Erscheint alle 14 Tage in Heften ä 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Postämter zu beziehen. Die Alten und die Ueuen. Roman von Ztt. KcmtvKy. 22. SSic lange Arnold so gelegen? Jede Berechnung für Zeit war chni abhanden gekommen, aber jczt horcht er doch wieder in °'e Nacht hinaus. Nichts regt sich, aber sie kann nicht fort lsiu, fix kaiin nicht so von ihm gegangen sein, und wenn er br gekränkt, so war es nur im Uebcrmaß der Liebe. Er horcht "ach einem Schritt, nach dem Rauschen ihres Kleides— er hart nichts. Er richtet sich empor, die Luft war heller geworden, ein achter Morgenwind war aufgesprungen; er tut einige Schritte "ad ficht nach der Stelle, wo sie gesessen— sie war leer. .. erfaßt ihn grimmige Verzweiflung; sie war gegangen, hatte getan, wie er es gewünscht, sie hatte ihn Verlanen. konnte sie es— wie durste sie es, sie war sei». . Aber hatte er sie nicht selbst fortgcwiesc»? Ach. er war erbärmlicher Schwächling, ein Elender! Er hatte das We.b, °as ihn liebte, dem er selber mit seinem Herzblut anhing. Lehen heißen, weil er sich nicht die Kraft zutraute, es zu schuzcn. e glücklich z« machen..„& Elender. Elender, rief es in ihm. und wenn du hattest alles "erlassen und Tag und Nacht für sie arbeiten müssen, du hättesi 11"'cht mehr aus deinen Armen lasien sollen. -p'lb sprang er vorwärts, er wollte sie wieder haben. Als er aber um de» Felsen hemm kam. sah er sie Plozlich 0t I'ch �rhen..., Ein Frcndcnruf kommt von seinen Lippen, aber wie er iln ' Ihrem schönen Gesicht und verklärte es wunderbar, i1.'""" Fühlen unklar und verworren... 5gai�c seifte die Augen und ein seines Iiot trat al s) .Arnold, ich habe nicht Baler»nd Mutter, die mich dir gegcnführcn können, aber frei und bewußt gebe ich mich dir selbst, und ich sage es dir im Bvllbewußtsci» meiner Handlung, im Vollbeivnßtscin meiner Liebe, ich verlange nichts heißer und ich ersehne kein größeres Glück, als an deiner Seite zu bleiben, mit dir eins zu sein, mit dir alles zu teilen, Not und Be- drängnis, Kampf und Sieg. Willst du mich zum Weib, so bin ich dein mit Leib und Seele für alle Zeit!" Er hatte die Hände gefaltet, anbetend stand er vor ihr»nd seine Brust hob sich unter dem Schauer der höchsten Wonne, die ein Menschenherz empfinden kann. Tann schlang er mit einem schönen, ernsten, heiligen Blick seinen Arm fest um den Leib seines Weibes. 24. llapitel. Georg hatte an jenem Nachmittage des Peter-Panl-Festes, nachdem ihn Arnold noch rechtzeitig von den gegen ihn geplanten Maßregeln unterrichtet, zugleich mit diesem Solcnbad verlassen. Ueber das Gebirge auf weiten Umwegen waren sie nach Amsee gegangen, und es war ein Uhr des Morgens, als sie an die Tür des alten Frieder geklopft hatten, wo Eva nach kurzer Verzögerung sie eingelassen. Als es zu dämmern begann, verließen die beiden wieder das Haus. Arnolds Auffordernng, mit ihm nach der Villa zu kommen, hatte Georg mit cineni entschiedenen Nein bcantivortet. Er erriet, daß Elsa nicht zögern würde, sich dort einzu- finden. Er betrat das Hans seiner Mutter, verweilte daselbst aber nur kurze Zeit, dann ging er in das enge Tal hinein, den Waldbach entlang. Als er die Schlucht erreicht hatte, stieg er aufwärts, dem Blasien entgegen. Der Holzhauer Franzel halte in dieser Bergwildnis sein Häusel aus rohen Stämmen gefügt. Dorthin begab er sich, ohne indes den Holzhauer vorzu- finden. Er hatte mit Arnold die Verabredung getroffen, daß sie am stuhcn Morgen des nächsten Tages zusamnirntrcffen sollten. Sie wollten über das Gebirge weiter gehen nnd die Grenze zu erreichen suchen. Georg hatte indes am Montag Morgen, dem der vcrab- redeten Zusammenkunft, den Freund vergeblich erwartet. War ihm ein Unfall begegnet, oder war es das Glück, das ihn dort unten festhielt? Sepp, der schlaue nnd verläßliche Bursche, war am Abend zu ihm gekommen; er brachte ihm Brod und die Nachricht, er möge Arnold erst am nächsten Morgen erwarten. Aber auch dieser brachte ihm nicht den Freund. Nun wußte er, was ihn zurückhielt, und so selbstlos und verständig Georg war, nnd so wenig er sich jemals einer lächer- lichen Illusion einer Hoffnung hingegeben, er litt jezt grausam und tief unter den sich ihm aufdrängenden Vorstcllnngen und die Einsamkeit, in der er sich befand, steigerte sein Hcrzleid nnd seine Traurigkeit. Nichtsdestoweniger hielt er aus, und als ihm Sepp den Tag darauf einen Brief Arnolds brachte, worin ihm derselbe mitteilte, daß er morgen, also Tonnerstag, des abends mit Elsa die Fußpartie übers Gebirge antreten werde und ihn, den Punkt angab, wohin er ihnen entgegen- kommen sollte, ließ er zurücksagen, er werde bestimmt an Ort und Stelle sein, um ihnen beiden als Führer zn dienen. Er wollte ihnen noch diesen lezten Beweis seiner Ergebenheit und Treue geben. Indes halten die Vorfälle in Amsee und Solenbad die läud- liche Bevölkerung sehr alterirt, und namentlich in den Dorf- schaftcn am unteren Ende des Sees, wo das Land flacher wird nnd kleine Bauernwirtschaften sich befinden, hatte sich die all- gemeine Stimmung sofort gegen jene Verdächtigen und Polizei- lich Verfolgten erklärt, und, voll Besorgnis um die eigene Existenz, begann man nun selbst gegen jene alle möglichen Bc- schuldigunge» und Verdächtigungen aufzubringen. Die Arbeiter des Salzbergwerks waren unter der übrigen ländlichen Bevölkerung von jeher als Freigeister nnd Demokraten verschrien gewesen, jezt hatte sich als sicher herausgestellt, daß die Leute verbotene Bücher lasen, daß der Georg Hofer es war, der sie verbreitet, und ein Doktor, der sie geschrieben. Die mehrfachen Entlastungen in der Saline belehrten wohl auch die Arbeiter selbst, daß mit dergleichen nicht zn spaßen sei, nnd die vorsorglichen unter ihnen, und besonders die alten, wiesen ihren Söhnen gegenüber, die es, wie sie fürchteten, auch mit der Aufklärung und dem Büchcrlcsen hielten, auf Georg als auf ein abschreckendes Beispiel hin. Ihre ganze Abneigung aber wendete sich dem Doktor zu, den man ihnen als den Rädelsführer bezeichnete, und der Schuld war, daß ihre Vor- geseztcn ihnen nun aufsässig wurden. Und hatte es ihnen ein Beamter denn nicht geradezu in's Gesicht gesagt: Wie, ihr untersteht euch, über eure Lage zu jammern, ihr verdient aber immer noch zu viel, ihr habt so viel Geld, daß ihr es für schlechte Bücher hinauswerft, wir werden euch weniger geben müssen? Wie gewöhnlich war auch die Kanzel beniizt worden, um solche Anschauungen zn festigen und zu verbreiten, und die Aengstlichkeit zu mehren. Ein Jesuitenpater hatte sich in dem Kirchsprengel am untern Ende des Sees eingesnndcn, er predigte und hörte Beichte. Die Leute hier waren sonst nicht für die Jesuiten einge- nommcn und scztcn ihnen bedeutendes Mißtrauen entgegen, jezt aber lief man dem Pater zu, und fühlte sich in seiner Auf- geregtheit und Kleinmütigkeit dazu gedrängt, auch galt es, sich vor dem Verdacht, zu den Aufgeklärten zu gehören, sicher zn stelle». Tie Leute waren eben alle in äußerster Roth uud wußten sich nicht zu raten und zn Helsen. Sie waren seit Jahren durch andauernden Regen, welche Hochfluten und Ueberschwemmungen herbeiführten, aufs höchste bedrängt; sie erkannten darin den Zorn des Himmels nnd die strafende Hand, die schwer aus ihnen ruhte. Aber in ihrer Niedergeschlagenheit und Ver- drossenheit wollten die Leute auch njcht mehr daran gehen, den Schaden wieder gut zu machen, die Straßen und Dämme wieder. herzustellen und die Brücken wieder auszubessern. Sie waren ja bereits so gut wie rninirt, sie wollten ihre lezten Groschen nicht auf Dinge verwenden, die ein Wink des Höchsten aber-, in als gefährden konnte. Sic hatten gearbeitet, sich redlich gemüht, ja geschunden, es hatte ihnen nichts gcnüzt, es richte kein Segen darauf. War es nicht besser, so entschieden die Trägen und Jndo- lcnten. sich zn demütigen, und durch Gaben nnd Beten die Für- bitte derjenigen zu erflehen, die ihnen allein»och Hilfe ver- schaffen konnten? Jezt trat ein Ereignis hinzu, das alle diese Angst und Bedrängnis noch vcrniehrte und diese schwachen Köpfe vollend'.' verwirrte. Am Dinstag waren die Arbeiten bei dem Schieserbruch am Plattcnberg plözlich eingestellt und die Arbeiter entlasse» worden. Das betraf weniger die Gemeinde Amsee, als die am untern Ende des Sees gelegenen Ortschaften, ans denen sich die Mehr- zahl der Arbeiter des Schicfcrbruchs rekrntirt hatte. Das war ein neues Unglück nnd für die Zukunft ein folgenschweres, den» es hieß, der Tagban würde für immer eingestellt bleiben. Da-' erschien nun den meisten als eine ungerechtfertigte Maßregel, als eine Hartherzigkeit. So viele arme Leute sollten damit um den lezten Berdlenst, um ihr lcztes Stück Brod gebracht werden. Aber ibrc Bor- geseztcn wollten sie eben in irgend einer Weise bestrafe», stj argnnicntirtcn sie, weil man gegen sie aufgebracht war, man auch sie verführt glaubte nnd von dcni schlechten GeffK angesteckt. So wurden auch hier die üblen Wirkungen wieder dcw Einen in die Schuhe geschoben, den die Dummheit alsbald a--' die alleinige Ursache ihres Unglücks zu bezeichnen beliebte. Seine» Nauieil kannten nur wenige, in seiner Fremdartig- kcit war er niemandem geläufig, allein die eigensinnige En"' ternng wußte sich zu helfen. Der Mann war ein Doktor, ki, Biicherschrciber. folglich mußte er ein Jude sein; damit>va für alle Antipatien, die sich jezt über ihn häuften, das rech Wort gefunden.. In Amsee und in der Lahn hatten die Maßnahmen Arbeitseinstellung ebenfalls die Gemüter erschreckt und z» weiteren, auch lokalen Besorgnissen Veranlassung gegeben. � Plattcnberg erhob sich ja gerade von der Lahn aus und, eine Abrutschung möglich, so mußte sie diesen Ort unmittel' betreffen. Eine Kommission von Sachverständigen war bcrc> am Montag erschienen, um an dem, als gefährlich bezeichne� Gestein des Plattcnbcrgs den Augenschein vorznnchnien. � Herren fanden in der Tat de» Schiefer stark zerklüftet, j den oberen Partien angelangt, fand man auch hier und da a> im Boden. Zu jenen Stellen, wo die Tannen schief l,fl".' wagte die Kommission sich nicht mehr hin, aber sie versag', daß diese Bäume sämmtlich gefällt werden müßten, den» übten einen zu starken Druck auf die gelockerten Gesteinsmal darunter aus. Hierauf stiegen die Herren so rasch wie möglich wieder m Weder an der Bergwand noch an dem übrigen � waren Zeichen wahrgenommen worden, die ans eine allzu und allzugroße Gefahr schließen ließen, und so glaubte man der vorstehenden Maßregel und dem Verbot des Sprenge»-' der Weiterbcarbeitung überhaupt alles Notwendige vera» zn haben. Am Donnerstag war abermals ein Bitttag angeordne• In der Kirche von Niederndorf predigte der Jesui'e'w Franziskus, und im Hinblick auf die neuen und drohenden nisse war die Kirche überfüllt.,„aii Ter hohe asketisch aussehende Mann auf der Kanzc, � dem von der Seite einfallenden Licht der bemalten Bogc»",� gestreift, dessen Stiinme so machtvoll tönte und dessen so eindringlich und patetisch waren, übte einen starken- �r, haltigen Eindruck auf seine Zuhörer, den ihr guter alter Pl' bcn sie seil zwanzig Jahren immer dasselbe mit derselben Stimme sagen hörten, bei ihnen nimmer erzielt hätte. Pater Franziskus pries die Armen im Geiste, denn ihrer sei das Himmelreich, er tadelte alle, die in vermessener Eitelkeit sich über jene sezcn wollten, denn ihrer harre die Strafe. Er belächelte die, die da lernen und immerdar lernen und können doch nimmer zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Er warnte vor der falschen Lehre und der Verführung, die jezt überall das Haupt erhebe. Aber die Guten� dürfen diese nicht hören und ihrer nicht achten, sondern bleiben' in dem, was ihnen bisher gelehrt worden sei, denn sie wissen, von wem sie dies gelernt haben. Wenn sie aber dennoch auf jene hören und sich mit ihnen einlasse», so haben sie selbst ihr Verderben bc- siegelt. Und nun wies der Pater auf die schrecklichen Beispiele hin, wo Gott, um die sündige Menschheit zu strafen, all seine Schrecken auf sie losgelassen. Mit erhöhter Stimme, in leb- hafter Schilderung und dramatischem Ausdruck sprach er von den Wasserfluten, die, bis auf den frommen Noa, alles hin- weggetilgt, und er erzählte von Sodom und Gomorrha, Ivo Feuer vom Himmel gefallen, und er erinnerte schliesstich an jene dunkle Prophezeiung, wo die Berge nbcrcinandcrstürzen werden ani Tage des jüngste» Gerichts. Wahrlich, durch den Unglauben unserer Zeit wird dieses Ende beschleunigt werden. Ten frommen Zuhörern saß das Entsezcn im Herzen; war dieses Ende nicht vielleicht schon ganz nahe? Aber zugleich mit dem tiefen Schreck regte sich doch auch wieder das Bewußtsein, daß sie das Böse ja niemals mit Absicht getan, und wenn ihre St Inder dem Unglauben zuneigten, für den sie alle bestraft werden sollten, so waren sie dazu verführt worden, und im tiefsten Herzen suchten sie alle Schuld von sich ab und jeneni juzuwälzen, der allein dafür verantwortlich gemacht werden konnte, dem Toktor, dem Biicherschrciber, dem Inden. An diesem Donnerstag Nachmittag saßen im Niedenidorfcr SSirtshause am untern Ende des Sees einige Üleinbauern an dcm großen Tisch unter der Linde beisammen. Darunter der Gschwandtncr und Menzel, der Fischer. Tic �aucni saßen in Hcmdärmeln, jeder hatte ein Glas Bier vor >ich, und sie diskutirten laut und eifrig die Ereignisse, die alle Gemüter beschäftigten. Aus dem Psarrhansc, das gerade gegenüber lag, trat ein ltvoßcr, hagerer Man», mit rasirtem Kinn, es war der Kirchen- bleuer. Er sezte sich zu ihnen und bestellte ein Glas Bier. t�eichzntig kam auch ein Arbeiter de» Weg vom See herauf, war aus dem Orte und hatte im Schicferbruche gearbeitet. grüßte und wollte vorüber, sie aber riefen ihm zu und Elsten ihn, was es Neues in Amsce gebe. Der Gschwandtncr '"ws ihm einen Plaz am unteren Ende an und schob ihni sei» "ügel hin, daß er daraus trinke. »Na, Wofcrl, ist's denn wirklich wahr", fragte er,„die Arbeiten im Schieferbruch bleiben also eingestellt, und die Wand kaweit noch immer?" ,»Ja", sagte der Wvserl,„schreien tuts schon, aber die schreit .'hon lang, und deswegen hättcn's die Arbeit doch nicht ein- en müsse». Aber natürlich, den Herren is alles eins, ob � verhungern oder nicht; sie haben uns unscrn Lohn ans- i Sahlt, und weiter kümmern sie sich nicht um uns." tie Bauern stimmten ein, und sie schimpften nun weidlich y die Kommission und über die gar so g'schcitcn Herrn, die * per alles wissen möchten, aber der Jesuit habe Recht, es bringe n Segen und die Zeiten würden immer schlechter. c.