ntjeu c>e- sren Kau stiiiimten Nr. 4 '�IC'nictrKa(iim0!sbcHa0C 1897 Hie schnell ist eine Jacht vorbei! Von 3iox'otlicci ÖKicßelev. �KTic schnell ist eine Nacht vorbei! Cr So tanzt und jubelt, tanzt und lacht! Die«Zeige lockt, die Klöte klingt, Ss währt die Lust nur eine Nacht— Und schnell ist eine Nacht vorbei! Und immer, immer milder schwingt Sich durch den Saal der Tänzer Reih. Genießt! Genießt! Das Leben winkt Such zu in Herrlichkeit und Pracht. Genießt, genießt die selge Nacht— wie schnell ist eine Nacht vorbei! In kalter Kammer sitzt ein Weib, Sin müdes Weib, und näht und näht, Daß nur die Arbeit fertig sei Und neu erkämpft ein Tag der Noch, Bevor die Nacht zu Snde geht— Und schnell ist eine Nacht vorbei... Und aus dem Dunkel grinst der Tod Und wiegt das Knochenhaupt und lacht: „von Lust und Sorge mach ich frei, Mein ist der Srde Daseinsnacht— Und schnell ist eine Nacht vorbei!" Spiel'kindev. Roma» von Georg Hcrniami. erbstabend!— Ich eile, um heimzukommen. Lies bleibt etwas zurück. „Lies!" Sic antwortet nicht. Ich drehe mich um. „Lies?" „lll,- Uh „Lies, warum weinst Du denn, Mädchen? Hast Tu Tich vorhin beim Fallen geschlagen?" „Hb „Friert Dich in Deinem dünnen Kattunkleid?" „Uh „Laufe ich Dir zu schnell?" .„Uh— Uh—", aber keine Antwort. Ick) trete zu ihr hin.„Lies, sage'mal, tvas ist Dir? Warum weinst Du denn?" Sie sieht mich verächtlich an, beißt trotzig die Lippen aufeinander, so. daß sich an der Nase zivei Fällchen bilden— jener verdammte Zug, den ich auch bei der Nintter bemerkt hatte � und schweigt. „Lies, was soll denn das?"— Sie schweigt. „Lies!!!" Ich bin leider sehr jähzornig, ich greife sie an der Schulter und schüttle sie. „Siehst Du, Du bist gerade so schlecht zu niir, wie die Anderen; pfni, Georg, ich bin mit Dir böse!" Tic läuft einige Schritte von mir fort. „Lies!!" Sie bleibt stehen, steht mich fragend von der Seite an und kommt wieder zu mir. Sie zittert vor Kälte oder vor Aufregung. Sie ivagt es nicht mehr, mich anzusehen, steht vor mir wie ein be- gossener Pudel. „Äomm', Lies!" und ich nehme sie bei der Hand,„komm!"-- „Sag' mal. Lies, weswegen hast Du denn vor- hin geweint?" „Weil Du so schlecht zu mir bist!" „Aber Lies, wie soll ich denn zu Dir sein?" „Anders!" „Aber ivas hast Du denn heute. Du heulst ja schon wieder?" „Ach, sie sind Alle so schlecht zu mir! Du glaubst ivohl, ich weiß das nicht, lvie sie von Binttcrn im Haus reden--- ich weiß das wohl nicht--- und wenn Vater heute wieder betrunken nach Hause kommt, wie er dann schimpft!" „Was schimpft er denn?" „Olle Schlampe, sagt er zu Muttern." „Was ist denn das?" „Das>veiß ich nicht, aber was Böses ist es, denn was Gutes sagt Vater nicht!" „Lies, lveswegen bin ich aber denn auch schlecht zu Dir?" „Weil Du mich nicht lieb hast!" „Wie?" „Ja, Du hast niich auch garnicht lieb!" „Nein!" Sie tveint schon wieder. „Aber— Lies, was soll ich denn thün?" Keine Slnttvort. Ich nehnie ihren Kopf zwischen beide Hände:„Aber Lies, Du mußt doch nicht so traurig sein," und rede ihr gut zu, wie man mit einem kranken Thiere spricht. Sie sieht mich>veh- müthig an, schlägt dann die Augen nieder und öffnet die Lippen, gleich einem Fisch, den man aus dem Wasser nimmt. Plötzlich drückt sie den Kopf langsam nach vorn, sieht mir starr in die Augen, ganz starr, und küßt mich. Ich springe entsetzt zurück und wische mir den Mund ab. „Georg, mein Alter is ein Snffkopp, meine Mutter kann mich»ich aussteh», die is falsch auf mich wie Galgenholz. Ich inuß doch irgend Jemand gern haben dürfen!" Sie weint immer noch. Ich bin rathlos, das Kind thut mir leid, ich verstehe sie ja vollkommen, aber-- Gott, wie hübsch sie aussieht! Diese ivnnderbaren großen, grauen Augen, die toelligen, dunkelbraunen Haare. „Lies," sage ich, nur um etwas zu reden,„wart' nur, als meine Frau sollst Du es besser als zu Hause haben, da kriegst Du alle Tage—" „Georg, lvillst Du mich heiratheu?!" „Ja!" „Au, das wird hübsch! Wann lvillst Du mich denn heirathen?" „Wenn ich groß bin!" Ihr Gesichtchen wird ernst und lang. „Ach-— ich dachte, Du wolltest mich gleich heirathen, damit ich von Hans fortkäme!" „Lies, sieh mal, eigentlich kann ich Dich ja gar- nicht heirathen, Mutter hat gesagt, ich müßte ein- mal eine sehr reiche Frau bekommen, denn ich hält' nichts!" Oh weh! Sie weint schon wieder! Wie bekomme ich sie zur Ruhe! Ich rede beschwichtigend auf sie ein, es nützt nichts! Ich iveiß nicht, lvie es kam, plötzlich fühlte ich solch unbeschreibliches, eigensüch- tiges Mitleid mit der Lies, und ehe ich mich versah, hatte ich sie geküßt, eins, zwei, zehn, zwanzigmall Diesen Tag und die nächsten Tage machte ich gar keine Schularbeiten, ging früh zu Bett und lächelte noch im Dunkeln selig und verständnißinuig vor mich hin, spitzte die Lippen, schloß die Auge» und ließ die wohlthätige Beltwärme auf mich ein- wirken. Und von nun an bestand zwischen uns Beiden ein unsichtbares Band, das uns beim Versteckspieleu 26 Die Neue N)elt. Illustrirte Nuterhaltungsbeilage. „absichtslos" in dieselben Winkel zilsamiiienführte, wo wir im Halbdunkel oft viertelstnndciilanq zu- sammenkauerten, lein Wort sprachen— was hätten wir uns auch zu sagen gehabt?— aber uns nach Herzenslust abküßten. Jedoch Eugen Salle schien von nieiner Liebe etwas zu ahnen und sofort begann er niich zu über- bieten. Er hatte jetzt Tanzstunde und allsonntüglich >var eine Andere die Dame seines Herzens. Ja. er machte sogar Gedichte, welche,>vie ich später be- merkte, eine beängstigende Aehnlichkeit mit denen eines gewissen Lyrikers hatten. Die Gedichte wur- den von mir, solvie von Allen, besonders aber von seiner Wntter, andachtsvoll bewundert. Heute schwärmte er für die holde„Herzens- königin"„Fräulein" Schulz; sie war schon beinahe vierzehn Jahre alt, hatte rosa Tanzschuhe und rosa Haarschleife und unterhielt sich mit den jungen Herren nur noch über Schillers Frauengestalten; nächsten Sonntag für der„Herzenskönigin" Schwester, Gretchen Schulz, auch nur Gretchen genannt, welche elf Jahre alt war, blaue Tanzschuhe und blaue Haarschleife trug und noch so reizend naiv war, sich mit einigen der„Herren" Schüler der Quarta bis Obertertia hiesiger höherer Lehranstalten zu duzen. Er saß mit Rosenbonquets auf Gartenzäunen und ließ sich von zornigen Dienstboten Hintertreppen hinunterwerfen. Wenn er niir seine Herzenserlebnisse beichtete, lachte ich ihn aus, sagte, daß ich ihn nicht begriffe, und war im Innern stolz darauf, meine Geheim- nisse so gut beivahren zu können. In der Klasse erreichte ich in diesem Jahre mein Ziel nicht und blieb sitzen. Nun ivollte Louise von uns fort. Das war ein schtverer Schlag für mich, denn sie war noch das einzige Wesen, an dem ich wirklich hing. Als sie den letzten Abend bei uns war, kam der Bräutigam— die„beliebig ordinären" Kollegen hatten ihn wieder einmal„absolut" verführt— stark angetrunken zu uns, setzte sich in der Küche ans einen Stuhl, stürzte ein Glas Wasser nach dem anderen hinunter und schimpfte, daß Louise noch nicht fertig wäre, wie lange man denn eigentlich warten müsse, es wäre eine Rücksichtslosigkeit von die Herrschaft—— und—— und—— eine Pöbelhaftigkeit-- eine„absolute" Pöbelhaftigkcit! Dann trug er Louisens Reisekorb hinunter, und ich nahm indessen von ihr Abschied. Wirklich, es fiel mir schiver, es schnitt mir ins Herz, ich hätte beinahe geweint, besonders da Louise, bei der über- Haupt die Thränen ein wenig lose saßen, sehr ge- rührt war. Jedoch mir merkte Niemand auch nur die leiseste Regung an. „Adieu, Louise, laß es Dir gut gehen!" „Thut es Dir nicht leid, daß Louise von uns fortgeht?" fragte Mutter. „Warum? Sie konnte doch nicht ewig bei uns bleiben!" Als sie aber herausgegangen, und ich allein, da nahm ich scheu mein Taschentuch und wischte mir ganz verstohlen die Augen. „Louiseken, Eine die es so gut mit mir gemeint hat, wie Du, werde ich wohl nicht noch'mal finden." lind wieder war ein Halbjahr verstrichen, ohne daß es etwas in unserer Lage geändert hätte. Lies und ich hielten immer noch zusammen, trotz- dem es inir schien, als ob sie zu Eugen wohl etwas zu frenndlich iväre. Auch wußte sie jetzt schon ganz genau, wie hübsch sie war, stellte sich gern vor den Spiegel, suchte alle möglichen Lappen hervor, um sich zu putzen, und war stolz wie ein Pfau, als ich ihr einmal einen kleinen unechten Ring mit einem rothen Stückchen Glas schenkte, den sie von nun an nicht Tag noch Nacht vom Finger ließ. Mutter, die früher kaum eine Nadel angerührt hatte, hatte mit den Jahren so ansgezeichnet Strümpfe stopfen gelernt, daß