Die Alten nufc die Denen. Roman von Zil. Aautsky. IS. Forlsezung. 20. Napitel. , Ariiold traf unverzüglich alle Vorbereitungen um das Haus ikincs Vaters zu verlassen. Er wollte keinen Augenblick länger ari» verweilen, als es unumgänglich nötig war. Julian hatte .cn Befehl erhalten, einen Koffer zu packen, er selbst raffte >Nlgc Bücher und seine Schriften zusammen. . Er trat an den Schrank mit eingelegter Arbeit und schloß auf. . Innen zeigten sich rechts und links eine Anzahl kleiner Aubsächcr. � Tie alte Haushälterin hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, . B die verstorbene Frau Baronin hier ihren Schmuck und ihre Amtlichen Briefschaften verwahrt gehaltep, und er hatte nun A seine Papiere hier untergebracht. Er öffnete die Laden und entnahm den Inhalte als er ,t''c�cr zurückschob, schloß die eine nicht völlig, �b ein Gegenstand dazwischen steckte. lict ,uar ziemlich angefüllt gewesen, es war leicht mög- A. daß das oberste Papier zurückgeschoben worden und nun llche» der Lade und der rückwärtigen Wand sich spießte. Er zog die Lade vollständig heraus, um»achzusehen. bim' er nichts bemerken, als er aber mit dem Lichte Achtete, sah er ganz in eine Ecke gepreßt ein Stück Papier. SMoüt 1"n�ni �crl,ül' c§ ,unr ganz zerknittert und zusammen- �■,Es gehörte nicht zu seinen Schriften, dies mußte sich schon slii� hier festgcspicßt haben, und man war es bei einer � d T" �"'chsicht des Schlankes nicht gewahr worden. Hatte kaft islbst schon wiederholt diese Lade herausgezogen, ohne kr eine» Widerstand verspürt hätte. Laj, � lü,Qr ki» Brief) er strich ihn glatt und wollte ihn in die zurücklegen. �ei» Blick fiel auf die Adreffe und blieb daran hafte». do�""'». Ilona Reinthal las er, und diese Worte Friller eiaeiie» Aonh oeickniebe» «ar eigenen Hand geschrieben. �ein, es war seine Handschrift. Hastig besah er den Poststempel, se es möglich, täuschte er sich nicht?! und nun war ihm mit einemmale alles klar geworden. Hier in Soleubad hatte er selbst vor zwölf Jahren diese Worte geschrieben; die ganze { Situation von damals erstand vor seinem geistigen Auge. Er sah die sterbende Frau vor sich, die Großmutter, niit dem tief traurigen Blick, die erst im Augenblick des Hinscheidens ihren Groll beseitigt und ihren Enkel dem Vater zurückgegeben. „Schreibe die Adresse, ich kann nicht mehr," hatte sie ge- seufzt, und als er sie erstaunt gefragt, warum sie sich nicht direkt an den Vater wende, hatte sie gestöhnt:„Es ist besser so". Jezt, in dem Augenblick, fuhr es ihm wie ein Stich durchs Herz. Hätte er kein Herz dazu gehabt? wäre seine Mutter doch nicht so rein gewesen, wie es ihm bisher Bedürfnis war zu glauben? Sein Vater hatte heute ein abscheuliches Wort gesprochen, ein tiefvcrlezcndes siir seine arme Mutter, durfte er es? Er wollte Gewißheit, und dieser Brief mußte sie ihm bringen. Er wendete sich der Lampe zu und seine Hand zitterte, eine hochgradige Aufregung war über ihn gekommen. Er schlug den Brief auseinander, die unklaren Schristziige seiner Großmutter tanzten ihm vor den Augen. Ta wurde die Tiir nicht ohne Geräusch geöffnet und Julian trat herein. Er meldete, daß alles in Ordnung sei, und fragte, ob der Herr Doktor noch weitere Befehle für ihn habe. Sein Lächeln war dabei so insolent, daß man deutlich merkte, er sei von dem Vorgefallenen hinlänglich unterrichtet und nicht gesonnen, den Doktor fürderhin als seinen Herrn zu betrachten. Arnold, den Brief in der Hand, wies ihm die Tür, und er mußte sich zurückziehen. Aber tvar es nun Zufall, war's Verabredung, jezt kam Felix herein und überbrachte ein Billet. „Der Ucberbringer wartet auf Antwort," sagte er nachlässig. Arnold schob den Brief seiner Großmutter in die Brust- tasche. Er wollte ihn nicht mehr in dieseni Hause lesen, er mußte ruhiger werden und hier irritirte ihn alles. Er öffnete das Billet, es war vom Grafen Falkenau, er erbat darin für morgen Vormittag die Ehre seines Besuches. „Ich möchte einiges mit Ihnen besprechen, ehe Sic die Volksversammlung besuchen," hieß es darin. Erscheint alle 14 Tage in Heften& 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Postämter zu beziehen. 440 Arnold trat an den Schreibtisch und antwortete mit einigen Zeilen, in denen er sein pünktliches Erscheinen üi Aussicht stellte, dann nannte er das Hotel, wohin man seine Effekten zu bringen habe, nahm seinen Hut und verließ das Hans. Er durcheilte den Park und die Anlagen. Tie Bewegung tat ihm gut, aber das Blut wallte noch immer stürmisch durch seine Adern. Er ging den Fluß entlang. Tie milde sternfnnkclnde Nacht, die Stille um ihn herum, das in einer ewigen Melodie ran- schende Wasser, das alles wirkte besänftigend ans ihn, es über- täubte, was sich allzu wild in seinem Kopfe zusammendrängte und ihm das Herz bewegte. Zone und Bitterkeit lösten sich allmälich in ein sanfteres Empfinden und die ganze Weichheit seines Naturells brach durch. Unwillkürlich griff er nach dein Brief, der an seiner Brust ruhte und ein leises zärtliches Wort sprachen seine Lippen in die Nacht hinaus:.Mutter!" Sie war seine erste Liebe und seine erste Sehnsucht ge- gewesen, er hatte ihr Andenken so heilig gehalten, sollte er auch hier enttäuscht werden, nicht mehr an sie glauben dürfen? Es dänchte ihm ein Verlust, schmerzlicher als der des Vaters. Und jczt, in dem Gefühle tiefer Verlassenheit, brannte eine neue unendliche Sehnsucht in seinem Herzen ans, eine neue unend- liche Zärtlichkeit, die Liebe zum Weibe. Er liebte, und liebte mit all der Kraft, mit all dem Feuer der Jugend, mit all der sinnlichen Glut, mit der man zum erstcnmale liebt. Und ein Gefühl des Triumphes, der Wollust war es gewesen, ein wahnsinniges Entzücken hatte ihn erfaßt, als er seinem Vater zurief, ich liebe sie! Und hätte er nicht mit dem gleichen stolzen Bewußtsein sagen dürfen, sie liebt mich wieder? Er glaubte es, er suhlte es. Er sprang empor, wie im Taumel des Glücks. Er wollte zu ihr, es war ein allmäch- tigcs Verlangen, das ihn ihr entgegentrieb, er wollte sie sehen, sie sprechen, er wollte— Tor, was willst du?! rief er sich zu. Bist du nicht ein Ausgestoßener, ein Bettler? Was soll sie an deiner Seite? Willst du sie hineinziehen in Kampf und Streit und Verfolgung? Soll sie durch dich das Unglück kennen lernen, sie, die im Glücke aufgewachsen ist und Glück verlangt? Du wärest ein Elender, wenn du es tätest! Und wenn sie dich auch so innig liebte, um dein Schicksal mit dir zu teilen, du dürftest dies Opfer nicht entgegen nehmen. Sic ist zu unerfahren noch, sie kennt noch nicht die volle Tragweite desselben, sie hat noch keine Ahnung, was es für sie bedeuten könnte. In heftigen Schritten ging er den Weg nach der Esplanade zurück. Seine Liebe kämpfte mit seiner besseren Einsicht und suchte seine Vernunft zu hintergehen. Mußte er nicht doch zu ihr? Mußte er Elsa nicht mitteilen, was geschehen war? Und wenn er nun ging, und er wollte am nächsten Abend schon Solenbad verlassen, mußte er nicht vorher Abschied von ihr nehmen? Noch einmal wollte er die süße Wonne genießen, ihr in die treuen Augen zu sehen. Aber konnte dies jezt geschehen? heute noch? Es war halb zehn, sie würde ihn nicht mehr empfangen. Ein Seufzer entstieg seiner Brust: Auf morgen also! dann schritt er rascher aus. Er wollte ins Hotel, um seinen Brief zu lesen. Und nun befand er sich wieder an der Esplanade und kam an dem Park vorbei, der Helenens Villa umgab. Unwillkürlich hemmte er, vor dem Gittertore angekommen, seinen Schritt, und nun gc- schal) es wie ein Märchen: beide Flügel taten sich weit und geräuschlos vor ihm auf. Ucberrascht blieb er einen Augenblick stehen, dann schritt er hindurch. Kaum hatte er einige Schritte die dunkle Allee entlang getan, als ihm die rotschimincrnden Laternen eines Wagens ent- gegen kamen, der von der Freitreppe der Villa dein offenen Tore zufuhr. Gleichzeitig eilte der Portier, die Schlüssel in der Hand, hinter ihm drein, um sich den Eindringling genauer anzusehen und ihn zu fragen, was er hier wolle. So kam es, daß das Eingangstor eine Minute lang ohne Hüter geblieben und, als hätte er aus diese» Moment gelauert, trat, von der Esplanade ans, ein hochgewachsener Mann durch dasselbe, der mit einem Saz das nahestehende Gebüsch erreicht hatte und dahinter verschwand. Arnold hatte von dem Portier erfahren, daß die Frau Gräfin zur Soiräe der Fürstin Cilli fahre, und da rollte ihre Equipage auch schon an ihm vorüber. Da ertönt von innen das Zeichen, der Wagen hält, und che noch der Bediente vom Bocke springen konnte, wird der Wagenschlag aufgerissen und eine wcißumhüllte Gestalt beugt sich weit daraus hervor. »Doktor Lcfebre," ruft sie, ihn heranwinkend. Er zögerte, er hatte der Dunkelheit vertraut, die ihn vcr- bergen sollte, aber da trat auch schon der Lakei ihm entgegen, er mußte dem Rufe gehorchen. Er kommt an den Wagen heran. „Wie finden Sie meine Augen Doktor?" ruft Helene ihm luftig zu,„ich habe Sie erkannt, troz der Dunkelheit, das heißt, ich habe Sic geahnt." Aus einer Wolke weißer Spizeu reichte sie ihm die Hand entgegen. „Sie sind gekommen, um mich zur Soiröe der Fürstin ab- zuholen? steigen Sie ein." „Nicht doch," sagte Arnold,„ich bin gekommen um— sl konnte nicht die ganze Wahrheit sagen und so sagte er nur die halbe,„um Abschied von Ihnen zu nehmen." „Und da kommen Sie so spät?" „Sie haben ganz recht, dies sonderbar zu finden, ich will auch gehen und zur gelegeneren Zeit wiederkommen." Er grüßte, sie aber hielt ihn fest. „Nein, nein, dieser späte Besuch hat etwas zu bedeute", und Sie sollen mir das auseinandersezen. Wir haben ja Z�t, man kommt bei der Fürstin immer sehr spät zusammen. Zur""' fahren!" rief sie dem Diener zu, der, in einiger Entfernung stehend, ihrer Befehle harrte. Ter Wagen wendete sich»w u"° fuhr wieder der Villa zu. Arnold folgte zu Fuß. Die dunkle Männergestalt, die wie ein Dieb sich hereus' gestohlen, hatte indes die Freitreppe erreicht und war auf dw mit Blumen beseztc Terrasse gelaugt; in dein Augenblick,>vo � Wagen sich wendete, öffnete der Mann die Tür, die von h"* aus in de» Salon führte, und trat ei». � Der Salon war erleuchtet; er sah sich um; es war nicwa" anwesend. Jezt huschte es in dem anstoßenden Zimmer(st und her, es war wohl die Kammerjuirgfer Helenens. Er sthliipl � in das gegenüberliegende Gemach, das von einer Lampe schwach erhellt war, und stellte sich hinter der Portiere am- Und jezt ward auch schon die Tür von der Terrasse her a"! gerissen und Helene und Arnold überschritten die Schwelle. Die laute Stimme ihrer Herrin hatte die Kanimcrjuugst sofort herbeieilen lassen. Mit erstaunten Augen sah sie auf Gräfin und den Doktor.. „Ich bitte Sie, machen Sie niir kein so dummes Gestch' lachte diese übermütig,„und lösen Sie mir den Schl�' schnell!"' Sic warf sich in einen Sessel, um das Herabnehmeu i ermöglichen, aber sie war nicht imstande ihren Kopf einen ÜW blick ruhig zu halten.< „Geben Sie doch acht, wie ungeschickt! ich will heute u zur Fürstin und Sie raufen mir das Haar." � Hierauf in reizender Beweglichkeit sich wieder au Ar" wendend:„Allons, ich begreife noch immer nichts, � wollen Abschied von mir nehmen?" „Und von Komtesse Elsa, wenn eS mir gestattet ist.". Helene ivarf in ungeduldiger Heftigkeit den Kopf äur!Vj „Sie zerren! Mein Gott, Josefa, sind Sie denn»och»' fertig, Sie haben ja nur zwei Nadeln herauszunehmen." 4' schon war der Schleier, der ihr Haupt umhüllt hatte, genommen Zofe. „Ist Komtesse Elsa noch sichtbar?" fragte sie aufstchcnd die »Die Komtesse ist auf ihrem Zimmer und hat Frau Gcrta bereits entlassen." „Dann dürfe» wir sie nicht mehr stören," vcrsezte Helene heiter und entschieden,„ein Umstand, mein Herr, der Sie zwingen wird, morgen wiederzukommen. Ich denke, Sie der- lassen uns doch nicht auf lange?" Tie Kammerjungfer hatte sich entfernt. Helene hatte auch den Mantel abgeworfen und stand nun in der Mitte des Salons unter dem Gaslustre in ihrer Herr- lichen weißen Robe, bon oben bis unten von Spizcn umflutet, die glänzenden Schultern entblößt, umbordct von einer Guir- lande von frischen Rosen. Sie war pikant, duftend, voll sinn- lichen Reizes. Sie wußte es, und mit einci» strahlenden Blick, mit einem süßen herausfordernde» Lächeln sah sie zu dem blassen Manne hinüber, der in jener Ecke auf dem Divan plaz genommen und, den Kopf gegen einen Polster gelehnt, mit etwas zerstreutem 'lusdruck die?l»gcn über ihre Gestalt gleiten ließ. „Ich verlasse das Haus des Barons und gedenke nach England zu gehen," sagte er ruhig. Sie hatte eine Bewegung des äußersten Erstaunens. Wie, kr ging?! Aber er trennte sich zugleich von Elsa. Der Gedanke derstörte sie und hatte dennoch etivas befriedigendes. Rasch ging sie auf ihn zu und blieb vor ihm stehen. �„Was ist geschehen, was drängt sie von uns zu gehe»? Stünde» Sie nicht mehr gut mit dem Batcr?" Er schüttelte lächelnd den Kopf. Aber wie sie nun, den Körper vorgebeugt, ihm forschend i"s Antliz sah, glaubte sie einen Zug darin zu sinden, der ihr Tu war, einen Zug des Leidens, ei» Etwas, das von heim- lichen Kämpfen sprach, von heimlichem Weh, und das ihn unend- lich interessant machte. Seine Hand lag in dem braunen Haar, das ihm in Par- lien in die Stinie gefallen war, und das er nun wie in Gc- danken zurückschob»nd es dadurch»och üppiger verwirrte. Sic fand ihn schön in diesem Augenblick. Sie empfand den ganzen Zauber seiner Persönlichkeit und >var davon entflammt, berückt, verwirrt fnst, denn sie>vnßtc "'cht, was sie mit dieser aus den, Herzen lodernde» Empfindung Tginncn sollte. Sie war blasirt und doch einem innigeren .inhl gegenüber ein Neuling. Ihr Herz hatte bisher nicht gksordert, sie hatte bei anderen Verlangen erweckt und hatte nderniiitig darüber spotten können; auch ihre Ehe, eine Mon- nrojität, hatte ihr Herz unberührt gelassen, und nun brannte k» ans i,, ciiicm Begehren, das um so heißer und ungezügelter T überfiel, da es»och niemals befriedigt worden. Aber sie hatte eine entzückende Ahnung bekommen; seit jenem wo sie neben ihm in dem dunklen Schacht gestanden, mit chm hrnuitcrgefahrcn, wo sie, im Augenblick, als ihr die Sinne schwanden, beide Arme um seinen Hals gelegt, um diesen weichen wgendlichcn Hals, seit diesem Tage wußte sie. daß es ei» ""sagliches Glück sein müsse, an seinem Herzen zu ruhen, von ihm wschlunge» ihm in die Augen zu sehen, ihn wieder nmschlingcnd. . lind möchte darnach auch kommen was da ivolle, sie hätte 0ch einmal, einmal in ihrem Leben erfahren, was Glück sei w° Seligkeit, und sie würde diesen Augenblick nie bereuen wen, wo sie im Taumel des Entzückens alles vergessen, die ganze Welt. ..»Es ist eine lange Geschichte, und die Politik spielt auch in, es dürfte Sic kaum interessiren, Gräfin," hatte er gesagt. hatte sich an seine Seite gesezt. ,»Warum glauben Sie das? Mich interessirt alles, Ivas Sic J. k'sft, alles, Arnold." Er reichte ihr dankend die Hand. Ihre �nger berührten sich leicht; gleich ihm lehnte sie sich in die Ilster zurück, eine süße Mattigkeit ivollte sie übcrschleiche». w Klingen und Singen umtönte sie, während ein kleiner „5"szer über ihre Lippen sich drängte. Wenn er doch empfände � fiel Und doch ist sie es, die in diesem Augenblick kokett 0" ihm hinweggerückt. Sic kann sich nicht geben, sie muß sich "°vkn> lassen Der Mann hinter der Portiere, von dessen Dasein niemand im Hause Kenntnis hatte, hatte dies alles beobachtet, und es war ein Lächeln des Triumphes, einer wilden Befriedigung, das seine Lippen umkräuselte. Er verließ jczt seine» Lauscher- Posten, und lautlos glitt er über die weichen Tcppiche dieses Gemaches hinweg. Mit gleicher Vorsicht durchschritt er die weiteren Gemächer und blieb nun vor einer geschlossenen Türe stehen. Er hatte sein Ziel erreicht. Elsas Zimmer lag am weitesten vom Salon entfernt, nach einer anderen Richtung, seine Fenster gingen nach dem rückwärtigen Teil des Gartens. Sie hatte noch Licht, aber sie war allein. In ein leichtes, loses Kleid gehüllt, wie sie es im Vatcrhause zu trage» gewohnt war, saß sie in einen tiefen Sessel zurückgelehnt und las. Sie befand sich in der den Fenstern entgegcngesezten Ecke in der Nähe des Kamins. Ei» Lampe, in einem verschiebbaren Geleise gehend, hing gerade über ihr von der Decke hernieder und warf ein starkes aber ruhiges Licht auf das Buch, das sie in den Händen hielt und auf ihren weißen Arm, von dem der weite Aermel zurückgefallen war, und der auf der gepolsterten Seitenlehne sich anfstiizte. Aus ihrem Haar waren die Nadel» entfernt, in zwei losen Flechten fiel es hernieder; die eine schmiegte sich, einer goldenen Schlange gleich, an die Brust, die andere hing über den Sessel und berührte den Boden. Sic bewegte sich nicht, die geschmeidigen Glieder ruhten so lässig bequem; nur die Brust hob und senkte sich unter den ruhigen gleichmäßigen Atemzügen. So bot sie ein Bild der Schönheit, der Reinheit und eines heiteren Friedens. Durch das eine Fenster, das geöffnet stand, wehte die milde Ätachtlust herein und bewegte ein wenig den weißen Spizcn- Vorhang vor demselben. Die tiefe Stille in dem Gemache wurde jezt durch ein Flattern und Surren unterbrochen. Ein kleiner Nachtschmctterling war hereingeflogen und stieß mit eigensinniger Beharrlichkeit gegen den Zyllnder der Lampe, die, nahe dem Fenster, auf einem Tische stand. Er hatte sich bereits die Flügel verbrannt, aber nur umso heftiger und rascher unischwirrte er die Lampe, bei jedem Anprall sich aufs neue versengend, bis er ermattet in die Flamme fiel. Das Geräusch hatte Elsas Aufmerksamkeit auf sich gezogen, sie blickte gegen die Lampe und wollte eben aufstehen und das Fenster schließen, um andere Flügler vor dem gleichen Loos zu bewahren, als ein eigenartiges Gefühl, das dem Gehör voraus- geht, sie zwang, sich nach der Türe umzuwenden. Dort hatte jemand a» die Klinke gedrückt. Sie sprang empor. Eine dunkle Gestalt war eingetreten und schon stand sie vor ihr im Zimmer. Es war Cölestin. Er grüßt sie stumm. Sie blickt ihn mit großen Augen an, den Mund etivas geöffnet, lautlos, wie im Schreck erstarrt. Ist er es auch wirklich?! Sie hat ihn seit jenem Morgen, wo sie in dem Hanse des Salzarbcitcrs zusammengetroffen waren, nicht gesehen,— wie grausam ist er seitdem verändert; abgemagert, die hohe Gestalt gebeugt, die Wangen eingefallen, blaß, vergrämt und doch noch immer von eigenartiger Schönheit. „Sie kennen mich nicht mehr?" sagte er leise, und seine Lippen, die jezt ein schwarzer junger Bart umschattete, lächelten schmerzhaft. „O doch," sagte sie,„aber ich begreife nicht— wie Sie zu mir— unangemeldet— zu solcher Stunde—" „Vergeben Sie mir." Weich und zitternd klang das, wie die Bitte eines Kindes; und jczt kam es ihr vor, als wanke die hohe Gestalt, und in der Tat, er stüzte sich, als vermöge er nicht länger sich aufrecht zu erhalten, auf einen Stuhl. „Ein Schwindel," murmelte er,„ich bin sehr krank." „Sezen Sie Sich." Beklemmt sah sie ihn an, und doch nicht ohne Teilnahme. Ja, er war krank, daran war nicht zu zweifeln, und seine Augen lagen so tief, ihr bangte vor seinem Blick. 