mwm Jllnstrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint alle 14 Tage in Heften ä 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Pvstämter zu bezichen. 22. flapitcl. Sim nächsten Morgen, es war das Peter-Pauls-Fest, waren i le Straßen und Promenaden von Solenbad ungemein belebt. Es ivar Markt und alle Kaufläden waren geöffnet und j|""herbem eine Anzahl Buden aufgestellt. Landvolk und Arbeiter �"rc» hierher gekommen und gingen geschäftig auf und nieder 1""kr durchzogen in Gruppen die Straße». | �, Arnold trat ans dem Hotel. Einen Augenblick überflog sein 'i jy'kk das Gewühl, dann wandle er sich davon ab und der ! brücke zu. | ß. E'1'>var in dieser 9, acht um Jahre älter geworden. Sein ii.'jicht war blaß, die tiefliegenden Augen hatten einen strengen "llcni Ausdruck, feine Haltung selbst entbehrte der gewöhnlichen ' und Leichtigkeit, aber sie war strammer und entschlossener. Er ging in Gedanke» versunken die Straße nach Obergau "�""g, als ihm Georg entgegentrat und ihn begrüßte. Arnold reichte dem Salzarbeiter die Hand und drückte sie fest. 1. Sic kehrten dann um und ginge» nach dem Plaze zurück, Worte wechselnd. m Schon gestern war Arnold davon unterrichtet worden, daß korg von der Salinenverwaltung entlassen worden sei, und daß .»"gleich mit seiner Anstellung auch aller Ansprüche verlustig ."'gi die er sich durch jahrelange Einzahlungen in die Bruder- k�cnvorbc» hatte. i so c�'1�'"beB den jungen und intelligenten Arbeiter nicht ! � fchiutt betroffen, und einen Hungerlohn ivic den bisherigen | er auch anderswo zn erringen hoffen, aber ihn bedrückte ; w.1 bedanke an die Mutter, und er klagte nun dem Freunde, >>ns' � �Ee schier außer sich sei, ihm allein alle Schuld bei 0l'c u»d alle Heiligen anrufe, sie die Schande/ die er ihr "Aan, doch nicht überleben zu lassen. ej» riet ihm, Anisee zu verlassen und sie baldigst in " andere Umgebung zu bringe». »iib"�'1 beht nicht," versicherte Georg,„die ist zu starrköpfig, v ich denke mir selbst, ivenn man die versezen tät, ging sie , UlM" Grunde" "-tann gehst du allein." ""ig nickte zustimmend und erwiderte dann mit einem SO. Fortseziing. halben Seufzer:„Mir tut's leid um das alte Weib, sie hat sich für ihre Kinder genug geplagt, und nun soll sie ganz ver- lassen dastehen, denn auch der Valentin geht fort, er geht nach Amerika." Arnold war von dieser Nachricht überrascht. Er wußte, daß Valentin die Auslvandernng längst geplant. aber nun erfuhr er, daß die Ausführung nahe bevorstände, und daß Elsa es sei, die ihm dabei zu Hülfe gekommen, indem sie ihm eine bestimmte Summe vorstreckte, mit der er die Kosten der Reise und die ersten Wochen seines Aufenthaltes in der Fremde bestreiten konnte. Und auch für den Frieder und seine Kinder wolle sie sorgen, bis der Valentin wiederkäme, um die Eva heimzuholen. „Ihr Herz ist voll Liebe und Güte," fügte Georg leiser hinzu, und er mußte unwillkürlich»ach dcnr Freunde blicken, dem das beste Teil ihrer Liebe zugefallen war. Dieser antwortete nicht und kein Lächeln erhellte seine düsteren Züge. Sie hatten den Markt erreicht und schritten an der Häuser- zeile dahin. Vor einem Laden, der fertige Männeranzüge zum Verkauf ausbot und dessen Auslage weit in die Straße hinaus verlegt war, stand ein junges Paar, das die Waare» musterte, sie prüfend befühlte, sie hin und her wendete und, wie es schien, sich doch nicht getraute in den Laden einzutreten. Aber der Kaufmann kam zu ihnen heraus und begann seine Waare laut anzupreisen. Das Mädchen nickte lächelnd und verlegen und zupfte hierauf ihren Gefährten in verstohlener Weise, worauf' sich beide rasch entfernten. Sic steckten die Köpfe zusammen und schienen ihre Beratungen noch fortzufczen, blind für alles übrige. So kam es, daß sie an Georg anprallten, der, obwohl er sie bemerkt, doch nichts getan hatte, um ihnen auszuweichen. „Aha!" rief der mit dem Mädchen Daherkommende. Es war Valentin mit seiner Eva, der, als er den Bruder und Arnold vor sich sah, in ein vergnügliches Lachen ausbrach. Auch Eva lachte und nickte. Die Kleine sah überaus hübsch aus. Wie Sonnenschein lag Die Alten und bit Ueuen. Roman von ZK. Kcmtsi'u). 488 cs auf dcm jungen Gesichte und ihr Anzug war nett und klcid- sam; man konnte erraten, daß mich hier eine wohltätige Hand im Spiele war. „Wir kaufen ein," flüsterte sie ganz rot und crhizt und mit einer gewichtigen Miene, denn so etwas war ihr in ihrem Leben noch nicht passirt. „Für meine Reise," fügte Valentin fröhlich hinzu;„du weißt doch schon, daß ich mich einschiffe." „Wenn wir nur schon das Gewand hätten," bemerkte Eva, wobei sie verstohlen und mit einem halben Seufzer nach dem Laden zurückblickte.„Er braucht jezt ein Hcrrng'wand, natürlich, und dort hängt eins, ein nobles, das ihm wunderschön passen tät, aber der Preis, der ist g'salzen, und sie lassen nicht nach, obwohl ich's dem g'sagt Hab', daß der Valentin damit bis »ach Amerika geht, und daß sie damit eine Ehr' aufheben könnten." „Und Sic schicken ihn also wirklich fort, den Valentin?" fragte Arnold, den ihre hausmütterliche Borsorglichkeit zu einem Lächeln reizte. Sie nickte zutraulich und indem sie den Arm ihres Geliebten an sich drückte: „Aber er muß mir wieder kommen, ganz g'wiß, das Hab' ich ihm gleich g'sagt und er hat mir's auch heilig versprochen, mir und der Elsa." „Ich Hab' mich gleich zwei Dirndln ans einmal verschreiben müssen, zwei allerliebsten zwar, aber"— die Wangen des jungen Arbeiters wurden rot—„ist's nicht eine Schand', daß ein Kerl wie ich von zwei Frauenzimmern sich muß prvtcgiren lassen, uni vorwärts zu kommen?" „Geh, Valentin," verwies die Everl, ,,rcd' nicht so wüst daher, sie ist unsere Freundin, und du wirst ihr mit der Zeit alles iviedcr zurückzahlen." „Ja, das hoff' ich, na, ihr sollt was erleben, ich will mich ordentlich tummeln, ich ivcrd mich nicht schonen bei der Arbeit, denn, jezt Hab' ich eine Aussicht und ein Ziel und übers Jahr sind wir zwei schon verheiratet und die glücklichsten Lcut' auf der Welt. Na Schorschcl," fügte er gutmütig tröstend hinzu, „ich will schon dafür sorgen, daß du mitsammt unserer Alten bald nachkommst, und die Elsa kommt auch und"— er legte die Hand vertraulich auf Arnolds Schulter—„ich wüßte dann noch einen, der am besten tät, wenn er ebenfalls dcm alten Europa den Rücken zeigte, wie?" Arnold reichte ihm die Hand. „Mein lieber Valentin, ich habe in diesem alten Europa noch einiges zu tun und Georg wird wohl auch ausharren müssen." „Schau!" rief Everl in dcm Augenblick, in dem sie Valentin anstieß und dann hastig und wiederholt mit dcm Finger rück- wärts nach dem Laden deutete.„Er hat mir zugewinkt, er ruft uns zurück, er hat halt doch ein Einsehen, aber jezt gehen wir nur gleich, sonst vergeht es ihm wieder." Sie drängte Valentin, der nur noch einige Worte mit Arnold und Georg wechselte, die heute stattfindende Volksversammlung betreffend, dann trennten sie sich und er trat mit seiner Everl in den Laden des Kon- fektionärs.................. Es war fast Mittag geworden, als Arnold nach Obcrgau fuhr und in der Villa Tönhof zu der von Sr. Exzellenz dcm Grafen Falkenau gewünschten Unterredung eintraf. Er ward in den Salon geführt und fand sich hier einer Dame gegenüber, die ihm bisher fremd geblieben war, cs tvar Gräfin Marie von Falkenau. Sie empfing ihn mit gemessener Höflichkeit, die von Ber- lcgcnheit nicht frei war. Sie bat ihn, die Abwesenheit ihres Gatten zu entschuldigen, der in einer unaufschiebbaren Angelegenheit nach Solenbad ge- fahren sei, aber nicht zögern werde zurückzukommen und ihn ersuchen lasse, ihn hier zu erwarten. Sie wies auf ein Etablisiemcnt in der Niihc des Fensters. Sie sezten sich einander gegenüber. Ihr steifes kaltes Wesen und sein düsterer Ernst begünstigten keineswegs die Konvcr- sation, sie stockte in jedem Augenblick. Es entging indes Arnold nicht, daß ihn die Dame, wenn auch verstohlen, mit einer gewissen neugierigen Aufmerksamkeit betrachtete. War denn das, was er litt, ihm ans die Stirne geschrieben? Er glaubte doch völlig Herr seiner selbst zu sein, oder war ihr sonst etwas in seiner Physiognomie aufge- fallen? „Ich bcdaure", sagte sie, nachdem wieder eine Pause ein- getreten war,„daß Sie mit einer Fremde» vorlieb nehmen müssen, die in keine der Beziehungen eingeweiht ist, in welche Sic zu meinem Manne getreten sind. Auch meine Schwägerin und mein Sohn Hugo, die Sie beide kennen, sind vom Hause abwesend." Er antwortete mit einer Phrase. Sie fixirte ihn wieder und sagte dann rasch, gleichsam von Innen gedrängt:„Unsere Familie ist heute Morgens durch eine Nachricht allarmirt worden, die Hugo gestern von der Soiree der Fürstin mitgebracht. Es zirkulirte daselbst das Gerücht, Helene Falkenau habe sich mit Baron Reinthal verlobt". Arnold verneigte sich statt jeder Antwort. Sie wandte ihm die großen grauen Augen zu und sagte mit herber Offenheit: „Wir können es nicht glauben, und wollen cs nicht glaube», und so ist mein Mann als das Oberhaupt der Familie, z» Helene geeilt, um sie über diese Gerüchte zu befragen, und z» hindern, daß sie zur Wahrheit werden". Wieder machte sie eine Pause und sezte dann resolut hinzu- „Sic stehen dem Baron sehr nahe, Sie werden mir sage» können, was davon zu halten ist". „Frau Gräfin, ich stehe keineswegs dem Baron so nahe. um über so intime Borfälle unterrichtet zu sein". Sie sah ihn kalt au und sagte schroff: „Ich kenne genau das Verhältnis, in dem Sic zu ihm stehen, und kenne es seit langen Jahren, er ist Ihr Vater." „Mein Erzeuger, Frau Gräfin". „Sie unterscheiden sein, aber Sie haben Recht, er ist Jlst Erzeuger, nur Ihr Erzeuger, denn an dcm Vaternamen hänge» so viele Pflichten, und er bedeutet einem Kinde das Wohl»»»' lcndste und Zärtlichste von seiner ersten Erinnerung an— abm diese Bcdcntnng kann er Ihnen nie gehabt haben". Er sah sie erstaunt an... Sie aber, als spräche sie ein Langzurückgchaltencs mit tnl' innerlicher Uebcrzeugnng plözlich aus: � „Er hat den Vaternamen und die Liebe eines Sohnes»' verdient. Trennen Sie Sich von ihm!" „Das ist bereits geschehen"..« „Wie, Sic hätten Sich von ihm losgesagt, und dauernd- „Für immer". Sic hob die Augen gegen Himmel und faltete die Hu» „Gott du bist gerecht!" Dann wendete sie sich dem j»»� Manne zu, und indem sie ihm in das blasse, edle Antliz 1»� das sie vom ersten Augenblick an sympatisch berührte, M sie fast feierlich:„hier leitet Sie eine höhere Macht, Sie dieser inneren Stimme. Und nicht wahr, von dem Aug� blick, wo Sic Sich von ihm lossagten, trennten Sic Sich von seinen Anschauungen und Prinzipien? Sie sind frivol» grundverderblich; aber nun wird Sie nichts mehr hindern, mit denen zu verbinde», die allein imstande sind, Nccht'» Gerechtigkeit walten zu lassen, denn sie unterlegen all U Bestrebungen die sicherste Grundlage, den wahren Glauben._ Und als Arnold dieser Exaltation der glaubensstarke» � gegenüber stumm blieb, faßte sie seine Hand,»nd in Cl) vorwurfsvollen aber mütterlich warmen To», wie er K strengen Karakter nur äußerst selten zu Gebote stand� l») fort:„Mein Mann hat die besten Absichten mit Ihm»- schäzt sie, ich weiß es, und er wird Ihnen eine glänzcnoe. kunft bereiten. Haben Sie daher Vertrauen zu ihm � seinen Erfahrungen, acccptiren Sie seine Vorschläge,»" 3 der von Jugend auf allein gestanden, der den Segen ccs � milienlebens immer entbehren mußte, Sie sollen von»»„ wie ein lieber Sohn in unserem Hause aufgenommen so» Arnold wurde jeder Antwort enthoben, denn der Graf trat in diesem Augenblick in den Salon. Er stuzte, als er seine Frau, in augenscheinlicher Bewegung »nd selbst das Wort führend, neben dem jungen Doktor fand. Aber er wußte, nach welcher Richtung hin sie allein einer Exaltation fähig war, und lächelte daher in bonhommcr Weise. Er drückte Arnold die Hand und bedauerte, daß er ihn habe warten lassen, dann winkte er beruhigend seiner Gattin zu, und ans seine Mission bei Helene anspielend, sagte er: .Es ist wieder alles in Ordnung. Mein Gott, sie hat keinen ernsten Willen und ist so leicht bestimmbar." .Und Natalie und Hugo?" „Sind noch bei ihr. Natalie wird für einige Tage sich bei ihr installircn, uni einen Rückfall zn berhindern". Dann mit einer Gcberdc gegen Arnold:„ES tut mir leid, dir unsern lieben Doktor so bald zu entziehen, aber wir haben Ernstes zu diskutircn". Bei der Türe angekommen, ließ er Arnold vorausgehe» »nd wendete sich mit einem bedeutsamen Fragcblick nochmals gegen seine Frau. Sic war nahe an ihn herangetreten. „Alles steht günstig", flüsterte sie,„was du gewünscht, hat sich bereits vollzogen, sie sind getrennt— er wird uns ange-, hören". Die Konferenz ztvischcn dem Grafen und Arnold zog sich >» die Länge. Graf Falkenau war äußerst liebenswürdig und entgegen- kuinmcnd, zeigte sich ziemlich unterrichtet über die Verhältnisse der Großindustrie und die der Arbeiterschaft. Er haßte das Großkapital, welches eine so bedeutende Macht >m Staate geworden, daß es die des Adels überwog. Er sprach nun unumwundcn seine sozialpolitischen Anschau- ungen aus und betonte die staatliche Nottvendigkeit wirtschaftlicher Resormc». „Auch eine konservative Politik kann in Hinsicht auf die Erhaltung des Staates radikal vorgehen", sagte er mit einem seine» Lächeln,„sogar sehr radikal, sobald es sich um die Auf- Hebung von Schäden handelt, welche unrettbar zum Verderben führen". Und nun zeigte er sich empört über die moderne Tendenz der Ausnüzung, ja Ausprcssung der Massen, lediglich zu dem Zweck, um Kapital in einigen wenigen Händen zu konzentrire«. Er bezeichnete das Anwachsen des Großkapitals auf der einen, lüe riesige Vermehrung des Proletariats auf der andern Seite "Is eine Gefahr für die Gesellschaft, und begriff vollkommen l>w dadurch hervorgerufene Gährung, die durch Gewalt niemals bekämpft werde» könne, ja, der Herr Graf verstieg sich, um -lrnvld völlig von der Gleichartigkeit ihrer wirtschaftlichen An- lchauungc» zu überzeugen, zu der Behauptung, daß eine wirk- wme Bekämpfung dieser Bewegung vielleicht nur ans dem Wcgcc CMer neuen Vermvgensbildung werde erfolgen können. Er sprach auch von seinem persönlichen Wohlwollen für die Arbeiterschaft, und wie diese ihrerseits alle Ursache hätte, ihm und seiner Partei Vertrauen entgegen zu bringen. Er sprach jw» väterlicher Fürsorge und von der Notwendigkeit, sich mit denen, die diese Verhältnisse untersuchen und wissenschaftlich zu �gründen bestrebt seien, sowie mit den Führern der Arbeiter- vhnst ins Einvernehmen zu sczen, diese hätten dem Volke klar machen, daß nur der Konservativisnius die Wunden heilen m»ie, die der moderne Liberalismus ihm geschlagen. Mit einer Art Ergriffenheit, die von sittlicher Entrüstung �Ugtc, wies er auf den Kultus des goldenen Kalbes hin, in cm der Materialismus seine giftigsten Blüten entfalten konnte, U"d er fand, daß es hoch an der Zeit sei, zu früheren und Auffächeren Verhältnissen zurückzukehren. Die Zölle sollten er- hvht, die Fideikommisse auch bei den Bauern wieder eingeführt verde«, um der Zerstücklung entgegenzuwirken, die Zünfte seien weder herzustellen und das Kleingewerbe in jeder Weise zu Dünstigen. Aber indem mau das Volk von dem Jndustria- �Mus befreie, müsse man es zugleich von dem Materialismus erlöse», dem es zu verfallen drohe, und nebst der Pflicht, ihm Brod zu schaffen, erwüchse die ungleich höhere, ihm auch seinen Glauben wieder zurückzugeben. Arnold hatte ruhig und aufmerksam diesen Auseinander- seznngcn gehorcht, jezt zeigte der Ausdruck seiner ernsten Augen, seine ganze Haltung etwas Verneinendes, durchaus Wider- strebendes. „Das heißt, Sie werden diese notwendige Abhilfe nur unter Bedingungen gewähren, deren Nichterfüllung Sic sodann zur Strenge antorisircn würde. Aber ist die Erfüllung dieser Bc- dingungen überhaupt noch möglich? Exzellenz, ich zweifle nicht, daß Ihre Intentionen die besten sind, aber dieses geplante Zurückgehen auf frühere Verhältnisse erscheint mir unverträglich mit unserer Zeit iind ihren Bedürfnissen. Jede Zeit hat ihr eigenartiges fortschrittliches Gepräge, und nimmer kann die eine unter der Herrschaft einer andern stehen". „Das eigenartige Gepräge unserer Zeit, das aber zugleich niit dem innersten Bedürfen des Volkes im Widerstreit ist, ist der Materialismus", vcrsczte der Graf mit einem verächtlichen Lächeln. „Das Wort paßt nicht ganz, man muß für einen neuen Zustand auch neue Bezeichnungen erfinden". „Dann nennen wir sie die glaubenslose Zeit". „Das ist sie sicher, und eben weil sie es ist, so ist es not- wendig, sich dies auch einzugestehen". „Um zugleich diesem Zustand ein Ende zu machen". „Er entspricht der historischen Entwicklung des Menschen- geschlcchtcs", bemerkte Arnold trocken. Der Graf schüttelte den Kopf und entgegnete hoch:„Der Glaube entspricht allen Zeiten, raubt man ihn der Menschheit, so hat man ihr alles geraubt, was sie vor Verwilderung»och bewahren konnte". „Exzellenz, man raubt dergleichen nicht, es schwindet langsam, allmälich verglimmt es, wie das Licht des schci- denden Tages, und plözlich ist es nicht mehr da. Sehen wir doch näher zu, wir finden überall nur mehr den Schein des Glaubens, den mühsam erhaltenen Schein, denn was bereits im Niedergang begriffen ist, hat keine Kraft mehr und keine Macht. In unseren Tagen ist es die Wissenschaft, die alles Ansehen besizt, die belebende, schöpferische Kräfte entwickelt, die das Prinzip der Fortbildung in sich aufgenommen und eine neue Weltanschauung geboren hat". Der Graf hatte sich in die Lippen gebissen, aber das über- legcne Lächeln war nur auf einen Augenblick davon ver- schwundcn. „Enrc Wissenschaft richtet sich nur auf äußerliche Dinge, und dieser ganze Aufkläricht läßt das Herz kalt, denn er ist durchaus lieblos und gemütlos. Der Glaube aber ist voll Gc- müt und Poesie; er allein vermag die Armen zu trösten, die Verzweifelten zu beruhigen". „Und er hat diese Mission durch Jahrtausende geübt, und sie ist für ihre Zeit eine wohltätige und nvthwcndigc gewesen. Aber der Glaube hat das Anwachsen der Armut nicht zu ver- hindern vermocht und die Leiden dieser Welt, die er in seinem Pessimismus als eine irdische Notwendigkeit bezeichnet, sind nicht durch ihn gebessert worden. Diese Aufgabe, die eine Notwendigkeit geworden ist für die fortschreitende Entwicklung des Menschengeschlechts, ja für ihre Existenz, kann und wird allein durch die empirische Wissenschaft besorgt werden". „Diese Wissenschaft kann sehr wohl neben dem Glauben bestehen", versezte der Graf. „Ich leugne dies", entgegnete Arnold bestimmt.