man sie hierin sogar eine Kirnst- lerin oder wenigstens Virtuostn hätte nennen können. Auch hatte sie sich allerhand kleine Geheimnisse der sparsamen Kochkunst zu eigen gemacht. Sie vcr- stand es, galvanische Butterüberzüge über die Brot- schnitten zu machen, mit einem Ei vier Stullen zu belegen, eine Apfelsine in dreißig Thcilchen zu schnei- den, so daß Keiner etwas von ihr bekam. Ferner sorgte sie dafür, daß ihre wirklich guten französischen Kenntnisse nicht einrosteten und die Worte pas un Pfenning+ schien sie stets mit besonderer Liebe zu behandeln. Der Aristokrat war mit den Jahren noch reicher geworden; ich glaube, er hielt sich zwei Männer, die ihm täglich das Geld umschippten, damit es nicht schimmlig würde. Er lebte vergnügt in den Tag hinein und war fest von seiner eigenen Herzensgüte und Unfehlbarkeit— jener Geistesgröße der Reichen — überzeugt. Er kümmerte sich blutwenig um seine armen Anverwandten, um seine arme Schivester, die jetzt das Strümpfestopfen so ausgezeichnet erlernt hatte. Nein, um die kümmerte er sich durchaus nicht. Er ließ seine überflüssigen Mittel lieber einer anderen Dame angedeihen, die mehr durch Schönheit als durch Bildung sich auszeichnete, aber trotzdem aristo- kratischen Gewohnheiten nicht abhold war. Auf allen Rennen war sie zu finden, interessirte sich für vingt et un** Pharao und Unionklub, konnte mit be- wunderungswürdigem Scharfsinn von Menükarten die feinsten Speisen und Weine auswählen und konnte von den skandalösen Liebschaften anständiger Bürgerfrauen mit einer leichtsinnigen Geschwätzigkeit sprechen, deren Zungenfertigkeit wahrlich einem Rechts- auwalt Ehre gemacht hätte. Aber was verfängt das Alles bei der Summe ihrer sonstigen guten Eigenschaften?! Sie konnte lieben— und das genügt doch jedem Aristokraten von hervorragenden Geistesgabcn! Unrecht wäre es nun, zu sagen, daß der Aristo- krat vollends rücksichtslos gegen seine andere Frau gewesen wäre. Nein, ihr mußte er ja sogar dank- bar sein, denn von ihr hatte er das Geld, das ihm Klugheit, Rang, Titel, Ehren und ein hübsches Vcrhältniß gegeben! Nein, das konnte ihm Niemand nachsagen, er war stets gegen seine Frau höflich gewesen, hatte mit ihr Bälle, Konzerte, Theater, Bäder besucht, hatte mit ihr zwei Kinder gezeugt und sie schon Jahrzehnte hindurch hintergangen. Sie war nicht hübsch, etwas verwachsen— sie wollte es zwar nicht wahr haben— geistig wenig be- gabt und sehr gutmüthig. Sie hatte endlich jegliche eigene Meinung verloren und war vollkommen in der Liebe zu ihrem Gatten, in dem sie den Inbegriff edler Männlichkeit und neuer Moden sah, aufge- gangen. Alan hatte eigentlich nie von ihr etwas gehört oder gesehen, sie war wie der Schatten neben dem Aristokraten hergegangen und auch wie dieser von ihm mit Füßen getreten worden. Und dieser Schatten, der ihm nun treulich über zwanzig Jahre gefolgt war, der nie sich irgendwie unangenehm bemerkbar gemacht hatte, wollte mit eincmmal kontraktbrüchig werden und nicht weiter mitspielen! Man zog die großen Aerzte zu Rathe— umsonst. Sie unterhielten sich lateinisch— und Alle einigten sich endlich auf ein hübsches Wort, welches dem deutschen Wort„Auflösung" gleichbedeutend ist. Nur wann diese höhere Verordnung in Kraft treten würde, darüber konnten die Herren durchaus nicht schlüssig werden. Tage,— Wochen,— ja. Einer behauptete sogar, Monate könnte es sich noch hin- ziehen, er hätte schon einmal einen ähnlichen Fall gehabt. Der Aristokrat härmte sich ab. Nicht einmal mehr Gänseleberpasteten fanden seinen Beifall! Es ist doch wirklich traurig, wenn man so ein altes, treues Stück seines Hausinventars verljeren soll, an das man sich so gewöhnt hat— traurig— traurig— wahrhaft traurig! Die Kranke war sehr freundlich und ruhig, bedankte sich für die kleinste Handreichung, ko»ntc sich aber durchaus nicht darüber klar werden, zu welchem Zweck sie hier auf der Welt noch Menschen quäle. * Kein Pfennig. ** tSluuiiizmaiijig, ein Hajardjpiel. Jede Nacht mußte, da sie keinen Schlaf finden konnte, einer der Angehörigen bei ihr wachen, denn sowie sie mit der Wärterin allein war, fürchtete sie sich und hatte Todesgedanken. Zwei Nächte that es der Aristokrat, zwei Nächte der Sohn, zivei Nächte die Tochter, und dann waren die Kräfte aller Drei erschöpft!— Und da zog das kleine dicke Frauchen seinen alten Regenmantel an— der Wintermantel begann sich schon in seine einzelnen Bestandtheile aufzulösen und war beim besten Willen nicht mehr salonfähig — und ging zu ihrer kranken Schwägerin: wir sollten uns einrichten, so gut es ginge, es wäre fraglich, wann sie wiederkäme!„Adieu!" Mittag— Nachmittag— Abend—— wo bleibt sie denn nur? Ich gehe ein wenig auf die Straße, ihr ent- gegen. Es dunkelt schon, an der Ecke bleibe ich stehen, sehe nach der Richtung, von welcher sie kom- men müßte.— Niemand!— Plötzlich in der Ferne: Halloh, Lärmen, Ge- johle; ein Meiischeiiknäuel wälzt sich die Straße her- unter, auf mich zu taumelt ein Betrunkener, dem wie ein Kometenschweif eine Hetze Kinder folgt. Der Mann singt laut, schwankt von der einen Seite ans die andere. Zeitweise dreht er sich um und taumelt, drohend einen Knittel schwingend, einige Schritte rückwärts zwischen die Kinder, die mit lautem Krei- scheu auseinander stieben. „Ihr verfluchte Lausebande," schallt es zu mir herüber,„ich bezahle meine Steuern, ich bin ein ehrlicher Mann,— ein Ehrenmann— weg sag' ich— weg— ja, Ihr denkt wohl, weil ich heute so lustig bin, daß ich keine Steuern bezahle, aber — un det sag' ich Euch——" Er fiel und lag der Länge nach da; regungs- los streckte er alle Viere von sich, und Niemand getraute sich ihn anzufassen oder gar aufznrichten. Die Kinder, die vorher so gejohlt, standen still und scheu in ehrfurchtsvoller Entfernung, und eines nach dem anderen begann sich heimlich fortzustehlen. Ich lief herzu und rüttelte ihn an der Schulter, versuchte ihn umznivenden, um zu sehen, ob er sich etwas gethan hätte, da sprang er auf— er hätte mich beinahe umgerissen— Blut rieselte ihm von der Stirn über das Gesicht. Herrgott— Weise— der Steinträger! Lies' Vater! „Wartet, Lausebande, verfluchte Mistsinken ver- dämmte, ich bezahle meine Stenern—" und wieder taumelte er zwischen sie—„und sonst pfeife ich auf den ganzen Schwindel— laßt doch'neu an- ständ'gen Mann ruhig gchn— ihr rotznäsige Kröten!" „Etsch, etsch!" johlten die Kinder,„oller Suff- kopp— etsch— oller Suffkopp— etsch—" Besonders aber ein kleines Mädchen kreischte wie toll:„Oller Suffkopp— oller Suffkopp—" „Lies!— Lies!— Mädchen, schämst Du Dich denn nicht?" Sie sieht mich an und lacht frech. Wieder jener Zug um die Nase, der mir schon oft aufgefallen. „Ach wat, wat jeht Dir denn det au, wat ich hier mache!" „Komm mit!" „Brauch ich ja nich! soll ich ja nich! muß ich ja nich!" „Komm, Lies!" Ich greife ihre Hand und ziehe sie trotz ihres Sträubens mit mir. Sie drückt mit der Linke» gegen meinen Unterarm, versucht sich loszureißen � — sie weint und bittet, ich solle sie loslassen— „Nein!" Endlich beruhigt sie sich ein wenig. „Sag' mal, Lies, wie konntest Du denn nur Deinen Vater schimpfen, liebst Du ihn denn garnicht?" „Nee!!" „Lies! Aber es ist doch Dein Vater—" „Ach wat, det Aas!" „Und er sorgt doch für Dich, gicbt Dir Kleider und Essen, sorgt für Deine Mutter—" „Ach, wat verstehst Du Aalooge denn von de Ehe!" „Mädchen, wcrd' nicht frech??" Ich bin kaum noch Herr meiner selbst, will sie I Pic Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. bei der Kehle fassen, beherrsche mich aber»och und ziehe gleich Mieder die Hand zurück. „Siehst Du, Du bist ooch so Einer, wenn man Dich küßt, dct is Dir recht— aber—" Ich beiße mir ans die Lippen, mir zuckts in den Fingerspitzen— Anerzogene Pöbelhaftigkeit läßt sich abgewöhnen, angeborene nie verleugnen! Lies war nicht schlecht.