442 Sie blieb vor ihm stehen.„Ich bitte nur zu erklären," sagte sie schroff, und dann, als käme ihr ein anderer Gedanke, wandte sie sich dem Telegraphen zu.„Sie erlauben, daß ich Gerta herbeirufe, um Gräfin Helene von Ihrem Hiersein in Kenntnis zu sezen." Er machte eine Bewegung. „Unterlassen Sie es; Gräfin Helene ist im Salon, im eifrigen Diskurs mit einem Herrn, der mit mir zugleich ge- konimen war." Elsa atniete ans. Helene hatte Besuch angenommen, und sie wußte also, daß der Pater hier und bei ihr sei; es beruhigte sie merklich. Sie kani wieder gegen ihn heran. Er hatte die Augen nicht von ihr gewendet und war jeder Bewegung ihres Körpers gefolgt. Sein Herz pochte in rasenden Schlägen und schien dann plözlich zu stocken. Seit Wochen hatte er sich auf diesen Augenblick vorbereitet, wo er sie wiedersehen würde, wo die Entscheidung fallen sollte über das Schicksal seines Lebens, und jezt— jeder Nerv zitterte unter dem Aufruhr seiner Gedanken und Gefühle, und sein Wille arbeitete dem nicht entgegen. Er wollte seine Bewegung nicht verbergen, sie sollte sehen, was sie aus ihm gemacht hatte, sie sollte wissen, wie elend er geworden war. Er streckte seine seine weiße Hand ihr entgegen. „Komtesse, wollen Sie nicht die Gnade haben sich zu sezen, Sie zwingen mich sonst, mich ebenfalls zu erheben— und dies—" er erblaßte noch mehr. Unwillkürlich sezte sie sich auf den Stuhl, der knapp an seiner Seite stand. „Sie haben eine traurige Zeit verlebt, ich hörte, Ihr älterer Bruder wäre in Nizza zum Tode erkrankt." „Er ist gestorben." „Das ist traurig." Eine kleine Pause erfolgte, dann sagte sie sanft:„Sic haben Ihren Bruder wohl sehr geliebt?" Er hatte ein trübes, melancholisches Lächeln. „Ich lernte ihn erst lieben, als es zu spät wahr, nachdem ich gekommen war, den ewigen Abschied von ihm zu nehmen. Vorher waren wir uns fremd geblieben. Ich habe nie in der Familie gelebt, und weder für meinen Vater noch für meine Brüder hat sich etwas wie Zärtlichkeit in meinem Herzen geregt, und nicht einmal ein Gefühl der Anhänglichkeit, der Zusammen- geHörigkeit war mir erstanden. Nur wenn ich weit zurückdachte, an nieine Kinderjahre, dann erinnerte ich mich einer schönen Frau, die mich zuweilen in ihre Arme nahm, es war meine Mutter, ich liebte sie, aber auch das war vergessen und— ich habe erst in jüngster Zeit wieder daran denken müssen." „Und doch waren Sie auf die erste Nachricht, daß es mit Ihrem Bruder schlimm stehe, sofort zu ihm geeilt." Er wendete sich zum erstenmale von ihr hinweg und seine Augen senkten sich. „Es war kein so lauteres Motiv wie Bruderliebe, das mich so eilends dahingeführt," sagte er leise niit einer seltsam ver- schleierten Stimme. Eine Pause entstand, dann hob er den Kopf rasch, seine Züge belebten sich und seine Augen gewannen einen schönen, innigen Ausdruck. „Komtesse, ich war von Nizza hierhergekommen, um Sie um diese Unterredung zu bitten. Hören Sie mich, ich flehe Sie darum an." Sie hatte sich erhoben. „Was können Sie mir zu sagen haben?" „Den Inhalt meines Lebens." „Ich kann Ihre Vertraute nicht sein und will es auch nicht sein." „Sie werden mein Richter sein. In diesem Falle ein Nichter über Tod und Leben!" Er sprang empor und mit einer Behendigkeit, deren sie ihn j vorhin nicht für fähig gehalten, stellte er sich vor sie hin, ihr den Weg zur Tür wie zum Telegraphen abschneidend. „So müssen Sic mich hören!" „Pater Cölestin!" rief sie, als wolle sie ihn zur Besinnung bringen. „Nennen Sie mich nicht Pater, ich bin es nicht mehr!" „Sie sind Jesuit." „Ich gehöre nicht mehr dem Orden an. Ich habe mit meiner Vergangenheit gebrochen, als ein freier Mann stehe ich vor Ihnen." „Sie sind ausgetreten, freiwillig!?" „Freiwillig?! nein! ich hatte keinen freien Willen mehr,; dieses Anrechts hatte ich mich begebe». Aber der Ordens- j general hat alle Macht und er kann unser Gelübde lösen, cr kann uns entlassen und wieder aufnehmen, wie es der Vorteil des Ordens heischt. Nun denn, der Vorteil des Ordens heischte — meine Entlassung." Es war Cölestin gelungen, ihre Aufmerksamkeit zu fesseln und er fuhr fort. „Das nahe Ende meines Bruders war vorauszusehen;>ch war der nächste und legitimste Erbe und damit in den BepZ eines großen sürstlichen Vermögens gekommen, wenn ich nicht- als Profcsse von drei Gelübden, auch das der Armut abgelegt j hätte, das mir persönliches Eigentum versagt. Sobald ich aber dieses Gelübdes entbunden war, trat ich in meine bürgerlichen Rechte ein, und die Erbschaft fiel mir zu. Man sollte mich alm- freigeben; ich wünschte es und der Orden wünschte das GleidK- Wir unterhandelten um den Preis meiner Freiheit und sind darüber einig geworden.— Ich bin entlassen, und als 6W Ernesto Giuliano gehöre ich wieder nieiner Familie, gehöre nur selbst an." „Und Ihr ganzes früheres Leben war nur eine Lüge." „Elsa, verurteilen Sie mich nicht, ohne mich gehört 5" haben!". Er hatte ihre Hand ergriffen und mit sanfter und doch' zwingender Gewalt, mit einem flehenden Blick seiner Augrn; leitete er sie zu einem Sofa und sezte sich neben sie. (Forls. solgN> Die außerordentliche Nepraduktiongkraft verschiedener Tiergatlnnsten. Von Realschullehrcr Httc> Lehmann. sTcr Punktsalamander.- Tie Schildkröte.- Tie Waldschnccke.—. Einrichtungen der Natur. Denn da nicht blos die Vcrrich T" Strandkrebs.- Ter Regenwurm.- Tas Wafferschlangelchen. �„�u der vegetabilischen und tierischen Geschöpfe. so"d«i' � tn' ie 0 ,'ertn,l 1 die ihnen drohenden Gefahren höchst vielfach und niannichß' j Eines der merkwürdigsten Naturvermögen, welches wir an sind, so können Verlezungen ihres Körpers unmöglich ausblei � allen organischen Körpern wahrnehmen, ist die sogenannte Re- und man würde mithin an diesen organischen Körpern»mu � produktions- oder Wiedcrerzeugungskraft, welche darin besteht, lich viele Verstümmlungen wahrnehmen, wenn nicht die. J". daß sich bei diesen, besonders bei den animalischen Körpern, eben durch jene Reproduktionskraft für die Wiederheyu' gewisse verstümmelte oder gänzlich verloren gegangene Teile von jener Bildungen gesorgt hätte. Daß diese Wicderersezung � selbst wieder ergänzen und ersezen. In dieser bewuudcrnswür- aus auf dem System der Ernährung und Assimilation digen Begabung erblicken wir ohne Zweifel eine der zweckmäßigsten kann natürlich dem ausmerksamen Beobachter nicht entgehen, 444 hieraus sehen wir denn ganz vorzüglich, wie sehr sich die Werke der Natur von denen der Menschenhände unterscheiden. Denn während die geringste Pflanze und das niedrigste Tier jene wunderbare Kraft in sehr hohem Grade besizcn, ist auf der andern Seite die künstlichste und vollkommenste Maschine, sobald nur ein kleines Rädchen oder Federchen in derselben seinen Dienst versagt, außer Stande, sich von selbst wieder herzustellen; diese Eigenschaft ihren Bildnngcn mitzuteilen, vermögen mensch- liche Werkmeister nicht. Bei näherer Vergleichung jedoch ergibt es sich, daß wiewohl kein einziger organischer Körper der Reproduktionskraft gänzlich crmangelt, diese Kraft dennoch bei den ans einer niedrigen Naturstufe stehenden Geschöpfen sich stärker äußert als bei den vollkomnineren Gattungen. So finden wir, daß der Mensch, das vollkommenste Wesen der Natur, sowie die ihm zunächst stehenden Tiere die eingeschränkteste Neproduktionskraft besizen, während wir dieselbe ganz vorzüglich an einigen Amphibien, In- selten, Würmern und Weichtieren, z. B. an mehreren Eidechsen- gattungen, an den Krebsen, den Schnecken, den Regenwürmern, Seesternen, Armpolypen wahrnehmen; und auch in dieser An- ordnung zeigt sich die Natur sehr weise. Denn allerdings stehen demjenigen Geschöpf, das mit den höheren Seelen- und Geistes- kräften begabt ist, ganz andere Mittel zu Gebote, um sein Dasein zu schüzcu und sich vor Verleznng und Verstümmelung zu bewahren. Betrachten wir nun einige dieser Geschöpfe aus dem Reiche der Tiere, bei denen sich die wiedererzeugcnde Kraft am stärksten äußert, etwas näher. Einen schlagenden Beweis für bezeichnete Kraft liefert uns z. B. der Punktsalamander. Der Körper dieses Tiers, das an Größe die gemeine Eidechse nicht sehr übertrifft, ist oberhalb von hellbrauner, unterhalb aber von röt- licher Farbe und überall mit kleinen runden schwärzlichen Flecken besezt; der Rücken des Männchens zeigt im Frühjahre einen fortlaufenden zierlich gezackten Kamm. Nehmen wir eines dieser Tiere, welches ein Bein glatt vom Leibe weg verloren hat, und sezen es in ein Wasserbecken, wo wir gewiß sind, daß es nach acht Tagen wiederzufinden, so werden wir nach Verlauf dieser Zeit an der Stelle des abgeschnittenen Gliedes einen Stumpf finden, der sich bereits zu der Form eines Ellbogens verlängert; nach einigen Tagen hat dieser Stunipf bereits eine ausgeprägte Form angenommen, und wir entdecken nun leicht den Arm und Vorderarm, dessen Ende sich schon in die Gestalt einer Pfote ausbreitet, au der wir in kurzer Zeit sich auch die Zehen werde» bilden sehen. Endlich nach Verlans eines Monats, je nachdem das Wetter warm ist, hat unser Salamander sein vollständiges Bein wieder erlangt, das den übrigen, wie ein Ei dem andern, gleicht; Muskeln, Nerven, Adern, Knochen und Ligamente, alles ist vollständig. Wollten wir grausam sein, so könnten wir nun dem Tiere das Bein zum zweitenmale abnehmen, um es in kurzer Zeit ebenso wieder ersezt zu sehen. Ja ztvci, drei und alle vier Beine könnten wir dem Tier abnehmen und es würde darum doch nicht sterben, sondern alle diese Glieder wieder er- zeugen. Man sollte glauben, daß hiermit die ersezende Kraft dieses Tieres aufhörte. Dies ist jedoch keineswegs der Fall. Sogar ein Auge, wenn es ihm ausgerissen, würde auf dieselbe Weise wieder entstehen, und zwar in seiner ganzen ehemaligen Vollkommenheit. Dieser Umstand scheint an das Fabelhafte zu grenzen, und doch ist es nicht das Aeußerste, wozu dieses Tier fähig ist. Nehmen wir z. B. das Gehirn. Bei allen Tieren der höheren Gattung, bei dem Menschen selbst, ist das Gehirn bei weiteni der edelste unter allen inneren Teilen, die Wurzel aller Nerven, und überhaupt der ursprüngliche Siz aller tierischen Sensibilität. Die geringste Verleznng des Gehirns äußert bei den vollkommenem Tieren die traurigsten Folgen. Sie werden stumpf und dumpf, verfallen in Lctargie, Lähmung und endlich in den Tod; allein so ist es keineswegs bei dem Salamander. Man öffne ihm mit einem feinen Instrumente die Hirnschale, nehme ihm das Gehirn heraus, und das Tier wird dessenunge- achtet in seinem ursprünglichen Element, dem Wasser, selbst in diesem verstümmelten Zustande noch fortlebe». Ein anderes ungemein reproduktives Tier, wenngleich nicht ganz in so hohem Grade, als der Salamander, ist die Schild- kröte. Auch diese ersezt, obwohl nicht in so kurzer Zeit, ein verlorenes Glied. Besonders ist es die griechische Landschild- kröte, welche unter ihresgleichen die größte Reproduktionskraft äußert. Diesem gewöhnlich nur 15 bis 20 Ccntimeter langen Tiere, dessen hochgewölbtes Rückenschild jedoch, gleich einer Mosaikarbeit, auf das kunstvollste gezeichnet, und welches in Griechenland, Dalmatien, im südlichen Frankreich, Sardinien und Frankreich heimisch ist, wurde unlängst von einem französischen Naturforscher die Hirnschale geöffnet und ihres Inhalts entleert. Nach dieser Verstümmlung, die freilich sehr grausam ist, lebte das Tier noch sechs Monate lang in dem Garten des Besizers, wo es erst durch den Winterfrost getötet wurde. Allein wir brauchen die Beispiele für diese außerordentliche Eigenschaft nicht erst in weitcntlcgcnen Landen zu suchen. Jeder von uns kennt die kleine Waldschnecke, welche in ganz Deutschland auf Bäumen, in Gebüschen und Hecken, an Wänden und andern Orten sich aufhält und durch Aufzehrung oes Laubes häufig sehr schädlich wird. So klein und schwach dieses Tierchen erscheint, eine so bewunderungswürdige Reproduktionskraft besizt es. Fassen wir es in dem Augenblick, wo es, ohne einen Feind zu vermuten, langsam, mit ausgestreckten Fühlhörnern vorwärts schreitet und schneiden ihm mit einem scharfen Messer den Ke'Pl ab; augenblicklich wird sich das Tier vor Schmerz und Angst in sein Haus zurückziehen und es wird eine geiferartige klebrige Feuchtigkeit in ziemlicher Masse hervorstießen. Diese Feuchtigkeit vertrocknet sehr bald an der Luft und verklebt auf diese Weise den untern Rand der Schneckenschale dergestalt, daß diese fest auf der Stelle haftet, wo nian sie hingestellt hat. Bringt man nun das Tierchen in diesem Zustande an einen Ort, der vor den widrigen Einflüssen der Luft und der Witterung, sowie vor den vertrocknenden Sonnenstrahlen geschiizt ist, so wird es hier in einem völlig unbeweglichen Zustande etwa 14 oder 2' Tage hindurch verharren, so daß man glauben sollte, es sei tot, allein was während dieser Zeit unter der so verklebten Schnecken- schale vorgeht, könnte man in Wahrheit ein Mysterium der Natur uenncn. Was unglaublich erscheint, das finden wir hier durch die Wirklichkeit bestätigt, denn sowie die oben genannte Zeit verstrichen ist, fängt sich nach und nach und anfänglu! ganz unmerklich das Schneckenhaus an zu heben und zu bewegen. Eine Feuchtigkeit dringt allmälich darunter hervor u» befreit nach und nach das Gehäuse von jener klebrigen und verhärteten Masse. Jezt löst das darunter verborgene Tier sei" Haus völlig von dem Boden ab, und man sieht es alsba' mit neuen vier Fühlhörnern und mit einem ganz neuen dnr � aus vollständigen Kopfe versehen hervordringen, an welchem e »aturkundige Beobachter auch nicht das kleinste wesentliche Mer mal vermissen wird.