®'ne schnell daherrollcnde Equipage, die vor dem Pfarr pse hielt, unterbrach diese Auseinandcrsczungc» und lenkte Aufmerksamkeit dahin. vor hochgewachsener Mann, das blasse Gesicht sorgfaltig !vr' �cn schwarzen Tuchrock bis an den Hals geschlossen, v�g heraus und überschritt die Schwelle. ö �er Kutscher fuhr hierauf an das Wirtshaus heran und PJJgtc ein Glas Bier. �er Wirt brachte es ihm rasch. „Vom Grafen Falkenau, nicht wahr?" fragte er in lächelnder Zuvorkommenheit, indem er den Hals der Pferde klopfte,„ich kenne die Pferde." Der Kutscher bejahte, nachdem er das Glas geleert und ein zweites bestellt hatte. „Das war gewiß auch ein geistlicher Herr, den Sie da in die Pfarrei gebracht haben?" forschte der Wirt neugierig weiter, nachdem er ihm das zweite Glas emporgcreicht. „Einer vom Jesuitenorden war's," vcrsezte der Kutscher mit einem pfiffig überlegenen Gesicht,„der Pater Cölestin." Tann ergriff er wieder die Zügel und fuhr davon. Ter Wirt kam zu seiucu Gästen, um ihnen das soeben Gehörte mitzuteilen. „So, ein Pater ist das," meinte der Fischer Menzel,„das Hab ich nicht g'wußt, und ich Hütt' ihn auch nimmer dafür g'halten." „Hast vielleicht schon mit ihm zu tun g'habt?" fragten die andern. „Freilich, ich und er sind ja heut die ganze Nacht am See herunig'fahren." „Geh, ist's wahr, wegen was denn, habt's Fisch g'fangcn." „Bewahr, die Gabel Hab' ich zwar mitg'habt und das Licht auch, aber ich hab's nicht anzünden dürfen, und ich Hab müssen ganz still dahinfahrcn, daß niemand uns hört." „Ah!" riefen alle intcressirt,„und was weiter?" „No, wir sind bis zur englischen Villa g'fahren, und wie wir dort hinkommen, Hab' ich müssen dicht gegen das Gebüsch hinfahren, und da sind wir halt auf der Lauer g'legen." „Wem habt's denn aufg'lauert?" „Ja, das weiß ich nicht, und vielleicht hat er's selber nicht g'wußt. Ich Hab' ihm g'sagt, Sie Herr, da ist niemand, schon seit einem Jahr ist da alles verschlossen, weil der Herr, dem das g'hört hat, g'storbcn ist, und seine Tochter ist auch nicht mehr da. Er hat aber g'sagt, ich soll ruhig sein, und soll mich nicht rühren. Und er selber hat sich nicht g'rührt, aber g'horcht hat er, und weirn's im Laub g'raschclt hat, oder ein bisset Geröll von oben herunter kommen ist, so ist er z'sammcngefahrcn. Und einmal fasst' er mich bei der Hand; sapcrlot, ich Hab' auch Muskeln, aber mit so einem Griff Hab' ich noch keinen ang'fasst', und er fragt mich: hörst du's? Ich Hab aber nichts gehört. Er aber sagt: das ist Gesang, ich aber sag: gar keine Spur, das ist der Wind, der saust immer so in der Rächt. Ich spüre aber wie seine Hand zittert, und darauf befiehlt er mir, ich soll ans Land fahren, damit er aussteigen könnt. Ich will ihm's aus- reden. In der Nacht ist's da gar g'fährlich, sag ich, und auf dem Fleckt ist's nicmal geheuer g'wescn; aber seine Augen funkeln mich darauf so grimmig an, daß ich mich schier vor ihm g'sürcht Hab, und so Hab ich ihm seinen Witten tan. Er steigt aus und dcut't mir, ich soll z'rückbleibcn, aber wie er sich wcnd't, seh ich etwas blizcn in seiner Hand; ich möcht drauf schwören, daß es der Lauf einer Pistole war. Denk ich mir, das ist ein Selbstmörder, und schon will ich ihm nachgehen, aber dann sag ich nur, man muß ein' jedem seine Freud lassen, »nd besser ist's immer, er bringt sich selber um, als am Ende mich, denn der ist nicht recht bei Sinnen— na, ich Hab' ja nicht g'wußt, daß das ein Pater ist," fügte Menzel entschul- digend hinzu, als der Kirchendiener ihm eine» Blick der Zurecht- Weisung zugeworfen. „Und hat er geschosien?" fragten seine Hörer um ihn herum. „Ich Hab' nichts gehört. Ewig lang ist er mir ausgeblieben, so daß ich eine Riesenangst kriegt Hab', aber endlich kommt er daher, steigt ein, ohne ein Wort zu sagen, und dcut't mir nur, ich soll wieder zurückfahren. Ich Hab mir das nicht zweimal sagen lassen, ich war froh, als wir wieder da waren. Beim Aussteigen aber sag ich, na Herr, ich hab's Ihnen ja g'sagt. dort ist niemand, und Sie haben auch niemanden finden können. Nein, sagt er, aber seine Stimm hat keinen Ton g'habt. und wie er mir jezt das Fahrgeld in die Hand druckt, fahr ich zurück, denn seine Hand war kalt wie von einem Toten." „Na, jezt hast ihn aber frisch und lebendig wiederg'sehcn," 536-- lachten alle, und der Gschwandtiicr fügte kopfschüttelnd hinzu: „Was er nur dort g'sucht haben muß in der Nacht, denn dort- hin traut sich doch keiner, und wenn er was singen g'hört hat, so muß das Gott weis was g'wcscn sein." „Eine Einbildung ist's g'wcscn, nix anderes," versicherte Menzel. Jezt aber fuhr der Arbeiter Woferl mit einer abwinkenden Gebcrde dazwischen. „Das war keine Einbildung, ua, schon g'wiß nicht, und der Herr Pater hat einen ganz richtigen Spurius g'habt." „Was weißt denn dn davon?" riefen alle wie aus einem Mund. Der Arbeiter lächelte. „Na, ich komm ja grad von Amsec, bin ja grab vorhin an der englischen Villa vorüber g'fahren, und wenn der Herr gestern dort singen g'hört hat, so Hab ich heut wieder dort lachen g'hört, und wie ich näher hinschau, Hab ich gleich g'sehen, daß die Villa jezt wieder bewohnt ist. Tie Fenster sind offen g'standcn, und auch die Tür, die auf den Balkon herausgeht, und wie ich mich drüber verwunder, kommt die Blonde, die englische Fräul'n selber ans der Tür, und sie ist's die lacht, und bis an die Brüstung tritt sie vor, und schaut über den See»ach Amsee, als ob sie jemand erwarten tät. Ich fahr vorüber, aber eh ich rechts in die Einbiegung komm, wcnd ich mich noch einmat nach ihr um, und da seh ich, daß jezt ein Man» neben ihr steht, ein junger Kerl, und der nimmt sie ganz ungenirt nm die Mitte und führt sie wieder hinein." Der Kirchcndiencr, der bisher gravitätisch da gesessen, seiner Würde eingedenk, schnellte in die Höhe. „Das war er!" rief er, und seine kleinen Augen bliztcn auf in plözlichcm Eifer. „Wer?" fragten alle. „Der Rädelssiihrer, den die Polizei überall sucht, wißt ihr, der, der die verbotenen Bücher geschrieben hat, der— wie heißt er nur, der—" „Der Jud," riefen alle. „Richtig, der Jud," bestätigte der Kirchendiener mit cinei» Grinsen,„und Ivo sollte der Jud auch anders stecken als bei der Heidin?" „Es ist schon möglich." „Es ist ganz sicher, und der Herr Graf hat schon gestern die richtige Spur gehabt." „Was für ein Graf?" „Habt Ihr nicht vorhin seinen Kutscher und seine Pferde g'sehen? Nun also, derselbige Graf, der Falkcnau." „Der Falkenau!" wiederholten alle, als hätte dieser Hin- weis sie alle mit seiner Persönlichkeit vollkommen vertraut gemacht. „Er ist gestern zu unserem hochwürdigen Herr» kommen. ich Hab' ihn selbst hinaufg'führt, und weil ich grad im Vor- zimnicr noch zu tun g'habt Hab—" „So hast bei der Tür g'horcht." „Nur zufällig, aber zum Glück Hab ich da g'hört, wie der Herr Graf von Fräulein Barr' als von seiner Nichte gesprochen hat, und daß diese seit Sonntag früh plözlich verschwunden sei, sie hätte geschrieben, sie sei nach Wien, aber der Graf hat sie auch dort nicht auffinden können, und da ist er herkomme» nach- fragen, ob sie ihre Villa bezogen, und ob sie in der Gegend vielleicht gesehen worden ist. Unser Herr Pfarrer hat hierauf mit dem Grafen gleich selbst nach der Villa fahren wollen, ich Hab sie hingcrudcrt, aber damals war alles noch zu und vcr- schlofien, wir haben nirgends hinein können. Aber der Herr Graf hat immer von ihrem Verführer gesprochen, und das war wieder der Doktor, der Jud, und darum mein ich, wenn man jezt weiß, wo der Schändliche steckt, so wär's nur Pflicht und Schuldigkeit, wenn man den Kerl abfangen tät, und außerdem könnt man sich noch ei» schönes Stück Geld dabei verdienen." Die Leute schlugen auf den Tisch und rabiat und aufgeregt erhoben sie sich unter tumultuarischcm Geschrei. „Ten müssen wir haben."— „Der soll uns ja nicht mehr auskommen."— „Haha, den erwischen wir, wie den Hasen beim Kohl." „Er ist Schuld an unserem Unglück." „Freilich, wegen seinen Büchern sind die Hansuutcrsnchungcn ergangen." „Und drauf die Entlassungen." „Und seitdem sind uns alle so aufsässig." „Der Schuft, er hat so viele brave Leute ums Brod gc- bracht." „Fort mit dem Juden!" „Der soll uns kennen lernen, ich nehm' gleich den Strick mit, daß wir ihn binden können." Im Handumdrehen waren alle, die eben noch in Gemüt- lichkeit beisammen saßen, von Wut erfaßt uud kampfbereit, um sich auf den Einen zu stürzen und ihre ganze Erbitterung über seinem Haupte zu entladen. Ter Kirchendiener war indes schon von ihnen fort in die Pfarrei geeilt. Er stürzte in das Zimmer, i» dem der Pfarrer mit den beide» Jesuitenpaters Franziskus und Eölesti» saßcm uud ohne sich mit Entschuldigungen aufzuhalten, rapportirte er das soeben Entdeckte. Es wirkte hier nicht minder sensationell. In Pater Franziskus loderte der ganze fanatische Haß cmpar, und voll Empörung und fast herrisch rief er dem Pfarrer zu, daß hier, wenn man des llebcltäters habhaft werden wolle, kc>n Augenblick zu verlieren sei... Der mildherzige alte Pfarrer stimmte zu, er konnte m« anders. Der Angeklagte hatte sich gegen die weltliche Obrigkc� vergangen und gegen eine höhere, sittliche, er war der Vcr- sichrer eines junge» Mädchens. � „Wir werden uns also dahin begeben und nachsehen," W der Pfarrer.,. .Der halbe Ort geht mit Ihnen, Hochwürdcn," rics_ Kirchcndiencr;„die Bauern sind wild und aufgebracht, sie F wollen de» Kerl einsangen." „Wir werde» sie führen!" rief Pater Franziskus. Auch Cölestin war bei dieser jähen Nachricht aufgesprung' Seine Vermutung, die er in diesen Tagen gleich einer vc zehrenden Qual in sich getragen, bestätigte sich also; die bei hatten sich vereinigt, sie war sein geworden.... Er hatte sich an die Wand gelehnt, um nicht zU'm' Seine Zähne schlugen aneinandcr, aber sein Mund blieb g schlösse». hi,fC Kein Ausruf der Wut und keine Klage kam über blassen zitternde» Lippen, kein Wort der Erlösung— er duri sich nicht verraten, er mußte den Jammer allein tragen. Aber er ertrug ihn nicht, er brach zusammen unter' Doch zu einem wollte er noch die Kraft haben, er wollte J' er wollte das Schreckliche mit seinen Auge» in sich n»sw'' um es zu begreifen, und wenn es ihm dann zur furcht Gewißheit geworden war, dann— er dachte es nicht au--', � instinktiv griff er nach dem Gewände, das eine Waffe barg. � fühlte nur, daß er das namenlose Elend, das ihm gcwm zu rächen habe. (Jorltezung folgt.) 538-- Drr Mark Brandenburg frühere Bberstächengestalt. Von Dr. A. Werghaus. var, einen Strom, wie die Oder, selbst beini höchsten Wasserstande zu Meer zu führen; wie viel weniger be- durfte es noch zweier flußähnlich eingeschnittener Mündungen, wie der Pcene bei Wolgast und der Dievenow bei Wollin. Es ninßte ein viel größerer Strom gewesen sein, der unterhalb Schivcdt zwei niächtige Ansslnßtälcr bildete und mit drei Mün- düngen sich ins Meer ergoß, und das war die— Weichsel. Und wie die Spree ein Nebenfluß der alten Oder war, so war die Warthe ein Nebenfluß der alten Weichsel,— ein hydrographisches Verhältnis, von dem das Gedächtnis selbst im späteren Mittelalter»och nicht erloschen gewesen ist, weil es nicht nngcivöhnlich war. die Warthe nach ihrer Vereinigung mit der Netze mit dem Namen des zulezt genannten Flusses zu belegen. In diesen kurzen geologischen Auseinanderseznngcn über die ursprüngliche Richtung der Haupt-Flnßtäler und das ihr vor- hergegangene Dasein eines großen Süßwasser- Binnenmeeres, dem aber nach Analogie des Kaspi-See's salinische Bestand- teile beigemengt waren, liegt die Erklärung der Bodenbeschaffen- heit der Mark Brandenburg zwischen ihrem deutschen Ufer, dem lausizer-vläminger Grenzwalle im Süden, und ihrem skandinavischen Ufer, den Höhenzügen und Landrücken i» der Pricgnitz, der Uckcr- und Nenmark gegen Norden. Der höhere Grund des Binnenmeeres und der späteren Haupt-Flnßtäler der alten Oder und der alten Weichsel ragte in Gestalt von Inseln über die Wasserfläche hervor»nd bildete einen Archipel, den wir gegenwärtig, nach Ablauf der Gewässer, in den zahlreichen Plateaux erkenne», welche den Boden der Mark karakterisiren. Und wie es eine wohlbekannte, an sehr vielen Landsccn wahr- nchmbare Erscheinung ist, daß, sofern sie niit Inseln besezt sind und einen Abfluß haben, diese Eilande umso größer und langgestreckter zu sein pflegen, je entfernter sie von dem Aus- flusse liegen, und desto kleiner und rundlicher, je näher dem- selbe», so erkennt man auch in den Plateaux der Mark die jezt durch Bruchtäler getrennt sind, die nämlichen Folgen in ihren Umriffen. Beispiele hiervon sind: die Hochebene von Sternberg, welche vor Bildung der jezigen Oder unterhalb Brieskow mit dem Plateau von Lcbus und des Barnim eine zusammenhängende, langgestreckte Insel bildete; sodann die kleinen, meist rund geformten Plateaux von Liebrose, des Teltow, der Zauche, die noch kleineren Eilande im Havellande, das Plateau von Töbcritz und das von Bähnitz im hohen Havel- lande oder der Merica Obula, der Glin, das Ländchen Belli», Friesack, Rhinow. Denken wir uns, das Wasser der heutigen Havel-Seen zivischen Spandau und Plaue sei abgcfloffcn, so würde das Grundbctt dieser Scenkette ein Bild im Kleinen geben von der Oberflächengcstalt, die uns die Mark im Großen darbietet. Eine große Talrinne würde vorhanden sein, in welcher der lczte 540 Ueberrest des Havelwassers seinen Lauf nähme; Eilande, die jczt wenig über dem Wasserspiegel hervorrage», würden zu berg- artigen Hochebenen und Bergen eniporsteigen,>vie die Pfauen- insel und der Sandwerder zwischen Spandau und Potsdam, und die jezt unter dem Wasserspiegel liegenden Alluvial-Plattcn, die der Havelfischcr seine Berge nennt, würden Platcaux nie- derer Art sein, die in den ticsstcn Stellen des Grundbettes ihre Trennungstäler haben, während diese bald mit Seen, bald mit Sümpfen und Brüchen angefüllt sei» würden. An einiger baldigen Pflanzendecke könnte es dem neuen Lande nicht fehle»; Luft und Wasscrströme würden Samen in bunter Mischung hcrbeitragcn und jedwedes Samenkorn sich für seinen Standort denjenigen Bodcnstrich und diejenige Erdschicht suchen, die für sein Keimen und sein fröhliches Gedeihen am zuträglichste» ist. Möglich ist ein derartiger Zustand, wenn der Wasserspiegel, mit Hinwegräum ung der Stauwerke bei Spandau, Branden- bürg und Rathenow, sich um 11 bis 13 Meter senkt; ein solches Senken ist aber eine physische Unmöglichkeit, so lange nicht auch das Bett des Elbstromes unterhalb der Mündung der Havel in ähnlichem Maße daran teilnimmt. Unser Bauwesen und seine Reform. Von Kcrrf Ilrohrne. «Tchlu».) Ich gehe über zu den gewerblichen Betriebsstätten. Bei Anlage derselben läßt man sich fast durchweg von rein materiellen Rücksichten leiten. Für eine große Zahl von Ge- werbtrcibenden, so besonders für die kleinen Handwerksmeister, kommt ja allerdings die zwingende Notwendigkeit inbe- tracht, möglichst billige Werkstatträume zu bekommen; ihre miß- Ii che» Verhältnisse erlauben ihnen die Beschaffung gesunder, räumlich ausreichender, der Luft und dem Tageslichte genügend zugängigcr Arbeitsräunie nicht. Wir gedenken dabei auch der in der Hansindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeite- rinnen, deren Leben ein permanenter Notstand ist und die häufig in Wohnungen ihr Gewerbe treiben müssen, deren Luft mit Kohlensäure überfüllt ist und die nichts tun können, dem schrecklichen Dasein, dem sie und ihre Angehörigen verfallen sind, zu entrinnen. Für die Großindustriellen hingegen darf der Ein- wand, daß die mangelhafte, gesundheitsschädliche Beschaffenheit ihrer Arbeitsräume auf eine Not- oder Zwangslage zurückzu- führen sei, nicht geltend gemacht werden. Nur zu häufig kommt es vor, daß bei Anlage von Fabriken aus Rücksichten auf das Gcldintercsse, das Hauptcrfordernis zum Wohlbefinden des?lr- beitcrs— ein gesunder, lust- und lichtreichcr Arbeits- räum— ganz aus den Augen gelassen wird. Wo auch nur eines von beiden— die Luft oder das Licht— nicht in ans- reichender Beschaffenheit vorhanden ist, da wird der Organis- mus des Menschen schwer geschädigt. Zu beklagen sind— wie Professor Hirt, eine Autorität auf dem Gebiete der Ar- bcitcrhygiene sagt— diejenigen, denen Beides bei der Arbeit fehlt, oder nicht genügend geboten wird;.sie sind schlimmer daran, als die Verbrecher in den Gefängnissen". Schon beim Eintritt in eine Werkstatt betreten wir oft den nnheilvollen Bannkreis der AntiHygiene. In niedrigem, engen Räume, in dem nur gerade Plaz für die Maschinen und die sie Bedienenden ist, sizcn, stehen, kniecn eine große Anzahl von Personen, eifrig mit ihrer Arbeit beschäftigt. Das nötige Licht kommt durch rauchgeschwärzte kleine Fenster, oder von wenigen unruhig flackcniden Petroleum- oder Gaslampen; die Luft ist erstickend heiß und niit den Ausdünstungsproduktcn der Arbei- tendcn und der Arbeitsmaterialien geschwängert.