en 期 pe 114 P De en ent aft est Je ech ti Dit ให้ ett № 3. Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint alle 14 Tage in Heften à 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Postämter zu beziehen. 3. Kapitel. Die Alten und die Neuen. Roman von M. Kautsky. An dem einsamen Ufer, an dem die Villa des Gelehrten sich erhob, war es träumerisch stille. Ein sanfter Wind kam über den See herüber und führte den Duft der Alpenkräuter mit sich, die in üppiger Fülle und Mannigfaltigkeit die Felsen überwucherten. Die Sonne stand jezt am Rande des Salzberges, und ehe sie dahintersank, vergoldete sie mit ihrem glühendsten Licht die schroffen Wände, an denen einige Ziegen herumkletterten. Sie meckerten voll Behagen und suchten sich die saftigsten Sprossen aus, in ihrem Uebermut oft nur die jüngsten Triebe benagend. Eine lichte schlanke Mädchengestalt in einem furzen faltigen Gewande, das wie ein griechisches Kleid sie umfloß, und nur von einem Gürtel gehalten war, tauchte zwischen den Felsblöcken auf und schritt behende, fast im Laufe, die Anhöhe hinan. Hals und Arme trug sie frei, sie waren von der Luft gebräunt, in der Hand hielt sie einen Strauß von langgeſtielten Blumen und sie schien nach andern gleichartigen sich umzusehen. Ihr kleiner Kopf mit den reichen goldblonden Haaren war von einem Hut beschattet, den sie nun mit der Hand zurückschob. Jede ihrer Bewegungen war von jener natürlichen Anmut, die eine vernünftige naturgemäße Entwicklung des Körpers' fast immer begleitet, und von jener ausdrucksvollen Lebhaftigkeit, die Geist und ein kräftiges Wollen bekunden. Kluge dunkle Augen guckten aus dem feinen Gefichtchen, die schon zu beobachten, zu ver gleichen gewohnt waren. Wie froh und frei und glücklich blickten diese Augen! In Elsa war jener gesunde Egoismus nicht unterdrückt worden, der nach Glückseligkeit verlangt, ja diese als sein Recht begehrt. Sie fand diesen Trieb in allen Organismen wieder, fand alles davon durchdrungen, was Leben hat, und so erkannte sie überall dieselben wirkenden waltenden Kräfte und alles sprach daher zu ihrem Gefühl, zu ihrem Herzen. Von überweltlichen Wesen und Dingen wußte sie nichts. Sie wußte nichts von einer Unsterblichkeit der Seele, sie glaubte nicht an den Himmel der Seligen, aber auch die Hölle, wo die Verdammten die ewige Marter erwartet, brauchte sie nicht zu beunruhigen. 1884. [ 1883] ( 2. Fortsezung.) Die reine Naturanschauung, für die ihr Vater ihr die Augen geöffnet, ließ ihr die Welt in den heitersten Farben erscheinen. Durch ihre empirische Denkweise, dadurch, daß sie alles als die Wirkungen von vorhergehenden Ursachen zu sehen gewohnt war, hatte sie viel beobachtet und überdacht, was andere Kinder als etwas von Ewigkeit Geschaffenes niemals zum Nachdenken angeregt hatte, und so waren ihre Verstandeskräfte ungemein wach und ausgebildet, während sie wieder in Beziehungen des sozialen Lebens, im Hinblick auf Beremonien und Gebräuche, unwissender war als ein Kind. Ihre Levensverhältnisse waren eben ganz eigentümliche gewesen. Mit In England geboren, hatte sie mit ihren Eltern bis nach ihrem vollendeten elften Jahre den stillen Landsiz in Wales bewohnt. Nach dem Tode der Mutter war sie mit ihrem Vater und der alten Gerta nach dem Kontinent gekommen. Sie verweilten nur kurze Zeit in Deutschland und hatten dann in Süditalien und Algier dauernden Aufenthalt genommen. ihrem Deutsch und Englisch konnte sie sich da nur wenigen verständlich machen, und so war sie stets in ihrem Umgang auf diejenigen angewiesen geblieben, die ihr Vater selbst dafür bestimmt hatte. Aber alle betrachteten das schöne fromme Kind mit den Augen den Wohlwollens, und dieses empfing die stummen sympatischen Kundgebungen voll Freude und Vertrauen und erwiderte sie auf das lebhafteste.( Mit vierzehn Jahren war sie hierher in die Villa am See gekommen, und es war nun schon der zweite Sommer, den sie mit ihrem Vater hier zubrachte. Aber auch hier war ihr Verkehr mit den Leuten im Orte ein beschränkter geblieben; nur mühsam konnte sie sich in den Gebirgsdialekt finden und ihn verstehen. Hier lernte sie auch zum erstenmal die Armut kennen. Sie vermochte es erst nicht zu begreifen, daß diese Leute, die so fleißig arbeiteten und so herzensgut waren, weniger glücklich sein sollten, als andere, als sie selbst zum Beispiel. Sie wollte allen geben, allen helfen. Als ihr Vater ihr gesagt, daß ein einzelner nicht vermöge, diesen Zuständen abzuhelfen, daß das und noch manches andere Uebel in der Beschaffenheit der heutigen Gesellschaft liege, und Nr. 3. 1884. daß diese vor der Hand nicht geändert werden könne, daß man damit warten müsse, bis die Menschen klüger und besser würden, bis die fortschreitende Zivilisation diese Aenderung herbeiführen würde, da zeigte sie sich ernstlich betrübt. Es war der erste Kummer, der diese junge Seele beschlich. Seitdem war eine heftige Neugier erwacht, die Menschen näher kennen zu lernen, und dieser Trieb des nun sechzehnjährigen Mädchens steigerte sich oft bis zu einer kaum zu bezwingenden Sehnsucht.- Sie war hech heraufgeklettert und zu einem Punkt gekommen, der die weiteste Aussicht über den See gewährt. Sie bückte sich jezt um eine Blume zu brechen, und ein Augenblick weilte ihr sinnender Blick auf den schönen vollen Kelchen, die den langen schlanken Stiel beschwerten, der troz dieser Last so aufrecht bleibt, so gerade und stramm dem Licht entgegenwächst, und dadurch einen Beweis von Energie und Kraft gibt, den Elsa, in ihrem Verständnis für solche Erscheinungen stets bewundert hatte. Heute vermochte sie das Problem nicht zu fesseln. Ihr Blick wendete sich von den Blumen hinweg dem jenseitigen Ufer zu. Dort standen die Hütten, und darin wohnten Menschen, denkende, fühlende Geschöpfe wie sie selbst, und darunter junge Herzen, die eben so unruhig pochten wie das ihre. Sie legte die eine Hand vor die Augen, um sich vor der Sonne zu schirmen, und den Körper leicht vorwärts beugend horchte sie hinaus. Eine webende Stille umfing sie; lautlos tanzten die Mücken im Sonnenschein. Von drüben mußte jeder Ton über den See zu ihr herüber dringen. Die Schallwellen, durch nichts gehemmt, pflanzten sich in ungeminderter Stärke fort, sie sollten ihr Kunde bringen von dem Leben und Treiben der Menschen. Es blieb alles ruhig. Nur in weiter Ferne plätscherte ein Ruder im See. Ein leichter Seufzer schwellte die Brust der Einsamen. Es war ein Seufzer der Unschuld und doch eines heißen sehnsüchtigen Verlangens. Dahorch ein Ruf! Eine Melodie schließt sich daran. So schlicht, in einigen Tönen nur bewegt sie sich, aber die Stimme flingt voll und rein. Ein heller Schimmer der Freude erglänzt in ihren Augen; sie springt abwärts, wie eine Gemse, von Stein zu Stein, und das Geröll rollt unter ihrem flüchtigen Fuß hinweg. Jezt ist sie mit dem Dach der Villa in gleicher Höhe und sie blickt nach dem Ladungsplaz hinab. Dort liegt ein Boot, aber der damit gekommen, ist ausgestiegen. Sie hat ihn nach der Stimme erkannt, es ist Georg. Hat er nicht auch ihre kleine Freundin, die Evi mitgebracht? Sie duzen sich seit kurzem, und Elsa ist ganz glücklich, wenn sie sie bei Hand halten und mit ihr plaudern kann, während Georgs unbeholfene Schüchternheit ihr nicht Stand hält. Auch heute hat er gewiß sofort den Vater aufgesucht sicht ihn nirgends. 54 " Ja, und er ist ohne zu fragen, ob wir ihn auch empfangen wollen, gleich zum Vater hinaufgestiegen." ,, Gerta, da sieh, ich streue dir Blumen aufs Haupt; du bist so lieb und tust sie ins Wasser, ich habe keine Zeit dazu." Sie warf all' die langstieligen Glocken hinunter und dann den denkbar kürzesten Weg erwählend, ergriff sie mit beiden Händen die Brüstung und schwang sich mit knabenhafter Behendigkeit und Kraft über dieselbe hinweg. Sie schien diese Voltige schon öfters ausgeführt zu haben, denn Frau Gerta, die ihr zugesehen, alterirte sich keineswegs darüber. Elsa lief die Gallerie entlang und trat durch die offene Tür inmitten der Façade in das große Wohnzimmer ein, das mit einem gewissen Luxus ausgestattet war. Rechts davon befanden sich ihre eignen beiden Appartements, links führte eine, nur durch eine Portiere geschlossene Tür in das Arbeitszimmer ihres Vaters. Der Eintritt in dasselbe ist ihr nie gewehrt. Sie löst den Hut von ihrem Haupte und wirft ihn bei Seite, dann wendet sie sich der Türe zu. Schon im Begriff, die Schwelle zu überschreiten, hält sie betroffen inne. Das ist nicht Georgs Stimme, es ist nicht seine schüchterne Art sich auszudrücken. Sie vernimmt eine fraftvolle gewandte Sprache, wie ihr Vater sie führt; dabei klingt der Ton so weich, die Laute rein und deutlich. Niemand hier zu Lande spricht so, ja es däuchte ihr, als hätte sie ein so jugendlich schönes Organ noch nie gehört. In hastiger Mädchenneugier steckt sie den Kopf vor und entsendet einen spähenden Blick hinter dem Vorhange hervor. Sie sieht den Vater in seinem Lehnsessel am Schreibtisch fizen. Er wendet ihr den Rücken zu und seine noch immer breiten Schultern, der mächtige Kopf mit der silberweißen Mähne, die ihn umflattert, verbergen ihr denjenigen, der seitwärts vom Schreibtisch plaz genommen. Rasch beugt sie sich noch weiter vor, und jezt sieht sie in das Antliz eines jungen Mannes und bleibt daran hangen. Im Schauen verloren, von einem eigenartigen Gefühl durchzittert, hört sie seine Worte ohne ihren Sinn zu fassen. Aber in dem Maße, als er lebhafter wird und sein ausdrucksvolles Auge die Gefühle seines Innern wiederspiegelt, wird ihr alles deutlicher, sie bleibt wie gebannt an ihrem Lauscherplaz und horcht gespannt, ja atemlos. " Sie billigen also meinen Plan, Herr Barr, Wien zu ver lassen und meine weiteren Studien im Auslande zu machen?" " Durchaus, Arnold, Sie werden die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse anderer Staaten studiren und die Kul turzustände und Bedürfnisse anderer Nationen kennen lernen. Ihr Urteil über die Zustände im eigenen Lande wird dadurch sie geschärft und Sie werden dadurch jenen weiten Blick, jene Voraussicht erlangen, die allein befähigt, in die geistige Arbeit der Menschheit, in die Zeitbewegung werftätig einzugreifen." „ Sie haben uns für diese Bewegung neue Gesichtspunkte erschlossen und neue Hilfsmittel gegeben." Sie legt ihre Blumen auf die Brüstung der Holzgallerie, die das Haus von allen Seiten umgibt und sich hier, in dem äußersten Winkel, an einen vorspringenden Felsblock anlehnt. Die Rückseite des Hauses steht frei; da die Felswand hier etwas zurückweicht, war eine Art Hofraum entstanden, in den die Küchentür mündet, und von welchem eine von außen angebrachte hölzerne Treppe nach dem ersten Stock hinaufführt. An diesen immer fühlen Ort pflegte Frau Gerta, die Haushälterin, an heißen Sommertagen zu ſizen und zu stricken, und dazwischen einen alten Kater zu streicheln. Auf Aussicht legte sie keinen Wert, sie behauptete die Gegend schon zu kennen; nur hie und da sah sie nach dem kleinen Streifen des blauen Firmaments, der sich ihr zeigte, aber auch hier leitete sie mehr ein meteorologisches als andächtiges Interesse; der Philosoph Barr hatte auch seiner Dienerin den Himmel der frommen Seelen entfremdet. Als sie nun wieder ihren Blick nach oben wandte, begegnete sie den lachenden Augen Elsas, die auf sie herabsahen. " Ist Besuch gekommen, Gerta?" Barr neigte sinnend das Haupt. „ Mein junger Freund, wir stehen hier am Anfange. Wir sind weit vorgeschritten in abstrakten Teorien, weit in Philosophie und in all den Wissenschaften, die die Erforschung des Ver gangenen sich zur Aufgabe gesezt, aber auf politischem und nationalökonomischem Gebiet ist unser Wissen noch ein geringes." „ Und doch liegt auf diesem Gebiet alles Neue, alles Wer dende, alles was auf die gesellschaftlichen Verhältnisse und das Geschick der Völker von Einfluß ist." " „ Es wird der Gegenstand ernster Studien sein, und Sie Herr Arnold werden zu denen gehören, die diese neuen Wahr heiten vertiefen und erläutern." „ Ich möchte es, aber ich verzweifle oft an meinen geringen Fähigkeiten." „ Sie sind begabt und Sie treibt fein selbstisches Interesse;" Barr legte mit einem Gemisch von Güte und Milde seine weiße schlanke Hand über die gebräunte des Jüngern;„ ich kenne Sie genau Arnold, es lebt in Ihnen, gleichsam als eine Grundleidenschaft ihres Wesens, etwas von dem Gemeinsinn, den unsere heidnischen Altvorderen dereinst besessen haben und der nun zugleich mit einer neuen Weltanschauung wieder auftaucht." " Weil diese neue Weltanschauung in diesem Gemeinsinn wurzelt," rief Arnold lebhaft; sie ist die Erkenntnis, daß der Mensch selbstbestimmend in sein Leben eingreift, aber daß nur durch ein Zusammenwirken aller Kräfte jene notwendigen Verbesserungen und Bedingungen gesellschaftlichen Lebens bewirkt werden können, und daß nur die also verbündete Menschheit den Kampf aufnehmen kann, gegen ihren einzigen aber gewaltigen Feind, gegen die Natur." " Und diese neue Weltanschauung wird, wie alle neuen Ideen ihre Märtyrer haben," sagte Barr mit einem ernsten Lächeln; " doch keiner von uns wird von dieser Bühne abtreten, ohne ein Stück Arbeit geleistet zu haben; es ist nur zu bedauern, daß bei dieser Arbeit so wenige durchaus unabhängig und frei sind." " Ich werde es sein," versezte Arnold mit Bestimmtheit. Barr legte den Kopf in die aufgeſtüzte Hand und ernst und ruhig sah er in das erregte Gesicht des Jüngern. " Täuschen Sie Sich hier nicht, Arnold. Geist und Karakter machen unter unsern gegenwärtigen Verhältnissen einen Menschen nicht frei, es ist nur das Geld, es ist nur die bevorzugte Stellung." „ Es wird nicht an dem einen und nicht an dem andern fehlen; mein Vater wird dafür sorgen." " Der Mann, den Sie Vater nennen, besizt allerdings ein bedeutendes Vermögen und er nimmt in der Gesellschaft einen ersten Rang ein, aber Sie sind nicht sein legitimer Sohn." „ Er hat keinen andern und er wird kaum jemals ein legitimes Kind haben, denn seine Gattin kränkelt und die Aerzte geben ihr keine Hoffnung auf Nachkommenschaft." " Wenn auch; nach unserem bürgerlichen Gesezbuch besizt ein Bater nicht das Recht, sein außereheliches Kind zu adoptiren und ihm sein Vermögen zu hinterlassen." adoptiren. " So ist es, aber diese unnatürlichen Bestimmungen des altrömischen Rechts, die es einem Manne verbieten, seinem Erzeugten seinen Namen zu geben, erkennen ihm gleichwohl das Recht zu, mit seinem fünfzigsten Jahre jedes fremde Kind zu Mein Vater hat dies Alter noch nicht erreicht, ja ich glaube, es fehlen ihm noch mehrere Jahre dazu, aber sobald er es erreicht hat, wird er, indem er mich verleugnet, meine Adoption durchsezen. Ich bin außer seinem Hause erzogen, ich trage den Namen meiner Mutter, und man wird seine Vaterschaft nicht beweisen können." 55 Treue fürs ganze Leben. Aus Marie Lefebres Briefen leuchtet anfänglich ein so stillverschämtes Glück, ein so unschuldiges Vertrauen, das aber alsbald zu einer heißen Leidenschaftlichkeit sich steigert. Sie liebt ihn mit Fanatismus. Er wollte ihr alles sein, und er ist ihr alles geworden; er durfte fordern, und so ist's denn gekommen, daß ihr zu geben nichts mehr übrig blieb." Arnolds Stimme flang eigentümlich bewegt, als er nach einer Pause fortfuhr:„ Wer wünschte nicht so geliebt zu werden, und nur so erscheint mir die Liebe des Weibes in ihrer ganzen Hingebung und Größe. Aber der Mann, dem ein solches Glück zuteil geworden, hat eine große Schuld übernommen, die er nur dann abtragen kann, wenn er das Wesen, das eins mit ihm geworden, mehr liebt als sich selbst. Mein Vater mußte diese Verpflichtung gefühlt haben, und als sie ihm anvertraute, daß sie sich Wutter fühle, erneuert er seine Versprechungen, sie auch vor der Welt zu seiner Gattin zu machen, sobald er majokenn geworden und imstande sein werde, eigenwillige Verfügungen zu treffen. Leider machte ein Befehl seines Vaters zu der Zeit seine Entfernung nötig, und so mußte er sich von seinem Weibe trennen." " Marie Lefebre wohnte damals mit ihrer Mutter zusammen, die Sprachlektionen erteilte, und Baron Reintal war der Schüler der lezteren gewesen?" fragte Barr. " Ja, aber meine Großmutter hatte dies Verhältnis niemals begünstigt. Aus den Briefen geht hervor, wie zwischen den Liebenden alles heimlich verabredet wurde, und das Verhältnis ist ohne ihr Wissen eingeleitet und, wie es scheint, gegen ihren Willen fortgesezt worden. Auch in den Briefen, die meine arme Mutter jezt an den fernen Geliebten richtet, und um ihn weint, flagt sie wiederholt über die Härte der Ihrigen. Das arme junge Herz muß damals unsäglich gelitten haben, und sie beschloß in Schmerzen und Tränen ihr kurzes Leben- sie ist bei meiner Geburt gestorben." Arnold schwieg. Ein Seufzer stieg über seine Lippen. Elsa stand noch immer an der Tür, unbeweglich, wie unter einem Banne. Ihr Herz klopfte, ihre Wangen brannten. Jedes seiner Worte war ihr bis in die Scele gedrungen, sie brachten ihr die Offenbarung einer Liebe, die sie noch nicht gekannt. Und er hatte von dem hohen Glück gesprochen, das sie den Menschen bringt, und sie hing an seinen Lippen, an seinen Augen, wie er das sagte, und sie glaubte an dies Glück. Auch Barr hatte eine Weile geschwiegen, jezt fragte er voll ernsten Interesses:„ Und wie benahm sich hierauf Ihr Vater?" ,, Ueber den Vorgängen aus jener Zeit schwebt ein geheimnisvolles Dunkel, das ich bisher nicht zu lichten vermochte. Das Datum der Briefe Baron Reinthals reicht nicht bis zu jener Zeit, wo die Niederkunst erwartet wurde, und ich weiß auch nicht, wie er die Nachricht, daß ihm ein Sohn geboren und die Mutter in Lebensgefahr schwebe, entgegengenommen Barr lächelt.„ Und unzähligemal wird man dem Gesez in dieser Weise eine Nase gedreht haben, aber bei Leuten von Rang und Titel dürfte dies doch nicht so leicht sein, und die Uebertragung der freiherrlichen Krone auf einen bürgerlichen hatte. Doktor von seiner besondern Gnade abhängen." " Baron Reinthal hofft auch diese zu erhalten. Ich selbst ſtrebe nicht darnach, ich wünsche es nicht einmal, ich wäre dann vielleicht durch Rücksichten gebunden; was ich allein wünsche ist, daß mein Vater mir die Mittel an die Hand gäbe, mich unab hängig zu machen. Er wird dies tun, denn" - seine Stimme ſant Lächeln umzuckte seinen Mund gegenüber." ,, er hat viel gut zu machen mir Barr ergriff in liebevoller Teilnahme abermals Arnolds der ein junges, unerfahrenes Mädchen verführt hat." Sand.„ Die alte Geſchichte, nicht wahr, Arnold? ein Kavalier, Ich wußte in den Tagen meiner Kindheit nichts von Ich blieb bei der Großmutter und die sprach mir nie von meinem Vater, sie nannte mir nicht einmal seinen Namen. Als ich älter wurde und diesbezügliche Fragen an sie stellte, sezte sie ihnen einen finstern Blick und ein hartnäckiges Schweigen entgegen. Auch über die lezten Tage meiner Mutter erfuhr ich nichts, und als ich später meinen Väter kennen lernte und Aufklärungen von ihm begehrte, bat auch er mich, ihn nicht an eine Zeit zu erinnern, die den bittersten Schmerz seines Lebens in sich schließe. Es mochte ihn wohl manches bedrücken, und seis auch nur der Kummer, daß er ihr sein Versprechen nicht halten, ihr nicht die Liebe zurückzahlen konnte, die sie ihm geweiht bis zu ihrem lezten Atemzuge. Er ist tief in ihrer Schuld geblieben. Ich vermag das Verhalten meines Vaters nicht genau zu Kind im Stich gelassen, daß er sich jeder Sorge dafür entäußern von zwei ganz jungen Leuten ein echter Herzensbund geschlossen beurteilen, aber ich fann und will nicht glauben, daß er sein Dieser schüttelte den Kopf.