Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. 24.--- 1884. Erscheint alle 14 Tage in Heften& 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Postämter zu beziehen. Die Alten und die Ueuen. Roman von M. KcmtsKy. «s. Jortlejung. 25. Napitel. Die Griechen haben in ihrem schönen Mytos aus der Ver- kinignng von Amor und Psyche die Freude geboren� werden lassen. Wie dort so hatte sich auch hier mit der Verbindung Elsas »ud Arnolds das höchste Gesez, die wahre Einheit von Natur »»d Geist vollzogen, und eine gesunde Sinnlichkeit vereinte sich �i ihnen mit dem entzückenden Bewußtsein von dem Inhalt und *8ert des andern. Auch dieser Verbindung war die Freude entsprossen, die chnc» alles verschönte, die sie selbst verklärte. Ihr Blick, ihr "6. ihr Denke» und ihr Wort atmete Freude. So genossen sie in diesen Tagen, die sie zusammen hier verlebten, die wahre Realität des Seins und in ihren Herzen ä'ar eine solche Summe von Gluck aufgespeichert, daß sie ver- �»vcnderisch damit die Zukunft schmückten. Sie lachten der und all der Feindseligkeit, die sie umgab. . Was konnte ihnen geschehen, was konnte man ihnen an- habe»! Sie hatten ja sich und das allumfassende Prinzip, Leben Lieben war ihnen gesichert. . Sic fühlten sich gesund, stark und gerüstet,»in gemeinsam r" kcn Kampf des Lebens einzutreten. Man konnte sie trennen kueze Zeit, sie blieben geeint für immer. Sie sagten sich das nicht, aber sie wußten es. Der Streiter n Politiker war in Arnold in diesen Tagen nicht zn Wort J 0lll|"en, nur der leidenschaftlich Liebende, der künstlerisch . Abfindende, der, somit alle Wonnen sich noch erhöhende, be- 'gtc Mensch. Der vierte Tag ihres gemeinsamen Aufenthaltes 'gte sich zu Ende. (,. �'e waren in dieser Zeit fast immer auf dem Berg geblieben, �h�obeu am Sarstcin in köstlicher Einsamkeit. in waren lind und lau gewesen, die Sterne funkelten 'hrem hellsten Glänze, und die Tage waren wolkenlos schön. , �ii diesem reinen, sonnigen Aeter konnte die volle Brust � atme», sich ausströmen in lautem lachenden Jubel. Ihre �'gleit war ja viel zu groß, zu weit, zu lieblich, um sie in erschlossene Haus zu tragen und in vier Wände zu schließe». Hier oben konnten sie sich eins fühlen mit allem Lieben und Leben in der Natur; und sie grüßten die Gräser, deren zarte Halme im Winde sich gegeneinander neigten, nnd sie weideten sich an der herrlichen Alpenflora, deren Blumen weite Flächen bedeckten, nnd durch ihr Aroma nnd ihre Farbenpracht ein Heer von Schmetterlingen lockten. Und sie grüßten den Sonnenstrahl, der all die bunte Pracht vergoldete, nnd sie lächelten dem huschenden Wolkenschattcn zu, der ans Augenblicke das Licht ver- drängte, um es nur desto heller wieder aufleuchten zu lassen. Und mit den Vögeln sangen und jubilirten sie in die Lust hinaus, nnd scherzten und kosten wie diese. Des Abends, bald nach der Dämmerung, kanien sie dann gctvöhnlich gegen den See herab, nnd hier erwartete sie Eva, die Lebensmittel brachte und ihren Verkehr mit Georg und Gerta vermittelte. Gerta hatte geschrieben, daß sie am Donnerstag Abend von Wie» hier eintreffen werde. Eine ansehnliche Summe >var flüssig gemacht worden, nnd sie überbrachte das Geld und die Dokumente, deren Elsa bedurfte. Die jungen Gatten wollten»och an diesem Abend ihre Reise antreten. Sie tvollten in der Schweiz eine bürgerliche Ehe ein- gehen, welche vor dem Gesez alle Giltigkeit hat. Auch Valentin wurde erwartet. Gerta war beauftragt, ihm das versprochene kleine Kapital einzuhändigen; er sollte dann von seiner Eva Abschied nehmen für lange Zeit. Arnold und Elsa befanden sich jezt in der Villa; sie hatten ihre lczten Vorbereitungen für ihre Gebirgstour zu treffen. In deni großen Mittelzimmer waren die lang geschlossenen Fenster geöffnet worden, um der Luft und dem Licht wieder freien Zutritt zu gewähren. Gerta sollte mit der Familie Frieder hier ihren dauernden Aufenthalt nehmen; die Villa durfte wieder als bewohnt ange- sehen werden. Der Abreise so nahe und durch ihr Glück in übermütige Verwegenheit versezt, war Elsa einmal ans den Balkon hinausgetreten, um nachzusehen, ob das Boot, das ihre gute alte Gerta bringen sollte, nicht schon nnterwegs sei. nnd dies war der Moment gewesen, wo der Arbeiter Woferl sie bemerkt hatte. Jezt war die Sonne ini Begriff, hinter den Bergen hinab- 558 zusinken; Frnu Gerta war noch nicht eingetroffen, aber sie konnte nicht länger zögern. Der Aufregung und Ungeduld Elsas gegen- über schien es indes, als zögerte sie schon zu lange. Elsa stand vor dem Spiegel, sie hielt ein weiches Filzkäppchen in der Hand, das sie in der Mädchenzeit getragen, und das sie nun hervor- gesucht, weil sie es für die Reise als passend erachtete. Arnold nahm es ihr scherzend aus der Hand und sezte es ihr auf, aber viel zu schief, wie sie lachend versicherte. „Weil du nicht einen Augenblick ruhig hälft," sagte er, indem er von rückwärts den blonden Kopf an seine Brust zog; er kannte nur das eine Mittel, unter dem dieser sich stille ver- hielt, und er wendete es an. Aber sie machte sich in nervöser Unruhe bald wieder von ihm los. „Ich kann es nicht erwarten, Arnold, bis wir den See, bis wir diese Berge hinter uns haben!" „Undankbare, waren wir nicht hier so glücklich?" Sie sah ihm still selig in die Augen. „Nehmen wir denn unser Glück nicht mit? Ach, ich werde subcl», sobald die Schweizer Berge in unseren Gesichtskreis treten; wären wir nur schon dort, Liebster, hätte ich dich nur schon in Sicherheit!" Er schüttelte den Kopf, scherzhaft verweisend.„So darf meine mutige Frau nicht sprechen." „O. ich bin auf alles gefaßt, Arno, und du wirst mich immer stark finden, glaube es mir." Sie sagte es innig, mit plözlichem Ernst. Seine Augen hafteten auf ihren Zügen, die ihr mutiger Ausdruck noch ver- schönte, mit einem Blick unendlicher Weichheit, unendlicher Zärt- lichkeit. Ahnte er, daß sein Weib dieses Mutes gar sehr bedürfen würde? Wie ein leiser Schmerz durchbebte es ihn, aber es ging vorüber; er gehörte wieder ganz der Gegenwart, der unmittel- baren, mit ihren Wonnen, mit ihrer das ganze Sein ihm er- füllenden Seligkeit. Und es war in ihm ein Schwelgen, ein Sichvcrsenken in Glück, ein Sichdaransättigen, das ihm jede Fiber durchdrang. In all ihrer Schöne und Geistigkeit ver- mochte er die Geliebte zu erfassen, und er hatte ihr wahres Wesen in seinen Augen, in seinen Händen, und er konnte die einen und die andern, so schien es, nicht mehr von sich lassen. Als sie sich jezt ivendete und nach einer Handtasche langte, die an einem Riemen hing, folgte er jeder ihrer Bewegungen und er legte jezt selbst den Riemen ihr über Schulter und Brust, mit aller Sorgfalt darauf achtend, daß er sie nicht drücke. Sie duldete es ein wenig verschämt, in keuscher Haltung. „Soll ich den Plaid über den Arm werfen?" fragte sie dann. „Bewahre, dergleichen hindert, das können wir nicht brauchen." „Wenn es aber des Nachts kühl wird?" „Kühl, in meinen Armen?" „Und wenn es regnet?" entgegnete sie in schelmischer Op- Position. „Daun will ich dich schon hüllen; du mußt die Arme frei behalten." „Warum?" „Weißt du es nicht?" Aber sie wußte es, und sie flog ihm an den Hals und um- schlang ihn niit beiden Armen. In die selige Stille, die nun folgte, drang von außen das Geräusch von Ruderschlägen. Beide fuhren in die Höhe. „Sie sind's, sie kommen!" Es war ein Ruf der Freude, der Befriedigung, und Elsa, voll rascher Lebendigkeit, sprang gegen den Balkon hinaus, um nachzusehen. In der Tat, ein Boot kani von Amsee herüber; es war dem Ufer schon ziemlich nahe. Sic erkannte Gerta und Eva und den kleinen Sepp, der das Ruder führte. „Willkonimcn, willkommen!" rief sie laut, und jubelnd winkte sie ihnen zu, mit beiden Armen. Auch die im Boot befind- lichcn grüßten gegen sie herauf. In demselben Augenblick näherten sich, von der anderen Seite des Sees kommend, eine Anzahl Kähne. Sie hatten sich dicht am Ufer gehalten, die Einbuchtung verbarg sie noch, aber der mehrfache Schlag ihrer Ruder wurde vernehmbar. Elsa hörte es nicht. Ganz Eilfertigkeit, ganz Freude, war sie in das Gemach zurückgetreten und rief nun Arnold zu, sich zu beeilen. „Komm," rief sie,„komm, laß uns keinen Augenblick mehr zögern, wir fahren gleich hinüber." Sie nahm ihn bei der Hand, sie riß ihn mit sich fort. Sic eilten über die Stiege und traten aus der Tür des Hauses. Sich an den Hände» haltend, liefen sie über den Wiesengrund dem Ufer entgegen. Ein wirres und wildes Durcheinanderrufe» mehrerer Männer- stimmen traf ihr Ohr. Uebcrrascht blieben sie stehen, fast ver- steinert, aber da sahen sie auch schon die Kähne heranschießcn, mit den darauf befindlichen Leuten, die jezt auch ihrerseits die beiden erblickt hatten. Sie brachen in ein lautes tobendes Halloh aus, in einen Ruf, so wild und bestialisch gleich dem, mit dem man den Fuchs aufstört, dem man nachsezt und der nun umstellt ist, und gleichsam herausgefordert wird zum Wider- stand, um so die Lust seiner Verfolger zu erhöhen und ihre gemeine Feigheit zu maskircn. Und all die Männer schrieen in lauten und zoniig rauhen Tönen durcheinander, kamen auch mit einander in Streit, weil sie alle gleichzeitig anlegen wollte», weil jeder der erste sein wollte, ans Land zu kommen. „Geh ins Haus zurück, Elsa," gebot Arnold, sein Weib mit zärtlicher Gewalt von sich drängend,„schließ dich dort ein; ich will erfahren, was diese Leute wollen, aber du hinderst mich in der Bewegung." Sie aber warf sich an seinen Hals. „Laß mich bei dir," flüsterte sie in bebender Bitte. Mehrere Bauern und Arbeiter mit roten erhizten Gesichter», mit Stocken bewaffnet, waren aus den Boten gesprungen, in drohender Hal tung stürzten sie herbei, aber da sprang mit einem Saz ihnen allen voran Pater Cölestin. Seine Augen starrten wild, sein Gesicht war wie im Wahn- sinn verzerrt. Er hatte das Schreckliche mit angesehen; das Weib, das er mit der glühendsten Sinnlichkeit liebte, in den Armen eines andern Mannes getroffen, die mit Gattcnzärtlichkeit schllzend sich um ihren Leib legten. Alle Qual, die ein Atenschenherz gvin'' mig anfällt, alle Martern der Seele brachte ihm dieser Anblick. Er bedeutete Vernichtung für sich selbst, Vernichtung auch siie diese anderen. Ein Schrei entringt sich seiner Brust, als wäre sein Hesi geborsten, dann wühlen die bleichen zitternden Hände die WolM hervor, die er dort geborgen hat. Die Männer kommen an ihm vorbei, in tobendem Ungestü»'' die Stöcke geschwungen stellen sie sich dem Einzelnen entgege"- der in Notwehr sich befindend, den Lauf einer Pistole ih»e» entgegen hält..., Aber Cölestin stößt die Andrängenden zurück, und>vwde ist er der erste, und Aug in Aug steht er jezt deni Gehaßt" gegenüber, und— ihr.... Da— ein donnerndes Rolle», ein Druck und Fall, cl1! Erschütterung, die sich momentan ihren Nerven mitteilt, elektrischem Stoß sie durchfährt und ihre Körper wirft. Vs dumpfes Getöse poltert nach, Grauen erweckend,»nbegreillw Ein Schrei entringt sich all diesen Kehlen, dann stehen' die leichenfahlen Gesichter dem See cntgegengewendet, wie ei gewurzelt, regungslos und jede Brust ermangelte des Atel'-- Hier war ein Schreckliches geschehen, ein Etwas, das ihrer Erfahrung nicht zusammenstimmt, das Echo war � klungen, man hörte nichts mehr. Aber eine schwarzgraue Stau ivolke schwebte einem dichten Schleier gleich über de».. herüber. Sie führte eineil eigentümlichen Geruch mit sich- 1 von zerriebenem Gestein.,(> „Der Berg— der Berg—" kam es jezt tonlos, 9� quetschten unartikulirten Lauten von den zitternden Lippc" Männer. Ihre Augen starren nach dem jenseitigen Uscr,'9 Arme breiten sich aus, als wollten ihre Sinne den Raum» brückend, hinüber reiche», um zu schauen, zu fühlen und helfend einzugreifen. „Das trifft die Lahn," hatte Arnold gerufen. „Die Lahn, die Lahn!" tönte es ihm nach und, als hätte das Wort ihre Glieder gelöst, liefen die Männer einander stoßend und drängend, regellos in wirrem Durcheinander dem Ufer zu. „Das ist beim Schiefcrbruch," stammelte Cölestin, dem die Pistole entsunken war, und der, wie aus einer Betäubung er- wachend, nun gleichfalls den Kähnen entgegenstürzte. „Gott erbarme sich ihrer!" betete laut der Pfarrer und Pater Franziskus, die beide noch in den Kähnen geblieben waren und nun flehend die Hände zum Himmel hoben. In dem Augenblick landete der Kahn, der von Amsee her- über gekommen war. Der Wind, der sich erhoben, hatte ihn daher getrieben, und Sepp hatte endlich die Kraft gefunden, ihn gegen die Landungsstelle zu lenken. Die Weiber saßen stumm und händeringend darin, jezt er- hoben sie sich wankend und leichenblaß bis in die Lippe». Alles streckte ihnen die Hände entgegen, auch Arnold, sei» Weib am Arme, kam herzu, um Gerta in Empfang zu nehme». „Helft, rettet!" rief Eva, die zuerst die Sprache wieder- gesunden,„der Berg— habt ihrS gesehen— abgestürzt— eine große, große Masse— gegen die Lahn— mein Vater!" Sie fiel halb ohnmächtig Elsa in die Arme. „Gegen die Lahn— verschüttet, verschüttet— die Armen — mein Gott, mein Gott!" So schrieen und jammerten in vcrzweiflungsvollen Tönen und händeringend alle durcheinander. „Wir müssen hinüber! rief Eölcstin jezt mit Mannesstimme. „Sosort," bestätigte Arnold, eben so kräftig,„und was Menschen vermögen, das soll geschehen." „Das soll geschehen, ja, ja, wir bringen ihnen Hilfe," riefen olle gleichzeitig, und die Männer sprangen in die Kähne, und voll Hast, in peinigend bebendem Mitgefühl suchten ihre zitternden Hände sie loszumachen, während andere die Ruder- stangen erfaßten. Keiner von ihnen, kein einziger gedachte mehr der Vera»- lassung, die sie hierhcrgeführt, und Elsa und Arnold erinnerten sich nicht mehr der Gefahr, in der sie soeben noch geschwebt hatten. Hinwcggetilgt war jeder persönliche Groll und jede Empfindung von Gehässigkeit vor diesem großen Unglück, das ihre Mitmenschen getroffen, vor diesem allgemeinen Leid, das ihr Mitgefühl bis auf den Grund des Herzens erregte. Ein Sinn und ein Gedanke beherrschte sie. ein Gefühl erregte ihre Nerven und zwang sie zu gemeinsamem Handeln. Hier offenbarte sich wieder der Urinstinkt der Menschheit, das natürliche Gesez, das als Bewußtsein der Gattung auftritt. Und dieses große soziale Gefühl der Zusammengehörigkeit aller, der Solidarität, trat auch hier, diesem allgemeine» Schmerz gegenüber, in sein erhaltendes, erhebendes und ewiges Recht. „Nur schnell, schnell; vorwärts, vorwärts!" erscholl es in ungeduldigstem Drängen rundum, in fiebernder Eilfertigkeit. ' Arnold hatte sein Weib an sich gedrückt, es geküßt und war dann niit den anderen gegangen. Es galt kein Besinnen, kein Bedenken.— Man hatte sich in den Kähnen verteilt; Arnold und Cölestin waren in dasselbe Fahrzeug gesprungen, und die Hände des jungen Priesters, die soeben noch in mörderischer Absicht sich Legen den erhoben, der ihm sein Glück für immer geraubt, bc- Legnctcn jezt den seinen beim Abstoßen des Kahns, ohne zurück- juschaudern. Die Frauen standrn am Ufer. „Nimm mich mit. Arnold." flehte Elsa mit gefalteten Hände». Auch Eva bat sie mitzunehmen. Man antwortete ihnen nicht, die Männer arbeiteten mit oller Kraft um vorwärts zu kommen und von den starken Armen getrieben schwammen die Boote in den See hinaus, dem Orte 'otgegen, dem sie Hilfe bringen wollten. Die alte Gerta hatte Eva, die in lautes Weinen ausbrach, beschwichtigend an sich gezogen und führte sie ins Haus, Sepp, der die Taschen und einen Handkoffer aufgeladen, folgte ihnen dahin. Elsa blieb unbeweglich am Ufer und sah den Booten nach, die immer kleiner erschienen und dem bedrohten Orte immer näher kamen. Ihr Herz war schwer zum Zerspringe», ihre Lippen zuckten und große heiße Tränen liefen die blassen Wangen i hinab. Warum hatte er sie nicht mitgenommen, wie hatte er sie nur von sich weisen können! Erscheint denn die Frau auch dem Manne, der sie liebt, als eine Ueberflüssige, wo es gilt mutig zu sein und tatbereit? Haben wir nicht auch Anne, zu helfen, zu retten und anderen beizustehen? Ist nicht in unserem Herzen ein Born von Liebe? Ihr dünkt, als erstünden ihr Riesenkräfte, als könne sie alles tun und wagen, sobald sie nur wieder an seiner Seite stünde, als gäbe es da für sie nicht Tod und Ver- derben. Aber hier in Untätigkeit und Qual verharren, in der furchtbaren, verzehrenden Angst um de» Geliebten—!— O, wenn sie es doch wüßten, die Männer, zu was sie uns ver- dämmen in ihrer zärtlichen Sorge um uns— es ist schlimmer als Tod, denn es ist verlängerte, sich fortspinnende Todesqual! Die Boote waren gelandet— sie ficht sie nicht mehr. Ihr Geliebter war dort, wo ihm in jedem Augenblick Verderben drohte— sie konnte nicht hier bleiben, es war unmöglich. Sic konnte nicht leben ohne ihn, sie ivollte es nicht. Aber sie hatten alle Fahrzeuge mitgenommen, auch das von Eva. Da erinnerte sie sich des Bootes, das sie vor vier Tagen hierher gebracht, es mußte sich noch in der Schiffshütte befinden. Sie eilte dahin, sie fand es und niachte es los. Sich keinen Augenblick besinnend, brachte sie es heraus, trieb es vorwärts, und niit kräftigen Ruderschlägcn den See schräg durchschiffend, nahm sie die Richtung der Lahn entgegen. Das Landen wurde ihr nicht leicht. Der gewöhnliche Landungsplaz war überfüllt mit Kähnen, sie mußte versuchen seitwärts anzulegen. Hier aber schoß der Waldbach mit rasender Gewalt zivischcn den engen Dämmen in den See hinaus. Durch die leztcn Regengüsse hoch angc- schwollen, kam sein Niveau fast dem des Dammes gleich, und in seinem tosend jähen Fall führte er Steine mit sich, die er vor sich her schlenderte und weit hinaus in den See. Der Wirbel, der hierdurch im Wasser erzeugt ward, drehte ihr das Schiff immer wieder herum. Ihrer Kaltblütigkeit und Geschicklichkeit gelang es endlich doch, dasselbe hinüber zu bringen, und sie landete links vom Waldbach. Sie lief den Strand hinauf und sah sich um. Nichts Un- gewöhnliches zeigte sich hier ihrem Blick. Hübsch und friedlich, wie immer, lag die kleine Ortschaft, eingebettet zwischen den hohen Wänden des Salz- und Platten- bergcs, der crstere von dem hohen Blassen noch überragt. Aber Elsas Augen wandten sich zagend dem Plattenberg zu, der ihr zur Linken sich erhob, und forschend suchte sie hier die Ab- bruchsstclle. Sie war im Schatten und nichts davon zu melken. Der Berg zeigte die gewöhnliche Form, und er sah so fest und unzerstörbar ans in seiner konipakten Masse und Gewaltigkeit. Die Sonne>var hinter dem Salzbcrg längst hinabgesunken, aber jezt leuchtete die Kuppe des Plattenbcrges und die ganze Kette der sich daran schließende» Bergesgipfcl plözlich auf in einem zarten Rot. Und immer höher und intensiver wurde das Glühen; ein überaus schöner und erhebender Anblick, ganz ge- eignet, Frieden und Beruhigung zu bringen in ein verstörtes Gemüt. Elsa atmete auf. Es konnte doch nur ein kleines Stück des Berges sich ab- abgelöst haben, das Abrutschungsgebiet war begrenzt, und wenn auch einige Hiittc» zerstört worden, Menschenleben waren viel. leicht nicht zu beklagen. Sie lief weiter ins Tal hinein. Aber da kamen ihr auch schon Weiber und Kinder entgegen; sie rannten hierhin und dorthin, planlos und ohne Besinnung wie es schien. Händeringend kam hier ein altes Mütterchen ans dem Hanse, und nachdem sie nach dem Berge gesehen, lief sie in eine andere Hätte wieder