M 10. Jllnstrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint alle 14 Tage in Heften ä 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Postämter zu beziehen. Die Alten und die Ueuen. Roman von W. KcmtsKy. (9. Fortstzung.I Ein leichter Wind hatte sich erhoben, der Regen hatte ans- Schürt. Es begann zu dämmern; im Westen zogen, neben »unklen. halbzcrrisscncn Wolkenmassen, rote Streifen über das v'nnament. die über das feuchte Gestein rötliche Reflexe warfen. Eülcstin bemerkte, daß die Straße vor ihnen durch Gerolle vcr- '°gt war, daß die hvlzcnie Barriere von dieser Stelle hinweg- .................... w..-. 9erislcn und daß einige Männer mit Hacken und Schaufeln ""weit von ihnen Posto gefaßt hatten. . Ter Eine rief ihm zu. nicht weiter zu gehen, und zugleich �"tete er nacb dem Bera binaiil. war es sofort klar geworden, daß hier eine bedeu- h���ürutschung stattgefunden. Die Erdmasse war den Berg � Gdmmm. ba» Qkftei» mtfich mW, e» halte bk �'�.zerschlagen, und diese war sammt den Blöcken in den gestürzt, zileincre Gesteinsmasscn und Gcrölle schob sich war""ch, es bedrohte die Wegmacher, die beordert Cw die Straße wieder frei zu machen und in Stand zu sezen. fch Eine sprang über das Gestein hinweg und kam zu Inn heriiber. .sg'�enn Sie's wagen wollen zu Fuß," sagte er lachend, $1■pfcib und Wagen ist die Straße jezt nicht passirbar, sehe» ' bat ein Stück von ihr hinweggerissen." boj'st aber höchst fatal, es sind Damen mit, sie können wird®3a9cn warten, bis der Weg ausgebessert sein %" C1"' mein lieber Herr, das dürfte Ihnen zu lang dauern. »ichjz �ben die ganze Stacht zu tun haben, vorausgesezt, daß Zix.'�"es nachkommt. Der Boden ist von dem wochenlangen 9°?! durchweicht." " eftin stampfte mit dem Fuße. �inemV?'st nicht übel; eine öffentliche Fahrstraße, und i» Wche» Zustande." locker.. �kbeiter zuckte die Achseln.„Bor dem, was da oben "tit bfn.'1«' Sibts feine Assckurang, und daß die Wegmacher st"""!»/'.'�üessern rasch zur Stell' sind, sehen's ja eh. Sa- .'"l er» kommt schon wieder einer'runter. Aufgepaßt!" stfjflustl C" Kameraden zu. Die Männer, die mit dem Weg- ' und dem Hinunterwerfen des Gesteins beschäftigt waren, sprangen rasch zur Seite. In großen Sprüngen kam der Stein herunter, und anfplatschcnd lag er im nächsten Augenblick im Wasser. Die Gräfin hatte den Fall gehört und nun war auch sie ausgestiegen und zitternd in höchster Aufregung rief sie Cölestin zu sich heran. Er war rasch an ihrer Seite und sezte sie von dem Vor- falle und der Fortdauer der Gefahr in Kenntnis. „Lassen Sic uns umkehren, rasch dieser Unglücksstätte ent- eile», der ganze Berg könnte noch herunter kommen," rief sie in einem ungeduldig desperaten Ton. Cölestin lächelte kalt.„Wir stehen in Gottes Hand," sagte er. Sie schlug jammernd die Hände zusammen. So fromm sie auch war, ihr Gottvertraucn brachte ihr in dem Augenblick nicht die geringste Beruhigung, und sie dachte nur daran, sich selbst so rasch wie möglich in Sicherheit zu bringen. „Kehren Sic um," schrie sie heroisch dem Kutscher zu. „Das geht nur, wenn ich die Pferde nach rückwärts reiße," erklärte dieser. „Vorerst muß Elsa aussteigen," sagte Cölestin, und er wollte nach dem Wagen hin; die Gräfin hielt ihn noch immer am Arme fest. „Sie ist eigensinnig und will nicht aussteigen, sie behauptet, es sei ihr alles eins, was mit ihr geschehe." „Ich will mit ihr reden," murmelte er. Der Arbeiter, mit dem Cölestin vorhin gesprochen, war auf die Gräfin zugetreten. „Fürchten Sie Sich nicht," sagte er gutmütig,„ich will Sie über die gefährlichste Stelle hinüber tragen, Madame, dann können Sic zu Fuß weiter gehen." Die Gräfin sah den Mann, wie über ein solches Ansinnen cntsezt, an. „Das ist nicht möglich." rief sie.„die Wege sind miserabel. sie sind ganz ungangbar, und die Nacht bricht herein; sprechen Sie doch, Hochwürden," wandte sie sich flehend an diesen,„was sollen wir tun? Und wenn wir nun nicht mehr über den Steg kommen, ach. und das ist jedenfalls lebensgefährlich, wie sollen wir die Villa erreiche»?!" utu. „Wir weiden für diese Nacht eine andere Unterkunst suchen." „Aber auf dieser Seite gibt es keine Hotels, keine Villen, nur Bauernhäuser." „Sie werden einmal vorlieb nehmen müssen, Frau Gräfin," sagte er hart. Sein Ton irritirte sie noch mcl)r. Fröstelnd zog sie den Mantel über ihre Schulter.„Mich friert und ich habe Hunger," rief sie in zorniger Wehklage,„wissen Sie, Hochwürden, daß ich heute noch so gut wie nichts gegessen habe!" Ihre Lage erschien ihr mit einemmale verzweifelt. Es konnte ihr geschehen, daß sie in dieser Rächt nicht in ihren eigenen, daß sie viel- leicht in erbärnilich schlechten Bauernbetten schlafen mußte, und möglicherweise konnte sie ihren Hunger nur mit trockenem Brode stillen. Ein großes, heftiges Mitleid mit sich selbst überkam sie, und sie fing zu weinen an. Cölestin hatte die Wagentür geöffnet und daran gelehnt, sprach er mit Elsa von der Notwendigkeit auszusteigen. Die Zofen, die in dem rückwärtigen Wagen saßen, waren gleichfalls ausgestiegen und sie kamen nun gegen die Gräfin heran. Ein kleiner, äußerst beweglicher Herr, der sich plaudernd von der einen zur andern wandte, ging in ihrer Mitte. »Gräfliche Gnaden, es ist der Herr Pfarrer," sagte die Kammerzofe, den hochwürdigen Herrn vorstellend.»Es war ihm die Nachricht von der Abnitschung zugekommen, und er war herausgekommen um nachzusehen." Der kleine Hochwürdige, der über das Geröll hinweggestol- pcrt war, verbeugte sich steif und tief. ..Hochgräfliche Gnaden, ich bin hoch erfreut, Sic in unseren Bergen zu sehen." Troz ihres Zornes und ihrer Angst mußte sie lächeln. „Ich wollte, Hochwürden, ich wäre schon wieder draußen. Sie finden uns in der schlimmsten Verlegenheit, aber vielleicht vermag Ihr Rat uns darüber hinwegzuhelfen." Sie erzählte ihm hastig, daß sie auf dem Wegenach ihrer Villa sei, und suchte ihm die örtliche Lage derselben zu beschreiben. „Kenne sie." versicherte mit dem lächelndsten Ausdruck Hochwürden,„hatte die Ehre, Ihnen daselbst meine Aufwartung zu machen, war gekommen, Ihnen meinen Dank abzustatten, Frau Gräfin." „Wie so?" „Frau Gräfin hatten die Huld und die Gnade, für den Altar unserer Kirche höchstcigenhändig ein Tuch zu sticken." Jezt entsinne ich mich Ihrer," rief die Gräfin merklich er- leichtert, daß sie sich unter dem Schuze einer landeskundigen Persönlichkeit befand, die ihr verpflichtet war,„aber das Tuch war für die Pfarrkirche von Solenbad bestimmt." „Ganz recht, ich war im vorigen Jahr daselbst Kaplan, und bin nun seit zwei Monaten hier auf eigener Pfarre." Tie Gräfin griff nach beiden Händen des Pfarrers.„Hoch- würden," sagte sie feierlich,„wenn die Heiligen es fügen, daß wir glücklich dieser Situation entrinnen und noch vor Einbruch der Nacht eine befriedigende Unterkunft erreichen, so will ich abermals eine Altardeckc sticken, und zivar für Ihre Kirche." Der kleine Pfarrer faltete schmunzelnd seine Händchen und sagte gerührt: „Tic Heiligen werden es sicherlich so fügen. Und Gottlob kann ich Ihne» selbst diese Unterkunft für diese Nacht bieten. Gnädigste Gräfin," er verbeugte sich wieder,„für mein ge- ringes Haus wird es eine hohe Ehre sein, Sie empfangen zu dürfen." „Aber Hochwürdeu, wir brauchen mindestens vier Zimmer, und ich möchte Sie nicht gerne inkommodiren." _„Durchaus nicht; mein Pfarrhaus ist sehr geräumig, und außer den vier Zimmern kann ich Ihnen noch einen Salon zur Verfügung stellen." „In der Tat," rief die Gräfin erfreut und doch noch zögernd. Indes war Elsa aus dem Wagen gestiegen und dieser, bis zu einer breiteren stelle zurückgeschoben, konnte nun gewendet werden. Cölestin meldete der Gräfin, daß sie einsteigen könne; er hatte die Einladung des Priesters vernommen, und er nickte ihm zu. „Tie Frau Gräfin wird den liebenswürdigen Antrag nur der größten Dankbarkeit entgegennehmen:" sagte er mit einer Bestimmtheit, die jeden Widerspruch abschnitt. Sie sah ihn etwas erstaunt an. So viel sie in der starke» Dämmerung unterscheiden konnte, leuchteten seine Augen in einem seltsamen Feuer. „Und Sie erkennen nicht die Fügung Gottes in alledem. flüsterte er, und er drückte ihre Hand fest in der seinigen, „wir suchen eine Pfarre an einem heimlich versteckten Ort, und einen Priester, der sich uns gefügig erzeigt, und nachdem wir, wie durch ein Wunder, dies alles gefunden, zögern Sie, die Gelegenheit zu ergreifen."_ Die Gräfin war sprachlos vor Ueberraschnng, fast wäre reumütig vor dem Pater auf die Knie gesunken. Er hatte die wunderbare Fügung sofort erkannt, währe» sie— war sie denn mit Blindheit geschlagen, daß sie das wirken einer höheren Macht nicht ahnte, nicht begriff?, Alles erschien ihr nun festgestellt, und wenn sich ihr sti die Möglichkeit ergeben hätte, ihre Villa ohne jede Gefahr z» erreichen, sie hätte keinen Gebrauch davon gemacht. Cölestin hatte den Damen in den Wagen geholfen und lud nun auch den Pfarrer, mit dem ihn die Gräfin rasch� � kannt gemacht hatte, ein, in den Wagen zu steigen. Er ffa sich neben ihn. Der Kutscher hatte Befehl erhalten, nach dc Pfarrhause am See zu fahren. Die Gräfin atmete auf, der Wagen sich in Bewegung sezte und bald darauf in cl Seitental einlenkte. � Es war nun völlig Nacht geworden, an dem dunklen ist mament leuchteten vereinzelte Sterne ans._.,,r „Gott sei Dank," meinte der Pfarrer, der äußerst hl"' und gesprächig sich zeigte,„das schlechte Wetter ist vorüber».� wir werden morgen einen schönen Tag haben. Es ist die 9 Zeit. So andauernde Frühjahrsregen richten bei uns g»»? Schaden an, am Plattcnberg solls bös aussehen, und im Sm» brnch hat gestern, am Samstag, ein Deckeneinsturz stattgef»» zwei Arbeiter sind stark verlezt, einer ist tot." „Aber das ist cntsezlich!" rief die Gräfin. f „Ja wohl, ja wohl." seufzte er. ohne daß indes der mütlich indolente Ausdruck seines Gesichts sich verändert � »es wäre übrigens fast zu wünschen, unser lieber Hcrrgvü � die andern beiden auch gleich zu sich genommen. Was ff' den armen Tenfcln geschehen? Erwerbsunfähig sind sie anU-c Fall, aber die Gemeinde ist zu arm, die kann nicht» sorgen, da wären sie denn im Himmel am besten anff�'ch' � Elsa, die bisher so ruhig gesessen, machte ein und legte sich tiefer in den Fond des Wagens zurück. beugte sich vor und erfaßte ihre Hand.. gp „Sie sind ermüdet, Komtesse?" flüsterte er in eint dämpften Ton, in dem inniges Mitgcsiihl sich aussprach-. � „Ja," antwortete sie und sie entzog ihm die Hand,' � als hätte sie nicht sofort die Kraft dazu gesunden, w" Augenblick überlassen hatte...„„er „Wir werden sehr bald an Ort und Stelle jeß sicherte in freundlicher Beruhigung der Pfarrer, dann schon dafür gesorgt werden, daß die Damen � Bequemlichkeit und Erquickung finden, deren sie)o bedürfen."• C Zlck Eine Biertelstunde später rollte der Wagen durch Felsentor in den Ort, und fuhr dann langsam den He- holperigen Weg Iiis zum Pfarrhause, das zu den eil bänden des Ortes zählte. n a in � Die Pfarrei war ein großes massiges Gebäude, armseligen Ort gleich einem.stattlichen Herrcnsiz sich mit dicken dunklen Steinmauern und zahlreichen o Fenstern, hinter denen kein Licht brannte..• cr Kciff Ter Pfarrer sprang zuerst heraus und zog in'ff'.. JIM'1 die Glocke. Bald daraus öffnete sich die Pforte, schien mit Licht, und hinter ihr eine Danie in mittleren Jahren djm gutem Aussehen. Die fremden Herrschaften ivurden über eine hölzerne Treppe nach dem ersten Stock geführt und über kinen langen Gang in die stets bereitstehenden Fremdenzinimer geleitet. Indes war auch der zweite Wagen mit den Kammer- lungfern und der Bagage angelangt, und es gab nun eine Weile ein Trepp auf und Trepp ab, und in das vorher so stille Haus övg eine Bewegung, eine Unruhe, die ihren Kulminationspunkt in der Küche erreichte, in der sich der Herr Pfarrer selbst ein- i°nd. um durch seine eigene Aufgeregtheit die seiner Haus- genossen noch zu vergrößern. Die Gräfin hatte auspacken lassen und machte Toilette. Elsa durfte, da sie sich zu einer gleichen Prozedur nicht verstehen wollte, ihr Rciscklcid behalten. Cölestin gelang es endlich, sich des Pfaners zu bemächtigen und die Aufmerksamkeit des zer- ltrcutcn Mannes, den die Sorge um Küche und Keller in diesem Augenblick vorwiegend beschäftigte, ein wenig für sich zu gc- Winnen. erzählte ihm, daß sie einen Täufling bei sich hätten. Komtesse, die bisher durch einen gewissenlosen Vater im i �derncn Unglauben erzogen, sei nun bekehrt und solle durch uö Sakrament der Taufe in den Bund der Christenheit auf- gcnonimen werden. Die heilige Handlung sollte morgen früh �olenbad stattfinden, deshalb seien sie hierhergekommen� aber >un hätte es der Himmel selbst anders gefügt, und sie wollen ' als einen Fingerzeig betrachten, daß die Taufe hier und n Hochwürdcn selbst vollzogen werden solle. ?)cr Pfarrer verbeugte sich äußerst geschmeichelt in freudigster �WUUgtuilNg. .Die Frau Gräfin vertritt wohl Patenstclle?" fragte er. .."''?u>vohl, und sie wird es natürlich, nachdem dies gott- iiirfl£ e gelungen, an reichen Geschenken für die Kirche "°Mehlc» lassen." bei �arrer Hub mit einem Segenblick für die edle Frau de« rt 5»'" Himmel und drückte gerührt und zum Zeichen .�"'Verständnisses dem Herm Bruder die Hand. {(,« beim Souper, das im Saale scrvirt wurde, fanden sich die c«"tc.�'9tcn wieder zusammen. Elsa sah etwas blaß aus, Üg �lln war rosig und in bester Laune. Aller Gefahr war i» m"�"nen. all das Ungemach, das sie gefürchtet, hatte sich khagljchkxjt Venvandclt. jeiic,"� Hütte ihr und Elsas Zimmer äußerst nett und darin Es.-' �Wünschten Komfort gefunden, und jezt schmeckte ihr das I die n pIC'l0� n'e ihrem Leben. Sie sagte dem Pfarrer p?.udlichsten Worte, die diesen überglücklich machten. Refid hinwieder die Gräfin nach den Neuigkeiten der Ekand�c' � H."ttc f'ir fui» Leben gern näheres über die jüngsten Cölmin ��öessc erfahren und hierauf einiges vom Hof. Aber !(tilbpH ll,l"ach mit Elsa von der Schönheit des Südens und die an?\ sprach in jenen tiefen leisen Molltönen, üb(c% a�e Herz der Gräfin einen so bestrickenden Zauber Und ve/ e � hurchtc den Ausführungen des jungen Paters Cölift' �Cm P�r-rer zu antworten. °uf m auf die Geschichte Roms übergegangen und .Darr» utu"g für die Christenheit. fort,' v er't' Komtesse/ fuhr er lauter und kräftiger werdend aufgefiL{°'u' diesem Nassischcn Boden wird Ihnen der Sinn Sn Ap,. die historische Macht und Größe unseres Glanbens. »-wirkt ü b'e �steu mutigen Bekenner des Christentums Z°ug„jz Ü-lebt haben, und wo alles, was Sie umgibt, duchhe an CÖt für die unwiderstehliche Macht einer Lehre, für M-nbe v'111"' Kinder mit Freuden gestorben sind. üw biew 11- uirtyrertod gelitten haben; da, an diesem Ort, ü'-tben"!fiincilCn. Bekenntnis Hekatomben geopfert wurden, da �uden([Jlc die Schuppen von den Augen falle», und Sie eine s n I■ Und bekennen, daß, so lange für keine andere Acinüte/ f Begeisterung erwacht, so lange keine andere 'fyige ft| zwingt und sie mit Heldengeist erfüllt, diese die °rg-n dir lu."e' die einzig wahre. Elsa, Sie werden schon unsere sei», aber die göttliche Roma mit ihre» �- Wundern und der Anblick des heiligen Vaters wird erst das Bekehrungswerk vollenden." Er hatte in hoher Begeisterung gesprochen, aus seinen dunklen schönen Augen, die auf sie gerichtet waren, bliztc ein inneres Feuer, leuchtete es fast wie Siegcsfreude. Sie starrte ihn an, fassungslos, nicht überzeugt und doch halb bezwungen. Er merkte es und in noch leidenschaftlicherer Erregung fuhr er fort. Er mischte Heidnisches und Christliches durcheinander, wie es ja die Kirche immer getan, aber seine Darstellung war farbig, glänzend, poetisch, voll fesselnden Zaubers. Die Gräfin war in Verzückung und der kleine Pfarrer, dem in der Alltäg- lichkcit seiner geistlichen Verrichtungen jedes Ideal, jede höhere Anschauung abhanden gekommen war, der sein Amt durchaus geschäftsmäßig verwaltete, er saß mit offenem Munde da und lächelte verlegen dem Jesuitenpater zu, in dem er seinen Meister erkannte, gleichsam einen Virtuosen in Glaubenssachen. Elsa erhob sich plözlich, sie bat sich zurückziehen zu dürfen. Die Gräfin geleitete sie selbst auf ihr Zimmer. In freund- lichcr Weise sagte sie ihr noch einige belehrende Worte, die sie für die niorgige Zeremonie vorbereiten sollten. Elsa hörte sie an, stumm und in sich gekehrt, als aber die Gräfin sie auf die Stirne küßte, um sich hierauf selbst in ihr Zimmer einzu- schließen, faßte sie sie an der Hand und hielt sie fest. „Was wollt Ihr mit mir tun?" fragte sie Plözlich, und ihre Stimme hatte einen so seltsamen Klang, der ihre Seelen- angst verriet.„Ihr wollt mich taufen, was geschieht da mit mir?" „Du wirst aufgenommen, mein Kind, in den Bund der Christenheit, du wirst dich dann wohler fühlen, du wirst von dem Teufel und der Erbsünde befreit sein und niit deinem Gott versöhnt." „Es wird also in mir, in meinem Denken und Fühlen eine Wandlung vorgehen? Aber wie, auf welche Weise, durchweiche Mittel?" „Durch das Wort des Priesters und das reinigende Wasser der Taufe!" sagte die Gräfin feierlich. „Und der Priester ist der kleine burleske Pfarrer?" „Er ist der Stellvertreter Gottes." „Und das Wasser ist ein gewöhnliches, natürliches Wasser?" „Das ist es, aber durch die Wirkung, die es hervorbringt, wird es ein übernatürliches." „Aber es bleibt doch Wasser, es verändert nicht Form und Gestalt?" „Durchaus nicht, es wird über dein Haupt gegossen, und alsbald ivird sich das Wunder vollziehen und du wirst an seine heilige Kraft glauben müssen." „Ich glaube ja an die Kraft des Wassers, aber es ist eine natürliche Kraft— und wenn ich nun an seine übernatürliche nicht glaubte, nicht glauben könnte?" Das Mädchen richtete sich in die Höhe und die großen Augen sahen forschend in ängst- licher Neugier in das Antliz ihrer Tante. Diese strich ihr mit der Hand über die Stirne, als wolle sie solche Gedanken hinwegscheuchen. „Du bist ein Kind, Elsa, aber gleich einem Kinde kannst du entsühnt und gereinigt werden durch den Glauben deiner Paten, die an deiner Seite stehen. Dein Heil ist gesichert, Mädchen, und alles wird sich vollziehen zu deinem Besten. Und nun gute Stacht." Sie trennten sich. Elsa ließ sich auf einen Sessel sinken und sie blieb lange so. Ein seltsamer Duft umgab sie, wie damals im Zimnier der Gräfin, ein angreifender Duft, wie Kirchengcruch. Konfuse, venvincke Vorstellungen entstanden ihr, und zu- gleich überschlich sie wieder das Grauen vor einer Macht, die das Wirkliche zum Unwirklichen, das Natürliche zum Uebcr- natürlichen machen kann und die das bejaht, was die Vernunft verneint. Und beugen sich nicht alle vor dieser Macht? Nur sie hat es nicht getan, weil ihr Vater sie es nicht gelehrt, aber konnte er nicht im Unrecht gewesen sein?" Und wieder gedachte sie jener rätselhaften Empfindung, die gestern in dem dunklen Bctziinmer ihr ausgestiegen, und ihr dünkte, als sei sie wieder in demselben eingeschlossen. Und war nicht hier derselbe Dnft der Blumen, der ihr den Atem hemmte? Horch, war das nicht Biusik, das zu ihr herüberdrang? Und wenn es nun geschah wie gestern, und wieder der heiße Atem über sie hinwcgwehte und sie versengte? Sie wand sich schau- dernd unter diesen Phantasien, und wieder war es ein Gefühl so mystisch, so unerklärlich, halb Wonne halb Qual, das ihr erstand, und als sie jezt den Kopf erhob, sah sie das lebcns- große Bild eines in einem dunklen Talar gekleideten Mannes vor sich an der Wand, und in dem schwankenden Lichte der Kerze schien es sich zu bewegen, aus dem Rahmen herauszu- treten. Kann denn das sein? rief sie sich selber zu, aber ist denn bei dieser Macht nicht alles, alles möglich? Es gibt ja Wunder, sagen sie, und Wein wandelt sich in Blut, und Brot in Fleisch, und was jezt tot ist, kann lebendig werden.