Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Die Alten und die Neuen. Roman von M. K«utsNy. 19. Fortl«jung. .Ich War ein Knabe," begann Ciilestin,„als man mich nach Österreich brachte und den Jesuiten zur Erziehung übergab. Von ■cKin Augenblick an hatte ich keine Familie mehr und keine Heimat. steine Lehrer wußten von jeder Empfindung, die für mein schönes �litcrland, für Eltern und Geschwister noch in mir lebte mich �zuschalcn. Man lehrte mich den Orden zu lieben, ihn um Inner Verdienste willen zu bewundern, um seiner Machtfülle iu fürchte», nian lehrte mich ihm zu gehorchen in allem und Ikdcni. So warb jegliches Gefühl allmülich abgetötet und ich t»?1.�8 Werkzeug einer Macht geworden, vor der ich mich I mvisch beugte. Ich war als Novize hi den Orden eingetreten und legte ach kurzer Prüsungszcit die drei Gelübde ab: der Armut, der Laschheit, des Gehorsams. Man verlangte den ganzen Men- Gt' l"' und Seele und all meine Fähigkeiten und all meine �danken hatte ich hinfort dem Dienste der Kirche zu weihen. 0 ward denn meine Energie auf ein Ziel nur gerichtet, und wein Eifer ward Bckchrungscifer. % 3ch trat in die Welt, aber ich liebte die Menschen nicht. U erkannte ihren Dünkel und ihre schmnzige Selbstsucht, ich 3 wie sie sich gegenseitig anklagten und befehdeten um des r�Weinsten und Jämmerlichsten willen. Ein heiliges Recht der zw schien es mir, diese Menschen unter ihre Autorität zu wgen. Sie sollten unter ihre Sazungen sich beugen, und anck" Priester der Kirche gehorchen mußten, so sollten sie Zugleich dem Priester gehorchen lernen. zum** Bestrebungen, sich diesem Zwange zu entziehen, ihre berftt' �areits errungene Unabhängigkeit empörte mich. Sie »»d" �as nicht, aber die, die selbst nicht frei sind, sie hassen bcrsolgcn am glühendsten die Freiheit anderer. tum- �brachte Jahre in Italien und Spanien, da»» schickte en-'"'ich hierher.— Hier lernte ich Sie kennen und mein scheii 11,(11 gewohnt, die Gemüter der Frauen zu beHerr- bm,"n� da traf ich auf ein junges Mädchen, das frei war 3 Glauben und von jedem Aberglauben. Keine meiner Phm,1! I�ungm traf mit den Ihrigen zusammen, und meine vermochte nicht die ihre zu entzünden. Was Frauen, fönst bewegt, sie ließ es kalt. Sollte hier meine Macht zu Ende sein, die Macht der Kirche? Ich wollte es nicht glauben, ich wollte Sie, die Irrende, uns erringen und ich vermaß mich der Stärkere zu sein. Ich begann den Kampf mit allen Mitteln, wie man ihn mir gelehrt hatte. Jeder Trug, Verrat und List, die überzeugende Macht der Kunst, die Lockungen der Sinne, alles, alles war mir als Kampfcsmittcl recht, alles dies habe ich gegen sie ins Treffen geführt. Schon glaubte ich mich am Ziele— da stellten Sie mit neuer bewußter Kraft sich mir entgegen. Unverwirrt und größer, herrlicher und freier, ge- stählt durch den Widerstand sah ich Sie vor mir und wie mit strafender Engelszunge riefen Sie mir zu:„Ihr Geist vermag nichts über den meinen, er bewegt mich nicht!" Da wußte ich's denn, daß alles verloren sei. Ich ging hinweg, ich verließ Sie in Verzweiflung. Ich klagte Gott an, der solchen durch nichts zu brechenden Unglauben zuläßt, ich lästerte ihn darob, wollte ich doch, daß er mich vernichte. Und ich irrte tagelang in der Vergwildnis umher, ohne Schlaf, ohne Nahrung, und ich durchlletterte die wildesten Schluchten, bis ich erschöpft zusammenbrach. Aber ich starb nicht; mein Herz klopfte noch immer, noch immer! Und seine Unruhe und seine Schmerzen enthüllten mir das große Geheimnis der Natur: daß nur Liebe Leben sei, und daß nichts, nichts mit so allmächtiger unauslöschlicher Ge- walt die Menschenbrust bewege, als die Liebe zum Weibe! Sie ist das Göttliche, das Eingeborene, sie ist Natur! Sie ist unaus- rottbar, unbezwinglich wie diese, und hinwelken muß der und sich verzehren, der sie frevlcrisch verleugnen ivill. Elsa, jezt gestand ich es mir ein, was ich heimlich ja längst empfunden, daß es eine Liebe gibt, eine Anbetung, ein Feuer, das ver- standen sein will, das nach Gegenliebe lechzt, bettelt. Und jezt, Elsa, ich will nichts mehr vom Himmel, ich habe den Priester- rock von mir geworfen, aber ich will auf Erden so glücklich werden wie andere Kreaturen. Ich will Mensch sein, und ich fordere nicin heiliges Menschenrecht, indem ich das Weib meines Herzens für mich begehre. Und so werbe ich um dich, Elsa, sei mein Weib." i 4ü4 Elsa hatte ihm jugehürt, an die Stelle gebannt von dein Zander, den die dänionische Leidenschaftlichkeit eines Willens auf das Gemiit eines anderen Menschen, auf Augenblicke wenig- stens, ininier zn üben vermag. Jczt riß sie sich empor, vcr- stört, zitternd, in unbeschreiblicher Aufregung. Er aber fiel vor ihr auf die Knie und hielt sie am Ge- wände fest. „Elsa!" seine Stimme hatte einen tiefen unsagbar mclodi- scheu Klang, der vom Herzen kommt und zum Herzen geht. „Ich liebe dich, wie dich noch nie ein Mann geliebt hat, noch jemals einer lieben wird, und glaube mir, so hat sich auch noch kein Mann um ein Weib gequält, abgezehrt, gepeinigt! Elsa, sei mein! Vorerst nur aus Mitleid, nur aus Erbarmen vorerst, bis jenes allgeivaltige Gefühl auch dich ergreifen wird, bis deine Liebe sich an der meinigen entzündet. Dünkt es dir denn unmöglich, mich als deinen Gatten zn lieben? Ich bin jung, man sagte mir, ich sei auch schön. Ich bin es jezt nicht, ich bin versengt, zerstört, aber ich werde es wieder sein; schöner, herrlicher, kraftvoller als je wird mich deine Liebe machen, und in voller Männlichkeit, strahlend von meinem unendlichen Glück will ich dich in die Arme schließen. Ich werde dich hinführen, wohin du willst, und will dich mit dem Luxus einer Königin umgeben. Ich will selbst nur dein Sklave sein, nur dir ange- hörend, nur lebend durch dich, für dich!" Seine Stimme wurde hell und jubelnd. Er hatte sich von den Knieen erhoben»nd er hielt ihre Hände fest und zog sie an sich heran, er wollte sie an sein Herz drücken, und sie sollte ihm nimmer, nimmer entrissen werde». Sie aber stößt einen Schrei aus. „Lassen Sie mich, ich will nicht!" Sic hat ihn zurückgestoßen und stürzt nun gegen das Fenster. „Sobald Sie es wagen mir nahe zn kommen, springe ich hinaus.— Ich bin frei!— Sie werden mich nicht bezwingen, nicht im Glauben, nicht in der Liebe!" Er stand regungslos, aber jede Muskel bebte an seinem Körper. „Sie können mich verstoßen, Elsa, aber sie töten mich." Sic sah ihn an mit großen empörten Augen. „Sie sind ein Mann, wollen Sic Betrug für Wahrheit tauschen, wollen Sic ein Weib haben, das einen andern liebt!?" Ein Stöhnen entrang sich seiner Brust.„Ich wußte es!" Tann erhob sich die schlanke Gestalt in ihrer vollen Höhe und wie befehlend streckte er die Hand gegen die Tür aus. „Gehen Sie, Elsa, und da Sie nur den eigene» Augen trauen wollen, suchen Sie den, den Sie über alles lieben, in Helcncns Armen." Er war beiseite getreten, ihr den Weg freigebend. Sie stürzte an ihm voriiber und gegen die Tür; wie von Furien getrieben stürzte sie vorwärts. Sie rannte durch die Flucht von Zimmcni, immer die Türen aufreißend, die Cölestin hinter sich geschlossen hatte. Jczt ist sie in dem Gemache vor dem Salon, die Tür dahin steht offen und sein helles Licht fällt durch dieselbe. Schon ist sie an der Schwelle und hält hier inne. Sie sieht Helene und Arnold, die sich soeben vom Sopha erheben und nun einander gegenüberstehe». Sie sieht ihre Tante in einer Gemütsbewegung, die sie noch nie an ihr gesehen. Ihre Wangen flammen in einem dunklen Purpur, und in den hellen Augen stehen Tränen, die sie vor ihm nicht zu verbergen sucht, ihre Haltung hat etwas demütigendes, das sie verjüngt und sie fast mädchenhaft erscheinen läßt; Arnolds Gesicht kann sie nicht sehen, er ist von ihr abgewendet, Helene zugeneigt. Er spricht mit ihr, flüstenide Worte sind eS, und jezt reicht er ihr die Hand. Helene bleibt einen Augenblick ohne sich zu rege», dann plözlich breitet sie die Arme aus und fliegt ihm an den Hals. und wie sie ihn umschlingt, bricht sie in ein lautes schluchzendes Weinen aus. So umfaßt nur die Geliebte den Geliebten. Elsa wendet sich ab. sie wollte nichts weiter sehen, sich still entfernen, aber ihre Nerven, die in so hochgradiger Aufregung sich befanden, unterlagen dieser neuen und heftigsten Erschüt- terung, sie sinkt lautlos zusammen. Der Fall wurde gehört. Arnold hatte sich von Helenens Armen losgemacht und beide eilen nun mit einiger Bestürzung in das anstoßende Gemach. Sie finden Elsa am Bode» hin- gestreckt, bewußtlos. Er nimmt sie wie ein Kind in seine Arme und trägt sie in den Salon. Er legt sie auf den Diva» und kniet vor ihr.„Elsa, Elsa!" ruft er außer sich. Sein eigenes Herz belehrt ihn, was in dem ihren vorgc- gangen, und wieder befindet sich dies junge eifersüchtige Herz in einem Irrtum. Niemals hat er sie treuer und zärtlicher geliebt, als in dem Augenblick, wo ihm all der sinnliche Reiz eines anderen Weibes so verführerisch nahe getreten war. Gr zieht ihren Kopf an seine Brust, an sein pochendes Herz, sie muß es doch fühlen, daß es nur für sie schlägt, und er streicht über ihre Haare, über ihre Wangen und seine Blicke tun, was sein Mund nicht tvagt. sie küssen ihr Augen und Mund. Ängste voll ruft er um Wasser. Helene hatte bereits nach einem Fläschchcu Eau de Colog»e gegriffen und bringt es. „llcberlasscn Sie Elsa mir," sagte sie wie in Empörung- Alles an ihr war verwandelt, ihre Haltung, ihre Farbe, ihr Ton. Arnolds Zartgefühl hatte sie vor einer Erniedrigung 3" bewahren gewußt und sein Feingefühl hatte das ihrige geweckt Er hatte ihr gesagt, daß er von ihr scheide für iinnicl, aber dies hatte nichts Berlezendes für sie gehabt, und es war etwas Reinigendes in ihr aufgestiegen, etwas von der Dcmu eines Kindes, das mit guten edlen Worten zurechtgewiesen w� und nun darüber weint. Als er sich aber erhob und ihr die Hand bot, als der Augrw blick des Scheidens gekommen war, der gefährlichste für C"1 Weiberherz, der es fast immer schwach findet, da erlag sie bei» anfstürmenden Verlangen, einmal»och, ein leztcsmal an K'1'cnI Halse zu liegen. Elsas Dazwischentreten hatte ihr die sebg Harmonie des Augenblicks gestört, alles in eine schrille Dim nanz verwandelt.. Jczt, wo er einer ander» gegenüber seine Reserve aim gegeben, wo ihni alle Bedenken geschwunden waren, wo er, a Form vergessend, sich im Innersten bewegt zeigte, von Leide' schaft durchzittert, Ivo er an nichts dachte, nichts sah als d' -—---. OG"" |UJU|l UlUUj�l UV.ll, IVU v 4> Uli Illll/IV VUV�iV," V-pf Eine, jezt erst empfand sie die tiefe Demütigung, die nst jV Jl VI VMip|UMV|»v ViV*»V|V �, worden. Sie hatte ihm ihr Herz geoffenbart und fand I>w verschmäht, verstoßen um dieser andern willen. „Gehen Sie," rief sie, als er seinen Kopf noch tiefer� ...."M ,,v'"......»..r,—, Elffls Gesicht neigte, hatte er doch mit Entzücke» bemerkt, dop ihr die Farbe zurückkehrte, und damit auch ein Schininicr de« Bewußtseins. „Ich befehle es Ihnen," fuhr sie nachdrücklicher fort,.dder wollen Sie einer Bewußtlosen gegenüber den Kühne» spiele»� ' L'....»>«-rfioO 1'� vv««, anft legte er Elsa in die Kissen zurück und erho � vc-uuji ityic ei viisu ui vic svissv.il Helene drängte ihn noch weiter hinweg, und jezt hatte Klingel ersaßt„nd läutete heftig. Elsa hiü" ,UlltC"e f'd)' gleichsam zu H.,t und Schirm, vor 465 Er snh sie an, so stolz, voll echter Manneswürde, dann sagte er fein: „Was meine Ehre gebietet, das werde ich auch künftig zu tun und— zu lassen wissen, Sie dürfen davon überzeugt sein, Frau Gräfin." Ein tiefer Atemzug löste sich von Elsas Brust und sie schlug die Augen auf. Sie sah zu ihm hinüber, ihre Blicke begegneten sich; der ihrige in seiner halben Verschleierung enthüllte ihm doch eine Welt voll Liebe. Dann schloß sie abermals die Augen. Josefa trat jczt herein, von Frau Gerta gefolgt. Die alte treue Dienerin, die Elsa wie ihr Kind liebte, eilte sogleich auf sie zu und nahm sie in ihre Arme. Sie schien ungemein besorgt. Sie war bereits im Bette gelegen und eingeschlafen gewesen, als Elsas Schrei, den sie in ihrem Zinimer ausgestoßen, sie aufschreckte; sie hatte sich aufgerappelt, ungewiß, ob es Wirk- sichlest war oder ob es nur ein Traum gewesen; als sie sich aber eilends ein wenig angekleidet und in Elsas Zimmer ge- treten war, um nachzusehen, fand sie diese nicht mehr darin und niemanden. Die Lampen brannten ruhig, aber als sie an das Fenster trat, glaubte sie im Garten Schritte zu vernehmen, die sich eilig entfernten. Sie vermutete Elsa in dem anstoßenden Gemach, und als sie sie auch hier nicht fand, ging sie in das Dienerzimmer um zu frage», wo die Herrschaften sich befänden. Das Glockenzeichen aus dem Salon rief sie dahin. Als Arnold den Salon verließ und die Freitreppe herab- kam, sah er den Wagen davor stehen und der Kutscher wartete Uoch immer, die Peitsche steif vor sich haltend, aus die Besehlc leiner Gebieterin. Mit einem schrillen Ton tat sich die kleine Gittertür, die vo» der Portierloge aus in Bewegung gesezt wurde, vor ihm aus. Nasch schritt er hindurch und rasch die Straße entlang. Eben hatte er sein Hotel erreicht, als ein Wagen im schnell- sie« Tempo vorübcrjagtc; er hatte im Schimmer der Hotel- iatcrnc erkannt, wem diese Equipage gehörte und wen sie führe. Helene von Falkcnau fuhr zur Soirsc der Fürstin Cilli. 21. Kapitel. In einem Zimmer des Hotels Elisabet flackern die ange- Mundeten Kerzen unter den einzelne» Windstößen, die durch das �öffnete Fenster hcrcinschlagen und erleuchteten mit mäßiger Halle den kleinen teppichüberdecktcn Tisch, aus dem ein Brief uebe» dem Couvert liegt, dem er soeben entnommen worden. Arnold steht abgewendet am Fenster. Er hat seinen Rock abgeworfen, das Halsluch gelöst, das Hemd geösinct. sein Blut H in Wallung, er lechzt nach Kühlung. Aber auch der Wind, tr blözlich aufgesprungen ist, ist heiß und trocken und wirbelt � der Straße unendlichen Staub in die Höhe und ihm ins Er hatte den Brief entfaltet, um ihn zu lesen und nun vermochte er's nicht. Das soeben erlebte bebt noch in jeder |siber nach, es beschäftigt noch seinen Kopf und sein Herz. Er c"kt an das Mädchen, das er liebt, und dessen Gegenliebe ihm �Jr entzückenden Gewißheit geworden war. Jezt aber verfinstern -'J mit einemmal die leuchtenden Augen, langsam wendet er r dem Tische zu und die Hand langt nach dem Briefe seiner Großmutter. Er steht vor dem Geheimnis seines Lebens, im vgriss cs zu enthüllen. i.. Er fühlt, daß er in diesem Augenblick seine Kraft zusammen- müsse, um es ohne Sentimentalität entgegenzunehmcn. IC fc'u Mann; mit aller Ruhe, wie ein Richter. c,Et hat sich in einen Stuhl niedergelassen; er bringt das �reiben vor seine Augen und liest: »Frau Baronin! Em Weib, das mit dem Tode ringt, spricht hier zu Ihnen. a, �vnn man am Ende eines Lebens sich sieht, das von ummcr und Bitternissen erfüllt gewesen ist. dann ist man ab- �"-npft gegen alle Leiden, sie bewegen uns nicht mehr, denn kühlt, daß man bald für immer davon erlöst sein wild. W. � zuckt es Plözlich noch einmal in dem erstorbenen ien auf, und all das Furchtbare, das es erduldet, all die llngercchtigkeit, die man ihm zugefügt hat, brechen ans in einem lezte» Schmerzcnsschrei. So einem arme» Weibe ist es ivohl oft erst in der Todes- stunde klar geworden, daß es unter einem schmählichen Druck geseufzt hat sei» lebenlang und daß nur falsche Scham es ge- Wesen, die ihm den Mund verschlossen. Und nun fragen Sie wohl, warum so ein armes Weib in seiner Todesstunde zu Ihnen kommt, seine lezte Bitternis über Sie hinströmt, die es sein lcbtag nicht gesehen hat? Frau Baronin, vor einem halben Jahre noch schien es mir, als wären Sie die lezte, der ich mich anvertrauen dürste, heute weiß ich, daß Sie die einzige sind, die dem Sohne des Baron Reinthal Gerechtigkeit wird widerfahren lassen. Dieser Sohn ist mein Enkel. Er ist heute fünfzehn Jahre alt und also die Frucht eines Verhältnisses, das lange vorher, che Sie Sich mit dem Baron verbunden haben, bestanden, und das der Tod gelöst hat, noch che Sie ihn kennen gelernt. Mau hat uns Frauen daran gewöhnt, über das,>vas unsere Männer vor der Ehe geliebt haben, hinwegzusehen, meine Enthüllung wird also kaum die Gattin irritiren; aber ich rechne darauf, daß Sie als Weib mit mir empfinden, und daß Sie, die ja auch nicht glücklich geworden, sich auf meine Seite stellen werden. Und nun hören Sic das Bekenntnis einer Sterbenden, das nicht lügen kann. Bor sechszchn Jahren etwa kam ich nach Solenbad, um während der Saison hier Unterricht zu erteilen und zugleich die erfrischende Alpenluft zu genießen. Baron Ncinthal war unter meinen Schülern. Er kam wiederholt in meine Wohnung, ob- wohl ich das nicht gerne sah, und lernte meine achtzehnjährige Tochter kenne». Ich merkte bald, daß die junge» Leute Neigung zu einander faßten und wollte meine Tochter entfernen. Da zeigte sie mir die Briefe, die er an sie geschrieben, sie sprachen alle von seiner unvergänglichen Liebe und seiner ernsten Absicht. Er schwur darin, sie nie zu verlassen, sie hoch zu halten als sein Liebstes und Heiligstes. Ich war davon weder befriedigt noch überzeugt, und er war noch so jung, erst einundzwanzig Jahre alt. Ich sprach selbst mit ihm und stellte ihm alles vor. das hindernd dazwischen treten könnte, und ich bcschivor ihn, zu gehen, mein Kind nicht unglücklich zu machen. Er aber bat und flehte, ihn nicht fortzuschicken. Er sagte, er sei leider noch minorenn, er könne also nicht sofort an eine Heirat denken, aber seine Liebe und seine Ehre fesselten ihn für immer an sie. Wir glaubten ihm, Leichtgläubige die wir waren! Wir glaubten den Worten eines Edelmanns— es hat unsäglichen Jammer über uns gebracht.— Marie fühlte sich Mutter. Auch da noch suchte er sie über ihren Zustand zu trösten, auch da noch häufte er Versprechungen über Versprechungen. Er machte bereits Rechte geltend und erzwang sich so den fortgeseztcn Umgang mit der Geliebten. Ich kehrte in diesem Winter nicht nach der Residenz zurück, ich hatte dort Freunde und Bekannte, aber schanivoll wollte ich den Zustand meiner Tochter vor ihnen verborgen halten. Als die Zeit der Entbindung heranrückte, mußte uns Rein- thal verlassen, der Befehl seines Vaters berief ihn nach Wien und zu all de» Lustbarkeiten daselbst. Wir dursten ihn nicht halten. Aber als nun alles glücklich überstanden und Maria einen Knaben geboren hatte, fanden wir uns mit dieser Freude im bittersten Elend. Ich hatte den Winter über kaum einige Lektionen erhalten, und Märiens leidendes Befinden zwang mich auch noch die wenigen aufzugeben. Wir erwarteten nun Hilfe von dem jungen Vater, wir er- warteten diesen selbst.