hinein. Je weiter Elsa kam, um so deutlicher zeigte sich ihr die allgemeine Bestürzung und Verwirrung. Schreiend riefen die Leute einander Befehle zu, erteilten Aufträge und Warnungen, die nicht gehört wurden, dazu die heulenden Kinder und blökenden Heerde», die, ebenfalls erschreckt, sich nicht zusammen- halten ließen und dem See entgcgenjagtcn. Mütter seztcn ihre Kleinen auf den Boden und stürzten Aus dem Leden Etnographische Skizze Wir leben in einer Zeit, die es sich angelegen sein läßt, das Nahe mit dem Entfernten zu verbinden und das Unbe- kannte bekannt zu machen. Was uns früher fern lag, ist uns heute nahe gerückt, was man nicht kennt, sucht man mit größter Ausdauer zu erforschen. Schon ist es dahin gekommen, daß eine Reise um die Welt, die früher als ein bewundernswertes, großartiges Unternehmen galt, heute als Vergnügungstour bc- trachtet wird und von jedem, der den Drang dazu sähst und die nötigen Mittel bcsizt, unternommen werden kann. Afrika, Asien und Amerika erreicht man in wenigen Tagen und auch die ferner liegenden Punkte unserer Erde werden uns durch die großartigen Fortschritte, die der Menschengeist Tag für Tag, ja Stunde für Stunde aller Orten macht, immer näher gerückt. Eine große Schaar wackerer Männer hat sich die Aufgabe ge- stellt, die uns noch fremden Länder zu erforschen und schickt von allen Seiten ihre einzelnen Glieder hinein in die unbe- kannten Gegenden, unter unbekannte Völker. Jeder derselben sucht das Seinige zu dem Aufbau eines großen Gebäudes der Länder- und Völkerkunde beizutragen, und so mag es denn eines Tages kommen, daß wir mit Bewunderung vor dem vollendete» Riesenbau stehen. Auch die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Kunde, die uns über fremde Völker zusammengetragen ist— sie bietet nichts Vollständiges, aber sie bricht einige be- sonders der Beachtung werte Steine aus dem bis jezt zusammen- gefügten Bau heraus— oder mit anderen Worten: sie sammelt einige der interessantesten Tatsachen aus dem Leben fremder Völker und stellt sie dem Leser vor, so sein Interesse fesselnd und ihn zur weiteren Beobachtung des Aufbaues, zur Nach- forschung auf diesem Gebiete anregend. Ich will also etwas aus dem Völkerlcben erzählen und greife des Reizes halber in die entferntesten Gegenden, Gutes und Böses auf meiner Suche aufstöbenid, vor allem aber mit dem Geistesleben beginnend. Die Fähigkeiten der Neger und Indianer auf diesem Gebiete sind bekannt, freilich auch ihre Schwächen. Von den Arawaks in Südamerika erzählt Hillhouse: Wo ein Europäer überhaupt keine Spur entdecken kann, da vermag ein Indianer die Fuß- tritte einer beliebigen Zahl von Negern nachzuweisen und genau den Tag anzugeben, an dem sie vorüber gingen. Die auf den Philippinen lebenden Tagalen vermögen durch Beriechcu der Taschentücher zu erkennen, wem dieselben angehören. Verliebte tauschen daher beim Abschied Wäschestücke aus. um daran während der Dauer der Trennung den Geruch des geliebten Wesens einzuschlürfcn. Gering ist dagegen das Urteilsvermögen der Naturmenschen. Batcs schreibt z. B. über den brasilianische» Indianer:„Ich glaube, er denkt an nichts anderes als an Dinge, die unmittelbar seine täglichen Bedürfnisse betreffen." Ausnahmen trifft man freilich auch, aber diese sind unbedeutend und kommen fast nur bei den sogenannten zivilisirtcn Wilden vor. Was aber diese Zivilisation zumeist bedeutet, geht zur geniige aus dem folgenden Gespräch hervor, das der Engländer I. Smith mit dem. zivilisirtcn" Negerkönig Peppel fährte. Smith erzählte:„Ich nahm jede Gelegenheit wahr, mit ihm über Gott und Religion zu sprechen. Eines Tages sagte ich noch einmal zurück, ein Stück Bettzeug zu holen oder ein altes Möbel, das sie nur mühsam zu schleppen vermochten, und das sie nun nebst dem Kinde sich aufzuladen versuchten. „Laßt das Zeug zurück," rief ihnen Elsa zu,„flächtet niit den Kindern, bringt sie zuerst in Sicherheit, sie taugen hier nichts." Sic selbst lief immer vorwärts, und als sie jezt hinter einer Gruppe von Häuschen und Gebüschen hervortrat, hatte sie den freien Ausblick in das Tal und vermochte das Absturzgebict vollständig zu übersehe». tS°rl,cim.g folg« fremder Völker. von Gn>«rd"gfetuf. auch zum Häuptling: Was habt Ihr getan, König Peppel? —.Dasselbe wie Ihr; ich danke Gott.'— Für was?—.Für alles Gute, das Gott mir sendet.'— Habt Ihr Gott schon gesehen?—.Schi! Nein! Ein Mensch, der Gott sieht, muß sogleich sterben.'— Werdet Ihr Gott sehen, wenn Ihr sterbt, König Peppel?—.Das weiß ich nicht. Wie kann ich das wissen? Denke gar nicht daran und will auch über diesen Gegen- stand gar nichts mehr hören.'— Weshalb denn nicht?—.Das geht Euch nichts an, und Ihr habt auch nicht darnach zu frage», denn Ihr seid hierher gekommen, um Handel zu treiben.' Peppel' wird jezt immer aufgeregter, denn Smith hat vom Tode ge- sprochen und das ist seine schwache Seite. Endlich gcbcrdete er sich heftig, sein Antliz zeugte von ivildem Grimm, und er fuhr dann mit den Worten heraus:.Wenn ich Gott hier hätte, so würde ich ihn ans der Stelle totschlagen.'— Ihr möchtet Gott totschlagen, König Peppel? Ihr schwazt wie ein Verrückter, Ihr könnt Gott nicht totschlagen. Aber angenommen, Ihr könntet ihn umbringen, dann würde ja alles gleich aufhören, denn er ist ja der Geist, welcher das Weltall zusammenhält. Er kann aber Euch töten.—.Ich weiß, daß ich ihn nicht totschlagen kann, aber wenn ich ihn totschlagen könnte, so würde ich das tun.'— Wo lebt Gott?—.Dort oben'(er zeigt auf den Himmel).— Aber weshalb möchtet Ihr ihn denn totschlagen? —.Weil er die Menschen sterben läßt.'— Aber, mein guter Freund, Ihr möchtet doch nicht ewig leben?— ,Ja, ich möchte inimcr lebe».'— Aber nach und nach werdet Ihr alt und schwach, wie jener Mann dort.(In der Nähe stand ein blinder, abgcniagerter Mensch.) Ihr werdet lahm und taub werbe» wie dieser, und blind obendrein, und habt kein Vergnügen mehr auf der Welt. Wäre es nicht besser, Ihr stürbet vorher und machtet Eurem Sohn Plaz, wie Euer Vater Euch Plaz gemacht hat? —.Nein, das will ich nicht, ich will bleiben, wie ich bin!'— Aber bedenkt doch; wenn Ihr nun nach dem Tode an eine» Ort kämet, wo es schön und herrlich ist und— König Peppel fiel mir ins Wort:.Davon weiß ich nichts, das kenne ich nicht; ich weiß, daß ich jezt lebe, ich habe sehr viele Frauen, viele Nigger(Sklaven) und Kähne; ich bin König und viele Schiste kommen in mein Land. Weiter weiß ich nichts; aber am Lebe» bleiben will ich.'"— So, das war König Pcppcls Antwort und weiter wollte er nichts mehr hören. Die meisten Natur« menschen vcrnwgen gar nicht einmal eine so lange, noch dazu Denkanstrengung fordernde Unterhaltung zu fähren. Sie werde», wenn man sie auszufragen sucht, bald ungeduldig, klagen über Kopfschmerzen und zeigen völlige Unfähigkeit, gründlich»ach« zudenken. Interessant ist es auch, was uns der englische An- tropologe Galton über die Damara-Neger mitteilt.„Sie such in großer Verlegenheit, sobald sie(beim Zählen) über sü»! kommen, weil ihnen keine andere Hand übrig bleibt, um dw Finger zu erfassen und festzuhalten, die zum Zählen der Einer nötig sind. Trvzdcm verlieren sie selten einen ihrer Ochst»- es ist aber nicht die Verminderung der Zahl ihrer Heerde, wodurch sie den Verlust eines Stückes entdecken, sondern d>e Abwesenheit eines ihnen bekannten Gesichts. Wenn man"" 562 ihnen handelt, so niuß für jedes Schaf besonders bezahlt werden. Nehmen wir z. B. an, zwei Tabaksrvllcn seien der Tauschwert für ein Schaf, so winde es einen Damara jämmerlich vcr- wirren, wenn man ihm zwei Schafe nehmen und ihm dafür vier Rollen geben würde." Ei» Lorsall, der vor nicht langer Zeit passirtc, und für die Denk- und Handlungsweise der Natur- menschen karaktcristisch ist, soll hier plaz finden. Ein nach Süd- asrika ansgelvnndertcr deutscher Arzt hatte seine alten Ulanen- nniformcn mit hinübcrgcnvmmen, um sie zur Bekleidung seiner Diener zn verwenden. Ein schwarzer Barolong, der als Kutscher in den Dienst jenes Arztes getreten war, erhielt eine prächtige Ulanka als Galauniform, die ihm nicht wenig Freude bereitete. Plözlich verschwindet der brave Barolong' mit seiner Uniform, aber ohne Mitnahme seines restirendcn Lohnes von ettva achtzig Mark. Tie Sache schien unerklärlich, bis endlich ein aus dem Innern koinmender Händler Licht hineinbrachte. Der Barolong hatte eines Tages von seinem Herrn einige Ohrfeigen hinnehmen müssen und die Drohung, daß er bei weiteren schlechten Streichen aus dem Dienst entlassen werden würde. Aus Furcht, daß die Drohung sich bewahrheiten und sein Herr ihm dann die schöne Uniform abnehmen möchte, war er lieber gleich so durchgegangen, freilich zn seinem Unglück, denn als er in voller Pracht in sein Hcimatsdorf einzog, teilte man allgemein seinen Geschmack und der Häuptling bat sich sogar die Ulanka zum Geschenk aus, >oas ihm natürlich nicht gewährt wurde. Da wußte sich denn oer Herrscher jenes Stammes in seinem Trachten nach dem bunten Rock nicht anders zu helfen als dadurch, daß er den Ausreißer totschlug und ihm so den umworbenen Gegenstand mit Gewalt abnahm. Außerordentlich mächtig ist bei den Natur- menschen das Freiheitsgefühl vorhanden. Peschel gibt in seiner Völkerkunde it. a. darüber folgendes Beispiel: „Ein junger Botokudcnknabe wurde von einer brasilianischen Familie in Bahia erzogen; er besuchte die Gymnasien, die Uni- vcrsität, erwarb sich das Doktordiplom und praktizirte eine zeit- lang als Arzt in Bahia. Eines Tages verschwand er, und nach Jahren erhielten seine Pflegeeltern die sichere Kunde, daß er Kleider und Erziehung abgestreift habe und nackt mit seiner Horde in den Wäldern umherstreife." Wir sehen also, daß der Frciheitstrieb allen Völkern, selbst den am tiefsten stehenden, innewohnt und nur wenige machen eine Ausnahme, unter ihnen die schon erwähnten Damaras, welche die Sklaverei vorziehen. Ein den meisten Wilden anhaftendes Merkmal ist ihre Trägheit. Ein Fulbelönig, dem der Franzose Lambert Vorwürfe wegen Zögerns in der Ausführung seiner Versprechens machte, sagte darauf:„Ich schäme mich, daß ich dich so lange zurückgehalten habe und weiß wohl, daß Euer Gouverneur gegen meine Unter- tauen ganz anders verfahren würde. Aber wir gehen nun ein- mal ganz anders zu Werke; bei uns geschieht alles langsam." Derselbe Forscher erzählt uns auch ein Histörchen von der Naivität der Schwarzen, das höchst ergözlich ist. Er war näm- lich während seiner Krankheit von der jüngsten Frau des Herr- schcrs, den er besucht hatte, gepflegt worden und frug nun, ob er ihr irgendwie danken könnte, worauf ihm dieselbe er- widerte, daß ihr, der Frau eines Herrschers, der über ein paar Millionen Seelen gebietet, nichts so angenehm sein würde, als — ein Paar Schuhe. Zufällig hatte Lambert den Gegen- stand ihres Wunsches und übersandte ihr solchen, aber siehe da, das Geschenk hatte weitere Folgen, denn die drei anderen Frauen des Alniamy wollten ebenfalls dergleichen schöne Fuß- bcklcidnng haben und intrignirten so lange, bis ihnen unser Gewährsmann ganz ernsthaft Maß nahm und versprach, die Schuhe zuhause anfertigen zu lassen. Ja selbst der Herrscher fing sich in Fallstricken und gab Lambert zu verstehen, wie sehr ihm blanke Lederstiefel gefielen. Was das Essen der wilden Menschen angeht, so finden wir da alles Mögliche und Unmögliche. Man ißt in China als Delikateste Froschlaich. Vogelnester und faule Eier, in Grönland Sechundflcisch, Rennticrfleisch und Walfischschwanz, alles ver- fault. Die Araber genießen mit Vorliebe Fett und viele unter ihnen schlürfen jeden Morgen vor dem Frühstück einen Napf voll geschmolzener Butter durch Biund und Nase ein. In Asrika ißt man allerlei Fleisch, so das von Schlangen, Eidechsen, Wür- mcrn und schließlich auch Menschen, ja sogar auch Erde. Viele suchen sich das Ungeziefer aus den Haaren und verzehren es als Leckerbissen. An vielen Orten Afrikas fehlt es freilich oft am Allernötigsten, z. B. am Salz, das als Leckerei betrachtet wird. Will man sagen, daß jemand vermögend sei, so sagt man:„Er ißt Salz zur Mahlzeit." Auch der Kleidung und des Schmuckes soll hier Erwähnung getan werden. Zwar ist erstcre oft recht mangelhaft und laufen viele ganz nackt, ja selbst in dem Europa so nahe gelegenen Nordafrika, z. B. in Egypten, tragen die Erwachsenen selten mehr als ein langes Hemd, während die Kinder oft ganz nackt hcrumlanfen, dennoch soll auch die geringe Deckung oder Schmückung. deren sich die Naturmenschen für ihren Körper bc- dienen, inbetracht gezogen werden. Die primitivste Kleidung ist der aus Blättern, Federn und Fellen gebildete Lcndcnschurz der Afrikaner, ebenso der bei den meisten Naturmenschen vorhandene Kopfpuz aus Federn. Ein Fortschritt ans dem Bckleidnngs- gebiete ist dann das Tragen des Felles irgend eines erlegten Tieres und schließlich das Tragen von Beinkleidern, welche Sitte sich von Europa aus auch nach Nordafrika und Asien verbreitet hat. Jnbezug auf Verschönerung ihres Körpers haben die Wilden höchst sonderbare Ansichten. Die einen halten das gräß- liche Beschmieren des Gesichtes für schön, die anderen das Spiz- schlagen der vorderen Zähne— was obendrein den Vorteil gewährt, daß man seinem Gegner beim Ringen bester in den Arm beißen kann— und wieder andere begnügen sich mit einem roten Klecks auf der Nasenspize, diesen als die vortresslichstc Verzierung betrachtend. Viele sind grausamer und durchbohren sich Nase, Lippen und Ohren, um verschiedene Zicrratcn, so Stäbe und Platte» hineinzubringen. Von den Bewohnern der Marshallinseln erzählt Chamisto, daß sie sich das Ohrläppchen über den Kopf zu ziehen vermochten, eine Folge des von sriih auf getragenen schweren Behanges. Daß die Ohrläppchen ans die Schulter herabhängen, findet man bei vielen Naturvölkern. Ans den Philippinen hat man sie derart durchbohrt und gc zogen, daß ein Arm hindurchgestcckt werden kann. Viele niiß- handeln ihre Nase durch Verlängern und Schmaldrücken derselben, andere drücken sie platt, da sie eine lange Nase als entstellend ansehen. In Asrika ist bei den Weibern das Durch- bohren der Lippen sehr im Gange. Von frühester Jugend an erweitert man die Lippen, bis man talergroße Platten aus Kupfer, Horn u. dergl. hineinzuzwängen vennag und so entsteht ein Lippcnpaar, das einem Entenschnabel sehr ähnlich sieht, namentlich wenn die Frauen zu sprechen anfangen und so die schwer behängten Lippen zusammenklappen. Recht eigentümlich ist das Verhältnis zwischen Schwiegereltern und Schwiegcr- lindern, die bei Ziaturvölkcrn meist auf sehr gespanntem Fuße leben, also ungefähr wie bei uns. Bei etlichen Stämmen Süd- asrikas darf die Frau ihren Schwiegervater nicht ansehen oder seinen Namen aussprechen. Ebenso meidet auch der Mann seine Schwiegermutter. Vielfach sucht er fich einen anderen Wohnort, nur um seiner Schwiegermutter nicht in den Weg zn kommen. Auch in Amerika und Australien ist das Verhältnis ein ahn- lichcs. Aus Australien berichtet z. B. Stanbridge:»Die Schwiegermutter erlaubt unter keinen Umständen, daß ihr Schwiegersohn sie ansieht; ist er in der Nähe, so versteckt sie sich, und bei ihren Ausgängen macht sie große Umwege, wen" sie weiß, daß er ihr begegnen könnte; auch bedeckt sie sich sorg" sältig mit ihrem Mantel." Interessant ist die Art, in der nia» sich bei den Wilden begrüßt. Puchta erzählt von seiner Reise in Jnncrafrika, daß ihm ein Häuptling der Niambara ins Gesicht spie— und das galt als hohe Auszeichnung. In Hindcr- indicn hat man die kriechendste, phrasenhafteste Begrüßungsorb Da nennt man sich einem zu Begrüßenden gegenüber»da- Stäubchen auf der Fußsohle des heiligen Herrn der Barmherzigkeit,"„ich, das Härchen,"„ich, die kleine Bestie""" solch' Unsinn mehr. Manche Südsecinsnlaner legen bei der Bc" grüßnng eines Höhergestellten Schmuck und Kleidung ab. Wie 563 man auf den Tongainseln seine Ehrerbietung beweist, beschreibt Cook folgendermaßen: Kam ein Untertan, seine Huldigung dar- zubringen, so hielt der Häuptling seinen Fuß empor wie ein Pferd, und der Untertan berührte die Sohlen mit seinen Fingern, wodurch er sich gleichsam unter die Fußsohle seines Gebieters stellte. Jedermann schien das Recht zu haben, aus diese Art seine Ehrerbietung zu beweisen, und zwar, so oft es ihm gefiel. Das hatte zurfolge, daß die Häuptlinge förmlich müde wurden, ihre Füße zur Berührung empor zu halten, und schon beim bloßen Anblick eines loyalen Untertanen Reißaus nahmen." Ucbrigcns sind auch die Araber und Türken sehr höfliche und ehrerbietige Leute, denen eine große Zahl von Begrüßungs- formcln zur Verfügung steht. Ost hörte ich in egyptischen Bazars den Bewillkommungsgruß Salahm il Allah oder Na- hardac said(„Gott zum Gruß" oder„Gesegnet sei dein Tag") u. dergl. und beim Abschied des Käufers saräna el jiht(Deine Rückkehr ist erquickender Regen). Auch ich will jezt Abschied nehmen von den freundlichen Lesen, und werde mich freuen, wenn es darunter einige leichter belehrender Unterhaltung besonders Geneigte gibt, welche niein Wiedcrcrschcincn auch als„erquickenden Ziegen" betrachten möchten. Die Umgestaltung des Menschengeschlechts, insbesondere durch Krankheilsprozejse. Von K. Atebs in Zürich. tA»S:»Nord und Süd', iss«, Febrnarhrft.) Ter Reiz, welchen die Betrachtung der Naturvorgänge auf den denkenden Menschen ausübt und der in der neueren Zeit zu vielseitiger Teilnahme der Gebildeten auch außerhalb der Kreise der Naturforscher geführt hat, beruht natürlich auf sehr verschiedenen Gründe». Einmal hat man der höheren Geistes- und Gcmütsbildung einen wesentlichen Anteil an dieser hervor- stechenden Eigenschaft modernen Lebens zuschreiben wollen, allein es hat große Zeitperioden höchster geistiger Kultur gegeben, in denen der Mensch tcilnamlos denjenigen Naturerscheinungen gegenüberstand, welche jezt jedermann bewundert. So ist es ja bekannt, daß unsere Alpen bis auf die Zeit Albrecht von Hallers eher ein Gegenstand des Schreckens waren, während sie jezt der Wallfahrtsort aller mit Glücksgütcrn Gesegneten und die stille Sehnsucht Derer sind, welche das Schicksal in dieser Beziehung weniger begünstigte. Wir wollen hier nicht die verschiedenen Motive darlege», welche diese sommerliche Völkerwanderung veranlassen; es sind ihrer so zahlreiche, wie Sand am Meer, n»d würden wir jeden einzelnen dieser Wanderer befragen und seine Absichten und Gründe mikroskopisch untersuchen können, so erschauten wir wohl eine verwirrende Fülle einzelner Motive. Eines aber dürfte bei den meisten derselben vorhanden und in mehr oder minderem Grade maßgebend sein, das gesteigerte Jntcrefie an den Natur- Vorgängen durch die tiefere Naturerkenntnis. Diese, eine Frucht der moderne» Naturforschuug. belebte die Natur und brachte sie unserem Verständnis näher, indem sie das Werden der Natur- dinge und den Zusammenhang der Natnrvorgängc klarlegte. Indem der sinnende Geist des Menschen allüberall den Spuren der wunderbarsten Ordnung und Gesezmäßigkeit in der Natur begegnet, erhebt und vertieft ihre durch die Wissenschaft ge- läuterte Betrachtung das Gemüt, glättet dem Bekümmerten die Stirn und senkt auch in verderbte und schuldbeladene Seelen einen Strahl des Trostes. So hat die moderne Naturforschuug für Tausende und Aber- tausende das Gleiche geleistet, was die Glaubenslehre, die Re- ligion, sich