Nr. 1 �SUxcflvivic Qj Cnicr hailxtia0sb ciia0C. 1897 t cö. Von Gustav Macasiz. Sturme, im Sturme verrauschen die Stunden, Bald Nacht vorüber— bald wieder hell: Ts will sich das neue Jahrhundert bekunden, Drum drängen die Tage: so schnell! so schnell! Sin Jahr begraben, ein Jahr der Thränen, Sin Jahr des Kampfes um Seid und Sieg. Ss braust über nie gestilltes Sehnen Die neue Noch, der neue Krieg. 0, wie die Menschen sich hassen und lieben Und wie sie ringen in tiefster Eluth Nach Sielen, die ewig gleich geblieben, Trotz Hassen und Sieben, trotz Sieg und Blut. Ss jauchzen die Stunden, es jagen die Stunden, Ss flattert so ewig jung die Seit, Ss bluten die Wunden, es narben die Wunden, Und Herzen brennen nach Seligkeit. Da, in dem ewigen Sehnen und Siegen, Wird zur Prophetin die spähende Noch Und schreibt au. den Himmel mit flamwe-uden Sügcn Das hohe Sied vom Kampfe ums Brot. Wann werden die Seiten stille stehen? Wann wird der Srde der friede gebracht? Wann werden die Krühlingswinde wehen Sau über die letzte Winternacht? Wenn Siele gefunden die letzten Sorgen, Wenn gleich die Pflichten und gleich die Macht— Nach einem purpurnen Völkermorgen, Nach einer letzten Mitternacht. SpieHiinder. Roman von Georg Hermann. �or mehr als zwanzig Jaliren saßen im Berliner Börsen-Hafö zwei Männer. Der Eine � von ihnen, klein und untersetzt, hatte den K opf mit dem fleischigen, faltigen Nacken zwischen die Schultern gezogen. Er mochte snnszig Jahre all sei». Sein starres, volles Haar war granmelirt, sein Bart kurz und am Kinn ausrasirt. Ans den ersten Blick konnte derAusdruck seinesGesichts sogar für gutmüthig gelten, aber wer ihn genauer beobachtete, bekam bald heraus, daß dem nicht so war. Die Nase war bis an den Rand der Lippen heruntergezogen, die grauen Augen klein und beinahe freundlich, aber wenn er sich un- beachtet glaubte und Zahlen auf Zahlen in sein Notizbuch kritzelte, nahmen die Augen einen so nieder- trächtigen, gaunerischen Ausdruck an, als wollten sie sagen:„Wen unser Herr in die Hände bekommt. den läßt er nicht locker, den sangt er ans bis ans den letzten Blutstropfen." Der Andere war ein fünfzigjähriger Jüngling. geschniegelt und gebügelt, kein Stäubchen an ihm. Er trug ganz enge Beinkleider, ein kurzes, bis an die Lenden reichendes gelbes Paletötchen; auf seinem feisten Gesicht gähnte die adligste Langeweile, ans der hohen, wulstigen Stirn thronte eine erhabene Gedankenlosigkeit und Selbstzufriedenheit, wie sie nur die wahre Aristokratie zur Schau trägt. O, er war auch gebildet! war in Rom, Neapel, Paris gewesen, hatte überall in den ersten Hotels gewohnt, und er erweiterte sogar noch seine umfangreichen Kenntnisse! So hatte er zu Haus beim Zeilungslcsen stets das Fremdivörterbuch neben sich liegen, in dem er alle ihm unbekannten Ausdrücke nachschlug. Er protegirte auch als Mäcen einen Bialer, indem er seine Bilder billig kaufte, und hielt, natürlich nur der Protektion halber, eine junge, ebenso hübsche wie leichtsinnige und talentlose Schauspielerin aus. „Nieinen Se, der Kerl kommt?" „Ich glaub's, Geiger ist ein Mann von Wort," sagte gelangiveilt der Aristokrat und legte auch sein linkes Bein auf das rothe Plüschsopha.„Piccolo, eine Limonade!" „Und wenn uns der Geiger doch durch de Finger geht?" sagte Reivald, indem er den Aristokraten von der Seite anblinzelte. „Ich sage Ihnen, er kommt— sehen Sie, da ist er schon!" Er wies auf einen zirka fünfundvierzigjährigen Herrn mit schwarzem Vollbart. Es war ein hübscher Mensch, der dort kam: groß, kräftig gebaut, ruhige, klare, ebenmäßige Züge, braune, ehrliche Augen, die Nase grade, wenn auch für eine Bkannsperson etwas zu klein, die Stirn hoch und stark gewölbt. In seinem Gesicht lag der Ausdruck einer rückhaltslosen, fast groben Offenheit und Ehrlichkeit. Die ganze Gestalt schien überhaupt zu sagen: Seht, das bin ich! Mit Nichts habe ich angefangen und heute habe ich hier eines der besten Geschäfte, bin fast Millionär; durch meine eigene ehrliche Arbeit bin ich es geworden, durch eigene ehrliche Arbeit! Rewald erhob sich und drückte den Kopf noch mehr als sonst nach vorn, selbst der Aristokrat winkte gnädig mit seiner behandschuhten Rechten, dann erhob auch er sich und klopfte dem Ankömmling vertraulich auf die Schulter. „Nun, lieber Geiger, es ist nett, daß Du kommst!"— Er hatte das Recht, ihn zu duzen, denn er war sein Schwager. Rewald nickte dem Aristokraten zu, als wollte er sagen: Kitzle Du nur erst das Schäfchen unter dem Hals, damit es hübsch still hält, ich iverde schon im geeigneten Augenblicke zustoßen. Nicht einen Muck niehr soll's thun, das Schäfchen! „Piccolo, einen Sherry Eobler für den Herrn!" „Aber Herr Rewald, ich trinke Vormittags nie M I üMc Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Etwas, ich kau» es nicht vertrage», Voruiittags etwas zu trinkcn." „Herr Geiger, Se werden mir doch gestatten, daß.. sagte stiewald im liebenswürdigsten Tone seines Negislers. Der Aristokrat unterbrach ihn. „Nun, wie geht's Annchcn, wie geht's den Kinderchen? Den Jüngsten müßten Sie wirklich mal sehen, Herr Rewald— ein kluger Junge— sag ich Ihnen— ein hübscher Junge— sag ich Ihnen!" „Das hat er nur vom Vater, so Etlvas vererbt sich stets." Rewald lachte. Der Sherry Cobler kam. Man sprach über die politische Lage, über Bisniarck, über Stronsberg, über die Bochumer, Norddeutsche Lloyd, Differenz- geschafte und ihre Unmoral, Familienangelegenheiten, Stadtklatsch, ja sogar auch über die Oper und die Kunstausstellung, für welche beide der Aristokrat ein scharfsinniges Urthcil und ein tiefes Verständniß zeigte. Besonders lobte er jene herrliche, ja Herr- liche Oper, wie hieß sie doch gleich? Ja, der Frei- schütz von Meyerbeer,* und pfiff sogar nicht ohne Gehör aus ihr mehrere besonders schöne Stetten, welche sicher gepaßt hätten, ivenn sie nicht aus dem Troubadour gewesen wären. Dann sprach er noch über Kanlbach und über die Bildhauerei der italie- nischen Renaissance, die besonders unter Dante, Petrarca und Claude Lorrain** geblüht hätte. Und die Anderen, die wirklich blutwenig von derartigen Dingen verstanden, hörten diesem Wortschwall zu, mit Gesichtern, auf denen deutlich zu lesen war: Ja, ein kluger Mensch! Ja, ein gebildeter Mensch! Und welche rednerische Begabung! Der wird es doch noch bis zum Stadtverordneten bringen! Plötzlich kam Rewald ganz unvermittelt auf Ge- schäfte zu sprechen; daß doch jetzt der Grund und Boden so billig sei und nian leicht so viel— so viel verdienen könne, und—: „Ich habe Ihnen ein Geschäft, ein Geschäft—" er spitzte die Lippen wie ein Weistrinker, legte den Kopf auf die Tischplatte-"nd schlug die Arme zurück, daß er wirklich in diesem Augenblick an einen auf- fliegenden Geier gemahnte. „Verdienen, verdienen könnten Se daran vierzig- tausend Mark, sag ich Ihnen, fünfzigtansend Mark, sag ich Ihnen, hunderttansend Mark, sag ich Ihnen!" Und er lvies mit Zahlen haarscharf nach, welchen ungeheuren Vortheil man nur mit einem verhältniß- mäßig geringen Anlagekapital aus diesem Unter- nehmen ziehen könnte. „Das wär ä Geschäft! Das wär ä Geschäft!" schloß er wieder lippenspitzend seine Rede. „Nun, Herr Rewald, iveshalb niachen Sie es dann nicht?" „Warum? Warum? Nu, weil Sie's machen sollen, lieber Geiger!" Er klopfte ihm vertraulich auf die Schulter.„Sehen Se, diese beiden Häuser lassen Se einfach niederreißen und bauen darauf ein neues, großes Hans ans—" „Sie wissen, Herr Rewald, so gut wie ich, daß ich mich auf Derartiges nicht einlassen kann, ich habe schon die anderen Häuser. Meinem Geschäft, wenn es sich auch ganz gut rcntirt, kann man nicht so viel znmuthen." „Ich sag Ihnen, es wird Ihnen leid thun, greifen Se ßu, greifen Se ßu, eh's zu spät ist. 's wird Ihnen leid thun, sag ich Ihnen, und tvarum sollen Se's nicht nehmen, warum nicht? Ä junger Mann muß Glück im Leben haben! Was haben Se dabei zu riskiren?! Hä— so ä reicher Mann wie Sie— hä— nachher werden Se sagen, der Rewald, das ist Einer, der nieints noch gut mit mir." „Herr Rewald, Ihr Reden nützt augenblicklich garnichts, ich werde darüber einmal mit meiner Frau sprechen!" „Mit Ihrer Frau?" schrie Rewald, lachte, als * Der„gebildete" Aristokrat verwechselt hier Alles. Bekanntlich ist die Oper Frei schlitz von Weber. Und was er angeblich aus ihr trällert, stainmt aus deni Trou- badour, einem Werke Verdis. ** Dante und Petrarca sind bekanntlich keine Bild- Hauer, sondern Dichter, wie Lorrain ein Maler! ob Jener einen ausgezeichneten Witz gemacht habe und schlug mit der Hand auf den Tisch. „Entschuldigen Se, lieber Herr, aber das hätt ich Ihnen doch wirklich nicht zngctrailt. Ein Mann soll mit seiner Frau von Geschäften sprechen!" Er hielt sich den Bauch vor Lachen. „Kostbar, kostbar! Das Beste, was ich seit Langem gehört habe! Kostbar! Kellner, noch einen Sherry Cobler! Nun gut, ich ivill Sie ja nicht dazu bestimmen, was Hab ich fürn Nutzen oder Schaden davon? Aber ich sag Ihnen, Se schneiden sich in Ihr eigenes Fleisch, wenn Se das Geschäft nicht macheu! Piccolo, ein paar Zigarren!" Und Ivieder begann das Gespräch. Nian stritt über die Größe Bismarcks, sprach über die Bedeutung des Krieges von