„ Nicht so ganz. Es war hier worden. Die Briefe, die sie miteinander gewechselt, sind in von einem wahrhaft bestrickenden Zauber. Boll Glut, ermangelt nicht ausliefern wollte, da sie den Mann haßte, den sie als meinem Besiz, und sie bezeugen es. Seine Sprache darin ist wolite; ich vermute vielmehr, daß meine Großmutter mich ihm seine Zärtlichkeit doch nicht der Ehrfurcht, und der damals erst die, wenn auch nur indirekte Ursache des Todes ihrer Tochter Zwanzigjährige schwört dem Mädchen seiner Wahl Liebe und angesehen hat; kam es mir doch oft vor, als haßte sie auch mich. Es war viel Leidenschaft und Stolz in dieser alten Frau, und das Elend, die immer zunehmende Dürftigkeit, in der wir lebten, hat diesen nicht niederbeugen können. So hat sie denn auch jede Hilfe, jede Unterſtüzung des Vaters zurückgewiesen. Endlich begann sie zu kränkeln. Es war bisher ihre Absicht gewesen, mich studiren zu lassen; ich sollte Jurist werden, ich sollte die Geseze kennen lernen, um mich jeder Ungerechtig keit erwehren zu können; die gute alte Frau, sie wußte wohl nicht, daß diese selbst so viele Ungerechtigkeit enthalten. Nun aber, wo sie so mühselig verdiente, und uns kaum das Leben zu fristen vermochte, mußte sie diese Lieblingsidee aufgeben. Ich trat aus der Schule und kam zu einem Tischler in die Lehre. Noch ein Jahr trug sie all die Mühsal des Lebens, dann waren ihre Kräfte aufgebraucht. Jezt erst, ich war fünfzehn Jahr alt geworden, hatte sie mir jene Briefe eingehändigt, die mir einigen Aufschluß über meine Eltern brachten und mir die hochherzige Gesinnung, die Reinheit meiner Mutter verbürgten. Sie wurden mir dadurch zu einem köstlichen Vermächtnis. Eine heiße sehnsüchtige Zärtlichkeit brannte damals in meinem Herzen auf. Zum erstenmal beweinte ich den Tod meiner Mutter, und zum erstenmal fühlte ich das Bedürfnis, geliebt zu werden und wieder zu lieben. Aber eine Sterbende streckte mir ihre eisige Hand entgegen, und so sollte ich denn bald ganz verlassen sein. So mochte es wohl gekommen sein, daß den armen Burschen, der in der weiten Welt niemanden hatte, den er lieben durfte, jene große Liebe für die Allgemeinheit erfaßte, und daß derjenige, der selbst bitter von der Armut litt, die Armen und Unterdrückten so fest an sein Herz schloß." „ Und Ihre Großmutter starb, ohne den Baron wiedergesehen zu haben?" " „ Es war einige Stunden vor ihrem Tode, da ließ sie mich plözlich aus der Werkstatt holen. Als ich an ihr Bett trat, zog sie mich an sich und füßte mich. Ich bemerkte Spuren von Tränen an den fahlen eingefallenen Wangen und ihr Körper bebte wie vor innerer Erregung. Arno, sagte sie, ich habe soeben das Schwerste für dich getan, was ich mir auferlegen konnte, vor einigen Tagen noch hätte ich es nicht für möglich gehalten, aber man wird schwach, wenn man stirbt, schwach, schwach! wiederholte sie einigemale. Dann nahm sie von ihrem Nachtisch einen bereits geschlossenen Brief und hielt ihn mir hin: Schreibe die Adresse darauf, meine Hände können es nicht mehr. Ich gehorchte und ergriff die Feder. An die Baronin Ilona Reinthal, diftirte sie. Es war die Gattin meines Vaters, der, wie sie mir vor einiger Zeit gesagt, seit Jahren verheiratet war. Als ich geschrieben, langte sie aufs neue nach dem Brief und besah ihn lange. Er wird verhindern, daß du im Elend verkommst er wird dir deinen Vater wiedergeben, murmelte sie. Es bedurfte also nur eines Briefes, eines Wortes von ihr, um Vater und Kind zusammen zu führen, und sie hatte so lange damit ge= zögert. Und jezt noch ich sah sie ringen mit ihrem Stolz -bereute sie nicht schon wieder?- Krampfhaft umschloß sie den Brief und ihre zitternden Finger begannen ihn zu zerknittern. Großmutter, bat ich. gib mir den Brief, ich möchte meinen Vater so gerne kennen lernen. Du sollst ihn kennen lernen, ächzte sie. Aber warum hast du nicht an ihn selbst geschrieben? fragte ich noch. Es ist besser so, lispelte sie, und ließ sich kraftlos in die Kissen zurücsinken. Ich eilte auf die Post; als ich zurückkam, traf ich die alte Frau im Zustande der Agonie. So war denn die Versöhnung der Augenblick des Sterbens gewesen. Sie atmete noch einige Stunden, aber das Bewußtsein war ihr nicht wiedergekehrt." Und dieser Brief hat in der Tat einem bisher verlassenen Kinde den Vater gewonnen?" „ So ist es; Großmutter war seit acht Tagen begraben, da 56 berief mich eine Karte in das erste Hotel von Solenbad. Ich fand dort eine äußerst elegante Dame und einen schönen Mann, der mich neugierig betrachtete und mich über meine Verhältnisse auszufragen begann. Die Jugendlichkeit dieses Mannes ließ den Gedanken, er könne mein Vater sein, nicht aufkommen; ich selbst hatte bereits ein jünglinghaftes Aussehen. Er nannte sich einen Freund meines Vaters, der ihn beauftragt habe, mich nach Wien zu bringen. Ich sollte dort einen Beruf erwählen, der mir besser zusagen würde, ich sollte studiren. Der Vorschlag entzückte mich. Ich sah die Möglichkeit vor mir, aus niedern, drückenden Verhältnissen mich zu befreien, um an der Befreiung anderer arbeiten zu können. Dieser Gedanke besiegte jeden Einwand, den ich hätte erheben können. Ich ging mit ihnen. Erst später enthüllte sich mir mein Gönner zugleich als mein Erzeuger, ohne daß unsere Beziehungen dadurch einen andern Karakter angenommen hätten. Nur nach und nach rückten wir uns näher. Ich fand ihn schön und liebenswürdig, voll Geist und Noblesse, ich bewunderte ihn. Er mochte es fühlen, und es schien ihm wohl zu tun. So entwickelte sich zwischen uns etwas wie Freundschaft. Ich kam nun öfter in sein Haus. Ich sah seine Gemahlin wieder, die mir reservirt, fast mit einer gewissen ängstlichen Scheu gegenüberstand, die ich mir nicht zu erklären wußte. Baron Reinthal versicherte mich, daß sie, die unser wahres Verhältnis kannte, einer Adoption feineswegs entgegen sei, ja diese sogar wünsche. Um diese durchzusezen, bedarf es aber, wie Sie, verehrter Freund wohl wissen, einiger Vorsicht. Seit ich den Doktorgrad erworben, zeigt mein Vater ganz öffentlich das Interesse, das er für mich gefaßt, aber er ver schweigt unsere natürlichen Beziehungen." " Ich begreife das. Ihr Vater hat nicht anders als korrekt gehandelt. Und wenn man seine Jugend, seine Abhängigkeit, die Vorurteile seines Standes, gegen die er anzufämpfen hatte, inbetracht zieht, so kann man ihm auch aus seinem früheren Verhalten kaum einen Vorwurf machen. Er ist durchaus Kavalier. Aber glauben Sie, Arnold, daß ein solcher Ihre Bes strebungen verstehen, daß er sie billigen und unterſtüzen werde?" Es lag etwas Sarkastisches in dem Ton, in welchem Barr diese Frage stellte. " Mein Vater ist fein Reaktionär," versicherte Arnold leb haft.„ Er gehört der Opposition an, er ist freiheitlich und fortschrittlich gesinnt. Uebrigens habe ich ihm aus meinen Ueberzeugungen, aus den Prinzipien, die mich zum Handeln bewegen, niemals ein Hehl gemacht. Er kennt dieselben, und wenn er sie auch nicht völlig teilt, so sucht er sie doch nicht zu bekämpfen. Ich sagte ihm einmal, daß ich es vorzöge, ein simpler Arbeiter und unabhängig in meiner Gesinnung zu sein, als in einer hohen Stellung, die mich zum vollstreckenden Werkzeug einer mir fremden Meinung machte. Er lachte und nannte mich einen Idealisten. Aber zugleich sprach er den Wunsch aus, daß ich reisen möchte. Ich sollte mich in der Welt umsehen, mich ein wenig in den Strudel des Lebens stürzen, damit ich nicht zu ernst und melancholisch würde, ich sollte die Gesellschaft kennen lernen. Sie wissen bereits, wie sehr dies mit meinen eigenen Intentionen übereinstimmt." „ Gewiß Arnold, aber die Welt und die Gesellschaft, die er meint, ist jedenfalls die vornehme Welt und die gute Gesell schaft." Arnold hatte ein fröhliches Lachen, in dem wieder ganz sein jugendlich unbekümmerter Sinn hervortrat. „ Erraten, Herr Barr, und ich will auch diese kennen lernen. Ich habe zu diesem Zwecke hinlängliche Empfehlungen. Es iſt der alte Adel, die Erbgesessenheit, zu der ich da Zutritt er halte, aber die Neuen, zu denen wir gehören, intereſſiren mich auch in der Fremde weit mehr; Sie, teurer, väterlicher Freund, stehen mit manchem unter ihnen, und es sind die bedeutendsten Geister, in Verbindung. Ich bitte Sie nun, mich an diese zu weisen, sie sollen mir Führer sein und Berater." 58 ,, Gerne," rief Barr, und er erhob sich. Auch Arnold war aufgestanden. Elsa schrak in die Höhe. Ihr schien es, als ob die Herren sich der Tür näherten, und ohne sich über ihr Tun Rechenschaft geben zu können, floh sie in bebender Hast vor ihnen hinweg. Sie huschte über den weichen Teppich und zur Tür hinaus. Jezt war sie im Garten, und als sie inne hielt, um Atem zu schöpfen, bemerkte sie den Salzarbeiter Georg, der sie gleichfalls gesehen, und von der Bant, auf der er zuwartend gesessen, rasch aufgesprungen war. Sie blickte ihn groß, verwundert an, wie jemand, der aus einem Traum erwacht und sich der Wirklichkeit wieder gegen übersieht. Er hat den Hut vom Kopf genommen, aber er bewegt sich ihr nicht entgegen. Ein dunkle Wolfe steigt in sein blasses Jünglingsgesicht und färbt es lebhaft. So vergeht eine Minute des Zauderns von ihrer, schüchterner Baghaftigkeit von seiner Seite. Dann ruft sie plözlich „ Georg!" und rasch, als dränge sich, was ihr das Herz erfüllt, unaufhaltsam auf ihre Lippen: " Ich bin so glücklich heute!" Sanft errötend, jungfräulich schön und glückbewußt steht sie vor ihm. So glaubt er sie noch nie gesehen zu haben. Er blickt in das liebliche, bewegte Antliz und ihre Wonne wird zu der seinigen. Eine Blutwelle drängt sich ihm zum Kopf und Herzen, dem auflodernden Feuer gleich. Er atmet faum unter dem Aufruhr dieser Sinne, der ihm blizartige Empfindungen und Vorstellungen erzeugt, die er nicht auszudenken vermag. Was ist mit ihr vorgegangen und was mit ihm selbst? Er ist mit Ihnen hierhergekommen Sie kennen ihn " Georg?" " 1 Ihn," seine Lippen sprechen es mechanisch nach. „ Den fremden Herrn Arnold" mit unendlicher Weich heit spricht sie den Namen aus, so klangrein und ein wenig verschämt. Er fühlt einen stechenden Schmerz, er trifft ihn kalt und scharf ins Herz, aber er gibt ihm die Besinnung wieder. Seine Wangen erhalten ihre gewöhnliche Blässe. Sie haben ihn gesehen, Fräulein?" " Ja." " ,, Und gesprochen?" " Ich blieb nur an der Tür, ich lauschte dort; er erzählte dem Papa die Geschichte seines Lebens," sie trat dem Jüng ling einen Schritt näher und sagte im Tone einer reizenden Vertraulichkeit:" Georg, ich habe Sie oft bekümmert gesehen, jezt dürfen Sie es nicht mehr sein; er ist Ihr Freund, und er wird alles Gute zur Wahrheit machen." „ Das kann er nicht, denn das kann nicht Einer." Jäh, in rauher Zurückweisung, fast bebend kam es von den Lippen des Arbeiters. Elsa sah ihn mit den dunklen Augen an, die noch in Be geisterung erglänzten. Er wandte sich ab, er wollte ihr nicht mehr ins Gesicht sehen. Er wußte jezt, wie es ihr ums Herz war, und zugleid hatte er entdeckt, wie es um das seinige stand. Aber diese plözliche Erkenntnis brachte ihm ein heftiges Weh. Scham und Reue, Zorn und Sehnsucht durch tobten ihn. Seit er vor einem Jahre das blonde Mädchen gesehen, hatte er einen Eindruck empfangen, der sein ganzes Leben durchdrang; mit Elsa war dem armen Jungen etwas wie die Poesie des Daseins aufgegangen. Er hatte sie auf sich wirken lassen, ohne darüber nachzudenken. Nun wußte er, daß er dem Mädchen nichts war, daß es ihm nichts sein konnte, und so war fein Gefühl eine Unnatürlichkeit, eine Lächerlichkeit, und er empfand diesen Zustand als eine Schmach. wick ihre aus wen abn fall der abst Leb feite har Ob Jak zers unts die in ber der hert des stän wie dem bet wel und Winterleben der Tiere. ( Hären",„ Mausern", Farbenveränderungen, Winterschlaf, Wanderungen.) Von Realschullehrer Otto Sehmann. Es sind in dem Leben der Pflanzen und Tiere verschiedene von den Zeitverhältnissen abhängige Abwechselungen zu be merken, wodurch dieses Leben gleichsam in einen frühern Zustand seiner Bildung zurückkehrt, ohne daß es aufhörte, in seiner Bahn fortzuschreiten. Diese Wechsel gehen zwar von einem einzelnen Organ aus, verbreiten sich aber über das gesammte Leben und erscheinen entweder in einem bestimmten Zeitraume, der mit Abwechselungen in dem Stande unseres Erdkörpers zusammentrifft, oder in unbestimmten Zwischenräumen, und werden vorzüglich in einer Veränderung der Beziehungen zur äußern Welt sichtbar. Die Abwechselungen in den Richtungen des Lebens zeigen sich bald als freiere Aeußerung der Kräfte, als regerer Verkehr mit der Außenwelt, bald aber ist das Leben von der Außenwelt gleichsam geschieden, um in das Innere zurückzufehren. Es ist ein Wechsel von Tätigkeit und Ruhe. Auch der flüchtigen Beobachtung zeigen sich diese Abwechselungen in ihrer genauen Uebereinstimmung mit den regelmäßigen Veränderungen der Erde. Auffallend ist sie in dem Leben der Pflanzen und im Tierreiche überall, wo der Verkehr mit dem Luftkreise besonders tätig ist, bei den Insekten, bei den Vögeln, deren Schlafen, Singen, Fressen, Begatten, Mausern und Wandern an bestimmte Zeiten gebunden erscheint. Die Veränderungen des Erdkörpers, die ihren Einfluß auf das Leben der Pflanzen und Tiere äußern, sind der tägliche Umlauf der Erde, der sich in dem Gegensaze von Tag und Nacht und im Gegensaze der Tageszeiten zeigt, und die jährliche Bewegung um die Sonne, deren Ergebnis der Wechsel der Jahreszeiten ist. Den Erscheinungen, in welchen der tägliche Umlauf der imd ſo 3u ( Forts. folgt.) wah ded geh ein Hu nod und Sch Ge ziet Lär die die übe Sc B. Erde sich offenbart, entsprechen bei den Pflanzen und Tieren das Hervortreten des Lebens nach außen oder die Rückkehr des Lebens in das Innere, Wachen und Schlafen; aber nicht immer fallen diese Wechsel mit den ähnlichen Abwechselungen in den Verhältnissen des Erdkörpers in der Zeit zusammen, da z. manche Pflanzen um Mittag, andere am Abend, andere in der Nacht erwachen, und manche Tiere am Tage sich zurückziehen und nur in der Nacht die regste Lebenstätigkeit offenbaren. Ebenso tritt der Einfluß der von den Tageszeiten abhängigen Erscheinungen des Lichts und der Wärme und der regelmäßigen Veränderungen im Wasser und Luftmeere, bei den Pflanzen in abwechselnden Zuständen der Blüten und Blätter, bei dem Menschen in Veränderungen des Blutlaufs, der Wärmeerzeugung der regelmäßigen wie der krankhaften Absonderungen, der At mungsbewegung und der gesammten Sinnentätigkeit hervor Mannichfaltiger und durch eigentümliche Wirkungen ausgezeich net ist der Einfluß des jährlichen Umlaufs der Erde uird des Wechsels der Jahreszeiten auf das gesammte Leben der Pflan zen und Tiere und auf einzelne Lebensverrichtungen. Betrachten wir das Pflanzenleben, so zeigt es sich überhaupt als ein jähriges Leben, da es bei einigen Gewächsen auf ein Jahr beschränkt ist, bei andern jährlich neue lebendige Teile entstehen. Hier ist im Sommer der über die Erde hervorragende Teil in voller Lebenstätigkeit im Gegensaz zu der in der Erde lebenden Wurzel, wogegen im Winter, wenn der Stamm ganz oder zum Teil abstirbt, in der Wurzel allein das Leben sich regt und in ihr neue Bildungen vorbereitet werden. Es ist eine Rückkehr zu der ursprünglichen, in der Wurzel beginnenden Lebensents unt und ber feb Ele Wo mit jezt Tan Da in der fud bet Ja 253 Fa 233 leid jon den 1 9 D e 3 3 I wicklung, die vollständig bei denjenigen Pflanzen hervortritt, welche ihren Stamm im Herbste verlieren und im Frühling einen neuen aus der Wurzel hervortreiben; teilweise hingegen ist der Wechsel, wenn der Stamm zwar fortdauert, aber seine Lebenstätigkeit abnimmt, seine Blätter absterben und früher oder später abfallen. Nur bei den immergrünen Gewächsen dauert das Leben der Blätter mehrere Jahre lang, und wenn die älteren endlich absterben, werden sie nicht vermißt, weil sie durch das frische Leben der jüngeren ersezt werden; eine Erscheinung, die in dem festern Gewebe dieser Blätter, ihren zähern Säften, ihren harzigen Bestandteilen oder auch in dem geringen Umfange ihrer Oberfläche begründet sein mag. Jahreszeit wird dann die von der Wurzel aufgenommene Nahrung zersezt, um den Stamm neu zu beleben. Bei der Rückkehr der warmen 59 Aehnliche, wenn schon nicht so auffallende Erscheinungen treten uns auch im tierischen Leben entgegen. Die Veränderungen, die mit der Abwechselung der warmen und kalten Jahreszeit in Verbindung stehen, sind mehr oder minder allgemein unter verschiedenen Tierklassen und beziehen sich auf die Veränderung der Hautbedeckung und deren Farbe, auf die aus Vorgefühl hervorgehende Sorge für ihre Nahrung, auf eine Veränderung des Wohnorts und endlich auf eine mehr oder weniger vollständige Unterbrechung der Lebenstätigkeit während des Winters. Wenden wir unsere Aufmerksamkeit zunächst der jährlich wiederkehrenden Erscheinung zu, die in Uebereinstimmung mit dem Wechsel der Jahreszeiten in Veränderungen der Hautbekleidung hervortritt. | Hat die Natur den Menschen auch dadurch von der Tierwelt abgesondert, daß sie ihm keine eigentümliche Hautdecke gab und es ihm überließ, nach dem Klima, nach den Jahreszeiten und nach seinen Beschäftigungen sich eine Bekleidung zu wählen, so verlieh sie dagegen den Tieren eine Bedeckung, die für ihre Zustände und Gewohnheiten paßt. Diejenigen Tiere, welche in warmen Gegenden leben, haben daher eine sehr dünne Haar decke, während die der nördlichen Polarländer in dichte Pelze gehüllt sind. In Spanien und Syrien haben Hunde und Schafe Hund und der isländische Widder ein langes und starres. In noch wärmeren Gegenden wird die Hautbekleidung noch dünner Schafe in Indien. Die Hautbedeckung der Tiere, die in kalten Gegenden wohnen, unterscheidet sich aber auch in anderer Beziehung wesentlich von der Hautdecke der Bewohner warmer Länder. Die Schweine in warmen Gegenden haben blos Borsten, dem Hause leben und allen Abwechselungen der Witterung ausgesezt sind; aber selbst bei denjenigen, die im Winter im Hause wohnen, wird der Pelz länger und dichter, je nachdem die Wohnung mehr oder weniger warm ist. Das Rindvieh an den Secfüsten hat ein kürzeres und dünneres Haar, als dasjenige, welches in höheren Gegenden lebt. Je länger der Winter in einem Lande dauert, desto länger dauert auch das Winterhaar; so erscheint es bei dem Bisamochsen an der Hudsonsbai in Nordamerika unmittelbar nach dem Ausfallen des vorjährigen, und bei dem Berghasen dauert es in der Schweiz sechs bis sieben Monate, in Lappland und in Norwegen zehn Monate, in Grönland das ganze Jahr. Nach der Verschiedenheit des Klimas ist auch die Bekleidung der Tiere verschieden; in warmen Ländern ist