Die Alten und die Ueuen. Roman von M. Kautsky. 0- Sortftjmtg.) Tie Fürstin hatte sich erhoben, um dem Könige entgegen zu Lchen, aber da trat er schon mit ihrem Gemahl in den Saal. .. Sc. Majestät sah ungemein jovial aus. er schien iu bester �fliine. , Kein Wunder, der ergözliche Toto, der Komiker par cxcel- :encei wich nicht von seiner Seite und befand sich auch hier in icnicm Gesolge., Indes hatte Reinthal Elsa gesucht und gesunden; er nahm rnoid am Arm und versuchte sich zu ihr durchzudrängen. Sie sah die beiden herankomme». Ihr Herz stand einen Augenblick still, dann klopfte es in verdoppelten Schlagen. Aber ; suchte sich zu fassen, und zum erstenmal erstand ihr icner uugfräuliche Stolz, der die Gefühle, die er nimmer hlinvcgzu- cugne» verniag, doch vor demjenigen, der sie erregt, zu ver- °�geii trachtet. @ Ihre Haltung wurde hoher, freier, ein Zusammenfassen von �a,t bereitete sich in ihr vor. wie bei großen entscheidendcn omcnten. Arnold wurde ihr vorgestellt, er verbeugte sich stumm. »Ich wußte, daß Sic London verlassen und hierher kommen riiw inÖtc s'e in einem To», der in seinem Bestreben. h'9 zu erscheinen, fast etwas gezwungenes hatte,„ich wußte ni,n?? Baron Reinthal, und ich freute mich darüber. Aber leiben Sie auch bei uns, nicht wahr?" .Er hatte sie mit einem Gemisch von Staunen und Bcwun- . ung betrachtet. Er hatte es ihr anheimstellen wollen und 3».e ch gespannt darauf gewartet, ob sie auf ihre iru)ere la>",tschast hinweisen und'ihn als einen Freuud empsangen sie tat es nicht. «chon, bewuü» ..... bewußt und fremd stand sie i y ö Gc- Tarne, die in der großen Welt, m seines «upes. bereits heimisch geworden war. al. -Laters'xj ed.. es ichie" -i in das sie zu Reinthal getreten wa. als i.i' mMU vornherein in gewisse Schranken zuruckwc l �ihzuvcrstehcn. b" uns Meüe». hatte sie gefaßt, w« � „Comtesse," sagte er sich verbeugend und mit einem ver- bindlichcn Lächeln, das nicht ohne Ironie war,„Sic sehen heute einen Menschen vor sich, der über das Zunächstzubeschlicßcnde in seinem Leben noch nicht im klaren ist; Sie haben freilich den seltenen Mut gehabt, über Ihre Zukunft rascher zu ent- scheiden. Lassen Sie mich Ihnen dazu Glück wünschen." Die leztcn Worte hatten fast bitter geklungen; fragend sah sie zu ihm auf, sie verstand ihn nicht. Aber als ihre Augen sich trafen, errötete sie und schwieg. „Es ist das Erröten einer Braut," sagte sich Arnold, „meine Anspielung hat es hervorgerufen." Unwillkürlich wen- dctc er sich nach seinem Vater um, der ein glückliches Lächeln zeigte. Alles war also zwischen diesen beiden schon festgestellt? Es irritirte ihn in unglaublicher Weise, er wußte selbst kaum warum, aber er suchte dieser Bewegung Herr zu werden. So nebeneinander stehend wechselten sie Worte ohne Inhalt, ohne Bedeutung, Oberflächliches nur berührend, indes ein Sturm der verschiedensten Gefühle ihr Inneres durchwagte. Wie hatte Elsa auf dieses Wiedersehen gehofft, seit Jahren es ersehnt, wie hatte ihre kindliche Phantasie es sich ausgemalt mit allen Schauern des Entzückens. Und als es nun zur Wahrheit werden sollte, als sie wußte, daß er kommen würde, da hatte sie ihn gleich einen Befreier erwartet, und jczt durchwehten sie seine Worte mit Eiseskälte und es war nicht Sympatie, die in seinen Blicken lag. Helene rauschte heran. Arnold wandte sich ihr mit einiger Lebhaftigkeit entgegen. Elsa merkte es, daß ihm diese Unter- brechung willkommen war. „Der Fürst hat sich an das Piano gesezt," sagte die Gräfin, „er ist ein ausgezeichneter Pianist und uns steht ein herrlicher Genuß bevor." Es war in der Tat so. Der König hatte auch bereits neben der Fürstin plaz genommen, und nun suchten sich alle übrigen Gäste in einem Halbkreis zu plaziren. Arnold führte Helene, und Reinthal hatte Elsa zu einem Fauteuil geleitet. Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint alle 14 Tage in Heften ä 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Postämter zu beziehen. Allmälich begann iidj die Unruhe zu legen, das laute in- einander tänende Geräusch verstumnite, es wurde Verhältnis- mäßig still. ÜNnr die Entferntsizenden, die eine interessante Kon- versation nicht aufgeben wollten, plauderte« leise weiter. Reinthal flüsterte abgebrochne Worte in Elsas Ohr; sie ver- nahm sie, ohne daß ihr süßer zärtlicher Sinn ihr ausgegangen wäre. Sie blickte nach Helene hin, die dicht neben Arnold saß. Sie plauderte mit ihm, leise und geheimnisvoll, und wie hübsch war ihre Tante in diesem Augenblick. Niemals>var sie Elsa so interessant erschienen, ihre Züge waren belebt, ihre Augen bliztcn in einem eigenartigen Feuer, und ihr Mund spiztc und rundete sich so ausdrucksvoll. Sie unterdrückte den Ton, er sollte die Worte von ihren Lippen ablesen. Ihm schien dies Studium Vergnügen zu machen, und als sie jezt lautlos lachte und dabei ihre großen weißen Zähne zeigte, lachte auch er. In das reine liebevolle Gemüt Elsas brach zum erstenmal eine wilde Empfindung des Schmerzes, die Eifersucht. Tie Musik wurde rauschender, stürniischer. Das Motiv ging ausivärts in Sequenzen ivciter, sich in der Wiederholung zum leidenschaftlichsten Ausdruck steigernd. Helene zeigte sich davon beeinflußt, sie sprach nicht mehr mit den Lippen,.sie hörte zu; aber ihr Atem wurde heftiger, ihr schöner Körper verriet nervöse Vibrationen und die vollen Schultern zuckten, als ob sie dem Kleide entsteigen wollten. Jezt warf sie wie in Extase den Köpf gegen den schneeigen Stacken zurück und schloß die Augen. Elsa sah dies alles, und ihre Pulse klopfte». In dieser Atmospbäre der Lüsternheit, der Frivolität, die ihr Blut erhiztcn, war ihr ein neuer Sinn er- standen. Sie begriff mit einemmale diese kokette Sinnlichkeit, sie ernct, was sie bezweckte. Aber hatte Helene nicht soeben einem andern die Wange zum Kusse gereicht, was wollte sie mit Arnold? Wollte sie auch ihn bezaubern und an sich fesseln? Und diese Absicht würde ihr gelingen, sie fühlte es. Ruhten doch seine Augen auf der hingegossenen Gestalt, als wollten sie jede Einzelnheit dieses schönen Körpers in sich aufnehmen und betrachtend genießen. Die Schlußakkordc der Lißtschen Rhapsodie waren verklungen. Der König applaudirte, und sofort erhob sich ein Sturm von Beifall, der die vorzügliche Leistung lohnte. Der Fürst hatte sich erhoben, der König schritt auf ihn zu, darauf folgte eine allgemeine Bewegung. In diesem Augenblick fühlte Elsa einen leisen Kuß, einem Hauche gleich, ans ihren nackten Schultern. In ihrer Stimmung traf er sie wie ein Dolchstoß. Verstört sah sie nach dem Kühnen, der dies gewagt, sie begegnete den zärtlich flehenden Augen Neinthals. „Elsa," flüsterte er,„verzeihen Sie deni Manne, der Sie liebt." Sie vermochte nicht zu antworten, sie war wie gelähmt von Uebcrraschung und Schreck. Sie riß sich von ihm los; im nächsten Augenblick waren sie getrennt, ein Mcnschenschwall schob sich dazwischen; Elsa drängte der Türe zu, sie wollte fort, fort! Es war der einzige ihr deutliche Gedanke. Im Flug durcheilte sie mehrere Gemächer. Niemand war darin; alles hatte sich, während der Fürst spielte, in dem großen Konzertsaal konzentrirt. Sic lief weiter, sie wollte das Vestibül erreichen. So gelangte sie in ein kleines mit rotem Damast ausgeschlagencs Gemach, in welchem eine Hängelampe einen dämmerhastcn Schein verbreitete. Tasselbe bildete nach dieser Seite hin den Abschluß, es hatte nur die eine Tür, durch die sie eingetreten war. Sie be- merkte nun, daß sie den rechten Ausgang verfehlt hatte; hier konnte sie nicht weiter. Sic Hütte es auch nicht vermocht. Ermattet inib fiebernd warf sie sich in einen Divan und jezt, inmitten dieser glänzenden Umgebung, umrauscht von den Tönen der Freude, des gesellschaftlichen Vergnügens, erfaßte sie ein solches Gesühl der Schmach, des Elends, und zueleich der Unbeschüzt- hcit, des Alleinseins, daß es sie fast erdrückte. Wie ein Sturm war es über dies junge unvorbereitete Herz gekommen. Und diese erste große Enttäuschung griff bis in ihr innerstes Leben und bereitete ihr bisher ungekaniüe Qualen. Im Saale steigerte sich die Heiterkeit zur Ausgelassenheit. Der Komiker und unvergleichliche Coupletsänger begann mit dem Vortrage einiger lokaler Gassenhauer, und er entseffclte durch seinen Vortrag und durch die Anwendung einiger Kehllaute wahre Lachsalven. Jedes Zeremoniell hatte aufgehört, nian fühlte sich gunj sans gene, und in den kurzen Zwischenpausen wuchs die Aus' gclaffenhcit zu den lärmendsten Demonstrationen an. Der statt liche und geistvolle Prinz Stein hatte sich mit einem flciucir nüchtern aussehenden Mann aus dem Saale in ein entferntes Gemach zurückgezogen. Es stieß an dasjenige mit den rote» Damasttapeten, in welchem Elsa ruhte. Sie konnte jedes Wor> vernehmen, das die beiden sprachen. Der Prinz hatte tue Hände auf den Rücken gelegt und auf und niedergehend uilfr er dem kleinen Mann zu, der in der Finanzwelt eine Größe war „Das ist sicher, eS wird dadurch eine Kontrole geschaffen> sagte er als Antwort auf dcffen Ausführungen,„und sobau das Vertraue» wächst und die Sache sich konsolidirt, wird man von unserer Seite sich mit enormen Summen dabei beteilige»- „Mir ists vor allem um die Neugestaltung des Kapit». zu tu», das man in diesen Papieren anlegt," versicherte»' einem leisen aber ungemein bestimmten Tone der Finanzman»' „werden wir von maßgebender Seite darin nnterstüzt und iff' halten, so ermöglicht das ein rascheres und bewußteres gehen; wir haben dann den nächsten Erfolg so gut wie>» � Tasche und damit gelangen wir zu einer Kraft der Aktion, � die Welt in Erstaunen sezen wird." Wieder nickte der Prinz.„Ich hoffe es; wir werde»»"j sercn Zielen dadurch näher kommen und einen mächtigen% f geschaffen haben zur Förderung der katvlischcn Jntcrcl!� Wir werden unseren Bestrebungen, dem wahren Glauben- dienen, mehr Nachdruck geben, und zugleich die finanjis? Angelegenheiten des hohen Klerus und der frommen GcnMis schaffen ordne» könne», auch den Privaten, die uns eipn. Bundesgenossen sind, jene Subventionen aussezen können, sie verdienen." j „Gewiß. Hoheit, und dies alles wird durch meine AV geschaffen, durch meine» Unternehniungsgcist gefördert J vcrsezte der kleine Mann mit einem siegreichen Ausdruck, sns aber sogleich untertänig hinzu:„o wenn mich jemals k»' stolz und glücklich machte, so ist es diese Spekulation nnt P< katolischen Kapital." � 1 „Vergessen Sic nicht, mein Lieber," entgegnete der mit jener hochmütigen Ueberlegenhcit, die dem ander» M ck einen Dämpfer aussezte,„vergessen Sic ja nicht, daß/* mar, der den heiligen Vater um seinen Segen für diese � ratio» gebeten und daß ich diesen auch von Sr. Heiligt» halten habe." � "Wie könnte ich das vergessen, gnädigster Prinz", ee»" ,� rasch der Börscnmann.„Kam dieser Segen doch in' � Munifizcnz. daß alle» Gründer» das Glück dieses M'Ll Segens und außerdem ein Autograph des heiligen Vaters wurde. Nun, meine Gattin hat sichs dafür angelegen sei» hunderttausend Gulden für den Pcterspfennig zusammen- bringen." Ter Prinz strich mit seiner großen weißen Hand m> � holt wie liebkosend über sein rasirtes Kinn hinweg- haben alle Ursache, zufrieden zu sein; unsere Hoffnungen � eine sichere Basis und wir iverden zugleich ein erhabene gefälliges Werk geschaffen haben." „Wobei in kürzester Frist das Kapital jedes EM» � Nch verzehnfacht haben wird. Ein hübscher Gewinn-, fromme Prinz schmunzelte zu dieser weltlichen Komb». Er- wußte sehr gut. was das Kapital bei dem Adel vo» � zutage bedeute, und daß es allein im Stande ist. simc< u> s"n Ansehen noch ausrecht zu erhalten. Er begriff. p 175 tiefer Zeit des großen industriellen Aufschwungs und des Börsen- Schwindels ihnen die Alternative gestellt war, entweder auf ihren Tomänen ebenfalls industrielle Etablissements zu errichte» und ebenfalls mitzugriinden oder unterzugehen. Als Adel allein bedeuteten sie nichts mehr, als große Ka- pitalisten von Adel alles. Wer durfte es den Geldmenschen berargen, wenn sie, vice versa, wieder nach etwas Adel ver- wngtcn? Die Finanzgröße drängte sich näher an den Prinzen heran und sagte langsam aber in einem diskreten Ton:„Ich h�stc, gnädigster Prinz, wenn wir auf 500 Gulden per Aktie hinauf komme», und wenn die Erwartungen meiner hohen Gönner sich damit erfüllt haben werden, daß sodann auch mein innigster Wunsch Berücksichtigung finden dürfte." , Der Prinz sah noch hochmütiger aus.„Sic tragen bereits ein rotes Bändchen im Knopfloch, was wollen Sic noch?" „Sie wissen, ich strebe die Frciherrnkrone an", enviderte der bch'anzmann in einem bestimmten durchaus bewußten Ton,„und 4 werde—" Der Prinz machte eine Handbewegung, die eine Gewähr kdeutetc und zugleich jede weitere Diskussion abschnitt. ."Sie sollen sie haben, noblesse oblige." Er ließ ihn %» und schritt in den Saal hinaus. „Oder eine Hand wäscht die andere", murmelte das Finanz- ihm mit einem impertinenten Lächeln nachblickend, das � unangenehme Physiognomie keineswegs verschönte. steckte die Hände in die Hosentaschen und begab sich °°enb.lls in den Saal zurück. Der Komiker hatte soeben geendet. Man lachte und rief ihm zu, man wollte noch mehr von Sorte. Er aber schüttelte sich und erklärte sein Unver- 'ogen solcher Unersättlichkeit zu genügen. st �Jprong die Fürstin empor und gegen das Piano hin, ■v er,D'ichte Toto beim Chr und zog ihn lachend wieder an #0*. be'J?a k'rtlwn", sagte sie, und in ausgelassener Weise mit kj" tfingetn schnalzend, und dann die Arme gleich Henkeln in ..®c,'t£ stemmend, wobei sie sich das Air einer Bauerndirne cb' ric!!ie lustig, sie sei bereit, um ihren hohen Gast zu »u/» Schnadahüpfeln mit dem„dalkcten Buaben da", Doto zeigend, zum Besten zu geben. jubelte, man wieherte, man exaltirte sich über diesen Einfall der genialen Fürstin. sieb �'C'm Saale war enorm, aber die Menge drängte zusammen, man wollte näher kommen, um das iu h �r9cm der Fürstin in seinen feineren Nuancen noch °cn,chmen. h�j.- jung, den lokalen To» sehr gut imitirend, mit etwas rtr, verschleierter Stimme, nur die Pointen herausschreiend. bqZ � war entzückt, begeistert. Tie elegante Fürstin, mit lioj 1 Geberde die saftigen, kernigen Gstanzeln begleitend, es wen wunderbaren Kontrast, es war eine reizende Pikanterie. owstin allein schien daran keinen Gefallen zu finden. Ihn hohe ernste Gedanken, etwas, das er sich selbst als seine blick» w hu'justellen gesucht und das er nicht einen Augen- er QjJ.15 beni Auge verlor. Er wußte, wo Elsa sich befand, leideus� Seelenzustand und in kluger Berechnung und blick a pl>licher Ungeduld glaubte er nun den rechten Augen- hat dJ �wen. um den entscheidenden Streich zu wagen. Sic rtfobtei( r''cm"n golemt und in ihr die Sünde. Ihre Un- dieser ägT un�'hre Phantasie vergrößern ihr die Gefahren sieht n,: f' ln,b wenn sie sich nun auch in dem Einen betrogen lieht in'* bies kindliche Herz vertraut hat, und den es sühren'ho Schmerz und ihre Verlassenheit sie uns zu- wuß sj sobald sie sich von der Menschheit hinwegwendet, keine zu- bcr Kirche in die Arme werfen. Es bleibt ihr ��lirsnjZ' Cä bies ein seelisches Muß, ein metaphysisches �"Nen nun,' oll diejenigen, auf die sie sich stüzen zu Äusj„, �"bte, ihr vollends verdächtig zu machen, und alle 'ho zu vernichten. Dazu brauchte er einen Bundesgenossen; er hatte ihn bald gefunden und er benuzte ihn, ohne daß dieser eine Ahnung hatte von dem Dienst, den er dadurch der Kirche leistete. Es war ein junger Kavalier, Graf Weilen, ein blasirter Geck, der vorgab, es gäbe nichts mehr, das ihn interessiren könne, und der, mit unangenehm impertinenten Mienen um sich blickend, sich berechtigt glaubte, alles fade und langweilig zu finden. Als Seine Hochwürden ihn daher am Arme faßte und ihm lächelnd zuraunte:„Mein Teurer, wie ich Sie kenne, kann Sie das unmöglich ergözen", schnaufte er als Antwort zurück:„Ich bin auf der Folter, Sie hat gar keine Stinime mehr, aber von ihr muß man sich immer in dieser oder, jener Weise malträ- tiren lassen." „Aber man kann sich doch für eine Weile retten, kommen Sie, lieber Graf, wir werden uns miteinander weit besser nn- terhalten." „Hochwürdcn, Sie haben etwas?" fragte Weilen, das Mo- nocle aufsezend, als könne er dadurch der Sache auf den Grund Kommen. Sie hatte» einige Ncbengemächcr durchschritten, Seine Hoch- würden war immer einen Schritt voraus. „Man macht so seine Beobachtungen", sagte Cölestin mit einem geheimnisvollen Lächeln. „Die mache ich auch, aber die Welt ist so langweilig", der Graf gähnte und riß dabei den Mund groß auf,„es ist immer dieselbe Komödie." „Nur die Darsteller wechseln." „Ah!" machte der Graf mit einer Grimasse,„Sie wissen also wirklich etwas neues?" „Morgen wird es vielleicht schon etwas Allbekanntes sein." Sie lvaren an der Tür des Gemaches mit den roten Da- masttapcten angekommen. Cölestin blieb plözlich stehen, und von der Portiere verdeckt, lehnte er sich an die Türfüllung. Graf Weilen postirte sich ihm gegenüber, den Oberkörper an die Täfelung gelehnt, die Füße weit vorgestreckt.