Die Alten m\ Roman von H 9. Napitel. Gräfj,, Dönhof hatte Elsa in ihr kleines Boudoir geführt. �ie Kammerfrau und die Jungfer waren bemüht, die Damen reiche» Pnzes und Schmuckes rasch zu entkleiden. Gräfin hatte eine weite wattirte Hausrobc übergeworfen 1 hierauf die Dienerschaft hinausgeschickt. ■. war Mitternacht und in dem grossen alten Palais mit 'Neu dicken Mauern und den mit Teppichen belegten Räumen Richte lautlose Stille. ft( l:ln härte das leise Zusammenbrechen der verbrannten nm"ll hCr eine schwache rötliche Glut durch den J. ilcrzcnlicht nicht hinlänglich erleuchteten Raum entsendete. ih,''chk nu h'escm Kami» und wand die lczten Ztoscn ans Hnar, das nun entfesselt, in seiner goldigen Pracht ihr e�die weißen Schultern wallte. ici �re Wellie, ihr Hals waren jedes Schmuckes entblößt, die senden Spizenborten, die hoch hinaufgezogen, ihre Büste zum cnts"'hüllt hatte, war sammt den Schleifen und Blumen bereits let, worden, und sie stand nun in dem einfachen, tief dckol- j(, 1 eu weißen Kleide da, das ihre jungfräulichen Formen in km volle» Reiz erkennen ließ. hatte keinen Blick für ihr leibliches, liebliches Selbst. Lcls M»ach der Gräfin hinüber, die in einem bequemen Tin � l'ch niedergelassen, und sie horchte den geheimnisvollen rj» r C"', mit denen diese begann, das Mädchen in die Sünde �uweihei, und sie davor zu»varnen. Eine halbe Stunde sk>-pfände» sich die beiden noch an derselben Stelle. lttt � h"lle die Blüten, die sie auf die Knie gelegt, entblät- igj. in nervöser zitternder Erregung flocht sie die goldigen '�hnc ihrer Haare über die schlanken Finger. loch-e.�U'lC klopften, was sie hörte, hatte ihre Exaltation �(Weigert. in ff �äfin Natalie schien durch ihre eigenen Ausführungen �kgung versezt, und sie sprach noch fort. weich schilderte dem jungen Mädchen die Sünden der Welt, '»oder i�w'�üche Sinucslust gezeitigt, und welche durch die z». �krbkrbtheit, der nichts mehr heilig ist, zu alltäglichen, ähnlichen geworden waren. w i= d die Neuen. . Kcrrrtslry.(B. Fortsczinig.) Elsa besaß nicht die lächerliche Unerfahrenheit so vieler Mädchen in ihrem Alter; was man vor diesen ängstlich zu ver- bergen trachtet und in das Dunkel des Geheimnisses hüllt, darüber hatte ihr Vater sie frühzeitig aufgeklärt. Die Vor- gänge, die in der Natur bei hohen und niederen Organismen die Fortpflanzung der Gattung sichern, und die in Unzahl vor- handenen Keime des Lebens zur Reife, zur Trennung ans dem Mntterschoßc und zur Selbständigkeit gelangen lassen, hatte er seinem Kinde mit allem Ernst und mit aller Würde auseinander gesezt. Ohne zu erröten hatte sie dies entgegengenommen. Und warum sollte auch, was in der Natur begründet, was ihr Wesen selbst ist, einen keuschen Sinn vcrlezen? Aber hier aus dem Munde der Gräfin hörte sie halbe Worte, versteckte Anspielungen, hörte von Unsittlichkeit und sträflicher Gier; zum erstenmale hörte sie von den entarteten Lüsten, von schamloser Verführung, die allein das Opfer, das unschuldige Opfer entehrt, und sie schauderte und ihre Wangen glühten vor Scham und Empörung. Und was sie gestern nur undeutlich noch begriffen, heute verstand sie es, ihr war ja der deutlichste Kommentar zu diesem allen geworden, sie hatte die lebendigste Illustration des Lasters vor ihren Augen gehabt. Aber ihr schien, als wäre sie selbst davon beschmuzt, vcrnnchrt, und jezt warf sie, als müsse sie sich vor sich selbst verhüllen, beide Hände vor ihr erglühendes Gesicht. „Genug Tante, genug! ich will nichts weiter hören, mir graut vor dieser Welt, der ich entfliehen möchte, mir ekelt davor!" Die Gräfin erhob sich von ihrem Stuhl und trat auf sie zu; ein tiefes Mitleid sprach aus ihren Zügen. „Armes Kind! Immer ist Wcltverachtung das Produkt der Erfahrung; sie konnte dir nicht erspart bleiben. Aber ein reiner Sinn wendet sich cntsezt von den Menschen und ihrem nieder» Treiben hinweg. Zur Einkehr in dich selbst, zu stillen und frommen Betrachtungen will ich dich führen, die dir den Frieden der Seele wiederbringen werden." Die Augen der alten Dame wandten sich in schwärmerischer Exaltation nach oben.„Glaube mir, mein Kind, und du mußt es ja selbst im Innersten fühlen. der Mcnschcngeist kann nur durch höhere übernatürliche Be- Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint alle 14 Tage in Heften ä 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Postämter zu beziehen. zichungen aufrecht erhalten bleiben, in dieser Welt des Jammers und der Jämmerlichkeit. Auch du verlangst, du schmachtest, wenn auch noch unbewußt, nach diesem Höheren." Sie hatte den Arm des jungen Mädchens in den ihren gezogen, und mit sanfter Gewalt drängte sie sie vorwärts. „Komm," flüsterte sie in einem geheimnisvollen, zugleich verheißenden Ton,„ich will dich in mein Sanktuarium führen, ich halte dich nun würdig dieser Gunst." Sie hatte eine Tür aufgestoßen und sie trat mit Elsa durch dieselbe ein. Es>var ein dunkler enger Raum, mysteriös und seltsam, in dem sie sich befanden. Eine schwere Atmosphäre, die den Atem beklemmte, drang Elsa entgegen, es war Weihrauch, vermischt mit dem starken Duft welkender Blumen und verwesender Pflanzen, die unter Wasser gesezt waren. Das junge Mädchen lehnte sich an die Schulter ihrer Groß- taute und suchte mit weitvergrößertcn Augen die Gegenstände, die diesen Raum erfüllten, und die sich in der schwachen, schwankenden Beleuchtung nur langsam aus dem Dunkel lösten, zu ergründen. Die Wände ringsum waren mit schwarzem Tuch in faltigen Draperien bekleidet, die jeden Ton ausfingen und erstickten. Bon einem Fenster war nichts zu sehen, der Tag, das freundliche Sonnnenlicht war für immer ausgeschlossen. Aber in dieser kunstvoll gearbeiteten Lampe aus Bronze, die von der Decke herabhing, brannte unter einem roten Glase ein ewiges Licht. Es ließ einen mit einem Maricnbilde versehenen hoch- aufgebauten Altar in dämmernden Umrissen erkennen und sprang in rötlich blizendcm Widerschein auf den silbernen Gesäßen auf, die ihn schmückten. Bor diesem Altar befand sich ein Betschemel, mit schwarzem Sammt ausgeschlagen. Die gegenüber liegende Seite des Gemaches war durch drei Flammen einer Girandole, die auf einem Tische stand, etwas heller erleuchtet. Man konnte einen schönen Christuskopf, ein modernes Meister- werk, das an der dunklen Wand hing, deutlich unterscheiden. Er zeigte jene ernste Hoheit und ergreifende Melancholie, die ein fühlender Künstler solchen Gebilden zu verleihen weiß; ein schon oft angewendetes Kunststück, das auf optischer Täuschung beruht, hatte er auch hier wiederholt und die Augen so be- handelt, daß sie dem Beschauer, je nach dem Standpunkt den er innc hatte, bald geschlossen, bald weit geöffnet er- schienen. Das Ganze machte auf Elsa, die sich flüchtig umgesehen, einen schreckhaft düsteni und phantastischen Eindruck. „Weshalb führst du mich hierher?" fragte sie,„wie beengt fühlt man sich hier." „Es ist meine Zelle, in die ich mich zurückziehe, wenn mir das Herz schwer geworden, wenn Trauer auf mir lastet, wenn ich des Trostes bedarf. Hier bin ich sicher, ihn zu finden." „Hier suchst du Trost!" rief Elsa erregt und in sich zu- sammenschauenid,„aber das ist ein Grab!" „Und mußt du nicht durch ein solches hindurch, um in die Lichtgcfilden der Seligkeit einzugehen?" fragte die Gräfin in frommer Ucberschwänglichkeit, und sie fuhr noch exaltirter fort, „sieh, hier ist Friede, das Geräusch der Welt dringt nicht herein, und nicht die unheilige Lust der Mensche». Bangt dir, Elsa, dich mit dir allein zu finden, mit jenem geheimnisvollen Wesen in deiner Brust, das nach dem Reinen dürstet, nach dem Ewigen? Laß es dir endlich zum Bewußtsein durchdringen, daß es sich dir offenbare." „Ach, Tante, ich hatte die Menschen so lieb!" in bebender Inbrunst, wie ein Seufzer unendlicher Liebe kam es aus der Brust des Mädchens. Sie breitete ihre Arme aus, und wie damals, wo sie a» dem einsamen Ufer stand und hinüber sah nach den Hütten der Menschen, blickte aus den tiefen Augen die stille, die unbefriedigte Sehnsucht, das Herzensbedürfnis nach anderen Individuen. „Sie sind diese Liebe nicht wert, du muß sie verachten," sagte die Gräfin mit jener Strenge, die den Gläubigen karak- terisirt. „Und die Welt war mir so schön erschiene», Tante, hell und sonnig." „Und doch sind in ihr alle Geister der Finsternis." „Ich war so glücklich!" „Du bist es nicht mehr; du kennst die Welt nur>ve»ig, aber es gibt kein Glück in ihr, und was sie dir jezt schon an Schmerzen zurückgelassen, es ist die Hölle!" Elsa senkte den Kopf,„es ist eine Pein," murmelte sie. „Und du empfindest eine Leere, eine Oede in deinem Herzen," fuhr die Gräfin, immer dringlicher werdend, „faßt es dich nicht schon wie auskeimende Verzweiflung? llnd spürst du denn nicht wieder im Innersten den Trieb, diese Oede auszufüllen, an seine Stelle ein Hohes, ein Ideal zu sezeNl das dich befriedigt?" „Ja, o ja!" wie ein tiefaufgucllendcr Strom von lieber' zeugnng brach es von ihren zitternden Lippen. „Und dies Hohe, das Höchste, es ist der Glaube, Elsa, � ist die Liebe zu Gott, es ist die Sehnsucht nach den Geheim- nissen einer unbekannten Welt." Die Augen der Gräfin lcuch' teten in einem fanatischen Feuer. Elsa war vor ihr, die sich gesezt hatte, auf den Tepl"« in die Knie gesunken, sie rang die Hände, wie im Kampfe Mi sich selbst.„Aber ich vermag nicht an etwas Uebeniatürlichs- zu glauben, weil ich es mir nicht vorstellen kann, weil msi" Gehirn es nicht denken, nicht erfassen kann, und wie soll> etwas lieben, das ich nicht kenne?" Ein herber Schmerz zugleich etwas Drohendes umzuckten die Lippen der Gräfin. „Unglückliche! du kannst ihn nicht erkennen, denn du bm nicht getaust! du bist noch nicht befreit von jener schreckW. Erbsünde; dein Blick ist noch getrübt, dein Denken bcschran. Aber was dir noch Schranke ist, uns ist es keine mehr. religiöses Gemüt vermag sich über diese enge Welt hinauf das Anschauen des Göttlichen zu versenken und die also%% gnadeten können die Beschwerden des Leibes und der �eC überwinden, und sie triumphiren über Angst und Zweifel. Ihre Stimme hatte sich erhoben, voll Ueberzeugung, hoher Begeisterung hatte sie gesprochen, jezt legte sie ihren• um den entblößten Hals des Mädchens, und plözlich>n* weichen schmeichelnden Ton übergehend:„Willst du nicht a dahin gelangen, Elsa?" „Wie könnte ich das?" „Durch die Gnade dessen, der für uns gestorben ist. Sie hob sanft den Kopf deS Mädchens und mit der ei. Hand gegen das Christusbild deutend, rief sie emphatisch,- auf, und sieh deinen Erlöser vor dir!" Elsa gehorchte, und ihre Augen blieben an dem hängen, als täte es ihr wohl, inmitten dieser Angst und � dräng» is in ein edles, gedankenreiches Menschenantliz zu Die Gräfin erhob sich, sie tat eine» Schritt gegen das und zog auch Elsa mit sich hin.. „.Kommt zu mir, alle, die ihr elend seid und beia sind seine erhabenen Worte, ich führe dich ihm zu." Elsa faltete die Hände über der Brust.' „Er war ein edler, ein uneigennüzigcr, ein großer Mf" � sagte sie, und aus ihrer gepreßten Stimme klang „Er sah die Verderbtheit seiner Zeit, er wollte die' besser und glücklicher machen— es ist ihm nicht 0�1! Die Gräfin fuhr zurück.„Was weißt du davon!" rief w so krassem Unglauben empört,„er hat denen, die an ihn g' � ein stilles Reich gegründet, abseits von dieser Welt, nach � mußt du Verlangen tragen und du wirst glücklich fi''"' liegt nicht schon die heimliche Sehnsucht darnach>n� Herzen, wollen nicht Seufzer deiner Brust entsteigen? Elsa atmete in der Tat hastig und schwer, die! Luft in diesen, Gemache bedrückte sie immer mehr. mochte sich keine Rechenschaft zu geben von dem st Druck, der auf ihr lastete. 199 Unwillkürlich trat sie dem Bilde noch einen Schritt naher, da schien es ihr, als öffne es plözlich die geschlossenen Augen und sähe sie an, groß und gedankenvoll. So hatte Arnold sie angeblickt. „Ah!" rief sie, und halb im Schreck, halb im Entzücken streckte sie die Arme in gerader Richtung vor sich hin:„Er sieht mich an!" „Er hat dich erkoren, du bist seine Braut", jubelte die Gräfin, und sie fing die Taumelnde in ihren Armen auf. Sie ließ sich wieder in den Lehnstnhl nieder und Elsa fruete zu ihren Füßen. In diesem Augenblick drangen sanfte und doch so mächtige �öne durch die stille Nacht. Es war das göttliche Largo Beethovens; Cölestin spielte es. und seine Meisterschaft brachte es zum seelenvollsten Ausdruck. Er war zur rechten Zeit in den Kampf eingetreten, er wußte, daß die Kunst allmächtig das Herz des Menschen er» greift und seine Phantasie erregt, er bezeichnete sie selbst als eigentliche Wesen der Religion und er handelte darnach. ?ie Mollklänge flößen durch das Gemach, bald wie eine hin- Ncrbende' Klage, bald zum gewaltigsten und leidenschaftlichsten Ausdruck sich emporschwingend. Wie eine süße Onal umfing es sie, wie ein Zauber legte � i'ch sänstigend auf ihre erregten Sinne. In diesen Tönen sprach sich ein grenzenloser und zugleich erhabener Schmerz aus. sie fühlte sich davon hingerissen, er- shüttert. Aber dies Mitempfinden eines anderen Schmerzes i Lyhren eigenen in Wehmut auf, in Tränen, venvandclte ihn in Und ohne daß sie auf das Bild sah. leuchteten ihr jezt wie aus einem Spiegel die schönen Christusaugcn entgegen: Arnolds Augen. Sie warf den Kopf in den Schoß ihrer Tante. ue schluchzte leise, schmerzerschüttert, in sceligem Empfinden. �wse saß ruhig, wie verklärt. Eine göttliche Einmischung schien ihr, was dies storrigc �innt überwältigte und in ihrem frommen Aberglauben vcr- �inte sie das Wehen von Engelsfittigen in dem Gemach zu Mren. Die Töne waren verklungen. . Elsa schluchzte noch immer. Ihre Glieder wurden matter. »ervöses Zucken durchrieselte sie. ein Träumen, ein Schmachten w°r über sie gekommen- sie schloß die Augen. Eine Wecke ar sie so gelegen, da vernahm sie ein Wispern und sie suhlte we leise, kaum wahrnehmbare Berührung. Es glitt über ihr wallendes Haar; ein Streicheln wars. und ein elektrischer Strom archluhr ihren Körper bis zu den Jingersvizcn— sie ächzte r~ sie wollte aufspringen, aber da umwehte sie ein Hauch Ml �r Gliihhjze des Samums, ein Kuß brannte auf ihren Lippen be verlor das Bewußtsein. .»Das Mysterium hat sich erfüllt, der heilige Geilt ip nbn gekommen!" flüsterte Cölestin. der sich über Elsa gebeugt J, üe aus dem Schöße der Gräfin emporgehoben, ohne daß ..das rasche Attentat bemerkt hatte. tociv, � �.clt Üa noch in seinen Armen; seine brennenden„.licke fr. a» sich an der ihm enthüllten Schönheit ihres Korpeu-. Lj'" himmlischer Abglanz liegt aus ihr." bebte es von seinen ppe» und in einem Paroxismus. der nichts mehr achtet, wollte d°s Mädchen an sich drücken. w Gräfin stieß ihn zurück.. Cbwohl selbst in Extase wollte sie doch der seinen keine Dianen machen.„ � Ä ÄÄÄÄÄ Und«5s. ift bewußtlos." Er hatte den Wunsch vollzogen. aherte sich nun wieder dem Mädchen. das Su,?U schlafen." sagte er leise,„ihre Träume werden i?."t der«>»' > ben� Gräfin wurde y" �sahnlng vollenden." Elsa erholte sich, und � Die wrC"-'en übergeben, die sie in ihr Zimmer brachten. 0» getrot�" �er �ater ivaren hierauf in den kleinen an, in dein sich das Harmonium befand. Sie berichtete ihm schnell über alles Vorgefallene. „Sie wird der Welt entsage» und in ein Kloster gehen," versicherte sie mit einem frommen Aufblick, uiid so wird es uns denn gelungen sein, diese Seele der ewigen Verdammnis zu entreißen. „Wir dürfen sie nur nicht mehr aus den Augen lassen," versezte Cölestin,„Ivo so vieles auf dem Spiele stchtf muß man besorgt und ängstlich sein." „Vor allem muß das Sakrament des Glaubens, die heilige Taufe, an ihr vollzogen werden." „Dazu ist es notwendig, daß sie ihrer bisherigen Umge- bung entrissen wird. Morgen mit dem frühesten, noch che Helene nach ihr gefragt, ehe Reinthal sich einmischen kann, müsse» Sie mit ihr die Stadt verlassen haben," entschied Cö- lestin. „Gewiß, ich bringe sie nach Solcnbad. Meine Ankunft in meiner Villa ist zwar erst für Aiitte Mai angesagt, und wir haben morgen den ersten—" „Einerlei, nur fort, keiner soll ihr nahen bis sie uns ganz gehört." „Bis das Wunder der Taufe seine reinigende Kraft an ihr bewiesen." „Dann bringen wir sie nach Rom zum heiligen Vater." „Er soll ihr Schicksal endgültig entscheiden." 10. Kapitel. Noch in der Nacht wurde gepackt, und am nächsten Morgen — es ivar ein Sonntag— schellte die Gräfin so frühzeitig der Kammerfrau, daß diese ihre üble Laune und ihre Migräne kaum zu verbergen vermochte. Auch Cölestin fand sich bald ein, um der raschen Ausfiih- rung ihres Vorhabens gewiß zu sei». Mit dem Schnellzug um zehn Uhr morgens verließen die Gräfin und Elsa, der man eine geschmackvolle Rcisetoilettc bc- sorgt hatte, in Begleitung Sr. Hochwürden, und mit zwei Zofen im Gefolge, die Stadt. Es war kühl; die Luft war eintönig grau und ein dichter Regen rieselte hernieder. Er hielt dauernd an und man vernahm sein unaufhörliches Plätschern auf dem Dache des Wagens. Vor den geschlossenen Fenstern wallte der schwere Dampf, den die feuchte Luft nicht aufsteigen ließ, wolkengleich vorüber, die Landschaft auf Augenblicke vollständig verhüllend. Aber von den dreien, die hier in einem Extrakonpöe erster Klasse beisammen saßen, verlangte keiner nach den Zerstreuungen der Außenwelt, jeder war innerlich zu sehr beschäftigt. Die Gräfin und Elsa hatten einander gegenüber an den Fenstern Plaz genommen, Cölestin saß neben Elsa. Sie drückte sich in ihre Ecke und schloß die Augen. Nach den Erregungen des gestrigen Abends schien sie in Apatie vcr- stinken. Ihre Glieder waren matt und schwer, das Herz war ihr zusammengeschnürt; von Zeit zu Zeit überkam sie ein un- bestimmtes Gefühl der Furcht; die mystische Vorstellung, daß ihr Schicksal durch einen Willen entschieden werden könne, der außer ihr liege und stärker sei als sie selbst, dann hämmerte es wieder gegen ihre Schläfen und klopfte in ihren Pulsen. Die Gräfin plauderte mit dem Pater über gleichgiltigc Dinge in häufig abgebrochenen Säzen. Das Stoßen und Poltern des Schnellzuges begünstigte eine Konversation keineswegs. Auch die Gräfin fühlte sich ermüdet, und sie zog den dichte» Reise- schleicr über ihr Gesicht und lehnte sich hierauf ebenfalls i» ihre Ecke zurück. Tie Lokomotive fuhr mit voller Dampfkrast. die Waggons schleuderten sich gleichsam vorwärts, wie toll brauste der Zug durch enge, romantisch schöne Gebirgstäler dahin. Weiße Nebel hingen in unverrückten Formen an den Bergen, kein Lufthauch bewegte sie, auch die dunklen Tannen und die blühenden Sträucher standen so stramm, so unbewegt, kein Blättchcn rührte sich, und der Regen fiel senkrecht in einer Dichtigkeit hernieder, die die Landschaft in einen grauen Ton hüllte, in eine großartig ernste 200 Stimmimg brachte. Elsa sah durch die Scheiben hinaus auf diese Ruhe in der Natur, die sich ihr in den wechselnden Bil- der» offenbarte. Auch Cölestin blickte gegen das Feilster; seine Augen mußten dem Profil Elsas begegnen, das sich so fein und edel von der fahlen Helle des Fensters abhob, und sie hafteten auf dem goldigen Gcwoge ihres Haares, das unter dcni dunklen, sanimt- gebordeten Rcisehut hervorquoll und ihm wie eine Glorie er- schien. Was ging in ihrer Seele vor, was fühlte, was dachte sie? Rang sie sich durch zur Klarheit, zum Glauben? Er glaubte nachempfinden zu können was sie empfand; die geheimnisvollen Schauer, die sie erfaßt hatten, durchwogten auch ihn, und voll von dieser seelischen Gemeinschaft gewannen seine überreizten Nerven auch für das physische ein erhöhtes Anempfindungs- vermögen. Er fühlte das Schlagen ihrer Pulse, er atmete den Parfüm ihres Haares, ihrer Kleider, er fühlte den Hauch ihres Mundes, und er gedachte in Qual und Seligkeit des Augen- blicks, wo sich ihre Schönheit ihm so nahe enthüllt hatte. Der Zug hielt. Es war die Mittagsstativn. Mau brachte das telegraphisch bestellte Diner, auf silbernen Platten servirt, in das Coupe. Und wieder weiter raste der Zug. Keiner von den dreien zeigte besondere Eßlust, auch der Wein wurde nur gekostet, und auf der nächsten Station nahm der Kondukteur die vollen Schüsseln zurück. Es war fünf Uhr als man, in Solenbad angekommen, den Zug verließ. Von der Station aus hatte man noch eine Stunde zu fahren, ehe Dorf Lbergau und die Villa der Gräfin erreicht war. Man fand keine Mietwagen vor, und mußte daher in die Restauration treten und warten, bis solche acquirirt waren. Indes stoß der Regen unaufhaltsam und in immer gleicher Heftigkeit hernieder, und der Restaurateur, der die Gräfin kannte und sich soeben nach ihrem Befinden und ihren Bedürfnissen er- kündigt hatte, klagte, daß das Regenwetter hier im Gebirge nun schon seit Wochen anhalte und daß zu fürchten sei, daß dies im Verein mit dem raschen Schmelzen des Schnees, der in den Bergen liege, Lavincnstürze und Wassergefahr mit sich bringen könne. Der Fluß sei schon jezt so hoch gestiegen, daß jede Minute sein Austreten zu gewärtigen sei. „Wir müssen aber die Brücke passiren, um nach meiner Villa zu kommen," sagte die Gräfin geängstigt. „Gräfliche Gnaden würden besser tun, wenn Sic ani dies- festigen Ufer weiter führen und erst in Obcrgau die Brücke passirten, die hat festere Pfeiler." „Aber das ist ein Umweg, und ich möchte noch bei Tag nach Hause kommen." Aber auch Cölestin war der Meinung des Restauratcurs, und die Gräfin ordnete sich derselben unter. Die Wagen fuhren vor. Als Cölestin der Gräfin den Arm bot, um sie an den Wagen zu führen, flüsterte er ihr zu, indem er einen flüchtigen Blick auf Elsa warf, die langsam, fast zö- gcrnd sich erhoben hatte:„Sie ist blaß und niedergeschlagen. wir haben keine Zeit zu verlieren." Die Gräfin nickte.