Die Alten unfc die Ueuen. Roman von W. Kautsky. 10. Fortsezimg. |]"Elia!" lief er der Eintretenden entgegen. I. warmblütiges Leben und Empfinden bringt ihr dies "Murje Wort entgegen! t; Arnold ist es, er erfaßt sie an beide» Händen und hält 1 e fest! b stehen sie einen Augenblick einander gegenüber, sich an �iinden haltend, sich in die Augen sehend, ob es denn I ivahr, ob es denn möglich sei. ! �.„�bcr es ist so, und diese Gewißheit bringt beiden ein solches jjf'i 9ef"HI' daß es sie verwirrt, betäubt. Sie geben sich keine ' totii'�n't davon, und so fragen sie auch nicht, wie es ge- i: Q.,?*" sti, daß sie an diesem Ort zur Nachtzeit so unerwartet '"ander treffen. erfnft 1 lsjt, bei den ersten Worten, die er zu ihr spricht, ! es sie wie ein Schauer, und als hätte der Ton seiner I blift"!"5 genügt, um diesen unbegreiflichen Zauber eines Augen- ! zerstören, reißt sie sich los von ihm und stürzt in Z'Miner ihres Vaters. war gewohnt hierher zu flüchten bei allem, was sie be- I' hier Schuz zu finden vor allem, was sie verlezte. ! w seinem Schreibtisch brennt eine Lampe; eine Anzahl hier"�nststücken liegt hier ausgebreitet, wie immer, wenn er !! tt Zu arbeiten pflegt. Ihr verstörter Blick irrt suchend umher, Sigü'M auch das Bild des Vaters, das Arnold auf einer fo.m.7' hier aufgestellt hat. Sie stürzt darauf los und um- ll es mit beiden Armen. "iebeT0'01'®atcr' mein Vater!" Aufschluchzend sinkt sie daran und nun weint sie, als müsse ihr das Herz brechen. bot l-".t1'd war ihr gefolgt, aber er steht stumm und ehrerbietig 'e'ew Ausbruch ihres kindlichen Schmerzes. Unbeweglich j'"n b;1 u» den Schreibtisch, an dem er eben zuvor gesessen, | nüzigsten Motiven bewegt ist und die in dem Wahn lebt,! sei allein zum Glück berechtigt und könne allein für sich 9" sein. Aber dem ist nicht so, wir stehen in einem nicht trc»� baren Zusammenhange mit der ganzen Menschheit und jedem Einzelnen; wir müssen den Kreis unserer Synipatien weitern, nicht verengen, und wenn wir erst die Glückselig � der Menge zu der unseren gemacht haben, dann werde»> nie arm an Freuden sein. Elsa, der Mensch kann nichts W6 lieben als den Menschen und diese Liebe liegt tief in Brust als ein Naturgesez, wir üben sie in jedem Auge» und unbewußt." Sein Mund lächelte ein wenig und ein o anmutiger Schalkhaftigkeit kräuselte seine Lippe»;„glauben� Sich dem entziehen zu können? und liegt es denn nicht i" n? Macht, in jedem Augenblick Glück zu schaffen, Glück zu cmpfen'b � Und wenn Gedanke an Gedanke sich entzündet, und Gesty Gefühl, empfinden wir dann nicht alle Wonne des-e e � Elsa, wenn ich diese finsteren Vorstellungen wieder banne, etwas Fremdes in Ihnen sind, etwas Krankhaftes, das ni 9 Ihnen gehört, und wenn ich Sie jener heiteren Lebensa»sche> zurückgewinne, die der Vater von kleinauf in Ihr He� � legt, und wenn Sie dann wieder lächeln, Elsa, so weebe'1�� mir ein Uebermaß von Glück geschenkt haben, und ein � strahl davon wird in Ihr eigenes Herz zurückfallen." � L,, ihre Hände ergriffen und er hielt sie mit festem Druck» seinen.„»d Ihre Pulse klopften, eine Glut stieg in ihre Wang färbte ihr selbst Hals und Nacken.. m£(te „Von mir sollte Ihnen Glück kommen, von mir?!" st" sie in unendlicher Verwirrung.,& ich „Ich werde jubeln, sobald mir Ihr Mund bekennt, � Sie uns zurückerobert habe, daß Sie wieder uns ang 0 ganz uns."(0.iich „Wem— Euch?" fragte sie plözlich und ebensc l � schwand das Rot der Freude von ihren Wangen, gehören Sie? und stimmen Ihre Worte auch zu 3�" und sind Sie selbst Ihren Anschauungen nicht untreu ge>" �„fU Ich finde Sie in der vornehmen Welt, auf das engste»n � verbunden, mit denen ich nichts mehr gemein haben Sie sind der Sohn jenes Baron Reinthal." „Sie wissen das?!" b d-tf „Ich weiß es, und ich weiß auch, daß erwünscht, Sie selbst darnach begehren, Helenens Gatte zu werde- Jäh, wie ein wildausbrechender Strom, war ev» �„>> Lippen geflossen; aber was das junge eifersüchtige He'��c- bedacht und widerwillig verraten hatte, es brachte de»' der an ihren Zügen gehangen, ein neues Glück, ein»» ein bisher nicht einmal grträumtes. Ei» Feucrstrom ergießt sich in seine Adern und, selbst er- l"�enb, sah er auf das bebende Mädchen hernieder, das ihn Blick in ihr Herz tun ließ, für dessen innerstes Seelen- ! �ben ihm jczt eine entzückte Ahnung aufgegangen war. Ztach . wagt cr nicht es auszudenken, aber sein Blut ist entzündet, in iwißcr Dringlichkeit suchen seine Augen den ihrigen zu begegnen, � um seine Lippen legt sich jenes bewußte Lächeln der Männ- '"chkeit. »Niemals dachte ich daran, es ist ein Irrtum— ein Jrr- '"m. ein Irrtum." Er wiederholt nur das eine Wort, aber so innig und zart- nichts konnte überzeugender wirken. Und sie ist überzeugt, iw glaubt ihm, und daniit war ihr Glaube und Liebe für die flunze Menschheit wieder erstanden. Es war ein gefährlicher «ugenblick für die beiden. Diese jungen Herzen klopften in der | Errcgung ihres jähen Glückes so nahe aneinander, nüt dem ewußtsdn, daß sie zu einander gehören, und immer zu ein- »»der gehören würden, weil sie alles verbindet, was Menschen Zueinander verbinden kann. Aber inmitten dieses Aufruhrs der Gefühle erhob sich in Jjm jener Widerstreit, jene innere Mahnung, die der Wilde g Gewissen, die der Zivilisirtc Pflichtgefühl nennt. Er liebt aber darf er seinem Herzen folgen und wenn es noch so ugestün, gebietet? Darf cr dem eigenen egoistischen Begehren Cpfcr bringen, was bisher sein innerstes Wollen gewesen "Mich in ihm gleichsam zum Gesez kristallisirt hat? Oder soll die Geliebte mit hineinziehen in Kampf und Gefahr, soll sie u ungeivisses Schicksal mit ihm teilen? Uber jezt schlägt sie die Augen zu ihm auf und um seine scheint es geschehen. al> � llonze Wonne eines Menschcnhcrzens liegt in ihrem Blick, all?s MMch etwas Hohes, Reines, Jnsichbefriedigtcs. Ihr ist so f�iillt, was sie ersehnt hat, sie hat ihn wiedergefunden, � w.e sie ihn seit Jahren in ihrem Herzen getragen, und Wied" 5crr''t�er- Mit stolzer Bewunderung kann sie ihm emporsehen, sie fühlt kein anderes Verlangen noch. an'will nimmer an der Menschheit zweifeln und nimmer leifp das Menschen Menschen geben können," sagt sie Halt schüchtern. Aber ihr Blick wird fester und fester ihre sch,U"g.ihr Antliz. wie von innen erhellt, erschien wunderbar Uold' nicht mehr zu den Schivachcn gehören, Ar- Seng f.'e�e die Notwendigkeit des Kämpfes ein, aber es {e,e 3"J'1. nicht, nur für mein eigenes Ich mich zur Wehr zu üztc• Sic mich an Ihrer Seite stehen und als die Ötber""* Eilnehmen an dem Kämpfe, den edle Geister für ihre Ja �Üungen kämpfen und für das Wohl und Wehe anderer. Ün'terd�" f�ill das Glück aber auch das Leid der Armen und stillt lll nuf mich nehmen, und wenn ich eine Träne ge- Ulich e'ncm Herzen höheren Mut verliehen, so werde ich Ui'If n>ehr unglücklich fühlen können." icnea' nieder hatten sie sich an den Händen gefaßt, aber (eibq � Enibc Beben, das die Berührung steigert und es in e. verwandelt, war in diesem Augenblick gc- die etm r®'e �Elten sich fest und treu wie zwei Kameraden, EsV �hes verbindet, wie eine Idee es ist. See und der erste Hahnenschrei llang über den a»f �'Eer, als Arnold und Elsa ans dem mittleren Gemache den,& 1 011 heraustraten. Eine graue Nebelmafse lag über Belsen„�""d»nihüllte einem Schleier gleich auch die nahen Sie., W"cher. ''Uotiben« n"'cn e'"cn Augenblick dieses Wogen und In- hiebet bpvr t' dieses Lösen und Auseinandcrfliehcn und sich �ltei,%'"'den. Mit heitern, frischen Augen sahen sie in den �schieb h"'uus und reichten sich dann die Hand zum l�eibtifa?1'"!:9 hatten sie nebeneinander gesessen, an dem ' ilehren bei � Baters. Nachdem sie einmal ihr egoistisches Ijhonc fiet und sich von ihm abgewendet, war ihnen eine dvil sein r•-""d Zutraulichkeit erstanden. Aniolb hatte cn dishcrigen Arbeiten erzählt, und daß das Werk, das cr im Manuskript hierhergesandt, soeben in der Oeffent- lichkeit erschienen sei. Dann sprachen sie von dem Nachlasse des Vaters, wie er zu ordnen und in seinem Sinne zu ver- werten sei. Sie ordneten gemeinsam die verstreuten Blätter, und Elsa wußte manches Exzerpt aufzufinden und erinnerte sich an manche Aufzeichnungen, die gesondert gelegen. So hatten sie miteinander gearbeitet und geplaudert, Unbedeutendes er- wähnt und wieder die höchsten Fragen erörtert, wie es gerade kam. Er hatte ihr von seinem Verhältnis zu Neinthal erzählt, und sie hatte ihm vertraut, wie sie dies alles schon gewußt habe, noch ehe er sie gesehen; hier an der Tür war sie als Lauscherin gestanden, hatte die Geschichte seiner Jugend ver- nommen und das traurige Schicksal seiner Mutter, und so sei es auch gekommen, daß, als sie später Rcinthal kennen gelernt, sie in ihm nur den Vater Arnolds gesehen. Wie diese Erklärung ihn befriedigte, wie cr jedes Wort von ihren Lippen nahm! Ihr eigenes Geheimnis trugen sie still in sich verschlossen. Es war die Knospe einer ersten Liebe, die ihren ganzen Duft sich noch bewahrte. Es ward beschlossen, daß Elsa in das Pfarrhans zurückkehren solle; jezt hatte sie keine Furcht mehr. Sie wird die Taufe verweigern und ver- langen, daß man sie nach der Residenz zurückbringe. Arnold ivollte darüber wachen, daß diesen ihren Wünschen auch ent- sprochen werde. Im Hanse" Hclencns wollten sie sich wieder sehen, aber Arnold gedachte immer wieder hierher zurückzukehren, bis all das verstreute und noch zu verwendende Material voll- ständig gesichtet und geordnet sein würde. Seine Anwesenheit, in der Villa sollte indes unbekannt bleiben, für alle, außer Georg, ein Geheimnis. Jezt geleitete cr sie über die von außen angebrachte Treppe hinab, dann schritten sie zwischen den duftenden knospenden Gebüschen des Ufers dahin. Die Luft war kalt, von einer prickelnden Frische, das Rauschen und Wehen des beginnenden Tages umgab sie, das die Natur aus ihrem Schlummer weckt. Schon hüpfte es in den Zweigen und der Morgenwind trieb kleine weiße Blütenblätter, die er von den Büschen gestreift, ihnen ins Gesicht. Sie lächelten still unter dieser gleichen Berührung, und wie sie jezt bei dem Kahn angelangt waren, wollten ihre Hände nicht allzu rasch sich auseinander lösen. Elsa sprang in das Boot und beide waren nun bemüht es loszubinden. Sie ergriff hierauf das Ruder, während er das flache Fahr- zeug über den knirschenden Ufcrsand hinweg ins Wasser stieß. „Auf baldiges Wiedersehen!" sagte cr. Sie nickte ihm zu, sie wollte nicht sprechen, eine eigenartige Beklemmung schnürte ihr die Brust zusammen. Das einsame Boot schwamm in den mit Nebeln überwallten See hinaus. 12. Kapitel. Auf die hohe Kuppe des Plattenbcrges fallen die ersten Strahlen des Lichts, sie beginnen sich rot zu färben. Die tiefer schwebenden Nebel aber verdichten sich noch mehr. Wie eine Wolkendekoration senken sie sich langsam hernieder, die Berges- gipfel befreiend, aber über dem Wasser sich zusammenballend. Ein feuchter grauer Schimmer breitet sich über die Ufermatten, und auf den Nadeln der dunkeln Tannen und Föhren glizcrt es perlengleich. Ei» junges Mädchen kommt von der Bahn her, dem See entgegen. Seine entblößten Füße stecken in Holzschuhen, ein grober Kittel bedeckt den dünnen Leib und um Hals und Brust hat es ein Tuch gewickelt, dessen Enden nach rückwärts geknüpft sind. Es ist Eva. Fröstelnd zieht sie die Schultern in die Höhe. Sie steigt in ein Boot und legt mehrere Wäschestück, die sie mitgebracht hat, auf den Boden desselben. Sie will sie waschen, aber wie sie jezt ein Stück ins Wasser taucht, kommt es über den zarten Körper wie ein Krampf; das grobe Leinen entsinkt der Hand, und sich auseinander breitend, schwimmt es hinweg, im Wasser einen roten Streifen hinterlassend. Das junge Mädchen bleibt einen Augenblick wie gelähmt, es starrt Nils dicse blutige Furche, dmin rafft sie sich auf, und das Nuder ergreifend, bringt sie mit einem Schlag das Boot dem eut- schwimmenden Leinen nahe; sie beugt sich über und erfaßt es rasch, und nun beginnt sie es sogleich zu schweifen und zu reiben, um es hierauf mit dem Bliiuel zu bearbeiten. Die Sonne ist über den Kamm der gegenüberliegenden Berge heraufgestiegen, und es kommt nun Bewegung in die trägen, formlosen Massen, die über dem Wasser lagern. Hell und goldig wogen sie ineinander und goldig erscheint unter ihnen der weithin sich erstreckende Reflex im Wasser, das da- durch wie vou unten erleuchtet aussieht. Ans diesen goldigen Nebelschleiern taucht jezt ein dunkler Gegenstand auf, Elsas Boot. Aufrecht steht sie darin, die Sonne glänzt über sie hin, und ihre Strahlen umleuchtcn wie in einer Aureole das blonde Haupt. Eva sieht ans und von dem unvermuteten Anblick über- rascht, blickt sie der Daherkommenden entgegen. Sie glaubt sie zu erkennen, aber sie bleibt unbeweglich in ihrer kauernden Stellung, und blöde und schüchtern, ruft sie ihr auch keinen Gruß zu. Das Boot fährt dicht an das ihrige heran und legt sich an dessen Seite. Jezt erhebt sich Eva, die beiden Mädchen sehen sich an. „Du bist's, Evi, ich Hab' mich nicht getäuscht!" rief Elsa. Eva bewegte nur bejahend den Kopf, aber Elsa war schon zu ihr in das nachbarliche Fahrzeug hinübergestiegen und sie umarmte ihre kleine ehemalige Freundin und küßte sie in warmer herzlicher Freude. Als sie aber die nassen Hände anfühlte und den durch- kälteten Körper, stieß sie einen Ruf der Besorgnis ans. „Du bist ganz erstarrt Eva, was tust du hier? Du wirst dich erkälten." Eva, in Ueberraschnng und Verlegenheit, wischte sich die Hände in ihrem Rocke ab, aber im nächsten Augenblick hob sie das nasse Linnen empor und näßte sie so aufs neue. „Daß Sie's aber doch wirklich sind," stammelte sie, Elsa nur verschämt von der Seite ansehend,„Sic wohnen also wieder drüben in der Villa?" Elsa, nun ihrerseits etwas verlegen, schüttelte den Kopf. „Nein, Evi, ich habe nur einen Besuch drüben gemacht, ich werde Amsee heute wieder verlasse»; aber Evi, erinnerst du dich denn nicht, daß du meine kleine Schwester bist, wir sagen ,du' zueinander." „O," sagte Eva freudig und doch verschämt,„geht denn das noch, Sie sind ja jezt so viel vornehm und schön—" „Du meinst, ich bin dieselbe geblieben, und du—" Elsa hielt inne, sie konnte nicht das gleiche von Eva bc- haupten, das kleine Ding vor ihr sah recht herabgekommcn aus. So blaß und durchaus armselig, und ihr Haar war nicht ge- kämmt und die Augen wie übernächtig und stark gerötet; alles an ihr deutete auf Kummer und Elend.„Sag doch," rief Elsa in plvzlicher Dringlichkeit,„niußt du denn hier am Wasser bleiben, es ist kalt, und warum willst du denn jezt, zn so früher Morgenstunde deine Wäsche waschen?" „Ich darf die Blutflecken nicht eintrocknen lassen, sonst bring ich sie gar nimmer heraus," bemerkte Eva schüchtern, indem sie sich wieder ihrer Wäsche zuwendete. „Das ist Blut," rief Elsa erschreckt,„was ist denn ge- schehen?" „Seine Wunde is halt in der Nacht wieder aufgebrochen, und er hat viel Blut verloren?" „Wer ist denn verwundet?" „Der Vater. Beini Schieferbruch ist ein Teil vom lieber- hang eingestürzt. Einen hat's gleich erschlagen, der Vater hat einen Schlag auf den Kopf kriegt." Sie sagte das alles mit jener stumpfen Ergebenheit, die keine Tränen mehr hat. „Das ist entsezlich!" „Ja, aber es kommt jedes Jahr vor." Also auch hier hatte die Gewöhnung das Schreckliche, weil es zu einem häufigen geworden war, ertragen gelernt. „Aber er wird doch geheilt, dein Vater, er wird wieder gesund werden?" „Der Doktor sagt, er wird nit dran sterben, aber es kann lange dauern, eh' er g'sund wird." Elsa seufzte, dann sah sie ans die kleinen braune» Hände, die eifrig bei der Arbeit waren. „So werden die Flecken doch nicht weichen," sagte Elsa niitleidig,„dn mußt Seife dazu nehmen." Evi blickte nicht ans, es war, als ob sie sich des Manzell' schämte.„Freilich," erwiderte sie leise,„aber Seife ist teuer. Von der Hofer habe ich früher etlichemal eine zn leihen gcnon»»e"' — jezt geh' ich nimmer zu ihr." „Warum? ist sie weniger freundlich gegen dich?" Das blasse Gesichtchen Evas überflog eine jähe Röte, s'C zögerte erst mit der Antwort, und überhastete dann die Worte! „Sie ist mir halt bös von wegen dem Valentin." „Das ist ihr Sohn, Georgs Bruder, nicht wahr?" „In." „Er arbeitet noch immer in Solenbad?" „Ja, aber er kommt jeden Sonntag herauf, denn—' „Er hat dich lieb?" „Das weißt eh." Sic sagte es leise, verschämt vor M hinlächclnd, und sie rang dabei das Linnen ans und legte es in ihren Schoß., Elsa sezte sich ans das Brett im Boote; mit einer rasche" Bewegung hatte sie den Arm um deu Hals der vor# Kauernden gelegt. Dicse blickte überrascht auf, als sie aber in das gute ficht, in die lieben, warmherzigen Augen sah, da schwand'f' die scheue Zurückhaltung und in all der naiven reizenden Biädchr"' Vertraulichkeit warf sie sich der Freundin an den Hals. Elsa zog sie neben sich ans das Bänkchen. Fest nmschlung� und Wange an Wange tauschten sie einzelne Worte, aber mälich wurden Evas Geständnisse zusammenhängender, bis r endlich in kjndlicher Geschwäzigkeit alles hcrausgeplaudert, ihr auf dem Herzen lag: „Er könnt's freilich besser treffen, der Valentin, könnt ri" kriegen, die ihm was zubrächt', eine von Solenbad selber. � Mädeln dort sind ihm eh schon aufsässig, daß er ihnen Sonntag davon geht, aber er tuts doch, und er laßt's Win' Hans und die Musik und sucht uns ans. Der Bnrsch' sich so selber um alle Freud', und er g'hört doch zu denen,' gern lustig sind, und die Leut' sagen, er hätt's früher oft bisset toll trieben, und jezt, schau, sizt er au jedem Sonnbll Nachmittag auf dem Bankerl vor unserm Haus, wie ei» Invalid, und halt' den klein Gustcl auf den Knien; er hat davon, daß er mich so lieb hat, der arme Mensch, und ce' alleweil so gut und so treu, aber ich bin nur sein Unglück, Hoferin hat schier Recht." C Elsa streichelte ihr die Wange, über die langsam eine Tra rann. „Du bist ein Kind, Evi, du gibst ihm mit deiner das Höchste und Beste, das er sich wünsche» kann.", „Ist's denn wahr?!" rief sie, und sie lächelte unter Tränen,„er sagt dasselbe, und daß er just mich haben> und durchaus. Und er lamcntirt nur, daß wir so lang einander warten müssen." „Warum heiratet Ihr auch nicht?" Die kleine Eva irahm eine sehr überlegene Miene an. „Ja, Fräul'u Elsa, bei uns armen Leuten geht das so leicht, wie dn glaubst; und der Valentin gar, der n>a sich's selber noch schwerer. Ja ja, der verlangt mehr als der liebe Gott geben kann, und manchmal da wird wir bang, weil ich mich halt mit ihm nit mehr auskennen tu. � legte in herziger Vertraulichkeit ihre Hände über Elsas und sich etwas vorbeugend sah sie mit ihren Kinderaugcn ihr auf.