„Es bleibt immer ein Verdienst, etwas um 24 Stunden früher zu wissen als andere Leute", sagte er mit einem schlauen Lächeln, den Mund nach einer Seite verziehend,„es ist das ganze Geheimnis der Diplomatie und der Regierungskunst, lassen Sie mich also daran partizipiren." Cölestin warf einen Blick hinter die Portiere, er verge- wifsertc sich von Elsas Gegenwart. „Sie gehören doch auch eigentlich zu den Intimen der Gräfin Falkenau", sagte er leise mit verschleierter Stimme. „von, es handelt sich also um die Falkenau, la belle Helene", rief Weilen laut, in keineswegs diskretem Ton. „Sie wird bald zu den einflußreichsten Frauen unserer Gc- sellschaft zählen." Weilen meckerte vor sich hin:„Prinz Heinrich wird also nicht längcr vergeblich schmachten?" „Es heißt auch, sie wolle sich demnächst wieder verheiraten." „Ah, die Sache ist schon soweit gediehen, und man braucht einen Strohmann." „Graf, welch cynische Voraussezungcn!" „Lab, nons nc sommes pas leurs dupes"; Weilen lachte stoßweise,„und der Edle ist also schon gefunden". „Es heißt, sie habe bereits gewählt". „Und wer ist der Glückliche?" „Es ist jener junge Doktor, den Baron Reinthal heute hier eingeführt hat". „Dieser Arnold? Ein furchtbar langweiliger Mensch; war gestern zum Souper bei Rcinthal und den ganzen Abend mit ihm beisammen; kein Wiz, keine Passionen, kein Geist, ei» ganz deplorabler Kerl. Uebrigens sehr Passend, haha, für die Rolle, die man ihm zugedacht. Der Baron will ihn adoptiren, wie man sagt". „Wer weiß, er ist ja selbst so gut wie Bräutigam." Cö- lcstins Stimme war kaum vcrnchnilich. Ter Graf rief aber nur umso lauter: 176 ,,Wie, was! Der Reinthal will auch heiraten, das alte»n- solide Haus! Sapristi, da ist es sicher eine der Jüngsten, aus die crs abgesehen hat." Cölestiu flüsterte: ,,Es ist Fräulein Barr." „Komtesse Elsa!" rief der geckenhafte Graf, diesmal mit ciueni keineswegs affektirtcn Erstaunen. „Aber das ist ja ein reizendes Geschöpf, eine vcritable Schön- heit; freilich nicht Vollblut, ein bürgerlicher Vater, aber was tnts, ich hätte mich vielleicht selbst dazu entschlossen, meiner Secl, ich war imstande, um sie zu tvcrbcn". „Das ist nun zu spät." „Zu spät? Aber man weiß noch von keiner Verlobung." „Roch nicht, aber ihre Taute protegirt dieses Verhältnis." „So, die Falkeuan protegirt das Verhältnis? Verstehe, er verkuppelt ihr den Sohn, und sie ihm dafür die kleine Richte, service pour Service". Cölestin zuckte zusammen. Wie ein Seufzer drang es ans dem roten Gemache, oder wars ein Schluchzen? Sie hat alles gehört, dachte er; das arme Kind hatte wohl nicht alles verstanden, aber sie wußte genug und er hatte seine Absicht erreicht. Es drängte ihn jezt, den Komplizen, den er, wie einen dressirten Gimpel, eine gewünschte Melodie hatte pfeifen lassen, beiseite zu schieben, um alsbald wieder allein aufzutreten und die Szene zu dem gewünschten Abschluß zu bringen. Er nahm den Arm des Grafen in de» seinen und führte ihn plaudernd hinweg und wieder in den Saal zurück. In dem kleinen Zimmer war es stille, nichts regte sich. Rur die Töne einer ausgelassenen prickelnden Weise, die in Dissonanzen sich bewegte, klangen aus dem Saale herein. Elsa riß sich Plözlich empor, sie wollte fort, diesem Orte enteilen; sie hatte den Fuß vorgesczt, aber die Glieder waren schwer, sie versagten ihr den Dienst. So blieb sie einen Augen- blick unbeweglich, wie vcrstcint in ihrem Schmerz. Die in Weiß gekleidete Gestalt des Mädchens mit dem goldig blizcnden Haar hob sich licht von dem dnnkelroten Ton der Tamasttapcte, und wie sie so dastand, den Oberkörper nach vorwärts geneigt, mit blassen Wangen, das Haar in Unordnung, die dunklen Augen, die der Schreck vergrößerte, auf einen Punkt geheftet, war sie von einer wunderbaren, wahrhast phantastischen Schönheit. Jezt ballten sich ihre Hände, und ihr Körper war wie von Grauen geschüttelt. Die Welt, in der sie lebte, hatte sich ihr enthüllt in ihrer ganzen Ricbcitracht und Erbärmlichkeit, und er, an dem sie ge- hangen, mit allem Vertrauen, mit aller Innigkeit, er war erbärmlich gleich den übrigen. Und sie sah sich verraten und verkauft, und sie war allein, ohne Schuz, ohne Halt, sie fühlte sich untergehen. Wieder sank sie in die Ottomane zurück und ihre Hände vcr- gruben sich in dem Haargewoge ihres Hauptes. Kein Laut kam über ihre Lippen; nur hie und da zuckte ihr Körper ner- vös empor unter dem frivolen Staccato eines Osfenbach'schen Bacchanals. Jezt wurde die schwere Portiere mit leiser Hand zurück- geschoben: Cölestin betrat das Gemach. Er blieb an der Türe stehen, sein Blick sah mit inquisitori- scher Strenge zu ihr hinüber. Sie leidet, sagte er sich, aber auch ich leide— und qualvoll. Aber im Schmerze liegt die Reinigung und so hat dieser Schmerz zugleich etwas SüßcS. In seinen dunklen Augen brannte es auf. Hoch und schlank, mit dem schönen blassen südlichen Antliz, voll Ausdruck und Willenskraft in jeder Muskel, glich er in diesem Augenblick jenen typischen Gestalten des Glaubensfanatisnins, wie sie aus der Zeit der religiösen Kämpfe lyts überliefert worden lind wie sie nervöse Ucberreiztheit auch in unserer Zeit her- vorbringt. Auf dem weichen Tcppich war sein Schritt unhörbar, er näherte sich ihr langsam. „Elsa!" sagte er in einem tiefen vibrirendcn Ton, cinci» Mahnruf gleich. Sie wandte den Kopf und sah erschreckt zu ihm auf. „Was wollen Sie von mir?" „Sie hinwegführen aus einer Welt, in die Sie nie einen Blick hätten werfen sollen." „Warum hat man mich hierhergebracht?" „Es war eine beklagenswerte Eitelkeit. Ihre Jugend»nd Schönheit wollte man allen Augen preisgeben, und nun habe» Sie die Begierde geweckt und das Verlangen. Man wünscht Sic zu bcsizen, und Sie kennen den Mann, der diesem Wunsche allen Nachdruck geben wird." „Aber ich will ihn nicht— ich will fort!" Sic sah von Angst verwirrt um sich. Er trat dicht an sie heran. „Tann ergreifen Sie die Hand eines Freundes, den kei» weltliches Interesse, kein Eigennuz bestimmt, und befehlen wohin ich Sie zu bringen habe." Verstört sah sie ihn an.„Ich weiß es nicht," nnirmeltc sie wie selbstverloren. In dem Augenblick teilte sich abermals die Portiere»>� Gräfin Natalie trat gleichsam tvie auf ein gegebenes Stichwort herein., „Mein Kind, flüchte zu uns, zu mir, die ich dich liebe! Elsa stürzte ihr an den Hals, in Bedrängnis sie umklammernd. „Großtante, bringe mich fort von hier, ich will sie nicht wiedersehen, nicht ihn, nicht den Baron, und auch Helene nicht- Tante Natalie drückte sie fest an sich. „Das sollst du auch nicht, du wirst bei mir allein Schui finden, und niemand soll dir mehr zu nahe treten." „Aber sie suchen mich vielleicht, sie können im nächste Augenblick hier sein." „Wir gehen sogleich. J Die Gräfin hatte ihren Arm um sie geschlungen und M ihr zärtlich in das erregte Antliz... I „Aber du bist so verstört, fasse dich; niemand soll dich 111 diesem Zustande sehen." j Sic wendete sich an Cölestin:„Das nächste Zimmer tn' einen Ausgang nach dem Korridor." „Ich'werde die Damen geleiten." j „Nicht doch, Sie bleiben zurück," entgegnete die Gviil1" bittend,„Sie werden die Güte habe» und Helene benachowl' tigen, daß ich Elsa für diese Nacht zu mir genommen, morg� wolle» wir weiter darüber verhandeln.", jj Er verbeugte sich.„Ich gehorche." Dann leiser: komme wieder, seien Sie indes vorsichtig." Einige Minuten später war der Wagen der Gräsin vw" gefahren und sie hatte mit Elsa das Palais verlassen.—"7 „Die Fürstin will dich morgen bei sich sehen," sagte Row thal nach dem Souper zu seinem Sohn.„Du hast fielst1'� einen guten Eindruck auf sie gemacht.", „Ich bedauere, dieser Einladung nicht Folge leisten zu können.� entgegnete Arnold trocken,„aber ich habe meiner Arbeiten eine Exkursion zu machen, die mich einige Tage von Wien stu"; halten wird." (Fortsczuiig solgt.) 178 Luther und die Volksbewegung feiner Zeit. Bon Fiosus. (Schluß.) Angeregt war Karlstadt durch die Lehren Thomas Miinzers worden, eines der hervorragendsten und des jüngsten unter den Bewegungsmiinnern. Er war 1490 etwa zu Stollbcrg im Harz geboren und hatte Luthers erstes Auftreten mit Begeisterung begrüßt, nachdem er selbst bereits im Jahre 1515 als Probst eines Nonnenklosters bei Aschersleben, und 1520 als Prediger an der Marienkirche zu Zwickau bei der Blesse von den Glau- benslehren abgewichen war. Durch Luthers mächtiges Auftreten zu neuem Studium angeregt, erkannte er jedoch bald, daß der Wittenbcrger lange nicht so weit ging wie er und daß derselbe, obgleich er sich von der römischen Kirche losgesagt hatte, noch an vielen ihrer Glaubenslehren festhielt und sich gegen andere auf die Unfehlbarkeit der alten Kirchenlehre ebensowohl als auf die Bibel berief. Münzer schalt ihn daher einen Weichling, der dem zarten Fleische Kissen unterlege; er erhebe den Glauben zu sehr und mache aus den Werken zu wenig; er lasse das Volk in seinen alten Sünden und diese tote Glaubensprcdigt sei deni Evangelium schädlicher als der Papisten Lehre. Nach Münzer, der in seinen Predigten immer auf ein tätiges Christentum drang, war ein völliger Neubau nicht nur der Kirche, sondern auch des Staates auf ganz neue» Grundlagen notwendig, und schon in Zwickau war er mit sich im reinen, daß die Kirchen- reformation zur Nationalrevolution sich erweitern müsse. Von innigem, zur Mystik geneigten Gemüte, poetisch-exzentrisch wie er war, fühlte er sich von seinem Gott berufen, sein Volk zu befreien und zu rächen. Wie ei» grimmer Leu enthub Luther sich seinem Asyl auf der Wartburg und stürmte nach Wittenberg, wo jezt zwischen ihm und den eigenen Glaubensgenossen ein Kampf entbrannte, aus dem der Karakter des Reformators nicht ohne manchen dunklen Flecken hervorging. Auch Karlstadt kam dorthin. Die kirchlichen Neuerungen desselben konnte Luther zwar nicht tadeln, und er selbst führte sie später wieder ein und weiter aus; aber es verdroß ihn, daß ihm jener zuvorgekommen und in sein Reforniationswcrk, das er nun schon als seine ausschließliche Domäne betrachtete, eingegriffen hatte. Er sähe, sagte er, nichts sonderlich Unrechtes in den kirchlichen Neuerungen, nur daß der Satan zu sehr auf Eile gedrungen habe. Es gebühre nicht einem jeden alles, was recht sei, anzufangen, sondern es sei genug, daß einer das recht tue, was ihm befohlen sei. So sezte er denn durch sein Ansehen und seine gewaltige Predigt eine völlige Reaktion gegen alles durch,>vas Karlstadt neues begonnen hatte. Karlstadt wandte sich darauf nach Orlamünde,>vo er von dem Volke mit offenen Armen aufgenommen, aber von Luthers Anhang wieder vertrieben wurde. Auch erwirkte es Luther, daß es ihm verboten wurde, öffentlich zu reden und zu schreiben und daß seine schon gedruckten Schriften unterdrückt wurden. Damit poch nicht zufrieden, griff er den wehrlosen Gegner in einer Predigt zu Jena auf das heftigste an und schalt ihn einen aufrührerischen, mörderischen Geist, obgleich er die Unwahrheit seiner Beschuldigung kannte, und es Karlstadt gegenüber selbst einräumte, daß er dessen offenes Sendschreiben an die Orla- münder, worin er sie von aller Gewalttätigkeit gegen den Be- dränger des Evangelinnis abmahnte, gelesen hätte. In Wirk- lichkcit war Karlstadt durchaus kein Mann der Tat, und als Luther selbst nach Orlamünde kam, mußte er vor dem über sein Verfahren empörte» Volke aus der Stadt flüchten. Die Folge davou war, daß Karlstadt und sein Freund, der Prediger Rein- hard, aus Sachsen vertviescn wurden. Luthers Ingrimm er- reichte aber den höchsten Grad, als Karlstadt nun gegen seine Lehre vom Sakrament auftrat, die leibliche Gegenwart Christi im Abendmahl leugnete und für seine Ansicht die ersten Männer ani Oberrhein, wohin er gegangen war. und selbst Zwingli. gewann. Von Oberbaiern wandte Karlstadt sich nach Franke», wo er flüchtend von Stadt zu Stadt eilte, denn der Markgraf Casimir ließ auf ihn fahnden, bis er endlich eine Zusluchts- stätte in Rotenburg am Tauber fand. Aber auch hier durfte er nicht öffentlich auftreten, und es wurde ihm verboten, etwas drucken zu lassen. Wie gegen ihn, so verfuhr Luther auch gegen Thomas Münzer, und als dieser zulezt nach Nürnberg ging, weil er von hier aus dem Reformator antworten zu können glaubte, ließ der Rat alle Exemplare der Schrift, deren er habhaft werden konnte, wegnehmen, den Drucker ins Gefängnis werfe» und Münzer aus der Stadt treiben. Tie Schrift gab denen Luthers an Grobheit und Heftigkeit nichts nach und unter anderem hies es darin:„Noch bist du verblendet und willst doch der Welt Blindcnlcitcr sein? Tu hast die Christenheit aus deine»! Augustinus mit einem falschen Glauben verwirrt und kannst sie, da die Not hergeht, nicht berichten. Darum fürchtest du den Fürsten. Tu meinst aber, es sei gut worden, so du eine» großen Namen überkomme» hast. Tu hast gestärkt die Gewalt der gottlosen Böscwichter, auf daß sie ja auf ihrem alten Wege blieben. Darum wird dirs ergehen, wie einem gefangenen Fuchs. Das Volk wird frei werden, und Gott will allein Herl darüber sein." Auf allen Straßen sah man evangelische Geistliche als Flüchb linge ziehen, die Luther ihres Amtes in den kaum gebildete» protestantischen Gemeinden entsezt hatte. Was er an katolische» Fürsten und Regierungen als gottlose Gewalttat und Geistes' tyrannei schalt, das erlaubte er sich jezt selbst rücksichtslos gegen seine evangelischen und katolischen Gegner und bewaffnete mit seinem Zorn die Polizei der ihm günstig gesinnten Fürsten»»» freien Reichsstädte. Seitdem ihn der Kursürst Friedrich der Weise von Sachsen auf der Wartburg vor seinen Feinden>» Sicherheit gebracht hatte, stiiztc er seine Hoffnung, die Reff#' mation zu einem glücklichen Ende zu bringen, auf die Fürst»»' Erfolg und Fürstengnnst machten ihn blind. Das Recht der freien Prüfung der religiösen Wahrheiten, von dem er ans' gegangen war, bestritt er den anderen, sobald sie von se>»� Ansicht abwichen oder über dieselbe hinausgingen. Abgcsch»» davon, daß er dadurch mit sich selbst in Widerspruch ger>� hemmte er damit den Fortschritt der Reformation und blieb am Buchstaben kleben, den er mit der ganzen Heftigkeit»»- Unduldsamkeit seines Karakters verteidigte. Herrschsüchtig»" despotisch, wie er war, zwang er seine Auffassung der Gla»' bcnslehre, die von ihm festgestellte Form des Gottesdienstes de» jungen, kaum gebildeten Gemeinden als die einzig wahre und bekämpfte und verfolgte jede Abweichung davon als mit Wort und Schrift und Polizeigewalt. Er hatte die' baikeit der Konzilien bestritten und hielt sich nun selbst N unfehlbar. Indem er aber seine Person zum Mittelpunkte»t religiösen Bewegung machte und jede Verständigung mit K»»' stadt und Münzcr, sowie mit den Reformatoren Calvin»" Zwingli zurückwies, beraubte er diese Bewegung der G'»»'1 und drängte jene feurigen und karakterfestcn Männer, die lieb» in die Verbannung gingen, als daß sie seinem Glaubensdcsp� tismus sich gefügt hättcp, auf Seite der blutigen Rcvolntw»- Wenn jemand dieselbe zu einem guten Ende hätte)»»»( können, so ivar er es, denn überall zeigten sich die Ba»»� willfährig, ihr Recht auf gütlichem Wege gegen ihre Herren � suchen und mit ihnen sich zu vergleichen, und griffen erst � den Waffen, als sie die Nuzlosigkeit der Unterhandlungen»" die Unausrichtigkeit ihrer Herrschasten erkannten. Selbst»»4» sie sich bereits erhoben hatten, zeigten sie sich noch einem bilUg� Ausgleich geneigt, wo ihnen ein solcher geboten wurde. war es den Herren nimmer Ernst damit; sie suchten die Ba»» nur durch Unterhandlungen hinzuhalten, oder wenn die Rat 1 zum Abschluß von Verträgen zwang, so wurden sie doch ifjnen bei der ersten günstigen Gelegenheit sofort gebrochen. Wer wäre nun zu einem Vermittler zwischen beiden Teilen geeigneter gewesen als Luther, de» das Volk bewunderte und derehrte und der auch bei den Herrschaften das höchste Ansehen genoß. Von welchem Ziachdnick mußte das Wort eines solchen Mannes bei ihnen sein! Und hatte er selbst doch im Jahre 1522 geschrieben:.Das Volk ist aller Orten in Bewegung und hat die Augen offen; es will nicht, es kann nicht mehr sich unter- drücken lassen." An ihn wandten sich denn auch die Bauern mit ihren zwölf Artikeln, in denen sie ihre zwölf Beschwerden zusammengefaßt hatten, nachdem ihre Unterhandlungen mit dem schwäbischen Bunde, der die Miene angenommen hatte, als wollte er zwischen de» Herrschaften und den Bauerschastc» in Oberschwaben ver- Nutteln, in nichts zerronnen war. Luther sollte ihre Forderungen prüfen, und was nach seinem Urteile nicht mit dem Evangelium "« Einklang stände, davon wollten sie gern lassen. Das Ber- trauen der Schwaben schmeichelte ihm; allein von den Volks- rechten wußte er wohl blos etwas aus den heidnischen Schrift- stellern. In Sachsen, wo er lebte, seitdem er das Kloster ver- tvssen hatte, war das Volk meistens ein slawischer Pöbel, in dsr Roheit der Leibeigenschaft aufgewachsen, der zuweilen in d'e grausanisten Gewalttaten gegen die Zwingherren ausbrach. Bon den Rechten der Gemeinfreien in den fränkischen und schwäbischen Stämnien, die wenigstens ebensowohl begründet waren, als die Herrenrechte, wußte er nichts. Ohne deutliche Elvsicht in das politische Leben, erschien ihm als Recht das Be- s rhende, weil es nur durch die Fügung Gottes sich gebildet haben konnte. Zwar sprach er gerne von der deutschen Nation wid trug hohe Wünsche für sie im Herzen, aber was seinem aterlande Not tat, das wußte er nicht. So blieb er denn auch jejt allein sich und seinem edlen aber auch heftigen und aüe Eindrücke reizbar empfänglichen Gemütc überlassen. Entschlossen, seines Schiedsrichteramtcs unparteiisch zu wal- en> Ichrieb er im März 1525 seine.Ermahnung zum Frieden us die zwölf Artikel der Bauernschaft in Schwaben," worin * zunächst die Fürsten derb anredet:.Erstlich, mögen wir „ lc*"n� auf Erden danken solchen Unrats und Aufruhrs, denn I x 3 Fürsten und Herren, sonderlich euch blinden Bischösen, st i" �jaNen und Mönchen, die ihr noch heutigen Tags ver- 3*' uicht aushört zu toben und zu wüten wider das heilige «"g-lium. ob ihr gleich wisiet, daß es recht ist und auch »lrh Verlegen könnt. Dazu im weltlichen Regiment nicht icknverte greisen sollten. Tie Obrigkeit, welche zaudere, mache sich selbst der Begünstigung des Rnsruhrs schuldig, wer auf ihrer Seite falle, sei ein Mär- tyrer. Nur die seien zn verschonen, welche zur Teilnahme am Frevel gezwungen worden; deren Sünde falle auf ihre Tränger. „Darum, liebe Herren, loset sie, rettet sie, erbarmt euch der armen Brut. Steche, schlage, würge sie, wer da kann. Bleibst du darüber tot, wohl dir, heiligeren Tod kannst dn nimmermehr überkommen." Die„lieben Herren" befolgten denn auch getreulich seineu Rat, nachdem Georg von Waldburg den Aufstand niedergeworfen hatte. Der Henker in seinem Gefolge tat allcrwärts gräßliche Arbeit. Empört über dieses blutgierige Wüten der Sieger, kehrten sich jezt aber fast alle Stimmen der Gemäßigten unter den Lutheranern und Katoliken gegen Luther, der vollends die Fassung verlor, als selbst der mansfeldische Kanzler, Kaspar Müller, ihn wegen seiner Unbarmhcrzigkcit angriff. Die er- bittertc Verantwortung Luthers ist so voller Widersprüche, daß es unverständlich bleibt, wie er die Bauern eigentlich behandelt wissen will. Er verwirft nicht nur jedes Erbarmen mit den Bauern, sondern will sogar diejenigen gestraft wissen, welche Barmherzigkeit für sie verlangen.