„Es ist bestimmt, morgen mit dcni frühesten, ich fürchte nur, daß es in Svlcnbad enormes Aufsehen erregen wird." „Das muß vermieden werden," entschied Cölestin. „Es wäre am besten, wir suchten eine einsame Pfarre, wo die Handlung in aller Stille vor sich gehen könnte, wissen Sie eine solche, Gräfin?"- „Lassen Sie mich darüber nachdenken," flüsterte sie. Cölestin half der Gräfin und Elsa in den Wagen, und nahm dann auf dem Rücksiz Plaz. Die beiden Zofen seztcn sich in das zweite Wägelchen, auf welches auch die Koffer geladen wurden. Es zeigte sich bald, daß die Pferde durch den tiefen Kot und die stehenden Tümpel und ausgedehnten Wasserlachen nur langsam vorwärts konnten. „Hätte ich nur meinen Wagen, meine Pferde hier," ries die Gräfin voll Unmut und Ungeduld,„mit dem miserablen Fuhrwerk können wir, was Gott verhüten wolle, noch einen Unfall haben." Cölestin bemühte sich nicht, sie zu beruhigen. Seine Augen suchten denen Elsas zu begegnen, er spähte nach einer Kundgebung in den ihrigen, scis Anteil, fcis Furcht und Beklemmung. Sic blieben gesenkt, sie vermied es beharrlich, den seinigf» zu begegnen, und bis auf einige nichtssagende Worte hatte s>c es auch vermieden mit ihm zu sprechen. Sie fürchtete sich mw vor ihm? Sie fühlte jene Macht, die er seit gestern ans f,C übte, und sie wehrte sich dagegen. Er aber dachte nur daran, sie zu befestigen. Er hütete sie bereits wie einen Schaz, ont den man ein heiliges Anrecht besizt, der einem nimmer cnb rissen werden darf. Der Wagen fuhr so rasch, als es der schlechte Weg»»r gestatten wollte. Jezt wurde ein starkes Rauschen hörbar, da- tosend anwuchs. Es war oer Fluß, dessen schrnuziges AMP' in breiten, hochgehenden Wogen daher schoß und mächtige Bam"' stamme und Slräucher und sonst noch die verschiedensten®C' standteile mit sich führte. Die Gräfin ließ das Fenster h!>w' und beugte sich hinaus. Die Fahrstraße führte knapp am FlmK vorüber, an dessen Seite sie durch eine hölzerne Barriere � schüzt war, auf der anderen erhoben sich jähaufsteigcndc®C' birgsinassen. In Fällen kam das Wasser auch von da oben, von den steilen Wänden herab, überflutete in weißem den Weg, und stürzte in das Flußbett hinunter. ,, 3 „Ter Kutscher soll langsamer fahren." rief sie nun K'' „der Weg ist ja höchst gefährlich, und sehen Sie wie hoch.. Fluß ist, und dieser Wogenschwall. Sie schrie laut auf. Mächtiger Balken kam herunter geschwommen, vielmehr g(Ml' er ward an eine» Felsen angeschleudert, der mitten im ck" stand, und zerschellte in tausend Stücke._ � j „Gott sei uns gnädig, diese Gewalt des Waffcrs ist' sezlich! Wie gut, daß wir nicht über die hölzerne Brücke 9 fahren sind, es wäre unmöglich gewesen, aber in Obcrgau ha wir eine steinerne, die ist sicher." � In dein Augenblick hielt der Wagen mit einem jähcu „Was gibts, was ist geschehen?" rief sie, voll Sch� die Höhe fahrend. Ct Zugleich konnte man die sonore» Stimmen mehrerer J* vernehmen, die wirr durcheinander sprachen. Cölestin sprang sofort aus dem Wagen und schr'"- die Pferde vor. IZottssjung folgt.) Atberlebsel. lNiessormeln.— epscrgibräucht.— Litbesirakel.— Spiele.— Ueberlebsel bei den herrschenden Klassen.) Bon M«zc l�aronti«. zchmta Wir wollen jezt auf einige Sitten hinweisen, wo Handlung lichen Zivilisation ergossen, aber unter der Oberfläche N'b � und geistige BorstellungSweise beide sich erhalten haben, wenn doch jezt noch die alte Strömung, wenn auch von'•taci' auch schwach� und blaß— auf Uebcrrestc alter Opfer. zu Jahrzehnt schwächer. Wie bei Gewittern die hf'5" sc Im großen und ganzen ist es richtig, daß die Opfer mit Preußen dem Donnergott Pcrkuuos eine Speckseite opKr � dem Erlöschen des heidnischen Kultes ausgestorben sind. Unsere trug vor zweihundert Jahren der preußische Bauer rf. I PT i itf•#?•.***—..„__>..»ItM ~*— l y r I y------------"»{J l I""» � i» Q■- ly J 11 V V# k v\ K V i i{) l|— ganze alte Kultur hat sich gleichsam in den Strom der christ- blößtcm Haupte eine Speckseite auf seinen Acker 202 „Du Gott, schlnge nicht dos meinige, ich will dir diese Seite Speck schenken." In Körnten werden dem Wind und dem Feuer, um sie freundlich zu erholten, Speisen dargebracht, die man in einer hölzernen Schale auf einen Vanm stellt; man nennt es den Wind und das Feuer„füttern". Ter obcrpfälzer Bauer wirft bei heftigen« Sturm dem tobenden Element einen Löffel oder eine Hand voll Mehl entgegen mit den Worten: „Da, Wind, hast du Mehl für dein Kind, aber aufhören mußt du." Durch ganz Deutschland hindurch dürften sich Neste der alten Ernteopfer für Wotan oder Fricka erhalten haben. Bald läßt man, wie in Norddcutschlund, einige Büschel Achren„für den Wotan" stehen, oder für Wotans Pferd, wie in Nieder- sachscn; bald wirft man die erste gebundene Garbe nachts 12 Uhr durch das hintere Schennentor„für die Engel vom Himmel", wie in Hessen. In Mecklenburg und ähnlich im Lippe'schen ließ man noch im vorigen Jahrhundert am Ende jedes Roggenfeldes einen Streif unabgemäht, flocht die Halme in Büschel zusammen und besprengte sie, wie bei den alten Wotansopfern, mit Bier. Die Arbeiter schloffen darum einen Kreis, nahmen die Hüte ab, richteten die Sensen in die Höhe und sprachen dreimal:„Wode, hole deinem Roß nun Futter; nun Distel und Dorn, aufs andre Jahr besser Korn." Das den Arbeiten! dann gegebene Gelag hieß„Wodelbier". In Waldeck tragen die Eltern, wenn ihre Kleinen kränkeln, Wolle und Brot in einen Wachholderbusch und sprechen:„Ihr Holle und Hollinnen, hier bring' ich euch was zu spinnen und was zu essen; ihr sollt spinnen und essen und meines Kindes ver- gesseii." Im baierischcn Hochlande bindet man den Kühen Körbchen voll Erdbeeren und Alpenrosen zivischen die Hörner „für die Fräulein." Hier tritt der Karaktcr des Opfers überall scharf und un- zweideutig hervor. Bei einer Fülle anderer Erscheinungen wird uns der Zusammenhang' mit uralten heidnischen Gebräuchen erst klar, wenn wir ihre Entwicklung geschichtlich rückwärts verfolgen. Erinnert sich die Hausfrau alter Opfer und Opfermahlzeitcn, wenn sie zu Weihnachten, Neujahr, Fastnacht, Ostern bäckt oder Festspeiscn bereitet? Und doch dürften die Stollen, die Leb- knchcn, die Striezel und ähnliches sich dieser hohen Abkunft erfreuen. Schon zu den Winterfesten Wotans, von welchen so viele Züge auf unser Wcihnachtsfest übergegangen sind, ivurdcn Bilder der Götter und heiligen Tiere aus Teig und Honigkucheir geformt und von den Frauen im Tempel gebacken. Ganz wunderliche Gewohnheiten werden bei solchem gcschicht- lichcn Rückblick erklärlich. In Franken essen die Mädchen vor der Christmesse oder am Andreasabend einen Hering, um ihren Zukünftigen im Traume zu erblicken. Der Thüringer, Voigt- länder und Brandenburger ißt in der Sylvcsternacht Hering und Hirsebrei, weil er dann das ganze folgende Jahr viel Geld und Glück hat; die Heringsköpfe werden durch die Augen an die Decke gespießt und dann dem kranken Vieh zu fressen gc- geben; die Heringssecle wirst man wohl an die Decke, nach hundert Jahren springe dann ein Pferd, ein Schimmel ohne Kops, herunter. Der leztere Zug weist auf Wotan hin und bei näherer Untersuchung stellt sich denn auch heraus, daß Heringe zu den alten Festspeisen gehören. Noch heute wird in den russischen Ostsceprovinzen an gewissen Tagen unter heiligen, mit bunten Bändern geschmückten Bäumen Milchgrüze und Hering als Opfergabe dargebracht. So stand also früher in Deutsch- land der Hering mit dem Gottesdienst in Verbindung. Ist es dann noch zu verwundern, daß nian ihm außerordentliche Wir- kunge» auf Tiere wie auf Menschen zuschrieb? Wer seine Jugend in einer kleineren Stadt verlebt hat, wo das Argusauge der Polizei noch nicht mit peinlicher Aufmerk- samkcit jeden Schritt und Tritt überwacht, wird sich des un- glaublichen Unfugs erinnern, der am Vorabend der Hochzeit vor dem Hause der Braut getrieben wird. Alle Gassenbuben sind auf den Beinen und schleppen herbei, was sie an alten schad- haften Töpfen und Gläsern auftreiben können, um sie mit möglichstem Lärm vor dem Brauthause zu zertrümmern. Man hat auch hier einen Uebcrrest der alten feierlichen Zeremonie erkennen wollen, nach dem Opfern— und Opfer fanden sicher- lieh vor der Hochzeit statt— die Gesäße zu zerschlagen, um sie unheiligem Gebrauche zu entziehen. Ist es doch heute noch Sitte, bei ergreifenden Gelegenheiten, wie beim Abschied inniger Freunde oder auch beim Richten eines Hauses, die Gläser aus- zutrinken und am Boden zu zerschellen. Bekannter und glaubhafter ist es, daß mit der Grundstein- legung eines Hauses verbundene Bräuche in alten Opfern ihre Wurzel haben. Wie in Polynesien der Zentralpfeiler eines Tempels auf dem Leichnam eines geopferten Menschen aufge- pflanzt wurde, wie ivir in Asien und Afrika Menschenopfer bei Gründung eines Dorfes, beim Aufbau eines Stadttores dar- bringen sehen, so wurden auch in Europa Kinder bei Grund« steinlegung von Burgen, Stadtniauern, Brücken, Flußwehren, beim Bau von Deichen lebendig eingemauert, um dem Bau Dauer und Glück zu verschaffen. Man hat beim Abbruch oft die Gerippe gefunden. Weitverbreitete Sngen tragen Spure» dieses Brauches. Eine der rührendsten meldet uns, daß, als die Burg Liebenstein gegründet wurde, ein kleines Mädchen eingemauert ward, das eine herzlose Landstreichcrin gegen Geld hergab. Man gab ihm reichlich zu essen,»m es zu beruhigen, während Meister und Gesellen ihrem traurigen Handwerk ob- lagen. Das Kind rührte die Speisen nicht an, aber es rief, als es noch ein wenig heraussehen konnte:„Mutter, ich sehe dich noch ein klein wenig," und zulezt:„Ach, Mann, laß mir doch ein klein Gncklöchelche», daß ich meine Mutter sehen kann." Meister und Gesellen befiel endlich ein Grauen und sie weigerte» sich, weiter zu mauern. Ei» Lehrling tat es und das Kind rief noch zulezt:„Mutter, jezt sehe ich dich gar nicht mehr. — Es ist der zivilisatorischen Arbeit von Jahrhunderten»ichl gelungen, diesen grausamen Aberglauben bis auf den lcztcn Rest auszurotten. Die bösen Geister müssen erst ein Opfer habe», sonst lassen sie den Menschen in dem neuen Heim nicht glücklich werden; diese Vorstellung zieht sich durch Jahrhunderte, b' Jahrtausende bis auf die Gegenwart. Als 1841 die Elisabcl brücke in Halle gebaut wurde, meinte das Volk, man bcdürst eines Kindes zum Einmauern, und auch von der Eisenbahn' brücke über das Göltschtal geht die Sage, es sei darin ci» Kind eingemauert.„Wenn ein Neubau halten soll, so muß � sein Opfer haben, sonst stirbt bald jemand in dem Hause," Heist es in Oldenburg. Der fränkische Bauer glaubt noch heute, dov der für den Tod bestimmt ist, welcher zuerst ein neues H»� betritt; in seiner pfisffg praktischen Art weiß er sich aber)" helfen, er jagt zuerst einen Hund, einen Hahn oder ein Hub" durch die Flur, der Tod muß sich mit diesen begnügen, der Teufel in dem Chamisso'schcn Gedicht mit den Stoppt»' Die in den Grundstein gelegten Münzen sind ursprünglich etwas anderes, als ein ähnliches Opfer. Eines wird aus dem vorhergehenden für jeden Leser vorgetreten sein: nämlich die starke Neigung des bäuerlich�' Standes, alte, abergläubische Sitten beizubehalten. Finden»'» in überwiegend ländlichen Gegenden doch sogar den uralte Brauch noch, dem Toten, wie einem Reisenden, Geld mit> den Sarg zu legen. Im Voigtland soll man den Verstorben� noch heute mit Gummischuhen und Regenschirm ausrüsten,' Galizicn gar mit fetten Bratwürsten. Diese Rückständigkeit R Bauern kann nicht befremden. Einmal kann das Bildungswcst auf dem Land mit dem städtischen nicht rivalisircn, dann a' ist die Atmosphäre, in welcher der Bauer lebt, gleichsam»' geschaffen für das Gedeihen des Aberglaubens. �, Wo alles nach bekannten Gcsezen vor sich geht, wo a» genau vorher zu berechnen ist, wird man nirgendwo den E'M L von Geistern zu sehen vermeinen. Nur das bisher noch A öf frt frt Oirfrfrt SnÄ abcr Erklärte und das Regellose erscheint im Lichte des GeHein' volle». Das Wohlergehen des Landmaiincs hängt nun mehr als das anderer Stünde von unberechenbaren llmstast�" ab. von Wind und Wetter, von Trockenheit und Nässe. ist für abergläubische Vorstellungen ein weiter Spielraum � lassen und damit auch für abergläubische Handlungen»"° Gebräuche. Unser Landmann hat noch heute seine Anzeich" wb Orakel, weil er immer in eine ziemlich Ungewisse Zukunft blickt und mit allem Nachdenken nichts sicheres darüber zu sagen bennag. Er sucht daher im Flug der Vögel, im Benehmen seiner Arbeitstiere, in der Stellung der Sterne Rat. Es ist dieselbe Erscheinung, als wenn eine tiefe Leidenschaft, wie die Liebe, zu alten Ahnungen und Weissagungen greift. Auch das Schicksal in der Liebe ist ja meist unberechenbar und bötselhaft. Ob man Gegenliebe findet, ob nian in der Ehe glücklich sein, oder ob Untreue oder Tod die Bande zerreißen wird, an welchen das Glück des Lebens hängt; wer will es bsrhersehen? Wie aus tieferen Stufen der geistigen Entwick- lu»g der Mensch in seiner Hilflosigkeit und Unfähigkeit, aus gegebenen Ursachen auf die kommenden Wirkungen zu schließen, unzähligen unbestimmten Kräften und Geistern einen Einfluß uuf sein Schicksal zuschreibt, wie der Flug der Vögel ihm Glück über Unglück prophezeit, wie die Stellung der Sterne entscheidet, "b seine Lebensbahn empor zn den sonnigen Höhen des Glückes über abwärts in bie Tiefen des Elends führt, wie er aus dem »lang des Schlachtenrufes den Ausgang des Kampfes hört, im Fall der Loose den Willen der Götter erkennt— so klammert uch auch die Liebe in ihrer Ratlosigkeit an ähnliche äußere Anzeichen an. Die noch so verständige und kühle Ueberlegung bermag die Fragen nicht zn beantworten, welche das bangende Herz täglich und stündlich, bald in jauchzender Zuversicht, bald w trüber Hoffnungslosigkeit auswirft. Und wie das Herz ganz erfüllt ist mit seiner Leidenschaft, wie die Liebe alle Gedanken es jungen Mädchens ausfüllt, so bezieht sie auch alle Er- lcheinungen der Natur und des täglichen Lebens ans sich. Alles Scheint mit der Liebe in geheimnisvoller Verbindung zu stehen, lw zu fördern oder zu hemmen; eine Menge oft lächerlicher Regeln muß daher beobachtet werden. Die Mädchen müssen wuner ganz herumstricken, che sie aufhören, sonst bleibt ihnen -*r �chaz nicht treu. Liebende dürfen einander keine Schuhe lchcnken, weil sonst die Liebe„zerlatscht" wird, kein Buch außer Gesangbuch, weil sonst die Liebe„verblättert" wird, keine cheere, Meffer oder Nadeln, weil sonst die Liebe durchschnitten "b zerstochen wirb, keine Perlen, denn diese bedeuten Tränen. .wbendc dürfen nicht von einer Frucht essen, von der ein Teil '�°n abgebissen ist. Wenn es das Mädchen aber in den engen Mauern des Hauses und der Stadt, bei den täglichen Beschäftigungen nicht % leidet, wen» es vor seinen eigenen Gedanken Ruhe und wst in der freien Gottesnatur sucht, dann scheint alles in di a>""d Feld und Wiese neu zu leben und zu weben, um *"ätsel ihrer Liebe zu lösen. Die Vögel rufen im Frühling 'wieviel Jahre es noch bis zur HochHeit warten muß, der a d rauscht sein eiviges Lied, um ihr Glück oder Unglück zu- Sß slT"'' Flure» schmücken sich mit Blumen, damit das toieh Qu§ ker Zahl der Blätter errate» kann, ob sie geliebt ... aber nicht. Die alte Vorstellung von de» geistbeseeltcn, m jwtoeihtcu Bäume» gewinnt wieder Lebenskraft: in stiller W schleichen die ländlichen Schönen in den Garten, klopfen bitb"10' nn bcn Baum und sprechen:„Bäumchen, ich schüttle selb �'ch lweg', das regt sich" und horchen, ob ein in dem- Klnnk bahnender Geist Antwort gibt. Da hören sie etwa ein Selm"l UU� ichließen daraus, daß ihr künftiger Mann ein 1 Heb oder Schuhmacher sein werde. Das Mädchen, dem der (uJ-e, lau wird, wendet sich an den Mond mit den Worten: oUip'l bich Gott, lieber Abendstern; ich seh' dich heut' und liebst scheint der Mond übers Eck, meinem Herzaller- baß 0U�. �ctt' laß ihm nicht Rast, laß ihm nicht Ruh, Abeitbr�U m.'1 lommen mit(muß);" oder:„ei du mein liebster her J.'ch seh dich heut und allzeit gern; schein hin, schein wst'et't'"1 über meins Herzallerliebsten sein Bett, daß er nicht iDirt,' /"chl ruht, bis er an mich denken tut." Am Rhein Ant wT �lrupel selbst der Teufel der Liebe dienstbar gemacht. itinog,, ��abend legt sich das neugierige Mädchen oder Bursche »Ick i'"f löett, den Kopf am Fußende, und sagt dabei: »acht n,ich nieder in des Teufels Namen!" Um Mitter- etlt dann der Teufel