zur Aufgabe gesezt. Es ist eine völlig unwahre Behauptung, eine Erfindung übereifriger Glaubensstrciter. daß die Naturforschung eine Feindin der Religion sei; im Gegenteil sicherte sie die Grundlage der lezteren, indem sie das unnmstöß- liche, gesezliche Walten der Naturkräfte kennen lehrte, dem blinden Zufall jede Einwirkung auf Erscheinungen und Ereig- N'fse absprach und die UnVergänglichkeit jeder Leistung dartat. Mögen auch große Gebiete der Naturvorgänge unsere Ein- ficht noch gänzlich verschlossen, andere kaum erst in ihren eisten slnirissen zugänglich geworden sein, so liegt doch kein Grund zu drr Annahme vor. daß diese Gebiete anderen Gesezen unter- lvorfen seien, als den bekannten; im Gegenteil hat die Ver- Wendung bekannter Naturgeseze mächtige Hilfsmittel zur Auf- llärung unbekannter Vorgänge geliefert. Wir dürfen somit die wohlberechtigte Ueberzeugung hegen, daß jedes Naturding, indem den gleichen Gesezen linterworfen ist. ein erreichbares Objekt unserer Erkenntnis darstellt. Wir brauchen demnach nicht, auch den höchsten Problemen gegenüber, mit du Bois-Reymond ein demütiges„Tgnorabimus"(Wir werden nicht wissen) zu unterschreiben, sondern wir sind verpflichtet, die Metode der Naturforschung in dem ganzen Umfang des menschlichen Er- kenntnisvermögcns in Anwendung zu bringen. Wenn ich nun auch in dieser Besprechung keineswegs beab- sichtige, die höchsten und tiefsten Fragen, zu denen die Natur- forschung anregt, zu behandeln, so schien es mir doch notwendig, die Bedeutung und die Wirksamkeit der gebotenen Hilfsmittel darzutun, bevor wir ihre Anwendung in einem speziellen Falle versuchen. In keinem Zweige der Naturwissenschaften ist eine solche Erinnerung an die Gleichartigkeit der natürlichen Grundgeseze notwendiger als in der Patologie, der Lehre von den Krank- heiten. Aus dem praktischen Bedürfnisse erwachsen und lange Zeit demselben ausschließlich dienend, hat dieselbe erst spät sich auf den rein wissenschaftlichen Standpunkt erhoben, auf welchem nicht so sehr der unmittelbare Nuzen, als vielmehr die Auf- klärung einer Naturerscheinung das Endziel der Forschung bildet. Aus diesem Grunde sind auch die Folgezustände krankhafter Prozesse, ihre Beziehungen zu anderen Erscheinungen im Tier- und Pflanzenleben noch keinesivegs erschöpfend dargestellt worden, und soll hier der Versuch gemacht werden, die Wirkung der- selben nach einer Richtung zu beleuchten, welche bisher noch wenig Beachtung gefunden hat. Bevor auf diesen Gegenstand eingegangen wird, muß indes mit wenigen Worten das Wesen der Krankheitsprozesse erläutert werden, über welches vielfach unklare Vorstellungen bestehen. Daß dieselben nicht, wie man zuerst annahm, gleichsam per- sönliche Wesen darstellen, welche in dem normalen Organismus sich entwickeln und seinen Bestand bedrohen, ist selbstverständ- (ich; ebensowenig aber genügen zu ihrer Erklärung die Lebens- Vorgänge des Organismus selbst. Eine Abweichung von dem Normalen in dem Bau oder der Leistung eines Teiles kann bestehen, ohne daß wir damit den Begriff der Krankheit ver- binden; auch ein Blinder oder Lahmer kann sich der besten Ge- sundheit erfreuen. In diesen Fällen ist die Krankheit, wie wir sage», abge- laufen und hat bleibende Veränderimgen hinterlassen. Der Vorgang, welcher zu denselben führte, dagegen, die Krankheit. ist ein Kampf des lebenden Organismus mit äußeren Schäd- lichkeiteu. Da diese lezteren nun,>vie die Forschungen der neuesten Zeit ergeben haben, vorzugsweise, in den weitaus wichtigsten Fällen organisirter Natur sind, dem Pflanzen- oder Tierreich angehören, so sind die Krankheitsprozesse im wesent- liehen als Beispiel oder Einzelfälle jenes großen„Kampfes um das Dasein" aufzufassen, welchem wir die Zerstörung, aber auch die Weiterentwicklung aller lebendigen Wesen verdanken. Krankheit sezt sich demnach aus zwei verschiedenen Reihen von Erscheinungen zusammen, der krankheitserregenden Einwir- kling und den gegen dieselbe reagirenden Lebcnsvorgängen des Organismus; und zwar handelt es sich vorzugsweise um einen Kampf der Menschen mit den niedersten Organismen, die, an j der Grenze von Pflanzen- und Tierreich stehend, von Häckel als Protisten bezeichnet wurden. Es sind dies die Urformen aller höher organisirten Geschöpfe, die ersten, welche ans dem nnorganisirtcn Chaos hervorgegangen, sich allmälich zu den höchst-organisirten Geschöpfen entwickelt haben. Ihre Struktur entspricht dem Bau der tierischen Zellen, welche die höher or- ganisirten Geschöpfe zusammensezten, indem die Stäbchen und Kügelchcn, aus denen sie bestehen, die chemischen und morpho- logischen Eigenschaften der Zellkerne besizen, das körnige, oft kontraktile Plasma, in welchem jene gewöhnlich eingebettet sind, dem sog. Protoplasma der Zellsnbstanz entspricht. Während der erste Teil dieser Anschauung wenig Widerspruch finden wird, dürfte der lezte, welcher allerdings auch nach meiner Meinung nur für einen Teil dieser Organismen erwiesen ist(Mikrosporen sept.), als Hypotcse nur deshalb zulässig sein, um eine Uebcr- cinstimmung in der Struktur der Träger der Lcbcnscigenschasten in den verschiedenen Kreisen der Organismen wenigstens sym- bolisch anzudeuten. Es mag dahingestellt bleiben, ob diese An- nähme der morphologischen Einheit aller Zellen, zu welcher die Darwin'sche Lehre zwingt, in dieser oder einer anderen Form ihre endliche Begründcpig und Gestaltung finden wird. Während aber diese niederen Organismen, die sich durch Teilung vermehren und daher auch als Schizophyten(Spalt- Pilze) bezeichnet werden, Kolonien gleichwertiger Individuen bilden, bestehen die höheren Organismen aus Individuen man- nichfachstcr Form und Leistung, welche zur Erreichung eines höheren Zieles sich zusammengeordnet haben. In der Teilung der Arbeit beruht, ganz wie im Fabrikwesen, ihre höhere Leistungsfähigkeit, aber auch ihre Schwäche. Das vereinzelte Individuum, aus dem Zusammenhange mit seinen Ernährern und Schüzern gerissen, bcsizt nur eine sehr geringe Lebensfähigkeit und geht gewöhnlich bald unter, da es verlenit hat, alle jene urspriiuglichen und einfachsten Arbeiten zu verrichte», die zu seiner Erhaltung notwendig sind., In dem Kampf zwischen diesen zwei Mächte» würde der höher und zarter entwickelte Organismus unbedingt unterliegen, wenn er nicht innerhalb seiner scharf gezogenen und streng ab- geschlossenen Grenzen ein Medium entwickelte, welches dem Ge- deihen der Spaltpilze hinderlich wäre. Die mechanischen Ein- richtungen und chemischen Zersezungcn, welche als solche Schuz- Vorrichtungen gegen die weitverbreiteten und mit der Nahrung und Atmung in den Körper höherer Tiere eindringenden Spalt- pilze zu schildern, würde uns zu weit abführen von dem End- ziel unserer Betrachtung.— Nehmen wir sie als gegeben an, so erweist die Tatsache der Erkrankung mid des möglichen Unterliegens des höheren Organismus ihre relative Unzulänglichkeit. Was aber, werden wir nunmehr fragen, geschieht, wenn dieser Kampf siegreich bestanden wird, wenn der höhere Organis- mus die Angriffe der Protozoen übersteht? Geht derselbe un- verändert aus diesem Kampfe hervor? Wir müssen a priori annehmen, daß dies nicht der Fall ist, denn es ist ein allgemeines Naturgesez, daß überall, wo zwei Körper in wirkungsvolle Berührung geraten, jeder derselben eine Veränderung seiner Form. Lage oder inneren Zusammen- sezung erfährt; denn es verschwindet keine Kraft, sondern sie erfährt eine Umsezung in eine andere Form der Bewegung; mechanische Kraft wird z. B. in Wärrnc oder in Elektrizität »mgesezt oder sie bringt eine Unilagervng der Moleküle, eine chemische Veränderung hervor. Man könnte nun annehmen, und es ist dieses in der Tat von Seiten eifriger Vitalistcn geschehen, daß der lebende Körper, mit ganz besonderen Eigenschaften ausgerüstet, diesem allge- meinen Geseze nicht unterworfen sei, oder, indem er seinen Bestand fortwährend erneuert, leichter und vollständiger die Ein- drücke venvischt, welche patologischc Störungen hervorrufe». Daß das erstere nicht annehmbar, wird jeder Statur-forscher zugeben, denn Geseze, von denen Ausnahmen ftattfrnden, sind keine Ge- seze, und was bei allen bekannten Naturvorgängen ausnahmslos gilt, muß auch bei unbekannten Vorgängen wirksam sein. Die zweite Möglichkeit dagegen ist zuzugeben und tatsächlich nachzuweisen, sie erklärt vollkommen, weshalb die Aenderungen, welche Krankheitsprozesse im Bau und den übrigen Eigen- schaften des menschlichen Körpers hervorrufen, weniger bekannt und weniger beachtet sind, als diejenigen anderen Naturvorgänge, wie die Nahrung, sowie die Beschaffenheit der Umgebung, welche durch das Klima und alle übrigen Einflüsse, welche Darwin und seine Nachfolger als die Motoren für die llnigestaltung des Tierreiches nachgewiesen habe», veranlaßt werden. Unsere Auf- gäbe soll es nun sein, zu untersuchen, ob es schon gegenwärtig gelingt, diese offenbare Lücke in der Entwicklung des Menschen- geschlechts, wenn auch nur in unvollständiger Weise, auszufüllen. Ist hiermit einmal der Anfang gemacht, so werden die eifrigen und sachkundigen Naturforscher, namentlich die Antropologcn, sicherlich neue Materialien zur Vollendung auch dieses Teiles unseres schönen und harmonischen Naturwissenschastsgebäudcs ausfindig machen und herbeiführen. Für die Beantwortung unserer Frage dürfte keine Seite der menschliche» Existenz geeigneter sein, als die Körpcrbeschasfen- heit, welche, der unmittelbaren sinnlichen Erkenntnis am zu- gänzlichsten, auch bereits in ausgedehntem Maße Gegenstand wissenschaftlicher Forschung geworden ist und eine der wesent- lichsten Teile der Antropologie geliefert hat. Wo die Geschichts- und Sprachforschung uns im Stiche läßt, in den ältesten uns zugänglichen Perioden des menschlichen Lebens, liefert sie uns sogar die einzigen Dokumente für die Entwicklungsgeschichte des Menschengeschlechts. Sie ist ferner als Antropo- oder häufiger Eraniometrie(Schädelmeffungcn), eine auf Zahlen begründete und daher, tvie es scheint, besonders gut fundirtc Wissenschaft. und ihre begeisterten Anhänger, welche ihr aus den verschieden- sten Zweigen der Naturforschung, namentlich aber von feiten der Medizin zuwachsen, sammelten ein so reichliches Material, daß man annehmen und hoffen konnte, hier die Entscheidung jener fundamentalen Frage nach der phylogenetischen Entwicklung der menschlichen Körpersorm endlich gelöst zu finden. Indes, diese Erwartung bestätigt sich nicht, die Antropo- mctrie hat uns noch kein Bild von dem Werden unserer Körpersorm geliefert, ja es ist sogar noch nicht einmal envicsen, daß sie imstande ist, die Grundkarakiere jeder Rasse so genügen festzustellen, daß dieselben in jedem einzelnen Fall neben n» unter den individuellen Eigenschaften wahrgenommen werde» können. Höchstens gelingt dieses bei weit von einander ent- sernten Völkerfamilien, wie Neger, Malaien und Mongole'» deren karakteristische Unterschiede auch dem ungeübten Auge R- Nichtfachmannes einleuchtend sind. Innerhalb dieser größeren Kreise bestehen dagegen, troj aller nationaler Verschiedenheit, Schwierigkeiten der cranionic- trischeu Diagnose, welche im einzelnen Fall bis jezt unübcr- tvindlich sind und erst größere Reihen von Beobachtungen cc- geben ein klares Bild der typischen Karaktere; diese Schwicr'� keit nimmt um so mehr zu, einen je höheren Kulturgrad o" Völkerschaft erreicht hat. i! So bestehen noch keine erheblichen Hindernisse in der U" � schcidung des Schädels eines Kleinrussen oder eines Türken v denjenigen der westeuropäische» Völker, aber sie wird z'C"1' beträchtlich, wenn es gilt, die Schädel der lateinischen»> germanischen Racen von einander zu unterscheiden; dagegen duri es wohl dem erfahrensten Antropologcn unmöglich sei», in K 1 Falle den Nord- oder Süddeutschen, den Schwede», Däne»» Engländer aus ihren knöchernen Ueberrcstcn zu erkennen. Es liegt mir ferne, aus diesem tatsächlichen Vcrha Schlüsse ableiten zu wollen, welche der LeistiingSfähigkclt mächtigsten Hilfsmittels der modernen Antropologie>»'6'"' r wäre»; Verbesserungen der Metode können ja vielleicht einen Teil der bestehenden Mängel beseitigen und der ci metrischen Untersuchungsmctodc eine Schärfe verleihen, w 1 ihr gestattet, mit dem künstlerisch gebildeten Auge zu ko»k»c welches noch viel feinere Verschiedenheiten in der äußeren Kör- perform niohrzunehmen imstande ist. Wir können uns vielmehr zum Zwecke unserer Betrachtung damit begnügen, festzustellen, daß einerseits unterscheidende Racen- Merkmale auch unter nahe verwandten Stämmen vorhanden sind, daß andererseits aber in jedem dieser Kreise außerordentliche Verschiedenheiten in der Bildung des Körpers ini ganzen oder in seinen einzelnen Teilen vorhanden sind. Welchen Umfang diese lezteren gewinnen können, möge ein Beispiel erläutern. Der kopenhagener Anatom Schmidt, welcher in außerordentlich umfassender Weise die Schädel der Bewohner der dänischen Inseln und Jiitlands untersuchen konnte, dem namentlich auch diejenigen alter Familien ans verschiedenen Jahr- Hunderten mit einander zu vergleichen möglich war, fand in diesem gewaltigen, lange Zeiträume repräsentireiiden Material eines einzigen Volksstanimcs Vertreter aller möglichen, sonst nur in den entferntesten Weltteilen vorhandenen Ziaccnschädel und konnte neben echte Neger-, Mongolen- und Jndianerschädel andere, zum Verwechseln ähnliche stellen, welche ans dem Boden seiner Heimat gewachsen waren. Das gleiche Resultat ergab sich auch bei Bcrncksichligung derjenigen Karaktere, welche allgemein als die Kennzeichen nie- derer Racen betrachtet werden. So bildet der Schädel eines dänischen Edelmannes, welcher wegen seiner Schönheit sogar im Volksliede verherrlicht war, ein treues Ebenbild des Neander- talschädels, jenes Gefährten vorweltlicher Tiere, welcher von den Antropologen bald als der Typus einer niederen Entwick- lungsstnfe des Menschengeschlechts, bald als patologisch gedeutet wurde. Die große Verschiedenheit der Körpcrsormen unserer moderne», zivilisirtcn Nationen fordert unwillkürlich zu Erklärungsversuchen heraus, welche aus nahe liegenden geschichtlichen Gründen mit Vorliebe in der Vermischung der durch den gesteigerte» Verkehr in vielfachste Berührung tretenden Racen gesucht lvurde. Man könnte sich in der Tat vorstellen, daß schließlich infolge dieses Verhältnisses eine völlige Ausgleichung ursprünglicher Racen- merkmale und die Bildung einer einheitlichen Körperform statt- finden müßte, wenn es nicht Racen gäbe, welche troz Jahr- hunderte langer Zerstreuung unter fremden Völkern und viel- fachcr Vermischung mit denselben, dennoch ihre ursprünglichen Racencigenschasten treu bewahre». Wir erkennen demnach ein erstaunliches Vermögen, die äußeren Körperformen, sowie auch geistige Eigenschasten äußeren Einflüssen gegenüber zu bewahre», andererseits aber eine hohe Variabilität der Körperform innerhalb derselben Race. Während die erste Tatsache für eine ursprüngliche Verschiedenheit in der Raccnbildnng verwertet werden könnte, nötigte die zweite zur Vorsicht in dieser Beziehung und legt die Möglichkeit nahe, daß auch die größten Differenzen in der Köperbildung durch die Einwirkungen der Außenwelt entstanden seien; die lezteren müssen nur entweder in ungewöhnlicher Intensität oder längere Zciträunie hindurch i» Wirksamkeit getreten sein. Gelingt es nun, nachzuweisen, daß solche Einflüsse, wenn auch nur in eng begrenzten Kreisen, deutliche und bleibende Umgestaltungen der Bewohner unseres Erdballs herbeigeführt habe», so ist hiermit auch die Entstehung der natürlichen Racen durch äußere Einwirkungen ivahrscheinlich gemacht. Betrachten wir nun die Tatsachen, welche hiersür sprechen. Unter den äußeren Einwirkungen, welche eine Unigestaltung der Bewohner irgend eines Landes herbeiführen, könnten zu- nächst die allgemeinen physikalischen Eigenschaften der lezteren, die Temperatur, der Feuchtigkeitsgehalt der Luft, Windrichtungen, Verteilung von Wasser und Erde, sowie die Vegetation und die Nahruiigsmittel, welche Tier- und Pflanzenreich darbietet. verstanden werden. Allein es ist keine Wahrscheinlichkeit vor- Händen, einen Einfluß dieser Faktoren nachzuweisen, denn wir sehen, daß die Racenkaraktere nach der Zerstreuung ihrer Be- sizcr über die Erde keine wesentlichen Aenderungen erfahren haben, außer durch Vermischung mit anderen Racen, wie das Beispiel der nach Amerika verpflanzten Neger zeigt. Höchstens scheint große Kälte, wie bei den Eskimos, eine Vcrringening des Längenwachstums des Körpers herbeizuführen, indem die typischen Karaktere der Körper- und Gcsichtsbildung die Ab- stammung derselben von den Rothäuten Nordamerikas noch erkennen lassen. Ja, es ist sogar zweifelhaft, ob der geringere Längenwuchs wirklich von der niederen Temperatur abhängt, da die die Südspize Amerikas bewohnonde» Patagonier, welche der- selben Race angehören, sich gerade durch die cntgengesezte Eigen- schaff, eine Zunahme der Körpergröße, auszeichnen. Obwohl nun der umgestaltende Einfluß klimatischer Ver- Hältnisse keineswegs in Abrede gestellt iverdcn soll, sondere» Iveiteren Untersuchungen der Antropologen empfohlen werden muß, so ergeben doch die wenigen angeführten Beispiele, daß die eigentlichen racebildcnde» Kräfte anderswo gesucht werden müssen. Stellen>vir dagegen, um unserer Aufgabe näher zu treten, die Frage, unter welchen Umständen die auffallendsten Abwei- chungen von dem einmal feststehenden Typus einer Bevölkerung angetroffen werden, so werden wir mit Notwendigkeit auf pato- logische Zustände geführt. Je höher dieselben entivickelt sind, um so mehr wird der Naccntypus verwischt und treten an dessen Stelle eigentümliche Züge hervor, welche in allen Ländern und bei alle» Racen die gleichen sind. Beivohner der verschiedenen Zonen und Weltteile, Abkömmlinge verschiedenartigster Racen können hierdurch ein so gleichartiges Aussehen erlangen, als ivären sie Geschwister oder ein und derselbe» eigentümlichen Race entsprungen. Während die höheren Grade solcher Störungen das Gepräge patologischer Zustände offenbar an sich tragen, indem die Funk- tion zahlreicher und ivichtigcr Organe tiefe Veränderungen er- leidet, zu denjenigen der Körperform nicht selten solche auch der geistige» Funktionen sich gesellen, finden sich neben diesen pato- logischen Typen so zahlreiche und allmäliche Abstufungen der patologischcn Karaktere, daß in manchen Gegenden der allge- meine Typus der Bewohner ein abweichendes Gepräge von dein- jenigen ihrer Stachbarn und Stanimesgenossen erfährt. Ist dieses aber der Fall, wie wir es noch an einzelnen Beispielen erweisen werden, so ist hiermit die Aliöglichkeit einer Racenbildnng durch patologischc Prozesse gegeben. Ob eine solche in einem dieser Fälle stattfindet, ob die durch patologische Einwirkungen hervorgerufenen Karaktere durch Vererbung M sortpflanzen und stationär werde» können, dies kann freilich nur die Beobachtung von Jahrhunderten ergeben. Dennoch aber brauchen wir auf die Klärung dieser Frnö� auch in der Gegenwart nicht gänzlich zu verzichten, wenn auch die endgiltige Lösung derselben der Zukunft vorbehalten werden MUß.