das neue Haar von gleicher Beschaffenheit mit dem alten, und in den kältesten Ländern der Unterschied bedeutender als in gemäßigten, wie denn z. B. das Winterhaar der Pferde in Deutschland von dem Sommerhaare nur etwas verschieden, in Norwegen aber sehr lang und zottig ist. Wenn aber die winterliche Bedeckung der Tiere in gemäßigten Erdgegenden im Sommer sich nicht veränderte, so würde sie in der wärmeren Jahreszeit unbequem werden; daher wird bei der Annäherung des Sommers der dichte Pelz nach und nach abgeworfen. Dieses Hären" der Tiere findet zu verschiedenen Jahreszeiten statt, nach der körperlichen Beschaffenheit derselben und nach dem Grade der Wärme. Bei dem Maulwurf ist es gegen Ende des Monats Mai vorüber. Die Wolle der Schafe, wenn man sie abfallen läßt, wird selten vor Ende des Juni abgeworfen. Wenn der Anfang des Winters sehr milde ist, so bemerkt man, daß der Pelz langsamer zunimmt, weil das Tier keine dichtere Bekleidung braucht; sobald aber die Kälte steigt, werden die Haare stärker und länger. Dies geschieht zuweilen außerordentlich schnell bei Hasen und Kaninchen, deren Pelz selten eher dicht wird, als vor dem ersten Schnee- oder Frostwetter. Unter den Vögeln sorgt die Natur auf ähnliche Weise für das Schneehuhn, das vor dem Eintritt des Winters eine warme, bis zu den Zehen reichende Bedeckung der Füße erhält. Ungeachtet der Uebereinstimmung dieser Veränderungen mit Abwechselungen in dem Zustande der Erde, sind jedoch jene nicht die Wirkungen von diesen, sondern die bildende Kraft des innern Lebens, durch ein Vorgefühl der Ereignisse bestimmt, wirkt auch hier, um dem Tiere Schuz zu geben. Das„ Mausern" der Vögel ist gleichfalls eine Vorbereitung für den Winter, dem Hären der vierfüßigen Tiere ähnlich. Während des Sommers ist das Gefieder der Vögel vielen Zufällen ausgesezt, ja bei verschiedenen Vögeln werden die Federn die Haut zunächst mit einer feinen gefräuselten Wolle bedeckt, sogar ausgerupft, um ihre Nester auszufüttern. Vor Eintritt über welche die langen Borsten hervorstehen. Das Vließ der des Winters fallen aber die alten, zumteil verstümmelten Federn Schafe in Spanien, England, Deutschland und andern Ländern unter gleichem Himmelsstriche besteht blos aus Wolle; in Island aus und werden durch neue ersezt. Die Vögel scheinen wäh= rend des Mauserns sehr schwach zu sein, und waren sie früher Sie bedürfen einer wärmern Temperatur und gegen das Ende der Mauserzeit einer reichlichern Nahrung. Einige, die schnell winkeln zu, da sie mehr von dieser Veränderung angegriffen und andern nördlichen Gegenden ist die Wolle mit langen Haaren nicht gesund, so sterben sie leicht während dieser Veränderung. vermischt, die dem Vließ auf den ersten Blick ein grobes Ansehen geben. Die jezt lebende Art des Nashorns und der Elefant der südlichen Länder haben fast gar keine Haardecke, mausern, z. B. die wilden Gänse, bringen diese Zeit in Schlupfwogegen diejenigen Tiere dieser Gattungen, welche früher im mittlern und nördlichen Europa lebten, und deren Ueberreste werden und eine Zeitlang nicht fliegen können, während dieTanges Haar und eine dice, furze, gefräuselte Wolle hatten. Beschwerden fühlen. Diese gänzliche Erneuerung des Gefieders jezt in verschiedenen Schichten der Erdrinde gefunden werden, jenigen, die langsam und jährlich zweimal mausern, weniger Das Klima übt einen mächtigen Einfluß auf die Absonderung gibt den Vögeln eine vollkommene Winterbekleidung und sezt in den Gefäßen des Körpers jener Tiere, worin eben die Ursache sie in den Stand, der rauhen Jahreszeit zu widerstehen. der Zunahme oder der Verminderung ihrer Hautbedeckung zu suchen sein mag. Diesen Einfluß des Klimas auf die Hautbedeckung der Tiere bemerkt man auch bei dem Wechsel der Farbe. Die Verschiedenheit der Farbe der Hautbedeckung im Sommer und im Winter zeigt sich auffallend sowohl bei Säugetieren als bei Vögeln. Der Alpenhase oder Berghase( Lepus Winter wird die Bekleidung dichter und verändert oft auch ihre findet, hat im Sommer eine bräunlich- graue Farbe, die sich aber Jahreszeiten in allen gemäßigten und kalten Erdgegenden. Im variabilis), den man z. B. in den nordischen Hochgebirgen Winters, so können wir die Veränderung in ihrer Bedeckung wieder dunkler. Eine ähnliche Veränderung findet man bei dem Beobachten wir unsere Haustiere vor dem Eintritte des leicht bemerken. Die Hautbekleidung wird nicht nur erneut, sondern auch dichter und länger. Dies zeigt sich auffallend bei vom September an allmälich in Schneeweiß umwandelt. So bleibt sie während des Winters und wird im April oder Mai Hermelin. Im Sommer hat sein Pelz eine rötlichbraune Farbe, im Herbst wird er gelblich und im Norden im November denjenigen vierfüßigen Tieren, die während des Winters außer schneeweiß. Diese Winterbekleidung liefert das kostbare Her 60 | melinpelzwerk. In den ersten Frühlingsmonaten wird die weiße Hautbedeckung mit Braun gefleckt, bis sie im Mai wieder die Sommerfarbe annimmt. Bei einigen Tieren werden die hellern Farben im Winter noch bleicher, wie bei den Renntieren und Rehen; die schwarzbraune wird hellbraun, mit Grau gemischt bei dem Elen, die rötlichbraune wird graubraun bei dem Hirsche. Unter den Vögeln sind solche Veränderungen der Farbe des Gefieders sehr häufig und haben die Naturforscher nicht selten verleitet, Vögel einer Gattung für verschiedene Arten zu halten. Das Schneehuhn( Tetrao lagopus) hat in den nordischen Hochgebirgen im Sommer ein aschgraues Gefieder mit kleinen dunkeln Flecken und Streifen. Im Winter verschwindet die dunkle Farbe, und das Gefieder wird ganz weiß. Ist der Winter sehr gelinde, so ist diese Veränderung zuweilen nur unvollkommen, und es bleiben nur einige dunkle Flecken zurück. Im Frühling wird das Wintergewand wieder gefleckt und der Vogel verliert viel von seiner Schönheit. Auch das erste Gefieder der Jungen ist wie bei den Alten und wird bei Annäherung des Winters weiß. Bei den Wasservögeln hat man ähnliche Veränderungen der Farbe des Gefieders bemerkt. So hat das schwarze Taucherhuhn im Sommer eine rußigschwarze Farbe mit einem weißen Fleck auf den Flügeln, im Winter aber verschwindet die schwarze Farbe und das Gefieder erhält aschgraue Flecken auf weißem| Grunde. In nördlichen Gegenden, z. B. in Grönland, wird dieser Vogel im Winter ganz weiß. Bei manchen Vögeln bemerkt man eine solche Veränderung nur in einem kleinen Teil des Gefieders. So hat der Alt( Alca) während des Sommers schwarze Flecke am Kopfe und Halse, im Winter aber werden diese Teile grauweiß. Auch gibt es mehrere Vögel, bei welchen eine Verschiedenheit in der Farbe des Gefieders im Sommer und Winter stattfindet, wiewohl sie nicht so auffallend ist, als in den angeführten Beispielen. Die Sommerfarbe ist glänzend und lebhaft, die Winterfarbe dunkel. Diese Umstände müssen zu der Frage führen, woher diese Veränderungen der Farbe in der Hautbedeckung entstehen. Einige Naturforscher haben geglaubt, daß diejenigen vierfüßigen Tiere, welche wie der Berghase und das Hermelin im Winter weiß werden, ihr Haar zweimal im Jahre abwerfen; im Herbst, um den Sommerpelz, und im Frühling, um den Winterpelz abzulegen. Diese Meinung scheint jedoch keineswegs durch wirkliche Beobachtungen unterstüzt zu werden, und ebensowenig kann man einen Grund dafür in ähnlichen Erscheinungen im tierischen Leben finden. Beobachten wir, wie das menschliche Haupthaar bei Annäherung des Alters grau wird, so bemerken wir leicht, daß diese Veränderung nicht durch Wachsen eines neuen Haares von weißer Farbe, sondern durch eine Veränderung der Farbe des alten Haares entsteht. Aus diesem Umstande können wir die Folgerung ziehen, daß die Umwandlung der Farbe bei den Haaren der Tiere im Winter aus einer Veränderung der Farbe jener Absonderungen in den Haarzwiebeln, welche das Haar nähren, oder vielleicht dadurch entsteht, daß die Absonderung eines färbenden Stoffes vermindert wird oder ganz aufhört. Entstände die Veränderung der Farbe durch das Wachsen neuer Haare, so müßte bei denjenigen Tieren, welche in ihren Haaren verschiedene Uebergänge von Farben zeigen, wie z. B. das Hermelin, im Frühling von Weiß durch Gelb in Braun, das Haar mehrmals im Jahre abgeworfen werden. Aber wie ent steht die Veränderung bei den Vögeln? Wir haben gehört, daß das junge Schneehuhn anfänglich ein geflecktes Gefieder hat, wie das alte. Es wird weiß im Winter und wieder geflect im Frühling; es müßte daher, wenn die Veränderung der Farbe durch Mausern entstände, dreimal binnen zehn Monaten neue Federn erhalten. Dies wäre ein Aufwand von Lebenskraft, den schwerlich ein Vogel aushalten könnte. Ausgewachsene Vögel müßten unter jener Voraussezung zweimal mausern. Man darf daher annehmen, daß die Veränderung der Farbe in den alten Federn vor sich geht, da sie von dem gewöhnlich jähr lichen Mausern der Vögel unabhängig ist. Ueberdies bemerken wir auch, daß die Farbe anderer Teile der Vögel, z. B. der Füße und des Schnabels, sich nach den Jahreszeiten verändert. Sowie bei diesen Teilen eine Veränderung in den färbenden Absonderungen stattfindet, kann es auch bei den Federn sein. Diese Meinung wird auch durch Beobachtungen unterstützt. Ein britischer Naturforscher untersuchte einen zu Ende des Februar geschossenen Alk, der am unteren Teile des Kopfes noch das weiße Wintergefieder hatte, während die Federn am Halse schon dunkler geworden waren, unten und in der Mitte eine schwärz lichgraue Farbe, an den spizen aber immer noch die weiße hatten und der Uebergang von der schwarzen zur weißen durch die graue Farbe ging. ( Schluß folgt.) Kulturkampf sonst und jezt. Von Wilhelm Blos. Die Stärke der großen kirchlichen Gemeinschaften besteht darin, daß sie es verstanden haben, ihre Interessen mit denen der jeweiligen Regierungen in Einklang zu bringen. Die eigentümliche Beschaffenheit der meisten Staaten hat dies leichtgemacht. Denn fast überall ruht die Regierungs- und Staatsgewalt in den Händen einiger wenigen Personen, die nur dadurch in ihren politischen Handlungen beschränkt sind, daß sie bei gewissen Angelegenheiten die Zustimmung der Parlamente einzuholen haben; in sehr wenigen Staaten nur nimmt die Masse der Staatsbürger selbst an der Regierung, Verwaltung und Gesezgebung Teil. Wo dies leztere der Fall ist, da ist die Macht der Kirche gewöhnlich nur eine geringe, denn die Masse der Staatsbürger ist nicht geneigt, die Staatsgewalt den Interessen der Kirche dienstbar zu machen. Umgekehrt fühlt sich eine Regierung, die aus wenigen bevorzugten Personen besteht und die gesammte Staatsgewalt in sich konzentrirt, immer versucht, für ihre Stellung gegenüber der Masse überall Stüzen zu suchen und die Kirche ist stets gern bereit, eine solche Stüze, für die entsprechenden Gegendienste, abzugeben. lichen Gemeinschaften. Die Kirchen der zivilisirten Völker traten in ihren Anfängen auf als einfache Parteiungen, als religiõe Sekten, deren Programm ihre religiösen Dogmen und Tradi tionen waren. Je nach den Zeitumständen und nach der ihne innewohnenden historischen Berechtigung gingen diese Parteiunge im Strudel der Zeitkämpfe wieder unter, oder sie erstarkten und gewannen an Boden. Gewöhnlich trat ihnen die beſtehende Staatsgewalt erst entgegen, da sie eben mit dem alten Reli gionssystem verbündet war, das durch die neue Parteiung gestürzt werden sollte. War diese mächtig genug, den Ver folgungen seitens der ursprünglich herrschenden Gewalten widerstehen, und gewann sie Anhang in den Massen, so war die Regierungen stets flug genug, dem neuen Religionssyste dieselben Rechte einzuräumen, wie dem alten, oder gar das alt zu Gunsten des neuen aufzugeben. Indem der Staat Offenbarungen anerkannte und unter staatlichen Schuz stellt erhob er die kirchlichen Gemeinschaften über die anderen tischen Parteien, indem er ihnen ein Machtfülle verlieh, jene nicht besaßen. Der Staat lich seinen mächtigen Arm, Dieses Verhältnis mußte ein sehr wechselvolles sein, je nach die religiösen Dogmen gegen die Angriffe der Freigeisteru den Gesinnungen und Interessen der Regierungen und der kirch- der kezerischen Kritik, wenn nötig, mit materiellen Mittel poli bie bit ten Bfe di ten gen qur 11 t. 11. in ar 11 35 Die 11 e zu verteidigen. Der Staat leistete den kirchlichen Gemeinschaften allen möglichen Vorschub zur Verbreitung ihrer Lehren; er verpflichtete jeden seiner Bürger, einer der staatlich anerkannten Religionsgenossenschaften beizutreten, und erst die neueste Zeit hat die Konfessionslosigkeit gestattet; das wichtige Amt, die Geburten und Todesfälle aufzuzeichnen und darüber Buch zu führen, kam in die Hände der Kirchenvertreter, die damit die entsprechenden kirchlichen Zeremonien verbanden. Die Heirat, ihrem ganzen Wesen nach ein bürgerlicher Vertrag, ward schon frühzeitig zu einem firchlichen Akt gemacht, und bis in die neueſte Zeit hatte die Kirche die Bedingungen für die Vollziehung dieser Verbindung vorzuschreiben. Sie taufte die Neugeborenen und begrub die Toten. Sie drang in die Bildungsanstalten ein und der Staat stellte Lehrer an, welche die kirchlichen Glaubenssäze in den Schulen verbreiten mußten. Sie verband ihre Dogmen mit der staatlichen Erziehung. Der Staat stellte ihr große Gebäude her, wo ihre Lehren den versammelten Gläubigen vorgetragen wurden. Die Teologie ward auf den staatlichen Hochschulen gelehrt, und es wurden die Lehrer und Prediger der Kirche in Staatsbeamte verwandelt, die auf Staatstosten erhalten wurden. In den meisten Ländern ist die Reihe dieser von der Kirche im Laufe der Zeit erworbenen Rechte vielfach durchbrochen worden; in anderen bestehen sie noch so ziemlich unangetastet. Aus kleinen Anfängen entwickelten sich solchergestalt die kirchlichen Gemeinschaften zu Organisationen von staunenswerter Machtfülle. Der„ Prophet" Mohammed dachte in seinen kühnsten Träumen wohl schwerlich daran, daß seine Lehre noch mehr als ein Jahrtausend nach seinem Tode einst so bedeutende Länder ſtrecken in Asien, Afrika und Europa bedecken würde. Und die Berfasser der Evangelien ahnten ebensowenig, daß das, was sie mit unsicherer Hand niederschrieben, die Grundlage bilden würde für die mächtigste kirchliche Organisation der Erde. 61 Die katolisch- christliche Hierarchie des Mittelalters lastete mit einem furchtbaren Druck auf den Ländern. Wir erinnern an die Inquisition, an den Ablaß, an die zahllosen Abgaben und Steuern, die von der Geistlichkeit dem Volke auferlegt waren, an die Herrschaft einzelner mächtiger Priester, an das Elend überhaupt, das unter der Herrschaft von" Junker und Pfaff" über Deutschland und die meisten europäischen Länder kam und das selbst wohlmeinende Kaiser nicht ändern konnten. Da erstand der Kirche ein anderer Feind, der weit mächtiger war als Kriegsheere; es erhob sich eine Reihe von kühnen und begabten Männern, welche als„ Reformatoren" die in der Kirche herrschenden Mißbräuche einer schonungslosen Kritik unterzogen. Wiclif, Huß, Savonarola begannen den gegewaltigen Bau der Weltherrschaft des Pabsttums zu unterhöhlen; ihnen folgten die Humanisten Erasmus von Rotterdam, Reuchlin und Ülrich von Hutten, die vor der großen Reformation dasselbe taten, was später die Encyklo pädisten in Frankreich vor der großen Revolution, und endlich erschien der Mann, dessen Donnerwort den Fels Petri erbeben machte, Martin Luther. Luther war ein politisch kluger Reformator. Er verstand deutsche Fürsten für seine Lehre zu interessiren, denn die mit der Einführung des Protestantismus verbundenen Eigentumsveränderungen waren ein vortreffliches Reizmittel. Die Reformation befestigte sich. Sie schuf eine neue Kirche mit demselben Glaubenseifer wie die alte. Das große Schisma brachte statt zwei streitender Gewalten deren drei, und der nächste Erfolg waren blutige Kriege, von denen einer dreißig Jahre lang Deutschland verheerte und während dessen Deutschland der Tummelplaz für die Heere aller Länder Europas war. Die Anhänger beider Kirchen wüteten gegen einander. Dabei wurden fleißig Heren verbrannt und Teufel ausgetrieben.*) Der Protestantismus, der schneller als jede andere kirchliche Parteiung zur Macht gelangt und staatlich anerkannt war, brachte die kirchlichen Vorrechte nur in einer anderen Form zum Ausdruck. Die Entwicklung der Naturwissenschaften, welchen der geniale Im 18. Jahrhundert begannen dagegen jene Bestrebungen, die Kirche unter die Macht des Staates zu beugen, die man so gerne zu dem heutigen„ Kulturkampf" in Vergleich bringt. Copernikus eine so breite und sichere Bahn eröffnet hatte, lieferte die Basis für jene kühne und geistreiche Philosophie des angriff. Voltaire, Helvetius, Holbach, Diderot, d'Alembert schlugen dem Dogmenwesen tiefe und unheilbare Wunden. Diese Philosophie war schon weit über die Reformation hinausgeschritten, und ihre Pfeile richteten sich nicht etwa nur gegen eine Kirche, sondern gegen den Glauben und das kirchliche Weſen überhaupt. Die höheren Klassen der Gesellschaft, ebenso blasirt als leichtfertig, namentlich in Frankreich, fanden den wizelnden 18. Jahrhunderts, die alles kirchliche Wesen schonungslos Die christliche resp. katolische Kirche wurde bald so mächtig, daß sie in vielen Staaten ſelbſt die Regierung teils ganz in die Hand bekam, teils so beeinflußte, daß auch nur der Prieſter Wille geschah. In Rom saß das Oberhaupt, der Pabst, der die Der Einfluß des Paſtes wurde so mächtig, daß es Zeiten gab, da Deutsche, Franzosen, Engländer, Spanier ut. s. w. dem Pabst in Rom in allen politischen wie kirchlichen Dingen weit mehr gehorchten als ihren eigenen Regierungen. Man höchsten Macht des Pabsttums die Masse der Völker unter unsäglich elenden Zuständen lebte. Die Möglichkeit einer irdischen Befreiung aus ihrem Jammer schien ihnen ausgeschlossen, und ſie hofften deshalb auf das Jenseits. Da die Kirche auf Erden die Anweisungen auf die ewige Seligkeit auszustellen hatte, so war ihr Einfluß und ihre Machtfülle bei den Massen sichergestellt. und furchtbare Macht geworden war Sobald die Kirche dem Staate gegenüber eine selbständige historische Entwicklung der christlichen Kirche im Auge- beJannen auch die Kämpfe zwischen Staat, d. h. Regierung, und listische und antikirchliche Anschauungsweise in die Mode. Die Sirche. Obwohl aufeinander angewieſen, um zu beſtehen, tonnten Massen, dürftig unterrichtet, begriffen wenig davon; sie erſchienen die beiden Faktoren sich doch häufig nicht vertragen, da die erst später handelnd auf der welthistorischen Bühne. Aber der Kirche soviel Eigentum als möglich an sich nahm und dadurch antikirchliche Zug war so stark, daß er selbst Fürsten erfaßte, wir haben hier die die Rechte und Befugnisse des Staats in ähnlicher Weise paralysirte, wie es heute die moderne Geldmacht tut. πιδε elis ung Ser 31 ren tem alte bit Ite Poli bie IND tel Die Kämpfe zwischen den beiden Gewalten wurden mit abwechselndem Erfolge geführt. Man sah Päbste auf der Flucht Skeptizismus der Voltaireschen Schule interessant und spielten mit dem Feuer, das sie verschlingen sollte. So kam die materiawie Friedrich II. von Preußen und Kaiser Joseph II. Es ist nicht uninteressant, den Kulturkampf jener Zeit mit dem heutigen zu vergleichen. Friedrich II. war bei seiner Vorliebe für das Französische und Kaiser im Kirchenbann. Die deutschen Kaiser unternahmen auch von Bewunderung für die französische Philosophie erfüllt. ihre Römerzüge, und die Päbste stellten in Deutschland Gegen- Er war ein Vertreter jenes Regierungssystems, das man den faiser auf. Die Kämpfe zwischen der Staatsgewalt und der„ aufgeklärten" oder„ erleuchteten" Despotismus nannte; er Kirchenmacht erfüllten Occident und Orient mit Feuer, Blut und Schrecken. Aber die Kirche behauptete sich, weil niemand es wagte, ihre Vorrechte anzutasten. Sie verfiel indessen jenem historischen Gesez, nach welchem jede allzu groß gewordene Macht miß wollte die absolute Fürstengewalt beibehalten, aber in freisinniger und für das Volk nüzlicher Weise von ihr Gebrauch machen. *) Es ist interessant zu lesen, wie in Deutschland die lezte„ Here" zu Landshut 1756 in Gestalt eines 14jährigen Mädchens verbrannt wurde; in der Schweiz verbrannte man die lezte Here 1782, und noch braucht wird und dadurch das allgemeine Mißvergnügen so sehr 1823 wurde in Holland zu Delden mit einer" Here" die Wasserprobe" hervorruft, daß sie schließlich zu Fall kommt. R. 3. 