sicbzig-einnnd- siebzig, über Atoltke, Rooii, Mac Mahon, Napoleon, Engenie, Nochefort. Der Aristokrat hielt eine feurige Ansprache, lobte das energische Vorgehen Bismarcks, welchen er persönlich zu kennen vorgab, sprach von Beziehungen Deutschlands mit denen des Auslands, besonders mit Zentral- inid Südamerika— dann von der Zukunft der Wissenschaft ini Dienste der Jiidnstrie, und dieses Alles mit einer so wichtigen Miene, als ob jedes Wort der Nachivelt überliefert werden müßte, dieses Alles mit einem liebens- würdigen, gezierten Lächeln, das einer Priliiadonna Ehre gemacht hätte, dieses Alles mit einer solchen stolzen Bestimmtheit, als ob er, er, der Aristokrat und Niemand anders, die Fäden des Weltgetricbes teile. Gerade wie ein Blutegel, den man einmal ab- gestreift, von Neuem lautlos auf sein Opfer los- schießt und sich festzusangen versucht, so begann Rewald plötzlich unvermittelt wieder von Geschäften zu reden. Wie der Grund und Boden so billig, so billig sei, und wie man jetzt auf so leichte und an- ständige Art und Weise— dies betonte er besou- ders— viel, sehr viel Geld verdienen könne, er ging sogar noch einen Schritt weiter: „Und sehen Se, hier habe ich die Pläne. Diese günstige Lage, kein� Winkelchen, kein Eckchen, direkt beim Rathhaus. Ä Biillion, ä Million ist damit zu verdienen, und als ob füiifhundcrttansend Mark für ä Millionär wie Sie"— er wußte nur zu genau, daß Jener es nicht war—„Geld ist! Hunderttausend Mark zahlen Se an, die erste Hypothek dreihnnderttauseiid, die zweite hnndert- tansend. Vier Prozent, sechzehntanscnd Btark, als ob sechzehntausend Mark für Sie ä Geld ist! Fürs Baugeld lassen Se mich nur sorgen. Und wenns sich nicht rcntirt— es ist nur ein Fall, den ich hier annehme, verkaufen Se's wieder. Riskiren thun Se keinesfalls etlvas— verlieren können Se nischt dran, es ist unniöglich— unmöglich, sag ich Ihnen!" „Ich will mit meiner Frau darüber sprechen!" „Aber lieber Geiger, ein Mann soll nicht einmal so viel Urtheilskraft haben, allein ohne seine Frau etwas �beschließen zu können? Ich begreise Se nicht, Se sind doch sonst so'n verständiger, gescheuter Mensch!" „Herr Relvald, ich werde erst mit ineiner Frau sprechen." „Nu, sprechen Se mit Ihrer Frau," sagte Rewald in einem Tone, als ob ihn diese ganze Sache nichts anginge. „Piccolo, drei Echte!" „Aber Herr Rewald, Sie wissen—" „Aber Herr Geiger, Se werde» mir doch gestatten, ich nehme es Ihnen wirklich übel, lvenn Se mir— Se können sich ja immer wieder re- vanchiren." Und ivieder begann das Gespräch. Der Aristokrat zeigte erstaunliche landivirthschafiliche Kenntnisse, sprach über die Bereitung des Rohzuckers aus Ntohrrüben, über die Angoraschafzucht in Spanien, Australien und der Lünebnrger Haide, dann über die Victoria Regia, die er— was schadet es— mit der Königin der Nacht verwechselte, den Peloponnestschen Krieg, den er in das sechste Jahrhundert vor Christi legte, ver- sicherte den Anderen mit ausgezeichneter Liebens- Würdigkeit, daß er, er persönlich, gegen den Grasen Arnim garnichtS hätte, und daß derselbe sogar ein sehr lieber, anständiger Btensch sei— er hätte früher einmal das Vergnügen gehabt, seine intimere Be- kanntschaft zu machen—. Tann ließ er sich, leider mir etlvas zu orakelhaft, über die Zukunft der deutschen Tertilbranche aus, die mit der finanziellen Lage Australiens auf's Engste znsamiuenhinge. „Herr Geiger, wir gehen." Man wollte zahlen. „Aber bitte, bitte, bemühen Sie sich nicht, meine Herren, wir können es ja ein anderes Mal reguliren. Ich werde mir gestatten—" „Adieu, Schwager, adieu Herr Relvald!" „Aber Herr Geiger, Se Werden doch noch nicht nach Hause gehen. Kommen Se, Herr Geiger, wir wollen uns einmal das Hans ansehen, kommen Se!" „Herr Relvald, ein anderes Mal, ineine Frau wartet mit dem Rtittag." „Sie kommen doch so wie so schon zu spät. Sie essen doch sonst immer um halb drei und jetzt ist es schon ein Viertel ans vier." „Eben deswegen muß ich schnell nach Hans." „Ach, sie werden doch auch zu Hanse einmal ohne Sie fertig werdeii. Kominen Se nur, wir sind ja gleich dort." „Ja," setzte der Aristokrat hinzu,„ansehen können wir es uns ja!" Geiger gab nach. ** * Als er endlich am Spätnachmittag heim kam, fühlte er einen eigenthümlichen, dumpfen Druck zwischen den Augen, und die Geschehnisse begannen sich in seinem Kopf zu verwirren. Er wußte nur, er ivar noch irgendwo gewesen, hatte sich irgend Etlvas angesehen, und irgend Etlvas so halb und halb zugesagt; lvas es aber war, um was es sich handelte, darauf konnte er sich trotz aller Allstrengnng nicht besinnen. Als er die Treppe hinaufstieg, ver- sagten die Füße, er begann zu taumeln und wäre sicher gefallen, hätte er nicht noch schnell das Ge- läuder umklammert. Dann schloß er auf und lvankte, indem er sich bemühte, möglichst leise aufzutreten, den Flur entlang zum Schlafziinmer. Dort fiel er angezogen, wie er war, aus das Bett, wühlte sich in die grüne Steppdecke und das weiße Kantentuch und lag nun da mit großen, offenen Augen, nach- sinnend, was eigentlich mit ihm passirt sei. „Was ivar denn das nur? Was war denn das nur?" Seine Frau, die ihn hatte kommen hören, trat zu ihm. Als sie die verglasten, stieren Blicke sah, als der scharfe Bier- und Weindunst, den er aus- athmete, ihr entgegenschlug, da wurde es ihr klar. Ihr Mann, zu dem sie aufblickte wie zu einem Heiligen, der ihr Ein und ihr Alles ivar, betrunken, betrunken wie der verkommenste Arbeiter, der Sonn- abend seinen Wochenlohn bekommen! Wenn das die Mädchen erführen! Wenn das die Kinder sähen! Die Schande, die Schande! Was blieb ihr Anderes übrig, sie nmßte ihren Plann ausziehen, zu Beit bringen wie ein Baby. Es war ein schweres Stück Arbeit, und wie sie das anekelte! Als sie endlich damit fertig ivar, setzte sie sich an's Bett, hörte auf sein ruhiges, tiefes Schnarchen, und das erste Mal in ihrer Ehe, das erste Mal seit acht Jahren weinte sie, sie schämte sich für ihren Mann. Er, der sonst so enthaltsam, war betrunken! Die Geburt ihrer drei Kinder hatte ihr nicht solchen Schmerz bereitet wie das. Ihr Plann, ihr Heiliger— ihr— ihr— ihr— Ein und ihr — Alles— betrunken— Pfui! Was der kleine Georg erlauscht. Wir Kinder wurden heute früher zu Bett ge- bracht und wunderten uns, daß wir nicht wie sonst den Gutenachtkuß bekamen. Mutter, die kleine, dicke, lustige Frau ivar überhaupt in der letzten Zeit für uns wenig zu sprechen gewesen, ja es war sogar uns aufgefallen, daß sie schlecht aussah und dicke, verschivollene, rothgewcinte Augenlider hatte. Heute Abend hatte sie in allen Fächern ihres Mahagoni- Spindes umhergekramt und war dann mit einem Packet weggegangen. Wohin? Das wußte selbst Pic Ticuc Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 3 Luise Lademaiiii nicht— selbst Luise Lademanu! Das mußte etwas ganz Außergewöhnliches sein. Auch in der Küche war Alles wie umgewechselt. Ulrike, die mich sonst immer aus den Schooß nahm und sich sogar noch freute, wenn ich sie in die Aase kniff, hatte mich heute garnicht beachtet, trotz all meiner Austreugnugeu, mich bemerkbar zu niacheu, und mich endlich sogar ivieder zu nieiner Luise hinauf- geschickt, und die brachte mich einfach in s Bett. Ju's Bett— aber— ich ivar ja noch garnicht müde?! „So Georg, jetzt legst Du Dich auf die andere Seite und schläfst!" Und ich zog die Decke über das eine Ohr, lag nläuschenstill, that als ob ich schlief, stupste nur manchmal den großen Zeh vom linken Fuß gegen das Beltende, um zu prüfen, ob ich noch wach wäre.-- Nach einer halben Stunde hörte ich draußen eine Thür gehen. Luise ging hinaus. Ich horchte scharf auf, man sprach ziemlich laut im Nebenzimmer, aber trotzdem konnte ich nicht verstehen, um tvas es sich haudelte. Ich hörte nur deutlich Luisens Stimme: „Btadame, Sie lvoUeu mir ivohl beleidigen?! Ich nehme et nicht, det können Sic doch nu besser brauchen! Ne, un ich nchmc et nicht!" „Aber Luise, Du siehst doch, ivir müssen uns jetzt auf's Aenßerste einschränken, ich kann unmöglich zwei Mädchen halten." „Un ich nehme et nicht! Un glauben Sie viel- leicht, Frau Geiger, ich tverd hier wegjehn, wo ich mir hier so an die Kinder jewöhnt habe? Ne!" „Aber Luise, Du mußt doch selbst einsehen--" „Un ich sage Ihnen, ich nehme et nicht! Ne, det wär' ja wirklich—, wo ich mir so an die Kinder gewöhnt habe"—————— mehr konnte ich nicht verstehen. Luise kam wieder herein, setzte sich vor mein Bett und weinte. „Sie wollte mir beleidigen! Uh! Sie wollte mir beleidigen, nh— und Ivo ich dabei so gut zu die Kinder bin— uh— sie lvollte mir beleidigen — nh—" Luise Lademanu, unsere Luise weinte! Aus drei Betten erklang plötzlich ein Jammcrgchenl. „Na, stille, schlaft man weiter.— Uh! Sic wollte mir beleidigen!" Aber ich konte nicht einschlafen. Nach einiger Zeit hörte ich vorn meinen Vater sehr heftig sprechen. „Diese Lumpe»! Ich schlage ihm übern Kopf! Nicht Werth sind sie von mir—— die——— ——— mit dreißigtausend ist die �ache noch zu machen— er hats genau gewußt, wie ich mich da hereinreite.