— Das Kind hatte einen Eharakter,— blos jetzt hatte sie viel mit Straßen- lindern verkehrt, hatte allerhand gelernt, was sie eigentlich noch nicht hätte wissen dürfen, und sich den rohen, frechen Ton der Berliner Straßenjngend angeeignet. Eine Weile gehen wir stillschweigend neben- einander. Ich bin etwas ruhiger geworden, trotzdem es mir immer noch in den Schläfen hämmert. Wohin wir wollen, weiß ich selbst nicht. „Komm, Lies, wir gehen wieder nach Haus!" Ich kehre um. Sie bleibt stehen und beginnt ZU weinen. „Aber, Lies, es bleibt Dir doch nichts Anderes übrig, wo willst Du denn hin?!" Sie sieht mich groß an. Wieder jener verdammte Zug um die Nase. „Nun, Lies?" „Ins Wasser!" Das hatte ich nicht erwartet! Ich bin starr vor Schrecke», sehe sie scheu an. sie weint nicht mehr. Ihr Gesicht ist vollkommen bewegungslos, ernst und spöttisch. Ich hätte nie gedacht, daß diese hübschen, großen Augen einen so kalten Ausdruck annehmen könnten. Ich traue mich kaum nach dem Kanal hinüber- zusehen, der da hinten so branngelb und träge da- hinschleicht, fast lautlos; nur zeilweise gurgelt oder Plmschert es leise, wenn ein Schiffer das Stoßruder aus dem Wasser zieht. „Lies, willst Du denn wirklich ins Wasser gchn?" „Ja!" �Weshalb denn?" Ich fasse sie unwillkürlich etwas fester um das Handgelenk. „Ach, es ist so scheußlich, sie sind Alle so schlecht zu mir!" „Lies! Aber ich Hab' Dich doch noch gern!" „Du?! Ach kiek mal. Du würdest Dich ja auch freuen," und sie sieht mich niit ihren ohnehin schon nicht kleinen Augen so an, als ob sie mir grad ins Herz sehen wollte. „Ja, und dann würde sich mein Vater grämen, siehst Du, das soll er, das ist seine Strafe, und Du würdest Dich auch grämen, und das ivär Dir ganz recht!" „Aber Lies, wie kannst Du nur solchen Unsinn reden, so aus freien Stücken macht man sich nicht todt— wenn man—" „Ich will aber!" Und sie stampft mit dem Fuß auf. „Aber, Lies, sieh doch mal—" „Nein, ich ivill von Dir nichts wissen!" „Ich habe. Dir doch garnichts gethan!" „Nein, Du nicht! Aber ich habe solche Angst, nach Hause zu gehen!" „Sich komm nur, es wird Dir schon Niemand was thu», dafür bin ich da! Sie sollen Dich nicht schlagen!" „Au! Du schlägst sie dann wieder!" »Ja, aber mächtig!!!" Lies schmiegt sich an mich und sieht Vertrauens- voll zu mir empor. Gott, tvas sollte ich Knirps wohl gegen diesen groben Lümmel von Steinträger ausrichten? Lies zittert immer noch, ruckweise durchzuckt es ihren kleinen Körper. Ich fühle inniges Witleid mit ihr und küsse sie auf die Augen. Wirklich, ich hatte es ja anch nicht gut und mich auch daran gewöhnt, dem Hunger und Mangel scharf ins Gesiche zu sehen, ohne anch nur mit der Wimper zu zucken, aber so schlimm hatte ich es doch nicht. Ruhig ging sie wieder mit mir zurück; fest davon überzeugt, daß ich sie gegen sämmtliche Unbilden schützen würde. Armes Kind! Was sollte ich wohl thnn? Ich fürchtete ja selbst, Schelte zu bekommen. Je näher wir unserem Hans kamen, desto er- regier wurde Lies, und ich fühlte durch das dünne Kattunkleidchen— noch dasselbe wie im vorigen Sommer; es tvar ihr aber schon so kurz, daß sie beinahe wie eine Balleteuse darin aussah— ordentlich das Puckern ihres Herzens. Als«vir in den Hausflur traten, scholl uns schon über den Hof ein wüster Lärm entgegen: das Keifen einer Weiberstimme und das dumpfe Brüllen einer Männerstimme, die ivie abgestimmt zueinander paß- ten. Im ganzen Hause hatten die Dienstboten die Küchenfenster weit geöffnet, so daß sich große Licht- quadrate ans die dunkeln, gegenüberliegenden Wände ergossen, lehnten sich über die Brüstungen und lausch- ten mit offenen Mäulern, daß ihnen nur kein Wort dieser zärtlichen Unterhaltung entginge. „Ich glaube, der Kerl schlägt die Frau noch todt," rief Die von einer Treppe ihrer gegenüber- liegenden Freundin von zwei Treppen zu. „Wär auch nicht schade darum," rief diese zurück. Alle lachten. Ja, das war doch mal ein Witz. Wir drückten uns fest gegen die Mauer. Drinnen tobten die Beiden. Sie schrie, Ivo der Wochenlohn ge- blieben, und er meinte, sie solle sich das Geld von „Dem" geben lassen; wenn er ihn aber träfe, würde er ihm sämmtliche Knochen im Leibe kapul schlagen, das sage er und dafür zahle er seine Steuern, und die Lies würde genau mal so„Eine" werden— Ivo das Mensch sich schon wieder herumtriebe!— Ja, die würde noch einmal im Rinnstein enden, trotzdem er ehrlich seine Steuern bezahle. Das Kind neben mir weinte nicht. Sie war einen Schritt vorgetreten und blickte starr auf das erleuchtete Kellerfcnster. Jener Zug trat noch schärfer ivie früher hervor und im Gesichtsausdruck lag jetzt eine so spöttische Verachtung, wie man sie sonst nur bei Erwachsenen finden kann. Wohl eine Viertelstunde standen wir so, lautlos; ich hörte nur die Schimpfioorte und, wenn diese auf einen Augenblick verstummten. Lies' Athem, der so heftig ging, als ob sie stark gelaufen wäre; dann öffnete sich die Kellerthür und der Steinträger Weise klotzte die Stufen herauf. Er war jetzt nüchtern genug, um wieder von Neuem mit Trinken beginnen zu können. Hinter ihm ergoß sich, wie schmutziges Wasser aus einem Eimer, eine Fluth gemeiner Schimpfworte. Als Weise schon eine Weile verschwunden war, huschte Lies in den Keller, ohne mir anch nur gute Nacht zu sagen.(Fortsetzung folgt.) "Die 35acqucr*c. Geschichtliche Skizze von Zl."jDoflicr. im Frankreich des 14. Jahrhunderts ein Söldnerheer entlassen wurde, hatten dessen Mitglieder gewöhnlich nicht diesen Fall der„Arbeitslosigkeit" vorausgesehen und etwas auf die hohe Kante gelegt, sondern sie standen zum weitaus größten Theil in diesem Augenblick ohne Mittel und linterhalt. Nun war ja das Bequemste, die„gelernte Arbeit", den Krieg, einfach fortzusetzen, obgleich eigentlich Friede im Lande herrscht oder doch herrschen sollte. Sie überfielen Städte, Flecken und einzelne Häuser, in größere oder kleinere Trupps sich zusammenthnend, nahmen mit sich, was nicht niet- und nagelfest war, fingen Leute von der Straße weg und zwange» sie, ihre Angehörigen zur Zahlung hoher Lösegelder zu bestimmen. ?lm schlimmsten waren in dem Gau, in welchem solche Banden ihr Wesen trieben, die Bauern, die Bewohner des flachen Landes, daran. Zudem war dieses Brigantcnthum weit entfernt davon, Denen, die es ausübten, zur Schande zu gereichen, im Gegentheil, es brachte neben klingendem Gewinn sogar Ruhm und Ehre, eine besondere Standcsehre, nämlich die Brigantenehre. Die Ehr- begriffe sind ja so verschieden zu verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Leuten. Der Geschichtschreiber Froissart tspr. Froassahr) erzählt von mehreren dieser Banditenhäuptliuge, daß sie große Vermögen zusammengestohlen haben. Von dem Ansehen, das diese Buschklepper bei der„guten Gesellschaft" ge- Nossen, zeugt das Beispiel„der erhabenen und edlen Prinzessin" Madame Jsabella von Julien, welche über die Räuberheldenthaten eines verwegenen jungen Schnapphahus, der in den Provinzen Champagne und Brie die Straßen unsicher machte, so entzückt war, daß sie ihm edle Rosse, zärtliche Liebesbriefchen und zahlreiche sonstige Beweise ihrer Bewunderung und zarten Neigung zusandte. Selbst das Königthum, welches doch verpflichtet gewesen wäre, die friedlichen Unterthanen vor den Mordbrennem und Räubern in Schutz zu nehmen, nahm Theil an den Sympathien der vornehmen Damen, deren wir gedacht haben. Philipp von Valois(spr. Wahloa) bot Croquart(spr. Krockahr), einem berühmten Bandenführer in der Bretagne lspr. Bretanj), an, ihn zum Ritter zu machen, ihm eine sehr reiche Heirath zu vermitteln und jährlich eine Rente von 2000 Pfund zu zahlen. Einen anderen Strauchdieb der Art, Namens Bacon, einen verwegenen und verschlagenen Krieger, zog der König in seinen Dienst und überhäufte ihn mit Ehren. Erinnerte sich einmal ein König seiner Pflichten, Frieden und Sicherheit herzustellen, so stellte es sich gewöhnlich heraus, daß die Krone zu ohnmächtig war, um gegen die Räuberbanden mit Glück auf- zutreten. Kam es wirklich zur Entsendung einer bewaffneten Macht, um die Räuber auszurotten, so dauerte es nicht lange, daß die„Retter" den Bauern ebenso grimmig mitspielten, wie Diejenigen, gegen welche sie zum Schutze dienen sollten. Meist aber wagten die Könige garnicht, die unglücklichen Opfer der Räuberbanden in Schutz zu nehmen. Gleichwohl aber war es den Königen auch nicht recht, wenn ihre Unterthanen von den Briganten gebrandschatzt wurden, sie also selbst nicht den Arbeitsertrag Jener sich abholen konnten in Gestalt von Steuern. Da kam die Regierung auf ein höchst merkwürdiges Auskunftsmittel. Sie klagte die Bauern, welche sich von den Räubern los- gekauft hatten, des Majestätsverbrechens an und preßte nun unter der Firma Geldstrafe noch weitere Summen aus den Unglücklichen heraus. Auch die geistlichen Gewalten verhielten sich, ebenso wie die Könige, höchst merkwürdig gegen die Banden und ihre Häuptlinge. Einer derselben, Regnaut de Cervole(spr. Renjo dö Serwohl), wurde vom Papst in Avignon(spr. Awinjong) empfangen, wie wenn er der Sohn des Königs von Frankreich wäre; man richtete ihm zu Ehren ein glänzendes Gastmahl an und der heilige Vater vergab ihm alle seine Sünden. Beim Abschied schenkte er ihm seinen Segen und noch 40 000 Thaler zur Vertheiluug unter seine