(gottf. M*'' Beim Schaz.(Seite 2G7.) 250 Cäsarismus im nltcu liom. Von WilHetm Wt�s. Die Schlacht von Philipp! im Jahre 42 v. Chr., in welcher die„leztcn Römer' Bnitus und Cassius mit ihren repnblika- nischen Legionen gegen die Söldner Oktavians, des nachhcrigen Kaisers Augustus, unterlagen, war der Todesstoß für die alte römische Republik. Dieser Todesstoß war ein historisch unver- meidlicher geworden, denn die unheilbar kranke Republik konnte nicht langer leben. Wir bewundern den hohen Mut, mit lvel> chcm Brutus, Cassius und Cato für ihr Ideal fochten und starben, allein die wirkliche römische Republik war von diesem Ideal weit entfernt. Seit einem halben Jahrhundert war sie die Beute ehrgeiziger Heerführer und Diktatoren geworden; der blutdürstige Aristokrat Sulla, der rohe Demokrat Marius, die ehrgeizigen Triumvini Cäsar. Pompejus und Crassns hatten mit Feuer und Schwert gehaust. Das ungeheure römische Reich war nur noch ein blutiges Schlachtfeld der Parteien, und wenige mochten sagen können, daß ihr Kopf oder ihr Eigentum von heute auf morgen sicher seien. Wer nur Macht hatte, konnte Recht und Gesez nach Belieben mit Füßen treten; wer in den Kämpfen Sieger blieb, der ächtete seine Feinde, überlieferte sie dem Henker und zog ihr Eigentum ein. Eine beutegierige Soldateska zerfleischte gleich einem Schwärm von Aasgeiem den Körper der sterbenden Republik. Das Ende dieser beispiellosen Anarchie konnte nur die Diktatur, der gröbste Despotismus sein, und er erschien denn auch in der Gestalt der Cäsarcnhcrrschast. Wie war aus Rom, der Heimat rauher Bürgertugcnd und unüberwindlicher Vaterlandsliebe, ein solcher Tummclplaz der rohesten und zügellosesten Leidenschaften, ein solches politisches und gesellschaftliches Chaos geworden? Die römische Gesellschaft war wie die hellenische auf Sklaverei begründet, wobei nicht zu vergessen, daß der römische Proletarier ganz etwas anderes ist als der Sklave. Der Proletarier war Bürger nnd gehörte zu der lezten jener sechs Klassen, in welche die römische Gesellschaft nach ihrem Vermögen vom König Servius Tullius eingeteilt worden war. Er stand über den« Sklaven und verachtete die Arbeit, welche der Sklave tun mußte. Der moderne Proletarier erhält durch seine Arbeit die Gesell- schaft; der römische ließ sich, wie wir sehen werden, fast oder ganz ohne Arbeit von der Gesellschaft unterhalten. Rur der Ackerbau stand in Ehren bei Patriziern und Plebejern. Unter den Königen und in den guten Zeiten der Republik gab es eine Art von Zünften, die hoch angesehen waren. Später aber, als die Eroberung und Ausbeutung fremder Länder förmlich Staatszwcck wurde, kamen große Reich- tümer ins Land, die Verachtung der Arbeit stieg, und man kani darin so weit, daß diejenigen, welche ein Gewerbe betreiben wollten, vom Wahlrecht gleich den Sklaven ausgeschlossen wurden. Jene furchtbaren Legionen der römischen Republik, die so viele Königreiche zcrtrümmertc», waren aus römischen Bürgern gebildet. Die Tapferkeit dieser Milizen wurde von der Republik mit Ländereien in den eroberten Provinzen belohnt. Die Län- dcrcicn wurden ausgelost, und der neue Besizer konnte sein Land nach Belieben selbst bebauen, es seinen Gläubigern überlassen oder es verkaufen. Der große Besiz zog auch hier den kleinen» an sich; es entstanden die berüchtigten Latifundien, jene un- geheuren Güterkomplcxe, die in Weideland umgelvandelt wurden. Nach dem Zeugnis des Plinius haben diese Latifundien das alte Italien zugrunde gerichtet.*) Man sieht, das heutige England hat seine historische Analogie. *) Ob die verschiedenen agrarischen Reformen,»wie sie die Gracchcn u. a. erstrebten, diese Gestaltung der Grilndeigentumsverhältnisie hätten aushalten können, ist»»ehr als fraglich. Hätte man die eroberten Länder auch an jene Bevölkernngsteile abgegeben, die keine Kriegs- dienstc geleistet halten, so»wäre damit nur ein ausgedehnteres Par- zellens») stein geschaffen»worden. Tas» der Parzellenbauer imstande sei, den Verfall eiiies so großen StaatslwescnS auszuhalten, dafür müßten die Beweise erst noch erbracht»werden. Die Bürger aber, die ihre Grundstücke verkauften, den Gläubigern überließen oder bei der eigenen Be>virtschastung kein Glück hatten, gingen nach Rom zurück, da im Kriegsdienst das Söldnersystem überhand nahm. Sic vermehrten dort die Masse jener Bevölkerung, die gerne üppig lebe»»nochte, aber nicht arbeiten wollte,»vas übrigens auch bei der nnfreiwilligen Ko»- kurrenz der Sklaven von»venig Belang geivescn»värc. Der Bürger bis zum lezten Proletarier in Rom betrachtete eben die Arbeit als eine Schande. Jnzivischcn strömten aus den eroberten Provinzen in Europa, Afrika und Asien nngeheure Rcichtünicr nach Rom. Es war römisches System gcivordcn, die Provinzen auf das schamloseste auszuplündern. Sie mußten alles hergeben,»voran es in Italic» fehlte, und sie mußten,»vie»vir sehe»»verde», Roin förmlich ernähren. Während durch die Beraubung der Provinzen einzelne in unglaublicher Weise bereicherten, stieg die Armut der Masten. Es gab schon zu Cäsars Zeit in Rom»»r 130000 Reiche und Wohlhabende, dagegen 320 000 Biirge� die zur Klasse der Proletarier gehörten. Später wurde da? Verhältnis noch»veit schlimmer. Wem es gelang, sich in den Provinzen oder sonstivic c»> Vermögen zusammen zu rauben, der hatte mit dieser Masse c»» leichtes Spiel. Da sie nicht arbeiten»vollte, ließ sie sich denen ernähren, deren politischen Zivcckcn sie diente. Man lebte vom aktiven Wahlrecht. Denn da in Rom viele der bedeutendsten Staatsstcllcn durch die Wahl der Bürger besczt»vurde»» so konnte derjenige leicht dahin gelange», der die Wähler bs' schenkte. Dieses System artete in einer fast unglaublichen SM aus, denn die Machthaber ivußten, daß alles davon abhing, dca Volke„Panern et circcnses", Brot und Spiele, zu Oyf''- Wen» ein Sieger seinen Triumphzug auf das Kapital feice, »vurde eine fabelhafte Pracht»ind Freigebigkeit cntfaltet, wab�'?. man die politischen Gegner beraubte und tötete. Die � aber gewann man auf solche Weise leicht. Cäsar z. fünf Triumphe von märchenhafter Pracht; einen davon bei' »vobei 40 Elefanten auf beiden Seiten des Zuges die Lüh trugen. Ans 22 000 Tischen war für 198000 römische®lUit gedeckt, und es»vurde» kostbare Speisen und Weine verabrc»� Jeder Bürger bekam eine Summe Geld, ein Onantum Gctre und Oel, ein Quantum Fleisch, und es»vnrde ihm die Ha miethe auf ein Jahr bezahlt. Später wurden auch noch � gespendet. Dann kamen die Fechterspiele, die Tänze, die M: spiele, die Renne», die Tiergefechte, die Tierhezen, die' spiele, die Sccschlachtcn, die zum Vergnügen der Maye' geführt wurden. Bei den Fechterspielcn mußten Mensthe" � einander, bei den Tierkämpfen Menschen mit»vildcn Tic»e»� ihr Leben kämpfen. Die Soldaten»vurden natürlich bO� belohnt; von Cäsar empfing z. B. der gemeine Soldat � den Ländereien noch baares Geld in» Werte von 250 v richsd'or(3900 Mark). Die Wirkung eines solchen Systems ninßtc die deren ganzes Trachten nur aufs Faullcnzcn und Sch. »» 1 1 mht't------ Smten dieses reichlich und die Spiele großartig»vare». Tie Koiu"..� ---- a----- fit---- �-- J-- UHU � Systems mußten die eroberten Länder tragen Arbeit hatten die Sklaven zu tun. Bei solche» Zuständen mußte Rom immer»vieder ehrgeiziger Feldherren und Staatsmänner»verde». � �'nr »vollte l,-» 0V.VVV.»V....... W.uv................... den» künftigen Herrschcrsystem den Namen geben y'„„I- an Stelle der Republik eine niit demokratische»» � c» gebene Monarchie sezen;»vährend der Vorarbeiten»» e»vrtirtvS«*f erfte � ermordet. Der schlaue Oklavian»vard römischcn Reich, der erste„Herr der Welt" Unter der langen Reihe von römischen Kaisern, in dem Zeitraum von 31 v. Chr. bis 476». Chr., findet man die seit- samsten Erscheimmge», was sich zum guten Teil ans dem Vor- hergehenden erklärt. Bei einer solchen Bevölkerung mußte der Tespotismus seine tollsten Sprünge machen,— und er hat sie gemacht. Tie Stadt Rom mochte zu Augustus' Zeiten zwischen 1 und 1�2 Million Eiinvvhner zählen; sie hatte 47 000 Häuser, 1790 Paläste und 423 Tempel; dazn kamen die großartigen öffentlichen Gebäude; der große Cirkus hatte Raum für 385 000 Menschen. Rom war in der Tat das„Herz der Welt"; die Reichtümer der drei damals bekannten Weltteile flössen hier zusammen. Das Reich selbst erstreckte sich zur Zeit seiner größten Aus- oehnung von der Westküste Spaniens und der Nordivestkiiste Afrikas bis nach Assyrien und Babylonien hinein; es umfaßte öus ganze bekannte Territorium von Afrika, Süd- und Mittel- Europa und reichte weit nach Norden, bis nach Großbritannien. Osteuropa südlich der Donau, Kleinasien, Syrien und die an- fußenden Länder gehörten dazu. Die Nord- und Ostgrenze war begreiflichermaßen häufigen Veränderungen untenvorfen. � wußte in der Tat für einen Ehrgeizigen ein berauschender Gedaiike sein, dieses mächtige Reich zu beherrschen, und man ,Qn» sich die Tollheiten einiger römischen Kaiser nur erklären, wbem man annimmt, die Uebersiille von Macht habe ihren verstand dermaßen getrübt, daß sie sich für übernatürliche Wesen w'fahen und, da man ihnen göttliche Ehren erwies, sich auch w Götter hielten. Augustus selbst, der bis 14 n. Chr. regierte, eignete sich k hohen Staatsämter an. ohne sich Diktator oder König zu kunen; er regierte verhältnismäßig mild, um seine früheren Harten vergessen zu machen. Gleich nach ihm aber kamen bnlf Regierungen. Tie Nachfolger des Augustus M en keine Herrschaft mehr zu erkämpfe»; sie standen eines argens als„Herrn der Welt" auf. Sie waren, sagt Gre- im Dämonen oder Verrückte, denn„Caligula überbrückte 1.Wahnsinn das Meer, Claudius tvard ein Büchenvurm, Nero elc x �0I"®rmi� und spielte die Cither dazu. Sie waren in x' fw nichts mehr zu erstreben hatten. Auf einmal lD- cn®cfiö eines schon längst eroberten Weltreichs gesezt, auü x womit sie ihre Tage hinbringen sollten, denn „,,x �cc®ci,u6 wird unerträglich, iveun ihn nicht Mühe würzt Entbehrung unterbricht." die o- �en �chüzen des Orients waren die Ueppigkeit und sflnir"1''61 � Orients in Rom eingezogen. Wollust, Gran- Hoinl' �kminerei— diese drei Eigenschaften bilden die s�fchasi�sse �arakterbildes der damaligen römischen Ge- �zählungen der alten Geschichtsschreiber lassen uns in sich. Afn Pfuhl von geschlechtlichen Lastern blicken, daß man ßnd V'tmmt �ogt, ob es denn Menschen oder Affen gewesen nati' In',t leiten man auf jenen Blättern zu tun hat. Die un- djx anz Laster wurden mit einer Schamlosigkeit betrieben, an in* ��'lhaft erscheinen könnte, wenn sie eben das Schlimmste riwinrf!" �sscllschcist märe. Denn das Schlimmste, was der bot, njf Oissarismus hervorbrachte, ivar die völlige Austilgung lietiq i,!''Manneswürde, Selbständigkeitsgefühl und Freiheits- wehr« Q■" �'afffn der Gesellschaft. Es gab keine Männer Mater! Despoten und noch feigere Knechte. Ein roher steu � �""."'s durchdrang diese Gesellschaft, die im vollständig- gNvorde!,'L"" alten Römertum fast ganz zum Gesindel Mehr scheute�' fi,V.Brot und Spiele" keine Emiedrigung öerschÄ��Hähe dieser Gesellschaft krönten die Despoten in �rätoria»� �kstalt, die sich mit einer Leibwache, die Äeiber»„x �nannt, umgaben. Während einerseits schamlose Hofe herviks.?"� �cm Schlamme emporgekrocheue Günstlinge am Prätvr Agierte» andererseits die bewaffneten Banden Loger Otj o1,1101 die römische Welt. Sie hatte» ein befestigtes 0"1' dessen Umrisse heute noch sichtbar sind. Man hatte sie ans germanischen Söldnern zusammengesezt, da man die verweichlichten Römer für nicht kräftig und zuverlässig genug hielt. Diese Prätorianer winden bald die entscheidende Macht im Staate. Sie sezten nach Belieben Kaiser ab und ein, denn sie fühlten gar bald ihre Macht. Wenn sie von einem Kaiser nach ihrer Meinung nicht genügend bezahlt wurden, sezten sie ihn ab oder ermordeten ihn. Einmal versteigerten sie sogar den Kaisertron an den Meistbietenden, und ein reicher Römer. Didius Julianus, kaufte ihn für eine ungeheure Summe, ward aber schon nach 66 Tagen ermordet, lleberhaupt wurde die weitaus größte Anzahl der Kaiser ermordet. Nach Augustus schon wurden sieben Kaiser nacheinander ermordet oder brachten sich um, wenn man den Tiberius dazu rechnet, der allem Anschein nach auch keines natürlichen Todes gestorben ist. Vom dritten Jahrhundert an ivar der natürliche Tod eines römischen Kaisers überhaupt eine Seltenheit. Tiberius saß lange Jahre auf der Insel Capri und ließ seinen Günstling Sejan regieren, der wie ein Feind im Lande hauste. Unter Tiberius wurde das Denunziantentum organisirt und die Anklage der Majestätsbeleidigung auf alle mißliebigen Personen erstreckt. Taeitus hat die Schreckensherrschaft jener Zeit ergreifend geschildert, und Camille Desmoulins hat diese Schilderung im Jahre 1794 auf die Schreckensherrschast Ro- bespierres angewendet, eine Kühnheit, die dem 33jährigen Revolutionär den Kopf kostete.„Damals", schrieb Camille Desmoulins,„wurden Aeußerungen zu Staatsverbrechen, es bedurfte nur noch eines Schrittes, um einen bloßen Blick, die Traurigkeit, das Mitleid, einen Seufzer, ja das Stillschweigen selbst zu Verbrechen zu machen... Unter Nero brachten mehrere, deren Verwandte er hatte hinrichte» lassen, den Göttern ihren Tank dafür dar. Alles erregte den Argwohn des Tyrannen. War ein Bürger beim Volke beliebt— er war ein Nebenbuhler des Fürsten und konnte einen Bürgerkrieg erregen. Ver- dächtig!— Floh er dagegen die Volksgunst, so hatte sein ein- gezogenes Leben ihn bemerklich gemacht. Verdächtig!— War einer reich? Es war dringende Gefahr vorhanden, das Volk könne durch seine Freigebigkeit verführt werden. Verdächtig!— War einer arm? Man mußte ihn unter Aufsicht stellen, denn niemand ist so unternehmend als der, welcher nichts hat.—War einer von düsterem melancholischen Karakter und vernachlässigte sein Aeußeres? Er ivar darüber betrübt, daß die öffentlichen An- gelegenhesien so schlecht standen! Verdächtig!— Ließ sich's ein Bürger wohl sein und war er unmäßig im Essen und Trinken? Er tat es nur, weil es dem Fürsten nicht gut ging. Verdächtig!— War er streng tugendhaft in seinen Sitten? Sein Betragen war ein Tadel des Hofes. Verdächtig!— Der natürliche Tod eines berühmten Mannes, oder nur eines, der ein öffentliches Amt bekleidete, war eine solche Seltenheit, daß ihn die Geschichtsschreiber als ein merkwürdiges Ereignis für die späteren Jahrhunderte aufzeichneten." Diese furchtbare Parallele zwischen der altrömischen und der neuen Schreckensherrschaft in Frankreich versezte Robespierre in Wut, und er meinte, Camille habe den Taeitus„nicht ver- standen". Aber wenn auch das Haupt Camilles fiel— diese seine Zeilen sind eben so unsterblich geworden, als die des Taeitus. Tiberius zitirte oft den berühmte» Spruch:„Oderint dum metuant",„sie mögen mich hassen, wen» sie mich nur fürchten!" Als sich einmal ein Angeklagter selbst den Tod gab. meinte Tiberius:„Er ist mir entschlüpft!" und als ihn ein anderer um Beschleunigung der Hinrichtung bat. sagte der Tyrann:„Ich habe mich noch nicht wieder mit dir ausgesöhnt!" Seine Un- sittlichkeiten sind nicht zu beschreibe». Ihm folgte Casus Cäsar, genannt Caligula(Soldatenstiefelchen), der infolge einer Krank- heit wahnsinnig wurde. Er verheiratete sich mit seinen Schwestern und trieb die Ausschweifungen so weit, als ein Wahnsinniger eben konnte.„Viele Männer achtbaren Standes*) ließ er brandmarken und verurteilte sie in die Bergwerke oder zum *) Nach Suctoit. Straßenbau oder zum Kampf mit wilden Tieren oder sperrte sie selbst wie wilde Tiere in Käfige ein, wo sie gezwungen waren, auf allen Vieren zu kriechen, oder ließ sie mitten von einander sägen. Und das keineswegs wegen schwerer Vergehen, sondern etwa weil sie sich über ein von ihm gegebenes Fechter- spiel gering geäußert oder weil sie nie bei seinem Genius ge- schworen hatten. Die Väter zwang er, der Hinrichtung ihrer Kinder beizuwohnen, und einem, der sich(vor der Hinrichtung) mit Krankheit entschuldigte, schickte er eine Sänfte. Dieser blutdürstige Narr ließ sich göttliche Ehren erweisen und sagte zu seiner Großmutter:„Bedenke, daß mir Alles und gegen Alle zu tun erlaubt ist". In der Tat war der Senat nur noch ein Schattenbild, eine Versammlung zitternder Sklaven. Auch be- gönnen die kaiserliche Privatkasse und der Staatsschaz schon zusammenzufließen. Calignla ließ selbst während des Mahles und der Spiele vor seinen Augen Hinrichtungen vollziehen und sagte in seinem Blutdurst: ,O daß das römische Volk doch nur einen Hals hätte!" Als dies Scheusal von dem Befehlshaber der Präto- riancr ermordet wurde(41 n. Chr.), nahmen Senat und Volk einen Anlauf, die Republik wieder einzuführen, allein die Prä- torianer scztcn seinen Oheim Claudius auf den Trou, einen schwachen Menschen, der nicht selbst regierte, sondern seine Günstlinge und Weiber alles in die Hände bekommen ließ. Er war von einer stumpfsinnigen Grausamkeit und sah sich gern die Hinrichtungen an. Die Unsittlichkcit seiner Frau Messalina ist sprichwörtlich geworden*) und unter seiner Regierung spielte sich der mit Mord, Verrat und Unzucht geführte Kampf zwischen Messalina und Agrippina, der Mutter Neros, ab, wobei Messa- lina endlich ermordet und Agrippina Kaiserin wurde. Da Agrippina aber ihren Sohn Nero als Kaiser sehen wollte, ver- giftete sie den Claudius und Nero wurde Kaiser. Nero hat den Ruf des größten Scheusals unter allen römi- scheu Despoten, denn er ließ seinen Bruder und seine Mutter töten und tötete auch seine hochschwangere Gattin Poppäa Sabina durch einen Fußtritt ans den Leib.