1884. vorgenommen. " 1 Dies widerspruchsvolle politische System bedarf keiner weiteren Kritik; man sieht auf den ersten Blick, daß von den persönlichen Eigenschaften des Herrschers alles abhängt, ein System, das einem Lande vielleicht zeitweilig, aber nie auf die Dauer heilsam sein kam. Im übrigen nahm Friedrich II. die aus anderen Ländern vertriebenen Angehörigen„ fezerischer" Religionsgemeinschaften in seinen Ländern auf und erfüllte damit bis zu einem gewissen Grade sein Wort:" In meinen Staaten kann jeder nach seiner Façon selig werden"; er war im ganzen der Geistlichkeit nicht hold, da sie sich aber in die Verhältnisse zu schicken wußte, ließ er sie innerhalb ihrer Machtsphäre ungestört. Bald nach seinem Tode gewann der Pietismus in Preußen wieder domi nirenden Einfluß. Ungleich weiter ging sein Bewunderer und Nachfolger Joseph II., dessen Kulturkampf ein um so schwierigeres Unternehmen war, als Joseph fast über lauter katolische Länder herrschte. Joseph war schon seit 1763 Mitregent seiner Mutter Maria Theresia und mußte bis zum Tode derselben das pfäf fische Regiment ertragen, welches für die Regierungszeit Maria Theresias karakteristisch ist. Joseph hatte neben unbestreitbaren Tugenden auch große Fehler an sich; er war von leidenschaftlichem Verlangen nach kriegerischem Ruhm erfüllt und hätte in seiner Sucht, Baiern an Desterreich zu bringen„ der Abrundung halber" lautete das schöne Motiv Deutschland mehrmals nahezu in verheerende Kriege gestürzt. In diesem Punkt war seine fromme Mutter flüger als er. Als er 1780 alleiniger Herrscher seiner Staaten wurde, ging er sofort mit einer Reihe von grundstürzenden Neuerungen vor. Er hob die Leibeigenschaft auf und erließ 1781 das berühmte Toleranzedikt, welches die Protestanten den Katoliken der Habsburgischen Monarchie völlig gleich stellte. Die Klöster, von denen Desterreich wie von einem großen Spinnennez bedeckt war, wurden um die Hälfte verringert, die der Bettelorden sämmt lich aufgehoben. Die Wallfahrten wurden beschränkt; ferner richtete man ein Generalseminar für die Ausbildung katolischer Teologen ein, die Joseph von dem römischen Stuhl ganz unabhängig zu machen bestrebt war. Auch die Zensur ward abgeschafft. Man sieht, Joseph ging ziemlich energisch vor. Aber sein „ Kulturkampf" war nur ein halbes Wert. Denn wenn er die Klöster als überflüssige Institution ansah, warum ließ er die Hälfte derselben bestehen? Er traf mit seinen Maßregeln wohl einige der äußeren Wirkungen, welche die Machtstellung der Kirche mit sich brachte, aber die Quellen der kirchlichen Macht ließ er unberührt. Er erhob sich nicht zu dem Gedanken, daß wahre Religions- und Gewissensfreiheit nur da bestehen kann, wo allen religiösen und sonstigen Ueberzeugungen volle Freiheit der Aeußerung gegeben ist, aber ohne daß eine oder die andere vom Staate bevorzugt wird und dies dann benüzt, um die anderen zu unterdrücken und zu verfolgen. Der Kampf Josephs gegen Rom blieb daher ohne sonderliche Bedeutung. Denn da der Katolizismus nach wie vor die herrschende Staatsreligion war, so wollte es doch wenig bedeuten, wenn in einzelnen amtlichen Aktenstücken die Parole„ Los von Rom!" ausgegeben wurde. Diese Reformen, die, im Lichte ihrer Zeit betrachtet, auch wenn sie von oben kamen, eine Reihe von kühnen Neuerungen enthielten, wurden in vielen Kreisen schon von vorneherein dadurch unsympatisch, daß sie auf Grund der absoluten Fürstengewalt eingeführt wurden. Denn Joseph war ein Vertreter des„ auf geklärten Despotismus"; er war ein entschiedener Gegner alles konstitutionellen Wesens und auf die möglichste Befestigung der absoluten Regierungsgewalt des Monarchen bedacht. Dadurch empfand man bei der Einführung der Joseph'schen Reformen so recht, wie viele Pflichten und wie wenig Rechte das Volk in Desterreich hatte. Joseph war in seinen Staaten gar nicht so sehr beliebt, wie höfische Geschichtsschreiber glauben machen wollen. Denn zunächst erbitterte er dadurch, daß er seine nach Sprache, Sitten, Abstammung, Nationalität so verschiedenen Länder alle nach dem gleichem Schema regieren und aus der österreichischen Monarchie einen zentralistischen Einheitsstaat machen wollte. In den nieder62 ländischen resp. belgischen Provinzen, die damals noch östers reichisch waren, achtete er die alten Rechte der Stände gar nicht, obschon er die ,, Joyeuse entrée"( fröhlicher Einzug) beschworen hatte, welche seine belgischen Provinzen vom Gehorsam gegen ihn entband, sobald er die Zustimmung der Stände bei seinen Neuerungen nicht einholte. Sodann wollte Joseph über die Güter der aufgehobenen Klöster ganz allein bestimmen und er bitterte dadurch die Belgier noch mehr. Gewalttaten, wie die skandalöse Behandlung des Kaufmanns Hondt in Brüssel, fonnten unter Josephs Regierung ganz ungestraft vor sich gehen. Auch das Toleranzedift blieb zum größten Teil nur ein interessantes Aftenstück. Die Regierung Josephs war nicht frei von religiösen Verfolgungen. Wenn man Leute fand, welche weder dem Katolizismus noch dem Protestantismus angehörten, so wurden sie strenge und grausam verfolgt. In Böhmen und Mähren gab es einige harmlose Sekten, die als Deisten be zeichnet wurden; es waren also keine„ Ungläubigen". Wenn diese sich nicht bekehren ließen, so bekamen sie Stockprügel man steckte die Männer in die Armee oder man„ verpflanzte" die Familien nach Siebenbürgen und Galizien. Kinder wurden von ihren Eltern getrennt, das Glück von Tausenden mutwillig zerstört. Es sei hier nur ein Belegstück angeführt. In einem mäh rischen Dorfe hatte man drei Familien entdeckt, welche weder Katoliken noch Protestanten waren, aber au einen„ allmächtigen Geist" glaubten, der Gnade spenden und nach dem Tode eine Vergeltung der Handlungen im Leben eintreten lasse. Dieje armen Menschen wurden in langwierige Untersuchungen ver wickelt; zunächst wollte man sie des Landes verweisen; käme sie zurück, so sollten ihnen nach dem Beschlusse des Kreis amtsverwesers zu Brünn Nasen und Ohren abgeschnitten werden. Dann beschloß man sie zu bekehren, und wenn da nicht ginge, sie als Deisten zu behandeln und ihnen ihre Kinde abzunehmen. Da die Behörden sich nicht einigen konnten, riefe sie die Entscheidung des Kaisers an. Diese erfolgte am 19. Augu 1786 und lautete wörtlich: " zit be de Diese sind lediglich wie die Deisten zu behandeln; den ob man einen Gott ohne Religion oder eine Religion ohne Go behauptet, so ist eines so absurd wie das andere. Indes sind die Männer mit vierundzwanzig Stockstreichen, und die Weiber mit vierundzwanzig Rutenstreichen legen, weil sie sich unterstanden haben, sich so nennen und sie sind dann nach Hause zu schicken. Sollte sie dennoch in ihrem Irrtum hartnäckig beharren, und sich 3 feiner Frequentirung eines oder des anderen Gottesdienstes geduldeten Religionen herbeilassen wollen, so sind sie ohne weitere nach dem Beispiel der Deisten an das Militär nach Ungar zur Verteilung abzugeben, ihre Häuser und Grundstüd aber müssen während der Minderjährigkeit ihrer sämmtliche zurückbleibenden Kinder durch eigens bestimmte Vormünde besorgt werden, sowie auch die Herrschaft auf den Unterri und die Verpflegung dieser Kinder zu sehen haben würde. D Kreisverweser Stephan aber, der von Nasen- und Ohrenab schneiden redet, und aus dessen Untersuchung nichts als Unfin und Dummheit hervorleuchtet, ist von seinem Verweseramt entlassen, auch ist dem Gubernio gemässenst zu verweisen, daß diesen Menschen zum Kreisamtsverweser ausgewählt, ihn solchen Untersuchung ausgeschickt und anstatt die ausgefallen Relazion zu Rechte zu weisen und die Berichtigung derselbe aufzutragen, es vielmehr seine Meinung darauf gefaßt habe Nun, man weiß nicht, ob die Trennung der Familien eben so schlimm ist, wie Nasen- und Ohrenabschneiden. Erlaß Joseph II. ist so karakteristisch, daß eine Kritik überflüssig ik zu 3 einer nicht De Und das unter der Herrschaft des Toleranzedikts, welche " Duldung in allen Religionssachen" aussprach! Diese Dinge und noch manches Aehnliche machten die Voll massen dem„ Reformkaiser" abgeneigt, und einzelne Anekdote wie vom Bauer, dem Joseph den Pflug abnahm, um selbst pflügen, konnten ihn nicht beliebter machen. Man sah die felt same Erscheinung, daß sich von den Bischöfen und sonstige fi R tr R 況 況 m8 du Sch fel 17 m DECRE de du w di du fid ba fa fa de un fel he V ja bo fo bo SEEXECSEREP üt di m de di ge EASTER ei fe fa to br te δι to ers ht, en ent zen Die er Die Fel, en. ein Frei che en, and be enn el; te" Den Lig äb der gen eine ieje Der men weig kirchlichen Würdenträgern mehrere völlig auf die Seite der Reformen stellten, während das Volk ihnen feindlich gegenübertrat. Das leztere kam zum großen Teil auch daher, daß die Reformen zu plözlich und ohne jede Vorbereitung eingeführt wurden und daß im Verhältnis zu dem Stand der Volksbildung zu viel auf einmal geboten wurde. Alle diese Dinge wirkten zusammen, um das Reformwerk Josephs scheitern zu machen. Die Belgier empörten sich und schüttelten das österreichische Joch ab; die Ungarn hätten das felbe getan, wenn Josoph nicht nachgegeben hätte. Er starb 1790 und sah seine Schöpfungen noch untergehen. bald Es ging in jener Zeit ein eigentümlicher Zug antikirchlicher Gesinnung durch Europa, der die Regierungen ein Stück weit mit sich fortriß. Der Pabst Clemens Ganganelli hob 1773 den Jesuitenorden auf, nachdem die Jesuiten aus Frankreich durch die Pompadour, aus Portugal durch Pombal vertrieben worden waren. Die Fürsten benuzten diese Gelegenheit, um die Macht der Geistlichkeit zu schwächen. So Maximilian Joseph III. von Baiern, welcher beiläufig sein Land auch da burch heben wollte, daß er befahl, man müsse in jedem Hause sich mit- Spinnerei beschäftigen, Kinder nicht ausgenommen. In der französischen Revolution traten begreiflicherweise antikirchliche Tendenzen zutage. Nach Annahme der Verfassung von 1791 verpflichtete man die Geistlichen, die Verfassung zu beschwören. Sehr viele weigerten sich und wurden deshalb heftig verfolgt. Man führte in Frankreich die Civilehe und die Civilstandsregister ein; auch wurde die Ehescheidung sehr erleichtert. Der Fehler, den man in der französischen Revolution beging, war der, daß man die eidweigernden Priester heftig und grausam verfolgte. Man erweckte dadurch in den Boltsmassen eine Sympatie für sie, die sie vorher kaum besaßen, und wer den Verlauf jener Umwälzung genau studirt, wird finden, daß in der Masse damals mehr religiöse Gesinnung borhanden war, als man bei oberflächlicher Betrachtung glauben jollte. Die französische Demokratie machte die alte Erfahrung von neuem, daß dem wegen einer Ueberzeugung Verfolgten wirkte mit, den furchtbaren Vendeekrieg zu entzünden, welcher überall Sympatien erwachsen. Die Verfolgung der Prieſter die Republik an den Rand des Verderbens brachte. tten das der efen guft Denn Sott find und bes Iten Dan schaffte den alten Kultus ab, sezte aber an dessen Stelle einen neuen, den Kultus der Vernunft, mit Cere monien deſſen den Kultus des höchsten Wesens wieder ein. So war die franzöſiſche Revolution auch auf dem alten Prinzip stehen geblieben und hatte die staatliche Anerkennung und Bevorzugung einer Religion, eines Kultus beibehalten. Nur der Kultus selbst erfuhr mannigfache Veränderungen, bis Napoleon I. den Katolizismus als Staatsreligion wieder einführte und das befannte, heute noch unter der dritten Republik bestehende Kon tordat mit dem römischen Stuhl schloß, ein Vertrag, der noch unter dem Konsulat eingegangen wurde und der französischen δεν were ar tüde chen der rid Der лаб iner Men Iben be tid 63 sechzig Prozent Protestanten und dreiunddreißig Prozent Katoliken unter seiner Bevölkerung zählt. Insofern hatte es Preußen leichter als Desterreich und Frankreich. Die Ausnahmegesezgebung im Kulturkampf richtete sich wesentlich gegen die katolische Geistlichkeit und ihre Abhängigkeit vom römischen Stuhl. Was man sonst schuf, war alles nicht neu; Civilehe und Civilstandsregister, Beschränkung des Einflusses der Geistlichkeit in den Schulen u. s. w. Man sieht, in dem preußischen Kulturkampf wurde unter sehr günstigen Verhältnissen nur das gewagt, was andere unter ungünstigeren Verhältnissen fast ein Jahrhundert früher auch gewagt hatten. Man verfolgte den sogenannten" Ultramontanismus" durch Ausnahmegeseze und hat ihn dadurch binnen zehn Jahren zur stärksten Partei in Deutschland gemacht, die jezt in den gesezgebenden Körperschaften dominirt. Die Minderheit der Katoliken diktirt der Mehrheit der Protestanten Geseze. Das ist der Erfolg dieses Kulturkampfes. Daß man ihn jezt eingestellt hat, beweist nur, daß man selbst einsah, wie verfehlt er war. Man sieht, wie alle Regierungen, welche einen„ Kulturkamps"- um bei dieser einmal eingebürgerten Virchowschen Phrase zu bleiben in denselben Fehler verfielen. Man greift wohl die Herrschaft an, die sich die Kirche innerhalb des Staats errungen hatte, aber man veränderte nur die Formen dieser Herrschaft. Man schränkte die Macht eines Kultus immer nur zu Gunsten eines andern ein, was auch die französische Revolution tat. So lange es ein Staatskirchentum gibt, wird der Einfluß desselben auf die öffentlichen Angelegenheiten immer annähernd derselbe sein; er wird nur zeitweilig durch die Energie der Regierung vermindert, durch ihre Schwäche vermehrt werden. Glaubens und Gewissensfreiheit haben mit diesen Dingen gar nichts zu tun. Wenn wir uns vom kirchlichen Drucksei es nun der der katolischen, der protestantischen oder einer anderen Kirche, befreien wollen, so kann es sich nicht darum handeln, welcher Kultus vom Staat und der Gesezgebung am meisten bevorzugt werden soll; das wäre weiter nichts als ein Religionskrieg in anderer milderer Form. Freiheit und Gleichberechtigung in firchlichen und religiösen Dingen ist dann vorhanden, wenn alle religiösen Gemeinschaften ohne Ausnahme unter die gleichen Geseze gestellt werden, wie alle anderen Vereinigungen. Warum sollen religiöse Vereinigungen mehr Vorrechte haben als Turnvereine, Schützenvereine, Rechtsschuzvereine, literarische Vereine u. s. w.? Selbstverständlich haben dann diese Vereinigungen auch die Kosten ihres Kultus ſelbſt zu tragen; die ganzen Ausgaben für die Kirchengemeinschaften, die ganzen Kultusbudgets würden also wegfallen. Das wäre Glaubens- und Gewissensfreiheit für alle, und die „ kirchenpolitische Frage" wird auch nicht eher gelöst sein, bis man sich dazu entschließt. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika befinden sich annähernd in solchem Zustande, und man wird nicht behaupten wollen, daß die festen Grundlagen jenes Staatsgewalt ein wesentliches Uebergewicht gegenüber der kirch- riesigen Gemeinwesens dadurch jemals erschüttert werden könnten. lichen Macht verleiht. Wer einem religiösen Kultus huldigen will, kann es drüben von heute, so muß derselbe auch in den Augen seiner exaltir Bedürfnisse wird dadurch also sicherlich nicht verfümmert. Bergleicht man mit diesen Tatsachen den„ Kulturkamps" ungehinderter tun als bei uns. Die Befriedigung religiöser testen Anhänger und solcher gibt es viele deutung verlieren. sehr an BeWie immer bisher, ist auch im preußischen Kulturkampf die Kirche nicht besiegt worden. Der Staat kann nicht auf der einen Seite ihr Herr werden, wenn er sich auf der anderen zu Zunächst vergesse man nicht, daß der neue deutsche„ Kulturfampf" in einem Lande unternommen worden ist, das vierund- ihrem Diener macht. felt olts ten Det Ches Tiger E ,, So lag ich, und so führt' ich meine Klinge."( Seite 75.) Aus Eduard Grüßners Falstaff- Cyklus. ( Nach einer Photographic der Photographischen Gesellschaft in Berlin.) Falstaff und Frau Fluth.( Seite 75.) Aus Eduard Grüßners Falstaff- Cyklus. ( Nach einer Photographie der Photographischen Gesellschaft in Berlin.) 