„Denn wer sich also der Aufrührischen annimmt, gibt genugsam zu verstehen, daß wo er Raum und Zeit hätte, auch Unglück anrichte, wie ers im Herzen beschlossen hatte. Darum soll die Obrigkeit solchem a»f die Haube greifen, daß sie das Maul zuhalten und merke», daß Ernst sei.— Wer Gottes Wort nicht ivill hören mit der Güte, der muß den Henker hören ans der Schürfe.— Hätte man meinen Rat am ersten gefolgt, da dieser Aufruhr anfing, und flugs einen Bauern oder hundert daran gewagt und auf die Köpfe geschlagen, daß sich die anderen daran gestoßen hätten, und hätte sie so nicht überhand nehmen lassen, so hätte man damit viel tausend erhalten. Das wäre nötige Barmherzigkeit gewesen mit geringem Zorne." Zwar will er mit den„Blut- Hunden", welche nach gewonnener Schlacht noch wüten, nichts gemein haben, spricht es aber doch unumwunden aus: gut wäre das Ereignis für die Bauern, damit sie Gott danken lernten, wenn sie eine Kuh geben müßten, auf daß sie die anderen in Frieden genieße» könnte»; und für die Fürsten, damit sie er- kennen lernte», was hinter dem Pöbel stecke, der nur mit Gcivalt regiclt werden könne. Man hat dieser fürchterlichen Leidenschaftlichkeit gegenüber wohl entschuldigend darauf hingewiesen, daß sie immerhin ein Beweis der ungeheuren Kraft sei, ohne welche Luther die Refor- mation nicht hätte beginnen und durchführen können. Ein Irrtum ist es aber, wenn man die Schuld des Bruches mit den Bauern auf die unglückselige Tat zu WcinSberg schiebt. Sie hat nur jäh herbeigeführt, was von vornherein unvermeidlich war. Man erwäge nur sein Antwortschreiben an die Herren und Bauern auf die zwölf Artikel! Luther erscheint darin in demselben Wider- spruche mit sich selbst, wie auf religiösem Gebiete gegen Karl- stadt und Münzer. Bestritt er diesen das Recht der freien Forschung und brachte er dadurch die Reformation zu einem jahrhundertelangen Stillstand, che sie abgeschlossen war, so er- klärte er auf politischem Gebiete zwar die Empörung gegen die päpstlichen Unterdrücker des Volkes nicht nur für erlaubt, son- dern auch für geboten und hezte selbst, wie wir gesehen haben, in der energischsten Weise gegen sie auf; aber gegen die weit- lichcn Fürsten und Herren forderte er von dcni Volke den nnvcr- brüchlichsten Gehorsam, selbst dann, wenn cs von ihnen wider- rechtlich beschwert wurde, ivic cs nach scineni eigenen Geständnis der Fall ivar. Tic Folgerung daraus führte denn auch iu der Reformation zu der Ausstellung des Sazcs von dem Gottes- gnadentum der Herrscher. Luther selbst war unter einem ivelt- lichen Fürsten gebore» und zum Man» geworden. Hatte er bisher vielleicht keine Veranlassung gehabt, über das Untertänig- keitsverhältnis nachzudenken, so war er doch jezt dazu ansgefor- dert. als er. nach seinem eigenen Worte, de» gemeine» Mann derartig beschwert sah, daß cs dieser nicht länger mehr ertragen konnte noch wollte, und vollends als nnn die Empörung in ganz Deutschland einhellig emporloderte. Wenn er dennoch bei seinem Widerspruche beharrte, so läßt sich dieser Mangel an Logik, an! Folgerichtigkeit nur daraus erklären, daß er einmal seine Wider- sacher auf religiösem Gebiete, Münzer, Pfeiffer, Karlstadt u. s. w., aus seiner eigenen Behauptung von dem Christenrecht der Em- pörung gegen die geistliche Herrschaft den Schluß ziehen und auf Seite der Empörten stehen sah— dann auch, daß cr es persönlich mit den weltlichen Fürsten nicht verderben wollte,>vcil cr von ihnen das Gelingen seiner Kirchenvcrbesserung erwartete. Aus die Bibel konnte Luther sich nicht stüzen; denn in ihr ist| überall nur von dem Kaiser die Rede und dessen obrigkeitlichen| Beamten. Den Kaiser aber hatte weder Sickingen noch Hutten beseitigen wollen, noch wollten es die religiösen und politischen Bcweguugsmänner des Jahres 1525. Es wurde im Gegenteil überall von ihnen hervorgehoben, daß man seine Macht starken und nur die zahllosen Fürsten, die sie schwächten und ihr Herr- schcrrccht sich angemaßt, usurpirt hatten, beseitigen wollte. Hätten sich nun auch die Bauern einem Schiedsgericht willig unter- worfen, so gab es doch unter ihren Forderungen einen Punkt, indem sie nie und nimmer nachgegeben hätten, und gerade diesen: Punkt erklärte Luther in seiner Beantwortung als ganz u» gar ungerechtfertigt und im Widerspruche mit dem Evangclimn- I Dieser Punkt hätte daher unter allen Umständen zn ci»e>n Bruche zwischen ihm und den Bauern geführt. Denn dap Luther bei seiner Halsstarrigkeit je nachgegeben hätte, wo c| sich um seine Auffassung des Evangeliums handelte, der Fall»| nie dagewesen. H Dieser Punkt war die Leibeigenschaft. Luther hatte de j Bauern geantwortet:„Die Leibeigenschast ausheben wollen, wäre. ein Artikel stark wider das Evangelium und räuberisch, u'e> � damit jeder seinen Leib, welcher eigen worden, seinem Hen�| nehme. Abraham und die Patriarchen haben auch Leibeigen gehabt und Paulus spreche, Gal. 4, daß in Christo Herr- Knecht ein Ding sei." Tic Meinung des Apostels war ade ,, gerade das Gegenteil von dem, was Luther herauslas. Pa". j[ verwarf Priester und Priestcrherrschaft und Aristokratie und»a� ihm ging die reine Lehre Christi darauf, die Welt stet 5| machen von den Sünden, in deren Banden er sie gefangen say, ,, und einen neuen Bund menschlicher Seelen zn stiften, dar i alle als Kinder eines Baters und als Brüder u| Schwestern sich erbarmten. Wie war damit die Leibetge ,| N schaft vereinbar? Wie mit dem, was Paulus au die Eorin y (I. 7, 21) schreibt:„Bist du ein Knecht berufe», sorge � j nicht; doch kannst du frei werden, so brauche des; lieber." Dem Christentum, welches bei seinem Erscheinen �| Sklaverei vorfand, ist die Freiheit ein allgemeines Me»n�: recht, ein Gemeingut aller nach dem Bilde Gottes Gescholst'�- J Darum sagte Gregor der Große, welcher von 590 bis ff0| dem päbstlichen Stuhle saß:„Gleich wie unser Erlöser, Herr der ganzen Natur, die menschliche Natur ängenommen v um uns aus der Bande der Knechtschaft zu erlösen und die ursprüngliche Freiheit zu schenken: so geziemt cs' die Menschen, welche von Natur frei, aber durch das � recht unter das Joch der Knechtschaft gekommen sind, durch-. lassung in den Zustand der ursprünglichen Freiheit zur» versezen." � i; Gewiß, Luther war ein gewaltiger Mann, und da* � der freien Forschung und Prüfung, das cr erkämpfte, wu. � unsterbliches Verdienst bleiben. Wenn aber die Einie'tm s Halsstarrigkeit und Leidenschaftlichkeit, mit denen er st'!!»jn verfolgte, ihn Bedeutendes erreichen ließen, so brachte«''!- � doch durch die Trübung seines Blickes um den volle»-' seines Strebens. Er ivar eben mehr Gefühls- als Bersto' � mensch. Erklären sich daraus die revolutionären Anwam*� seiner ersten Zeit, so erstand ihm aus der mystischen die sein Gefühlsleben im Kloster genommen hatte, die&) �| seiner religiösen Erkenntnis. Diese Mystik ließ ihn die Z � die ihm bei seinen religiösen Forschungen aufstiegen, 181 suchungen des Teufels nuffassen und der Sieg, den er über sie uach schweren Kämpfen davontrug, erregte nicht nur in ihm die Ueberzeuguug, daß Gott durch ihn rede, sondern ließ auch seine Freunde, Verehrer und Schmeichler in ihm den Propheten, den Gottesmann erblicken. Wie hätte er sich da nicht über- Mcn und in Glaubenssachen für unfehlbar, die Ansichten seiner Gegner aber für ein Werk Satans halten sollen. Naturgemäß übertrug er diese Anschauung auch auf das poli- uschc Gebiet. Dem Volke, aus dem er hervorgegangen, seinen �rdiirfnisien, seiner Kraft durch das Klosterleben entfremdet, durch seinen Landcsherrn ernumtert und behütet, mußte ihm die Klugheit raten, sein Werk auf die Gunst der weltlichen Arsten zu stüzen. Es war ihm daher alles daran gelegen, daß die Pfeiler der weltlichen Gewalt nicht umgestürzt wurden, und da Gott durch ihn die Wiedergeburt der Kirche wollte, 'ese aber nur mit Hilfe der weltlichen Fürsten durchzuführen so mußte es wiederum der Satan sein, der seine Gegner aus der Bibel das Recht der Empörung auch gegen die weit- liehen Fürsten herauslesen ließ. Hätte Luther anstatt auf diese auf das Volk sich gcstüzk, so würde aus der Bewegung seiner Zeit ein kirchlich und politisch einiges, freies und starkes Deutsch- land sich erhoben haben. Indem er aus seinen eigenen Grund- säzcn nicht die vollständige Folgerung zog, blieb die Refor- mation der katolischen Kirche gegenüber Stückwerk und seine Stärkung der nach Unabhängigkeit strebenden Fürstenmacht brachte über Deutschland, dessen Kaiserkrone zerbrechend, den grauenhaften dreißigjährigen Krieg mit seinem scheußlichen Ge- folge von Despotismus, Zersplitterung. Ohnmacht und Schmach. Wenn heute nun der vierhundcrtste Geburtstag des Reformators dessen markige Gestalt wieder in den Vordergrund stellt und „Luther" zur Losung macht des noch unnusgefochtenen Kampfes mit Rom, so meine ich, man soll über dem Lichte nicht den Schatten übersehen. Kritiklose Verherrlichung ihrer großen Männer schlägt den Nationen stets zum Unheil aus. Ntberleliscl. tNiesformeln.— Lpsergebräuchr.— Liebesorakel.— Spiele.— Ueberlebsel bei den herrschenden ttlajscu.j Von IMlas lUa Centin. dem Pfla Unsere ganze heutige Weltanschauung ist durchtränkt von einen Gedanken, daß alles in und um uns, nicht nur die . anzen- und Ticnvelt, sondern auch in erster Linie das ge- sammte menschliche Kulturleben einer stetigen Höherentwicklung unterliegt. Zclotischc Teologcn mögen es noch so oft verkünden. nß. die Menschheit immer tiefer in Sünde und Elend versinken Guusse: sie finden keinen Glauben mehr. Freilich ist dieser Fortschritt zwar stetig, aber auch— viele WMitm. nivderncn Umgebung nicht pasien__ finden sich vnch ~~ als solche nachgewiesen worden. bftser Stelle näher aus einige einzugehen. � verschwm- ->äohl bekomm' s!" zu wünschen. � cu Gebrauches aus- Ä: tln geschickter Fabulist zuerst ersand. die au cinct surcht- �bürgter historischer Wahrheit annähme". � � hrzt- tottn pestartigen Krankheit im Mittelalter, g ö bct Rettung #####::: Kenner des Altertums und Rerienoe, kamen, wm Bolksstämm."......--- M' MUW hatten, neigten aus einmal alle ihre Ärpl- und schlössen sie wieder und vollführten andere Geberden von großer Ehrfurcht und Achtung, begrüßten ihn mit verschiedenen Worten, aber alle kamen darauf hinaus, daß sie sagten:„Die Sonne behüte dich, sei mit dir, erleuchte dich, mache dich groß, schüze dich, begünstige dich, verteidige dich, mache dich glücklich, erhalte dich" und andere Phrasen der Art, wie die Worte eben fielen, und dies Gemurmel dauerte eine gute Zeit, worauf der Gouverneur, welcher sich darüber wunderte, zu den Herren und Häuptlingen neben ihm sagte:„Seht ihr nicht, daß die ganze Welt eine ist?"— Und der Geschichtsschreiber fügt hinzu: „Dies wurde bei den Spaniern wohl bemerkt, daß bei einem so barbarischen Volke dieselben oder noch größere Zeremonien in Gebrauch seien, als bei denen, welche sich für sehr zivilisirt halten. Danach sollte man meinen, daß diese Art des Glaubens allen Nationen natürlich sei und nicht durch eine Pestilenz ver- ursacht, wie man geivöhnlich annimmt." „Die ganze Welt ist eine," meinte de Sota, von seinem Standpunkt aus vielleicht etivas vorschnell. Auf Grund der neueren etnologischen Forschungen aber müssen ivir ihm, was die Verbreitung der Niesformeln anbetrifft, vollständig Recht geben. Wenn bei den Zulukaffcrn einer krank ist, so fragen diejenigen, welche zu ihm kommen, ob er geniest hat oder-nicht; hat er es nicht getan, so murren sie und sagen:„die Krankheit ist groß!" Wenn ein Kind niest, sagt man zu ihm: wachse! denn es ist ein Zeichen von Gesundheit. Wenn der König von Monomotapa(in Afrika) niest, so laufen Segensrufe von Mund zu Mund durch die Stadt. In Guinea warfen sich im vorigen Jahrhundert, so oft eine angesehene Person nieste, alle An- wescnden zu Boden, küßten die Erde, klatschten in die Hände und wünschten ihm alles Glück und Wohlergehen. Die jüdische Niesformel lautet„Gutes Leben". Wenn ein Hindu niest, so sagen die Nebenstehenden„Lebe!" und der Niesende erwidert: „Mit euch!" Die Römer riefen„Salve", wenn einer geniest hatte, und selbst Tiberius, der finstere Menschenfeind, beobachtete dieses Herkommen streng. Stach welchen Weltteilen, in welche historische Fernen wir unsere Blicke schweifen lassen, überall treffen sie ans zahlreiche Volksstämme, welche dem Niesen eine besondere Bedeutung zuerkennen. Die Erzählung von der mittelalterlichen Pest ist daher von vornherein als erfunden zu bezeichnen. Andere Erkläruugs- versuche, wie sie bei den Griechen und bei den Juden auf- tauchen, verraten schon durch ihr mytologischcs Gewand, daß sie lediglich der Phantasie entsprungen sind. Der Einblick in das Seelenleben der niedere» Menschheitsstusen, den uns die Wissenschaft— in erster Linie wiederum die englische Wissen- schaft— in den lezten Jahren erschlossen, hat wie manches andere, so auch dieses Rätsel gelöst. Der Wilde schreibt bekanntlich, ähnlich wie noch heute das naive Denken, alle Handlniigcn, alle körperlichen Bewegungen, welche er mit Bewußtsein vollzieht, einer in ihm wohnenden Seele zu. Er folgert daraus, von seinem Standpunkt aus ganz mit Recht, daß Bewegungen des Körpers, welche er nicht ge- wollt hat, durch eine fremde Seele hervorgerufen werden, durch einen fremden Geist, der in seinen Körper gefahren ist. Die lebhaften Bewegungen beim Tanz hat der Wilde selber gewollt, er führt sie auf seine eigene Seelentätigkeit zurück; die Be- wegung beim Krampf, bei epileptischen Anfällen, bei Krankheit und Bewußtlosigkeit treten aber ohne seinen Willen ein: auch diese hat ein Geist hervorgerufen, aber nicht der eigene, sondern ein fremder. Krankheit, Epilepsie, Wahnsinn, ja sogar der Zustand der Berauschung sind für den Naturmenschen gleich- bedeutend mit Besessenheit, und alle dagegen ergriffenen Mittel laufen in ihrer großen Mehrzahl auf Teufelsaustreibung hinaus. Der maßgebende Gesichtspunkt dabei ist, dem bösen Geist den Aufenthalt in dem Körper des Leidenden möglichst i unangenehm zu machen. Die Juden pflegten in ihren früheren Zeiten zu diesem Zwecke eilten schrecklichen Gestank zu erzeugen durch Verbrennen des Herzens und der Leber eines Fisches: durch solche Geisterbeschwörung wurde der Dämon Asmodeus ausgetrieben, der erst nach Egypten floh, als er den Rauch „gerochen" hatte. Von demselben Gedanken getrieben, hockt sich bei den kalifornischen Stämmen der Doktor dem Patienten gegenüber auf die Erde und bellt ihn, ganz wie ein wütender Kettenhund, mehrere Stunden lang an. Wohl nur in der Ab- ficht, dem Eindringling seinen Wohnort zu verleiden, verordnen die Medizinmänner mit besonderer Vorliebe bei fast allen Völkern Dinge von unerträglichem Geruch und Geschmack— eine Neigung, die sich noch auf manchen unserer modernen Acrzte vererbt zu haben scheint. Diese kleine Abschweifung sollte nur zeigen, daß der Wilde alle unwillkürlichen Bewegungen einem fremden Geiste zuschreibt, sei er nun gut oder böse. Auch das Niesen wird auf diese Weise erklärt. In vielen Fällen wird das ausdrücklich bestätigt. So von den Zulus. Wenn ein Zulu niest, so sagt er:„Zinn bin ich gesegnet. Der Jdhlozi(Geist eines Ahnen) ist in mir; er ist zu mir gekommen. Laß mich eilen und ihn loben, denn er veranlaßt mich zu niesen." So lobt er die Manen der Familien, und bittet um Vieh und Weiber und Segnungen. Das Volk aber erzählt von den Zauberern: Wen» ein Mensch imbegriff steht, ein Jnyanga zu werden, so fängt sein Kopf an, Zeichen von dem zu geben, was gleich geschehen soll. Er verrät, daß er im Begriff steht, ein Wahrsager zu werden, indem er immer und immer wieder niest. Und die Menschen sagen: Nein! wahrhaftig, es ficht aus. als ob dieser Mensch im Begriffe wäre, von einem Geist besessen zu weiden. — Die Khonds schütten Gefäße voll Wasser über den Priester, den sie zu befragen wünschen. Niest er, so ist das ein Zeichen, daß der Geist in ihn gefahren ist, der ihn mit weissagender Kraft ausrüstet. In der gleichen Anschauung wurzelt wohl auch unser Aberglaube, daß eine Aeußerung besonders glaubwürdig sei, wenn sie beniest wird: ein höherer Geist sagt durch den Niesenden gleichsam sein Ja und Amen dazu. Aehnlich be- trachteten die Griechen das Niesen als gottgesandt. In der Odyssee ruft die„kluge Penelopeia" aus: Es fehlt unS ein solcher Mann, wie Odysseus war, die Plage vom Hause zu wenden. Kam' Odysseus zurück in seine Heimat, er würde Bald mit seinem Sohne den Frevel der Männer bestrafen! — Also sprach sie; da nieste Telemachos laut, und ringsum Scholl vom Getöse der Saal. Da lächelte Penelopeia, Wandte sich schnell zu Eumäos und sprach lächelnd die geflügelte Worte: Gehe mir gleich in den Saal, Eumäos, und rufe den Fremdling!, Siehst du nicht, wie mein Sohn mir alle Worte beniest ha>' Ja nun werde der Tod das unvermeidliche Schicksal Aller Freier, und keiner entfliehe dem blutigen Tode! Diese Beispiele ließen sich häufen. Wir wollen hier nns zusammenfassend bemerken, daß der Niesegruß sich findet beiden Seiten in Afrika, in Polynesien, in Amerika und Europ� in Asien— in Indien, wie in Judäa und bei den moslewu tischen Stämmen. Tie gebräuchlichen Redewendungen btitf1" nichts anderes aus, als Glückwünsche, daß ein guter Geist c"' gekehrt sei oder die Verehrung vor diesem Geist. Aus% Entwicklungsstufe der Wilden sind sie auch vollauf berechtig� aber sie erhalten sich auch unter höherstehenden Nationen, welch* das Niesen von allem dämonenhaften Zauber entkleidet erschew' als seltsam fremde Uebcrlebsel, für welche das Volk ratlos Erklärungen sucht, die es in allerlei willkürlichen Erzählung* und Myten zu finden meint. (Schluß folgt.) Die Lch lacht von Lexington und der amenlianische Freiheitskrieg. Von Wikbelm WOs. (Eiche Illustration Seite rs-4— 186). Das war ein bedeutungsvoller Tag für die neue Welt' Auch sollte der Kongreß von Neu-England, der sich drüben im Westen, der 19. April 1775. Nach jahrelangen cord versammelt hatte, aufgehoben oder zersprengt werden-� heftigen Konflikten mit Englands Parlament und Regierung Der Ueberfall gelang nicht, wie es beabsichtigt war. � hatten die nordamerikanischen Kolonien endlich die Entscheidung so geheim man auch die Vorbereitungen hielt, sie wur der Waffen angerufen, denn eine andere gab es nicht mehr. Boston doch bemerkt. Reitende Boten jagten durch � Hatten doch beide Teile schon längst sich zum Kampfe gerüstet! und riefen zu den Waffen, worauf sich ein gewaltige- � In Boston lag der englische General Gage mit vier Rcgi- strömen nach Concord erhob. Die kräftigen Farmer jW meutern, der den Auftrag hatte, den rebellischen Staat Massa- lvnisten verließen ihre Felder und Wälder und kamen bun � chussetts zu unterwerfen und zu züchtigen; im Innern aber herbei. Fehlte doch keinem die Kugel- oder Donnerbüch' rüsteten die künftigen Bürger der werdenden Republik sich zum sie sicher und geschickt zu handhaben wußten, mochte Widerstand. An 12,000 Milizen waren gesammelt; man fabri- Waffen gleich von altmodischer Konstruktion sein.. sich zirtc Pulver und schaffte Waffen herbei; in dem Städtchen Aber es galt auch die Engländer aufzuhalten, danu � Concord, das heute 12 000 Einwohner zählt, wurden die die Milizen bei Concord erst sammeln und die �LnU.