Erscheint alle 14 Tage in Heften& 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Postämter zu beziehen. Die Alten und die Neuen. Roman von Ml. Kautsky. ü/sszj (1. Fortsczttlig> Mutter Hoscr hatte Arnold in ihre Stube geführt. Tiefe sah dürstig aus. war aber sauber gehalten. Ten lPwszc» grünen Kachelofen umgab eine Holzbank, beim Jcnslcr war eine zweite aufgestellt, davor ein Tisch. Ein großes Bett zeigte reichliche Federkissen, von denen die obersten, mit den frisch roten Ucberzngcn, des Nachts stets bei Tcite gelegt wurden, um nicht durch den Gebrauch bcschmuzt z» werden. Stahe der Tür befand sich ein Wcihwafscrkcsfel, in bcn die Hofer beim Eintritt ihre Finger tauchte und, sich und die beiden jungen Männer mit dem Wasser besprizend. da* Zeichen des Kreuzes machte. Eine mit stciscn Rosen bemalte Truhe und eine eben solche Kommode standen an den Wänden, uuf die lcztcre war ein drei Fuß hoher zweitüriger Schra» bestellt; er war neu und von sauberer geschmackvoller Arbeit. Eine Schwarzwalduhr und zwei Bilder, Jesus und Maria dar- Uellend, vervollständigten das einfache Gerät des Zimmer*. Zwei Fensterchcn der Stube gingen nach dem See hinau*. e»> drittes,»och kleineres, war in einer Art Vorbau»ach der Straße und dem nahen Salzbcrg. Frau Hofer lud Herrn Arnold zum Sizcn ein. Sic sprach voii ihrem Georg und meinte, uu Hkrr werde da einen tüchtigen ordentlichen Burschen kennen ernen und einen guten Sohn, der auch noch fromm und wri>- i'ch sei und nicht— ihr Ton wurde schär-fcr— so ein lockere* Zc'scrl, wie der Herr Valentin da. der sich über alles lustig wacht und der schier meint, er könnt dem Teufel selber noch eine chso drehe»; nein, der Georg, das sei ein ganz anderer Mensch. "uo er müsse auch gleich herunter kommen, und nnn, der Herr soll mit"icht bös sein, müßte sie in die Küche und Feuer anmachen. Am Freitag, fügte sie noch erläuternd hinzu, würde o'en °ni Berg nicht mehr gekocht, und da warteten die Arbeiter mit llm Mittagessen, um es in. Kreise ihrer Familie einzunehmen �e> den meisten würde freilich erst eingekauft, wenn der Vater , 1 Wochenlohn bringe, sie aber habe Georgs Leibgericht schon bereitet. Griesknödel mit Salat/ sagte sie mit e.ncr wichtendcn Miene der Bcsricdignng, indem sie gravitätisch hmaus- lchritt. Als sie wieder hereinkam, sah sie, daß Valentin c» weitnrigcn Schrank geöffnet hatte und dem fremden Herrn die >t daran zeigte. Sic stellte sich, die braunen entblößten Arme unter ihrer Schürze bergend, neben sie hin..'S ist ein sauberes Kastcrl, nicht wahr?" fragte sie voll mütterlichen Stolzes;.er hat's selbst gemacht, und er hat seine Schulbücher'nein gestellt und sein Arbeitszeug. Schcn's, das sind die Messer und Stemm- eisen, und das ist der Zirkel und das Dreieck niid sein übriges Zcichcngerät." „Georg ist also auch Tischler und Holzschnizer, wie der Valentin?" fragte Arnold. „Freilich, unsere Buben haben das halt schon von ihrem' Vater gelernt, und der wieder von dem seinigen. Die Schnizcrci ist so ein Nebenverdienst, denn vor dem zwanzigsten Jahre nehmcns keinen ins' Bergiverk, und wie mein Mann im Berg verunglückt ist— Gott Hab' ihn selig— da war der Georg erst sechzehn Jahr alt. Ich Hab' freilich eine Pension'kriegt, aber mit vier Gulden vierteljährig kann man mit dem besten Willen nicht auskommen. Der Valentin Hütt' mich gern unter- stüzt, ich weiß wohl, aber sein Verdienst war damals noch gar g'ring, und der Bub hat überhaupt alleweil ein' schlottrigen Geldbeutel g'habt. Und da hat halt der Georg mit der Holz- arbeit ang'fangen. Er hat kleine Vicchcrlc g'schnizt und Löffeln und Messer, und ich Hab mich damit am Weg hing'sczt, und die Fremden, die dann und wann in den einsamen Gebirgswinkcl kommen sind, habe» mir gern ivas abkaust. Aber der Winter ist ein harter strenger Gesell' für uns alle, und er rührt sich nicht vom Fleck sieben Monat lang, und für die, die nichts Sicheres haben, bringt er ein schreckliches Elend. Ich und er, wir haben oft beide geweint, weil wir uns nicht zu helfen g'wußt haben. Aber der Georg hat treu bei mir ausg'halten, und unser Herrgott hat uns so gnädig die schlimmste Zeit über- dauern lassen. Und mit zwanzig Jahren hat der Georg das große Glück g'habt, ins Salzwcrk zu kommen. Im ersten Jahr habcn's ihm ivohl nur achtzehn Kreuzer täglich geben, aber jczt kommt er sich wie die meisten auf sechzig Kreuzer, nur daß er halt noch im Geding arbeit' und noch nicht sicher angestellt is, aber er ist ja erst zwciundzivanzig Jahr alt, und das wird schon kommen, mein Gott, und dann wär er halt versorgt, bis in seine alten Tage hinein." 30 „Mit sechzig oder siebzig Kreuzern tciglich," spöttelte Valentin,„vorausgesezt, daß er niemals sich muxt, sonst wird er abg'sezt wie der Frieder, und dann noch weiter voransg'sczt, daß er nicht vorzeitig ums Leben kommt, wie unser armer Vater." „Der Frieder ist ein Krakehlcr," entgegnete die Mutter herb, sie befand sich ihrem älteren Sohne gegenüber immer in der Opposition,„der hat nur kriegt, was er verdient hat, und unserm armen Vater wars halt auch schon bestimmt g'wcscn." Sie faltete fromm die Hände. „Ach was, bestimmt," sagte der Valentin unwirsch,„der Vater war ins Sinkwerk geschickt worden, um die Sohle zu messen, ob sie schon den richtigen Gehalt hat. Um zu sparen, war für das neue Werk kein neuer Schacht gegraben worden, und so mußt er ein altes Werk Passiren, das just ober dem neuen steht, von diesem war aber die Decke schon vom Wasser durchgefressen, und wie er drüber geht, bricht sie ein und er stürzt hinunter." „Da kommen die Salzarbeiter vom Berg," rief die Hofcr, die der Erzählung und der, ihrer Meinung nach, gotteslästcr- lichen Deutung ausweichend nach rückwärts gegangen war. Die beiden jungen Männer traten zu ihr an das Fenster. Man übersah von hier einen Teil des Salzberges und konnte den in Serpentinen angelegten Weg verfolgen, änf dem die Arbeiter, in Gruppen gesellt, herunterkamen. Die heimkehrenden Salzarbciter waren hagere mittelgroße Gestalten von zumeist hübscher regelmäßiger Gesichtsbildung und durchaus blasser Farbe, die bei Leuten, welche im Tage zwölf Stunden unter der Erde zubringen, wohl natürlich war. Sie trugen nicht die schmucke Bergmannstracht; der schwarze tuchene Rock, den sie sich selbst zu beschaffen gehabt hätten, war für sie ein unerschwingliches Kleidungsstück geworden, und so hatten sie denn alle die gewohnte Gebirgstracht: die kurze Hose aus Bocksleder, grünwollenc Gamaschen und mit schweren Nägeln beschlagene Gebjrgsschnhe. Die Weste war offen, das rote Halstuch lose um den Hals gelegt. Den lichtgraueu Janker trugen sie über eine Schulter geworfen und ani Rücken hing ihnen der lederne Rucksack, in dem sie die Lebensmittel für die ganze Woche hinanfgeschleppt. Auf denselben hatten sie ihren Wettermantel geschnallt, eine Art Poncho, ein alt-kcltischcs Kleidungsstück, von einfachster aber malerischer Form. Sie gingen in einem festen gleichmäßigen Schritt, knieweich, das ist: im Kniegelenk sich wiegend, wodurch die Erschütterung des Körpers während des Abstiegs verringert wird. Gleichsam als einen Gruß aus den Berge», den sie den Ihren mitbrachten, hatten sie auf den grünen Hut einen Strauß von Alpenrosen oder Edelweiß gesteckt, aber sonst war nichts fröhliches an ihnen zu bemerken. Nicht laut und lärmend kamen sie daher, sie lachten, sie plauderten nicht miteinander, etwas Ernstes, Gedrücktes sprach sich in ihren Mienen ans, etwas Ermüdetes, selbst Apatisches. Unter eine überstrenge Disziplin hatten sie die Woche über sich zu beugen gehabt, nun ersehnten sie wohl den Augenblick, der sie einer verhältnismäßigen Freiheit und ihrer Familie wieder- geben sollte, aber der Anblick der Ihrigen brachte ihnen auch das Elend vor Augen, in dem sie lebten, und um die hungernden Mägen zu füttern, reichte der karge Wochenlohn nicht aus, und sie mußten nun streben und ringen, um für diese zwei Tage einen Nebenverdienst zu erhalten, der sich leider nicht allen bot. In der Talsohle angekommen, trennten sie sich ohne Hand- schlag und Gruß. Der eine ging hierhin, der andere dorthin. Dem ersten Trupp folgte bald ein zweiter, unter diesem befand sich Georg. Er ging leicht und elastisch wie man eben mit zweiund- zwanzig Jahren geht; der Stecken, den er gleich den andern trug, diente ihm kaum als Stüze. Er überstieg die Holzbarriere, die den Weg säumte, und über das Gestein sezend, gelangte er auf dem kürzesten Weg herunter. Die Mutter ging ihn« entgegen. Als sie über die Schwelle des Hauses trat, hatte er socbe» den Rucksack mit dem Mantel ans die Bank vor dem Haust. geworfen und sich darauf gesezt., Er nahm den Hut ab und wischte mit dem Aermcl über die feuchte Stime. Als er sie erblickte, reichte er ihr stumm die Hand. Sit sah ihn an und wußte in dem Augenblick, daß ihm etwas Ilm angenehmes passirt sein müsse. In niütterlichcr Sorge vergaß sie alles andere und sezte sich neben ihn. Auch Arnold war herausgekommen, er verweilte in der Flur. Er wollte einen Augenblick unbemerkt den jungen Salzarbeitcr beobachten, der von vorneherein sein neugieriges Interesse er- regt hatte. Er saß stark vorgeneigt ans der Niedern Bank, den Ellbogen hatte er auss Knie und den Kopf auf die Hand gelegt, er sprach zur Mutter in kurzen Säzcn, in abgerissenen Worten wie c- schien. Arnold fand ihn hübsch und wohlgcbildct, er war größer als Valentin und robuster. Der Kopf zeigte den keltischen Typus> der sich von den Urvätern her in diesen Bergen erhalten hat, wo man noch nicht französische Physiognomien findet. Das dichte dutrkclbraune Haar, welches sich sanft gelockt in einzelne Par- ticn teilte, hing ihm etwas wirr über die blasse, überaus weiße� Stirne. Die untere Partie des Gesichtes erschien kaum etwas gebräunt und zeigte jenen dunklen Anflug, der einen kräftigeren Bart versprach, als er hierzulande gewöhnlich ist. Aber bei aller Jugendlichkeit lag in diesem Gesichte ein ernster finsterer Zug, und wenn er die schmalen Lippen fest zusammenpreßte, wie es eben jezt geschah, wo er zu sprechen aufgehört, wurde der Ausdruck zur Herbheit. „Aus is!" rief jezt die Mutter, und sie schlug wie i>n Jammer die Hände zusammen,„abgezogen haben sie dir und drei Schicht, aber so sag doch, was hast denn gökan, was hast denn ang'stcllt, um so eine harte Straf' zu verdienen?" Er zuckte die Achseln und schwieg. Als sie aber hierauf in lautere Klagen und Vorwürfe aus- brach, streckte er, wie zur Abwehr, ihr die Hand entgegen. „Laß es gut sein, was du mir sagst, Hab' ich mir alles schon selber vorgeworfen, und da dir damit ein Unrecht geschieht, will ich's auch nimmer tun, ich vcrsprech dirs, Mutter." Man niochte es ihm glauben, er sagte es so entschieden. In dem Augenblick trat Arnold aus der Tür. „Jesus, auf den Herrn Hab' ich ganz vergessen," rief sie, und ihren Sohn in die Seite stoßend:„da schau nur und rühr dich ein wenig, der Herr ist mit denc Valentin kommen, er wist dich kennen lernen, und ich Hab dich auch g'lobt übern grüne» Klee, Hab natürlich nichts g'schciteres g'wußt, und jezt stehst mir da mit der Schand." Georg hatte sich erhoben. Auf seine Stirne trat ein dunkles Rot, mit einem verlegenen Blick sah er auf den Fremden und unbeholfen und linkisch griff er nach der Hand, die dieser ihm entgegenstreckte. Er wußte kein Wort zu sagen, aber Arnold verstand es, sich herzlich und vertraulich zu geben, als der Genosse des Aelteren, der bei dem Jüngeren die gleiche kameradschaftliche Gesinnung voraussezt. Georg sah einigermaßen überrascht zu ihm auf. Arnold konnte benierken, daß dieser Salzarbeitcr merkwürdige Auge» hatte. Groß und licht, waren sie von dichten schwarzen Braue» und Wimpern umsäumt, und troz des scheuen knabenhaften Aus- drucks, sprach aus ihnen eine hohe Intelligenz, jener Funke, der geistiges Leben verrät.— Dieser Knabe dachte bereits. Valentin begrüßte den Bruder in seiner lustigen Weise mit einem Wizwort, und rief auch den Arbeitern, die vorüber kamen, ein fröhliches Wort entgegen. Es waren die Nachzügler, die nicht mehr so flink vorwärts konnten, oder es sonst nicht eben eilig hatten. Dem alten Michel, einem silberhaarigen Männchen, reichte er die Hand und lud ihn ein, auf der Bank neben der Mutter ein ivenig auszuruhen. Ter nahm den Vorschlag gerne an. Tie Milz steche ihn so, meinte der Alte mit einem sanften i ergebenen Lächeln, und es sei-, just, als wuchs der Berg mit dem Alter. r Siebenunddreißig Jahr gehe er jezt da hinauf und nun hätt' ; � m'f cinemmal sein G'frctt. Er schüttelte den Mops wie einer, t der eine Tatsache sich nicht erklären kann. Ein Arbeiter klein und schwächlich, mit einem struppigen j roten Schnurrbart und ein paar Augen, die aus buschigen Brauen hervorstachen und keineswegs den gutmütigen Ausdruck seiner Genossen hatten, kam dicht vorüber, und nachdem er die vor t rem Hause Sizenden schon passirt, wendete er sich mit einem Juic! nach ihnen um, als sei ihm plözlich etwas eingefallen. ,.Hc Alte, hast es schon g'hört, was ihm wieder passirt ist, i den, dcinigen? Hätt'st ihn halt sollen länger noch in d' Schul gehen I �Ilen�Reserl, weil er die Bücher schier nicht g'ratcn kann." i»Tu mein Herrgott, ich weiß ja noch immer nicht, wegen ('�8 sie ihm die drei Schicht abgezogen haben, er redt ja nichts," . klagte die Mutter. „No wegen den Büchern," grinste er,„jezt weißt es." �--Wegen was für Büchern, Feistinger?" '_"Tie steh der Bub auf den Salzberg mitnimmt, obwohl er c kvciß, daß das Lesen ein für allemal verboten ist." k»Sie sind halt so streng auf alles Druckte," wendete sich i er alte Michel begütigend zur Mutter Theres, und ihr dcn Sach- i derhalt gleichsam auscinandersezcnd:„Weißt, unser G'strenger r'It schon vor einiger Zeit ganz wild hinaufkommen und hat den �k�yteiger ang'schuauzt: Es wird schon wieder g'lcscn in den c Arbeitshäusern, troz dem Verbot, hat er g'sagt, ich will aber eine �Politiker und Freigeister." >»Ja, und auch Licht ist wieder hie und da angezündet j worden, obwohl das von jeher untersagt war," bemerkte Fcistinger i anklagend. »Nun ja, ja, manchmal hat sich einer ein Kerzenstummel ''bracht und hat sich's angezünd't, wenn er sich niedergelegt )at es hat niemanden genirt, aber Angeber gibts halt genug "nter uns. „Und den Lumpenkerln soll's nicht am schlechtesten gehen," �„ Valentin keck dazwischen, dabei Feistinger fixirend. Michel wandte ängstlich den Kopf und bedeutete ihm zu i Zweigen, dann wieder zur Hofcr:„Weißt Reserl, und da Ja cn's schon neulich so ein Zeitungsblatt g'fundcn, es war 'gentlich ganz>vas Unschuldiges," er zwinkerte schelmisch mit en freundlichen Augen,„es war nur ein klerikales Blattei, er„Pilger" nennt sichs, aber es ist halt doch konfiszirt worden, M aus Prinzip, weil halt einmal durchaus nichts, aber gar "Uk)ts gelesen werden soll." »Und was unsereincm nicht erlaubt ist und nie erlaubt war, glaiibt der da, so ein unreifer Ding da, tun zu dürfen?" der Feistinger erbost,„aber es ist ihm schon bedeutet worden, ° �'"'ual so etwas und er ist entlassen." Tie alte Hofer brach in Tränen aus. »Aber was denkst denn, du Unglücksbua, willst dich zu- f l"be richten und mich? Und so ein Glück hat er g'habt, und hüttcii's die Herren mit ihm g'mcint, und jezt verdirbt »'"Halles wegen seiner dalkcten Leserei." Sie zog die Schürze 'hre weinenden Augen:„Ans is!" kei f-0rQ stumm, finster blickte er vor sich hin. Er wagte "e Entgegnung, kein Wort der Entschuldigung, er beugte den Antlag�� �'C®ruß' k"'6 c'" Schuldiger unter der Wucht der Link?�hrcre Arbeiter waren herzngetretcn; darunter auch der r Franzcl, ein stämmiger Bursche mit einem großen rj" Schnurrbart, kurzen Hüften und unverhältnismäßig an � war einer der waghalsigsten Burschen, der ez, häagen, wo kein anderer mehr sich hinuntertraute, das Sän lt' Cl krug, von der Arbeit kommend, die Axt auf der � 1 Jr' was sein rabiates Aussehen nicht verminderte. (gt �as wär auch das lezte, wegen was ich zu einer beim r'ef er wit einem rauhen Lachen,„Gott sei Dank, J-vocherlesen hat mich noch keiner ertappt; wenn ich mir einmal was ans der Zeitung znsamm buchstabirt Hab', so i's nachher richtig nicht wahr g'west und ich Hab' mir die Müh' ganz umsonst g'macht. Na, sei g'scheit Schorschcl, übcrlaß die Leserci den Faullenzern, die sonst nix vernünftiges zu tun haben und nicht arbeiten wollen; wir brauchen was anderes, wir brauchen was z' essen, nicht was z' lesen." „Das ist richtig," riefen die Umstehenden, diesen Ausspruch bestätigend. »Ich sag's auch, dadurch wird uns nichts ausbessert. Im Gegenteil, es schad's uns nur, denn es bringt die Herren gegen uns auf," versicherte Feistingcr. „Ich les' auch nichts," meinte ein anderer,„ich denke mir, was soll ich mich denn alleweil sekircn lassen." „Freilich, und ob wir jezt um so ein Büchel mehr oder minder wissen, das ist schon alles eins." Ein kurzes grelles Auflachen voll unsäglicher Bitterkeit er- tönte und ließ alle sich nach demjenigen umwenden, der es aus- gestoßen hatte. „Der Frieder," murmelten die Leute. Ein hagerer hochgewachsener Mann mit bleichen Zügen hatte sich unter sie gedrängt, wie eingekeilt stand er unter der sich verdichtenden Gruppe, die sich nun zu lösen begann und, sich nun von ihm zurückziehend, ihn frei ließ. Die Brust dieses Mannes war eingefallen, die Wangen hohl, aber er mußte einnial schön und kräftig gewesen sein, und aus den tiefen Augen blizte noch ein Funke, nicht des Widerstandes, damit war's vorbei, aber eines nach innen fressenden In- grimms. „Recht habt Ihr!" rief er mit seiner klanglosen Stimme, die in ihrer Tonlosigkeit leicht überschnappte,„Ihr braucht nichts zu wissen, gar nichts, viel wissen macht Kopfweh und andere wissen für Euch, und sie wenden ihre Wissenschaft zu Eurem Besten an, sie lassen sich angelegen sein für Euch zu sorgen— väterlich zu sorgen, hahaha!" wieder lachte er jenes kurze heisere Lachen. Die Hofcr hatte die Schürze von den Augen gerissen, bei dem Ton und Anblick dieses Mannes war ihr die Galle ge- stiegen und ihre Tränen versiegten, derb faßte sie Georg.an der Schulter. „Da siehst einen," rief sie erbost,„der sich sein Lebtag auf die Hinterbeine g'stellt hat, der sich cinbild't hat, wenn er nur recht viel Drucktes in seinen Hinsschädcl hineinstopft, dann wird er damit was einrennen, ja, ang'rennt ist er damit. Schau dir ihn nur an, den Frieder, schau dir ihn an, so schaut deine eigene Zukunft aus, wenn du dich nicht besserst bei Zeiten." „Oder wenn ich nicht bei Zeiten davon geh," stieß Georg dumpf wie aus gequälter Brust hervor. Die Augen der Mutter vergrößerten sich und wie im Entsezcn schlug sie die Hände zu- stimmen. „Was sagst?! fortgehen willst, unfern Ort verlassen, mich verlassen?!