66 5. Die rote Mappe. Moderne Schicksale. Novelle von Carl Görlik. Mistreß Jonston hatte ihre Toilette beendet. Sie ging an einen Koffer, nahm eine rote Mappe heraus und verschloß den selben wieder. Sie legte die rote Mappe auf den Tisch, zog die Handschuhe an und betrachtete, che sie hinausging, eine kleine Photographie, die in einem goldenen Medaillon, das sie an einer Kette um den Hals trug, verwahrt war. Sie stellte das Bild eines alten, greisenhaften Mannes vor. „ Mein Vater," sprach sie leise vor sich hin, das Andenken an dich hält mich aufrecht! Dein Segen begleitet mich und wird mich beschüzen, wenn das Lafter und die Bosheit mir Schlingen legen. Der Blick auf deine gramdurchfurchten Züge stählt stets von neuem meine Kraft." Sie füßte das kleine Bild, schloß das Medaillon wieder und steckte es in den Gürtel ihres Kleides. Dann nahm sie die Mappe, verließ ihr Zimmer und stieg die Treppe hinab. „ Ist ein Wagen für mich da?" fragte sie den Portier, der ihr artig aus seiner Loge entgegentrat. " „ Unser Hotelwagen wird für Sie angespannt, gnädige Frau," antwortete jener, er muß sogleich vorfahren; belieben Sie einstweilen in den Speisesaal einzutreten!" Dabei öffnete er die Glastür und ließ Mistreß Jouston ein treten, hinter welcher sich die Tür sogleich wieder schloß, da der Portier auf seinen Posten zurückkehrte. Mit den durch den Justizrat zu ergreifenden Maßregeln in Gedanken beschäftigt, ging sie mit gesenktem Kopfe arglos bis in die Mitte des Saals und wollte sich auf einen Sessel niederlassen, um die Meldung des Portiers, daß der Wagen bereit sei, zu erwarten. Senger hatte die Eintretende sogleich bemerkt, ohne daß sie von dem Dasizenden Notiz nahm. „ Sie selbst," murmelte er,„ iezt gilts!" Er stand auf, trat ihr einige Schritte näher und machte ihr eine höfliche Verbeugung. Mistreß Jonston, die durch das Geräusch seiner Schritte erst aufmerksam gemacht wurde, daß sie sich nicht allein befand, erschrat sichtlich, als sie Senger vor sich sah, und wandte sich wieder der Tür zu. Er kam ihr zuvor, indem er durch eine rasche Wendung den Plaz zwischen ihr und der Glastür gewann; er verneigte sich noch einmal und redete sie zwar artig, aber doch mit festem Tone an:" Wollen Sie mir heute entfliehen, da Sie doch gestern In Mistreß Jonstons Innern kämpften Furcht und Abscheu, sich mit dem verhaßten Manne hier plözlich unerwartet und allein gegenüber zu stehen. " Wo sind die Leute des Hotels?" rief sie absichtlich laut, teils um dieselben wirklich herbeizurufen, teils um durch den starken Ton ihrer Stimme ihre Angst zu verbergen. " Brauchen wir denn Zeugen?" sagte er halblaut und trat noch einen Schritt näher. Sie wich ebenso zurück. „ Geben Sie mir Raum," fuhr sie fort, oder Sie zwingen mich, ein ähnliches Aufsehen zu veranlassen, wie gestern." Sollte es denn feine Verständigung zwischen uns geben?" fragte er sanft. Sie verlor immer mehr die Fassung; auf einen Ausbruch des Hasses wäre sie vorbereitet gewesen, der milde Wohllaut feiner Stimme verwirrte sie in um so höherem Grade, als er ihr unerwartet fam. " Also doch ein Zugeständnis, daß Sie mich kennen," sagte sie mit vor Erregung zitternder Stimme, gestern schienen Sie Lust zu haben, mich verleugnen zu wollen." „ Mußte ich es denn nicht? Wozu öffentlich bekennen, was uns beide kompromittirt hätte?" ( 2. Fortsezung.) in eine Kategorie gestellt zu sehen, ich wüßte nicht, was ich zu scheuen hätte?" „ Als Tochter Ihres Vaters dächte ich doch viel!" Die Erwähnung ihres Vaters gab ihr die volle Fassung wieder. Kräftig richtete sie sich auf, warf stolz das schöne Haupt zurück und hielt ruhig seinen Blick aus. „ Mein Vater!" rief sie mit steigendem Affekt,„ der Gedanke an ihn beseelt mich stets zu Mut und Kraft! Ja, mein Herr, ich bin hier, um Genugtuung zu fordern für das Unrecht, das Sie an meinem Vater cinst begingen, und Ersaz für den ihm zugefügten Raub, wodurch Sie uns ins Elend stießen!" Sengers Blick streifte ihr elegantes Aeußere. Das Kleid von silbergrauem Seidenstoff und der schwarze Sammetpaletot, den Mistreß Jonston trug, kontrastirte allerdings scharf mit der traurigen Lage, die ihre Worte andeuteten. „ Das Elend in Sammt und Seide," konnte er sich nicht enthalten zu sagen, scheint nicht allzugroß zu sein!" " ,, Wundert Sie das?" fuhr sie fort,„ ich glaube es, denn nach Ihrer Berechnung mußten wir auf einen Standpunkt der Existenz gebracht worden sein, der es uns unmöglich machen sollte, jemals im Leben wieder aufzutauchen. Aber es ist anders gekommen! Als vor acht Jahren mein armer Vater in unserer Heimat am Rhein durch Ihre Schuld in jenen schmählichen Bankrott getrieben wurde, der nicht nur unser ganzes Vermögen verschlang, sondern auch unseren bis dahin geachteten Namen der öffentlichen Schande preisgab, hatten Sie sich auf unsere Kosten geschickt zu bereichern gewußt; jener schändliche Sozietäts vertrag, den mein Vater mit Ihnen, geblendet durch Ihre gleißnerische Verstellungskunst, geschlossen hatte, gab Ihnen als Kompagnon Gelegenheit, unumschränkt zu handeln; Sie verschwanden mit den größten Summen, und mein Vater war ein bankrotter Kaufmann. Alles hielt sich an ihn, da troz Ihres Eintritts die Firma nur unseren Namen trug; man bezichtigte meinen Vater sogar der sträflichen Mitwissenschaft Ihres Verschwindens und ihm drohte die Schmach eines öffentlichen Prozesses, dem er nur durch die Flucht entging. Längst hätte das Elend wohl jede Spur von uns zerstört, wenn Gott uns nicht in einem edlen Manne, dessen Namen ich jezt trage, im Auslande Rettung gesandt hätte; aber meinen Vater hat der Gram um die verlorene Ehre körperlich zerstört; er ist seit jener Zeit ge lähmt, aber sein Geist ist frisch geblieben und kennt nur einen Gedanken: Sühne! vollste Tilgung aller Verpflichtungen, unter denen er durch Ihren Verrat seit acht Jahren seufzt! Als nun kürzlich erst verworrene, dann immer deutlicher auftretende Gerüchte zu uns drangen, daß Sie in hiesiger Residenz in glänzenden Verhältnissen lebten, schien uns der Zeitpunkt der Vergeltung gekommen! Ist mein alter Vater auch durch sein Leiden gefesselt, bin ich dagegen durch meine Wittwenschaft frei, und ich habe es übernommen, mit meiner väterlichen Vollmacht versehen, Sie zur Rechenschaft zu ziehen!" Mit verschränkten Armen hatte Senger ihr zugehört; keine Muskel seines Gesichts zuckte, während alle Seelenzustände, welche sie mit Worten malte, in ihrem wechselvollen Mienenspiele sich deutlich aus prägten. Er war im Vorteil, wie stets, da er ruhig blieb. " So lassen Sie hören, was Sie verlangen!" sagte er falt. „ Wie?" stuzte sie,„ Sie wollten Sich gutwillig unseren For derungen fügen?" ,, Unter Umständen ja!" " Ich durchschaue Sie," rief Mistreß Jonston, aber ich bin nicht mehr das junge Mädchen, wie vor acht Jahren, sondern die durch das Leben geprüfte und erfahrene Frau; Sie wollen mich durch scheinbares Nachgeben hinhalten, aber im Geheimen sinnen Sie auf neuen Verrat, doch bin ich auf alles gefaßt!" „ Und doch täuschen Sie Sich," sagte er trübe und schlug „ Uns beide kompromittirt?" rief sie entrüstet, sich mit ihm mit schmerzlichem Ausdruck das Auge zu Boden,„ Sie sagen, daß Sie nicht mehr dieselbe sind, wohlan, ich glaube Ihnen! Warum soll ich denn noch derselbe sein? Sehen Sie sich um, wer ich jezt bin! Geachtet von meinen Mitbürgern, geehrt von meiner Umgebung, geliebt von einer teuren, edlen Gattin, ist mir nichts von der Vergangenheit geblieben als der Name!" Mistreß Jonston war auf das höchste überrascht. Sie glaubte. einen Bösewicht zu finden, und ein Reuiger stand vor ihr. Welche Sprache?" dachte sie bei sich. " 1 " Soll ich an Ihr Herz appelliren?" fuhr er fort,„ mehr noch, an Ihr Gewissen?" Die Veränderung, die er zur Schau trug, verwirrte sie immer mehr. Sie blickte ihn scheu von der Seite an; in ihrem Blick lag ein aus Neugier und Ueberraschung gemischtes Interesse. " Sie haben volles juristisches Recht, Ihren Verlust von mir zurückzufordern," bekräftigte er mit dem Tone voller Ueberzeugung, aber Sie haben nie das moralische Recht, meine jezige ehrenhafte Existenz durch einen öffentlichen Prozeß zu zerstören!" Sie fonnte in Gedanken ihm nicht widersprechen; es war ihr wie im Traume, sie glaubte ihn als Anklägerin zu vernichten, jezt klagte er sie fast an. " Wehe Ihnen," rief er beinahe drohend, wenn die Tränen einer schuldlosen Gattin auf Ihrer Seele brennen würden!" Leopoldinens Bild stand plözlich im Geiste vor ihr; sie erinnerte sich, wie freundlich sie als ganz unbekannte von der jungen Frau am Abend vorher aufgenommen worden war, das brachte sie zum Entschluß. Der Frau wegen konnte sie dem Manne, wenn auch nicht verzeihen, so doch einige Rücksicht an= gedeihen lassen. " Nein, das soll sie nicht," entgegnete sie halb gerührt,„ ich will nicht ein schuldloses Weib weinen machen!" " Ich wußte es ja," dachte er im stillen bei sich, und ſezte laut mit demütigſter Miene hinzu:„ Was verlangen Sie also, gnädige Frau?" " Sie wissen," sagte sie,„ daß kraft des Wortlauts jenes Geschäftsvertrages zwischen Ihnen und meinem Vater jeder Gewinn geteilt werden soll! Diesen von Ihnen unterschriebenen Vertrag habe ich bei mir; er befindet sich in dieser roten Mappe.". Senger blickte scharf mit dem Ausdruck eines Raubvogels auf die Mappe, die sie unvorsichtig genug ihm entgegenhielt, und welche nach dem, was er soeben erfahren, für ihn jezt fast noch größeren Wert bekam, als die Person der Mistreß Jonston selbst. Er übersah sogleich, daß eine Sache leichter und mit weniger Aufsehen zu vernichten sei, als eine Person. Sein ganzes Intereſſe konzentrirte sich nun darauf, sich durch eine geschickte Machination in den Besiz der Mappe zu ſezen. 67 " Ebenso ein Verzeichnis aller Gläubiger meines Vaters," fuhr sie fort,„ die damals durch seine Flucht geschädigt wurden. Ich habe wiederholentlich diese väterlichen Schulden durch mein, freilich nicht großes Vermögen, über das ich laut Testament meines Bater nahm es nicht an, sondern verlangt die Tilgung burch Sie, da Sie jezt reich geworden sind und in Ihrem Besize der meines Vaters von damals mit eingeschlossen ist! Willigen Sie hierin ein, so bin ich bereit, dies mit Ihnen zu arrangiren, verweigern Sie es aber, so flage ich, auf den Inhalt dieser " Ich wiederhole Ihnen, daß Sie in drei Tagen das verlangte Geld haben werden; eher kann ich es ohne Aufsehen nicht schaffen, denn wer hat heute so viel baares Geld gleich disponibel liegen?" Bittend fügte er hinzu:„ Sie gewähren mir die drei Tage Frist, nicht wahr?" Sie überlegte, daß sie bei diesem kurzen Aufschub nichts wagen, noch viel weniger an ihren Rechten und Ansprüchen etwas verlieren konnte. " Ich werde warten," sagte sie ,,, aber nur drei Tage!" Der Portier trat ein und meldete der Dame, daß der Wagen für sie vorgefahren sei. Sie war jezt unschlüssig, was sie tun sollte und besann sich zögernd. Versprechen Sie mir, gnädige Frau," bat Senger halblaut, damit der Portier nichts hören sollte,„ in dieser kurzen Zeit, nach deren Ablauf ich die geschäftlichen Ansprüche Ihres Herrn Vaters vollständig saldiren werde, nichts öffentlich gegen mich zu unternehmen!" Mistreß Jonston nickte zustimmend, und da sie einsah, daß sie nach dem gegebenen Versprechen vorläufig dem Justizrat Harder keine weiteren Eröffnungen machen konnte, beschloß sie, den Besuch bei dem Rechtsgelehrten aufzugeben und bemerkte nun zu dem Portier, daß er den Wagen wieder fortschicken möchte, da sie sich anders besonnen und die Fahrt auf später verschoben hätte. Der Portier verneigte sich und ging hinaus, um dem Befehle der Dame nachzukommen. Senger triumphirte im stillen, wenn er auch äußerlich eine demütig gebückte Haltung beibehielt. Er hatte drei Tage gewonnen, das war ihm genug; er war überzeugt, daß er bis dahin Mittel gefunden haben würde, die rote Mappe zu erlangen oder Mistreß Jonston verschwinden zu lassen. Als der Portier hinausgegangen war, wandte sich Mistreß Jonston seitwärts und wollte nach leichter Verbeugung gegen Senger ebenfalls den Saal verlassen. " Ich danke Ihnen für Ihre Nachsicht," flüsterte er, indem er sich tief vor der Dame verbeugte. „ Für heute sind wir zu Ende," sagte sie im Hinausgehen, „ Sie wissen, wo Sie mich zu finden haben." Darauf stieg sie die Treppe hinauf und begab sich in ihre Zimmer. Senger blieb im Speisesaal zurück, zündete sich eine neue Bigarre an und schritt langsam auf und nieder, seinen Gedanken Audienz gebend. Ihn mußten angenehme Bilder beschäftigen, zweifelte nicht, daß er die Gefahr, welche ihm von Mistreß Jonston drohte, beseitigen würde; was war aber damit erreicht? Nicht viel mehr als freies Feld gewonnen, um weiter operiren zu können. Die Hauptsache war für ihn Geld, viel Geld! denn es lag ein zufriedenes Lächeln auf seinem Gesicht. Er Wie das schnell zu erlangen war, darüber dachte er hauptsächlich nach. Ein grandioses Geschäft mußte gemacht werden, wenn er sich halten wollte. Nicht jahrelanger Fleiß, mühevolle Arbeit, wie in früheren Zeiten, hätten ihn zum Ziel geführt, nein, er war ein Mann der Gegenwart und an rasche Erfolge gewöhnt. 6. Zur Polizei. Mohrmann, der Besizer des Hotels, in welchem Mistreß Mappe gestüzt, gegen Sie und werde Sie zur Tilgung zwingen!" Jonston abgestiegen war, erfreute sich großer Beliebtheit beim " Und wie hoch beläuft sich die Summe, die nach Ihrer Bublikum. Anschauung zur Deckung des damaligen Defizits nötig wäre?" " Sie Mistreß Jonston. " Ich wäre ein Tor," sagte er mit leichtem Achselzucken, ,, wenn ich um solcher Kleinigkeit willen mein gutes Renommée Nicht nur, daß das Renommée seines Hotels hinsichtlich Einrichtung, Table d'hôte und Bedienung ein vorzügliches war, auch persönlich gehörte er zu den Leuten, vor welchen jedermann den Hut zog. Seine Wohltätigkeit war in den weitesten Kreisen bekannt, auf's Spiel sezen wollte! In drei Tagen steht diese Summe sein Name stand auf den Sammellisten für mildtätige Zwecke zu Ihrer Verfügung!" Mistreß Jonston konnte einen Ausruf angenehmen Erstaunens nicht unterdrücken; es kam alles anders, als sie erwartet hatte; so leicht zum Ziele zu gelangen, hatte sie nicht gehofft. Doch bemächtigte sich ihrer noch einmal das Mißtrauen. Sie sprach es zwar nicht aus, doch mußte es sich wohl in oft mit großen Beträgen oben an, er speiste und beschenkte die armen Kinder des Bezirks zu jeder Weihnachtszeit, kurz, er war ein in jeder Hinsicht ausgezeichnet beleumundeter Mann, Die jeunesse dorée der Aristokratie, der Börse und die Sterne der Kunstwelt speisten an seiner Wirtshaustafel, und der auf alles bedachte kluge Wirt sorgte stets dafür, daß zwei ihren Zügen abspiegeln, denn er bekräftigte sein Versprechen: oder drei hübsche junge Damen von Oper and Ballet einen 99 68 Freiplaz an seiner Tafel einnahmen, um durch ihre pikanten Erscheinungen den Reiz der gastronomischen Genüsse zu erhöhen. Alle diese von den Moden des Tage getragenen Erfolge rechnete man dem Hotelier um so höher an, als man wußte, daß er vor einer Reihe von Jahren sein Geschäft ganz ohne Vermögen begonnen und sich nur durch Ausdauer und geschickte Benuzung aller Umstände so in die Höhe geschwungen hatte.. Dazu kam, daß Mohrmann, wenn auch nicht mehr jung, doch ein äußerlich feiner und eleganter Mann war. Sehr schönes schwarzes lockiges Haar, ein gleichfarbiger moderner Backenbart und exquisite Kleidung machten seine Erscheinung eindrucksvoll. Aber das üppige Haupthaar war- Perrücke; der schöne Bart gefärbt, der Rock nach dem neuesten Schnitt auf einer Seite start wattirt, um die hohe, etwas schiefe Schulter zu verdecken. Alles an ihm war falsch. Er war seit einigen Jahren mit dem Chef der Firma " Theelen Nachfolger" sehr vertraut, und zwar seit einem Vorfalle, der manchen andern für immer von ihm verscheucht hätte. Bei einer privaten Spielpartie:„ Links verliert, rechts gewinnt," hatte Senger den würdigen Hotelier bei einem geschickten Kartenmanöver ertappt, lezterer seine Ungeschicklichkeit dem reichen Kaufmann gegenüber eingestehen müssen und seit jenem Tage war Senger Stammgast im Hotel des Herrn Mohrmann geworden. Das war der Mann, der jezt in den Speisesaal trat, um Senger zu begrüßen. " Ha!" dachte dieser, Mohrmann! eine kleine Hülfe in der Noth; diesmal vielleicht mehr als je! Nur darf ich ihn nicht allzusehr in meine Karten blicken lassen!" " , Guten Morgen, Herr Senger!" rief der Gastwirt mit liebenswürdigster Geschmeidigkeit," was steht zu Ihren Diensten? Befehlen Sie einige Pläze an der Table d'hôte, oder wollen Sie eines Ihrer fleinen famosen Soupers bei mir arrangiren?" " Nichts von beidem," entgegnete Senger, ich bin gekommen, Ihnen ein brillantes Teilgeschäft vorzuschlagen; haben Sie Lust dazu?" „ Mit Ihnen zusammen, stets!" antwortete Mohrmann, ,, also lassen Sie hören! Aber wollen Sie nicht plaznehmen?" , Danke, es wird kurz abgemacht sein," sagte Senger und wies den ihm gebotenen Stuhl zurück. " 1 Er durfte jenen nicht merken lassen, daß es seine Absicht war, wegen Mistreß Jonston im Hotel zu bleiben. " , Und welchen Gewinn verspricht es?" fragte Mohrmann blinzelnd. „ Wenn alles gut abläuft, für jeden von uns vielleicht dreimalhunderttausend Mark!" Der Hotelier knipste mit den Fingern. " Teufel, Sie gehen sehr ins Zeug!" Ich bemühe mich nicht um Lappalien!" sagte Senger wegwerfend. " Ich weiß, ich weiß, und traue Ihnen große Divinationsgabe und richtigen Treffer zu; also lassen Sie hören!" Senger sah sich vorsichtig um, ob sie auch allein waren. Niemand war im Saal, niemand war durch die Glastür auf dem Korridor zu erblicken. Dann faßte er Mohrmanns Hand und flüsterte demselben zu:„ Es ist Aussicht, daß Baron Warren sein Gut verkaufen könnte." " Mohrmann schüttelte den Kopf. Da glaube ich, irren Sie!" Senger zuckte mit dem Ausdrucke großer Ueberlegenheit die Achseln. „ Lassen Sie mich doch ausreden," fuhr er mit ziemlicher Rücksichtslosigkeit fort:" Ich habe den jungen Baron auf geschickte Weise an mich attachirt und ihm den Gedanken an einen Gutsverkauf bereits nahe gelegt; es bedarf vielleicht nur noch eines Anstoßes, der muß von Ihnen kommen, und das Gut könnte in Ihre Hände übergehen!" „ Sie wollen doch nicht sagen," rief Mohrmann, einen Schritt zurücktretend,„ daß ich das Gut kaufen soll?" „ Ja, das werden Sie!" sagte Senger ganz bestimmt. , Ha, ha, ha!" lachte der andere, und womit? Mir fehlt auch das kleinste Kapital zum Angelde. Ich halte kaum die Verhältnisse meines Hotels hier im äußeren Zusammenhange; was sollte ich dem Baron also zahlen?" „ Nichts!" lächelte Senger sarkastisch, Nichts' ist das richtige Angeld für moderne Geschäfte! Wie das gemacht wird, das sei meine Sorge," fügte er wieder ernsthaft werdend hinzu,„ Sie wissen, daß ich nie um die Mittel verlegen bin, wenn es meine Dispositionen ins Leben zu sezen gilt! Sie sind es in gewisser Weise ja auch nicht, denken Sie doch an jenes Kartenspiel, wo Sie Ihnen mißliebige Karten in den Aermel gleiten ließen, damit die mit einem Nadelstich gezeich neten links fallen sollten!" Mohrmann erbleichte, das heißt: sein alterndes Gesicht wurde gelb. " St!" stöhnte er, sich scheu umsehend, schweigen Sie von jener Geschichte, sie ist ja längst vergessen!" „ Doch nicht von uns beiden?" spottete Senger,„ denn sie verbindet uns ja, und ich würde Ihnen sonst nicht so unum wunden diesen neuen Vorschlag machen!" Mohrmann fühlte seine Abhängigkeit von diesem Manne, der so falt und ruhig jenes falsche Spiel erwähnen konnte, wovor er selbst noch stets in der Erinnerung zitterte. ,, Sie meinen wirklich?" sagte er die Augen verschüchtert niederschlagend. " " Daß es das brillanteste Geschäft von der Welt wird," fuhr Senger mit Ueberzeugung fort, denn wir werden es bald zu baarem Gelde machen! Sie haben doch Lust, mit mir halb Part zu spielen, oder," der Sarkasmus machte sich wieder in seiner Stimme geltend, oder macht Ihnen Ihr Hotelgewissen Skrupel?" „ Sie sind in allem mein Meister!" stammelte jener klein laut, ich werde Ihnen willfahren!" „ Topp! Sie werden es nicht bereuen," rief Senger mit stolzer Zuversicht,„ meiner Fahne winkt der Erfolg!" Ein Geräusch und Gemurmel mehrerer Stimmen lenkte ihre Aufmerksamkeit nach dem Korridor, wo sie durch die Scheiben der Glastür mehrere Personen vor der Loge des Portiers in lebhafter Unterhaltung sahen. Portier, Oberkellner, Kommissionär und mehrere Stubens mädchen riefen wild durcheinander: ,, Unglaublich!" , Unerhört!" ,, Was kann das für Weitläufigkeiten geben?" Die Mädchen eilten fort, um ihren Kolleginnen die Neuig teit so rasch wie möglich zu bringen. Das Gebahren der Leute erschien den beiden Herren denn doch so auffällig, daß sich beide der Tür zuwandten, um den Grund der allgemeinen Aufregung zu erfahren. Der Oberkellner fam ihnen schon entgegen. ,, Was gibts?" fragte Mohrmann. " ., Der Kommissionär," antwortete Kaps ,,, kommt socben vom Polizeibureau, wohin ich ihn mit den Meldungen gesandt hatte, zurück mit der Nachricht, daß der Paß der Mistreß Jonston gefälscht sei und daß diese Dame sogleich selbst auf dem Polizeis bureau zu erscheinen habe!" " Nicht möglich!" rief Mohrmann und schlug die Hände zusammen. Senger hatte Mühe, seine freudige Aufregung zu verbergen, denn er überlegte sogleich, daß die drei Tage Frist, welche er von der Engländerin erbeten hatte, nun wahrscheinlich nicht mehr nötig seien. ,, Benachrichtigen Sie die Dame von dem Vorgefallenen, sagte der Hotelier zu seinem Oberkellner,„ und ersuchen Sie dieselbe, sich zum Polizeibureau zu bemühen. „ Etwas extravagant kam sie mir gleich vor!" rief Kaps und eilte hinaus, um zur Engländerin hinauf zu steigen. Die beiden Herren blieben in sehr verschiedener Gemüts stimmung im Speisesaal zurück. ( Fortjesung folgt.) 