-tCÖt« Kriegsvorräte aufgehäuft. Der englische General, welcher Massa- Sicherheit gebracht werden konnte». Mit nur 130 chussets in Belagerungszustand erklärt hatte, wollte den In- sich der amerikanische Kapitän Parker bei Lexington de" � surgenten keine Zeit lassen, sich länger zum Widerstand zu entgegen, und es kam am Morgen des 19. April\'i'J nisten; er sandte eine Abteilung von 1800 Mann aus, um dem Gefecht, das unser Bild darstellt.•. gC den Wasienplaz Concord zu überfallen und die dort befind- Die englische» Rotröcke mögen sich wohl nicht lichcn Vorräte und Waffen mit fortzuführen oder zu zerstören, wundert haben über die Gegner, deren sclbstgegosseue ifjnen bei Lexington um die Ohren pfiffen. Die Söldner des großen britischen Jnselrcichs waren eine stattliche Paradetruppe, und die hohen und schweren Bärenmüzcn mögen den armen Menseln manchen unnötigen Schweißtropfen ausgepreßt haben. Die englischen Landhcere hatten damals in Amerika einen leid- guten Ruf; hatten sie doch erst 1759 vor Quebeck unter James Wolfe den großen Sieg über die Franzosen unter Moni- ralm erfochten, der die genannte Stadt in ihre Hände brachte! Und was waren es nun für Leute, die sich ihnen bei �skington teils hinter Verhauen und sonst gedeckten Stellungen, seils offen cntgegcinvarfen? In Schlözers Briefwechsel werden Ue folgendermaßen beschrieben:„Viele tragen schloweiße Per- rückcn mit Lämmerschwänzchen oder ä la Abbe, und die Träger dieser Perrücken sind zumteil 50 oder 60 Jahre alt, aber man !>eht ihnen den Ernst, weswegen sie ihre Donnerbüchse und das Pulvcrhorn ergriffen, an der Nase an, und besonders in Wald- astärcn ist mit ihnen gewiß nicht zu spaßen." Der Künstler hat dies auf unserem Bilde auch trefflich dargestellt. Da hat �U"g und Alt zur Büchse gegriffen und feuert mutig auf den anrückenden Feind, dessen Muskctensalven unter der kleinen «chaar der Freiheitskämpfer Tod und Wunden verbreiten. Der Widerstand wird fortgesezt und die Hcldenschaar erreicht ihren Jweck, den Feind so lange in Schach zu halten, bis die Vor- �atc in Concord in Sicherheit sind. Lange freilich konnte der ungleiche Kampf nicht dauern. leben Tote verloren die Amerikaner, dann räumten sie ihre ellungen, und die Briten rückten nunmehr unaufgehalten nach s n!Cork dar, wo sie stolz als Sieger einzogen. Aber die Freude tc nicht lange währen. Sie fanden nur zwei Geschüzc vor; fs andere war fortgeschafft. Und plözlich rückten von allen fiten die amerikanischen Milizen, die jedes Dorf mit seinem starrer ausgesandt hatte, gegen die Briten heran; diese erhielten » ,o wirksames Gcwehrfcuer, daß sie schleunigst Fersengeld ° en und sich gegen Boston zurückzogen. Sie wären gänzlich . gerieben worden, hätte ihnen nicht General Gage Vcrstär- s'g sickgcgengesandt, die sie aufnahm und nach Boston rettete. .'e J�gländcr hatten bei dieser Affäre 273, die Amerikaner Mann verloren. seit' �cn bekannten Marsch„Aankee-Doodle" blas k" Engländer zur Verspottung der Amerikaner gc- Exm"' �lug die Sache um, und wie einst die tapferen To IT �ren®b'J"anteii, so nahmen die Amerikaner den Aankee- länd � und spielten ihn den Engländern vor. Die Eng- Witten den Spott gar bald sich abgewöhnen. kejn. von Lexington hatte rein militärisch genommen j cj,, londcdiche Bedeutung, allein ihr moralischer Eindruck war {pin» 1U|/eur£r' Der erste Sieg in dem nun überall sich cnt- und h großen Kampfe war auf Seiten der Amerikaner, gerjs.�'war nicht zu unterschäzcn. Das steigerte den krie- Tapfer�' �"tusiasmus der Amerikaner bis zur tollkühnen Veritö e allen Seiten strömten der Ncvolutionsarmce Leiter V'm"' ju. und man schloß mit 20000 Mann den ; IZano», p9c"l Boston so enge ein, daß er den größten Boston' 9lm 17- März 1776 mußten die Engländer | 6erü6nifrQ!f1men'"nd am 4. Juli desselben Jahres erfolgte die trctcr � unabhängigkeitserkärung in Philadelphia, wo die Ver- KiUiqress�.i'�en in Aufstand befindlichen Staaten zn einem der St.. ö�lammengetreten waren und wo sich am 4. Oktober �stituirte"�"�'"ordamerikanische Föderativrcpnblik, ain Dj1'!1'''Uarcn allerdings die Amerikaner noch lange nicht die grojjp ZT �llt-England machte gewaltige Anstrengungen. es dielsolt �".rektivn niederzuwerfen. Tie Amerikaner, denen harte% L ni,1®c'b und Waffen fehlte, hatten noch manche ihingto� 1 � überwinden und Ende 1776, als Wa- Tela�a' cr berühmte Oberfeldhcrr der Revolution, über den «..�"�gehen mußte, sah es ziemlich verzweifelt ans. �etmachf erui'9 U1,b Ausdauer siegten über die britische �oiieral m' am Oktober 1777 kapitulirte der englische °urgoyne bei Saratoga; 1778 kamen die Franzosen unter dem später in der Revolution guillotinirtcn Estaing den Amerikanern zu Hülfe; aber nach weiteren gefährlichen Schwankungen des Kricgsglücks zwangen Franzosen und Amie Streitkräfte zu be- trachten, die sich in jenen wcchselvollcn und verlustreichen Kämpfen gegenüberstanden. Die Vorurteile gegen die Bevölkerung Nordamerikas waren in jener Zeit unendlich stärker als heute; der europäische Zivi- lisations- und Kulturphilistcr nahm an, das Land sei blos von wilden Indianern und von dem dorthin ausgewanderten„Ab- schäum" der europäischen Nationen bewohnt. Zweifellos hatte die Auswanderung eine große Menge verbummelter und ver- kommener Leute, abenteuerlicher Existenzen und ruinirter Glücks- ritter nach Amerika gebracht. Die Regierungen hatten in En- ropa häufig Verbrecher begnadigt, wenn sie versprachen, nach Amerika auszuwandern. Sie würden es heute noch tun, wenn ihnen die Amerikaner nicht ihre Verbrecher zurückschickten. Im Ganzen und Großen aber brachte die Auswanderung wie heute eine Menge von arbeitstüchtigcn und auch willigen Leuten hinüber, die vor politischer und kirchlicher Unduldsamkeit flohen und die in Europa zum Märchen gewordene Freiheit in den amerikanischen Wäldern zn finden hofften. Andere hatten es, satt bekommen, sich im alten Europa troz angestrengtester Arbeit mit den elenden wirtschaftlichen Verhältnissen herumschlagen zn müssen. Sie segelten hinüber, um einen Acker zu finden, den sie bebauen könnten, um von dem Ertrag zu leben, ohne mit unerschwinglichen Abgaben und mit drückenden Frohndiensten belastet zu sein. Nicht alle fanden, was sie suchten; aber viele, vielleicht die meisten, fanden es. Ans diesen Elementen waren jene zahlreichen Schaaren von Kolonisten zusammengesezt, die immer weiter nach Westen vordrangen und blühendes frucht- reiches Ackerland schufen, wo früher finsterer Urwald gestanden. Es war ein mächtiges Stück Kulturarbeit, das diese Europa- müden verrichteten und der europäische Kulturphilister hat schon deshalb keinen Grund, hochmütig auf sie hinabsehen zu wollen. Im Kampf mit den Naturgewalten in der Einsamkeit der Wälder und Prärien und in den durch eigene Arbeit geschaffenen besseren Verhältnissen wurde aus dieser Bevölkerung, in der sich ursprüng- lich manche zweifelhaften Elemente befanden, ein starkes, rauhes, fleißiges und freiheitsstolzes Geschlecht, welches bald das euro-' päische Joch abschüttelte. Tie alte Einfachheit und Einfalt, die man in Europa längst nicht mehr kannte, kam drüben in den Wäldern wieder zum Vorschein. Der heutige Aankee hat frei- lich nichts mehr von dem an sich; man sieht, daß die moderne Zivilisation nach weit mehr Richtungen hin unvorteilhaft wirkt, als ihre blinden Verehrer eingestehen wollen. Unmenschlich betrugen sich die weißen Kolonisten gegen die Ureinwohner, gegen die Indianer. Die Indianer lebten von Jagd und Viehzucht; sie mußten den Ackerbauern weichen. Man nahm ihnen brutal ihr Eigentum weg. Daher jene grausigen Kämpfe zwischen den Weißen und den Rothäuten, die auch in den Befreiungskämpfen mitspielten. Wenngleich oft von einer puritanischen und fanatischen Fröm- migkeit, so dachte die neu sich bildende Gesellschaft doch nicht daran, die Ncgersklaverci abzuschaffen. Der Paragraph der Unionsversassung. welcher alle Menschen gleichstellt, war also von vornherein eine Heuchelei, die durch das immer mehr ver- rohende Sklavenhaltcrtum drastisch genug illustrirt wurde. Man sieht, die neue Gesellschaft hatte schon bei ihrem Ent- stehen Schattenseiten genug. Diese wurden im Laufe der Zeit, als die moderne Zivilisation sich drüben mehr ausbreitete, zahl- reicher und größer. Ter Bcsiz begann sich zu konzentrircn; an die Stelle der alten Einfachheit trat die Korruption, an Stelle der Genügsamkeit die Habsucht und die Jagd nach Ge- winn. Die Bevölkerung ward zahlreicher und es entstand eine Konkurrenz im Kampf ums Dasein, bei der der Eine den An- dern roh und rücksichtslos unter die Füße trat. Tie Abhängig- kcit vom Besiz, kurz die ganzen Mängel der modernen Gesell- schaft traten auch drüben zu Tage, wenn anch die politische Freiheit erhalten blieb. Aber der Unabhängigkeitskrieg der Amerikaner sezte die besten Geister der ganzen gebildeten Welt in Bewegung, um- somehr, da er gerade mit jener Periode zusammentraf, die in der Gedankenwelt Europas eine mächtige Umwälzung mit sich brachte. Wir meinen jene philosophische Umwälzung im 18. Jahrhundert, die hauptsächlich in Frankreich vor sich ging und bis in die höchsten Kreise vordrang. So mußte es eine Menge von Schriftstellern, Staatsmänner und Militärs geben, welche die amerikanische Unabhängigkeitsbewegung nicht vom Stand- punkt des beschränkten Europäers, sondern als das praktische Gegenstück zu dem in Europa neu aufgetauchten Jdcenkrcis be- trachteten. Das war zwar nicht ganz der Fall, aber man sah es so an, und so kam es denn, daß der berühmte Benjamin Franklin, der Staatsmann der amerikanischen Erhebung, sogar an europäischen Fürstcnhöfcn mit unbegrenztem Jubel empfangen und daß der Name des Revolutionsgencrals Washington in allen Ländern verehrt wurde. Selbst im englischen Parka- ment fanden sich Leute, welche die Amerikaner in Schuz nahmen; schon 1766 hatte der ältere Pitt die Kühnheit gehabt, zu sagen: „Es freut mich, daß Amerika Widerstand geleistet hat!" Aber es blieb nicht bei Sympatiebczeigungcn in Worten. Es eilte eine ganze Anzahl von Europäern herbei, um den Amerikanern ihre Dienste anzubieten. Berühmte und glänzende Namen finden sich in der langen Reihe dieser kosmopolitischen Freiheitskrieger. Namen, die man später in den großen Kriegen mnd Umwälzungen Europas wieder findet. Ans England kam Thomas Paine, der zum berühmten Philosophen gewordene ehemalige Korscttmacher, der mit Feder und Schwert für die Sache der Freiheit kämpfte und dem später die französische Nc- publik das Bürgerrecht verlieh, von dem er aber nur Gebranch machte, um als Girondist eingekerkert zu werden; aus Frank- reich kamen Rochambeau, Custine u. a. mit den französischen Hilfstruppen, freiwillig aber der junge Lafayettc, dessen An- schluß an die Sache der Freiheit in ganz Europa Aufsehen machte. Judessen bat Lafayette später den König Ludwig XVI., wie er in seinen Memoiren erzählt, für seine„republikanischen Schwärmereien" um Verzeihung, denn dieser„Held zweier Welten" hatte die sonderbare Eigenschaft, unter der Republik Monarchist und unter der Monarchie Republikaner zu sein. Aus Polen kamen Koszciusko. der der erste Held seines Vater- landcs werden sollte, und Pulawski; aus Teutschland kam der früher in französischen Diensten gewesene Oberstlicutcnant von Kalb, ein geborener Bayer, der für die junge Republik sein Leben ließ und in der Schlacht von Camdcn 1780 mit cilf Wunden bedeckt fiel. Ihm wurde in Annapolis ein Denk- mal errichtet. Weiter kam aus Teutschland der Oberst von Stenden, gebürtig aus Magdeburg, der früher in preußischen und badischcn Diensten gestanden und den siebenjährigen Krieg mitgemacht hatte. Dieser tüchtige Soldat, der erst General- inspektor der Armee, dann Gcncralstabschcf bei Washington II war, erwarb sich die größten Verdienste um die Organisation der für die Unabhängigkeit kämpfenden Heere. Unter seiner kundigen und energischen Hand wurden aus den ungeordneten und zusammengewürfelten Schlachthaufen nach und nach kriegs- harte Bataillone, die gleich alten gedienten Truppen kämpften. Friedrich Kapp schildert in seiner Biographie Steudens, wie es drüben aussah, als Steuden ankam. Er erschrak fast, als er die halbnackten und schlcchtbewaffnetcn Leute sah. mit den langen struppigen Haaren und den fanatischen Gesichtern, die er zu kriegstüchtigcn Soldaten mache» sollte. Aber er fand, daß das Material ganz gut sei, und es gelang ihm über Er- warten. Wir können sie nicht alle aufzählen, die drüben für die Sache der Freiheit fochten und bluteten. Ihr Andenken ist von dem dankbaren Amerika geehrt worden. Es waren viele Deutsche darunter; leider aber spielte Deutschland, oder vielmehr ein- zclne deutsche Staaten und Regierungen in jenem Kampfe noch eine andere Rolle und zwar keineswegs eine ehrenvolle. Das ländcrgierige und reiche England bot alle seine Mittel auf, um seinen Kolonialbesiz zu behaupten, und da die Eng- länder noch das Werbesystem hatten, das englische Volk sich aber nur zum ganz geringen Teil gegen Amerika anwerben ließ, so kauften die Engländer bei einigen kleinen deutschen Fürsten die nötigen Mannschaften. Ter Menschenhandel ward in aller Form abgeschlossen, nachdem selbst Rußland ihn ab- gelehnt hatte. Dieser Menschenschacher war in Teutschland schon lange Zeit üblich gewesen und die meisten Staaten hatten sich daran beteiligt. England zahlte an deutsche Fürsten, namentlich an die von Hcssen-Kassel, Hanau, Wolbeck, Braunschweig, Anspach und Zcrbst etwa 1 800 000 Pfd., wofür ungefähr 30000 Mann abgegeben wurden, von denen nian einen großen Teil vorher einfangen mußte. Württemberg bot 1''' auch 3000 Mann an, aber der Handel kam nicht zustande- Erst 1787 kamen württembergische Truppen nach dem Kap der guten Hoffnung, wozu Schubart sein berühmtes Kaplicd dich- tcte. Von den 30 000 Mann, die in Amerika fochten, kehrten etiva 17 000 zurück. Für jeden erschossenen Soldaten wurde ein besonderes Entschädigungsgeld gezahlt, weshalb der Land- gras von Hessen seinen General in einem Briefe tadelte, wc> in einer Schlacht nicht genug von seinen Hessen gefallen waren- Schiller hat in seinem Drama:„Kabale und Liebe" diesen' Menschenhandel ein furchtbares und unauslöschliches Brandy aufgedrückt. Vom Markgraf von Anspach erzählt man, dnv- als die von ihm eingefangcnen und au England verkauften Soldaten zu Ochsenfurt am Main meuterten, er selbst herbe'- eilte und mit gespannter Büchse in der Hand den Weitcrtran»- Port bewachen half. Doch genug hicvon. Diese gezwungenen Feinde der?ln>e- rikaner waren begreiflicherweise nicht sehr für ihre Missw»' geistert, daher zumteil die Mißerfolge der englischen Genera� Es lag in der Herbeiziehung solcher Truppen vielleicht C1� Bürgschaft für den Sieg der Amerikaner, während in Eun' sich Hessen und Braunschweigcr, aus denen vorzugsweise Mietstruppen bestanden, immer gut geschlagen habe».. Der Krieg wurde mit vielen Grausamkeiten geführt, namentlich dem Umstände zuzuschreiben war, daß auch sowohl im Dienste der Amerikaner als der Engländer, da teilnahmen. Namentlich die mit den Engländem verbiw c Indianer hausten unmenschlich. �.-u> Zum Schluye wollen wir als merkwürdig das hierher sczen, welches der Kongreß der sieben Staaten an an England verkauften deutschen Truppen richtete, war unterzeichnet von John Hancock als Präsident, von- liam Thomson als Sekretär, und lautete:-�u- „Christliche Herren und Mitbrüdcr! Da unsere unvcrü lichcn Feinde, die Minister von Großbritannien, es für"" � lich halten, mit ihren eigene» und unwilligen Truppen, bekriegen, so haben sie sich a» Eure Landesherren 0�' � welche Euch ihnen überlassen, um durch Euren Beistand � scheinlicherwcise den grausamen Entwurf, uns zu unter! ,,r und zu Sklaven zu machen, ins Werk zu sczen. Da w nichts anderes streiten, als was Natur, Vernunft und � � tische Konstitution erfordern, so sind wir völlig bcrech"ü � können es mit der größten Freudigkeit tun, unsere Hände» desjenigen zu empfehlen, der Gerechtigkeit l1l.