Spießgesellen. Was konnte es Schöneres geben, als so ein Ränberleben mit seiner wilden Unabhängigkeit, voll Glanz und Abenteuer, das selbst der Huld der Könige, der Päpste und der schönen Frauen nicht entbehrte? Man kann sagen, daß nach der Schlacht bei Poitiers(spr. Poatieh), in welcher die Franzosen von den Engländern geschlagen worden waren und tvclche zum Frieden von Bordeaux(spr. Bordoh) führte, der am 23. März 1357 unterzeichnet wurde, nicht der Frieden herrschte, sondern die allgemeine Anarchie und die Räuberbanden. War früher nach Ende jedes Krieges hier und da eine Bande ver- abschicdeter Söldner als Landesgeißel einer Provinz aufgetreten, so wuchs jetzt dieses Räuberwesen ins Riesengroße und dehnte sich über ganz Frankreich aus. Bei vielen jener Söldner war das Räuber- Handwerk ihr Beruf gewesen, bevor sie sich ver- miethet hatten zu regelrechtem Krieg, sie nahmen also jetzt einfach ihren alten Beruf wieder auf. Nun bedenke man, daß in dem unglücklichen Frankreich zwei Heere, das von den Franzosen ge- dnngene und das des Prinzen von Wales(spr. Uähls) standen, die sich nun in eine ganze Anzahl der sogenannten„großen Kompagnien" auflösten und das Land brandschatzten in heißem Wetteifer. Wer irgend eine Reise zu machen hatte, war genöthigt, um seines Lebens und seiner Habe anch "B Pie Acuc Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. mir ciniflcrmnjjeii sicher zu sei», sich von einem der Bandenfiihrer einen Geleitsbrief oder eine Schutz- trnppe von etlichen Lanzen zu erkaufen. Damit war aber noch lange nicht gesagt, daß jeder andere Schnapphahn den Brief und das Geleit seines Herrn Kollegen achtete und nicht seinerseits den Reisenden und seine Habe als gute Beute betrachtete, ihn ausraubte und ein hohes Lösegeld von ihm und den Sciiien erpreßte. Am meisten litten die Provinzen Jle de France sspr. Jhl lö Frangs) und die Champagne(spr. Schangpanj), also diejenigen, in denen der Bauern- aufstand der Jacgnerie seinen Anfang nahm. Wenn so ein Blutegel von Bandenführer sich vollgesogen hatte und reich genug geworden war, »in sich nach Ruhe zu sehnen, verkaufte er die festen Burgen oder Plätze, die er inne hatte, an einen Anderen, der das Geschäft nach ihm weiter betrieb, indeni er Jenem auch den lebenden Soldatenbestand mit abkaufte. Auch verschenkt und vererbt wurden Festungen uüd Streitkräfte unter den Angehörigen dieser ehrwürdigen Gilde. So hatten die Opfer dieses prächtigen llnterdrückiings- und Ausbeutungs- snstems nicht einmal Ruhe, wenn einer ihrer Peiniger für seinen Theil das„Geschäft" aufgab. Wenn ein adliger Herr von den Räubern seines Rittersitzes, vielleicht auch seiner persönlichen Frei- heit beraubt wurde, kaufte er sich und sein Gut los aus den Biitteln, welche seine Vasallen und Bauern aufbringen mußten, die also in diesem Falle von der rechtmäßigen Gewalt ebenso ausgesogen wurden, wie von den Räuberbanden. Diese fanden das Loskanfipiel sehr lohnend und es wird berichtet, daß mancher Burgherr sein Besitzthum in einem Jahre drei-, viermal von den Kompagnien aus- lösen mußte. Man kann sich das daraus sich ergebende Elend und die Verzweiflung vorstellen, welchen die armen Landleute zur Beute fielen. Fortwährend schwebten sie in Todesangst, vor ihren„aligestammten" Herren nicht minder, wie vor den Soldaten-Ränbcrbanden. Natürlich suchten sie sich ihrer Haut zu wehren, so gm es nur irgend möglich war. Sie machten ihre Kirchen zu Festnngen, umgaben sie mit Wall und Graben und trugen die außerordentliche Last einer fortwährenden Kriegführung mit Kämpfen, Wachehalten, Schanzarbeiten und allen den Mühen und Opfern, welche der Kriegszustand den Kriegführenden auferlegt. In einigen nördlichen Provinzen, namentlich in der Picardie, verkrochen sich die Landbewohner in Erdhöhlen; aber wehe ihnen, wenn sie von ihren Unterdrückern entdeckt wurden! Von Glück hatten sie zu sagen, wenn ihnen ihr rechtmäßiger Herr diese Selbsthülfe nicht als Hochverrath auslegte, selbst wenn es sich um Widerstand gegen die land- fremden, englischen Söldnerbanden handelte. Die französischen Adeligen waren im l 4. Jahr- hundert in voller Entartung begriffen. Sie sahen im Volk nicht mehr ihre gleichberechtigten Lands- lente, niit denen sie gleiche Interessen verbanden, sondern lediglich einen Gegenstand zur Ausbeulung, endlich sogar des Hasses, ja ihre natürlichen Feinde. Im Kampfe gegen die Engländer zeigte sich, daß das Kriegswesen Frankreichs veraltet war. Die schwer gerüsteten adeligen Ritterheere konnten den mit Hellebarden und bleiernen Hänimcrn, Piken und Armbrusten leicht bewaffneten flandrischen Kriegs- knechten nicht Widerstand leisten, die sie sammt ihren Waffen so stolz verachteten. Dieser Jrrthum rächte sich schwer; er verleitete die Adeligen, auch verachtnngs- voll auf die Bürgertrnppen herabzublicken, welche die neue, leichtere Bewaffnung und Kriegsführung sich zu Nutze machten, und mehr als einmal haben adeliger Hochniuth und ritterliche Verwegenheit das wieder verdorben, was Bürger- und Bauernsoldaten im Kampfe gegen die Engländer gut gemacht hatten; so z. B. bei Crucy(spr. Krohsi), wo die Bürger von Orleans die siegreichen Engländer eine Zeitlang aufhielten, aber die ordnungslose Kampslust und der sorglose Leichtsinn der Ritter die Sache wieder verdarb. Diese Herren lebten fern von ihren Sitzen am königlichen Hofe und dachten garnicht daran, um- sonst Heeresdienste zu leisten, sondern sahen darin die Quelle ihres Erwerbs und ihrer Bereicherung, die sie so ergiebig wie möglich auszunutzen beflissen waren, indem sie dem Lande und ihrem König ihre Dienste so thener wie möglich verkauften, also eigentlich keinen Deut besser waren, als irgend ein be- licbigcr ftemdländischer Söldling. Sie hatten also eigentlich am Krieg mehr Juteresse, mehr Aussicht auf Gewinn, als an geordneten Friedenszuständen. So setzte sich ein Wehrsystem in Geltung, das zu- gleich Fendalwescn und Söldnerwesen in sich ver- einigte, um mit des Geschichtschreibers Michelet (spr. Mischelehs) Worten zu reden. Eine grauen- volle Lage der Dinge für das unglückliche Land— denn bei Mißerfolgen stieg die Gefahr des Landes, der Bedarf nach Waffenhülfe, und diese Gelegenheit benutzten die Edelsten und Besten der Nation, um ihre Preise zu erhöhen für das, was eigentlich ihre schlichte Bürgerpflicht ebenso war, wie ihre Treu- Pflicht gegen die Krone. Daß dadurch die Kluft zwischen Adel und Volk sich immer mehr erweitern mußte, das liegt auf der Hand. Das Volk mußte dazu gelangen, im Adel geradezu den„inncrn Feind" zu sehe». Die Niederlage von Poitiers brachte den lang schon bestehenden Groll zum Ausbruch. Bei früheren Unglücksfällen des Krieges, bei Eourtray(sprich KnhrträlH, bei Crucy u. a. hatte sich der Adel nur unverständig und leichtsinnig gezeigt, sich aber doch mit unbestreitbarer Tapferkeit geschlagen, er hatte Alles, außer der Ehre, verloren, um mit Franz I. zu reden; bei Poitiers ließ er sich schimpflich ge- fangen nehmen, statt Stand' zu halten oder zu sterben. Tie Engländer kamen in Verlegenheit, wo sie die vielen Gefangenen unterbringen, was sie mit ihnen anfangen sollten. Jeder Ritter des seind- lichcn Heeres hatte fünf Gefangene, denn wenn ein französischer Adeliger einen englischen benierkte und selbst von Jenem bemerkt wurde, streckte er ihm schon von Weitem seinen Degen entgegen und bat um Quartier, d. i. Schonung und Gefangennahme. Natürlich erregte das im ganzen Lande die tiefste Erbitterung, denn nun mußten von dem armen Volk die Mittel zum Loskauf aufgebracht werden, der fabelhaft große Summen erheischte bei so vielen gefangenen„Edelsten und Besten" der französischen Nation. Außerdem huldigte der Adel einer sinn- losen Prunksucht und Verschwendung, die natürlich auch das Ihre dazu beitrugen, das Volk wirthschaft- lich zu ruiniren und aufs Aenßerste zu erbitter». Das Unglück des Landes wurde in den nächsten zwei Jahren nach der Schlacht bei Poitiers immer grauenvoller; 1358 erreichte es seinen Gipfelpunkt. Die Weinberge wurden nicht mehr bebaut, die Felder nicht bestellt, Städte und Dörfer waren verwüstet, zerstört und unbewohnt. Ueberall begegnete man den Spuren der fürchterlichsten Verwüstung, überall Jammer und Elend. Am tiesten erregte das Volk der Umstand, daß es etwas ganz Gewöhnliches war, die Adeligen mit den Räuberbanden gemeinschaftliche Sache machen zu sehen. Konnte ein Adeliger die Loskaufsumme für den Ränberbandenführer nicht aufbringen, so nahm er Dienste bei ihm auf zwei bis drei Jahre, um sie„abzuarbeiten". Dann gab es zwar