„Von jeher, zu allen Zeiten ist der Glaube mit der Wissenschaft im Kampfe, weil in einem direkten Gcgensaz gewesen. Zu Kolumbus Zeiten war es ein Verbrechen, zu sagen, daß die Erde rund sei, und Galilei wurde gefoltert, weil er zu be- haupten wagte, daß sie sich bewege. Aber troz all dieser Verfolgungen und Beschränkungen ist die Wissenschaft vorgeschritten, weil dieser Fortschritt unaufhaltsam ist, und die exakte Forschung, wo die Natur, das Leben selbst zu uns redet, hat zu bcn großen Entdeckungen und Erfindungen der Neu- zeit geführt, die die Erde verändern und dem menschlichen Gehirn eine andere Richtung geben. Der Glaube muß vordem Wissen verschwinden. Sie mögen diesen Verlust beklagen, Herr Graf, aber Sie können es nicht ändern. Aber wir, die wir dieser neuen Richtung angehören, wir müssen nun darauf dringen, das; man nicht länger der Menschheit vorent- hält, was sie für diesen Verlust entschädigen kann, und was allein in natürlicher Entwicklung bestimmt ist an seine Stelle zu treten: Bildung". „Und Sie glauben in der Tat, diese könne jemals vollen Ersaz dafür bieten, und die Wissenschaft könnte dahin kommen, die Leiden dieser Welt zu verringern? Nein, tausendmal nein, dieser Leiden sind unzählige und sie sind endlos, und der Mensch ist ein Nichts Gewalten gegenüber, die fürchterlich und mibe- rechenbar sind, die uns allüberall umgeben, und uns täglich und stündlich mit Zerstörung bedrohen". „Exzellenz, auch in der Natur ist alles nur Wirkung von Ursachen, die vorhergegangen, und all' diese Kräfte Der Frühling der Von Realschullehrer Frühling in der tropischen Zone! Kann auch von einem Frühling in den Gegenden die Rede sein, welche meist eine mehr oder weniger gleichförmige Temperatur haben? So wird vielleicht mancher Leser denken, dem die ewig grünen Gefilde der heißen Zone vor Augen schweben, und der nur zwei Zeiten der Tropen unterscheiden lernte. Gewiß! auch für die Gegenden zwischen de» Wendekreisen gibt es einen Zeitabschnitt, der nn- serm Frühling analog ist, wenngleich er in etwas anderer Form sich zeigt. In den gemäßigten und kalten Zonen wird der Frühling durch die Wärnie der wiederkehrenden Sonne karak- terisirt, welche schnell die Fesseln löst, mit welchen die Winter- kälte die Vegetation lange in einem todähnlichen Zustande ge- blinden hielt. Es ist ein wunderbarer Uebergang von der Ruhe zur Wirksamkeit, wovon wir in diesen Zonen im Frühlinge Zeugen sind. Ueberall schwellen Knospen auf den Pflanzen, zahllose Blätter und Blumen brechen aus dem Versteck der Knospenhüllen hervor und entfalten sich in der lieblichsten Farbenpracht. Diese in die Augen springenden Gegeusäze in der Natur sucht man vergebens in der heißen Zone. Zwischen den Wendekreisen ist die Einförmigkeit eines hohen Temperatur- grades während des ganzen Jahres ein vorherrschender Zug. Die Temperatur wird dort niemals so niedrig, daß die Wirk- samkeit der Vegetation dadurch gehemmt wird. Selbst die kälteste Zeit ist doch beinahe immer unserm Sommer gleich. Die Temperatur gibt deshalb in den Tropengegenden keine Veranlassung zu den Jahresabteilungen, welche durch das ver- änderte Aussehen der Vegetation bezeichnet werden. Von weit größerer Bedeutung in dieser Hinsicht ist der Fenchtigkeitszustand der Luft, und die lang anhaltende Dürre bringt zwischen den Wendekreisen dieselbe Wirkung auf die Vegetation hervor, wie die Kälte unter höhern Breitegraden, indem sie selhige in einen Ruhestand versezt, welcher den Abfall des Laubes von den baumartigen Pflanzen, das Hinwelken der ein- jährigen, und das Verschwinden der überirdischen Teile der Zwiebel- und Knollengewächse bewirkt. Die sogenannten Ca- tingas- Wälder in Brasilien zeigen uns eine Sommerlandschaft, welche in ihren wesentlichsten Zügen viele Uebereinstimmung mit unserer Winterlandschaft hat., Der Wald ist seines Blätter- schmuckes beraubt, und die grauen oder braunen Stämme schnellen empor mit ihren blumen- und fruchtlosen Zweigen; die kraut- artige Vegetation der Erdoberstäche ist verschwunden, aber eine Lage verwelkter, zusammengerollter Blätter wird rasselnd von jedem glühenden Windhauche, der durch den öden Wald zieht, in Bewegung gesezt. Es kann indessen nicht geleugnet werden, daß der hemmende und Gewalten sind ebenfalls an bestimmte Geseze gebunden. Sie bedrohen uns nur, solange wir diese nicht erforscht und erkannt haben. Aber die Wissenschaft leitet uns darauf hin, und diese Kräfte und finsteren Gewalten, denen wir bisher hilf- los, furchtsam und zitternd gegenüber gestanden, wir lernen sie nun erkennen und beherrschen. Wir haben den Bliz des Him- mels in unseren Dienst gezwungen, er wird für uns arbeiten, und was der Menschheit bisher ein Fluch gewesen, wir ver- wandeln es zu ihrem Segen. Und immer weiter dringt die Erkenntnis, und immer mehr unterwerfen wir uns die uns nur scheinbar feindlichen Kräfte in der Natur, bis wir uns tatsäch- lich zu ihrem Herrn aufgeworfen haben, zu ihrem Meister". „Ein großartiges Bild, voll kühner Voraussezungen, in der Tat, aber selbst wenn diese Hypotesen einige Berechtigung hätten, würden damit die inneren Konflikte der menschlichen Gesellschaft behoben sein? Würden die Leidenschaften des Herzens dadurch gebändigt, und die menschliche Schlechtigkeit, die Sünde, damit aus der Welt geschafft sein?" (Forlskzung solgt.) tropischen Zone. K. Lebnrcrnn. Einfluß der Dürre ans die Vegetation in der tropischen Zone! beiweitem nicht so allgemein eingreifend ist, wie die Winter- kälte in der gemäßigten und kalten Zone. Die baumartige Vegetation, welche immer einen der wichtigsten Züge in der Landschaft bildet, ist in den Tropeugegenden gewöhnlich mit lederartigen, glänzenden, immergrünen Blättern versehen, und allgemeiner Laubfall gehört deshalb zu den Ausnahmen. Die Tropenbewohner theilen bekanntlich das Jahr nicht in vier Abschnitte, sondern nur in zwei: in die trockene und>» die nasse Zeit(Regenzeit). Ungeachtet sich dies nun so verhält, findet man doch, daß die Pflanzenwelt von einer Periodicität abhängig ist, welche sich, unabhängig von Wärme und Feuchtigkeit, in den beide» wichtigsten Momenten des Pflanzenwuchses zu erkennen gidt- Es ist eine, verhältnismäßig beschränkte Anzahl Pflanzen, welche in der tropischen Zone während des ganzen Jahres blühen und Frucht tragen, sodaß für diese kein Rnhepunkt einzutreten scheint! die beiweitem überwiegende Anzahl Pflanzen ist auf eine Blüte und Fnrchtbildung während des Jahres beschränkt; behält ma» diese Klasse Pflanzen vor Augen, so wird es für den Natur- forscher nicht schwierig sein, den Einfluß des Frühlings auf die Vegetation in der tropischen Zone zu bemerken, selbst wen» dieser nicht so stark wie außerhalb der Wendekreise ausgeprägt ich Zuerst wenden wir uns nach der Region, welche in dem tropischen Nord- und Südamerika die des ewigen Frühling- genannt wird. In Mexiko nimmt diese Region die Hochebenen ein, welche, sich vom Fuße der Gebirge an den Grenzen Nc»- mexikos bis gerade an die Südgrenze des Departements Nuebla, welches an Tehuakan grenzt, erstrecken. Diese Hochebene h» eine Mittelhöhe von 7 bis 8000 Fuß. Eine gleichförmige, verhältnismäßig niedrige Temperatur, trockene Luft mit scharfen Winden sind vorherrschend. Alle Baumvegetation mangelt; verkrüppelte Büsche von harz- oder terpentinreichen Geschlechter» findet man hier und dort; die schwache Vegetationsdecke besteh aus rauhen, blaugrauen, psriemsörmigen Gräsern, Violen, Rflj nunkeln, Potentillen, Geranien, niedrigen Schirmpflanzen, feine' Sisyrinchien u. dergl.., Der Erdboden ist ans großen Strecken von Salz durcy- drnngen, welches in den Silberwerken beim Amalgamatio» prozeß benuzt wird; es zeugt von früheru Meeresbedeckunge»- und der Boden ist so vollkommen horizontal, daß das-lug- indem es über meilenweite Strecken schwebt, nicht dio gering! Unebenheit entdeckt. Hier sind vorzüglich die Kaktusarten vo herrschend. Niedrige, kugelförmige Opuntien mit zollang' leicht abfallenden, strohgelben Dornen, welche mit Häkchen m s geht bei gedämpfter Trommel Klang. Wie weit noch die Stätte! der Weg wie lang! G, wär' er zur ttich' und Älles vorbei! ?ch glaub', es bricht mir das Herz entzwei! Zch Hab' in der Welt nur ihn geliebt, !lur ihn, dem jezt man den Tod doch gibt. 3 ei klingendem Spiele wird paradirt; ZZazu bin auch ich kommandirt. Run schaut er auf zum lezten mal In Gottes Sonne freudigen Strahl i Run binden fie ihm die Äugen zu— Dir schenke Gott die ewige Ruh'! Es haben die Renn wohl angelegt; Acht Kugeln haben vorbeigefegt. Sic zitterten Alle vor Jammer und Schmerz— Ich aber, ich traf ihn mitten m's Herz. Adelbrrt von rhamlssa. sehen sind, bedecken den salzhaltigen Erdboden und machen das Terrain beinahe unpassirbar: denn sie sind so leicht an die Erde befestigt, und so spiz und anklebend sind die Dornen, daß sie bei der geringsten Berührnng sich in so großen Haufen an die Füße des Wanderers oder- an die Beine des Pferdes klammern, daß diese förmlich von der stechenden, beschwerlichen Masse eingehüllt werden; große, wunderbar geformte Echino- kaktecn, zusammengehäufte Massen von Mamiltaricn, als ob ganze Fuder ans einem Flecke aufgestapelt wären, geben der Hochebene ein trauriges, wüstenähnlichcs Aussehen; die festlich sänken- oder kandclabcrartigen Carccn niangeln dagegen hier, sind aber desto häufiger ans steinigen, trockenen, baumlosen Bergabhängcn. Tie Agaven gedeihen noch gut, und die 5 bis 6 Meter hohen Blumenstengel sind die einzig hervorragenden Pflanzenerzcugnisse in der Landschaft. Der Wassermangel ist in diesen Gegenden groß; die feuchte Luft des atlantischen Meeres, welche beim östlichen Pasiativind über das Land gc- führt wird, scheidet ihre ganze Wasscrmcnge auf der östlichen Seite der Kordilleren aus, deren Spizcn hoch über den nied- rigen Wolkengürtel ragen. Selbst in der Regenzeit ist die niederfallende Wassermenge gering. Die wenigen flachen Wasser- bassins, welche man auf der Hochebene zerstreut findet, trocknen in der dürren Zeit größtenteils aus, und das Wasser ist ge- wöhnlich brach oder ganz salzig. Deshalb ist der Anbau des Bodens beinahe unmöglich; die äußerst spärliche Bevölkerung, welche über den ungeheuren Flächenraunr sporadisch verteilt ist, und deren Wohnungen in der Rühe einer wasserhaltigen Stelle aufgeschlagen sind, baut ein wenig Gerste, Kartoffeln und Aga- vcn, deren Saft beinahe während des ganzen Jahres ihr ein- ziges Getränk ist. Viehzucht ist die wichtigste Erwerbsquelle der Bevölkerung, und sie ist von großer Bedeutung, denn das Areal ist von so geringem Werte, daß ein Besiz von 50 Le- guas Land zu dem Gewöhnlichen gehört. Das Bich, welches auf diesen großen Flächen sich selbst überlassen ist, vermehrt sich stark, und es gibt Meiereien, welche auf ihrem Grunde 20 bis 30000 Stück Hornvieh, Pferde und Maulesel zählen. Große Verluste entstehen indessen, wenn die Wasserstellen bei anhaltender Dürre austrocknen und das Vieh dann vor Durst umkommt. Bekannt ist es, daß das vom Durst geplagte Vieh selbigen an saftigen, schleimigen Kakteen zu stillen sucht, nach- dem die Dornbündel mit den Hufen abgeschlagen sind, aber dies ist doch nur ein unvollkommenes Surrogat für das Wasser. Reiche Mineraldistrikte grenzen gegen Norden an diese Hoch- ebenen, so bei Mazagil und Saltillo; die Bearbeitung hat die reichste Ausbeute gegeben, aber dessenungeachtet war sie nicht vorteilhaft, da die Bedürfnisse für den Minenbau, Lebensmittel, Holzwerk, Kohle u. dergl. aus sehr cntferntliegcnden, üppigen Gegenden per Achse herbeigeführt werden mußten. So wenig verlockend ist die Region des ewigen Frühlings Mexiko?. In Südamerika rechnet man zu dieser Region die perna- nischen Hochebenen(Punas) von 12 bis 13 000 Fuß Höhe. welche sich zwischen der westlichen Kordillerenkette und der öst- lichen damit parallellaufende» Andeskette erstrecken. Diese Puna- regio» wird darauf in der weiter ausgebreiteten bolivischen Hochebene sortgesezt. Die Temperatur in dieser Region ist rauh und kalt; der Sommer, welcher so genannt wird, weil es alsdann seltener schneit, hat gewöhnlich eine Nachttcmperatnr von— 5° R., gegen Mittag steigt die Temperatur bis zu -s-9° R. Im Winter ist die Nachttemperatur gewöhnlich 0 oder+1° R., der Mittag zeigt+7° R. Uebrigens ist es noch besonders schwierig, die Mitteltempcratnr anzugeben, weil die Winde plözliche und sehr bedeutende Veränderungen in dem Gange der Temperatur herbeiführen. Wenn diese von den schneebedeckten Gipfeln der Kordilleren wehen, so können einige Stunden eine Veränderung von 18 bis 12° R. herbeiführen. Kalte West- und Südwcstwinde streichen beinahe während des ganze» Jahres über die Hochebenen hin, und wenn diese mit Heftigkeit wehen und von plözlichen, großen Temperatur- Veränderungen begleitet sind, so wird der mit Recht gefürchtetc, sehr schmerzvolle sogenannte Chnnu hervorgebracht, der sich durch ein schnelles Austrocknen der Haut zeigt. Ans allen Körper- teilen, welche der Einwirkung der Luft ausgesezt ist, wird die Haut pergamentartig, es entstehen tiefe Risse, aus welchen das Blut hervordringt, und alsdann folgt ein starkes Aufschwellen der Teile. Besonders erduldet der Reisende große Leiden, wenn die Lippen und die Augenlider auf diese Weise angc- griffen werden; zuweilen ist das Aufschwellen der gesprungenen, blutenden Augenlider so groß, daß Blindheit erfolgt. Diese Gegenden bieten ein trauriges Ansehen dar, der Baum- wuchs mangelt gänzlich; man findet nur eine spärliche Busch- Vegetation von Ratanjabüschen und Quenjua hier und dort; magere, braungelbe Gräser von winterlichem Aussehen in iso- lirtcn Haufen, niedrige, trockene, buschartige Korbblumen, gelb- liehe, mit Dornen versehene Echinokaktecn bilden die Hanptzügc in der Vegetation, deren gleichförmiges, trauriges Aussehen kaum durch die großblühcndcn Kalceolarien, blauen Gcntianen, wohlriechenden Berbenen, niedrigen Kreuzblumen u. dergl. unter- brochen wird, ivclchc man wohl hier findet, die aber größten- teils von verwelkten Gräsern eingehüllt sind. Tie spärliche Jndiancrbevölkcrung, welche die Pnnaregion bewohnt, baut ein wenig Gerste, die jedoch niemals reif wird, sondern grün ab- geschnitten als Pferdefutter bennzt wird. Der sogenannte Maka, eine noch, nicht näher bekannte Pflanze, wahrscheinlich ein Tra- pacolnm, dessen Knolle von der Größe einer Kastanie, und die von süßlichem Geschmack ist, ist die einzige angebaute Rahrungs- pflanze. So dürftig die Pflanzenwelt auf diesen Hochebene» ausgestattet ist, so hat doch gerade hier die größte Anzahl von Südamerikas große» pflanzenfressenden Säugetieren ihre Heimat, denn das Lama und die damit nahe vcnvandtcn Arten, Hua- nucu und Vicunja, leben in der trockenen Zeit, wenn die Kor- dillcrcn und Andcsabhänge zugeschneit sind, in zahlreichen kleine» Herden ans den Punaebenen. Man bekommt einen Begriff von der Anzahl dieser Tiere durch Garcilaso de la Vegas Bericht über die großen Jagden, welche die Jnkakönigc in P»»»- veranstalteten und wobei oft 40 000 Tiere der genannten Art zusammengetrieben wurden. Aus diesem zweiten kleinen Bilde von der sogenannten Rc- gion des ewige» Frühlings wird auch hervorgehen, daß, wc»» der Frühling nicht von der belebenden Ueberzcugnng einer Sommer- und Herbstperiode begleitet würde, aller Zauber schwände. Von diesen hochliegendcn Gegenden wenden wir uns»»" zu dem tropischen Tiestande Amerikas, um das Aussehen der Landschaft im Frühlinge zu betrachten. Wir verlegen die Sze»� nach der Ostküstc Mexikos. Tie Zeit der Nordweststürme ist gegen Schluß des 5C' bruars vorbei; sie führten an die Küste keinen Regen mit ff»)' sondern höchstens kalte, feuchte Nebel. Der Urwald steht gr»" wie imnier, und eine allgemeine Verjüngung des Pflanz�»' wnchscs findet nicht statt. An manchen Waldbäumcn sieht reife und unreife Frucht zusammen mit ungeöffneten Bl»»»'»' knospen und entfalteten Blumen, sowie auch alte und kürz>>) aufgeschossene Blätter. Nur indem man auf die einzelnen Züge in dem organisch� Leben achtet, bemerkt man, daß es Frühling ist. Tie gonibäume haben die alten Blätter abgeworfen und Uc> � junges, lkderfarbigcs Laub; die großen, holzartigen AoMf springen auf und fallen zur Erde, indem der geflügelte S»w weit und breit vom Winde zerstreut wird. Des Waldes z»9 � reiche Kopalbäume beginnen mit grünlichen und weißen Bl»»' zu blühen. Die Palmen öffnen ihre Blumcnschcidcn und trc>» zusammengesczte Blumenbüschel. Die Vanille, deren Fr» kürzlich in den Küstenwäldern eingesammelt wurde, begu wieder zu blühen; die parasitischen Tillandsien und O«h>® stehen in dieser Zeit im reichsten Flor. In den 3"®'°", dörfern finden wir einen Teil merkwürdiger Pflanze»�'" versammelt, an welchen die Verjüngung des Frühlings M � lich zu erkennen gibt. Die Indianer haben ein 8"%'* 9' sie cflc für schöne oder merkwürdig geformte Pflanzen. we>' � zu religiösen Zwecken, hauptsächlich zu Opsen, auf den->>" vor den Hciligknbildeni benuzen. Wo sie solche Gewächse sinden, »ehmcn sie dieselben mit sich und pflanzen sie um ihre Hütten. Hier finden wir um diese Zeit die alten Stäniine von Caro- linea insignis mit blattlosen Zweigen, bedeckt mit weißen Blu- nie», aus welchen reiche Büschel hochroter Staubfäden hervor- ragen; Carolinea macrocarpa, ebenfalls blattlos und mit weißen Blumen bedeckt; ungeheure dornige Stänimc von Baumwollen- bäumen mit Kronen, ivclchc einige Aehnlichkeit mit weißen Li- i, lien haben; Wittelsbachicn von der Größe unserer Eschen, blatt- los und mit Zivcigc» übersät, Ivclchc große, schwefelgelbe Kronen tragen, unser» gelben Rymphaecn gleichen. Tie prächtigen Plumerien gehören zur allgemeine» Zierde der Indianer- dörfer; mehrere Arten und noch mehr Farbenverändernngen (weiße, rosenfarbige, dunkelrote, rotgestrciftc, schwefelgelbe) findet man in kleinen Gruppen um die Hütte». Sie wachsen zu einer ansehnlichen Größe empor und bringen mit ihren rcichblühendcn Halbschirmcn eine prächtige Wirkung hervor. Ferner müssen die hochstämmigen Bignonien genannt werden, welche ihre fünf- gefiederten Blätter noch nicht getrieben haben, aber gänzlich mit violetten oder gelben Kronen in großen abgerundeten Blumenständen übersät sind. Endlich eine ausgezeichnet hochstäm- mige Faberna niontana, welche im Gcgcnsaz zu den genannten Blumenbäumen ihre lanzettförmigen, glänzenden Blätter behalten hat, zwischen welchen überall wcißgclbe, trompctcnförmigc Kronen hervorgucken. Auf den Stämmen der besprochenen Bäume finden Mir blühende