— kurz, wir sehen uns in einer Arbeitshölle. Was Wunder, daß die Ar- beitcr, darunter Frauen und Kinder, die in dieser Hölle einen großen Teil des Tages zuzubringen gezwungen sind, körperlich und geistig vc.kümmern und uns bleich und mit eingefallenen Wangen und hohlen Augen, Bilder der Verkommenheit und de? Elends, begegnen! .So lange", ruft Hirt aus,„nicht eine bestimmte Größe des Arbeitsraumes gesezlich verlangt, oder mit anderen Worten: so lange nicht der Luftkubus(die für jeden Einzelnen erforder- liche Luftnicngx) pro Kopf für die Arbeitsräume festgesezt ist. so lange wirkt eines der Hauptmoineiitc zur Prädispositio» von Krankheiten aller Art ungeschwächt fort, und manche ander- weitige heilsame Maßregel wird irrelevant, wenn man dem Arbeiter nicht die genügende Menge atenibarer Luft zu seiner Arbeit verschafft". Was die Größe der Fenster anlangt, nm das natürliche Sonnenlicht in die Arbeitsräume einzulassen, so wird auch hier ' noch unendlich viel gesündigt, so daß gcsczliche Bestimmungen, die diesen Punkt regelten, nicht minder am Plazc wären. Man bedenke, es handelt sich um einen Schiiz für die Gesundheit der viele» Millionen, die im Schweiße ihres Auge- sieht» unter Mangel und Elend aller Art, Wert auf Wert zu- sammcnarbeitcn müsienl Schon der bloße Gedanke an die Tat- sache, daß der Arbeiter tagsüber in dumpfen, verpesteten Fa- brikräumen sich abmühen muß, um dann auch noch seine paar Feierstunden in ungesunden Wohnräumen zubringen zu müssen. ist geeignet, de» wohlmeinenden Menschen mit dem Gefühl tatkräftigster Teilnahme zu erfüllen. Man bedenke ferner, daß durch die ballsanitären Verbesserungen der gewerblichen Anlagen in Berbindung niit denen der Wohnungen nicht blos die Sterblichkeit, sondern auch die Krank- hcitshäufigkeit unter der arbeitenden Bevölkerung abnehmen wird, was— abgesehen von allen etischc» Rücksichten— einem großartigen, materiellen Vorteil gleichkommt. Gcsezlichc Bestimmungen, die diese Verbesserungen vorschreiben und regeln, sind unendlich viel wichtiger, als diejenigen, die von der Kran- kenversichcrnng der Arbeiter handeln; diese rechnen nur mit den Folgen des Nebels, jene aber würden das Nebel an der Wurzel angreifen. Wie die Fabriken, so lasten auch die Gefängnisse vieles zu wünschen übrig. Die allermeisten derselben genügen den einfachsten hygienischen Anforderungen nicht. Von Sträflingen überfüllte Räume, schlechtes Licht, das oft absichtlich noch mehr verschlechtert wird, ungenügende Ventilation und sonstige Ge- sundhcitswidrigkciten, deren nähere Erwähnung Ekel hervorrufen könnte, trifft man in ihnen fast aller Orten an. Der Hygicniker Barr und Andere beweisen nns, daß sich Haupt- sächlich infolge dieser lkebelstände bei den Gefangene» ein früh� zeitiger Marasmus(Entkräftung) entwickle, und daß unter ihnen die Sch>vind sucht große Verheerungen anrichtet. AM» rcnd unter der freien Bevölkerung in den ungünstigsten Fällcu 20 Prozent aller Todesfälle auf Schwindsucht kommen, sind r- i» den Gesängnisten häufig 80, durchweg aber 40 Pn.'Jf"'- Voll und ganz müssen wir uns dem Urteile Bacrs anschließrU' „Ter Sträfling hat den unbestrittenen Anspruch, daß die strar vollziehende Gewalt die Verhältniste seiner Freiheitsstrafe der- artig gestalte, daß durch sie sein Leben, seine Gesundheit»» seine Envcrbsfähigkcit nicht mehr geschädigt werde, als die? uam dem Wesen der Freiheitsstrafe unvermeidlich ist." Auch dc-" Sträfling gebühren die lebenspendenden und erhaltenden kostbare'' Güter der Natur Luft und Licht— und dies umsomchr, als du Gesellschaft nicht freizusprechen ist von dem Vonvurfe, daß f'e ist, die zum Fortwuchern der Verbrechen das Ihrige reichlich bciträgl- Schließlich sei noch kurz hingewiesen auf die Mängel> den baulichen Verhältnissen der Schulen. Da ist vielfach u'" Rücksicht genommen auf die nötige freie Lage des Gcbäudc-: auf das richtige und genügende Anbringen der Fenster," den der Schülerzahl entsprechenden Rauminhalt der �4" . zimmcr, sowie auf gute Ventilcition und Heizimg. Die Folge davon ist, daß allerlei Krankheiten unter Schülern und Lehrern Vorschub geleistet wird, so besonders der Schwindsucht. Die Zunahme dieser Krankheit von Beginn des schulpflichtigen Alters an mit jedem Jahrfünft ist statistisch bewiesen. Jnbetracht kommen ferner noch eine ganze Reihe von epidemischen Krank- heitcn, wie Masern, Diphterie:c.?c. die durch schlechte Luft in den Schulräumen wenigstens sehr begünstigt werden. Wir haben nicht nur ein Recht, sondern die heilige Pflicht, da- rauf zu dringen, daß das aufwachsende Geschlecht und mit ihm der Lehrerstand vor Schädigung der Gesundheit in schlechten Schulräumen bewahrt bleibe. ** * Wir stehen vor der Frage:„Was muß geschehen, und was ist geschehen, die betrachteten Schäden und Mängel abzu- schaffen?" Geschehen ist bei uns in Deutschland bis jezt leider nicht viel mehr als nichts! Allerdings reißt man hie und da Straßen »nd selbst ganze Stadtviertel nieder, aber nicht sowohl im Interesse der Gesammtheit, um beffere Wohnnngsverhältnisse für die Unbemittelten und Armen zu schaffen, als vielmehr zu deni Zwecke, neue Verkehrsadern zu gewinnen, die nur einem Bruch- teile der Vevölkcrnng zugute kommen. Die Regierungen stehen dem großen Uebcl rat- und macht- los gegenüber; den gcsezgcbenden Körperschaften fehlt die Ein- ficht und der gute Wille zu den notwendigen Reformen, sie »egiren den Grundsaz, daß die Obrigkeit in gleicher Weise, wie sie bei Ueberwachung des Markt- und anderen Verkehrs das Publikum vor gemcinschädlichcn oder giftigen Substanzen bewahren hat, auch verpflichtet ist, die Erbauung, Vermie- tung und Bcnnzung gesuiidhcitsgcfährlichcr Wohn- und Be- triebsränme zu verbieten und zu verhindern. Bis zu welchem Grade der Staat zu diesem BeHufe in Privatrechte eingreifen darf, kommt, streng genommen, gar nicht inbetracht. Ganz allgenieinhin aber muß man sagen, daß die Zulässigkcit der Ausübung eines Privatrechts da aushört, wo dasselbe ansängt, die rechtlichen Jntcreffen, die Wohlfahrt der Gesammtheit zu schädigen. Es muß gebrochen werde» mit der knltnrfeindlichen Idee, daß der Staat nur dazu da sei, die Tonderinteressen des großen Besizes zu schüzen. Ohne die Mitwirkung des Staates ist keine große Reform, Welche i» den Eigentumsverhältnissen ihren Grund hat, mög- niemals wird es der sogenannten„Selbsthülfe" gelingen, Wohnungsfeudalismus zu besiegen, dem gewerbsmäßigen Heuser- und Wohnungsschacher ein Ende zu mache» und die '"it dem ganzen Bauwesen verknüpften Schaden zu beseitigen, �jw. dasselbe gründlich zu rcformircn; es erfordert das einen «anipf, der nur mit der Waffe des Gcsezcs siegreich geführt kann. Was vor allem not tut, das ist ein für das ganze deutsche . �sch geltendes, auf die richtigen hygienischen und wirtschaftlich- Fialen Envägungcn gegründetes Bangcsez. Die hauptsäch- Ochste dieser Erwägungen dürfte sein: daß— wie Engel er- "rtvt—„der Wohnungsnot ungleich wirksamer aus dem Wege � gemeinschaftlichen als des Einzel-Eigcntums be- gegnct werden kann". Nur wenn der Gesezgebcr dieser Ei»- 1 H Rechnung trägt, wird man dem geschilderten llnwesen und o"'e» Konsequenzen beikommen und verhindern könne», daß l."' Gesundheit und materielles Wohl der Staatsbürger duech ■ sstsluseii Erwerb und wucherische Besizgier einiger Weniger schädigt werden. Sah doch selbst der radikale Freihändler m Bianchestermann Julius Faucher sich genötigt zu dem •"Wiiibniffe;„6üii gegenüber dem Monopol des Bodenpreises 'I dem Terrain großer Städte, das alle Wertserhöhung des (uü cn® durch Stadtanlagcn und die ganze Kulturarbeit der "Hemde genießt, das de» größten Teil des Bauunternehmer- ,Q,?"lllech einen ungebührlichen Teil des Einkommens der Steuer W U ohne jegliche Gegenleistung verschlingt,— soll diesem Nirfu0�0' gegenüber die Expropriation des Grund und Bodens so gerechtfertigt sein, wie die Expropriation beim Bergbau, bei allen Arten von Straßen und Aulagen, die dem Nuzcn wesentlich dienen?!" Ein Baugesez soll in erster Linie den Bedürfnissen der Kultur, der wirtschaftlichen und sozialen Wohlfahrt genügen; das kann es aber nur, wenn es basirt auf dem Rechte der Expropriation ungesunder Stadtteile und Wohnungen zum Zwecke der Erstellung besserer,— ein Recht, welches in England durch Parlamcntsbeschlüsse festgesezt, seit Jahrzehnten praktisch geübt wird, ohne Rücksicht ans die Privatinteressen einzelner Bcsizer. Als durchaus selbstverständlich und deshalb keiner Begrün- dung bedürfend muß die Forderung erachtet werden, daß das Gcsez besondere Behörden organisirt, welche die Ausführung der nötigen Expropriationen, sowie die Ausführung und In- standhaltung der Banlichkcitcn aller Art nach wissenschaftlichen Grundsäzen betreibt. Die Gemeinden sind— und zlvar nicht im Sinne der öffentlichen Armenpflege, sondern lediglich im Sinne der Sozialgcrechtigkeit— zu verpflichten, ihre Angehörigen ausreichend mit guten und gesunden Wohnungen zu versorgen und zwar unter Vermeidung des Mietskasernensystems. Jede Gemeinde ist zu ermächtigen, die innerhalb ihres Territoriums belegenen bebauten und uubebantcn Grundstücke,— und zwar sowohl die in fiskalischem als die im Privatbesiz befindlichen .— sotveit sie für Wohnungszwccke gebraucht werden, nach dem natürlichen und örtlichen Ertragswert zu expropriiren. Mangelt es der Gemeinde dazu an den nötigen Baarmittcln, so hat der Staat dieselben unter billigen Bedingungen zu beschaffen. Das Gcsez muß,— ganz besonders in Rücksicht auf die übervölkerten Berkehrszcntren der Groß- und Mittelstädte— einen einheitlichen Bebauungsplan vorschreiben; es muß ferner: schädliche Uebcrzahl von Wohnungsinsassen, bczw. Haus- bewohnen» verbieten; strenge Vorschriften über die Anlage von ' gewerblichen Betriebsstätten treffen und einen Termin festsczcn, bis zu welchen» die bereits bestehenden diesen Vorschriften cnt- sprechend einzurichten sind. Der Mictskasernenban ist zu verhindern, indem das Gesez die Höhe und den Umfang der Gebäude entsprechend einschränkt. Wer gegen leztcre Maßregel einwendet, daß das Wohnen verteuert, bezw. der Wert der Baupläze steigen»verde, wenn dieselben nicht mehr»vie jezt aufs äußerste ansgcnuzt»Verden können, der befindet sich in einem schlveren Irrtum. Das Gegenteil»vird der Fall sein: der Wert der Baupläze»vird seine wucherische Höhe verlieren und ein normaler»verde»». Denn der Bodcinvert ist— wie Professor Baumeister, eine Autorität auf diesem Gebiete, nach- weist— nicht die Ursache, sondm, die Folge des gegen- wältigen Wohnsystems.„Wenn die Sitte de» Mietkascriienbau verschmäht, wenn baupolizeiliche Vorschriften die Zahl der Ge- schösse beschränken oder beträchtliche Abstände zivischcn den Häu- fern fordern, so sinkt der Bvdcmvert und damit mich das Bestreben. ihn durch sechs oder acht Geschosse auszunuzen". Es wird dann nicht mehr,»vie jezt, dem Käufer eines Grund- slückes schon von Seiten des Verkäufers die Absicht oder Mög- lichkcit eine Mietkascrne zu errichten, angerechnet. Für alle diejenigen Wohnhäuser, die nicht da» Objekt ge- iverbsmäßiger Vermietung sind, muß das Gesez die Steuer- freiheit dekretiren. Allerdings sind»vir im Prinzip für die Abschaffung dieser Art von Steuer»» überhaupt. Wie die Sachen nun aber einmal liegen, so ist doch nicht zu verkennen, daß der Erlaß der Steuer auch für diejenigen,»vclchc aus Er- baunng und Bermietung von Häuser»» ein gemeinschaftliches Gewerbe machen, nicht den Mietern, sondern nur den Bcsizcrn zugute kommen»vürde. Um die Handiverker vor dem Treiben gewissenloser und betrügerischer Bauspekulanten und-Unternehmer zu schüzen. müßte das Gesez— wie Dr. Otto Kunze mit vollem Rechte fordert— bestimmen: daß innerhalb einer bestimmten Zeit nach behördlich festgestellter und öffentlich bekannt gegebener Vollcndtliig eines Baues, oder bei vorher eintretenden» Kon- kursverfahren gegen einen Bauunternehmer die Bauhandwerker »M«. für ihre Forderungen dos Vorzugsrecht vor hypotekorischen Forderungen und die Gleichberechtigung mit sonstigen bevor- zugten Forderungen haben. Dos wären die Hauptpunkte, um die es sich bei Erlaß eines Vaugesezcs für das deutsche Reich handeln durfte. Der auf Grund solch eines Gesezes zu führende Kampf gegen die Leopold Zu dessen hundcrtji Von I. Das Städtchen Muskau in der Lausitz hat in der lezten Hälfte des vorigen Jahrhunderts der deutschen Literatur zwei äußerst produktive Männer von verschiedener Gcistcsrichtung ge- geben, deren Werke von ihren Zeitgenosic» niit lebhaftem In- teresse aufgenommen wurden, während sie heutzutage fast ver- schollen sind. Die pikanten aber bizarren Schriften des geistreichen Fürsten Pückler-Muskau sind längst in die Rumpelkammer der Literatur gewandert und verdanken es nur den satirischen Aus- fällen eines Bonie und Jmmermau», daß sie nicht ganz in Vergessenheit geraten sind. Ein größeres Verdienst als um die Literatur hat sich derselbe um die Garteukunst erworben, indem er durch seine berühmten Parkanlagen um Muskau und Braniz bei Kottbus die Landschaftsgärtnerci, in welcher er den natür- lichen(englischen) Stil einführte, auf eine bis dahin in Deutsch- land ungeahnte Hohe hob.— Von weit größerem Wert als die Schriften des Fürsten sind die Leopold Schefers, eines Mannes von echt dichterischer Begabung, der, auch abgesehen von dem zufälligen Umstand seines Geburtsjubiläums, es ver- dient, daß man die Erinnerung an ihn auffrischt. Leopold Schcfcr, der liebenswürdige optimistische Panteist, gehört zu den Dichtern, die wie Riickcrt und Grillparzer ihre poetischen Anregungen und Kunstidcale von den in Deutschland beinahe gleichzeitig auftretenden Richtungen, der Klassik und Romantik, empfingen. Geboren am 30. Juli 1784 zu Muskau, beschäftigte er sich, nachdem er das Gymnasium zu Bautzen absolvirt hatte, in seiner Heimat mit Matcmatik, Philosophie, den klassischen und orientalischen Sprachen und Musik. Seine ersten poetischen und musikalischen Erzeugnisse wurden von seinem um ein Jahr jüngeren Landsmann, dem Grafen und späteren Fürsten Pückler-Muskau herausgegeben, der lange als deren Verfasser galt. Auch seine zweite Sammlung erschien zwei Jahre später anonym. Im Jahre 1813, als der Graf an dem Kriege gegen Frankreich teilnahm, eruauute er Schcfer zum Generalverwalter seiner Güter. Später machte er, zumtcil als Begleiter seines vornehmen Protektors, größere Reisen nach Frankreich, England, Italien, Griechenland, den jonischcn Inseln, der Türkei und Kleinasien. 1820 nach Muskau zurückgekehrt, lebte er fortan hier, in enger Verbindung mit dem Fürsten, seinen Studien und literarischen Arbeiten, ohne jedoch sein Amt dabei zu vernachlässigen; er verwaltete dasselbe vielmehr eine lange Reihe von Jahren ebenso umsichtig als uneigenniizig, zur größten Zufriedenheit seines Gutsherrn. Leider erinnerte man sich trozdem seiner nicht, als die Staudesherrschast Muskau ver- kauft wurde, und nun geriet der Greis, der im Vertrauen aus den Fürsten nie an sich gedacht hatte, noch in drückende Ver- Hältnisse, denen sein am 16. Februar 1862 erfolgter Tod ein Ende machte.*)— Schefer entfaltete zuerst als Novellist eine große Fruchtbarkeit. Die Erzählungen:„Novellen,"„Neue Novellen,"„Lavabcchcr,"„Kleine Romane,"„Göttliche Komödie in Rom," eine Meisternovclle, worin der Dichter den großen Panteisten Giordano Bruno ein herrliches Denkmal gesezt hat, „Graf Pranitz,"„Gcncvion von Toulouse" und die gegen das *) Vgl. Salomon. Geschichte der deutschen Nationalliteratur. VIII. Tie einzig vorhandene aussührliche Biographie Schesers von Lüde- mann habe ich auch in bedeutenden Biblioteken nicht erlangen können. geschilderten Uebelstände ist auch ein und gewiß nicht unwesent- lichcr Teil des allgemeinen großen Kampfes„für die eigene Veredelung und die Lebensveredelung Aller", für die Befrei- ung der arbeitenden Klaffen von Not und Elend, für den Sieg der Sozialgerechtigkeit! Schefer. ihrigem Geburtstag. Stern. Konventikelwesen gerichtete pikante Novelle„Die Sibylle von Mantua" folgten rasch nacheinander. Es sind lyrisch-epische Dichtungen in Prosa. Sie führen den Leser nach China, Kanada, Konstantinopel, auf die griechischen Inseln, nach Rom, Venedig u. s. w. und fesseln durch ein ebenso glänzendes wie treues Kolorit, reizende Erfindung und lebendige Phantasie, welche, unterstiizt von sehr genauer Kenntnis fremder Länder und Sitten, das Fernste in seinem eigensten Schmuck lebendig veranschaulicht. Zugleich bekunden Schefers Novellen große Innigkeit des Ge- fühls und tiefe psychologische Kenntnis. Namentlich versteht der Dichter weibliche Karaktcrc mit großer Wahrheit zu schildern. lieber diese Vorzüge übersieht man gern die oft bizarre und phantastische stoffliche Einkleidung und die nicht selten ungelenke Sprache. Seine lezte, unvollendet gebliebene epische Dichtung in Hexametern,„Homers Apoteose", will neben einer Ver- hcrrlichung des größten Epikers aller Zeiten ein Bild des ganzen Menschenlebens sein, aus welchem die Blume der Dicht- kunst hervorblüht; doch verliert sie sich häufig ins Bizarrrc. Von Schefers bedeutenden tcoretischen Kenntniffen in der Musik zeugen seine Oper„Sakontala" und viele von ihm komponirtcn Quartette. In späterer Zeit wandte sich Schefers Muse vor- zugsweise der lyrischen Poesie zu. Es erschienen von ihnn „Kleine lyrische Werke,"„Vigilicu,"„Gedichte". Höchst originelle Poesie» sind„Hafis in Hellas", worin sich das anakreon- tisch Spielende der althelleuischen Liebespoesie mit der didak- tischen Richtung und der Bildcrpracht des Orients vereinigt. und der„Koran der Liebe nebst kleiner Suna,".die Fortsczung des Hafis, voll schalkhafter Epigramme, leichtfüßiger Dityrainbcn, i erotischer Legenden und Parabeln von höchst abgerundeter Form-! Durch beide Dichtungen zieht sich als roter Faden die Polemik, gegen den Spiritualismus, aber in orientalischer Lyrik verhiillt- Manches Fremdartige darin erklärt sich aus seiner Vorliebe für den Orient und die religiös-sittlichen Ansichten des Mohame- danismus, die besonders stark in„Mohamets türkische» Hin'j mclsbriefen" hervortritt. Den ersten Rang unter Schöffe! Dichtungen nimmt sein„Laicnbrevier" ein. Das Werk ist I ein Brevier eingerichtet; jeden« einzelnen Tage des Jahres ist< Betrachtung gewidmet, ohne daß sich der Dichter dabei an d>c Jahreszeiten gebunden hätte. Es ist ein pautcistisches Erbau-> ungsbuch, reich an poetischen Schönheiten. Der Inhalt«vcchst zwischen großartigen Naturhyinen, populär-philosophischen Er- i örterungen über Glück und Unglück. Lust und Leid, welch lcztere-, j als Läuterung und Klärung des Menscheuherzeiis gekennzeichus; wird, herrlichen Ausblicken auf den Umschwung der Kultur, � j besonders Ermahnungen, dem Reiiimenschlichen und der Nak" i j sich unbefangen hinzugeben, der ungetrübten Liebe und Eu 1 ganz das Herz zu«veihen. Unserem modernen Geschmack m'- j indeffen Schefers Laienbrevier, das seiner Zeit zur grßß�• Popularität gelangt und sogar noch mehr Erfolg hatte, u ,i Riickerts„Weisheit des Brahmaucn", nicht mehr zusagen, me| nach dem allzustark darin hervortretenden Geiste der Besch"|j lichkeit und Naturseligkeit, noch nach der inonotonen Form durch keine Abwechslung belebten jambischen Fiinssußcs, ,lH"% durch häufige Breite und Weitschweifigkeit keinesivcgs 9cn"" j Doch sind darin eine Menge Goldkörner enthalten,«reiche � II sammelt und sachlich gruppirt eine hübsche Antologie b> L 543 dürften.