— Er kam nicht. Er beantwortete auch nicht mehr die Briefe, die mein Kind an ihn schrieb. Waren sie unterschlagen worden? War es der Einfluß des Baters, vielleicht seine Drohungen, die ihn so schnell seine Pflicht vergessen ließen? Ich weiß es nicht. Ich sah die verzweifelten Träne» nicincs Kindes, und selbst in Verzweiflung, wendete ich mich brieflich an den alten Baron, an den Vater Reinthals. Dieser ließ auf die Antwort nicht lange warten. Er schrieb mir kühl und gleichgültig, wie über eine Sache von geringer Bedeutung. Er stüzte sich auf die Minorennität seines Sohnes und gab mir, die ich dessen Jugend gekannt und dennoch ein solches Verhältnis geduldet und unterstüzt habe, alle Schuld, er wolle sich jedoch auf das übliche Arrangement verstehen. Bald darauf erhielt meine Tochter eiue polizeiliche Bor- ladung. Der Bcanite, der sie empfing, eröffnete ihr, dast Baron Rcinthal Vater, geneigt sei, ihr eine bestimmte Abfindungs- summe zu bezahlen, wenn sie schriftlich die Erklärung abgebe, daß der junge Baron nicht der Bater des Knaben sei, den sie geboren habe. Mein armes Kind empfand die ganze Schmach, die ihr damit angetan ward, sie traf sie tätlich. Verstört, in unend- licher Aufregung kam sie zu mir zurück. Ihre Augen hatten einen fiebernden Glanz, ihre Lippen bebten. Es ist unmöglich— unmöglich— unmöglich! rief sie immer wieder aus. Sie wollte das Ungeheuerliche nicht glauben, sie konnte es nicht glauben, daß derjenige, der sie geliebt habe, sie so tief erniedrigen könne, sie in so schamloser Weise beschinipfen lasse. Er dinste es nicht. Sie wollte ihn selbst aufsuchen, sagte sie; sie müsse es; kein anderer solle und dürfe mehr zwischen sie treten. Ich sah ihre verzweifelte Entschlossenheit und konnte nichts daran ändern. Sie fuhr mit dem nächsten Zug nach Wien; ungeduldig und angstvoll erwartete ich ihre Rückkehr, oder doch eine Zeile, ein Telegramm von ihr. Nichts kam, und auch am nächsten Tage nichts. Da hielt es mich nicht länger. Ich wußte, in welchem Hotel sie abge- gestiegen, ich wollte dahin und an ihrer Seite bleiben. Ich übergab das Kindchen fremden Leuten und eilte nach dem Bahnhofe. Ich hatte die Fahrordnung nicht angesehen und da ich zu früh gekommen, mußte ich warte». Ich kaufte eine wiener Zeitung, die ein Knabe mir anbot, sie war vom Abend des vergangenen Tages. Ich durchblätterte sie, und bei den Lokalnachrichtcn verweilend, las ich, daß im Hotel Viktoria eine junge Dante, die sich in das Fremdenbuch als Marie Neinthal eingetragen, durch einen wohlgezielten Schuß ihrem Leben ein Ende machte. Ich sank ohnmächtig zusammen. Ich schwebte einige Wochen zwischen Tod und Leben, auch das Kindchen kränkelte— aber wir überwanden es beide, ich und das Kind. Erst als ich in der Rekonvaleszenz mich befand, überreichte mir der Arzt den Brief meiner Tochter, die lezten Worte, die sie vor ihrer entsezlichen Tat an mich gerichtet hatte. Ich über- gebe fie hiermit Ihnen, Frau Baronin, sie werden Sie besser als alles überzeugen, daß meine Tochter rein war, und daß der Knabe, den sie mir hinterlassen, der Sohn Baron Rein- thals ist." Arnold hatte bisher in ateniloser Hast gelesen, seine Zähne waren aufeinandergebissen, seine Augen starr und trocken. Von Zeit zu Zeit hatte er seine Hand gegen die feuchte Stirne geführt, wie um sich zu vergewissern, daß seine Sinne noch klar, daß das Entsezliche, das ihm das Herz versengte, nicht auch sein Gehirn verbrannt habe. Als er an dieser Stelle des Briefes angelangt war, schlug er das Blatt um, ohne es zu Ende zu lesen, ein zweites, mit kleinerer, zierlicherer Schrift war daran geschlossen, es war der Brief seiner Mutter, seiner armen in Verzweiflung geendeten Mutter. Seine Brust hob sich krampshaft, seine Hände begannen zu zittern, aber die unbarmherzigen Augen gönnten ihm keinen Augenblick, um sich zu fassen, gierig verschlangen sie jede Zeile, jedes Wort. Er las:„Mutter! Heute weiß ich's, ich bin ent- ehrt! Das Gefühl, das mir das Höchste geschienen, das ich wie eine heilige Flamme in meinem Herzen genährt habe, es wird mir zur Schmach, denn ich habe es an einen Unwürdigen ver- schwendet. Jeder hat nun ein Recht mich zu verachten, und selbst mein Kind, das einzige, das in nieinem Jammer mich trösten könnte, wird mich verachten, denn man wird ihm sagen, deine Mutter ist eine Dirne gewesen, und der Mann, dem sie sich hingab, hat sie hohnvoll von sich gestoßen. Ich will es nicht hören, Mutter, ich will es nicht hören! Es würbe mich wahnsinnig machen! Der bloße Gedanke schon krallt sich in mein Gehirn— Gott, Gott, so unschuldig zu sein, und doch in den Augen der Welt so schuldig! Und jeder Bube dürfte mich jezt beschimpfen, und ich müßte es dulden, und müßte den Schimpf ertragen mein lebenlang?! Das kann ich nicht— ich kann es nicht— dazu fehlt mir die Kraft. Ich will sterben. Mutter, liebe teure Mamma, verzeih mir's. Tu hast mich gewarnt, wie oft, ich Hab' dir's nicht geglaubt. Ach, ma mie, wie könnt ich es denn?! Er war so schön, so gut, so zärtlich, seine Liebe erschien mir das Höchste, und er selbst ivar mir das Herrlichste, das die Natur gebildet— und nun diesem Manne, dem Einziggcliebten nichts mehr zn sein— nichts, nichts'— er hatte mich abweisen lassen, durch seinen Kammerdiener!— Nichts mehr davon— ich will sterbe». Mutter, wenn du diesen Brief in den Händen hältst, ist alles gut, und alle Qual hat ein Ende gefunden. Auch er wird dann anders denken, ich hoffe es. Er beklagt dann wohl das arme junge Ding, das nun stumm gctvorden für immer, das nun keine Forderungen mehr an ihn stelle» wird, keine— auch nicht durch dich Muttet, auch nicht durch meinen Sohn. Mein lieber kleiner Arnold, er soll es nie er- fahren, was sein Vater an mir verbrochen hat, hörst du, Mattes nie! Es ist mein lezter Wille. Er soll seinen Vater»� hassen. Sag ihm, ich sei bei seiner Geburt gestorben, er wü sein Mütterchen, dem er das Leben gekostet, dann noch lieber haben, er soll mich lieb haben— es ist mein Gebet, mit dci» ich hinübergehe. Leb wohl, teure Mamma, dir bleibt ein jnnlF süßes Leben, mein Arnold, nimm ihn in acht!". Arnold warf sich über den Tisch und brach in ein laute- krampfhaftes Schluchzen aus., Er weinte um seine Mutter, wie nur ein Kind wc»»' kann., Er liebte sie; niemals hatte ein Sohn seine Mutter 5' licher geliebt, niemals hatte eine Mutter zärtlichere Liebe ve� dient, und diese Mutter hatte man ihm geraubt, gemordet,# kaltem Blute gemordet!- ß Er weinte, er rang die Hände. Ein unendliches Mst und Erbarmen mit ihr, die längst ausgelitten, überkam"' und vielleicht auch Mitleid mit sich selbst, denn in ihm es' sich etwas Grimmes, Grauenhaftes, ein wilder Haß gegen st' Erzeuger. In diesem Augenblick, Ivo er seine starke Liebe zu Herzen trug, wußte er, was diesem Manne erfüllt wen � welche Seligkeit er in ihren Armen genossen, und imchbc»� seinen Himmel erbettelt, hatte er sie, die ihm alles(stO- � in feiger Niedertracht von sich gestoßen, roher als jede» hatte er sein Junges verleugnet, und mit der Ehre seiner liebten zugleich ihr Leben vernichtet._»0» Und niemand hatte ihn darum angeklagt, niemand sel t denen, die um seine Schandtat wußten. Und dieser ach, wie alles Blut sich in ihm empörte— dieser 3Wflunh die Frechheit gehabt, die Mutter ihm zu verdächtigen,»» ihm hatte er es ausgesprochen, daß er ihr nichts sth»' blieben sei. Nichts schuldig, der Mörder seinem Opfer! gW; Arnold erhob sich, und riß den Brief an sich- 2st» zitterte an ihm. Er will ihn aussuche», will ihm den Brief vorhalten, will ihn zwingen ihn zu lesen, Zeile für Zeile, Wort für Wort, und er will ihn dann fragen, ob er wirklich glaube, daß er seiner Mutter nichts schuldig geblieben sei. Er greift nach seinem Nock und Hut; unwillkürlich sieht er nach der Uhr, es ist Mitternacht. Er kann nicht daran denken, den Baron zu Hause zu finden, der ist auf der Soiröe der Fürstin. Gleichviel, er will dahin, er will ihn dort aufsuchen, und Aug in Aug. öffentlich und vor allen, will er ihn des Treubruchs anklagen und der Verführung. Da bricht er plözlich in ein lautes, hohnvollcs Lachen aus. Er will ihn anklagen? Wessen anklagen, und vor wem?! Wegen eines Verbrechens, das alltäglich ist, vor einer Gesell- schaft, die es gleich einem Privilegium offen betreibt und sich dessen noch rühmt? Und war es nicht ein Organ der öffent- lichen Ordnung und Sittlichkeit gewesen, das der alte Baron damit betraut hatte, der Verlassenen jenen schändlichen Antrag zu machen, der ihr eine Abfindungssumme sicherte, sobald sie den Vater verleugnete und lügnerisch sich selbst zur Meze be- kannte? In dieser Gesellschaft ist der Verführer ja unantastbar, auch vor dem Gcseze, und er bleibt in Ehren und Würden nach wie vor. Und wenn er jezt unter sie trete mit seinem verzerrten Antliz, mit seinem verwirrten Haar, und wenn er den Brief laut verlesen würde, man würde die Geschichte nur amüsant Echloh ßhillon £.c"' und vielleicht auch skandalös. Skandalös nur von seiner ner'fp,'n der Hintansezung aller Fonn, in der Verlezung des ichastlichen Anstandcs. Er würde diesen Hyänen die Mutter U,' Wen haben, der Baron aber, den sein Rcnvmmöc, als dar stehlicher, gleich vrner Aureole umgibt, den diese Damen Er'Hx ödeten, er würde zu dem allen nur die Achseln zucken. �bt Te*a �et�' was die Gesellschaft tolerirt, in der man üa. 8 tolerirt man selbst, und es gibt kein anderes Gewissen >c öffentliche Meinung. � liiold warf den Hut von sich. iur'if"*' �ute, nicht vor dieser Gesellschaft wird er ihn Und �'Uitwortung ziehen, aber der Augenblick wird kommen, beschleunigen helfen. 0n diesem Augenblick ist er losgelöst von allen Beziehungen, am Kensersee. die bisher an die vornehme Welt ihn noch gefesselt, losgerissen von allen Banden, die ihn an den Vater geknüpft, jezt gehört er voll und ganz jenen Enterbten an, jenen Rechtlosen, deren Sache er bisher, nur von seinem tiefen Rechtsgefühlc geleitet, vertreten hatte, zugleich in dem fast unbewußten Drange, der Menschen einer Zeit ergreift und zum Handeln drängt. Jezt ist er ein Proletarier wie sie. Arnold hatte sich wieder dem Fenster genähert, er scheint vcnvandclt. Seine Brust hebt sich hoch unter schweren Atemzügen, seine Hände sind geballt, und seine Augen brenne» in einem Feuer, das seiner weichen milden Matur bisher fremd war, in dem Feuer eines wilden verzehrenden Hasses. (Jortsizung solgt.) Die religions--philosophischen IchrMe Von Leopo Der Tod ist das lehrreichste Kapitel vom menschliche» Leben. Wer diesen Saz noch nicht in seiner tiefsten Tiefe erfaßt, der braucht nur die im Verlage von Theodor Hofmann in Berlin erschienenen Schriften von Jul. Lippert zu lesen, womit dieser geistreiche Etnologe in dem kurzen Zeitraum von zwei Jahren die Wissenschaft bereichert hat. Dieselben sind: 1) Der Seelenkult in seinen Beziehungen zur althebräischen Religion. 2) Die Religionen der europäischen Kulturvölker in ihrem geschichtlichen Ursprung.— 3) Christentum, Volksglaube und Bolksbranch. 4) Die allgemeine Geschichte des Priester- tums, welche in mindestens zwölf Liefeniugen erscheint und wovon gegenwärtig bereits die neunte zur Ausgabe gelaugte. Ein Beweis, wie sehr Herr Lippert in so kurzer Zeit die Auf- merksamkeit der Gelehrten wie der Gebildeten überhaupt auf sich gezogen, dafür spricht schon, daß wenige Wochen nach dem Erscheinen der ersten Lieferung die Verlagshandlung zur Heraus- gäbe einer neuen Auslage sich genötigt sah. In der Tat, Lip- perts Werke sind epochemachend; denn noch kein Kulturhistoriker hat vor unseren Augen ein so tief in das Dunkel der Urzeit des Menschengeschlechts hineinleuchtendes Licht angezündet, das so vieles, was bisher kulturhistorisch dunkel erschien, nun mit eincmmale zur völligen Klarheit erhellte. Und alle die reich- haltigen Tatsachen, die er aus dem großen Schaze der vcr- gleichenden Etnologie, der ihm in seltenem Maße zu Gebote steht, hervorhebt, sind nicht etwa wie zur Begründung seiner großartigen Anschauung gemacht, sie erscheinen vielniehr als das Gesamnitresultat des von ihm aufgefundenen allgeniciuen Grund- prinzipes. Dieses besteht darin, daß der Tod, dem der Ur- mensch schon in den ersten Zeiten seines restektirenden Denkens als einer Erscheinung gegenüberstand, die ihn mehr als irgend ein anderer Vorgang in der Natur zum Nachdenken über sich selbst angeregt, zum Seelen- und damit zum Gottesbcgriff geführt habe, selbst mehr als das ebenfalls nicht so alltägliche wunderhafte Ereignis der Geburt. Denn Blüte und Frucht, Sonnenwärme und Winterkälte, Schneesturm und Regenguß, dieses alles hat der Erwachsene von Jugend auf in steter Wieder- kehr als das Gemeine kennen gelernt. Aber daß der Lenker des Hauses nun nicht mehr da ist, oder vielmehr da ist und doch nicht mehr derselbe, daß derselbe Mund nun nicht niehr rede, dasselbe Auge sich nicht mehr bewegen kann, das durch- bricht den Kreis des Gemeinen und regt den rvhcsten Sinn zur ungewohnten Gedankenarbeit an. Er sah, daß der Körper, der mit dem Kinde zum Manne wird und mit diesem zur Schwäche des Greises herabsinkt, mit dem Eintritt des Todes nicht zur Kinderform zurückkehrt, aus der er sich entwickelte, er liegt noch da in ganzer Länge und scheinbar in aller Vollkommenheit— und doch ist etwas Unnennbares von ihm gewichen, und das eben war es, womit er sah und hörte und gebot, womit er lebte. Fand Schreiber dieses doch einmal, welch' ein Grauen seine Hauskaze überkam, als sie ihr Junges, das sie mit so | viel Zärtlichkeit aufgezogen, plözlich tot antraf. Wenn auch im ersten Augenblick diesen merkwürdig sonderbaren Zustand nicht begreifend, wurde sie doch schon von einem unbegreiflichen Ent- sezen und Ekel erfaßt, und wenn sie auch im weiteren Ver- laufe selbstverständlich keinen menschlichen Einblick in diese uuge- wohnte, man möchte fast sagen: unnatürliche Erscheinung er- langte, so drängte sich ihr doch bald in ihrer tierlich-instinktiven Weise die vollste Ueberzeugung auf, daß alles, was bisher an ihrem Pflegling sie erfreute und erwärmte, dahingeschwunden sei, und was ihr dabei an reflektircndem Verstand, der den Gründen einer solchen Tatsache in menschlicher Weise nachforscht. abging, das ersezteu ihr die ursprünglichsten der Sinne: der Gefühls- und Geruchssinn. Beide sagten ihr, daß hier alle ani- malische und damit auch jede geistige, auf Empfindung beruhende Tätigkeit erloschen sei, was wir mit einem Worte das Leben nennen. So verließ sie denn mit Wehmut und Trauer im dkg Privatgelrhrtcn Julius fippett. Einstein. Herzen die Stätte, wo das geliebte Wesen seine Seele aus- gehaucht, und diese meine Beobachtung ist z. B. auch bei Tauben in anderer Weise zu gewahren in der fieberhaften Hast, womit sie sich des gestorbenen Jungen entledigen, indem sie solches so- fort ans dem Neste hinauswerfen. Ohne auf weitere Beispiele dieser Art hier eingehen zu können zum Vergleiche mit der Art und Weise, wie wilde Völker in ähnlichen Fällen ähnlich ver- fahren, so steht schon im allgemeinen fest, tvic groß diese Scheu- empfindung beim Anblicke des Todes, insbesonderere bei den nächsten und liebsten Angehörigen von Uranfang gewesen sei» müsse, wenigstens stimmen alle Tatsachen, welche Jul. Lippert hierüber gesammelt, damit überein. Lebt doch heute noch ei» Rudiment dieses Grauens in uns fort zum Beweise, daß nicht leicht etwas in der Welt einen derartigen tiefen und nachhal- tigen Eindruck auf den Urmenschen gemacht und ihn schließlich zum Nachdenke» über den Grund dieser lcbensvernichtcndcn&■ scheinung geführt haben könnte, als der Tod. Diese ist somit als der erste Keim anzusehen, aus dem der Scelcnglaube, der Glaube an eine den Menschen bewohnende Seele sich gebildet hat, die seinen Leib überdauert— und das war der Anfang des Geisterglaubens, der gerade unter den Naturmenschen»» furchtbarsten Maße wuchert und in seiner fortschreitende» Ausbildung alle Elemente in sich aufgenommen, welche wir schliß (ich mit dem Worte„Religion" bezeichnen. Macht auf den Naturmenschen überhaupt alles Unbegre'r lichc einen unheimlichen Eindruck, wie viel mehr das gehen»" nisvolle, uncnvartcte Ereignis des Todes, das er vor allein menschlicher Bosheit und Tücke zuschreibt, die mit Zaubere' in Verbindung steht, daher die Myte», welche in die Vor- geschichte der Menschheit ein unsterbliches Geschlecht versczcNk das erst durch böse Einflüsse sterblich wurde, diesen aus Kindheit der Menschen stammenden Gedanken noch zum A» druck bringen, ein Beweis, wie wenig dieselben auf dieser St»! noch daran denken, die Erklärung des TodcS in dem natu liehen Verlaufe der Dinge zu suchen. Was wir daher oder Geist nennen, erscheint ihnen daher als ein Gespenst>» sie fürchten mehr den Toten als den Tod, eine Furcht, sie selbst noch heute die Abergläubische» in unserem Bel'--' vor dem„Unigehenden" beschleicht, den sie nur noch unter Sc I mördcni und Hingerichteten zu erblicken vcrniögen, da ih»e» nicht gewaltsame Tod bereits als ein natürliches bekannt ist und daher keinem solchen Spuk mehr Raum 8' Daher sehen sich die rohen Naturvölker überall allentha von spukenden Geistern umgeben, welche nicht, wie lstniei»�. angenommen wird, personifizirte Raturkräfte sind, so"de>"' umgehenden Geister der Verstorbene», zu deren Versöhnung � Befriedigung alle nur möglichen Veranstaltungen getroste"' wie wir sie in den Kultgebräuchen aller Völker und Zeih" den Werken Lipperts in Hülle und Fülle kciincn lerne"' � welche wir unsere Leser verweisen müsten; denn gerade s. ist das eigentliche große Verdienst dieses Schriftsteller- � � halten, daß er die Tatsachen des Kultus zur Gru»dl"!p � geschichtlichen Religionsforschung macht, als sie das"J".n lichsten konservicte und somit am weitesten in die Urvorste der Menschen zurückreichende Element ausmachen.. � Nun waren schon Traumerscheinungen hinreiche' � wesen, Gedanken an Unsterblichkeit(selbstverständlich � in unserem ausgedehnten Sinne) wachzurufen, weil)>((l Träumenden oft längst verstorbene Ahnen leibhaftig schienen sind und auf dieser kindlichen Stufe der nicht imstande war, seinen Traum von der Wirklichkeit z" und zu unterscheiden. Hier hätten wir schon die NW � alten Griechen, die geisterhasten Schattengcstalten des V � die entflohenen Seelen des Leibes. Daß auch der alte � diesen Schattenriß für seinen„Geist" angesehen, geht&'# dem 9. Vers im 14. Kapitel des 4. Buches Mose hC öou den Kanaanitern, bereu 2anb bie Israeliten nachmals eiii- genominen, gesagt luirb:„Sie sinb unsere Speise(lachmenu), frfioit ist ihr Schatten(zillam) von ihnen gewichen." Das Wort lechcin— Brob, arabisch Fleisch, ba es von lacham == verschlingen, anffresscn, verzehren, auch kämpfen, streiten komnit, baher milchamah— Krieg, läßt uns schon ben„Kampf ""'S Dasein" eckeiinen, nnb wenn nun bie feinblichen Kanaaniter ien Israeliten zur Speise bleuen sollten, so läßt sich, wollen wir biese Stelle nicht bilblich nehmen, wie bie Nationalistik sich in kliiglicher Weise ausznbrücken pflegt, sonbern wörtlich nach �cm kannibalistischen Sinne bei" alten Zeit, barunter nichts anberes beulen, als was ber Saz wirklich besagt, nnb auch ber anbere Saz:„Schon ist ber Schatten von ihm gewichen," de- zeichnet nicht etwa, wie Luther iibersezte:„ben göttliche» �chuz," sonbern erklärt sich bemjenigen, ber etwa ben Artikel: ..Tie Zauberin mit bein Abbilb" in ber Vossischen Zeitung aus "kr Fcber von Carns Sterne gelesen, ganz leicht nnb iinge- jwungen; beim baraus geht hervor, baß ber Mensch in seinem «iubheitszilstanbe seinen„Schattenriß" für seinen„Geist" ge- halte». So sah er im Trannie bie Schatten ober Seelen (Hebräisch zel= Schatten. Seele) ber Verstorbenen, mit benen im Leben verkehrt, umherwanbern, nnb bie Naturvölker sinb juclßich ber Meinung, baß man sein Spiegelbilb hübsch in Acht behalten müsse; beim was ihm geschieht, broht auch bem Eigen- JJwer. Daher machte ber Verkauf seines Schattens ben armen �chlemihl so unglücklich, nnb ber europäische Aberglaube, baß [ Der sei» eigenes Bilb von sich getrennt erblickt(Doppelgänger), eninächst sterben müsse, ist genau berselbe, wie ber von Rabbi Gaak Loria, welcher am Tage vorher starb, ehe bas Jahr zu �be ging, weil er in jener Nacht seinen Schatten ohne Kopf -ksehen, ober ber kabbalistische Glaube: Wer in ber„Nacht bes i 0 nch cii 5"(27. September) seinen vollen Schatten im Monb- uht sieht, ber soll in biesem Jahre nicht sterben. Körper nnb ub gehören eben zusammen wie Leib nnb Seele, tote Materie |(ebenbige Form. So erklärt sich uns im Anschluß hieran ch bei bekannte Bibelvers:„Lasset uns einen Menschen machen j«•(�n�ere,n 53i(be*— bezalmenu, wo bas Wort zelem= .