>( gc- den Unterdrückten hilft. Wir haben uns an den H'"'" wendet; daher fürchten wir uns nicht vor dem, was""'Menschen tu» können. Ja, da unsere Feinde sich äußerst' uns zu Grunde zu richten, halten wir es für unsere keit, uns an Euch zu wenden und Euch bei allem u'd-- ist zu beschwören, daß ihr überlegt, wie Ihr dereinst vor dem schrecklichen Gerichte Gottes das unschuldige Blut, das Ihr vcr- Sicßen müsset, verantworten wollet, wenn Ihr Euch entschließet, unseren Feinden beizustehen. Ihr könnt keine Ursache zur Be- ieidigung von unserer Seiten haben. Wir haben Euch niemals das Geringste zu Leid getan; Ihr wußtet auch nichts von den unglückseligen Ursachen unserer Streitigkeiten. Ta Ihr aber doch uvt unseren Feinden an diesem Kriege, der weder nach den Gründen des Christentums, noch nach den Gründen der Weis- steü und Ehre kann verteidigt werden, Teil nehmet, so hosten |uir, Ihr werdet nichts zur Unterdrückung eines bedrängten Volkes beitragen. Eure Landsleute fanden, da sie zu Haus Sedrückt wurden, in Amerika eine Freistatt zur Sicherheit und gießen» auch jczt derselben, unter dem Schatten ihrer eigenen Weinstöcke und Feigenbäume, iu der vollkommstcn Freiheit. Wir bieten Euch ebendasselbe an. Alle die, welche die Waffen nieder- legen und sich mit uns vereinigen wolle», sollen hinlänglich Land bekommen und es sollen ihnen alle Bequemlichkeiten, nebst der gänzlichen Befreiung von allen Abgaben auf zehn Jahre verschafft werden. Ihre sollet alle Vorrechte der eingeborenen Amerikaner und die vollkommenste Freiheit der Religion haben. Wenn aber keine der angeführten Ursachen eine Wirkung hat und Ihr noch ferner unseren Feinden beistehen werdet, so werden wir Euch nicht als Leute von Ehre und als Soldaten betrachten und unseren Leuten die schärfsten Befehle erteilen, keinem von Euch Quartier zu geben." Ueber die Wirkung dieser Proklamation ist uns nichts be- kannt. Die am Schlüsse enthaltene Drohung, keinem der deutschen Mietsoldatcn Quartier zu geben, blieb Drohung; sie ist nicht ausgeführt worden. Moderne Schicksal c. Novelle von Kcrrk Körtitz. (7. Fortsczung.l ..Er geht." rief seine Frau, die sich vergeblich von der �'gstlichen Leopoldine loszumachen suchte,„er wird mir ent- kommen, und ich werde ihn nicht überführen können! Daran ""d Sie schuld, weil Sie mich hinderten, ihm zu folgen!" Sie stund nun wirklich auf; aber Leopoldine erhob sich �'mso�rasch und hielt unausgcsezt die Hand der Rätin fest. »Sie werden mich doch nicht allein lassen?!" .-.Verfolgen Sie nur Ihre eigene Sache selbst weiter!" igte die Justizrätin sehr ärgerlich, da sie fürchtete, ihren Mann mehr »Nein, einholen zu können._ nein, ich weiche nicht von Ihrer Seite!" rief Ma- �Sugn, der. �amen sind schon zu Ende?" fragte Georg, Rät ..Beste Damen sich erheben sah, herantrat. Freundin, ordnen Sie oic Rechnung," herrschte die «m Ich- b-ftw« il.ch'd?w.w-» MMZW ... DCn zvcanrer mrer _ vjwivnrt war, w)i g gtCU„bin folgen. WWZAM .ch.°ch d-- r'ch an das Ausräumen des von den vew �kon.mcn "#cn .Ei» m,r"°ch eine Taste Tee!' hatten, der unmittelbar, nachdem uc � 'hr m den Saal gefolgt war.. � Tische'w- MMM und euttorkte zunächst den Schaumwew.' " dre Absicht, längere Zeit zu verweilen. Die Lage Lcopoldiuens war wirklich bedauernswert; nach all den Gemütserregungen zitterte sie nun noch für sich, als ob sie selbst sich auf falschen Wegen befunden hätte. Als der Kellner ihr die verlangte Taste Tee brachte, erbat sie sich auch noch eine Zeitung. Sobald sie diese erhielt, gab sie sich den Anschein eifrigen Lesens, wodurch ihr längeres Benveilen weniger auffällig erschien. Sie war fest cntschlosten, nicht eher ihren Plaz zu verlassen, als bis sich ihr Mann ent- femt hatte. Mehr als alles andere fürchtete sie seinen Zorn; sie war so sehr gewohnt, nur nach seinem Willen zu leben, daß ihr der Gedanke, sich ihm zu erkennen zu geben, auch nicht im entferntesten in den Sinn kam. Plözlich trat Baron Warren ein. Es war ihm sehr peinlich, als er Scnger erblickte; gern Iväre er umgekehrt, aber es war zu spät, er war bereits von jenem bemerkt worden. Mit stummer Verbeugung und etwas verlegenem Lächeln nahm er einen Stuhl neben Scnger ein. Leopoldinens Lage ivurde immer fataler. Sie saß wie eine Maus in der Falle. Senger bot dem Baron ein Glas Champagner, das dankend ' abgelehnt wurde, indem Herr von Warren vorgab, von Kopf- weh geplagt zu werden. Verschiedene Fragen, die Senger an den jungen Mann richtete, wurden einsilbig beantwortet. „Sie kommen mir ganz verändert vor," begann Senger die Unterhaltung und schlug sich plözlich vor die Stirn, als ob er sich erst jezt darauf besinne,„ah richtig, wir haben uns ja noch gamicht seit heute Morgen wiedergesehen, seit dem Abenteuer mit der schonen Engländerin, die Sie begleiten mußten!" Der Baron hatte seine ganze Selbstbeherrschung nötig, um die Forni höflicher Konversation zu beobachten. Er war nur in das Hotel gekommen in der Hoffnung, durch ein glückliches Ungefähr der Geliebten seines Herzens heute noch einmal zu begegnen. Die vorgerückte Stunde verbot ihm allerdings, per- sönlich bei ihr vorzusprechen, aber die Möglichkeit war nicht ausgeschlossen, sie im Speisesaal das Souper einnehmen zu sehen, wo er dann Gelegenheit gehabt hätte, sie ohne Ausfällig- kcit zu begrüßen. „Tie Dame scheint gegen Sie eingenommen zu sein," er- widerte er zögernd,„doch hoffe ich. daß diese gegenseitigen Mißstimmungen sich bald ausgleichen werden!" „Das glaube ich nicht," sagte Seng er mit dem Tone der Ueberzcugung.„ich bin ihr in ihren Absichten für die hiesige Residenz jedenfalls viel zu unbequem, al'l daß sie nicht in ihren Verdächtigungen gegen mich auf alle Weise fortfahren sollte. Es ist eben eine von jenen Damen—— .Von jenen Damen?!" unterbrach der Baron ihn heftig. 1„was wollen Sie damit sagen?" Senger lächelte mit großer Uebcrlegenheit, verbeugte sich sehr artig gegen den Baron und fnhr mit vollendeter Feinheit, durch welche leiser Spott nur ganz unmerklich hindurchdrang, fort: „Ich wollte damit sagen, daß ich die Frauen überhaupt nur in zwei Klassen teile und auch nur zweierlei Benehmen gegen sie beobachte. Ein kluger Mann, der Welterfahrnng hat, liebt die geistreichen Frauen, heiratet aber nur die beschränkten! Baron, die schöne Fremde scheint mir durchaus nicht einfältig zu sein!" In diesem Augenblick schallte scharfes Klingeln vom Korridor her in den Saal. Bald darauf erschien Mohrmann, der, nach allen Seiten grüßend, auf den Oberkellner zuschreiten wollte. In diesem Vorhaben wurde er aber durch das wunderbare Benehmen der Anwesenden gestört. Mehrere Gäste, gegen die er sich verneigt hatte, lachten ihm laut in das Gesicht, so daß er sich bestürzt umsah, da er sich die allgemeine Heiterkeit bei seinem Erscheinen nicht erklären konnte. Noch verwirrter wurde er, als Senger, ganz gegen seine Gewohnheit, lebhaft aufsprang, ihn am Arm ergriff und vor einen Spiegel führte. Mohrmann erschrak. Ihm starrte ein fremdes Antliz aus dem Spiegel entgegen, ein wahres Mohrengesicht. In äußerster Verlegenheit erkannte er, daß er, niit schwarzem Schornsteinruß bedeckt, wirklich beinahe für einen Neger gelten konnte. Eiligst entfernte er sich aus dem Saale, um sich zu säubern und seinem Gesichte die in Europa übliche Hautfarbe wieder zu geben. Das Klingeln wiederholte sich so anhaltend, daß alles auf- mcrksam wurde. Der Oberkellner eilte hinaus, um nachzusehen, ob einer von den Zimmerkellnern seine Pflicht versäumt hätte. Als er die Treppe hinaufgekommen war,- sah er, daß an dem , Haustelegraphen sich die Klappe niit der Zahl„drei" geöffnet hatte. Das war die Nummer des Zimmers, welches Mistreß Jonston bewohnte. Er fand diese Dame schon in der geöffneten Tür ihres Gemaches im eifrigen Gespräch mit dem Zimmer- kellner. Leztcrer zuckte ratlos die Achseln. „Was befehlen die gnädige Frau?" fragte Kaps, indem er näher trat. „Ich kann nicht mehr in meinem Zimmer bleiben," sagte Mistreß Jonston hustend,„der Kamin raucht unerträglich." Kaps ging in das von der Engländerin bewohnte Gemach und fand es derartig mit Qualm angefüllt, daß ein Aufenthalt in demselben allerdings unmöglich war. Er öffnete die Fenster- j[ flügel, um frische Luft hereinströmen zu lassen. „Das wird Ihnen nichts helfen," sagte Mistreß Jonston, „ich habe bereits dasselbe versucht, aber nichts damit erreicht." „Ich bitte um Verzeihung, gnädige Frau," erwiderte Kaps, „für diese ärgerliche Störung, die ich mir nicht erklären kann; augenscheinlich kommt der Qualm von oben, die Abzugsröhre scheint verstopft zu sein! Vielleicht haben Sie die Güte, sich einstweilen in den Speisesaal hinab zu begeben, ich sorge dafür, daß Sie so schnell! wie möglich Ihre volle Bequemlichkeit wieder genießen." Darauf eilte er die Treppe hinab, um das Nötige zu veranlassen. Mistreß Jmrston ging mit verhaltenem Atem, da der Rauch troz der offenen Fenster sie empfindlich peinigte, noch einmal in ihr Zimmer zurück, warf einen Shawl um die Schultern, verschloß ihre Koffer und begab sich verstimmt nach dem Speisesaal. Als Baron Marren sie eintreten sah, sprang er auf und eilte ihr entgegen. „So habe ich gegen Erwarten heute noch einmal das Glück, Sie zu sehen!" flüsterte er ihr zu, und seinen Augen war nur zu deutlich anzusehen,'qaß er von dem Glück nicht nur sprach, sondern es auch wirklu h empfand. „Aber sehr gegen meinen Willen," entgegnete sie,„man vertreibt mich fast mit Gewalt aus meinem Zimmer! Auf dieser Reise verfolgen mich große und kleine Unannehmlichkeiten in »»unterbrochener Kett Sic ließ sich in der Mitte des Saales nieder. Der Baron stand in ehrfurchtsvoller Erwartung vor ihr, ob sie ihm einen Plaz anbieten würde. Sie winkte freundlich mit der Hand> worauf er den Stuhl neben ihr einnahm. Dann teilte sie ihm mit, weshalb sie ihr Zimmer hatte verlassen müssen. Leopoldine zitterte heftig, als sie die Engländerin eintreten sah; ihr Blnt drang ungestüm zum Herzen, alle Onalen der Eifersucht erwachten aufs neue und geschärften Sinnes beobachtete sie von der Seite das Benehmen ihres Mannes, den sie jedem Augenblick sich der Verhaßten nähern zn sehen fürchtete Dieser Fall trat aber nicht ein. Sengcr blieb im Gegenteil unbeweglich auf seinem Plazc; ein gewisses Behagen, ein Gefühl der Befriedigung schien ihn zu ergreifen, als er Mistreß Jonston eintreten sah, wenigstens verriet nichts äußerlich an ihm den Haß, der ihn gegen seine Feindin erfüllte. Jezt kam auch Mohrmann, dessen Gesicht wieder in gelvohnter Weiße glänzte, mit Kaps in den Saal zurück und schien dem Berichte, den ihm sein Oberkellner abstattete, mit größter A»si merksamkeit zu lauschen. Er schüttelte, wie bedauernd, den Kopb und trat mit tiefer Verbeugung an Mistreß Jonston heram Sehr erfreulich klang seine Eröffnung gegen die Dame nun gerade nicht. Ter Kaminfeger hatte den Rauchfang, der au- dem Kamin in Mistreß Jonstons Zimmer emporstieg und auf dem Boden in die große Feueresse mündete, total verstopd gefunden. Auf unbegreifliche Weise waren wollene und ähnliche Stoffe, wie es der Brandgeruch deutlich verriet, in das Heizrohr vom Boden aus hineingerate», so daß ein Emporsteigen dc- Rauches unmöglich wurde. Der Schornsteinfeger hatte gemeint, daß dieses Hindernis in einer Stunde zu entferne» sein möchte, Mohrmann wünschte aber, daß dies bis morge» bleiben sollte, da das damit verbundene Geräusch in dcr späten Abendstunde die andern Gäste seines Hotels stören könnte- Nun sei das ganze Hotel bis auf zwei Partcrrezimnicr m'» Reisenden besezt; kein Kümmerchen leer, so sagte wenigstens dcr Herr des Hauses, doch diese beiden Zimmer wollte er Mistrel> Jonston mit Vergnügen zur Disposition stellen. Mistreß Jonston neigte den Kopf zum Zeichen des E'»' Verständnisses. Sie mußte noch froh sein, daß der Hotel«� diesen Ausweg vorgeschlagen hatte, da ihr schon der Gedan c gekommen war, das Hotel gänzlich verlassen zu müssen. Bare» Marren erbot sich sogleich, das Hcrabtragcn ihrer Sachen ä» übernehmen, was sie aber dankend ablehnte. Ihre Koffer verschlossen worden, ehe sie hinabging, und das wichtigste ih"' Besizcs, die rote Mappe mit den Dokumenten, hatte sie»ntt' den Falten des sie umhüllenden schottischen Plaids verborg� So blieb sie mit dem Baron in ruhigem Gespräch sizen u» sah, wie ihre Koffer und Hutschachteln an der Glastür in ihr neues Logis transportirt wurden., Die beiden, jezt für sie von Mohrmann bestimmten Sai"»- waren große, elegant eingerichtete Räume, welche uumittell'� links hinter dem Hausportal ihren Eingang hatten. Die Fenster dieser beiden Zimmer lagen neben der Tür des nach der Straße zu. Da man von dem Trottoir aus leicht� diese Zimmer hineinsehen konnte, waren sie außer den Vorhängen von schwerer Seide noch mit kleinen, reichgestisy Tüllgardinen verhüllt. Außerdem hatten sie hölzerne Fetü� laden, die zur Nachtzeit geschlossen wurden. Das erste Ge>»?� war als Empfangssalon, das zweite als überaus luxun»! Schlafzimmer eingerichtet.. Mistreß Jonstons Gepäck hatte dort bereits seinen 4> gefunden und nun war das Stubenmädchen beschäftigt,' Schlafgemach zur Aufnahme der Danie für die kommende' in Bereitschaft zu sezcn. Das Mädchen wollte die Fensteeb* des Schlafzimmers nach gewohnter Weise schließen;»nt einen gelang es ihr, an der andern fehlte die eiserne Das Mädchen drückte die Lade gegen die Scheibe, dag � geschlossen schien; in Wirklichkeit blieb sie nur angelehnt 1 war ohne Anstrengung und geräuschlos leicht aufzustoßen. izorti'kjung folgt.) Sehnsucht. (hs woyk und rauscht das wilde Ivrile Meer dültre Wolken ziehen drüber her. sinnend blicht hinaus die blasse Frau, r,E am Horizont lirin Segel scha»'. Und träumend sieht auf ihrem Arm das Bind, Wie ihm zu Füßen Well' auf Well' zerrinnt. Es lauscht der Wasser Tosen Tag und Lacht, Die ihm den Vater noch nicht heimgebracht. Ach, kam sein freundlich Segel bald in Sicht! Es heult der Wind, jedoch er bringt es nicht! 190 Allerlei zur Frage der literarischen Produktion. Zwanglose Plauderei von Att. „So wollen wir denn, Wcrtgcschäzter," fuhr ich in meiner Anseinandersezung mit dem literarischen Freibeuter fort,„von den Gänsefüßen, für welche Sie Sich— begreiflicher- und vcr- zcihlichcriveise— auf das lebhafteste interessiren, zu jenen andern übergehen, die Sie auch begreiflicher- aber unvcrzeihlichcnveise konsequent ignoriren. Sie wissen es so gut als ich: Ich meine jene kleinen, unscheinbaren, trvzdem aber ungeniein bedcutungs- vollen Häkchen, welche die Aufgabe haben, in Schriftwerke» aller Art diejenigen Partien zu bezeichnen, die der Autor irgend- woher entlehnt hat." Ter Pirat mir gegenüber lief ungeduldig und ärgerlich im Zimmer auf und ab. „Aber ich bitte Sie," unterbrach er mich,„das ist doch dcni Publikum ganz gleichgültig, aus welcher Fabrik unsereiner seine Gedanken bezieht, wenn sie nur was taugen. Herr Publikus will amüsirt sein,— ein slottgeschriebcnes Feuilleton, in dem ein pikanter Einfall den andern jagt, ist sein Hauptpläsir. Tic vertrackten Gänscbeine und die langweiligen Bemerkungen unter dem Text:.Siehe Werk so und so, pagina da und da/ würden ihn nur stören. Und dann bedenken Sie um Gotteswillcn die Konkurrenz. Heute streitet mir niemand ab, der mich kennt, daß ich einer der gewandtesten, unerschöpflichsten Fcuilletonisten bin. Wenn ich nun von morgen ab in mich gehe und gewissenhaft die tausend Quellen angebe, ans denen meine Unerschöpflichkeit gespeist wird-- dann kann mirs jeder dumme Junge nach- machen. Tas Ziezcpt zu der Sauce, in der ich die überall, oft mit vieler Mühe zusammengelesenen Geistesbrockcn servire, ist auch bald erschnüffelt,— was dann? Soll ich mir durch die Konkurrenz die fünf oder höchstens zehn Pfennige, welche ich für die Zeile bezahlt erhalte, etwa bis aus einen Pfennig hinab schmälern lassen? Wenn der Preis meiner Arbeiten noch mehr gedrückt wird, als es ohnehin geschieht, muß ich verhungern, und wenn ich schniicrc, wie man Stiefeln schmiert.— Apropos, da gleich auch ein Beispiel, wie sich ihre gänsebeinige Gewissen- haftigkeit ausnehmen würde:.Schmiere, wie man Stiefeln schmiert,*) Anmerkung unter den Text: Platen, Verhäng- nisvvlle Gabel, Seite so und so. Wie ein Stachelschwein mit Stacheln würde so ein Artikel niit Gänsesüßen und Roten- stcrnchcn geziert sein——" „Freilich," entgegnete ich langsam, und ich fühlte, daß sich meine Laune erheblich zu verdüstern begann,„aber woher kommt das? Einmal ist es eine Folge des Mangels an Originalität, unter dem heutzutage ein großer Teil unserer Literatenwclt leidet, zum andern ist es der unverantwortlich leichtfertigen und lüdcr- liche» Schreiberei geschuldet, mit der sich ein nicht minder großer Teil der Leute, die sich Journalisten und Schriftsteller nennen, genügen läßt, und das eine>vie das andere geht hervor oder schließt sich, darin haben Sie recht, ganz passend den jämmcr- liche» materiellen Verhältnissen an, unter denen heute noch alles das schriftstclleni muß, was sich noch keinen großen Namen er- ivorben hat oder durch Glück und Gunst in den Hafen einer Redaktion eingelaufen ist." Mein Gegenüber blieb vor mir stehe». „Also, da gcbens Sic's ja zu— die pekuniären Verhält nissc— darum vogue la galere——" .Halt, Bester,— wenn ich auch weiß, wie der Straßen- staub entsteht, so werde ich doch diejenigen nicht für sauber halten, die mit allem Behagen den Staub auf sich ablagern lassen und immer da zu finden sind, wo er am dicksten ist. Ein anständiger Mensch, den die Verhältnisse dazn drängen, anders als nobel zu handeln, wehrt sich dagegen, gibt sich ihnen nicht gefangen, sondern sucht sie mit saurem Schweiß, unter empfindlicher Scelenpein zu überwinden, und daß immer mehr Leute tapfer gegen die Misörc unserer literarischen Zustände ankämpsen, darauf beruht die Zukunft mindestens unserer Tages- (Sä)M 1 und sonstigen Zeitschriststcllerei! Denn es ist eine Misere, in dsl >vir tief darin stecken, viel tiefer, als das Publikum ahnt. werden heute nur gar zu oft nicht blos Zcitungs- und Journal- artikel, sondern auch Broschüren und Werke, ungeheuer gelchs* aussehende Bücher gemacht! Wenn ich Ihnen heute den W- trag übermittelte, werter Doktor, ein zweibändiges wissensch� lichcs Werk über irgend etwas in der Welt,— seien es n« amerikanischen Sprachen oder die Kulturgeschichte des Host� knopfes zu schreiben, so werden Sie ohne Besinnen, falls � Ihnen nur ein lockendes Honorar zusichere, darauf eingehen ui> werden nur fragen, genau wie der Schneider, bei dem ich � ein Paar Hosen bestelle: Bis wann muß es fertig sein? l*' wenn ich antworte: In zivci Monaten,— so werde» Sie oder denken: Kleinigkeit! Bei der affenartigen Geschwindes� mit welcher ich die Feder über das Papier gleiten zu' lasse" ••»IV» V v»\KJ v v•\*J vi*.