— Schatten schienen durch die Stube zu fliegen, und sie vernahm seltsame Geräusche, die Geräusche der Nacht. Es überkam sie, was sie bisher nicht gekannt, ein lähmendes Gefühl der Furcht, sie fühlte sich niit einemmale aller Willkür eines Geheimnisvollen anheimgegeben. Sie glaubte zu ersticken, und in dieser physischen Bedrängnis kam ihr ein Rest von Energie zurück. Sie stürzte zum Fenster, sie riß die dunklen hcrnicdergclassencn Gardinen zurück und riß es auf. Sie brauchte Luft, Luft! Der helle Vollmondschein lag draußen ausgegossen und die Luft war durchsichtig hell und rein. Sie atmete sie voll und gierig ein und lehnte sich hinaus, da glänzte es wie Wasser ihr entgegen. Das war ei» See, und am Ufer drüben— sie fuhr mit beiden Händen gegen die Stirne, war es eine Tau- schung ihrer Sinne, wußte sie denn nicht mehr, ob sie träume, ob sie wache, da drüben— wie ein Bild stand es vor ihren Augen— da lag die Stätte ihrer Jugend, ihres Glückes, das Hans ani See, in dem sie mit ihrem Vater gelebt hatte. Ist es denn möglich! Das Mondlicht ruht auf den weißen Mauern und der Balkon tritt deutlich daraus hervor, und da- neben die Gruppe der Buchen und Ahorne, unter denen sie so oft gesessen, und darüber die abenteuerlichen Formen der Felsen. ?llles, alles findet sie wieder und hier der blizcnde, blinkende See, wie sie ihn in schönen Mondnächten so oft gesehen. Sic ist in Amsee, und sie träumt nicht, nein, nein, das ist Wirk- lichkcit, das ist Leben! Sie breitet die Arme ans, als wolle sie die Natur in ihrer Schönheit umfassen und an ihr Herz ziehen. Dann wendet sie sich wieder mit einem Gefühl des Schreckens nach der Stube zurück. «Ich müßte krank werden und sterben, wenn ich all da? glauben sollte, was sie glauben," murmelte sie, und als gelte es rasch dem Tode zu entrinnen, eilt sie gegen die Tür und öffnet sie. Draußen ist ein dunkler Korridor. Sie steht, sie horcht, sie schaut, dort blinkt ein Fenster, sie huscht dahin und über die Treppe hinab. Eine Tür ist offen, Licht und Lärm dringt ihr daraus entgegen, es ist die Küche, sie wendet sich nach der cntgegengcseztcn Seite. Sic kommt an eine Tür, der Schlüssel steckt im Schloß, sie dreht ihn nm. öffnet rasch und sie enteilt ins Freie. Sie ist auf der Straße. II. Kapitel. Sic läuft vorwärts. Und jezt, wo die Gebäude zu Ende sind, sieht sie wieder den See vor sich und drüben die Villa, ihr Eigentum. Sic bleibt stehen und ein kurzer Ruf, einem Jauchzen gleich, drängt sich ans tiefer Brust hervor. Es war also keine Täuschung ihrer verstörten Sinne gr- wesen: es ist wahr! Und Wirkliches umfängt sie wieder, die Natur. Wie monddurchhellt ist diese Nacht, wie lind die Luft, wie rein; zärtlich schmeichelnd umfängt sie sie. Sie atmet sie tief, mit vollen Zügen sangt sie sie ein. Und jezt horcht sie ent- zückt, als wärs Musik, auf das Rauschen, das der Wind vcr- ursacht. Die schlanken Zweige mit den jungen kaum entsproßtcn Blättern bewegt er sanft, und sie neigen sich zusammen, und es klingt und rauscht, und das Mondlicht rieselt darüber hin. Wie schön ist das und wie erquickend! Ihr ists, als wäre sie einem dumpfen Grab entronnen und nun frei. Gedanken, Wille, Kraft, alles ist ihr wieder zurückgekehrt, und Lebensmut und Lebensfreude quillt Prickelnd ihr durch alle Adern. Sie hat diese Empfindung der Lust, die auch die Mücke hat, die in der Sonne tanzt, diese Lust, die die Natur all ihren Wesen— als eine primäre Eigenschaft eingepflanzt hat und die nur ein widriger, unnatürlicher Zwang, die nur der Maisch in seinem Wahn hintanzuhalten sich bemüht hat und zu kr- sticken. Und weiter trägt sie der flüchtige Fuß. Sie schreitet furchtlos durch die Nacht. Keine mystische Vorstellungen beängstigen sie mehr. Für sie hat die Natur keine Schrecken, und das Unnatur- liche findet darin keinen Plaz mehr. Die Waldesbäume zu ihrer Rechten säuseln ihr einen welch bekannten Willkommensgruß zu. und zu ihrer Linken rauscht da» Wasser leise in wechselnden Melodien. Hie und da ertönt ei» Schnalzen, ein Fisch springt auf. fic kennt das alles, sie liebt das alles, und dann steht sie wieder still und blickt hinüber Über den See auf die Villa, auf deren Mauern das Mondlicht ruht. Inmitten des massigen Gestein- und der dunklen Baumgruppe schimmert es so hell herüber. All die schöne Zeit, die sie darin verlebt, kommt ihr wieder ins Gedächtnis; wie hat sie nur diesem Orte so lange ferne bleiben können? Freilich, den teuren Vater wird sie hier nimwe wiederfinden, und das Häuschen ist leer, seine Türen verschlafen- Aber sie will hinüber, sie will ihr Eigentum betreten un dorthin vor jenen entfliehen, vor denen ihr jezt graut. Hastiger schreitet sie vorwärts. Sie ist im Ort. Ä»% Holzhäusern kommt sie vorüber, die an dem Felsen kleben, n' Licht brennt innen— da drinnen schläft alles. Niemand e wartet sie, niemand denkt hier mehr an-'sie... Ter enge in den Felsen gehauene Steig führt anfwa�-- hier lehnt sich eine Häusergruppe dicht aneinander, und dahin tost in jähem Fall aus bedeutender Höhe der Mühlbach' unter. Jezt geht der Weg wieder schnell abwärts dein�.� entgegen; hier ist schon angeschwemmtes Terrain und ihre ck treten in durchweichtes Erdreich. Sie hat den Landungsplaz des Sees mit den Schist-"� � erreicht. Ein Kahn liegt hier außen, mit einem Strick f an einen Pfahl gebunden. Sie bindet ihn los und das rüder ergreifend, das drinnen liegt, stößt sie ab, ohne M zu besinnen..,@cc Einige kräftige Schläge bringen sie in den nächtigen hinaus..- �vf Das Fahrzeug ist gut, es nimmt kein Wasser am, J' � es wagen, mit ihm hinüber zn fahren. Aufrecht M im Kahn, noch ist sie im weithinschattendcn Dunkel der gleichsam in Nacht geborgen, aber jezt kommt sie weite», 1 � und der über den Bergen aufsteigende Mond erreicht st1' blizend teilt sich die Flut unter ihren Ruderschlägen und � wieder zusammen. Sonst kein Laut ringsumher. In dringliches Dunkel bleiben diesseits die Bergesmassen ü' � indes jenseits das mondbeglänzte Ufer sich der$?ai1"J,lt,llj„iit. Menden in unbestimmten unklaren Umrissen zu zeige" � � Sie nähert sich dem Ufer; ihr Ruder trifft auf cstu"0.!a)fct secischen Wald von Algen und ineinander verschlänge'" � pflanzen, kaum gleitet das Fahrzeug darüber hinweg- streifen ihr Haupt die weitüberhängenden Gebüsche dy- jfp und aromatischer Blütenduft weht ihr entgegen, e» e_ �„i all die Erinncrnngen von ehedem; ihr ist's, als»inlie Vater entgegeneile». f„irsthc"Ä Ein kräftiger Schlag und das Flachboot sahil �zrs, über den Sand hinweg, es sizt fest. Sic eilt nach � pit springt hinaus und ist auf ihrem Grund und Boden- Galerie schöner Frauenköpfe: Messalwa. Gemälde mm Hermann Kaulbach. ,Nach einer Pholographie«°n Brack und Zechner IN Berlin.) 226 einige Schritte über die weichen Matten, dann bleibt sie stehen, von ihrer inneren Bewegung gehemmt. Sie befindet sich vor der Villa; sie sieht hinauf nach dem Balkon— steht er nicht oben? erwartet er sie nicht? Sie breitet die Arnie aus, Vater! ruft sie. Ein Rauschen geht durch die noch kahlen Wipfel der Buchen und Ahorne, die in dichter Gruppe das Haus umgeben. Jni nächsten Augenblick springt sie den aussteigenden Fuß- weg hinan, dem Felsen zu, an den der rückwärtige Winkel des Balkons sich lehnt, sie denkt nicht an die Treppe, die sie be- quemer zu demselben führen würde, sie ergreift das Holzgeländcr niit beiden Händen und steigt hinüber. Sie befindet sich auf der Gallcrie, die das Haus von allen Seiten umgibt. Sic wendet sich der Vorderseite zu, auf der das volle Licht des Blondes ruht, unwillkürlich wirft sie einen Blick um sich— tritt ihr der Vater nicht entgegen?— ach, nein— sie ist allein! — Sic lehnt sich über die Brüstung und sieht hinaus in die Nacht.— Nichts regt sich in dieser Oede. Und jezt in dieser tiefsten Abgeschiedenheit erfaßt sie plözlich wieder das Gefühl einer grenzenlosen Vereinsamung. Ihre Hände greifen krampfhaft ineinander. So klammert sich der Mensch an sich selbst,' wenn er sich losgelöst fühlt von all den übrigen seiner Gattung. Es ist die unbewußte, händcringende Geberde der Verzweiflung. Da berührt ein leises Knarren ihr Ohr. Es ist ein lang- gedehnter Ton, unmittelbar hinter ihr. Vlizschnell wendet sie sich um. Was ist das? Und wieder das ächzende Geräusch. Sic bemerkt nun, daß die Balkontür nicht geschlossen ist, ein Windstoß dreht sie langsam und knarrend in ihren Angeln. Es macht sie bestürzt. Das Hans war gerichtlich verschlofien worden; war jemand hier eingebrochen, oder hatte die Tür den Einflüssen von Wind und Wetter nachgegeben? Ihr Herz klopft heftig, aber eine plözliche Entschlossenheit springt darin auf. Sie öffnet die Tür vollends und steht an der Schwelle des Gemachs. Ein Mond' strahl stiehlt sich hinein, er vermag nichts zu erhellen. Zögernd hebt sich ihr Fuß. sie tritt ein. Ein jäher Schreck, ein nervöses Zusammenfahren erpreßt ihr einen Laut des Entsezens. In dem Zimmer ihres Vaters ist Licht. Ein schmaler Lichtschimmer dringt in bestimmter Helle zwischen Tür und Diele hindurch. Sie taumelt nach rückwärts, den Ausgang suchend. Da öffnet sich langsam die Tür und ein Mann tritt au? derselben. Er hält einen angezündeten Armleuchter empor, sein Liüli erfüllt das Gemach. Er hat den Ruf vernommen und er fiehi nun diejenige vor sich, die ihn ausgestoßen hat. Rasch stellt cc den Leuchter auf den Tisch, und im nächsten Augenblick befindet er sich an ihrer Seite.(z-rts-june Die Götter in der Dichtung. Von Wikßetrn Dkoo. . Die Dichter, jene bevorzugten Menschen, haben die schöne Aufgabe, die Gestaltungen der menschlichen Phantasie in edle und großartige Formen zu fassen und uns dadurch über das Nüchterne und Alltägliche zu erheben. Sie verschaffen uns da- durch jene reinen und unvergleichlichen Genüsse des Geistes und des Herzens, die den Menschen so sehr veredeln und die uns den tröstlichen Blick in des weite Gebiet der Vervollkommnungs- sähigkcit der gesammtcn Menschheit eröffnen. Die Dichtung eilt der Wirklichkeit unendlich weit voraus; sie zeigt uns in weiter Ferne die zu erstrebenden Ideale und spornt uns an, durch die heißen und harten Kämpfe des Daseins zu der son- »igen Höhe des Ideals vorzudringen. Wir schweben mit dem Flügelrosse des Poeten empor „Nach den höhern Regionen, Wo die reinen Formen wohnen", und Von seinem erhabenen Stand herab läßt der Poet die bunte Schaar jener Gestalten vorüberziehen, mit denen er unsere Er- scheinungswelt bevölkert. Zu Wasser und zu Land, in Feld und Wald, in Flur und Hain tummelt sich der fröhliche Reigen und zaubert uns immer neue Bilder vor. Tie geheim wirkenden und waltenden Kräfte der Natur erscheinen uns in bald an- mutigen, bald gewaltigen Verkörperungen, und wir lernen dem, was wir einerseits durch die Wissenschaft und Forschung er- kannt, andererseits durch die Poesie eine schöne und interessante Form abgewinnen. Indem man sich versenkt in die Fülle von Schäzcn, die uns die Dichtung alter und neuer Zeit geschaffen, wird man ganz von selbst daraus hingewiesen, in den poetischen Schöpfungen eines Landes und einer Nation auch jene innere Har- monie zu suchen, ohne die uns jene poetischen Gestaltungen nicht frisch und lcbensrot erscheinen können. Die Gestalten, welche die Dichter schaffen, müssen sich in innigstem Einklang mit dem Lande und Volke befinden, dem sie vorgeführt werden. Dem Boden, den ein Volk bedeckt und der es ernährt, müssen auch die Gestalten seiner Poesie entsprossen sein. Sie müssen ge- tränkt sein mit dem Volksgcist selber und sie müssen sich der Denk- und Anschauungsweise, der historischen Entwicklung, den Neigungen und Leidenschaften eines Volkes ebenso genau an- paffen, wie dem natürlichen Zustande des Landes, dem die hing selbst gehört. Wenn sie aus fremden und entfernten gionm herbeigeholt sind, so können sie in frischer Luft»i-s> gedeihen, sondern es geht ihnen wie exotischen Pflanzen. � nur im Treibhaus weiter zu existiren vermögen. � Die Dichter sind gewohnt, sich viel Material zn ihren Arbeiten und Schöpfungen aus der Mlstvlogic, aus den" Göttersagen und dem ganzen Sagcnschaz der Völker zu Und mit Recht. In den alten Göttersagen findet sich die � tffche Naturanschauung der Völker zusammengefaßt, welcher dichter die schöne und künstlerische Form zu verleihen hat. jedes Volk und Land, infolge seiner besonderen natürlichen p stände seine besondere Naturauffassung hat. so sind auch° Göttersagen, die dem Poeten so viel Stoff zu seine» 6#!" gen liefern, je nach den natürlichen Eigenschaften der eiW nrit Länder durchaus verschieden. � Darnach sollte man glauben, es sei ganz unmöglich- Poesie eines Landes die Naturanschauung eines andere», K', � unciiblich verschiedenen Landes zur Grundlage zu geben-. � ■liimtiielpläze der Poesie mit fremdartigen Gestalten zu. imb ihre Gärten mit exotischen Gewächsen zu besezc». dennoch sehen wir einen solchen Zustand dicht vor unseren.>ua m unserem lieben Deutschland.. Wir fühlen uns gewappnet gegen den etwaigen � u? . wir die poetische Literatur Teutschlands au-.' 1 � einem unlauteren Beweggründe bekritteln oder verkleinern. iur dies herrliche und riesenhafte Denkmal deutscher J � tatigkeit von der höchsten Bewunderung erfüllt. Wenn' jt und ehrwürdige Gebäu aber einen Riß zeigt, so ging# t»»- die Umfange zu Ii beherrscht heute noch unseren höheren Jngendnnterricht. Tie „klnssjschc Bildung", die heute unsere Gymnasien und Universitäten liefern, besteht darin, daß der junge Germaue mög- lichst viel Griechisch und Lateinisch, womöglich auch noch Hebräisch versteht. Das Deutsche tritt zurück; der„klassisch Gebildete" ist in der römischen und griechische» Literatur u»d Geschichte, wenn er vom Gymnasium oder Universität kommt. weit besser bewandert als in der deutschen. Eine Vertrocknete Gelehrtenkaste herrscht aus diesem Gebiet fast unumschränkt und ist so mächtig, daß sie heute noch imstande ist, die höheren Ängendbildungsanstalten in— mau mochte sagen— antinationalem Sinne zu handhaben. Vor nicht allzuferucr Zeit war diese Gelehrtenkaste noch bestrebt, die deutsche Sprache zu unterdrücken; deutsch sprechen war einst nur für das„gemeine" der.Gebildete" mußte lateinisch oder französisch sprechen. i%t den fremde» Sprachen herrschte auch fremdes Recht, das römische Recht, bei uns. das auf unsere Zustände gar nicht i paßt; mau pfropfte auf unsere eigenartigen deutschen Verhält- nisse Rechtsanschanungen, die vor mehr als tausend Jahren am User des Bosporus entstanden sind und denen wir uns heute "och beugen müssen. Hören wir darüber einen vollgiltigen Zeugen. Der be- i°nnte„Turnvater" Iah», der einst als..Temagog" Ver- i°lgte. in seinen alten Tagen politisch sehr verschroben� aber ein verdienter Germanist, hielt am 17. Februar 1849 im Frauk- i"vter Parlament eine Rede für das allgemeine Wahlrecht und sagte dabei neben anderen merkwürdigen Dingen: .»Wer hat früher alles mögliche getan, um unsere Volks- spräche niederzuhalten? Alle die Leute, die eine hohe Bil- ?unÖ bekomme» haben; aber die Bildung ist häufig, wie Taeitus seinem Leben des Agrikola sagt, ein Mittel der Knechtschaft, welches die Leute Bildung nennen. Wer hat unsere Sprache hergehalten? Erstens die Geistlichkeit und zweitens die Höfe. I � Ucgt wahrlich nicht an Deutschland; wahrlich die Höfe sind daran schuld, daß noch deutsch gesprochen wird; die Geist- �ke.t aber auch nicht, denn die hätte lieber lateinisch lort- gepäppelt. Die Professoren auch nicht, denn Thomasins ist ' e"ste gewesen, der deutsch gelehrt hat, und erst vor ein v�e. �re» hat man augefangen, auch deutsch auf den Um- b,i lcn disputiren. Wer hat die deutsche Sprache er- »i f" � Das. was man so geradezu„Voll" nennt,-uc »i*em,«n nicht, welche kein einziges deutsches altes cnil'öef%icben haben,©ott bewahre uns, bic hatten keine i* l1Ju> die hatten genug zu tun mit dem G riech>- «a»/' ��dräischeu und Gott weiß was für alten Per- Üni C11..tcn. Tie hohen gelehrten Versammlungen aus den ®ottClf cn' �ben die etwas getan für die deutsche-sprachen und n. bre! Ein armseliger Schulmeister hat mehr getan. seiner� e» sie Manl»nd Nase aufgesperrt, als Grimm mit war m Cl!t'chcn Grammatik hervortrat.(Bassermann:„a>er getri��!") Aber ehe er Professor war. hat er es lchon ÄchuiJ"'*uie er noch Archivar in Kassel war. hat er es schon Höfe(Große Heiterkeit.) Habe» denn sämmtliche Gerichts- siir(.�'"«�"Uschlaud. sämmtliche Schöppeustnhle etwas getan -iivaz."ntnis des deutsche» Rechts? Wer hat da,ur was GW' �Uet? Wer hat das geleistet sammt und sonders, »nd zusammengestellt hat in seineu Rechtsaltertümer» %tr r,. die deutsche Kunst erhalten? Das Volk!... spinnst,, i, �.Volkslieder erhalten und die Märchen? Ich. den ivgen fn,d sie geblieben; ich will aber zu dem Vol e �wt(u2\ 2 selber deutsch in den Spinnstnbeu zuerst gelernt. 'w De..J" dein Gymnasium habe ich keinen Unterrich chisch. J�en gehabt; da trieb man Hebräisch und©ne- W-i,,"deln hat man lernen müssen und sie wie eine Meze ernt.