-J'®tnntm wieberuni zel— Schatten, ein Schattenbilb, Ab- | x?? ä. Bilb, insbesonbere ein Gözenbilb als beseelt ge- da? �rgenstand ober Fetisch bebeutet, baß ber Mensch als cz-.Bilb" Gottes in bem Sinne gebacht warben sei, in bem "''b solcher Bestimmtheit ben Egyptern, ben Griechen nnb ,,»/'uwrn als bie. Behausung Gottes" galt(s. Geschichte bes : C'�Wums Bb. I. S. 488 u. Bb. II. S. 286). Insofern 1 Ufo te �ev"ste Mensch(Abam) ben Gottesgeist in seinem ffUle» Leibe, wie ber egyptische König, ber insofern von seinem in Setisch verehrt würbe, ober ber israelitische Prophet, La»,, m.der Geist Gottes" war. wie noch jezt ber Dalai- ."n m Tibet. Da nun bie Schatten hauchartige Gestalten. mit x bic vergleichende Beobachtung dazu führen, dieselben Pcil �ebenshauche des Menschen zu identifiziren. Das des du" bc� warmen Hauches mit dem Stocken und Erkalten schwnx. womit auch bie Kraft der Sinne und der Sprache Hein"' die Redeweise:„Er hat seinen Geist ausgehaucht" und�c �Cr in allen Sprachen bie Begriffe Atem. Seele ttnteriA v in einem Worte enthalten sind, auf deren feinere foiter 2 fUn® lper einzugehen nicht erforderlich ist. genug, daß tvurd, v ober Geist ein dunkles, schattiges Lustwesen gedacht dein* r8 mit der Geburt in den Menschen hinein- und mit an ejn0 e wieder aus ihm herausfährt. Daß auch bic Hebräer "��sschattental"— gej zalmaveth glaubten, wie bic btnrf c" an den Hades, daß bezeugt dieser psalmistische Aus- ».genüge. �ese„.""ch Jul. Lipperts tiesgehenben Forschungen wäre !%Drß.r, dem Wege ber natürlichen Vergleichung entstandene sdrünoli!?�"'iht bie primitive, somit nicht bie älteste und ur- schon V. � scheint ihm vielmehr bie Kulturentwicklung VJ;""'ch entwickelt gewesen zu sein, ehe ber Mensch bic «Iten s""?-Geist" oder„Seele" determinirt hatte; beim bie ahptct(f. dessen Geschichte bes Priestertums Bd. I. S. 383) besaßen einen höchst nmsassenben, ja verschwenderischen Toten- knlt, noch ehe bic zergliedernde Frage, was denn eigentlich vom Menschen fortlebe, gestellt worden>var; es genügte zu sagen: Er lebe weiter, eine Formel, bie, wie zuerst Dr. Hincks bemerkte. in den Gebeten von Verstorbenen bis zur elften Dynastie hinauf noch vorkommt; aber von jener Zeit an, ober nach anderen genauer seit Ameuemha I. von ber zwölften Dynastie(nach Benth 2561 v. Chr.) tritt in der bekannten Gebetformel„Snton- hotap-ta", bic man auch wohl das„egyptische Vaterunser" ge- »annt hat, an bic Stelle ber allgemeinen Personalbezeichnung das Wort„Ka", für dessen Ueberseznng Le Page Renouf bie Bezeichniing„Genius" wählte. Die wörtliche Ueberseznng wäre aber: imago, das Bild in der Bedeutung des hebräischen zelem, das als ein„lebendes" in beut Steine ober Holze wohnt, dessen Verehrung Jeremia(Kapitel 2, Vers 27) den Israeliten zum Vorwurf macht. Der genannte Egyptologe hebt einen alten Text hervor, nach tvelchem Ptah, der Hanptgott von Memphis, bie Götter veranlaßt habe, sich in ihre Leiber, b. h. in ihre Bilder von Holz oder Stein, hineinzubegeben. Die Bildbezeich- nung scheint eben auf dem Vergleiche zu beruhen, daß wie bie Seele das Bild des Leibes, so auch umgekehrt ber Leib das Bild ber Seele sei, was auch bie Abstammung des hebräischen zelem von zel, wie bereits erörtert, schlagend erhärtet. Be- fragen wir nur unser Volk, und wir finden noch heute, daß nur der Getötete dem„Umgehenden" bic Geistqualität beilegt, für das Volk ist er aber auch nur„Er", bie Person überhaupt, bie umgeht. Diese anfängliche Unbestimmtheit des Begriffes, wonach der Mensch überhaupt es ist, der da irgendwie anders (als in seinem Leibe) fortlebt und sich äußert, veranlaßt Lippert, bie bereits erwähnten Trauererscheinnngen als mächtigen Faktor in der Entwicklung der Ahnenverehrung, bieben zeit- weiligen Unsterblichkeitsglauben begründete, anzuerkennen, wonach das Andenken der Eltern nnb Stammhäupter zum fortlebenden Geiste inmitten ganzer Stämme für bie Daner gesichert ward. Das Seelenbild des Vaters, welches den Träumenden umschwebte, wurde durch ben zeitlebens ihm geweihten Kult zum Haus- und Familiengotte, das des Häuptlings zum Stammgvtte erweitert, der mit dem Zusammenschluß mehrerer Stämme zu einer Nation zum Nationalgotte sich erhob. Dieser wäre sonach in seiner ursprünglichen genetischen Form nicht das Abbild des noch lebenben, sondern des noch nach dem Hinscheiden fortlebenden Menscheiigeistes, daher der Totenkult, bestehend in Speise- und Trankopfer, Räucherungen und sonstigen Liebesgaben ic., wie sie bic fortlebende Seele zur Nahrung und Erquickung nach dem Tode in gleicher Weise wie vor demselben erheischt, eigent- (ich ein Götterkult ist nnb als solcher auch in Israel und Inda bis zur nachexilischen Reformation stark im Gebrauche war. Dieses alles hat unser verdienstvoller Etnologe in seinen sämmtlichen Schristen, insbesondere in seinem neuesten Werke an einer solchen Fülle von Beispielen gezeigt, daß in dieser Hinsicht wohl kaum mehr etwas zu tun erübrigt. Dasselbe geht von ben bescheidensten Neligioiisanfängen bei den Indianern der Südsee- inseln und den mongolischen Stämmen Asiens ans nnb läßt als- baiiii bei ben Schwarzen Afrikas, insbesondere denen des Westens, schon einige Fortschritte erkennen. Hierauf führt es uns auf den Boden von Altmexiko, des Jnkareiches von Peru, und ferner von Altegypten. Tritt uns auch hier hnndertfältig Neues ent- gegen, so reißt doch der Faden derselben etnologischen Auffassung nicht ab, wir lernen vielmehr die Formen der Kultur aus denen der Unkultur begreifen. Daran reiht sich das Priestertum in Jsrael-Juda, dem der Verfasser allein bis jezt bie drei zulezt erschienenen Hefte(Nr. 7, 8 u. 9) gewidmet hat. und so sehr wir auch hier ans bekanntem Boden stehen, so müssen wir auf- richtig gestehen, daß uns derselbe viele Rätsel entschleiert, bic „ns bisher nicht erklärlich waren. Und so folgen wir ihm, wie bisher, mit der größten Spannung und mit gesteigertem In- teresse weiter, um uns von ihm in das syrische nnb iranische Asien geleiten zu lassen, das brahmanische Priestertum kennen zu lernrn und zulezt zu den uns näher bekannten Völkern, zu den Staaten des klassischen Altertums, zu unseren germanische» Vorfahren und deren Nachkam. Ja wir folgen mit der Wiß� begierde des eifrigen Schülers dein dozircndcn Meister, den lehrreichen Worten des in seiner Art ganz einzigen, nnverglcich- liehen Forschers. Allein wer wäre imstande, den ungeheuren Reichtum seiner Ideen in wenigen Seiten zusammenzufassen? Wir begnügen uns daher, nur ein einziges Beispiel herauszugreifen, in der Absicht, zum Lesen und Studiren der Werke des tiefen Denkers anzu- eifern, damit schließlich die Wahrheit, wie alle Völker, alle Rassen, alle Menschen ihre Religionen mit ihren verschieden- artigsten Gebräuchen und Sitten»ach denselben Grundgesezen von der niedrigsten Stufe bis zu den höchsten Formen allmälich entwickelt habe, alle Menschen durchdringe. Dann wird der der schöne Saz: Tout comprendre, c'est tout pardonner alle religiösen Gehässigkeiten zu Schanden machen; denn die Gr- kenntnis versöhnt. So sind es denn gerade die äußerlichen Kultformen und die ans deren Pflege von allem Anfang an entstandene Priesterschaft, die dem Verfasser der Gcschiehte des Priester- tums ihre Geheimnisse gcoffcnbaret haben, so daß selbst bedcu- tcnde Männer der biblischen Exegese daraus so manches lemen dürfte», was ihnen von anderer Anschauung ans bisher in falschem Lichte erschienen ist. So wird bekanntlich selbst von Gelehrten ersten Ranges in ihrer Art, wie zum Exempel von einem H. Graetz oder Ernst Renan angenommen, daß die Juden eigentlich erst im Exil den Unsterblichkcitsglauben von den Per- fern angenommen hätten, weil sich in den Hauptbüchern des alten Testamentes— in den Büchern Mose, wie in den übri- gen des Kanons bis zu Daniel kein dieses Dogma deutlich aussprechender Saz vorfinde. Dagegen behaupten die recht- gläubigen Teologen, dieser Glaube sei als so selbstverständlich vorauszusezen, daß seine besondere Hervorhebung gar nicht nötig geivesen sei. Andererseits finden wir aber, daß in vielen Stellen des alten Testaments, wie im Buche Hiob, in mehreren Psalmen:c. der Unstcrblichkcitsglaube geradezu mit unverblümtester Osten- tation abzuleugnen gesucht Ivird. Nach der Grundanschauung der Lippcrt'schen Seelenlehre löst sich uns dieses Dilemma in so einfacher Weise, daß wir gerade hierin eine feste Gewähr für die Richtigkeit seiner Teorie erblicken zu müssen glauben. Denn ist der Seelen- oder Geisterglaube bei allen Völkern auf den niedrigsten Stufen eine ausgemachte Tatsache, woran wir bei dem ungeheuren Beweismaterial, das Herr Lippert in allen seinen Schriften aus der Literatur- und Völkerkunde aller Zeiten beigebracht, keinen Augenblick mehr zweifeln können, wie sollte da dieser Glaube gerade unter den Israeliten, dem„Volk der Religion" par excellence, nicht auch schon von allem Anfang her vorhanden gewesen oder gar erst vach dem Exile aufgekommen sein, nachdem der alte Götterstaat gestürzt war, um von nun an einem neuen, höheren Gottesstaate Plaz zu machen? Ist es denn für den Bibelgläubigcn nicht schon höchst ausfällig, daß die alte» Israeliten den Unstcrblichkeitsglauben mit seinem daran haftenden großartigen Kultapparate nicht schon während ihres langen Aufenthaltes in Egypten in seinem vollsten Umfange sollten kennen gelernt haben? Im Gegenteil hat unser Verfasser in E m a n n e I Von I. Tee Dichter steht auf einer höhern Warte Als auf den Ziimen der Partei hatte Freiligrath einst gesungen, worauf ihm Hcrwcgh erwiderte: Partei! Partei! Wer sollte sie nicht nehmen, Die„och die Mutter aller Siege war! Wie mag ein Dichter solch ein Wort vcrfehmc», Ein Wort, das alles Herrliche gebar? Nur offen wie ein Mann: Für oder wider! Und die Parole: Sklave oder frei! Selbst Götter stiegen vom Olymp hernieder Und kämpften aus der Zinne der Partei. seiner„etnologischen Studie zum althebräischen Seelenknlt" diesen aus zahlreichen Stellen des alten Testamentes nachgewiesen. Aber gerade aus dieser reichhaltigen Kultpflege, welche der Ahncnsecle in Inda wie in Israel zuteil ward, geht deutlich hervor, warum die größten Propheten der jüdischen Nation zu- lezt nichts mehr von demselben wissen wollten; denn nicht nur die heidnischen Gebräuche, die damit nnanflöslich verbunden waren, sondern auch, ja vielmehr namentlich das große Hindcr- nis, welches die allenthalben geübte Verehrung der Ahnengeister der von den Gottesmännern angestrebten einheitlichen Gottesidce j (der Jahvcverehrung) entgegenstellte, ließen sie lieber ans den mit dem Seelcnglauben verbundenen Unsterblichkeitsglaube», der| ohnehin noch nicht im Sinne der Elvigkeit ausgebildet war,| verzichten, als ihn noch weiter zu nähren. Jezt verstehen wir auch, was Jesaja mit den sonst so sonderbar erscheinenden; Worten(Kapitel 63, Vers 16):„Du bist unser Vater, denn| Abraham kennt uns nicht und Israel sind wir fremd; d« 1 also, I a h v e, bist unser Vater, du unser Retter, von Anbeginn ist das dein Name," sagen wollte; denn daraus geht hervor, daß man einst diese Väter nach der Weise des Ahne»' kultus in Israel verehrt hat, und es war Jesaja eben darum zu tun, diese Erinnerung an einen anderen Kult als de>> Jahve's zu verdrängen. Wenn jedoch Jesaja meint, daß Ja hvc- j Name schon von Anbeginn mar, wie er sich ausdrückt, r war dieses bekanntlich in Wirklichkeit nicht der Fall— schon d'e Stelle im Exodus Kapitel 5, Vers 3 spricht dagegen— ol>� es war so, wie Lippert sich ausdrückt, im Wunsche des JestU� Nun werden uns aber auch Säze klar, wie sie z. B. in der Beichte(Deuteron, 26, 14) vorkommen, wo der Kultgercch.| u. a. von sich bekennt,„daß er wirklich alles aus seinem geschafft," was der zcntralistische Einheitskult, wie er zu de' Zeiten Hiskias und Josias den Privatkulten gegenüber sich �:i| bildete, beanspruchte,„daß er nichts davon gegessen in sc»'. Trauer und nichts davon des Toten wegen hingegeben- Denn daß ein Kult war, den einst der Tote empfing»»d' dann in ein„Trauerzcremoniell" überging, das wußte der Le j noch sehr wohl. Als daher die Haus- und Gemeindekillte siegreichen Einhcitskulte unterlagen, da mußte auch dem kultus, der Wurzel aller Kulte und der Nahrungsquclle"u"'�| Pricsterschaft, das Lebenslicht ausgeblasen werden; denn' flössen alle diese Gaben nach Jerusalem in den Moriatei». i Aber auch mit den Toten teilte der Jahve des Reiches; seiner Rechte mehr, daher muß nun auch von jezt an de» I» das Totenmal und das Begraben im Tempel selbst, desseii fl �: Bauanlage wir darauf eingerichtet finden(hierüber ansfi»). i Bd. II. S. 158 rc.), als eine gottlose Verunreinigung � Damit schließen wir unser Referat über Jul. Lipp neuestes epochemachendes Werk. Wir unsererseits si»b' großem Dank für das bisher Gebotene verpflichtet u,u j�r mit wissenschaftlicher Sehnsucht den weiteren Belehrungen so rasch aufeinander folgenden Hefte entgegen. Möge e-� noch lange gegönnt sein, in diesem Sinne weiter zu b# Heile der reformbedürftigen Menschheit ans dem Gcbic wahren natürlichen Erkenntnis. Deibel. Stern. II rq""fe" und erbauen, was d, 7 Akkorde des - 471- J Gefühls höher stimmt, die inneren Regungen weckt, die in der Seele schlummern. Erörterungen, welche dcni höheren Gefühls- leben ferne stehe», können daher nicht Gegenstand der Poesie im eigentlichen Sinne sein. Reine Belehrung ist Sache der Wissenschaft, Ueberredung und Polemik Sache der Rhetorik. Wie mit dem Stab des Gölterboten Beherrscht er das bewegte Herz; Er taucht es in das Reich der Toten, Er hebt es staunend himmelwärts lind wiegt es zwischen Ernst und Spiele Ans schwanker Leiter der Gefühle singt Schiller von dem Dichter und ähnlich Goethe(Vorspiel zum Faust): Wenn die Natur des Fadens civ'gc Länge Gleichgültig drehend auf die Spindel zivingt, Wenn aller Wesen unhar- mon'sche Menge Verdrießlich durcheinander klingt, Wer treibt die fließend immer gleiche Reihe Belebend ab, daß sie sich rhytmisch regt? Wer ruft daS einzelne zur allgemeinen Weihe, Wo es in herrlichen Akkorden schlägt? Wer läßt den Sturm zu Lei- dcnschastcn wüten? Tas Abendrot im ernsten Sinne glühn? Wer schüttelt alle schonen Friihlingsbliitc» der Geliebten Pfade hin? Wer flicht die unbedeutend grünen Blätter «um Ehrcnkranz Verdiensten jeder Art? Wer sichert den Olymp, ver- einet Götter? �es Mensche» Kraft, im Dich- >er offenbart. Tic Partcipvlcmik ist Udkum nicht Sache des Richters als solche», wel- �Kr„der Leier zarte Sai- ic». doch nicht des Bogens �'Ost' zu spannen hat, in �"cr mit dem Staub der Arena geschwängerten At- �usphäre mag die Muse "lcht weilen. Das von den �rgäiiglichen Bestrcbun- 9Cu des Tages stets unberührt Bleibende ist allein sähig, den Ate» poetischen Effekt auf das Herz zu machen»iid jene er oiriide, befreiende Wirkung anszuübc», welche jedes echte Kunst hervorbringt. Aber ist der Dichter nicht auch Mensch und Ivird, kann, °ars er dem. was seine Zeit bewegt, teilnahmlos gegenüberstehen? Wird er mit verschränkten Armen dem ernsten Kampfe der Par- .Jlfn zuschauen und während der Streit der Meinungen um T wogt und tobt, die Zeit in den Wehen liegt und eine neue Jjfwche ihrem Schöße sich entringen will, nur von Lenz und singen und guictistischcr Schönhcitsseligkeit sich hingeben? »rde er da nicht jenem Hosmann gleichen, von dein Percy m Shakespeares Heinrich IV.) sagt: Als ich, von Wut und Anstrengung erhizt, Malt, atemloS, mich lehnte ans mein Schwert, Kam ein geivisscr Herr, nett, schön gepuzt, Frisch wie ei» Bräutigam; sein gcsluzteS Kinn Sah Stoppelfeldern nach der Ernte gleich. Er war bcbalsamt wie ein Modekrämer, lind zwischen scinei» Daum' und Finger hielt er Ein BisambUchscheu, das er eins um andre Der Nase reichte und hinweg dann zog. Stets lächelt' er und schwazt' und fragte mich Mit vielen Feiertags- und FrühlingSworten. Ich, den die kalt gewordncn Wunden schmerzten, Nu» so geneckt von einem Papagei, Antwortete so hin, ich weiß nicht was: Er sollte oder sollte nicht. Mich macht' es toll, Daß er so blank aussah und roch so süß Und wie ein Kammerfränlein von Kanonen, Von Trommeln schwazt' und Wunden n. s. f. Daher ziemt es dem Dichter wohl, den auf große Ziele gerichteten Bestrebungen der Partei melodischen Ausdruck zu geben und seine Genossen mit seinen Liedern zu befeuern. Schön singt Heine(mit etwas ironischer Ucbertreibnng): Deutscher Sänger! sing und preise Deutsche Freiheit, daß dein Lied Nnsrer Seelen sich bemeistre lind zu Taten unS begeistre, In Marseillerhymnenweise. Girre nicht mehr wie ein Werthcr, Welcher nur für Lotten glüht! WaSdieGlockc hat geschlagen, Sollst d» deinem Volke sagen, Rede Dolche, rede Schwerter! Sei nicht mehr die weiche Flöte, Das idyllische Gemüt— Sei des Vaterlands Posaune, Sei Kanone, sei Kartanne, Blase, schmettre, donnre, töte! Der Sänger in der Hansastadt an der Trave, dessen Harfe vor wenigen Wochen auf immer ver- stummt ist, ließ von den Zinnen der Partei herab manches feurige Lied er- tönen; was ihn aber zum Liebling der Nation machte, waren nicht Lieder dieser Art, sondcni jene, die er auf der höheren Warte an- stimmte. In ihnen cnt- faltete sein Genius seine höchste dichterische Kraft. Und diese Kraft war so unerschöpflich und viel- seitig, offenbarte sich in einer solchen Fülle Herr- lichcr Schöpfungen von gediegenem Gehalt, tiefer Emanucl Endel. Inn �.....igkeit und bezauberndem Wohllaut, daß auch wir, die ihn als Parteiman» nicht zu den Unsrigen zählen, ohne Bedenken einen Ehrenkranz auf seinen Grabhügel legen dürfen. Emanucl Gcibel*) tvurde am 18. Oktober 1815 als das siebente Kind des Predigers Johannes Gcibel zu Lübeck gc- boren und verlebte in seiner Vaterstadt eine angenehme Jugend- zeit. Zwanzigjährig verließ er das städtische Gymnasium als Primus der Prima, um in Bonn Tcologie zu studiten. Die Rcignng zur Dichtkunst, welche schon in der Gymnasialzeit manche Blüten trieb, trat hier noch lebhafter hervor, so daß er die Teologic niit de» humanistische» Wisscnschastcn vertauschte. Ein Jahr später ging er»ach Berlin, wo er von Hitzig in die „Literarische Gesellschaft" eingeführt wurde, in der er mit Chamisso. Willibald Alexis, Gaudy n. a. bekannt wurde. Im Hause Bettina's lernte er die nachmalige Frau Kinkel kennen, durch deren Vermittlung er 1838 eine Hauslehrcrstelle bei dem russischen Gesandten, Fürst Katakazi in Athen, erhielt. Von dem klassischen Boden von Hellas, wo sich sein Schönheitssinn *) Salomon, Geschichte der deutschen Nationalliteratur, Xl; Gödeke, E. Geibel. erheblich bildete, kehrte er 1840 in die Heimat zunick und ver- öffeutlichte seine beiden Erstlinge, ein Heft Uebersezungen aus griechischen Dichtern unter dem Titel„Klassische Studien" und einen Band„Gedichte". Der Kritik gegenüber hatte der junge Poet einen schwere» Stand. War doch damals alles Tendenz iii der Literatur. Erst die zweite Auslage(1848) wurde hin und wieder besprochen. Ein Beurteiler rühmte die große Zart- heit lyrischer Empfindungen, die meisterhafte Beherrschung ver- schiedener Formen und die in seltener Art wohltuende Reinheit der Sprache, des Verses und des Reims. Besonders kam. den Liedern das musikalische Element sehr zustatten, weshalb auch die Komponisten bald wetteiferten, die Geibelschcn Lieder mit Melodien zu beseelen. Außer Goethe und Heine ist wohl kein Dichter so oft in Musik gcsezt worden als Gcibcl und diese Kompositionen erklangen vom vornehmen Salon bis zur Drehorgel auf den Jahrmärkten.