(JVWV.••%-«.* rj*.. r•»» 3---- u,'. gewohnt bin, bringe ich spielend täglich einen Druckbogen 1 macht dreißig Druckbogen im Monat, sechzig in zwei Monaten,° wird das Werkchen sehr hübsch dickleibig werden und den � dungsphilistcrn, für die es bestimmt ist, ungeheuer impou'. j Alsdann rennen Sie spornstreichs ans eine große BibchV- lassen sich der Bequemlichkeit halber, um nicht erst V( i mächtigen Kataloge durchsehen zu müssen, vom Bibliotckar Hauptwerke über den fraglichen Gegenstand nennen und 9C■. und flugs geht das Ausschreiben, zum Teil auch sich�.- j wörtliche Abschreiben los. Natürlich sind die beiden dicken � � noch etwas vor Ablauf der bestimmten Frist fertig, denn h' Ihnen stand mit der Hezpeitsche die atra cura des dringcns Honorarbcdürfnisses, und die Welt ist um ein Werk reich� einen wissenschastlichen Gegenstand, von dem der gelehrte in sehr vielen Fällen, ehe er darüber schrieb, nicht eine � wußte, und nachdem er darüber geschrieben, nur eine Ahnung hat. Ist es nicht so, inein Bester?".. Ter Doktor lrazte sich hinter den Ohren.„Es ist"ul daß Sic niemand weiter hört--." 5(|( „Leider ist es oft noch schlimmer," fuhr ich fort. oft geben Sie und Ihresgleichen sich nicht einmal die J mit Hülfe eines kundigen Bibliotekars möglichst gutes � über Ihren Gegenstand sich zu verschaffen, sondern Sie was Ihnen gelegentlich der Zufall in die Hände spielt. � � wir an, Sic fänden irgendwo eine gcist- und kenntnis�. � schricbene Broschüre, welche eine allgcmeinintcressante 3P behandelt, aber schon vom Büchermarkt verschwunden wenig oder sogut wie gar nicht bekannt geworden ist. zehn gegen eins, Sic werden die besten Stetten daraus w ein wenig vom eigene» Senf, d. h. die allezeit fertigen 4%�; dazutun, vielleicht noch aus einer anderen Broschüre oder � � Zeitungsartikeln etliche Gedanken oder Abschnitte dazu s' im Handumdrehen ist eine neue Broschüre, wahrscheiuj" � einem pikanteren und sensationelleren Titel als die W dem Markte. Was ist nun die Folge solcher Art aui Produktion"? Vielerlei. Zunächst, daß nicht nur VVUUIV«». vup luv»;»'.fi HT bezüglichen Wissensgebiete nichts neues geliefert worden'i dem daß zweifelsohne von dem alten Guten, das» � � Büchern oder Broschüren steckte, mancherlei, oft sehr un � dorbe» und verloren gegangen ist. Ein Vertiefen i»' liehen Werke, ein Prüfen derselben, ein Versenken in„ K' des Autors lag weder im Plane noch in dem VernNs� � ii(" wie mit Dampskraft nachschriftstellernden Literaten...�i die Gedanken seines Autors auf den ersten Anblick so gab er sie überall da wieder, wo er nicht wörtlich � und wo er das tut, da blieb ihm immer noch durch' LpHi pirung und Verknüpfung der Gedanken Gelegenheit u| Spreu zwischen den Weizen, Mißverständnisse und lw" m in die treffliche» Ausführungen und Entwicklungen K' �'| ginals hineinzustreue». So erhält das Publikum»ich!' c 1 yl gemünztes Geld, sondern eine vielfältig niit unedlen Metallen versezte, j» Wahrheit nichtsnnzige Legirnng vorgesezt, laßt sich icdoch i„ sx�cm Mangel an Sachkenntnissen nnd geblendet durch le gestohlenen Gcdankenblize sehr oft verführen, das elende Gc- �sngsel für lautere Wahrheit anzunehincn, es zu seinem geistigen Mgentnm zu machen, und, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet, «über mit Gott und aller Welthcrumzustreitcn. Das Publikum llt also zunächst der Genasführte nnd Geschädigte. Aber das Publikum ist der geschädigte Teil nicht allein. Ter verständige, gewissenhafte Schriftsteller leidet noch viel �pfindlicher unter solch verächtlicher Wirtschaft. Er kann mit einem so produzirenden literarischen Zigeuner y die Dauer nicht konknrrirc», nnd wenn er so viel Wissen, � zehn unserer größten Gelehrten zusammen und so viel eine als Lessing, Schiller, Goethe, Shakespeare miteinander eiaße, denn er wird unter allen Umständen mindestens lang- � Produziren als jene. , Herren Buchhändler und Redakteure aber brauchen und »�zugen in erster Reihe fixe und„gut versirte" Schriftsteller, -j". Redakteure nehmen sich oft keine Zeit, die Buchhändler wissenschaftlich dazu nicht befähigt, die Manuskripte, che ihnen zur Aufnahme in ihre Zeitschrift oder zum Verlag gehen, einer ernsten wissenschaftlichen Prüfung zu unterziehen. hw- öelangt denn in den meisten Fällen zur Veröffentlichung, m Bestellung' flott geliefert wird und bei oberflächlicher Achtung geeignet erscheint, dem Publikum zu gefallen oder imponircn. ®et Dichter sagt: Die Weltgunst ist ein Meer,— Darin versinkt was schwer, Was leicht ist, schwimmt daher. o-t ist es vielfach in der Literatur, zu deren und des Suiten Volkes ungeheurem Schaden. in ��chibare, gewissenhafte Schriftsteller steht nun nicht blos ilurii'? Schwierigkeit seines Produzirens hinter den Preßpiraten lers �' Jon�ern er ist vornemlich in den Augen des Buchhänd- sord""4 inbezug auf den Preis, den er für seine Arbeiten � mu6, gegen jene im Nachteil. iänimTJ�icht und rasch zusammengelesen wird, kann zu so gezahlt» Preisen, wie sie heutzutage für literarische Arbeiten lan j Herten, gern abgegeben werden, was aber mühselig und Hera!?'" geschaffen wurde, kann nur der zu Schleuderpreisen £ Welcher ums Brot überhaupt nicht arbeitet. Hauken? beu" auch einer Plutokratie im Reiche des Ge- sjjgt?,/."S Feld bereitet.— Der opulent honorirte Univer- ichau»«"? 5' h"" seine wissenschaftliche und politische An- sich„.•? �'fe. oder wenn nicht diese, so sein Karakter gestatten, Kirche'- herrschenden Gewalten in Staat, Gesellschaft und kostli*"� 9ute.n Fuß zu stellen, muß alsdann in allen wissen- j irisch Zeitschriften die erste Geige spielen, wenn nicht allein und nsa' Ehrend es der arme Teufel, welcher kein Vermögen lveder haitischen oder andern Gründen keine Anstellung hat, �aitien� eincm auskömmlichen Verdienst noch zu Ansehen und «Inn. 111 hrr Schriftsteller- und Gclehrtenwelt bringen wird, der n.,s uoch zehnmal gelehrter und arbeitsamer sein, als Konkurrent Boden der Zunstgelchrsamkcit stehende wichen"?' ���rischer Zigeuner hatte indes immer deutlichere Winer Ungeduld gegeben, endlich plazte er los: ®ie"(onf(r',.mc'n Bester, das weiß ich alles so gut wie Sie. lleuc»,' iren Tatsachen nnd diese Tatsachen zwingen mich, Ähren nnsv11.Schriftstellern, wie ich es tue. Wäre ich einer von % Iz. andigen und gewissenhaften Schriftstellern, so wäre ich >vie xz 2 Weltgunst, um mich so poetisch auszudrücken, siebte, längst versunken, und auch nicht der u>ir"zensent nähme mehr einen literarischen Knochen von °«'!chen die Zähne." Bade gehalten, Bester, nnd nicht das Kind mit dem � ich entgegnete ich.„Sie ignoriren absichtlich, -onichlich betonte, so wie ich es schilderte, sehe es vielfach aus in unserer Literatur, aber keineswegs überall- Neben den zu oberflächlicher, leichtfertiger Arbeit genötigten oder geneigten Redaktionen gibt es auch solche, die es mit ihrer Aufgabe sehr ernst nehmen, neben den mangelhaft befähigten nnd mir auf Gewinn erpichten Buchhändlern gescheite nnd nicht ordinär selbstsüchtige, neben den vielen mit dem Strome lüder- licher Bücher- und Artikclschrcibcrei schwimmenden Literaten gar manchen, der ohne Ermatten gegen ihn ankämpft. Und jcg- licher, der auch nur auf eine Spur von Achtung Anspruch hat, sollte und müßte auf der Seite dieser Minoritäten sein,— Minoritäten sind es freilich,— eine verhältnismäßig geringe An- zahl von Menschen, die sich ihren schmalen Lebenspfad nur unter beständigen Kämpfen durch das Dickicht der Daseins- schwierigkciten zu brechen vermag; aber das sage ich Ihnen, wer Ehre im Leibe und Geist im Schädel hat, der fühlt sich tausendmal wohler in den dünnen Reihen dieser Minderheit als in dem Gewühl des großen Haufens, der verkehrte Zustände für sich ausbeutet und der Trägheit und Unwissenheit des Publiknnis ein begueincs Leben zu danken hat. Die unfähigen und unwissenden Literaten, die überschüssigen Kommis und die verbummelten Studenten, die schiffbrüchigen Existenzen vcrschic- densten Herkommens, die sich kurz vor dem Versinken im Strudel des Lebens an das Tintenfaß klammerten,— sie mögen literarische Diebe sein und bleiben, aber die besseren Elemente, die geistig hervorragenden und nicht gerade auf der tiefsten Stufe materieller Daseinsmöglichkeit stehenden— sollten unter allen Umständen sich niemals zu einer literarischen Unehr- lichkeit herbeilassen. Und, sehen Sie, Bester, fuhr ich nach kurzem Innehalten, das mein etwas finster dreinblickcndes Vis-ä-vis diesmal nicht mit einer Bemerkung ausgefüllt hatte, fort, nun komme ich wieder auf die besagten Gänsefüße. Der anständige Schrift- steller kann, wird und muß gleichfalls schöpfen aus den reich- strömenden Quellen der Literatur vor ihm und rings nm ihn her. Es beweist schier unglaubliche Albernheit, wenn jemand vcr- langt, der Schriftsteller solle„ganz und gar Original" sein. Und doch ist solche Albernheit nichts Seltenes. Ich empfing z. B. vor einer Reihe von Jahren, just als ich mich eifrigst in das Studium der englischen Philosophie vertieft hatte, häufig den Besuch eines alten Herrn, der, Deutscher von Geburt, es in der spanischen Armee zum Offizier gebracht hatte und auf seine alten Tage wieder nach Deutschland zurückgekehrt war. Wiederholt hatte er die augenscheinlich uralten Quartbändc auf meinem Arbeitstische mit Interesse von außen betrachtet und zugesehen, wie ich daraus nnd darüber ganze Hefte voll Exzerpte und Bemerkungen schrieb. Eines Tages fragte er: Was sind denn das eigentlich für Bücher? In der Ueberzcugung, daß ein gebildeter Mensch näherer Erklärung nicht bedürftig sei, ant- wartete ich: Das da ist Lockes Versuch über den menschlichen Verstand und das andere Humes Untersuchung über den gleichen Gegenstand, beide in der Tennemannschen Uebersezung. Moderne Werke sind es nicht? fragte er weiter. Jezt kam mir die Bil- dung des spanischen Kriegsmanns auch etwas spanisch vor, aber ich begnügte mich leise lächelnd zu erwidem: Nein, aber ganz 200 Jahre ist noch keines alt. Etliche Wochen nachher vernahm ich, daß der alte Herr, der inzwischen seine Besuche bei mir gänzlich eingestellt hatte, über mich mordsmäßig umher- räsonnirc: ich gehöre auch zu dem nichtsnuzigen Literatcnvolkc, das jeder Originalität bar sei nnd sich nur mit fremden Federn schmücke; er selbst hätte mich jezt oft genug dabei ertappt, wie ich die urältcstcn Schmöker, die kein vernünftiger Mensch mehr lese, hervorhole und daraus meine Weisheit zusammenschriebe, statt selbständig zu schaffen, u. s. w. Solcher boshaften Urteils- losigkeit kann man denn meines Erachtens auch nicht besser be- gegnen, als wenn man die Art und Weise des schriftstellerischen Schaffens in seinen Arbeiten für jeden nicht ganz Blödsinnigen erkennbar hervortreten läßt. Denjenigen Schriftsteller, der, was er durch vielseitiges und griiudliches Studium zu seinem geistigen Eigentum gemacht hat, in selbständiger Formulirung und mit eigenen Gedanken durchsezt und ausgebaut, ohne allen Hinweis auf die Quellen, aus dencu er schöpfte, in Abhandlungen oder größeren Werken wiedergibt, kann gewiß kein Borwurf unred- lichcn Schaffens treffen. Aber er erregt oder unterhalt erstens bei den mindergebildctcn und denkschwachen unter seinen Lesern die törichte Einbildung, daß er alles oder mindestens das meiste, was er da gibt, aus sich selbst habe, zweitens erschwert er den geistig Höherstehenden das eingehendere Studium des Gegenstandes, der ihm selbst am Herzen liegt, und die gewiß allezeit not- wendige und dankenswerte Prüfung, ob er das Material, was ihm vorlag, aufs beste bcnuzt und ausgebeutet, ob ihm nicht hie und da doch Mißverständnisse mituntergelaufen sind und ihn zu falschen Schlüssen verführt haben. Endlich zeigt er nicht, wie er es könnte, wenn er selbst ein wahrhast tüchtiger Mensch ist, dem Nacheifernden, dem jungen schriftstellerischen und wissen- schaftlichen Nachwuchs, wie schriftstellerisch prodnzirt werden kann und soll und wo die vielen unerfahrenen Literaturbartel den Most des Wissens holen sollten, der in ihnen zu edlem Weine sich auszugahren vermag. Ter langen Auseinandersezung kurzes Resumö ist also: Man schreibe, wenn man sich nicht selbst mit den literarischen Spizbuben untersten Ranges auf gleiche Stufe stellen will, nie etwas nieder, von dem man weiß, daß es sich bei irgend einem literarischen Vorgänger findet, ohne die vielgenannten Gänsefüße, und wo es sich um irgendwie bedeutsame Mitteilungen, Ge- danken, Urteile und Forschungsergebnisse handelt, da gebe man möglichst genau, so daß jeder Mensch, der lesen kann, die Angabe durch Nachschlagen leicht zu kontroliren vermag, die Quelle an. Tun das immer mehr Schriftsteller, auch von denen, die für Zeitschriften Arbeiten leichteren Genres liefern, sofern diese nur nicht ganz des wissenschaftlichen Karaktcrs entbehren, M wird das Publikum beständig an Einsicht in das Wesen schrist' stellerischen Schaffens gewinnen und der Kulturverdcrb de- Literaturdiebstahls immer mehr an Terrain verlieren; chrliäie Schriftstellcrci wird an Ansehen und materiellem Erfolge reiche und das Abschriftstcllern eine verachtete und brodlose Kunjt werden. Möchten Sie mit ihrer trefflichen natürlichen Begabung 011 diesem Werke nicht auch lieber mitarbeiten? fragte ich dc» schließlich ganz andächtig gewordenen Zigeuner. Ich will cS ehrlich versuchen, erwiderte er und reichte nw die Hand. Ich verlor ihn bald nachher für längere Zeit aus dc>> Augen. Ob er den ehrlichen Versuch wirklich gemacht hat, we>!' ich nicht. Daß er ihm auf die Dauer nicht gelungen ist, schon er gerade ihm bei ernstem Willen hätte gelingen müsst� weiß ich sehr wvl. Er ist heute Literaturpirat und bei de» Leuten ob seiner famosen Feder beliebt wie ehedem. Wenn er diese Zeile» zu Gesicht bekommt, wird er BwP scheinlich die Achseln zucken und wiederhole», was er mir dcl' einst gesagt: „Der will immer noch nicht einsehen, daß der Mensch besseres ist und werden kann, als auch— eine Spottg� aus Dreck und Feuer.". f Und das werde ich— allen literarischen und anderen tfl"' buben der Welt zum Trvz— auch niemals einsehen. U o e t i s ch e A e h r e n l' e s e. Sturm. Von Julius Rodrnberg. X�rr licijcn rauscht, rs saust der Sturm Uun stamm, last uns zum Meere gehn, Und last uns von dem Hafcntnrm Hinunter in die Tiefe sehn. Die Möve Kreischt— der meiste Gischt Sprizt häuserhoch und zischt und stetstt, Und mit des Sturmes Heulen mischt Das Meer sich, das den Damm zerreißt. Die Lette stricht, die Lüste Kracht, Und Möge stürzt auf Möge fchivcr, Und durch die schrecklich finstre Macht Scheint fern ein schwaches Licht im Meer. Das Licht, das Kommt vom Lootsenfchiff- Da liegen sie im Uettuugsstoot, Und hinter ihnen liegt das Schiff Und vorn und um sie liegt der Tod. Die straune fchaumstedecktc Faust Ruht auf dem Steuer festgcstallt; Cs lauscht das Ohr vom Sturm nmsanst, Ost fem Kein Hilferuf erschallt. Lein Hilferuf; Kein Rotlicht flirrt— Der Sturm hat alles schon verzehrt. Die Lrigg, die fern auf See geirrt, Hat er schon in den Grund gekehrt. Das Laussarteischiff, das von Lrclt Hassiren wollt' den Äermelsund— Die Lohlenstark von Englands Mest— Es liegt schon alles auf dem Grund. Der Lampenwärter schürt den ßrand 3 in Hafenturm und klickt aufs Meer— Er lehnt sich auf den Eisenrand Und seufzt:„O daß es Morgen wär!" Gin Gkepaar. Weihnachtserzählung aus dem Proletarierlebcn in Lvndon> Von H. Nackow.(Schluß.» Was ich jezt noch zu erzählen habe, habe ich nicht selbst mit erlebt, sondern erst später durch Freunde und Zeitungsnachrichten er- fahren. Am nächsten Morgen 5 Uhr erwachte Bill und obgleich der Kopf '/"n recht schwer war, schlüpfte er doch in seine Kleider, ging in den Hof, wo in einem kleinen Stall sein Esel und Karren stand, schirrte a» und fuhr nach Spitalsfield Market, um seinem Geschäft nachzu- gehen. . Sobald er wieder auf seinem Karren sas», erinnerte er sich all seiner Vorsäzc,— das» er noch einmal Droschenkutscher werden wollte n»l eigenem Pferd und Wagen und seiner Polly das Leben so an- genehm als möglich machen möchte; daß er sie schon gestern Abend gelchiinpft hatte oder gar hatte schlagen wollen, wußte er garnicht; gesagt hatte sie es ihm nicht, sie schlief noch fest, als er fortging; er ßorte sie auch nicht, wozu auch? Während der nächsten paar Monate ging alles so ziemlich gut, Zeit zu Zeit verziirnte sich Bill einmal mit seiner Polly, was dieser dann gewöhnlich ein blaues Auge eintrug, doch wurde immer bald wieder Friede geschlossen und das momentan verunzierte Auge war bald wieder gesundet und auch vergessen. ... �ins nur machte Bill manchmal besonders verdrießlich, doch glück- Uchcnveile stimmte Polly in diesem Punkte mit ihrem Manne überein, «i Schwiegermutter konnte er nicht leiden, denn erstens hatte sie ihr �>vrt nicht gehalten, daS als HochzeilSgeschenk versprochene Waschgeschirr wr nie gekoinmen, und zweitens hatte sie die üble Gewohnheit, immer onittags gerade zur Mittagszeit zum Besuch zu kommen. war fatal, man mußte ihr doch einen Plaz am Tisch an- '.'"'d dann hatte sie immer einen gesunden Appetit, was ge- »hnlich die Portionen für Bill und Polly bedeutend verkleinerte. r�ch chan mußte gute Miene zum bösen Spiel machen, denn kl»- � vier Monate nach der Hochzeit schenkte Polly ihrem Bill einen neu«ohn und da konnte man die Mutter gut gebrauchen. n.. w.ier Gang der Tinge ist hier etwas sehr gewöhnliches; der einzige fh-n Wischen Bill und Polly und andern jungen Leuten bestand u nur darin, daß sie vier Monate vor der Geburt des Kindes zum w?.nmt SMugen waren. trim war natürlich überglücklich und stolz auf ihren Sohn und dl»?, i' i�bald sie nur erst wieder genesen war, bei all' ihren Frcun- in JT m rum, welche das kleine Ding natürlich alle allerliebst fanden, iÜnhwÄ öulezt wirklich glaubte, sie besize das schönste und feinste ki- � gunz London. an'uar es in der Tat. nur zu fein, so das man wohl schwerlich Sornk l des Kindes denken konnte, wenn nicht die allergrößte das? Ä- ungewandt wurde, und was verstand davon die arme Polly, SnrnÄ."