prismen wie mit Kugeln matematisch zu spielen vermögen, wie wir es einstens praktisch vermochten, da wir noch in den Gaben des Weihnachtsmannes unsere höchste Freude fanden. Auch in der Weltgeschichte sind wir vorzüglich beschlagen,— wir können alle Schlachten Hannibals und der Scipionen an den Fingern herzählen,— wissen, wieviel Geld Julius Cäsar verlüdert hat, um der Cäsar zu werden, als den ihn die Welt bewundert, auch die Regierungszcit der deutschen Kaiser kennen wir und die Schlachten von einem Schock mittel- alterlicher und neuzeitlicher Kriege,— so gleichen wir denn, nehmt alles nur in allem, großen Kästen, die bis an den Rand mit allerlei Wissen vollgepfropft sind,— und, frei nach Goethe: Wir preisen es selber aller Orten,-- Sind aber doch nicht gescheiter geworden. Schreiben und Lesen kann der Mann wie das Weib aus dem Volke, aber ein wissenschaftliches Buch zu lesen, würde ihm in den weitaus meisten Fällen nicht das mindeste nüzen, denn— sie können es nicht verstehen! Die lateinischen Klassiker kennt der„Gebildete" in- und auswendig, aber wenn er Rechenschaft über den Geist und In- halt unserer modernen Literawr und die Erweiterung und Be- rcichcrung der Gedankenwelt der Alten durch die Neuen geben soll— dann verstummt er sicherlich oder schwazt, wenn er redet, sicherlich dummes, unverstandenes, widersinniges Zeug. Unwissenheit, Urteilslosigkeit, erschreckende, haarsträubende Unwissenheit hier wie da,— bei den Gebildeten wie bei den Ungebildeten, nur etwas verschieden im Äußern, im Innen: gleich groß und gleichwertig. Völlig übereinstimmend ist die Unwissenheit der„Gebil- dcten" und Ungebildeten inbezug auf natürliche Dinge, Natur- erscheinnngen und Naturvorgänge, selbst inbezug auf unsem eignen Körper, seine Beschaffenheit und seine Bedürfnisse. Es ist noch nicht allzulange her, daß ich aus dem Diktat des Hauptlehrers einer Preußischen Volksschule ersah, wie sich und seinen Schülern der brave Mann die Entstehung des Donners erklärte: als das hörbare Aufeinanderklappen der Gewitterwolken. Daß es viele Menschen gibt, welche ihren Magen für eine Art Mühlstein halten, der die Nahrung zer- reibt, ist wohl männiglich bekannt,— die meisten Menschen wissen aber, daß das der baare Unsinn ist. Verständnislos angestaunt oder für einen Spaßmacher ge- halten wird man aber sicher von der großen Mehrzahl der Gebildeten, wenn man ihnen z. B. erzählt, daß es keineswegs ichtig ist, heiß zu kochen,— daß man vielmehr unter Um- ständen, die man herbeizuführen vermag, kalt kochen kann. Und als Narr oder Aufwiegler wird man von fast allen Gebildeten belächelt oder verhöhnt, wenn man z. B. die Kriege für eine Schmach und das schlimmste Zeugnis des Kultur- fortschritts, und wenn man die Ueberführung wenigstens eines großen Teiles der heute dem Privatkapstal unterworfenen Pro- duktionszweige in Gemeinbctrieb nicht nur für möglich, sondern für sehr nüzlich und auf die Dauer unvermeidlich crkärt. Ueber die Frage, wie der Donner entsteht und welche Vor- bedingungcn das Kochen hat, geben auch die kleinsten Lehrbücher der Physik Auskunft; über den Kultunvert der Kriege findet man Urteile wie das angeführte in allen vorurteilsfrei geschric- denen Werken der Kulturgeschichte; über die Sozialisirung der Produktion kann man die gelehrtesten Professoren der Staats- Wissenschaften so reden hören, wie wir hier getan*)— aber weder aus den kleinen Lehrbüchern noch von den großen Pro- fessorcn lernen unsere„Gebildeten" genng, um die einfachsten und alltäglichsten natürlichen Vorgänge oder die großen Er- scheinungen und Verhältnisse im politischen und sozialen Leben begreifen und anch nur annähernd richtig beurteilen zu können. Unsere Ungebildeten lernen eben manches und un- sere Gebildeten viel, sehr viel von dem, was sie im Leben nicht brauchen, und von dem, was ihnen im Leben täglich und stündlich vor Augen tritt, lernen Ungebil- dete und Gebildete wenig, sehr wenig, fast gar nichts. Da müssen also unsere Schulen besser werden— wird man mir nun antworten. Gewiß— da stimme ich mit Freuden ein, aber ich schlage vor,— wir warten nicht darauf! Den Jugcnduntcrricht regelt der Staat, und daß dieser, d. h. die im Staat herrschenden Gewalten, Lust bezeigen sollte, bald eine durchgreifende, radikale Reform des Unterrichts zu vollziehen, ist keineswegs sonderlich wahrscheinlich. *) Hier ein paar Beweise, die mir grade zur Hand sind. Schiissle, der frühere österreichische Minister, schreibt in seinem„Bau und Leben des sozialen Körpers" Band III., S. 546:„Ebendeshalb sollte man auch gegenüber dem modernen ökonomischen Trieb eines althistorischen Dranges nach Sozialisirung mehr Unbefangenheit und Ruhe sich an- eignen und nicht schon die Stellung dcS Problems zur Diskussion ver- unglimpfen! Man sollte angesichts der bisherigen Geschichte einige Ruhe darüber gewinnen, daß die mögliche teilweise Sozialisirung der Produktion und des Güterumlauses nicht über Nacht hereinbrechen kann, wenn man sie auf den Weg der Reform zu bringen versteht.... Ist es da ein„verbrecherisches", ein„phantastisches" Unterfangen, wenn die langsam fortschreitende Sozialisirung anderer Zweige des Sozial- stoffwechselS auch auS sozialökonomischem Interesse, mit Rückficht aus Wohl und Wehe der arbeitenden Klassen, zur Bekämpfung arger Miß- brauche und weit verbreiteter Demoralisirung, zur Verhütung ewiger Krisen und zur Eindämmung weitgreisender Massenarmut, in Frage gebracht wird!"—-- Und über den Krieg Bd. IV., S. 351:„Die Sophisten dcS Militarismus und des Nationaldünkels haben zu jeder Zeit den Krieg als einen sittlichen Zuchtmeister gepriesen. Für inner- lich schon verlotterte Völker, denen ihr Tyrann äußere Motion machen muß, mag diese Behaupwng, wie schon Aristoteles andeutet, eine trau- rige Wahrheit sein. Da heißt es Gift gegen Gist! Revolution im Völkerleben gegen innere Revolution! Dennoch kann niemand ver- kennen, daß der Krieg der höheren Kultur tausendfach schadet. Er ist dem humanen idealen Streben feindlich und bringt einen bengelhast brutalen Nationalcgoismus, der sich als„Mordpatriotismus" breit macht, zur Herrschast. Er schwächt den Freihcitssinn der Völker, er- zieht sie für innere Knechtschaft. Er hätschelt einen blutdürstigen Na- tionalstolz voll von furchtbaren Gefahren, erschüttert die Achtung des Rechtes und des Eigentums, erweckt die Raubtiertriebe im zivilisirten Menschen wieder, zerrüttet den Nationalwohlstand; durch daS Schulden- wesen in seinem Gesolge leistet er der Geldoligarchie Vorschub und wird Zuchtschule von zahllosen anderen Aeußerungen privater und öffentlicher llnsittlichkeit. Er beugt nicht einmal den Chauvinismus des besiegten Volkes, sondern macht den Rachedurst zum einzigen Hebel, um der Zer- rüttung, der cS nur dem Sieger zum Nuzen verfällt, Einhalt zu tun. Bis zur Erschöpsung aller Völker erzeugt ein Krieg den anderen, und in jedem wird die Gesammtcxistenz mehr oder weniger dem Spiel des Zufalls preisgegeben." Hier gilt eben so sehr wie nur irgendwo das Mahnwort: .Hilf dir selber. Bist du Gottes Sohn, so steig herab vom Kreuze." Als der Berg nicht zu Muhammed kam, ging Mu- hammed zum Berge. So wird die Wissenschaft nicht ins Volk dringen, wenn das Volk sich die Wissenschaft nicht erobert. Tos Volk hat freilich in erster, zweiter und dritter Linie anderes zu tun, als zu studiren; aber das hilft alles nichts. Wer die Not des Volkes und die Aufgabe, welche die Kultur- entwicklung jedem Angehörigen des Volkes stellt, begriffen hat, der wird auch nach zehn- und zwölfstündiger Arbeitszeit und bei schwerer, körperlicher Ermüdung immer noch hie und da cine Stunde sich abmüßigen, um seine Einsicht zu vermehren, seine geistige Kraft zu steigern. Betrachtet man die kolossale Unwissenheit, welche noch vor wenigen Jahrzehnten die Massen des Volkes gefangen hielt, so wird man meiner Behauptung nicht widersprechen, daß die Intelligenz im Volke— von der Schulweisheit ganz abgesehen —j mächtig im Fortschreiten begriffen ist. Daß wir Leute aus dem Stande der Handwerker haben hervorgehen sehen, die es nicht