- Versezcn wir uns nun an die sandreichen Gestade Meeres, um ein neues Tier kennen zu lernen, dem die Na auf ähnliche Weise die Wiedererzeugungsfähigkeit seines � lorenen Gliedmaßen verliehen hat. Hier sehen>vir eine A>» auf dem Sande liegen; sie öffnet die beiden Flügel ihrer Scha> um die angenehme Sonnenwärnie auf sich wirken zu m''' Dies bemerkt einer ihrer vorzüglichsten Feinde, der Strandkr der oder die Strandkrabbe. I» dem Augenblick, wo er sich Auster bemächtigen will, klappt diese ihre Schale zu""b Krebs muß froh sein, daß er nicht eine seiner Schecren dazimM.) gelassen hat. Nach einiger Zeit öffnet die Auster ihre wl wieder und der Krebs nähert sich ihr anfs neue, allein way dieser Zeit kommt ein zweiter Krebs hervor, der die- 1, gleichfalls bemerkt hat, sich als Nebenbuhler des eestiM��. wirft, und es kämpfen nun beide um die geincinschastliche- Bei diesem Kampfe büßt einer der beiden Krebse die| einer Scheere ein. Sogleich zieht sich der verwundete. in das Wasser zurück, und das konvulsivische Zucken � ganzen Körpers beweist, wie sehr ihn die Wunde schmerz ist gewiß, daß der Krebs, dessen empfindlichster Teil die Sw � mit sind, an dieser Wunde sterben müßte, wenn er M 445 auf irgend eine Art davon zn heilen suchte, und hiczu eben hat ihm die Natur die Mittel und den Trieb verliehen. Der Krebs fängt nämlich an, sein verwundetes Glied zuerst ganz langsam zu bewegen. Die Bewegung wird nach und nach immer ge- schwinder, bis endlich die verlezte Scheere sich vom Körper ablöst. Von diesem Augenblick an hat der Krebs nichts mehr zu fürchten, denn von nun an äußert sich bei ihm die allen Krustaccen eigentümliche Rcproduktionskraft, und es bildet sich eine neue Scheere, die aber erst nach langer Zeit die Größe der ersten erreicht. Dies fällt bei diesen Krebsen so oft vor, daß nur selten einer gefangen wird, bei dem beide Scheeren von völlig gleicher Größe sind. Noch auffallender fast ist die Ncproduktionskraft bei dem gemeinen Regenwurm. Wenn nämlich die Leute ihre Garten- beete umgraben, so glauben sie die heraufgeworfcueu Regen- Würmer dadurch zu töten, daß sie dieselben mit dem Spaten in zwei Stücke zerstoße». Damit verdoppeln sie aber nur ihre Existenz, weil nämlich nach den vielfachen Versuchen des be- rühmten Naturforschers Spallanzani sich aus diesen beiden Stücken zwei ganz vollkommene Würmer bilden, wovon jeder wil Kopf und Schwanz versehen ist. Bei einer andern Wurm- art, dem sogenannten Wasserschlängelchen, ist die Reproduktionskraft noch bewundernswürdiger; während nämlich ein solcher Wurm am hintern Teil seines Leibes Junge hervortrcibt, kann wan ihm den Kopf abschneiden; dieser wächst nicht nur wieder, sondern die Entwicklung der Jungen geht auch ungehindert von statten. Einen ganz besonderen Artikel in der Geschichte der tierischen Reproduktion nimmt die natürliche und künstliche Ver- wehrung der Polypen ein. Schon die natürliche Fortpflanzung kwr Armpolypen ist höchst merkwürdig. Diese geschieht nämlich Tanz uns dieselbe Weise wie bei den Pflanzen, durch Ableger, so daß die junge» Polypen, wie die Zweige eines Baumes, aus dem Körper des Alten hcrvorlvachsen. Es zeigt sich näm- üch an der Seite des Körpers ein sehr feiner Punkt, der wie siu Pslanzcnauge gestaltet ist. Dies ist der junge Polyp nach soiner Geburt, er wächst fort und dehnt sich aus an dem Stamm �or Mutter und reißt sich von diesem erst los, wenn er selbst 'chon wieder Junge getrieben hat. Noch merkwürdiger als diese Natürliche Fortpflanzung ist die künstliche Vermehrung dieser Msanien Pflanzcntiere. Wenn man nämlich den Polypen in �iückc zerteilt, so wird man in kurzem ebenso viele vollständige Polypen haben, als es vorher Teile waren. Auf dieselbe Weise awi man dieses Tiergcwächs von oben nach unten zwei-, drei-, �ioo- und mehreremal spalten, worauf sich alle diese Aestc zu "ollkommeuen Polypen ausbilde», und wenn man die Teile nicht Tauzlich getrennt hat, unten wie an einer gemeinsamen Wurzel Zusammenhängen. Auf diese Weise läßt sich ein einziger Polyp '3 ins Unendliche vervielfältigen, da jeder, auch der kleinste, �geschnittene Teil wieder zu einem Ganzen wird. Einige Naturforscher gingen noch weiter. Sic schnitten den Kopf des �"sypen ab und sezten ihn wieder auf den Rumpf, worauf er neuem anwuchs. Ja, es gelang sogar der Versuch, zwei Polypen völlig so ineinander zu pfropfen, wie es der Gärtner den Baumzweigen tut, um sie aus diese Weise zn ver- �"lgen. Andere brachten es sogar mit vieler Mühe dahin, °'"en Polypen nach Art eines Handschuhes umzukehren, worauf /Uelbe sich anfangs zwar in die vorige Lage znrückzuversezen u�bte. als ihm dies aber nicht gelang, so fuhr er i» dem .wgewandtcn Zustande, ebenso wie früher, fort zu leben und Wie Nahrung zu verschlingen. Nach anderweitigen Bcobach- si �n sah man einen großen und einen kleinen Polypen, die 3 ihre Beute, welche aus einem kleinen Gewürm bestand, ' Ti'g machte». Jeder Polyp hatte den Wurm bei einem Ende 'oyt und indem jeder von seinem Stück zehrte, näherten sie sich beide einander. Jezt nun, da der kleine Polyp seinen Raub nicht fahren lassen wollte, wurde er sammt dem Wurm von! dem größeren Polypen verschlungen. Weit entfernt jedoch, daß! er dadurch aufgehört hätte zu leben, zerriß er vielmehr den Magen des großen Polypen und ging ganz unverlezt daraus hervor. Solcher mühsamen und künstlichen Versuche haben die Naturforscher unzählige mit diesen seltsamen Geschöpfen angestellt, die wahrhast staunenerregend sind. Schließlich müssen wir noch, um unser» Gegenstand zn ver- vollständigen, die sogenannten Rotiferen erwähnen, die gleichfalls zum Molluskeugeschlecht gehören. Der Körper dieser Tiere ist oval geformt und gallertartig. Man unterscheidet daran ein Maul, einen Magen, Eingeweide und einen After. Das Tier endigt sich in einem aus vielen ineinander gefügten Gliedern bestehenden Schwanz, der zulezt in zwei Fasern ausläuft; am Vorderteil des Körpers befindet sich ein ganz eigentümliches lappcnförmiges Organ mit gezähnten Rädern, das in einer fort- währenden Schwingung und Drehung begriffen ist. Auch be- nierkt man am Halse zwei Erhöhungen, in deren Mitte ein farbiger Punkt sich befindet, den man nicht mit Unrecht für das Auge hält. Sobald nian diese sonderbaren Tiere aus dem Wasser nimmt und auf ein Stück Schreibpapier legt, so sieht man sie in dem Maße, wie die Feuchtigkeit ausdünstet, sterben, da sie in keinem andern Elemente ihr Dasein zu fristen ver- mögen. Nach und nach vertrocknet ihr Körper ganz, entstellt sich und gleicht zulezt einem kleinen Stückchen dürren Holzes, an dem kein Zeichen des Lebens mehr zu erkennen ist. In diesem Zustande, wenn man das Papier zusammenfaltet, kann man es Wochen, Monate, ja sogar mehrere Jahre hindurch aufbewahren, und man wird bei endlicher Wiedereröffnung diese Tierchen noch immer in demselben verdorrten Zustande finden, wie früher. Nur mit der größten Vorsicht darf man sie an- rühren, weil sie sonst augenblicklich in Staub zerfallen würde». Allein demungcachtct kommt es nur auf uns an, sie sogleich wieder ins Leben zurückzurufen. Denn wenn man sie nur einen Augenblick dem Dampf von warmem Wasser aussezt, so fangen sie in dem Maße, wie dieser Dampf sie durchdringt, an, zu erweichen und wie kleine Schwämme aufzuschwellen. Dieser Belebungsprozeß steigert sich»och, wenn man sie in das Wasser tut, wo sie bald ihre ursprüngliche Gestalt wieder erlangen. Nicht lange währt es, so ka�in man ihren ovalen Leib, geglie- derten Schwanz und das lappenartige Vorderteil unterscheiden. Eine Minute später fängt der Schwanz an, sich zu bewegen und sich in Zwischenräumen zu verlängern und zu verkürzen. Die kleinen gezahnten Rädcrchen des Vorderteiles drehen sich wieder und das kleine Tierchen erwacht aus seiner langen Er- starnmg. Es bewegt sich, schwimmt anfangs langsam, dann lebhafter und erreicht zulezt wieder seine ganze vorige Lebens- kraft, wird aber auch sogleich wieder in den Zustand der Er- starrung zurückversezt, sobald man das obige Verfahren mit ihm erneuert. Ehrenberg hat solche Rädertierchen im luftleeren Räume unter Anwendung von Chlorkalk und Schwefelsäure wochenlang ausgetrocknet, sie dann einer Hize von 120 Grad ausgesezt, und dennoch waren sie nur scheintot und gelangten unter geeigneten Umständen wieder zum Leben. Fontana belebte durch Zugießung eines einzigen Wassertropfens ein Rädertierchen, welches 21/2 Jahre lang getrocknet war. Ja, Backer behauptete sogar, im Jahre 1771 ein sogenanntes Kleisterälchen(Vibrio) wieder belebt zu haben, welches 27 Jahre unbeweglich und ausgetrocknet aufbewahrt Ivorvcn war. Eine größere Reproduk- tionskrast, als diese Tierchen besizen, findet man also wohl in der ganzen tierischen Schöpfung nicht wieder. Denn dieser Belebungsprozeß ist im wahren Sinne des Wortes eine Auf- erstehung von den, Tode zu nennen. 446 Aus dem Sklaven lande. Von Spiriöic>n Hopcevic. tZchluß.) Hinter dem Hügel erhob sich auf einer niederen Anhöhe der „Palast" Seiner Majestät, eine Schilfhiitte, deren Baumeister sehr ans Luftigkeit gehalten haben mußte. Vor ihr war ein Signalmast errichtet, ans welchem ein alter— Zylinderhut hing. Dieser moderne Geßlerhut war die Oriflamme des Reichs, der sich die Großen(und Kleinen) nur mit gebührender Ehrfurcht nahten. Zur Steuer der Wahrheit sei jedoch erwähnt, daß sich der Schilfpalast des Königs Langori sehr vor den Hütten seiner Untertanen auszeichnete. Einmal-war er hoch genug, um den Eintritt stehenden Fußes zu erlauben.(Bei den andern Hütten mußte man sich nämlich auf den Bauch legen, wenn man in das Innere kriechen wollte.) Ferner hatte er verschiedene runde Löcher, welche als Fenster dienten, ein Luxus, den sich Langori's Untertanen nicht erlauben durften. Endlich war er groß genug, um eine Abteilung in zwei Gemächer zu gestatten. Das erste diente als Tronsaal, Andicnzsaal, Speisesaal und Schweinestall, das zweite war Schlafzimmer, Boudoir, Arbeitszimmer und Küche. Die Einrichtung des ersten Gemaches entsprach seiner Vc- stimmung. Als Tron diente eine zerrissene, fettige, höchst un- appetitliche Matraze, welche die Mitte einnahm. Offenbar für die Audienz Nehmenden waren einige um den„Tron" grnppirte Matten bestimmt. Eine Anzahl Schüsseln, Krüge und der- gleichen in der einen Ecke wiesen ans den Speisesaal, ein nied- liches Schweiiichcn in der andern ans den Saustall hin. Dr. Ramini war schon sehr heiter gestimmt, als er den Palast betrat. Nur mit Mühe konnte er jedoch einen lauten Ausbruch seiner Heiterkeit unterdrücken, als sich Seine Majestät hereinwälzte. Bekanntlich wählen die Ncgerstänime vom Aequator bis zum Oranje-Flnß den Fettesten und Schwersten zum König. Auch Langori I. war infolge seiner gerechten Ansprüche auf den Tron — er wog nämlich mindestens 200 Kilo!— zum König ernannt worden. Wenn er aufrecht stand, sah man nur eine riesige eiförmige Walze vor sich, auf deren Gipfel eine kleine Kugel— der Kopf— saß. Rechts und links hingen zwei kurze, ungeschlachte Fleischklunipen herab— die Arme— während der ganze Ei- bccher auf zwei kleinen, ebenso langen als breiten Walzen ruhte. „Eine Sehenswürdigkeit, ein Naturspiel!" flüsterte der Bootsmann dem Doktor zu, als er dies sah;„dem König wachsen die Wade» aus dem Sizfleisch heraus!" Seine Majestät>var natürlich im Kröuungsornate. Eine rote, gesteppte Bettdecke, aus deren zahlreichen Löchern die Wolle heraussah, umfloß als Krönungsmantel Langori" zarte Glieder. Eine blau-tveiß gestreiste Schwimmhose, deren Nähte an verschiedenen Stellm aufgesprengt waren, stach von der schwarzen Brust trefflich ab. Strohpantoffeln, wie sie in Bädeni gebräuchlich sind, bildeten die königliche Fußbekleidung. Als Krone figurirte ein Zylinder ohne Deckel, dessen oberer Rand zackenförmig ausgeschnitten war, um die täuschende Aehnlichkcit mit einer wirklichen Krone noch mehr zu erhöhen. Die fettige abgegriffene Krämpe war jedoch geblieben, um das Aufsezcn und Abnehmen der Krone zu erleichtern,— eine praktische Neuerung,»velche Nachahmung verdiente. Als Szepter diente ein— Sticfelzicher! »Ich möchte doch wissen, welcher Spaßvogel von Schiffs- kapitan den armen König zu einen solchen Faschingsnarren herausgepuzt hat." flüsterte Dr. Ramini lachend seinen Gc- fährten zu.„Kaum kann ich den nötigen Emst bewahren. Ter Anstand und die Würde, mit welcher König Longori seinen Stiefelziehcr handhabt, ist zu drollig." Auch die Matrosen fanden dies, denn sie brachen in ein schallendes Gelächtsr ans. Verdnzt blickte sie Langori an. Mit seltener Geistesgegenwart sagte der Doktor schnell zu seinem Dolmetsch: „Versichere den König, daß bei uns eine solche Lachsalve Zeichen der ehrerbietigsten Begrüßung ist." Diese Versicherung beruhigte auch vollständig den schwarzen Souverän. Würdevoll ließ er sich auf den Tron. d. h. die Matraze, nieder und gab seinem Generaladjudantcn den Befehl, ihm— das Ungeziefer abzulesen. Dann überraschte er seine Gäste mit einigen spanischen Worten. Glücklichclwcise verstand Dr. Ramini etwas spanisch und so ersparte er die langwierige Verinittlniig zivcicr Dolmetscher. „Welche Geschenke bringt ihr mir mit?" war des Königs erste Frage. Mau hatte auf solche vergessen. Als gewandter Diplomat erwiderte jedoch der Doktor, daß man sich erst nach dem Wunsche und dem Gcschinackc Seiner Majestät habe erkundigen wollen. „Am liebsten sind mir Schicßwaffen, Munition und Schnaps, vcrseztc der König mit rührender Offenherzigkeit. „Ich werde deine Wünsche dem Kapitän mitteilen. 3s5* erlaube mir eine Frage. Kannst du mir sagen, woher dieser Neger stammt? Fituki sprich in deiner Sprache." Fitcki gehorchte. „Er stammt ans dem Reiche meines Nachbars, des Kö»>ll- Nambari..." „Nambari, mein König!" rief Fituki entzückt. „Die Sache scheint richtig zu sein," dachte sich der Doktor Dan» fuhr er laut fort:„Fituki wurde nebst 360 Gcuosscn v-n einem brasilianischen Sklavenhändler eingeschifft. Wir hat"" jedoch sein Schiff in den Grund gebohrt und 91 Sklaven de- freit. Sie befinden sich auf unscrm Schiffe und sollen in Heimat zurücktransportirt werden. Nachdem nun Nanibar'- Reich an das deinige anstößt, könntest du deine Brüder le>) dorthin schaffen." Langori hatte mit Aufmerksamkeit zugehört. In Zügen malte sich etwas,>vas einen aufmerksamen Beobad) hätte argwöhnisch machen können. Dr. Ramini jedoch"beu den Eindruck, welchen seine Worte auf den König machte»- „Recht gerne will ich mich dieser Mühe unterziehen,"* fezte endlich Langori.„Schiffe nur die Sklaven aus." „Das soll noch heute geschehen.",% „Wollt Ihr mit uns'in keinen Tauschhandel eingehen-'„ der König fort.„Könnt ihr nichts aus meinem Laude branchr „Was habt Ihr denn?" „Goldstaub, Elfenbein, Strausfedcrn, Gummi.",„ „Das sind schon Dinge, welche>vir mitnehinen köi» wenn ihr nicht zu teure Preise macht." „Run, wenn du mit den Sklaven und den Geschenke» ko werden ivir hoffentlich Handeleins werden." Damit war die Audienz zu Ende.-/-diqt- Rajkovic war von dem Resultat derselben sehr eI, Er wurde die Neger los und hatte Aussicht, wertvolle W» gegen Tand einzutauschen. Nachmittags fuhr abermals die Schaluppe an das Land- »id r"1- lim ituei Matrosen vermindert ivorden,_ 447 biet Glasbecher und— last not least— als Etsaz für den schäbigen Tron des Königs— ein ausgemusterter Nachtstuhl. Es war Dr. Ramini, welcher um jeden Preis die bizarre Ausrüstung Langorts durch dieses seltsame Möbelstück bereichern wollte. Während der Audienz sollten die befreiten Sklaven aus- geschifft werden. Diesmal empfing König Langori seine Gäste in einem an- deren Kostüm. Krone und Szepter schmückten ihn zwar noch immer, auch die Strohpantoffcl; dagegen hatte er Schwimm- Hose und Bettdecke durch einen schon stark defekten— Kellner- stack ersezt. Als der Doktor ihn sah, bedauerte er daher leb- Haft, nicht auch ein Hemd unter die Geschenke aufgenommen zu haben, um das Unanständige der königlichen Kleidung zu mildern. Diesmal war auch die königliche Familie anwesend. Sie- bestand aus drei Weibern und zwei Kindern. Erstere waren io häßlich, daß Paris in Verlegenheit gekommen wäre, welcher kr seinen Apfel der Häßlichkeit hätte geben sollen. Sie waren durchgehends leicht gekleidet, wie sich dies unter dem Aequator wohl begreifen und entschuldigen läßt. Die eine trug eine Jacke, welche so eng war, daß zwischen den beiden Flügeln berselben ein Raum von anderthalb Spannen unbedeckt blieb. �a sie jedoch üppig gebaut war, schien sie über diese Knapp- heit des Stoffes nicht trostlos zu sein. Sie ergab sich wenig- stens mit Seelenruhe in ihr Geschick. Die zweite besaß einzig und allein eine Frauenschürze als Kleidung. Sonderbarerweise hing sie nicht vorne sondern rückwärts. Bei den Negerinnen ist nämlich die Kehrseite allein "Partie honteuse". Die dritte und jüngste Gattin endlich trug ein kokettes �chlashäubchen und— sonst nichts! Tie Kinder waren ganz so gekleidet— aber ohne Schlafhaube. »Erhabene Majestät!" sprach der Doktor den König an, "'dem er die Geschenke auskramte.„Hier ist vor allem ein "euer, deiner würdigerer Tron, als diese Matraze. Beliebe atauf Plaz zu nehmen." Vcrduzt sah der König den kleinen Nachtstuhl an. Endlich wß er sich auf denselben nieder. Aber Dr. Ramini hatte vergessen, daß Langori 200 Kilo-, ??9•.• Ein Krach und der König wälzte sich auf den Trümmern '°'nes Trones. �i" böses Omen! , SBöHreiib sich der König mit Hilfe seiner Flügeladjutanten '"wder erhob, machte sich eine der Frauen die Gelegenheit zu 3" und stahl das Sizbrett des ominösen„Trones". Mit Icharfsinn verwendete sie es als Halskrause, indem sie ihren durchsteckte. o Schon wollte sie sich triumphirend entfernen, als König %"Qvri ihrer ansichtig wurde. Ein Fußtritt und die Arme "9.heulend i» eine Ecke, während reichliche Tränen die Hals- � benezten. � des Königs Zorn zu besänftigen, beeilte sich Dr. Ranin», Schnapsfäßchcn zu präsentiren. j �»'gori roch vorsichtig daran, dann leuchteten seine Augen o. �°nne und Seligkeit. Er sezte das Spundloch an die dpeii und trank''"""------ ............. SSSSsw»««''81 DMMWM Ichtci darum zu raufen begannen. Endlich fuhr er den Doktor an: „Ist das alles, loas Ihr mir bringt? Wo sind Waffen und Munition? Wie könnt Ihr es wagen, einem König, wie Langori, solche erbärmliche Geschenke zu bieten? „Oho, da müßt Ihr ja schrecklich verwöhnt sein?" rief der Arzt überrascht.„Was wir dir gebracht, ist ebenso wertvoll als nüzlich." Bei diesen Worten ließ er seinen Blick auf die neue Hals- krause der Königin schweifen. „Waffen und Munition werden wir nur als Tauschobjekte gegen Goldstaub, Elfenbein und Straußfedern hergeben. Zeige uns erst, was du besizest!" „Zaraibo, führe die Fremdlinge in unsere Schazkammer," befahl Langori seinem Obersthofmeister. „Bin neugierig, was das für Schäze sein werden," lachte der Bootsmann;„nachdem hie Kronjuwelen in einem Stiesel- zieher und einem defekten Zylinder bestehen, mache ich mir von den Schäzen keine hohe Meinung." Von Zaraibo geführt, schlugen die Seeleute den Weg nach dem erwähnten Hügel ein, welcher zwischen der Bai und dem Dorfe lag. Vor einer in die Erde gesezten Türe standen vier mit langen Speeren und Schiffskuttlassen bewaffnete Neger Wache. Zaraibo öffnete die Türe und ließ die Seeleute ein- treten. Wie staunten diese, als sie sich in einer geräumigen Höhle befanden, welche mit Gummi, Straußfedern, Elfenbein und einigen Kistchen Goldstaub gefüllt war. „Teufel, da ließe sich ein Geschäft machen," meinte der Bootsmann überrascht.