(a"eruntersressen, aber deutsch hat man dort nicht ge- wer hot � V�•••• Wer hat deutsches Leben erstickt und 3tiDnc�CllJ,t�nnd zerstört? Die höheren Stände sind w'lh ans P,'c mit ihrer Bildung sich rühmen. Ich beruse ingea P�..; der behauptete in seinen Vorlesungen zu habe es mit eigenen Lhren gehört—:„Ter in � Bauernkrieg in Deutschland ist durch die Juristen ins Land gekommen, weil sie römische Geseze und Einrichtungen auf die deutschen Zustände ungebührlich anwenden wollten," und der neueste Geschichtsschreiber des Bauernkrieges, der hier gegenwärtig ist. wird dieses nicht bestreiten können."*) Also der alte Jahn in seiner oft ziemlich derben Sprache. Mau wird ihm kaum zu sagen wagen, daß er übertrieben hätte; er hat in grellen Farben gemalt, aber es sind die Farben der Wahrheit. Jawohl, wenn das Volk die deutsche Sprache nicht gerettet hätte, wer weiß, in welchen Winkel sie von den Zopf- trägem eines verknöcherten Gelehrteiitnms verbannt worden wäre! Wissen wir doch, daß unsere großartigste nationale Dichtung des Mittelalters, das Nibelungenlied, das vom 13. bis 16. Jahrhundert sehr verbreitet und bekauut war, im 17. Jahrhundert vollständig in Vergessenheit geriet, nachdem im 16. Jahr- hundert es nur noch ein einziger Mann, der Historiker Lazins, gekannt halte! Erst der züricher Dichter und Kritiker Bodmer zog das Gedicht wieder aus der Vergessenheit hervor, und 1784 ist es zum erstenmal wieder ganz veröffentlicht worden. Als in Deutschland der große Kampf zwischen de» Humanisteil und Scholastikern, zwischen den Vertretern des Neuen und des Alten, zu Anfang des 16. Jahrhunderts im Gange war, lag die deutsche Sprache noch ganz am Boden. Die berühintesteu Schriften der Humanisten waren lateinisch abgefaßt, so daß das Volk gar nichts davon verstand. Die berühmten„Briefe der Dunkelmänner"(Epistolae obscurorum virorum) voiiRenchlin, diese prächtige Satire auf die Pfaffheit, verlieren, wie Vilmar sagt, in der deutschen Ueberseziing das beste Salz. Ulrich von Hutten, der klassisches Latein schrieb, sah ein, daß, wenn er zum Volke spreche» wolle, er deutsch schreiben müsse, und er schrieb deutsch auf seinem seltsamen Schreibtisch, dem Sattel- knöpf. Luthers Bibelübersezung hob das Ansehen der deutscheu Sprache gewaltig, aber die Professoren dozirteu noch immer lateinisch, und die Wissenschaft, soweit sie von dem armseligen Zopfgelehrteutum repräsentirt wurde, hüllte sich nach wie vor in das fremde Gewand. Im vorigen Jahrhundert kam dann noch das Französische als die Kouversationssprache der Gebil- beten hinzu; Friedrich II. von Preußen fand die deutsche Sprache noch abgeschmackt, nachdem ein Klopstock, ein Lessiug, ein Herder, ein Wielaud, ein Goethe den Flug ihres Genius bereits begonnen hatten. Die deutsche Sprache blieb noch lauge Aschen- brödel. Und als dies endlich anders geworden, als die fremden und toten Sprachen durch die lebendige einheimische Mutter- spräche einigermaßen verdrängt waren, da blieb der fremde Geist hasten, der durch die fremden Sprachen sich eingebürgert hatte; die aus totem Altertum aufgesogenen Anschauungen beherrschte» und beherrschen immer noch warmes Leben der Gegenwart. Mau möge uns nicht mißverstehen. Wir nnterschäzen den Wert des Studiums antiker Sprachen keineswegs. Allein wir bestreiten, daß dasselbe die richtige Haiiptgrnndlage mo- berner Bildung sein könne. Die dominirende Gelehrteukaste, die unser Unterrichtssystem beeinflußt, läßt sich dies aber nicht nehmen; das alte unselige Verhältnis besteht noch immer, wenn auch nicht so wie früher. Es fällt den Herren Gelehrten ordentlich schwer, dies?„ge- wöhuliche" deutsche Sprache für ihre tiefsinnigen Abhandlungen *) Jahn meint Wilhelm Zimmermann, den berühmte» Verfasser der„Geschichte des großen Bauernkriegs", der im Frankfurter Parla- ment die Stadt Schwäbisch-Hall vertrat. Zimmermann hatte sicherlich keinen Grund, jene Behauptung zu bestreiten, für die in seinem ge- nannten Werke so viel Beweise vorhailden sind. Neuerdings hat der belgische Gelehrte Emil de Laveleye in seinem Buche:„Das Ur- eigen tum"(ins Deutsche iibersezt und vervollständigt von llr. Karl Bücher. Leipzig 1879, bei Brockhaus), seine Forschungen nach den Urformen des Eigentums veröffentlicht und gezeigt, welche Verwiistun- gen das römische Recht unter dem ehemaligen Gemeineigentum au Grund und Boden in Deutschland angerichtet hat, so daß man nicht zuviel sagt, wenn man behauptet, das römische Recht trage zu einem großen Teil die Schuld an der heutigen Massenarmut in Deutschland. Wir werden es uns zur Aufgabe machen, gelegentlich die fatalen Ein- ivirknngen des römischen Rechts ans die Eigentumsgestaltung in Deutsch- land in diesen Blättern gemeinverständlich zu beleuchten. zuzulassen; sie fiifjlcn ihre Wissenschaft dadurch förmlich„entwürdigt." Und so drangen sie denn auch in den höheren Bil- dungsanstalten die deutsche Sprache zurück, Ivo sie können. Der Schrei- berdiesesAuf- sazes besuchte in den scchzi. ger Jahren ein Gymnasium in einem für sehr liberal gelten- den deutschen Mnsterstaatc. In den Bcit- telklassen be- gann Latein und Griechisch vollständig zu überwiegen. Für künftige Teologcn gab es auch He- breiisch; Englisch gab es offiziell nicht, es wurde nur fakultativ in den oberen Klassen gege- beil*), Französisch stand weit hinter Latein und Griechisch zu- rück. Deutsche Grammatik gab es zwei Stunden die Woche, und es inag mancher dieSchulbänkc verlassen ha- ben, der in der deutschen Sti- listik nicht son- derlich sattel- fest war. Mau las aber eine Unzahl von an» tikcn Schrift- stellern. Die deutsche Lite- ratur lernte man nur ans einer trockenen Aufzählung der Schrift- steller und ih- rer Werke in irgend einer altertümlichen Literaturge- schichte ken- neu; mit den Werken selbst beschäftigte man sich weit Sächsischer Bauer(Siebenbürgen).(ScU- 212.) einiges Verwandte einmal flüchtig gelesen wurde. In den oberen Klassen angekommen, war man denn auch vortrefflich„klassisch gebildet"; man kannte Cornelius Nepos, Cäsars gallischen Krieg. Livins, Taci- tus, Horatins, Ovidius, Ci- cero.Virgiliu� von den Latci- nern, Homer (Jliade und l'c nophou, Dhw cydides, So' phokles und die Evangelisten des Neue» Testaments von den Grie- che». DieZcib die für deilt- sehe Klassik� übrig blied. war natürlich sehr gering! die prächtige" Satiren eine'-' Thonias Mick' »er und Fisch' art kannte kaum dem N"' men nach, best" besser die tiren des 9iil' mcrs Hör")' man quälte sich mit den Vel'.'' maßen des Horaz mehr als"" der Nibelun- genstrophe- die deutsche klassisches teratur wurvc nur leicht ge- streift, die g«"' ze moderne Literatur bbe ein Buch sicbenSicged" wenn man l'y nicht Abends. nach Erle'>' gungdererhal tencn Aufg den, noch z''" Studium**' dcrncrSchr'l stellcr""I9C' legt Wen"* um 1863 t stand, wie"'"S weniger, mit Ausnahme davon, daß das Nibelungenlied und i zopf noch zehnmal so mächtig denn heute auf der Jugendbild"' lastete! Und da kommen wir ans das zurück, von dem wir 0" gegangen sind. Während die Dichtung uns am besten Gell" � *) I» dem größten Teil der deutschen Gyninafien konnte man die englische Sprache überhaupt nicht lernen. D. Red. borjauOem würde, die mit unserem eigenen Volksleben in innigem Zusanimenhang stehen, sendet ite uns i � Schatten des griechischen und römischen Altertum?. Davvn sind unsere Besten nicht frei. Die Dichtung glaubt ihre Hähe auch erst dann erreicht zu haben, wenn sie sich dem grie- chischcn und rö- »nschcn Wesen möglichst gcnci- hert hat und ans dem antiken Ko- thurn cinhcrstol- zirt. Alle alten griechischen und römischen Götter sind wieder aus ihren Gräbern geholt worden und gehen in den Wersen unserer Poeten um. Sie sollen uns Wald und Feld. Wasser und Land, Berg und Tal beleben. dinscre klassischen deutschen Poe- �en lassen uns sseus donnern, s-ercs auf den Feldern umher- ichweifen, Bac- chus den Wein beseelen, Apollo "'gen und dich- ie», Merkur hau- deln und bctrii- w>. Mars den "iegerischenRei- sichren. Die Weisheit sollen m11. un§ bei Dallas Athene ° er Minerva, je Liebe bei Jwor.dieSchön- , ,i und Anmut " der licdcrli- 7» Bcnns su- che«. Und schließ- 'ch. bringen uns °'ele Götter noch n die Unterwelt, (!e scrn am Gc- jege Tänaron wLSs; �8 ist, daß m % tot Achilles fem möchte. Diese Götter " eu ans dem Olymp, einem Berg, der sehr weit vom Nhe.n irrut ist. und sie schmausen Nektar und zechen Ambrosia. Sächsisches Bauermädchen(Siebenbürgen).(Setn 242.) Nahrungs- und Gcnnßmittel, die jedenfalls sehr verschieden sind von Kalbsbraten und bairischcm Bico Diese Gölter haben zum großen Teil ein sehr anstößiges Privatleben. An dem alten Zeus oder Jupiter will es uns gar nicht gefallen, daß er so viele junge Mäd- chcn unglücklich macht, sie vcr- führt, uneheliche Kinder zeugt und zu sciuenl Kell- ner Ganymed in einem nicht anzu- deutenden wider- lichen Verhält- nisse steht; Mer- kur betrügt mehr, als unser Straf- gcsez gestattet; Venus macht ih- reu Mann täglich zum Hahnrei und wird mit dem plumpen Mars auf frischer Tat ertappt, schämt sich aber durchaus nicht. Alle diese Persönlichkeiten sind sehr leicht bekleidet, halb, teilweise ganz nackt. Wir sind nicht so prüde, sie deshalb zu tadeln, allein un- ser Klima ist für solch spärlicheVc- decknng doch zu rauh. Man sieht, sie stammen aus einem Land, Ivo es weit wärmer ist als bei uns, wo infolge dessen die Leidcnschaf- tcn ganz anders geartet sind und wo man Dinge als selbstvcr- ständlich ansieht, die uns nicht ein- leuchten wolle». Sie wären in unserem nordi- schen Klima schon längst langsam verblichen, diese alten Griechen- götter, wenn sie von den Poeten nicht immer wie- der belebt>vür- den. Was tun sie bei uns? Laßt doch die armen antiken und klassischen Sansculotten(Ohnchosen, Hoscnlose) i» ihrem wannen Griechen- land und Italien; sie fühlen sich dort viel behaglicher. Einer hat ihnen schon einmal den Abschied gegeben. Der unbarmherzige Spötter Heinrich Heine hat die sricrcnden Olympier einmal in seiner Manier begrüßt. Sie niußten den Olymp per- lassen, als das Christentum kam, und wie es dabei dem schönen Apollo ging, erzählt Heine*) so: „Viele dieser armen Emigranten, die ganz ohne Obdach und Ambrosia waren, mußten jezt zu einem bürgerlichen Handwerk greifen, um wenigstens das liebe Brod zu er- werben. Unter solchen Umständen mußte mancher, dessen heilige Haine konfiszirt worden waren, bei uns in Teutschland als Holzhacker tagelöhnern und Bier trinken statt Nektar. Apollo scheint sich in dieser Not bequemt zu haben, bei Vichzüchtem Dienste zu nehmen, und wie er einst die Kühe des Admetos weidete, so lebte er jezt als Hirt in Nicderösterreich, wo er aber, verdächtig geworden durch sein schönes Singen, von einem gelehrten Mönch als ein alter zauberischer Heidengott erkannt, den geistlichen Gerichten überliefert wurde. Auf der Folter gc- stand er, daß er der Gott Apollo sei. Vor seiner Hinrichtung bat er, man möchte ihm nur noch einmal erlauben, auf der Eiter zu spielen und ein Lied zu singen. Er spielte aber so hcrzrührcnd und sang so bezaubernd, und war dabei so schön von Angesicht und Leibesgestalt, daß alle Frauen weinten, ja viele durch solche Rührung später erkrankten. Nach einiger Zeit wollte man ihn ans seiner Gruft wieder hervorziehen, um ihm einen Pfahl durch den Leib zu stoßen, in der Meinung, er müsse ein Vampyr gewesen sein und die erkrankten Frauen würden durch solches probates Hausmittel genesen. Aber man fand das Grab leer. Ueber das Schicksal des alten Kriegs- gottes Mars seit dem Siege der Christen weiß ich nicht viel zu melden. Ich bin nicht abgeneigt zu glauben, daß er in der Fcudalzeit das Faustrecht benuzt haben mag. Ter lange Schim- melpcnnig, Neffe des Scharfrichters von Münster, begegnete ihm zu Bologna, wo sie eine Unterredung hatten. Einige Zeit nachher diente er unter Frondsberg in der Eigenschaft eines Landsknechts und war zugegen bei der Erstürmung von Rom, wo ihm gewiß bitter zu Mute war, als er seine alte Lieblings- stadt und die Tempel, worin er selbst verehrt worden war, sowie auch die Tempel seiner Verwandten so schmählich ver- wüsten sah." Der leichtsinnigen Frau Venus hat Heine noch weit schlimmer die Wahrheit gesagt.**) Doch genug davon. Wir wollen die armen Vertriebenen nicht noch mehr kränken. Wir sind die lcztcn, welche die herrlichen Gestaltungen an- tikcr Kunst verkleinern möchten. Aber wenn unsere Dichter in die alten Göttersagen hineingreifen, um sich Material und Schmuck für ihre Schöpfungen zu beschassen, haben sie es da nötig, die unter dem glühenden Himmel Griechenlands und Italiens geborenen Götter nach dem kühlen Norden zu zerren? Namentlich bei Schiller, dem Nationaldichter, wimmelt es von den Olympiern, und sie füllen fast all die Räume aus, welche der Dichter mit seinen Zaubergestalten zu bevölkern hat. Venus, Ceres, Diana, Minerva, Juno, Zeus, Mars, Apollo, Hermes, die Götter tvcchscln ab mit den antiken sterblichen Menschen Kassandra, Scmelc, Herakles und dem ganzen Schwärm der trojanischen Helden. Es wäre unsinnig zu verlangen, daß die antiken Götter- sagen aus unserer Poesie ausgeschlossen werden sollten, wenn gleich sie schon im Altertum selbst die größten Verherrlicher gefunden haben. Was wir tadeln wollen, ist nur, daß unsere eigenen deutschen Göttersagen so sehr in den Hintergrund gc- drängt, so fast ganz verdrängt worden sind. Und doch sind die Figuren unserer Götterlehrc dem ureigensten deutsche» Wesen *) Die Götter im Exil(1336 und 1833). **) Heine läßt den Tannhäuser der Venus überdrüssig werden. Als sie dem Tannhäuser ihre Reize rühmt, antwortet dieser: „Denk' ich der Götter und Helden, die einst Sich zärtlich daran geweidet, Dein schöner lilienweißer Leib, Er wird mir schier gar verleidet." Da hörts allerdings auch mit der Venus aus. entsprossen. Sie sind in Deutschland selbst geboren und cnt- sprechen sonach weit mehr dem Wesen unseres Volkes und seiner Vergangenheit. Und niemand tvird behaupten wollen, daß es diesen Figuren an Poesie fehle. Sie treten auf in nordischer Stärke und Schönheit, und die nordische Phantasie nimmt einen Flug, der die Höhe der hellenischen Phantasie völlig erreicht. Wenn sich in den Göttern Griechenlands die ganze Formen- schönheit des alten Hellas offenbart, so stellt die nordische Mytologic uns den ganzen tiefen und philosophischen Ernst unseres Volkes dar, den es betätigt hat in langer Entwicklung- Tie nordischen Formen sind rauher; sie zeigen nicht die weichen Linien hellenischer Kunst, aber sie sind niemals unschön»»d überragen jene weit an Großartigkeit und Kraft. Schon wie die altdeutsche und nordische Göttersage die Entstehung der Erde dar- stellt(hauptsächlich nach der Edda), beweist eine ihr innewohnende poetische Kraft, die man bei der hellenischen vergebens suche» würde. Tie nordische Mytologic und die deutsche unterscheiden sich nicht wesentlich; es finden sich viele Spuren, daß die Äsen- die nordische Götterfamilie, im eigentlichen alten Germanien gerade wie im hohen Norden verehrt worden sind, und d>e Unterschiede kommen teilweise auch daher, daß wir einen Teil der altgcrmanischen Götterlehrc nur aus römischen Darstellungen (von Cäsar und Tacitus) kennen. Die nordische und die cigenb' lieh germanische Götterlehre falle» in so vielen Punkten sammen, daß wir sie hier nicht zu trennen brauchen. Aber auch die einzelnen Gestalte» der nordischen Gött�' sage entsprechen dem deutschen Naturell. Sind die Karalterc auch nicht so fein herausgearbeitet, wie bei den Hellene», f sind die allgemeinen Züge doch dem Vvlksgeist angepaßt, �di». das Haupt der Asen, ist eine ernste und würdige Erschcinu»?' er verläßt diese Haltung nur. wenn er an der Spize des wilde» Heeres durch die mächtigen Eichenwälder des alten Deutschl»" jagt, und ist kein Mädchenjäger, wie der olympische Zeus; ftl"C Frau Freia ist eine liebliche und gewinnende Gestalt, ei»e flotte Jägerin, aber auch treue und liebende Gattin, iveüt haben über die intrignante Juno und die leichtsinnige Be»»• Tann der gewaltige Donnergott Thor(Thonar), der Kricgsg» Ziu(Tiu), der sanfte Frö oder Freyr, der herzerfreneudc G» der Liebe, und neben ihm der meist im hohen Norden vereh' Baldcr(Baldur) der Gott des Lichts; Frouwa(auch 3�' die Göttin des Minnegesangs.*) Die nordische Mytologic, der wir durch die Edda mehr Kunde haben, als von der cig� lich deutschen, zeigt die einzelnen Göttcrgestalten mchr�»» geprägt; dort gibt es u. a. einen Gott des Meeres, der ß»""( des Schweigens, des Schlittschuhlaufens, des Bogcnschicw� u. f. w., auch eine Göttin der Jungfräulichkeit und der lichkeit, während Loki, der Feind der Götter, ihnen nachllC' namentlich dem strahlenden Baldur, dem Gott des Licht�< ihrer Höhe aber erhebt sich die nordisch-deutsche Mytolog'� � der dramatischen Darstellung des Weltuntergangs, der Got'' dümmcrung, bei der die Feucrriesen vom äußersten �»l� gegen die Götterburg Asgard vorbrechcn und wobei nach wahrhasten Riesenkampfe die Erde ins Meer versinkt»»&' klebrige vom Feuer verzehrt wird. Doch bald steigt die j wieder frischgrüncnd empor und bevölkert sich wieder. in der Darstellung der Entstehung als auch des Untergang- Welt erreicht die nordisch-deutsche Phantasie eine Kraft und N» wüchsigkeit, die man in keiner anderen Göttersage zu finden Die Nomen(Schicksalssrauen) und die Walkyren, die Sch» jungfrancii, welche die in der Schlacht Gefallenen"»4 *) I» vielen Gegenden Deutschlands zeigen sich noch Spure« wie lies die alten Göttersagen inS Volk eingedrungen waren- hölzernen Pscrdeköpfe ans den Giebeln der norddeutschen Bauern» sind ein Zeichen davon; das Pferd war Odin geheiligt. Für»1�%� und römische Sagengestalten wird sich aber kein norddeutscher mehr erwärmen. Wollte man ihn dazu zwingen, dann wursc». höchstens das Resultat erreiche», das in jenen Versen enthalte» „In dem schönen Mytenlande Schleichet traurig Hans herum, Denn das Land ist gar so klassisch lind der Hans ist gar so dumm!" Heldensaale Odins, die Walhalla, in Asgard bringen, stehen uns näher als Parze» und Furien im griechisch röniische» Altertum. In der deutsch-nordischen Götterwelt spiegelt sich das ein- loche, gcivisscnhafte Volksleben, die rauhe Tugend und die zarten Empfindungeu unserer kräftigen Altvordern. Es ist viel weiter nach dem Olymp des Zeus als nach der Walhalla Odins in der glänzenden Götterburg Asgard, wo man Met(Bier) zecht statt Nektar, und dennoch haben wir immer den weiteren Weg lieber zurückgelegt. In dieser nordisch-gcrmanischc» Göttersage ist ein tiefer und unversiegbarer Oncll deutscher Poesie vor- Händen; wir aber haben daS künstlich von den alten Hellenen und Römern geborgt, was wir natürlich bei uns selbst haben konnten. Wir brauchen nicht den kastalischcu Quell, der den antiken griechischen Poeten Begeisterung verlieh.