p M 15. Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint alle 14 Tage in Heften ä 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Pustäinter zu beziehe». Unsere Zeit, ow- ip rs rinr Stil von lEifcn, der j« ivirkrn uns bestimmt. rauh den Vichtrrn und den Weisen Sammlung und die Stille nimmt, � vorwärts drängt ans Sturmcsfliigrln schrillem pfiff, mit grellem Schrei. �v sonst in Tälern und ans kiigrlu Gewebt der Mondnacht Zauberei. �vch diese rauhe Zeit zu hassen— ��storlNe Blindheit nur vermags; K'll nur eins— str recht in fassen, �ämm'rung dieses neuen Tags. aus dein Zivirlichl grauer Dome, 'E rs der kindrrzeit gebührt, Ütenschheil rasch dem vollen Strome fB övldnen lichls entgegenführl. Vvil Rudolf Tavant. Weckt aus der Asche die Heroen, Die Rom» und Hellas' Größe sahn Ivie würden ihre Augen lohen, Beträten staunend fir die Bahn! Wie würden str bewundernd preisen Vir siegreich-srohr Geisterschlacht, Die neue Zeit, die Zeit von Eisen Zn aller ihrer Wnndrrmacht! Wenn zag und scheu dir Allen standen Vor dem Geheimnis tiefverhüllt, Und sich hinweg am Ende wandten, Von ahnungsvollem Granu erfüll l; So haben wir uns durchgerungen Auf schwacher, ost verlorner Spur, Und sie in unsrrn Dienst gezwungen, Die Riesrnkrüste der Vatur. Prometheus, sei um deine kühne Glorreiche Tat von»ns gegrüßt, Der du den Raub, den ohne Sühne Mir jezt begehen, schwer gebüßt I Seit das Geschenk der heil'gen Flamme Vom Tisch der Götter du gemacht, Ward ungestraft dem Wenschrnstamme Sv manche Gabe dargebracht. Doch ivelche Zeit kann sich berühmrn So nngebrvchnrn Sirgeszugs? Wer ahnt das Ziel des ungestümen, Des adlerglrichrn Sonnenflngs? Wo ist die leztc feste Schranke, Wo weiß kein tiefes Sinnen Rat, Wo schwindelt haltlos der Gedanke, Wo sinkt der Arm der kühnen Tal? Sv Unerhörtes ward errungen In einer kurzen Spanne Zeit, So Urgewalt'ges ward bezivuugen- Und vor uns liegts wie Ewigkeit! Wer möchte nicht die Hände heben Vvll Inbrunst, wie es nie geschehn, Und flehen um ein langes Leben Um mehr der Siege noch zu sehn? Im großen Herr mit Karst und Feder, Das kühn des Wrltgrists Schlachten schlägt, Soldaten wir, von denen jeder Den Marschallsstab im Ranzen trägt! So laßt als treue Zeitgenossen Uns fest denn zu einander steh» Und durch die Reihen fest geschlossen Ein siegessrvhes Unsen geh»! 342 Die Alten und die Denen« Roman van Zil. Kautsky. Ii. Fortlezm-g. 15. Kapitel. In Solenbad hatte die Saison ihren Anfang gcnoininen. Ter Badeort war in der Mode und die Bi jcliste zeigte täglich neue und darunter sehr illustre Gäste. Auch in der Villa der Gräfin Dvuhofi i» dem benachbarten Obcrgau, herrschte einige Lebhaftigkeit. Gräfin Marie war mit den Kindern gekommen, und Cölestin weilte ebenfalls noch als Gast in ihrem Hause. Seit ihrem Besuche bei der Hofer, über den sie an maß- gebender Stelle Bericht erstattet und gleichst n Klage geführt, fühlte sich Gräfin Döuhof auch ihrer eits ln nfcn, mit allen Mitteln diesen verderblichen modernen Strömungen entgegen zu arbeiten, und sie wußte die passive Meile, die mit den lieber- zeugungen einer Ortodoxen auch deren Schiverfättigkeit besaß, ebenfalls für ihre Bestrebungen zu gewinnen. Sie besuchten zusammen die katolischen Institute, he von den Nonnen ge- leiteten Mädchenschulen und wohnten hie und da einer Unterrichtsstunde bei. In einer monotonen sinnbctäubenden Manier hörten sie die Zöglinge unisono die Sprüche und Gebete nach- plappern, welche die Lehrerin ihnen vorsprach. Es war ein klägliches Schauspiel, diese ihren Gcbirgsdialckt sprechenden Kinder, hochdeutsch gedrechselte Säze, die Selbst- laute und Endsilben in asfektirter Deutlichkeit betonend, herunter- leiern zu hören, und zu sehen,>vie sie dabei alle, in gleich prononzirter Weise, automatenhaft die Lippen und Kiefern bc- wegte». Nicht ein Wort konnten sie von dem hochtrabenden Schwulst verstehen, mit dem sie hier Tag für Tag gequält wurde» und ihre natürlichen Anlagen und Fähigkeiten erhielten dadurch gewiß keine Förderung. Aber die Gräfinnen zeigten sich nichts destoweuiger befriedigt, und sie wünschten nur, daß die Anzahl der Kinder, die der Wohltat einer.Erziehung" teil- hastig wurden, eine größere sein möge. Um diesen Wunsch tatkräftig zu unterstüzen, votirten sie für die Dauer der Sommermonate einen Betrag, für ivelchen den Kindern täglich eine Pflaumen- oder Grüzensuppe verabreicht werden sollte. Das war gewiß das beste Mittel, um alle Säumigen heranzulocken, und selbst die protestantischen Mädchen. Ter Futterschale konnten diese armen Kinder nicht widerstehen, und sie würden alle kommen, ohne Unterschied. Gräfin Marie, in ihrer frommen Ehrlich'cit und Beschränkt- heit, freute sich aufrichtig über dieses Ausku stsmittel mit seinen ersprießlichen Folge». Die Nonnen mit dc.i schwarzen groben Kleidern und de» weißen ftügclartig gebundenen Tüchern waren nun die täglichen Besucherinne» der Villa, und sromine Uebungcn kamen daselbst immer mehr in Schwung. Ein zweiter Jesuit, Pater Franziskus, der vor einigen Tagen nach Solenbav ge kommen und durch Cölestin bei den Gräfinnen eingeführt worden, leitete dieselben. In der Gesellschaft kursirten über Pater Franziskus, der ein strenges asketisches Aussehen hatte, die verschiedensten Ver- mutungen. Vor allem diskutirte man den Grund seines Hier- seins. War er zur Kräftigung seiner Gesundheit gekommen, oder hatte er eine Mission zu erfüllen? War er vielleicht zur Uebcrwachung Cölestins bestimmt, und hatte dieser zu Mißtrauen Anlaß gegeben? Man erschöpfte sich in diesen und ähnlichen Schlüssen. Jezt war die Fürstin Lilli in Solenbad eingetroffen, und gleichzeitig auch Helene und Elsa. Am nächsten Morgen erwartete die DdnHof Pater Cölestin, der mit ihr zu frühstücken pflegte, vergebens. Ein Billet, das ihr zugestellt wurde, meldete seine Abreise. Er habe Ordre erhalten, hieß es darin, und müsse ge- horchen. Die Tönhof war außer sich darüber. Sie vermutete, daß sein Ordensbruder Nachteiliges über ihn berichtet habe, und daß Cölestin von dem Ordensgeneral selbst zur Verantwortung gezogen werden könnte. Auch die vornehmen Damen des Kurortes, die mit ihren Sympaticn den schönen Jesuitenpater heimlich verfolgt hatten, zeigten sich aufgeregt über dies plözliche Verschwinden. Sie liebten ihn doch eigentlich alle, ihn, der keine lieben durste. Sie fanden das so pikant und so traurig, und hätten ihm gerne, um ihn zu entschädigen, eine unbeschränkte Macht über ihr Gewissen eingeräumt. Nach acht Tagen erhielt die Dönhof einen Brief aus NijZch der sie indes wieder beruhigte. Cölestin teilte ihr darin nfit einiger Ausführlichkeit mit, daß er hieher an das Kranken- bett seines Bruders berufen worden sei, der an der Riview von den Segnungen des Klimas und der Kunst der Aerzte du' lczte Hilfe erwarte,— wie es scheine, leider vergebens. „So stehe ich beim," so schrieb er,.schmerzerfüllt an dein Lager des einzigen Bruders, der, seit ich ihn wieder geschs"' meinem Herzen so wunderbar nahe getreten ist. Ich wuß» bisher nicht, was das heißt, einen Menschen zu lieben und»>>> ihn zu zittern, in Mitleid und Angst ihn an die klopfende Brut zu ziehen, sich selbst hingeben zu mögen, um ihn zu retten, jezt lerne ich diese süße Bitternis kennen.", Die Dönhof schüttelte den Kopf; das klang nicht 0�% Der Ausdruck seiner brüderlichen Liebe und Barmherzigkeit ha etwas weltliches und etwas leidenschaftliches an sich, llnd C hatte auch nicht einmal seinen Ordensnamen darunter gcstzt- Er hatte Ernesto Giuliano unterzeichnet. Es warst Familienname, und Papier und Siegel zeigten das grÜM' Wappen.-„ Die Gräfin wußte, daß sein Bruder der Erbe eines 3n"V Ramens und eines fürstlichen Vermögens war, aber das w» nimmer auf ihn übergehen, der Professe von drei Gel» war, der dem Orden Gehorsam, Keuschheit und Armut ä1Uje. j�v Oder gedachte er aus dem Orden zu treten? Wollte er wi, weltlich werden? Es war nicht denkbar, es konnte»'ch�' und sie verwarf diesen Gedanken mit Entrüstung._ � Zwei Tage behielt sie in eifersüchtiger Ausschließlich'�'* Brief für sich allein. Dann erst teilte sie ihn Marie""...fn Helenen mit. Sie hatte mit Vergnügen bemerkt, daß Helene und Elsa eine Erkältung eingetreten war, und dap Zusanimensein nur mehr von kurzer Dauer sein würde. � Zum erstenmal tauchte in ihr eine Ahnung ans von Gefährlichkeit dieser Unbckehrten, und auch sie wünschte I> ihrem Kreis entfernt, sobald wie möglich. f(„„b Mit Helenens Auftreten war in das bisher ka) e monotone Badeleben eine erhöhte Temperatur gekommen- umdrängte sie und schmeichelte ihr und hätte sie gern J1"" Punkt der Geselligkeit gemacht. ictrübte Sie zeigte indes keineswegs jene Heiterkeit und»ng� � Laune, die man an ihr gewohnt war. Seit Wochen Unruhe und eine Reizbarkeit über sie gekomnicn, die l> nicht gekannt hatte. Ihre Oberflächlichkeit und noch g ju Bequemlichkeit hatten sie bisher davor bewahrt, irgend hassen oder zu lieben....-WK"' Ihr einziges Bestreben war gewesen, sich 5�' und diesem Bestreben hatte sich nichts entgegen geih• Jezt stiegen mit cinemmale Wünsche in ihr aus, süllung sie begehrte und vor der ihr gleichzeitig bang- Sic war entschlossen, sich wieder zu vermählen, demnächst.. �jchste» Sie hatte die Auswahl unter den ersten»" Seite- Kavalieren, aber ihre Wünsche gingen»ach einer m'. � Aber war es nicht eine Tollheit, ihnen einen h zuziehen, der nicht einmal Baron mar? - 343 Freilich, er war der Sohn Neinthals, und man f uiitc ihn poussiren— iiian könnte, man könnte!— So ward sie in der lezten Zeit immer zu Kombinationen gedrängt, die ins Un- gewisse gingen, die sie an etwas Unfertiges kniipfen sollten, an etwas, das erst zu schaffen war. Ah, wie sie das ermüdete, wie sie das langweilte, und wie es ihre Nerven angriff! Auch Elsas Nähe schien sie jezt zu irritircn. Sie hatte sie Reinthal zugesprochen gehabt und Elsa hatte für den Baron ei» anschniiegcndes Interesse gezeigt, warum war sie nun plözlich andern Sinnes geworden? warum? Ihr weiblicher Instinkt gab ihr die richtige Antwort, aber diese war nicht geeignet, ihren t�roll und ihre Gereiztheit zu mindern. Aber Elsa sollte Arnold nicht haben, auch dann nicht, wenn lie selbst ihn aufgab. Aber wollte sie das? Ach, sie wußte selbst "icht, was sie Ivollte. Sie hatte heute Empfangsabend. Sic saß vor ihrem Spiegel und ihre Kammerjungfer hatte iwch mehr als sonst unter ihren Kapricen und Launen zu leiden. Im Salon erschien sie indes strahlend wie immer, und bielleicht in einem»och bestrickenderen Reiz. So versicherte wenigstens ihr Cousin Hugo, der kaum mehr bau ihrer Seite wich. Er war es, de» ihre schlimme Laune am häufigsten und nachdrücklichsten traf, aber er ertrug sie auch am geduldigsten, ja, er schien sich mit einer wahren Wonne von ihr malträtircn lasse». Er ward deshalb allgemein als ein Aspirant auf ihre Hand betrachtet, und— ans ihr Vermögen— wie seine Kame- baden sich lächelnd zuraunten. Diese wußten es nur zu genau, 'b dringend Hugo eines rettenden Engels bedurfte, der seine Schulden bezahlen würde, von denen sein Papa, ihrer Größe 'begen, nichts wissen ivollte. Helcncns erster Empfangsabcnd war sehr besucht. Ruch Arnold war gekommen, und sie konnte nun mit inniger �ksriedigung bemerken, wie alle Welt ihm ein zuvorkommendes Interesse entgegenbrachte. jbg T � 1Uclc�el,�c Bedeutung Ncinthals kam ihm augenscheinlich Ter Baron wurde von vielen schon als künftiger Minister � achtet, und es war selbstverständlich, daß auch dieser junge an» bald einen bedeutenden Posten innc haben werbe. % Halene glaubte indes, diese liebenswürdige Aufnahme nur auf schnung seiner persönlichen Anmut sezcn zu dürfen, oder viel- auf ein geringes Maß von Vorurteil in der Gesellschaft. dcmi M' zu sehen, daß sie in ihren aristokratischen Bc. � mlichtcitcii von andern nicht überholt wurde, sie verloren da- ) an Bedeutung in ihre» eigenen Augen. , alles erhöhte ihre Lebhaftigkeit und ihre Heiterkeit, lie war an diesem Abend wieder so kokett und reizend. nur je. Nachdem die Salons iicl> geleert, die Schwiegermama Ölaya von Falkenau wieder ans ihr Zimmer gebracht worden r. und man nun e» petit comite beieinander saß, brachte v»go das interessante Tema von den zunächst zu arrangircnden bflnügungen aufs Tapet. Pro t08 �fländige Regemvetter hatte bisher alle Verguügungs- Uwe nWeii Sport vereitelt, und nun klagte man. daß auch noch an kein Nennen zu denken sei, da der Boden voll- 'fl durchweicht sei. beiten wir auf die Felsen hinauf," rief Helene über- Hobe3'""k �jte hinzu, daß sie sichs schon längst vorgenommen so».' Bergpartie zu machen, nicht nur auf den Berg hinaus, lvcrk in den Berg hinein. Sic ivollte das Salzbcrg- sichrn(:"nC-n �rnen. Hugo fand diese Idee kostbar und ver- beqnc �'-'cg m""e nivrgen ausgeführt werden, selbst wenn es %»»;, Er erinnerte daran, daß Elsa heute schon denselben ihrer s. ��bsprochen iiabe. nach Amsee zu fahren, um eine ''»ans."en Freundinnen zu besuchen, sie könnten nun mit br die Tour zn Pferde machen. Helene wandte sich mit einer ungnädigen Mieu von ihm ab und Arnold zn. „Es ist selbstverständlich, daß Sie mitkommen Sie wissen gewiß am besten von allen Bescheid." Er verbeugte sich. „So werden. wir denn zusammen in die Unterwelt hinab- steigen," lächelte sie„und Sic werden mich an der Hand halten, wenn es mir allznl»glich würde und mich die Angst überfiele vor Gnomen und B rggeistern." Man trennte sich in der besten Laune und rief sich zu: „Auf morgen also!" 16. Kapitel. Ein herrlicher Jnnimvrgen war angebrochen. Ein fast wolkenloser Himmel spiegelte seine sanfte Bläue in dem See wider, auf dem einzelne Boote ruhig schwammen; sie tvaren gc- füllt mit Menschen, die vom Landungsplaze zunächst der Kirche von Amsee zustrebten. Im Orte selbst herrschte eine für einen Tag, wo im Salz- berg gearbeitet wurde, ganz ungewohnte und höchst auffallende Regsamkeit. Ein Bittgang war für den heutigen Morgen anberaumt und die Prozession der Bittgehenden sollte, nachdem der Pfarrer die Messe gelesen, vom Gotteshausc aus ihren Weg nach einer drei Stunden weit entfernten Waldkapcllc nehmen, in der ei» wundertätiges Marienbild sich befand. Es gab so viel der Drangsal, so viel des Elends, nur ein Wunder konnte da helfen, und so wollten es denn die guten Leute wieder einmal versuche», in corpore die Fürbitterin anzurufen, in deren sänf- tigendcn und wohltätigen Einfluß auf die Entschließungen des Gewaltigen sie das innigste Vertrauen sezten. Ach, der liebe Gott suchte sie auch mit immer neuen Leiden heim! Der dauernde Ziegen der lezten Monate hatte berci großen Schaden angerichtet, und jezt, mit dem Schmelzen dee-chnccs im Gebirge, war noch Schlimmeres zn befürchten. Aber auch der Plattenberg wollte seit dem leztev Decken- einsturz nicht Wieoer zur Nnhe kommen. Die Wand begann schon wieder zn„schreien", wie die Stein- brechcr sagten, das heißt, im Innern der Felsmassen gab es ein ewiges Grollen, ein Knistern und Rieseln. Das Fvrstamt, dem der Schieferbrnch gehörte, hatte darüber an das Berganit berichtet, und dieses hatte demnächst eine Kommission in Ans- ficht gestellt, die alles durch Augenschein untersuchen und hierauf ein Referat abstatten sollte. Die armen Leute fürchteten indes nichts so sehr, als die Einstellung der Arbeit. Und so wollten sie's denn heute nebst der Bitte um Aufhören des Regens der heiligen Mutter ans Herz legen, daß sie dahin wirke, daß die Arbeiter im Schieferbrnch nicht um ihr leztcs Stück Brod gebracht würden. Vor vier Wochen schon, gleich nachdem das Unglück im Schieferbrnch sich ereignet, war der Aufruf zu diesem Bittgang ergangen, aber der Herr Pfarrer selbst hatte ihn bisher hinaus- geschoben. Erst vorgestern, am Sonntag, war der Tag des Ausganges Prozession an der Kirchtiirc angeschlagen gewesen, nach- dem der Pfarrer mit lächelnder Befriedigung das Steigen des Brrnmet rs beobachtet und die inetevrologischen Berichte gelesen hatte, die allerdings nicht an der Kirchentürc angeschlagen tvaren. Der helle Morgen halte die Anzahl der Bittgcher bedeutend anwachsen lassen; der Himmel schien ihnen im vorhinein seine Gunst zuzuwenden, und>ver da konnte, wünschte davon zu prositiren. So hatten denn auch mehrere.der Kleinbauern aus den benachbarten Ortschaften sich hier zusammengesunde». Tie Messe tvar vorüber. Alles drängte ans der Kirche und stellte sich am Friedhofe und auf der Terasse auf. Während der Herr Pfarrer sein Frühstück einnahm, traten Männer und Weiber zn einem Diskurs zusammen. 