—" Die Empörung erstickte sie fast.„Geh nur, mach's wie der Valentin, Ihr braucht freilich die Alte nicht mehr, obwohl du noch gar nicht weißt, du dummer Bub, wie das ist, wenn sie nimmer für dich stricken und flicken wird, möchst doch immer gern nett und sauber sein, gelt? Na, kannst halt dann schauen, wer dir was machen wird, und wie; mich, das kann ich dir sagen, bringst nicht von hier hinaus, ich geh' nicht aus den Bergen, ich bin kein Lokomotiv, das durch die Welt saust.— Wo mich mein Herrgott hat geboren werden lassen, da will ich auch sterben, und meine Gebein' sollen nicht in einer fremden Erde ruhen." Der alte Michel klopfte der hocherregten Frau beruhigend auf die Schulter und nickte mit einem milden Lächeln ihr zu. „Ich mein dasselbe, Theres, ich könnt auch nicht fort, und 's ist ja auch nur so eine Red von Georg, wer weiß, ob er's selber aushalten tät. Wir kriegen alle das Heimweh, und das ist just wie eine Krankheit." � „Wir können nicht fort," bestätigten niit Nachdruck die an- dem;„nur die wenigsten von uns können eine andere Luft er- tragen, wir crfahren's an unseren Soldaten." 32 „Wir können nicht fort," murmelte der Frieder in seinem vergrämten Ton,„es ist zwar nur ein Aberglaube, aber er hängt uns allen an." „Und draußen in den Städten, da kommt unsereiner schon gar nicht auf, schon wegen der Kongrenz," meinte ein kleiner einfältig blickender Arbeiter,„ich hab's erfahren; und ich sag halt das, wenn einer sich brav aufführt und sich nix zu schulden kommen läßt, so hat er doch quasi sein Sicheres." „Quasi sein sicheres Elend," ergänzte Valentin lachend. Eine laute und allgemeine Zustimmung folgte dieser Aus- lassung. Jczt handelte sich's nicht mehr um Meinungen, jezt stand man auf deni Boden der Realität und jeder wußte von diesem Elend, jeder trug es mit sich wie ein an seinem Dasein haf- tendcs angeborenes Uebel. Und es käme immer schlimmer, sagten die einen, und es wäre nie so fühlbar gewesen, die anderen. Der alte Michel nickte mit dem schönen wcißbchantcn Kops und lächelte nachdenklich. Früher wären halt doch viele Vcr- günstignngen gewesen, und jeder hätte für sich und die Seinigen das Korn bekommen, meinte er. „Und wie lang ist's denn her, so haben wir noch unfern Bezug an Schmalz gehabt," vcrsezte ein anderer. „Und Holz." „Und den Lohn obendrein." „Freilich, nur einen gc- ringen, ein paar Kreuzer täg- lich." „Richtig, ja ja," stammelte Michel gutmütig,„aber damals war auch alles so viel billiger, jezt sind die Preis' nicht zu erschwingen, was in der Um- gebung wachst und gedeiht, wird alles nach Solenbad gebracht, und wir mussens von dort be- ziehen, und mit der Natural- leistung ist's ganz aus." „Aus is!" riefen alle im vielstinimigcn Chor, und selbst Fcistinger, den heimliche Bc- lohnungen zum Aufseher über die Kameraden gemacht, meinte grollend:„Jezt fassen wir nichts mehr als das Salz, aber wir haben nichts mehr zu salzen." „Das Mußsalz haben sie's einst genannt, das den Ar- beitern zugekommen ist, jezt nennen sie's das Gnadensalz," vcrsezte der Frieder schneidend. „Das Gnadensalz— das Gnadcnsalz— es ist wahr!" Das Wort ging von Mund zu Mund, in der Wieder- holung zu immer energischerem Ausdruck gelangend. Es war als käme ihnen damit der Kontrast von einst und jezt zum deutlichen Bewußtsein. Georg, die Arme über der Brust gc- kreuzt, hatte wie abwesend vor sich hingestant. Jezt hob er plözlich den Kopf und in heiß aussprudelnder Unmittelbarkeit, seiner inneren Bewegung gehorchend, rief er: „Sie haben kein Recht es so zu nennen, und wir sollten es nicht dulden!" Alle sahen betroffen zu ihm hinüber. „Was willst denn damit sagen," bemerkte seine Mutter noch mehr erbost,„was mischest du dich wieder in Sachen, die du nicht verstehst." Georg schien die Mahnung zu überhören und fuhr fort: „Das Salz, das hier gewonnen wird, das unsere Arbeit dem Berge abringt, bringt einen jährlichen Reingewinn von achtzehn Millionen, und das uns spärlich zugemessene Salz, das wir erhalten um unser Brod zu würzen, sollte ein Gnaden- salz sein?" Im nordischen Eis: Erbauung von Eishütten.(Seite si.) Alle umdrängten ihn. „Achtzehn Millionen an Reingewinn, es � ist nicht möglich achtzehn Millionen, wer hat das gesagt?" „Niemand, ich hab's gelesen." „Aha, da haben wir's," rief Feistinger triumphirend,„ihr habt es alle gehört, er hat's gelesen!" „Er hat's gelesen!" riefen alle, in Verwunderung, daß solch Dinge, die sie selbst betreffen, wo zu lesen seien. „In der Zeitung hat er's gelesen," bemerkte Fcistinger hämisch,„und was da drinnen steht, braucht man nicht z» glauben, denn es ist alles nur erstunken und erlogen." „Und wenn's auch zehnmal wahr wär, was geht's uns an,' rief die Wittwe Hofer in ihrem entschiedensten Ton,„und ob's Mußsalz oder Gnadensalz heißt, wir kriegen einmal zwölf Pfund per Kopf im Jahr, und d'ran wird nichts geändert." „Wir können da wenigstens nichts machen und nichts ändern,'1 sprachen die andern. „Und wenn wo ein Unrecht ist, sizt unser Herrgott� zu Gericht, nicht wir," belehrte sie,„und er wird schon wisse», warum er alles grad so ein- gerichtet hat und nicht anders.» Michel blickte sie mit einciu heiter resignirtcn Lächeln an, dann streckte er ihr die Hände entgegen und schüttelte sie fest „Ja Alte, du hast's g'sagt, das ist unser bester Trost und unser einziger. Wenn wir den' Himmel vertrauen, wird sich sicher alles zum Besten wenden.' Er hatte sich erhoben und ans seinen Stecke» gestüzt, schrill er langsam den etwas ausstei' gcnden Weg in den Ort hinan. Auch die übrigen Männer schritten in Gruppen gesondert den nachbarlichen Hütten cntge- gen. Der Holzhauer Franzi hatte mit offenem Munde zw gehört, er sah nachdenklich aus. Ivas ihm nur selten passirte. „Meiner Scel," sagte er dann, wie zu sich selbst redend, 's ist unser einziger und lcztcc Trost." Er wendete sich und bemerkte Arnold neben sich, der ein stummer aber aufmerksamer Beobachter dieser Szene gewesen „Wissen's junger Herr," sagte der Holzhauer mit einer rauhen jäh hervorbrechenden Lustigkeit sich an diesen wendend, „wir armen Lcut, wir glauben noch an den Himmel. Bei dein Hundeleben, das wir führen, können wir den Himmel nicht entbehren, Wissens, und die Holl erst recht nicht. Mein Gott, wir müssen doch die Aussicht haben, daß uns da drüben wenig? stens die Belohnung aufg'spart bleibt, und's bleibt uns ei» Labsal zu denke», daß die Reichen und Müssiggänger, die>» einer Nacht mehr verprassen, als wir Armen in einem Jalü zusammenarbeiten können, dafür alle miteinander in der Hölle braten müssen. Hahaha! wissen's junger Herr, es steht sicho" in der heiligen Schrift, daß ein Kameel eher durch ein Nadelöhr geht, als ein Reicher in den Himmel, und es könnt unser- einen nur stuzig machen, daß diese Leut' so gar unbesorgt»»> ihr Himmelreich sind." Ter humorvolle Zug verschwand au-' seinem Gesicht und machte einem jäh hervorbrechenden Zor» plaz.„Himmcl-Hcrrgotl, wenn wir d'ranf kommen täten, doü das nicht wahr ist, daß unser Herrgott unschuldig an unseri» Elend ist, nnd sich überhaupt nicht darein mischt, meiner Sccl, wenn wir drauf kommen täten, daß wir andere dafür verant' wortlich machen müssen— dann—"er schwang die Axt w� beim Holzfällen nnd warf sie dann wieder über die Schult —„dann mächt ich bei der Abrechnung schon dabei sein.' Ohne Gruß schritt er fürbaß. Frieder sah ihm mit düstcrn Augen nach. »Nicht die Bnchcrleser, wie sie sagen, sind eine Gefahr, solche wie der da sind es allein, und niemand will das er- kennen, und niemand sucht sie da, wo sie wirklich ist."' Der blasse Mann mit dem vergrämten Antliz senkte den �opf. auch er wendete sich zum Gehen. Valentin eilte ihm nach und suchte seinen Gang genau nach dem des alten Jriedcr zu regeln. Er sprach niit ihm und dachte Wohl daran, ihn nach Hause zu begleite». Äam er mit dem Vater, konnte die kleine Evi nichts, aber ouch gar nichts dagegen einzuwenden haben und durfte sich nur >»> Stillen ärgern. Lb sie sich denn wirklich ärgerte, wenn er kani? Er schien sich diese Frage wiederholt vorzulegen, aber sein vergnüglich schelmisches Lächeln bewies, daß er sie in einem ihm günstigen Sinne beantworten zu dürfen glaubte. Mutter Hofer war schon vorhin in's Haus getreten. Arnold und Georg waren allein. Als der junge Salzarbeitcr jezt aufsah, begegnete er dem sympatischen Blick des Fremden. Sein Mund öffnete sich zu einer jäh ausbrechenden Kundgebung, aber sich noch rechtzeitig besinnend, schloß er ihn wieder und nur ein schwerer Atemzug löste sich von seiner Brust. Arnold sczte sich neben ihn auf die Holzbank. Der Knabe litt offenbar unter seinem erwachenden Bewußtsein. Zweifel Im nordischen Eis: Fertige Eishütten.(Seite 34.) �ren ihm entstauben und sie brachten ihm Schmerzen, ein heimliches Weh. . Ter Aeltcrc ergriff seine Hand:„Haben Sie Vertrauen zu wr, Georg." Dieser sah ihn an mit einem ernsten forschenden Blick, al-.' wollte er in den Tiefen seiner Seele lesen. »Ich möchte es wohl." sagte er, und um seine schmalen L'ppen zuckte es.„aber in mir selbst ist kein Vertrauen und k">>c Zuversicht. Wer ist unser Freund? wer ist unser Feind. T Wo ist das Rechte und das Wahre, in dem was uns um- gibt?__ Waz mir von kleinauf der Mutter nachgestammelt h°ben. war es nicht unwahr? Und die Lehren, in denen man uns großgezogen, die man uns für unser Lebtag zu erhalten lacht, bernhen sie nicht auf Täuschung?— Unsere Sinne föchten ja sagen, aber man hat unsere eigenen Sinne uns vcr- dachtigt;— an was sollen wir uns halten?— Un u»>cr Wünschen und Bedürfen?— Es heißt, wir hätten kein Recht darauf— aber wenn wir uns selber nicht vertrauen dürfen, wie können wir andern vertrauen?" In diesen kurzen Säzcn, die er, als würde ihm unter dem andrängenden Sturm seiner Empfindungen die Brust zu enge, fast keuchend vorbrachte, sprach sich all die Hilflosigkeit und all die gewaltig glühende Kraft eines Werdenden aus, das nach Gestaltung ringt. Arnold sah mit teilnehmendem Ernst in sein erregtes Antliz. „Vielleicht dürft ihr doch diejenigen für die Ehrlichsten halten, die euch euer Naturrccht nicht streitig zu machen suchen, die sagen, macht die Augen auf und haltet sie offen; lernt prüfen und untersuchen, und lehnt euch an das, was die Wissen- schaft bisher an Wahrheiten festgestellt hat." „Georg, das Essen ist fertig!" erscholl die kräftige Stimme der Mutter Hofer von der Küche her. Die jungen Männer erhoben sich. Ihre Hände hatten sich gefunden und sie umschlossen sich mit festem Druck. iZSrts. solgt.) 34 I m nordischen E i g. Von WilHetrn'Mtos. tSichc Lllustratioucii®. 32, 33, 36, 37.) Derselbe Wissensdurst und Forschungstricb, der kühne und unternehmende Männer nach Afrika gehen hieß, um unter großen Gefahren das Innere dieses geheimnisvollen Landes zu bereisen, hat andere veranlaßt, sich nach dem hohen Norden zu wenden und dort die Regionen des Eises zu durchivandeni. Im hohen Norden kämpft man nicht gegen den bösen Willen widerstrebender Eingeborenen; aber es gibt dort einen viel schlimmeren und mächtigeren Feind, den grimmigen Frost, der allem organischen Leben eine Grenze zu ziehen bestrebt ist und dem kühnen For- scher niit dem Grauen des Todes den Eintritt in die Polar- gebiete wehrt. Man muß staunen, wie weit troz alledem und troz großer Lpfcr und erschütternder Unglücksfälle die Forschung dennoch vorgedrungen ist. Bewunderungswürdig sind die An- strengungen, welche gemacht wurden, um die nordwestliche Durchfahrt aufzufinden, d. h. die Verbindung des Atlantischen Ozeans mit dem Stillen Ozean im Norden Amerikas nachzu- weisen. Bei diesen Forschungen ging die bekannte Franklinschc Expedition(1845) zugrunde und es kostete große Opfer, auch nur Spuren von derselben aufzufinden. Troz der ungeheuren Eismassen drang man immer weiter vor; 1850 fand man die nordwestliche Durchfahrt zuerst, sah sie aber durch Eismassen versperrt. Den Bemühungen, zuni Nordpol selbst zu gelangen, haben sich unüberwindliche Eismassen in den Weg gestellt; doch hat man bei den Anstrengungen, sie zu durchbrechen, unschüz- bare neue Entdeckungen und Erfahrungen gemacht. Der hohe Norden Amerikas ist bekanntlich längst vor Ko- lumbus von Europäern besucht und besiedelt worden. Während Kolumbus erst 1492 seine epochemachende Entdeckungsreise unter- nahm, wagten sich kühne Nordlandsrecken von Island aus schon weit nach Westen. Um 877 erblickte man zum erstenmal die grönländische Küste; aber man entschloß sich erst lange nachher, sie zu betreten. Um 983 fuhr Erich der 3tote, ein isländischer Häuptling, hinüber, und es gefiel ihm so gut, daß er nach drei Jahren wiederkam und eine europäische Kolonie anlegte. Sein Sohn Leif drang weit nach Süden vor und soll bis in die Gegend des heutigen Ncw-2)ork gekommen sein. Von den vielen wilden Reben, die er vorfand, nannte er das Land Winland, Er ließ sich in Norwegen taufen und führte in Grönland das Christentum ein; es wurden in Gardar auf Grönland ein Bischof und später ein königlicher Statthalter eingesezt. Der Verkehr und Handel mit Europa war ein äußerst lebhafter; die grön- ländischen Geistlichen machten auch viele Entdeckungsreisen nach Gegenden wie der Barrowstraße und Lancastersund, wohin man erst in neuester Zeit wieder gelangt ist. In Europa scheint man, außer in Norwegen, von jenen Kolonien nichts gewußt zu haben, denn nur so läßt es sich erklären, daß man sie so sehr vernachlässigte, daß sie zugrunde gehen mußten. Um 1261 kamen die grönländischen Kolonien, die bis dahin ganz unabhängig gewesen waren, an Norwegen, im 14. Jahrhundert fielen sie an Dänemark. Damals war das Klima auf Grönland offenbar noch niildcr, die Eskimos aber scheinen damals weder so träge noch so unterwürfig wie heute gewesen zu sein. Sie griffen die Kolonien etwa um 1400 an und vernichteten sie zum größten Teil; was diesem Schicksal entging, verfiel von selbst, und die nach Süden versprengten Reste der Kolonisten erlagen den Angriffen der in Nordamerika hausenden wilden Jndianerstämme. Erst im Anfang des 18. Jahrhunderts konnte man auf Grönland wieder Kolonien anlegen, die an der Westküste Grönlands liegen und zu Däne- mark gehören. An den Eingeborenen Grönlands ist jener interessante und vielversprechende Kolonisirungsversuch ziemlich spurlos vorüber- gegangen. Der große Stamm der Eskimos, welcher den ganzen hohen Norden Amerikas, soweit Menschen und orga- nische Wesen dort cxistiren können, bedeckt, hat sich in seinen Anschauungen, Sitten und Gewohnheiten nicht verändert, soweit er nicht unter dem direkten Einfluß der Kolonie steht. Dieser Einfluß kann nicht groß sein, denn die Zahl der Einwohner der dänischen Kolonien in Grönland betrug 1875 ungefähr 9800 Seelen, unter denen sich etwa 250 Dänen befanden; die anderen waren Eskimos und Mischlinge. Die Eskimos, die nian in östliche und westliche einteilt, finden sich auf Grönland auf den Bassin- und Parry-Jnseln, au den Küsten von La- brador, an der Hudsonsbai, auf der Insel Melville und an der ganzen Nordküste des amerikanischen Kontinents bis zum Eiskap und der Halbinsel Alaska. Die Gesammtzahl der Es- kimos ist nicht wohl festzustellen, da ja viele der von Eskimos bewohnten Landstriche und Inseln noch wenig von Europäern betreten worden sind. Während die Eskimos den Europäern gegenüber harmlos und sanft auftreten, liegen sie in fortwährendem Steit mit de» Jndianerstämmcn, deren Gebiet an das ihrige grenzt. Diese Feindseligkeiten haben eine sehr natürliche Ursache; man streitet sich um die dürftigen Gaben der nordischen Natur, denn wenngleich die Ansprüche des Eskimo äußerst gering, seine Ein- richtungen äußerst primitiv sind, so bildet doch sein Leben einen harten Kampf mit den Naturgewalten, denen er die Mittel zu seinem einförmigen und armseligen Dasein abtrozcn muß. Dem Eskimo bleibt wenig Zeit zum Vergnügen; die Beschaffung seines Unterhaltes nimmt ihn so sehr in Anspruch, daß fast seine ganze Tätigkeit darin aufgeht. Und da er von Natur träge ist, so ist sein Lebensziel mit der Beschaffung von Woh- nung, Nahrung und 5lleidung so ziemlich erreicht. In dieser rauhen Natur, wo es nur einen ganz kurzen Sommer gibt, die Vegetation eine spärliche ist, und die Dauer der Nacht weitaus die des Tages übersteigt, ist der Mensch genötigt, seine Bedürfnisse auf das Aeußerstc einzuschränken. Wir in unserem milderen Klima sizen in festgefügten Gebäuden, in denen wir der Kälte, dem Eis und dem Schnee trozen können. Für den Eskimo ist das Beschaffen der Wohnung eine ganz andere Sache. Er kann sich keinen festen Wohnsiz bauen, da ihn die Härte des Winters jeden Augenblick zwingen kann sie zu verlassen. Er muß sich nach den Gegenden wenden, die es ihm ermöglichen, für sich und seine Familie die not- wendigen Nahrungsmittel aufzutreiben. Da er nur von den Erträgnissen seiner Jagd und Fischerei leben kann, so muß er sich immer dahin wenden, wo Jagd und Fischerei ergiebig zu sein versprechen. Und diese Pläze wechseln sehr oft. Steinerne Wohnungen kann sich der Eskimo nicht errichten. Wenn er auch Steine genug hat, so hat er weder das Geschick noch die Zeit, die Steine zu behauen. Holz hat er keins, denn die Grenze des nördlichen Baumwuchses geht noch über den amerikanischen Kontinent und die leztcn Indianer- stimme wohnen noch außerhalb der nördlichen Baumgrenze. Was der Eskimo an Holz hat, rührt von den Wracks der im Eise stecken gebliebenen Schiffe her. Im Sommer wohnt der Eskimo, so lange das Klima es zuläßt, in Zelten von Renn- tierfellen. Sobald der kurze Sommer vorüber, kann diese Art von Behausung nirgends mehr genügen. Nun baut er sich seine Wohnungen aus dem Stoffe, der ihm am nächsten liegt— aus Schnee und Eis. Um sich häuslich niederzulassen, sucht der Eskimo eine Stelle an einem Teich oder Fluß auf, wo der gefrorene Schnee dicht beisammen liegt. Aus dem Schnee werden mit großer Geschick- lichkeit viereckige Tafeln geschnitten(siehe Illustration S. 32), aus denen man rasch die Hüttenwände herstellt, da die Tafeln sofort aneinander sestgeftieren. Diese Tafeln sind gewöhnlich drei Fuß lang und sechs Zoll dick. Tie Wände verengen sich im Aussteigen und oben wird dann mit vieler Kunst die hori- zontale Schlußtafel ausgesezt. Tic Frauen bewerfen die Hutten twr außen mit Schnee, um sie noch dichter und fester zu machen. Eine Oessnung, zwei Fuß breit und eben so hoch in die Wand geschnitten, dient als Eingang, der zuweilen noch mit einer Vorhalle versehen wird, wo sich die Hunde aufhalten. Ein solcher Bau hält den Frost leidlich ab. Ist er vollendet und alles festgefroren— zu leztercm Prozesse ist nur eine ganz kurze Zeit erforderlich— dann kriecht eins nach dem andern durch die Eingangsösfnung hinein. Das Innere wird von Eskimoweibern nach bestem Wissen