eine» adligen Lampyr weniger, dafür aber einen Räuber mehr. Oester unternahmen Adelige und Räuber- banden Beutezüge auf gemeinschaftliche Rechnung. Die Schäferhunde, berufen, die Heerde zu schützen, machten, wie ein Chronist schreibt, mit den Wölfen gemeinschaftliche Sache und stoßen, zusammen mit Jenen, ihre Schutzbefohlenen. Getreide zur Aussaat und Vieh hatte der Bauer nicht mehr, auch seine Geräthe, seine Wagen nahm man ihm ab, ebenso seinen Pflug, um Säbel und Lanzenspitzen daraus zu machen. Hätte der Bauer das Alles auch gehabt mid sein Feld bestellen können, so nahmen es ihm die Engländer, die Räuber oder die Adeligen doch wieder ab. Darum stellte er es endlich ganz ein, so unnütze Sorgen und Mühen auf sich zu nehmen. Der Spitzname, mit dem die privilegirtcn Stände den französischen Bauern belegten, war Jacques Bonhomme(spr. Schock bonn omni), d. i. Jakob Gutmann, guter, dummer Tölpel könnten wir sagen. Von ihm redeten viele Sprüchwörtcr im Tone voll« ständigster Verachtung:„Jacques Bonhomme hat' einen tüchtigen Buckel, er kann Alles ertragen",. hieß es da unter Anderem. Jawohl, Jacques Bon-! homme hatte allerdings einen tüchtigen, tragskräftigcn Rücken, aber der Zeitpunkt war nicht mehr fern, wo er seinen Unterdrückern zeigen sollte, daß er nicht nur auf seinen tüchtigen Rücken ein gut Theil Schlüge aufladen konnte, sondern daß auch seinej starken Fäuste solche anszutheilen verstanden, wenia ihm endlich, endlich der Gednldfaden riß. Die gräß-I lichen Sünden der Bevorrechteten riefen seine wilde Rache hervor: das war eben die Jacqucrie. Wenn Frankreich sich aus dem furchtbaren Elend nach dem Unstern von Poitiers überhaupt wieder aufrichten sollte, so mußte auch mit den eiiiheimische« Volksverderbern abgerechnet werden, die zumeist mit-? schuldig waren am allgemeinen Zusammenbruch. Ihr! „Patriotismus" war es nicht, der das wieder auf-j richtete. Ans der Tiefe des verachteten Volkes der Landleute quollen jene materiellen und idealen Kräfte! der Wiedergeburt und Erlösung; die Edelsten und' Besten der Nation haben dazu wacker wenig bei-i getragen. & Ein Märtyrer der Schule. Novelle von Henrik Ticiikicivicz. Deutsch von Wilh. Thal. �as Licht der Lampe weckte mich manchmal auf,z obwohl ein Schirm darüber gebreitet war» und dann sah ich Michel wieder bei der. Arbeit, zwei Stunden, ja sogar drei bis vier Slunden nach Aiitternacht. Seine kleine, dünne und zarte Gestalt saß da, kaum bekleidet, über ein Buch ge- beugt, während seine schläfrige Stimme in dem Schweigen der Nacht mit der Eintönigkeit der Bc-� tonnng, die in der Kirche bei dem Kyrie Eleison der Litanei zu Tage tritt, lateinische oder griechische Verba konjngirte. Wenn ich ihn anrief, um ihm zil sagen, er möchte sich schlafen legen, antwortete er mir in sanftem Tone:„Ich kann meine Aufgabe» noch nicht, Herr Wolski!" Dann machte er sich wieder an die Bücher, lind doch arbeitete ich von vier bis acht, und von ncnii Uhr bis Mitternacht mit dem armen Kleinen, half ihm bei seinen Schnlaufgabc», und legte mich»ie eher nieder, als bis ich mich überzeugt hatte, daß er Alles wußte. Aber dieses„Alles" war wirklich zu viel, zu viel für ihn. Hatte er die letzte Lektion beendet, so entsann er sich der ersten nicht mehr;! und die griechischen, lateinischen, französischen und deutschen Konjugationen, die Namen der zahlreiche» Regeln marterten seinen armen Kopf und tanzte» darin eine höllische Sarabande, die ihn am Schlafe» hinderte. Dann stand er auf, zündete wieder die Lampe an und setzte sich von Neuem an den Tisch», um zu. arbeiten. Wenn ich ihn ausschalt, sing er an zu bitten, und weinte schließlich. Ich mußte ich» schon seinen Willen thnn. Daher gewöhnte ich mich schließlich auch so sehr an diese Nachtwachen und a» dieses leise Gemurmel, daß ich, wenn es mir fehlte, nicht mehr einschlafen konnte. Eigentlich hätte ich vielleicht dafür sorgen müssen, daß der arme Kleine sich nicht so über seine Kräfte anstrengte; doch was sollte ich thnn? Er mußte doch jeden Tag, wenigstens so ziem? lich, seine Lektionen lernen. Sonst hätte man ih»! aus der Schule fortgeschickt. Und Gott weiß, was für ein Schlag das für Frau Marina gewesen wäre, deren einzige Hoffnung Michel war, seit der Tod ihres Gatten sie mit ihren beiden Kindern allei» in der Welt gelassen hatte. Das war in der Thal eine haltlose Situation: denn auf der anderen Seite. sah ich, daß diese heftige Geistesanspannung der Gesundheit des Kindes derart schadete, daß sie seine Existenz bedrohte. Ria» hätte wenigstens versuche» müssen, ihn zu kräftigen und ihn durch Turne», Marschiren und Reiten zu stärken; doch für solche körperliche Uebungen fehlte leider die Zeit. Er hatte so viel zu thnn, so viel auswendig zu lernen und zu schreiben, daß ihm dazu gar keine Zeit übrig. i voll- le hat igen", Bon- ästigen fern, >aß er Thcil seine wem» grnß- wilde » Elend iviede nischeu st mit-' Ihr r aus- es der Kräfte und g bei- il auf, warf >ei der tundeil zarte lch ge- i dein w Bc- stoil der iechische ihm zu riete er nfgnbcil . lind neun - ich nie te, daß wirklich Lektion mehr! en und streiche» tanzte» schlafe» eder die Tisch. fing cr zte ihw ch mich und att fehlie, ättc ich Kleine ch was ziem- in ihn , ivaS ivärc, r Tod allein That Seite g der � e seine versuche» Turnen, solch« r hatte n und übrig Schottische KochCcmöschcrft irn Schnee. Nach dem Gemälde von I. Farquharson. _______ - Pic ricue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. blicb. Die kurzen, der Erholung geivioiueteu Äugen- blicke, die der Ecsnndl eu, jn, dein Leben des Kindes so nothlvendig waren, wurden ganz und gar von dein Griechisch, dem Lateinisch, dein Französisch und dein Deutsch in Anspruch genommen. Das Herz schnürte sich mir Morgens zusammen, wenn ich seine mageren Schultern unter dem Gewicht der Schulmappe sich beugen sah, in die er seine Bücher ge- packt hatte. Ich bat oft seine Lehrer, ihn milde zu behandeln, doch sie antworteten mir, ich wäre zu nachsichtig gegen das Kind, ich verzöge es, denn es stände ganz außer Ztveifel, daß Michel nicht genug lerne. Außerdem hätte er eine sehr schlechte Ans- spräche und weine oft ohne ersichtlichen Grund. Diese Borwürfe rührten mich tief; und mein einsames und trauriges Leben, das schon durch eine schwere Lnngenkrankheit vergiftet wurde, wurde dadurch noch trüber und elender. Besser als irgend Wer mußte ich wissen, ob Blichel genug arbeitete oder nicht! Er war ein etwas beschränktes Kind, sehr sanft von Charakter, aber dafür mit einer solchen Ausdauer und Energie be- gabt, wie ich sie in ähnlicher Weise bei einem Schüler seines Alters nie getroffen habe. Der arme Michel betete seine Mutter an; man hatte ihm gesagt, sie wäre unglücklich und krank, und wenn er nicht tüchtig lerne, so würde das hinreichen, sie zu tödten. Dieser Gedanke machte ihn erzittern; daher saß er auch ganze Nächte und arbeitete, um seine liebe Mutter nicht zu betrüben. Wenn er eine schlechte Note bekam, so brach er in Thränen aus; aber es ist sicher, daß Niemand die Ursache dieser Thränen erkannte. Ich verzog ihn nicht, auch schmeichelte ich ihm nie; doch ich verstand ihn besser als die Anderen; und anstatt ihn auszuschelten, wenn er nichts er- reichte, that ich mein Möglichstes, ihn zu trösten. Tie Sache ging mich ja auch persönlich an, denn ich habe in meinem Leben viel gearbeitet, habe gekämpft, Hunger gelitten, im Elend gelebt; ich bin nie glücklich gewesen und werde es niemals sein. Großer Gott, das sind vergangene Dinge, an die ich nicht mehr denke. Ich mache mir auch nichts mehr aus dem Leben; aber in Michels Alter hatte ich lvcnigstens einige glückliche Stunden, und der Hunger quälte mich noch nicht. Wenn man mich schlug, so weinte ich, wie jeder Andere, so lange der Schmerz dauerte; kaum aber hatte man aufgehört, mich zu schlagen, so dachte ich nicht mehr daran. Im llebrigcn lebte ich frei wie der Bogel in der Luft, ohne daß je eine Sorge mich quälte. Michel war nicht einmal das beschieden. Später konnte ihn das Leben ja in die Zange nehmen und und ihn nach Herzenslust kneifen. Aber wenigstens in der Kindheit hätte es ihn lachen lassen sollen; es hätte ihm gestattet sein müssen, in der frischen Luft herumzulaufen, frei aufzuathmen und in der Sonne zu spielen. Statt dessen sah ich den armen Kleinen stets nachdenklich, unter der Last seiner Bücher erliegend, vor Müdigkeit umfallend und mit entzündeten Augen, als bemühe er sich fortwährend, seine Thränen zurückzuhalten, zur Schule gehen und zurückkommen. Jn solchen Augenblicken hätte ich ihm zu