70 Der Bau des menschlichen Körpers. Eine anatomisch- physiologische Skizze von Bruno Geiser. Der Kreislauf des Blutes durch den Körper findet in folgender Weise statt: Durch die Deffnung der linken Herzkammer in die große Körperschlagader, die Aorta, treibt die Systole des Herzens die während der Diastole in den linken Ventrikel eingetretene Menge hellroten, sauerstoffreichen Blutes in die Aorta hinein. Diese wird dadurch ausgedehnt und würde durch die folgende Zusammenziehung ihrer Wände das Blut wieder in das Herz zurücktreiben, wenn nicht die halbmondförmigen Aortenklappen eben nur das Fortbewegen des Blutes in zentrifugaler Richtung gestatteten. Die Aorta leitet das Blut in den gesammten Körper, indem sie, bei ihrem Austritt aus dem Herzen ein daumendickes, festes und elastisches Rohr darstellend, sich zunächst als aorta ascendens, aufsteigende Aorta, in einem Bogen, dem Aortenbogen, nach aufwärts wendet( Tafel I, Fig. 1 i); an dieser Stelle entspringt der Hauptstrom für die Arterien des Kopfes und der oberen Extremitäten, unter denen sich die auf unserer Figur bezeichneten a. die Schläfenschlagader, b. die Kieferschlagader, c. die Halsschlagader oder Carotis, d. die Schlüsselbeinschlagader, g. die Armschlagader und h. die Speichenschlagader befinden. In dem Aortenbogen wendet sich die Aorta nach hinten und abwärts und läuft als absteigende Brustaorta( aorta descedens thoracica) an der linken Seite der Wirbelsäule bis zum zwölften Bruſtwirbel abwärts, dabei eine Menge von Schlagadern in alle Teile der Brust aussendend. Sie dringt alsdann durch das Zwerchfell in die Bauchhöhle, wo sie als Bauchaorta sich in der Gegend des lezten Lendenwirbels in ihre beide Endäste teilt, durch welche das Becken, die Geschlechtsteile und die Beine mit Blut versorgt werden. Besonders bezeichnet sind auf unserer Figur die Schenkelarterien, arteria cruralis f, die Kniekehlenarterie k, die Schienbeinarterie 1 und die Fußarterie m. Wo sich nun auch das Blut in der tausendfachen Verzweigung der Arterien hinwendet, überall gelangt es endlich in Capillargefäße, in welchen es infolge der Erweiterung seiner Bahn langsamer fließt und einesteils dieser Verlangsamung seines Laufes wegen, andererseits wegen der sehr viel geringeren Dichte der Haargefäßwände Gelegenheit erhält, seine ernährenden Bestandteile an den Körper abzugeben und die abgenuzten und für die Ernährung des Körpers überflüssigen oder störenden Stoffe aufzunehmen. Genau so allmälich, wie sich die Arterien in Capillargefäße, auflösen, sezen sich aus diesen wieder die Venen zusammen. Eine Grenze des Gebiets der Arterien und der Venen innerhalb der Haargefäße ist natürlich nicht zu bestimmen. Ganz allmälich wird das Arterienblut ärmer an Sauerstoff, den es zur Körperernährung abgibt, und reicher an Kohlensäure, dem Hauptverbrennungsprodukt des Körpers. Endlich strömt es als an seiner erheblich dunkleren Färbung leicht zu erkennendes Venenblut durch die Zweige und Aeste der Hohlvenen wieder dem Herzen entgegen, in dessen rechte Vorkammer es sich ergießt, um sich sogleich in den rechten Ventrikel fortzubewegen und von dort durch die Lungenschlagader( Pulmonalarterie) mittels der Systole der rechten Kammer den Lungen zugeführt zu werden. In den Haargefäßen der Lunge kommt das unreine, fohlensäuregeschwängerte Blut mit der eingeatmeten atmosphärischen Luft in Berührung, nimmt daraus frischen Sauerstoff auf und reinigt sich von der Kohlensäure. Darauf wird es von den Lungenvenen aufgenommen und hellrot geworden in den linken Vorhof geleitet, durch den es in der Diastole wieder in die ( Fortsezung.) Den ersten Teil des Gesammtkreislaufs von der linken Ventrikel bis zum rechten Vorhofe hat man früher als den großen Kreislauf geschieden von dem kleinen, als welchen man die Blutbahn vom rechten Vorhofe durch die rechte Kammer nach den Lungen und von diesem nach dem linken Herzensatrium betrachtet hat. Indessen ist diese Scheidung gänzlich über flüssig, streng genommen sogar inforrekt, denn da die beiden Herzhälften, rechte und linke, von einander völlig getrennt sind, so erhellt, daß der Kreislauf des Blutes auch nur gerade da enden kann, wo er angefangen hat, in der linken Kammer. Das Blut geht also in seinem Kreislauf vom linken Herzen aus, passirt nach dem Laufe durch den weitaus größten Teil des Körpers das rechte Herz und kehrt durch die Lungen in das linke Herz zurück. Die höchst wichtige Verschiedenheit des Arterien und Venen blutes wollen sich unsere Leser durch folgende Tabelle*) noch deutlich machen lassen. Physikalische Karattere u. chem. Bestandteile. Wasser Fibrin Arterienblut. Benenblut. niedriger dunkler, dichroitisch relatio mehr Kohlensäure weniger weniger mehr Temperatur Farbe Gasgehalt etwa um 1º C. höher heller, nicht dichroitisch**) relativ mehr Sauerstoff mehr Blutkörperchen mehr weniger Albumin Fette keine konstante Differenz Extraktivstoffe mehr weniger Harnstoff Salze weniger mehr mehr weniger Buder mehr weniger Se Auch nach Geschlecht und Alter ist die Beschaffenheit sorgfältiger Beobachtungen hierüber. Blutes eine verschiedene. Nachstehende Tabelle gibt das Resultat Wasser Fibrin Bestandteile. Männer. Frauen. Kinder. Greise. weniger mehr weniger mehr weniger mehr Blutkörperchen mehr weniger mehr weniger Schwangers schaft. mehr relativ mehr mehr weniger Albumin weniger mehr Fette weniger mehr Extraktivstoffe weniger mehr Salze mehr weniger weniger mehr weniger mehr weniger weniger Die Ursache der Bewegung des Blutes in seinem Kreis laufe durch den menschlichen Körper glaubten noch vor nid langer Zeit die Physiologen ausschließlich in den Stößen seiten des Herzens gefunden zu haben***). Indessen hat sich in neuester Zeit die Sache doch als minder einfach herausgestellt fo: ber Dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft nach verhält dings als wichtigster Faftor bestehen. Sie wirkt jedoch sich damit folgendermaßen f). Die Herztätigkeit bleibt aller dadurch, daß sie mit jeder Diastole aus den Mündungen Venen etwa den siebenundzwanzigsten Teil der gesammten Blu menge aus den Venenmündungen auspumpt und durch die Systole in die Arterienwurzeln einfüllt, sinkt der hydrostatische ††) zu zeigen. Drud **) Dichroismus ist die Eigenschaft eines Stoffes, im durchgehen *) Dr. Otto Dammer, Chem. Handwörterbuch, Artikel Blut den Licht nach verschiedenen Richtungen zweierlei verschiedene Farben ***) So noch Vogt, Physiologische Briefe", Gießen 1861, S. 27 †) Encyklopädie der Naturwissenschaften. Handwörter buch der Zoologie, Antropologie 2c. Artikel Blutbewegung. " ††) Hydrostatik ist die Lehre vom Gleichgewicht und Drud ber linke Rammer tritt und so seinen Kreislauf durch den Körper Flüssigkeiten auf ihre eigenen Teile, auf die Wände der Gefäße, vet beendet, um ihn sogleich wieder von neuem zu beginnen. denen sie eingeschlossen sind, und auf die in ihnen befindlichen Körper " -71 in den Venen und steigt in den Arterien. Da nun nach einem physikalischen Geseze in kommunizirenden Gefäßen( Bassins, Röhren u. s. w.) eine Flüssigkeit stets von den Punkten mit höherem hydrostatischen Druck nach dem mit niedrigerem Drucke fließen muß,„ so findet, so lange das Herz arbeitet, ein Fließen des Blutes von den Arterien durch die Capillaren in die Venen statt." Dazu kommt nun zweitens„ die Elastizität der Blutgefäße, insbesondere der Schlagadern. Diese bewirkt, daß das Fließen ein ununterbrochenes ist, trozdem daß das Herz wäh= rend seiner Ausdehnung keine Flüssigkeit in die Arterien sendet, denn die Ausdehnung des Herzens dauert viel zu kurz, als daß in dieser Zeit eine Ausgleichung des Druckunterschiedes zwischen Arterien und Venen stattfinden könnte. Die Elastizität der Gefäße hat also dieselbe Wirkung, wie die Elastizität der Luft in dem Windkessel einer Feuersprize. Drittens: da das Herz und die großen Gefäße in der Brusthöhle liegen, wo das Zusammenziehungsbestreben der Lunge einen nega tiven Druck unterhält*), so wird hierdurch nicht nur bei der Erschlaffung des Herzens das Herzfleisch ausgedehnt, sondern auch von den großen Gefäßen insbesondere die Venen, was einer Ansaugung des Blutes gleichkommt. Auf die Arterienwurzeln äußert sich dieser Saugdruck der Lunge natürlich nur als Herabminderung des in ihnen herrschenden Druckes, da ein Rückläufigwerden des Blutes durch die Aortenklappe verhindert wird. Da der Saugdruck der Lunge mit der Einatmung steigt und mit der Ausatmung sinkt, so erleidet die Blutbewegung eine mit dem Atmungsrhytmus harmonirende Schwankung in folgender Weise: Im Beginn der Einatmung nimmt erstens der Blutdruck in den Arterien ab, zweitens füllt sich das Herz stark mit Blut, sobald nun diese stärkere Füllung in die Arterien entleert wird, steigt in ihnen der Blutdruck wieder. Bei der Ausatmung steigt infolge der Verminderung des Saugdruckes der Blutdruck in den Arterien, aber da das Herz sich jezt weniger füllt, so wird dies wieder rückgängig, da die Arterien jezt weniger Blut enthalten. Das Resultat der Atmung ist also cine rhytmische Schwankung des Blutdrucks, die sich an den Arterien durch wechselnde Völle des Pulses berrät. Viertens: Von den Bewegungsorganen des Körpers werden positive und negative Seitendrücke auf die Gefäße ausgeübt, die insbesondere auf die schlaffwandigen Venen wirken und teils vorübergehende Stauungen, teils, unterstützt durch die Klappen, vorübergehende Beschleunigungen der Blutbewegung veranlassen. An mancher Körperstelle, z. B. der Schenkelbeuge des Menschen, funktioniren einzelne Venen bei der rhytmischen Gliedmaßenbewegung geradezu als Pumpen." Ueber die verschiedenartige Schnelligkeit der Blutbewegung und deren physiologische Wirkungen schließt sich am angegebenen Dite noch folgende evenso furze als interessante Auseinander sezung an: " In den Arterien bewegt sich das Blut rhytmisch schneller ( bei der Syſtole) und rhytmisch langsamer( bei der Diastole des Herzens), weil die Pulswelle über die elastische Rohrwand angebrochen hinläuft, die Differenz in der Geschwindigkeit beträgt 20 bis 30 Prozent. Mit dem Eintritt des Blutes in das Capillarnez hört die pulsartige Bewegung auf, da die Pulswellen hier notwendig sich begegnen und so sich neutralisiren Geschwindigkeit successive wieder zu. Jnnerhalb eines und des= selben Röhrenabschnittes fließen nicht alle Teile der Blutsäule gleich schnell, die größte Geschwindigkeit hat der Arenstrom, von da nimmt die Geschwindigkeit gegen die Rohrwand, wo sie Null wird, successive ab. Die Bewegung ist also mit einer Verschiebung der Flüssigkeitsteilchen aneinander verbunden, ähnlich wie sich die Hülsen des Perspektivs beim Ausziehen ineinander verschieben. Das hat zweierlei zur Folge: a. die Verschiebung erfordert Kraft und um so größere, je cohärenter die Flüssigkeitsteilchen sind. Das ist ein Reibungsmoment, welches die allmäliche Verzehrung der bewegenden Kräfte und ihre Umsezung in Wärme zur Folge hat. b. Bei der Verteilung der Flüssigkeitsschichten gegen einander befinden sich die Blutkörperchen in derselben Lage wie ein zwischen zwei Perspektivrohre eingelagertes Korn, das beim Ausziehen gerollt wird, die Blutförperchen wirbeln fortwährend um ihre Are, und da sie scheibenförmig sind, so bewirken sie wie kleine Rührlöffelchen eine fortwährende innigste Durchwaschung des Blutes. Die weißen Blutkörperchen schwimmen nicht gleichmäßig mit dem Blute dahin, sondern fleben öfter länger an der Wand oder gleiten ruckweise an ihr hin." Ueber die Menge des Blutes im Menschenkörper hat man bis vor kurzem auch noch ganz allgemein falschen Ansichten gehuldigt. Auf Grund irriger Berechnungen schäzte man sie bis auf ein Fünftel des Körpergewichts. Durch Anwendung äußerst sorgfältiger und geistreicher Untersuchungsmetoden ist man nunmehr jedoch zu der Ueberzeugung gelangt, daß die Blutmenge im lebenden Menschen schwerlich mehr als 1/20 bis 1/12 des Körpergewichts beträgt. Die Quantität des Blutes in den einzelnen Teilen des Körpers ist ungemein verschieden. Im Herzen, in der Lunge und in den großen Gefäßen beträgt sie 63 Prozent des Organgewichts, danach kommt die Leber mit 28, Milz und Niere mit ungefähr 12, Muskeln, Gehirn und Rückenmark mit 5 bis 52, Gedärme mit 312, Knochen mit 2½½, die Haut mit aufzuweisen hat. 1 Prozent des Gewichts, welches das betreffende Organ selbst Die Tätigkeit jedes Teiles des menschlichen Körpers übt wesentlichen Einfluß auf die Menge des Blutes, welches ihm zuſtrömt. Je mehr ein Teil tätig ist, desto mehr Blut zicht er zu sich heran und in die ihn durchdringenden und erfüllenden Capillaren hinein, während die andern ruhenden Körperpartien an Blutzufluß entsprechend einbüßen. Bis zu 47 Prozent soll die Steigerung des Blutzuflusses durch Tätigkeit eines Organs ausmachen können. Daß das Blut im Körper kreist, um ihm Nahrung zuzuführen, wissen wir; desgleichen, daß es dabei beständige und sehr wesentliche Umbildung erfährt. Unaufhörlich zersezt es sich und unaufhörlich wird es erneuert. Der Erneuerung des Blutes dient ein besonderes Gefäßſyſtem, das der Lymphgefäße oder Saugadern, welches aus engen, dünnwandigen Röhren besteht, die sich, gewöhnlich den bedeutendsten Blutgefäßen folgend, in zwei Hauptstämmen, dem Milchbruſtgang( ductus thoracicus) und dem rechten Sangaderſtamm( truncus lymphaticus dexter), jammeln. Lymphgefäße sind fast in allen Organen des Körpers zu finden, mit Ausnahme des Gehirns und des Rückenmarks, des dies anfangs ebenso, gegen das Herz hin kommt es aber wieder Auges, der Knochen und Knorpel, des Mutterkuchens, der Eiinfolge der Druckschwankungen durch die Herztätigkeit zu puls häute und des Nabelstranges. artigem Rhytmus( Venenpuls) und hierzu gesellt sich mannichfaltige Unregelmäßigkeit infolge des wechselnden Seitendrucks. Die Geschwindigkeit der Blutbewegung ist in den Arterienwurzeln In mehrfacher Beziehung unterscheiden sich die Lymphgefäße von den Blutgefäßen. Zunächst enthalten sie eine große Anzahl von Klappen, welche die Rückbewegung der Lymphe nach den un größten und nimmt von da an wegen fortwährender Er- Lymphgefäßwurzeln verhindern. Ferner weisen sie inbezug auf weiterung des Strombettes succesive ab, bis sie in den Ca- ihre Weite lange nicht so große Unterschiede auf als die Blut pillaren ihr Minimum erreicht. Beim Pferd fließt das Blut gefäße, da die kleinsten Saugadern erheblich weiter sind, als in der Halsschlagader 300 Millimeter in der Sekunde, und in die kleinsten Blutgefäße, während die bedeutendsten Lymphden Capillaren höchstens 1 Millimeter. In den Venen nimmt die gefäße sich sehr viel enger zeigen als die größten Arterien auf die von der Lunge eingeschlossenen Körperteile wirken muß. d. h. wo das Zusammenziehungsbestreben der Lunge ausdehnend und Venen. Auch in der Art, wie in ihnen die Lymphe fortbewegt wird, unterscheiden sich die Saugadern von den Blutgefäßen. Vei der Einatmung wird der Inhalt des federkielstarken Milchbrustganges in die Unterschlüsselbeinvene( vena subclavia) gesaugt, in welche er, durch zwei Klappen gegen das Eindringen des Blutes geschüzt, einmündet. Dadurch wird der Inhalt der Lymphgefäße nach der Richtung des Milchbrustganges hin in Bewegung gesézt. Unterstüzt wird diese Bewegung noch durch die wurmförmige Bewegung des Darmkanals und die sich rhytmisch bewegenden Muskelfasern der Darmzotten( villi intestinales), d. s. die in ungeheurer Anzahl man schäzt sie auf vier millionen vorhandenen zarten zapfenförmigen Erhebungen der Darmschleimhaut, in denen ein bedeutsamer Teil der Lymphgefäße seinen Anfang nimmt. Ganz wesentlich gefördert wird endlich die Fortbewegung der Lymphe noch durch das eigene Vermögen der Lymphgefäße, sich zusammenzuziehen, vermittelst der kontraktilen Saugfasern in den Gefäßwänden und durch das einen Druck ausübende Eindringen von Flüssigkeit durch die Wände der Lymphgefäße( Endosmose). Die Lymphgefäße verschlingen sich häufig nezartig und bilden namentlich am Halse, in der Achselgrube, in der Schenkelbeuge und in dem Gekröse des Darmes Haselnußgroße, rundliche, halb feste Knoten, welche die Lymphdrüsen genannt werden. Dieselben dienen der Aufgabe, neue Lymphkörperchen zu bilden, welche der die Drüse passirende Lymphstrom alsdann dem Körper zuführt. Häufig gerät in der Drüse der Lymphstrom auch ins Stocken, zumal wenn durch gesteigerte Anstrengung der mit den Drüsen in Verbindung stehenden Körperteile eine Ueberproduktion von Ernährungsmaterial stattgefunden hat, oder wenn im Bereiche der Gefäßwurzeln der Drüsen Verwundungen, Entzündungen oder Geschwüre vorhanden sind. Die Drüsen schwellen alsdann an, werden leicht schmerzhaft und vereitern zuweilen. Die Flüssigkeit, welche durch die Lymphgefäße in die Venen geleitet wird, ist entweder die eigentliche Lymphe, ein heller, durchsichtiger, klarer Saft, welcher, von der Färbung abgesehen, dem Blute sehr ähnlich ist, wie dieses leicht gerinnt und Körperchen enthält, welche den im Blute vorhandenen farblosen Blutförperchen völlig gleichen. Neben den die eigentliche Lymphe führenden, aus allen Teilen des Körpers stammenden Saugadern gibt es noch sogenannte Chylus( Nahrungssaft) oder Milch gefäße, die von dem Darmkanal ausgehen. Die Flüssigkeit in diesen, der Chylus, erscheint meist trüb und milchig und ist reicher an Fett als die Lymphe. Die Menge dieses, in kleinen Kügelchen in dem Chylus befindlichen Fettes hängt durchaus von der Nahrung ab, die der Körper zu sich genommen hat. Im hungernden Körper ist der Chylus blaß, zuweilen sogar vollkommen durchsichtig; nimmt der Körper stärkemehlhaltige Nahrung ein, so wird der Chylus ein wenig getrübt, nach Fleisch und Milch nimmt diese Trübung zu, und der Genuß von Butter verstärkt sie bis zu völliger Weiße und Undurchsichtigkeit. Wie ungemein wichtig die Bildung des Chylus für die Erneuerung des Blutes und die Ernährung des ganzen Körpers ist, davon werden wir uns bei der Betrachtung des Vorganges der Verdauung des näheren überzeugen. Dasjenige Organ im menschlichen Körper, sowie in dem aller übrigen Säugetiere, welches inbezug auf Anfüllung mit Blut in gleicher Linie steht mit dem Herzen und den großen Blutgefäßen, ist auch zugleich der Ort, wo das Blut die wesent lichste Umwandlung erfährt. Es ist das die Lunge( pulmo). Dieselbe besteht beim Menschen aus zwei ziemlich weit auseinander gerückten, weichen, schipammigen, rotgrauen Teilen, die als die rechte und die linke 72 Lunge bezeichnet werden, weshalb man das ganze Organ auch die Lungen( pulmones) nennt. Die