**) Nero trat als Sänger und Citherspieler auf, zog in seinem Reich umher und ließ sich beklatschen. Wenn er als Sänger auftrat, zwang er alle Zuhörer bis zum Schlüsse zu bleiben, und da seine Vor- stcllungcn oft sehr lange dauerten, so kam es vor, daß Frauen, die man nicht nachhause ließ, im Circus niederkamen. Einmal ließ er„alle vornehmsten Römer" töten, um etwaigen Ver- schwörungen vorzubeugen. Ihre Kinder ließ er durch Gift und Hunger umbringen. Er würzte seine Grausamkeiten mit Spät- tereicu. Wenn er jemand zum Selbstmord verurteilte, schickte er ihm einen Arzt, um. wie er sagte, den Verurteilten„in die Kur zu nehmen", falls er zögerte. Er ließ Rom anzünden, um das Schauspiel des Brandes von Troja zu haben, lobte „die Schönheit der Flammenglut" und spielte Cithcr dazu. Er verheiratete sich öffentlich mit einem jungen Manne und ließ diese Hochzeit im ganzen Reiche festlich begehen. Als er sich seinen Bart abnehmen ließ, mußte auch dies Fest vom ganzen Reiche begangen werden und der abgenommene Bart wurde in einer goldenen Kugel auf dem Kapital ausbewahrt. Er sagte: „Vor mir hat noch kein Fürst gewußt, was er sich alles er- laubcu kann." Seinen Erzieher und Minister Seneca, den berühmten Philosophen, zwang er zum Selbstmord. Seneca ist indessen troz aller Tugendphrasen in seinen Werken von Karakter ein elender Höfling gewesen. Nero regierte 14 Jahre, und als endlich die Heere sich empörte», flüchtete er feige und erstach sich mit den Worten:„Welch ein Künstler stirbt in mir!" *) Wir wollen in der nächsten Nummer ein Karakterbild der Messalina zeichnen. Zn diesem Zweck lassen wir diese Schilderung der damaligen römischen Zustände vorausgehen, um zu zeigen, in welcher Atmosphäre nnd unter welchen politische» und gesellschaftlichen Formen Messalina sich bewegt hat. Sie konnte auch nur in dieser Atmosphäre vorkommen. Wir haben das Bild der Messalina von Kaulbach jun. in Nr. 10(@. 225) gebracht. D. Red. **) Diese Poppäa liest sich überall 500 milchende Eselinnen nachführen, um sich in deren Milch zu waschen, womit sie die Zartheit ihres TeintS zn konserviren glaubte. ■i- Es würde zu weit führen, wollten wir alle Regierungen karakterisiren. Es gab auch milde und weise Regenten, aber selbst bei ihnen behielt die Regierung einen despotischen Ka- raktcr. Diokletian stellte einen vollständigen Absolutismus auch der Form nach her. Selbst unter den mildesten Regenten kommen noch wahrhaft barbarische Härten und Laster vor. Die Unsicherheit der Staatsverhältnisse brachte Menschen ans den Trou, wie Heliogabal, der sich drei Jahre in viehischen Lüsten wälzte, Caracalla, den Brudermörder, Commodns, der seine Zeit mit Fechterspiclen, und Domitian, der sie mit Fliegen- fangen zubrachte. Auch ein menschlicher Vielfraß bestieg de» Tron in Gestalt des Vitellius. Er vcrschlcmmte in wenige» Monaten den ganzen Staatsschaz(etwa 150 Millionen Mark). Täglich nahm er mehrere Mahlzeiten, wozu er sich häufig z» vornehmen Römern selbst einlud. Die geringste dieser Mahl- zciten kostete 400000 Sestertien— über 22000 Taler. Bei der Abcndtafel, die ihm sein Bruder beim Einzug iu Rom gab, wurden zweitausend der seltensten Fische und siebentausend der kostbarsten Vögel verspeist. Als er seine große silberne Schüssel einweihte, die er den Schild der Minerva nannte, wurden i» derselben Lebern von Meerbrassen, Gehirne von Fasanen und Pfauen, Zungen von Flamingos, Milche von Muränen zn eincni Ungeheuern Ragout znsammengctan. Mau hatte, sagt Sueton, um diese Dinge herbeizuschaffen, alle Flotten von Parthien bis zur Meerenge von Spanien in Bewegung gesczt. Doch genug von diesen Dingen. Der Gegenstoß auf diese Entwicklung blieb nicht ans. Es gab Menschen genug, die an diesen Zuständen einen unübenvindlicheu Ekel bekamen»»b nach innerer Sammlung strebten. Die Lehre des Ursprung" lich reinen Christentums kam ihnen wie gerufen; die sin»- liche Ueberreizung der römischen Gesellschaft trieb sie z»"' Aszetismus, zur Abtötung des Fleisches und Unterdrückung aller sinnlichen Begierden. Allein damit war keine Wiedergeburt dieser verdorbenen römischen Gesellschaft zu erreichen; sie war dem Untergange geweiht, und dieser Untergang kam, wenn auch erst nach ungeheuren Kämpfen und konvulsivischen Znckungcu- Die Provinzen konnten endlich die ungeheuren Lasten nicht mehr tragen, die zur Befriedigung des römischen Hofhalts nnd z»/ Unterhaltung des römischen arbeitsscheuen Pöbels ihnen auferlegt wurden. Es trat öfters große Not ein, die auch 2'"'' stände der hungernden, der Arbeit entwöhnten Massen Hervel" rief. In dieser Not traten die Neste jener alten Zünfte, d>r sich kümmerlich— vielleicht nur durch Tradition— am Lebe» oder im Andenken erhalten hatten, wieder hervor und sie 9C' wannen an Einfluß und Achtung. Hatte man sie früher vci- folgt, so griff man jezt nach ihnen als nach einem Ncttungs' anker; der Staat bemächtigte sich dieser Organisationen, � durch sie den wirtschaftlichen Uebeln abzuhelfen. Schon unter Alexander Severus(222— 235 n. Chr.) wurden diese Alst'- ziatiyncu zu staatlichen Einrichtungen erhoben, und mau einen umfassenden Apparat von ineinandergreifenden Assoziotiour», welche die Versorgung Roms mit Lebensrnitteln zn betreibt hatten.*) Es war ein förmliches staatssozialistisches Sysi�' bei welchem, wie ein Schriftsteller sagt, der Kaiser der monopolistische Produzent war. Dieses System war sehr»»vollkommen stand unter despotischer Verwaltung und entbehrte vor allem beKorrektivs der politischen Freiheit. Aber dies System W doch den gänzlichen Zusammenbruch der römischen Gcsellsch�' um eine lange Zeit hinaus, bis endlich auch die Affozio!'�« erlahmte». Sie mußten das, weil sie keinen anderen Z1"_ hatten, als den faulen römischen Pöbel zu ernähren und h, durch die Herrschaft der Kaiser zu stüzen. Bald gewöhnte»!' auch die Kaiser daran, die von de» Assoziationen angrsammc Schäzc au sich zu ziehen, und so wollte schließlich niemand mcy Mitglied dieser Assoziationen sein, denen man, wen» man>h *) Siehe über diese interessante Erscheinung: Eugen Jägen � Sozialismus und die soziale Bewegung in Frankreich, in stmev leitung, sowie Staatswirtschaftliche Abhandlungen, zweite Serie, l* Seite 337—57,„Antiker und moderner Staatssozialiöimis". tinmal angehörte, mit Leib, Leben und Vermögen verfallen mar. Auch der furchtbarste Zwang tonnte diese Assoziationen nicht mehr zusammenhalten; sie zerfielen nnd mit ihnen stürzte krachend das alte Römer-reich zusammen, an dessen morsche Tore schon langst die Fauste wilder germanischer Völkerschaften schlugen, denen es bestimmt war, ans den Trümmern des Römerrcichs ihre Herrschaft zu errichten. In dieser Periode des römischen Cäsarismus sind für den Historiker viele Räthsel vorhanden, die vielleicht niemals gelöst werden können, da auch die besten römischen Geschichtsschreiber, -racitus niit inbegriffen, nicht frei von Partcileidcnschast sind, wie unseres Erachtens Adolf Stahr überzeugend nachgewiesen Wer trag! Novelle von I. Nach vielen kalten Rcgcnwochen war endlich wieder ein wuniger warmer Tag gewesen. Tie Fenster standen gegen ., cnd überall weit geöffnet, und wer nicht hinaus konnte, um w milde balsamische Luft zu genießen, der lag im Fenster und >ntc in das Gewühl der Straßen, in denen das Gaslicht ercits mit der leztcn Tagcshcllc zn kämpfen begann. Auch in das geräumige Wohnzimmer eines hübschen Vorstadt- wuscs der Residenz wehte der lvannc Hauch des Sommcr- eiids durch die geöffneten Fenster herein; doch schien er die eiden darin befindlichen Personen nicht gleich angenehm zu tliihrcn, wie man aus der fröstelnden Bewegung schließen Ulllle, mit welcher der junge Mann, der neben dem zierlichen aniiiiofen ans einem niedrigen Polstcrstuhle saß, das über seine 'nee gebreitete Plaidtuch höher heraufzog. Die zweite im �"»mcr anwcscude Person war die Gattin des jungen Mannes, lei*» Ctn'11 öwanzigjährige schlankgewachsene Brünette, die in aste, ii Soinmcrklcide mit anmutiger Geschäftigkeit den Tisch ,.Abendessen ordnete, zu welchem, nach der Zahl der Gedecke 'chlicßen, noch zwei Personen erwartet wurden. -ras junge Paar war erst etwa zwei Jahre verheiratet und i üanzc häusliche Einrichtung zeigte jene Behaglichkeit und t» welche in unseren Tagen auch dem weniger Bcmittcl- Erreichbar sind. lest r" �wstniannsstande angehörig, ohne es zur Selbständig- iaus 5" haben, denn das väterliche Erbteil, aus wenigen ehe.?�rk bestehend, war bereits zerronnen gewesen, noch Nein? ix C?�hrjahrc vollständig hinter sich gehabt hatte, mußte klein Livouius seine ganze Rechenkunst aufbieten, um den | bflnl'! af,L".v bcdürfnisreichen Hansstand zu unterhalten und kleid'" hübsche junge Frau so modisch und elegant zu A»iisiI'(w'C es sein Stolz auf sie und ihre Eitelkeit verlangten. »»d � 11,(11 bies auch recht gut gegangen, und wenn hier Aredj? ni,C Rechnung unbezahlt blieb, Bäcker und Schlächter | gesiinx bewähre» mußten, so hatte dies für ein paar junge Tie c.C-"schfi, welche einander liebten, wenig zu bedeuten. in 5��"9 auf allmäliche Gehaltserhöhung, die der Prinzipal jed? � gestellt hatte, mußte alles ausgleichen und strich tfalte von der Stirn. iahre jedoch, als Reinhold, der seine Jünglings- leide,, r, durchlebt hatte, zu kiänkeln begann und ein Brust- Arzt x 0i)C','hui herausstellte. Die Pflege war kostspielig, i Zuk,,,,s/. Medizin wollten bezahlt sein und die Aussicht in die D» �dunkelte sich. der j„. nv eines Tages, wie ein Stern in düsterer Nacht, kiiie,, Si'".01 östlichen Provinz lebende Bruder Reinholds bei hatte» sandten in der iltesidenz erschienen. Die Brüder Ü�stoaen �"ibcrart seit Jahren keinen Verkehr miteinander schiede»\ waren sie nach Alter und Gesinnung so ver- "m jC('("'i es wenig Anknüpfungspunkte für sie gab. Ter gewesen, ältere Franz war schon auf der Universität ' � Reinhold erst die untern Sprossen der Wiffens- � �" r'""-~ hat.*) Aber die feststehenden Tatsachen genügen immerhin, um den unanfechtbaren Beweis zu liefern, daß ein kräftiges Volk keinen größeren Fehler begehen kann, als sein Dasein auf Er- obcrung begründen und anderen Nationen mit ganz verschiedenen Interessen und Lebensbedingungen sein Gepräge aufdrücken zu wollen. Die Ausartungen des römischen Cäsarismus, deren Spuren noch im heutigen Italien zu finden sind, bilden eine furchtbare Lehre für alle diejenigen, die den Beruf der Völker in der Unterwerfung und Unterdrückung anderer Völker finden wollen. *) Siehe namentlich„Agrippina, die Mutter Neros," von Stahr, sowie von dessen Uebersezung Snetons das Vorwort. die Schuld? . Lcrnger. lcitcr mühsam emporklomm, gehätschelt und verzogen von der Mutter, die bald nach dieses Spätlings Geburt Witwe gcwor- den war. Wohl hatte Franz, nachdem auch sie die Augen ge- schloffen, sich des Knaben angenommen und ein wachsames Auge auf den Jüngling gehabt; als Reinhold dann aber nach be- endctcr Lehrzeit die Provinz verlassen, hatte sich das Band zwischen den Brüdern gänzlich gelockert. Franz hatte dem Studium entsagt und sich der Landwirtschaft gewidmet, da er sich mit einem Mädchen verlobte, welches ihm ein hübsches schuldenfreies Gut als Morgengabe brachte. Der Entschluß war ihm um so leichter geworden, als er bei seiner radikalen poli- tischen Gesinnung eine Staatsanstellnng als wenig wünschens- wert betrachtete. Indessen war die Beschäftigung mit Ackerbau und Viehzucht keineswegs geeignet, seinen regen, von den Zeitibm, erfüllten Geist auf die Daner zu befriedigen. Seine Bemühungen um die intellektuelle Hebung der bäuerlichen Bevölkerung der Um- gegend, ans die er sich anfangs mit großem Eifer warf, blieben ohne merklichen Resultate, das Gut selbst verlor unter seiner Bewirtschaftung an Ertragsfähigkeit, alles entmutigte ihn. Nach fünf Jahren verkaufte er es und siedelte mit seiner Frau nach der Hauptstadt der Provinz über. Ein Kind, welches ihnen in- zwischen geboren worden, war in noch zartem Alter gestorben, und der kleine Grabhügel am Ende des Parks ging mit dem Gut an den Käufer desselben über. Die Mutter hatte sich nur schwer davon getrennt, wie sie überhaupt das mit ihren frühesten Erinnerungen vcnvachscnc Landleben ungern gegen das beengte Dasein in der Stadt vertauscht hatte. Aber welches Opfer hätte sie nicht aus Liebe zn ihrem Manne gebracht? Bald nachdem sie sich in der Stadt eingerichtet, hatten sie die Nach- richt von Reinholds Verlobung und der gleich darauf folgenden Vermählung erhalten. Man hatte den Schritt in der unsicheren Stellung des jungen Mannes etwas gewagt und übereilt ge- funden, jedoch erklärlich durch das reizende Aenßerc seiner Erwählten, deren Bildnis die VermählungSanzeige begleitet hatte. Die Angelegenheit trat wieder in den Hintergrund. Franz lebte jczt wieder seinen Studien nnd den öffentlichen Angelegenheiten, denen er sich mit ganzer Seele widmete. Die Politik, welche alle Geister beschäftigte, wurde mehr und mehr sein eigenstes Gebiet. Er schrieb für mehrere große Zeitungen und trat in öffentlichen politischen Versammlungen als Redner auf. Dabei war es natürlich, daß sich sein Blick auf den Mittel- pnnkt des politischen Lebens, auf die Rcichshauptstadt, wandte, und daß bei ihm der Wunsch entstand, dort seinen Wohnsiz aufzuschlagen. Seine Gattin war wie immer bereit, sich seinen Wünschen zu fügen und ihr Zelt von neuem abzubrechen, um mit ihm zu ziehen. Sie wäre ihm bis ans Ende der Welt gefolgt. Indessen hielt er es für geraten, das Terrain erst zu rekognoscircn, bevor er seinen Hausstand dorthin vcrpstanzte, nnd so kam es, daß er eines Tages bei seinem Bruder allein erschienen war. 254 Reichlich mit Geldmitteln versehen, hatte er der bedrängten Lage desselben sofort ei» Ende gemacht und das junge Paar mit allem zur Pflege und zum Konifort Nötigen versehen. Das junge unerfahrene hübsche Weibchen erbarmte ihn i"'cht minder als der Bruder, dessen Znstand er sofort als ziemlich hoffnungs- los erkannte. Als er seinen ersten Brief an seine Frau nach Hause schrieb, kam es plözlich>vie eine Offenbarung über ihn, daß hier für diese ein Wirkungskreis gefunden wäre. Ihrer gewohnten und liebgewonnenen Tätigkeit in der Landwirtschast beraubt und wenig Geschmack an oberflächlicher Geselligkeit findend, hatte sie zwar ihre Muße niit ernstem Studium und guter Lektüre ausgefüllt, aber noch immer Zeit genug gehabt, ihrem Gram um das Kind nachzuhängen. Franz hatte dies mit tiefem Kummer gesehen, aber kein Mittel gefunden, ihre Gc- danken dauernd davon abzulenken. Hier war nun auf einmal, was beide brauchten. So war bei jedem Unglück doch immer ein Glück! Zudem konnten sie die jungen Leute wirksamer uuterstüzen und ihnen einen Teil der Wohnung abnehmen, die unter diesen Umständen viel zu groß für sie war— kurz, es fügte sich alles wie von selbst. Er teilte seiner Frau sofort seinen Plan mit, hoffend, daß sie wie immer darauf eingehen würde. Er hatte sich nicht getäuscht..Ich kann aufbrechen, sobald du es wünschest," antwortete sie umgehend. Bruder und Schwägerin waren tief gerührt über die edelmütigen Vorschläge, welche Franz ihnen machte und überließen ihm alle Anord- »ungm. Die aus sechs Stuben bestehende Wohnung war zu einer Zweiteilung wie geschaffen. Das hübsche geräumige Wohn- zimmer und ein kleiner Salon, der die Ecke des Hauses bildete, lagen in der Mitte, und zu beiden Seiten reihten sich je zwei Gemächer daran, so daß jedes Paar ein Schlafzimmer mit daran stoßendem Ankleide- oder Arbeitskabinet, je nach Geschmack und Bedürfnis, zur Verfügung hatte, während das Uebrige gemein- sames Terrain war. Alle Räume hatten Ausgänge auf den Korridor. Die Gemächer, welche Franz und seine Frau be- wohnen sollten, waren eingerichtet und leztcre sollte heute Abend eintreffen. Zu ihrem Empfang war der Tisch gedeckt. Das Gesicht des jungen Hausherrn, deffen Blicke den raschen, elastischen Bewegungen seiner Frau gefolgt waren, überflog jezt ein mattes Lächeln, als leztere aus der Tiefe des Büffets aller- Hand blizende Dinge zum Vorschein brachte: Salzsäßchen, Oel- und Essigständer, Zahnstocherbechcr und dergleichen, um die Tafel damit aufzupuzen. .Du holst ja alle unsere Schäze hervor, Liebchen," scherzte er.„Tu willst der Schwägerin wohl die Augen verblenden?" „Du brauchst nicht zu spotten, Reinhvld," erwiderte sie ein wenig pikirt.„Schlimm genug, daß das unsere.Schäze' sind und daß das alles nur von Alfenid ist. Aber es macht doch Effekt, und Klara braucht nicht gleich zu sehen, wie pauvre wir sind. Sie wird sicher sehr elegant auftreten." „Elegant, das glaube ich nicht. Man ist in der Provinz nicht sehr elegant, wenigstens nicht das, was du darunter ver- stehst. Und Klara ist einfachen Sinnes, soviel ich weiß." „Was macht sie denn mit all ihrem Geld? Sie geht nicht zum Ball, nicht ins Tcater, puzt sich nicht. Mich wundert, daß Franz an ihr Gefallen gefunden hat.