*) Aber es gibt auch unter unseren Dichter» solche, die aus bei» unerschöpflichen Born unserer alten Volkspoesic getrunken haben. Wir müssen Grimm, Simrock u. a., die durch Sprach- !arschu»g ,md Uebcrsezung uns die alten Schäzc wieder er- schlössen, anführen; es bleibt aber ein unbestrittenes Verdienst da» Richard Wagner, so sehr bei ihm auch der Tonkünstlcr den Poeten überragen mag, die alte» glänzenden und kräftigen Gestalten, die unsere ureigenste Vvlksphautasic geschaffen, wieder kulebt und in den Vordergrund gebracht zu haben. Das war � auch, was er meinte, als er bei der Ausführung seiner großen Aibelungentragödie zu Bayreuth die vielfach als zu stolz bc- zeichneten Worte sprach:„Wenn wir wollen, so haben wir eine Zutsche Kunst!" Wir könnten noch manchen Dichter erwähnen, der über den alten Griechengöttern die trauten und verwandten Figuren der Hjunmt nicht vergessen hat; wir erinnern an Uhlands Gedicht: »Die sterbende» Helden". Lange habe» die Asen vergessen in Asgard gesessen, und es mag den Helden in Walhall manch- �ol langweilig geworden sein beim Aiet und bei ihren gold- wckigen Mädchen, wenn sie sahen, daß sich ihre Epigonen gar a>cht um sie bekümmerten. Die mächtigen Töne Wagnerscher Musik hoben sie jedoch aufgerüttelt aus ihrem Brüten und Träumen. ,*) Unsere moderne gar zu„klassisch" gebildete Jugend freilich wird tl, m verstehen wollen, was Heinrich von Kleist meint, wenn er in 5;'cnJ flammenden Hymnus„Germania an ihre Söhne", der gegen die am 5 sche Gewallherrschast gerichtet ist, die alte Germania ihre Söhne "reden läßt: „Meines Busens Schuz und Schirmer, Unbesiegtes Marsenblut! Enkel der Kohortenstürmer, Römernberwinderbrut!" w. Tas römische Recht hat freilich den Sieg im teutodurger Wald � als weit gemacht.____ Und so wollen wir bei dieser Gelegenheit auch eines jungen Dichters gedenken, der sich in neuester Zeit viel Mühe gegeben hat, unsere alten und kräftigen Göttcrheldcn zu Ehren bringen zu helfen gegenüber dem leichtfertigen Völklcin der Olympier. Wir meinen Franz Siking, der durch seinen Roman„Die Rose von Urach" vorteilhaft bekannt geworden, nun auch mit einem Heldengedicht:„Des Nordlands Königstochter" hervor- getreten ist.*) Es ist ein erhabenes Gedicht, feierlich und ernst, wie einer jener großen Göttcrtcmpel des Nordens, oder wie ein lauschiger Hain mit uralten Eichen, in deren Zweigen und Blättern zuweilen ein sanftes Rauschen den Odem der Götter verrät. Drei Helden werben um eine Königstochter des Nordens, aber nicht dem wildesten und trozigstcn verleihen die Götter den Sieg, sondern dem, der seine Leidenschaften am besten zu zähmen vermag. Hclfricdc, die Königstochter, strah- lcnd in Schönheit und Jugend, stellt uns eines jener lieblichen Frauenbilder vor, an denen die deutsch-nordische Mytolvgie so reich ist. In diesem kleinen Epos ist die Philosophie des alt- germanischen Pricstertums mit ihrem Glauben an ein Urwescn und mit ihrem Sonnenknltus in eine blühend schöne Form ge- faßt, frei von allem gelehrten Beiwerk. Der Dichter hat gc- zeigt, welch reiche Schäzc in der nordischen Göttersage ver- borgen liegen. Möge sein Streben durch den reichsten Erfolg belohnt werden! Zum Schlüsse noch eins;>vir wollen uns dagegen ver- wahren, als ob wir einseitig seien. Wir wissen recht wohl, daß im ganzen und großen die Poesie weder von griechischen, noch römischen, noch germanisch-nordischcn Göttersagen abhängig ist. Jedes Zeitalter, jedes Jahrhundert, jeder Tag gebiert neuen poetischen Stoff, und der Dichter hat es nicht nötig, immer und ewig am Alten kleben zu bleiben. Aber rvic ein alter Mensch gerne in den Handschriften seiner Jugend liest, so geht auch die Dichtung gerne zurück aus die Jugend der Völker und schaut liebevoll auf die seltsamen Zeichen, die aus wenigen verwehten Blättern übrig geblieben sind. Und da wollten wir sagen: die Runenschriften aus der Jugendzeit un- scrcs deutschen Volkes sind inhaltsreich genug und anziehender für uns, als die anderer Völker. Wir sehen ans den färben- prächtigen Bildern der nordischen Sagenwelt das jugendliche Antliz unseres eigenen Volkes strahlen, und das enthält der Poesie genug, so daß wir nicht so arm sind, um bei anderen borgen zu müssen. *) Des NordlandS Königstochter. Eine epische Märchendichtung von Franz Siking. Frankfurt a. M. Sauerländers Verlag. 1884. Moderne Novelle von| OoMwc�0-"0 �ockc und Barett abgelegt und erschien in der tzg C" Einfachheit des bis an den Hals geschlossenen schtvarzcn "letkleides in vollkommeucr Täuschung als feine Frau. sie(■ Innston bat Lea näher zu kommen und den für kchnte'� n Tee zu nehmen, was diese anfänglich ab- Ggs�olicn entging, so harmlos sie auch tat, keine Miene ihres fast in» etwas matt," gestand Lea unsicher,„und fürchte "Sic stocken. Frau Gräfin? Was fürchten Sie?" bttUteCMumorÖC»ben Tag, wenn ich an die Weiterreise denke," Schreibtiu' �ClCn-iugen unwillkürlich stets nach dem 'Qo hinüberschweisten, auf dem die bewußte rote >vas Ihr Interesse an jenem Schreibtisch aÖ c die Engländerin. Schicksale. »rt g>örCib.(Schluß., Lea fuhr erschreckt zusammen, Purpurröte übergoß ihr Gesicht. „Jener Tisch." stotterte sie,„ich bemerkte ihn kaum." Jczt hatte Mistreß Jonston Gewißheit, das Erröten der Gaunerin halte dieselbe verraten. „Sic bemühe» Sich so viel um mich," sagte Lea, indem sie jezt von dem Tee nahm,„daß ich ganz verlegen werde. Was soll ich dagegen tun, um Ihnen meine Dankbarkeit zu beweisen?" „Gnädige Frau Gräfin," begann Mistreß Johnston nun, indem sie das Haupt senkte,„darf ich Ihnen eine Bitte ans- sprechen, eine recht große——" „Eine Bitte?" fragte die Pseudogräfin sehr verwundert. „Ja, ich fühle mich zwar recht peinlich berührt. Ihnen vielleicht lästig zu fallen, aber ich muß mich Ihnen endlich doch entdecken." „Entdecken?" rief Lea und rückte verwirrt bis an die Lehne des Sophas zurück. ,, Freilich," fuhr Mistreß Jonstv» noch imnier gesenkten Hauptes unterwürfig fort,„wird eine so vornehme Dame wie Sie mich kaum verstehen, aber andererseits auch leichter geneigt sein, mir zu helfen!" „Helfen?" fragte Lea, die über diese unerivartcte Anrede vollständig die Fassung verlor und die Manieren der vornchmen Frau immer mehr ablegte,„Sic erschrecke» mich, womit soll ich Ihnen denn helfen?" „Wie Sic, gnädige Gräfin," sprach Amalie weiter,„vorher im Salon vergebens um Wohnung baten, da stieg in mir gleich der Gedanke ans, daß ich durch Sic vielleicht gerettet werden könnte, und ich bot Ihnen mein Zimmer nicht nur ans Gefälligkeit an, sondern offen gestanden ans Eigcnnuz!" „Sagen Sie doch nur, was Sie von mir wollen!" stieß Lea unsicher hervor, da sie durch die demütige Haltung der vorher so sicheren stolzen Dame ganz verwirrt wurde. „Aber haben Sic Nachsicht," flehte Mistreß Jonston, und streckte die gefalteten Hände bittend aus,„wenden Sic Sich nicht ungehört von mir!" Lea starrte sie sprachlos an. „Shirz," rief Mistreß Jonsto», mit allen Zeichen eines großen Seelenkampfcs,„ich bin nicht, was ich scheine!" Lea sprang erschreckt auf. Sic wurde hier mit gleichen Waffen, mit welchen sie selbst kämpfen wollte, geschlagen. Das, tvas sie selbst war, eine mit erborgtem Flitter bchangcnc Abenteurerin, konnte sie natur- gemäß leicht auch in jeder andere» vermute». „Wer aber sind Sic denn?" fragte sie, nachdem ihr erster Schreck durch Neugier verdrängt wurde. „Ein armes unglückliches Geschöpf," fuhr Mistreß Jonston ausstehend fort,„das verlassen dasteht, dessen Hülfsquellcn ganz versiegt sind und das vielleicht schon morgen der traurigsten Zukunft entgegensieht, wenn Sic Sich seiner nicht annehmen!" Lea, die das ihr befohlene Werk— wenn nur Mut und Geschicklichkeit dazu gehört hätte— unbedingt kühn zu Ende geführt haben würde, kam durch diesen unvermuteten Zwischen- fall um den Nest ihrer Fassung. Sic dachte bei sich darüber nach, daß dies alles gar nicht zu dem paßte, was ihr von Scnger gesagt tvordcn war. „Sie wenden sich von mir," sagte Mistreß Jonstvn, die ihre Nolle konsequent weiter spielte,„Sie sind wohl gar er- zürnt? Ach, Frau Gräfin, wenn Sie wüßten, in welcher trostlosen Lage ich mich befinde, so würden Sie mir Ihr Mitleid gewiß nicht versagen! Rehmen Sie mich morgen mit sich fort, vielleicht als Ihr Kammermädchen oder dergleichen, aber vor allem bewirken Sie nur, daß ich ohne Aussehen aus diesem Hotel und hiesiger Stadt entkommen kann!" „Das ist lustig!" lachte Lea in ihrem natürlichen Tone auf. Amalie bezwang mit Aufgebot aller ihrer Kräfte de» Wider- willen, welchen sie empfand, ihre Nolle weiter zu spielen, denn sie war noch nicht zu Ende. „Wollen Sic nichts für mich tun?" fragte Mistreß Jonston mit noch immer niedergeschlagenem Blicke. „Nun fort mit den Possen," lachte die Ganneri», und ließ vor ihrer vermeintlichen Genossin auch die lcztc Zurückhaltung schwinde»,„ich bin ja keine Gräfin; da ich gesehen, daß Sic meinesgleichen sind, so mögen Sie alles wissen. Wir können vielleicht vereint daraus den größten Vorteil ziehen!" „Was denn wissen?" fragte die Engländerin, welche jezt unmittelbar vor der geschlossenen Portiere stand. „Ich bin hier eingeschmuggelt." fuhr die andere fort,„um während der Stacht eine rote Mappe bei Ihnen zu kapern. Hundert Mark habe ich schon dafür erhalten; sie sind hier in der Tasche meines famosen Anzuges, der mir auch verbleibt, und weitere hundert Mark sollte ich bei Ablieferung der Mappe erhalten, aber ich verzichte darauf. Mit dem, was ich bereits habe und in diesem schönen Anzüge will ich nun schon mein Glück machen; das ist genug zum Anfang! Vor allem möchte ich aber ihm ans der Fährte kommen, denn ich fürchte die Ab- hängigkeit von ihm!" (V- Bei dieser lezten Vorstellung überflog ein unwillkürliches Zittern der Angst ihre ganze Gestalt. Auch Mistreß Jonston bebte. „Von wem?" könnt; sie nur mit mühsam unterdrückter{ Scheu fragen. „Na, Kind," sagte Lea, über die ihr naiv vorkvmincndc Frage geringschäzig die Achsel» zuckend,„das weißt du doch, ihren Namen nennen sie uns bei solchen Aufträgen in zweiter| Hand nie, nur das Erkennungszeichen und den Ort!" „Also mich bestehlen!?" rief Mistreß Jvnston laut und mit Nachdruck. „Ja," hohnlachte die Gaunerin,„er scheint aber auf falscher j Fährte gewesen zn sein, da hier alles blank und nichts zu hole» ist! Es wird schwer sein, ihm zu entwischen, da er den einzigen Ausweg von hier bcsczt hält!" Mistreß Jonston faßte mit schnellem Griffe rückwärts und zog die Portieren auf. Hinter den Vorhängen standen in der Türfüllung Juslizrat Härder und der Baron. „Haben Sie es gehört, meine Herren?" rief Mistreß Jonsto» triumphirend, faßte aber sogleich an ihre Brust, als ob sie eine» heftigen Schmerz empfände. Lea schrie entsezt ans, als die beiden Herren, Empörung j im Gesicht, hinter den, Türvorhange sichtbar wurden. „Ha!" tönte es von ihren schreckensbleichen Lippen,„'4) habe mich verraten!"—| Sie wich mehrere Schritte zurück, sank auf die Knice»»o verbarg das Gesicht angstvoll in den Händen. „Elende!" drohte der Baron. „Nun, Herr Justizrat," fragte Mistreß Amalie, welche Härders Hand ergriffen hatte,„sehen Sic jezt klar?" Jäl, „Eine Schändlichkeit ohne Gleichen!" sagte Härder,»»*> suchte die junge Frau, welche sich zitternd an ihn lehnte,, beruhigen. „Ich bin mit meiner Kraft zn Ende." hauchte sie matt. „der Atem des Lasters, der mich berührt, hat meine SelbÜ- bchcrrschung gelähmt, der Zwang, den ich mir auferlegen mnßto. erstickt mich fast;" nach Luft ringend, scztc sie mit leiser Sti»>»' hinzu:„jezt handeln Sic. ich kann nicht weiter!". ,I „Beruhigen Sic Sich, gnädige Frau," sagte der Justiz zu der jezt glänzend gerechtfertigten Dame, nachdem er su'' sichtsvoll ans die Kissen des Sophas hatte niedcrgleiten lastt», „die Strafe soll dem Frevel gleichkommen, das sei meine Sorge- Sich dann zu Lea wendend, verlangte er von ihr ein ofst»� Geständnis. Lea zögerte, die Drohung mit der sofortigen Ablieferung an die Polizei öffnete ihr bald den Mund. Jg „Ich habe den Auftrag," stammelte sie in abgtbroche»e Säzcn,„eine rote Mappe, die jene Dame bcsizen sollte, geW an mich zu bringen!"-g „Sage stehlen!" warf der Justizrat ein,„denn da? das rechte Wort!"\ „Wenn ich die Mappe," erzählte jene weiter,"0#'»: hätte, und alles im Schlafe läge, sollte ich an einem oo" � dieser Zimmer, dessen Lade nicht geschlossen und geuinsch1�. � öffnen sei, dreimal an die Scheibe klopfen, das Fenster und die Mappe demjenigen hinausreichen, der draußen bal warten würde." Der Baron murmelte eine Verwünschung._ j Mistreß Jonston warf eine» scheuen Blick nach dem Bs'»'[ Es überlief sie kalt, sie fühlte sich von nnsichtbarcn umgeben. Sie wagte nicht zu denken, was ans ihr hätte UH' jj j können, wen» sie nicht durch Lcopoldinens eifersüchtigen aufmerksam gemacht worden wäre. Unwillkürlich faßte t"-_ Barons Hand, als wollte sie sich überzeugen, daß ihr ir: aller Gefahren und Feinde auch ein zuverlässiger Freu» Seite stände.(6lnllt „Still!" raunte der Justizrat den beiden andern M � �'c zu,„keinen Laut! Wir wollen gleich die Probe n�chr"-' Tirne die Wahrheit sprach! Herr Baron, Sic richten � Augenmerk ans jene Person; sie darf ihre Stellung»>) Inffcii, um ihvcm Mitschuldigen dmußcn nicht etwa ein Zeiche» zur Flucht zu gebe«, ehe wir ihn genau erkannt haben! Im äußersten Falle halten Sic sie mit Gewalt zurück!" Der Baron trat dicht vor Lea, welche vor Angst sich nicht rührte. „Sie soll nicht mehr schaden!" flüsterte Herr von Warren dem Jnstizrate zu. Der lcztere war zu Mistreß Jonston gegangen und bog sich dicht an das Ohr der Dame. „Ermannen Sie Sich," sagte er leise zn ihr,„es ist das lezte, ivas Sie noch tun müssen!" „Ohne Sorge," erwiderte sie ebenso leise zurück,„ich habe mich Vollständig erholt, was verlangen Sie?" „Geben Sie mir die Mappe, welche die Dokumente um- schloß, und dann löschen Sie die Lichter aus." Sie holte die Mappe, welche ans dem Schreibtisch lag, übergab dieselbe Härder und trat an den großen Sophatisch zurück, wo sie die Lichter ausblies. Ter Justizrat trat in das anstoßende Gemach. Tic Lade des einen Fensters war geöffnet und ließ de» Schein der auf der Straße brennenden Gaslaterne hereinfallen. Unhörbar näherte Härder sich auf dem weichen Wollen- teppich dem Fenster, machte den Flügel der Fensterlade völlig auf und trat dicht an die Scheiben; die vor denselben herab- hängenden Tüllgardinen ließen ihn von außen nicht sichtbar werde», während er jeden Gegenstand auf der erhellten Straße erkennen konnte. Er wollte die Krampe des Fensterriegels aufhaken, dieselbe war zu seiner Verwunderung abgebrochen und das Fenster nur angelehnt. Darauf schlug er scharf und kurz dreimal an die Scheibe. Wenige Augenblicke darauf erschien der Oberkörper eines Mannes, den Rockkragen hochgeschlagen, den Hut tief in das Gesicht gedrückt, an der Fensteröffnung und blickte in stummer Erwartung in das dunkle Zimmer. Härder tritt vor, die rote Mappe vor das Gesicht haltend, so daß deren grelle Farbe in dem Laternenscheine glänzend bc- leuchtet zuerst dem Draußeiistehenden in die Augen fällt. Dieser hebt schon die Hand, die Mappe in Empfang zn nehmen, da schlägt Härder mit Blizcsschnclle dem vor dem Fenster Stehenden den Hut vom Kopf, und ein von blondem Vollbart umrahmtes, nur zu bekanntes Gesicht starrt im Schein der Gaslatcrnc deutlich ihm entgegen. „Hen: Senger!" ruft der Justizrat hinaus,„sind Sie es wirklich?" Wie die Posaune des jüngsten Gerichts dringt dieser Anruf in des Entlarvten Ohr. Er taumelt, vor Schreck fast nieder- geschmettert, einige Schritte zurück. „Die Mappe," fährt Härder kräftig fort,„ist wertlos ge- worden, denn ihr Inhalt ist seit einer Stunde in meinen Händen!" Ein unterdrückter Fluch tönt dumpf von der Straße herein, Senger verschwindet im Dunkel der Nacht.— Der Justizrat ließ in der natürlichen Erregung, in welche ihn die soeben erlangte Erkenntnis des wahren Karakters eines so lange verehrten Mannes versczte, Fenster und Laden offen stehen und ging in das erste Zimmer zurück. „Er ist im Nebel verschwunden," sagte er,„aber der Gc- rcchtigkeit soll er nicht entgehen!" Dann ersuchte er Mistreß Jonston, die Lichte wieder an- zuzünden. Tic Dame tappte nach einem Ecktisch, auf welchem sie die Streichholzdose bemerkt zn haben glaubte. „Meine Hand zittert," sprach sie»ach einer kleinen Pause des Suchcns,„ich finde die Streichhölzer nicht!" Ter Justizrat und der Baron Warren, den die Gewißheit, daß Scngcr ein Schurke sei, jezt ganz auf Lea vergessen ließ, tappte gleichfalls eine Weile vergebens nach Zündhölzchen umher. Kaum sah sich Lea unbewacht, so dachte sie an Flucht; schlangcnglcich glitt sie lautlos ans dem weiche» Tcppich, der jedes Geräusch aufhob, zur Tür des Nebenzimmers, erhob sich im schnellen Ruck— ein Sprung ans den Scffel am Fenster, von dort ans das Fensterbrett, und dann inil flinkem Saze aus die Straße. Als ob der Sturmwind ihr Flügel geliehen, vcr- schwand sie wie ein Phantom in der nächsten Seitengasse. Jezt flammte das Streichholz in der Hand des Barons auf. Er zündete die Kerzen mit demselben an und heller Lichtschein überflutete das Zimmer wieder. „Nun zunächst an ein strenges Gericht!" rief der Justizrat und wollte sich zu der am Boden Kniccnden wenden. Er stuzte, als er sie nicht mehr erblickte, eilte in das Nebenzimmer, da er sie auch dort nicht fand, verriet das offene Fenster sw gleich ihm ihre Flucht. Er bog sich zum Fenster hinaus, die Flüchtige>vär nicht mehr zn sehen. „Lasten Sic dies elende Werkzeug jenes Menschen," Mistreß Jonston,„was liegt an dieser Person?!" „Sie haben recht," entgegnete der Justizrat,„der Haupb schuldige ist anderswo zu suchen; ivir wissen, wo er zu finden ist." „Ich bitte Sic," antwortete Mistreß Jonston,„nichts oh»c mein Wissen zn unternehmen; seitdem seine unglückliche Fra» mir in de» Weg trat, fühle ich Mitleid, nicht für ihn, sonder» für sie, die durch ihre Liebe zu diesem Elenden die O-uc� namenlosen Leidens in sich trägt!" „Aber—" wollte der Justizrat sie unterbrechen. Doch Mistreß Jonston ließ ihn nicht zu Worte kommen. Unbegreifliches Rätsel des Fraucnhcrzcns! So glühcud Amalie diesen Mann haßte, verschwand doch dieser Haß in sti"� äußerlichen Wirkung, sobald sie an Lcvpoldinciis Tränen dachr- Tie alte Erfahrung bestätigte sich auch bei Mistreß Jonst»", daß die Franc» stets mit der unglücklichen Liebe einer andere» sympatisircn, sobald diese Neigung nur nicht den eigene» liebten trifft., „Hätte ich Sic nicht schon längst bewundert, gnädige Frau, sagte der Justizrat,„so ivürdcn Sic durch solchen Edelmut jez gewiß mich dazu zwingen." Baron Marren sprach kein Wort, doch lag in seinem B<>w mehr, als die feurigste Sprache bezeichnen konnte. Das von Sengcr zugefügte Leid>vob in des Barons Augen ci|U" Heiligenschein um ihr schönes Haupt, sie erschien ihm wie c»u Märtyrerin der Tugend. � � Eine Woche später durchschnitt ein stolzer Dampfer die rauschenden Wogen der Nordsee. Am Horizont tauchten d» ersten nebelhaften Umrisse der englischen Küste auf. Zwei der Reisciiden hatten das elegante, mit prächtig Zelt überzogene Hinterdeck der ersten Kajüte verlasse»,*' standen isolirt vorn am Bugspriet und sahen entzückt vor b ans den unermeßlichen Wasserspiegel, der im klarsten Schei» � Frühlingssonne vor ihnen ausgebreitet lag. Es waren Mistreß Jonston und Baron Warren. Lange Zeit sprachen sie kein Wort; sie dachten nicht a» Vergangenheit, nicht an die Zukunft, sie genossen wünsch' den Augenblick der Gegenwart. Ruhe lag über beiden breitet, zufriedene gedankenlose Ruhe und mit ihr des kwz Erdcnlcbcns einziges wahres Glück.