dem Fragenden die künftige Ehe- Hälfte vor, dabei darf man aber ja kein Wort sprechen. In vielen deutschen Gegenden klopft das Mädchen in der Neujahrs- oder Weihnachtsmitternacht an den Hühnerstall, meldet sich zuerst der Hahn, so macht das Mädchen in dem Jahre Hochzeit; meldet sich die Henne, so bleibt sie ledig. Sie spricht dabei im Erzgebirge und im Vogtlandc:„Gackert der Hahn, so krieg ich en Man, gackert die Henn', so krieg ich noch kenn." Oder sie pocht in der Christnacht an den Schweinestall; regt sich nichts, so bleibt sie noch ein Jahr ledig; grunzt das alte Schwein, so bekommt sie einen älteren Mann; guiekt ein jüngeres, so bekommt sie einen jungen. In anderen Gegenden herrscht die Gewohnheit, in gewissen Nächten die vicrundzwanzig Buch- staben mit Kreide an die Tür zn schreiben und dann mit ver- bundenen Augen danach zu fassen; der gewählte Buchstabe ist der Anfangsbuchstabe vom Namen des künftigen Geliebten. Im Thüringischen zünden die Mädchen, besonders zu Sylvester, Flachswickel vom Rocken an; steigen sie aufwärts, so bedeutet das Glück in der Liebe; oder sie legen zwei solcher Flachs- kugeln, die Liebenden bezeichnend, auf den Tisch und zünden sie unter einem Reimspruch an; fliegen sie beide brennend in die Höhe, so heiraten sich die beiden. Die lezten Beispiele sind besonders interessant. Sie zeigen nämlich, wie Gebräuche und Orakel, welche urspriinglich mit dem feierlichsten Ernste ausgeübt und in ihren Ergcbniffcn nie angezweifelt werden, im Laufe der Jahrhunderte einer tiefen Wandlung unterliegen und— als heitere Spiele sich erhalten und weiter ausbilden. Das Anbrennen von Flachskugeln, das Blcigießcn und ähnliches haben ihr altes Ansehen als untrüg- liche Mittel der Wahrsagung fast ganz eingebüßt, aber sie werden doch der Unterhaltung wegen an langen Winterabenden noch ausgeübt. Betrachten wir nun unsere Spiele, der Erwachsenen sowohl wie der Kinder, etwas näher, so ergibt sich das über- raschcndc Resultat, daß sie zu einem großen Teil Ueberlebsel von alten Zeremonien und Sitten und daher für das Studium der Sittengeschichte wahre Fundgruben sind. Der Beweis ließe sich eingehend erbringen für viele miserer Hazardspicle; so für das Würfel- und Lotteriespiel. Ich fürchte aber, die Geduld der Leser dadurch zu sehr in Anspruch zu nehmen. Ich will jedoch im Vorübergehen darauf hinweisen, daß das Loos wahrscheinlich nur in feierlicher Stunde und zn wichtigen Zwecken in Anwendung kam. Weil dasselbe nach dem Willen der Götter fällt, benuzten es die Wilden, um aus einer Gesellschaft den Dieb herauszufinden. Bei Homer fleht die Menge mit erhobenen Händen zu den Göttern, während die Helden im Helm des Atrciden Agamemnon die Loose schütteln, um zu erfahren, wer zuerst mit Hektor zum Kampfe gehen und dem wohlumschicntcn Griechen helfen soll. Noch heute ent- scheiden die Hindus Streitigkeiten, indem sie vor einem Tempel das Loos werfen und dabei unter dem Rufe:„Laß Gerechtigkeit walten! zeige den Unschuldigen!" zu den Göttern flehen. Bei den Chinesen finden wir profanen und heiligen Gebrauch neben- einander. Sic spielen mit Loosen um baares Geld und Zucker- werk, aher sie holen sich daneben noch feierlich Rat bei den Loosen, welche zu diesem Zweck im Tempel aufbewahrt werden. Noch im siebzehnten Jahrhundert war in Europa der Glaube weit verbreitet, das Loos sei„ein Werk von Gottes besonderer und unmittelbarer Vorsehung, ein heiliges Orakel, ein göttliches Urteil oder Richterspruch; ein leichtsinniger Gebrauch sei daher ein Mißbrauch des Namens Gottes und somit ein Vergehen gegen das dritte Gebot."— Auch die Würfel dürften ursprüng- lich nur zu Gottesurteilen und Gottesgerichten gebraucht worden sein. Die Negerzaubcrer werfen noch jczt die Würfel, um da- durch Diebe zu entdecken. Das alles sollte nur flüchtig gestreift werden. Leicht kann sich aber jeder Leser selbst davon überzeugen, daß unsere Kinder- spiele nicht selten aus früher ernst gemeinte Beschäftigungen zurückweisen. Unsere Kinder ahmen bekanntlich die Erwachsenen in ihrer Umgebung beständig nach. Sie fahren im Spiel auf der Eisen- bahn, wobei dieselbe kleine Person oft Maschine, Wagen. Schaffner und Passagier zugleich ist, die Station ausruft, wie eine Lokomotive pfeift und pustet; sie speisen im Spiel zu Mittag, sie spielen Mann und Frau, Lehrer und Schüler. Auch bei den unentwickeltsten Völkerschaften finden wir diesen Nachahmungs- trieb. Tie Eskimokinder vertreiben sich die Zeit damit, daß sie mit kleinen Bogen und Pfeilen nach einer Scheibe schießen und Schneehütten bauen, welche sie mit einem Stückchen Lam- pendocht erleuchten, den sie sich von der Mutter erbettelt haben. Wo der Brantraub als ernste Sitte unter den-Erwachsenen noch herrscht, da gehört das Brautrauben auch zu den regelmäßigen Unterhaltungen der kleinen eingeborenen Knaben und Mädchen. Diese kindischen Belustigungen erhalten sich nun gewöhnlich viel länger, als die Sitten, deren Nachahmung sie ursprünglich waren. Bogen und Pfeile dienen uns nicht mehr zur Jagd, die Kinder haben ihre nachgeahmten Miniaturgeschosse bewahrt. Unsere Schnzen wissen nicht mehr mit der Armbrust umzugehen, wohl aber lernt es unsere männliche Jugend. Achnlich steht es mit der Schleuder, welche bekanntlich von der wilden bis zur klas- fischen und mittelalterlichen Zeit hinauf mit dem Bogen und Pfeil wetteiferte. Schottische Jungen fassen einander beim „tappie-tousie" noch heute beim Schöpfe, wie früher der Lehens- Herr den Lehcnsmann bei der Einweisung und sagen:„Willst du mein Mann sein?" Sie haben keine Ahnung davon, daß sie in ihrem Spiel einen alten symbolischen Gebrauch konscr- Viren, der niit den Lebensverhältnissen, aus denen er erwuchs, zu Grabe getragen ward. Außer im Spiel erhalten sich alte Gewohnheiten»och merk- würdig lange im religiösen Kultus und in den politisch führenden Schichten der Gesellschaft. In den volkstümlichen Kreisen waren Messer von Broncc und Eisen schon seit Jahrhunderten, ja seit Jahrtausenden in Gebrauch, als man zu religiösen Zwecken, wie zur Beschneidung, noch Messer von Stein vcrwandte. Der hohe Priester Jupiters in Rom ward mit einem Broncemesser rasirt. In den Haushaltungen war man schon längst davon abgekommen, Feuer mühsam durch Reibung zu erzeugen, in den Tempeln und bei religiösen Festen erhielt sich die alte Sitte. Noch heute wird bei de» Hindns die Altarflamme mit der „Fcnerspindcl" angezündet. In Ostpreußen wird in der Jo- hannisnacht, nachdem alle Feuer im Torfe ausgelöscht sind, ein eichener Pfahl in die Erde gesteckt und ans demselben ein Rad so lange herumgedreht, bis sich Feuer entzündet; an diesem Feuer steckt man andere Scheite an und entzündet damit die neuen Feuer in den Häusern. Auch andere heilige und zauber- kräftige Feuer, wie die Notfener gegen Viehseuchen, dürfen in manchkn ländlichen Gegenden nur durch Reibung, nie durch Phosphor, höchstens durch Stahl und Stein erzeugt werden.— Die Sprache in unseren Kirchen weicht in ihrer ganzen Bildung weit von der modernen ab; sie entspricht etwa der Luthers in seiner Bibclübcrsezung. Aehnlich war es immer. Die Egypter schrieben ihre heilige Geschichte in Hieroglyphe», nachdem sie für profane Zwecke zu entwickelteren Formen übergegangen waren. Im jüdischen Gottesdienst hat sich das Hebräische, im indischen das �Sanskrit, im katolischcn das Latein allen sonstigen Um- Wandlungen zum Troz behauptet. Aehnlichc Beobachtungen kann jedermann an unserem Re- gierungsorganismus machen. Unsere Rcchtsurkundcn zeigen eine Stilisirung, wie sie im gewöhnlichen Leben längst ausgestorben ist. Das alte Gottesgericht lebt im Duell der Offiziere fort. Ganze Bcamtcnklasscn tragen noch heirte, wie einst alle Herren vom Stande, den Degen, obwohl sie nie dafür Verwendung haben und auf ihren Köpfen— übrigens auch auf denen unserer Professoren— tauchen bisweilen Hüte auf, welche längst im Strom der Lethe versenkt sein sollten. Wenn wir nicht irren, ziert noch heute eine gewaltige Perrücke das! Haupt des Sprechers im englischen Unterhause. Es ließen sich noch viele wichtige Ueberlebscl anführen. Inmitten unserer ans dem Privateigentum an Grund und Boden und am Kapital beruhenden Wirtschaftsordnung finden wir Reste von alter Feld- und Waldgenieinschaft. In unserem öffentlichen Leben sind Einrichtungen noch nicht ausgestorben, welche mit unserer Auffassung der Gesellschaft in schneidendem Widerspruch stehen. Tausendfältig sind in der Tat die Erscheinungen, welche uns den ungemein zähen, konservativen Zug in der menschlichen Natnr enthüllen. Dieser Zug lähmt oft die gesundesten und notwendigsten Reformen, er ist die Verzweiflung tatenkühner, für ihre Ideale begeisterter Männer.. Aber dieser Zug hat andrerseits oft großes Unheil verhütet. Wir müssen immer bedenken, daß das Mcn- schcngcschlecht bisher' selten große Reformen im sozialen Leben mit vollem Bewußtsein aller nüzliche» Folgen durchgeführt hat. Tic tieferen Ursachen des Bestandes von religiösen und Politik scheu Einrichtungen, besonders von Sittengesezen, kommen oft gar nicht zum Bewußtsein, und bei zu großer Wandelbarkcit der menschlichen Natur könnte leicht der Fall eintreten, dal, Völker aus irgend welchen oberflächlichen Gründen die heib samste Institution wieder beseitigten, obwohl in größerer Tiefe verborgen liegende Gründe gebieterisch ihre Erhaltung verlangen- Der Hang zu erhalten beugt dem vor und verhindert so oft da» Hereinbrechen des Chaos. Freilich klammert er sich eben so est an Maßnahmen, die schon lange nicht mehr dem Wohle der Gesellschaft dienen und die gesunde Entwicklung lediglich hemmen- Jemehr aber die Menschheit mit vollem Bewußtsein der TrajV weite ihrer Entschlüsse ihr gescllschastschastliches Leben regest- desto wandlnngsfähigcr wird auch ihre geistige Verfassung st"1 dürfen. Tic Gründe, welche für eine alte Einrichtung spreche"- sind dann alle ohne Ausnahme bekannt. Weist eine ruhist Ueberlegung nach, daß sie unter veränderten Umständen säi»""' (ich nicht mehr stichhaltig sind, so wird man getrost zur»f* scitigung des Alten schreiten können. Je höher sich daher d'| Wissenschaft von der menschlichen Gesellschaft entwickelt, dc'I wandlungs- und bildungsfähiger wird auch die menschliche Rat" ohne Nachteil sein dürfen. Der Fortschritt der Menschheit w"1 dann von zwei Seiten in lebhaftere Bewegung gebracht werde"- die Masse wird geringeren Trägheitswidastand bieten, 1,1 Führung wird immer weitsichtiger und planvoller werden. Die Beobachtung der Ucbcrlebsel gibt der Wissenschaft e" (ich die schärfsten Waffen in die Hand, um die Tcorie zu" kämpfen, daß der Mensch immer tiefer herabsinke. Um herum sindeu wir Gebräuche, wie sie der Wilde heute noch"st. und ivie sie aus seiner geistigen Verfassung notwendig entsteh� Reste von alten Opfern, Reste von alten Werkzeugen, wic d■ der Wilde heute noch bcsizt; bei feierlicher Gelegenheit g�!'*. hochentwickelte Völker zu der alten Art des Feucrznndens ö"1"� unsere Kinder verrichten im Spiel die gleichen Handlunge»- 11 sie der Wilde im Ernst vollzieht. Zwingt uns das»ist* � fi der Annahme, daß unsere Vorfahren in uralter Zeit einst selben Anschauungen huldigten, zu denselben Göttern beteten" das gleiche rohe Leben führten, und daß sie ans diesem ff stand langsam, aber stetig sich zur Höhe unserer Zivilst"' � emporgearbeitet haben? Läßt sich andererseits der Beweis sist1�, daß die heutigen Wilden und die weniger entwickelten Nat'"1� allgemein Ucberrcstc ans einer höheren Kultur belvcstst� Finden wir etwa bei ihnen Ueberlebscl von Dampfmasst" und Gasbeleuchtung? Nein, immer nur liegen ans den der Zivilisation Ucberrcstc aus den tieferen Schichten cingsl" � So bestärkt uns gerade das Studium der Ueberlebscl>» � Ucbcrzcugnng, daß die Menschheit von ihrem fast tierisch"".' � fang an rastlos einem vollkominneren und glücklicheren 3"' entgegen geschritten ist. - 205 gKzar . Zähmung ausländischer Muster auftritt, bis itc mit der Zeit l andigere Bahnen beschreitet... $®töffnet wird die russische Literatur mit dem Fürsten w°, �ir(1708—44). der sich in den schöngeistigen Salons Paris litcrmiMi gebildet hatte nnd demgemäst mit seinen Satiren der französirend konventionellen Dichtung den Weg nach Nußland bahnte. Sein Nachfolger, Lomonossosf(1711—65), hat diesen Weg keineswegs verlassen, sondern im Gegenteil recht breit getreten. Vom Anfang.des 19. Jahrhunderts an machten die französischen Vorbilder den deutschen und englischen Plaz. Die deutsche Klassik und Romantik, der schottische Scottismus und der englische Byronismus wurden tonangebend. Rußlands berühmtester Historiker, Karamsiu(1765— 1826), nnd der schöngeistige Fürst Shnkowsky(geb. 1783) machten für Goethe I m a n T u r g e n j e w. Von I. Stern. Rußlands literarische Tätigkeit beginnt erst mit der Zeit, denn die Volkssprache war nicht Schriftsprache, sondern als solche d>o dessen Bewohner mit dem zivilisirten Westen Europas in wurde die slavonische Kirchensprache gebraucht, welche durch Verbindung traten. Vorher gab es nur eine Art lyrischer Schrift-, Wort- und Sazbau im Griechischen wurzelt und daher Volkspoesie, die allein durch mündliche Ucberlieferung fortlebte; der großen Masse des Volkes durchaus fremdartig und un- Iwan Turgenjew, und Schiller, wie für die deutschen Romantiker, in ihrem Lande Propaganda; andere führten Byron daselbst ein. Der ganze Zeitraum von Kantcmir bis Shukowsky läßt sich mit unserer Literatur vor Klopstock. bezw. bis zum Auftreten Lessings ver- gleichen*). Die ersten russischen Dichter im eigentlichen Sinne des Wortes waren Puschkin(1799— 1837) und L e r m o n t o w (1812— 1841). Auf beide werden wir in der„N. SS." später genauer eingehen. Wir wenden uns daher sogleich zu dem dritten, den beiden vorgenannten kongenialen Dichter Rnß- lands, dessen Stern am 3. September 1883 erloschen ist, zu Turgenjew. Iwan Sergeje witsch(Johann, Sohn des Sergius) Turgenjew, aus einer alten, national- russisch gesinnten Bojarcnfamilie stammend, wurde am 9. Novbr.(nach russischer Zeitrechnung 28. Oktober) 1818 in der reizend an der Oka ge- legcnen Gouvernementsstadt Orel geboren. Seine erste Jugend- und Knabenzeit verlebte er auf dem Lande, sodann bezog er die Hochschulen zu Moskau und Petersburg, kam 1840 als Student nach Berlin, besonders um sich auf dem Gebiete der Geschichte und Philosophie weiter auszubilden, kehrte sodann nach Petersburg zurück und trat 1843 als Beamter in das Ministerium des Innern ein. Schon damals hatte sich Tiir- genjew schriftstellerisch hcrvorgetan. Die Skizzen, die er in der ersten Zeit nach seiner Heimkehr in einer Zeitschrift ver- öffentlichte:„Kapitel aus dem Tagebuch eines Jägers," ge- hören zu dem besten, was er überhaupt geschrieben, und sie wurden in ganz Rußland mit Begier verschlungen. Völlig neu waren in ihnen die herrlichen Schilderungen der Natur zur Tages- und Nachtzeit, im Winter- und Sommerkleid, einer Natur, wie sie eben nur das Jägerauge schaut. Eigentümlicher noch und ergreifender waren die Beziehungen, in welche diese Natur mit den Vorgängen im Mcnschenhcrzen gesczt wurde. Der begeisterte Beifall, den dieses Erstlingswerk fand, veran- laßte den Dichter, dem Staatsdienst gänzlich zu entsagen und sich fortan ganz der Dichtkunst zu widmen. Er schied 1846 von seinem Posten, begab sich in das Ausland, besonders lange hielt er sich in Frankreich, Deutschland und der Schweiz ans, und kehrte 1352 Heini, wo die bekannte, liebenswürdige Hand der russischen Staatspolizei in sein Leben eingriff. Als die Kapitel aus dem Tagebuch eines Jägers, welche die Zensur bei ihrem Erscheinen als Zeitungsartikel merkivürdigerweise unbe- anstandet gelassen hatte, in Buchform erschienen waren, ivar es zu spät, sie zu verbieten. An einem Aufsaz Turgenjews über den kurz vorher verstorbenen Dichter Gogol holte man daher das Versäumte nach. Der Autor wurde eingesperrt und dann für zwei Jahre auf seine Güter im Innern von Rußland ver- bannt. Nach dieser Zeit kehrte er seinem Vaterland den Rücken, um fast sein ganzes Leben hindurch im Auslande seinen Auf- enthalt zu nehmen. Jni Jahre 1863 ließ er sich in Baden- Baden nieder, wo er sich, zwar unverheiratet, eine prächtige Villa baute. Auch in Paris nahm er öfter seinen Aufenthalt. Seit seinem 23. Lebensjahr, wo er erstmals als Schrift- steller aufgetreten, hat Turgenjew eine erstaunliche Fruchtbarkeit entwickelt. Nicht weniger als alle drei großen Gebiete der Poesie sind von ihm betreten worden; erst das lyrische, dann das epische und dramatische; jenes vorzugsweise in der Prosa- form des Romans und der Novelle. In ihr liegt des Dichters größte Kraft. Nationale Stoffe niit feinster Psychologie durch- geistigend, gereichen seine Erzählungen ihrem Gehalt wie ihrer Form nach dcni Novelleubilch der Weltliteratur zur höchsten Zierde. Obgleich der Dichter örtlich seinem Vaterland fern war, war seine Muse stets der Heimat zugekehrt. Selten ist ein Land so prächtig, mit solcher Liebe geschildert worden, als Rußland von Turgenjew. Mit seinem glänzenden, seelenvollen Pinsel hat er uns erst die Wälder und Steppen seines Landes entdeckt. Turgenjew ist Meister poetischer Landschaftsmalerei, die er mit besonderer Vorliebe kultivirt. Er ist bei der Bc- *) Siehe: Glagau, Die russische Literatur. schreibung der Natur eigentlich ausführlicher als bei der Schil- derung des Menschen. Und doch ist er in seinen Landschafts- bildern nie und nirgends ermüdend, sondern stets frisch und neu und fesselnd, weil er alle Phrasen, alles bloße Wortgeklingcl haßt und nur malt, was er selber gesehen und empfunden hat. Und deshalb stehen ihm auch ganz eigene Ausdrücke, immer neue Vcrgleichungen und überraschende Wendungen zu Gebote. Er ist zu jeder Tages- und Nachtzeit draußen gewesen, er hat jeden Wind erprobt und jedes SSctter gekostet, stundenlang auf dem Rücken gelegen und nichts weiter getan als die Bildung der Wolken, den Wechsel des Sonnenlichts, das Geringe! der Flußwellen, das Gaukeln der Libelle beobachtet, dem Singen der Vögel, dem Flüstern der Blätter, dem Säuseln der Lüfte ge- lauscht. Darum versteht er es, wie kein anderer, so entzückende Naturbildcr darzustellen, wundervolle Waldparticn, bei Sonnen- Untergang oder im Nachtdunkcl, die endlose, schweigende Steppe, das Sumpfnest im nebelgrauen Regentag, den duftenden Wiesen- grund im goldenen Julisonncnlicht und im Halbdunkel der Mondscheinnacht. Aber noch in anderer Beziehung ist Turgenjews Dichtung national. Nicht nur die Natur, auch die Bevölkerung Ruß- lands spiegelt sich in seinen Erzählungen, die eine Naturgeschichte des russischen Volkes enthalten. Mit sichtlicher Borliebe bc- handelt er den russischen Bauern und man empfängt einen wahr- hast rührenden Eindruck, wenn man die Bekanntschaft dieser Bauern macht, dieser troz des geistigen und materiellen Druck- eines weltlichen und kirchlichen Despotismus äußerst gutmiitigcu und geduldigen, genügsamen und bedürfnislosen, anstelligen u»d geschickten Menschen, der sich außerdem durch