344 Unter de» Schuljungen, die(ümmtlid* aufgeboten waren, Ivar cS bereits zu Streitigkeiten gekommen, und sie rannten hinter die Totcukanimcr, um ungestört auf einander losschlagen zu können. Tie kleinen Madels aber umstanden zwei ihrer Genossinnen, die Töchter eines Steigers, die in weißen Kleidern erschieueu waren, mit Blumenkränzen aus Organtiu und Draht in de» blonden Haaren, die in tausend Löckchen gebrannt, ihnen iveit vom Kopfe abstanden. Die weiße» Mädchen sahen ungemein stolz ans, sie rührten sich nicht von der Stelle und nahmen die bewundernden Blicke der andern gleich, einem Tribut entgegen, nur ihren besten Freundinnen ein wenig zulächelnd, ivas diese ermutigte, sie bei der Hand zu nehmen, um dann ebenfalls mit gehobnerem Be- wnßtsein um sich zu blicken. Tic Matronen schauten in gutmütiger Behaglichkeit auf die Kinder, und die eine oder die andere trat dann wohl an ihr Enkelkind oder Großnichtchen heran, um dieser das rote wollene Kopftuch fester zu binden, oder jener eine Schürze, die sich seit- wärts geschoben, wiöder an die rechte Stelle zu rücken. „Tie unsere hat neulich ein neues Fürtuch kriegt", erzählte das eine Mütterchen mit einem kleinen Lächeln der Eitelkeit, „und sie hats heut umbinden dürfen, ist das a Freud' g'wesen! Und schaut's nur auf den Steiger seine Kinder, unser Herrgott muß selbst sein' Freud' dran haben." „Na, und das schöne Wetter dazu," erwiderte eine Zweite, fromm die Hände faltend,„die Heiligen haben halt doch ein gnädiges Einsehen." „Ich halt so viel auf die Bittgäng", mischte sich eine Dritte ei»;„man bringt sich doch immer ein wengcrl ein Trost mit und ein wengcrl a Hoffnung, und man kann sich hall wieder ein zeitlang auf unsern Herrgott verlassen." „Ja ja, so ein Tag ist nicht wie ein anderer; wenn mau aufsteht, ist man schon ei» ganz anderer Mensch und man denkt nicht an seine täglichen Sorgen, und das tut so gar wohl." „Und's gibt doch auch was zu sehen", versczte ein junges Weib, das ihr erstes Kind noch zu erwarten hatte,„und unser- einer kommt so gleich nirgends mehr hin. Jesus, heut Ivirds ja besonders schön, da kommt schon der Vorbctcr, und schauts nur! jede Gnieind' hat ihren eigenen Herrgott, und ihre eigene Fahn!" Unter den Männern war die Unterhaltung nicht minder leb- Haft gewesen. Der Bauer Gschwandtner aus Niederndorf, mit kleinen schlauen Augen und einem großen, lachenden Mund, einen langen Tnchrock tragend, an dem noch silberne Knöpfe glänzten, war einer der wenigen, die noch etwas besaßen. Er rühmte sich, vor kurzem wieder ein„sakrisch gutes G'schäftl" g'macht zu haben, da er das Stück Wald, das ihm noch übrig geblieben war, um„ein höllisch g'salzeneu Preis" tveg'bracht hält'. „Freilich,'s waren schöne Eichbäum d'runter," schmunzelte er,„jezt san's schon z'sammg'haun, alles is schon g'sällt." „Aber's heißt ja, es soll nichts mehr g'sällt werden bei uns, weil so schon alles abg'holzt is", entgegnete der alte Michel, der, seit wir ihn zum leztcnmal gesehen, zu den Jubilanten gehörte, weil ihm der Salzbcrg so mächtig Ilufg'wachsen war, daß er ihn ninimer zwingen konnte,„und's ist ja a Straf' von fünfzig Kreuzer» ansg'schriebcn worden für jeden g'fälltc» Baum." Ter Gschwandtner lachte, und mit seine» Augen zwinkernd: „No, so zahlt man halt die fünfzig Kreuzer, das macht weiter was aus, wenn man dafür fünfzig Gulden herein kriegen kann." „Wenn nur das ewige Negenwcttcr ein End' nehmet," klagte ein Männchen mit einem zusammengeschrumpften, ver- grämten Gesichte,„mein Grund liegt am Wasser, und alle Jahr nimmt's mir was mit, das lcztc Hochwasser hat niich ruinirt, wenn mir unser Herrgott nicht hilft, bin ich ein g'schlagcner Mann." „Ja ja, der Regen," bestätigte der Michel,„mir hat's meine Hütten ganz unter Wasser g'sezt, und das bisserl Holz, das ich Hab aufg'speichert g'habt, ist wegg'schwemmt." „Ja ja, der Regen", seufzten alle. „Ich weiß nöt, seit die leztcn zehn Jahr ist das so ein Teixels-Wetter!" rief der Gschwandtner, in Gewichtigkeit die Füße»och mehr anseinander spreizend,„und ich sag euch's, paßt's auf, es wird auch in dem Sommer noch nicht besser werden, und was»ns nicht verfault, schlagt uns der Hagel z'sainm; darum—" er öffnete seinen großen'Mund zu einem pfiffigen Grinsen, „wenn wir von der Kapellen zurück kommen, geh ich gleich nach Solenbad übri und laß mir meine Felder wieder assekuriren." Der Vergrämte mit den eingefallenen Wangen schüttelte den Kopf.„Ich weiß nicht, eS lauft jezt alles zu den Juden und laßt sich verassekuriren, aber glaubt's ös den» wirklich, daß euch unser lieber Herrgott dann ninimer bcikvmmen könnt?" Der Gschwandtner ließ den Mund hängen und verlegen kraute er sich hinter den Ohre». „Des mein ich nöt, Gott bchüt', aber man hat halt doch a Sicherheit." „Da gibts keine Sicherheit, Gschwandtner," entgegnete der: Alte mit einem fast unheimlichen Gekrächze,„und wenn unser| Herrgott dich strafen will, so hat er Mittel genug, und wenn dn dir deine Felder zehnmal gegen den Hagel versichern laßt, j so kann er den Berg rutschet werden lassen und der deckt dir � dann alles zu, und dich selber mit." Alle bekreuzigten sich. „Red' nicht so was," verwies der Gschwandtner,„ich grh| ja drum auch zum Bittgang, aber ich denk mir halt, doppell � blinden reißt nicht." Der Holzhauer Franzel, sein Beil über die Schulter gt' warfen, kam mit raschen Schritten daher. Als er die Leute wahr wurde und die Fahnen und Kreuze, blieb er stehen.& j zog seinen Hut und machte ein Kreuz, dann winkte er dr» Männern zu und wollte an ihnen vorüber. Aber diese ricfc»; ihn an und luden ihn ein mit ihnen zu kommen. „Unser Herrgott bringt dir's schon wieder ein, wenn d" ihm zu lieb etwas versäumst," meinte der alte Michel. H „Glaub's schon, aber ich Hab keine Zeit," entgegnete der Franzel.„Ich komm vom Plattcnberg, ich sag euch, es ich"" grauslich da oben aus." „Geh, was ist's denn, erzähl doch," alle drängten sich',avf an ihn, mit ängstlich fragenden Mienen..■ „Ha, im Sattel, grad obcrm Bruch, gibts ein Stück-y' das schon im vorigen Herbst anzeichnet worden ist, das g'haut werden. Ich steig hinauf, aber eh ich noch au die S C komm, fallt mir» auf, daß der Boden so viel Riß zeigt. y „Weißt, Franzel," unterbrach ihn der alte Michel, H nach einer Seite geneigte» Kopf in gemütlicher Weise schütte � „drüber brauchst dich gewiß nicht zu ängsten, da oben M Berg die Riß schon seit zehn Jahren,'s ist auch schon u» sucht worden, aber da laßt sich halt nichts machen." � „Weiß' schon," entgegnete der Franzel ungeduldig, und I) dann kräftiger hinzu:„Na, ich bin dafür bekannt, daß � Hasenfuß bin, und wen» ich einmal eine G'fahr seh, wird's damit schon seine Nichtigkeit haben. Ich und die— Hilter, wir haben's gar oft schon verspürt, wenn's»»*"" � Dynaniit sprengen, was das für a G'walt hat, wie da| Boden schüttelt, aber so wie hcnt Hab ich's noch nie und wie ich näher zuschau, seh ich, daß manche �""»ei' kreuz und quer stehen, wie von unte» in der Wurzel g; � j Und wieder kommt ein Sprcngschnß, und da war nur 9 � als wenn ich den Boden unter meinen Füßen vcrlvlen, � und ich seh wie tue Baum' zittern und mir wird's|C'"L,al' lUf, den Auge». Wie wieder alles ruhig worden is, spring � � �| nimm meine Hacken und da bin ich. Da oben aber 1U'1 i mehr g'haut, das ist g'wiß, und unten sollt nix mehr g iverden.", dc-n In dem Augenblick trat der Pfarrer im Ornat' j,CIt Hause, und der Vorbctcr suchte nun, gleich einem Gen' Zug zu organisiren. 346 1 Die Männer aber, von dem Bericht de? Franzcl aufgeregt, hörten nicht auf die heiser kreischende Stimme des Vorbetcrs. „Was willst denn tun, Franzcl?" „Wohin gehst denn?" „Du willst die Anzeig machen?" „Aber denkst auch brau, wie viel Menschen du damit uni's Brot bringen kannst?" „Laß es gehen." „Begeh' keine Voreiligkeit. Mein Gott, die Berg' stch'n schon so viel tausend Jahr auf dem Fleck, seit die Welt er- schaffen ist, und sie werden steh'n bis zum jüngsten Tag." So erscholl es im wirren Durcheinander, und alle Augen richteten sich dabei univillkürlich gegen die steilen Wände des Plattenberges, der, nach der einen Seite zu, einen starken Ueber- hang zeigte. „Da oben, das Stücke! das so überhängt, das stürzt g'wiß amal herunter," urteilte der Gschwandtuer, der, nicht aus dem- selben Ort, die Sache kritischer betrachtete. „Aber wann, das ist die Frag," erwiderte» die anderen geradezu erbost und gereizt. Der alte Michel aber mit de» guten frommen Augen faltete die Hände:„Wir stehen in Gottes Hand, und ohne sein Wille wird uns so ein schweres Unglück nicht treffen." Aber nun sprang der Vorbeter in die Gruppe, die Leute energisch mit Schreien, Schieben und Stoßen in die Ordnung zwängend. f(3„t(. soigi.) 'Ts.. Nach A« st r a l i e n.*) Heute steht Australien durch eine nicht geringe Anzahl von Dampferlinien von Westen her in Verbindung mit der alten Welt. Drei von ihnen befördern in regelmäßigen Fahrten die Post zwischen Europa und den australischen Kolonien. Unter ihnen darf der Reisende wählen. Die älteste und bedeutendste ist die große Peninsular and Oricntal Steam Navigation Com- pany, welche mit 55 großen Dampfern von bis SUOO Tonnen Tragfähigkeit von Sonthampto» bis Jokohama und Sydney fährt. Wer den mehrfachen Wechsel der Schiffe scheut, mag in ununterbrochener Fahrt denselben Dampfer von Sonthampton über Gibraltar und Malta durch den Suezkanal nach Point de Galle auf Ceylon bennzen, wo ein Dampfer derselben großen Gesellschaft wartet, um die Reise nach Australien fortzusezen. Wer es aber vorzieht, die Seefahrt abzukürzen, und einen Blick auf Aegypten zu werfen wünscht, hat nach seinem jeweiligen Aufenthalt die Wahl über Paris und den Mont Cenis oder den Rhein hinauf über Gotthard oder Brenner, über Wien und den Semniering nach Venedig oder Brindisi, wohin jene englische Gesellschaft, kurzweg die P. and O. Company genannt, ihre Dampfer gleichfalls entsendet, um den Rcisendcii nach Alexan- drien zu führen. Von dort kann er nach Besteigung der Pyraniiden und Besichtigung anderer Wunder des Pharaonen- landcs über Kairo, am Süßwasscrkanal und den Großen Kanal entlang schnell genug durch die Eisenbahn Suez erreichen, um den inzwischen von Sonthampton angelangten Dampfer zu bc- steigen und in 14 Tagen die oben besprochene Fahrt über Aden nach Point de Galle zu machen. Den australischen Kontinent berührt er zuerst an seiner südivestlichen Ecke. Dort ist Albany am King George's Sund Kohleiistativn, das nach 15 Tagen erreicht wird; 5 Tage später ankert man auf der Rhede von Glenelg unweit Adelaide, um die Postfelleisen auszuladen. Hier wie auf westaustralischem Gebiet bietet sich Gelegenheit zu kurzer Unischan auf dem Lande. Nach drei Tagen ivird Melbourne erreicht und abermals drei Tage bringen uns nach Sydney, wenn wir nicht vorziehen, nun die Eisenbahn zu bennzen und so in der halben Zeit die Ufer von Port Jackson zu erreichen. Briefe und Zeitungen haben schon lange diesen Weg eingeschla- ge». Durchschnittlich gebraucht ein Brief, um von London nach Melbourne zu gelangen, auf der Route Southampton-Mclbournc 48 Tage und 15 Hz Stnndcn, via Brindisi nur 40 Tage und 15 Hz Stunden, also 8 Tage iveniger. Auf dem Rückwege ist die Durchschnittszeit nach Sonthampton 51 Tage llh'« Stunde, nach Brindisi 43 Tage 5 Hz Stunden. Doch haben die Post- dampfer ihren Bestimmungsort auch schon zehn Tage früher als die angegebene Zeit erreicht und sind in Melbourne von London nach 38, von Melbourne in London nach 41 Tagen ange- kommen. Die Dampfer der Orientlinie, welche von Plymouth über St. Vincent und das Kap der Guten Hoffnung zuerst Adelaide, dann Melbourne und Sydney anlaufen, brauchen durchs schnittlich nicht viel mehr als 47 Tage bis Adelaide, haben aber diese Entfernung auch schon in 41 Tagen zurückgelegt. Nach Sydney brauchen sie 49 Tage. Für diejenigen Reisenden also, welche die Dampfer der P. and O. Kompagnie von Sonthampto» aus bennzen, ist die Fahrt nach Australien keineswegs kürze» als mit der Orientlinie, welche lcztere für Waaren entschiede» vorzuziehen ist, da dieselben so, ohne während der Fahrt ver- laden zu werden, direkt an ihren Bestimmungsort gelange»- Die Entfernung beträgt in Seemeilen von Plymouth über Vincent, Kapstadt, Adelaide und Melbourne»ach Sydney 12620 Seemeilen, von Sonthampton über Gibraltar, Malta, Port �aid, Suez, Point de Galle, King Georges Sund, Adelaide, Niel- bourne nach Sydney 11 979 Secnicilen, die Differenz ist 0'' rund 900 Seemeilen. Eine Seemeile mißt 1,85 Kilometer. Eine dritte Dampferlinie zwischen England und Anstrasie» ist die zwischen London und Brisbane laufende der BriW Jndia Steam Navigation Company. Tie Dampfer dieser&c' sellschaft berühren Port Said und Suez, Aden, Batavia odc Singapore, die Thursday-Jnscl in der Torresstraße n»d J qucensländischcn Häfen Cooktown, Tvwnsville, Boiven und No_ hampton. Die durchschnittlich gebrauchte Zeit, um die Post"f' London nach Brisbane zu befördern, beträgt via Plymouth Tage, via Brindisi 47 Tage, umgekehrt werden 55 Tag- resp. 47 Tage 3 Stunden gebraucht. Die Entfernung* London über Suez und Singapore nach Brisbane beträgt 1 1 0 Seemeilen, ist also geringer als die der beide» vorhcrgcna»» Linien. Endlich bleibt uns noch ein vierter und sehr oft 0�*!% Weg, der nämlich über die Vereinigten Staaten. Die ck»?. Bd. *) Aus„Der Weltteil Australien", von Dr. K. Emil Jung. 1 u. 2. Verlag von Freytag& Tenipsky. Leipzig und Prag. vy, vvfc iiuiiuivif uvvv viv-v/vcv uii�ivu wimiiVM.. nach New- Jork wird von Bremerhaven in 13, von H»»''' in 14 Tagen zurückgelegt. Die Reise mit der Pacisic-Eisc"»h� nach San Francisco dauert 6'/« Tag, doch sind die Past»d� nicht gebunden, diese Strecke in nnunterbrochencr Folgc 4ul zulegen, vielmehr hat ihr Billet, für das sie 22 Dollars flf! haben, drei Monate Gültigkeit, und Ausflüge können an p Punkt der Linie gemacht werden. Man mag die S»;uiibh1', Niagara anstaunen. das Treiben von Chicago und � studiren und von Ogden mit seinen prächtigen Bcrglanbm)' � die Mormoncilstadt am Salzsee besuchen. In der~L"'„n. San Francisco warten die Dampfer der Pacific Mail �L"".'.c,i Honolulu wird in acht Tagen erreicht, Auckland»ach>v� j,, vierzehn Tagen und nach nochmals fünf Tagen laufen>» den Hafen von Sydney ein. Tic leztc Fahrt hat 2- Tag �» dauert und hat uns über 7218 Seemeilen geführck.®CI11- aus gebraucht ein Brief 46 Tage 5 Hz Stunden,>»" fl"' Wege nach Sydney zu gelangen, zurück sind 44~ns3f Stunden erforderlich.,. g-M Mit Ausschluß der Orientlinie erhalten alle d>eK � � Subventionen. Da eine solche für die Besorgung lu- � Galle von der englischen Regierung an die P. and L. 1 347 gczcihlt wird, so haben die australischen Kolonien nur die weitere tfortsezung durch eine Zweiglinie an ihre Küsten zu untcrstllzen. Für die Linie Point de Galle, King Georges Sund, Adelaide; Melbourne, Sydney zahle» England und die bctrefsenden Kolo- »ien zusammen 85 000 Pf. St. oder 1700000 Mark. Ueber die Teilung des Portos für Postsachen sind bestimmte Ab- '"achungen zwischen England und den vier Kolonien getroffen, wonach jeder Kontrahent einen bestimmten Teil erhalt. Queensland hat einen Kontrakt für sich allein geschlossen und zwar für 55000 Pf. St. oder 1100000 Mark unter lwr Bedingung(worauf früher hierher laufende Danipfergcsell- ichaften nicht eingehen wollten), daß seine Hauptstadt Brisbane der Endpunkt der Linie sei. An dem dritten Kontrakt mit Pacific Mail Company partizipircn Ncusüdwales und Acu- Kelniib zu gleichen Teilen, indem sie zusammen 89 950 Pf. St. uder 1 799000 Mark an die eben genannte Gesellschaft zahlen. Zu diesen und andern, durch englisches Geld und im eng- lischen Interesse unterhaltenen Dampferlinien haben sich in neuester Zeit, veranlaßt durch die wachsende kommerzielle Bc- luwtung des australischen Kontinents für die Industriestaaten Europas, mehrere Dampferlinien gesellt, welche teils durch Subsidicn der betreffenden Staaten unterstüzt werden, die teils bei den« lebhaften Frachtverkehr auch ohnedies ihre Rech- uung finden. Die deutsche Linie von R. Sloman in Hamburg gehört zu der zweiten Kategorie. Ihre Expeditionen zuerst über Kapstadt »ach Adelaide, Melbourne und Sydney dirigirend, hat sie bald den Weg durch den Suczkanal gewählt, durch welchen sie jczt regelmäßig in monatlichen Zwischenräumen ihre Dampfer ent- sendet. Zur ersten gehört die der wohlbekannten Messageries maritimes, deren Schiffe schon längst bis Mauritius gingen, und welche nun ihre Kurse bis zu den großen Handelspläzcn Australiens: Kings Georges Sund. Adelaide, Melbourne, Sydney und von da nach Reukaledonien fortsezk. Die Entfernung von Marseille bis Numca beträgt 13 9» den Revolutionsstürmen schlaff gewordene Menge. Tie republ« kanische Begeisterung war geschwunden; sie bestand fast nur»och in den Heeren, die an den Grenzen kämpften. Der Noyalism» trat drohend hervor; man hatte soeben(5. Oktober 1796) J-1' einen royalistischen Ausstand der pariser Bürger mit Kartätsche» unterdrücken müssen. Die Republik unter dem Direktorin»' unterschied sich übrigens.von einer Monarchie nur durch de» Namen, wenngleich die Phraseologie des Konvents noch in de» öffentlichen Erlassen beibehalten wurde.'i Tic Direktoren teilten sich in die Beaufsichtigung der Stao geschäfte. New bell beschäftigte sich mit der Justiz, den 3 und de» auswärtigen Angelegenheiten, vergaß aber nicht.' seinen Geldbeutel zu sorgen; Lareveillvre-Löpaux»''� nahm den Unterricht und Verwandtes und beschäftigte sich seiner neuen Religion; Lctonrncur hatte die Marine»»d L» Kolonien unter sich. Carnot beschäftigte sich mit dem$llC? wcsen, wie er int Wohlfahrtsausschuß getan. Er war der c' zige Demokrat im Direktorium, und sein reiner Karakter»>»'' sich von der Atmosphäre von Korruption, die das Direltou� umgab, abgestoßen fühlen. Carnot ist für die Schmach»»d � Verbrechen, mit denen sich das Direktorium beladen hatte,»' haftbar**). Barras, der von de» Geschäften wenig verstand, es, die Regierung zu repräsentiren. Da er sich den A»l) gab, als sei er die Seele der Regierung, so wurde er s>e» Tie eigentliche Geschäftsleitung überließen die Direktoren, Ausnahme Carnots, den Ministem***). Barras ist so ziemlich der Typus der neugeschaffenen, � � man sagen darf, bürgerlichen Aristokratie, welche Frankreich herrschte, und zugleich ist seine Person das b0 c von dem moralischen Zustand dieser Klasse. Er war",l (ich Vicomte de Barras und hatte in Ostindien als~lt" l]lt(in gedient. Beim Ausbruch der großen Bewegung wall' ihn in die Gcncralständc. Er spielte in dieser grolle» � sammlung keine Rolle, beteiligte sich aber an fast 11 ll~. ,voi, »wcut hielt er sich mit Dellien, ß' � lutionärcn Akten. Im Konvent h.........