< Beide sahen dem Spiel der Wellen zu, welche brau!' sich teilten, wenn der Schiffskicl sich ihnen näherte und! durchschnitt, wodurch das Meerwaffer zu beiden Seiten � Schiffes in Millionen weißer Schaumpcrlcn glizcrnd anfgc»'" wurde und wie ein seiner erfrischender Staubregen oft bis» das Deck spriztc.( Zwei schneeweiße Möwen umkreisten das Schiff in engeren Bogen und ließen sich endlich wie ein Willkomms � grüß des Ozeans dicht vor dem jungen Paare auf das B spriet nieder. Bei dem Niedcrflattern der beiden Möivcn, die ch]'' nebeneinander sizen blieben, schlang der Baron seinen kräst'g Arm um Amalicns elastische Figur. 3 ,(f) „Bedarf es," flüsterte er ihr dabei zn,„zwischen»»- 1 der Worte?" Sie schüttelte den Kopf. Das größte Glück ist st»»'"'- 235 . Er zog sie fester cm sich, sein erster Kuß brannte zärtlich auf ihren Lippen. Durch ihre Seelen zitterte das Gefühl jener echten Liebe, a>e das Berauschende der Erde mit der Ahnung einer Ewigkeit verbindet. Als glückliche Braut betrat sie Englands Strand, um sehr bald als noch viel glücklichere Frau des Barons Marren, be- Leitet von ihrem Vater, für immer in die deutsche Heiinat zurück- zukehren. Sengcrs mißglückter Streich gegen Mistreß Jonston und le Unmöglichkeit, nunmehr noch Baron Warren mit seinem Zieichtum seinen Plänen dienstbar zu machen, besiegelten sein Geschick. Der lange hingehaltene Bankrott brach mit elementarer Gewalt herein. Die Gewißheit, von den Gerichten zu ver- nichtcnder Rechenschaft gezogen zu werden, trieb ihn zu dem verzweifeltsten Schritte,— am Abend des Tages nach seiner Entlarvung jagte er sich eine Kugel durch den Kopf. Sein armes Weib verfiel in Not und Siechtum. Kaum ein Jahr nach dem Zusammensturz ihres Glückes folgte sie dem bis zu ihrem leztcn Hauche geliebten, wenn auch als verbrecherisch er- kannten Gatten ins Grab. Fraucnherzen! Zu bdla Venezill. Ein Städtebild aus Italien. Von A. Grone«. I. „lind weißt du, was'ne Gondel ist, Und lote's sich drinnen wieget? Ein Ding, das kaum die Woge küßt, Wcnn's lustig drüber flieget. Du ruhst so süß, du ruhst so weich, Der Aeter um dich her: Du glaubst, du schwämmst im Himmelreich, Die Sterne um dich her." di l»1'■"Un'4'>vas eine Gondel ist, nun kann ich all' inf 4 begreifen, die sich an Gondel, Gondolier und Gondel- A? t �'"bfk; jezt kann ich die vielgerühmte schwärmerische e ancholie, die Morbidezza des Venetianers begreifen; bc- warum jeder, der nur einmal Venedig sah, und mit z � plätscherndem Ruderschlag durch die Wasserstraßen, zwischen .. herrlichen Palästen ,md unter den kühn geschwungenen Brücken A%hr, nur eine einzige mondhelle Nacht auf dem Markus- „ ie auf der Piazctta zubrachte, ein ewiges Heimweh da' bcm schönen Venedig, nach der Bella Venezia ini Herzen (cntT- � Wer in Italien war und nicht Venedig sah, der wirkt ganze Schönheit des prächtigen Landes. Venedig und gleich in der ersten Stunde bestrickend auf uns ein, . ärgerte mich fast, bei Goethe gelesen zu haben: gesehn, so kennst du das Meer und die Fische; >>t Venedig, du kennst nun auch den Pfuhl und den Frosch." W, ar" Goethe schlechter Laune ist, dann räsonnirt er leicht; 'hr rflÜ'tc'"'ich- Schon die Fahrt nach Venedig ist einzig in Padi t®'c'c�»ach der leztcn Station vor Venedig, von burch V'.�,ltcr Desire, verschwindet das Land; wir fahren hart. lüe't emsgedehnten Lagunen, zu beiden Seiten bis rig.»."" bas Geleise Wasser. Jezt rasseln wir über die be- Es is.°""gunenbrücke, 28 Fuß breit und 11,099 Fuß lang. iltfoeV kv>r über die Flut selbst hinweghuschten. Und näJcr fliegt uns die Stadt entgegen: die unzählbaren "zurM'"bpcln und Türme zeichnen sich immer deutlicher am bersch,»"� Himmel ab; jezt— wie mit einem Zauberschlag alles, wir fahren in eine» Bahnhof ein gleich den c&eii.-"'Cl".be§ Festlandes. Nun aber treten wir hinaus und (finciltü. stehen wir vor dem venetianischen Leben, vor der die.un"'chkeit der Stadt. Wo sind die Wagen, die Droschken, sW'N'busse der Hotels? Gleich zehn Schritte vor uns wirst lobl dem Kanal und in ihnen steht der Führer und hasche» blicke umher, den ankommenden Fremden zu er- waltj».' g, �ola, Signore, gondola Excellenza! Große ge- Last>vg. tragen das Gepäck in die Stadt— es sind die sie iMg' �niger große vertreten die Stelle der Omnibusse; wo erine große Anzahl Passagiere auf und sezcn sie ab, l>ber hg...Elsten wird, wie die Wagen der Pscrdc-Eiscnbahn; Und wieg/�'mmer noch nicht die echte Gondel. Da liegt sie M der groziös auf der leicht bewegten Flut, lang, schmal, fwttct, c'u schwarz überzogenes ftiimincrchen mit gcpol- tnucht dci'nc'' drei Seiten mit Fenstern verschen. Jezt kondolier, hoch auf dem Hinterdeck aufrecht stehend, die lange Ruderstange in das Wasser und wir fahren in den i Canale Grande. Jeden Augenblick huscht eine Gondel fast nn- hörbar an uns vorüber. Die Gondoliere rufen sich einen Gruß, einen Scherz zu; fast könnten sie sich die Hand reichen, so nahe fahren sie aneinander vorbei und doch berühren sich die Gon- dcln nicht. Mit außerordentlichem Geschick werden die schlanken Fahrzeuge gelenkt. Jezt ragt vor uns eine gewaltige Brücke in kühnem Bogen auf, wir fahren nntcr ihr her.„Ponte di Rialto", ruft der Gondolier. Also das ist die vielberühmte Rialtobrücke? „Nichts neues auf dem Nialto?" ruft fragend Salanio dem Salarino im„Kaufmann von Venedig" entgegen. Und rufen wir heute, so antwortet immer und immer das Echo traurig: „Nichts Neues!" Schon beginnt Venedig seine Gewalt auf uns auszuüben, schon stimmt es auch uns melancholisch; denn gar zu traurig ist das Schweigen ringsum. Jezt fahren wir in einen schmalen Seiteykanal; düster steigen zu beiden Seiten die hohen Mauern hinan, ein düsteres, ahnendes Gefühl be- schleicht n»s. Hoch oben sind die beiden Gebäude durch eine verdeckte Brücke verbunden, düster schaut sie ans den dunklen Kanal hinab.„Ist das—?" ,,ll ponto dei sospiri!" ruft wieder der Gondolier; es ist die venufene Seufzcrbrücke, rechts neben uns der Dogenpalast und links die Gefängnisse. „Zu Venedig aus der Seufzerbrückc stand ich, Ein Kerker mir zur Rechten, zur Linken ei» Palast." Alle die Schauergeschichten des blutigen Venedig tauchen vor uns auf. In dem verdeckten Gang der Brücke blizt ein Licht auf; Häscher führen einen Unglücklichen ans dem Gefängnis vor das Gericht der schrecklichen Zehn. Armer, deine Stunden sind gezählt! Die Ponte dei Sospiri überschreiten, heißt vom Leben zum Tode gehen. Da plözlich knarrt vor uns tief unten, wo das Wasser murmelnd an die Treppe schlägt, eine Türe, eine schwarze Gondel liegt davor. Fackelträger erscheinen, hinter ihnen zwei dunkle Gestalten, das Gesicht vcrlarvt; auf ihren Schultern tragen sie einen Körper. Still und düster wie die feuchten Mauern, legen sie ihre schauerliche Last in die Gondel, still und düster sehen die Gondoliere ihrer unheimlichen Fracht entgegen, einige geheimnisvolle Worte und dann fahren sie fort. j Morgen ist ein Signore verschwunden,— sein Körper liegt auf dem schlammigen Boden des Canale Orfano. Fort, fort aus der dumpfen Gasse, sie benimmt uns den Atem. Erleichtert atmen wir auf. wir fahren wieder hinaus in die frische Lust, in den weit ansgedchntcn Canale Grande. Wie das prächtig ist! Wie das schimmert und strahlt! Sind wir denn hier an den Ufern des Bosporus? Auf der blauen Flut wiegen sich prächtige Dampfer, und weiter hinaus steigen wie eine Fata Morgana die Inseln von Venedig auf, und dort zur Linken die prächtige Kirche Maria della Salute;- noch einige Ruder- schläge und wir liegen vor dem prächtigsten Plaze der Welt, wir stehen im Angesicht des schönsten Palastes, vor dem Dogen- palast. Wir landen an der Piazctta, aber es stürmt eine solche Fülle von einzelnen Schöichcitc» auf uns ein, daß es uns fast betäubt, wir empfangen nur den Gesammteindruck, die Details verhüllen sich nach. Da ist es leicht zu vergesse«, daß man dach auch wohnen, schlafen, essen und trinken will. O diese prosaisch materielle Menschennatur! Auf, Filippo— so hieß mein Gondvlier— auf nach der Albergo d'Jtalia, dem deutscheu Hotel im italienischen Venedig. Jedem Deutschen, der nach Venedig geht, darf ich raten, dorthin zu gehen, selbst dann, wenn er nicht da wohnen will. Albergo d'Jtalia, von zwei deutschen Wirten, Bauer und Grunewald, gehalten, ist nicht nur Hotel, sondern auch Restaurant und eine acht gemütliche Bierkneipe mit köstlichem Bier, das direkt von Wien kommt, vortrefflichem Essen, guter Bedienung und freundlichen, gcsäl- ligen Leuten. Hier ist auch der Sammelplaz der Deutschen, wenigstens der meisten. Wenn es auch irgend ein Junker unter seiner pommerischen Wurde halt, hierher zu gehen, nun umso besser, dann sizt er auch anderen vernünftigen Menschen nicht im Wege. „Wo essen Sie?" fragte mich eine solche Ausgabe echten dünkelhaften Hochmuts, der in der einen Tasche den roten Ba- deckcr und in der anderen den in Saffian gebundenen Gothaer Kalender trug.„Bei Bauer: Sauerkraut mit Würstle, Mal- karoni und Kalbskopf, ein Stiick Käse und dazu ein kostbares Glas Bier", antwortete ich lachend, denn ich kannte meinen Pappenheimer.„Ach nein, das liebe ich nicht; es ist so leb- hast da, so viele Menschen. Im Lokal selbst raucht man, bietet Austern und Schildkröten feil, und man weiß nicht—"„Neben wen mau zu sizen kommt", unterbrach ich ihn.„Jeder nach seinem Geschmack, mir gefällt's nun gerade so. Auf Wieder- sehen." Der Arme ging zum Albergo dell' Europa, saß zwei bis drei Stunden am Table dchöte, langweilte sich— aber er war doch, wie cr glaubte, in ebenbürtiger Gesellschaft. Sogleich beim Eintritt in das ziemlich volle Lokal rief mich jemand beim Namen, und siehe da, ein Genosse aus der schönen akademischen Zeit umarmte mich.„Es flössen die Fragen in Ivechseluder Red'"; er zog nach Rom, um historische Stu- dien zu machen, ich nach dem gemütlichen Tirol und später nach der Heimat; wir beide aber wollten uns redlich des Da- seins in dem schönen Venedig freuen. Der Plan für den heu- ligen Tag war entworfen, und wir zogen Arm in Arm durch die engen Straßen, oft so eng, daß wir nicht nebeneinander hergehen konnten, nach der Piazetta zum Kanäle. Ob es wohl noch eine so schöne Fahrt geben kann, als von dem Togen- Palast bis zur Jsola di Chiara im Angesicht des adriatischen Meeres? Ein prächtiger Palast neben dem andern, einer schöner als der andere, einer historisch interessanter als der andere, aber auch jeder trauriger als sein Nachbar. Halt Filippo! Nicht so rasch! Der Gondvlier nickt und zeigt uns den nächsten Palast:„Hier wohnte Desdeniona, ermordet von dem eifersüchtigen Mohren Othello." lind dabei lacht der Schlingel nicht einmal. Heute ist der Palazzo Eon- tarino Fasani ein Hotel, und der mit dem Spleen behastete Engländer ist entzückt, in demselben Zimmer zu wohnen, wo die arme Desdeniona unschuldig gemordet ward. Wenn es ein ganz dummer„Euglishman" ist, dann glaubt er sogar in der- selben Bettlade zu schlafen. Mit jedem neuen Palast ein neuer Name, ein neues Blatt in der Geschichte Venedigs und darunter manches blutgefärbte Blatt. Palazzo Foscari— armer Jacobo Foscari! Nachdem die schrecklichen Zehn da oben dich ans das gransamste gefoltert haben, deinen blühenden, kräftigen Leib mit der Seilfolter fast zerrissen, verbanden sie dich, und du stirbst aus Liebe zu deinem Baterlande! Palazzo Moceuigo— hier wohnte Lord Byron mit zivci Affen, fünf Kazen, einem halben Duzend Hunden, einer Krähe, einem Sperber, Papageien, einem Fuchs und wer weiß mit was noch für Getier; das wildeste und unbändigste Geschöpf aber von allen war die Margherita Cogni, die er selbst eine Tigerin nennt und die an die Stelle einer seiner unzähligen Flammen getreten war, um mit ihrer baldige» Nachfolgerin wieder zu tauschen. Wenn der Lord nun nicht zufällig Byron gewesen wäre, was würde man dann wohl gesagt haben? Eine eigentümliche Schwäche erzählt man sich von dem englischen Leander. Bekanntlich hinkte der Lord, und aus lauter Eitelkeit, man könnte diesen Fehler bei ihm be- merken, ging er nie auf den Markusplaz. Vielleicht hatte man ihn dort sehen können, wenn die gewöhnlichen Menschenkinder schliefen? Und immer weiter fliegt die Gondel, noch immer neue Pa' lästc; jezt der Palazzo Manin's, des lezteu Dogen von Venedig. Der leztc Doge ist zugleich mit der Republik gestorben; die Republik erhielt den Todesstoß von der Republik Frankreich. Bonaparte haßte Venedig tätlich und gern hätte er Venedigs Namen vom Erdboden vertilgt. Und ivieder steht die Rialtobrücke vor uns.„Nichts Neue-' ans dem Rialto?".„Nichts Neues", gibt das Echo wieder. Wir können sie nicht alle nennen, die stolzen Gebäude, die stummen Zeugen einer ruhmreichen Vergangenheit, heute vielfach öde und verlassen, oder zu leerstehenden Fremdentvohnunge» eingerichtet. Da, wo der stolze Nobile an der Seite der schaue" Signora saß, schlürft heute der Engländer seinen Kaffee, schneide man für einige Centesimi Hühneraugen— welche Profanatn'" — und wäscht die Wäscherin alte Glayeehandschuhc. I" de"' Palazzo Corner della Regina, wo die geistreiche und wundes' schöne Katharina Cornaro, die Tochter der Republik und ,1 des Königs von Cypcrn, glänzenden Hof hielt, ist ein— 2cijl' haus; da wird auf Pfänder geliehen. Du armes, armes®C' nedig! „------ es wird zum kleinen Städtchen Die Hauptstadt, drin statt Senatoren Sklaven, Statt TSdeler Bettler sind, statt Bürger Kuppler! Wann der Hebräer haust in deinen Hallen,——--" Schrecklicher Fluch des alten Togen Marino Falieri. dcv fast achtzig Jahre alt, das Silberhaar auf den Henkers"" legen mußte, du bist nicht gar so weit von der Wahrheit- Wie sind sie gesunken, die köstlichen Marmorhallen! die Mitte des IG. Jahrhunderts wurde der Palazzo Ben'' min um 60 000 Dukaten oder 570 000 Mark verkauft. � kaufte ihn die Mutter Heinrichs V. um 33 000 Gulden," 66 000 Mark, um den neunten Teil seines damaligen Pre'"' Nim ist er Richard Wagners Todesstätte geworden., „Was ist Prunk, Pracht und Macht— als Staub und Schees Und wie wir leben auch, wir müssen sterben." Fort mit den trüben Bildern! Venedig ist doch noch zu schön, zu bezaubernd schön, um solchen Gedanke» 5" Raum zu geben. � Wir fuhren den ganzen Canale Grande hinab, noch, Bahnhofe vorbei; dann aber machten wir gern wieder d�ists � Weg, stiegen an einzelnen Stellen aus und besuchten eiv# � alten Paläste. Die Ranmverhältniffe sind nicht so gewaltig � bei den prächtigen Palästen Genuas. Mußte doch h>""' CII fußbreite Raum— dem Wasser und dem Schlamm abgev"' � werden. Mit welchen Schwierigkeiten die Erbauer z» hatten, geht ans zwei Beispielen hervor, die wir anführe» Tic gewaltige Eisenbahnbrücke über die Lagunen, die w» ö anfangs erwähnten, ruht wie die meisten Gebäude auf Pfählen. Nicht weniger als 80000 Pfähle von holz wurden in den schlammigen Boden eingetrieben, Nostwerke von Eichenholz aufgeführt und nun endlich hölzerne Unterlage die Quaderpfeiler gebaut, welche die Brücke tragen. Um den Bau der Rialtobrücke zu erwog trieb man zwölfhundert Pfähle ein und hierauf erst der Steinbau. Venedig ist in der Tat ähnlich jene» � bautenkolonien, deren Entdeckung in den schweizer See � Gelehrten so entzückte. Aber welcher Gegensaz zwische" � rohen Bewohner jener Pfahlbauten und den Venetianer» � wie sie ursprünglich hießen, den Vcnctern! Dort kämp! � kulturlose Naturmensch mit steinerner Waffe gegen die~ des Waldes, zerrieb sich seinen Mais kümmerlich 5� cs Steinen, zog dem Hirsch und dem Bär das Fell ab," sich als Kleidung umzuhängen, und bewirtete den bes») � Nachbar mit frischen Markknochen, die sie dann gleich! Friedenspfeife emsig aus- i°gen. Scheffel besingt den •edern Pfahlbauer in köst- "cher Weise: qualmende Nebel um- k. feuchten �ln Pfahlbau- Gerüstwerk ,,. im See, tuto fern ob der Waldwild- nis leuchten < ic.llpen im ewigen Schnee. » Mann sizt auf Hölzer- cv �„ nein Stege, »elle gehüllt, denn es �r schnipst mit der Feuer- g,... steinsäge ln Hirschhorn und summet .. sein Lied. hier von der Pfahlstadt bcr ftoIäe . netter Sander und Meere, Bt den Männern des mäch- °t,..�ibnwnd Schrecken J' i'eht die Herrscher um �01», ff buhle», zahlt bcclL. Eroberungen "Königreiche und ist stark dj. bcm stolzen Spanien «„Durchfahrt durch de» > zu Venvehrcu! fordett� �eheffcl unaufge- Psabl.' sternzcitlichen grauer beffngt.l-omußte KKS j�geu und erhielt für (« 0 ue den bescheidenen 'eh IT hundert Duka- !