robuste Gesund- heit, unvenvüstliche Kraft und so reiche Naturanlagcn auk- zeichnet, daß man fast alles aus ihm machen könnte, tön» offenem Verstände, instinktartiger Schlauheit, natürlichem 2� und Humor, bcsizt er namentlich auch das, was man sonst u"1 dem Deutschen zuzuschreiben pflegt: Gemüt in hohem Grade' Tic Bauern sind Turgenjews Lieblinge, ihnen gegenüber ged ihm das Herz auf und er zeichnet sie mit Synipatie und 2?oh' wollen. Aber mit dem Verlassen der Volkskreise ist seine Feder � Ironie und Sarkasmus getaucht; denn er hat einen scharfen«n für die Schwächen und Verkehrtheiten, Gebrechen und Last seiner Landsleutc und er geißelt diese unerbittlich. Groß' die Zahl der lüdcrlichcii, verkommene» Gutsbesizcr und sonsug� Edellcute dieses Schlages, die alle Zeugnis ablegen von Hohlheit und Zersezung der höheren russischen Gesellschaft- J besonders ungünstigem Lichte erscheint bei dem Dichter d russische Adel. Er zeigt uns denselben als ein sonderbar Gemisch von Blasirtheit und Roheit, dessen scheinbar st\ vielseitige Bildung in der Regel nur ein leichter Lack ist, � wüste Leidenschaften verdeckt und sehr leicht bröckelt. Gr uns aufgeblasene Zivilgcnerale, Hohlköpfe, vor welchen a niedriger Stehenden im Staube kriechen müssen, Versch�e" fabelhafter Summen, feige Wüstlinge, die vor der Schürze> Mätressen knien, Tyrannen und Wüteriche, die entweder Zucht- oder ins Tollhaus gehören. a Turgenjew ist ein aufrichtiger Freund des gemeinen 2#'' ein treuer Ritter der Schwachen und Gnifältigen. der' drückten und Unglückliche». Darum stand er auch in der � bersten Reihe derer, welche gegen das fluchwürdige Inst'"'(t Leibeigenschast mit unbeugsamem Mannesmut kämpften, un hatte die Freude, die Aufhebung desselben zu erleben._(t So groß Turgenjew als Naturmaler ist. ebenso gre'si'ß als Karakterzeichner. und seine Feder wird allen Ständen gerecht, er mag Edelleute oder Leibeigene, Gutsherren, Bauern, Verwalter und Kronbcamten, Jäger und Fifehee, senvcrkäufcr und Händler mit Lumpenpapier sich nehmen. Wo immer er eingreift, führt er uns eine rf" � Originalen vor, in unübertrefflich karakteristischer Schate � Präzision, so daß sie mit plastischer Lebendigkeit aus Rahmen heraustreten; und als Kenner des Menschenherze» � der Kunst, beyeii geheimsten Falten bloßzulegen, lew 207 borgensten Regungen zu belauschen, erinnert er lebhaft an den »großen Herzenskundiger" Shakespeare. Tie erschütternden nationalen Kämpfe und Krämpfe einer Zeit und Generationen voller Wehen und Wirren, ist der un- erschöpflich variirte Objektkreis, in dem sich Turgenjews Poesie >» idealer Hinsicht bewegt. In dieser Beziehung zeichnet sich besonders der Roman„Väter und Söhne" aus, der nach der formalen Seite vielleicht die vollendetste Leistung des Dichters ist und nach dem Tagebuche eines Jägers das meiste Aufsehen machte. Die Erzählung fließt ununterbrochen und beschwingt bahin, alles blos Episodenhafte ist vermieden, alles tritt klar und deutlich zu Tage. Wir haben hier das abgerundete Bild mner bestimmten Kulturepoche; der Wirrtvarr und die Ver- llgenheit, welche die großen Reformen, die so lange an den Frenzen Rußlands aufgehaltene, jczt aber in hohen Wogen hereinbrechende moderne Wissenschaft zunächst hervorrufen, sind ittn und anschaulich geschildert. Der Roman, zuerst 1862 er- Jchwiicn, ist schon dadurch von hervorragend kulturgeschichtlicher -vedeutung, daß in ihm zuerst das Wort„Nihilismus" auf- aucht, als Bezeichnung einer Weltanschauung, die darin ver- rctcn wird durch zwei Studenten, deren einer sich allerdings 'mr durch das imponircnde geistige Ucbergewicht des andern ans Bahn hat lenken lassen, während der andere, Bassarow, Nihilismus— den teoretischen übrigens, nicht den prakti- m)ki>__ vom Wirbel bis zur Zehe repräsentirt. Es ist eine erkwürdige Figur, dieser Bassarow, eine ernste, tiefe, mann- 'che Natur von scharfem, kalten Verstand und doch voll warmen . �len Gefühls, das sich aber nicht gern ans der Oberfläche und oft von schroffen, ja zynischen Reden maskirt wird. ,'st geistreich und von schlagendem Wiz, selbstbewußt und !' mnit im Urteil, burschikos, ungenirt in seinen Manieren, er mit Takt und Geschmack. Er hat die Kühnheit, an nichts ömuben, und ist der geschworene Feind aller Autoritäten ie aller Romantik, und hierin so einseitig, daß er, obgleich die Verehrer der Frauen und der weiblichen Schönheit, g.~stbc im idealen oder romantischen Sinn für ein Hirn- li'pmnst und für eine unverzeihliche Narrheit erklärt. Ritter- g?e Gefühle stellt er auf gleiche Stufe mit Mißgeburten und bofe11 und er drückt seine Verwunderung darüber aus, und Ritter Toggcnburg sowie sämmtliche Minnesänger Troubadours nicht ins Narrenhaus gesperrt habe.„Gefällt ilej CI"C 3rau," lautet seine Lcbensregcl,„so suche, ihre Zu- Zöc ücwinncn. Gelingt dir das nicht, so gehe deiner 1 läuft' s.� Grde hat Raum für alle"; welche Maxime, bei- I Den«?eme.r(t' ganz gewiß nicht die unvernünftigste ist.— Nehm erfQ{jt ihn eine leidenschaftliche Glut zu einer vor- rühr"'-.�"me, aber mit männlicher Kraft bringt er sein auf- öum Schweigen und bereitet sich, voll Re- bor. p." Selbstbeherrschung, ans seinen Beruf als Kreisarzt aus Niann, sagt er ein andermal, der sein ganzes Leben statte. ,rtc cincr Frauenliebe gcsezt hat und der, wenn diese uiehr f?./ f0 sehr den Kopf hängen läßt, daß er zu nichts Geschlcty�'st kein Mann, kein Jndividnm männlichen b>issen�"�.�iustitig will er von den schönen Künsten nichts Sein Ideal ist dagegen die Wissenschaft, insbesondere die Naturwissenschaft und in ihr wiederum Anatomie und Phy- siologie. Scziren ist seine Liebhaberei. Welch ein prachtvoller Körper, ruft er beim Anblick einer dckolletirten Schönen, das wäre ein Exemplar für den Sezirtisch. Er ist fest über- zeugt, die Partei zu repräsentiren, auf deren Schultern die Zukunft seines Vaterlandes ruht. Auf den Vorwurf:„Aber erlauben Sie, Sie verneinen alles, Sie zerstören alles" lautet seine Antwort: Das geht uns nichts an, zunächst muß reine Bahn gemacht werden. An Bassarow und seinen Freund Arkadi drängt sich noch ein lächerlicher Stuzer, die Karikatur des Nihilismus, und eine Emanzipirte. Das sind die„Söhne", d. h. die Vertreter cincr neuen Weltanschauung, das junge Rußland. Ihnen gegenüber ver- treten die„Väter" die„gute alte Zeit" in verschiedenen Schat- tirungen. Wir haben an Turgenjew noch eine weitere glänzende Seite zu bewundern: seine Meisterschaft als Sprachbildncr und Sprach- bcreichcrer. Sein Stil, sagt Glaga», übertrifft den seiner beiden Vorgänger noch an Glätte und Präzision, seine Sprache ist noch musikalischer und hinreißender. Für ihn scheint es kaum Schwierig- leiten und Hindernisse zu geben; wenn er etwas sagen will, so weiß er auch stets den bezeichnendsten und erschöpfendsten Aus- druck dafür zu finden. Für ihn ist die Sprache ein Instrument, dem er jeden beliebigen Ton zu entlocken weiß, auf dem er mit vollendeter Virtuosität alle möglichen Weisen spielt, mit dem er die Herzen der Hörer bewegt und lenkt. Und doch ver- schinäht er alle prunkenden Worte und bloßen Redensarten, in allen seinen Schriften ist keine leere Phrase, keine abgeblaßte Floskel zu finden. Seine Sprache ist eine einfache, aber von jener edlen Einfachheit, die nur einem echten Dichter und einem originellen Geist zu Gebote steht und mit der es kein zusammen- getragener Schmuck aufnehmen kann. Es ist von wehmütigem Interesse, aus dem Bericht einer russischen Wochenschrift eine der lczten Aeußerungen deS Dichters zu hören.„Ich besuchte Turgenjew," so erzählt der Heraus- gcbcr der Zeitung,„in der Viardotschen Villa in Bougival(bei Paris), und mit Ueberzeugung sagte er mir: Ich bin nur noch eine Ruine. Schon seit einem halben Jahr nährte er sich nur von Milch; alles andere verursachte ihm Uebclkeit. Schlaf fand er nur noch mit Hilfe von Morphium. Er war so schwach, daß man ihn vom Bett heben und in einen Sessel tragen mußte, um ihn umherzufahren. Als ich zulezt fragte, ob er nicht er- laubcn würde, einige seiner Briefe abzudrucken, um den Lesern irgend etwas zu bieten, stieg seine Erregtheit und errief aus: „Himmel! Ihre Leser sind ja doch keine Löwen oder Tiger! Ich bin ein müder Greis, der den Tod wie eine Erlösung von ewigen Qualen erwartet und jede Hoffnung auf eine Genesung verloren hat. Ich bin gar nicht der große Mann, zu dem man mich macht. Ich bin ein ganz gewöhnlicher Mensch, der zu schreiben versucht hat; nie und nimmer kann ich mich mit Geistes- Heroen auf eine Stufe stellen, deren Briefwechsel jedem von Werk ist und auch jezt von jedermann mit Interesse gelesen wird. Ich war im Gegenteil immer bemüht, meine Briefe zu verbrennen, um nichts zu hinterlassen, was ich der Beachtung unwert halte."— Welch liebenswürdige Bescheidenheit! <«. Forlsezung.» Moderne Schicksale. Novelle von Kart Krörtitz. � 14. Tie Komödiantin. 1 wäre, aber sie bestand darauf, Ihnen diese Karte zugehen zu � Näum! der weithinschallende Ton einer Glocke durch laffen!" «>.!?.�s Hotels. Er überreichte die Visitenkarte dem Hotclbcsizcr. Mohrmann sah die Karte an und las den Namen, der auf , d,- aw».f;|f u"b"" � xn>«ne Visitenkarte in der Hand, � �„eine Dame if. Mohrmann," redete er den Ii. " eben nnvo«; iil, y"-" votflefofi" 1,1,1 v»""—»>....... �be � i und wünscht ein Zimmer für die Nacht; � nt ücsagt, daß bei uns kein Logis mehr frei derselben litographirt war. laut vor:„Gräfin von Octtings- Hausen, geborene Barvneß Schliebcn-Krondorf!" Er wollte hinaus, da rauschte ihm eine Dame von höchster Eleganz in der äußeren Erscheinung entgegen. Es war Lea. Niemand hatte in dieser schönen Frau mit der stolzen Haltung die armselige Blumenhändlerin von heute früh wieder erkannt. Die reich mit Pelz verbrämte Schoß- sacke und der mit derselben harmonirende Muff erschienen ebenso vornehm als die schwarze Samnictrobe, die sich in schweren Falten zur Schleppe abrundete. Ein allerliebstes schwarzes Sammetbarctt mit Pclzstreif und schwarzer Stranßfeder krönte die Frisur, und ein weißer dünncx Schleier lag gleich einem schimmernden Nebelgewölk über dem intelligenten Gesichte. Die ganze Erscheinung der falschen Gräfin bot einen ungemein in- teressanten Anblick. Senger war im stillen mit dem Exterieur der Person sehr zufrieden. Er fand, daß Lorberg die Bietamvrphose vom Beilchenmädchen zur Gräfin brillant bewerkstelligt hatte. Mohrmann, der Lea noch nicht kannte, wurde durch ihre iinponircnde Er- scheinung einen Augenblick irre, aber ein schnell mit Scnger gewechselter Blick ließ ihn erkennen, daß er die Rechte vor sich habe. Jedenfalls war Scngcrs Kalkül insoweit richtig, als das interessante Weib wirklich eine geborene Komödiantin war. Tic Blumenhändlerin kopirte die Tarne der guten Gesellschaft mcister- Haft, und bewies, daß sie würdig war, auf den Bretten, des wirklichen Teatcrs eine Rolle zu spielen so gut wie jene Lampen- Prinzessinnen, die das blinde Glück oft durch allerhand Jntrignen in die Garderoben der Schauspielhäuser und dann in eigene glänzende Boudoirs erhoben hat. „Wer ist hier der Hcrw vom Hause?" fragte die falsche Gräfin,- und suchte durch lauten Ton und große Hast ihre in- nere Unruhe zu verbergen. So gut der äußere Glanz auch zur Schau getragen wurde und den Uneingeweihten düpiren konnte, das Bewußtsein ihrer Niedrigkeit lähmte im stillen doch etwas ihre Energie. ,,Tort ist Herr Mohrmann!" deutete Kaps auf seinen Chef. Mohrmann verneigte sich mit innerem Widerstreben stumm vor Lea. „Mein Herr," fuhr diese genau nach der erhaltenen In- struktion fort,„Sie lassen mich von Ihrer Tür weisen, aber ich bin nicht gesonnen, weiter zu fahren!" „Bedauere unendlich, Frau Gräfin," sagte Mohrmann, der sich inzwischen gesammelt hatte, die ihm zucrteilte Rolle zu spielen,„aber bis unter das Dach hinauf ist jedes Zimmer besezt!" „Das gilt mir gleich." crwicdcrte die Pscndogräfin und strich ihren Muff glatt,„ich bleibe hier; alle Hotels sind über- füllt, das Ihre ist bereits das dritte, in welchen, ich vergebens Aufnahme suche! Ich bin von der Reise ermüdet, auch fühle ich mich so leidend, daß ich nicht weiter kann!" „Da sehen wir zum zweitenmalc," sagte Mistreß Jonston, von Teilnahme ergriffen, zum Baron,„die unangenehme Lage einer Dame, die sich allein auf Reisen begicbt!" „Sie scheint überdies krank zu sein," erwiderte er,„denn sie ist blaß und zittert!" „Die Arme dauert mich wirklich!" entgegnete Mistreß Jouston immer mehr interessirt!" „Ich habe mein Gepäck bereits abstellen lassen," verharrte Lea in ihrer Forderung gegen Mohrmann,„und den Wagen fortgeschickt, also schaffen Sic Rat! Ich weiche nicht, und der kleinste Raum wird mir genügen, da es sich nur um eine einzige Nacht handelt. Mit dem ersten Zuge morgen früh seze ich meine Reise fort!" Mohrmann blieb bei seiner Weigerung, sie aufzunehmen, und unter vielen Artigkeiten und Verbeugungen wiederholte er, daß in seinem Hotel kein Raum sei, so sehr er dies auch be- dauere. „Diese vielen unnüzrn Komplimente!" sagte Senger halb- laut für sich, aber doch laut genug, nn, von den Umsizenden vernommen zu werden. Tic wenigen noch anwesenden Gäste blickten überrascht auf. Auch Mistreß Jonston, die gleich bei ihrem Eintritt Senger nur zu wohl erkannt, ihn aber bis jezt keines Blickes gewür- digt hatte, konnte sich nicht enthalten, ihn jezt scharf zn fixircn. Sie war über seine taktlose Einmischung in eine ihm fremde Angelegenheit, zumal es einer augenblicklich alleinstehenden Dame: galt, in hohem Grade aufgebracht. Auf was Scnger in seiner schlauen Kenntnis von Welt und Menschen gerechnet hatte, geschah nun wirklich. In einem anderen Falle hätte Mistreß Jonston das Abweisen eines Hotel- gastes wohl kaum bemerkt, wahrscheinlich nicht sich seiner tat- I kräftig angenommen, jezt aber regte sich der Widerspruchsgeist in ihr und nur mit Mühe unterdrückte sie ein lautes Wort zn Gunsten der fremden Gräfin. In diesem Augenblicke sagte Senger noch lauter und bc- stimmtcr zu Mohrmann, ohne sich selbst in seiner rücksichtslos zurückgclehntcn Stellung zu rühren: „Verehrter, Sie haben sich deshalb nicht zu entschuldigen! t wenn kein Plaz da ist, ell dien, Sie können es nicht ändern!" Alles war von dieser Unart betroffen, jede Unterhaltung j verstummte und machte augenblicklich einer peinlichen Stille Plaz. Mistreß Jonsto» war geradezu empört. Sengers Rück-; sichtslosigkeit gab bei ihr den Ausschlag, sich der reisenden; Tarne anzunehmen. Sic stand auf und trat freundlich an Lea s Hera». „Frau Gräfin" redete sie die verkleidete Veilchenhändlcr>n, mit artiger Verbeugung an,„verzeihen Sie, wenn Ihre fatale j Lage mich veranlaßt, Ihnen einen Vorschlag zu machen. � j) eben werden für mich zwei Parterrczimmcr eingerichtet, Mohrmann," unterbrach sie sich,„es sind ja wohl beides gW Räume?" Der Gefragte vcnieigtc sich bejahend. „Nun wohlan." fuhr Bcistreß Jonston zu Lea wieder M' „ich bin gern bereit, Ihnen eins der für mich bestimmten � Zimmer für die nächste Nacht zur Disposition zu stellen, sth� 1 aus dem Grunde," sczte sie mit scharfer Pointirung hinzu,„J"" j Ihnen die Unart Anderer, die mich als Dame mit verlcz f' vergessen zu machen!", „Sie sind sehr gütig," entgegnete die falsche Gräfin, kon» aber ein Zittern nicht unterdrücken, das Mistreß Jonston bemerkte, aber dem Frost und der Anstrengung der Reise schrieb,„ich weiß keinen anderen Ausweg als Ihr freuitd»»' Anerbieten mit Dank anzunehmen; auch werde ich Sic»>l>- ich dich erwarte!" �st Daraus trat er an einen Ncbentisch und zündete stckl eine Zigarre an. Lea hatte ihrem Herrn und Meiste Wort erwidert, nur ein kurzer Blick belehrte ih" Geschicklichkeit. minIcii Niemand hatte den kleinen Borgang bemerkt, ausgen. � Leopoldine. Nichts ist so scharf wie das Auge der LB 1 „Belieben die Frau Gräfin Ihre weiteren Befehle Rm � kellncr zu geben," sagte Mohrmann zu Lea.„ich ,DeiJ i| sogleich das Gepäck in das Ihnen von dieser Tarne u �5. Zimmer senden lassen!" Er ging auf den Korridor Scnger folgte ihm, den Baron kurz grüßend., cgegtif! Lcopoldinc elhob sich unschlüssig. Sie war>>",.�n, gewesen, an ihren Mann heranzutreten; sie chatte es att).�c 1 wenn er allein hinausgegangen wäre, aber Mohrma»» ihn und da? schreckte sie zurück.\ „Tat 31cbfurf(t)t."(Seite 218.) (9(u« G. Beckmanns Reuter-Galerie.) 210 Jezt sah sie sich mit der Engländerin und dein Barem int Speisesaal allein. Mistreß Jonston reichte zum Abschiede dem Baron die Hand, die dieser mit ehrfurchtsvoller Zärtlichkeit an seine Lippen drückte. Leopoldine ärgerte sich über Mistreß Jonstons Koketterie, wie sie es bei sich nannte. Dieselbe erschien ihr immer mehr in dem Lichte, in welchem die Justizrätin sie ihr von Anfang an geschildert hatte. Die leidenschaftliche Erregung des lczten Tages, die so ganz von der glücklichen Ruhe ihres bisherigen Lebens abstach, kani zum Ausbruch. Sie stürzte der vermeint- liehen Urheberin ihrer Leiden in den Weg, als diese sich in ihre neu eingerichtete Parterrewohnung zurückziehen wollte. .Halt!" rief sie der von dieser unvermuteten Anrede er- schreckten Engländerin zu,„muß ich auch vor mir selbst erröte», Ihnen gegenüberzustehen, so will ich doch den ganzen Aerger. der mich verzehrt, Ihnen zeigen, denn Sie allein tragen alle Schuld!" „Wer ist diese Frau und was will sie von mir?" Madame Senger schlug den Schleier hoch; der Baron erkannte sie sogleich. „Madame Sengcr!" rief er höchst erstaunt, da er sich Leo- poldinens plözliche Anwesenheit hier garnicht erklären konnte. „Wie?" wunderte sich Mistreß Jonston ebenso sehr,„seine Frau—?" „Ja, seine Frau!" bestätigte Leopoldine,„die Frau des Mannes, den Sie mit Ihren schändlichen Plänen verfolgen!" „Wollen Sie mir nicht erklären," fragte die Engländerin, „was Sie durch Ihr Dazwischentreten hier bezwecken?" „Ihre Beziehungen zu meinem Gatten zerstören," entgegnete Leopoldine unter hervorstürzenden Tränen,„und jezt umsomchr, da ich das Komplott mit Ihrer Helfershelserin sogleich durch- schaut habe!" „Helfershelferin?" rief Mistreß Jonston ganz bestürzt. „Stellen Sic Sich so fremd und unschuldig, wie Sie wollen," schalt die Eifersüchtige,„mich täuschen Sie nicht mehr! Das Auge einer verratenen Fran sieht zu scharf; glauben Sie viel- leicht, daß ich die Blicke des Einverständnisses nicht bemerkt hätte, die mein Mann mit jener Gräfin gewechselt hat?!" „Mein Gott!" murmelte Mistreß Jouston cntsezt; sie schloß die Augen und lehnte sich ans des Barons Arm,„kann das möglich sein?" Ein furchtbarer Verdacht war durch Mistreß Jonstons Seele gezuckt. „Ihre Äugst verrät Sie!" sagte Leopoldine.