— Es sei mir verstattet, auf den ersten Punkt etwas näher einzugehen. Ter nach Wohlbefinden und Glück strebende Mensch ficht sich in uiannichfaltigster Richtung ans die Außen- Welt angewiesen. Seine niederen und höhere» Bedürfnisse kann er vielfach nur mittels äußerer Objekte befriedigen und jeniehr sich das Kulturleben verfeinert, desto mehr steigert sich diese Abhängigkeit von der Außenwelt. Allein häufig türmen sich unübersteigbare Hindernisse zwischen den Menschen und die Gegenstände seiner Wünsche und er sieht sich in sehr vielen Fällen nnvermögend, die Objekte, niit welchen er sein Glück aus- bauen will, zu erlangen. Aus dieser Inkongruenz entspringen nun verschiedenartige Anschauungen von Glück. Tie Kirche will das noch Glück vergebens sich sehnende Menschenherz durch ein phantasirtcs Schlaraffenland jenseits des Grabes narkotisiren. Tie Philosophie dagegen weist den Menschen an, das Glück nicht aus der Außenwelt zu schöpfen, sondern ans seinem Innern, aus der Erkenntnis- und Gefühlswelt.„Es ist nicht draußen, da sucht es der Tor; es ist in dir, du bringst es ewig hervor." Die Zyniker haben die von Sokratcs erstmals philosophisch gepredigte Unabhängigkeit von der Außenwelt bis zur asketische» Abstinenz übertrieben. Amor dei iiitcHectualis(Geistige Liebe zu Gott, d. h. zu Welt und Statur) nennt Spinoza die aus der Erkenntnis und Betrachtung des Universums quellende Be- friedigung der Seele, und in seinen Fußstapfcn wanderte Leopold Schefer, bei dem sich zur Naturbetrachtung eine allzuweichliche, sentimcntalisch unerquickliche Menschenliebe gesellt. Aber diese, für einen Ausnahmsmenschen wie Spinoza, der dabei Zölibatär und von einer fabelhaften Bedürfnislosigkeit war, ausreichende Glückssormel ist ein sehr schlechtes Rezept für die Durchschnitts- Menschheit, und gegenüber den von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer mehr wachsenden sozialen Notständen kann sie ohnehin nicht inbctracht kommen, da man mit der amor dei intellec- tualis einen hungrigen Magen nicht satt machen kann. Es ist darum sehr erklärlich, daß sich die moderne Philosophie dem Pessimismus in die Arme geworfen hat. Der Pessimismus ist das Geständnis der Wcltordnung der Bourgeoisie, daß sie unver- mögend ist. das Glück auf Erden zu begründen, er ist das Eingeständnis ihrer eudämonischen Impotenz, die Erklärung ihres eudänionischen Bankrotts, und es ist sehr bezeichnend, daß der religiös-radikalc, politisch dagegen konservative E. v. Hart- Mann, der den Schopenhauer noch überschopenhauert hat, der Wortführer des modernen Pessimismus und seine Lehre das philosophische Credo der vornehmen Welt geworden ist.— Wer dagegen überzeugt ist, daß soziale Zustände denk- und durch- sührbar sind, welche jedermann die Befriedigung der gröberen wie der feineren Bedürsnisse in vollem Maße ermöglichen, so daß jene Inkongruenz zwischen Streben und Erreichen, worüber Teologen, Philosophen und Nationalökonomcn aller Zeiten sich die Köpfe zerbrachen, auf ein Minimum einschrumpft, der wird den Pessimismus dahin verweisen, wohin er gehört, nämlich in die Kategorie spekulativer Absurditäten, die sich von ihresgleichen "ur noch durch ausfällige Inkonsequenz abhebt. Denn jedem Pessimisten könnte man das stoische patet janua, exi!(Die Türe der Welt steht offen, geh hinaus!) zurufen. Da er aber d>c Türklinke nicht einmal berührt, im Gegenteil sich die Lecker- dfisen an der für ihn reich gedeckten Tafel des Lebens vortreff- üch schmecken läßt, so kann man auf ihn selbst anwenden, was der Vater des Pessimismus, Schopenhauer, von den Stoikern Wgt(de te tabula narratur):„An einer luxuriösen römischen Tafel sizend, ließen sie kein Gericht ungekostet. versicherte» jedoch dabei, das wären sammt und sonders gleichgültige Dinge, keine wahren Güter; oder deutsch zu reden, sie aßen, tranken, wachten sich einen guten Tag, wußten aber dem lieben Gott keinen Dank dafür, schnitten vielmehr fastidiöse Gesichter und dersicherten nur immer brav, daß sie sich den Teufel scheerten Um die ganze Fresserei." Dem„Laienbrevier" ließ Schefer noch die„Vigilicn", den »Weltpriester" und die„Hausredcn" folgen, fügte damit aber, wie Solomon bemerkt, seinem Lorbeerkranze kein neues Blatt 9w&u, denn alle drei Werke sind nur breite salbungsvolle Wiederholungen der Raturaudachten des erstgenannte». Indessen sind auch diese Poesien nicht arm an originellen Wendungen und Gedanken. Wir geben dem Leser im Slachstehcudcn einige Proben ans dem Laienbrevier, die wir mit entsprechenden Ucberschriften vcr- sehen haben. Wunder. Auch du kannst Wunder tun; sieh, alle Weisen In alten Zeiten taten Wunder einst Und tun sie immerfort. Sie machen Blinde Zu Sehenden, zu Hörenden die Tauben, Die Kranken heilen sie und sprengen Ketten Der Sklaven und bereiten allen Armen Das Hinlmelreich!— Vernunft allein tut Wunder. Gewalt der Wahrheit zwingt der Menschen Herzen. Wie viel Geschlechter hörten! Wie viel Völler Bekamen Augen! Wie viel Legionen Ter Cherubim bedienen jezt den Sohn Des Paradieses! Wie viel Teufel fahren Jezt in die Säue, stürzen sich ins Meer Des Unsinns und der Lüge!— Glaubet nur: „Ihr werdet größrc Wunder tun als ich!" Herbst. Gleich einer Mutter, die ihr leztes Mädchen Jezt auch vermählt und aus den« Haus entlassen, Seit ihrem Hochzeitstag vor langen Jahre» Sich endlich, endlich wieber ruhig hinsezt, Nachdem sie ihres Lebens Werk getan— So ruht Natur, die Mutter, jezt im Herbst Auf solchen großen Werkes Arbeit aus. Viel tausend kleine Töchter, zarte Blumen Auch hat sie angezogen nach der Reihe Mit jedem schönen Kleid auf Lebensdauer An jedem Morgen und zum Schlasengehn Mit Tau ihr liebliches Gesicht gewaschen, Hat de» Erwachsenen in heitern Nächten Bei Mondenglanz in aller Stille wohl, Doch jeder reichlich, Hochzeit ausgerichtet, Dann aller Kinder Werk noch niilbesorgt: Ten Blütenbaum zum Fruchtbaum leis verwandelt, Mit Enkeln wie mit Früchten ihn umgeben, Der Schlangen Eier sonnig brüten lassen, Bis sie die Kinder nur sich führen durste, Ihr selbst ein Jahrkleid bunt und neu gewebt, Den Schmetterling mit Blumenstaub gemalt, Der Weinbeer Keller voll mit Most gefüllt, In: stillen Haus die Bohne zart gesprenkelt, Selbst an dem Kornwurm keinen Punkt vergessen, Den kleinsten Strich nicht an dem stummen Fischchen Und alles war ihr schön und froh wie je! In Luft und Meer und Wald und Feld ringsum! Keins hat verlangt und jedes hat empfangen. O welches Glück der großen Mutter aller! Und sich in ihre frohe Seele denken, In ihreS Liebens schön gelungnes Werk, Welch' andre Wonne kann noch größer sein! Wie ganz� verschwindet, was ihr großes Kind, Der Mensch, im Kreis der Erde rings getan. Wert der Welt. In unsrem Herzen liegt der Wert der Welt. Wir zieh» durch sie vorüber wie die Sonne; So hell wir glänzten und so warm wir strahlten, So viel wir Blumen aus der Erde lockten, So schön, so freudenvoll war unser Tag! Ter Mond wird schlecht von unserer Erde sprechen, Weil er mit kaltem Schein sie Nachts nur sieht. Schönheit. Die Schönheit ist ein Kind der freien Seele Und kräftiger Gesundheit. Freie Völker, Die Edles dachten, Großes, einfach lebten, Sie waren schön in Massen. Willst du Schönheit, So gib dem Volke Freiheit, edlen Sinn, Beschäftigung, die Großes wirkt. Der Frauen Herz. Nicht unersorschlich ist der Frau'n Gemüt, Klar gab sich's kund im langen Laus der Vorzeit; Nur unglücksel'ger sind sie als die Männer, Die ihr Geheimstes gleich der Erb' cmporblühn. Der Frauen Herz blüht innen wie die Feige. 546 Das Kind. Von allen Wesen das hülfloscste Erscheinet dir das»eugebvrne Kind. Mehr als de? Lammes kleine Tochter, gleich Im Gras ausstehend und von Blumen zupfend! Mehr alS das kleine Biencnknäbchen, gleich Bon surrenden Geschwistern siig gefüttert Mit goldncm Blumenblut aus Vcilchenherzen! Doch wer ist reicher als das Kind durch Liebe Der Mutter, durch der Menschen schönen Bund? Glück. Steh immer über allein Glück, sieh keines Für einzig, für das höchste an, damit Tu Augen, Herz und Sinn dir frei erhältst. Hoffnung. Wer wünscht und hofft, der lebt schon in der Zukunft, Er spürt um sich die Zeit, die Dinge kaum, Bedenkt und braucht sie nur, sofern ste ihm Als Stufen dienlich sind zu seinem Ziel. So braucht der Fischer in dem Boot die Wogen, Die ew'gen, nur zu seinem Ruderschlage Und lebt schon mit dem Auge in dem Hafen. Ten er nur sieht, und ißt schon an dem Tische Mit Weib und Kind am warmen Herde sizend Die Fische, die im Boot noch um ihn Zappeln. Drum jeder hoffe, jeder wünsch' etwas, Denn Jahre lang genießt er es im Herzen Und durch die schweren Tage schifft er leicht. Unglück. So wie die FeuerSbrunst zum Löschen leuchtet, Hilst jedes Unglück selber sich vertilgen! Wie jedes Röhlchen, das»och schaden könnte, Durch Glühen sich verrät, um ausgegossen Zu werden, also schreit die kleinste Rot Laut wie der Frosch im Sumpf, warum biS heilt Nicht alle Not längst ausgerottet ist?— Die Ruhe. „Es ist nur Eine Ruh' vorhanden"— doch Die träge Ruh' im Grabe ist sie nicht! Die Ruhe ist die stille Kraft dcS Geistes, Der in der Welt, doch über aller Welt Festschwebend, alles Uebel niederhält, Nur voll vom Guten nicht das Böse kennt, Und rein die Liebe walten läßt. Ihm ist Das regste Leben: ungestörte Ruhe: Der Kampf mit aller Welt: der tiefste Friede! Seelengröße. Das ist nicht Scelengröße, Stärk' und Fassung, Wenn du das außerordentliche Unglück, Entscheidend lezte schwere Schicksalsschlägc, Verlust an Ehre, deines Habs und Gutes, Des Lebens deiner Lieben, der Gesundheit Und Freuds nur auf immerdar erfährst, Und ruhig bleibst, gelassen und geduldig.— Doch wenn du jedes Tages kleinere Bedrängnis, Sorg' und Widerwärtigkeiten Nicht herb empfindest, nicht verzagst und schwach. Im Mut das Kleine freudig trägst und lobst, Das, liebe Seele, erst ist Seelengröße, Ist Stärke, Fassung, göttliches Bezeigen. Unter zweien Dingen da? Rechte. Willst du von zweien Dingen wiffen, welches Das Rechte?— Nimmer ist es das Bequeme. Was dir die meiste Mühe macht, das ist es! Das würde dirs sogar, denn du besiegst Dabei der Stoffe alte Trägheit, du Besiegst dein eigen Herz. Gewohnter Fehler. Ein angewöhnter Fehler gleicht der Fliege: Du jagst sie hundeNmal in Zwischenräumen Hinweg und dennoch kehrt sie immer wieder Und plagt dich immer ärger. Willst du sie Auf immer los sein, wehre nacheinander «ie eine Weile nnermüdlich ab, Auch wenn sie nicht scheint da zu sein, indeS Sic wohl verborgen dir im Nacken sizt. Auch dort verscheuche sie, so bleibt sie aus; An dir ist gar kein Haften— denkt sie klug. Solidarität. Ein Schweres ist's, auf Erden fröhlich sein! Bald hörst du, hier liegt einer krank danieder, Bald trägt man einen Toten still hinaus. Wen sollte anderer Leid nicht selber rühren? Wen kann nicht andrer Schicksal selber treffen? Die Schlechten. Begegne jedem Bösen zart und sanst, Begegn' ihm hülsreich! Denn du kannst kaum denken, Welch schmählich Sein er trägt, wie viel er Kraft Verschwendet, um sich aufrecht in der Fülle Der Edleren zu halten. Sei dem Herben Und Mürrischen recht mild! Du weißt es nicht, Welch schwere, jahrelange Leiden nur Als leises Murren auf die Lipp' ihm treten. Dem Häßlichen begegne liebevoll, Denn Lieb' ist, was er zu entbehren glaubt. Diebstahl. „In finstrer Nacht hat dir daS arme Weib Ein dustend Laibbrod aus dem Flur gestohlen." Run, soll ich zürnen, daß sie Hunger leidet? Und soll ich lachen, daß sie nehmen mußte, Was ich ihr nicht gegeben, unbekümmert Um Arme und um ihre Armut auch! Nein, laß mich sie bedauern, daß die Seele Durch meine und der Menschen Härle ihr Gezwungen war zu solcher bangen Tat! Laß mich mich selbst bedauern, daß ich habend, Umsichtig nicht bedacht, wer um mich darbe! Und— daß wir keinen Fehler zweimal tun- Geh, gib ihr auf voraus das doppelte! Und heiß die Arme ja mir wiederkommen! Der Reiche und der Harte, der nicht gibt, Der stiehlt! Der Arme tut eS nur für ihn. Die Schuld der Welt und all ihr Unglück tragen Die Starken, Unbarmherzigen und Blinden. Dem einen nur begegnen wie dem andern.... Gleich drückend, hart, ja strafend gar und rächend, Das hieße in der Hölle kaum gerecht! Gerecht ist der. der jedem das gewährt, WaS ihm gebührt. Drum bist du erst gerecht, Wenn du dich jedeni ganz als Mensch gewährst, Die ganze Güte und die ganze Liebe, Denn die ist sein an dir und dein an ihm! Gut wie die Nosenwurzel. Willst du noch kaum so gut sein wie ein Mensch, Sei nur so gut erst wie die Rosenwurzcl: In Erde still verborgen, ungesehen Und unbeachtet, sammelt sie die Kraft; Sic treibt ein ReiS, treibt Zweige, an den Zweigen Tann Blätter. Knospen. Rosen, selber Dornen; Die Rosen nährt sie, füllt sie aus mit Dust, Und bleibt auch still, wenn du sie lobst, ja brichst. Sie fühlt die Kraft in sich zu hundert neuen Und selbst die Dornen trägt sie nicht umsonst. Denn streift im Lenz das Lamm die Wolle ab, Ergreist sie mit den Dornen jedes Flöckchen Und hält eS lang geduldig fest, bis Vögel Nun kommen und zum weichen Nest es rauben Für ihre Jungen. Und sie regt sich nicht.— Sei nur so gut erst wie die Rosenwurzel, Willst du noch nicht so gut sein wie ein Mensch. Wohltun. Denk öfter: Wer genießt wohl jezt da? Gute, DaS ich ihm tat?— Und wär's auch nur der Rock, Den du dem Bettler gabst; die warme Stube, Drin jezt im Winter arme Kinder sizen.— Und(reut dich das, so tue wieder GuteS!— Doch denk auch: Wer wohl leidet jezt daS Böse. Das ich ihm tat!— Und wärs auch nur der Stein, Den du dem Blinden nicht vom Wege nahmst, Der Zorn, womit du einen Sanften schaltest! Und kränkt dich daS, so tue wieder Gutes. 547 Die Mitternachtssonne m Von Gartenbaud (Xin Reisebrief in.Göteborgs Handels- och Sjöfartstidning" unter gleicher Ueberschrift erinnerte mich vor einigen Jahren an eine Geschäftsreise, die ich einst in die nördlichste Provinz Schwedens machte; ich ging von da nach Finnland, um von dem oben genannten Berge Aavasaksa, wie viele Lindere, die„Mitter» nachtssonne' zu scheu, selbst auf die Gefahr hin, daß sie sich in jenen Tagen, wie so oft, in dunkles Gewölk hüllen werde. Norrland, jene nördlichste Provinz Schwedens, hat in ihrer Hauptstadt Lulc�(unter 65" 30' n. Br.) einen Gartenbauvercin, der sich die Ausgabe stellte, nicht allein für die Anlage und Verschönerniig von Gärten auf großen und kleinen Bcsiztiimern zu sorgen, sondern auch durch das Beispiel zu lehren, daß selbst in einem so ungünstigen Klima wie das im hohen Norden die Natur besiegt werden könne. Der Verein besizt auf seinem ungefähr zwei Hektar großen Versuchsfelde Gewächshäuser und Mistbeete, mit deren Hilfe er Gartenbau in großem Maßstabe betreibt, namentlich Samen von Kohl, Rüben, Erbsen w. zieht, die in berliner gärtnerischen Kreisen und bei deutschen Land- lvirten Beachtung und Verbreitung gesunden haben, weil sie Pflanzen liefern, die außerordentlich schnell zu vollkommener Entwicklung gelangen. Die Natur envacht hier wohl sehr spät— am 16. Juni stand das Tcrmometer auf dem Gefrierpunkt; aber am 22. Juni fiel ein>varnier Regen, die Pflanzen wurden plözlich grün, sie wuchsen mit erstaunlicher Geschwindigkeit und am Johannistage, am 24. Juni, hatte man 25" C. Wärme! Noch vor diesem Tage führte mich mein Gastfreund in Luleä durch die wundcrniedlichc Stadt Haparanda hinüber nach Finn- land, zuerst in die Schwestcrstadt Torney(lies Torneo, Lnlco, denn&— o), die an der linken Seite des Flusses gleichen Namens oder eigentlich an dem Delta liegt, welches vor diesem Fluß aus einem beinahe vertrockneten Arme desselben gebildet wird. Dieser Arm ist die Grenze zwischen Schweden und seinem mächtigen Nachbar im Osten. Allerdings gehl eine Landstraße in einem großen Bogen von der einen Stadt zur andern, aber wir fanden den Umweg zu weit uud benuzten deshalb eine äußerst sinnreich angelegte Brücke, um den Fluß- arm auf dem kürzesten Wege zu überschreiten: wir hüpften nämlich mit jugendlicher Geivandthcit von dem einen zum andern der Steine, die hier entweder von Menschenhand gelegt oder durch das fließende Wasser von Saud und Schlamm entblöst worden waren. Die ersten Schritte in Torney ließen uns sofort die Be- mcrkung machen, daß wir uns nicht mehr in Schweden bcsan- den: die beiden freundlichen Städte Luleki und Haparanda jen- seits der Grenze mit ihrer Gartenkultur, mit ihren überall sichtbaren Zeiche» von Wohlhabenheit uud Ordnungssinn, hier die finnische Stadt mit ihren rotangestrichenen aber halb ver- falle»?» Häusern— welcher Unterschied! Aber Torneä hat den beinahe majestätischen Fluß, der mit seinem ruhigen, ich möchte sagen: ernsthaften Lauf auf den Fremden einen tiefen Eindruck wacht und von dem aus ivir, als wir ihn am nächsten-tage auf der hier eingerichteten Führe überschritten, eine» entzückenden Anblick der kupirtcn schwedischen Küste erhielten. Zu Fuß gingen wir weiter und begegneten bald einer Ab- Teilung der russischen Grenzbcwachung, einer Patrouille von sechs Kosaken, die in ihren blauen Uniformen mit roteni Kragen, mit den roten Streifen an den Hosen, mit ihrem glänzend schwarzen Haar, kleinem Schnurrbart und lebhasten Augen einen La»z hübschen Eindruck machten; ihre Haltung aus dem Pferde war frei und sicher, beinahe imponirend— wohl eine Folge davon, daß diese Söhne der Steppen am Don sich von ihrer früheste» Kindheit an gewöhnt haben, zu reiten, auch als sie die Zahlreiche» Herden ihrer Väter oder der reichen Bojaren hüten wußte«. i Aavalakla in Finnland. ektor K. Küttig. Je höher wir am Fluß weiter stiegen, desto dichter wurden die reißenden Wasserfälle mit zahlreichen bloßgelegten Felsblöcken und auf diesen fand sich Lachsbrut in unglaublicher Menge. Nebenbei gesagt verkauft mau hier diesen delikaten Fisch zu den, fabelhaft billigen Preis von 8—10 finnischen— 6—7,5 deutschen Mark für das Lispnnd d. h. 10 Kilogramm.