„Ich möchte doch wissen, ob der König den Wert dieser Dinge kennt." „Das werden wir ja sehen! Auf Grund dieser Schäze läßt sich schon mit Langori unterhandeln." Dies sagend, trat Ramini mit seinen Gefährten den Rück- weg an. Plözlich lief ihnen Fituki entgegen und warf sich auf die Knie, rufend: „Herr, rette uns, wir sollen wieder verkauft werden!" Mit Hilfe Neptnn's erfuhr denn der hierüber erstaunte Doktor folgendes: Langori war es, welcher seinen Nachbar Nambari mit Krieg überzogen und ihm 360 Gefangene abgenommen hatte, die er dem brasilianischen Sklavenhändler verkaufte. Erst nachträglich erfuhr Fituki, daß er sich in Langori's Reiche befinde. Er ver- langte sofort vom Könige, man möge sie alle wieder auf das Schiff zurückbringen. Statt dessen befahl Langori seinen Leuten, sie sollten die Zieger fesseln und in das nächste Dorf schassen. So geschah es auch und nur Fituki allein gelang es, zu entspringen. „Wenn Ihr uns nicht nochmals befreit," rief Fituki am Schlüsse seiner Erzählung,„so werden meine Brüder wieder als Sklaven verkauft werden." „Da sei Gott davor!" rief Dr. Ramini entrüstet.„Eher schießen wir das ganze Ziest zusammen." Die Gesellschaft betrat wieder den Audienzsaal, schob das auf der Türschwelle schlummernde Ferkel beiseite und nahm auf den Matten Plaz. „Wie hat euch mein Schaz gefallen?" frug Langori, indem er heimlich dem Neger Fituki eine» gehässigen Blick zuschleuderte. „Sehr gut. Bevor wir aber weitersprechen sage uns, wes- halb du mit Sklaven handelst und warum du Fituki's Freunde gefangen genommen hast?" „Was himmert das euch?" „Sehr viel! Wir haben dir Fituki und seine Landsleute nicht geschenkt, sondern blos zur Heimbeförderung anvertraut. Nachdem es sich jezt herausgestellt, daß du selbst derjenige bist, welcher sie verkauft hat, können wir uns auf deine Ehrlichkeit nicht mehr verlassen. Du wirst uns also die 90 Neger wieder zurückstellen." „Sei vernünftig, Freund; laß mir die Sklaven, ich will euch Elfenbein und Gold dafür geben." „Wir sind keine Sklavenhändler. Entweder du lieferst die Neger gutwillig ans, oder wir schießen dein Dorf zusammen!" Als Lcmgori solchen Ernst sah, änderte er seine Haltung. „Nimm die Neger; ihrethalben wollen wir uns nicht ver- feinden. Schließen wir lieber einen Tauschvertrag ab. Was gebt ihr mir für meine Elefantcnzähne und den Goldstaub?" „Ich weiß ja nicht, wie viel Zähne ihr habt und wie schwer euer Goldstaub. Wenn du mir dies angibst, will ich mit dem Kapitän darüber sprechen." „So sieh dir nochmals die Schäze an und zähle die Zähne." Lirglos begab sich Dr. Ramini mit seinen sieben Gefährten in die Schazkammer. Kanin waren sie jedoch in der Höhle, als plvzlich Zaraibo hinauslief und die Türe zuschlug. Im ersten Momente standen die Seelente ganz bestürzt da. Dann, nachdem sie sich von ihrer ersten Ueberraschung erholt, stürzten sie auf den Eingang los. Die Türe, aus dickem Holze verfertigt und knnstgerecht ein- gefügt, war von außen mit vier starken Querbalken geschlossen worden. Alle Anstrengungen der Gefangenen, sie einzuschlagen, blieben vergeblich. Sie feuerten ihre Gewehre ab und sahen dann durch die in die Türe geschossenen Löcher. Von den vier Wachen war zufällig eine getroffen worden und die anderen rannten spornstreichs querfeldein. Tie Seeleute hatten also keinen Feind draußen, der sie bc- lagerte. Das war schon etwas. Aber wie sollten sie los- kommen? Während sie so berieten, vernahmen sie heftigen Kanonendonner. „Verräterei!" riefen sie sich zu.„Die Wilden haben auch das Schiff angegriffen! Es befinden sich nur 16 Mann an Bord, von denen noch überdies 5 verwundet sind. Zudem ist die Schaluppe mit ihren 7 Mann am Strande schnzlos dem heimtückischen Angriffe der Wilden preisgegeben! Der Kanonendonner währte fort. Er bewies wenigstens, daß es den Wilden noch nicht gelungen war, Herren des Schiffes zu werden. Eine peinliche Viertelstunde verging. Der Kanonendonner verstummte. Hatten die Neger den„Crnogorac" erstürmt? Die Seeleute sollten darüber nicht lange int Ungewissen bleiben. Einige Flintensalven ertönten in nächster Nähe. Durch die Schnßlöchcr blickend, gewahrte Ramini mehrere Neger, welche, von einigen Matrosen gefolgt, das Weite suchten. Der Hoch- bootsmann befand sich unter den Verfolgern. Die Gefangenen feuerten ihre Flinten ab; der Widerhall brach sich an den Wänden der Höhle. Der Hochbootsmann vernahm die Salve und blieb stehen. „He, alter Knabe, öffne uns die Türe unseres Kerkers!" schrie ihm Dr. Ramini zu. Der Angerufene eilte mit einem anderen Matrosen herbei und befreite seine Gefährten. „Ist das Schiff gerettet?" waren des Arztes ersten Worte. „Der Angriff ist glänzend abgeschlagen, doch davon später. Einstweilen laßt uns die Flüchtlinge verfolgen." Als sie endlich erschöpft zur Bai zurückkehrten, konnte der Hochbootsmann dem neugierigen Doktor den Hergang des An- griffes schildern. Der Untersteuermann und seine sechs Matrosen saßen eben in der auf den Strand gezogenen Schaluppe, als von allen Seiten die Neger mit geschwungenen Lanzen herbeistürzten und sich unter gellendem Geschrei auf die Schaluppe warfen. Andere eilten in die Kanoes und hielten auf das Schiff los, um es zu entern. Der Untersteucrmann, nicht faul, löste sofort die Drehbasse gegen das schwarze Gesindel und streckte durch einen Kartätschen- schuß etwa 4 bis 5 Mann nieder. Unmittelbar darauf gaben die Matrosen Feuer und töteten weitere drei Neger. Durch die Schüsse allarmirt, ließ Rajkovic die Karronadcn auf die herangleitenden Kähne richten, von denen er mit der ersten Salve drei in den Grund bohrte. Den andern verging die Lust, und nachdem eine zweite Salve noch vier Kanoes zum Sinken gebracht, wandten sich alle zur Flucht. Unterdessen hatte der Untersteuermann seine Drehbasse wieder geladen und abermals gegen die Neger abgefeuert. Auch seine Matrosen schössen ohne Unterlaß. Infolgedessen ergriffen alle Wilden das Hasenpanier. Rajkovic sandte jezt den Hochbootsmann mit sechs Matrosen im Langboot an das Land, um dem Untersteuermann in der Verfolgung und etiva nötig tvcrdcnden Befreiung der Gesandt schaft beizustehen. Nachdem drei Matrosen bei den Booten als Wache zurück- geblieben, machten die übrigen elf Seeleute einen Angriff aus das Dorf. Nach kurzem Scharmüzel wurde es erstürmt n»d verbrannt, die Sklaven größtenteils befreit und Langori ncbst zwei Adjutanten gefangen genommen. Von den Seeleuten war kein einziger gefallen, dagegen vier durch Speerstiche, Pfeile oder Kculcnhiebe verwundet worden. Als Sieger bemächtigte sich Rajkovic der feindlichen Schnj' kammer, deren auf 50000 Gulden geschäzter Inhalt ans da-' Schiff wanderte. Von den Sklaven fehlten noch sechs. Rajkovic sandte daher einen der gefangenen Adjutanten Langori's zu den geflohenen Feinden und ließ ihnen sagen, gegen Auslieferung der sech- Sklaven werde er den König und seine Adjutanten freigeben. Nach einigen Stunden kehrten die fraglichen sechs Sklaven zurück und brachten die Botschaft, daß man auf König Langau gerne verzichte. Er sei ein Tyrann gewesen, habe stets h™ lose Kriege über das Dorf heraufbeschworen und seine Brüder als Sklaven verkauft. Man habe an seiner Statt einen Andern zum König gewählt, welcher ebenso dick sei und wahrscheinlü" sogar um einige Pfund mehr wiege. Den ziveiten Adjutanten möge man jedoch freilassen._. I Dies tat auch Rajkovic und ebenso schenkte er dem Kön'S| die Freiheit, obwohl er verdient hätte, gehängt zu werden- Wie jedoch der Kapitän scherzend meinte, tvar keine Raa fe'n£ ' Schiffes stark genug, den Koloß zu tragen., Aber Rajkovic hatte dem König damit einen schlechten ä erwiesen. Im Kampfe hatte Langori seine Zylinder-Krone, d�- Stiefelzieher-Szepter, den Bcttdcckcn-Krönungsmantel und' königlichen Badschuhe verloren. Blos der zerrissene schüb'g Frack war ihm geblieben und der vermochte natürlich Kin Blößen nicht zu bedecken. Es schien aber, als sei mit£ königlichen Attributen auch der königliche Nimbus geschwuude- Denn kaum hatte Langori seinen Fuß ans Land gesezt, als� seine Untertanen mit einem gräßlichen Geheule empfingen. dicke Gcgenkönig erschien, gab einige Bcschlc und die Ncg schlugen sofort ihren bisherigen König mit Keulen tot. Ter„Crnogorac" blieb noch zwei Tage in der Bai, � seine Schäden zu reparircn. Bevor er absegelte, lief auch „Rattler" ein und warf neben ihm Anker. Nachdem Rajkovic Bericht erstattet, erbot sich der eng'1| Kapitän, die befreiten Neger auf seiner Sloop nach Liberia o Sierra Leona zu schaffen, womit diese sich auch einverstan erklärten., bct Der Erlös der erbeuteten„Schazkammer" wurde vom R)� teils zu Prisengeldern für die Mannschaft, teils zu Entschädigung summen für die Familien der Gefallenen verwendet. r 449 E i n d c u t s ch c s S t ii d t e l> i l t». (Siehe Illustrationen Seite 550 und 651.) Unter den vielen ein dem deutschen Uferrande der Ostsee belegenen Städten, in denen fast überall ein kräftiges merkan- tiles und gewerbliches Leben pnlsirt, nimmt Lübeck, das Haupt der alten Hansa, eine hervorragende Stellung ein. Wohl ist die einst so mächtige Stadt in ihrer Einwohnerzahl sowie in ihrer Rhederei von Königsberg, Tanzig und namentlich Stettin überflügelt, aber welche Stadt vermöchte es zu überbieten in der großartigen Fülle historischer Erinnerungen, die in mächtigen Bauwerken uns heute noch Knude geben von der Stärke des deutschen Bürgertums in jenen Zeiten, wo Deutschland zerrissen unter dem Druck zahlloser kleiner und größerer deutscher Fürsten seufzte und der Städtebürger ein stets willkommenes Objekt der rohesten Ausbeutung war. Die alten Stadtgemeinden waren daher gezwungen, durch eigene Kraft sich Land- und Seewege zu sichern und dem verwegenen raub- und rauflustigen Adel und anderen Näuberu mit schlagenden Gründen heimzuleuchten. Die Erstarkung der Städte führte denn auch bald dahin, daß die Wehrkraft zur Erlangung guter Handelsbeziehungen benuzt wurde und der immer mehr zunehmende Reichtum gab ihnen eine solche Fülle von Macht und politischer Bedeutung, daß ein Bürgermeister Lübecks als Admiral der hanseatischen Kriegs- flotte den König von Dänemark zur See besiegen konnte und Kopenhagen mit seinen Schiffen zu belagern vermochte. Mehr wie einmal ist das ganze Königreich Dänemark in den Händen ber Hansa gewesen, und Schweden weiß von den scharfen Hieben, �e ihm erteilt wurden, wenn es sich den Interessen des Hansa- bundes widersezte, ein Lied zu singen. Die Geschichte der nordischen Reiche ist überhaupt eng mit �er Geschichte der Hansa verflochten. Als einer der interessan- lesten Punkte gilt zweifellos die Einnahme Schwedens durch �en Dänenkönig Christian IL, der nach seinem feierlichen Ein- iuge in Stockholm 1520 sein neues Regiment nicht würdiger zu inaugurireu vermochte, als durch die Hinrichtung von vierund- veun zig der vornehmsten Schweden, denen nahe an sechshundert der Provinz folgten. Einem Sohne dieser Hingerichteten, Gustav Wasa, der als Geißel nach Dänemark geschleppt worden, Gelang es nach Lübeck zu entfliehen und den Hansabund für die schwedischen Interessen gegen Christian IL zu interessiren. Der Kebeiinut des Dänenkönigs, der den Hansen ihre Privilegien entreiße» wollte, mag wohl vorzugsweise zu dem Entschluß "nbecks beigetragen haben, eine Flotte auszurüsten, um Christian IL wi» Schweden zu verjagen. Nachdem lübeckische Schiffe Gustav Wasa heimlich nach Schweden brachten, erschien im Jahre 1523 eine starke hansische Flotte vor Stockholm, die denn auch die Kebergabe der Stadt erzwang. König Christian war bereits "ach Kopenhagen entflohen, und so konnte Gustav Wasa aus ?e>l Händen der beiden lübeckischen Ratsherren Bomhover und PlönuieS die Krone Schwedens in Empfang nehmen. Als in- lereffantes Faktum glauben wir hier vermerken zu dürfe», daß � Königin Karola von Sachsen der lezte Nachkomme der Wasas ist. Das jezige Lübeck ist um das Jahr 1143 von Graf Adolf IL 011 Holstein-Schauenburg an der Trabe, ungefähr zwei Meilen vu der Ostsee, erbaut worden, nachdem das ältere Lübeck, an er eine Stunde von der heutigen Stadt entfernten Schwartau (j�egen, durch Krieg und Feuer vollständig zerstört worden war. außerordentlich günstige Lage veranlaßte viele Kaufleute, w namentlich auch aus Bardowiek, sich in Lübeck anzusiedeln. /'n einer Feuersbrunst fast vollständig in Asche gelegt, wurde 'e Brandstätte im Jahre 1158 an Heinrich den Löwen ab- Getreten, unter dessen Schuzherrschast die Stadt von neuem ent- echd und bald kräftig emporblühte. Spätere unglücklich geführte �ege der norddeutschen Fürsten mit Dänemark ermöglichten es ezterem, einen großen Teil des deutschen Nordens zu unter- "chen- auch Lübeck und Hamburg gerieten unter dänische Fremd- lchast. Eine an Kaiser Friedrich II. heimlich abgesandte Deputation erwirkte 1226 der Stadt den kaiserlichen Freibrief, der den eigentlichen Grundstein zu ihrer Macht legte. Nachdem die Bürger die dänische Besaznng teilweise durch List verjagt hatten, mußte das junge Gemeinwesen sich seine Freiheit erst durch Blut erkaufen. In jener berühmten Schlacht von Born- höved kämpften lübeckische, holsteinische und mecklenburgische Schaaren mit dem Mute der Verzweiflung gegen das verhaßte Dänentum, und endlich, durch das Eingreifen der Dithmnrschen, wurden die Dänen vollständig aufs Haupt geschlagen und der deutsche Norden auf lauge Zeit hinaus von der blutsaugerischen Fremdherrschaft befreit. Die Gründung des Hansabundes im 13. Jahrhundert war vorzugsweise darauf gerichtet, überall Handelsniederlassungen zu gründen und Privilegien zum Schuze derselben zu erwerben. Die erste derartige Verbindung wurde im Jahre 1241 zwischen Lübeck und Hamburg abgeschlossen, an der später über neunzig Städte teilnahmen. Die Hansa unter der Führung Lübecks hatte in England, Holland, Norwegen, Schweden, Dänemark, Nuß- land und auch in Preußen Niederlaffuugen eingerichtet, die oft- mals den Umfang ganzer Städte einnahmen. Der Einfluß der Hansa auf den gesammten nordeuropäischen Handel wurde daher von weitesttragender Bedeutung. Die vorerst zum Schuze der Kauffahrteischiffe dienende Flotte wurde auch bald gegen die- jenigen Fürsten angewendet, die sich einen Privilegienbruch zu schulden kommen ließen, so daß der Hansabund, oder vielmehr Lübeck, welches meistens die Suppe auszulöffeln hatte, gar nicht mehr aus dem Kriegszustand herauskam. Nur der unermeßliche Reichtum, der hier zusgmmeuströmte, kann es erklären, daß Jahrhunderte steten Kampfes vergehen konnten, ohne den Wohlstand und die Kraft der Stadt zu brechen. Innerliche Unruhen im Anfange des 15. Jahrhunderts zeigten jedoch darauf hin, daß in der Leitung des Lübeckischen Staats- Wesens manches faul sein mußte. Es hatte sich nach und nach eine Aristokratie herangebildet, die das Recht der höchsten Ver- tretung für sich in Anspruch nahm. Die von den Zünften au- gefachte, einen demokratischen Karakter tragende Bewegung wurde diesmal noch niedergeworfen, hundert Jahre später gelangte sie zum Siege. Kluge Köpfe sahen ein, daß das einige Kriegführen die Kraft der verbündeten Städte langsam untergraben würde, wenn es nicht gelänge, den Bestrebungen der Hansa eine kräftige Stiize in Norddeutschland zu schaffen. Denn der Hansabund hatte nicht nur seine Interessen nach außen zu vertreten, er mußte auch die nachbarlichen Fürsten, die auf die Macht der Städte eifersüchtig waren, stets zu beschwichtigen suchen. Dies ging ohne schwere Opfer selten ab. Der Kopf, welcher der Entwicklung der Hansa eine neue, bessere Wendung geben konnte, sollte sich bald finden. Die Reformationswehen, welche die meisten deutschen Städte bis in den Grund hinein aufgewühlt, hatten Lübeck fast gar nicht berührt, lleberall war die römische Kirche teilweise in Blut erstickt zusammengebrochen, während Lübecks Natsherrschaft mit der römischen Hierarchie unerschüttert in der von allen Seiten heranschlagendeu Brandung stand. „Einen wie ungeheuren Druck," sagt Varthold in seiner ,Ge- schichte der Hansa'(3. T., S. 244),„mußten die alten Saznngen der Hansakönigiu über die Seelen ausüben, daß in ihren Mauern bis zum Jahre 1528 Bewegungen fast spurlos vorübergingen, welche in allen bundesverwandten Städten von nah und fern, von Westfalen, der Weser, der Mittelelbe, bis nach Livland hinauf, in Hamburg, in Holstein, endlich in den nordischen Reichen nicht allein das alte kirchliche System wesentlich ver- ändert, sondern auch die bürgerliche Verfassung entweder umge- stoßen oder bedenklich modifizirt hatten." Zur vollkommenen Blüte gebrauchten die hansischen Städte vor allem einer freien Gemeindeverfassung, welche allen Bürgern gleiche Rechte gewährte. Scheu im Jcihre 141G hatten, wie erwähnt, die Zünfte den Versuch gemacht, die angemaßten Rechte der städtischen Aristokatie anzutasten. Der Versuch schlug fehl, aber der Spalt im Staatslcben, die stille Unzufriedenheit der bürgerlich Bevormundeten zur Schwächung der Staatskraft, war geblieben. Die patrizischen Lenker der Stadt hatten in schlaffer Halbheit die nachdrücklichste Aufrcchterhaltuug der errungenen Vorteile in den nordischen Staaten, ohne welche eine gedeihliche Fortentwicklung der Hansa nicht möglich war. preisgegeben. Man hatte nnklugerweise auf die Dankbarkeit des Lübeck so sehr verpflichteten schwedischen Königs gerechnet, der über diese Art Staatsklugheit sich füglich lustig machte.