Gruppen parasitischer Prachtpflanzen, besonders Orchideen, unter welchen Schomburchia Galcottiana hervorgehoben werden muß. Der Blumenschaft dieser Lrchidce ist etwa 2 Meter lang, glänzend schwarz und so zähe, daß er als Reitpeitsche benuzt werden kann; er trägt an der Spize einen I Vlumcnbüschel von 30 bis 60 Ccntimeter Länge, mit großen violetten Blumen. Gelbe Onridicn, mit schmctterlingähnlichcn Blumen, wes- halb die Pflanze auch so genannt wird, deren Btumenbüschcl von den Zweigen der Bäume hcrnicdcrhängen, gehören eben- falls zu den schönsten Erzeugnissen des Frühlings. Nichts kann prächtiger sein als der Anblick der regelmäßig angelegten Kaffecplantagcu in ihrer Frühlingsblüte. Ter Kaffee- banm selbst ist eine sehr edle Pflanzcnform, sie bildet einen mizznlaufendcn Kegel. Ter Stamm ist, durch die horizontal abstehenden oder schwach niedergebogenen, im Kranze stehenden mchtn. Zweige, reich mit dunkelgrünen, glänzenden, lederartigen ■Gattern belaubt, gänzlich verborgen. Das Blühen sämmtlichcr «afseebänme findet zu gleicher Zeit statt. Beim Abendbesuch m der Plantage war ein weißlicher Schein von den zahllosen Gumenknospen über die dunkelgrüne Grundfarbe verbreitet. "Gi nächsten Morgen bietet die Plantage ein Aussehen dar, als ob ein heftiger Schneefall sich ereignet habe, indem die ganze Pflanzung eine zusammenhängende weiße Blumenmasse »u sein scheint, in welcher die grünen Blätter gänzlich vcr- lchwunde» sind. Ei» balsamischer Duft erfüllt die Atmosphäre. Uber diese Blumeupracht dauert sehr kurze Zeit; kaum zwei gc später, so sind alle Blüten verwelkt, die Frucht hat sich ""gesezt und die Pflanzung hat wieder ihr voriges, dunkel- ■»runco Aussehen. iii rUutcr k"1 J»>ckten zeigt sich nun auch vermehrtes Leben. vahrcnd sie j» der Zeit der Rordweststüruie wie verschwunden varen. Taufende von Eicaden zischen während der heißesten f,�lKszeit im Grase und bringen einen schneidenden, betäubenden �'Nn hervor; sie selbst sind unsichtbar und unter dem Grase erborgen. J» dem ersten Teile der Stacht ist der Wald und - Savanne durch Millionen Leuchtkäfer, welche bei einer lang- Mcn Flucht ein intcrmittirendcs, grünliches Licht verbreiten, %.j'ver Fecnwclt verwandelt. Ter von der Nacht überraschte � ulcndc wird durch diese leuchtende» Punkte, welche sich nach v Nichtungen hin verzweigen, gänzlich geblendet und muß Um"T" �lerde überlassen, die schwache Wegespur zu suchen. Leb" Ameisen herrscht alsdann auch ein ungewöhnliches ;& eibN obgleich bei diesen Tierchen immer Leben und Tätigkeit G jungen Insekten kommen millionenweise aus den Erd- höhlen hervor, die Luft ist von den geflügelten Männchen an- gefüllt, welche überall niederfallen. Tie größer» unbeholfenen Weibchen werden von den Indianern für einen Leckerbissen au- gesehen.und überaus massenhaft als Nahrungsmittel eilige- sammelt; derselbe Geschmack wird von allen insektenfressenden Tieren, Ameisenbären, Waschbären, Füchsen. Schlangen, Ei- dechscn, einer Menge Vögel, Raubinsektcn. geteilt. Eine merk- würdige Emsigkeit herrscht, um die kürzlich hervorgekommenen weiblichen Ameisen auszurotten; man sollte glauben, daß die Natur auf diese Weise sich gegen alles zerstörende Ueberhand- nehmen dieses art- und individuenreichen Geschlechts zu bc- schüzen suchte. Wir verändern die Szene, um einige Züge aufzuzeichnen. welche von der Gegenwart des Frühlings zeugen, indem wir ein Kanoe besteigen und uns auf einem der langsam fließenden, schlammigen Flüsse, welche in die mexikanische Bucht münden, hinunterführen lassen, und welche, nachdem sie schäumend, siedend, dampfend in tausend Wasserfällen von den Gipfeln der Kordil- leren herniedergeschossen, den leztcn Teil ihres Laufs mit einem beinahe unmerklichen Falle beendigen und dann ruhig durch dichte, fiustcre Urwälder gleiten. Der Wald preßt sich bis au den Flußrand; die Fülle der Vegetation ist so groß, daß kein User sichtbar wird. Es sind jedoch keine hohen Waldbäumc, welche das Ufer einnehmen. Herrliche, baumartige Gräser, aus der Bambusfamilie, beugen sich in zierlichen Bogen von beiden Ufern auf den Wasserspiegel hernieder, sodaß mau an Stellen, wo das Flußbette zusammengekniffen ist, unter dem üppigsten Laubdach dahingleitet. Prächtige Kobäen, Konvolvuli, Passi- sloren schlingen sich um die Bambusstämme und mischen ihre großen, prahlenden Blumen mit dem feinen, lichtgrüncn Laube der Bambusarten. Tiefer im Walde erheben sich die schlanken Cecropienstämme hoch über alle andern Bäume, sie sind mit neuen, schildförmigen Blättern und herabhängenden Blumenbüschcln geschmückt. Tic ungeheuren Stämme von Castilloa elastica, Mexikos Gumnii- elastikumbaum, tragen ihre scheibenförmigen Blumenstände an den Spize» der feinen, blattlosen Zweige, die Stämme selbst sind mit kriechenden, parasitischen Caladicn und Draconticn über- spönnen, und von den dickern Zweigen hängen reiche Guirlanden wilden, blühenden Weins hernieder. Wo sich Flußschlamm angesammelt hat, stehen Gruppen von Heliconicn, mit 1 bis 2 Meter langen Blättern und 2 bis 4 Meter langen Blumen- schästcn, versehen mit hochroten, schalenförmigen Scheiden, welche mit Rcgcnwasscr angefüllt sind, aus denen die schwefelgelben Blumen oder blaßblaucn Beeren hervorragen. Cannaarten mit Blättern, welche denen der Heliconien gleichen, gruppircn sich mit diesen zusammen. Im Flußbette finden wir die zahlreichen, kleinen, triangu- lärcn Inseln(die Dcltaformation), welche von ausgespültem Sande, Schutt und Ton gebildet und mit einer eigentümlichen Vegetation bedeckt sind, welche hauptsächlich aus Bacchario- büschcn besteht, die nun mit weißen und gelben Blumen prangen. Heber dies dichte Gebüsch ragt die Humboldtsweide hinaus, welche im Aussehen ganz der Trauerweide der alten Welt gleicht und ebenso, wie diese, mit ihre» dünnen Zweigen über den Fluß hängt. Tie ruhige, tropische Flußlandschaft wird nicht sehr durch die Tiere belebt, welche zum Vorschein kommen. Weiße Jbiffe, blaue und graue Reiher stehen unbeweglich im Wasser und lauern auf kleine Fische. Träge Kaimane liegen wie Baumstämme auf den Schlammhügcln im Flusse, um sich zu sonnen. Stur aus dem Walddickicht hört man das Geschrei der schwarzen Wasserhühner; von den Baumwipfeln schallen die regelmäßigen Schläge des sogenannten Zimmermanns. Von den fernen Bergen hört man Donner, der in diesen Küsten- Wäldern wie beständiger Peitschenknall schallt und als ein sicheres Zeichen der nahen Regenzeit angesehen wird. Wir wenden uns endlich nach der Region, wo der Früh- ling sich am deutlichsten zwischen den Wendekreisen ausprägt, nämlich nach der warmgemäßigten Region auf der Ostseite der Kordilleren, zwischen 3000 und 5000 Fuß Höhe. Der Wald i| besteht hier größtenteils aus Eichenartcn, vermischt mit Arten des Lorbeers, der Myrte, der Terpentin bäume, der Styrax, der bminmrtigen Scheidepslanzcn und Korbblunien. Tie aller- meisten dieser Bauniformcn werden zu den immergrünen ge- rechnet, wegen der lederartigen Beschaffenheit der Blätter, der längern Toner und des unregelmäßigen Abfalls. Man würde deshalb keine auffallende Veränderung im Aussehen des Waldes bemerken, wenn nicht in dieser Region die Nordweststürme der Winterzeit oft acht Tage hintereinander mit besonderer Heftig- teit rasten und ununterbrochen Nebel oder Regen und die be- deutende Vemindcrniig von 7— 8° R. in der Temperatur, welche zwischen den Wendekreisen fühlbar ist, mit sich führten. Des Windes Heftigkeit, im Verein mit der beständigen Feuch- tigkeit, bringt auf diese Weise in der Waldlandschast dieselbe Wirkung hervor, wie die Winterkälte in hohem Breiten, und die Bäume stehen, wenn auch nicht ganz blattlos, so doch be- deutend ihres Schnmefs entkleidet. Die Sturmzeit ist gegen Schlilß des Februar beendet, der Himmel ist wieder wolkenlos und die Wärme kehrt auf ihren alten Stand zurück; unter solchen Umständen sind acht Tage hinreichend, um die wunder- barste Veränderung im Aussehen der Vegetation hervorzubringen. Ein blutroter oder schwefelgelber Schein breitet sich über den Wald aus. Das junge, hervorkommende Eichenlaub, che es sich ganz" entfaltet hat, sowie auch die zarten Blätter und Zweig- Der S o m n a Von Kart Es scheint mir nun die physiologische Bedeutung des spon- tauen Somnambulismus darin zu liegen, daß hier die Natur- Heilkraft den Organismus in einen Schlaf versenkt, dessen Tiefe die lange Dauer ersezt. Wenn nun aber unbeschadet der physio- logischen Ursache der Langschlaf und der somnambule Tiesschlaf ihre teleologische Bedeutung haben, so liegt die Annahme nahe, daß auch die merkwürdigen psychischen Fähigkeiten, die im Som- nambulismus auftreten, in der Verlängcrnngslinie dieses teleolo- zischen Prinzips liegen, ivcnigstens diejenigen, welche mit der Krankheit und deren Heilung in Verbindung stehen. Wenn man sieht, mit welcher instinktiven Sicherheit die Somnambulen Ausschlüsse geben über den Karakter ihrer Krankheit, über Ursache und Entwicklung derselben, über die nötige Behandlung und die anzuwendenden Heilmittel, dann liegt es in der Tat sehr nahe, geradezu mit Schopenhauer zu sagen:»Zum Hellsehen läßt die Natur es eigentlich nur dann komme», wenn ihre blind- wirkende Heilkraft zur Beseitigung der Krankheit nicht ausreicht, sondern es der Hilfsmittel von außen bedarf, welche nunmehr im hellsehenden Zustande vom Patienten selbst richtig verordnet werden. Also zu diesem Zwecke des Selbstverordnens bringt sie das Hellsehen hervor.... Also im einen, tvie im anderen Falle zündet die Natur sich ein Licht an, um so die Hülfe, deren der Organismus von außen bedarf, aufsuchen und her- beischaffen zu können. Die Lenkung der nun einmal entwickelten Sehergabe.der Somnambulen auf andere Dinge, als ihren eigenen Gesundheitszustand, ist ein bloßer accidenteller Nuzen, ja cigent- lich schon ein Mißbrauch derselben"*). Diese teleologische Ansicht Schopenhauers liegt, wie gesagt, sehr nahe; sie ist aber logisch nicht unvermeidlich. Es wäre nämlich denkbar, daß nicht blos das über die Leibcssphäre des Kranken hinausgelenkte Hellsehen, sondern überhaupt jedes Hellsehen dem Sonmambulismus nicht die Ursache, aus welcher das Hellsehen entspringt, sondern lediglich die Bedingung, ohne welche es nicht entstehen kann. Es ivürde dann physiologisch betrachtet kein direkter Kausalzu- samnienhang zwischen Somnambulismus und Hellsehen bestehen, und auch teleologisch betrachtet würden die merkwürdigen psychi- schen Fähigkeiten des Somnambulismus nicht in der Ver- längerungslinic einer teleologisch wirkende» Naturheilkraft liegen. *j Schopenhauer, lieber Geistersehe». spizcn der Myrten sind blutrot und nehmen nur allmälich die grüne Farbe an; aber che dies geschieht, und ehe die Blätter ihre vollkommene Größe erreicht haben, fällt die Blüte der Eichenbäume, wodurch sie von oben bis unten mit hängenden, schwefelgelben Käzchen bedeckt werden, welche dein Walde einen eigenen Farbenton mitteilen. Dieser bestimmte Friihlingskarakter in der Waldlandschaft ist sehr kurz; 8 bis 14 Tage sind hier hinreichend, um den Frühling zum Sommer zu verändern. Mit dem Aufhören der Sturmzeit sehen wir die Savanne dieser Region welk und öde. Dann wird das trockene Gras in Brand gesteckt; das Feuer breitet sich mit Schnelligkeit über die großen Strecken aus, vertilgt die Pflanzengipfel, ohne die Wurzeln zu töten. Die Asche düngt den unfruchtbaren, eisen- haltigen Tonboden. Wenige Tage nach dem Brande schießen die abgebrannten Gräser feine, saftige Blätter, zugleich keimt eine zahllose Menge Knollen- und Zwiebelgewächse, welche im Erdboden verborgen lagen: Erdorchideeu, violette Bleticn, gelb- grüne Habenarien, Spirantes und Microstylis, ferner Zwiebel- gewächse: wie grünblühende Polyantes, rosenrote Zcphirantcs; weiße und violette Aioräa, und endlich eine Menge Oxalis- arten u. dcrgl. Die nach dein Brande wiedererzeugte Savanna- Vegetation zeigt uns auf diese Weise eins der schönsten Bilder des tropischen Frühlings. m b il U s m u g. "5) reC.,■'* ♦♦) Preyer, Der HypnotiSmuS. S. 43—60. (5.>ä. 497 nicht mehr leugnen lasse», iverdcn sie vom Standpunkt des jeweilig herrschenden Systems beurteilt, nach dem Beispiele des oben erwähnten Negers von Livingstone. Zu dieser Beurteilung glaubte sich nun die materialistische Psychologie um so eher be- rechtigt, als, wie schon gesagt, Symptome der Krankheit häufig mit Symptomen des innerhalb der Krankheit entstehenden Som »ambulismns sich vermischen. Man verwechselte also schon damals Ursache und Bedingung, glaubte an einen Kausalzn- sammcnhang zwischen Krankheit und den Erscheinungen des Somnambulismus, und erklärte daher den Somnambulismus seinem Inhalte nach als krankhaft, während doch nur die hinter seiner Bedingung liegende Ursache dieser Bedingung krank- Haft ist. Tiefe materialistisch physiologische Beurteilung des Somnam- bulismus ergab natürlich eine ganz schiefe Ausfassung seiner Erscheinungen, die sich mit diesem Masjstabc so wenig messen lassen, als Pfunde mit Ellen. Diese Erscheinungen finden im Materialismus nicht nur keinen Plaz, sondern sind vielmehr sehr geeignet, den materialistische» Ring, der die Köpfe einengt, gewaltsam zu sprengen. Man wurde übrigens Unrecht tun, die damalige Generation für besonders tadelnswert zu halten. Es ist notorisch nach- weisbar, daß gerade die Vertreter der Wissenschaft von jeher de» wirklich neuen Ideen die größten Hindernisse bereiteten. �lnd das begreift sich: Goethe sagt irgendwo, daß die größte» Feinde neuer Ideen die alten Idee» seien; es muß also die größte aprivristische Voreingenonimenheit gegen Ncnes eben dort ö« finden sein, wo man sich der alten Ideen am meisten bc- wüßt ist und sie zu einem System zusanimengestellt hat. Sogar wuß gerade eine hohe Entwicklung eines Wissenszweiges um so geneigter mache», solche Ideen auszuschließen, welche geeignet sind, den alten Rahmen zu sprengen. In einem Systeme gibt es keinen Plaz für in sich ganz neue Erscheinungen, weil darin die alten Erscheinungen zu einem planinästigen scheinbar vollen- deten Ganzen verbunden sind, und es nicht in der Natur der Systematiker liegt, durch offen gelassene Lücken das System selbst als lückenhaft hinzustellen. Als z. B. der Akademie in Paris gemeldet wurde, es seien Meteorsteine in Frankreich niedergefallen, verwarf sie das als Aberglauben, und sogar ein Geist wie Goethe verlachte in seiner Jugend den Meteor von Ensishcim. Bei de» alten Griechen dagegen waren die von, Himmel fallenden Steine ohne alle Voreingenommenheit als Tat- fachen anerkannt. Dieser Rückschritt der Meinungen erklärt sich geradezu aus den Fortschritten der Astronomie. Die der Griechen war noch nicht in dem Grade abgeschlossen und zum System verknöchert, konnte daher neue Tatsachen sich leichter assimiliren, als die hochentwickelte Astronomie der Neueren, welche für un- möglich erklärte», was nur für ihr System unverdaulich war. So wird also die Wissenschaft der Natur gerade durch ihre Ausbildung zum Prokrustesbette der Natur. So ist auch der Mesmerismus für den Waterialismus ganz unverdaulich; der lczterc, zum System erstarrt, hat seine Bieg- sanikeit verloren, und statt das System umzuwandeln, sucht man die Tatsachen umzndeutcn, und spricht von Hysterie, Hallucina- tion und schließlich sogar von Betrug, nur um das uubegueme Hellsehen nicht anerkennen zu müssen. Die Physiologen suchen die Formel zur Erklärung des Menschcnrätscls lieber in auf- geschnittene» Tierleibcru. statt sie ans ihrem eigenen Innern heraufzuholen. Sie gleichen Leuten, die überall nach ihrem Hute herumsuchen, während sie ihn doch auf dem Kopfe haben. (schlui solgl.) Gcorg Friedrich Kolb. Aon W. jSroa. ... Fugend in der Fülle der Lebenskraft hat leicht zu nr- ' kn über das schwache und absterbende Alter. Wie oft sind ''innerhalb des brausenden und reichen politische» Lebens wirkc m" geneigt, die Leistungen derer, die früher gc- ~' i11»nterschäzen, ohne zu bedenken, daß jene erst die iuJTr �e" schaffen müsse», innerhalb deren sich heute die VolV--. wration mit Leichtigkeit bewegt. Was war überhaupt i»ches Leben vor einem halben Jahrhundert i» Teutschland? ■> pflegt zu sagen, daß Johann Jacoby mit seinen„Vier fleirf?"- C'"C§ �ffpreuße»" das politische Leben in Preußen erst �abe. Wenn das wahr ist, so werden wir jener siirT- �'C der vormärzlichen Zeit niit Johann Jaevby Mii" politische Formen stritt, eine um so höhere historische J!01' Zuerkenne» müssen. ■oeiic Demokratie konnte in der vormärzlichcn Zeit kein Uesens konstitutionelle und politischen «WWW "»««Iticj,,, W Soll und 3*5"«« der % ääs: 1848 diese Männer zur politischen Macht empor. Sic nahmen nicht an de» Straßenkämpfen teil, aber das Volk beauftragte sie. die neue staatliche Formation festzustellen. Sic erschienen im Vor- Parlament, im Parlament der Paulskirche zu Frankfurt, in der Nationalversammlung und in der zweiten preußischen Kammer zu Berlin, in den Kammern von Baicrn, Württemberg, Baden, Sachsen. Hessen u. s.