- r-• ftin»»11' und Bourdon von der Oisc zu der Partei Dantons.' cl. für den Tod des Königs. Als Konventskomniistär l1'1' limj 1793 nach dem Süden gesandt und ivar bei der fjnc ■Bert. Barras war gewöhnlich träge, aber im Moment der Gefahr konnte er eine außerordentliche Entschlossenheit beweisen. �icht nur beim Sturze Robespierres, sondern auch am 5. Ok- tober 1795, als die pariser Royaliste«, 30000 Mann stark, -f" Konvent angriffen, war Barras der Mann der Situation. !agte:„Ich kenne einen kleinen Korsen, der es ihnen be- i°rgen wird." Dieser kleine Korse war Napoleon Bonaparte, �n Barras bei Toulon kennen gelernt hatte. Bonapartcs Kartätschen schmetterten die Royalistcn nieder, allein damit war J« Bahn eröffnet, auf welcher Frankreich in die Hand eines Milklicheii und verwegenen Artillerielieutenants kommen sollte. uebrigens stand Barras zu Bonaparte noch in anderen Be- i>khuugen betreffs der späteren Kaiserin Josephine. Diese �aiephine, eine heißblütige Kreolin, erfreute sich keines guten Rufes. Ijchvi, ihr erster Gemahl, der General Beauharuais, hatte die Scheidung gegen sie beantragt. Beauharuais ward 1794 guillo- •nitt und Josephine ward die intime Freundin von Barras, et ße an Napoleon Bonaparte abtrat, wozu der„kleine Korse" JJJ'ch den Oberbefehl über die italienische Armee bekam, an deren er seinen Ruhm und seine Macht begründen sollte. . Barras und die Bourgeoisie, die der Zeitrichtung ent- Prechrnd republikanische Manieren angenommen hatte, konnten vch unter dem strengen Tugendregiment Robespierres nicht be- Mlich fühlen. Diese Klasse wollte ihren Sieg über die alte ustokratie genießen. Unter der blutigen Herrschaft des Schreckens r?r dies nicht möglich gewesen. Ein verwöhnter Gaumen konnte �>neu Bcsizer schon vor das Revolutionstribunal bringen; man ein � Dantons Schmausereicn in der Anklage gegen ihn nickt SlvHe spielten*). Man mußte spartanisch leben, um viukt �-U Robespierres verdächtig zu werden; man diat i*c®cn'"ähmc man seine trockenen Tugendpre- i m® cu.enif, und man beugte sich der dogmatischen Strenge seines offen Saint Inst. Paris kämpfte täglich mit einer Hungers- und das Dasein der verarmten Massen war nichts weniger dal fl)""'onschenwürdiges. Die schönen Reden im Konvent und �„�olutionstnbunal konnten über diesen Zustand nicht hin- 3 nuschcii und die sich so oft wiederholenden Ausstände der oi-nR'c �gten nur zu deutlich Zeugnis ab von der 3iot der : d�u Menge. ; jj0u�8 Schrcckcnssystem spendete dem Volke Hinrichtungen I Qp., �od, weshalb auch die große Masse ihren früheren Ab- a espierre so gleichgültig fallen und töten ließ. Die Rp's und Genossen hatten wohl die Zustände benüzt, um und seine Gcnoffen zu verdächtigen; in Wahrheit ju s/" über noch weit weniger daran, den« Elend der Masse "lte!!tct"- Sie wünschten nur für sich, für ihre Klaffe das flolant zurück mit seinen Genüffcn. seinem Prunk, seinen leicht,'. �uuen, seinen glänzenden Schauspielen und seinen Tjp!"�3tn Sitten. Der Unterschied war nur der. daß die tu,,?ten Luxeniburg die Stelle des alten Hofes in den bitten'," vortraten. Auf die Rückkehr der alten leichtfertigen regjp, uucrtc eine zahlreiche Menge, der das strenge Schreckens- Kigte"L e'n®rcuei war. Schon beim Sturze Robespierres iührt �'es- Als der geächtete Diktator zum Schaffot ge- lvz ennr'— C' cr'th'eilC11 an den Fenstern eine Menge von schäm- »ix.- ußten Franc», die man früher bei solchen Gelegenheiten hjiNnJ, t? hatte. Sie witterten, daß ihre Zeit wieder ge- %Uch.'C|- Indessen förderten auch noch andere Umstände die hatte 1, rfCr ueueintretcnden Reaktion. Das Schrcckcnssysteni hatte,,' ,t, ,lu.v die feineren Lebensgenüsse verpönt, sondern es ä»d �.'"4 einige rohe Menschen die Kunst, die Wissenschaften Q[, a®�lehrsamkeit in banausischer Weise verfolgt. Das �uchcbl � zusammen, um nach dem Sturze Robespierres den ."m 10 größer zu machen. �tädt,'' m?It die Jakobiner verfolgte, die Aufstände der jl Mederschlug und während an den Terroristen blutige �u/b��?ütriche des Revolutionstribunals schlachteten eine arme bÄ alz« im Kehricht einige faule Eier gesunden hatte. Dies [-tob, �kvergen von Lebensmitteln betrachtet und daraus stand Racheakte vollzogen wurden, die den Ausschreitungen des Schreckenssystems nicht nachstanden, sammelte sich in Paris die neue Gesellschaft, die aristokratische Bourgeoisie, die ihre Herr- schaft genießen wollte. Während der reaktionär gewordene Kon- vcnt jene wutschnaubenden Dekrete erließ, in denen die Jakobiner als Blutsäufer(buveurs de sang) bezeichnet wurden, eröffnete Frau Tallien ihren berühmten Salon, in dem sich die„feine" Gesellschaft und die berühmten Namen jener Zeit zusammen- fanden. Madame Tallien war eine Spanierin*); sie hatte in Bordeaux die Bekanntschaft Talliens gemacht, der dort als Kon- ventskommiffär blutig gegen die Anhänger der Girondisten wütete, zu deren Aufspürung man u. a. auch Hunde abgerichtet hatte. Tallien verliebte sich leidenschaftlich in die schöne Spa- nierin und bald beherrschte sie ihn; sie soll viele Verhaftete gerettet, aber auch Geld nicht verschmäht haben. Tallien, der im ganzen ein nichtsnuziger Mensch war, wurde abberufen und Frau von Fontenay als verdächtig verhaftet. Um sie zu retten war Tallien sehr tätig, ein Komplott gegen Robespicrre zu- sammen zu bringen, was ihm um so eher gelang, als niemand mehr seinen Kopf sicher fühlte. Tallien leitete den Angriff gegen Robespierre, der dessen Sturz herbeiführte, ein, und so ward die zwanzigjährige Spanierin eine der Ursachen jener großen Katastrophe vom 27. Juli(9. Thcrmidor) 1794. Die Frau Parlamentsrätin ward nun Frau Tallien und gab unter den glänzende», genußsüchtigen, leichtsinnigen und frivolen'Besuchern ihres Salons den Ton an. Man wollte in vollen Zügen genießen; deshalb ward zunächst die Ehescheidung erleichtert. Schon„die Unzuträglichkeit der Gemüts- stimmnng"(incompatibilitä d'bumcur) reichte hin, eine Schei- dung zu begründen. In der Mode, bei denen wiederum Madame Tallien den Ton angab, beflissen sich die Frauen einer mehr als griechischen Nacktheit. Die Männer bewohnten, um mit Viktor Hugo zu reden, ungeheure Halskrausen und waren bemüht, die Steifheiten und Lächerlichkeiten des ancien regime wieder zu beleben oder womöglich noch zu übertreffen. Die Tracht der Frauen schien förmlich darauf berechnet zu sein, die äußerte Zügcllosigkeit da einzuführen, wo sie nicht vorhanden war. Ei» Schriftsteller nannte die Mode, bei der Frau Tallien den Ton angab, das eostume de nudite(die Tracht der Nackt- heit). Die Damen erschienen in weiten weißen Gewändern, die an den Seiten weit offen waren vom Gürtel an, der ungemein hoch, dicht unter der Brust, um den Leib gelegt war. Brust und Nacken waren ganz entblößt. An den Füßen trug man statt der Stiefclchcn Sandalen; auch die Strümpfe fand Madame Tallien überflüssig, um die elegante Form ihres Füßchens besser bewundern lassen zu können. Sie brachte die Mode auf, an den großen Zehen kostbare Ringe zu tragen. Zuweilen be- schränkte man die Kleidung auch auf das Acußerste und die Damen erschienen in fleischfarbenen Trikots. In diesem Kostüm, „das nichts verhüllt," wurde die Tallien häufig abgebildet.**) Unter der Menge gab es natürlich Frauen, die weit über die Lascivität der Tallien hinausgingen. Es schien, als wolle man zu einenl ganz und gar paradiesischen Kostüm zurückkehren. Eines Tages entstand ein gewaltiger Straßenauflauf in Paris. Drei junge Mädchen, die Töchter angesehener Familien, waren *) Therese Tallien war die Tochter des Grafen Cabarrus in Sa- ragossa; sie heiratete sehr jung den Parlamentsrat Fontenay, von dein sie sich scheiden ließ, um Tallien zu heiraten. Napoleon gehörte auch zu ihren Verehrern, brach aber bald mit ihr. Sie ließ sich von Tallien scheiden und heiratete den Fürsien Chimay. Sie starb 1835. **) Der bekannte Historiker W a ch s m n t h hat mehrere von diesen Abbildungen gesehen. Eine Broschüre aus jener Zeit, betitelt:„Brief des Teufels an die vcnvorfenste Dirne von Paris" zählt die Sünden der Tallien auf und spricht von ihren abgeschnittenen Haaren, ihrer entblößten Brust und ihren fleischfarbenen Beinkleideni. Ein Volkslied besingt die Mode der dünnen Kleider, durch welche alle? durchscheint und die so sehr bequem sind: „Gr&ce ä la mode On n'a qu' un vÄtement, Ab! Que c'est commode; On n'a qu'un vStement— II est transparent" etc. 350 von der Sucht nach der Nacktheit dermaßen angesteckt worden, daß sie sich auf die Straße begaben, ohne mit etwas anderem als mit einem ganz dünnen Schleier, der von den Schultern bis zu den Knieen ging, bekleidet zu sein. Sie wurden von der Volksinasse unter Spott und Hohn nach Hause gejagt. Ter Kleidung entsprach das Leben, das diese Gesellschaft führte, und Barras wurde bald für die männliche Welt das- selbe, was die Tallicn für die weibliche war. Tic Wohnung deS Direktors wurde der Schanplaz wüster Orgien. Da man Barras als die Seele des Direktoriums betrachtete, so trug seine Beteiligung an allen Ausschreitungen der vornehmen Welt nicht wenig dazu bei, Haß gegen das Direktorium zu erwecken und zu nähren. Ter dritte im Bunde mit Barras und Tallicn war Frsron, dessen Zeitung das Lieblingsorgan dieser zügellosen Gesellschaft war. Damals hatte schon jenes Erpressnngssystem begonnen, mit dem das Direktorium den bis zur Leistungsunfähigkcit geschwäch- ten Finanzen Frankreichs wieder aufhalf. Wo seine Heere ein- brachen, wurden Millionen und aber Millionen als Kriegskon- tributionen erpreßt und nach Paris gesandt. Man begnügte sich nicht mit Geld, sondern nahm auch berühmte Gemälde und Statuen, überhaupt alle kostbaren Knnstsachen mit, die den fran- zösischen Generalen gefielen. Die Direktoren sandten de» Ge- neralen lange Anweisungen bezüglich der Erpressungen. Die Bonaparte, Massona, Augerean, Soult, Morean, Vandamme, Jonrdan, Hoche, Kellermann, Sonham, Saint Cyr,' Kleber u. s. w. haben Millionen über Millionen erpreßt und nach Paris gesandt. So hatte das Ausland die Orgien dieser rcpu- blikanischcn Aristokratie zu bezahlen. Unsere Illustration(S. 352 53) stellt einen Vormittag bei Barras vor. Ter lüderliche Direktor nimmt die Huldigungen der nur zu zwei Dritteln bekleideten Damen entgegen, die seinen Hofstaat bilden. Die Staatsmänner und Generale treten zurück vor der Pracht und dem Glanz der weiblichen Toiletten, und auf Barras niederträchtigem Gesicht liegt ein Lächeln der Be- fricdigung. Aber in der Ecke rechts steht der junge Mann mit langgelocktem Haar, dessen Bayonete bald diese verfaulte Ge- scllschaft*) über den Hansen werfen werden, um an ihre Stelle einen eisernen Militärdespotismus zu sczen— Napoleon Bonaparte. Hinter Napoleon steht in glänzender Husaren- uniform Mural, der in den Zeiten revolutionärer Hochflut sich *} Napoleon nannte den Bairas und seine Partei„die Versanlten" (las pourris). „Marat" nannte und später König von Neapel werden sollte. Ter Blick, den der„kleine Korse" ans Barras wirft, verkündet den ganzen Ehrgeiz, der in seiner Brust stürmt und tobt. Die Dircktorialrcgierung, die in der Tat„verfault" war, mußte bald ihrem Schicksal verfallen, wenn auch Barras und Tallicn mit allen Parteien konspirirten*). Umsonst stieß man beim Staatsstreich von 1797 den edlen Carnot aus; umsonst verlezte Barras die Verfassung und ließ eine Anzahl Mitglieder der Opposition in den gesezgebendcn Körpern verhaften und z»r Deportation verurteilen; die Position des Direktoriums wurde imnier unhaltbarer. Die Personen wechselten; Merlin von Douay, Treilhard u. a. kanien ins Direktorium, und zulezt der hinterlistige Sieyes, der sich sogleich nach Bonapartes Rückkehr aus Egypten mit dem berühmten jungen General zum Sturz der Regierung verband. Aber Bonaparte überließ ihni»ickil die Regierung, wie er gehofft hatte, sondern nahm alles für sich in Beschlag, und Sieyes sagte sich:„Wir haben einen Herrn". Man hatte diesen Herrn auch verdient. Barras, der bis zulezt im Direktorium geblieben wurde von Napoleon genötigt, sich auf sein Gut Grosbois zurückzuziehen, wohin ihn Napoleon„zum Schuze" durch eine Schwadron Husaren begleiten ließ. Er lebte noch eine Weile>» Frankreich; da Napoleon aber von seinen Konspirationen nis bekam, mußte Barras Frankreich verlassen.. 1816 wurden alle Kvnventsmitgliedcr, die für den D'i Ludwig XVI. gestimmt hatten, aus Frankreich ausgewiesen,\0' weit sie noch am Leben waren; nur Barras und Tallien blieben davon ausgenommen. Alan hielt sie deshalb für geheime Anhänger der Bourbonen. Als Barras 1829 starb, ließ die gierung seine sämmtlichen Papiere sofort mit Beschlag belegen- Tallicn starb verachtet und vergessen 1820 zu Paris. Wenn der Kulturhistoriker Kolb sagt, die Verfassung w'N Jahre III sei für Frankreich die vernünftigste gewesen, so wn man darüber streiten; das aber steht fest, daß selten eine Ve fassung auf einer korrupteren Basis stand, als jene LerftiPw■ die sich auf die Schultern der aristokratischen Bourgeoisie Direktorialzeit gestüzt hat. lui* *) Barras konspirirte mit Royalisten, Demokraten und sogae, eS scheint, mit dem Kommunisten Babeuf; Tallien wurde als O licher Royalist verdächtig; um seinen Ruf wieder aufzufrischen,. PO 1795 nach der Schlacht von Quiberon etwa 600 gefangene die Frankreich mit den Waffen in der Hand und mit englischer t angegriffen hatten, erschießen lassen. Der eine Schurke hatte Luisen, die einer Ohnmacht nahe war, schon zur Tür hinausgeschoben, und der andere machte sich das teuflische Vergnügen, meinem Vater das Bajonct so fest gegen die Brust zu drücken, daß es den Rock durchdrang und die Haut rizte. Da klang ein neuer Schritt auf der Treppe; ich konnte nicht sehen, wer kam, aber ich hörte einen kurzen. heftigen Wortwechsel in französischer Sprache, und gleich darauf trat der Korporal Morin, die leblose Luise in den Armen haltend, von dem Voltigcnr gefolgt, dessen Augen Blizc ohnmächtiger Wut zu sprühen schienen, in die Kammer. Er legte das Mädchen sanft auf mein Bett, dann schlug er das Bajonet zur Seite, das noch immer meinen Vater bedrohte. Er brauchte nicht viel zu fragen. Die Situation, in der wir uns befanden, die schweren Lcinwandsäcke der Soldaten, das Loch in der Mauer sagten ihm alles. „Schurken, Hunde, die Ihr seid," schrie er die Voltigcurs an,„ist das eure Tapferkeit, wehrlose Bürger auszuplündern und zu verlezen; habt Ihr den gestrigen Armeebefehl vergeffen, der bei strenger Strafe die Schonung des Privateigentums an- Aus der Franzoscnzeit. Erzählung von T r a vt z.£ e ß nt a«»t I (S ordnet? Auf der Stelle gebt euren Raub wieder und e>> � euch, wenn Ihr nicht wollt, daß ich eure Haiidlungswep Kapitän melde. Ihr wißt, was euch dann erwartet!" � Ohne ein Wort zu entgegnen leerten die Kerle ihic � bcutel wieder aus und schlichen wie ein paar begossene>. die Treppe hinunter._ „Gott sei Dank," sagte Morin, uns allen die Haud� � „daß mich mein Dienst nochmals in die Stadt zurücksüh'�z ahnte ähnliches und eilte, nachdem ich mich meines �.�tcv entledigt, nochmals hierher. Gottlob kam ich noch 3U Zeit". Klick- Keines von uns ivar eines Wortes mächtig, nur i>u; konnten wir dem wacker» Manne danken. Doch dien nichts davon zu bemerken, seine Augen ruhten allein aus die sich eben von ihrer Betäubung zu erholen begann. Da schallte Trommelwirbel von der Straße heraus., fuhr wie aus tiefem Traume erwachend auf und stnw �sfc» der Hand über die Stirn, als ob er eine» Gedanke» Ausführung unmöglich war, verscheuchen wolle. mohk!" „Es wird Allarm geschlagen, ich muß fort, lebt a e l'ef et lind schüttelte uns nochmals die Hönde; Luisens Hand ober zog et einen Augenblick a» seine Lippen, dann wandte et f'ch und stürmte hastig hinaus. Eine Viertelstunde später war kein Franzose mehr in der �tadt zu sehen. Auf den Rat des schleunigst herbeigerufenen Arztes wurde meine Wunde mit Eiswasser gekühlt, und am o»denl Tage konnte ich bereits wieder umhergehen. Das Geld und die Wertsachen hatte mein Vater am Abend desselben feiges außerhalb der Stadt in unserm Garten vergraben,>vo �»»entdeckt blieben, bis wir sie nach Beendigung des Krieges wiederholten; an ihrer Stelle tvarf ich die Trümmer der zer- tchliigciicii Kuriositäten in die Höhlung, und sezte das Loch einst- weilen mit den herausgebrochenen Backsteinen, so gut es ging, wieder zu. Da>vir nicht gleich einen Handwerker bekommen Knuten, der die Wand gründlich reparirt hätte, wurde ein «iieiderschrank vor die beschädigte Stelle gerückt und beschlossen, baß das Loch erst zugemauert werden solle, wenn die Kammer nächsten Sommer frisch getüncht werde, aber da aus ver- schiebenen Gründen kurze Zeit darauf mein Bett in einem andern "iaunie aufgeschlagen wurde, unterblieb das Tünchen, und auch uns Loch wurde nicht vermauert. Wir erinnerten uns»och oft jenes Schreckenstag, aber von jWrin vernahmen wir nichts wieder, so sehr sich auch mein "oter bemühte, seinen Aufenthaltsort zu erfahren, um ihm bwnigstens schriftlich unfern Dank ausdrücken zu können. Seitdem waren sieben Jahre vergangen, ich hatte mich ver- tratet und die Apoteke übernommen. Napoleons Glücksstern jjwr in Rußland verblichen, und die Völkerschlacht bei Leipzig hotte�seinem Verhängnis das Siegel aufgedrückt. Tie kämpfenden Heere blieben diesmal unserer Gegend fern, "or endlose Wagenkolonnen oder Gefangenentransporte zogen "onchmal durch unser Tal. Eines Tages, es war im November und nach vielen kalten Regentagen noch verhältnismüßig Jr wilde Witterung, eskvrtirten etiva fünfzig österreichische Manteristen und ebensoviel Kosaken eine Schaar von fünf- bis � whundert gefangenen Franzosen durch die Stadt. Die Oester- .