%%%&% �''amfchenNobili. Man- ts(„! stir pe lassen wir ge,,. er Uebersezung fvl- IS Äff W B' last so breit. Die Scala Contarini in Venedig. als manche Straße Venedigs es nicht ist, fuhrt ohne starke Steigung zu dem Glocken- Hause empor, dessen hohe und offene Logenfenster eine prachtvolle Aussicht gewah- ren. Auf dieser luftigen Hohe steht wie ein Guck- kästen das Häuschen des Wächters und Glöckners zu- gleich; der mag schon wissen, woher der Wind weht. Welche prächtige Aussicht von diesem hohen Standpunkte aus, auf den Napoleon geritten sein soll, wahrscheinlich um etwas ganz Außergewöhnliches zu tun. Das Auge ist ver- wirrt, es muß einen Ruhe- punkt suchen, um dann all- mälich die einzelnen Punkte finden zu können. Vor uns liegt die herrliche Markus- i kirche mit ihren stolzen, orientalischen Kuppeln und neben ihr breitet sich bis zur Piazctta hinunter die marmorne Säulcnwaud des Dogenpalastes aus. Tief unten in der schwindelnden Tiefe bewegt sich, ameisen- ähnlich anzuschauen, die Menge. Von der Markus- kirche her ertönt ein gewal- tiges Rauschen, eine Wolke steigt hinab auf den Mar- kusplaz. Sind das die Kra- niche des Jbikus? Nein, es sind die Tauben des hl. Markus, das Wahrzeichen Venedigs, die viele hundert Jahre da oben wohnen und da unten auf Staatskosten gefüttert werden. Durch das Gewirr der Häuser zie- hcn sich dunkle Linien, oft hell aufblizeud. wenn die Sonne sie beleuchtet; es find die von hier oben kaum zähl- baren Kanäle Venedigs.— Jezt lassen wir die Blicke weiter schweifen und magisch beleuchtet von den Strahlen der untergehenden Sonne steigen die Inseln aus den Lagunen und dem Meere empor, und hinter ihnen breitet sich weit und un- übersehbar das adriatische Biecr aus. Wie ein Gruß aus dem deutschen Vaterlande tau- chen am Horizont die tiro- ler Alpen auf. deren schnee- bedeckte Gipfel wir mit unserem Glase deutlich wahr- nehmen können. Und immer tiefer senkt sich die Sonne und immer näher rückt der Gesichtskreis; eine Insel verschwindet nach der andern, als sänke sie hinab in die blaue Flut. Da unten ans dem Markusplaze entzünden sie schon die Gasflammen, und der Glöckner schaut uns verwundert an, daß wir uns von dem schönen Schauspiel gar nicht trennen wollen.— Das Leben Venedigs konzentrirt sich ganz besonders am Abend ans dem Markusplaze; er ist der Boulevard des Venctia- ners. Und wie das wogt und treibt in den prächtigen Arkaden! All' die schönen und reichen Korallen-, Juwelier-, Bilder-, Glas- waarcn- und andern Läden sind erleuchtet und zeigen ihre blizendcn Schäze. Bcanchcr sehnsüchtige Blick wird da hinein- geworfen. Wie zwei Ströme ziehen die Lustwandelnden neben- einander her; Reich und Arm, Eingeborener und Fremder, Damen und Herren, Frauen, Mädchen und Männer ans dem Volke, alle genießen sie die milde Abendluft und das Schau- spiel der hiu- und herwogcndeu Menge. Ambulante Kramladen mit allem Erdenklichen winden sich durch, und ihre Besizer schreien teilweise ihre Waarcn aus; prächtige Südfrüchte, Muscheln, Schildkröten, Korallen, zierliche Gondeln, Bilder, Feuerzeug, Zeitungen werden feil geboten. Vor den glänzenden Cafes stehen die Tische und Stühle bis weit ans den Plaz hinaus, und durch die Gäste wogt das Gedränge und wie überall in Italien— mit Anstand, ohne jegliche Roheit. Links von der Markuskirche mündet die Hauptstraße Venedigs auf den Markus plaz ein, die Mcrceria. Wie das flimmert und blizt von Gold und Silber; von Korallen und Perlen! Dann die berühmten venetianischen Glasivaarcn und die blinkenden Spiegel. Kein Wagen, kein Pferd und kein schlechtes Pflaster stört uns, es schlendert sich so angenehm und wir gehen immer weiter, bis wir wieder auf der Rialtobrücke stehen. Und jezt haben wir das vielbesungene, vielgepriesene echt venctianische Bild vor uns. Der Blond ist aufgegangen und gießt sein mildes Licht über den breiten Kanal, auf dem die schwarzen Gondeln gespensterhaft hin und her huschen.„Signori fanno una passcggiata?" fragt neben uns eine Stimme, und Filippo erscheint wie gerufen. Wir steigen in seine Gondel ein, um das schönste Schauspiel, Venedig vom Wasser aus, im vollen Lichte des Mondes zu genießen. Es ist wunderbar schön, zwischen den hohen Palästen dahinzufahren; aber es ist gar so still, so traurig still. Unter den hohen Fenstern schlägt kein schmucker Kavalier die Laute mehr, und auf dem Balkon erscheint keine dunkeläugige Signora, um dem Schwärmer da unten zu zeigen, daß er gehört wurde.?llles still und öde. Hier Palast an Palast, auf dem Markusplaze lauter schimmernde Pracht und da drinnen in der Stadt die größte Armut. Mehr als 25000 Menschen fristen ihr klägliches Dasein von den Uutcrstüzungcn des Staates, und viele taufende kämpfen Tag sür Tag den bit- tersten Kampf ums Dasein. Was wäre die stolze Dogenstadt, wenn sie nicht von den- Fremden besucht würde! Und wie wünschen sie, die jeden deutsch Redenden verfluchten, die Fremd- Herrschaft, die Oesterrcicher, zurück. Alan muß sie hören, die Gondoliere, die Kauflcute, die Wirte, wie sie mit Wehmut an jene Zeiten zurückdenken.„Ja, wir haben sie gehaßt, wir haben alles getan, heimlich und öffentlich, um die Tedeschi fortzu- bringen, und jezt müssen wir es bitter bereue». Wir haben es getan aus Liebe zum Vatcrlaude, wir wollten Italiener sei», aber dafür hungern wir jezt. Süß ist's, für das Vaterland zu sterben, aber aus Hunger sterben, das ist kein Heldentod." So klagen sie alle und es ist auch nicht abzusehen, daß es besser wird. Ter Handel von Venedig liegt brach, das zu nahe Trieft nimmt alles weg. Der Handel, die Industrie suchen keine historischen Orte auf, wenn sie an dem prosaischsten Orte für ihre Zwecke einen besseren Plaz finden. Es ist gar zu traurig um dieses prächtige Venedig. Wir hatten uns auch ablenken lassen von dem nächtlichen Schauspiel dieser Art, aber sie verschwanden, sie mußten verschwinden bei dem Bilde, das sich uns jezt darbot. Wir landeten an Piazetta, und vor uns lagen sie alle, die Zeugen der reichen Zeiten. Wenige Schritte vom User entfernt, stehen die beiden gewaltigen Granitmonolitcn, die der Doge Sebastian Ziani gegen Ende des zwölften Jahrhunderts aus Konstantins brachte, derselbe Doge, der zuerst ani Himmclfahrtstage � feierliche Vermählung mit dem adriatischen Meere voniahal- Tcr goldstrozende Bucentaur, von dessen Teck herab der TG mit Majestät den vom Pabstc geweihten Ring in das 9J'cC schleuderte:„Desponsarnus te mare in signo veri petuique domini,"„Wir vermählen uns mit dir, o Meer,' Namen des wahren und ewigen Herrn" ist zerschellt. � Korse wollte alle Zeichen der ehemaligen Macht Vernich c' Napoleon ließ den Bucentaur zerstören. � Auf der linken Säule steht die Statue des heiligen Teo j auf der anderen der geflügelte Markuslöwe; immer noch wj! er hinaus auf das Meer, aber es gehorcht ihm nicht. seine Tazen sind kraftlos geworden, sein Auge blickt trübe, u als der Korse ihn sogar nach Paris schleppen ließ, da entt dem ehernen Auge eine Träne. So erzählt es der Vcrn'w" � Oesterreich sezte ihn wieder an seinen Plaz; wie lange mag nun Ruhe haben? � Lange Schatten werfen die Säulen in dem Lichta• j Mondes. Cave Columnas! Hüte dich vor den Säule»,' früher die Warnung des Benetianers, und heute noch ist � nicht gerne zwischen ihnen durch; denn hier verrichtete der H sein Werk, und viele, viele Schuldige und Unschuldige st" zwischen ihnen schmählichen Tod. Wie oft hing»m I■, Morgen die Leiche eines wackeren Mannes hier, der es g" � dem Volke meinte, aber den obersten Zehn nicht genehm� � Wohl knirschte das Volk mit den Zähnen, wohl fluchte e- Herzen— aber cave columnas! es schwieg. ,�it Wenige Schritte weiter und wir stehen vor der Fa�ade des Dogcnpalastcs, der ebenso durch seine 0� Größe als auch durch seine ganz eigene architektonische � � heit imponirt. Nach zwei Seiten hin erheben sich,""�(sif» dem anderen, zwei prächtige Säulengänge; auf deni» � durften nur die Senatoren gehen. An dem einen Portikus, nach der Markuskirche zu, stechen unter bf»_ � Marmorsäulen zwei rote hervor; zwischen ihnen verk«»: Senator dem untenstehenden Volke die gefällten Tode- �, Wie oft stand das Volk hier in ohnmächtiger Wut, ji; sich die nervige Faust um das Stilct, aber es Spione der Zehn standen unter ihm. Ein unvorsicht'g��A eine leis gemurmelte Verwünschung, ein Fluch auf � gc tyrannischen Häupter: und ein neues Todesurteil war I j schrieben. Die Säulen standen gar zu nahe—■ nas! Das Licht des Mondes spielt aus den oriental», �?>r peln der einzigen Markuskirche und feenhaft treten st milden Beleuchtung hervor. Es ist ein Bild, wie�'. � j" I Phantasie es sich nicht vorzustellen vermag, ohne � � bch I haben. Der Kirche gegenüber steht der Kampanilc,»" � tst1 berühmten Fahnensäulen, an denen einst die Sfl(sttCI1 eroberten Königreiche Cypern, Morca und Kandia werfen ihre langen, langen Schatten weit über de» j? plaz hin.. je est „La place de Saint Marc est un salon au'l jjj» seul est digne de servir de vo&te,"„der Marku-st, sNer ��� jugehen lasten wollte, da sie das beste, was nur haben wäre, gewünscht hatte:. lien.lv" Hachwohlgeboren erlauben wir uns untertänigst in- dir s°°""übertrestliche Qualität dringend zu empfehlen, weil �wmiprr V'ädige Baroneste sowohl als für den Heirn wachten h��ut absolut keine andere als diese passend zu «Forticzmig.) sezte, erkannte Siegfried zu seinem tiefen Schrecken, als der Lieutenant zornroten Antlizes in den Laden hereingestürmt war und mit schneidig schnarrender Stimme und wild funkelnden Augen, den Schnurrbart dolchartig spiz gedreht, sofortige Auf- klärung verlangt hatte. Nachdem sich herausgestellt hatte, daß blos eine Berwechs- lung zugrunde liege, begnügte sich der tatendurstige Kriegsmann allerdings mit einem vernichtenden Blick auf Siegfried und mit der Bemerkung, da es sich nur um eine Eselei handle, wolle er die Sache einmal so hingehen lassen, er habe allerdings die Absicht gehabt, den Kerl zu spießen, der sich als der schuldige Teil herausstellen solle. War er in diesem Falle noch mit knapper Not dem Gespießt- werden entgangen, so drohte ihm kurz darauf eine vielleicht sein ganzes Lebensgliick gefährdende Entstellung seines ohnehin nicht übermäßig schönen Antlizes. Eines schönen Tages war das Geschäft ungewöhnlich stark von Käufern jeden Alters und Geschlechtes besucht, und sämmt- liche Kommis, Verkäuferinnen und Lehrlinge hatten alle Hände voll zu tun. Unter den Beschäftigten der arbeitsamste und eifrigste war wie immer Siegfried Bandmcyer, der älteste Kommis von Jakob Fink selbst. Aber während er in raschem Hin- und Hcrspringen sich schier verdoppelte und verdreifachte, geschah es ihm, daß er eine Partie Kiuderhäubchen, Jäckchen, Hemdchen und Windeln, welche er einer jungen Frau vorlegen sollte, vor einem Menschen aus- breitete und, als jedenfalls ganz seinen Bedürfnissen und Anfor- dcrungen entsprechend, anpries, der darin eine freche Anspielung und gröbliche Beleidigung seiner eigenen Person und der eines augenblicklich noch geliebten Wesens sah,— nämlich vor dem ge- wiegten Mädchenarzt Kurt Stark, der auch wieder einmal er- schienen war, angeblich um ein dringendes Bedürfnis nach Hemdenknöpfcn zu befriedigen, in Wahrheit um Fräulein Emmy Holder, die dicht neben Siegfried Bandmeyer stand, als er mit den Kindersachen angerückt kam, verstohlen ein Brieflein in die Hand zu drücken. Die hübsche Emmy wurde ganz bleich und Kurt Stark glühend rot vor Wut, und lezterer neigte sich zu Siegfried über den Ladentisch hinüber, erhob seinen mit dickem Horngriff ver- schencn Stock wie zum Schlage und zischelte ihm zu: „Herr, wenn Sie nicht sofort um Verzeihung bitten, dann schlage ich Ihnen auf der Stelle das krumme Nasenbein in tausend Stücke— Sie jämmerlicher dummer Junge, Sic!" Das Nasciibem blieb nun glücklicherweise unversehrt, denn Siegfried beeilte sich mit jämmerlicher Armesündermiene um Entschuldigung zu bitten, und die junge Frau, welche das Kinderzeug bedurfte, meldete sich auch sogleich, aber den jämmer- (ichen dummen Jungen wurde unser armer Siegfried nicht los, und Fräulein Holder war und blieb seine Todfeindin, ebenso wie Kurt Stark fortan ihn seine Verachtung noch weit dcut- lichcr und handgreiflicher fühlen ließ, Ivo er ihn traf, als zuvor. Allgemach rückte die Zeit der Weinlese heran. Zuguterlezt oder richtiger zuschlcchtcrlezt ward unser Held noch entsezlich auf die Folter gespannt. Gustav Jungmann war längst wieder auf die Reise gegangen und kam nicht zurück, ließ auch keine Silbe von sich hören. Endlich kam ein Brief von ihm. Was darin stand, war für Siegfried wieder ein harter Schlag. Jungmann schrieb, er könne nicht, wie verabredet, mit Siegfried gemeinschaftlich nach Licbenhausen reisen, sondern werde wahrscheinlich erst etwas später dort eintreffen und direkt dahin reisen. Das ändere jedoch an der Sache garnichts; er werde Siegfried rechtzeitig benachrichtigen, wann er— allein— abfahren sollte, und dann würde dafür gesorgt sein, daß ihn ein Freund ans dem Bahnhofe in Lieben- Hausen in Empfang nehme,— das übrige werde sich schon finden. 240 Siegfried las das Schreiben ein duzendinal und schiitteltc wohl hundertmal den Kopf. Tie ganze Sache kam ihm. je mehr er darüber nachdachte, desto bedenklicher vor. Er allein nach Liebenhausen, wo er gänzlich unbekannt war! Ein Freund sollte ihn in Empfang nehmen,— was für ein Freund? Er. Siegfried, hatte sicher keinen in Liebenhausen und zehn Meilen in der Runde. Ein Freund dem Jungmann jedoch,— wie sollte der ihn auf dem Bahnhofe erkenne»? Und dann der Gedanke, ohne Jungmann in das Haus Prechtling zu kommen!?-Er fühlte sich jezt schon bis zur Sprachlosigkeit verlegen, wenn er an diese Eventualität dachte, — ja, wenn er noch wenigstens seine altgewohnte Ladentafcl hätte mitnehmen könne»,— hinter der er seine Geistesgegcn- wart niemals völlig verlor, wo er immer von neuem Worte zu finden gewöhnt war,— aber ohne Ladentafcl, auf wildfremdem Boden, wo er eigentlich gar keine Existenzberechtigung hatte, — ein kecker Eindringling, eine Art Räuber, der da kam, in der verwegenen Absicht, eine harnilose brave Familie um eines ihrer teuersten Mitglieder, ja sogar— Siegfried war fest davon überzeugt— um ihr Teuerstes, ihre Perle und Krone zu bringen! Es war imgrunde eine Tolldreistigkcit, die er da vorhatte, ein Unternehmen, das eigentlich garnicht gelingen konnte.-- Aber Gustav Jungmann nahm auf den Sturm in Siegfrieds Busen nicht die mindeste Rücksicht. Plvzlich traf eine Postkarte ein folgenden Inhalts: „Lieber Junge! Nächsten Freitag Abend Punkt 7 Uhr fährst du mit dem Schnellzuge ab, triffst alsdann 9 Uhr 40 in Licbenhause» ein. Beil» Aussteigen halte eins von deinen großen rotseidcnen Taschentüchern in der linken und, damit eine Verwechslung un- möglich ist, deinen Stock mit der silbernen Knicke in der rechten Hand. Tue aber ja genau wie ich bestimme, sonst steh ich für nichts, und solltest du etwa gar den Zug verbummeln oder dich anders besonnen haben, so wäre ich blamirt und würde mich als persönlich beleidigt betrachten. Licbcnhausen erivartct dich, Siegfried; auf Wiederscheu da, wo unsere Liebe zuhause ist. Dein Gustav." Nach Empfang dieser Zeilen konnte für Siegfried nicht mehr zweifelhaft sein, was er zu tun habe. Tic Würfel waren geworfen! Er mußte tun, was Jungmann bestimmte. Dieser hatte aber in der Tat auch sehr umsichtig disponirt. Das große rvtscidcnc Taschentuch,— alle Jahre bekam er ein solches von seinem Prinzipal zu Weihnachten geschenkt,— eignete sich vorzüglich zu einem Erkennungszeichen in nächtlicher Stunde. Ter silberbekrückte Stock.— es war zwar nur Neu- silber, aber sah wirklich in der erfreulichsten Weise echt aus,— dieser Stock war eigentlich überflüssig, aber besser war aller- dings besser. Nun galt es die Vorbereitungen zu der großen Aktion rasch beenden. Ein neuer Anzug, lichtbrauner Rock und Weste und hell- graue Hose, zwei Paar neue Stiefel»,— darunter ein Paar hohe Stulpstiefeln, die den Vorzug hatten, die etwas sehr dünnen Waden unseres Helden in vorteilhaftester Weise zu maskiren, ein neuer Herbstüverzieher, der sehr lang war und seinem Träger ein ungemein würdiges und wegen seines eleganten Stoffes ein vornehmes Aussehen verlieh, ein neuer pikfeiner Cylindcrhut, — dazu ein vergoldeter Nasenqnetscher mit lichtblauem Fenster- glase, eine dito vergoldete Uhrkettc, deren mächtige Ticke ihr erlaubt hätte, als Hcmnikctte an einem Lastwagen eine achtungs- werte Rolle zu spielen, endlich feine hellgraue Gla�cchandschuhe, — das war die mit äußerster Sorgfalt gewählte Ausstaffiruna des trefflichen Siegfried. Am Donnerstag um die Mittagsstunde hielt er im stillen Kämmerlein große Anlleidcprvbe. Ter Erfolg bezauberte ihn so, daß er nicht umhin konnte, des Abends in der Stanimkneipe zum erstenmale in vollem Frciersglanze vor den Leuten zu erscheinen. Ter Eindruck, welchen er auf alle, die ihn kannten, hervor- rief, war ein großartiger. Der Hausknecht, welcher ihm Halbdunkel der Hausflur begegnete, erkannte ihn garnicht wieder, machte aber vor ihm eine Verbeugung, wie vor einem Könnp Tie Kellnerin blieb anfänglich mit offenem Munde vor'h>n stehen,— dann schlug sie die Hände über dem Kopfe meii und schrie: � „Rein, wie Sie schön sind, Herr Bandnieyer,— Sie hü" wohl's große Loos gewonnen, und wie Ihnen alles sizt," die Hosen,'s ist zu reizend.".. Siegfried wurde brandrot; die Kellnerin, welche recht HPW wenn mich nicht grade übermäßig jung war, hatte sich sonst � ihn nur sehr wenig gekümmert; die kecken derben Herren, Gustav Jungmann einer war, wurden von ihr immer bevorzugt, aber heute hatte sie wirklich den ganzen Abend über nur Aug für Siegfried Bandmeyer.„_ Auch der Wirt kam und gratulirte Siegfried in aller tr zu seinem nunmehrigen Exterieur. �. tc „Sie sehen nobel ans, sehr nobel, Herr Bandmeyer," er.„Ich versteh mich darauf; Sie wissen, ich war zehn � lang Oberkellner im Hotel de Russie, wo der lumpigste mindestens Baron ist. Wie Sic jezt aussehen, könnten sie Hotel de Russie üi der zweiten Etage wohnen." Das überstieg Siegfrieds kühnste Erivartungcn.- Und seine Freunde stimmten zu. Er mußte sich zehnmal von seinem Stuhl erheben und sich um- und umdu damit sie ihn bester betrachten konnten, immer wieder sie ihn in die Beine und Arme, um sich von der Fcinhul Stoffes von Hose und Rock zu überzeugen, alle notirtcn � sofort die Adresse von seinem. Schneider und fragten,>v>e er pumpe u. s. w..„g Im Lause des Gesprächs erzählte Siegfried, daß dem Nachtschnellzuge abreisen werde. � „Mit dem Nachtschnellznge?" fragte der Bankkomnu. in Kle inert mit bedenklichem Gesicht.