und Können eingerichtet. Das Hauptbcsiztum einer jeden verheirateten Frau und ihr Stolz sind ein Kochkessel und eine Tranlampe. Die leztere dürfen nur verheiratete Frauen brennen. Tie Frauen wissen mit großer Geschicklichkeit mit diesen Lampen umzugehen, so daß sie wärmen und nicht rauchen. Auch wird auf diesen Lampen, die von primitivster Einrichtung sind, alles gekocht. Tie Schlafstättcn sind mit Renntierfellen belegt, auf denen die Schlafsäcke liegen. Man kann nämlich in jenem Klima nicht 'n den Kleidern schlafen, weil sie sonst steif gefrieren würden. Man schläft ganz nackt in einem aus Fellen bestehenden Sack, Schlafsack genannt, und deckt sich dann mit den Kleidern zu. Rur so kann man mit Behaglichkeit schlafen. . Eine solche Hütte ist fast immer von zwei oder drei Fa- Milien bewohnt. Die Zahl der in den Ecken stehenden Kessel uud Lampen deutet die Zahl der Familien an. Zuweilen wird auch auf dem Plaze vor der Hütte gekocht. Tort geht auch die Hundcfütterung vor sich. Diese Hunde be- kommen die Abfälle vom Nenntier, vom Seehund und von den Mischen. Sie sind unglaublich gefräßig, werden aber nur alle zwei Tage gefüttert und stürzen sich darum mit toller Gier auf das vorgeworfene Futter. Sie balgen sich danim und brüllen. heulen und bellen nach Noten dabei. Auf längeren Reisen, wenn das Futter kärglich wird, müssen die Proviantvorrätc gegen fw wie gegen Raubtiere geschüzt werden. Dieser Hnnd ist das mnzige Haustier des Eskimo, der das Zicnntier nicht, wie der Lappländer, zähmen kann, da er nicht die nötigen Wcidepläze hat und nicht imstande ist, die spärlichen Kräuter und Flechten. von denen das Rennticr lebt, unter der Schneedecke aufzusuchen. Tie Hunde der Eskimo sind ausdauernd und ziehen auf de» Schlitten große Lasten große Strecken weit. Der Ü'Skimo(jält fie in großer Zahl. , 3" den oben beschriebenen Hütten gehen sie nun aus und ein, die Eskimos, diese seltsame, trandustende, in Felle und Pelze eingewickelte Menschenblüte. Sie sind von kleiner Figur und werden wenig über fünfzig Jahre alt; nur die Weiber werden gewöhnlich etwas älter. Obwohl die Geschlechtsreife bei ihnen whr früh eintritt und sie sich infolge dessen auch sehr früh vcr- heiraten, sind ihre Ehen durchgängig nicht reich an Kindern. TaS Acußerc des Eskimos ist meist häßlich; die tättowirten Gesichter, die tiefliegenden Augen, die von Tran triefenden Haare und die ganze Atmosphäre von Trangcruch, in der W) mv Eskimo nmhcrwandelt, machen alles in allem einen a' stoßenden Eindruck. Das Betragen des Eskimo söhnt mit die, cm Ueußcren in etwas wieder aus; sie sind freundlich, ehrlich und gastfrei, auch heiter, aber sehr träge und— eitel. Die Tättowirung erstreckt sich über den ganzen Körper. »anicntlich Arme und Schenkel, werden tättowirt. Die Kleidung vesteht aus Rennticrsellen und ist so eingerichtet, daß die Haare ?»! dem bloße» Leib getragen werden. Das HauptNcidungsstuck c!. bvlc'kttiga, ein hcindartiges, mit einer Kapuze versehenes Kleidungsstück, das bis zu den Knien reicht. Dazu kommt e.ne ■he'ähose und zwei paar Strümpfe, von denen das eine die Haare»ach innen, das andere nach außen hat. Die Schuh st»d entweder aus Rennticr- oder Scehundsscllen gemacht, aic Kleidungsstücke sind mit Ncnnticrschncn befestigt und haben Manzen, die aus Rcnnticrfcll geschnitten sind. Wenn man ins Meie geht, werden noch mehrere Felle über diese Kleidung ge- worfen. Die Kleidung der Franc., und Männer ist so ziemlich vw gleiche, nur daß die Frauen noch einen Pclzsack au, dem Rücken haben, in welchem sie ihre kleinen Kinder mit sich tragen. In diesem Behälter machen die kleinen Kinder oft die beschwer- lichstcn Reisen mit. Die Kleidung ist geeignet, gegen die Rauhheit des Klimas Schuz zu verleihen; wer bei den Eskimos überwintern will, muß daher wohl oder übel auch die Eskimotoilctte tragen. Tie Eskimos sind beinahe so gefräßig wie ihre Hunde, allein ihr Leben ist uud bleibt kärglich, weil die Natur ihnen wenig gibt. Sie leben hauptsächlich von Ncnntierflcisch, das sie getrocknet essen; von Scchundsfleisch, dann auch von Eiern der Seevögel. Beeren und Wurzeln, die sie auch genießen, sind ziemlich selten. Sie jagen mit Bogen und Pfeilen den Moschusochsen und das Rennticr, mit der Harpune das Wal- roß. Ihre Kähne sind ans Holz und Fischbein, die sie mit Seehundsfellen überspannen; die Kähne der Männer haben nur einen Siz, die der Frauen zehn bis zwölf. Die Fischerei be- treiben sie, soweit es das Eis erlaubt. Das Renntier ist für sie das wichtigste Tier und liefert ihnen Nahrung und Kleidung; auch die Knochen und Sehnen werden verarbeitet. Man be- schleicht die Rcnntiere, wenn sie in Heerde» weiden und über- fällt sie von allen Seiten; die getöteten Tiere werden von den Hunden»ach den Lagerpläzen geschleift. Der Moschusochse wirb von den Eskimos viel gejagt, doch ißt man sein Fleisch wegen des starken Moschusgeruches nur im Notfall; dagegen liebt der Eskimo sehr den Talg des Moschusochsen. In der Ebene bilden die Moschusochsen, wenn sie sich verfolgt sehen, ein Karr 6 gegen ihre Verfolger mit den Köpfen nach außen; sie sind daher leicht zu erlegen. Die räuberischen Wölfe tötet der Eskimo durch allerlei sinnrcichc Fallen. Fische werden in � Flüssen und Bächen häufig geschickt mit langen Spießen heraus- gestochen. Gefährlich ist die Jagd auf die großen Eis- und Polar- bärcn, die, wenn sie hungrig sind, bis an die Eskimowohnungen vordringen; sie werden mit Hilfe der Hunde erlegt und manch- mal haben die Eskimos sehr gefährliche Kämpfe mit diesen weißen Ungetünien zu bestehen. Zuweilen ist auch die Jagd auf das Walroß mit großen Gefahren verbunden. Man über- fällt diese Tiere, wenn sie sich auf den Eisschollen schlafend sonnen. Wird eines von ihnen verwundet, so lassen es die andern nicht im Stich und fallen den Angreifer wütend an, indem sie mit ihren großen und scharfen Zähnen um sich hauen. Das Walroß gibt Fleisch und Tran; das crsterc ist von den Eskimos sehr geschäzt; nur die Leber wirb häufig nicht genossen. Der Eskimo keiiiit kein größeres Vergnügen, als beliebig große Quantitäten Fleisch zu verschlingen. In günstigen Zeiten, wenn genug Fleisch vorhanden, werden aus dem des Wallrosses lange dicke Streifen geschnitten. Der Eskimo legt sich dann auf den Rücken und würgt unglaubliche Massen davon hinab. Die Frauen sind bei den Eskimos sehr geachtet und werden nicht unterdrückt. Die Polygamie ist gestattet, doch kommt sie selten vor, weil es einem Eskimo sehr schwer fällt, eine große Familie zu unterhalten. Die beiden Geschlechter essen immer ge- trennt. Bei Verhandlungen mit unbekannten Fremdlingen pflegen die Herren Eskimos ihre Damen als Parlamentäre zu schicken. Unsere Illustration S. 36 zeigt eine Eskimofrau, die mit einem Messer bewaffnet ist, in einem solchen Amt. Ob sie nun glauben, durch die Schönheit ihrer von Fett und Tran triefenden tätto- Wirten Damen Eindruck ans die Fremden zu machen oder ob sie es ihren Frauen überlassen, sich allenfallsigen Gefahren aus- zusezen, ist uns nicht bekannt. Wenn eine Frau annehmen kann, daß bis zu ihrer Nieder- kunft noch etwa vier Wochen sind, dann begibt sie sich in eine streng abgesonderte Hütte, zu der außer den Frauen niemand Zutritt hat. Ist das Kind geboren, so bleibt die Mutter noch einen Monat mit ihm allein; erst dann bekommt es der Vater zu sehen. Schon im zartbstcn Alter werden die Kinder mit- einander verlobt. Die Mädchen heiraten gewöhnlich mit drei- zehn oder fünfzehn Jahren. Wenn ein Mann stirbt und ein Bruder wo» ihm am Leben ist, so ist der leztere verpflichtet, die Wittwc des Verstorbenen zu heiraten, auch wenn er schon eine 30 Frau hat. Die Heirat erfordert bei den Eskimos keine beson- deren Zeremonien oder Vorbedingungen; nur bei einem Stamme, den Kinipetus, ist eine seltsame Einrichtung vorhanden, von der unsere feudalen Junker sagen können: „Das mahnt an das Mittelalter so schön, An Edelknechte und Knappen" zc. nämlich der Ankus oder Hohepriester des Stammes hat dort bei jeder Hochzeit das jus primae noctis*) und die Verehrer unseres mittelalterlichen, heute tciliveise noch fortleben- den„Nittertums" mögen sich freuen, daß die Es- kimos in jenem Punkte noch auf derselben Kul- turstufe stehen, wie ein- stcns hochadelige Schloß- und Grundherrcn. Die Kinder der Es- kimos bleiben, auch wenn sie verheiratet sind, der Aufsicht ihrer Eltern unterstellt und müssen diesen einen Teil ihrer Jagdbeute abgeben. Im Ucbrigen ist bei den Eskimos alles gemeinschaft- liches Eigentum was immer in einer Ansied- lung vorhanden, sowohl an Proviant als an Gerätschaften. Das gemeinsame Leben der Eskimos bc- ruht ans gewissen patri- archalischen Gebräuchen. Tie ältesten Männer entscheiden, ohne irgend ein Amt zu bekleiden, bei den öffentlichen An- gelegcnhciten. Die ein- zige mit einem Amt versehene Persönlichkeit ist der schon genannte Ankus oder Hohepriester, der die Feste anordnet, die Trauerzeit über- wacht, als Wahrsager fungirt und den Arzt macht. Die Kuren die- ses sonderbaren Heiligen bestehen in allerlei ge- hcimnisvollcn Gebräu- che», welche die Eskimos sehr geheim halten. Gewöhnlich singen am Krankenbett die Frauen ihr eintöniges aja aja, das eine Art Ätational- Hymne der Eskimos ist; wird die Krankheit bedenklich, so überläßt man den Kranken seinem Schicksal. Bei Streitigkeiten vertragen sich die Eskimos leicht; mau läßt die streitenden Teile Spottlicder gegeneinander singen. Doch besteht auch noch die Blutrache, und dem Anschein nach haben die einzelnen Stämme früher in häufigen und heftigen Fehden gelegen. Was die Religion der Eskimos anbelangt, so ist die grön- ländische Mytologie am deutlichsten ausgebildet; darnach vcr- *) Das Recht der ersten Nacht. Im nordischen Eis: Eskimosrau als Parlamentär. ehren die Eskimos ein einziges allmächtiges Wesen, dem alle Geister und Menschen Untertan sind. Ihre religiösen Begrifft sind sehr kindlich. Sie haben indessen nur ein religiöses Fest, i mit dem sie die Wiederkehr der Sonne am 22. Dezember feiern; doch haben sie auch dabei keine religiösen Zeremonien, sondern nur Vergnügungen. Tagegen besteht kein Zweifel, daß ihre Priester den tollsten Aberglauben kultiviren. Die Eskimos haben nur ein Musikinstrument, welches man das Kalaudi nennt und nach welchem auch die Vergnügungsabendc bc- nannt werden. Zu ciuein solchen kommen sie ge- schmückt und tragen j Fransen aus Bären- oder Sechundsfcll um den Hals.— Zunächst kommt das Festmahl � aus Rcnntierslcisch und Seehundstran; dann wird das Kalaudi an- gestimmt. Dasselbe ist ein gegerbtes Renntier- fell, das getrocknet und auf einem Reifen ge- spannt ist. Die Frauen schlagen abwechselnd mü einem Schlägel aus diese Art Trommelfell und zu diescrhcrrlichcn Mustl tvird irgend eine ein- förmige Melodie, etwa das beliebte aja aja stundenlang gesungen, ein Konzert, das einen zivilisirtcn Europäer, wenn er einen ganzen Abend zuhören soll. nahezu wahnsinnig ma- chcn kann. Die EskinnM aber schwelgen, wie ma» ihren scttglänzenden Ge- sichtern ansieht, bei die- sein Ohrenschmaus. Auch gymnastische Hebungen werden aus- geführt; die jungen Es- limos bringen es darin zu einer bedeutende» Gewandtheit. Tie Sprache ist fast ganz gleich unter de« einzelnen Stämmen; sie ist nicht wortreich, bat aber viele Selbstlauts Für alle Farben habe» sie nur eine Bezeichnung und eine Zeitrechnung kennen sie auch nicht- Sic leben ganz unbekümmert um die Zeit von Tag zu Tag weiter und nur der Wechsel der Jahreszeiten wird von ihm"" als Zeitpunkt festgehalten. II Solchergestalt sind die Einrichtungen und die Lebenstveist dieser nicht gerade beneidenswerten Menschen. Selbstvcrständ lich sind die Eskimos, in den dänischen Kolonien und dere« Umgebung ctivas vorgeschritten, aber sie sträuben sich auch noch dort dagegen, von der Kultur beleckt zu werden. Ter Verkehr mit ihnen ist so schwierig, weil man, um dei» Klima zu widerstehen, sich vollständig den Eskimogewohuheite» anbequemen, ja gewissermaßen selbst zum Eskimo werden muß- 37 «r.z. 1884. um dort leOcn zu können. Unsere Illustration(s. u.) zeigt. wie die jgiilte der arktischen Gegenden einen sörmlichcn Eis- kragcn um den Hals des Wanderers bildet durch den Nieder- schlag des warmen?lte»is. Es ist bekannt, mit welchen Schwierig- leiten die Nordpolexpeditionen zu kampscn haben und das Vor- dringen in den Eisgcgendcn wäre manchmal unmöglich ohne die Unterstiizung der Eskimos. Daß Franklin und Genossen um- kamen, lag nicht etwa an einem Mangel an Hilssbereitwilligkcit seitens der Eskimos, sondern daran, das; die ermatteten Nordpolsah- rer keine Eskimvansicd- l'mg mehr erreichen konnten. Eine Geschichte ha- de» die Eskimos bc- grcislicherwcisc nicht fest- stellen können; auch mündliche Traditionen sind bisher nicht aus ihnen herauszubringen gewesen. Man weist nicht, ob sie solche bc- stzcn, denn sie Pflegen manche ihrer Eigentum- kichkciten vor den Euro- paern sehr geheim zu halten. Man sieht in Grabhügeln und künst- kich geschichteten Stein- hausen die Beweise für eine lange Vergangen- heit dieses Volkes.— llönntc man seine Tra- ditionen, falls solche vorhanden, flüssig ma- chw. fo würden viel dacht manch neue Gc llchlspunkte für die Durchforschung der ark- tischen Gebiete gcwon- neu. Aber wie soll ans diese» beschränkten, aller Bildung entbehrenden, abergläubischen Mcn- scheu derartiges herausgelockt werden? Ob?s gelingen wird, wse ganzen Stämme aiiig zu kultivircn? , je möchten das für absehbare Zeiten bc- Kweiseln. Tcnnwic sollte °as geschehen? Doch ''"'l.dadurch, das; sich ö vcliprtc Menschen nn- «r den Eskimos an- stedelten. oder die Es- 'Mos ihre Heimat vcr- I« -.v.v V4-imai vcr-. ,.. Das Eine ist so licstc» und weiter südlich sich nieder'Hl-«..„�sbczichungcn »-b.. di- und Amerikaner, wenn nicht ganz besondere Gründe vorliegen, wenig oder gar keine Lust, sich in den Eskimoregioncn nieder- zulassen oder auch nur längere Zeit sich dort aufzuhalten. Denn auch das armseligste, aber nach modernem Ausdruck„zivilisirtc" Leben in irgend einem geordneten Staate mit milderem Klima ist doch immer noch dem trübseligen Dasein der Eskimos bei weitem vorzuziehen. Wer möchte sein Leben in einer Schnee- | Hütte bei einer Tranlampe verbringen, Sechundsfleisch essen und Tran dazu trin- kcn! Auch ist nicht an- zunehmen, das; diese Eskimos geneigt sind, sich mit den Amerika- »cm und Europäern zu verschmelze», eine Aus- ficht, die für einen zivi- lisirten Menschen auch nicht sehr verlockend ist. Welche zivilisirtc Frau möchte einen Eskimo heiraten, um für ihn am Tranhcrd zu kochen! Welcher zivilisirtc Mann möchte sein Leben mit einem Eskimowcib ver- bringen! Die Eskimos denken darüber freilich anders. Sie sind sehr eitel und würden glau- bcn, sich durch eine Verbindung mit zivili- sirten Leuten sehr herab- gelassen zu haben. Wenn es wahr ist, das; die Kälte und mit ihr das ewige Eis in- folge einer langsamen Abkühlung des Son- ncnballs vom Nordpol gegen Süden vorrückt, dann wird in einer jczt noch nicht abzusehenden Zcitpcriode für die Es- kimos die Notwendigkeit eintrete», ihre Heimat zu verlassen oder unter- zugehen. Denn mit dem Vorrücken der Kälte hört das organische Leben da auf, wo jczt die Eski- mos hausen; es wird kein Moos mehr geben und keine Flechten, und wo das nicht ist, können keine Rcnnticrc mehr cxistiren. Ohne Renn- ticre aber keine Es- kimos. In eine Betrachtung dieser Eventualität sich zu vertiefen wäre müssig; indessen ist nicht anzunehmen, daß das Volk der Eskimos berufen sei, irgend eine bcnicrkcnswerle Kulturstufe zu erklimmen. Der Eskimo liebt eben seine Heimat und deshalb must er bleiben wie alle Organismen derselben: rauh, arm und verkümmert. Im nordischen Eis: Marsch bei strenger Kälte. 38 Sprachlmmchtlein und Lautminderung. Bon August WüHtkuuseu. Dcr tiefdcnkcnde Geschichtsforscher Nieluihr hat den Ans- spruch getan, man müsse die röinische Geschichte näher ans Leben rücken, um sie recht zu verstehen. So könnte man wünschen, die Unterweisung in der Grammatik möchte sich auch näher ans Leben halten, d. h. die lebendige Sprache, von der allein wir recht Bescheid wissen können, möchte in ihren Gesezen erkannt, dcr heutige, lebendige Sprachsinn in seinem Verfahren beob- achtet werden, in seinen Wirkungen und seinem Wirken, in seinen Schöpfungen und seinem Schassen; denn von dcr alten Sprache sind uns doch zunächst nur die Schöpfungen bekannt, nicht aber ihr Schassen; dies werden wir erst recht erkennen können, wenn unsere Aufmerksamkeit geübt ist an dem Erfor- schcn oder Erkennen der heutigen Sprache und ihres Lebens. Und wo lebt denn die Sprache, das Wort? Und was ist denn das Leben eines Wortes? Nun, doch, daß es Vorstellungen erwecke in dcr Seele des Hörers. Und welche Vorstellungen ein Wort erweckt, bis ins Feinste hinein, und vor allem, wie dabei dcr Vorgang ist, das wissen wir doch einzig zunächst von uns selbst, ja eigentlich doch anfangs auch nur an uns selbst. Tiefes Leben des Worts, wie es eben als Wort zu dcr Seele spricht, wie dcr Sprachsinn in ihm lebt, wird noch oft zn wenig berücksichtigt, wird dem Lernenden nicht deutlich gc- macht, zumal bei der Unterweisung in den historischen Formen eines Wortes. Es wird eben als bekannt vorausgcsczt, daß die älteren Wortsormcn vollständiger, länger sind als die neueren, die eben an Lauten oder Buchstaben verloren haben. Man spricht auch im Bilde, gleichsam aber auch wie zur Erklärung des Vorgangs, von einem Verwittern. Oder man sagt auch wohl, wie Münzen im Verkehr verlieren, so auch die Wörter; und zieht auch schnelles Sprechen oder Bequemlichkeit, je nach- dem, zur Verdeutlichung heran. Zum Erweise, daß dcr Vor- gang wirklich so gewesen, spricht der Lehrende das Wort so hastig oder so„bequem" wie möglich vor, und da er das Ziel ja schon kennt, die geminderte Wortsorm, so ist es ja wohl nicht sehr überraschend, daß crs erreicht. Wills aber nicht so recht gelingen mit dem Sprechen dcr Mittclsormen, da die Sprach- organe zu eigenwillig, so nimmt man die schwarze Tafel zn- Hilfe, streicht vor den Augen des Lehrlings in der historisch gegebenen Folge soviel Buchstaben ans als eben nötig, und dcr Beweis ist damit erbracht. Da fällt dann wohl einem noch Uneingeweihten die Frage ans: Ja, spricht man, d. i. der wirk- liche Mensch, im wirklichen Berkehr, denn wirklich so rasch oder so bequem? Und fragt man denn gar nicht nach, wenn einer so schnell oder so bequem spricht, daß man ihn nicht versteht? Und versteht man ihn denn, wenn man das Wort in anderer als der gewohnten Form vernimmt? Und wer weiß nicht, wie scharf die Mutter darauf hält, daß das Kind genau so spricht, wie man es in dcr Gegend hört? Wie wird nicht ein Knabe