— Freilich, sie hatte das Gut." „Da kenust du Franz schlecht, wenn du glaubst, daß er sie deshalb geheiratet hat. Er ist der uneigennüzigste der Mensche». Ob Klara sehr bestrickend war, weiß ich nicht, aber geliebt hat er sie sicher." „Und jezt liebt er sie nicht mehr?" „Warum nicht? Meinst du, daß die Liebe so schnell ver- geht?" Gertrud sah sinnend vor sich hin. „Rein," sagte sie zögernd,„besonders wenn man Geld hat und keine Sorgen und sich alles verschaffen kann, was zum angenehmen Leben gehört." „Und doch sagt man," fiel Reiuhold mit einem Seufzer ciu,„daß gemeinsame Sorgen die Liebe noch befestigen und „Ach was, das sind sentimentale Narren, die das sagcu," entgegnete Gertrud, indem sie ungeduldig auf- und abzugehen begann.„Sie haben es meistens nicht probirt. Ein Herz und eine Hütte, das ist recht schön in der Poesie." Jezt war es an Reinhold, sinnend vor sich hinzuschauen. Als sie auf ihrer ungeduldigen Wanderung an ihm vorbeikam, faßte er sie zärtlich um die Taille und sah sie mit seinen großen blauen Augen mitleidig au. „Hast du denn so viel entbehrt, armes Ki»d, daß du so ganz entnüchtert bist? Ein klein wenig liebst du doch noch deinen armen nichtsnuzigen Mann, nicht wahr?" Sie nickte stumm und wickelte eine ihrer langen schwarzen Locken um die weißen Finger. Da ertönte draußen die Glocke und Gertrud wand sich mit einem„Endlich!" aus Reinholds Arm, zupfte»och schnell etwas an ihrer hellgelben Sommertoilette zurecht, die ihr vortrefflich stand, und eilte nach der Tür. Aber schon wurde diese öffnet, und ein großer schlanker Mann mit wohlgebildctc» ein- nehmenden Zügen, die von einem prächtigen dunkelblonden Vollbart eingerahmt wurden, trat rasch ins Zimmer und rcichtk Gertrud freudestrahlend beide Hände entgegen. „Sie ist da, kleine Schwägerin, wir haben sie!" rief lt munter, und zur Türe zurückkehrend führte er eine noch jugendliche blonde Dame in einem schlichten schwarzseidcnen Reiscklcidc herein und stellte sie als seine„liebe Frau" der Schwägerin vor. Beide Frauen standen einen Augenblick betroffen und inustcr- tcn einander stumm, bis Klara, sich zuerst besinnend, die Sch>m'' gerin mit Herzlichkeit umarmte, und Reinhold, der sich zwischen erhoben und der Gruppe genähert hatte, beide Ha»� entgegenstreckte. Die Wärme ihrer Begrüßung verwischte di kurze unbehagliche Pause, welche zwischen derselben und de ersten gegenseitigen Erblicken entstanden war. Bald saß"U1 fragend und erzählend bei Tische und in so heiterer StiniMM�' als es in der Anwesenheit eines sichtlich dem Tode NcrfaÜcnk möglich war. Klaras Augen ruhten oft auf den eingesuukcm o.".----.... c---------- rief. iii Zügen desselben und glitten dann verstohlen hinüber zu ende» blühenden, lebensfrischcn, in der Aufregung doppelt reizen�'' jungen Frau. Sie hatte sie sich nicht so hübsch vorgestellt» Franz hatte i» keinem seiner Briefe ihrer äußeren Ersche""' Erwähnung getan, während er nicht untcrlaffen hatte, sich" � ihr unpraktisches naives Wesen in harmloser Weise lusUg � machen. Auch jezt schlug er einen neckischen Ton mit in den sie wie ein übermütiges Kind einstimmte. Tie l'ch� haften Bemerkungen flogen hin und wieder und Gertrud bis zur Ausgelaffenheit. Der Ton mißfiel Klara, �'e. ihn in der Situation, in der sie sich befanden, wenig am f � und dies machte sie unwillkürlich still. Endlich Hab Tafel auf und jeder Teil zog sich in seine Privatgemächer z Vier Menschen hatten sich mit diesem Abend zu ew0 � hängnisvollen Stück ihrer gcmciiischasllichen Lcbensreisc die gereicht. ....r-indrü� Noch lange lag Klara wach und sann über die zgic nach, die sie an diesem ersten Abend empfangen ha■ � anders hatte sie alles envartet! Zum erstenmale geim� daß sie uud Franz dieselbe Sache in ganz verschiedene�� betrachteten. Ihre Bemerkungen über das in ihren' �sie» paffende Betragen der jungen Schwägerin bei einer l1 sie Gelegenheit fanden keinen Anklang bei ihm. Er �se», kleinlich und nngroßmütig. War es doch ihre Antun!' j�ften die Gertrud so fröhlich gemacht, ihr käme es daher am �jge zu, Kritik zu üben. Tie Kleine wäre eine heitere,» � Natur und hätte nun schon Monate lang ausschlieü' � als Gesellschaft des kranken Mannes gelebt. Was>iatlU, daß heut Abend die Jugend ein wenig übergescha. Auch erschiene ihr der Zustand ihres Mannes keine-.' nnngslos._, g Kalte» Klara bemühte sich enistlich, diese Auffassung � seine» i zu teilen. Er war stets so mild und nachsichl'ü 255 Urteil wie jeder geistig hochstehende Mann. Sie machte sich Vorwürfe, daß sie die Strenge, welche den Frauen in der Be- mteilung ihrer Geschlechtsgenossinnen meistens eigen ist, noch immer nicht ablegen könnte, und nahm sich vor, keinerlei Vor- urteile gegen die kleine Schwägerin aufkommen zu lassen. Am andern Morgen hatten Klara und ihr Mann bereits den Kaffee in dem gemeinschaftlichen Wohnzimmer eingenommen, ohne das; sich jenseits etwas regte. Tas Dienstnuidchen sagte jeboch, der Herr habe die Nacht besonders gut geschlafen und die gnädige Frau— Gertrud liest sich so nennen— würde gleich erscheinen. Dennoch währte es so lange damit, dast Franz sie nicht envarten konnte. Nachdem er zerstreut seine Zeitung gElefcn und das nächste mit seiner Frau verabredet hatte, machte er seinen täglichen Ausgang in das Centrum der Stadt. Klara blieb sinnend am Kaffeetisch sizen. Endlich nahte sich ein leichter schritt und in der rasch geöffneten Tür stand die Schwägerin w einem eleganten hellblaue» Morgenkostüm, ein Spizenhäubchcn °uf dem noch in Lockenwickeln eingerollten Haar. Das Lächeln, welches anfangs ihre frischen Lippen umspielt hatte, ging plözlich w ein leichtes Stirnrunzeln über. »Franz schon ausgegangen," rief sie enttäuscht.»Und ich hatte noch soviel Aufträge für ihn." Tann aber kam sie freund- 'ch auf Klara zu, küßte sie und erklärte auf deren befremdend sagende Miene, daß Franz es so gut verstände, ihr allerlei Tinge einzukaufen, die hier„an der Welt Ende" nicht zu haben heu. »Und jezt gehen wir sogleich an unser Programm," fuhr h fort, nachdem sie sich ihren inzwischen warm gehaltenen affee eingeschenkt und unter den Brötchen eins von schön gold- wnner Farbe herausgesucht und niit Butter bestrichen hatte. »Die Wirtschaft und all' das überlaste ich dir, Liebchen. Du eine Wirtin comine il kaut, wie mir Franz gesagt hat. u wirst alles famos einrichten. Freilich lebt man hier etwas lck � � bei euch ii? der Provinz, aber da werde ich dir üho» Rat geben. Anna kann kochen— darum brauchst du >ch nicht zu kümmern. Auch das Einkaufen versteht sie ganz L-fT" c'n bischen teuer zwar, aber vorzügliche Qualität. Die a�che geße mig j,cm Hnufc— diese Plage habe ich mir °ogc>chafft—" .»Aber um Gotteswillen, womit verbringst du denn deine fiel ihr Klara in die Rede. »Womit? U»d die Pflege meines Mannes? Denkst du, das sei nichts? Wie oft muß ich Nachts heraus— da bin ich am Tage wie zerschlagen; ich könnte nicht das geringste tun." „Das ist jezt;— aber früher? Habt ihr immer so ge- wirtschaftet?" „Da hört man die Provinzlerin," rief Gertrud mit gering- schäzigem Achselzucken und einem Emporziehen der Oberlippe, welches ihrem sonst reizenden Geficht einen nach Klaras Em- pfindnng abstoßenden Ausdruck gab. Schon gestern hatte sie diese unschöne Bewegung, welche die Harmonie ihrer Züge so auffallend störte, bemerkt, ohne sich jedoch darüber Rechenschaft abzulegen. Sie schwieg verlezt, und Gertrud, die dies gewahrte, lenkte schnell ein. „Verzeih den schlechten Ausdruck," bat sie mit Herzlichkeit; „ich wollte nichts Böses damit sagen. Im Gegenteil. Ihr Frauen ans der Provinz seid viel ernster und tüchtiger, als wir leichtfertigen Residenzbewohnerinnen. O, Franz hat mir alles von dir erzählt." „Lassen wir Franz," sagte Klara etwas kurz.„Du meinst, daß wir, die wir nicht den Vorzug hatten, hier erzogen zu werden, mit unseren Lebensgcwohnheiten und unseren An- schauungen über das, was den Frauen obliegt, gegen euch im Rückstand seien. Darin irrst du jedoch. Wir kümmern uns dort ebenso um die brennenden Tagessragen wie ihr und folgen mit Interesse und Verständnis den geistigen Strömungen der Zeit. Was mich betrifft, so habe ich mich in den beiden lezten Jahren der Muße auch viel mit der sogenannten Frauenfrage beschäftigt und will ich dir gleich sagen, daß, wenn ich den Frauen alle ihnen gebührenden Rechte eingeräumt wissen will, ich es aber auch mit ihren Pflichten sehr ernst nehme. Und das erinnert mich daran, daß wir vor allen Dingen nach unserm Kranken sehen müssen." Sie erhob sich. „Ach. ich merke schon, an dir habe ich meine Meisterin gefunden!" lachte Gertrud und stand ebenfalls auf.„Aber ich bin weder eine Gelehrte, noch eine Tngendheldin, das will i ch dir gleich sagen. Dazu bin ich auch noch zu jung. Wenn ich erst in deine Jahre kommen werde— aber das nimmst du mir nicht übel; sechs Jahre machen immerhin einen großen Unter- schied. Nicht wahr, du bist sechsundzwanzig? ich noch nicht zwanzig.— Aber jezt gehen wir flink nach Neinhold sehen. Ich führe dich." Damit schlüpfte sie wie eine Eidechse zur Türe hinaus, welche Klara bereits geöffnet hatte.(goninuno foijjt.) La bclla Venezia. Ein Städtkbild aus Italien. Von Z>.(fcronett. (gorlskjung u. Schluß) Jhen, ehe wir an die genußreiche aber auch ermüden e' WUMZW rn 4a Leute-'•----- %i,. Q—""I Will OlsUJUllUllv, yv Die h( �fihnandcr wie ein Schwärm geschwäziger hgerühnite Schönheit der venetianischen Frauen und Mädchen ist mir auf dem Markusplaze, dem Mittelpunkte des öffentlichen Lebens, gerade nicht aufgefallen, wie auch zum Beispiel die viel genannten Blumenmädchen, ohne welche die Staffage des Markusplazes ja nicht vollständig iväre, zum größten Teil alte ehrbare Jungfern sind. Hier aber auf dem Markte ist es anders; da sieht man wirklich schöne Gestalten und hübsche Gesichter, ivürdigc Repräsentanten des venetianischen Typus. Da steht die schlanke und doch nervige Gestalt des Fischers, nur mit buntem Hemd und Hose bekleidet und um die Lende den unumgänglich nötigen Shawl, die Jacke malerisch über die Schulter geworfen und auf dem schwarzen lockigen Haar die kleidsame phrygische Müze. Hier zeigt sich auch der echte Typus der Frauen aus dem Volke in ihrer bunten Tracht, bald dunkel, voll und mit scharfgeschnittenen Zügen, bald aber auch auf- fallend blond und von heller Gesichtsfarbe, als rollte gcrmani- sches Blut durch die Adern. Welches buntbewegte Leben muß hier in der Blütezeit der Republik geherrscht haben, als die Kanäle Venedigs noch von ungefähr zweitausend Gondeln durch- kreuzt wurden, wogegen die zwei- bis dreihundert heutiger Zeit nicht einmal alle Beschäftigung habe». Der Anblick des Grünen ist in Venedig etwas außergewöhnliches, da in der Stadt selbst keine Bäume stehen, höchstens in dem Hofe eines Palastes einige 258 Pflanzen grünen. Um den Vcnctianern auch ctivas Gutes zu hinterlassen, ließ Napoleon an der südöstlichen Spize Venedigs eine Anzahl Häuser und Kirchen niederreißen und legte auf dein gewonnenen Plaze einen öffentlichen Garten an, der von den Venetianern fast gar nicht besucht wird. Um auch diese Seite Venedigs kennen zu lernen, fuhren wir die weite Strecke hinauf und hatten wenigstens den Genuß einer prächtigen Aussicht. Gleich bei diesen sogenannten Giardini Publici liegt die Insel di S. Pictro, früher Ocivolo oder auch Olivolo genannt. Sic war in der frühesten Periode der Republik der Schauplaz eines ähnlichen Ereignisses, wie der Raub der Sabinerinnen zu Rom. In der ersten Zeit der Republik bestand die Sitte, daß die Nobili und die vornehmsten Bürger ihre Vermählung alle an demselben Tage feierten, und zwar aus Maria Lichtmeß und in der Kirche dieser Insel S. Pictro. Unter dem tapferen Togen Pietro Condiano, dem Schrecken der Seeräuber, sollte das Fest im Jahre 944 mit großer Pracht gefeiert werden. Reich ge- schmückte Gondeln führten die glücklichen Brautpaare unter den Klängen der Musik von allen Seiten der Insel zu. Ihnen folgten die Eltern, Verwandten, Freunde und Freundinnen mit den oft sehr kostbaren Brautgeschenken. Unter Anführung des Dogen zog man zur Kirche, wo der greise Bischof die Ehen einsegnen sollte. Da brachen urplözlich aus einem Hinterhalt die Piraten der istrischcn Küste, die in der vorhergehenden Nacht heimlich gelandet waren und sich versteckt gehalten hatten, in die Kirche herein, raubten mit roher Gewalt die jammernden Bräute und schleppten sie mit den reichen Geschenken in ihre Fahrzeuge. Em furchtbares Geschrei der Wut und der Rache erhob sich; die Bewohner der nächsten Inseln und Straßen eilten herbei und mit dem Dogen an der Spize stürzten die Wütenden in die Kähne, um den frechen Räubern nachzueilen. Es galt die Piraten zu erreichen, ehe sie Schuz in ihren Schlupf- winkeln fanden, und mit rasender Geschwindigkeit huschten die Fahrzeuge der Verfolger über das Wasser. In kurzer Zeit lagen die feindlichen Kähne aneinander und nun entspann sich ein Kampf auf Leben und Tod. Nicht ein einziger der Räuber entkam, alle wurden in die Flut gestürzt, und triumphircnd zogen die Sieger mit den wiedererkämpften Bräuten zur Insel zurück. Und nun zurück zum Besuch der zwei schönsten und ehrwürdigsten Denkmäler der Republik, zur Markuskirche und zum Togenpalast. Italien ist so ungemein reich an architektonischen Schön- heiten, daß selbst Gebäude, die in jedem anderen Lande hohe Bewunderung erregen würden, hier weniger auffallen. Die Markuskirche jedoch wird, so lange sie steht, als ganz einzig in ihrer Art, unter allen Prachtgebäuden profanen und kirchlichen Karakters, hervorragen. Ein eigentümliches Gefühl ergreift uns bei dem Anblick dieses christlichen Tempels in orientalischer Form. Sie ist das offene Buch, in welchem wir die Geschichte der stolzen Meercsbraut Venedig lesen können. Sie ist ein Schazkästlein, an dem die mächtige Republik Jahrhunderte hindurch schmückte und puzte, und die Mittel, den Stoff zur Ver- schönerung ihres Kleinods holte sie an der Gcburtsstätte der Kunst, in Griechenland selbst. Ihre Schiffe brachten von Kon- ' stantinopel und den Inseln des Archipels die kostbaren Reste der alten griechischen Gebäude mit und ihre Künstler schufen aus den einzelnen Stücken ein Ganzes voll imponirendcr Schönheit. Das Innere der Marknskirche übertrifft noch die äußere Schönheit, und der Reichtum an kostbaren Marmorsäulen und Mosaiken steht einzig in seiner Art da. Während acht Jahr- Hunderten entstanden bis auf unsere Zeit ininier neue herrliche Mosaiken. Abgesehen von der Pracht der Einzelheiten können wir uns einen Begriff von ihrem Reichtum machen, wenn wir erwähnen, daß sie einen Flächeninhalt von mehr als 40,000 Quadratsuß einnehmen.— Wir treten in den Hof des Togen- Palastes ein, ein Hof. der vielleicht in der ganzen Welt nicht seines Gleichen niehr hat. Auf dem langgestreckten Säulen- gange ruhen drei kostbare marmorne Stockwerke, selbst wieder prächtige Arkaden, zu denen wir auf der sogenannten Riesen- treppe gelangen. Es weht ein düsterer Hauch durch den Hof und mehr noch durch das Innere des Palastes selbst. Zwei blutige Gestalten tauchen hier vor nnseren Augen auf. Calen- derio selbst, der Erbauer des Palastes, war in die Ver- schwörung des Marino Falieri, die Byrons Drama schildert, venvickelt und büßte seine Unbesonnenheit zwischen den zwei Säulen auf der Piazetta niit dem Tode. Steigen wir die Niesentreppe hinauf, so steht auch dort vor unserem geistigen Auge ein blutiges Schauspiel. Der achtundsicbenzigjährige Doge Marino Falieri war durch eine Beleidigung, seiner Gemahlin zugefügt, schwer gekränkt worden. Der Frevler war ein Nobile und der Doge fordert vom Senate eine strenge Bestrafung. Wäre der Angeklagte nicht ein Nobile gewesen, oder hätte er weit weniger schwer den Senat beleidigt, dann hätte er vier- undzwanzig Stunden später auf der Piazetta gehangen, aber st wurde er nur gering bestraft. Der Doge wütet und ist der Macht des Senates gegenüber ohnmächtig. Er geht mit dem Plane um, sich und das Volk von der furchtbaren Macht des Senates zu befreien. Schon sind die Rollen ausgeteilt, sch�' die Dolche geschliffen, welche die Senatoren treffen sollte»,� da kommt die Verschwörung zu Tage und in rascher Entschlossen� hcit beschließt der Senat an dem Togen selbst ein blutige Beispiel zu geben. Am 17. April 1535 wird der greise Doge auf der obersten Stufe der Nicsentrcppe enthauptet. Das Vo � knirscht mit den Zähnen, aber es schweigt. Cavo colurnnas- Die neue Bluttat der Republik mischt sich unter alle die anderen, aber die schauerliche Verwünschung, die Byron dem Togen vor seinem Tode in den Mund legt, ist erschreckende Wahrp Venedigs Macht und Glanz ist dahin; seine Patrizier sind ver� kommen, sind vielfach Bettler geworden, und wenn auch wny die verödeten Paläste stehen und von cntschwundner Pracht 5ettSe"' so erinnern sie doch dringend an die Worte des Sängergreist „Weh euch ihr stolzen Hallen! Nie töne süßer Klang Durch eure Räume wieder, nie Saite noch Gesang." Es sind wahrhast königliche Hallen, in die wir jezt � treten; heute noch glänzend und Schäze bergend; aber ans c glatten Parquet geht nur der Fremde umher und in den st-b Sälen tönt nur die Stimme des Führers, der in oft la b lichcn Phrasen schnarrend seine Litanei hersagt. Decken u Wände sind mit kostbaren Gemälden bedeckt und die Heroen c Kunst, Tizian, Tintoretto, Palma, Bassano, Paul BeroneK" andere haben sich hier verelvigt. Viele ihrer Gemälde die Macht der Republik und sind heute— Grabmonnme� Schaudern ergreift uns, wenn wir dem Führer in die j Räume folgen, in denen die Tribunale der Zehn und der saßen und die Angeklagten mit blutiger Strenge richtete», 11 � welchen nur zu oft Opfer der Herrschsucht, des �st Neides und anderer niederer Leidenschaften sich befanden." � die Dogen waren nicht stark genug, ihre eigenen Söh"* � schrecklichen Folter zu entziehen. Wohl müßte es gelobt w. � wenn die Republik so unparteiisch gewesen wäre, das Ver � auch an der höchsten Person des Staates oder deren � wandten zn strafen, aber dieses Lob gebührt ihr nich!. nicht Gerechtigkeit und Unparteilichkeit waren die Ria? i sondern Haß, Neid und Herrschsucht. Ter schöne Mst' � Sohn des Dogen Antonio Vcnicr— von 1382 bis macht einige Spottverse auf die Zehn. Er wird verhol � � grausam gefoltert, damit er seine Mitschuldigen»?