�'Aer marschirteu an der Spize und am Ende des Znges, zn elleii beiden Seiten die Kosaken ritten. Sie schienen wohl- 9f»iihrt und wohlgekleidet zn sein; um so schlimmer waren aber w armen Gefangenen daran, man merkte es ihnen an, daß sie J011 ,bieIe angestrengte Tagemärsche bei schlechtem Wetter und Wkuügcnder Verpflegung zurückgelegt hatten. Kleider und . chuhlverk waren abgerissen und beschmnzt, und viele schleppten obe"v*"I'Wom weiter. Ich sah wie einer zusammenbrach, kasü Kosaken prügelten ihn so lange, bis er sich Wiederaus- »J c'"ach fünfzig Schritten stürzte der Arme wieder zu Boden .."o» nenem regnete es Hiebe aus ihn, er wankte abermals schritte weiter, dann fiel er abermals auf das Pflaster, i'tacl Cl""" irvz aller Schläge bewußtlos liegen blieb, warb/ w" Kosak mit seiner Lanze in den Rücken, und ebenso über es dessen Kameraden, die noch an dem Leblosen vor- wlten, der ganz durchlöchert wurde. kern®ai�e Kalonne lagerte sich auf der von der Saale und Bru/'?grabe» gebildeten Insel, über welche die große steinerne �icn �"ud von der Bürgerschaft mußten schleunigst eine djx Kartoffeln, Brot, Fleisch und Bier geliefert werden, um efangenen und ihre Eskorte für den Abend und andern verpflegen. war unb unseren beiden Nachbarn zur Rechten und Linken da? oU'®efle6en worden, je ein Brod zn liefern, und da ich mir Ctjjs.��ben gern ansehen wollte, packte ich unserm alten iioa � Cwwpt die drei Brote in einen Tragkorb, nahm auch dorhxx"� großen Topf voll Wurstsuppe mit, wir hatten kurz schlachtet, und ging mit Haupt hinunter nach der Insel. dog,»eanzosen waren von einer dichte» Postenkette umstellt, Arad-.%" wir ohne rveiteres durchgelassen und gaben unsere giiig � Cl" Proviantmeister ab; der Topf mit der Wurstsuppe fUisrt pJ.""iuiw zu Mund, und dieselbe schien den Franzosen brach ps. 1-nct 5" schmecken, beinahe hätten sie mir den Topf zer- ' w drängten sie sich herum. „O, Monsieur,'aben Sie nicht noch ein wenig von die gute Bouillon für ein Kranker," sprach eine schwache Stimme hinter mir. Ich wendete mich um und schaute in ein blasses, einge- fallenes Gesicht, dessen Augen tief in ihren Höhlen lagen. Leider hatte ich keinen Tropfen Suppe mehr im Topf und wollte dem Franzosen eben ein kleines Geldstück geben, als der- selbe meine Hand ergriff und mich starr anblickte. „O, mein Gott, Sie sind es, Monsieur F.," rief er endlich auf französisch.„Kennen Sie mich nicht mehr?— Ich heiße Morin!" Jezt wußte ich, warum mir die Stimme so bekannt vor- gekommen>var. Ja, er war es, unser einstiger Retter, und mit einem Freudenschrei fiel ich ihm um de» Hals. „Morin, armer Freund," sagte ich,„wie sehen Sie ans; ich hätte Sie kaum wieder erkannt." „Ich habe auch viel erduldet, seit unser Heer den Rückzug aus Rußland antreten mußte," erwiderte er,„das meiste aber seit meiner Gefangennahme vor vierzehn Tagen. Ich werde wohl bald ausgelitten haben, denn ich kann mich kaum noch fort- schleppen und— haben Sie gesehen, wie es heut einem meiner Kameraden ging, den die Kosaken niederstachen, weil er nicht mehr weiter konnte? So ist es in den lezten Tagen schon mehreren gegangen, und dasselbe Schicksal wird auch mich er- eilen." „Bei Gott, das soll nicht werden," rief ich,„ich rette Sie, mag es gehen, wie es will!" „Wie! Sie wollten, Sie konnten—" antwortete Morin, und seine Augen blizten freudig auf. „Ruhig!" antwortete ich,„wir fallen auf, wenn wir uns zn laut und zn lange unterhalten. Gehen Sie jezt scheinbar von mir weg, aber halten Sie Sich in meiner Nähe; ich will unter- dessen überlegen, ivie es am besten geht." Morin gehorchte, und ich ging scheinbar planlos zwischen den Soldaten und den Kochfeuern umher. Endlich war ich hinter einen Weidenbusch gekommen; auf meinen Wink trat Morin hinzu, und im Nu hatte er den langen Rock des alten Haupt über seine Uniform gezogen und den Korb ans dem Rücken. Ich stülpte ihm noch die Zipfelmüze des Stößers über den Kopf »nd schritt dann mit ihm einer Stelle zu, an der die Posten etwas weiter auseinanderstanden. Ich sah, daß die Leute ans der Stadt, welche Lebensmittel gebracht hatten, von den Wachen lvenig beachtet wurden, und hoffte, daß auch ich mit meinem Schüzling unbehelligt durch- kommen'würde. Wir mußten in einer Entfernung von etwa zehn Schritten an der nächsten Schildwache Vorbeigehen; der Mann sah gerade nach einer anderen Richtnng, da eben zwei große Fässer mit Bier in das Lager gefahren wurden, und ich wollte diesen Augenblick benuzen, um mit Morin vorbeizukommen. Doch gerade, als«vir dem Oesterreicher am nächsten waren, drehte sich dieser um und rief uns ein donnerndes„Halt" z». — Ich war zum Tod erschrocken, und auch Morin war noch bleicher geworden. „Wohin wollen Sie mit dem Franzosen?" fragte der Posten. „Sie irren sich, es ist ein Arbeiter von mir, der mir einen Korb voll Brod getragen hat," antwortete ich, mich gewaltsam fassend, indem ich zugleich dem Soldaten ein Zehngroschenstück in die Hand drückte. Dieser hielt die Münze eine zeitlang zweifelnd zwischen den Fingern, dann steckte er sie ein; ließ uns aber nicht Passiren, sondern zeigte ans die weißen Militärhosen Morins, welche unter dem Rocke hervorsahen, und trieb uns, ohne ein Wort zn ver- lieren, mit dem Bajonet nach dem Lager zurück. „Gott sei Dank, daß Sie wenigstens nicht arretirt wurden," sagte Morin,„lassen Sie mich und bringen Sie meinetwegen nicht auch Ihr Leben in Gefahr." „Nein," antwortete ich,„ich denke noch nicht daran, Ihre Rettung aufzugeben. Bei Tage geht es freilich nicht, lvir hatten beide nicht daran gedacht, daß die Hosen Sie verraten müßten; aber glauben Sie wohl, daß Sie Sich in der Nacht 354 zwischcn dc» Posten duichschlcichcn könnten? Wie haben bedeckten Himmel, e? wird sehr finster werden." „Es wird schon möglich sein." „Nun gut; sehen Sie das Gebüsch jenseits des Mühlgrabens, dort will ich Sic heute Nacht, wenn es in der Stadt zwölf Uhr geschlagen hat, erwarten. Bis dahin leben Sie wohl." Wir schieden, und ich erwähnte zu Hause von der Bcgeg� mnig mit Morin und meinem Plane vorläufig nichts, band es auch Haupt auf die Seele, zu schweigen, denn ich wollte die Meinigen nicht vor der Zeit aufregen. Gegen Mitternacht schlich ich mich mit einem Bündel Kleidungsstücke durch die Hintertür und gelangte, ohne jemand begegnet zu sein, in das Gebüsch, welches ich Morin bezeichnet hatte. Bald darauf schlugen beide Turmuhren der Stadt zwölf. Es war so finster, daß man kaum die Hand vor den Augen sehen konnte, drüben im Lager glommen nur noch einige kleine Feuer und zum Ueberflnß fing es auch noch leise zu regnen an. Ich brauchte nicht lange zu warten, nach einer Viertelstunde hörte ich, wie jemand vorsichtig durch den Mühlgraben watete. „Pst," machte ich leise. „C'est moi," tönte es ebenso zurück. Es war Morin. Rasch hatte er seine zerlumpte Uniform abgeworfen und sich mit den trocknen Sachen bekleidet, die ich ihm reichte, dann schritt er an meiner Hand der Stadt zu. Wir waren noch keine zehn Schritt weit gekommen, als wir in dem Lager den lauten Ruf einer Schildwache hörten; gleich darauf folgte ein lauter, schrecklicher Schrei von derselben Stimme, und dann klang es, als ob eine Person in das Waficr spränge und hastig nach dem diesseitigen User hcrübcrstrebe. Wir achteten nicht auf das, was weiter folgte, sondern eilten so schnell wir konnten in die Stadt. Um etwaige Verfolger irre zu führen, ging ich nicht direkt auf mein Haus zu, sondern machte einen Umweg; doch blieb hinter uns alles ruhig und ich zweifelte nicht mehr daran, daß wir unbemerkt heimkommen könnten. Um zu meiner Hintertür zu gelangen, hatten wir nur noch ein enges Gäßchen zu durchschreiten, welches so schmal war, daß kaum zwei Personen nebeneinander gehen konnten. Wir befanden uns gerade in der Mitte derselben, als plözlich ein Heller Lichtschein vor uns auftauchte; ein Mann mit einer Hand laterne kam uns entgegen. Es war der Barbier L., der aus der Kneipe nach Hanse ging; ein herniitergckvmmencr liederlicher Mensch, der mich haßte, weil ich ihn einmal wegen unbefugten Verkaufs von Medikamenten hatte bestrafen lassen. Er leuchtete uns mit seiner Laterne ins Gesicht und ging dann ohne Gruß weiter. Zwei Minuten später traten wir in mein Haus ein, und ich brachte Morin einstweilen in nnserm Gastzimmer unter. Ich begab mich gleichfalls zu Bett und dachte lange darüber nach, wie erstaunt meine Angehörigen sein würden, wenn ich ihnen beim Kaffeetrinken Morin vorstellte, machte Pläne, wie und wo ich ihn bis zur Beendigung des Krieges verbergen wollte, und was mir sonst noch durch den Kopf ging, denn die gehabte Aufregung ließ mich lange nicht einschlafen, erst gegen Morgen fielen mir die Augen zu. Ich hatte noch nicht lange geschlummert, und es war noch dunkel, als ich durch heftiges Läuten der Nachtklingel wieder geweckt wurde. Acrgcrlich ging ich zum Fenster und fragte, wer unten sei und was gewünscht werde. »Ach, Herr Apoteker, kommen Sie rasch mal herunter, ich muß Ihnen etwas Wichtiges sagen," rief eine gedämpfte Stimme herauf, die ich als die des alten Haupt erkannte. Ich eilte die Treppe hinunter und ließ den Alten, der am ganzen Leibe zitterte, eintreten. „-renken Sie nur, Herr Apoteker," sagteer,„was ich eben gehört habe, tie wissen doch, daß ich mit deni Barbier L. in einem Hanse wohne. Diese Nacht kam er, wie gewöhnlich, erst gegen eins mit seiner Laterne nach Hause, er war auch ohne diese illuniinirt genug; kaum war er die Treppe hinauf, 'da pochts unten an der Haustiire und es ruft jemand, L. solle sogleich zum Doktor kommen und mit diesem einen Weg machen. Das war gerade nichts wunderbares, denn da L., troz seiner Versoffcnheit, ein geschickter Chirurg ist, ninimt ihn der Doktor oft mit, wenn er eine schwierige Operation oder so etwas ähn- lichcs vor hat. Aber vorhin kommt L. wieder heim und lacht in seiner Schlafkammcr, die von der meinigen nur durch eine dünne Wand getrennt ist, so laut' ans, daß ich davon munter werde. Als ihn seine Frau frng, was er denn habe, sagte er, jezt habe er aber deni Apoteker, dem verfluchten Ncnnund- neunziger, eine Suppe eingebrockt, an der dieser zu löffeln haben werde. Es seien zwei von den gefangenen Franzosen ansgc- rissen und hätten einen von den Ocsterreichcrn, der sie jedenfalls habe aufhalten wollen, erstochen. Man habe sie zwar gleich verfolgt, aber nicht erwischt, doch hätte man die Montur des einen am andern Ufer des Mühlgrabens gefunden, und daraus geschlossen, daß dort jemand auf ihn gewartet und ihn mit andern Kleidern versehen haben müsse. Da habe er, L., dem österreichischen Offizier erzählt, daß er diese Nacht Jh»c» mit einem fremden Mann, der, er wisse es genau, Ihren alte» grangescheckten Rock angehabt habe, im Gäßchen begegnet fi'st Sic hätten den Mann an der Hand geführt und mit in Ihr Haus genommen. Daun habe ein Soldat erzählt, daß sch/'" gegen Abend ein Bürger versucht hätte, einen der Franzostu aus dem Lager zu führe», und die Beschreibung des Ma»»� hätte ganz ans Sic gepaßt, das habe er auch dem Osfizwr gc- sagt. Darauf habe dieser geäußert, daß er mit Tagesanbruw die Apotekc wolle umstellen und durchsuchen lasten. L. meintc, wenn der Franzose bei Ihnen gefunden werde, würde er unfclfi bar erschossen, und Sie mit, oder Sic kämen wenigstens r>» Paar Jahre ins Zuchthaus, weil Sic einen Feind des landes nnterstnzt hätten."- Ich war wie vom Donner gerührt. Mein erster Geda» 1 war, Morin mit Haupt aus der Stadt zu schicke», aber farj graute der Tag, und sie konnten gerade den Soldaten i>>_ Hände laufen. Nein, das ging nicht, er mußte im Hause vcr steckt werden; aber wo?— Da fiel mir der Winkel hiuter H Feueresse ein, in welchem wir damals unser Geld verborge hatten, und ohne mich weiter zu besinnen, eilte ich mit die Treppen hinauf, weckte Morin und führte ihn,"ockche ich ihn von der drohenden Gefahr benachrichtigt hatte, in 1 Altanstube..i Ich hatte dort einen großen Glaskasten stehen, in dem" mir vier Kreuzottern hielt, weil ich mich seit einiger. beschäftigte, an lebendigen Tieren, meist Kaninchen, die W»> verschiedener Gegengifte gegen den Biß dieser Reptilie" studiren._ ff.it Wir wagten kein Licht anzuzünden, und in derJO'"' stieß Morin das Tischchen mit dem Glaskasten um. Toch � wir jezt keine Zeit, uns um die Schlangen zu bekümiuei»�,� schoben den Schrank, der noch vor dem Loche stand, 3�.-'%. ich nahm die Steine weg, und Morin kroch durch die~ 1 T ann seztc ich die Steine flüchtig wieder ein und 14" Haupt den Schrank an seinen Plaz zurück. s. fl)ic Es war die höchste Zeit gewesen; wir waren frnini L'� � Treppe herunter, da donnerten schon K olben schlüge!)CÖ' cchc Laden der Offizin, und als ich öffnete, drang der östcvre Offizier mit zehn Soldaten herein.„Ada Run wurde ich einem scharfen Verhör unterwouui, ich nichts gestand, das Haus vom Keller bis zum-'„a ich sucht. Es fand sich keine Spur von dem Franzosem ��r l'vsstc schon, daß die Oesterreicher unverrichteter �„„d abziehen würden; aber der Offizier hatte einen/ m�jdcc- bei sich, und diese Bestie ließ nicht nach, vor meine"'*(1„j, schrank zu bellen und zu scharren, bis der Offizier, e» merksam darauf wurde.. � HM'd Da sich in dem Schrank nichts Ausfälliges w" das sich aber gar nicht beruhige» wollte, befahl der W» Möbel wegzurücken.„.Mickten d'' Mir schwindelte, als ich den Befehl horte,_, Soldaten das Loch, so war Morin eindeckt und wir' .Halt," rief ich.„laßt den Schrank stehe». Ick) habe gesten, den Behälter da zerbrachen, in deni ich giftige Schlangen auf- bewahrte; sie haben sich hinter den Schrank verkrochen, Ihr seid des Todes, wenn Ihr sie verjagt." Tic Soldaten lachten mich nur ans und taten, wie ihnen geheißen war. „Was ist das?" fragte der Offizier, als zwar keine Schlangen zu», Vorschein kamen, wohl aber das Loch sichtbar wurde. Mir stockte fast der Atem vor Angst, doch erzählte ich mög-- bchst ruhig von den Vorgängen an jenem elften Oktober und behauptete zugleich, die Schlangen würden wohl hinter die Esse gekrochen sein. »Nun, wir lvollen sehen," meinte der Offizier und befahl kuieni Soldaten, die Steine herauszunehmen und durch das Loch ö« krieche». . Der Mann gehorchte, war aber noch nicht mit halbem Leibe 111 der Kammer, als er mit einem Schrei zurückfuhr. An seiner Achten Hand hing der Totcnkopf; er hatte mit zwei Fingern gkrade in eine der Augenhöhlen gegriffen und sich leicht fest- Mlemmt. Mit Hülfe eines Llameradcn gelang es ihm, sich °u dem Anhängsel zu befreien, aber als dieser den Schädel iu Boden warf, ringelte sich zu aller Schrecken eine große Kreuz- „ Jttei daraus hervor, die, che wir uns besannen, wieder hinter j j.et®'"ie verschwand. Zugleich bemerkte ich an dem Mittel- oUger des Soldaten der in den Totenkopf gegriffen hatte, einen Ii r„cincn blutigen Biß, dessen Ränder sich schon schwarzblau ■? ten. Ich machte den Offizier darauf anfmerksain und bat ?u, den Mann sofort mit mir in die Offizin gehen zu lassen, CV sonst unfehlbar verloren sei.