von Mitschülern und Spiclgenosicn geneckt, der z. B., wcils ihm wirklich schwer fällt sie herauszubringen, statt der K-, T- lauter spricht; er wird, sobald sie zu ihm oder in seiner Hör- weite von ihm reden, solange Tnabc geheißen und wie ein „Gör" oder„Baby" behandelt, bis er den Fehler verbessert. Einfluß auf dcr andern Aussprache gewinnt er nicht. Gibt es aber gar keine Wörter heutzutage, die man wenigstens in dcr Volkssprache bald so, bald anders sprechen darf, ungcstrast, d. h. ohne daß man sich einer Rüge anssezt, bei Leuten des Volkes natürlich nur; wo man also zufrieden ist, daß man das Wort nur so ungefähr erkenne? Ja, gewiß; solche Wörter gibt es. So ist es gegenwärtig dcni Manne aus und im Volke in Nicdcrdcntschland ganz einerlei, ob er Omnibus, oder On- nibus, oder Ohnibus hört, ob diese oder jene Einrichtung assistirt oder cxistirt; ob einer perplex oder vcrplcx ist; ob man sich ein Dementi oder Depenti gibt, und ob man kegelt ponr passer le temps oder für(für) Pastcrlctand. Das ist so; das hören wir täglich. Fragen wir nun aber, wie kommt das? Ueberlegen wir uns, was sind dem deutschen Sprachsinne diese fremden Wörter? Doch nicht mehr als dem Lcihbibliotekar Kin-ku-ki-kuan. das er, da er die einzelnen Silben nicht vcr- steht, so ungefähr herausbringt, ohne sich zu schämen, da ja chinesisch heute noch nicht von ihm verlangt wird, so wenig Ivie japanesisch, so daß er die sonderbarsten Worte herausbringt für Midzohn-Gusa. Die fremde Lantverbindung ist dem deutschen Sprachsimic nur eine Gehörmarke für ein Ding, die eben weiter nichts Be< zeichnendes für ihn hat. Aus dem fremden Wort, wenn&\ mehrsilbig ist, tritt nun eine Silbe für das deutsche Ohr mit besonderer Deutlichkeit. hervor: die meist betonte; das ist ja aber in fremden Wörtern, nicht wie in dcutschen, die etymologisch wichtigste, die bezeichnendste, sondern oft geradezu die nnbe» dcutsanistc. Diese deutlichst verstandene Silbe nun ist die blci- bcnde, die auch der Deutsche stets wiederholt, die anderen gibt er der Willkür preis, wie in cxi-, assi-stirt, per-, verplel- Daß er die unbetonten mich wohl gar nicht mehr auferstehen läßt, zeigen uns niederdeutsche Bauern, die von Tüsfeln sprechen, wo sie Kantüsscln(Kartoffeln) meinen, so gut wie Pantüffeln (Pantoffeln.) Halten wir dies fest, so können wir wohl schon im voraus angeben, welche Gestalt ein griechisch-römisches cpü' kopus annehmen muß, wenn es im Volke gesprochen wird, Selbstverständlich unbekannt mit dcr Etymologie des Wortes, wirkt es bei ihm nicht durch seine Silben bezeichnend und bc- grisisbildend, sondern das ganze Wort ist ihm die fremde Bf zcichnung einer fremden Sache. Ja, nur Eine Silbe hört ci ganz deutlich heraus, die betonte pis und die ist ihm dahtr die wichtigste; sie gibt er deutlich wieder, die anderen so»n- geführ. Während dcr gelehrte Ulphilas seinen Gothen dfl-- Wort getreulich als aipiskaupns nachbildete, mußte es sich bci Angelsachsen, Nordmännern und Schweden mit den zwei Silbe» biskop begnügen, ja die Dänen sagen kurzweg bisp, und ivil nur bis in Bistum und Bismarck. So wohl ist es dem rö' mischen cörasa ergangen, das zu cberse, kerse, kirsc, kir- und Kirsch geworden. Erinnern wir uns des„Tüsirls"»n® hören wir deutlich das lateinische Cucurbita, so wundern wü uns nicht, daß es, durch Mittelsormcn hindurch, zu unsere»' Kürbis(Kürbs) geworden, wie(Pfirsich) Pfirsch, ans pcrsica- Daß das kirchlich-griechische pcutckostc im Munde eines Deut scheu, selbst eineS Griechisch-Lehrers, nicht blos einen Ton hat, ans e, sondern auch auf dcr ersten Silbe, kann man ja leicht hören; so ist es begreiflich, daß allmälich es niederdeutsch zn pingsk hochdeutsch Pfingst wurde. Auch kyriakc hat so, bei uns, mich a»> der ersten Silbe Ton und ist so in jedem Dialekt durch eigc»' Mittelformen hindurch zu kireb, kirk, kerk, Kirch, engl, ebure* gemindert. Da hier natürlich kein Verzeichnis beabsichtigt wirb sondern nur die Erklärung der Art des Vorganges inbczug a»! den Sprachsinn, so sind nur einige recht bemerkenswerte Wörtck gegeben, die von ihrer Mchrsilbigkcit bis zur Einsilbigkeit gt mindert sind; die, obwohl gemindert, doch noch vorläufig mehr silbig a-bliebcn, kann man vielleicht wie die Mittelsormcn tX* episkopus ansehen. Nun gibt es aber, wie bekannt, auch deutsche Wörter, dir heute einsilbig, ehemals mehrsilbig, ja die zusammengcsezt, st' genannte composita waren. Nach Analogie dcr eben erwähnt� Fremdwörter möchte man nun schließen, daß dann vielleicht'* diesen deutschen Wörtern mich ein Teil sollte unverständlich ist worden sein. Wenn nun die Sache nicht mehr lebt, die da* Wort bezeichnete, so findet man es natürlich, daß mich Name unterging; wie die? bci Ausdrücken für verschiedene B* zichniigen des Ritter- und Lehenswcscns stattgehabt. W»' ober soll man sagen, wenn man erfahrt, daß das einsilbig Kinns aus Kirchmesse entstanden? Wo doch beide Wörtck,| 4 Kirche und Messe noch volles Leben haben und also voll vcr- standen werden. Sollte man da nicht doch am Ende an die Wirksamkeit des schnellen oder bequemen Sprechens glauben? Ja. ja; es bleibt nichts anderes übrig, wenn man bei den Buchstaben aus dem Papier bleibt; ja auch wohl nichts anderes, wenn man, wenigstens etwas näher ans Leben, bis zu den gesprochenen Lauten vorgeht. Wie aber, wenn man das Leben ganz nachahmte und sich beim Wort zugleich möglichst rund und voll die ganze Sache vorstellte? Was ist Firnis, was Kirchmeß? Kirchmcß sagen dieselben Leute, die das Wort Kirms brauchen, noch heute zu der gottcsdicnstlichcn Handlung der Aiesse in der Kirche. Wo die Sache ganz die geblieben, die sie war, für die das Wort Kirch- meß bezeichnend ist, hat sich das Wort gehalten. Kirms ist aber doch der Markt mit seinem Kauf und Trödel, und Trinken, Tanz und Spiel, J» dem ursprünglich die Kirchmcß den Anlaß gab durch das Zusamnicnströnicn so vieler Menschen. Als so eine Sache und ein Begriff sich neu gebildet, ans die das Merkmal Kirch und Meß nicht mehr bezeichnend anzuwenden war, konnte man das ganze Wort doch nicht mehr erhalten, ja ganz gab es eben keinen Sinn. Taß das neue Wort, das man eigentlich nötig hotte, so all in äl ich mit dem Wandel der Sache aus dem ur- spriinglichcn hervorging, liegt ja wohl nahe. Taß es nun wirk- l'ch die lebendige Seele ist. und nicht das äußerliche Moment des schnellen Sprechens, das die Wortform modelt, kann man s>ch recht klar machen an einem täglichen Erlebnis. Gesegnete und Mahlzeit, werden zu gcscgcn Mahlzeit, g'sing' Mahlzeit, sing Mahlzeit.'Mahlzeit. Wann, wie? Man trete z. B. i" eine Restauration ein; statt der schon gewohnten Gesichter whc man neue und wenig sympatischc; was wird man sagen? �'ch ganz ohne Gruß an den Tisch sezcn geht nicht wohl an. Und gesegnet ganz voll und deutlich aussprechen geht gar zu sehr gegen die Stimmung, erschiene wohl als Lüge. So kommt heraus?.Mahlzeit.' Ein lieber Verwandter war lange krank. Mit dem so zarten Rot der Genesenen sizt er wieder hellen Blickes vor dem Teller. Voll freudigen Vertrauens ans die wiederkehrende Gesundheit hat er die Schüssel ziemlich voll gc- Nammen; mit innigem Anteil, herzlichem Wunsch und etwas �staunen sagen wir: Na, gesegnete Mahlzeit! Ebenso: Guten Abend, gn'n Abend, ge'n Abend, n Abend. Wie aber das �Prachbcwnßtsein sich geradezu sträubt, eine alte, aber als Wort voll verständliche Form zu behalten, wenn man sie ehr- tchcr Weise nicht länger für die Sache bezeichnend anwenden w»n. läßt uns folgendes Beispiel erkenne». In Hamburg gibt � einen Marktplaz. der auf behördliche Anordnung ein llla- wenschild trägt mit der deutlichen Ausschrist: Großer Reu- woüt, wie er von altcrshcr im Stadtcrbcbnch genannt wud. �ozdcm sagt selbst die.Bildnngs- Hochdeutsch' redende gute Gesellschaft„aus dem Groß-Rcmarlt," wo sie sonst doch„neu lagt. Warum? Erstens ist dieser Aiarktplaz jczt schon recht k>as allein würde nicht genüge», das„neu" zu verstümmeln, gäbe es im Gcgcnsaz noch einen Altmarkt; der heißt �aber ic>t langer, langer Zeit Fijchniarlt; und selbst das.groß'I wweit nnlcbcndig, daß cS nicht mehr mit slcltirt wird, wci der Widerspruch'„Ncincr Renmarkt' auch nicht mehr existirt. sondern, auch seit längerer Zeit. Rödingsmarkt heißt. Wem Beispiel lebendig genug, oder wer, noch besser, von seinem Heini atsort ähnliche,'ich möchte sagen Erlebnisse, hat. wird den Nomen Oe-streich. und auch gewiß Oester-reich, wohl eben,o °",ehcn. Teui heutigen Schulmenschen, der in der Gcsch.cht-- wiidc aufmerksam war. ist. wenn er eigens darüber befragt wud. dies Wort wieder deutlich, nicht aber dem Volk. Als Man mit dem Rainen meinte östliches �Franken) Reich. jag C Man Ostar-richi. und hätte man es noch heute voll so im Sinn, man würde vom Ost-reich sprechen; zwar sprechen auch wir ycutc noch vom Ost-reich. wo wir es auch so meinen,»nr daß das heute- Rußland ist. Sagte man nun heute verstand- 1 her Weise Ost-reich, so könnte man das verständiger-veife o) nur von einem gewissen Standpunkte aus, der aber v) Wien sein könnte. Ta nun die östcrrcichisch-ungarifche Regierung ein Interesse daran hat, daß ihre Untertanen den richtigen Standpunkt auch in Gedanken nicht ciiinehmcn, so wird sie gewiß nicht, obwohl sie mindestens einen Buchstaben sparte, für Verdeutlichung sein, die hier wahrlich Verdeutschung wäre. Tic gegenwärtigen Einwohner der Provinz Holstein werden sich nicht mehr liolt-seten(Holzsassen) nennen dürfen; sie sizcn eben nicht mehr, wie einst die Väter, im Holz; wohin man sieht: Felder und Triften, und nur an besonders begnadeten Orten zum Schmuck, oder jagenden„Herren" zum Vergnügen, hat man Schonung geübt. Ja, das alte Holzland ist heute die holzärmste aller deutschen Provinzen; während Hessen- Nassau und Rheinpfalz über 35 Prozent ihrer Gcsammtfläche mit Wald bestanden haben, hat Schleswig-Holstein unter 10 Prozent. Wie Wort und Begriff zusammenhängen, kann man viel- leicht recht deutlich an den Zahlwörtern elf und zwölf sehen. Betrachtet man nur das rechnerische Ergebnis, so ist ja wohl so ziemlich gewiß kein Unterschied zwischen altem einlik und heutigem elf; zwischen ehemaligem zuolif und gegenwärtigem zwölf. Aber auch für das jeweilige Sprachbewnßtscin nicht? Man kann häufig Kinder beim Abzählen sich das sinnige Sprach- vergnügen machen hören: sechs, sieben, acht, neun, zehn, ein- zehn, zweizehn, dreizehn, vierzehn:c. zu zählen. Und ist da für ihren Sprachsinn nicht ein deutlicher Unterschied zwischen cinzchn und elf, ztvcizchn und zwölf. Nicht am Ende so groß wie zwischen schweizerischem septante, octaute nnd gemein- französischem soixantc-dix und quatre-vingt? Ob man nun das»lik für ein altes Wort, für zehn, hält, das mit litth. lika, zu lat. deccrn, zu stellen ist, so daß einlik l-t-10, zuelif 2+ 10 wäre; oder ob man dafür hält, daß lik ein ans dem Plur. des Prät. des goth.-Idban(bleiben) entsprossenes, ursprünglich sächliches Substantiv sein könne nnd so die Teutung eins darüber wäre, immer würde doch das ein die ihm eigene Vorstellung erwecken müssen, nnd so das einlik eine Operation angeben, wie ja vierzehn das tut, und nicht wie sechs, sieben, gleich das Resultat und nur als Resultat. Wenn man sich recht überlegt, was es eigentlich heißt: wir haben ein dekadisches Zahlensystem, so wird man zugeben müssen, daß wie nian ein nnd dreizig, ein und vierzig ic. sagt, man auch folge- recht ein und zehn oder cinzchn sagen müßte, wie dreizehn, vierzehn k.; daß also die Kinder vom Standpunkte des leben- digcn Sprachbewußtseins im Rechte sind, nnd daß elf, zwölf ein Heraustreten ans dem dekadischen Zählsystem bedeute». Bedenke mau nur, daß so ein Zahlensystem nicht blos auf der- Rechentafel des Matematikcrs zu finde» ist, sondern auch im Leben, in der Art, wie m an einzelne zu einer Gcsamnitheit zusamnicnfaßt, um sie hinterher auch wie Teile eines ganzen betrachten zu können. Erinnere man sich, wie zu der römischen Zahlentabclle der Grammatik es paßt, daß die Römer, als sie von Nnuia Pomprlius zu ihren zehn Monaten noch zwei hinzu bekamen, dies keine undcccmbcr und duodcccrnbcr, sondern januarius nnd februarius werden ließen; daß, als zur Zeit des ersten punischen Krieges sich ihre Wirtschaft erweiterte, sie mit Einführung der Silbermiinzen das alte kupferne dodckadische System mit dem dekadische» vertauschten, indem sie iiiin Denare, (von dem, je zehn), zum Werte von zehn Kupferassen prägte». Taß man zehn Einheiten zu einer Gcsamiiitheit gern vereinigte, zeigen ferner die decem primi des Senats in Munizipien, die vier so ganz verschiedenen Behörden der dcccmviri, die Dcku- rionen und Tekurien und der nach seiner Meßstange von zehn Fuß(deccmpeda) deccrapedator genannte Feldmesser. Wie aber unser einlik nnd zuelik sich allmälich gewöhnen mußten, statt 1 und 2 über eine Zehnergcsammtheit zu sein, sich wie die zwei lezten in einer größeren Gcsamnitheit zu fühlen, kaiin niaii vielleicht erschließen, wenn man sich erinnert, daß Karl der Große für seine weite Herrschast silberne Denare oder Pfennige prägte, von denen 12 Stück einen Solidus galten. Nach 1250 fing man an, da die deniers sich arg verschlechtert hatten, eine dickere, stärkere Münze auszuprägen, Groschen(von grossns, dick) genannt, der aber wieder in 12 deniers oder r 40 Pfennige geteilt lunr, welche Einteilung ja in Preußen bis zur Prägung der dekadischen Zicichsmi'uizeii(1871) Bestand gehabt hat; wie bei den Hanseaten ihr Schilling auch nach bis zu der Zeit zwölf Pfennige zählte. Und mit den Grvfchcn treffen »vir auch schon neben der deutlichen Form zwelif, die einsilbige zwelf, neben einlif die geminderten cilif und eilf, wie man auch zu Anfang dieses Jahrhunderts nach»veuigstens schrieb. Zivolf als Gcsammtheit»var mau serner in sehr vielen Dingen des Kleinkrams gclvöhnt»vordcu, und vom Jahre 1444 haben»vir schon Belege, daß das französische douzaine als duczcml bei uns eingeführt»var. Außer dem Schncllsprcchc» und der Bequemlichkeit zieht man nun nvch ein drittes zur Erklärung verdunkelter Kompo- sita heran, die sogenannte Anglcichung. Man sagt z. B. daß statt des n„gerne"»> vor Lippenlauten steht, und»vcist mau das au einem Beispiel nach, wie an Eimer, sv tut man so, als habe man es mit einem Naturgcsez zu tun, als ginge es gar nicht anders als daß ein bar(ein tragigcs Gefäß, bar nnch in Bahre) aus Gründen der Lautph»)siologie zu eimbar, eimber, einicr hat»vcrdcn iniisscn. Und ist dieser physivlo- gischc Grund sv zwingend,»vic kvmnit es, daß er sich nicht auch bei Einbeere durchgcsezt hat? Gciviß ist Eimbccre etivas bequemer zu sprechen. Was hält uns alsv ab? Tvch wohl das, daß mit dem allerdings bequemeren Eimbccre»vir eben das nicht mehr sagen,»vas»vir dach sagen»vollen: Ein- beere, die jedesmal nur eine Beere tragende Pflanze(paris quadri- folia). Würde man also einem Kinde die Pflanze zeigen und sie ihm Eimbccre»icriicii, was würde der Name»vvhl Bezeich- »cndes für das Kind haben? Aber Einbeere sagt ihm gleich, »vas das eigcnlliche Merkmal der Pflanze ist. Und da der Eimer eben nicht mehr sagt, woher sei» Name, sollte da sein Name sich nicht rtiva erst gemindert haben, als er unverstäud- lich»vurde? Und bei Laulverbindungen, die doch der Seele nichts mehr sagen, bei diesen»valtet dann naturgemäß die Bc- quemlichkeit. Auch bei dem Worte Amboß macht man die An- glcichung geltend. Heutzutage hört mau von Gebildeten, be- sonders Norddeutschlands, das o kurz; die so sprechen, verstehen keine Silbe dieses Kompositums; keine Silbe sagt ihnen,»vvher sie sei. Und»varum lesen sie o kurz? Tvch lediglich nach Analogie von Haß, naß, Baß, Roß, Troß, Schloß. Und die Sache selbst kennen sie doch auch nicht recht, d. h. aus eigener Anschauung. Tie Lehrer in einer großen Stadt kommen in Verlegenheit,»veiin sie vom jungen Siegfried erzählen und ihre Schüler in eine Schmiede schicken»vollen. Ten Ambos kennen so viele Leute nur aus der Zeichnung des Lehrers, sie erfahren seine Gestalt,»vas er aber als Werkzeug leistet, lvisscn sie nicht aus der Anschauung. Ta nun außerdem nur»vcuige Platt- deutsche»mch das einst aus dem Hochdeutschen eingedrungene bvßen für stoßen, schlagen brauchen, so ist ja kaum die Mög- lichkcit gegeben, das Wort in der Form an-boss— Anschlag, zu erhalten; und das Wort Au-hau, mittelhochdeutsch anc-bou, ist ja nicht ins Gemeindeutsch gedrungen. Wäre die Augleichung ein nur physiologischer Vorgang,»vie; kommt es, daß cntfangcn zu empfangen, entfindeu zu empfinden, cntfchlcn zu empfehlen gcivordcn, nicht aber entfallen zu ein- pfallcn, entfahren zu kiilpfahrcn, entführen zu empführen, ob- »vvhl»vir neben den etymologisch deutlichen auch auf solche Formen im Mittelhochdeutsch stoßen, die sich aber eben doch nicht durchsezeu konnten. Wer denkt heute bei cmpsangen noch deutlich au fangen und bei empfinden an finden? Ja und bei cinpsehlen»viirde ja fehlen nicht mehr recht möglich sein, da dieses fehlen jezt als Simplex überhaupt nicht mehr lebt, sondern außerdem nur nvch im Kompositum befehlen. Ta ist eS denn nun»vvhl so, als ob das Sprachbeivußtseiu, mit Hebbels Holoscrncs, zu den Lautgesezc» der Physiologen spräche:„Mein Wille ist die Eins, und euer Tun die Zivci, nicht umgekehrt!" Proben deutscher Oolkspoeste der Gegenwart. Änf sausten Wogen glritel Des Schiffers Lachen hin; Im Schootz des Sees erklingen So sähe Welodien! Dort flrahll des Mondes Bildnis Wik bleichem Glänze auf; Am dunklen Aekrrbogen Taucht Stern um Stern herauf. I. Nnf glatten llvogen. Im Kainpf der Elemente Erstirbt der Seele Schmerz; Doch in so heil'grr Ruhr Klagt lauter nur das Herz. Und auswärts blickt der Schiffer Zum hohen Himinrl?dvin; Er schaut hinab zum Grunde, Dort winkt es:„Komm, v komm!' Und bleicher, immer bleicher Schaut er hinab zum See, Es krampst die heiße Seele Ein ungestümes Weh! Und aus der Wellen Schooßr Tönt himmlisch stil; ein Ii cd; Des bleichen Schiffers Lachen Es rasch zur Tiefe zieht. Louise Ucind». II. Wvdans Beer. Cs wiilrt der Sturmwind in finsterer Lacht, Es ziehen die Wolken gefchivind. Hört doch, wie die Eiche des Donar kracht, Gepeitscht von dem heulenden Wind! Es»vettert und hallt durch die zitternde Lust Das Schnauben der wütenden Meute, die inst In markdurchdringendrm lärm:— Hussa! Hallo— Hussa! Der Wölfe Geheul und des Uhu Geschrei, Sie mischen gar schaurigen Klang In den Ruf der nahenden Schaar, dir herbei Durch des Waldes Finsternis drang. Schnell wir der Vliz, der Meute voran, Sprengt Wodan aus milchivrißrm Koste heran Mit hochgrschivungrnem Sperr— Hussa! Hallo- Hussa! Ein flalterndrs Tuch um dir Schultern gehängt, Den Hut in dir Stirne gedrückt, Von krächzenden Raben im Kreise umdrängt, So reitet der Krirgsgoit entzückt. Zu den Seiten jagrii auf schnaubendem Rvsz Die höllischen Jäger in wildem Troß, Und rufen in wiitrudrm Grimm:— Hussa! Hallo— Hussa! Und hinter dem fliegenden Wodansheer, Das rastlos die Lüste durcheilt, Rast wütend die Hundrschaar kläffend daher, Dir schaurig zum Jagdgeschrri heult. Die Zunge lang ausgestreckt— wulenlbraiiul— Auf den Rücken ein flackerndes Licht gebannt, So springen die Hunde dahin— Hussa! Hallo— Hussa! Der Wanderer drückt das Gesicht alsbald Zur Erde in heiliger Scheu. Der Mond wirst sein sterbendes licht in den Wald Und das stürmende Herr ist vorbei! Verschwunden dem fliehenden Eber nach, Und in ihrer grausigen Jägrrsprach' Heult ferne die Meute: Hallo— Hussa? Hallo— Hussa! __ JUilljelm jirigcr. 