— In den Bauerhöfen an der Landstraße erhielten wir sehr billige Eß- waaren, Brot und Butter, gebratenes Fleisch, eingesalzenen Lachsfisch und saure Milch, alles von delikatem Geschmack. Das Wetter war prachtvoll und der Dust vom Kiefernwalde, durch den wir zogen, fast berauschend. Ueber und zwischen den Wurzeln der mächtigen Kiefernstämme schlängelte sich die allen Schweden so lieb gewordene Linnaea, jene nach unserem be- rühmten Landsmann") Linne benannte immergrüne Liane mit roten wohlriechenden Blüten, aus der Feme hörte man des Kukuks Ruf in einem Birkenhain und dicht neben uns das Brausen und Rauschen der Wasserfälle. Unsere Stimmung wurde aber beinahe elegisch, als wir sahen, wie ganz in der Nähe ein Boot vom Strande abgestoßen wurde, besezt mit einigen hübschen Mädchen, die ihr Mühen, das jenseitige Ufer zu erreichen, mit ihrem melancholisch klagenden Nationalgesang (Ah! voi kninka kauheasti je.) begleiteten, der uns vielleicht in eine recht düstre Stimmung versezt hätte, wenn nicht durch Lapplands schlimmste Plage, Milliarden von Mücken, unsere Gedanken und Hände fortwährend beschäftigt gewesen wären. Im Vorbeigehen versäumten wir nicht, den freundlichen Wohltäter aller Aavasaksa-Besucher, den Pastor Robert Caströn im Pastorat von Karungi, zu begrüßen, wo wir gastfrei aufgenommen und in liebenswürdigster Weise verpflegt wurd■ um so weniger aber durften wir uns hier lange aushalten;>' d mußten wir noch vor Abend den ersehnten Berg erreichen, de.. wir auch bald genug erblickten, jenen bis zum Gipfel mit Wald bewachsenen erloschenen Vulkan— das schien er uns zu sein— mit steilen Wänden, die beim Ersteigen das Anspannen aller unserer Kräfte forderten. Vorher ruhten wir noch einmal in dem am Fuße des Berges belegenen Kirchdorf Ober-Torneä, wo uns auch erzählt wurde, daß bereits ungefähr 50 Touristen auf dem Berge seien, darunter auch ein Engländer, der sich im vorigen Jahre gelobt hatte, die Gegend nicht eher zu verlassen, als bis er die Mitternachtssonne gesehen. Im vorigen Jahre war die Sonne nämlich während mehrerer Wochen, von Mitte Juni bis Ende Juli, von dichten Wolken verhüllt gewesen— und der Engländer war noch Hier! Aber seine Ausdauer sollte belohnt werden! Das Besteigen des Berges war. wie gesagt, mühsam und wurde noch besonders erschwert durch die zahlreichen losen Steine, die nur leicht von dünnem Moos bedeckt waren und die uns oft in Gefahr brachten, auszugleiten und zu stürzen.— Gegen sieben Uhr Abends endlich erreichten wir den baumfreieu Gipfel des Berges, von dm aus man die Wanderung der Sonne um den nördlichen Horizont sehen kann. Bald sammelten sich Einheimische und Reisende, Alte und Junge, um den Tee, Toddy(warmes Wasser mit Zucker und Kognak nach Belieben, das beliebteste Getränk der Herren-Gescllschaft auch in Schweden) und Butterbrot, ein gemütlicher Jmbis, zu dem einige in der Nähe ansässige Standespersonen die Materialien herbeigeschafft und uns alle eingeladen hatte». Der Himmel war durchaus klar, nicht die Spur einer Wolke war sichtbar. Ueberall, wohin das Auge sah, erblickte man Freudcnfeuer. aus Finnisch„Kakko" genannt; der Fluß Torneä floß gleichsam zwischen diesen Feuern hindurch und erschien in der in. Abendgrau dunkelgrünen Erdoberfläche wie ein hellblaues, silberglänzendes Seidenband; die kleinen Wafferfülle mit ihrem ♦) Ich war damals eingewanderter und nationalisirter Schwede. 548— weißen Schaum gaben dem scheinbar so ruhigen Fluß Beweg- lichkeit, und die zahlreichen, wie Nußschalen schaukelnde» Boote, die gerade heute seine Oberfläche belebten, gaben dem Bilde noch größeren Reiz. Einige aus unserer Gesellschaft wollten von hier aus 12 Kirchtürme der benachbarten Kirchdörfer zählen können, meine Augen aber reichten hierzu nicht aus. Wohl aber hörte man von einigen Türmen die Mitternachts- stunde schlage»; die Sonne stand dabei genau im Norden des Horizonts und wurde mit Toasten, Lebehochs und Hurrahs in wenigstens sieben verschiedenen Sprachen begrüßt— so mannigfaltig waren nämlich die Nationalitäten der Touristen, welche sich hier versammelt hatten!— Die Sonne erschien wie ein großes Feuerbett; sie war nicht so glänzend wie in den Tages- stunden, sie glich mehr einer eben aufsteigenden Morgensonne. Bei allen Gegenwärtigen zeigte sich Genugtuung und Freude über das seltene Schauspiel und die Unterhaltung wurde leb- Haft; aber sie glich beinahe jener, wie wir sie uns vom Turm- bau zu Babel vorstellen und wurde nur zuweilen unterbrochen von einer lustigen Polka oder einem einheimischen(finnischen) Ningtanz, an dem wir alle ohne Ausnahme teilnahmen. Tie Sonne hatte sich wieder hoch am Himmel erhoben, ehe wir den Gipfel des Berges verließen; aber hier und da sah man noch in der Ferne ein„Kokko" glühen und rauchen. Herz- (ich zufrieden mit unserer„Mittsommernacht" trennten wir uns am Fuße des Berges von der übrigen Gesellschaft und bestiegen, da unsere Zeit gemessen und eine längere Fußtour nicht gc- stattete, eine vorher bestellte finnische„Rapphöna"(ein„Reb- Huhn", eine einspännige Karre auf zwei Rädern, das gewöhn- liehe„ Extra"- Postfuhrwcrk in Finnland und Schweden), um möglichst schnell und auf dem kürzesten Wege nach Haparanda und Lnlcä zurückzukehren, von wo ich auch bald meine Rück- reise nach dem Süden antrete» mußte. Die Bedeutung der Zuckerproduktion in Deutschland. Von Wrunc«<$>cif«n-. Am 10. Februar 1883 beschloß der Bundesrat, es solle eine Zucker-Enguetc-Koinmission eingesezt werden, welche aus Beamten des Reichs und einzelner Bundesstaaten, im Verein mit Sachverständigen der Zuckerindustrie und des Rübenbaues zusammenzusezc» sei und die Aufgabe haben solle, zu unter- suchen, woher der finanzielle Rückgang der Rübenzucker- steuer komme und wie ihm abzuhelfen sei. Tie Rübenzuckersteuer bildet einen bedeutenden Teil der Neichseinuahnien. Lcztcre betragen im Verwaltungsjahre 1883,84 577 693 422 Mark, während die Rübenzuckersteuer in derselben Etatspcriode auf 44443780 Mark beziffert wurde, also ungefähr 8 Prozent der gesammtcn Einnahmen des deutschen Reiches ausmachte. Tic Einnahmen von etwa 44 hi Millionen Mark, welche die Rübenzuckcrstcuer 1883 84 abwirft, legt nun aber gerade den erheblichen Rückgang in der Ergiebigkeit dieser Steuerquclle dar. 1873/74 wurden nämlich 3 528 764 000 Kilogramm Rüben versteuert und gewährten dem Reiche einen Stcuercrtrag von 45 453450 Mark; in den beiden folgende» Jahren blieb die Menge der versteuerten Rüben im Durchschnitt etiva dieselbe, der Steuertrag stieg jedoch auf etwas über 50 Millionen Mark. 1880,81 dagegen war die Menge der versteuerten Rüben aus 6 322 203000 Kilogramm, also auf beinahe das doppelte Quantum angewachsen, der Steuerertrag aber aus wenig über 46 Millionen Mark gesunken, ein Ergebnis, das, wie oben be- reits angegeben, sich aller sachverständigen Berechnung nach in den nächsten Jahren nicht wesentlich verbessern konnte*). Die Rübenstcuer betrug vom 1. September 1841 ab für 100 Kilo Rüben nach gegenwärtigem Rcichsgelde 10 Pf., vom 1. September 1844 ab 30 Pf., vom 1. September 1850 60 Pf., vom 1. September 1353 M. 1.20, vom 1. September 1858 M. 1.50, vom 1. September 1869 M. 1.60; sie ist also im Laufe von nicht ganz 30 Jahre» um das fünfzehn- fache ihres ursprünglichen Betrages erhöht worden. Mit der Rübenstcuer geht ein Eingangszoll auf ausländischen Zucker Hand in Hand, der am 1. September 1861 sür 100 Kilo Brot-, Hut-, Kandis-, Bruch-, Lumpen- und weißen gestoßenen Zucker 44 Mark, sür Rohzucker und Farin 36 Mark, für Rohzucker, welcher in inländischen Sicdcreicn unter Kontrole rasfinirt wurde, M. 25.50 und sür Syriep M. 15 betrug; vom 1. Sep- tember 1869 sür 100 Kilo raffinirten Zucker auf 30 M., sowie für Rohzucker je nach Qualität auf 25—30 M. erhöht wurde. Gegenüber dem Eingangszoll für fremden Zucker stand seit 1. September 1858 eine Ausfuhrprämie sür im Jnlande rassi- i nirten indischen Zucker in der Höhe von M. 35 für 100 Kilo, und für heimischen Rübenzucker vom 1. September 1861 i» Gestalt von Rohzucker und Farin M. 16.50, von Brod-, Hut- und Kandiszucker M. 20.—., welche Säze 1866 und 1869 erhöht wurden und zwar für Kolonial- und Rübenzucker gleichmäßig auf M. 18.80 bei Rohzucker von mindestens 83°« Polarisation, für Kandis und Zucker in vollen weißen harten Broden bis 12,5 Kilo Nettogewicht oder vor der Steuerbehörde zerkleinert M. 23, sür allen übrigen harte», sowie für alle» weißen trockenen Zucker von mindestens 98 Polarisation M. 21.60 für 100 Kilo. Diese Ausfuhrprämie ist die Ursache des verhältnismäßig geringen Betrages der Znckerbestcuerung. Während die Rüben- steuer 1882,83 139 954 500 Mark eintrug, mußten an Rück- zöllcn den Zuckerfabrikantcn gezahlt werden 73 507 600 Mark, so daß 188283 an Erträge» der Rübensteuer und des Eingangs- zolls auf Zucker nur dem Reiche übrig blieben 68 177000 M.*)- Tic Ursache» dieses in der Tat ausfallenden und für die Finanzvenvaltung des Reichs beunruhigende» Uebelstandes zn untersuchen, war also die Ausgabe jener Zucker-Engucte-Koni- mission. Leztcre wurde durch Beschlüsse des Bundesrats am 3.»1� 8. März zusammengesczt aus fünf Beamten, von denen der eine, der kaiserlich Geheime Oberregierungsrat Boccius durch den Reichskanz'er, der königliche Obcrfinanzrat Jaeh»ige>>- durch Preußen, der königliche Oberstencrrat Fischer, durch Württemberg, der vierte, der großherzoglichc Ministerialrat Senbcrt, von Baden, und der fünfte, der königlich preußische Regierungsrat Schmidt, von Sachsen-Weimar gewählt wurde. Diesen fünf Beamten wurden sieben Sachverständige bei- gegeben, wovon Preußen drei erwählte: den königl. Oberamt- mann Dr. Beuneckc aus Athenslebcn bei Staßfurt. den Fabrik- bcsizer Brockhoff aus Duisburg, den königl. Geheimen Ober- regierungsrat a. D. Kicschke aus Berlin; Baicrn einen, de" Direktor der Zuckerrafsincrie Fraukenthal, königlichen Kommer- zicnrat Koscher aus Frankenthal in der Rhcinpfalz; Mccklc"- burg-Schwcrin einen, den Grafen zur Lippe-Wcißcnfeld am-- i�ber-Schönfeld in Schlesien; Braunschwcig einen, den Tire tor der Aktienzuckerfabrik Greiner, und Anhalt einen, de» h"' zoglichen Kommerzicnrat Brumme aus Bernburg... xie so zusamniengcsezte Zucker- Enquete-Kommission kons 1 tnirte sich zu Berlin am 11. Juli 1883.., Bei den Bemühungen der Zucker- Enquete- Kommislion, 1 Aufgabe zn lösen,— deren speziellen Inhalt wir bei sp� Gelegenheit, vielleicht auch an anderer Stelle, näher zu belenck'ti" y) Stalislisches Jahrbuch 1884, S. 182. *) Die hier nngesührlen Zahlen sind entnommen dem„Stali- st ischen Jahrbuch sür das deutsche Reich", Jahrgang 1884. � i« IM«. 550 und zu kritisiren gedciiken,— ist nun eine Ncihc von die Znckerpro- duktion betreffenden Tatsachen in das scharfe Licht statistischer Beleuchtung gerückt worden, ivelche gewiß auch das Interesse unserer Leser zu erregen und die Kenntnis unserer industriellen Verhältnisse erheblich zu erweitern geeignet sind.— Von nächstliegender Bedeutung ist der Umfang der in Rede stehenden großartigen Industrie in Teutschland. Betrachten wir uns zunächst die Zahl der deutschen Zucker- fabrikcn und ihre Zunahme in den legten zwanzig Jahren, sowie die Verteilung derselben im Reich. In Preußen betrug die Zahl der Zuckerfabriken 1863/64 188, von denen mehr als Zweidrittel, nämlich 124, ans die Provinz Sachsen kamen, während etwas über'/s, nämlich 38, ans Schlesien, 12 ans Brandenburg, 8 ans Pommern, 3 auf Rheinland, 2 ans West- phalen und 1 auf die schwarzbnrgischen Unterhcrrschaften kamen, während die übrigen Provinzen gar keine Zuckerfabriken anszu- weisen hatten. Zur selben Zeit hatte Anhalt 33 Zuckerfabriken, Brann- schwcig 14, Baicrn und Württemberg je 6, Thüringen 3, Hannover, Sachsen, Baden und das Kursiirstentnm Hessen je 1. Bis 1866/67 war die Zahl der preußischen Zuckerfabriken auf 220 gestiegen; die Provinz Sachsen hatte 141, Schlesien 40, Brandenburg 13, Pommern seine alten 8, das zur preußischen Provinz gewordene Königreich Hannover statt der 1 von 1863,64, eine Zahl, die sich 63 66 auf 3 vermehrt hatte, nunmehr 5, Rheinland 4, Wcstphalcn 2 und die schtvarzbnrgischcn Untcrherr- schaften noch die 1. Die Zahl der außcrprenßischcn Zuckerfabriken in Deutsch- land war von 66 in der Kampagne 63,64 auf 76 gestiegen; Anhalt hatte 35, Braunschweig hatte die Zahl seiner Zucker- sabriken fast verdoppelt, indem es nun 25 zählte, Thüringen hatte 4, die übrigen Staaten waren bei ihrer früheren Zahl geblieben, mit Ausnahme von Baicrn, welches anstatt 6 nur noch 4 aufweisen konnte. 1867/68 vermehrten sich die deutschen Zuckerfabriken um 5 preußische, und zwar um drei in der Provinz Sachsen, eine schlesische und eine pommersche; von da an blieb ihre Zahl im Wachsen bis zum Höhepunkt der Gründcrcpochc 1873,74, wo sie für ganz Deutschland 337 betrug, davon 257 in Preußen; nämlich in der Provinz Sachsen 150, in Schlesien 49, in Brandenburg 19, in Hannover 16, in Rheinland 8, in Pommern nach wie vor 7, in Wcstphalen 3, in Wcstprcnßc», Schleswig-Holstein, Hessen-Rassau je 1. Im anßcrpreußischen Deutsch- land bestanden in dieser Kanipagne 4 Zuckerfabriken mehr als 66,67; in Brannschweig 28 statt 25, in Thüringen 6 statt 4, in Luxemburg und Mecklenburg, wo bislang noch keine Zucker- sabrik bestanden hatte, waren 3, in ersterem 2 gegründet worden; Württemberg dagegen zählte 1 Zuckerfabrik, Baiern 2 weniger. In dem auf die Gründerzeit folgenden Jahrfünft sank die Zahl der Etablissements für Zuckerproduktion stetig; 1878,79 war sie in Preußen von 257 auf 246, im übrigen Deutschland von 80 auf 79 gesunken. Schweren Verlust hatten erlitten die Provinz Sachsen mit 13 von 150 und Schlesien mit 4 von 49 Fabriken, Brandenburg mit 3 von 19, Pommern mit 2 von 7, Wcstphalcn sogar mit 2 von 3 Fabriken. Riesige Fort- schritte hatte in dieser Periode allgemeinen Niedergangs der Zuckerbranche gemacht die Provinz Hannover; sie, welche im lezteii Jahre ihres Bestandes als Königreich es eben aus 3 Zuckerfabriken gebracht hatte, verfügte 1877 78 über 27, hatte also alle andern Landcsteile Deutschlands, mit Ausnahme der Provinzen Sachsen, Schlesiens und Anhalts überflügelt. Im außerprenßischen Teutschland war die Rückentwicklnng nur in Anhalt bemerklich, wo von 35 Fabriken 2 verschwanden, und in Thüringen, wo von 6 zwei eingingen, während Braun- schweig und Mecklenburg je eine mehr gewannen. Von 1878,79 bis 1882/83 ging es wieder mit der Zahl der Zuckerfabriken stetig empor; besonders rasch von 188081 auf 81,82. 