„Sezcn Sie aber jezt, da Sie wissen, daß ich von allem unterrichtet bin, Ihre verächtlichen Bemühungen mit Ihrer Freundin um meinen Manu fort, so sollen Sie etsahren, was eine in ihren tiessten Gefühlen beleidigte Frau zu tun imstande ist!" Drohend erhob sie die Hand und verließ nach einem ver- achtungsvollen Blick auf die Engländerin Saal und Hotel. Mistreß Jonston sah ihr wie gelähmt nach. „Ist es denkbar?" hauchte sie,„nein, nein!" „Aber was hatte Madame Sengcr?" fragte der Baron, „von welcher Freundin sprach sie?" „O," rief sie,„ich wäre ohne die eifersüchtige Wut dieser Frau vielleicht verloren gewesen, aber jezt will ich mich wehren. — Baron, wollen Sic mir einen Dienst erweisen?" „Sie können fragen? Unbedingt." „Ich danke Ihnen!" sagte sie, sah sich um und eilte an das Pull des Oberkellners. Tort schrieb sie einen kurzen Brief, faltete denselben und gab ihn dann dem Baron. „Bitte, mein Freund, befördern Sie diese Zeilen so schnell wie möglich an ihre Adresse!" Ter Baron las dieselbe. Sie lautete:„Dem Herrn Justiz rat Härder." „In wenigen Minuten hat er den Brief!" rief der Baron und eilte fort.— Mistreß Jonston begab sich nun festen Fußes nach den für sie eingerichteten Parterrezimmcru. 15. Maske für Maske. Eine Stunde mochte verflossen sein, die Nacht war immer mehr in ihre Rechte getreten. Die meisten der Hotelgäste befanden sich bereits in ihre» Zimmern; der Portier schloß das Hauptportal des Hotels, begab sich nach seiner auf dem Hose gelegeneu Wohnung, und der Hausknecht, der heute den Nachtdienst hatte, nahm seine Stelle ein, um die Tür zu öffne», wenn die Nachtglocke gezogen werden sollte. Ueberall Ruhe und Halbdunkel. Das erste, vom Korridor rechts gelegene Zimmer, das jc.si von Mistreß Jonston beivohnt wurde, war ein geräumiges, hohes Gemach. Zwei Türen lagen sich in demselben gerade gegenüber, d>e eine führte vom Korridor herein, die andere in das anstoßende Zimmer, welches von Mistreß Jonston der Pseudogräsin z»in nächtlichen Aufenthalt überlassen worden war. Auf einem Schreibtisch lag die rote Mappe, welche die Do' kumente barg.| Die Fensterladen waren geschlosien. Ein Einblick in dm* erleuchtete Zimmer war von der Straße aus dadurch unmöfl''* gemacht. Die Engländerin stand an der Tür, die vom Korridor hereM-| führte. Sie schien dieselbe von innen verriegelt zu haben; st) strich sie die Falten der Portibre glatt; dieselbe war aus dc« Seidenschuüren gehakt, so daß sie übereinander fiel und die T»r vollständig verhüllte. 1 Amalie Jouston wandte sich um und ging dem Sophatst? zu. Tort stand ein Teescrvice, das sie ordnete; sie hiebt M aber damit so lange auf, daß es augenscheinlich war, wie M, ihre Gedanken ganz wo anders befanden, als bei Kanne Tassen. i... „Es muß sein," dachte sie mehr als sie es flüstere,„alles'!, bereit! Steht sie wirklich mit Sengcr in Verbindung, sv t"' sie sich sicher verraten!"_. Entschlossen ging sie nach der Tür, die in das anstoßt Zimmer führte. Tort klopfte sie leise an. Die Tür öffnete sich, Lea erschien in derselben. „Also habe ich mich nicht getäuscht," begann Mistreß J�I"' „wenn ich Sic noch wach zu hören glaubte!" „Ich kann noch nicht schlafen," entgegnete Lea und st*) den Blick zu Boden.« „Da ich bemerkte, daß Sic kein Souper cingcnommen fuhr Mistreß Jonston fort,„wollte ich Ihnen eine Tasse zur Nacht anbieten; Sie haben meine Gastfreundschaft aas nommen und ich muß demzufolge die Pflichten der Wirtin a vollständig üben; bitte einzutreten."., Lea folgte ihr.(Zchius 8 Ueber die Krankheiten der Pflanzen. Von Wilhelm Wles. Wenn wir vor einiger Zeit in diesen Blättern nachwiesen, wie gewisse Pflanzenformen, die wir allgemein als Blumen bezeichnen, mit ihrem durch Insekten vermittelten Kreuzungs- verkehr und auf dem Wege der natürlichen Zuchtwahl, der An- passung und Vererbung, zu einem hohen Grad von Schönheit in Form und Farbe gelangen und sich sonst noch allerlei an- ziehende Eigenschaften erwerben*), so wollen wir heute d>c � seite betrachten. Die so ungemein zahlreichen und so stv'„ einander verschiedenen pflanzlichen Organismen sind einer übersehbaren Menge von Krankheitsprozessen 8 *) Siehe„Unsere Bluinenzüchtcr," Jahrg. 1383, Nr. 26. 211 foten Ursachen, Verlauf und Wirkungen zu beobachten keine geringe Mühe gekostet hat. Man ist im Lauf der Zeit denn auch dahin gelangt, daß man sich die meisten dieser Krankheiten erklaren kann, wodurch wiederum ein gutes Stück Aberglaube aus der Welt geschafft worden ist. Früher, als man über die Ursachen dieser Erscheinungen noch nicht unterrichtet sein konnte, ü>ar man gleich bei der Hand, an„Zauberei" und„Hexerei" Ks glauben, und manch armes Menschenkind hat auf dem Scheiterhaufen enden müssen unter der unsinnigen Anklage, den Äcker oder die Wiese seines Nachbars„behext" zu haben. darüber sind wir längst hinweg, und wenn es heute noch ge- üllssenlose Menschen gibt, die solchen Aberglauben zu verbreiten suchen, so haben sie glücklicherweise wenig Erfolg. Je höher die Organismen sich entwickeln, desto zarter und kunstreicher werden die einzelnen Teile und desto schwieriger sind jlezungen zu ertragen, welche die Verbindung und die zu- sammenhängenden Funktionen der einzelnen Organe stören. Ein �uer oder ein Mensch, dem ein Glied abgehauen wird, geht aran leicht zu Grunde; ein Baum, der einen Ast verliert, touft sich, wie wir sehen werden, infolge einer solchen Ver- "udung wohl mannichsachen Veränderungen unterziehen müssen, p cr er wird nicht daran sterben. Der tierische Leichnam, der uft oder dem Wasser ausgesezt, verwest, und auch die stärksten uochcnteile werden mit der Zeit zu Staub. Die zu großer Festigkeit entwickelten Teile gewisser Pflanzen, die Holztcile, 'verstehen dagegen auf eminent lange Zeit dem Einfluß der . erneute. So hat man jüngst aus dem Rhein bei Mainz die Überreste einer von Karl dem Großen angelegten hölzernen rucke herausgeholt, und die Holzstücke, die sich ein volles Jahr- uiend unter dem Wasserspiegel des Rheins befunden hatten, Klgten nur wenig oder gar keine Spuren von Zerstörung; sie at,en[est und schwer wie Stein geworden. Dagegen ist nicht übersehen, daß es auch pflanzliche Organismen gibt, die noch uer und zarter als die tierischen angelegt sind und denen die d? � Verlezung oder Verkümmerung ihrer Lebensbedingungen "-lod bringt. ouf-�-6 fachen der Pslanzenkrankheiten sind oft gar nicht leicht leirhl'r Cn' Gliche sind bis heute unbekannt geblieben. Am kommt man natürlich der Krankheit ans den Grund, Dilu rnvni''Cn(Schmarozer) die Ursachen sind; mögen es nun lvjik'. obttf tierische Parasiten sein. Diese Parasiten be- luiilv"«"eh die a n steckenden(kontagiösen) Pslanzenkrankheiten, Una v 1k' �cn tierischen Körpern nach den neuesten Forsch- jeiip Ansteckung durch die sogenannten Bakterien geschieht, schem�� igen mikroskopischen Parasiten, welche die Wissen- Zw■ geraume Zeit beschästigen werden, bevor über Ursprung, >vird? Funktionen derselben völlige Klarheit vorhanden sein \ Diese Bakterien finden sich im Pflanzenkörper nicht vor. »ich! v? Verhältnis der Krankheit zum Pflanzcnkörper dürfen lli-m. Reiben Faktoren allein in Anschlag gebracht werden; ciiic aiK§ t>ie Nebenumstände berücksichtigen. So kann g, an der gleichen Verwundung in schlechtem Boden toiirt iiehen, während sie sich in gutem Boden erholen tkirl t� �ne �ankheit kann bei nassem oder trockenem Wetter � er oder schwerer ansteckend wirken, je nach den Umständen. fta» J". vine Uebersicht zu gewinnen, teilt man die Pflanzen- 2) b, L£'n'« solche, die entstehen: 1) durch Raummangel; Berbnit--�uden; 3) durch Verhältnisse des Lichts; 4) durch (bea y."Use der Temperatur; 5) durch Verhältnisse des Mediums Pslai» 6) durch Gifte; 7) durch die Witterung; 8) durch -..... � Kn-Parasitcn; 9) durch tierische Parasiten**). s°rn,'..�iterien svon bakterian— Stäbchen; wegen der Stäbchen- vieler Organismen), außerordentlich kleine pflanzliche K>hl ov,, ß''welche als die Träger des Ansteckungsstoffs für eine An- ?aulnjs�,„ P'iheiien gelten. Sie verursachen, wo sie sich sestsezen, wteticu« t'e' ibian unterscheidet Cholerabakterien, Schwindsuchts- uge nia,».lu. Die Entdeckung dieser Organismen, die mit bloßem ÜODefei,™ lvnhrnehmbar sind, ist für die Wissenschast sehr folgenreich 'vörtee �ü[len im Lause dieser Abhandlung möglichst jene Fremd- "leiden, die nur für den Botaniker von Fach Interesse haben, Der Raummangel bringt bei den Pflanzen Krümmungen und Verdickungen hervor; wenn Baumwnrzeln in enge Fels- spalten eingeklemmt werden, so erscheinen sie zuweilen ganz ab- geplattet, ja bandförmig, und das Mark kommt au der Seite zum Vorschein. Wenn eine Pflanze in einem engen Topf sich befindet und eine lange Psahlivurzel hat, so krümmt sich diese in Windungen zusammen, die auch miteinander verwachsen; die Seitenwurzeln kriechen an den Topfwänden empor. Raummangel verändert oft die Gestalt der Pflanzen auf die verschiedenste Art. Die Chinesen machen davon einen merkwürdigen Gebrauch, da sie wissen, daß auch Früchte durch Raummangel ihre ursprüng- liche Gestalt verlieren. Sic stecken junge Kürbisse in Flaschen, die inwendig mit vertieften Figuren versehen sind; ist der Kürbis ausgewachsen, so zerschlägt mau die Flasche und der Kürbis trägt nun die Figuren erhaben auf seiner Schale. Die durch Verwundungen bei den Pflanzen entstehenden Veränderungen, Umbildungen und Mißbildungen sind so zahl- reich, daß wir nur den kleinsten Teil derselben hier berühren können. Unter die Wunden zählen wir natürlich nicht jene normalen Vcrlezuugen, welche durch Abfall von Blättern oder durch Absterben von Schößlingen und Trieben entstehen und die in ebenso normalem Verlauf wieder heilen; wir haben hier jene Wunden ins Augen zu fassen, die durch Stiche und Schnitte von Menschenhand, durch die Zähne der Nagetiere, durch die Gewalt der Elemente und durch allerlei gewaltsame Zufälle entstehen. Dahin gehören auch die durch Aufspringen eut- standenen Wunden, die sich vergrößern, sobald das blosgelegte innere Gewebe Feuchtigkeit einsaugt, und die so gefährlich werden können. Die Zellen, jene einfachen Urformen, aus denen sich alle Organismen, auch der menschliche Körper, zusammcnsezcn, sind bei den Pflanzen selbständiger entwickelt als bei den Tieren, und das ist der Grund, weshalb die Abtrennung einzelner Orgaue bei den Pflanzen auch für diese abgetrennten Bestand- teile durchaus nicht notwendigerweise tätliche Folgen hat. Im Gegenteil ist es bekannt, daß abgeschnittene Teile von Pflanzen, seien es Zweige, Blüten oder Blätter, noch eine zcitlang am Leben bleiben und durch sorgsame Pflege lange erhalten werden können, namentlich durch Wasserzutat. Kann das abgetrennte Glied Wurzeln bilden, so bildet es eine neue Pflanze; darauf beruht das Wachstum der sogenannten Stecklinge. Abgc- schnittcne Sprossen welke», auch wenn man sie gleich nach dem Schnitt in Wasser stellt, bis zu einem gewissen Grade; dieses Welken findet nicht statt, wenn das Durchschneiden unter Wasser erfolgt. Bei unpassender Veredlung findet häufig ein Absterben statt; es gibt nämlich Pflanzen, die das Auf- pfropfen auseinander nicht vertragen. So lassen sich verschiedene Birnensortcn nicht ans Quitten piropfcn; sie gehen lieber zu Grunde. Die Ursache dieser hartnäckigen Abneigung kennt man nicht. Je nachdem die Verstiinimlungen ausgeführt werden, sind auch die Folgen verschieden; eine Pflanze kann an dem Same», an dem Stamm, an den Wurzeln und an den Zweigen ver- stümmelt werden. Die wunderbaren Heilprozesse, die bei den Pflanzen möglich sind, bewirken, daß Pflanzen auch die schwersten Verstümmlungen, sogar den Verlust des Stammes und der Wurzeln überstehen können. Die Wurzeln namentlich sind sehr empfindlich, was man beim Umsezen an Topfpflanzen:c. beob- achten kann. Fast alle Pflanzen erzeugen, wenn sie ein wich- tiges Organ verloren haben, in der Nähe der Verluststelle Neu- bildungen(Reproduktionen), welche die Funktionen des verlorenen Organs übernehmen. An Knospen und jüngeren Zweigen werden die Verwundungen meistens durch Wild, Eichhörnchen, Käfer:c. dem großen Publikum aber nur das Verständnis der Sache erschweren. Diese Bezeichnungen sind momentan kaum abzuschaffen; zum großen Teil sind sie aber nur ein Ueberbleibsel aus jener Zeit, da daS Latein noch die Weltsprache der Wissenschaft war. Die Gelehrten haben leider nicht den guten Willen, dies erbgesesscne Uebel zu beseitigen. Sonst würde man stall Parasit Schmarozer und statt Cautagiurn Ansteckungs- stvsf sagen. Allerdings klingt das nicht so gelehrt. verursacht. Bei bedeutenden Verstümmlungen an Bäumen be- merkt man, daß sich die Jahresringe am Stamm schwächer bilden, daß also die Entwicklung des Stammes zurückbleibt. Durch diese Verlezungen entstehen auch die mannichsachsten Miß- bildungen, denen der Aberglaube den Namen Hexenbescn, Donnerbesen oder Bktterbüsche gegeben hat. Die Verlezungen des Stammes und der Rinde haben meist nur eine lokale Bedeutung; diese Wunden heilen bald und leicht wieder zu. Dagegen sind jene Bohrlöcher sehr gefährlich, die an den Bäumen angebracht werden, um Harz, Terpentin u. s. w. zu gewinnen. Die Bäume kränkeln und liefern schlechtes Holz. In vielen Waldungen ist es streng verboten, Birken, Tannen:c. auf diese Weise anzuzapfen. Das Wild fügt den Bäumen durch Abschälung und Abnagung der Rinde schwere Schäden zu; ani gefährlichsten aber sind die Mäuse, welche das junge Holz so benagen, daß oberhalb der Wundstelle der ganze Stamm ab- stirbt. Der Borkenkäfer, welcher ganze Gänge in die Bäume bohrt und sich häuslich darin einrichtet, verursacht großen Schaden; je nachdem er viel oder wenig arbeitet, überstehen die Bäume seinem Angriff oder sie sterben ab. Wenn aus den Baumwunden der Pflanzensaft in Form von Terpentin ausfließt, wird er in der Lust zu Harz; wenn dies Harz die einzelnen Holzzcllcn durchdringt, so entsteht das be- kannte, beim Feueranzünden beliebte Kienholz, dessen Späne noch in einzelnen Gegenden, im Schwarzwald z. B., die Be- leuchtung des Abends liefern müffcn. Kienholz ist also krankes Holz. Außer dem Harzfluß unterscheidet man an den Pflanzen noch Gummifluß, Tragantfluß und Mannafluß, lieber die Eni- stehung des Gummiflusses bei Pflaume», zwischen Stein und Fruchtfleisch, hat man noch keine Gewißheit erlangen können. Die Heilung der Wunden geschieht durch den Wundkork, der als ein Gewebe die Wundfläche überzieht, oder durch eine wulstartige Bedeckung, Callus genannt. Die Rinde wird so langsam wiederhergestellt, und es tritt die sogenannte Ueber- wallung oder Verwallung ein, aus welcher Holzschichtcn cnt- stehen. Ein solcher Hcilungsprozcß findet auch beim Okuliren und Pfropfen statt. Wird der natürliche Heilungsprozeß verhindert, so treten sehr bald die Erscheinungen ein, welche eine Zersezung des Pflanzenkörpers verkünden. Die von den Wundflächen berührten Pflanzcnzellen werden getötet und diese Wirkung pflanzt sich auf die übrigen Zellen fort. Es erscheint die Wundfäulc, die Rotfäule, die Weißsäule, die Trockenfäule, die Grünfäule und wie diese Krankheiten alle heißen, welche den pflanzlichen Cr- ganismus rasch zerstören. Eine Krankheit der Obstbäume nennt man Krebs; sie entsteht dadurch, daß die Heilung der Wunde» des Baumes durch den Stich der Blutlaus immer wieder ver- hindert wird. Die Fäule kann bewirken, daß der ganze innere Baum ausfault, und so entstehen die bekannten hohlen Bäume, welche oft ihrem Leiden sehr lange trozen. Die Wirkungen des Lichts stehen mit verschiedenen Pflanzenkrankhcitcn im Zusammcnhgng. Wenn der Same im Dunkeln keimt, so werden die ncugebildeten Teile gelb und fleckig, was daher kommt, daß sich die Könrer, aus denen das Blättcrgriin(Chlorophyll) entsteht, ohne Licht nicht ausbilden können. Aber auch allzustarkes Licht beschädigt leicht das Blätter- grün. Man kann bei den Zimmerpflanzen leicht diesbezügliche Beobachtungen anstellen. Man bemerkt den Einfluß mangelnden Lichts auch am Korn. Wenn die Kornähre vom Winde oder Regen niedergelegt wird, so faulen leicht jene Teile, die den Wirkungen des Lichts entzogen sind. Die Wirkungen der Temperatur sind iwch intensiver als die des Lichts. Zuviel Hize tötet die Pflanzen; der Frost bringt de» Pflanzen den Tod durch Erfrieren, indem die Pflanzen- säftc zu Eis erstarren. Doch überleben viele Pflanzen den Gefricrprozeß und treten nach dem Auftam» ihre Funktionen ivieder an. Frostrisse, Frostflcckni, Frostspi ilten sind weitere Folgen der Einwirkung allzustarkcr Kälte. Die Wirkungen des Bodens(des Mediums' wechseln mit dessen Beschaffenheit. Ter Boden muß für Licht zugänglich sein, wenn die Pflanze gedeihen soll. Die Wurzeln von Land- pflanzen dürfen nicht ins Wasser sich erstrecken; ein nasser Boden bringt den Pflanzen Fäulnis. Ein Boden, welcher zu viel Nahrungsstoff enthält, bringt Mißbildungen von Pflanzen her- vor; es geht hier den Pflanzen wie den Menschen, wenn sie zuviel essen und trinken. Bei einigen Pflanzen macht sich Gelb- sucht und Bleichsucht bemerkbar, wenn sie keine eisenhaltige Nahrung haben. Ganz wie bei uns, werden hysterische und bleichsüchtige Damen sagen. W Zum Leben der Pflanzen gehört Sanerstoffgas, insbc- sondere aber auch Kohlensäure ist für die grünen Pflanze" unentbehrlich. Sie gehen zugrunde, wenn keine Kohlensäure vorhanden und ihr Reservenährstoff aufgezehrt ist. Als Gifte wirken auf die Pflanzen die schwefligen Säuren, der Hütten- und Stcinkohlcnrauch. Industrielle Anlagen mit giftigen Dämpfen können aus ziemliche Strecken die Pflanze»- kultur vernichten. Wenn junge Fichten sich sechzig Tage einer Lust befinden, die nur ein Millionstel ihres Volumen- an schwefliger Säure enthält, so sterben sie ab. Das Leuchtg"'-' , schädigt und tötet die Pflanzen, wenn es durch Röhren in de» Boden ausströnit, in dem sie wurzeln. Man hat gefunden, dßM die Wurzeln von Linden durch die Wirkung von Leuchtgas blo» gefärbt worden sind. Auch Kochsalz wirkt schädlich, d. h. wasstr- j entziehend auf lebende Pflanzen._ Die Wirkungen von Schnee, Regen, Hagel, Wind, also»! Einflüsse der Witterung auf Pflanzen sind bekannt; auch" i Wirkungen des Blizschlagcs. Bemerkt sei, daß der Bliz an solchen Bäumen zündet, an denen totes, trockenes Holz v�' handcn ist.., s Wir kommen nun zu den Schmarvzcrn oder Paral>' und zu den von ihnen verursachten Pflanzenkrankheiten._ W Jede Schmarozerpflanzc hat ihre bestimmte NährpflaaW (auch Wirt genannt), auf der sie sich festsezt und von der| Säften sie sich miternähren läßt. Die Wirkung ist eine 9"� verschiedene; manche der ausgesogenen Pflanzen zehren ab>"p| sterben, andere werden geschwächt und bleiben am Lebe», Q« verkrüppeltes und verkümmertes Dasein führend; andere zch' den Tribut an den ungebetenen Gast und leben fröhlich Wir unterlassen es, sehr naheliegende Analogien aus dem nItI1 L,1 1 lichen Gesellschaftsleben hier anzuführen. Tic Schw"�, pflanze» oder Schmarozerpilze(parasitische Pilze) sind noch" � lange, erst seit Anfang der fünfziger Jahre, umfassend � geworden; früher suchte man sich die von ihnen hervorger"'� Krankheiten auf allerlei sonderbare Weise zu erklären. weiß man. daß gewisse Krankheitserscheinungen von Schmo'� I pflanzen hervorgerufen werden, die sich auf einzelne» scstsezen und da nicht nur sortwuchcrn, sondern sich von � � auf andere Pflanzen en masso verbreiten. Bei den irdischen Organen gelangen die Schmarozer leicht von zu Wurzel; bei den oberirdischen aber vermitteln die Sp> die