mit manchem, sondern mit den meisten der gelehrten Herren aufnahmen, welche in Parlamenten sich nnt staatswirtschastlichcn Fragen befassen, wird heute kein Kundiger mehr leugnen. Aber noch mehr ist bereits Tatsache geworden: Das Niveau der Urteilsfähigkeit im allgemeinen hat sich in breiten Schichten der handarbeitcndcn Bevölkerung um ein bedeutendes gehoben in neuester Zeit,— viel mehr als in den sogenannt gebildeten Kreisen der Nation geschehen ist. Wer mir vorwerfen wollte, daß ich zu denen gehöre, die dem Volke schmeicheln, der würde sich arg irren. Denn ich stehe nicht an, hinzuzufügen: Bildungscrsolgc, welche wir bei einzelnen Angehörigen des Arbeitervolkes mit Genugtuung kon- statiren können, und die allgemeine Zunahme der Intelligenz bei diesem lezteren selbst, haben nur dann einen bleibenden Wert, wenn sie nicht etwa als befriedigendes Resultat der bisherigen Bemühungen des Volkes um wahre Bildung, son- der» lediglich als Sporn zu höchster Anspannung aller Kräfte, tmi rasch auf dem Wege der Eroberung der Wissenschaft für das Volk fortzuschreiten, betrachtet werden. Was erreicht wurde, >st gerade genug, um den Mut zu weiterem schweren Kampfe um das Wissen neu zu beleben, mehr aber ist es nicht. Wie viele Arbeiter heute schon das begriffen haben und an threm Teil alles daran zu sezen gewillt sind, in dieses Ringen nach dem Wissen mit all ihren Kräften einzutreten, davon gehen dem Schreiber dieser Zeilen täglich mehr Beweise zu. Von den mehreren hundert Zuschriften, die er allmonatlich aus Arbeitcrkrcisen empfängt, läuft fast der dritte Teil stets auf die Fragen hinaus: Was tue ich, um mir Wissen zu er- werben? Welche Bücher soll ich mir kaufen? Wie soll� ich sie Itubiren? u. s. w. Solche Fragen sind leicht gestellt, doch schwer beantwortet. Alle Zweige der Wissenschaften haben zwar ihre Lehrbücher, dicke und dünne, schlechte, mittelmäßige und gute, aber für den Arbeiter sind die allermeisten garnicht geschrieben, und die- lenigen, deren Verfasser überhaupt daran gedacht haben, daß es einmal einem ehemaligen Zögling der Volksschule oder gar der Torsschule einfallen könnte, ihre Werke studirend in die Hand iu nehmen, hängen auch noch viel zu sehr an der alten Metode, welche das Heil der Lernenden in der Menge des Gelernten suchte. Aber nur in der Art. wie das Gelernte die Urteilsfähigkeit des Lernenden über Welt und Leben, über private und öffent- liche Verhältnisse vermehrt, und seine Fähigkeit, zu seiner eigenen und seiner Mitmenschen materieller und ideeller För- bcrung sein Wissen zu nüzen,— sollte bestimmend sein für die Wahl der Unterrichtsgcgenstände sowohl, als für die Mctode ihrer Behandlung. Diese Ueberzeugung sammt dem immer wiederkehrenden Antrieb seitens der Lernbegierigen brachte den Verfasser auf en Gedanken, es einmal selbst mit einer Zusammenstellung des �-iliensnötigsten aus dem Bereiche einer ihm am Herzen liegen- den Wissenschast zu versuchen und dabei mctodisch richtig mit derjenigen zu beginnen, welche jeden Menschen am nächsten angeht, weil sie seinen eigenen Leib zum Gegenstände hat,— die Wissenschaft vom Körper des Menschen und dessen natürlichen Verrichtungen. Wer uns auf dieses Gebiet folgen will, der möge es tun, vertrauend auf nnsern ernsten Willen, ihm zu nüzen. Diesem ersten Artikel wird sich selbstverständlich eine Reihe weiterer über denselben Zweig der Wissenschaft anschließen, und da dieses Unternehmen seinem Zwecke einigermaßen genügen soll, so werden wir aus dem engen Kreise der Wissenschaft vom menschlichen Körper hinaustreten und die wichtigsten übrigen Gebiete der Naturwissenschaft uns zu erschließen versuchen. Der Verfasser rechnet dabei auf die Unterstllzung der vielen wissenschaftlich gebildeten Mitarbeiter und Freunde der„Reuen Welt". Hoffentlich nicht vergebens! Und nun an die Arbeit! Das Gerüst, welches den Bau des Menschcnkörpers trägt und aufrecht erhält, ist das aus einem vielfach znsammengesezten Gefüge von Knochen bestehende Gerippe oder Skelet, dem sich die Knorpeln anschließen und das von den Knochen- bändern zusammengehalten und von den Muskeln, für ge- wöhnlich das Fleisch genannt, bedeckt und in seinen einzelnen Teilen bewegt wird. Das Skelet ist etwa einen Zoll kürzer als der ganze Körper; sein Gewicht beträgt bei Envachsencn mittlerer Größe bei völliger Austrocknung zehn Pfund(fünf Kilo). Zusammcngesezt ist das Skelet aus 207 oder, wenn mau die Zähne in ihrer gewöhn- lichcn Zahl von zweiunddreißig und die sechs Gehörknöchelchen hinzurechnet, aus 245 Knochen*). Die Knochen bestehen aus einer harten äußeren Rinde von verschiedener Stärke, die zu ungefähr zwei Drittel aus Phos- phorsaurem Kalk mit Beimengung von kohlensaurem Kalk, phos- phorsaurer Magnesia und einer Kleinigkeit löslicher Salze bc- steht und zu nahezu einem Drittel aus organischer Substanz, welche sich beim Kochen mit Wasser in Leim verwandelt. Inner- halb dieser Rinde aus harter Knochensubstanz befindet sich die schwammartige Knochensubstanz, die ähnlich zusammcngesezt ist, wie die harte, aber etwas weniger phosphorsauren Kalk, beträchtlich mehr kohlensauren und etwas mehr organische Sub- stanz enthält. Die Hohlräume der schwammigen Knochensub- stanz sind angefüllt mit einem öligen Fett, dem Knochenmark. Den Hauptbestandteil des Skelcts bildet der sich in der Achse des Körpers(d. i. dessen Mittellinie, um welche seine Teile symmetrisch-ebenmäßig gelegen sind) hinziehende bieg- same und hohle Knochenstab, welcher die Wirbelsäule oder das Rückgrat(Tafel I, Fig. 3, ag) genannt wird. Diese Wirbelsäule steht beim Menschen— von einer leichten doppelt 8-förmigcn Krümmung abgesehen— senkrecht und wird ge- bildet durch cine Reihe von vicrundzwanzig Einzelstücken, der Wirbeln, und zwar sieben Halswirbeln, zwölf Brust- oder Rückenwirbeln und fünf Lendenwirbeln. Bisweilen spricht man von dreiunddreißig Wirbeln, indem man die eigentlich nicht zur Wirbelsäule gehörigen fünf, im Jünglingsalter festmiteinandcr ver- wachsenden Kreuzwirbel und die nur rudimentär(d. h. unaus- gebildet, verkümmert) vorhandenen vier Steißbcinwirbcl, als sogenannte„falsche" Wirbel, jenen vicrundzwanzig„echten" hin- zufügt. Jeder dieser echten Wirbel besteht aus dem eben so hohen als breiten Wirbclkörper, auf dem ein wagcrechter Knochen- bogen so aufgesezt ist, daß dazwischen ein freier Raum für das Rückenmark offen bleibt. Nach hinten läuft jeder dieser Knochen- bogen in den sogenannten Dornfortsaz aus, während sich seit- wärts an ihm zwei Ouerfortsäze befinden, die bei den zwölf Brustwirbeln als Ansazpunkte für die Rippen dienen, indes sie bei den Hals- und Lendenwirbeln etwas länger sind und ge- wissermaßen verkümmerte Rippen vorstellen. *) Diese Zahl wird übrigens verschieden angegeben, je nachdem man Knochenparticn, welche auS mehreren Knochen zusnmmengesczt sind, als einen oder mehrere Knochen zählt. Der erste Halswirbel trägt den Schädel oder die Hirn- schale, welcher mit den Gesichtsknochen das Ropfskelet bildet. Diese seine Aufgabe, den edelsten Teil des menschlichen Ge- rippcs zu tragen, hat ihm den stolzen Namen Atlas eingetragen. Der Schädel wird gebildet durch acht Schädelknochen, welche durch Nähte, d. h. so verbunden sind, daß sie durch zackige und rauhe Knochenbänder unmittelbar, bei Zwischcnlagerung eines dünnen. Knorpels und eines häutigen Streifens zusammenhängen. Tie Borderwand des Schädels und das Dach der Augen- höhlen bildet das Stirnbein(Fig. 4 g), das Schädeldach bilden die beiden Scheitelbeine(k), die Hintere Wand des Schädels das Hinterhauptbein(d), die Seitenwände die beiden Schlä- fenbeine(e), die untere Schädelfläche das Keilbein und die vordere Schädelgrundlage, unter dem Siebbein und vor dem Keilbein liegend und die Nasenhöhlen begrenzend, stellt dar das Siebbein. Das Gesichtsskelet besteht aus dreizehn Knochen, nämlich den beiden den Nasenrücken bildenden Nasenbeinen(Fig. 4 a), den beiden fest mit dem Schädel verbundenen Oberkiefer- deinen(b), dem Gaumenbeine, dem Jochbeine, dem Trä- ncnbeine, den unteren Nasen Muscheln, das, senkrecht in der