— Jezt wagte sich keiner lirf�1 t>"1� das Loch; der Offizier selbst schien es für unmiig« 3 i» halten, daß sich ein Mensch dort in der Gesellschaft der " ichlangen befinde, und das Gebühren des Hundes auf Rech- nnng der Ottern zu sezen, alle begleiteten mich in die Offizin. Dort wandte ich bei deni Gebissenen, dem schon die ganze Hand geschwollen war. alle mir bekannten Mittel gegen den Otternbiß an, und nach einer halben Stunde hatte ich die Freude, zu sehen, daß die Geschwulff nachließ und die Oesterreicher mit ihrem Kranken abzogen. Voll banger Sorge um Morin eilte ich nun ivieder»ach oben, diesmal von meiner ganzen Familie begleitet, denn ich konnte den Meinigen den wahren Sachverhalt nun nicht mehr verschweige». Unsere erste Umschau galt den Kreuzottern. Drei derselben lagen zusammengerollt unter einem Haufen Papier in einer Ecke der Kammer und wurden leicht getötet. Nur eine befand sich in Morins Versteck, doch gelang es mir, auch diese ohne Gc- fahr unschädlich zu machen, und nun rief ich Morin zu, her- vorzukommen. Soll ich dir das Wiedersehen beschreiben? Es würde mir doch nicht gelingen; nieine Angehörigen fanden kaum Worte, ihre Freude auszudrücken. Glücklicherweise war das die lezte Gefahr gewesen, in der wir schwebten. Unser Gast blieb fortan unbehelligt in unserem Hause verborgen, und da du weißt, daß er später meine Schwester Luise heiratete, kannst du dir leicht denken, was nun folgte. Ehe Morin uns nach dem Friedensschlüsse verließ, hielt er bei meinen Eltern um Luisens Hand an, und da wir ihn während seines Aufenthaltes bei uns nur noch lieber gewonnen hatten, er auch über seine Berniögensverhältnisse genügende Nachweist brachte, gaben meine Eltern gcni ihren Segen, zumal da Luise gestand, daß sie Charles ebenso innig liebe, wie er sie. Im nächsten Jahr kam Mvrin wieder, von seinem Vater be- gleitet, und nachdem ihm Luise hier angetraut worden war, nahm er sie mit sich nach seiner Heimat." Zum Knpittl dts deutschen Studeutentums. Bon e i u e in b c m o o st e n Haupte. Hani�ju�f keS deutschen Ctudcntentums ging von jeher ivälzt sich eine Bölkertvanderung meist altehrwürdiger Gestalten Schichte|J> n"t u"'CVCl politischen und wissenschaftlichen und Gesichter heraus— Veteranen mit zersezten Gesichter»— Lebnis j ft~f k" gegenwärtige Zustand unseres akademischen„alte Herren" mit Stimme», die der Gram des nahen Examen l®ifccth)v)'.0 extravagant und im großen und ganzen so verdüstert— lauter Leute in einem Alter, in dem andere der �j--""d. mit der Aufgabe, ja selbst mit dem Namen Sterbliche, die freilich niemals an dem Nektar der Universitäts- t»iiß" � �cie11 Toleranz, daß eine nähere Betrach- Weisheit genippt, sich längst schon mit einem Kranz von schreien- „Di CL�ge cntschieden verlohnt.— den Babys umgaben. Aber unsere Helden sind von dem be- dos"m � Studenten brauchen keine Politik zu treiben", treffenden Porte noch fern. Sic stehen zirka im zehnten bis �"uchci,?" �gkmein geltender und begründeter Saz. Sie zwölften Semester, die„verbummelten" Semester haben sich �drücke T i" treiben— aber sie sollen sich den gewicht, die Posaune des Examens gellt furchtbar an ihr Ohr, Ly und der öffentliche» Fragen nicht cnt- hinten der drohende Vater, vorn der schnappende Rachen des v> kein,.,.'.'nl5 allerdings in keinem Periklcischcn Zeitalter, Untiers„Examen"— in ihrem Herzen der Wurm einer ewige» k»|e((,.- llucchisthcn oder römische» Republik, aber dennoch ist Angst des Schuldbewußtseins, eine Unbchaglichkeit ohne gleichen, "'arge,,"�dlich, daß die akademische Jugend von heute schon die ihr Opfer rastlos vom Kolleg ins Repetitorium treibt, und >cindez((!'l' �bratsrudcr stehen und die Geschicke des Vater- von dort nach dem ersten zurück— die unseligsten Menschen! leiten foif0'1 ll'ird oder Bildung und Fortschritt im Volk vcr- Ein Semester soll genügen, hin die fünffache Anzahl zu er- kiese x,- daß sie sich demgemäß vorzubereiten hat auf sezen— da wird denn mit Dampfkraft darauf losgearbeitet, �ten, uns verantwortungsvolle Aufgabe; daß sie den alles mechanisch, für den Augenblick nur und mit Zittern und vi mehr Äf, � Jahrhunderts in sich ausnehmen muß, nachdem Zagen. Möge» � iin Jahrzehnt den Büchcrstaub vergangener Zeiten Oder ein Spaziergang unter„den Linden". Elegante bunt- lludste». daß sie unsere Zeit und ihre Forderungen farbige Müzchen ans hohlen, oft sehr hohlen, nichtsbergenden p- ba§ j.-, ��enne» lernen muß.— Das ist keine„Politik" Schädeln— das Gesicht voll„Kompressen" und Narbe an fäll»» x-'M'hre Pflicht! Wie steht es aber mit der Narbe— die Glacähandschuhe nachlässig voniehm in einer Hand '">d ��scr Pflicht, und ist unser Studcntcntum, die„Elite"— die andere führt einen ungeheuren„Renommirhund" ander ""d tvürd�a?"' i)Cr Nation", dieser Aufgabe wirklich gewachsen Leine— die Manschetten fallen tief über die Hand und die Betrag,' Finger(mitunter sehr dicke rotglänzende Finger)— gekräuselte di'l».ehe'"'r in kurzem unser studentisches Leben— oder Haare und ein Scheitel ü la Kellner, von vorn nach hinten. s>e i» Studenten, den Einzelnen wie die Gcsamintheit. bis tief in den Nacken— dazu noch ein graziöser, selbst- S55ir ftchCV Öffentlichkeit erscheinen. bewußter Gang; eine Miene, die der ganzen Welt den Hand- ""d die Ai,b■?'.üm Portale einer Universität— es ist Pause schuh hinwirft und im Portemonnaie ein Halbduzend unbezahlter oriCR entleeren sich ihres gläubigen Inhalts. Da Rechnungen und Sck, neidernotas.— Oder weiter: eine rauchige, jchlechtriechende Kneipe— umgefallene zerbrochene Gläser— die Uhr zeigt auf Mitternacht, denn sie geht nach. Um einen Tisch sizen geistreich, die bier- schweren Köpfe aus die Arme gestiizt, die„Junger der Musen* bei dem wichtigen„Spiele der Karten*. So vergeht Abend um Abend— selbst Mittag um Mittag, denn zum Kaffee spielt sichs allerliebst Karten; dann legt sich der Musensohn noch ein paar Stunden aufs Ohr, und des Abends dann wiederum Spiel oder Kneipe. Wie sie dasizen, unsere Jünger germanischer Musen!— Die Gesichter gerötet und die Köpfe so voll;— von der Weisheit ihrer Studien voll oder voll unsterblicher Gedanken? Ei bewahre, lieber Freund, voll von Zahlen und„Zehnern", und „Buben" und„Damen"— vielleicht auch in Wirklichkeit Damen — doch darüber schweigen die Aerzte. Oder endlich: keine Müzen, keine Farbe, nicht einmal einen Hund, ja vielleicht nicht einmal eine Narbe. Man unterhält sich — o Wonne!— man spielt hier nicht Karte, man philo- sophirt!— Drum sei mir gegrüßt, du erfreuliches Bild— du das einzige, herrliche!— Diogenes hat endlich Menschen gefunden, und er sezt sich zu euch nieder und hört zu, denn das Gespräch ist interessant, mitunter selbst stürmisch. Es dreht sich wohl um die neuesten Resultate der Naturwissenschaft? um das neueste Buch eines Höckel? um die neueste Erscheinung der Literatur?— Wenigstens der Ton der Sprechenden läßt darauf schließen— denn begeistert blizcn ihre Augen, nur ihre Mienen sind so heldenhaft männlich, teutonisch— sie selber so Jüng- ling durch und durch, jeder Zoll ein Germane— die Jünger und Recken der Wissenschaft, des Fortschritts— o laßt mich euch sagen— Pardon, lieber Leser— gefehlt!— man bespricht sich hier nur über eine— Adresse an Stöckcr.„Hei- liger Zorn* erfüllt ihre Mienen; allerdings und mit Recht, denn man berät sich über eine telegraphische Bitte nach Varzin, um sofortige Verbrennung resp. Verbannung aller Juden.— O diese Jünglinge sind praktisch und ideal und religiös und tolerant— so tolerant! Dafür spricht auch die zweifelhafte Hebe, der der christgermanische Senior ganz vertraulich in die Wangen kneift— und das Bündchen mit„V. d. St.", das Mann für Mann dieser geistreichen Jünglinge im Knopsloche trägt— als vorläufiger Ersaz für ein anderes Bändchen, das die Zukunft erst bringt. Oder ein anderes Bild: ein elegantes Cafe. Ich size am Tische und lese eine Zeitung(die„Nordd. Allg." etwa), nebenan sizt ein junger Streithahn und bläst mir den Rauch seiner Zigarre sehr unmanierlich in die Nase. Ich sehe auf, etwas verwundert.„Mein Herr"(steht der Streithahn an meiner Seite)„Sie fixirtc» mich— Ihre Karte!"— Nur Blut kann das offenbar sühnen— nur Blut! In einem feinen, hochfeinen Restaurant sizen einige Stu- dirende„ritterlichen Standes" beisaninien, sie erzählen— ja, was man da nicht alles erfährt— von der lezten Jagd, von den so und soviel Hasen oder Enten, die der jugendliche Nimrod geschossen— von dem prächtigen Rennen, wo„man" den Schimmel zu Tod ritt(ein Renommist reitet überall Pferde tot). Dann spricht man von Hunden— von Weibern.—„Famose RaQc das— ja?"— Dann vom Bruder Lieutenant bei dem Gardes-du-Corps— von der Cousine Baronesse, die sich mit dem Grafen Schnickschnack verlobt hat— dann vom Onkel General und vom Paten Minister. Man kommt auch auf die Politik und auf die Arroganz dieser Fortschrittspartei, dieser „Rebellen- und Aufruhrpartei," schlimnier als die Sozialdemo- kratc», und auf Eugen Richters Arroganz gegen unsere Gardes- du-Corps,„unser"„Garde-du-Corps"—„man" hat ja selbst dort gedient und Bruder Kurt und Onkel Ottokar oder Willi- bald stehen glorreich dabei— es ist unbegreiflich, unerträglich — diese Arroganz!— Auch auf die Presse könimt die Gesell- schaft zu sprechen und schleudert ihr Anatema. Armes„Tage- blatt" du, du Antichrist in Person, dein Verderben ist besiegelt, wenn erst diese Herren in der Preßzensur sizen!(Vorerst sizen sie noch vor dem Refcrendariat und dem Repctitorium)— also beruhige dich. Dann spricht man von„Religion"— denn man ist. begeisterter Anhänger Stöckers und Christ-Germane— denn die Frömniigkeit gehört heute ja zum„bon ton" unserer aristokratischen Salons. So disputirt die edle Gesellschaft alle» E r n st e s(und der Verfasser kann es bezeugen) gleich einer mittelalterlichen Synode oder Kirchenversammlung über eine äußerst wichtige und epochemachende teologische Frage— es ist eine Streitfrage, die von dem jungen Referendariatskandidaten, Herrn Baron von Sitz-Blitz, ausgegangen ist—„ob die alten Griechen oder Römer wohl der christlichen Hölle oder des christlichen Himmels teilhaftig geworden, und wie es mit de» Juden in dieser Hinsicht bestellt sei." Lieber Leser, ich mache keine schlechten Wize; ich habe auch nicht blos ein Phantasie- gemälde aus tendenziöser Absicht entworfen, sondern ich könnte dir Namen für Namen die aristokratische Gesellschaft zitiren; doch die leidige Höflichkeit verbietet das. Und diese Herren waren nicht etwa Teologen, auch keine Zöglinge des tübinger„Stifts — sondern Juristen in den höchsten Semestern und aus der, „Cröme" der höchsten berliner Gesellschaft! Das Resultat der Synode habe ich nicht mehr erwartet; ich hoffe indessen, daß die Humanität triumphirte, und tvcnn auch nicht alle, so doch Pluto und Moses einen Freiplaz im christlichen Himmel er- langten.— Ja, die Humanität! Diese Herren werden einst die Hüter der Humanität sein und die Wächter über die Rechte der Wissenschaft, der Presse und der freien Gedanken— allcrding- j ihre„Wächter", aber was für Wächter! Meine Bilder sind trüb, aber wahr! Wir leben(— oder ich irrte mich sehr?) doch im 19. Jahrhundert, an der Schwe- des LOste» selbst!— Und trozdem ist es wahr: Tie groß Mehrheit unserer heutigen akademischen Jünglinge, auf do> humanistischen Hochschulen wenigstens, steht dem Fortschr' und den Konsequenzen der Wissenschaft feindlich ou Der allererste und fundamentale Grund für die studentisch�, Korruption liegt ganz entschieden in der Schule, im G>i n a s i u m! Denn das Gymnasium entspricht ganz einfach � Anforderungen unserer Zcjt nicht im geringsten, und orz' � alles, nur nicht brauchbare Bürger eines Rechtsstaats. Es 9, sich keine Mühe, die zukünftige Elite des Volkes hiftorilch.( politisch zu bilden— es verachtet die Naturwifse»!� und die Forschung und erstickt jede selbständige Regung. Schüler durch das Dogma. Man staune, das Gymnasium, w. einzige Vorschule der Universität, weist grundsäzU)' Doktrinen zurück, die an allen naturwissenschaftlichen Aal»� � ganz Europas längst ihren siegreichen Einzug gehalten verschweigt seinen Schülern jede neue Idee, es tvill> alterlich bleiben, ciceronisch und scholastisch; und bei Lewe � Bildung, die die geistigen Augen erschlösse!— An eine regung, oder nur an Herstellung einer Basis für das» ständnis der großen Idee, die doch früher oder spater nu auf den Schüler einstürmen, fehlt es gänzlich. zg�zheit nimmt der Junge einen entsezlichen Wust tcologischcr-- und scholastischen Quarks in die Welt mit hinaus, der richtig für den Inbegriff irdischer Weisheit betrachtet. Ueber das alles wurde schon viel und von 1�. Seite geschrieben; und dennoch führe ich noch cg de» Beispiel hier an, so treffend, so vernichtend, baß rosigste» Optimisten und Schwärmer für unser Gy"1"' gyiiu seinem Wahn befreien muß. In der Unterprima'/Physik. nasiums zu U. wurden u. a. in der Religionsstum� Chemie, Zoologie:c. gibt es nicht!) folgende)scho zum Auswendiglernen diktirt(wörtlich):»Der�kato>. � pc» gegenüber, die erstens die Erkenntnis der. �,�uug Schmerz über dieselbe abschwächt, zweitens die R J �„schc» als eine Gegenleistung Gottes für den guten Wille»* ausfaßt— verlangt die protestantische Lehre:. Qct' 1) Bedingung der Rechtfertigung ist die con � M knirschung, die nicht in Furcht vor der �tral, jeu'" den„veri terrores conscieutiae" besteht, sentit irasci et dolet se peccavisse". 2) Der Glaube ist ein Alt des Willens, das instrumonUim, quo Christum apprehendimus, gleichsam die Hand des Bettlers, die sich der dargebotenen Gabe össnet und dieselbe ergreift(sie!). 3) So wird der Mensch gerecht sola Ade und zwar per Adern, nicht propter Adern, d. h. nicht als Belohnung für die sittliche Tat des Glaubens(!). Tie Rechtfertigung selbst besteht negativ in der Vergebung der Sünden, positiv rc.... Der Akt der Rechtfertigung ist also keine Gerechtmachnng, sondern ein„actus forensis"(?). Indem der Mensch durd) den Glauben Christi und sein Verdienst gleichsam als Schild und Schirm gegen Gottes Gerechtigkeit vor sich hält, sieht Gott denselben als durch die Gerechtigkeit Christi gedeckt an"———(!)— rc.—— Mit solcher scholastischen Äazenmnsik mordet man in deutschen Gymnasien die kostbare Zeit! Mit scholastischer Weisheit, die in ein Priesterseminar gehört, aber nicht in eine Erzichungs- schule für unsere künstigen Politiker und Lehrer!— nicht vor sechzehn- bis siebzehnjährige Jungen, die besser in der Natur- geschichte oder in einem Physikbuch studirten. Aber die Natur- Wissenschaft ist ja der„böse Feind", vor dem man das Kreuz schlägt und deren Verachtung man dem jugendlichen Scholastiker schon frühe einprägt. Keine Gelegenheit wird versäumt(und jüngere Leser werden das aus der eigenen Gymnasialzeit bc- zeugen), um so früh als möglich den Widerwillen gegen jede fortschrittliche Errungenschaft zu säen— um au die Männer der neuen Zeit, besonders natürlich an Darwin— den tendenziösesten Spott zu vergeuden! Tatsächlich muß in den Augen des jungen auswachsenden Weltbürgers die Freiheit oder der Fort- schritt als identisch mit Zügellosigkeit und Verbrechen erscheinen. — Ein anderer Grund fällt für die Zustände von heute nicht weniger ins Gewicht— die tendenziöse Entstellung der Geschichte und ganz besonders die allgemeine Vcrnachläs- sigung der historischen Kenntnis der Neuzeit. Da ist wohl von Griechen und Römern, und zumal von den römischen Im- peratoren bis ins kleinste Tctailchen die Rede; die Neuzeit dagegen und die Kulturgeschichte(die doch vor allem blci- benden Wert hat) bleibt dem Schüler vcrsd)lossen. Der Zu- sammenhang aller neugeschichtlid)cn Ereignisse bleibt ihm ewig verschleiert. Für die Verneinung der Rcchtsbegrisfe und für die Abstumpfung der guten natürlichen Vernunft sorgt nicht blos der Religionslehrer, sondern selbst die Herren klassischen Philo- logen sorgen dafür n»d der konservativste derselben, der römische Cicero mit seiner Heze auf die„hornines novarum rerum cupidi"— die Freunde des Neuen, der fortschreitenden Ent- Wicklung. Ergo ist alles, was nach freiheitlicher Entwicklung riecht, der Mephisto, der Teufel unseres Volkes. Es scheint wirklich mitunter, als seien unsere Gymnasien kein Institut für Verbreitung von Wissenschaft und Humanität, sondern eine Zuchtanstalt für Minnigcrodes und Redakteure der„Kreuzzeitung"! So betritt also der Gymnasiast mit einem Tornister voll Dogmen und lateinischer Sentenzen die Universität; hier er- wartet ihn zunächst nicht ein ernstes Studium, das ihn allein noch retten könnte aus der geistigen Versumpfung— sondern die Genüsse, die lange ersehnten idealen„Biertöpfe Akadc- miens". Es gehört zum bon ton, daß der moderne Studiosus die paar ersten Semester„verbummelt"— das„wie" haben wir geschildert. Ob aber ein solches Leben gerade belebend oder anregend auf die schon erschlafften Nerven, ans das eingeschläferte Gehini wirken kann, ist eine Frage, die die Herren Aerzte beantworten mögen. Tas� Verbindungsleben unserer deutsche» Jugend hat un- streitig seine idealen Seiten(vielleicht hatte es diese nur). Die Erziehung des jüngeren Mitglieds durch die Korporation zum„forschen Burschen" oder zum„Mann"(wie man sich ausdrückt) trägt aber oft einseitige Früchte. Man gktvöhnt sich allerdings ein sicheres Austreten an, lernt Gehorsam und den Skat, alles sehr löbliche Aufgaben unseres Jahrhunderts. Der Nachteil an der Sache ist leider nur der. daß das sichere mann- lichc Auftreten, wie es zur Zeit der Befreiungskriege bis zu den dreißiger und vierziger Jahren herrschte, heutzutage mit Vorliebe in ein keckes, provozirendes Wesen umschlägt. Und ob die schwer dcfinirbare studentische„Ehre" nicht sehr oft daS Duell ans einer Waffe des Rechts und des Gekränkten, zum Spielzeug oder zur Waffe des Unrechtes und frivolen lieber- muts macht, das ist sicher eine eigene schwcnvicgcndc Frage. Wir verweisen hierbei nur auf die Vorschläge Dr. Kösters über eine studentische Reform; speziell in den Burschenschaften.— Aber revenons ä nos moutons— unser Studentcntum krankt entschieden an einem sehr ernsten und sehr traurigen, vielleicht unheilbaren Leiden— an demselben, wie ein Teil unserer Armee. Tie frische frohe Lust von ehemals ist geschwunden � die Luft von heute ist mit schädlichen Gasen geschwängert. Unser Studententum schält sich immer mehr vom Volksleben los, tritt über und außer das Volk, bildet einen Staat, eine Sphäre für sich, die in diametralem Gcgensazc mit den Interessen der Gesaminthcit steht. Zu keiner Zeit war der Abstand von Studententum und Volksleben— der in den Jahren des sog.