1882/83 war in Preußen die Zahl von 280 Fabriken erreicht, also fast 100 mehr als vor 20 Jahren. Das anßer- prcnßische Deutschland hatte indes bei der Zahl seiner 76 Fabrikcn konservativ beharrt. Ten gewaltigsten Aufschwung in der Zuckerproduktion hatten genommen die bisher darin von gar keiner Bedeutung gewesenen Provinzen Posen und Westprenßen; in Posen bestanden 82 83 13 Fabriken, 78/79 nur 1, in Westprenßen 11 statt 2, außerdem hatte jezt Schlesien 53 statt 45, Hannover 31 statt 21, Rheinland 10 statt 8; Ostpreußen 2 statt keiner, Westphalcn, Hessen-Nassa» und Schleswig-Holstein 2 statt 1; wieder gesunken war die Fabrikenzahl in der Provinz Sachsen von 137 ans 132, in dem seit 15 Jahren in langsamem, aber ununter brochenem Rückgänge befindlichen Pommern von 5 auf 4. Jni übrigen Teutschland war die Gesammtzahl der Fabriken zwar stehen geblieben; das Verhältnis zwischen den einzelnen Landesteilen hatte sich jedoch einigermaße» verschoben: Anhalt hatte nur noch 31 Fabriken, also noch 2 weniger als 78,79, Brannschweig 1 gewonnen, also jezt 30, Mecklenburg auch I, also 3. „Ein noch bedeutsameres Bild von der außerordentlichen Zunahme der deutschen Produktion von Rübenzucker/ sagt der Bericht der Zucker-Enquete-Kommission*)„geben die Zahle» über die verarbeiteten Nübenmengcn, die in der Kampagne 1841/12: 2 565 758 Doppelzentner 1846,47: 2 816 924 1848 49; 4 948 359 1851/52: 9 190 709 1861 62: 15 846 197 188283: 87 471 537 betrugen. Von 1863 64 bis 1882,83 ist die Zahl der Fabriken um 41 Prozent, der Rübenverbranch aber um 338 Prozent gestiegen. Tie durchschnittlich von jeder Fabrik verarbeitete Rübennienge, die sich 1841,42 ans 19 000 Doppelzentner belief, wuchs 1862,63 auf 74 000, 1882 83 auf 244 000 Doppel zcntner." Der Verbrauch von Zucker bclief sich im deutschen Zoll- gebiet 1871/72 auf 221 799 Tonnen, die Tonne zu 1000 Kilo gerechnet, oder 5.5 Kilo ans den Kopf der Bevölkerung, er stieg 1873.74 ans 298 339 Tonnen oder 7,2 Kilo pro Kopf, seit 1871/75»m ein verhältnismäßig Geringes und stieg 1875,76 bis 323 180 Tonnen, das gibt 7,6 Kilo ans den Kopf, fiel im nächsten Kanipagncjahrc wieder um die gcivaltige Summe von 90 000 Tonnen und blieb von da an in der Nähe von 300 000 Tonnen oder fast 6,5 Kilo pro Kopf bis 1882 83, in welchem Kampagnejahre der Zuckerkonsni» ans die noch nicht erreichte Höhe von 369 214 Tonnen. 8,2 Kilo ans den Kopf der Be vSlkcrnng stieg**). 1881, als der Zuckerkonsuni in Deutschland zwischen 6 und' Kilo aus den Kopf der Bevölkerung betrug, umfaßte er in de> Türkei und Serbien 1'/r Kilo, in Rumänien 1,6, in Spanien und Griechenland 3, in Italien 3,2, in Porta al 3,5, in Ruß land 4,2, in Norwegen 4,3, in Ocsterreich-Ungar» 5,5 Kilo j auf den Kopf; in diesen allen Ländern also erheblich weniger als in Deutschland. In den nachfolgend genannten aber war er größer als be> uns: in Schweden 7,75, in der Schweiz 8,6, in Belgien 9,1. in Frankreich 9,45, in Holland 10, in Dänemark 11,1»" in Großbritannien sogar 30 Kilo ans den Kopf der Bevö- kerung'**)._- Zu dem Konsum von Zucker im deutschen Zollgebiete», nun noch die außerordentlich bedeutende Aussuhr hinzuzurechnen. welche sich im Jahre 1882 an Zucker, Melasse und Syrup J"' *» U. a, O. S. 7._. **) Nach dein„Statistischen Jahrbuch für das deutsche Reich".*>' l gang 1884. S. 132... ***) Nach der bezüglichen Tabelle in dem Artikel„Zucker"(Proo I tion und Konsum) in dem Jabressupplement 1881 82 zu N>an Konversationslexikon. 551 jnmmcu aus 472 522 Tonnen*) mit einem Werte von UiH mitl, Mark**) bezifferte. ?lus dem Vorhergehende» wird klar, daß wir es bei der Zuckerfabrikation nicht nur mit einein in seinem gegenwärtigen Stande für das deutsche Volk bedeutenden Industriezweige z» tun haben, sondern auch mit einem ungemein zukunftsreiche». Es kann nicht bezweifelt werden, daß sich der Zuckerkonsuin noch mächtig vermehren kann und aller Wahrscheinlichkeit nach vermehren wird, und zwar nicht blvs im Inland, Ivo der Markt so gut wie ausschließlich der heimischen Industrie gehört, son- der» in noch viel höherem Älfaße auch im Ausland, wo der deutschen Rnberzuckerfabrikativn, als der bedeutendsten und leistungsfähigsten der Erde, der Löwenanteil des Absazes kaum entgehen kann. Die Rübenzuckerproduktion der Länder des euro- päi scheu Kontinents betrug in den vier Kampagne»***) von 1880/81 1831/82 1882,83 1883/84 Deutsches Reich Ctr. 1 1 884 403 12 895 508 10 962 481 18 800 00' Frankreich... 6 672 280 7 865 380 8 463 880 9 300 000 Oesterreich lluqar» 9 961 637 8 220 300 9 460 033 8 900 000 Rußland» Polen 5 000 000 6 175 580 5 689 820 6 200 000 Belgien.... 1 372 520 1 462 720 1 654 460 2 100 000 Holland u. and. Länder 600 000 600 000 700 000 800 OuO Daraus erhellt, daß Deutschland gegenwärtig mehr als noch einmal soviel an Rübenzucker produzirt, als jedes der beiden Länder, deren Zuckerfabrikation an Umfang der deutschen am nächsten kommt; und ferner geht aus dieser Tabelle hervor, daß die deutsche Zuckerfabrikation in den lezten vier Kampagnejahren weitaus die mächtigsten Fortschritte gemacht hatte. Vor vier Jahren produzirten Oesterreich-Ungarn fast ebensoviel Zucker als Teutschland, und Frankreich erheblich mehr als halbsoviel. Gegenwärtig produzirt Frankreich, das in diesem Industriezweige in- zwischen auch sehr erhebliche Fortschritte gemacht hat, trozdem weniger als die Hälfte der deutschen Industrie und Oesterreich. 188(181 noch fast ebenbürtiger Konkurrent, sogar weniger als die Hälfte. Dabei darf nicht unerwähnt bleiben, daß die Erzeugung von Rübenzucker ein Monopol Europas ist; die Versuche, die Zucker- riibe auch anderwärts, hauptsächlich in den Vereinigten Staaten von Nordamerika einzubürgern, sind sänimtlich gescheitert. Run ist freilich, um voll und ganz die Bedeutung und die Zukunftsaussichten der deutschen Zuckerindnstrie zu erfassen, noch eines wohl zu berücksichtigen. Die Produktion des Zuckers aus der Rübe hat in der Pro- dnktion derselben ans dem Zuckerrohr eine gewaltige Konkurrenz. *) Statistisches Jahrbuch 1884, S. 52, 53 und 132. **) Ebenda S. 80.., ***) Nach de»„Monatsberichten für die Rübcnzuckeriudnstrie". Kampagne 1883,81, Nr. 9 vom 10. Mai 1884. Ter Rohrzucker wird hauptsächlich in Kuba, Java, Manilla, Brasilien, Louisiana, Mauritius. Englisch-Guiana und anderen außereuropäischen Länder» gewonnen. Er trat dein europäischen Rübenzucker ans den überseeischen Märkten bis vor kurzem als überlegener Mitbewerber entgegen und wird in Europa heute noch in erheblichen Quantitäten eingeführt. 1854 wurde an Rohrzucker alles in allein produzirt 1210558 Tonnen, an Rübenzucker in Europa noch nicht der siebente Teil dieses Quantums, nämlich 160000 Tonnen; 1860 an Rohrzucker 1291316 Tonnen, an Rübenzucker mehr als der dritte Teil dieses Quantums, nämlich 473 963 Tonnen; 1869 Rohrzucker 1 585 309 Tonnen, Rübenzucker 846 422 Tonnen, d. i. viel mehr als die Hälfte; 1881 1 860 476 Tonnen Rohrzucker neben 1749545 Tonne» Rübenzucker, mithin nahezu gleichviel*); für 1883/84 liegen Berichte über die Menge der Rohrzucker- Produktion noch nicht vor,— die Rübenzuckerproduktion dagegen wird beziffert auf 2 240 000 Tonnen, und man kann aus dieser Zahl und aus der Progression der Zunahme der Rohrzucker- Produktion in den 17 Jahren von 1854— 71 mit völliger Sicherheit schließen, daß die leztere von unserer europäischen Zucker- fabrikation heute schon beträchtlich überholt ist und künftighin immer mehr überholt und allinälich auf dem Weltmarkt in den Hintergrund gedrängt werden wird. Mit diesem einen Zweige unserer europäischen, vorzüglich unserer deutschen Industrie steht es also wahrhaft glänzend. Glänzend für wen? Nu» für die bei dieser Industrie beteiligten Kapitalisten sicherlich—— Und für die am rechte» Orte angesezte und„rationell" ge- handhabte Steuerschraube ebenfalls—— Aber wie für die Arbeiter— für sie doch jedenfalls auch?— Nun, ich bin eben dabei zur zahlen- und tatsachengestiizten Beantwortung dieser Frage das Material zusammenzuschleppen, beziehentliches ans den Bergen von stalistischen Belegen und protokollarischen Auseinandersezungen, in denen es merkwürdig gut verborgen liegt, auszugraben. Wenn ich es zutage bringe, werde ich auch aus den Haken zu sprechen kvminen, an dem all der Glanz der deutschen Zucker- industrie unter Umständen demnächst„am Halse aufgehängt werden könnte, bis er tot ist,"— wie es. irre ich nicht, in der österreichischen Justizsprache bei der Verurteilung todeswürdiger Verbrecher heißt. Dieser Hake» heißt: Ueberprodnktio» oder besser Plan- losigkeit der Produktion. *) Nach dem Zirkular von 3i»ß u. Co. in Rotterdam, mitgeteilt im I. Bd. der Anlagen zum Bericht der Zucker-Enquete-Kommission. 5. 22, 23. Ein schnurrig Stück Menschrnitbeu. Humoristische Erzählung von Kcms föeluivf. Mein Jugendfreund Christian Gutenbier behauptete der un- glücklichste Mensch nuter der Sonne zu sein. Er verstand das vortrefflich zu beweisen. „Sieh," sagte er eines Tages, als wir im botanischen Zarten unserer gemeinsamen Heiinatresidenz gemeinsam heimliche Pfade aufgesucht hatten,.sieh dir zunächst nur meinen Manien an und leugne, wenn du kannst, daß mich schon in �er SBicgc ein schweres Verhängnis envartete.-r.» heisiest Hans Eckart, das ist zwar ein einfacher anspruchsloser, aber weder ein ordinärer,»och lächerlicher Name. Ich aber heiße Christian Gutenbier,—— der Vorname Christian ist erstens wdinär,— die dümmsten Toffel auf den kleinsten, schmu- Nen, kulturärmsten Dörfern habe ich das Vergnüge» in chrer großen Mehrheit als meine Namensvettern anreden zu dürfen"_—_ „Das könnte dir eigentlich höchst gleichgültig sein," warf ich dazwischen. „Gleichgültig— ich danke. Ich will dir eine Geschichte erzählen. Stelle dir vor, in vergangenem Sommer komme ich auf meiner Fußreise im Gebirge in ein entsezlich kleines, trauriges Dörfchen, in dem ich mit Mühe und Not den Zähnen einiger bissiger Hundeköter und der Gefahr des Bersinkens in einem Duzend unergründlicher Mistpfüzen, welche sich gucr über die jeder Pflege baare Dorfstraße ausbreiteten, entging. Ich hielt mich natürlich in dem Nest nicht auf und war froh, als ich es »ach zehn bangen Minuten hartnäckigen Kampfes mit den Kötern des Dorfes und dem Kot seiner Straße glücklich hinter mir hatte. Ein winzig kleiner, furchtbar krummbeiniger, ruppig- struppiger Dachshund verfolgte mich jedoch weit über des Dorfes lezte Hütten hinaus und zwang mich noch eine volle Viertelstunde rückwärts zu gchcn und mit meinem Äuotenstock wie besessen um mich zu schlagen. So winzig das Vieh war, so listig und tapfer war es auch und seine kleinen Zähne waren so spiz, daß von den unteren Partien meiner Hosen wahrscheinlich gar- nichts und von meinen ohnehin nicht übermäßig stattlichen Waden sicher sehr wenig übrig geblieben wäre, wenn ich den krummbeinigen Wüterich hätte an sie herankommen lasten. Endlich ließ er mich laufen, und nun wollte ich in die Pracht- volle Berglandschast rings um mich her lustig und laut hinein- jauchzen,— aber der Ton blieb mir in der Kehle stecken, als ich mich umschaute,— hinter mir oder, richtiger, vor mir, hatte sich dicht und drohend eine pechrabenschwarze Wolken- wand emporgebaut,— ein Gewitter stand bevor, wahrscheinlich ein sehr schweres und, wer weiß, ob in der Nähe Dach und Fach zu finden war. Hastig schritt ich vorwärts und kam dabei immer tiefer in den Wald hinein. Plvzlich stieß ich, in des Wortes eigentlicher Bedeutung, auf Menschen, die in höchster Eile den schlechten Weg dahergejagt kamen.„Warum so eilig, Ihr Leute," rief ich sie an.„Na, seht Ihr nicht daS Wetter da, Herr," antwortete der eine, ein alter Mann, in seinem Lauf einhaltend,„in spätestens fünf Minuten ist's da und da sollen Sie was erleben— Sturm und Schloßen, Bliz und Donner,— machen Sie, daß Sie iü's Dorf kommen, wie wir,— sonst könnt' leicht Ihr lezt' Stündel geschlagen hab'n." Er wollte gehe».„Halt," rief ich,„noch einen Augenblick, Mann, ich bezahle Euch Eure Auskunft. Wo liegt das nächste Dorf?"„Da!" Er zeigte dorthin, woher ich gekommen war. „Da?" fragte ich ganz erschreckt.„Wie heißt es denn?" „Steinpetersdorf." Es war richtig das unselige Nest, aus dem mich eben der verteufelte Dachs herausgebissen hatte.„Und wie weit ist das nächste Dorf nach irgend einer andern Richtung?" fragte ich.„Gute anderthalb Stunden,— Sie könnens aber allein garnicht finden." Der Mann hatte recht,— es blieb mir absolut keine andre Wahl; entweder mußte ich im Freien dein Ungewitter trozen, und das wäre der helle Wahnsinn ge- wesen, oder ich mußte nach Steinpetersdvrf zurück. Ich seze mich in gelinden Trab, der Alte keuchte vor mir her, und ich hielt in wenigen Minuten in dem traurigsten aller Gebirgsdörfer wieber meinen Einzug. Ter verdammte Kerl von Dachshund mußte das geahnt haben, er hatte sich hinter einen dicken Baum- stamm in den Hinterhalt gelegt und stürzte, wie ich so im Laufschritt an dem Baum vorüber wollte, wie ein Rasender auf mich los. Und der Erfolg krönte seine List,— mein linkes Hosenbein flatterte im nächsten Augenblick zersezt wie eine aus heißer Schlacht heimkehrende Regimentsfahne um mein glück- lichenveise verschont gebliebenes Bein. Ter kräftige Hieb, welchen ich nach meinem struppigen Todfeind führte, traf den gewandt Zurückspringenden nicht, hätte mich aber beinahe in die erste der Dorfmistpfüzen hineingeworfen. Sinn jagte ich, so schnell ich konnte, durch den Schmuz der Dorfstraße dahin, von dem jubelnden Teckel, dem sich noch ein halduzend andrer Köter zu einem Vernichtungskampf gegen mich freundwillig angeschlossen hatten, auf das härteste bedrängt. Hätte der alte Mann nur nicht den Rücken gedeckt, so wäre es mir selbst gegangen, wie meinem linken Hosenbein, so aber kam ich im„Gasthof" des Dorfes endlich ohne weitere Verwundung an. Auch wegen des Wetters war es allerhöchste Zeit gewesen. Ein von Minute zu Minute zu größerer Heftigkeit anschwellender Sturm peitschte große Regentropfen zur Erde, Hagelkörner mischten sich bereits in den Regen und dumpfer Tonner grollte von dem nächsten Berggipfel her. In der nächsten Viertelstunde mußte ein Schau-- spiel losbrechen etwa wie der Weltuntergang, so schien es mir, und ich täuschte mich nicht. Ich mußte also von Glück sagen, daß ich im Gasthof von Steinpetersdorf war. Ter Gasthof frei- lich tvar ein sicher nur schwer zu erreichendes Muster dessen, wie er nicht sein sollte. An Kleinheit und Schmuz war er des Lrtes würdig, dessen einzige gastliche Stätte er vorstellte. Das Gastzimmer duftete in unaussprechlich schönem Gerüche; die Decke war so niedrig, daß ich, der ich wenig über Mittelgröße hinausrage, mich auf das sorgfältigste in Acht nehmen mußte, um nicht an eine öltrvpfende Lampe, zwei Vogelbauer und einen dicken Balken anzustoßen, der sie, die Decke, in zwei Teile und das Wirtslokal in einen Fuhrmannswinkel und in eine stolz sogenannte Herrenstube abgrenzte... „Doch," unterbrach sich mein Freund,„was soll ich dich mit der Beschreibung dieser Hölle langweilen, denn alles in allem: es war fürchterlich und blieb so volle sechs Tage lang. Aus dem einen Gewitter wurden vier und aus den vier Ge- wittern wurde ein endloser Landregen. Die Dorsstraße erweiterte sich zu einem Gießbach, der die elenden Hütten rechts und links fortzureißen drohte,— an ein Fortkommen war nicht zu denken, Fuhrwerk gab es im Dorf nicht und alle Kommunikation mit den weitentfernte» Nachbarorten blieb unterbrochen— keine Menschenseele kümmerte sich nrn das abgelegene bäuerliche Berg- »est. Stinkender Käse, verschimmeltes Brot und Zwiebeln, die ich sonst nicht riechen kann, bildeten drei Tage lang meine einzige Nahrung, dagegen delektirte sich an mir alles Ungeziefer der Schöpfung, besonders Wanzen, die in tausend und abertausend Winkeln und Löchern ebensoviele Kasernen angelegt hatten und legionenweise Streifziige nach mir aussandten, denen ich nicht entgehen konnte." Dein guten Christian war bei seiner Erzählung der helle Schweiß ans die Stirne getreten. Er hielt einen Augenblick inne und wischte sich die dicken Tropfen von der Stirn. Ich bennzte die Gelegenheit zu einer Frage: „Was hat das aber alles mit der Tatsache zu tun, daß du Christian heißest?" „Ach so! Nun sieh, das war von allein unerträglich Schlim- wen das unerträglich Schlimmste. Der Wirt im Gasthaus zu Steinpetersdorf hieß nämlich auch Christian und der Hausknecht dito. Kaum hatte ich meinen Namen in das klebrige Fremden- buch eingetragen,— da hieb mir der vierschrötige Brauerknecht ebenso vertraulich als derb auf die Schulter und sagte: ,Na, da wären wir ja so Halberlei Verwandte, von ivegen des Namens nämlich. Und der Wirt heeßt ooch Kristjah», aber den derfen se»ich dran erinnern, es is'm zu gemeene.' Mit lez- terem hatte er vollkommen recht. Als der Wirt sah, daß ich ,ooch Kristjahn' hieße, sah er mich sehr mißvergnügt und mißtrauisch an, und von dem Momente war's, als ob mich der Mensch für seinen Feind hielt,— war er mit mir in derselben Stube, so schielte er ununterbrochen nach mir hin und mußte er hinaus, so rief er sicher erst jemanden,— wie um mich zu bewachen— herein. Mir war das völlig rätselhaft,— bis mein anderer Namensvetter, der gemütliche Kristjahn, der nicht müde wurde, mir bei jeder erdenklichen Gelegenheit mit seiner breiten und furchtbar schweren Taze ans den Schultern herum- zutrommel», einiges Licht in das Dunkel dieser geheimnisvollen Feindschaft brachte.