Hülfe kommen und ihn trösten mögen. Ich bin auch Lehrer, und ich weiß ivahrhaftig nicht, was aus mir werden sollte, wenn ich den Glauben an das Studium ver- lörc und die Wohlthaten der Arbeit nicht mehr zu schätzen wüßte. Aber ich bin der Ansicht, daß die Schule nicht die Gestalt einer Tragödie für die Kinder annehmen darf; ich behaupte, daß die frische Luft und die Gesundheit nicht durch Griechisch und Latein ersetzt werden dürfen, und bin der Meinung, daß das Schicksal, ja, das Leben dieser schwachen Geschöpfe nicht von einer niehr oder weniger reinen Aussprache abhängen darf. Ich erkläre ferner, daß das Ziel des Unter- richts viel leichter zu erreichen ist, wenn das Kind mit leiser Hand dahin geleitet, als wenn es durch ein Riesengewicht niedergedrückt wird, das ihm die Brust zerquetscht. Ich bin und werde stets ein so beschränkter Meusch bleiben, daß ich meine Ansicht in dieser Hin- ficht nie ändern werde; und der Gedanke an den armen Michel, den ich so innig geliebt habe, be- stärkt mich nur in seiner Anschannngsweise. Sechs Jahre hindurch bin ich sein Lehrer ge- wcsen; und seit er in die zweite Klasse gekommen ist, bin ich sein Repetitor. Ich hatte also Zeit, ihn kennen zn lernen... Und außerdem, warum sollte ich mich selbst täuschen? Ich liebte ihn, weil er der Sohn der Frau war, die mir thenrer war, als Alles auf der Welt... Sie hat es nie geahnt, und wird es niemals erfahren... Ich weiß nur zu gut, daß ich... Herr Wolski bin, ein armer Lehrer, ein kranker Mensch..., während sie einer alt- adligen Familie angehört. Sie ist eine große Dame, eine sehr große Dame, daß es mir kaum gestattet ist, meine Augen zu den ihren zu erheben. Und doch muß sich das einsame Herz, von den Kämpfen des Lebens ermüdet, an irgend Jemanden anschließen, wie gewisse Niuschelarten, die von den Wellen hin und her geschlendert werden, sich schließlich an den Felsen klammern.... So habe ich auch den Kleinen lieb gewonnen... übrigens, was kann ihr das schaden?... Ich ver- lange nicht mehr von ihr, als ich von der Sonne verlange, deren wohlthätige Strahlen meine armen, kranken Lungen im Frühling kräftigen. Sechs Jahre lebte ich in ihrem Hause und sah sie lange allein, unglücklich, ihre Kinder liebend, stets gütig wie ein Engel, fast eine Heilige während ihrer Wiitwcuschaft. Es war also ganz natürlich, daß ich sie liebte. Und dann ist das Gefühl, das ich empfinde, nicht Liebe, es ist Religion. Michel hatte viel Aehnlichkeit mit seiner Mutter, und oft glaubte ich sie zu sehen, wenn er die Augen zu mir erhob. Es waren dieselben zarten Züge, dieselbe Feinheit der Linien, derselbe Klang der Stimme. Sie gehörten Beide jener edlen Art von nervösen, empfindlichen, liebevollen Geschöpfen an, die zu den größten Opfern fähig sind, aber stets im Boraus mehr ausgeben, als sie dafür empfangen können und dafür in der nüchternen Wirklichkeit des Lebens nur ein mäßiges Glück genießen. Die Naturen dieser Art fangen an auszusterben; ich glaube sogar, die Psychologen der Zukunft werden versichern, diese Wesen seien von vornherein zum Tode verdainmt, denn sie kommen mit einem or- ganischen Herzfehler zur Welt, sie lieben zu stark. Michels Eltern hatten früher ein großes Vermögen besessen, doch auch sie hatten ein zu großes Herz gehabt. Daher hatten mancherlei Schicksalsschläge sie in eine Lage gebracht, die man gerade nicht Armnth nennen konnte, die aber, namentlich im Vergleich mit der Vergangenheit, hart an die Mittel- Mäßigkeit streifte. Michel>var der letzte Sproß der Familie; daher liebte ihn Frau Marina nicht nur als ihren Sohn, sondern auch als ihre einzige Hoffnung für die Zu- kunft. Unglücklicherweise hielt sie ihn mit der allen Müttern eigenen Verblendung für ausnehmend klug. Es fehlte ja dem Kinde auch nicht an Intelligenz; aber er ivar einer jener Knaben, deren zuerst mäßige geistige Eigenschaften sich mit den Körperkräften ent- wickeln. Unter anderen Lebensbedingungen hätte er seine Studien mit leichter Mühe zn Ende führen können; aber bei dem augenblicklichen Stande der Dinge und in Anbetracht der hohen Meinung, die seine Mutter von seinen Eigenschaften hegte, quälte und marterte er sich nur in fruchtlosen Bemüh- ungen ab. Ich habe schon Vielerlei in der Welt gesehen, und habe mich entschlossen, mich über nichts mehr zu wundern; doch gestehe ich, daß es mir schwer wurde, zu begreifen, wie Beharrlichkeit, Arbeit und Energie eine Quelle des Leidens für dieses Kind werden konnten. Es ist traurig zu sagen, aber wenn Worte mich über Schmerzen und Bitterkeiten trösten könuten, so>vürde ich gern mit Hamlet sagen: „Es giebt melir Ding' im Himmel wie aus Erden, Als unsere Schulweisheit sich Iräuml!" Ich arbeitete mit Michel, als hinge meine Zu- kunft von den guten oder schlechten Zensuren, die er bekam, ab. Es ist wahr, wir hatten nur ein Ziel, das liebe Kind und ich,„sie" nicht zu be- trüben, ihr eine gute Note zeigen zn können und ein Lächeln des Glückes auf ihre Lippen zu zaubern. Wenn es ihm gelmig, eine gute Note zu erhalten, dann kehrte er ganz glückselig aus der Schule nach Hause zurück. Jn solchen Augenblicken konnte man glauben, er sei plötzlich gewachsen. Seine gewöhnlich so traurigen Augen lachten mit der offenen Freude! der Kinder und seine Augäpfel glänzten wie ange- zündete Kohlen. Schnell entledigte er sich seiner Büchermappe, die seine schmalen Schultern bedrückte, und sagte zu mir:„Herr Wolski! Mama wird zu- frieden sein.. Heute habe ich in der Geographie... rathen Sie einmal, wie viel?" Und wenn ich so that, als könnte ich es nicht! errathen, dann lief er auf mich zn, warf mir seine kleinen Hände um den Hals und schrie mir zu:! „Eine Fünf! Eine richtige Fünf!" Das ivaren die glücklichen Momente unseres Lebens. Wenn der Abend hereinbrach, wurde Michel gan» träumerisch; er suchte sich vorzustellen, was wohl! geschehen würde, wenn er den ersten Platz erhielte.! Dann wandte er sich halb zu mir, halb zu sich selbst und murmelte: „Zu Weihnachten werden wir nach Talesino reisen. Natürlich wird Schnee fallen, denn es ist ja Winter. Dann werden wir Schlitten fahren und in der Nacht ankommen. Mama wird uns erwarten, wird mich umarmen»nd zu mir sagen:! „Und die Zensuren?" Dann werde ich absichtlich ein trauriges Gesicht machen.... Und nun wird Mama lesen: Religion gut. Französisch gut, Deutsch gut.... Ach, Herr Wolski." Dabei füllten sich die Augen des armen Kindes mit Thränen. Und ich, der ich mich tvohl hütete, ihn zur Wirklichkeit zurückzuführen, sah in Gedanken das ruhige, würdige Haus von Talesino; ich sah die edle Frau, die darin lebte, und erfreute mich an ihrem Glücke, an ihrer Freude. Ich benutzte diese Augenblicke, um Michel zu erklären, daß seine Mutter ihn nicht nur fleißig,! sondern auch gesund wiederzusehen wünschte, dag er infolgedessen nicht niehr weinen, wenn ich ihn spazieren führte, und daß er nicht mehr die Nächte durch- wachen dürfte. Da umarmte mich das Kind tief- gerührt und crlviderte: „Ach, ja, mein lieber, guter Herr Wolski, ich werde gesund, schrecklich gesund sein, und werde so groß werden, daß iveder Lina noch meine liebe Mama mich erkennen sollen!" Madame Marina schrieb mir oft und bat mich,! über die Gesundheit ihres Sohnes zu wache»; aber zu meiner größten Verzweiflung mußte ich täglich erkennen, daß es fast unmöglich, die Gesundheit mit dem Studium Schritt halten zu lassen. Hätten die Hindernisse in den Gegenständen gelegen, die Michel lernen sollte, so wäre es mir möglich gewesen, dem abzuhelfen, indem man ihn in die vorige Klaff« zurückoersetzte. Aber er verstand die verschiedene» Unterrichtsgegenstände vollkomme», und nur das Lernen wurde ihm schwer, das Gedächtniß versagte. Dagegen ließ sich nichts thun; und darum klammerte ich mich an die Hoffnung, daß die fehlcndeü Kräfte durch die Ruhe der Ferien wieder hergestellt werde» würden. Hütte Michel einen leichtlebigeren Charakter besessen, ich wäre seinetivegen nicht so besorgt ge- Wesen. Doch das Vergnügen, das er empfand, wen» er eine gute Note bekam, wog den Kummer nicht ans, den ihm seine Mißerfolge bereiteten; und die Augenblicke des Glückes ivaren leider sehr selten- Ich las so deutlich in seinem Gesicht, daß ich, lvcu» er nach Hause kam, ganz genau wußte, was in der Schule vorgefallen war. So sagte der kleine Ostroivski, � der Erster in seiner Klasse ivar, ein hübscher Junge, s den ich oft mit Michel zusammen arbeiten ließ, daß Michel hauptsächlich darum schlechte Noten bekam, weil er eine etivas schivere Zunge hatte. Je be- drückter sich der Kleine sowohl körperlich wie moralisch fühlte, desto häufiger wurden seine Mißerfolge-! Manchmal setzte er sich, nachdem er lange Zeit ge- weint, an seinen Arbeitstisch, anscheinend still und ruhig; und doch nahm ich in diesem angestrengte» Fleiße etwas Fieberhaftes, Heftiges, Verzweifeltes wahr. Ntanchmal ging er in irgend eine Ecke, naln» den Kopf in beide Hände und blicb dort lange still! 