„Hören Sie, meyer, das würde ich mir doch noch sehr überlegen." „Wie so?" sagte Siegfried etwas erstaunt. gic „Ja, wissen Sie, s' ist riskant, verflucht riskant.~ � jezt aussehen, hält Sie jeder, der Sic nicht kennt, I111•, mit riesig viel Geld im Portemonnaie. Und wenn uia» der Nacht fährt, schläft man ein,— da braucht so bube nur'neu Griff zu machen und schrumm, da hat � und Kette, und merkt man was, da kriegt man sthW 1 mit dem Totschläger was gründliches auf die Nase. Ihnen natürlich nicht Angst machen, Bandmeyer, aber würde ich mich doch sehr an Ihrer Stelle." ii, �„crtc „Angst habe ich nie, keine Spur von Angst,. �?' Siegfried;„aber wie könnte man sich denn da vo fügte er etwas weniger zuversichtlich hinzu. Darüber waren die Freunde nicht einig, obglc») der Meinung Kleinerts beistimmten, daß man.HCU'5U nicht vorsichtig genug sein könnte; denn verzweifelte-' gebe es überall, dem es aus'n Menschenleben mch �c und die prachtvolle goldene Uhrkettc und der 1"� Stock reizten kolossal. kleiula»�' Siegfried fragte immer von neuem und im wer mann „Aber was macht man denn da, wenn man i vor darf via* gedrückt.—„ei,, auch nur einmal ans M"«W WW". mwW'M Ter eine der Freunde riet unverzügliche Anschaffung eines ' großen Dolchmeffers; der zweite meinte, ein schwerer Tot- schlager täte es am Ende auch, der dritte dagegen versicherte, daß nur ein scharfgeladener ih'evolver ihm als Bürge für sein Geld und Leben Genüge leisten würde. Hermann Kleinert, bei dem man allerdings nie recht wußte, ob er Ernst mache oder Ulk, erklärte das alles für ganz unge- »ügend. Sicher werde Siegfried nur dann sein, wenn er auf der Eisenbahn einem Schaffner einen Taler zahle und dadurch diesen veranlasse, sich für die Tauer der Fahrt möglichst wenig von seiner Seite zu rühren. In Liebenhausen bei nachtschlafender Zeit angekommen, müsse er sich dann sofort unter den Schuz der Polizei stellen. Tas ging Siegsried zu weit. Er strengte sich a», über llleinerts Vorschlag zu lachen. Ta kam er aber schön an. Denn nun begann dieser eine Menge der haarsträubendsten Mordgeschichten aufzuführen, die olle in der lezten Zeit passirt sein sollten, ein Viertelduzend ollein kurz hintereinander in der Gegend von Liebenhausen,>vo zur Zeit der Weinlese noch viel unsicherer sei, als sonstwo m der Welt, die Abruzzen in Italien nicht ausgenommen,— da strömten nämlich die Strolche aus allen Weltgegenden zu- lammen, um möglichst viele von den Fremden abzufassen, sie Ju bestehlen und zu berauben, die da die Weinlese mitzumachen und Weine einzukaufen sich einfänden. Siegsried Bandmeyer, welcher um Mitternacht zu Hause anlangte, war das Herz gründlich in die Hose» gefallen. Denn, jvenn auch SUeincrt riesig übertrieben Hatte, etwas war doch aran an manchen von den Mordgeschichten, und vor allem war sc Tatsache nicht aus der Welt zu leugnen, daß es um die ollentlichc Sicherheit in der Gebirgsgegend, wo Liebenhausen �gl, keineswegs allzu gut bestellt war. Siegfried Bandmeyer hatte eine sehr unruhige Nacht, konnte �'venig schlafen und träumte das tollste Zeug durcheinander. Einmal befand er sich im Traume im Eisenbahnwaggon, c �genüber saß eine Tame. die ihn plözlich fragte, wie spät P sei. Als er nach der Uhr sah, bohrte die Tame ihm die ,.d>ze ihres Sonnenschirms durch die Brust und entriß ihm blLt• r'— Siegfried wurde es blizschnell klar, daß er einen eNleideten Räuber vor sich habe,— in Angstschweiß gebadet Ale ex auf. «'S er wieder im Halbschlummer lag, fuhr er auch schon auf der unseligen Eisenbahn. Tie Lokomotive pfiff Weber' � �....... r.M. "'arkdurchdringend. der Zug hielt, er war an, einem Ziele °vgelangt,— merkwürdigerweise riefen die Kondukteure:»Ham- vvg— alles aussteigen!" Siegfried wollte auch heraus, aber " konnte absolut nicht von seinem Plaze aufkomme», da tauchte pl9ilich vor ihm eine mächtige, grimmig schnauzbärtige Gestalt ans: .--Ta haben wir den Schurken," schrie die Gestalt und pack e W mit eiserner Faust an der Gurgel,.das ist der mit einer JJ'o» Mark durchgebrannte Bankkassirer.- alles stimmt, der s,.cnic Stock, die blauen Augengläser,— Handichellen her, » wir den Kerl feffeln"—— Natürlich fuhr Siegfried wieder vor Schreck a» allen Gl.eden. Menid em»n.- ��''veutheit irgend etwas anrichtete, zuckte heut -'G vnd fast verächtlich die runden Schultern. Einmal ihn. Nicht MMUMW �gffieb'�'C-�t Erhobener Stinimung begab sich unser armer Hier olT.""hr auf de» Bahnhos. kuer.. r vvd auf der Eisenbahn verlief alles ohne Aben- G'Ned hatte die Borsicht in der Tat soweit getrieben. weiter. sich zu bewaffnen,— allerdings nur mit einem 75 Pfennige kostenden Rohrstock mit bleiausgegossenem mächtigen Knopfe. Derselbe vermehrte seine Bagage in keineswegs bequemer Weise. Seinen silberkrückigen Stock mußte er natürlich doch auch mit- nehmen, und da er doch auch— schon seiner neuen Sachen wegen— nicht ohne Regenschirm reisen konnte, so schleppte er denn zwei Stöcke und noch einen Schirm mit sich. Außerdem führte er einen ziemlich umfangreichen Handkoffer bei sich und eine Hutschachtel, in der er einen runden Niedern Hut und eine Regenmüze transportirte. Wie ein Argus hatte er über diese seine kostbaren Hab- seligkeiten gewacht und mit ängstlichem Mißtrauen jeden der Mitreisenden betrachtet, aber niemand hatte sich um ihn ge- kümmert und nicht das geringste außergewöhnliche war geschehen. Freilich hatte er auch seine Vorsicht soweit getrieben, seine auffallendsten Schäze möglichst zu verbergen. lieber den Silberknopf seines Spazierstockes war ein alter Handschuh gezogen und mit Bindfaden befestigt; Rock und Ueberzieher hatte er bis zum obersten Knopf fest geschlossen, um seine dicke glänzende Uhrkette nicht sehen zu lassen. Der vergoldete Klemmer war in einer der Westentaschen verborgen und hing an einer unscheinbaren schwarzen Gummischnur an seinem Halse. Gegen das Ende der Fahrt überkam ihn mehr und mehr ein wohltuendes Gefühl der Sicherheit und Ruhe. Es war offenbar, er hatte sich ganz unnötig aufgeregt.— er lehnte sich bequem in die Kissen des Coupees zweiter Klasse, welches ihn beherbergte, zurück. Schade, daß nun die Fahrt bald zu Ende, es fuhr sich ganz gut, so vornehm im Schnellzuge. In diesem Augenblick war er zum elstenmal so kühn, nach seiner Uhr zu sehen. Ehe er jedoch noch erkannt, wie spät es sei, ertönte von der Lokomotive her einer jener bekannten, grellenden ohrenzerreißenden Pfiffe und gleichzeitig begannen die Bremsen kreischend und die SBagc» schüttelnd zu arbeiten. .Um Gotteswillen, es gibt doch kein Unglück," schrie eine nervöse Dame im selben Conpee. Siegfried war auch aus seiner kurzen Sorglosigkeit erschreckt emporgefahren, wiederum völlig ohne Not, denn als nun der Zug hielt, tönte der Ruf an den Wagen des Zuges entlang: „Liebenhausen,— eine Minute Aufenthalt." Eine Minute, das war entsezlich wenig. Siegfried Bandmeyer zerriß sich fast vor Mühe und Eile, seine Stöcke, den Regenschirm, den Koffer und die Hutschachtel unter die Arme zu Uemmen und in die Hände zu nehmen, und doch kam er nicht rasch genug aus dem Coupee hinaus. .Beeilen Sie Sich," rief der Kondukteur,„der Zug sezt sich sofort in Bewegung." Endlich war er auf den Perron hinabgelangt; freilich lag die Hutschachtel geöffnet auf der Erde, der Spazierstock hatte seine Lederkappe verloren und glänzte silbern in die Nacht hin- aus, Rock und Ueberzieher flatterten vollständig aufgeknöpft im Wi„de,— die dicke Uhrkette funkelte in all ihrem goldigen Prunke und der ebenso goldige Nasenklemmer saß unserem Sieg- fried,— weiß der Himmel, wie er dahin gekommen war— auf dem Rücken. Wenn mich so die auf Bahnhöfen oft sehr zahlreich der- tretenen Taschendiebe sähen, fuhr es Siegfried wieder schreckhaft durch die Sinnk, dann hefteten sie sich sicherlich an meine Sohlen. In diesem Momente sah er sich beobachtet. Sollte das vielleicht ein solcher Spizbube sein? Unsinn, warum kann es nicht der zu meinem Empfange von meinem Freunde Jungmann hierher Dirigiite sein? Tas mußte sich sogleich zeigen,— er legte sein Gepäck wieder auf den Boden und zog, immer nach dem ihn Beobach- tenden hinsehend, das rotseidene Taschentuch hervor. Der Fremde trat richtig näher.— in der Freude, sich nicht getäuscht zu haben, plazte Siegfried sofort los: „Sie sind also wirklich der Herr, der mich erwartet, wie mir"mein Freund Gustav Jungmann geschrieben?" „Und Sie sind——" der Fremde stockte und lächelte. „Siegfried Bandmeyer, zu dienen, erster Kominis bei Jakob Fink," beeiferte sich Siegfried zu versichern. Wiederum flog ein sonderbares Lächeln über des Andern Gesicht. „Schön, Herr Bandmeyer, daß Sie da sind,— da wollen wir also zusammen gehen--" „Ach, Sie waren wohl so freundlich, mir ein Logis zu vcr- schaffen, wenn Sie mich also dahin führen wollen——" „Gewiß, gewiß, kommen Sie nur,— ach, Ihre Sachen, — na, die lassen wir hier." „Meine Sachen hierlassen?" fragte Siegfried befremdet. „Gewiß,— der Bahnhofportier kann sie Ihnen ins Logis bringen,— Franz, wo bist du?" Aus dem Dunkel der Nacht tauchte noch eine Gestalt auf, auch ein junger Mann. „Franz, hier ist der Herr, den wir auf Gustav Jungmanns Wunsch erwartet haben,— Herr Siegfried Bandmeyer vom Hause Jakob Fink." Merkwürdig, dieser Zweite schnitt sonderbare Grimassen,— fast auch als ob er eigentlich hätte laut auslachen mögen. Aber nur einen Moment, dann war er ganz ernst. „Freut mich, daß Sie da sind, Herr Bandmeyer," sagte er. „Trag die Sachen zum Portier, Franz, er soll sie heut noch in die Wohnung bringen,— so, wir gehen indes, du kommst nach, Franz, beim Friedhof vorbei——" Franz hatte sich mit merkwürdiger Geschwindigkeit aller Gepäckstücke Siegfrieds bemächtigt und verschwand damit spurlos ini Dunkeln. „Ich hätte doch meine Sachen lieber gleich selbst mitge- nommen," sagte Siegfried schüchtern. „Pah, kommen Sic mir, Herr Bandmeyer," entgegnete der Begleiter,„wir müssen uns etwas eilen." Und er nahm Sieg- fried unter den Arm und zog ihn rasch von bannen. Sie überschritten eine breite spärlich mit Oellampen erhellte Straße und bogen in einen fast ganz dunkeln Seitenweg ein, der zwischen hohen Mauern hinführte. „Das ist der Friedhof, hier links," sagte der Begleiter. Siegfried hatte sich sonst nie vor Friedhöfen entsezt, heut überlief ihn doch ein eigentümliches Gefühl. Er wollte etwas antworten, wußte aber nicht was und schwieg. Stillschweigend schritten die beiden nebeneinander her. „Warum der nur garnichts sagt," dachte sich Siegfried. (Schluß solgl.) Pie Piamantkn-Schleiskttitn in Amsterdlun. Aus einer vor kurzem erschieneneu kleinen Schrift i„Diamanten" von dem Engländer William Pole, entnehmen wir einige nicht unin- tcressante Mitteilungen über das Bearbeiten und Schleifen derDiamantcn, wie es in den großen Werkstätten zu Amsterdam betrieben wird. Die Kunst des Diamanten-Schleifens ist von verhältnismäßig moderner Erfindung. Man trug diese kostbaren Edelsteine früher in ihrer natürlich vorkommenden Gestalt, höchstens gereinigt und polirt. Im 14. Jahrhundert scheint man schon einige Versuche gemacht zu haben, sie in reguläre Formen zu bringen, jedoch ohne Rücksicht auf die Vermehrung des Glanzes, und erst im Jahre 1456 kam ein gewisser Louis van Berquen in Brügge darauf, den Diamauten sogenannte Facetten anzuschleifen, von denen der Glanz des Steines bekanntlich so sehr abhängt. Um das Jahr 1650 erfand der Kardinal Mazarin die vollkommene Form des Brillanten und ließ zwölf große Diamanten der Krone von Frankreich in dieser Gestalt schleifen, welche Form von da ab immer als diejenige bezeichnet worden ist, welche die schönen optischen Eigenschaften des Steines am vollkommensten zur Erscheinung bringt. Die Kunst des Dianlanten-SchleifenI wird gegenwärtig fast aus- schließlich nur in Amsterdam geübt, Ivo große Etablissements für diesen Zweck errichtet worden sind. Merkwürdigerweise wird diese Arbeit fast allein von jüdischen Händen verrichtet. Man rechnet, daß von den 30 000 Juden, die in Amsterdam ihren Wohnsiz haben, wenigstens 10000 in direkter oder indirekter Berührung mit dieser Industrie stehen. Eine der größten Diamanten-Schleifereien ist die der Herren Coster, in der Swanenburg-Straat, wo Dampf als Bctriebskraft der Maschinen gebraucht und 200 bis 300 jüdische Arbeiter beschäftigt werden. Das Verfahren beim Schleifen der Diamanten ist daselbst das folgende: Zuerst wird der rohe Stein einem erfahrenen Arbeiter in die Hand gegeben, der seine natürliche Form prüft und bestimmt, welche allgc- meine Gestalt und Größe dem Steine zu geben am vorteilhaftesten sein würde. Nachdem diese Bestimmung für zwei Diamanten getroffen ist, kittet der Arbeiter jeden der beiden in eine Art von Cement fest, am Ende eines Stück Holzes von passender Form zum bequemen Hand- haben, und nun reibt er die beiden Steine aneinander, wendet dann die Steine in ihrem Kitt zweckentsprechend, um eine,audcrc Seite her- vorzudrehen und reibt wieder, bis die beiden Steine nach und nach die gewünschte Form angenommen haben. Das gegenseitige Abarbeiten der beiden Steine erzeugt Diamantcnpulver, welches sorgfältig für die folgenden Lperatiouen aufbewahrt wird. Sobald der Diamant auf die oben angedeutete Weise seine ihm bestimmte Form in rohen Umrissen angenommen hat, kommt er in die eigentliche Schleiferei, wo ihm die zahlreichen kleinen eckigen, sogenannten „Facetten" angeschliffen werden, die dann seine Oberfläche bilden. Dies geschieht auf schnell rotirendcn Stahlschciben mittels Diamantenpulvers. Diese Stahlscheibcn habe» gewöhnlich 25 bis 30 Centimeter im Durchmesser, sind horizontal mit vertikalen Achsen und machen 30 bis 40 Umdrehungen in der Sekunde, so daß hr schleifende Teil der Scheibe sich mit einer Geschwindigkeit von etwa einer englischen Meile in der Minute unter dem Diamanten hinwcgbewegt. Außerordentlich feines Diamantenpulver, gemischt mit dem besten Olivenöl, wird mit einer Feder auf der oberen Seite der rotirenden Scheibe aufgetragen, und der Apparat ist fertig, um auf den Diamanten zu wirken. Der Stein wird nun in eine Metallmischung(ein Amalgam von Blei und Zimt) eingebettet, die leicht schmelzbar aber doch dabei hart genug ist, den Stent unverrückt in seiner Stelle zu erhalten. Das feste Amalgam mit dem darin sizenden Diamanten befindet sich an einer beweglichen Handhabe und diese wird durch ein kleines Rahmwerk auf die schnell rotirende Scheibe aufgedrückt und noch mit Gewichten beschwert. Die Friklian zwischen dem Diamanten und dem mit so ungeheuerer Geschwindigkeit darunter hinwegeilenden Diamantenpulver auf der Scheibe bringt tN sehr kurzer Zeit eine kleine ebene Fläche oder Facette an dem Diamanten zuwege. Ist eine solche fertig, so nimmt der Arbeiter mit der Hand- habe den Stein von der Scheibe, macht das Metall durch Envärinung flüssig, nimmt den Stein heraus und sezt ihn in geeigneter Stellung wieder hinein, um eine andere Facette zu schleifen. Durch Eintauchen in kaltes Wasser erstarrt das Metall sogleich und hält den Stein t» seiner neuen Stellung wieder fest. Bei diesem Wenden des Steine», um eine neue Fläche dem Schleifapparate darzubieten, zeigt sich beson- ders die Geschicklichkeit und die Schärfe der Beurteilung inbezug aul das Arrangement der Flächen, die die Arbeiter durch bloße Erfahrung sich angeeignet haben. Es ist klar, daß, wenn der Diamant nur cin>g- Regelmäßigkeit und Symmetrie in seiner Form zeigen soll, der Arbelter nicht nur auf das Innehalten von ganz bestimmten Neigungswinkels zwischen den einzelnen Flächen, sondern auch auf die Größe jeder ein- zelnen Fläche ganz besonders Acht haben muß. Wie schwer dies durw das bloße Augenmaß zu erreichen sein muß, davon kann sich jeder lewü überzeugen, der zum Versuch nur aus einem Stück Rübe oder Karlom ein Oktaeder,*) einen der einfachsten regulären Körper, schneiden wollt■ Die Arbeit des Diamantenschleifers ist jedoch eine ungleich schwierigere, nämlich etiva sechzig symmetrische und regelmäßige Flächen einem Stein zu geben, der oft nur'/s Zoll im Durchmesser hat, und das ohne trgen welche mechanische Hülfsmittel, und, was eine Hauptsache dabei ist,' so einzurichten, daß möglichst wenig von dem kostbaren Steine verwse geht. Dies alles kann natürlich nur das Resultat großer Geschtcktttr keit und langer Erfahrung sein. Die Teilung der Arbeit, die in anderen Industrien eine so gr?» Rolle spielt, läßt sich bei der Diamanten-Schleiferei eigentlich gar utw in Anivendung bringen. Jeder Diantant geht nur durch die Ha» zweier Arbeiter, des einen, der die ungesähre Form des Steines sti sezt, und des andent, des eigentlichen Schleifers. Dieser liefert o Stein, fertig für den Verkauf, an den Besizer ab. Das sogcuaiu � Poliren hängt nämlich unmittelbar mit dem Schleifen zusammen!» daß der Arbeiter hierbei die Gewichte entfernt und den Druck o Steines auf die Schleisscheibe nur durch seine Hand regulirt, und o er auch die Geschwindigkeit etivas verringert, indem er den Stein m l nach dem Mittelpunkte der Scheibe zu führt. Das Diamautenpulver, welches zu dem Schleifen in nickst un deutenden Quantitäten verbraucht wird, gewinnt man teils bei o ersten Prozeß der Bearbeitung des Steines selbst, tei.s verwendet t kleine und unscheinbare Diamanten dazu, welche die Arbeit dcS Schielt nicht lohnen würden, indem man dieselben zertrümmert. Das|>n' wird sorgfältig gesiebt und von allen Unreinigkeiten, Staub *) Oktaeder ist ein von acht gleichseitigen Dreiecken begreist�� Körper. D. me• Sdjtnuj gereinigt und dann mit dem feinsten Olivenöl angemacht. In neuerer Zeit wird auch ein neu entdecktes Mineral„Carbonado" für diesen Zweck verwendet, dessen Härte genügt, wenn es auch von gröberer Qualität als das Diamantenpulver ist. i Obgleich der Diamant der härteste von allen Körpern ist, die wir fennen, so lästt et sich doch nicht gerade schwer zerteilen; ja er läßt sogar von geschickter Hand sich durch ein gewöhnliches Federmesser zerspalten. Diese scheinbare Anomalie hat ihren Grund in der krystalli- nischen Natur und der daraus hervorgehenden natürlichen Spaltbarkeit des Diamanten. Diese Spaltbarkeit findet jedoch selbstverständlich nicht nach jeder beliebigen Richtung hin, sondern nur nach vier Richtungen, die den Flächen des ursprünglichen Oktaeder parallel sind, statt; und es gehört eine außerordentliche Geschicklichkeit und ein geübtes Ange dazu, diese Richtungen zu erkennen. Auf diese Weise ist es aber mög- uch, aus fehlerhaften Steinen die guten Stücke heransznspallen und so das Ganze besser zu verwerten. Von dem berühmten Mineralogen Wollaston, dem Begründer der Krystallographie, erzählt man, daß der- selbe einst einen großen aber fleckigen Diamanten zu niedrigem Preise von Rundell und Bridge kaufte, und dadurch, daß er ihn mit geschickter Hand in kleinere, aber gesunde Stücke zerlegte, eine große Summe Gelbes gewann. Damals war das Prinzip dieser Operation noch wenig bekannt. Die Eigenschaft des Diamanten, nach vier verschiedenen Richtungen Bn. spaltbar zu sein, ist übrigens der Grund, daß derselbe Verhältnis- wüßig leicht zertrümmert werden kann. Denn wenn Plinins bei Er- wahnnng der großen Härte des Diamanten behauptet, daß, wenn man einen Diamanten auf einen Amboß lege und mit einem großen Hammer darauf schlüge, eher der Stahl nachgeben würde, als der Stein, so war derselbe vollständig im Irrtum und stellte jene Behauptung gewiß nicht ans eigener Erfahrung auf, wie ja überhaupt jemand nicht gerne tost- bare Diamanten zu dergleichen Experimenten hergeben wird. Dr. Gn. Unsere Illustrationen. Sächsische Bauern in Siebenbürgen.