Fortpflanzungsorgane der Pilze, die Uebcrtragung. Tie Zahl der durch Pilze verursachten Pflanzcnkran l� ist Legion. Man unterscheidet fünf hauptsächliche � die tioncn: 1) die Ehylridiaceen, 2) die Saprolcgniacccn,' � Peronosporecn, 4) die Tyscvmycctcn und 5) die.jpeiK cctcn. Die erste Gattung ist wenig gefährlich;� schon mehr; sie macht die Blätter mißfarben und läßt �'„oZ- teile absterben; die dritte ist schon gefährlich. Die y porccn sind die Ursache der Kartossclkrankheit;' �,,,1 erst, daß die Blätter schwarz werden, und dann tritt L' lcnfäule ein. Dieser Pilz ist massenhaft zerstörend b\ �c» in Amerika, seit 1843 in Europa aufgetreten. Arten von Pilzen sind die verbrcitctsten und die b f|( Sie verursachen den Lärchenkrcbs und die Aapskra"-�jse- durchscnchcn oder zerstören)dtn Klee, den Hanf. � s. zwiebeln, verschiedene Blumen, Hiazinthc», Balsaniim" y Beim Raps kann man die Pilzbildung am vollkoin>m�jpfl» obachten. Diese Pilze bringen auch den bekannte"-- hervor, der wie Schimmel aussieht, was aber' jsl ist, als massenhafte Schmarozerpilze. Damit verw"" Traubenpilz, der ähnlich wie der Mehltau aussieht. Daß man sich früher die Entstehung des Mehltaus nicht erklären konnte, hat den Aberglauben ungemein gefördert. Der Rußtau, auf Holzpflanzen und Kräutern, ist weniger gefährlich als der Mehl- tau, welch leztcrcr auf Hopfen, Klee, Wicken u. f. w. sich fest- sezt. Krankheiten, die durch solche Pilze bei den Pflanzen ent- stehen, sind ferner die Kräuselkrankheit der Kartoffeln, die Rost- flecken der Acpfel und Birnen, die Blattbräune, das Schwarz- werden-des Klees, Blatt- und Fruchtflecken, Schwindpocken, der schwarze Brenner, das Pech der stiebe, Fleckenkrankheit der Maulbeerblätter, der Holzkropf, der Safrantod, die Kartoffel- Pocken, der Blattschorf bei Gras, die Rotflecken der Pflaumen- blätter, der Pilz des Kletterkorns, die Herzfäule der Runkel- riibcn, der Rapsberderber, der Wurzeltödtcr und noch tausend andere Krankheiten, die aufzuzählen, geschweige denn zu be- schreiben der Raum uns nicht gestattet. Man kann sich denken, welche furchtbaren Verwüstungen alle die Schmarozerpilze, welche sich von lebenden Pflanzen nähren, anrichten. Und nur in sehr wenigen Fällen kann die Hand des Menschen durch künstliche Heilung den infizirten Pflanzen zuhilfe kommen. Die Brand- und Rostkrankheiten entstehen durch Brand- und Rostpilze und gehören gleichfalls hierher; ebenso die großen Schwammpilzc, die auf Bäumen schmarozen. Diese Schwämme sind eigentlich keine Parasiten, aber sie bewirken doch, daß der von ihnen bescztc Teil des Banmes krank wird. Wir wollen noch, um die Zerstörungskraft dieser Pilze zu illustriren, die tmmeckos radfciperta, den Wurzelverwüster anführen, einen Pilz, der Fichten und Kiefern befällt, wie ein umgewendeter Hut aus- ficht, und dadurch, daß er die Wurzeln aussaugt, die ganzen Bäume tötet. Jüngere Fichten und Kiefern sterben an diesem furchtbaren Schmarozcr ganz rasch ab. Außer den Schmarozcrpilzcn leben aber auch tierische Schmarozer auf den lebenden Pflanzen, die keine geringeren Verwüstungen anrichten. Es gibt tierische Schmarozer, die eine Auszehrung der von ihnen bcseztcn Pflanze oder Pflanzen- teile bewirken. Dahin gehört die Milbenspinne, die eine Menge Gartenpflanzen bedeckt und sich dort häuslich einrichtet, teil- weise die Blattlaus, die Schildlaus und die Eichen-Phylloxera, welch lcztere die runden Flecken an den Blättern der Eiche verursacht. Weit zahlreicher sind jene Schmarozer, durch deren Ein- Wirkungen auf die Pflanzen abnorme Neubildungen ent- stehen, in oder auf welchen der Schmarozer sich gewöhnlich auf- hält. Diese Neubildungen nennt man Gallen, und die galten- erzeugenden tierischen Schmarozer haben sich sonach den Pflanzen am meisten angepaßt, wie auch umgekehrt ihnen die Pflanzen. Die Bildung von Gallen(Cecidicn) ist so mannichsaltig und so reichhaltig, daß es die größte Mühe macht, nur einen Ucber- blick zu gewinnen. Wir können hier auf die schwierigen und ausgedehnten-Klassifizirnngen, welche die Wissenschaft mit diesen Erscheinungen hat vornehme» müssen, nicht eingehen, und wollen nur einige der merkwürdigsten dieser Formationen erwähnen. Tic Gallen entstehen durch die Einwirkung der Stich-, Freß- oder Saugorgane der schmarozendcn Insekten ans die pflanzlichen Organe. Krümmungen, Verdickungen und Biegungen der Blätter, vermehrte Bildung und filzartige Verdichtung von Blatthaarcn, Austreibungen der Blätter, Anschwellungen an Wurzeln und Stengeln erscheinen, und in diesen winzig und fein organisirten Zufluchtsorten Hausen die Herren Schmarozer mit Weib, Kind und Kegel. Aus dicht zusammengedrängten Haaren der Blätter errichten sie sich förmliche Filzhütten; die Anpassungsgeseze haben ihnen den Gefallen getan, Beutelgallcn, Taschengallcn, Stcngclgallen zuzulaffen. Die Blattläuse spielen in dieser Schmarozerwelt eine große Rolle und sizen behaglich in den durch Krümmungen der Blätter entstandenen Tälern und Schluchten. Die Milben sizen gern in beutelartigen Gallen. Tie Anpassung ist soweit gegangen, daß sich an der Mündung dieser Gallen auch Schnzwchren gebildet haben; dichte Behan- rungen oder förmliche, aus neuen Ansäzen gebildete Wälle,»m kein unberufenes Tier oder auch kein Wasser einzulassen. D>c Rüstergallenlans richtet sich au den Blättern der Rüster"st bohnengroße Behausungen ein. An den Blättern der lllnic findet man die Läuse in blasenförmigen, fein sanimthaarigciv ausgestülpten Gallen sizen. Die Reblaus, die bekannte»n gefürchtete phylloxera vastatrix, gehört zu den gallenbildcndcn Schmarozcrtiercn. Sie bringt an den Wurzeln der Weinsie� Gallcnbildungen hervor, was den Tod der ganzen Weinslocke herbeiführt. Sie legt etwa 40 Eier, ans denen nach acht Tage» Junge ausschlüpfen, die sich ebenfalls an den Rebwurzeln fe>' saugen und schon nach 20 Tage», ohne Begattung, Eier legcn> Sie können 6 bis 8 Generationen in einem Sommer bekomme»- Es bilden sich an den Wurzeln Knollen und Höcker, ans dcne» die Tierchen sizen; das sind die Gallen. So wird die WulZe angegriffen und zerstört; die aufsaugenden Wurzelteile gehen)»' gründe und der ganze Stock folgt nach. Tie Gallwcspo dringen in das innere Gewebe der Pflanze ein und veranlag so eine Gewcbewucherung, die nian als Galle bezeichnet. Dt Kohlgallenrüsselkäfer lebt in keulenförmigen Gallen o Wurzclhals von Raps, Blumenkohl, Stechrübcn und Verwandte Er legt seine Larven in die Gallen, die sich förmlich durch selben durchfressen. Tie Wcidenholzgallmücke bildet Ga � an den Aesten der Weidenartcn, indem sie ihre Larven zu l»e' taufenden dort einlegt. � Tie bekannten Galläpfel entstehen durch den Stich � Gallmücken und Gallwespen, welche ihre Eier u»terzubn»A bestrebt sind. Die Larve ist, wenn sie sich entwickelt hat, vo ständig in der Galle cingeschloffcn und muß sich durch die Ga � wand eine Ocffnung nagen, durch die sie hinaus kriechen Zuweilen aber bildet die Galle selbst Oeffnungen, durch das Tierchen hinausgelangen kann.,. Auch Früchte können sich zu Gallen umbilde», wenn, rozerticrc sich in dieselben eindrängen. Tie Mohn- und � gallmücke sind stets bereit, solche abnorme Bildungen ins zu rufen und versäumen keine Gelegenheit. Das Gichtkov» � Weizens, welches durch das sogenannte Weizcnälchcn gerufen wird, gehört auch hierher.... Mit Vorstehendem haben wir dem Leser eine» Begast den Pslanzcnkrankhcitcn geben wollen und nicht mehr.. massenhafte Stoff verwehrt es, die Sache eingehend zu dclu. Wir wollen damit nur die Erkenntnis dargeta»"a � daß das innere organische Leben der Pflanzen viel reicher als bei einer oberflächlichen Betrachtung scheinen könnte. gleich sei nicht übersehen, wieviel es noch festzustellen»>> � erforschen gibt bei dem, was wir in unserer nächsten A'aO � uns sehen. Man kann berechnen, wie weit die Sonne entfernt ist; man kann das Erscheinen eines Kometen aus 1 z, Jahre auf die Minute voraus berechnen, allein wir wiffr"�-� noch nicht, aus welchen Ursachen der.Harzfluß in der � entsteht. Solcher noch unerkläkten Erscheinungen gibt � ,,jcht in unserer nächsten Umgebung. Wir brauchen also 9nl' in die Weite zu schweifen; es gibt in unmittelbarer Ray genug zu forschen und zu sondiren. 215 Hans Hasenfuß. Eine Alltagsgeschichte aus der jüngsten Vergangenheit. Von Kems Kckcrrt. _ Sicgsned Bandmeycr und Kurt Stark sind heute Freunde auf Leben und Tod,— vor wenigen Wochen jedoch konnten ija sich noch absolut nicht leiden. Wenn Kurt Stark in den �aden trat, in welchem erster Kommis zu sein den ganzen �tolz Siegfried Bandmeyers ausmachte, so schnitt er rasch hinter- einander zwei grundverschiedene Grimassen,— eine furchtbar spöttische,— diese galt dem ersten Kommis Siegfried Band- Meyer— und eine furchtbar verliebte, welche leztere an die Adresse der hübschesten Verkäuferin des ansehnlichen Weistwaarew Zaschäfts Jakob Fink und Komp., des Fräulein Emmy Holder Gerichtet war. Siegfried Bandmeyer seinerseits wurde immer puterrot, wenn er Kurt Starks kräftige Figur in der Laden- K auftauchen und sich von ihm so überlegen über die Achsel �eg gemessen sah,— er wurde rot, obzwar er eigentlich nicht le mindeste Ursache dazu hatte. Fräulein Emmy Holder da- G�ge» wurde gar nicht rot, der über die Aiaszen kecke Kurt Mochte ihr noch so tief und noch so feurig in die schelmischen -mgcn schauen. Also noch vor wenigen Wochen>var dem langen, jjnmlen. abgesehen von der durch lange Uebung und emsigste .. mühung angeeigneten fieberhaft behenden Kommistätigkeit recht m'ischcn Siegfried der flotte Student Stark der unangenehmste Käufer und, was angesichts dieser tiesgefühlten Tatsache Geradezu zum Ausdcrhautfahren war, der am häufigsten wieder- eyrenbc aller Geschästsbesucher. Siegfried Bandmeyer, der früher mit akademischen Bürgern ,eMg oder gar nicht in Berührung gekommen war, glaubte an Jof. c'nen Exemplar so recht deutlich erkannt zu haben, wie , �zlich unpraktisch diese gelehrten verkehrten Leute, Ivie er mit eM Seitenblick auf Fräulein Emmy zu bemerken liebte, seien. m mächtigen Vorteile des Einkaufens im Großen z. B. ver- ochte �nrt Stark augenscheinlich niemals zu begreifen. Ja, Erkenntnis machte in dieser Beziehung sogar die traurigsten jah Als er zum erstenmal, vor ungefähr einem Viertel- Nock Laden gekommen war, hatte er doch tvcuigstcns a,, nuf einmal ein halbes Duzend Oberhemden, ein Duzend ej lra8cn und ein halbes Duzend Manschetten gekauft. Als alz darauf wiederkehrte, kaufte er schon nicht mehr von �uvatten und ein Paar Handschuh, natürlich war dabei Red Profit für ihn wegen Engroskauss nicht mehr die Si/' �'cicn Nachteil statte dem damals noch Ungehaßteu Bandmeyer in beredtester Weise auseinandergesezt. Bodo» schien diese wohlmeinende Belehrung auch auf guten zu fallen, denn Kurt Stark riß die Augen weit aus. �ckte den Nascnklemmer zurecht und fixirte den guten scegsr.ed '"e Weile, dann schaute er nachdenklich bei Seite und machte ,?°>:Hn..hm! Haha! Sehr richtig! Höchst überraschend-Schon " nächsten Tage war er wieder im Laden und trat Hort an ,.'°Ssried Bandmeyer heran, um diesen mit ausgesuchter Artig- .. J.,~»y V. V �***** v»v|**»••••* y I---»•—. y Sßütt: 1''ttcn, er möge seinen so überzeugenden und geistreichen rn. 1 vi lst Ii 1*■,... m. rf.■/ S J I| ÄS sTÄP Ä gAan immer rnkberleWe, sobald der aubeiit an irnern nicke" neucm auftauchte,— er wußte mehrere Augenblicke Cl' sagen sollte, da aber Kurt Stark mit uner- Ml QöCt* %ute aber immer zur Seite und- 11 °uch zum Mo\511",1."stenmale�auf- unausgesezt nach der Richtung hin. blieb!! u" Emmy Holder sich befand. i UIITto**—■ Und diese— Siegfried ornn fix.""em L>aze stecken— diese schien krank zu sein, (ich mie o'�r Taschentuch Vors Gesicht gepreßt und wand o» entsezensvollen Leibschmerzen geplagt. „Liebes Fräulein Holder, fehlt Ihnen was?" fragte Herr Bandmeyer teilnehmend milde. „Wahrhastig, ich war so in Ihren Vortrag vertieft, mein bester Herr Bandwurm——" Siegfried wurde schon wieder rot und Fräulein Emmy schien einen neuen, furchtbar heftigen Schmerzcnsaufall zu bekommen, denn beinahe wäre sie umgefallen und laut mußte sie schluchzen oder glucksen.— „Bitte, Bandmeyer," sagte Siegfried mit Nachdruck. „Ah, Pardon!— mein unglückliches Gedächtnis,— übrigens ich bin Mediziner im vierzehnten Semester, also in meiycr Wissenschaft zuhause wie der geheimste aller Medizinalräte— meine Diagnose inbezug auf das Leiden des Fräuleins ist auch schon fertig: klonische Reflexkrämpfe verbunden mit Dyspnoö,— sehr bedenklich! Nur gut, daß in meiner Person gleich ein gewiegter Aiädchenarzt zur Hand ist—" Dabei schritt der gewiegte Mädchenarzt im vierzehnten Sc- mester eiligst auf das noch immer ihr Gesicht im Taschentuch vergrabende Fräulein Emmy zu und fuhr fort: „Gegen solche Zufälle wendet man am besten Hautreize au, so z. B.,"— dabei bückte er sich ganz außerordentlich rasch zu dem Fräulein nieder,— was für einen Hautreiz er anwendete, konnte Siegfried Bandmeyer nicht sehen, denn der breite Rücken des Studenten raubte ihm völlig die Aussicht auf das Mädchen, — die Wirkung war aber eine wunderbare,— Fräulein Emmy fuhr empor und schlug mit dem Taschentuch nach dem gctviegtcn Mädchenarzt, offenbar noch von den konischen oder komischen Krämpfen— Siegfried konnte sich die gelehrte Bezeichnung des merkwürdigen Krampfansalles nicht recht merken— beherrscht, — damit waren aber auch schon die Krämpfe völlig beseitigt, nur sehr angegriffen schien die hübsche Emmy noch, denn sie zog sich eiligst in die äußerste Ladenccke zurück. Kurt Stark, ihr Arzt, folgte ihr dahin— er mußte von der vollständigen Beseitigung des Krampfanfalles fest überzeugt sein, denn er sprach garuicht mehr davon, sondern ging zu dem Geschäft über, das ihn hergeführt hatte. „Ich bitte um einen Stehkragen, liebstes Fräulein," sagte er. Siegfried Bandmeyer traute seinen Ohren nicht. Er glaubte, der Student habe sich versprochen und werde das einsehen, wen» er den einen Kragen empfange. Aber das geschah nicht,— Kurt Stark nahm den Kragen in Empfang, zahlte die vierzig Pfennige, welche er kostete, in Fünfpfennigstücken der reizenden Emmy in die Hand,— eine Operation, die eine merkwürdig lange Zeit in Anspruch nahm und bei der zweimal eines der kleinen Geldstücke auf den Ladentisch fiel und von diesem auf den Fußboden hinabrollte, und ging, seine Blicke bedeutungsvoll auf Emmys Autliz geheftet, zum Tempel hinaus, ohne sich um Siegfried Bandmeyer auch nur zu kümmern. Fortan kam der gewiegte Mädchenarzt täglich in das Weiß- waarcngeschäft und bewies unserm Siegfried klärlichst, daß seine Belehrung über möglichste Wirtschaftlichkeit beim Einkaufen dies- mal auf den steinigsten Grund gefallen tvar, denn jezt kaufte er regelmäßig gar nur ein einziges Stück: ein Hemd, eine Kravatte. einen Kragen, ja einmal hörte ihn Siegfried sogar fragen, ob man denn wirklich gleich ein volles Paar Manschetten auf ein- mal kaufen müsse, ihm Ivürde augenblicklich eine schon genügen. Siegfried Bandmeycr war nun keineswegs so naiv, um auf die Dauer sich einzubilden, daß hinter dem Gebahren des Studenten keine besondere Absicht, sondern nur kaufmännische Ungeschicklichkeit stecke. O nein! Es war klar, der abscheuliche Mensch hatte sich über ihn nur lustig gemacht und kam weniger wegen der Kragen und Manschetten, als der hübschen, flotten Verkäuferin zuliebe. Und das hieß doppelt und dreifach abscheulich an Siegfried | Bandmeyer handeln. Siegfried nämlich war für Emmys Reize auch nicht blind gewesen; er hatte sich sogar schon eine ganze Zeit lang mit dem kühnen Gedanken getragen, sie dereinst zu seinem ehelichen Weibe zu machen. Gesagt hatte er davon freilich keiner Menschenscele etwas, auch nicht die leiseste Andeutung gemacht. Aber aus- gemalt hatte er sich die Sache schon in hochpoetischer Weise. Zu Ostern übers Jahr war er aller menschlichen Berech- nung nach ein gemachter Mann, indem ihm zu dieser Zeit als an seinem fünfnndzwanzigsten Geburtstage ein kleines von einem alten Onkel hintcrlassenes Kapital zufallen sollte. Damit wollte er sich selbständig machen und als selbständiger Weißwaarcn- Händler brauchte er nicht nur eine gewandte und anziehende Verkäuferin, sondern auch eine Frau,— zwei Posten, die offen- bar sehr gut von einer und derselben Person ausgefüllt werden können. Wer war zu beiden geeigneter als Emmy? Er wußte sich nicht zu erinnern, jemals einem hierzu besser qnalifizirten Wesen begegnet zu sein. Primawaare, in jeder Beziehung Prima, hatte er sich oft gesagt, wenn er Emmy oft so ausnehmend gewandt ihre Kunden bedienen und so reizend schelmisch lächeln sah. Indes glaubte er vielzusehr Kaufmann zu sein, um sich so Hals über Kopf in bedenkliche und abenteuerliche Unternehmungen stürzen zu dürfen. Darum wollte er sich die Heiratssache erst noch reiflich überlegen, Emmy beobachten und prüfen und dann — etwa zu Weihnachten übers Jahr,— damit die Brautzeit nicht gar zu peinvoll lang würde, ihr seine Liebeserklärung machen. Gewiß,— er, der erste Kommis von Jakob Fink u. Komp., mit den sichersten Aussichte» auf ein gutes eigenes Geschäft wollte sich übers Jahr ihr, der mittellosen Verkäuferin, als Weihnachtsgeschenk darbieten. Konnte es etwas Sinnigeres, Innigeres, Minnigcres geben? Siegfried Bandnicycr beabsichtigte sich demnächst auch mit Gcdichtcmachen abzugeben und war gerade daran, sich aus den Werken mehrerer großen Vordichtcr eine Neimsainmlung anzulegen, deren Krone bis jczt in eben diesem Sinnig, Innig, Minnig bestand. Soweit war also alles im besten Gange und es hätte unserm plänekühnen Wcißwaarcnsiegfricd auch sicher nicht fehl gehen können, wenn dieser abscheuliche, gewiegte Mädchenarzt Kurt Stark nicht dazwischengekommen wäre. Aber der verdarb dem ersten Kommis von Jakob Fink u. Komp. die schöne Zeit der jungen heimlichen Liebe gründlich! Run hatte Emmy für ihren heimlich verliebten Borgcseztcn weder Auge noch Ohr mehr. Ja, es kam sogar vor, daß, wenn er sie manchmal niclancholisch seufzend anschaute und auf die Schlechtigkeit der Welt, insbesondere der Stndcntcnwclt, An- deutungen fallen ließ, sie ihm laut und lustig ins Gesicht lachte. Auf diese Weise war sein Verhältnis zu der reizenden Vcr- käufcrin statt intimer, immer frostiger geworden und schließlich gestand er sich seufzend, daß er, wenn er sich nicht blamiren wolle, den Gedanken an eine trenewige Bereinigung mit Emmy am besten gleich ganz aufgebe. Den Studenten aber hätte er vernichten können, und wenn das mit feindseligen Gedanken und unhörbare» Racheschwürcn anginge, so wäre Kurt Stark längst eine Leiche gewesen. Da damit jedoch dem gehaßten Gegner auch nicht ein Haar ge- krümmt wurde, so geschah eben nichts weiter, als daß Siegfried brandrot wurde im langen schmalen Antlize, wenn er des Andern Antliz erblickte,— was täglich allermindestens einmal geschah und häufig.