Nasenhöhle stehende, deren hintere Scheidewand bildende Pslng- schaarbein und das beweglich mit dem Schädclbeine verbundene Unterkieserbein. Von den zwölf Brustwirbeln des Rückgrats aus gehen zu beiden Seiten nach vornhin platte knöcherne Bogen, die bereits erwähnten Rippen. Sie bilden den Brustkorb(Fig. 2). Die sieben oberen von den zwölf Rippcnpaarcn, die wahren oder echten Rippen genannt(ecke), vereinigen sich vorn am Brust- bein, während von den fünf falschen Rippen(f) die drei oberen in die siebente auslaufen und die zwei untersten das Brustbein gar nicht erreichen. Durch das Schlüsselbein(o) wird das Brustbein mit dem im ganzen dreieckigen flachen Schulterblatt(i) verbunden, welches seinerseits mit dem Oberarmknochen in Verbindung steht, an den sich die beiden Bord erarmknochen, nämlich an der Seite des kleinen Fingers das Ellenbogenbcin und an der Seite des Daumens die Speiche, anschließen. Mit diesen Vorderarmknochen stehen die acht kleinen Handwurzelknochen, mit diesen die fünf Mittclhandknochen und niit diesen die Finger in Verbindung, welche leztcren von je drei Knochen gebildet werden, mit Ausnahme des Daunicns, der nur zwei Knochen aufzuweisen hat. Unten sizt die Wirbelsäule auf einem großen schüssel- förmigen Ring auf, dem Becken, welches ans vier durch Faser- knorpel und Bänder vereinigten Knochen, den beiden Hüft- Der Dämon i Ein Stück Tragikomödie d Im Jahre 1808 hatte der Doktor Esquirol, der als einer der größten Irrenärzte-fgilt— er starb im Dezember 1840— es unternommen, alle Irrenhäuser Frankreichs zu be- sichtigen. Als er nach dem großen Jrrenhause zu Charenton kam, fand er dort einen wahnsinnigen alten Mann, der unauf« hörlich seinen Leidensgefährten ein Lustspiel vorlas. Esquirol forschte nach den Umständen, unter denen der Un- glückliche den Verstand verloren, und erfuhr Folgendes: Man schrieb 1772— das Jahr, in dem Esquirol ge- boren war— und am 30. November sollte im Thäätre fran�ais zu Paris„der Arzt wider Willen" von Moliöre gegeben werden. Es konnte noch etwa zehn Minuten dauern, bis man den Vor- hang aufzog, und auf den dicht bcseztcn Pläzen plauderte und lachte man eifrig durcheinander. Plözlich erschien ein junger Mann auf deni etwas erhöhten Orchester und rief mit einer wahren Donnerstimme in das Publikum hinein:„Ich bitte um einen Augenblick Ruhe!" Man war überrascht, es wurde still und alles sah nach dem Sprecher, der auch sofort begann: beincn, dem Kreuzbein und dem Steißbein besteht. Jedes der Hüftbeine ist zusammengesezt aus drei Knochen, dem Darmbein, dem Sizbein und dem Schambein, welche in der Zeit des Wachstums von einander getrennt sind und erst in der Mannbarkeitsepoche verwachsen. In einer Art von Pfanne, wie jedes Hüftbein eine aufzu- weisen hat, bewegt sich der größte und längste Knochen des ganzen Körpers, welch lezterer nur etwa viermal so lang ist als dieser Knochen. Dieser, der Oberschenkelknochen genannt, ist nach unten zu mit dem plattrundlichcn, herzförmigen Knochen der Kniescheibe, dann dem aus zwei Knochen, dem Schienbein und dem Wadenbein, bestehendenUnterschenkelknochen verbunden. An das untere Ende des Unterschenkclknochens schließen die Fußknochen an, bestehend aus sieben Fußwurzelknochen, fünf Mittelfußknochen und vierzehn Zchenknochen, von denen je drei, wie bei den Fingern, eine Zehe bilden, aus- genommen gleich dem Daumen die aus zwei Knochen bestehende große Zehe. Der oberste der Fußwurzelknochen heißt das Sprungbein, unter diesem liegt das Fersenbein, welches vorn an das Würfelbein stößt. Die übrigen vier Fußwurzel- knochen legen sich vorn an das Sprungbein an; der oberste von ihnen heißt das Kahnbein, die drei anderen die Keilbeine. Den Knochen reihen sich im Aufbau des menschlichen Kör- pers zu allernächst die Knorpeln an, die gewissermaßen als unreife Knochen betrachtet werden können, da jeder Knochen einmal Knorpel gewesen ist und jeder Knorpel verknöchern kann. Die Knorpel werden gebildet durch eine elastische, zusammen- drückbare, aber nicht dehnbare Masse, die aus nicht ganz zwei- fünftel Wasser, eindrittel organischer Substanz, etwa drei Pro- zent mineralischer Substanzen und eineinhalb Prozent Fett be- steht. Die organische Substanz ist der der Knochen ähnlich aber nicht völlig gleich; die mineralischen Substanzen bestehen aus phosphorsaurem Kalk, phosphorsaurer Bittererde(Magnesia), schwefelsaurem Kalk und Natronsalzen. Die Knorpel stüzcn halbfcste Gebilde, wie das Ohr, die Luftröhre, oder bilden Ueberzüge der Knochen an den Gelenken, wo sich die Knochen aneinander hin- und hcrbewegen. Verbunden werden die Knochen miteinander durch die Knochenbänder, die aus sehr festem Bindegewebe(oder Zellgewebe) bestehen und sich als eine elastische und feste Haut darstellen, welche ringförmig die Ränder der zusammenstoßenden und übcrknorpelten Gelenkslächcn umgibt und die Gelenkkapsel bildet. Innerhalb der Gelenkkapsel bildet sich eine dickflüssige eiweißähnliche Flüssigkeit, die Gelenkschmiere, welche die Ge« lenkflächen schlüpfrig erhält und die Reibung der Gclenkknochcn unschädlich macht.(gmi.(»tgt.) it der Poksic. s Lebens von W. Wkos. „Meine Herren, ich heiße Francis Villard und bin aus Nancy. Ich war früher Sekretär beim König von Polen, Stanislaus Lesczinski, der bekanntlich zulezt in Nancy wohnte und der Schwiegervater unseres Königs Ludwig XV. war. Sie wissen doch, daß er sich am Kaminfcuer verbrannte und starb." „Was geht das uns an?" schrie man im Parterre. „Weiter!" „Nein!" „Ruhe!" So scholl es wirr durcheinander, allein die kräf-| tige Stimme des Redners drang wieder durch und er fuhr fort:{ „Dann wurde ich Steuereinnehmer!" „Zur Sache!" riess aus dem Publikum, das die Steuer- einnehmer aus begreiflichen Gründen niemals sonderlich liebt. „Ich bin bei der Sache," rief Billard,„denn in meinen freien Stunden beschäftigte ich mich mit Poesie und habe ein Lustspiel geschrieben, ein Lustspiel in Versen und in fünf Akten, betitelt:„Der Verführer." „Ah!" rief es im Publikum. 22 „Und eines Tages fuhr ich nach Paris, um mein Stück, die Frucht schlafloser Reichte. den Schauspielern des Königs vorzulesen. Sie haben keinen Begriff, welche Mühe es mir machte, dahin zu gelangen. Rbcr ich ließ mich nicht irre machen. Rcunundneunzigmal abgewiesen, kam ich zum hundertstcumal wieder; ich Hütte mich aus Wut und Verzweiflung langst in die Seine gestürzt, wenn mir nicht für die Unsterblichkeit meiner Dichtung bange gewesen wäre. Ja, meiner Dichtung." Bei diesen Worten zog er ein machtiges, zusammengerolltes Manuskript aus der Tasche, das er mit Würde hin und her schwang.—„Bravo!" scholl es im Parterre. „Heute morgen," fuhr der Redner fort,„ist es mir— nach achtzehnmonatlichen vergeblichen Llnstrcnguugcn— gelungen, die Mitglieder des Lesekomites zusammenzubringen. Aber wie wurde ich behandelt: der eine schlief, der andere las, während ich mein Stück vortrug; die Damen lachten und flüsterten mit einander; sie erzählten sich offenbar ihre galanten Abenteuer der vergangenen Woche. Niemand hörte mir zu, als Herr Brizard, Herr Brizard, der hier so oft die Rollen der Könige spielt. Und was tat er? Er sagte sehr häufig:„Sehr gut für einen Stcuereinehmcr!" Als ich zornig fragte, was er damit meine, antwortete er:„Nun, daß Sie der Poesie ihren Zoll abtragen!" Die Damen lachten über diesen Wiz; mein Stück ward einstimmig verworfen, und man erklärte es für un- tauglich zur Aufführung, obschon niemand als Herr Brizard die Vorlesung angehört hatte." „Schändlich! Abscheulich!" scholl es aus dem Parterre. „Ja wohl, schändlich," fuhr Billard fort.