>»>- t schweigt; denn er braucht ja keine Mitschuldigen. jc- Vcrse zu machen. Er wird»ntcr die glühenden Bleid» i warfen und fleht seinen Vater um Beistand an. Der �>c nicht helfen, er hat gegen die Zehn keine Macht. � Jüngling wünscht wenigstens seinen Vater zu sehen;..-strU möchte wohl, aber der Doge darf nicht und der Jung' � ju in der Verzweiflung. Es mag dieses Beispiel genüge». zeigen, wie die Republik die Gerechtigkeit pflegte, und c» � hje des Schaudcrns zu begründe», das uns in den Näu»>c>' f�jch. AAWajkf n_____ fj:__•£...... rr\. i___ a! s___ S Ilkt'II, 259 Venedig sprechen die Bianern," sagt ein venetianisches Spruch- wort. An den Wänden des Dogenpalastes befanden sich Schalter und in sie warf der Spion, der geheime Ankläger eine Denun- ziation, und diese anonyme Anklage war genügend, um den Unglücklichen, den sie betraf, mit Kerker, Folter und Tod zu bedrohen. Welches Feld, um seine Rache zu befriedigen, welches vorzügliche Mittel, den Feind zu beseitigen! Dabei war Venedig die Stadt der Feste, der Schauspiele und Vergnügungen; in dieser Stadt, wo der Schrecken regierte, glich bas äußere Leben einem„ewigen Sonntag und fortwährenden Kameval", so erzählt uns ein Chronist, lind in der Tat konnten bie Herren im Togenpalast eher ein Volk regieren und knechten, welches leichtlebig war, von Vergnügen zu Vergnügen flatterte und so keine Zeit erübrigte, seine Lage ernst zu betrachten, als k>n nachdenkendes und sinnendes Volk.— Der feierlichste und festlichste Tag der Republik Venedig war der Himmelfahrtstag. An diesem Tage fand die schon er- wähnte großartige Zeremonie der Vermählung des Dogen mit dem Meere statt, und die Republik entfaltete hierbei eine Pracht, einen Glanz und einen Reichtum, von dem wir uns heute kaum "och einen Begriff machen können. Der Ursprung dieser Feier 9cht weit in die Geschichte Venedigs zurück, und sie soll von dem Togen Peter Orseolo II.(997) zum Andenken an die Be- begnüg der Seeräuber und die Eroberung von Dalmaticn ein- Nefiihrt worden sein. Damals waren die Sitten noch einfacher und man begnügte sich damit, am Himmclfahrtstage jenseits des Udo ans das Meer zu fahren und den Tag mit verschiedenen anfachen Festlichkeiten zu feiern. Anders gestaltete sich das Fest nach jenem wichtigen Mo- wo Kaiser Barbarossa nach jahrelangen Streitigkeiten sich �dlich mit dem Papste Alexander III. zu Venedig versöhnte. •�r Kaiser hatte an die Republik das Ansinnen gestellt, ihm /N.Papst auszuliefern; aber mit Stolz wurde der Wunsch des Ifll ItllP Ottt A AAM«»».Vv 3 ga!|ec8, der wie ein Befehl klang, abgeschlagen, und als der vycr eine starke Flotte ausrüstete, um seiner Forderung Nach- dnf r-U 9sdni, schüzten die Vcnetianer den Pabst so energisch, üjJl die Flotte Friedrichs vollständig schlugen und selbst AnU« befangen nahmen. Die Venetianer baten nun den 'J in Wirklichkeit schon" sä? zwVi' Jahrhunderte besaßen Der P°bst. dankbar für die ihm geleisteten Dien,te. willigte ein. und indem er dem Dogen zum Zeichen der Investitur einen a.'9 überreichte, sagte er:„Empfange ihn von nur al» m Öttchcn der Herrschaft über das Meer; du und deine Nach- ,(%t sollen sich jedes Jahr aufs neue mit ihm vermählen. 5 daß die Nachwelt wisse, das; das Meer euch gehört und ay es euerer Republik unterworfen sein soll, wie die Gattin dem Gatten.' Von jenem Tage an wurde»un die Vermahlung ' dem Meere mit großer Pracht gefeiert. Ä,% Ä XÄrÄ'Ä Mib J?ta"9tc'n bunte», hellen Farben, alles war m.t Bändern bn, j fitere Matrosen vernichteten die übrigen Dlen,te. Uebcr " wölbte sich das obere Deck, welches von vielen ßebkn�n Gäulen getragen wurde, die neun Arkaden von 1 SAmi.M breite bildete». Diese mit vergoldete» Figuren u d 1 reich geschmückte Galerie war scchsundsechszig.r"ß und an sie schloß sich eine zweite Galerie mit neunzig Sizen für das Gefolge des Dogen, und das ganze war bedeckt mit reichen Ornamenten, Skulpturen, Gold. Silber, Purpur, Damast und Seide. Das obere Deck war in seiner ganzen Länge mit rotem Sammt überzogen, mit schweren Goldstickereien ver- ziert und über dem Salon des Dogen flatterte das kostbare Banner des hl. Markus. Ilm den Bucentaurus drängten sich nun tausende von bunt geschmückten Gondeln, in denen die ersten Familien der reichen Stadt in den kostbarsten Trachten saßen und die Ankunft des Dogen erwarteten. Jezt erschallt vom Glockenturme die Mittagsstunde und zuerst erscheinen acht Fahnen- träger mit den Standarten der Republik: rot, blau, weiß und violett; dann sechs Trompeter mit silbernen Trompeten, hierauf das Gefolge der fremden Gesandten, jezt ein Trupp Pisferari, von den Pagen des Dogen geführt. Es folgt der Sekretär des Dogen, ein Diakon, der eine vom Pabst Alexander geschenkte Kerze trägt, die Tiener des Dogenpalastes, welche den Pracht- vollen Sessel und das Kissen des Dogen tragen. Hieran schließen sich die Würdenträger der Republik, alle in kostbarer Kleidung. Dann fällt uns eine jugendliche Kindergestalt auf; es ist der sogenannte Ballotino, eine Knabe, der bei der Dogenwahl die Kugeln aus der Urne zu ziehen hat. Und nun endlich erscheint der Doge selbst, in einem langen Mantel von Hermelin mit goldenen Knöpfen geschlossen, darunter eine blaue Soutane und zu unterst ein langes Schlcppkleid von Goldstoff. Auf seinem Haupte prangt die Dogenmiize von Goldstoff in phrygischer Form, um sie herum schließt sich eine blizende Krone von Gold und Edelsteinen; selbst die Sandalen sind von Goldstoff. Zur Rechten geht der päbstliche Legat, zur Linken der kaiserliche Gesandte; an sie schließen sich die vielen Vertreter aller übrigen Reiche und Höfe, die mit der stolzen Republik befreundet sind. Zwei Offiziere des Dogen tragen den Sonnenschirm des Fürsten und das Schwert mit der Spize nach oben gerichtet. Die Signoria und der große Rat schließen den iniposanten Zug. Der Doge, umgeben von seinen Räten und Gesandten, nimmt Plaz, all die hohen Würdenträger der Republik ordnen sich, hundert Matrosen umstehen ihre Offiziere, um deren Befehle blizschncll zu befolgen. Jezt hebt sich der Anker, alle Glocken läuten von neuem, alle Geschüzc dröhnen, der Bucentaurus rauscht, von der jubelnden Menge umgeben, majestätisch den Kanal hinauf nach der Insel St. Helena, wo er den Patriarchen von Venedig mit seiner Geistlichkeit aufnimmt. Jezt fährt das Festschiff auf das offene Meer hinaus, der Doge erhebt sich, steigt auf eine kleine Galerie und indem er mit lauter Stimme die Worte ruft:„Desponsamus te mare in signo veri perpetuique dornini," wirft er den vom Pabste geweihten Ring in die blaue Flut. Aus hunderttausend Kehlen erhebt sich ein lautes Freuden- und Triumphgeschrci— die Zeremonie ist beendet. Jezt aber beginnen die Festlichkeiten; volle vier- zehn Tage dauert der Jubel, und der ganze Reichtum der Republik entfaltet sich vor den Augen der stäupenden Fremden. Fast unzählige Feste und Vergnügungen reihten sich an das eben beschriebene im Laufe des Jahres an, und ganz besonders waren es noch zwei, die unsere Aufmerksamkeit erregen: der Karneval und die Regatta. Ter venetianische Karneval war berühmt durch ganz Europa; aber auch er hat heute seinen ehemaligen Karakter verloren, wie ja auch der römische Karneval nur noch ein Schatten seines ehemaligen Glanzes ist. Nur ein glückliches Volk kann wirklich heiter sein. Die Regatta gehörte unbedingt zu den großartigsten Volksfesten Venedigs. Das Fest dankt seine Entstehung jener Episode, die wir schon erzählte», nämlich dem Raube der vcnetianischcn Bräute auf der Insel St. Pictro und wie damals ein Wcttsegeln auf Leben und Tod zwischen den Räubern und den beraubten Venetianern stattfand, so auch bei der Regatta um den Ehrenpreis. Die Vermählung des Togen mit dem Meere war ein Fest der Republik, ein politisches Fest, bei dem der Venetianer vom Dogen bis zum Gondolicr nur de« Ruhm, die Pracht und den Glanz der Republik anderen Staaten gegenüber entfaltet wissen wollte, das Fest der Regatta dagegen gehörte ausschließlich dem Volke, dem gemeinen Manne. Er. der bei der Vermählung des Togen - 2 gewissermaßen als Gast geduldet wurde, spielte hier die Haupt- rolle und lud den Patrizier zu Gast. Der Gondolier, in früheren Zeiten eine Macht, mit welchem der Staat rechnen mußte, war in erster Linie bei diesem Feste beteiligt. Vom Ausgang der Regatta hing oft das Lebcnsglück des einzelnen ab. Denn mehr als eine glutäugige venctianische Schönheit, die von mehreren umworben war, schob die Entscheidung über ihr Heiz und ihre Hand bis zur Regatta ans. Mancher Gondolier knicete wochenlang vorher mit seiner Geliebten allabendlich vor dem Madonncnbilde und betete um Sieg; zu arm, um das höchste Ideal eines Gondolier zu erreichen, nämlich eine eigene Gondel, sezte er seine ganze Hoffnung auf die Regatta. Gewann er den ersten Preis oder auch nur einen der anderen, dann konnte er sich eine Gondel kaufen, sein Name als Sieger verschaffte ihm Gönner, er konnte seine Braut heimführen— sein Glück für das ganze Leben war gemacht. Tie Wcttrudcrer stellten sich am östlichsten Punkte Venedigs bei der Insel Castello ans, wo heute die von Napoleon ge- schaffcnen Giardini Public!(öffentlichen Gärten) liegen. Auf ein gegebenes Zeichen sezte» sie sich in Bewegung und fuhren mit Windeseile dem Kanal Grande zu, den sie fast seiner ganzen Länge nach durchsausten, begleitet von dem Geschrei der tausende von Zuschauern zu beiden Seiten des Kanals. An einer bc- stimmten Stelle befand sich mitten im Kanal ein großer Pfahl mit einer Fahne und hier mußte der Ruderer die schwierigste Probe bestehen. Er mußte sein Boot, das wie ein wilder Renner über die schäumende Flut dahin schoß, um diesen Pfahl herumlenken und ohne Aufenthalt denselben Weg zurücklegen. Man kann sich kaum vorstellen, wie viel Kraft, Gewandtheit und Geschick ein solches Manöver erforderte. Mit derselben rasenden Schnelligkeit ging es dann zurück bis zum Palazzo Foscari, wo ein großes kunstreiches Gebäude ausgerichtet war, das als Ziel der Wettfahrt galt und auf dem auch die Preise verteilt wurden. Der Weg, den die Wettfahrer zurücklegten, betrug ungefähr vier venctianische Meile oder etwa 8350 Meter, also ungefähr 26,620 Fuß, was eine Länge von 1 Vg preußische Meile ergibt. Um nur allein an diesem Wettkampfe teilnehmen zu können, bedurste es einer ungewöhnlichen Kraft und außerordentlichen Geschicklichkeit. Tic zwei lezten Regatta in unserem Jahr- hundert fanden statt 1846, als die Kaiserin von Rußland Venedig besuchte, und 1875 bei Gelegenheit des Besuches des Kaisers Franz Joseph bei König Viktor Enianuel. Im Jahre 1846 bewunderte man die Schnelligkeit der Wcttrudcrer auf einen Kilometer in vier Minuten. Nimmt man an, was man wohl darf, daß die Gondoliere der alten Zeit ebensoviel Erfahrung und Kraft hatten als die heutigen, daß die Wcttkämpfenden von ehemals dieselbe Geschwindigkeit' besaßen, so dauerte für den einzelnen Mann die Fahrzeit wenigstens drciunddreißig Minute», was bei so enormer Anstrengung viel heißen will. Die Sieger erhielten aus den Händen der Preisrichter eine kleine Fahne, die entweder rot, grün, blau oder gelb war. Tic Farbe gab die Höhe des Preises an. Der lezte Preis war immerhin noch ansehnlich und originell; er betrug zehn Dukaten und ein— lebendes Spanferkel. Ucbcrhaupt spielten die Gon- dolierc eine Hauptrolle. Sie bildeten eine Korporation und hielten streng auf die Privilegien, die fast so alt waren als die Republik selbst. Noch heute umgibt den Gondolier ein poetischer Hauch. Sie waren stets treue, zuverlässige Leute, denen ihre Patrone oft wichtige, oft zarte und delikate Aufträge anvertrauen durften. Sic standen selbst geistig höher als die übrigen Schiffer der Lagunen, auf die sie vornehm hcrabblickten. Doch jene vielgerühmten ho- mcrisch-venetianischen Rhapsoden, die mit melodischer Stimme und strengem Rytmus die Gesänge des Tasso und des Ariost bei herrlichen Mondscheinnächtcn auf dem stillplätschcrndcn Kanal sangen, Strophen aus der Gerusalanimc Libcrata rezitirten oder auch bei Begegnung im Wcchselgesang sich die Klagen der Hcrmione inib die Seufzer des Tankrcd zuriefen— ihre Zeiten sind dahin, sie sind verschwunden mit so vieler Poesie und so manchem Oricnta- lisch-Märchenhaften, das das schöne Venedig bezaubernd machte. Hilter den armseligen Gondolicrcn von heute befinden sich Abkömmlinge von ehemals hohen und von reichen Familien, deren Ahnen vor gar nicht so langer Zeit eigene Gondoliere im Solde hatten, die an den Marmorstufen des Palastes warteten. Unter den 25000 Armen, die Venedig zu ernähren hat, vcr- bergen sich überhaupt hochklingcndc Namen, und wenn man fragt, wie die Träger derselben so tief ins Elend gekommen seien, so erhält man die Antwort:„Weil der vcnetianische Nobib es unter seiner Würde hielt, zu arbeiten, weil er glaubt, seinem Wappenschild, das übrigens längst verblichen ist, Schimpf an- zutun, wenn er irgend etwas Nüzlichcs treibt." Ich habe selbst junge Adelige kennen gelernt, die absolut nichts tun, als sich in das Kaffeehaus sezen, Cigaretten rauchen und über die Straße stolzircn, und doch könnten sie vermöge ihres Adels in der dipla� matischen Carriöre oder doch als Vaterlandsvertcidiger voran- kommen. Aber selbst zu solcher Tätigkeit verstehen sie sich nicht-; So hat sich manches in der alten Dogcnstadt geändert. werden bei unfern Zwiegesprächen nicht mehr ausgehorcht; unscre Worte, unsere Gedanken werden nicht mehr brühwarm und ver-, dreht höhern Orts angebracht. Wir brauchen den Dolch de| Bravo nicht mehr zu fürchten, und, wie er, so ist auch cim � andere italienische und ganz besonders vcnetianische Figur, de Cicisbco, verschwunden. Ter Bravo ist kein Gebild des Romam| schriftstellcrs; er nahm vielmehr in Venedig eine wichtige �te' lung ein und bildete mit zahlreichen„Kollegen" eine bestimm c Klasse Menschen, die ihre„Prinzipien" hatten. Da, wo bc Gondolier zu einem Geschäfte zu ehrlich und zu gcwisseuM| war, trat der Bravo an die Stelle, und mancher Bravo zm>| unter seinen Kunden hohe und berühmte Namen. PotitiJ 1: Gegner, persönliche Feinde, begünstigte Nebenbuhler, treues Liebhaber, unangenehme Gläubiger, Unkluge, die zufällig �| Geheimnis erlauscht, alle diese lieferten Arbeit für den Vra- 1 Wenn ein Nobili glaubte, seine„Ehre" rächen zu mi'ffffM', � vertraute er die Sache einem Bravo an, der für einen mäß�J Preis den Gegner in den Kanal stürzte oder ihm von h[n„ einen Dolchstoß beibrachte. Der Bravo war gewisscrinaßen b, von der Regierung anerkannt. Kam es vor, daß jemand eines Gläubigers, Feindes u. s. w. durch einen Bravo � lcdigen wollte, so paßte dieser seinem Opfer auf. Run a � gelang es dem lezteren, sich des Bravo zu entledigen, odcr� wurde ihm der saubere Plan verraten, kurz, er eilte 5" �| Staatsinquisitoren und klagte seine Not und Gefahr. � i ließ der Staatsinquisitor den Patrizier oder wer sonst den gedungen, kommen und verurteilte ihn— eine Summe Gc zu deponiren, die als Garantie für den Bedrohten liege" Ja noch mehr, der Bedrohte nahm sich jezt selbst einen S' � bravo auf Kosten seines Feindes, und wenn ihm trozdem e Uebles widerfuhr, so wurde sein Feind als Urheber llest™� Eine ganz andere Figur war dagegen der Cicisbco, � unangenehme Erscheinung, unmännlich und weibisch U11> j,i I unähnlich jenen asfektirtcn Courmachern, wie sie besondci � der verkommenen Zeit Ludwig XV. in den Salons und � doirs der pariser Damen auftauchten. Ter Cicisbco koim» �| im 17. Jahrhundert vor und ist jezt längst verschwunden-, fand sich hauptsächlich in Italien und zwar in Genna, o ganz besonders aber in Venedig. Er war eine Axt I"11•.gen Gesellschaftsdame, eine Mode, die wir uns kaum vo_ können. Er wahr mehr als Diener, etwas weniger als 4 � freund, sonst aber der stete Begleiter der Frcyi vom Hau- t frühstückte mit ihr, half bei der Toilette, begleitete l g„, Promenade, zu den Kaufläden, zum Tcatcr; er»ahm cl- Ordnung der Feste in die Hand, er gebot der DicncU d geleitete die Dame zum Diner, zu Hause oder auch �gcii; Es gehörte zum guten Ton, wenigstens einen Cicisbco z" � nobler war es, mehrere sich folgen zu lassen. 3n' lachet Frauen, die auf der Promenade drei, vier, fünf bis — Kammcrmänner um sich hatten; dann trug öcr.f,' joinf, Fächer, der andere das Taschentuch, der dritte geleitete 1 fI,(> der vierte trug ein Parfümsläschchen, der fünfte und b. weder noch etwas oder nur seine armselige Person K Vorbei— alles längst versunken und fast vcig�b' 261 R l r! ch Z w i n g l i. Mit einleitenden Bemerkungen zur Frngc der kulturellen Bedeutung der Reformation. Von Wrrmo Heiser. Tie„Neue Welt" hat das Porträt des erfolgreichsten deutschen Kirchenreformators, Martin Luthers, gebracht niit einer Abhandlung über Luthers Stellung zur Volksbewegung seiner Zeit. Der Herr Verfasser dieser Abhandlung hat in strengfter Unparteilichkeit dargelegt, was er über sein Tema zu erforschen vermochte— ohne Vorliebe für den Mann, dessen Wirken es hauptsächlich zuzuschreiben ist, daß die Bibel für eine Reihe von Jahrhunderten zur unantastbaren Quelle, zum Hort und Halt der evangelischen Religion erhoben worden ist.— ohne Vorliebe für ihn und ohne Voreingenommenheit gegen ihn. Mit gleicher Unpartci- Uchkeit war der Schreiber dieser Zeilen bemüht, an die Geschichte der Kirchen- reformation des 16. Jahr- hnnderts heran zu treten; und er würde glauben, des- gleichen ein Stück Leben aus einer bedeutsamen Zeit darstellen zu können Jn fiiieni Bilde, das„von der Parteien Haß und Gunst" uicht entstellt ist, wenn kr auch nicht den freisin- uigsten und edeldenkendsten unter den mit den Kran- &C» reichsten Nachruhms gkkrönten Reformatoren zum Gegenstände der Befrachtung erkoren hätte. ... /�ie Zeit der evangc- 'lchon Kirchenreformation unispannt übrigens nicht uur eine bedeutsame, son- krn eine der für die Kul- ur»vrschung wichtigsten , interessantesten Epo- �Cn der Weltgeschichte. .