>v. Sic sollten ein freies und einiges Teutschland schaffen. Wie der Versuch mißlang, ist bekannt; er mißlang durch die überlegenen Künste der reaktionäre» Partei, durch den Mangel des Volkes an Verständnis für die Situation und durch den Mangel der Volksvertreter an Energie»»d politischem Scharsblick. Das Versassnngstverk endete kläglich und das Par- lamcnt, erst die Hoffnung Teutschlands, ward zu Stuttgart durch etliche Bataillone wiirttenibcrgischcn Militärs auseinander- gesprengt. Wir gehören nicht zu denen, welche glauben, mit dem Worte .Schvazparlament" eine erschöpfende Kritik des Frantsurter Parlaments gegeben zu haben. Die Kraftlosigkeit jener Körper- schaff hatte ihren Grund in der jahrhundertlangcn Zerrissenheit und Kraftlosigkeit der Nation, deren Folgen sich nicht in einigen Monaten beseitigen ließen. Den Mitgliedern des Rumpfpar- laments, die bis znlczt anshieltcn. wird die Geschichte ihre An- erkennnng nicht versagen können, troz aller groben Fehler, die das Rumpfparlament beging. Das Ende dieses Parlaments wor eine traurige, niemals»Ter eine lächerliche Szene. Es hatte den Erfolg nicht für sich und bekam nun den Spott uni- sonst; in, anderen Falle würde man's bewundert haben. So geht es immer. Die bald darauf ciutreteudcn neuen politischen Strömungen verschlangen die alte Demokratie bis auf einen kleinen Rest. Viele hatten aus Unmut oder um Verfolgungen zu entgehen, das Vaterland verlassen; andere ließe» sich gern von den neuen Strömungen fortreißen; noch mehr suchten in den neuen Ver- 498 haltnissen Macht, Einfluß und Ansehen zu gewinnen, was ihnen die Bewegungsjahrc nicht hatten dauernd gewähren können, und sie schmiegten sich den veränderten Anschauungen und Zuständen mit Preisgabe ihres Karakters an. Eine kleine aber auserlesene Schaar blieb auf dem alten Boden stehen. Sie zählte glänzende Namen unter sich; zu ihr gehörten Uhland, Fallmerayer, Moritz Hartmann, Temme, Johann Jacoby u. a. Diese Männer be- griffen, daß die Nulle ihrer Richtung vorläufig ausgespielt sei. Sic zogen sich grollend und schweigend zurück. In Zeiten der Gefahr oder der Selbstüberhebung und Verblendung der Massen erhoben sie ihre Stimme, mahnend und warnend. Sie bildeten eine?lrt Gewissen der Nation. Wer denkt nicht daran, wenn er des greisen Uhland Spruch aus den fünfziger Jahren vor sich hat: „Umsonst bist du von edler Glut entbrannt, Hast du nicht sonnenklar dein Ziel erkannt!" oder sein schönes Wort: „Wenn ein Gedanke, den die Menschheit ehrt, Den Sieg errang, so war's der Mühe wert." Diese Männer konnten nur wenig mehr teilnchmcu an den Kämpfen und Bestrebungen späterer Zeit; ihre Begeisterung war abgekühlt worden, und es fehlte ihnen auch vielfach an Verständnis. Sie hielten meist an den rein politischen Fragen fest innerhalb einer Epoche, da die neuen sozialökonomischen Ideen und Gestaltungen dominircn. Das war ein großer Fehler, aber er lag in der Natur der Sache; die Mission dieser rein pvli- tischen Demokratie war eben vorüber. Unter diesem Fähnlein raase auch hervor die Gestalt des Mannes, der in diesen Lcnzcsragcu aus dem Leben geschieden; wir meine» Georg Friedrich Kolb oder Kolb von Speyer, wie er in. den parlamentarischen Körperschaften genannt wurde. Kolb war ein Kind der Rhcinpfalz. In aufgeregten Zeiten sind die Geister der Pfalz so feurig wie ihr junger Wein, allein es fehlt an Beständigkeit; sie klären sich schlecht ab und ver- derben leicht. Diese so häufige Pfälzer Eigenschaft war an Kolb nicht bemerkbar. Er gehörte niemals z» den Schreiern, denen man in der Pfalz den Namen„Krischer"(Kreischer) gegeben hat und von denen sich im Jahr 1848 eine so große Anzahl hervortat. Man denke nur an den mainzer Germain Metter- »ich und an den wormser Weinhändler Bleuler mit seinem verfehlten Angriff auf Landau. Kolb wurde im Jahre 1808 in Speyer geboren. Nachdem er seine Ausbildung vollendet, trat er in städtische Dienste. Seine Arbeitskraft, seine Sachkenntnis, sein ruhiges, besonnenes Wesen und sein Freimut verschafften ihm ein solches Ansehen, daß er sehr bald zum Bürgermeister von Speyer gewählt wurde. Troz seiner vielseitigen politischen und literarischen Tätigkeit hat Kolb doch die städtische Verwaltung zur Zufriedenheit seiner Mitbürger geleitet, bis die Reaktion ihn nötigte, auf sei» Amt zu verzichten. Lange vor 1848 war Kolb in der Pfalz einer der tätigsten Führer der Demokratie, tätig in Wort und Schrift. Damals erschien seine Schrift:„Die Rechte der deutschen Völker, den Ansprüchen des Bundes gegenüber," als Kolb erst 24 Jahre alt war. und 1842 erschien zu Pforzheim die erste Ausgabe seiner Kulturgeschichte. Kolbs Name war weit bekannt und auch Verfolgungen seitens der Behörden waren ihm nicht erspart geblieben, als die Bewegungen im Frühling 1848 begannen. Die Vaterstadt sandte Kolb ins Borparlament.„Wochen sind jczt Jahr- hunderte," sagte dort Uhland, aber das Vorparlament begriff dies nicht. Es verwarf den Antrag, beisammen zu bleiben. und versäumte mit den Wochen denn auch Jahrhunderte. Uhland selbst hatte gegen die Permanenz gestimmt, Kolb aber dafür. Man wählte einen Fünfziger-Ausschuß; Kolb kam hinein mit 391 Stimmen. Von Speyer wurde Kolb auch in das frankfurter Parlament gesandt; er gehörte zur Linken, nicht zur äußersten Linken. Bei der Wahl des Reichsverwcsers gab er seine Stimme Heinrich von Gagcrn; er glaubte mit vielen anderen damals auch an die Mission des Mannes niit den buschigen Augenbrauen. Bei der Kaiserwahl antwortete Kolb, als man ihn aufrief:„Ich wähle nicht!" Im übrigen beteiligte er sich fleißig an den Verhandlungen des Parlaments. Seine Reden sind frei von den gewöhnlichen Phrasen jener Zeit. Er saß in mehreren Ausschüssen und hielt aus bis zulezt, bis zum IN Juni 1849, da das Parlament vor der Fritz'schen Reitschule in Stuttgart gesprengt ward. Inzwischen war Kolb auch in der baierische» Kammer tätig gewesen. Die bekannte Angelegenheit des„griechischen An- lchcns" wurde durch ihn erledigt. König Ludlvig I. hatte nämlich der griechischen Regierung in den dreißiger Jahren l'a Millionen Gnldcn ans der baierische» Staatskasse geliehen. Der Landtag hatte die Sache wohl in Beratung gezogen, aber keinen Beschluß gefaßt. Jezt nahm Kolb die Sache in die Hand und bewirkte, daß Ludwig die 1'% Millionen Gulden aus seinen Privatmitteln zurückzahlen mußte. Ter Bericht iibcr die Ver- Handlung dieser interessanten Angelegenheit ist separat im Druck erschienen unter dem Titel:„Das griechische Anlehen, ein Bei- trag zur Geschichte des Konstitutionalismus in Baiern, von G. F. Kolb. München 1849." Nach der Sprengung des Parlaments kehrte Kolb nach Speyer zurück, wo er das von ihm gegründete demokratische Blatt„Neue Spcyerer Zeitung", zu dessen Herstellung er eine Druckerei eingerichtet hatte, weiter herausgeben wollte. Allein jczt stürzte sich die Reaktion auf ihn. Er ward verhaftet und ein halbes Jahr lang in Untersuchungshaft gcsczt, dann ohne Anklage wieder entlassen. Er legte seine Stellung als Bürger- meister nieder und hielt noch bis 1853 ans, während welcher Zeit das Blatt die heftigsten Verfolgungen zu erdulden hatte. Da gab Kolb den ungleichen Kampf auf und ging in die Schweiz, nach Zürich. Hier verkehrte er mit seinen geflüchteten Gesinnungsgenossen und warf sich auf das Spezialstndium der Statistik. Seine Schriften:„Handbuch der vergleichenden Statistik" und„Grund- riß der Statistik" verschafften ihm in der wissenschaftlichen Welt ein hohes Ansehen. Diese Schriften haben mehr als viele andere dazu beigetragen, die Statistik zu einer populären Wisscnschast zu machen. Kolb hatte denn auch die Genugtuung, daß er 1800 vom schweizerischen Bundesrat als dessen offizieller Vertreter zum statistischen Kongreß nach London gesandt wurde. Seine statistischen Werke, ein Zeugnis seines eisernen Fleißes, sind vielfach neu aufgelegt worden. Damals schrieb Kolb auch einige kleinere Schriften über die Zustände der Schweiz, sowie sein Wcrkchen über die englischen Staatsprozesse. Im Jahre 1859 kam Kolb nach Teutschland zurück und ward Mitbegründer der„Frankfurter Zeitung", deren Redaktion er bis 188(1 leitete. Er bekämpfte in diesem Blatte, das ilpn viel verdankt, die grvßprcußischc Politik. Mitarbeiter der„ Fra»� furter Zeitung" blieb Kolb bis in seine lcztcn Tage. Ana) am politischen Leben im weiteren Sinne hatte sich Kolb tviedcr beteiligt. 1868 wurde er vom Wahlbezirk Kirchheimbolanden- Kaiserslautern mit 7212 von 7760 abgegebenen Stimmen das Zollparlamcnt gewählt. Im Jahre 1874 kandidirtc or wieder in diesem Kreis, erhielt aber gegenüber der starke'" nationallibcralcn Strömung nur einige hundert Stimmen. 1863 saß er auch iu der baierischcu Kammer der Abgeordneten' wo er die pfälzische Gcmcindeordnung zur Annahme brachte- Als die Kammer sich 1872 lediglich in Nationalliberale nn Ultramontane schied, legte Kolb sein Mandat nieder und tra vom politischen Leben zurück. Doch schrieb er noch bis in sclN lcztcn Jahre viele politische Artikel sür die verschiedensten 3cl' schriften. Von seinen kleineren Schriften erwähnen wir noch- „Tie Nachteile des stehenden Heeres." Kolb war ein c» schiedencr Anhänger des Milizsystems, welchen Gedanken er 1 der baierische» Kammer mit Geist und Geschick, aber ohne pol tivcn Erfolg verfocht. In Leipzig ließ Kolb seine gänzlich umgearbeitete„Kn> gcschichte der Menschheit" erscheine», die in demokratischem geschrieben ist. Dies Werk mag manche Mängel haben;' 500- Ganzen hat es gute Dienste getan, hat eine Aicngc von Vor- urteilen wegräumen helfen und hat im Volke weithin erst Sinn und Interesse für Kulturgeschichte geweckt. Man kann sagen, daß Kvlb mit seinen beiden Werken, seiner Kulturgeschichte und seinem Handbuch der vergleichenden Statistik, sehr wichtige Dienste für die Hebung der allgemeinen Volksbildung geleistet, indem er dem Volke diese beiden wichtigen Wissenszweige durch populäre Darstellungen eröffnete und zugänglich machte. Auch i» der Jmpffrage nahm Kolb Stellung und zwar gegen den Impfzwang. Sein fleißig gesammeltes Material über die Wirkungen des Zmpfens war immer, sobald es in die Oeffcntlichkeit kam, von durchschlagender Wirkung. Eine sehr interessante literarische Fehde hatte Kolb in der Afsaire Kaspar Hauser durchzufechten. Wer Kaspar Hauser, dieser in Nürnberg 1828 so mysteriös zu in Vorschein gekommene und 1833 zu Ansbach eben, so mysteriös ermordete Mensch gewesen, das ist heute noch nicht definitiv festgestellt, wenn schon eine ganze Literatur über den seltsamen Findling erschienen ist. Der berühmte Kriminalist Feuerbach vertrat nämlich die Meinung, Kaspar Häuser sei der angeblich verstorbene älteste Erbprinz des Großherzogs Karl Ludwig von Baden und dessen Gemahlin Stephanie, einer Adoptivtochter des ersten Napoleon. Indessen ward Hauser nach seinem Tode einfach für einen Betrüger er- klärt. Kolb griff nun, gestüzt auf Feuerbach und auf genaues Studiuni der offiziellen Akten, diese Meinung mit Glück an und brachte so viel Aiatcrial bei, daß es heute als festgestellt gelten darf, daß Kaspar.Hauser kein Betrüger war. Damit ist freilich das Geheimnis seiner Herkunft nicht entschleiert. Kolb erfuhr die heftigsten Angrisse in dem Buche des ham- burgischen Oberstaatsanwalt Mittelstädt, die er übrigens in der �Frankfurter Zeitung" mit Glück zurückwies. Man kann sagen, daß Kvlb die Kaspar Hauser-Afsaire ihrer Aufklärung näher, überhaupt so nahe gebracht hat, als es auf Grund des ihm zugänglichen Materials möglich war. Bis jczt iveiß man eben noch nicht. Iver und tvas Kaspar Hauser war. Für den, der sich in dieser Sache unterrichten will, ist die einschlägige Literatur sehr interessant. Kolb war bis in seine lezten Tage tätig für die Interessen der Gesammthcit. Man braucht seine speziellen Parteianschau- ungen nicht zu teilen und kann doch von hoher Achtung erfüllt sein vor dieseni reichen, taten- und arbcitsvollen Leben und vor diesem männlichen, stolzen uud unbeugsamen Karakter, der die große Niederlage seiner Partei überstand, ohne sich im mindesten in der Bahn, die er sich einmal vorgezeichnet, beirren zulasse». Es ist heute doppelt wichtig, dem Volke das Bild eines selbständigen und reinen politischen Karaktcrs vorzuführen, um so mehr, als wir in einer Epoche leben, da die persönliche Selbstsucht tief in die Politik eingedrungen ist uud heute so leicht die Entschlüsse der Parteimänner bestimmt. Das Bild eines ehrenhaften politischen Karakters, gleichviel welcher Schal- tiruug der wahrhast freisinnigen Richtungen er angehört hat. wird immer dazu dienen, im Volke die politische Selbständigkeit nnd Ehrenhaftigkeit zu stärken. Es lichtet sich immer mehr, das schon sehr zusammen- geschmolzene Fähnlein der Männer, die im Frühjahr 1848 eine kurze Spanne Zeit die Geschicke Deutschlands zu lenken in der Lage waren. Sie haben von der Geschichte ihr Lob und ihren Tadel, beides nach Verdienst empfangen, wie dies allen Pm- teien nach dem Abschluß ihres Wirkens zuteil werden wir� Wohl wenige aber konnten sich am Abend eines arbcitsvollen Lebens mit solcher Befriedigung wie der alte Kolb von SpcY� sagen, daß ihr Wirken nicht umsonst gewesen. Am Boden see. Eine kleine Erzählung von Kcrns Itur. „Hier ist's wahrhast prächtig! Wie werde ich es da auf dem dumpfen und langweiligen Bureau des Hauptzollamts aushalten können!" So sprach zu sich selbst ein junger Man», der am Ufer des Bodenssee's lustwandelte, just wo sich die rveißcn Ufergebäude des alten, hübsche» und behaglichen Städtleius U. erheben. Es war in der Tat ein prächtiger Anblick. In den Strahlen der Frühlingssonne glizerte und blinkte die weite Fläche des See's wie geschmolzenes Silber. Eine Menge von Dampfern, Segelschiffen, Fischcrnachen und Kähnen belebte den Wasser- spiegcl, der rings von saftigem Grün oder von dunklen Waldes- höhen umsäumt war. Au den Usern erhoben sich, rvcithi» sichtbar. die weißen Gebäude der Städte und Dörfer nnd hinter ihnen die rcbcnreichen Höhen, wo der Scewein wächst, der an manchen Stellen viel besser ist, als sei» Ruf. Ernst und ge- waltig ragten im Hintergrund dieses Panoramas die schnee- gekrönten Häupter der Alpen empor, vor allen der doppelzackige Säntis bei St. Galle». Herr Magnus— so wollen wir unseren jungen Freund nennen— war soeben erst in dem alten Städtlein angekommen, wo er seinen danemden Aufenthalt nehmen sollte. Aber statt daß die Schönheit des Ccc's ihn heiter stimmte, blieb er ziem- lich nachdenklich. Er war vor acht Tagen von der Hochschule gekommen, allwv er ein fleißiger, aber auch flotter und lustiger Student gewesen. Die Mittel für seine Studien brachten einige Verwandte zu- stimmen, die gern einen pictistischen Tcologen aus ihm gemacht hätten. Als sie sahen, daß er dazu nicht veranlagt war, zogen sie ihre Hand von ihm ab, und er war genötigt, die Hochschule zu verlassen, da es ihm gänzlich an Mitteln fehlte. Man sagte ihm, daß er zu hoch hinaus wolle und daß, wer nichts habe, sich den Verhältnissen fügen müsse. Deshalb habe man für ihn eine Stelle alS„Kanzleigehilse", wie der offizielle Titel lautete, auf dem Hauptzollamt zu U. ausgemacht, Ivo er drei als Volontär zu arbeiten habe, während welcher Zeit ihm kleine Unterstiizung zufließen solle. Nach drei Jahren w»* er, wenn er fleißig gewesen, definitiv mit 600 Mark jahu'sv angestellt werden und wenn er ferner fleißig sei, könne er es seinem Leben sogar bis zum Zollamtskon trälleur mit 1800 Gehalt bringen.. Dieser jähe Sturz in die Tiefe brachte den jungen NW"" an den Rand der Verzweiflung. Er dachte daran, sich' Fremdenlegion in Algier anwerbe» zu lassen. Allein„einer. dabei gewesen," erzählte ihn: Tinge, die ihn davon ab-'"'. wieder abbrachten.„Soll ich einmal mit Kabylcn fämpst"' sagte sich Herr Magnus,„so können es auch einheimische H'1.1, Et beschloß also vorläufig als Volontär— in Preußen man Supernumerar— die Kanzleistelle auf dem Hauptzolw � einmal anzunehmen und sich bei dieser Gelegenheit mit schönen Bodensee und dem Leben und Treiben dort bckan» machen. Mit der glücklichen Sorglosigkeit der Jugend I" er ans einen günstigen Zufall, der seine Situation zum bei wenden würde. So war Herr Magnus an einem Sonntag Barmittag wunderschönen Monat Mai in II. angekommen und lustwan am Ilfer des See's. Heute wollte er noch mit vollen � die Lust der Freiheit cinatnien; morgen sollte er sieh c; Bann des Hauptzollamts begebe». Das wollte ihm fallen. Er war ja noch so jung und lebenslustig. Da> � sich das Gebäude empor, dicht am Ufer des See's, un Burcaux der Beamten lagen auf der Sccseite.. .Da kann man vom Schreibtisch aus den See un � Alpen sehen," murmelte Herr Magnus.„Wie werde da auf meinem Schreibbock aushalten!" �„ta» Aber was soll man tun in einer kleinen Stadt, niemand kennt, an einem Sonntag Vormittag? Nachdem Herr Magnus den See und dessen Schönheiten genugsam bewundert, beschlas; er, die Qualität des Secwcins zu Prüfen, zumal er einen ganz gesunden Turst verspürte. Er wandelte durch die engen Straßen des Städtchens und sah ver- schiedene Schilder an den Häusern hängen, die andeuteten, daß allda ein guter Trunk zu haben sei. Es waren so viele, daß ihm die Wahl wehe tat. So gelangte er»ach und nach in die Nähe der Hanptkirche des Städtlcins, wo soeben der Gottesdienst beendigt war. An; Fuße der großen breiten Treppe, die zum Hauptportal empor- führte, hatte sich die Jeunesse doräe"*) der guten Stadt U. versamniclt, um die aus der Kirche heimkehrenden Schönheiten zu bewundern. Die jeunesse doräe bestand hier aus kleinstädtischen Ladknjünglingen, Zollamtsschreibern und einigen Söhnen reichgewordencr Bauern resp. Landwirte. Herr Magnus sah die Gesellschaft, auf die er in Zukunft angewiesen sein sollte, sich an und ihm war gar nicht wohl dabei. In dichten Massen entströmten die Gläubigen dem Portal der Kirche, erst die Kinder, dann die frommen Männer mit dem Gebetbuch unterm Arm und dann die„reiferen" und .reifsten" Damen, wcld)e den Spalier bildenden Gaffern giftige blicke zuwarfen. Tann erst erschiene» langsam die eigentlichen Schönen der Stadt, denen man wohl ansah, daß sie weniger der Andacht, als ihrer sonntägliche» Toilette wegen die Kirche besucht hatten und denen der Schlußakt, nämlich das Passiren der„goldenen Jugend", das wichtigste bei der ganzen Sache war. Die Schönen vom Bodensee sind im allgemeinen weder spröde noch prüde, und so sah man die jungen Schönen keck die Grüße der„goldenen Jugend" erwidern, dabei manchen halb- dkrslvhlcnen Blick des Einverständnisses austauschen und sich 's'cht darum kümmern, daß aus de» Fenstern der gcgeniiber- uegenden Häuser eine Anzahl sehr reifer Damen die Szene aufmerksam betrachtete, offenbar, um Stoff für den Nachmit- wgskaffeeklatsch zu sammeln. Herr Magnus war einen Augenblick stehen geblieben, um stch die kleinstädtische Szene anzusehen— da nahte ihm sein Schicksal. Und zwar kam es nicht etwa abschreckend und im �»nde niit dem Unglück, sondern rosig und liebreizend in Gestalt kwes hübschen blonden Fräuleins, das soeben die Kirche verließ. 3 war eine stolze hochgewachsene und schlanke Schöne mit �gelmäßigen Gesichtszügen, großen kornblumenblaue» Augen 'wd wohlgerundeten, doch nicht allzu üppigen Formen. Sic > Mg die Augen nicht etwa mit der Heuchelei der Verschämt- Pf.'* uieber, wozu sie auch gar keinen Grund halte, sondern mte stolz und frei uni sich, ohne indessen von den bewun- �'dcn und verliebten Blicken der Ladcnjüngliugc und der Alkiber auch nur die geringste Notiz zu nehmen. I""Lü* ist die hochmütige Fischer-Minna," sagte ein Hand- Ugsbcflissener, der wie ein wandelndes Modejonrnal aussah. "?a, stolz ist sie, wie eine Prinzessin." sagte ein anderer. ..Und doch," meinte der erste,„ist ihr Vater nur ein Fischer, morgens auf dem See Fclchcn**) säugt, die»ach Stuttgart WPdt werden." j,"Fischer zu sein ist keine Schande." sagte der andere,„und �°.'st. stolz ans ihre Schönheit." ' 1, C boshaft und hochmütig. Ich möchte sie nicht zur ""'U haben." ,„"�0!" lachte der andere,„das sind saure Trauben. Tu ! hg, eben nicht vergessen, daß sie dir einmal spöttisch gesagt . i dich.. Pe Hände dufteten auch Sonntags nach Häringen und dej" dir deshalb einen Tanz abschlug. Warum hast du auch Hände nicht sorgfältiger gewaschen!" »»d"Cl C'''0 �Pgkredete stieß einen halbnnterdriicktc» Fluch ans � landte der eben vorüberschreitenden Minna einen grimmige» »ach. s�jp,, jh„ gar nicht bemerkt zu haben. Teil, bie. stolze Minna weiter schritt, blickte sie plözlich zur und sah in die strahlenden Augen des jungen Magnus. i!