„Ueber ein Werk, an dem ein Dichter mit Aufgebot aller seiner Kräfte jahrelang gearbeitet, urteilen diese leichtfertigen Künstler, die ohne den Dichter nichts, gar nichts wären, in solcher Weise ab. Aber es gibt einen höheren Richter, und an ihn appellire ich. Das sind Sie, wertes Publikum, und an Ihrer Gerech- tigkcit werden die kleinlichen Jntrigucn dieser Künstler scheitern. Nichten Sie über mein Stück!" Der junge Mann hatte mit jenem Feuer gesprochen, das die Menge so leicht mit sich fortreißt; ein Sturm des Beifalls ging durch den Saal. Man dachte nicht mehr an Moliere. Gerade das Außerordentliche au dieser Situation gefiel. Billard sah sich als Herrn der Situation. „Verehrtes Publikum," fuhr er fort,„Mvliörcs Stück läuft Ihnen nicht fort. Ich will Ihnen meinen„Verführer" vor- lesen; Sic sollen urteilen!" „Lesen! Lesen!" rief es im Publikum. , Der entzückte Dichter rollte langsam sein Manuskript aus- einander und nahm eine feierliche Haltung an. Allein nun folgte auf seine kühne Improvisation der Gegenstoß von Seiten des für seinen Ruf besorgten Theaterdirektars. Es erschienen Soldaten auf dem Orchester; ein Offizier ging auf Billard zu und ersuchte ihn, zu folgen. Billard weigerte sich; ein Stlknn entstand im Parterre, das sofort für ihn Partei nahm, allein die Wachen führten den jungen Mann fort, ehe das Parterre ihm zu Hilfe kommen konnte. Billard schlug um sich wie ein Rasender; der Offizier drohte ihm, daß er ihn einigemal werde in der Seine untertauchen lassen, wenn er nicht ruhig sei. Zähneknirschend fügte sich Bil- lard in sein Schicksal, denn er wußte wohl, daß unter Lud- wig XV. mit der Polizei- und Militärgewalt nicht zu spaßen war. Auf der Wachtstube angekommen, ruhte Billard ein wenig aus. Tann wandte er sich an den Offizier, der ihn verhaftet hatte, und fragte ihn, ob er denn sein Lustspiel kenne?" „Rein!" sagte der Offizier. „Run," sagte Billard,„dann werde ich es Ihnen vorlesen. Sic werden mir Gerechtigkeit widerfahren lassen." „Aber," sagte zögernd der Offizier,„an diesem Orte—" »Ganz gleichgültig," fiel Billard ein,„man hat hier auch guten Geschmack. Hören Sie!" Und er wollte vor dem verlegen drcinblickcnden Offizier und den neugierig herandrängenden Soldaten die Vorlesung be- ginnen. Da griff der Zufall wieder ein. Ein Polizei-Jnspektor erschien im Wachtlokal und richtete � an Villard die Frage: L „Sind Sie der Herr, welcher das Publikum so aufgereizt j�lbekti hat, daß es heute alle Schauspieler auspfeift?" i „Ah," sagte Billard,„dies herrliche Publikum; es rächt.»S den Dichter des„Verführers." I' �er „Ja," sagte der Inspektor,„so heißt das Stück, welches!»Kl man vorgelesen haben will." „Ich bin bereit, es zu tun," sagte Billard. „Kommen Sie," antwortete der Inspektor. L. Billard war entzückt; man gab nach. Wohin anders konnte!. ihn der Inspektor führen, als ins Theater? Man stieg in einen Wagen und fuhr weg. Der Inspektor �ung sprach nichts. Billard schwelgte im Vorgefühl seines Triumphes, ü.% Der Wagen hielt; aber wie erstaunte Billard, als man sich in L-P�cn emportragen mußte. itut, L Tag nach diesen Auftritten kam der schon erwähnte nicht Zuspieler Brizard vor der großen Irrenanstalt Charcnton �gefahren. Er war gerade mit dem Studium der Rolle des stolc Lear beschäftigt, welches Stück damals zuerst in Frank- tun?&) aufgeführt werden sollte. Er wollte an den Wahnsinnigen mich k'en für seine Rolle machen. d in..®cr berühmte Schauspieler ward vom Irrenhaus- Direktor ßü aller Zuvorkommenheit empfangen. Man fragte ihn, ob er so�rst die stillen oder die tobsüchtigen Kranken sehen wolle. i be-j�> entschied sich dafür, zuerst die stillen zu besichtigen. hncnt Schauspieler wurde in einen Saal geführt und sah sagte-? krci Männer um einen vierten herumsizen. Dieser vierte Du»[iä �en drei anderen eifrig aus einem großen Manuskript vor. ... der Schauspieler näher trat, blickte der Vorleser auf. Beide einer wßen eium Schrei aus. „Herr Brizard!" „Herr Billard! Was machen Sie hier?" .Man hat mich gestern hierher gebracht," sagte Billard. lönstel»"®*eil man mit der bewaffneten Macht hat das Teater ' t rnüffm." L«Sa, es gibt noch Gerechtigkeit," sagte Villard,»dort wie derbe».-„.'�üich," sagte Billard,»diese Herren finden mein Lust- pwt vortrefflich." jener.» scheint," sagte Brizard ernst,„daß Sie nicht wissen, Jta- befinden." salem j bin bei ganz vernünftigen Leuten." : ein- Lto'n»'" s09tc brizard,„Sie sind im Jrrenhause von Cha- t®4ted warf Billard beinahe nieder, während die drei >cil � ch'f Brizard förmlich eindrangen und ihn ausschalten, nnin;! s� unterstehe, sie für verrückt zu halten. von Zill» den Direktor kommen und trug ihm vor, daß idchenliar?, keineswegs verrückt, sondern nur von einer Lustspiel- AbcrZilla,� befallen sei. Der Künstler vevvendete sich lebhaft für amen. Aisx bieser wurde noch denselben Abend aus dem Irren- khts; lerüfimJ�.'�0� üueder nach Paris kam, fand er sich als die undilatsck,. bes Tages. In jener Zeit hochausgebildetster CT-k Ullb i» aTYoÄ erii � �stierte eine königliche Courtisane, die Gräfin Du- «nin„ verfehlte nicht, ihrem„Frankreich", wie sie den hörte«n tollü""«' interessanten Skandal zu erzählen. Der in *- i � Ausschweifungen stumpfgewordcne König lachte, wie i Sievrrp teli*1'9 wurde j schon'��s�ifungen stumpfgewo merkte �»nde» mcht gelacht hatte. Als man erfuhr, wer das öeidcn Üllard u �'"'blichen Lachens zustande gebracht chatte, wurde »Neros x" Hofschranzentum gefeiert wie ein siegreicher - der den Feind in blutigen Schlachten geschlagen und das Vaterland vor einem feindlichen Einsall gerettet hat. Für- stinncn, Herzoginnen, Gräfinnen, Marquisen fuhren bei ihm vor und machten ihm ihre Aufwartung. Die Dichter feierten ihn in Versen, die Journale in Artikeln; man stritt sich um seine Autographcn, man veranstaltete Feste für ihn. Man sah ihn, wie ein Bericht aus jener Zeit sagt, für einen Märtyrer des Talents an und die schönsten Frauenhände in Paris stochtcn an der Lorbeerkrone dieses verkannten Genies. Der König hatte ja gelacht! Franyois Billard schwamm in einem Meere von Entzücken. Er atmete mit vollen Zügen die verführerische Luft des Ruhmes ein, in der er sich bewegte. Wo er erschien, hatte er auch sein Manustript bei sich, und wo er Gelegenheit fand, las er das Stück vor. Man getraute sich nicht, dasselbe anders denn als eine geniale Dichtung zu bezeichnen. Künstler und Gelehrte schmeichelten dem bisher verkannten Genie, und niemand unter- stand sich noch, von dem ehemaligen Steuereinnehmer zu sprechen. Der General-Direktor des Thäätre fran�ais war, bezeichnend genug, ein Soldat, der Herzog von Duras, der Mar- schall von Frankreich, Adjutant des Königs, und weil er diesem gefiel, auch Leiter des Teaters war. Dieser Herzog, welcher wahrscheinlich von Bühne und Poesie so viel verstand, wie Meister Langohr vom Lautenschlagen, ließ den gefeierten Dichter des„Verführers" vor sich kommen und sagte ihm, die Künstler des Teaters hätten sich in dem Werte des Stückes geirrt und man würde in den nächsten Tagen den Dichter bitten, dasselbe noch einmal vorzulesen. Soviel Glück berauschte den ehemaligen Steuemufseher, und indem er vor dem Herzog eine der in jener Zeit gebräuchlichen, allem männlichen und menschlichen Stolze zuwiderlaufenden Verbeugungen mit vieler Kunst ausführte, sagte er, nach einem unverbürgten Bericht, indem er vor Entzücken stotterte: „Monseigneur! Irren ist menschlich!" Der Herzog, der auch ein großes Wort sprechen wollte, erwiderte:„Und das unterdrückte Talent erheben ist königlich!" Also war auch hier das unterdrückte Talent anerkannt. Um alles dies begreifen zu können, muß man die dama- ligcn Zustände in Frankreich ins Auge fassen. Der König wurde völlig beherrscht von der schamlosen Gräfin Dubarry, die man geradezu im Schmuz aufgelesen hatte. Mit dieser Maitressenherrschaft Hand in Hand ging eine weitverzweigte und das Land ruinirende Günstlingswirtschaft. Die höchsten Stellen und die einträglichsten Acmtcr wurden an die Günstlinge der Dubarry vergeben. Man belohnte nicht nach Kenntnissen und Verdienst, sondern an Schmeichler und die zu Kncchtsdicnstcn Bereitwilligsten wurden die Einkünfte des Staates mit vollen Händen verschwendet. Wenn sonach die Dubarry und der König selbst sich an den Abenteuern Billards amüsirt hatten, so war es die Pflicht und Schuldigkeit Aller, die zu dem Hofe in Beziehung standen, dem neu aufgehenden Gestirn zu huldigen und sein Talent, sein Genie überall und vor aller Welt zu preisen. Das geschah denn auch in einem Uebermaß, das einem tiefer ange- legten Menschen bald hätte zum Ekel werden müssen. Allein Billard war eine oberflächliche Natur und kannte die Menschen nicht. Ohnehin kamen'ja, der Jämmerlichkeit jener Zeit ent- sprechend, berühmte Gelehrte und Künstler und mischten sich unter den Schwärm seiner Lobhudler. Wie hätte ein so un- erfahrener junger Mensch die elende Kriecherei des Schranzen- tums nicht für Achtung vor dem Genie, seine doppelzüngige Heuchelei nicht für aufrichtige Verehrung nehmen sollen? Er nahm's dafür. Und das war sein Unglück. Die Einladung kam und mit ihr kam ein Brief von Bri- zard.