�aß Lutheraner und ulesormirte die Resorma- i'°" für überaus kultur- r en,d. für einen gewal- gru Geistesfortschritt der tc�cit erkläre», wäh- n, le Katoliken über sie heutl �I�ricn haben, sie a.''°ch verdammen und ick. � �vr als eine (I, �rk Schädigung der christlichen Religion, sondern selbst als da- ,,mm"is für die Fortschritte der Wisicnschast ausgeben. >vkit°'i'i bekannt und— eines wie das andere— ohne ere Erläuterungen leicht begreiflich. der �'�essantcr und von größerem Gewicht ist, was Männer SKäi,'schuft unserer Zeit über die Reformation sagen. gelini��''"klche weder zu den begeisterten Anhängern Luthers der%''vie sie um die jüngste Lutherfeier herum zahlreich wie Siicfa 0 0m Meere in allen Gauen protestantischer Länder ans Piüm bkkveten sind, noch zu den Getreuen des Pabsttums, schuft�'-�'C bcr freisinnigen, selbst der religionslosen Wisfcn- �unserer Zeit eine sehr beachtenswerte Stelle einnehmen. beutn,! st'iiubci" interessant und von hoch anzuschlagender Bc- wie ,7.!" das Urteil über Wesen und Wirken der lliesormation. "kueste.'? dcm Volke selbst allgemach scstgcsezt und in Um vi gleichfalls vielfach geäußert hat._... lc Anschauungen, die sich über die Reformation in dem jUtrich Ilvingtt. Bereiche der modernen Wissenschaft geltend machen, kennen zu lernen, führen wir einige Zitate vor, welche eine Würdigung der Reformation enthalten. Der auf dem Standpunkte der materialistischen Philosophie stehende Knltnrgcschichtsfvrscher Friedrich v. Hellwald schreibt in seiner„Kulturgeschichte in ihrer natürlichen Entwicklung bis zur Gegenwart" S. 682 wie folgt: „Eine Würdigung der kulturellen Verdienste der Reformation zeigt zuvörderst, daß dieselbe mit Notwendigkeit dem deutschen Volksgcistc entsprang und in ihrem Wesen und Wirken diesem auch durchaus treu blieb. Der fromme, zu idealer Schwärmerei geneigte Zug des germanischen Karakters steckte im vorhinein einer Kirchenreformation in Teutschland ihre Wege ab. Diese Richtung führte zur Befreiung von den Fesseln Roms, nicht aber von jenen des Glaubens. Die Führerder rcformatorischcn Bewegung waren sammt und sonders dcm Mysti- zismus ergeben; Luther glaubte bockstcif an den Teufel, und Calvin gar verdüsterte seine Lehre zu einem abschreckenden Sy- stcm. In jenem bekundete sich augenfällig der mon- archische, in diesem der republikanische Geist ihrer Heiniat, welch' lezterer unter scheinbarer Freiheit den Menschen in die straff- sie» geistigen Bande schnürt. Taten und Gesinnung der Reformatoren erhoben sich in keiner Weise über das Ni> vcau der römischen Kirche. Jede Meiiiungsverschicden- hcit erachteten sie wie diese für todeswürdig. Wie diese übten sie Folter und In- quisition. Gerade in der Demokratie der Schweizer fanden Calvins finstere Prinzipien den meisten Beifall, die meiste werktätige Unter- stüzung, fielen ihnen die meisten Opfer, ein Beweis, daß keine Verfassungsform vor Verblendung schüzt. Nur die Hirtenvölker auf den Höhen in den Urkantoncn ließen sich ihren alten Glauben nicht Verl:»imern und hielte» treu an ihm bis heute düsteren Farbei«, womit man die Gräucl des Papismn� pflegt, müssen auch auf das Wirken der Reformatio werden. Gleichwohl waren sie durchaus ch� innersten Ucbcrzcugung folgende Männer; dm möglich; dies sollte zur Vorsicht mabiicu l gleichen Vorgehens der r' „Wer die Lüge mit d. widerlichen Eindruck. Ein und dem neuen Kirchena� der römischen Kirche gegangen und im P Die Grundlage> Uü. rührt, das luftige Gebäude des Aberglaubens ward nicht zerstört, vielmehr durch den Bibelglaubcu noch mehr befestigt. Die Vernunft hat an dem Werke der Reformation ebensowenig Anteil als die Freiheit; der Mensch gewann nur die Freiheit in der Bibel, nicht auch über die Bibel zu forschen; sie löste alte Bande, um neue desto fester zu schnüren. An Stelle des fleischlichen trat ein papicrner Pabst, der schon vor vierthalb Jahrhunderten für unfehlbar erklärt wurde. Wie die römischen Prälaten donnerten die Rcforniatoren gegen die Ver- nunft, wenn sie mit dem geschriebenen Gottcsworte im Wider- spruche stand, was heute fast in allen Punkten der Fall ist. Ihre Unduldsamkeit übertraf noch die katolische Intoleranz und nährte alle, ja steigerte manche der bestehenden Vorurteile, z. B. jenes gegen die Juden und die Hexen. So bildete denn von nun an der protestantische Bibelglaube eine gewaltige Schranke gegen freie wissenschaftliche Forschungen, eine Schranke, die selbst heute nicht überwunden ist und wirksamer war, als je die von St. Petri Stuhl geschleuderten Bannflüche, als Syllabus und Enzyklika zusammen. Obwohl dieses schroffe An- spannen der Gläubigkeit seine Rückwirkung auch auf den Kato- lizismus nicht verfehlte, hat dieser doch im Großen und Ganzen der Wissenschaft weniger Hindernisse cntgegcugestellt als der Protestantismus, dessen zwei Entwickluugsphase» Pietismus und Muckertum in der Geschichte der menschlichen Kultur ihres Gleichen suchen. Tie katolische Kirche begnügte sich von jeher mit formeller Anerkennung, berücksichtigte mehr den Schein, der Protestantismus dagegen hauptsächlich das Wesen. Erstcres mag weniger„sittlich" sein, lezteres war schädlicher. Bis vor wenig Jahren regelten im päbstlichen Rom unerträgliche Polizeiverbote die äußeren Kundgebungen der Religion; an Freitagen durften in Gasthöfen keine Fleischspeisen verabreicht werden; allein hinter einem Vorhange, der vor den Spüraugen der seine Bcdcu- tung recht wohl kennenden Polizei zu schüzcii vorgab, aß Fleisch, wer da wollte. Im protestantischen und freien England ging im Jahre 1874 im Parlamente eine Bill nicht durch, die Auf- Hebung der Sonntagsfeier bezweckend, welche nach unseren Be- griffen wie ein Alp auf dem Lande lastet. Gegen die Nicht- beachtung der Sonntagsfeier in England schüzt aber kein Vor- hang, wie in Rom, denn das ganze Volk macht Polizei. So kommt es, daß die unabhängigsten Denker eben so oft, wenn nicht öfter, den Reihen der Katoliken entstamme», während in den protestantischen Ländern die Wissenschaft am wenigsten vom Geiste der Religion sich befreit hat. „Dennoch war die Reformation ein großes, ein notwendiges Werk. WaS wir ihr verdanken, ist ausschließlich die Auf- lehuung gegen den blinden Autoritätsglauben, die Jnau- spruch nähme der lluabhängigkeit des Denkens, Urteilens und Glaubens seitens des Individuums; der Gebrauch, welchen die Reformation von dieser Auflehnung und Inanspruchnahme machte, darf nicht beirren in der Erkenntnis, daß mit leztercn allein eine der Grundlagen der modernen Kultur gewönne» ward. Die Reformation ist aber ein rein germanisches Werk; nur Völker germanischen Blutes haben sie angenommen und siegreich durchgeführt; kein anderes Volk schüttelte den ortodox-katolischcu Glauben ab. Das ctnische Moment waltet in der Reformation so sehr vor, daß in Großbritannien z. B. die beiden Volks- 'lcmcntc der Kelten(Jrländer) und Germanen(Engländer), ' seit lange miteinander lebend, sofort in Katoliken und "ii sich spalteten. In allen Ländern jedoch, wo das �lut nur schwach vertreten, siegte die katolische ' über alle Reformations versuche, deren Vor- 'icht Wunder nehmen kann, da alle Völker r minder bedeutende germanische Elemente lczteren stand die Kraft all in direktem Verhält- btsschreibcr Kolb äußert 309 ii. flg.) also: t sich, daß vor der '»r kirchlichen Zu- stände in allen Kreisen herrschte. Dieses Unbehagen war durch| Gründe doppelter Art veranlaßt. Einmal durch mehr oder minder äußere Dinge, wie Ausbeutung des Volkes vermittelst| des Ablaßhandels; dann formelle Bcstimiuungcn, wie die Kelch- l Verweigerung beim Abendmahl; endlich Disziplinarvorschriften,! wie das Eheverbot der Geistlichen, wodurch die Sittlichkeit viel-, fach gefährdet wurde. Zum andern gab es aber auch noch Ver- Hältnisse, die tiefer gingen: manches was als Grundlage der: Kirche angesehen wurde, entsprach nicht mehr dem Kulturgrade des Volkes, besonders nachdem die großen Entdeckungen und Erfindungen ihre Wirksamkeit zu äußern begannen. Diese leztcn Momente lagen indes nicht so offen wie die erste». Als die Reformation stattfand, hatte die Umwandlung im Wissen und 1 in den Anschauuugeu erst ihren Anfang genommen. Die ganze j gewaltige Erweckung der Intelligenz und die Erweiterung der; Begriffe war weitaus«st zum kleinsten Teile erfolgt. Tie Strömung hatte zwar reißend begonnen, allein von der z" ii durchflutenden Strecke war eben noch nicht mehr als das nächst I Stadium zurückgelegt. Dieses Verhältnis ist es wesentlich,>> welches die Reformation zu dem nicht werden ließ, was werden konnte und sollte, und was sie etwa eine oder zw� Generationen später geworden sein würde, wenn die durch jC,,s jj Entdeckungen und Erfindungen angebahnte Erweiterung de* Wissens schon vollendet gewesen wäre, als der kirchliche Strcü| seinen Anfang nahm. So kam es, daß die durch die RcforniU' ii tion herbeigeführten Aenderuugen sich fast ausschließlich"Ul J Dinge der ersterwähnten Kategorie beschränkten, dagegen die dck zweiten Art wesentlich unberührt ließen. Der Ablaßha»� i mußte natürlich fallen, selbst in der alten Kiichc; man g? i: überdies in der neuen den Gläubigen den Kelch und schul) J das Cölibat ab; ebenso in andern Punkten ähnlicher Art. 0'� j handelte es sich entweder um wirkliche Auswüchse, die man � j, vom katolische» Standpunkte aus dafür anerkannte, oder doch u Wahrheit nur um sekundäre Fragen. Selbst die Bcseitiö� der Pabstgewalt, die ohnehin von Luther anfangs garnicht';[» absichtigt war, sondern sich blos als Folge des Kampfes crga�- j traf nur ein Organ der Kirche, nicht die Kirche in ihrer Eiu>> läge, um so weniger als ja der Gruudsaz schon ein Jahrhu"' vor Luther erkämpft war, daß der Pabst nicht über,'0'', jj unter dem Konzilium stehe. So blieb auch bei de» P1� testanten die Grundlage der alten Kirche uuberüh� � ihrem Kerne. Sie ward von den Reformatoren nicht � unbedingt angenommen, diese Grundlage, sondern sogar noch 1 weiter» Schuzwällcn umgeben. Einige Verbesserungen f1'" statt, allein in eigentümlicher Weise. Ter Anker dieses; schritts war mit doppelten Widerhaken versehen, welche dings ein Fortreißen nach rückwärts verhinderten, sich aber' nicht mehr aus dcni Boden herausbringen ließen, wenn e weiter voran zu kommen. g.* 1 „Es ist unwiderlegbar: Luther hat die katolische � keineswegs, wie nia» gerne behauptet, ,aus Gründen der- nunft' angegriffen; seine Bücher wie seine Briefe bc � vielmehr, daß sich der Reformator für seine Lehre einzig allein auf die Bibel, dagegen niemals auf die Bern berufen hat....«„iiiigr"' „Die Erkläning der ,H eiligen Schrift' zur a'1 Glaubcnsquclle bot den Reformatoren allerdings eine 9C jflfli Waffe gegen die herrschende Kirche, indem nun alles S werden konnte, was von kirchlichen Dingen sich nicht lllU„c»,: bar aus der Bibel erweisen ließ. Man kann nicht j�te daß damit mancher Mißstand beseitigt zu werden»c und wirklich daraufhin beseitigt worden ist. ung� „Wie hoch man aber auch den auf solche Weise e � Vorteil mit allem Recht anschlage, so hat sich doch 11, ssii j Erhöhung der Bibel zu einem absoluten GlaubcnsgU furchtbar schwerer Nachteil geknüpft, durch welchen 1'�ci Menschheit während der nächstfolgenden Jahrhuiidcrti' naturgemäßen Entwicklung nicht gefördert, sondern gehemmt wurde, und worunter sie selbst heute»o) zu leiden hat. 263 „Die Autorität, welche die Resormutoren der Bibel beilegten und welche Autorität in dieser Richtung cinch sehr bereitwillig von den Vertretern des Kcitolizismus cicceptirt wurde, bildete von nun an eine gewaltige Schranke gegen freie wis- senschaftliche Forschungen. Die Wissenschaft erlangte auch unter der Herrschaft der Reformation nur so weit Duldung, als sie mit den Angaben jenes alten Buches nbcreinstimmte; die Forschung durfte nicht über das hinausgehen, was vor Jahrtausenden von unbekannten Verfassern geglaubt worden>var; eine Entdeckung ward zur strafwürdigen Kezerei, wenn sie sich vermaß dem heiligen Buche zu widerspreche». Das alte bereits vor der Reformation erschütterte tcologische Gebäude hatte durch Umbau und besonders durch die Stüze der Bibel neue Festig- fot gewonnen, wie sie die Kirchenväter— auf eine Reihe von Jahrhunderten hinaus— nimmermehr hätten gewähren können. Es ist gewiß eine sehr bezeichnende Tatsache, daß ehe die Reformation ihre Wirksamkeit entfaltet hatte, ein katolischcr Domherr— Copernicus— die Bewegung der Erde lehrte und daß sein(sogar dem Pabste zugeeignetes) Buch nirgends verboten ward, daß dagegen ein Jahrhundert später Galilei aus Grund der Bibel Einkerkerung erfuhr, ja daß heutzutage »och gerade protestantische Pastoren(während die katolischen Priester in dieser Frage mindestens klug verstummt sind) die 2ehre von der Erdbewegung um die Sonne für eine Kezerci erklären, unter ganz richtiger Berufung auf die unzweifelhafte Deorie der Bibel." ' Troz alledem, was er an der Reformation auszusezen hat, fahrt Stoib weiter unten fort: .Es>väre unrecht, die wirklichen Verdienste der Reformation hinwegleugnen zu wollen. Schon die Abschaffung der zahllosen »kiertage sehen wir als eine nicht nur auf die ökonomischen �arhältniffe, sondern auch mittelbar auf die Anschauungen des "alles sehr wohltätig wirkende Acnderung an. Der Gewinn avar ward erlangt großenteils auf Kosten der nächstfolgenden �ncrationen. die freilich kirchlich eine Erleichterung hatten, "gegen im wissenschaftlichen Forschen mit neuen Banden neben av alten umgeben waren. »Ter Protestantismus, wie er sich ausbildete, hat zwar allerdings verschiedene grelle Tinge vom Katolizismus abgestreift. " er er ist ans der gleichen Grundlage geblieben und zwar ohne 16 Konsequenz der älteren Kirche. ....»Indem er die Bibel zum unfehlbaren.Wort Gottes� er- 'n.tc, hat er— es muß nochmals gesagt werden— sehr ™e|cntlich, und zwar fast vierthalb Jahrhunderte lang, mit nur . ingroßei» Erfolg beigetragen, die freie Entwicklung des "'chenden Menschengeistes nicht zu fördern, sondern »"hemmen und zu lähmen. Amicus Plato, magis araica '«Utas!"*) u. die beiden Kulturhistoriker— der radikal- materialistische cii, i radikal-demokratische. Sie, die als Slulturhistoriker vrm- b'Ucr anfeinden"), stehen sich in der Beurteilung der ihr �""iischen Reformation auffällig nahe; sie haben viel an todeln und verhältnismäßig wenig zu loben. Und was für � allender ist, sie stimmen auch darin überein, daß sie Siclir"' 1U�cr gegeneinander abwägen und das Fazit zu tci," unterlassen, das Fazit, welches bis zur Unzweifclhastig- belli"(,n:tcmicn gäbe, ob die Reformation der Menschheit, Äw' bci1 Völkern, die sie vollführten, mehr gcnüzt als Freiiii � �schadet als gcnüzt hat. "icht fn ble{eg Fazit zu ziehen ist nicht 1° ganz leicht und Reform J""* ungefährlich. Entscheidet man sich zu Gunsten der «»stii,� 1011' fo kann man sicher sein, daß man sich hierbei selbst b seitens sehr vieler religiösen Frcidcnkcndcn und geistig,,"' erdachte aussezt, ein Verräter an der Sache des __ Fortschritts zu sein; entscheidet man sich gegen sie, so ..4 h°ch. doch höher»och steht mir die Wahrheit. �'alistisch.»?Uche idealistische Kolb ist geradezu des schneidigen ma- Vieoe vcrsezt. ' erbittert man die Kirche und ihre Anhänger in allen Schichten der Gesellschaft gegen sich—— da ist es gewiß klug, den Abschluß der Rechnung dem Leser selbst zu überlassen, der dann ja je nach seiner eigenen Gesinnung schon zum bcfricdi- genden Resultate kommen wird. Nun. diese Art der Klugheit ist dem Schreiber dieser Zeilen völlig fremd,— er wird sich daher bemühen, das Fazit zu ziehen,— aber dazu bedarf es eindringender, leidenschaftsloser Forschung auf allen Gebieten und über alle Fragen, welche die Reformation berührt hat. Die Grundlage derselben oder viel- mehr ihr Anfang ist vorliegende Arbeit. Mögen sie die Leser der„Neuen Welt" so unparteiisch bc- trachten und prüfen, als sie unparteiisch geschrieben ward. Hnldercich(Ulrich) Zwingli wurde am 1. Januar 1484 in der Grasschaft Toggenburg als dritter Sohn des Ammanns, d. i. des Vorstehers, der Berggemeinde Wildhaus am Fuße des Churfirsten und des Säntis geboren. Sein Vater war dem Berufe seiner Vorfahren gefolgt,— wie diese war er ein Hirte, jedoch gehörte er zu den wohlhabenden Mitgliedern der kleinen Gemeinde, ein Umstand, dem er wohl nicht zum geringsten Teile das höchste Ehrenamt der Gemeinde zu danken hatte. Einzelne Glieder der Familie waren Geistliche geworden, so ein jüngerer Bruder des Ammanns, desgleichen ein Bruder seiner Frau. Das mochte Ulrich Zwinglis Vater den Wunsch nahe gelegt haben, einen Sproß seiner, mit zwei Töchtern und acht Söhnen gesegneten Familie, gleichfalls zum geistlichen Herrn erhoben zn sehen, und die Wahl des Familienrats übertrug diesen Vorzug eben dem dritten der Söhne. Neun Jahre alt verließ Hnldcreich Zwingli das Vaterhaus; man brachte ihn in die von dem Onkel Bartolomäns Zwingli, der damals Dcchant in Weesen war, an diesem Orte gegründete Lese- und Schreibschulc. Die Gelehrsamkeit dieser sicher sehr bescheidenen Vorbereitungsanstalt beschäftigte ihn nur kurze Zeit, — nun kam er nach dem mit verhältnismäßig guten Bildungs- stättcn ausgestatteten Basel zu dem Ludimagister an St. Teodor, Grcgorius Bünzli. Auch hier machte der lebhafte, mit treff- lichem Auffassungsvermögen ausgestattete Bursch überraschende Fortschritte in allen Lehrgegenständen, in Grammatik, Dialektik und Musik, und vorzüglich zeichnete er sich als Sänger soivie als schlagfertiger Redner aus. Nach kaum zweijährigem Aufent- halte in Basel hieß es weiterziehen, diesmal zu dem i» der Schweiz als bester der Lehrer bekannten Heinrich Wölslin(Ln- piuus) in Bern. Dieser war nicht nur ein schwer gelehrter Mann, sondern auch ein feinsinniger Dichter— natürlich in lateinischer Sprache— und genoß als ausgezeichneter Pfleger der humanistischen Studien weiten Ruf. Wölslin machte den dreizehnjährigen Zwingli mit den lateini- scheu Klassikern, vornemlich auch den Dichtern vertraut und sein ganzes Denken und Wesen gewann den tiefsten Einfluß auf den kühn und freudig emporstrebenden jungen Menschen. Indes war auch sein berncr Aufenthalt nicht von längerer Dauer. Die klangvolle Stimme und die gewinnende Bered- samkeit Zwinglis veranlaßten die Dominikaner in Bern zn dem Versuche, ihn an sich zu ziehen. Wahrscheinlich wäre er in seiner Unerfahrenheit den Lockungen der Klostermänner gefolgt, wenn nicht plözlich aus der Heimat, wohin er über seine Beziehungen zn den Mönchen Mitteilungen gemacht, der strenge Befehl gekommen wäre, unverzüglich Bern zu verlassen und sich zur Fortsczung seiner Studien nach Wien zn begeben, wo der eine Revolution der Geister wider die scholastisch- teologische Wissenschaft des Mittelalters beginnende Humanismus soeben in Blüte gekommen war. Während der zwei Jahre, welche Zwingli an der Universität verbrachte, studirte er hauptsächlich Philosophie und sczte außerdem das Studium der alten lateinischen Klassiker, der Redner und Dichter und ani meisten der Historiker, eifrigst fort, die er jczt hoch über die Scholastiker stellte. 