42 Moderne Schicksale. Novelle von Karl Körlitz. (i. 3ott[cjung.) Indessen>var der Justizrnt Härder mit seinen beiden Damen in den Gesellschaftszimmern erschienen. Als die Herrschaften von der Hausfrau empfangen wurden, befand sich in deren Gc- scllschast der junge Baron Warrcn. Denselben sah die schöne Frau nicht zum erstenmale. Heute Mittag hatte sie ihm an der table d'böto gegenüber gesessen. Sie schien in dem Hotel, wo er gewöhnlich zu speisen pflegte, zu wohnen. Schon an der Wirtshanstafel war ihre Schönheit ihm ans- gefallen, aber jezt in der gewählten Balltoilctte erschien dieselbe erst vollständig im rechten Licht. Mistreß Jonston trug ein Kleid von weißem Scidcnrips, das mit Schrägstreifcn von blauem Sammt garnirt war. Tuffs von weißen Rosen, aus deren Ranken glizcrndc Silbcrlahns herab- fielen, zierten die graziöse Toilette, welche mäßig dckollctirt, den blendenden, schön gewölbten Hals und die ivundervollc Rundung der Arme zeigte. Ueber all diesen Reizen tronte der herrliche Kopf mit dein seelenvollen Antliz, und hellblonde Locken, durch welche sich weiße Pcrlschnürc zogen, fielen auf den üppigen Racken nieder. Dem Barou klopfte das Herz gewaltig, als Lcopoldine mit den beiden Damen und dem Jnstizratc auf ihn zukam. Er trat, sich tief verneigend, zur Seite, als jene in das Reben- gemach schritten, um außerhalb des Tanzsaals in größerer Ruhe ihre Unterhaltung fortsezen zu können. Ein berauschendes Zit- tcrn durchflog ihn, als die knisternden Falten von Amalicns Scidcnklcide ihn im Vorübergehen streiften. Unwillkürlich folgte er den Herrschaften in einiger Entfer- nung nach. .Rehmen Sie wiederholt nicincn Dank," sagte Amalie zu der im Nebenzimmer stehenbleibenden Frau des Hanfes,»daß Sie mich so freundlich empfangen haben!" .Eine Empfehlung meiner lieben Justizrätin Härder," cnt- gcgncte Lcopoldine,„genügt vollkonliucn, um Sic in die Reihe meiner Freunde zu stellen." „Zu gütig!" sagte Mistreß Jonston und verneigte sich vor Madame Scngcr und dann vor der Justizrätin. Leztcre klappte ihren Fächer so hastig zu, daß einige Stäb- chcn desselben zerbrachen. Lcopoldine bemerkte den an der Tür des Salons stehenden Baron und rief: „Ah. ich vergaß, crtschuldigcn Sic!" Vorstellend ans den Baron zeigend, nannte sie dessen Namen. Der Baron trat näher und verneigte sich tief vor Amalien. Lcopoldine wollte in der Vorstellung fortfahren, stockte aber und wandte sich nach der Rätin um. „Mir ist der ausländische Name entfallen," sagte sie zu dieser,„liebe Justizrätin, machen Sic Ihre verehrte Gästin gefälligst dem Herrn Baron selbst bekannt!" Tic Justizrätin mußte dieser so direkt, an sie gerichteten Bitte allerdings nachkommen, tat dies aber nur kurz und ziem- (ich unfreundlich. „Mißreß Jonston, eine Klientin meines Mannes. „Halt, liebe Frau" fiel Härder ein,„bringst du mich in deine Vorstellungen hinein, so muß ich auch fortfahren, meine Rechte zu wahren!" „Da hören Sie gleich den Nechtsgelehrtcn," rief die Justiz- rätin,„ja, ja, ich überlasse dir gern das Nähere!" Sich dann zu Leopoldine wendend, flüsterte sie dieser zu:„Ich habe über- Haupt noch manches aus dem Herzen, Sic werden sich über nicine Enthüllungen wundern!" „Ah?!" lispelte Lcopoldine ziemlich verduzt; ihr Geist ver- trug keine so raschen Sprünge, und sie konnte sich nach der so eben gepflogenen verbindlichen Unterhaltung gar nicht in den plözlich so pikirt klingenden Ton der Rätin hineinfinden. Sie nahm nnt der Justizrätin ans einem Sopha plaz, während Mistreß Jonston, der Baron und der Jnstizrat in der Mitte des Salons stehen blieben. „Diese Dame," sagte Härder zuni Baron, indem er Amalien ehrfurchtsvoll die Hand küßte,„ist an mich empfohlen worden, und ich hoffe, daß Sic nut uns dazu beitragen Ivcrdc», Mistreß Jonston vergessen zu machen, daß sie eine Fremde unter uns ist!" „Die gnädige Frau ist für mich keine Fremde mehr," cnt- gcgncte Baron Warrcn,„ich hatte die Ehre, ihr heute an der table ck'büto gegenüber zu sizcn. Bill ich unbescheiden, meine Gnädige, wenn ich frage, ob Sie mich bemerkt haben?" „Durchaus nicht," erwiderte Mißreß Jonston mit aninutigcr Vcrncigung,„ich bin stets freimütig und offen, und gestehe Ihnen, daß ich Sie gleich wiedererkannte!" „Herrlich!" rief der Justizrat,„kaum einen Tag in der Stadt und Abends finden Sie schon Bekannte wieder!" „Sie haben recht," sagte sie mit anmutigem Lächeln,„ich empfange freundliche Eindrücke in Ihrer Residenz, nnd könnte darüber fast den schwierigen Zweck meines Hierseins vergessen; aber meinem Vater zuliebe mußte ich diese Reise unterchmcn." Tic beiden jungen Frauen befanden sich infolge ganz cntgcgengcseztcn Handelns an dicscm Orte in nahe Beziehung gebracht. Indem Lcopoldine gegen den Willen ihres Vaters ihre Stellung im Leben crtrvzt hatte, Präsidirte sie als Sengers Gemahlin bei dicscm so glänzenden Ballfest als Repräsentantin eines der ersten Hänser der Residenz. Amalie Jonston dagegen lvar dem Willen ihres Vaters gefolgt nnd stand als Witwe einsam hier in einem unbekannten Lande unter Fremden, deren Cchnz und Beistand sie als Hülfe- suchende erbitten mußte. „Und Ihr Herr Vater, hat Sie nicht hierher begleitet?" forschte der Baron nach den lczten Worten der jungen Frau. „Mein Vater ist zu leidend, um diese weite Reise machen zu können," erwiderte Amalie,„da es sich aber um die Ver- folgung sehr wichtiger Interessen für ihn hier handelt, über- nahm ich dies Amt, da ich leider Wittwc und ganz unabhängig bin!" Ter Baron konnte das von ihr ansgcsprochenc Bedauern nicht teilen, und das„ganz unabhängig' vcrscztc ihn vollends in Entzücken. Er wollte eine weitere Frage bezüglich ihres hiesigen Aufenthaltes an sie richten, als ein ganz»»vorher- gesehenes Ereignis eintrat, und zwar niit so erschütternder Plözlichkcit, daß die Verhältnisse nicht nur auf dem Ball, sondern im Thcclcnschcn Hause mit einem Schlage total verändert ivnrdcn. Es ertönte nämlich plözlich ein durchdringender Schmcrzcns- schrei, der weit durch die glänzenden Fcsträume schallte. Alles geriet in Aufruhr. Tic Justizrätin Härder und Lcopoldine sprangen entsczt ans, da sie ein großes Unglück vcrinntctcn. - Baron Warrcn und der Justizrat waren so überrascht von dem Anblick, der sich ihnen darbot, daß sie im ersten Moment, starr vor Schrecken, sich nicht von der Stelle zu rühren ver- mochten. Mistreß Jonston hatte de» Schrei, der alles in Anfrcgnng gebracht, ausgestoßen, als sie den Herrn des Hauses in den Salon treten sah. Sic wich zurück, als ob ihr Fuß plözlich auf eine Gift' schlänge getreten sei, wankte und sank dann auf einen Sessel nieder, indem sie Scngcr so verstört anstarrte, als ob mit ihm ein Gespenst aus dem Fußboden vor ihr aufgetaucht wäre. Scngcr allein stand ruhig und unbeiveglich ivie eine Statue da. Mehrere Gäste waren, durch den Lärm aufnierksam gemacht, aus dem Tanzsaal hereingeeilt und blickten in ängstlicher Auf- regung in das Gemach, wo dieser unerwartete Schreckensauftritt seltsam mit der bisherigen Festfreude kontrastirte. � Der Baron, die Justizrätin und Leopoldine waren zu Mistrest Jonston getreten und voller Teilnahme um dieselbe beschäftigt. Die Engländerin hatte sich wieder etwas aufgerichtet und �agte die Hand an die Stini, als ob sie zwischen Traum und Wachen kämpfte. Senger zuckte die Achseln, als ob er nichts von der allge- meinen Erregung begriffe, wandte sich dann an de» Justizrat und fragte zwar befremdet, aber doch mit voller Ztuhe: »Ist die Dame leidend?" Härder war so konsteniirt, dast er keine Antwort hatte. Da nahm Mistreß Jonston ihre ganze Kraft zusammen, krgriff die Hand der Justizrätin und fragte mit bebender Stimme: »Kennen Sie den Mann, der so eben eintrat?" „Sehr gut," erwiderte die Rätin, über das auffallende Be- uehmen der Engländerin augenscheinlich pikirt,„er ist der Herr dvm Hause, wir sind seine Gäste!" Mistrest Jonston stieß einen zweiten Schrei ans. „Ha!— Was sagen Sic? Wo bin ich den hingerate»? Nannten Sie dies nicht das Thcelensche Haus? Nennt sich dieser Mann jczt Theelcn?" »Nein," entgegnete Frau Härder,»ich bin gewohnt dies Haus r.jch stets das Theclensche zu nennen, weil es schon seit Generationen im Bcsiz der Familie Theelcn war. Der jczige 'M'�er hat Fräulein Thcelen geheiratet, er selbst heißt Scnger!" Amalie sprang auf, als ob sie durch diesen Namen hoch- geschnellt würde. »Scnger!" rief sie.»Ich habe ihn gleich erkannt." Sie ersuchte die Justizrätin mit sich fortzuziehen.»Kommen Sie, uin diesen Ort schnell zn verlassen. Ich kann keinen Augenblick '�'ger unter seinem Dache verweilen!" . Tie peinliche Bestürzung sämmtlicher Anwesenden wuchs. riiier von ihnen konnte sich das aufgeregte Benehmen der Eng- Inderin erklären. �»Was verlangen Sic?" eiferte die Rätin und entzog Mistrest Eonston ihre Hand,„fasten Sic Sich und meiden Sie weiteres Zustehen, alles blickt schon auf Sic!" �ainit wandte sie sich von ihr ab. »O mein Gott," murmelte Amalie,„gib mir Kraft, die �'' lschastlichc Form zu wahre», damit meine Erbitterung mich ' jum Acustcrstcn treibe!"-- in®cn9cr- der bis jezt kalt und fast unbeweglich geblieben M(nr' �lserte sich jezt langsam der jungen Engländerin, das ' Uge soft nnd durchdringend auf sie gerichtet. Sein ganzes gte tvat von sicherster, weltmännischer Kourtoisie überhaucht, � niit ruhigster Stimme begann: �,"Ech hoffe, die Erregung dieser Dame ist eine freudige,— die�""Erbrach er sich, als aus dem anstostenden Saal Ne, �d'-k-ivi. zu einem Walzer erklang,„man präludirt einen c-'Cl1 da ist es meine Pflicht, der geehrten Fremden die weurs zu machen!" bn» r1 lvnt dicht vor Mistrest Jonston, verbeugte sich artig und 'hr seinen Arm. Ta" c'ne Gnädige, gestatten Sie mir den Vorzug, Sie zum zu führen." diks,. me schien alles andere eher erwartet zu haben als »»r� � Aufforderung. Sie wich fassungslos zurück, aber erm»�"!�.Augenblick währte ihr verwirrtes Schweigen. Sic die R"» e'ne vollständige Veränderung ging mit ihr vor; tt'it u c�'cn Zorns gab ihren Wangen die Farbe wieder nnd gvttin" 7 �Üobcnem Haupt trat sie wie eine drohende Rache- - slainniendcn Blickes, Scnger entgegen. bcj rief sie kraftvoll; jede Spur von Schwäche war Sst' �"'chwunden.„Sic haben mich so gut erkannt wie ich Stunde'"och Teutschland, um Ihre Spur zu siichen; die Mich vcrstchcn!»�� Vergeltung hat geschlagen; Sic werden „Ich verstehe nur," cnviderte Senger mit volllommener Artigkeit und Feinheit,„daß Sie mir die Ehre eines Tanzes verweigern! Das befremdet mich, gnädige Frau, denn ich glaubte Sie durch meine Wahl zu ehren!" „Zu ehren? Sie— mich?" rief Amalie mit einem Aus- druck unbeschreiblicher Verachtung! „Sie sind in meinem Hause, meine Gnädige!" sagte er mit kalter Höflichkeit. „Welch' unseliges Geschick hat mich hineingeführt?" tönte es halblaut von ihren Lippe». Als ob die Vorstellung, sie in diesem glänzenden Hause als Gast zu sehen, sie wieder schwach mache, sah sie sich wie nach einer Stüze suchend um. Baron Warrens Blick begegnete dem ihren; mit dem In- stinkt erwachender Neigung ahnte er ihren Wunsch und reichte ihr den Arm. Sie stiizte sich darauf und ließ sich von ihm zum nächsten Sessel führen. Scnger nickte seiner Frau freundlich zu und fuhr mit stets sich gleichbleibender Ruhe heiter nnd beinahe scherzend fort: „Ich habe ja den besten Ersaz, mich für den gehabten Rcfüs zu entschädigen, an inciner Seite. Komm', liebe Frau, tanzen wir zusammen den Walzer," Leopoldinens Gesicht strahlte,„und erkundigen wir uns später nach dem Befinden der geehrten Fremden!" Er hatte seiner Frau den Arm gereicht iind wollte sie nach dem Tanzsaal führen, blieb aber, da er den Baron neben Mistrest Jonston bemerkte, noch einmal stehen und wandte sich halb um. „Herr Baron," sagte er artig, aber doch mit gewissen! Nach- druck,»Sie werden hoffentlich nicht so grausam sein, sich unserer jungen Damenwelt als Tänzer zu entziehen! Wenn junge Ka- valicre wie Sie feiern wollen, wer soll dann tanzen?" Baron Marren konnte nach dieser Aufforderung des Hans- Herrn nicht zurückbleibe». So schmerzlich es ihm auch lvar, er mußte Mistrest Jonston verlassen und Herrn nnd Frau Scnger in den Ballsaal folgen. Härders blieben mit der Engländerin allein zurück. Der Justizrat stand neben Mistreß Jonston und winkte seine Frau herbei: „Komm' doch näher, du siehst ja lvie die Acrmste leidet." Die Justizrätin, welche sich von Anfang an über die Auf- mcrksamkcit geärgert hatte, die Härder der Engländerin bezeigt hatte, folgte dieser Aufforderung ihres Gatten nicht, erwiderte im Gegenteil sehr schlecht gelaunt, wie es in ihrem mißtrauischen und neidischen Karaktcr lag: „Ich leide auch, dast ich solchen Auftritt miterleben niustte, denn ich ärgere mich, dast ich die Hand dazu geboten habe, diese Dame, welche ein solches Aussehen erregen konnte, hier ein- zuführen! Bei deiner nächsten Prozeßführung werde ich dir vielleicht etwas ins Handwerk pfuschen!" Nach diesen gehässigen Worten rauschte sie hinaus und folgte den Vorangegangenen in den Tanzsaal. Mistreß Jonston war zu erregt, um die Beleidigung zu bemerke», die für sie in den Worten der Justizrätin gelegen hatte. Als sie sich mit Härder allein sah, erhob sie sich und bat ihn, dast er sie so schnell wie möglich in ihr Hotel zurückbringen möchte. Der Justizrat beschwor sie, ihm doch endlich mitzuteilen, >vas sie in solche Aufregung bcrsezt hätte. „So erfahren Sie denn," rief sie zornbebend,„dast der- jenige, den ich verfolge, der meinem Vater einst sein ganzes Vermögen und die Ehre seines Namens raubte, der Mann ist, in dessen Hause wir uns befinden!" „Wie?" fragte der Justizrat ungläubig,„Herr Senger—" „Ist der Betrüger, den ich mit Ihrer Hülfe vor dem Gesez entlarven wollte!"-- Härder trat unwillkürlich einen Schritt von Mistrest Jonston zurück. Er war zu sehr Jurist, um. lvenn auch nicht gerade mißtrauisch gegen die Engländerin, doch wenigstens vorsichtig zu werden. Die reizende Frau hatte ihn allerdings durch ihre sympa-' tische Erscheinung vom ersten Augenblick an gefesselt; jczt zer- störte sie selbst den Zauber, den sie um sich zu verbreiten gewußt hatte, durch eine Behauptung, die dem Justizratc nngc- hcuerlich und vom juristischen Standpunkte ans ganz unmotivirt erschien. „Unmöglich!" rief er im Tone der vollsten Ucberzrugung, „Herr Scnger, der Schwiegersohn des Kommcrzicnrats Thcclcn ist ein Ehrenmann; seit Jahren kenne ich ihn als solche»! Sic werden durch eine Achnlichkcit getauscht!" „Nimmermehr!" vcrsichtcrte sie.„Morgen sollen Sie alle Beweise von dem, was ich Ihnen heute nur oberflächlich an- deutete, zu Händen von mir empfangen!?lbcr jczt nur fort! Zeigen Sic mir einen Weg aus diesem Hause, damit ich jenen Leuten nicht wieder zu begegnen brauche!" „Wenn Sic es durchaus wünschen," sagte er kopfschüttelnd und kleinlaut,„so will ich Sic bis zum Wagen hinabführen!" Härder geleitete die Tame durch eine Scitcntür hinaus. Sie eilte in nngcstünier Hast die Treppe hinab. In der Garderobe, die im Erdgeschoß eingerichtet>var, hüllte sie sich mit fieberhafter Hast in ihren Mantel. Wenige Minuten nachher fuhr sie in einer herbeigeholten Nachtdroj'chkc i» ihr Hotel zurück. Der Justizrat stieg nachdenklich die Treppe wieder hinauf und begab sich in den Tanzsaal. Er war so verstimmt, daß es ihn die größte Anstrengung kostete, seine Aufregung nur| einigermaßen zn verbergen. Als er nach Beendigung des Walzers sich Senger gegen- über befand, wurde er von diesem in tcilnchniendster Weise nach seiner leidenden Pflegebefohlenen befragt. Viele der Umstehenden spiztcn die Ohre», denn die ausfällige Störung, welche durch die von Härders eingeführte Tame vcr- ursacht worden war, hatte bereits Anlaß zu den wunderlichsten Vermutungen gegeben. _»Ich muß sie entschuldigen," entgegnete der Justizrat. ohne daß er ganz seiner Verlegenheit Herr werden konnte,„aber sie wurde von einer so heftigen Migräne befallen, daß sie bereits nach Hause gefahren ist!" „Also ernstlich unwohl?" scztc Scnger bedauernd hinzu. „Es hat den Anschein!" sagte Härder,„mich tröstet nur, daß sie wenigstens gut cinlogirt ist?" „Wo wohnt die Dame denn?" „In Mohrmanns Hotel!" antwortete der Justizrat. Sengers Lippen entfuhr troz aller Selbstbeherrschung ein kurzer Frcudenlaut: „Tas trifft sich gut!" Als hätte er seine Gedanken hiermit zu sehr verraten, fügte er schnell hinzu:„So hat die verehrte Tame wenigstens keinen zu weiten Weg!" Dann scherzte und lachte er so liebenswürdig mit den umstehenden Gästen, daß er den störenden Zwischenfall mit Mistreß Jonston vollständig vcr- gössen zu haben schien. Und doch dachte er bei der lebhaftesten Unterhaltung imstillcn bei sich:„Sic wohnt bei Mohrmann! Tas ist in allem Unglück doch ein Glück!" 