**)»i« 90lbtne Lugend. ' n vortrefflicher Fisch im Bodensee. Es schien, als traue er seinen Blicken eine magnetische Kraft zn, die schlanke Schöne an sich zu ziehen, so durchdringend hafteten sie aus der Erscheinung, die hier zum erstenmal seinen Weg kreuzte. Minnas große blaue Augen trafen voll und ganz die seinen. Das Mädchen errötete leicht, Herr Magnus des- gleichen. Er wußte nicht, was er in der Verwirrung tat und zog höflich seinen Hut. Sie dankte etivas erstaunt, doch nicht unangenehm überrascht, und Magnus sah wie gebannt der stolzen Erscheinung nach, bis sie um die nächste Ecke verschwand. Teni wandelnden Modejonrnal war kein Moment dieser Be- gegnung entgangen und sein ganzer Haß warf sich ans den Fremden, de» er von der schönen Minna begünstigt wähnte. „Nun kennen wir endlich die. geheime Liebe der hod)niütigen Fischer-Minna," zischte der Haiidlungsbeflissene.„Wer der Kerl wohl sei» mag? Gewiß ein verbummelter Student! Aber diese Subjekte haben immer Gliick bei den Weibem!" „Du bist ein Narr, dem die schönen Augen der Fischer- Minna vollständig den Kopf verdreht haben," lachte der andere und zog das wandelnde Modejonrnal in ein Wirtshans hinein. Herr Magnus stand noch auf demselben Fleck und sah in's Leere hinein. Tie stolze und doch so liebliche Erscheinung Minna's hatte seine Sinuc vollständig gefangen genommen. Es ging ihm genau wie dem Trompeter von Säckingen, als dieser seine blonde und blauäugige Margaretha zum erstenmal sah. „Den Mann hats!" heißts von jenem kecken Trompeter, und nnscrm guten Magnus geschah um kein Haar besser. Wir können einstweilen verraten, daß auch der schönen Minna Pulse etivas rascher schlugen, als der fremde junge Manu sie so durchdringend ansah. Wer mochte er wohl sein? Co schritt sie nachdenklich ihrem Elternhausc zu, das am See stand und � an eine» alte» Turm angebaut war, der zu de» Befestigungen der Stadt gehört hatte. So begegne» sich oft zwei Menschen ganz unerwartet, finden sich sympatisch und ein einziger Blick begründet ein Verhältnis fürs ganze Lebe». Was Wunder, wenn es Leute gibt, die an ei» Fatum glauben? Denn andere gehen jahrelang nebenein- ander her, bis sie gegenseitiges Interesse erwecken und sich sympatisch finde». Herr Amor treibt eben ein gar launisches Spiel. Nunmehr erschien mit eiuemmale die Stadt am See Herrn Magnus weder zn klein noch zu langweilig mehr. Auch vor dem Hauptzollamt fürchtete er sich nicht iveiter. Er zog sich in die dunkelste Ecke einer Weinschenke zurück und überließ sich bei einem guten Schluck roten Mecrsburgcrs den kühnste» Träume». Bielleicht war auch der rote Mcersburger schuld daran, daß der arnie Kanzleigehilse mit dreijähriger Volontär- zeit und dann ganzen 600 Mark Gehalt gar nicht in Erwägung zog. ob die stolze Fischerstochter, immerhin wohlhabender Leute Kind, sich für ihn auch wirklich interessiren würde. Im übrigen bekam der angehende Herr Kanzleigehilfe den Gegenstand seines plözlich erweckten Interesses an diesem Tage nicht mehr zn sehen und am Tage darauf mußte er seinen Dienst antreten. Er erschien pünktlich morgens um acht Uhr im Bureau, wo man ihm bedeutete zu warten, bis der Herr Oberinspektor käme. Der so bezeichnete Beanitc hieß amtlich nur Inspektor, hörte sich aber gern Oberinspektor nennen und sämmtliche Unter- gebenen benuzten dies zur Schmeichelei. Es waren Leute, deren Wesen Herrn Magnus sehr wenig anmnten konnte. Sie betrachteten den Neuling, der sich stolz und zurückhaltend be- nahm, mit neugierigen und hämischen Blicken, zischelten unter- einander und betrugen sich wie feindselig. Um Halbneun Uhr trat der Herr„Oberinspektor" ein. Er hatte ein rotes Gesicht, eine kräftige Figur und trug eine schwarze Sammtniüze, die seine Glaze verdeckte. „Guten Morgen, Herr Oberinspektor!" hieß es unisono. „Guten Morgen!" Seine Blicke richteten sich fragend aus Magnus. Dieser hatte sich erhoben und stellte sich vor. „Hm! Kommen Sic!" Er führte Magnus in das Jnspektionsbnreau. Man merkte es dem Herrn Inspektor an, daß er„von der Pike ans" ge- dient hatte, d. h. früher Grenzaufseher und Zollwächter gewesen war, oder Zollschnüffler, wie das Volk sagt. Ohne dem Volontär einen Stnhl anzubieten, machte er diesem seine Pflichten klar, nnd zwar in strengem Ton. Tie Bureaustnnden sollten von 8— 12 und 2— 8 Uhr dauern. Dann wurde der Volontär an . seinen Plaz geführt: „Das wird Ihr Plaz sein, Herr Magnus." „Sehr wohl, Herr Inspektor!" Der Zollgcwaltige schaute den Volontär groß an, sagte aber nichts; die Subalternen warfen sich bezeichnende nnd hämische Blicke zu. Magnus, der von den Kriechereien des Schreiber- tums nichts verstand, hatte das„Ober" weggelassen. So mußte er bald in Ungnade fallen. Und das war für das Schreiber- tum ein Gaudium, denn sie haßten Herr Magnus schon von vornherein wegen seiner akademischen Bildung. Da saß er nun an seinem Pult und sollte sich in dicke Bücher mit langrveiligen Ziffern vergraben. Von draußen lachte der sonnige, blaue Himmel herein in die dumpfe Stube, die Wogen des Sees klaschten neckisch an den steinernen Damm dicht vor dem Fenster und der weiße Gischt spriztc hoch empor, als wollte er den gefangenen Alaun da drinnen mahnen, wie nahe der See sei, und der Säntis mit seinem weißen Haupt grüßte ernst herüber. Herr Magnus öffnete einen Angenblick das Fenster, um frische Luft einzulassen. Da schaukelte sich draußen ein bewimpelter Aachen, in dem zwei junge Herren und zwei junge Damen saßen, welche das alte Lied sangen: „Von der Alpe tönt das Horn Gar so zaubrisch wunderbar, S' ist doch eine eigne Welt, Nah dem Himmel schon fürwahr; Andre Blumen, andre Wolken, Wie in einem Zauberreich, Nur mein Lieben, nur mein Leiden Bleibt sich ewig, ewig gleich!" Herr Magnus versank in tiefes Sinnen bei der schwer- mütigen Weise— da fuhr er empor: „Die Fenster müssen geschlossen bleiben, denn bei dem Lärni kann man nicht arbeiten," sagte der Inspektor mit derber Bc- tonung. Er beobachtete alles durch die offene Tür seines Zimmers. „Ich wollte nur etwas frische Lust haben—" „Die Fenster bleiben geschlossen, das gilt ein für allemal," sagte der Inspektor nun grob.„Gelüstet wird nachher." Tie Schreiber sahen schadenfroh ans den Gerüffelten nnd der Inspektor kehrte im Vollgefühl seiner Amtswürde mit droh- »enden Schritten in sein Zimmer zurück. Magnus schloß bc- trübt das Fenster und begriff nun erst, was ein volontircndcr i Kanzleigchilfe sei. Er wandte sich zu seinen Arbeiten nnd suchte sich in dieselben zu vertiefen. Aber umsonst. Es waren endlose und verworrene Tabellen, die er ins Reine schreiben i sollte und welche die Berechnung der besonderen Diäten für die Grcnzwächtcr u. s. w. enthielten. Herrn Magnus redlichstes Bemühen, diese Tabellen intercs- sant zu finden, war ganz nmsvnst. Seine Gedanken flohen immer wieder aus der Wirrnis der Tabellen hinweg zu dem schönen Anblick aus dem Fenster. Und Ivenn er sie mit Ge- walt festzubannen suchte zwischen den öden Ziffern, so tauchte daraus ein lockender, blonder Mädchenkopf hervor nnd ein tief- blaues Angenpaar lachte ihn schalkhast und neckisch an. Wo blieben da die Diäten der Grenzwächtcr? So klein der Gott Amor ist, so groß ist seine Bosheit. Er liebt es, seine Opfer mit ansgesüchten Qualen zu bedenken. So ging es auch unserem braven Herrn Magnus. Gerade von seinem Pult ans sah er auf den schon er- wähnten alten Turm, und er lvußte nicht, daß das zierliche Häuschen, das sich an den alten Turm lehnte, das Vaterhaus derjenigen war, deren Bild seine ganze Gedankenwelt ausfüllte. Aber bald ward es ihm offenbar. Denn es erschien das blonde Haupt Schön Minna's am Fenster. Nun war es mit der Ruhe des armen„Kanzleigehilfen" vollends vorbei. Sehnend schaute er hinüber nnd die Herren Kollegen stießen sich mit dem Ellenbogen an. Herr Magnus I schien ganz verworren. Zu der Minna in der Phantasie kam l nun auch noch die wirkliche, um ihn von der Arbeit abzuhalten.| Ja, sie schritt noch an diesem Morgen stolz nnd stattlich draußen j vor dem Fenster vorüber und der arme Magnus mußte a» seinem Pult festgenagelt bleiben! Soll man sich wundern, wenn am Abend des ersten Tages| in die Tabellen für die Diäten der Grenzwächtcr auch noch I nicht die geringste Ordnung gekommen war! So ging es drei Tage lang einförmig fort; der Himmel war blau, der See glizerte im Sonnenschein, die schöne Fischer- Minna sah häufig zum Fenster hinaus, Herr Magnus seufzte noch häufiger und die Tabellen für die Diäten der Grenzwächtcr waren noch immer in Unordnung. Der Herr Inspektor— pardon, der Herr Oberinspektor' runzelte drohend die Stirn. Solch ein Volontär war ihm noch nicht vorgekommen. Wenn ain See sich ein Sturm erhebt, so wird derselbe durch einen weißgrauen Nebel vorher angekündigt. Den Sturi» im Hanptzollamt kündigte die gerunzelte Stirn des Jnspet- Ij tors an. Herr Magnus merkte nichts von den Gewitterwolken, die sich über seinem Haupte zusammenballten; er brannte nur o»!|| den vierten Tag, der ein Feiertag war, an dem auch die Burca»! � des Hanptzollamt geschlossen wurden. An solchen Tagen fl'AI" der Inspektor, der sonst ein liberaler Mann sein wollte, in die, Frühmesse, die um fünf Uhr begann, und es war der W»"!*, des gestrengen Herrn, daß auch das Kanzleipersonal sich W;j einfinden möchte. Seine häßliche Tochter Elise pflegte bei solche"(i Gelegenheiten dabei zu sein und über das Ka»zleiperso>"h Musterung zu halten. Die Schreiber wußten, daß, wer bc" Elisen gut angeschrieben war, auch auf die Gunst des Alte" rechnen konnte, nnd sie erschöpften sich in kriechenden Artigkeit� � gegenüber des Inspektors unschönem Töchterlcin. ivclcher diese L Huldigungen stolz entgegennahm. Sic wußte ja. daß wen» w;| keinen besseren Mann bekam, diese Schreiber immer»och.fl j! waren, aus ihrer Mitte einen Mann zu stellen, der Elise hev ratete und damit„Karriere" machte.| Aber als Elise früh fünf Uhr an der Kirchcntiir Revue w"1 die sich tief verbeugenden Schreiber hielt, fehlte der„neue®1' � Hilfe". Elise verfehlte nicht, ihren Vater darauf ausmeUl" zu machen, dessen Stirn sich den ganzen Tag in drohende legte. Wie konnte so ein Neuling»vagen, die Gebränche lC' 1 j Hauses zu verlezen! Herr Magnus hatte Iveder Zeit noch Lust, sich um jj Herzenswünsche des Inspektors nnd seines Töchterleins z"| kümmern. Mit dem Morgenrot stand er auf und begab jj an das Ufer des Sees, um das herrliche Schauspiel o>" Sonnenaufgangs zu sehen. Er mietete sich einen kleinen R"' und ruderte ans den See hinaus., Ter glühende Sonnenball, der im Osten heraufstieg, goß die wcißglänzendcn Alpenhäupter und die Fläche des. r wie mit flüssigem Feuer. Es lvar ein herrlicher und artiger Anblick, und Herrn Magnus ging das Herz»vicdcr' � das sich in der dumpfen Schreibstube und im Alltagstaub l sammengepreßt hatte. Ein erhabenes Naturschauspiel läßt!> I den Menschen die kleinlichen Schranken seiner alltägliche» f], Hältnisse vergessen. Eine»vvhlige Stimmung kam über»"'�ß Ii jungen Freund; er legte sich behaglich i» seinen Kahn und � sich von einem leichten Wind nach dem Zufall auf dem umhertrcibcn. (Schlich solgl.) - 503- Mser Bauwesen und seine Resorm. Von Kart Irc-Hrne. „Soziale Reform"— das ist die Parole des Tages. Soll die Sozialreform eine durchgreifende sein, so muß sie selbstverständlich in erster Linie darauf abzielen, die klar er- kannten Ursachen der soziale» Krebsschäden z» beseitigen. Es ist unendlich viel wichtiger, Prohibitivmaßregeln gegen das große Nebel zu ergreifen, als die Linderung des entwickelte» und zu Tage getretenen Nebels selbst zu versuchen. So steht z. B. die Notwendigkeit, den Arbeiter fiir den Fall der Er- kranknng zu versichern, weit zurück hinter der Notwendigkeit, ihm allen nur möglichen Schuz gegen Erkrankung zu gewähren, rastlos besorgt zu sein für die Erhaltung seiner Gesundheit, siir die Verbesserung seiner Lebensstellung in jeder Hinsicht. Tciju gehört in erster Linie mit, daß man ihn und seine �ainilic bksrcie von den außerordentlich schädlichen Konsegncnzen des »>oder»en Bauwesens oder richtiger gesagt Bauunwesens, also llute Wohnnngsvcrhältnisse für ihn schasse und damit einer gnindlegcndcn Bedingung für das Wohl der Familie, einer �oranssezung von Sitte und Humanität, eines geordneten Familienlebens und der leiblich wie geistig gesunden Erziehung aufwachsenden Geschlechts genüge. . Mit diesem überaus wichtigen, aber srnvvhl von de» Re- j|ier»ngcii und gcsezgebendcn Körperschaften, wie auch von der � afsc des Volkes lange noch nicht hinreichend gewürdigten tück Sozialresornr wollen wir n»s beschäftigen.----- Werfen wir zunächst einen Blick ans die Geschichte des Bauwesens. In früheren Zeiten ließ man sich bei Gründnng dauernder Wohnsize nicht leiten von Rücksichten ans die der Gesundheit zuträgliche Beschaffenheit des Niederlassungstenains, sondern von der Erwägung der Vorteile, welche dasselbe für Beschaffung der Snbsistenzmittel, für den Verkehr und den Schuz gegen Feinde darbot. Mit großer Vorliebe siedelten sich deshalb die Menschen in unmittelbarer Nähe von Seen und Flüssen an— wofür wir die Beweise in den aufgefundenen Pfahlbauten haben — ohne die Macht der schädlichen Einflüsse, welche sich aus der oft sumpfigen Beschaffenheit niedrig gelegener Ufer für sie «i. :::- Eine Slranheiisamilie. - 504 ergaben, zu beachten. Auch rücksichtlich der Wohnungen selbst ließ man sich nur von den nächstliegenden Erwägungen leiten; Schnz gegen die Unbilden der Witterung zu gewähren, eine Zufluchtsstätte zu sein, war ihre ganze Bestimmung. Diese Zeiten liegen weit hinter uns. Mit der Entwicklung der Intelligenz und der Kultur und dem allmülichcn Ausbau der staatlichen Ordnung ist nian längst dahin gelangt, die Nach- teile einer ungesunden Lage gebührend zu berücksichtigen und sich zu bemühen, die in früheren Zeiten bei Ortsanlagen be- gangenen Fehler gut zu machen durch Bekämpfung der schäd- lichen Einflüsse ungesunder Terrains. Schon im grauen Altertum, lange vor der christlichen Zeit- rechnung, widmeten die Kulturvölker den Wohnungsverhältuissen eine bemerkenswerte Aufmerksamkeit. So mußte nach dem mosaischen Gesez ein Haus, an welchem bestimmte Anzeichen — die wir nach der Beschreibung auf den Schwamm oder ähnliches beziehen können— hervortraten, niedergerissen werden. „Wenn hierbei die sonderbare Vorstellung bestimmend war, daß das Haus vom Aussaz befallen sei, so war doch der faktische Erfolg gewiß nuzbringcnd"*). Griechenland zu seiner Blütezeit betätigte praktisch die Erkenntnis der wichtigen Aufgabe, die Gesundheit seiner Bürger zu schüzen. Alan war bemüht, den Boden rein zu halten, drainirte die Sümpfe, errichtete kostspielige Wasserleitungen, öffentliche Bäder«.— Plato, ein Aristoteles hielten staatliche Gesundheit�- bezw. Baubeamte für unentbehrlich. Auch im alten Rom finden wir die Organisation einer Baupolizei. Dieselbe hatte eine genaue Aussicht über Gebäude, Wasserleitungen, Kloaken, Userbauten, Flußregulirung k. zu führen; ihre Beamten— die Curatores— waren mit großer Machtvollkommenheit ausgestattet. Ein— wahrscheinlich von Nero erlassenes— Edikt lud durch Gcivährung bedeutender Begünstigungen zum Häuserbau in Rom ein; jedem Sklaven. der auf eigene Kosten ein Haus erbaute, war Freiheit und Bürgerrecht zugesichert. Als die übermütigen Patrizier das Bestreben offenbarten, durch Ankauf der kleineren, vom niederen Volke bewohnten Gebäude Raum zur Aufführung weitläufiger Prachtbauten zu gewinnen, und hierdurch die Gefahr einer Wohnungsnot nahe gerückt war, wurde— im Jahre 48 n. Eh. unter Kaiser Claudius— verboten, Gebäude zum Abbruch zu verkaufen. Dieses Edikt wurde durch Vespasian erneuert. Der Sieg des Christentums über das Heidentum bereitete, wie so mancher andern Institution römischer Kultur, auch der römischen Baupolizei ein Ende. Die kirchliche Auffassung des Mittelalters war ihr, wie überhaupt der Gesundheitspflege, nicht günstig. Man suchte die Krankheiten, nicht mehr, wie früher, in. natürlichen und daher vermeidbaren Umständen, im Gegen- teil, man betrachtete sie als„unvermeidliche Schickungen Gottes", denen der Mensch in Demut sich zu fügen habe. Der mensch- liche Körper galt nicht mehr als ein zu pflegendes und rein zu haltendes Heiligtum, sondern als die verächtliche Hülle einer sündhaften Seele, die der haarsträubendsten asketischen Peinigung und Vernachlässigung zu untenverfen man sich nicht scheute. Neben dieser kirchlichen Reaktion wirkten die politischen Zustände sehr ungünstig auf das Bauwesen ein. Die Wehrhast- machung auch der kleinsten mit Stadtrccht versehenen Orte;— die Errichtung einer großen Zahl von Burgen, die in der ersten Hälfte des Mittelalters vollständig des Schnzcs der Glasfenster entbehrten und deren Wohnräume nach unser» Begriffen kaum den Namen von Ställen verdient hätten;— die Errichtung ganzer Verteidigungslinien auf Bergrücken und Höhenzügen oder in sumpfigen Niederungen, die durch stehende Wassermassen dem Feind den Angriff erschweren sollten;— in den Gassen enge, winklige, ungepflasterte und schmuzige Gassen, hohe Giebelhäuser mit überhängenden Stockwerken, oft ohne Hofräume und Gärten, in denen die Bevölkerung bei großer Unsicherheit im Verlaufe der das Land durchziehenden Fehden dicht zusammengepreßt *) Vergl. Sander,„Handbuch der önenllichen Gcsundheitspflcae". S. 11«. leben mußte;— die das ganze Mittelalter nicht auszurottende Sitte, die Toten innerhalb der Ringmauern in der geweihten Erde des Kirchengrundes zu begraben,— alles das schuf oder förderte wenigstens eine unversiegbare Quelle furchtbarer Krank- heitskeime, die nur zu bald in Aussaz- oder Pestepidemien sich äußerten und denselben Jahrhunderte lang entschiedensten Vor- schub leisteten, so daß im Volke die furchtbare Idee Wurzel faßte, die„göttliche Vorsehung" habe beschlossen, das ganze Menschengeschlecht„zur Strafe für seine Sünden" zu vertilgen*). Lange, bis zum Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts, dauerte es, bis ein richtiges Verständnis für die Hygiene der Ortsanlagen und Wohnungen anfing sich Bahn zu brechen, bis man begann, wissenschaftlich die Frage zu behandeln, wie dem ursächlichen Zusammenhange der Epidemien mit den haarsträu- beiidcn örtlichen und Wohnungsverhältuissen in den übervölkerte» Städten beizukommen sei. Der erste, der sich in dieser Rücksicht große Verdienste er- warb, war der berühmte Arzt Johann Peter Frank. J» seinem von 1778 bis 1819 erschienenen großen Werke:„System einer vollständigen medizinischen Polizei" finden wir sehr be- achtenswerte Angaben über gute Anlagen und gesunde Bauart menschlicher Wohnungen, über öffentliche Reinlichkeitsanstaltcn:c. Er wendet sich mit Entschiedenheit gegen alle Schwierigkeiten, welche einer gedeihlichen Entwicklung der Hygiene entgegenstehe» und verficht den wichtigen Grundsaz, daß, wo das Gesamnit- wohl inbctracht kommt, sowohl die Beschränkung der persönliche» Freiheit, als auch die Beschränkung der Freiheit in der Be- nuzung des Eigentums unerläßlich sei. Ein Gefühl der Beschämung muß uns überkommen, wen» wir bei Betracht dieses unzweifelhaft richtigen staatsrechtliche» Grundsazes daran erinnert werde», daß wir heute, nach nahez» hundert Jahren einer großartigen Entwicklung, in Teutschland kaum die primitivsten Anfänge gemacht haben, ihn zum Hc>� des Volkes zu vcnvirklichcn. In einer im Jahre 1872 vm» Reichskanzler Fürsten Bismarck an den Bundesrat erstattete» Darlegung, betreffend die„Verwaltungsorganisation der ösfi'»� lichen Gesundheitspflege", finden wir das denkwürdige Gestäud»'-- „Die Frage, bis zu welchem Grade der Staat befugt sei, Interesse der öffentlichen Gesundheit in die Privat rechte der Einzelnen einzugreifen, sei in Teutschland ka» zum Bewußtsein der Gebildeten gekommen und deshalb einer gesezlichcn Regelung noch nicht reif." Das ist leider nur zu wahr! Eine wirkliche, nachhall's Reform der öffentlichen Gesundheitspflege auf dem Gebiete Bauwesens erfordert ein weit entschiedeneres Eingreifen � Staates in Privatrcchte, als die Masse der„Gebildeten" 3� neigt ist zuzugeben. Denn lediglich privatrcchtlichc Jntcrcll sind es ja, deren Herrschaft das materielle, geistige und löO'� liche Wohl des Volkes auch auf diesem Gebiete untergräbt»> vernichtet.