„S' ist von wegen der Alten,"— sagte er mit ungeheuer pfiffigem Augenblinzeln und indem er mir, wahrscheinlich um meine Verstandeskräfte ein wenig zur Tätig- keit aufzurütteln, zur Abwechslung einen Puff mit der Faust iu die Rippen versezte, so daß ich unwillkürlich laut aufschrie, was ihn glücklichenveise gar nicht zn stören schien,— chic Alte nämlich fuhr er leise fort, ,hat alle Kristjahne gerne, mit eener eenzigen Ausnahme,— und die Ausnahme, das is er, — nu kenn' Se Sich denken, wenn so ä proprer Kristjahn kommt, wie Sie— hu, hu,' er lachte, daß die Wände zitterten u»d versezte mir einen womöglich noch derberen Rippenstoß, als vorher. Bevor ich über die interessante Mitteilung meines biederen Mitkristjahns weiter nachdachte, bat ich ihn dringend, seine Zärtlichkeiten, Schulterhiebe, Rippenstöße und dergleichen für Leute aufzusparen, die dafür ein besseres Verständnis hätten, als ich,— er aber schüttelte den Kopf und sagte gleichmütig:.Am was, Vetter, hier sind'ter unter uns un ich meen's gut m» Ihn',— sehn Se, de Karline— na Se kenn' Se ja �- Mädel'—(die Kuhmagd meinte er, die ich iu der Tat sehe11' am Gerüche kannte), ,die kann de Kristjahns ooch verflucht g» leiden und se is zwar mein Mädel, wissen Se, aber, O" mich der Deiwel, ich bin ccmol keen so'n Dummerjah», der cw andern Christenmensch gar keen Vergnügen nicht gennt. Se vcr- stchil mich schon/— Dnboi war mir um ei» Haar der dritte Rippenstoß zuteil geworden, wenn ich diesmal nicht mit großer Geschicklichkeit znr Seite gesprungen wäre."— Christian Gutenbier holte wieder Atem. Ich lachte: „Die Situation läßt sich allerdings gut an. Allerlei famose Abenteuer, idyllisch-ländliche Zuriickgezogcnhcit, der nährende und heilende Duft des Kuhstallcs,— die rivalisirende Gunst zweier licbediirstigcn Fraucnscclen,— die blutige Eifersucht eines othellohaften Gatten,— die aufopfernde Freundschaft eines frei- denkende.! und hochsin- nigeii Jünglings,— alles prachtvolle Requisiten eines spannen- den Romans." „Ja, spannend wurde der Roman in der Tat — er spannte mich auf die Folter," antwortete Christian,—„auf die Spize getriebenes Un- behagen und gleichfalls höchstmögliche Lange- weile wetteiferte» mich zu quälen,— Abenteuer gab es keine, wenigstens keine, auf die sich ein halbwegs anständiger, moralische wie ästetischc Sauber- kcit liebender Mensch hätte einlassen können, und ich dankte meinem Schicksal inbrünstig, als der schier endlose Regen schließlich doch mehr und mehr nach- ließ und der Gießbach wieder die ungefähren Umrisse eines freilich grauenvolle» Weges blicken ließ. Am sechs- ten Tage endlich winkte mir die Erlösung aus der Holle, welcher ich auf meiner sogenannten Erholungsreise ver- fallen war. Ein Wagen Passirte das Dorf,— ein mächtiger Familicn- wagen, gewaltig stark gebaut und ein paar riesige und riesenstarke Pferde davor,— da hielt er vor dem ungastlichsten aller Gast- Höfe an. der Kutscher war eine Stunde vor Steinpetersdorf Der Sommer vom rechten Wege abgekommen und wußte nicht mehr,>vie er nach den: Badeorte Eisenberg, wohin zu fahren er ge- mietet war, kommen sollte. Die Familie, welche ihn gemietet, stieg aus und trank ein paar Gläser Milch— ich, seelenfroh, nun doch wieder einmal gebildeter und freundlich dreinschauender Menschen Antliz zu erblicken, stellte mich unverzüglich vor und klagte sogleich meine sechstägige Pein— lachend zwar, aber doch voll aufrichtigen Mitleidens hörte man mir zu und dann lud man mich ein, sogleich mitzufahren nach Eisenberg. Das erschien mir na- türlich wie höchste Sc- ligkeit——" „Halt," unterbrach ich ihn.„du scheinst über die Hauptsache aalglatt hinwegschlü- pfen zu wollen. Aus was für Menschenkin- dern bestand die Er- lösersamilie?" „Ja so, nun, wie üblich, zunächst aus Vater und Mutter,— dann aus einem Sohne und dann——" er stockte ein wenig. „Und dann—" half ich nach. „Ans zwei Töch- tern!" Er betonte das Wort„zwei" und— seufzte. Ich mußte lachen. „Wieder zwei!— Du scheinst für die ,d opp elte Lia' aus- erkoren, lieber Freund. Du bist kein Unglücks- rabe, sondern— ein Glückspilz." „O du mein grund- gütiger Himmel!"— stöhnte er.„DieseDop- pelerscheinungen auf der Bildfläche meiner Lebeusbegegnisse bil- den just auch ein Stück grausigen Verhängnis- scs für mich. Höre mir Trostlosen nur zu, du Hans im Glücke." Ich sezte mich von neuein in ernsthafte Positur. „Losgeschossen, mein guter Christian."(oi0t.) Unsere Illustrationen. Germanen aus der Bärenjagd.(S. 537.) Das ulte Deutschland war mit ungeheuren Wäldern bedeckt, in denen unsere kräftigen Vor- fahren dem"edlen Waidwerk oblagen. Wen» sie, wie es in jenem oiel- gesuiigencn Lied heißt, auf Bärenhäulcn liegen und„immer noch eins" trinken wollten, so mußten sie den Bären diese Häute erst abjage». Der Kamps mit de» reißenden Tieren und das rauhe Jägerlebeu erzog jene gesürchtetcn Stämme, die den ganzen Occident in Schrecken sezten, wenn sie aus ihren Wäldern hervorbrachen. Nur der höchsten Kriegs- kunst eines Marius und Cäsar gelang es, die rohe Tapferkeit der Cimbcru und Teutonen, sowie des wilden Schivabenkönigs Ariovist zu besiege». Die Kämpfe des CheruskerS ArminiuS mit den Römern und die großen Schlachten im Teutoburger Wald und bei Jdistavisus be� wiesen aufs neue die unverwüstliche Kraft der germanischen Naturvölker, die bald i» der großen Botkerivanderung die völlige Umgestaltung der verfaulten altrömischen Welt herbeiführen sollte. Im allgemeinen ist nicht viel über das Leben und Treiben unserer biederen Altvordern auf uns gekommen. Wenn die beiden Römer Cäsar und Tacitus sich nicht die Mühe gegeben hätten, aufzuzeichnen, was sie von den alten Germanen wußten, so würde sich in der alt- germanischen Geschichte noch ein größeres Dunkel geltend machen, als es so der Fall ist. Leider sind wir Epigonen auch daran gewöhnt worden, auf das, was jene Römer uns hinterlassen haben, ein weit größeres Gewicht zu legen, als auf das, was in dem reichen Schaze von Götter- und Heldensagen des alten Germaniens enthalten ist. Aus diesem Sagenschaze läßt sich ein annäherndes Bild des Kulturlebens unserer ! Altvordern gewinnen und zwar ein viel farbenreicheres und auschau- ' lichereS Bild als aus den Aufzeichnungen jener beiden Römer. Das kommt daher, daß in unseren höheren Bildungsanstalten noch immer jcncs famose System vorherrscht, nach welchem Literatur, Geschichte und Mytologie, ja sogar die Sprachen der alten Griechen und Römer der Jugend als wichtiger ansgcdrängt werden, denn Literatur, Geschichte, Mytologie und Sprache des eigenen Baterlandes. Wir legen natürlich ans die Mytologie nur insofern Wert, als wir auS derselben Aufschlüsse über die Gedankenwelt unserer Altvordern gewimicn. In den altgermamschen Heldensagen sind eine Menge prächtiger Schilderungen enthalten über Natur- und Kultnrzustand jener für uns heute noch so anziehenden und interessanten Zeit. So finden wir in dem bekannten Heldengedicht„Wicland der Schmied" eine hübsche Schilderung des Waldes; es ist beschrieben, wie der junge starke Königs- söhn Siegsried, der Held des Nibelungenliedes, von dem Schmied Mime in den Wald geschickt wird, um, wie der vor des jungen Recken Krast fich fürchtende Schmied hofft, von dem im Walde hausenden Drachen Fafncr, dem Hüter des Nibelungenichazes, verzehrt zu werden. Da lieifet es(nach der llcbcrsezung in Simrocks Heldenbuch) im zwölften Abenteuer: „Roch stand die Sonne niedrig, da fuhr zum grünen Wald Siegfried der junge; wie fröhlich ward er bald, Als er ini lichten Scheine die Bäume grünen sah; Voll Freuden wollt' er springen, nicht ivnßt' er wie ihm geschah. Er begann ein Lied zu fingen, noch sang's der Widerhall, Da schuf ein lustig Ringen der starken Stimme Schall; Bald freut ihn mehr zu lauschen des BächleinS muntrem Gang; Bald wie ein wonnig Rauschen durch alle Länder sich schwang. Bon abertausend Stimmen der Wald erfüllet war, Von Blüten summten Immen zu Blüten immerdar; Bald Adlerflügelschlägc, bald kleiner Vögel Lied, Bald Reh' im Laube raschelnd, bald Wasservögel im Ried. Hier ging ein Rudel Hirsche; Zwanzigcnder stolz Wiesen den Hindinnen die Wege durch das Holz; Dort schoß ein wilder Eber aus seiner Jagd vorbei, Hier balzten Auerhähne, dort kreiste herrlich der Weih. Wie leuchtend durch die Grüne die Morgcnsonne schien! Siegsried der Kühne sprang wie ein Tor dahin: Er hatte nie die Wunder der Wildnis gekannt, Bald an dem Orte stand er, dahin ihn Mime gesandt." Welch prächtige Schilderung der„Wunder der Wildnis", wie der unbekannte Dichter sagt! Die lebendige Phantasie unserer kräftigen Altvordern bevölkerte diese Wälder, über welche einst des AscngoiteS Odin wilde Jagd dahinsuhr, mit allerlei fabelhaften Ungeheuern, namentlich mit Drachen und Lindwürmern, welche grimmigen Geschöpfe so lebendig geschildert werden, daß man als sicher annehmen kann, es habe sich zu jener Zeit eine nun ausgestorbene Art von menschen- fressenden Tieren in den Wäldern uinhcrgctrieben, wahrscheinlich eine Art von Sauriern, die nngesähr so aussehen, wie uns die Drachen und Lindwürmer überliefert worden sind. Es war die Ausgabe der Helden deS Landes, diese Ungeheuer zu vernichten, wobei sie nach der Sage nicht selten selbst das Leben ließen. Es meldet z. B. die Sage von einem Vorfahren des gleichfalls sagenhasten Helden Struthan Äinkelricd, daß der erstere einen Lindwurm, die Plage des Landes, erschlagen habe. Da wir nun einmal bei jung Siegfried waren, so wollen wir auch den Dichter des Wielandliedcs schildern lassen, wie Siegfried den Drachen Fafncr erschlägt. Fafncr der Drache ist der Bruder des Schmieds Mime und Mime fordert den brüderlichen Drachen auf, den unbändigen Knaben Siegfried, der den Ambos des Schmieds in den Grund geschlagen, zu verschlinge». Siegfried sollte nämlich bei Mime die Kunst des Schmiedens erlernen, aber Mime sürchtete sich, von dem unbändigen jungen Recken erschlagen zu werden. Fafner der Drache bekommt Appetit und antwortet seinem Bruder mit einem wahren Kannibalen- Humor: „Da sprach sein Bruder Fafner: Schon gut, er kommt doch bald? Es ist jezt gar so einsam hier in dem tiefen Wald; Ich sehe gerne Leute bei mir auch dann und wann, So allein ist's zum Verschmachten für den Menschenfreund im Tann." „Zu Mittag wird er kommen"— das ist mir herzlich lieb, Er ist zu Tisch gebeten, ich wünsche nur, er blieb' Nicht gar so lange außen; mir wird daS Fasten schwer; Das Mahl verschieb ich ungern; send' ihn ja zeitig hierher." Aber die Mahlzeit sollte dem„Menschenfreund im Tann" übel bekommen. Siegsried kam, zündete sich im Walde ein mächtiges Feuer an, in daS er eine große Buche legte, und aß dann mit einemmal den ganzen Mundvorrat auf, den ihm Mime für sieben Tage mitgegeben; auch trank er seinen ganzen Weinvorrat aus. Er sollte nämlich für Mime im Walde Kohlen brennen, was ein Vorwand war, ihn dem Drachen zu überliefern. Der junge Recke fühlt sich stark und gewaltig und wünscht sich ein Abenteuer in dem verrufene» Wald: „Es ist ein rechter Jammer, wie wunderlos die Welt, Wie soll sich da erweisen in seiner Kraft ein Held? Tursen, Bergriesen, die sieht man garnicht mehr, O führ' doch aus der Wildnis ein scheußlich Untier daher!" Run kam zur selben Stunde Fasner, der grimme Wurm, Aus des Berges Schlünde; er schoß daher im Sturm, Die Beute zu verschlinge» lechzt' ihm schon der Gaurn, Da fuhr der junge Degen empor ans seinem Heldcntraum. Er sah den Drachen kriechen und sprach:„Wie bin ich froh! Wie ich es eben wünschte, es fügt sich völlig so! Run kann ich mich versuchen!" Hin lief der Recke gut Und riß die mächt'gc Buche hervor auS des Feuers Glut. Seine Kraft war sonder Gleichen: er lief den Lindwurm an Und schlug ihm in die Weichen, daß weit erscholl der Tann. Da sprühte Gift und Geiser des wilden Drachen Schlund Und wieder schlug ihn Siegsried; da ward ihm Heldenftärkc kund. Da wandte sich der Drache, er ringelte den Schweis Und zuckte nach dem Jüngling mit schnell entrolltem Reis; Der aber sprang zurücke und schlug ihm auf das Haupt Mit dem Feuerbrande. Da war er Sinnes beraubt Und stöhnte furchtbar brüllend die lezten Geister aus, Den Wald niit Schrecken füllend und alles Wild mit Graus. Roch fielen Schläge herab von Siegsrieds Hand: Da war der Wurm gestorben; sein lezter Seufzer entsandt." So erschlug jung Siegsried, der stärkste aller Recken, der es ver- schmäht hatte, Waffen in den Wald mitzunehmen, den gewaltigen Drachen Fafncr. An gefährlichen Tieren trieben sich hauptsächlich der Aucrochs und der Bär in den germanischen Wäldern umher, und unsere Altvordern kleideten sich in die Felle deS Bären, tranken ihren Met aus de» Hörnern des Auerochsen und trugen auch ivohl die abgezogene Kops- baut des Auerochsen sammt den Hörnern wie eine Art Helm aus den Kopf, um den Feinden in der Schlacht damit furchtbar zu erscheinen. Ihr Schlachtgcbrüll soll so furchtbar gewesen sein, daß den Feinden schon oft beim Anhören dieses infernalischen Lärms der Mut entsank, wie Eäsar erzählt. Sie bewiesen stets einen außerordentliche» Mut; es geht sogar die Sage, daß im Norden einzelne starke Helden den Bären unbewaffnet angegriffen und erwürgt hätten. Das wird wohl über- trieben gewesen sein. Unsere Illustration stellt eine Bärenjagd dar, bei der der angegriffene Meister Pez auch seinen wohlbeivaffnctcn An greiser» sehr gefährlich wird. W. lt. Vor und nach der Parade.(S. 544 u. 545.) Das war»och die schöne alte Zeit der Bürgergardcn, bei denen es so gemütlich herging- daß ihre vor den Toren der Städte ausgestellte» Schildwachcn Strümpfe strickten. Die Waffen dieser friedlichen Helden wurden niemals>«>> Blut befleckt; höchstens dienten die blanken Schwerter derselben dazu- Brod- und Käselaibe zu zerhauen. Man denke nur an die„Funken in Köln und an die leipziger Kommunalgardc. Für die„angesehenen Bürger" war eS aber ein Ziel ihres Ehr geizes, bei de» Bürgergarden eine Ossizier- oder Bcsehlshaberstclle G haben. Tie Herren Schlächter- und Bäckermeister stellten zu dielen Osfiziercn ein großes Kontingent, da sie gewöhnlich die imponirendstc» und umfangreichsten Gestallen auszuweisen hatten. Sonstige Oualip- kation zu militärischen Aemtern war freilich in der Ziegel nicht ai ihnen zu entdecken. Herr-Ochsenschlächter Habcrlcin in Rnmpendorf war von ftinc» Mitbürgern zum Oberbefehlshaber der etwa 50 Mann starken Bürgelgarde ernannt worden. Wir wiffen nicht, ob er die Taktik des Kai thagcrs Hnnnibal oder diejenige Friedrichs II. von Preußen zu seine» Spezialstudium gemacht hatte. Aber er konnte martialisch fluchen, u» wenn er so einen„Krcuzmillioncnschwerenöter!" über einen losließ,' konnte man schon glauben, er habe sämmtliche Feldzüge Napoleon mitgemacht. Dazu besaß er eine stattliche Leibesfülle und einen a"c'' Grauschimmel; recht grob war er sonst auch noch— also wer konn> geeigneter sein zum Oberbefehlshaber der Bürgergarde von Ruinpc dorf, als Herr Haberlein? Aber der tapfere Kommandant sollte einem tragischen Geschick m fallen., Eines Tages passirte die regierende Durchlaucht des Ländäb»� ihre getreue Stadt Rumpendors und es war abgemacht, daß die Burg garde zu einer Parade antreten sollte. Herr Haberleiu wollte sich großen Tag machen und sich im Strahl der durchlauchtigen G» sonnen. Er warf sich in seine Galaunisorm, schnallte sich seine silW.TL «Po«» an, hing den gewaltigen Kavallenesäbel um, den er von K'» Großvater ererbt hatte und der bei Roßbach„mit dabei gewesen w' und bedeckte endlich sein Haupt mit dem kübclsörmigcn Tschako- ein ungeheurer Federbusch schmückte. Dann führten der Haus'»* Johann und die stämmige Trine den alten Feldh-rrnschinimcl vor.» einem alten Heringsfaß wurde dem korpulenten Kricgshelden er,.' o licht, den Rücken des Schlachlrosses zu besteigen.. so Militärisch grüßend ritt Herr Haberlein davon und wie«n � gravitätisch im Sattel saß, war seine Ehcliebsle nicht wenig st"'*' war doch ein geborener General.. Aus dem Paradeplaze stellte sich die Bürgcrgardc aus. Die» blinkten im Sonnenstrahl. Alles freute sich an der militärische»„ uiid Prachtentsaltung; nur der Schimmel deS Kommandanten mit allem unzufrieden zu sein. Er unternahm bösartige 555 spriinge, so bajj der Zedcrbusch des Kouimandanten häufige bedeulliche Schivunkungen machte. Toch nun nahte die durchlauchtige Equipage; das Hurrah der ausgestellten Zchuljungend brauste herüber, der Kommandant nahm seine stolzeste Haltung an und ivollte eben präscntiren lassen— da gab eine kleine Wespe dem grossen Akt eine andere Wendung. Sic stach nämlich den Schinin>el, wir wissen nicht warum, an einer sehr einpsindlichcn Stelle. Nun war's mit der Geduld des edlen Schlachtrosses vorüber. Es warf sich in den wildesten Galopp und ging durch, ohne sich um das ivchende Taschentuch des der durchlauchtigen Equipage vorausreitenden Zercmonienmeistcrs zu bekümmern. Tas Tier strebte offenbar seinem Stalle zu. Ter bestürzte Feldherr niachte die grössten Anstrengungen, das Tier zum Stehen zu bringen, was aber nur zur Folge hatte, dass es ihn abwarf, wobei er ans das Knie fiel, so dass seine Galahose dort ein mächtiges Loch bekam. Ter Tschako slog weithin. In diesem Moment fuhr die Tnrchlaucht vor der Front vorbei. Sie soll sich halb tot getacht haben über de» ergözlichcn Anblick dcS seitab mit der zerrissenen Hose sich am Boden wälzenden Kommandanten, ivährend die Bürgersoldaten in ihrer Bestürzung daS Präsentiren vergasse». Herr Haberlci» aber wanktc nach Hause, wo seine ehrsame Ehefrau bei jeinem Anblick die Hände über dem Kopf zusammenschlug. Er lies; sich viele Wochen lang nicht ausserhalb seiner vier Pfähle sehen und legte seine Würde nieder. Er hat in seinem Lebe» nie wieder nach militärischem Ruhm Sehnsucht gehabt. Ter Schimmel hat'S freilich am schwersten büssen müssen. Er endete sein frevelvolleS Dasein unter den Händen des Schinders. A. T. Kri'usa.