4. Tie Fälschung. Am andern Morgen lachte heiterer Sonnenschein in den Straßen der Residenz. � Tic Tücher und das Holzwcrk der Brücken glizcrtcn in dem Silberweiß des Morgenrcifs, den die noch sehr schräg fallenden Strahlen der Sonne bis jezt nicht hatten zerstören können. Lustiges Leben regte sich überall und machte sich besonders in den prachtvollen Räumen des Hotels geltend, in welchem Mistreß Jonston abgestiegen war. Ter mit allem Komfort und großstädtischem Luxus vcr- schwcnderisch ausgestattete Speisesaal des Hotels lag im Par- tcrrcgcschoß. Ter Haupteiugang zu diesem Speisesaal wurde durch eine hohe und breite Glastür, die ans den Korridor führte, gebildet. Man sah durch die klaren Spiegclschcil'cn der Tür schräg hinüber nach der Loge des Portiers, der in diesem Augenblick die angekommenen Briefe und Zeitungen fortirtc. Der Glastür gegenüber führte eine andere Tür über eine Gallcrie zur Küche. Jii� der Nähe derselben stand das Pult des Oberkellners Kaps,'der mit Ausschreiben von Rechnungen beschäftigt war. Neben ihm lag das aufgeschlagene Kontobuch der Gäste. Ter Zimmerkellner Georg, der die in der ersten Etage wohnenden Gäste zu bedienen hatte, kam von der Küche herein. Er trug ein Präscntirbrctt, das mit blendend weißer Damast- scrvicttc bedeckt war; auf demselben stand ein silbcrblizcndcs Kaffccscrvicc von Alfcnidc. „Einmal Kaffee mit Gebäck für Nr. 3!" rief Georg im Vorbeigehen. Der Oberkellner notirte es. „Endlich," brummte er,„beeilen Sic Sich, die Dame hat bereits zum zweitcnmalc geschellt!" „Pähl" machte Georg mit der den Kellnern eigenen Unver« schämtheit, wenn sie sich nicht den Gästen gegenüber befinden. „Bringen Sie gleich den Paß von ihr mit heraus," rief ihm Kaps nach,„sie kommt aus dem Auslände, da müssen wir ihren Paß der polizeilichen Meldung beilegen!" „Gut, ich werde ihn mir geben lassen!" sagte Georg, indem er durch die Glastür verschwand. Ter Oberkellner schrieb und rechnete weiter. Nach kurzer Zeit hörte er die Glastür wieder össucn, sah sich aber nicht um, da er glaubte, daß es der zurückkehrciidc Georg sei. Ucbcrrascht fuhr er aber ans, als eine fremd« Stimnie ertönte: „Guten Morgen, Herr Oberkellner!" Kaps machte ein sehr überraschtes Gesicht, als er den Ein- tretenden erkannte. Es war Scnger. „Wie. Herr Scngcr?!" rief der Oberkellner,„Sic zu s» früher Stunde schon bei uns?" Von seinem Pulte forttrctcnd. fügte er artig hinzu: „Womit kau» ich Ihnen dienen?" „Ein Geschäftsgang führte mich in aller Frühe vorbei,"s entgegnete Scnger und hing seinen Hut an einen Kleiderständer, „da es draußen frisch ist, trat ich bei Ihnen ein, um mich ei» wenig zu rcstaurire»! Lassen Sic mir Kaffee kommen und gebe» Sic mir, ich bitte, eine Zigarre!" „Georg soll Ihnen gleich Kaffee scrvircn," sagte der Over« kcllucr, schloß eine Schublade des Pultes auf, nahm eine Kiste niit duftigen Havannahs heraus, össnetc den Teckel und pro sentirtc dieselbe dann dienstfertig Herrn Scngcr,„und hier si"* Zigarren! Befehlen Sic davon!" Scngcr nahm eine Zigarre und zündete dieselbe an dci» Wachslicht au, das Kaps ihm hinstellte. Tas brennende LicW blieb aus einem der kleinen zum Speisen scrvirtc» Tische stehe»- „Wo ist Herr Mohrmann?" fragte Scnger, indem er sich seztc und die duftigen Ranchwölkchcn seiner Havannah in feine» Ringeln aufsteigen ließ. „In seinem Zimmer," beantwortete der Oberkellner die Frage nach seinem Prinzipal,„wünschen Sir. daß ich dcnsclbc» von Ihrem Hiersein benachrichtige?" „Es hat durchaus keine Eile, ich bleibe wohl ein halbe? Stündchen hier!" Wenige Minute» darauf kam Georg durch die Glastiil herein. Auch er war überrascht, Herrn Scngcr zu so fnihel Stunde im Hotel zu erblicken, wünschte demselben guten Morgc» und trat dann zu dem Oberkellner. „Hier ist der Paß der Dame." sagte er. und legte ci» Papier auf das Pult,„sie will sogleich zum Jnstizrat Hardcl fahren; ich habe den Portier davon unterrichtet, damit er cinc" Wagen für sie in Bereitschaft hält!" Scngcr horchte scharf auf. „Härder!" dachte er,„von ihr ist die Rede!" „Herr Scnger hat Kaffee befohlen." bedeutete Kaps dc» Kellner. „Werde sogleich bringen!" Damit eilte Georg nach der Küche hinaus. Galeric schöner Frauenköpfe: b'ordclia. Nach cincm im Bcsij dcS Hrn.®.«otlfricd in Lripjig bcfindlichen Gcmäidr«ou Alfred Seifert. �r. z. 46 Kaps entfaltete das ihm von Georg übergebcne Papier. „Eigentlich nnr unniize Weitläufigkeiten mit diesen Legiti- mationen, man hat doppelte Arbeit mit denselben!" „Was haben Sie?" fragte Sengcr mit gutgespicltcr Gleich- giiltigkeit. „Den Paß der Engländerin, die gestern früh bei uns eintraf!" „Eine reizende Frau!" „Richtig," besann sich Kaps,„Sie kennen sie; ja ich hörte, daß sie gestern Abend zu Ihnen fuhr!" „Der Justizrat Härder führte sie bei uns ein," fuhr Sengcr fort, indem er sich erhob und an das Pult des Oberkellners trat,„gestatten Sie mir doch mal Einsicht in ihren Paß! Ist die Polizeibehörde in London bei Beschreibung ihrer Persön- lichkcit galant gewesen oder nicht?" „Bei solcher schönen Frau kann Wahrheit für Galanterie gelten!" schmunzelte Kaps und gab den Paß an Sengcr. Dieser zitterte vor Erregung, als er den Paß der Eng- ländcrin in Händen hatte. Er beherrschte, durch Erfahrung gewizigt, begabt mit einem seltenen Talent für die Jntrigue, untcrstüzt von brillanter Per- sönlichkcit, die Gegenwart vollständig, nun aber war die Vcr- gangenheit wie ein drohendes Schreckbild vor ihm aufgetaucht. Mistreß Amalie Jonston, diese reizende Frau, war die Verkörperung dieser dunklen Vergangenheit; daher mußte diese gefährliche Dame wieder verschwinden und zwar für immer verschwinden. Jezt hatte er ihren Paß in Besiz und er über- sah schnell, daß er einen unberechenbaren Vorteil daraus ziehen konnte, wenngleich er über das„Wie" noch nicht mit sich einig war. Zunächst mußte er allein sein, um ungestört seine weiteren Dispositionen treffen zu können. Das konnte hier im Hotel, wo er die Dienerschaft beherrschte, nicht allzuschwer sein. Ein Unstern hatte die arme Mißrest Jonston gerade in dies Hotel geführt. Ter Besizer desselben war mit Senger, den sie jezt ihren Todfeind nennen konnte, sehr liirt,— wir werden bald das geheimnisvolle Band zwischen Hotelier und Kaufherr kennen lenien. „Bester Oberkellner," begann Senger wieder, und schüttelte sich wie von innerem Frost,„die kalte Morgenlust nach der dnrchschwärmten Ballnacht hat mich ganz flau gemacht," ver- traulich klopfte er Kaps auf die Schulter,„Sie sind wohl so gut, mir ein Glas Portwein zu geben! Mir ist wirklich ganz schlecht!" „Portwein? gern!" antwortete Kaps und sah sich nach dem Büfict um,„wir haben zwar leinen angcschcnltcn oben, aber ich werde Ihnen gleich eine Flasche aus dm Keller holen lassen!" „Bitte, tun Sie es selbst! Sie erzeigen mir einen großen Dienst damit! Brrrrrr!——" Wie von innerem Frost zusammenschauernd, knöpfte Scnger sich den Ueberrock zu. „In wenig Minuten steht Ihnen der Portwein zu Diensten!" rief der Oberkellner und eilte hinaus. Als sich Scnger allein sah, bliztc ein Zug dämonischer Genugtuung über sein Gesicht. Er ging. an den Tisch, auf welchem noch das Licht brannte, kämpfte einen Augenblick mit sich selbst und näherte dann die Hand mit dem Paß dem brennenden Lichte. „Ein Luftzug," dachte er,„und das Papier ist Asche; ihre Identität könnte dann angezweifelt werden und alle ihre Machi- Nationen gegen mich wären fürs erste unausführbar. Und Zeit gewonnen, alles gewonnen!" Aber doch zog er die Hand wieder zurück und löschte das Licht aus. Das Experiment wäre zu gefährlich gewesen. Er bedachte, daß er dadurch einen Argwohn gegen sich selbst her- vorrufen konnte. Die Tätigkeit seines Gehirns verdoppelte sich. Ein kurzes Nachdenken, und Sengcr war mit einem neuen Plane fertig. Er trat an das Pult des Oberkellners, ergriff eine Feder und schrieb schnell und sicher an verschiedenen Stellen einige Worte in den Paß. „So ist sie am sichersten verloren," sprach er beim Schreiben leise vor sich hin, faltete den Paß zusanimen und legte ihn auf den Tisch neben den Leuchter. Als die beiden Kellner in kurzen Zwischenräumen bald darauf in den Speisesaal zurückkehrten, fanden sie Senger ruhig am Tische sizend und seine Zigarre rauchend. Er genoß mit sichtlichem Behagen von beiden Getränken, die ihm, wie er es gewünscht, servirt wurden. „Ah, das wärmt!" sagte er und stellte das halb ausge- trunkene Portweinglas wieder auf den Tisch,„ein vortreffliches Gewächs, man merkt doch gleich, daß man sich in Mohrmanns Hotel befindet!" Kaps kramte auf seinem Pulte mehrere Papiere zusammen und reichte sie Georg. „Geben Sic diese Meldezettel dem Kommissionär; er soll sie sogleich nach dem Polizeibürcau tragen," plözlich hielt er, sich besinnend, inne und wandte sich an Senger, der zurück. gelehnt, den aufsteigenden Dampfringen seiner Zigarre behaglich nachsah,„ich vergaß, darf ich bitten?" „Was?" fragte Sengcr und sah Kaps groß an, als ob er ihn gar nicht verstände. „Um den Paß der Engländerin!" „Ach so!" machte jener, sah sich suchend um und schob dann den Paß gleichgültig dem Oberkellner hin,„da liegt er!" Dann schlürfte er mit scheinbar großer Behaglichkeit die Tasse Kaffee aus. Kaps hatte den Paß genommen und gab ihn nun an Georg. „Da, dies gehört auch noch zu den Meldungspapicren!" „Gut," antwortete Georg, und hinausgehend sezte er hinzu: „Nr. 15 fordert die Rechnung, um zu saldiren!" „Sic ist schon geschrieben, ich werde zur Abrechnung gleich hinausgehen!" Damit nahm Kaps eine Nota vom Pult und folgte seinem Kollegen hinaus. Als Senger wieder allein war, konnte er einen leisen Seufzer nicht unterdrücken. Er befand sich in einer sehr mißlichen Lage. Die Freuden des raffinirtesten Lebensgenusses, wie sie eine wcltstädtischc Residenz verschwenderisch bietet, vereint mit der fürstlichen Einrichtung seiner Häuslichkeit hatten Sengcrs reelle Mittel, die er als Lcopoldinens Gatte vom alten Theclen geerbt, längst erschöpft, und nur durch moderne Spekulationen der gewagtesten Art, die stets die Paragraphen des Strafgcsezbuches stark streiften, hatte er dies Kartenhaus des Glanzes und der Lüge bis heute aufrecht gehalten. Seit gestern schlug ihm aber alles fehl, jede seiner Bcrcch- nungen hatte ihn getäuscht. Das durch Larberg angebahnte Kvhlcngcschäst war nicht zu Stande gekommen. Eine Assoziation mit Baron Warnen, dem Scnger wieder- holt den Verkauf seines Gutes nahe gelegt hatte, bot ihni zu- nächst die lockendste Spekulation. Dazu gehörte aber vor allem Ruhe und ein freies Opera- tionsfcld. Beides war verschwunden; das Erscheinen der Mistreß Jonston stellte alles in Frage. Zunächst erwartete Scnger die Wirkung des gefälschten Passes, und dann galt es, sich den Rücken zu decken und jedes Aufsehen für sich selbst zu vermeiden. In den Schlupfwinkeln der weitverzweigten Residcnzstraßen fand ein Mann wie Senger stets Helfershelfer, die seine Gc- danken ausführten und vor keiner Tat zurückschreckten. iZorlsezpng folgt.) y 47 Der Bau des menschlichen Körpers. Eine anatomisch- physiologische Skizze von Wrurts Keiser. Tie Bekleidung des menschlichen Skeletts wird gebildet durch die gewöhnlich das Fleisch genannten Muskeln, denen Binde- gewcbe, Fett, Sehnen, Gefäße und Nerven beigemengt sind. Tie Muskeln stellen Bündel von Heller oder dunkler roten Fäscrchen dar und sind mit flüssigem Eiweiß gefüllt. Sie enthalten alle zur Körperernährung nötigen Stoffe: Wasser, Albuminate, Fette, Collagen, Extraktivstoffe, Zucker und Salze. Von chemischen Grundstoffen finden sich in ihnen vor die nicht metallischen: Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Schwefel, Chlor, Fluor, Phosphor, Kohlenstoff und Kiesel; und die metallischen: Kalium, Natrium, Calcium, Magnesium und Eisen. Tic mit bloßem?liige deutlich unterscheidbaren Bündel, welche die Muskeln bilden, liegen gewöhnlich parallel neben- einander und zeigen sich bei mikroskopischer Betrachtung zu- sammengesezt ans den feineren Bündeln der eigentlichen Muskel- fasern. Diese erweisen sich entweder glatt oder quergestreift. Die glatten Muskelfasern, welche aus Reihen von spindcl- förmigen Zellen, den sogenannten kontraktilen Fascrzcllcn, mit länglichen, dunkel begrenzten Kernen bestehen, sind blaßrvt und uberall da zu finden,>vo unwillkürliche Zusammenzichnng statt- findet, nur im Herzen und im oberen Teile der Fleischhaut in der Speiseröhre finden sie sich nicht. Hier wie in allen dem Willen unterworfenen A�nskelpartien des menschlichen Körpers zeigen sich die quergestreiften Vinskelfasern oder Muskelprimitivbündcl. Dieselben besizcn eine strukturlose, sehr dünne elastische Hülle, das Sarkol cm, an deren innerer Fläche in regelmäßigen Abständen sich zahlreiche Kerne von länglicher Form bosinden, die Sarkolemkcrnc. Das Sarkolem umschließt die eigentlich kontraktile(zusammen- jichbare) Substanz der Muskelfaser, welche ihrerseits aus einer sehr beträchtlichen Anzahl ungemein seiner Fäscrchen besteht, die parallel in der Längsrichtung der Faser gelagert sind und Primitivfasern oder Mnskelfibrillen heißen. Tie regelmäßige Querst reifnng der Muskelfasern(des Pri- mitivmuskels) entsteht dadurch, daß die Fibrillen der Länge nach regelmäßig abgeteilt sind und ans einer Menge von hinter- einander liegenden Stücken gefügt zu sein scheinen. Unter einander werden die Muskelfasern durch lockeres Vindcgeivcbc zu den cnvähnten Bündeln vereinigt. Den ganzen Muskel umschließt die Muskel scheide, welcher ebenfalls aus fibrillärem Bindegewebe besteht. Dieses um und in jedem Muskel vorhandene Bindegewebe Mithält keine elastische Fasern, ist mehr oder weniger reich an ffettzellcn und ist der Träger der Nerven und Gefäße des Muskels. Mit ihrem fleischigen Ende sind die Muskeln breit an den einen Knochen angewachsen, ivährcnd sie mit einem andern Knoche,, durch einen häutigen Strang, eine Sehne, verbun- äen sind. Durch den Antrieb des menschlichen Willens zieht sich der Muskel zusammen, er verkürzt sich und beugt oder streckt so � zugehörige Gelenk, je nachdem er auf der einen oder der °»dern Seite eines Gliedes angeheftet ist. Die dem Willen unterworfenen Muskeln werde» sainmt und wnders dirigirt durch Nervenfäden, welche im Gehini ent- 'pringen. während die unwillkürlichen Muskeln von Nerven uoyangen. die im Rückenmark oder den einzelnen Nervenknoten 'hren Ursprung haben..._. Die langen, dünnen Nervcnfäden sind von weißer �arbe und werden durch parallel neben einander laufende Bündel von Nervenröhrchen gebildet, die mit einander durch Zellgewebe vereinigt und von einer sehnigen Nervcnscheide umschlossm ,md. Sie sind gewissermaßen die Telegraphcndrähte des t'enschen Körpers, inden, sie mit großer Schnelligkeit die Eindrucke sur welche sie empfänglich sind, entweder von der Periphene. der äußeren Umgebung des Körpers nach den Centralorganen, dem Gehirn oder dem Rückenmark, oder von diesen nach der Peripherie fortpflanzen. Diejenigen Nerven, welche die ersterwähnte Aufgabe der sogenannten ccntripetalen(die Centralorgane aussuchenden) Leitung haben, werden sensitive Nerven oder Empfindungsnervcn genannt, indes die andern, welche centrifugal leiten, d. h. von dem Centralorgane hinweg, motorische oder Bewegungs- nerven heißen. Nur die sensitiven Nerven vermitteln oder erzeugen das Schmerzgesiihl im Falle der Erregung durch äußere oder innere Eindrücke, die motorischen Nerven veranlassen dagegen nur, wenn sie erregt werden, Zusammenziehen des mit ihnen verbundenen Muskels. Zur Ernährung aller Teile des menschlichen Körpers dient das Blut. Tasselbe wird mittels eines in der Brusthöhle gelegenen Pumpwerks, das Herz genannt, durch die tausendfältige Ver- ästelung der auch Adern genannten Blutgefäße überallhin im Körper getrieben. Solange das Blut in den Adern des lebenden Körpers in Bewegung ist oder aus der geöffneten Ader heraussprizt, zeigt es sich als eine etwas zähe und klebrige Flüssigkeit von roter Farbe und einer Temperatur von etwa 37 H2" Celsius. Es ist selbst in dünnen Schichten undurchsichtig, riecht fade und schmeckt schwach salzig. Da das Blut die Ernährnngsflüssigkcit des Körpers ist, so leuchtet ohne weiteres ei», daß es aus denselben Bestand- teilen besteht, wie dieser, nämlich hauptsächlich aus Wasser, dann ans Eiweißstoffen, Fetten und Fettsäuren, Traubenzucker, Eisen, Farbstoffen und Salzen, insbesondere Kochsalz(Chlornatrium), kohlensaurem Natron und Kalksalzen; ferner enthält es an Gasen Sauerstoff, Stickstoff und Kohlensäure. Bon Formbestandtcilen unterscheidet man im Blute zwei von einander völlig verschiedene: die Blutkörperchen oder Blut- zellcn und die auch Plasma genannte Blutflüssigkeit. Tic Blutkörperchen sind entweder farbig, und zivar rot, oder farblos, weiß. Tie roten Blutkörperchen sind die bei weitem zahlreicheren; an Gestalt sind sie runde, elastische Scheid- che» von etwa 0,007 Millimeter im Durchmesser. Sie sind also so klein, daß sich in einem kleinen Bluttröpfchen ihrer mehrere Millionen vorfinden. Bei den verschiedenen Tieren sind die rote» Blutkörperchen in einer mittels des Mikroskops wahr- nchmbaren Weise verschieden groß und gestaltet. Während sie beim Menschen, wie auch bei den meisten übrigen Säugetieren, etwa SOOmal vergrößert, als schwach gelbliche, in der Mitte etwas vertiefte kreisrunde Scheiben mit ein wenig dickerem Rande erscheinen, erweisen sie sich bei den Vögeln als länglich oval und in der Mitte verdickt. Läßt man das Blut ans der Ader oder stockt der Kreis- lauf im Körper, so legen sich die Blutkörperchen mit ihrer flachen Seite so zusammen, daß sie kleine, ungefähr wie Geldrollen aus- sehende Säulen bilden. Tie physiologische Tätigkeit der roten Blutkörperchen besteht darin, daß sie den durch die Lunge der atmosphärischen Luft entnommenen Sauerstoff all' den verschiedenen Organen des tierischen Körpers zuführen, indem ihr Farbstoff, das Hämo- globin, den Sauerstoff in der Lunge chemisch aufnimmt und während des Kreislaufs an die Gewebe des Körpers zur Oxy- dation(Verbrennung) derselben abgibt. Zwischen den unzähligen roten Blutkörperchen treiben sich in sehr viel geringerer Menge, etwa im Verhältnis von 1:150 bis 500, größere farblose Kügelchen umher, die aus einer sehr zarten durchsichtigen Hülle und einer Körnerinasse bestehen und im kreisenden Blnte lebhafte Bewegung zeigen und mannichfache Gestaltveränderungen erleiden; diese werden Lymphkörperchen genannt. Die Blutkörperchen sammt den Lymphkörperchen schwimmen in dem Plasma, das sich als eine klare, durchsichtige farblose und klebrige Flüssigkeit darstellt. Im Plasma befinden sich je nach dem, was die Blutmasse anfnimmt, sehr verschiedene Stoffe gelost vor; reichlich vorhanden ist stets Eiweiß, welches der Blutflüssigkeit die klebrige Beschaffenheit gibt. Desgleichen ist stets Faserstoff vorhanden, der im lebenden Blute in zwei neben einander bestehenden Eiweißstosfen, der gerinnungsfähigen, fibrinoplastischcn, und der gerinnungerregendcn, fibrinogcnen Substanz, aufgelöst vorhanden ist, aber rasch gerinnt, wenn das Blut ans der Ader gelassen wird oder innerhalb derselben in einige Zeit anhaltende Stockung gerät. Die Gerinnung geschieht so, daß sich das Blut allmälich in zwei durchaus verschiedene Bestandteile scheidet; nämlich in eine gelbliche Flüssigkeit, das Blntw asser oder Serum, welches in viel Wasser den Eiweißstosf und die Blutsalze auf- gelöst enthält, und in ein rotes halbfestes Gerinnsel, den Blut- kuchen, Plazenta oder Cruvr, welches mit dem vorher gelösten Faserstoffe auch die von jenem eingeschlossenen und fest- gehaltenen Blutkörperchen enthält. Ueber die Mengenverhältnisse der verschiedenen Bestandteile des menschlichen Blutes sagt Carl Bogt in seinen physivlogi- scheu Briefen folgendes: „In 1000 Teilen Vcncnblut"— das ist das Blut der von der Körperpcriphcrie nach dem Herzen führenden, Venen genannten Adern—„eines gesunden Mannes von 25 Jahren finden sich dem Gewichte nach 513 Teile, also mehr als die Hälfte Blutkörperchen, welche ihrerseits wieder eine bedeutende Menge Wasser, nämlich 330 Teile enthalten; so daß demnach die in der angegebenen Blutmeuge aufgeschwemmten Körperchen nur ans 163 Teilen fester Substanz gebildet sind. Diese feste Substanz besteht ihrer größten Masse»ach aus einem im Wasser löslichen eiwcißartigcn Körper, der mit dem Enveißstoffe der Krystalllinsen des Auges identisch scheint und Globulin oder K ry st allin genannt wurde. Dieser Stoff, der 1,1 Prozent Schwefel, aber keinen Phosphor enthält, findet sich nur in den Blutkörperchen, und seine absolute Menge beträgt ans 1000 Teile Blut etwa 152. Mit ihm ist in innigster Verbindung der rote Farbstoff des Blutes, das Blutrot oder Hämatin, dessen Menge man auf 7,7 auf 1000 Teile Blut anschlagen kann und der namentlich dadurch merkwürdig ist, daß er die einzige Substanz des Körpers ist, ivclche Eisen in ziemlich bc- deutender Menge enthält. Dieses Eisen ist ein notwendiger Bestandteil der Blutkörperchen. Die Bleichsucht beruht wesentlich auf dm Mangel dieses Metallcs und wird durch seine Einführung in das Blut geheilt. Außer dem Eisen enthalten die Blutkörperchen noch von unorganischen Substanzen besonders Ehlvrkalium und phosphorsaure Salze, worunter besonders phosphorsaures Kali und Natron, sowie kohlensaures Natron, die sich in der Asche wiederfinden.