�njührige Ding! und wenn sie es verstand, konnte sie diese lich üben, versügte Bill über die notwendigen Mittel? Sicher- von q!MrLimfiTUnke genommen, war denn soviel an dem Auswachsen die,>rfvV �wbling gelegen? Was ist denn in der Regel das Loos Armen, der ganz Armen? Fola? x �"lliing unverständige Behandlung seitens der Mutter, als Hand Krankheiten; als Kind Einsamkeit und Wandern von Arnim..-''"eil Mutter wie Vater arbeite» müssen; als Mann giucklirtiü Laster und endlich— Galgen oder Gefängnis, im Ein!» 1», �s Armenhaus. glaub«. P Wochen waren vergangen, als Bill plözlich wahrzunehmen lrop>.,„' Ü'u die Vatersreuden doch einige recht bittere Wehrinuts- Se fvicn. ihn n.» f�Wi'flrrmutter und andere nannten es den„Segen", für und ioui.s m..kleine Kröte", die ihn Nachts nicht schlafen ließ To? a» ,x. �"flkte. beste&i.;x%.'"»»te er gar nicht alles ausbringen, seine und Pollys eine Snunf« /"underten zum Psandleiher, um nur für den„Kleinen" Von» k„.?5' etn,nä Leinwand u. f. w. kaufen zu können. huiiqer«.. i.!x zu ullcin diesen das beste Gesicht zu machen, sie ju können„x??�r das Notwendigste für den Liebling anschaffen Co n'i„ T iln'"r'wwer Geld von Bill verlangen zu müssen. Zeit«oll» x..y Kampf ums Dasein süns Monate fort, um welche Vill ixn',0'n kleinen Sohn nicht mehr so oft ihren Liebling nannte, Unterdes&zu als eine Last betrachtete. einer re-t.« �4 der November bemerkbar gemacht, und zwar harten PZi»,» unangenehmen Weise, so daß man auf einen ziemlich ' Bill nrt«:»» neU konnte. üblichen Bm-n.'"it aller Anstrengung und hatte schon die hier .. Er War N" zum WcihnachtSsest gctrossc». 'hm die Ganscklub und einem Bierklub beigetreten, wodurch fu Weihnnch,»,, y wurde, gegen einen kleinen wöchentlichen Beitrag w daß. w»',.("w tette Gans und eine Gallone Bier zu bekommen, m"kvgnüalei geradezu ein besonderes Unglück zustieß, sie Es softe �'huachissest seiern konnten. "uoers kommen. Eines Abends saßen Bill und Polly am Kamin, in dem ein tüchtiges Feuer brannte, das jedoch seine Wärme nur höchstens zwei bis drei Fuß im Halbkreis um den Kamin verbreitete, im übrigen war das Zimmer kalt und ungemütlich. Draußen war recht schlechtes Wetter, der Wind heulte und pfiff kalt zu allen Fenstern und Türrizen herein, weshalb denn Polly auch so nahe als möglich ans Feuer rückte, um wenigstens das Baby mög- lichst warm zu halten. Sie sprachen gerade von Weihnachten, sie sprachen jezt kaum etwas anderes; Polly erzählte ihrem Bill, wie sie die Gans zubereiten würde, und dieser hörte andächtig zu und schnalzte ab und zu mit der Zunge, als hätte er schon den fetten Bissen im Mnnde. Da ging plözlich die Tür auf und herein trat Joe, Bills Stalljunge, ein Kind von zwölf Jahren, eins jener unglücklichen Geschöpfe, die nie Vater oder Mutter gekannt haben und buchstäblich auf der Straße austvachsen. Joe hatte zumteil vom Mitleid, zumteil vom Mundraub gelebt, schlief in offen gelassenen Torwegen oder unter Eisenbahnbrücken, bis ihn eines TageS Bill fand und ihn aus Mitleid mitnahm. Von da an hatte er „Engagement". Vill gab ihm vier Pence pro Tag und erlaubte ihm außerdem mit dem Esel den Stall als Schlafstelle zu teilen. Welch' Glück für den armen Kerl; er war auch erkenntlich dafür und hing mit rührender Treue an Bill und seinem Esel. Man sah es ihm an, als er eintrat, er hatte seinem Herrn nichts Gutes zu melden; sein Blick, voll Schrecken und Trauer, schien sagen zu wollen: nun muß ich wohl wieder auf die Straße gehen. Endlich trat er einen Schritt näher zu Bill und preßte die Worte hervor: „Master, unser Esel liegt im Sterben, es scheint ihm sehr schlecht zu sein." Als wenn eine Natter plözlich Bill gebissen hätte, so sprang er aus von seinem Stuhl und war auch schon in der nächsten Minute im Stall. Da lag der Esel, sein ganzes Kapital, zähneklappernd und vor Frost den ganzen Körper schüttelnd; offenbar, es war keine Hilfe mehr, nur noch wenige Minuten und das arme Vieh hatte seinen leztcn Atem ausgehaucht. Polly war ihrem Manne gefolgt, auch Charley, der Kompagnon, war gekommen, und so standen sie alle um das Strohlager, um das Sterbelager des Esels. Joe war niedergekniet und streichelte den Hals des armen Tieres. Sein bester Freund, mit dem er seit einigen Monaten das Nachtlager geteilt hatte, lag im Sterben, und sein Sterben bedeutete für ihn wieder die ärgste Not und daS schlimmste Elend. Auch die andern hatten ihre Hoffnung auf den Esel gebaut, er sollte ihnen durch den Winter helfen, ihnen ein fröhliches Weihnachts- fest schaffen. Jezt war er tot. Am nächsten Morgen wurde Rat gehaltet und beschlossen, da daS Geld zum Ankauf eines neuen Esels nicht aufzutreiben war, das Kompagniegeschäft auszulösen und das Inventar zu verlaufen. WaS nun machen, das war die große Frage, die cs zu ent- scheiden galt. Charley, Bills Kompagnon, war schnell entschlossen, er kaufte sich einen Schuhwichskaslen, Bürsten ic. und etablirte sich an einer Straßen- ecke neben einem Wirtshaus als Schuhpuzcr, nachdem er sich dazu die polizeiliche Erlaubnis eingeholt hatte. Bill hatte andere Pläne, er meinte, er müsse eine Stelle suchen und finden, als Hausknecht, Ausläufer oder irgend dergleichen. Ter arme Junge wußte nicht, wie schwer es in London fällt, eine solche Stelle zu suche», zumal die erste Stelle, ohne Zeugnisse, ohne Empfehlungen und dazu obendrein im Winter. Vier lange Wochen hatte er Tag für Tag gesucht, ohne Erfolg, überall vertröstet oder— abgewiesen. Sein sehr kleines Kapital war troz aller Sparsamkeit bald auf- gezehrt, da— endlich fand er Arbeit. Ein mitleidiger Teaterdirektor engagirte ihn als wandelnde„Lit- saßsäule".— Zwei Plakate auf Bretter geklebt wurden ihm an Riemen über die Schultern gehängt, so daß eins am Rücken, eins vorn über der Brust heruntcrhing. So mußte er durch die Straßen Ivan- der», um dem Publikum die Teateranzeigen entgegenzutragen. Das war zwar keine Hausknechtsstelle, aber es war doch etwas, er bekam dafür pro Tag einen Schilling. Einen Schilling pro Tag und davon Frau und Kind ernähren— in London.,,., Keine Feder kann beschreiben, was das heißen will. Wo waren all die schönen Hoffnungen hin, wo die GanS und das Bier für Weihnachten! Hunger war das Loos für Bill, Hunger für Polly und den kleinen „Liebling". So ging es einige Wochen fort, der arme Bill hungerte, er war schon so schwach, daß er kaum noch die Bretter tragen konnte, seine Polly und das Baby verkümmerten vor seinen Augen mehr und mehr und er hatte sich schon mit dem Gedanken vertraut gemacht, ins Armen- haus zu gehen, wenn es ihm nicht bald gelänge, mehr zu verdienen. Da endlich in der ersten Woche des Dezember fand er einen Freund, der ihm helfen wollte, aber nicht ohne Bedingungen. Bill hatte sich lange gesträubt, aber immer wieder sah er seine hungernde Polly, sein dahinsiechendes Kind vor sich.— Da endlich gab er»ach. Eincs AbendS tiuu er mit diesem Frcnnd nachhause, welcher als Abschlagszahlung für Polly ein Brot und ctivas Wurst mitgebracht hatte. Die beiden Männer sezten sich in eine Ecke des Zimmers und flüsterten miteinander, Pollh saß in der andern Ecke am Tisch, das Brot lag vor ihr: aber wie war es denn, sie hatte doch Hunger, und doch — esse» mochte sie nicht, sie beobachtete die beiden Männer, hören konnte sie nichts, aber sie ahnte nichts Gutes. „Nun wollen wir gehen," sagte endlich Bills Freund, und sich zu Pollh wendend, sezte er hinzu:„wir werden bald wieder da sein," damit verließ er das Zimmer. Auch Bill stand auf und reichte Polly die Hand.„Adje Polly," sagte er, und buckle sich und küßte sie ans die kalte Stirn. Polly stand mit cincmmale aus ihren Füßen, hing am Halse ihreS Mannes und sagte:„Bill, bleib bei mir, geh nicht mit diesem Manne, er hat ein böses Gesicht, ich fürchte, du begehst etwas Schlimmes, bleib bei mir!" „Laß mich los, Polly," sagte Bill,„ich kann nicht länger warten, fürchte nicht sür mich, ich werde bald wieder da sein." „Oh, bleibe bei mir!" wiederholte Polly und umschlang ihn fester. Da steckte der Freuitd wieder den Kops durch die Türspalte und rief:„Na, Bill kommst du bald?" Bill machte sich los von Polly und im nächsten Augenblick war sie allein im dunklen Zimmer. Sie fiel auf den Stuhl zurück und blieb da die ganze Nacht, im halbbewußtloseu Zustand wartend auf die Rückkehr ihres Mannes. Stunde auf Stunde verging, aber ihr Bill kam nicht wieder. Früh am Morgen litt es sie nicht länger in dem öden, kalten Zimmer: Bill war immer noch nicht wieder da. Sie nahm ihr Kind, hüllte es in ihren Shawl uud ging hinunter in Die Straße. An der nächsten Ecke traf sie Charley, den früheren Partner ihres Mannes, welcher in der Mitte einer Gruppe junger Männer stand und sich angelegentlichst unterhielt. Als er Polly gewahrte, durchbrach er den Kreis der ihn Um- stehenden und ging auf sie zu mit den Worten:„Na, arme Polly, du hast wohl schon die Neuigkeit gehört?" „Nein!" sagte sie zitternd und ein Schrecken fuhr plözlich durch ihre Glieder. „Nicht? Nun dein armer Bill ist totgeschossen, arme--" Bevor er noch den Saz beenden konnte, brach sie bewußtlos zu- stimmen. Im Laufe der nächsten Stunden, als sie sich ivieder erholt hatte, — man hatte sie in ihre Wohnung zurückgebracht— hörte sie die traurige Nachricht im vollen Umfange. Es war eine kurze Geschichte. Bill hatte mit seinem neuen Freunde einen Einbruch verübt; nach vollendeter Tat hatte der Kumpan ihm seinen Anteil nicht geben wollen, cS entspann sich ein Streit, und der neue Freund, ei» aller professio- »irter Einbrecher, machte kurzen Prozeß, er schoß Bill übern Haufen; die Kugel hatte ihn mitten ins Herz getroffen, er war auf der Stelle toi. Der Freund war entkommen. Es kam nun eine traurige Pflicht nach der andern für Polly zu erfüllen. Sie mußte vor der Totenjury erscheinen, sürS Begräbnis sorge« und waS sonst alles damit verknüpft war. Als alles beendet war, war auch inzwischen alles, alles zum Pfand- haus oder zum Trödler gewandert, Polly hatte nichts mehr als ihren Liebling. Der Hauswirt machte gute Miene zum bösen Spiel, wo nichts mehr war, hatte auch er sein Recht verloren, er begnügte sich damit, Polly und ihren Liebling aufs Straßenpslaster zu werfen. Polly wanderte zu ihrer Mutter, doch diese hatte, wie alle übrigen „Freunde", nur einen Rat: Sie solle ins Armenhaus gehen. Das ging aber nicht so leicht. Die arme Polly hatte einen gewissen Stolz; ins Armenhaus frei- willig gehen— nein, das konnte sie nicht. Sie nahm ihr Baby und wanderte umher, bei Nacht kauerte sie in Winkeln, immer ihren Liebling bei sich, unter ihrem Shawl wär- mend; am Tage verkaufte sie Streichhölzer, denn Betteln ist im reichen London verboten. Es war Weihnachtsabend— und waS für ein Abend. Ein dichter, nasser, kalter Nebel hatte sich über die Riesenstadt gelagert, so dicht, daß aller Verkehr gehemmt war, Straßenbuben boten sieh den Fußgängern mit Fackeln als Wegweiser an, das Licht der Straßenlampen konnte den Nebel nicht durchdringen, man sah es kaum, wenn man am Fuße der Gaslaterne stand, und dabei war es kalt, entsezlich naß- kalt, es durchdrang die wärmste Kleidung und den beslgesülltcn Magen. Es war ein Wetter, wie man es eben nur in London erlebt. Eine Frauengestalt kauerte unter einer Eisenbahnbrücke; jezt erhob sie sich, sie hatte wohl ausgeruht vom langen Wandern da auf dem Pflaster. Es war Polly mit ihrem Liebling. Sie nahm ihre Wanderung wieder auf— wann sie sie wohl beenden wird? Sie weiß es nicht, sie ist halb bewußtlos, sie fühlt kaum den Nebel, die Näsie, die Kälte, immer fort wandert sie, von Zeit zu Zeit nur ihren Liebling fester an sich drückend. Da. plözlich bleibt sie stehen, helle Lichtstrahlen dringen ihr ent- gegen, sanfte Orgeltöne schlagen an ihr Ohr, vermischt mit dem Gesang geistlicher Lieder. Sie steht vor einer katvlischeu Kirche, es ist Mitternacht, drinnen hält man die Weihnachtsabendmesse. Ein Gedanke durchzuckt sie, dort drinnen ist es wohl warm. Unwillkürlich steigt sie die Stufen hinan und tritt ein. Milde Wärme strömt ihr entgegen, vermischt mit Wohlgerüchen. Alles ist hell erleuchtet, der Altar ist umkränzt mit taufenden von Kerzen und die Kirche ist gefüllt mit andächtigen Gläubigen. Soll sie vorgehen ins helle Licht? nein, wozu denn, sie ivill ja nur Wärnie, und die ist auch hier am nächsten Pfeiler von kostbar polirtem schwarzen Marmor; sie kauert nieder an diesem Pfeiler.— Ach, wie schön ist es hier— wird sie hier bleiben können? Es ist doch ein Gotteshaus! Sie drückt ihr Kind fester an sich, sie fühlt sich etwas wohler. Ach, hätte sie es lieber nicht getan; es sängt an zu schreien und im nächsten Augenblick kommt ein Kirchendiener und— heißt sie hinausgehen. „Ich bin so kalt und—" hungrig wollte sie sagen, doch schon hatte er ihren Arm gefaßt und führte sie hinaus; ihr erstarb das Wort aus den Lippen; sie ging hinaus und sezle ihre Wanderung fort.— Was wollte auch sie, ein Bettelweib, in der Kirche?— Die Kirche ist nicht zum wärmen da, dort soll man beten! Wie lange sie gewandert war, sie wußte es nicht. Schon manch- mal hatte sie für einen Augenblick in einem Winkel gekauert, um neue Kraft zu schöpfen; endlich war sie erschöpft,— sie ivar einer Ohn- macht nahe. Da stand sie wieder vor einem großen Gebäude, aber es war alles dunkel. Eine große breite Treppe lag vor ihr, sie kauerte auf der untersten Stufe nieder, allmälich kroch sie höher hinauf, halb bewußtlos, aber sie hatte da oben große gewaltige Säulen gesehen, dahinter mußte sie wohl geschüzt ruhen können! Als sie endlich oben war, war sie ganz erschöpft, das Bewußtsein schwand mehr und mehr, hinter einer dicken«äule hatte sie sich hin- gestreckt, ihren Liebling fest an ihren Busen drückend. Wie sie dalag auf den kalten Steinen, schon durchnäßt vom Nebel, das arnie Ding, sie wußte nichts mehr,— und das war gut. Wie im Traum drückte sie ihr Kind an sich und lispelte:„Mein Engel, mein armer Bill, mein armer Mann!"— dann war sie stin, ganz still. Ein mächtiger Glockenschlag ertönte hoch über ihr vom Turme. Ob sie ihn noch hörte? Sie zuckte zusammen, aber dann rührte sie sich nicht weiter. Die Uhr vom Turme der St. Pauls Katedrale hatte drei ge- schlagen.— Jezt schlug sie vier, die mächtigen Schläge verhallten langsam tn der stillen Nacht. Polly lag immer noch da, still, sie hörte nichts mehr- sie war längst eingeschlafen, sie und ihr Kind,— beide um nicht wieder zu erwachen.-- So starb am Weihnachtsabend in der Metropole des Reichtums� in London, auf den Stufen der christlichen Hochkirche Englands e»tt Proletariermutter mit ihrem Kinde!. Unsere Illustrationen. Tie unterbrochene Borstellung.(S. 177.) Das Dörfchen G. lüg� in einem jener tiefen Täler des Schwarzwaldes, die sich an den•w' hängen des großen Gebirgszuges hinziehen. Ganz iveltvergesien häng es, wie an die Bergwände geklebt, zwischen den gewaltigen Gebüg'-' stöcken, welche die Täler bilden. Hier könnte der Dichter mit Reih sagen: „Welt, o Welt, wie liegst du so weit!" Es geht im allgemeinen ruhig zu und würde noch ruhiger st1'"- wenn der Müller Andres nicht wäre. Der ist ein lustiger aber nv« gewalttätiger und zuweilen ctivas boShaster Patron. Wenn eine Psüg�. im Dorfe vorkomnit, so spielt er sicher eine Rolle dabei. Er ist' gefürchteter Rausbold und hat schon manchem, wie er sich nusdru- eine tüchtige Tracht Prügel aufgeladen. Er hat stets einen gtov und bissigen Hund bei sich, seinen Nero, der„auf den Mann" drei! ist und der an den Raufereien seines Herrn mit großer Sachken»" teilnimmt.„ Der Andres ist ein leidlich hübscher Mensch und die Dorfs»� sind mit ihrer Gunst gegen ihn nicht allzu zurückhaltend gewesen.