— Ein erneuter vergeblicher Kampf gc- gen die Aristokratie wäre � auch diesmal erfolgt, wenn nicht die herein- brechende religiöse Be- wegung, mit welcher auch der d e m o k r a- tische Geist der Be- völkernng wuchs, sich unendlich viel stärker als in früheren Tagen gezeigt hätte. Leiter und Wort- sichrer der kirchlichen und Politischen Wider- standspartei, welche tat- sächlich bereits die Ge- walt in die Hände ge- nommen, war Jürgen Wullcnwever, von dem Barthold sagt,.daß mit dessen Wollen und Trachten, Sieg und Untergang nicht allein die Hansa glorreich noch ein- mal ihre Machtfülle entwickelte und dann ohnmächtig niedersank, sondern überhaupt eine Wendung des deutschen Ge- sellschaftszustandrs eintrat: die mittel- alterliche Herrlich- keit des freien Bür- gertuins der Aristo- kratie der Reichs- fürsten zur Beute fiel." Wullcnwever hatte, wenn auch in veredelter Form, von seinen Vor- gängern den Grundsaz geerbt, seiner Vaterstadt, für deren vcr fiel der Rachsucht seiner Feinde zum Opfer und lü"ll|():teii Ehre und Wohlsahtt er erglühte, deshalb eine hervorragende 24. September 1537 zu Wolfcnbüttcl, nach dcn enticz J Stellung im erschlafften Hansabunde zu enverben, weil Lübeck Folterqualen, unter welchen er die wahnsinnigen Beschuldig Ovier für die uuerkenutlicke Gefammtbeit aebrackct seiner zahlreichen Feinde zugegeben, enthauptet. Gcschlch���z und Dichter der neuesten Zeit haben begeistert des � Wert begriffen und den schlichten Reim des Bcrgcina]c- bessert:.Tic von Lübeck"(und Teutschland!).mögen Ansicht allein nicht, da die Schisse in dein Falle unter falscher Flagge fahren würden. Die Spizc dieser Politik richtete sich vornehnilich gegen die Niederländer. Wullcnwever verfocht die hansischen Interessen in Kopenhagen so nachdrücklich, daß den Niederländern, um sie zur Anerkennung der althergebrachten Sazungeu betreffs der Stapclgütcr zu zcvingen, der Sund gc- sperrt wurde. Diese Maßregel— wie Wullenwcver vorausgesehen— half nicht, und die Niederländer schädigten nach wie vor dcn hansischen Handel iic der Ostsee. Es blieb nur eins übrig: mit Waffengewalt das zu erringen, was Vcr- Handlungen und Verträge nicht zu Wege bringen konnten. Wul- lcnwevers Leistungen in dein nun entbrannten Riescukanipfe nicht nur allein gegen Däne- _■ i mark, das er auf kurze Zeit fast vollständig in den Bcsiz Lübecks brachte, wird für alle Zeiten ein Vorbild höch- ster männlicher Tatkraft bleiben. Erwollte.alle Versehen und unkluge Schritte einer erschlaff' tcn, selbsüchtigen Ari sto- kratie wieder gut ma- chen, mit dem Kraft' kapital eines einigen freien Staates da? über» kommene Recht aus' fechten, und endlich dasselbe auf gleichartig kirchliche wie bürger- liche Gesellschaft' stände des germanische" Nordens stüzcn." � Daß so Großes m>w lang, bewirkte, abg' sehen von einer änderten Weltlage u» den leidigen Folgen l�' »er.Kolonialpoliu- die unermüdlich geheim wühlende Arve' der verdrängten Ar» � kratie, ihre Schlange"' klughcit, ihre Tas Holftentor zu Lübeck. denen der unermeßliche Opfer für die unerkenntliche Gesanimtheit gebracht und in seinem Schöße die reichsten geistigen und materiellen Mittel barg, um als Mittelpunkt einer gegliederten Kon- förderation des norddeutschen Bürgertums sich zu be-...........------\----------—-, �klaac».' haupten. Ein Gedankenslug, welcher, als Lübeck die Verfech- Tagen, den Tod des Herrn Jörg Wullcnwever H' xj« vo" tung demokratischer Interessen des Bürgertums übernommen, Aus dem prächtigen Gedicht:.die Septem� � welche" allgemeine Anerkennung fand. Wullenwcvers sog..Kolonial- E. Geibcl, lassen wir hier einige Strophen lolgcn. Politik" wollte den altherkömmlichen Zwischenstapel hinsichtlich der Dichter dcn Geist Jürgen Wullenwcvers al>o der Stapelwaaren den Hansischen erhalten wissen, denen durch � �....._, den direkten Handel der westlichen(au der Nordsee belegenen) Wwl&e' und östlichen(an der Ostsee belegene») Städte großer Schaden Wie schau»' ich oft hinab in deinen Grund., zugefügt wurde. Eine Sperrung des Sundes genügte nach seiner Und zwang zurück in? Herz der Sehnsuchl - 452- I' die Handels- und Gewerbstätigkcit Lübecks derart ein, daß es völlig vvn Teutschland abgeschnitten war. Erst in der neuesten Zeit gelang es, die so notwendigen Eisciibahnvcrbindungen mit Hamburg. Holstein und Mecklenburg herzustellen, die Schiffahrt|| zu beleben und überhaupt den Verkehr zu heben, daß Lübeck in der Reihe der dcutscken Seestädte au der Ostsee wieder eiue hervorragende Stellung einnimmt.--- Unsere Illustrationen zeigen den„Biarktplaz zu Lübeck" und das„Holstentor". Lezteres, aus Backsteinen erbaut, soll aus dem 14. Jahrhundert stammen. Tic Verzierungen ans farbigen glasirten Ziegeln verleihen dem Ganzen ein gutes Aus- sehen. Jedenfalls ist die Erhaltung dieses prächtigen Bau- dcnkmals aus dem Mittelalter dem Lübecker Gemeiusinn hoch anzurechnen, und zwar umsomehr, als der niedrige Geschäfts- sinn unserer Zeit gern alles,„was im Wege steht", hinweg- räumen möchte. Der Marktplaz mit dem Rathause(rechts) und der im Hintergründe mächtig emporstrebenden Marienkirche bietet dem Beschauer ein Architckturbild von so großartiger Wirkung, wie| es wohl kaum eine zweite Stadt in Deutschland aufzuweisen hat. Ter unter dem Rathause sich befindende Natswciukellcr ist leider i nicht von der Spekulationswut verschont geblieben. Man hat die alten stattlichen Räume, die Jahrhunderte gesehen, vollständig modern herausgepuzt, so daß dem Besucher allerlei Bedenken aussteigen, ob nicht vielleicht auch der früher dort gebotene gute Tropfen von der modernen Ruust ergriffe» worden sei. Hofft» wir im Interessen aller wackcrn Zcchjnr, daß dem nicht so ist- Leider verbietet uns der Raum, weiteres über die grosft Zahl der vorhandenen alten Bauten und Merkwürdigkeiten z» berichten, die Skizze sollte vorwiegend eine historische sein. Wen» unsere geneigten Leserinnen und Leser manches vermissen manches des Erzählten für überflüssig halten, so mögen sie M 1 mit dem Spruch an dem altehrwiirdige» Schifferhause zu Lübeck trösten:„Allen zu gefallen ist unmöglich!" II!>- Des Kinsers Schwägerin. Historische Skizze von WikHelnr Wkos. Als Napoleon, der einstige Artillerielieutenant, sich zum Kaiser der Franzosen emporgeschwungen hatte, war die erste Sorge des ehrgeizigen Korsen, eine große und dauerhafte Dynastie der Napoleoniden, resp. der Familie Bonaparte, herzustellen. Mural, der Gatte seiner Schwester Karoline, ward zum König von Neapel, sein Bruder Ludwig Bonaparte zum König der Niederlande, sein Bruder Joseph zum König vvn Spanien, sein Bruder Hieronymus zum König von Wcstphaleu gemacht. Nur Napoleons Bruder Lucian, nach ihm der bedeutendste Kopf in der Familie, der ihm bei seinem Staatsstreiche am 9. November 1799 so wesentliche Dienste geleistet hatte, trug nie eine Krone. Es gab deshalb Leute, die Lucian Bonaparte für einen uner- schüttcrlichen Republikaner, einen überzeugten Gegner der monar- chischeu Regierungsform hielte». Nichts ist weniger begründet. Den Aufschluß, warum Lucian keine Krone getragen, findet man vielmehr, wenn man sich an das berühmte Wort hält:„Gherchez la fernrne!"*) Das Verhältnis Lucians zu seiner Frau ist das Rätsel. Dieses merklvürdige Weib, die Gattin eines Wechsel- agenten, hatte gegen den Willen Napoleons in dessen Familie hineingeheiratet. Alle Anstrengungen des mächtigen Kaisers, sie wieder hinauszudrängen, blieben erfolglos; der Sieger von Marengo, Austerlitz und Jena konnte dieses Weibes nicht Herr werden, das sich mit dem Ausgebot aller weiblichen Schlauheit und Zähigkeit gegen den getvaltigsten Mann seiner Zeit zu vcr- leidigen wußte. Die Geschichte des Kampfes Napoleons mit seiner Schwägerin gewährt uns zugleich einen Einblick in das Familienleben der *) Man sehe nach der Frau. Dort unten, wo die Welle leiser schon, Sah ich den goldnen Zauberschlüssel liegen, Der uns ein neues Wunderreich erschlost Von Meeresherrschaft, Glanz und Siege». Ich warb um ihn, wie um den Ring der Braut, Ich warb aus Leben und auf Sterben— O hätte mir das blöde Volk getraut, Den Sieg erzwingen mufite solches Werben, Den Sieg der Kampf, der sieben Jahre durch Im Rat, zur See, im Schlachtfeld grollte, Der Riesenkamps, der unsrer Hansa Burg Bis zu den Sternen türmen sollte. Sie sastten's nicht— es tvar für sie zu gross— Sie zitterten die Käuier und Verkäufer: Da führten meine Feinde schlau den Stoss, Verräter hiess ich, Wiedertäuier. Sie rissen von den Stufen mich herab, Sie fassen trozig zu Gerichte, Sic brachen über mir den weissen Stab, Und mehr!— Sie schrieben die Geschichte. Die ruhmreichen Zeiten der Hansa sind vorüber, nur der Name ist noch geblieben.— Zu ansang dieses Jahrhunderts hatte Lübeck noch schwere Priisungstage zu bestehen, da„Vater Blücher" auf der großen Retirade nach der Schlacht bei Jena die Stadt als Stüzpunkt ansah, um noch einmal das tückische Soldatenglück zu wagen. Er wurde, wie vorauszusehen, ge- schlagen und mit den Trümmern seines Heeres in der Nähe Lübecks bei dem Torfe Ratekau zur Kapitulation gezwungen. Durch diesen Soldateustrcich hatte Lübeck nicht allein eine Schlacht um und in seinen Mauern auszuhalten, es mußte sich auch noch eine dreitägige Plünderung und die schlicßlichc Annexion an Frankreich gefallen lasse». Mit der Abschüttluug der Fremdherrschaft kam endlich Ruhe über die geplagte Stadt, aber die Ruhe des Kirchhofs. Handel und Verkehr lagen arg darnieder und das Gras wuchs buch- stäblich in den Straßen. Die alte Feindschaft Dänemarks und der kleinliche Partikularismus der deutschen Nachbarstaaten engten Napoleoniden, der dies allzusehr verherrlichte Geschlecht ei»»'» in einem anderen als dem gewöhnlichen Licht erscheinen Lucia» Bonaparte war ein jüngerer Bruder des ßoffe' Napoleon I.; er war zu Ajaccio 1775 geboren. In den critc Zeiten der großen Revolution, auf deren Schultern seine 6»� milic so Hoch emporsteigen sollte, war er nach der Mode Tages wütender Jakobiner und Anhänger Robespicrres,»» dessen Sturze er gleich seinem Bruder Napoleon stellenlos w»'� und in bittere Not geriet. Lucian war in einer kleinen S'» bei Toulon als Magaziuausseher angestellt gewesen. Dort h» er sich in die Tochter eines Gastwirts Namens Boyer ver» und machte ihr eifrig den Hof, wodurch sie ins Gerede»' Als nun eines Tages Lucia» nach der Art jener Zeit eine g' Rede über die Freiheit und Gleichheit gehalten hatte, trat Boy zu ihm und sagte:„Du hast ganz gut über Freiheit und G � j heit gesprochen, aber wenn wir gleich sind, warum heiratet meine Tochter nicht? So schadet das Verhältnis nur>)' guten Ruf. Wenn du also ein ehrlicher Kerl sein willst,» du die Heirat nicht länger verschieben."— Lucia», vor � ganzen Versammlung so angeredet, war bestürzt, allein c sprach, das Mädchen zu heiraten und erfüllte sein Verlpe gleich darauf. BOn Seine junge Frau. Christine Boyer. war ein Wen» � sanftem und anspruchslosem Karaktcr, aber glücklich Loos nicht, das sie gezogen hatte. Zunächst geriet sie>»>> Manne in Not, dann kamen die blutigen Verfolgungen. � die Jakobiner im Süden Frankreichs, denen Lucia»»»� großer Lebensgesahr entging. Er flüchtete nach Paris. zwischen der Glücksstern seines Bruders Napoleon aujgeg 453 tüiir. Sudan wurh'c durch den Einfluß NcipvleonS Mitglied des Rats der Fünfhundert und uiitcrstüzte 3!apoleon bei seinem Stacitsstreicl x kraftig, indem er beu Grenadieren Napolevns vorlog, im Rat der Fünfhundert seien Dolche gegen Napoleon gezückt worden, worauf die Soldaten den gcsezgcbendeü Körper auseinander sprengten. Napoleon ward nun allmächtiger erster Konsul und Lucian Minister des Innern. Lucian behielt aber seine Stellung nicht lange, da er seinem Bruder hochfahrend entgegentrat, was dieser nicht vertrug. Man schickte nun Lucian als Gesandten nach Spanien und Portugal. Der feurige und einflußreiche junge Mann spielte bald als Diplomat eine bedeutende Rolle, ließ aber auch seiner Leidenschaft für das weibliche Geschlecht keine Zügel niehr anlegen*). Er schloß 1801 den Frieden Frankreichs mit Portugal und Spanien, was ihm fünf Millionen eingebracht haben soll. Seine Frau Christine Boyer, die ihnc zwei Töchter geboren hatte, war in Paris geblieben. Sie kränkelte schon lange und her Gram über die zahllosen Licbesasfairen des von ihr geliebten Sucian mag ihr Ende beschleunigt haben. Er ließ ihr nach ihrem Tode ein prächtiges Grabmal errichten, eine schlechte Sühne für das Herzeleid, das sie hatte erdulden müssen. Lucian wurde Senator und führte von da ab ein lockeres und ausschweifendes Leben. Er hauste ans seinem Gute Du- plessis-Chamand bei Paris, wo er sich eine?lrt Hof einrichtete Und wo er mit seiner Schwester Elise znsammenwohnte. Diese �iise Bonaparte Halle einen korsischen Edelmann Namens Bac- chiochi geheiratet und wurde später Großhcrzogin von Toskana, uis welche sie mit tollen Launen regierte. Sic stand im Rufe hks Atcismus. Tie Skandalchronik hat sich viel mit ihrem Aufenthalt in Tuplessis Chamand beschäftigt; doch gehört dies nicht weiter hierher. Viele Gelage wurden auf dem Landsize Lucians gefeiert und manche mögen zu Orgien ausgeartet sein. Zu einem solchen Gelage brachte einst einer der lustigen Schmansbriidcr eine von 'hm unterhaltene junge Dame mit. Lucian verliebte sich in sie und der Freund trat sie ihm ab. Sie nannte sich Alexandrine �aurence Joubertcau, geborene Blcschamp, und wurde später Lucians Gattin. Aber wer lvar diese Dame von so zwciselhaften Sitten? Ihre Jugend kennt man nicht genau; sie wurde zu St. Mala oder zu Calais im Jahre 1781 geboren, war also, als Uk mit Lucian zusammentraf, 21 Jahre alt. Ihr Vater soll Marinekommissär mit einer sehr zahlreichen Familie gewesen w". Deshalb brachte man Laurence frühzeitig nach Paris, sie bei einer Tante die Pnzmacherei erlernen sollte. Ob- �"hl sie in fast klösterlicher Znrückgezogeiiheit leben mußte, ?a,tc sie doch bald eine größere Anzahl von Verehrern, die 'hrc wohlgcbildeten Gesichtszüge und ihren schönen schlanke» �uchs bewunderten. . Die Sitten waren nntcr dem Konsulat Napoleons in Paris .° leichtfertig als jemals; die Ausartungen der„guten" Gesell- Aast unter der Direktorialregiernng. da man sich einer griechisch u sollenden Nacktheit inbezug aus weibliche Toiletten befliß, flren noch in voller Nachwirkung. Hub so kam es, das; einer Augen auf die junge Puzmacheri» warf, der mit ihren e'M glaubte ein Geschäft machen zu können. Es war ein "chselagent Namens Jouberteau, der, ein professioneller Spieler, . eiibei uuch mit jungen Mädchen Handel trieb. Dieser Mensch J?"»weisclhastcr Existenz faßte alsbald den Plan, die junge �champ zunächst für sich zu erschnappe» und sie dann gegen i c Zahlung an andere abzulassen. Solche Geschäfte waren walz jn Pnrjs sehr im Schwünge. . Jouberteau wußte das junge Mädchen auf cinen Ball zu Mge» uad nuj bem Heimwege brachte er seine Liebeserklärung X' Er hatte geglaubt, diese werde bei der jungen und armen Prä, E nioe Historiker behaupten, der bekannte portugiesische Tron- ltba,?."" Don, Miguel sei ein Sohn Lucians und der Königin ""Ne gewesen. Puzmacheri» einen überwältigenden Eindruck machen. Allein da täuschte er sich gewaltig. Wo er geglaubt hatte, die Un- besonnenheit. die Leidenschaft und das blinde Vertrauen der Jugend zu sinden, da stieß er auf kühle und raffinirte Berech- niiug und lleberlegung. Die junge Pnzmacherin wies seine Anträge halb verächtlich ab und gab ihm zu verstehen, daß sie mit ihren Reizen viel höheren Gewinn zu erzielen imstande sei, als er ihr geboten habe. Indessen verständigte man sich doch. Von Joubertcau wurde ein reicher Rone aufgetrieben, der sich die schöne Waare ansah und einwilligte, für ihren Unterhalt zu sorgen. Fräulein Bles- chanip fand sich mit vieler Gelehrigkeit in den Plaii. Jouberteau hielt um ihre Hand an und bekam sie auch. Sie wurden ge- traut, und am Hochzeitstage besaß die junge Frau schon ein prächtiges, behagliches Haus mit luxuriöser Einrichtung, eine Equipage, reichen Schmuck und reiche Garderobe und Diener- schast. Sie bezog eine Reihe glänzend eingerichteter Zimmer im ersten Stock, wo sie am Abend des Hochzeitstages der brave Mann erwartete, dessen Kapital in diesem Untcrnchincn angelegt war. Herr Joubertcau aber lvohnte im Erdgeschoß und war so galant, sich täglich nach dem Befinden der„gnädigen Frau" erkundigen zu lassen. Das famose Ehepaar hatte schon nlehreremale den„gnädigen Herrn" gewechselt und dabei keine schlechten Geschäfte gemacht. Zulezt zog ein Schmausbrudcr Lucians in den ersten Stock ein, den dann Madame an den von ihr entzückten Lucian abtrat. Herr Jouberteau war Lucian lästig, und man gab ihm eine bedeutende Summe Geldes, um in Amerika damit Geschäfte zu machen. Der„Mann seiner Frau" ging in der Tat nach Amerika und war so gefällig, dort bald am gelben Fieber zu sterben; doch lebte er noch, als Lucia» mit Madame Jouberteau getraut wurde. Die leztere verließ nunmehr auch das Haus, in dem sie bisher die Rolle der„gnädigen Frau" gespielt hatte, und bezog ein Palais auf dem Plaze des gesczgebcnden Kor- pers, das Lucian durch einen geheimen Gang mit seiner nebenan gelegenen Wohnung verbinden ließ. Sie sah inzwischen ihrer Entbindung entgegen und Lucian versprach ihr, sie zu heiraten, wenn das Kind ein Knabe sein wurde. Es war ein Knabe, der Prinz Lucia» Bonaparte, der 1849 Präsident der römischen Konstituante war und 1837 zu Paris gestorben ist. Napoleon, dem dies alles durch seine Schwester Elise, die Lucian verlassen hatte, mitgeteilt wurde, geriet in furchtbare Wut. Er träumte damals schon von der Kaiserkrone und von der Verbindung seiner Familie mit fürstlichen Hänsern durch Heirat. Und jczt schlich sich diese übelberüchtigte Frau eines Wechsclagcnten in seine Familie ein! Er ließ Lucian kommen, sprach in den stärksten und bcschimpfendsten Ausdrücken von seiner Geliebten und verbot ihm geradezu die Heirat. Dadurch goß er aber Oel ins Feuer, denn Lucian, in seinem Stolze empfindlich gekränkt, beschloß»un, Madame Jouberteau