(Tchlub solz'ä Ein dkutsches StädtebUD. Von ZS. Wkos. Der kleine Fluß Tauber, der bei Wertheim in de» Main fällt, durchströmt ein herrliches Tal, reich gesegnet mit Korn und Wein. An den Ufem des Flusses liegt eine Anzahl alter Städte, teilweise weithin berühmt in der Vergangenheit, heute still und klein, überholt von der rasch rollende» Entwicklung der größeren modernen Pläze. Wir betreten hier historischen Bode», das stille und freundliche Tal, nur da und dort von dem PM des Dampfrosses durchtönt, war einst der Schauplaz furchtbare' und blutiger Kämpfe. Auf diesem engen Raum spielte M manches gewaltige historische Drama ab und der Taubergrun mit seinen seisigen Schluchten nnd waldigen„Klingen" hallte wider vom Kricgsrnf und voni Donner der Schlacht. Mehr als einmal färbten sich das Gras der Wiese wie die Wellen der Tauber rot vom Blute der Erschlagenen. Die Städte niit ihren mächtigen Türmen, ihren alten Wällen nnd Mauern schauen uns trozig an und zwingen uns, ihrer früheren Größe und Bedeutung zu gedenken. Unter den Städten des Taubcrgrundes fesselt heutzutage keine die Aufmerksamkeit in so hohem Grade als Notcnbnrg ob der Tauber*), die ehemalige freie Reichsstadt mit ihrer bewegten Vergangenheit. Rotenburg hat heute etwa 6000 Einwohner nnd wird auch niemals mehr innerhalb seiner Mauer» gezählt haben. Ihr Gebiet betrug einst, als sie freie Reichsstadt>var, 6',2 Qnadrat- meilen. Es ist geradezu erstaunlich, welche Summe von Kämpfe», politischen Umgestaltungen und Katastrophen sich in dieser kleinen Stadt abgespielt hat. Auf diesem engen Räume vollzogen sich Ereignisse von weittragender historischer Bedeutung, und der Ruhm dieser Stadt, die heute in eine ganz bescheidene Rolle zurückgetreten ist, erklang durch alle deutschen Gauen. Da wo die obere Tauber, im Sommer nur ein halb ver- siegtcr Bach, sich durch ein tiefes, mit allerlei einschneidenden Seitentälcm und Schluchten versehenes Tal dahinschlängelt, steigt an einer großen Krümmung des Flüßchcns ein steiles Plateau empor, einer mächtige» Bastion an Gestalt gleichend. Ans diesem Plateau erhebt sich die Stadt Rotenburg, von ihrer Lage Rotenburg ob der Tauber genannt. Sie bietet fiir den, der sie noch nicht gesehen, einen überraschenden Anblick, denn sie ist noch ganz in ihre unversehrte mittelalterliche Rüstung gehüllt, ihre alten Festungswerke sind noch vollständig erhalten. Rotenburg ist die einzige deutsche Stadt, die sich dessen rühmen kann und bietet dem Sohn des neunzehnten Jahrhunderts so das interessante und vollständige Bild einer Stadt, wie sie im Mittelalter aussah, wo die kräftigen Väter lebten, litten und stritte». Die Stadt liegt langgestreckt, so daß sie einst zu ihrer Ver- teidigung eine starke Besazung erfordert haben muß. Von der Tauberseitc ans mag ein Angriff früher kaum möglich gewesen sein; dagegen liegt die Ostseitc schon offener da. Dort sind aber auch die Befestigungen an, stärksten. Eine hohe und starke Mauer zieht sich um die Stadt, mit Schießscharten nnd ans der Ostseite mit einem bedeckten Gang für die Verteidiger ver- sehen; auf der Ost« und Nordscitc liegt vor der Mauer der tiefe Graben, der heute trocken gelegt ist. und der hohe Wall. der früher die Belagerer verhinderte, in die Mauer Bresche zu legen. Eine Menge von Türmen nnd Toren ist in die Mauer eingefügt, alle noch ganz unversehrt erhalten, so daß man ein vollständiges mittelalterliches Fcstungswcse» vor sich sieht. Die Stadt, die heute ziemlich industriell ist und deshalb auch eine eigene Sekundärbahn erhalten hat, trägt auch in ihrem inner» Teil noch ein vorwiegend mittelalterliches Gepräge. Wir sehen daselbst eine große Anzahl Häuser, die durch Inschriften bc- künden, daß sie 200, 300, 400 nnd 500 Jahre alt sind, nnd lesen auch, welche berühmten und hervorragenden Persönlich- keiten daselbst schon gewohnt haben. Namentlich die Absteige- quartiere deutscher Kaiser und Könige sind mit Gedenktafeln versehen. Die Stadt hat eine Anzahl Kirchen, darunter eine große gotische Hanptkirchc. Auf dem geräumigen Marktplaz erhebt sich das Rathaus, ein prachtvoller Bau mit bewunderungs- würdigen Ornamenten und Arabesken und mit einer Säulen- halle über der Haupttreppe. In diesem Hause und vor dem- selben spielten sich die bewegtesten Auftritte in der Vergangenheit Rotenburgs ab; hier regierten die Patrizier, als Rotenburg, das einst den Hohenstaufen gehört hatte, von Friedrich I. Bar- *) Heute schreibt man fälschlich auch amtlich Rothenburg. Der Name wird in den Urkunden verschieden aufgeführt; man liest: Roten- bürge. Rodenburch, Rotenburc und Rotinburch. Ein th findet sich nirgends vor und ist durch die neue Schulweisheit erst eingebürgert worden. barossa>»n 1172 zur freien Reichsstadt gemacht und den Burggrafen von Nürnberg zugeordnet worden war, von denen sich indessen die Stadt 1352 losmachte. Das Rathaus enthält einen schön dckorirtcn Ratssaal und eine Menge von Gemächern, sowie ein mächtiges Archiv. Unter dem Rathansc befinden sich barbarisch eingerichtete Gefängnisse und Folterkammern, die unter dem tyrannischen Patrizicrregimcnt nicht fehlen durfte»; in einem dieser Verließe kam 1408 der berühmte Rotenburger Bürgermeister Toppler durch Hunger oder Selbstmord um. Das Haus Tvpplcrs, zum Greifen genannt, steht»och in der Schmiedcgassc und heißt heute noch zum Greifen; es befindet sich eine Wirtschaft darin. Der harte Druck des Patrizierregimcnts warf die bürgerliche Demokratie in Rotenburg nieder, aber das Gemeinwesen geriet dadurch auch in Verfall. Als 1802 die Stadt der bayrischen Monarchie einverleibt wurde, kannten die Roten- burgcr kaum ihre Vergangenheit mehr. Ans dem Archiv des Rathauses lagen die kostbarsten Akten und Dokumente wie wertlose Hadern durcheinander; die glänzenden und reiche» Forschungen des Rotenburgischen Geschichtschreibers Bensen*) (gest. 1863) konnten weder das allgemeine Interesse der Roten- burger ans ihre Vergangenheit lenken, noch die städtische Ver- waltnng dazu beivcgen, das kostbare Archiv ordnen zu lassen. Dem Schreiber dieser Abhandlung wurde in Rotenburg„von einem, der's wissen kann", folgendes erzählt: Es ist noch nicht allzulange her, daß ein geschichtskundigcr Rotenburger in einen Wurstladen kam. um sich eine Wurst zu Gemiite zu führen. Sie wurde ihm in ein merkwürdig aussehendes altes Papier eingeschlagen und er fand z» seinem nicht geringen Erstaunen, daß dies Papier ein Stück von dem Fchdebrief war, den einst Göß von Bcrlichingen an die Stadt Rotenburg gerichtet hatte. Der Gcschichtsknndige eilte zu dem Wurstladen zurück, dessen Besitzer ihm sagte, daß er noch einige Körbe voll„solch alten Krempels" habe, den er auf dem Rathansc als Makulatur zun: Wursteinwickeln gekauft habe. Bon da ab wurde kein Makulatur mehr aus dem Rathause abgegeben, allein das Archiv ist heute noch ungeordnet, seine Schäze noch»ngchobc».„Es würde uns 7— 8000 Mark kosten", sagte dem Verfasser sein Gewährsmann,„und das können wir in dieser schlechten Zeit nicht ausgeben." Und doch hat der Stadt Rotenburg ihre Vergangenheit zu neuem Ruhm, zu neuem Verkehr und zu neuem Reichtum ver- Holsen. Ein Rotenburger Glasermeister dichtete ein Festspiel, die bekannte Tilly-Asiäre betreffend, und es gelang diesem ein- fachen Manne, was dem Gelehrten Bensen nicht gelungen war, den historischen Sinn bei seinen Mitbürgern wieder zu er- wecken. Die Tilly-Affäre, welche historisch nicht ganz erwiesen ist, für die aber auch zu viele tatsächliche Anhaltspunkte vorhanden sind, als daß sie ins Gebiet der Sage verwiesen werden könnte. spielte sich auf dem Rathansc ab. Tilly hatte im Jahr 1631**1 Rotenburg»ach tapferster Verteidigung, bei der Weiber und Kinder mithalfen, mit Sturm genommen. Der große Verlust, den er bei dem Sturm erlitt, hatte seine ganze Wut entflammt. Tie Stadt sollte wie Magdeburg behandelt werden. Als Tilly nach dem Rathause der eroberten Stadt zog, warfen sich die schwangeren Frauen und die Kinder vor ihm nieder und flehte» um Gnade. Er soll doppelsinnig geantwortet haben:„Lasset die Hunde leben!" Der versammelte Rat wurde zum Tode bestimmt nnd der Bürgermeister Bezold ninßte inmitten einer Wache den Scharfrichter holen. Der Scharfrichter aber weigerte sich, die Räte zu enthaupten; nnterdesscu brachte man Tilly *) Siehe Bensens treffliche Qnellenwerkc:„Historische Forschungen über die ehemalige Reichsstadt Rotenburg"(1883);„Geschichte des Bauernkriegs in Ostsranken"(1841);„Altertümer und Inschriften der Stadt Rotenburg"(1841);„Beschreibung und Geschichte von Roten- bürg"(1856). Auch Merz hat in seinem Werke:„Rotenburg in alter und neuer Zeit"(1873) viel Interessantes gesammelt. **1 Der sonst so geivissenhaste Bensen läßt Tilly am 29. Sept 1632 vor Rotenburg erscheinen.(Historische Untersuchungen zc. Seite 340.) Tatsächlich ist Tilly am 30. April 1632 gestorben. r- 5 den— noch vorhandenen— großen Kaiserpokal mit gutem Wein dar. Ter alte Wüterich ward milder gestimmt und der- sprach in seiner Tigerlaune Schonung, wenn einer aus dem Rat den mächtigen Humpen ans einmal leeren könne. Das gc- lang dem Altbürgcrmcister Rusch und die Stadt kam mit einer Brandschazung davon. So die Ueberliescrung, an die sich das erwähnte Festspiel genau anschließt. Die Aufführung des Festspiels findet im Rat- Haussaal, also am selben Ort statt, wo die„erschreckliche Ge- schichte" selber passirt ist und tausende strömen von allen Seiten nach Rotenburg, um das merkwürdige Schauspiel niit anzusehen, dessen Darstellung einen mächtigen Eindruck macht*). Rebe» dem Rathause in einem mit einem Tiirmchen der- scheuen Gebäude befand sich die Trinkstube, wo sich die Pa- trizicr zu versammeln pflegten und wo auch die politischen Komplotte ausgeheckt wurden. Es ging wüst und roh zu; die Gelage waren oft von Schlägereien begleitet, und nian weiß zwei Fälle, in denen Patriziersöhne dort erschlagen tvurdcn, darunter der Sohn des bekannten Stefan von Mcnzingen, von dem weiter unten die Rede sein wird. Auf dem großen Marktplazc, wo heute friedlich die Bauern- wciber der Umgegend Gemüse und Eier feilbieten, spielten sich die dramatischen Szenen des großen Bauernkrieges resp. der Reformationszeit ab. Damals hielt sich der bekannte Refor- mator Karlstadt in Rotenburg versteckt und der Rat konnte ihn nicht ausfindig machen. Atit dem Ausbruch des Revolu- tionssturmcs im Frühling 1525 trat Karlstadt seigentlich Au- dreas Bodcnstcin aus Karlstadt) öffentlich auf und hatte viele Anhänger; die von ihm gepredigte Bilderstürnierci ging bald vom Wort zur Tat über. Alan zeigt noch das Fenster, durch das Karlstadt nach dem Ende des Bauernkriegs mit Hülfe eines Fräuleins von Badell flüchtete. Darauf ward mancher Spott- vers gemacht. Bald erhob sich in der Stadt jene„evangelische" Partei der Städte, die niit den aufständischen Bauern gemein- samc Sache machte resp. die Bauern erst in den Kampf trieb. An der Spize der städtischen Demokratie in Rotenburg stand jener Stefan von Menzingen, ein staatsmännischer Kopf aber zweideutiger Karaktrr, aus einem alten Patriziergcschlecht, der einst dem Herzog Ulrich von Württemberg gedient hatte und jezt zugleich den„Evangelische»" und dem Markgrafen Kasimir von Ansbach dienen wollte. Wahrscheinlich wollte er Rotenburg i» den Bcsiz des Markgrafen bringen. Für die evangelische Sache wirkten noch Dr. Deuschlin, der Pfarrer an der Hauptkirche, ein äußerst radikaler Mann von großer Beredsamkeit, Hans Schmidt, der blinde Mönch, der Alt- bürgermeistcr Ehrenfried Kumps, der Schulrcktor Bessenmayer und andere. Auf dem Markte fanden die großen Gcmcindc- versammlungen statt, wo Mcnzingen seine aufregenden Reden hielt und einen Ausschuß wählen ließ, der den alten Rat völlig lahm legte. Der Ausschuß handelte ganz im Einverständnis mit den ausständischen Bauern. Zugleich erhob sich draußen im Gebiet der Reichsstadt die ganze Landwehr. Rotenburg hatte nämlich sein Landgcbict, um es vor plözlichen Einfällen srhdelustigcr Raubritter zu schüzcn, mit einer lebendigen Hecke umgeben und die Wegübergänge durch Türme gedeckt, auf welchen sich Söldner mit Hackenbüchsen befanden. Dies nannte man die Landwehr und Rotenburg tvar wegen dieser Schnzmaßregel vom Burggrafen von Nürnberg vergeblich belagert, 1106 sogar in die Reichsacht erklärt worden. Die Bauern der Landwehr waren alle kriegsgrübte Leute, denn sie hatten in langen Fehde» viele Burgen gebrochen; sie bildeten das eigentliche Kriegsherr der freien Reichsstadt Rotenburg. Bewaffnet waren sie mit Tartsche, Sturmhaube, Seitengewehr und dem langen Spieß oder dem Faustrohr; sie verstanden fürtrefflich eine» Sturm anzulanfcn oder dem Anprall eines reisigen Geschwaders zu widerstehen. Unter den ledernen Kollern dieser Bauern schlugen eiserne Herzen. *) In diesem Jahr wird sür den deutschen Juristentag in Roten- bürg eine eigene Aufführung deS Festspiels veranstaltet. Die Stadt steht sich nicht schlecht dabei. Als der Bincrntrieg in Franke» ausbrach, zogen die Männer der Rotenburger Landwehr das Tanbcrtal hinab und an den Neckar zuni großen evangelischen Haufen; sie wählten den glänzendsten Helden des Bauernkriegs, Florian Geyer von Geycrsbcrg, zu ihrem Führer. Dieser bildete aus der roten- burger Landwehr seine berühmte schwarze Schaar, die tapferste Truppe aller Banernheere, die militärisch disziplinirt war und nicht aus„Kistenfegcrn und Scckelleerern", sondern aus lauter erprobten Kriegern bestand. Die Schwarzen, die sich von Aus- schreitungen fern hielten, verachteten jene undisziplinirten Massen, die sehr gut Klöster plündern und den Pfaffen den Wein aus- trinken konnten, aber oft beim ersten Kanonenschuß davon liefen. Die schwarze Schaar hielt in der blutigen Schlacht von Jngol- statt(4. Jnni 1525) der ungeheuren Ucbcrmacht des Truch- scsscn von Waldburg, des„Bauernjörg", Stand, nachdem das ganze übrige Bauernheer mutlos die Flucht ergriffe» hatte. Die Schwarzen wurden, nachdem sie ivie die Spartaner bei den Thermopylcn gekämpft, in den Ruinen des Schlößchens von Jngolstatt fast vollständig aufgerieben. Am 15. Mai 1525 war Florian Geyer, ebenso geschickt als Redner wie als militärischer Führer, in Rotenburg erschiene», um die Stadt in den Bund der Bauern zu bringen. Mit ihm erschienen der Schulteiß von Ochsenfurt, Hans Pezold, und„der große Licnhart" von Schwarzcnbrvnn, leztcrrr ein Hauptmann der rotenburger Landlvehr. Aus dem Markte versammelte sich die Gemeine und Herr Florian sprach, wie ein Geschichtsschreiber sagt,„würdig seines ernste»»nd strengen Sinnes." zu der Wenge. Die Ratsherren sprachen dagegen, denn ivas er forderte, die Abschaffung der Gülten und Frohndcn, wollte ihnen nicht in den Sinn. Aber sie gaben nach, nachdem auch der Schulteiß von Ochsenfurt dafür gesprochen, und Rotenburg trat in den Bund, gab auch zwei treffliche Gcschüze zur Bc- lagcrung des Frauenbergs her, die Hans Boßlcr, der Büchsen- meister, der„gar wohl anklopfen" konnte, nach Würzburg ge- leitete nebst 600 wohlgerüstctcn Bauern aus der Landschaft. Auch zwei rvtenburger Ratsherren. Ehrenfricd Kumps und der junge Jörg Spelt, zogen mit, und der lcztere freute sich kindlich, die großen Quadersteine ans den Mauern des festen würz- burger Schlosses schießen zu können. Er freute sich nicht lange, denn schon am 2. Juni erfolgte der Bernichtungsschlag gegen die Bauern bei Königshofen an der Tauber und in den lezten Tagen des Juni fand das große Blutgericht in Rotenburg statt. Ter Rat hatte Menzingc», Dr. Deuschlin und alle Führer, deren er habhaft werden konnte, eintürmcn lassen. Bon hundert weiteren Namen, die man zur Verantwortung geladen, hatte man vorläufig nur fünfzehn fest5 nehmen können. Am 28. Juni zog Markgraf Kasimir ei»""D ließ seinen Freund Menzingen im Stich. Siebzehn Gefangene wurden aus dem Mrnkte enthauptet, zuerst Mcnzingen, da»» Dr. Deuschlin, dann der blinde Mönch, der stehend gerichtet sein wollte und dessen Haupt erst bei dem zweiten Schlage st"' dann der Schulrcktor Bessenmayer und die anderen. Das Bult floß„wie ein Bach" die steile Schmiedcgasse hinab. Nachträg- (ich fanden noch mehrere Hinrichtungen statt. Viele Rotenburgcr wurden flüchtig und sahen ihre Heimat nie iviedcr, wie Ehren- sried Kumps; Jörg Spelt wurde erst nach langer Zeit wieder zugelassen. Dieser Markt hat überhaupt viele Hinrichtungen gcscln'n Tie Rotenburger übten ein wahres Schreckensregiment. � gefangenen Raubritter richteten sie gewöhnlich ohne Erbarme hin und waren die grfürchtctstcn Gegner derselben; es seltener Fall, daß der alte Wolf von Wnnnenstrin seinen Sohn. den sie gefangen hatten, retten konnte. Aber auch ihre eigen* Hauptleute verfielen oft genug dem Beil des Henker-?, ws"" j. sich schlage» ließen. Die Fehden, welche Rotenburg fmü' waren zahllos; es vergingen namentlich im fünfzehnten z>ay Hunderten nur wenige Jahre, ohne daß sie zu Feld Auch an inneren Kämpfen war Rotenburg reich.>vir wollen|j des großen Aufstandes von 1150 Erwähnung tun. der den Steuerdruck veranlaßt winde. 