(Seite 549.) Warum bin ich vergänglich, o Zeus? so fragte die Schönheit. Macht' ich doch, sagte der Gott, nur das Vergängliche schön. Und die Liebe, die Blumen, der Tan und die Jugend vernahmen?; Alle ginge» sie weg, weinend, von Jupiters Tron. Ja, auch die Liebe, obgleich sie auf ewig geschworen wird, und eS gehört zu den tiestragischcn Seiten des Menschcndascins, wenn bei zwei Menschen, die einst in heisscr Liebe sür einander geglüht und einen Bund fürs ganze Leben geschlossen haben, die schöne Klamme allmklich schwächer und schwächer flackert und endlich ganz verlischt. Noch tra- gischcr ist eS, ivenn auf der einen Seite die Glut des Herzens noch heiss und innig lodert, während der andere Teil von einem andern Magneten ungezogen wird. Unter den vielen modernen Dichtern, die es unter- noiiimcn haben, einen solche» Konflikt poetisch zu beleuchten, steht Goethe obenan, der in seinen von beschränkten Pharisäern und After- Moralisten als unmoralisch verdächtigten„Wahlverwandtschasten" dieses erotische Problem in genialster Weise behandelt hat. Aber auch bei oen Alten, bei welchen die Polygamie zulässig war, begegnet uns dieser Konflikt häusig in Sage und Dichtung. So in der Sage von �ason und Medea, welche durch GrillparzerS klassische Trilogic„das goldne Bliess" mohl vielen unter unfein Lesern aus dem Tcater bekannt ist. Medea, die titanenhafte Kolchcrin, war in heisser Liebe sür den Argo» nautensührer Jason entbrannt, der mit seinen Gefährten nach Kolchis »'schifft war. um das ersehnte goldne Bliess zu erobern. Sie hals ihin J?" ihren Zauberkünsten das glorreiche Unternehmen glücklich zu voll .uhreu. Jason mnsste rncrit rwei flanlinenatmende stiere an eine nie die Beiträge zur Länder- und Völkerkunde. U"b T-*a tJV?e H�erge für Wanderer. Arme und Kranke. Wo eine Bruderschaft wie die der Senussia herrscht, ist die Umständen verkörpert sie in sich ��idea�n��cbungen desmoham" Ä tlW? ÄKnÄÄ»8® SSfÄTS zum Rang von Universitäten erhoben. Es gibt welche im südlichen Algerien, welche ihre Schuler von Marokko bis Egypten beziehen Die weitaus meisten sind jedoch Eleincnlarschnlcn. in denen die Kinder der Wohlhabenden für eine Vorauszahlung von 80 Reichsmark den ganzen hier üblichen llnterricht erhalten, welcher im Lesen lind Ausivendiq- lernen bestimmter Teile des Korans und einiger Gebete besteht. Ausser dem Unterricht erhalten die Kinder Wohnung, Kleidung und Nahrung für die ganze Zeit ihres Aufenthaltes. Die Kinder der Armen bekommen dieses alles umsonst. Die Pilger und Bettler werden in jeder Sauia drei Tage unterhalten. Selbst herrenlose Pferde und Maultiere werden ernährt, bis ihr Eigentümer sie reklamirt. DaS Haupt der Sauia ist in der Regel erblich, wo eS aber»otwendig wird, diese Regel zu durch brechen, wird von der Gcsammtheit der Taleb(Tolba) ein neues Haupt gewählt, welches nach wohlbestandener, einjähriger Probezeit erblich wird. Unter der Decke der türkischen Herrschaft bereitet sich in der ara- bischen Bevölkerung Nordafrikas seit zwei Jahrzehnten eine mächtige Bewegung vor, deren Ziel die religiöse Reform und durch diese zugleich die soziale ist.?!ach dem Bilde früherer Sekten oder Vrüderschaften bildete sich in der Kyrenaika zu Dschcbel Lakhedar unter der Anleitung eines aus Oran stammende», durch seinen Mut und seine Tugenden ausgezeichneten Taleb die Brüderschaft der Senussia. Der Name des Taleb ivar Si-Mohamed-Ben-Ali-Essen»ssi und er war damals das Haupt der Santa El Beida zu Dschebel Lakhedar; schon in den fünf zigcr Jahren war der Ruf seiner Heiligkeit weit über die Grenzen dieses Klosters hinauSgedrungen und der einfache Priester war in den lezten Jahren vor seinem Tode, der 1859 erfolgte, eine der Mächte der islamitischen Welt. Die Kyrenaika tvurde durch ihn gleichsam ein Staat im Staate, und zwar ein teokratisch regierter, und es fehlte wenig, dass die Marmarika und Tripolitancn ihm mehr gehorchten, als den türkischen Beamten. Seine Macht war noch gewachsen, als er kurz vor seinem Tode seine Residenz weiter in die Wüste hinein verlegt hatte. Mochte er an den Spruch denken:„Major e longingno re- verentia", oder mochte er sich besser geschüzt fühlen in größerer Entfernung von der Küste, oder sah er endlich die ivundcrbar rasche Aus brcitung seiner Anhänger in den Oasen und in Wadai voraus: er ivanderte südlvärts nach der Oase Dschcrbub, welche zivci Tagereisen von der Ammonsoasc gelegen ist. Hier starb er 1859, und nachdem ein Taleb von Tuat, der ihm folgte, ermordet ivordeu war,>vurdc sein ältester Sohn El-Mehcdi zu seiner Nachfolge bernse», und dieser leitet noch heute die zum fcstgegliedcrten Orden gewordene Brüderschaft mit scster und kühner Hand. Vor seinem Tode hatte der Vater dem Sohne die Rolle eines Retters der islamitischen Welt in dem grossen Zu sammensturz prophezeit, welcher am Ende des ersten Jahrtausends der Hcdschra(November 1882) eintreten sollte. Bezeichnenderweise sollte der größte Akt in diesem Zusammensturz der Fall des Sultanats von Kon stantinopel sein. Mit noch grösserer Bestimmtheit sahen aber die Senussia dem Falle Egyptens entgegen und es ivar sehr falsch, wenn die europäischen Politiker in der Niederlage Arabis einen Schlag sahen, der dem Ansehen deS Islam in Nordafrika überhaupt beigebracht wor- den sei. Seitdem die egyptische Regierung den Handel unterbrochen hatte, den El-Mehedi mit den von seinen sudanesischen Freunden ihm als Tribut gezahlten Negersklaven nach Egypten trieb, war ein heiliger Zorn über den Gottesmann gekommen und er sprach mit de» Worten eineS berühmten Propheten von Mostaganem: Die Türken und Christen gehören in dieselbe Klasse, ich werde den einen wie den anderen die Köpfe abschneiden. Klüger als andere Sektenführer hat El-Mehedi es bis heute ver- mieden,»»mittelbar in die Politik einzugreifen. Das Beispiel des Schelk Rhuma, der an demselben Dschebel Lakhedar die Fahne der Empörung gegen die Türkenhcrrschast aufgepslanzt hatte, hat Vater und Sohn gewarnt. Die Senussia begnügten sich damit, die geistliche Macht ihreS Ordens auszubreite», welche schon heute über gewaltige Machtmittel gebietet. Sie gründeten ihre Klöster, suchten die Schulen in ihre Hände zu bekommen und sammelten Schäze. In diesen geld armen Ländern sind die Senussia schon heute nicht nur eine geistliche, sondern auch eine gewaltige Geldmacht. Sie haben es zunächst nicht nötig, eine politische Macht zu schäffen; denn sie ziehen aus der Kyre- naikn mehr Steuern als die Türken, haben die Oasen der lybischcn Wüste von Kufra und Fessan in der Hand und sind die zweite Macht, WWUMMW> UMWZMM sügunq stehen, so spielt doch die berühmte Sauia von Dscherbub immer» hin eine grosse politische Rolle in allen Unruhen, welche die islamitische Bevölkerung Rordasrikas oder des Sudan ausregen. Gabriel Channcs � vns|(IL>IU1U)C ikRlctllCVI'»" o~—- dinm o. mu6,e zuerst zwei flanlinenatmende Stiere an eine aehfl;-, e Dsiugschar spannen und damit vier Mvrgen eines noch nie fleubi!." A�eS aufreiben. Hierauf musste er Drachcnzähne in die surrfn»" säen und die geharnischten Männer, die aus der lig,. 5?ren saat emponvuchsen, töte». Endlich war noch der fürchter- Pij.s�ch'» zu töten, der daS in einem Hain ausgehängte goldne Veivachto. Siegreich kehrte der Held mit den Genossen und der Nack,"""'welche den königlichen Palast ihres Vaters heimlich verließ, weit. � Heimat zurück. Dort vollführte Medea ein neues Wunder- ilstfa ßi kif Gewalt der magischen Kräfte. Sie verjüngte den Vater 'ine» o t"fn' �fn Speisen Aeson, indem sie nuS verborgeneu Kräutern ihn, Lebenssaft braute, der alle Adern dcS Greises durchströmte und »bkr>>ugendkrast und Jugendsrische einflößte. Nach zehn Jahren der Ä�vN der Medea überdrüssig und stand im Begriff, sich mit sich Tochter KreonS, Kreusa, zu vermählen. Medea stellte und duldend; sie schickte selbst der Braut ein Hochzeitkleid. (ingp,"..zuuber- und kränterkundige Kolcherin hatte das Geivand mit fühlte 8 g'tränkt, und kaum hatte Kräusa es angelegt, so Mal» J,'*. Flammen ihr Innerstes verzehren und starb einen '—'------- 03 1 fS»— t1t 1 1 »„x-•-«"in imo leiner«erzweuiung»vri 'hm den Rest seines Lebens verbitterte 556 sagt wohl nicht zuviel, wenn er sie in seinen Briesen über Tunesien als„den Mittelpunkt ungeheurer, gegen Frankreich gerichteter Ver- schwörungen" bezeichnet. In der Gründung reichausgestatteter Saulas in Ghat und Tuat, also an der Südgrcnze Algeriens, hat man wohl nicht mit Unrecht einen Versuch der Umfassung von Süden her gesehen. — Das; die Senussia auch bei allem Fanatismus nicht der ersten Bedingung politischer Wirksamkeit, der Anpassungsfähigkeit, entbehren, scheint die Tatsache, zu lehren, daß sie durch einen ihrer Agenten, den Marabut Daffer, selbst beim Sultan in einflußreicher Weise vertreten sind.(Ausland, Nr. 25, 1884.) Zur Frage, ob die blonde Rasse eine ursprüngliche oder ob sie aus der dunkeln hervorgegangen sei, vorzüglich durch klimatische» Ein- sluß und durch Vererbung, hat in neuester Zeit Teodor Pösche(im Archiv für Antropologie, 14. Bd.) einen interessanten Beitrag geliefert. Nach ihm wäre die Blondheit ein patologischer, d. i. ein Krank- heitszustand oder zum mindesten aus einem patologischen Zustand her- vorgegangen. Pösche meint, die schon Anfangs der 20er Jahre dieses Jahrhunderts aufgetretene Hypotese, daß Blondheit und Albinis- mus nur verschiedene Grade derselben ursprünglich krankhasten Er- scheinung seien, nämlich des Mangels an dunklem Farbstoff(Pigment) in der Haut, in den Haaren und in den Augen, und daß beide ver- erbbar seien. Eine Blutkrankheit, welche hauptsächlich in sumpfigen Gegenden entstände, soll die Hauptursache des Blondwcrdens sein.— Den osteuropäischen Sümpfen zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, wo die Skythen, Budinen, Thraker, Goten herstammen, habe der Albinismus seine Entstehung zu danken. Mit Hilfe jener Sumpf- krankhcit seien„aus den Slaven, wie aus einer Mutterlauge, die hellen arischen Nationen herauskristallisirt". Zum Tröste für die Blonden der Gegenwart bemerkt Pösche schließlich, daß sie keineswegs mehr eigentliche Blonde, sondern nur Mischlinge der alten wirklichen Blonden mit Angehörigen der gesund gebliebenen dunklen Rasse, also doch auch aus dem Wege der Besserung seien. Jagd und Fischerei. Lderkrebse. Die berühmten Lderkrcbse waren vor einige» Jahren, wahrscheinlich infolge der Verunreinigung des Stromes durch die Ab- wäffer von Fabriken, ausgestorben. Nun wird aus Schwedt a. d. O. mitgeteilt, daß die verschiedenen im Lauf des verflossenen Jahrs ein- getroffenen Berichte über den Zustand des Krebsbrut, welche in mehreren Posten von zusammen 1600 Schock im Stromgebiet zwischen Gary und dem Papcnwasser eingesezt wurde, im allgemeinen zusriedenstellend lau- lelen. Jezt hat die Regierung Bericht darüber eingefordert, welcher ebensalls günstig ausgefallen ist. Es wird in demselben gleichzeitig um die Erlaubnis nachgesucht, ein Probcsischcn nach Krebsen vorzunehmen, um den Zustand der Krebse nach der Uebcrwintcrung zu prüfen. Falls das Ergebnis gut ausfällt, ist eine Vermehrung der Krebsbrut seitens der Regierung in Aussicht genommen. Für unsere Kausfrauen. Mandelseise selbst zu bereiten. 1. Man schabt>/, Kilo Seife(wenn man sie haben kann, selbst bereitete.Hausseife, die frei von Soda und Aezlauge ist, oder doch solche, die der Seisensiedcr alS solche bezeichnet) und trocknet sie. Diese Masse weicht man zwei bis drei Tage in etwas, nicht zu viel, Rosenwasser ein, tut 125 Gr. geschälte, zu ganz feinem Brei gestoßene süße Mandeln, 8 Gr. Weinsteinsalz und*/* Liter süße, vorher abgekochte Milch hinzu. Gut untereinander gerührt, sezt man die Masse in einen irdenen Tiegel über gelindes Kohlenfeuer, kocht und rührt sie so lange, bis sie sich ziehen läßt. In einem Schachteldeckcl bereitet man ein Tuch hübsch glatt, gießt die Seife hinein und läßt sie erkalten, wo man sie dann in Stücke schneidet. Soll sie wohlriechend werden, so gibt man vor dem Ausgießen elwaS wohlriechendes Lei dazu. 2. Gut ausgetrocknete Hausseise schabt man sein und löst sie im Verhältnis von Hz Kilo Seife mit Liter dicker süßer Sahne, welcher man 30 Gr. ganz fein geriebener bitterer Mandeln hinzugefügt, auf, verrühit sie recht gleichmäßig aus schwachem Feuer und schüttet sie dann in eine viereckige hölzerne Form, wozu man ein Zigarrenkästchen, in dessen Boden man einige Löcher bohrt, benuzen kann, welches man vorher mit einem feuchten Tuche belegt hat,. läßt sie so einige Tage stehen, stürzt sie und schneidet sie in zum Gebrauch passende Stücke. Diese Seife ist vorzüglich für die Haut und jedenfalls der gekauften bei weitem vorzuziehen. Kartoffeln lassen sich mehrere Jahre erhalten und zugleich am Keimen verhindern, ivenn man sie in einem Korbe in siedendes Wasser taucht, so daß alle damit in Berührung kommen, dann der Sonne oder einem starken Luftzuge aussezt und ans ein trocknes Lager bringt, wo sie öfter unigewendet werden. Früchte aller Art lassen sich vortrefflich konscrviren, wenn man sie ganz, von Baumwolle umgeben, in einem Behälter von Glas oder Blech hermetisch verschließt. Will man dieS Versahren auch bei Trauben anwenden, so läßt man sie so lange wie möglich am Stocke, entfernt, wenn man sie endlich abschneidet, alle gedrückten und angefaulte» Beeren mit einer Scheere und legt sie während einiger Tage in ein ungeheiztes Zimmer ehe man sie verpackt. Der Sommer. (Illustration S. 553.) Sommer schreilrl durch das land, iwebk der Erde Prachlgewand. Reifl am Halm die goldnen iRehreit, Järbl der Rebe sasl'grn Beeren. In den Wäldern, auf den Wiesen Tausend holde Vlümlein grutzen. Bvler Wohn blickt aus dem Born, Leben blauem Lillersporn. Ihrer Vlülen süßen Dusle Haucht die linde in die lüsle. Nn der Blumen Belchen nippen Bienen mit den Honiglipprn Und der bunt bemalten Schwinge Freuen sich die Schmetterlinge. Bind verläßt das dumpfe Haus, Schweist in's würz'ge Feld hinaus; Streift durch die beblüntirn Zlue», Sommers Wunder anzuschauen. Blüten, Gräser, Blakt und Woos Rafft es in den kleinen Schoß. Knabe will den Falter haschen Und von Bbst und Beeren naschen. Jener aus den grünen Wallen lenkt den Schrill in Waldes Schallen, Dieser kühlt das heiße Blut In des Stromes klarer Flut. Sommerszeit, schone Zeil, Wirkt der Erde Wunderkleid. Lt. 6 h a r a d e. Mein ErsteS kommt auS riesigem Topf, Doch nicht, wenn es vom Aether und Vom Meeresspiegel dir entgegen strahlt. Aus'S Zweite kommen möcht' ein jeder Tropf, Treibt cr'S im Leben noch so bunt.. ja, lind hält' selbst gnrmchlS er gewirkt,— womit ma> 4 Des DaseinS Schuld,— auch nicht solch Zweites. Mein Ganzes, ach, ist nicht so leicht gemalt: Ein Weib, von Weibesanmut ein befreites,. An Lieb' und Lust verarmt daS Herz und voll der> Von abgeslandncm litcrar'schcn Schund). Ter Freude Feind, zumeist aus keinem andern Gru> Als weil's ein Weib,— doch kein gefreites. Inhalt: Tie Alten und die Neuen. Roman von M. KautSky.(Forts.)— Ter Mark Brandenburg MhereObeifläß 9 Dr. A. BcrghanS.— Unser Bauwesen und seine Resorm. Von Karl Frohme.(Schluß.)— Leopold Schescr. Zu deyen. �(.„uiiig � Geburtstag. Von I. Stern.— Tie Mitternachtssonne von Aavasaksa in Finnland. Von Gartenbaudirckior O. Hüllig.— A.(Zckart- Zuckerproduktion in Deutschland. Von Bruno Geiser.— Ein schnurrig Stück Menschenleben. Humoristische Erzählung uott\ zzMrku» � liniere Illustrationcn: Germanen aus der Bärenjagd.— Bor und nach der Parade.— Kröusa.— Beiträge zur Lander-«.�set. lieber das Institut der Eaura und die Brüderschaft der Senussia in Rordasrika.- Zur Frage, ob die blonde Rage eine uup erfsal. c>aad und Fischerei: Oderkrebse.— Für unlere Haussrauen: Mandelseise selbst zu bereiten(2 Rezepte).— Kartoffeln mehrere� PedakG'>' �'Wvürfc«»» nHor Ofvf il« fn«farV»;r