unter allen Umständen zu heiraten, in welche»! Borsaze sie ihn natiir- lich bestärkte. Die Trauung wurde gleich auf den folgenden Tag festgesczt. Um die von ihrem Familienhaupt gegebenen Geseze be- kümmerten sich die Napoleoniden nicht allzuviel. Lucia» befahl dem Mairc des zweiten Departements daher einfach, nach seiner Wohnung zu kommen und die Zivilstandsrcgister zu einer Trauung mitzubringen. Wahrscheinlich hatte Napoleon durch seinen überall spionirenden Polizeiminister Fouchö von dem Vorhaben Lucians Kunde erhalten. Der Maire, dem Lucian völliges Schweigen anempfohlen hatte, erhielt also an dem für die Trauung angesezten Tage von Napoleon selbst den Befehl. nach Schluß der Burcaustunden nach Hause zu gehen, die Zivilstaudsregister auf seinem Bureau zu lassen, streng auf alle Förmlichkeiten zu achten und Abends seine Wohnung nicht zu verlassen. Der Maire teilte Lucian mit, daß er durch diese Befehle verhindert sei. zur Trauung zu kommen. Der heftige Lucian brach in eine Flut von Schmähungen gegen Napoleon ans und schwieg nicht eher, bis seine Stimme ihn im Stiche ließ. Dann saß er wieder mit seiner Geliebten bestürzt und ratlos da, bis er endlich zu einem Entschlüsse kam. Er lies; seine alten Zech- und Schmausbrüder zusammenrufen und seine Wagen bespannen. Tann fuhren alle, Madame Jouberteau natürlich dabei, nach Lucians Gute Dnplcssis- Chamand. Es war 11 Uhr Nachts, als man daselbst ankam. Lucian ließ dem Maire und dem Pfarrer des Ortes sagen, sie möchten sofort zu einer Trauung auf sein Schloß kommen. Der Maire war abwesend und das war gut für ihn. Der Pfarrer, der öfters den Maire vertrat, kam und erklärte sich arglos zur Vornahme der Trauung bereit. Man errichtete einen Altar und schaffte für den Pfarrer Ornat und Silbergerät herbei, worauf er sowohl den bürgerlichen als auch den kirchlichen Trauungsakt vollzog. Lucians Zechbrüder fungirten als Zeugen. Schon am anderen Biorgcn erfuhr Napoleon, was geschehen war und seine Wut kannte keine Grenzen. Gegen Lucian selbst einzuschreiten bot sich ihm keine Handhabe; den ahnungslosen Pfarrer aber ließ er. sofort durch ein Detachemcnt Gensdarmcric verhaften und nach den Tuilerien bringen. Der arme Pfarrer hatte kaum den Audicnzsaal betreten, als Napoleon erschien und ihn mit furchtbarer Stimme andonnerte:„Elender, Sie haben meinen Bruder getraut!" Der Pfarrer fiel vor Schreck in Ohnmacht. Nachdem er wieder zu sich gekommen, stammelte er einige Entschuldigungen und sagte, daß er sich keiner strafbaren Handlung bewußt sei. Napoleon aber donnerte ihn von neuem an und drohte ihn bei seinem Bischof zu verklagen.„Entfernt euch, Elender," rief der erste Konsul,„und erwartet in eurer Wohnung die Folgen meines gerechten Zornes." Das Psäfflein gab eiligst Fersengeld, doch geschah ihm weiter nichts. Lucian kam gleich darauf mit„Madame Lucian", wie man allgemein nunmehr Frau Jouberteau nannte, nach Paris zurück. Von Frau Jouberteau hat ein Zeitgenosse eine Fedcrzeich- uung hinterlassen, die wir hier wiedergeben wollen: „Mehr angenehm als hübsch zeichnet sich Madame Jouberteau durch ein lebhaftes Auge, weißen Teint, ziemlich schöne Formen und durch eines von den ausdrucksvollen Gesichtern aus, die mehr unterjochen als interessircn. Sie imponirt vielleicht mehr durch ihren Wuchs und ihre Manieren, als durch regelmäßige Züge, sie hat den Karakter von asiatischer Schönheit, der sich von der Freundlichkeit der französischen Gesichter, wie von dem Ernst der griechischen und römischen Physiognomien entfernt. Obgleich sie sich nicht übertrieben pnzt, so weiß sie doch bei außerordentlichen Gelegenheiten mit Pracht zu erscheinen. Ihr von Natur heftiges und ausfahrendes Wesen konnte sie nur durch Anstrengung und unaufhörliche Aufmerksamkeit auf sich selbst im Zaume halten, aber es nie ganz ablegen, denn häufige Aufwallungen, unfreundliches Anfahren und herrisches Benehmen verraten es noch. Seit ihrer Verheiratung mit Lucian zeigt sie sich als treue Gattin und vortreffliche Mutter, aber auch als eifersüchtige und neidische Stiefmutter. Sie schreibt mit Leichtigkeit und macht selbst einen leidlichen Vers." Das war die Frau, welche Lucian so sehr an sich feffelte, daß er ihretwegen Kronen ausschlug, und welche der gewaltige Schlachtenkaiser nicht besiegen konnte. Sie war ehrgeizig und die Liebe war ihr offenbar nur Nebensache. Sie führte in ihrem Haushalt die Kasse selbst und war bei Bedienten und Kauflenten sehr unbeliebt wegen ihrer Knauserigkeit. Es war kein Fehler, daß sie die Wäsche selbst nachsah, allein sie ließ sich von den Lieferanten über mehr, als sie bezahlte, quittiren. Für ihre erste Tochter legte sie so- gleich einen reichen Brautschaz an, dagegen nahm sie den Töch- tern Lucians von seiner ersten Flau die Edelsteine weg, die ihnen Napoleon geschenkt hatte, und trug sie selbst. Auch eine kleine aus massivem Gold gearbeitete Orgel, die Napoleon den Kindern geschenkt hatte und die als Kunstwerk berühmt war, »ahm sie an sich. Der Haushofmeister Lucians nahm seine Entlaffung, weil er sich mit Madame Lucian nicht vertragen konnte. Von den Kaufleuten soll sie Geschenke und Nadelgeld verlangt haben. Die Männer mit breiten Schultern sollen ihr am besten gefallen haben. Die Skandalchronik von Paris be- schästigte sich viel mit der auf so merkwürdige Weise empor- gekommeneu Frau, doch auf eine Art und Weise, die nicht hierher gehört. Madame Lucian nährte selbstverständlich mit großem Eifer und mit noch größerer Kunst den Zwist zwischen Napoleon und ihrem Gatten, welch lezteren sie vollständig beherrscht zu haben scheint.' I Beiden Brüdern war die republikanische Staatssorm nur noch Nebensache; sie arbeiteten beide an der Herstellung einer neuen Dynastie. Napoleon hatte in Italien ein Königreich Etrurien geschaffen, das von 1801 bis 1807 bestand und das Gebiet von Toskana umfaßte. Dies von dem Oberhaupt einer I Republik geschaffene Königreich stand erst unter der Herrschast des Prinzen Ludwig von Parma, der im Mai 1803 starb, dann unter der Regentschaft seiner Gemahlin Maria Luise, einer Jnfantin von Spanien. Napoleon wünschte nun, sein Bruder Lucian solle die Königin von Etrurien heiraten, wozu nötig war, daß er Madame Jouberteau verstieß. Aber Lucian lehnte das Angebot rund ab und machte sich lustig über das neugebackene Königreich, dem er keinen Bestand zutraute, und über die Königin Maria Luise, die er als beschränkt und bigott bezeichnete. „Wie," sagte Napoleon,„ich biete Ihnen eine Heirat mit, einer spanischen Prinzessin und ein Königreich an, das ich vergrößern will, und Sie schlagen beides aus? Und für wen? Für eine Elende von zweifelhaftem Rufe, die Sie geheiratet haben?" „Das mag alles richtig sein," entgegnete Lucian,„allein ich bin damit Ihrem Beispiel gefolgt, nur daß die von mir{ Erwählte jung und hübsch war." Das war eine boshafte Anspielung auf Napoleons Frau Josephinc, die allerdings auch einen zweifelhaften Ruf— u»d wohl mit Recht— hatte. Ihr erster Mann hatte schon gcgc» sie auf Scheidung geklagt; später war sie Barras Geliebte gc- Wesen. Sie war eine der Modedamen der korrumpirten Dirck� torialzeit und beiläufig sechs Jahre älter als Napoleon. Dieser wurde durch die Anspielung Lucians tief getroffen- „Meine Frau." sagte er wütend,„hat meine Beförderung und damit Ihr Glück gemacht; durch meine Taten habe'4 meine Familie, die mir alles verdankt, in die Höhe gebracht- Ich will meine Brüder auf Trone sezen und Sie, der mW dabei unterstüzen sollte, Sic, den ich liebe, Sie finden nur gnügen daran, Torheiten zu begehen. Sie wollen sich williger Weise entehren, allein Sie kennen mich zu gut, un> auf meine Zustimmung zu hoffen." Tic Brüder trennten sich voll Mißmutes. Indessen>r'� der Streit zwischen Josephinen und Lucian schon älteren Datum»- Josephine, die ihrem ersten Mann, dem General Beauharna'� zwei Kinder geboren hatte*), blieb in ihrer zweiten Ehe kinderlos. Deshalb hatte Lucian schon im Jahr 1801 seinem Br»� Napoleon vorgeschlagen, sich von Josephine zu trennen und ci» spanische Jnfantin, die sechszchnjährige Jsabella, zu uni einen Erben zu erzielen. Allein Josephine wußte Napo'e davon abzuhalten, namentlich durch ihre Tochter Hortcnse,' troz ihres üblen Rufes immer ein Liebling Napoleons H#' Damals erschien auch eine von Lucian verfaßte Schrift, betü1-. „Cromwell, Monk und Bonaparte," die sich für die Erblich des Konsulats, also für die Monarchie aussprach. Im So""" 1801 kam Josephiue sehr aufgeregt in das Kabinet Bonapar � sezte sich auf seinen Schoß und strich ihm schmeichelnd u das Haar.„Nicht wahr, Bouaparte," sprach sie,„du>un� dich nicht zun, König? Ich weiß, der häßliche Lucian dra, dich dazu. Bitte, höre doch nicht ans ihn!" Aber lllolw antwortete:„Du bist närrisch, meine arme Josephine.® � alten Weiber aus dem Faubourg Saint Germain erzählen„ dies Märchen. Du langweilst mich damit; laß mich zuffsie. � Man ersieht daraus und wird noch weiter ersehen, daß *) Eugen, der spätere Vizckönig von Italien und Hei' 3 � Leuchlcnberg, und Hortense, Königin von Holland und-i" poleonS III. 456 Streit zwischen Napoleon und Lucia« keineswegs darin seinen Ursprung hatte, daß Lucia» von unbeugsaincr republikanischer Gesinnung gewesen wäre. Wie hätte sonst Lucia« so eifrig zum Staatsstreich vom 9. November 1799. durch den der eigentliche Umsturz der Republik bewirkt wurde, mithelfen und den ganzen Verrat einleiten können? Der ehrgeizige Lucia» hielt sich für einen großen Staatsmann und glaubte sich mit Unrecht durch Napoleon verdunkelt. Er beneidete seinen Bruder um dessen Ruhm und Macht. Dieser Neid und der Einfluß der Madame Jouberteau bestimmten seine Haltung gegenüber Napoleon. Die Aufreizungen der Madanie Jouberteau brachten Lucia» so weit, daß er eine Partei gegen seinen Bruder zu bilden begann. In seinem Hause durfte der Name Napoleon nicht ausgesprochen werden; einen seiner Sekretäre, welcher Napoleons Bild besaß, wollte Lucian entlassen. Auch seine Brüder Joseph und Jerome*) reizte Lucian gegen Napoleon auf. Endlich wurde Lucian von Napoleon, der ihn nicht verhaften lassen wollte, aus Frankreich verbannt. Im April 1804 schied Lucian von Paris und begab sich nach Mailand. Als er hörte, daß Napoleon sich in Mailand zum völlig von Italien krönen lassen wolle, verließ er auch diese Stadt und lebte teils in Rom, teils auf seinen Landgütern. Zakil, eiche Versuche seitens der anderen Familienmitglieder, die feindlichen Brüder zu versöhnen, waren vergebens. Napoleon verlangte immer als erste Bedingung die Scheidung Lucians von seiner Frau und darin gab Lucian nicht nach. Er schlug Tione aus und so veränderte sich die Gestalt der europäischen Reiche um der Frau Jouberteau willen. Der Obeim Lucians, der bekannte Kardinal Fesch, bot für Lucians ältesten Sohn das Herzogtum Parma an und wollte die Ehe mit Frau Jouberteau für ungültig erklären. Aber Lucia» schlug alles ab; er be- fienndete sich mit dem Pabste und blieb Napoleons Feind. Auch die Vermittlungsversuche seines Bruders Joseph wies Lucian zurück. Als 1807 Napoleon nach Italien kam, gelang es Joseph, eine Zusammenkunst zwischen den beide» feindlichen Brüdern in Mantna zustande zu bringen. Ein diplomatischer Agent hatte an Lucian geschrieben:„Lassen Sie Sich von Ihrer Frau scheiden, so steht Ihnen der Himmel offen und die Trone liegen zu Ihren Füßen." Lucia» aber antwortete darauf:„Mein Herr, wir können uns nicht verstehen, Ihre Sprache ist mir unbekannt." Allein so republikanisch sich Lucian in diesem Briefe geber- dete— bei der Zusammenkunft mit Napoleon schienen ihm die Kronen schon etivas begehrenswerter zu sein. Napoleon ver- langte immer wieder die Scheidung.„Ich kann davon nicht abstehen," sagte der Kaiser;„trennen Sic Sich wenigstens auf einige Zeit von Ihrer Frau und wir wollen sehen."—„Keine Stunde!" antwortete Lucian. Nun sprach Napoleon nicht mehr von Lucian selber, sondern von dessen Kindern. Er erbot sich, für seine zwei ältesten Töchter zu sorgen, welche ihm Christine Boyer geboren hatte. Die älteste Tochter Charlotte bestimmte er zur Gemahlin des Prinzen von Asturie». Wenn Lucian wirklich Republikaner gewesen wäre, so würde er auch diesen Vorschlag gleich anfangs zurückgewiesen haben. Er tat es aber erst später, als wieder die Scheidung verlangt wurde. Als diese Abmachung in die Oeffcntlichkcit drang, glaubte man, Lucian solle König von Italien werde». Das war ein Irrtum. Napoleons Abneigung gegen Lucian war mit der Zeit so gestiegen, daß die Schwester Elise Lucian nicht mehr bei Tage zu empfangen wagte. Aber der Prinz von Asturicn, der nachmalige König Ferdinand VII., hielt in der Tat 1807 bei Napoleon brieflich um die Hand der ältesten Tochter Lucians an, allein der Brief ward aufgefangen und der Prinz verhaftet. In Spanien entstand ein Aufruhr, infolge dessen der König von Spanien abdankte. Er schrieb an Napoleon, daß die Ab- *) Jcrome, der bekannte König von Westfalen(„Morgen ivieder luftict!") war mit einer Amerikanerin Namens Patterson verheiratet, von der er sich auf Napoleons Andrängen scheiden ließ, um eine wärt- tcmbergische Prinzessin zu heiraten. danlung erzwungen sei, worauf Napoleon dem Prinzen von Asturien dem Tron entsagen ließ. So kam die Heirat nicht zustande, wozu Lucian und Madame Jouberteau bedeutend mit- wirkten. Man sprach davon, Frau Jouberteau solle ein Her- zogtum erhalten, wenn sie sich scheiden ließe. Lezteres ist sehr unwahrscheinlich. Auch für die Heirat von Lucians Tochter mit dem spanischen Kronprinzen stellte Napoleon die Bedingung der Scheidung von Frau Jouberteau. Leztere wußte Lucian aber- mals gegen Napoleon einzunehmen, so daß er plözlich alles abwies und an Napoleon schrieb:„Ich werde nie zugeben, daß meine Kinder Ihrer Politik aufgeopfert werden." Könnte man dies Wort für aufrichtig halten, so würde es Lucia» viel Ehre machen. Aber er war zuvor auf das Heiratsprojekt ein- gegangen, ohne es gleich abzuweisen. So verhinderte Frau Jouberteau die spanische Heirat, welche wahrscheinlich der ganze» spanischen Politik Napoleons eine andere Wendung gegeben hätte. Die ehemalige Frau des Wechselagcnten hatte in der Tat viel Einfluß ans die politische Gestaltung Europas. Auf dem Gute Canino, das Lucian 1808 erworben— 1814 ernannte ihn der Pabst zum Fürsten vom Canino— beschäftigte er sich mit Jagd, Ackerbau, Jntrigucn und mit literarische» Arbeiten. Seine Heldengedichte und Romane fanden keine» Anklang; interessant dagegen sind seine Memoiren(es gibt von ihm auch geheime Memoiren), denen wir Verschiedenes zu diesem Aufsaz entnommen haben. Zu Canino erhielt er von neuem die Aufforderung, seine älteste Tochter an den Hof Napoleons zu schicken, und diesmal tat er es auch. Man sprach in ganz Europa davon, daß Napoleon, der sich eben von Josephinc» hatte scheiden lassen, selbst Lucians Tochter heiraten wolle. Seine Werbung um die österreichische Prinzessin Marie Lonist machte diesen Gerüchten ein Ende. Charlotte, die Tochter Lucians, die erst 1796 geboren, also vierzehn Jahre alt war, wurde von Napoleon gut ausgenommen- Aber Madame Lucia» hatte hier die Hand ini Spiel. Ehe dm- junge Mädchen abreiste, legte sie ihm die„heilige Pflicht" aulalles. was sie am Hofe sehen und hören würde, gewissenhall an sie(die Jouberteau) zu berichten. Die junge Dame(»Wo denn auch verständnisinnig eine Art von Tagebuch, das sie wissenhast von Zeit zu Zeit nach Hanse sandte. Allein sie hallo nicht an die Brieserbrechcr Napoleons gedacht, welche es dcw Kaiser ermöglichten, die ganze geheime Korrespondenz des iu»flel' Mädchens zu überwachen. Er amiisirte sich, wenn er die Vc' merkungen der Bricsschrcibcrin über die leichtfertigen Abentem» seiner Schwestern und ihrer Hofdamen las; als er aber b selbst in den Briefen verspottet sah, geriet er in Zor». � sprach über diese Sache mit seiner jüngsten Schwester, der K' nigin von Neapel, der Gemahlin Mnrats, und diese „Der Madame Lucian werde ich es nie verzeihen, daß sie Kinder nicht besser erzieht. Diese Frau hasse ich aiiss Aeußerl � denn sie ist an dem Zwist in unserer Familie schuld." Uebrigc»- war die Königin von Neapel auch keine musterhafte Gattin- � Napoleon blieb indessen doch dabei, die Tochter Lucians i versorgen und so machte er den Vorschlag, sie mit dem � maligen Großherzog von Würzburg, Ferdinand von ToSkaM' zu verheiraten. Das war Lucian offenbar ei» zu geringes gebot für seine Tochter, für die er den spanischen König- ausgeschlagen hatte; er schrieb an Napoleon:„Wenn Sie»im Tochter nicht schicken, so werde ich sie, trozdem ich geächtet' selbst auS den Tuilcricn holen!"— Napoleon befahl Eb lottcn,*) binnen vierundzwanzig Stunden Paris 5"(1;; Da wurde bekannt, daß Lucian sich auch bciin preußische» � sandten in Rom heftig gegen Napoleon ausgesprochen h»l>e, es langte ein Brief von ihm bei Napoleon an, worin e-.