— „Die absolute Menge des Faserstoffs in 1000 Teilen Blut beträgt nicht mehr als 3,93 oder in runder Summe 4 Teile, während der Eiwcißgehalt im Durchschnitt 40 Teile beträgt. Außerdem sind in dem Serum noch etwa 4 Teile verschiedener Salze aufgelöst, die zu mehr als der Hälfte aus Kochsalz, dann aber wesentlich aus kohlensaurem Natron und phosphvrsaurcn und salzsauren Salzen bestehe»." Das System der Blutgefäße bei allen Wirbeltieren ist ein in sich zusammenhängendes Röhrenwerk, in dem die Zirkulation des Blutes von einem Muskel unterhalten wird, der die Arbeit einer Pumpe verrichtet. Dieser Muskel, das schon oben erwähnte Herz, ist das Zentralorgan des Gefäßsystems, dem die Aufgabe zufällt, das aus dem Körper, insbesondere den Atmimgsorganen kommende Blut aufzunehnien und es in den Körper und durch diesen hin- durch in die Ziespirationsiverkzeuge zurückzuführen. Bon dem Herzen gehen aus und in dasselbe münden elastische Röhren, welche, soweit sie das Blut von ihm fort- leiten, Arterien(Pulsadern, Schlagadern) genannt werden, sofern sie zur Zurücksührung des Blutes ins Herz dienen, Venen(Blutadern) heißen. Die Arterien sowohl als die Venen verzweigen und konipliziren sich an gewissen Stellen des Körpers zu Gefäß- gestechten und Gefäßknäueln(auch Gefäßplcxus, Wunder- ncze, Glomcruli genannt), und sie— die Arterien und die Venen— gehen, nach vielfacher Verästelung und Verzweigung durch alle Teile des Körpers hindurch, in einander über vcr- mittelst sogenannter Capillaren, Haargefäße, d. s. Nezc und Schlingen feinster Röhrchen. Die Gestalt des Herzens ist unregelmäßig kugelförmig. Als ein nach unten zugespizter Beutel liegt es in der Mitte der Brusthöhle zwischen den Lungenflügeln und auf dem Zwerchfell, jedoch mit einem größeren Teile seiner Länge in der linken Hälfte der Brusthöhle, und zwar so, daß sich etwa'/s seines Volumens in der rechten, �,5 in der linken Hälfte befinden. Seine Größe gleicht ungefähr der der Faust des Individuums, im jugendlichen Alter ist es ein wenig größer; sein Gewicht beträgt durchschnittlich beim Manne 11 Unzen oder 22 alte Lot, beim Weibe 9 Unzen oder 18 Lot. Umschlossen und festgehalten wird das Herz von einem häutigen Sack, dem Herzbeutel(pericarckium), der etwas weiter als das Herz selbst und mit einer schlüpfrigen Haut ausgekleidet ist. Die Höhlung des Herzens ist durch eine senkrechte Scheide- wand(septum conlis) in eine rechte vordere und eine linke hintere Abteilung getrennt, von denen die erstere als das rechte oder Lungenherz, die andere als das linke oder Aortcnhcrz bezeichnet wird. Zwischen Lungen- und Aortenherz besteht keinerlei Verbin- dung, dagegen sind die wagcrcchtcn Qnerschcidcwände, welche jede der Hcrzenhälstcn in eine Herzkammer(ventriculas conlis) und einen V o r h o f oder eine Borkammer(atriurn cordis) trennt, mit einander durch weite Oefsuunge», die so- genannten Atriovcntrikularösfnungcn, verbunden. Jeder der Borhöfe besteht aus einem weiteren Schlauch (sinus) und einer engeren, zipfelartigcn Verlängerung, welche das Hcrzohr(auricula) genannt wird. Tie Wände der Atrien sind beträchtlich dünner, als die der Ventrikeln; erstere bedürfen so starker Wände nicht und kommen niit viel geringerer Entwickclung von Muskelkraft aus, Iveil sie das in sie durch die Venen einströmende Blut durch ihre Zu- sammenziehnng nur in die benachbarten Kammern zu treiben habe», während diese ohne eine erhebliche Krastlcistnng nicht auskommen würden, da sie das gesammte Blut durch das enge Röhrcnwerk der Arterien in alle, auch die entlegensten Teile des Körpers zu treiben bestimmt find. Was die Aufnahmefähigkeit der Herzhöhlung im ausgcdehn- ten Zustande anbetrifft, so beträgt dieselbe 27 bis 41 Knbikzoll und im Durchschnitt 32 Knbikzoll. Tic vier Abteilungen des Herzens sind gleich geräumig, jede kann im Mittel 8 Knbikzoll oder 11 Altlot Blut fassen. Im lebenden Körper wechselt unaufhörlich Ausdehnung und Zusanlnicnzichnng des Herzens miteinander ab. Im Zustande der Ausdehnung(Diastole) der Vorhöfe und Herzkammern strömt das Blut durch die Lungcnvcncn(Fig. 5 d) und die oberen und unteren Hohlvenen(c und h) in die Vorhöfe und auS diesen in die Kammern, deren Ocffnungen in die Schlagadern(ostia arteriosa) während der Diastole durch Klappen, die sogenannten Scmilnnar- oder Halbmondklappen(valvulac semilunares) geschlossen sind. Darauf ziehen sich die Vorhöfe zusammen und treiben dadurch noch mehr Blut in die Ventrikel, die sich nun auch zu kontrahircn beginnen. Dabei werden durch das Blut selbst die in die Kammern während der Diastole hineinhängenden Klap- pen an den Atrioventrikularöffnungen, d. s. die Leffnungcn, welche die Vorhöfe(Atria) mit den Kammern(Ventriculi) verbinden, geschlossen. Diese Klappen heißen Valvula tricuspidalis(die dreizipflige) und Valvula Mitralis(Bischossklappe oder die zweizipflige). - 49- schließen die Oefsnungen der Kammern in die Vorhöfe so I Die Systole dauert nur etwa den vierten bis den dritten daß kein Tropfen Blutes in die lezteren während der Systole Teil der Zeit, welche die Diastole in Anspruch nimmt, und zurückkann. Dagegen öffnen sich nun die Scmilunarklappen und beide in Verbindung mit einer kurzen Ruhepause zwischeninne das Blut wird in die Arterien, die große Körperschlagader oder bilden je einen Herzschlag, deren man bei gesunden männlichen Aorta(a) und die Luugenschlagadcr(b; hineingepreßt. Erwachsenen in der Minute 60 bis 80 zählt, während bei Pcrsoiie,, 1,1 ktwas mehr, bei Greisen und schwachen| einander folgende Schläge hörbar, von denen der erste Herzton �ifalon mn"ÖCr Herzschläge zu beobachte» sind. Ter von der Zusammeiizichung der Herzkammern und der Bc- sich das a'"' � sich nach außen hin dadurch vernehmbar, daß wegnng der Atrioventrikularklappen herrührt, indes der andere die iniier�M'"��rend der Systole hebt und niit seiner Spizc das Rückstößen des Blutes in den Arterien gegen die Semi- Und ffjt.-, des Brustkastens in der Gegend der fünften lunarklappcn bezeichnet. an linken Rippe erschüttert. Dabei werden rasch ans-«gonstjung sopp.» 50 Der Kart. Humoreske von I. S. Ich konnte einen reichen Privatier, der sich jahrelang mit der Lö- sung der Frage abquälte: Warum haben die Weiber keine Bärte? Wenn ihn der Raptus recht beim Schopf hatte, wurden Leute, die er snr„Studirte" hielt, mit dieser Frage förmlich von ihm angefallen und wohl oder übel musite man ihm Rede stehen. Die ihn nicht kannten, kamen leicht auf die Vermutung, dem Fragesteller sei eine Schraube im oberen Stockwerk losgegangen, und sie hielten ihn zum besten und fopplcn ihn. Oberflächlich, wie die Menschen einmal sind, pflegt nur der Schmerz ihr Mitleid zu erwecken, wogegen die Schwäche, physische, intellektuelle oder moralische, entweder ihre Lachmuskeln kizelt oder ihren Zorn reizt. Sie lachen, wenn ein Kurzsichtiger über einen Sche- mel stolpert, und sind gewaltig entrüstet, wenn jemand eine Schurkerei begeht, während doch imgrunde beide zu bedauern sind, der lezte eben- sognt wie der erste. Treffend schreibt einmal Ludivig Börne:„Du sagst: Ich verabschcne jenen Menschen, er ist schlecht. Nein, er ist krank. Gewährst du nicht dem Kranken deine größte Sorgfalt und sind nicht die Krankheiten des Herzens die gesährlichsten?" Dieser schöne Ge- danke will aber dem Philister ebensowenig einleuchten, wie das ächt humane und freisinnige Diktum des Weisen von Nazaret:„Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein aus sie." Ja, wir sind alle Sünder und erinangeln des Ruhms; moralische und intel- lektuelle Sünder. Wer hätte nicht schon über ähnliche Probleme ge- grübelt wie unser Bartphilosoph? Haben nicht die Teologcn ganze Folianten angefüllt mit der Untersuchung von Fragen, die kein bischen mehr oder weniger Berechtigung haben, als die Frage: Warum haben die Weiber keine Bärte? Und das soll eine Humoreske sein? Geduld, lieber Leser, und noch liebere Leserin, mein Artikel soll dem Schlaraffenland gleiche», zu dessen Herrlichkeiten man erst gelangt, wenn man sich durch eine Mauer von Reisbrei hindnrchgegessen hat, oder auch einem Strauß'schen Walzer, der gewöhnlich mit einer feierlichen, choralartigen Einleitung beginnt, und dann auf einmal zum lustigen Tanz sich venvandelt, sodaß ein solcher mich immer an die gespenstischen Nonnen im„Robert der Teufel" erinnert, welche plözlich ihre Kutten abwcrsen und als leichtfertige Bal- letmädchen sich entpuppen. Aber, o weh, da habe ich mich schön ver- galoppirt; ich verspreche goldene Berge, Herrlichkeiten ä la Schlaraffenland, und weiß noch gar nicht, ob die— wie heißt nur gleich die Muse, in deren Ressort der Humor gehört? Nun, sagen wir schlecht- weg Muse; seit den Tagen HomerS will ja nicht nur jeder gute und schlechte Poet, sondern jeder, auch der geistesärmlichste Federfuchser, mit dieser edlen Dame in vertraulichem Umgang stehen und ihr die Mutter- schaft seiner Kinder, selbst der gräulichsten Wechsclbälge, aufbürden. Ich wollte also sagen, ich weiß noch gar nicht, ob mich die Muse mit soviel Humor inspiriren wird, daß ich den hochgespannten Erwartungen der Leser nur halbwegs gerecht werde. I. auriger Horatius, quam diiisti verum! Kluger Horaz, wie recht hattest du, deine Kollegen zu warnen, sie sollen im Eingang den Mund nicht zu voll nehmen: Auch nicht fange du an, wie einstens der kyklische Dichter: „Priamos' Loos und den Krieg, den gefeierten, will ich besingen": Was kann bringen der Mann entsprechend so stolzer Verheißung? Berge kreisen: Zur Welt kommt nur ein possierliches Mänslein*), Wieviel richtiger der, der niemals wider den Takt fehlt**): „Nenne mir, Muse, den Mann, der nach Troja's endlichem Falle Städte und Sitten und Art von vielerlei Menschen gesehn hat." Nicht aus Feuer den Rauch, nein, Licht ans Rauch zu entwickeln Sinnt er und führt alsdann uns glänzende Wunder vor Augen. Als unser Bartphilosoph auch mir einmal die Pistole seiner Frage auf die Brust sezte, siel mir folgende talmudische Sage ein: Der be- rühmte Pharisäer Hillel hatte sich eine so große Sanftmut anstoisirt, daß Hillels Geduld noch heute bei den Juden sprichwörtlich ist. Je- mand, der davon hörte, wettete 400 Goldstücke, er werde Hillel dahin bringen, daß ihm endlich— mit Heine zu reden— die Knöpfe reißen an der Hose der Geduld. Am Freitag Abend, als der Geduldkünstler eben im Bade war, um sich für den mit Einbruch der Nacht begin- »enden Sabbat würdig zu rüsten, klopftS am Badekabinet. Hillel! Wo ist Hillel? ruft eine rauhe Stimme barsch. Hillel steigt rasch auS dem Bade, hüllt sich in seinen Mantel, öffnet die Türe und spricht mit einer Gelassenheit, die einen Wüterich entwaffnet hätte:„Hier bin ich. WaS willst du, mein Sohn?"„Ich habe eine wichtige Frage zu stellen." „Frage nur, mein Sohn."„Warum haben die Babylonier platte Köpse?"„Allerdings eine sehr wichtige Frage," versezt Hillel ernst. „Ich denke, weil sie ungeschickte Hebammen haben." Jener entfernt sich, ohne zu danken, und Hillel steigt ivieder ins Bad. Kaum ist er drin, da klopfts und rufts wieder, und derselbe Dialog entspinnt sich wiederum wie vorher, nur daß diesmal die Frage lautet:„Warum haben die Palmyraner trübe Augen?" Hillel, der auch diese Frage für eine wichtige erklärt, antwortet:„Weil sie in der Sandwüste wohnen." Der Fragesteller entfernt sich abermals und kommt nach kurzer Zeit wieder.„Warum," fragt er den zum drittenmal im Bade gestörten Hillel,„haben die Afrikaner breite Füße?"„Wieder eine sehr wichtige Frage," lautet die mit unerschüttertem Gleichmut gegebene Antwort: „Weil sie in sumpfigen Gegenden wohnen."„Ich hätte noch eine Menge Fragen, aber ich fürchte, du könntest böse werden," fährt jener fort. Hillel sezt sich nieder und sagt:„Mein Sohn, frage nur, so viel dir beliebt."„Also du bist der Mann, den man das Oberhaupt der Schule nennt?"„Der bin ich." Dann wünsche ich, daß es nicht viel deines- gleichen geben möchte."„Warum, mein Sohn?"„Weil ich wegen deiner verdammten Geduld 400 Goldgulden verliere."„DaS tut mir leid, mein Sohn: aber alles Geld in der Welt wird das Gleichgewicht nieiner Seele nicht stören können." Eingedenk dieser Sage antwortete auch ich, obgleich sonst kein Hillel: Eine sehr wichtige Frage, mein Herr, die wir am besten beim Glase lösen, denn in vino veritas(Im Wein ist die Wahrheit). Ihre Frage, Hub ich an, nachdem wir angestoßen, ist eigentlich nicht ganz neu. Schon der Bolkswiz beantwortet sie dahin, weil die Weiber zu« Rasiren den Mund nicht halten können. Ich kann mich jedoch mit dieser Erklärung nicht befreunden, denn sie ist mir zu ungalant. Zwar etwas Wahres muß daran sein, wenn man de» Weibern eine so nn> bezwingliche Redseligkeit zuschreibt, da ähnliches sogar einmal von eine« Pfarrer behauptet wurde. Derselbe hatte eine Kapuzinade gegen dai weibliche Geschlecht losgelassen und sich schließlich in seinem homiletische» Eifer zu der Aeußerung hinreißen lassen: Die Weiber können nicht in den Himmel kommen. Das wollten sich seine Znhörerinnen nicht ge- fallen lassen, und sie verklagten ihn beim Konsistorium. Ich will es aus der Bibel beweisen, verantwortete sich der angeschwärzte Schwarz- rock. Es steht geschrieben in der Apokalypse: Und ich, Johannes, sah und es war eine Stille im Himmel eine halbe Stunde lang. Nu« wenn Weiber im Himmel wären, so wäre eine halbe Stunde Stille dir reinste Unmöglichkeit. Das Konsistorium fand diesen Beweis unwidcr- leglich und sprach den Angeklagten frei. Ich könnte noch manche an- dere Gewährsmänner nennen, z. B.Jean Paul, der einmal äußerte: „Wenn die Frauen Offiziere werden könnten und den Soldaten„Halt!" kommandiren sollten, so würden sie es etwa folgendermaßen tun:„Ihr Soldaten alle, jezt paßt ans, ich befehle euch, daß ihr, sobald ich ge- sprachen habe, still steht, jeder aus dem Fleck, wo er eben steht. Ver- steht ihr mich?„Halt!" sage ich euch allen." Dafür wurde der Spötter mit folgender Zuschrift einer Amerikanerin belohnt:„Mr. Jean, ich kann Ihnen nur sagen, es war ein unglücklicher Tag, als Sie diese» Saz niederschrieben. Mögen Sie dafür einsam, ohne ein liebendes Weib an der Hand zu halten, durchs Leben stolpern. Mögen Ihr« Knöpfe stetS locker, Ihre Bänder verknüpft und Ihre Strümpfe zer- rissen sein! Mögen ihre Stiefel voll Hühneraugen, Ihr Rasirwasser immer kalt und Ihr Messer stumpf sein! Möge Ihr Haar allezeit tvirr emporstehen und Ihr Halskragen sich lappig niederlegen! Möge Ihr Kinnbart gleich den Stacheln eines Schtveines, Ihr Backenbart dünn gesät und Ihr Schnurrbart auf die verkehrte Seite gedreht sei« Möge Ihr Kaffee salzig, Ihre Suppe angebrannt und Ihr Tee wässerig sein! Mögen Sie vom Paradiese träumen, und in der Hölle erwache»' Und mögen Sie mit einer nimmer ruhenden Sehnsucht nach Liebe i»' Herzen als ein elender, zerlumpter, ruheloser, lächerlicher, trüb- in« armseliger alter Junggeselle durch das Dasein kriechen! Amen!" I»' dessen gibt es auch Weibmänner, bei welchen nicht die Goldwährung des Schweigens, sondern die Silberwährung des Redens beständig herrscht, und dennoch sind solche mitunter mit mächtigen Bärtcn aus- gestattet. Wir müssen uns also nach anderen Gründen umschaue« wozu es nötig sein wird, den philosophischen Gaul aufzuzäumen(oder sagen wir besser Esel?). Es gibt zweierlei Weltanschauungen, die kausale und die teleologische. welche leztcrc nicht selten mit der teologischen verwechselt wird, was gar nicht ohne ist, da imgrunde beides auf eins hinausläuft*), den» ' in der Regel sind die Teleologen teologisch gesinnt und die Teologe" teleologisch. Die Philologen haben den Grundsaz, daß von zwei ver- schicdenen LeSarten in einem alten Werk die unwahrscheinlichere di< wahrscheinlichere, d. h. die richtige sei. und die Menschen im allgemeine» tun es ihnen nach, indem sie von verschiedenen Ansichten gewöhnlich d» dümmste annehmen. Man kann daraus wetten, sagt C h a m f o r t, daß jede weit verbreitete Ansicht, jede allgemein angenommene Vorstellung eine Dummheit ist, eben weil sie von den meisten zugegeben wird Welche von den beiden gedachten Weltanschauungen ist nun die klügste' Man sollte meinen, die teleologische. Denn ist nicht die Welt in der Tat überall ein wahres Muster von zweckmäßiger Einrichtung? Di' Fliegen sind da, um von den Spinnen aufgefressen zu werden,»»' die Spinnen, um die Fliegen zu fressen. Der Sperber nährt sich v«» Spazen, der Habicht vom Sperber, der Adler vom Habicht, der Menff» aber erlegt den Adler. Die Menschen selbst schießen einander tot, das Bevölkcrungsgleichgewicht wieder herzustellen, wenn es gestört ig (und wenn es das nicht ist, geschieht es als Vorübung), und das stall' liche Heer von Krankheiten und Seuchen, sowie Erdbeben, Schiffsunter' gänge n. dergl. kommen ihnen dabei zuhilfe. Der Hagel ist da, da«» die Hagelversichernngsgesellschaften Geschäfte machen, und die Feuers- briinste, damit die Feuerversicherungsagenten nicht verhungern.