———————, Die modernen wirtschaftlichen und politischen Verhalt»».� begünstigen das Zusammenströmen großer Menschenmaffe», den Zentren der Industrie und des Handels in außerordc»' hohem Grade. Diese Zentren üben eine so ungeheure• ziehungskraft auf ihre nähere und fernere Umgebung aus,' ihre Einwohnerzahl in den stärksten Dimensionen wächst. folgende statistische Notiz zeigt: Im Jahre 1860 besaß Deutschland ohne Oesterreich' � Städte mit mehr als 100,000 Einwohnern, nämlich Be' Hamburg, Breslau, Dresden und München, die eine Gesa»'. bevölkerung von zirka 1,070,000 Seelen aufwiesen. Jejl. � kaum vicrundzwanzig Jahren, haben wir zwanzig Städte mehr als 100,000 Einwohner; zu den vorhin genannten � hinzugekommen: Leipzig. Königsberg. Köln, Hannover.-1'»� surt a/M., Bremen, Stuttgart, Straßburg, Danzig, B» Elberfeld, Nürnberg, Chemnitz, Aachen und Stettin»" � sammcn 4 hi Millionen Einwohnern, also fast zehn Prozc» *) Bergt. Häser,„Lehrbuch der Medizin und der Krankheiten". III. Band. epidcM's�" 505 Gesammtbevolkerung Deutschlands. Es steht außerdem zu er- warten, daß bei der nächsten Zählung im Jahre 1885 noch eine ganze Reihe anderer Städte— so Düsseldorf, Krcseld, Altona, Magdeburg rc.— die Zahl von 100,000 Einwohnern überschritten haben werden. Dieser Vorgang der Menschenanhäufung in großen Verkehrs- Zentren ist die notwendige Folge einer entwickelten Volkswirt- schast. Er ist nüzlich, insofern er dazu führt, die scharfen Konsequenzen der modernen Wirtschaftsweise zu ziehen und da- durch diese Wirtschaftsweise selbst umzugestalten. Es sind aber auch große Uebelstände für die Gesamnitheit und das Wohl- befinden des Volkes damit verbunden,— Uebelstände, die auf die Dauer geradezu dcgenerirend ans die höher zivilisirtcn Nationen wirken. In den vom Zuzuge der Mcnschcnniassen betroffenen Zen- treu zeigt sich zunächst fast ununterbrochen ein Mangel an Wohnungen überhaupt; sodann ein beständiger Mangel an solchen Wohnungen, wie sie den individuellen und Wirtschaft- lichen Kräften und Bedürfnissen der verschiedenen Wohnungs- Inhaber und ihrer Familien entsprechen. Weitere schwerwiegende Uebelstände sind: daß die bauliche Einrichtung der Wohnungen im großen und ganzen in jeder Beziehung— besonders aber in gesundheitlicher— oft selbst den notwendigsten und allerbeschcidensten Anforderungen nicht entsprechen; daß die willkürliche und völlig unberechtigte Stci- gerung der Mietpreise seitens spekulativer Hausherren viele Familien, und zwar meistens die der so wie so schon hart genug bedrückten Arbeiter, kleinen Gcwerbtreibenden rc., in ihrer Existenz fortwährend schädigt,— daß überhaupt, alles in allem, die modernen Wohnungsverhältnisse im höchsten Grade störend und öcrsezend auf die Volkswohlsahrt ini allgemeinen, sowie auf die Sittlichkeit und Wohlfahrt des Familienlebens im besonderen einwirken. Durchschnittlich noch ungesunder als die überall noch in gwßer Zahl vorhandenen Altbauten sind erwiesenermaßen die Modernen Neubauten in unseren Großstädten. Die hohen, und �vz vieler sanitären Verbesserungen durch öffentliche Anlagen, Eoz der fortschreitenden Errungenschaften der ärztlichen Wissen- ichoft, nicht nur nicht fallenden, sondern eher steigenden Sterblichkcitszisfcrn in den großen deutschen Städten lassen einen öwcifcl an der Richtigkeit dieses von hervorragenden Männern osr Wissenschaft, u.a. auch von Birchvw, abgegebenen Urteils "'cht aufkommen. Eine Ausnahme dürsten nur die Städte "wchen, wo sich die Sitte des Familicnhausbaucs erhalten hat, "der wo, wie in Württemberg, fast alle neue Häuser isolitt ttbaut werden müssen und eine geringe Bcwohncrzahl haben. In den modernen Mietskasernen der Großstädte verbreiten >'ch namentlich die zymotischcn Krankheiten, wie Pocken, Glasern, Schwindsucht, Scharlach, Diphterie, Typhus, Cholera:c. ""d wird eine an Körper und Geist kranke Nachkommenschaft �joge». Selbst die widerstandsfähigsten Altersklassen bleiben '"cht von den vernichtenden Einflüssen verschont, geschweige enn die Kinder im zartesten Alter. So genießt ja bekanntlich Merlin hinsichtlich der Kindersterblichkeit leider mit vollem Recht traurigen Rufes, daß dieselbe dort, besonders in der heißen �nhreszeit, durchweg nicht nur relativ, sondern sogar absolut weit höhere ist, als in irgend einer anderen Großstadt, �""don nicht ausackchlossen. Die Berichte des statistischen -ÜHfc ■outeaus der' Stadt Berlin geben Ber- betrübcndcn Erscheinung die Art und K• � wird." An lln gebaut und darum gewohnt und g überaus MM Bcwohncrzahl und dünnere Wände haben als die Miets- kasernen. Mancher dürfte versucht sein, erstaunt zu fragen: Was bieten denn die dünnen Mauern gegenüber den dickeren für Vorteile? Sind lczterc nicht ein Beweis größerer Solidität? Die Hygieniker haben auf diese Frage längst die Antwort gegeben. Es ist— wie Dr. Erismann anführt— ganz falsch, zu glauben, die Wände unserer Häuser haben den Zweck, uns vollständig von der äußeren Luft abzuschließen; die Wände haben vielmehr die Aufgabe, die Geschwindigkeit der Luft beim Durchgang der leztercn durch die Wand so weit herabzusezcn. daß wir dieselbe nicht unangenehm empfinden und in einer voll- kommen windstillen Atmosphäre zu leben glaube». Bei guter Konstruktion der Wände wird dieser Zweck in der Tat erreicht, und wir haben kein Gefühl davon, daß auch bei geschlossenen Fenstern und Türen unsere Wohnungsluft in beständiger Be- wcgimg ist und durch die Wand hindurch fortwährend erneuert wird. Instinktiv hat der Mensch von jeher der Forderung Genüge geleistet, daß die zum Hausbau verwendeten Materia- lien porös sein müssen; er hat luftdurchlasscnde Wände gc- baut, ohne zu ahnen, welche Wohltat er sich damit selbst er- weist. Trozdem gerät mancher noch heutzutage in Erstaunen, wenn er von einem Luftwechsel durch die Wand hört; es ist dies umso auffallender, als gewiß niemand an der Durchlässig- kcit der Mauern für Wasser zweifelt,— man vergißt, daß die Luft 770mal leichter und beweglicher ist, als das Wasser, und also mit viel geringerer Mühe in die feinsten Poren hinein- dringt als das leztcrc. Wenige Menschen machen sich eine richtige Vorstellung da- von, wie groß der Luftwechsel sein muß, damit die Luft ge- schlossencr Räume eine gute Beschaffenheit behalte. Sogar die Fachgelehrten untcrschäztcn noch vor kurzer Zeit die Größe des notwendigen Luftwechsels, und erst durch zahlreiche Bcobach- tungcn gewann man eine Vorstellung darüber, wieviel frische Lust einem von Menschen bewohnten Lokale stündlich zugeführt werden muß. Jezt weiß nian, daß in Krankenhäusern, selbst bei großer Reinlichkeit, die Luft nur dann gut und geruchlos erhalten werden kann, wenn jedem Patienten per Stunde we- nigstcns 60 Kubikmeter frischer Luft zugeführt werden. In chirurgischen Krankcnsälcn verlangt man 100 Kubikmeter, und für ansteckende Kranke noch mehr. I» Gefängnissen soll der Luftwechsel per Stunde und Kopf 50 Kubikmeter betragen; in Kasernen 30—40; in Schulen 15— 20; in Versammlungslokalen 60; in Werkstätten und Fabriken 60— 100; für Privat- wohnnngen. reichen 50— 60 Kubikmeter aus. Diese Zahlen bc- anspruchcn natürlich keine absolute Gültigkeit, weil die Größe des Ventilationsbcdürfnisses selbst keine absolute ist, aber sie geben wenigstens einen Begriff von den normalen Luftmassen, welche man gegenwärtig zur Reinhaltung der Luft bewohnter Räume für nötig hält. Sonach unterliegt es wohl keinem Zweifel, daß die eng aneinander stehenden, häufig iu Höfen belegenen und ringsum zugebauten Mietskasernen den Anforderungen an genügenden Luftwechsel nicht genügen. In Berlin wohnen auf wenig mehr als einer deutsche» Quadratmeile jezt mehr als eine Million Menschen. Es ist dies ein Verhältnis, ivelches über das vom Staudpunkte der össentlichcn Gesundheitspflege aus zulässige Maß menschlichen Zusammenwohuens weit hinausgeht. Erwägt man indessen, daß in den nördlich und östlich gelegenen großen Bezirken noch recht viel Boden als Ackerfläche benuzt wird, so ergibt sich, daß der wirklich bewohnte Raum eine noch größere Zusammenhäufung von Menschen zeigt, als oben angegeben; in Wahrheit kommen nur noch etwa 2 Hz Ouadratruten auf je einen Bewohner. Seit 25 Jahren hat die Bevölkerungsdichtigkeit in Berlin sich mehr als verdoppelt! Wer die Entwicklung dieser Großstadt auch nur oberflächlich verfolgt, das Verschwinden der kleineren und mittleren Häuser gegenüber der cntsezlich überhand nehmenden kasernenmäßigen Wohnart der Bevölkerung beobachtet, der kann über das oben angegebene Mißverhältnis nicht weiter erstaunt sein. Die Verschlechterung der Verhältnisse nach dieser Rich- tung hin ist eine durchgehende für ganz Berlin. Noch im Jahre 1875 waren Häuser mit weniger als 50 Bewohnern erheblich in der Ueberzahl; jezt, also nach kaum 9 Jahren, sind sie weit unter die Hälfte des Gesammtbestandcs herunter- gegangen. Die Durchschnitts-Behausnngsziffer liegt jezt zwischen 60 und 61. Ein starkes Drittel der Gcsammtzahl wird von 50— 100 Menschen bewohnt; jedes neunte Haus in der Stadt beherbergt bereits zwischen 100 und 150 Menschen, ja in einigen Vierteln ist es sogar schon jedes vierte Haus. In mehr als zwei Prozent aller Häuser wohnen zwischen 150— 200 Menschen. Besondere Beachtung verdient noch die Tatsache, daß nahezu die Hälfte der berliner Häuser Kellerwohnungen hat. Diese Aufenthaltsorte menschlicher Wesen sind zum größten Teil von geradezu scheußlicher Beschaffenheit, dunipfige, feuchte Locher, der Lust und des Lichtes entbehrend, infizirt mit Krankhcitsstofsen, wahre Brutstätten des Elends aller Art. Es ist unmöglich, im Nahmen dieser Abhandlung alle die furchtbaren Nachteile der schlechten Wohnungsvcrhältnisse in hy- gicnischer und sittlicher Hinsicht zu schildern. Bemerkt sei nur, daß die Männer der hygienischen Wissenschaft uns durch stati- stische Zahlen und logische Schlüsse beweisen, wie so sehr schäd- lich schlechte Luft und Mangel an Licht ans das Gemüt des Menschen wirken und traurige Gedanken in ihm hervorrufen; wie sehr der beständige Aufenthalt in einem mit Bewohnern überfüllten, Halbdunkeln und pcstatinendcn Gemach die Seele verdüstert; wie die verbrecherischen Handlungen, die Selbst- morde, die Unsittlichkcit und jedes andere Laster, das Familien- nnglück aller Art durch die elenden Wohnungsverhältnisse teils direkt erzeugt, teils begünstigt werden. (Schluß folgt.) Proben deutscher Oolkspoeste der Gegenwart. Sommernachtgedanken. Von Peter Knauer. Die Flügel der E.rchl bedecken|chun J? Reich der Lacht, so frei, so hehr, Die Täler, die Verge, die Ftu'n— So kaufrisch labungsvoll, Ich wandle zu hören der Lachligall Ton Wie lröstrnd erquickt der Friede, der Und die funkelnden Sterne zu fchau'n. Aus deinem Vorne quoll i" längst schlummern dir Blumen, in Tau gehülll, Und leiser der Wiesrnbach schäumt; Was lärmend des Tages Reich rrsüllk, Im Schohr der Ruhe nun träumt. In leuchtenden Dreisen durchschwirren die Lust Glühivürmchfu mit ruhigem Glanz, Der Elsen Gefolg', die in Wald und Kluft Anheben den nächtlichen Tanz. Und wie ich so schaue der Slernlein Schaar, Wehmütig grüßen die Welt, Und drüber der Mond so freundlich-klar, Wird höher dir Brust mir geschwellt. Der Geist wird frei von des Tages leid, Ich atme beseligt auf, Für Liebe und Lust das Herz bereit, Der Glücksstern steigt herauf. Und froh sich mir der Ruf rnkringk: „Hast ein Asyl du doch, Wohin des Tages Lnal nicht dringt, Wo du geborgen noch! Durch Wald und Gefilde lang' ich nun An stillem Weiler an— Da drinnen wohl manche vergessend rvh'n, Von Todes Arm nmfah'n. Da horch, welch klagender Wenschrnlaut Tönt mahnend an mein Ahr? Wein Aug' in der Ferne ein lichllrin schaut, Das blinkt aus dem Dunkel hervor. Dem kleinen Haus ich näher schleich', Aus dem es trübe scheint, Und sehe durch'» Fenster ein Weib, so bleich, Die Augen rot— verweint. Ein blasses, leidendes Kind sie wiegt, Daß endlich es schlummere ein. Der Gram in ihren Züge» liegt, Der Armut quälende prin. Da wird mir so schwer, so trüb das Herz, Wein Frieden ist zerschellt, Ich schreite gramvoll heimakwärks, Aufseufzend zum Sternenzelt. „V Reich der Lacht, so entbehrst auch du Der tiefsten Leiden nicht!"— Ts lächelt der Wond mir schmerzlich zu, Der eben aus Wolken bricht. Gin chinesischer Krief ans Kertin. Mitgeteilt von Arthur Aupp. Es ist gewis; alle» Lesern bekannt, dast seit einer Reihe von Jahren eine chinesische Gesandtschaft in Berlin stationirt ist. Die Söhne des himmlischen Reiches führen keineswegs ein zurückgezogenes Leben in der deutschen Metropole, sondern voller Neugier gehen sie überall hin, um die Sitten und Gebräuche der guten Berliner kennen zu lernen. Kurze Zeit nach seiner Ankunft in Berlin besuchte der chinesische Gesandte einen Maskenball in dem bekannten Krollschen Etablissement, und in dein ersten Bericht, den er von Berlin aus an seinen Souverän sandte, beschreibt er, nachdem er erst einige allgemeine Bemerkungen vorausgeschickt, die dort empfangenen Eindrücke und Erlebnisse. Durch einen glücklichen Zufall sind wir in den Bcsiz einer Abschrift dieses Briefes gelangt, und wir bringen nun in Nachstehendem eine wort- getreue Uebcrsczung dieses interessanten Schriftstücks. Grosimächtigster, gnädigster Kaiser deS glücklichen China! Gewaltiger Waisisch im Ozean der Menschheit! Strahlende Sonne der Weisheit und der Erkenntnis! Ter nllcrblindestc Knopf aus dem ältesten deiner Kleider, der lezte Nagel ans dem Hufeisen des schlechtesten deiner Pferde, dein aller- untertänigster und gehorsamster Gesandter, der Vertreter deines mäch- tfgcn Reiches, naht sich kniend deinem erhabenen Trone, um zu dem Echaz deines unerschöpflichen Wissens ein Körnchen neuer Erfahrung hinzuzufügen. Auf dein Geheiß habe ich das Land der Sitte und Erkenntnis, unser schönes China, verlassen, um in dem barbarischen Land, welches u>au Deutschland nennt, dich, hoher Gebieter, zu vertreten, sowie die Gebräuche und Gewohnheiten dieser Barbaren kennen zu lernen. Die Hauptstadt dieses Landes ist ungefähr halb so gros; wie unser liebes Peking, und doch habe.ich noch nicht einen einzigen Menschen in dieser ganzen Stadt gesunden, der chinesisch gesprochen hätte. Dabei bcsizen diese Menschen den Dünkel, das; sie gebildet seien! Ist das nicht zum dachen? Als ich mit meinen Sekretären, Dolmetschern und Dienern hier kiniras, nahm ich in einem großen Hause Wohnung, in welchem man uns sür Geld— Gastsreundschast erwies. Dieses Haus nennen sie hur„Hvicl Royal". Du wirst dich, erlauchter Sohn des Himmels, Uber diese französische Bezeichnung eines deutschen Hauses wundern— aber das ist hier nichts seltenes. Ich habe an vielen andern Häusern ahnliche Namen gesehen, wie„Hotel de Russie",„Maison rouge" ic. .. llcbcrhaupt scheint mir die deutsche Spiache noch sehr unausge- bildet und wortarm zu sein, denn es ist mir wiederholt bei den Ge« iprächen der Eingcborciicn ausgefallen, daß sie nicht selten für Dinge, >ur welche sie in ihrer Muttersprache keine Ausdrücke zu haben scheinen, Bezeichnungen aus s cmden Sprachen, vornemlich auS der französischen, Uuchnen. Du kannst daraus auf den niedrigen Kulturzustand dieses «olkeS schließen. Dieser-rheü' unter andcrm auch aus dem Umstände, ah bej ihnen der Kriegsruhm sür das höchste Lob und die Krieger- alle sür die geachtetste gilt, während doch in einem Land« der Auf- arung und Bildung, gleich dem unfern, die Künste des Friedens, vor en, die Wissenschaften, im höchsten Ansehen stehen. Der gefeiertste ?»n ist hier ein alter General, welchen sie den„großen Schweiger" | Es scheint dies ein sehr hoher Titel zu sein— etwa wie bei .»Pantoffel der Gottheit" oder„Sonnenschirm der Gerechtigkeit", dem du mich erst jüngst zu ernennen die Gnade hattest. j.-, �s ist erstaunlich, wie vielerlei Kasten es hier gibt. Die oberste n. wie gcsag, die der Krieger. Diese tragen als Kopfbedeckung(durch I 'e«opsbedeckung unterscheiden sich, wie mir scheint, die einzelnen Kasten °n einander) einen hohen steifen Kübel aus schwarzem Leder mit gol- �pize. Dann kommt die sehr zahlreiche Kaste der„Räte" und I Lr�imrate", welche an ihren sehr unbequemen, hohen, schwarzen Kops- .Deckungen erkennbar sind, die wie kleine Schornsteine aussehen und wa» hier„Cylinder" oder auch„Angströhren" nennt. . pnc andere Kaste ist die der sogenannte»„Dienstmänner", welche auk k haben müssen, denn man sieht sie allenthalben mu,„g bew" Straße herumlungern. Dieselben tragen eine niedrige Kops- ctf«ng aus rotem Tuch., ' aäfifo tourbc übrigens zu weit führen, alle Kasten bir hier aufzu- ihr' 2' und ich will nur noch die Kaste der Lakaien erwähnen, ivelche Kopfbedeckung immer in der Hand tragen._ � ftretiA l'- S'nubst garnicht, o weitblickendes Auge de? Weltalls, wie Iä(Wcj.,( �kandcSunterschiede hier innc gehalten werden und welchen we>!