— Im allgemeinen verhielt sich die Kritik kühl bis ans Herz hinan; sie rügte namentlich, daß Geibels Sangeswcisen der Eigenart entbehren und vielfach die Lyrik Goethes und Heines, llhlands und Platens in ihnen nachtönt, so daß ihr Wert wesentlich ein reproduktiver sei. Indessen bewahrte Gcibel troz seiner Anlehnung an diese Meister immer noch Selbständigkeit genug, um nicht als Nachahmer zu gelten. — Für das ablehnende Verhalten der Kriktik entschädigten den jungen Dichter die Erfolge, die er beim Publikum errang. Mit einem Schlage gewann ihm die Sanimlung die Herzen der Jugend, besonders der weiblichen(weshalb man ihn auch später noch den Dichter der Backfische par excellence nannte), die nichts von Politik und politischer Poesie wissen wollte. Wie sollte diese nicht von Strophen begeistert sein wie: Und legt ihr zwischen mich und sie Auch Strom und Tal und Hügel, Gestrenge Herrn, ihr trennt uns nie, DaS Lied, das Lied hat Flügel. Ich bin ein Spiclmann wohlbekannt, lind mach mich auf die Reise Und sing Hinsort durchs weite Land Rur noch die eine Weise: Ich Hab dich lieb, du Süße, Du meine Lust und Qual, Ich Hab dich lieb und grüße Dich tausend, tausendmal. Nicht übergangen darf werden, daß der König Friedrich Wil- Helm IV. dem Dichter 1842 einen lebenslänglichen Jahrgehalt von 300 Talern bedingungslos aussezte, damit er unbehindert seinen poetischen Studien leben könne, wie es auch Freiligrath geschehe» war. Ein so glückliches Debüt konnte Gcibcl nur zu frischem Weitcrstrcbcn auf der beschrittenen Bahn ermutigen und es ist interessant zu sehen, wie seinem Pegasus von Flug z» Flug die Schwingen wachsen. Bald erschienen„Volkslieder und Romanzen der Spanier"(Uebersezung), die„Zeitstimmen" und einige Jahre später„Zwölf Sonette. Für Schleswig-Holstein." Tie Zeitstinimcn zeigen, daß der konservativ angelegte, wenn auch der Sache der Freiheit aufrichtig zngetane und von der lautersten Gesinnung erfüllte Pastorssohn über die allgemeinen Ziele und Bestrebungen noch eben so unklar war, wie beinahe das ganze Volk und mit seinen Vertröstungen, nur geduldig auszuharren, dann werde sich noch alles zum Besten wende», eher der Klärung der politischen Ansichten hinderlich als förderlich war. Die Zeitstimmen enthalten auch jenen poetischen Fehdehandschuh„An Georg Herwegh", dessen mächtig dröhnenden„Gedichte eines Lebendigen" mit ihrem hinreißenden Feuer und bezauberndem Wohllaut kurz zuvor bekannt geworden waren und deren radikale Tendenz dem zart wenn auch nicht unmännlich cmpsindendcn, und allem politisch-rxtreme» Wesen abholden Geibel höchst anti' patisch waren. Die Muse Herivcghs und Geibels waren Gegen- säze wie der gewaltige Orkan und der linde Zephyr. Die Apostrophe an Herwegh enthält einen Vers, der besonders heut- zutage in den cntgegengescztcn Lagern beherzigt werden dürfte: Nein! Glaub, der Tag ist bald erwacht, Ter Morgen naht, wo wirs erringen, Nicht ohne Kampf, doch ohne Schlacht, Der Geist ist stärker als die Klingen. In der Schlußstrophe verwahrt sich der Dichter gegen den Verdacht der Liebedienerei: Ich sing um keines Königs Gunst, ES herrscht kein Fürst wo ich geboren; Ein freier Priester freier Kunst Hab ich der Wahrheit nur geschworen. Karaktcristisch für die damaligen Zustände ist folgende drollige Zensnrgeschichtc.?lls die Zeitstinimcn von Eschcberg bei Kassel, Ivo sich Geibel damals aufhielt, nach Lübeck zum Verlag gc- sendet wurden, strich der Zensor— nicht etwa Gedichte, welche deutsche Angelegenheiten betrafen, sondern ein Polenlied und den„jungen Tschcrkessenfürsten". Der Hamburger„Telegraph" dagegen nahm das leztcre unbeanstandet auf. In Hamburg war nnanstößig, was in Lübeck gefährlich schien. An den freundlichen Aufenthalt in Escheberg schloß sich ein buntes Wanderleben, das ihn mit vielen Zeitgröße» der Literatur und auch des Buchhandels in Berührung brachte, n. a. mit Cotta in Stuttgart, in dem er einen neuen Verleger fand. Jw Sommer 1851 verlobte er sich und nun galt es, eine feste Lebensstellung zu erwerben. Doch bevor er die nötigen Schritte dazu tat, erhielt er im Februar 1852 von dem König von Baiern einen Ruf»ach München als Professor der Aestetik, dem er, nachdem er seine Braut heimgesührt, im Herbst des- selben Jahres Folge leistete. Doch war auch während der Wanderjahre nie eine größere Pause in dem poetischen Schassen Geibels eingetreten. Jni Herbst 1847 war ein neuer Band Gedichte unter dem Titel„Jnninslieder" erschienen; außerdem hatten ungefähr um dieselbe Zeit zwei dramatische Ver- suche, das Trauerspiel„König Roderich" und das Lustspiel„die Seelenwanderung" das Licht der Lampen erblickt. Die Gcdichb' weisen einen wesentlichen Fortschritt auf, schlagen hier und da einen männlicheren Ton an und sprechen wärmere Sympatien siir die freiheitlichen Bestrebungen der Zeit ans. Juniuslicdcr nannte er sie, weil sie meistens in der hohen Sommerzeit sei»r* Lebens entstanden waren. Der Mai ist vorüber mit sc>"� Blnmenfülle, nur bisweilen blüht es noch, aber im Laude beginnts zu reifen; eine ruhige stetige Wärme ist an die Stelle der ewig unruhige» Frühlingslüfte getreten. Tie Samnilnuß zeigt uns den Dichter auch als Meister der Ballade und der Spruchdichtnng. Einige Proben der lezterc» mögen hier ihre» Plaz finden. Das ist's, was mich am Freund zumeist verdrießt, Wenn er»ach Spazen mit Kartätschen schießt. DaS ist klarste Kritik von der Welt, Wenn neben das, waS ihm mißfällt, Einer was EigeneS, Besseres stellt. Ich fühle mich nie so groß, so klein, AlS wenn im Shakespeare ich gelesen, Klein, weil ich denk an daS, waS mein, Groß, weil er auch ein Mensch gewesen. Tie Tragödie„König Roderich" wurde von der Kritik spater von dem Dichter selbst als dramatisches Kunstwerk v warfen. Das Lustspiel„ Seelenwanderung" aber, das IPj' »ach mehrfacher Ucberarbcitnng unter dem Titel c.-' Andren" im Druck erschien und öfters aufgeführt wurde,'l1 ganz allerliebster Schwank, der sich auch auf den Brettern* gut präsentirt. Ein Lustspiel freilich, das einer gesellsch»stu°9. oder ctischen Verkehrtheit den Spiegel vorhält, ist es nicht, daß es unter dieser Marke in die Oeffentlichkeit trat, da» es, was die negative Kritik herausforderte. In München steckte sich Geibel höhere Ziele; er suchte K � Gedichten einen bedeutenderen Inhalt zu geben und unternast' � sogar, historische Dramen in, großen Stil zu schasse». fühlend, daß die Lyrik ein zu enges Gefäß für den u' � Inhalt seines Geistes sei. Die nächsten Früchte wäre» „Neuen Gedichte" und die Tragödie„Brnnhild", der später die Tragödie„Sophonisbe" folgte....„.„f,, In den„Neuen Gedichten" und de» 1864 ersch*■( „Gedichten und Gcdenkblättcrn" steht Geibel, seiner poetischen Bahn.„Die melodischen Lakonismen de- 473 kreontischen Licds vertiefen und verdichte» sich mehr und mehr zu feinsinnigen Gcdankendichtnngeii nnd markigen Situations- bildcrn, Oden von volltönendem Psalmcnschwung reihen sich an Hymnen von seltener Formenschvnhcit."(E.Ziel in der„A.Z.") Zwischenhinein ist eine Reihe Sprüche verstreut von großer Weisheit, Prägnanz nnd Klarheit nnd geadelt durch die nobelste ctischc Gesinnung. Wir lassen einige folgen: Warum du wider alles Hoffen Noch niemals mitten ins Schwarze getroffen? Weil du nicht lassen konntest, beim Zielen Immer ins Publikum zu schielen. Lüge, wie sie schlau sich hüte, Bricht am Ende stets das Bei»: Kannst du wahr nicht sein aus Güte, Lern' aus Klugheit wahr zu sei». Als jung nnd stark«vir waren, Da hatte» wir nichts erfahren; Als wir an Wissen gewonnen, War unsrc beste Kraft zerronnen. Lässt sich nicht vermeiden der Strauß, Fasse kühn das Schwert am Hefte, Im Angriff wachsen dir die Kräfte, Dem feigen Zaudrer zehn sie aus. Je größer deine Flügel, So mehr halt dich im Zügel! Unkraut aus gutem Acker Gedeihet doppelt wacker. Obgleich auf religiösem Standpunkt stehend, gehört der Dichter doch nicht zu den kirchlich Gläubigen, denen er zuruft: Soll ewig denn als Pförtnerin Am Kirchtor die Dogmatil stehen? Gönnt endlich jedem einzugehen, Der sich bekennt zu eures Heilands Sinn. Zu dem Schönsten gehört das Gedicht„Geschichte und Gegenwart", worin der Glaube an den Fortschritt der Mensch- �it in schwungvollen Strophen begeistert verkündet wird: Wohl stürzt, waS Macht und Kunst erschufen, Wie für die Ewigkeit bestimmt, Doch alle Trümmer werden Stufen, Darauf die Menschheit weiter klimmt. In den beiden Tragödien schuf Gc'bcl zwei in hohem Grade formschöne und gedankenreiche Werke; aber sein eigener Vers Sprich als Dramatiker gut, doch wirf dein Stück in die Flammen, <*(»» man den Ausdruck nicht über der Handlung vergißt J�uzirt die Schäzung der Tragödie auf ihren wahren Wert. �ewiß, xs sind darin gewaltige Leidenschaften entfesselt und in hochtragische Konflikte gebracht, die sich in spannender Handlung cntivickel»; es pulst darin ivarmes dramatisches Blut und die «arakterc sind markig unirissen und plastisch ausgestattet; nnd onnoch verdanken sie ihre Bühnenwirkung weit mehr dem hin- �ißenden Patvs nnd der prächtigen, dichterischen Sprache, weil 'hncn hjx C(jj{C dramatische Seele, die innere Glaubwürdigkeit �llrht, weil der tragischen Katastrophe in„Sophonisbe" die �cholvgische Motivirung fehlt, während in„Brunhild" die •"ecke» der Nibelungensage nicht blos zu Normalmciischc», son- 5� zu moderneu Menschen zugestuzt sind. Wenn der Dichter J�e» antiken Stoff zum Borwurf nimmt, so kann er dabei von iweierlci Gesichtspunkten ausgehen: entweder will er eine cnt- ssvundrnx Kulturvcriode ausivccken und uns uns ein Stück Mcn- fchcnlcben aus derselben darstellen, in welchem Fall er selbst- Ländlich sich der größten Treue befleißigen muß. oder aber antike Fabel reizt ihn deshalb zur Behandlung, weil sie , chgeuhcit bietet, interessante Situationen und Karaltcrc vor- fuhren, bedeutende psychologische oder ctische Probleme zu be- fchel». überhaupt die poetische Kraft nach der einen oder andern ;!!5tuu9 daran zu entfalten. Im leztcrcn Falle mag der t �cr freier schalten, er wird sich manche Anachronismen gc- L, Cn dürfen, wenn er Grund dazu hat. vorausgesezt. daß diese '"achronismcn nicht in direktem Widerspruch zu jener Kultur- stehen. Mustergiltigc Beispiele dieser Art bieten Hakespeares historische Dramen(mit Ausnahme von Troilu» und Cressida, das beinahe zu einer Travestie der homerischen Hcldcnwclt geworden ist); ein niustcrgiltiges Beispiel der ztvcitcn Art ist Goethes Iphigenie: Aganlemnons Tochter(wenn über- Haupt die Sage geschichtlichen Untergrund hat, was durch Schlic- manns Funde kcincsivegs bestätigt wird) hatte sicherlich kein so zart besaitetes moralisches Gewissen wie die Gocthc'sche Jphi- { gcnic. Goethe hat dem antiken Leib eine moderne Seele ein- gehaucht; trozdcm aber ist dieser Anachronismus ästhetisch voll berechtigt, da darin kein Gcgcnsaz zu den hellenischen An- schauungen und Empfindungen liegt, es ist im Gegenteil echt griechisches Wesen, gereift unter einem milderen Kultnrhimmcl. Auch die Sprache und vollends die dramatischen Motive sind echt griechisch. Wenn dagegen der Dichter eine antike Fabel sich in durchaus modernen Angeln bclvcgcn läßt, ivelche der bc- treffenden Epoche total fremd sind oder gar eine förmliche oon- tradictio in adjccto zu derselben bilden, wenn z. B. ei» G. Ebers einen egyptischcn König aus dem Jahre 1500 v. Eh. mit seiner Tochter im modernen Salon- und Ziomanstil ver- kehren läßt, und in dieser Manier auch in anderen Romanen ganz moderne Menschen in ein altes Kostüm steckt und solches Zeug historischen Roman nennt, so ist das eine geschmacklose Maskerade, woran wohl das blasirte, nach Seltsamkeiten lüsterne Leihbibliotekenpublikum, aber nimmermehr die Muse Gefallen finden kann. Soweit konnte sich nun ein Geibcl freilich keineswegs verirren nnd unsere heutige bankerotte Dramatik hat allen Grund, dem Dichter für seine dramatischen Gaben dankbar zu sein, auch wenn sie nicht ganz dem strengsten Maßstäbe des Koturns gerecht werden.— Eine weitere Frucht des scchszchn- jährigen münchencr Aufenthalts waren, außer der Herausgabe des münchener Dichterbuchcs, einige Bände feinsinniger Ueber- sezungen französischer Dichter im Vereine mit seinem intime» Freund Paul Hcyse, Heinrich Leuthold und A. F. v. Schack. Die Ereignisse des Jahres 1866 seztcn diesem Wirken ein Ziel. Als Preußen mit Oesterreich um die Herrschaft in Deutsch- land kämpfte, wandte sich Gcibel, ohne Rücksicht auf seine Stellung, Preußen zu. Wiederholt forderte er die deutsche» Stämme auf, den alten Hader zu lassen und sich zu einem ge- einigten Reich zusammenzuschließen, nnd als er im Herbst 1868 seine Vaterstadt besuchte nnd der König von Preußen cbensalls dorthin kam, da passirtc dem Dichter jener Hymnus an den Preußenkönig, der mit den Worten schloß: Daß noch dereinst dein Aug' es sieht, Wie übers Reich ununterbrochen Von« Fels zum Meer dein Adler zieht. Dieses Wort erfuhr in Süddcntschland, besonders in Baicrn, die heftigsten Angriffe. G. Herwegh richtete ein Gedicht an ihn, worin es hieß: Emaiiuel von Geibcl, ach Wie lang dich nähren soll er? Bezahlt hat dich der Wittclsbach, Und du besingst den Zollcr. Der baierische König Ludwig II., der einige Jahre später selbst dem Prcußenkönig die deutsche Kaiserkrone anbot, cnt- zog dem Dichter den Ehrensold, der ihm bei seiner Berufung zugesichert war. Darauf legte Geibcl sein Amt nieder und siedelte nach seiner Vaterstadt über, die ihn zu ihrem Ehren- bürgcr ernannte; zugleich erhöhte der König von Preußen seine Jahrespcnsion auf 1000 Taler. Mit Bezug hierauf apostrophirte ihn Herwegh Im Februar 1870: Ach! ein bairisches Guldcnstück Ist kein preußischer Taler; Darum solge nur Cäsars Glück, Nationalliberaler! Daß die Jahre 1870,71, welche des Dichters politischen Ideale über Erlvarten verwirklichten, ihn zu begeisterten Liedern inspirirtcn, läßt sich denken. Seine Gesänge aus dieser Zeit sind unter dem Titel„Heroldsrufe" erschienen. Seine lczte poetische Gabe waren die„Späthcrbstblätter" (1877), Von denen Rudolf Gottschall treffend sagte:„Die Lebens- sonne wirst schräge Strahlen; es liegt etwas wie Resignation in der Luft. Die Seele zehrt von Ennnernngen und phlmtasiet sich in die Lebensbilder der Vergangenheit zurück, welche da- durch in wehmütige» Reflexen erscheinen." Indessen atmen die Spütherbstblüttcr weit mehr die Ruhe und Abgeklärtheit als die Müdigkeit nnd Imbezillität des Alters und einige kräftig hermisgeuieißelte historische Situarionsbildcr großen Stils wie „Nansikaa" nnd„der Tod des Periklcs" zeigen, daß noch Vigor genug in dem 65jährigen Poeten vorhanden war. Eine dramatische Spätfrucht kam noch im vorigen Jahre an die Ocfsentlichkeit, es war das kleine Schauspiel:„Echtes Gold Wird klar im Feuer". Seit länger als Jahressrist litt Gcibcl, wie die Tagcsblättcr mitteilten, an heftigen Anfällen von Herzschwäche, die oft stunden- lang währten und einem ohnmachtähnlichen Zustande glichen. Zu der mehr und mehr unregelmäßig werdenden Herztätigkeit, dem schwachen Pulse, gesellten sich dann einerseits Anomalien im Bereiche des Blutkreislaufes, wie Anschwellungen der nntercn Extremitäten, andrerseits eine allmälige Abnahme der geistigen Frische, des regen Interesses, der Arbeitskraft und des Ge- dächtnisses. Nach einer Reihe schmerzvoller Tage und ruheloser Nächte wurde er am Nachmittag des 3. April von einem Schlag- mi still ereilt, der die linke Körperhälste lähmte und das Bewußt- sein erlöschen ließ. Aber fast dreimal 24 Stunden noch rang der kräftige Körper mit dem Tode; das Bewußtsein kehrte nicht wieder, das Leben schied ans der sterblichen Hülle nach schwerem Dag V Von W. „Das Veilchen erscheint mir im Frühlingstranm" heißt es im Mendelsvhillschen Liebe und klingt so wehmütig, wie ungc- stilltcs Sehnen... Nicht jedem dünkt der Lenz eine lachende Frendenzcit, die nur Blüten und Wonnen aus ihrem Füllhvrne schüttet; gar vielen erscheint der warme Hauch, der die schwellen- den Knospen sprengt, als eine Mahnung an nngenosscncs Glück, an die friihgcknicktcn Triebe des eigene» Lebens. Und wenn es eine Blume gibt, rührender als die anderen, so ist es wahrscheinlich das Veilchen. Da blüht es so ver- borgen,— so zeitig, daß noch kein Schmetterling geboren ist, der es küssen käme... dabei ist es so reich an berauschendem Duft, daß es doch wahrhaft würdig wäre, bewundert und um- flattert auf hohem Stiel zu prangen, und die glühenden Strahlen der Junisonne einzusaugen, statt unter märzlichen Schneeflocken begraben zu sein. Ein Bild so mancher liebreiche», cmpfindungs- tiefen Herzen, welche glücksbedürftig schlagen, und zu welchen nie ein Strahl der Lebenssoiinc dringt. * ** Violette war die Tochter einer pariser Kunstreiterin, welche starb, als das Kind zehn Jahre alt war. Wie das schon mit Zirkuskindcrn so geht, hatte Violette seit ihrem sechsten Jahre Reit- und Trapezübniigen machen müssen, aber durch ihre auf- fallende Talentlosigkeit und Unlust beim Unterricht hatte sie sich manche harte Strafe zugezogen. Als sie einmal in einer Pantomime erscheinen sollte und man ihr eben ein flittcrbesäetcs Kleidchen anzog, seztc sie sich so heftig zur Wehr nnd verfiel in solche Weinkrämpfe, daß man auf ihr Austreten verzichten mußte. Und doch war sie sonst ein folgsames, fleißiges Kind, wiß- und lernbegierig. Ihre besten Freunde im Zirkus waren ein schon alternder Clown, Namens Beruard, und dessen gelehrter Pudel Marco— auch der Marcuslöwe genannt, weil er die Gewohnheit hatte, sich auf eine kleine Säule zu sezen, welche in den Hinteren Räumen des Zirkus stand, und in dieser Stellung eine auffällige Aehnlichkcit mit seinem Namensvetter von der Piazetta zeigte. Wenn nun Bernard seinem Pudel Unterricht in der Arit- metik, dem Dominospiel und der Buchstabirknust gab(Marco I_____ I Kampfe, doch ohne Qual für den Sterbenden.— Die Leichenfeierlichkeit fand am 12. April in der Marienkirche zu Lübeck statt. Den Zug aus der Kirche auf den Friedhof eröffneten mehrere Vereine, dann folgte der Leichenwagen, hinter welchem die Familie des Verstorbenen und die übrigen Leidtragenden, darunter mehrere Schriftsteller, Deputationen, das Offizierkorps, Gelehrte, gewerbliche Vereinigungen, Turn- und andere Vereine, sowie zahlreiche Wagen folgten. Im Geiste nahm ganz Deutsch- land innigen Anteil daran. Bevor der Tod seinen Sängermund schloß, hatte er noch die Freude, eine Gcsammtausgabe seiner Werke veranstalten zu können. Ziehen wir die Summe dieses reichen und vielschöpfcrischen Dichterlebens, so geschieht es am beste» nach den Worten Uhlands: Er saiig von Lenz und Liebe, von scl'gcr goldncr Zeit, Von Freiheit, Männerwürde, von Trca und Heiligkeit: Er sang von allein Süfee», was Menschenbrust dnrchbebt, Er sang von allein Hohen, was Menschenherz erhebt. Er war ein Idealist, welcher an das Schöne und Gute glaubte und es nach Wissen nnd Können zu verwirklichen suchte. Schäze von unvergänglichem Wert sind seine lyrischen Poesie». In diesen zarten, tiefcnipsnndenen Liedern liegt Musik und viele davon sind zu Volksliedern geworden, denn er selbst schöpfte am Bor» des Volksliedes nach seinen eigenen Worten: Zwischen Blnme» im Wald hinricselt ein Brunnen, das Volkslied Dort ins verjüngende Bad, taucht sich die Muße bei Nacht. i l ch e n. Krltet. konnte die Name» berühmter Feldherren aus dem vor ihm aus' gebreitete» Alphabet hervorsnche»), so kam die kleine Violette immer still hcrbeigeschlichcu, wohnte der Lektion bei, stellte dem Elown allerlei Fragen über die Bcdeutnng der Zeichen, n»d lernte Buchstaben und Ziffern viel schneller kennen als Marco selbst. Bernard bemerkte, daß die Kleine ungewöhnliche Lust zniir Lernen hatte, und unterwies sie im Lesen und Schrei bcn- Wcnn Marco nur einen Funke» Ehrgefühl besaß, so»inßte cr sich gedcinütigt sühlc», daß schon nach wenigen Uuterrricht� stunden seine kleine Mitschülerin die Namen Napoleons, Cäsar- und selbst Alexanders mit Leichtigkeit zusammenstellte, während ihm diese Aufgabe so viel durch Hunger und sanfte Prügel verschärfte Anstrengung kostete. Das Kind attachirte sich so sehr an seinen Lehrer— 11 umgekehrt— daß als Violettes Mutter starb, Bernard die Verwaiste in seine Arme nahm»nd zu de» Umstehende» sprach» „Von nun an bin ich dieses Kindes Vater."