— Ned nicht, Frau, genau hat ers gewußt, derLnmp!! Ich Halts nicht aus, ich Halts nicht ans! Ich glaube, ich werde verrückt— nein — nein— ich Halts nicht ans! „Mit dreißigtansend wär Alles zu retten gc- Wesen. Du tvcißt, wie ich mich bemüht habe, ivie ich gearbeitet habe, mein Lebtag! „Annchen, ich kannS nicht mehr, ich Halts nicht aus! Aengstige Dich nicht, ich werde ja wieder ruhig werden. Hab keine Angst Kind, ich bin mir augenblicklich so erregt,— dieser— dieser, dieser Lmnp, dieser Ganner!" ——— Leises Weine».————— —--- Von da an wurde das Gespräch gc- dämpft geführt. Ich lauschte, lauschte, aber ich vcr- stand nichts mehr und schlief ein.— Einige Stunden später saß Herr Geiger allein vorn im Arbeitszimmer, vor ihm ein Blatt Papier, über und über mit Zahlen bekritzelt. Da war mnlti- plizirt und dividirt, addirt und snbtrahirt, und immer, immer das Defizit, wie es gedreht und gewendet, welche Möglichkeit auch angenommen, immer, immer das nnregulirbare Defizit auf dem Grnndslnckkonto. Unabwendbar! Und da lagen sie nun vor ihm, die letzten zwei Jahre, und mit einem Blick Übersah er sie, als ob sie eine Seite seines Hauptbuchs wären. Seit jenem Tag, seit jenem unglückseligen Hailskanf, keine ruhige Stunde mehr. Der plötzliche Umschlag: Grund und Boden vcr- lieren den Werth, Niemand wagt mehr, ihn zn be- leihen, und an Säufer ist garnicht zu denken. Woher Geld nehmen? Das, was noch geblieben, reichte nicht ans. Es mußte vermehrt werden. Er bctheiligte sich an Gründlingen, und verlor; er spekn- lirte in scheinbar sicheren Papieren, und verlor. Gutwillig opferte der Aristokrat hunderttausend. Sie wurden verschlungen. Gutwillig gaben Freunde und Verwandte, was in ihren Kräften stand. Es verrauchte im Augen- blick, wie Wassertropfen, die auf einen heißen Stein fallen. Aber er konnte nicht mehr zurück, es war für ihn zur Existenzfrage geivordeii; es müßten ja auch bessere Zeiten kommen, und dann wäre ja Alles ge- rettet, dann könntc er ja an dem Hans wieder zum reichen Mann werden. In seiner Herzensangst hatte er sich an Rewald gewandt, trotzdem er vor ihm ein geheimes Granen hatte, und Zieivald hatte ihm wider Erwarten drei- mal mit kleinen Summen ausgeholfen, aber dann war auch diese Quelle versiegt. O— wie war er nmhergelaufen in den letzten Tagen von Einem zum Anderen; fast überall buch- stüblich verschlossene Thüren, und die Wenigen, die ihn vorließen, zuckten mitleidig die Achseln.— Ja, wenn sie ihm helfen könnten, sie würden es ja gern thnn— und hundert Gründe. Mit dem Aristokraten war er anfs Heftigste zusanimcngerathen— er konnte ihn retten, und warum that ers nicht!—»nd er bedachte garnicht, daß Jener schon ein Vermögen an ihn gewandt hatte, sondern ging in seinem Jähzorn so weit, handgrcif- lich zn werden. Der Aristokrat wies ihn, schäumend vor Wuth, aus der Wohnnng. Ueberau verschlossene Thüren! lieberall nur vcr- schlossene Herzen! Und dann hörte er, daß Rewald einen Thcil der Forderungen an sich gebracht habe, um als Haupt- gläiibiger gegen ihn aufzutreten. Er stürzte zu ihm — Rewald wäre verreist, hieß es. Unabwendbar bmikerott! Was nun? Was mm? Vielleicht ist doch noch die Biöglichkeit, es zu regnliren, und wenn auch nur für einige Tage. Er rechnet, rechnet ivieder und wieder, immer das Defizit!— Er öffnet den eisernen Schrank. Fast leer! Nur ein Zahlbrett, eine Mappe, das Gcheimbnch! Er schlägt es auf. Per Kassa-Konto an Grnndstück-Konto: immense Summen. Er rechnet und rechnet. Der Schweiß steht ihm auf der Stirn; keine Möglichkeit— das Defizit! Er zerknittert, wüthend das Blatt, reißt es in Fetzen, Ivirft sie zur Erde und stampft mit dem Fuß darauf. Umsonst! Das Defizit bleibt. Wo er hin sieht Zahlen, Zahlen, nichts wie Zahlen. Das Defizit!!! Was nun? „Gott, ich Hab ja nicin Leben gearbeitet wie'n Hund, und jetzt——— Wozu? Wozu? Alles zu Nichte!!" Was nun?— Er ficht in das obere Fach des Spindes. Leer die Tasche, wo sonst die Wechsel darin waren, alle schon zn Geld gemacht! Nicht einen Pfennig!— Da in der Ecke der Revolver! „Was Hab ich denn noch zu verliere»? Aber so wie ein Dieb sich fortstehlen, ohne Abschied zn nehmen?" Cr schreibt: „Da ich geistig und körperlich zn sehr an- gestrengt und eine gefährlich ausgehende Krankheit befürchte, so ist es das Beste, wenn ich so von Euch gehe. Wenn Ihr diese Zeilen lest, meine Lieben, bedauert mich nicht, wenigstens nicht meinen frühen Tod. Ich habe furchtbare Sorgen bei Tag und bei Nacht gehabt, und manche schlaf- lose Nacht verbracht, doch eine solche wie die ver- gangcne noch nie, die wünsche ich dem niedrigsten Verbrecher nicht.— Lebt wohl, meine Lieben! Du vor Allem, mein liebes, gutes Anuchen! Wenn ich Dich manchmal gekränkt, verzeih mir, ich war stets gut und anfopsernd für Dich und unsere Kinder. „Was vermag nicht Sorge?! Adieu! Ich wünsche mehr Frohsinn und Heiterkeit Allen, die mir lieb und thener sind!!! Hermann Geiger." Plötzlich schien es ihm, als stände hinter ihm eine graue, vermummte Gestalt und reiche ihm die Waffe über die Schulter. Er wandte sich um, seine Frau stand hinter ihm. Sie sagte kein Wort, aber dem Gesicht sah man es an, daß sie es wußte, um was es sich hier handelte. Und seit langer Zeit wieder das erste Rtal, beugte sie sich über ihren Mann und küßte ihn. ** * Ja, er war mit einem Schlag eine traurige Berühmtheit geworden, der große Geiger! Das Geschäft, das wäre ja überhaupt niemals zu rniniren gewesen, aber da mußte sich dieser Mann natürlich in großartige Spekulationen einlassen, Grund- stücke kaufen, Häuser bauen, ausbauen, sich an faulen Aktiengesellschaften betheiligen, ein großes Haus führen, ja, ja, lieber Geiger, die Bäume wachsen nicht in den Himmel, dafür ist gesorgt! Sogar die Börse, die doch damit garnichts zn thnn hatte, war darüber in Aufregung. „Wissen Sie schon, der Geiger ist pleite!" „So? Der hübsche?" „Ja!" Rewald trat herzu. „Er hat sich in verfehlte Spekulationen ein- gelassen, mit dem Haus da bekanft. Wissen Se, was Hab' ich mit ihm gered't! Geiger, Hab' ich ge- sagt, Geiger lassen Se sich nicht auf so was ein, Geiger, Se rniniren sich, Sie rniniren Ihre Familie! Er hat nicht auf mich hören wollen. Nu hat er's!" „Ich denke, er hat wohlhabende Anverwandte, konnten die ihm denn nicht mehr helfen?" „Was glauben Sie, haben die schon verloren?!" „Aber, ich denke, es ist nur ein geringes Defizit von fünfzigtauseiid?" „Fünfzigtausend.?! Ich sag Ihne», Zweimal- hunderttansend reichen nickv" Rewald ging achselzuckend weiter. Die beiden Anderen blickten ihm nach. „Ich möchte darauf schwören, der alte Lump hat wieder seine Hand mit im Spiel. Es ist nicht der Erste, den er auf dem Gewissen hat, dieser Gnrgelabschueidcr!" ** * Bei der Snbhastntion erstand Rewald das Hans um einen Spottpreis, da außer ihm fast Niemand zn bieten wagte.(Aoriicgung soigt.) Die Daöonna im Mosenhag. Vv» Dr. Johu Tchikowoki. t ie Anfänge aller bildenden Künste sind rea- listisch, d. h. die Wirklichkeit(Realität) wider- spiegelnd. Das noch ungeschnlte Auge be- müht sich, die Gegenstände der Natur möglichst deutlich zu sehen, und die ungeübte Hand ist bestrebt, in der künstlerischen Wiedergabe dieser Gegenstände eine möglichst vollkommene Natnrwahrheit zu erreichen. Der Maler der Urzeit, der ein Bild des Mondes geben wollte, und ihn nicht viereckig, sondern rund zeichnete, ivar ein Realist. Der allmälig schärfer werdende Blick enthüllte unaufhörlich neue künst- lerische Probleme, und die Technik des Pialers und Zeichners bemühte sich, ihnen gerecht zu werden. Die feinere Beobachtung lehrte ihn z. B., daß die Gegenstände durch die größere und geringere Ent- fernnng des beschauenden Auges und durch den Wechsel des Standpunkts, von dem aus man sie betrachtet, in ihren Gröbenverhältnissen und in ihrer Gestalt scheinbare Verschiebungen erleiden, und daß derselbe Gegenstand, aus der Nähe betrachtet, eine andere Farbe zu haben scheint, als wenn man ihn in weite Ferne rückt: das Problem der Linien- und Lnftperspcktive war entdeckt. Erst dann, wenn die Kunst in der realistischen 4 Die Neue N)elt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Wiedergabe der Natur diejenige Vollkommenheit er- reicht hat, die für den jeweiligen Entwicfelnngsgrad des betreffenden Volkes überhaupt möglich ist, erst dann Pflegen sich nalurgemäß hier und da Künstler zu finden, denen es nicht genügt, die äußere Natur nachzuahmen, sondern die in sich den Drang spüren, die Welt ihres eigenen Innern im Kunstwerke frei- schöpferisch zu gestalten. Auf die realistische Periode der künstlerischen Entwickelung folgt dann eine idea- listische. Der Künstler begnügt sich nicht mehr damit, die äußere, sichtbare Welt in ihren Linien und Farben richtig zu sehen und wiederzugeben, sondern er baut sich iu seinem Innern eine neue Welt ans, die frei oon den Zufälligkeiten und Unschöuheiten der realen Wirklichkeit, die Natur im Jdealbilde wider- spiegelt. Ein bestimmtes Form- und Stilbelvnßtsein entwickelt sich, ein bestimmtes Schönheitsideal entsteht. Aber auch diese Periode wird abgelöst. Die idealisirende Wiedergabe der Natur nach bestimmten Form- und Stilgesetzen wird allmälig zum Hemm- schuh für die freie Entwickelung jeder künstlerischen .Individualität. Die folgenden Generationen ver- stehen nicht mehr, weshalb sie die Natur, die in ihrer wahrhaften Realität wiederzugeben angeblich den Zwecken der Kunst widersprechen soll, gerade so darstellen sollen, wie irgend welche Künstler der Vergangenheit sie dargestellt haben. Das Schönheitsideal, das zur Blüthezeit der idea- listischen Periode in den Herzen Aller wirklich lebendig war, ist jetzt, da der Geschmack sich ge- ändert hat, zum trocknen Schema geivorden, zum Gespenst, das die Nachgeborenen davon abschreckt, der Stimme ihres eigenen künstlerischen Gewissens zu folgen, das sie fortwährend nöthigt, mit den Augen einer abgestorbenen Zeit zu sehen, das sie schließlich stumpf und impotent macht. Wenn diese Entivickelung genügend weit bergab gegangen ist, dann pflegen wenige Einzelne, dann immer weitere Kreise die Nothwendigkeit einer Kurs- änderung einzusehen. Ntan kehrt wieder zur Natur zurück, man nimmt die Probleme.dort auf, wo die vorhergeh',?