->» „Ich weiß recht gut, daß Ihre Wut imstande ist, Sic � zu bringen, einen Brudermord zu begehen." *) Diese Charlotte, zweimal und zwar zulezt mit einem Arzt» heiratet, starb i865 in Rom. Lucians zweite Tochter von erst mit einem Schweden, dann mit einem Engländer verinay- 1847. Die Kinder Lucians waren insofern glucklich, als sie, o fi' tten. Kronen trugen, bei Napoleons Sturz auch keine zu verlieren V Jezt fürchtete man, daß der aufs Aeußerfte gereizte Sia- Poleon keine Schonung gegen Lucia» mehr kennen werde. Lucia» flüchtete aus Italien, wobei ihm König Murat von Neapel behilflich gewesen sein soll. Man sagt, Murat habe dafür an Napoleon eine Strafe von zehn Millionen Francs zahlen müssen. Lucia» wollte sich mit seiner Familie in Nordamerika nieder- lassen, er fiel aber englischen Kreuzern in die Hände, die ihn nach Malta brachten, worauf man ihn in England intemirte. Seine englischen Pässe wurden nicht beachtet; er mußte unter Aussicht eines englischen Offiziers in der Nähe von London leben. Dort machte er wieder Verse, die keine Anerkennung fanden. Dem ersten Sturze Napoleons sah Lucia» ruhig zu. Aber 1814, als Napoleon sich ans Elba befand, wurde eine Aus- söhnung angebahnt durch Pauline Borghcse, welche die Lieb- lingsschwestcr Napoleons war. Diesmal mußte Napoleon die Madame Joubertcau mit in den Kauf nehmen; sie hatte ihren Willen durchgesezt. Lucia» kehrte nach Rom zurück und ward 1815, als Napoleon von Elba entflohen war, nach Paris be- rufen. Er schlug nun die Würden nicht mehr aus, die Na- pvleon ihm anbot. Nur konnte ihm Napoleon keine Königreiche »ichr anbieten. Während der hundert Tage(bis zum zivciten Lturze Napoleons) war Lucia» Pair von Frankreich, kaiserlicher Prinz, sowie Mitglied der Regierungskommission, welche Na- polcou einseztc, bevor er ins Feld rückte. Napoleon ward bei Waterloo geschlagen und als er nach Paris zurückkam, fand er wenig Freunde, fast lauter Feinde. Der gewohnte Erfolg fehlte. Lucia» suchte ihn zu einem Staatsstreiche zn bewegen; er schlug ihm vor, die widerspenstige Kammer zu sprengen und eine Diktatur zu übernehmen. Aber Napoleons Energie war ge- brachen.„Was wollen Sie?" sagte Lucia» zu einem General, der über Napoleons Uncntschlofienheit bestürzt war,„der Pulver- danipf von Mout Saint-Jean(Waterloo) hat ihm den Kopf bcrdreht. Er ist ein verlorener Mensch." So urteilte Lucia» julezt über Napoleon. Darauf verlas Lucia» in der Kammer die von ihm ent- warfen e Abdankungsakte des Kaisers Er wollte die Prokla- wation des unmündigen Napoleon II. zum Kaiser bewirken und Der AI Die Tatsache, daß so hochbedeutendc Männer, wie die im vorigen Abschnitt aufgeführten, Alchemisten waren, und daß der glaube an den Stein der Weisen troz des für uns selbstver- lländlichen, tausendfältigen Mißerfolges auch bei den emsigsten und geistvollsten Bemühungen sich durch viele Jahrhunderte in vngelchrten und gelehrte» Kreisen erhielt, ist jedoch keineswegs ollcin der Aristotelischen Teorie von der Wescnsglcichheit aller Galerie und den aus ihr erwachsenen wissenschaftlichen An- ichauungen zuzuschreiben. Vielerlei kam hinzu, welches nicht, Me Unkundige und oberflächliche Beurteiler wohl eher annehme» föchten, das hartnäckige Festhalten an dem Glauben, daß aus «»edlen Metallen Gold gemacht werden könnte, verwunderlich, sondern umgekehrt die Emanzipation von diesem Glauben, das Aufgeben der alchcmistischen Arbeiten als sehr schwer angängig �scheinen läßt. Sollte man nicht an die Möglichkeit, Gold zu machen, glauben, wenn es gelang, Metalllegirungcn darzustellen, welche "" verschiedenen Eigenschaften, hauptsächlich in der Farbe, dem achten Gold und Silber glichen? Zumal in einer Zeit, in v>elcht>r man die Metalle ans ihre ivescntlichen Eigenschaften voch nicht ausreichend zu prüfen verstand!? Hieraus sind die angeblich positiven Erfolge der Goldmacher, Erfolge, an welche zumteil»sie selbst glaubten, jedenfalls hauptsächlich zurückzuführen. Das Gold, welches— wie wir 'ju vorigen Abschnitt sahen— Lullns in der kolossalen Qua»- "ät von 50 000 Pfd. für den König von England hergestellt hoffte dadurch für sich die Regentschaft zu erhalten. Aber man rief ihm zu, er als Korse habe kein Recht, Frankreich einen Souverain aufzudrängen. Man sezte eine provisorische Regierung ein und der Sturz Napoleons war zum zweitenniale besiegelt. Lucia» ging wieder nach Rom. Er ward vom österreichischen General Bubna gefangen genommen und auf die Zitadelle von Turin gebracht. Er berief sich darauf, daß er sich fortwährend den Plänen seines Bruders widcrsezt habe, auf welch unedle Art sich kein underes Mitglied der Familie Bonaparte aus der Schlinge gezogen hat. Der Pabst erwirkte Lucians Freilassung, worauf er als Fürst von Canino unangefochten im Kirchenstaat lebte, den er jedoch erst nach 1830 wieder verlassen durfte. Er starb 29. Juni 1840 in Viterbo bei Rom. Bei genauer Erwägung der angeführten Tatsachen kommt man zu der Ansicht, daß sich Lucia» seinem Bruder Napoleon nicht auf Grund einer politischen Uebcrzeugung, sondern aus Neid und Mißgunst einerseits, unter dem Einflüsse seiner Frau andererseits widcrsezt hat. Sein Betragen gegen Napoleon war noch weniger edel, als das Napoleons gegen ihn. Frau Joubertcau lebte als Wittwe in den vierziger Jahren in Paris, wo viele literarische Berühmtheiten in ihren Salons verkehrten; sie spielte die geistreiche Dame. Später zog sie wieder nach Rom und starb in Surigaglia 12. Juli 1855. Sie hat Lucia» fünf Söhne und vier Töchter geboren. Enkel von ihr leben noch eine ganze Anzahl. Ihren ältesten Sohn haben wir schon erwähnt. Ein Sohn von Lucia« und der Jou- bertcau war auch jener berüchtigte Peter Bonaparte, genannt „Mvrdpcter", der Viktor Noir erschoß und dadurch ganz Frank- reich in Entrüstung versezte. Enkelinnen von ihr sind u. a. die bekannte Madame Rattazi und Adele Wyse-Bonaparte, die Frau des Garibaldischcu Generals Türr. Die jüngste Tochter Lucians. Konstanze, 1823 geboren, ist Äbtissin des Klosters zum Heil. Heizen in Rom. So ist die einstige Puzmachcrin. von der einst das Zustande- kommen von Königreichen abhing, die Stammmutter einer An- zahl von sonst nicht sympatischen, aber begüterten und politisch oft einflußreichen Familien geivordcn. Und das alles, weil sie der Wechselagcnt Joubertcau eines Abends vom Ball nach Hause begleitet hatte. di c m i st. ' r haben und woraus die ersten Rosenobels geprägt worden sein sollen, ist— wenn das ganze Faktum nicht eine leere Erfin- dung ist— zweifelsohne von solcher Beschaffenheit gewesen. Wie man derartiges Gold fertig brächte, war natürlich nicht allzuschwer herauszubringen: man nahm Kupfer, schmolz es mit Arsenik zusammen und Silber war fertig, oder mit Zink, und Gold glänzte aus dem Tiegel hervor, denn Zink gibt dem Kupfer eine goldgelbe, Arsenik eine silberweiße Farbe. Der heilige Thomas von Aqnino(1224— 74) wußte auch ein ganz füttreffliches Rezept. Kupfer in Silber zn verwandeln,— er ließ es mit Arsenik weiß färben und die Hälfte seines Ge- wichts an echtem Silber dazu tun,— wer konnte nun noch bestreiten, daß er in der Legirung wahrhaftiges Silber vor sich habe? Als nun die chemischen Kenntnisse soweit zugenommen Kotten, daß man gold- und silberfarbige Legirungen von lauter, m Gold und Silber unterscheiden konnte, wie das bereits zur Zeit Albert des Großen einzutreten begann, so fanden die Alchemisten Beweise für die das Gold ermöglichenden Metallverwandtschaften „in anderen Tatsachen, die vollkommen richtig waren, aber auch wieder von ihnen falsch ausgelegt wurden. Die Schcidekunst stand in de» ersten Zeiten der Alchemie und noch bis zu 1600 auf einer sehr niedrigen Stufe; kleine Mengen eines Metalls in Erzen nachzuweisen, war der Mehrzahl der Chemiker un- möglich; daß ein Metall in einer salzartigen Verbindung, in einer Form, die auf keinen Metallgehalt schließen läßt, schon ganz gebildet seiner Natur nach enthalten sei, wurde erst im Anfang des 17. Jahrhunderts genauer erkannt. Darauf gründete sich nun eine Menge von Beweisen für die angeblich künstliche Hervorbringung von Metallen. Geber erzählt schon, daß der Sand gewisser Flüsse die Eigenschaft habe, Kupfer in Gold zu verwandeln; kleine Kupferstücke, der Einwirkung dieses Sandes, des fließenden Wassers und der Sonne ansgesezt, verivandelten sich in Gold. Die wahre Sache ist hier augenscheinlich, daß sich das Kupfer dabei oxydirt und seinen Metallglanz ver- liert; der im Flußsand enthaltene Goldstanb aber durch das wiederholte Waschen(Schlämmen) sichtbar>vird.— In dem blauen Vitriole vermuteten nur wenige Chemiker bis zu 1600 einen Gehalt an Kupfer, und von dem 15. Jahrhundert an finden wir die Fällung des Kupfers aus einer Vitriollösung durch metallisches Eisen als einen Beweis für die Verwand- lung des Eisens in Kupfer aufgeführt.—— Endlich gab man noch viele Prozesse an, wodurch jeder sich selbst von der Möglichkeit, unedle Metalle in edle zu verwandeln, überzeugen konnte; es beruhten diese darauf, daß Substanzen mit in Ar- beit genommen wurden, die immer oder meist einen kleinen, nicht leicht wahrnehmbaren Gehalt an edlen Metallen haben. —— Beispiele, wo Unwissenheit in der analytischen Chemie zur Stüze alchemistischer Ansichten wurde, gab es bis in die neueste Zeit. Der berühmte französische Chemiker Hoimbcrg glaubte 1709 Silber, das von allein Gold gereinigt war. in Gold umwandeln zu können, indem er es mit Spicßglanz schmolz; das aus dieser Behandlung erhaltene Silber zeigte immer einen deutlichen, wenn auch kleinen, Goldgehalt. Viele Chemiker wiederholten diese Versuche mit gleichem Erfolg, bis endlich entdeckt wurde, daß fast aller natürlich vorkommende Spießglanz einen geringen Gehalt an Gold hat, welches sich dann bei der chemischen Behandlung mit dem Silber vereinigte. Noch 1783 kam ein ähnlicher Fall vor. Ein Apoteker Cappel zu Kopenhagen gab an, daß durch Behandlung von chemisch reinem Silber mit Arsenik dieses teilweise in Gold verwandelt werde. Unter den Chemikern, welche die Sache bestätigt fanden, nenne ich hier nur den berühmten Guyten de Mormean, welcher 1786 sich gleichfalls für die Richtigkeit der Angabe aussprach. I Die Alchcmistcn jubelten ob ihres Siegs, denn zu dieser Zeit wurde die Möglichkeit ihrer Kunst schon sehr bezweifelt, aber die Freude hatte bald ein Ende, als der österreichische Bergrat von Born 1787 fand, daß man bei Anwendung von salz- burger Arsenik, der damals im Handel vorzugsweise verbreitet war, allerdings güldisches Silber erhält, aber nicht mit böhmi- schein Arsenik: aus dem Grunde, weil in dem lezteren nicht wie in dem ersteren ein kleiner Goldgehalt verborgen ist*).' Auch an historischen Beweisen für die Wahrheit der Alchemic fehlte es nicht. Noch aus dem 17. und 18. Jahrhundert berichten berühmte und als zweifellos gewissenhast anzusehende Männer der Wissenschaft von der Verwandlung größerer Mengen unedler Metalle in lauteres Gold, welche unter ihrer eigenen Kontrole oder von ihnen selbst ausgeführt worden ist,— und zwar durchweg solche Männer, denen man ebensowenig die Fähigkeit, echtes Gold von unechtem zu unterscheiden, bestreiten kann, als man ihren Karakter und ihre Glaubwürdigkeit anzu- zweifeln ein Recht hat. Solche Zeugnisse sind Tatsachen, wie sie in der Geschichte der Wissenschaften öfter vorgekommen sind und erst in aller- neuester Zeit wieder bei der wissenschaftlichen Untersuchung sogenannter spiritistischer Phänomene zutage getreten sind,— Tatsachen, denen gegenüber, wie Kopp völlig zutreffend sagt, „es einem fast ebenso schwer wird, die Möglichkeit einer Täuschung anzunehmen, als an die Wahrheit der Sache selbst zu glauben.' Eine der interessantesten und bestbeglaubigten Geschichten von gelungener Goldinacherci möge hier nach Kopp**) Plaz finden. „Dr. Hclvctius war um die Mitte des 17. Jahrhunderts *) Kopp, Geschichte der Chemie, II. Band. Abteilung: Spezielle Geschichte der Alchemic, S. 166 ff. **) Ebenda S. 169 ff. Leibarzt des Prinzen von Oranien, ein gelehrter Mediziner, der in hohem Rufe der Rechtlichkeit und Aufrichtigkeit stand. Er glaubte nicht an die alchemistischen Künste und zeigte sich in mehreren Schriften als ihr bitterer Widersacher. Plözlich trat er 1667 als der eifrigste Verteidiger derselben auf, wie er erzählt ans folgende?lrt überzeugt. Ihn besuchte 1666 in seiner Wohnung im Haag ein Fremder, der ein Gespräch über die Alchemic und den Stein der Weisen mit ihm anknüpfte. Helvctius sprach seine Zweifel aus; der Fremde suchte ihn zu widerlegen, und um seinen Worten mehr Nachdruck zu geben, zeigte er ihm die fragliche Substanz. Helvetins betrachtete sich die Sache genau; wie er den Stein in Händen hatte, suchte er mit dem Nagel seine Härte zu er- proben, und siehe, es gelang ihm, ein Stückchen davon abzn- lösen. Er bat den Fremden sehr, ihm eine Metallverivandlung zu zeigen; dieser lehnte die Bitte ab, mit dem Versprechen, in drei Wochen wiederzukommen und es dann zu tun. Als der Fremde fort war, versuchte Helvetins mit der kleinen Menge des Steins, die ihm an dem Nagel hängen geblieben war, einen Versuch zu machen; er warf es auf schmelzendes Blei. aber ohne allen Erfolg. Nach drei Wochen kam der Fremde wieder, und da gestand ihm Helvetins die Entwendung und die Fruchtlosigkeit des Versuchs. Der Fremde meinte, Helvetins habe besser zu stehlen als Gebrauch davon zu machen gewußt, und schob die Schuld darauf, daß er nicht die Substanz in Wachs gehüllt auf das Metall geworfen habe, um sie vor den Dämpfen des Bleis z« schüzen. Nach vielem Bitten gab er dem Arzte ein Stückchen Stein, von der Größe eines Rübsamenkorns; Helvetins meinte, es sei dies zu wenig, um einen Versuch machen zu können, aber der Fremde meinte seinerseits nun, es sei noch zu viel, teilte die Gabe und ließ dem Arzt die Hälfte zurück. Er cnt- fcrnte sich mit dem Versprechen, des andern Tags wiederkommen zu wollen und bei dem Versuche gegenwärtig zu sein. Er kehrte indes nicht wieder. Als der Abend kam, konnte Frau Helvetins, welcher ihr Mann die Sache erzählt hatte, ihre Ungeduld nicht länger bezähmen. Sie drang in ihn, eine» Versuch zu machen. In Gegenwart seiner Frau und seines Sohnes schmolz Helvetins nun 6 Drachmen Blei, warf den Stein, in Wachs gehüllt, darauf, ließ noch eine Viertelstunde schmelzen und goß dann das Metall aus. Es war das reinste Gold; der Münzwardcin im Haag und mehrere Goldarbeitci prüften es— es verhielt sich nicht anders. Helvetips machte diesen Borfall 1667 in einer eigene» Schrift bekannt, welche den Titel hat: Vilnius aureus, guem muuckus ackoral et erat. Noch vor der Herausgabe diese* Buches indes bekümmerten sich viele um diese Transmutation, interessant ist namentlich der Anteil, welchen der beriihm.� Benedikt Spinoza daran genommen hat. Dieser, der so»> nicht zu den Leichtgläubigen gehörte, erkundigte sich genau nam allen Umständen und sprach brieflich seine Ueberzcugnng»»" „beiß auch für ihn dieser Vorfall vollkommen überzeugend sen Münzen wurden übrigens nicht allein in England aus alch mistisch hergestelltem Golde geprägt. Ter Alchemist Casp» Harbach machte für den König Christian IV. von Däncma Gold, woraus 1647 dänische Dukaten geschlagen wurden, l überließ ein gewisser Richthanscn dem Kaiser Ferdinand ein Gran eines roten Pulvers, mit Hilfe dessen der Obervc l mcister Graf von Ruß 2',% Pfund Quecksilber i» 3�. verwandelte. 1675 machte der Augustinermönch Wenzel Sei? � für Kaiser Leopold I. aus Zinn Gold, woraus der Kailer* taten schlagen ließ. 1717 wurde dem sich selbst eifrigst 0 erfolglos mit Alchemic beschäftigenden Landgrafen Ernst~»° vo» Hessen-Darmstadt von einem Unbekannten eine 4) von roter und weißer Tinktur übcrschickt mit der Anweil> � wie sie zum Gold- und Silbermachcn zu gebrauchen 1�'», gefügt war der jedenfalls wohlgemeinte Rat. der Landgra," die eigenen Bemühungen, den Stein der Weisen z», t Ii einstellen. Der Landgraf wandte die Tinkturen schleunigst � Bearbeitung von Blei an und erhielt Gold und Silber, dem er S»Taten und die hessischen Speziestalcr vom Jahre 1717 präge» ließ. Bei einzelne» dieser der Alchemie verdanTten Münzen stellte sich die llncchtheit des Materials später heraus, so bei den suis Wenzel Seylers Zinngold gemachten Dukaten; die hessischen Tnkate» und Speziestaler von 1717 aber bewährten sich als echt. Waren nun die meisten Acrztc und Chemiker der vergangenen Jahrhunderte von der Wahrheit der Alchemie überzeugt, so ivaren es nicht minder die Juristen. Vielfache Streitigkeiten vor den Gerichten darüber, ob das alchemistisch hergestellte Gold, wenn es durch die Probirkunst von dem natürlichen nicht unter- schieden werden konnte, dem natürlichen gleichwert geachtet wer- de» solle, zeugen dafür, weil sie in der Regel zu Gunsten des | vlchem istischen Goldes entschieden wurden. 16G8 verlieh die Ratskanzlci zu Breslau dem Schneider- weister Christoph Kirchhof zu Lauban in der Oberlansiz eine» Wappen brief mit einer silbernen Bulle zu seiner Legitimation »nd als Belohnung dafür, daß er nicht allein denjenigen La- I'illum oder„Stein an das Licht gebracht, sondern auch noch swzn vermittelst göttlicher Hülse und scharfes Nachsinnen, vor- i vchmlich aber durch sein stetiges und unverdrossenes Laboriren s>en Spiritum universalem von sich selbst erfunden." Aber der Stein der Weisen wurde von den Juristen nicht vllein als existirend und bereits öfter gefunden behandelt, son- j ver» man kam sogar zuweilen auf den Gedanke», daß es ein Erbrechen sei, an seiner Existenz zu zweifeln. Si) entwickelte ein Oesterreicher, I. P. v. Rain, im Jahre 1680,„daß die 1«weifler an der Existenz des Steins der Weise» sich des Ber- vecchens der Majestätsbcleidigung schuldig mache»; weil nämlich wehrere Kaiser selbst die eifrigsten Alchemisten waren." i Auch die leipziger Juristen haben sich wiederholt zu der 1 Überzeugung von der Existenz des Steins der Weisen bekannt. | �Jm Jahre 1580 fällten sie ein Urteil gegen David Bcuther, ' �ibalchcmisten des Kurfürsten von Sachsen. Dieser sollte zu- |jWg in den Bcsiz einiger Beschreibungen gekommen sein, wie i Actallverwandlungen anzustellen seien, und die Ausarbeitung kvselbcn mit Hülfe einiger Anderer versucht habe», welchen er üblich zusagte, nach Entdeckung des Geheimnisses es ihnen mit- Meile». Er habe aber nicht Wort gehalten, wohl aber seines .'eiistes beim Kurfürsten nur nachlässig gewartet. Das leip- i>gcr Urteil besagte, Beuther sei der Kciintnis des Steins ct Weisen für überwiesen zu erachten; er solle darum s'nlich befragt werden, wegen seiner Untreue gegen den Kur- i n jc' er zur Staupe zu schlagen, wegen seines Meineides , seine Genossen habe er zwei Finger zu verlieren, und Hilf,'ch � er äum Wohl des Landes, damit das Geheimnis J st andern Potentaten bekannt werde, gefangen zu halten.