3m Berliner Arbeitsnachweisbureau. lS-it- 579.) Interessant war die Affäre Rotenburgs mit dem famosen Kaiser und König Wenzel. Diesen hatten die böhmischen Großen als.einen unnüzcn Entgliedcrcr des Reichs" zn Prag eingesperrt. Für dies.Martyrium" ließ sich Wenzel ent- schädigen und verlangte auch von Rotenburg 6000 Gulden. Den rotenbnrgcr Gesandten, die dies zu hoch fanden, drohte er die Köpfe abschlagen zu lassen. In seiner Wut schrieb er von Nürnberg an die Rotcnburger folgenden Brief: Adresse: Vnser vngetrewen zu Rotenburg, die dem Reich ungehorsam sein. Tczt: Der Teufel hub an zn scheren ein Saw vnd sprach also vil geschrcyes vnd wenig wolle, die Weher können nicht sten on wolle. Vngehorsamkcit macht vil. dat. sabho p. VIII. scop. hora vespere Nur einbergo. Rex p. etc. Er drohte mit einem Heere vor Rotenburg zu ziehen. Allein die Rotenburgcr wußten, daß er dazu kein Geld hatte und blieben fest. Nach einer Quittung aus dem Jahr 1398 haben sie an den„faulen Wenzel" im ganzen 1100 Gulden bezahlt. Die Verteidigung Rotenburgs gegen Tilly war die lcztc heroische Tat der Rotenburgcr. Im siebenjährigen Krieg nahm in preußischer Lieutenant, Stirzcnbechcr, der durch Franken .reiste, mit siebennndsünszig Husaren die alte berühmte Festung ehr und brandschazte sie um große Summen, nahm auch zwei Ratshcrren als Geiseln mit. So weit war man in Rotenburg .kommen. Im Jahr 1800 wollten siebenzehn französische Chas- seurs die Stadt brandschazcn. Sie wurden mit Heugabeln an- gegriffen und vertrieben. Die dies wagten, sollen übrigens die demokratisch gesinnten Handwerker Rotenburgs gewesen sein, die von den Ideen der französischen Revolution erfaßt, 1796 eine Umänderung der Verfassung Rotenburgs, jedoch vergeblich er- strebt hatten. Tie alte Verfassung datirte von 1435(!!). Am 2. September 1802 beseztc ein bairisches Jägcrbataillvn die Stadt; sie ward auf dem Reichstag zu Baicrn geschlagen. Der Verfall Rotenburgs, dieses einst so stolzen und krns- tigen Gemeinwesens, wurde durch die Patrizicrherrschaft herbei- geführt. Vielleicht hatte Stefan von Mcnzingen nicht so Un- recht, als er gegen die Ratsgeschlechtcr konspirirte und ihnen die städtische Gewalt zu entreißen versuchte. Vou jener Zeit ab aber, nachdem Wenzingen und sein Anhang gestürzt und vcr- »ichtet waren, herrschten die alten Ratsgeschlechtcr unumschränkt und drückten die Stadt ärger, als sie vielleicht ein Mittelalter- lichcr Fürst gedrückt habe» würde. Es trat eine politische Stag- Nation ein, die alten Formen verknöcherten völlig, die Bürger gingen aller Selbständigkeit verlustig. Die demokratischen Hand- werter Rotenburgs, die im Jahr 1796 eine Veränderung der Verfassung erstrebten, haben in einer höchst interessanten Denk- schrift die Zustände Rotenburgs geschildert. Die Patrizier- gcschlcchter hatten sich darnach eine so unumschränkte Herrschast angclnaßt, daß die Bürger von den Einnahmen und Ausgaben ihres kleinen Staatswesens gar nichts mehr erfuhren. Die Staatsstellen wurden um Geld vergeben, so daß die Beamten nur Gehilfen des Rats waren. Wir wollen einige Stellen aus der Denkschrift zitircn. „Eine Anzahl Familien, eng unter sich verknüpft durch die Bande der Verwandtschaft, regierte jezt den Staat. Ost geschah es, daß selbst Geschwisterkinder sich vermählten, um nur das Vermögen und den alte» Einfluß zu bewahren. Familienrück- sichten beherrschten jezt die Ehebündnisse wie die Wahlen, die Rechtssprüche wie die Polizcivcrfügnngen. Die Erstgeburt gab fast immer auch die Ratssähigkeit. Eine geringe juristische Vorbereitung machte zu allen Aemtern geschickt, als wenn die Jurisprudenz eine Fundgrube aller administrativen Kenntnisse wäre. Regelmäßig und gedankenlos rückte der junge Ratsherr vor. Kaum daß noch bei der Bürgcrmeisterwahl das bessere Talent und die größere Kenntnis entschied. War aber einer zu einem ihm zugefallenen Amt ganz untauglich, so übernahm ein anderer seine Arbeiten. Man nannte dieses Vikariren. Die Ratsgeschlechter begannen sich als souveräne Herren der Stadt und des Gebietes anzusehen. Dem entsprach es, daß sie ihre Grundbcsizungen steuerfrei zu machen suchten. Man fing an, die Beleidigung der Amtsehre zu einer Art von MajestätS- beleidignng auszudehnen." Die kostspieligen. öffentlichen Mahlzeiten" auf Staatskosten nahmen überhand; die Ratsherren veranstalteten sich solche auch auswärts und nahmen ihre Familien mit, daher der Name „Fraucnreisen". Die Ratshencn beanspruchten die Jagd, de» Wein des Staats und die Gelder der öffentlichen Stiftungen für sich. Die Bürger wurden aus einer wehrhaften Gemein- schaft zu Phäaken, denen die Hebung in den Waffen nur kin- dische Spielerei war*). So versank das alte Rotenburg in einen Zustand, der seine Auflösung notwendig erscheinen ließ. Möge die neue Zeit dem neuen Rotenburg auch neue Blüte bringen! *) Wie groß der eingerissene Schlendrian war, geht daraus hervor, daß der einzige Plan zu den verborgenen Wasserquellen, deren für die Kriegszeiten mehrere angelegt waren, verloren ging, so daß die ge- Heimen Quellen nicht wieder aufgefunden werden konnten. Mund und Nug'. G Lind, dein Mund, dein troz'ger Mund, Wie könnt' er einst verwunden! Seit Jahresfrist bis heut' zur Stund' llie Hab' ich's überwunden. Doch jezt— wär's wahr, was ich erschau? G nein! es kann nicht trügen: Dein fitstes Äug' im Tränentan Den Mund straft's endlich Lugen. Dtt sprachst: ich geh' den Lcbensgang Dir Durfch zum Tro; alleine. Das Äug', es stüftert mild und bang: Im Geist war längst ich deine. Und raubte er in schlimmer Stund' Mir auch ein Jahr vom Leben,— Sei doch dem Mund, dem troz'gen Mund Dem Äug' znlieb vergeben. Aan» tfitari. Die asiatische Cholera und i Von W r u I. sNcime und Geschichte.— Erscheiiiungsformcil der Krankheit.— Choleradurchfall.— Cholerine.— Ausgebildete Cholera.— Ungeheurer Feuchtigkeitsverlust.— Cholera sicca.— Blutverdickung. Ätmungs- und Blutkreislaufverhinderung. Krämpfe. Lähmung. Nervenschwäche, Sinnes- täuschungen.— Dauer der Krankheit.— Tod oder Besserung.— Choleratyphoid.— Schuzmittel: Flucht, Vorsicht und Sauberkeit. Diät, Warmhalten.— Maßregeln wider Abtritt- und Ausgußausdiinstungen. — Behandlung der ausgebrochcnen Krankheit.s Wie es scheint, ist einer der furchtbarsten Feinde des Menschen- geschlechts wieder im Anzüge nach dem Innen, unsrcs ohnehin eigentlich von Krankheiten n»d Elend zurgennge heimgesuchten Erdteils;— die Cholera ist da! tbiit es von Tonlon und Marseille, den großen französischen Mittelmeerhäfcn, zu uns herüber. Solch drohendem Verhängnis gegenüber ist es sicherlich ivohlgeta», wenn wir zunächst zwei Bundesgenossen der schlimmen Krankheit, die nicht minder gefährlich sind, als sie selbst, niutig zu Leibe gehen: der Unwissenheit und der Furcht. Was die Wisicnschaft über die Cholera erforscht hat bis zur neuesten Zeit, wollen wir darum unfern Lesern in kurzen Zügen darlegen und damit zugleich die Schuzmaßregeln bezeichnen, welche den einzelnen in der Erhaltung seiner Gesundheit und die Gcsammtheit in der möglichsten Beschränkung und festen Ein- grenzung der etwaigen Seuchenherde zu unterstüzen geeignet sind. XoifQu(Cholera) hieß im Altgriechische» die Dachrinne; weil sich nun beim Menschen zuweilen Krankheitserscheinungen zeigen, bei denen aus dem Leibe Flüssigkeil durch Erbrechen und durch Stuhlgang, wie aus einer Dachrinne das Regenwasser, hervorstürzt, so nannte man— nach der Meinung einiger ErNärer— diese Krankheiten gleichfalls Cholera*). Andere meinen freilich, daß die altgricchische" Dachrinne weniger niit dem Namen der verschiedenen Brechdurchfallskrank- Heitel, zu tun hat, als die altgricchische Galle, chole, weil bei jenen Krankhcitssormcn.die gesammelte oder ausgetretene Galle abgeführt' werde, oder cholas, das Eingeweide, als Haupt- sächlichster Siz der Krankheit**). Wie über viele derartige Fragen, so werden auch über diese die Akte» wahrscheinlich nicht so bald, vielleicht niemals, ge- schlössen werden. Wir, denen es weit mehr um das Wesen dieser Krankheit, als um ihren Namen zu tun ist, begnügen uns die verschiedenen Ableitungen hier ausgeführt zu haben. Das Heimatland der als asiatische Cholera bezeichneten furchtbarsten aller Brcchdurchfallkrankhcitcn ist Ostindien, wo sie schon seit mehreren Jahrtausenden vor Christi Geburt haust und hauptsächlich an den Mündungen der gewaltigen Ströme des Ganges und des Brahmaputra zahllose Mcnschcnschaarcn dahingerafft hat. Genaueres über das Wüten der Cholera in Indien in früheren Jahrhunderten ist uns nicht bekannt, erst von der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts an kann nian ihr Auf- treten und ihren Verlauf mit einiger Sicherheit verfolgen. Am Anfang der siebziger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts trat sie in Bengalen ganz besonders verheerend auf; und im Mai 1817 brach an den Mündungen der beiden oben genannten Riescnstrvme die erste gewaltige Epideinie aus, von der wir genaue und zuverlässige Beweise besizeu. Mehr als ihre Vor- gängeriune» zeigte sich die diesmalige Seuche verderblich und aus- breitungsfähig; den Flußläufen folgend ging sie nach allen Seiten l-uidein und am Ende des Jahres 1818 hatte sie die 3750000 Quadratkilometer von ganz Ostindien durchmessen. Und auch die Grenzen ihres Heimatlandes hielten die Furchtbare diesmal *) Siehe Payne, Griechisch- Deutsches Handwörterbuch. Dritte Auslage 1880. Bd. II. XoUqi'-. **) Cs. Ersch u. Gruber, Allg Encyklopädie der Wi„en,cha,te» " Künste. 17. Teil. Leipzig 1828 Art. Cholera. re europäischen Verwandten. o Heiser. nicht in ihrem Vernichtungszuge auf; von den Inseln des indisch- chinesischen Archipels drang sie in China ein und durch das Reich der Mitte unaufhalsam nach Westen weiter, bereits 1821 an der Küste des persischen Meerbusens ankommend. Doch selbst auf Asien beschränkte sie sich nicht; zum erstenmal ans europäischem Boden erschien sie 1823 in Astrachan an der Mündung der Wolga. Doch damit hatte sie für eine Reihe von sieben Jahren eine Grenze erreicht, die sie nach den, Innern Europas hin nicht überschreiten konnte. Dagegen war sie 1829 im südöstlichen Rußland wieder auf dem Plan,— diesmal in Orcnburg, und 1830 hielt sie von neuem ihren Einzug i» Astrachan, um von da einen schreckens- vollen Siegesgang oder vielniehr Siegesflug„ach Europa hinein zu unternehmen. Innerhalb zweier Monate, in, September 1830, hatte sie Moskau erreicht, und von da weiter nach Weste» dringend, traf sie auf einen tatkräftigen Bundesgenossen, dem die Torheit und Roheit der Knlturmcnschheit auch heute»och nicht für immer den Garaus gemacht hat,— den Krieg. Ohne den russisch-polnischen Krieg von 1831 wäre die Cholera wahrscheinlich auch diesmal nicht in das Innere des zivilisirten Europas hineingckvmnicn,— aber so heftete sich die Seuche an die Fersen der russischen Armee, zog mit ihr in Polen ein und war schon im Mai 1831 ans deutsche», Gebiet— nämlich in Danzig— angelangt. Und nun gings mit rasender Eile durch Teutschland hindurch,— im August war die Cholera in Berlin nnd im September in Wien. Zu allem Ueberfluß brach sie auch»och von Persien her über Konstantinopel zur selben Zeit in Europa ein, und nun gab es kein europäisches Land mehr, das sich vor dem eiitsezlichen Feinde hätte retten können. Noch 1831 trat die Cholera in England auf, 1832 in Frankreich, 1833 in Spanien, 1834 in Schweden, 1836 in Italien und Tyrvl, 1837 in Baicrn. Amerika hatte sie bereits mit Hülfe von Auswand ererschiffen aus England 1832 erreicht. Nach 1837 erlosch das Cholcrasterben endlich wieder in Europa; aber noch war nicht ein Jahrzehnt verflossen, so war sie auch schon wieder— von nenem 1846 und 47 von Persie» her einbrechend— da. 1848 langte sie in Deutschland au und breitete sich von hier wieder über ganz Europa ans. Seitdem suchte sie uns in jedem Jahrzehnt wenigstens ein- mal heim. Im Wesen der Cholera machen sich drei Abstufungen be- merklich,— erstens die leichteste Art der Vergiftung, welche n»r den sogenannten Cholcradurchfall hervorruft, zweitens die schwerere Vergiftung der Cholerine und drittens die schwerste, die sich in der ausgebildeten Cholera darstellt*). Der Choleradurchfall unterscheidet sich von gewöhnlichen Durchfälle» nicht erheblich, nur fördert er gemcinhi» größere Mengen von Fäkalien zutage. Die sehr wässerigen Entlecrnngen zeigen sich meist noch gallig gefärbt und verlieren diese Färbung erst dann, wenn die Entleerungen, deren sechs, acht nnd mehr an einem Tage austreten, besonders rasch aufeinander folge». Durch die häufige Wiederkehr des Stuhlgangs fühlt sich der Kranke sehr ermattet, er empfindet Durst, im Leibe macht sich das bekannte Kollern bcmerklich und der Appetit schwindet. Zu- weilen, wenn die Choleravergiftung an Boden gewinnt, wird auch die Stimme des Kranken heiser und es stellen sich Waden- lrämpse ein; dagegen fehlen bei diesem geringsten Grade du Choleraerkrankung fast immer Leibschmerzen und Harnzwang (Tencsmus). Nicht selten, aber keineswegs immer, tritt der Choleradurch fall nur als Vorbote der wirklichen Cholera auf, hauptsächlich *) In dem patologischen Teile dieser Abhandlung folge ich Haupt- sächlich der Darslellung deS Artikels über die Cholera in der Real- encptlopädie der gefammten Heilkunde, herausgegeben von Prosessor Dr. Enleuburg, Band III, Wien 1880. - 5 dann, wann nicht rasch umsichtige ärztliche Hilfe eingreifen kannte. Ist dies aber der Fall und entwickelt sich der Choleradurchfall nicht zur eigentlichen Chvlcra, so tritt nur äußerst selten der Tod, den völliger Kräfteverfall(Kollaps) herbeiführen kann, ein. Die Dauer des Cholcradurchfalls kann eine Woche betragen, in wenig Füllen mehr. Die Fäkalien des an diesem Durchfall Erkrankten können ihre spezifische Beschaffenheit durch Ueber- tragung des Choleragiftcs auf Gesunde bewähre», daher müssen sie durch Desinfektion möglichst unschädlich gemacht werden. Tritt zum Chvleradurchfall Erbrechen hinzu, so hat er sich zur Cholerine entwickelt. Gleichzeitig mit dem Erbrechen nehnicn die Durchfälle an Zahl und Menge zu und büßen ihre gallige Beschaffenheit ein. Das Erbrochene weist anfänglich deutlich die Spuren dessen auf, was der Kranke genossen hat, geht später in eine gräulich- gallige Flüssigkeit über und zeigt sich znlezt wässrig. Bei vielen Kranken meldet sich frühe ein quälender Durst, schmerzendes Ziehen in den Waden und große Ermattung. Allmälich wird die Stimme heiser, das Gesicht fällt ein, die Haut fühlt sich kühl an, indes der Pulsschlag in den meisten Fällen rascher, zuweilen jedoch langsamer wird. Auch an der Zunge zeigen sich die Spuren der große Wasserverluste bc- dingenden Krankheit durch Klebrig- und Trockenwcrdcn. Aus demselben Grunde nimmt die Harnausleerung(Dinresis) ab, stockt mitunter ganz oder produzirt auch Eiweißspuren. In der Magengegend empfindet der Kranke häufig ein leichtes Druck- gefühl, welches beim Betasten(Palpation) zunimmt. Nicht immer geht die Cholerine aus dem Choleradurch fall hervor, sondern sie tritt oft auch ohne solchen Vorläufer auf, nicht selten ohne in die ausgebildete Cholera sich anszn- wachsen. Alsdann ist sie ebenso selten tätlich als der Cholera. dnrchfall. Bei der eigentlichen Cholera treten alle Krankheitserscheinungen, die wir bei der Cholerine beobachtet haben, in erhöhten! Btaßc auf. Das Erbrechen kommt fast nie ohne gleichzeitigen Durch- fall vor, dagegen fehlt es selbst zuweilen, ohne daß die Krankheit dadurch an Gefährlichkeit wesentlich verlöre. Die Flüssigkeitsausleerungcn nehmen bei diesem Grade der Krankheit sogleich den bedrohlichsten Karakter an, indem anstatt gefärbten Tarminhalts rasch große Mengen rciswasserähnlicher Eni- lcerungen zutage treten. Diese reiswasserartige Flüssigkeit e»t- stammt dem Blute und wird aus den Blutgefäßen der Darm- schleimhant ausgeschivizt. Diesen! Ursprung entsprechend führt sie zahllose Teilchen der Tarmschleimhant, sowie Blutkörperchen, Fettkörperchen. Krystalle der salzigen Blutbestandtcile mit sich und verschiedene Formen von Spaltpilzen. Ist schon im Anfangsstadium der anSgebrochcnen Cholera der Darm durch Lähmung verhindert sich zu bewegen, so hat man es mit der besonders gefährlichen trocknen Cholera zu tun, bei der es zu gar keinen Ausleerungen kommt, die reis- wasserähnlichen Auslcernngen der Darinschleimhant stauen sich alsdann im Körper ans. Ter Wasserverlust durch die Ansleernngen macht das Blut dicker und mindert seine Leichtflüssigkeit. Daher geht der Blut- umlauf nicht mehr so lebhaft vonstatten, als bei gesunden Men- sche»; der Pulsschlag, welcher anfänglich, zuweilen bis zu hundert- vierzig Schlägen in der Minute, beschleunigt ward, ivird lang- sanier und langsamer, auch die Blutcrneucrimg in den Lungen ivird mehr und mehr erschwert und gehindert; die feinen Haar- gcsäße in der äußeren Haut, in Augen, Nase, Lippen, Zunge, Mundhöhle 11. s. w. werden nicht mehr bei jedem Pnlsschlage mit neuer Blutzufuhr nnterstüzt, daher werden die betreffenden Körperteile kalt, trocken und nehmen bläuliche Färbung an, weil die Verwandlung des dunklen venösen Bluts, in hellrotes arterielles Blut, wie sie sonst ununterbrochen in den Lungen vor sich geht, gestört ist; die Haut wird außerdem runzlig und verliert ihre Elastizität; die Trockenheit der Zunge und Mund- höhle erzeugt jenen quälenden Durst, die des Kehlkopfs macht die Stimme schwach und rauh; das ungenügende Funktioniren der Lungen verursacht Atembeschwerden. Druck und Angstgefühl. 1_,_________________' Auch durch das Aufhören der Harnabsondernng äußert sich der Fenchtigkeitsniangel im Körper. Dabei beweisen Muskel- und Nervensystem, daß sie in Mit- lcidcnschast gezogen sind; das erstere durch Krämpfe, Haupt- sächlich der Waden- und Bauchmuskeln, serner durch Schwäche und später durch Lähmung; das Nervensystem durch allerlei eigentümliche Empfindungen und Schmerzen, Gefühl großer innerer Hize, durch Sinnestäuschungen und Tcilnahmlosigkeit. Ter Choleraanfall ist um so gefährlicher, je weniger der Herzschlag zu bemerken ist; doch sind Kranke öfter auch dann noch dem Tode entgangen, wenn bei ihnen vom Pulse schon garnichts mehr zu fühlen war. Die Periode der Besserung des Krankheitszustandes kündigt sich durch allmäliche Hebung der tiefgesnnkenen Körpertemperatur an; der Pulsschlag wird wiederum bemcrklichcr, und was bc- sonders wichtig ist, es tritt Harn- und Schweißabsonderuiig, sowie Schlaf ein und die Kräfte kehren langsam zurück. Rasches Steigen der Hantwärme und plözlichcs Aufhören der Aus leernngen sind dagegen nicht als gute Symptome zu betrachten. Ist der Kranke 36 Stunden nach Ausbruch der Cholera noch am Leben, so kann man sich der Hoffnung ans Besserung hingeben. Die dem Tode Verfallenen sterben gewöhnlich 12 bis 30 Stnudcn nach dem Beginne des Anfalls. Jedoch sind die Rekonvaleszenten noch nicht aller Gefahr überhoben, wenn sie der Cholera selbst entgangen sind. Nicht selten— etwa einer unter je vier oder fünf— verfallen sie noch einer typhns- ähnlichen Fieberkrankheit, Choleratyphvid genannt, das ivochen- lang dauern und töllich werden kann. Von den Schuzniitteln gegen die Cholera ist unter allen Umständen das sicherste: Verlassen der von der Epidemie heim- gesuchten Gegend und Aufenthalt in einer von ihr freien, ani besten in einer derjenigen Ortschaften, welche durch die bis- herige Erfahrung überhaupt als cholerafrci bekannt sind, wie wir sie z. B. in Deutschland in Aachen, Baden-Baden, Stuttgart aufzuweisen haben. Da aber nur vcrhältnisniäßig wenigen Glücklichen solche Flucht vor der Seuche möglich sein wird, so muß sich die große Mehrzahl der Bedrohten mit Schnzmaßregcln von minderer, bei ursprünglich gutem Gesundheitsstande wahrscheinlich aber vollständig ausreichender Beschaffenheit genügen lassen. Diese bestehen in Mäßigkeit im Essen und Trinken, über- Haupt in Enthaltung von Exzessen jeder Art, sowie in Ver- meidung von Erkältungen. Dabei weiche man jedoch von seiner gewohnten Lebensweise im großen und ganzen nicht ab, hüte sich vor jeder unnötigen Berührung mit bereits Erkrankten, halte sich, seine Kleidung und Wohnung so sauber als möglich, benuze nicht fremde und unreinliche Aborte, wähle zur Nahrung nur solche Speisen, welche nicht leicht Durchfall verursachen, wie alle schwerverdaulichen oder besonders wasserhaltigen Nahrungs- mittel, unter lczteren Salat, rohes Obst, Gurken, Melonen und dergleichen. Als Getränk bcnuze man nur kräftiges, ja nicht junges Bier, und in llcinen Quantitäten guten Rum oder ein Glas guten Rotweins, auch dem Trinkwasser tut man gut etwas Rotwein zuznsczcn. Fleisch, Gemüse und derartiges wasche man mit möglichster Sorgfalt und seze alles, soweit tnnlich, vor dem Genüsse der Siedehize aus. Was aus Hänsem stammt, beziehentlich dort aufbewahrt war, wo Cholera herrschte, genieße man überhaupt nicht. Tic Füße und den Leib halte man warm durch Flanell und wollene, auch in der Nacht nicht abzulegende Bauchbinden. Die Abtritte und die Ausgüsse in den Küchen vergesse man bei seiner Vorsorge gegen die Cholera nicht. „Durch die Abtritte", heißt es sehr zntresscnd in Bocks Buch vom gesunden und kranken Menschen*),„stehen die Häuser meistens mit den Abtrittgrubc» in direkter Lustverbinduug; dasselbe ist der Fall in Küchen, deren Ausgüsse in unterirdische Kanäle münden. Zumal im Winter übt das warme Haus *) Dreizehnte Auflage. Bearbeitet oon Dr. med. Mar Julius Ziin mer man n. Leipzig 1883. Bo. l, S. B89. einen Zug auf alle die Gase ans, welche diesen ekelhasten Orten entstammen. 