„Befreiungskriegs" bekanntlich gar nicht existirte und z- auch in Frankreich noch heute nicht existirt— so markirt, als in nnserer Zeit. Je mehr die Regierung sich in gewissen Gcgensaz stellt z» den Interessen der Bevölkerung und in geistiger Beziehung die Zensur und die Intoleranz wieder einführt— in demselben Verhältnisse folgt ihr unsere akademische Jugend, die auf dü Staatskarrierc angewiesen ist ä tout prix! Die„Staats fnrrierc" bildet heute eine ganz andere Lockung als früher. Vor allem ist der leitende Staatsmann, der„eiserne Kauzler, der die Telegramme nnserer Stndirenden cntgegenninimt n»d beantivortet, natürlich das Ideal jedes jungen Juristen, jede-' Strebenden oder auch— Strebers. Ihm gleichzukommen, oder nur wenigstens unter ihm eine Rolle zu spielen ist der einzige Wunsch aller fünf Fakultäten.— Also Karriere machen jeden Preis! Karriere und Orden und Titel! � Das ist zu beklagen, denn der Egoismus muß jedes Jdea- jedes höhere Streben ersticken. Der Karriere opfert der jugcv" liche„Streber" alles— vielleicht die leise, halb unbewuß Regung des Rechts, die troz seiner Erziehung hin und w-c" sich in ihm geltend macht. Auch der Zusammenhang mit de Militär hat seine sonderbare Wirkung. Denn das 0 c unserer Studenten ist nicht mehr das, sich zu bilden, z" c' ziehen für das Volk, für die Menschheit— hinauszugehen die Nacht des Geistes mit der Fackel der Erleuchtung, der•' klärung— mit dem Schlechten zu kämpfen, komme es' oben oder von unten— und auf eine bessere Zukunft zu He""' Gott bewahre! unser Durchschnittsstudcnt findet seinen stede" Himmel allein in dem rotblauen Rock mit den L ieiitcnaii- Epaulettcn.— Reservelieutenant— meine Wonne." Stolz und mein Glück!— Es ist keine tendenziöse' Lüge keine Phantasie, daß selbst kollegienergraute und narbcn Häupter mit fast kindlichem Schauer Abends und Morgen- die Epanletten beten.-- Und welch Hochgefühl rrp, sich der junge Reservelieuteuant an einem Feste in' zeigen!— Welch paradisischc Wonne!— ans Ehre! � Ties ist der Boden, auf dem die antisemitische-p. paganda Wurzel fasse» mußte.— Und in der Tat,!' � auch einen Widerhall auf unseren Universitäten, der stärker war, als die Verbreitung»atnrivissenschastl'ch" niste und die' Schlußziehung aus denselben rnst s'")'' �jchni kleinen, auserwählten Kreis der Hörer der»aturwilstn! L j1If? Fakultät beschränkt ist. Tie rüstige Agitation de-.'„ per deutscher Studenten", der Nobelgardc Stöckers. Rcichshauptstadt Sensation— denn sie nannten sich ,„jt? d. h. der Wissenschaft Beflissene!— Wer lacht>> Ter Altgermanismus schoß endlich so dick in die �.'�e», bald, vielleicht heute noch, weder Korps,®]11 C' 11Öerci1,C auderc Couleurverbindungen, noch selbst � kam Israeliten oder freisinnige Studenten aufnahmen. Per sogar vor, daß Mitglieder dimittirt wurden, nur>v 359 wandte van Ruf in der Volks- oder Fortschrittspartei hatten — oder weil sie vor Jahren mit einem politischen Gescze in leichte Kollision gekommen waren!— Fnihcr waren unsere Äorps und Korporationen toleranter! Und ist das nicht ein leidiger Beweis für das oben Gesagte? So sind eben israelitische oder frcidcnkcndc Stndcnten dazu bcrdanimt. auf die Bänder und Narbe» zu verzichten, und sich — o Jammer! o Gipfel des Elends!— mit geistiger und wissenschaftlicher Unterhaltung über ihr Mißgeschick zu trösten. Tie Gedankenlosigkeit scheint ansteckend zu wirken— bei geistigem Interesse soll das seltener der Fall sein. Die akademische Jugend ist zuniteil(und auf systematischcnl Wege jwar) unfähig geworden, die Fragen der Zeit zu beurteilen, sie nur zu erfassen. Davor schüzt sie die empörende Einseitig- lsit ihrer Anschauung, ihrer Unselbständigkeit, die lieber �'»er„Autorität", einem„großen Manne" nachplappert, statt selbst denkt— und das Bier, das sie zu reichlich genießt, um sich nüchternen Urteils zu erfreuen.— Dazu kommt noch ein Kastengeist ersten Ranges, der andere Kreise, besonders den Kaufmanns- und Gewerbestand mit hochmütigem Lächeln betrachtet. Und doch hat auch die freiere Richtung noch Boden auf unseren Universitäten— troz aller Antisemiten und„V. ti. St."! �as Hauptkontinget der„loyalen" Partei(Loyalität, Patrio- lismus, Religion hat natürlich nur sie als Monopol) dieser Gesellschaft stellt die Bcamtcnwelt und der Adel. Der bnrcaukratischc Hausgeist hat den Jungen zur Hochschule be- gleitet, läßt ihn nicht los und inspirirt ihm dort immer von Ufttcm sein herrliches, glänzendes, adliges Selbst— und er ist llulz darauf, unser Junge, in den Lacksticseln, mit der Reitgerte der Hand. Vielleicht waren auch Väter und Ahnen, ein halb Duzend Generationen, bis zur indogermanischen Völkerwanderung wuauf, im„Dienste des Staates"— ein Privilegium, das ium Dünkel berechtigt, ganz abgesehen von dem Vcrcrbungs- b�jeß, den der Junge selbst dem Namen nach nicht kennt.— Das Gymnasium oder die Brandenburger Ritterakademie hat sich auch mit Ivichtigcren Dingen zu beschäftigen, als mit natnr- geschichtlichen Hypotcsen. Das Gros der liberale» Richtung der Stndentschast (und hoffentlich dereinst die Armee unserer Presse) rekrutirt sich fast ausschließlich aus bürgerlichen Kreisen, aus den Familien des höheren und niederen Mittelstandes, der Großindustriellen, Advokaten:c., aus Familien, die vom Staate unabhängig sind und deren Väter vielleicht aus vergangenen Jahrzehnten einen Funken wahrhast freien Sinnes herübergerettet.— Aber die selbstverständlich stille, geräuschlose Rolle der freisinnigen Stu- dentschaft tritt notwendig zurück vor der lärmenden Renom- mage, deren die„alte Schule" sich eifrigst befleißt; und es macht auf Laien oder Fremde(Tissot) den Eindruck, als be- stände das ganze akademische Leben beim„Volk der Dichter und Denker" im Braniarbasircn und Trinken!— Und so kommt es, daß hieraus mitunter Konsequenzen gezogen werden, die dem deutsche» Volke und seiner akademischen Jugend kein gutes Prognostikon stellen.— Wir wiederholen: wie bei keinem gebildete Volke, weder in Frankreich noch England, hat das Studentenleben bei uns schöne und herrliche Seiten, und eine Tradition, deren weder Volk noch Geschichte sich schämt.— Es ist noch heute Ro- mantik dabei— aber nur ein Stück, nur ein Stückchen; nur eine Ruine aus einstigen besseren Zeiten. Der deutsche Student hat es nicht verstanden, gleichen Schritt mit der Geschichte, mit der Neuzeit zu halten— obscho» er ein Kind dieser Zeit und ein Produkt dieser Verhältnisse ist— und das bricht ihm den Stab.— Unsere Zeit ist unerbittlich — die Romantik zerbröckelt und die Ruine stürzt zusammen unter dem Sturm der Wissenschaft und der neuen Interessen; und mit der Ruine verschwindet auch hoffentlich ihr schlimmer unheimlicher Geist, der die geistige Entwicklung unserer reiferen Jugend anfs empfindlichste schädigt. Das Innere der Erde. Eine Auseinandersezung über de» gegenwärtigen Stand einiger Fragen der Wissenschaft. Von l&nmo Geiser. srfinff'u'1.Q'w zu unserem Haupttema: der Frage nach der Be- cv des Erdinncr». >chen"c> 186.7 keenbeten zweite» Auflage des großen Meyer- tvlao�°�ersationslcxikons findet sich im Artikel Erde ker Pasing. das ganze Innere der Erde eine feurig- stuers.�chuiolzene Masse, und die alte Tevrie eines Zentral- «0ff Q.re stw'it wieder zu Ehren gelangt." �isiemrf�t Äcntralfeuer, ans welches danach unsere modenic ej»� i ,a't glücklich zurückgekommen wäre. ist der Gegenstand d'ges Ä�vtcse, die zum mindesten ein außerordentlich chrwür- Sckn stch hat. Zentrais Pythagoräer(500 I. v. Chr.) meinte», dieses ganze» Mittelpunkt und belebendes Element des Welt- Tjsiens�"- � zu haben, und vielen Männern der modernen die Sant-� fam,.c8 deshalb wieder„wahrscheinlich" vor, weil "och sij �"lnace'sche Teorie der Planetcnentstehung, welche heute dci» Gcd c allgemein als richtig angenommen wird, von �dkörver-""ü e'nc§ ursprünglichen feuerflüssigen Znstandes des "0» aus./ überhaupt ausgeht, woraus man sich durch Abkühlung Schaffen?.'"nen den Erdball in seiner gegenwärtigen > Ei„,./.�„�"vorgegangen dachte. i bitfpa.�kwcis, welch ein zähes Leben in der • große« ��utralfeuer hat. liefert u. a. die neueste Auflage >hrein �rockhaus'schen Konversationslexikons, die "der da« A.. de 1883 erschienenen 5. Bande unter Erde »>nere sich so vernehmen läßt: ISchlub.» „lieber die Beschaffenheit und den Zustand des Innern der Erde(des Erdkerns) liegen keine direkten Beobachtungen vor, da nian mit Bohrlöchern und Schächten nur wenig über 1000 bis 1200 Meter tief in die Erdrinde eingedrungen ist. Jedoch läßt sich daraus, daß die Erdwärme mit der Tiefe überall zu- nimmt, ferner aus der allgemeine» Verbreitung von warmen und heißen Quellen, aus der Eruption geschmolzener Gesteins- massen(Laven), aus der Bildung von Gebirgsfalten durch Ab- kühlung und Zusammenziehung der Erdrinde schließen, daß deren Inneres glühend oder glutflüssig ist. Ferner weist das hohe spezifische Gewicht der Erde(— 5,6) und die Zunahme der Dichtigkeit derselben gegen ihr Zentrum darauf hin, daß das Erdinnere aus Metallmassen, vorzüglich aus Eisen bestehen dürfte. Endlich geht aus der Entwicklung enormer Gas- und Dampfmassen und Vulkane und Lavamasscn hervor, daß dieses glutflüssige Innere von Gasen und Dämpfen durch- tränkt ist." Also: es bleibt beim bald 2h'i Jahrtausende alten pytha- goräischcn Zentralfeuer, für das es zwar keine direkten Beweise gibt, auf das man jedoch ans einer ganzen Reihe von höchst plausiblen Gründen„schließen kann". Betrachten wir uns den gegenwärtigen Zustand der hier maßgebenden geologischen Wissenschaft etwas genauer. Wir können uns dabei der bewährten Führung des berühm- te» Geologen Prof. Dr. von Lasaulx überlassen, der darüber in einer ticfeindringenden und alles Wichtige umfassenden Ab- Handlung, betreffend den Erdball als Ganzes und seine Beschaffenheit, int Handwörterbuch der Mineralogie, Geologie und Paläontologie, welches den ersten Teil der zweiten Abteilung der„Encydopädie der Naturwissenschaften" bildet, Rechenschast gibt. Professor v. Lasanlx geht, wie die gesamnite Geologie der Gegenwart, auch von der Kant-Laplace'schen Teoric aus, wonach die Erde ein ans dem gasförmigen und flüssigen Zustand durch allmäliche Abkühlung und Verdichtung festgewordener Planet sei. Er führt eine Reihe sehr triftiger Gründe dafür ins Feld, darunter den einen, daß die Erde in ihrem Innern„einen nach der Tiefe zunehmende» Wärmeschaz birgt, der nicht aus äußeren noch jezt wirksamen Vorgängen hervorgeht oder sich erneuert. nicht erst jezt in derselben erzeugt wird, sondern nur als Rest einer noch höheren Wärmemenge ans früheren Entwicklungs- stadien" seine Erklärung findet. Dazu kommt des weiteren die durch die astronomischen Beobachtungen über Bahn und Bewegung der Erde völlig un zweifelhaft erwiesene Tatsache, daß der Schwerpunkt der Erde mit ihrem Mittelpunkt zusammenfällt, woraus hervorgeht,„daß im großen und ganzen die Verteilung der Dichtigkeit der Erde um diesen Mittelpunkt eine allseitig symmetrische ist, d. h. es müssen vom Mittelpunkte ans konzentrische*) Schichten, der abgeplatteten cllipsoidischen**) Gestalt der Erde konform(gleich- gestaltet) verlaufend, aufeinander folgen, die nach dem spezifischen Gctvicht in einer nach der Peripherie abnehmenden Skala (Stufenfolge) sich ordnen. „Eine solche regelmäßige Anordnung nach dem spezifischen Gewicht sezt aber wiederum für die früheren Phasen der Erd- ciitwicklung eine Beweglichkeit der Schichten voraus, die nicht wol anders als in ursprünglich flüssigem Zustande gefunden »Verden kann.—— „Endlich ist auch die abgeplattete sphäroldische***) Gestalt der Erde eine solche, daß dieselbe nur in der Annahme ihre Er- Närung findet, daß sie die Folge ist der Rotation einer noch nicht in den festen Zustand übergegangenen Sphäre(Kugel). Keine der andern bis jezt versuchten ErklÜrnngen,»velche von einem früheren flüssigen Zustand der Erde Abstand nahmen, z. B. diejenige,»velche die Abplattung»vescntlich als Werk der Vcrlvitterung darzustellen versucht, haben sich als stichhaltig enviesen.—— „So stimmen denn alle Erscheinungen der Gestalt, der Dichte und der Wärme an der Erde vollkoinnien mit der An- nähme der langsamen Abkühlung und des allmäliche» lieber gangs ans einem gasförmigen in einen flüssigen und aus diesem in einen festen Zustand des Erdkörpers übereil»." Dem Professor von Lasanlx ist damit nun aber die Frage nach der Beschaffenheit des Erdinnern noch keineslvcgs cnl- schieden. „Denn," sagt er im strikten Gegcnsaz zu der nnwissen- schastlichen Leichtherzigkeit der Beiveisjührung in dem bctrcsscn- den Artikel des Brockhaus'schen Konversationslexikons f),„keine der im Vorhergehenden angeführten und erörterten Bcvbachtun- gen führt auch unter Zugrundelegung der Kant-Laplace'schen Teoric»nit Rotivendigkeit auf die Annahme eines bestimmten Aggrcgatziistandes im Innern der Erde hin. Wir»verde»» im Verlaufe unserer Betrachtung sehen, daß selbst die flüssige Form der geschniolzencn Laven, die aus dem Erdinnern an die Ober- fläche treten, doch nicht die Annahme eines flüssigen Aggregat- zllstandes des gesammten Erdinnern oder auch»iir einzelner -icile notwendig macht, so»venig wie gasförmige Emanationen einen solchen Zustand des Innern erweisen. Beide können sehr *) ltonzentrisch pnd Kreise verschiedener Größe, welche den Mittel- Punkt mit einander gemein haben. Einer Ellipse ähnlich; eine Etlipsc ist einer der drei sogenannten Kegelichiritte; die zwei andern heißen Parabel und Hliperbcl. Eine Ellipse ist die cdiintifläche eines durch eine Ebene nicht parallel der Grundlinie durchschnittenen Kegels. ***) Ein Sphärord ist ein in seiner Gestalt der Äugelsorn» nahe- kommender Korper. f) Aus dessen wissenschaftliche Bortrefflichkeit damit übrigens keines- wegs ein Schatten geworfen werden soll. Wohl unter gewissen Bedingungen lokal aus dem festen Aggregatznstand*) hervorgehen." Lasanlx nntcrivirst nun folgende Möglichkeiten seiner kritischen Betrachtung: 1) Tie Erde ist durch und durch fest. 2> Die Erde hat eine» flüssigen oder gasförmigen Kern»lnd eine feste Rinde. '■i) Die Erde hat einen festen Kern und eine feste Rinde, zivischcn beiden liegt eine flüssige oder tciliveise dainpfförmige Zone. 4) Tic Erde ist größtenteils fest und niir einzelne Reste flüssiger oder gasförmiger Masse finden sich im Innern. llm»ins über den gegemvärtigen Znstand des Erdinnern anfzuklären, müssen wir uns den Vorgang der Verdichtung und Abkühlung, soweit es unsere Wissenschaft erlaubt, mit allen Einzelheiten vor Augen führen. Als die Erde noch-eine glühende Gasmasse von eincin natürlich ungeheuer viel größeren Durchincsser»var, als der Durchmesser der Erde in der heutigen Gestalt ist. stellte sie unzivcisclhast auch ein Sphäroid dar, dessen Schwerpmikt eben da gewesen sein»vird, Ivo der Erdmittelpunkt liegt. Auf die glühenden Gasteilchen im Innern dieses Sphäroids übte nun die Gashülle einen Druck nach dem Schiverpnnkt hin ails, der desto größer»var, je näher die Gasteile dem Schwer- punkte sich befanden. Die Trnckverschiedenhcit in den verschiedenen Regionen des Gasgemenges war vermutlich die einzige Differenz zwischen dessen Teilen; die ungeheure Wärme ließ keinen andern Z" stand als den völliger Dissoziation**) aller Elementarbcstand- teile zu. Ter beträchtliche Druck in den Gasschichten um den Schwer- Punkt erzeugte auch eine beträchtliche Spannung(Tension) des Gases; jedoch geht ans dem Umstände, daß keine Auflösnnö und Zerstreuung der Gasinasse in den Weltraum erfolgte. daß vielmehr eine Entivicklung der Erde nach der Richtnng größerer Dichtheit hin stattfand, die'Tatsache hervor, daß der Druck wenigstens noch um ein kleines erheblicher»var, als die Tension. Dieses»venu auch nur geringe Ilcbcrgetvicht des Druckes i"> Innern des sphäroidischen Gasgeinengcs veranlaßtc hier zuerst den llcbergang der gasigen Teile in den flüssigen Aggregat' zustand, so daß sich also zunächst um den Mittelpunkt ei«e glutflüssige Schicht bildete.. Je mehr nun die Temperatur des gesammten Sphäroide abnahm, desto weiter schritt die Kontraktion(Znsainniciiziehuw� desselben vor. Allerdings erfolgte die Abkühlung in erster ist'" an der äußeren, dem Weltraum zugetvcudeten Fläche, v} würde also auch zuerst eine flüssige Schicht vorhanden gcivcsr' sein, wenn nicht die durch die Abkühlung flüssig geworden� Teile infolge ihrer größeren Verdichtung auch schivercr gcivorde wären und in dem leichteren Gasmecrc notivendig dein Schwr Punkt zu hätten niedersinken müssen. m Der Umstand, daß die flüssig gewordene Masse bei i''lC Versinken im Gasmeere stetig in Regionen höherer Tempela> kam und soinit»»»»(er sonst gleichen Verhältnissen»viedcr>" � gasförmigen Aagregatzustand hätte zurückkehre» müsse», f0!'