— Die Klei"� küßte ihn und rief unter Tränen:„Ja, ja, Papa Bernard. d» bist mein Vater— und Marco ist mein Bruder, und ich ha Euch beide am liebsten!" Nach einiger Zeit sagte Bernard einmal zu seiner Pficill' tochter:„Nu», Violette, jezt wollen wir ein wenig arbcib" gehen?". „O ja, gern, Papa. Hast du mir vielleicht ein neues 3Jll(9 gebracht?" „Kein Buch, mein Kind, du sollst eine Reitlcktion»ehw — und weil Monsieur Pen in i so strenge ist nud dich i11"" weinen machte, so will ich selbst..." „O Papa", und das Kind lag schluchzend in seine» 9(i'mC' „ich mag nicht reiten— ich kann nicht...". C „Willst du dcuii keine Künstlerin werden— wie dei Mama?" „O nein, nein! Die vielen Leute... mit de» vi Augen— ich bin so furchtsam..., � „Wie? Du fürchtest dich vor den guten Leuten, die Bravo rufen, nnd lächeln und Blumen werfen?" „Ja, Papa— o wie ich mich fürchte!" „Armes, kleines, zitterndes Ding— sei ruhig. K\vx\A\x wri Könige saßen auf Ordakal, Hell flammten die Kerzen im Z?frilersaal Die Harfner sangen, es xrrlle der lvrin, Die Könige fchauien sinfler drein. Da sprach der Erflr:„Girb mir die Dirn! Ihr Rüg' ist blau, schneeweiß ihre Slirn." Der Rndre vrrsezle in grimmem Zvrn: „Mein ist str und bleibt sie, ich hab's geschwor'n. Kein Work mehr sprachen die Könige drauf, Sie nahmen dir Schiorrlrr und stunden auf. Sie schritten hrrfür aus der leuchtenden Halt' Tief lag der Schnee an des Schlosses Watt. Es sprühten dir Fatfteln, es blizir der Stahl Zwei Könige starben ans Ordakal. gm. Gribel. fABROUHiAUStif- mm Ä'.!:.,L Ks' Die beiden Könige. 476 nicht reiten z» lernen. Einstweilen kann ich genug verdiene», um uns beide zu erhalten. Aber ich mnß dich doch etwas studiren lassen, damit du dir einst dein Leben fristen kannst, falls ich vom Trapez herunterfalle und mir das Genick breche. Willst du Blumen machen lernen, du mein kleines Blümchen?" „Alles, alles, was du willst, Papa, nur nicht die bösen vielen Augen!" Bernard hatte eine entfernte Verwandte in Paris, eine alte Frau, die einen kleinen Kunstblumenladen besaß, und selbst im Blumenmachen sehr geschickt war. Dieser vertraute Bernard sein Pflegekind an, und Violette wurde gegen eine verhältnismäßig reichliche Bezahlung von Madame Lenoir in Lehre und Verpflegung aufgenommen. Der gute Bernard zahlte gern die Hälfte seines Verdienstes, um dem liebgewordenen Kinde eine Zukunft zu sichern, und seine größte Freude war es, an Sonntagen Vormittags sammt Marco zu seiner Violette zu kommen— ihr ein paar Stunden Unterricht zu geben oder sie spaziere» zu führen. So vergingen sechs Jahre. Violette war eine sehr geschickte Arbeiterin geworden»nd erhielt bereits eine monatliche Zahlung für ihre Leistungen. Sie zählte nun sechzehn— die Zeit des Lebenslenzes. Doch war sie nicht schön. Klein, schwächlich, von bleichem Aussehen und unscheinbaren Zügen. Ihre einzige Schönheit waren ein paar große, veilchenblaue Augen, mit einem eigentümlich schnzsnchenden Blick, und prachtvolle schwarze Haare— so lang, daß dieselben, wenn sie sich kämmte, bei- nahe bis zum Boden fielen; aber da zu ihrer Zeit alle Mädchen nnd Frauen einen riesige» Aufbau falscher Zöpfe trugen, so fiel diese Schönheit bei Violette nicht auf. Sie selbst glaubte sich sehr häßlich, und das tat ihr einiger- maßen weh— so ein armes Veilchen kränkt sich manchmal über sein unscheinbares dunkel-lila Kleid und möchte auch lieber das morgenrotfarbene Gewand der Nose tragen.—— Doch im ganzen fühlte sich Violette nicht»»glücklich; das stille, arbeit- same Leben gefiel ihr; sie war stolz darauf, sich schon Geld ver- dienen zu können; die Besuche ihres Adoptivvaters waren ihr stets ein Fest, denn ihr warmes, liebereiches Herzchen hatte sich so innig an ihn geschlossen, und er zeigte sich seinerseits so gut und liebevoll ihr gegenüber, daß ihr seine Nähe stets ein un- geteiltes Gefühl der Freude brachte. Auch den jezt ältlich und ernster gewordenen Marco hatte sie gleich lieb behalten; sie freute sich schon immer auf ihre wöchentliche Partie Domino mit diesem bewährten Freunde, der zum Lohn seines Kniiststüekes stets ein gutes Stückchen Wurst von seiner Herrin bekam, und troz seines gesezten Alters die tollsten Sprünge machte, wenn ihm der Leckerbissen ans Neckerei ein wenig hoch gehalten wurde. — Zudem die prächtigen Promenaden in den elyseeischen Feldern oder in den dichten Waldpartien des boulogner Holzes— welche reichen Freuden boten diese dem anspruchslosen Kinde... Es durchzitterte ihre Seele wie eine Glücksahnung, wenn sie mit Marco durch die duftigen Auen um die Wette lief— die Welt schien ihr so schön— ihr freundlicher Pflegevater so teuer— die Menschen so gut! Von dem regen Treiben in der großen Stadt um sie her wußte sie mir wenig. Sie sah wol, daß es reiche Leute gab, die in schimmerndem Puz und in prächtige» Equipagen einher- fuhren, aber sie beneidete sie nicht. In den Zirkus führte Bernard seine Pstegetochtcr nie, weil er sich ihr nicht im Clown- gewande und auf Stelzen einhergehend zeigen wollte; sie äußerte auch kein Begehr darnach, denn es war ihr aus ihrer Kinderzeit eine große Scheu vor dem Zirkus zurückgeblieben. Teater halte sie auch noch keines gesehen. Bernard schlug ihr einmal vor, sie in ein Feenspektakelstück zu führen. aber auf ihre bejate Frage, ob sie im Teater mitte» unter den vielen Leuten mit de» vielen Augen sitzen müsse, bat sie inständig, daß man sie zu Hanse lasse. �Diese Angst vor versammelte» fremden Leuten war ihr als ein beinahe krankhaftes Gefühl hasten geblieben, und bei vielen Gelegenheiten wiederholte sie das Wort, das sie einst als zitterndes Kind zu Bernard gesprochen hatte:„Ich bin so furchtsam!" Zum Lesen hatte sie nur wenig Zeit, und wenn sie ein Buch zur Hand nahm, so war es stets um zu lernen. Grammatik, Geographie, Geschichte, einige klassische alte Dichter— das waren ihre Studie». Romane las sie nicht, mit Ausnahme eines Feuilleton- romans, den sich Madame Lenoir täglich ans der Zeitung vor- lesen ließ. Dieselbe war auf das„Petit Journal" abonnirt, und da ihre Augen schwach zu werden anfingen, so ließ sie sich täglich von Violette die„vermischten Nachrichten" und das Feuilleton vorlese». So erfuhr das junge Mädchen immer, wenn jemand überfahren, oder ein Mörder hingerichtet, oder eine Leiche ans der Seine gezogen wurde. Einmal las sie von einem liebe- betrogenen Jüngling, der sich mittels eines unterzündeten Kohlenbeckens das Leben genommen hatte:„Wie ist das möglich?" fing sie. Madame Lenoir erklärte, wie der Kohlendampf ersticke, und man dabei einschlafe,»in nicht wieder zu erwachen. „Das mnß ein süßer Tod sein", bemerkte Violette. Der laufende Roman war voll von Konlifien- und Boudoir- Jntrignen. Hier gewann Violette einen Einblick in die bisher ungeahnte Welt der Galanterie. Abermals stellte sie Frage» an Madame Lenoir, welche ihr dieselben mit Anwendung von Moralmaximen beantwortete, indem sie die Abscheulichkeit der Frauen hervorhob, die der Sünde und Schande verfallen find- Violette riß ihre großen, erschrockenen Augen auf:„Wie ist das nur möglich!" srug sie. Madame Lenoir erklärte, wie es Mädchen gäbe, die ihre Ehre und Schönheit verkausen. „Das muß ein bitteres Leben sein", bemerkte Violette. Doch nun sollte sich bald ihr eigener kleiner Roman ab- spielen. Madame Lenoir, deren Geschäfte nicht gar gut ginget sah sich veranlaßt, ein überflüssiges Zimmer ihrer Wohnung Z" vermieten. Der Mieter war ein hübscher, eleganter, heiterer junger Mann, Schriftsteller seines Zeichens. An seinem K»opl. loch prangte beständig ein Beilchensträußchen. Nachdem er drei Monate lang da gewohnt hatte, bemerkte eines schönen Sonntag der gute Bernard, daß seine Kleine, die in lezter Zeit blaß und nachdenklich schien, plözlich rosig aussah, wie ein Maie"' morgen, und daß in ihrem sonst so scheu aufblickenden Auge ew Strahl des Glückes glühte., „Was hast du, mein Kind," srug er,„was geht in deim» Innern vor? Du scheinst mir so verändert." Biolette flog in seine Arme:. „Ja. ich will dir alles, alles sagen. Ach. ich bin l glücklich!" j Und nun erzählte sie die alte, ewig neue Geschichte.~e,1, Farrol hatte zärtliche Liebesworte zu ihr gesprochen und Herz gefangen genommen. Bis eines seiner Stücke von e>uc Teater angenommen würde, und er dadurch Geld und V" erlangt hätte, würde sie seine kleine Frau werden:„ja, f, dabei iu II»d petita femmc nannte er mich heute, und hat mich herzlich und innig geküßt." Bernard erschrak:.„Geküßt? Und das erlaubst du? das sagst du mir erst heute?" „Es war ja heute zum ersten male, Papa.." „Wo ist dieser Monsieur Ferro!— ich will ihn fi'11' „Gr ist heute Morgens abgereist. Sein Vater kfl' ccjiic in die Provinz— aber er wird wieder kommen— lin Stücke werde» im Theatre Francis ausgeführt werden. er ist ungeheuer talentvoll... mich wird er dann nehmen, und du kommst zu uns— weder du noch � �..ziich, mehr im Zirkus arbeiten... und ich habe Leo» so"«<•>(i so von ganzem Herzen lieb!— Ich ahnte gar nicht,: solches Glück gibt auf der Welt, und weiß nicht, wie>a) liches, unscheinbares Ding dazu komme!" r.t über Vernarb eilte nun zu Madama Lenoir und 10�' zc» den jungen Mann aus. Doch diese wußte nichts von ocr J. Liebesaffaire. und Leon hatte sie nicht zur Vertraute Gesinnungen gemacht. Heute srüh sei er nach Bordeaux» � doch halw et versprochen, in sechs Wochen unedcr z X* kommen. Bernard nahm sich vor, den ju»gen Mann selbst bei dessen Rückkehr aufzufordern, ihm über seine Absichten Rede zu stehen. Es war sein Lieblingswnnsch, daß sein Adoptivkind einst eines redlichen Mannes glückliche Frau werde. Er hatte in der Kunstreiterwelt zu viel des leichtsinnigen Elends gesehen, um nicht die kontrastirende bürgerliche Ehrlichkeit desto höher zu schüzen. Tos war ein ereignißvoller Tag für Violette. Des morgens die Eröffnung eines ihr verheißenen Licbeshimmels, abends— tili gräßlicher Unglücksschlag. Bernard stürzte von seinem Trapez herab und brach sich beide Beine. Sie trugen ihn in seine Wohnung und Violette' wurde herbeigeholt. Ihr Schmerz war namenlos, doch dankte sie Gott, daß ihr wenigstens das Leben des Teuren erhalten blieb; und sie wich nun nicht mehr von stiiicm Krankenbette, ihn pflegend und wartend mit einer Stand- hostigkcit»nd Ausdauer, die man dem blassen, schwächlichen, kleinen Mädchen gar nicht zugetraut hätte. Violette siedelte nnn ganz zu ihrem Pflegevater über, nahm jur Hilfe noch eine Wärterin auf und sorgte für das Herbei- holen der ersten?berztc der Stadt. Bernard besaß eine kleine [ sparte Summe, der Zirknsdirektvr hatte auch eine Beisteuer Üküebcn, und so konnte» die Kosten der Kur bestritten werden. �er Arme litt unsägliche Schmerzen; die Aerzte gaben zwar Hoffnung, ihn zu rette», doch würde er zeitlebens auf Krücken liehen müssen. Bei dieser Eröffnung brach Bernard in Tränen aus. ,..O Gott, mein armes Kind", so sprach er,„nnn kann ich »ichtz mehr für uns verdienen!" .Und bin ich nicht da, Papa— habe ich nicht. Dank einer Fürsorge, eine Kunst erlernt, die u»S beide ernähren kann?- Nach einem Monat, nachdem die Operateure bezahlt waren, d>ar der kleine Geldvorrat erschöpft. Bernard war noch nicht außcr Gefahr. Der Arzt fürchtete sogar, daß sich ein tötlichcr !■fstnib in der Wunde einstellen könnte, doch teilte er diese Bc- larchtung dem jungen Mädchen nicht mit. Von Madame Lenoir, welche, wenn sie nicht selbst nach- ! lehen kam, sich sonst täglich nach des Kranken Befinden erkuu- 'Gon schickte, war seit einigen Tagen nichts zu hören gewesen, "b da entschloß sich Violette, zu ihr hinzugehen, um auch wieder | gipit zu verlangen— denn es war notwendig, die versiegte !°ne neu zu fülle». Daß ihr möglicher Verdienst in keinem | g�hältnis zu den laufenden Auslagen stand, davon machte sich ! iJ.0'CttC keinen rechten Begriff, denn es fehlte ihr in diesen '"flen an aller praktischen Erfahrung. u» Gegen Abend also, als Bernard ruhig eingeschlafen war, i 0. kje Wärterin an seinem Bette saß, trug Violette derselben »./' �rgfältig zu wachen, und begab sich auf den Weg zu "me Lenoir. j oCii deren Hause angelangt, war sie überrascht, den Laden J de» Aushängeschild entfernt zu finden;— auch aus i schien ihr alles ungcivohiit— Koffer und Möbel Ii u f." am Flur, und als sie in Madame Leiwirs Ziiniiicr trat. I W'ii dieselbe mitten unter Kisten und Schachteln an einem i» f., dem einzigen übrigen Möbel— fizend. Sie war Mantille und mit Schreiben beschäftigt. kommst dn bists, Violette", sagte die alte Frau ausblickend, ,,du Wohrn �erndC jurccht. Da brauche ich nicht erst bei Euch vor- ,''-- ich reise in einer Stunde ab." Vi* �°"cs>villcn.' Madame, was ist denn geschehen?" lMtprf.J' ,"ein Kind, auch über mich ist das Unglück herein- »llez LI'. 7�e'n Geschäft ist zu Grunde gegangen— ich muptc '•I0th iinu— und nun reise ich auf meine alten Tage % M.c' Amerika, wo ich einen Schwager habe, der mich zu % wird. Tie ij.r war durch diese Mitteilung schmerzlich erschüttert. dsttet tiL c üute Madame Lenoir und würde ihren VeiluU H jb�finden- zudem, wie sollte sie jezt- etwas verdienen ' sanken Papa beistehe»?— Sic klagte laut uu »Ja, ich kann dir nicht helfen, mein liebes Kind. Nur das eine kann ich noch für dich tun: Nimm diesen Karton, es ist eine Garnitur Blumen darin, die du selbst verfertigt hast. Ich habe im Trubel vergessen sie abzuliefern. Die Dame wollte sie noch heute haben. Gehe selbst hin, überbringe die Blumen, und den Preis von 60 Fr., der dafür zu zahlen ist. den be- halte dir. Hier ist die Adresse: Madame de Courterelles, Avenue Friedland, 30. Und nun lebe wohl, mein teures Kind, pflege meinen armen Vetter Bernard— ich hoffe, er wird bald gesund werden— und sei glücklich. Nun wird auch Monsieur Ferro! bald zurückkomnien— ich habe Eure Adresse für ihn zurückgelassen. Nimni den Karton und verlange nur mit Madame de Courterelles selbst zu sprechen, sonst wird dir das Paket abgenommen und du erhältst nicht gleich das dir so nötige Geld. Begehre Einlaß..." „Aber, Madame Lenoir, ich bin so furchtsam..." „Sei diesmal mutig, Violette, denke an deinen kranken Papa, und nun gehe— und Gott mit dir!" Violette nahm unter Tränen Abschied und verließ, um es nie wieder zu betreten, das Hans, welches jahrelang ihr Heim gewesen. Die arme Kleine. An ihrem Horizonte sah es sehr düster aus—— und dennoch wehte es wie Frühlingshoff- nungcn durch die junge Seele. Das Bild Leons war ihr Reich- tum; es hatte ihr die ganze Zeit wie tröstend durch die dunklen Kummcrwolken geglänzt, die über dem Krankenlager ihres ge- liebten Pflegevaters lagerten;— und auch jezt wieder, wo Madame Leuoirs Abreise sie ganz stüze- und arbeitslos zurück- ließ, klammerte sie sich an den einen Gedanken—; Madame Lenoir selbst hatte den teuren Namen ausgesprochen, und der- selbe tönte tröstend im Herzen des armen Mädchens nach. Sie ging eiligen Schrittes durch die erleuchteten Straßen der Stadt, ihr Karton unterm Arnic. Er hat gar keine Nachricht von sich gegeben, aber zur bestimmten Frist würde er kommen, und sie zärtlicher lieben als je, wenn er sie so unglücklich wiederfinden wird. Ach und wie er ihr teuer war— wie sie sich nach seinem Anblick sehnte! „Leon, mein Leon", sprach sie halblaut vor sich hin. Bald war sie an der bezeichneten Adresse angelangt. Sie stand vor einem eleganten kleinen Hotel, aus dessen Fenstern heller Schein hinter rotscidenen Vorhängen drang. Mit zit- ternder Hand zog sie an der Glocke. Ei» Diener in großer Livree öffnete die Haustüre. „Madame de Courterelles?" frng Violette. Als der Diener die kleine Gestalt mit dem Karton erblickte, wies er zu einem andern Tore und sagte:„Dort ist l'esoalier de Service." „Ich muß Madame de Courterelles selbst sprechen", sagte die Kleine in so cntschiedeiiem Tone, daß der Diener ihr Einlaß gab. Sic befand sich in einem erleuchteten, mit Blumen reich verzierten Vestibül. Eine tcppichbclegtc Stiege mit vergoldetem Geländer führte nach dem ersten Stockwerke. Der Diener trat jedoch i» ein Gemach des Erdgeschosses und durch die geöffnete »nd wieder rasch geschlossene Tür drang der flüchtige Anblick eines luxuriöse» Salons und der Klang zahlreicher heiterer Stiinmen. Nach einer Zeit kam der Diener wieder zurück und winkte dem Mädchen einzutreten. Eine solche Pracht hatte Violette weder je gesehen noch ge- träumt. Es war ihr als schwankte der weiche Teppich unter ihren Füßen, so sehr war sie von den umgebenden Herrlichkeiten geblendet. Seidene Vorhänge, schwere Stofftapeten, ein Eben- holzflttgel, zerstreute Fautenils und Puffs. Bronzelampen, kleine mit Nippen bcladene Tischchen, ein Marmorkamin mit hell- lodernder Flamme, alles das tanzte vor den geblendeten Blicken des armen Kindes. Gegenüber in der Wand befand sich ein großes quecksilberloscs Spiegelglas, durch welches man den an- stoßenden Speisesaal sah. Eben war dort eine glanzende Ge- scllschaft im Begriff sich von der Tafel zu erheben, auf welcher in der malerischen Unordnung des Desserts zwischen Blumen und Silber die bonbongefüllten Teller und halbgelecrten Cham- pagnergläser funkelten. 478 Jezt wurden die Flügeltüren geöffnet, und eine lärmende, wie es schien, sehr heitere Gesellschaft trat ein. Die Damen in prächtigen schleppenden Roben, mit Blumen und Schmuck in den Haaren, lehnten am Arme der Herren. Im Salon ange- langt, ließen sich die ersteren in den nngezwungeiisten Stellungen ans den verschiedenen Sizen nieder, den Fächer schwingend, mit den sich zu ihnen herabneigenden Herren lachend und schäkernd. Eine große schöne Frau in weißem tiefdekolletirten Atlas- kleide trat ans Violette zu:„Man sagt mir, daß Sic mich durchaus zu sprechen wünschen, Mademoiselle." „Ich bringe diese Blumen von Madame Lenoir", sagte Viollette zitternd. „Ach so— nun, das hätten Sic meiner Kamnicrjungfer geben sollen..." „Verzeihen Sie Madame, es ist nur— daß ich das Geld brauche— gleich brauche, für einen Kranken..." „Ich schlage eine Kollekte vor für die interessante Modistin", sagte eine junge Schöne, indem sie sich von ihrem Sizc er- hob und eine Visitcnkartcnschalc in die Hand nahm—„wer gibt?" „Bist du»arisch, Adine?" lachte die Hausfrau. „Angenommen, angenommen", riefen mehrere Stimmen; „vive les fleuristes et la rertu!" lind in den Teller regnete es Louisd'or. „Sie ist gar nicht übel, die Kleine." „Allons ckonc— sie sieht ja ans wie ein Sonntag in Schottland." „Sie soll hier bleiben..." „Sic soll eine von den Unseren werden." „Wer will ihr Taufpate sein?" „Hier ist ein Bankbillet, schöne Sammlerin, aber ich Prä- numerire mich ans den ersten Modistcnkuß." „Da wird dir so mancher etudiant vorausgegangen sein." „Sprecht nicht übel von den Blnmenmacherinnc»... ich habe zu Anfang meiner Karriere auch Rosen ans Mousscline verfertigt, und jezt streu ich solche ans deinen Lebcnspfad, man vieux chat." „Seht nur, was sie für schöne Haare hat." „Ein Chignon— ich wette." „Ich weite dagegen." „Es gilt." So schallten die Gespräche und das Gelächter um Violette her; beiden lezte» Worten hatten mehrere Hände ihr die Kopf- nadeln tvcggerissen und ihr prachtvolles Haar siel zum Boden herab. Mit fieberhafter Röte übergössen, die veilchenblauen Augen zornerglühend, stand das zitternde Mädchen da, von dem schwarzen Mantel ihres Haares umwallt, ein wahrhast reizendes Bild. „Diese Haare verdienen mit Perlen dnrchslochten zu werden," sprach einer der jungen Leute. „Und ich scze ein diamantenes Diadem darauf," rief ein anderer. „Zahle lieber erst meinen Juwelier— du verschuldeter Entusiast," sagte zornig eine geschminkte Blondine. „So, die Sammlung ist geschlossen— hier nimm— was diese Schale enthält, gehört dir." Violette nahm beinahe unbewußt die dargereichte aufgchänste Schale, und ließ ihre Airgen in die Rinthe schweifen. Man sah wie sie nach Atem rang. Sic hatte endlich verstanden, in Ivas für einer Gesellschaft sie sich befand. Alle Greuel, die sie in dem Feuilletonroman gelesen, und die denselben begleitenden Schmähungsrcden der Madame Lenoir traten ihr vor die Seele. „Nun, liebes Kind," sagte jezt die Haussrau freundlich, „gib mir deine Blumen, ich glaube, sie sind dir nicht schlecht bezahlt." „Meine Blnmen, Madame, gebe ich Ihnen nicht." Violette hatte ihre Stimme wiedergefunden, und mit der Stimme auch einen nicgckanntcn rxaltirten Mut.