„Von Brizard?" sagte Billard mit hochtrabendem Wohl- wollen.»Womit ich ihm wohl dienen kann? Ich soll mich wahrscheinlich irgendwo für ihn verwenden. Und das muß ich tun. Denn was wäre aus mir geworden, hätte er mich nicht aus dem Jrrenhause gerettet!" Aber Brizard wollte keine Vcrtvcndung. Er schrieb, daß eine zweite Vorlesung des Lustspiels besohlen sei und daß man Billard dazu einladen werde. Aber er, Brizard. erteile den 24 dringenden Nat, Billard möge die Vorlesung gar nicht besuchen. Man werde das Lustspiel ansfiihrcn, daran sei kein Zweifel, aber eben diese?lusfnhrung werde den Verfasser nm all seinen Ruhm bringen.„Diese leztere Enttäuschung," schrieb Brizard, „wird bitterer sein als die erste. Verbrennen Sie Ihr Ma- nuskript, sagen Sie, es sei von Ihnen im Zorne verbrannt worden und Sie hätten keine Abschrift. Wie ich Paris und die Welt kenne, wird aus der Llsche Ihres verbrannten„Verführers" der Phönix eines Dichtcrruhmes für Sie erstehen, der Ihren Namen auf die Nachwelt bringt, während Sie Sich durch die Aufführung Ihres mißlungenen Lustspiels der Gefahr aus- sezcn, sich bei der Mitwelt lächerlich zu machen. Alan wird von dem verbrannten„Verführer" sagen, es sei ein Meisterstück verloren gegangen; man wird Ihren Heroismus bewundern und Sie um so mehr verherrlichen. Den dargestellten„Ver- führer" wird man auszischen und der Fluch der Lächerlichkeit wird das Haupt seines Verfassers treffen. Das sagt Ihnen ein aufrichtiger Freund." Solche Warnungen kommen gewöhnlich unzeitig und ein eitler junger Mensch ist am allerwenigsten dazu zu bringen, sie zu befolgen, geschweige denn ein solcher in der Situation des jungen Billard. Dieser hatte nicht übel Lust, anzunehmen, sein Freund und Retter Brizard hätte im Jrrcnhausc von Charenton während seiner kurzen Anwesenheit einen Stich bekommen und sei verrückt geworden. In Rücksicht auf den von Brizard ihm geleisteten Dienst zwang er sich, dem Künstler höflich zu ant- warten und bemerkte, eine Verbrennung des Manuskripts ändere an der ganzen Sache nichts, denn von dem vielen Vorlesen wisse er sein Stück auswendig. Die Vorlesung vor dem Komits der Künstler des Thdütre fran�ais fand statt, und während man früher das Stück nicht angehört hätte, war diesmal die Aufmerksamkeit eine untadcl- hafte. Die Künstler schliefen nicht und die Damen kicherten nicht. Als die Vorlesung bcendef war, waren alle von dem Stück entzückt und beschlossen einstimmig, es aufführen zu lasse'' Billard war begeistert. Aber Brizard murmelte beim Weggehe' in sich hinein:„Diesmal wird er zur sicheren Beute des Narre" Hauses und ich kann ihn nicht retten." Kurz darauf, am 3. März 1773, las man auf den Zctte! des Thöätre frangais die Ankündigung:„Der Verführer. L»l' spiel in fünf Akten und in Versen, von Franz Billard." Der Andrang war ein kolossaler, das Haus war überfiil und das ganze öffentliche Interesse von Paris konzentrirte s'l auf diese Vorstellung. Aber Brizard behielt Recht. Die Hod gespannten Erwartungen, die man auf das Stück gcsezt hati schrumpften gar rasch zusammen. Der„Verführer" gefiel eb gar nicht und das Publikum, welches das Stück so sehr Schuz genommen, als eS dasselbe noch nicht kannte, stieß jezt auf das heftigste zurück, nachdem es dasselbe kennen S lernt. Ohnehin hatte die Gunst des Hofes und der Aristokrat dem jungen Billard eine Menge von Neidern geschaffen die Volksmasse war gegenüber dem Stück schon sehr mißtrau! geworden, als sie dasselbe von oben herab protegirt sah. D erste Urteil der Schauspieler über das Stück wurde vom Publik' glänzend bestätigt und der Stern des jungen Billard ging u" in dem Sturm von Zischen, Trampeln und Pfeifen, mit d sein Stück auf immer von der Bühne vertrieben wurde. Der Lächerlichkeit verfallen, konnte Billard den jähen St' von seiner Höhe nicht ertragen. Er verfiel dem Wahnsinn kam wieder nach Charenton, aber um es nicht mehr zu lassen. Brizard hatte Recht gehabt: er konnte den uuglückli«! Dichter des„Verführten" nicht mehr befreien. Nach sünfunddrcißig Jahren fand Esqnirol den Uuglückli« noch in seiner Zelle. Die Stürme der französischen Revoliü waren über seinem Haupte hiuweggcrollt; jene Gesellschaft alten Regimes, die ihn einst gehoben und dann gestürzt, h der Republik und dem Kaiserreich plaz gemacht; der arme Wo sinnige las immer noch seinen„Verführer" vor. Der blonde Knabe. Da krill er in die Wirkshansstubr, Ivo rings sich drängt der Gäste Schwärm, Der kleine blondgelockte Bube Wik seinem Körbchen aus dem Arm; Cr geht, die kleinen Zuckrrdüten Und Blumen aus dem Walde srisch Den lust'grn Zechern anzubieten, Wik leisem Schritt von Tisch zu Tisch. Du armes Kind, daß von den Wangen Die Rosen du so srüh vertierst, Du kommst an meinen Tisch gegangen Und weiht nicht, wir mein Herz du rührst. Ties liegt in deinen bleichen Zügen, In deinem trüben Blick der Gram; Du mußt dem Drang der Not genügen, Dir srüh auf dir zu lasten kam. Du kommst mit Tränen nicht und Klagen Und hast den Schrei der Not erstickt; Du kommst, den Kopf so stolz getragen, Wenn auch das Auge traurig blickt; Du gehst nicht betteln bei den Leuten, Für die drin Waarrnschaz bereit; Du bringst ja ihnen Süßigkeiten, Deß Leben schon voll Bitterkeit. Von N. Titus. Du wandelst schon aus dunklem Wege, Wo sich noch keine Blume fand, Doch hat in liebevoller Pflege Gerüstet dich, der Wulter Hand; Sie hat dich rein und nett gekleidet Und zierlich dir drin Haar gekämmt; Sollst du nicht zeigen, wie sie leidet Und wir die Not ihr Herz beklemmt? Ich mag dich um drin Los nicht fragen Und wer dich hat hierher gesandt, Ob dir in deinen jungen Tagen Schon fehlt des Vaters trrue�Hand; Vb du zu süßer Ruhe legen Drin müdes Haupt magst in der Rächt, Ob man dich nicht empfängt mit Schlägen, Wenn du zu wenig heimgebracht! Denn was du mir auch könulrst künden Und wo auch deine Wiege stand-- Das Eine wird sich immer finden: Die Vot hat dich hinaus gesandt. Stakt dich zu frru'n am süßen Spiele Im dust'grn Wald, im grünen Feld, Kämpfst du schon tapfer im Gewllhlr, Du kleiner Wann, dn kleiner Held! Vielleicht bist du das rinz'ge Hosten Verlaffner Lieben, nur noch du, Dir grausam das Geschick getrosten; Da greifst du ohne Zögern zu. Du trägst, was Großen oft zu schw� Auf deinen Schultern weich und zafi Du sorgst und hastest schon begierig, Du bist ein Held von seltner Art. Wo solche schwere last des Lebens Auf zarte Kindrrnackrn fällt,- Da ist— du prolrstirst vergebens, Philister!— dir verkehrte Welt! Des Mannes Kraft dem Weltgetriel' Im Kampf ums Dasein rauh und' Dem Kind daheim die Wutlrrliebe, Die sonnig warm vom Herzen guil» Ich reiche meine kleine Gabe Dir gern als meinen schuld'grn Zok Run geh, mein blondgelockter Knab Geh nur, mein Herz ist übervoll! Ich wünsche sonnenhelle Tage — Daß leider ich nur wünschen Ka"' Dir auf die frühe Oual und Plage Fahr wohl, mein tapfrer kleiner$ IUustrirte plattdeutsche Sprichwörter. Sriginalzeichnung von Max Flashar. Mit di will'k wol fertig werden— fä de Vuur un krrk tum Himml up— lrltst du regnen, föhr ik Weh(Mist). Ik schäme mi— sä dat Mästen un hol'n Twernsfadrn vor de Sgen. 1884. — v Unsere Illultrationen. Ter Schlas dcS Gerechten.