-,/. und demütigenden Zeremonien sich hier ein Mann unter» I Rn;.."'Uli, wenn er mit einem anderen Manne, der einer höheren l Zugehört, spricht., �, '«che». �"'ümliche Sitte herrscht hier, über die ich herzlich habe | gech,,»-Ussen. Wen» sich nämlich zwei Menschen auf der Straye be- inj, v''0»ehnien sie ihre Kopfbedeckungen vom Haupte, schwenken sie i Ich„ Hund beinahe bis aus die Erde und sezen sie dann wieder aiit. Icheiw;*"'cht. was dieses lächerliche Gebahren bedeuten soll,— wahr- %nche„''�llcn sie sich dadurch gegenseitig aus ihren Rang aufmerksam bare nr � bernimm, o erhabenster aller Herrscher, welch wunder- �°gez'ch neulich beigewohnt habe. Ich ging nämlich eines � Wnr um bie neunte Abeubstunbe— mit meinem �uvat-; sekrctär in einem nahe der Stadt gelegenen Wald spaziere», den man hier wunderbarcrweise„Tiergarten" nennt, obgleich doch immer bei iveitem mehr Menschen als Tiere darin zu erblicken sind. Ich hatte die stillen, um diese Zeit fast menschenleeren Wege des q.icrgarte»z aufgesucht, um dem Lärm und Gewühl der Straßen zu entfliehen. Da Plözlich gelangten wir in eine Allee, in der viele Wagen und Lcusigänger sich bewegten, wie es schien, alle nach einem Ziel. Wir schlössen uns ihnen an. neugierig, wohin die Prozession führen würde. Nach ungefähr zehn Minuten kamen wir an ein großes hellcrleuchteteS Gebäude, das, wie ich später erfuhr, den Namen„Bei Kroll's" führte. Wir gingen mit den andern in daS HauS und, nachdem wir an der Pforte einige Geldmünzen geopfert hatten, konnten wir einen großen schönen Saal betreten. Eine bunte Menge lvogte bereits in dem weiten Räume auf und ab. Doch mcrkwürdigenveise waren nur wenige Söhne deS Landes in ihren geschmacklos geschnittenen, den Leib nur ungenügend bedeckenden schwarzen Kleidern(ich schließe von der übergroßen Sparsamkeit in der Verwendung des Tuches auf den Geiz der Deutschen) anwesend, son- dern die auf- und abwandelnden Gestalten gehörten fremden Ratio- nalitätcn an. ES waren da Griechen, Perser, Türken, auch einiger unserer japanesischen Nachbarn wurde ich ansichtig, und denke dir, er- habenster Sohn der Sonne, meine Freude— im dichtesten Gewühl bemerkte ich sogar drei Chinesen. Zwar sah ich sofort, daß sie nicht den besseren Kasten angehörten, denn sie trugen höchstens vier bis fünf Unterkleider, doch immerhin war ich sehr erfreut, so weit von der Hei- mat Landsleute zu finden, und ich schickte sofort meinen Begleiter zu ihnen, um zu erfahren, wann sie von zu Hause abgereist wären, wie sie hießen, was sie hier machten w. Doch denke nur, wie es meinem Sekrctär erging. Als er die im Saale promenirenden Chinesen in den süßen Lauten unserer Mutter- spräche anredete, da schüttelten sie erst befremdet die Köpje und schließ- lich entfernten sie sich mit gemeinem, unschicklichen Gelächter. Es wurde mir alsbald klar, daß die als Chinesen gekleideten Personen in Wahr- heil keine Landsleute waren, sondern Betrüger, die nur, um die einfältigen Europäer irgendwie zu betrügen, sich für Chinesen aus- gaben. Um meinen Aerger über diesen Vorfall zu vergessen, sah ich weiter dem bunten Treiben zu. Zahlreiche nur notdürftig bekleidete Frauen gingen umher, die alle Augenblicke an dem Arm eines andern Mannes hingen und recht freundliche Blicke umhenvarsen. Ich muß daraus schließen, daß hier Vielmännerei üblich ist. Es herrschte überhaupt bei jenem Feste ein überaus ungenirtcr Ton. Tie in großer Anzahl erschienenen Fremden bewegten sich bunt durcheinander, sprangen, lachten und scherzten. Besonders fielen mir auch vermummte Personen auf in langen, blauen, grünen und gelben Gewändern, die sich gegenseitig heimlich envaS zu- flüsterten. Es schienen mir dies Geheimpolizisten zu sein, die bei solchen Gelegenheiten die Stimmung deS Volkes ausforsche». Wie ich hörte, ' nennt man diese Polizeispione hier„Dominos". Doch mit der Zeit, als wir, mein Begleiter und ich, so im Saale hin- und hergingen und in unserer Sprache über dies und jenes Bemerkungen machten, erregten auch wir Aufmerksamkeit. Ein dichter Knäuel von Menschen bildete sich um unS. Neugierig starrten sie uns an, redeten unS auch ohne weiteres an und einer trieb die Vermessen- heit sogar so weit, an meinem prächtigen langen Zopf zu zupfen. Mir, dem Gesandten deS Reiches der Mitte, solchen Schimpf anzutun! Wäre das in der Heimat geschehen, ich hätte dem Unverschämten eine tüchtige Bastonade geben oder ihn mit hölzernen Sägen zersägen lassen. Doch hier in der Fremde mußte ich daS ruhig erdulden, mich im stillen über die Roheit der Barbaren ärgern, welche Fremde in solcher Weise behandeln. Gegen das Ende des Festes begannen einige Männer Faustkämpfe auszuführen, was ich sür den üblichen Schlußeffckt der Festlichkeit hielt und woran ich mich nicht wenig crgözte. Doch die anderen Festteil- nehmcr schienen das für eine Neuerung anzusehen, die man nicht dulden dürfe, denn alsbald erschienen bewaffnete Leute, welche die Kämpfenden trennten und mit sich nahmen. Als diese Männer den Saal betraten, erscholl der allgemeine Ruf:„Haut ihm! haut ihm!" Ich weiß nicht, was diese Worte auf chinesisch zu bedeuten haben, wahrscheinlich waren es Worte des Willkommens, mit denen man die Leute begrüßte. Das Fest, dessen detaillirte Beschreibung ich dir in obigem gegeben habe und das alljährlich hier im Winter gefeiert wird, hat einen viel- fachen Zweck. Erstens will man aus diese Weise die Gewerbe unter- stüzen, denn alle Teilnehmer müssen in schönen kostbare» Gewändern erscheine», zweitens werden hier die Bekanntschaften zwischen Männern und Frauen vermittelt. Es ist dies eine Art Heiratsmarkt. Die Jungfrauen holen sich hier Männer, die sie teils für ihr ganzes Leben, teils auch kürzere Zeit behalten, und die bereits verehe- lichten Frauen gewinnen sich zn ihrem Mann noch einen zivcite». Einen solchen Mann nennen sie dann den„Hausfreund". Im ganze» scheine» mir solche Feste eine durchaus cmpsehlens- werte Institution zu sein, und vielleicht gefällt es dir, weiser und mäch- tigcr Herr, dergleichen Feste auch bei uns einzuführen......... Unsere Illustrationen. Ein kritischer Augenblick.(S. 495.) Das vielgepriesene„Schiff der Wüste," das Kamel, wird von manchen Zoologen als Ausbund aller tierischen Tugenden gefeiert, so daß sie förmlich für dasselbe zu schwärmen scheinen. So z. B. schreibt der berühmte Masius:„Haß- lich bis zur Monstrosität würde es doch allein schon den sinnigen Menschen zum Glauben an eine göttliche Weltordnung nötigen können, denn es gibt kein Tier, an dem die Prädestination, welche jedem Ge- schöpft Lebensart und Lebenszweck weift beschied, nugensälliger hervor- träte." Dieser kamelhafte Beweis für das Dasein einer weisen Vor- sehung ist gewiß einzig in seiner Art, höchstens kommt ihm noch derjenige nahe, den Professor Jäger neuerdings geleistet hat, der durch eine eigenartige Nöte am Abendhimmel vom ateistischcn Saulus zum gottgläubigen Paulus verwandelt worden sein will und, laut seines neuesten Manifests, an die große Gemeinde derer, die nicht alle werden und mit denen Götter selbst vergebens kämpfen, das allein selig-, jeden- falls ihn zum reiche» Mann machende Wollrcgimc unter das Patronat des Himmels gestellt hat. Da Herr Jäger nunmehr sich zun, Apostel der Kamelhaare aufgeworfen hat, so besteht vielleicht zwischen de» beiden beweiskräftigen deistischcn Argumenten eine gewisse Wahlverwandtschaft. Hören wir, wie Masius das Kamel karakterisirt.„Es erträgt langen Hunger und noch längeren Durst und sein fleischiger Fuß schreitet mit bewundernswürdiger Gleichmäßigkeit und Leichtigkeit über die Sand- fläche, ohne je zu versinken. Set» Instinkt leitet es durch die Wild- nis, es findet, ohne zu irren, die Spur mitten in den elvig wandernden und sich verwandelnden Staubhügcln; sein Geruch saugt aus weiter Ferne den Dunst deS Wasserbrunnens, sein Ohr hört den Räuber, der nächtlich die Karawane umschleicht, sein Magen und sein Höcker sparen ihm Nahrung auf für die Tage des Hungers und Durstes. Es ist eben ganz und gar zum Lasttragen und Entbehren geschaffen. Aber es könnte diese Beschwerden nicht ertragen, gesellte sich nicht zu seiner Kraft eine gleich bewundernswerte Geduld. Es erschien deshalb schon den Kirchenvätern als ein Symbol der Langmut und Ergebung" u. s w. mit Grazie in inüniturn. Stellen wir dieser Schilderung die des viel zuverlässigeren Brehm(der nicht anderen nachgeschrieben, sondern selbst beobachtet hat) gegenüber:„Im ganzen muß man daS Knniel als ein sehr stumpfsinniges Geschöpf betrachten. Nicht viel günstiger fällt die Beurteilung der geistigen Eigenschaften aus. Es läßt sich nicht ver- kennen, daß das Kamel wahrhaft überraschende Fähigkeiten besizt, einen Menschen ohne Unterlaß und in unglaublicher Weise zu ärgern. Ich kenne kein Tier, welches ihm hierin gleichkäme.. Ihm gegenüber ist ein Ochse ein höchst achtunoSivertes Geschöpf, ein Maultier, welches sämmt- lichc Untugenden aller Bastarde in sich vereinigt, ein überaus gesittetes, ein Schaf ein sehr klugeS, ein Esel ein entschieden liebenswürdiges Tier. Dummheit und Bosheit sind gewöhnlich Gemeingut; wenn aber zu ihnen auch noch Feigheit, Störrigkeit, ewig schlechte Laune, Starr- und Murrköpfigkeit, entschiedener Widerwille gegen alles Bernünstige, Ge- hässigkeit oder Gleichgiltigkeit gegen den Pfleger und Wohltäter und noch hundert andere Untugenden kommen, welche ein Wesen sämmtlich besizt und mit vollendeter Fertigkeit auszuüben versteht, kann der Mensch, welcher mit solchem Vieh zu tun hat. schließlich rasend werden. Ter Araber behandelt seine Haustiere wie seine Kinder; aber das Kamel bringt ihn zuweilen in namenlosen Zorn. Dies begreift man, nach- dem man selbst vom Kamel abgeworfen, mit Füßen getreten, gebissen, in der Steppe verlassen und verhöhnt worden ist, nachdem einen das Tier tage- und wochenlang stündlich mit bewundernswerter Beharrlichkeit und Ausdauer geärgert, nachdem man Befferungs- und Zuchtmittel, sowie Bekehrungsversuche aller Art vergeblich gebraucht, alle die elek- Irische Spannung der Seele abkühlenden Flüche nuzloS ausgestoßen hat. Daß das Kamel in einer Weise ausdünstet, welche den Bocks- gestank als Wohlgeruch erscheinen läßt, daß es daS Ohr durch sein Gebrüll ebenso martert wie die Nase durch seinen Gestank oder daS Auge durch den Anblick seines unsäglich dumm aussehenden Kopfes auf dem langen Straußenhalse, ist es nicht, was es in meinen Augen so tief stellt, sondern daß eS mit Bewußtsein dem Willen seines Herrn jederzeit entgegenhandelt. Die einzige Eigenschaft, in welcher das Kamel groß ist, dürste seine Freßgier sein; in ihr gehen alle geistigen Eigen- schaften unter. Seine häylichste Untugend aber ist seine Störrigkeit. Man muß ein Kamel tagelang geritten haben, um diese Untugend in ihrer ganzen entsezlichen Ausdehnung kennen gelernt zu haben. Mit einem Wort, das Kamel steht an Adel hinter sämmtlichen übrigen Haustieren zurück." So Brehm, der Kamelophobe, über den plastischen Beweis für die Prädestination seitens des Kamclophilen Masius. Einen Beweis seiner Feigheit gibt das Kamel auf der interessanten Szene unseres Bildes. Kaum hat es den gewaltigen Kopf des Königs der Wildnis erblickt, der hinter einem majestätischen Berg auf Beute lauert, so stürzt es nieder, seine Reiter, eine Mutter mit zwei Kindern, schnöde abwerfend. Die Gefahr ist groß, doch die Rettung ist nicht fern. Der tapfere Almansor sprengt auf mutigem Rappen herbei und sobald sich Seine Majestät mit mächtigem Enz auf die Wehrlosen gestürzt haben Ivird, macht ihr sein Damaszener mit wuchtigem Hieb den Garaus. _ St. Hans Sachs.(Seite 499.) Unser nüchternes und fast ganz im Kampf ums Dasein aufgehendes Zeitalter kann sich kaum einen Begriff machen von dem Leben und Treiben jener Periode, da in den deutschen Städten der Meistergesang in Blüte stand. Der ehrsame Bürger und Handwerksmeister jener Zeit beschränkte sich keineswegs darauf, am Tage seinem Gewerbe obzuliegen und Abends etwa beim Krug Bier oder Wein über die„Zeitläufte" zu kannegießern, „wie hinten, lveit in der Türkei die Völker aus einander schlagen," sondern es war überall ein reges Interesse für die Schöpfungen der holden Muse der Poesie lebendig geworden. In besonderen Vereinen taten sich die Meistersänger zusammen, um die lyrische Poesie zu pflegen, teils durch Abfassung und Vortrag eigener Lieder, teils durch poetische Wettkänipfe. Anfangs, noch im 14. Jahrhundert, wurde der Meister- gesang noch vom Adel gepflegt; allein schon unter Heinrich Frauenlob finden sich zu Mainz bürgerliche Meistersänger und später geht der Meistergesaug ganz auf den Handwerkerstand über, um von dessen Korporationen gepflegt zu werden. Die meisten Schulen der Meister- sänger gingen schon im 17. Jahrhundert ein; einzelne Schulen dauerten bis in unser Jahrhundert fort und in de» dreißiger Jahren soll der Meistergesang zulezt in Ulm gepflegt worden sein. Der Meistergesang, in welchem ursprünglich frische Kraft und jugendliches Leben sprudelte, artete bald innerhalb der verknöchernden Zünfte und Innungen zu trockenen und starren Formen aus; es war geist- und gehaltlose Reimerei geworden und die Wettgesänge blieben ohne allen Wert. Zweifellos haben die Meistersingerschulen indes ihr gut Teil dazu beigetragen, im Handwerkerstande Bildung und Sinn für die Kunst zu verbreiten. Man denke sich, es würde dem heutigen Handwerkertum zugemutet, in seinen Mußestunden Verse zu machen und sie in Vereinen im Gesang vorzutragen! Wir sind gewiß keine Verehrer abgestorbener mittelalterlicher Formen, aber gerade die Blüte des bürgerlichen Meistergesangs beweist uns, daß es eine Zeit gab, da der Materialismus des täglichen Lebens, die Sorge uin das tag- liche Brot noch nicht die Liebe zur Poesie in den weitesten Volkskreisen ertötet hatte. Wie mächtig bildend und fördernd Meistersinger-Genossenschaften auf ihre Zeit einwirkten, beweist allein schon die Tatsache, daß aus ihnen ein Mann hervorgehen konnte, wie der berühmte Hans Sachs von Nürnberg. Hans Sachs, geboren 1494 zu Nürnberg als Sohn eines Schneidermeisters, erhielt seine erste Bildung in einer sogenannten lateinischen Schule und wurde— Schuhmacher. Auch das trifft man heute nicht, und man sieht daraus, daß wir eben nicht in allen Punkten vorgeschritten sind. Beim Leineweber Nunnenbcck erlernte Hans Sachs die edle Kunst des Meistergesangs, die seinen Sinn für Dichtung aller Art weckte und sein Talent in Tätigkeit sezte. Bald war Hans Sachsens Name alS Dichter und Meistersinger weit über die Mauern seiner Vaterstadt hinaus bekannt. Das hinderte ihn aber nicht, auf de>n Dreibein zu sizen und fleißig Pfriem und Pcchdraht zu Handhabe», wie der bekannte aber triviale Knittelvers besagt: „Hans Sachs war ein Schuh- macher und Poet dazu." Troz der Anstrengungen eines damals sicher noch mit primitiven Mitteln arbeitenden Berufs ist Haus Sachs der fruchtbarste aller deutschen Dichter; kein anderer kommt ihm an Produktivität auch nur annäher»e gleich. Als er 74 Jahre alt mar, suchte er zusainmcnzustelleu, was c alles geschrieben habe, und er fand, daß er beinahe 5000 MeiM- gesänge, über 200 Komödien, Tragödien u. s. w. und etwa 1700 � spräche, Schwänke, Fabeln zc. gedichtet. Da Hans Sachs, bis an sin Lebensende dichtete— er starb 1576, also im 82. Jahre— so w »och manches hinzu. Seine Werke erschienen in drei Folianten, den sich nach seinem Tode noch zwei anschlössen, die aber zusammen»o> nicht ein Drittel von dem bilden, was Sachs alle? geschrieben 9»' AlleS andere liegt in Handschriften in verschiedenen Archiven begrave � Aus dem, was in die Oeffentlichkeit gedrungen, ersieht man, daß>" es mit einem Dichter zu tun hat, dessen Phantasie, Wiz, Hümot U Frische unerschöpflich sind. Hans Sachsens Ruhm war im 18- S?' hundert beinahe untergegangen, als ihn Goethe mit dem GeS»»• „Hans Sachsens poetische Sendung" aufs neue auffrischte. Heute w er da, wo man ihn kennt, nach Verdienst gewürdigt: leider ist uni Jugendbildung noch derart, daß die Jugend weit mehr über die Pv der alten Römer und Griechen unterrichtet ist, als über einen g>ob Teil unserer besten nationalen Dichter. Unser Bild stellt eine bekannte Szene aus der großen R>w- Wagnerschen Oper„Die Meistersinger" dar, wie Hans Sachs l. mit Eva bespricht. Man darf dem Dichter-Komponisten, was»' auch sonst von ihm halten möge, dafür dankbar sein, daß er mit K großartigen Musikdrama uns ein lebendiges und getreues B>>o 1 interessanten Zeit geschaffen hat. nif In neuerer Zeit sind mehrere Lustspiele von HanS Sachs,»am lich das überaus gelungene Stück„Das Narrenschneiden", von»«*- wieder aufgeführt worden. Ter Wiz und der Humor des alten n berger Meistersingers haben aufs neue die allgemeine Beivunoe erregt, und wir wollen hoffen, daß das moderne Deutschland mehr Verständnis für die Kunst und den Geist seiner eigenen trefflichen alten Meister gewinnen wird. Ist doch der Meisten' und Handwerksmeister Hans Sachs eine Erscheinung,°n die i � Deutsche mit Stolz und Vergnügen denken kann, wenn ihm n" ,, wurstglöcklein" zu Nürnberg der Humpen gezeigt wird, aus dem v Sachs einst getrunken. � ir Dir Strauß.(@. 