� realistische Periode sie liegen gelassen hat. Das Studium der realen Erscheinungswelt beginnt von Neuem. Die Künstler stehen wieder mit beiden Füßen ans dein Boden der Wirklichkeit. Eine neue realistische Epoche ist angebrochen, die dann, wenn ihre Zeit abgelaufen ist, wieder von einer idealistischen ab- abgelöst wird, die mit neuen Schönheitsidealen in die Welt tritt. So geht es im Kreislauf der Entivickelung fort, und es ist einer der größten Jrrthümer, an denen die Kunstgeschichtschreibung unseres Jahrhunderts gelitten hat, nnzunchmen, daß es zu irgend einer Zeit und bei irgend einem Volke eine einzige klassische Periode gegeben habe, d. h. eine Periode, deren künstlerisches Schönheitsideal und deren technisches Können für alle Zeiten und alle Völker vorbildlich und maßgebend sein müsse. Das Schönheitsideal des Griechen Phidias ivar ein anderes als das des Italieners Michelangelo und ein anderes als das des Holländers Rembrandt. Phidias, Michelangelo und Rembrandt haben. Jeder für sich und seine Zeit, das Höchste erreicht, was in der Kunst zu erreichen möglich ist. Aber maßgebend sind sie deshalb doch weder für uns, noch für irgend eine spätere Zeit. Sie lehren uns im Gegentheil, daß nur derjenige Künstler den Gipfelpunkt erreicht, der den Muth hat, seine eigenen Wege zu gehen, seiner eigenen künstlerischen Individualität zu folgen. Michelangelo hätte mit seinen gefesselten Sklaven sicherlich keine unsterblichen Kunstwerke geschaffen, wenn ihm dabei das alte griechische Schönheitsideal vorgeschwebt hätte. Wenn wir nun die Anfänge der deutschen Malerei betrachten, so scheint es, als wenn das eben Aus- geführte hier nicht zutrifft. Die ältesten Produkte der deutschen Malkunst sind nicht realistischer, sondern zweifellos idealistischer Art. Wir bemerken in ihnen nicht das Bestreben, die Natur, wenn auch mit unzulänglichen Mitteln, fleißig und treu nachzuahmen, sondern wir finden bereits einen fertigen Stil, oder richtiger, Bruchstücke von Stilarten vor, deren ver- knöcherter Schematismus uns beweist, daß wir es hier nicht nur nicht mit ersten realistischen Versuchen, sondern vielmehr bereits mit den letzten Ausläufern einer niedergehenden idealistischen Epoche zu thnn haben. Und in der That ist die deutsche Malerei nicht autochthonen Ursprungs, d. h. nicht aus heimi- schem Boden hervorgcwachsen, sondern gerade in ihren ersten Anfängen von fremden Einflüssen über- wuchert worden. Und zwar gingen diese Einflüsse von überkultivirten Nationen aus, deren Kunst sich damals schon im Niedergänge befand. Die deutsche Malerei hatte also in ihren ersten Entivickelnngsstadien nicht nur die Aufgabe, sich die reale Natur allmälig zu erobern, sondern sich auch zugleich von den hemmenden Ueberresten einer fremden idealistischen Tradition zu befreien. Dieser Aufgabe ist sie iu vollem Maße gerecht geivorden, obwohl die Lösung derselben Jahrhunderte in Anspruch ge- nommen hat. An einem an sich nicht gerade be- deutenden Entivickelnngsvorgange kann der Kenner Mabcrnna im Joseichag. Von Martin Schon gauer Kolmar, St. Marlin. jener Geschichtsepochen verfolgen, wie die Herrschaft des Realismus sich allmälig verbreitete und durch- setzte. Man betrachte einmal die Hintergründe der deutschen Heiligenbilder aus verschiedenen Jahrhun- derten. Zuerst finden wir die Gestalten durchwegs auf den bekannten Goldgrund gemalt, der für jene älteste Zeit charakteristisch ist. Der Künstler schien das Gefühl zu haben, daß die heiligen Per- sonen von jedem Hauche des Irdischen fernzuhalten seien, daß er sie in eine Welt hineinzaubern müsse, die mit unserer Erdenwelt nichts gemein habe. Er vermochte aber mit den unzulänglichen Mitteln seiner Kunst diese Aufgabe nicht anders zu lösen, als daß er, auf die nähere Charakterisirung jener überirdischen Welt verzichtend, seine Heiligengestalten einfach auf jenen idealen Goldgrund setzte. Die ganze Grund- anschauung aber, die diesem Verfahren zu Grunde liegt, entsprach durchaus nicht dem naiven Empfinden des damaligen deutschen Volkes. Es war etwas Fremdes, ihm von außen her Oktroyirtes. Der Deutsche hat, wo er überhaupt ein echtes religiöses Empfinden zeigt, immer das Bedürfniß gehabt, seine Götler und Heiligen sich menschlich nahe zu führen, sie sich ihm ähnlich zu denken, und im alltäglichen Treiben mit den Sorgen des Alltags belastet dar- zustellen. Den Goldgrund empfand man als eiivas Unwahres: er mußte fallen. Aber man wagte die heilige Jungfrau und das Christkind doch noch nicht ganz in die gemeine Wirklichkeit zu verbannen. Irgend eine Scheidewand mußte die heilige Gruppe von der übrigen Welt abschließen, und man wählte dazu einen Teppich. Ein schöner, reichgestickter Vor- hang pflegte nun den Hintergrund der Gemälde zu bilden. Das Bewußtsein aber, daß es hinter diesem Vorhang doch auch noch eine Welt gäbe, die der Verherrlichung im Kunstwerk würdig sei, schlummerte tief im deutschen Künstlerherzen, und mit der Zeit ertvachte es und brach sich allmälig Bahn. Der Teppich wurde immer niedriger und über seinen oberen Rand lugten, erst etwas verschämt, dann immer dreister, ein Stückchen blauer Himmel, eine Wolke, eine Bergspitze, das grüne Laub eines Baum- gipfels. Und endlich fiel der Teppich ganz, und die heiligen Personen ständen mitten in der realen Welt. In der realen? Ja und nein! Der fromnie Sinn des Künstlers wagte noch nicht, ihnen die sündige Wirklichkeit ganz nahe auf den Leib rücken zu lassen. Die Welt erschien wie durch einen Schleier gesehen, in weite Ferne gerückt, als eine bescheidene Hintergrundlandschaft in hellblauen, verschwommenen Tönen. Aber der entscheidende Schritt war gethan, und wer Muth und Phantasie besaß, konnte auf der einmal betretenen Bahn weiter fortschreiten. Er konnte die liebe Jungfrau Maria mitten hineinsetzen in eine blühende Rosen- laube, konnte bunte Vögel in den Zweigen singen und reife Erdbeeren zu ihren Füßen wachsen lassen. Und es war selbstverständlich, daß er die Zweige des Rosenstrauches hübsch ordentlich um ein Spalier sich ranken ließ, wie es damals iu den Gürten der reichen Leute geschehen konnte, und es war nicht minder selbstverständlich, daß er die jung- fräuliche Gottesmutter, die Züge ihres Gesichts, die Haltung ihrer Hände, die Falten ihres Ge- ivandes. Alles so schön, so überirdisch schön dar- stellte, als er nur irgend konnte: schön, wohl- gemerkt, nach seinem Empfinden, nicht nach unserem.— Und nun betrachte man einmal das nebenstehende Bildchen. Der Meister, der es gemalt, lebte in der Zeit, wo die deutsche Kunst den Boden der Wirklichkeit endlich gefunden hatte. Er heißt Martin Schongauer, auch Schön genannt, und lebte in Kolmar, in der zlveiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Das Bild selbst befindet sich im Münster zu Kolmar, und hier muß man es eigentlich sehen, mit seinen zarten und doch leuchtenden Farben, in dem traulichen Halbdunkel der alten Kirche. Aber auch die bescheidene Reproduktion, die wir bieten können, vermag dem aufmerksamen und vorurtheilslosen Betrachter einen Begriff zu geben von dem, ivas der Künstler gewollt und gekonnt hat. Und wer sich ein wenig tiefer in das Bildchen hineinsieht, dem wird auch ein Verständniß aufgehen für die eigenartige Schönheit, die in diesen uns auf den ersten Blick so seltsam verschnörkelt erscheinenden Linien und Formen liegt. Der wird merken, daß er es mit einem Künstler zu thun hat, der, obwohl er unserem heutigen Geschmack unendlich fern steht, doch ein echtes, lebendiges Schönheitsideal im Herzen trug, und daher ein Kunstwerk schaffen konnte, das für alle Zeiten Werth behalten wird: weil es wahr ist. Die Sm Kamment zu eilmn kh\ kam. Von Guy de Maupassant. Uebersetzt von Ludwig Wechsler. �ie Leute kommen mit einem vorherrschenden Instinkt, einer Vorliebe oder aber mit einem bloßen Verlangen zur Welt, das sich zu regen und kundzugeben beginnt, sobald sie sprechen und denken können. 