öfter, denn Kurt Stark legte sich schließlich gar eine Sammlung von Hemdenknöpfchen an, die er nie in größeren Partien als zu drei Stück einkaufte, und mitunter hatte er die Dreistigkeit, sich Vormittags eins, Nachmittags noch eins und Abends das dritte Hemdenknöpfchen zu holen. Das ward Siegfried Bandmeyer am Ende doch zu toll, und gerade halte er sich zu dem Entschlüsse aufgerafft, seinem Prinzipal Jakob Fink die unzwcisclhastcn Ursachen der werk- tätigen Geschäftssreundschaft des gewiegten Mädchenarztes zu enthüllen, da blieb dieser ans einmal ganz fort. Siegfried begann aufzuatmen und schon wieder liebevoller und sehnsüchtiger an Emmy zu denken, da ertappte er sie eines Abends dabei, wie sie nach Geschäftsschluß an der nächste» Straßenecke sich einer dort in tiefem Schatten harrenden Mannes- gestalt an den Arm hing und, ihr Köpfchen zärtlich an die Schulter derselben lehnend, sich davonführen ließ. Siegfried kannte die Gestalt, und er kannte auch nur zu gut die Stimme, welche das Mädchen mit den Worten empfangen hatte: „Heut hast du mich aber lange auf Flancllwache gelassen, kleiner Schaz, du kannst dich wohl von dem melancholischen Bandwurm nicht trennen?" „Ja, denke dir nur, dieser Hans Hasenfuß scheint jezt wieder Mut zu kriegen, seit er dich nicht mehr sieht, Kurt, aber— lieber Nonne werden,—— als so einen—" hatte Enimy lachend geantwortet. Bandwurm?! Hans Hasenfuß?! Ha— das ging auf ihn. Nun war alles vorbei. Emmys Schicksal war besiegelt� 1" konnte niemals, weder ans Erden noch im Himmel— 3rnU Wcißwaarcnhändlcrin Bandmeyer werden! Siegfrieds Stimmung an diesem Abend war furchtbar, tln sie wäre wahrscheinlich auch furchtbar geblieben, wenn ihn»ich mit Allgewallt ein neuer großer Gedanke ergriffen hätte. Dieser Gedanke lautete: Jczt mußt du dich erst recht vcr- loben, so rasch als möglich, und Wenns nur irgend geht u" einer noch Hübscheren und vielleicht auch mit einer, die»ich ganz so arm ist, wie eine Kirchenmaus, dann könntest du d>r am Ende gar gleich ein größeres Geschäft gründen und dKlj nichtsnuzige Emmy, wenn sie bis dahin ihren guten Ruf»>$ ganz eingebüßt hat, als deine Verkäuferin cngagircn—_ bn wäre eine Rache— groß und edel zugleich,— so muß c werden! Das war der kühnste Gedanke, den Siegfried in st)"' ganzen Leben gedacht hatte, und er hatte sich auch noch"'c � stark gefühlt, einen Gedanken auszuführen; freilich wußte anfangs durchaus nicht, wie. Aber er grübelte unausgesezt darüber nach— früh spät, während des Tages nnd der Nacht. Er aß nicht fliey so riesig viel als früher nnd schlief nicht mehr so fest als l0'1'' er wurde bald cntsczlich nervös und die Feder zitterte>»' in seiner Hand, so zergrübelte er sein Hirn, wie er seinen fl waltigen Plan ausführen könne._ ,.z Endlich tagte es in seiner verdüsterten Seele. Eines Tvg kam mit ihrer dicken Frau Mama ein nettes, rundes, gesundes Landpommcranzchcn ins Geschäft und kaufte m � Weißzeug und plauderte dabei so ungenirt und zutraulich Siegfried, der die Damen höchst eigenhändig bediente, daß langen Jüngling mit einemmale das Herz ausging. � Willig und freudig, wie kaum je zuvor, schleppte es besten Zeuge herzu, schilderte gesprächig und lebhaft die E'S � schaften der Waarc, ohne zu übertreiben und sczte sch"� die denkbar niedrigsten Preise an.. Tie dicke Mama war eine ausgezeichnete Kenner»'.� alle» Leinenwaarcn, und auch die schmucke Tochter wußte ö..� lich in dem Fache Bescheid. Beide zeigten sich mit®. g und Preisen höchlich zufrieden, und die Mama'"cktc � gnädig, als sie ging, indes das Töchtcrchcn zutraulich klein wenig errötend dem tief komplimentirenden nnd die Dame mit strahlenden Augen betrachtenden Kommis J",U' � Tie oder keine, beschloß Siegfried Bandmeyer bei M' er die Tür hinter den Damen zumachte. Und diesmal lächelte ihm von vornherein das Gj":• Als er Abends noch ganz warm von der intcrefsa» � � gcgnuiig in der Stammkneipe einigen guten Bekannb" � glühende Schilderung entwarf von dem reizenden~t''jjjrfp soeben seinen Lebenslauf gekreuzt habe, da lachte einer der genossen hell auf und sagte: � ,rfC k1' „Es wäre rein zum Totlachen, wenn die Fve.wi i � Bandmeyer eben mit so dick aufgetragenen Farben unicrc_ tasie vormalt, mein Büschen vom Lande wäre— CItt so dralles, ganz allerliebstes Ding freilich, aber docki gvr übermäßig ideal angehaucht und noch blutjung— Und richtig, besagtes Väschen— allerdings ungefähr eines aus dem zehnten Verwandtschaftsgrade— war es wirklich, das jedoch mit dem Nei- senden für Bertold Grönners Buntpapierfabrik dereinst in weit nähere Verwandtschaft zu treten bestimmt war,— denn dessen verlobte Braut>var die Schwester des von Siegfried Band- meycr bis in alle Himmel erhobenen kleinen, drallen, aller- liebsten Dinges. ,,Was täten Sie, Bandmcycr," fragte der Reisende, Gustav Jungmann mit Namen, ,,wenn ich nicht mit der brei Jahre älteren Schwester Klara Prechtling, sondern mit bcni kaum siebzehnjährigen Schlichen Prechtling verlobt gewesen wäre?" Siegfried Bandmeyer fuhr sich mit beiden Händen in die Haare,— der Gedanke war fürchterlich, aber die Gewißheit, baß das dralle Schlichen nicht Gustav Jungmanns Braut, ja sogar allerhöchst wahrscheinlich noch ganz frei war von jeder �iebcsverpflichtung war, erhielt ihn doch bei guter Saune. „Die ganze Nacht würde ich Zündhölzer geschabt haben," cntgcgnetc er. ..Was Zündhölzer geschabt,— Sic schnappen doch nicht etwa schon vor Verliebtheit über, Bandmcyer?" „Gott behüte! Im Gegenteil,— ich hätte die Nacht über Zündhölzer geschabt, um mich bei Sonnenanfgang mit dem Phosphor zu vergiften, das ist doch ein sicherer Tod, Jnngmann, denke ich." „Wenn es schon so schlimm steht mit Ihrem unberührten Junggesellenherzen, Bandmcyer, dann ist es am gescheitesten, Sie gehen der Geschichte gleich ans den Grund und sehen, ob Sie die Kleine mag." „Das ist ganz meine Ansicht" jauchzte Siegfried hoch auf, „ganz und gar, ich möchte Ihnen einen Kuß geben, Jungmann, so sprechen Sie mir aus dem Herzen,— aber sagen Sie mir nur, als Sachverständiger, was soll ich anfangen, was— ich tue alles— ich lerne noch diesen Herbst tanzen, reiten, schwim- inen,— ich mache die himmlischsten Verse——" „Ach was, schwimmen und Verse machen,— das Väschen ist weder ein Teich, noch eine hirnverrückte Bildungsdamc, die partout einen Schiller oder Goethe zum Manne haben möchte. — Werde mirs bis morgen überlegen, dann sag ich Ihnen, was zu machen ist— heut trinken wir aber noch ein Gläschen Wein auf die zukünftige Bcrwandtschast,— Sic bezahlen, Bandin cyer, wie?" „Mit Vergnügen,— nur her, aber Sic sind und bleiben mein treuer Berater und Freund, Jungmann—" „Gewiß— ans Ehre und entwickle mich mit möglichster Geschwindigkeit zum leiblichen Schwager— angestoßen, so— noch einmal und zum leztenmale!",(Schluh s°igi.> Dem alten Jahr. Olloch eine flüchtig-kurze Stunde, So ist durchlausen deine Bahn, Und hundert Glocken in der Runde Berkünden eines andern Nah». Schon winkt und nickt man ihm entgegen Und füllt den Kelch und jubilirt, öndes aus ncbelvollen Wegen Sich deine lezte Spur verliert. So gehtS aus Erden einem jeden, Wie sroh begrübt eS auch begann— Ich aber will mit dir noch reden, So lang dein Ohr mich hören kann. Doch fürchte Bitten nicht und Klagen, Was auch in mir verglomm, versank, Was ich(inch litt an trüben Tagen— 3ch bringe dir den lezten Dank! Wohl hast du nicht erfüllen dürfen Was ich zu bitten nicht gewagt, Wohl hast den feurigsten Entwürfen � boldne Stunde du versagt, Wohl fühlt' ich oft die Krast ermatten Und nieine Seele wurde voll Vom Ziehn und Wallen grauer Schatten— Doch heg' ich l)nrum seinen Groll. Gedicht von Wuöotf Lcrvcrnt. Das mußte sein und sei vergessen: Des Schicksals wars, nicht deine Schuld Doch laß die Hand dir innig pressen Für jede? Zeichen deiner Huld, Für jeden Blick, der süßverhohlen Und scheu ins Auge mir getaucht, Für jeden Kuß, den du verstohlen Auf meine heiße Stim gehaucht. Ich danke dir für jedes Lächeln Von rosig-frischcm Kindermund, Für jedes kühlen Lüftchens Fächeln Im bachdurchrauschten Wiescngrund; Für jeder Blume stilles Düften, Die sich in Mädchenlocken schmiegt, Tic über eingesunknen Grüften Im Abendwind das Köpfchen wiegt. Ich danke dir für jedes Rauschen Im dämmergrünen, stillen Tann, Das für mein ahnungsvolles Lauschen Unsäglich tiefen Sinn gewann; Für jedes Lied, das ins Gezitter Der Blätter sanst ein Vöglein sang; Für jedes Lied, ob süß, ob bitter, Das sich der eignen Brust entrang. Für jede Rast auf Berg und Dllneu, Für Sternenlicht und Mondenschcin, Für jeden Wandertag im Grünen, Für jeden Becher Feuerwein, Für jede Windsbraut, die mit Stöhnen Die Wipfel bog in schwarzer Nacht, Für jeden Blizstrahl, jedes Dröhnen , Der Donner sei dir Dank gebracht. Ich danke dir für jede Stunde, Die mich auf lichte Höh'» geführt, Da ich in meiner Seele Grunde Verwandten Wesens Hauch gespürt, Da ich, von Stolz und Freude trunken, In schön're Geisteslande drang; Ich danke dir für jeden Funken Des Zorns, der aus den Augen sprang. Es wird mir schwer, von dir zu scheiden, Viel schwerer noch, als ich gedacht: Du hast durch Freuden und durch Leiden Mich reifer, sinnender gemacht. Du zeigtest mir daS schlichte Echte, Du zeigtest Gleißendes als hohl— Ich löse zaudernd meine Rechte Aus deiner Rechten: fahr' denn wohl! � Unsere Illustrationen. (c. 201.) Wir sehen auf unserem Bild eine Episode i.et Sägedvtnrf,. Sauen, wie man die Wildschweine in i,üt Wald, j,, L bkw ähnlich bezeichnet. Bei einer solchen Strcishaz wird J'W und hi.?l"!nn bas Gewild vermutet, von den Jägern ringS di-"")'«sflelnfi.,, m(Hezen, Rüden, Bracken nennt sie der Waid- «w,'den crfJ'; �0.rnn rennt der„Saufinder", der Hund, der runzen eine? sa!?!-ü�spürt; wenn sein kurzes Gebell und das dumpfe i°lgt mit anzeigt, daß er gesunden hat, was er sucht, dem Geheul die ganze Meute auf seiner Spur, um das Wild den Jägern zum Schuß oder zum Abfangen zuzutreiben. Das ist keine leichte Aufgabe, und häufig muß dieser oder jener„flinke Rüde" seine Verwegenheit mit dem Leben bezahlen. Wenn ein Eber oder Keuler ausgeiagt wird, so kostet es gewöhnlich Opfer. Grimmig steht dann der Keulcr inmitten der ihn umschwärmenden Meute, die ihm keinen Augenblick Ruhe läßt und ihn von vorn, von hinten und auf den Flanken anfällt, und seine kleinen tückischen Augen rollen unheimlich umher. So lauert er, bis einer der Rüden sich frech zu nahe herangewagt hat und mit BlizcSschnelle, wie man sie dem plumpen Tier gar nicht zutrauen sollte, fährt er aus mit scincii gewaltigen Hauern, seinem Opfer den Bauch ausschlizend. Aber die Meute läßt sich dadurch nicht entmutigen; sie wird vielmehr zur Wut entflammt. Immer wieder ihre Angriffe erneuernd, treiben sie den Keuler aus dem sicheren Dickicht hervor, bis er auf einer freien Stelle zum Schuf; kommt oder die Kette der Jäger zu durchbrechen sucht. Dann beginnt der ge- fährlichste Teil der Jagd. Es gelingt oft nicht, den Keuler mir der Büchse zu erlegen. Man muff in der Regel eine Kugelbüchse nehmen, denn die Haut des milden Ebers ist wie ein Panzer, an dem Schrote und Posten abprallen. Das Wildschwein reibt sich viel an harzigen Bäumen, wodurch die borstigen Haare mit Harz bedeckt und mit ein- ander verklebt werden, so das; in der Tat eine Art von Panzer ent- steht. So wird häufig der Keuler nur verwundet; dann aber erreicht seine Wut den höchsten Grad und er flieht nicht mehr, er geht ans den Jäger los. Dieser, dem keine Zeit bleibt, seine Büchse wieder zu laden, ist nun auf das Abfangen angewiesen, eine Prozedur, die viel Kalt- blütigkeit und Geschicklichkeit erfordert. Zum Abfangen bedient man sich zuweilen des Hirschsängers, gewöhnlich aber der sogenannten Schweinsfeder, eines langen Jagdspiesies. Mit dieser Waffe muß der heranschnaubende Keuler geschickt in die Brusthöhle oder auf das Blatt gestochen werden. Wenn dieser Stoß nicht gelingt, so kann es dem Jäger leicht das Leben kosten. Dies war namentlich früher der Fall, als Deutschland noch von weit mehr großen und tiefen Wäldern bedeckt war, die große Rudel von Wildschweinen in sich bargen. Damals fanden sich bei diesen Tieren Exemplare von geradezu sormidabler Größe und Stärke, wahre Ungeheuer; es gab früher solche Tiere, die oft lange eine Gegend bedrängten und die Bevölkerung in Schrecken sezten, bis es einem kühnen Waidmann gelang, sie zu spießen. Heute ist das Wildschwein in Teutschland nicht mehr sehr zahlreich; es kommt aller- dings noch vielfach vor, meistens in Jagdgehegen, wo die einzelnen Tiere nicht jene Größe und Stärke erreichen, als in früheren Zeiten. Das weibliche Wildschwein, die Bache, kann auch gefährlich werden, namentlich wenn sie Jnnge(Frischlinge) hat. Im übrigen lebt der Keuler außer der Brunstzeit allein und überläßt die Sorge für die ganze grunzende und brummende Familie der Frau Mama. Man sieht, die Wildschweinsjagd ist ziemlich gefährlich, aber auch nicht mit jenen Grausamkeiten verbunden, die bei den Hezjagden in England üblich sind. Der Keuler wird getötet, weil er bewaffnet ist und mit seinen Hauen«, von den Jägern Gewehr genannt, töten kann; in England hezt man Hirsche und Füchse so lange, bis sie vor Ermüdung zusammenbrechen. Wir behalten uns vor, einmal in einer ausführlichen Arbeit die Grausamkeiten darzustellen, die bei einzelnen Jagdarten gegen die Tiere be- gangen werden." W.B. „Tat Sledcnrecht".(S. 209.) Von allen deutschen Dialektdichtern hat wohl keiner sich das Herz des Volkes so erschlossen, als unser mecklen- burgischer Landsmann„un Demotrat" Friz Reuter. Es verstand aber auch keiner vor und nach ihm, das Volksleben in seinen Leiden und Freuden mit einer solchen Feinheit und Gefühlstiefe, belebt von dem löst- lichsten Humor, zu schildern wie er. Die Behauptung moderner Poeten mit krummen und anderen Nasen, Friz Reuters Dichtungen seien„Poesien auf Holzpantoffeln", kann nur auf gelben Neid zurückgeführt werden. Das Volk hat sich nicht daran gekehrt, es hat seinen Friz Reuter in vielen taufenden von Exemplaren gekaust und noch lange, wenn jene Neider längst der wohlverdienten Vergessenheit anheimgefallen sind, werden Reuters Dichtungen dem Volk eine unerschöpfliche Quelle deS echten rechten Humors sein. Der bedeutendste Illustrator Reuterscher Poesien ist zweifellos C. Beckmann, dessen Reutergallerie(im Verlage von H. Bruckmann in München erschiene») wir unsere heutige Illustration,„dat Sledenrecht", entnehmen. Es ist eine Szene aus„Dörchläuchting". Der„Löper Halsband" hat„Stining-Swesler" auf dem Eise in eine duulle Wald ecte gefahren und übt„dat Sledenrecht"(Schlittenrecht) an ihr aus, indem er sie derb abküßt.„Swester Dürteu" hat aber aufgepaßt; »e fragt beim Nachhausegehen Stining aufs Gewissen;„Stininq, segq de Wohrheit, hett hei di küßt?"„Ja." säd Stining,„wenn du't doch weiten möst, hei hell mi küßt!"„Hett hei di sihr küßt?" frug Dürteu.— Da bömte sick so'n lütten allerleiwsten Jumserntroz bi Stining up un sei säd:„In, hei hett mi sihr küßt." Als Dürten nun gar wissen wollte, wie viel Küsse er ihr gegeben halte, sagte Stining ganz pazijr„de Ort ward„ich tellt!" Hiermit mußte Dürten wohl zufrieden sein, Stining un Halsband waren auch zufrieden. Halsband war nämlich der Läufer deS von 1753—1794 regierenden „Törchläuchten" Adolf Friedrich von Mecklenburg-Strelih. Lezterer hatte„drei Grugels und drei Furchten, de ein kein Rauh leten". Die drei„Grugels" waren Angst vor Arbeit, Gespenster und Weiber; die „drei Furchten" bezogen sich auss Gewitter, den Tod und die Even- tualität, daß ihm eines Tages die Krone abhanden kommen könnte. Tie Furcht vor einem Gewitter spielte ihm manchen dummen Streich. Von dem„Konrekter" hatte er erfahren, daß Seide, GlaS und Siegel- lack die Elektrizität„nich antreckt«, deshalb ließ sich„Dörchläuchting" cin kleines Haus von Glas bauen, welches mit einem seidenen Schirm zugedeckt wurde; in dem Glashaus stand der herzogliche Troniessel aus tf-latchenhaffen. Wenn ein Gewitter herannahte, dann zog„Törchläuch- ting" einen seidenen Schlafrock an. sezte eine seidene Müze ans. fuhr in Pantoffeln, die mit rotem Siegellack Überzogen waren und kroch, so ausgestattet, in ,em GlaShaus. sezte sich auf den Tron und glaubte nach allen Seiten hm gesichert zu sein. Sobald das Gewitter begann wurde die goldene Krone auf dem herzoglichen Sessel,„will se antreckt" in ein seidenes Tuch gehüllt und bei Seite gelegt. Bei jedem Bliz fuhr der Herzog zusammen, bedeckte sein Gesicht mit einem seidenen Tuch und schrie:„Ach, du leiwe Gott, ach, du leime Gott." Um jedoch auf den Held unserer Geschichte, Halsband, zurückzu- kommen, so war derselbe in Allerhöchste Ungnade gefallen und, obwohl unschuldig,„in't Lock smeten worn".— Am andern Tage»ach diesem schweren Regierungsakt brachen„saeben Gewitter" aus und bei solche» Gelegenheiten mußte der„Konrekter", der bei Dörchläuchting„as'n höllschen klanken Minschen" galt, auss Schloß kommen, um zu trösten. Stining-Swester, die durchs„in't Lock smieten Halsbands" sehr betrübt war, wußte, daß der Konrektor bei„Dörchläuchting" während eines Gewitters alles durchsezen konnte; sie wandte sich daher an ihn mit der Bitte, ihr zu helfen, d. h. Dörchläuchting zu veranlassen,„Halsband ut't Lock to Inten". Das tat auch der redliche Mann. Erst wollte „Dörchläuchting"„nich ran", als aber einige heftige Donnerschläge die Vorstellungen des Konrektors unterstüzten, willigte er unter Ach und Krach in die Begnadigung seines Läusers, dem es später, allerdings nach vielen Fährnissen, gelang,„sin leiw Stining" heimzuführen. u. In der Pause.(S. 213.) Diesmal haben sie'S allzuschlimm g(" macht. Kaum hatte der Schulmeister den Rücken gewendet, als übereinander herfielen und sich gegenseitig eine gräuliche Balgerei>>(' serten, die weniger sür die harten Schädel der Beteiligten als für d» ehrliche Schulgeige von den schlimmsten Folgen war, denn es| ihr das Leben. Da liegt sie entseelt am Boden, den schlanken Haj vom Rumpf getrennt, und das kleine brave Kätchen kniet vor ihr" tiefer Trauer und in Vorahnung des fürchterlichen Strafgerichts, wclcm die Missetäter treffen wird. Selbst der angehende Raffael, welcher K' müht ist, die ehrwürdigen Züge deS Schulmeisters höchst respektlos,, karrikiren, unterbricht einen Augenblick sein Werk, auf die Trümmer blickend, die auf dem Schlachtfeld zurückgeblieben. Ist es eine Simu' ij tanschule, in der sich die Szene abspielt? Schwerlich: das prioiit» Bild an der großen Tasel zeigt sogar, daß des Lehrers Oberlippe leuie? j wegs von einem staatSaesährlichen Schnurrbart beschattet ist*) und£> ganze Phpsiognomie läßt schließen, daß in ihm die Milch der fromme, Denkuilgsart der Regulative sich noch niemals in daS gährende Traan f gist antikonservativer Gesinnungen verwandelt hat. Es vergeht» Tag, wo die Buben nicht mit den schönen Worten und fromm| Sprüchen christlicher Liebe überschüttet werden und jeder Uiiterrich' it ginnt und schließt mit einem Choral und einem brünstigen Gebet. u[M dennoch solche Streitsucht, solche Widerspenstigkeit, solcher Mangel Achtung gegen den Lehrer! Doch das erklärt sich sehr einfach:.» ist der Teufel sicherlich." Ja freilich, der Teufel und seine Base, Erbsünde, lassen sich nicht so leicht überwältigen und offenbar l)at der Schule noch weit mehr mit Gebeten, Chorälen und �(*11 geleistet werden müssen.