„Nicht eine dieser Blumen, die Frucht meiner Arbeit, gebe ich für alle Ihre Diamanten, die Frucht Ihrer Schande—— und Ihr alle, die Ihr ein armes Mädchen beschimpft»nd verhöhnt, seht ivie ich Euer Gold zu schäzen weiß", nrid mit einer heftigen Gcberde warf sie die Schale zu Boden, so daß selbe klirrend an einem Tischfnß zerschellte und die Goldstücke in alle Ecken rollten. „Tie Wahnsinnige, jagt sie fort," rief die Hausfrau,„sie insultirt uns." Ein junger Mann, der sich, an dem ganzen Austritt iinbe- teiligt, bisher in einer nnbclcnchteten Ecke des Salons anfge- halten hatte, trat nun in die Gruppe. Violettcns Herz stand still: Leon!— Leon, den sie abwesend glaubte, hier— und in solcher Gesellschaft? Aber er wurde sie jezt schüzend in seine Arme nehmen, dachte sie, und sie von hier entfernen. Dies tat er jedoch nicht. Er näherte sich der Hansfrau, beugte sich zärtlich über ihre blendende Schulter und sagte: „Ereifern Sie Sich nicht, schöne Palmyre, wissen Sic wer es wagt, Sic zu beleidigen, Sie, die stolze einstige Favoritin eines Königs?— es ist— ich habe die Kleine recht gut kannt— die Maitresse eines Clowns." Violette stieß einen dumpfen Schrei ans, und wie ein zu Tode getroffenes Wild Ivankte sie zur Türe, um zu fliehen. hielt sie niemand zurück, die Diener öffneten ihr die Hanspforte, so kam sie auf die Straße und stürzte am nächsten Eckstein zw sammen. Da weinte und stöhnte sie leise. Ihr armer schöner Liebcstraum war also dahin! Doch sie raffte sich schnell wieder auf, da sie sich plözlich ihres Kranken erinnerte; der Clow» dessen Maitresse— sie hatte sich die grausamen Worte wieder- holt— das war ja ihr geliebter, pflegebedürftiger alter Bernard, zu ihm mußte sie zurückeilen, sie war ja des Armen einziger Trost, svlvie er der ihre.„Tu verkennst dein Kind nicht, Bernard, du und Marco, Ihr seid die einzigen, die mich gerur haben— und ich Euch auch... O mein Gott, lasse mir nur dru teuren Freund gesunden— für Liebesglück war ich ohnehin»ich geschaffen— ich bin nicht hübsch und nicht liebenswürdig aber mein Gott, laß mich nur Arbeit finden, damit ich dr" teuren Kranken gut pflegen kann und damit er noch frohe Tagr erlebe durch sein dankbares Kind!"/ So betete Violette, während sie sich nach Hanse schlepp, die vielen eben erlebten Aufregungen hatten ihre Kräfte arg cl; schöpft, und sie kam nur mühsam weiter. Endlich>var sie � ihrer Wohnung angelangt und eilte in das Krankcnzimmcr. Marco, der neben dem Bette saß, heulte jänimerlich. BioleJ stürzte zu dem Pflegevater:„Papa, Papa, wie geht es dir warum bist du allein? Wo ist die Wärterin?" U „Sie ging den Arzt zu holen," antwortete der Kranke schwacher Stimme,„mir ist sehr schlecht." „Papa, um Gotteswillen, was ist dir?"•„ „Ich fühle, daß es zu Ende geht... knie hierher Kind... ich danke dir für die vielen Freuden, die ich/"\ erlebte, und für deine aufopfernde Pflege... und ich bitte nm Verzeihung, daß ich nicht besser für deine Zukunft sorgte ich kann nichts dafür. Mein Trost ist Madame Lenoir. ihr bist du gut aufgehoben. Sei immer aufrichtig mit ifst � mit einer Mutter— wenn dieser junge Mann— difserj"�.� sicur Leon wieder da ist, weise ihn an Madame Lenoir. mich nicht, mein kleines Veilchen... weine nicht so, j armes Kind. Ich sterbe gern, ich wollte nicht so als leben— dir zur Last. Verpflege nur unsern alten So— nnd iniii höre ich den Doktor koninicn... er>r'v nicht mehr helfen." b(i> In der Tat, es war der Arzt, de» die Wärterin» geholt hatte, nnd— wie Bcrnard gesagt— er konnte � mehr helfen. Ter Brand war zu der Wunde gckoninie». � heftiges Fieber stellte sich ein. nnd nach einer lange", � Delirien und Todeskampf erfüllten Nacht gab der orv> Clown seinen Geist auf.-„ge- Violette, auf welche zu viele Leiden aus einmal �es brachen waren, verfiel selbst in ein so heftiges dcur> Fieber, daß sie erst drei Tage nach Bernards Beerdig"' � Besinnung kam. Die Wärterin nnd die Portierin ho Nur wer die Sehnsucht kennt Weiß was ich leide. L.. gepflegt, und nun erzählten sie ihr, daß der Hausadministrator die Bcgräbnißkasteii bestritten habe und dein jungen Mädchen die Erlaubnis erteilt,»och vierzehn Tage dazubleiben, nach welcher Frist die Wohnung jedoch geräumt werden müsse. Violette nickte zu alledem mit dem Kopse: sie verstand, daß sie ganz allein auf der Welt stand. „Wo ist Marco?" frug sie, ihres einzigen Freundes ge- denkend. „Der ist bei mir," antwortete die Portierfrau,„ich habe den braven Pudel sehr gerne. Er hat aber so viel geheult, daß ich ihn von hier entfernte, damit Sie Ruhe hätten, Mademoiselle." „Bringen Sie mir ihn, ich bitte," bat Violette. „Gern, armes Fräulein." Und das gute alte Tier wurde herbeigeholt. Es stürzte auf Violette los und leckte ihre Hände. Die Waise schlang ihre Hände imr Marcos Hals, grub ihr blasses Gesicht in seine Mähne und weinte da lauge, lange, die ersten lindernden Tränen nach ihrem großen Verlust. Nach zwei Tagen konnte sie aufstehe». Sie entließ die Wärterin und bezahlte sie mit einem goldenen Arniband, das sie noch von ihrer Mutter hatte. Dann ging sie aus, Arbeit suchen. Sic trat in mehrere Kunstblumcnlädcn und trug sich an, doch wurde sie überall mit dem Bescheide abgewiesen, mau brauche niemand. Dazu nickte Violette immer schweigend und ergeben das Köpfchen und ging weiter. Es war, als paßten ihr die abweisenden Antworten— sie fühlte sich so furchtbar unglücklich, daß es ihr eine eigene Genugtuung gewährte, das Maß ihrer Leiden sich häufen zu sehen. Dennoch ging sie zu Madame Mvrtin, der Pvrtierfrau, sich Rat zu hole», und übergab derselben noch ein leztes Schmuck stückchcn mit der Bitte, es für sie zu verkaufen. Madame Martin brachte dem jungen Mädchen dreißig Franken für das Geschmeide, und gab ihr den Rat, sich behufs Arbeit an ein Arbeitsvermittlungsbureau zu wenden und ein Inserat in die„Petites annonces" zu schicken. Violette tat wie man ihr sagte, jedoch erfolglos. Die Ein- lagsumme im Bureau sowie die Jnsertionskosten schmälerten arg ihr kleines Kapital, und die Zeit kam immer näher, wo sie ihre Wohnung verlassen mußte. Sie kaufte täglich nur ein Laibchen Brod für sich und ein paar Knochen für Marco. Madame Martin kam ans den Einfall, dem Zirkusdirektor Violettcns Lage mitzuteilen, doch die Truppe, zu welcher Bcrnard einst gehörte, hatte vor einer Woche Paris verlassen und war nun in Holland oder Belgien,— man wnßte es nicht genau an- zugeben. Immer noch kamen keine Anträge aus den Blumenhandlungen. Da entschloß sich Violette— wieder auf Madame Martins Rat— sich als Dienstmagd zu verdingen. Nun ging sie in ein Stcllenvermittlimgsbnreau. Sie legte ihre lcztcn drei Franken als Einschrcibcgcbnhr auf das Pult. „Wo habe» Sie schon gedient, und wo kann man Erkundigungen über Sie einhole»?" fragte die Dame vom Comptoir. „Nirgends," mußte Violette antworten. „Dann werden Sie schwerlich eine» Dienst finden, und ich werde Sie keinesfalls plaziren. Nehmen Sie Ihr Geld zurück." Violette versuchte es mit einem anderen Bureau. Tasselbe Resultat. Sie wußte sich nicht mehr zu helfen. Tie drei Franken dauerten noch einige Tage, und ihr Ausziehtermin war gekommen. Sie hatte noch zwanzig Sons in der Tasche, die lcztcn. Morgen oder übermorgen»lusste sie, um zu essen, die Hand nach Almosen ausstrecken. Gegen Abend ging sie mit Marco ans, einige Einkäufe zu besorgen. Beim Nachhausegehen trat sie in die Loge der Portierfrau. „Keine Briefe, keine Nachrichten für mich da, Madame?" „Wieder nichts, Fräulein Violette." „Madame, ich habe eine Bitte an Sie. Möchten Sie so gut sei», meinen Marco heute Nacht bei sich zu behalte»? Er kommt immer an niein Bett und weckt mich ans dem Schlast — und ich möchte einmal ordentlich ausruhen." „Ja, ja, Mademoiselle, lassen Sic mir den Hund da,&c brauchen wirklich einmal Ruhe, armes Kind. Es ist ein recht grausames Schicksal— morgen ist Ihr Termin, nun ich hosll man wird Ihnen die kleine Wohnung lassen." „Ja, ja, man wird mir meine kleine Wohnung lassen.-• „Und was haben Sie da in dem Körbchen, unter 3!stcl" Shawl— sind das Ihre Provisionen?" „Ja, meine Provisionen. Gute Nacht, Madame." ll»d Violette reichte der freundliche» Frau die Hand. Dann k»>rb' sie nebe» Marco nieder und küßte das treue alte Tier aus � schwarzen Lippen. Madame Martin glaubte zu bemerke», � dabei Tränen von den Wangen des Mädchens auf das wollig Haupt ihres Pudels fielen, doch Violette erhob sich rasch un eilte die Treppe hinauf. In ihrem Zimmer angelangt, verschloß sie sorgfältig Tü�" und Fensterläden, steckte ein Licht an und packte die Provision�' aus ihren, Körbchen. Es waren Kohlen. Diese zündete da arme Kind an und legte sich dann zur Ruhe. Sic war b' müde und ermattet von den Kämpfen und Schlägen der W Zeit. „Mein Gott," betete. sie leise,„verzeihe mir, wenn ich � Sünde tue— ich habe ja alles, alles verloren und nicht? hoffen. Ich hätte vielleicht»och ringe» sollen, aber die stet» � Menschen sehen mich kalt und hart an mit den vielen Aug und ich bin so furchtsam!"_ Des andern Morgens, als Madame Martin»ach n'' c p holten, Klopsen an Violettcns Tür keine Antwort erhielt, die Tür schließlich anfgebrochc» wurde, fand man das t"' blasse Mädchen entseelt ans seinem Bette liegen. Tic 3'n',, wurden aufgerissen und es strömten Sonnenstrahlen und tJrl lingsdüfte herein.„ Aber zu spät:„Das Veilchen", wie es in dem wehw»» Mcndclssohn'schen Siede heißt,„das Veilchen war tot". Der S o m n a m b u l i s m u s.*) Von Kcrrk 6u H'ret. (Aus dcx„GcgonwarN, Nr 19 vom ,0. Mol ,884.) 1. Ter natürliche Somnambulismus. Wenn der Naturforscher einen Körper wissenschaftlich des! nire» und karakterisiren will, so genügt es nicht, diejenigen Eigen schastcn aufzuzählen, die er unter normalen Umständen zeigt. Diese Umstände müssen vielmehr so lange künstlich abgeändert werde», daß ihm dadurch Gelegenheit geboten wird, auch seine gewöhnlich verborgenen Eigenschaften zu verraten. I» dieser *) Wir drucken diese Abhandlung aus der Feder cineS der geisl vollsten Nalurwissenschaster der Gegenwart ab, indem wir daraus hin- weisen, daß dieselbe ihr hochinteressantes Tema eine», Gebiete enl- nimmt, auf den, die Wissenschast unsrer Tage eben zu unberechenbaren Fortschrille» Anlauf nimmt. N. d. N. W. bei» s-'W'" Mb Gljemifcr Sit Wtpn druiigenen Un, stände reagirt' � b,e größte«»h,�fefbl,ß Naturobjekt, aber auch w unterwolfc» wurde""S der Umstände dem Eiperi"1'"" llllb blU' lllrf" ,mmfr so bleiben. Unsere Enkel Expenmeiitalpsychologie treiben, wie wir Experimentalchemie, und sie werden vielleicht das Rätsel des Menschen lösen, indem sie durch Abänderung seiner normalen Umstände ihn zu Tätigkeits- weisen veranlassen, die sonst latent bleiben und uns Ausschlüsse geben über unsere Natur. In welcher Weise lau» nun aber durch Abänderung der Umstände der psychische Normalmensch zu abnormen Funktionen gebracht werden? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir erst wissen, auf welchem Umstände der psychische Normalzustand beruht. Der psychische Normaliiiensch ist karalterisirt, wenn wir wissen, welche Einwirkungen von Seile der Naturdinge er auf- nimmt und in welcher Weise er auf diese Einwirkungen zu reagiren vermag. Seine Empfänglichkeiten müssen wir kennen »nd seine Tätigkeitsweisen. Diese beiden Faktoren bilden den psychischen Menschen und stehen zu einander in genauem Ver- hältnis: Jemehr Empfänglichkeiten, desto mehr Tätigkeiten. Immer jedoch können von den Natureinflüssen, denen der Mensch unterworfen ist, mir diejenigen inbetracht kommen, die in seinem Bewußtsein eine deutliche Empfindung erzeugen. Einwirkungen j auf de» Menschen, die, ob sie zwar stattfinden, ihm doch nicht zum Bewußtsein kommen, veranlassen ihn auch zu keiner Reaktion, sind daher für die psychische Definition des Menschen ohne Belang. Die Natur ist demnach von dem Standpunkte eines jeden I psychischen Wesens in zwei Hälften geteilt: die eine wirkt auf sein Bewußtsein, die andere nicht. Zwar wirken alle Dinge ber Natur auf den menschlichen Organismus physisch ein, wenn "'cht direkt, so doch indirekt; aber es ist ein fundamentales tSssez, daß Naturvorgänge nur dadurch auf ein Bewußtsein pssrken, daß die von ihnen ausgehende räumliche und molekulare Bewegung einen gewissen Stärkegrad besizt. Dieser nötigen -b'inimalstmke auf objektiver Seite der Natur entspricht auf snb- Kftivcr Seite des Menschen jener Empfänglichkeitsgrad, der als �»'psiudungsschwelle bezeichnet wird. Diese Schwelle wird ferner b'e pfychophysische genannt, weil in jedem Bewußtseinsvorgang s'"e physische Bewegung der Natur, indem sie die Einpfindungs- Ichwellt überschreitet, in eine psychische Empfindung sich ver- wandelt. Natnrvorgänge von ungenügendem Stärkegrad bleiben unter der Empfindnngsschwelle des Menschen, kommen ihm nicht z"»i Bewußtsein. Demnach ist der psychische Normalmensch, den wir gesucht ■Wben, dahin zu karakterisiren, daß er die normale menschliche �"ipfindungsschwelle besizt. Die in hohem Grade wünschens- wcrte Expenmeiitalpsychologie aber ist nur dann möglich, wenn „,c Normale Empfindungsschwelle des Menschen der Art abge- widert werden könnte, daß ihm Natureinflüsse zur Empfindung jjsncn, die für gewöhnlich unter der Empfindungsschwelle bleiben. bissen abnormen Einwirkungen der Natur würden in der Re- wtiou auf Seite des Menschen auch abnorme psychische Tätig- citsweisen antworte». Jemehr>vir solche kennen lernen würden, n'o vollständiger könnte auch die Definition des Menschen vor- benommen werden. Tie Lösung des Menschenrätsels ist also wbglich, wenn es eine Experimeutalpsychologie geben sollte; diese fJtere ist aber nur dann möglich, wenn die Empfinduugsschwelle . � Menschen veränderlich, verschiebbar sein sollte; unmöglich �SWgen, wen» diese Schwelle starr und unveränderlich wäre. . Tie Empfindungsschwelle des Menschen ist nun aber ver- J'cbbnr. Abgesehen von gelinden Verschiebungen im Wachen, '" bei Äranlheitszustäiide» oder auch durch bloße Richtung der ."swerksamkeit sich einstellen, erfährt der Organismus alltäglich ßw sehr bedeutende Verschiebung seiner Schwelle, wenn er dem . A'if anheimfällt. Im Schlafe sinkt die psychologische Tätig- 1 des Menschen zeitweilig unter die Schwelle*). Dafür bringt ail� � ein innerliches Erwachen mit sich, und diesem >>il.b�ide die Verschiebung der Schwelle einen Einpfindungs- yalt, der uns im Wachen fremd bleibt, weil gegenüber den "'"reu Einwirkungen der Außenwelt diese leisen Reize nicht ) Fechntr, Elemente der Psychophysik, II, 439. aufkommen können, daher unter der Empfindungsschwelle ver- laufen. Diese Reize, meistens aus der inneren Körpersphäre kommend, sind die Ursache unserer Träume. Der Schlaf enthält also nicht blos Negationen des Wachens, sondern auch positive Seiten.-Er verschiebt die Empfindungs- schwelle, so daß die Tageswelt aus dem Bewußtsein schwindet; aber eben darum wird das innere Bewußtsein empfänglich für Einwirkungen, die im Wache» die Schwelle nicht überschreiten. So hat auch der Untergang der Sonne nicht nur die negative Folge, daß Dunkelheit sich über die Erde breitet, sondern auch die positive, daß die schwächeren Strahlen der sonst von der Sonne überstrahlten Fixsterne nun zur Geltung kommen. Die Vorgänge, die im Schlaf zum inneren Bewußtsein kommen, finden auch im Wachen statt, nur daß sie unbewußt bleiben. Der Schlaf erzeugt also nicht neue Einwirkungen für den Organismus, sondern er hebt dieselben blos über die Schwelle, in der sie im Wachen lagen; er erzeugt aber neue Reaktivnsweise» des Menschen ans diese nunmehr bewußt wer- denden Einwirkungen, nnd diese Reaktionen nehmen die Gestalt von Träumen an. Jemehr die Empfindnngsschwelle verschoben wird, destomehr positive Seiten des SchlaseS würden zum Vorschein kommen und immer neue psychische Reaktionen erzeuge». Darum würde der tiefe Schlaf, weil mit der größten Verschiebung der Schwelle verbunden, uns ohne Zweifel sehr wertvolle Aufschlüsse über die Natur des Menschen geben, wenn er nicht leider erinnernngs- los wäre. Für die Experimeutalpsychologie erwächst somit die Frage, ob Träume vor dem Vergessen bewahrt werden könnten, oder, falls dieses nicht möglich wäre, ob Träumende zum Reden gebracht werben können. Diese beiden Probleme werden ohne Zweifel ihre Lösung finden; denn beide haben sie teilweise bereits gefunden, und zwar im Somnambnlismus. Der Somnambulismus also, dieses helle innere Erwache», das im tiefen magnetischen Schlafe ein- tritt, ist die natürliche Grundlage für die Experimeutalpsychologie der Zukunft. Er verdient daher auch mit ganz anderem Eifer studirt zu werden, als es heute geschieht. Das Menschenrätsel steht heut noch so riesengroß vor uns da, daß es nur dem Stumpfsinn der Materialisten vorbehalte» ist, dasselbe durch die Behauptung zu leugnen, der Biensch sei eine bloße chemische Verbindung und weiter nichts; dieses Rätsel aber kann allein gelöst werden, wenn wir de» Mensche» im somnambulen Zu- staube dem Experimente unterwerfen. Denn, wie Mesmer sagt: „Die Fähigkeiten des Menschen offenbaren sich durch die Wir- klingen des Magnetismus, gleichwie die Eigenschaften anderer Körper durch den gesteigerten Wärmegrad, den die Chemie an- wendet, sich entwickeln"*). Die im Somnambulismus auftretenden psychischen Fähig- leiten des Mensche» sind lediglich Reaktionen ans solche Natur- einslüsse, welche die Empfiudungsschwelle des normalen Menschen nicht überschreiten. Demnach macht der Somnambulismus em- pfänglich für feinere Genüsse, als die von den Sinnen des Wachenden aufgenommen werben. Wie nun die Sinne des Wachenden um so merkwürdigere Fähigkeiten des Menschen her- vorrufen, je feiner orgauisirt sie sind, so muß der im Somnam- bulismus auftretende Sinn, welcher die für die Tagessinne zu feinen Einflüsse aufnimmt, Fähigkeiten des Menschen entbinden, die denen des Wachenden überlegen sind. I» der Tat sind diese Fähigkeiten so merkwürdiger Art, daß schon mancher Arzt in seinem Entusiasmus zu dem Ausspruch verleitet wurde, der Somnambulismus sei ein höherer Zustand als der des Wachende», während andere darin einen Rückfall in das instinktive Natur- leben der Tiere sehen wollen. Wie so oft, liegt auch hier die Wahrheit in der Mitte: die Verschiebung der Empfindnngsschwelle in den verschiedenen Schlafznstäiiden ist keine stetig fortschreitende, sonder» oft sehr schwankend; ebenso schwankend müssen demgemäß auch die psy- chischen Fähigkeiten sein, die von jener Verschiebung erweckt *) Dr. Karl Wolfart, MesmerismuS. S. 211. Berlin 1814. werben. Teiiigeiiiiiß sind die Ausspruche sogar desselben Som- »ambulen und in derselben Krise von sehr ungleichem Werte. Aber noch ein weiterer Grund muß uns abhalten, diesen Zu- stand zu überschäzen: der Somnambulismus ist den Einflüsse» der Natur und der Menschen gegenüber ein passiver Zustand, der Mensch ist darin psychisch dezentralisirt, meistens in ganz- Itcher Abhängigkeit vom Maguetiseur, gegen welchen nur selten ein selbstbewußter Wille sich geltend macht. Jnsoferne ist der Somnambulismus dem Wachen nicht gleichwertig. Dagegen ist ganz unbestreitbar, daß im Somnambulismus, wenn gleich nur flüchtig, oft Fähigkeiten austreten, weit überlegen denen des Menschen, dessen äußere Sinne der Welt offen stehen und dessen Empfindungsschwelle normal liegt. Es laßt sich also die Frage stellen, ob es vielleicht aus anderen Planeten Wesen von günstigerer Empfindungsschwelle gibt, bei welchen die in dem abnormen Zustande des Somnam- bnlismus nur schwankend und keimartig sich zeigenden Fähig- leiten in völliger Entwicklung und als normaler Besiz zu finde» wären? Wer der Entwicklungslehre huldigt, wird die Existenz solcher Wesen, die offenbar höher ständen als der Mensch, nicht bezweifeln; er kann wenigstens nicht leugnen, daß solche Wesen um so mehr im Schöße der Zukunft liegen, als ja der Mensch, auf der derzeitigen Spize irdischer Organisation stehend, sie in rudimentärer Weise prophetisch anzeigt. Wenn aber der Somnambule solche höhere Wesen keimattig anzeigt, aber doch nicht selber zu ihnen gehört, so darf mau den Somnambulismus jedenfalls nicht über das Wachen stellen; wohl aber ist er, vom philosophischen Standpunkt betrachtet, wichtiger als das Wachen. Denn jeder geistige Fortschritt ist entweder ein blos historischer innerhalb der sich gleich bleibenden Empfindungsschwelle, oder ein biologischer, durch günstigere Verlegung der Empfindungsschwelle bedingt. Jeder historische Fortschritt hat seine Grenze; in der Empfindungsschwelle ist ihm eine unüberschreitbare Schranke gezogen, jenseits welcher die Lösung gerade der tiefsten Probleme der Menschheit liegt. Darum ist der Somnambulismus philosophisch wichtiger als das Wachen; er greift über den historisch entwicklungsfähigen Men- scheu hinaus zu dessen biologischem Nachfolger, und wenn er auch diesen nur keimartig andeutet, so zeigt doch das Studium des Somnambulismus ganz deutlich, daß sich für die Entwicklungslehre gar nicht auszudenkende Folgerungen aus der Per- legbarkeit der Empfindungsschwelle ergeben. Zugleich zeigte sich aber sehr klar, daß es eine bloße Anmaßung von Seite der Materialisten ist, wenn sie die Entwicklungslehre für sich als ihre Hauptstüze reklamiren. Eine Lehre, welche behauptet, daß nur das Sinnliche wirklich sei, und welche die unterhalb unserer Empfindungsschwelle liegende Welt negirt, steht mit der Eutwicklungsteorie in prinzipiellem Widerspruch. Der Somnambulismus, eben weil auf Verlegung der Em- pfinduugsschwelle beruhend, liefert der Psychologie eine ganze Zufuhr neuer und zwar sehr schwieriger Probleme. Es liegt nun aber in der Natur des Menschen, neue Probleme lieber irrtümlich zu lösen, als ihre Unlösbarkeit einzugestehen; er ver- fährt dabei immer in jeiier Weise, die schon Bacon von Verulam mit den Worten getadelt hat:„Das in sich Neue pflegt trozdcm in der Weise des Alten aufgefaßt zu werden"*).