9t ur die wenigsten Menschen machen sich einen richtigen Begriff davon, welche Mengen von Fänlnisgasen ans diese Weise täglich und stündlich freien Zutritt in nnsere Woh nungen haben können. Man hat berechnet, daß eine nur zur Hälfte angefüllte Grube mittlerer Größe, von etwa ß Kubikmeter Inhalt in 24 Stunden 3 Vi Kilogramm, also über 3000 Liter Fäulnisprodukte an die darüber befindliche Lust ab- gibt. Das sicherste Mittel, die Abtritts- und Gossenluft aus den Wohnräumen abzuhalten, besteht in einem Wasservcr- schlnß(man läßt das Rohr des Ausgusses nicht frei in die Luft, sondern in eine Schüssel ansinünden oder bringt am Aus- flusse eine 8förmig gebogene Röhre an, in der stets ein ge- wisses Maß Wasser zurückbleibt und die Röhre gegen die äußere Lust ab- schließt; bei Ab- trittc» das bekannte Wasserklosett. Zur künstliche» Vcntila tion der Abtritt- räume empfiehlt Pettenkofer, denAb- tritt als einen cige neu Zugkamin zu kvnstrnirc», welcher in einer möglichst luftdicht schließen- den Röhre vom Erd gcschvß durch das ganze Hans bis über das Dach ge führt ist. In diese Hauptröhre münden in alle» Stockwerken die Abtritte ein, de- rcnOcsfnnngen möglich)* gut verschlossen werden müssen. In dem obersten Ab trittc muß, und zwar i» der Röhre selbst, eine Flamme die Luft soweit erwär- nie», daß die äußere Luft von allen Sei- te», also auch durch 1 die Abtrittssize, in sämmtlichcn Stockwerken nach der Röhre zu drängt. Auch durch kleine Windmühlenflügel könnte die Ben tilation der Abtrittröhre bewirft werden." Bezüglich der Behandlung der bereits an der Cholera Erkrankten scheint uns von all' den vielen verschiedenartigen Mctvdcn und Versuchen, welche bisher zur Empfehlung und Anwendung gekommen sind, gleichfalls das am meisten be hcrzigenslvert, was in dem ebcnzitirten vortrefflichen Werke angegeben ist. Es heißt dort:.Tie Behandlung bei ausgcbrochener Alädcht» aus Theben. Cholera kann, da wir zur Zeit nur die hauptsächlichsten Cr- scheinungen derselbe» kennen, auch nur gegen diese gerichtet sein. Großer Wasscrverlust des Blutes, Kälte und träge Zirkulation des eingedickten Blutes sind nun aber die hervortretendsten Erscheinungen, und gegen diese kann natürlicherweise nichts wirk- sanier als Wärme und Wasser neben Erregungsmitteln sein. Deshalb hält der Verfasser zur Zeit für die einfachste und beste Behandlung die folgende: Bei eintretendem Durch- falle sofort ins ivarme Bett(Wärm- flaschen). heiße Umschläge ans den Leib, Trinken heißen Tee's oder Wassers in mäßigem Grade, leicht verdauliche Nahrung.— Auch durchgeschlagene Ab- kochungen von Ha- fermchl, Gerste, Reis u. s. w. sind erlaubt; sie können mit etwas Rotwein vermischt werde». Werden Hände, Füße, Rasenspize und Zunge kalt, dann muß das Trinken heißen Wassers oder Tee's bedentend ge- steigert werden, auch wenn ein großer Teil davon wieder weggebrvchcn wird. In dem Falle, daß der Puls kraftloser und schwächer wird, seze man als Er- regungsmittcl für die Herztätigkeit zu dem heißen Getränke irgend ein Spirituv sinn(wie Wein, Rum, Spiritus). Nebenbei mag man aber den Durst und die innere Hize durch mäßigen Genuß kal tcn Getränkes, wie Bier, Wasser(kohlensaures oder mit Wein), Eis. Cham- pagncr oder der- gleichen, zu mäßigen suchen. Beim Ein- tritt der Wärme muß mit der an gegebenen heiße» und erregenden Behandlung nachgelassen werden, damit nicht zu plözlich und nicht eine zu große Hize eintritt; jezt scheint Bier zum Antreiben der Harnabsondernng am meisten von Nnzen zu sein. Soviel steht aber sicherlich fest, daß, da wir die wider- natürliche Ausfuhr von Wasser ans dem Blute bei der Cholera noch nicht hemiucn können, die Zufuhr von Flüssigkeit in das eingedickte Blut die Hauptsache bei der Heilung dieser Krank- heit ist"*). (Schluß folgt.) *) A. a. O. Bd. ll. S. 119, 120. Nr. ,4. 1884. Ein schnurrig Stück Menschenleben. Humonstische Erzählung von Kans Eckari. (Forljezung/i „Siehst du," begann Christian seufzend von neuem,„kaum daß mir das Glück einen Augenblick gelächelt hatte, begann auch sofort wieder mein unerhörtes Pech. Ich ivar also in den Familienwagen aufgenommen,— aber wo sollte, wo konnte ich sizen? Im Fond des Wagens saßen Vater und Mutter; ihnen gegenüber die' beiden Töchterlein,— reizende Kinder, sag' ich dir, Hans; ans dem Bock neben dem Kutscher saß der Sohn,— es blieb nichts übrig, als daß der Kutscher sich ans de» Fuß- boden seines Sizcs hinabsezte und mir seinen Plaz einräumte. So saß ich, aber wie hockte ich da! Hoch oben über den beiden bildhübschen Mägdelein, und mit dem Rücken ihnen zugekehrt, eine Unterhaltung pure Unmöglichkeit, dabei stets der Gefahr ansgesezt, mit meinen ziemlich lange» Rockschößen die Hüte der Mädchen zu berühren; hielt ich die Rockschöße mit den Händen fest, so klafften sie auseinander und gaben meine hellkarirten Hosen den Blicken der Wageninsassen preis, sezte ich mich drauf, so drohte bei dem beständigen Stoßen und Rütteln des Wagens und den dadurch hervorgerufenen heftigen Schwankungen meines Körpers der Rock aus allen Räte» zu gehen.— kurz, ich mochte tun, Ivas ich wollte, so spielte ich doch ans meinem Kutschcrtrone eine lächerliche Rolle und das Kichern der Mädchen hinter mir wollte denn auch gar kein Ende nehmen. Und welch' ein Kichern,— gedämpfer Silberglockcnklang,— wenn diese Mädchen- stimnie» einmal laut lachten,— das kam auch oft genug vor, — waren sie völlig bezaubernd. Lache du mich aus, so viel du willst, Hans,— ich verdien' es, da ist kein Zweifel,— aber wars nur der Umstand, daß ich solange unter den denkbar ungünstigsten Umständen ausschließlich in Gemeinschaft mit Bar- baren oder beinahe Wilden gelebt hatte,— genug, ich war über und über verliebt, che noch der Abend kam, keine drei Stunden, nachdem ich die liebenswürdige Familie zum erstenmal gesehen." „In welche?" fragte ich jezt ganz ernst. „In tvclche, ja, wenn ich das nur gewußt hätte. Ich glaube ernstlich in beide. Schelte mich nicht, Hans," fuhr er fort, als er sah, daß ich mein Gesicht in noch ernsthaftere Falten legte,„was kann ich Unseliger dafür? Auch Schiller liebte beide Mädchen von Lengeseld,— von Bürgers Doppelliebe gar nicht zu reden." „Wirst du wieder geliebt, Christian?" examinirte ich mit unzerstörbarem Ernst weiter. »Ich— keine Idee. Uebcrhanpt diese Frage,— ob ich wiedergcliebt werbe,— es ist ja längst alles vorbei,— ich habe sie seit dem einen Tage nie wieder gesehen." „Nun, da brauchst du also nicht mehr zu seufzen.—" „Erst recht grade,— denn es ist alles vorbei, alles, nur eines nicht,— meine Verliebtheit.— Siehst du, seit ich jezt mit meiner Preisarbeit fertig bin, regt sich in mir wieder der Mensch, der heißblütige, lebenslustige Mensch, die lieblichen, schelmischen, entzückenden Gesichter tauchen täglich— und nächtlich in meinen Träume»— deutlicher, lockender in meinem Ge- dächtnissc auf, es ist mir, als ob die längst verwelkten Blumen, die sie mir zum Abschiede auf dem Bahnhof in Eisenberg, wohin mich noch selbigen Abend die ganze liebenswürdige Familie begleitete, gegeben hatten, wieder zu duften begönnen,— ich bin also verliebt, hoffnungslos verliebt, so hoffnungslos wie nur je ein Mensch, oder wahrscheinlich wie nie ein Mensch vor mir."— „Na. aber Christian, so schlimm ist die Sache doch nicht, — suche die ungeheuer liebenswürdige Familie ans, wähle dir von den zwei Mädchen vorläufig eines,— ungefähr so wie es Schiller gemacht, ans solche Abwege wie Bürger wirst du hoffent- (ich nicht kommen.— und heirate sie, wenn's eben nicht anders sein kann." „Schweig, ich bitte dich, schweig mir vom Heiraten, Hans. — ich heirate ganz gewiß nie. Ja wenn ich wählen könnte, vielleicht würde dann noch alles gut, aber dazu müßte ich wieder mit der Familie zusammenkommen, und dazu müßte ich wissen, wo sie wohnt, wie sie heißt—." Diesmal vermochte ich meinen Ernst nicht mehr zn wahren, ich lachte laut ans. „Du bist ein Prachtkerl, Christian," rief ich.„Liebt der Mensch zwei Mädchen ans einmal und kümmert sich nicht ein mal darum, wie sie heißen und wo sie wohne»——" „Gekümmert habe ich mich schon darum, aber ich war damals, als ich plözlich ans wochenlangcr Höllenqnal befreit wurde, so entzückt, verwirrt und verlegen zugleich, daß der Name, den mir der joviale alte Herr nannte, an mein Ohr schlug, ohne in meinem Gedächtnis haften zn bleiben. Ich glaubte ihn zwar zn wissen, als ich mich aber seiner erinnern wollte, es war ans der Eisenbahnfahrt nach einem tiefen Schlaf, in den ich kurz nach meiner Abfahrt von Eiscnberg verfallen war,— wir hatten noch auf die fröhliche Bekanntschaft und auf ebenso fröhliches Wiedersehe» eine erkleckliche Anzahl Flasche» köstlichen Weins geleert,—— da war er wie ausgelöscht. Anfänglich tröstete ich mich mit dem Entschluß, innerhalb der nächsten sechs Wochen auf einige Tage nach Eisenbcrg zurückzukehren und die Familie aufzusuchen,— aber das verhinderte die unglückliche Preisarbeit, die in Angriff zu nehme», mein alter Oheim inir auf das dringendste anriet.— Als ich damit einmal begonnen, nahm mich das interessante Tema und der Ehrgeiz, den Preis zn erringen, gefangen,— ich vergrub mich in die Bücher und schaute nicht ans, dachte über nichts anderes nach, bis die Arbeit endlich, iveil der sestgeseztc Einliesernngstermin vor der Tür stand, abgeschlossen werden mnßte, und nun, da der Bücher Ivurm wieder Mensch wurde, war's zü spät. Ich bin freilich in Eisenbcrg gewesen, habe nach einer Familie mit zwei Töchtern und einem Sohn, der junger Student war, überall geforscht--" Er hielt innc, seufzte wieder tief auf und zuckte verzweifelt die Achseln. „Du fandest keine Spur einer solchen Familie,—— wenn du nicht gar zu»»geschickt gesucht hast, ist das kaum denk bar.-——" „Im Gegenteil: ich habe zn viel Spuren——, vier, fünf solche Familien entdeckte ich.— alle natürlich abgereist,— eine zu vorübergehendem Aufenthalte hier am Orte. Diese suchte ich zuerst a»f,— alles stimmte: eine behäbige Mutter, ein behäbigerer, urgemütlicher Vater, ein flotter, nur zn flotter Bruder Studio, zwei Töchter,— aber alle hatte ich,— alle hatten mich»och nie im Leben gesehen, und die Töchter— 0 du mein grundgütiger Himmel!— gut mögen sie sehr sein und entgcgenkomincnd sind sie auch sehr,— aber hübsch waren sie nie,— lang, erschreckend mager,— mindestens schier dreißig Jahre,— das war mein erster Fund. Die zweite der Familien schien mir ganz sicher die rechte zu sein, der Name klang mir, je öfter ich mir die Sache überlegte, desto bekannter, endlich hätte ich fast schwören mögen, die müßtens sein,— leider wohnten sie weit entfernt, deshalb konnte ich mich nur brieflich melden. Ich schrieb also, daß ich mich mit Freuden der frohen Stunde und aller Freundlichkeit erinnere u. s. iv. Acht bange Tage wartete ich, dann kam ein Brief, der mir in gar nicht niißznverstehender Weise mitteilte, daß man mich für einen Rarren hielte, man habe einen Menschen meines Namens nie gesehen und wünsche, wie wörtlich zu lesen stand— mir„künftig die Mühe des Briefschreibens nicht mehr zu machen." „Und die übrigen Familien?" „Von einer erhielt ich gar keine Antwort. Der vierte Familienvater endlich schrieb mir kurz und bündig: ,Wir hatten zwar das Vergnüge», in Eisenberg eine» angenehmen jungen Mann Iciiiicii zn(einen, biffcn ich mich schvn dcsivcgcn jrhr wohl crinnere, weil ci mir die Ehre envicd, sich von mir zwanzig Taler zn borgen»nd dann ohne Abschied abznrcisen, aber dieser nannte sich damals nicht Christian Gutenbicr— sondern Klemens Roscnseld. Sollten Sie, geehrter Herr Gntcnbicr, diesen licbens- würdige» Jüngling zufällig kennen, so haben sie die Güte ihm mitzuteilen, daß wir noch leben und gesund sind/" .Tragisch— ungeheuer tragisch," lachte ich.„Ter hielt dich vssenbar für den Verkappen Klemens Roscnseld." Christian nickte..Habe ich nun nicht recht, daß ich der größte Pechvogel unter der Sonne bin?" .Tröste dich, altes Hans, wenn dn den Preis gewonnen hast, bist du ein gemachter Mann und bekommst Frauen so viel wie ein türkischer Pascha. Man greife nur»ach Mädchen, Kronen, Gold— sagt der alte Goethe und der Verstands, wie nur einer."— Er schüttelte betrübt den Lockenkopf. .Helene oder Hedwig— heißt meine Losung kor ever. Und dann dieses Wenn,— dieses unglückselige Wenn—, es sind über ein Duzend Prcisbcwcrbcr aufgetreten,— da war's schon ein Wunder, wenn ich das enorme Glück hätte, unter Zwölfen der eine Glückliche zu sein— bei meinem Pech ist gar nicht daran zn denken, und zu allein Ueberfluß kenne ich die Schwäche» meiner Arbeit,— das ungeheure Material,— die massenhastc Literatur des Gegenstandes vermochte ich in der kurzen Zeit nicht zum fünsten Teil zn bewältigen, obgleich ich Tag und Nacht und mit ficbcrischer Hast studute— eine Stümpcrarbeit ist es, die ich geliefert habe, weiter nichts,— ich habe schon die Hoffnung anfgegcbcn, daß sie auch nur lobend erwähnt wird." Ganz trostlos schaute er vor sich nieder. Meine ansmunternde Zuspräche vermochte nichts über seine hvssnttiigsarmc Zaghaftigkeit. Gesenkten Hauptes»nd düster» Blicks ging er neben mir her heimwärts.—— Wir sahen uns längere Zeit nicht wieder, da ich verreisen mußte und ihn erst»ach drei Wochen anss neue besuchen konnte. Er schaute nicht minder trübselig darein, als vordem, vielleicht »och trübseliger. Jczt wäre für ihn alle Hoffnung vorbei, meinte er; und dann schüttete er mir sein Herz ans. Ter arme Christian Gutenbicr hatte»eben seiner Leiden- schast für die zwei unbekannten Mädchen, oder vielmehr lange vor dieser Leidenschaft schvn einen Lieblings- und Lcbenswunsch gehabt: er wollte Geschichtsforscher werden. Schvn in seinen frühen Kinderjahrc» hatte diese Neigung sich mehr oder minder deutlich doknmcntict,— er war von früh auf ein Sanimelfanatiker inbezng auf alles Gedruckte gewesen. Co sehr er an Sauberkeit gewöhnt war und stets darauf gc- halten hatte, war ihm doch niemals ein Wurst- oder Käsepapicr zu schmuzig gewesen, es prüfend durchzubnchstabiren und dann sorgfältig aufzubewahren. Daneben führte er, fast seit er schreiben konnte, ein Tagebuch, worin nicht»nr alle wichtigen und unwichtigen Ereignisse seines eigenen Lebens, sondern auch des Lebens seiner VeNvandten und Bekannten auf Tag und Stunde und jeder begleitende Umstand zn lesen war. Mit der Geschichte aller Völker des Erdballs, soweit sie eine Geschichte haben, war er, als er noch jungger Gymnasiast lvar, völlig vertraut; was ihm in der Schule von der Weltgeschichte gelehrt wurde, genügte ihm nie, sein Studium ging stets weit über die Ziele des Schulunterrichts hinaus.?lls Schüler der oberen Gymnasial- klasscn machte er schvn alle ihm nur erreichbaren Bibliotckcn unsicher, stöberte in alten Scharteken umher und schleppte Berge von Notizen zusammen über Dinge»iid Ereignisse, von denen kaum ein Mensch noch etwas wußte. Daher ivar denn auch sein Hanptstudium ans der Univer- sität die Geschichte gewesen»nd in seinen„kühnsten Träumen" hatte er sich stets als Geschichtsprofcssor ans irgend einer an- gesehenen Universität vor einem weniger zahlreichen als vcr- ständnisvoll lauschendem Auditorium gesehen, dem er die überraschenden Resultate seiner tiefgründigen Forschungen vortrug. Seine Eltern waren früh gestorben, Vermögen hatten sie ihrer zahlreichen Kindcrschaar nur blutwenig hinterlassen können. Ter Vater war Gymnasialoberlehrer gewesen und hatte sich über die ungezogenen Buben der vornehmen Lehranstalt, an der er wirkte, die Schwindsucht angcärgcrt, soweit er sie sich nicht mit uncrmüdlichei» Privatunterrichtgebcn angearbeitet hatte. In die kleine Hinterlassenschaft teilten sich die drei älteren Schwestern Christians, für die vier Söhne blieb kein Heller übrig. Der eine war Kausiiiannskommis,— dieser schlug sich eben so leidlich durchs Leben. Ter zweite lernte die Oekonomic und wollte dereinst Wirtschastsinspektvr werden. Der dritte— mein Freund Christian, war zur Zeit als Vater und Mutter starben,— der Vater im Frühjahr, die Mutter im Herbst— Primaner gewesen. Er mußte froh sein, daß ein gutmütiger Oheim, der Bruder seiner Mutter, sich seiner annahm, ihm für fünf Jahre eine Unterstüznng von jährlich 300 Mark aussezte und ihn weiter studircn ließ. Ter Onkel war nicht nur ein gutmütiger, sondern auch ein verständiger Mann. Nach einer wohl etwas wild verlebten Jugend, deren Wirrsale ihn— man konnte nicht recht erfahren, weshalb— nach Amcnka geschleudert hatten— war er ein mit großer Energie»ach gesichertem Auskommen strebender Mensch geworden; und es war ihm gelungen, ein ziemlich bc- trächtlichcs Vermöge» teils zn erarbeite», teils zu erheiraten. Lezteres hatte er ihm Laufe von sechszehn Jahren dreimal ge- tan,— jede der drei Gattinnen hatte dein Vermögenden Vcr- mögen zugebracht, wie Kundige wissen wollten: die zweite mehr als die erste, die dritte mehr als die zweite. Die erste starb nach neunjähriger kinderlosen Ehe,— die zweite im erste» Wochenbett und ersten Ehrjahre,— die dritte nach fast vier- jähriger an den Folgen eines großen Schrecks,— bei der Heimfahrt von Amerika nach Deutschland strandete ihr Schiss und wäre mit Mann und Maus zugrunde gegangen, wenn ihm nicht ein anderes Schiss noch im lezten Augenblicke zn Hilfe gekommen wäre. Mit der noch jungen Frau starb das lcztc Kind, das sie ihrem bereits alternden Manne zn schenken hatte hoffen dürfen. Das Schicksal hatte beschlossen, daß Onkel Toska kinderlos bleiben sollte. Das Unglück in der Ehe hatte den Onkel verschlossen und fast menschenscheu gemacht. Sein gutes Herz zwang ihn oft genug, sich der Menschen anzunehmen, aber er tat es am liebsten, ohne mit ihnen persönlich in Berührung zn komme». So bekam ihn auch der Resse gar nicht häufig zu sehen,— um so pünktlicher wurden die 2b Mark alle Monate jür diesen bezahlt, welche der Onkel bewilligt hatte. 