5 Herr Sacrement fonnte seit seiner frühesten Kindheit nur einen Wunsch, und der war, einen Orden zn bekommen. Als ganz kleiner Junge trug er bereits das in Zink ausgeführte Kreuz der Ehrenlegion, gleich wie andere Kinder ein Käppi tragen, und stolz schritt er an der Seite seiner Btntter durch die Straßen, die kräftig heransgereckte kleine Brust mit dem rothen Bande und dem Atetaliftern geschmückt. Nach ziemlich kläglichen Studien fiel er bei den Prüfungen durch, und da er nicht wußte, was er anfange» sollte, heirathete er ein hübsches Ntädchen, weil es vermögend war. Sie lebten in Paris gleich allen anderen reichen Bürgern, verkehrten mit Ihresgleichen, ohne höher hinaus zn wolle», und waren ganz stolz ans die Bekanntschaft eines Ab- geordneten, der ja noch Ätinister werben konnte, und zweier Ntajore. Doch der Gedanke, welcher sich bei Herrn Sacrement in den ersten Tagen seines Lebens bereits geltend gemacht, wich nicht ivieder von ihm, und es bereitete ihm einen lebhaften und nie er- lahmenden Schmerz, daß er lein Recht hatte, in seinem Knopfloch so ein kleines, rothes Bändchen zu trage». Die mit einem Orden geschmückten Leute, denen er ans dem Boulevard begegnete, gaben ihm stets einen Stich ins Herz. Boll Eifersucht betrachtete er dieselben mit einem scheelen Seitenblicke. Wenn er Nachmittags spazieren ging, so zählte er dieselben sogar. Er sagte sich:„Ich will 'mal sehen, wie vielen ich von der Madelaine bis zur NueDronot begegne." Und langsam schritt er dahin, die Röcke der Herren musternd und ge- Übten Auges den kleinen, rothen Punkt schon von Weitem gewahrend. Am Ende seines Spazier- ganges angelangt, war er immer erstannt über das erzielte Resultat: „Acht Offiziere und sieb- zehn Ritter. Eine solche Menge! Es ist doch thöricht, diesen Orden in solcher Weise zu ver- schwenden. Will doch einmal sehen, ob ich ans dem Rückwege auch so viele finde." Langsamen Schrittes kehrte er zurück, ganz ver- zagt, wenn die eilfertige Menge der Passanten seinen Nachforschungen hinderlich war, so daß er möglicher- weise Jemanden übersah. Er wußte bereits, in welcher Gegend die meisten anznlreffen waren. Im Palais Ropal wimmelte es von ihnen. In der Avenue de l'Opera waren sie nicht so häufig wie in der Rne de la Pair, und die rechte Seite des Boulevards zogen sie der lliiken vor. Ebenso schienen sie gewisse Kaffeehäuser, einzelne Theater zu bevorzugen. So oft Herr Sacrement eine Gruppe meißhaariger Herren in der Niitie des eh- weges stehen sah, wo sie den Berkehr behinderlen, sagte er sich:„Das sind Offiziere der Ehrenlegion!" Und dabei wandelte ihn die Lust an, dieselben zn grüßen. Die Offiziere besaßen, wie er schon mehrfach wahrgenommen, ein ganz anderes Benehmen als die einfachen Ritter. Ihre Kopfhaltniig war eine durchaus verschiedene, und man fühlte deutlich, daß sie sich eines größeren Ansehens, einer bedeutenderen gesellschaftlichen Stellung erfreuten. Zuweilen wurde Herr Sacrement auch vom Zorn erfaßt, von einem Ingrimm gegen alle ordentragenden Leute, die ihm eine Art sozialistischen Hasses einflößten. Wenn er dann, gereizt durch die Begegnung mit so vielen Ehrenkrenzen, gleichwie es ein armer Hnn- gernder ist, der an den Schanfenstern der großen Eßwaarenläden vorüber geht, nach Hanse kam, er- klärte er mit schmetternder Stimme:„Wann wird man uns endlich von dieser schmählichen fltegiernng befreien?" Und wenn ihn dann seine Frau ganz erstannt fragte:„Was ist Dir denn heute?" so gab er ihr zur Antwort:„Ich bin im höchsten Grade entrüstet über die Ungerechligkeiten, welche ich allenthalben begehen sehe. Ja, die Communards, die halten Recht!" Nach dem Diner ging er aber wieder ans und besuchte die Geschäfte, in welchen Uniformirnngs- niid Dekorationsstücke verkauft wurden. Er besichtigte all die verschiedenartig geformten und in allen mög- lichen Farben prangendei: Embleme. Am liebsten hätte er sämmtliche besessen, um bei einer öffent- lichen Feierlichkeit, in einem von einer festlich ge- kleideten Menge gefüllten ungehenren Räume an der Spitze eines Zuges einher- zuschreiten, die Brust mit funkelnden Zierratheil be- deckt, die sich wie die Schuppen eines Fisches übereinander legten, und mit ernster Miene, den Claquehut unterm Arm, wie ein schimmernder Ko- met vorüberzuziehen, unter dem bewundernden Ge- flüster, dem ehrerbietigen Murmeln der Zuschauer. Leider konnte Herr Sacrement keinerlei An- sprach ans irgend eine Anszeichnnng erheben! „Die Ehrenlegion," sprach er im Stillen zu sich,„benimmt sich einem Manne gegenüber, der keinerlei öffentliche Thä- tigkeit ausübt, in der That zu anspruchsvoll. Ich sollte es vielleicht versuche», mich zum Ntitglied der Akademie ernennen zu lassen!" Er wußte aber nicht, wie er dies bewerkstelligen sollte niid sprach darüber mit seiner Frau, die ganz erstaunt schien, über diesen Gegenstand. „Mitglied der Akademie?" fragte die junge Frau.„Was hast Du denn eigentlich geleistet, um Dich dessen verdient zu machen?" Er gerieth in Zorn und erwiderte:„Du mußt doch nur begreifen, was ich meine. Ich möchte ja eben wissen, was ich zu leisten habe. Du bist mit- unter recht einfältig." Nun lächelte sie.„Du hast Recht," erklärte sie, „nur weiß ich nicht, welchen R«th ich Dir geben soll," Er schien auf eine glänzende Idee gerathen zn sein.„Weißt Du," sagte er,„wenn Du mit dem Abgeordneten Noss elin sprechen ivolltest, so könnte er mir vielleicht einen ans- gezeichneten Rath geben. Ich selbst kann ja diesen Gegenstand nicht mit ihm besprechen, da derselbe mit größter Zartheit behandelt werden muß; wenn dagegen Du die Sache anregst, so erhält dieselbe ein ganz natürliches, nngezwungenes Ansehen." Frau Sacrement that, was ihr Gatte von ihr begehrte, und Herr Nosselin versprach, mit dem Mi- nister über den Fall zu sprechen. Da sich Sacrement aber hiermit nicht zufrieden gab, so wurde ihm seitens des Abgeordneten endlich bedeutet, daß er eine Ein- gäbe an den Minister machen und in derselben auf seine Leistungen himveisen müsse. Seine Leistungen? Da haperte es eben; er hatte garnichls geleistet, nicht einmal seine Studien beendet. G Pic 2Icue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Dies schreckte ihn aber nicht ab, sondern er setzte sich hin und begann eine Abhandlung nber„Die Berechtigung des Volkes zur Erziehung" zu schreiben, die er aber niangels an Stoff und Wissen unter- brechen und unvollendet lassen nnchte. Er suchte leichter zu behandelnde Themata und befaßte sich der Reihe nach mit mehreren. Zuerst schrieb er über„Die Erziehung der Kinder durch den Anschanngsnntcrricht". Er verlangte, man möge in den armen Stadttheilen Theater mit freiem Ein- tritt für kleine Kinder errichten. Die Eltern würden dieselben schon im zartesten Alter dahin führen und die Kinder mit Hülfe einer I.atarna maniea Bilder ans säinnitlichen menschlichen Wissenschaften zu sehen bekomme». Dies könnte zu förmlichen Lehrknrsen ausgebildet merk». Die Augen würden den Geist belehren und die vorgeführten Bilder im Gedächtnisse hasten bleiben, die Wissenschaft auf diese Weise so zusagen greifbar und sichtbar machend. Kann man sich demnach ein besseres Mittel denken, in» den Unterricht in der Weltgeschichte, Geographie, Natur- geschichte, Botanik, Zoologie, Anatomie usw. usw. zu bewerkstelligen? Diese Arbeit ließ er drucken und versandte die- selbe in je einem Exemplar an jeden Abgeordneten, zehn Exemplare an jeden Minister, fünfzig an den Präsidenten der Republik, ebenfalls zehn an jede Pariser Zeitung und je fünf Exemplare an jedes Provinzblatt. Sodann behandelte er die Frage der Straßen- bibliotheken, indem er auseinandersetzte, der Staat solle kleine, mit Büchern gefüllte Wagen, ähnlich den Wagen der Orangenverkänfcr, durch die Straßen fahren lassen. Jeder Einivohner der Stadt sollte monatlich zehn Bände gegen eine Entschädigung von einem Son entlehnen dürfen. „Das Bolk," sagte Herr Sacrement unter An- derem,„unterzieht sich mir Mühen und Kosten, wo es sich nni seine Bcrgnügnngen handelt, und da es nicht selbst zur Erziehung kommt, so muß die Er- ziehnng z» ihm kommen usw." Seine schriftstellerischen Versuche erregten keinerlei Allfschcn, was ihn aber nicht hinderte, seine Ein- gäbe zu machen. Man erwiderte ihm, daß man von seinem Anliegen Notiz genommen habe und Er- hcbiingen pflegen werde. Er wähnte bereits am Ziele angelangt zu sein und wartete. Es kam aber nichts. Nun. beschloß er, seine Sache persönlich zu der- fechten. Er suchte um eine Audienz beim Unter- richtsrninister an und wurde von einem ganz jungen, jedoch sehr ernst und wichtig aussehenden Secretair empfangen, der wie auf einem Piano auf einer ganzen Serie kleiner, weißer Knöpfe spielte, um die Diener und nntergeordnetc» Beamten zu sich zu be- scheiden. Diese wichtige Persönlichkeit versicherte dein Gcsnchstcller, daß seine Angelegenheit in guten Hein- den sei, ihrer Erledigung zugeführt werde, und ricth ihm, in seinen sehr benierkenswerthcn Arbeiten fort- zufahren. Und Herr Sacrement begab sich neuerdings ans Werk. Herr Nvsseli», der Abgeordnete, schien sich jetzt ganz nngcmein für den Erfolg seines Freundes zu intercssiren und crtheilte ihm selbst eine Menge der vortrefflichsten, praktischen Rathschläge. Im Uebrigen trug er gleichfalls ein Ordensband, ohne daß man zu sage» vermocht hätte, welchem Umstände er diese Auszeichnung verdanke. Er wies Sacrement an, neuerliche Studien zu nutcrnehme», stellte ihn gelehrten Gesellschaften vor, die sich mit Vorliebe den unbekaiintesten Wissenschaften widmen, von der