(Laeon, Neues Organon. I.§ 34.) Der Somnambulismus ist eine in sich ganz neue und ganz eigenartige Erscheinung, und er kann schon darum nicht in der Weise des Alten, nämlich nach Analogie der psych i- jchen Zustände des Wachens, beurteilt werden, weil es sich bei ihm um die Psyche unterhalb, im Wachen aber um die Psyche oberhalb der Empfindungsschwelle handelt. Daraus allein schon ergibt sich, daß es eine Verkehrtheit ist, die von Eigenartigkeit strozenden somnambule» Zustände nach den psychologischen Ge- sezen des wachen Lebens zu erklären. Den Physiologen, die das noch immer tun, möchte ich empfehlen, die hübsche Geschichte zu beherzigen, die Livingstone von einem Neger erzählt. Er hatte demselben einen Lössel zum Geschenke gemacht und lehrte ihm den Gebrauch, indem er damit aus einer Milchschale schöpfte. Der Neger aber, das in sich Nene in der Weise des Alten auslegend, nahm zwar ebenfalls mit dem Lössel Milch aus der Schale, dann aber goß er den Inhalt desselben in die hohle Hand und trank aus dieser. An dieser Geschichte hat sich vielleicht schon mancher physiologische Gegner des Somnambulis- mus ergözt, ohne das ,,de te tabula narratur"*) einzusehen. Diese eigenartige Erklärung verlangt sogar schon der ge- wohnliche Traum. Wenn wir unsere Träume analysiren, so scheint es auf den ersten Blick allerdings, als wäre in den- selben lediglich der Stoff des wache» Lebens in aufgelockertem regellosen Zustande durcheinander geworfen und das im Wachen von dem vernünftigen Ich zusammengehaltene Vorstellungsleben im Traume nur dezentralisirt. Bei näherem Zusehen erkennt 1 man aber leicht, daß der Tranin auch seine positiven Seiten hat; denn weil er mit einer Verschiebung der Empfindungsschwelle verbunden ist, erfährt der Schlafende zunächst aus der eigenen inneren Körpersphäre Einwirkungen, die vorher unter, der Schwelle blieben; sein Bewußtsein erhält also einen neuen; Inhalt. Auf diese Einwirkungen reagirt die Psyche mit Fähig- leiten, die im Wachen latent waren; also auch das Selbst-| bewußtsein erfährt einen neuen Inhalt. Mit der Verschiebung der Empfindungsschwelle eröffnet sich j also eine transzendentale, dem Tagesbewußtsein verschlossene Welt und ein transzendentales Ich. Immer wieder zeigt es sich also, daß das normale Bewußtsein die Welt so wenig er- I schöpft, als das normale Selbstbewußtsein das Ich. Wir dürfen daher von einem doppelte» Bewußtsein, also von einem doppelte» � Ich in uns reden, dem diesseits und dem jenseits der normale»; Schwelle liegenden, und dürfen das um so mehr, als die beide» � Ich nur oltemirenb austreten, ohne ihren Bewußtsei»sinha» i; auszutauschen. Der erwachende Somnambule knüpft, erinnerung� j los für den Inhalt seiner Träume, an den Zeitpunkt vor bei» Einschlafen an. Zudem sind auch die den Wahrnehmnuge» � beiden Ich konespondireuden Fähigkeiten so sehr verschiebe" nach Form wie Inhalt, daß wir troz der Verschiebbarkeit der, Empfindungsschwelle von einer doppelten Persönlichkeit in reden müssen; aber dieser Dualismus der Personen ist freilw[ wegen der Flüssigkeit der Schwelle wiederum monistisch aufj"' lösen in die Einheitlichkeit eines gemeinschaftlichen Substkt'> Weil nun aber nach dem Bilde zweier Wagschalen das in»r� j halb des Schlafes' erwachende transzendentale Ich um so h� erwacht, je größer die Bewußtlosigkeit des Tagesinensche»''' so müssen notwendig die Zustände des tiefsten Schlafes gü»! � sein, um durch Traumanalyse zu einer deutlichen Definition 111 j Karakteristik des transzendentalen Subjekts zu gelangen. Ii Damit sind wir abermals behufs der Lösung des Me»I"� rätsels au den Somnambulismus verwiesen. Ter Somnambulismus ist gesteigerter Schlaf. U'N't Erscheinung richtig zu verstehen, muffen wir zunächst ihre M siolvgische Bedeutung für die Oekonomie des Organismus a erkennen trachten. Dazu muß aber erklärlicher Weise der II»)'|! eintretende natürliche Somnambulismus inbetracht gezogen we* l und gefragt werden, wozu die Natur eine so bedeutende tiefung des Schlafes herbeiführt.,! Die Intensität eines jedem Schlafes entspricht dem y � uissc des Organismus und wird durch noch nicht erkannte physiologische Ursachen herbeigeführt, unbeschadet w wir den teleologischen Karakter des Schlafes nicht �:| dürfen, der sich auch in der Wirkung zeigt. Jemehr v» � hirnleben unterdrückt ist und je länger es im Zustande v Ruhe ist, bestotnehr und länger ist die Reproduktion.' u' Organismus tätig. Der Schlaft stärkt die im Wache»'. nüztcn Kräfte, daher fühlen wir uns erfrischt, weit» geschlafen, und die Intensität der Wirkung entspricht entweder der Dauer oder der Tiefe des Schlafes. jst, In Krankheiten, wenn der Organismus sehr gesch»'" tritt häufig ein Schlaf von außergewöhnlicher Länge a s f]. ein, in der sich die Krankheit zum Besseren wendet. Arzt kennt die Heilkraft dieses kritischen Schlafes. *) Wörtl.: Von dir wird die Fabel erzählt. Langandauernder Schlnf ist hiiufig, und nicht erst in neuerer Zeit, als zur Genesung führend beobachtet worden. Ans den Philosophical Transactions berichtet Schubert von einem Kranken, der 16 Wochen lang schlief, und als er endlich erweckt wurde, waren Krankheit und Schlafsucht zugleich vergangen. Die Acta eruditorura vom Jahre 1707 wissen von einem Schlafe, der anfänglich 14 Tage,- dann aber 6 Monate dauerte; Fichct berichtet von einem Langschläfer, der einen vierjährigen, nur von kurzen Zwischenräumen des Wachens unterbrochenen Schlaf hatte*). Micrulins berichtet von einem Priester in *) Schubert, Geschichte der Seele. I. S. 245. Stettin, der, schon bejahrt, in der Christnacht drei Messen zu lesen hatte, nach der ersten aber das Bedürfnis fühlte, ein wenig ausznrnhe», und in seiner Zelle in einen drcizehntägigen Schlaf verfiel"). Der Arzt Mayo weiß sogar von einem zwölfjährigen Mädchen, das in Schlaf verfiel und darin 13 Jahre verharrte, so daß sie innerhalb derselbe» aus einem Kinde zum reifen Weibe wurde**). Aehnliche Fälle, die häufig den Vcr- dacht der Simulation erregen, sind auch'in unseren Tagen dann und wann berichtet ivorden.. *) Micrulius, Altes Pommerland. 11. S. 369. ♦») Mayo, Wahrheiten im Bolksaberglauben. S. 107. Der Frühling. Von Rudolf Usvant. Gehst du im frühen lenze durch den Wald, De» leben» froh im erst so stillen ktriche, So hafkrn sinnend deine Blicke bald Am frischen Wuchs der nächsten jungen Eiche; Venn neben zarken Taubes grünem Braun, Das aus den Knospen bricht in krauser Tülle, Ist sahles laub an jedem Zweig zu schaun— Vom lezlen Jahr die abgestorbne tzülle. Es hastet fest und zäh an seinem Ort, Es sträubt verdrossen sich und will nicht weichen; Lnr ab und zu führt lose Blätter fort Der laue lriihlingswind als Siegeszeichen, Und eh' am Boden und aus Weihers Grund Das lrzte Blatt vermodert und verrottet, Hat raschelnd es das Blühen in der Rund, Hat es den Frühling hundertmal verspottet. Und soll das fahle, winterliche laub Licht bis zum Sommer seinen jSlaz bewahren, So muß mit sieghaft-sröhlichem Geschnaub Der Frühlingssturm durch alle Wipfel fahren. Da tut es nicht das kosend-Iinde Wehn, Vor dem die Knospen aller Blumen springen; Vor sanslrm Hauch wird welkes laub brstehn— Der Sturm allein kann grüne Eichen bringen! Und niederraufchrn mutz in warmer Lacht Der Regen auch in dichten schweren Güssen; Dann wird das laub, das zagend sich und facht Herausgewagt, gewaltig wachsen müssen. Dann hat für Welkes keinen Pla; der Baum, Er kann's nicht länger neben Grünem kragen— Zu blotzrm Spuk, zu blotzrm bangen Traum Wird jenes für den Wald nach wenig Tagen. Und ist es anders wohl in der Vatur, Als in der Völker, in der Menschheit leben? Des Leuen spottet oft des Allen Spur, Das trozig sucht am alten Vrl zu kleben, Und in den Frühling einer neuen Zeit Siehst du, gespenstisch fast, das Alte ragen Und höhnend macht ein Urberrest sich breit Aus längst vergangnen übrrwundnrn Tagen. Da gilt es auch, mit froher Slurmesmacht Hinwegzufegen, was da hemmt das Sprietzen, Mit milder Flut in lauer Frühlingsnachl, Das junge laub, das zage, zu brgietzrn; Und kam nach langer, winterlicher Lot Herauf des Jahres heitzrrsrhnlr Wende, So sei auch aufgeräumt mit dem, was tot, Und nicht verzögert sei des Alten Ende! Die Zeit verlangt ein männlich-kühnes Wort— Ihr frommen nicht die Halben und die laue», Dir rechts und links bedenklich immerfort, Die vor- und rückwärts ängstlich-zaudrrnd schauen. In unsrr Zelle laden die wir ein, Die'« mit dem Leuen treu und ehrlich halten; Wir werden Sturm und warmer Regen sein— Dem Leuen Freund, doch Feind dem Toten, Alten! Unsere Illustrationen. 9> Schlich yhillon am Kenferstt.(Siehe Illustration Seite 4«?.) östlichen User des GenfersccS, wo die Rhone in den see tritt, auf Selseninsel, die mit dem Lande durch eine Brücke verbunden ist, Mt sich das berühmte Schloh Chillon, das heute noch ,ehr viel be- "cht wird. Weithin leuchten die weihen Mauern dieser gewaltigen und l en Zwiugburg, deren tiefe und finstere Kerker im Mittelalter uberall Mrchiet waren. Hier wurde um 1530 Franz Bonivard vom Herzog dpi";. 1'0n Savoyen gefangen gesezt. Bonivard, aus einer alten und Zuierten genfer Adetsfamilie, hatte sich dem geistlichen Stande ge- ff'dmet und war Prior von dem Kloster St Viktor bei Gen? geworden. he* aa.$k P4 um seine Vaterstadt verdient und tat sich in bex Pslege er sienschasten hervor; indessen darf nicht unenvähnt bleiben, dal! ftii,'e blutige Gewaltherrschaft des Reformators Calvin cifriglt unter. Ttadr n?" bell Kämpfe, I zwischen dem Herzog von Savoyen und der " Gens stand Bonivard aus Seite der lezteren; dadurch machte er sich dem Herzog von Savoyen verhaßt. Im Jahre 1530 ward er von Räubern im Jura gefangen und an den Herzog J5011 Savoyen ausgeliefert, der ihn ohne Urteil und Recht in dem Schlosse Chillon ein- kerkern lieh. Hier, im tiefsten Verlieh, schmachtete Bonivard bis 1536. Am 29. März dieses Jahres eroberten die Berner die Zwingburg und befreiten de» Gefangenen. Bonivard(geb. 1496) verheiratete sich nach seiner Besreiung und lebte zu Gens bis 1570, in welchem Jahre er starb. Vielleicht noch mehr als die Gefangenschast Bvnivards hat Byrons glänzendes Gedicht:„Der Gefangene von Chillon"(geschrieben im Sommer 1816) dazu beigetragen, die alte Beste berühmt zu mache». In diesen glühenden Versen läßt Byron Bonivard die Qualen der Kerkerhaft dulden, doch hat er sich an die historischen Tatsachen nicht gehalten, da daS Gedicht, wie er mitteilt, aus dem Eindrucke der Ocrt- lichkeit entstand, ehe sich Byron über die Geschichte Bonivards unterrichtet hatte. Kaum ist jemals von einem Dichter die Marter eines unterirdischen KerkerS mit solch gewaltiger Glut geschildert worden. Byron läßt Bonivard mit seinen zwei(nicht historischen) Brüdern 484 zuiamiiiciigeipent sein, die er beioe der schrecklichen Kerkeratinosphäre erliegen sieht. Wir zilircn nus dem Gedichte einige Stellen. Im Ein- gang heißt es: In Chillons Kerker tief und grau Steh'n sieben Pseiler von gotischein Bau, Steh'» sieben Säulen, dämmrig fahl Von dem verirrten Sonnenstrahl, Ter durch den Mauerspalt einmal Hinabsiel in des Kerkers Bann Und nun nicht mehr entschlüpfen kann; Hin kriecht er über feuchten Stein Wie eines Sumpfes Jrrlichtschein. An jedem Pseiler ist ein Ring, An jedem Ring ist eine Kette; Ties Eisen ist ei» nagend Ding, Noch zeigt mein Fleisch des Zahnes Stätte, Und diese Spur verliert sich nicht, So lang' ich schau' das neue Licht, Das nun die Augen schmerzt— sie waren Ter Sonn' entwöhnt seit so viel Jahren, Daß ich sie nicht mehr zählen mag: Ich gab es auf, sie einzukerben, Als ich da unten lebend lag Und sah den lezten Bruder sterben. Die erwähnten sieben Pfeiler mit den Kettenringen und die Fuß- spuren des gefangenen Bonivard in den» Steinboden sind heute noch zu sehen in den finsteren Gewölben des alten SchlosieS. Den schaurigen Kerker beschreibt Byron weiter: Der See an Chillons Mauern liegt Und tausend Fuß noch unterm Wall Fließt seiner Wasser mächt'ger Schwall: So weit hinab ließ man das Blei Von Chillons schneeiger Bastei, Die rings umher die Wog' umschmiegt— Ziviefacher Kerker! Wand und Welle Macht zum lebend'gen Grab die Zelle Und unterm Wasserspiegel lag Die dunkle Wölbung, wo wir hausten; Wir hörten droben Tag und Nacht Einförmig seinen Wellenschlag. Und oft Hab' ich den Schaum gefühlt, Der Winters durch das Gitter spült, Wann über unserem Haupt der Föhn Hinjauchzt in freien Himmelshöh'n: Dann bebte selbst des Felsens Schoß, Ich bebte nicht bei Sturm und Stoß: Denn lächelnd hält' ich um die Zeit Den Tod begrüßt, der mich besreit. So könnten wir noch viele schöne Stellen zitiren. Die Tyrannei, welche ihre Widersacher in feuchte Kerker unter dem Wasserspiegel bannte, ist durch den Dichter für die Jahrhunderte gebrandmarkt worden. W. B. Aus dem Bereiche der Antropologie und Gesundheitspflege. Zur Frage nach der Entstehung der Arten der Lebewesen, welche Darwin mit seiner den eigentlichen Darwinismus bildenden Sc- lektionsteorie(der Zuchtwahlhypotese) beantwortet zu haben glaubte, macht Prof. Dr. Mori; Wagner in München im Tezembcrheste des Kosmos 1883, der„Zeitschrift für Entwicklungslehre und einheitliche Weltanschauung", an welcher alle hervorragenden Darwinianer Deutsch- lands, Englands zc. mitarbeiten, interessante Mitteilungen. Er schreibt in einer Abhandlung, betitelt:„Leopold von Buch und Charles Darwin", wie folgt: „Leopold v.Buch hat die äußere Ursache der Artbildung richtiger erkannt, als Darwin.--- Leider war seine geniale Hypoiese weder in ihrer formellen Fassung genügend, noch auch durch die Mit- teilung bezüglicher Tatsachen hinreichend unierstüzt.--- „Die betreffenden Stellen in Leopold v. Buchs Werke lauten wie folgt: ,Die Individuen der Gattungen fArtenj aus Kontinenten breiten sich aus, entfernen sich weit, bilden durch Verschiedenheit der Stand- orte. Nahrnngs- und Bodenverhältnisse Varietäten, welche in ihrer Entfernung nie von andern Varietäten gekreuzt und dadurch auch nie zum Haupltypus zurückgebracht, endlich konstant und zur eigenen Art werden. Tann erreichen sie vielleicht auf andcm Wegen auf das neue die ebenfalls veränderte vorige Varietät, beide nun als sehr verschiedene und sich nicht wieder mit einander vermischende Arten. Nicht so aus Inseln. Gewöhnlich in enge Täler oder in den Bezirk schmaler Zonen gebannt, können sich die Individuen erreichen und jede gesuchte Fixirung eigner Varietäten wieder zerstören.... „Deswegen ist es so wichtig, den Standort genau anzugeben und zu bez-ichnen, auf welchem die Pflanzen auf den Inseln sich befinden. Er hat fast jederzeit etioas Eigentümliches. Ist er durch natürliche Hindernisse, durch Bergrizen, welche mehr schaden als bedeutende Eut- fernungen über dem Meer, von andern Orten sehr getrennt, so kann man dort ganz neue, in andern Teilen der Insel nicht vorkommende Arten erwarten. Vielleicht hat ein glücklicher Zufall durch eine beson- dere Verbindung von Umständen den Samen über die Berge gebracht. sich selbst au der abgeschloffenen Stelle überlasse», wird dann auch hier im Lause der Zeiten die aus den neuen Bedingungen des Wachstums entstandene Varietät zur eigenen Art, welche sich immer mehr von ihrer ersten ursprünglichen Form entfernt, je länger sie ungestört in dieser eingeschlossenen Gegend erhalten wird.' „Migration(Wanderung), Expansion(Ausbreitung) und Isolation (Vereinzelung)"— fährt im Anschluß hieran Prof. Wagner fort, der bekanntlich selbst der Vater der Migrationstcorie ist, welche die Artenentstehung im Gegensaze zu Darivin nicht durch„natürliche Zuchtwahl", sondern durch Migration erklärt.—„sind die äußeren Faktoren, welche aus Grund der Variabilität und der Bererbungs- fähigkeit persönlicher Merkmale vollständig genügen, um durch Fort- bildung und Steigerung geringer individueller Eigenheiten der ersten Kolonisten bei strenger Inzucht und durch die veränderten Lebens- bedingungen, welche mit jeder isolirten Kolonicnbildung verbunden sind, neue Arten und Varietäten vuszuprägen und bei genügender Dauer der Jsolirung als stabile Fonnengruppen zu fixiren. Dieser Prozeß vollzieht sich in der Regel in ganz friedlicher Weise ohne jeden wesent- liehen Einfluß eines Konkurrenzkampfes mit Artgenossen und anderen Organismen, welcher in jeder neuen Kolonie meist geringer ist, als im Wohngebiet des Stammes." Beiträge zur Länder- und Völkerkunde. Ter Stand des öffentlichen Unterrichtes in Brasilien. Ucber den Stand des Unterrichtes in Brasilien schreibt die„Deutsche Post" aus S. Leopoldo: Für die Schulen wird von der Regierung Geld genug verausgabt, und wenn in den Regierungsschulen doch nicht genug ge' leistet wird, liegt es wirklich nicht daran, daß die Regierung Geld spart- Man sehe sich nur die folgende Tabelle an. Jährliche Jährl. Ausg. für .Einnahme öffentl. Unterricht Milrcis k 2,20 Marl. Amazonas Parä Maranhao Piauhy Ceara Rio Grande do Norte Parahyba Pernambnko Alagoas Sergipe Bahia Espirito Santo Rio de Janeiro S. Panlo Minas Geraes Parana Santa Katharina Rio Grande do Sul Goyaz Matto Groffo 1 664 000 2 742 000 733 596 349 421 808 700 308 327 460 141 2 736 457 692 355 716 653 3 484 687 358 980 6 258 684 3 743 460 3 084 440 787 000 342 354 2 917 280 222 234 241 286 32 662 058 112 991 372 603 108 912 38 175 198 560 81 689 84 663 723 790 145 352 120 718 556 503 92 518 915 484 532 816 760 340 115 740 91 107 546 713 36 000 52 260� 5 686943' Anzahl der Schulen: Minas Geraes 1 085 Paranü S. Paulo 774 Santa Katharina Pernambuko 771 Maranhao Rio de Janeiro 602 Espirito Santo Bahia 598 Parahyba Rio Grande do Sul 408 Amazonas Pata 289 Rio Grande do Norte Ceara 224 Goyaz Sergipe 206 Piauhy Alagoas 188 Matto Groffo Zusammen 6180 Schulen..... qahl Im Jahre 1874 gab es nur 4012 Schulen; somit hat)Itfltt derselben sich in de» lezten 9 Jahren um 2163 vermehrt. Rech» � nach dem lezten Zensus die Zahl der freie» Bewohner Bral>> 8 193 639 Seelen, so kommt eine Schule auf 1239 Bewohnst- 185 151 150 104 91 86 66 61 57 Für unsere Hausfrauen. Ueber die Konfcrvirung des Fleisches. D. Konservirung des Fleisches durch fäulniswidrige-toste. 