— JesuS, der milde Stifter deS Christen; stellt das unmündige Kind als Muster deS Envachsene» hin:» ,gcht euch nicht bekehrt und werdet wie eines dieser Kleinen, werdet'h'�, eingehen in das Himmelreich." Das Pfaffentum aber glaubt w 1 Kinde eine Bestie verborgen, die Erbsünde. Diese auf purer Um heit beruhende Lehre verteidigen die ortodoxen Pfaffen aller KouKii � mit Fanatismus, um ihr Dogma vom Erlösungstod Christi bauen zu können. Sie dichten dem Menschen eine Erzkranrh� �|| damit er in ihre Apoteke laufe und ihnen ihre Mixturen, Psiostr � Pillen abkaufe. Was aber diese Medikamente gewirkt hiibeu»i � wirken, das zeigt die Geschichte und das Leben zur Genüge�( todoxe Religioiisschule erzieht ihre Pflegbesohleiien zu einer Hrmf Heuchlern und Duckmäusern und zu bösartigen Fanatikern.. düster! und umnachtet die Bernunft, erstickt das Rechisgetnb hemmt die Regungen des Mitgefühls und der Humanität in ihre � I'altung.— Es ist nicht wahr, daß das men schliche Herz M' �, Jugend ans ist; der Mensch isl von Natur ebensowohl zum Bo>e � � zum Guten sähig. schlechte Anlagen, schlechtes Beispiel, i*�ast sellschaft, schlechte Lehren, vor allem aber schlechte Erziehung � den Menschen schlecht, und diese schlechte Erziehung besorgt rr,„e* Tingen die Ortodoxie mit ihren vernunftwidrigen Dogmen und tr Uebungen selbst. Also, wenn sich die Kinder bessern sollen,'»"# nächst Lehrer und Lehre gut und vernünstig sein. Beiträge zur Länder- und Bölkerkunde. Tie Frauen bei den Böcrs im Kaplande. Das Land der � ist das Paradies der Frauen. Tic Hausfrau ist innerhalb m � das Haupt der Familie. Ihr Stuhl ist geheiligt, niemand' a darauf zu sezen; ihr Plaz vor der Kaffeekanne ist altehrtourdig- �, Kauf oder Verkauf wird ohne sie abgeschloffen; sie hat ihr gi' jM, Vermögen und ihren Kindern werden von der Geburt an Ho Schafe und Pferde zum ausschließlichen Eigentum bestimm zei macherei und Heiraten gilt den Mädchen als die höchste Lebens, wie auch anderswo; aber das K ourmachen dauert» und ist sehr unromantisch. Ein oder zwei Besuche im V*, I "Rh. Wests. Zig." zufolge werden In Preußen auch stil Zeiten der stieottion, koutmitcnUjten über die«otttschnllehrer listet �Ileid«' wird u. o. gefragt: ob der Lehrer einen Schnurrbart trage?»ie et i w er Sonntag» legte? u. f. w. 219 schönsten genügen, das Tchicksnl eines Verliebten zu entscheiden. Die Mädchen heiraten zwischen fünfzehn und achtzehn Jahren. Die Eltern wnnen ihren Kindern eine Heirat aus Neigung nicht venvehrcn. Der Friedensrichter ist der gcsczliche Wächter über die Rechte der Unmün- d'gen, und er veröffentlicht die Verlobung an der Türe des Gemeinde- Muses, auch gegen den Willen der Eltern. So war einem jungen Manne von den Eltern gestattet worden, ihrer Tochter den Hos zu Machen; als sie aber seine Armut erfuhren, wollten sie nichts mehr von «ner Heirat wissen. Das jugcndlichePaar wandle sich an den üaiiddrosmi und dieser entschied endgültig zu ihren Gunsten. , Ein Böermädchen wird fast immer einen Verwandten ihrer Familie Giraten, ja lieber einen leiblichen Vetter, als einen Fremden. Heiratet «".°us der Familie hinaus, oder gar einen Mann anderer Nationalität, m sie mit ihrem Sinnen und Trachten doch ganz bei ihrem «oike und in der Tieje ihres Gemütes lauert die Scheu vor dem l emden Herrn und Meister. So hat sich denn auch der Brauch be- M"gt, dag Jungverheiratete zuerst eine Zeitlang im Hause oder aus der »arm der Eltern der Braut leben; daher rührt die gänzliche Unter- inNung bes Mannes unter den Willen seiner Frau und seiner Schwieger- 1 Cr-(Aus„Beitrüge zur Saralterisiik der Biicri" von Brix Förster. „Ausland" l«8Z, 29. CIL) „ S« Waldungen(ilsah- Lothringens umfassen nach der„Magdb. c, y:"lZ,72 Prozent des Gesammtareals des Landes, nämlich 445,771 bpofti*" Uo" 1 450910 Hektaren(dagegen in Preusien nur 23,30, im Stn Z.'11 �c'c�c �5,70 Prozent). Davon gehören 30,08 Prozent dem s«.»?' den Gemeinden, 3,85 Prozent beiden zugleich, 0,55 Jn- bäi, ,u"') 21, Ol Privaten. Unter den Holzarten stehen die Nadel- zcr obenan(34 Prozent Tannen, 17 Prozent Kiefern, 2,30 Prozent deiiiM'«2,80 Prozent sind Buchen, 11,60 Eichen. Während der HcOn Verwaltung sind 1320 Hektaren neu ausgeforstet, aber 3411 dock t n �er.obet worden, waS einen Abgang von 2091 Hektaren ergibt; feett'0Ue" Zukunft gröbere Aufforstungen stattfinden, wozu 47000 en Ledländercien verfügbar sind. in»��.�".�""Sserpedition, welche den Lauf des Jnkonsiroms 'eine,- o(Nordamerika) verfolgte, teilt mit, das; sie den Strom in atöftw?-®,6••l'on 2000 engl. Meilen hinabsuhr; derselbe soll einer der wenrii- t�trome der Welt sein und eine um 50 Prozent gröbere Wasser- StciL-v'"'"ls der Mississippi. Seine Breite soll an manchen ,eUc" sieben Meilen betragen lonitu 111,1 die Einwanderung in Australien. Wie die Ko- such;,>A�?"divaleS, Queensland, Neuseeland und Tasmanien, so aus iL»? �'i�aust rolie n durch freie und assistirtc Einwände r u n g einem schwache Bevölkerung zu mehren. Die Kolonie, mit an,] 9fbn!."an 42448', deutsch-geographischen Quadratmeilen, zählte "ur..�2 erst 301614 Seelen Freie Beförderung erhalten lonie.�'"adche,,. Alle übrigen Personen— sofern sie für die Ko- Vmchn,, Mniiden, also namentlich in der Landwirtschast und im eineu Arbeiter sind,— zahlen entweder, je nach Alter, »oslen L drei bis fünf Pfund Sterling, oder sie tragen die Warram ai. � wlber und erhallen dann eine sogenannlc Landordrc aus ,,y.,,,.°"�)wanzig Pfund Sterling. Es ist dies eine Anweisung der Realer? Sterling, welche bei Ankauf von Kronland von äffende awl-9 0,5 Vaarzahlung angenommen wird, sobald die be» Rechnet u ,-,OU"achweislich zwei Jahre lang, vom Tage der Landung wurde ai'ick l-!£ der Kolonie verblieben ist. Diese Vergünstigung ''''mct crftKtCUt,'.'c,t Auswanderern zuteil, aber sie halten sich bisher •'"l) vertu st." le""er Kolonie in London, jczt Sir Arthur schied/ Ti a"""rzustellen. damit lezterer über ihre Tauglichkeit eut- !"dcm die kvi. r �".wlichkeit ist seit Juni 1883 in Wegfall gekommen, ffoy beunnlü"�. Regierung das Hamburger Hans Cäsar Godc- deich*.»'"achOgt hat, an für Siidaustralirn nach Vorschrift geeignete ""dzusteU-n �'d.rer eine Landordre über zwanzig Pfund Sterling "ach Cedir,,' �seschzeitig übernimmt es die Firma, die Auswanderer tkilich iheer Landordre frei nach der Kolonie zu befördern, dbr Ablani Risiko, dab, falls die betreffende Person die Kolonie '"Rg tuiTd0n �ue' fahren heimlicherweise verläßt, die Landordre ln �üdanst des Signor Ecsarc, welcher sich im Mai dieses Jahres , s°nie 11"ushielt, eine beliebige Anzahl Malteser nach dieser ,"gen wen." wollen, falls die Regierung die Koste» der FiGrt "iedriaen" abgelehnt, weil die maltesischen Bauern aus einem "" Grade der Kultur stehen. 3uden in Jerusalem beziffert A. M. Luncz, ein d-? �u»,me ivohnender Jude, für das Jahr 1877 aus 14 000, p'ien f|; s".'che sich seitdem noch beträchtlich vermehrt hat.«ic sick � selbst und sechzig Gebet- und Studirhäuser in der �.ivathäusen, Umgebung; zwölf von den lezteren befinden .ngl�i*. �s../g"ssu»g Englands in Weftafrika. DaS zirka ' welZ Ä"l.n lange Stück der w e st a f r i k a n i s ch e n »ch vom rechten User des MannafluffeS(Grenze von Liberia) bis Scherbro hinzieht, ist kürzlich von England annektirt worden. Dafür hat Frankreich am 2. April d. I. den Eingeborenen- staat Porto Nuovo, halbwegs zwischen Whydah und Lagos bcsezt. Biitteilungen aus dem Gebiete der Landwirtschaft. lieber die Alpenwirtschaft in Teutschtirol schreibt Dr. v. Jnama- Sternegg: Die große Bedeutung, welche die Alpenwirtschaft für Tirol hat, läßt sich schon daraus abnehmen, daß von den 527 Gemeinden Deutschtirols 388 oder fast 74 Prozent Alpen innerhalb ihrer Gemar- kung haben, und sich auf diesem Olebiet 2482 Alpen mit einer Gesammt- ausdehnung von 689 786 Hektaren befinden, welche 88 Prozent des gesammten Weidenlandcs von Dcutschtirol ausmachen. Die 156 575 Rinder, welche im Jahre 1873 den wirklichen Besaz der Alpen Deutsch- tirols bildeten, betragen 50 Prozent und die 137 659 Schafe 63 Prozent der gesammten bei der Zählung 1869 konstatirlcn Zahl beider Tier- galtungen im ganzen Land. Die nördlich vom Brenner gelegenen Be- zirke sind reicher mit Alpen gesegnet, als die südlichen Teile, die Alpen des Unter- und LbcrinntalS(1167 und 291) nehmen mehr als die Hälfte des ganzen Alpenbodens ein. Das Untcrinntal zeigt sich mit Hinblick auf die Grasrechte noch mehr als nach dem Flächenmaße seiner Alpen als das wichtigste Gebiet der deutschtirolischen Alpenwirtschaft. Es ist auch die eigentliche Domaine der Privatalpen und steht im direktesten Gegcusaze zum Oberinntale, wo die Jnteressenschasts-(Ge- nossenschafts-) und Gcmeindealpen fast ausschließlich herrschen. lieber die diesjährige Ernte in Amerika lauten die Nachrichten ziemlich günstig. Man schäzt den Ertrag des Weizens ans 500 will. Bushcls, den Ertrag des MaiS auf 2000 Millionen. Da in Amerika der Mais die Hauptkonsumtionssrucht bildet, so wird der größte Teil des gcemteten Weizens für die Aussuhr verwendet werden. Es sollen überdies noch sehr beträchtliche Vorräte von altem Weizen nicht nur in den Magazinen der Händler und Spekulante», sondern auch bei Farmern lagern.__ Für unsere Aausfrauen. lieber die Ausnuzung der Brennstoffe durch Zimmeröfen. Unsere Ammeröfen haben bekanntlich den Zweck, auf eine mög- lichst billige und wenig beschwerliche Weise die Temperatur der Zimmer je nach Gewohnheit und Liebhaberei auf 15 bis 20 Grad zu bringen und zu erhalten. Um zunächst die erforderliche Wärme zu erzeugen, haben wir zu berücksichtigen, daß zu einer vollständigen Verbrennung nicht nur eine hinreichende Menge atmosphärischer Lust, sondern daß auch eiue genügend hohe Temperatur nötig ist. Diese Bedingungen für eine möglichst vollständige Wärmeentwicklung werden in unseren Stubcnösen meist nur sehr unvollkommen erreicht. Weitaus in de» meisten Fällen werden die Kohlen in gewissen Zeiträumen auf das mehr oder weniger'niedergebrannte Feuer geworfen. Durch die Wärme entwickelt sich eine große Menge Leuchtgas, zu deren völliger Vcr- brennung in manchen Fällen die zugesühric Luft nicht ausreicht, so daß Kohlenoryd, auch wohl Kohlenwasserstoffe, namentlich aber ausgeschie- dener Kohlenstoff, Ruß, entweichen. Andererseits wird zum Erwärmen der Kohle und zur Entwicklung des Leuchtgases Wärme verbraucht und dadurch das Gasgemenge teilweise unter die Entzündungstemperatur abgekühlt, die Rauchgase enthalten wieder Ruß, oft auch Kohlenoxyd und andere brennbare>'!ase. Dies tritt um so leichter ei», als unmitiel- bar vorher durch die teilweise bloßgelegie» Rostspalten und während deS SchürenS durch die Tür große Mengen Lust eintreten und den Fcncrraum abkühlen. Di- Leuchtgasentwicklung läßt allmätich nach, ' die Temperatur erhöht sich, die Rauchbildung hört aus und die zurück- bleibenden Koke verbrennen ohne Flammc. Besser stellen sich in dieser Beziehung die Füllösen, in denen die Kohlen von oben Herabbmine», da hier das gebildete Leuchtgas mit Lust gemischt durch eine Schicht glühender Kohlen streichen muß, so daß infolge dessen meist eine völlige Verbrennung erzielt wird, falls eS nicht etwa an Sauerstoff mangelt. In gleicher Weise wie Steinkohle geben Braunkohle, Tors und Holz erst Leuchtgas, dann ohne Flamme brennende Kohle. Immer aber erschwert jede zu starke Abkühlung des Feuerraumes die vollständige Verbrennung, begünstigt daher die Rauchbildung. Abgesehen von dem unmittelbaren Wärmeverlust wird durch die Rußablagcrung in den Zügen die Uebertragung der Wärme von de» Fcuergasen auf die Zimmcrlust wesentlich erschwert, der Wärmevcrlnst durch die Rauchgase somit vergrößert. Die glühenden Kohlen sollten demnach die Eisen- flächen des Lfens nicht unmittelbar berühren, sondern durch eine Schicht seuersester Steine davon getrennt und dadurch vor zu starker Abkühlung geschüzt sein. Daß diese Abkühlung und damit Rauchbildung durch die Unsitte deS Nässens der Kohlen wesentlich begünstigt wird, liegt aus der Hand. Unvollständige Verbrennung infolge von Lustmangel dürste bei den gewöhnlichen Oese» kaum vorkommen; im Gegenteil lassen dieselben durchweg zu viel Lust eintreten, wodurch das GaS- gcmisch, namentlich die an Kohlenstoff reicheren Bestandteile desselben, oft unter die Entzündungstemperatur abgekühlt ivird und daher unver 220 bräunt entweicht. Bei einigen Oeseil ist der Wärmeverlust erheblich, welcher dadurch veranlaßt wird, das Kohlenstnckchen unverbrmint durch den Rost fallen und Koke auf dem Rost infolge zu großer Abkühlung nicht völlig ausbrenneu. In solchen Fällen empfiehlt cS sich, daß durch die Rostspalteu gefallene Gemisch gegen das Ende des Heizens aus die noch in mäßiger Glut befindlichen Kohlenreste zu bringen. Durch die Aschcndecfe wird dann die Wärme derartig zusammengehalten und die Luftzufuhr gemäßigt, daß die Koblenreste fast völlig ausbrennen. Die durch vollständige Verbrennung erzielte Wärme soll aber im Zimmer bleiben und nicht mit den Rauchgasen in den Schornstein cntivcichen. Die Größe dieses Verlustes festzustellen, war der Zweck einer Reihe von Versuchen, welche bestätigten, daß Kachelöfen für die Wärmeabgabe an die Ziininerlnst viel ungünstiger sind als Eisenöfen. In der Tat scheint es sast, als ob die Kachelöfen bestimmt wären, den Schornstein, nicht aber das Zimmer zu heizen, da die mit der Ziininerlnst in Berührung kommenden Flächen unter Vermeidung scharfer Ecken und Unebenheiten sorgfältig mit einer Glasur versehen werden— alles Umstände, welche die Wärmeabgabe möglichst erschweren. Dem entsprechend gehen auch (laut angestellter Versuche) die Gase attS dem Kachelofen, obgleich der selbe— abgesehen von dem eisernen Einsaze— etwa die sechsfache Heizfläche hat, mit durchweg 100 Grad mehr in den Schornstün als aus dem kleinen eisernen Ofen, dessen Oberfläche vollständig mit kleiueii vorspringenden Verzierungen bedeckt, für die Wärmeabgabe demnach sehr günstig ist. Der Wärmeverlust der Kachelöfen kann allerdings durch guten Verschluß der Türen ivescntlich gemindert werden; wegen der ungleichen Ausdehnung von Eisen und Ton ist aber ein völliger Verschluß wohl kaum zu erreiche». Wird die Lustzusuhr bei dem mit Steinen ausgesezten eisernen Ofen richtig durch gut schließende Türen gehandhabt, so halUn sie die Wärme wohl eben so lange als Kachelöfen; jedenfalls lassen sie weit weniger Wärme in den Schorn- stein gehen als diese, sind daher überall da vorzuziehen, wo man Ur- fache hat, sparsam zu sein. Billige mid nahrhafte böhmische Maudeliiichlspcise. Eine Hans- fran teilt ihren Kolleginnen in der„Fundgrube" folgendes billige Mehl- speiserezept mit, mit der sie sich noch bei allen Gästen, auch Herren, Ehre einlegte: Nimm 13 Dekagramm ungeschälte rohe Mandeln, zerreibe sie und stoße 10'/« Dekagramm Zucker fein, gib cS auf eine Schüssel, dazu 8 Eidotter und rühre 3'« Stunde; von diesen 8 Eiern schlage Schnee und gib davon die Hälfte in obige Masse, dazu von einer halben Zitrone die Schale, seine geschnitten, und eine geriebene Mnndsemntel, mische>/z Stunde, dann gib die übrige Hälfte des Schnees zu und das Ganze in eine mit Butter ausgestrichene und mit geschälten Mantelbröseln bestreute Form und koche es eine Stunde in Wasser- dunst; zulezt backe die Form in einer Bratröhre'/« Stunde gar, schütte es ans eine Schüssel und Präsentire den Gästen. Ilroku deutscher Uoldspoefie der Gegenwart. Einfache Bereitung von Essig aus Obstabsällen sür Haushaltungen. Kleinere Haushaltungen können sich, selbst wenn sie keinen eigenen Obstbau haben, ihren Essigbedars in höchst einfacher Weise bereiten. Man braucht dazu nur einen großen steinernen Tops oder ein kleines Fäßchen, in welche man die Schalen und Kernhäuser von Aepfeln wirft, die im Hause und in der Küche zur Verwendung gelangen, und dieselben mit soviel kochendem Wasser zu übergießen, daß es etwas darüber steht. Die nächsten Absälle werden immer hinzugefügt und mehr heißes Wasser nachgegossen, bis das Gesäß voll ist. Man bedeckt es sorgfältig mit einem Tuche und stellt es bei warmem Wetter in die Sonne, bei kühlem au einen warmen Plaz int Hause. In sechs bis acht Wochen ist das Wasser zu einem vortrefflichen bernsteinsarbigen Essig geworden. In einem Fäßchen nimmt man am besten einen der beiden Böden heraus. Wenn das aber nicht geschieht, darf jedenfalls der Spund nicht aufgcsezt, die Oeffnung muß vielmehr mit einem Stück Gaze bedeckt werden, damit der Luftzutritt nicht abgesperrt ist. Je wärmer das Gefäß steht, desto schneller geht die Ejsigbildnng vor sich. Gesundes Getränk aus Aepseln. Man nimmt am besten bvrs- dorser Aepfel, wäscht sie ungeschält sauber ab, schneidet jeden Apfel in vier Teile, schüttet die Stückchen in einen irdenen Topf, legt obenauf etwas Zucker, gießt kochendes Wasser darauf bis zum Rande und läßt es an einem ivarnien Orte zugedeckt einige Stunden stehen. Daraus gießt man das Wasser von den Aepseln, welches nun zum Trank fertig ist. Gut und erfrischend auch für Kranke. Nn Ella. ß, lebe ivvhl! Ade, ade! Geschieden sind wir jrzk, Vb auch der Träne bittres Ivel; Mir Aug' und Wange itezk. Bin dir nichk gram und zürn' dir nicht, Ob auch dein Wund mir log, Ob auch drin Auge, blau und licht, Wich falscher Weif betrog. Ob auch dein loser, leichter Sinn Wir Ruh und Frieden nahm— Ich ziehe meines Wegs dahin Allein mit meinem Gram. Dir Sonne leuchtet hell und ltlar Auf Flur und Wald und Steg, Ich schreite aller Freude bar leis weinend meinen Weg. Vor mir da singt ein junger Fant Tin Fied von Lieb' und Treu— Dem Sänger lausch' ich unverwandt Und lächle trüb dabei. Doch einmal wende ich den Blick, Bald bin ich fern und iveit—, Ade, ade! Dir wünsch' ich Glück Und dasi dir's Gott verzecht! utoriii R-sr»st»>"' Schcrzrütscl. Des großen Dichters allgewalt'gcr G c i st Ein ganzes Menschenalter hat er sast verbracht Es zu vollenden. Doch du vermagst viel mehr, da dtt's zumeist In einem Nu schier tadellos gemacht Mit deinen H ä n d e n. Semper Rotiiag Inhalt: Die Allen und die Neuen. Roman von M. Knutsch.(Forts.)— Ueberlebscl. Von Max Valentin.(Schluß.) pc> Turgenjew.(Mit Porträch Von I. Stern.— Moderne Schicksale. Novelle von Carl Görlih.(Fortsezuug.)— lieber die Kranchenc• Pflanzen. Von W. Bios.— Haus Hasenfuß. Eilte Alltagsgeschichte aus der jüngsten Vergangenheit. Von Hans Eckart.— Dem»iii» Gedicht von Rudolf Lavaut.— Unsere Illustrationen: Die Eberjagd.—„Dat Siebentecht."— In der Pause.— Beiträge zur Länder � Völkerkunde: Die Frauen bei den Böers im Kaplande.— Die Waldungen Elsaß-Lothringens.— Der Jnkonstrom in Alaska.— ,.. aus Wanderung in Australien.— Die Anzahl der Juden in Jerusalem.— Eine neue Besizergreifung Englands in Westasrika.— Mitteilung � dem Gebiete der Landwirtschaft: Die Alpenwirtschaft in Deutschtirol.— Die 1883er Ernte in Amerika.— Für unsere Hausfrauen:„».j Humoiistisches.