264 Im Jahre 1503 kehrte er zu kurzer Erholung in das stille Bergtal seiner Heimat zurück und begab sich dann zur weiteren Pflege philosophischer und teologischcr Studien wieder nach Basel. Kaum achtzehn Jahre alt übernahm er daneben ein Lehramt an der Lateinschule zu St. Martin und wirkte hier mit solchem Erfolge, daß er, wie es scheint, eine zeitlang die Absicht hatte, sich ganz dem Lehramte zu widmen. 1506 ward er Magister artium liberalium*), und in dasselbe Jahr fällt die ent- scheidende Wendung im Studienlebcn Zwinglis zur reforma- torischen Teologie. Diese Wendung vollzog sich mitten in einem heiteren Genuß- leben, welches die Hingabe an die Wissenschaft bei Zwingli nicht störte und überhaupt bei vernünftiger Lebensführung nicht zu stören braucht. Zwingli war ein beliebter und gesuchter Gesellschafter, er verstand fesselnd zu erzählen, gleichwie fröhlich zu singen und zu musiziren. Wie auch Luther spielte er meister- hast die Laute und komponirte allerlei Tonstücken; jedoch er war als Musiker weit vielseitiger als der Doktor Martinus, denn er spielte zugleich Geige und Harfe, blies Waldhorn, Zinken und ein paar wahrscheinlich flötenartige Hirteninstrumente, Abögli und Schwägle geheißen, anch schlug er das Hackbrett und die Trumscheit genannte Pauke: Zur Zeit als er so mit gleich lebenslustigen Freunden der edlen Musika. eifrigst huldigte, kam Thomas Wyttenbach als Dozent der Teologie nach Basel. Dieser Mann ist als einer der Wegbereiter der Reformation zu bewachten. Er war es, der in der Schweiz zuerst auf die Bibel als die beste Stüzc christlichen Glaubens und die Hauptquclle christlicher Erkenntnis hinwies. Sogleich begann Zwingli neben den alten Lateinern die Bibel zu studiren und war' rasch entschlossen, Priester zu werden. Da er zu diesem Berufe besser vorbereitet war, als die allermeisten anderen Kandidaten der Teologie seiner Zeit, so ließ ihn der Erfolg auch nicht im Stich: noch in demselben Jahre, in dem er zum Magister promovirt hatte, wählte man den Zwanzigjährigen zum Pfarrer in Glarus. Diesen ersten großen Erfolg auf seiner Priesterlaufbahn hatte Zwingli allerdings auch materiell nicht umsonst, denn er fand sich bewogen, einen Mitbewerber, der Stallmeister des Pabstcs gewesen und von der Kurie der mit dem Wahlrecht ausgestatteten Gemeinde als am besten zur Ausfüllung der lcdigen Pfarrstellc geeignet empfohlen war, mit der für jene Zeiten recht erheblichen *) Magister artium liberalium, zu deutsch: Meister der tft i en) freien Künsten(Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Astro- nomie, Musik) bezeichnet die älteste unter den akademischen Würden, welche zum Lehren der freien Künste berechtigen. Summe von etwas mehr als hundert Gulden über seine Nieder« läge zu trösten. In seinem Pfarramte war Zwingli nun' hauptsächlich auf die Wirksamkeit durch das von der Kanzel herab gesprochene Wort angewiesen, und er mag sich gemäß der Art gewöhnlicher Priester zunächst wohl auf den engen Lebenskreis seiner Gemeinde beschränkt haben; allgemach jedoch wandte er seine Aufmerksam- keit den mehrumfassendcn Interessen seines Vaterlandes und schließlich auch der gestimmten christlichen Religionsgemeinschaft zu, ohne jedoch anfänglich im entferntesten an eine tiefgehende Kirchenreformation zu denken. Auch die höhere Geistlichkeit ahnte in ihm den grimnien Feind der nächsten Jahrzehute noch nicht, vielmehr suchte sie ihn durch Gewährung eines Jahrge- Halts von fünfzig Gulden an sich zu fesseln. Die Abenteuerlust und kriegerische Gewinnsucht des Schweizer- Volkes ward die Ursache, daß Zwingli zum erstenmale mitten in die Wirrsale der Weltereignisse hineingerissen wurde. Bc- kanntlich begaben sich die freien Schweizer mehrere Jahrhunderte hindurch freiwillig tu die Soldkucchtschaft aller möglichen Potcn- taten; aus all den tausend Schlachtfeldern Italiens, Frankreichs und Deutschlands waren sie zu finden und auch dem Pabste waren sie willfährige Kriegsleute. Zwar hatten sie um die Zeit von Zwinglis glnrncr Pfarr- Herrschast— im Jahre 1510— erst auf einem Römerzuest arges Mißgeschick erfahren, und Zwingli hatte kurz darauf einige bemerkenswerter Weise deutsch gedichtete Allegorien erscheine» lassen, welche vor fremden Bündnissen warnten und die fricdliäic Arbeit im Schöße der Heimat feierten. Dennoch aber strömte 1512 auf den Kriegsruf des Pabstcs Julius IL die gewaltige Zahl von etwa 20000 Schweizern über die Alpen und die Glarner waren in hellen Haufen mit von der Partie. Wo aber eine schweizer Gemeinde an einem Kriege teilnahm, da holte der Ammann das Banner zu führen und der Pfarrer sie zu � gleiten. So kam Zwingli in den Krieg für den Pabst, und cr war viel zu sehr ein streckbarer Sohn der himmelstürinendco Alpenwelt, um nicht— einmal im Kricgstrubcl drin— 1,11 aller Energie bei der Sache zu sein. Kriegsberichte, die er einen Freund schrieb, beweisen das zur Genüge. Und l�ö'n der gewaltigen Schlacht von Marignano konnte cr seine Kampr lust sogar so wenig bändigen, daß er sich mit den Wasicn" der Hand mitten in das grausige Schlachtgetümmel hineinstütj' Aber die Schweizer wurde, troz aller Tapferkeit, nicht zu mindesten durch Hinterlist u s Verrate besiegt, und was u'ch umkam— von Glarncrn allein bedeckten hunderte die Wahlsto — kehrte eiligst zur Heimat zurück. Das war der zweite Wendepunkt in Zwinglis Lebe». (Schluß('W-' poetische AeHrenLese. Des Mädchens Geständiiis. Von Robert Reinick. Oer Abend war so wunderschön, Oa gingen beide wir durchs Feld; Die Lonne wollte untergehn, Uild schien noch freundlich in die Welt; Die Nögel sangen im Gesträuch, Tin Korn und in der blauen Lust; Die Dlmnen blühten voll und reich, Und um uns her war lauter Dust. Mir war gar feierlich)n Mut Und doch dabei ohnmastcn froh; Ich war der ganzen Welt so gut, Gott weist, mir war noch niemals so. Da sprachen wir denn allerlei, Wovon, das weist ich selbst nicht mehr, Und er anch war so gut dabei Und ging so stille nebenher. Doch bin ich wirklich mir bewußt, Tch Hütts anch Jedem gern getan, Daß dieser Lust nichts Döses war; Der irgend mir begegnet war; Wars doch nachher in meiner Drust Und doch!— war es ein andrer Mann, Lo rein, wie es gewesen war. Fe nun,- das fragt sich doch noch sehr! Doch als ich einmal mich gewandt. Fch weist nicht mehr, aus welchem Da drückt' er plözlich meine stand, Und küstt' mich leise auf den Mund, Und ich, ich könnt' nicht widerstehe Fch habe wieder ihn geküßt, Und kann noch immer nicht versteck> Wie's mir nur eingefallen ist. I Hnns Hasenfuß. Eine Alllagsgcschichte aus der jüngsten Vergangenheit. Von Kmrs gcfiavf. tSchluß.) Franz Indessen waren sie an der Wegwende angelangt. wäre, jcdensalls ein furcht- bar gefährlicher Bach.— »Da wird der Weg doch hoffentlich besser beleuchtet sein, als hier?" »Beleuchtung— solchen Luxus kennt man hier '"cht, Herr Bandincyer, ~ dort wird der Weg ganz sinster, weil da links der �erg steil ansteigt und zum llcbersluß auch noch dichter Tannenwald weder Mond noch Stemcnlicht durchläßt." Ganz finster— Wild- boch links, rechts steiler �erg und Tannenwald,— Siegfried überliess eiskalt, 7~ das war sa eine schau- üge Gegend. »Da kann man wohl Hals und Beine breche», wenn man nur'nen cinzi- »kn Fehltritt tut?" fragte er cntsezlich bekommen. »Na, ans die Beine brauchts Ihnen nicht wei- ler anzukommen, Herr Bandmeyer——" Ter Begleiter unter- 'ach sich, um einen grellen, ""heimlichen Schrei aus- öujtoßcn. Si l bor Schreck. wäre" Bandincyer tan», tna�e umgefallen ben». was jchreien Sie denn so?" schrie er selbst in kläglichem Tone. „Das ist der Ruf dcS Uhus,— ich antworte bei" Franz, der uns an u Ct bewußten Wegbicgung... in Ordnung �»tcn sollte.- er ist da.- V' to fich Siegfried, den die baute\\\x diese Ordnung» u Erklärung keineswegs beruhigte. wir aus meine »Warum sagten Sic denn aber, 1> ie nicht weiter anzukommen brauche? fragte er weit � »Ach so__ .""len wollte. Franz gluckste sonder- bar und sagte nichts, aber er griff sogleich nach Sieg- frieds Rock. „Ist denn das wirklich nötig?" sagte Siegfried, indem ihm ein Frostschaucr über den Rücken lief. „Besser ist's jedenfalls, Sie könnten uns sonst noch abhanden kommen, und nun vorwärts— halt ihn nur ja fest, Franz." Jezt antwortete Franz: „Sei ohne Sorge, Knud, — du weißt, was ich ein- mal gepackt Hab', kann nicht so leicht wieder los—" Jede Silbe dieser Antwort und der sie veran- lassenden Frage steigerte Siegfrieds Furcht. Abhanden könnte ich dem kommen, festhalten soll er mich, Knud heißt — ein schrecklicher Name— der andere, der Franz, hat mich gepackt, und sagt selbst, daß das, was er gepackt hat— die sprechen von mir schon wie von einem Neutrum, einer Sache, mit der sie machen können, was sie wollen, — hu— keine Tropfen des Angstschweißes cnt- quollen den Poren seiner Stirnhaut,— was für schreckliche Menschen mir Gustav Jungmann auch entgegengeschickt hat. Plözlich durchzuckte ihn ein furchtbarer, grauen- erregender Gedanke:- Müssen den» das Jungmanns Abgesandte sein? Was hatte er für Beiveise dafür? Der Angstschweiß sammelte sich und stoß ihm in die Augen und rieselte über die Wangen hinab: er hatte gar keine Beweise dafür,— er hatte dem Menschen gesagt, wer er sei, er hatte von Gustav Jungmann gesprochen,— sie hatten bis jezt sorg- fältig jedes Wort, was ihm hätte einige Sicherheit geben können. daß er die Rechten vor sich habe, vermieden,— und wie sie redeten und sich gcberdeten,— der Uhuruf. genau so wie Mitglieder einer Räuberbande, wie sie ihn festhielten, und wo sie ihn hinführten,— er wollte ja nach Liebenhausen, und das war doch Liebenhauscn gewesen, das Städtchen, was dicht am Der kleine Abbatc. der andere lachte,— wie es Siegfried „o war es ein hohles, heiseres Lachen, wie ein lochen s' �»"". ich meinte, wenn Sie erst den Hals ge- War ta'"■Slstini an gesunden Beinen nicht mehr viel liegen." ihn, vor r Cin knvoler Mensch, dachte Siegfried, indem es eiitsczlichen Wildbachs,— waren das Räuber— und es schien ihm jezt, als könnte es garnicht anders sein,— so war er rettungslos verloren. Er begann an allen Gliedern zu zittern. Er wollte reden, — eine Frage stellen, deren Beantwortung ihm Klarheit schaffen mußte, ob er es mit den Freunden Jungmanns zu tun habe oder nicht, aber in seinem Kopfe wirbelten die Gedanken unter- einander, ohne daß er einen so recht hätte fassen und halten können, zudem war ihm die Kehle wie zugeschnürt. Seine Begleiter schritten schweigend fürbaß. Diese Laut- losigkeit trug natürlich nicht dazu bei, Siegfrieds Angst zu beschwichtigen. Er kani sich wirklich wie ein Verlorener vor. Auf einmal tauchte ein Lichtschimmer auf. Der Wald zur Rechten wurde dünner, die Berglehne senkte sich zu Tal und die Sichel des Mondes kam, das undurchdringliche Dunkel mit mächtiger Kraft durchbrechend, zum Vorschein. Es war wenig, aber es war dvch>vas, ein Hoffnungsstrahl. Endlich hatten sie ein Stück ebenen Landes zur Rechte». Man konnte bei dem fahlen Schimmer des Moudlichtcs weit ins Tal hineinschauen. Freilich erschien alles grau,— aber ganz hinten zeigten sich Lichter, wie von menschlichen Wohnungen. Siegfried zwang sich zum Reden und jezt gings auch wieder. „Sie könnten, hä— Sie könnten mich— könnten mich jezt wohl loslassen," sagte er. Da er einmal im Zuge war. fragte er auch gleich etwas:„Was ist das da für ein Ort?" Franz ließ ihn los und sagte:„Licbenhausen." Diese Antwort schnürte Siegfried wieder die Kehle zu. Das also ist Liebenhausen, und die führen mich schnurstracks in cnt- gcgengesezter Richtung. „Du wirst den Herrn Bandmeyer gleich wieder festhalten müssen, Franz, denn wir gehen am besten am Wildbach weiter links in den Wald." Jezt sträubten sich die Haare auf Siegfrieds Kopfe. Wieder in den Wald, und noch dazu links, während die Lichter von Liebenhausen rechts im Dunkel der Nacht verschwan- den. Und wieder festhalten,— nein, es war nicht der geringste Zweifel mehr, daß er in Räuber- und Mörderhände gefallen war! Aber durfte er sich wehrlos, ohne einen einzigen Rettungs- versuch gemacht zu haben, abschlachten lassen? Nein, niemals— das wäre unmännlich, feig, elend gewesen, — er mußte sich mit Aufgebot der äußersten Kraft zu erhalten suchen, er hatte eine Zukunft, er hatte Pflichten— Pflichten gegen s i e— gegen das dralle Lehnchen, die ja die seine werden sollte! Es wäre ja doch entsezlich fiir das arme Ding gewesen, wenn sie ihren Zukünftigen unwiderbringlich verloren, noch ehe sie ihn ein einzigesmal an ihr Herz gedrückt hatte— ach, ihr Herz-- dicke Tränen traten dem guten Siegfried in die Augen und die Zähne klapperten ihm,— und Pflichten hatte er auch gegen die Kinder, die zweifelsohne einer so segens- reichen Ehe entsprießen müßten,— die armen hilflosen Würmer, — sie konnten nicht mal zur Welt kommen ohne ihn—— Er faßte den Entschluß, eine heldcnniüßige Rettungsan- strcngung zu machen,— aber wie? Nur ein Gedanke tauchte in ihm auf— aber dieser eine erfaßte ihn mit unwiderstehlicher Gewalt: er mußte ausreißen. Im Männerturnvercin nannten ihn die Mitturner den geborenen Ausreißer, wegen, seiner langen Beine und seiner riesigen Geschicklichkeit, sie windhundartig zu gebrauchen. Hier war der Wald— noch zehn Schritt, so umfing ihn das Grauen undurchdringlicher Nacht,— dort lag Liebenhausen, — hier drohte ihm schauriger Tod,— dort winkten Leben und Liebe,— die Wahl war leicht,— der Ruck aber war stark, so stark, wie sich ihn Siegsried selbst unter minder Verhängnis- vollen Ilmständen nicht zugetraut hätte,— der Ruck, mit deni er seinen Nockflügel aus der Faust des Franz losriß. Dann machte er einen kolossalen Saz nach rechts, und nun lief er wie toll in der Richtung nach den Lichtern davon. „Was ist das, Bandmeyer, sind Sie wahnsinnig— halt, halt— Franz ihm nach— brich--- Hals—" so hörte er hinter sich drein schreien. Natürlich spornte ihn das zur furchtbarsten Kraftanstrengung an,— umsomchr, als die Lichter, die so entfernt geschienen hatten, wie mit zauberhafter Geschwindigkeit näher und näher kamen. Jezt verschwanden sie jedoch auf einmal— er stürmte weiter, da tauchten sie wieder ans— dicht vor ihm,— wieder machte er einen Saz— dann stürzte er vornüber— fiel hart auf,—' Glas klirrte und splitterte um ihn HSluni— er fühlte einen furchtbaren Schmerz an Fuß und Kopf und die Sinne schwanden. Er hörte nur noch lautes Geschrei und Gekreisch von vielen Stimmen und Heller Lichtschein drang auf ihn ein,— dann wurde es finster und es war alles vorbei. Siegfrieds lezter Gedanke war: er sterbe, und sein lcztcr Seufzer: armes Lehnchen, arme Kinder. Aber er war doch nicht tot.—. Er erwachte,— wo war er?— was war geschehen? Er lag in einem Bett. Matter Lichtschimmer breitete M über ein ihm gänzlich unbekanntes Gemach. Er versuchte sich auszurichten. Es ging,— überhaupt kam er sich nicht einmal verwundet tivr, nur sein Kopf schmexzte noch etwas, als ha� er ein paar derbe Hiebe über den Schädel bekommen. Er rieb sich die Augen und suchte die Dämmerung n» seinen Blicken zu durchdringen._, .„Morgen Siegfried Bandmcyer vom Hause Fink u. l5o., grüßte eine wohlbekannte, burschikose Baßstimme. Wieder erschrak der unglückliche Siegfried des Todes, diesmal vor einem Gespenst._' In weißem, langen Gewände stand vor ihm eine Gestal- deren Gesicht die Züge trug seines Todfeindes,— des gewiegt� Mädchcnarztcs Kurt Stark. „Wa— was ist das?" stamniclte er. „Das ist ein Hauptulk, wie mir scheint," sagte das spenst.„Ein Kapitalspaß.— Sie sind ein Mordskerl, B«n' meyer, was Sie für Sprünge machen können, wie ein Zilff' — sagen Sic mir aber um Gottcswillcn, Menschenkind, �- kommen Sic hierher und warum müssen Sic gerade mC'll*n zukünftigen Schwiegereltern ins Fenster springen——, Sie's aus purer Verrücktheit getan haben, so gcnircn Sic nur nicht, m i r können Sie's schon sagen, inir kamen Sie in""1 etwas übergeschnappt vor——" Siegfried wurde glührot. a „So etwas muß ich mir verbitten,— Sic beleidigen" verfolgen mich überall hin—" „Ich verfolge— Sie?" Herrn Kurt Stark blieb w" der Mund offen stehen vor Verwunderung.