•'» er hat sie immer zum Besten gehabt. Immer hat er es mit meh« zugleich gehalten, und endlich kam es so weit, daß die erzürnten% chen beschlossen, keine von ihnen solle sich mehr mit dem Andres u Haupt befassen. Wenn er also heiraten will, muß er eine Fremde einem anderen Dorse nehmen. Und der wollen sie daS Leben 1% verleiden., Einstweilen haben sie aber viel von dem losen Andres auszui»? Er foppt und ärgert sie, wo er nur kann. Diese Mädchen trage»' sonderbare Tracht: kurze, gesaltcte Röcke, die kaum übers Krne weiße Strümpfe, rot und weiße Mieder und auf dem Kopf MULzL' roten Strohhüte, welche die Form einer gewöhnlichen„Angst"* � haben. Die Zöpfe fallen auf den Rücken hinab und sind mit 1»» Bändern durchflochten, daß die Enden der lezteren den Boden berwi� Andres macht sich ein Hauptvergnügen daraus, auf dem 3»9' 195 ober bei sonstigen Gelegenheiten, wenn die Mädchen zusammenstehen und eifrig schwa, zen, diese Zöpfe fest aneinander zu verknoten, daß die Mädchen sie kaum wieder löseil können. Wenn sie dann nicht ausein- ander können und sich recht ärgern, hat er seinen Spaß daran. Aber am meisten quält er sie mit seinem Hunde, den er förmlich dazu abgerichtet zu haben scheint. Das Untier bellt die Mädchen an und springt an ihnen in die Höhe, seinen fürchterlichen Rachen aufsperrend, als wolle er alles in Stucke reißen. Das geschieht nun freilich nicht, aber die Furcht ist groß und der Andres will sich manchmal vor Lachen ausschütten, wenn sein Hund einen Trupp schwazender Mädchen und Frauen wie eine Heerde Gänse auseinander jagt. Einmal sind dem Andres seine Späße aber doch schlecht bekommen. Ein wandernder Italiener kam nach dem stillen und entlegene» Dorf G. und brachte seine Gattin und— einen Affen mit, einen wirklichen dressirten Affen. Das war eine Aufregung in dem Wald- dörschen, denn einen Assen sieht man dort nicht so leicht, mit Aus- nähme jener bekannten Spezies, welche sich die rüstigen Burschen des Dorfes am Sonntag in den Wirtshäusern anzuschaffen pflegen. Also der Affe kani und mußte seine Kunststücke machen. Der Italiener und leine Frau stellten einen Tisch mitten auf die Dorfstraße, und dort Wllte der„gelehrte Affe" seine Künste zeigen. _ Bald war der größte Teil der Dorfbewohner nm den Künstler versammelt, welcher sich seinerseits in prächtigem Kostüm präsentirte. Der Affe trug einen Generalshut und eine Generalsuniform, blau mit vergoldeten Schnüren, während hinten zwischen de» Schößen des Uni- formssrack sein langer Schwanz zum Vorschein kam. Seine Funktionen waren allerdings von denen eines kommandirenden Generals sehr ver- schiede», denn der Herr General hatte nicht zu kommandiren, sondern wurde selbst komniandirt. Er mußte das Gewehr Präsentiren und ab- seuern, was sonst nur die gemeinen Soldaten zu tun Pflegen. Dann Mußte er eine Pistole abfeuern; kurz, alle seine Dienste waren derart, va» auch die Dümmsten im Torfe nicht etwa einen großen Strategen hinter ihm suchten, sondern überzeugt waren, man habe es nur mit einem Assen, wenn auch mit einem geschickten zu tun. . Tie Dorfbewohner aber sahen ihm andächtig zu und deS Ochsen- w>rts Karl, der beim Militär war und sich auf Urlaub befand, meinte öu einem andern:„Das Vieh präsentirt gerade so gut wie ich!" Inzwischen aber erschien der lose Andres in der Nähe und hatte �chlig auch seineu bösen Hund bei sich. Kaum sah er die vielen Frauen und Mädchen beisammen stehen, als er auch die Gelegenheit benuzte, leiner Bosheit zu fröhnen. Alsbald erschien das grimmige Tier unter oem Haufen und richtete eine große Verwirrung an; einige Mädchen uefen kreischend zur Seite, andere ließen ihrer Zunge freien Laus und talonnirleii heftig gegen den Urheber der Verwirrung. To kam der schlimme Nero auch in die Nähe des Assen und dieser �urde dadurch in der Ausübung seiner Kunstfertigkeit gestört. Er sah hochmütig aus den anderen geschwänzten Vierfüßler hinab, der es noch >icht so weit gebracht hatte, aus zwei Beinen gehen zu können. Biel- kicht� dachte der Affe auch darüber nach, wie weit er geistig einem Ge- lchvpte überlegen sei, das in seiner Entwicklung sich noch so weit von vi V' vne der Schöpfung", dem Menschen, befinde. Oder hatte er icilcicht die neuesten Darwinianer gelesen und dachte nach, ob es nicht oglich fei( die zwischen Asse und Mensch bestehende Grenzscheide zu .".'püngen? Ju diesen Gedanken wurde er aber sehr unangenehm ijwrt durch den Stock seines Herrn, der ärgerlich war, weil er fürchtete, der?(0t!,cliu"3 möge in die Brüche gehen. In seiner Wut applizirle "Otalfeiicr seinem Affen einen so heftige» Stockstreich ans jenen Kör- Aii« i 100 l�ch die niedliche Zier der Gesäßschwielen befindet, daß der Iheu.lend auffuhr und von dem Tische herab'prang. Und merk- 'vlfl'rtoeife kam er gerade rittlings aus den bösen Nero zu sizen. arn%nn einen Hund ein Affe reitet, so ist das gerade, wie wenn eine ha,/ fferle der Teufel reitet. Nero war kein seiger Hund, allein es dni/rn oben noch niemand zugemutet, als Neilpferd zu dienen, und t'"oue und Ungewohnte erschreckte den Vierfüßler. Statt den uni- b»"lrtcn Reiter abzuschütteln, ging er in rasendem Galopp mit ihm man,'"!? der Affe hielt sich auch fest wie ein alter gedienter Reiters- zu ici lvar ein herrlicher Anblick, Roß und Reiter so dahinfliegen den--' das war merkwürdig, daß Nero den Schwanz einzog, v lonst so stolz emporgerichtet trug. Slffm?st llhrie der Italiener in seinem Kauderwelsch nach seinem her'cTlons. brüllte Andres mit Stentorstimme hinter seinem Hunde Bie'a,,» 5' von blinder Furcht getrieben, verschwand bald um die so® des WegeS und jagte in den nahen Wald hinein. Wi*»1'!1 h'olt sich der Italiener an Andres und da sie sich nicht leicht Dchii*, y" konnten, gerieten sie in Streit; sie gingen auch bald zu Io,,„J?)'en über. Der Italiener war ein kräftiger Mann. Andres Ftali-n». /'/voht Stand halten, allein die derbkräftige Ehehälfte des währ-»/ beteiligte sich am Kampfe und fiel Andres von hinten an, gewon'-.."'hrem Manne kämpfte. Der Müllerssohn ward nieder- ichöne»! U« exemplarisch durchgebläut, während die sämmtlichen Dorf- einmal eise standen und schadenfroh zusahen, wie ihr Peiniger ilonnlen re gehörige Tracht Prügel abbekam, die sie ihm alle herzlich ihr Cni', It nach geraumer Zeit ließen der Italiener und sejn Weib cJ'vs und gingen ihren Affen suchen. hinausb-c/�e sah man Nero unter einem Baume stehen und grimmig er fßt ven, denn oben auf einem Ast hockte der kühne Reiter, aber >raung auS. Den Generalshut hatte er verloren und von dem llniformsfrack hatte ihm Nero einen der langwehenden Schöße abgerissen. Beim Anblick des mit einem Stock bewehrten Italieners ergriff Nero die Flucht; der Affe aber mußte, nachdem sich sein Hut wieder gefunden, in dem zerrissenen Frack, zum großen Gaudium der Dorsjugend fortfahren. Die Vorstellung lohnte sich denn auch reichlich. Als Nero wieder zu seinem Herrn kam, ergriff dieser einen Stock und ließ seine Wut an dem Hunde aus. So bekamen beide ihr Teil. Andres ist noch so bösartig wie sonst; aber Nero ist artiger ge- worden, und als jüngst wieder ein Italiener mit einem Affen kam, riß er ans und verkroch sich wimmernd in den hintersten Winkel seiner Hütte. Er will mit Affen nichts mehr zu tun haben. A. T. Tier- uiid Pflanzenkunde. Zum Vogtlschut- Ein beherzigenswertes Eingesandt enthalten die „Nachrichten für die Kreise Beeskow und Starkow":„10 000 Stück frische Krammetsvögel" und dasselbe steht jezt wiederholt mit fettester Schrift gedruckt unter den Annoncen der Zeitungen. Leider habe ich dabei den Zusaz vermißt: Fünfhundert Schock leipziger Lerchen. Lieber Leser, läuft dir nicht das Wasser im Munde zusammen? Mir, mir läuft das Wasser in den Augen zusammen! Seit Jahren findet man in den Zeitungen Schmerzensrnse über die Roheit, über den Vandalis- »ins, über die Bestialität der Südländer, welche die armen Zugvögel, wenn sie auf ihrer Rückreise in die Heimat, ermattet vom weilen See- wege, kraftlos an ihren Küsten niederfallen, unbarmherzig würgen und umbringen. Der deutsche Pharisäer schlägt wohlgefällig die Hände über den Kopf zusammen und ruft:„Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin, wie diese italienischen und griechischen Vogelmörder und Totschläger." Der Jäger klagt, daß der Fang immer geringer und damit sein Neben- verdienst kleiner wird, und der Konsument jammert, daß der köstliche Braten von Jahr zu Jahr teuerer werde. Gerstäcker erzählt auS Amerika, daß die prächtigen großen Unvälder einen beängstigenden Eindruck machten, denn es herrsche in ihnen die unheimliche Stille des Todes, nur hin und wieder unterbrochen vom krächzenden Geschrei deS GeierS oder dem klagenden Ruf deS Wipperwill— es mangeln in Amerika die deutschen Singvögel.— Wie lange wird es dauern, und auch wir Deutsche haben einen schweigenden Wald und der Fluch unserer Enkel wird unserem heuligen Barbarismus folgen. (Errtbnict Blätter für Geflügelzucht.) Tücken gezähmte» Wildes. Sehr oft werden, namentlich von Förster», junge Hirsche und Rehe aufgezogen, doch ist denselben, namentlich den ersteren, sobald sie heranwachsen, nicht zu trauen. Eine derartige Erfahrung machte jüngst der Förster Kohlenhaußen aus Holz- hausen an der Lahn. Derselbe ging mit seinem Sohn in den Hirsch- park, um einen Rehbock abzuschieße». Kaum zweihundert Schritte vom Ausgang entfernt, kommt ein vierjähriger Hirsch, welchen der Förster großgezogen, hinter beiden her, trabt au ihnen vorüber, wendet sich gegen sie und stürzt sich dann Plözlich mit voller Wucht auf seinen Wohltäter. Dieser parirt mit der Büchse qner in der Hand, den Stoß ab, sinkt aber zu Boden, läßt die Büchse fallen und saht den Hirsch mit beiden Händen. Vater und Sohn kämpfen auf Tod und Leben mit dem Hirsch, beide fassen das Geweih, drehen die Enden desselben nach unten und stemmen sie in die Erde, nm etwaige Hülfe abzuwarten. Lange durste dieser Kamps nicht dauern, und da Hülfe ausblieb, hieß eS: Sieg oder Tod. Endlich, nachdem der Förster im Kampfe ver- schiedene Verlezungen erhallen und die Kräfte der Angefallenen ab- nahmen, mußte man sich entschließen, den Hirsch zu töten. Während der Vater nun den Hirsch allein festhielt, gab der Sohn einen wohl- gezielten Schuß ab, und damit wurde dem Kampf, welcher mindestens zwanzig Minuten anhielt und mit Gewandtheit und Geistesgegenwart ausgeführt wurde, ein Ende gemacht.(Ig. Rsch.) Tie Ausrottung der Raubtiere wird in N o r w e g e n andauernd und mit Erfolg betrieben, namentlich ist die Anzahl der Bären und der Wölfe in starker Abnahme begriffen. Während in den Jahren 1846 bis 1850 durchschnittlich jährlich 265 Prämien für erlegte Bären und 224 für erlegte Wölfe ausgezahlt wurden, ging die Anzahl der Prä- mien in den folgenden fünf Jahren für Bären auf 210 herab, während die für Wölfe sich noch auf 228 erhielt. In den Jahren 1856 bis 1860 stieg die Zahl der Prämien für erlegte Bären wieder etwas, nämlich aus 222, dagegen siel die für Wölfe auf 213. Seit jener Zeit war die Abnahme beträchtlich. I» den Jahren 1861 bis 1865 betrug die Durchschnittszahl der Prämien für erlegte Bären nur 196 und für Wölfe 116, in 1866 bis 1870 resp. 143 und 31, in 1871 bis 1875 resp. 100 und 44, und in 1876 bis 1880 resp. 148 und 48. Im Jahre 1881 wurden schließlich nur 35 Prämien für getötete Bären und 20 Prämien für getötete Wölfe ausgezahlt. In der Anzahl der getötete» Luchse und Vielfraße war die Abnahme weniger bedeutend, den» es wurden in den erwähnten fünfjährigen Zeitabschnitte» an Luchsen er- legt: 118, 113, 126, 109, 136, 125, 121 und im Jahre 1881 85 Stück: an Vielfraßen 70, 51, 43, 49, 57, 63, 90 und schließlich im Jahre 1881 63 Stück. Für erlegte Füchse wurden in den Jahren 1880 bis 1881 resp. 10584 und 13383 Prämien ausgezahlt. Bären wurden in fast allen Aemtern, die größte Zahl jedoch in Nordland, Wölfe fast ausschließlich in Finnmarken erlegt. Die Luchse kommen am häufigsten in den Remtern BuSkerud, Nedenäs und Drontheim, und die Bielsraßc und Füchse in Finnmarken vor. 196 dehnbaren Ausnahmsgesezparagraphen den Dichtergrafen fassen und dieser selbst ruft es scheinbar erschrocken mit eigenen Worten aus: Doch weh! boshafte Muse, listenreich Ins Unglück lockst du mich— mich, den Verfasser Vorliegender Geschichte. Schreckenbleich Lei' ich, was du mir da diktirt. Zu Wasser Wird mein gehoffter Ruhm durch diesen Streich; Denn dcinethalb mich als Tyrannenhasser Wird man verschrein, ja! als verbotne Waare Mir einziehn dieses Epos Exemplare! Aus Berlin müsste er allerdings streng genommen ausgewiesen werden, so seltsam dreist klingen seine Ansichte». Aber im Ernst, freue sich unser Volk solcher Aristokraten! Dr. A. Prowe. Literarische Umschau. Gras Schacks Gesammelte Werke. 6 Bde. Mit dem Porträt deS Verfassers. Stuttgart, Cotta. Drei Sammlungen Lyrik, ausnahmslos feine gewählte Poesie,— vierzehn epische und sechs dramatische Dichtungen: eines langen arbeit- samcn Lebens Ernte— das bietet der große Gelehrte seiner Nation zum dauernden Vermächtnis dar; er zeigt sich darin als ein treuer, edler Menschenfreund, in dessen Seele jeder Schmerz und jede Lust des Erdcndaseins mitfühlendes Echo fand. Wie energisch seine Sprache zu packen vermag, lehrt folgende Stelle des„Cancan", einer„Aristopha- nischen" Komödie ans dem Jahre 1870. Der Minister Olivier schmeichelt dem gallischen Hahn als dem Sinnbildc des pariser Volkes. Da ent- gegnet ihm der Wntgesnng: Sei still,, du Tor!— Was prahlst du mir vor Von Bällen und Opern und Dramen? Mag wogen der Tanz— bei Lichtcrglanz— Mit seinen Cameliendamen. Draußen indessen flimmert das Gas Hinab auf Gesichter, leichenblaß. Im Schnee, der eisig herniederstockt, Unter dem Fenster am Boden hockt Der Bettler mit seinen Kleinen; hinaus Trieb in deS Dezembers Wettergebraus Der Mietsherr ihn ans schüzendem HauS. An Sälen, wo der Ueberfluß praßt, Schleichen, gebeugt von des Jammers Last, Mit halbersticklem Wutgeschrei Haufe» von Söhnen des Elends vorbei; Und kranke Frauen, bleich wie der Tod, Betteln um eine Kruste Brot Für das hungernde Kind an der w.lken Brust.--- Tiefsinnig wie selten ist z. V. folgender Gedankengang im Trauer- liede auf einen gestorbenen Knaben: Jüngst erst ans der Mutter Schoß, Ihr am Busen lagst du— Nun die Größten riesengroß Plözlich überragst du Und mit allem, ivas ich kann, Was ich bin und habe, Nichts vermag ich dir fortan Mehr zu lehren, Knabe; Weiser du als Sokrates, Ich an Geist erblindet, Alles, alles weißt du cS, Was wir nie ergründet. Lächelnd blickst auf uns du nun, Denen du entrissen; Kindisch dünkt dich unser Tun, Unser Sein und Wissen. Seit du über mich so hoch Bist erhöht, v Kleiner, Nur mit heil'gcm Schauer noch Denken kann ich deiner. Die logische Konsegnenz dieser Gedankenreihe ist die Absurdität des Glanbens an eine Möglichkeit, daß der nnentwickelte Geist eines Kindes mit dem Augenblicke des Todes höherer Vorstellungen sähig sein sollte, als die geschickteste Pädagogik aus Erden es verstanden hätte, zu er- j reichen. Daran denkt man aber nicht bei den lieblich fließenden Versen. Man gibt sich willenlos dem gewöhnlichen Träumen an Fortdauer der Kindcrseele hin und dann muß man denken wie Schack. Vom Stand- Punkt der Zweifelnden wie der Glaubenden kann die geheimnisvolle Vorstellung des Lebens nach dem Tode nicht schärfer und durchdringen- der ausgeprägt werden. Man suhlt heraus, daß die irdischen Wissens- schäze garnichls bedeuten im Vergleich zu den unendlich erhabenen Ideen,, welche der verklärte Geist in höheren Sphären plözlich in sich ansnehme» muß. Leise verspottet uns auch dieser Gedankengang, da mit all unsern irdischen Schulguälereien verhältnismäßig so lächerlich wenig erreicht wird. Aus vielen andern Stellen ersieht man den Standpunkt des gräflichen Dichtermillionärs. Er stimmt, behaupten wir, in jedem Punkte mit den fortgeschrittensten Parteigängern unseres großen Jahr- Hunderts überein. Es ist doch in der Tat kein gewöhnlicher Eindnick, den ein so hochgeborener Denker und Dichter hervorbringt, wenn aus seinem Munde lustige Spötteleien auf seine Standesgenvssen, die eben nichts als„geborene" sind, und auf die Papieraristvkratie der Börse niederfluten. Oft fürchtet man, der Staatsanwalt könnte mit gewissen__ Inhalt: Die Allen und die Neuen. Roman von M. KantsN�(Forts.)— Luther und die Volksbewegung seiner Zeit. Von (Schluß.)— Ueberlebsel. Von Max Valentin.— Die Schlacht von Lexii-gton und der amerikanische Freiheitskrieg. Von W. Blos.(Mit■O""''' — Moderne Schicksale. Novelle von Carl Görlill.(Fortsezung.)— Sehnsucht. Gedicht von A. T.(Mit Jllustr.)— Allerlei zur stfr,19 g, literarischen Produktion. Zivanglose Plauderei von Egon Alt.(Schluß.)— Ein Ehepaar. Wcihnachtserzählung ans dem Proletarierleven � London. Von H. Rackow.(Schluß.)— Unsere Illustrationen: Die unterbrochene Borstellung.— �st�.nud Pflanzenkunde: Zum �ogelmi Tücke» gezähmten WildeS.— Ausrottung der Raubtiere.— Literarische Umschau.— Silbenrätsel.— Aufgabe für icharstinnige Rechner.—,..g — Aerztlicher Ratgeber.— RedaktionSkorrespondcnz.— Allgcmeinwisse nschastliche Auskunft.— Polytcchnstcher Briefkasten. Mnnmchv. — Gemeinnüziges.— Humoristisches. r Allgemeines deutsches Künstler-Jahrbuch für 1884. Herausgegeben von Theodor Seemann. Dresden, Gilbcrs'sche kgl. Hof-Berlags- bnchhandlung. DaS splendid ausgestattete, äußerst praktisch abgefaßte Hand- und Nachschlagebnch für Künstler und Kunstinteressenten bringt im 1. Teil ein mit größeren Spaticn für Notizen versehenes Kalendarium, welches bei jedenl Kalendertag den Namen des oder der an demselben geborenen oder gestorbenen Künstler enthält. Im 2. Teil werden wir zunächst mit der Kunstgeschichte des Zeitraums vom 1. Okt. 1882 bis 1. Juli 1883 in sehr lichtvoller Darstellung vertraut gemacht. ES solgen sodann i" äußerst übersichtlicher Grnppirnng die Verzeichnisse der öffentlichen Sammlungen, staatsbehördlichcn Kunstverwaltungen(Universitäten, technische Hochschulen, Kunstakademien, Kunstgewerbeschulcu und tech- nische Lehranstalten), Kunstvercinsverbände, Knnstgenossenschaften und Künstlervereinigungcn, Architekten- und Jngenieurvereine, Kunstvereine, Kunstgewerbe- und Kunstindustrievereine. Beigegeben sind serner Tabelle» der periodischen und pernianenten Ausstellungen u., auch ein nach Städlen alphabetisch geordnetes Künstlerverzeichnis.— Das mit großem Geschick redigirte, reichhaltige Buch hat de» sehr billigen Preis von 3 Mark. ti. Silbenriitfcl. Aus den folgenden 19 Silben: ba, bo, bri, bro, e, eue, grim, i, kra, Ii, men, na, nvn, reu, sa, saint, sel, ta, to sind 7 Worte zu bilde», von denen 3 die Namen von Flüssen sind, und zwar von einem sp>� nischon, einem amerikanischen und einem österreichische», 2 Städte, eine französische und eine afrikanische, 1 eine Bergspize in Europa und da» lezte ein Gebirge in Asien bezeichnet. Diese 7 Worte sind so zu ordne», daß ihre Anfangsbuchstaben von oben nach unten gelesen den Name» eines im Januar geborenen großen Denkers und Dichters ergeben, während die Endbuchstaben von unten nach oben den Titel eines seiner epocheiyachenden Hauptwerke zusammensezen. Aufgabe für fcharfsiniugc Rechner. Wenn zwei Personen abwechselnd eine beliebige Zahl je nach Ve- st i mm u» g aus der Reihe von 1 bis 5, 6, 7, 8, 9 oder 10 notircn um die zweite der ersten, die dritte der Summe der vorangegangene» ä»' zählen und so fort, bis eine bestimmte Summe, etwa 00, 70, 80, 9°- 100 ereicht ist, so kann die eine der beiden Personen immer es so c»s' richten, daß sie die bestimmte Summe voll macht. Es ist nun d» Frage, welche von beiden Personen wird das sein, A oder B, und nur wird sie es einzurichten haben? Scmpcr Noniagel. R c b u s.