5)ic Acue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. '•> 1 o l es nicht nir seine mir zu:! unseres und nachdenklich. Infolge seiner erregten Phantasie glaubte er thatsächlich seine Mutter zu morden. Gleichzeitig siihlte er sich ohnmächtig zu helfen und gnältc sich in unfruchtbaren Bemühungen ab. Die schlaflosen Nächte wurden immer häufiger, und manchmal wachte er bis in den hellen Morgen hinein. & (Schluß folgt.) ffaiiöcr J. MsM.* Ein Charakterbild von Ernst Brauscwctter. lerander L. Kielland ist der ausgeprägteste Gescllschaftssatiriker unter den norwegischen Dichtern. Er betrachtet die Gesellschaft nicht aus einem subjcktioen Gesichtswinkel, sondern ihm sind die Klassengegensätze zur vollen dichterischen An- schanung geworden. Er giebt das Gesellschaftsbild der Oberklassen, aber mit einer so grellen Be- lenchtnng ihrer Heuchelei, Kurzsichtigkeit und mora- lischen Verdorbenheit und einer so herben Gegen- überstellnng der nackten Thatsachen aus dem Leben der Unterklassen, daß man sofort fühlt, auf welcher Seite seine Sympaihien stehen. Wie der alte, gelehrte Rabe in seiner Novelle »Das Torfmoor" läßt er die Oberen das siegreiche Vordringen des Neuen mit Kopfschütteln und Aerger beobachten, bis sie sich, wie dieser Rabe, voll Wnth auf die schwachen, unschuldigen„Jungen" werfen «»d sie mit altem Spuk einzuschüchtern suchen. Kielland ist jahrelang im Auslände, namentlich in Frankreich, gewesen. Er hatte dort, wie es die Skizze„BaUstimmung" in seinem ersten Novellen- bände zeigt, den Eindruck der Klassengegensätze in furchtbaren Bildern in sich aufgenommen.„Der Thau auf den Blumen der Balldame bedeutet die Thränen, die Neid und Schande, Enttäuschung und Wnth darüber geweint haben," und„wenn sich der Boden unter den Tanzenden beugt," so kommt es daher,„weil er unter dem Neide von Millionen erzittert." Es ist dem Dichter wohl wie seinem Jakob Worse in dem Roman„Garman& Worse" er- liangcn. Als er heimkehrte aus den Ländern, in denen der Klassenunterschied sich bereits zum Klassen- kämpf entwickelt hat und wo die untersten Klassen durch organisirtes Zusammenhalten, durch ihre Masse beginnen, die Anerkennung ihrer Menschenrechte zu erzwingen, da wurde ihm in dem alten Norwegen bewußt, wie jammervoll hier der Zustand ist, in dem sich die Arbeiter und Handwerker und Bauern, kurz die ganze Masse des Volkes noch befindet. Er sah die gähnende Kluft, die Arm und Reich trennte, die Scheidegrenze, die zwischen dem nonvegischen Adel, dem Beamtenthum und der Volksmasse er- richtet ist, den unterdrückenden und kulturhemmenden Ginfluß, den die Frömmelei und die machterstrebende Geistlichkeit ausüben. Aber Kielland ist kein Polemiker, wie Björnson oder Garborg, er läßt seine Gestalten nicht flam- wende Reden halten und verkündet nicht begeistert neue' Ziele. Der Poleniiker will überzeugen, wirken für seine Uebcrzeugung, aber Kielland hat wohl, wie jener Jakob Worse, erkannt, daß zwischen seinen Anschauungen und denen jener Leute, denen er helfen möchte, ein zu großer Abstand besteht, als daß diese ihm schon jetzt zu folge» vermöchten. „Das Herunterreißen des alten ererbten Respektes vor den Autoritäten, das wird Euch Aufwieglern nicht gelingen, dazu ist unser Volk zu loyal und religiös," sagtdcrAintmann in dem Roman„Arbeiter". Der Polemiker muß der Auffassung seines Publikums »äher stehen, er muß einseitiger, kurzsichtiger sein, cr muß halb befreit, aber auch noch halb gefesselt sein. Das trifft bei Kielland nicht zu. Er sitzt wie auf einem hohen Felsenthron, und das da unten erscheint ihm Alles so klein und jammervoll. Atit vernichtendem Lächeln blickt er herab. Und doch möchte auch er gern den Weg bahnen, Bresche schießen in diesen Thurm einer veralteten Welt- auschauung. Darum greift er zu der Waffe des * Ans einem Werke:„Nordische Meisternovellen", mit Ct'nrnkferistiken der Verfasser, herausgegeben von Ernst Bumseivener. Spottes, der Ironie, der einzigen, die dort Erfolg haben kann, Ivo man noch nicht auf Verständniß zu rechnen vermag. Wie in einem Eismantel sitzt er dort oben und lacht und spottet und zeigt mit Fingern hinter die aufgerissenen Vorhänge der so feinvcrhüllten Gesellschaftslüge. Sein Lachen klingt hart und schneidend, denn es liegt Schmerz dahinter. der Schmerz Dessen, der züchtigen muß und doch lieben möchte. Warum— wird angesichts einer Schaar von Auswanderern in dem Roman„Arbeiter" gefragt — warum wandern aus diesem schönen Lande mit seiner freien demokratischen Verfassung alljährlich tausende und abertausende fleißige, strebsame Bürger, die von tiefer Liebe zu ihrem Vaterlande erfüllt sind, aus, einer ungewissen, mühevollen Zukunft entgegen, nicht etwa verkommene, mittellose Leute, denen kein anderer Ausweg bleibt, sondern Jüng- linge und Männer, ganze Familien, die seit Jahren arbeitei»» und sparen, um dieses Ziel erreichen zu können? Und dieser Roman„Arbeiter" giebt mit der schrillsten satirischen Beleuchtung der norivegischen Zustände die Antwort darauf. Gleich der Titel ist eine Satire, denn nach der Auffassung des Herrn Minister Bennechen sind die wahren Arbeiter die— Beamten,„der Kreis von Männern, welche die Ordnung höher halten, als den Eigenwillen, welche treu und gehorsam gegen die unerschütterlichen Wahr- heiten, die uns die Väter in ihren Gesetzen und in ihrem fromnien Glauben hinterlasse» haben, sich um den Thron schaaren." Und nun wird gezeigt, wie in diesem Ministerium gearbeitet wird, und wie die Gerichte ihre hohe Aufgabe, Recht und Gerechtigkeit zu verbreiten, erfüllen, wie diese Gesellschaft die hohe Moral bethätigt, deren Verfechterin sie sich nennt. Es wird gezeigt, wie ein Bauer, der eine kulturfördernde Idee hat, sein Verniögcn verprozessiren muß, weil man sie ihn nicht ausführen läßt, wie seine Eingabe an das Ministerium ihm erst nach Jahren, als er auf dem Wege nach Amerika ist, zurückgegeben wird mit dem Bescheide— daß sie vor ein anderes Ministerium gehöre, wie seine in die Stadt gesandte Tochter in dem Hause des Herrn Ministers, mit Wissen desselben und seiner hoch- moralischen Gattin, einem elenden Untergange preis- gegeben wird, wie die Presse ihre Kulturaufgabe erfüllt, welche Einflüsse zu Macht und Stellung verhelfen, und wie die beiden einzigen anständigen Menschen in dem Hause des Ministers so behandelt werden, daß auch sie schließlich voll Ekel dem Allen den Rücken wenden und nach 3liuerika gehen, indem Johann Bennechen, der Sohn des Ministers und das Sprachrohr des Dichters, zu dem Büreauchef, Kammcrherrn Delphin, sagt:„Sehen Sie, die Uni- formirten bleiben zurück in diesem Laude und ver- mehren sich— die Uniformirten und die Zerlumpten! Die letzte Ratte, die das Schiff verläßt, das wird der Armenvorsteher sein." Der Anschauung der herrschenden Klassen, daß Alles sehr gut sei, so, wie es ist, reißt Kielland Schritt für Schritt den Schleier herab. In seinen ersten Romanen„Schiffer Worse" und„Garman& Worse" suchte er die alte und neue Zeit in Gegensatz zu stellen, den Entwickelungs- prozeß in der Oberklasse zu veranschaulichen: die Generalion des Großvaters, in der die Oberklasse eine abgeschlossene Bildung haben konnte und„in einer ruhigen, selbstsicheren Gesellschaft lebte mit aristokratischen Kenntnissen nach außen und mit aristokratischer Unwissenheit im Innern", die Mittel- generation, die schon eine feste Lebensanschannng hatte, als das Neue ans sie einstürmte, und die daher gegen dasselbe einen mißvergnügten Kampf führte, und endlich die junge Generation, in deren Köpfe die alten Grundsätze wohl in der Schule ein- gepaukt sind, in ihnen aber nicht mehr zur lieber- zeugung zu werden vermochte», die daher in Zweifel und Unsicherheit hin- und hertastet, da ihr der Boden überall unter den Füßen wankt. Und die Generation hat nicht die Kraft und nicht die Fähigkeit, den Kampf für das Neue gegen das Alte aufzunehmen, ihre Sym- pathie gehört dem Neuen, aber das Alte steckt ihr zu tief im Blute. Für diese Menschen giebt es da- her nur eine Rettung, die Arbeit, die unermüdliche Arbeit, bei der man nicht Zeit hat, um sich zu blicken, und nach der man sich Abends niüde und befriedigt zur Ruhe legen kann. Hier und da rafft sich solch ein Junger empor, wie Johnsen in„Garman iL Worse" oder wie Abraham Lövdahl in„Fortuna", um für die Armen und Unterdrückten und gegen die Heuchelei aufzutreten, aber seine Kraft versagt; bald läßt er sich wieder einfangen und taucht in der allgemeinen Heuchelei unter, die„die Lebensmacht dieser Gesellschaft" ist. Und dabei wird der Tanz um das goldene Kalb ein immer wilderer, er lockt den Gelehrten aus seiner Stndirstube, er erfaßt wie im Taumel den Vertreter der Kirche, die vorgiebt, das materielle Streben zu verdammen. Geld, Geld wird das Einzige, worum sich das Leben dreht. Und in der Jagd nach dem ' bricht noch der letzte moralische Halt in ihnen zu- sammen, sie werden zu Betrügern und Schurken. Aber für ihre offenbaren Verbrechen, von denen man von Mund zu Mund spricht, giebt es keine Anklage, kein Gericht, denn man darf die„Stützen der Gesellschaft" nicht antasten, man muß die Vogel- strauß-Politik betreiben aus Angst, daß sonst Alles zusammenbrechen könnte.