(S. 228-229.) Das ge- oirgige Siebenbürgen, von dem mächtigen Gebirgsstock der Karpaten durchzogen, wird von drei Stämmen bewohnt. Ilm zahlreichsten sind d>e Rumänen oder Walachen, dann kommen die Magharen oder Szekler und dann die Deutschen oder Sachsen. Diese Sachsen haben mitten unter fremdem Völkergemisch ihre deutsch-nationalen Eigentümlichkeiten vehalten. Im eisten und zwölften Jahrhundert war dieser Landstrich durch wiederholte Einfälle wilder Volksstämme verwüstet und entvölkert worden und deshalb berief im Jahre 1143 der König Geisa II. Deutsche dahin, die sich ihm auch in Masse zur Disposition stellte». Sie kamen tmweise vom Niederrhein, teilweise aus Thüringen und Sachsen, denn jäwls« wollte hauptsächlich Leute haben, die sich auf den Bergbau ver- llanden. Man nannte diese Deutschen einfach Sachsen. Um sie an das verödete Land zu fesseln, wurden ihnen große Vorrechte eingeräumt; man gab ihnen Grundeigentum, aus dem keine Lasten ruhten und sie "Urnen sich selbst eine Nationalverfassung geben. Diese fleißigen und "Uergifchen Deutschen, die auch heute noch die deutsche Sprache beide- palten haben, brachten daS Land bald wieder in Blüte und. erbauten uch eine Menge von Städten, so Mühlbach, Hermannstadt, Schäß- «rg, Klausenburg. Reismark, Kronstadt und Bistriß, denen man an J".mauien schon die Abstammnna ihrer Gründer anmerkt; das Land vvoe in sieben Gerichlssprengel für die deutsche Rechtspflege eingeteilt, uch Stühle genannt, woher sich auch der deutsche Name des Landes ,eite" läßt. Die Sachsen in Siebenbürgen hatten große staatliche no kommunale Freiheiten, die ihnen 1224 nochmals sämmtlich ver« f'e wählten ihre Geistlichen und ihre Kaufleute bezahlten Zölle; kein Fremder durfte sich bei ihnen eindrängen; sie wählten ' ch den obersten Richter, den Nationalgrasen in Hermannstadt; der von Ungarn hatte nur den Befehl über das Heer und durste Ii' 7.""v int Äriege im Lande aufhalten; die Städteverfassungen basirtcn „ deutschem Recht und die Städler wählten sich selbst ihre Magistrate. « � kam Siebenbürgen an Oesterreich und da blieb es nicht ans, daß "iusriedeuheit im Lande entstand, die unter der Regierung Josephs II. Li, Ausstände unter Urft, gen. Horjah, führten, bei welcher Gelegen- l nn dreihundert Schlösser verbrannt wurden. Horjah wurde unter n'l--milden" Joseph II. gerädert und dann den Sachsen das Recht ,0 ,-'nmen, sich den Natioualgrasen zu wählen; doch wurde dieses Recht -> wieder hergestellt. flpru f�er großen Erhebung Ungarns in den Jahren 1848 und 1849 kämhfl Uch die siebenbiirgischen Sachsen aus Seite Oesterreichs und be- R??U"n die Ungarn; ihre Abgeordneten traten aus dem ungarischen n T�vge aus. Ungarn und Sachsen haßten sich bitter und als Ge- iDnvs" den Revolutionskrieg nach Siebenbürgen hinüberspielte, br», eJct Krieg zum furchtbarsten Raeenkrieg, in welchem die Mord- alte« �""wm kaum glaublichen Grade stieg. 1860 wurde die Sieb fc" 8 Siebenbürgens wieder Hergestellt. 1867 wurde dagegen votiffi§fn zur ungarischen Provinz gemacht, was insofern als ein Sacks»ohler betrachtet werden muß, als die Feindschaft zwischen dm?-un� Magyaren fortwährend Reibungen und Unzuträglichkeiten iHrpfS"�' Man weiß, wie eifersüchtig die Sachsen auf Erhaltung mattonalität bedacht sind und wie die Ungarn dagegen auftreten. So kann das Verhältnis nur ein höchst ungesundes sein, eine der vielen Perlen österreichischer Staatsweisheit. In Siebenbürgen sind 73 Prozent der Einwohner in Land- und Forstwirtschaft, 6 Prozent in der Industrie, 1 Prozent im Handel und 15 Prozent als Dienstboten und dergleichen beschäftigt; 3 Prozent lassen sich die„Intelligenz" nennen und unter ihnen sind 0,5 Prozent Rentiers. Troz des vielbetriebenen Ackerbaues gibt es in Siebenbürgen eine Menge Landes, dem der Bewohner kaum oder nur sehr schwer seinen Unterhalt abgewinne» kann. Diese Bevölkerung befindet sich in unaufhörlicher Bewegung. Man wandert ans, um seinen Unterhalt anderswo zu verdienen und mit dem Erworbenen zurückzukehren. Die Sachsen wandern am wenigsten ans, weit mehr die Szekler und Rumänen. Nach dem Osten ist der Strom der„Orientgänger" so stark geworden, daß man alle Anstrengungen gemacht hat, ihn einzudämmen; man hat die Paßvorschriften verschärst und läßt niemand fort, der nicht seine Steuern bezahlt hat; auch dürfen junge Mädchen nicht über die Grenze. Dieser Zwang niizt verhältnismäßig wenig. Die Sachsen wandern meistens nach Westen als Dienstboten, Gewerbetreibende und auch als Lehrer. Unsere Illustrationen zeigen uns zwei Typen aus diesem merk- würdigen Sachsenstamme in ihrer eigentümlichen Tracht. Die Tracht der Männer ist offenbar geschmackvoller als die der Frauen. Sowie sie zäh an ihren alten Rechten festgehalten, halten sie auch an ihrer alten Kleidung fest. Wann sich das unselige Verhältnis zwischen Ungarn und sieben- bürgischen Sachsen ändern wird, ist nicht abzusehen, denn bei den öfter- reichischen Regierungen ist man nicht schnell mit Neuerungen. So wird der alte Streit fortbestehen, denn die Sachsen sind ein troziges Volk, dessen Karakter nirgends besser geschildert ist, als in jenem siebenbür-! gischen Jägerlied, dessen Verfasser nicht bekannt und dessen Melodie so prächtig ist: Ich schieß' den Hirsch im wilden Forst, Im tiefen Wald das Reh, Den Adler auf der Klippe Horst, Die Ente aus dem See. Kein Ort, der Schuz gewähren kann, Wo meine Büchse zielt, Und dennoch Hab' ich harter Mann Die Liebe auch gefühlt. Der wilde Falk ist mein Gesell, Der Wolf mein Kampfgespan, Der Tag geht mir mit Hundsgebell, Die Rächt mit Hufsah! an. Ein Tannreis schmückt statt Blumenzier Den schweißbefleckten Hut, Und dennoch schlug die Liebe mir Ins wilde Jägerblut! A. T. Tie Brautwerbung. Von Desregger.(S. 233.) Es ist die alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu. Für alle Hebet des Daseins hat der erfinderische Menschengeist Mittel ausgeklügelt, durch Dienstbar- machung der Natur und zweckmäßige gesellschaftliche Organisation hofft er sogar, die Not aus der Welt zu schaffen, er unterfängt sich, die schlimmsten Krankheiten durch die zu immer größerer Macht anwach- sende Wissenschast zu überwinden, er vermißt sich sogar, den unnah- baren Wolken die Bildung des Hagels durch rationelle Bewaldung zu verwehren, wie er bereits, ihrem Drohen spottend, den zuckenden Bliz- strahl von seinem Haupt und Haus in die Erde ableitet; nur für den Bliz aus schönen Augen hat er noch keinen Ableitet gefunden, für die Wunde, die Amors bitterer Pfeil dem Herzen macht, ist noch keine Salbe, kein Pflaster erdacht, gegen eine unglückliche Liebe ist noch kein Mittel ausfindig gemacht worden. Was Hilsts, daß die altkluge Vernunft dem glühenden Herzen weise Sentenzen predigt und ihm zuruft: Muß es denn just diese eine sein? Blühen in Amors Garten nicht andere Blumen in Hülle und Fülle?— Das Herz hat sich min einmal auf die eine kaprizirt, die ihm der Inbegriff aller Schönheit, aller weiblichen Hold- seligkeit und Vollkommenheit dünkt. Werther ist auf seine Lotte erpicht und da ihm das Schicksal nnübersteigbare Schranken zieht, so ergreift er— unmännlich genug— die Pistole und schlendert ein Dasein von sich, das ihm zur Last statt zur Lust ist.„Unmännlich genug!" Ganz gewiß und es ist vollkommen richtig, was Lessing an Eschenbnrg schrieb: „Glauben Sie wohl, daß je ein römischer oder griechischer Jüngling sich so und darum das Leben genommen? Gewiß nicht. Die wußten sich vor der Schwärmerei der Liebe ganz anders zu sichern und zu Sokrates Zeiten würde man eine solche Liebesraserei, welche zum Selbstmord antreibt, nur kaum einem Mädchen verziehen haben. Solche kleingroße, verächtlich schäzbare Originale hervorzubringen, war nur der christlichen Erziehung vorbehalten;c." Dennoch aber sollten wir hochweisen Alten angesichts des erotischen Monoteismns der Jugend niemals vergessen, daß das jugendliche Herz von ganz anderer Beschaffenheit ist als daS gealterte, das einem ausgebrannten, erloschenen Vulkane vergleichbar ist und darum auch mit anderem Maß- stab gemessen werden will.— Der Liebhaber aus unserem Bilde ivird indes niemals zur Pistole greifen, dazu ist et viel zu dick und behäbig, der Pfeil des kleinen Gottes hat ihn zwar gerizt, ist ihm wohl auch ins Fleisch gedrungen, aber doch nicht so tief, daß er den geschmälzten 244 Klötzen, die seine Mutter auf breiter dampfender Platte des Mittags aufträgt, widerstehen könnte. So tapfer wie ehemals hatte er freilich in lezter Zeit nicht eingehalten, und das eben wars, wodurch er seinen Liebesgranl der in solchen Dingen scharssichtigen Mutter verriet,»nd als der Sohn gehörig ins Gebet genommen ivar, da cntschlotz sich der Alte, eine stattliche, stämmige Gestalt, dergleichen besonders in den tyroler Gebirgen gedeihen, den Brautwerber zu machen, und die selbst- bewutztc Haltung, mit der er sich der nicht minder stattlicheil Braut- mutter wie der daneben sizenden Grotzmutter präscntirt, beweist, daß er auf keinen Korb gefaßt ist, denn er kann und wird den Sohn mit einem ansehnlichen Erbteil ausstatten, und das ist ja die Hauptsache und mutz den Ausschlag geben. Und die Geworbene selbst? Wir fürchten, daß sie, wenn sie überhaupt gefragt wird, nicht rundweg ein- schlagen wird. Halb verlegen, halb schelmisch sizt sie da, neben ihren Schwestern, zwei gesunden, hübschen Backfischen, die venvundert drein- schauen, denn dergleichen ist ihnen im Leben noch niemals begegnet. Dem Ideal ihrer Liebe entspricht der dicke Sepp eben nicht, und wenn sie zu wählen hätte, so dürste kein anderer als der schlanke Jodler- Toni, der beim lezten Preisschießen den ersten Ehrenbecher mit seinem Stuzen eroberte, ihr den goldenen Reis an den Finger stecken. Aber der Jodler-Toni ist arm und niemals werden Mutter und Großmutter zu einer solchen Mesalliance ihre Einwilligung gebe». Und so wird sie denn nach mehreren heftigen Auftritten und verweinten Nächten schließlich doch dein ehrlichen Sepp ihre Hand reichen und einst ihre Tochter nach gleichen Grundsäzen in das Joch der Ehe zwingen. An dem Sujet unseres Bildes haben die Gcnrcmaler aller Nationen ihre Kräfte versucht. Liebenswürdiger und packender aber, so volkstümlich und mit so viel gesundem Humor hat niemals ein Maler eine Braut- Werbung geschildert, als der gefeierte münchener Meister Fr. Defregger. Wie da jeder Kops lebt und spricht, wie überzeugend wahr und klar der ganze Vorgang zum Bewußtsein gebracht wird, wie fein Ernst und Komik verschmolzen sind und ineinanderspielen! Desreggers Brautwer- bung gehört zu den Perlen unserer modernen Kunst, wie denn fast sämmtliche Werke dieses Künstlers, dessen Pinsel dcni Volksleben seiner tiroler Heimat gewidmet ist, von einer Ursprünglichkeil und Frische der Empfindung und dabei von einer Wahrheit sind, daß man eS begreift, weshalb Defregger so rasch zum Liebling der ganzen Nation geworden ist. Er ist kein Auerbach in Farben, der den Bauern Empfindungen und Anschauungen andichtet, die sie als Bauern gar nicht haben können und die daher mit ihrem Wesen in schroffem Widerspruch stehen; er schildert sie, wie sie in Wirklichkeit und Wahrheit sind, aber er weiß ihnen so viele schöne, anmutende Seiten und Züge abzugewinnen, daß man sich daran ttstctisch erbaut wie an den idealsten Gebilden der Kunst. Und das verdankt Defregger zum großen Teil dem glücklichen Umstand, daß er nicht bloßer Beobachter des Volkes ist, sondern selbst zum Volk gehört, sich als Glied der Volksmasse empfindet, aus welcher dem Kreise der sog.„Gebildeten" immer wieder neue, unverbrauchte Kräfte zu- strömen müssen, um ihn zu erfrischen und zu verjüngen. 8t. Für unsere Hausfrauen. Paraguaytee. Auf unsere Anfrage bezüglich etwaiger Erfahrungen mit dem Paraguaytee antwortet Herr H. V. in Dresden: Betreffs des in Amerika sund auch England) viel verwendeten Mate oder Para- guaytee, den die Blätter von Uex paraguyevsis liefern,(Yerba Mate der Spanier, Caacuys oder Gaaguaza der Eingeborenen in Brasilien und Paraguay) bemerke ich, daß ich denselben seit Jahren regelmäßig des Morgens statt Kaffee trinke und ihn nur empfehlen kann. Der- selbe wirkt nicht so ausschließlich anregend auf das Nervensystem und das Herz und erschlaffend auf die Darmsunktion wie der chinesische Tee, sondern regt zugleich auch das Gefäßsystem iind die Verdauung an. Seilt Geschmack ist mindestens ebenso angenehm, wie der des chinesischen Tees, doch gewöhnen sich manche Menschen nicht leicht au denselben, da er ein eigentümliches Aroma hat. Die ledcrartigcn Blätter werden nicht so leicht wie der chinesische Tee vom heißen Wasser ausgezogen. Man zerstößt oder mahlt sie am besten zu gröblichem Pulver(geht auch aus der Kaffeemühle), brüht sie kochend heiß, läßt sie wohl auch einmal auskochen und dann etwas länger ziehen als chinesischen Tee. Uebrigens trinkt man ihn wie chinesischen Tee mit Zucker und Milch. Der Preis des Matetees ist bis jezt bedeutend niedriger als der des chinesischen Tees, auch beträgt der Eingangszoll für denselben statt wie beim chinesische» Tee hundert Mark per hundert Kilogramm nur vier Mark per hundert Kilogramm. Im allgemeinen kostet jezt das Kilo Mk. 2,50, chinesischer Tee dagegen Mk. 8—6. Doch achte man beim Einkauf, daß man nur beste frische Qualität erhält, da bei dem geringen Verbrauch an vielen Lrten man ost altes verlegenes Zeug bekommt. Kaffeesurrogat. Der Samen der gelbe» Lupine, die in Nord- deutschland häufig für Gründüngungs- und Fükterungszwccke gebaut Wird, soll ein gutes Kaffeesurrogat abgeben. Geröstet soll er nicht nur wie Kaffee rieche», sondern auch schmecken(!). Ein berliner Spekulant hat vor einigen Jahren solchen Kaffee für„Feigeukaffee" verkaust, biS ihm die Behörden das profitable Geschäft gelegt haben. Gartenkrefie. Diese bekannte Pflanze ist wegen ihres pikanten, etwas scharfen Geschmacks für sich allein als Salat oder als Zutat zu diesem mit Recht viel geschäzt. Ihr Anbau ist sehr leicht; sie nimmt mit jedem Gartenboden vorlieb und macht keine besonderen Ansprüche. Im April, oder noch früher, wenn es die Witterung erlaubt, säet man den Samen reihenweise in sehr flache Furchen ziemlich dicht und bedeckt ihn nur ganz schwach mit leichter Erde. Gehörig feucht gehalten, geht er schon nach 3 bis 4 Tagen auf. Nach 8 bis 14 Tagen macht man eine neue Saat und fährt damit fort, so lange man dessen bedarf. Das Abschneiden geschieht mit der Scheere, weil die Pflanzen sich leicht wurzeln und daher leicht aus der Erde geriffen werden, was für die Küche nicht wünschenswert ist.— Um auch im Winter, wo gewöhnlich Mangel an andern Salatarten einzutreten pflegt, Kreffe zu haben, nimmt man flache, etwa 2-3 Zoll tiefe Kästchen von beliebiger Länge und Breite und füllt dieselben mit guter klarer Gartenerde. Hat man diese geebnet, so streut man den Samen darauf, und zwar so dicht, daß die Erde fast ganz davon bedeckt wird und drückt ihn dann mittels eines Breltchcns, ohne weitere Bedeckung, in die Erde, die man täglich zweimal mit lauem Wasser vorsichtig, damit der Same nicht verschwemmt, befeuchlet. Ehe die Pflanzen hervorkommen, sezt man den Kasten an einen etwas warmen Ort, in die Nähe eines Ofens oder Herdes. So- bald sich aber die Keime zeigen, bringt man ihn ans Fenster, wo die Pflanzen Licht und Sonne genießen und eine grüne Farbe bekommen. Es gibt mehrere Sorten Kresse, so eine gekrauste oder gefüllte mit etwas größeren Blättern, eine gelbblätterige u. s. w. Die Kresse gilt für ein sehr gesundes Kraut: man schreibt ihr unter anderem blutreinigende, antiskorbutische und auflösende Kräfte zu.(gundgrubc.! Zum Waschen seidener Zeuge gibt die Musterzeitung folgendes Ver- fahren an: N!an breite das Seidenzeug auf einen reinen Tisch aus, seife einen wollenen Lappen gut ein, wende lauwarmes Wasser an und streiche das Zeug immer nach ein und derselben Richtung. Ist der Schmuz entfernt, so beseitige man auch die Seife mit einem Schwämme und kaltem Wasser. Dann nehme man auch die andere Seite des Zeuges vor, reinige dieselbe ebenso, spüle das Ganze mit kaltem Wasser und lasse es ausgebreitet im Schatten trocknen. Schwarzes oder blaues Zeug wird dann noch einmal mit Branntwein abgerieben und aber- mals getrocknet. Zum Bügeln bedient man sich dann nur eines halbwarmen Stahles und legt Papier zwischen Bügeleisen und Zeug. Oder man bestreicht die Zeuge zuerst mit Eidotter, wäscht sie in lauem, dann kalten, Wasser, zieht sie alsdann durch Wasser mit ausgelöstem Tragant- gummi und rollt sie. Schachtelrätsel. 1 2 3 4 5 6 7 ein deutscher Komponist. 1 2345 6 ein deutscher Fluß. 1 2 3 4 5 ein Hühnervogel, weder Huhn noch Hahn. 1 23 4! Sei sroh, wenn du's nicht bist. 1 23 Schiffern unentbehrlich. 2 3 heißen Wiesen und Flüsse, doch wenn du's rufst, meinst du wede, die eine»och die andere. S. N- Rebus. Inhalt: Moderne Schicksale. Die Alien und die Neuen. Novelle von Carl Görlip. /n• fw � �* (Schluß.)— La Kella Benezia. Roma» von M. Kautsky.(Forts.)- Die Götter in der Dichtung. Von Wilhelm Bios. Ein Städtcbild aus Italien. Von D. Gronen.�sMit � in nüzigs.— Mannichfaltiges.