.' eine Aeiiderung in de» Znsammenhangsvcrhältnissen der Fsuil � kcitsteilche» nicht bewirken, weil mit der Temperatur. w>c � uns eben überzeugt haben, auch der Druck,»vclchcr auf � sinkende Flüssigkeit von allen Seite» her wirkte, mehr u»d wuchs,— der zusammenhaltende Drnck also die Wirkung ausdehunngbeflissenen Wärme aushob. Troz der an der Oberfläche des Gassphäroidcs wirkenden Abkühlung mußte also der llcbergang aus den»!i' förmigen Aggregatznstand in den flüssigen von innen»ach n *) Aggrcgalzustand ist die Art,»vir die Teile eines einander verbunden sind, d. i. entiveder fest oder slüsng oder g» **) Zersezung der Körper durch Wärme,»velche bei tm~....Lnitiir Tempernturgrad beginnt und bei einer geivissen Höberen-rc ihren höchsten Grad erreicht. 361 �lolgcn und die Erde im lezten Stadium dieser Entwicklungs- Apache sein ein glutslllssiges Sphliroid, welches die Gashiille "llseitici»mgab.„Tas wäre also etwa," wie Lasaulx sagt, »die Sonnenphase unseres Planeten gewesen". Bei einem bestimmten Grade der Abkühlung dieses Sonnen- körpers trat, wieder anfänglich an einzelnen Teilen der Ober- fläche, die Verwandlung des flüssigen Aggregatznstandcs in den leite» ein. Tabci wird nun ei» anderer bedeutnugsoollcr Umstand eine •�wichHgx Nolle gespielt haben: nämlich der, daß in dem T'phärvid,„in dem alle Elemente und deren Verbindungen in e>"cr schmelzflüssigen Lösung gleichzeitig vorhanden waren," und er im Verhältnis zu seinen elementaren Bestandteilen ein ävttlcres spezifisches Gewicht aufzuweisen hatte, bei dem Punkte Erkaltung, wo eine Scheidung und ein Festwerden einzelner �offe oder Verbindungen beginnen konnte, diejenigen Elemente l* a- �ementarverbindniigen zuerst erstarren mußten, die den Ochsten Schmelzpunkt haben, d. h. bis zu einem sehr hohen kmperaturgrad im festen Llggregatzustande zu beharren ver- '"ogcii. .. Es wird sich nun fragen, wie hoch das spezifische Gewicht �kr�schwerstschmelzbaren und damit am leichtesten fcstwcrdcn- �>ö» folgender Tabelle stellt Prof. v. Lasaulx die wichtigsten eniente«ach ihrem Schmelzpunkte und spezifischen Gewicht öuiammen: s„ �/rrst die Schwermctalle, d. h. diejenigen Metalle, deren �Lfisches Gewicht mehr als 5,0 beträgt: SchMkljVuntt spcj. Gewicht Iridium.... 2700« 23,0 Platin.... 2000» 21,5 Wolsram... 1700« 16,6 Nickel.... 1600» 8,8—9 Mangan... 1600« 7,2• Kobalt.... 1400« 8,9 Kupfer... 13- 1400" 8-9,0 Eisen.... 1200« 7,6 Goto..... 1100« 19,3 Silber... 1000—1100" 10,5 . 425» 6,7 . 412« 7—7,2 . 325« 11,37 . 320« 8,6 . 267« 9,9 . 225» 7,3 .-39« 13,6 111 hie Leichtmetalle und Metalloide: Antimon Zint.. Blei.. Kadmium WiSmut. Zinn.. Quecksilber Dann die Lcick' Mlicium Baryum Aluminium Calcium Magnesium Natrium Kalium.. Phosphor 2000« Rotglut") dunkle Rotglut 95» 62,5» 44" 2,1-2,6 3,6 2,56 1,5 1,75 0,972 0,865 1,8-2,1 idn«'l-® Tabelle ersehen wir, daß die Stoffe, welche am schmelzbar sind, meist auch ein sehr hohes spcz.nsches '""cht haben, so Iridium, Platin. Gold. Wolfram u. s. w.. J11°uch der Grad ihrer Cchnielzbarleit nicht genau mit dcr C'hres spezifischen Gewichtes übereinstimmt, wie dies z. B Zson �"'cht der Fall ist. welches spezifisch schwerer ist als ols w""d doch bei erheblich geringerer Temperatur schmilzt des weiteren lehrt die Tabelle, daß mit den schwer, tc» -etallen«.- v-———>—-----—,,■ Qnbet§ �lknigcn Elemente in der Schwerschmelzbarkeit oder, Gurrst"��ückt, in der Fähigkeit, leicht fest zu werden, � e"- beziehentlich ihnen nahe kommen, welche Vorzugs- '»OoIhL'3"00>» Weißglut, welche lezterc ihre größte Intensität m« erreicht. weise an der Bildung der Silikate beteiligt sind, d.h. jener Kieselsäuresalze, aus denen die große Masse der Mineralien besteht. Danach erstarrten an der Oberfläche des glutflüssigen Sphä- roids zuerst die schwersten Metalle und dann die Kieselsäure") und die Silikate. Jene schwersten Metalle nun waren viel schwerer als das ein mittleres spezifisches Gewicht aufweisende Gemenge, woraus das feuerflüssigc Sphäroid bestand, sie mußten daher, durch den erhöhten Druck immer fester und starrer werdend, nach dem Mittelpunkt hin untersinken und sich um denselben als Erdkern herumlagcrn. Die Kieselsäure und ihre Salze dagegen waren erheblich leichter als das feuerflüssige Gemenge, blieben deshalb auf der Oberfläche und vermochten allgemach eine feste, die ganze Erde umhüllende Ninde herzustellen, die von der darunter befindlichen Schmelzflnssigkcit getragen wurde. Beide, Kern und Rinde, wuchsen bei fortschreitender Er- kaltung des gesammtcn Sphäroids einander entgegen, indem sich alle ein höheres spezifisches Gewicht, als die zwischen Rinde und Kern liegende Schmelzstüssigkeit, habenden Elemente und Elemcntarverbindungcn dem Kern und alle spezifisch leichteren der Erde in festem Aggregatzustande anlagerten; ein Vorgang, der die Möglichkeit sehr wohl zuläßt, daß sowohl in de» erstarrten Schollen des Kerns als in denen der Rinde mecha- »isch eingeschlossen solche Körper zurückgehalten wurden, welche entweder spezifisch zu leicht waren, um sich selbständig an den Kern anzusczcn, oder spezifisch zu schwer, um ohne jenen mecha- nischcn Einschluß Bestandteil der Rinde zu werde». Dieser Tcorie der Erstarrnngsvvrgäuge an unscrm Erd- körper entspricht die Annahme einer Mittelzonc, Medianzone, wie sie Lasaulx nennt, welche zulczt erstarrt ist oder sich viel- leicht heute noch im feuerst üssigcn oder doch wenigstens im sogenannten viscosen Zustande befindet, d. h. dem der Er- starrung vorangehenden Zustande der Halbflüssigkcit. Aus der Annahme der Existenz einer solchen Mcdianzonc lassen sich vulkanische Eruptionen und verwandte Rattirerscheinungen auf das leichteste und ungezwungenste erklären. Was nach der im Vorstehenden in gedrängtester Kürze e»t- wickelten Tcorie, welche den heutigen Standpunkt der geologi- scheu Wissenschaft in der Frage nach dem Erdinnern bezeichnet. zusammenfassend über dieses gesagt werden kann, ist nun nach Lasaulx Folgendes: 1) Das Innere der Erde enthält eine intensive Wärme- quelle als Rest eines früheren heißflüssigen Zustandes. 2) Tie Dichte der Erde läßt eine zonenweise Zunahme desselben nach dem Innern, also die Folge immer schwererer Schichten in der Erdfcste voraussczen. Auch das ist die Folge einer nur im schmelzflüssigen Znstande möglichen Anordnung. 3) Die Erde ist demnach ein erkaltender Körper und infolge dessen ein sich kontrahirender Körper. 4) Tie Erde ist größtenteils fest, d.i. erstarrt. Zwischen der festen äußeren Rinde und einem festen Kern liegt eine zulezt erstarrte oder vielleicht noch in dem viscosen Zustande befindliche Medianzone. 5) Diese Mcdianzonc befindet sich jedenfalls in einem über ihren Schmelzpunkt um ein Bedeutendes überhizten Znslande. Durch Ausheben des auslastenden Druckes kann sie stellenweise in den leichtflüssigen Zustand zurückgeführt werden. Das Em- portreten flüssiger Laven ist kein Beweis für das Vorhandensein eines flüssige» Erdinnern. das astronomisch und physikalisch nn- wahrscheinlich ist. ") Die Kieselsäure, Siliciumsäure oder Kieselerde, ist eiue Verbin dung von Siliciui» mit Sauerstoff: sie erscheint am reinsten krystallisirt als Bergkrystall, serner alS Quarz, TopaS, r7pal, Chaleedon, Feuer- stein, Sandstein, Sand u. s. iv. I 362 Jm Nonzerl Vilse. Eine niusikalische Plauderei. Von I. Ster»r. Der prachtvolle Festsaal der Stuttgarter Liederhalle war bis aus den lezten Plaz besezt. So stark auch daS Publikum in der verflossenen Saison mit Musik aller Art überfüttert worden war, Bilse zu hören durfte man nicht versäumen. Da stand er auf dem Podium, reich dekorirt wie ein General mitten unter seinen Stabsoffizieren, die muster- Haft disziplinirt jeder Bewegung des Taktstocks in gleichem Schritt und Tritt folgten. Stürmischer Beifall brauste durch den Saal, als das Stück zu Ende war, währenddessen ich den leidlich passirbaren Mittel- gang zu gewinnen suchte, um vielleicht doch noch einen Plaz zu erobern. Es ist ein unbehagliches Gefühl, wenn man so als Zuspätgekommener, wie der Poet bei der Teilung der Erde, Spiefiruten lausen muß zwischen den Leuten, die mit impertinenter Behaglichkeit ihre sicheren Pläze be- haupten und einen starr angaffen, wie einen unbefugten Eindringling. Schon wollte ich wieder den Rückzug antreten, als ich einen nicht eben sanften Schlag ans den Rücken erhielt. Mich rasch umwendend siel mein Auge auf einen älteren Herrn, der seine Garderobe, Hut und Ueberziehcr, von einem Stuhl nahm und mir winkte, Plaz zu nehmen. Diese hierorts nicht eben häusige Liebenswürdigkeit stach gegen den stark ins Mephi- stophelische spielenden Gesichtsausdruck des Unbekannten auffällig ab. Sarkastisch verzogene Mundwinkel, gekniffene, schadenfrohe Aeuglein, lauernde Haltung des Hauptes— sollte mich der Mann zum Opfer seiner satirischen Laune auserschen haben? Ich überlegte nicht lange und sezte mich hin, während die Kapelle die nächste Programmnummer in Angriff nahm. Es war ein Potpourri. War der Applaus vorhin stürmisch, so war er diesmal orkanartig. Da Capo! brüllte es von allen Seiten, während die Physiognomie meines Unbekannten sich bis zum Grinsen verzerrte und sein ltops immer hcstiger verneinend schüttelte. Auf die Gesahr, von ihm satirisch geschunden zu werden, begann ich: Bilse hat nicht Ihren Beifall?— Sie verstehen mich falsch, mein Herr? gegen Bilse habe ich nichts, aber gegen die Komposition. Daß ein Kapellmeister von Geschmack solchen Kohl austischen mag, begreife wer kann.— Wenn ich Sie recht verstehe, sagte ich, hat Jhnen dieses Potpourri nicht gefallen.— Dieses Potpourri, was soll denn just dieses Potpourri verbrochen haben? Es ist nicht schlimmer als seine Kameraden. Wissen Sie, was so ein Potpourri ist? Eine Harlckinsjacke, aus bunteu musi- kalischcn Fezcn zusammengeschneidert, oder besser, zusammengeschrcinert. Schreiner heißt ja wohl der Kerl(er sah durch seinen Kneifer auf das Programm), der das Zeug fabrikmäßig herstellt.— Sie brechen also den'Stab über das Potpourri, daS beim Publikum so beliebt ist?— O daS süße Publikum mit seinen Midasohren! höhnte er. Aber wann hätte ich denn den Stab darüber gebrochen? Wo es hingehört, laß ichS gelten, in einer Fastnachtsreunion ist es an seinem Plaz; aber Abend für Abend derlei Ulk anhören zu müssen, noch dazu auf Beethoven! — Die Musik unterbrach unfern Dialog, ein Walzer von Johann Strauß wurde gespielt. Wissen Sie, wie mir so ein Straußscher Walzer mit seiner feierlichen Einleitung vorkommt? begann mein Nachbar wieder, als eine Pause eingetreten war. Wie in„Robert der Teusel" die ge- spenstischen Nonnen. Plözlich werfen sie die Kapuzen ab und stehen in ihrer wahren Gestalt da, als leichtfenige Balleteusen. EdlcS Patos als rasfinirte Folie für die Lüderlichkeit! und das im Zeitalter Richard WagnerS!— Sie lieben Wagner? Stellen Sie ihn auch über Mozart? — äavcta Simplicitas! verfeztc mein Unbekannter, muß man denn immer einen Genius verkleinern, wenn man einen andern erhebt? Hat der Olymp oder meinetwegen der Parnaß nicht Plaz für viele Götter? Weil Sie nun aber doch Mozart und Wagner zusammengestellt haben, will ich Ihnen mit einem Gleichnis dienen. Hören Sie: Mozart ist Champagner, Wagner Rheinwein: oder wenn Ihnen das zu trivial klingt: Mozart führt uns durch einen lachenden Blumengarten, Wagner durch einen brausenden Eichenwald.— Das wieder beginnende Spiel der Musik ließ mir Zeit, über den sonderbaren Vergleich nachzudenken. Nachdem dieselbe geendet hatte und die große Pause eingetreten war, fuhr er fort: In allen Künsten lassen sich zwei Hauptrichtungen unter- scheiden._ Die eine fließt aus einem mit der Welt zufriedenen Gemüt. Des Künstlers Auge ruht mit innigem Wohlgefallen aus den Erscheinungen des Daseins, seine Seele ist mit Entzücken über alles Große und Schöne getränkt und sie strömt es auS und spiegelt es wieder wie der Tau- tropfen die Strahlen der Morgensonne. So Raffael, Goethe, Mozart. Die andere Richtung ist jenen Geistern eigen, deren Blick auf das Un- vollkommene in der Welt gerichtet ist, auf die Schranken des Daseins und Dissonanzen des Lebens. Nicht passiv verhalten sie sich dagegen wie zu etwas Unabänderlichem, sie sind vielmehr von dem heroischen Drang beseelt, jene Schranken zu durchbrechen, in die Speichen des Kulturrads mächtig einzugreisen, die Welt umzugestalten und eine bessere Zukunft herbeiznsühren. Die Werke dieser Künstler atmen nicht eitel Wohllaut und Weltfreude, absolute Schönheit, wie die der ersteren. -vre Stimmung, in welcher sie konzipirt werden, ist Verstimmung, die sich bald ,n tiefer Wehmut äußert, bald in finstrem Groll, bald aber auch in energischem Ringen und Rütteln, in willenskrästigem, titanischem Stürmen(was aber nicht mit dem Sturm und Drang der Unreife zu venvechieln ist). Haben Sie schon die Propheten und Sibyllen gesehen, welche der Titane Michelangelo an die Decke der Sixtina gemall hat? Haben Sie gemerkt, wie diese gewaltigen Gestalten in tiefernste Be» trachtung und gramvolles Brüten versunken oder von stürmischer Erregung bewegt fini)? Von tiefstem Gefühl für die Schäden ihrer Zeit aus, mitten in den Herrlichkeiten der prächtigen Rom' zu Schiller, der in seiner„Braut von Mesfina" png Wohl dem, selig muß ich ihn preisen, Der in der Stille der ländlichen Flur, Fern von des Lebens venvorrencn Kreisen Kindlich liegt an der Brust der Natur ,v*;—-a ßfatt 7 ist dieses Tema in zahllosen Weisen variirt worden.!%- das Lob des Landlebens so böses Blut gemacht, als i„jflanS'Lv —'— ha« dcmus Frischlin, des hochberühmten, freimütigen. Ajne deten Gelehrten und Dichter? aus dem IK. Jahrhulw• --—— hfl erfüllt, vereinigen sie den reinsten Willen und die stärkste Kraft, eiue bessere Zukunft herbeizuführen und tragen in ihrer Brust die kommen- den Geschicke. Der männliche, heroische Stil Michelangelos ist auch der Richard Wagners, spröde, herbe Großheit des Stils ist beiden gemeinsam, beide sind Meister im Ausdruck energischen Wollens, mächtiger Tat- kraft,— Wie war der Mann nunmehr so ganz verändert! Jeder satirische Zug war verschwunden und aus seinem Auge blizte das Feuer jugend- licher Begeisterung. Als aber die Musik eine Quadrille aus„Carmen zu spielen begann, war er plözlich wieder verivandelt, wie von Circes Stab berührt. Carmen, musikalischer Zolaismus, brummte er. Tinget- tangel-Operette, die Gott danken mag, daß ihr der Librettist eim' tragischen Ausgang gegeben hat, denn ihm allein verdankt sie Ür I, Ausführung auf besseren Bühnen.— Diese Carmen, bemerkte ich. wa: in der lezten Saison das beste Zugstück unseres Hosteaters.— Glaum; gern, war seine Antwort, und ich wette, fuhr er fort, daß Figaro Ms* Fidelis vor leeren Bänken gespielt werden.— So ist es in der■("; 1 — Und doch ist das dumme Wort vox populi vox Dei noch"l® polizeilich verboten. Da fällt mir eine Erzählung auS dem Talmud Zwei gelehrte Rabbiner gingen mit einander aus Reisen und kamen eine große Stadt, wo sie mehrere Vorträge hallen wollten. � Der e sprach ernst und eingehend über religiöse und sittliche Gegenstände, d kaum ein Duzend Zuhörer hielten bei seinen Vorträgen aus,.: andere unterhielt das Publikum mit Parabeln, Anekdoten und' und fand ein begeistertes Auditorium. Hierüber war der crstere gekränkt; sein Kollege aber tröstete ihn und sagte: Zwei Händler pw ihre Budcn auf. Der eine verkaufte bunte Glasperlen, der andere Brillanten. Weißt du, zu welchem von beiden die Leute liefen? o" welcher bunte Glasperlen seilbot.— Gute Nacht, mein Herr! Unsere Zllustrationen. Ter Stadtherr aus dem Lande.