Absicht geleitet, hierbei zu Ruhm und-Anerkennung zn gelangen, und führte ihn sogar beim Minister ein. Eines Tages wendete sich Rosselin vor dem Früh- stück— seit einigen Monaten speiste er sehr häufig in dein Hanse seines Freundes— zn diesem, und indem er ihm bedentiingsvoll die Hände drückte, sagte er:„Ich habe Ihnen soeben eine besondere Ans- zeichnung erlvirkt. Der Verein für historische Ar- beiten betraut Sie mit einer Mission. Es handelt sich n»l Nachforschungen, die in verschiedenen Biblio- thcken Frankreichs angestellt werden sollen." Im höchsten Grade erregt/ vermochte Sacrement weder zn essen noch zu trinken. Acht Tage später reiste er ab. Er wanderte von einer Stadt zur anderen, stndirte die Kataloge und durchwählte mit staub- bedeckten Kalbslederbänden gefüllte Speicher zum nicht geringen Verdrnsse der in ihrer beschaulichen Ruhe gestörten Bibliothekare. Er weilte gerade in Ronen, als ihn eines Abends die Lust amvandelte, seine Frau, die er seit einer Woche nicht gescheu, zu nmarnien. Er bestieg also den nin nenn Abends abgehenden Zug und>var nni Mitternacht daheim. Da er seinen Schlüssel stets mit sich führte, so trat er geräuschlos in das Zimmer, bebend vor Anfregnng und ganz entzückt über die Freude, die er seiner Gattin bereiten würde. Die hatte sich aber in ihrem Schlafzimmer eingeschlossen; wie ärger- lich! Es blieb ihm daher nichts Anderes übrig, als durch die geschlossene Thür zn rufen:„Jeanne, ich bin da!" Sie mochte wohl sehr ängstlich sein und große Furcht haben, denn er hörte, wie sie ans dein Bette svraug und wie im Traume mit sich selbst zn sprechen begann. Dann rannte sie zn ihrem Badezimmer, öffnete und verschloß es wieder, eilte mehrmals bar- fuß durch das Zimmer, wobei sie wiederholt gegen die Möbel anstieß, und cndlicki fragte sie:„Bist Du es denn wirklich, Alexander?" „Aber ja, so öffne doch schon," erwiderte er inigednldig. Tic.Thür ging auf, und seine Frau sank ihm an die Brust, wobei sie stammelte:„O, welcher Schrecken! Welche lleberraschnng! Welche Freude!" Nun begann er sich zu entkleiden, langsam und methodisch lvie AlleS, was er Machte. Dann nahm er seinen Ileberziehcr, den er gewöhnlich an den Kleiderrechen im Vorzimmer hing, vom Stuhl, um ihn hinauszutragen. Mit einem Male aber blieb er wie versteinert stehen. In dein Knopfloch des llebcrzichcrs leuchtete ein rolhes Bändchen! „In diesem--- in diesem-- Ileberziehcr-- ist ein Orden!" vermochte er endlich zn stammeln. Mit einem Satz war seine Frau bei ihm, und mit bciven Händen an dem Kleidungsstück zerrend, sagte sie:„Nein, mein-- Du irrst Dich-- gieb--- gieb----" Er aber hielt den Ueberzieher an einem Aermel fest, ließ sich ihn nicht ans den Händen zerren und schrie:„Wie?--- Weshalb?--- Erkläre mir-- Wem gehört dieser Ueberzieher?-- Mir nicht, da cr mit dein Kreuz der Ehrenlegion geschmückt ist." Sie ließ das Kleidungsstück»och immer nicht los, schien lvie von Sinnen zn sein und stotterte: „Aber, so höre doch—--- gieb her--- Ich kann es Dir nicht erklären--- es ist ein Gchcimniß-- So höre doch---" Er wurde zornig und ganz bleich im Gesicht, als cr sagte:„Ich will wissen, wieso dieser lieber- zieher hier ist, denn der ineinige ist es nicht." Nun aber schrie sie ihm die Worte zu:„Doch, aber schweige: schwöre es mir--- höre--- Damit Du es also wissest: Du hast einen Orden bekommen!" Er ivnrde von einer solchen Erregung erfaßt, daß er den Ueberzieher losließ und in einen Fan- tenil sank. „Ich habe--- sagst Du---- einen Orden bekommen?" „Ja--- doch ist dies ein Geheinmiß, ein großes Geheiinniß---" Sie hatte das glorreiche Klcidnngsstück in cincn Schrank gesperrt und kehrte jetzt, noch immer bleich und zitternd, zn ihrem Gatten zurück, indem sie sagte: „Ja, dies ist ein neuer Ueberzieher, den ich Dir labe machen lassen. Doch hatte ich geschworen, daß ich Dir nichts verrathen würde, da die Sache erst in vier bis sechs Wochen offiziell werden sollte. Du mußt Deinen Auftrag zuvörderst zn Ende geführt haben, und war Dir diese lleberraschnng erst nach Deiner Rückkehr zugedacht. Herr Rosselin hat dies für Dich durchgesetzt---" Ganz aufgelöst vor Entzücken stotterte Sacre- mcnt:„Rosselin---— ein Orden--- Er hat mir einen Orden verschafft--- mir--- er-- ach!" Er mußte ein Glas Wasser trinken, nni sich zn beruhigen. Ein kleines, iveißes Papierblatt, ivelches ans der Tasche des Ueberzichers geglitten war, lag auf der Erde. Sacrement hob es aus. Es ivar eine Visiten- karte, und auf derselben stand:„Armand Rosselin, Abgeordneter." „Du siehst es nun selbst," sprach die junge Fran. Und der Gatte begann vor Freude zn weinen. Acht Tage später meldete das Amtsblatt, daß Herr Alexander Sacrement außerordentlicher Dienst- lcistnnge» halber zum Ritter der Ehrenlegion ernannt worden sei. Ein Vielgereister. Bon Manfred Wittich. Ich hau Lande viel gesehen. Walther von der Bogellreide. irgeiid Einer dies von sich sagen konnte, imd noch dazu in einer Zeit, die iveii hinter uns liegt und Ivo das Wandern und Landfahren gar beschwerlich ins Werk zn setzen war, im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert unserer Zeitrechnung, so war es der ritterliche Miniie- sänger Oswald von Wolkenstein, von dem wir hier berichte» wollen. Am 24. August 1890 haben ihm die Mannen von der Alpenvercins-Seklion Bozen ans der Ruine Hanensteiii— seinem einstigen Wohnsitze— draußen im Tirol, wo schon zwei Sängern des Alitlclaltcrs, dem großen Walthcr von der Vogelweide im Lajancr Ried, am Vogelweidhof, und dem Lcnthold v. Säven bei Clausen(alle drei Orte liegen im Eisackthal), Bierkzeichen errichtet worden sind, eine Gedenktafel enthüllt. Der Mann, von dem wir hier reden, ist einer der größten Dichter deutscher Zunge gewesen, und wie gar wenig ist er bekannt, und wärs doch mehr Werth, als Hunderte von Anderen! In ihm flammte, nachdem des Miiniegesaiigs Frühling längst abgeblüht hatte cLswald lebte von 1367 bis 1445), noch einmal das Feuer ritterlicher Dichtkunst hoch empor. Das aber kam daher, weil unser Poet die alten ansgetretenen Bahnen verließ und mit keckem Griff hineinlangte ins volle Menschenleben und in Worte und Weisen einkleidete, was er genießend und leidend wirklich selbst erlebte. Und ein stark bewegtes Leben wars, das er ge- führt hat! Rlit seinen Brüdern, dem älteren Michael nnd dem jüngeren Lienhard, lebte er zur Sommers- zeit mit den Eltern auf Schloß Wolkcnstein in Gröben, ein trntziges Söhulcin eines trntzigen Edelings- geschlechtcs. Bei einem Fastnachtsvergnügen verlor er durch einen Bolzenschnß das rechte Auge nnd hieß nun, zniii Unterschied von anderen gleichnamigen Vettern, Oswald mit einem Auge Da lernte cr in Stall nnd Küche sich tmnincln und allen Dienst eines gemeinen Reitcrknechls, aber auch Harfen, geigen, trommeln, pauken nnd pfeifen, wie auch seine nictallreinc Stiinine knnstniäßig zn». Singen zu brauchen. Kopfüber versenkte cr sich zugleich in das Gelcs der Ritterbücher, die frühe knabenhaften Abentcurerninth in ihm wachriefen. Drei Pfennige und ein Stück Brot im Sack, schloß sich der zehnjährige Bube einer Schaar tiroler Ritter an, die Hugo II. von Blontfort-Brcgenz dem Herzog Sllbrecht III. von Oesterreich zuführte, auf dessen Kriegsfahrt gegen die heidnischen Preußen (1377), die gar kläglich endete. Acht Jahre blieb Oswald im Prenßenland und lernte zu seinem geliebten Deutsch nnd dem romanischen Dialekt Wclschtirols die slavischen Sprachen so gut, daß er, den Reden nach, für einen Eingeborene» gelten konnte; er lernte dabei auch den nachmaligen Kaiser Sigismnnd kennen, mit dem er eng befreundet wurde. Nach bimtbewegten, gefährlichen Zügen durch Preußen, Littane», Polen und Ziothrußland, auf Die Aeue Welt. Illustvirte Unterhaltungsbeilage. 7 denen er vielfach rerwuiidet worden, mehrmals in harte Gefangenschaft gerathen war, zog er an die Ostsee, wo er die gewaltigen Handelsunternehmungen der Hansa bewundern konnte und von dort aus ihre Arbeitsgebiete: Nowgorod in Rußland, Bergen in Norwegen, Brügge in Flandern, London in England besuchte. In Dänemark diente er als„freie Lanze", als Freiivilliger der Königin Niargaretha, im Kriege gegen Schweden und half mit, als man 1397 die „Kalmarische Union" schuf, welche die drei skandi- navischen Reiche vereinigle. Das Jahr darauf kämpfte er mit in den drei britischen Königreichen, wo es irgend Krieg gab, besonders unter dem schottischen Grafen James Douglas gegen die Eng- länder. Darnach zog Oswald von Norddentschland aus mit Handelsleuten durch Polen an das schwarze Meer. Als Schiffstoch und Nuderknecht ans dem Schiffe eines Seefahrers litt er Schiffbruch ans der Fahrt nach Trebiioude und rettete sich auf dem gekappten Hauptmast des Schiffes ans Land. Nun machte er einen Abstecher nach Armenien und Persien, ging auch, nochmals als Schiffskoch dienend, nach Kandia und erlebte gar mancherlei Trübsal und Drangsal dabei. Jnzloischen war sein Jngendfrcnnd Sigmund durch Heirath König von Ungarn geworden und zu eincni Krenzzuge gegen die Türken qenöthigt. Ihm eilte Oswald zu, nahm Theil an der Niederlage der Christen in der Schlacht bei Nikopolis, am '�8. September 1396, und rettete sich niit Sigmund zusammen in kleinem Gefolge mit Blühe ans ein Schiff in der Donau, das nach Konstantinopel fuhr, von Ivo er nach Dalmatien und Venedig und eiid- lich nach Tirol zurückging. Jetzt lernte er den bösen Dämon seines Lebens, das Edelfräulein Sabina Jäger, kennen und leider inbrünstig liebe». Sie schickte ihn zur Prüfung seiner Liebe auf eine Wallfahrt nach Jerusalem und— nahm einen Anderen, den alten Hansmann in Hall, zmn eheliche» Gemahl, so daß Oswald, der in Jerusalem zum Ritter des heiligen Grabes geschlagen worden war und, heimkehrend, auch noch den Vater -ans dem Sterbelager fand, gar bitteren Schmerz gewann. Zum Tröste zog Oswald mit dem Kaiser Ruprecht von der Pfalz nach Italien, wo den Deutschen kein Heil erblühte. Doch blieb Oswald drei Jahre in der Lombardei, namentlich in Mailand, wo's ihm besser gefiel, als er es in der Heunath erwarten mochte. 