Form der Lungen ist die der Hälfte eines in der Richtung der Are( senkrecht) durchschnittenen unregelmäßigen Kegels, dessen konkave( hohlrunde, nach innen gewölbte) Basis auf dem konveren( erhaben gerundeten) Zwerchfell sizt, indessen die kon veren äußeren Flächen den Rippen des Brustkorbes anliegen, die konkaven inneren Flächen das Herz umschließen und die stumpfen Spizen noch etwas über die erste Rippe hinausreichen. Die rechte Lunge ist etwa um 1/10 größer, dabei etwas niedriger und breiter als die linke; sie wird durch zwei Zoll tiefe Einschnitte in drei Abteilungen, Lappen( lobi pulmonis) genannt, geteilt; die linke dagegen nur in zwei Lappen. An der dem Herzen zugewendeten Fläche der Lungen be findet sich eine ovale seichte Furche( hilus pulmonalis), durch welche die Luftröhre und Blutgefäße, ein Bündel, die Lungenwurzel( radix pulmonum) bildend, eintreten. Jede der Lungen hängt in einer Einstülpung, einer Art Sad des Brust fells( pleura, Bruſtfellsack( saccus pleurae). Das selbe sezt sich mit seiner äußeren Fläche als Rippenfell( pleura costalis) an die Brusthöhlenwand an und ist hier rauh und von lockerem( subserösen) Zellgewebe. Sein innerer am Hilus der Lunge eingestülpter Teil, das Lungenfell( pleura pulmonalis) bildet einen glatten, schlüpfrigen, gefäß- und nervenreichen( serösen) Ueberzug der Lungen. Der Teil des Bruſtfells endlich an jedem Bruſtfellsacke, der sich frei in der Mitte der Brust befindet und dem andern Sacke zugekehrt ist, wird das Mittelfell( mediastinum) und der mit Falten und einzelnen Organen der Brusthöhle ausge füllte Zwischenraum zwischen beiden Brustfellsäcken die Mittelfellshöhle genannt. Das Gewebe der Lungen, nach dem Alter und dem Blutreichtum des Individuums verschieden, ist schwammig und weich und besteht in der Hauptsache aus einem System luftführender und einem System blutführender Röhren; von lezterem ver breiten sich außerordentlich feine Aeste in die Wand des ersteren, so Blut und Luft miteinander in innigste Berührung bringend. Die luftführenden Röhren( bronchi) sind baumförmig ver zweigt, spizen sich an ihren Enden bis zu einem Durchmesser von 50 Millimeter zu und sezen sich in kolbenähnlich geformte zwanzig- bis sechszigfach ausgebuchtete kurze Blindsäcke( Trichter, infundibula) fort. Die mit weiten Deffnungen versehenen Ausbuchtungen sind die Lungenbläschen( alveolae oder vesiculae pulmonales), welche aus einer strukturlosen, von elastischen und Bindegewebsfasern umgebenen Membran bestehen und durch ein von der Lungenarterie herrührendes Kapillarnez umsponnen sind. Die kleinen Bronchien vereinigen sich zu stärkeren Zweigen und schließlich in zwei große Aeste, welche in der Höhe des dritten und vierten Brustwirbels in die Luftröhre übergehen ( Bifurkation der Luftröhre). Die Luftröhre( trachea) ist ein elastischer, fast zylinder förmiger Kanal von 34 bis 1 Zoll Durchmesser, der bis zum 5. Halswirbel am unteren Rande des Kehlkopfs hinaufführt. Er wird aus 18 bis 20 Cförmigen Knorpelbogen gebildet, deren Enden durch quere, glatte Muskelfasern mit einander ver bunden sind und die in der Längenrichtung durch ein derbes, faseriges Gewebe zusammengehalten werden. Die innere Fläche der Luftröhre ist mit einer Schleimhaut überzogen, welche die Kehlkopfschleimhaut ohne Unterbrechung fortsezt. ( Fortsezung folgt.) 73 Voetische Aehrenlese. Wir haben keinen Lieben Vater im Himmel. Sei mit dir im Reinen! Erkenntnis. Rus Friedrich Vischers Tyrischen Gängen. Man muß aushalten im Weltgetümmel Auch ohne das. Was ich alles las Bei gläubigen Philosophen, Lockt keinen Hund vom Ofen. Wär' einer droben in Wolkenhöh'n, Und würde das Schauspiel mitanseh'n, Wie mitleidslos, wie teuflisch wild Tier gegen Tier und Menschenbild, Mensch gegen Tier und Menschenbild, Wütet mit Bahn, mit Gift und Stahl, Mit ausgesonnener Folterqual, Sein Vaterherz würd' es nicht ertragen, Mit Donnerkeilen würd' er drein schlagen, Mit tausend heiligen Donnerwettern Würd' er die Henkerknechte zerschmettern. Meint ihr, er werde in anderen Welten Hintennach Bös und Gut vergelten, Ein grausam hingemordetes Leben Bur Vergütung in seinen Himmel heben? O, wenn sie erwachten in anderen Fluren, Die zu Tod gemarterten Kreaturen: ,, Ich danke!" würden sie sagen, ,, Möcht' es nicht noch einmal wagen, Es ist überstanden. Es ist geschehen. Schließ' mir die Augen, mag nichts mehr sehen, Leben ist Leben. Wo irgend Leben, Wird es auch eine Natur wieder geben, Und in der Natur ist kein Erbarmen, Da werden auch wieder Menschen sein, Die könnten, wie dazumal, mich umarmen O leg' ins Grab mich wieder hinein!" Wer aber lebt, muß es klar sich sagen: Durch dies Leben sich durchzuschlagen Das will ein Stück Roheit. Wohl dir, wenn du das haft erfahren, Und kannst dir dennoch retten und wahren Der Seele Hoheit. In Seelen, die das Leben aushalten Und Mitleid üben und menschlich walten, Mit vereinten Waffen Wirken und schaffen, Troz Hohn und Spott Da ist Gott. Der Bart. Humoreske von J. H. ( Schluß.) Die alten Völker nahmen verschiedene Stellungen zur Bartfrage n. Die Griechen ließen ihn wachsen, die Römer dagegen, sonst die Affen der Griechen, pflegten ihn zu scheeren, und das Wort barbarus ( Barbar) kommt vielleicht von barba( Bart) her, indem die unkultivirten Nichtrömer sich durch wilde Bärte hervortaten, wie denn auch Longobardi nichts anderes heißt als Langbärte. Als der Bart des Jünglings zum erstenmal schnittreif war, wurde er den Göttern zu Ehren geopfert, welcher Tag ein Familienfest war. Sueton wirst dem Kaligula vor, er opfere keinem Gotte seinen Bart, ungefähr in dem Tone, wie heutzutage von jemand gesagt wird: er geht nie zum Abendmahl. Am sonderbarsten ist auch hier das Ritual der Juden. Das mosaische Gesez verbietet, den Bart zu vertilgen, offenbar mit Rücksicht auf eine im Orient heimische Sitte, darin bestehend, daß der um ihnen ein juveniles Ansehen zu wahren. Der Talmud aber, der das mosaische Gesez ungefähr so interpretirte, wie gewisse Wagnerianer die Werke ihres Meisters, bestimmt, daß die Juden sich nicht mit dem so daß das Angesicht des ortodoxen Juden aussieht wie ein frisch abRafirmesser, wohl aber mit der Zwickscheere den Bart puzen dürfen, Orient steht, zeigt der arabische Schwur: Beim Bart des Propheten! gemähtes Stoppelfeld. In welch hohem Ansehen aber der Bart im Den längsten, schönsten Bart auf dem ganzen Erdenrund hat Chicago aufzuweisen. Er wächst auf dem Kinn Adam Kirpers. Dieses haarige Individuum, das jezt sechzig Jahre zählt, fand es bereits in feinem elften Lebensjahre für nötig, sich zu rasiren. Als er sechzehn Jahre alt war, wurde ihm das Rasiermesser zuwider und er beschloß, sein Haar wachsen zu lassen. Bald nachher diente er in dem deutschen Heere, als sein Schnurrbart drei Fuß lang war. Er fand jedoch, daß dieser Schmuck ihm häufig bei den Uebungen hinderlich war, da er sich mit seinem Gewehr und Bajonet und oft auch mit dem Gürtel seines Nebenmannes verwickelte. Er opferte ihn deshalb. Als er dann das Heer verließ, fing er an, seinen Bart wachsen zu lassen. Er ging nach Amerika und wohnt daselbst seit vielen Jahren. Im Lauf der Zeit maß sein Bart fünf Fuß. Darauf schnitt er ihn ab und verfaufte ihn für 75 Dollar an das Museum in Chicago. Seit der Zeit hat er ihn unberührt gelassen, verdient aber dadurch noch Geld damit, daß er sich sehen läßt und Bilder von sich verkauft. Von 1877 bis 1881 war der Bart zwei Fuß gewachsen und jezt, sagen amerikanische Zeitungen, messe er genau 122 Fuß. Wenn er ausgeht, wickelt er ihn um einen ledernen Gürtel, der um seine Taille geschnürt ist, aber zu Hause läßt er ihn seiner ganzen Länge nach herabhängen und wickelt seine Füße darin ein, wenn das Wetter kalt ist. Er findet, daß wenn er die Spize an einen furzen Stock festbindet, er einen vorzüglichen Malerpinsel erhält, und ist stolz darauf, Proben seiner Kunst aufweisen zu können, die er mit dem Bart an Türen, Zäunen u. s. w. ausgeführt hat. Der Sohn des alten Herrn sieht diesen außerordentlichen Haarwuchs als eine gute Erbschaft an, da der gute Vater die Bestim= mung getroffen, daß der Bart nach seinem Tode abgeschnitten und als Merkwürdigkeit im Lande gezeigt werden soll. Vollbart und Bartlosigkeit bezeichnen indessen nur die beiden Extreme, zwischen diesen beiden Polen liegt die bunteste Mannigfaltigfeit verschiedener Bartfaçons. In seinem Aerger über die Geschmacklosigkeiten der Moden satirisirt einmal der Aesthetiker Vischer:„ Ach, man möchte oft seufzen: Wenn der Schöpfer doch nur dem Menschengeschlecht einen Pelz gegeben, oder da es solchen vielleicht einst besaß ihn gelassen hätte! Törichter Wunsch, furzsichtiger Gedanke, der beim ersten näheren Blick in nichts zerfließt! Meint man denn, der Mensch würde dem Tiere gleich sein Naturkleid tragen, wie es ist? Welche Schneidfeinheiten würden erfunden? Halb geschoren wie Pudel, oder ganz geschoren und nur einen Titus auf dem Kopf, eine Quaste, Bottel am Rückgratfortjaz- das wäre noch wenig! Die neue RokokoGärtnerkunst, die Teppichgärtnerei würde beschämt werden durch Figuren, Rabatten, Boskette jeder Form, jedes pikantesten Musters. Und man vergesse die Färbung nicht! Welche Zusammenstellungen, welche Schattirungen, welche Uebergangstöne. Dort die stolze Donna in Purpur und Anilinblau schreiend, hier die sanfte Brittin oder Deutsche in träumerischem Helldunkel sanft bräunlich- aschgrauer Halbtinten, dort der ernste Priester ganz schwarz, nur durch Tonsur die Natur verbessernd; da der Stuzer, gelb gegittert oder gewürfelt, mit grünen Schmachtlocken am Schlappohr, dann erst noch die Uniformen! Garde- Regimenter: ernst, schwarz- weiß, langhaarig, wie Neufundländer, Bernhardiner, Leonberger; Jäger- Regimenter: teils glatte, teils lang= haarige Hühnerhunde, teils auch Rattenfänger, braun, grau, juppenfarb, alles mit grünem Passepoil; vielleicht würde auch das Papageigrün und der grellrote Aufschlag der preußischen beliebt. Die Phantasie erliegt vor der Fülle von Gesichten, die ihr entgegenquellen." Nun, inbezug auf Bärte haben die Menschen diese Phantasie in der Tat bewahrheitet, und welche Aenderung des physiognomischen Ausdrucks die Verschiedenheit der Bartfaçon bewirkt, hat uns einmal der treffliche Mimifer Ernst Schulz mit seiner Naturgeschichte der Bärte bewiesen. Mittels eines ingeniösen Schattenspiels zauberte er mit der Schnelle des Gedankens über ein Duzend Arten von Bärten unter entsprechender, staunenswerter Veränderung seiner Physiognomie auf sein glatt rasirtes Antliz, den borstigen Gensd'armen- oder Exekutorenbart, den spizigen Mephistobart, den franzartigen Bräutigams-, den gedenhaften Mosaik-, den dünn gefäten Schmerzensbart, die Nr. 11 oder die Kaffeebohne des pensionirten Steuerbeamten, den Hambacher 1. s. w. Die populärste Varietät, das Ideal aller Jünglinge ist der Schnurrbart; er verwandelt das Kind zum Jüngling, macht ihn reif zur Liebe und ist also Amors Paßkarte; denn ein Kuß ohne Schnurrbart, hat einmal ein Fräulein erklärt, schmeckt wie Schweinefleisch ohne Sauerkraut. Auch im Militär ist er besonders beliebt. Der Zopf, der ehemals hinten hing, der hängt jezt unter der Nase," wie Heine singt. Früher trug sogar die Geistlichkeit ungehindert Schnurrbärte, bis auf die Zeit der Reformation herab, und zu Mazarins und auch Richelieus Zeiten trug jeder Priester, der nach Popularität oder nach der Gunst des Königs strebte, Sorge, einen Schnurrbart zu kultiviren, zu pomadisiren und zu pudern. Kaum in einem anderen Lande waren die Verordnungen über den militärischen Schnurrbart widersprechender und launenhafter als in Frankreich. Das„ Journal des Débats" behauptet, daß die erste derselben im Jahre 1792 herauskam und bezweckte, die pomadisirten Enden und die Gewohnheit, den Bart in spizer Form, gleich Dolchen zu tragen, zu verbieten. Eine zweite Verordnung datirt aus dem Juni desselben Jahres und ist noch strenger. Sie beschränkt das Recht, Schnurrbärte zu tragen, allein auf die Grenadiere. Dies war hierin das nachdrücklichste französische Gesez, doch wurde es im Jahre XIII. der Republik durch eine Ordre gemildert, welche das Tragen des Schnurrbarts auf die ganze Kavallerie, mit Ausnahme der Dragoner, ausdehnte. Im Jahre 1822 dehnte ein Zirfular des Kriegsministers die Erlaubnis auf einen Teil der Infanterie aus, d. h. auf die Karabiniere und„ Voltigeurs," ebenso auf die Grenadiere, während dasselbe Vorrecht in huldvoller Weise Offizieren von Rang und Stand erteilt wurde. Schließlich nach zwei Jahren erlaubte Marschall Soult nicht nur Schnurrbärte zu tragen, sondern legte es jedem Soldaten als Zwang auf. Wie nach der Form, so unterscheidet sich auch der Bart nach der Farbe. Kaiser Rothbart( Barbarossa) hat seinen Namen von der Bartfarbe; auch Judas der Verräter soll einen roten Bart gehabt haben, und ein Kapuziner mit langem roten Barte, der deshalb von einem Jesuiten geneckt wurde, replizirte schlagfertig: Daß Judas einen roten Bart gehabt, ist nicht so ganz sicher, das aber weiß man gewiß, daß er von der Gesellschaft Jesu war. Ritter Blaubart ist eine der bekanntesten Märchenfiguren. Ein Wunder ist es nur, daß man noch nicht darauf verfallen ist, den Bart grün, blau, scheckig zu färben. Nun, was nicht ist, kann noch werden, und wenn dieser Artikel die Anregung hiezu geben sollte, so wird sein Verfasser stolz darauf sein und sagen können: non omnis moriar*). Neuerdings hat der Bart des deutschen Reichskanzlers zahlreiche Telegraphendrähte und Federn in Bewegung gesezt, welche das epochemachende Ereignis nach allen Gegenden meldeten, und die scharfsinnigsten Kombinationen daran knüpften. Noch heute ist der wahre Grund nicht mit Sicherheit ermittelt; mit Interesse wird man daher das folgende Gedichtchen lesen, womit wir unserem Bartartikel einen patriotischen Abschluß geben: Das war von je der Deutschen Art, Sie stritten um des Kaisers Bart. Erneuert dreht der alte Streit Sich um des Kanzlers Bart zur Zeit: Will er sich zeigen mit der Tat Als Freiheitsmann und Demokrat? Ließ er ihn sprossen in die Höh' *) Ich werde nicht ganz und gar sterben. 74 Selah! Von wegen des Tic douloureux?**) Spricht aus der weiße Moses- Bart: Bleibt mir vor Schweinefleisch bewahrt? Sagt uns des Kanzlers Bart allein, Er wolle ungeschoren sein? Doch nein! Er tritt vors Volk und fragt: Wer ihn im Bart zu krazen wagt! Unsere Illustrationen. Das großherzogliche Residenzschloß in Schwerin.( Seite 57.) Unter den herrlichen norddeutschen Landseen, die sich in fast ununterbrochener Reihe von Plön an der Ostküste Holsteins bis hart an die pommersche Grenze hinziehen und in dem großen Warener oder Mürizer See, nächst dem Bodensee das größte Binnengewässer Deutschlands, ihren Abschluß finden, nimmt der große schweriner See durch seine land schaftlichen Reize eine hervorragende Stelle ein. An seinem Ufer, auf der sog. Schloßinsel inmitten eines prachtvollen Gartens, erhebt sich das großherzogliche Residenzschloß mit seinen vielen Kuppeln und Türmen in märchenhafter Pracht. Nach dem Urteil der besten Kenner deutscher Architektur ist das Schloß zu den bedeutendsten Bauten Deutsch lands zu zählen, da es troz der riesigen Dimensionen den strengsten Anforderungen der Kunst in jeder Hinsicht entspricht. Aus der Geschichte des Schlosses heben wir folgendes hervor. J Jahre 1166 wurde die Burg Schwerin der Hauptort der Grafschaft Schwerin und Graf Guncelin I. erbaute an Stelle der alten heidnischen Burg eine deutsche. Erst gegen Ende des Mittelalters wurde die Burg durch An- und Aufbau vergrößert. Der erste Bau des herzoglichen Schlosses, welcher bis zum Jahre 1842 stand, wurde von Herzog Karl Magnus( starb 1503) ausgeführt. Während und nach dem dreißig jährigen Krieg geschah wenig für das Schloß, so daß es schließlich fast unbewohnbar war. Der kunstliebende Herzog Friedrich Franz II., welcher 1842 3 Regierung gelangte, faßte den Entschluß, das alte Schloß in glanz voller Gestalt zu erneuern. Der Hofbaurat Demmler wurde mit der Ausarbeitung des Entwurfs betraut, der denn auch auf die Schonung der historisch- interessanten und künstlerisch wertvollen Teile des Schloſſes tunlichst Bedacht nahm. Im Oftober 1845 waren die Vorarbeiten soweit gediehen, daß mit dem Bau begonnen werden konnte, der bis zum Jahre 1851 von dem Baumeister Demmler geleitet wurde. Demmler geriet jedoch, wahr scheinlich infolge seines politischen Auftretens, mit seiner Dienstbehörde in Konflikt; die Folge davon war, daß er am 14. Januar 1851 mittel großherzoglichen Resfripts aus der Stellung des leitenden Architekten des Schloßbaues" entfernt wurde. Der Bau wurde nunmehr von anderen Architekten nach dem ursprünglichen Entwurfe zu Ende gefüh und im Jahre 1857 vollendet. Es scheint jedoch, als wenn die Nach folger Demmlers nicht so ganz in dem Sinne des lezteren arbeiteten, denn Demmler beklagte sich in einem Vortrage bei dem Großherzog „ daß schon ein flüchtiger Anblick lehre, wie mit dem Wechsel des Ar chitekten sofort bei den gegen die Stadt gerichteten Bauteilen, weld noch eine Veränderung erfahren konnten, fremdartige Stilarten und Bauelemente hineingetragen werden, die weder mit dem ersten Ba plan, noch mit dem architektonischen Karakter des ganzen Schloſſes Einklang stehen." Es ist leicht begreiflich, daß es dem genialen Meiste Schmerz bereitete, sein herrliches Werk nicht ganz nach Wunsch zu geführt zu sehen, aber immerhin wird das schweriner Residenzschlo seinem Schöpfer einen dauernden Ehrenplaz in der deutschen Kunſ geschichte sichern. in Ende in Sehr interessant ist die Art, wie Demmler seine wirtschaftliche Grundsäze bei den vielen von ihm ausgeführten Bauten zu verwirk lichen suchte. Er verwarf z. B. das verderbliche Submissionsverfahre und übertrug die Arbeiten unter gleichmäßiger Betheiligung an alle Schwerin ansässigen Meister der verschiedenen Branchen auf Red nung. Wo das Interesse des Baues jedoch eine Akkordarbeit wün schenswert machte, wurde dieselbe direkt an die Arbeiter vergeben. Bein Bau des großherzoglichen Residenzschlosses, so erzählt Demmler ſelbil, wurden diese Grundsäze auch auf die sämmtlichen Tischler-, Steinmez 1 Schleifmühlen- Arbeiten, sowie auf die Bildhauerei, Kunstziegelei au gedehnt. Sie wurden sämmtlich, wie auch die Maurer- und Zimmerarbeite ohne jegliche Unternehmer in Ausführung gebracht; große Werkstätte wurden errichtet, die Rohmaterialien, zweckentsprechende Maschinen wurden für Rechnung angeschafft, Trockenstuben angelegt u. f. w. und Go war die Möglichkeit gegeben, daß jeder einzelne Arbeiter nach seinem Fleiß, seiner Gewandtheit und Geschicklichkeit von dem leitenden Ba offizianten besonders remunerirt und nicht von einem Unternehmer in ber Baw seinem privativen Geldinteresse ausgebeutet werden konnte. Es herrscht daher auch stete Zufriedenheit unter den vielen Arbeitern der schiedensten Berufsarten, und dem leitenden und beaufsichtigenden personal wurden seine Geschäfte dadurch sehr erleichtert. Was ab ganz besonders wichtig war: bei dieser Bauleitung hatte weder die Baukasse Nachteil, noch wurden die Arbeiten selbst, was Gediegenheit, Tüchtigkeit und künstlerische Ausführung betrifft, in irgend welche *) Zahnweh. it Weise beeinträchtigt, vielmehr erhielten sie eben dadurch die größtmögliche Vollkommenheit, wovon noch die Tischter-, Steinmeß-, Bildhauer2c. Arbeiten Zeugnis geben. Diese Eigenart Demmlers mag wohl nicht wenig zu dem vorhin erwähnten Konflift und seiner Entlassung beigetragen haben. Zum Schluß wollen wir noch eines spaßhaften Vorfalls gedenken, der sich gleich nach der Entfernung Demmlers von der Bauleitung zutrug. Es betrifft die„ Schloßturmknopfdurchsuchungsgeschichte". Nach der Vollendung des Hauptturms wurden wie üblich in den Knopf desselben verschiedene Münzen, Zeitungen, Restripte 2c. gelegt. Dies sollte auch nach Vollendung der anderen Türme sich wiederholen, und demgemäß legte Demmler nach Fertigstellung des Edturmes der Seeseite zunächst persönlich drei gläserne Flaschen in dem Knopf nieder, der gleich darauf verlötet wurde. Von seinen„ Freunden" scheint später das Gerücht verbreitet worden zu sein, Demmler habe sich mit seinen philosophischen Ideen in den Turmknopf geflüchtet" und daselbst sein sozialpolitisches Programm niedergelegt. Nach langem Hin- und Herberaten der Schloßbaukommission kam man zu dem Entschluß, den ominösen Knopf mit einer Haussuchung zu beehren. Gesagt, getan. Ein Gerüst wurde um den Turm geschlagen, der Knopf erstiegen, geöffnet und des gefährlichen Inhalts beraubt. Es scheint aber nichts Schlimmes darin enthalten gewesen zu sein, denn der Großherzog hat später befohlen, diese Papiere 2c. an einer anderen geeigneten Stelle des Schlosses in Abschrift niederzulegen. 