23 Mark monatlich war wenig, denn es war genau die Summe, welche Christian der Familie, bei welcher er wohnte, als Pensionsgeld zu zahlen hatte. So war ihm Wohnung und Nahrung gesichert,— für Kleidung sorgte der Onkel stets recht- zeitig auch, und für seine sonstigen kleinen Bedürfnisse sollte er sich das Geld erarbeiten, hatte der Onkel gesagt. Das hatte er denn auch getan,— er hatte, dem Beispiel seines Baters folgend, schon als Gymnasiast Privatstunden er- teilt; als Student fuhr er damit fort. Auf der Universität kam ihm, dem Sohn des staatlich angestellt gewesenen Oberlehrers ein Stipendium zu Hilfe, das ihm erlaubte, seiner Herzens- neigung zu folgen und sich langsam eine recht gute Bibliotek historischer Werke anzuschaffen. So hatte er denn zu leben und zu studircn vermocht— sünf Jahre lang. Zinn stand er am Schlüsse seines achten Universitätsseinestcrs,— ein Jahr von jenen fünfen hatte er »och ans dem Gymnasium zubringen müsse»,— die Stunde der Lebenswcnde konnte jeden Augenblick schlagen. Onkel Toska, der Amerikaner, war gutmütig und verständig, aber noch mehr energisch und einer jener praktischen Menschen. wie sie amerikanisches Leben und Treiben so vielfach erzeugt, — er wollte stets greifbare Resultate jedes Arbeitens und Strcbens, auch jedes Studirens und geistigen Schaffens sehen. So war es denn nur natürlich gewesen, daß er sehr entschieden den Kopf geschüttelt hatte zu Christians Borsaz, Geschichtsforscher und wenn möglich sogleich nach Beendigung des Univcrsitäts- studiums Privaldozent zu werde». „(Mcfjvte Hungerlciderci," Ijiittc cv unwUlig vor sich hin gebrummt,„iiberhcius't dummes Zeug,— dieses Biblivtckeu- staubschliickcn nls Lcbensberus,— ins volle praktische Mensche»- leben hinein,— Lehrer werden,— Gymnasialprofcssor,'— dann Direktor,— vortragender Rat im Unterrichtsministcriuni, — das ist noch allenfalls etwas, wenn einer schon einmal vcr- nagelt genug war, die dnmmc Philologie zum Berns zu erwählen." Gegenwärtig nun war's— wie Christian mir berichtete— sicher, daß sein Onkel die Hand von ihm abziehen werde, für den Fall, daß er— Christian— auf seinem Willen beharre, als Universitätslehrer eine minder zuknnftssicherc Laufbahn ein- zuschlagen. „Und du kannst dir denken, Hans," sezte er mit einem Gesichte, wie ein zum Tode Verurteilter hinzu:„daß ich jczt, wo ich aus der Preiskonkurrenz ganz sicher ohne jeden Erfolg hervorgehe, am allerwenigsten Aussicht und auch Lust habe, de» Ohm»in weitere Untcrstüznng zur Erfüllung meiner Wünsche zu drängen,— überhaupt bin ich zu alt, um länger von Unter- stüzungen leben zu können,— auch habe ich nicht mehr den Lebensmut— weder um dreist und auf gut Glück einer zwcifel- haste» sorgenvollen Zukunft entgegenzugehen, noch um mich in die Misörc eines Schulmcisterdascins,— die mir das Beispiel meines armen Vaters nur allzusehr verleidet hat— zu stürzen. Mit mir ist es auS,— ehe es noch so recht angefangen hat, sage ich dir, Hans." „Aber Christian,— das ist ja doch toll,— du hast nicht mehr den Lebensmut,— wer hat dir ihn geraubt,— doch nicht die im Grunde blos komische Geschichte der allerdings ziemlich hoffnungslosen doppelten Liebe zu dem unbekannten Schwesterpaar?" Er seufzte, daß es einen Stein hätte erbarmen können. „Mir ist diese Sache gewiß nicht komisch,— du weißt, wenn mich einmal ein Gedanke oder gar ein Gefühl gepackt hat, so läßt es mich nimmer los. Und so ist's hier erst recht— die Mädchcnbildcr umgaukeln mich bei Tag und bei Nacht,— sie sind jezt noch mein einzig Glück und doch auch mein größtes Leid.——" Ich nahm ihn bei der Schulter und schüttelte ihn derb. „Mensch, raffe dich auf,— zunächst hinaus aus deiner Die blaue Blume. Eine S v in m e r n n ch t S p h a» t n s i e. «o» Dr. Aibcrt Lindner. Es war einmal— wer hat es gesehen? Wer hat es erlebt? Nie- wand. Und doch war es einmal! Wenn du es findest, wenn's dir „passirt", untersuch es nicht! Deut' es nicht! Sonst neckt es und äfft es und ärgert dich— lauge drüber hinaus. Du mußt es hinnehmen— gläubig mit Kiudesherzen, tmd wär's mit weit aufgerissenen Augen und offenem Munde. Es ist wie der Regenbogen, den du von fern an einer Felsivand siehst: kommst du näher, so schwindet's weg und du bemerkst am Felsen nur lichten, wolkigen Dunst. ES ist wie die Libelle, die über dem Dache flattert: in allen Regenbogeitfatbeit spielt sie vor deinem entzückten Auge.„Mtist das ein schönes Geschöpf sein," denkst du. „Die willst du doch einmal näher betrachten!" Du sängst das schillernde Tierchen mit der hohlen Hand, und was hast du nun? Ein traurig- graues, beinah ekelhaftes Insekt! Nur tvcr sie glaubt, dem leben die Götter, dem werden die Wunder wahr. Bist du das nicht imstande, dann lege das Blatt weg und vertiefe dich lieber in die Lösung einer algebraischen Aufgabe. Denn was ich dir anbiete, ist eitel unniize Flunkerei, niizt keinem was und ist auch nicht geschrieben für einen ernsthaften, trocknen, logischen Denker wie du es bist. Du würdest nur irre an mir und an dir, weil ich dazu eine so ernste und' aufrichtige Miene mache. Das liegt eben daran, weil mir die Sache Wahrheit ist, die dir eine Phantasterei tu sein scheint. Ich führe dich in den Mond- schein hinaus, in die schwüle, gttelleiide Juuinacht. Seze dir eine Kappe auf, damit du den Moudstich nicht bekommst, und wenn Gespenster erscheinen sollten, so sprich dein Stoßgebet:„Zweimal zwei ist vier," oder:„Es regnet. Was folgt daraus? Mein Rock wird naß. O ge- heimnisvvlle, wunderbare Wahrheit, beschiize mich!" Ich kenne dich. Du bist einer von denen, tvelchen man kein Glas l868ger Hochheiiner Domdechanci vorsczen darf, wenn man dir nicht zu sagen weiß, wieviel Prozent Alkohol, Znckerstoff, Sprit und Wasser dabei sind, denen man keine dustende Blume unter die Nase halten darf, wenn man dich nicht düsteren Klause— da draußen lacht ein wunderbarer Sommertag,— hinaus in Wicscngrün und WaldeSduft und unter frohe, lebenslustige Menschen." Er folgte widerwillig. „Tic Menschen wollen von mir armem Schlucker nichts wissen, mein trübseliges Gesicht und meine hoffnungslose Zukunft lassen sie kalt und in vornehmer Nichtachtung an mir vorübergehen, und wenn einer es der Mühe wert hält, bei mir flüchtig stillzustehen, so geschieht es fast immer nur, um über meinen litt- glücksnamen einen möglichst schlechten Wiz zu reißen." „Schweig mir nur von diesem Tema,— die Menschen sind nicht so schlecht und so gleichgültig gegen dich, die Welt ist nicht so düster und trostlos, als du dir einredest.——" Inzwischen waren wir auf der Straße angekommen und schritten langsam fürbaß dem nächsten Tore zu. Wie um meine Worte zu bestätigen und Christiaus ver- zweifelte Auffassung zu widerlegen, lachte die Sonne so strahlen- hell und ohne alle sengende Glut, nur wohltuend, nicht belästigend hernieder, und die Menschen, welche wir gleich uns der frischen Parklust vor dem Tore zustrebend trafen, zeigten olle frohe Gesichter, lachten und scherzten, daß es eine Lust war. „Wie wird dir, Christian?" fragte ich. „Immer übler zu Mut," entgegnete er.„Ter Kontrast dieses glänzenden Sonnenlichts und dieser lachenden Menschen- gcsichter zu meiner Stiiumung ist zu grell. Dazu das Bewußt- sein, daß sich von all den frohen Menschen der ganzen Welt kein einziger um mich kümmert——" „Ei guten Tag, mein verehrter Herr Gutenbier," tönte eilte wahre Donnerstimme in Christians Worte hinein. Aeußerst überrascht schatten wir beide uns um. Hinter uns stand ein älterer Offizier, der Major von Zahlen) das allezeit weiter- und weingerötete Gesicht war in die jovialsten Falten gelegt und seine mächtige, weißbehaudschuhte Rechte Christian entgegengestreckt. Christian stotterte in höchster Ueberraschung ein paar tut- vetständlichc Worte. Er hatte alle Ursache überrascht zu sein, der Major, Bater von sechs als Schönheiten berühmten Töchtern, hatte sich fast nie um ihn gekümmert, obgleich Christian ihm auf cincni Nniversitätsballe vorgestellt worden war. (Sortstziing folgt.) zu benachrichtigeu weiß, in welche Unterabteilung eiltet Linnt-'schen Hauptabteilung sie gehöre. Gehe du in den hintersten Winkel deines Studirzimmers, wohin kein Sonnenstrahl fällt, nimm einen schweins- ledernen Folianten herbei und laß dir durch die Magd ein Glas Brunnenwasser zur Stärkung holen. Mit dir bin ich fertig. Dieser Mensch sieht mich so hochmütig an im überlegenen Bewußt- sein seines Wissens. Ich will ihm doch etwas Erlebtes erzählen. Wenn er soviel gelernt hat, wird er mir die seltsame Geschichte zu deuten wissen. Ging ich da neulich durch eine Waldschlttcht, an deren Eingaug eine kleine blaue Blume ihren schmachtenden Kelch zu den Sternen hob. „Höchstens indische Lolos," schnarrt es hinter mir,„sonst wüßt' ich nicht, welche Spezies des Nachts ihren Kelch nicht schlösse oder wenigstens zur Erde senkte!"— Die Blume duftete stundenweit, und ein Klingen und Singen schwoll um sie her, je näher der einsame Wanderer au sie herankam.—„Dummheit! Phantasterei! Eittbildnug!" imirmelte es hinter mir.— Ich versenkte mein Ange in den Kelch, und wie ich es wieder hob, schien mir die Umgcbnug venvattdelt. Alles hatte Sprache, Gestalt gewonnen. Von allen Seilen lachten, lächelten, grinsten Ge- sichter zu mir her, winkten Finger mich heran, rauschten Lieder mir zu Ohr.—„Lassen Sie mich zufrieden!" schreit der Kerl hinter mir. „Das können Sie Narren weiß machen. Die Zeiten des romantischen Dusels, der Tieck, Brentano, Novalis sind vorüber, wir leben im Zeitalter der Ausklärung und der Wissenschaft." Ich achtete nicht weiter aus den Philister, der mir folgte, sondern betrat die Schlucht. Finsternis lagerte sich, wohin der Fuß trat, feuchtes Moos quoll unter der Sohle, alS schritt ich über den Rücken des schlafenden Lindwurm, den Siegsried schlug. Kleine lichte Pünktchen schimmerten zahllos über meinem Haupte an Stellen, die der ragende Wuchs der Tannen auf beiden Wänden der Schlucht nach oben freiließ. Plöziich blieb ich stehen und schauderte.„Siehst du nichts?" fragte ich leise nach hinten.„Was, Verehrter?" ftug eS kalt und spöttisch zurück. Aus der FelSwanS reckt sich ein Arm, dürr und mager, spreizt Sie Finget nach uns, glüht mich unheimlich von oben an— ich erkenne deutlich das scheußliche Profil der Waldhexe, die über den Wald sich Lisi in der schenke.(Seite 5so.) neigt.—„STnimmcr Tnnneiinst!" fdjitant cS hinter mir.— Aber die Augen, grünlich, hämisch, lauernd mie Augeil des Katers, der sich zum Sprung auf das spielende Vöglein rüstet!—„Zivei Johanniswürmer, du Schafskopf!"— Und auf der anbeten Seile lauert einer, hat einen mächtigen Buckel, den dicken Kopf auf den Schoß geneigt.—„Erlenbusch!"— Aber die Nägel an den Zehen! Dehnen sich fußlang vor ihm am Bode» hin!—„Blätter des Sumpflattichs!"— Nein, es ist ein Verzauberter, ei» Prinz vielleicht! Siehe, wie ihm Diamanten vom Slleibe tropfe», Perlen in tausendfachem Glänze vom Haupte rieseln!— „Kleine Waldqnelle, die dort vom Felsen fällt!"— ES ist Elsenkönigs Gebiet, dort das Portal seines Wunderschlosses. Deutlicher fchinimert der Eingang.—„Ausgang aus der Schlucht."— Zwei Gnomen halten Wache, an die Pforte gehockt!—„Weisenstünipse."— Rings her quirlt es, wiegt sichs, iveiße Gewänder flattern, zärtliche Mädchenarme winken! —„Nebelsezcn um die Stämme der Tannen. Der Kerl ist total verrückt!" murmelt der Begleiter, dessen Gefühllosigkeit mein Blut erregt. — Horch, die Musik im Schloß, das Geräusch eines Festbankets!— „Die Erlenblättcr rascheln im Abendhauch."— Und da warnt einer den Wächter ans der Zinne, daß sich Sleibliche nahen dem Elfenschloß; Recke den Kopf! Wecke, wecke, wecke die Garrrde!—„Wiesenfrösche dort in der Niederung."— Trunk! Trunk! Trunk! ruft eine durstige Ritterkehle im Banketsaalc!—„Eine Unke im Sumpfe dort!"— Daß du verdammt wärst mit deiner Katederiveisheit, rics ich hinter mich, beeilte meinen Schritt, um deS mürrischen Lehrmeisters ledig zu werden, und trat durch das Fels,»portal, weil ich mutig allen Gefahren im Zaubcrschlosse trozen wollte— in die breit vor mir gelagerte Land- fchast. In der Nähe rieselte ein Wiesenbach seines stillen träumerische» Wegs. Felder vom Korne schwellend wiegten sich um mich her und die würzige Blüte deS Roggens füllte die weiche Luit. Cbcti hitig die silberne Mondscheibe und mühte sich vergeblich, durch das Blättcrdach zu lugen, welches die Erlenbüsche über den spielenden Bach gewoben, der wie ein launischer eigenwilliger Knabe tat, immer tollend, immer schwazend, immer tänzelnd. Wo ein Zweig sich zum Wasser bog, hob er sich und holte sich einen flüchtigen Kuß. Wo ein Stellt ihm im Wege lag, fing er zu schäumen und zu zanken am Plözlich ward es stiller, das feuchte Kind. Es schien vom Spiel einschlafen zu wollen, und unhörbar schlich seine Welle zwischen den Usergräsern hin. Der Mond toob Silberfäden durch das Laubwerk der überhängenden Erlen- büsche, und wiegte, wo keine Blätter wehrten, sein eitles Narcissusantliz auf dem Wasserspiegel. Und reger wards in den Lüften über mir, und auf des Moudstrahls goldener Leiter stiegen viel tausend helle zierliche Ge- stalten zur Erde nieder mit gcschäft'gem Tun. Und nun begann ein wundersames Werk. Da ballten sie, die stillen Juweliere, den»ächtgen Tau zu Tropfen, hängten sie an Halmesspizen auf, die, so betraust, wie trunkene Zecher hin und wieder schwankten; schmückten damit als ivic mit Brauigeschnteid auch schlafende Blumen, ihre Freundinnen. Und andere Schaaren flogen über Felder voll üppigen Korns und wcheten geschäftig den giftigen Mehltau von den schiveren Aehre», und wo die Loh' pestatmend und erstickend, an böser Sternen tückischem Strahl gebraut, um, wie die Schlange ihr Opfer, Gesträuch und Bäume tötend zu umtvinden, da schlössen sich die Wesen eng zusammen und breiteten die Flügel drüber hin und schüzten mit dem Flügelschirm die Früchte. Und lausend andere trugen Färb und Pinsel und kuschten emsig durch Gestrüpp und Dorn und malten dort noch einem Erdbeer- lein die Wange rot, daß es dem artigen Knaben am Morgen ans dem Busch entgegen glüh, und tupften hier noch eine Rose schnell, daß sie bereit sei, früh die volle Brust der Müllerin zum Kirchengang zu schmücken. Auch schleppten andere sich mit Honigkrüge» und gössen alle Blumenkelche voll. Aus Eimerchen, gesülll mit süßer Würze, besprengten sie die Gräser und besorgten, sowie ein Wirt, durch seiner Gäste Reih'» hindurchschrcitend leere Gläser wieder füllt, so jene im großen Gasthaus der Natur sür Meister Wurm den Tisch und für Frau Biene.— Doch wie der Schaar der Männer und der Frauen zur Sommerszeit, wenn sie die Wiesen mähen, hinauf aufs Feld ein Hause Kinder folgt, mit müßgem Spiele sich im Grase tummelnd, wen» jene rührig bei der Arbeit steh»,»nd wie der Drohnen faulcS Volk im Stock: so trieb sich hier ein loses Völkchen um, mutwilliger Spiele sroh, die schelmischen Nachzügler jener scgenstreuenden Schaaren. Im Nebel quirlend webten sie behend sich Kappen daraus und Mäntel toll gesonnt, phantastische Gebilde, die den Blick des Wandrers äffen und vom Wege locken. Und wieder andere flochten bunte Bilder aus lustgem Traumzeug und ver- senkten sie tief in den Fluß, daß sie des Träumers Auge betört hinab- ziehe in die grünen Wellen.—„Haben Sie keine Prise?" fragte der Lange, Graue hinter mir und steckte seine eminent lange Nase über meine Schulter. Ein branner Schnupstabakstropse» hing an ihrer Spize und blizte im Mondlicht. Eh' er aus meinen Rock siel, machte ich eine Wendung und erwiderte kurz und bündig: Rein.—„Der Nebel steigt von den Wiesen aus, man wird sich einen Schnupfen holen bei alledem."— Holen Sic Sich ihn! rics ich ärgerlich und schritt weiter. Zwischen den Büschen ward es lebendig. Reiterinnen in blankem Har- irisch, den funkelnden Helm ans fliegeirden Locken zogen über die nebelnden Wiese» hin. Löwen sprangen ihnen zur Seite wie Rüde» dem Jäger- zug.—„Ist denrr das möglich, daß eS schon 1 Uhr vorbei ist?" Bunte Papageien schaukeln sich aus den Aesterr und jeder plappert ein anderes Märchen nri-ö Inder land; seltsame Vögel schwirren durch die duftende Luit. Schlösser nicken von Bergeshöhen, aus Glas uud Krystall gebaut.—„Hören Sic, über eine gute Taschenuhr geht gar nichts. Ich wache alle Morgen mit dem lezten und sechsten Trrnnglockenichlage auf, und da bringt mir das Mädchen auch püirltlich, keine Minute später, den Morgenkaffee, nird so wciß ich immer, woran ich mit der Zeit bin."— Aus den Schießscharten gucken kleine Zwerge mit großen Wackelköpfen, Fontänen gehen unten im Tal spazieren, aus ihre» Röhren sprudeln sunkelnde Blumen in die Luft.—„Sie irren Sich wiederum, mein Bester. Zwei dralle Dorjuiägde spülen ihre schmitzige Wäsche am Bache dort."— Ein Konzert von Düften wallt durch die Lust, die Natur ein einziges Orchester um mich her vom Wurm hinaus bis zum Sonnenball, der durch den Weltraum donnert.—„Kohlen oxyd- Gas, wie die Spcklralanaltise für uns cnldeckl hat."— Ich iverde toll! Milliarden von Genien tummeln sich müßig in diesem Acter, ist denn keiner, der mich von diesem Gewäsch erlöse?—„Gewäsch? Ha gut, daß Sie mich dran erinnern: ich muß morgen meine Hemden zur Waschfrau schicken— ausgezeichneter Shirting."— Voller Wut sah ich mich nach einem Entrinnen um. Im Hvllnndcrbu'che schluchzte eine Nachtigall ihre langgezognen Schmerzen in die nahende Morgenluft. Mein Begleiter machte seine kurze Pseiie zurcchl und fing an mit Stein»ud Stahl zu Hantire». Aber der Schwamm ivollte nicht saugen. Rosig spielten die ersten, kaum geborenen Morgensonnenlichter im Laubdom über mir. Von ihrem Gotdc gleißte die stille Welle des BacheS. Ter ersten Aesung nach, auf den dampfenden Rand des Waldes zu, wiegle sich lautlosen Flugs die Mandelkrähe.— Aus der Chaussee drüben knarrte ein Fnhrnlannswagen.—„Der Kerl muß Feuer habe». Guten Morgen!" rief der Graue und stapstc mit seinen lange» Beinen durch das taufeuchte Gras auf den Wagen zu. Ich war ihn los, aber mich fröstelte. Mir war wie einem Ballgast, der aus den traulichen Festräumen, wo blaue Augen locken und roter Wein in geschlissenem Glase funkelt, hinausgetreten in die Morgenlust. A» die blaue Blume dacht' ich wieder daheim, als ich den Erlebnissen der Nacht nachsniin. — Uuscrc Schriftsteller gedenken ihrer, wenn sie von der Romantik reden. Woher haben sie diesen Ausdruck? Literarisch läßt sie sich zuerst nachweisen in dem Romane„Heinrich von Oftcrdingen" von Hardenberg(Novalis). Da spielt sie die Rolle jene Wunderblume Mit ihrem Kelch so lies, In dem das Zauberwesen Ter deutschen Dichtung schlief— wie ein späterer Dichter sie interpretirt hat. Aber gesunden hat sie noch niemand. Auch Novalis sah sie nur im Traume, und als er sich bückte, um sie zu pslücken, venvandelte sich der Blumenkelch in ein süßes Mädchenantliz. Tie blaue Farbe hat es uns angetan, das Ewige, das Mystische, das Ilnbegreisliche kleidet sich in ihre Livree. Sie ist das Sinnbild der beiden Unendlichkeiten, die unser Lebe» einschließen, der Unendlichkeiten nach vorn und nach rückwärts. Nimm ein Boot am Golfe von Neapel und fahre hinaus in die Wasserwelt, nach Eapri zu. Ter blaue Himmel hebt sich über dir, eine unmeßbare Höhe. Tie blaue Mecrestiesc senkt sich unter dir, und dein Auge crmißt den Grund nicht. Nur die Welle, über die dein Boot gleitet, ist Gegenwart, das Boot dein Leben. Auch die Slaven haben einen Mytus von der blauen Blume, die versteckt in den Gräsern der Steppe sich dem Wanderer nur durch den süßen Geruch verrät. Viele haben nach ihr gesucht, viele suchen noch heute. Vlber wehe dein, der sie jemals fände! Es hätte die Wirkung auf ihn, wie das verschleierte Bild zu Sais aus de» Jüngling: aller Farben und Blüten entkleidet sah er die Schöpiuug vor sich liegen, und was ihm ein schöner, süßer Mädchenleib srüher geschienen, stellte sich ihm dar als ein wüster Haufe von Knochen, Muskeln, Fasern und Sehnen. Für alle kindlich unbefangenen Gemüter— und das waren die echten Dichter von Anbeginn und immerdar— gilt, was der Dichter sagt: Nur der Irrtum ist daS Leben Und das Wissen ist der Tod. Unsere Illustrationen. Ter heimkehrende Soldat.(Seite 5t>l.)