®'( Natur erzeugt täglich tausende von Leben und mordet sie wieder oder lä« sie gegenseitig sich aufreiben, damit— nun wir Menschen können nw •) Oder wie ein neuester Uebersezcr das partnrumt montes, naseitur ridienlns mus hübsch widergibt: Berge kreisen,»nd schau, es kommt die spaßhaste Man?'rani. "> Homer. •) Telos— Zweck, Theos alles in der Welt zweckmästig eingerichtet. Wirkung von Ursachen j» erklären. Gott. Nach der teleologischen Weltbetrachtung'! richtet. Nach der kausalen ist alles lediglich 0 — 51 uberntl die weise Absicht der Vorschunft durchschauen, deswegen ist eben doch alles sehr weise und sehr zweckmäßig eingerichtet, denn die Gottes- gelahrten schreien es von tausend Kanzeln, und da muß es wahr sein, und zencr Handwerksbursche, der, halb verschmachtend vor Hunger, Durst Hize, auf der Landstraße dem Gottesmann, der ihm vorsalbaderte, lo>e bewundernswürdig der Schöpfer sei, der nur sechs Tage zur Er- lchaffung der Welt gebraucht habe, die Antwort gab:„Ja, sie ist auch darnach/- hätte eigentlich den Galgen verdient. Ja, die Welt ist merk- würdig zweckmäßig eingerichtet, und ich kann so wenig begreifen, wie nanche sog. Denker das bestreiten mögen, sowenig Oberamtmann Emele oon Haigertvch»l begreifen kann, wie es eine soziale Frage geben mag, da doch die sozialen Verhältnisse überall so wunderbar Harmoniren und 'appen, wenigstens durch die vberamtmännische Brille.— Aber der Bart, warum haben die Weiber keine Bttrte? Ter beste Weg zur Lösung d>rd sein, wenn wir die Frage umkehren: Warum haben die Männer «arte? Ich antworte: Zur Zierde und Schönheit. Der Bart ist der Zahmen für das Gesicht und verleiht ihm erst ein rechtes Relief. Doch Einivand liegt aus der Hand: Hätten alsdann die Weiber, als das ?°ne Geschlecht, nicht noch viel mehr Anspruch auf den Bart? Oder wüte jener Philosoph, ich glaube es war kein geringerer als Aristo- I*"' �dcht haben, der behauptete, die Männer seien eigentlich das Geschlecht? Die Natur, so führt er aus, wollte bei der Schöpfung in, vollkommenste schaffen: den männlichen Menschen. Sie nahm in'?".eine'1 größeren Anlauf, näherte sich diesem ihrem Ideal imnicr i Jm, indem sie die Stufenreihe der verschiedenen Geschöpfe hervor- achte. Die lezte Vorstufe ist der weibliche Mensch, und erst als sie d zustande gebracht hatte, gelang ihr der männliche. Somit wäre tut der„vergeratcne" Mann, wie man in Schwaben statt„miß- sagt. Ob dieser Philosoph verheiratet war. weiß ich nicht; sein««»lich war eis. Ebenso wahrscheinlich ist aber,. daß seine Frau ."-Manuskript nicht lesen konnte. Man kann aber auch umgekehrt anhupten, der Bart sei noch ein Ueberrest des tierischen Pelzes; der lma'V1 l�ckt mit dem Bart noch stückweise im Tierreich, aus dem sich lWn?etlose Weib bereits ganz herausentwickelt hat. Sonach wäre die sslz okr Mannen verbesserter Auflage, �und wir hätten zu den Frauen, nun "l9 zu höheren Wesen im eigentlichen Sinn emporzublicken. Da 5°n diesen beiden Ansichten die eine ebenso berechtigt ist als die an- ,.e,?' so heben sie sich einander auf, wie zwei ungleichsanstge �lekiri- z'laten.__ Warum haben die Männer Bärte und die Weiber nicht? Loben doch die Geiscn Bärte. sogut wie ihre Männer, die Bocke. �°lll- vielleicht mit dem Bart der Stempel der Wurde ausgeprägt �»den, wollte die Natur den Mann mit der Barthieroglyphe als Ehe- kennzeichnen, dann hätte sie vielleicht klüger getan, wenn sie ihm Wt des Bartes Hörner verliehen hätte; hat sie doch� ohnehin eine Wftanbc gewesen, die von seiner schwächeren und doch stärkeren Jw entwundene Autorität zu behaupten. Und was die ästhe- iUCftlpip rr r------ v--- V"*" 7|---- 7- v---?—----- bnbnrrf.bo.männcr mit solchen bedacht. Wie mancher Ehemann wäre halste..... •ifae R• onrwunoene Viuti|. betrifft, so denke man nur an den gehörnten Bacchus der diüiw?oer an den Moses von Michelangelo, und man wird bekennen eine hr-T1!' solche dem Mann vortrefflich zu Gesicht stehen. Welch »lufti»%e Figur macht auch der gehörnte Falstaff am Schluß der effeltnm!' Leiber von Windsor," troz seines ungeheuren Wanstes. Wie sei»..,.soäre doch eine Situation, wo ein aufgebrachter Ehemann %teui,r Lebensgefährtin mit seinen Hörnern zu Leib rückt? Mit xje Quelle könnten, statt mit krummen Säbeln, Pistolen u. s. f., Parins hörnern ausgcfochten werden? Auch bei hizigen Debatten in ittüssen°?r*' B. würden Hörner wesentliche Dienste leisten. Wir bartlos"'Ig wieder einen anderen Grund suchen, warum die Weiber Heuro», geblieben, beziehungsweise warum die Männer Bärte haben. ist bß'/(3ch habe gefunden!) rufe ich mit Pytagoras. Der Bart sihledi» bw Barbiere zu leben haben; aber nur das starke Ge- da»»». ebc mit dieser Bürde behaftet; das schwache hat die Natur ist, iirtiiziplrt, weil es ohnehin mit physiologischen Prozessen behastet Ävtbot. eä kein Mann beneidet. Hat doch sogar ein scharssinnigcr Rasjr>,/�>u der Prometheussage eine Allegorie der zur Qual des d?r Ti«„ ns verdammten Männerwelt erblickt. Der Fels, an welchen »eue nin�e. geschmiedet ist, ist der Rasirschemcl; die alle Tage anfs Barbier»be-�ebcr aber bedeutet den Bart, welchen der Geier, der der S,' ollmorgendlich wieder abmäht. Wie man doch so lange niit wie lm Nebel henlintappcn und einen Gedanken, so einfach de» Gz., bcs Kolumbus, so schwer finden mag! Pytagoras opferte Ahmten �ne Hekatombe von hundert Ochsen, als er seinen be- welche g.h�nz. den Schrecken aller Tertianer, gefunden hatte, seit Hstt entiPj1, ostch Börne, alle Ochsen zittern, so oft eine neue Wahr- bosür npffc So splendid kann ich gegen die Götter nicht sein, des nÄ.0be ich ihnen zu Ehren eine Libation von hundert Flaschen sti leben a<. 9u'en Jahrgangs. Der Bart ist da, damit die Barbiere �osirena e�r; damit deschreiten wir das Kapitel des Barb- oder wäre vern�"� Frage: Soll man den Bart stehen lassen oder nicht, % Bnrf,;'oeub entschieden. Jeder stehende Bart ist sonach ein Raub (im, t0fI"gemerbe. Hiemit stimmt auch der Aesthctiker Lemke über- �sioonnJ daß der das untere Gesicht verhüllende Bart den ''Höbet, S'.'eHe.st Ausdruck beeinträchtigt, dem Sprechenden der Züge Üchen dup�e seinen Regungen auf den Wangen und um den Mund gaui beri"t»!i. nJscr'0ren' doS für den Ausdruck so wichtige Kinn wird �-- L®'n geschworener Feind der Bärte ist auch der ultra- � btH«n neueste Schrlst._ montane Polyskribifax Alban Stolz, und man kann ihm in der Tat nicht Unrecht geben, wenn man bedenkt, daß oft der unbedeutendste Wicht durch den Bart einen Gcsichtsausdruck erhält, der mit seiner Persönlichkeit in schreiendstem Widerspruch steht. Die Barbiere haben darum vollkommen recht, wenn sie sich fühlen, und es war nur ein schuldiger Tribut der Poesie und Musik, daß sie die edle Zunft der Barbiere in der gelungenen Figur des„Figaro" durch Beaumarchais' beide Lustspiele:„Der Barbier von Sevilla" und„Die Hochzeit des Figaro," wie durch Mozarts und Rossini's gleichnamige Opern ver- herrlichtcn. Beinahe wäre sogar Napoleon I. unter dem Beinamen „Barbier von Sevilla" auf die Nachivelt gekommen. Bei der Ein- nähme Sevilla's äußerte er zu seinem Marschall:„Ich werde die Stadt rasiren lassen."„Das werden Sie nicht tun, Sir," erwiderte der An- geredete,„man würde sonst sagen, Sie seien der Barbier von Sevilla," ivorauf das Vorhaben unterblieb. Indessen kann auch die gegenteilige Ansicht, welche den Bart ungeschoren lassen will, manches für sich an- führe». Sie kann namentlich sagen, es sei ungalant gegen die Dame Natur, ihr Geschenk zu verachten und ihr vor die Fuße zu werfen. Zwar müsse man sich alsdann auch konsequenterwcise die Nägel wachsen lassen, wie weiland Nebukadnezar, der Selbstherrscher aller Babylonier, der sieben Jahre nichts als Gras gegessen hat. Offenbar war Seine Majestät der Erfinder des Vegetarianismus und ein Schwärmer für die unkultivirte Natur ä la, Jean Jacques(warum soll nicht auch ein orientalischer König einen genialen Einfall haben können, da er doch in der Regel mehr Zeit dazu hat als andere Leute); die schon damals verjudete Presse aber, namentlich der Verfasser des feuillctonistischen Buches Daniel, verdrehte die Sache und stellte sie dar, als ob die ba- bylonische Majestät zur Strafe für ihre antisemitischen Sünden sieben Jahre lang zur Bestie geworden wäre. Aehnlich fabelt ja auch der Talmud von einer Mücke, die in das Gehirn des amor ac deliciae generis liumani*), des Zerstörers Jerusalems, gekrochen wäre, und so lang daran gepickt hätte, bis der arme Eäsar nicht einmal soviel Hirn mehr hatte, als ein altröinischer Kaiser vonnöten hatte, um leben zu können.(Schluß folgt.) Unsere Illustrationen. Im Vorzimmer des Arztes.(Illustration S. 41.) Was dem armen Jungen mit dem verbundenen Gesicht fehlt, wissen wir nicht. Er kann Zahnschmerzen haben; es kann aber auch eine rheumatische Anschwellung seiner Backe sein. Jedenfalls sind seine Schmerzen nicht gering und die Mutter hat umsonst alle Hausmittelchen angewendet, um ihm zu Helsen; die Schmerzen sind nur noch heftiger geworden. Da hat man sich denn entschlossen, nach der nahen Stadt— denn unser junger Patient ist der Sohn eines wohlhabenden Dorfbewohners— zu gehen und einen als geschickt bekannten„Herrn Doktor" um Hilfe zu ersuchen. Da sich der junge Georg noch nicht recht zu benehmen weiß, so wird seine Schwester Grete mitgeschickt, die eben konfirmirt worden ist und die man den„großen Leuten" beizuzählen beginnt. Da sind sie nun im Vorzimmer des Arztes angelangt und warten, bis sie zu dem Herrn Doktor in sein Empfangzimmer gerufen werden. Der kranke Georg sieht sich verwundert um, denn alles kommt ihm neu und un- gemein prachtvoll vor. Namentlich der große Kakadu zieht die ganze Aufmerksamkeit des Knaben auf sich; auf dem Dorfe bekommt er solch einen Vogel freilich nicht zu sehen. Ucbcr der Bewundernng des Pracht- vollen Gefieders des Vogels vergißt er auf einen Moment seine Schmer- zen; hoffentlich kommt bald der Herr Doktor und verschafft ihm Lin- derung. Wir wünschen sie ihm von Herzen. W. B. Streit bei, Teufels Gebetbuch'.(Illustration S. 49.) Das leidige Kartenspiel, das man„Teufels Gebetbuch" nennt,— wie viel Unheil hat es nicht schon angerichtet. So auch in unserm Falle; ein heftiger Streit ist entstanden zwischen zwei baumlangen und baumstarken Holz- Hauern im oberbaierischen Gebirge. Beide sehen recht verwegen aus, und man wird nicht fehl gehen, wenn man annimmt, daß sie beide nicht nur Holz schlagen, sondern auch Nachts zuweilen mit dem Stuzen ausziehen, um sich etwaS zu schießen von dem,„was da kreucht und fleucht". Run sind sie mit einander in Streit geraten; natürlich be- schuldigen sie einander, betrogen zu haben. Das kann schon sein, und der eine hat wütend die Karten weggeworfen und den Stuhl erfaßt. Das ist nämlich die Haltung der Kampfbereitschaft: in solch einem Falle wird der Stuhl zu Boden geschmettert, daß ein Bein abspringt, und mit dieser improvisirten Waffe wird auf den Gegner losgedroschen. Die Schädel sind in jenen Gegenden vielfach sehr hart; vielleicht hat die Natur in ihrer bekannten„Zweckmäßigkeit" dies so eingerichtet, damit der Schaden bei Schlägereien nicht gar so groß wird. Das Wirtstöchterlein läßt ihr Spinnrad still stehen und blickt neugierig drein; sie ist wohl auch an solche Szenen gewöhnt. Der dicke gut- mütige Wirt sucht umsonst, zu versöhnen, indem er den Streitenden den vollen Maßkrug hinhält; der Bauer, der vorn am Tische sizt, scheint zu wissen, dag eine Katastrophe nunmehr unvermeidlich ist, denn er sieht resignirt vor sich hin. In der Tat wird hier nicht gut Frieden Ultimi gesagl •)„Liebe and Wonne de! Menschengeschlechti" wurde Titus von Schmeichlern ge- Iii. Er soll an jedem Abend eines Tages, an dem er leine gute Tai ausgeübt, gl haben: Den Tag Hab' ich verloren(dicm perdidl). 52 zu stiften sein, denn der eine der Streitende» scheint furchtbar erregt zu sein, der andere in der Ecke aber ist ein gar unheimlicher Gesell, der nicht leicht nachgibt, voll Tücke und Brutalität, einer von denen, die am Kirchweihabend zu sagen pflegen:„Mir is nil wohl; i hob no nit g'raaft!"(Ich habe noch nicht gerauft.) Es wird also demnächst Hiebe sezen, und wer den härtesten Schädel hat, kommt am besten davon, den» kunstgerecht wird mit den Stuhlbeinen nicht gcfochten. Und das alles um ein Kartenspiel! Nun, wir sind keine solchen Philister, das; wir, wie andere, das halbe Unheil der Menschheit aus dem Kartenspiel herleiten wollten; zweifellos ist aber, das; allzuvieles Kartenspielen eine versimpelnde Wirkung ausüben muß. Wie soll es in dem Gehirn eines Menschen aussehen, der einen halben Tag„Schasskops" oder „Sechsundsechzig" gespielt hat? Was die durch Kartenspiel erregten Streitigkeiten betrifft, so kann man sagen, daß bei jedem Spiel leicht Streitigkeiten entstehen; es komnit eben auf das Temperament der Spielenden an. Die obcrbaierische ländliche und Gebirgsbevölkerung aber ist zu solchen Streitigkeiten ganz besonders veranlagt; sie sind außerordentlich häufig und der geringste Anlaß Onügt, sie hcrvorzu- rufen. Die Messeraffären jener Gegend sind bekannt und berüchtigt, und kommen namentlich auf dem Tanzboden vor. Man mag diese besonder» Eigenschaften jener Bevölkerung als Naturwüchsigkeitcn ausfassen und sagen, jede Kraft wolle sich austoben. Wir sehen nur nicht ein, daß das AuStoben gerade in dieser rohen Weise geschehen muß; es gibt körperliche Ucbungen genug, bei denen der einzelne seine Kraft betätigen kann, ohne andere an der Gesundheit oder gar am Leben zu schädigen. W. ü. Eine elektrische Tischlampe ist schon lange der Wunsch vieler, die mit den Leistungen der gebräuchlichsten Belenchtungsapparate nicht mehr zufrieden sind oder doch gern möglichst rasch mit den wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften unserer damit so gesegneten Zeit fort- schreiten wollen. Indessen war das Problem der Konstruktion einer solchen Lampe zwar in der Teorie leicht gelöst: nian wußte sogar, wieviel ungesähr die elektrische Beleuchtung im Familienhaushalt pro Stunde und Kerzenstärke kosten würde, aber fand dennoch ein sehr tvider- standskräftiges Hindernis immer noch an der Schwiegerkcit, eine einfache und billige, ausschließlich für den Hausbedarf anwendbare Quelle der elektrischen Kraft herzustellen, also einen kleinen, leicht transportablen Apparat, der die von der Lampe zu konsu- mirende Elektrizität selbsttätig erzengt. Sowie heutzutage die Gasbeleuchtung eingerichtet ist, hätte man schon längst die elektrische Bcleuch- tnng in die Haushaltungen einführen können, aber dazu gehörten riesige, ungemein kost- spielige Anlagen, die am besten aus Gemeinde- oder Staatsmitteln, höchstens von sehr bc- mittelten Privaten hätten geschaffen iverden können. In Amerika ist man auch sogleich an die Ausführung solcher Etablissements zur Versorgung ganzer Städte mit Elektrizität gegangen und hat riesige, weitverzweigte Leilungsnczc hergestellt, welche überallhin, wo sie gebraucht wird, die wunderbare Kraft vermitteln. In Europa ist man langsamer mit der Ausführung solch gewaltiger Ein- richtnngen. Und wir würden wahrscheinlich noch sehr lange auf das siegreiche Eindringen der elektrischen Beleuchtung in unsere Arbeits- oder Familicnzimmcr warten können, wenn nicht der nie rastende Ersindungsgeist die elektrische Lampe der Abhängigkeit von einer großen Zcntralquellc der Elektrizität zu über- heben vermöchte. Versuche nach dieser Rich- tnng hin sind viele schon gemacht worden, — mehr oder minder gelungene; zu den gelungensten scheint uns die durch beistehende Illustration dargestellte Lampe zu gehören, welche von I. Mimro zu Cropdon in Eng- land konstruirt worden ist. Als Lichtguellc dient cstte Glühlampe, nach dem System Edisons, welche sür diesen Zweck am besten geeignet ist, indem sie wenig Wärme aus- strahlt und ein sehr stetiges Licht gibt. Um das Auge vor dem blendenden Licht zu schüzen, ist die Lauive mit einem grünen Schirm versehen, oder es wird ein Ring aus mattem Glas angewendet, welcher die Glllhlichtlampe wie ein Kragen bis zur Höhe des glühenden Kohlenfadens umgibt. Wie beide Figuren darstellen, besteht dieLampe aus einem kastenartigcn Fuß � aus Mahagoni- oder andern; Holz, welche mit zwei Handhaben versehen ist. Dieser ca. fl Centimeter hohe Kasten enthält sieben galvanische Elemente, welche dc< zur Speisung der Lampe nötigen elektrischen Strom liesern. Aus de«} Kasten erhebt sich der verzierte Bronzeständer L, welcher die Lam» trägt. Tie galvanischen Elemente bestehen aus einen; sechseckigen aul Kohlenplattcn hergestellten Gesäß C, worin ein poröser Tonzylinder Ä steht, welcher die Zinkstange Z enthält. Die erregende Flüssigkeit b« steht aus einer besonder» nicht dampfenden Flüssigkeit, über deren Roiwqj der Erfinder sich nicht ausspricht. Die ans sieben solchen Elements gebildete Batterie hält sechs Stunden lang aus, ohne einer frisch« Füllung zu bedürfen. Das damit erzeugte Licht soll eine Lenchlkras von sieben Kerzen besizen und ca. achtzehn Pfennige kosten. Ueber d« Preis der genannten Lampe haben wir leider keine Angabe vorgej sunden. xz. Sinnsprüche. Genuß liegt im Kampf nur, im Tatendrang, Bei dem sich die Kräfte steigern; Mir mundet der süßeste Kuß nur so lang, Als ihn trozige Lippen vcnveigcrn. *** Bist mit dem Glauben du gesegnet An Menschen, gib ihn nicht verloren, Wenn unter einer Heerde Toren Dir auch einmal ein Schuft begegnet. *** Willst du kommen in die Mode, Mach' dich geltend, sei nicht faul! Denn öffnest du nicht selbst das Maul, Die andern schweigen dich zu Tode. Leutliold. Ratse(.*) Er ist so stark, daß ihn kein Herr regieren, Kein Fürst ihn scheuchen kann von seinem Tron, Und doch kann leicht ein Wörtchen ihn genircn, Vor dem Gedanken oft entweicht er schon. Fest ist er oft. daß er selbst Ungewittern Und wilden Stürmen leistet Widerstand, Daß ihn Kanonenschüsse selbst nicht mehr erschüttern, Als Eisenpanzer, bombardirt mit Sand. Ein Zaubrer ist er auch,— sein seltsam Walten Wirst Königreiche Bettlern in den Schoß; Mit allem, was da ist, vermag er kühn zu schalten, Als wären Welt und Menschen eitel Spielwerk blos. Der Zaubrer ist dein Freund,— vielleicht sollt' ich'S verschweiget O schöne Leserin,— oft hat er dich geküßt; Man sah ihn o>t sich nächtlich zn dir neigen, Unglücklich wärest du, wenn du ihn missen müßt. H a n S Gefärbt. Reha S. •) Wir wcrdm von nun an dtc Ramm der glücklichen Loser der Rätsel � Rebusse veröffentlichen. Inhalt: Die Alten und die Neuen. Roman von M. Kautsky.(Fortsezung.)— Im nordischen Eis. Von Wilhelm Blos. Illustrationen.)— Sprachbewußtsein und Lautmindcrung. Von August Mühlhausen.— Proben deutscher Polkspoesie der Gegenwart: I. � glatten Wogen. Von Louise Reindl.— II. Wodans Heer. Bon Wilh. Beißer. Moderne Schicksale. Novelle von Carl Görliß. lFortsezu»! — Der Bau des menschlichen Körpers. Eine anatomisch-physiologische Skizze von Bruno Geiser.(Fortsezung.)— Der Bart. Humoreske von 3- e' — Unsere Illustrationen: Im Vorzimmer des Arztes.— Streit bei, Teufels Gebetbuch'.— Eine elektrische Tischlampe.'— Sinnsprüche.� Rätsel.— Rebus.— Aerztlichcr Ratgeber.— Redaktionskorrespondenz.— Gemcinniiziges.— MannichfaltigeS.— Hnmoristisches-— � lesnngen der Universität Göttingen im Winterhalbjahr 1833/84.