75 Demmler, der jezt hochbetagt( er ist 1804 geboren) in Schwerin in seinem geschmackvollen, selbsterbauten Hause am Ufer einer der schönen schweriner Seen die Ruhe des Alters genießt, kann mit Stolz auf die Kunstwerke blicken, die er während eines langen und vielbewegten Lebens mit rühmlichem Fleiße und tiefem Kunstverständnis geschaffen und die ihm ein dauerndes Andenken sichern. d. Sir John Falstaff.( S. 64 u. 65.) Von all den berühmten Figuren, die der große britische Dramatiker William Shakespeare geschaffen, hat keine eine solche Popularität erlangt, wie John Falstaff, der feiſte und seige Held des Wirtshauses. Der unvergleichliche Humor Shakespeares hat es verstanden, das prahlerische, feige, liederliche Abenteurertum in einer Karrikatur zu gestalten, die nicht minder unsterblich Cervantes von Saavendra vorstellt. Dieser Falstaff ist ernst genommen, ein in tomischen Situationen aber wirkt er so sehr auf unsere Lachmuskeln, daß wir seine abscheulichen Eigenschaften vergessen und uns über seine tollen Streiche freuen. Auf der Bühne wirkt Falstaff wie kaum eine andere komische dramatische Figur. Falstaff ist ein alter Faun, feist und träge, dessen einziges Be streben darin besteht, möglichst behaglich zu schmausen und möglichst viel edlen Weines in seinen Schlund zu schütten. Dabei stellt er den Frauen nach, bei denen er troz seiner Ungeschlachtheit zuweilen Glück hat durch seine fabelhafte Unverschämtheit. Er prahlt beständig mit seinen Heldentaten, ist im Grunde aber ein Feigling. Er ist grob, wizig, heuchlerisch, zuweilen gutmütig. Shakespeare läßt den in seiner Jugend liederlichen Prinzen Heinrich an Falstaff Geschmack finden, und in deſſen Gesellschaft beſteht Sir John seine Abenteuer. von Bildern diese lustige Person zu verewigen, und es ist ihm sichtlich Der berühmte Maler Grüßner hat es unternommen, in einer Reihe gelungen. Sein Falstaffcyklus ist weithin bekannt geworden. Wir entstaff, wie er prahlerisch seine Heldentaten erzählt. Er schildert eben nehmen demselben zwei Darstellungen. Das erste Bild zeigt uns Falsein berühmtes Gefecht mit den„ Steifleinenen" und spricht sein:„ So lag ich und so führt' ich meine Klinge!" zu seinen ungläubigen Zuhörern, die den feigen Prahlhans schon kennen und die Berichte von dereinst in Afrika, sondern er kommt mit einer ganz zivilisirten Guitarre. Das Ständchen beginnt und die holde Angesungene ist so entzückt, daß fie im Negligé am Fenster erscheint. Der Gesang muß in der Tat reizend sein, denn wir sehen, wie ein Kater sich erschrocken auf einen Baum flüchtet. Indessen haben die Nigger auch in der Musik ihren eigenen Geschmack, und was versteht ein Kater von Musik. Aber ein Herz ist unbezwinglich für die Macht der Töne, das ist das Herz des Vaters der Geliebten, der sich über die Störung seiner Nachtruhe ärgert und mit einem soliden Knüppel bewaffnet, jezt sogleich dem nächtlichen Sänger zu Leibe gehen wird. Was dann geschieht, läßt sich leicht denken; Bob wird durch eine nicht allzu angenehme Berührung mit der„ ungebrannten Asche" aus seinen Liebeshimmeln plözlich und unsanft hinabgestürzt werden. Wir fürchten sehr, daß der grobe Alte auch seiner Tochter eine kleine Dosis ungebrannter Asche verabreicht; doch was Nachts in jenem Schlafkämmerchen vorgeht, darüber schweigt des Sängers Höflichkeit“. W. B. Für unsere Hausfrauen. Plaudereien für die Küche. Von O. Culinarius. II. Kochen, Braten, Dämpfen. Wünschen Sie das Rindfleisch, welches Sie kochen, recht saftig wohlschmeckend, zum Genusse einladend auf den Tisch zu bringen liebe Leserin? Wahrscheinlich! Nun, mit dem Rezept, wie mans macht wollen wir nicht hinter dem Berge halten. Kaufen Sie Sich ein kompaktes Stück mageren Ochsenfleisches und bringen Sie es in kochendes, d. h. in stark wallender Bewegung befindliches, etwa 100 Grad Celsius heißes Wasser. Nachdem dieses auf das Fleisch einige Minuten eingewirkt hat, reguliren Sie das Feuer oder gießen Sie dem heißen Wasser faltes zu, derart, daß die Temperatur des Kochwassers auf 70 bis 74 Grad Celsius hinabsinkt. Auf dieser Höhe seien Sie einige Stunden lang vorsichtig bemüht die Wärme des Wassers zu erhalten. Ist Ihnen das nur einigermaßen gelungen, so dürfen Sie sicher sein, ein vorzügliches Stück genießbaren, der Ernährung möglichst gut dienenden Fleisches Ihrer Familie vorsezen zu fönnen. Da wir nun einmal bei den Rezepten sind und sie die positiven Resultate der wissenschaftlichen Untersuchungen vorstellen, welche die. betreffenden Herren Fachgelehrten über das Wesen der Fleischzubereitung angestellt haben, so wollen wir die Rezepte zur Herstellung möglichst mustergültiger Fleischbrühe, guter Braten und zu kunstgerechtem Dämpfen unmittelbar hintendrein folgen lassen, und uns dann erst die Philosophie der Sache, die wissenschaftliche Grundlage, ein wenig näher betrachten. Also bereiten wir uns zunächst eine kräftige, duftige, wohlschmeckende Fleischbrühe. Wir legen ein kompaktes Stück guten Ochsenfleisches in kaltes Wasser und erhizen das Wasser langsam und allmälich bis zur Siedehize, in der wir es dann drei bis fünf Stunden lang erhalten. Das sich auf der Oberfläche der Flüssigkeit bildende Eiweiß schöpfen wir mit dem Schaumlöffel ab. Das Verfahren ist damit schon beendet. Die Brühe wird gut sein, das Fleisch fast vollständig ausgelaugt und gut zum Fortwerfen. Genuß oder Nahrungsmittel ist es sicher nicht mehr. Drei bis fünf Stunden ist verzweifelt lange, werden zwar nicht unsere liebenswürdigen geduldigen Leserinnen, wohl aber mancher Ehemann meinen, dem die Gattin schwer etwas recht machen kann und der mit unserer Hilfe hinter die Geheimnisse der Kochkunst kommen möchte. seinen Heldentaten mit heiterer Ungläubigkeit aufnehmen. Das zweite zeit auch noch zu lange? Nein! Gut. Greifen Sie nur der liebenden Bild zeigt uns den alten liederlichen Gauch als Amaroso, wie er Frau Fluth den Hof macht, die sichs nur deshalb gefallen läßt, um den anderen Hausbewohnern das Vergnügen zu machen, Falstaff als liebes Alte bei Frau Fluth in einer lockeren Gesellschaft zu befinden, und girrenden Werber schmachten zu sehen. Im übrigen scheint sich der das große Hirschgeweih lische Bedeutung. an der Wand hat am Ende gar eine symboSo hat sich der Maler vortrefflich in die Jdee des Dichters hineingedacht und sich zu ihm gesellt, um der Nachwelt diese kostbare Figur auch im Bilde aufzubewahren. W. B. Gattin tatkräftig unter die Arme, zerhacken Sie das Fleisch höchst eigenhändig tunlichst fein, etwa wie Wurstfüllsel, und versenken Sie es als dann in kaltes Wasser. Jezt lassen Sie den Topf ans Feuer stellen und es so einrichten, daß das Kochen erst nach acht bis zehn Minuten beginnt und vier bis sechs Minuten fortgesezt wird. Darauf gießen Sie die Brühe durch ein Haarsieb oder eine Serviette, tun den hartgewordenen Fleischrückstand beiseite, und eine aromatische, famose Bouillon ist fertig. Wollen Sie den Geschmack noch steigern und die Farbe heben, so brauchen Sie nur noch etwas mehr Kochsalz, gebrannten Zucker oder braungebratene Zwiebeln hinzusezen, und mit Spargel, weißen Rüben, Möhren, Sellerie und Poree kann die kundige Hausfrau an dem Geschmack der Brühe noch nach Bedürfnis herumkünsteln. Das Wegwerfen des Fleisches ärgert Sie vielleicht und Sie möchten aus demselben Stück eine mindestens leidliche Suppe sammt einem guten gefochten Fleisch gewinnen? Viel verlangt freilich, aber es läßt sich schließlich alles so halberlei einrichten. Neger, gilt bei den Damen seiner Hautfarbe für eine männlich schöne Regerserenade.( S. 69.) Freund Bob, ein junger frausköpfiger Erscheinung, eine Anschauung, der wir nicht beistimmen können. Allein die Neger, die sich den Teufel weiß und die Engel schwarz vorstellen, Lippe, je flacher die Stirn, desto schöner, meinen sie. Jnbezug auf haben eben ihre eigenen Begriffe von Schönheit. Je wulstiger die weibliche Schönheit sind die Ansichten der Neger noch einfacher; die fettesten Dame gilt auch für die schönste. Darum hat sich Bob in die wohlbeleibte Tochter eines alten hartköpfigen Negers verliebt. Als gezu bringen, und er ist in der Zivilisation schon so weit vorgeschritten, bildeter Mann fühlt er sich verpflichtet, der Geliebten ein Ständchen daß er nicht etwa auf einer Muschel bläst, wie seine Ahnen vielleicht forderungen sicherlich befriedigen. Wir erhizen das Wasser, ehe wir das Fleisch in einem nicht zu fleinen Stücke hineinlegen, auf fünfzig Grad Celsius, senken dann das Fleisch darein und jezen das Erhizen fort bis zum Kochen. Darauf mäßigt man das Feuer und gießt so viel kaltes Wasser zu, bis die Hize des Kochwassers auf siebzig Grad Celsius zurückgegangen ist. So erhält man es etwa zwei Stunden lang. Hat man mäßig Wasser zugesezt, so werden Bouillon und Fleisch nicht allzu hoch gespannte An - 76 Daß ein geringer Zusaz von Kochsalz, etwa zehn Gramm auf einen Liter, zu dem Wasser, in dem man Fleisch kochen will, auf Geschmack und Geruch erhöhend wirkt, wissen unsere Leserinnen. Vielleicht ist aber weniger bekannt, daß auch ein kleiner Zusaz von Milchsäure( etwa sehr wenig frisches Sauerkraut) oder von Chlorkalium den Geschmack der Fleischbrühe nicht unerheblich besser macht. Nachdem wir uns an duftiger Brühe und saftigem Rindfleisch erlabt, wäre es nun wohl gut, auch an einen vortrefflichen Braten zu gehen. Wie wärs mit einer Kalbskeule, meine Damen? Drauf und dran. Wir langen uns die Bratpfanne vom Küchenschrank herunter, geben ein tüchtiges Stück Butter und Speck hinein, stellen die Pfanne so in den mit Steinkohlen oder Holz geheizten Ofen und warten bis die Fette geschmolzen sind. Nun bringt man die Keule, gespickt oder ungespickt, in die Pfanne, belegt ihre ganze Oberfläche mit dünnen Speckseiten und schließt die Tür des nun fünfzehn bis zwanzig Minuten in recht starker Hize zu haltenden Ofens sorgfältig. Nun bildet sich an der Keule unter dem Einflusse der heißen Ofenluft eine dichte albuminöse Hülle, welche den Fleischsaft im Innern zurückhält. Zeitweise muß der Braten gewendet und mit der in der Pfanne enthaltenen Flüssigkeit begossen werden. Nachdem die fünfzehn bis zwanzig Minuten verstrichen sind, mäßigen wir die Glut des Ofens und halten sie möglichst gleichmäßig. Haben wir das anderthalb bis zwei Stunden mit aller Sorgfalt getan, so werden wir uns eines guten Bratens erfreuen können. Gut ist es, wenn wir uns dabei der Tatsache erinnert haben, daß Kalbfleisch, welches weniger reich ist an würzigen Bestandteilen, mehr Hize bedarf, als Ochsenfleisch, Hammelfleisch und Wildpret, und daß bei geringerer Hize der Braten nur blutig gar wird, was stets geschieht, wenn die Hize im Innern des Fleischstücks nicht wenigstens 76 bis 80 Grad Celsius erreicht. Uebrigens können wir auf die Bratpfanne verzichten, wenn wir in der angenehmen Lage sind, uns unser Fleisch frei vor dem Feuer am Spieß braten zu können. Man hängt alsdann das Fleisch entweder an einen Haken über das Feuer, große Braten zwölf und bei großer Hize fünfzehn Zoll entfernt, kleine etwa nur sechs Zoll hoch; umgibt es mit einem Mantel von Eisenblech, und läßt den Hafen durch eine mechanische Vorrichtung drehen; oder man steckt es an den wagerecht angebrachten, auf eisernem Gestelle ruhenden Bratspieß, bei dem man gleichfalls für eine drehende Bewegung zu sorgen hat. Auf jeden Fall muß man aber auf das Auffangen der ablaufenden Flüssigkeit und das Begießen des Bratens mittels derselben bedacht sein. Auch auf dem Roste kann man trefflichen Braten erzielen. Besonders für kleinere Fleischstücke, die nur kurze Zeit zum Garwerden bedürfen, kann der Rost empfohlen werden. Ehe man hier mit dem Braten beginnt, müssen sich die Kohlen in heller Glut befinden, jedoch nicht in Flammen stehen und nicht rauchen. Wenden muß man das auf den Rost gelegte Fleisch alle halbe Minuten; zugleich tut man gut, es hin- und herzuschieben, damit es an allen seinen Teilen gar werden kann. Für heute zum Schluß wollen wir uns jedoch nicht etwas braten, sondern schnell noch etwas dämpfen lassen. Dazu ist ein Topf von nöten, der sich eines gut schließenden Deckels erfreut, damit die heißen Wasserdämpfe am Entweichen möglichst verhindert und gezwungen werden, ihre Temperatur dem Fleische mitzuteilen. Man nimmt ein Stück Ochsenfleisch- wer Kalbfleisch, Hammelfleisch, Wild, Geflügel oder Fische lieber ißt, kann auch diese dämpfen! klopft das Fleisch stark, bestreut es mit Salz und legt es in den Topf, wo man ihm eine Unterlage von einigen Speckscheiben, zwei Zwiebeln, einer Möhre, Lorbeerblättern, Dragon und etwas Gewürz bereitet hat. Dann gießt man Wasser und wer, was gar manchem vorzüglich schmedt! in Bier gedämpftes Fleisch genießen will, schüttet halb Wasser und halb Bier auf das Fleisch, das Bier darf jedoch nicht bitter sein. In dem einen wie in dem andern Falle sezt man so viel Flüssigkeit hinzu, daß die reichliche Hälfte des Fleisches damit bedeckt ist, alsdann wird noch eine Tasse Essig, ein Löffel Birnmuß oder Syrup dazugetan und das Ganze mit festzugedecktem Topfe drei Stunden geschmort. Beim Anrichten nimmt man das Fett ab, sezt der Sauce etwas Mehl zu und rührt diese durch ein Sieb. Damit ist das gedämpfte Fleisch fertig und wir können essen. Wohl bekomm's, wohlgeneigte Leserin! Zur Nahrungsmittelkunde. Mehle. Wenn man, wie es nur zu oft geschieht, die Güte der Mehle nach ihrer Farbe beurteilt, so übersieht man dabei vollständig, daß der Kleber der eigentliche stidstoffhaltige Bestandteil des Mehles das Mehl grau macht, daß daher das weißeste Mehl durchaus nicht das nahrstoffhaltigste und wertvollste bezüglich der Ernährung ist. Gutes Weizenmehl darf keine rötlichen oder schwärzlichen Punkte haben. Bei der Berührung muß es weich, trocken, schwer sein. Mit Wasser geknetet, soll es eine gleichmäßige, langziehbare, elastische, nicht stark klebende und in dünne Stränge ziehbare Masse bilden. Je kürzer, d. h. je weniger ziehbar der Teig ist, desto geringer ist die Mehl sorte. Die Verfälschungen, denen das Mehl unterworfen ist, sind: 1) bessere Sorten Mehl mit geringeren; 2) Getreidemehl mit Kartoffel- oder Erbsenmehl; 3) Vermischung mit Kalk, Kreide, Gyps, Schwerspat u. s. w. Die ersteren Verfälschungen sind nur schwer und fast nur durch das Mikroskop zu erkennen, auch nicht nachteilig für die Gesundheit, namentlich nicht, wenn Hülsenfruchtmehl darunter gemengt ist. Die dritte Art Verfälschungen läßt sich meist dadurch erkennen, daß sich die mineralischen Teile, wenn man etwas Mehl in Wasser löst, viel schneller zu Boden sezen, als die Mehlteile. Sandiges Mehl tuirscht zwischen den Zähnen. Gutes Brot muß gehörig aufgegangen und ausgebacken sein, eine glänzend braune Kruste, eine elastische, nach dem Eindruck des Fingers sich wieder hebende Krume, einen fräftigen, angenehmen Geruch haben, dann ist es leicht verdaulich. Es darf keinen sauern Geschmack haben. In der Krume müssen sich zahlreiche aber kleine Löcher befinden. Bläuliches Brot deutet auf Mischung des Mehles mit Raden( Brandforn), schwarzblaues auf Mischung mit Taumellolch, violette Pünktchen im Brot auf Mutterkorn, sämmtlich höchst gesundheitsschäd liche Kennzeichen. Gerstenmehl, Hafermehl, Wickenmehl, geben dem Brot eine grobe, bald zu trockene, bald feuchte Krume von schwärzlicher oder grauer Farbe und fadem Geschmack. Brot mit zu großem Wasser gehalt( mehr als 43 Prozent) ballt sich im Magen zusammen, verdirbt auch schneller und es entwickeln sich in ihm leichter schädliche Pilze. Dreisilbige Charade. Die erste suche im Haus, im Garten und auf Promenaden, In Flüssen findest du's oft, im Meer und im Bäckerladen. Man macht es aus Holz, aus Eisen und Stein, Legt Silber und Gold, selbst Juwelen darein. Die zweite und dritte sind luftige Tröpfe, Zwar düster zu schauen, doch oft hohle Köpfe; Vertreter der Kunst und Zeugen von herrlichem Schaffen, Auch Ausdruck von Gunst und von Haß, und spize schneidige Waffen, Doch Boten des Friedens zugleich, einladend zum Jubel und Singen, Nicht minder Quellen dem Streit und blutigem Völkerringen. Das Ganze ist auch eine Art von unserem zweiten und dritten; Wo es im Hause zuhauf, da kann es und sollte beglücken, Doch kann es berücken zugleich und birgt verderbliche Tücken Im Kampfe ums Dasein, o Freund, hast du es oft dir erstritten. Semper Notnagel. BERLE E 7 ليا 333 Feferee Fe Fefe Fe ليا Rebus. R D Auflösung des Rätsels in Nr. 1: Winde, und zwar als Mehrheit von Wind, dann als sog. Wagenwinde und als Bezeichnung eines Gliedes des windischen Volksstammes Steiermark, Kärnthen und Krain. Auflösung des Rebus in Nr. 1: Nach dem Sturme tritt immer gutes Wetter ein. in Dtto Inhalt: Die Alten und die Neuen. Roman von M. Kautsky.( Fortsezung.) Winterleben der Tiere. Von Realschullehrer D Lehmann. Kulturkampf sonst und jezt. Von Wilh. Blos. Moderne Schicksale. Novelle von Carl Görlig.( Fortsezung.) des menschlichen Körpers. Eine anatomisch- physiologische Stizze von Bruno Bischers„ Lyrische Gänge". Der S. Schwerin. Der Bau Poetische Aehrenlese: Erkenntnis, Aus Unsere Illustrationen: Das großherzogliche Residenzschloß in Sir John Fallstaff.( Mit zwei Bildern aus Eduard Grüßners Fallstaff Cyklus:„ So lag ich, und so führt' ich meine Klinge" und„ Fallstaff Für unsere Hausfrauen: Plaudereien für die Küche. Von O. Culinarius. II. Kochen, Braten, Dämpfen. Zur Nahrungsmittelkunde. Dreisilbige Charade.- Rebus.- Aerztlicher Ratgeber. Redaktionskorrespondenz. Gemeinnüziges. Mannichfaltiges.- Humoristisches.