503.) Dieser große Vogel gilt heute als ei» ziemlich dummes Tier, und man sagt von ihm, daß er, wenn er sich versolgt sähe, seinen Kopf in den Sand stecke und sich dann vor seinen Feinden verborgen glaube. Dem ist indessen nicht ganz so, denn der Strauß wartet seinen Verfolger keineswegs mit dem Kopfe im Sande ab; er hat nur die Gewohnheit, nicht in die Ferne, sondern im Kreise um seinen gewöhnlichen Aufenthaltsort herum zu fliehen. Dadurch wird die Jagd auf ihn wesentlich vereinfacht; indessen entwickelt der Strauß bei solchen Gelegenheiten doch eine solche Schnelligkeit, daß die Beduinen ihre besten Pferde nehmen müssen, wenn sie ihn einholen wollen. Die Alten hielten diesen Vogel nicht für dumm; eine Straußen- feder galt als Symbol der Wahrheit, weshalb auch die sonderbare egyptische Gottheit Thvt, der Mondgolt mit dem Jbiskopf, neben der Mondscheibe eine Straußenfeder in der Hand trägt. Die Mitglieder des höchsten cgyptischen Gerichtshofes trugen daS Symbol der Wahr» heil, die Straußenfeder, auf dem Kopf, woraus man allerdings nicht Miließen darf, daß bei der altegyptischcn Justiz die Wahrheit das allein Maßgebende gewesen sei. Schön sieht der Strauß im übrigen auch nicht gerade aus. Der kleine flache Kopf mit dem dicken kurzen Schnabel sizt auf einem sehr langen Halse. Der Kopf, der Hals und die dicken Plumpen Schenkel sind nur mit einem ganz leichten Flaum bedeckt; den Körper aber übenvallt ein starkes Gefieder, das namentlich beim Männchen sich zu wahrhafter Pracht entwickelt. Die Straußenfedern dienten schon in alter Zeit als Schmuckgegenstand; später waren sie eine beliebte Helmzier und heute schmücken sie hauptsächlich die Kopf- bcdeckungcn des schönen Geschlechts. An de» Füßen des Straußes bc- finden sich nur zwei, aber sehr starke Zehen. Diese Tiere, die sich meistens von Pflanzen nähren, in deren Magen man aber gewöhnlich aud) eine Menge von unverdaulichen Stoffen, Steinen, Metallstücken u. s. w. vorfindet, leben in großen Massen zusammen in den Steppen und Wüsten von Afrika und auch in Asien. Nach den Mitteilungen von Reisenden ist der Strauß in den Steppen im Innern Arabiens gar keine seltene Erscheinung. Auf ein Männchen kommen beim Strauß zwei, drei, vier oder auch fünf Weibchen. Das Nest befindet sich in einer Art von Grube oder Mulde in der Erde, wo sich mehrere Weib- che» aushalten können. Ein Weibchen legt etwa zwölf Eier. Das Brutgeschäft überläßt man bei Tage den Sonnenstrahlen, Nachts brütet Meistens daS Männchen. Nach 65 Tagen knechen die Jungen aus. Ter afrikanische Strauß wird bis zu 3 Meter hoch und 2,5 Meter lang; der südamerikanische dreizehige Strauß sNandus) ist kleiner. Fliegen wunen diese Tiere mit ihren kurzen Flügeln gar nicht; sie rennen aber w rasch wie die schnellsten Pferde. Man hält es für möglich, den jplrauß nach Europa, z. B nach Dalmatien zu verpflanzen, und es haben auch diesbezügliche Versuche stattgesunden, über deren Resultate uns indessen nichts Näheres bekannt ist. In Afrika wird, was von den Tieren verwendbar, tüchtig und gewissenhast ausgenuzt; wie beim «aniel, so auch beim Strauß. Die Feder« werden Schmuck, das Fleisch , und die Eier werden gegessen, leztere auch vou den Ansiedlern im Kap- 'and als Naturalabgabe eingeliefert, und auS der Schale Trinkgefäßc gemacht. Straußenblillcr ist ein Gemisch auS Straußenblut und �traußenfett. Das Fell wird zu Leder gegerbt. Im alten Rom, wo Man auf die unsinnigsten Leckereien verfiel, wurden am kaiserlichen Hose auch Straußengehirne gegessen. Die Jagd auf den Strauß, ein Haupt- vergnügen für die Beduine», wird auf eine sehr grausame Weise be- ">eben. Sobald der Jäger das im Kreise fliehende Tier erreidst, schlügt " es zu Boden und durchsdineidet die große Halsader, damit es sich verblutet. Damit das Blut aber nickst zu reichlich ströme und die lchöne» Federn verderbe, wird dem Tier eine Zehe abgeschnitten und w die Wunde gesteckt. So muß der Strauß langsam verbluten. Ter Strauß ist ein im ganzen harmloses Tier; nur wenn er in seinem Nest angegriffen wird, verteidigt er sid> sehr hartnäckig. Wir sehen diese Tiere viel in den zoologischen Gärten; sie pflanzen sich auch in der svefangenschast mit Leichtigkeit fort. Einige Länder verdanke» der Aus- '!, von Straußensedern ein schönes Einkommen, vor allen das Kap- vnd in Afrika, Uruguay und Argentinien in Südamerika. Vf. B. Mitteilungen aus dem tSebiete der Zndustrie, Technik und Landwirtschaft. d» n?"teile der Bienenzucht. Obschon die Ausdehnung und Hebung i" Bienenzucht in den lezten Dezennien im preußischen Staate, speziell p v Provinz Hannover, bedeutend zugenommen hat, wodurch dem m vde durch Mehrproduktion von Honig und Wachs nicht allein manche lnJr.• erwachsen und pekuniäre Vorteile erreicht sind, sondern auch '!»ni-ht einträgliche Blüten venveNet find, so hat dieselbe doch noch unr?» nicht die Ausdehnung erreicht, zu welcher sie gekommen sein sollte in welcher sie sähig ist. Denn es ist mit der bisherigen Bienen- cht noch nicht erreicht, daß soviel Honig und Wachs in Deutschland I ngt als verbraucht wird. Es werden immer noch tausende an», �"i'.'er» Wachs und Honig aus dem Auslande bezogen, welche ei»»•P» im Jnlande produzirt werden könnten; es wäre möglich, noch der m. Utendes Quantum auszuführen, ohne daß durch Vermehrung !{ �Bienen für dieselben ein Futtermangel eintreten würde. Es gehen Au'ar dj noch mehrere Millionen Mark für Wachs und Honig ins bnrp» rn Muster diesem erwähnten, durch vermehrte Bienenzucht erreich- |||" Vorteil bringt sie noch einen zweiten Vorteil, weld>er Haupt- sächlich den Land- und Gartenbauern zugute kommt. Nach viele» Beobachtungen hat sich herausgestellt, daß die Bienen bei dem Be- srudstungsprozeß der Pflanzen eine sehr wichtige Rolle spielen; denn man hat gefunden, daß bei vielen Pflanzen getrennten Geschlechts, bei welchen der Blütenstaub von Pflanze zu Pflanze getragen werden muß,, in den meisten Fällen keine Befruchtung stattfindet, wenn solche nicht durch das Bestiegen von Bienen oder andern, Honig und Blütenstaub saininelnden Insekte» vermittelt wird. Zu dieser Ueberzeugung gelangte man am sidiersten durch Beobachtungen, welche man bei Pflanzen an- stellte, die im geschlossenen Zimmer oder im Treibhause sick) befanden, die daselbst wenig oder gar keinen Same» brachten, denselben aber in Menge ansezten, sobald man ein Fenster öffnete und die Pflanzen von Bienen u. dergl. besuchen ließ. Ferner sind Beobachtungen gemacht worden, daß Obstbäume und andere Gewächse, welche in der Nähe von Bienenständen sich befanden, stets mehr und bessere Früchte lieferten, als solche, die von Bienenständen weiter entfernt waren und deren Blüten nicht so stark von den Bienen besucht wurden. Mögen diese Winke Beachtung finden und dazu veranlassen, auch zur Vermehrung und Hebung der Bienenzucht mitzuwirken. Um kaltflüsstges Baumwachs zu erhalten, welches außerordentliä) schön ist, nehme man folgendes: 2 Teile weißes Pech, 2 Teile gclbeS Wachs, 3 Teile virginischen Terpentin, zu ca.>/z Pfund dieser Mischung für etwa 5 Pf. Baumöl, sowie etwas Spiritus, der zugesezt wird, wenn die Teile zusammengeschmolzen sind. Damit der Spiritus nicht ver- flüchtet, so ist das Wachs in einem geschlossenen Gefäß aufzubewahren; nach dem Gebrauck; ivird es hart und hält mehrere Jahre. H. Hagen, Landmann(Ahrenlohe, Holstein). Aus dem Bereiche der Antropologie und Gesundheitspflege. Bakterie» und Algen aus Goldmünzen. Das größere Publikum ist schon längst davon unterrickitet, daß Gegenstände, welche viel von Hand zu Hand gehen, unter Umständen für die Gesundheit recht ver- hängnisvoll werden können, weil sie von jedem, uird so auch von den Kranken, etivas annehmen, was gleich einem Fermente weiter wirken und Veranlassung geben kann zu Krankheilen, deren Ursadic dann kaum nock, zu erraten ist. Von alten Kleidern ist daS auch ohne ärztlickie Beobachtung dem Volke längst bekannt gewesen, aber diese ärztlickie Beobachtung hat doch die Sache derartig erweitert, daß man gelegcnt- lich der neueren Cholera-Epidemien imstande war, den Pfad der lez- teren, mit v. Pettenkofer, nach den getragenen Kleidern zu verfolgen. Ebenso hat man auf viel gelesene Bücher, namentlich der Leihbiblio- teke», als auf Gegenstände hingewiesen, die mir zu sehr dazu geeignet sind, allerlei Krankheiten zu verbreiten, die auS Ansteckung durch Spaltpilze leicht hervorgehen. Es ist unS darum niemals zweifelhaft ge- ivesen, daß selbst die Geldmünze» in die Reihe dieser Krankheits-Ver- breiter zu rechnen seien; uni so weniger, als man nur zu häufig erlebt, ivie Unwissende dergleichen Münzen sogar zivischcn Lippe» und Zähne bringen. Wir wollen garnicht davon sprechen, daß nach alter lieber» lieferung unter Geldleuten die Kassirer die kürzeste Lebensdauer haben sollen. Sicher ist ja, daß auch das Papiergeld nach langem Gebrauche ein Gegenstand wird, den man oft nicht mehr in die Hand zu nehme» ivagt. Schließlich haben sich nun auch Geldmünzen als hierher gehörig entpuppt, und ein sehr bekannter Mikroskopiker ist es, welcher uns die Tatsache lehrt, Hr. Paul F. Reinsch in Erlangen. Derselbe war so gütig, uns einen Aufsaz darüber mitzuteilen, den er soeben in Nr. 9 der botanischen Zeitschnst„Flora" hat drucken lassen, und da selbige nur den Botanikern von Fach zugeht, so ist eS für uns um so nnge- zeigter, die Tatsache der Allgemeinheil zugänglich zu machen. Sie ist insofern überraschend, als ihr Entdecker, durch einen zufälligen Um- stand zur mikroskopischen Untersuchung einer kleinereil Silbermünze veranlaßt, die frappante Beobachtung zahlloser Bakterien und auch einzelliger Algen in den dünnen Krusten machte, welche sich durch ununterbrochenen Gebrauch auf der Oberfläche der Münzen zu bilden pflegen. Was Reinsch fand, ist folgendes. Bei gewöhnlicher Ver- gröyerung(also einer 250 bis 300 maligen) bemerkte er zunächst ein Gemengsel größerer oder kleinerer Körnchen, Stückchen von Fasern, Fcttkügelchen, insbesondere aber aus Stärkekörnchen gebildeter Massen, dazu zahllose bewegliche winzige Körperchcn,„deren Beweglichkeit anfänglich nur die bekannte Moleklilar-Bewegung zu sein scheint, aber nach einiger Zeit in die lebhafteste bakteroide Bewegung übergeht." Unter stärkerer Vergrößerung treten die Bakterien deutlich hervor und zeigen sich in verschiedenen Formen: stabförmige mit oszillirender (vibrionischer) oder spiraliger(spirillischer) Bewegung und kugel- förmige(mikrokokkische) mit der eigentümlich tanzenden Oszillation. Bisweilen traf er beide Formen auf einer und derselben Münzb zu- sammen, während sie sonst meist getrennt vorkommen; die kugelförmigen bilden jedoch stets die Hauptmasse. Bon Algen fand der Beobachter auf deutschen, österreichischen, ungarischen, italienischen und nordameri- kanischen älteren Silber- und Bronzemünzen zwei ganz bestimmte und beständige Formen: einen winzig kleinen Cbroococcus und eine»inzellige Alge,„welche eher mit Palmella-, als mit Phytochrom-Algen verwandt ist." Elfteren nennt er Chr. monetarum, leztere l'leurococcus monetarum. Diese Algen-Formen finden sich aber nicht ans jüngeren Münzen. Außerdem vermischen sich diese Organismen mit uiient» wickelten Pilz-Hyphen(Fäden) und Sporen von Schimmel- und Staub- & 510 pilzen. Das ist gerade so viel, daß die Eingangs berührten Mittei- lungen nur zu drastisch bestätigt werden. Sicher eine grausige Symbolik, das; sich selbst an das Geld unmittelbare Gefahren knüpfen, von denen wir bis jezt keine Ahnung hatten. lRatur.l lieber die Einwirkung des filimns aus den Haarwuchs ist man im allgemeinen so weit unterrichtet, dag man der Wärme schon im bürgerlichen Leben einen beträchtlichen Auteil einräumt, indem man zur Sommerzeit Nägel und Haare schneller, wie im Winter wachsen sieht. Aber sicher hat man keine Vorstellung davon, wie weit dies in gewissen heisien Ländern gehen kann. In dieser Beziehung überrascht nnS der berühmte russische Reisende Prschewalsky mit Beobachtungen, die er inbezug auf unser Tema in Zentral-Asien, und zwar in der Hamai-Wüste, auf seiner dritten zeutral-asiatischcn Reise zu machen Gelegenheit hatte. ES war im Juni, wo sich hier der Boden am Tage bis auf 02,5° C.(+ 49,6° R.) erhizle, während mau im Schatten + 35° C.(+ 28° R.). um 8 Uhr Abends noch 32,5° C.(-f 26° R.) hatte. Diese Hize war so grosi, das; sie den Marsch bei Tage gänzlich unmöglich machte. Selbst zur Nacht wehten noch überaus Heisie Winde. Unter einer solchen Glut, die natürlich eine große Trockenheit der Luft mit sich führte, beobachtete der Reisende zu seiner eigenen Verwunde- ruug, daß sämmtlicheu Mitgliedem der Expedition Haare und Bart ausfallend rasch wuchsen. Das seltsamste aber war, das; de» fugend- lichen Kosaken, welche noch mit glatten Milch-Gcsichtcrn in die Wüste gekommen waren, plvzlich ein Bart wuchs. Ob auch andere Reisende in heißen Ländern Achulichcs beobachten?(Natur.; Für unsere Hausfrauen. Für absonderliche Keschmacksrichtungen haben unsere Hausfrauen auch manchmal Sorge zu tragen. Darum lassen wir hier zwei Rezepte folgen, denen auch die wählerischesten unter de» geehrten HauStyranncn den Reiz des Ungewöhnlichen nicht bestreiten werden. 1. Schnecken zu dämpfen. Nachdem die Schnecken gut ge- waschen und Stunde in Salpvasser gekocht und dabei gut abge- schäumt ivorden, werden sie nuS den Häusern genommen und in sol- geuder Sauce eine Stunde lang gedämpst sgedüustet): Butter, Salz, Pfeffer, Zwiebeln, Petersilie, Lorbeerblätter und Gewürznelken. Die Spanier sezen unter Weglassung deS Pfeffers etwas Ehokolade der Sauce zu, was manchen Feinschmeckern besonders zusagt.— Eine an- dcre Art der Zubereitung besteht in folgender: die gut gewaschenen und in kochendem Wasser getöteten Schnecken werden mit einer Spick- nadel aus den Gehäusen geholt und gereinigt und wieder in die zuvor gut gereinigte» Häuschen nebst etwa? Sardellenbutter oder nur Butter, feingehackte Petersilie, Pfeffer und Salz getan und im Backofen gc- braten.(Sardellenbutter besteht auS l Teil frischer Bulter und'/« Teil gewaschenen, ausgegräteten und sein zerstoßenen Sardellen innigst ge- mengt.)— Auch als Schneckensalat sind die gar gekochten Schnecken mit Oel, Essig, Pfeffer, Salz und Zwiebeln sehr beliebt in Spanien und anderwärts. 2. Zubereitung der Schnecken in Spanien. Die herum- kriechenden Schnecken werden in einen Topf oder sonstigen Behälter eingesperrt und darin 14 Tage ohne Nahrung belassen, daraus gut gewaschen und in einem flachen Gesäße mit den Ocffnungcn nach oben neben einander gelegt und mit starkem Essig begossen. Nachdem sie V« Stunde im Essig gelegen, werden sie gut abgewaschen und von dem ausgetretenen Schleim befreit und Stunde lang in Salzwasser ge- kocht und gut abgeschäumt. Darauf wird jede einzelne Schnecke mit warmem Wasser ab- und ausgewaschen und mit einer extra zu serviren- den Suppe warm aufgetragen. Mit einer schmalen Gabel oder auch nur niit einem zugespizten Hölzchen wird die Schnecke aus dem Häns- chen geholt, in die Sauce getaucht und mit großem Appetit verspeist. Anstatt der Sauce nimmt man auch Olivenöl, Essig, Pfeffer und Salz. _(Fundgrudc.) Feuersichere Stärke für Kleidungsstücke und Wäsche. Die Feuer- gesährlichkeit der weiblichen Garderobe versucht man zwar jezt durch zahlreiche Präparate zu beseitigen, doch pflegen alle derartigen erst be- sonders vorzunehmenden Bchandlungsweisen, auch wenn sie noch so ein- fach sind, erfahrungsgemäß nicht in die große Masse einzudringen, und da ist es nun als ein großer Fortschritt anzusehen, daß man jezt eine Stärke erfunden hat, welche bei dem ohnedies vorzunehmenden Stärke» der gerade am leichtesten zu entzündenden Kleidungsstücke gleichzeitig leztere vollkommen unverbreunlich macht. Diese Stärke kann sich, wie das Patcntbureau von R. Lüdcrs in Görlitz mitteilt, jeder folgender- maßen herstellen: 10 Teile pulverisirte Knochenasche werden mit 50 Teilen heißen Wassers begossen und 6 Teile Schwefelsäure hinzugefezt. Das Ganze läßt man zwei Tage an einem warme» Orte stehen und rührt eS gelegentlich einmal um. Hierauf werden 100 Teile destillirtcn Wassers zugesezt und die Flüssigkeit abfiltrirt. Zu lezterer gebe man 5 Teile Bittersalz, die in 15 Teilen Waffer aufgelöst sind, und soviel Ammoniak, bis der Gentch desselben vorherrscht. Es schlägt sich kst ein weißes Pulver nieder, das man in einem Lappen ausdrückt, trocknet und pulverisirt. Will man nun das Stärken der Wäsche vornehmen, das im übrigen ganz in der üblichen Weise ausgeführt wird, so nehme man zu 6 Teilen gewöhnlicher Stärke 2 Teile des erhaltenen weiße» Pulvers und 1 Teil ivolsramsaures Natron. Diese„feuersichere Stärke" wird sich nur unwesentlich teuerer stellen, als die gewöhnliche präparirtc Stärke: sie läßt sich beliebige Zeit aufbewahren und bietet hinreichende Sicherheit.(Zentr-Ibtatt für die Textilindustrie.) Schwarze Tpizen auszusärbe». Für 10 Pf. Braunspohn, 5 Pß Seifenwurzel und 3 Pf. Lein, werden in 2>/, Liter Wasser biS aus l'/j Liter eingekocht und dann die Flüssigkeit abgegossen. Den j» färbenden Stoff breitet mau auf ein glattes Breit auS und bürstet denselben mit der kalten Farbe vorsichtig, bis es Schaum gibt. Kante» läßt man ausgebreitet und sorgfältig ausgezupft auf dem Brette liegend trocknen. Andere Stoffe, wie Barege oder leichte schwarze Kleiderstoffe, kann man aus dieselbe Weise wie neu herstelle»; man hängt dieselbe» naß zum Trocknen auf. Beides, Spizeu wie Kleiderstoffe, werden trocke» geplättet. Die gekochte Farbe tan» man zum beliebigen Gebrauch Nachteil in Flaschen aufbewahren. Zweisilbige Eharade. Mein Erstes sindest du im Wald und auf der Flur, Vielleicht schon folgtest du mordgierig seiner Spur. Ein gutes ZtveiteS hältst du dann gar gern niit mir getan, Wenn ich als scheucS Ganze nicht entronnen deinem Nah». N ii f f e l f P r u» g. lacht bricht drein nach aus der dich risch �:i v u u. aic»neu uuu uic uicucn. or u hui u von an. xaulsry.(ixori;.)— T>cr Frühling oer iropiiajcn Jone. ürls �Bodeitff O. Lehmann.— Der Somnambulismus. Von Karl du Prel.(Fortsezung.)— Georg Friedrich Kolb. Von W. T- Kcgc»' Eine kleine Erzählung von HanS Flux.— Unser Bauwesen und seine Reform. Bon Karl Frohme.— Proben deutscher Vulisporn,..�„en- ivart: Sommernachtgedanken. Von Peter Knauer.— Ein chinesischer Brief anS Berlin. Mitgeteilt von Arthur Zapp.— Tcckinf»"� Ein kritischer Augenblick.— HanS Sachs und Eva.— Eine Straußenfamilie.— Mitteilungen aus dem Gebiete der Industrie,..Shells- Landwirtschast: Vorteile der Bienenzucht.— Um kaltslüssigcs Baumwachs zu erhalten.— Aus dem Bereiche der Autropologie uno> Fiir pflege: Bakterie» und Algen aus Goldmünzen.— lieber die Einwirkung deS Klimas aus den Haarwuchs.— Für unsere H»»-! n.�jsilbisE absonderliche Geschmacksrichtungen.— Feuersichere Stärke für Kleidungsstücke und Wäsche.— Schwarze Spizeu auszufärben. r., ,r Ziat- Eharadc.— Rösselsprung.— Aerztlichcr Ratgeber.— NedaklionSkorrespoudenz.— Allgemeimvissenschastlichc Auskunst.— Polylei) geber.— Ratgeber für Haus- und Landwirtschaft.— Gcmeinniiziges.— Maunichsaltiges.— Humoristisches.— Sprechsaal. Mit diesem Heft bcgiiiilt das IV. Quartal des 9. Jahrganges der„Neuen Welt". Tie......-,. t , vcrdcn ersucht, ihre Bestellungen ungesäumt aufzugeben, damit keine Unterbrechung in der Zustellung des Blattes�cm Tie Expedition der geehrten Post°bonnc>''c'' ........... u