(Jllusrr. S. 5.) Die Idee ist nicht ganz neu, aber der Künstler hat sie vortrefflich ausgesührt. Es ist die Geschichte von den Mäusen, die tanzen, wenn die Kaze sort ist. Die dicke Trine nämlich, die bei dem Herrn Rentier Müller als Köchin bc- schäftigt ist, hat ihre kleinen Leidenschaften, und wenn sie auch schon in„etwas reiferen Jahren" sich befindet, so ist sie doch der Männer- weit von Herzen zugetan, namentlich der, welche zweierlei Tuch trägt. Herr Müller ist zwar täglich entzückt von der Kochkunst seiner Trine, allein da das Couponabschneiden seine einzige Beschäftigung bildet, so bekommt er früh Anfälle von Gicht und muff ins Bad reisen. Er nimmt Frau und Schwägerin mit; Trine muff ganz allein das Haus hüten. Ganz allein? Nun, doch nicht so ganz. Trine ist eine feurige Natur und „Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so hciff, Als heimliche Liebe, von der niemand was weiff." Alsbald schafft sie sich einen Liebhaber mit zweierlei Tuch an— zu welchem Regiment er gehört, wissen wir nicht genau— und sie hat Glück, denn in der Kaserne gibt es oft schmale Bissen und wenig Ab- wechslung; ein tapferer Grenadier hat aber soviel strategische Einsicht, um zu wissen, daff man bei älteren Köchinnen immer besser bewirtet wird, als bei jüngeren, denn die jüngeren Köchinnen wissen ganz gut, daff sie leicht einen anderen bekommen können, wenn ihnen der eine nicht gefällt, ivas bei den älteren nicht der Fall. August— so heifft der stramme Grenadier mit einem etwas bärbeihigen Gesicht— findet sich denn auch zeitig ein und wird von der dicken Trine schmunzelnd empfangen. Das Diner beginnt sogleich und ist kein schlechtes; Trine hat dazu aus dem wohlgeiülltcn Keller des Herrn Müller die besten Tropfen herbeigeschafft.- Man schmaust und zecht mit vielem Behagen und dem braven August steigt der Wein zu Kopie. Um ihn wieder munter zu machen, will Trine einen guten Kaffee kochen. Inzwischen soll August aber von seinem Feldzuge ausruhe». Sie rückt ihm be- quenl den Lehnsessel des Herrn Müller zurccht und bringt ihm den Rauchtisch herbei. Tann muff er sich seiner schweren Kommisstiesel ent- ledigen und in die weichen Babuschen des Herrn Müller schlüpfen. Er steckt sich eine von den Havannas des Herrn Müller an und Trine geht in die Küche, uni den Kaffee fertig zu machen. Bald zeigt aber ein mächtiges Schnarchen an, daff August in den Schlaf des Gerechten ver- funken ist. Die Zigarre ist seiner Hand entfallen. So ist die Idylle fertig, und Trine freut sich königlich, mit dem wackern Grenadier einige Stunden in traulichem löte-a-lete, zur Belohnung für ihre treffliche Bewirtung zuzubringen. Sie will eben den dustenden Mokka aus- tragen—„da kommt das Schicksal; roh und kalt safft es des Freundes zärtliche Gestalt"— die Tür geht auf und Herr Müller tritt mit seinen beiden Damen unerwartet ein. Eine plözliche Baisse an der Börse hat seine schleunige Rückkehr notwendig gemacht. Herr Müller kommt langsam hinter den Damen her; diese, welche das mächtige Schnarchen ver- nehmen und die fremdartige Erscheinung auf dem Sessel liegen sehen, sind ganz starr vor Schrecken, und der kleine Windhund beschnuppert vorsichtig den einen Schuh deS Eindringlings. Vorläufig weih sich die Herrschaft noch nicht zu fassen und die fröhliche Trine hat noch keine Ahnung von der drohenden Katastrophe, die ihr den ganzen Spaß so grausam und so unerwartet verderben und ihr die Pforten deS Äüller- schen HauseS wahrscheinlich auf immer verschließen, sie damit aber auch des famosen Liebhabers berauben wird. Noch eine halbe Minute dauerts, bis. die Damen sich von ihrem ersten Schreck erholt haben und der Zu- sammenstoff erfolgt. Aber dann———! Wer weiß übrigens! August hat schon manche heiße Schlacht mutig bestanden; möglich, daff er auch hier den Mut nicht verliert und sich fechtend zurückzieht. Hoffentlich deckt er auch den Rückzug der so schmäh- lich hineingefallenen Trine— es wäre wenigstens seine Ritterpflichl! W. B. — Tos Bürgertal bei Göttingen.(Jllustr. S. 9.) Die Musen- stadt Götlingen,„berühmt durch ihre Würste und Universität", wie Heine scherzend sagt, hat eine reizende Umgebung, die wie geschaffen ist für den Poeten, um dort durch die belebende Einwirkung der Natur seine Gedanken zu erfrischen und seine Phantasie anzuregen. Wie viele sind schon hinausgepilgert und haben unsterbliche Lieder gesungen, wie denn auch der junge Heine, als er 1824 seine Harzrcise antrat, Göt- tingcn verließ mit den Worten: „Lebet ivohl, ihr glatten Säle, Glatte Herren! Glatte Frauen! Auf die Berge will ich steigen, Lachend auf euch niederschauen!" In Göltingen fanden sich um 1770 eine Anzahl poetisch begabter junger Männer zusammen, die mit einander in den Eichenhainen in Göttingens Umgebung umherschwärmtcn. In einer schönen Sommer- nacht, als die Mondstrahlen geheimnisvoll glänzend durch die Lücken fielen, welche die dichte Belaubung der Eichen übrig ließ, traten diese Jünglinge zusammen und gründeten unter allerlei Schwüren und mystischen Zeremonien den Hainbund. Es waren Namen darunter, die in der Geschichte der deutschen Literatur glänzen sollten, so J.H. Boß, später der berühmte Dichter der Luise und Uebersezer Homers; Hölty, der Verfasser klassischer Elegien; die beiden Stolberge, damals Poeten 1 voll Sturm und Drang: der Dichter Boje, voll feinsinnigen Kunst- ! Verständnisses und mit ihnen G. A. Bürger, der geniale Verfasser herrlicher Balladen, Romanzen und Licbeslieder, der weithin bekannte Dichter der Lenore. Das Treiben des Hainbundes schloß viel kind- liche Spielerei, aber auch manch guten und tiefen Gedanken in sich. Diese Jünglinge verehrten schwärmerisch Klopjtock als den Regenerator deutschen Geistes in der Literatur, während sie Wieland— mit vielem Unrecht— sanatisch verdammten. Sie zogen das Kraftgeniale Klop- stocks der Wielandschen Grazie vor. Bei ihren Festmahlen muffte' jeder von ihnen Wielands Werke mit Füffen treten und schließlich ver- wendete man die Blätter der Bücher zu Fidibussen. Diese schwärme- rische Vereinigung zerfiel, als die Mitglieder Güttingen verlassen mufften; man trennte sich sehr schwer. Einer kam wieder zurück im Jahre 1785, j nachdem er sehr bittere Erfahrungen in allerlei Lebenslagen gemacht,; nämlich Bürgert er halle sich als Beamter nicht in die kleinlichen Ver-\ Hältnisse seiner Zeit schicken können. Aber er kam mit seiner Molly, die er nach dem Tode seiner ersten Frau geheiratet hatte, und an ihrer Seite schien er die ärmlichen Verhältnisse, die ihn empfingen, nicht zu verspüren. Von der Glut der Leidenschaft dieses Paares legen die! vielen herrlichen Liebcslieder Bürgers, die sich auf Molly beziehen,; Zeugnis ab. So jenes Lied, das mit der Strophe beginnt: „Ich lauschte mit Molly tief zwischen dem Korn, Umdustet von blühendem Hagebultdom; Wir Haltens so heimlich, so still und bequem, Und koseten traulich von diesem und dem." Allein die geliebte Molly starb und Bürger kam durch widrige Verhältnisse immer mehr zurück,«eine dritte Ehe mit dem„Schwaben-, mädchen" Elise Hahn war unglücklich. Bürger starb 1794 an der Schwindsucht; in Leipzig leben noch Enkel von ihm. Sein Wohnhaus in Göttingen steht noch; heute ist die Herberge zur Heimat darin. Das Bürgertal, ein schönes Buchenwäldchcn zu Reinhausen bei Göt- tingen, wo ein mächtiger Felsblock sich erhebt, an dessen Fuß einige Stufen eingehauen sind, war ein Licblingsplaz Bürgers. Hierher ging| er wohl mit seiner Molly während der kurzen Zeit, da er sich ihrer Liebe erfreute: hierher zog er sich nach ihrem Tode oft zurück und strömte sein Leid in jenen ergreifenden Versen aus, welche er dem Schatten der Geliebten nachgesandt hat. Es rauscht leise in den Wipfeln dieser alten Bäume, und es kommt eine feierliche Stimmung über uns, wenn wir uns vergegenwärtigen, wie hier eines der edelsten deutschen Herzen langsam verblutete im Kamps mir kleinlichen Verhältnissen, in' Ünglück und Elend. W. B. Tie Schlacht von Sendling.