1405, heimgekehrt nach Tirol, ward Oswald die Seele des Adelsbnndcs, der sich Elephantenbund nannte und den Zweck hatte, die Landesherrlichkeit des österreichischen Herzogs Friedrich mit der leeren Tasche nicht aufkommen zu lassen, eine Sache, die der Kaiser Sigmund lebhaft begünstigte. Zwischen diesem und den tirolischcn Rittern hatte Oswald, des Kaisers Freund, die Vermittlerrolle gespielt, und Herzog Friedrich sah sich genöthigt, sich selbst in den übermächtigen Ritterbnnd aufnehmen zu lassen. In dieser Ruhepause in den tiroler Wirren eilte Oswald nach Spanien, um Theil zu nehmen an dem Kriege gegen die Mauren Afrikas. In Com- postella fand er die Söhne des Königs von Portugal, die ihm von der Schlacht bei Nikopolis her befreundet waren. Er half das Felsennest Centa an der asri- kanischen Küste mit erobern, zeichnete sich sehr aus durch ritterliche Tapferkeit und ward in Portugal und Spanien mit hohen Ehren anfgcnommen. Daheim halte inzwischen Herzog Friedrich die Gewalt des Adels mit starker Hand gebrochen, und die kirchlichen Wirren der Zeit— man hatte wieder einmal drei Päpste zugleich- hemmten Sigmund am Eingreifen zu Glinsten des tirolilchen Adels, das Oswald stark betrieb. Nun ward zum Konstauzer Konzil gernstet, von woher Herzog Friedrich nichts Gutes erwarten durfte, wenn sein halsstarriger Adel in Tirol pch an die Kirchengewalt hängte. Er ließ sich darum von dem durch sein Land reisenden Papst Johannes XXI l. versprechen, daß die tirolische Geistlichkeit nicht gegen ihn hielte, und zog mit stattlichem Gefolge, darunter auch sein Lehnsmann Osivald, nach Konstanz. den Oesterreicher sich stützend, weigerte sich dort Johannes XXlll., seine Papstwürde niederzulegen. Die'e Gelegenheit, Ivo Friedrich allgemeine An- fechtnng erfuhr, benutzte dessen Bruder Heinrich der Eiserne von Steiermark, um Tirol sich anzueignen,- die Adligen aber, vornehmlich Oswald, betrieben eifrig die?lrbeit, beide fürstlichen Herren Brüder los zu weiden. . Run versagte ein anderer der drei Päpste, Peter von Luna, seine Würde aufzugeben. Sigmund zog nach Perpignan und unterhandelte mit Peter, wußte auch, da dieser hartnäckig blieb, die Jenem an- hängenden Völker zu bestimmen, den Papst ans- zugeben. Darnach zog der Kaiser nach Paris, den Zivist der Könige von Frankreich und England zu schlichten, wobei ihn Oswald, in Gewandniig eines manrischen Fürsten, begleitete und mit seinen Talenten die hohen Herrschaften baß erfreute, so daß die französische Königin ihm eigenhändig einen kostbaren Diamanten in seinen Bart band, wie vorher ihm schon die Königin von Arragon zwei Ziinge in die Ohrläppchen geheftet hatte� Auch bei maurischen Königen in Spanien ward der Wolkensteiner ehrenvoll aufgenommen und reich beschenkt für seine„moralischen Eroberungen" als Dichter und Sänger. Ans solche Freud en aber folgte bitteres Leid. Inzwischen tvar Herzog Friedrich ans seiner Haft zu Konstanz entwichen und züchtigte 1417 seine stolzen Edelinge, die Bundesgenossen Sigmunds, brach deren Burgen und brannte sie ans; auch Osivalds Schlösser waren dabei. Friedrich ward freilich in den Bann gethan, doch verlief die Reichs- Exekution im Sande und Sigmund mußte sich mit Friedrich vertragen. Nun stürmten Alle ans Oswald ein, selbst seine Bundesgenossen. Bei Herzog Friedrich galt des Wolkensteiners ehemalige Geliebte, Sabina, gar viel, die eine alte Schuld von 6000 Gulden, uni die sie mit den Wolkensteinern schon 36 Jahre prozcssirte, eintreiben oder dafür das Schloß Hauenstein haben wollte. Sie stellte sich gegen Oswald sehr freund- lich und lockte ihn, den immer noch Verliebten, wehrlos in eine Falle, unter dem Vorwande güt- licher Beilegung des Streites, daß er gefangen und hart in Ketten gelegt ivard, so daß er später nur noch mit Hülfe von Krücken laufen konnte. Offen- bar tvar das Friedrichs Rache. Der Gewaltstreich rüttelte aber den übrigen Adel ans und 1423 entbrannte offener 5krieg gegen den »enerungssüchtigen, ans unbeschränkte Landesfürsten- Gewalt lossteuernden Friedrich. Oswald hat frei- lich der Hausmannin ihre 6000 Gulden geben müssen, als er 1427 frei kam. Trotz aller Leiden erlahmte die Federkraft des Dichters nicht, er sah, nach wie vor seine, d. i. des tirolischen Adels Sache für gut haltend, den Herzog als sticbellen gegen Kaiser und Reich an. Trotzdem erlangte dieser in dcr Hauptsache sein Ziel, die Herabdrücknng dcr Adligen unter seine landcsfürst- liche Autorität. Schlimmeres noch mußte Osivald erleben. Nene Pläne Sigmniids gegen Tirols Herzog scheiterten, der Kaiser mußte sich wieder i»it diesem vergleichen (1424) niid— vergaß Oswalds. Dessen älterer Bruder Michael machte>426 mit dem Herzog seinen Frieden und zwang auch den jüngsten Bruder Lien- hard dazu. Osivald ward hart gefangen gehalten, »ud nur die Furcht vor der öffentlichen Meinung hielt den Laudesherrn ab, ihm den Kopf vor die Füße zu legen,- 1427 ward Osivald seiner Haft entlassen. Er zog nnu mit nach Ungarn in den Krieg gegen Türken und Hnssite»; ans dem Kampf gegen den Führer der Letztere», den großen Prokop, eilt- kam er mit knapper Roth. Auch die Trübsal des Romznges seines Kaisers thcilte er. Der 67 Jahre alte Sänger und landfahrende Kämpfer saß endlich, des Gehens unfähig, im Stuhle auf dem Schloß zu Eastelrutt oder zu Hanenstein. Eine Wassersucht machte am 2. August 1445 seinem Leben ein Ende. Fünf Söhne und zivei Töchter hinterließ er.— Dieses bnntbcwegte Leben ist ans den Liedern des Wolkensteiners Zng für Zng zu entnehmen; darum eben ward er dcr große Wirklichkeitsdichtcr, der er ist, oder, wie maus heute nennt, der große Realist. Proben zu geben gestattet der Raum nicht; mag man selbst nachlesen in der billigen, neu- hachdcutschcu Ausgabe der Reclam'scheu Universal- Bibliothek Nr. 2339,40, oder in der hübschen Ans- ivahl von Ilebersetznngen, etiva des dritten Theilcs, seiner Lieder von Schrott. Aimmeil lxr|fllitr. Eine Darstellung der Akustik von W. Vaco. ie Lehre vom Schall, i» dcr Wissenschaft ge- wöhnlich Akustik oder Phonik genannt, ist einer der Zweige der Physik(Natnrlehre), deren weiterer Ausbau der neueren Zeit vorbehalte» geblieben ist. Die Kenntnisse vom Schall, ivelche die Alten besaßen, ivaren nur gering. Dcr Philosoph Pythagoras(580— 500 v. Chr.) ahnte schon die bestimmten Maßverhältnisse, die in dcr Musik, tvie wir später sehen werden, eine Rolle spielen; Anaxagoras (500-425) wußte, daß das Echo durch die Zurück- wcrfnng des Schalles verursacht würde. Aristoteles (385— 322) lehrte, daß der Schall durch die Lust zu uns gebracht ivürde. Enkleides(im dritten Jahre v. Chr.) n»d Ptolemäns(um 125 n. Chr.) machten sich um die mathematische Begründung der Lehre von den Tonverhältnissen verdient. Plinins dcr Aeltere (23— 79 n. Chr.) theilt mit, daß der Schall durch . feste Körper schneller geleitet ivürde als durch die Luft. Das Mittelalter hat für die Akustik nur wenig Fortschritte zu verzeichnen. An seinem Ausgange suchten Forscher wie Galiläi(1564—1642), Bacu von Verulam(1588— 1648), Porta(1545— 1615), der Jesuit Athanasius Kircher(1602—1680) das Wesen des Schalles zu ergründen. Aber nian kam in seiner Erkenntniß nicht viel iveiter. Da gab ein Werk Veranlassung zu einer regeren Entwickelung der Akustik und eröffnete so die Forschungen dcr Neuzeit: des berühmten Newton„Pliilosoplriao naturalis prineipia", die mathematischen Grundlagen der Naturlehre 1687. Die bedeutendsten Namen dcr Naturwissenschaft sind niit der weiteren Geschichte der Akustik verknüpft. Bernonlli, Enler, Lagrange, Ranieau, Chladni, Laplace, Savart, Cagniard Latour, Will). Weber, Secbcck, Dove, Tyndall, Knndt, König, Helmholtz. Alle haben sie die Akustik bereichert. Im Folgenden will ich versuchen, dem Leser, dcr geneigt ist, mir zu folgen, eine Darstellnng der Akustik zu geben. Ans Eines möchte ich jedoch nicht verfehlen, im Voraus aufmerksam zu machen; es wäre auch vielleicht manchem Leser aufgefallen. Während die meisten modernen Wissenschaftszweige für die Lebensweise der Menschen von der weit- tragendsten Bedentnng geworden sind— ich erinnere an die Chemie, an die Dampfkraft—, sind die Er- gcbnisse der Akustik von so gut>vie gar keiner Wirkung auf einen iveiieren Kreis geblieben. Selbst die Musik, die älteste und am meisten verbreitete Kunst, die nur durch den