„O schöner Tag, wenn endlich der Soldat inS Leben heimkehrt." Wenn aber die Heimkehr unter Umständen, erfolgt, wie sie unser Bild zeigt, so hat die Schönheit eine sehr häßliche Narbe. Die Sache ging nämlich so zu. Unser Held, der schon mehrfach blessirt worden ivar, aber sich immer wieder aus gerafft hatte, konnte den Strapazen des Feldzugs nicht länger Wider stand leisten. Der böse Typhus packte ihn mit eisernen Krallen, während er mit wenig Kameraden in einem feindlichen Dorfe lag. Als die ander» weiter marschirten, blieb er allein zurück und die Dörfler waren menschlich genug, sich des Hilslosen zu erbarmen. Viele Woche» hielt ihn ein schivcrcs Fieber umsangen, er schivcbte zwischen Leben und Tod. und der Arzt schüttelte immer bedenklicher den Kops. Aber die Jugend wurde schließlich doch Herr über die Krankheit und der Sensen- mann muhte knurrend von bannen ziehen. Doch es dauerte lange Zeit, biS er sich soweit erholt hatte, daß er an die Heimreise denken konnte. Längst war der Frieden geschlossen und der Name unseres Helden stand in der Liste der Benniyten. Sein junges Weib, die schöne Magdalena, harrte bei der Rückkehr der Truppen mit Sehnsucht ihres Gatten, den» sie war ein rechtschaffenes Weib und halte ihn aufrichtig lieb. Als et nun nicht kam, da zerraufte sie zwar nicht„ihr Raben- haar und warf sich auf die Erde mit wütiger Geberde", wie Bürgers Leonvre, aber sie beweinte seinen Verlust bitterlich. Der Hoffnungs- schimmer, der Vcrmigte werde eines Tages wiederkehren, erblasite mehr und mehr und verlosch endlich gänzlich, als der junge Nachbar sich bei der vermeintliche» Witwe manchmal einfand, um— sie zu trösten. Homer? Odyssee kannte sie leider nicht, um der treuen Penelopeia nach- zueifern, welche zwanzig Jahre lang alle Freier abwies und aus die Heimkehr ihres OdysscuS harrte. Dazu hatte sie offen gestanden auch gar kein Genie; ihr hätte Mephistos Rat viel eher eingeleuchtet:„War' ich nun jezt an eurem Plaze, Betrauert' ich ihn ein züchtig Jahr, Visirte dann unterweil' nach einem neuen Schaze." Und Magdalena brauchte nicht lange visircn. da sich der Nachbar von selbst einstellte und seine Besuche immer häufiger wurden. Kann man es ihr vcr- denken, dafi sie ihn ab und zu zur Tafel zog? Was hätte es auch dem„Seligen" genüzt, wenn die blühende Witwe ihre Reize freudlos venvelken lieh..Homer malt uns zivar seine Penelopeia zwanzig Jahre nach dem Beginn des trojanischen Kriegs noch ebenso hübsch wie vordem, aber ich kann's ihm nicht recht glauben; überhaupt darf nian es bei den Alten mit der Chronologie nicht genau nehmen, sonst müßten ivir uns auch die holdselige Iphigenie auf Tauris als alte Jungser vorstellen. Item, die Pscudowilwe und ihr junger Nachbar lebten bereits auf sehr vertraulichem Fuße, und tvährend sie eines Mittags in schönster Gemütlichkeit den Beweis liefern, daß auch die Liebe nicht von Lust lebt, da— geht die Türe auf und wie ein deus ex macbiua taucht der Vermißte vor den cntsezt starrenden Augen des Paares aus, nicht als schemcnhastcS Gespenst, sondern in leibhastiger Lebendigkeit. Eine freudige Ueberraschung mochte diese Erscheinung bei keinem der drei Beteiligten hervorgebracht haben. Hoffen wir, daß der Heim- gekehrte die Sache nicht allzu tragisch nimmt und sich schließlich alles in Wohlgefallen auslöst. Jedenfalls kann er sich damit trösten, daß er glimpflicher wegkam, als Seine Majestät Agamemnon, der als Sieger von Troja heimkehrte und von seiner Gattin Klytämnestra und ihrem Interim- Schnz Aegistheus meuchlings im Bade in den Hades befördert wurde. St. Der große Straßenelevator in Stoltholi».(S. 565.) Ein Eisenbahnzug, der niit WindeScile auf der Ebene dahinsaust, ist für den Be- tvohuer zivilisirter Länder nichts Merkwürdiges mehr. Eine Eisenbahn aber, die ihre Passagiere senkrecht in die Höhe sührt, als ob sie geraden Wegs in den Himmel fahre» wollte, werden unsere Leser schwerlich jemals gesehen haben und sie werden auch kaum glauben, daß eine solche möglich ist. Es ist indes, beiläufig bemerkt, ratsam, derartige Möglichkeiten nicht so rasch und cntschiede» abzuweisen. Unser Zeitalter der Erfindungen hat Dinge möglich gemacht, welche in alten Zeiten, wenn sie jemand sür möglich erklärt hätte, diesem zeitlebens eine Unter- kunst im Narrenhaus gesichert hätte». Und wenn einmal die soziale ErsinduugSkrast sich ebenso wird betätigen können wie die technische, wird sie sicherlich ebenfalls Dinge möglich machen, welche heutzutage von dummpfisfigen Waschweibern in Männerhosen als ulopistisch ver- lacht werden.— Daß es nun in der Tat eine solche vertikal aufsteigende Eisenbahn gibt, zeigt dem geschäzten Leser unser Bild. Eine Eisenbahn in gewöhnlichem Sinne ist eS allerdings nicht, und wer schon in großen Hotels mittels eines Auszugs, welche das mühsame Treppensteigen erspart, mit der Schnelligkeit des Blizes vom Erdgeschoß in das oberste Stockwerk aufgesahren ist. der kann sich von der Eisenbahn uuseres Bildes eine lebhaste' Vorstellung machen. Kommt aber der eine oder andere unserer Leser nach Stockholm, so versäume er nicht, das merk- würdige Werk in Augenschein zu nehmen und es zu benüzen. Denn nicht nur die Fahrt selbst, sondern auch das Ziel der Fahrt ist hoch- interessant. In der mit der eigentlichen Stadt durch Brücken verbundenen Eiidvorstadt Södermali» ist ans einer ziemlich steilen Felskuppe der Stadtteil Mosebackc(Mosesberg) erbaut, so genannt von der ent- zückenden Fernsicht, die sich hier lwic dem greise» Moses auf dem Berg Ncbos über die Hauptstadt und ihre scls-, wald- und seenrciche Um- gebuug öffnet. Ein in seltener Schönheit und Großartigkeit aiigelegter ivarten macht den Stadtteil zum beliebten Vergnüguilgsort der Stock- holmer. Bis zum Jahre 1883 durfte, wer die Freuden dieses Paradieses genießen wollte, die Anstrengung und den Schweiß des mühevollen Auf- steigcns nicht scheue». 1881 unternahm der Kapitän Knut Lindmark die Herstellung eines entsprechenden Konimnuikationsmiltcls. das auch finanziell zu prosperircn versprach und bereits am Ig. März d. I. konnte die von ihm konstruirte und unter seiner Leitung ausgesührtc Brücke mit Elevator, welche den Transport von Personen in vertikaler Richtung ermöglicht, dem öffentlichen Verlehr übergeben werden. Das eigentümliche Hebeweck, von den Schweden„Hissen" genannt, ist aus schmiedeeisernen Stäben hergestellt. Als Hauptteile des Baues, der bei aller Festigkeit den Eindruck der Leichtigkeit, sogar der Eleganz mact't, treten die horizontale Laufbrücke und die vier Pfeiler hervor, welche die Lausbrücke tragen. Innerhalb des vordersten Pfeilers, der die rcspek table Höhe von 35 Meter hat, bewegen sich zwei zimmcrarlig einge- richtete Behälter abwechselnd aus und nieder, deren jeder 15 Personen aufnehmen kann. Das Hebe» und Senken dieser Behälter erfolgt mittelst eines mächtigen Windeivccks, das durch eine Dampfmaschine und eine mit ihr verbundene hydraulische Presse mit einer Geschwindigkeit von eineiu Meter in der Sekunde in Bewegung gesezt wird, so daß die Auf- wie die Abfahrt kaum mehr als eine halbe Minute ersordert. Der untere Teil des Hauptpfeilers ist von einem Stationsgebäude umgeben, das die Wohnungen für Kondukteur und Maschinisten enthält. In lustiger Höhe, oberhalb des Pfeilers, ist ein Restaurant angelegt, von dessen zivci übereinander befindlichen Ballonen man die herrlichste Aus- ficht genießt, ungestört von irgend welchem Vordergrund. BiS jezt wurden täglich durchschnittlich 3000 Personen auf- und ebensoviel ab- wärts befördert. Das Fahrgeld auswärts beträgt 5, abwärts 3 Oer (8 Oer— 9 Pfennige). St. Arbeitsnachweis in Berlin.(S. 569.) Wer gegen Abend durch die Zimmerstraße in Berlin geht, wird immer um dieselbe Zeit vor demselben Hause eine Menschenmenge angesammelt finden Man weiß gleich, wer die Leute sind, es sind Arbeiter und Arbeiterinnen, die Be- schäftigung suchen. Sic tvartcn alle auf das„Berliner Jntclligenzblatt", das bekanntlich ein reines Jnseratenblntt ist und den größten„Arbeits- markt" enthält. Endlich lommcn sie, die ersehnten, noch druckfeuchten Blätter; man reißt sie de» Verkäufern förmlich aus der Hand. Einzelne sind schon nicht niehr im Besize der paar Pfennige, die ein Exemplar des Blattes kostet; sie bitten die andere», das Blatt auch lesen zu dürfen. Wen» ihnen dies gestaltet wird, rennen die glücklicheren Kollegen, die noch fünf Pfennige besessen haben, längst davon, um ihnen in den Ge- schäflcn, wo Arbeiter gesucht werden, zuvorzukommen. In, mit der Not wird noch ein tüchtig Geschäft gemacht. Hunderte von„Budikern" in den Destillationen(„Destillen" sagt der berliner Volkswiz im Anklang au„Bastille"), den Mehl- und Borkost-Hand- lungcn und sonstigen Lokalen haben Zettel an die Fenster ihrer Keller geklebt, aus denen geschrieben steht:„Für füns Pfennige kann das „Jntclligenzblatt" gelesen werden." Das ist in den meisten Fällen sür den Arbeitslosen ganz wertlos. Wer nach den Arbeitsangeboten im „Jntclligeuzblalt" gehen will, der muß laufen, sowie das Blatt er- schienen ist, sonst kommen ihm zehn andere zuvor. Aber Tausende, die zugereist sind und diese Dinge nicht kennen, opfern ihre lezten süns Pfennige und werfen dann einen Blick voll trauriger Enttäuschung aus das Blatt. Da reut es sie, sür die süns Pfennige nicht eine Schrippe gekauft zu habe». Der behäbige Bürger, dessen Blick am Stammtisch von der„kühlen Blonde" abends ganz gleichgiltig über die einförmigen kleinen ein- und zivcizciligen Anzeigen im„Jntelligenzblatt" hinweggleitet, wo die an- gebotenen Arbeitskräste und die Nachfragen nach solchen enthalten sind — er ahnt nicht, wie jeden Abend Hunderte, Tausende von Männer-, Frauen- und Mädchcnaugcn voll fieberhafter Erregung aus diese kalten und öden Zeilen gerichtet sind. Welche Hoffnungen, welche Enttäusch- uugen! Für den armen Arbeitslosen ist solch ein kleines Inserat ost ein strahlender Stern in dunkler Nacht. Aber was iveiß der Philister hiervon! Da sind die Tagesncuigkeiten ja viel interessanter. ArbeitSnachiveisebureaux gibt es in Berlin in großer Menge. Unser Bild zeigt ein solches Nachweisburcaux, das ein Privatunter- nehmen ist; eS ist eine einfache Agentur. Wer hier Arbeit nachgeiviesen erhalten ivill, zahlt zwanzig Pfennige und wird in die Lifte eingetragen; die zwanzig Pfennige erhält er nicht wieder, auch wenn ihm keine Ar- beit nachgewiesen wird. Also auch eine Spekulation auf die Not der Arbeitslosen! Der Beamte liest die eingegangenen Gesuche vor; erzeigt an, in welche» Branchen Arbeit vorhanden ist und die Adressen tverden nach der Reihe immer denen übergeben, die am längsten eingezeichnet sind. Man rühmt diese Arbcitsnachiveisbureaux oft, ivcil man die Sache nicht kennt. Vor allen Dingen sind diejenigen Arbeitsnachiveisbureaux zu rühmen, welche die Fachvcreine der Arbeiter selbst errichtet haben und von denen die Arbeit unentgeltlich nachgewiesen wird. Iii allen Wirtschaften, wo Arbeiter verkehren, besteht die schöne und brüderliche Einrichtung, daß gedruckte Plakate angeschlagen sind, aus denen angezeigt ist, wo sich der unentgeltliche Arbeitsnachweis sür Schuhmacher, Schneider, Tischler, Sattler, Zigarreuarbeiter». s. w. befindet. Die Arbeiter haben damit gezeigt, wie sehr sich der Gemeinsinu bei ihnen entwickelt hat. Wenn nur die Arbeitgeber diese Bureaux genügend berücksichtigten, so würden die Agenturen sammt dem„In- ielligeuzblatt" sür die Arbeitsuchenden bald überflüssig werden. Wir behalten uns vor, gelegentlich einmal zu beleuchten, wie der Arbeitsnachweis seitens der Behörden in den kleineren Städten ge- handhabt wird. W. Ii. Thebanisches Mädchen.(«. 573.) Ein Schönheit in gar leichter Kleidung, die sich aber durch de» heißen Himmel Griechenlands ent- schuldigen läßt. Ohnehin handelt das Mädchen mit Früchten und nian weiß nicht, ob der Plaz, wo sie sich den ganzen Tag aufhalten muß, auch schattig genug ist. Sie sieht schläfrig und träumerisch vor sich hin; an was sie wohl denkt? An ihren Liebsten? Wir wissen es nicht. An was denkt sie vielleicht sonst? Vielleicht an gar nichts. Daß sie an die große Vergangenheit ihrer Vaterstadt denkt, ist kaum anzunehmen; sie wird kaum etwas wissen von EpaminondeS und PelopidaS und wofür sie gestritten; sicherlich hat sie auch»och nichts gehört von der „heiligen Schaar" der Thebaner, die in der großen Schlacht von Chäro- nea vernichtet worden ist. Sie iveiß auch nicht, daß die ersten An- siedlet in Theben rcsp. Böotien der Sage nach aus den Drachenzähnen, die Kadmos säete, entstanden sind. Bielleicht weiß sie auch nichts von der Sphinx und von Oedipus, der seine Mutter heiratete, imd sogar nichts von dem berühmte» Seher Tiresius, der von den Göttern erst in ein Weib, dann wieder in einen Mann verwandelt wurde und in beiden Gestalten verheiratet war. Sie weist überhaupt nichts von der grasten Vergangenheit ihrer Vateistadt, sie ist eine Böotierin, von denen uns überliefert worden, dast sie grob, pluinp, bäurisch, hinterlistig und träge gewesen sind und sehr graste Füste hatten. Nur bei den Baccha- nalien legten sie ihre groste Trägheit ab. Nber sind wir berechtigt, der Schönen auf lliiserem Bilde solche Vorwürfe zu machen? Wir tun dem armen Kinde sicher Unrecht. Wichtiger als der Kadmeische Trache und die Sphinx, wichtiger als Oedipus und Tiresias, als Epaminondas und Pelopidas und als der unsterbliche ihebanische Sänger Pindar ist es für sie, wenn sie ihre Früchte loS wird. Denn sie mnst doch leben und hat vielleicht auch noch ein Kind daheim. Ein Glück, dast sie für ihre Toilette nicht viel auszugeben braucht! Aber heute hat ihr noch niemand etwas abgekauft, und wenn sie das verstimmt, so kann ihr das niemand verdenke». A. T. Literarische Umschau. Das Wissen der Gegenwart. Deutsche Universalbibliotek für Gebildete. Verlag von G. Freytag in Leipzig und von I. Trempsky in Prag. Das unter dem stolzen Namen„Das Wissen der Gegenwart" ins Leben getretene, grostartig angelegte Unternehmen war bestimmt, Einzel- darstellungen aus dem Gefammtgebietc der Wissenschaft in anziehender gemeinverständlicher Form von hervorragenden Frchgelehrlcn Deutsch- iandS, Oesterreich-Ungarns und der Schiveiz zu bringen und dem Ge- bildeten auf jedem einzelnen Gebiete wie ans dem Gesnmmtgebiete der Wissenschaft vom Standpunkte der heutigen Forschung aus befriedigende Ausklärung, Belehrung und Anregung zu geben. Es ist dieser hohen Aufgabe bislang nach Möglichkeit gerecht worden: die in kurzen Zwischen- räumen erscheinenden, elegant ausgestatteten und solid in Leinwand ge- bnndenen Bände schliesten aus 15—20 Bogen ihres reich illustrirten Textes einen bestimmt abgegrenzten Teil eines Gebietes des mensch- tichen Wissens ein, in den« heimisch zu tverden jedermann ein lebhaftes Interesse empfinden sollte. Es ist den Verlegern hoch anzurechnen, daß sie den Preis der einzelnen Bände- eine Mark— so billig ge stellt haben, dast ihre Universalbibliotek auch den Minderbesizenden zugänglich ist und dast selbst der Aermste sich durch Ankauf eines oder deS andern Bandes über Wissensgegenstände, welche ihm vornehmlich wichtig sind, Ausklärung verschaffen kann.— Im Vi., VI II., Xi. und XUI. Bande ist das Werk des Or. Karl Emil Jung über den„Weltteil Australien" abgeschlossen. Der VI. beschreibt den Australkontinent und seine Beivohncr, der VIII. und XI. 1 die Kolonien des AustralkontinentS und Tasmanien, 2. Melanesien und Polynesien; der Xlll. Bond fährt mit der Beschreibung von Poly- nesien fort und fügt die von Neuseeland und Mikronesien hinzu. Ein gehender und angenehmer, alS es durch diese? Werk geschieht, kann man ülzer de» fraglichen Gegenstand sicher nicht belehrt werden. Parifismen. Alphabetisch geordnete Sammlung von eigenartigen Aus- drucksweise» des pariser Argot. Ein Supplement zu allen französisch- deutschen Wörterbüchern. Bon Prof. I»r. Cesaire Billatte. Melode Toussaint-Langenscheidt. Berlin, L a n g e n s ch e i d t s ch e Ver- lag s buch Handlung(Prost G. Langenscheidt).(Preis Mk. 4, geb. Mk. 4,60.) Die durch ihre erfolgreichen Bemühungen um die Verbreitung der Kenntnis moderner Sprachen seit Jahrzehnte» rühmlichst bekannte Berlagshandlung hat mit diesem Buche ein in der Tat wichtiges Er- gänzungswerk zu allen französisch-deutschen Wörterbüchern geschaffen: denn man spricht in der Hauptstadt von Frankreich, welche ihren hohen Rang als eine der vornehmsten Weltstädte voraussichtlich noch lange bewahren wird, nicht französisch schlechtweg, sonder» parisisch-sranzösisch, und auch daS nicht ohne unzählige Verschiedenheiten, je nach Rang und Stand, nach Amt oder Gewerbe, nach Bildung und Moral der Sprechenden. Die Summe dieser Verschiedenheiten bildet das Argot, und dieses hat sich auch der Zeitungen und des TeaterS, ja selbst der Novellen- und Romanliteratur jener vielverbreitete» naturalistischen Schule bemächtigt,>oie sie mit Notwendigkeit hervorgehen mnstte aus der Verkommenheit der Pariser groste» Welt— des abschreckenden Produktes der Vermählung einer nur dem Mammon huldigende», räuberischen Plutokratie mit dem frivolsten MililärcäsariSmus der Weltgeschichte, zumal der Mangel an GeisteS- und Karakterbildung, iowol bei dem Volke als bei de» sälsckjlich sogenannt Gebildeten für solche Fllulnisprodukte einen nur zu günstigen Boden schuf. Wer Paris und die Pariser, ihre Literatur und ihr Leben bis in deren tiefste Abgründe hinein kennen lernen will, inust sich ernstlich um das Argot kümmern, und ihn dieses kenne» zu lehre» ist das vorliegende Buch der trefflichste Führer und Auskunftgeber. Bon Deutschland durch die Eeutralschweiz zur Gotthardbahn, den italienischen Seen und den Hauptrouten von Oberitalien. Ei» Reisehandbuch niit allen Eintrittsronten für den Vierwaldstättersee und die Gotthardbahn, nach dem Tessin, den Seen, Mailand, Turin, Genua und Venedig. Von W. A. v. Berlepsch. Dritte verbesserte und wesentlich verulehrte Auslage Mit ca. 45 Karten, Plänen und Originalansichten. Besorgt von A. A. v. Berlepsch. München, Expedition von Berlepsch Reisehandbücheni.(Preis 5 Mk.) Auf etwa 300 Seiten bietet das ausgezeichnet ausgestaltete Buch eine ungewöhnliche Fülle des Wissenswerten und Interessanten sür den Reisenden. Ein Verdienst hat sich der Herausgeber auch mit der Ein- leitung erworben, welche die Geschichte der Gründung der Gotthard- bahn kurz, anziehend und treffend skizzirt. Von besonderem Wert für den Reisenden und die Orientirung ivesentlich erleichternd sind die Originalansichten in Lichtdruck, welche die seit langem rühmlichst be- kannten Berlepsche» Reisebücher vor andern ähnlichen Unternehmungen auszeichnet. Ter Gotthardsichrer. Ein Reisehandbuch sür den Vierwaldstättersee und die einschlägigen Seitentouren, sür die Gotthardbahn und die oberitalienischen Seen. Dritte verbesserte Auslage, besorgt von H. E- v Berlepsch. München, Erpedilion von Berlepsch Reisebüchern. Preis Mk. 1.20. Dieses nahezu 10 Bogen starke, fest karlonnirte Büchlein ist eine kleinere Ausgabe des cbenerwähnten Werkes und als Reiseführer so gut und ausreichend, als es bei so auherordentlich wohlfcileni Preye überhaupt nur möglich ist. Ci(i m der Schenke. Gllustrallon S. 577.) S wir ergnickl ein frischer schhich Uns Wagen, Gaum und Lunge! Dvch mehr rrgnickt ein Vnrfche schmuch, Ein lieber, frischer Junge. Sv denkl die Lisi und niil 0?icr Horcht sie aus Sepp'« karessen. Vvch es verfliegt vviu braunen Bier Der weiße Schaum indessen. Der Schaum zerfließt, der Schaum zerrinnt. Wie unser Jngendträume, Und schal wird's, wo zerronnen sind Die Träume wie die Schäume.— Zivei Gollern dient man nicht zumal. Das laß dir, Lisi, sagen; Es bleibt dem Wrnschen nur die Wahl Wohl zwischen Her; und Wagen. Das Lieben unorrwehrt dir sei, Bichl brauchst du dich genirrn; Doch gehst du holen Leistrnbräu, sollst du nicht karrssire». St. Rätsel. Mit Freuden wird man mich zuweilen wohl begrüste»- Räumt mir am eigenen Leib ein stilles Pläzche» ei», Zart sorgend, dast ich wohlerhalten bleibe.____. Doch öfter— immer— tritt man mich mit cxuyen, So Mann wie Weib, so Grost wie Klein: Obgleich den ESetniut so weit ich treibe, Dast stetS ich»üze just in diesem Falle. Dabei ist sicher, dast die Menschen alle, Wenn sie mich gut behandeln, Nur so aus schnödcr Selbstsucht handeln mwwvw