(„Fortuna.") Die Masse, die Armen, die Arbeiter müssen nur froh sein, wenn sie nach all diesen Schurken- streichen der Neichen, die selbst die kostbaren Spar- schillinge der Arbeiter verschlungen haben, gegen einen Jammerlohn Arbeit bekommen, sie dürfen nicht ans- treten und Rechte und Freiheiten fordern.(„Fortuna.") Und in einer Gesellschaft, in der die Heuchelei die Lebensmacht ist,„in der das Ehristenthum faktisch nicht mehr existirt," in der man es aber liebt, sich in den Mantel der Frömmigkeit zu hüllen, in einer solchen Gesellschaft muß der Vertreter der Kirche zum schlimmsten Heuchler, zum rücksichtslosesten Machtstreber und zum gefährlichsten Gegner der Kulturentwickelung werden. Schon in„Garman ck Worse" zeigt sich in der Gestalt des schlauen, Mes erreichenden Probstes Sparre und des aalglatten, gleißnerischen Pastors Martens dieser Einfluß der Geistlichkeit. Sie, die die Gleich- berechtigung aller Menschen vor Gott verkündet, macht selbst noch am Grabe zwischen Reich und Arm einen Unterschied. In„Schiffer Worse" wird die glück- zerstörende Pietisterei im Volke selbst in düsteren, aus dem sonstigen ironischen Tone Kiellands her- ausfallenden Farben, fast ernst und traurig, ver- körpert. Greller und schärfer hervortretend wird die ironische Beleuchtung in dem Roman„Fortuna" und namentlich in der Erzählung„Das Johannisfest", in welchen beiden der Pfarrer Morien Kruse, dem der berüchtigte Lars Oftedal als Modell aus der Wirklichkeit gedient haben soll, sich vom kleinen un- scheinbaren Pastor zum allmächtigen Beherrscher der Gemeinde und der ganzen Stadt emporschwingt. Durch sein Heer von„Kaninchen", seine kriechenden, verleumderischen und wühlenden Sendboten spinnt er sie nach und nach mit dem grauen Gewebe einer alle Wahrheit, Offenherzigkeit und alles fteimüthige Vorwärtsstreben vernichtenden Heuchelei ein.„Bald wurden mit einer niegekannten Kaltblütigkeit Ver- sprechungen gebrochen und Ansichten gewechselt." („Johannisfest.") Er, der selbst sein ganzes Vermögen aus wahn- sinniger Geldgier in das Spekulationsunternehmen „Fortuna" hineingesteckt hat, der für keinen Armen aus eigenen Mitteln einen Heller hergiebt und in dessen Hause, abgesehen von seiner eigenen Person, eine an Geiz grenzende Knickerigkeit herrscht, predigt wie aus heiliger Ileberzeugnng:„Nicht Gold, nicht Silber, nicht Kupfer sollt Ihr in Eueren Gürteln haben", sodaß seine alte ehrsame Mutter voll Em- pörung über diese Heuchelei die Kirche verläßt. („Fortuna.") Und diese Alles überdeckende Heuchelei tritt in einer ebenso grellsatirischen Beleuchtung der Moral- auffassung der Gesellschaft zu Tage, wenn in der kleinen Erzählung„Elsa" gezeigt wird, daß sie niit all ihren Vereinen zur Rettung gefallener Mädchen und nothleidender Wöchnerinnen, mit all dem Wohl- thätigkeitsgethue und der salbungsvollen Phrasen- drechselet ein junges Mädchen nicht vor dem sittlichen Untergange zu erretten vermag. Vereinsvaraaravhen. persönliche Abneigungen und Wichtigthucrei verhindern .10 Pic Hcuc iUclt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. wieder und wieder, da� das Mädchen, eine eilt- ivickeliiiigsfähige Ziatur, einer vcrdorbcncii Ilmgebinig entzogen ivird.——— .�iclland ist nicht Psychologe. Wo es gilt, eine llnnvandlniig in cinein Charakler vor sich gehen zu lassen, wo er uns Einblick geben sollte in die tieferen Beweggründe für das- Handeln seiner Personen, da versagt seine Gestaltungskraft. Er sieht nur den gesellschaftlichen Zusaunnenhang der Ereignisse, nicht ihre psychologischen Ursachen in dein Einzelindividuuin, oder wo er diese sieht, vermag er ihnen doch nicht zu recht überzeugender Darstellung zu verhelfen. Aber andererseits war eine solche Darstellung auch nöthig, wenn er eben ein Gesellschaftsbild geben wollte, das Individuelle»inßie dann zurücktreten hinter dem Typischen. Inden! er auf Das verzichtete, was nicht in seiner Schaffenssphäre lag, erzielte er um so vollkommenere Wirkungen in Dem, was er zu bieten wünschte. Daß man einem Dichter, der so rücksichtslos der Gesellschaft den Schleier abriß, der mit solch lautem Lachen selbst die in den verborgensten Winkeln Sitzenden aufweckte, nicht wohlgesinnt sein konnte, ist nicht verwunderlich. Ein Mann, der so„krasse, gefährliche" Anschauungen errathe» ließ, der mußte „allen anständigen Menschen griindlich verhaßt sein" (>vie Abraham Lövdahl in„Fortuna"), dem konnte man nicht eine Dichtergage bewilligen, wie sie sonst die großen norwegischen Autoren haben. Da half selbst die energische Verwendung des so populären Björnson nichts. Man verschanzte sich dahinter: Kiel� lands Werke seien nicht national! Der wohlfeilste Eimvand, den man innner findet, wenn Anschanuugcn, die ans einer höheren Geisteswarte erzielt sind, ver- fochten werden. Das wäre das Leben, wie es draußen in den bösen Kulturländern sich abspiele, nicht aber in dem stillen, frommen Norwegen. Nur ein Feind seines Vaterlandes könne eine solche Bc- leuchtung der heimathlichen Zustände biete». Und doch welch eine tiefe Vaterlandsliebe, welch grimmiger Schmerz spricht aus jenem Auswanderer- kapitel in Kiellands Roman„Arbeiter", wie fest klanimert er sich gerade an die engen, kleinen, heimischen Verhältnisse, in denen freilich die Gegensätze nur um so krassere werden. H-Cus dem QPcvptcrkcrb der (Fort Schottische Hochlandschaft im Schnee.(Zu unserem Bilde.) Wir befinden uns mitten im Winter, in der Zeit, da mit dem letzten bleichen Strahl der sterbenden Sonne auch schon die Nacht hereinbricht und ihren weiten, dunklen Schattenmantel über die schneebedeckte Erde breitet.— Und der Ort, an den uns der Maler unseres heutigen Bildes, I. Farquharson, versetzt, ist Schottland, genauer jenes viel besungene und gefeierte schottische Hochland, dessen eigenartigen Naturreizen und dessen Stimmungs- zauber der gemüthstiefe Volksdichter Robert Burns in seinem Mein Herz ist im Hochland, Mein Herz ist nicht hier. Mein Herz ist im Hochland, Im grünen Revier... Stoffen zusammengesetzt sind. Beim Lesen dieses Buches inuy man oft bell auflachen, was da sür wunderliche Tinge als hcilkrüftig angepriesen werden. Unter Anderem ist sehr oft vom Urin als Heilmittel die Rede. Durch neuerdings von Dr. Klemperer-Bcrlin vielfach angestellte Versuche ist die Wirksamkeit des Harnstoffes, eines der Hauptbestandtheile jedes Urins, als harntreibendes Mittel festgestellt worden. Er ivird bei allen Krankheiten, bei denen die Ausscheidung des Harnes aus dem Körper eine spärliche ist, angewendet. Innerlich in Dosen von zehn bis sttufzchn Gramm täglich als salpelcrsaurer Harnstoff genommen, soll es jedoch ausgesetzt werde», wenn es inner- halb fünf Tage keine Wirkung zeigt. Zu den wenigsten Fällen war dies erforderlich. Das Mittel ist ganz ohne ungünstige Nebenwirkung. ordentlich hellein Lichte. Wenn man den Versuch fortsetzt, so erwärmt sich die Röhre stark und die Helligkeit des Lichtes läßt nach. Um das Erwärmen der Rührei zu vermindern, umgab Schott die Kapillare mit einer weiteren wassergefüllten Glasröhre. Die Funken konntei» nun eine halbe Stunde durchschlagen, ohne daß diei Helligkeit des Lichtes ab- und die Erwärmung besonders zunahm. Nach Schotts Angabe ist das elektrische Äa- pillarlicht im Verhältniß zum elektrischen Bogenlicht be- deutend stärker. Ob es zu Bcleuchtungszweckcn allgenieinc Anwendung finden kann, wagt der Entdecker nicht zu entscheiden. Bei der Erzeugung deS Lichtes war weder die Beschaffenheit des Glases noch das Material der ziK leitenden Drähte von besonderer Wirkung. %