„Na, das ist übel. Ich reise ohne mit einer Silbe an Jakob Finks Hc � Siegfried zu denken nach Liebcnhausen, wo mir ein holdes beschicdcn ist, size im friedlichen Familienkreise und konj"ä amv, amas(ich liebe, du liebst) ic. Da fuhrs wie ein TonucUvc von der Fahrstraße herab in das etwa einen Meter tiefer" lcgene offene Fenster herein und schlägt alles, Fenster, �>1 lampe, Tisch und Stühle in tausend Stücken, daß alles ring- � Zeter und Mord schrie, meine zukünftige Schwiegermutter� Ohnmacht, mein würdevoller Herr Schwiegervater unter � Tisch und sein reizendes Töchtcrlein in meine Arme ste' nachdem der erste ungeheure Schreck und die kolossale � wirrung einigermaßen überwunden war, erweist sich d"'_ ein Mehlsack regungslos auf Stuhlbeinen und Glassp 1 � gebettete Etwas, das ins Fenster hagelte, als mein guter � kannter, Herr Siegfried Bandmeycr von Jakob Fi"l und bei dieser Sachlage wagen Sie, Herr, zu behaupten verfolge S i e——" Siegfried hatte mit steigendem Entsezen zugehört. Was hatte er, Unglückseliger, angerichtet! �i, „Ach Gott, ach Gott, Herr Stark," begann er zu j" „wo bin ich denn nun jezt?" 0* „Jezt sind Sie im Hause meiner Braut, im Gasto das ich bewohne, als Gast des Gastes,— übrigens re"" Cl,. ich mich blos,— ich Hab' Ihnen viel zu danken, Ba"' � che Sie kamen, grübelte ich vergeblich, wie ich denn e» einer Liebeserklärung die verschämte Zurückhaltung meine~ p" chcns brechen sollte, zumal die Alten mir dem, wie sie meinten, "llzn flotten Bruder Studio, mit ezlichcm Mißtrauen entgegen- kamen,— da sprangen Sic, Bandmeycr, noch im rechten Augenblicke zum Fenster herein— und warfen mir mein Kindchen in die Arme.— natürlich laß ich sie nie wieder los." '„Wen— mich?" fragte Siegfried weinerlich. „Gott behüte," lachte der Student.„Sie laß ich wieder kaufen, sobald Sie laufen können. Ich glaube aber, Sie werden �'ch die Beine nicht schlecht vcrsprungcn haben,— gebrochen Üabcii Sie, Glückspilz, allerdings nichts." „Wie heißen denn die freundlichen Menschen, die mich Un- glücklichen nicht gleich wieder zum Fenster hinausgeworfen haben, � wie's mir eigentlich ganz recht gewesen wäre?" wimmerte Siegfried weiter. „Prechtling heißen sie." „Prcchtling!" schrie Siegfried laut auf. Dieser lezte Schlag war der furchtbarste, der unsem Sieg- Med treffen konnte. Er konnte sich nicht mehr halten,— es gar zuviel auf ihn eingestürmt des Außergewöhnlichen, �schrecklichen,—— er fing bitterlich an zu schluchzen. � Kurt Starks Verwunderung aber war nicht geringer als �agfrieds Schmerz. »Ha, bei allen Heiligen des Olymp," rief er,„Bandmeycr Unglücksmensch,— nehmen Sie denn so Ungeheuern Anteil 0,1 meinem Glück, daß Sie so erbärmlich heulen?" «0 Schlichen, Schlichen," ächzte Siegfried. .»Zum Teufel, Herr, bei Ihnen rappclts doch,— ich heiße "'cht Schlichen." Unsere Alluftrationen. tun.�im Cchaz.(®. 249.) Man bewundert bei den Tyrolern ihr |,:5® musikalisches Gehör und die Ncinhcit ihrer Stimme, die sich diese � dnc der Berge weit mehr zu bewahren imstande sind, als die eng Ssen, in Dunst und Dampf lebenden großen Massen der Städte, zv" hört in Tyrol„Jnchzcr" und„Jodler" von seltener Reinheit, schn""'Ükalischc Wesen bildet das heitere Gegenstück zu der harten und tü pf'm Arbeit, mit welcher der Tyroler seinem rauhen Boden den hcrni Unterhalt abgewinnen must. Von jeher ist auch von oben ,(ib das musikalische Wesen in Tyrol gepflegt worden, jedenfalls mit ;,ual-rlichen Absicht von Seiten des Staats und, der Geistlichkeit, die Ii*,. I®om allzuviclen Nachdenken über politische und andere„gefähr- Und x abzuhalten. Ein Mensch, welcher gut singt und jodelt qj._ geistiges Streben darin ausgeht, ist der österreichischen Rc- Sinn allezeit lieber, als ein„Subjekt", welches sich mit politischen dem,? �kastt, und obwohl es vielleicht nicht einmal„vermögend" ist, lud?,, k'ch herausnimmt, über die höchsten Probleme dieser Erde nach- diestz«' vielleicht die Unverfrorenheit so weit treibt, die Resultate «Uch V- �"kci's kaut anderen und vielen anderen mitzuteilen, so daß '.meic sich zu solchen bedenklichen Untugenden verführen lassen. die diese Dinge scheinen sich die beiden nicht zu bekümmern, ech,'sans dem Bilde sehen. Die Tyroler und die Tyrolcrinncn vom hier J? spielen häusig sehr gut die Schlagziter und so sehen wir krüiii kms„Tiandl" auf dem beliebten Instrument mit den ebenso uubSrff.""ks geschickten Fingern ihre Kunst übt, während der„Bua" Ihkole ä duhört. Es sind zwei kernhafte Gestalten, so recht aus dem Lieb?-. Volksleben herausgeschnitten. Dazu kommt noch, daß sie ein iifterfTt- r sind, die sich demnächst heiraten wollen. Man ist also wohl pßt anzunehmen: Und",!" klugen von Lenz und Liebe, von sel'gcr goldner Zeit"— »ich,'r wollen nur hoffen, daß es recht lange dabei bleibe und sie Zeil" öer Zeit deS schönen Liebeslenzes, wenn„die Rot der schweren der ,,"".si( herantritt, jklagelieder zu singen haben oder daß gar statt klkine„c�e». Klänge der Ziter eine keifende Franenstimme in dem die,,. schrill ertönt, welche sich beksagt, daß man so wenig ver- hayz' die Kinder so viel kosten, daß der Mann zuviel ins Wirts- 0ch ri Indessen scheint das„Diandl" troz seiner derben Gestalt den gutmütiges Wesen zu sein und auch der„Bua" macht er iyj�"fuck von dem, was man einen ordentlichen Menschen nennt; *wj.'ch also alle Mühe geben, die Lage seiner Familie so angenehm inilie„"ks in seinen Kräften steht; er wird ein guter HauS- und Ziter d;. sein. Und so dürfen wir annehmen, da» die Klänge der Ki�en beiden einfachen Menschen eine verhältnismäßig glückliche '""Ne.„"-"künden, soweit es auf sie ankommt. Leider kommt es nicht hiiltnig" guten Willen des Menschen an und die aus den Ver- Stoß erwachsenden Sorgen und Bedrängnisse sind gewöhnlich zu Wchig 9 daß sie der lustige Klang der Ziter hinwegzuscheuchen ver- „Nein," wimmerte Siegfried,„Sie nicht— sie aber— sie— Ihre Braut——" „Meine Braut, was geht Sie denn meine Braut an, die übrigens ebensowenig Schlichen heißt, sondern Cilly— Cäcilie." Das war der erste Sichtstrahl für Siegfrieds gequältes Herz. Und was Kurt Stark au Aufklärungen auf Siegfrieds hastige, ängstliche Fragen folgen ließ, brachte bald völlig heiteres Wetter. Kurt Starks zukünftiger Schwiegervater war der pensionirte Rentmeister Prechtling, der Bruder des Bezirksförsters Precht- ling drüben im Wald, dessen eine Tochter Gustav Jungmanns Braut, und dessen andere Sehnchen war. Die beiden Abge- sandten Jungmanns waren Schnchens Brüder, die von Jungmann ins Vertrauen gezogen, sich über den in ihr kleines Schwester- chen sterblich Verliebten schon ehe sie ihn kannten, riesig lustig gemacht hatten und sich gestern Abend die größte Mühe hatten geben müssen, um ihm nicht ins Gesicht zu lachen. An Siegfrieds Seelenhimmel wollte nur eine düstere Wolke noch lange nicht weichen— das Bewußtsein, sich durch sein Ausreißen selbst ernstlich lächerlich gemacht zu haben. Deshalb reiste er auch sofort nachhause,— aber Gustav Jungmann und Kurt Stark, der Siegfried besonders auch des- halb dankbar blieb, weil er ihm versprochen hatte, niemals einem Mitgliede der Familie Prechtling etwas von seinem Verhältnisse mit der leichtsinnigen Emmy Holder zu verraten,— sorgten dafür, daß er ein Jahr später einen ehrenvollen Einzug ins Försterhaus halten konnte.-- Und auch ein Jahr später, als er ursprünglich gedacht, war das prächtige Schlichen des langen Hans Hasenfuß zärtlich liebendes Weib. Der kleine Abbate.(S. 265.)„Der Bub', zum Rauchen noch nicht reif, Stiehlt seinem Vater eine Pfeif', Und freut sich sehr, An der Stadt- mauer Aus eine Pfeif' Tuwack" heißt es in dem klassischen Tabaklied der Studenten. Der Held unseres Bildes ist aber kein gewöhnlicher Bub, sondern ein angehendes Psäfflein, was ihn aber nicht hindert, seinem Professor einen Zigarrenstummel zu stibizen und im verbotenen Genuß zu schwelgen. Im Gegenteil, gemäß dem Sprichwort:„Was eine Nessel werden will, brennt bei Zeiten," ist das für ihn eine Vorübung auf seinen künftigen Beruf, wo er in süßester Heimlichkeit dem lästigsten unter den drei Ordensgelübden eine Nase drehen wird. Aber vielleicht tun wir dem Biedermännlein Unrecht, indem es einst möglicherweise nicht zur Kategorie der Dicken, sondern< nachdem es die Weltlust sich genügend hat austoben lassen und dem Teufel gegeben hat, was des Teuscls) z» derjenigen der Dünnen gehören wird. Der freiheitbegeistcrte Poet Anastasius Grün hat die schwarze Garde seiner Heimat in diese beiden Kategorien eingeteilt in seinem Gedicht: Die Dicken und die Dünnen. Es lautet: Fünfzig Jahre sinds, da riefen unsre Eltern zu den Waffen: Krieg und Kampf den dicken, kugelrunden, feisten Psaffen! Auch in Waffen stehen wir Enkel; jezt doch muß die Losung sein: Krieg und Kampf den dünnen, magern, spindelhagern Psäffelein! Aber wo gabs größere Arbeit, welcher Kamps bot mehr Gefahren? Wo galts fester auszudauern, wo galts klüger sich zu wahren? Lauthin schnaubt die plumpe Wildsau, wenn sie durch das Dickicht kreucht, Aber leise kriecht die Viper, die nach deinen Fersen schleicht. Einst verschnarchten dicke Pfaffen ganze Tag in süßem Schläflein, Jezt doch liegen aus der Lauer immer wach die dünnen Psäfflein. Jene brüllten ihre Inbrunst heulend in die Welt hinein; Diese winseln ihren Jammer, Katern gleich im März, so sein. Mächt'gcn, schweren Folianten glichen einstens jene Dicken; „Allgemeines großes Kochbuch" stand als Inschrift aus dem Rücken, Einem schmalen, kleinen Büchlein sind die Dünnen gleich, fürwahr! „Kurzgefaßte Gaunerstücklein" beut das Titelblatt euch dar. Mit der Grobheit und der Dummheit hattet einst denKampf ihr Alten; Doch der Artigkeit und Schlauheit müssen wir die Stange halten! Einstens rannten euch die Dicken mit dem Wanst die Türen ein; Doch es kriechen jezt die Dünnen uns durchs Schlüsselloch hinein, Längst schon hat ein tapfrer Ritter kühn der Dicken Heer gebändigt, Und als goldner Stern des Tages jene finstere Nacht geendigt. Josef hieß der Stent und Ritter, Wien du kannst sein Denkmal sehn! Ach, und will denn gen die Dünnen nimmer solch ein Held ersteh»? O, so steigt ihr Dicken wieder lebend aus der Todesurne! Doch mit altem, guten Magen! Werdet christliche Saturne Und verschlingt den magern Nachwuchs! O, dann sind wir beide los, Denn nicht lange mehr kann leben, wer solch gist'ge Kost genoß, St. 268 Beiträge zur Länder- und Bölkerkuudc. Amerikanisches. Daß eine Stadt durch einen formellen Beschluß ihrer Behörden erklärt, von einem bestimmten Tage an moralisch iverden zu wollen, kann nur in den Vereinigten Staaten vorkommen. Dodge tiifi) in Kansas besaß bisher einen sehr schlechten Ruf. Als aber die j Atchinson- und Santa Fe-Eisenbahngcscllschast eS zur Bedingung machte, daß für Ordnung und Sicherheit des Eigentums und Lebens Garantie geleistet werde, so faßte der Stadtrat den feierlichen Beschluß, daß die Stadt vom G. September ab moralisch werden und jedes Haus, das nicht nachweislich zu anständigen Zwecken bewohnt wird, geschlossen werden würde. Tie Crawindianer, welche zirka 3000 Seelen in 800 Familien zählen, erklärt die„St. Pauls Gazette" sMinnesotal sür das reichste Volk der Welt. Sie besizen 6 500 000 Akres Land, deren jeder 1 Dollar wert ist, 11 500 Pferde zu 20 Tollars das Stück, und erhalten von der Regierung der Vereinigten Staaten jährlich 800 000 Dollars Untcr- stüzung. Das macht zusammen 7530000 Dollars oder auf de» Kops ein Vermögen von 2510 Dollars. Gcsezgebung, Verwaltung, Statistik. Ein Urteil über unsere Nechtsverhältnisse. In einem Artikel der „Grenzboten" im eben beendeten Jahrgange wird von augenscheinlich sehr sachkundiger Seite folgendes Urteil über unsere Gesezgebung gefällt: Die heutige Gesezgebung, selbst von Rechtsgrundsäzen ziveiselhastcn moralischen Werls durchdrungen, bietet schon lange keine Schuzwehr mehr sür den sogenannten„Dummen", sondern überläßt ihn unerbilt- lieh seinem Schicksale; dagegen gestattet sie dem Schlauen, der zu Reich- tum und Wohlleben mühelos gelangen will, daS Zuchthaus mit dem Bermel zu streife». Ten Begriff„Schwindel" kennt sie nicht und läßt seine Ausführung unbestraft. Sie ist vollkommen in den Begriffen dcS unsozialen römischen Rechts besangen und wird zulezt dahin führen, wo daS römische Reich troz seiner Größe und Herrlichkeit schließlich an- langte: zum Untergange, wenn sich das gernianische BolkSbewußtsein nicht noch rechtzeitig ermannt und gegen die Vcnvälschung kräftig reagirt. Wir müssen uns also vorläufig schon mit der Tatsache abfinden, daß das Verbrechertum in schnellem Wachstum begriffen ist und sür die nächsten Jahrhunderte schwerlich einen anderen Karaktcr annehmen wird. Industrie und Technik. Farbe des Waffers. Um zu zeigen, daß reines Wasser nicht sarb- los, sondern blau gefärbt ist, bedient man sich nach Professor Viktor Meyer folgender Anordnung: Mehrere, etwa fünf, weite dünnwandige Glasröhren von zirka 40 Millimeter im Lichten und 1'/, Meter Länge werden mit Stücke» weiten Gnmmischlauches verbunden lind so in eine zirka 7>/, Meter lange Röhre verwandelt. Die beiden Enden derselben sind durch ebene Glasplatten, welche mittels angekitteter Metallhülscn festgehalten werden, verschlossen; die Hülsen tragen seitlich kurze Zu- lcituugsröhren von Messing, welche zum Füllen dienen. Die Röhre tvird genau horizontal aufgestellt und mit einem schwarzen Tuche um- geben. Blickt mau durch die leere Röhre, so erscheint das Gesichtsfeld farblos, da eine etwaige Wirkung der Farbe deS Glases durch das schwarze Tuch und die über die Endqucrschnilte des RohrS greijcnden, undurchsichtigen Hülsen ausgeschlossen ist; wird die Röhre nun mit dcstillirtcm Wasser angefüllt, m erscheint beim Durchblicken ein intensiv grünblaues Feld. Wird der Versuch nicht am Tage, sondern bei Gas- licht angestellt, so tritt statt der blauen eine lebhaft grüne Farbe aus. Jagd und Fischerei. Edelfischeier. Nach der kürzlich veröffentlichten Uebersicht über die Leistungen dcS deutschen Fischcrcivereins im lezten Arbeitsjahr ist zum erstenmal die Zahl von süns Millionen Edelfischeier überschritten worden, ein Erfolg, der um so größere Anerkennung ver- dient, als die dem Verein zufließenden Geldmittel verhältnismäßig geringe sind. Diese fünf Millionen verteilter Eier bilden indessen nicht die Gesammtsumme der in Teutschland künstlich erbrüteten. Ein reges Streben herrscht hierin auch in zahlreichen Lokal-, Provinzial- und LandeSvcreinen, so daß mit Hinzurechnung der von diesen erzielten Er- folge die obige Summe sich wohl verdoppeln dürste. Gegenüber der Tätigkeit der Nordamerikancr in dieser Beziehung verschwinden sreilich die zehn Millionen erbrüteter Fischeier. So wurden in Northville während der Jahre 1882 83 allein 70950000 Salmvnideneier befruchtet, für das nächste Jahr soll indessen diese Zahl aus etwa 500 Millionen gebracht werden. Die Fischercikommission erhielt aber auch vom Jahr 1871 bis 1883 eine Beihülfe von etwa 4 800 000 Mark! Mehrfach ist in neuerer Zeit die Zweckmäßigkeit der Fischzucht, wie fie vom deutschen Fischereiverein gefördert wird, angezweifelt worden, aber die tatsächlichen Erfolge und Zahlen sprechen in deutlichster Sprache für die crsteren. In den ostprcußischen Gewässern, in der Weichsel, der Oder, den Flüssen der Ostsceküstc, in Holstein, Schleswig und Mecklenburg, in der Elbe, Weser, Ems und Rhein, in der Donau und ihrem Fluggebiet, überall ist gegen frühere Jahre eine wesentliche Verbesserung der FischeW auf Edelfische festzustellen gewesen, und kleinere Gewässer, die seit lauger Zeit die Forelle nicht mehr auszuweisen hatten, sind jezt in erfreulicher Weise von neuem mit diesen edlen Fischen bevölkert. Literarische Umschau. Tie Samosierra. Roman aus dem spanischen Bühnenleben von Roberi Waldmüller(E. Duboc). Stuttgart 1881. Levy und Müller.. Ter gefeierte Meister des Romans hat in dieser vielleicht reifst Gabe seiner Muse einen Hochintercssanten Stoff ebenso spannend» gediegen „i/V&&| V VlllVt» k v I I»»»»»»«»—---||----,_/ behandelt. Samosierra ist der Name einer berühmten sM spielerin Madrids. Sie stammt väterlicherseits aus der franzo"�' Ehampagne, ihre Mutter war eine elsässische Deutsche. Dieser Umm empfahl sie der Teilnahme der deutschen Prinzessin, welche als ö. Gattin Ferdinand VII. und als Vorgängerin der ränkesüchtigen� Ehristina von 1819 bis 1829 Spaniens Königin war. Dadurch die Heldin Gelegenheit, dem eigenartigen Zuschnitt des Hv'�< Madrid und Aranjuez sehr interessante Studien zu widmen. »iimiltclbarster Anschauung konnte sie in dem buntscheckigen Rd, ."A.«■—- fr—.Uiifil JW" iiiiimuciuuiiici.«ii|u;iiuuiih m........-----_ ihres eigenen Lebens das-treibe» vor und hinter den Eouliße» l' der» und die Beziehungen der Bühne zum Journalismus darlcg� Endlich hat Samosierra bis in die Klöster hinein daS Leben vinouci) yar Samosierra bis in die Klöster hinein das spanischen Volkes kennen zu lernen Gelegenheit gehabt, und � sagen, daß eS wenig Bücher gibt, die über die Sitten nnd« � eines Landes in so unterhaltender Weise oricntircn und zNgleivJ � Gemüt so lebhast anregen als das vorliegende. Neben dein psychologischen Reiz, welchen der Einblick i» daS Wollen und � einer Seele voll Adel und Wahrhaftigkeit gewährt, sind es Bei � auch die spanischen Heimlichkeiten, die an der Erzählung anziehen- � Buch ist von der Bcrlagshandlung splendid ausgestattet Rätsel. Zum Himmel ragend ist'S gebaut von Stein, Doch zarte Wesen hüllen gern sich drein. Daß Blätter eS oft hat, iveißt du genau,— Jedoch daß Kinder es besaß und eine Frau, Ist dir vielleicht nicht so bekannt. aena»�" Sag an, scharssinniger Freund, wie wird daS T»ng O Rösselsprung. r ei! wer | bau lc ta und nc le max pel al(Kr rich leu me siän, geu Uc'"l i fm I ist be»ickt "IL der| .1 st-r der gen zeit al! big»ich ei Hin»er bli| d» grau grii wer ----- ist dort dar -it der dem ,uk„en Im P" in| kult j mti tig e» der wald