— ! im Jahre 1725 gab dieselbe Juristenfakultät ein Gut- w �vbei es sich um Silber, das in Gold verwandelt fint handelte. Die Gräfin Anna Sophie von Erbach sel c ihrem Schloß Frankcnstein einem als Wilddieb ver- 'Mrf" ��"chtling Schuz gewährt; zum Dank verwandelte dieser,. Voi k eil1 �dept ivar(Adepten nannte man die Alchemisten. W �nen man überzeugt war. daß sie im Bcsiz des Steines j ji"i"' wären) der Gräfin sämmtlichcs Silbergeschirr in j„ Ihr Gemahl. Graf Friedrich Karl, nahm davon die Hälfte Und' i-lüci( der Zuwachs des Wertes auf seinem Gebiete Wthw. �Cl®He erworben ivorden sei. Die leipziger Rechts- Wn k, baben ihm unrecht: weil das streitige Objekt vor der iviisst g vis Eigentum der Gräfin anerkannt worden sei, *•' auch»ach der Verwandlung ihr Eigentum bleiben ihn," dem Stein der Weisen hieß es zumeist: glaubet, so wird hvtten r L''e1.— ihm, dem Besizer des Steins nämlich. Gold selbst''e Meist wie Heu, denn ivenn sie es sich wirklich auch nicht achten, so schleppten es ihnen die Gläubigen in Hansen zu. istgen(t �daute der französische Adept Nikolaus Flame! �ististb- des 14. Jahrhunderts von seinem irgendwie alche- Lu>ammcngeschlagenen Gclde nicht weniger als vierzehn ' Jt0t6' e,beniln ,72' 73' L-------"'- Hospitäler und drei Kapellen, während er außerdem sieben Kirchen gründlich renoviren ließ. Der englische Alchemist Georg Ripley griff den 1460 von den Türken hart bedrängten Johannitern mit dem artigen Sümmchen von 100 000 Pfd.— nach einigen Pfd. Sterling, nach andern sogar Pfd. Gold unter die Arme, und um 1500 soll sogar ein anderer französischer Adept, Hieronymus Crinot, sei» auf alchemistischem Wege ins Unendliche vermehrte Vermögen zur Stiftung von 1300 Kirchen aufgewendet haben. Der deutsche Kaiser Rudolph II. starb 1620; in seinem Nachlaß fand man 84 Zentner Gold und 60 Zentner Silber, die er, der ein eifriger Alchemist war, auch mit Hilfe der her- metischen Kunst sich selbst gemacht haben sollte. Dasselbe sagte man dem Kurfürsten August I. von Sachsen nach, der 1586 siebzehn Millionen Neichstaler hinterließ. Im Laufe der Jahrhunderte steigerte sich die Kraft des Steins der Weisen bedeutend. Lange Zeit gaben die Alchemisten an, daß bei der Verwandlung das spezifisch leichtere unedle Metall sich zusammenziehe und so ein geringeres Volumen Gold ergebe. Aus dem 18. Jahrhundert dagegen sind uns Beispiele aufbewahrt, bei denen eine Gewichtszunahme durch die Transmutation stattfand, so, daß z. B. ein Grau des Steins der Weisen ans drei Lot Silber fünf Lot Gold machte. Eine völlig nnanfgeklärte Geschichte dieser Art ist die des Apotekers Renssing, der in der Offizin des Frankeschen Waisen- Hauses in Halle a S. angestellt war und tüchtige chemische Kennt- nisse besessen haben soll. Ein Fremder soll ihm 1750 einige winzige Stäubchen eines grauen Pulvers geschenkt haben, die er ihm auf schmelzendes Silber zu werfen anriet. Renssing folgte dem Rate und erhielt in dem Laboratorium der Waisen- hausapotekc aus 2'/, Lot Silber 3 Lot reines Gold. Diese Geschichte erzählte 1774 als vollkommen bestätigt der natur- wissenschaftlich trefflich gebildete hallische Berg- und Salinen- direktor, Kriegs- und Dvmänenrat Dr. v. Leysscr, welcher ein Schwiegersohn Rcussings war. Aber— wie wir bereits im ersten Abschnitt angeführt haben— der Stein der Weise» war auch eine Panacce des Lebens, d. h. er vermochte auf den menschlichen Körper stär- kend, heilend und verjüngend einzuwirken; dieses glaubte man seit dem 8. Jahrhundert erkannt zu haben. Vielleicht ging dieser Wahn aus einem Mißverständnis hervor. In den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt glaubte man in dem Stein der Weisen das Mittel ehren z» müssen, das, was man heut die soziale Frage nennt, zu lösen. So schrieb der um 400 n. Chr. lebende alexandrinischc Gelehrte Syncsins:„Verfährst du richtig nach meiner Vorschrift, so wirst du glücklich sein und die böse Krankheit, die Armut, heilen." Auch die Araber vom 8. Jahrhundert sprachen vom Heilen durch die hermetische Kunst, sie jedoch bezogen es auf die unedlen Metalle, die sie krank nannten und gesund, d. h. edel machen wollten. Bei de» christlichen Alchemisten des 13. Jahrhunderts findet sich nun die Fähigkeit des Steines der Weisen zu„heilen" auf die menschlichen Krankheiten ausgedehnt. Rayninnd Lullus will selber in hohem Alter wieder jung und frisch geworden sein durch seine alchemistischen Künste. Desgleichen noch viele andere. Ter oben erwähnte Basi- lins Valentinns schreibt:„Keine Armut wird der Besizer des Steins der Weisen spüren; keine Krankheit wird ihn rühren und kein Gcbrcste ihm schaden, bis zu der gesezten Zeit des Todes, bis zu der leztcn Stunde, so ihm von seinem Himmels- könige gesczt ist." Wahrscheinlich ist, daß die Alchemisten bei der Bereitung ihrer Pülverchen und Tinkturen gelegentlich auch ein Schnäps- chen zusammenbrachten, das sie gewissenhaft kosteten und dessen, wenigstens auf einige Zeit, merkwürdig belebende und restan- rircnde Fähigkeit sie inbezug auf das Resultat ihrer alchcmisti- scheu Bemühungen zu ungemessenen Hoffnungen und Ucbertrei- biingrn anstachelte. 460 Hatte sich nun erst einmal ein berühmter Alchemist die wunderbare Stärkungs- und Heilkraft der großen Panacee ein- geredet und davon geschrieben, so stand sie fest für die Jahr- hunderte, da niemand, der nicht sofort alle seine Geltung als Adept einbüßen wollte, dagegen auftreten konnte. Dazu kam, daß die frommgläubigen Christen des Mittelalters die Wnn- dcrgeschichten der Bibel von dem langen Leben der Erzvater u. s. w. doch absolut nicht bezweifeln durften, aber gar zu gerne erklärt hätten,— was konnten sie daher besseres tu», als an ein Universallcbensverlängcrnngsmittcl zu glauben, das der all- gütige Christengott jedenfalls nicht nur für die Juden des alten Testamentes geschaffen haben konnte. Erklärlicherweise gab es auch sofort Leute, die versicherte» und es vielleicht schließlich selbst glaubten, es mit Hülfe der Panacee zu einem mächtigen Alter gebracht zu haben. So der lateinische Alchemist Orteghins im 12. Jahrhundert, der sich die etwas unbescheidene Zahl von 1000 Lebensjahren beilegte. Der noch 1700 in der Nähe von Tricut als Einsiedler lebende Reichsgraf von Trautmannsdorf war viel beschei- bener; er behauptete 1462 geboren, also noch nicht ganz 240 Jahre alt zu sein. 400 Jahre alt soll der 1724 gestorbene Venetianer Frie- dcrikus Gualdus geworden und 350 Jahre behauptete der sich Graf St. Germain nennende, von 1770—1795 von sich reden machende Abenteurer alt zu sein. Damit war es aber mit der wunderbaren Kraft des Steins der Weisen immer noch nicht genug, auch klug, weise, edel, fromm sollte er machen,— nicht nur Armut und Tod, sondern selbst Teufel und Hölle besiege». Troz alledem ist der kritische Sinn des Menschengeschlechtes so weit rege gewesen, daß ungeachtet der mächtigen Bollwerke, welche die Alchemie umgaben, und ungeachtet ihrer weiten Ver- breitung schon jahrhundertelang Zweifel an ihr rege und Kampf wider sie geführt wurde. Vornehmlich mögen es die handgreiflichsten Betrügereien gewesen sein, welche den alchcmistischeu Aberglauben in für die Betroffenen allzufühlbarer Weise ausbeuteten und dadurch er- schüttelten. Alchcmisten, welche Kunstrciseu machten und Vorstellungen gaben, praktizirten allerlei Goldpräparate heimlich in das schmel- zende unedle Metall, unter anderem dadurch, daß sie einen hohlen mit Goldkörnern gefüllten und mit Wachs verschlossenen Stab, der gewissermaßen ihren Zauberstab darstellte, in die schmelzende Metallmasse tauchten. Dabei schmolz natürlich das Wachs und das Gold kam in den Schmelztiegel, wo es nun als Beweis für die Nichtigkeit alchemistischer Ansichten aufge- wiesen wurde, umsomehr als man durch anhaltende Glühhizc das Blei verbrannte oder das Quecksilber zur Verflüchtigung brachte und das Gold allein übrig behielt. Solche und ähnliche Betriigcrcicn konnten nicht immer ver- borgen bleiben und mußten die Alchemie überhaupt kompromit- tiren. Daher kam es, daß schon im 14. Jahrhundert geistliche und weltliche Herrscher wider die alchcmistischen Bemühungen durch Edikte einzuschreiten suchten, aber da stets mehr hohe geistliche und weltliche Würdenträger für die Alchemie ein- genommen waren als dagegen, so geschah das mit sehr wenig Erfolg. Im Ansang des 16. Jahrhunderts erklärte sich der be- nihmte Arzt und Naturwissenschafter Philippus Aureolns Theophrastus Paracelsus Bombastus von Hohenheim wiederholt gegen die Alchemie und nennt die Alchemisten„Narren, die leeres Stroh dreschen, warnt vor absichtlichem Betrüge und unwillkürlichen Täuschungen und betont, daß ihm die Bereitung des Steins der Weisen nie gelungen sei. Doch mindestens ebensooft spricht er auch von eben diesem Stein der Weisen, als einer ihm wohlbekannten Sache, rühmt ihn als Universal- arznei, begreift nicht, wie man an der Möglichkeit der Metall- Verwandlung zweifeln könne, und prahlt mit Schäzcn, die er mit Hülse der Alchemie dargestellt habe und deren Kostbarkeit des Kaisers und des Pabstes Reichtümer zusammen nicht zu bezahlen vermöchten."*) In dieser Weise schwanken selbst die zweifelsüchtigsten und scharfsinnigsten Köpfe,— zu diesen hat Paracelsus tatsächlich gehört,— haltlos zwischen dem Glanben an die Alchemie und dem Kampf für sie einerseits und dem Kampf gegen sie und die sich an sie knüpfenden Betrügereien andererseits hin und her,— was wunder, daß die gerngläubige, goldhungrige, elend- geplagte Menge wie mit eisernen Ketten an den Wundern des roten und weißen Löwen hangen blieb. Im Anfang des 17. Jahrhunderts machten sich im Abend- lande ganze Gesellschaften an die Erforschung des Steins der Weisen, indes ans Fez, an der Meeresküste von Afrika, schon um 1500 von großen Alchen« istenzusammenkünften zur Beratung und Förderung der gemeinsamen Bestrebungen in einer Moschee zu berichten war. Die bedeutendste an Mitgliederzahl und Einfluß ist die der Rosenkreuzer, welche im Anfang des 17. Jahrhunderts gegründet wurde und bis ans Ende des 18. Jahrhunderts bestand**)' Zur selben Zeit bestand in Frankreich ein Collegium rose- anum, nach ihrem Stifter Rose, genannte alchemistische sellschaft, welche mit den Rosenkreuzern häufig, aber irrig>" in denselben Topf geworfen wurde. Eine andere alchemistische Gesellschaft von Bedeutung 11,111 die von Nürnberg, welche 1654 gegründet wurde und über fünfzig Jahre bestanden hat. Ihr berühmtestes Mitglied was der große Philosoph Leibnih, der— allerdings nur J11"1' Jahre lang— ihr Sekretär war. Erfolg hatten die Bemühungen der alchemistischen Gesc»' schuften je mehr sie ehrlich strebten, desto weniger. Von den einzelnen Alchemisten wurden im 16. und 17. Ighrhundert>nel>r und mehr des Betrugs überwiesen. So ließ 1575 Herj� Julius von Braunschweig-Lüneburg die Alchemistin Maria Ziegler, die Schlüters Ilse genannt wurde, wcg� im Namen der Alchemie verübten Betrugs verbrennen. wurde ein als Graf Bragodinv in Deutschland reisender ongf lieh Gold machender Judustrierittcr in München in stittervc goldctcm Kleide an einem vergoldeten Galgen erhängt; 1 ließ es Herzog Friedrich von Württemberg mit Honauer ebenso machen._ j, Aehnlich erging es vielen anderen. Der bekanntest� 1 großartigste Schwindler unter ihnen war ein Ende des 1 7. Hunderts zum baierischen Feldmarschall erhobener italic»«1. Bauernsohn, welcher als Graf Ruggiero und Graf außer in Baiern auch in Spanien, in Oesterreich, in der und in dem neuen Königreiche Preußen als Günstling der � treffenden Fürsten sein ungeheuer kostspieliges Wesen trie oft genug als Betrüger erkannt wurde, ebenso oft zu cntnni verstand, endlich aber 1709 in Preußen, nachdem er»e) � gutcrlezt preußischer General der Artillerie geworden war, üblich selbst vergoldet und gehängt wurde. Nicht viel weniger Aussehen als der italienische � � Caetano machte der deutsche Gauner Johann Hector vo»,_ tenberg, der nach vielen alchemistischen Kreuz- und£llClj � in Dresden Kammerherr des Königs August II. von Pale 1720 aus dem Königstein enthauptet wurde._ mebse" Ei» Jahr früher war ein glücklicherer Alchemist in � � eines natürlichen Todes gestorben und zwar als Dirc königlichen Porzellaiimanufaktur— er hieß Bötticher. � Derselbe war 1701 in Berlin Apotekerlehrling 9Clin:'Cvejil als solcher mit dem reisenden Adepten Laskaris bekannt in.�. der ihm eine Portion des Steins der Weisen schenkte. � prüfte in Gegenwart mehrerer Zeugen die Kraft des � und die Verwandlung von Quecksilber in Gold soll vo gelungen sein. *) Kopp a. a. O. Bd. I. S. 97.„.-,g,os-n' **) Was in Meyers grosiem Konversationslexikon über. z M'" kreuzer geschrieben steht, ist in mehreren Beziehungen fL t01,arritcl richtig. Wir kommen gelcgenllich in einem kleineren Fem auf die kulturhistorisch interessante Gesellschaft zurück. Aus Eitclkcit gab sich Bötticher selbst als Erforscher des großen Geheimnisses aus. Das zog ihm die Verfolgung des Königs Friedrich I. zu, der sich den Goldmacher nicht entwischen lassen wollte. Bötticher floh nach Sachsen, von wo der preußische König seine Auslieferung verlangte. Dies machte die sächsische Re- gierung auf ihn und seine Kunst aufmerksam, und der König von Polen verweigerte seine Auslieferung, adelte ihn sogar und wollte ihn für sich selbst Gold machen lassen. Anfänglich wurde er ungemein freundlich behandelt, aber heimlich bewacht, später auf die Festung Kvnigstei» abgeführt. von da aber bald wieder nach Dresden gebracht, um 1706, als eine feindliche Ueberflutung Sachsens durch die Schweden bevorstand, von neuem auf den Königstein in Sicherheit geführt zu werden. In den nächstfolgenden Jahren wäre nun Bötticher sicher uicht dem Tode durch Henkershand entgangen, wenn ihn nicht schon vorher ein Gliiekszufall zur Entdeckung des Porzellans gesührt und diese dem König reichen Geldgewinn in Aussicht | gestellt hätte.— Von denjenigen Alchemisten, welche nicht vor die Oeffent- lichkeit traten und auch nicht an Fürstenhöfe kamen, verfluchten viele, nachdem sie ihr ganzes Leben und Vermögen ihrem frucht- losen Streben geopfert halten, sterbend die ganze Alchemic. In weiteren Kreisen wurde der Glaube an die Alchemie als Wissenschaft jedoch nicht vor dem 18. Jahrhundert erschüttert. Gleichwie Luther an sie geglaubt hatte,— er schrieb in Akrztliches iibrr Libliut's Rkgknrrlltionskur. Von Dr. med."•nicntntrg. .. Vor uns liegt ein Broschürchen, 47 Seiten, von einem gewissen �>baut, angeblich Dr. med. und Ritter der Ehrenlegion, über die vvtnderbaren Erfolge in 40jähriger Praxis mit seinein Gehcimmittcl, °sni sog. Regenerator. Das Heslchen beginnt mit einer Einleitung, sUe nichts sagt, als daß Herr Dr. Libaut endlich dem allgemeinen -orängkn nachgibt und sein Eeheimmittel nicht länger mehr der leiden- °e>i Menschheit vorenthalten will. Nach Libaut ist das Blut der alleinige Aiicntäter aller Krankheiten, und folgt dann dieser voran- geneUlen Behauptung eine höchst laienhafte Explikation über die Zu- wminensezung des Blutes überhaupt und dann eine Reihe aller der "ankhxjien, die der sog. Regenerator, a Fl. 6 Mk., ganz unfehlbar Uriri. Man höre und staune: Bleichsucht und Blutarmut, Skrophu- I[.0.!e und Rhachitis, Tuberkulose und Krebs. Syphilis und Geistes- | Lori"ig, Nerven- und Gehirnkrankheiten, Epilepsie und als eigene Gattung auch die Merkurialkrankheilen, Schwächezustände und weißen »Uh. Hautkrankheiten und Gicht, Hypochondrie. Hysterie und Rheuma- I»?vlus. so nebenbei auch noch Sommersprossen, Leberflecke, Pusteln, ??ven, Mitesser, Hautröte, rauhe, rissige Haut— gegen welche„das . ei Wich; Geschlecht besonders empfindlich sei". Alles mit einem und emseiben Heilmittel! Bei Kindern unter 2 Jahren genügen täglich chon 2 Teelöffel, bei älteren Sündern 2— 3 Eßlöffel! m.Wir haben uns der Mühe unterzogen, Erkundigungen nach der Fssönlichkeit des angeblichen Herrn Doktors und EhrenritterS anzu- Men und da waren einige Autoritäten so hart, ihm die Existenz g°erhnupt abzusprechen. Aber daS wollen wir nicht tun, denn der Zweisel an ihn wird unnachsichtig von der Regencrator-Compagnie in und deren Vertreter in Frankfurt a. M., Elttain& Co., nach g," strenge des Gesczes verfolgt. Also warum sich mutwillig in Dn?r begeben zu einer Zeit, in der noch ganz andere Dinge dem reichlich Nahrung bieten? Das aber ist unzweifelhaft, daß die a uamen B standteile des Regenerators die Sarsaparillen, ähnlich dem gesalzenen Heringe durch Einlegen in Wasser oder Kuhmilch von � Teile des Kochsalzes zu besrcien, wenn der starke Kochsalzgehat Kranken unangenehm ist. Heringsmilch ist auch ein alteS Bou gegen alte Katarrhe, Heiserkeit und angehende HalSschwindsucht- Rösselsprung. (i ging dein lchcn und ch ,cl und — L taub nrt «ur rohr wad: wald nicht den tau sc!d die gras und gel was scheu sah und ich, sah de! da4 hah die HSrl MBWWLRSNMWA dame kraut und