(S. 345.) In recht anniuliger hat der Zeichner unseres BildeS ein Stück glücklichen Dorflebens Z ich au un g gebracht und den wohltuenden Eindruck geschildert, de � selbe in seiner Einfachheit, Ungezwungenheit und robusten � auf den Sommerfrischler macht, der seinen Lungen das Lswia_ frischen Sauerstoffs und seinen Beinen die Wohltat einer»Uw reitet, nachdem er zehn Monate an das Aktenpult in der j- Schreibstube gebannt war. Wie geht ihm daS Herz aus° Natur mit ihren grünen Tälern und Höhen, dem erquickenden,� der bunibepflanzten Felder und dem majestätischen Anblick de* jhii der sich am tiesblauen Horizont malerisch abzeichnet. Wie ra.i der melodische Schlag der Schwarzamsel, der aus einem uay tönt und mitunter von den muntern Wirbeln einiger Buchst je» brechen wird. Die halsbrecherischen Koloraturen der Psamao j�ji königlichen Hosteaters, die er neulich am Geburtsfest-kUier,- ,ich, pflichtschuldigst angehört hat, haben nicht entfernt so aus>',»B wie dieses Konzert der Natursänger, die mit der gennaen mehreren Fruchtkörnern und ein paar Würmchen dcS Tag � mi' nehmen. Nicht minder behagt ihm die trauliche Grupp«. unserem Bilde sehen, und er läßt sich sogar herbei, von dein. w Roznäschen einen Patsch zu verlangen. Ter Kleine abc � gie»' Herablassung»och nicht zu würdigen und sträubt sich 8�8 kosung; vielleicht wittert er in dem Fremden einen jener« Bauernsänger, die sich um die Gunst des armen Mannes w einem!?' rS-»; i"4"wuut wie inc vpiicuci emv»-»— o-itrtl vai'lfsM � gegen den einzelnen eine Meuterei, wie vor.st sonderlich ihre" Es bewiesen fürwahr die deutschen Fürsten, n„m(ns*� den Menschen eine große Gnad, wenn ste w> —— t' Sortt uon straft hätte? Versucht es aber einmal lemand, � � räche"' jLi'n# Bauernschinder eine Schmach widerfahren ist, iL und ver �„i, sich alle Adlige wie die Glieder einer Kette em�� Catilwa � Eisest 1 363 Werden und Zchlössern vcrtilgtcn und man sollte sie ihres adligen namens und Vorrechts anderer Gestalt nicht lassen genießen, denn daß non sie nls höhere Personen ans einen höheren Galgen hängte als andere Leute." Tie Rede handelt weiter„von den groben, onersahrcncn, llvlren Pi-nchihansen unter dein Adel, die»it meinen, daß die Bauern "uch Leut seien und gedenken, es muß jedermann ihrer Gnad geloben. pAs isi daS sür eine Hossahrt derjenigen, welche niemand siir edel Wten, er könnte denn seiner Vorclterir rostige Bildnisse oder Wappen Ausweisen und sein Geschlecht von seinen vier Ahnen oder Urahnen Auswendig erzählen? Daher kommt eS, daß die rohcsten und unwis- lindsten(Sdlinge die gelehrten und beste» Leute verachten, und weil sie ®ll dem dummcn Wahn ihres Herkommens ausgeblasen und geschwollen ""d. so wolleir sie allenthalben am Brett sizen, in allen Dingen den ;.oräU9 haben, in Häsen und in Kanzleien sollen wir ihrer Gnade froh uud ihnen zu Füßen fallen. Ich aber halle dafür, daß nichts �arrischez und Eitleres jemals von Menschen erdacht sei und welches ueniger Festes zum Greifen in sich habe, als der Adel." Daß auch und da wackere und tüchtige Edcllcutc gesunden werden, räumt «wschlin ein; diese seien auch von seiner Rede nicht betroffen, sondern uein„die übermütigen Scharrhansen und Lnmenschen, die vonlehmen , Aliitet, da ich wünsche, daß einmal ein anderer Herkules käme, als ? war Kaiser MaximilianuS der Erste, der sie ausrottete." Unter den „ Asskudeii des Landvolks wird von Frischlin besonders die Mäßigkeit La und damit werden„unsere schwizcnden, rülpsenden, gleich Mast- j„ H?usgestopstcn Hosleute" verglichen. Dann fährt er fort:„Uber x pursten- und Herrenhösen, da ein jeder begehrt, reich zu werden, „j. Uud gemeiniglich unruhige Herzen und ein solcher Mißgunst, der Mi,", � kann größer sein. Denn da mißgönnt einer dem andern sein er i. U11�.uull ein jeder zum besten bei dem Herrn daran sein, damit ikin- ulkisten davon bring, und wenn er sieht, daß ei» anderer neben gleichen Gnaden, so lügt er, wie er ihn könn durch List, durch «lö/�ungen. durch Schmachreden, durch allerlei Trug von seinem uö«,., trennen und bei dem Fürsten in Ungnad bringen. Da er das "en,' f" ßeUt er demjenigen nach dem Leben heimlich, welchen er h». flucti f« � öu muDit n"»»i i«(ei,. uge>t Bart in den Mund nehmen, und selbst wenn er !'r-, Will mirf, r" 3»>g, trug er zwei Büchsen unter dem Mantel. Hils an den Scharrhansen......." L,?N»ich fori,.' b,c mir»ach meinem Leib und Zellen rrawic.., % ha. m den Hals kosten," sagte er zu semen Schüler». »> EI tom-x.■'"M in der Tm»sn Kein«treit mit dem den ehr- und Leben trachte», SWSg&MWM - yvr irti-?»-— - l£r unteniabm einen Fluchtversuch und ließ sich '"'M'eit naher schildern. 8t. >$1 thNnu. ß» I'denz?" Haare»"dock �lter. wenn er tanzet, ist wohl MWW-ZZK kl f"- I'nd dies, Kelch der Liebe in vollen Zügen ge ulde Erinnening beflügelt ihren des Tanzes längst entwöhnten Fuß, und sröhlich folgen sie der Aussorderung des jungen, neuvermählten Paares, ihrer Kinder, und schicken sich an, der schönen Bolkssittc gemäß, den Ehrentanz mit ihnen zu tanzen.— Die Jugend mit dem Alter im fröhlichen Hochzeitsreigen, es ist ein köst- lichcs Motiv sür den Pinsel eines Malers wie Hugo Kaussmnnn, der cS so recht versteht, humoristische und zugleich gemiitsinnige Szenen ans dem Volksleben in trefflicher Jndividualisirung zu schildern. Die Werke des im besten Mannesalter stehenden Münchcner Künstlers sind bereits durch Vervielfältigung mittels Lichtdruck in weite Kreise gc- drungen, und Karl Stiel er hat dieselben mit hübschen Versen in oberbaicrischcr Mundart begleitet. Wir können unser Bild mit keinem besseren Text begleiten als mit dem Gedichte Stielcrs: „Ah, der Ehrvater, ah!" Und der tanzt und der schnauft Wier a Braunbär, der grad A jung's Lampl abraust. Was waar' denn jezt dös, Dös Gednick in der Stuben? Geht's hint'ri, ös Dirndle, Geht's hint'ri, ös Buben! „Jezt kimmt ja der Ehrtanz, Den müff'ma ja sehgn." So geht's nur grad hintri, Ees sehgts ihn deswegen*). lind der Hochzeiter ziehgt Halt die Ehrniutter hin, Wie der Fuchs die alt' Henna, Daß s'flutschert**) vor ihm. Ja, mein Gott, an Ehrtanz, Den muaß ma scho ham, Z'lezt kommen die Richtigen Do' wieder z'samm. 8t. ? lltttpf V---- II u Vi/ VUU 4/1. IHM IV*/, ll/ViV*/Vi* VI !ich wei,„ �druckt sehen möcht. Dieser Hofneid und Mißgunst erstreckt khrie» nnx re-e't' sürnchmlich aber übt er seine Macht wider die Gc> %» de» ci i Mhlencn, denn solche stehe» ihnen am meisten im Weg. klb biüm vi herrscht der Neid, die Verleumdung, die Wüterei. DeS- !!m zu iL"eben der Bauern und Hirten zu loben und die Acker- Schinderei•'V be' welchen kein solch Bubenstück, Sünd, Lasier und A»b«chwank gehet." Ein andermal redet er von„Schreiern sin d'e ihr Leben lang noch nicht weiter gekonimen, denn �Uvien»""d lrozdem sich gegen männiglich übermütig auf- zu Rns°. tx"cn,,t ei"e Anzahl Adeliger„grobe Knöpf, welche, wenn *tfUobre„« ou'flehe" sollten, so würden die Blätter aussehe» wie ve" MDrh«.~im" dieser Rede hatte Frischlin in ein böses Wespen- Au>r,n,.z'."'» nannte adcligcrseits die Schrift eine Sturmglocke und d« Bersasser als Staatsverbrecher und Schänder der (AB der vi. Absehens der Obrigkeit den Galgen verdiene und der Akgen Frjs�,«� A tigen Junker ging so weil, daß sie Meuchelmörder , chi wie L; Aussendeten. Zahlreiche Attentate tvurdcn auf ihn vcr- hAllen f. andere, die ihm ähnlich sahen oder ähnliche Namen 5�e ciiniMi•,n'1'h'" venvcchselt wurden. Ein I)r. Freschel z.B. ü-wnen o,.��?'kche" Anspach und Schwäbisch-Hall von zwanzig Be- J®ks it.9 fnDen und entging ihnen nur durch die Schnelligkeit �Ahßüct- n.? t®öien zu Stuttgart saß ein Mann harmlos beim ."n und wiu'"""'Al hAl ihn ein Hans Wolf von Stammheim beim "Ädere erstechen, was unsehlbar geschehen wäre, wenn nicht gesehen.' ii„-A. �treten waren. Er hatte den Fremden für Frischlin »h. seinen>„ unkenntlich zumachen, mußte er ans Reisen(trecken Mitteilungen aus dem Gebiete der Industrie, Technik und Landwirtschaft. Funkenchronograph. Eins der feinsten Instrumente auf der elek- Irischen?lusstellung in Wien war der F u n k e n ch r o n o q r a p h. DieseS sauber gearbeitete kleine Instrument besieht aus einem Uhrwerk, von welchem es möglich ist, den einmillionsten Teil einer Sekunde abzu- lesen. Sobald das Uhrwerk in Tätigkeit gesezt wird, beginnt es eine kleine Trommel mit einer Geschwindigkeit von C000 Umdrehungen in der Minute heiumzuschleudeni! es kommen demnach auf die Sekunde hun- dert Umdrehungen, und diese werden durch ein jcmaligcs Glockenzeichen angegeben. Nach diesem Uhrwerk wird nun der Strom geleitet, welcher mit dem zu messenden Instrument in Verbindung steht, und der z. B. beim Messen der Geschwindigkeit einer Gewehrkugel beim jedesmaligen Berühren eines Leitungsdrahtes einen Funken auf die Trommel wirft, der sich durch einen gelben Fleck auf dem Stahl oder durch einen blanken Punkt, wenn die Trommel berußt ist, anzeigt. Mit der Trommel steht nun außerdem ein hundertteiliges Zifferblatt in Verbindung, das beim Messen eine ganze Umdrehung macht, wenn die Trommel eine Hundert- ftelwendung vollbracht hat Der ganze Trommelumfang zeigt also eine Hundertstelsekunde an, die einmalige Umdrehung des Zifferblattes somit eine Zehntausendstelsekunde, und eine Hunderlsteldrehung des Ziffer- blattes wiederum davon den Hunderisten Teil, also eine Millionstel- sekunde, ein Maß, mit dem sich erklärlicherweise die nngeheuersten Geschwindigkcitsphascn messen lassen. K. H. Z Oberbaierischcs Petroleum. Das Vorkommen von Petroleum iu den obcrbaierii'chen Alpen, namentlich bei Tegernsee, ist seit langem bekannt; über die Ergiebigkeit dieser Petroleumquellen fehlen zwar noch sichere Ermittelungen, die Beschaffenheit des Oels im Vergleich zu dem von Oelheim bei Hannover darf indessen günstig genannt werden. Während nämlich in Oelheim ein verhältnismäßig schweres Oel ange- troffen wird, ergibt sich bei Tegernsee schon in geringer Tiefe leichteres Oel mit reichlichen, Brcnnöl(bis zirka vierzig Prozent) und ansehn- lichem Parafffngchalt, wodurch es dem nordaiiierikanischen Rohöl ziem- lich gleichwertig erscheint. Das Petroleum von Tegernsee soll sich be- deutend leichter destilliren lassen als das norddeutsche; weitere Auf- schlüsse können daher nur wünschenswert erscheinen. Für unsere Hausfrauen. lieber die Konservirung des Fleisches. II. A. Konfervirung des Ikeisches durch Hrocknen. Diese Metode der Konservirung ist alt, wurde schon in der vor- ckriktlichen Reil in Egypten und andenvärtS geübt. Heutzutage kommt sie am meisten bei der Konservirung der Fische zur Anwendung. Außer- bald Europas werden höchst bedeutende Mengen von Fischen so zur Ernäbrnna der Menschen dienlich gemacht. Innerhalb der Grenzen Europas wird das Trocknen der Fische weniger stark betrieben, am M-KM-RZM ., je,,, jhu ja dennoch«ut-") statt«», mit den gliigcln schtogen. 364 flenbed zu entgegnen: Mit den Angaben über allgemeine Ansniizung bcr Brennstoffe erkläre ich mich einverstanden, der Behauptung aber, f�oV* 1 0 �' V.'.....-,, dieselbe geschehe durch eiserne Lesen besser als durch Kachelösen trete l i öl'"erden die Stucke umgewendet und aufs| ich an der Hand von Beweisen entschieden entgegen Zunächst, und i, mp lr,H,, r( s rtn i' nächsten Tage werde» ,ie der Lust und; das wird jedem Laien einleuchten, hat das Feuer, beziehentlich der Ranch. - ejpvntrt, die nach 2-3 Tage» eine vollständige Austrocknung, durch einen nur halbwegs gut gesezten Kachelofen einen weiteren Weg -*a Itn* Ariiarntf Hnm �finirN* den Handel. Man lötet die Tiere durch Verblutung, schneidet das Fleisch von den Knochen und zerlegt es in schmale lauge Stücke; diese werben übereinander geschichtet, durch Lagen von Kochsalz von einander zustande bringen. Man unterscheidet nach der Qualität verschiedene: Arten dieses Charqui: am besten, weil am meisten vv»■sehnen befreit, ist der..l'ato", demnächst folgt„Mauta1'; das schlechteste, an sehnen reichste Fleisch heißt„Tasajo". Rur mageres Fleisch kann in der mi-- gegebenen Weise konservirt werden. Man benuzt die Waare bei der Beköstigung der Arbeiter in den Anden. Ten Rahrungswert hat man in England und Frankreich günstig beurteilt. Das Fleisch ist aber nach der Zubereitung in der Küche unschmackhast, zähe und schwer verdau lich. Auch in Grofibritannien hat nian den Versuch gemacht, das Fleisch der Rinder durch Trocknen zu konserviren. Arthur Hill Hassall erhielt aus folgendes Verfahren ein Patent. Tos Fleisch wird von Fett und Sehnen getrennt und, in ähnlicher Weise wie bei dem Wurstmachen, zu einem zarten Brei verkleinert. Diesen Brei bringt man in dünnen Schichten auf Tafeln von verzinntem Eisenbleich in eine vor- gerichtete Trockenstube und läßt denselben von einem warmen Luft- ströme nicht unter 62,5 und nicht über 75 Grad Celsius bestreichen. Dieses Trocknen sezt man so lange fort, bis die Masse sich leicht reiben oder bröckeln läßt, worauf sie zwischen Mühlsteine gebracht, gemahlen und schließlich als Pulver in mit Zinnfolie gefütterte Blechbüchsen gefüllt und eingepreßt witd. Dieses Fleischmehl, in Wasser gekocht, quillt stark auf und gibt eine sehr gute Fleischsuppe. Etwas ähnlich ist die Metode von Verdiel. Hier wird das Fleisch in fingerdicke Streifen ge- schnitten, solche in einer Kammer aufgehängt' und einem Wasserdnmpse von 4 Atmosphären Spannung etwa>/4 Stunde lang ausgesezt, so dasi das Fleisch wie gedämpft erscheint. Nach dem Tämpsen wirb eS dann ebenfalls durch warme Lust getrocknet und in Blechbüchsen mit etwas Salz eingepreßt.— Soubeiran empfahl 1871 eine Metode der Fleisch- konservirung, bei der das Fleisch bei 50- 55 Grad Celsius getrocknet und dann gepulvert wird. Wenn daS Trocknen des Fleisches vorsichtig geschieht, so verliert es dabei nur Wasser und einige wenige flüchtige Stoffe. Den Verlust dieser Stoffe hat man nicht zu beklagen; denn das Wasser kann man alsbald wieder ergänzen, man braucht nur das getrocknete Fleisch zu kochen, wie es auch bei dem Haffnllschen Präparat in der Regel geschieht. Wird das Trocknen des Fleisches so betrieben, daß dabei keine Fäulnis eintreten kann, also in zweckmäßig, eingerich- tele» Trockenstnben, so bekommt das Fleisch keinen unangenehmen Ge- schmack und sei» Genuß bekommt auch gut. Gleichwohl ist der Gebrauch des getrockneten Fleisches für Menschen nicht sehr zu empsehle». Durch das Trocknen wird das Fleisch so verdichtet, daß eS sich später bei der Behandlung in der Küche nur schwer wieder auslockern läßt. Es be- darf, wie beim Stockfisch, mehrtägiger Behandlung mit Wasser, bevor das Fleisch wieder eine annehmbare Beschaffenheit erlangt. Einfache Prüfung des Mehls. Um die mehr oder minder große Güte verschiedener Mehlsorten kennen zu lernen, ohne erst Probegebäck machen zu müssen, kann man in folgender Weise verfahren, wodurch man mit unumstößlicher Gewißheit die relativen Werte der einzelnen Sorten beurteilen kann. Angenommen, man hat auS verschiedenen Bezugsquellen die besten, mit 0 und 00 bezeichneten Mehlsorten zu prüfen, so nehme man von jeder Sorte, genau gewogen, 1 Lot (I6-/3 g), schütte es in eine Pvrzellantasse, gieße aus jedes Lot'/, Lot (81 3 g) reines Wasser und vermenge das Mehl mit dem Waffer gut zu einem Teige. Darnach befühlt und besieht man die verschiedenen Teige. Der festeste Teig berechtigt zu dem Urteil, daß hierzu das beste Mehl verwendet wurde, der weichste Teil beulet auf das schlechteste Mehl, weil die Güte des Mehles in der Hauptsache von dessen?lusgiebigkeit abhängt. DaS Mehl, von welchem man einen festeren Teig bekommt, muß schon darum ausgiebiger und somit besser sein als jenes, von welchem man einen weicheren Teig bekommt, weil man zu irgend einer Gebäcksorte, zu welcher weicher Teig erforderlich ist, bei besserem Mehle mehr Flüssigkeit zu verwenden vermag, und somit mehr Teig und Gebäck erzielt, oder bei gleicher Flüssigkeit weniger Mehl benöthigt, um diese Teig- und Gebäcksmasse quantitativ und qualitativ zu erzielen. Sprechsaal für jedermann. Aus den Artikel über Ausnüznng von Brennstoffen durch Zim- mcrösen in Nr. 9 Ihrer werten Zeitschrist erlaube ich mir Ihnen Fol zu machen als in einet» eisernen, es ist also bei ersterem vom Schorn- steinheizen weniger die Rede als bei lezterem. So auch nehmen die ausgefüllten Kacheln die Wärme besser ans und teilen sie der Zimmer- luft allmälich und anhaltender mit als dies die Eisenteile tun, wovon auch nur der Feuerungsraum der Wärme ausgesezt sein kann, daher, wie jeder Leser oder Leserin beobachtet haben wird, die angenehme Warme bei einem Kachelofen gegenüber der stechenden, lustanstrock- nenden eines eisernen. Ein Kachelosen heizt mit demselben Brennmaterial ein Zimmer bester als ein eiserner Lsen, ist reinlich und tnr die Kinder, die man allein lassen muß, nicht gefährlich. Sodann tatst sich im Kachelofen spraktisch eingerichtet) gut kochen und das Küche»' jener ersparen. Luftdicht sind die Kachelöfen besser, als jeder andere. durch die sogenannten Balkentüren zu machen, bei leztern sind bei« schließende Flächen zusammen geschliffen. Bitte also nach dem Angeführten unfern alten guten Kachelote» nicht so ins Hintertreffen zu stellen. I. F., Töpfer, Dresden- Toppelcharade. Lhne die Erste, so klein, Kein Mensch würde sein. Kein Sperling flöge in Lüsten daher, Kein Walfisch schwämme im weiten Meer, Kein Löwe brüllte in Afrika, Selbst das winzigste Mäuslei» wär' auch nicht da. Die Zweite und Dritte in engem Verein In der winzigen Ersten stecken sie drein; Sind selbst auch daS Ganze, so unscheinbar— Den reichsten Lebensquell stellen sie dar. Trenn' nun's Ganze in Eile In andre Teile; Die Erste ein ernsthast gewichtig Werk, Doch kann es leisten der schwächlichste Zwerg. Die andern ein Fluß- und Seepirat, Dem das Handwerk noch legte kein einziger Staat, Hat lang nach dem Tod oft es fertig gebracht, Daß er vielen Menschen gar warm gemacht Rösselsprung. �..vtiezung-), Inhalt; Unsere Zeit. Gedicht von Rudolf Lavant.— Die Allen und die Retten. Roman von M. Kautskt,.(rf~t Australien.— Unter dem Direktorium. Von Wilhelm Bios.«Mit Illustration.)— Ans der Franzosenzeit. Erzählung v (Schluß.)— Zum Kapitel des deutschen Studententums. Von einem bemoosten Haupte.— Das Innere der Erde.«uie_ fische' über den gegenwärtigen Stand einiger Fragen der Wissenschast. Bon Bruno Geiser.(Schluß.)— Im Konzert Bitte. Eine" xe/W. Bon I. Stern.— Unsere Illustrationen: Der Ttadtherr aus dem Laude.— Der Ehrtanz.— Mitteilungen aus dem... pes Äq-iip�.jj. Technik und Landwirtschaft: Funkenchronograph.— Lberbaierisches Petroleum.— Für unsere Hausfrauen: lieber die Kontervir» jtoi.■■■■*> A. Konservirung des Fleisches durch Trocknen.— Einfache Prüsung des MehlS.— Sprechsaal für jedermann.— Doppelapt>* g,# — Redaktionskorrespondenz.— AUgemeinwissenschastliche Auskunft.— Polytechnischer Briefkasten.— Ratgeber für Haus-.„gi Milchwein oder Kumys.— Humoristisches._____-— Mit diesem Heft beginnt das III. Quartal des 9. Jahrganges der.Renen Welt". Tie werden ersucht, ihre Bestellungen ungesäumt auszugeben, damit keine Unterbrechung in der Zustellung deS B•t' Tie Erpedition der L=