Schall ans unsere Eni- pfindnng wirkt, hat die Fortschritte, welche die Akustik im Laufe der Zeit erfahren hat, fast garnicht an sich gestürt. Beginnen wir also: I. Vom Wesen des Schalles. Unter Schall versteht man die Empfindnng, welche durch das Gehörorgan dem Gehirn vermittelt wird. Ein Schall entsteht, wenn ein elastischer Körper in Schwingnng(Osciüation, Vibration) versetzt wird. Er wird für uns hörbar, ivenu dcr schwingende Körper entweder unmittelbar oder durch einen elastischen Zwischenkörper(ineistenlheils die Luft) mit unserem Gehörorgan in Verbindnng steht. Der Schall muß daher von dem schallenden Körper zum Ohre geleitet werden. Ohne einen leitenden Körper können wir nicht hören. Wenn man ei» 8 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. ailfgezol?c»es Weckerwerk unter die Glocke einer Luft- pumpe bringt und die Luft hierauf verdünnt, so wird der Schall mit der zunehnienden Verdünnung schwacher, bis das Ohr keinen Ton mehr vernimmt, während das Auge den Hammer an der Glocke fort- arbeiten sieht. Laßt man hierauf die Luft allmälig wieder in die Glasglocke eintreten, so vernimmt man deutlich ein fortwährendes Anschwellen des Tones, bis er die volle Stärke wieder erreicht. Durch den leeren Raum pflanzt sich also der Schall nicht fort, weil das leitende Mittel fehlt. Jeder Körper, der einen Schall erzeugt, befindet sich, ivie gesagt, in schivingendcr Bewegung. Wenn die Saite einer Violine ertönt, so kann man ohne besondere Kraftanstrengung ihr Hin- und Herschwingen um ihre Ruhelage sehen. Bei anderen festen Körpern, z. B. einer Glocke, ist die Schwingung nicht ohne Weiteres wahrzunehmen. Wenn mau aber etwa an eine Käseglocke ein an einen leichten Faden befestigtes Korkkngelchcn von der Größe einer Linse hält, so ivird man es beim Erschallen des Klanges lebhaft hin- und hertanzcn sehen. Wasser in einem Glase, das zum Klingen gebracht wird, geräth durch die Schwingungen der Wand in sichtbare Bewegung. Aber nicht nur feste Körper schallen, sondern auch flüssige und luftförmige. Wer kennt nicht das Sausen des Windes oder das Rauschen des Wassers? Im ersten Falle ist die Ursache die Schwingung der Luft, im zweiten die des Wassers. Doch schon haben>vir vom Rauschen, Sausen, Klingen und Tönen gesprochen. Alles als Arten des Schalles. Wie viel Schallarten giebt es denn über- Haupt und wodurch werden sie unterschieden?— Man kennt nur zwei Arten, die Geräusche und die Töne. Auf die Eigenart der Töne komme ich später zu sprechen; ich will sie jetzt nur insoweit betrachten, als sie zum Verfländniß des Wesens des Schalles noth- wendig sind. Geräusche sind das Sausen des Windes, das Brausen und Heulen des Sturmes, das Plätschern des Regens, das Rasseln des Wagens, das Rollen des Donners, das Knallen der Pistole u. A. m. Ter Unterschied zwischen Geräusch und Ton liegt in der Art der Schlvingnngen, die der Körper erfährt, Ivclchcr das Geräusch oder den Ton von sich giebt. Das Wort Schwingung rührt von der Hin- und Herbewegnng des Pendels her. Betrachten wir, um über die Schwingungen etwas Klarheit zu bekommen, die Pcndelbeivegung daher etwas näher. Wenn man ein Pendel(etwa eine � an einem Faden hängende Kugel) aus seiner Ruhelage bringt und es dann losläßt, so strebt es, durch die An- ziehnngskraft der Erde gezogen, wieder in seine Ruhelage zurückzukehren. Es bleibt aber nicht an der Stelle stehen, wo es sich zuerst in seiner Ruhe- läge befand, sondern bewegt sich über sie hinaus, und zwar ebensoweit über sie, als es vorher ge- heben wurde, kurz, es schwingt um seine Ruhelage hin und her und zwar— was wohl zu beachten ist— zu beiden Seiten derselben gleich hoch. Wenn nicht der Widerstand der Luft und die Reibung im Aufhängungspunkte des Pendels wären, so würde es, einmal in Bewegung gesetzt, unaufhörlich schwingen. So aber werden die Schwingungen immer kleiner und kleiner, bis das Pendel wieder ruht. Eine einfache Schwingung ist ein Hin- oder Hergang, eine Doppelschwingung ein Hin- und Hergang.— Ich sagte, die Schwingungen würden immer kleiner, bis sie ganz aufhören. Dabei zeigt sich die Eigen- thümlichkeit, daß wohl die Schwingungsweite oder der Schwingungsbogen(so nennt man den Hin- und Hergang, seiner räumlichen Länge nach gemessen, da er einen Theil eines Kreises, einen Bogen, zeigt) kleiner werden, aber die Daner der Schwingung(der Hin- und Hergang nach der zeitlichen Länge gc- messen) immer dieselbe bleibt. Die Zeitdauer der Schwingung wird vielmehr von der Länge des Pendels beeinflußt. Je länger der Pendel, desto langsamer seine Schwingung. In ganz derselben Art wie die Bewegungen des Pendels erfolgen auch die Schwingungen schallender Körper. Wenn man die Saite einer Violine mit dem Finger anschnippt, tönt sie. Sie schwingt äußerst schnell um ihre Ruhelage, so schnell, daß wir die zeitlich anfeinandcrfolgcnden Stellungen der Saite gleichzeitig, d. h. die Saite in Form einer Spindel erblicken, deren Läugsare die Saite in ihrer Ruhelage darstellt. Wer es nicht glaubt, daß die Saite in Belvegnng ist, der lege auf sie kleine Papierschnitzel(Papierreiterchen). Diese werden beim Tönen der Saite herabgeworfen. Allmälig ivcrden, ivie beim Pendel, die Schwingnngsbogen der Saite kleiner, die Spindelfigur schmäler, bis wir nur eine Linie(die Saite in ihre Ruhelage) sehen. Und in diesem Augenblick hat der Ton zu schallen aufgehört. Aber trotz des kleiner werdenden Schwingungsbogens ist der Ton derselbe geblieben, d. h., daß seine Schwingungsdaner unverändert blieb— wie beim Pendel. Rur die Stärke des Tones nahm ab, weil die Schwingungsweite(Amplitude heißt der wissen- schaftliche Ausdruck) kleiner wurde. Rur— wie beim Pendel, das, je länger, desto langsamer schwingt — schwingt die Saite, je länger sie ist, um so langsamer. Darum kann man auch die Schwingungen einer langen Baßgeigensaite besser beobachten, als die einer kurzen Liolinsaite.(Foris-yung folgt.) Ein MnttcrflDttesbild in der Nene» Welt! Was sollen wir»lit dein alten Heiligenbild? Will der Redakteur uns katholisch machen? Wie paßt das in ein Unter- haltungsvlatt für die heutige?lrbcitcrschaft? Nur gemach, lieber Leser, lies erst den trefflichen Artikel von Dr. John Schikowski und Du wirst Dich nicht mehr ereifern. Wir wollen Dir im neuen Jahre die wichtigsten Epochen deutscher Kunst in einzelnen hervorragenden Vertretern vorführen, damit Tu einen lleberblick und Einblick in das Werden der Kunst erhältst, und da mutzten wir eben anc Anfang beginnen. Und den Anfang der Kunst bildete im deutschen Mittelalter, dem religiösen Geiste der Zeit entsprechend, eben die religiöse Malerei. Aber ans den Stoff kommt es hier ja garnicht an. Was Tu lernen sollst, das ist das Wie der Knust, d. h. Du sollst sehen lernen mit den Augen des Künstlers, der das Bild ge- schaffen hat, und begreifen, warum das Madonnenbild für jene Zeit, da es entstand, ein Meisterwerk war. Darum lies und sperre die Augen auf! e. st. % Der Streikrcdncr.(Zu dem Bilde aus Seite 5.) Ja, das ist er, wie er leibt und lebt, der klassenbewnszte Arbeiter der Großstadt, den die Noth denken und— handeln gelehrt hat. Wie er hoch oben aus dem Gerüst steht, mit der nervigen Rechten den Laternenpfahl um- klammernd, die Linke, zur Faust geballt, vorgestreckt, mit Donnerstimme das Losungswort des Tages hinab- schleudernd in die dumpsbrandende Masse, die, Kopf an Kopf gedrängt, den ganze», weiten Platz bedeckt und, athemlos emporlauschend, jeden Satz der Rede des ge- liebten Genossen bald mit brausendem Zuruf, bald init emporgerecktem Arm bekräftigt. Noch ist die Sache nicht entschieden. Unter den viele» Tausenden, die sich hier zusammenfanden, giebt es auch unsichere Kantonisten, ja, Verräther an der guten Sache. Sie suche» zu randalire»; sie stecken den Finger in den Mund und pfeifen. Aber was hilft es? Ter Mann dort oben weiß zu gut, daß er nur das ausspricht, was die Anderen denken, und darum findet er jetzt im entscheidenden Augenblick auch das rechte Wort. Welches Wort? Nun, das wahre Wort von der Einigkeit, die stark macht, von der Macht der geeinte» Arbeiterschaft, von dem harten I ich des Kapitals, Aus dem Papierkorb der Heil. von dem kärglichen Hnngerlohn, von den darbenden Frauen und Kindern und von der günstigen Lage des Augenblicks und der Nothwendigkeit, das Eisen zu schmieden, so lange es warnt ist. Ich glaube, bevor er seine Rede geendet hat, ist die große Frage des Tages entschieden: Streiken! Streiken! erschallt es tausendstimmig über die Dächer der Großstadt hin. Der uaturwissenschaftliche Heobachter. In der Akluninlatoreusabrik von Gülcher in Berlin wird ein Akkumulator hergestellt, dem alle Uebelstände der bisher angewandten Akkumulatoren fehlen. Vor- nehinlich soll neben dem verringerte» Gewichte seine Leistungsfähigkeit bedeutend größer sein, als die der früheren Akkumulatoren. Er besteht ans einem Gewebe, dessen Kette Bleidrähte, dessen Schuß feine Glaswolle ist. Tie Blcidrahtenden sind an einen Bleirahmen angegossen. TreiGrößen werden von dem neuen Akkumulator hergestellt. Zur Messung der Schallstärke ist von Henry ein Apparat, Andioineter, konstruirt worden. Ein Stück des Bielaschen Kometen von 4,