-Illustration S. 12, 13.) Die Geschichte des Baicrlandes zeigt viele dunkle Blätter; eines der dunkelsten bildet die RegierungSzeit des Kurfürsten Mar Emanuel, von 1679—1726. Der mafflose Ehrgeiz dieses Fürsten stürzte sein Land, das mit unerschüttcr- licher Treue an ihm hing, in Elend und Unglück. Max Emanuel, vom König Karl ll. zum Statthalter der Niederlande ernannt, verließ Baiern und begab sich nach den Niederlanden, voll hochfliegendcr Pläne, denn seine erste Gemahlin, eine Tochter des Kaifers Leopold I., und ihr Sohn, der Kurprinz Joseph Ferdinand, wurde von Karl II. zum Erben der gesammten spanischen Monarchie eingesezt. Das verdrehte dem ehrgeizigen Mar Emanuel den Kopf. Allein der Kurprinz starb bald, und cS wurde Philipp von Anjou zum Tronerben eingesezt; auch war in dem Testament des Königs von Spanien von de» Ansprüchen Max Emanuels nicht weiter die Rede. Der Mann, der sich mit dem Kurhut von Baiern nicht begnügen konnte, verband sich nun in dem bald darauf ausbrechenden spanischen Erbsolgekrieg mit den Franzosen, die ihm die Niederlande versprachen. Da er nicht die nötigen �>eld- mittel hatte, um so, wie er wollte, in den Krieg einzugreifen, so borgte er große Summen bei den Kaufleuten in Amsterdam, denen er dafür seine Kronjuwelen zum Pfand gab. So diente dieser ehrgeizige Fürst der ebenso ehrgeizigen Politik Ludwigs XIV. Allein er sollte kein Glück haben. Das Heer Ludwig XIV. unter dem Marschall Tallard, das Deutschland überziehen sollte, ward von den Prinzen Eugen und Marl- borough bei Höchstädt bis zur Vernichtung geschlagen, und die siegreichen Oester-reicher besezten nun ganz Baiern. Das geschah 1704. Die Baiern blieben ihrem Fürsten troz alledem treu, eine Er- scheinung, über die man sich bei den damaligen Zeitumständen nicht wundern darf. Am meisten trug dazu der Ilmstand bei, daff die Oester- reicher in dem eroberten Lande mit Raub, Erpressungen, Plünderungen, Einkerkerungen und allen möglichen Gewalttaten derart hausten, daff bald eine unbezähmbare Erbitterung gegen die Peiniger des VolkeS aufflammte, welches doch für den Ehrgeiz seines Kurfürsten nicht hast- bar war. Eine Verschwörung in München ward entdeckt und grausam bestraft; 1703 aber erhob sich das Landvolk, und es begann ein allge- meiner Ausstand, an dcni sich auch Bürger, Studenten u. s. w. betei- ligten. Namentlich ein Student Namens Plinganser tat sich als Organisator bei dieser seltsamen Revolution der Loyalität hervor. Die Lcstcrrcicher sandten den General Kriechbaum, der mit seinen Kroaten und Panduren das unglückliche Baierland nach Herzenslust verheerte und ausplünderte. Die verzweifelten Baiern rückten nun vom Wald, vom Inn, von der Isar und auS derLberpfalz in der Stärke von 30000 Mann gegen München an; Braunau und Schärding wurden genommen. Die kurfürstlichen Prinzen in München zu befreien, war das höchste Ziel dieser kurfürstlichen Revolutionäre: allein sie kamen nicht so weit. Bei Sendling stießen sie nuf die Lesterrcicher, die ein großes Blutbnd unter thncn anrichteten und damit den Ausstand niederschlugen. Der Stu- diostts Plinganser„brach sein Schwert entzwei" und floh, die antiken Helden schlecht kopirend. Tie unglücklichen Baiern wurden, wo sie sich rührten, von den Ocsterreichern blutig niedcrgeworsen und das Land wurde mit noch größerer Härte behandelt als zuvor, lieber den Kur- lursten ward die Reichsacht verhängt. Im Frieden von Rastatt(1714) wurde der Kurfürst wieder in Baiern cingesezt, allein die Niederlande erhielt er nicht. Er regierte leidlich liberal, aber finanziell nicht glück- uch und hinterließ eine Schuld von dreißig Millionen. Ludwig I. hat ihm ein Denkmal sezcn lassen, während ein Denkmal zu Sendling an die Bauern erinnert, die sich für ihn opferten. Unser Bild, eine Episode aus der Schlacht von Sendling dar- stellend, ist eines der meisterhaften und interessanten Bilder des be- Hihmten Künstlers Defregger, jenes genialen Tyrolcrs, der die ker- .mgen und kraftvollen Söhne der Gebirge so lebenswahr darzustellen weiß. Das Land hatte sich erhoben, die Bauern hatten Verbindungen mit den münchener Bürgern angeknüpft und rückten aus die Hauptstadt los. Sie waren schlecht bewaffnet und der Verrat legte ihnen überall Fallen. Tie Lestcrreichcr waren benachrichtigt worden, so daß es nicht gelang, München zu überfallen, wo sich auf Verabredung zugleich die Bürger erheben sollten. Die Bauern nahmen den Jsarbrückenturm und er- oberten� sechs Geichiize; allein die festen Tore der Hauptstadt blieben verschlossen! die Glocken läuteten nicht und keine Raketen stiegen aus. stie Ceslerreicher hatten die im Einverständnis mit den Bauern be- srndlichen Bürger entwaffnet und die Bauern stürmten vergebens gegen die.festen Mauern und Tore an.� Ein Kugelhagel empfängt sie; sie mup'en weichen und werden nach Sendling zurückgedrängt, wo auf dem .Kirchhof das große Blutbad unter ihnen angerichtet ward. . Das Defreggersche Bild stellt die Erstürmung des Jsarbrückenturms dar. Tie Baiern stehen ratloS vor dem festen Turm, aus dessen Schießscharten der Tod ihnen entgegenblizt. Aber da kommt der riesige Schmied von Kochel*), der„Schmied BalteS" genannt, eine Volks- uiniliche Heldengestalt, die in Liedern gefeiert heute noch im baierischen 4>olke lebt. Mit seinen nervigen Armen ergreist er eine schwere Wagen- deichscl und sprengt in wuchtigem Stoß das Tor. Ueber dessen Trüm- wer hinweg wird der feste Turm genommen. Allein auch des„Schmied «alles" herkulische Kraft konnte den Bauern nicht zum Siege ver- yellen; er siel mit seinen Söhnen auf dem Kirchhof von Sendling unter oen Kugeln der Sesterrcicher. Sage und Dichtung haben den urkräf- Ugen Alten verklärt, und der Künstler der Gebirge hat sein Genie ge- liehen zur Verherrlichung deS VolksmannS, in dem sich der Volkskarakter lener Zeit wie aus einem Guß darstellt. W. B. m D"» Ehineseiivirltel in San Franziska.(Illustration S. 21.) -inch harten Kämpfen hat etwa vor einem Jahre der Senat der Ber- inigtei, Staaten von Nordamerika das Gesez gegen die„Einfuhr" der � genannten Kulis, d. h. chinesischer Arbeiter, besser gesagt Sklaven „genommen, welches dahin geht, daß dieser„Import" auf zehn Jahre llfA« en ioU- Diese Kulis sind bekanntlich von spekulativen chine- }„ l11 �vufleuten in Masse ausgeführt worden, und sie fanden sich um e v)- bereit, als tatsächlich in Ehina bei seiner zahlreichen Bevölkerung Mi'V�stiidert Millionen Köpfen und bei seinen elenden sozialpoliti- nyen Zuständen die Hungersnot in Permanenz besteht. Tie Lebens- � der Chinesen steht unglaublich lies; ein chinesischer Arbeiter lebt mi/ i � flvd Wasser und kann deshalb mit einem Lohn auskommen, ,- vew ein ivcißer, an bessere Kost gewöhnter Arbeiter unmöglich nn■».'e'n'a""- Di« chinesische Konkurrenz mußte daher für die v?ikanischen Arbeiter in Kalifornien eine geradezu vernichtende sein, ]a die Chinesen in Masse dorthin„verschickt" wurden und die Unter- Vn«? I" Kalifornien sich natürlich in gewohnter Weise nur um ihren �Merten und den vorzogen, der am billigsten arbeitete. Bald e(n b'e Chinesen in solcher Masse da, daß sie einen ganzen Stadt- ck>i„.rti"1 konnten. In diesem Viertel richteten sie sich ganz nacb � iei>)chem Brauch ein und vor allen Dingen behielten sie den lieben g?|'t!u4 bei, der in China zu den Annehmlichkeiten des Lebens gehört. � wstberten sich von der übrigen Bevölkerung ab und bildeten eine brimT nft fün Üch- innerhalb deren sie nur sehr schwer dazu zu r."'best waren, die kalifornischen Landesgeseze anzuerkennen: sie sollen bat,/ J* wgvne Justiz gehabt und insgeheim Todesurteile vollstreckt L,, 4,as Chinesenviertel ist von einer großartigen Prostitution be- dü-n-sfU"!> man kann nicht sagen, daß diese Chinesen mit ihrer Be- NmrJl'i�it, ihrem Schmilz und ihren ansteckenden Krankheiten etwas bei x � iswh Amerika gebracht hätten. Ihre steigende Anzahl begann die rü 1Deifcen Arbeitern alle möglichen Befürchtungen hervorzurufen, Meise Zu bald bestätigten. Die Chinesen drangen rasch in die die Ziibstftriezweige ein und bald waren aus mehreren derselben inöml- mi'(i'cn Arbeiter fast ganz verdrängt; so aus der Tabaks- untpi xC' k" Schuhwaaren- und Kleiderfabrikation. Tie Aufregung det? r* einheimischen Arbeitern war eine allgemeine, und man wen- arm J. ß ft."„ � Gesezgebung. Man sagte sich mit Recht, daß man die verinl„ selbst, als die Opfer barbarischer Zustände, nicht mit Haß bei k.Tl'V e, daß es sich aber hier um einen Jntercsienkamps handle, aus h!?