1) Chlornatrium(Kochsalz, Küchcnsalz,.„„tlirä TaS Chlornatrium. schlechthin das Salz genannt, bildet � die Grundlage dcS altehrwü.digen P ö k e l v e r f a h r e n~ S da» konnte bis jezt nur das Rind- und Schweinefleisch, keine» Kalb- und Hammelfleisch untenvorfen werden. Nach P a y e n s Er- fahrung läsjl sich oas Pferdefleisch mit Erfolg salzen. Das gewöhnliche Pökelversahren besieht in Einreiben der Fleisch« stücke mit-alz und Aufbewahrung derselben in der Lake. Dabei findet eine Diffusion statt; das Salz zieht die flüsstgen und lösliche» Stoffe des Fleisches bedeutend auZ und daS Fleischstiick nimmt dafür Chlornatrium auf. Das Fleisch wird also salzrcicher. In die Lake gehen aber die Fleischsalze lChlorkalium, phosphorsauies Kalium), die Kreide iKreali» u s. w.) und selbst Proteinstofse(lösliches Eiweisz.Myosin u.s.w). Das Fleisch wird also ärmer gerade an den Stoffen, auf welche der gröstte Wert gelegt wurde. Girardin fand in der Salzlake vom ameri- mnischem Pökelfleisch 62,23% Wasser, 29,01 Ehlornatrium, 3,65 andere Salze, Ö,4S Phosphorsäure, 1,23 Albumin und 3,4 andere organische Stoffe; der Stickstoffgehalt der Lake betrug 0,267 o g. Nach de» Untersuchungen von I. v. Liebig verliert das eingesalzene Fleisch, wenn es mit dem ausgestreuten Salze eine Lake bildet, 1 j— Ve der s. g. Flüssigkeit. Die Salzlake reagirt sauer, liefert mit Ammoniak versezt, einen reichliche» Niederschlag von phospborsaurem Bittererdeammoniak; sie ist also reich an Phosphorsäure und Biltererde, weiter an Milchsäure und Kali. Krcatin konnte wegen der grosten Salzincnge in der Lake nicht »achgcioiescn werden, wohl aber Kreatinin; man erhielt dies»ach dem AuSkrystallisiren des Kochsalzes durch Zusügung von Chlorzink zu der Mutterlauge als Kreatinindoppelsalz. Albumin lässt sich in der Lake ebenfalls nachweise». Erhizt man sie zum Sieden, so scheidet sich eine grosie Menge Albumin als weistes Gerinnsel ab. Die Auslaugung des Fleisches durch eingeriebenes oder auf- gestreutes Chlornatrium erweist sich beim Schtveinefleisch minder be< deutend als bei dem Rindfleisch. Gesalzenes Schweinefleisch gilt dem Seemann für eine erträgliche Kost, gesalzenes Rindfleisch wird aber selbst von diesen wenig verwöhnten Leuten mit Widerwillen verzehrt. Seit dem Jahre 1847, in welchem I. v. Li, big die unliebsamen Essekle des Pökelversahrens unwiderleglich dartat, hat man dasselbe zu verbessern gesucht. Es kommt darauf au, die Dauerhaftigkeit des Fleisches durch Salzeinslusi zu bewirken, dagegen den Austritt von wesentlichen Stoffen aus dem Fleische möglichst zu verhüten. I. v. Liebig cmpsiehlt die Anwendung einer Flüssigkeit, welche die Stoffe, die beim gewöhnliche» Pökelversahrcn in die Lake übergehen, bereiis enthält. Diese Flüssigkeit enthält auf 50 Kilo Wasser 18 Kilo Koch- salz und 250 Gramm phoSphorsaures Natrium; zu je 5,5 Kilo dieses Salz- Essers werden noch 3 Kilo Flcischextrakt, 750 Chlorkalium und 800 «ramm Natronsalpeter zugesezt; durch Anwendung dieser Pökelflüssig- 'eil soll die Auslaugung dcS Fleisches vermieden werden. Whiteland will durch ein anderes Verfahren die bekannten Fehler d» gewöhnliche» Pökclung zur Ausgleichung bringen. Er nimmt daS Salzfleisch mit der Lake auf einen zweckmäßig eingerichteten Dialysator; Vach den Gesezen der Diffusion treten die Salze der Lake und deS Fleisches in das Wasser; die Eiweißkörper werden aber zurückgehalten. Aach 3-4 Tagen wird das Verfahren der Dialyse unterbrochen; das Fleisch jst stzt ziemlich salzfrei und rivalisirt mit dem frischen Fleisch 'n Bezug auf Geschmack. Aus der Lake wird durch Eindampfen ein brauchbares Flcischextrakt dargestellt. . Durch das gewöhnliche Pökelversahren werden die Fleiichstucke leiten durch die ganze Masse hindurch gleichmäßig verändert. Aus --Urchschuilien größerer Stücke bemerkt man Unterschiede von Peripherie vvd Zentrum bezüglich der Farbe und anderer Verhältnisse. Martin bc Lignac hält dieses für einen großen Fehler, den er glaubte vcr- Wem zu müssen. Er preßt eine gesättigte Chlornatriumlösung in das senlrum des in die Salzlake gelagerten Fleischstücks. Die Losung lall "ch�von da»ach der Peripherie hin verbreiten. Ein Trokar mit eincr passende» Kanüle kommt dabei zur Anwendung. Für höchst ingeniös hat man das Morgansche Verfahren erklart. sfnbei wird eine Flüssigkeit, bestehend aus 5 Kilo Salzlake, 125 bis .00 Gramm Salpeter, X Kilo Zucker, 15 Gramm Phosphorsäure und twas Gewürz, unmittelbar nach dem Tode des Tieres mittelst ciner iweckmäßjgkn Vorrichtung in den linken Ventrikel des Herzens in)izirt uv°. nachdem das Blut aus dem geöffneten rechten Vorhos ausgc, logen >, bis in die feinsten Gesäßvcrzweigungen gepreßt. Nach Beendigung v'eser Operation. die 10—20 Minuten dauert, wird das Fleuch ge- und in Holzkohle verpackt. Der Vorzug dieser sehr genihmte» Ä* besteht darin, daß das Fleisch sastig bleibt und seine ernähren- * Bestandteile behält. bnv-s'? bringt das zu konservirende Fleisch in ein luftdicht verschließ- dn,. m'' 2 Tubulaturen versehenes Gesäß, evakmrt dasselbe und latit eim-, /'"e mit 2-5% salpetersaurem Kalium verseztc Kochsalzlösung (in! Nach einem Kontakt von wenigen Minuten werde» die-ub- linier vus der Flüssigkeit genommen und an der Luft getrocknet, wo- "|,e vollkommen haltbar sein sollen. w.,�"i>veifelhast gehört das Pökelversahren zu den Ko»serv.r.»,gs. hcibp.' b'« billig und leicht auszuführen sind und einen sicheren Er so lg daß �'e'e glänzenden Eigenschaften lassen denn auch davon absehen, Sleiirf, 9ml, zm« Fleisch nicht alle die Stoffe besizt. welche im frischen RutiiT vorkommen. Aber man kann ja die mangelnden Stoffe durch Siob,.«"?!.9"oberer Nahrungsmittel zu dem Salzfleische ersezen. i-enn saurm&n,aorom' dies durch das Verspeisen geringer Doien von phospho� gemein,®- m erreiche» will, so muß man fragen, ob das wohl ernstlich dem£ ,'n. Durch Zusügung von Vegetabilicn sz.-8-* �"'ifleisch ist dem Aussall der Kaliuinverbinduiigen leicht abzn helfe». Gut gesalzenes und in der Küche gut zubereitetes Schweine- fleisch(Sulpcrfleisch) wird von vielen unter die Delikatessen gerechnet. Verzehrt man dazu eine Fleischextraktsuppe nach dem Liebig'schen Re- zepte, so erhält man die im Sulpersleische fehlenden Kalisalze vollständig ersezt. Eine Tasse Kaffee nach dem Essen oder ein Teller Fleischbrühsuppe vor dem Auftragen des Sulperfleisches dürsten ebenso dazu genügen, den Körper mit der genügenden Menge Kalisalze zu versorgen. Anleitung zum Stopfen von Mousseline, Battist und Leinwand. Diese Arbeit erfordert gute Augen, sehr viel Geduld und Beharrlichkeit, und da sie sehr teuer bezahlt wird, so will ich hier die Beschreibung davon mitteilen. Mflst zieht zuerst mit einer feinen Nadel alle zerrissenen Fäden nach der Länge und nach der Breite heraus, soweit als die Fäden schadhaft oder dünn sind. Die ausgezogenen Fäden bilden eine Art Charpie, die sehr hinderlich ist, und deshalb abgeschnitten werden muß. Hierauf nimmt man ein Stück grünes Papier oder Wachstaffet. Aus dieses Papier schlägt man den zerisscncn Teil zu Faden, und zwar die rechte Seite der Arbeit auf das Papier gekehrt, weil die Flickerei aus der linken Seite ausgeführt wird. Nachdem man in eine sehr seine, langöhrige Nadel einen zu dem Stoffe passenden Faden eingefädelt (entweder Faden aus einem Stückchen Battist oder Mousseline), zieht man Fäden in der Breite, und zwar je einen an der Stelle des aus- : gerissenen. Man befestigt die Fäden aber nicht mit einem Knoten am Ansang und ani Ende, sondern man vei fährt auf folgende Art: anstatt gleich da anzusaugen, Ivo die Fäden abgeschnitten sind, beginnt man viel weiter oben, indeni man abwechslungsweise einige Fäden auf die Nadel nimmt und eben so viele liegen läßt, gerade als wolle man ausfaffen, und so fährt man fort, bis man an das Loch kommt. Aus dieselbe Weise hört man auch auf, und je kleiner man die Stiche macht, desto weniger verzieht man das Zeug. Sind auf diese Weise alle Fäden in der Breite gezogen, so dreht man die Arbeit um, und zieht die Fäden der Länge nach, indem man immer abwechslungsweise einen Faden auf die Nadel nimmt und einen liegen läßt. Es ist sehr wesentlich, daß man nie mehr als einen Faden auf einmal nimmt. Ist die erste Reihe gemacht, so wendet man nicht um, sondern schneidet den Faden ab. Die zweite Reihe beginnt nian wieder von unten, dicht nach der ersten und zwar so, daß man diesmal den Faden, den man bei der vorhergehenden Reihe liegen ließ, aufnimmt und den vorher auf- genommenen dieSmal liegen läßt. Der Faden wird bei jeder Reihe abgeschnitten. Jst die Arbeit beendigt, so schneidet man alle heraus- stehenden Fäden ab, so wie die größeren Stiche, die dazu dienten, die Fäden am Anfang und Ende zu befestige». Jst die Flickerei gelungen, so soll man sie von dem übrigen Stoff nicht unterscheiden können. Bon der Seife. Wie notwendig die Verbreitung chemischer Kennt- nisse ist, lehrt uns daS Kapitel von der Seife. Diese, in jedem Hause so unentbehrlich, wird nicht selten in ciner Qualität geliefert, welche den gerechten Zorn des Fachmannes erwecke» muß. Der Schaden, welcher uns dabei zugefügt wird, ist ein doppelter, einmal werfen wir unser Geld weg und dann ruinire» wir unsere Wäsche jc. Es ist nicht der Zweck dieser Zeilen, alle die tausend Kunststücke aufzuzähle», welche bei Herstellung von Seife gemacht werden und gemacht worden sind. Nur den nllergröbstcn Schwindel, welcher auch der vcrbreitctste ist, wollen wir kennzeichnen. Es ist uns eine Art von Lebensaufgabe geworden, jedes Seifen- ladenfenster zu studiren. Nämlich schon daS einfache Auge genügt häusig, hier den Fehler zu entdecken. Wer hätte es nicht schon erstaunt beachtet, wie die ausgestellten Seisenriegel beschlagen sind mit einer weißen, salzigen Kruste, und wie dieselben sich bei längerem Liegen vollständig krumm ziehe». Diese jeweilige Ausscheidung ist schnöde Soda und daS Schrumpfen der Seife kommt vom Wasserocrlust. Jede Seife enthält Wasser und zwar in Mengen, die von 10 bis 50 Prozent bei den verschiedenen Seifen schwanke». So wenig es nun dem Interesse des Konsumenten cutspricht, Soda und Wasser als Seife zu bezahlen. so häufig läßt sich der Seifensabrikant durch die schlimme Konkurrenz zu schlechter Fabrikation verführen. Die Soda wirkt nämlich, daß die Seife eine größere Menge Wasser festhält. Obiges Anzeichen des Auswitlcrns genügt vollständig für den Laien, und wer künftig Seife kaust, der wolle stets vorher erst das Schaufenster studiren. Sprechsaal für jedermann. Ueber den Paraguaytee. Schon zu verschiedencnmalen hatte icki Gelegenheit, Paraguaytee zu trinken, zulezt noch etwa vor sechs Wochen als ciner meiner Freunde von seinem ehemaligen Schulfreunde eine Sendung Ycrba Mate erhielt, und zwar mit den gravirten Kürbissen woraus er getrunken wird, und den Röhren, woran sich unten ein «'»der eS beschrieben; aber da hätten sie die Gesichter der versammelten neun Periouen sehen jollen. Mich uberläuft noch eine Gänsehaut wenn ich an den Geschmack denke. Aber ich war nicht der Einzige der schleunigst den Mund öffnete nach dem ersten Schluck, alle Üebriqe» machten es ebenw, und unser Urteil lautete, das Unkraut schmeckt wie 486 der ordinär st e chinesische Tee, der sogenannte Maloo oder suudried Tea, von welchem schon einmal getrunken ist, bevor er exportirt wird. Ich brauche wohl nicht zu sagen, dah sämmtliche neun Personen, von denen hier die Rede ist,' etwas von Tee verstehen, nachdem sie Jahre hindurch ausschließlich damit umgehen. Dieser Malootee wird in Deutschland gar nicht in den Handel ge� bracht, weil der Verkäufer gar zu leicht mit dem Strafrichter Bekannt- kanntschaft machen könnte, dahingegen wird er gerade nach den siid- amerikanischen Ländern hier von Hamburg ausgeführt, und zwar sehr bedeutend, die gerade den Paraguaytee mit besonderer Vorliebe trinken. Wie kommt das? Die Leute sind eben nichts Besseres gewöhnt. Es ist richtig, der gute chinesische Tee ist teurer als der Derba Mate, aber der Maloo ist es nicht, auch im Zollgebiet würde der lezs�re nicht teurer sein troz des ungleich höheren Zolles, welcher daher kommt, daß für chinesischen Tee, einerlei ob billig oder teuer, ein eigener Saz existirt, während Paraguaytee als Pflanzcnteile eingeführt wird. Ich arbeite seit 12 Jahren in der Tecbranche und kann wohl sagen recht bedeutend, aber in allen den Jahren hat unser Geschäft noch nicht einmal Mate geführt, weil absolut keine Frage dafür herrscht. Auch wage ich zu behaupten, daß unter 100 Deutschen auch nicht drei sind, die den Paraguaytee zu ihrem steten Getränk envählen würden, wenn sie die Wahl haben zwischen diesem und chinesischem Tee. Zu Ihrer Orientirung erhalten Sie anbei einige Proben, und zwar von Mate, ordinärstem, mittel und feinem chinesischen Tee. Hamburg im Mai. A. H. Tie erfrorenen Indianer. Im Nachfolgenden erlauben wir uns über eine Mitteilung in Nr. 16 der„Neuen Welt", betreffs der erfrorenen Indianer, unsrc Meinung zu äußern. Da wir sozusagen Schivärmer für die Indianer gewesen sind und uns auch jezt noch für die Verhältnisse der Indianer interessiren und jede Einzelnheit verfolgen, so können wir wol sehr gut über die betreffende Mitteilung Aufschluß geben. Uns ist nichts bekannt von einem derartigen Ereignis. Wenn es Tatsa6>e wäre, daß 5600 Indianer erfroren wären, so würde doch in hiesigen Zeitungen, die sonst jede Aussehen machende Angelegenheit haarklein berichten, etwas zu finden gewesen sein. Im übrigen können wir Ihnen mitteile», daß die Craw-Jndianer gar nicht mehr 5000 Krieger besize». Es ist jedenfalls eine erfundene Geschichte der betreffenden amerikanischen Zeitung, um Aussehen zu machen. Die Indianer, die hier in Amerika mit den klimatischen Verhältnissen besser bekannt sind als jeder andere Einwohner, würden sich einer derartigen Gefahr niemals aussezen, zumal da in den Territorien, die ihnen zugewiesen sind, genug Nahrung ge- boten ist, und die Regierung sie soviel wie möglich unterstüzt. Die Indianer sind ein unterdrücktes und bedrängtes Volk, und wir wünschen von ganzem Herzen, daß sie erhalten und zivilisirt werden. Philadelphia, 28. April 1884. Richard Gerth, Maschinenbauer. Oskar Seidel, Weber. Rätsel. Zwei Worte warens, die die Freundin rief, Als ich am Rosenhag Euch jüngst belauschte. Ein Wort von gleichen Lauten jubelt ich, Als ich darauf mit dir sogleich die ersten Küsse tauschte, e. N. Rebu S. 3'(fefcS Ein Nationaldenkmal für die Brüder Jacob Grimm und iVillzehn Grimm in ihrer Vskerstadk Hanau a. B). Am 4. Januar 1885 und am 24. Februar 1886 werden hundert Jahre verflossen sein, seit Jacob und Wilhelm Grimm in Hanau das Licht der Welt erblickten...fir,t Die Bürger Hanau's, stolz darauf, daß zwei der berühmtesten Gelehrten und besten Söhne unserer Nation in den Mauern>0 Stadt geboren sind, haben mit opferbereiter Begeisterung den durch das Herannahen dieser Tage angeregten Gedanken ausgenommen, dem eo Brüderpaare in seiner Vaterstadt ein seiner würdiges Denkmal aus Erz zu errichten. i<.,( Aber nicht nur die Vaterstadt, nicht nur das hessische Heimatland sind zur Ausführung des Werkes berufen: die ganze Nation das Recht, wie die Pflicht, daS Andenken der unvergeßlichen Männer dankend zu ehren._ Die Brüder Grimm haben die deutsche Altertumswissenschast begründet und die Schäze der Vergangenheit für das Leben der wart zurückgewonnen. An„GrimmS Märchen" erbauen sich tausende von deutschen Kinderherzen. In unsere Sprache sind die beiden tiefer eingedrungen als irgend jemand und haben aus ihrem unergründlichen Schachte Schäze zu Tage gefördert, deren Reichtum unser staunend in dem unvergleichlichen Werke erkennt, das ihren Namen trägt und allein genügen würde, ihnen die Unsterblichkeit zu sichern. Ihr gewissenhafter Emst, ihr prnnkloscs Wesen, ihre geistige Tiefe und ihr reiches Gemüt vereinigten die edelsten Züge der deullw Art zu einem ewig denkwürdige» Bilde brüderlicher Eintracht und volkstümlicher Wiffenschaft._ tft, Sie haben das Vaterland mit der reinsten Hingebung geliebt und durch ihr mannhastes Eintreten für ihre Ueberzeugung die ländische Gesinnung in weilen Kreisen geweckt und befestigt. An alle Deutschen im Reiche und außerhalb desselben bis zu den fernsten Gestaden der neuen Welt ergeht daher der Ruf, Hand zu öffnen, da es gilt, die Männer zu ehren, tvelche unserm Volke erst ein klares Bewußtsein vom Werte seiner Muttersprache, unversiegbaren Quelle seiner Bolkskraft und sichersten Grundlage seiner nationalen Zusammengehörigkeit, gegeben habe».... 0 n{t, Geldsendungen bitten wir an einen der Schazmeisler deS Comites, Herrn Ludwig Limbert oder Herrn Ph. Heinrich l)eU briefliche Mitteilungen und Anfragen an Justizrat Osius oder Dr. Georg Wolfs zu richten. Hanau a. M., am 23. April 1884.' LoKat-KoiNits. Lang Frech, v. Broich Nauch Bsius Kehl k>r. � Landz.-Präsident. Landrat. Oberbürgermeister. Justizrat. gadrilant. Symn.-Oo Herr Dr. Heuser in Hanau hat uns im Namen des Korrespondenzausschusses vom Grimm-Comitö ersucht, vorstehenden Auü»! � veröffentlichen, und wir kommen diesem Wunsche mit Vergnügen nach, weil die Errichtung eineS Nationaldenkmals für Männer, wie die»< Grimm, eine Ehrensache für das qesnnlinte Volk ist. Sollten Freunde der„N. 38." uns Beiträge einsenden ivollen, so erklären wu gleichfalls auf Wunsch des Grimm-ComitöS, bereit, über dieselben an dieser Stelle zu quittiren und sie weiterzugeben. Die Red, d. Inhalt: Tie Alten und die Neuen. Roman von M. Kautsky.(Forts.)— Die religions-philosophischen Schriften des Julius Lippert. Von Leopold' Einstein.— Emanuel Geibel.(Mit Porträt.) Von I. Stcm.— Das Veilchen. Von B. Onlet. �«„dglf Könige. Gedicht von Em. Geibel.(Mit Illustration.)— Der Somnambulismus. Von Karl du Prel.— Der Frühling. Gedicht v. � � Lavant.— Unsere Illustrationen: Schloß Chillon am Genfersee.— AuS dem Gebiete der Antropologie und Gesundheitspflege: Zur Frag der Entstehung der Arten der Lebewesen.— Beiträge zur Länder- und Völkerkunde: Der Stand des öffentlichen Unterrichts in Brajut•» Für unsere Hausfrauen: Ueber die Konservirung deS Fleisches. II.». Konservirung des FleischeS durch säulniSwidrige Stoffe. 1) Ehlorna Stopfen von Mouffeline, Battist und Leinwand.— Von der Seife.— Sprechsaal für jedermann: Ueber den Paraa � Anleitung zum______________________.. -- Die erfrorenen Indianer.— Rätsel.— Rebus.— Ein Nationaldenkmal für die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm in Hanau a. Aerztlicher Ratgeber.— Redaktionskorrespondenz.— Allgemeinwissenschaftliche Auskunft.— Gemeinnüziges.— Mannichfaltiges._— Mit diesem Heft schließt das III. Quartal des i). Jahrganges der»Neuen Welt". Die geehrten Post-Abvune»� werden ersucht, die Bestellungen auf das IV. Quartal ungesäumt aufzugebe», damit keine Unterbrechung in der Zustellung Blattes eintritt. Tie Erpedition der»Reuen Welt.