~ Staat nicht dulden könne, daß die einheimischen Arbeiter Straße geworfen würden, nur damit einige Unternehmer mehr 1»°chkl, ein Nein ei Dorf am»ochelsce bei Töli. Profit einstecken könnten. Die Rolle, welche die kalifornischen Unter- nehmcr gespielt haben, indem sie die einheimischen Arbeiter zugunsten der Chinesen brodlos machten, ist eine nicht minder schmähliche als die der chinesischen Mcnschenhändler, die ihre Stammesgenossen wie eine tote Waare„exportiren". Ter Staat hat sich endlich dem Andrängen der Volkswünsche gefügt unv die weitere Einfuhr verboten, einstweilen aber hat Kalifornien eine ganz bedeutende Anzahl von Chinesen aus- genommen, die ja an sich ganz fleißige Leute sind, aber bewirken, daß eine Menge einheimischer Arbeiter in Kalifornien nicht mehr existiren kann. Es ivar keine weise Politik von feiten der Leiter des noch so jungen kalifornischen Staatswesens, die„Chinesenfrage" so iveit ge- deihen zu lassen. Denn die Chinesen geben eine schlechte Basis für einen jung emporblühenden Staat ab. Indessen haben die Versuche gewissenloser Menschenhändler und geldgieriger Unternehmer, auch Europa mit der„Chinesenplage" zu beglücken, noch' nicht ausgehört. Zunächst sind nach England Schiffe mit chinesischen Arbeitern ab- gegangen: man hat aber weiter nichts vernommen. Wenn die zentral- asiatische Bahn einmal ausgeführt werden sollte, dann wird man wohl auch den Versuch machen, Europa mit chinesischer„Menschenwaare" zu überschwemmen. Tie Gesezgebnng wird dann dagegen Front machen müssen, da man unmöglich wird ruhig zusehen können, wie unsere Arbeiter von den Chinesen brodlos gemacht werden. Im übrigen wird dies Gebahren der Unternehmer den Staat immer mehr zwingen, auf eine praktische und umfassende Ausbildung seiner wirtschaftspoliti- scheu Gesezgebung bedacht zu sein. W. B. Für un lere Hausfrauen. Plaudereien für die Äiiche. Von O. Eulinarius. I.?ic>ß oöev gekocHt? Ter Nuzen des Kochens ist wahrlich kein leerer Wahn! ist man berechtigt auszurufen gegenüber den auch in der neuesten Zeit noch häufig anzuhörenden Empfehlungen deS Genusses rohen Fleisches und der Anpreisung der drciviertelsrohen Erzeugnisse der desgleichen drei- viertelsbarbarisch gebliebenen englischen Küche. „Ihr Kind ist skrofulös und von schlechter Gesichtsfarbe, weil es schlecht genährt ist, werte Frau; nähren Sie es mit geschabtem rohen Ochsensleisch",— so kann man heute noch manchen Arzt reden höre». Merkwürdig! Einunddreißig Jahre sind es her, seit der zittauer Arzt Küchenmeister nachwies, daß die sogenannte Schweinefinne nichts weiter ist, als ein Bandwurnijüngling, der durch den Genuß rohen Fleisches(gleichviel ob gehackt oder ungehackt), rohen Schinkens und ungekochter Würste, in den menschlichen Körper übergeführt, sich beeilt. ein Bandwurmmann zu werden oder, richtiger, sich zu einer mächtigen Heersäule von Würmern zu entwickeln,— da ja der Bandwurm nicht ein Tier ist, sondern eine Kette von Schmnrozern darstellt. Nebenbei gesagt— in einer Plauderei für die Küche ist solch' eine Abschweifung sicherlich gestattet!— ist es eigentlich undankbar von den Menschen, daß sie den Bandwurm so arg hassen und verfolgen, denn er hat schon manchen Feinschmeckern einen für sie köstlichsten Genuß bereitet,— Gaumengenuß,— erschrecken Sie nicht, verehrteste Damen, — der Bandwurm ist wirklich eßbar und eine der feinsten Delikatessen, die es gibt. Haben Sie schon einmal etwas von S ch n c p f e n d r e ck gehört? Doch gewiß! Besagter Schnepsendreck— Schreiber dieser Zeilen hat die Häßliche Bezeichnung nicht erfunden, er würbe die fragliche Leckerei richtiger und minder abschreckend Schnepfensüllsel genannt haben— besagten Schnepsendreck also werden Sie bislang höchst ungerechterwcise im Verdacht gehabt haben, daß er aus den Darmentleerungen des hochgeschäzten"Sumpfvogels, den man Schnepfe nennt, bestehe. Gott behüte! Ter Schnepsendreck besteht vielmehr aus nestartigen An- Häufungen eines kleinen netten Bandwurms in den Eingeweiden der Schnepfe;— nicht wahr, nun können Sie Sich erklären, warum ihn unsere Gourmands so leidenschaftlich gern essen? Doch zurück zu dem unentwickelten Bandwurmkinde, der Finne. Nicht nur vom Schweine kann man sie beziehen. Auch die Rinder, Rehe, Bären, Hunde, Assen und Ratten und noch andere Tiere erfreuen sich zuweilen ihres Bcsizes, aber bei weitem nicht so häusig als dasSchivein. Kaum war sie in ihrer Gefährlichkeit völlig entlarvt, so kam man einer andern Berbrecherin, welche sich gern durch rohes Schweine- fleisch in unfern Körper einschmuggeln läßt, auf die Spur; 1860 nämlich wurde die T r i ch i u c als für den Menschen äußerst gesund- heitsgesährlich, unter Umständen tötlich wirkend erkannt. Scitdeni ist sestgestellt worden, daß das Fleisch der w arm- blutigen Tiere stets gesundheitsschädlich wirken kann, wenn es der Mensch ungekocht, auch in der Form von Schinken oder Würsten, genießt. Trozdem sind die rohen Schinken, die Würste und das rohe Fleisch von unsern Speisekarten und Speisetischcn noch lange nicht ver- drängt, obschon es ein öffentliches Geheimnis ist, daß die in neuester Zeit amtlich eingesührte Fleischschau auch noch keine vollkommene Ge- währ bietet, daß man stets nur sinnen- und trichinenfreics Fleisch zu kaufen bekommt. 28 Kaltblütige Tiere— Austern und Muscheln, Häringe, Sar- bellen und Lachse u. s. w.— kann man dagegen ganz ungenirt roh verzehren; wenigstens hat sich noch keine Spur von Beeinträchtigung der menschlichen Gesundheit durch solchen Gcnust nachweisen lassen Also schon die Sorge um unsere Gesundheit veranlaßt unS, das Fleisch, welches wir genießen wollen, zu kochen, zu braten oder zu dämpsen; und zwar gut zu kochen, da die besonders zählebigen Trichinen in starken Stücken Schweinefleisch, die nicht längere Zeit bedeutenden Hizegraden ausgesezt werden, recht gut leben bleiben können. Aber nicht allein als Schuz gegen die sehr leicht mögliche Auf- nähme von Parasiten in unfern Körper sollen wir in einer oder der andern Art die Hize auf das Fleisch einwirken lassen, sondern auch deswegen, weil dabei Stoffe entwickelt werden, die angenehm riechen oder schmecken, und weil ferner bei den Operationen in der Küche gewisse physikalische und chemische Eigenschaften des Fleisches in einer für uns sehr günstigen Weise geändert werden. Wie lieblich duftet ein wohlgclungcner Hammel- oder Kalbsbraten, .eine gebratene Taube oder ein gebratener Hase? Wie läuft uns bei solchem Anblick und beim Einsaugen solchen Duftes„das Wasser im Munde zusammen?" Dieses Wasser im Munde, der durch erhöhten Nervenreiz reichlicher abgesonderte Speichel, macht das Fleisch beim Kauen verdaulicher und beginnt bereits selbst das große Werk der Verdauung, das im Munde anhebt und im Mastdarm endigt,— nicht, wie man vor noch nicht langer Zeit geglaubt hat, vom Magen allein erledigt wird. Das rohe Fleisch duftet nicht halb so gut, so appetitreizend und verdauunganregend; das rohe Fleisch läßt sich auch nicht gut kauen, es erweist sich selbst, wenn es von jungen Tieren herrührt, zäh und faserig. Dagegen sezt das gutgekochte Fleisch, wenn eS nicht von ganz alten Tieren kommt, der Zermalmungsarbeit der Zähne nur wenig Widerstand entgegen, es enthält ein sehr gelockertes oder selbst auf- gehobenes Bindegewebe und„zerfließt" alsdann zwischen den Zähnen und läßt sich von der Zunge zerdrücken. Item ist:„Kochen, Braten, Dämpfen" unsere Parvle für die Küche, und„Fort mit dem rohen Fleisch" unser Feldgeschrei. Wie man nun am besten kocht, brät, dämpft, darüber in der nächsten Nummer. Zur Nahrungsmittelklinde. werden mit einer speckigen Hülle umziehen und in Fleischbrühe voll- ständig auflösen. Fremde Beimischungen(Kartoffelmehl zc.) sammeln sich dann kleisterartig am Boden des Gefäßes. Frischer Käse ist ein äußerst gesundes, eiweißreiches Nahrungsmittel. Nach der Mahlzeit kann besonders alter Käse, mäßig genossen, die Verdauung anregen. In größerer Menge und ohne Zutat genossen, ist er schwer verdaulich, umsomehr, je älter er ist. Mit Butterbrod verdaut sich Käse am besten, namentlich wenn er frisch und gesalzen ist.